summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 16:58:55 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-06 16:58:55 -0800
commit119d6c9b1c54612b73646f97d2517cbec590e130 (patch)
treea3b6e3da6875cb80baafcccf2112b3209926d437
parenta812808f5c9965dfb7c2a351769a17827f81737c (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/53493-0.txt6382
-rw-r--r--old/53493-0.zipbin130919 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h.zipbin325060 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/53493-h.htm7628
-rw-r--r--old/53493-h/images/new-cover-tn.jpgbin13093 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/new-cover.jpgbin62168 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/ornament01.pngbin19970 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/ornament02.pngbin24699 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/ornament03.pngbin21497 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/ornament04.pngbin21459 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/53493-h/images/titlepage.pngbin13308 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/old/53493-8.txt6383
-rw-r--r--old/old/53493-8.zipbin130274 -> 0 bytes
16 files changed, 17 insertions, 20393 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..eaeb93d
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #53493 (https://www.gutenberg.org/ebooks/53493)
diff --git a/old/53493-0.txt b/old/53493-0.txt
deleted file mode 100644
index a7ea3ff..0000000
--- a/old/53493-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,6382 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Philosophie der Freiheit
- Grundzüge einer modernen Weltanschauung
-
-Author: Rudolf Steiner
-
-Release Date: November 10, 2016 [EBook #53493]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-
-
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT.
-
- GRUNDZÜGE EINER MODERNEN WELTANSCHAUUNG.
-
-
- VON
-
- DR. RUDOLF STEINER.
-
- Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher
- Methode.
-
-
-
- BERLIN.
- VERLAG VON EMIL FELBER.
- 1894.
-
-
-
-
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Wissenschaft der Freiheit. Seite
-
- Die Ziele alles Wissens 3
- Das bewußte menschliche Handeln 9
- Der Grundtrieb zur Wissenschaft 22
- Das Denken im Dienste der Weltauffassung 31
- Die Welt als Wahrnehmung 52
- Das Erkennen der Welt 77
- Die menschliche Individualität 100
- Giebt es Grenzen des Erkennens? 108
-
-
- Die Wirklichkeit der Freiheit.
-
- Die Faktoren des Lebens 129
- Die Idee der Freiheit 136
- Freiheitsphilosophie und Monismus 162
- Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen) 170
- Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit) 177
- Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus) 191
- Individualität und Gattung 224
-
-
- Die letzten Fragen.
-
- Die Konsequenzen des Monismus 233
-
-
-
-
-
-
-
-
-WISSENSCHAFT DER FREIHEIT.
-
-
-I.
-
-DIE ZIELE ALLES WISSENS.
-
-
-Ich glaube einen Grundzug unseres Zeitalters richtig zu treffen, wenn
-ich sage: der Kultus des menschlichen Individuums strebt gegenwärtig
-dahin, Mittelpunkt aller Lebensinteressen zu werden. Mit Energie wird
-die Überwindung jeder wie immer gearteten Autorität erstrebt. Was
-gelten soll, muß seinen Ursprung in den Wurzeln der Individualität
-haben. Abgewiesen wird alles, was die volle Entfaltung der Kräfte
-des Einzelnen hemmt. "Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem
-er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet," gilt nicht mehr für
-uns. Wir lassen uns keine Ideale aufdrängen; wir sind überzeugt, daß
-in jedem von uns etwas lebt, das edel ist und wert, zur Entwicklung
-zu kommen, wenn wir nur tief genug, bis in den Grund unseres Wesens,
-hinabzusteigen vermögen. Wir glauben nicht mehr daran, daß es einen
-Normalmenschen giebt, zu dem alle hinstreben sollen. Unsere Anschauung
-von der Vollkommenheit des Ganzen ist die, daß es auf der besonderen
-Vollkommenheit jedes einzelnen Individuums beruht. Nicht das, was
-jeder andere auch kann, wollen wir hervorbringen, sondern, was nach
-der Eigentümlichkeit unseres Wesens nur uns möglich ist, soll als
-unser Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden. Niemals
-wollten die Künstler weniger wissen von Normen und Regeln der Kunst
-als heute. Jeder behauptet ein Recht zu haben, das künstlerisch
-zu gestalten, was ihm eigen ist. Es giebt Dramatiker, die lieber
-im Dialekt schreiben, als in einer von der Grammatik geforderten
-Normalsprache.
-
-Keinen besseren Ausdruck kann ich finden für diese Erscheinungen
-als den: sie gehen hervor aus dem bis aufs Höchste gesteigerten
-Freiheitsdrang des Individuums. Wir wollen nach keiner Richtung
-abhängig sein; und wo Abhängigkeit sein muß, da ertragen wir sie nur,
-wenn sie mit einem Lebensinteresse unseres Individuums zusammenfällt.
-
-Ein solches Zeitalter kann auch die Wahrheit nur aus der Tiefe des
-menschlichen Wesens schöpfen wollen. Von Schillers bekannten zwei
-Wegen:
-
-
- "Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben, ich innen
- In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
-
- Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
- Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt"
-
-
-wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit,
-die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit
-an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als
-Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
-
-Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer
-individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte
-sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein
-Ziel seines Schaffens finden.
-
-Wir wollen nicht mehr glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert
-Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir
-aber nicht durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit
-seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns,
-das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben
-der Persönlichkeit entspringt.
-
-Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrornen Schulregeln
-sich ein- für allemal ausgestaltet hat, und in, für alle Zeiten
-gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt,
-von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen
-auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums
-aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine
-eigene Art.
-
-Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche
-Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten
-Zwanges wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen
-Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte: "Sonnenklarer Bericht
-an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten
-Philosophie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen." Heute
-soll niemand zum Verstehen gezwungen werden. Wen nicht ein besonderes,
-individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern
-wir keine Anerkennung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde,
-wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern
-wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum
-Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.
-
-Ich gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf diese Charakteristik
-meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum
-lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner
-Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten
-suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht "den
-einzig möglichen" Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen
-erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.
-
-Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke
-scharfe Contouren ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber
-der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete
-Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch
-in das Ätherreich der Abstraktion sich erheben muß, wenn man das
-Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den
-Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens
-nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre
-eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie
-ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur
-Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es
-verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren
-Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen
-Gedankenwelt sich zu begeben.
-
-Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln
-sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine
-Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die
-einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von
-der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben,
-das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den
-Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche
-Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von
-der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel
-ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig
-werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten
-Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten. Der
-Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere
-ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige
-Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren dienen die Gesetze
-der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit. Genau
-in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen
-Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen
-Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur
-künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes,
-individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann
-nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen
-zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser
-wirkliches, thätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives
-Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
-
-Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält,
-was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es
-werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen
-wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt
-Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am
-nächsten liegenden Fragen. Eine "Philosophie der Freiheit" soll in
-diesen Blättern gegeben werden.
-
-Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn
-sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen
-Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften
-erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer
-Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens
-kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwicklung aller
-in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert,
-daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen
-Menschennatur.
-
-Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und
-Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und
-seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er
-sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen,
-die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
-
-Man muß sich der Idee als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man
-unter ihre Knechtschaft.
-
-
-
-
-
-
-
-
-II.
-
-DAS BEWUSSTE MENSCHLICHE HANDELN.
-
-
-Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln frei, oder steht er
-unter dem Zwange einer ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen
-ist soviel Scharfsinn gewendet worden, als auf diese. Die Idee der
-Freiheit hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl
-gefunden. Es giebt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für
-einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Thatsache
-wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen andere gegenüber,
-die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand
-die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen Handelns
-und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird hier gleich
-oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion
-erklärt. Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären,
-wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der
-doch auch der Mensch angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe,
-mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie
-eine solche Wahnidee hat entstehen können. Daß man es hier mit einer
-der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der
-Wissenschaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil
-von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist. Und
-es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen
-Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung
-einen "neuen Glauben" prägen will (Dav. Fried. Strauss: "Der alte
-und neue Glaube"), über diese Frage nichts enthält als die Worte:
-"Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns
-hierbei nicht einzulassen. Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit
-ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein
-leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der
-menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage
-unberührt." Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht,
-eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern
-weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der
-fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen
-aufzuschwingen vermag. Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne,
-von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die
-andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch
-macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Es
-ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden,
-warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte
-zur Ausführung bringt.
-
-Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage
-die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt
-doch sogar Herbert Spencer, dessen Ansichten mit jedem Tage an
-Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert
-Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): "Daß
-aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne,
-was der eigentliche, im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das
-wird freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch
-den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint." Von
-demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff
-des freien Willens bekämpfen. Im Keime finden sich alle diesbezüglichen
-Ausführungen schon bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen
-die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male
-wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen
-Lehren, sodaß es schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den
-es allein ankommt, zu erkennen. Spinoza schreibt in einem Briefe
-vom Oktober oder November 1674: "Ich nenne nämlich die Sache frei,
-die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und
-gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken
-in genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht z. B. Gott,
-obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit
-seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles
-andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt,
-daß er alles erkennt. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in
-ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.
-
-"Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche
-sämtlich von äußeren Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer
-Weise zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen
-wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhält z. B. ein
-Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge
-von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußeren Ursache
-aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen. Dieses Beharren
-des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein
-notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußeren Ursache definiert
-werden muß. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder anderen
-einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem
-geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußeren
-Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und
-zu wirken.
-
-"Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt,
-denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen
-fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist
-und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz
-frei sei und daß er aus keinem anderen Grunde in seiner Bewegung
-fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche
-Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht,
-daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen,
-von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. So glaubt das Kind,
-daß es die Milch frei begehre, und der zornige Knabe, daß er frei
-die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt
-der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er,
-wenn er nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte, und da dieses
-Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht
-davon befreien. Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß
-die Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie,
-von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen
-und das Schlechtere thun, so halten sie sich doch für frei und zwar,
-weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht
-durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt,
-gehemmt werden kann."
-
-Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird
-es auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So
-notwendig wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung
-ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen,
-wenn er durch irgend einen Grund dazu getrieben wird. Nur weil der
-Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, hält er sich für
-den freien Veranlasser derselben. Er übersieht dabei aber, daß eine
-Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß. Der Irrtum in diesem
-Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie
-er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner
-Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen
-er geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei
-ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er
-Dinge spricht, die er später bereut. Beide wissen nichts von den
-Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus thätig sind, und unter
-deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt,
-Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen
-sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch der
-Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen denn
-von einerlei Art? Darf die That des Kriegers auf dem Schlachtfelde,
-die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes
-in verwickeltsten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich
-auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach
-Milch begehrt? Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe
-da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist. Aber oft
-schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung
-gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich
-weiß, warum ich etwas thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst
-scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und doch
-wird von den Gegnern der Freiheit nie darnach gefragt: ob denn ein
-Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich
-in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß,
-der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
-
-Eduard von Hartmann behauptet in seiner "Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins" (S. 451), das menschliche Wollen hänge
-von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem
-Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich, oder
-doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr
-Wollen von außen als bestimmt; nämlich durch die Umstände, die an
-sie herantreten. Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine
-Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr
-Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung
-zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen
-bestimmt und nicht von außen. Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß
-seinem Charakter, eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst
-zum Beweggrund machen muß: er sei frei, d. h. unabhängig von äußeren
-Beweggründen. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß:
-"wenn wir auch selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so
-thun wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit
-unserer charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als
-frei." Auch hier bleibt der Umstand ohne alle Berücksichtigung, der
-besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse,
-nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen,
-denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
-
-Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die
-Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der Freiheit unseres
-Willens überhaupt einseitig für sich versucht werden? Und wenn nicht:
-mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?
-
-Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns
-und einem unbewußten, dann wird der erstere auch eine Handlung nach
-sich ziehen, die anders beurteilt werden muß, als eine solche aus
-blindem Drange. Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste
-sein. Und was sie ergiebt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns
-zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
-
-Was heißt es, ein Wissen von den Gründen seines Handelns haben? Man
-hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei
-Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den
-Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen
-ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der
-aus Erkenntnis Handelnde.
-
-Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner
-Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder
-auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
-Entschlüssen bestimmen zu können.
-
-Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das
-ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in
-gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische
-Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein vernünftiger Entschluß in mir
-auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst,
-dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist
-eine Illusion.
-
-Eine andere Redensart lautet: Freisein heißt: nicht wollen können,
-was man will, sondern thun können, was man will. Diesem Gedanken
-hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner "Atomistik des
-Willens" einen scharfumrissenen Ausdruck gegeben. "Der Mensch kann
-allerdings thun, was er will -- aber er kann nicht wollen, was er will,
-weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! -- Er kann nicht wollen
-was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an. Ist
-ein vernünftiger Sinn darin? Freiheit des Wollens müßte also darin
-bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte? Aber
-was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu
-thun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen,
-hieße etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem Begriffe des Wollens
-ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft. Ohne ein bestimmendes
-Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er
-thätig und reell. Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille
-insofern nicht "frei" ist, als seine Richtung immer durch das stärkste
-der Motive bestimmt ist. Aber es muß andererseits zugegeben werden,
-daß es absurd ist, dieser "Unfreiheit" gegenüber von einer denkbaren
-"Freiheit" des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können,
-was man nicht will." (Atomistik des Willens S. 213 f.)
-
-Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den
-Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen. Wenn
-ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil
-es sich als das "stärkste" unter seinesgleichen erweist, dann hört
-der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll es für
-mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas thun kann oder nicht, wenn
-ich von dem Motive gezwungen werde, es zu thun? Nicht darauf kommt
-es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat,
-etwas thun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive giebt,
-die mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen muß,
-dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch
-thun kann. Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner
-Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich
-meinem Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich
-sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.
-
-Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur
-Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.
-
-Was den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet,
-ist sein vernünftiges Denken. Thätig zu sein, hat er mit anderen
-Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung
-des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogieen
-im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt solche
-Analogieen. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem
-menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die
-wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben. Zu
-welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich z. B. in
-dem Buche: "Die Illusion der Willensfreiheit" von P. Rée, 1885, der
-(S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: "Daß es uns so scheint,
-als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht
-notwendig wäre, ist leicht erklärlich. Die Ursachen, welche den
-Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar. Die Ursachen aber,
-vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen
-uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale
-des Esels..... Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint
-daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sei zwar die
-Ursache der Umdrehung [des Esels], selbst aber sei es unbedingt; es
-sei ein absoluter Anfang." Also auch hier wieder wird über Handlungen
-des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines
-Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt: "zwischen
-uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des
-Esels". Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der
-Menschen giebt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt
-gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten, Rée keine
-Ahnung. Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte:
-"Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt
-wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt."
-
-Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit
-kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
-
-Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Thäter nicht weiß,
-warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich. Wie verhält
-es sich aber mit einer solchen, über deren Gründe gedacht wird? Das
-führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung
-des Denkens? Wenn wir wissen, was Denken im allgemeinen bedeutet,
-dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine
-Rolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt. "Das Denken macht
-die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste", sagt
-Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen
-Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.
-
-Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus
-der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe. Nur diejenigen
-Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus
-dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern. Aber sobald
-sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein
-animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken
-durchsetzt. Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns,
-die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen. Man sagt:
-das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das
-Herz und das Gemüt schaffen keine Beweggründe des Handelns. Sie setzen
-dieselben voraus. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn
-in meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person
-aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht
-auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die bloße Äußerung
-des niedrigen Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den
-Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen. Und je
-idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die
-Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt: die
-Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens. Die Sache
-kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne
-gerade für die Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen
-Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie, und eben
-deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er anderes gethan:
-als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine
-haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
-
-Wir mögen die Sache anfassen, wie wir wollen: immer klarer muß es
-werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die
-andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens. Ich wende mich
-daher zunächst dieser Frage zu.
-
-
-
-
-
-
-
-
-III.
-
-DER GRUNDTRIEB ZUR WISSENSCHAFT.
-
-
- "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
- Die eine will sich von der andern trennen;
- Die eine hält, in derber Liebeslust,
- Sich an die Welt mit klammernden Organen;
- Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
- Zu den Gefilden hoher Ahnen."
-
- (Faust I, 1112-1117.)
-
-
-Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur
-begründeten Charakterzug aus. Kein einheitlich organisiertes Wesen
-ist der Mensch. Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig
-giebt. Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben, und die Befriedigung
-überläßt sie unserer eigenen Thätigkeit. Reichlich sind die Gaben,
-die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren. Wir
-scheinen zur Unzufriedenheit geboren. Nur ein besonderer Fall
-dieser Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang. Wir blicken einen
-Baum zweimal an. Wir sehen das eine Mal seine Äste in Ruhe, das
-andere Mal in Bewegung. Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht
-zufrieden. Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das
-andere Mal in Bewegung dar? So fragen wir. Jeder Blick in die Natur
-erzeugt in uns eine Summe von Fragen. Mit jeder Erscheinung, die uns
-entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben. Jedes Erlebnis wird
-uns zum Rätsel. Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches
-Wesen hervorgehen: wir fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit. Wir
-beobachten an einem Lebewesen Wachstum und Entwicklung bis zu einem
-bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen
-dieser Erfahrung. Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur
-vor unseren Sinnen ausbreitet. Wir suchen überall nach dem, was wir
-Erklärung der Thatsachen nennen.
-
-Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über das, was
-uns in ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in
-zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt. Wir
-stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber. Das
-Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
-
-Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald
-das Bewußtsein in uns aufleuchtet. Aber niemals verlieren wir das
-Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns
-verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des
-Universums sind.
-
-Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu überbrücken. Und
-in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das
-ganze geistige Streben der Menschheit. Die Geschichte des geistigen
-Lebens ist ein fortwährendes Suchen der Einheit zwischen uns und
-der Welt. Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen
-dieses Ziel. Der Religiös-Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm
-Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit
-der bloßen Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgiebt. Der Künstler
-sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem
-Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen. Auch er fühlt sich
-unbefriedigt von der bloßen Erscheinungswelt und sucht ihr jenes
-Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt. Der
-Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu
-durchdringen, was er beobachtend erfährt. Erst wenn wir den Weltinhalt
-zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den
-Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst haben. Wir werden
-später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des
-wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird,
-als dies oft geschieht. Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt
-habe, tritt uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen:
-in dem Gegensatze der einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus
-und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus. Der Dualismus richtet den
-Blick nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung
-zwischen Ich und Welt. Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen
-nach der Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist und Materie,
-bald Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt. Er hat
-ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen den beiden Welten,
-aber er ist nicht imstande, sie zu finden. Der Monismus richtet
-den Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen
-Gegensätze zu leugnen oder zu verwischen. Keine von den beiden
-Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den Thatsachen nicht
-gerecht. Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei
-grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen,
-wie beide aufeinander wirken können. Wie soll der Geist wissen,
-was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz
-fremd ist? Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken,
-so daß sich seine Absichten in Thaten umsetzen? Die widersinnigsten
-Hypothesen wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen. Aber auch
-mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser. Er hat sich bis
-jetzt in einer dreifachen Art zu helfen gesucht: entweder er leugnet
-den Geist und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie,
-um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß
-auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar
-verbunden sind, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,
-wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja
-nirgends getrennt sind.
-
-Der Materialismus kann niemals eine befriedigende Welterklärung
-liefern. Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen,
-daß man sich Gedanken über die Welterscheinungen bildet. Der
-Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie
-oder der materiellen Vorgänge. Damit hat er bereits zwei verschiedene
-Thatsachengebiete vor sich: die materielle Welt und die Gedanken
-über sie. Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie als
-einen rein materiellen Prozeß auffaßt. Er glaubt, daß das Denken im
-Gehirne etwa so zustande komme, wie die Verdauung in den animalischen
-Organen. So wie er der Materie mechanische, chemische und organische
-Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter
-bestimmten Bedingungen zu denken. Er vergißt, daß er nun das Problem
-nur an einen andern Ort verlegt hat. Statt sich selbst, schreibt er
-die Fähigkeit des Denkens der Materie zu. Und damit ist er wieder an
-seinem Ausgangspunkte. Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes
-Wesen nachzudenken? Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden
-und nimmt ihr Dasein hin? Von dem bestimmten Subjekt, von unserem
-eigenen Ich hat er den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes,
-nebelhaftes Gebilde ist er gekommen. Und hier tritt ihm dasselbe
-Rätsel entgegen. Die materialistische Anschauung vermag das Problem
-nicht zu lösen, sondern nur zu verschieben.
-
-Wie steht es mit der spiritualistischen? Der Spiritualist leugnet
-die Materie (die Welt) und faßt sie nur als ein Produkt des Geistes
-(des Ich) auf. Er stellt sich vor, daß die ganze Erscheinungswelt nur
-ein aus dem Geiste herausgesponnenes Wesen sei. Diese Weltanschauung
-sieht sich sofort in die Enge getrieben, wenn sie den Versuch
-macht, irgend eine konkrete Erscheinung aus dem Geiste heraus zu
-entwickeln. Sie kann es weder im Erkennen noch im Handeln. Will man
-die Aussenwelt wirklich erkennen, so muß man den Blick nach außen
-wenden und eine Anleihe bei der Erfahrung machen. Ohne dieses kann
-unser Geist zu keinem Inhalt kommen. Ebenso müssen wir, wenn wir
-ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hülfe der materiellen Stoffe
-und Kräfte in Wirklichkeit umsetzen. Wir sind also auf die Außenwelt
-angewiesen. Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, Idealist,
-ist Johann Gottlieb Fichte. Er versuchte das ganze Weltgebäude aus
-dem "Ich" abzuleiten. Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein
-großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt. So
-wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist
-es dem Idealisten möglich, die materielle Außenwelt wegzudekretieren.
-
-Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung
-Fried. Alb. Langes, wie er sie in seiner vielgelesenen "Geschichte
-des Materialismus" vertreten hat. Er nimmt an, daß der Materialismus
-ganz recht hat, wenn er alle Welterscheinungen, einschließlich
-unseres Denkens, für das Produkt rein stofflicher Vorgänge erklärt;
-nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge selbst wieder ein
-Produkt unseres Denkens. "Die Sinne geben uns Wirkungen der Dinge,
-nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst. Zu diesen bloßen
-Wirkungen gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn und den in
-ihm gedachten Molecularschwingungen." D. h. unser Denken wird von den
-materiellen Prozessen erzeugt und diese von unserem Denken. Langes
-Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte
-Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen
-Haarschopf frei in der Luft festhält.
-
-Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen
-(Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt
-sieht. Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage,
-die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen
-Schauplatz versetzt wird. Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in
-einer zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
-
-Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden,
-das uns der Grund- und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen
-Bewußtsein entgegentritt. Wir sind es selbst, die wir uns von
-dem Mutterboden der Natur loslösen, und uns als "Ich" der "Welt"
-gegenüberstellen. Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz
-"Die Natur" aus: "Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr
-fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns, und verrät uns ihr Geheimnis
-nicht." Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: "Die Menschen sind alle
-in ihr und sie in allen."
-
-So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist
-es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr. Es kann nur
-ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt.
-
-Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden. Eine einfache
-Überlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen
-von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit herübergenommen haben in
-unser eigenes Wesen. Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen,
-dann werden wir den Zusammenhang auch wieder finden. Das versäumt
-der Dualismus. Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz
-fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein
-Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann. Wir können die
-Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr
-Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein. Damit
-ist uns unsere Bahn vorgezeichnet. Wir wollen keine Spekulationen
-anstellen über die Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen
-aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene
-Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht
-aus der Natur.
-
-Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels
-bringen. Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können:
-hier sind wir nicht mehr bloß "Ich", hier liegt etwas, was mehr als
-"Ich" ist.
-
-Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher gelesen hat,
-meine Ausführungen nicht "dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft"
-gemäß findet. Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher
-mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu thun haben wollte,
-sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in
-seinem eigenen Bewußtsein erlebt. Daß dabei auch einzelne Sätze über
-Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind,
-hat nur den Zweck, die eigentlichen Thatsachen zu verdeutlichen. Ich
-habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke,
-wie "Ich", "Geist", "Welt", "Natur" u. s. w. in der präcisen Weise zu
-gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich ist. Das
-alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft
-nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen Thatbestandes handelte es
-sich bisher bloß. Der Einwand, daß meine bisherigen Ausführungen der
-Wissenschaft nicht entsprechen, gliche etwa dem, der jemand gemacht
-würde, wenn er ein Gedicht zunächst recitierte und nicht gleich bei
-jeder Zeile eine ästhetisch-wissenschaftliche Kritik gäbe. Nicht wie
-die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht mich
-an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-IV.
-
-DAS DENKEN IM DIENSTE DER WELTAUFFASSUNG.
-
-
-Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen wird, ihre
-Bewegung auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf
-dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß. Die Bewegungsrichtung
-und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die Richtung und
-Schnelligkeit der ersten bestimmt. So lange ich mich bloß als
-Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung der zweiten Kugel
-erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist. Anders ist
-die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken
-beginne. Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu
-bilden. Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in Verbindung
-mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen
-Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche
-also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zuthun abspielt, einen zweiten
-hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre vollzieht. Der
-letztere ist von mir abhängig. Das zeigt sich dadurch, daß ich mich
-mit der Beobachtung begnügen und auf alles Begriffesuchen verzichten
-kann, wenn ich kein Bedürfnis darnach habe. Wenn dieses Bedürfnis aber
-vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich die Begriffe:
-Kugel, Elasticität, Bewegung, Stoß, Geschwindigkeit u. s. w. in
-eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der beobachtete
-Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht. So gewiß es nun ist,
-daß sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so gewiß ist es,
-daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein Zuthun nicht abspielen kann.
-
-Ob diese meine Thätigkeit wirklich der Ausfluß meines selbständigen
-Wesens ist, oder ob die modernen Physiologen Recht haben, welche
-sagen, daß wir nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken
-müssen, wie es die gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken
-und Gedankenverbindungen bestimmen (vergl. Ziehen, Leitfaden der
-physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand
-einer späteren Auseinandersetzung sein. Vorläufig wollen wir bloß
-die Thatsache feststellen, daß wir uns fortwährend gezwungen fühlen,
-zu den ohne unser Zuthun uns gegebenen Gegenständen und Vorgängen
-Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer
-gewissen Beziehung stehen. Ob dies Thun in Wahrheit unser Thun ist
-oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen,
-lassen wir vorläufig dahin gestellt. Daß es uns zunächst als das
-unserige erscheint, ist ohne Frage. Wir wissen ganz genau, daß
-uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren Begriffe mitgegeben
-werden. Daß ich selbst der Thätige bin, mag auf einem Schein beruhen;
-der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so
-dar. Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu einem
-Vorgange ein begriffliches Gegenstück hinzufinden?
-
-Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich für
-mich die Teile eines Vorganges zu einander verhalten vor und nach der
-Auffindung der entsprechenden Begriffe. Die bloße Beobachtung kann
-die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen;
-ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von Begriffen
-dunkel. Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und
-mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich bewegen;
-was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann
-auch wieder nur mit den Augen verfolgen. Nehmen wir an, es verdecke
-mir im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld, auf dem der Vorgang
-sich abspielt, so bin ich -- als bloßer Beobachter -- ohne Kenntnis,
-was nachher geschieht. Anders ist das, wenn ich für die Konstellation
-der Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden
-habe. In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die
-Möglichkeit der Beobachtung aufhört. Ein bloß beobachteter Vorgang oder
-Gegenstand ergiebt aus sich selbst nichts über seinen Zusammenhang
-mit anderen Vorgängen oder Gegenständen. Dieser Zusammenhang wird
-erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem Denken verbindet.
-
-Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles
-geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen
-bewußt ist. Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die
-verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden
-Grundsäulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von verschiedenen
-Urgegensätzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt,
-Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille,
-Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und Unbewußtes. Es
-läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der
-von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen wichtigste,
-vorangehen muß.
-
-Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo
-als von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens,
-der von jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen. Jeder
-Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich
-der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen. Er giebt
-damit indirekt zu, daß er zu seiner Bethätigung das Denken bereits
-voraussetzt. Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der
-Weltentwicklung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht. Daß
-aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann,
-das ist von vornherein klar. Beim Zustandekommen der Welterscheinungen
-mag das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer
-Ansicht darüber kommt ihm aber sicher eine Hauptrolle zu.
-
-Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation,
-daß wir derselben bedürfen. Unser Denken über ein Pferd und der
-Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die für uns getrennt auftreten. Und
-dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung zugänglich. So wenig
-wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von
-demselben machen können, ebensowenig sind wir im Stande, durch bloßes
-Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
-
-Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus. Denn auch
-das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennen lernen. Es war
-wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange
-dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange
-entzündet und über das ohne sein Zuthun Gegebene hinausgeht. Alles
-was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die
-Beobachtung erst gewahr. Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen,
-Anschauungen, die Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde,
-Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und
-Hallucinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
-
-Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch
-wesentlich von allen andern Dingen. Die Beobachtung eines Tisches,
-eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese Gegenstände auf dem
-Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen. Das Denken aber über diese
-Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig. Den Tisch beobachte ich,
-das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich beobachte es nicht
-in demselben Augenblicke. Ich muß mich erst auf einen Standpunkt
-außerhalb meiner eigenen Thätigkeit versetzen, wenn ich neben dem
-Tische auch mein Denken über den Tisch beobachten will. Während das
-Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz
-alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind,
-ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand. Diese
-Thatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn
-es sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
-Beobachtungsinhalten zu bestimmen. Man muß sich klar darüber sein,
-daß man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren
-anwendet, das für die Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes
-den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen
-Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
-
-Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was ich hier
-von dem Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen
-geistigen Thätigkeiten gelte. Wenn wir z. B. das Gefühl der Lust haben,
-so entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte
-zwar diesen Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust. Dieser
-Einwand beruht aber auf einem Irrtum. Die Lust steht durchaus nicht
-in demselben Verhältnisse zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den
-das Denken bildet. Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der
-Begriff einer Sache durch meine Thätigkeit gebildet wird, während die
-Lust in mir auf ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie
-z. B. die Veränderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande
-bewirkt, auf den er auffällt. Für die Beobachtung ist die Lust in
-genau derselben Weise gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang. Ein
-Gleiches gilt nicht vom Begriffe. Ich kann fragen: warum erzeugt ein
-bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl der Lust? Aber ich kann durchaus
-nicht fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe
-von Begriffen? Das hätte einfach keinen Sinn. Bei dem Nachdenken über
-einen Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich. Ich
-kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für die beobachtete
-Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein in
-dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne. Aber ich erfahre
-sehr wohl etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne,
-das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt. Wenn ich einem beobachteten
-Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose, so sage ich über mich
-selbst nicht das Geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge sage:
-es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe ich nicht nur die Rose,
-sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose charakterisiert.
-
-Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung
-gegenüber kann also nicht die Rede sein. Dasselbe ließe sich leicht
-auch für die andern Thätigkeiten des menschlichen Geistes ableiten. Sie
-gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten
-Gegenständen und Vorgängen. Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur
-des Denkens, daß es eine Thätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten
-Gegenstand gelenkt ist und nicht auf die denkende Persönlichkeit. Das
-spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine
-Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder
-Willensakten. Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen
-Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über
-einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen:
-ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar
-nicht darauf an, auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis
-trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses
-Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich
-bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas
-zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen
-Thätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
-
-Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der Denkende das
-Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt
-ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.
-
-Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die,
-daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens
-ist.
-
-Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen Geistesleben nicht
-beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer eigenen
-Thätigkeit beruht. Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als
-ein gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein. Ich sehe mich
-ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es tritt an
-mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines Denkprozesses
-hinnehmen. Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
-diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt. Diese Beschäftigung
-ist eben die denkende Betrachtung. Nicht auf meine Thätigkeit,
-sondern auf das Objekt dieser Thätigkeit ist meine Aufmerksamkeit
-gerichtet. Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf
-mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des
-Denkens, das ich nicht hervorbringe.
-
-Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmszustand
-eintreten lasse, und über mein Denken selbst nachdenke. Ich kann mein
-gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen,
-die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher zum
-Objekt des Denkens machen. Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten
-spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem
-Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten
-wollte. Das kann ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten Akten
-ausführen. Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in
-Thätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke
-meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob
-ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich,
-ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
-einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
-
-Zwei Dinge vertragen sich nicht: thätiges Hervorbringen und
-beschauliches Gegenüberstellen. Das weiß schon das 1. Buch Moses. An
-den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und
-erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
-"Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war
-sehr gut." So ist es auch mit unserem Denken. Es muß erst da sein,
-wenn wir es beobachten wollen.
-
-Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem
-jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie
-der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden
-andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen,
-kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie
-sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den
-übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden
-kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der
-einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare
-Weise. Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt,
-weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit
-dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der
-beiden Begriffe. Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die
-richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der Zusammenhang derer,
-die ich habe, ist mir klar und zwar durch sie selbst.
-
-Diese durchsichtige Klarheit in Bezug auf den Denkprozeß ist ganz
-unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des
-Denkens. Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der
-Beobachtung unserer geistigen Thätigkeit ergiebt. Wie ein materieller
-Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder beeinflußt,
-während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in
-Betracht. Was ich am Denken beobachte ist nicht: welcher Vorgang in
-meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem des Donners verbindet,
-sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes
-Verhältnis zu bringen. Meine Beobachtung ergiebt, daß ich mich in
-meinen Gedankenverbindungen nach dem Inhalte meiner Gedanken richte,
-nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn. Für ein weniger
-materialistisches Zeitalter, als das unsrige, wäre diese Bemerkung
-natürlich vollständig überflüssig. Gegenwärtig aber, wo es Leute giebt,
-die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen,
-wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß man vom Denken
-reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision
-zu treten. Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
-des Denkens in seiner Reinheit zu fassen. Wer der Vorstellung, die
-ich hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den Satz des Cabanis
-entgegensetzt: "Das Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle,
-die Speicheldrüse Speichel u. s. w.", der weiß einfach nicht, wovon
-ich rede. Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß
-zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des
-Weltinhaltes verfahren. Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden,
-weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen
-Beobachtung entzieht. Wer den Materialismus nicht überwinden kann,
-dem fehlt die Fähigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand
-herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller andern
-Geistesthätigkeit unbewußt bleibt. Wer den guten Willen nicht hat,
-sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem könnte man über das
-Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe sprechen. Er möge
-nur aber nicht glauben, daß wir physiologische Prozesse für Denken
-halten. Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht sieht.
-
-Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten --
-und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch -- ist
-diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er
-beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich
-nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen
-Thätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er
-beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist
-ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung
-nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
-
-Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlaßte den
-Begründer der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze
-menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich denke, also bin
-ich. Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da;
-ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum. Nur
-eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu
-seinem sichern Dasein: mein Denken. Mag es noch einen andern Ursprung
-seines Daseins haben, mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß
-es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen
-bin ich gewiß. Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte
-Cartesius zunächst keine Berechtigung. Nur daß ich mich innerhalb des
-Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner ureigensten Thätigkeit
-erfasse, konnte er behaupten. Was das darangehängte: also bin ich
-heißen soll, darüber ist viel gestritten worden. Einen Sinn kann
-es aber nur unter einer einzigen Bedingung haben. Die einfachste
-Aussage, die ich von einem Dinge machen kann, ist die, daß es ist,
-daß es existiert. Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das
-ist bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt,
-sogleich im Augenblicke zu sagen. Es wird jeder Gegenstand erst in
-seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu
-können, in welchem Sinne von ihm als einem existierenden gesprochen
-werden kann. Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen,
-aber auch ein Traum, eine Hallucination u. s. w. sein. Kurz, ich
-kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert. Das werde ich dem
-Vorgange selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde es erfahren,
-wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen betrachte. Da kann
-ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhältnisse zu
-diesen Dingen steht. Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund,
-wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines Daseins aus
-ihm selbst schöpfen kann. Das bin ich aber selbst als Denkender,
-denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt
-der denkenden Thätigkeit. Nun kann ich von da ausgehen und fragen:
-existieren die andern Dinge in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
-
-Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fügt man zu
-dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas hinzu, was sonst der
-Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich
-der Mensch auch den andern Dingen gegenüber verhält. Man vermehrt
-die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des
-Beobachtens. Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in
-das Weltgeschehen -- zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle -- ein
-Prozeß, der übersehen wird. Es ist etwas von allem andern Geschehen
-verschiedenes vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird. Wenn ich
-aber mein Denken betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes
-Element vorhanden. Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst
-wieder nur das Denken. Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ
-derselbe wie die Thätigkeit, die sich auf ihn richtet. Und das ist
-wieder eine charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens. Wenn
-wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen,
-dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu thun, sondern wir
-können in demselben Element verbleiben.
-
-Wenn ich einen ohne mein Zuthun gegebenen Gegenstand in mein Denken
-einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird
-sich darum handeln: was giebt mir ein Recht dazu? Warum lasse ich
-den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf welche Weise ist
-es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat? Das
-sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen
-Gedankenprozeße nachdenkt. Sie fallen weg, wenn man über das Denken
-selbst nachdenkt. Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu,
-haben uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
-
-Schelling sagt: "Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen." Wer
-diese Worte des tollkühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl
-zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen. Denn die Natur
-ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man die
-Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Für die Natur,
-die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden die
-Bedingungen ihres Daseins abgucken. Dieses Abgucken, das dem Schaffen
-vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch
-dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe. Nur
-eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher
-zu erkennen.
-
-Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim
-Denken vollbringen wir es. Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir
-es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen resolut darauf
-losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgethanen zu
-seiner Erkenntnis zu kommen. Der Beobachtung des Denkens schaffen wir
-selbst erst ein Objekt. Für das Vorhandensein aller anderen Objekte
-ist ohne unser Zuthun gesorgt worden.
-
-Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken, bevor wir
-das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt
-entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis
-wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Das wäre ein Einwand
-ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete,
-man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich. Ganz gewiß
-muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den physiologischen Prozeß
-der Verdauung studiert habe. Aber mit der Betrachtung des Denkens
-ließe sich das nur vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher
-nicht denkend betrachten, sondern essen und verdauen wollte. Das
-ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht
-Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des
-Denkens werden kann.
-
-Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen
-an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustande kommen
-soll. Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt. Das ist gerade
-der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen: daß ich
-an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie einfach vor;
-beim Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird. Daher giebt es keinen
-ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles Weltgeschehens
-als das Denken.
-
-Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in
-Bezug auf das Denken herrscht. Er besteht darin, daß man sagt: das
-Denken, so wie es an sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben. Das
-Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit
-einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe
-wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
-Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung
-machen. Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein ganz
-anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
-
-Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm gar nicht möglich
-ist, dem Denken zu entschlüpfen. Ich kann aus dem Denken gar nicht
-herauskommen, wenn ich das Denken betrachten will. Wenn man das
-vorbewußte Denken, von dem nachher bewußten Denken unterscheidet, so
-sollte man doch nicht vergessen, daß diese Unterscheidung eine ganz
-äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun hat. Ich
-mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern, daß ich
-sie denkend betrachte. Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz
-anders gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funktionierenden
-Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere Vorstellung hat als ich,
-aber ich kann mir nicht denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein
-anderes wird, daß ich es beobachte. Ich beobachte selbst, was ich
-selbst vollbringe. Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz
-ausnimmt als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede; sondern
-davon, wie es sich für mich ausnimmt. Jedenfalls aber kann das Bild
-meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein
-als mein eigenes. Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre,
-sondern das Denken mir als Thätigkeit eines mir fremdartigen Wesens
-gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild des Denkens
-zwar auf eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens
-aber an sich selber sei, das könnte ich nicht wissen.
-
-Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt
-aber vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor. Ich
-betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens. Wie sollte
-ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen.
-
-Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner
-Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe. Als Archimedes den Hebel
-erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos
-aus den Angeln heben zu können, wenn er nur einen Punkt fände, wo
-er sein Instrument aufstützen könnte. Er brauchte etwas, was durch
-sich selbst, nicht durch anderes getragen wird. Im Denken haben
-wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht. Von hier aus sei
-es versucht, die Welt zu begreifen. Das Denken können wir durch es
-selbst erfassen. Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch
-etwas anderes ergreifen können.
-
-Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das
-menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen
-der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein Denken giebt, muß
-es ein Bewußtsein geben. Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom
-Denken auszugehen. Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein. Ich muß dem
-gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will, welches
-Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich darüber
-nachdenken. Ich setze das Denken damit voraus. Nun kann man darauf
-allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein begreifen
-will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus;
-im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb
-des Bewußtseins und setzt also dieses voraus. Wenn diese Antwort dem
-Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen will, so wäre
-sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann natürlich das Denken nicht
-entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen. Dem
-Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern
-um das Begreifen derselben. Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte
-für das Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen. Ich
-finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er
-sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien,
-nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen
-will. Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für
-das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage
-suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was frommt es
-uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung
-unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende
-Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
-
-Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein
-denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten. Denn in Subjekt
-und Objekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken gebildet
-sind. Es ist nicht zu leugnen: ehe anderes begriffen werden kann,
-muß es das Denken werden. Wer es leugnet, der übersieht, daß er als
-Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied
-ist. Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht
-von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von
-dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist. Wir können
-uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da
-unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen
-Augenblick ausgehen, und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren
-aufsteigen können. So lange die Geologie von erdichteten Revolutionen
-gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, so
-lange tappte sie in der Finsternis. Erst als sie ihren Anfang damit
-machte, zu untersuchen, welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der
-Erde sich abspielen und von diesen zurückschloß auf das Vergangene,
-hatte sie einen sicheren Boden gewonnen. So lange die Philosophie alle
-möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille,
-Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben. Erst wenn der Philosoph
-das absolut letzte als sein erstes ansehen wird, kann er zum Ziele
-kommen. Dieses absolut letzte, zu dem es die Weltentwicklung gebracht
-hat, ist aber das Denken.
-
-Es giebt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder
-nicht, können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen. Insoferne
-bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter. Das ist
-gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein
-Baum an sich richtig sei oder nicht. Das Denken ist eine Thatsache;
-und über die Richtigkeit oder Falschheit einer solchen zu sprechen,
-ist sinnlos. Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken
-richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum
-ein entsprechendes Holz zu einem zweckmäßigen Gerät giebt. Zu zeigen,
-inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige oder
-falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein. Ich kann es
-verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über die
-Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir unbegreiflich,
-wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
-
-
-
-
-
-
-
-
-V.
-
-DIE WELT ALS WAHRNEHMUNG.
-
-
-Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist,
-kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen
-darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe. Wenn jemand einen
-Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem
-Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den
-Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig. Wenn der
-Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur
-das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des
-Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer
-wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus
-nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen
-zusammen. Der Begriff "Organismus" schließt sich z. B. an die andern:
-"gesetzmäßige Entwicklung, Wachstum" an. Andere an Einzeldingen
-gebildete Begriffe fallen völlig in Eins zusammen. Alle Begriffe
-die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff "Löwe"
-zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu
-einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle
-hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind
-nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe. Ich muß
-einen besonderen Wert darauflegen, daß hier an dieser Stelle beachtet
-werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe,
-und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen
-werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was
-ich in Bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte
-Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe
-übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier
-meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes
-und Ursprüngliches.)
-
-Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht
-schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich
-langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet,
-die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
-
-Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert
-den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen,
-folgendermaßen:
-
-"Wenn wir an einem Septembertag, durch die Felder wandelnd, wenige
-Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens,
-von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden
-wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was
-das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annäherung
-flattert ein Rebhuhn in den Graben und damit ist unsere Neugierde
-befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen
-nennen. Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus:
-weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung
-der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen
-befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen
-zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert
-haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir
-finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet." Genauer
-besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben
-ist. Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für
-diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch
-hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und
-giebt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir klar,
-daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich
-den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde,
-werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach
-der Ursache zu suchen. Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache
-hervor und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich
-in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung,
-kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich
-auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung ruft das Denken
-hervor und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne
-Erlebnis an ein anderes anzuschließen.
-
-Wenn man von einer "streng objektiven Wissenschaft" fordert, daß
-sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich
-fordern, daß sie auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner
-Natur nach über das Beobachtete hinaus.
-
-Nun ist es am Platze von dem Denken auf das denkende Wesen
-überzugehen. Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung
-verbunden. Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo
-Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander
-verknüpft werden. Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein
-zugleich charakterisiert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und
-Beobachtung. Insoferne es einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm
-dieser als gegeben, insoferne es denkt, erscheint es sich selbst als
-thätig. Es betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das
-denkende Subjekt. Weil es sein Denken auf die Beobachtung richtet,
-ist es Bewußtsein von den Objekten; weil es sein Denken auf sich
-richtet, ist es Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein. Das
-menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein,
-weil es denkendes Bewußtsein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf
-seine eigene Thätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit,
-also sein Subjekt als Objekt zum Gegenstande.
-
-Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des
-Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen
-können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive
-Thätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und
-Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn
-wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen,
-so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives
-auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt,
-sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt
-ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken
-vermag. Die Thätigkeit, die das Bewußtsein als denkendes Wesen
-ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die
-weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe
-hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt
-denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken
-ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und
-mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen,
-indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.
-
-Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: Er denkt und umschließt
-damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des
-Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum
-bestimmen.
-
-Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: wie kommt das andere Element,
-das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das
-sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
-
-Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem
-Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits
-in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn unser jeweiliger
-Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten
-Weise durchsetzt.
-
-Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter
-menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt
-gegenübertrete. Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in
-Thätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt
-zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von
-Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und
-Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefühle. Dieses Aggregat
-ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber
-steht das Denken, das bereit ist, seine Thätigkeit zu entfalten,
-wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald,
-daß er sich findet. Das Denken ist imstande Fäden zu ziehen von einem
-Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen
-bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis. Wir
-haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit
-einer andern Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere
-als Wirkung der letzteren bezeichnen.
-
-Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Thätigkeit des Denkens
-durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir
-auch nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die
-durch das Denken hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.
-
-Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die
-Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene
-Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.
-
-Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß
-ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige,
-das ich im folgenden anwenden muß. Ich werde die unmittelbaren
-Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe, insoferne das bewußte
-Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen
-nennen. Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt
-dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
-
-Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der
-Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist, als die
-meines Begriffes von Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich
-wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen
-Sinne bezeichnen. Wenn ich von meinem Gefühle Kenntnis erhalten
-soll, so muß es erst Wahrnehmung für mich werden. Und die Art, wie
-wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine
-solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser
-Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
-
-Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie
-sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz
-unabhängiges Dasein haben. Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er
-zunächst, daß dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben,
-die seine Teile haben u. s. w., dort an dem Orte steht, wohin der
-Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine
-Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe
-verfolgt, so ist er der Meinung, daß das alles in dieser Weise
-(an sich) besteht und vorgeht, wie er es beobachtet. Er hält so
-lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet,
-die jenen widersprechen. Das Kind, das noch keine Erfahrungen über
-Entfernungen hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach
-dem ersten Augenschein für wirklich gehalten hat, erst richtig,
-wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch
-befindet. Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt
-mich, mein Bild der Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im täglichen
-Leben ebenso wie in der Geistesentwicklung der Menschheit. Das Bild,
-das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den
-andern Himmelskörpern machten, mußte von Copernikus durch ein anderes
-ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt
-waren, nicht zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen
-operierte, sagte dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die
-Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe
-der Gegenstände gemacht habe. Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch
-seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
-
-Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen
-unserer Beobachtungen gezwungen sind?
-
-Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage. Wenn ich
-an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem
-andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt
-als da, wo ich stehe. Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn
-ich den Ort ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache. Es
-ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von
-einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir,
-dem Wahrnehmenden, zukommt. Es ist für eine Allee ganz gleichgültig,
-wo ich stehe. Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich
-davon abhängig. Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem
-gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen. Das
-Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen
-ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes
-von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu
-durchschauen ist. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die
-Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und
-geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns, daß
-innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall hören, Schwingungen
-der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir den
-Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile
-aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir
-ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne ein solches bliebe uns die
-ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es
-Menschen giebt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht,
-die uns umgiebt. Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und
-Dunkel auf. Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, z. B. das Rot,
-nicht wahr. Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher
-thatsächlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen. Ich
-möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem
-Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation
-eine qualitative nennen. Durch jene werden die Größenverhältnisse und
-gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese
-die Qualität derselben. Daß ich eine rote Fläche rot sehe -- diese
-qualitative Bestimmung -- hängt von der Organisation meines Auges ab.
-
-Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv. Die Erkenntnis
-von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu
-Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben
-zum Grunde liegt. Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, z. B. die
-der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist,
-ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu
-dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven
-Organismus keinen Bestand hat, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens,
-dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in
-George Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung
-war, daß der Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung
-des Subjekts für die Wahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an
-eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt glauben könne. Er sagt:
-"Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man nur
-die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen. Für eine solche halte
-ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und alles, was
-zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den gewaltigen
-Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes
-haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkannt-Werden
-besteht, daß sie folglich, so lange sie nicht wirklich von mir
-wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen
-geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz
-haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren". Für
-diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man
-von dem Wahrgenommen-Werden absieht. Es giebt keine Farbe, wenn keine
-gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird. Ebensowenig wie Farbe
-und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb des
-Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt,
-sondern diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer
-Subjektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft. Wenn die letzteren
-mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei den ersteren
-der Fall sein, die an sie gebunden sind.
-
-Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton u. s. w. keine andere
-Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch
-Dinge geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die
-bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte
-Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe,
-eine Figur ähnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen können
-nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ähnlich
-sein. Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als
-eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden
-sind. Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe u. s. w.,
-kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr
-übrig. Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung:
-Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden und
-zwar nur insoferne und so lange ich sie wahrnehme; sie verschwinden
-mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses. Außer meinen
-Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann von
-keinen wissen.
-
-Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß
-im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von
-der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird. Wesentlich anders
-stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben,
-welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer
-Wahrnehmung ist. Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des
-Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon
-sein muß, bevor sie wahrgenommen wird.
-
-Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das
-Subjekt derselben geleitet. Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr,
-sondern ich nehme mich selbst wahr. Die Wahrnehmung meiner selbst hat
-zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer
-kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern. Die Wahrnehmung des Ich
-geht in meinem Bewußtsein als Begleiter aller andern Wahrnehmungen
-nebenher. Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes
-vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein. Dazu
-tritt dann die Wahrnehmung meines Selbst. Ich bin mir nunmehr nicht
-bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner Persönlichkeit,
-die dem Gegenstand gegenübersteht und ihn beobachtet. Ich sehe
-nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn
-sieht. Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum
-beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt
-ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes. Dieses Bild
-hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden. Mein
-Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in
-sich aufgenommen. Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem
-Baume. Ich käme nie in die Lage von Vorstellungen zu sprechen, wenn
-ich nicht die Wahrnehmung meines Selbst machte. Wahrnehmungen würden
-kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen. Nur dadurch, daß ich
-mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder Wahrnehmung sich auch
-dessen Inhalt ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des
-Gegenstandes mit meiner eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang
-zu bringen und von meiner Vorstellung zu sprechen.
-
-Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne,
-wie Farbe, Ton u. s. w. an andern Gegenständen. Ich kann jetzt
-auch den Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände, die
-sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt
-meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung
-des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die größten
-Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt. Die
-Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein
-Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese
-Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man
-hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur
-unsere Vorstellungen. Ich soll nichts wissen von dem Tische an
-sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der
-Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich den Tisch
-wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten
-Berkeleyschen verwechselt werden. Berkeley behauptet die subjektive
-Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von
-meinen Vorstellungen wissen kann. Er schränkt mein Wissen auf meine
-Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände
-außerhalb des Vorstellens giebt. Was ich als Tisch ansehe, das ist
-im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick
-nicht mehr darauf richte. Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen
-unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen Tisch,
-weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher
-keine anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was
-wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden. Was der
-naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley
-nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche
-gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf
-unsere Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es
-außer diesen Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie
-uns so organisiert glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres
-eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen veranlassenden
-Dingen an sich erfahren können. Sie folgert aus dem Umstande, daß
-ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen
-Vorstellungen unabhängige Existenz giebt, sondern nur, daß das Subjekt
-eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht anders als
-durch das "Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren, fingieren,
-denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann" (O. Liebmann,
-Zur Analysis der Wirklichkeit, S. 28). Diese Anschauung glaubt etwas
-unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar
-einleuchtet. "Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu
-deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis,
-daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf unsere
-Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was
-wir unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie
-unmittelbar erfahren, deshalb vermag uns auch der radikalste Zweifel
-das Wissen von denselben nicht zu entreißen. Dagegen ist das Wissen,
-das über mein Vorstellen -- ich nehme diesen Ausdruck hier überall im
-weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter fällt --
-hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt. Daher muß zu Beginn des
-Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen
-ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden," so beginnt Volkelt
-sein Buch über "Kants Erkenntnistheorie". Was hiermit so hingestellt
-wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit
-wäre, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer Gedankenoperation,
-die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch glaubt, daß die
-Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins
-vorhanden sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie lehren aber,
-daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist,
-daß wir folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere
-Organisation uns von den Dingen überliefert. Unsere Wahrnehmungen sind
-somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich. Den
-hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der That
-als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze
-führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen
-haben können (vergl. dessen Grundproblem der Erkenntnistheorie,
-S. 16-40). Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der
-Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstellen, so
-wird gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als
-eine subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in
-der Außenwelt. In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur
-Modifikationen unseres Organismus sind. Und zwar ist man der Ansicht,
-daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch
-die Wirkung der Bewegung eines den Weltraum füllenden, unendlich feinen
-Stoffes, des Äthers. Wenn die Schwingungen dieses Äthers die Hautnerven
-meines Körpers erregen, so habe ich die Wahrnehmung der Wärme, wenn sie
-den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr. Licht, Farbe und
-Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von außen
-antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der
-Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände. Der Physiker glaubt,
-daß die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen, bestehen,
-und daß diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern
-gewisse Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen ihnen der
-leere Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender
-und abstoßender Kräfte. Wenn ich meine Hand einem Körper nähere,
-so berühren die Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen
-des Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen
-Körper und Hand, und was ich als Widerstand des Körpers empfinde,
-das ist nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft, die
-seine Moleküle auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin außerhalb
-des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.
-
-Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten
-spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller aufgestellt hat. Sie
-besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle
-äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten. Wird auf
-den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung,
-gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen,
-oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den
-Nerv einwirkt. Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die
-gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus
-scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können,
-was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt. Sie
-bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
-
-Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen
-keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen
-bewirken. Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe
-verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der
-äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden. Wir
-sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte
-Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern, ehe sie ihn zum
-entsprechenden Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nerv wird
-nun der schon veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier erst
-müssen wieder die Centralorgane erregt werden. Daraus wird geschlossen,
-daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe
-er zum Bewußtsein kommt. Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch
-so viele Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an
-eine Ähnlichkeit mit denselben nicht mehr gedacht werden kann. Was
-das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge,
-noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb
-des Gehirnes. Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht
-unmittelbar wahr. Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine
-Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen. Meine Empfindung des Rot hat gar
-keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn
-ich das Rot empfinde. Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in
-der Seele auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb
-sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie S. 37): "Was das
-Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen
-psychischen Zustände und nichts anderes." Wenn ich die Empfindungen
-habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich
-als Dinge wahrnehme. Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch
-das Gehirn vermittelt werden. Die Empfindungen der Härte und Weichheit
-werden mir durch den Tast-, die Farbe- und Lichtempfindungen durch
-den Gesichtssinn vermittelt. Doch finden sich dieselben an einem
-und demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung muß also
-erst von der Seele selbst bewirkt werden. Das heißt, die Seele setzt
-die einzelnen durch das Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern
-zusammen. Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast-
-und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann
-die Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt. Dieses Endglied
-(Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein
-Bewußtsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts mehr
-von dem zu finden, was außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck
-auf meine Sinne gemacht hat. Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum
-Gehirn und durch das Gehirn zur Seele vollständig verloren gegangen.
-
-Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte
-des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn
-zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts
-zerfällt. Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt. Man
-geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist,
-von dem wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, daß alles, was an
-diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine
-Sinne hätten. Kein Auge: keine Farbe. Also ist die Farbe in dem
-noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst
-durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser
-ist also farblos. Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden;
-denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden,
-der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern
-auslöst. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch
-den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer
-nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die Seele nach außen
-an einen Körper verlegt. An diesem nehme ich sie endlich wahr. Wir
-haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht. Wir sind uns eines
-farbigen Körpers bewußt geworden. Das ist das Erste. Nun hebt die
-Gedankenoperation an. Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für
-mich farblos. Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen. Ich
-gehe auf die Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im
-Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier
-finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper verbunden. Den farbigen
-Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis ist
-geschlossen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen,
-was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
-
-So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster
-Ordnung. Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen
-werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit
-der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine
-ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich war der Meinung: sie hätte so,
-wie ich sie wahrnehme, einen objektiven Bestand. Nun merke ich, daß
-sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine Modifikation
-meiner seelischen Zustände ist. Habe ich nun überhaupt noch ein Recht,
-in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen,
-daß sie auf meine Seele wirkt? Ich muß von jetzt ab den Tisch,
-von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in
-mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als Vorstellung
-behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane
-und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv. Ich habe kein Recht, von
-einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung
-des Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß
-und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den
-aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden
-sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten
-Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so
-zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch
-als solche nicht aufeinander wirken können. Ich kann nicht sagen:
-meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des
-Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe
-hervor. Aber ich habe es auch nicht nötig. Denn sobald mir klar ist,
-daß mir meine Sinnesorgane und deren Thätigkeiten, mein Nerven-
-und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
-können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen
-Unmöglichkeit. Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das
-entsprechende Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein Sinnesorgan
-ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das
-Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten;
-aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung
-erfahren. Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich
-im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem,
-was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht
-dadurch vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich
-während dieser Wahrnehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich
-in den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde
-nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten,
-die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe
-nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
-
-Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung. Ich bin in
-der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen
-in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer
-hypothetischer werden, je mehr ich mich den centralen Vorgängen des
-Gehirnes nähere. Der Weg der äußeren Beobachtung hört mit dem Vorgange
-in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde,
-wenn ich mit physikalischen, chemischen u. s. w. Hilfsmitteln und
-Methoden das Gehirn behandeln könnte. Der Weg der inneren Beobachtung
-fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge
-aus dem Empfindungsmaterial. Beim Übergange von dem Hirnprozeß zur
-Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.
-
-Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte
-des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen
-Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die Eine Wahrnehmung
-als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne
-hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus
-thut. Sie beweist den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen, indem
-sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als
-objektiv giltige Thatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht,
-daß sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinanderwirft, zwischen denen
-sie keine Vermittlung finden kann.
-
-Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn
-er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als
-objektiv existierend annimmt. In demselben Augenblicke, wo er sich der
-vollständigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus
-mit den vom naiven Realismus als objektiv existierend angenommenen
-Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf die ersteren
-als auf eine sichere Grundlage stützen. Er müßte auch seine subjektive
-Organisation als bloßen Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber
-die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch
-die geistige Organisation bewirkt zu denken. Man müßte annehmen, daß
-die Vorstellung "Farbe" nur eine Modifikation der Vorstellung "Auge"
-sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden,
-ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der letztere wird
-nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen auf
-einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
-
-Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des
-Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen,
-somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet
-werden.
-
-Noch weniger aber darf der Satz: "die wahrgenommene Welt ist meine
-Vorstellung" als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises
-bedürftig hingestellt werden. Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk,
-"Die Welt als Wille und Vorstellung", mit den Worten: "Die Welt ist
-meine Vorstellung. -- Dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung
-auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt, wiewohl der Mensch
-allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann:
-und thut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit
-bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß
-er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge,
-das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt,
-welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist; d. h. durchweg nur in
-Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist. --
-Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist
-es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen
-und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle anderen,
-als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene
-eben voraus ..." Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von
-uns angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger
-Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man könnte im
-Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen
-Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht, und meine Hand,
-die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die Sonne
-und die Erde selbst. Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist
-ohne weiteres klar. Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche
-Hand könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen
-an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
-
-Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über
-das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen. Die auf
-S. 63 angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während
-des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein muß, bevor sie
-wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu muß also ein anderer
-Weg eingeschlagen werden.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VI.
-
-DAS ERKENNEN DER WELT.
-
-
-Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt, daß es unmöglich ist,
-durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen,
-daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Beweis soll nämlich
-dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in
-der Art erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen Annahmen über
-die psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums
-sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern
-bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu thun. Wenn nun der
-naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die das
-gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen diese
-Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer Weltanschauung
-bezeichnet und fallen gelassen werden. Jedenfalls ist es unstatthaft,
-die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen,
-wie es der kritische Idealist thut, der seiner Behauptung: die Welt
-ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zu Grunde legt. (Eduard
-von Hartmann giebt in seiner Schrift "Das Grundproblem der
-Erkenntnistheorie" eine ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)
-
-Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes
-die Überzeugungskraft seiner Beweise. Wie es mit der ersteren steht,
-wird sich später im Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben. Die
-Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich Null. Wenn man
-ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das
-Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit. Der
-naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies
-Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
-
-Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur eine
-vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf
-meine Seele, für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich
-nicht auf die nur in der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern
-auf die jenseits unseres Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen
-Dinge. Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar
-erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich
-sind? Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den
-inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren
-nicht mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein
-haben, während, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden,
-sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet. Unser Bewußtsein wirkt,
-von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von
-bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem seine
-spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist. Wer aber die Dinge selbst
-nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten
-der letzteren über die Beschaffenheit der ersteren durch Schlüsse
-indirekt sich unterrichten. Auf diesem Standpunkte steht die neuere
-Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als Mittel benutzt,
-um Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft
-seienden Bewegungen des Stoffes zu gewinnen. Wenn der Philosoph als
-kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt, dann geht sein
-Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein
-auf dieses Sein. Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der
-Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
-
-Der kritische Idealist kann aber soweit gehen, daß er sagt: ich
-bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht
-hinaus. Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist
-dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung. Ein
-solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen
-oder wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine
-Bedeutung hat, d. i. so gut wie nicht da ist, weil wir nichts von
-ihm wissen können.
-
-Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als
-ein wüster Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos
-wäre. Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene,
-die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise,
-die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und
-nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern. Für
-diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen
-Traumbilde werden. Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums
-unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die
-Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu. Wir
-haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
-Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, daß es keine Dinge giebt,
-oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch
-das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit
-leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: "Alle
-Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben,
-von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt;
-in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt"
-(vgl. Fichte, die Bestimmung des Menschen).
-
-Gleichgiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu
-erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob
-er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst
-muß für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren. Während
-aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All
-erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den
-andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge
-zu schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser "Dinge an
-sich" bestehen. Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter
-Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr konsequentester
-Vertreter, Eduard von Hartmann, transcendentalen Realismus [1].
-
-Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein,
-daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der
-Wahrnehmungen. Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends
-einen festen Punkt finden.
-
-Eine Hauptfrage für den Bekenner des transcendentalen Realismus
-müßte sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt
-zustande? Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die
-verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt verschließen,
-kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als
-sie das Mittel ist, die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu
-erforschen. Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären,
-dann gliche unser alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis
-des wahren Thatbestandes dem Erwachen. Auch unsere Traumbilder
-interessieren uns so lange, als wir träumen, folglich die Traumnatur
-nicht durchschauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht
-mehr nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach
-den physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen,
-die ihnen zum Grunde liegen. Ebensowenig kann sich der Philosoph,
-der die Welt für seine Vorstellung hält, für den inneren Zusammenhang
-der Einzelheiten in derselben interessieren. Falls er überhaupt
-ein seiendes Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen, wie hängt
-eine meiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was
-geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewußtsein
-einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält. Wenn ich träume, daß ich
-Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache und dann mit
-Hustenreiz aufwache (vgl. Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so
-hört im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein
-Interesse zu haben. Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen
-und psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz
-sich symbolisch in dem Traumbilde zum Ausdruck bringt. In ähnlicher
-Weise muß der Philosoph, sobald er von dem Vorstellungscharakter der
-gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter
-steckende wirkliche Seele überspringen. Schlimmer steht die Sache
-allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den
-Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar
-hält. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Erwägung führen,
-daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens giebt,
-in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf
-reale Verhältnisse zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen
-Bewußtseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand
-haben. Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab,
-daß es etwas giebt, das sich in der That zum bloßen Wahrnehmen verhält
-wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist
-das Denken.
-
-Dem naiven Menschen kann derselbe Mangel nicht angerechnet werden. Er
-giebt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie
-sie sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der erste Schritt aber, der
-über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird, kann nur in der Frage
-bestehen: wie verhält sich das Denken zur Wahrnehmung? Ganz einerlei:
-ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach meinem
-Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie
-aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen. Wenn
-ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis
-eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt
-nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum. Zwischen die
-Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich das
-Denken ein.
-
-Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge zumeist
-übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergl. S. 38 f.). Er liegt
-in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand, über den wir denken,
-nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit richten. Das
-naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit den
-Dingen nichts zu thun hat, sondern ganz abseits von denselben steht
-und seine Betrachtungen über die Welt anstellt. Das Bild, das der
-Denker von den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas,
-was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur im Kopfe des Menschen
-existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild. Die Welt
-ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und Kräften; und von
-dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild. Die so denken,
-muß man nur fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für
-fertig, ohne das Denken? Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit
-die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an
-der Pflanze? Pflanzet ein Samenkorn in den Boden. Es treibt Wurzel
-und Stengel. Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten. Stellet die
-Pflanze euch selbst gegenüber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit
-einem bestimmten Begriffe. Warum gehört dieser Begriff weniger zur
-ganzen Pflanze als Blatt und Blüte? Ihr saget: die Blätter und Blüten
-sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst,
-wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber
-auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da
-ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind,
-in denen sich Blätter und Blüten entfalten können. Gerade so entsteht
-der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein an die Pflanze
-herantritt.
-
-Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von einem Dinge
-durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein
-Ganzes zu halten und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung
-ergiebt, als ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst
-nichts zu thun hat. Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so
-ist das Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst
-ein abgeschlossenes. Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde
-ich morgen ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten. Wenn
-ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den
-heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen
-kontinuierlich übergehen. Das Bild, das sich mir in einem bestimmten
-Augenblicke darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in
-einem fortwährenden Werden begriffenen Gegenstande. Setze ich die
-Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von Zuständen
-nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in ihr lagen. Ebenso
-kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und
-dadurch ein unvollständiges Bild haben.
-
-Es wäre eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich heftende Meinung,
-die von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte:
-das ist die Sache.
-
-Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale
-für die Sache zu erklären. Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist
-zugleich und ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen
-könnte. Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen, den
-Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten. Er müßte
-ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.
-
-Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen. Wenn ich einen
-Stein in horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich ihn
-nacheinander an verschiedenen Orten. Ich verbinde diese Orte zu einer
-Linie. In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen kennen,
-darunter auch die Parabel. Ich kenne die Parabel als eine Linie,
-die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen
-Art bewegt. Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der
-geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit
-der identisch ist, die ich als Parabel kenne. Daß sich der Stein gerade
-in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der gegebenen Bedingungen
-und folgt mit Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel gehört
-zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht
-kommt. Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens
-nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an
-verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung
-auch die parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch Denken
-zu der Erscheinung hinzufügen.
-
-Nicht an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst ohne die
-entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen
-Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise,
-daß ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die
-Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten
-des Wahrnehmens und des Denkens.
-
-Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu thun, wie ich organisiert
-bin, sie zu erfassen. Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken
-ist erst in dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende,
-den Dingen gegenübertrete. Welche Elemente dem Dinge angehören und
-welche nicht, kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche
-Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.
-
-Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen. Zunächst ist er ein
-Ding unter anderen Dingen. Sein Dasein gehört dem Raum und der
-Zeit an. Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil
-des gesamten Universums gegeben sein. Dieser beschränkte Teil
-schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie räumlich an
-anderes an. Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß
-jedes Weltgeschehen zugleich unser Geschehen wäre, dann gäbe
-es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht. Dann aber
-gäbe es für uns auch keine Einzeldinge. Da ginge alles Geschehen
-kontinuierlich ineinander über. Der Kosmos wäre eine Einheit und
-eine in sich beschlossene Ganzheit. Der Strom des Geschehens hätte
-nirgends eine Unterbrechung. Wegen unserer Beschränkung erscheint uns
-als Einzelheit, was in Wahrheit nicht Einzelheit ist. Nirgends ist
-z. B. die Einzelqualität des Rot abgesondert für sich vorhanden. Sie
-ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört,
-und ohne die sie nicht bestehen könnte. Für uns aber ist es eine
-Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt herauszuheben,
-und sie für sich zu betrachten. Unser Auge kann nur einzelne Farben
-nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand
-nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden Begriffssysteme
-erfassen. Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch
-den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern
-ein Ding unter anderen Dingen.
-
-Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Dinges, das wir
-selbst sind, zu den anderen Dingen zu bestimmen. Diese Bestimmung
-muß unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden unseres
-Selbst. Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das Bewußtwerden
-jedes anderen Dinges. Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von
-Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
-zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart
-u. s. w. zu der Einheit "Gold" zusammenfasse. Die Selbstwahrnehmung
-führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir
-gehört. Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden
-Selbstbestimmen. Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch
-das Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich
-die an mir selbst gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das
-Denken ein. Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter
-Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu thun mit diesen Grenzen. In
-diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in
-das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber
-ich bin Träger einer Thätigkeit, die von einer höheren Sphäre aus
-mein begrenztes Dasein bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell
-wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein
-individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es
-auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese
-besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die
-einzelnen Menschen voneinander. Ein Dreieck hat nur einen einzigen
-Begriff. Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgiltig, ob ihn
-das menschliche Bewußtsein A oder B faßt. Er wird aber von jedem der
-zwei Bewußtseine in individueller Weise erfaßt werden.
-
-Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der
-Menschen gegenüber. Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht,
-daß der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist,
-wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen ergriffene. Der naive
-Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe. Er glaubt deshalb,
-jede Person hat ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grundforderung
-des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden. Der
-Eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer
-Vielheit, daß von vielen gedacht wird. Denn das Denken der vielen
-selbst ist eine Einheit.
-
-In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere
-Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem
-wir empfinden und fühlen (wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir
-denken, sind wir das All-Eine Wesen, das alles durchdringt. Dies
-ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine
-schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die
-universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem
-Centrum der Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie. Wäre
-das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir
-zum Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel. Da wir aber in einem
-Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte
-Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres eigenen
-Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein
-in uns hereinragenden Denkens kennen lernen.
-
-Dadurch, daß das Denken in uns übergreift über unser Sondersein und
-auf das allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb
-der Erkenntnis. Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht. Wenn sich
-ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen
-gegeben. Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich. Bei
-denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf. Er
-ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von
-innen empfangen. Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente,
-des inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis liefern.
-
-Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern
-die eine Seite der totalen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der
-Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und
-Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das
-ganze Ding aus.
-
-Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding
-ist, etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen,
-als den ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet. Alle Versuche
-müssen scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben als
-nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir
-uns durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht
-ein persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose
-Wille (Schopenhauers und Hartmanns) können uns als eine universelle
-Welteinheit gelten. Diese Wesenheiten gehören sämtlich nur einem
-beschränkten Gebiet unserer Beobachtung an. Persönlichkeit nehmen
-wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr. Was den
-Willen betrifft, so kann er nur als die Thätigkeitsäußerung unserer
-beschränkten Persönlichkeit gelten. Schopenhauer will es vermeiden, das
-"abstrakte" Denken zum Träger der Welteinheit zu machen und sucht statt
-dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales darbietet. Dieser
-Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie
-als Außenwelt ansehen. "In der That würde die nachgeforschte Bedeutung
-der mir lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehenden Welt,
-oder der Übergang von ihr, als bloße Vorstellung des erkennenden
-Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag, nimmermehr zu
-finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein
-erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre. Nun
-aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr
-als Individuum, d. h. sein Erkennen, welches der bedingende Träger
-der ganzen Welt als Vorstellung ist, ist demnach durchaus vermittelt
-durch einen Leib, dessen Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der
-Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt sind. Dieser Leib ist dem rein
-erkennenden Subjekt als solchen eine Vorstellung wie jede andere,
-ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben
-sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen aller
-anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd
-und unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf
-eine ganz andere Art enträtselt wäre...... Dem Subjekt des Erkennens,
-welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt,
-ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als
-Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten,
-und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf
-eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar bekannte,
-welches das Wort Wille bezeichnet. Jeder wahre Akt seines Willens ist
-sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann
-den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er
-als Bewegung des Leibes erscheint. Der Willensakt und die Aktion des
-Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das
-Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis von Ursache
-und Wirkung; sondern sind eins und dasselbe, nur auf zwei gänzlich
-verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in
-der Anschauung für den Verstand." Durch diese Auseinandersetzungen
-glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe des Menschen die
-"Objektität" des Willens zu finden. Er ist der Meinung, in den
-Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in
-concreto zu fühlen. Gegen diese Ausführungen muß eingewendet werden,
-daß uns die Aktionen unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen
-zum Bewußtsein kommen und als solche nichts voraus haben vor anderen
-Wahrnehmungen. Wenn wir ihre Wesenheit erkennen wollen, so können
-wir dies nur durch denkende Betrachtung, d. h. durch Eingliederung
-derselben in das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.
-
-Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die
-Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt. Es könne
-höchstens ein "ideelles" Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa
-diese selbst. Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die
-Wahrnehmung ohne den Begriff ist. Sehen wir uns nur diese Welt der
-Wahrnehmung an: Ein bloßes Nebeneinander im Raum und Nacheinander in
-der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten ist sie. Keines
-der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne,
-hat mit dem andern etwas zu thun. Die Welt ist eine Mannigfaltigkeit
-von gleichwertigen Gegenständen. Keiner spielt eine größere Rolle
-als der andere im Getriebe der Welt. Soll uns klar werden, daß diese
-oder jene Thatsache größere Bedeutung hat als die andere, so müssen
-wir unser Denken befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint
-uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen
-Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede. Die einzelnen
-Thatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile
-der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu
-Wesen. Diese Thätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur
-durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum
-die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der
-Löwe. Der bloße Anblick, die Wahrnehmung giebt mir keinen Inhalt,
-der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.
-
-Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der
-Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen. Im Gegensatz zum
-Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der
-Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auftritt,
-wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist für das des Denkens, was
-die Beobachtung für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung
-sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten
-Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem
-Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der
-Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt. Wer nicht die
-Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden,
-dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen. Wie der Farbenblinde
-nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht, so kann der
-Intuitionslose nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.
-
-Ein Ding erklären, verständlich machen heißt nichts anderes, als
-es in den Zusammenhang hinein versetzen, aus dem es durch die oben
-geschilderte Einrichtung unserer Organisation herausgerissen ist. Ein
-von dem Weltganzen abgetrenntes Ding giebt es nicht. Alle Sonderung
-hat bloß subjektive Geltung für unsere Organisation. Für uns legt
-sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach,
-Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft,
-Objekt und Subjekt u. s. w. Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten
-gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende,
-einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen
-durch das Denken alles wieder in Eins zusammen, was wir durch das
-Wahrnehmen getrennt haben.
-
-Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem
-Sonderdasein. Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb
-der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben werden.
-
-Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben. Es
-entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen
-mit der Bedeutung der Wahrnehmung? Wir haben zwar erkannt, daß der
-Beweis, den der kritische Idealismus für die subjektive Natur der
-Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit der Einsicht in
-die Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß die
-Sache selbst auf einem Irrtume beruht. Der kritische Idealismus geht
-in seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens
-aus, sondern stützt sich darauf, daß der naive Realismus, konsequent
-verfolgt, sich selbst aufhebt. Wie stellt sich die Sache, wenn die
-Absolutheit des Denkens erkannt ist?
-
-Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, z. B. Rot, in
-meinem Bewußtsein auf. Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender
-Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen,
-z. B. einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur- und
-Tastwahrnehmungen. Diesen Zusammenhang bezeichne ich als einen
-Gegenstand der Sinnenwelt. Ich kann mich nun fragen: was findet sich
-außer dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir
-obige Wahrnehmungen erscheinen. Ich werde mechanische, chemische
-und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles finden. Nun gehe ich
-weiter und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem
-Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich werde Bewegungsvorgänge
-in einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach nicht
-das Geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein haben. Das
-gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom
-Sinnorgane zum Gehirn untersuche. Auf jedem dieser Gebiete mache ich
-neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes Mittel sich durch alle diese
-räumlich und zeitlich auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt,
-das ist das Denken. Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft
-sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst. Nur
-das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie
-in ihren gegenseitigen Beziehungen. Wir können nicht davon sprechen,
-daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes giebt,
-als die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge
-der Wahrnehmungen. Die über das bloß Wahrgenommene hinausgehende
-Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also
-eine bloß ideelle, d. h. nur durch Begriffe ausdrückbare. Nur in dem
-Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das
-Wahrnehmungssubjekt afficiert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau
-des Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre
-es möglich, so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der
-auf sie gebaute kritische Idealismus thun. Diese Ansicht verwechselt
-einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit einem Prozeß,
-von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre. Der
-Satz "Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge" kann daher nicht
-die Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern
-nur die, daß ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang
-besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge. Die
-empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die
-Eigenschaften des Auges und die der Farben zu einander verhalten;
-durch welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben
-vermittelt u. s. w. Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf
-die andere folgt, wie sie räumlich mit andern in Beziehung steht,
-und dies dann in einen begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich
-kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren
-hervorgeht. Alle Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als
-Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.
-
-Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist, im allgemeinen
-gestellt, absurd. Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte,
-als konkreter Inhalt auf. Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben,
-und erschöpft sich in dem Gegebenen. Man kann in Bezug auf dieses
-Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung d. i. für das
-Denken ist. Die Frage nach dem Was einer Wahrnehmung kann also nur
-auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht. Unter diesem
-Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung
-im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen werden. Als
-subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig
-wahrgenommen wird. Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und
-Objektivem kommt keinem, im naiven Sinn realen, Prozeß d. h. einem
-wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken. Es ist also
-für uns objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des
-Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt. Mein Wahrnehmungssubjekt
-bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor mir
-steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die
-Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in
-mir hervorgerufen. Ich behalte ein Bild des Tisches zurück, das nun mit
-meinem Selbst verbunden ist. Die moderne Psychologie bezeichnet dieses
-Bild als Erinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was allein mit
-Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann. Es ist nämlich die
-wahrnehmbare Veränderung meines eigenen Zustandes durch die Anwesenheit
-des Tisches in meinem Gesichtsfelde. Und zwar bedeutet sie nicht die
-Veränderung irgend eines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden
-"Ich an sich", sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes
-selbst. Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im
-Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes
-im Wahrnehmungshorizonte. Das Zusammenwerfen jener subjektiven mit
-dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem Mißverständnisse des
-Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
-
-Es wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung
-näher zu bestimmen. Was wir bisher über sie vorgebracht haben, ist
-nicht der Begriff derselben, sondern weist nur den Weg, wo sie im
-Wahrnehmungsfelde zu finden ist. Der genaue Begriff der Vorstellung
-wird es uns dann auch möglich machen, einen befriedigenden Aufschluß
-über das Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen. Dies
-wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen
-Subjekt und Objekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens
-hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben. Wissen wir erst,
-was wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein Leichtes sein,
-auch uns darnach einzurichten. Wir können erst mit voller Kraft thätig
-sein, wenn wir das Objekt kennen, dem wir unsere Thätigkeit widmen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VII.
-
-DIE MENSCHLICHE INDIVIDUALITÄT.
-
-
-Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der Vorstellungen wird von
-den Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die äußeren Dinge
-nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen
-entsprechende Gestalt haben sollen. Bei genauerem Zusehen stellt
-sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar nicht besteht. Die
-äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den
-äußeren Dingen zu ein und derselben Welt. Der Ausschnitt aus der
-Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des
-allgemeinen Weltgeschehens durchzogen. Für mein Wahrnehmen bin ich
-zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen. Aber
-was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos
-als einem Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem
-Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist es gar nicht nötig,
-daß etwas von dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder in meinen
-Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs. Die Frage:
-wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir
-entfernt steht, ist völlig schief gestellt. Sie entspringt aus der
-Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien,
-durch die die Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern. Die
-Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen
-wie die außerhalb bestehenden. Ich bin also wirklich die Dinge;
-allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber
-Ich, insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens
-bin. Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben
-Ganzen. Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort
-die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines
-Ich. Wäre ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde
-Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte. Denn sie
-bedingen einander gegenseitig. Als Welterkenner kann ich das Gemeinsame
-der beiden als zusammengehöriger Wesenseiten nur durch Denken finden,
-das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
-
-Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die sogenannten
-physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen
-sein. Wenn ich einen Druck auf die Haut meines Körpers ausführe,
-so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr. Denselben Druck kann ich
-durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen. Einen
-elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das
-Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan
-als Phosphorgeruch wahr. Was folgt aus dieser Thatsache? Nur dieses:
-Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr (resp. einen Druck) und
-darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton, bezw. einen gewissen
-Geruch u. s. w. Wenn kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der
-Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der Umgebung keine
-Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans kein Ton
-u. s. w. Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane
-wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden? Wer von dem Umstande, daß
-ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zurückschließt:
-also ist das, was wir als Licht empfinden, außer unserem Organismus
-nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, der vergißt, daß er nur von
-einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf
-etwas außerhalb der Wahrnehmung. Ebenso gut, wie man sagen kann:
-das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung
-als Licht wahr, ebensogut kann man behaupten: eine gesetzmäßige
-Veränderung eines Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang
-wahrgenommen. Wenn ich auf dem Umfang einer rotierenden Scheibe ein
-Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den Gestalten, die sein Körper
-im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren der Scheibe
-den Schein der Bewegung hervorrufen. Ich brauche nur durch eine Öffnung
-zu blicken und zwar so, daß ich in den entsprechenden Zwischenzeiten
-die aufeinander folgenden Stellungen des Pferdes sehe. Ich sehe nicht
-zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
-
-Die erwähnte physiologische Thatsache kann also kein Licht auf das
-Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung werfen. Wir müssen uns
-auf andere Weise zurechtfinden.
-
-In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte
-auftaucht, bethätigt sich durch mich auch das Denken. Ein Glied
-in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff
-verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung
-aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück? Meine
-Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich
-im Momente des Wahrnehmens gebildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit
-ich dann später diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann,
-das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und körperlicher
-Organismus funktioniert. Die Vorstellung ist nichts anderes als eine
-auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff,
-der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug
-auf diese Wahrnehmung geblieben ist. Mein Begriff eines Löwen ist
-nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet. Wohl aber ist
-meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet. Ich kann
-jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen
-gesehen hat. Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir
-ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
-
-Die Vorstellung ist also nichts anderes als ein individualisierter
-Begriff. Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der
-Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden können. Die
-volle Wirklichkeit eines Dinges ergiebt sich uns im Augenblicke der
-Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung. Der
-Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt,
-einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung. In dieser individuellen
-Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit
-in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des
-betreffenden Dinges. Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich
-derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als
-zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal
-wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt
-einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff
-mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir
-erkennen den Gegenstand wieder.
-
-Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff. Sie ist
-der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
-
-Die Summe meiner Vorstellungen kann ich meine Erfahrung
-nennen. Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der
-eine größere Zahl individualisierter Begriffe hat. Ein Mensch, dem
-jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu
-erwerben. Er verliert die Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise,
-weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen
-soll. Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem
-infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen,
-wird ebensowenig Erfahrung sammeln können. Er kann sich zwar auf
-irgend eine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt
-der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende
-und der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich
-unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
-
-Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit; als
-Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
-
-Wenn sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die
-Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
-
-Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des
-Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch
-auf unsere besondere Subjektivität, auf unser individuelles Ich. Der
-Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als
-Lust oder Unlust auslebt.
-
-Denken und Fühlen entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der wir
-schon gedacht haben. Das Denken ist das Element, durch das wir das
-allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch
-wir uns in die Enge des eigenen Wesens zurückziehen.
-
-Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns
-selbst zurück, macht uns erst zum Individuum. Wären wir bloß denkende
-und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in unterschiedloser
-Gleichgültigkeit dahinfließen. Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen
-könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig. Erst dadurch, daß
-wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der
-Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen,
-deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem
-sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch einen besonderen
-Wert für sich haben.
-
-Man könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen,
-das reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende Betrachten
-der Welt. Darauf ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur
-für mein Individuum diese reichere Bedeutung hat. Für das Weltganze
-kann mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl,
-als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung
-tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
-
-Unser Leben ist ein fortwährendes Hin- und Herpendeln zwischen dem
-Mitleben des allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen
-Sein. Je weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens,
-wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des
-Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter
-des besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit. Je
-weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere
-Gefühle mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto
-mehr sondern wir uns ab von dem universellen Sein. Eine wahrhafte
-Individualität wird derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit
-seinen Gefühlen in die Region des Ideellen. Es giebt Menschen, bei
-denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen,
-noch jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem
-Träger im Zusammenhange zeigt. Andere existieren, deren Begriffe so
-ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären
-sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
-
-Das Vorstellen giebt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles
-Gepräge. Jedermann hat ja einen eigenen Standort, von dem aus
-er die Welt betrachtet. An seine Wahrnehmungen schließen sich
-seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art die allgemeinen
-Begriffe denken. Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres
-Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschließenden
-Wahrnehmungssphäre. Wir nennen die hiermit gekennzeichneten
-Voraussetzungen des Individuellen das milieu.
-
-Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer
-besonderen Organisation abhängige. Unsere Organisation ist ja
-eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit. Wir verbinden jeder
-besondere Gefühle und zwar in den verschiedensten Stärkegraden
-mit unseren Wahrnehmungen. Dies ist das Individuelle unserer
-Eigenpersönlichkeit. Es bleibt als Rest zurück, wenn wir die
-Bestimmtheiten des milieu alle in Rechnung gebracht haben.
-
-Ein völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich allen
-Zusammenhang mit der Welt verlieren. Die Erkenntnis der Dinge wird
-bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der
-Ausbildung und Entwicklung des Gefühlslebens.
-
-Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes
-Leben gewinnen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VIII.
-
-GIEBT ES GRENZEN DES ERKENNENS?
-
-
-Wir haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit
-den beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen
-sind. Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben, daß
-uns die volle, totale Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen
-Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint. Das Erkennen überwindet
-diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit:
-der Wahrnehmung und dem Begriff das ganze Ding zusammenfügt. Nennen
-wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie
-durch das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der
-Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich
-zusammengesetzten Wesenheit. Dann können wir sagen: die Welt ist uns
-als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet
-sie zur Einheit (monistisch). Eine Philosophie, welche von diesem
-Grundprinzip ausgeht, kann als monistische Philosophie oder Monismus
-bezeichnet werden. Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder
-der Dualismus. Der letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere
-Organisation auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit
-an, sondern zwei von einander absolut verschiedene Welten. Er sucht
-dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
-
-Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was
-wir Erkenntnis nennen. Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete,
-von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese Gebiete
-einander äußerlich gegenüberstehen.
-
-Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft
-eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung
-von Wahrnehmungsobjekt und Ding an sich. Unseren Ausführungen
-gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, daß
-ein besonderes Ding nur als Wahrnehmung gegeben sein kann. Das
-Denken überwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung
-ihre gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist. So lange die
-gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden,
-folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
-Subjektivität. Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als
-den Einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in den "Dingen an
-sich" gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir haben es
-dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu thun. Wir konstruieren einen
-künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied desselben
-keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes Ding
-nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
-
-Jede Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung
-und Begriff angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten
-Hypothesen zu verweisen. In diese Kategorie gehört das "Ding an
-sich". Es ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker
-den Zusammenhang des hypothetisch angenommenen Weltprinzipes
-und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann. Für das
-hypothetische Weltprincip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen,
-wenn man ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese
-Thatsache hinwegtäuscht. Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff,
-ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat. Der dualistische
-Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei
-unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein
-solcher Inhalt vorhanden ist, nicht was vorhanden ist. In beiden
-Fällen ist die Überwindung des Dualismus unmöglich. Bringt man ein paar
-abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich
-hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete Leben der
-Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur
-aus dieser Wahrnehmung entnommen sind. Du Bois-Reymond stellt fest,
-daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und Bewegung
-Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen:
-wir können niemals zu einer befriedigenden Erklärung darüber kommen,
-wie Materie und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, denn "es ist
-eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von
-Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- u. s. w. Atomen nicht sollte
-gleichgiltig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen
-und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist
-in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein
-entstehen könne". Diese Schlußfolgerung ist charakteristisch für
-die ganze Denkrichtung. Aus der reichen Welt der Wahrnehmungen wird
-abgesondert: Lage und Bewegung. Diese werden auf die erdachte Welt
-der Atome übertragen. Dann tritt die Verwunderung darüber ein, daß
-man aus diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten
-Prinzip das konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
-
-Daß der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom
-Ansich arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon
-aus der, oben angegebenen, Definition seines Prinzipes.
-
-In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem
-Erkenntnisvermögen unübersteigliche Schranken zu setzen. Der Anhänger
-einer monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur Erklärung
-einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der
-letztern liegen müsse. Was ihn hindert, dazu zu gelangen, können
-nur zufällige zeitliche oder räumliche Schranken oder Mängel seiner
-Organisation sein. Und zwar nicht der menschlichen Organisation im
-allgemeinen, sondern nur seiner besonderen individuellen.
-
-Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben,
-daß von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann. Das Erkennen
-ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das
-der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Dinge verlangen
-keine Erklärung. Sie existieren und wirken aufeinander nach den
-Gesetzen, die durch das Denken auffindbar sind. Sie existieren in
-unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen. Da tritt ihnen unsere
-Ichheit gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur das, was wir
-als Wahrnehmung bezeichnet haben. Aber in dem Innern dieser Ichheit
-findet sich die Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu
-finden. Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit,
-die in der Welt unzertrennlich verbunden sind, auch für sich vereinigt
-hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist
-wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
-
-Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und
-für das Ich. Das letztere giebt sich selbst die Fragen des Erkennens
-auf. Und zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig klaren
-und durchsichtigen Elemente des Denkens. Stellen wir uns Fragen,
-die wir nicht beantworten können, so kann der Inhalt der Frage nicht
-in allen seinen Teilen klar und deutlich sein. Nicht die Welt stellt
-an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
-
-Ich kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu
-beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die
-Sphäre kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
-
-Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns dadurch
-aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive
-Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der
-Welt gehende Begriffssphäre gegenübersteht. Meine Aufgabe besteht
-in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären. Von einer
-Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden. Es kann zu
-irgend einer Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir
-durch zufällige Umstände verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die
-dabei im Spiele sind. Was aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen
-werden. Die hierdurch bedingten Schranken sind nur zufällige, die mit
-dem Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden müssen.
-
-Der Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und
-Subjekt, der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat,
-auf rein erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt. Da aber
-die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur so lange
-gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das
-alle Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv bedingte erkennen
-läßt, so überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten hinter
-den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute, sondern nur
-eine relative Geltung haben. Er zerlegt dadurch die zwei für den
-Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und
-Begriff, in vier: 1) Das Objekt an sich; 2) die Wahrnehmung, die das
-Subjekt von dem Objekt hat; 3) das Subjekt; 4) den Begriff, der die
-Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht. Die Beziehung zwischen
-dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich
-(dynamisch) durch das Objekt beeinflußt. Dieser reale Prozeß fällt
-nicht in unser Bewußtsein. Aber er ruft im Subjekt eine Gegenwirkung
-auf die vom Objekt ausgehende Wirkung hervor. Das Resultat dieser
-Gegenwirkung ist die Wahrnehmung. Diese fällt erst ins Bewußtsein. Das
-Objekt hat eine objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung
-eine subjektive Realität. Diese subjektive Realität bezieht das
-Subjekt auf das Objekt. Die letztere Beziehung ist eine ideelle. Der
-Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile. Den einen,
-Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem Ding an sich, läßt er
-außerhalb, den andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff
-und Beziehung desselben auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins
-sich abspielen. Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der
-Dualist in seinen Begriffen nur subjektive Repräsentanten dessen zu
-gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein liegt. Der objektiv-reale
-Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande kommt,
-und umsomehr die objektiven Beziehungen der Dinge an sich bleiben
-für den Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich
-der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das objektiv Reale
-verschaffen. Das Einheitsband der Dinge, das diese unter sich und
-objektiv mit unserem Individualgeist (als Ding an sich) verbindet,
-liegt jenseits des Bewußtseins in einem göttlichen Wesen an sich,
-von dem wir in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen
-Repräsentanten haben.
-
-Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema
-zu verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen
-der Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert. Mit andern
-Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren
-Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von
-denen sie gestützt werden können.
-
-Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal näher anschauen. Der
-naive Mensch (naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren
-Erfahrung als Realitäten. Der Umstand, daß er diese Dinge mit seinen
-Händen greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis
-der Realität. "Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann",
-ist geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen anzusehen,
-das ebenso gut in seiner Umkehrung anerkannt wird: "Alles, was
-wahrgenommen werden kann, existiert". Der beste Beweis für diese
-Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven
-Menschen. Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor,
-die unter besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen
-sichtbar werden kann (Gespensterglaube).
-
-Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles
-andere, namentlich die Welt der Ideen, unreal, "bloß ideell". Was
-wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die
-Dinge. Der Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
-
-Aber nicht nur in Bezug auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch
-die Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität, sondern
-auch in Bezug auf das Geschehen. Ein Ding kann, nach seiner Ansicht,
-nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine für die Sinneswahrnehmung
-vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das andere ergreift. Ältere
-griechische Philosophen, die naive Realisten im besten Sinne des
-Wortes waren, stellten sich das Sehen in der Weise vor, daß das
-Auge Fühler ausstrecke, die die Dinge berühren. Die ältere Physik
-glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen und durch
-unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen. Das wirkliche Sehen
-dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im Verhältnis
-zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich. Prinzipiell gestand man
-diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu, warum man es den
-Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform,
-die derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.
-
-Die in sich beruhende Wesenheit der Ideen gilt dem naiven Bewußtsein
-nicht in gleichem Sinne als real. Ein in der "bloßen Idee"
-gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Chimäre, bis durch
-die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert
-werden kann. Der naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum
-ideellen Zeugnis seines Denkens noch das reale der Sinne. In diesem
-Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung des
-Offenbarungsglaubens. Der Gott, der durch das Denken gegeben ist,
-bleibt immer nur ein gedachter Gott. Das naive Bewußtsein verlangt
-die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich
-sind. Der Gott muß leibhaftig erscheinen, und seine Göttlichkeit durch
-sinnenfällig konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erweisen.
-
-Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als einen
-den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor. Die Dinge machen einen
-Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die
-Sinne eindringen u. s. w.
-
-Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das
-hält er für wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung
-hat (Gott, Seele, das Erkennen u. s. w.), das stellt er sich analog
-dem Wahrgenommenen vor.
-
-Will der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so kann er eine
-solche nur in einer genauen Beschreibung des Wahrnehmungsinhaltes
-sehen. Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie sind da, um
-ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen. Für die Dinge
-selbst bedeuten sie nichts. Als real gelten dem naiven Realisten nur
-die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden können;
-die Eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale
-Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen
-Merkmalen zusammengefügt hat.
-
-Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit
-alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß
-der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist. Die Tulpe,
-die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahre wird sie in
-Nichts verschwunden sein. Was sich behauptet hat, ist die Gattung
-Tulpe. Diese Gattung ist aber für den naiven Realismus nur eine Idee,
-keine Wirklichkeit. So sieht sich denn diese Weltanschauung in der
-Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden zu sehen, während
-sich das, nach ihrer Meinung, Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber
-behauptet. Der naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen
-auch noch etwas Ideelles gelten lassen. Er muß Wesenheiten in sich
-aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann. Er findet
-sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog mit
-derjenigen der Sinnesobjekte denkt. Solche hypothetisch angenommenen
-Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich
-wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken. Ein solches Ding ist die
-Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt und die der Grund
-ist, daß sich aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm ähnlich
-ist, wodurch sich die Gattung erhält. Ein solches Ding ist das den
-organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man
-im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten
-gebildeten Begriff findet, und ist endlich das göttliche Wesen des
-naiven Menschen. Dieses göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam
-gedacht, die ganz dem entspricht, was als Wirkungsart des Menschen
-selbst wahrgenommen werden kann: anthropomorphisch.
-
-Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf Bewegungen der
-kleinsten Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des
-Äthers, zurück. Was wir z. B. als Wärme empfinden, ist innerhalb des
-Raumes, den der wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner
-Teile. Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem
-Wahrnehmbaren gedacht. Das sinnliche Analogon des Begriffs "Körper"
-ist in diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig geschlossenen
-Raumes, in dem sich nach allen Richtungen elastische Kugeln bewegen,
-die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen abprallen u. s. w.
-
-Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein
-unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige
-Beziehungen, das sich zu keiner Einheit zusammenschließt. Es ist
-aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz
-zu dieser Annahme kommen kann. Wenn er seinem Grundsatz: nur das
-Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben will, dann darf er doch,
-wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen. Die unwahrnehmbaren
-Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind eigentlich
-unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus. Und weil
-er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen
-Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus. Er wendet also eine Seinsform
-(das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt,
-das allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das
-sinnliche Wahrnehmen.
-
-Diese in sich widerspruchvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen
-Realismus. Der konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch eine
-unwahrnehmbare, die er der erstem analog denkt. Der metaphysische
-Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.
-
-Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren
-Dingen bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines
-Objektiven u. s. w.), da setzt er eine Realität hin. Die Beziehung,
-die er bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken, nicht
-aber wahrnehmen. Die ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem
-dem Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht. So ist für diese Denkrichtung
-die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten,
-die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden, und aus
-den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte
-hervorgebracht werden, und die das Bleibende sind.
-
-Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des
-naiven Realismus mit dem Idealismus. Seine hypothetischen Kräfte
-sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten. Er hat
-sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er
-in dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten
-zu lassen, bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das
-Denken zu ermitteln ist. Er kann sich aber nicht zu gleicher Zeit
-auch entschließen, die Form des Seins, die ihm das Denken vermittelt,
-den Begriff (die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor neben der
-Wahrnehmung anzuerkennen. Will man den Widerspruch der unwahrnehmbaren
-Wahrnehmung vermeiden, so muß man zugestehen, daß es für die durch
-das Denken vermittelten Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für
-uns keine andere Existenzform als die des Begriffes giebt. Als
-die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen)
-Bezüge stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen
-Realismus den unberechtigten Bestandteil hinauswirft. So läuft der
-metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die
-Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen
-unter den Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert. Diese Weltanschauung
-kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt
-gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte Realprinzip
-und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
-
-Wenn der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der
-ideellen Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem
-Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung zwischen dem "Ding
-an sich" der Wahrnehmung und dem "Ding an sich" des wahrnehmbaren
-Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen muß, so beruht
-diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den Prozessen der
-Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses. Wenn ferner
-der metaphysische Realismus sagt: mit meiner Wahrnehmungswelt komme
-ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann
-ich aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, so begeht
-er nicht weniger den schon gerügten Fehler. Von einem Kräfteverhältnis
-kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem Gebiete des Tastsinnes),
-nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
-
-Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in die
-der metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine
-widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus nennen, weil sie den
-einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit
-vereinigt.
-
-Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von
-Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer den
-Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der
-Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge,
-die er durch sein Denken gewinnt. Das aber sind die Naturgesetze. Ein
-Naturgesetz ist ja nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für
-den Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.
-
-Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und
-Begriff, nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu
-fragen. Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit
-kein Anlaß dazu findet. Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie
-sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches;
-in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die
-volle Wirklichkeit. Der metaphysische Realist kann dem Anhänger des
-Monismus einwenden: es mag sein, daß für deine Organisation deine
-Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du weißt
-aber nicht: wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die
-anders organisiert ist als die deinige. Die Antwort des Monismus
-wird sein: Es mag sein, daß es andere Intelligenzen giebt als die
-menschlichen; es mag auch sein, daß ihre Wahrnehmungen eine andere
-Gestalt haben als die unsrigen, wenn bei ihnen überhaupt Wahrnehmen
-stattfindet. Das alles geht mich aber aus folgenden Gründen gar nichts
-an. Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische
-menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt. Der
-Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen. Das Subjekt stellt
-durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her. Damit hat es sich
-dem Weltganzen wieder eingefügt. Da nur durch unser Subjekt dieses
-Ganze an der Stelle zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff
-zerschnitten erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden
-auch eine vollkommene Erkenntnis gegeben. Für Wesen mit einer andern
-Wahrnehmungswelt (z. B. mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen)
-erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen, und
-die Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesem Wesen spezifische
-Gestalt haben. Nur für den naiven und den metaphysischen Realismus,
-die beide in dem Inhalte der Seele nur eine ideelle Repräsentation der
-Welt sehen, besteht die Frage nach der Grenze des Erkennens. Für sie
-ist nämlich das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein
-in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben,
-das schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht. Die Vollkommenheit
-der Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren Ähnlichkeit
-des Bildes mit dem absoluten Objekte. Ein Wesen, bei dem die Zahl
-der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger, eines, bei
-dem sie größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen. Das erstere wird
-demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das letztere.
-
-Für den Monismus liegt die Sache anders. Durch die Organisation des
-wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang
-in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint. Das Objekt
-ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in Bezug auf dieses
-bestimmte Subjekt. Die Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch
-nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt
-eigenen Weise geschehen. Sobald das Ich, das in dem Wahrnehmen von
-der Welt abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder in den
-Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das
-nur eine Folge der Trennung war, auf.
-
-Ein anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis. Die
-unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten
-Fragen zu beantworten.
-
-Der metaphysische Realismus muß fragen, wodurch ist das als Wahrnehmung
-Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?
-
-Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt. Dieses
-hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst
-hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.
-
-Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit,
-wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener menschlicher
-Individuen erklären will. Er muß sich fragen: wie kommt es, daß
-das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv bestimmten Wahrnehmung
-und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das ein anderes
-menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven Faktoren
-aufbaut? Wie kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf
-das eines andern Menschen schließen? Daraus, daß die Menschen sich
-miteinander praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist die
-Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen zu können. Aus
-der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die
-Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten zu
-Grunde liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zu Grunde
-liegenden "Ich an sich".
-
-Dieser Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf
-den Charakter der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen. Wir glauben
-aus einer hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so
-zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen
-in andern Fällen verhalten werden. Einen solchen Schluß nennen wir
-einen Induktionsschluß. Wir werden uns genötigt sehen, die Resultate
-desselben zu modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung etwas
-Unerwartetes sich ergiebt, weil der Charakter des Resultates doch nur
-durch die individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt
-ist. Diese bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das
-praktische Leben vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.
-
-Der Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des modernen
-metaphysischen Realismus. Es gab eine Zeit, in der man aus Begriffen
-glaubte etwas herauswickeln zu können, was nicht mehr Begriff ist. Man
-glaubte aus den Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der
-metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können. Diese Art
-des Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen. Dafür aber
-glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl von Wahrnehmungsthatsachen
-auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu können, das diesen
-Thatsachen zu Grunde liegt. Wie früher aus dem Begriffe, so sucht
-man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln
-zu können. Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich
-hat, so glaubte man aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter
-Sicherheit ableiten zu können. Die Wahrnehmungen liegen nicht
-mit gleich durchsichtiger Klarheit vor. Jede folgende stellt sich
-wieder etwas anders dar, als die gleichartigen vorhergehenden. Im
-Grunde wird daher das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede
-folgende etwas modifiziert. Die Gestalt, die man auf diese Weise
-für das Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ richtige
-zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle. Einen
-durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die
-Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt
-seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat: "Spekulative Resultate nach
-induktiv naturwissenschaftlicher Methode."
-
-Die Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen
-an sich giebt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene. Von dem
-Vorhandensein eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem
-"subjektiven" durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch
-Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt. Wie diese objektive
-Realität beschaffen ist, das glaubt er durch Induktionsschlüsse aus
-seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DIE WIRKLICHKEIT DER FREIHEIT.
-
-
-IX.
-
-DIE FAKTOREN DES LEBENS.
-
-
-Rekapitulieren wir das in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene. Die
-Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe
-von Einzelheiten. Eine von diesen Einzelheiten, ein Ding unter Dingen,
-ist er selbst. Diese Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin
-als gegeben, und insofern wir sie nicht durch bewußte Thätigkeit
-entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung. Innerhalb der Welt
-der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr. Diese Selbstwahrnehmung
-bliebe einfach als eine unter den vielen anderen Wahrnehmungen stehen,
-wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas auftauchte,
-das sich geeignet erweist die Wahrnehmungen überhaupt, also auch
-die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst, zu
-verbinden. Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung;
-es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden. Es
-wird durch Thätigkeit hervorgebracht. Es erscheint zunächst an
-das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen. Seiner inneren
-Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus. Es fügt den
-einzelnen Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber
-aufeinander beziehen, die in einem Ganzen gegründet sind. Das durch
-Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell
-wie alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder "Ich"
-den Objekten gegenüber. Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen
-Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen. Das Denken äußert sich
-daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber nicht bloß
-subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des Denkens
-als Subjekt. Diese gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine
-Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit. Durch sie führen wir ein rein
-ideelles Dasein. Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen. Diese
-Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine
-anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten. Wir wären dann Wesen,
-deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller Beziehungen zwischen
-den Wahrnehmungen untereinander und den letztern und uns selbst
-erschöpfte. Nennt man die Herstellung eines solchen gedanklichen
-Verhältnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe gewonnenen Zustand
-unseres Selbst Wissen, so müßten wir uns beim Eintreffen der obigen
-Voraussetzung als bloß erkennende oder wissende Wesen ansehen.
-
-Die Voraussetzung trifft aber nicht zu. Wir beziehen die Wahrnehmungen
-nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff, sondern auch noch durch
-das Gefühl, wie wir gesehen haben. Wir sind also nicht Wesen mit
-bloß begrifflichem Lebensinhalt. Der naive Realist sieht sogar in dem
-Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der Persönlichkeit als in dem rein
-ideellen Element des Wissens. Und er hat von seinem Standpunkte aus
-ganz recht, wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt. Das
-Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die
-Wahrnehmung auf objektiver Seite ist. Nach dem Grundsatz des naiven
-Realismus: alles ist wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher
-das Gefühl die Bürgschaft der Realität der eigenen Persönlichkeit. Der
-Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung angedeihen lassen,
-die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene
-Wirklichkeit sich darstellen soll. Für den Monismus ist das Gefühl
-ein unvollständiges Wirkliche, das in der ersten Form, in der es
-uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee,
-noch nicht mitenthält. Deshalb tritt im Leben auch überall das Fühlen
-gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf. Wir fühlen uns zuerst
-als Daseiende; und im Laufe der allmählichen Entwicklung ringen wir
-uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in dem dumpfgefüllten eigenen
-Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht. Was für uns erst später
-hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich
-verbunden. Der naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den
-Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in
-dem Wissen nur mittelbar dar. Die Ausbildung des Gefühlslebens wird
-ihm daher vor allen andern Dingen wichtig erscheinen. Er wird den
-Zusammenhang der Welt erst erfasst zu haben glauben, wenn er ihn in
-sein Fühlen aufgenommen hat. Er sucht nicht das Wissen, sondern das
-Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen. Da das Gefühl etwas ganz
-Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung Gleichkommendes, so macht der
-Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner Persönlichkeit
-eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe. Er sucht die ganze Welt mit
-seinem eigenen Selbst zu durchdringen. Was der Monismus im Begriffe
-zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle
-zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit den Objekten
-als das unmittelbarere an.
-
-Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls,
-ist die Mystik. Der Irrtum dieser Anschauungsweise besteht darinnen,
-daß sie erleben will, was sie wissen soll, daß sie ein individuelles,
-das Gefühl, zu einem universellen erziehen will.
-
-Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt
-auf unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet in
-einem bloß subjektiven Erleben.
-
-Es giebt noch eine andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit. Das
-Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht
-durch dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich,
-sich auf die Wahrnehmungen. Im Gefühl erlebt es einen Bezug der
-Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte der Fall. Im
-Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des
-individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive. Was am Wollen
-nicht rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand des
-Wahrnehmens wie das bei irgend einem Dinge der Außenwelt der Fall ist.
-
-Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres
-Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt werden
-kann. Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er ein
-Geschehen, ein Verursachen unmittelbar gewahr wird, im Gegensatz zum
-Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt. Was das Ich durch
-seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche Anschauungsweise
-einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird. In dem Wollen glaubt
-der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen wirklich an einem
-Zipfel erfaßt zu haben. Während er die anderen Geschehnisse nur durch
-Wahrnehmen von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem Wollen ein
-reales Geschehen ganz unmittelbar zu erleben. Die Seinsform, in der
-ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für ihn zu einem
-Realprinzip der Wirklichkeit. Sein eigenes Wollen erscheint ihm als
-Spezialfall des allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere somit
-als allgemeines Wollen. Der Wille wird zum Weltprinzip wie in der
-Mystik das Gefühl zum Erkenntnisprinzip. Diese Anschauungsweise ist
-Willensphilosophie (Thelismus). Was sich nur individuell erleben läßt,
-das wird durch sie zum konstituierenden Faktor der Welt gemacht.
-
-So wenig die Mystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann
-es die Willensphilosophie. Denn beide behaupten mit dem begrifflichen
-Durchdringen der Welt nicht auskommen zu können. Beide fordern neben
-dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip. Da wir aber für diese
-sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als Auffassungsmittel
-haben, so ist die Behauptung der Mystik und der Willensphilosophie
-identisch mit der Ansicht: wir haben zwei Quellen der Erkenntnis:
-die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich
-im Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt. Da die
-Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, nicht direkt in die
-der andern, des Denkens, aufgenommen werden können, so bleiben
-die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen (Erleben) und Denken ohne
-höhere Vermittlung nebeneinander bestehen. Neben dem durch das Wissen
-erreichbaren Idealprinzip giebt es noch ein zu erlebendes Realprinzip
-der Welt. Mit andern Worten: die Mystik und Willensphilosophie
-sind naiver Realismus, weil sie dem Satz huldigen: das unmittelbar
-Wahrgenommene (Erlebte) ist wirklich. Sie begehen dem ursprünglichen
-naiven Realismus gegenüber nur noch die Inkonsequenz, daß sie eine
-bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen)
-zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen, während sie das
-doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz huldigen:
-das Wahrgenommene ist wirklich. Sie müßten somit auch dem äußeren
-Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert zuschreiben.
-
-Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den
-Willen auch in die Daseinssphären verlegt, in denen ein unmittelbares
-Erleben desselben nicht wie in dem eigenen Subjekt möglich ist. Sie
-nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das
-subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist. Als
-metaphysischer Realismus verfällt die Willensphilosophie der im
-vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle
-Moment jedes metaphysischen Realismus überwinden und anerkennen muß,
-daß der Wille nur insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er
-sich ideell auf die übrige Welt bezieht.
-
-
-
-
-
-
-
-
-X.
-
-DIE IDEE DER FREIHEIT.
-
-
-Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung
-des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber
-nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem
-herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch
-das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt. Die
-Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem
-Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der
-Sache selbst bestimmt.
-
-Anders ist das bei unserem Wollen. Hier ist die Wahrnehmung unser
-individueller Daseinsgehalt, wie der Begriff das Allgemeine in uns
-ist. Was durch den Begriff in ideelle Beziehung zur Außenwelt tritt,
-das ist unser eigenes Erlebnis, eine Wahrnehmung an uns selbst. Und
-zwar nehmen wir uns als thätiges, auf die Außenwelt wirksames Wesen
-wahr. Was ich bei Erkenntnis meines eigenen Wollens in Verbindung
-bringe, das ist der Begriff mit einer entsprechenden Wahrnehmung,
-nämlich der einzelnen Willensäußerung. Mit anderen Worten: ich
-gliedere meine individuelle Fähigkeit (das Wollen) dem allgemeinen
-Weltgeschehen mit Hilfe meines Denkens ein. Der Inhalt des Begriffs
-für eine am Horizonte unserer Erfahrung auftretende äußere Wahrnehmung
-wird durch Intuition gegeben. Die Intuition ist die Quelle für den
-Inhalt unseres ganzen Begriffssystems. Die Wahrnehmung zeigt mir nur,
-welchen Begriff ich aus der Summe meiner Intuitionen im gegebenen Falle
-anzuwenden habe. Der Inhalt eines Begriffes ist durch die Wahrnehmung
-zwar bedingt aber nicht hervorgebracht; sondern er ist intuitiv
-gegeben und durch das Denken mit der Wahrnehmung verbunden. Der
-begriffliche Inhalt eines Willensaktes ist ebensowenig aus diesem
-Willensakte abzuleiten. Er wird durch Intuition gewonnen.
-
-Tritt nun die begriffliche Intuition (der ideelle Inhalt) meines
-Willensaktes vor dessen Wahrnehmung auf, dann ist der Inhalt meines
-individuellen Thuns das Ergebnis einer ideellen Bestimmung. Der Grund,
-warum ich aus der Summe der mir möglichen Intuitionen gerade die Eine
-heraushebe, kann nicht in einem Wahrnehmungsobjekte gesucht werden,
-sondern liegt in der gegenseitigen, rein ideellen Bedingtheit der
-Glieder meines Ideensystems. Mit andern Worten: für mein Wollen kann
-ich keine bestimmenden Elemente in der Wahrnehmungswelt, sondern nur
-in der Ideenwelt finden. Das Wollen ist durch die Idee bestimmt. --
-Das Begriffssystem, welches der Außenwelt entspricht, ist durch diese
-Außenwelt auch bedingt. Welche Intuition einer Wahrnehmung entspricht,
-das muß an letzterer bestimmt werden; und wie sich dann diese Intuition
-mit unserem übrigen Ideengebäude zusammenschließt, das ist wieder
-von dem intuitiven Inhalt abhängig. Die Wahrnehmung bedingt also
-direkt ihren Begriff, und indirekt dadurch auch ihre Stellung in dem
-Begriffssysteme der Welt. Der aus dem Begriffssysteme herausgehobene
-ideelle Inhalt eines Willensaktes, der diesem vorhergeht, ist nur
-durch das Begriffssystem selbst bestimmt. -- Ein Willensakt, der von
-nichts anderem als von diesem ideellen Inhalte abhängt, ist selbst
-als ideell, als ein durch die Idee bestimmter aufzufassen. Damit
-ist natürlich nicht gesagt, daß alle Willensakte nur ideell bestimmt
-sind. Es haben alle das menschliche Individuum bestimmenden Faktoren
-Einfluß auf das Wollen.
-
-Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die
-Triebfeder. Das Motiv ist der begriffliche Faktor; die Triebfeder
-ist der Wahrnehmungsfaktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder
-das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die
-Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums. Motiv
-des Wollens kann nur ein reiner Begriff oder ein Begriff mit
-einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, d. i. eine
-Vorstellung. Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen)
-werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche
-Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln
-bestimmen. Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe
-Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie
-veranlaßt verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen
-ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung,
-sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen. Diese
-individuelle Beschaffenheit wollen wir -- nach Eduard von Hartmann
--- die charakterologische Anlage nennen. Die Art, wie Begriff und
-Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken,
-giebt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.
-
-Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder
-weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, d. i. durch unseren
-Vorstellungs- und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir gegenwärtig
-auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon
-ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu
-meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält. Mein Vorstellungsinhalt
-ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im
-Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung
-gekommen, d. h. zu Vorstellungen geworden sind. Diese hängt wieder ab
-von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von
-dem Umkreis meiner Beobachtungen, d. i. von dem subjektiven und dem
-objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem
-milieu. Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein
-Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder
-einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen,
-ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. --
-Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht
-kommen. Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff,
-die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens;
-meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine
-Thätigkeit zu richten. Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde
-einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines Handelns. Diese
-Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben,
-wenn sie auf eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft,
-d. i. wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir die Vorstellungen
-gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem
-Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des
-Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.
-
-Wir haben somit zu unterscheiden: 1) Die möglichen subjektiven
-Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu
-Motiven zu machen; und 2) die möglichen Vorstellungen und Begriffe,
-die imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu beeinflussen,
-daß sich ein Wollen ergiebt. Jene stellen die Triebfedern, diese die
-Ziele der Sittlichkeit dar.
-
-Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß
-wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben
-zusammensetzt.
-
-Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen,
-und zwar das Wahrnehmen der Sinne. Wir stehen hier in jener Region
-unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne
-Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die
-Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als
-Trieb schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen,
-rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, roher Geschlechtsverkehr
-u. s. w.) kommt auf diesem Wege zustande. Das charakteristische
-des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die
-Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst. Diese Art der Bestimmung des
-Wollens, die ursprünglich nur dem niederen Sinnenleben eigen ist,
-kann aber auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt
-werden. Wir lassen auf die Wahrnehmung irgend eines Geschehens in
-der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die
-Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie
-das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die
-Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen
-Geschmack. Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer
-Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich
-der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes
-zu handeln, d. i. der Takt wird zu seiner charakterologischen Anlage.
-
-Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen. An die
-Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese
-Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden. Wenn ich einen
-hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben
-die Triebfeder meines Handelns bilden. Solche Gefühle sind etwa:
-das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das
-Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue,
-das Liebes- und Pflichtgefühl [2].
-
-Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und
-Vorstellen. Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder
-ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden. Vorstellungen werden
-dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse
-Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger
-modifizierter Gestalt immer wiederkehren. Daher kommt es, daß bei
-Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten
-Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein
-treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen
-gesehen haben. Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende
-Muster bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder
-ihrer charakterologischen Anlage. Wir können die damit bezeichnete
-Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen. Die praktische
-Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über. Wenn sich
-bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen
-Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben,
-daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich
-gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen
-übergehen, dann ist dies der Fall.
-
-Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken
-ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen
-den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen
-Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug
-auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf
-eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, d. i. einer Vorstellung, in das
-Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege
-durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse
-bloßer Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns
-das reine Denken. Da man gewohnt ist das reine Denkvermögen in der
-Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt,
-die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die
-praktische Vernunft zu nennen. Am klarsten hat von dieser Triebfeder
-des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft
-3) gehandelt. Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den
-bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich
-der Ethik. Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als
-praktisches Apriori, d. h. unmittelbar aus meiner Intuition fließenden
-Antrieb zum Handeln.
-
-Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne
-zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden
-kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß
-Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine
-Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes
-als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich
-in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich
-vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein
-Bewußtsein eintritt, d. i. gleichgültig, ob er bereits als Anlage in
-mir vorhanden war oder nicht.
-
-Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein
-augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder
-einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein
-solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.
-
-Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe. Es giebt
-Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie
-behaupten z. B. Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des
-größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum. Die Lust
-selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte
-Lust. Die Vorstellung eines künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl
-selbst kann auf meine charakterologische Anlage einwirken. Denn das
-Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll
-vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.
-
-Die Vorstellung des eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht
-als ein Motiv des Wollens angesehen. Das Prinzip, durch sein Handeln
-die größte Summe eigener Lust zu bewirken, d. i. die individuelle
-Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus. Diese individuelle
-Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man
-in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und
-dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt
-(reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem
-Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen
-fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person
-verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine
-Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral). Der
-besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon
-abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder
-der fremden Glückseligkeit macht. Nach dem, was einer als ein Gut des
-Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von
-verschiedenen Übeln u. s. w.), wird er den Inhalt seines egoistischen
-Strebens bestimmen.
-
-Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt
-einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie
-die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein,
-sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher
-Prinzipien. Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe
-das sittliche Leben regeln, ohne daß der Einzelne sich um den Ursprung
-der Begriffe kümmert. Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter
-den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt,
-als sittliche Notwendigkeit. Die Begründung dieser Notwendigkeit
-überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, d. i. der
-sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt,
-Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche
-Offenbarung). Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien
-ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität
-für uns kundgiebt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche
-Autonomie). Wir glauben dann die Stimme in unserem eigenen Innern
-zu vernehmen, der wir uns zu unterwerfen haben. Der Ausdruck dieser
-Stimme ist das Gewissen.
-
-Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum
-Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder
-der inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen
-bestrebt ist, aus dem irgend eine Maxime des Handelns als Motiv in
-ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen
-Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der Mensch wird auf
-dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens
-aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen
-bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1) das größtmögliche
-Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2) der
-Kulturfortschritt oder die sittliche Entwicklung der Menschheit zu
-immer größerer Vollkommenheit; 3) die Verwirklichung rein intuitiv
-erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.
-
-Das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von
-verschiedenen Menschen in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Die
-obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von
-diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder Einzelne, der dies Prinzip
-anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu thun, was nach seiner Ansicht
-das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.
-
-Der Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem sich an die
-Güter der Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des
-vorigen Moralprinzips. Er wird nur den Untergang und die Zerstörung
-mancher Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit beitragen, mit
-in Kauf nehmen müssen. Es ist aber auch möglich, daß jemand in dem
-Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen Lustgefühl,
-eine sittliche Notwendigkeit erblickt. Dann ist derselbe für ihn ein
-besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
-
-Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des
-Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, d. i. auf
-der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu
-bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) giebt. Das höchste denkbare
-Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung
-von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition
-entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben)
-sucht. Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern
-Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen. Wer dem sittlichen
-Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen
-zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen. Wer
-sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird
-es hier ebenso machen. Es giebt aber ein höheres, das in dem einzelnen
-Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht,
-sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt,
-und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder das
-andere Moralprinzip das wichtigere ist. Es kann vorkommen, daß jemand
-unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschritts,
-unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung
-des eigenen Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv seines
-Handelns macht. Wenn aber alle andern Bestimmungsgründe erst an
-zweite Stelle treten, dann kommt in erster Linie die begriffliche
-Intuition selbst in Betracht. Damit fallen alle andern Motive weg,
-und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.
-
-Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige
-als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische
-Vernunft wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die
-begriffliche Intuition bezeichnet. Bei genauerer Überlegung stellt
-sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder
-und Motiv zusammenfallen, d. i., daß weder eine vorherbestimmte
-charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes
-sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung ist
-also keine schablonenmäßige, die nach den Regeln eines Moralcodex
-ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren
-Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch
-ihren idealen Gehalt bestimmte.
-
-Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der
-moralischen Intuitionen. Wem die Fähigkeit fehlt, sich für den
-einzelnen Fall seine besondere Sittlichkeitsmaxime zu schaffen,
-der wird es auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.
-
-Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kant'sche:
-"Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten
-können." Dieser Satz ist der Tod alles individuellen Handelns. Nicht
-wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein,
-sondern was für mich in dem individuellen Falle zu thun ist.
-
-Ein oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen
-einwenden: wie kann das Handeln zugleich individuell auf den besondern
-Fall und die besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus
-der Intuition heraus bestimmt sein? Dieser Einwand beruht auf einer
-Verwechselung von sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der
-Handlung. Der letztere kann Motiv sein, und ist es auch z. B. beim
-Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus u. s. w.; beim Handeln
-auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht. Mein Ich
-richtet seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt,
-bestimmen läßt es sich durch denselben nicht. Dieser Inhalt
-wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den
-dazu gehörigen moralischen Begriff entnimmt das Ich nicht aus dem
-Objekte. Der Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der ich
-gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn
-ich auf dem Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe. Wenn
-ich auf dem Boden der Kulturentwicklungsmoral stehe, dann gehe ich
-mit gebundener Marschroute in der Welt umher. Aus jedem Geschehen,
-das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann, entspringt zugleich
-eine sittliche Pflicht; nämlich mein Scherflein beizutragen, damit das
-betreffende Geschehen in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt
-werde. Außer dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen Zusammenhang
-eines Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die letztern auch noch
-eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich, das moralische Wesen,
-eine ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen habe. Diese
-sittliche Etikette fällt auf einem höheren Standpunkte weg, und die Art
-meines Handelns ergiebt sich in jedem einzelnen Falle aus meiner Idee;
-und zwar aus der Idee, die mir dem konkreten Fall gegenüber aufgeht.
-
-Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden. Dem Einen
-sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sich sie mühselig. Die
-Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz
-ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden. Wie ein Mensch
-handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen
-einer bestimmten Situation gegenüber wirkt. Die Summe der in uns
-wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das
-aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen
-individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das
-Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das
-Auslebenlassen dieses Gehalts ist die moralische Maxime dessen, der
-alle andern Moralprinzipien als untergeordnet betrachtet. Man kann
-diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.
-
-Das Maßgebende einer Handlung im konkreten Falle ist das Auffinden
-der entsprechenden, ganz individuellen Intuition. Auf dieser Stufe
-der Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen (Normen,
-Gesetzen) nicht die Rede sein. Allgemeine Normen setzen immer konkrete
-Thatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet werden können. Durch das
-menschliche Handeln werden aber Thatsachen erst geschaffen.
-
-Wenn wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln der Individuen,
-Völker und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik, aber
-nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre
-der Sittlichkeit. Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich
-zum menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen
-Erscheinung. Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Gesetzen,
-die wir unserm Handeln zu Grunde legen. Wenn ich oder ein anderer
-später über meine Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche
-Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen. Während ich
-handle, bewegt mich nicht die Sittlichkeitsmaxime, sondern die Liebe
-zu dem Objekt, das ich durch meine Handlung verwirklichen will. Ich
-frage keinen Menschen und auch keinen Moralcodex: soll ich diese
-Handlung ausführen, sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee
-davon gefaßt habe. Nur dadurch ist sie meine Handlung. Wer handelt,
-weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist
-das Ergebnis der in seinem Moralcodex stehenden Prinzipien. Er ist
-bloß der Vollstrecker. Er ist ein höherer Automat. Werfet einen Anlaß
-zum Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das Räderwerk
-seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger Weise
-ab, um eine christliche, humane, selbstlose oder eine Handlung
-des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen. Nur wenn
-ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der
-handelt. Ich erkenne auf dieser Stufe der Sittlichkeit keinen Herrn
-über mich, nicht die äußere Autorität, nicht die sogenannte Stimme
-meines Gewissens. Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an,
-weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung,
-gefunden habe. Ich prüfe nicht, ob meine Handlung gut oder böse ist;
-ich vollziehe sie, weil ich in sie verliebt bin. Ich frage mich auch
-nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln, sondern
-ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, will. Nicht das
-allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche
-Maxime, eine sittliche Norm leitet mich, sondern meine Liebe zur
-That. Ich fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich
-bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote,
-sondern ich will einfach ausführen, was in mir liegt.
-
-Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen werden zu diesen
-Ausführungen sagen: wenn jeder das Recht hat, sich auszuleben und
-zu thun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen guter
-Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen
-Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten
-zu dienen. Nicht der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach ins
-Auge gefaßt habe, kann für mich, als sittlichen Menschen maßgebend
-sein, sondern nachherige Prüfung, ob sie gut oder böse ist. Nur im
-ersteren Falle werde ich sie ausführen.
-
-Meine Entgegnung auf diesen Einwand ist die: daß ich nicht spreche
-von Kindern und auch nicht von Menschen, die ihren tierischen oder
-sozialen Instinkten folgen. Ich spreche von Menschen, die fähig sind,
-sich zum Ideengehalte der Welt zu erheben. Daß die That des Verbrechers
-in gleichem Sinn ein Ausleben der Individualität genannt wird, wie
-die Verkörperung reiner Intuition, ist nur möglich in einem Zeitalter,
-wo unreife Menschen die blinden Triebe zur Individualität des Menschen
-zählen. Der tierische Trieb, der zum Verbrechen treibt, gehört nicht
-zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm,
-zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist. Das
-Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben
-und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem
-Organismus aufleuchtet. Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften
-begründen nichts weiter in mir, als daß ich zur allgemeinen Gattung
-Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen Trieben,
-Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet
-meine Individualität. Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein
-Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form
-der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne,
-bin ich Individuum. Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur
-könnte mich nur ein mir fremdes Wesen von andern unterscheiden;
-durch mein Denken, d. h. durch das thätige Erfassen dessen, was sich
-als Ideelles in meinem Organismus auslebt, unterscheide ich mich
-selbst von andern. Man kann also von der Handlung des Verbrechers
-gar nicht sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht. Ja, das ist gerade
-das Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus den
-außerideellen Elementen des Menschen sich herleiten.
-
-Eine Handlung, deren Grund in dem ideellen Teil meines individuellen
-Wesens liegt, ist frei, jede andere, gleichgültig, ob sie aus dem
-Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen
-wird, ist unfrei.
-
-Frei ist nur der Mensch, der in jedem Augenblicke seines Lebens sich
-selbst zu folgen in der Lage ist. Eine sittliche That ist nur meine
-That, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann.
-
-Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa
-aus, sondern ein; sie erweist sich nur als höher stehend gegenüber
-derjenigen, die von diesen Gesetzen diktiert ist. Warum sollte meine
-Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie aus Liebe
-gethan habe, als dann, wenn ich sie aus dem Grunde vollbracht habe,
-weil dem Gesamtwohle zu dienen eine Pflicht ist? Der Pflichtbegriff
-schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen
-will, sondern Unterwerfung des letztern unter eine allgemeine Norm
-fordert. Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte
-des ethischen Individualismus aus.
-
-Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur
-bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen? Damit ist
-wieder ein Einwand des Moralismus gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine
-Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt
-sind durch eine gemeinsame sittliche Ordnung. Der Moralismus versteht
-eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht. Er begreift nicht, daß die
-Ideenwelt, die in mir thätig ist, keine andere ist als die in meinem
-Mitmenschen. Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt
-durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten
-leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere
-Intuitionen empfängt als ich. Er will seine Intuitionen ausleben, ich
-die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen
-äußeren (physischen oder moralischen) Antrieben folgen, so können wir
-uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen. Ein
-sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien
-Menschen ausgeschlossen. Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb
-oder dem Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn
-er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt. Leben
-und Leben lassen ist die Grundmaxime der freien Menschen. Sie kennen
-kein Sollen; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das
-wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
-
-Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur
-Verträglichkeit; man würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze
-einimpfen! Nur weil die menschlichen Individuen Eines Geistes sind,
-können sie sich auch nebeneinander ausleben. Der Freie lebt in dem
-Vertrauen darauf los, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt
-angehört und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird. Der
-Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er
-erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.
-
-Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen,
-den du da entwirfst, ist eine Chimäre, ist nirgends verwirklicht. Wir
-haben es aber mit wirklichen Menschen zu thun, und bei denen ist auf
-Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn
-sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren
-Neigungen und ihrer Liebe folgen. Ich bezweifle das keineswegs. Nur
-ein Blinder könnte es. Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der
-Sittlichkeit. Saget einfach: die menschliche Natur muß zu ihren
-Handlungen gezwungen werden, solange sie nicht frei ist. Ob man die
-Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt,
-ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb
-folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller Sittlichkeit
-eingeschnürt ist, ist ganz gleichgültig. Man behaupte aber nur nicht,
-daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung die seinige nennt, da
-er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist. Aber mitten aus
-der Zwangsordnung heraus erheben sich die freien Geister, die sich
-selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung
-u. s. w. Frei sind sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei, insofern
-sie sich unterwerfen. Wer von uns kann sagen, daß er in allen seinen
-Handlungen wirklich frei ist? Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere
-Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.
-
-Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben
-zusammen. Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zu Ende
-denken, ohne auf den freien Geist als die reinste Ausprägung der
-menschlichen Natur zu kommen. Wahrhaft Menschen sind wir doch nur,
-insofern wir frei sind.
-
-Das ist ein Ideal, werden viele sagen. Ohne Zweifel, aber ein solches,
-das sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche
-arbeitet. Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein
-solches, das Leben hat und das sich auch in der unvollkommensten
-Form seines Daseins deutlich ankündigt. Wäre der Mensch ein bloßes
-Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, d. i. von Ideen, die
-augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber gefordert
-wird, ein Unding. An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die
-Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige gethan, wenn wir den
-Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben. Beim Menschen
-ist das nicht so. Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst
-bestimmt; sein Begriff (freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde
-"Mensch" nicht im voraus objektiv vereinigt, um bloß nachher durch die
-Erkenntnis festgestellt zu werden. Der Mensch muß selbstthätig seinen
-Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen. Begriff und Wahrnehmung
-decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt. Er
-kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, d. i. seinen
-eigenen Begriff, gefunden hat. In der objektiven Welt ist uns durch
-unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und
-Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze. In der subjektiven Natur
-ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im
-Laufe seiner Entwicklung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff
-zur Ausgestaltung bringt. So führt uns sowohl das intellektuelle
-wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das
-Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken. Das intellektuelle Leben
-überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche durch
-die thatsächliche Verwirklichung des freien Geistes. Jedes Wesen hat
-seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und Wirkens);
-aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung
-verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von dieser
-abgesondert. Beim Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst
-thatsächlich getrennt, um von ihm ebenso thatsächlich vereinigt zu
-werden. Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht
-in jedem Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, sowie jedem
-anderen Dinge auch. Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen
-bilden und kann einen solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben;
-wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des freien Geistes bringe,
-so habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.
-
-Das ist einseitig gedacht. Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer
-fortwährenden Veränderung unterworfen. Als Kind war ich ein anderer,
-ein anderer als Jüngling und als Mann. Ja, in jedem Augenblicke ist
-mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden. Diese
-Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen
-nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den
-Ausdruck des freien Geistes darstellen. Diesen Veränderungen ist das
-Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
-
-Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben,
-sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur
-ganzen Pflanze zu werden. Die Pflanze wird sich umbilden wegen der
-objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in
-seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff
-in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet. Die
-Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft
-ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus
-sich machen. Die Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium
-seiner Entwicklung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt
-diese Entwicklung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten Schliff
-kann nur der Mensch selbst sich geben.
-
-Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht,
-daß der freie Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch
-existieren kann. Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte
-Entwicklungsstadium des Menschen. Damit ist nicht geleugnet, daß
-das Handeln nach Normen als Entwicklungsstufe seine Berechtigung
-habe. Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt
-werden. Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß
-er sie nicht als Gebote empfindet, sondern sein Handeln nach seinen
-Impulsen (Intuitionen) einrichtet.
-
-Wenn Kant von der Pflicht sagt: "Pflicht! du erhabener, großer Name,
-der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir
-fassest, sondern Unterwerfung verlangst," der du "ein Gesetz aufstellst
-..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen
-ihm entgegenwirken"; so erwidert der freie Geist: "Freiheit! du
-freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte,
-was meinem Menschentum am meisten schmeichelt, in dir fassest,
-und mich zu niemandes Diener machst, der du kein Gesetz aufstellst,
-sondern abwartest, was meine Neigung selbst als Gesetz verkünden wird,
-weil sie jedem auferzwungenen Gesetze Widerstand leistet."
-
-Das ist der Gegensatz von gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
-
-Der Philister, der in dem Staate die verkörperte Sittlichkeit
-sieht, wird in dem freien Geist einen Staatsgefährlichen sehen. Er
-thut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte
-Zeitepoche. Wenn er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte
-er alsbald finden, daß der freie Geist selten nötig hat, über die
-Gesetze seines Staates hinauszugehen, nie aber sich mit ihnen in
-einen wirklichen Widerspruch zu setzen. Denn die Staatsgesetze sind
-sämtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie alle
-anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze. Kein Gesetz wird durch
-Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem Ahnherrn
-als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die
-konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von bestimmten
-Menschen zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets
-im Kopfe eines Staatsmannes. Diese Geister haben die Gesetze über
-die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher diesen
-Ursprung vergißt, und sie entweder zu göttlichen Geboten, zu objektiven
-sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines eigenen
-Gewissens macht. Wer den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn
-in dem Menschen sucht, der wird damit rechnen als mit einem Gliede
-derselben Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen Intuitionen
-holt. Glaubt er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle der
-bestehenden zu bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er
-ihnen gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.
-
-Der Mensch ist nicht da, um eine sittliche Weltordnung
-zu begründen. Wer dies behauptet, steht in Bezug auf
-Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene
-Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier hätte Hörner,
-damit er stoßen könne. Die Naturforscher haben glücklich den objektiven
-Zweckbegriff zu den Toten geworfen. Die Ethik kann sich schwerer davon
-frei machen. Aber so wie die Hörner nicht wegen des Stoßens da sind,
-sondern das Stoßen durch die Hörner; so ist der Mensch nicht wegen
-der Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit durch den Menschen. Der
-freie Mensch handelt, weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt
-nicht, damit er sittlich sei. Die menschlichen Individuen sind die
-Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
-
-Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt
-alles Lebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich
-als notwendige Folge des Individuallebens ergeben. Daß dann der Staat
-und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben,
-ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch
-die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere Entwicklung
-der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern
-würden. Ebenso muß das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der
-menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führt. Darum bildet
-sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne
-wieder zurück auf das Individuum zu wirken.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XI.
-
-FREIHEITSPHILOSOPHIE UND MONISMUS.
-
-
-Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen
-sehen und mit Händen greifen kann, fordert auch für sein sittliches
-Leben Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Er fordert ein
-Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen verständliche
-Weise mitteilt. Er wird von einem Menschen, den er für weiser und
-mächtiger hält als sich selbst, oder dem er aus einem andern Grunde als
-eine über ihn stehende Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote
-sich diktieren lassen. Es ergeben sich auf diese Weise als sittliche
-Prinzipien die schon früher genannten, der Familien-, staatlichen,
-gesellschaftlichen, kirchlichen und göttlichen Autorität. Der
-befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern Menschen;
-der etwas fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten
-von einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft) diktieren. Immer sind es
-wahrnehmbare Mächte, auf die er baut. Wem endlich die Überzeugung
-aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso schwache Menschen sind wie
-er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei einem göttlichen
-Wesen, das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften
-ausstattet. Er läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt
-seines sittlichen Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln,
-sei es, daß der Gott im brennenden Dornbusche erscheint, sei es,
-daß er in leibhaftig-menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt
-und ihren Ohren vernehmbar sagt, was sie thun und nicht thun sollen.
-
-Die höchste Entwicklungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der
-Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder
-fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im
-eigenen Innern gedacht wird. Was der Mensch zuerst als Stimme Gottes
-vernahm, das vernimmt er jetzt als selbständige Macht in seinem Innern
-und nennt es Gewissen.
-
-Damit ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen,
-und wir sind eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als
-Normen verselbständigt werden. Sie haben dann keinen Träger mehr,
-sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten, die durch sich
-selbst existieren. Sie sind analog den unsichtbar-sichtbaren
-Kräften des metaphysischen Realismus. Sie treten auch immer als
-Begleiterscheinung des metaphysischen Realismus auf. Der metaphysische
-Realismus bezieht ja die uns gegebene Wahrnehmungswelt und die von uns
-gedachte Begriffssphäre auf ein außerhalb liegendes Wesen an sich. In
-dieser seiner zweiten Welt muß er auch den Ursprung der Sittlichkeit
-suchen. Es giebt da verschiedene Möglichkeiten. Ist das Wesen an
-sich ein gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes,
-wie es der moderne Materialismus sich vorstellt, dann wird es auch
-das menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus
-sich hervorbringen samt allem, was an diesem ist. Das Bewußtsein
-unserer Freiheit kann dann nur eine Illusion sein. Denn während ich
-mich für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich
-zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorgänge. Ich glaube mich
-frei; alle meine Handlungen sind aber thatsächlich nur Ergebnisse
-des meinem leiblichen und geistigen Organismus zu Grunde liegenden
-Stoffwechsels. Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen,
-haben wir das Gefühl der Freiheit. "Wir müssen hervorheben, daß das
-Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit äußerer zwingender Motive
-beruht." "Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken." (Ziehen,
-Leitfaden der physiologischen Psychologie S. 207 f.)
-
-Eine andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen
-das hinter den Erscheinungen steckende Absolute sieht. Dann wird
-er auch den Antrieb zum Handeln in einer geistigen Kraft suchen. Er
-wird die in seiner Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen
-Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem Menschen seine
-besonderen Absichten hat. Die Sittengesetze erscheinen dem Dualisten
-dieser Richtung als von dem Absoluten diktiert, und der Mensch hat
-durch seine Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu
-erforschen und auszuführen. Die sittliche Weltordnung erscheint dem
-Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz einer hinter derselben stehenden
-höheren Ordnung. Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung
-der göttlichen Weltordnung. Nicht der Mensch ist es, auf den es in
-dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf
-Gott. Der Mensch soll das, was Gott will. Eduard von Hartmann, der
-das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein
-Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen,
-damit es durch dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst
-werde. Dieser Philosoph sieht daher die sittliche Entwicklung der
-Menschheit als einen Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu
-erlösen. "Nur durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von
-seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß
-seinem Ziel entgegengeführt werden." "Das reale Dasein ist die
-Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte
-des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg der Erlösung des
-im Fleische Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die Mitarbeit
-an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges." (Hartmann,
-Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins § 871.) Hier handelt
-der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott
-erlöst sein will. Wie der materialistische Dualist den Menschen zum
-Automaten macht, dessen Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer
-Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist
-(d. i. derjenige, der das Absolute, das Wesen an sich, in einem
-geistigen sieht) zum Sklaven des Willens jenes Absoluten. Freiheit
-ist innerhalb des Materialismus sowie des Spiritualismus, überhaupt
-innerhalb des metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.
-
-Der naive wie der metaphysische Realismus müssen konsequenterweise
-aus einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie in
-dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig
-ihm aufgedrängten Prinzipien sehen. Der naive Realismus tötet die
-Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität eines wahrnehmbaren
-oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens oder endlich
-unter die abstrakte Stimme seines Gewissens; der Metaphysiker kann
-die Freiheit nicht anerkennen, weil er den Menschen von einem "Wesen
-an sich" mechanisch oder moralisch bestimmt sein läßt.
-
-Der Monismus wird die teilweise Berechtigung des naiven Realismus
-anerkennen müssen, weil er die Berechtigung der Wahrnehmungswelt
-anerkennt. Wer unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition
-hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen. Insoweit der Mensch
-seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er thatsächlich
-unfrei. Aber der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung
-eine gleiche Bedeutung zu. Die Idee kann aber nur im menschlichen
-Individuum zur Erscheinung kommen. Insofern der Mensch den Antrieben
-von dieser Seite folgt, ist er frei. Der Monismus spricht aber der
-Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch den von sogenannten
-"Wesen an sich" herrührenden Antrieben des Handelns. Der Mensch
-kann nach monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem
-wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er
-nur sich selbst gehorcht. Einen unbewußten, hinter Wahrnehmung und
-Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen. Wenn
-jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei
-vollbracht, so muß er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder
-den Menschen, oder die Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner
-Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende sich auf Ursachen des
-Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen Welt beruft,
-dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht einlassen.
-
-Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils
-frei. Er findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor
-und verwirklicht in sich den freien Geist.
-
-Die sittlichen Gebote, die der Metaphysiker als Ausflüsse einer
-höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der
-Menschen; die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer
-rein mechanischen Naturordnung, noch einer göttlichen Weltregierung,
-sondern durchaus freies Menschenwerk. Der Mensch hat nicht den
-Willen Gottes in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen;
-er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern
-Wesens, sondern seine eigenen. Hinter den handelnden Menschen sieht
-der Monismus nicht einen Weltenlenker, der die Menschen nach seinem
-Willen bestimmt, sondern die Menschen verfolgen nur ihre eigenen,
-menschlichen Zwecke. Und zwar verfolgt jedes Individuum seine besondern
-Zwecke. Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft
-von Menschen, sondern nur in menschlichen Individuen aus. Was als
-gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergiebt, das ist
-nur die Folge der einzelnen Willensthaten der Individuen, und zwar
-meist einiger weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren
-Autoritäten, folgen. Jeder von uns ist berufen zum freien Geiste,
-wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.
-
-Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns
-Freiheitsphilosophie. Weil er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist
-er ebenso gut die metaphysischen (unwirklichen) Einschränkungen
-des freien Geistes zurück, wie er die physischen und historischen
-(naiv-wirklichen) des naiven Menschen anerkennt. Weil er den Menschen
-nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem Augenblicke seines
-Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der
-Streit, ob der Mensch als solcher frei ist oder nicht, nichtig. Er
-sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf
-dieser Entwicklungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht
-werden kann.
-
-Der Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als freien Geist
-fix und fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu
-einer gewissen Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies
-Wesen sich weiter entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich
-selbst findet.
-
-Der Monismus leugnet nicht die Sittlichkeit, aber er ist sich klar
-darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen oder moralischen
-Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann. Er betrachtet den
-Durchgang durch das automatische Handeln (nach natürlichen Trieben
-und Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach
-sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er
-sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien
-Geist zu überwinden. Der Monismus befreit den Menschen im allgemeinen
-von den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen
-und von den außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden
-Metaphysiker. Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die
-Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil
-er alle Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen
-innerhalb der Welt sucht und keine außerhalb derselben. Ebenso
-wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als
-solche für Menschen auch nur zu denken (vgl. S. 124), so weist
-er auch den Gedanken an andere Sittlichkeitsmaximen als solche für
-Menschen entschieden zurück. Die menschliche Sittlichkeit ist wie die
-menschliche Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur. Und so
-wie höhere Wesen wahrscheinlich unter Erkenntnis etwas ganz anderes
-verstehen würden als wir, so würden wohl andere Wesen auch eine andere
-Sittlichkeit haben; vielleicht wäre aber ihr Handeln überhaupt gar
-nicht unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit zu betrachten. Kurz
-über solche Dinge zu reden, ist für den Monismus absurd. Sittlichkeit
-ist dem Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft,
-und Freiheit die menschliche Form, sittlich zu sein.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XII.
-
-WELTZWECK UND LEBENSZWECK.
-
-BESTIMMUNG DES MENSCHEN.
-
-
-Unter den mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen Leben der
-Menschheit ist eine zu verfolgen, die man die Überwindung des
-Zweckbegriffes nennen kann. Die Zweckmäßigkeit ist eine bestimmte
-Art in der Abfolge von Erscheinungen. Wahrhaft wirklich ist die
-Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem Verhältnis von
-Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres
-bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf das
-frühere einwirkt. Dies kann aber nur bei menschlichen Handlungen
-der Fall sein. Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich
-vorher vorstellt, und läßt sich von dieser Vorstellung zur Handlung
-bestimmen. Das Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung
-auf das frühere, den handelnden Menschen. Dieser Umweg durch das
-menschliche Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange
-durchaus notwendig.
-
-In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu
-unterscheiden die Wahrnehmung von dem Begriff. Die Wahrnehmung
-der Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und
-Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen,
-wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander
-verbinden könnten. Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf
-die Wahrnehmung der Ursache folgen. Wenn die Wirkung einen realen
-Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies nur durch den
-begrifflichen Faktor sein. Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung
-ist vor dem der Ursache einfach gar nicht vorhanden. Wer behauptet,
-die Blüte sei der Zweck der Wurzel, d. h. die erstere habe auf die
-letztere einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte
-behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert. Der
-Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der
-Wurzel noch kein Dasein. Zum zweckmäßigen Zusammenhange ist aber
-nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem
-Früheren notwendig, sondern der Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß
-real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen. Einen
-wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir
-aber nur bei den menschlichen Handlungen beobachten. Hier ist also
-der Zweckbegriff allein anwendbar. Das naive Bewußtsein, das nur das
-Wahrnehmbare gelten läßt, sucht -- wie wir wiederholt bemerkt -- auch
-dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist. In
-dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder,
-wenn es solche nicht findet, träumt sie es hinein. Der im subjektiven
-Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element für solche
-erträumte Zusammenhänge. Der naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen
-zustande bringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso machen
-wird. In den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht nur
-unsichtbare Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke. Der
-Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der
-naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen. Nur ganz allmählich
-verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den Wissenschaften. In der
-Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen. Da
-wird gefragt nach dem Zweck der Welt, nach der Bestimmung (folglich
-auch dem Zweck) des Menschen u. s. w.
-
-Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten, mit alleiniger
-Ausnahme des menschlichen Handelns zurück. Er sucht nach Naturgesetzen,
-aber nicht nach Naturzwecken. Naturzwecke sind willkürliche Annahmen
-wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 118). Aber auch Lebenszwecke,
-die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom Standpunkte des
-Monismus unberechtigte Annahmen. Zweckvoll ist nur dasjenige, was
-der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung einer
-Idee entsteht Zweckmäßiges. Wirksam im realistischen Sinne wird die
-Idee aber nur im Menschen. Deshalb hat das Leben nur den Zweck und
-die Bestimmung, die der Mensch ihm giebt. Auf die Frage: was hat der
-Mensch für eine Aufgabe im Leben, kann der Monismus nur antworten:
-die, die er sich selbst setzt. Meine Sendung in der Welt ist keine
-vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich
-trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.
-
-Ideen werden nur durch Menschen verwirklicht. Es ist also unstatthaft,
-von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen. Alle
-solche Wendungen wie: "die Geschichte ist die Entwicklung der Menschen
-zur Freiheit", oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung
-u. s. w. sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.
-
-Die Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle
-Ordnung und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen. Man höre
-z. B. Robert Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band., S. 201):
-"So lange es Triebe in der Natur giebt, ist es eine Thorheit, Zwecke
-in derselben zu leugnen.
-
-"Wie die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht
-bestimmt und bedingt ist durch eine in der Luft schwebende Idee
-dieses Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren
-Ganzen, dem Körper, welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung
-jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und
-bedingt durch eine in der Luft schwebende Idee desselben, sondern
-durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und
-ausgestaltenden Ganzen der Natur." Und S. 191 desselben Bandes: "Die
-Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der tausend Unbequemlichkeiten
-und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und
-Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der
-Natur vorhanden ist -- eine Plan- und Zweckmäßigkeit jedoch, welche
-sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht
-auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod,
-dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen,
-aber schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.
-
-"Wenn die Gegner des Zweckbegriffes ein mühsam zusammengebrachtes
-Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen
-Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie
-die Natur in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich
-das ebenso drollig". --
-
-Was wird hier Zweckmäßigkeit genannt? Ein Zusammenstimmen von
-Wahrnehmungen zu einem Ganzen. Da aber allen Wahrnehmungen Gesetze
-(Ideen) zu Grunde liegen, die wir durch unser Denken finden, so ist
-das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines Wahrnehmungsganzen
-nichts weiter als das ideelle (logische) Zusammenstimmen der in
-diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines Ideenganzen. Wenn
-gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine
-in der Luft schwebende Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die
-verurteilte Ansicht verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von
-selbst den absurden Charakter. Das Tier ist allerdings nicht durch eine
-in der Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene und
-seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt. Gerade weil
-die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen
-Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden. Gerade
-derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist
-(ob durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine im Geiste eines
-Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig),
-muß zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen,
-sondern ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt wird. Eine
-Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen
-Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben. Das Zweckmäßige
-der Einrichtung besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise der
-Maschine als deren Idee ihr zu Grunde gelegt habe. Die Maschine ist
-dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee geworden. Solche
-Wesen sind auch die Naturwesen. Wer ein Ding deshalb zweckmäßig nennt,
-weil es gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch mit
-dieser Bezeichnung belegen. Nur darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit
-jener des subjektiven menschlichen Handelns verwechselt werden. Zum
-Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein
-Begriff ist, und zwar der der Wirkung. In der Natur sind aber nirgends
-Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets
-nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Ursachen
-sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
-
-Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden. Wo für unsere
-Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung
-sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch
-eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine Zwecke
-verwirklichte. Für den Monismus entfällt mit dem absoluten Weltwesen
-auch der Grund zur Annahme von Welt- und Naturzwecken.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XIII.
-
-DIE MORALISCHE PHANTASIE.
-
-(DARWINISMUS UND SITTLICHKEIT.)
-
-
-Der freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen,
-die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken ausgewählt
-sind. Für den unfreien Geist liegt der Grund, warum er aus seiner
-Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert, um sie einer Handlung
-zu Grunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, d. h. in
-seinen bisherigen Erlebnissen. Er erinnert sich, bevor er zu einem
-Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen analogen
-Falle gethan oder zu thun für gut geheißen hat, oder was Gott für
-diesen Fall befohlen hat u. s. w., und darnach handelt er. Dem freien
-Geist stehen diese Vorbedingungen nicht zu Gebote. Er faßt einen
-schlechthin ersten Entschluß. Es kümmert ihn dabei ebenso wenig, was
-andere in diesem Falle gethan, noch was sie dafür befohlen haben. Er
-hat rein ideelle (logische) Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe
-seiner Begriffe gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in
-Handlung umzusetzen. Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren
-Wirklichkeit angehören. Was er vollbringt, wird also mit einem ganz
-bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein. Der Begriff wird sich
-in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen haben. Er wird
-als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten können. Er wird sich
-darauf nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff
-sich auf eine Wahrnehmung bezieht, z. B. wie der Begriff des Löwen
-auf einen einzelnen Löwen. Das Mittelglied zwischen Begriff und
-Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 103 ff.). Dem unfreien Geist
-ist dieses Mittelglied von vornherein gegeben. Die Motive sind von
-vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden. Wenn
-er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat,
-oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird. Die Autorität
-wirkt daher am besten durch Beispiele, d. h. durch Überlieferung
-ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien
-Geistes. Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem
-Vorbilde des Erlösers. Regeln haben für das positive Handeln weniger
-Wert als für das Unterlassen bestimmter Handlungen. Gesetze treten nur
-dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten,
-nicht aber wenn sie sie zu thun gebieten. Gesetze über das, was er
-thun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben
-werden. Reinige die Straße vor deinem Hausthore! Zahle deine Steuern
-in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! u. s. w. Begriffsform
-haben die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen. Du sollst nicht
-stehlen! Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den
-unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete
-Vorstellung, z. B. die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder
-der Gewissensqual, oder der ewigen Verdammnis u. s. w.
-
-Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der allgemein-begrifflichen
-Form vorhanden ist (z. B. du sollst deinen Mitmenschen Gutes thun! du
-sollst so leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann
-muß in jedem einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns
-(die Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst
-gefunden werden. Bei dem freien Geiste, den kein Vorbild und keine
-Furcht vor Strafe etc. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in
-die Vorstellung immer notwendig.
-
-Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert
-der Mensch durch die Phantasie. Was der freie Geist nötig hat, um
-seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die
-moralische Phantasie. Sie ist die Quelle für das Handeln des freien
-Geistes. Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie
-eigentlich sittlich produktiv. Die bloßen Moralprediger, d. i. die
-Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten
-Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv. Sie
-gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen,
-wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das
-geringste zustande bringen können.
-
-Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in
-ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. Die Handlung des
-Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen,
-die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um
-ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen,
-einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß
-man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die
-man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will)
-dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man muß ferner den
-Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue
-verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf
-Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu thun hat. Er ist
-also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis
-überhaupt. Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem
-moralischen Ideenvermögen [3] und der moralischen Phantasie
-die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren
-naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen. Diese Fähigkeit ist
-moralische Technik. Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft
-überhaupt lernbar ist. Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter,
-die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv
-aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen
-zu bestimmen. Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne
-moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern empfangen
-und diese geschickt der Wirklichkeit einprägen. Auch der umgekehrte
-Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die
-technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen zur
-Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.
-
-Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres
-Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser
-Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze. Wir haben
-es mit Naturwissenschaft zu thun, nicht mit Ethik.
-
-Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst
-Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom Individuum produziert
-sind. Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es
-bereits geregelt. Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern
-aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt). Wir beschäftigen
-uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
-
-Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
-
-Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze wenigstens
-insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik
-auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine
-Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper im besonderen
-zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik). Dieser Vergleich ist
-falsch, weil unser moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des
-Organismus vergleichen läßt. Die Wirksamkeit des Organismus ist
-ohne unser Zuthun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig
-vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen anwenden. Die
-moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen. Wir können
-sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind. Der Irrtum entsteht
-daher, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich
-neu geschaffen werden, sondern sich forterben. Die von den Vorfahren
-übernommenen erscheinen dann gegeben wie die Naturgesetze des
-Organismus. Sie werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von
-einer späteren Generation wie diätetische Regeln angewendet. Denn sie
-gehen auf das Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar
-einer Gattung. Als Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar
-und ich werde naturgemäß leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung
-in meinem besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich
-Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze [4].
-
-Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen
-mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als
-Entwicklungstheorie bezeichnet. Aber sie scheint es nur. Unter
-Entwicklung wird verstanden das reale Hervorgehen des Späteren
-aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege. Unter Entwicklung in
-der organischen Welt versteht man den Umstand, daß die späteren
-(vollkommneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der früheren
-(unvollkommnen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen
-hervorgegangen sind. Die Bekenner der organischen Entwicklungstheorie
-stellen sich vor, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben
-hat, wo ein Mensch das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus
-den Uramnioten mit Augen hätte verfolgen können, wenn er damals
-als Mensch hätte dabei sein können und mit entsprechend langer
-Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre. Ebenso stellen sich die
-Entwicklungstheoretiker vor, daß ein Mensch das Hervorgehen des
-Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten
-können, wenn er während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet
-des Weltäthers sich an einem entsprechenden Orte hätte aufhalten
-können. Keinem Entwicklungstheoretiker wird es aber einfallen, zu
-behaupten, daß er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des
-Reptils mit allen seinen Eigenschaften herausholen kann, auch wenn
-er nie ein Reptil gesehen hat. Ebenso wenig könnte aus dem Begriff
-des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden,
-wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des
-Urnebels bestimmt worden wäre. Das heißt mit anderen Worten: der
-Entwicklungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten,
-daß aus früheren Entwicklungsphasen spätere sich real entwickeln, daß
-wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommnen und den des Vollkommnen
-gegeben haben, den Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber wird
-er zugeben, daß der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um
-das Spätere daraus zu entwickeln. Daraus folgt für den Ethiker, daß
-er zwar den Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit früheren
-einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische
-Idee aus früheren geholt werden kann. Als moralisches Wesen produziert
-das Individuum seinen Inhalt. Dieser produzierte Inhalt ist für
-den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die
-Reptilien ein Gegebenes sind. Die Reptilien sind aus den Uramnioten
-hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der
-Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen. Spätere moralische
-Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den
-sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren
-nicht herausholen. Die Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir
-als Naturforscher die Thatsachen bereits vor uns haben und hinterher
-sie erst erkennend betrachten; während wir beim sittlichen Handeln
-selbst erst die Thatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen. Beim
-Entwicklungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das,
-was die Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein
-Wahrnehmbares. Die ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein
-Naturgesetz erkannt, sondern sie muß geschaffen werden. Erst wenn
-sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.
-
-Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen? Wird nicht
-jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie
-Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen? Wenn
-er wahrhaft sittlich produktiv sein will, so ist das ein eben solches
-Unding, wie es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der
-alten bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den Uramnioten
-nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.
-
-Der ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zur
-Entwicklungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr. Der Haeckelsche
-Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organisches
-Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit
-und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwicklung herauf
-verfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne
-sittlichen Wesen. So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des
-Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren hervorgegangen
-sind, so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar ist,
-wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
-
-Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der
-vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus der
-Entwicklungstheorie ableiten lassen. Die schließliche Überzeugung
-wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem sie erlangt ist.
-
-Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen
-Phantasie ist für die Entwicklungstheorie gerade so wenig wunderbar,
-wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern. Nur muß
-diese Theorie als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben
-ebenso wie im natürlichen jeden jenseitigen (metaphysischen) Einfluß
-abweisen. Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie
-die Ursachen neuer organischer Formen in bereits bestehenden sucht;
-nicht in dem Eingreifen eines außerweltlichen Gottes, der jede neue
-Art nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß
-hervorruft. Sowie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen
-übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch
-unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht
-innerhalb der Welt liegen. Er kann keinen fortdauernden übernatürlichen
-Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen),
-noch einen zeitlichen durch eine besondere Offenbarung (Erteilung der
-zehn Gebote) oder durch Erscheinung Gottes auf der Erde (Göttlichkeit
-Christi) zulassen. Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus
-Naturprodukte wie alles andere Bestehende und ihre Ursachen müssen
-in der Natur, d. i., weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist,
-im Menschen gesucht werden.
-
-Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes,
-das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er
-ist Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
-
-Wer dem Begriff des Natürlichen von vornherein in engherziger Weise
-ein willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann dann leicht
-dazu kommen, für die freie individuelle Handlung keinen Raum darin
-zu finden. Der konsequent verfahrende Entwicklungstheoretiker kann
-in solche Engherzigkeit nicht verfallen. Er kann die natürliche
-Entwicklungsweise beim Affen nicht abschließen und dem Menschen
-einen "übernatürlichen" Ursprung zugestehen; er kann auch bei den
-organischen Verrichtungen des Menschen nicht stehen bleiben und nur
-diese natürlich finden, sondern er muß auch das sittlich-freie Leben
-als Fortsetzung des organischen ansehen.
-
-Der Entwicklungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur
-behaupten, daß das sittliche Handeln aus den unvollkommneren Arten
-des Naturgeschehens hervorgeht; die Charakteristik des Handelns,
-d. i. seine Bestimmung als eines freien, muß er der unmittelbaren
-Beobachtung des Handelns überlassen. Er behauptet ja auch nur, daß
-Menschen aus Affen sich entwickelt haben. Wie die Menschen beschaffen
-sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst festgestellt werden. Die
-Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit
-der Entwicklungsgeschichte. Nur die Behauptung, daß die Ergebnisse
-solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschließen, könnte
-nicht in Übereinstimmung mit der neueren Richtung der Naturwissenschaft
-gebracht werden [5].
-
-Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische
-Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergiebt als
-Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die
-Freiheit; die begriffliche Beziehung dieses Ergebnisses auf andere
-Formen des Geschehens ergiebt den natürlichen Ursprung der freien
-Handlungen.
-
-Wie steht es nun, vom natürlichen Standpunkte aus, mit der bereits
-oben (S. 17) erwähnten Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen:
-"Frei sein heißt thun können, was man will" und dem andern: "nach
-Belieben begehren können und nicht begehren können sei der eigentliche
-Sinn des Dogmas vom freien Willen"? Hamerling begründet gerade seine
-Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung, indem er das erste
-für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt. Er sagt:
-"ich kann thun, was ich will. Aber zu sagen: ich kann wollen, was ich
-will, ist eine leere Tautologie." Ob ich thun, d. i. in Wirklichkeit
-umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Thuns
-vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner
-technischen Geschicklichkeit (vergl. S. 180) ab. Frei sein heißt die
-dem Handeln zu Grunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe) durch
-die moralische Phantasie von sich aus bestimmen können. Freiheit
-ist unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder
-Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt. Ich bin also nur
-dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere; nicht,
-wenn ich die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat,
-ausführen kann. Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann,
-was es selbst für richtig hält. Wer etwas anderes thut, als er will,
-der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die nicht in
-ihm liegen. Ein solcher handelt unfrei. Nach Belieben wollen können,
-was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben
-frei oder unfrei sein zu können. Das ist natürlich ebenso absurd,
-wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen, thun zu können, was man
-wollen muß. Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: "Es
-ist vollkommen wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt
-wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn
-eine größere Freiheit läßt sich für ihn weder wünschen noch denken,
-als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen Stärke und Entschiedenheit zu
-verwirklichen?" Ja wohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen,
-und das ist erst die wahre. Nämlich die: sich die Gründe seines
-Wollens selbst zu bestimmen.
-
-Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will; dazu läßt sich der
-Mensch unter Umständen bewegen. Sich vorschreiben zu lassen, was er
-thun soll, d. i. zu wollen, was ein Anderer und nicht Er für richtig
-hält, dazu ist er nur zu haben, wenn er sich nicht frei fühlt.
-
-Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu thun, was ich will. Dann
-verdammen sie mich einfach zum Nichtsthun. Erst wenn sie meinen
-Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an
-deren Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine
-Unfreiheit. Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Thun,
-sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, d. i. die Beweggründe
-meines Handelns. Unrein sind ihr aber alle Beweggründe, die sie nicht
-angiebt. Eine Kirche erzeugt erst wahre Sklaven, wenn ihre Priester
-sich zu Gewissensräten machen, d. i. wenn die Gläubigen sich von ihnen
-(aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns holen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XIV.
-
-DER WERT DES LEBENS.
-
-(PESSIMISMUS UND OPTIMISMUS).
-
-
-Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung
-des Lebens (vergl. S. 170 ff.) ist die nach dessen Wert. Zwei
-entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und
-dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen. Eine Ansicht sagt:
-die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und
-Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte. Alles bietet
-sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist
-der Bewunderung wert. Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem
-höhern Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen wohlthuenden
-Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser schätzen, wenn
-es sich von jenem abhebt. Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches;
-wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel. Das Übel
-ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
-
-Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual
-und Elend, die Lust überwiegt überall die Unlust, der Schmerz die
-Freude. Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein
-unter allen Umständen vorzuziehen.
-
-Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben
-wir Shaftesbury und Leibniz, als die der zweiten, des Pessimismus,
-Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.
-
-Leibniz sagt: die Welt ist die beste, die es geben kann. Eine bessere
-ist unmöglich. Denn Gott ist gut und weise. Ein guter Gott will die
-beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie vor
-allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden. Nur ein böser
-oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche
-Welt schaffen.
-
-Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen
-Handeln die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß,
-um zum Besten der Welt das seinige beizutragen. Der Mensch wird nur
-die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich darnach zu benehmen
-haben. Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht
-für Absichten hat, dann wird er auch das Richtige thun. Und er
-wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das seinige
-hinzuzufügen. Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben
-des Lebens wert. Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.
-
-Anders stellt sich Schopenhauer die Sache vor. Er denkt sich den
-Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als
-blinden Drang oder Willen. Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten
-nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der
-Grundzug alles Wollens. Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so
-entsteht ein neues Bedürfnis u. s. w. Die Befriedigung kann immer
-nur von verschwindend kleiner Dauer sein. Der ganze übrige Inhalt
-unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, d. i. Unzufriedenheit,
-Leiden. Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt
-uns jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt unser
-Dasein. Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich
-zu ersticken, das Wollen zu ertöten. Der Schopenhauersche Pessimismus
-führt zur Thatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.
-
-In wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu
-begründen und für die Ethik auszunutzen. Hartmann sucht, einem
-Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung
-auf Erfahrung zu begründen. Aus der Beobachtung des Lebens will
-er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust in
-der Welt überwiege. Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück
-erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß alle
-vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion
-erweist. Illusion ist es, wenn wir glauben in: Gesundheit, Jugend,
-Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid,
-Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft,
-religiöser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf
-jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt -- Quellen
-des Glückes und der Befriedigung zu haben. Vor einer nüchternen
-Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust
-in die Welt. Die Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer
-als die Behaglichkeit des Rausches. Die Unlust überwiegt bei weitem
-in der Welt. Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde,
-gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen wollen. Da
-nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in
-der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung neben
-dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die
-Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn es den Schmerz der Welt in einen
-weisen Weltzweck auslaufen läßt. Der Schmerz der Weltwesen ist aber
-kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Natur
-als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes. Ein allweises Wesen
-kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles
-Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein. Das Sein in das weit
-bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung. Der
-Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz,
-das zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet. Das sittliche
-Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des
-Daseins. Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe
-vor seinem unendlichen Schmerze befreie. Diese ist "gewissermaßen
-wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten", durch den
-dessen unbewußte Heilkraft sich von einer inneren Krankheit befreit,
-"oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine
-Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach
-außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen." Die Menschen sind
-Glieder der Welt. In ihnen leidet Gott. Er hat sie geschaffen, um
-seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern. Der Schmerz, den jeder
-einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen
-Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen
-Bewußtseins S. 866 ff.).
-
-Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen
-nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Thorheit ist, und
-hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose
-Hingabe an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen. Im
-Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu
-einer hingebenden Thätigkeit für eine erhabene Aufgabe.
-
-Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?
-
-Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebensthätigkeit
-über den Lebensinhalt. Ein Wesen ist hungrig, d. h. es strebt nach
-Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem weiteren
-Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln
-verlangen. Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein
-persönliches Thun und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu
-seiner Bethätigung die Anerkennung von außen kommt. Das Streben nach
-Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören
-u. s. w. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat. Die
-Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die
-Nichtbefriedigung Unlust. Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust
-oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens
-abhängt. Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten. Wenn
-es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer
-Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht
-sagen: die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen
-der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer
-neuen Lust erzeugt. Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit
-seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen. Selbst dann,
-wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren
-oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch
-die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen,
-wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust
-zu erleben. Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses
-Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch
-die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege, kann ich
-in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden. Wenn Streben Unlust
-hervorriefe, so müßte die Beseitigung des Strebens von Lust begleitet
-sein. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Der Mangel an Streben in
-unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust
-verbunden. Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann,
-bevor ihm die Erfüllung zu teil wird und sich dann vorläufig mit
-der Hoffnung auf dieselbe zufrieden giebt, so muß anerkannt werden,
-daß die Unlust mit dem Streben als solchen gar nichts zu thun hat,
-sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt. Schopenhauer
-hat also unter allen Umständen Unrecht, wenn er das Begehren oder
-Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.
-
-In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig. Streben (Begehren)
-an sich macht Freude. Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung
-auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet. Diese Freude
-ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zu
-teil werden sollen. Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung
-des Zieles. Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust
-des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues hinzu. Wer aber sagen
-wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch
-die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der
-Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung,
-dem ist zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der
-Rückblick auf den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird
-ebenso oft lindernd auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken. Wer im
-Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: ich habe das meinige gethan,
-der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung. Das beseeligende Gefühl,
-nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche
-an jedes nicht erfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht
-nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch
-der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.
-
-Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines
-solchen Unlust hervor. Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust
-ist Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung. Sowohl
-Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne
-daß sie Folgen eines Begehrens sind. Krankheit ist Unlust, der
-kein Begehren vorausgeht. Wer behaupten wollte: Krankheit sei
-unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler,
-daß er den selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten
-Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives Begehren hielte. Wenn
-jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die
-geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese
-Thatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.
-
-Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust
-ein Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust
-am Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die
-uns unerstrebt zu teil wird. Auf die andere Seite des Kontobuches
-wird zu stehen kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht
-erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an
-uns herantritt. Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust,
-die uns aufgedrängte, nicht selbstgewählte Arbeit verursacht.
-
-Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus
-diesem Soll und Haben die Bilanz zu erhalten? Eduard von Hartmann
-ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist. Er sagt zwar
-(Philosophie des Unbewußten 7. Auflage, II. Band, S. 290): "Schmerz
-und Lust sind nur insofern sie empfunden werden." Hieraus folgt,
-daß es für die Lust keinen andern Maßstab giebt, als den subjektiven
-des Gefühles. Ich muß empfinden, ob die Summe meiner Unlustgefühle
-zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen Überschuß von
-Freude oder Schmerz ergiebt. Dessen ungeachtet behauptet Hartmann:
-"Wenn der Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven
-Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann, so ist doch damit keineswegs
-gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines Lebens
-die richtige algebraische Summe zieht, oder mit andern Worten, daß
-sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in Bezug auf seine
-subjektiven Erlebnisse richtiges sei." Damit wird doch wieder die
-vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer gemacht.
-
-Und weil Hartmann dieser Meinung ist, glaubt er, um zu einer
-richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege
-räumen zu müssen, die unser Urteil über die Lust- und Unlustbilanz
-verfälschen. Er sucht das auf zwei Wegen zu erreichen. Erstens
-indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend
-in unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt. Während
-wir uns z. B. sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des
-Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns
-mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar
-nicht da ist. Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht,
-daß wir unter dem Genusse leiden. Zweitens unterwirft Hartmann die
-Gefühle einer Kritik und sucht nachzuweisen, daß die Gegenstände,
-an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich als
-Illusionen erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört werden,
-wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.
-
-Hartmann denkt sich also die Sache folgendermaßen. Wenn ein
-Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke,
-in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den
-überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich
-von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen. Da er
-ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden
-über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die
-Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas
-zeigen. Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die
-Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen
-sie in milderem Lichte, während sich die Freuden über Anerkennungen,
-für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen. Nun ist es
-zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohlthat, daß es so ist. Die
-Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der
-Selbstbeobachtung. Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche. Die
-Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich
-durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit
-in das Kontobuch seines Lebens thatsächlich falsch ein. Um zu einem
-richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner
-Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen. Er müßte ohne Gläser vor
-seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten. Er
-gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen
-Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.
-
-Hartmann geht aber noch weiter. Er sagt: Der Ehrgeizige muß sich
-auch klar machen, daß die Anerkennungen, nach denen er jagt,
-wertlose Dinge sind. Er muß selbst zur Einsicht kommen, oder von
-andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen an der
-Anerkennung von Seite der Menschen nichts liegen könne, da man ja "in
-allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwicklung, oder
-gar von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind", immer darauf
-schwören kann, "daß die Majoritäten Unrecht und die Minoritäten Recht
-haben." "Einem solchen Urteile giebt derjenige sein Lebensglück in
-die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht." (Phil. des
-Unbew. II. Bd. S. 332.) Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann
-muß er alles als eine Illusion bezeichnen, was er durch seinen Ehrgeiz
-erreicht hat, folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechende
-Befriedigung seines Ehrgeizes knüpfen. Aus diesem Grunde sagt Hartmann:
-es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen werden,
-was sich an unseren Lustgefühlen als Illusion ergiebt; was dann übrig
-bleibt, stelle die Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die
-Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem
-Sein vorzuziehen sei.
-
-Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung
-des ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der
-Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis
-des illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte
-jedoch bestritten werden. Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder
-vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz
-des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen. Denn der Ehrgeizige
-hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz
-gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung
-als Illusion erkennt. Damit wird die genossene freudige Empfindung
-nicht um das Geringste kleiner gemacht. Die Ausscheidung aller solchen
-"illusorischen" Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser
-Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene
-Gefühle aus dem Leben aus.
-
-Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden? Weil sie sich
-an Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen. Dabei ist
-also der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der
-Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust verursachenden
-Dinge abhängig gemacht. Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der
-Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt, dann
-darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder
-den Wert oder Unwert der Lust bestimme. Wenn ich sage: ich will die
-Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist,
-dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen
-in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion
-zum Grunde liegt oder nicht. Wer einer auf Illusion beruhenden Lust
-einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen,
-die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert
-des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.
-
-Wer, gleich Eduard von Hartmann, die Lust deshalb geringer
-veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft,
-der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer
-Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto
-einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder
-produziert werden.
-
-Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust- und Unlustmenge
-gegeneinander abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der
-Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.
-
-Der von Hartmann empfohlene Weg: vernünftiger Betrachtung der vom
-Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge, hat uns also bisher so weit
-geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben,
-was wir auf die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches
-zu setzen haben. Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden? Ist
-die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
-
-Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der
-berechnete Gewinn sich mit den durch das Geschäft nachweislich
-genossenen oder noch zu genießenden Gütern nicht deckt. Auch
-der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung
-gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust,
-beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.
-
-Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung
-sich stützenden Pessimisten nicht kontrollieren: wer aber sich
-entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft weiter führen soll oder
-nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete
-Überschuß an Unlust steckt?
-
-Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der
-Lage ist, den Überschuß an Lust oder Unlust allein von sich aus zu
-bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung
-zeigen muß. Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das
-Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung
-(und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar
-(vergl. S. 86 ff.). Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann
-aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern
-sich durch die Thatsachen bestätigt. Wenn das nicht der Fall ist,
-dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen. Genau in
-derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen. Wenn
-der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist
-als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen:
-du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals
-durch. Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte
-wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht,
-um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein,
-wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über
-seine Angelegenheiten zu haben. Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum
-bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde,
-daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz
-hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.
-
-Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe
-im Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiter leben. Die
-wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust
-willen ein. Was folgt daraus? Entweder, daß es nicht richtig ist,
-zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir
-unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge
-abhängig machen.
-
-Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus
-Ed. v. Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen
-der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es
-durchzumachen. Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 194)
-angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der
-Menschen erreicht werden kann. So lange aber die Menschen noch ihren
-egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit
-untauglich. Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt
-haben, daß die vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt
-werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe. Auf
-diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der
-Selbstlosigkeit sein. Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll
-den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit
-vor Augen stellt.
-
-Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in
-der Menschennatur begründet. Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der
-Erfüllung dankt dieses Streben zu Gunsten höherer Menschheitsaufgaben
-ab.
-
-Von der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des
-Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann
-nicht gesagt werden, daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes
-überwinde. Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein,
-sich des Willens zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat,
-daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung
-führen kann. Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der
-Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er
-geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel. Die
-sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht
-stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre
-Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der
-Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.
-
-Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstreben, sie aber
-unmöglich erreichen können, dann ist Vernichtung des Daseins und
-Erlösung durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel. Und wenn
-man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott
-ist, so müssen die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung
-Gottes herbeizuführen. Durch den Selbstmord des einzelnen wird die
-Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern beeinträchtigt. Gott
-kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit
-sie durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen. Sonst wäre die
-Schöpfung zwecklos. Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke
-seine bestimmte Arbeit verrichten. Entzieht er sich derselben durch
-den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem andern
-verrichtet werden. Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen. Und
-da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so
-hat der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten
-vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn
-einen Ersatzmann zu schaffen.
-
-Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das
-Leben sei. Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben
-(Bedürfnissen). Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr
-Lust oder Unlust bringt, dann ist ein Trieb als wertlos zu bezeichnen,
-der seinem Träger einen Überschuß der letztern einträgt. Wir wollen
-einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite
-gemessen werden kann. Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben
-erst mit der Sphäre der "Geistesaristokratie" anfangen zu lassen,
-beginnen wir mit einem "rein tierischen" Bedürfnis, dem Hunger.
-
-Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht
-weiter funktionieren können. Was der Hungrige zunächst erstrebt,
-ist die Sättigung. Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist,
-daß der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb
-erstrebt. Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs
-erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet. Zu
-dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis. Der
-Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten
-Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz
-des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer
-Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen. Wenn er Hunger hat und
-eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, vermeidet
-er es, durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte,
-sich die Lust für das bessere zu verderben. Er braucht den Hunger,
-um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben. Dadurch wird ihm
-der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust. Wenn nun aller in der
-Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die
-volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu
-verdanken ist. Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den
-Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur
-ihrer Geschmacksnerven erzielen.
-
-Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in
-Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe,
-und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in
-den Kauf genommen werden müßte.
-
-Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben
-erzeugt, als sie erhalten kann, d. i. auch mehr Hunger hervorbringt,
-als sie zu befriedigen in der Lage ist. Der Überschuß an Leben,
-der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums Dasein zu Grunde
-gehen. Zugegeben: die Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke
-des Weltgeschehens größer als den vorhandenen Befriedigungsmitteln
-entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt. Der
-wirklich vorhandene Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste
-kleiner gemacht. Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da
-ist die entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es in dem
-begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl
-unbefriedigter Triebe giebt. Was aber dadurch vermindert wird, ist
-der Wert des Lebensgenusses. Wenn nur ein Teil der Bedürfnisse eines
-Lebewesens Befriedigung findet, so hat es einen dem entsprechenden
-Genuß. Dieser hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist im
-Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage
-kommenden Begierden. Man kann sich diesen Wert durch einen Bruch
-dargestellt denken, dessen Zähler der wirklich vorhandene Genuß
-und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist. Der Bruch hat den Wert 1,
-wenn Zähler und Nenner gleich sind, d. h. wenn alle Bedürfnisse auch
-befriedigt werden. Er wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen
-mehr Lust vorhanden ist, als seine Begierden fordern; und er ist
-kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter der Summe der Begierden
-zurückbleibt. Der Bruch kann aber nie Null werden, solange der Zähler
-auch nur den geringsten Wert hat. Wenn ein Mensch vor seinem Tode
-den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen bestimmten Trieb
-(z. B. den Hunger) kommende Menge des Genusses sich über das ganze
-Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt dächte, so hätte
-die erlebte Lust vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber
-kann sie nie werden. Bei gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der
-Vermehrung der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert der Lebenslust
-ab. Ein Gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der Natur. Je
-größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer,
-die volle Befriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer
-ist der durchschnittliche Lustwert des Lebens. Die Wechsel auf den
-Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden
-eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen Betrag
-einzulösen. Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe, und dafür
-dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der Genuß an den drei
-Eßtagen dadurch nicht geringer. Aber ich muß mir ihn dann auf sechs
-Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen Ernährungstrieb
-auf die Hälfte herabgemindert wird. Ebenso verhält es sich mit der
-Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses. Wenn
-ich Hunger für zwei Butterbrode habe, und nur eines bekommen kann,
-so hat der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes,
-den er haben würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre. Dies ist
-die Art, wie im Leben der Wert einer Lust bestimmt wird. Sie wird
-bemessen an den Bedürfnissen des Lebens. Unsere Begierden sind der
-Maßstab; die Lust ist das Gemessene. Der Sättigungsgenuß erhält nur
-dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist; und er erhält einen
-Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem er zu der
-Größe des vorhandenen Hungers steht.
-
-Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf
-die befriedigten Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher
-Stunden. Man kann aber auch von dem gegenwärtigen Wert eines
-Lustgefühles sprechen. Dieser Wert ist um so geringer, je kleiner
-die Lust im Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer Begierde ist.
-
-Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau
-mit unserer Begierde übereinstimmt. Eine, gegenüber unserem Begehren
-kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt
-einen nicht verlangten Überschuß, der nur solange als Lust empfunden
-wird, als wir während des Genießens unsere Begierde zu steigern
-vermögen. Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres Verlangens
-mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt
-sich die Lust in Unlust. Der Gegenstand, der uns sonst befriedigen
-würde, stürmt auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und wir leiden
-darunter. Dies ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur solange für uns
-einen Wert hat, als wir sie an unserer Begierde messen können. Ein
-Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um. Wir können das
-besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgend einer
-Art von Lust sehr gering ist. Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft
-ist, wird das Essen leicht zum Ekel. Auch daraus geht hervor, daß
-die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
-
-Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb
-bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern
-positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt. Er kann sich hierbei
-berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen heimgesuchten
-Menschen; auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen mittelbar
-aus dem Nahrungsmangel erwächst. Und wenn er seine Behauptung auch
-auf die außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen auf
-die Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel
-verhungern. Von diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die durch
-den Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
-
-Es ist ja zweifellos, daß man Lust und Unlust miteinander vergleichen
-und den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann, wie das
-bei Gewinn und Verlust geschieht. Wenn aber der Pessimismus glaubt,
-aus dem Umstande, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß ergiebt,
-auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können, so ist er
-insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die im wirklichen
-Leben nicht ausgeführt wird.
-
-Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten
-Gegenstand. Der Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen haben,
-um so größer sein, je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe
-unseres Begehrens ist [6]. Von der Größe unseres Begehrens hängt
-es aber auch ab, wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit
-in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen. Wir vergleichen
-die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der Größe
-unserer Begierde. Wer große Freude am Essen hat, der wird wegen
-des Genusses in besseren Zeiten sich leichter über eine Periode
-des Hungerns hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der
-Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt. Das Weib, das ein Kind haben
-will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst,
-mit den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege
-u. s. w. sich ergeben, sondern mit seiner Begierde nach dem Besitz
-des Kindes.
-
-Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern
-die konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise. Wenn wir
-nach einem bestimmten Gegenstand oder einer bestimmten Empfindung
-streben, so können wir nicht dadurch befriedigt werden, daß uns ein
-anderer Gegenstand oder eine andere Empfindung zu teil wird, die uns
-eine Lust von gleicher Größe bereitet. Wer nach Sättigung strebt,
-dem kann man die Lust an derselben nicht durch eine gleich große,
-aber durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen. Nur wenn unsere
-Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte,
-dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie
-an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre. Da aber die
-Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die Lust
-mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende
-Unlust in Kauf genommen werden muß. Dadurch, daß sich die Triebe der
-Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes
-Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem
-Ziele sich entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor
-mit in Rechnung zu bringen. Wenn die Begierde nur stark genug ist,
-um nach Überwindung der Unlust -- und sei sie absolut genommen noch
-so groß -- noch in irgend einem Grade vorhanden zu sein, so kann
-die Lust an der Befriedigung doch noch in voller Größe durchgekostet
-werden. Die Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in Beziehung
-zu der erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe
-(im Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt. Nicht
-darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer
-ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten Ziele oder
-der Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist. Ist dieser
-Widerstand größer als die Begierde, dann ergiebt sich die letztere
-in das Unvermeidliche, erlahmt, und strebt nicht weiter. Dadurch,
-daß Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die
-mit ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht,
-nach eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum
-nur insofern in die Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer
-Begierde verringert hat. Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von
-Fernsichten bin, so berechne ich niemals: wie viel Lust macht mir
-der Blick von dem Berggipfel aus direkt verglichen mit der Unlust des
-mühseligen Auf- und Abstiegs. Ich überlege aber: ob nach Überwindung
-der Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft
-genug sein wird. Nur mittelbar durch die Größe der Begierde können
-Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern. Es fragt sich also gar
-nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist, sondern ob das
-Wollen der Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
-
-Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der Umstand,
-daß der Wert der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch
-große Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam
-wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fällt. Wenn Leiden und
-Qualen unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch
-noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem
-noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um so größer. Dieses
-Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar
-(vergl. S. 209). Ein weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die
-Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre Triebe solange zur
-Entfaltung bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden
-Schmerzen und Qualen zu ertragen. Und der Kampf ums Dasein ist nur die
-Folge dieser Thatsache. Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung,
-und nur derjenige Teil giebt den Kampf auf, dessen Begierden durch die
-Gewalt der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden. Jedes
-Lebewesen sucht solange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben
-zerstört. Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn er
-(mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele
-nicht erreichen zu können. Solange er aber noch an die Möglichkeit
-glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft
-er gegen alle Qualen und Schmerzen an. Die Philosophie müßte dem
-Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen nur dann einen
-Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur
-nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er
-die dabei notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann
-auch noch so groß. Eine solche Philosophie wäre aber irrtümlich,
-weil sie das menschliche Wollen von einem Umstande abhängig macht
-(Überschuß der Lust über die Unlust), der dem Menschen ursprünglich
-fremd ist. Der ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde,
-und diese setzt sich durch, solange sie kann. Wenn ich gezwungen
-bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Äpfel doppelt so viele
-schlechte als gute mitzunehmen -- weil der Verkäufer seinen Platz
-frei bekommen will -- so werde ich mich keinen Moment besinnen, die
-schlechten Äpfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren Menge
-guter für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis
-auch noch die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf
-mich nehmen will. Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen
-den durch einen Trieb bereiteten Lust- und Unlustmengen. Ich bestimme
-den Wert der guten Äpfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von der
-der schlechten subtrahiere, sondern darnach, ob die ersteren trotz
-des Vorhandenseins der letztern noch einen Wert behalten.
-
-Ebenso wie ich bei dem Genuß der guten Äpfel die schlechten
-unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer
-Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.
-
-Wenn der Pessimismus auch Recht hätte mit seiner Behauptung, daß in
-der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen wäre das
-ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust
-doch. Der empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt,
-ist zwar geeignet die Aussichtslosigkeit jener philosophischen
-Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß der
-Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als
-unvernünftig hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen Überschuß
-von Lust, sondern auf die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende
-Lustmenge. Diese erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.
-
-Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man
-behauptete, es sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust
-in der Welt auszurechnen. Die Möglichkeit einer jeden Berechnung
-beruht darauf, daß die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer
-Größe nach miteinander verglichen werden können. Nun hat jede
-Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer). Auch
-Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer Größe nach
-wenigstens schätzungsweise vergleichen. Wir wissen, ob uns eine
-gute Cigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht. Gegen die
-Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer Größe
-nach, läßt sich somit nichts einwenden. Und der Forscher, der es sich
-zur Aufgabe macht, den Lust- oder Unlustüberschuß in der Welt zu
-bestimmen, geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus. Man
-kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten,
-aber man darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung
-der Lust- und Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanze
-nicht anzweifeln. Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, daß
-aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche Wollen etwas
-folge. Die Fälle, wo wir den Wert unserer Bethätigung wirklich davon
-abhängig machen, ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt,
-sind die, in denen uns die Gegenstände, auf die unser Thun sich
-richtet, gleichgültig sind. Wenn es sich mir darum handelt, nach
-meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte
-Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig gleichgültig ist, was ich
-zu diesem Zwecke thue, so frage ich mich: was bringt mir den größten
-Überschuß an Lust. Und ich unterlasse eine Bethätigung unbedingt,
-wenn sich die Wage nach der Unlustseite hin neigt. Bei einem Kinde,
-dem wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl nach,
-was ihm die meiste Freude bereitet. In allen anderen Fällen bestimmen
-wir uns nicht ausschließlich nach der Lustbilanze.
-
-Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den
-Nachweis, daß die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die
-Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu
-bereiten, so bedenken sie nicht, daß sich das menschliche Wollen
-seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen läßt. Das
-Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung
-aller Schwierigkeiten möglichen Befriedigung. Die Hoffnung auf diese
-Befriedigung ist der Grund der menschlichen Bethätigung. Die Arbeit
-jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser
-Hoffnung. Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd
-nach dem Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit
-er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme. Aber diese
-sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen
-und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird angestrebt
-trotz der Unlust, die dabei abfällt. Die Jagd nach dem Glücke, die
-der Pessimismus ausrotten will, ist also gar nicht vorhanden. Die
-Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil
-er sie kraft seines Wesens vollbringen will. Die pessimistische Ethik
-behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als
-seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben
-hat. Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als
-die Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten
-Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale. Keine
-Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von
-ihm Begehrten hat. Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust,
-denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als deine
-Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart,
-und es ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden Philosophie,
-wenn behauptet wird, der Mensch strebe bloß nach dem Glücke. Er
-strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt, und die
-Erfüllung ist ihm eine Lust. Was die pessimistische Ethik verlangt:
-nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du als
-deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was der
-Mensch seinem Wesen nach will. Der Mensch braucht durch die Philosophie
-nicht erst umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur nicht erst
-abzuwerfen, um sittlich zu sein. Sittlichkeit ist Streben nach einem
-Ziel, solange die damit verknüpfte Unlust die Begierde darnach nicht
-lähmt. Und dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens. Die Ethik
-beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit die
-bleichsüchtigen sittlichen Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können,
-wo ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht,
-sondern auf dem starken Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn
-der Weg dazu ein dornenvoller ist.
-
-Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie
-des Menschen. Ihre Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem
-Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu
-überwinden. Sie sind seine Intuitionen, die Triebfedern, die sein
-Geist spannt, er will sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste
-Lust ist. Er hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten
-zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen,
-wonach er streben soll. Er wird nach sittlichen Idealen streben,
-wenn seine moralische Phantasie thätig genug ist, um ihm Intuitionen
-einzugeben, die seinem Wollen die Stärke verleihen, sich durchzusetzen.
-
-Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der thut es, weil sie der
-Inhalt seines Wollens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß
-sein, gegen den die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung
-der alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist. Idealisten
-schwelgen bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
-
-Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten
-will, muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht handelt,
-weil er will, sondern weil er soll. Denn die Erreichung des Gewollten
-macht Lust. Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch
-soll, sondern das, was er will, wenn er die volle Menschennatur zur
-Entfaltung bringt. Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst
-das austreiben, was er will, und ihm dann von außen das vorschreiben
-lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.
-
-Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie
-aus seinem Wesen entspringt. Das Erreichte hat seinen Wert, weil es
-gewollt ist. Spricht man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchen
-seinen Wert ab, dann muß man die wertvollen Ziele von etwas nehmen,
-das der Mensch nicht will.
-
-Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus
-der Mißachtung der moralischen Phantasie. Wer den individuellen
-Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den Inhalt seines
-Strebens zu geben, nur der kann die Summe des Wollens in der Sehnsucht
-nach Lust suchen. Der phantasielose Mensch schafft keine sittlichen
-Ideen. Sie müssen ihm gegeben werden. Daß er nach Befriedigung
-seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt die physische
-Natur. Zur Entfaltung des ganzen Menschen gehören aber auch die
-aus dem Geiste stammenden Begierden. Nur wenn man der Meinung ist,
-daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß
-er sie von außen empfangen soll. Dann ist man auch berechtigt,
-zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu thun, was er nicht
-will. Jede Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein Wollen
-zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet
-nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem solchen, dem das
-geistige Begehrungsvermögen fehlt. Für den harmonisch entwickelten
-Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb,
-sondern innerhalb des Kreises seines Wollens. Nicht in der Austilgung
-des Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern in der vollen
-Entwicklung der Menschennatur. Wer die sittlichen Ideale nur für
-erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der
-weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind,
-wie die Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.
-
-Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten
-Anschauungen leicht mißverstanden werden können. Unreife Knaben ohne
-moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für
-den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen
-erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört "sich ausleben"
-können. Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was
-für den Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich. Wer durch
-Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche
-Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von
-dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen
-Menschen gilt. Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem
-unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern das, was in dem
-Wesen des ausgereiften Menschen liegt.
-
-Dieser ausgereifte Mensch giebt seinen Wert sich selbst. Nicht die
-Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von
-dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die Pflicht erfüllt er, die
-er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust abgestreift
-hat. Er handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen
-Intuitionen; und er sieht in der Erreichung dessen, was er will,
-seinen wahren Lebensgenuß. Den Wert des Lebens bestimmt er an dem
-Verhältnis des Erreichten zu dem Erstrebten. Die Ethik, welche an die
-Stelle des Wollens das Sollen, an die Stelle der Neigung die Pflicht
-setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis
-dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er erfüllt. Sie mißt den
-Menschen an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab. -- Die
-hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst zurück. Sie
-erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne
-nach Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht. Sie weiß ebensowenig
-von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des Lebens wie von
-einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens. Sie sieht in
-dem Individuum seinen eigenen Herrn und seinen eigenen Schätzer.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XV.
-
-INDIVIDUALITÄT UND GATTUNG.
-
-
-Der Ansicht, daß der Mensch eine vollständig in sich geschlossene,
-freie Individualität ist, stehen scheinbar die Thatsachen entgegen,
-daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse,
-Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und daß
-er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche u. s. w.). Er trägt
-die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er
-angehört, und giebt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz,
-den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
-
-Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich? Kann man den Menschen
-selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen
-herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
-
-Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach
-durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle
-zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich,
-die im Wesen des Stammes bedingt sind. Wie der einzelne beschaffen
-ist und wie er sich bethätigt, ist durch den Stammescharakter
-bedingt. Dadurch erhält die Physiognomie und das Thun des einzelnen
-etwas Gattungsmäßiges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies
-und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem
-Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns,
-warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
-
-Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Er
-entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund
-wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei
-nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er
-gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als
-Material, und giebt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir
-suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in
-den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu thun,
-das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis
-zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir
-wollen alles, was an ihm ist, doch noch aus dem Charakter der Gattung
-erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
-
-Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner
-Beurteilung einen Gattungsbegriff zu Grunde legt. Am hartnäckigsten im
-Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht
-des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem
-Manne fast immer zu viel von dem allgemeinen Charakter des anderen
-Geschlechtes und zu wenig von dem individuellen. Im praktischen
-Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen. Die sociale
-Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie nicht
-bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen
-Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von
-der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die
-Bethätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen
-Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch
-den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist. Das Weib soll der
-Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein. Solange
-von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau "ihrer Naturanlage
-nach" zu diesem oder jenem Beruf tauge, so lange kann die sogenannte
-Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was
-die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu
-beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen,
-der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum
-einen anderen erreichen. Sie müssen es aber selbst entscheiden können,
-was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer socialen
-Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen,
-sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden,
-daß sociale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit
-ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr
-bedürftig sind.
-
-Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt
-eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu
-sein, deren Bethätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was
-unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand
-wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen-, Stammes-, Volks-
-und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer
-Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung
-leben, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch
-solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle
-diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen
-Inhalt des einzelnen Individuums. Da wo das Gebiet der Freiheit (des
-Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums
-nach Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der
-Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen
-muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S. 86
-ff.), kann niemand ein- für allemal festsetzen und der Menschheit
-fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene
-Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht
-aus irgend einem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und
-allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen
-Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum
-seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen
-will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei
-typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist
-jeder einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich
-mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine
-Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zu teil wird, wenn uns eine
-menschliche Individualität seine Art, die Welt anzuschauen, mitteilt,
-und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt seines Wollens gewinnen. Wo
-wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit einem Menschen zu
-thun, der frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem
-Wollen, da müssen wir aufhören, irgend welche Begriffe aus unserem
-Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das
-Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung
-durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter
-die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer
-freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe,
-nach denen sie sich ja selbst bestimmen, rein (ohne Vermischung) mit
-eigenem Begriffsinhalt herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen,
-die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe
-einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität
-gelangen. So wie die freie Individualität sich frei macht von den
-Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen
-von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird.
-
-Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten
-Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist
-innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch
-ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere
-oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab,
-ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den
-despotisch ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.
-
-Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit
-nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und
-Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern
-abgukt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen ethischen Wert hat nur
-der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt. Den
-fügt er zur schon vorhandenen Summe sittlicher Begriffe hinzu. Aus
-solchen ethischen Intuitionen entspringt alle sittliche Bethätigung
-der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche Leben der
-Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse
-der freien menschlichen Individuen. Dies ist das Glaubensbekenntnis
-des Monismus. Er kann in der Geschichte des sittlichen Lebens nicht
-die Erziehung des Menschengeschlechtes durch einen jenseitigen Gott
-erkennen, sondern nur das allmähliche Ausleben aller Begriffe und
-Ideen, die aus der moralischen Phantasie entspringen können.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DIE LETZTEN FRAGEN.
-
-
-DIE KONSEQUENZEN DES MONISMUS.
-
-
-Die einheitliche Naturerklärung oder der Monismus entnimmt der
-menschlichen Erfahrung alle Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt
-braucht. Die Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der
-Beobachtungswelt, nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen
-menschlichen Natur, und zwar in der moralischen Phantasie. Er
-lehnt es ab, die letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und Denken
-vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen. Für den Monismus ist
-die Einheit, welche die denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen
-Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die
-das menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es auch
-vollkommen befriedigt wird. Wer hinter dieser Einheit noch eine
-andere sucht, der beweist damit nur, daß er die Übereinstimmung des
-durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten
-nicht erkennt. Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt
-nicht thatsächlich abgesondert. Es ist ein Teil der Welt, und der
-Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos ist nicht der Wirklichkeit
-nach, sondern nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen. Wir sehen
-für's erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir
-die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres
-Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird. Wer auf
-diesem Wahrnehmungsstandpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines
-Ganzen für ein wirklich selbständig existierendes Wesen, eine Monade,
-an, welches die Kunde von der übrigen Welt auf irgend eine Weise von
-außen erhält. Der Monismus hat gezeigt, daß die Selbständigkeit nur
-so lange geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das
-Denken in das Netz der Begriffswelt eingespannt wird. Geschieht dies,
-so entpuppt sich alle Teilexistenz in der Welt, alles besondere Dasein
-als ein bloßer Schein des Wahrnehmens. Eine in sich geschlossene
-Totalexistenz kann nur dem Universum in seiner Ganzheit zugeschrieben
-werden. Das Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und gliedert
-auch unsere individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein. Die
-Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält,
-nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich
-auf. Das Denken giebt uns von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als
-einer in sich geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit der
-Wahrnehmungen nur ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist
-(vgl. S. 163 ff.). Die Erkenntnis der wirklichen Einheit gegenüber dem
-Schein des Vielen bildete zu allen Zeiten das Ziel des menschlichen
-Denkens. Die Wissenschaft bemühte sich die zusammenhanglos scheinenden
-Wahrnehmungen durch Aufdeckung der gesetzmäßigen Zusammenhänge
-innerhalb derselben als Einheit, zu erkennen. Weil man aber der Ansicht
-war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur
-eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit
-in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (Gott,
-Wille, absoluter Geist u. s. w.). -- Und, auf diese Meinung gestützt,
-bestrebte man sich zu dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung
-erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu gewinnen, das über die
-Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang derselben mit den nicht mehr
-erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (Metaphysik). Den Grund, warum wir
-durch logisch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man
-darin, daß ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat,
-und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens. Man
-erkannte nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich
-umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem
-Begriff die totale Wirklichkeit vermittelt wird. Nur solange wir
-die die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzmäßigkeit
-in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben wir
-es in der That mit etwas rein Subjektivem zu thun. Subjektiv ist
-aber nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu
-der Wahrnehmung hinzugewonnen wird. Dieser Inhalt ist nicht aus dem
-Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen. Er ist der Teil
-der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann. Er ist
-Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung. Wer
-sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der
-denkt nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste
-festhält. Aber in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch unsere
-Organisation vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist. Auch der Baum,
-den man wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz. Er ist
-nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur
-in realem Zusammenhang mit ihr möglich. Ein abstrakter Begriff hat
-für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für
-sich. Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv,
-der Begriff derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vergl. S. 94
-ff.) gegeben wird. Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit
-in diese beiden Faktoren auseinander. Der eine Faktor erscheint dem
-Wahrnehmen, der andere der Intuition. Erst der Zusammenhang der beiden,
-die gesetzmäßig sich in das Universum eingliedernde Wahrnehmung,
-ist volle Wirklichkeit. Betrachten wir die bloße Wahrnehmung für
-sich, so haben wir keine Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses
-Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen für sich,
-dann haben wir es bloß mit abstrakten Begriffen zu thun. Nicht der
-abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende
-Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung
-für sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.
-
-
-
-Daß wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in
-derselben wurzeln), wird selbst der orthodoxeste Idealist nicht
-leugnen. Er wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen
-auch das erreichen, was wir real durchleben. Dem gegenüber zeigt der
-Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern
-ein beide Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist. Wenn
-wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in
-die Reihe des wirklichen Geschehens gehört. Wir überwinden durch das
-Denken innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des bloßen
-Wahrnehmens. Wir können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen
-(durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht
-erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den Wahrnehmungen die Ideen
-finden, in dem Wirklichen. Der Monismus sucht zu der Erfahrung
-kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und
-Wahrnehmung das Wirkliche. Er spinnt aus bloßen Begriffen keine
-Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine Seite
-der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt, und
-nur im Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat. Er ruft
-aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt
-der Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine höhere
-Wirklichkeit zu suchen hat. Er hält davon ab, das Absolut-Wirkliche
-anderswo als in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt der
-Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt. Und er ist befriedigt
-durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken auf keine
-andere hinweist. Was der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt
-sucht, das findet der Monismus in dieser selbst. Der Monismus zeigt,
-daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt
-ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde. Für den Monismus ist der
-Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen derselbe
-(vergl. S. 88 ff.). Nach monistischen Prinzipien betrachtet ein
-menschliches Individuum ein anderes als seinesgleichen, weil es
-derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm auslebt. Es giebt in der
-einigen Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen, wie es
-Individuen giebt, die einen Löwen denken, sondern nur einen. Und
-der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist
-derselbe, wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt
-aufgefaßt. (Vergl. S. 89.) Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte
-auf die gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit. Die einige
-Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von Individuen
-aus. So lange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt,
-sieht er sich als diesen besonderen Menschen an, so bald er auf die
-in ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt,
-sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig. Der Dualismus bestimmt
-das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und
-in ihnen allen lebt. Der Monismus findet dieses gemeinsame göttliche
-Leben in der Wirklichkeit selbst. Der ideelle Inhalt eines andern
-Subjektes ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur solange als
-einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, so bald ich
-denke. Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der
-gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen
-auch durch den thatsächlichen Inhalt ihres Denkens. Aber diese Inhalte
-sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller
-Menschen umfaßt. Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt,
-ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt
-erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott. Die
-Welt ist Gott. Das Jenseits beruht auf einem Mißverständnis derer,
-die glauben, daß das Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in
-sich hat. Sie sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden,
-was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen. Deshalb hat aber auch
-noch keine Spekulation einen Inhalt zu Tage gefördert, der nicht aus
-der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre. Der persönliche Gott
-ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch, der Wille Schopenhauers
-die verabsolutierte menschliche Willenskraft, das aus Idee und Wille
-zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung
-zweier Abstraktionen aus der Erfahrung. Genau dasselbe ist von allen
-anderen jenseitigen Prinzipien zu sagen.
-
-Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit
-hinaus, in der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles in
-dieser Welt liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht. Wenn sich die
-Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der Welt
-aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein Jenseits
-versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch möglich sein, wenn
-der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er ohnedies
-gehört. Alles Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und
-die aus der Welt hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht
-besser, als die in derselben liegenden. Das sich selbst verstehende
-Denken fordert aber auch gar nicht zu einem solchen Hinausgehen auf,
-da es keinen Gedankeninhalt giebt, der nicht innerhalb der Welt
-einen Wahrnehmungsinhalt findet, mit dem zusammen er ein Wirkliches
-bildet. Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre
-Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf
-einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen. Durch diesen Wahrnehmungsinhalt
-gliedern sie sich der Wirklichkeit ein. Ein Begriff, der mit einem
-Inhalt erfüllt ist, der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen soll,
-ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht. Ersinnen
-können wir nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu
-finden, bedarf es auch noch des Wahrnehmens. Ein Urwesen der Welt,
-für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes
-Denken eine unmögliche Annahme. Der Monismus leugnet nicht das Ideelle,
-er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück
-fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet
-des Denkens nichts, das nicht der diesseitigen Welt angehörte. Der
-Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt,
-die Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen
-derselben vorzudringen, eine Halbheit. Aber er betrachtet ebenso
-als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in
-der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die beobachtbare Welt
-umspannende Begriffsnetz einfügen. Er kennt daher keine Ideen, die auf
-ein jenseits unserer Erfahrung liegendes Objektives hindeuten, und die
-den Inhalt einer Metaphysik bilden sollen. Alles was die Menschheit an
-solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung,
-deren Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur übersehen wird.
-
-Ebensowenig können nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres
-Handelns aus einem Jenseits entnommen werden. Sie müssen, insofern sie
-gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen. Der Mensch macht
-nicht die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen
-individuellen Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von
-seiner moralischen Phantasie gegebenen. Die in einer Handlung sich
-verwirklichende Idee löst der Mensch aus der einigen Ideenwelt los
-und legt sie seinem Wollen zu Grunde. In seinem Handeln leben sich
-also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote
-aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen
-Intuitionen. Der Monismus kennt keinen Weltenlenker, der außerhalb
-unserer selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte. Der Mensch
-findet keinen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse
-er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen
-er mit seinen Handlungen hinzuzusteuern hat. Er ist auf sich selbst
-zurückgewiesen. Er selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben. Wenn
-er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines
-Wollens sucht, so forscht er vergebens. Er muß sie, wenn er über die
-Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt
-hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen,
-wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen
-Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß alles
-Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er sich
-selbst aus der Welt seiner Ideen heraus giebt, oder die ihm andere
-aus derselben heraus geben. Er wird, wenn er über sein sinnliches
-Triebleben und über die Ausführung der Befehle anderer Menschen
-hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst bestimmt. Er muß
-aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten
-Antrieb handeln. Ideell ist dieser Antrieb allerdings in der einigen
-Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur durch den Menschen
-aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden. Für die
-aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen
-kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund finden. Daß
-eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es
-geschehen kann. Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem
-Menschen selbst. Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner
-Handlung. Er ist frei.
-
-
- ENDE.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ANMERKUNGEN
-
-
-[1] transcendental ist eine Erkenntnis, welche sich bewußt ist,
-daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden kann,
-sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf
-das Unbekannte, jenseits das Subjektiven Liegende (Transcendente)
-macht. Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes
-der uns unmittelbar erkennbaren Welt, d. i. transcendent. Unsere
-Welt kann aber auf das Transcendente transcendental bezogen
-werden. Realismus heißt Hartmanns Anschauung, weil sie über das
-Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transcendente, Reale geht.
-
-[2] Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit
-findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in
-Eduard von Hartmanns: "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins".
-
-[3] Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen
-an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die
-Lehre der alten Psychologie von den Seelenvermögen erblicken. Der
-Zusammenhang mit dem S. 94 Gesagten ergiebt genau die Bedeutung
-des Wortes.
-
-[4] Wenn Paulsen (S. 15 des angeführten Buches) sagt: "Verschiedene
-Naturanlage und Lebensbedingungen erfordern wie eine verschiedene
-leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische Diät", so ist
-er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft aber den entscheidenden
-Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche ich keine
-Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den
-allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang bringen. Als Individuum
-bin ich aber kein Exemplar der Gattung.
-
-[5] Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung
-bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens
-während der gedanklichen Thätigkeit nicht mit ins Beobachtungsfeld
-eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der Beobachtung
-werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere Charakteristik des
-Handelns gewonnen.
-
-[6] Von dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in
-Unlust umschlägt, sehen wir hier ab.
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-***** This file should be named 53493-0.txt or 53493-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/4/9/53493/
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/old/53493-0.zip b/old/53493-0.zip
deleted file mode 100644
index 43444d6..0000000
--- a/old/53493-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h.zip b/old/53493-h.zip
deleted file mode 100644
index 0f25d25..0000000
--- a/old/53493-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/53493-h.htm b/old/53493-h/53493-h.htm
deleted file mode 100644
index ad828bf..0000000
--- a/old/53493-h/53493-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,7628 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"
-"http://www.w3.org/TR/html4/loose.dtd">
-<html lang="de">
-<head>
-<meta http-equiv="content-type" content="text/html; charset=utf-8">
-<title>Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung.</title>
-
-<style type="text/css">
-
-body {
-font-family: "Times New Roman", Times, serif;
-font-size: 100%;
-line-height: 1.2em;
-text-align: left;
-}
-.div0 {
-padding-top: 5.6em;
-}
-.div1 {
-padding-top: 4.8em;
-}
-.div2 {
-padding-top: 3.6em;
-}
-.div3, .div4, .div5 {
-padding-top: 2.4em;
-}
-h1, h2, h3, h4, h5, h6, .h1, .h2, .h3, .h4 {
-clear: both;
-font-style: normal;
-text-transform: none;
-}
-h3, .h3 {
-font-size: 1.2em;
-line-height: 1.2em;
-}
-h3.label {
-font-size: 1em;
-line-height: 1.2em;
-margin-bottom: 0;
-}
-h4, .h4 {
-font-size: 1em;
-line-height: 1.2em;
-}
-.alignleft {
-text-align: left;
-}
-.alignright {
-text-align: right;
-}
-.alignblock {
-text-align: justify;
-}
-p.tb, hr.tb, .par.tb {
-margin-top: 1.6em;
-margin-bottom: 1.6em;
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-text-align: center;
-}
-p.argument, p.note, p.tocArgument, .par.argument, .par.note, .par.tocArgument
-{
-font-size: 0.9em;
-line-height: 1.2em;
-text-indent: 0;
-}
-p.argument, p.tocArgument, .par.argument, .par.tocArgument {
-margin: 1.58em 10%;
-}
-.opener, .address {
-margin-top: 1.6em;
-margin-bottom: 1.6em;
-}
-.addrline {
-margin-top: 0;
-margin-bottom: 0;
-}
-.dateline {
-margin-top: 1.6em;
-margin-bottom: 1.6em;
-text-align: right;
-}
-.salute {
-margin-top: 1.6em;
-margin-left: 3.58em;
-text-indent: -2em;
-}
-.signed {
-margin-top: 1.6em;
-margin-left: 3.58em;
-text-indent: -2em;
-}
-.epigraph {
-font-size: 0.9em;
-line-height: 1.2em;
-width: 60%;
-margin-left: auto;
-}
-.epigraph span.bibl {
-display: block;
-text-align: right;
-}
-.trailer {
-clear: both;
-padding-top: 2.4em;
-padding-bottom: 1.6em;
-}
-span.parnum {
-font-weight: bold;
-}
-.pagenum {
-display: inline;
-font-size: 70%;
-font-style: normal;
-margin: 0;
-padding: 0;
-position: absolute;
-right: 1%;
-text-align: right;
-}
-span.corr, span.gap {
-border-bottom: 1px dotted red;
-}
-span.abbr {
-border-bottom: 1px dotted gray;
-}
-span.measure {
-border-bottom: 1px dotted green;
-}
-.ex {
-letter-spacing: 0.2em;
-}
-.sc {
-font-variant: small-caps;
-}
-.uc {
-text-transform: uppercase;
-}
-.tt {
-font-family: monospace;
-}
-.underline {
-text-decoration: underline;
-}
-.overline, .overtilde {
-text-decoration: overline;
-}
-.rm {
-font-style: normal;
-}
-.red {
-color: red;
-}
-hr {
-clear: both;
-height: 1px;
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-margin-top: 1em;
-text-align: center;
-width: 45%;
-}
-.aligncenter {
-text-align: center;
-}
-h1, h2 {
-font-size: 1.44em;
-line-height: 1.5em;
-}
-h1.label, h2.label {
-font-size: 1.2em;
-line-height: 1.2em;
-margin-bottom: 0;
-}
-h5, h6 {
-font-size: 1em;
-font-style: italic;
-line-height: 1em;
-}
-p, .par {
-text-indent: 0;
-}
-p.firstlinecaps:first-line, .par.firstlinecaps:first-line {
-text-transform: uppercase;
-}
-.hangq {
-text-indent: -0.32em;
-}
-.hangqq {
-text-indent: -0.40em;
-}
-.hangqqq {
-text-indent: -0.71em;
-}
-p.dropcap:first-letter, .par.dropcap:first-letter {
-float: left;
-clear: left;
-margin: 0em 0.05em 0 0;
-padding: 0px;
-line-height: 0.8em;
-font-size: 420%;
-vertical-align: super;
-}
-p.quote, div.blockquote, div.argument, .par.quote {
-font-size: 0.9em;
-line-height: 1.2em;
-margin: 1.58em 5%;
-}
-.pagenum a, a.noteref:hover, a.hidden:hover, a.hidden {
-text-decoration: none;
-}
-ul {
-list-style-type: none;
-}
-.advertisment {
-background-color: #FFFEE0;
-border: black 1px dotted;
-color: #000;
-margin: 2em 5%;
-padding: 1em;
-}
-.itemGroupTable {
-border-collapse: collapse;
-margin-left: 0;
-}
-.itemGroupTable td {
-padding: 0;
-margin: 0;
-vertical-align: middle;
-}
-.itemGroupBrace {
-padding: 0 0.5em !important;
-}
-.footnotes .body, .footnotes .div1 {
-padding: 0;
-}
-.fnarrow {
-color: #AAAAAA;
-font-weight: bold;
-text-decoration: none;
-}
-a.noteref, a.pseudonoteref {
-font-size: 80%;
-text-decoration: none;
-vertical-align: 0.25em;
-}
-.displayfootnote {
-display: none;
-}
-div.footnotes {
-font-size: 80%;
-margin-top: 1em;
-padding: 0;
-}
-hr.fnsep {
-margin-left: 0;
-margin-right: 0;
-text-align: left;
-width: 25%;
-}
-p.footnote, .par.footnote {
-margin-bottom: 0.5em;
-margin-top: 0.5em;
-}
-p.footnote .label, .par.footnote .label {
-float: left;
-width: 2em;
-height: 12pt;
-display: block;
-}
-.marginnote {
-font-size: 0.8em;
-height: 0;
-left: 1%;
-line-height: 1.2em;
-position: absolute;
-text-indent: 0;
-width: 14%;
-}
-.apparatusnote {
-text-decoration: none;
-}
-span.tocPageNum, span.flushright {
-position: absolute;
-right: 16%;
-top: auto;
-}
-table.tocList {
-width: 100%;
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-border-width: 0;
-border-collapse: collapse;
-}
-td.tocPageNum, td.tocDivNum {
-text-align: right;
-min-width: 10%;
-border-width: 0;
-}
-td.tocDivNum {
-padding-left: 0;
-padding-right: 0.5em;
-}
-td.tocPageNum {
-padding-left: 0.5em;
-padding-right: 0;
-}
-td.tocDivTitle {
-width: auto;
-}
-p.tocPart, .par.tocPart {
-margin: 1.58em 0%;
-font-variant: small-caps;
-}
-p.tocChapter, .par.tocChapter {
-margin: 1.58em 0%;
-}
-p.tocSection, .par.tocSection {
-margin: 0.7em 5%;
-}
-table.tocList td {
-vertical-align: top;
-}
-table.tocList td.tocPageNum {
-vertical-align: bottom;
-}
-table.inner {
-display: inline-table;
-border-collapse: collapse;
-width: 100%;
-}
-td.itemNum {
-text-align: right;
-min-width: 5%;
-padding-right: 0.8em;
-}
-td.innerContainer {
-padding: 0;
-margin: 0;
-}
-.index {
-font-size: 80%;
-}
-.indextoc {
-text-align: center;
-}
-.transcribernote {
-background-color: #DDE;
-border: black 1px dotted;
-color: #000;
-font-family: sans-serif;
-font-size: 80%;
-margin: 2em 5%;
-padding: 1em;
-}
-.correctiontable {
-width: 75%;
-}
-.width20 {
-width: 20%;
-}
-.width40 {
-width: 40%;
-}
-p.smallprint, li.smallprint, .par.smallprint {
-color: #666666;
-font-size: 80%;
-}
-.titlePage {
-border: #DDDDDD 2px solid;
-margin: 3em 0% 7em 0%;
-padding: 5em 10% 6em 10%;
-text-align: center;
-}
-.titlePage .docTitle {
-line-height: 3.5em;
-margin: 2em 0% 2em 0%;
-font-weight: bold;
-}
-.titlePage .docTitle .mainTitle {
-font-size: 1.8em;
-}
-.titlePage .docTitle .subTitle, .titlePage .docTitle .seriesTitle,
-.titlePage .docTitle .volumeTitle {
-font-size: 1.44em;
-}
-.titlePage .byline {
-margin: 2em 0% 2em 0%;
-font-size: 1.2em;
-line-height: 1.72em;
-}
-.titlePage .byline .docAuthor {
-font-size: 1.2em;
-font-weight: bold;
-}
-.titlePage .figure {
-margin: 2em 0% 2em 0%;
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-}
-.titlePage .docImprint {
-margin: 4em 0% 0em 0%;
-font-size: 1.2em;
-line-height: 1.72em;
-}
-.titlePage .docImprint .docDate {
-font-size: 1.2em;
-font-weight: bold;
-}
-div.figure {
-text-align: center;
-}
-.figure {
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-}
-.floatLeft {
-float: left;
-margin: 10px 10px 10px 0;
-}
-.floatRight {
-float: right;
-margin: 10px 0 10px 10px;
-}
-p.figureHead, .par.figureHead {
-font-size: 100%;
-text-align: center;
-}
-.figAnnotation {
-font-size: 80%;
-position: relative;
-margin: 0 auto;
-}
-.figTopLeft, .figBottomLeft {
-float: left;
-}
-.figTop, .figBottom {
-}
-.figTopRight, .figBottomRight {
-float: right;
-}
-.figure p, .figure .par {
-font-size: 80%;
-margin-top: 0;
-text-align: center;
-}
-img {
-border-width: 0;
-}
-td.galleryFigure {
-text-align: center;
-vertical-align: middle;
-}
-td.galleryCaption {
-text-align: center;
-vertical-align: top;
-}
-.lgouter {
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-display: table;
-}
-.lg {
-text-align: left;
-padding: .5em 0% .5em 0%;
-}
-.lg h4, .lgouter h4 {
-font-weight: normal;
-}
-.lg .lineNum, .sp .lineNum, .lgouter .lineNum {
-color: #777;
-font-size: 90%;
-left: 16%;
-margin: 0;
-position: absolute;
-text-align: center;
-text-indent: 0;
-top: auto;
-width: 1.75em;
-}
-p.line, .par.line {
-margin: 0 0% 0 0%;
-}
-span.hemistich {
-color: white;
-}
-.versenum {
-font-weight: bold;
-}
-.speaker {
-font-weight: bold;
-margin-bottom: 0.4em;
-}
-.sp .line {
-margin: 0 10%;
-text-align: left;
-}
-.castlist, .castitem {
-list-style-type: none;
-}
-.castGroupTable {
-border-collapse: collapse;
-}
-.castGroupTable td {
-padding: 0;
-margin: 0;
-vertical-align: middle;
-}
-.castGroupBrace {
-padding: 0 0.5em !important;
-}
-body {
-padding: 1.58em 16%;
-}
-body {
-background: #FFFFFF;
-font-family: "Times New Roman", Times, serif;
-}
-body, a.hidden {
-color: black;
-}
-h1, .h1 {
-padding-bottom: 5em;
-}
-h1, h2, .h1, .h2 {
-text-align: center;
-font-variant: small-caps;
-font-weight: normal;
-}
-p.byline {
-text-align: center;
-font-style: italic;
-margin-bottom: 2em;
-}
-.figureHead, .noteref, .pseudonoteref, .marginnote, p.legend, .versenum
-{
-color: #660000;
-}
-.rightnote, .pagenum, .linenum, .pagenum a {
-color: #AAAAAA;
-}
-a.hidden:hover, a.noteref:hover {
-color: red;
-}
-h1, h2, h3, h4, h5, h6 {
-font-weight: normal;
-}
-table {
-margin-left: auto;
-margin-right: auto;
-}
-.tablecaption {
-text-align: center;
-}.pagenum, .linenum {
-speak: none;
-}
-</style>
-
-<style type="text/css">
-.adReview {
-font-size: smaller;
-margin-left: 1em;
-margin-right: 1em;
-}
-/* CSS rules generated from @rend attributes in TEI file */
-.xd23e88width
-{
-width:480px;
-}
-.xd23e95width
-{
-width:468px;
-}
-.xd23e127
-{
-text-align:center;
-}
-.xd23e595
-{
-text-align:right;
-}
-.xd23e2982
-{
-text-align:center;
-}
-.xd23e3117
-{
-text-align:center;font-size:smaller;
-}
-</style>
-</head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Philosophie der Freiheit
- Grundzüge einer modernen Weltanschauung
-
-Author: Rudolf Steiner
-
-Release Date: November 10, 2016 [EBook #53493]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-
-
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="front">
-<div class="div1 cover"><span class="pagenum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first"></p>
-<div class="figure xd23e88width"><img src="images/new-cover.jpg" alt="Neu gefasster Vorderdeckel." width="480" height="720"></div>
-<p class="par"></p>
-</div>
-</div>
-<div class="div1 titlepage"><span class="pagenum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first"></p>
-<div class="figure xd23e95width"><img src="images/titlepage.png" alt="Originaltitelblatt." width="468" height="720"></div>
-<p class="par"></p>
-</div>
-</div>
-<div class="titlePage">
-<div class="docTitle">
-<div class="mainTitle">DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT.</div>
-<div class="subTitle">GRUNDZ&Uuml;GE EINER MODERNEN
-WELTANSCHAUUNG.</div>
-</div>
-<div class="byline">VON<br>
-<span class="docAuthor">D<sup>R.</sup> RUDOLF STEINER.</span><br>
-Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher Methode.</div>
-<div class="docImprint">BERLIN.<br>
-VERLAG VON EMIL FELBER.<br>
-<span class="docDate">1894.</span></div>
-</div>
-<div class="div1 copyright"><span class="pagenum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divBody">
-<p class="par first xd23e127">Alle Rechte vorbehalten.</p>
-</div>
-</div>
-<div id="toc" class="div1 contents"><span class="pagenum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="main">Inhalt.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first"><b>Wissenschaft der Freiheit.</b>
-&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <span class="tocPageNum">Seite</span></p>
-<table class="tocList">
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch1" id="xd23e142" name="xd23e142">Die Ziele alles Wissens</a></td>
-<td class="tocPageNum">3</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch2" id="xd23e149" name="xd23e149">Das bewu&szlig;te menschliche Handeln</a></td>
-<td class="tocPageNum">9</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch3" id="xd23e156" name="xd23e156">Der Grundtrieb zur Wissenschaft</a></td>
-<td class="tocPageNum">22</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch4" id="xd23e163" name="xd23e163">Das Denken im Dienste der Weltauffassung</a></td>
-<td class="tocPageNum">31</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch5" id="xd23e170" name="xd23e170">Die Welt als Wahrnehmung</a></td>
-<td class="tocPageNum">52</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch6" id="xd23e177" name="xd23e177">Das Erkennen der Welt</a></td>
-<td class="tocPageNum">77</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch7" id="xd23e184" name="xd23e184">Die menschliche Individualit&auml;t</a></td>
-<td class="tocPageNum">100</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch8" id="xd23e191" name="xd23e191">Giebt es Grenzen des Erkennens?</a></td>
-<td class="tocPageNum">108</td>
-</tr>
-</table>
-<p class="par"><b>Die Wirklichkeit der Freiheit.</b></p>
-<table class="tocList">
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch9" id="xd23e203" name="xd23e203">Die Faktoren des Lebens</a></td>
-<td class="tocPageNum">129</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch10" id="xd23e210" name="xd23e210">Die Idee der Freiheit</a></td>
-<td class="tocPageNum">136</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch11" id="xd23e217" name="xd23e217">Freiheitsphilosophie und Monismus</a></td>
-<td class="tocPageNum">162</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch12" id="xd23e224" name="xd23e224">Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen)</a></td>
-<td class="tocPageNum">170</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch13" id="xd23e231" name="xd23e231">Die moralische Phantasie (Darwinismus und
-Sittlichkeit)</a></td>
-<td class="tocPageNum">177</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch14" id="xd23e238" name="xd23e238">Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus)</a></td>
-<td class="tocPageNum">191</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch15" id="xd23e245" name="xd23e245">Individualit&auml;t und Gattung</a></td>
-<td class="tocPageNum">224</td>
-</tr>
-</table>
-<p class="par"><b>Die letzten Fragen.</b></p>
-<table class="tocList">
-<tr>
-<td class="tocDivNum"></td>
-<td class="tocDivTitle" colspan="7"><a href="#ch16" id="xd23e257" name="xd23e257">Die Konsequenzen des Monismus</a></td>
-<td class="tocPageNum">233</td>
-</tr>
-</table>
-<span class="pagenum">[<a id="pb1" href="#pb1" name="pb1">1</a>]</span></div>
-</div>
-</div>
-<div class="body">
-<div class="div0 part">
-<h2 class="main">Wissenschaft der Freiheit.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb3" href="#pb3" name="pb3">3</a>]</span></p>
-<div id="ch1" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e142">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament01.png" alt="I." width="626" height="134"></div>
-<h2 class="label">I.</h2>
-<h2 class="main">Die Ziele alles Wissens.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Ich glaube einen Grundzug unseres Zeitalters
-richtig zu treffen, wenn ich sage: der Kultus des menschlichen
-Individuums strebt gegenw&auml;rtig dahin, Mittelpunkt aller
-Lebensinteressen zu werden. Mit Energie wird die &Uuml;berwindung jeder
-wie immer gearteten Autorit&auml;t erstrebt. Was gelten soll, mu&szlig;
-seinen Ursprung in den Wurzeln der Individualit&auml;t haben.
-Abgewiesen wird alles, was die volle Entfaltung der Kr&auml;fte des
-Einzelnen hemmt. &bdquo;Ein jeglicher mu&szlig; seinen Helden
-w&auml;hlen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet,&ldquo;
-gilt nicht mehr für uns. Wir lassen uns keine Ideale
-aufdr&auml;ngen; wir sind überzeugt, da&szlig; in jedem von uns
-etwas lebt, das edel ist und wert, zur Entwicklung zu kommen, wenn wir
-nur tief genug, bis in den Grund unseres Wesens, hinabzusteigen
-verm&ouml;gen. Wir glauben nicht mehr daran, da&szlig; es einen
-Normalmenschen giebt, zu dem <span class="ex">alle</span> hinstreben
-sollen. Unsere Anschauung von der Vollkommenheit des Ganzen ist die,
-da&szlig; es auf der besonderen Vollkommenheit jedes einzelnen
-Individuums beruht. Nicht <span class="pagenum">[<a id="pb4" href="#pb4" name="pb4">4</a>]</span>das, was jeder andere <span class="ex">auch</span> kann, wollen wir hervorbringen, sondern, was nach der
-Eigentümlichkeit unseres Wesens nur uns m&ouml;glich ist, soll als
-unser Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden. Niemals
-wollten die Künstler weniger wissen von Normen und Regeln der
-Kunst als heute. Jeder behauptet ein Recht zu haben, <span class="ex">das</span> künstlerisch zu gestalten, was <span class="ex">ihm</span> eigen ist. Es giebt Dramatiker, die lieber im Dialekt
-schreiben, als in einer von der Grammatik geforderten
-Normalsprache.</p>
-<p class="par">Keinen besseren Ausdruck kann ich finden für diese
-Erscheinungen als den: sie gehen hervor aus dem bis aufs H&ouml;chste
-gesteigerten Freiheitsdrang des Individuums. Wir wollen nach keiner
-Richtung abh&auml;ngig sein; und wo Abh&auml;ngigkeit sein <span class="ex">mu&szlig;</span>, da ertragen wir sie nur, wenn sie mit einem
-Lebensinteresse unseres Individuums zusammenf&auml;llt.</p>
-<p class="par">Ein solches Zeitalter kann auch die <span class="ex">Wahrheit</span> nur aus der Tiefe des menschlichen Wesens
-sch&ouml;pfen wollen. Von Schillers bekannten zwei Wegen:</p>
-<div class="lgouter">
-<div class="lg">
-<p class="line">&bdquo;Wahrheit suchen wir beide, du au&szlig;en im
-Leben, ich innen</p>
-<p class="line">In dem Herzen, und so findet sie jeder gewi&szlig;.</p>
-</div>
-<div class="lg">
-<p class="line">Ist das Auge gesund, so begegnet es au&szlig;en dem
-Sch&ouml;pfer;</p>
-<p class="line">Ist es das Herz, dann gewi&szlig; spiegelt es innen die
-Welt&ldquo;</p>
-</div>
-</div>
-<p class="par first">wird der Gegenwart vorzüglich der zweite
-frommen. Eine Wahrheit, die uns von au&szlig;en kommt, tr&auml;gt immer
-den Stempel der Unsicherheit an sich. Nur was einem jeden von uns in
-seinem eigenen Innern als Wahrheit erscheint, daran m&ouml;gen wir
-glauben.</p>
-<p class="par">Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im
-Entwickeln unserer individuellen Kr&auml;fte. Wer von Zweifeln
-gequ&auml;lt ist, dessen Kr&auml;fte sind gel&auml;hmt. In <span class="pagenum">[<a id="pb5" href="#pb5" name="pb5">5</a>]</span>einer Welt,
-die ihm r&auml;tselhaft ist, kann er kein Ziel seines Schaffens
-finden.</p>
-<p class="par">Wir wollen nicht mehr <span class="ex">glauben</span>;
-wir wollen <span class="ex">wissen</span>. Der Glaube fordert
-Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir
-aber nicht durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit
-seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das <span class="ex">Wissen</span> befriedigt uns, das keiner &auml;u&szlig;eren Norm
-sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben der Pers&ouml;nlichkeit
-entspringt.</p>
-<p class="par">Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrornen
-Schulregeln sich ein- für allemal ausgestaltet hat, und in,
-für alle Zeiten gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir
-halten uns jeder berechtigt, von seinen n&auml;chsten Erfahrungen,
-seinen unmittelbaren Erlebnissen auszugehen, und von da aus zur
-Erkenntnis des ganzen Universums aufzusteigen. Wir erstreben ein
-sicheres Wissen, aber jeder auf seine eigene Art.</p>
-<p class="par">Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr
-eine solche Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines
-unbedingten Zwanges w&auml;re. Keiner von uns m&ouml;chte einer
-wissenschaftlichen Schrift einen Titel geben, wie einst <span class="ex">Fichte</span>: &bdquo;Sonnenklarer Bericht an das
-gr&ouml;&szlig;ere Publikum über das eigentliche Wesen der
-neuesten Philosophie. <span class="ex">Ein Versuch, die Leser zum
-Verstehen zu zwingen.</span>&ldquo; Heute soll niemand zum Verstehen
-<span class="ex">gezwungen</span> werden. Wen nicht ein besonderes,
-individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem
-fordern wir keine Anerkennung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem
-Kinde, wollen wir gegenw&auml;rtig <span class="pagenum">[<a id="pb6"
-href="#pb6" name="pb6">6</a>]</span>keine Erkenntnisse eintrichtern,
-sondern wir suchen seine F&auml;higkeiten zu entwickeln, damit es nicht
-mehr zum Verstehen <span class="ex">gezwungen</span> zu werden braucht,
-sondern verstehen <span class="ex">will</span>.</p>
-<p class="par">Ich gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf diese
-Charakteristik meines Zeitalters. Ich wei&szlig;, wie viel
-individualit&auml;tloses Schablonentum lebt und sich breit macht. Aber
-ich wei&szlig; ebenso gut, da&szlig; viele meiner Zeitgenossen im Sinne
-der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten suchen. Ihnen
-m&ouml;chte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht &bdquo;den einzig
-m&ouml;glichen&ldquo; Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von
-demjenigen <span class="ex">erz&auml;hlen</span>, den einer
-eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.</p>
-<p class="par">Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo
-der Gedanke scharfe Contouren ziehen mu&szlig;, um zu sichern Punkten
-zu kommen. Aber der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus
-auch in das konkrete Leben geführt. Ich bin eben durchaus der
-Ansicht, da&szlig; man auch in das &Auml;therreich der Abstraktion sich
-erheben mu&szlig;, wenn man das Dasein nach allen Richtungen durchleben
-will. Wer nur mit den Sinnen zu genie&szlig;en versteht, der kennt die
-Leckerbissen des Lebens nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die
-Lernenden erst Jahre eines entsagenden und asketischen Lebens
-verbringen, bevor sie ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das
-Abendland fordert zur Wissenschaft keine frommen &Uuml;bungen und keine
-Askese mehr, aber es verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit
-sich den unmittelbaren Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in
-das Gebiet der reinen Gedankenwelt sich zu begeben. <span class="pagenum">[<a id="pb7" href="#pb7" name="pb7">7</a>]</span></p>
-<p class="par">Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes
-einzelne entwickeln sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst
-aber ist eine Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind,
-sich in die einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie
-sich von der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es mu&szlig; ein
-Wissen geben, das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht,
-um den Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der
-wissenschaftliche Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse
-ein Bewu&szlig;tsein von der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in
-dieser Schrift ist das Ziel ein philosophisches: die Wissenschaft soll
-selbst organisch-lebendig werden. Die Einzelwissenschaften sind
-Vorstufen der hier angestrebten Wissenschaft. Ein &auml;hnliches
-Verh&auml;ltnis herrscht in den Künsten. Der Komponist arbeitet
-auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere ist eine Summe von
-Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige Vorbedingung des Komponierens
-ist. Im Komponieren dienen die Gesetze der Kompositionslehre dem Leben,
-der realen Wirklichkeit. Genau in demselben Sinne ist die Philosophie
-eine <span class="ex">Kunst</span>. Alle wirklichen Philosophen waren
-<span class="ex">Begriffskünstler</span>. Für sie wurden die
-menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode
-zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch
-konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensm&auml;chte. Wir
-haben dann nicht blo&szlig; ein Wissen von den Dingen, sondern wir
-haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus
-gemacht; unser wirkliches, th&auml;tiges Bewu&szlig;tsein hat sich
-über ein blo&szlig; passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
-<span class="pagenum">[<a id="pb8" href="#pb8" name="pb8">8</a>]</span></p>
-<p class="par">Wie sich die Philosophie als Kunst zur <span class="ex">Freiheit</span> des Menschen verh&auml;lt, was die letztere ist,
-und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden k&ouml;nnen: das ist
-die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen
-Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufkl&auml;rung
-geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am
-n&auml;chsten liegenden Fragen. Eine &bdquo;<span class="ex">Philosophie der Freiheit</span>&ldquo; soll in diesen
-Bl&auml;ttern gegeben werden.</p>
-<p class="par">Alle Wissenschaft w&auml;re nur Befriedigung
-mü&szlig;iger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erh&ouml;hung des
-<span class="ex">Daseinswertes der menschlichen
-Pers&ouml;nlichkeit</span> hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die
-Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung
-ihrer Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen
-Seelenverm&ouml;gens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die
-Entwicklung aller in uns schlummernden F&auml;higkeiten. Das Wissen hat
-nur dadurch Wert, da&szlig; es einen Beitrag liefert zur <span class="ex">allseitigen</span> Entfaltung der <span class="ex">ganzen</span>
-Menschennatur.</p>
-<p class="par">Diese Schrift fa&szlig;t deshalb die Beziehung zwischen
-Wissenschaft und Leben nicht so auf, da&szlig; der Mensch sich der Idee
-zu beugen hat und seine Kr&auml;fte ihrem Dienst weihen soll, sondern
-in dem Sinne, da&szlig; er sich der Ideenwelt bem&auml;chtigt, um sie
-zu seinen <span class="ex">menschlichen</span> Zielen, die über
-die blo&szlig; wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.</p>
-<p class="par">Man mu&szlig; sich der Idee als Herr
-gegenüberstellen, <span class="ex">sonst</span> ger&auml;t man
-unter ihre Knechtschaft. <span class="pagenum">[<a id="pb9" href="#pb9"
-name="pb9">9</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch2" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e149">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament02.png" alt="II." width="628" height="145"></div>
-<h2 class="label">II.</h2>
-<h2 class="main">Das bewu&szlig;te menschliche Handeln.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln
-<span class="ex">frei</span>, oder steht er unter dem Zwange einer
-ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen ist soviel Scharfsinn gewendet
-worden, als auf diese. Die Idee der Freiheit hat warme Anh&auml;nger
-wie hartn&auml;ckige Gegner in reicher Zahl gefunden. Es giebt
-Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für einen
-beschr&auml;nkten Geist erkl&auml;ren, der eine so offenkundige
-<span class="ex">Thatsache</span> wie die Freiheit zu leugnen vermag.
-Ihnen stehen andere gegenüber, die darin den Gipfel der
-Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand die
-Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen
-Handelns und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird
-hier gleich oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für
-die &auml;rgste Illusion erkl&auml;rt. Unendliche Spitzfindigkeit wurde
-aufgewendet, um zu erkl&auml;ren, wie sich die menschliche Freiheit mit
-dem Wirken in der Natur, der doch auch der Mensch angeh&ouml;rt,
-vertr&auml;gt. Nicht geringer ist die Mühe, mit der von anderer
-Seite begreiflich zu machen gesucht <span class="pagenum">[<a id="pb10"
-href="#pb10" name="pb10">10</a>]</span>wurde, wie eine solche Wahnidee
-hat entstehen k&ouml;nnen. Da&szlig; man es hier mit einer der
-wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der
-Wissenschaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das
-Gegenteil von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines
-Charakters ist. Und es geh&ouml;rt zu den traurigen Zeichen der
-Oberfl&auml;chlichkeit gegenw&auml;rtigen Denkens, da&szlig; ein Buch,
-das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung einen &bdquo;neuen
-Glauben&ldquo; pr&auml;gen will (Dav. Fried. Strauss: &bdquo;Der alte
-und neue Glaube&ldquo;), über diese Frage nichts enth&auml;lt als
-die Worte: &bdquo;Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen
-Willens haben wir uns hierbei nicht einzulassen. Die vermeintlich
-indifferente Wahlfreiheit ist von jeder Philosophie, die des Namens
-wert war, immer als ein leeres Phantom erkannt worden; die sittliche
-Wertbestimmung der menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt
-von jener Frage unberührt.&ldquo; Nicht weil ich glaube, da&szlig;
-das Buch, in dem sie steht, eine besondere Bedeutung hat, führe
-ich diese Stelle hier an, sondern weil sie mir die Meinung
-auszusprechen scheint, bis zu der sich in der fraglichen Angelegenheit
-die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen aufzuschwingen vermag.
-Da&szlig; die Freiheit darin nicht bestehen k&ouml;nne, von zwei
-m&ouml;glichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die andere
-zu w&auml;hlen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch
-macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Es ist
-immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter <span class="ex">Grund</span> vorhanden, warum man von mehreren m&ouml;glichen
-Handlungen gerade eine bestimmte zur Ausführung bringt.
-<span class="pagenum">[<a id="pb11" href="#pb11" name="pb11">11</a>]</span></p>
-<p class="par">Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum
-heutigen Tage die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die
-Wahlfreiheit. Sagt doch sogar Herbert <span class="ex">Spencer</span>,
-dessen Ansichten mit jedem Tage an Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien
-der Psychologie, von Herbert <span class="ex">Spencer</span>, deutsche
-Ausgabe von Dr. B. <span class="ex">Vetter</span>, Stuttgart 1882):
-&bdquo;<span class="ex">Da&szlig; aber jedermann auch nach Belieben
-begehren oder nicht begehren k&ouml;nne</span>, was der eigentliche, im
-Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das wird freilich ebensosehr
-durch die Analyse des Bewu&szlig;tseins, als durch den Inhalt der
-vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint.&ldquo; Von demselben
-Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff des freien
-Willens bek&auml;mpfen. Im Keime finden sich alle diesbezüglichen
-Ausführungen schon bei <span class="ex">Spinoza</span>. Was dieser
-klar und einfach gegen die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde
-seitdem unz&auml;hlige Male wiederholt, nur eingehüllt zumeist in
-die spitzfindigsten theoretischen Lehren, soda&szlig; es schwer wird,
-den schlichten Gedankengang, auf den es allein ankommt, zu erkennen.
-Spinoza schreibt in einem Briefe vom Oktober oder November 1674:
-&bdquo;Ich nenne n&auml;mlich die Sache <span class="ex">frei</span>,
-die aus der blo&szlig;en Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt,
-und <span class="ex">gezwungen</span> nenne ich die, welche von etwas
-anderem zum Dasein und Wirken in genauer und fester Weise bestimmt
-wird. So besteht z. B. Gott, obgleich notwendig, doch frei, weil er nur
-aus der Notwendigkeit seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott
-sich selbst und alles andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner
-Natur allein folgt, da&szlig; er alles <span class="pagenum">[<a id="pb12" href="#pb12" name="pb12">12</a>]</span>erkennt. Sie sehen also,
-da&szlig; ich die Freiheit nicht in ein freies Beschlie&szlig;en,
-sondern in eine freie Notwendigkeit setze.</p>
-<p class="par">&bdquo;Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen
-herabsteigen, welche s&auml;mtlich von &auml;u&szlig;eren Ursachen
-bestimmt werden, in fester und genauer Weise zu bestehen und zu wirken.
-Um dies deutlicher einzusehen, wollen wir uns eine ganz einfache Sache
-vorstellen. So erh&auml;lt z. B. ein Stein von einer
-&auml;u&szlig;eren, ihn sto&szlig;enden Ursache eine gewisse Menge von
-Bewegung, mit der er nachher, wenn der Sto&szlig; der
-&auml;u&szlig;eren Ursache aufgeh&ouml;rt hat, notwendig
-fortf&auml;hrt, sich zu bewegen. Dieses Beharren des Steines in seiner
-Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein notwendiges, weil es
-durch den <span class="corr" id="xd23e445" title="Quelle: Stoss">Sto&szlig;</span> einer &auml;u&szlig;eren Ursache
-definiert werden mu&szlig;. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder
-anderen einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu
-vielem geeignet sein, n&auml;mlich, da&szlig; jede Sache notwendig von
-einer &auml;u&szlig;eren Ursache bestimmt wird, in fester und genauer
-Weise zu bestehen und zu wirken.</p>
-<p class="par">&bdquo;<span class="ex">Nehmen Sie nun, ich bitte, an,
-da&szlig; der Stein, w&auml;hrend er sich bewegt, denkt und wei&szlig;,
-er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen fortzufahren. Dieser
-Stein, der nur seines Strebens sich bewu&szlig;t ist und keineswegs
-gleichgültig sich verh&auml;lt, wird glauben, da&szlig; er ganz
-frei sei und da&szlig; er aus keinem anderen Grunde in seiner Bewegung
-fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche
-Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur <span class="pagenum">[<a id="pb13" href="#pb13" name="pb13">13</a>]</span>darin
-besteht, da&szlig; die Menschen ihres Begehrens sich bewu&szlig;t sind,
-aber die Ursachen, von denen sie bestimmt werden, nicht kennen.</span>
-So glaubt das Kind, da&szlig; es die Milch frei begehre, und der
-zornige Knabe, da&szlig; er frei die Rache verlange, und der Furchtsame
-die Flucht. Ferner glaubt der Betrunkene, da&szlig; er nach freiem
-Entschlu&szlig; dies spreche, was er, wenn er nüchtern geworden,
-gern nicht gesprochen h&auml;tte, und da dieses Vorurteil allen
-Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht davon befreien.
-Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, da&szlig; die
-Menschen am wenigsten ihr Begehren m&auml;&szlig;igen k&ouml;nnen und
-da&szlig; sie, von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere
-einsehen und das Schlechtere thun, so halten sie sich doch für
-frei und zwar, weil sie manches weniger stark begehren und manches
-Begehren leicht durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft
-entsinnt, gehemmt werden kann.&ldquo;</p>
-<p class="par">Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht
-vorliegt, wird es auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt,
-aufzudecken. So notwendig wie der Stein auf einen Ansto&szlig; hin eine
-bestimmte Bewegung ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine
-Handlung ausführen, wenn er durch irgend einen Grund dazu
-getrieben wird. Nur weil der Mensch ein Bewu&szlig;tsein von seiner
-Handlung hat, h&auml;lt er sich für den freien Veranlasser
-derselben. Er übersieht dabei aber, da&szlig; eine Ursache ihn
-treibt, der er unbedingt folgen mu&szlig;. Der Irrtum in diesem
-Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie er,
-übersehen, da&szlig; der Mensch nicht nur ein Bewu&szlig;tsein
-<span class="pagenum">[<a id="pb14" href="#pb14" name="pb14">14</a>]</span>von seiner Handlung hat, sondern es auch von den
-Ursachen haben kann, von denen er geleitet wird. Niemand wird es
-bestreiten, da&szlig; das Kind <span class="ex">unfrei</span> ist, wenn
-es die Milch begehrt, da&szlig; der Betrunkene es ist, wenn er Dinge
-spricht, die er sp&auml;ter bereut. Beide wissen nichts von den
-Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus th&auml;tig sind, und
-unter deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es
-berechtigt, Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen,
-bei denen sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewu&szlig;t ist,
-sondern auch der Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen
-der Menschen denn von einerlei Art? Darf die That des Kriegers auf dem
-Schlachtfelde, die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium,
-des Staatsmannes in <span class="corr" id="xd23e462" title="Quelle: verwickelsten">verwickeltsten</span> diplomatischen
-Angelegenheiten wissenschaftlich auf gleiche Stufe gestellt werden mit
-der des Kindes, wenn es nach Milch begehrt? Wohl ist es wahr, da&szlig;
-man die L&ouml;sung einer Aufgabe da am besten versucht, wo die Sache
-am einfachsten ist. Aber oft schon hat der Mangel an
-Unterscheidungsverm&ouml;gen endlose Verwirrung gebracht. Und ein
-tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich wei&szlig;, warum ich
-etwas thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zun&auml;chst scheint das
-eine ganz selbstverst&auml;ndliche Wahrheit zu sein. Und doch wird von
-den Gegnern der Freiheit nie darnach gefragt: ob denn ein Beweggrund
-meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich in
-gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Proze&szlig;,
-der das Kind veranla&szlig;t, nach Milch zu schreien.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Eduard von Hartmann</span> behauptet in
-seiner &bdquo;Ph&auml;nomenologie des sittlichen
-Bewu&szlig;tseins&ldquo; (S. 451), <span class="pagenum">[<a id="pb15"
-href="#pb15" name="pb15">15</a>]</span>das menschliche Wollen
-h&auml;nge von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von
-dem Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich, oder doch
-ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr Wollen von
-<span class="ex">au&szlig;en</span> als bestimmt; n&auml;mlich durch
-die Umst&auml;nde, die an sie herantreten. Erw&auml;gt man aber,
-da&szlig; verschiedene Menschen eine Vorstellung erst dann zum
-Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr Charakter ein solcher ist,
-der durch die entsprechende Vorstellung zu einer Begehrung
-veranla&szlig;t wird, so erscheint der Mensch von <span class="ex">innen</span> bestimmt und nicht von <span class="ex">au&szlig;en</span>. Der Mensch glaubt nun, weil er,
-gem&auml;&szlig; seinem Charakter, eine ihm von au&szlig;en
-aufgedr&auml;ngte Vorstellung erst zum Beweggrund machen mu&szlig;: er
-sei frei, d. h. unabh&auml;ngig von &auml;u&szlig;eren
-Beweggründen. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann,
-da&szlig;: &bdquo;wenn wir auch selbst die Vorstellungen erst zu
-Motiven erheben, so thun wir dies doch nicht willkürlich, sondern
-nach der Notwendigkeit unserer charakterologischen Veranlagung,
-<span class="ex">also nichts weniger als frei</span>.&ldquo; Auch hier
-bleibt der Umstand ohne alle Berücksichtigung, der besteht
-zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse, nachdem
-ich sie mit meinem Bewu&szlig;tsein durchdrungen habe, und solchen,
-denen ich folge, ohne da&szlig; ich ein klares Wissen von ihnen
-besitze.</p>
-<p class="par">Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von
-dem aus hier die Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der
-Freiheit unseres Willens überhaupt einseitig für sich
-versucht werden? Und wenn nicht: mit welcher andern mu&szlig; sie
-notwendig verknüpft werden? <span class="pagenum">[<a id="pb16"
-href="#pb16" name="pb16">16</a>]</span></p>
-<p class="par">Ist ein Unterschied zwischen einem bewu&szlig;ten
-Beweggrund meines Handelns und einem unbewu&szlig;ten, dann wird der
-erstere auch eine Handlung nach sich ziehen, die anders beurteilt
-werden mu&szlig;, als eine solche aus blindem Drange. Die Frage nach
-diesem Unterschied wird also die erste sein. Und was sie ergiebt, davon
-wird es erst abh&auml;ngen, wie wir uns zu der eigentlichen
-Freiheitsfrage zu stellen haben.</p>
-<p class="par">Was hei&szlig;t es, ein <span class="ex">Wissen</span>
-von den Gründen seines Handelns haben? Man hat diese Frage zu
-wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei Teile
-zerrissen hat, was ein untrennbares <span class="corr" id="xd23e493"
-title="Quelle: Ganze">Ganzes</span> ist: den Menschen. Den Handelnden
-und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen ist dabei nur
-der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der aus Erkenntnis
-Handelnde.</p>
-<p class="par">Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der
-Herrschaft seiner Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen
-Begierden. Oder auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach
-Zwecken und Entschlüssen bestimmen zu k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts
-gewonnen. Denn das ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke
-und Entschlüsse in gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang
-ausüben wie animalische Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein
-vernünftiger Entschlu&szlig; in mir auftaucht, gerade mit
-derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst, dann kann ich ihm nur
-notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist eine Illusion.</p>
-<p class="par">Eine andere Redensart lautet: Freisein hei&szlig;t:
-nicht wollen k&ouml;nnen, was man will, sondern thun k&ouml;nnen,
-<span class="pagenum">[<a id="pb17" href="#pb17" name="pb17">17</a>]</span>was man will. Diesem Gedanken hat der
-Dichterphilosoph <span class="ex">Robert Hamerling</span> in seiner
-&bdquo;Atomistik des Willens&ldquo; einen scharfumrissenen Ausdruck
-gegeben. &bdquo;Der Mensch kann allerdings thun, was er will &mdash;
-aber er kann nicht wollen, was er will, weil sein Wille durch
-<span class="ex">Motive</span> bestimmt ist! &mdash; Er kann nicht
-wollen was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal n&auml;her
-an. Ist ein vernünftiger Sinn darin? Freiheit des Wollens
-mü&szlig;te also darin bestehen, da&szlig; man ohne Grund, ohne
-Motiv etwas wollen k&ouml;nnte? Aber was hei&szlig;t denn Wollen
-anders, als <span class="ex">einen Grund haben</span>, dies lieber zu
-thun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen,
-hie&szlig;e etwas wollen, <span class="ex">ohne es zu wollen</span>.
-Mit dem Begriffe des Wollens ist der des Motivs unzertrennlich
-verknüpft. Ohne ein bestimmendes Motiv ist der Wille ein leeres
-<span class="ex">Verm&ouml;gen</span>: erst durch das Motiv wird er
-th&auml;tig und reell. Es ist also ganz richtig, da&szlig; der
-menschliche Wille insofern nicht &bdquo;frei&ldquo; ist, als seine
-Richtung immer durch das st&auml;rkste der Motive bestimmt ist. Aber es
-mu&szlig; andererseits zugegeben werden, da&szlig; es absurd ist,
-dieser &bdquo;Unfreiheit&ldquo; gegenüber von einer denkbaren
-&bdquo;Freiheit&ldquo; des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen
-zu k&ouml;nnen, was man <span class="ex">nicht</span> will.&ldquo;
-(Atomistik des Willens S. 213 f.)</p>
-<p class="par">Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen
-gesprochen, ohne auf den Unterschied zwischen unbewu&szlig;ten und
-bewu&szlig;ten Rücksicht zu nehmen. Wenn ein Motiv auf mich wirkt
-und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil es sich als das
-&bdquo;st&auml;rkste&ldquo; unter seinesgleichen erweist, dann
-h&ouml;rt der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll es
-<span class="pagenum">[<a id="pb18" href="#pb18" name="pb18">18</a>]</span>für mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas
-thun kann oder nicht, wenn ich von dem Motive <span class="ex">gezwungen</span> werde, es zu thun? Nicht darauf kommt es
-zun&auml;chst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat,
-etwas thun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive giebt, die
-mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen <span class="ex">mu&szlig;</span>, dann ist es mir unter Umst&auml;nden h&ouml;chst
-gleichgültig, ob ich es auch thun kann. Wenn mir wegen meines
-Charakters und wegen der in meiner Umgebung herrschenden Umst&auml;nde
-ein Motiv aufgedr&auml;ngt wird, das sich meinem Denken gegenüber
-als unvernünftig erweist, dann mü&szlig;te ich sogar froh
-sein, wenn ich nicht k&ouml;nnte, was ich will.</p>
-<p class="par">Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefa&szlig;ten
-Entschlu&szlig; zur Ausführung bringen kann, sondern <span class="ex">wie der Entschlu&szlig; in mir entsteht</span>.</p>
-<p class="par">Was den Menschen von allen andern organischen Wesen
-unterscheidet, ist sein vernünftiges Denken. Th&auml;tig zu sein,
-hat er mit anderen Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn
-man zur Aufhellung des Freiheitsbegriffes für das Handeln des
-Menschen nach Analogieen im Tierreiche sucht. Die moderne
-Naturwissenschaft liebt solche Analogieen. Und wenn es ihr gelungen
-ist, bei den Tieren etwas dem menschlichen Verhalten &Auml;hnliches
-gefunden zu haben, glaubt sie, die wichtigste Frage der Wissenschaft
-vom Menschen berührt zu haben. Zu welchen
-Mi&szlig;verst&auml;ndnissen diese Meinung führt, zeigt sich z. B.
-in dem Buche: &bdquo;Die Illusion der Willensfreiheit<span class="corr"
-id="xd23e541" title="Nicht in der Quelle">&ldquo;</span> von P.
-R&eacute;e, 1885,<a id="xd23e544" name="xd23e544"></a> der (S. 5)
-über die Freiheit folgendes sagt: &bdquo;Da&szlig; es uns so
-scheint, als ob die Bewegung des Steines notwendig, <span class="pagenum">[<a id="pb19" href="#pb19" name="pb19">19</a>]</span>des
-Esels Wollen nicht notwendig w&auml;re, ist leicht erkl&auml;rlich. Die
-Ursachen, welche den Stein bewegen, sind ja drau&szlig;en und sichtbar.
-Die Ursachen aber, verm&ouml;ge deren der Esel will, sind drinnen und
-unsichtbar: zwischen uns und der St&auml;tte ihrer Wirksamkeit befindet
-sich die Hirnschale des Esels..... Man sieht die kausale Bedingtheit
-nicht, und meint daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen,
-erkl&auml;rt man, sei zwar die Ursache der Umdrehung [des Esels],
-selbst aber sei es unbedingt; es sei ein absoluter Anfang.&ldquo; Also
-auch hier wieder wird über Handlungen des Menschen, bei denen er
-ein Bewu&szlig;tsein von den Gründen seines Handelns hat, einfach
-hinweggegangen, denn R&eacute;e erkl&auml;rt: &bdquo;zwischen uns und
-der St&auml;tte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des
-Esels&ldquo;. Da&szlig; es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber
-solche der Menschen giebt, bei denen zwischen uns und der Handlung das
-<span class="ex">bewu&szlig;t gewordene</span> Motiv liegt, davon hat,
-schon nach diesen Worten, R&eacute;e keine Ahnung. Er beweist das
-einige Seiten sp&auml;ter auch noch durch die Worte: &bdquo;Wir nehmen
-die <span class="ex">Ursachen</span> nicht wahr, durch welche unser
-Wollen bedingt wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht
-ursachlich bedingt.&ldquo;</p>
-<p class="par">Doch genug der Beispiele, welche beweisen, da&szlig;
-viele gegen die Freiheit k&auml;mpfen, ohne zu wissen, was Freiheit
-überhaupt ist.</p>
-<p class="par">Da&szlig; eine Handlung nicht <span class="ex">frei</span> sein kann, von der der Th&auml;ter nicht wei&szlig;,
-warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverst&auml;ndlich. Wie
-verh&auml;lt es sich aber mit einer solchen, über deren
-Gründe gedacht wird? Das führt uns auf die Frage: welches ist
-der Ursprung <span class="pagenum">[<a id="pb20" href="#pb20" name="pb20">20</a>]</span>und die Bedeutung des Denkens? Wenn wir wissen,
-was Denken im allgemeinen bedeutet, dann wird es auch leicht sein, klar
-darüber zu werden, was für eine Rolle das Denken beim
-menschlichen Handeln spielt. &bdquo;Das Denken macht die Seele, womit
-auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste&ldquo;, sagt Hegel mit Recht,
-und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen Handeln sein
-eigentümliches Gepr&auml;ge geben.</p>
-<p class="par">Keineswegs soll behauptet werden, da&szlig; all unser
-Handeln nur aus der nüchternen &Uuml;berlegung unseres Verstandes
-flie&szlig;e. Nur diejenigen Handlungen als im h&ouml;chsten Sinne
-<span class="ex">menschlich</span> hinzustellen, die aus dem abstrakten
-Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern. Aber sobald sich unser Handeln
-herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein animalischer
-Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken durchsetzt.
-Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns, die sich
-nicht in kalte Verstandesbegriffe aufl&ouml;sen lassen. Man sagt: das
-Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das
-Herz und das Gemüt schaffen keine Beweggründe des Handelns.
-Sie setzen dieselben voraus. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid
-ein, wenn in meinem Bewu&szlig;tsein die Vorstellung einer
-mitleiderregenden Person aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch
-den Kopf. Davon macht auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die
-blo&szlig;e &Auml;u&szlig;erung des niedrigen Geschlechtstriebes ist,
-dann beruht sie auf den Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten
-Wesen machen. Und je idealistischer diese Vorstellungen sind, desto
-beseligender ist die Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des
-Gefühles. Man sagt: die Liebe <span class="pagenum">[<a id="pb21"
-href="#pb21" name="pb21">21</a>]</span>mache blind für die
-Schw&auml;chen des geliebten Wesens. Die Sache kann auch umgekehrt
-angefa&szlig;t werden und behauptet: die Liebe &ouml;ffne gerade
-für die Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen
-Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie, und
-eben deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er anderes
-gethan: als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere
-keine haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die <span class="ex">Vorstellung</span> mangelt.</p>
-<p class="par">Wir m&ouml;gen die Sache anfassen, wie wir wollen: immer
-klarer mu&szlig; es werden, da&szlig; die Frage nach dem Wesen des
-menschlichen Handelns die andere voraussetzt nach dem Ursprunge des
-Denkens. Ich wende mich daher zun&auml;chst dieser Frage zu.
-<span class="pagenum">[<a id="pb22" href="#pb22" name="pb22">22</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch3" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e156">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament03.png" alt="III." width="636" height="134"></div>
-<h2 class="label">III.</h2>
-<h2 class="main">Der Grundtrieb zur Wissenschaft.</h2>
-<div class="epigraph">
-<div class="lgouter">
-<p class="line">&bdquo;Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,</p>
-<p class="line">Die eine will sich von der andern trennen;</p>
-<p class="line">Die eine h&auml;lt, in derber Liebeslust,</p>
-<p class="line">Sich an die Welt mit klammernden Organen;</p>
-<p class="line">Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust</p>
-<p class="line">Zu den Gefilden hoher Ahnen.&ldquo;</p>
-</div>
-<p class="par first xd23e595">(Faust I, 1112&ndash;1117.)</p>
-</div>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der
-menschlichen Natur begründeten Charakterzug aus. Kein einheitlich
-organisiertes Wesen ist der Mensch. Er verlangt stets mehr, als die
-Welt ihm freiwillig giebt. Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben,
-und die Befriedigung überl&auml;&szlig;t sie unserer eigenen
-Th&auml;tigkeit. Reichlich sind die Gaben, die uns zugeteilt, aber noch
-reichlicher ist unser Begehren. Wir scheinen zur Unzufriedenheit
-geboren. Nur ein besonderer Fall dieser Unzufriedenheit ist unser
-Erkenntnisdrang. Wir blicken einen Baum zweimal an. Wir sehen das eine
-Mal seine &Auml;ste in Ruhe, das andere Mal in Bewegung. Wir geben uns
-mit dieser Beobachtung nicht zufrieden. Warum stellt sich uns der Baum
-das eine Mal ruhend, das andere Mal in <span class="pagenum">[<a id="pb23" href="#pb23" name="pb23">23</a>]</span>Bewegung dar? So fragen
-wir. Jeder Blick in die Natur erzeugt in uns eine Summe von Fragen. Mit
-jeder Erscheinung, die uns entgegentritt, ist uns eine Aufgabe
-mitgegeben. Jedes Erlebnis wird uns zum R&auml;tsel. Wir sehen aus dem
-Ei ein dem Muttertiere &auml;hnliches Wesen hervorgehen: wir fragen
-nach dem Grunde dieser &Auml;hnlichkeit. Wir beobachten an einem
-Lebewesen Wachstum und Entwicklung bis zu einem bestimmten Grade der
-Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen dieser Erfahrung.
-Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur vor unseren Sinnen
-ausbreitet. Wir suchen überall nach dem, was wir <span class="ex">Erkl&auml;rung</span> der Thatsachen nennen.</p>
-<p class="par">Der &Uuml;berschu&szlig; dessen, was wir in den Dingen
-suchen, über das, was uns in ihnen unmittelbar gegeben ist,
-spaltet unser ganzes Wesen in zwei Teile; wir werden uns unseres
-Gegensatzes zur Welt bewu&szlig;t. Wir stellen uns als ein
-selbst&auml;ndiges Wesen der Welt gegenüber. Das Universum
-erscheint uns in den zwei Gegens&auml;tzen: <span class="ex">Ich</span>
-und <span class="ex">Welt</span>.</p>
-<p class="par">Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten
-wir, sobald das Bewu&szlig;tsein in uns aufleuchtet. Aber niemals
-verlieren wir das Gefühl, da&szlig; wir doch zur Welt
-geh&ouml;ren, da&szlig; ein Band besteht, das uns verbindet, da&szlig;
-wir nicht ein Wesen <span class="ex">au&szlig;erhalb</span>, sondern
-innerhalb des Universums sind.</p>
-<p class="par">Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu
-überbrücken. Und in der &Uuml;berbrückung dieses
-Gegensatzes besteht im letzten Grunde das ganze geistige Streben der
-Menschheit. Die Geschichte des geistigen Lebens ist ein
-fortw&auml;hrendes Suchen der Einheit zwischen uns und der Welt.
-Religion, Kunst <span class="pagenum">[<a id="pb24" href="#pb24" name="pb24">24</a>]</span>und Wissenschaft verfolgen gleicherma&szlig;en
-dieses Ziel. Der Religi&ouml;s-Gl&auml;ubige sucht in der Offenbarung,
-die ihm Gott zuteil werden l&auml;&szlig;t, die L&ouml;sung der
-Weltr&auml;tsel, die ihm sein mit der blo&szlig;en Erscheinungswelt
-unzufriedenes Ich aufgiebt. Der Künstler sucht dem Stoffe die
-Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem Innern Lebende mit der
-Au&szlig;enwelt zu vers&ouml;hnen. Auch er fühlt sich unbefriedigt
-von der blo&szlig;en Erscheinungswelt und sucht ihr jenes Mehr
-einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt. Der
-Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu
-durchdringen, was er beobachtend erf&auml;hrt. Erst wenn wir den
-<span class="ex">Weltinhalt</span> zu unserem <span class="ex">Gedankeninhalt</span> gemacht haben, erst dann finden wir den
-Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gel&ouml;st haben. Wir
-werden sp&auml;ter sehen, da&szlig; dieses Ziel nur erreicht wird, wenn
-die Aufgabe des wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer
-aufgefa&szlig;t wird, als dies oft geschieht. Das ganze
-Verh&auml;ltnis, das ich hier dargelegt habe, tritt uns in einer
-weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen: in dem Gegensatze der
-einheitlichen Weltauffassung oder des <span class="ex">Monismus</span>
-und der Zweiweltentheorie oder des <span class="ex">Dualismus</span>.
-Der Dualismus richtet den Blick nur auf die von dem Bewu&szlig;tsein
-des Menschen vollzogene Trennung zwischen Ich und Welt. Sein ganzes
-Streben ist ein ohnm&auml;chtiges Ringen nach der Vers&ouml;hnung
-dieser Gegens&auml;tze, die er bald <span class="ex">Geist</span> und
-<span class="ex">Materie</span>, bald <span class="ex">Subjekt</span>
-und <span class="ex">Objekt</span>, bald <span class="ex">Denken</span>
-und <span class="ex">Erscheinung</span> nennt. Er hat ein Gefühl,
-da&szlig; es eine Brücke geben mu&szlig; zwischen den beiden
-Welten, aber er ist nicht imstande, sie zu finden. Der <span class="ex">Monismus</span> richtet den <span class="pagenum">[<a id="pb25"
-href="#pb25" name="pb25">25</a>]</span>Blick allein auf die Einheit und
-sucht die einmal vorhandenen Gegens&auml;tze zu leugnen oder zu
-verwischen. Keine von den beiden Anschauungen kann befriedigen, denn
-sie werden den Thatsachen nicht gerecht. Der Dualismus sieht Geist
-(Ich) und Materie (Welt) als zwei grundverschiedene Wesenheiten an, und
-kann deshalb nicht begreifen, wie beide aufeinander wirken k&ouml;nnen.
-Wie soll der Geist wissen, was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren
-eigentümliche Natur ganz fremd ist? Oder wie soll er unter diesen
-Umst&auml;nden auf sie wirken, so da&szlig; sich seine Absichten in
-Thaten umsetzen? Die widersinnigsten Hypothesen wurden aufgestellt, um
-diese Fragen zu l&ouml;sen. Aber auch mit dem Monismus steht es bis
-heute nicht viel besser. Er hat sich bis jetzt in einer dreifachen Art
-zu helfen gesucht: entweder er leugnet den Geist und wird zum
-Materialismus; oder er leugnet die Materie, um im Spiritualismus sein
-Heil zu suchen; oder aber er behauptet, da&szlig; auch schon in dem
-einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar verbunden sind,
-weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte, wenn in dem Menschen
-diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja nirgends getrennt sind.</p>
-<p class="par">Der <span class="ex">Materialismus</span> kann niemals
-eine befriedigende Welterkl&auml;rung liefern. Denn jeder Versuch einer
-Erkl&auml;rung mu&szlig; damit beginnen, da&szlig; man sich
-<span class="ex">Gedanken</span> über die Welterscheinungen
-bildet. Der Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem <span class="ex">Gedanken</span> der Materie oder der materiellen Vorg&auml;nge.
-Damit hat er bereits zwei verschiedene Thatsachengebiete vor sich: die
-materielle Welt und die Gedanken über sie. Er sucht die letzteren
-dadurch zu begreifen, <span class="pagenum">[<a id="pb26" href="#pb26"
-name="pb26">26</a>]</span>da&szlig; er sie als einen rein materiellen
-Proze&szlig; auffa&szlig;t. Er glaubt, da&szlig; das Denken im Gehirne
-etwa so zustande komme, wie die Verdauung in den animalischen Organen.
-So wie er der Materie mechanische, chemische und organische Wirkungen
-zuschreibt, so legt er ihr auch die F&auml;higkeit bei, unter
-bestimmten Bedingungen zu denken. Er vergi&szlig;t, da&szlig; er nun
-das Problem nur an einen andern Ort verlegt hat. Statt sich selbst,
-schreibt er die F&auml;higkeit des Denkens der Materie zu. Und damit
-ist er wieder an seinem Ausgangspunkte. Wie kommt die Materie dazu,
-über ihr eigenes Wesen nachzudenken? Warum ist sie nicht einfach
-mit sich zufrieden und nimmt ihr Dasein hin? Von dem bestimmten
-Subjekt, von unserem eigenen Ich hat er den Blick abgewandt und auf ein
-unbestimmtes, nebelhaftes Gebilde ist er gekommen. Und hier tritt ihm
-dasselbe R&auml;tsel entgegen. Die materialistische Anschauung vermag
-das Problem nicht zu l&ouml;sen, sondern nur zu verschieben.</p>
-<p class="par">Wie steht es mit der spiritualistischen? Der
-<span class="ex">Spiritualist</span> leugnet die Materie (die Welt) und
-fa&szlig;t sie nur als ein Produkt des Geistes (des Ich) auf. Er stellt
-sich vor, da&szlig; die ganze Erscheinungswelt nur ein aus dem Geiste
-herausgesponnenes Wesen sei. Diese Weltanschauung sieht sich sofort in
-die Enge getrieben, wenn sie den Versuch macht, irgend eine konkrete
-Erscheinung aus dem Geiste heraus zu entwickeln. Sie kann es weder im
-Erkennen noch im Handeln. Will man die Aussenwelt wirklich erkennen, so
-mu&szlig; man den Blick nach au&szlig;en wenden und eine Anleihe bei
-der Erfahrung machen. Ohne dieses kann unser Geist zu keinem Inhalt
-kommen. Ebenso <span class="pagenum">[<a id="pb27" href="#pb27" name="pb27">27</a>]</span>müssen wir, wenn wir ans Handeln gehen,
-unsere Absichten mit Hülfe der materiellen Stoffe und Kr&auml;fte
-in Wirklichkeit umsetzen. Wir sind also auf die Au&szlig;enwelt
-angewiesen. Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, Idealist,
-ist Johann Gottlieb <span class="ex">Fichte</span>. Er versuchte das
-ganze Weltgeb&auml;ude aus dem &bdquo;Ich&ldquo; abzuleiten. Was ihm
-dabei wirklich gelungen ist, ist ein gro&szlig;artiges <span class="ex">Gedankenbild</span> der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt. So
-wenig es dem Materialisten m&ouml;glich ist, den Geist, ebensowenig ist
-es dem Idealisten m&ouml;glich, die materielle Au&szlig;enwelt
-wegzudekretieren.</p>
-<p class="par">Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die
-Anschauung Fried. Alb. <span class="ex">Langes</span>, wie er sie in
-seiner vielgelesenen &bdquo;Geschichte des Materialismus&ldquo;
-vertreten hat. Er nimmt an, da&szlig; der Materialismus ganz recht hat,
-wenn er alle Welterscheinungen, einschlie&szlig;lich unseres Denkens,
-für das Produkt rein stofflicher Vorg&auml;nge erkl&auml;rt; nur
-sei umgekehrt die Materie und ihre Vorg&auml;nge selbst wieder ein
-Produkt unseres Denkens. &bdquo;Die Sinne geben uns <span class="ex">Wirkungen</span> der Dinge, nicht getreue Bilder, oder gar die
-Dinge selbst. Zu diesen blo&szlig;en Wirkungen geh&ouml;ren aber auch
-die Sinne selbst samt dem Hirn und den in ihm gedachten
-Molecularschwingungen.&ldquo; D. h. unser Denken wird von den
-materiellen Prozessen erzeugt und diese von unserem Denken. Langes
-Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte
-Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen
-Haarschopf frei in der Luft festh&auml;lt.</p>
-<p class="par">Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem
-einfachsten Wesen (Atom) bereits die beiden <span class="pagenum">[<a id="pb28" href="#pb28" name="pb28">28</a>]</span>Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt sieht.
-Damit ist aber auch nichts erreicht, als da&szlig; die Frage, die
-eigentlich in unserem Bewu&szlig;tsein entsteht, auf einen anderen
-Schauplatz versetzt wird. Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in
-einer zweifachen Weise zu &auml;u&szlig;ern, wenn es eine ungetrennte
-Einheit ist?</p>
-<p class="par">Allen diesen Standpunkten gegenüber mu&szlig;
-geltend gemacht werden, das uns der Grund- und Urgegensatz zuerst in
-unserem eigenen Bewu&szlig;tsein entgegentritt. Wir sind es selbst, die
-wir uns von dem Mutterboden der Natur losl&ouml;sen, und uns als
-&bdquo;Ich&ldquo; der &bdquo;Welt&ldquo; gegenüberstellen.
-Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz &bdquo;Die Natur&ldquo;
-aus: &bdquo;Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr fremde.
-Sie spricht unaufh&ouml;rlich mit uns, und verr&auml;t uns ihr
-Geheimnis nicht.&ldquo; Aber auch die Kehrseite kennt Goethe:
-&bdquo;Die Menschen sind alle in ihr und sie in allen.&ldquo;</p>
-<p class="par">So wahr es ist, da&szlig; wir uns der Natur entfremdet
-haben, so wahr ist es, da&szlig; wir fühlen: wir sind in ihr und
-geh&ouml;ren zu ihr. Es kann nur ihr eigenes Wirken sein, das auch in
-uns lebt.</p>
-<p class="par">Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder
-finden. Eine einfache &Uuml;berlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir
-haben uns zwar losgerissen von der Natur; aber wir müssen doch
-etwas mit herübergenommen haben in unser eigenes Wesen. Dieses
-Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen, dann werden wir den
-Zusammenhang auch wieder finden. Das vers&auml;umt der Dualismus. Er
-h&auml;lt das menschliche Innere für ein der Natur ganz fremdes
-Geistwesen <span class="pagenum">[<a id="pb29" href="#pb29" name="pb29">29</a>]</span>und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein
-Wunder, da&szlig; er das Bindeglied nicht finden kann. Wir k&ouml;nnen
-die Natur au&szlig;er uns nur finden, wenn wir sie <span class="ex">in</span> uns erst kennen. Das ihr Gleiche in unserem eigenen
-Innern wird uns der Führer sein. Damit ist uns unsere Bahn
-vorgezeichnet. Wir wollen keine Spekulationen anstellen über die
-Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen aber hinuntersteigen in
-die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene Elemente zu finden, die
-wir herübergerettet haben bei unserer Flucht aus der Natur.</p>
-<p class="par">Die Erforschung unseres Wesens mu&szlig; uns die
-L&ouml;sung des R&auml;tsels bringen. Wir müssen an einen Punkt
-kommen, wo wir uns sagen k&ouml;nnen: hier sind wir nicht mehr
-blo&szlig; &bdquo;Ich&ldquo;, hier liegt etwas, was mehr als
-&bdquo;Ich&ldquo; ist.</p>
-<p class="par">Ich bin darauf gefa&szlig;t, da&szlig; mancher, der bis
-hierher gelesen hat, meine Ausführungen nicht &bdquo;dem
-gegenw&auml;rtigen Stande der Wissenschaft&ldquo; gem&auml;&szlig;
-findet. Ich kann dem gegenüber nur erwidern, da&szlig; ich es
-bisher mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu thun haben
-wollte, sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in
-seinem eigenen Bewu&szlig;tsein erlebt. Da&szlig; dabei auch einzelne
-S&auml;tze über Vers&ouml;hnungsversuche des Bewu&szlig;tseins mit
-der Welt eingeflossen sind, hat nur den Zweck, die eigentlichen
-Thatsachen zu verdeutlichen. Ich habe deshalb auch keinen Wert darauf
-gelegt, die einzelnen Ausdrücke, wie &bdquo;Ich&ldquo;,
-&bdquo;Geist&ldquo;, &bdquo;Welt&ldquo;, &bdquo;Natur&ldquo; u. s. w.
-in der pr&auml;cisen Weise zu gebrauchen, wie es in der Psychologie und
-Philosophie üblich ist. Das allt&auml;gliche Bewu&szlig;tsein
-kennt die scharfen Unterschiede der <span class="pagenum">[<a id="pb30"
-href="#pb30" name="pb30">30</a>]</span>Wissenschaft nicht, und um eine
-Aufnahme des allt&auml;glichen Thatbestandes handelte es sich bisher
-blo&szlig;. Der Einwand, da&szlig; meine bisherigen Ausführungen
-der Wissenschaft nicht entsprechen, gliche etwa dem, der jemand gemacht
-würde, wenn er ein Gedicht zun&auml;chst recitierte und nicht
-gleich bei jeder Zeile eine &auml;sthetisch-wissenschaftliche Kritik
-g&auml;be. Nicht wie die Wissenschaft bisher das Bewu&szlig;tsein
-interpretiert hat, geht mich an, sondern wie sich dasselbe
-stündlich darlebt. <span class="pagenum">[<a id="pb31" href="#pb31" name="pb31">31</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch4" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e163">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament04.png" alt="IV." width="627" height="134"></div>
-<h2 class="label">IV.</h2>
-<h2 class="main">Das Denken im Dienste der Weltauffassung.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die
-gesto&szlig;en wird, ihre Bewegung auf eine andere übertr&auml;gt,
-so bleibe ich auf den Verlauf dieses beobachteten Vorganges ganz ohne
-Einflu&szlig;. Die Bewegungsrichtung und Schnelligkeit der zweiten
-Kugel ist durch die Richtung und Schnelligkeit der ersten bestimmt. So
-lange ich mich blo&szlig; als Beobachter verhalte, wei&szlig; ich
-über die Bewegung der zweiten Kugel erst dann etwas zu sagen, wenn
-dieselbe eingetreten ist. Anders ist die Sache, wenn ich über den
-Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken beginne. Mein Nachdenken hat den
-Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu bilden. Ich bringe den Begriff
-einer elastischen Kugel in Verbindung mit gewissen anderen Begriffen
-der Mechanik und ziehe die besonderen Umst&auml;nde in Erw&auml;gung,
-die in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche also zu dem Vorgange,
-der sich ohne mein Zuthun abspielt, einen zweiten hinzuzufügen,
-der sich in der begrifflichen Sph&auml;re vollzieht. Der letztere ist
-von mir abh&auml;ngig. Das zeigt sich dadurch, da&szlig; ich mich mit
-<span class="pagenum">[<a id="pb32" href="#pb32" name="pb32">32</a>]</span>der Beobachtung begnügen und auf alles
-Begriffesuchen verzichten kann, wenn ich kein Bedürfnis darnach
-habe. Wenn dieses Bedürfnis aber vorhanden ist, dann beruhige ich
-mich erst, wenn ich die Begriffe: Kugel, Elasticit&auml;t, Bewegung,
-Sto&szlig;, Geschwindigkeit u. s. w. in eine gewisse Verbindung
-gebracht habe, zu welcher der beobachtete Vorgang in einem bestimmten
-Verh&auml;ltnisse steht. So gewi&szlig; es nun ist, da&szlig; sich der
-Vorgang unabh&auml;ngig von mir vollzieht, so gewi&szlig; ist es,
-da&szlig; sich der begriffliche Proze&szlig; ohne mein Zuthun nicht
-abspielen kann.</p>
-<p class="par">Ob diese meine Th&auml;tigkeit wirklich der
-Ausflu&szlig; meines selbst&auml;ndigen Wesens ist, oder ob die
-modernen Physiologen Recht haben, welche sagen, da&szlig; wir nicht
-denken k&ouml;nnen, wie wir wollen, sondern denken müssen, wie es
-die gerade in unserem Bewu&szlig;tsein vorhandenen Gedanken und
-Gedankenverbindungen bestimmen (vergl. <span class="ex">Ziehen</span>,
-Leitfaden der physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird
-Gegenstand einer sp&auml;teren Auseinandersetzung sein. Vorl&auml;ufig
-wollen wir blo&szlig; die Thatsache feststellen, da&szlig; wir uns
-fortw&auml;hrend gezwungen fühlen, zu den ohne unser Zuthun uns
-gegebenen Gegenst&auml;nden und Vorg&auml;ngen Begriffe und
-Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer gewissen
-Beziehung stehen. Ob dies Thun in Wahrheit <span class="ex">unser</span> Thun ist oder ob wir es einer unab&auml;nderlichen
-Notwendigkeit gem&auml;&szlig; vollziehen, lassen wir vorl&auml;ufig
-dahin gestellt. Da&szlig; es uns zun&auml;chst als das unserige
-erscheint, ist ohne Frage. Wir wissen ganz genau, da&szlig; uns mit den
-Gegenst&auml;nden nicht zugleich deren Begriffe mitgegeben werden.
-Da&szlig; ich selbst der Th&auml;tige bin, mag <span class="pagenum">[<a id="pb33" href="#pb33" name="pb33">33</a>]</span>auf
-einem Schein beruhen; der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die
-Sache jedenfalls so dar. Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch,
-da&szlig; wir zu einem Vorgange ein begriffliches Gegenstück
-hinzufinden?</p>
-<p class="par">Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art,
-wie sich für mich die Teile eines Vorganges zu einander verhalten
-vor und nach der Auffindung der entsprechenden Begriffe. Die
-blo&szlig;e Beobachtung kann die Teile eines gegebenen Vorganges in
-ihrem Verlaufe verfolgen; ihr Zusammenhang bleibt aber vor der
-Zuhilfenahme von Begriffen dunkel. Ich sehe die erste Billardkugel in
-einer gewissen Richtung und mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen
-die zweite sich bewegen; was nach erfolgtem Sto&szlig; geschieht,
-mu&szlig; ich abwarten und kann es dann auch wieder nur mit den Augen
-verfolgen. Nehmen wir an, es verdecke mir im Augenblicke des
-Sto&szlig;es jemand das Feld, auf dem der Vorgang sich abspielt, so bin
-ich &mdash; als blo&szlig;er Beobachter &mdash; ohne Kenntnis, was
-nachher geschieht. Anders ist das, wenn ich für die Konstellation
-der Verh&auml;ltnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe
-gefunden habe. In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch
-wenn die M&ouml;glichkeit der Beobachtung aufh&ouml;rt. Ein blo&szlig;
-beobachteter Vorgang oder Gegenstand ergiebt aus sich selbst nichts
-über seinen Zusammenhang mit anderen Vorg&auml;ngen oder
-Gegenst&auml;nden. Dieser Zusammenhang wird erst ersichtlich, wenn sich
-die Beobachtung mit dem Denken verbindet.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Beobachtung</span> und <span class="ex">Denken</span> sind die beiden Ausgangspunkte für alles
-geistige Streben des Menschen, <span class="pagenum">[<a id="pb34"
-href="#pb34" name="pb34">34</a>]</span>insoferne er sich eines solchen
-bewu&szlig;t ist. Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und
-die verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen
-beiden Grunds&auml;ulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von
-verschiedenen Urgegens&auml;tzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit,
-Subjekt und Objekt, Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich,
-Idee und Wille, Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewu&szlig;tes
-und Unbewu&szlig;tes. Es l&auml;&szlig;t sich aber leicht zeigen,
-da&szlig; allen diesen Gegens&auml;tzen der von <span class="ex">Beobachtung</span> und <span class="ex">Denken</span>, als der
-für den Menschen wichtigste, vorangehen mu&szlig;.</p>
-<p class="par">Was für ein Prinzip wir auch aufstellen m&ouml;gen:
-wir müssen es irgendwo als von uns beobachtet nachweisen, oder in
-Form eines klaren Gedankens, der von jedem anderen nachgedacht werden
-kann, aussprechen. Jeder Philosoph, der anf&auml;ngt über seine
-Urprinzipien zu sprechen, mu&szlig; sich der begrifflichen Form, und
-damit des Denkens bedienen. Er giebt damit indirekt zu, da&szlig; er zu
-seiner Beth&auml;tigung das Denken bereits voraussetzt. Ob das Denken
-oder irgend etwas anderes Hauptelement der Weltentwicklung ist,
-darüber werde hier noch nichts ausgemacht. Da&szlig; aber der
-Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann, das
-ist von vornherein klar. Beim Zustandekommen der Welterscheinungen mag
-das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer Ansicht
-darüber kommt ihm aber sicher eine Hauptrolle zu.</p>
-<p class="par">Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer
-Organisation, da&szlig; wir derselben bedürfen. Unser Denken
-über ein Pferd und der Gegenstand <span class="pagenum">[<a id="pb35" href="#pb35" name="pb35">35</a>]</span>Pferd sind zwei Dinge,
-die für uns getrennt auftreten. Und dieser Gegenstand ist uns nur
-durch Beobachtung zug&auml;nglich. So wenig wir durch das blo&szlig;e
-Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von demselben machen
-k&ouml;nnen, ebensowenig sind wir im Stande, durch blo&szlig;es Denken
-einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.</p>
-<p class="par">Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus.
-Denn auch das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennen
-lernen. Es war wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir
-am Eingange dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem
-Vorgange entzündet und über das ohne sein Zuthun Gegebene
-hinausgeht. Alles was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden
-wir durch die Beobachtung erst gewahr. Der Inhalt von Empfindungen,
-Wahrnehmungen, Anschauungen, die Gefühle, Willensakte, Traum- und
-Phantasiegebilde, Vorstellungen, Begriffe und Ideen, s&auml;mtliche
-Illusionen und Hallucinationen werden uns durch die <span class="ex">Beobachtung</span> gegeben.</p>
-<p class="par">Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt
-doch wesentlich von allen andern Dingen. Die Beobachtung eines Tisches,
-eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese Gegenst&auml;nde auf dem
-Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen. Das Denken aber über diese
-Gegenst&auml;nde beobachte ich nicht gleichzeitig. Den Tisch beobachte
-ich, das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich
-beobachte es nicht in demselben Augenblicke. Ich mu&szlig; mich erst
-auf einen Standpunkt au&szlig;erhalb meiner eigenen Th&auml;tigkeit
-versetzen, wenn ich neben dem Tische auch mein Denken <span class="pagenum">[<a id="pb36" href="#pb36" name="pb36">36</a>]</span>über den Tisch beobachten will. W&auml;hrend
-das Beobachten der Gegenst&auml;nde und Vorg&auml;nge und das Denken
-darüber ganz allt&auml;gliche, mein fortlaufendes Leben
-ausfüllende Zust&auml;nde sind, ist die Beobachtung des Denkens
-eine Art Ausnahmezustand. Diese Thatsache mu&szlig; in entsprechender
-Weise berücksichtigt werden, wenn es sich darum handelt, das
-Verh&auml;ltnis des Denkens zu allen anderen Beobachtungsinhalten zu
-bestimmen. Man mu&szlig; sich klar darüber sein, da&szlig; man bei
-der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren anwendet, das
-für die Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes den
-normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen Zustandes
-für das Denken selbst nicht eintritt.</p>
-<p class="par">Es k&ouml;nnte jemand den Einwand machen, da&szlig; das
-gleiche, was ich hier von dem Denken bemerkt habe, auch von dem
-Fühlen und den übrigen geistigen Th&auml;tigkeiten gelte.
-Wenn wir z. B. das Gefühl der Lust haben, so entzünde sich
-das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte zwar diesen
-Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust. Dieser Einwand beruht
-aber auf einem Irrtum. Die Lust steht durchaus nicht in demselben
-Verh&auml;ltnisse zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den das Denken
-bildet. Ich bin mir auf das bestimmteste bewu&szlig;t, da&szlig; der
-Begriff einer Sache durch meine Th&auml;tigkeit gebildet wird,
-w&auml;hrend die Lust in mir auf &auml;hnliche Art durch einen
-Gegenstand erzeugt wird, wie z. B. die Ver&auml;nderung, die ein
-fallender Stein in einem Gegenstande bewirkt, auf den er auff&auml;llt.
-Für die Beobachtung ist die Lust in genau derselben Weise gegeben,
-wie der sie veranlassende Vorgang. Ein Gleiches gilt <span class="pagenum">[<a id="pb37" href="#pb37" name="pb37">37</a>]</span>nicht
-vom Begriffe. Ich kann fragen: warum erzeugt ein bestimmter Vorgang bei
-mir das Gefühl der Lust? Aber ich kann durchaus nicht fragen:
-warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe von Begriffen?
-Das h&auml;tte einfach keinen Sinn. Bei dem Nachdenken über einen
-Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich. Ich kann
-dadurch nichts über mich erfahren, da&szlig; ich für die
-beobachtete Ver&auml;nderung, die ein gegen eine Fensterscheibe
-geworfener Stein in dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne.
-Aber ich erfahre sehr wohl etwas über meine Pers&ouml;nlichkeit,
-wenn ich das Gefühl kenne, das ein bestimmter Vorgang in mir
-erweckt. Wenn ich einem beobachteten Gegenstand gegenüber sage:
-dies ist eine Rose, so sage ich über mich selbst nicht das
-Geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge sage: es bereitet mir
-das Gefühl der Lust, so habe ich nicht nur die Rose, sondern auch
-mich selbst in meinem Verh&auml;ltnis zur Rose charakterisiert.</p>
-<p class="par">Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen
-der Beobachtung gegenüber kann also nicht die Rede sein. Dasselbe
-lie&szlig;e sich leicht auch für die andern Th&auml;tigkeiten des
-menschlichen Geistes ableiten. Sie geh&ouml;ren dem Denken
-gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten Gegenst&auml;nden
-und Vorg&auml;ngen. Es geh&ouml;rt eben zu der eigentümlichen
-Natur des Denkens, da&szlig; es eine Th&auml;tigkeit ist, die
-blo&szlig; auf den beobachteten Gegenstand gelenkt ist und nicht auf
-die denkende Pers&ouml;nlichkeit. Das spricht sich schon in der Art
-aus, wie wir unsere Gedanken über eine Sache zum Ausdruck bringen
-im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder Willensakten. Wenn ich
-<span class="pagenum">[<a id="pb38" href="#pb38" name="pb38">38</a>]</span>einen Gegenstand sehe und diesen als einen Tisch
-erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über
-einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen:
-ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben
-gar nicht darauf an, auszusprechen, da&szlig; ich zu dem Tisch in ein
-Verh&auml;ltnis trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade
-um dieses Verh&auml;ltnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen
-Tisch, trete ich bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand
-ein, wo etwas zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in
-unserer geistigen Th&auml;tigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht
-als beobachtetes Objekt.</p>
-<p class="par">Das ist die eigentümliche Natur des Denkens,
-da&szlig; der Denkende das Denken vergisst, w&auml;hrend er es
-ausübt. Nicht das Denken besch&auml;ftigt ihn, sondern der
-Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.</p>
-<p class="par">Die erste Beobachtung, die wir über das Denken
-machen, ist also die, da&szlig; es das unbeobachtete Element unseres
-gew&ouml;hnlichen Geisteslebens ist.</p>
-<p class="par">Der Grund, warum wir das Denken im allt&auml;glichen
-Geistesleben nicht beobachten, ist kein anderer als der, da&szlig; es
-auf unserer eigenen Th&auml;tigkeit beruht. Was ich nicht selbst
-hervorbringe, tritt als ein gegenst&auml;ndliches in mein
-Beobachtungsfeld ein. Ich sehe mich ihm als einem ohne mich zustande
-Gekommenen gegenüber; es tritt an mich heran; ich mu&szlig; es als
-die Voraussetzung meines Denkprozesses hinnehmen. W&auml;hrend ich
-über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit diesem
-besch&auml;ftigt, mein Blick ist ihm zugewandt. Diese
-Besch&auml;ftigung ist eben die denkende Betrachtung. <span class="pagenum">[<a id="pb39" href="#pb39" name="pb39">39</a>]</span>Nicht
-auf meine Th&auml;tigkeit, sondern auf das Objekt dieser
-Th&auml;tigkeit ist meine Aufmerksamkeit gerichtet. Mit anderen Worten:
-w&auml;hrend ich denke, sehe ich nicht auf mein Denken, das ich selbst
-hervorbringe, sondern auf das Objekt des Denkens, das ich nicht
-hervorbringe.</p>
-<p class="par">Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den
-Ausnahmszustand eintreten lasse, und über mein Denken selbst
-nachdenke. Ich kann mein gegenw&auml;rtiges Denken nie beobachten;
-sondern nur die Erfahrungen, die ich über meinen Denkproze&szlig;
-gemacht habe, kann ich nachher zum Objekt des Denkens machen. Ich
-mü&szlig;te mich in zwei Pers&ouml;nlichkeiten spalten: in eine,
-die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem Denken selbst
-zusieht, wenn ich mein gegenw&auml;rtiges Denken beobachten wollte. Das
-kann ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten Akten
-ausführen. Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das
-dabei in Th&auml;tigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu
-diesem Zwecke meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren
-Denken mache, oder ob ich den Gedankenproze&szlig; einer anderen Person
-verfolge, oder endlich, ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung
-der Billardkugeln, einen fingierten Gedankenproze&szlig; voraussetze,
-darauf kommt es nicht an.</p>
-<p class="par">Zwei Dinge vertragen sich nicht: th&auml;tiges
-Hervorbringen und beschauliches Gegenüberstellen. Das wei&szlig;
-schon das 1. Buch Moses. An den ersten sechs Welttagen l&auml;&szlig;t
-es Gott die Welt hervorbringen, und erst als sie da ist, ist die
-M&ouml;glichkeit vorhanden, sie zu beschauen: &bdquo;Und Gott sahe an
-alles, was er gemacht <span class="pagenum">[<a id="pb40" href="#pb40"
-name="pb40">40</a>]</span>hatte; und siehe da, es war sehr gut.&ldquo;
-So ist es auch mit unserem Denken. Es mu&szlig; erst da sein, wenn wir
-es beobachten wollen.</p>
-<p class="par">Der Grund, der es uns unm&ouml;glich macht, das Denken
-in seinem jeweilig gegenw&auml;rtigen Verlauf zu beobachten, ist der
-gleiche wie der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen
-l&auml;&szlig;t als jeden andern Proze&szlig; der Welt. Eben weil wir
-es selbst hervorbringen, kennen wir das Charakteristische seines
-Verlaufs, die Art, wie sich das dabei in Betracht kommende Geschehen
-vollzieht. Was in den übrigen Beobachtungssph&auml;ren nur auf
-mittelbare Weise gefunden werden kann: der sachlich-entsprechende
-Zusammenhang und das Verh&auml;ltnis der einzelnen Gegenst&auml;nde,
-das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare Weise. Warum für
-meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, wei&szlig; ich nicht
-ohne weiteres; warum mein Denken den <span class="ex">Begriff</span>
-Donner mit dem des Blitzes verbindet, wei&szlig; ich unmittelbar aus
-den Inhalten der beiden Begriffe. Es kommt natürlich gar nicht
-darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der
-Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar und zwar durch sie
-selbst.</p>
-<p class="par">Diese durchsichtige Klarheit in Bezug auf den
-Denkproze&szlig; ist ganz unabh&auml;ngig von unserer Kenntnis der
-physiologischen Grundlagen des Denkens. Ich spreche hier von dem
-Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung unserer geistigen
-Th&auml;tigkeit ergiebt. Wie ein materieller Vorgang meines Gehirns
-einen andern veranla&szlig;t oder beeinflu&szlig;t, w&auml;hrend ich
-eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in
-Betracht. Was ich am Denken beobachte ist nicht: <span class="pagenum">[<a id="pb41" href="#pb41" name="pb41">41</a>]</span>welcher
-Vorgang in meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem des Donners
-verbindet, sondern, was mich veranla&szlig;t, die beiden Begriffe in
-ein bestimmtes Verh&auml;ltnis zu bringen. Meine Beobachtung ergiebt,
-da&szlig; ich mich in meinen Gedankenverbindungen nach dem Inhalte
-meiner Gedanken richte, nicht nach den materiellen Vorg&auml;ngen in
-meinem Gehirn. Für ein weniger materialistisches Zeitalter, als
-das unsrige, w&auml;re diese Bemerkung natürlich vollst&auml;ndig
-überflüssig. Gegenw&auml;rtig aber, wo es Leute giebt, die
-glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen, wie
-die Materie denkt, mu&szlig; doch gesagt werden, da&szlig; man vom
-Denken reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision
-zu treten. Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff des
-Denkens in seiner Reinheit zu fassen. Wer der Vorstellung, die ich hier
-vom Denken entwickelt habe, sogleich den Satz des <span class="ex">Cabanis</span> entgegensetzt: &bdquo;Das Gehirn sondert Gedanken
-ab wie die Leber Galle, die Speicheldrüse Speichel u. s.
-w.&ldquo;, der wei&szlig; einfach nicht, wovon ich rede. Er sucht das
-Denken durch einen blo&szlig;en Beobachtungsproze&szlig; zu finden in
-derselben Art, wie wir bei anderen Gegenst&auml;nden des Weltinhaltes
-verfahren. Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden, weil es sich,
-wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen Beobachtung entzieht.
-Wer den Materialismus nicht überwinden kann, dem fehlt die
-F&auml;higkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand
-herbeizuführen, der ihm zum Bewu&szlig;tsein bringt, was bei aller
-andern Geistesth&auml;tigkeit unbewu&szlig;t bleibt. Wer den guten
-Willen nicht hat, sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem
-k&ouml;nnte man über das <span class="pagenum">[<a id="pb42" href="#pb42" name="pb42">42</a>]</span>Denken so wenig wie mit dem Blinden
-über die Farbe sprechen. Er m&ouml;ge nur aber nicht glauben,
-da&szlig; wir physiologische Prozesse für Denken halten. Er
-erkl&auml;rt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht
-sieht.</p>
-<p class="par">Für jeden aber, der die F&auml;higkeit hat, das
-Denken zu beobachten &mdash; und bei gutem Willen hat sie jeder normal
-organisierte Mensch &mdash; ist diese Beobachtung die allerwichtigste,
-die er machen kann. Denn er beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er
-selbst ist; er sieht sich nicht einem zun&auml;chst fremden
-Gegenstande, sondern seiner eigenen Th&auml;tigkeit gegenüber. Er
-wei&szlig;, wie das zustande kommt, was er beobachtet<span class="corr"
-id="xd23e805" title="Nicht in der Quelle">.</span> Er durchschaut die
-Verh&auml;ltnisse und Beziehungen. Es ist ein fester Punkt gewonnen,
-von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erkl&auml;rung
-der übrigen Welterscheinungen suchen kann.</p>
-<p class="par">Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben,
-veranla&szlig;te den Begründer der neueren Philosophie, Renatus
-Cartesius, das ganze menschliche Wissen auf den Satz zu gründen:
-<span class="ex">Ich denke, also bin ich</span>. Alle andern Dinge,
-alles andere Geschehen ist ohne mich da; ich wei&szlig; nicht, ob als
-Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum. Nur eines wei&szlig; ich ganz
-unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu seinem sichern Dasein:
-mein Denken. Mag es noch einen andern Ursprung seines Daseins haben,
-mag es von Gott oder anderswoher kommen; da&szlig; es in dem Sinne da
-ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen bin ich gewi&szlig;.
-Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte Cartesius
-zun&auml;chst keine Berechtigung. Nur da&szlig; ich mich innerhalb des
-Weltinhaltes in <span class="pagenum">[<a id="pb43" href="#pb43" name="pb43">43</a>]</span>meinem Denken als in meiner ureigensten
-Th&auml;tigkeit erfasse, konnte er behaupten. Was das
-darangeh&auml;ngte: <span class="ex">also bin ich</span> hei&szlig;en
-soll, darüber ist viel gestritten worden. Einen Sinn kann es aber
-nur unter einer einzigen Bedingung haben. Die einfachste Aussage, die
-ich von einem Dinge machen kann, ist die, da&szlig; es <span class="ex">ist</span>, da&szlig; es existiert. Wie dann dieses Dasein
-n&auml;her zu bestimmen ist, das ist bei keinem Dinge, das in den
-Horizont meiner Erlebnisse eintritt, sogleich im Augenblicke zu sagen.
-Es wird jeder Gegenstand erst in seinem Verh&auml;ltnisse zu andern zu
-untersuchen sein, um bestimmen zu k&ouml;nnen, in welchem Sinne von ihm
-als einem existierenden gesprochen werden kann. Ein erlebter Vorgang
-kann eine Summe von Wahrnehmungen, aber auch ein Traum, eine
-Hallucination u. s. w. sein. Kurz, ich kann nicht sagen, in welchem
-Sinne er existiert. Das werde ich dem Vorgange selbst nicht entnehmen
-k&ouml;nnen, sondern ich werde es erfahren, wenn ich ihn im
-Verh&auml;ltnisse zu andern Dingen betrachte. Da kann ich aber wieder
-nicht <span class="ex">mehr</span> wissen, als wie er im
-Verh&auml;ltnisse zu diesen Dingen steht. Mein Suchen kommt erst auf
-einen festen Grund, wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn
-seines Daseins aus ihm selbst sch&ouml;pfen kann. Das bin ich aber
-selbst als Denkender, denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in
-sich beruhenden Inhalt der denkenden Th&auml;tigkeit. Nun kann ich von
-da ausgehen und fragen: existieren die andern Dinge in dem gleichen
-oder in einem andern Sinne?</p>
-<p class="par">Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht,
-fügt man zu dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas hinzu,
-was sonst der Aufmerksamkeit <span class="pagenum">[<a id="pb44" href="#pb44" name="pb44">44</a>]</span>entgeht; man &auml;ndert aber nicht
-die Art, wie sich der Mensch auch den andern Dingen gegenüber
-verh&auml;lt. Man vermehrt die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht
-die Methode des Beobachtens. W&auml;hrend wir die andern Dinge
-beobachten, mischt sich in das Weltgeschehen &mdash; zu dem ich jetzt
-das Beobachten mitz&auml;hle &mdash; ein Proze&szlig;, der
-übersehen wird. Es ist etwas von allem andern Geschehen
-verschiedenes vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird. Wenn
-ich aber mein Denken betrachte, so ist kein solches
-unberücksichtigtes Element vorhanden. Denn was jetzt im
-Hintergrunde schwebt, ist selbst wieder nur das Denken. Der beobachtete
-Gegenstand ist qualitativ derselbe wie die Th&auml;tigkeit, die sich
-auf ihn richtet. Und das ist wieder eine charakteristische
-Eigentümlichkeit des Denkens. Wenn wir es zum Betrachtungsobjekt
-machen, sehen wir uns nicht gezwungen, dies mit Hilfe eines
-Qualitativ-Verschiedenen zu thun, sondern wir k&ouml;nnen in demselben
-Element verbleiben.</p>
-<p class="par">Wenn ich einen ohne mein Zuthun gegebenen Gegenstand in
-mein Denken einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus,
-und es wird sich darum handeln: was giebt mir ein Recht dazu? Warum
-lasse ich den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf welche
-Weise ist es m&ouml;glich, da&szlig; mein Denken einen Bezug zu dem
-Gegenstande hat? Das sind Fragen, die sich jeder stellen mu&szlig;, der
-über seine eigenen Gedankenproze&szlig;e nachdenkt. Sie fallen
-weg, wenn man über das Denken selbst nachdenkt. Wir fügen zu
-dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu, <span class="pagenum">[<a id="pb45" href="#pb45" name="pb45">45</a>]</span>haben uns also auch
-über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Schelling</span> sagt: &bdquo;Die Natur
-erkennen, hei&szlig;t die Natur schaffen.&ldquo; Wer diese Worte des
-tollkühnen Naturphilosophen w&ouml;rtlich nimmt, wird wohl
-zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen. Denn die
-Natur ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, mu&szlig;
-man die Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Für
-die Natur, die man erst schaffen wollte, mü&szlig;te man der
-bereits bestehenden die Bedingungen ihres Daseins abgucken. Dieses
-Abgucken, das dem Schaffen vorausgehen mü&szlig;te, w&auml;re aber
-das Erkennen der Natur, und zwar auch dann, wenn nach erfolgtem
-Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe. Nur eine noch nicht vorhandene
-Natur k&ouml;nnte man schaffen, ohne sie <span class="ex">vorher</span>
-zu erkennen.</p>
-<p class="par">Was bei der Natur unm&ouml;glich ist: das Schaffen vor
-dem Erkennen; beim Denken vollbringen wir es. Wollten wir mit dem
-Denken warten, bis wir es erkannt haben, dann k&auml;men wir nie dazu.
-Wir müssen resolut darauf losdenken, um hinterher mittels der
-Beobachtung des Selbstgethanen zu seiner Erkenntnis zu kommen. Der
-Beobachtung des Denkens schaffen wir selbst erst ein Objekt. Für
-das Vorhandensein aller anderen Objekte ist ohne unser Zuthun gesorgt
-worden.</p>
-<p class="par">Leicht k&ouml;nnte jemand meinem Satze: wir müssen
-denken, bevor wir das Denken betrachten k&ouml;nnen, den andern als
-gleichberechtigt entgegenstellen: wir k&ouml;nnen auch mit dem Verdauen
-nicht warten, bis wir <span class="pagenum">[<a id="pb46" href="#pb46"
-name="pb46">46</a>]</span>den Vorgang des Verdauens beobachtet haben.
-Das w&auml;re ein Einwand &auml;hnlich dem, den Pascal dem Cartesius
-machte, indem er behauptete, man k&ouml;nne auch sagen: ich gehe
-spazieren, also bin ich. Ganz gewi&szlig; mu&szlig; ich auch resolut
-verdauen, bevor ich den physiologischen Proze&szlig; der Verdauung
-studiert habe. Aber mit der Betrachtung des Denkens lie&szlig;e sich
-das nur vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher nicht denkend
-betrachten, sondern essen und verdauen wollte. Das ist doch eben auch
-nicht ohne Grund, da&szlig; das Verdauen zwar nicht Gegenstand des
-Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des Denkens werden
-kann.</p>
-<p class="par">Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das
-Weltgeschehen an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn
-etwas zustande kommen soll. Und das ist doch gerade das, worauf es
-ankommt. Das ist gerade der Grund, warum mir die Dinge so
-r&auml;tselhaft gegenüberstehen: da&szlig; ich an ihrem
-Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie einfach vor; beim
-Denken aber wei&szlig; ich, wie es gemacht wird. Daher giebt es keinen
-ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles
-Weltgeschehens als das Denken.</p>
-<p class="par">Ich m&ouml;chte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch
-erw&auml;hnen, der in Bezug auf das Denken herrscht. Er besteht darin,
-da&szlig; man sagt: das Denken, so wie es an sich selbst ist, ist uns
-nirgends gegeben. Das Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen
-verbindet und mit einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus
-nicht dasselbe wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den
-Gegenst&auml;nden der Beobachtung heraussch&auml;len und zum
-Gegenstande <span class="pagenum">[<a id="pb47" href="#pb47" name="pb47">47</a>]</span>unserer Betrachtung machen. Was wir erst
-unbewu&szlig;t in die Dinge hineinweben, sei ein ganz anderes, als was
-wir dann mit Bewu&szlig;tsein wieder herausl&ouml;sen.</p>
-<p class="par">Wer so schlie&szlig;t, der begreift nicht, da&szlig; es
-ihm gar nicht m&ouml;glich ist, dem Denken zu entschlüpfen. Ich
-kann aus dem Denken gar nicht herauskommen, wenn ich das Denken
-betrachten will. Wenn man das vorbewu&szlig;te Denken, von dem nachher
-bewu&szlig;ten Denken unterscheidet, so sollte man doch nicht
-vergessen, da&szlig; diese Unterscheidung eine ganz
-&auml;u&szlig;erliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun
-hat. Ich mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern,
-da&szlig; ich sie denkend betrachte. Ich kann mir denken, da&szlig; ein
-Wesen mit ganz anders gearteten Sinnesorganen und mit einer anders
-funktionierenden Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere
-Vorstellung hat als ich, aber ich kann mir nicht denken, da&szlig; mein
-eigenes Denken dadurch ein anderes wird, da&szlig; ich es beobachte.
-Ich beobachte selbst, was ich selbst vollbringe. Wie mein Denken sich
-für eine andere Intelligenz ausnimmt als die meine, davon ist
-jetzt nicht die Rede; sondern davon, wie es sich für mich
-ausnimmt. Jedenfalls aber kann das Bild <span class="ex">meines</span>
-Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein als mein
-eigenes. Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen w&auml;re,
-sondern das Denken mir als Th&auml;tigkeit eines mir fremdartigen
-Wesens gegenübertr&auml;te, k&ouml;nnte ich davon sprechen,
-da&szlig; mein Bild des Denkens zwar auf eine bestimmte Weise auftrete;
-wie das Denken des Wesens aber an sich selber sei, das <span class="corr" id="xd23e857" title="Quelle: k&ouml;nne">k&ouml;nnte</span> ich
-nicht wissen.</p>
-<p class="par">Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte
-<span class="pagenum">[<a id="pb48" href="#pb48" name="pb48">48</a>]</span>aus anzusehen, liegt aber vorl&auml;ufig für
-mich nicht die geringste Veranlassung vor. Ich betrachte ja die ganze
-übrige Welt mit Hilfe des Denkens. Wie sollte ich bei meinem
-Denken hiervon eine Ausnahme machen.</p>
-<p class="par">Damit betrachte ich für genügend
-gerechtfertigt, wenn ich in meiner Weltbetrachtung von dem Denken
-ausgehe. Als Archimedes den Hebel erfunden hatte, da glaubte er mit
-seiner Hilfe den ganzen Kosmos aus den Angeln heben zu k&ouml;nnen,
-wenn er nur einen Punkt f&auml;nde, wo er sein Instrument
-aufstützen k&ouml;nnte. Er brauchte etwas, was durch sich selbst,
-nicht durch anderes getragen wird. Im Denken haben wir ein Prinzip, das
-durch sich selbst besteht. Von hier aus sei es versucht, die Welt zu
-begreifen. Das Denken k&ouml;nnen wir durch es selbst erfassen. Die
-Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch etwas anderes ergreifen
-k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf
-seinen Tr&auml;ger, das menschliche Bewu&szlig;tsein, Rücksicht zu
-nehmen. Die meisten Philosophen der Gegenwart werden mir einwenden:
-bevor es ein Denken giebt, mu&szlig; es ein Bewu&szlig;tsein geben.
-Deshalb sei vom Bewu&szlig;tsein und nicht vom Denken auszugehen. Es
-gebe kein Denken ohne Bewu&szlig;tsein. Ich mu&szlig; dem
-gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufkl&auml;rung haben
-will, welches Verh&auml;ltnis zwischen Denken und Bewu&szlig;tsein
-besteht, so mu&szlig; ich darüber nachdenken. Ich setze das Denken
-damit voraus. Nun kann man darauf allerdings antworten: Wenn der
-Philosoph das Bewu&szlig;tsein <span class="ex">begreifen</span> will,
-dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne <span class="pagenum">[<a id="pb49" href="#pb49" name="pb49">49</a>]</span>voraus;
-im gew&ouml;hnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken
-innerhalb des Bewu&szlig;tseins und setzt also dieses voraus. Wenn
-diese Antwort dem Weltsch&ouml;pfer gegeben würde, der das Denken
-schaffen will, so w&auml;re sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann
-natürlich das Denken nicht entstehen lassen, ohne vorher das
-Bewu&szlig;tsein zustande zu bringen. Dem Philosophen aber handelt es
-sich nicht um die Weltsch&ouml;pfung, sondern um das Begreifen
-derselben. Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte für das
-Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen. Ich finde
-es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, da&szlig; er sich
-vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien, nicht
-aber sogleich um die Gegenst&auml;nde bekümmert, die er begreifen
-will. Der Weltsch&ouml;pfer mu&szlig;te vor allem wissen, wie er einen
-Tr&auml;ger für das Denken findet, der Philosoph aber mu&szlig;
-nach einer sichern Grundlage suchen, von der aus er das Vorhandene
-begreifen kann. Was frommt es uns, wenn wir vom Bewu&szlig;tsein
-ausgehen und es der denkenden Betrachtung unterwerfen, wenn wir vorher
-über die M&ouml;glichkeit, durch <span class="ex">denkende</span>
-Betrachtung Aufschlu&szlig; über die Dinge zu bekommen, nichts
-wissen?</p>
-<p class="par">Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne
-Beziehung auf ein denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt
-betrachten. Denn in Subjekt und Objekt haben wir bereits Begriffe, die
-durch das Denken gebildet sind. Es ist nicht zu leugnen: <span class="ex">ehe anderes begriffen werden kann, mu&szlig; es das Denken
-werden</span>. Wer es leugnet, der übersieht, da&szlig; er als
-Mensch nicht ein Anfangsglied der Sch&ouml;pfung, sondern <span class="pagenum">[<a id="pb50" href="#pb50" name="pb50">50</a>]</span>deren
-Endglied ist. Man kann deswegen behufs Erkl&auml;rung der Welt durch
-Begriffe nicht von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen,
-sondern von dem, was uns als das N&auml;chste, als das Intimste gegeben
-ist. Wir k&ouml;nnen uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt
-versetzen, um da unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen
-von dem gegenw&auml;rtigen Augenblick ausgehen, und sehen, ob wir von
-dem Sp&auml;teren zu dem Früheren aufsteigen k&ouml;nnen. So lange
-die Geologie von erdichteten Revolutionen gesprochen hat, um den
-gegenw&auml;rtigen Zustand der Erde zu erkl&auml;ren, so lange tappte
-sie in der Finsternis. Erst als sie ihren Anfang damit machte, zu
-untersuchen, welche Vorg&auml;nge gegenw&auml;rtig noch auf der Erde
-sich abspielen und von diesen zurückschlo&szlig; auf das
-Vergangene, hatte sie einen sicheren Boden gewonnen. So lange die
-Philosophie alle m&ouml;glichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom,
-Bewegung, Materie, Wille, Unbewu&szlig;tes, wird sie in der Luft
-schweben. Erst wenn der Philosoph das absolut letzte als sein erstes
-ansehen wird, kann er zum Ziele kommen. Dieses absolut letzte, zu dem
-es die Weltentwicklung gebracht hat, ist aber das <span class="ex">Denken</span>.</p>
-<p class="par">Es giebt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich
-richtig sei oder nicht, k&ouml;nnen wir aber doch nicht mit Sicherheit
-feststellen. Insoferne bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein
-zweifelhafter. Das ist gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn
-man Zweifel hegt, ob ein Baum an sich richtig sei oder nicht. Das
-Denken ist eine Thatsache; und über die Richtigkeit oder
-Falschheit einer solchen zu sprechen, ist sinnlos. Ich kann
-h&ouml;chstens darüber Zweifel haben, ob das <span class="pagenum">[<a id="pb51" href="#pb51" name="pb51">51</a>]</span>Denken
-richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum ein
-entsprechendes Holz zu einem zweckm&auml;&szlig;igen Ger&auml;t giebt.
-Zu zeigen, inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine
-richtige oder falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein. Ich
-kann es verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, da&szlig; durch das Denken
-über die Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir
-unbegreiflich, wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich
-anzweifeln kann. <span class="pagenum">[<a id="pb52" href="#pb52" name="pb52">52</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch5" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e170">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament01.png" alt="V." width="626" height="134"></div>
-<h2 class="label">V.</h2>
-<h2 class="main">Die Welt als Wahrnehmung.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Durch das Denken entstehen <span class="ex">Begriffe</span> und <span class="ex">Ideen</span>. Was ein
-<span class="ex">Begriff</span> ist, kann nicht mit Worten gesagt
-werden. Worte k&ouml;nnen nur den Menschen darauf aufmerksam machen,
-da&szlig; er Begriffe habe. Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert
-sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein
-ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den Gegenstand und
-das ideelle Gegenstück als zusammengeh&ouml;rig. Wenn der
-Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das
-ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff
-des Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto
-gr&ouml;&szlig;er wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen
-aber durchaus nicht vereinzelt da. Sie schlie&szlig;en sich zu einem
-gesetzm&auml;&szlig;igen Ganzen zusammen. Der Begriff
-&bdquo;Organismus&ldquo; schlie&szlig;t sich z. B. an die andern:
-&bdquo;gesetzm&auml;&szlig;ige Entwicklung, Wachstum&ldquo; an. Andere
-an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen v&ouml;llig in Eins zusammen.
-Alle Begriffe die ich mir von L&ouml;wen bilde, <span class="pagenum">[<a id="pb53" href="#pb53" name="pb53">53</a>]</span>fallen
-in den Gesamtbegriff &bdquo;L&ouml;we&ldquo; zusammen. Auf diese Weise
-verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen
-Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat. Ideen sind
-qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur
-inhaltsvollere, ges&auml;ttigtere und umfangreichere Begriffe. Ich
-mu&szlig; einen besonderen Wert darauflegen, da&szlig; hier an dieser
-Stelle beachtet werde, da&szlig; ich als meinen Ausgangspunkt das
-<span class="ex">Denken</span> bezeichnet habe, und nicht <span class="ex">Begriffe</span> und <span class="ex">Ideen</span>, die erst durch
-das Denken gewonnen werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es
-kann daher, was ich in Bezug auf die in sich selbst ruhende, durch
-nichts bestimmte Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die
-Begriffe übertragen werden. (Ich bemerke das hier
-ausdrücklich, weil hier meine Differenz mit <span class="ex">Hegel</span> liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes und
-Ursprüngliches.)</p>
-<p class="par">Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen
-werden. Das geht schon aus dem Umstande hervor, da&szlig; der
-heranwachsende Mensch sich langsam und allm&auml;hlich erst die
-Begriffe zu den Gegenst&auml;nden bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe
-werden zu der Beobachtung hinzugefügt.</p>
-<p class="par">Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert
-Spencer) schildert den geistigen Proze&szlig;, den wir gegenüber
-der Beobachtung vollziehen, folgenderma&szlig;en:</p>
-<p class="par">&bdquo;Wenn wir an einem Septembertag, durch die Felder
-wandelnd, wenige Schritte vor uns ein Ger&auml;usch h&ouml;ren und an
-der Seite des Grabens, von dem es herzukommen schien, das Gras in
-Bewegung sehen, so werden wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen,
-um zu erfahren, was das Ger&auml;usch und die Bewegung <span class="pagenum">[<a id="pb54" href="#pb54" name="pb54">54</a>]</span>hervorbrachte. Bei unserer Ann&auml;herung
-flattert ein Rebhuhn in den Graben und damit ist unsere Neugierde
-befriedigt: wir haben, was wir eine Erkl&auml;rung der Erscheinungen
-nennen. Diese Erkl&auml;rung l&auml;uft, wohlgemerkt, auf folgendes
-hinaus: weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, da&szlig; eine
-St&ouml;rung der ruhigen Lage kleiner K&ouml;rper die Bewegung anderer
-zwischen ihnen befindlicher K&ouml;rper begleitet, und weil wir deshalb
-die Beziehungen zwischen solchen St&ouml;rungen und solchen Bewegungen
-verallgemeinert haben, so halten wir diese besondere St&ouml;rung
-für erkl&auml;rt, sobald wir finden, da&szlig; sie ein Beispiel
-eben dieser Beziehung darbietet.&ldquo; Genauer besehen stellt sich die
-Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben ist. Wenn ich ein
-Ger&auml;usch h&ouml;re, so suche ich zun&auml;chst den Begriff
-für diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über
-das Ger&auml;usch hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der h&ouml;rt
-eben das Ger&auml;usch und giebt sich damit zufrieden. Durch mein
-Nachdenken aber ist mir klar, da&szlig; ich ein Ger&auml;usch als
-Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich den Begriff der
-<span class="ex">Wirkung</span> mit der Wahrnehmung des Ger&auml;usches
-verbinde, werde ich veranla&szlig;t, über die Einzelbeobachtung
-hinauszugehen und nach der <span class="ex">Ursache</span> zu suchen.
-Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache hervor und ich suche dann
-nach dem verursachenden Gegenstande, den ich in der Gestalt des
-Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung, kann ich aber
-niemals durch blo&szlig;e Beobachtung, und erstrecke sie sich auf noch
-so viele F&auml;lle, gewinnen. Die Beobachtung ruft das Denken hervor
-und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne Erlebnis an
-ein anderes anzuschlie&szlig;en. <span class="pagenum">[<a id="pb55"
-href="#pb55" name="pb55">55</a>]</span></p>
-<p class="par">Wenn man von einer &bdquo;streng objektiven
-Wissenschaft&ldquo; fordert, da&szlig; sie ihren Inhalt nur der
-Beobachtung entnehme, so mu&szlig; man zugleich fordern, da&szlig; sie
-auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner Natur nach
-über das Beobachtete hinaus.</p>
-<p class="par">Nun ist es am Platze von dem Denken auf das denkende
-Wesen überzugehen. Denn durch dieses wird das Denken mit der
-Beobachtung verbunden. Das menschliche Bewu&szlig;tsein ist der
-Schauplatz, wo Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie
-miteinander verknüpft werden. Dadurch ist aber dieses
-(menschliche) Bewu&szlig;tsein zugleich charakterisiert. Es ist der
-Vermittler zwischen Denken und Beobachtung. Insoferne es einen
-Gegenstand beobachtet, erscheint ihm dieser als gegeben, insoferne es
-denkt<span class="corr" id="xd23e942" title="Nicht in der Quelle">,</span> erscheint es sich selbst als
-th&auml;tig. Es betrachtet den Gegenstand als <span class="ex">Objekt</span>, sich selbst als das denkende <span class="ex">Subjekt</span>. Weil es sein Denken auf die Beobachtung richtet,
-ist es Bewu&szlig;tsein von den Objekten; weil es sein Denken auf sich
-richtet, ist es Bewu&szlig;tsein seiner selbst oder <span class="ex">Selbstbewu&szlig;tsein</span>. Das menschliche Bewu&szlig;tsein
-mu&szlig; notwendig zugleich Selbstbewu&szlig;tsein sein, weil es
-<span class="ex">denkendes</span> Bewu&szlig;tsein ist. Denn wenn das
-Denken den Blick auf seine eigene Th&auml;tigkeit richtet, dann hat es
-seine ureigene Wesenheit, also sein Subjekt als Objekt zum
-Gegenstande.</p>
-<p class="par">Nun darf aber nicht übersehen werden, da&szlig; wir
-uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den
-Objekten entgegensetzen k&ouml;nnen. Deshalb darf das Denken niemals
-als eine blo&szlig; subjektive Th&auml;tigkeit aufgefa&szlig;t werden.
-Das Denken ist <span class="ex">jenseits</span> <span class="pagenum">[<a id="pb56" href="#pb56" name="pb56">56</a>]</span>von
-Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle
-anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt
-beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas blo&szlig;
-Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung
-herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb,
-weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es
-zu denken vermag. Die Th&auml;tigkeit, die das Bewu&szlig;tsein als
-<span class="ex">denkendes</span> Wesen ausübt, ist also keine
-blo&szlig; subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch
-objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich
-darf niemals sagen, da&szlig; mein individuelles Subjekt denkt; dieses
-lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein
-Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den
-Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es
-mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.</p>
-<p class="par">Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: Er denkt und
-umschlie&szlig;t damit sich selbst und die übrige Welt; aber er
-mu&szlig; sich mittels des Denkens zugleich als ein den Dingen
-gegenüberstehendes Individuum bestimmen.</p>
-<p class="par">Das n&auml;chste wird nun sein, uns zu fragen: wie kommt
-das andere Element, das wir bisher blo&szlig; als Beobachtungsobjekt
-bezeichnet haben, und das sich mit dem Denken im Bewu&szlig;tsein
-begegnet, in das letztere?</p>
-<p class="par">Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus
-unserem Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken
-bereits in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn unser jeweiliger
-Bewu&szlig;tseinsinhalt ist immer <span class="pagenum">[<a id="pb57"
-href="#pb57" name="pb57">57</a>]</span>schon mit Begriffen in der
-mannigfachsten Weise durchsetzt.</p>
-<p class="par">Wir müssen uns vorstellen, da&szlig; ein Wesen mit
-vollkommen entwickelter menschlicher Intelligenz aus dem Nichts
-entstehe und der Welt gegenübertrete. Was es da gewahr würde,
-bevor es das Denken in Th&auml;tigkeit bringt, das ist der reine
-Beobachtungsinhalt. Die Welt zeigte dann diesem Wesen nur das
-blo&szlig;e zusammenhanglose Aggregat von <span class="ex">Empfindungsobjekten</span>: Farben, T&ouml;ne, Druck-,
-W&auml;rme-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen; dann Lust- und
-Unlustgefühle. Dieses Aggregat ist der Inhalt der reinen,
-gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber steht das Denken, das
-bereit ist, seine Th&auml;tigkeit zu entfalten, wenn sich ein
-Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald, da&szlig; er sich
-findet. Das Denken ist imstande F&auml;den zu ziehen von einem
-Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen
-bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verh&auml;ltnis. Wir
-haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Ger&auml;usch mit
-einer andern Beobachtung dadurch verbunden wird, da&szlig; wir das
-erstere als Wirkung der letzteren bezeichnen.</p>
-<p class="par">Wenn wir uns nun daran erinnern, da&szlig; die
-Th&auml;tigkeit des Denkens durchaus nicht als eine subjektive
-aufzufassen ist, so werden wir auch nicht versucht sein zu glauben,
-da&szlig; solche Beziehungen, die durch das Denken hergestellt sind,
-blo&szlig; eine subjektive Geltung haben.</p>
-<p class="par">Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende
-&Uuml;berlegung die Beziehung zu suchen, die der oben angegebene
-unmittelbar gegebene Beobachtungsinhalt zu unserem bewu&szlig;ten
-Subjekt hat. <span class="pagenum">[<a id="pb58" href="#pb58" name="pb58">58</a>]</span></p>
-<p class="par">Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir
-geboten, da&szlig; ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch
-eines Wortes verst&auml;ndige, das ich im folgenden anwenden mu&szlig;.
-Ich werde die unmittelbaren Empfindungsobjekte, die ich oben genannt
-habe, insoferne das bewu&szlig;te Subjekt von ihnen durch Beobachtung
-Kenntnis nimmt, <span class="ex">Wahrnehmungen</span> nennen. Also
-nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das <span class="ex">Objekt</span> dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem
-Namen.</p>
-<p class="par">Ich w&auml;hle den Ausdruck <span class="ex">Empfindung</span> nicht, weil dieser in der Physiologie eine
-bestimmte Bedeutung hat, die enger ist, als die meines Begriffes von
-Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich wohl als
-Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen Sinne
-bezeichnen. Wenn ich von meinem Gefühle Kenntnis erhalten soll, so
-mu&szlig; es erst <span class="ex">Wahrnehmung</span> für mich
-werden. Und die Art, wie wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem
-Denken erhalten, ist eine solche, da&szlig; wir auch das Denken in
-seinem ersten Auftreten für unser Bewu&szlig;tsein Wahrnehmung
-nennen k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem
-Sinne, wie sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm
-ganz unabh&auml;ngiges Dasein haben. Wenn er einen Baum sieht, so
-glaubt er zun&auml;chst, da&szlig; dieser in der Gestalt, die er sieht,
-mit den Farben, die seine Teile haben u. s. w., dort an dem Orte steht,
-wohin der Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne
-als eine Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser
-Scheibe verfolgt, so ist er der Meinung, da&szlig; das alles
-<span class="pagenum">[<a id="pb59" href="#pb59" name="pb59">59</a>]</span>in dieser Weise (an sich) besteht und vorgeht, wie
-er es beobachtet. Er h&auml;lt so lange an diesem Glauben fest, bis er
-anderen Wahrnehmungen begegnet, die jenen widersprechen. Das Kind, das
-noch keine Erfahrungen über Entfernungen hat, greift nach dem
-Monde und stellt das, was es nach dem ersten Augenschein für
-wirklich gehalten hat, erst richtig, wenn eine zweite Wahrnehmung sich
-mit der ersten im Widerspruch befindet. Jede Erweiterung des Kreises
-meiner Wahrnehmungen n&ouml;tigt mich, mein Bild der Welt zu
-berichtigen. Das zeigt sich im t&auml;glichen Leben ebenso wie in der
-Geistesentwicklung der Menschheit. Das Bild, das sich die Alten von der
-Beziehung der Erde zu der Sonne und den andern Himmelsk&ouml;rpern
-machten, mu&szlig;te von Copernikus durch ein anderes ersetzt werden,
-weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt waren, nicht
-zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen operierte, sagte
-dieser, da&szlig; er sich vor seiner Operation durch die Wahrnehmungen
-seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Gr&ouml;&szlig;e der
-Gegenst&auml;nde gemacht habe. Er mu&szlig;te seine Tastwahrnehmungen
-durch seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.</p>
-<p class="par">Woher kommt es, da&szlig; wir zu solchen
-fortw&auml;hrenden Richtigstellungen unserer Beobachtungen gezwungen
-sind?</p>
-<p class="par">Eine einfache &Uuml;berlegung bringt die Antwort auf
-diese Frage. Wenn ich an dem einen Ende einer Allee stehe, so
-erscheinen mir die B&auml;ume an dem andern, von mir entfernten Ende
-kleiner und n&auml;her aneinandergerückt als da, wo ich stehe.
-Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn ich den Ort <span class="pagenum">[<a id="pb60" href="#pb60" name="pb60">60</a>]</span>&auml;ndere, von dem aus ich meine Beobachtungen
-mache. Es ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt,
-abh&auml;ngig von einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte
-h&auml;ngt, sondern die mir, dem Wahrnehmenden, zukommt. Es ist
-für eine Allee ganz gleichgültig, wo ich stehe. Das Bild
-aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich davon abh&auml;ngig.
-Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem
-gleichgültig, da&szlig; die Menschen sie gerade von der Erde aus
-ansehen. Das Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist
-durch diesen ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abh&auml;ngigkeit des
-Wahrnehmungsbildes von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am
-leichtesten zu durchschauen ist. Schwieriger wird die Sache schon, wenn
-wir die Abh&auml;ngigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer
-leiblichen und geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt
-uns, da&szlig; innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall
-h&ouml;ren, Schwingungen der Luft stattfinden, und da&szlig; auch der
-K&ouml;rper, in dem wir den Ursprung des Schalles suchen, eine
-schwingende Bewegung seiner Teile aufweist. Wir nehmen diese Bewegung
-nur als Schall wahr, wenn wir ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne
-ein solches bliebe uns die ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie
-belehrt uns darüber, da&szlig; es Menschen giebt, die nichts
-wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht, die uns umgiebt. Ihr
-Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und Dunkel auf. Andere
-nehmen nur eine bestimmte Farbe, z. B. das Rot, nicht wahr. Ihrem
-Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher thats&auml;chlich
-ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen. Ich <span class="pagenum">[<a id="pb61" href="#pb61" name="pb61">61</a>]</span>m&ouml;chte die Abh&auml;ngigkeit meines
-Wahrnehmungsbildes von meinem Beobachtungsorte eine mathematische, die
-von meiner Organisation eine qualitative nennen. Durch jene werden die
-Gr&ouml;&szlig;enverh&auml;ltnisse und gegenseitigen Entfernungen
-meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese die Qualit&auml;t derselben.
-Da&szlig; ich eine rote Fl&auml;che rot sehe &mdash; diese qualitative
-Bestimmung &mdash; h&auml;ngt von der Organisation meines Auges ab.</p>
-<p class="par">Meine Wahrnehmungsbilder sind also zun&auml;chst
-subjektiv. Die Erkenntnis von dem subjektiven Charakter unserer
-Wahrnehmungen kann leicht zu Zweifeln darüber führen, ob
-überhaupt etwas Objektives denselben zum Grunde liegt. Wenn wir
-wissen, da&szlig; eine Wahrnehmung, z. B. die der roten Farbe, oder
-eines bestimmten Tones nicht m&ouml;glich ist, ohne eine bestimmte
-Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu dem Glauben kommen,
-da&szlig; dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven Organismus keinen
-Bestand hat, da&szlig; sie ohne den Akt des Wahrnehmens, dessen Objekt
-sie ist, keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in <span class="ex">George Berkeley</span> einen klassischen Vertreter gefunden, der
-der Meinung war, da&szlig; der Mensch von dem Augenblicke an, wo er
-sich der Bedeutung des Subjekts für die Wahrnehmung bewu&szlig;t
-geworden ist, nicht mehr an eine ohne den bewu&szlig;ten Geist
-vorhandene Welt glauben k&ouml;nne. Er sagt: &bdquo;Einige Wahrheiten
-liegen so nahe und sind so einleuchtend, da&szlig; man nur die Augen zu
-&ouml;ffnen braucht, um sie zu sehen. Für eine solche halte ich
-den wichtigen Satz, da&szlig; der ganze Chor am Himmel und alles, was
-zur Erde geh&ouml;rt, mit einem Worte alle die K&ouml;rper, die den
-gewaltigen Bau der Welt zusammensetzen, <span class="pagenum">[<a id="pb62" href="#pb62" name="pb62">62</a>]</span>keine Subsistenz
-au&szlig;erhalb des Geistes haben, da&szlig; ihr Sein in ihrem
-Wahrgenommen- oder Erkannt-Werden besteht, da&szlig; sie folglich, so
-lange sie nicht wirklich von mir wahrgenommen werden oder in meinem
-Bewu&szlig;tsein oder dem eines anderen geschaffenen Geistes
-existieren, entweder überhaupt keine Existenz haben oder in dem
-Bewu&szlig;tsein eines ewigen Geistes existieren&ldquo;. Für diese
-Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man von
-dem Wahrgenommen-Werden absieht. Es giebt keine Farbe, wenn keine
-gesehen, keinen Ton, wenn keiner geh&ouml;rt wird. Ebensowenig wie
-Farbe und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung
-au&szlig;erhalb des Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends blo&szlig;e
-Ausdehnung oder Gestalt, sondern diese immer mit Farbe oder andern
-unbestreitbar von unserer Subjektivit&auml;t abh&auml;ngigen
-Eigenschaften verknüpft. Wenn die letzteren mit unserer
-Wahrnehmung verschwinden, so mu&szlig; das auch bei den ersteren der
-Fall sein, die an sie gebunden sind.</p>
-<p class="par">Dem Einwand, da&szlig;, wenn auch Figur, Farbe, Ton u.
-s. w. keine andere Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes
-haben, es doch Dinge geben müsse, die ohne das Bewu&szlig;tsein da
-sind und denen die bewu&szlig;ten Wahrnehmungsbilder &auml;hnlich
-seien, begegnet die geschilderte Ansicht damit, da&szlig; sie sagt:
-eine Farbe kann nur &auml;hnlich einer Farbe, eine Figur &auml;hnlich
-einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen k&ouml;nnen nur unseren
-Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen &auml;hnlich sein. Auch
-was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als eine Gruppe von
-Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise <span class="pagenum">[<a id="pb63" href="#pb63" name="pb63">63</a>]</span>verbunden sind. Nehme ich von einem Tische
-Gestalt, Ausdehnung, Farbe u. s. w., kurz alles, was nur meine
-Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr übrig. Diese Ansicht
-führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung: Die Objekte meiner
-Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden und zwar nur insoferne und
-so lange ich sie wahrnehme; sie verschwinden mit dem Wahrnehmen und
-haben keinen Sinn ohne dieses. Au&szlig;er meinen Wahrnehmungen
-wei&szlig; ich aber von keinen Gegenst&auml;nden und kann von keinen
-wissen.</p>
-<p class="par">Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden,
-als ich blo&szlig; im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe,
-da&szlig; die Wahrnehmung von der Organisation meines Subjektes
-mitbestimmt wird. Wesentlich anders stellte sich die Sache aber, wenn
-wir imstande w&auml;ren, anzugeben, welches die Funktion unseres
-Wahrnehmens beim Zustandekommen einer Wahrnehmung ist. Wir
-wü&szlig;ten dann, was an der Wahrnehmung w&auml;hrend des
-Wahrnehmens geschieht, und k&ouml;nnten auch bestimmen, was an ihr
-schon sein mu&szlig;, bevor sie wahrgenommen wird.</p>
-<p class="par">Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der
-Wahrnehmung auf das Subjekt derselben geleitet. Ich nehme nicht nur
-andere Dinge wahr, sondern ich nehme mich selbst wahr. Die Wahrnehmung
-meiner selbst hat zun&auml;chst den Inhalt, da&szlig; ich das Bleibende
-bin gegenüber den immer kommenden und gehenden
-Wahrnehmungsbildern. Die Wahrnehmung des Ich geht in meinem
-Bewu&szlig;tsein als Begleiter aller andern Wahrnehmungen nebenher.
-Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes vertieft bin,
-<span class="pagenum">[<a id="pb64" href="#pb64" name="pb64">64</a>]</span>so habe ich vorl&auml;ufig nur von diesem ein
-Bewu&szlig;tsein. Dazu tritt dann die Wahrnehmung meines Selbst. Ich
-bin mir nunmehr nicht blo&szlig; des Gegenstandes bewu&szlig;t, sondern
-auch meiner Pers&ouml;nlichkeit, die dem Gegenstand gegenübersteht
-und ihn beobachtet. Ich sehe nicht blo&szlig; einen Baum, sondern ich
-wei&szlig; auch, <span class="ex">da&szlig; ich es bin</span>, der ihn
-sieht. Ich erkenne auch, da&szlig; in mir etwas vorgeht, w&auml;hrend
-ich den Baum beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise
-verschwindet, bleibt ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild
-des Baumes. Dieses Bild hat sich w&auml;hrend meiner Beobachtung mit
-meinem Selbst verbunden. Mein Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt
-hat ein neues Element in sich aufgenommen. Dieses Element nenne ich
-meine <span class="ex">Vorstellung</span> von dem Baume. Ich k&auml;me
-nie in die Lage von <span class="ex">Vorstellungen</span> zu sprechen,
-wenn ich nicht die Wahrnehmung meines Selbst machte. Wahrnehmungen
-würden kommen und gehen; ich lie&szlig;e sie vorüberziehen.
-Nur dadurch, da&szlig; ich mein Selbst wahrnehme und merke, da&szlig;
-mit jeder Wahrnehmung sich auch <span class="ex">dessen</span> Inhalt
-&auml;ndert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des Gegenstandes
-mit meiner eigenen Zustandsver&auml;nderung in Zusammenhang zu bringen
-und von meiner Vorstellung zu sprechen.</p>
-<p class="par">Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem
-Sinne, wie Farbe, Ton u. s. w. an andern Gegenst&auml;nden. Ich kann
-jetzt auch den Unterschied machen, da&szlig; ich diese andern
-Gegenst&auml;nde, die sich mir gegenüberstellen, <span class="ex">Au&szlig;enwelt</span> nenne, w&auml;hrend ich den Inhalt meiner
-Selbstwahrnehmung als <span class="ex">Innenwelt</span> bezeichne. Die
-Verkennung des Verh&auml;ltnisses <span class="pagenum">[<a id="pb65"
-href="#pb65" name="pb65">65</a>]</span>von Vorstellung und Gegenstand
-hat die gr&ouml;&szlig;ten Mi&szlig;verst&auml;ndnisse in der neueren
-Philosophie herbeigeführt. Die Wahrnehmung einer Ver&auml;nderung
-in uns, die Modifikation, die mein Selbst erf&auml;hrt, wurde in den
-Vordergrund gedr&auml;ngt und das diese Modifikation veranlassende
-Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man hat gesagt: wir nehmen nicht die
-Gegenst&auml;nde wahr, sondern nur unsere Vorstellungen. Ich soll
-nichts wissen von dem Tische an sich, der Gegenstand meiner Beobachtung
-ist, sondern nur von der Ver&auml;nderung, die mit mir selbst vorgeht,
-w&auml;hrend ich den Tisch wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht mit
-der vorhin erw&auml;hnten Berkeleyschen verwechselt werden. Berkeley
-behauptet die subjektive Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er
-sagt nicht, da&szlig; ich nur von meinen Vorstellungen wissen kann. Er
-schr&auml;nkt mein Wissen auf meine Vorstellungen ein, weil er der
-Meinung ist, da&szlig; es keine Gegenst&auml;nde au&szlig;erhalb des
-Vorstellens giebt. Was ich als Tisch ansehe, das ist im Sinne Berkeleys
-nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick nicht mehr darauf richte.
-Deshalb l&auml;&szlig;t Berkeley meine Wahrnehmungen unmittelbar durch
-die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen Tisch, weil Gott diese
-Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher keine anderen
-realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was wir Welt
-nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden. Was der naive Mensch
-Au&szlig;enwelt, k&ouml;rperliche Natur nennt, ist für Berkeley
-nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche
-gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf
-unsere Vorstellungen <span class="pagenum">[<a id="pb66" href="#pb66"
-name="pb66">66</a>]</span>einschr&auml;nkt, weil sie überzeugt
-ist, da&szlig; es au&szlig;er diesen Vorstellungen keine Dinge geben
-kann, sondern weil sie uns so organisiert glaubt, da&szlig; wir nur von
-den Ver&auml;nderungen unseres eigenen Selbst, nicht von den diese
-Ver&auml;nderungen veranlassenden Dingen an sich erfahren k&ouml;nnen.
-Sie folgert aus dem Umstande, da&szlig; ich nur meine Vorstellungen
-kenne, nicht, da&szlig; es keine von diesen Vorstellungen
-unabh&auml;ngige Existenz giebt, sondern nur, da&szlig; das Subjekt
-eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht anders als
-durch das &bdquo;Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren,
-fingieren, denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann&ldquo;
-(O. Liebmann, Zur Analysis der Wirklichkeit, S. 28). Diese Anschauung
-glaubt etwas unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise
-unmittelbar einleuchtet. &bdquo;Der erste Fundamentalsatz, den sich der
-Philosoph zu deutlichem Bewu&szlig;tsein zu bringen hat, besteht in der
-Erkenntnis, da&szlig; unser Wissen sich <span class="ex">zun&auml;chst</span> auf nichts weiter als auf unsere
-Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was wir
-unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie
-unmittelbar erfahren, deshalb vermag uns auch der radikalste Zweifel
-das Wissen von denselben nicht zu entrei&szlig;en. Dagegen ist das
-Wissen, das über mein Vorstellen &mdash; ich nehme diesen Ausdruck
-hier überall im weitesten Sinne, so da&szlig; alles psychische
-Geschehen darunter f&auml;llt &mdash; hinausgeht, vor dem Zweifel nicht
-geschützt. Daher mu&szlig; zu <span class="ex">Beginn des
-Philosophierens</span> alles über die Vorstellungen hinausgehende
-Wissen ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden,&ldquo; so
-beginnt <span class="ex">Volkelt</span> sein Buch über
-<span class="pagenum">[<a id="pb67" href="#pb67" name="pb67">67</a>]</span>&bdquo;Kants Erkenntnistheorie&ldquo;. Was hiermit
-so hingestellt wird, als ob es eine unmittelbare und
-selbstverst&auml;ndliche Wahrheit w&auml;re, ist aber in Wirklichkeit
-das Resultat einer Gedankenoperation, die folgenderma&szlig;en
-verl&auml;uft: Der naive Mensch glaubt, da&szlig; die Gegenst&auml;nde,
-so wie er sie wahrnimmt, auch au&szlig;erhalb seines Bewu&szlig;tseins
-vorhanden sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie lehren aber,
-da&szlig; zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist,
-da&szlig; wir folglich von nichts wissen k&ouml;nnen, als von dem, was
-unsere Organisation uns von den Dingen überliefert. Unsere
-Wahrnehmungen sind somit Modifikationen unserer Organisation, nicht
-Dinge an sich. Den hier angedeuteten Gedankengang hat <span class="ex">Eduard von Hartmann</span> in der That als denjenigen
-charakterisiert, der zur &Uuml;berzeugung von dem Satze führen
-mu&szlig;, da&szlig; wir ein direktes Wissen nur von unseren
-Vorstellungen haben k&ouml;nnen (vergl. dessen Grundproblem der
-Erkenntnistheorie, S. 16&ndash;40). Weil wir au&szlig;erhalb unseres
-Organismus Schwingungen der K&ouml;rper und der Luft finden, die sich
-uns als Schall darstellen, so wird gefolgert, da&szlig; das, was wir
-Schall nennen, nichts weiter sei als eine subjektive Reaktion unseres
-Organismus auf jene Bewegungen in der Au&szlig;enwelt. In derselben
-Weise findet man, da&szlig; Farbe und W&auml;rme nur Modifikationen
-unseres Organismus sind. Und zwar ist man der Ansicht, da&szlig; diese
-beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch die Wirkung
-der Bewegung eines den Weltraum füllenden, unendlich feinen
-Stoffes, des &Auml;thers. Wenn die Schwingungen dieses &Auml;thers die
-Hautnerven meines K&ouml;rpers erregen, so habe ich die Wahrnehmung der
-W&auml;rme, <span class="pagenum">[<a id="pb68" href="#pb68" name="pb68">68</a>]</span>wenn sie den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und
-Farbe wahr. Licht, Farbe und W&auml;rme sind also das, womit meine
-Sinnesnerven auf den Reiz von au&szlig;en antworten. Auch der Tastsinn
-liefert mir nicht die Gegenst&auml;nde der Au&szlig;enwelt, sondern nur
-meine eigenen Zust&auml;nde. Der Physiker glaubt, da&szlig; die
-K&ouml;rper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen, bestehen,
-und da&szlig; diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen,
-sondern gewisse Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen
-ihnen der leere Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst
-anziehender und absto&szlig;ender Kr&auml;fte. Wenn ich meine Hand
-einem K&ouml;rper n&auml;here, so berühren die Moleküle
-meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen des K&ouml;rpers, sondern
-es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen K&ouml;rper und Hand, und
-was ich als Widerstand des K&ouml;rpers empfinde, das ist nichts weiter
-als die Wirkung der absto&szlig;enden Kraft, die seine Moleküle
-auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin au&szlig;erhalb des
-K&ouml;rpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus
-wahr.</p>
-<p class="par">Erg&auml;nzend zu diesen &Uuml;berlegungen tritt die
-Lehre von den sogenannten spezifischen Sinnesenergien, die <span class="ex">J. Müller</span> aufgestellt hat. Sie besteht darin,
-da&szlig; jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle
-&auml;u&szlig;eren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten.
-Wird auf den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht
-Lichtwahrnehmung, gleichgültig ob die Erregung durch das
-geschieht, was wir Licht nennen, oder ob ein mechanischer Druck oder
-ein elektrischer Strom auf den Nerv einwirkt. Andrerseits werden in
-verschiedenen Sinnen durch die gleichen &auml;u&szlig;eren Reize
-<span class="pagenum">[<a id="pb69" href="#pb69" name="pb69">69</a>]</span>verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus
-scheint hervorzugehen, da&szlig; unsere Sinne nur das überliefern
-k&ouml;nnen, was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der
-Au&szlig;enwelt. Sie bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer
-Natur.</p>
-<p class="par">Die Physiologie zeigt, da&szlig; auch von einem direkten
-Wissen dessen keine Rede sein kann, was die Gegenst&auml;nde in unseren
-Sinnesorganen bewirken. Indem der Physiologe die Vorg&auml;nge in
-unserem eigenen Leibe verfolgt, findet er, da&szlig; schon in den
-Sinnesorganen die Wirkungen der &auml;u&szlig;eren Bewegung in der
-mannigfaltigsten Weise umge&auml;ndert werden. Wir sehen das am
-deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte Organe, die
-den &auml;u&szlig;eren Reiz wesentlich ver&auml;ndern, ehe sie ihn zum
-entsprechenden Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nerv wird
-nun der schon ver&auml;nderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier
-erst müssen wieder die Centralorgane erregt werden. Daraus wird
-geschlossen, da&szlig; der &auml;u&szlig;ere Vorgang eine Reihe von
-Umwandlungen erfahren hat, ehe er zum Bewu&szlig;tsein kommt. Was da im
-Gehirne sich abspielt, ist durch so viele Zwischenvorg&auml;nge mit dem
-&auml;u&szlig;eren Vorgang verbunden, da&szlig; an eine
-&Auml;hnlichkeit mit denselben nicht mehr gedacht werden kann. Was das
-Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder &auml;u&szlig;ere
-Vorg&auml;nge, noch Vorg&auml;nge in den <span class="corr" id="xd23e1082" title="Quelle: Sinnesorgannen">Sinnesorganen</span>,
-sondern nur solche innerhalb des Gehirnes. Aber auch die letzteren
-nimmt die Seele noch nicht unmittelbar wahr. Was wir im
-Bewu&szlig;tsein zuletzt haben, sind gar keine Gehirnvorg&auml;nge,
-sondern <span class="ex">Empfindungen</span>. Meine Empfindung des
-<span class="ex">Rot</span> hat gar keine &Auml;hnlichkeit <span class="pagenum">[<a id="pb70" href="#pb70" name="pb70">70</a>]</span>mit dem
-Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn ich das Rot empfinde. Das
-letztere tritt erst wieder als Wirkung in der Seele auf und wird nur
-verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb sagt <span class="ex">Hartmann</span> (Grundproblem der Erkenntnistheorie S. 37):
-&bdquo;Was das Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen
-seiner eigenen psychischen Zust&auml;nde und nichts anderes.&ldquo;
-Wenn ich die Empfindungen habe, dann sind diese aber noch lange nicht
-zu dem gruppiert, was ich als Dinge wahrnehme. Es k&ouml;nnen mir ja
-nur einzelne Empfindungen durch das Gehirn vermittelt werden. Die
-Empfindungen der H&auml;rte und Weichheit werden mir durch den Tast-,
-die Farbe- und Lichtempfindungen durch den Gesichtssinn vermittelt.
-Doch finden sich dieselben an einem und demselben Gegenstande
-vereinigt. Diese Vereinigung mu&szlig; also erst von der Seele selbst
-bewirkt werden. Das hei&szlig;t, die Seele setzt die einzelnen durch
-das Gehirn vermittelten Empfindungen zu K&ouml;rpern zusammen. Mein
-Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast- und
-Geh&ouml;rempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann
-die Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt. Dieses Endglied
-(Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein
-Bewu&szlig;tsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts
-mehr von dem zu finden, was au&szlig;er mir ist und ursprünglich
-einen Eindruck auf meine Sinne gemacht hat. Der &auml;u&szlig;ere
-Gegenstand ist auf dem Wege zum Gehirn und durch das Gehirn zur Seele
-vollst&auml;ndig verloren gegangen.</p>
-<p class="par">Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengeb&auml;ude in
-der Geschichte des menschlichen Geisteslebens zu <span class="pagenum">[<a id="pb71" href="#pb71" name="pb71">71</a>]</span>finden,
-das mit gr&ouml;&szlig;erem Scharfsinn zusammengetragen ist, und das
-bei genauerer Prüfung doch in nichts zerf&auml;llt. Sehen wir
-einmal n&auml;her zu, wie es zustande kommt. Man geht zun&auml;chst von
-dem aus, was dem naiven Bewu&szlig;tsein gegeben ist, von dem
-wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, da&szlig; alles, was an diesem
-Dinge sich findet, für uns nicht da w&auml;re, wenn wir keine
-Sinne h&auml;tten. Kein Auge: keine Farbe. Also ist die Farbe in dem
-noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst durch
-die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser ist also
-farblos. Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden; denn da ist
-ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden, der erst durch
-den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern ausl&ouml;st.
-Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch den
-Hirnproze&szlig; in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch
-immer nicht ins Bewu&szlig;tsein, sondern wird erst durch die Seele
-nach au&szlig;en an einen K&ouml;rper verlegt. An diesem nehme ich sie
-endlich wahr. Wir haben einen vollst&auml;ndigen Kreisgang
-durchgemacht. Wir sind uns eines farbigen K&ouml;rpers bewu&szlig;t
-geworden. Das ist das Erste. Nun hebt die Gedankenoperation an. Wenn
-ich keine Augen h&auml;tte, w&auml;re der K&ouml;rper für mich
-farblos. Ich kann die Farbe also nicht in den K&ouml;rper verlegen. Ich
-gehe auf die Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im Nerv:
-vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier finde ich
-sie zwar, aber nicht mit dem K&ouml;rper verbunden. Den farbigen
-K&ouml;rper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis
-ist geschlossen. <span class="pagenum">[<a id="pb72" href="#pb72" name="pb72">72</a>]</span>Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu
-erkennen, was der naive Mensch sich als drau&szlig;en im Raume
-vorhanden denkt.</p>
-<p class="par">So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in
-sch&ouml;nster Ordnung. Aber die Sache mu&szlig; noch einmal von vorne
-angefangen werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge
-gewirtschaftet: mit der &auml;u&szlig;eren Wahrnehmung, von dem ich
-früher, als naiver Mensch, eine ganz falsche Ansicht gehabt habe.
-Ich war der Meinung: sie h&auml;tte so, wie ich sie wahrnehme, einen
-objektiven Bestand. Nun merke ich, da&szlig; sie mit meinem Vorstellen
-verschwindet, da&szlig; sie nur eine Modifikation meiner seelischen
-Zust&auml;nde ist. Habe ich nun überhaupt noch ein Recht, in
-meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen,
-da&szlig; sie auf meine Seele wirkt? Ich mu&szlig; von jetzt ab den
-Tisch, von dem ich früher geglaubt habe, da&szlig; er auf mich
-wirkt und in mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als
-Vorstellung behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch meine
-Sinnesorgane und die Vorg&auml;nge in ihnen blo&szlig; subjektiv. Ich
-habe kein Recht, von einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von
-meiner Vorstellung des Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und
-dem Gehirnproze&szlig; und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele
-selbst, durch den aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge
-aufgebaut werden sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der
-Richtigkeit des ersten Gedankenkreisganges die Glieder meines
-Erkenntnisaktes nochmals, so zeigt sich der letztere als ein Gespinst
-von Vorstellungen, die doch als solche nicht aufeinander wirken
-k&ouml;nnen. Ich kann <span class="pagenum">[<a id="pb73" href="#pb73"
-name="pb73">73</a>]</span>nicht sagen: meine Vorstellung des
-Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des Auges, und aus dieser
-Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe hervor. Aber ich habe es
-auch nicht n&ouml;tig. Denn sobald mir klar ist, da&szlig; mir meine
-Sinnesorgane und deren Th&auml;tigkeiten, mein Nerven- und
-Seelenproze&szlig; auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
-k&ouml;nnen, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen
-Unm&ouml;glichkeit. Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung
-ohne das entsprechende Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein
-Sinnesorgan ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner Wahrnehmung des
-Tisches auf das Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven,
-die ihn tasten; aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der
-Wahrnehmung erfahren. Und da bemerke ich denn bald, da&szlig; in dem
-Proze&szlig;, der sich im Auge vollzieht, nicht eine Spur von
-&Auml;hnlichkeit ist mit dem, was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann
-meine Farbenwahrnehmung nicht dadurch vernichten, da&szlig; ich den
-Proze&szlig; im Auge aufzeige, der sich w&auml;hrend dieser Wahrnehmung
-darin abspielt. Ebensowenig finde ich in den Nerven- und
-Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde nur neue Wahrnehmungen
-innerhalb meines Organismus mit der ersten, die der naive Mensch
-au&szlig;erhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe nur von einer
-Wahrnehmung zur andern über.</p>
-<p class="par">Au&szlig;erdem enth&auml;lt die ganze
-Schlu&szlig;folgerung einen Sprung. Ich bin in der Lage, die
-Vorg&auml;nge in meinem Organismus bis zu den Prozessen in meinem
-Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer hypothetischer
-werden, je mehr ich mich den <span class="pagenum">[<a id="pb74" href="#pb74" name="pb74">74</a>]</span>centralen Vorg&auml;ngen des Gehirnes
-n&auml;here. Der Weg der <span class="ex">&auml;u&szlig;eren</span>
-Beobachtung h&ouml;rt mit dem Vorgange in meinem Gehirne auf, und zwar
-mit jenem, den ich wahrnehmen würde, wenn ich mit physikalischen,
-chemischen u. s. w. Hilfsmitteln und Methoden das Gehirn behandeln
-k&ouml;nnte. Der Weg der <span class="ex">inneren</span> Beobachtung
-f&auml;ngt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge
-aus dem Empfindungsmaterial. Beim &Uuml;bergange von dem
-Hirnproze&szlig; zur Empfindung ist der Beobachtungsweg
-unterbrochen.</p>
-<p class="par">Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum
-Standpunkte des naiven Bewu&szlig;tseins, den sie naiven Realismus
-nennt, als kritischen Idealismus bezeichnet, macht den Fehler,
-da&szlig; sie die Eine Wahrnehmung als Vorstellung charakterisiert,
-aber die andere gerade in dem Sinne hinnimmt, wie es der von ihr
-scheinbar widerlegte naive Realismus thut. Sie beweist den
-Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen, indem sie in naiver Weise die
-Wahrnehmungen am eigenen Organismus als objektiv giltige Thatsachen
-hinnimmt und zu alledem noch übersieht, da&szlig; sie zwei
-Beobachtungsgebiete durcheinanderwirft, zwischen denen sie keine
-Vermittlung finden kann.</p>
-<p class="par">Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur
-widerlegen, wenn er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen
-Organismus als objektiv existierend annimmt. In demselben Augenblicke,
-wo er sich der vollst&auml;ndigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am
-eigenen Organismus mit den vom naiven Realismus als objektiv
-existierend angenommenen Wahrnehmungen bewu&szlig;t wird, kann er sich
-nicht mehr auf die ersteren als auf eine sichere Grundlage <span class="pagenum">[<a id="pb75" href="#pb75" name="pb75">75</a>]</span>stützen. Er mü&szlig;te auch seine
-subjektive Organisation als blo&szlig;en Vorstellungskomplex ansehen.
-Damit geht aber die M&ouml;glichkeit verloren, den Inhalt der
-wahrgenommenen Welt durch die geistige Organisation bewirkt zu denken.
-Man mü&szlig;te annehmen, da&szlig; die Vorstellung
-&bdquo;Farbe&ldquo; nur eine Modifikation der Vorstellung
-&bdquo;Auge&ldquo; sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht
-bewiesen werden, ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der
-letztere wird nur dadurch widerlegt, da&szlig; man dessen eigene
-Voraussetzungen auf einem anderen Gebiete ungeprüft gelten
-l&auml;&szlig;t.</p>
-<p class="par">Soviel ist hieraus gewi&szlig;: durch Untersuchungen
-innerhalb des Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht
-bewiesen, somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht
-entkleidet werden.</p>
-<p class="par">Noch weniger aber darf der Satz: &bdquo;<span class="ex">die wahrgenommene Welt ist meine Vorstellung</span>&ldquo; als
-durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises bedürftig
-hingestellt werden. Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk, &bdquo;Die
-Welt als Wille und Vorstellung&ldquo;, mit den Worten: &bdquo;Die Welt
-ist meine Vorstellung. &mdash; Dies ist die Wahrheit, welche in
-Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt, wiewohl der
-Mensch allein sie in das reflektierte abstrakte Bewu&szlig;tsein
-bringen kann: und thut er dies wirklich, so ist die philosophische
-Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und
-gewi&szlig;, da&szlig; er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern
-immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde
-fühlt; da&szlig; die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung
-da ist; d. h. durchweg nur in Beziehung auf <span class="pagenum">[<a id="pb76" href="#pb76" name="pb76">76</a>]</span>ein
-anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist. &mdash; Wenn irgend
-eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese: denn
-sie ist die Aussage derjenigen Form aller m&ouml;glichen und
-erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle anderen, als Zeit,
-Raum und Kausalit&auml;t ist: denn alle diese setzen jene eben voraus
-...&ldquo; Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von uns
-angeführten Umstande, da&szlig; das Auge und die Hand nicht
-weniger Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man
-k&ouml;nnte im Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine
-Ausdrucksweise seinen S&auml;tzen entgegenhalten: Mein Auge, das die
-Sonne sieht, und meine Hand, die die Erde fühlt, sind meine
-Vorstellungen gerade so wie die Sonne und die Erde selbst. Da&szlig;
-ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist ohne weiteres klar. Denn
-nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche Hand k&ouml;nnten die
-Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen an sich haben,
-nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.</p>
-<p class="par">Der kritische Idealismus ist v&ouml;llig ungeeignet,
-eine Ansicht über das Verh&auml;ltnis von Wahrnehmung und
-Vorstellung zu gewinnen. Die auf S. <a href="#pb63" class="pageref">63</a> angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung
-w&auml;hrend des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein
-mu&szlig;, bevor sie wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu
-mu&szlig; also ein anderer Weg eingeschlagen werden. <span class="pagenum">[<a id="pb77" href="#pb77" name="pb77">77</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch6" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e177">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament02.png" alt="VI." width="628" height="145"></div>
-<h2 class="label">VI.</h2>
-<h2 class="main">Das Erkennen der Welt.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt,
-da&szlig; es unm&ouml;glich ist, durch Untersuchung unseres
-Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen, da&szlig; unsere
-Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Beweis soll n&auml;mlich
-dadurch erbracht werden, da&szlig; man zeigt: wenn der
-Wahrnehmungsproze&szlig; in der Art erfolgt, wie man ihn
-gem&auml;&szlig; den naiv-realistischen Annahmen über die
-psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums sich
-vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern
-blo&szlig; mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu thun. Wenn nun
-der naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die
-das gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen
-diese Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer
-Weltanschauung bezeichnet und fallen gelassen werden. Jedenfalls ist es
-unstatthaft, die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen
-gelten zu lassen, wie es der kritische Idealist thut, der seiner
-Behauptung: die Welt ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zu
-Grunde legt. <span class="pagenum">[<a id="pb78" href="#pb78" name="pb78">78</a>]</span>(Eduard von Hartmann giebt in seiner Schrift
-&bdquo;Das Grundproblem der Erkenntnistheorie&ldquo; eine
-ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)</p>
-<p class="par">Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen
-Idealismus, ein anderes die &Uuml;berzeugungskraft seiner Beweise. Wie
-es mit der ersteren steht, wird sich sp&auml;ter im Zusammenhange
-unserer Ausführungen ergeben. Die &Uuml;berzeugungskraft seines
-Beweises ist aber gleich Null. Wenn man ein Haus baut, und bei
-Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das Erdgescho&szlig; in sich
-zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit. Der naive Realismus
-und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies Erdgescho&szlig;
-zum ersten Stockwerk.</p>
-<p class="par">Wer der Ansicht ist, da&szlig; die ganze wahrgenommene
-Welt nur eine vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir
-unbekannten Dinge auf meine Seele, für den geht die eigentliche
-Erkenntnisfrage natürlich nicht auf die nur in der Seele
-vorhandenen Vorstellungen, sondern auf die jenseits unseres
-Bewu&szlig;tseins liegenden, von uns unabh&auml;ngigen Dinge. Er fragt:
-Wieviel k&ouml;nnen wir von den letzteren <span class="ex">mittelbar</span> erkennen, da sie unserer Beobachtung <span class="ex">unmittelbar</span> nicht zug&auml;nglich sind? Der auf diesem
-Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den inneren Zusammenhang
-seiner bewu&szlig;ten Wahrnehmungen, sondern um deren nicht mehr
-bewu&szlig;te Ursachen, die ein von ihm unabh&auml;ngiges Dasein haben,
-w&auml;hrend, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden,
-sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet. Unser <span class="corr"
-id="xd23e1157" title="Quelle: Bewustsein">Bewu&szlig;tsein</span>
-wirkt, von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder
-von bestimmten <span class="pagenum">[<a id="pb79" href="#pb79" name="pb79">79</a>]</span>Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in
-dem seine spiegelnde Fl&auml;che ihnen nicht zugewandt ist. Wer aber
-die Dinge selbst nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der
-mu&szlig; aus dem Verhalten der letzteren über die Beschaffenheit
-der ersteren durch Schlüsse indirekt sich unterrichten. Auf diesem
-Standpunkte steht die neuere Naturwissenschaft, welche die
-Wahrnehmungen nur als Mittel benutzt, um Aufschlu&szlig; über die
-hinter denselben stehenden und allein wahrhaft seienden Bewegungen des
-Stoffes zu gewinnen. Wenn der Philosoph als kritischer Idealist
-überhaupt ein Sein gelten l&auml;&szlig;t, dann geht sein
-Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein
-auf dieses Sein. Sein Interesse überspringt die subjektive Welt
-der Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen
-los.</p>
-<p class="par">Der kritische Idealist kann aber soweit gehen, da&szlig;
-er sagt: ich bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus
-ihr nicht hinaus. Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke,
-so ist dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung.
-Ein solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen
-oder wenigstens davon erkl&auml;ren, da&szlig; es für uns Menschen
-gar keine Bedeutung hat, d. i. so gut wie nicht da ist, weil wir nichts
-von ihm wissen k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die
-ganze Welt als ein wüster Traum, dem gegenüber jeder
-Erkenntnisdrang einfach sinnlos w&auml;re. Für ihn kann es nur
-zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene, die ihre eigenen
-Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise, die die
-Nichtigkeit <span class="pagenum">[<a id="pb80" href="#pb80" name="pb80">80</a>]</span>dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und
-nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu
-bekümmern. Für diesen Standpunkt kann auch die eigene
-Pers&ouml;nlichkeit zum blo&szlig;en Traumbilde werden. Gerade so wie
-unter den Bildern des Schlaftraums unser eigenes Traumbild erscheint,
-so tritt im wachen Bewu&szlig;tsein die Vorstellung des eigenen Ich zu
-der Vorstellung der Au&szlig;enwelt hinzu. Wir haben im
-Bewu&szlig;tsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
-Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, da&szlig; es keine Dinge
-giebt, oder wenigstens, da&szlig; wir von ihnen etwas wissen
-k&ouml;nnen: der mu&szlig; auch das Dasein beziehungsweise die
-Erkenntnis der eigenen Pers&ouml;nlichkeit leugnen. Der kritische
-Idealist kommt dann zu der Behauptung: &bdquo;Alle Realit&auml;t
-verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem
-getr&auml;umt wird, und ohne einen Geist, dem da tr&auml;umt; in einen
-Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenh&auml;ngt&ldquo;
-(vgl. Fichte, die Bestimmung des Menschen).</p>
-<p class="par">Gleichgiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben
-als Traum zu erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet,
-oder ob er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben
-selbst mu&szlig; für ihn alles wissenschaftliche Interesse
-verlieren. W&auml;hrend aber für denjenigen, der mit dem Traume
-das uns zug&auml;ngliche All ersch&ouml;pft glaubt, alle Wissenschaft
-ein Unding ist, wird für den andern, der sich befugt glaubt, von
-den Vorstellungen auf die Dinge zu schlie&szlig;en, die Wissenschaft in
-der Erforschung dieser &bdquo;Dinge an sich&ldquo; bestehen. Die
-erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter <span class="ex">Illusionismus</span> bezeichnet <span class="pagenum">[<a id="pb81" href="#pb81" name="pb81">81</a>]</span>werden, die zweite nennt
-ihr konsequentester Vertreter, Eduard von Hartmann, <span class="ex">transcendentalen Realismus</span><a class="noteref" id="xd23e1177src" href="#xd23e1177" name="xd23e1177src">1</a>.</p>
-<p class="par">Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus
-das gemein, da&szlig; sie Fu&szlig; in der Welt zu fassen suchen durch
-eine Untersuchung der Wahrnehmungen. Sie k&ouml;nnen aber innerhalb
-dieses Gebietes nirgends einen festen Punkt finden.</p>
-<p class="par">Eine Hauptfrage für den Bekenner des
-transcendentalen Realismus mü&szlig;te sein: wie bringt das Ich
-aus sich selbst die Vorstellungswelt zustande? Für eine uns
-gegebene Welt von Vorstellungen, die verschwindet, sobald wir unsere
-Sinne der Au&szlig;enwelt verschlie&szlig;en, kann ein ernstes
-Erkenntnisstreben sich insofern erw&auml;rmen, als sie das Mittel ist,
-die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu erforschen. Wenn die
-Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen w&auml;ren, dann gliche unser
-allt&auml;gliches Leben einem Traume und die Erkenntnis des wahren
-Thatbestandes dem Erwachen. Auch unsere Traumbilder interessieren uns
-so lange, als wir tr&auml;umen, folglich die Traumnatur nicht
-durchschauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht mehr
-nach dem inneren Zusammenhange <span class="pagenum">[<a id="pb82"
-href="#pb82" name="pb82">82</a>]</span>unserer Traumbilder, sondern
-nach den physikalischen, physiologischen und psychologischen
-Vorg&auml;ngen, die ihnen zum Grunde liegen. Ebensowenig kann sich der
-Philosoph, der die Welt für seine Vorstellung h&auml;lt, für
-den inneren Zusammenhang der Einzelheiten in derselben interessieren.
-Falls er überhaupt ein seiendes Ich gelten l&auml;&szlig;t, dann
-wird er nicht fragen, wie h&auml;ngt eine meiner Vorstellungen mit
-einer anderen zusammen, sondern was geht in der von ihm
-unabh&auml;ngigen Seele vor, w&auml;hrend sein Bewu&szlig;tsein einen
-bestimmten Vorstellungsablauf enth&auml;lt. Wenn ich tr&auml;ume,
-da&szlig; ich Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache
-und dann mit Hustenreiz aufwache (vgl. Weygandt, Entstehung der
-Tr&auml;ume, 1893), so h&ouml;rt im Augenblicke des Erwachens die
-Traumhandlung auf, für mich ein Interesse zu haben. Mein Augenmerk
-ist nur noch auf die physiologischen und psychologischen Prozesse
-gerichtet, durch die der Hustenreiz sich symbolisch in dem Traumbilde
-zum Ausdruck bringt. In &auml;hnlicher Weise mu&szlig; der Philosoph,
-sobald er von dem Vorstellungscharakter der gegebenen Welt
-überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter steckende
-wirkliche Seele überspringen. Schlimmer steht die Sache
-allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den
-Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar
-h&auml;lt. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Erw&auml;gung
-führen, da&szlig; es dem Tr&auml;umen gegenüber zwar den
-Zustand des Wachens giebt, in dem wir Gelegenheit haben, die
-Tr&auml;ume zu durchschauen und auf reale Verh&auml;ltnisse zu
-beziehen, da&szlig; wir aber keinen zu dem wachen
-Bewu&szlig;tseinsleben in einem &auml;hnlichen Verh&auml;ltnisse
-<span class="pagenum">[<a id="pb83" href="#pb83" name="pb83">83</a>]</span>stehenden Zustand haben. Wer zu dieser Ansicht
-sich bekennt, dem geht die Einsicht ab, da&szlig; es etwas giebt, das
-sich in der That zum blo&szlig;en Wahrnehmen verh&auml;lt wie das
-Erfahren im wachen Zustande zum Tr&auml;umen. Dieses Etwas ist das
-<span class="ex">Denken</span>.</p>
-<p class="par">Dem naiven Menschen kann derselbe Mangel nicht
-angerechnet werden. Er giebt sich dem Leben hin und h&auml;lt die Dinge
-so für wirklich, wie sie sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der
-erste Schritt aber, der über diesen Standpunkt hinaus unternommen
-wird, kann nur in der Frage bestehen: wie verh&auml;lt sich das Denken
-zur Wahrnehmung? Ganz einerlei: <span class="ex">ob</span> die
-Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach meinem Vorstellen
-weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie aussagen
-will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen. Wenn ich sage:
-die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis eines
-Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt nicht
-anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum. Zwischen die
-Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich
-das Denken ein.</p>
-<p class="par">Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der
-Dinge zumeist übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergl.
-S. <a href="#pb38" class="pageref">38</a> f.). Er liegt in dem
-Umstande, da&szlig; wir nur auf den Gegenstand, über den wir
-denken, nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit
-richten. Das naive Bewu&szlig;tsein behandelt daher das Denken wie
-etwas, das mit den Dingen nichts zu thun hat, sondern ganz abseits von
-denselben steht und seine Betrachtungen über die <span class="pagenum">[<a id="pb84" href="#pb84" name="pb84">84</a>]</span>Welt
-anstellt. Das Bild, das der Denker von den Erscheinungen der Welt
-entwirft, gilt nicht als etwas, was zu den Dingen geh&ouml;rt, sondern
-als ein nur im Kopfe des Menschen existierendes; die Welt ist auch
-fertig ohne dieses Bild. Die Welt ist fix und fertig in allen ihren
-Substanzen und Kr&auml;ften; und von dieser fertigen Welt entwirft der
-Mensch ein Bild. Die so denken, mu&szlig; man nur fragen: mit welchem
-Rechte erkl&auml;rt ihr die Welt für fertig, ohne das Denken?
-Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit die Welt das Denken im
-Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an der Pflanze? Pflanzet
-ein Samenkorn in den Boden. Es treibt Wurzel und Stengel. Es entfaltet
-sich zu Bl&auml;ttern und Blüten. Stellet die Pflanze euch selbst
-gegenüber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit einem bestimmten
-Begriffe. Warum geh&ouml;rt dieser Begriff weniger zur ganzen Pflanze
-als Blatt und Blüte? Ihr saget: die Bl&auml;tter und Blüten
-sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst,
-wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber
-auch Blüten und Bl&auml;tter entstehen an der Pflanze nur, wenn
-Erde da ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da
-sind, in denen sich Bl&auml;tter und Blüten entfalten k&ouml;nnen.
-Gerade so entsteht der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes
-Bewu&szlig;tsein an die Pflanze herantritt.</p>
-<p class="par">Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir
-von einem Dinge durch die blo&szlig;e Wahrnehmung erfahren, für
-eine Totalit&auml;t, für ein Ganzes zu halten und dasjenige, was
-sich durch die <span class="ex">denkende</span> Betrachtung ergiebt,
-als ein solches Hinzugekommenes, das <span class="pagenum">[<a id="pb85" href="#pb85" name="pb85">85</a>]</span>mit der Sache selbst
-nichts zu thun hat. Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so ist das
-Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zun&auml;chst ein
-abgeschlossenes. Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde ich
-morgen ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten. Wenn ich mein
-Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den heutigen
-Zustand in den morgigen durch unz&auml;hlige Zwischenstufen
-kontinuierlich übergehen. Das Bild, das sich mir in einem
-bestimmten Augenblicke darbietet, ist nur ein zuf&auml;lliger
-Ausschnitt aus dem in einem fortw&auml;hrenden Werden begriffenen
-Gegenstande. Setze ich die Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine
-ganze Reihe von Zust&auml;nden nicht zur Entwickelung, die der
-M&ouml;glichkeit nach in ihr lagen. Ebenso kann ich morgen verhindert
-sein, die Blüte weiter zu beobachten und dadurch ein
-unvollst&auml;ndiges Bild haben.</p>
-<p class="par">Es w&auml;re eine ganz unsachliche, an
-Zuf&auml;lligkeiten sich heftende Meinung, die von dem in einer
-gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erkl&auml;rte: <span class="ex">das</span> ist die Sache.</p>
-<p class="par">Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der
-Wahrnehmungsmerkmale für die Sache zu erkl&auml;ren. Es w&auml;re
-sehr wohl m&ouml;glich, da&szlig; ein Geist zugleich und ungetrennt von
-der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen k&ouml;nnte. Ein solcher Geist
-würde gar nicht auf den Einfall kommen, den Begriff als etwas
-nicht zur Sache Geh&ouml;riges zu betrachten. Er mü&szlig;te ihm
-ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.</p>
-<p class="par">Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen.
-Wenn ich einen Stein in horizontaler Richtung <span class="pagenum">[<a id="pb86" href="#pb86" name="pb86">86</a>]</span>durch
-die Luft werfe, so sehe ich ihn nacheinander an verschiedenen Orten.
-Ich verbinde diese Orte zu einer Linie. In der Mathematik lerne ich
-verschiedene Linienformen kennen, darunter auch die Parabel. Ich kenne
-die Parabel als eine Linie, die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer
-gewissen gesetzm&auml;&szlig;igen Art bewegt. Wenn ich die Bedingungen
-untersuche, unter denen sich der geworfene Stein bewegt, so finde ich,
-da&szlig; die Linie seiner Bewegung mit der identisch ist, die ich als
-Parabel kenne. Da&szlig; sich der Stein gerade in einer Parabel bewegt,
-das ist eine Folge der gegebenen Bedingungen und folgt mit
-Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel geh&ouml;rt zur ganzen
-Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht kommt. Dem
-oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens nehmen
-mü&szlig;te, w&auml;re nicht nur eine Summe von
-Gesichtsempfindungen an verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt
-von der Erscheinung auch die parabolische Form der Wurflinie, die
-<span class="ex">wir</span> erst durch Denken zu der Erscheinung
-hinzufügen.</p>
-<p class="par">Nicht an den Gegenst&auml;nden liegt es, da&szlig; sie
-uns zun&auml;chst ohne die entsprechenden Begriffe gegeben werden,
-sondern an unserer geistigen Organisation. Unsere totale Wesenheit
-funktioniert in der Weise, da&szlig; ihr bei jedem Dinge der
-Wirklichkeit von zwei Seiten her die Elemente zuflie&szlig;en, die
-für die Sache in Betracht kommen: von seiten des <span class="ex">Wahrnehmens</span> und des <span class="ex">Denkens</span>.</p>
-<p class="par">Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu thun, wie ich
-organisiert bin, sie zu erfassen. Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und
-Denken ist erst in dem <span class="pagenum">[<a id="pb87" href="#pb87"
-name="pb87">87</a>]</span>Augenblicke vorhanden, wo ich, der
-Betrachtende, den Dingen gegenübertrete. Welche Elemente dem Dinge
-angeh&ouml;ren und welche nicht, kann aber durchaus nicht davon
-abh&auml;ngen, auf welche Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente
-gelange.</p>
-<p class="par">Der Mensch ist ein eingeschr&auml;nktes Wesen.
-Zun&auml;chst ist er ein Ding unter anderen Dingen. Sein Dasein
-geh&ouml;rt dem Raum und der Zeit an. Dadurch kann ihm auch immer nur
-ein beschr&auml;nkter Teil des gesamten Universums gegeben sein. Dieser
-beschr&auml;nkte Teil schlie&szlig;t sich aber ringsherum sowohl
-zeitlich wie r&auml;umlich an anderes an. W&auml;re unser Dasein so mit
-den Dingen verknüpft, da&szlig; jedes Weltgeschehen zugleich
-<span class="ex">unser</span> Geschehen w&auml;re, dann g&auml;be es
-den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht. Dann aber g&auml;be
-es für uns auch keine Einzeldinge. Da ginge alles Geschehen
-kontinuierlich ineinander über. Der Kosmos w&auml;re eine Einheit
-und eine in sich beschlossene Ganzheit. Der Strom des Geschehens
-h&auml;tte nirgends eine Unterbrechung. Wegen unserer Beschr&auml;nkung
-erscheint uns als Einzelheit, was in Wahrheit nicht Einzelheit ist.
-Nirgends ist z. B. die Einzelqualit&auml;t des Rot abgesondert für
-sich vorhanden. Sie ist allseitig von anderen Qualit&auml;ten umgeben,
-zu denen sie geh&ouml;rt, und ohne die sie nicht bestehen k&ouml;nnte.
-Für uns aber ist es eine Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus
-der Welt herauszuheben, und sie für sich zu betrachten. Unser Auge
-kann nur einzelne Farben nacheinander aus einem vielgliedrigen
-Farbenganzen, unser Verstand nur einzelne Begriffe aus einem
-zusammenh&auml;ngenden Begriffssysteme erfassen. Diese Absonderung ist
-ein subjektiver Akt, bedingt durch <span class="pagenum">[<a id="pb88"
-href="#pb88" name="pb88">88</a>]</span>den Umstand, da&szlig; wir nicht
-identisch sind mit dem Weltproze&szlig;, sondern ein Ding unter anderen
-Dingen.</p>
-<p class="par">Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Dinges,
-das wir selbst sind, zu den anderen Dingen zu bestimmen. Diese
-Bestimmung mu&szlig; unterschieden werden von dem blo&szlig;en
-Bewu&szlig;twerden unseres Selbst. Das letztere beruht auf dem
-Wahrnehmen wie das Bewu&szlig;twerden jedes anderen Dinges. Die
-Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von Eigenschaften, die ich
-ebenso zu dem Ganzen meiner Pers&ouml;nlichkeit zusammenfasse, wie ich
-die Eigenschaften: gelb, metallgl&auml;nzend, hart u. s. w. zu der
-Einheit &bdquo;Gold&ldquo; zusammenfasse. Die Selbstwahrnehmung
-führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir
-geh&ouml;rt. Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem
-<span class="ex">denkenden</span> Selbstbestimmen. Wie ich eine
-einzelne Wahrnehmung der Au&szlig;enwelt durch das Denken eingliedere
-in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich die an mir selbst
-gemachten Wahrnehmungen in den Weltproze&szlig; durch das Denken ein.
-Mein Selbstwahrnehmen schlie&szlig;t mich innerhalb bestimmter Grenzen
-ein; mein Denken hat nichts zu thun mit diesen Grenzen. In diesem Sinne
-bin ich ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in das Gebiet, das ich
-als das meiner Pers&ouml;nlichkeit wahrnehme, aber ich bin Tr&auml;ger
-einer Th&auml;tigkeit, die von einer h&ouml;heren Sph&auml;re aus mein
-begrenztes Dasein bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell wie
-unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erh&auml;lt ein
-individuelles Gepr&auml;ge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch,
-da&szlig; es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen
-ist. Durch diese besonderen <span class="pagenum">[<a id="pb89" href="#pb89" name="pb89">89</a>]</span>F&auml;rbungen des universellen
-Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander. Ein
-Dreieck hat nur einen einzigen Begriff. Für den Inhalt dieses
-Begriffes ist es gleichgiltig, ob ihn das menschliche Bewu&szlig;tsein
-A oder B fa&szlig;t. Er wird aber von jedem der zwei Bewu&szlig;tseine
-in individueller Weise erfa&szlig;t werden.</p>
-<p class="par">Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes
-Vorurteil der Menschen gegenüber. Die Befangenheit kommt nicht bis
-zu der Einsicht, da&szlig; der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf
-erfa&szlig;t, derselbe ist, wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen
-ergriffene. Der naive Mensch h&auml;lt sich für den Bildner seiner
-Begriffe. Er glaubt deshalb, jede Person hat ihre eigenen Begriffe. Es
-ist eine Grundforderung des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil
-zu überwinden. Der Eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird
-nicht dadurch zu einer Vielheit, da&szlig; von vielen gedacht wird.
-Denn das Denken der vielen selbst ist eine Einheit.</p>
-<p class="par">In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere
-besondere Individualit&auml;t mit dem Kosmos zu einem Ganzen
-zusammenschlie&szlig;t. Indem wir empfinden und fühlen
-(wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir denken, sind wir das
-All-Eine Wesen, das alles durchdringt. Dies ist der tiefere Grund
-unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine schlechthin absolute Kraft
-zum Dasein kommen, eine Kraft, die universell ist, aber wir lernen sie
-nicht bei ihrem Ausstr&ouml;men aus dem Centrum der Welt kennen,
-sondern in einem Punkte der Peripherie. W&auml;re das erstere der Fall,
-dann wü&szlig;ten wir in dem Augenblicke, <span class="pagenum">[<a id="pb90" href="#pb90" name="pb90">90</a>]</span>in dem
-wir zum Bewu&szlig;tsein kommen, das ganze Weltr&auml;tsel. Da wir aber
-in einem Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in
-bestimmte Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das
-au&szlig;erhalb unseres eigenen Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des
-aus dem allgemeinen Weltensein in uns hereinragenden Denkens kennen
-lernen.</p>
-<p class="par">Dadurch, da&szlig; das Denken in uns übergreift
-über unser Sondersein und auf das allgemeine Weltensein sich
-bezieht, entsteht in uns der Trieb der Erkenntnis. Wesen ohne Denken
-haben diesen Trieb nicht. Wenn sich ihnen andere Dinge
-gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen gegeben. Diese
-anderen Dinge bleiben solchen Wesen &auml;u&szlig;erlich. Bei denkenden
-Wesen st&ouml;&szlig;t dem Au&szlig;endinge gegenüber der Begriff
-auf. Er ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von au&szlig;en,
-sondern von innen empfangen. Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden
-Elemente, des inneren und des &auml;u&szlig;eren, soll die <span class="ex">Erkenntnis</span> liefern.</p>
-<p class="par">Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges,
-Abgeschlossenes, sondern die eine Seite der totalen Wirklichkeit. Die
-andere Seite ist der Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese von
-Wahrnehmung und Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen
-aber erst das ganze Ding aus.</p>
-<p class="par">Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis,
-da&szlig; es ein Unding ist, etwas anderes Gemeinsames in den
-Einzelwesen der Welt zu suchen, als den ideellen Inhalt, den uns das
-Denken darbietet. Alle Versuche müssen scheitern, die nach einer
-anderen Welteinheit streben als nach diesem in sich
-zusammenh&auml;ngenden <span class="pagenum">[<a id="pb91" href="#pb91"
-name="pb91">91</a>]</span>ideellen Inhalt, welchen wir uns durch
-denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht ein
-pers&ouml;nlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose
-Wille (Schopenhauers und Hartmanns) k&ouml;nnen uns als eine
-universelle Welteinheit gelten. Diese Wesenheiten geh&ouml;ren
-s&auml;mtlich nur einem beschr&auml;nkten Gebiet unserer Beobachtung
-an. Pers&ouml;nlichkeit nehmen wir nur an uns, Kraft und Stoff an den
-Au&szlig;endingen wahr. Was den Willen betrifft, so kann er nur als die
-Th&auml;tigkeits&auml;u&szlig;erung unserer beschr&auml;nkten
-Pers&ouml;nlichkeit gelten. Schopenhauer will es vermeiden, das
-&bdquo;abstrakte&ldquo; Denken zum Tr&auml;ger der Welteinheit zu
-machen und sucht statt dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein
-Reales darbietet. Dieser Philosoph glaubt, da&szlig; wir der Welt
-nimmermehr beikommen, wenn wir sie als Au&szlig;enwelt ansehen.
-&bdquo;In der That würde die nachgeforschte Bedeutung der mir
-lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehenden Welt, oder der
-&Uuml;bergang von ihr, als blo&szlig;e Vorstellung des erkennenden
-Subjekts, zu dem, was sie noch au&szlig;erdem sein mag, nimmermehr zu
-finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein
-erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) w&auml;re.
-Nun aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich n&auml;mlich in
-ihr als <span class="ex">Individuum</span>, d. h. sein Erkennen,
-welches der bedingende Tr&auml;ger der ganzen Welt als Vorstellung ist,
-ist demnach durchaus vermittelt durch einen Leib, dessen Affektionen,
-wie gezeigt, dem Verstande der Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt
-sind. Dieser Leib ist dem rein erkennenden Subjekt als solchen eine
-Vorstellung wie jede andere, ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen,
-<span class="pagenum">[<a id="pb92" href="#pb92" name="pb92">92</a>]</span>die Aktionen desselben sind ihm insoweit nicht
-anders als wie die Ver&auml;nderungen aller anderen anschaulichen
-Objekte bekannt, und w&auml;ren ihm ebenso fremd und
-unverst&auml;ndlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf
-eine ganz andere Art entr&auml;tselt w&auml;re...... Dem Subjekt des
-Erkennens, welches durch seine Identit&auml;t mit dem Leibe als
-Individuum auftritt, ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen
-gegeben: einmal als Vorstellung in verst&auml;ndiger Anschauung, als
-Objekt unter Objekten, und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber
-auch zugleich auf eine ganz andere Weise, n&auml;mlich als jenes jedem
-unmittelbar bekannte, welches das Wort <span class="ex">Wille</span>
-bezeichnet. Jeder wahre Akt seines Willens ist sofort und
-unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann den Akt nicht
-wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, da&szlig; er als Bewegung
-des Leibes erscheint. Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind
-nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zust&auml;nde, die das Band
-der Kausalit&auml;t verknüpft, stehen nicht im Verh&auml;ltnis von
-Ursache und Wirkung; sondern sind eins und dasselbe, nur auf zwei
-g&auml;nzlich verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und
-einmal in der Anschauung für den Verstand.&ldquo; Durch diese
-Auseinandersetzungen glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe
-des Menschen die &bdquo;Objektit&auml;t&ldquo; des Willens zu finden.
-Er ist der Meinung, in den Aktionen des Leibes <span class="ex">unmittelbar</span> eine Realit&auml;t, das Ding an sich in
-concreto zu fühlen. Gegen diese Ausführungen mu&szlig;
-eingewendet werden, da&szlig; uns die Aktionen unseres Leibes nur durch
-Selbstwahrnehmungen zum <span class="pagenum">[<a id="pb93" href="#pb93" name="pb93">93</a>]</span><span class="corr" id="xd23e1287"
-title="Quelle: Bewustssein">Bewu&szlig;tsein</span> kommen und als
-solche nichts voraus haben vor anderen Wahrnehmungen. Wenn wir ihre
-Wesenheit <span class="ex">erkennen</span> wollen, so k&ouml;nnen wir
-dies nur durch <span class="ex">denkende</span> Betrachtung, d. h.
-durch Eingliederung derselben in das ideelle System unserer Begriffe
-und Ideen.</p>
-<p class="par">Am tiefsten eingewurzelt in das naive
-Menschheitsbewu&szlig;tsein ist die Meinung: das Denken sei abstrakt,
-ohne allen konkreten Inhalt. Es k&ouml;nne h&ouml;chstens ein
-&bdquo;ideelles&ldquo; Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa
-diese selbst. Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die
-Wahrnehmung ohne den Begriff ist. Sehen wir uns nur diese Welt der
-Wahrnehmung an: Ein blo&szlig;es Nebeneinander im Raum und Nacheinander
-in der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten ist sie.
-Keines der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der
-Wahrnehmungsbühne, hat mit dem andern etwas zu thun. Die Welt ist
-eine Mannigfaltigkeit von gleichwertigen Gegenst&auml;nden. Keiner
-spielt eine gr&ouml;&szlig;ere Rolle als der andere im Getriebe der
-Welt. Soll uns klar werden, da&szlig; diese oder jene Thatsache
-gr&ouml;&szlig;ere Bedeutung hat als die andere, so müssen wir
-unser Denken befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint uns
-das rudiment&auml;re Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für
-dessen Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten K&ouml;rpergliede.
-Die einzelnen Thatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für
-die übrigen Teile der Welt erst hervor, wenn das Denken seine
-F&auml;den zieht von Wesen zu Wesen. Diese Th&auml;tigkeit des Denkens
-ist eine <span class="ex">inhaltvolle</span>. Denn nur durch einen ganz
-bestimmten konkreten Inhalt kann ich <span class="pagenum">[<a id="pb94" href="#pb94" name="pb94">94</a>]</span>wissen, warum die
-Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der
-L&ouml;we. Der blo&szlig;e Anblick, die Wahrnehmung giebt mir keinen
-Inhalt, der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren
-k&ouml;nnte.</p>
-<p class="par">Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der
-Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen. Im Gegensatz zum
-Wahrnehmungsinhalte, der uns von au&szlig;en gegeben ist, erscheint der
-Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zun&auml;chst auftritt,
-wollen wir als <span class="ex">Intuition</span> bezeichnen. Sie ist
-für das des Denkens, was die <span class="ex">Beobachtung</span>
-für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung sind die
-Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten Dinge der
-Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem Innern
-nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der Wahrnehmung
-fehlende Stück der Wirklichkeit erg&auml;nzt. Wer nicht die
-F&auml;higkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu
-finden, dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen. Wie der
-Farbenblinde nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualit&auml;ten
-sieht, so kann der Intuitionslose nur unzusammenh&auml;ngende
-Wahrnehmungsfragmente beobachten.</p>
-<p class="par">Ein Ding <span class="ex">erkl&auml;ren</span>,
-<span class="ex">verst&auml;ndlich machen</span> hei&szlig;t nichts
-anderes, als es in den Zusammenhang hinein versetzen, aus dem es durch
-die oben geschilderte Einrichtung unserer Organisation herausgerissen
-ist. Ein von dem Weltganzen abgetrenntes Ding giebt es nicht. Alle
-Sonderung hat blo&szlig; subjektive Geltung für unsere
-Organisation. Für uns legt sich das Weltganze auseinander in: oben
-und unten, vor und nach, <span class="pagenum">[<a id="pb95" href="#pb95" name="pb95">95</a>]</span>Ursache und Wirkung, Gegenstand und
-Vorstellung, Stoff und Kraft, Objekt und Subjekt u. s. w. Was uns in
-der Beobachtung an Einzelheiten gegenübertritt, das verbindet sich
-durch die zusammenh&auml;ngende, einheitliche Welt unserer Intuitionen
-Glied für Glied; und wir fügen durch das Denken alles wieder
-in Eins zusammen, was wir durch das Wahrnehmen getrennt haben.</p>
-<p class="par">Die R&auml;tselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in
-seinem Sonderdasein. Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann,
-innerhalb der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben werden.</p>
-<p class="par">Au&szlig;er durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt
-nichts gegeben. Es entsteht nun die Frage: wie steht es
-gem&auml;&szlig; unseren Ausführungen mit der Bedeutung der
-Wahrnehmung? Wir haben zwar erkannt, da&szlig; der Beweis, den der
-kritische Idealismus für die subjektive Natur der Wahrnehmungen
-vorbringt, in sich zerf&auml;llt; aber mit der Einsicht in die
-Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, da&szlig; die
-Sache selbst auf einem Irrtume beruht. Der kritische Idealismus geht in
-seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens
-aus, sondern stützt sich darauf, da&szlig; der naive Realismus,
-konsequent verfolgt, sich selbst aufhebt. Wie stellt sich die Sache,
-wenn die Absolutheit des Denkens erkannt ist?</p>
-<p class="par">Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, z.
-B. Rot, in meinem Bewu&szlig;tsein auf. Die Wahrnehmung erweist sich
-bei fortgehender Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen
-Wahrnehmungen, z. B. einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur-
-und Tastwahrnehmungen. Diesen <span class="pagenum">[<a id="pb96" href="#pb96" name="pb96">96</a>]</span>Zusammenhang bezeichne ich als einen
-Gegenstand der Sinnenwelt. Ich kann mich nun fragen: was findet sich
-au&szlig;er dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem
-mir obige Wahrnehmungen erscheinen. Ich werde mechanische, chemische
-und andere Vorg&auml;nge innerhalb des Raumteiles finden. Nun gehe ich
-weiter und untersuche die Vorg&auml;nge, die ich auf dem Wege von dem
-Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich werde
-Bewegungsvorg&auml;nge in einem elastischen Mittel finden, die ihrer
-Wesenheit nach nicht das Geringste mit den ursprünglichen
-Wahrnehmungen gemein haben. Das gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich
-die weitere Vermittelung vom Sinnorgane zum Gehirn untersuche. Auf
-jedem dieser Gebiete mache ich neue Wahrnehmungen; aber was als
-bindendes Mittel sich durch alle diese r&auml;umlich und zeitlich
-auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt, das ist das Denken.
-Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft sind mir gerade so
-als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst. Nur das Denken
-gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie in ihren
-gegenseitigen Beziehungen. Wir k&ouml;nnen nicht davon sprechen,
-da&szlig; es au&szlig;er dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes
-giebt, als die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden)
-Zusammenh&auml;nge der Wahrnehmungen. Die über das blo&szlig;
-Wahrgenommene hinausgehende Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum
-Wahrnehmungssubjekte ist also eine blo&szlig; ideelle, d. h. nur durch
-Begriffe ausdrückbare. Nur in dem Falle, wenn ich wahrnehmen
-k&ouml;nnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das Wahrnehmungssubjekt
-afficiert, oder umgekehrt, <span class="pagenum">[<a id="pb97" href="#pb97" name="pb97">97</a>]</span>wenn ich den Aufbau des
-Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten k&ouml;nnte,
-w&auml;re es m&ouml;glich, so zu sprechen, wie es die moderne
-Physiologie und der auf sie gebaute kritische Idealismus thun. Diese
-Ansicht verwechselt einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt)
-mit einem Proze&szlig;, von dem nur gesprochen werden k&ouml;nnte, wenn
-er wahrzunehmen w&auml;re. Der Satz &bdquo;Keine Farbe ohne
-farbenempfindendes Auge&ldquo; kann daher nicht die Bedeutung haben,
-da&szlig; das Auge die Farbe hervorbringt, sondern nur die, da&szlig;
-ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang besteht zwischen
-der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge. Die empirische
-Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die Eigenschaften des
-Auges und die der Farben zu einander verhalten; durch welche
-Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben vermittelt u. s.
-w. Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf die andere folgt, wie
-sie r&auml;umlich mit andern in Beziehung steht, und dies dann in einen
-begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich kann nicht wahrnehmen, wie
-eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren hervorgeht. Alle
-Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als
-Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.</p>
-<p class="par">Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist, im
-allgemeinen gestellt, absurd. Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz
-bestimmte, als konkreter Inhalt auf. Dieser Inhalt ist unmittelbar
-gegeben, und ersch&ouml;pft sich in dem Gegebenen. Man kann in Bezug
-auf dieses Gegebene nur fragen, was es au&szlig;erhalb der Wahrnehmung
-d. i. für das Denken ist. Die <span class="pagenum">[<a id="pb98"
-href="#pb98" name="pb98">98</a>]</span>Frage nach dem Was einer
-Wahrnehmung kann also nur auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr
-entspricht. Unter diesem Gesichtspunkte kann die Frage nach der
-Subjektivit&auml;t der Wahrnehmung im Sinne des kritischen Idealismus
-gar nicht aufgeworfen werden. Als subjektiv darf nur bezeichnet werden,
-was als zum Subjekte geh&ouml;rig wahrgenommen wird. Das Band zu bilden
-zwischen Subjektivem und Objektivem kommt keinem, im naiven Sinn
-realen, Proze&szlig; d. h. einem wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern
-allein dem Denken. Es ist also für uns objektiv, was sich für
-die Wahrnehmung als au&szlig;erhalb des Wahrnehmungssubjektes gelegen
-darstellt. Mein Wahrnehmungssubjekt bleibt für mich wahrnehmbar,
-wenn der Tisch, der soeben vor mir steht, aus dem Kreise meiner
-Beobachtung verschwunden sein wird. Die Beobachtung des Tisches hat
-eine, ebenfalls bleibende, Ver&auml;nderung in mir hervorgerufen. Ich
-behalte ein Bild des Tisches zurück, das nun mit meinem Selbst
-verbunden ist. Die moderne Psychologie bezeichnet dieses Bild als
-Erinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was allein mit Recht
-<span class="ex">Vorstellung</span> des Tisches genannt werden kann. Es
-ist n&auml;mlich die wahrnehmbare Ver&auml;nderung meines eigenen
-Zustandes durch die Anwesenheit des Tisches in meinem Gesichtsfelde.
-Und zwar bedeutet sie nicht die Ver&auml;nderung irgend eines hinter
-dem Wahrnehmungssubjekte stehenden &bdquo;Ich an sich&ldquo;, sondern
-die Ver&auml;nderung des wahrnehmbaren Subjektes selbst. Die
-Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im Gegensatz zur
-objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes im
-Wahrnehmungshorizonte. Das Zusammenwerfen <span class="pagenum">[<a id="pb99" href="#pb99" name="pb99">99</a>]</span>jener subjektiven mit
-dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem
-Mi&szlig;verst&auml;ndnisse des Idealismus: die Welt ist meine
-Vorstellung.</p>
-<p class="par">Es wird sich nun zun&auml;chst darum handeln, den
-Begriff der Vorstellung n&auml;her zu bestimmen. Was wir bisher
-über sie vorgebracht haben, ist nicht der Begriff derselben,
-sondern weist nur den Weg, wo sie im Wahrnehmungsfelde zu finden ist.
-Der genaue Begriff der Vorstellung wird es uns dann auch m&ouml;glich
-machen, einen befriedigenden Aufschlu&szlig; über das
-Verh&auml;ltnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen. Dies wird
-uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verh&auml;ltnis
-zwischen Subjekt und Objekt von dem rein begrifflichen Felde des
-Erkennens hinabgeführt wird in das konkrete individuelle
-<span class="ex">Leben</span>. Wissen wir erst, was wir von der Welt zu
-halten haben, dann wird es ein Leichtes sein, auch uns darnach
-einzurichten. Wir k&ouml;nnen erst mit voller Kraft th&auml;tig sein,
-wenn wir das Objekt kennen, dem wir unsere Th&auml;tigkeit widmen.
-<span class="pagenum">[<a id="pb100" href="#pb100" name="pb100">100</a>]</span></p>
-</div>
-<div class="footnotes">
-<hr class="fnsep">
-<div class="footnote-body">
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e1177" href="#xd23e1177src" name="xd23e1177">1</a></span>
-<span class="ex">transcendental</span> ist eine Erkenntnis, welche sich
-bewu&szlig;t ist, da&szlig; über die Dinge an sich nicht direkt
-etwas ausgesagt werden kann, sondern welche indirekt Schlüsse von
-dem bekannten Subjektiven auf das Unbekannte, jenseits das Subjektiven
-Liegende (Transcendente) macht. Das Ding an sich ist nach dieser
-Ansicht jenseits des Gebietes der uns <span class="ex">unmittelbar</span> erkennbaren Welt, d. i. transcendent. Unsere
-Welt kann aber auf das Transcendente transcendental bezogen werden.
-Realismus hei&szlig;t Hartmanns Anschauung, weil sie über das
-Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transcendente, Reale
-geht.&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e1177src">&uarr;</a></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div id="ch7" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e184">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament03.png" alt="VII." width="636" height="134"></div>
-<h2 class="label">VII.</h2>
-<h2 class="main">Die menschliche Individualit&auml;t.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Die Hauptschwierigkeit bei der Erkl&auml;rung der
-Vorstellungen wird von den Philosophen in dem Umstande gefunden,
-da&szlig; wir die &auml;u&szlig;eren Dinge nicht selbst sind, und
-unsere Vorstellungen doch eine den Dingen entsprechende Gestalt haben
-sollen. Bei genauerem Zusehen stellt sich aber heraus, da&szlig; diese
-Schwierigkeit gar nicht besteht. Die &auml;u&szlig;eren Dinge sind wir
-allerdings nicht, aber wir geh&ouml;ren mit den &auml;u&szlig;eren
-Dingen zu ein und derselben Welt. Der Ausschnitt aus der Welt, den ich
-als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des allgemeinen
-Weltgeschehens durchzogen. Für mein Wahrnehmen bin ich
-zun&auml;chst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen.
-Aber was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, geh&ouml;rt zu dem
-Kosmos als einem Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe zwischen
-meinem Organismus und dem Gegenstande au&szlig;er mir, ist es gar nicht
-n&ouml;tig, da&szlig; etwas von dem Gegenstande in mich
-hereinschlüpfe oder in meinen Geist einen Eindruck mache, wie ein
-Siegelring in Wachs. Die Frage: wie bekomme ich Kunde von <span class="pagenum">[<a id="pb101" href="#pb101" name="pb101">101</a>]</span>dem
-Baume, der zehn Schritte von mir entfernt steht, ist v&ouml;llig schief
-gestellt. Sie entspringt aus der Anschauung, da&szlig; meine
-Leibesgrenzen absolute Scheidew&auml;nde seien, durch die die
-Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern. Die Kr&auml;fte,
-welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen wie die
-au&szlig;erhalb bestehenden. Ich bin also wirklich die Dinge;
-allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber Ich,
-insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens bin. Die
-Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben Ganzen. Dieses
-allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Ma&szlig;e dort die
-Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines Ich.
-W&auml;re ich nicht Welterkenner, sondern Weltsch&ouml;pfer, so
-entstünde Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte.
-Denn sie bedingen einander gegenseitig. Als Welterkenner kann ich das
-Gemeinsame der beiden als zusammengeh&ouml;riger Wesenseiten nur durch
-Denken finden, das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.</p>
-<p class="par">Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die
-sogenannten physiologischen Beweise für die Subjektivit&auml;t
-unserer Wahrnehmungen sein. Wenn ich einen Druck auf die Haut meines
-K&ouml;rpers ausführe, so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr.
-Denselben Druck kann ich durch das Auge als Licht, durch das Ohr als
-Ton wahrnehmen. Einen elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als
-Licht, durch das Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Sto&szlig;,
-durch das Geruchsorgan als Phosphorgeruch wahr. Was folgt aus dieser
-Thatsache? Nur dieses: Ich nehme <span class="pagenum">[<a id="pb102"
-href="#pb102" name="pb102">102</a>]</span>einen elektrischen Schlag
-wahr (resp. einen Druck) und darauf eine Lichtqualit&auml;t, oder einen
-Ton, bezw. einen gewissen Geruch u. s. w. Wenn kein Auge da w&auml;re,
-so gesellte sich zu der Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung
-in der Umgebung keine Lichtqualit&auml;t, ohne die Anwesenheit eines
-Geh&ouml;rorgans kein Ton u. s. w. Mit welchem Rechte kann man sagen,
-ohne Wahrnehmungsorgane w&auml;re der ganze Vorgang nicht vorhanden?
-Wer von dem Umstande, da&szlig; ein elektrischer Vorgang im Auge Licht
-hervorruft, zurückschlie&szlig;t: also ist das, was wir als Licht
-empfinden, au&szlig;er unserem Organismus nur ein mechanischer
-Bewegungsvorgang, der vergi&szlig;t, da&szlig; er nur von einer
-Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf etwas
-au&szlig;erhalb der Wahrnehmung. Ebenso gut, wie man sagen kann: das
-Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung als
-Licht wahr, ebensogut kann man behaupten: eine gesetzm&auml;&szlig;ige
-Ver&auml;nderung eines Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang
-wahrgenommen. Wenn ich auf dem Umfang einer rotierenden Scheibe ein
-Pferd zw&ouml;lfmal male, und zwar genau in den Gestalten, die sein
-K&ouml;rper im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren
-der Scheibe den Schein der Bewegung hervorrufen. Ich brauche nur durch
-eine &Ouml;ffnung zu blicken und zwar so, da&szlig; ich in den
-entsprechenden Zwischenzeiten die aufeinander folgenden Stellungen des
-Pferdes sehe. Ich sehe nicht zw&ouml;lf Pferdebilder, sondern das Bild
-eines dahineilenden Pferdes.</p>
-<p class="par">Die erw&auml;hnte physiologische Thatsache kann also
-kein Licht auf das Verh&auml;ltnis von Wahrnehmung und <span class="pagenum">[<a id="pb103" href="#pb103" name="pb103">103</a>]</span>Vorstellung werfen. Wir müssen uns auf
-andere Weise zurechtfinden.</p>
-<p class="par">In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem
-Beobachtungshorizonte auftaucht, beth&auml;tigt sich durch mich auch
-das Denken. Ein Glied in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte
-Intuition, ein Begriff verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann
-die Wahrnehmung aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt
-zurück? Meine Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte
-Wahrnehmung, die sich im Momente des Wahrnehmens gebildet hat. Mit
-welcher Lebhaftigkeit ich dann sp&auml;ter diese Beziehung mir wieder
-vergegenw&auml;rtigen kann, das h&auml;ngt von der Art ab, in der mein
-geistiger und k&ouml;rperlicher Organismus funktioniert. Die
-<span class="ex">Vorstellung</span> ist nichts anderes als eine auf
-eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff, der einmal
-mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug auf diese
-Wahrnehmung geblieben ist. Mein Begriff eines L&ouml;wen ist nicht
-<span class="ex">aus</span> meinen Wahrnehmungen von L&ouml;wen
-gebildet. Wohl aber ist meine Vorstellung vom L&ouml;wen <span class="ex">an</span> der Wahrnehmung gebildet. Ich kann jemandem den Begriff
-eines L&ouml;wen beibringen, der nie einen L&ouml;wen gesehen hat. Eine
-lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir ohne sein eigenes
-Wahrnehmen nicht gelingen.</p>
-<p class="par">Die <span class="ex">Vorstellung</span> ist also nichts
-anderes als ein individualisierter Begriff. Und nun ist es uns
-erkl&auml;rlich, da&szlig; für uns die Dinge der Wirklichkeit
-durch Vorstellungen repr&auml;sentiert werden k&ouml;nnen. Die volle
-Wirklichkeit eines Dinges ergiebt sich uns im Augenblicke der
-Beobachtung aus dem Zusammengehen <span class="pagenum">[<a id="pb104"
-href="#pb104" name="pb104">104</a>]</span>von Begriff und Wahrnehmung.
-Der Begriff erh&auml;lt durch eine Wahrnehmung eine individuelle
-Gestalt, einen Bezug zu dieser bestimmten <span class="corr" id="xd23e1381" title="Quelle: Wahnehmung">Wahrnehmung</span>. In dieser
-individuellen Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine
-Eigentümlichkeit in sich tr&auml;gt, lebt er in uns fort und
-bildet die Vorstellung des betreffenden Dinges. Treffen wir auf ein
-zweites Ding, mit dem sich derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir
-es mit dem ersten als zu derselben Art geh&ouml;rig; treffen wir
-dasselbe Ding ein zweites Mal wieder<span class="corr" id="xd23e1384"
-title="Nicht in der Quelle">,</span> so finden wir in unserem
-Begriffssysteme nicht nur überhaupt einen entsprechenden Begriff,
-sondern den individualisierten Begriff mit dem ihm eigentümlichen
-Bezug auf denselben Gegenstand, und wir erkennen den Gegenstand
-wieder.</p>
-<p class="par">Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und
-Begriff. Sie ist der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende
-Begriff.</p>
-<p class="par">Die Summe meiner Vorstellungen kann ich meine Erfahrung
-nennen. Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der eine
-gr&ouml;&szlig;ere Zahl individualisierter Begriffe hat. Ein Mensch,
-dem jedes Intuitionsverm&ouml;gen fehlt, ist nicht geeignet, sich
-Erfahrung zu erwerben. Er verliert die Gegenst&auml;nde wieder aus
-seinem Gesichtskreise, weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen in
-Beziehung setzen soll. Ein Mensch mit gut entwickeltem <span class="corr" id="xd23e1391" title="Quelle: Denkvem&ouml;gen">Denkverm&ouml;gen</span>, aber mit einem
-infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen,
-wird ebensowenig Erfahrung sammeln k&ouml;nnen. Er kann sich zwar auf
-irgend eine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt der
-lebendige Bezug auf bestimmte <span class="pagenum">[<a id="pb105"
-href="#pb105" name="pb105">105</a>]</span>Dinge. Der gedankenlose
-Reisende und der in abstrakten <span class="corr" id="xd23e1396" title="Quelle: Begriffsystemen">Begriffssystemen</span> lebende Gelehrte sind
-gleich unf&auml;hig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.</p>
-<p class="par">Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die
-Wirklichkeit; als Vorstellung die subjektive Repr&auml;sentation dieser
-Wirklichkeit dar.</p>
-<p class="par">Wenn sich unsere Pers&ouml;nlichkeit blo&szlig; als
-erkennend &auml;u&szlig;erte, so w&auml;re die Summe alles Objektiven
-in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.</p>
-<p class="par">Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung
-mit Hilfe des Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen
-sie auch auf unsere besondere Subjektivit&auml;t, auf unser
-individuelles Ich. Der Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das
-Gefühl, das sich als Lust oder Unlust auslebt.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Denken</span> und <span class="ex">Fühlen</span> entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der
-wir schon gedacht haben. Das <span class="ex">Denken</span> ist das
-Element, durch das wir das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen;
-das <span class="ex">Fühlen</span> das, wodurch wir uns in die
-Enge des eigenen Wesens zurückziehen.</p>
-<p class="par">Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser
-Fühlen führt uns in uns selbst zurück, macht uns erst
-zum Individuum. W&auml;ren wir blo&szlig; denkende und wahrnehmende
-Wesen, so mü&szlig;te unser ganzes Leben in unterschiedloser
-Gleichgültigkeit dahinflie&szlig;en. Wenn wir uns blo&szlig; als
-Selbst <span class="ex">erkennen</span> k&ouml;nnten, so w&auml;ren wir
-uns vollst&auml;ndig gleichgültig. Erst dadurch, da&szlig; wir mit
-der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der
-Dinge Lust und Schmerz empfinden, <span class="pagenum">[<a id="pb106"
-href="#pb106" name="pb106">106</a>]</span>leben wir als individuelle
-Wesen, deren Dasein nicht mit dem Begriffsverh&auml;ltnis
-ersch&ouml;pft ist, in dem sie zu der übrigen Welt stehen, sondern
-die noch einen besonderen Wert für sich haben.</p>
-<p class="par">Man k&ouml;nnte versucht sein, in dem Gefühlsleben
-ein Element zu sehen, das reicher mit Wirklichkeit ges&auml;ttigt ist
-als das denkende Betrachten der Welt. Darauf ist zu erwidern, da&szlig;
-das Gefühlsleben eben doch nur für mein Individuum diese
-reichere Bedeutung hat. Für das Weltganze kann mein
-Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl, als
-Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung tritt
-und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.</p>
-<p class="par">Unser Leben ist ein fortw&auml;hrendes Hin- und
-Herpendeln zwischen dem Mitleben des allgemeinen Weltgeschehens und
-unserem individuellen Sein. Je weiter wir hinaufsteigen in die
-allgemeine Natur des Denkens, wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr
-als Beispiel, als Exemplar des Begriffes interessiert, desto mehr
-verliert sich in uns der Charakter des besonderen Wesens, der ganz
-bestimmten einzelnen Pers&ouml;nlichkeit. Je weiter wir herabsteigen in
-die Tiefen des Eigenlebens und unsere Gefühle mitklingen lassen
-mit den Erfahrungen der <span class="corr" id="xd23e1430" title="Quelle: Aussenwelt">Au&szlig;enwelt</span>, desto mehr sondern wir uns
-ab von dem universellen Sein. Eine wahrhafte Individualit&auml;t wird
-derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit seinen Gefühlen
-in die Region des Ideellen. Es giebt Menschen, bei denen auch die
-allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen, noch jene
-besondere F&auml;rbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem
-Tr&auml;ger im Zusammenhange <span class="pagenum">[<a id="pb107" href="#pb107" name="pb107">107</a>]</span>zeigt. Andere existieren, deren
-Begriffe so ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns
-herankommen, als w&auml;ren sie gar nicht aus einem Menschen
-entsprungen, der Fleisch und Blut hat.</p>
-<p class="par">Das Vorstellen giebt unserem Begriffsleben bereits ein
-individuelles Gepr&auml;ge. Jedermann hat ja einen eigenen Standort,
-von dem aus er die Welt betrachtet. An seine Wahrnehmungen
-schlie&szlig;en sich seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art
-die allgemeinen Begriffe denken. Diese besondere Bestimmtheit ist ein
-Ergebnis unseres Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz
-sich anschlie&szlig;enden Wahrnehmungssph&auml;re. Wir nennen die
-hiermit gekennzeichneten Voraussetzungen des Individuellen das
-<span class="ex">milieu</span>.</p>
-<p class="par">Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von
-unserer besonderen Organisation abh&auml;ngige. Unsere Organisation ist
-ja eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit. Wir verbinden jeder
-besondere Gefühle und zwar in den verschiedensten
-St&auml;rkegraden mit unseren Wahrnehmungen. Dies ist das Individuelle
-unserer Eigenpers&ouml;nlichkeit. Es bleibt als Rest zurück, wenn
-wir die Bestimmtheiten des milieu alle in Rechnung gebracht haben.</p>
-<p class="par">Ein v&ouml;llig gedankenleeres Gefühlsleben
-mü&szlig;te allm&auml;hlich allen Zusammenhang mit der Welt
-verlieren. Die Erkenntnis der Dinge wird bei dem auf Totalit&auml;t
-angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der Ausbildung und
-Entwicklung des Gefühlslebens.</p>
-<p class="par">Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe
-zun&auml;chst konkretes <span class="ex">Leben</span> gewinnen.
-<span class="pagenum">[<a id="pb108" href="#pb108" name="pb108">108</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch8" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e191">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament04.png" alt="VIII." width="627" height="134"></div>
-<h2 class="label">VIII.</h2>
-<h2 class="main">Giebt es Grenzen des Erkennens?</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Wir haben festgestellt, da&szlig; die Elemente zur
-Erkl&auml;rung der Wirklichkeit den beiden Sph&auml;ren: dem Wahrnehmen
-und dem Denken zu entnehmen sind. Unsere Organisation bedingt es, wie
-wir gesehen haben, da&szlig; uns die volle, totale Wirklichkeit,
-einschlie&szlig;lich unseres eigenen Subjektes, zun&auml;chst als
-Zweiheit erscheint. Das Erkennen überwindet diese Zweiheit, indem
-es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit: der Wahrnehmung und dem
-Begriff das ganze Ding zusammenfügt. Nennen wir die Weise, in der
-uns die Welt entgegentritt, bevor sie durch das Erkennen ihre rechte
-Gestalt gewonnen hat, die Welt der Erscheinung im Gegensatz zu der aus
-Wahrnehmung und Begriff einheitlich zusammengesetzten Wesenheit. Dann
-k&ouml;nnen wir sagen: die Welt ist uns als Zweiheit (dualistisch)
-gegeben, und das Erkennen verarbeitet sie zur Einheit (monistisch).
-Eine Philosophie, welche von diesem Grundprinzip ausgeht, kann als
-monistische Philosophie oder <span class="ex">Monismus</span>
-bezeichnet werden. Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie
-<span class="pagenum">[<a id="pb109" href="#pb109" name="pb109">109</a>]</span>oder der <span class="ex">Dualismus</span>. Der
-letztere nimmt nicht etwa zwei blo&szlig; durch unsere Organisation
-auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit an, sondern
-zwei von einander absolut verschiedene Welten. Er sucht dann
-Erkl&auml;rungsprinzipien für die eine Welt in der andern.</p>
-<p class="par">Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung
-dessen, was wir Erkenntnis nennen. Er trennt das gesamte Sein in zwei
-Gebiete, von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und l&auml;&szlig;t
-diese Gebiete einander &auml;u&szlig;erlich gegenüberstehen.</p>
-<p class="par">Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die
-Wissenschaft eingeführte und bis heute nicht wieder
-herausgebrachte Unterscheidung von Wahrnehmungsobjekt und Ding an sich.
-Unseren Ausführungen gem&auml;&szlig; liegt es in der Natur
-unserer geistigen Organisation, da&szlig; ein besonderes Ding nur als
-Wahrnehmung gegeben sein kann. Das Denken überwindet dann die
-Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung ihre gesetzm&auml;&szlig;ige
-Stelle im Weltganzen anweist. So lange die gesonderten Teile des
-Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden, folgen wir einfach in der
-Aussonderung einem Gesetze unserer Subjektivit&auml;t. Betrachten wir
-aber die Summe aller Wahrnehmungen als den Einen Teil und stellen
-diesem dann einen zweiten in den &bdquo;Dingen an sich&ldquo;
-gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir haben es
-dann mit einem blo&szlig;en Begriffsspiel zu thun. Wir konstruieren
-einen künstlichen Gegensatz, k&ouml;nnen aber für das zweite
-Glied desselben keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für
-ein besonderes Ding nur aus der Wahrnehmung gesch&ouml;pft werden.
-<span class="pagenum">[<a id="pb110" href="#pb110" name="pb110">110</a>]</span></p>
-<p class="par">Jede Art des Seins, das au&szlig;erhalb des Gebietes von
-Wahrnehmung und Begriff angenommen wird, ist in die Sph&auml;re der
-unberechtigten Hypothesen zu verweisen. In diese Kategorie geh&ouml;rt
-das &bdquo;Ding an sich&ldquo;. Es ist nur ganz natürlich,
-da&szlig; der dualistische Denker den Zusammenhang des hypothetisch
-angenommenen Weltprinzipes und des erfahrungsm&auml;&szlig;ig Gegebenen
-nicht finden kann. Für das hypothetische Weltprincip
-l&auml;&szlig;t sich nur ein Inhalt gewinnen, wenn man ihn aus der
-Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese Thatsache
-hinwegt&auml;uscht. Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff, ein
-Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat. Der dualistische Denker
-behauptet dann gew&ouml;hnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei unserer
-Erkenntnis unzug&auml;nglich; wir k&ouml;nnten nur wissen, <span class="ex">da&szlig;</span> ein solcher Inhalt vorhanden ist, nicht
-<span class="ex">was</span> vorhanden ist. In beiden F&auml;llen ist
-die &Uuml;berwindung des Dualismus unm&ouml;glich. Bringt man ein paar
-abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich
-hinein, dann bleibt es doch unm&ouml;glich, das reiche konkrete Leben
-der Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die
-selbst nur aus dieser Wahrnehmung entnommen sind. Du Bois-Reymond
-stellt fest, da&szlig; die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre
-Lage und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem
-Schlusse zu kommen: wir k&ouml;nnen niemals zu einer befriedigenden
-Erkl&auml;rung darüber kommen, wie Materie und Bewegung Empfindung
-und Gefühl erzeugen, denn &bdquo;es ist eben durchaus und für
-immer unbegreiflich, da&szlig; es einer Anzahl von Kohlenstoff-,
-Wasserstoff-, Stickstoff- u. s. w. Atomen nicht sollte gleichgiltig
-sein, wie sie liegen und sich bewegen, <span class="pagenum">[<a id="pb111" href="#pb111" name="pb111">111</a>]</span>wie sie lagen und
-sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist in keiner
-Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewu&szlig;tsein
-entstehen k&ouml;nne&ldquo;. Diese Schlu&szlig;folgerung ist
-charakteristisch für die ganze Denkrichtung. Aus der reichen Welt
-der Wahrnehmungen wird abgesondert: Lage und Bewegung. Diese werden auf
-die erdachte Welt der Atome übertragen. Dann tritt die
-Verwunderung darüber ein, da&szlig; man aus diesem selbstgemachten
-und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten Prinzip das konkrete Leben
-nicht herauswickeln kann.</p>
-<p class="par">Da&szlig; der Dualist, der mit einem vollst&auml;ndig
-inhaltleeren Begriff vom Ansich arbeitet, zu keiner Welterkl&auml;rung
-kommen kann, folgt schon aus der, oben angegebenen, Definition seines
-Prinzipes.</p>
-<p class="par">In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem
-Erkenntnisverm&ouml;gen unübersteigliche Schranken zu setzen. Der
-Anh&auml;nger einer monistischen Weltanschauung wei&szlig;, da&szlig;
-alles, was er zur Erkl&auml;rung einer ihm gegebenen Erscheinung der
-Welt braucht, im Bereiche der letztern liegen müsse. Was ihn
-hindert, dazu zu gelangen, k&ouml;nnen nur zuf&auml;llige zeitliche
-oder r&auml;umliche Schranken oder M&auml;ngel seiner Organisation
-sein. Und zwar nicht der menschlichen Organisation im allgemeinen,
-sondern nur seiner besonderen individuellen.</p>
-<p class="par">Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn
-bestimmt haben, da&szlig; von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden
-kann. Das Erkennen ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein
-Gesch&auml;ft, das der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Dinge
-verlangen keine Erkl&auml;rung. Sie existieren und <span class="pagenum">[<a id="pb112" href="#pb112" name="pb112">112</a>]</span>wirken aufeinander nach den Gesetzen, die durch
-das Denken auffindbar sind. Sie existieren in unzertrennlicher Einheit
-mit diesen Gesetzen. Da tritt ihnen unsere Ichheit gegenüber und
-erfa&szlig;t von ihnen zun&auml;chst nur das, was wir als Wahrnehmung
-bezeichnet haben. Aber in dem Innern dieser Ichheit findet sich die
-Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu finden. Erst wenn
-die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit, die in der Welt
-unzertrennlich verbunden sind, auch für sich vereinigt hat, dann
-ist die Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist wieder bei der
-Wirklichkeit angelangt.</p>
-<p class="par">Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also
-<span class="ex">durch</span> und <span class="ex">für</span> das
-Ich. Das letztere giebt sich selbst die Fragen des Erkennens auf. Und
-zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollst&auml;ndig klaren und
-durchsichtigen Elemente des Denkens. Stellen wir uns Fragen, die wir
-nicht beantworten k&ouml;nnen, so kann der Inhalt der Frage nicht in
-allen seinen Teilen klar und deutlich sein. Nicht die Welt stellt an
-uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.</p>
-<p class="par">Ich kann mir denken, da&szlig; mir jede M&ouml;glichkeit
-fehlt, eine Frage zu beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben
-finde, ohne da&szlig; ich die Sph&auml;re kenne, aus der der Inhalt der
-Frage genommen ist.</p>
-<p class="par">Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die
-uns dadurch aufgegeben werden, da&szlig; einer durch Ort, Zeit und
-subjektive Organisation bedingten Wahrnehmungssph&auml;re eine auf die
-Allheit der Welt gehende Begriffssph&auml;re gegenübersteht. Meine
-Aufgabe besteht in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten
-Sph&auml;ren. Von einer Grenze der Erkenntnis kann da <span class="pagenum">[<a id="pb113" href="#pb113" name="pb113">113</a>]</span>nicht gesprochen werden. Es kann zu irgend einer
-Zeit dieses oder jenes unaufgekl&auml;rt bleiben, weil wir durch
-zuf&auml;llige Umst&auml;nde verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen,
-die dabei im Spiele sind. Was aber heute nicht gefunden ist, kann es
-morgen werden. Die hierdurch bedingten Schranken sind nur
-zuf&auml;llige, die mit dem Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken
-überwunden werden müssen.</p>
-<p class="par">Der Dualismus begeht den Fehler, da&szlig; er den
-Gegensatz von Objekt und Subjekt, der nur innerhalb des
-Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat, auf rein erdachte Wesenheiten
-au&szlig;erhalb desselben übertr&auml;gt. Da aber die innerhalb
-des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur so lange gesondert
-sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enth&auml;lt, das alle
-Sonderung aufhebt und als eine blo&szlig; subjektiv bedingte erkennen
-l&auml;&szlig;t, so übertr&auml;gt der Dualist Bestimmungen auf
-Wesenheiten hinter den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine
-absolute, sondern nur eine relative Geltung haben. Er zerlegt dadurch
-die zwei für den Erkenntnisproze&szlig; in Betracht kommenden
-Faktoren, Wahrnehmung und Begriff, in vier: 1) Das Objekt an sich; 2)
-die Wahrnehmung, die das Subjekt von dem Objekt hat; 3) das Subjekt; 4)
-den Begriff, der die Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht. Die
-Beziehung zwischen dem Objekt und Subjekt ist eine <span class="ex">reale</span>; das Subjekt wird wirklich (dynamisch) durch das
-Objekt beeinflu&szlig;t. Dieser reale Proze&szlig; f&auml;llt nicht in
-unser Bewu&szlig;tsein. Aber er ruft im Subjekt eine Gegenwirkung auf
-die vom Objekt ausgehende Wirkung hervor. Das Resultat dieser
-Gegenwirkung ist die Wahrnehmung. Diese <span class="pagenum">[<a id="pb114" href="#pb114" name="pb114">114</a>]</span>f&auml;llt erst ins
-Bewu&szlig;tsein. Das Objekt hat eine objektive (vom Subjekt
-unabh&auml;ngige), die Wahrnehmung eine subjektive Realit&auml;t. Diese
-subjektive Realit&auml;t bezieht das Subjekt auf das Objekt. Die
-letztere Beziehung ist eine ideelle. Der Dualismus spaltet somit den
-Erkenntnisproze&szlig; in zwei Teile. Den einen, Erzeugung des
-Wahrnehmungsobjektes aus dem Ding an sich, l&auml;&szlig;t er
-<span class="ex">au&szlig;erhalb</span>, den andern, Verbindung der
-Wahrnehmung mit dem Begriff und Beziehung desselben auf das Objekt,
-<span class="ex">innerhalb des Bewu&szlig;tseins</span> sich abspielen.
-Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, da&szlig; der Dualist in
-seinen Begriffen nur subjektive Repr&auml;sentanten dessen zu gewinnen
-glaubt, was <span class="ex">vor</span> seinem Bewu&szlig;tsein liegt.
-Der objektiv-reale Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung
-zustande kommt, und umsomehr die objektiven Beziehungen der Dinge an
-sich bleiben für den Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung
-nach kann sich der Mensch nur begriffliche Repr&auml;sentanten für
-das objektiv Reale verschaffen. Das Einheitsband der Dinge, das diese
-unter sich und objektiv mit unserem Individualgeist (als Ding an sich)
-verbindet, liegt jenseits des Bewu&szlig;tseins in einem
-g&ouml;ttlichen Wesen an sich, von dem wir in unserem Bewu&szlig;tsein
-ebenfalls nur einen begrifflichen Repr&auml;sentanten haben.</p>
-<p class="par">Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten
-Begriffsschema zu verflüchtigen, wenn er nicht neben den
-begrifflichen Zusammenh&auml;ngen der Gegenst&auml;nde noch reale
-Zusammenh&auml;nge statuiert. Mit andern Worten: dem Dualisten
-erscheinen die durch das Denken auffindbaren Idealprinzipien zu
-<span class="pagenum">[<a id="pb115" href="#pb115" name="pb115">115</a>]</span>luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von
-denen sie gestützt werden k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal n&auml;her
-anschauen. Der naive Mensch (naive Realist) betrachtet die
-Gegenst&auml;nde der &auml;u&szlig;eren Erfahrung als Realit&auml;ten.
-Der Umstand, da&szlig; er diese Dinge mit seinen H&auml;nden greifen,
-mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis der Realit&auml;t.
-&bdquo;Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann&ldquo;, ist
-geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen anzusehen, das ebenso
-gut in seiner Umkehrung anerkannt wird: &bdquo;Alles, was wahrgenommen
-werden kann, existiert&ldquo;. Der beste Beweis für diese
-Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven
-Menschen. Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor, die
-unter besonderen Bedingungen sogar für den gew&ouml;hnlichen
-Menschen sichtbar werden kann (Gespensterglaube).</p>
-<p class="par">Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für
-den naiven Realisten alles andere, namentlich die Welt der Ideen,
-unreal, &bdquo;blo&szlig; ideell&ldquo;. Was wir zu den
-Gegenst&auml;nden hinzudenken, das ist blo&szlig;er Gedanke
-<span class="ex">über</span> die Dinge. Der Gedanke fügt
-nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.</p>
-<p class="par">Aber nicht nur in Bezug auf das Sein der Dinge h&auml;lt
-der naive Mensch die Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der
-Realit&auml;t, sondern auch in Bezug auf das Geschehen. Ein Ding kann,
-nach seiner Ansicht, nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine
-für die Sinneswahrnehmung vorhandene Kraft von dem einen ausgeht
-und das andere ergreift. &Auml;ltere <span class="pagenum">[<a id="pb116" href="#pb116" name="pb116">116</a>]</span>griechische
-Philosophen, die naive Realisten im besten Sinne des Wortes waren,
-stellten sich das Sehen in der Weise vor, da&szlig; das Auge
-Fühler ausstrecke, die die Dinge berühren. Die &auml;ltere
-Physik glaubte, da&szlig; sehr feine Stoffe von den K&ouml;rpern
-ausstr&ouml;men und durch unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen.
-Das wirkliche Sehen dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer
-Sinne im Verh&auml;ltnis zu der Feinheit dieser Stoffe unm&ouml;glich.
-Prinzipiell gestand man diesen Stoffen aus demselben Grunde
-Realit&auml;t zu, warum man es den Gegenst&auml;nden der Sinnenwelt
-zugesteht, n&auml;mlich wegen ihrer Seinsform, die derjenigen der
-sinnenf&auml;lligen Realit&auml;t analog gedacht wurde.</p>
-<p class="par">Die in sich beruhende Wesenheit der Ideen gilt dem
-naiven Bewu&szlig;tsein nicht in gleichem Sinne als real. Ein in der
-&bdquo;blo&szlig;en Idee&ldquo; gefa&szlig;ter Gegenstand gilt so lange
-als blo&szlig;e Chim&auml;re, bis durch die Sinneswahrnehmung die
-&Uuml;berzeugung von der Realit&auml;t geliefert werden kann. Der naive
-Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum ideellen Zeugnis seines
-Denkens noch das reale der Sinne. In diesem Bedürfnisse des naiven
-Menschen liegt der Grund zur Entstehung des Offenbarungsglaubens. Der
-Gott, der durch das Denken gegeben ist, bleibt immer nur ein
-<span class="ex">gedachter</span> Gott. Das naive Bewu&szlig;tsein
-verlangt die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung
-zug&auml;nglich sind. Der Gott mu&szlig; leibhaftig erscheinen, und
-seine G&ouml;ttlichkeit durch sinnenf&auml;llig konstatierbares
-Verwandeln von Wasser in Wein erweisen.</p>
-<p class="par">Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch
-als einen den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor. Die Dinge machen
-einen <span class="ex">Eindruck</span> in <span class="pagenum">[<a id="pb117" href="#pb117" name="pb117">117</a>]</span>der Seele, oder sie
-senden Bilder aus, die durch die Sinne eindringen u. s. w.</p>
-<p class="par">Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen
-wahrnehmen kann, das h&auml;lt er für wirklich, und dasjenige,
-wovon er keine solche Wahrnehmung hat (Gott, Seele, das Erkennen u. s.
-w.), das stellt er sich analog dem Wahrgenommenen vor.</p>
-<p class="par">Will der naive Realismus eine Wissenschaft
-begründen, so kann er eine solche nur in einer genauen
-<span class="ex">Beschreibung</span> des Wahrnehmungsinhaltes sehen.
-Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie sind da, um ideelle
-Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen. Für die Dinge
-selbst bedeuten sie nichts. Als real gelten dem naiven Realisten nur
-die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden
-k&ouml;nnen; die Eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das
-unreale Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen
-gemeinsamen Merkmalen zusammengefügt hat.</p>
-<p class="par">Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der
-Wirklichkeit alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche
-lehrt, da&szlig; der Inhalt der Wahrnehmungen verg&auml;nglicher Natur
-ist. Die Tulpe, die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahre wird
-sie in Nichts verschwunden sein. Was sich behauptet hat, ist die
-<span class="ex">Gattung</span> Tulpe. Diese Gattung ist aber für
-den naiven Realismus <span class="ex">nur</span> eine <span class="ex">Idee</span>, keine Wirklichkeit. So sieht sich denn diese
-Weltanschauung in der Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden
-zu sehen, w&auml;hrend sich das, nach ihrer Meinung, Unwirkliche dem
-Wirklichen gegenüber behauptet. <span class="pagenum">[<a id="pb118" href="#pb118" name="pb118">118</a>]</span>Der naive Realismus
-mu&szlig; also neben den Wahrnehmungen auch noch etwas Ideelles gelten
-lassen. Er mu&szlig; Wesenheiten in sich aufnehmen, die er nicht mit
-den Sinnen wahrnehmen kann. Er findet sich dadurch mit sich selbst ab,
-da&szlig; er deren Daseinsform analog mit derjenigen der Sinnesobjekte
-denkt. Solche hypothetisch angenommenen Realit&auml;ten sind die
-unsichtbaren Kr&auml;fte, durch die die sinnlich wahrzunehmenden Dinge
-aufeinander wirken. Ein solches Ding ist die Vererbung, die über
-das Individuum hinaus fortwirkt und die der Grund ist, da&szlig; sich
-aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm &auml;hnlich ist,
-wodurch sich die Gattung erh&auml;lt. Ein solches Ding ist das den
-organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die
-man im naiven Bewu&szlig;tsein stets einen nach Analogie mit
-Sinnesrealit&auml;ten gebildeten Begriff findet, und ist endlich das
-g&ouml;ttliche Wesen des naiven Menschen. Dieses g&ouml;ttliche Wesen
-wird in einer Weise wirksam gedacht, die ganz dem entspricht, was als
-Wirkungsart des Menschen selbst <span class="ex">wahrgenommen</span>
-werden kann: anthropomorphisch.</p>
-<p class="par">Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf
-Bewegungen der kleinsten Teile der K&ouml;rper und eines unendlich
-feinen Stoffes, des &Auml;thers, zurück. Was wir z. B. als
-W&auml;rme empfinden, ist innerhalb des Raumes, den der
-w&auml;rmeverursachende K&ouml;rper einnimmt, Bewegung seiner Teile.
-Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem
-Wahrnehmbaren gedacht. Das sinnliche Analogon des Begriffs
-&bdquo;K&ouml;rper&ldquo; ist in diesem Sinne etwa das Innere eines
-allseitig geschlossenen Raumes, in dem sich nach allen <span class="pagenum">[<a id="pb119" href="#pb119" name="pb119">119</a>]</span>Richtungen elastische Kugeln bewegen, die
-einander sto&szlig;en, an die W&auml;nde an- und von ihnen abprallen u.
-s. w.</p>
-<p class="par">Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die
-Welt in ein unzusammenh&auml;ngendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne
-gegenseitige Beziehungen, das sich zu keiner Einheit
-zusammenschlie&szlig;t. Es ist aber klar, da&szlig; der naive Realismus
-nur durch eine Inkonsequenz zu dieser Annahme kommen kann. Wenn er
-seinem Grundsatz: nur das Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben
-will, dann darf er doch, wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches
-annehmen. Die unwahrnehmbaren Kr&auml;fte, die von den wahrnehmbaren
-Dingen aus wirken, sind eigentlich unberechtigte Hypothesen vom
-Standpunkte des naiven Realismus. Und weil er keine anderen
-Realit&auml;ten kennt, so stattet er seine hypothetischen Kr&auml;fte
-mit Wahrnehmungsinhalt aus. Er wendet also eine Seinsform (das
-Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt, das
-allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das
-sinnliche Wahrnehmen.</p>
-<p class="par">Diese in sich widerspruchvolle Weltanschauung führt
-zum metaphysischen Realismus. Der konstruiert neben der wahrnehmbaren
-Realit&auml;t noch eine unwahrnehmbare, die er der erstem analog denkt.
-Der metaphysische Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.</p>
-<p class="par">Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen
-wahrnehmbaren Dingen bemerkt (Ann&auml;herung durch Bewegung,
-Bewu&szlig;twerden eines Objektiven u. s. w.), da setzt er eine
-Realit&auml;t hin. Die Beziehung, die er bemerkt, kann er jedoch nur
-durch das Denken ausdrücken, nicht aber wahrnehmen. Die
-<span class="pagenum">[<a id="pb120" href="#pb120" name="pb120">120</a>]</span>ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem
-dem Wahrnehmbaren &Auml;hnlichen gemacht. So ist für diese
-Denkrichtung die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den
-Wahrnehmungsobjekten, die im ewigen Werden sind, kommen und
-verschwinden, und aus den unwahrnehmbaren Kr&auml;ften, von denen die
-Wahrnehmungsobjekte hervorgebracht werden, und die das Bleibende
-sind.</p>
-<p class="par">Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle
-Mischung des naiven Realismus mit dem Idealismus. Seine hypothetischen
-Kr&auml;fte sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit
-Wahrnehmungsqualit&auml;ten. Er hat sich entschlossen, au&szlig;er dem
-Weltgebiete, für dessen Daseinsform er in dem Wahrnehmen ein
-Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten zu lassen, bei dem dieses
-Mittel versagt, und das nur durch das Denken zu ermitteln ist. Er kann
-sich aber nicht zu gleicher Zeit auch entschlie&szlig;en, die Form des
-Seins, die ihm das Denken vermittelt, den Begriff (die Idee), auch als
-gleichberechtigten Faktor neben der Wahrnehmung anzuerkennen. Will man
-den Widerspruch der unwahrnehmbaren Wahrnehmung vermeiden, so mu&szlig;
-man zugestehen, da&szlig; es für die durch das Denken vermittelten
-Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für uns keine andere
-Existenzform als die des Begriffes giebt. Als die Summe von
-Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen) Bezüge stellt
-sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen Realismus den
-unberechtigten Bestandteil hinauswirft. So l&auml;uft der metaphysische
-Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die Wahrnehmung
-das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen unter den
-Wahrnehmungen die Denkbarkeit <span class="pagenum">[<a id="pb121"
-href="#pb121" name="pb121">121</a>]</span>fordert. Diese Weltanschauung
-kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt
-gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte
-Realprinzip und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.</p>
-<p class="par">Wenn der metaphysische Realismus behauptet, da&szlig;
-neben der ideellen Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem
-Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung zwischen dem &bdquo;Ding
-an sich&ldquo; der Wahrnehmung und dem &bdquo;Ding an sich&ldquo; des
-wahrnehmbaren Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen
-mu&szlig;, so beruht diese Behauptung auf der falschen Annahme eines
-den Prozessen der Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren
-Seinsprozesses. Wenn ferner der metaphysische Realismus sagt: mit
-meiner Wahrnehmungswelt komme ich in ein bewu&szlig;t-ideelles
-Verh&auml;ltnis; mit der wirklichen Welt kann ich aber nur in ein
-dynamisches (Kr&auml;fte-) Verh&auml;ltnis kommen, so begeht er nicht
-weniger den schon gerügten Fehler. Von einem
-Kr&auml;fteverh&auml;ltnis kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem
-Gebiete des Tastsinnes), nicht aber au&szlig;erhalb desselben die Rede
-sein.</p>
-<p class="par">Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in
-die der metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine
-widerspruchsvollen Elemente abstreift, <span class="ex">Monismus</span>
-nennen, weil sie den einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer
-h&ouml;heren Einheit vereinigt.</p>
-<p class="par">Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt
-eine Summe von Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen
-Realismus kommt au&szlig;er den Wahrnehmungen <span class="pagenum">[<a id="pb122" href="#pb122" name="pb122">122</a>]</span>auch
-noch den unwahrnehmbaren Kr&auml;ften Realit&auml;t zu; der Monismus
-setzt an die Stelle von Kr&auml;ften die ideellen Zusammenh&auml;nge,
-die er durch sein Denken gewinnt. Das aber sind die <span class="ex">Naturgesetze</span>. Ein Naturgesetz ist ja nichts anderes als der
-begriffliche Ausdruck für den Zusammenhang gewisser
-Wahrnehmungen.</p>
-<p class="par">Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, au&szlig;er
-Wahrnehmung und Begriff, nach anderen Erkl&auml;rungsprinzipien der
-Wirklichkeit zu fragen. Er wei&szlig;, da&szlig; sich im ganzen
-Bereiche der Wirklichkeit <span class="ex">kein Anla&szlig;</span> dazu
-findet. Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie sie unmittelbar dem
-Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches; in der Vereinigung
-derselben mit der Begriffswelt findet er die volle Wirklichkeit. Der
-metaphysische Realist kann dem Anh&auml;nger des Monismus einwenden: es
-mag sein, da&szlig; für deine Organisation deine Erkenntnis in
-sich vollkommen ist, da&szlig; kein Glied fehlt; du wei&szlig;t aber
-nicht: wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die anders
-organisiert ist als die deinige. Die Antwort des Monismus wird sein: Es
-mag sein, da&szlig; es andere Intelligenzen giebt als die menschlichen;
-es mag auch sein, da&szlig; ihre Wahrnehmungen eine andere Gestalt
-haben als die unsrigen, wenn bei ihnen überhaupt Wahrnehmen
-stattfindet. Das alles geht mich aber aus folgenden Gründen gar
-nichts an. Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses
-spezifische menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt
-gegenübergestellt. Der Zusammenhang der Dinge ist damit
-unterbrochen. Das Subjekt stellt durch das Denken diesen Zusammenhang
-wieder her. Damit <span class="pagenum">[<a id="pb123" href="#pb123"
-name="pb123">123</a>]</span>hat es sich dem Weltganzen wieder
-eingefügt. Da nur durch unser Subjekt dieses Ganze an der Stelle
-zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff zerschnitten
-erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden auch eine
-vollkommene Erkenntnis gegeben. Für Wesen mit einer andern
-Wahrnehmungswelt (z. B. mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen)
-erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen, und die
-Wiederherstellung mü&szlig;te demnach auch eine diesem Wesen
-spezifische Gestalt haben. Nur für den naiven und den
-metaphysischen Realismus, die beide in dem Inhalte der Seele nur eine
-ideelle Repr&auml;sentation der Welt sehen, besteht die Frage nach der
-Grenze des Erkennens. Für sie ist n&auml;mlich das au&szlig;erhalb
-des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein in sich Beruhendes, und
-der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben, das schlechthin
-au&szlig;erhalb dieses Absoluten steht. Die Vollkommenheit der
-Erkenntnis beruht auf der gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren
-&Auml;hnlichkeit des Bildes mit dem absoluten Objekte. Ein Wesen, bei
-dem die Zahl der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger,
-eines, bei dem sie gr&ouml;&szlig;er ist, mehr von der Welt wahrnehmen.
-Das erstere wird demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das
-letztere.</p>
-<p class="par">Für den Monismus liegt die Sache anders. Durch die
-Organisation des wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der
-Weltzusammenhang in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint.
-Das Objekt ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in Bezug auf
-dieses bestimmte Subjekt. Die &Uuml;berbrückung des Gegensatzes
-kann demnach auch nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem
-menschlichen <span class="pagenum">[<a id="pb124" href="#pb124" name="pb124">124</a>]</span>Subjekt eigenen Weise geschehen. Sobald das Ich,
-das in dem Wahrnehmen von der Welt abgetrennt ist, in der denkenden
-Betrachtung wieder in den Weltzusammenhang sich einfügt, dann
-h&ouml;rt alles weitere Fragen, das nur eine Folge der Trennung war,
-auf.</p>
-<p class="par">Ein anders geartetes Wesen h&auml;tte eine anders
-geartete Erkenntnis. Die unsrige ist ausreichend, um die durch unser
-eigenes Wesen aufgestellten Fragen zu beantworten.</p>
-<p class="par">Der metaphysische Realismus mu&szlig; fragen, wodurch
-ist das als Wahrnehmung Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt
-affiziert?</p>
-<p class="par">Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das
-Subjekt bestimmt. Dieses hat aber in dem Denken zugleich das Mittel,
-die durch es selbst hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.</p>
-<p class="par">Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren
-Schwierigkeit, wenn er die &Auml;hnlichkeit der Weltbilder
-verschiedener menschlicher Individuen erkl&auml;ren will. Er mu&szlig;
-sich fragen: wie kommt es, da&szlig; das Weltbild, das ich aus meiner
-subjektiv bestimmten Wahrnehmung und meinen Begriffen aufbaue,
-gleichkommt dem, das ein anderes menschliches Individuum aus denselben
-beiden subjektiven Faktoren aufbaut? Wie kann ich überhaupt aus
-meinem subjektiven Weltbilde auf das eines andern Menschen
-schlie&szlig;en? Daraus, da&szlig; die Menschen sich miteinander
-praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist die
-&Auml;hnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschlie&szlig;en zu
-k&ouml;nnen. Aus der &Auml;hnlichkeit dieser Weltbilder schlie&szlig;t
-er dann weiter auf die Gleichheit der den einzelnen menschlichen
-Wahrnehmungssubjekten zu Grunde <span class="pagenum">[<a id="pb125"
-href="#pb125" name="pb125">125</a>]</span>liegenden Individualgeister
-oder der den Subjekten zu Grunde liegenden &bdquo;Ich an
-sich&ldquo;.</p>
-<p class="par">Dieser Schlu&szlig; ist also ein solcher aus einer Summe
-von Wirkungen auf den Charakter der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen.
-Wir glauben aus einer hinreichend gro&szlig;en Anzahl von F&auml;llen
-den Sachverhalt so zu erkennen, da&szlig; wir wissen, wie sich die
-erschlossenen Ursachen in andern F&auml;llen verhalten werden. Einen
-solchen Schlu&szlig; nennen wir einen Induktionsschlu&szlig;. Wir
-werden uns gen&ouml;tigt sehen, die Resultate desselben zu
-modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung etwas Unerwartetes sich
-ergiebt, weil der Charakter des Resultates doch nur durch die
-individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt ist. Diese
-bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das praktische
-Leben vollst&auml;ndig aus, behauptet der metaphysische Realist.</p>
-<p class="par">Der Induktionsschlu&szlig; ist die methodische Grundlage
-des modernen metaphysischen Realismus. Es gab eine Zeit, in der man aus
-Begriffen glaubte etwas herauswickeln zu k&ouml;nnen, was nicht mehr
-Begriff ist. Man glaubte aus den Begriffen die metaphysischen
-Realwesen, deren der metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu
-k&ouml;nnen. Diese Art des Philosophierens geh&ouml;rt heute zu den
-überwundenen Dingen. Dafür aber glaubt man, aus einer
-genügend gro&szlig;en Anzahl von Wahrnehmungsthatsachen auf den
-Charakter des Dinges an sich schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen, das diesen
-Thatsachen zu Grunde liegt. Wie früher aus dem Begriffe, so sucht
-man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln zu
-k&ouml;nnen. Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit
-<span class="pagenum">[<a id="pb126" href="#pb126" name="pb126">126</a>]</span>vor sich hat, so glaubte man aus ihnen auch das
-Metaphysische mit absoluter Sicherheit ableiten zu k&ouml;nnen. Die
-Wahrnehmungen liegen nicht mit gleich durchsichtiger Klarheit vor. Jede
-folgende stellt sich wieder etwas anders dar, als die gleichartigen
-vorhergehenden. Im Grunde wird daher das aus den vorhergehenden
-Erschlossene durch jede folgende etwas modifiziert. Die Gestalt, die
-man auf diese Weise für das Metaphysische gewinnt, ist also nur
-eine relativ richtige zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch
-künftige F&auml;lle. Einen durch diesen methodischen Grundsatz
-bestimmten Charakter tr&auml;gt die Metaphysik Eduard von Hartmanns,
-der als Motto auf das Titelblatt seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat:
-&bdquo;Spekulative Resultate nach induktiv naturwissenschaftlicher
-Methode.&ldquo;</p>
-<p class="par">Die Gestalt, die der metaphysische Realist
-gegenw&auml;rtig seinen Dingen an sich giebt, ist eine durch
-Induktionsschlüsse gewonnene. Von dem Vorhandensein eines
-objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem
-&bdquo;subjektiven&ldquo; durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren,
-ist er durch Erw&auml;gungen über den Erkenntnisproze&szlig;
-überzeugt. Wie diese objektive Realit&auml;t beschaffen ist, das
-glaubt er durch Induktionsschlüsse aus seinen Wahrnehmungen heraus
-bestimmen zu k&ouml;nnen. <span class="pagenum">[<a id="pb127" href="#pb127" name="pb127">127</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="div0 part">
-<h2 class="main">Die Wirklichkeit der Freiheit.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb129" href="#pb129" name="pb129">129</a>]</span></p>
-<div id="ch9" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e203">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament01.png" alt="IX." width="626" height="134"></div>
-<h2 class="label">IX.</h2>
-<h2 class="main">Die Faktoren des Lebens.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Rekapitulieren wir das in den vorangehenden
-Kapiteln Gewonnene. Die Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit
-gegenüber, als eine Summe von Einzelheiten. Eine von diesen
-Einzelheiten, ein Ding unter Dingen, ist er selbst. Diese Gestalt der
-Welt bezeichnen wir schlechthin als <span class="ex">gegeben</span>,
-und insofern wir sie nicht durch bewu&szlig;te Th&auml;tigkeit
-entwickeln, sondern vorfinden, als <span class="ex">Wahrnehmung</span>.
-Innerhalb der Welt der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr. Diese
-Selbstwahrnehmung bliebe einfach als eine unter den vielen anderen
-Wahrnehmungen stehen, wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung
-etwas auftauchte, das sich geeignet erweist die Wahrnehmungen
-überhaupt, also auch die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der
-unseres Selbst, zu verbinden. Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr
-blo&szlig;e Wahrnehmung; es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen
-einfach vorgefunden. Es wird durch Th&auml;tigkeit hervorgebracht. Es
-erscheint zun&auml;chst an das gebunden, was wir als unser Selbst
-wahrnehmen. <span class="pagenum">[<a id="pb130" href="#pb130" name="pb130">130</a>]</span>Seiner inneren Bedeutung nach greift es aber
-über das Selbst hinaus. Es fügt den einzelnen Wahrnehmungen
-ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber aufeinander beziehen, die in
-einem Ganzen gegründet sind. Das durch Selbstwahrnehmung Gewonnene
-bestimmt es auf gleiche Weise ideell wie alle andern Wahrnehmungen und
-stellt es als Subjekt oder &bdquo;Ich&ldquo; den Objekten
-gegenüber. Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen
-Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen. Das Denken
-&auml;u&szlig;ert sich daher zun&auml;chst an der Wahrnehmung des
-Selbst; ist aber nicht blo&szlig; subjektiv; denn das Selbst bezeichnet
-sich erst mit Hilfe des Denkens als Subjekt. Diese gedankliche
-Beziehung auf sich selbst ist eine Lebensbestimmung unserer
-Pers&ouml;nlichkeit. Durch sie führen wir ein rein ideelles
-Dasein. Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen. Diese
-Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine
-anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzutr&auml;ten. Wir w&auml;ren
-dann Wesen, deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller
-Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen untereinander und den letztern
-und uns selbst ersch&ouml;pfte. Nennt man die Herstellung eines solchen
-gedanklichen Verh&auml;ltnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe
-gewonnenen Zustand unseres Selbst Wissen, so mü&szlig;ten wir uns
-beim Eintreffen der obigen Voraussetzung als blo&szlig; erkennende oder
-wissende Wesen ansehen.</p>
-<p class="par">Die Voraussetzung trifft aber nicht zu. Wir beziehen die
-Wahrnehmungen nicht blo&szlig; ideell auf uns, durch den Begriff,
-sondern auch noch durch das Gefühl, wie wir gesehen haben. Wir
-sind also nicht Wesen mit blo&szlig; begrifflichem Lebensinhalt. Der
-naive <span class="pagenum">[<a id="pb131" href="#pb131" name="pb131">131</a>]</span>Realist sieht sogar in dem Gefühlsleben ein
-wirklicheres Leben der Pers&ouml;nlichkeit als in dem rein ideellen
-Element des Wissens. Und er hat von seinem Standpunkte aus ganz recht,
-wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt. Das Gefühl ist
-auf subjektiver Seite zun&auml;chst genau dasselbe, was die Wahrnehmung
-auf objektiver Seite ist. Nach dem Grundsatz des naiven Realismus:
-alles ist wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher das
-Gefühl die Bürgschaft der Realit&auml;t der eigenen
-Pers&ouml;nlichkeit. Der Monismus mu&szlig; aber dem Gefühle die
-gleiche Erg&auml;nzung angedeihen lassen, die er für die
-Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene Wirklichkeit
-sich darstellen soll. Für den Monismus ist das Gefühl ein
-unvollst&auml;ndiges Wirkliche, das in der ersten Form, in der es uns
-gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee, noch
-nicht mitenth&auml;lt. Deshalb tritt im Leben auch überall das
-Fühlen gleichwie das Wahrnehmen <span class="ex">vor</span> dem
-Erkennen auf. Wir fühlen uns zuerst als Daseiende; und im Laufe
-der allm&auml;hlichen Entwicklung ringen wir uns erst zu dem Punkte
-durch, wo uns in dem dumpfgefüllten eigenen Dasein der Begriff
-unseres Selbst aufgeht. Was <span class="ex">für uns</span> erst
-sp&auml;ter hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem
-Gefühle unzertrennlich verbunden. Der naive Mensch ger&auml;t
-durch diesen Umstand auf den Glauben: in dem Fühlen stelle sich
-ihm das Dasein unmittelbar, in dem Wissen nur mittelbar dar. Die
-Ausbildung des Gefühlslebens wird ihm daher vor allen andern
-Dingen wichtig erscheinen. Er wird den Zusammenhang der Welt erst
-erfasst zu haben glauben, wenn er ihn in sein Fühlen aufgenommen
-<span class="pagenum">[<a id="pb132" href="#pb132" name="pb132">132</a>]</span>hat. Er sucht nicht das Wissen, sondern das
-Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen. Da das Gefühl
-etwas ganz Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung Gleichkommendes, so
-macht der Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner
-Pers&ouml;nlichkeit eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe. Er sucht die
-ganze Welt mit seinem eigenen Selbst zu durchdringen. Was der Monismus
-im Begriffe zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit
-dem Gefühle zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit
-den Objekten als das unmittelbarere an.</p>
-<p class="par">Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie
-des Gefühls, ist die <span class="ex">Mystik</span>. Der Irrtum
-dieser Anschauungsweise besteht darinnen, da&szlig; sie <span class="ex">erleben</span> will, was sie wissen soll, da&szlig; sie ein
-individuelles, das Gefühl, zu einem universellen erziehen
-will.</p>
-<p class="par">Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die
-Beziehung der Au&szlig;enwelt auf unser Subjekt, insofern diese
-Beziehung ihren Ausdruck findet in einem blo&szlig; subjektiven
-Erleben.</p>
-<p class="par">Es giebt noch eine andere &Auml;u&szlig;erung der
-menschlichen Pers&ouml;nlichkeit. Das Ich lebt durch sein Denken das
-allgemeine Weltleben mit; es bezieht durch dasselbe rein ideell
-(begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich, sich auf die Wahrnehmungen.
-Im Gefühl erlebt es einen Bezug der Objekte auf sein Subjekt; im
-<span class="ex">Willen</span> ist das Umgekehrte der Fall. Im Wollen
-haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, n&auml;mlich die des
-individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive. Was am Wollen
-nicht rein ideeller Faktor ist, das ist <span class="pagenum">[<a id="pb133" href="#pb133" name="pb133">133</a>]</span>ebenso blo&szlig;
-Gegenstand des Wahrnehmens wie das bei irgend einem Dinge der
-Au&szlig;enwelt der Fall ist.</p>
-<p class="par">Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein
-weit wirklicheres Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken
-erlangt werden kann. Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in
-dem er ein Geschehen, ein Verursachen <span class="ex"><span class="corr" id="xd23e1682" title="Quelle: unmittebar">unmittelbar</span></span> gewahr wird, im
-Gegensatz zum Denken, das das Geschehen erst in Begriffe fa&szlig;t.
-Was das Ich durch seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche
-Anschauungsweise einen Proze&szlig; dar, der unmittelbar erlebt wird.
-In dem Wollen glaubt der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen
-wirklich an einem Zipfel erfa&szlig;t zu haben. W&auml;hrend er die
-anderen Geschehnisse nur durch Wahrnehmen von au&szlig;en verfolgen
-kann, glaubt er in seinem Wollen ein reales Geschehen ganz unmittelbar
-zu erleben. Die Seinsform, in der ihm der Wille innerhalb des Selbst
-erscheint, wird für ihn zu einem Realprinzip der Wirklichkeit.
-Sein eigenes Wollen erscheint ihm als Spezialfall des allgemeinen
-Weltgeschehens; dieses letztere somit als allgemeines Wollen. Der Wille
-wird zum Weltprinzip wie in der Mystik das Gefühl zum
-Erkenntnisprinzip. Diese Anschauungsweise ist <span class="ex">Willensphilosophie</span> (Thelismus). Was sich nur individuell
-erleben l&auml;&szlig;t, das wird durch sie zum konstituierenden Faktor
-der Welt gemacht.</p>
-<p class="par">So wenig die Mystik Wissenschaft genannt werden kann, so
-wenig kann es die Willensphilosophie. Denn beide behaupten mit dem
-begrifflichen Durchdringen der Welt nicht auskommen zu k&ouml;nnen.
-Beide fordern neben dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip.
-<span class="pagenum">[<a id="pb134" href="#pb134" name="pb134">134</a>]</span>Da wir aber für diese sogenannten
-Realprinzipien nur das Wahrnehmen als <span class="corr" id="xd23e1692"
-title="Quelle: Auffassungsmitttel">Auffassungsmittel</span> haben, so
-ist die Behauptung der Mystik und der Willensphilosophie identisch mit
-der Ansicht: wir haben zwei Quellen der Erkenntnis: die des Denkens und
-die des Wahrnehmens, welches letztere sich im Gefühl und Willen
-als individuelles Erleben darstellt. Da die Ausflüsse der einen
-Quelle, die Erlebnisse, nicht direkt in die der andern, des Denkens,
-aufgenommen werden k&ouml;nnen, so bleiben die beiden Erkenntnisweisen,
-Wahrnehmen (Erleben) und Denken ohne h&ouml;here Vermittlung
-nebeneinander bestehen. Neben dem durch das Wissen erreichbaren
-Idealprinzip giebt es noch ein zu erlebendes Realprinzip der Welt. Mit
-andern Worten: die Mystik und Willensphilosophie sind naiver Realismus,
-weil sie dem Satz huldigen: das unmittelbar Wahrgenommene (Erlebte) ist
-wirklich. Sie begehen dem ursprünglichen naiven Realismus
-gegenüber nur noch die Inkonsequenz, da&szlig; sie eine bestimmte
-Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen) zum
-alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen, w&auml;hrend sie
-<span class="corr" id="xd23e1695" title="Quelle: des">das</span> doch
-nur k&ouml;nnen, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz huldigen: das
-Wahrgenommene ist wirklich. Sie mü&szlig;ten somit auch dem
-&auml;u&szlig;eren Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert
-zuschreiben.</p>
-<p class="par">Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen
-Realismus, wenn sie den Willen auch in <span class="ex">die</span>
-Daseinssph&auml;ren verlegt, in denen ein unmittelbares Erleben
-desselben nicht wie in dem eigenen Subjekt m&ouml;glich ist. Sie nimmt
-ein Prinzip au&szlig;er dem Subjekt hypothetisch an, für das das
-subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist. Als
-metaphysischer Realismus <span class="pagenum">[<a id="pb135" href="#pb135" name="pb135">135</a>]</span>verf&auml;llt die
-Willensphilosophie der im vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik,
-welche das widerspruchsvolle Moment jedes metaphysischen Realismus
-überwinden und anerkennen mu&szlig;, da&szlig; der Wille nur
-insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er sich ideell auf die
-übrige Welt bezieht. <span class="pagenum">[<a id="pb136" href="#pb136" name="pb136">136</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch10" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e210">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament02.png" alt="X." width="628" height="145"></div>
-<h2 class="label">X.</h2>
-<h2 class="main">Die Idee der Freiheit.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen
-durch die Wahrnehmung des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten
-Wahrnehmung gegenüber nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem
-allgemeinen Begriffssystem herausheben. Der Zusammenhang von Begriff
-und Wahrnehmung wird durch das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und
-objektiv bestimmt. Die Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe
-wird nach dem Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengeh&ouml;rigkeit
-ist aber in der Sache selbst bestimmt.</p>
-<p class="par">Anders ist das bei unserem Wollen. Hier ist die
-Wahrnehmung unser individueller Daseinsgehalt, wie der Begriff das
-Allgemeine in uns ist. Was durch den Begriff in <span class="corr" id="xd23e1715" title="Quelle: ideele">ideelle</span> Beziehung zur
-Au&szlig;enwelt tritt, das ist unser eigenes Erlebnis, eine Wahrnehmung
-an uns selbst. Und zwar nehmen wir uns als th&auml;tiges, auf die
-Au&szlig;enwelt wirksames Wesen wahr. Was ich bei Erkenntnis meines
-eigenen Wollens in Verbindung bringe, das ist der Begriff mit einer
-entsprechenden Wahrnehmung, n&auml;mlich der einzelnen
-Willens&auml;u&szlig;erung. <span class="pagenum">[<a id="pb137" href="#pb137" name="pb137">137</a>]</span>Mit anderen Worten: ich gliedere
-meine individuelle F&auml;higkeit (das Wollen) dem allgemeinen
-Weltgeschehen mit Hilfe meines Denkens ein. Der Inhalt des Begriffs
-für eine am Horizonte unserer Erfahrung auftretende
-&auml;u&szlig;ere Wahrnehmung wird durch Intuition gegeben. Die
-Intuition ist die Quelle für den Inhalt unseres ganzen
-Begriffssystems. Die Wahrnehmung zeigt mir nur, welchen Begriff ich aus
-der Summe meiner Intuitionen im gegebenen Falle anzuwenden habe. Der
-Inhalt eines Begriffes ist durch die Wahrnehmung zwar bedingt aber
-nicht hervorgebracht; sondern er ist intuitiv gegeben und durch das
-Denken mit der Wahrnehmung verbunden. Der begriffliche Inhalt eines
-Willensaktes ist ebensowenig aus diesem Willensakte abzuleiten. Er wird
-durch Intuition gewonnen.</p>
-<p class="par">Tritt nun die begriffliche Intuition (der ideelle
-Inhalt) meines Willensaktes vor dessen Wahrnehmung auf, dann ist der
-Inhalt meines individuellen Thuns das Ergebnis einer ideellen
-Bestimmung. Der Grund, warum ich aus der Summe der mir m&ouml;glichen
-Intuitionen gerade die Eine heraushebe, kann nicht in einem
-Wahrnehmungsobjekte gesucht werden, sondern liegt in der gegenseitigen,
-rein ideellen Bedingtheit der Glieder meines Ideensystems. Mit andern
-Worten: für mein Wollen kann ich keine bestimmenden Elemente in
-der Wahrnehmungswelt, sondern nur in der Ideenwelt finden. Das Wollen
-ist durch die Idee bestimmt. &mdash; Das Begriffssystem, welches der
-Au&szlig;enwelt entspricht, ist durch diese Au&szlig;enwelt auch
-bedingt. Welche Intuition einer Wahrnehmung entspricht, das mu&szlig;
-an letzterer bestimmt werden; und wie sich dann diese <span class="pagenum">[<a id="pb138" href="#pb138" name="pb138">138</a>]</span>Intuition mit unserem übrigen
-Ideengeb&auml;ude zusammenschlie&szlig;t, das ist wieder von dem
-intuitiven Inhalt abh&auml;ngig. Die Wahrnehmung bedingt also direkt
-ihren Begriff, und indirekt dadurch auch ihre Stellung in dem
-Begriffssysteme der Welt. Der aus dem Begriffssysteme herausgehobene
-ideelle Inhalt eines Willensaktes, der diesem vorhergeht, ist nur durch
-das Begriffssystem selbst bestimmt. &mdash; Ein Willensakt, der von
-nichts anderem als von diesem ideellen Inhalte abh&auml;ngt, ist selbst
-als ideell, als ein durch die Idee bestimmter aufzufassen. Damit ist
-natürlich nicht gesagt, da&szlig; alle Willensakte nur ideell
-bestimmt sind. Es haben alle das menschliche Individuum bestimmenden
-Faktoren Einflu&szlig; auf das Wollen.</p>
-<p class="par">Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das
-Motiv und die Triebfeder. Das Motiv ist der begriffliche Faktor; die
-Triebfeder ist der Wahrnehmungsfaktor des Wollens. Der begriffliche
-Faktor oder das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des
-Wollens; die Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums.
-Motiv des Wollens kann nur ein reiner Begriff oder ein Begriff mit
-einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, d. i. eine Vorstellung.
-Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen) werden dadurch zu
-Motiven des Wollens, da&szlig; sie auf das menschliche Individuum
-wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln bestimmen.
-Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe Vorstellung
-wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie veranla&szlig;t
-verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen ist also
-nicht blo&szlig; ein <span class="pagenum">[<a id="pb139" href="#pb139"
-name="pb139">139</a>]</span>Ergebnis des Begriffes oder der
-Vorstellung, sondern auch der individuellen Beschaffenheit des
-Menschen. Diese individuelle Beschaffenheit wollen wir &mdash; nach
-Eduard von Hartmann &mdash; die charakterologische Anlage nennen. Die
-Art, wie Begriff und Vorstellung auf die charakterologische Anlage des
-Menschen wirken, giebt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder
-ethisches Gepr&auml;ge.</p>
-<p class="par">Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den
-mehr oder weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, d. i.
-durch unseren Vorstellungs- und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir
-gegenw&auml;rtig auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das
-h&auml;ngt davon ab, wie sie sich zu meinem übrigen
-Vorstellungsinhalte und auch zu meinen
-Gefühlseigentümlichkeiten verh&auml;lt. Mein
-Vorstellungsinhalt ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen
-Begriffe, die im Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen
-in Berührung gekommen, d. h. zu Vorstellungen geworden sind. Diese
-h&auml;ngt wieder ab von meiner gr&ouml;&szlig;eren oder geringeren
-F&auml;higkeit der Intuition und von dem Umkreis meiner Beobachtungen,
-d. i. von dem subjektiven und dem objektiven Faktor der Erfahrungen,
-von der inneren Bestimmtheit und dem milieu. Ganz besonders ist meine
-<span class="corr" id="xd23e1730" title="Quelle: chrakterologische">charakterologische</span> Anlage durch mein
-Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder
-einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es
-abh&auml;ngen, ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder
-nicht. &mdash; Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in
-Betracht kommen. Die unmittelbar gegenw&auml;rtige Vorstellung oder der
-Begriff, die zum Motiv werden, bestimmen <span class="pagenum">[<a id="pb140" href="#pb140" name="pb140">140</a>]</span>das Ziel, den Zweck
-meines Wollens; meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf
-dieses Ziel meine Th&auml;tigkeit zu richten. Die Vorstellung, in der
-n&auml;chsten halben Stunde einen Spaziergang zu machen, bestimmt das
-Ziel meines Handelns. Diese Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv
-des Wollens erhoben, wenn sie auf eine geeignete charakterologische
-Anlage auftrifft, d. i. wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir
-die Vorstellungen gebildet haben von der Zweckm&auml;&szlig;igkeit des
-Spazierengehens, von dem Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit
-der Vorstellung des Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust
-verbindet.</p>
-<p class="par">Wir haben somit zu unterscheiden: 1) Die m&ouml;glichen
-subjektiven Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und
-Begriffe zu Motiven zu machen; und 2) die m&ouml;glichen Vorstellungen
-und Begriffe, die imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu
-beeinflussen, da&szlig; sich ein Wollen ergiebt. Jene stellen die
-<span class="ex">Triebfedern</span>, diese die <span class="ex">Ziele</span> der Sittlichkeit dar.</p>
-<p class="par">Die Triebfedern der Sittlichkeit k&ouml;nnen wir dadurch
-finden, da&szlig; wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das
-individuelle Leben zusammensetzt.</p>
-<p class="par">Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das
-<span class="ex">Wahrnehmen</span>, und zwar das Wahrnehmen der Sinne.
-Wir stehen hier in jener Region unseres individuellen Lebens, wo sich
-das Wahrnehmen unmittelbar, ohne Dazwischentreten eines Gefühles
-oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die Triebfeder des Menschen, die
-hierbei in Betracht kommt, wird als <span class="ex">Trieb</span>
-schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen, rein
-<span class="pagenum">[<a id="pb141" href="#pb141" name="pb141">141</a>]</span>animalischen Bedürfnisse (Hunger, roher
-Geschlechtsverkehr u. s. w.) kommt auf diesem Wege zustande. Das
-charakteristische des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit
-der die Einzelwahrnehmung das Wollen ausl&ouml;st. Diese Art der
-Bestimmung des Wollens, die ursprünglich nur dem niederen
-Sinnenleben eigen ist, kann aber auch auf die Wahrnehmungen der
-h&ouml;heren Sinne ausgedehnt werden. Wir lassen auf die Wahrnehmung
-irgend eines Geschehens in der Au&szlig;enwelt, ohne weiter
-nachzudenken und ohne da&szlig; sich uns an die Wahrnehmung ein
-besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie das
-namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die
-Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als <span class="ex">Takt</span> oder <span class="ex">sittlichen Geschmack</span>. Je
-&ouml;fter sich ein solches unmittelbares Ausl&ouml;sen einer Handlung
-durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich der
-betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einflu&szlig; des Taktes zu
-handeln, d. i. der <span class="ex">Takt</span> wird zu seiner
-charakterologischen Anlage.</p>
-<p class="par">Die zweite Sph&auml;re des menschlichen Lebens ist das
-<span class="ex">Fühlen</span>. An die Wahrnehmungen der
-Au&szlig;enwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese
-Gefühle k&ouml;nnen zu Triebfedern des Handelns werden. Wenn ich
-einen hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit
-demselben die Triebfeder meines Handelns bilden. Solche Gefühle
-sind etwa: das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die
-Demut, die Reue, das Mitgefühl, das Rache- und
-Dankbarkeitsgefühl, die Piet&auml;t, die Treue, das Liebes- und
-Pflichtgefühl<a class="noteref" id="xd23e1770src" href="#xd23e1770" name="xd23e1770src">1</a>. <span class="pagenum">[<a id="pb142" href="#pb142" name="pb142">142</a>]</span></p>
-<p class="par">Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das <span class="ex">Denken und Vorstellen</span>. Durch blo&szlig;e &Uuml;berlegung
-kann eine Vorstellung oder ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden.
-Vorstellungen werden dadurch Motive, da&szlig; wir im Laufe des Lebens
-fortw&auml;hrend gewisse Ziele des Wollens an Wahrnehmungen
-knüpfen, die in mehr oder weniger modifizierter Gestalt immer
-wiederkehren. Daher kommt es, da&szlig; bei Menschen, die nicht ganz
-ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten Wahrnehmungen auch die
-Vorstellungen von Handlungen ins Bewu&szlig;tsein treten, die sie in
-einem &auml;hnlichen Fall ausgeführt oder ausführen gesehen
-haben. Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende Muster bei
-allen sp&auml;teren Entschlie&szlig;ungen vor, sie werden Glieder ihrer
-charakterologischen Anlage. Wir k&ouml;nnen die damit bezeichnete
-Triebfeder des Wollens die <span class="ex">praktische Erfahrung</span>
-nennen. Die praktische Erfahrung geht allm&auml;hlich in das rein
-taktvolle Handeln über. Wenn sich bestimmte typische Bilder von
-Handlungen mit Vorstellungen von gewissen Situationen des Lebens in
-unserem Bewu&szlig;tsein so fest verbunden haben, da&szlig; wir
-gegebenen Falles mit &Uuml;berspringung aller auf Erfahrung sich
-gründenden &Uuml;berlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins
-Wollen übergehen, dann ist dies der Fall.</p>
-<p class="par">Die h&ouml;chste Stufe des individuellen Lebens ist das
-begriffliche Denken ohne Rücksicht auf einen bestimmten
-Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen den Inhalt eines Begriffes durch
-reine Intuition aus der ideellen <span class="pagenum">[<a id="pb143"
-href="#pb143" name="pb143">143</a>]</span>Sph&auml;re heraus. Ein
-solcher Begriff enth&auml;lt dann zun&auml;chst keinen Bezug auf
-bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf eine
-Wahrnehmung deutenden Begriffes, d. i. einer Vorstellung, in das Wollen
-eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege durch
-das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse
-blo&szlig;er Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres
-Handelns das <span class="ex">reine Denken</span>. Da man gewohnt ist
-das reine Denkverm&ouml;gen in der Philosophie als Vernunft zu
-bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt, die auf dieser Stufe
-gekennzeichnete moralische Triebfeder die <span class="ex">praktische
-Vernunft</span> zu nennen. Am klarsten hat von dieser Triebfeder des
-Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft 3)
-gehandelt. Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den
-bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenw&auml;rtigen Philosophie,
-namentlich der Ethik. Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende
-Triebfeder als <span class="ex">praktisches Apriori</span>, d. h.
-unmittelbar aus meiner Intuition flie&szlig;enden Antrieb zum
-Handeln.</p>
-<p class="par">Es ist klar, da&szlig; ein solcher Antrieb nicht mehr im
-strengen Wortsinne zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen
-gerechnet werden kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht
-mehr ein blo&szlig; Individuelles in mir, sondern der ideelle und
-folglich allgemeine Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die
-Berechtigung dieses Inhaltes als Grundlage und Ausgangspunkt einer
-Handlung ansehe, trete ich in das Wollen ein, gleichgültig ob der
-Begriff bereits zeitlich vorher in mir da war, oder erst unmittelbar
-vor dem Handeln in mein Bewu&szlig;tsein eintritt, d. i. <span class="pagenum">[<a id="pb144" href="#pb144" name="pb144">144</a>]</span>gleichgültig, ob er bereits als Anlage in
-mir vorhanden war oder nicht.</p>
-<p class="par">Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn
-ein augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder
-einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein
-solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.</p>
-<p class="par">Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und
-Begriffe. Es giebt Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der
-Sittlichkeit sehen; sie behaupten z. B. Ziel des sittlichen Handelns
-sei die Bef&ouml;rderung des gr&ouml;&szlig;tm&ouml;glichen Quantums
-von Lust im handelnden Individuum. Die Lust selbst aber kann nicht
-Motiv werden, sondern nur eine <span class="ex">vorgestellte
-Lust</span>. Die <span class="ex">Vorstellung</span> eines
-künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl selbst kann
-auf meine charakterologische Anlage einwirken. Denn das Gefühl
-selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll vielmehr
-erst durch die Handlung hervorgebracht werden.</p>
-<p class="par">Die <span class="ex">Vorstellung</span> des eigenen oder
-fremden Wohles wird aber mit Recht als ein Motiv des Wollens angesehen.
-Das Prinzip, durch sein Handeln die gr&ouml;&szlig;te Summe eigener
-Lust zu bewirken, d. i. die individuelle Glückseligkeit zu
-erreichen, hei&szlig;t <span class="ex">Egoismus</span>. Diese
-individuelle Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen
-gesucht, da&szlig; man in <span class="corr" id="xd23e1820" title="Quelle: rücksichtloser">rücksichtsloser</span> Weise nur auf
-das eigene Wohl bedacht ist und dieses auch auf Kosten des Glückes
-fremder Individualit&auml;ten erstrebt (reiner Egoismus), oder dadurch,
-<span class="corr" id="xd23e1823" title="Quelle: dass">da&szlig;</span>
-man das fremde Wohl aus dem Grunde bef&ouml;rdert, weil man sich dann
-mittelbar von den glücklichen fremden Individualit&auml;ten
-<span class="pagenum">[<a id="pb145" href="#pb145" name="pb145">145</a>]</span>einen günstigen Einflu&szlig; auf die
-eigene Person verspricht, oder weil man durch Sch&auml;digung fremder
-Individuen auch eine Gef&auml;hrdung des eigenen Interesses
-befürchtet (Klugheitsmoral). Der besondere Inhalt der egoistischen
-Sittlichkeitsprinzipien wird davon abh&auml;ngen, welche Vorstellung
-sich der Mensch von seiner eigenen oder der fremden Glückseligkeit
-macht. Nach dem, was einer als ein Gut des Lebens ansieht (Wohlleben,
-Hoffnung auf Glückseligkeit, Erl&ouml;sung von verschiedenen
-&Uuml;beln u. s. w.), wird er den Inhalt seines egoistischen Strebens
-bestimmen.</p>
-<p class="par">Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche
-Inhalt einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie
-die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein,
-sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme
-sittlicher Prinzipien. Diese Moralprinzipien k&ouml;nnen in Form
-abstrakter Begriffe das sittliche Leben regeln, ohne da&szlig; der
-Einzelne sich um den Ursprung der Begriffe kümmert. Wir empfinden
-dann einfach die Unterwerfung unter den sittlichen Begriff, der als
-Gebot über unserem Handeln schwebt, als sittliche Notwendigkeit.
-Die Begründung dieser Notwendigkeit überlassen wir dem, der
-die sittliche Unterwerfung fordert, d. i. der sittlichen
-Autorit&auml;t, die wir anerkennen (Familienoberhaupt, Staat,
-gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorit&auml;t, g&ouml;ttliche
-Offenbarung). Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien ist
-die, wo das Gebot sich nicht durch eine &auml;u&szlig;ere
-Autorit&auml;t für uns kundgiebt, sondern durch unser eigenes
-Innere (sittliche Autonomie). Wir glauben dann die Stimme in unserem
-eigenen Innern zu vernehmen, der wir <span class="pagenum">[<a id="pb146" href="#pb146" name="pb146">146</a>]</span>uns zu unterwerfen
-haben. Der Ausdruck dieser Stimme ist das <span class="ex">Gewissen</span>.</p>
-<p class="par">Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der
-Mensch zum Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer
-&auml;u&szlig;eren oder der inneren Autorit&auml;t macht, sondern wenn
-er den Grund einzusehen bestrebt ist, aus dem irgend eine Maxime des
-Handelns als Motiv in ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von
-der autoritativen Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der
-Mensch wird auf dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des
-sittlichen Lebens aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu
-seinen Handlungen bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1)
-das gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Wohl der Gesamtmenschheit rein um
-dieses Wohles willen; 2) der Kulturfortschritt oder die sittliche
-<span class="ex">Entwicklung</span> der Menschheit zu immer
-gr&ouml;&szlig;erer Vollkommenheit; 3) die Verwirklichung rein intuitiv
-erfa&szlig;ter individueller Sittlichkeitsziele.</p>
-<p class="par">Das <span class="ex">gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Wohl
-der Gesamtmenschheit</span> wird natürlich von verschiedenen
-Menschen in verschiedener Weise aufgefa&szlig;t werden. Die obige
-Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von diesem
-Wohl, sondern darauf, da&szlig; jeder Einzelne, der dies Prinzip
-anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu thun, was nach seiner Ansicht das
-Wohl der Gesamtmenschheit am meisten f&ouml;rdert.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Der Kulturfortschritt</span> erweist
-sich für denjenigen, dem sich an die Güter der Kultur ein
-Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des vorigen
-Moralprinzips. Er wird nur den Untergang und die Zerst&ouml;rung
-mancher Dinge, die auch zum Wohle <span class="pagenum">[<a id="pb147"
-href="#pb147" name="pb147">147</a>]</span>der Menschheit beitragen, mit
-in Kauf nehmen müssen. Es ist aber auch m&ouml;glich, da&szlig;
-jemand in dem Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen
-Lustgefühl, eine sittliche Notwendigkeit erblickt. Dann ist
-derselbe für ihn ein besonderes Moralprinzip neben dem
-vorigen.</p>
-<p class="par">Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des
-Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, d. i. auf der
-Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu bestimmten
-Erlebnissen (Wahrnehmungen) giebt. Das h&ouml;chste denkbare
-Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung von
-vornherein enth&auml;lt, sondern aus dem Quell der reinen Intuition
-entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben)
-sucht. Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern
-Instanz aus als in den vorhergehenden F&auml;llen. Wer dem sittlichen
-Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen
-zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen. Wer
-sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird es
-hier ebenso machen. Es giebt aber ein h&ouml;heres, das in dem
-einzelnen Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel
-ausgeht, sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert
-beilegt, und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder
-das andere Moralprinzip das wichtigere ist. Es kann vorkommen,
-da&szlig; jemand unter gegebenen Verh&auml;ltnissen die F&ouml;rderung
-des Kulturfortschritts, unter andern die des Gesamtwohls, im dritten
-Falle die F&ouml;rderung des eigenen Wohles für das richtige
-ansieht und zum Motiv seines Handelns <span class="pagenum">[<a id="pb148" href="#pb148" name="pb148">148</a>]</span>macht. Wenn aber alle
-andern Bestimmungsgründe erst an zweite Stelle treten, dann kommt
-in erster Linie die begriffliche Intuition selbst in Betracht. Damit
-fallen alle andern Motive weg, und nur der Ideengehalt der Handlung
-wirkt als Motiv derselben.</p>
-<p class="par">Wir haben unter den Stufen der charakterologischen
-Anlage diejenige als die h&ouml;chste bezeichnet, die als <span class="ex">reines Denken</span>, als <span class="ex">praktische
-Vernunft</span> wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das
-h&ouml;chste die <span class="ex">begriffliche Intuition</span>
-bezeichnet. Bei genauerer &Uuml;berlegung stellt sich alsbald heraus,
-da&szlig; auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder und Motiv
-zusammenfallen, d. i., da&szlig; weder eine vorherbestimmte
-charakterologische Anlage, noch ein &auml;u&szlig;eres, normativ
-angenommenes sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung
-ist also keine schablonenm&auml;&szlig;ige, die nach den Regeln eines
-Moralcodex ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch
-auf &auml;u&szlig;eren Ansto&szlig; hin automatenhaft vollzieht,
-sondern eine schlechthin durch ihren idealen Gehalt bestimmte.</p>
-<p class="par">Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die
-F&auml;higkeit der moralischen Intuitionen. Wem die F&auml;higkeit
-fehlt, sich für den einzelnen Fall seine besondere
-Sittlichkeitsmaxime zu schaffen, der wird es auch nie zum wahrhaft
-individuellen Wollen bringen.</p>
-<p class="par">Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist
-das Kant&rsquo;sche: &bdquo;Handle so, da&szlig; die Grunds&auml;tze
-deines Handelns für alle Menschen gelten k&ouml;nnen.&ldquo;
-Dieser Satz ist der Tod alles individuellen Handelns. Nicht wie
-<span class="ex">alle</span> Menschen handeln würden, kann
-für mich ma&szlig;gebend sein, sondern was für mich in dem
-individuellen Falle zu thun ist. <span class="pagenum">[<a id="pb149"
-href="#pb149" name="pb149">149</a>]</span></p>
-<p class="par">Ein oberfl&auml;chliches Urteil k&ouml;nnte vielleicht
-diesen Ausführungen einwenden: wie kann das Handeln zugleich
-individuell auf den besondern Fall und die besondere Situation
-gepr&auml;gt und doch rein ideell aus der Intuition heraus bestimmt
-sein? Dieser Einwand beruht auf einer Verwechselung von sittlichem
-Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der Handlung. Der letztere <span class="ex">kann</span> Motiv sein, und ist es auch z. B. beim
-Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus u. s. w.; beim Handeln auf
-Grund rein sittlicher Intuition ist er es <span class="ex">nicht</span>. Mein Ich richtet seinen Blick natürlich auf
-diesen Wahrnehmungsinhalt, <span class="ex">bestimmen</span>
-l&auml;&szlig;t es sich durch denselben nicht. Dieser Inhalt wird nur
-benützt, um sich einen <span class="ex">Erkenntnisbegriff</span>
-zu bilden, den dazu geh&ouml;rigen <span class="ex">moralischen
-Begriff</span> entnimmt das Ich nicht aus dem Objekte. Der
-Erkenntnisbegriff aus einer <span class="corr" id="xd23e1893" title="Quelle: betimmten">bestimmten</span> Situation, der ich
-gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff,
-wenn ich auf dem Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe. Wenn
-ich auf dem Boden der Kulturentwicklungsmoral stehe, dann gehe ich mit
-gebundener Marschroute in der Welt umher. Aus jedem Geschehen, das ich
-wahrnehme und das mich besch&auml;ftigen kann, entspringt zugleich eine
-sittliche Pflicht; n&auml;mlich mein Scherflein beizutragen, damit das
-betreffende Geschehen in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt
-werde. <span class="corr" id="xd23e1896" title="Quelle: Ausser">Au&szlig;er</span> dem Begriff, der mir den
-naturgesetzlichen Zusammenhang eines Geschehens oder Dinges
-enthüllt, haben die letztern auch noch eine sittliche Etikette
-umgeh&auml;ngt, die für mich, das moralische Wesen, eine ethische
-Anweisung enth&auml;lt, wie ich mich zu benehmen habe. Diese sittliche
-Etikette f&auml;llt auf einem h&ouml;heren Standpunkte <span class="pagenum">[<a id="pb150" href="#pb150" name="pb150">150</a>]</span>weg,
-und die Art meines Handelns ergiebt sich in jedem einzelnen Falle aus
-meiner Idee; und zwar aus der Idee, die mir dem konkreten Fall
-gegenüber aufgeht.</p>
-<p class="par">Die Menschen sind dem Intuitionsverm&ouml;gen nach
-verschieden. Dem Einen sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sich
-sie mühselig. Die Situationen, in denen die Menschen leben, und
-die den Schauplatz ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger
-verschieden. Wie ein Mensch handelt, wird also abh&auml;ngen von der
-Art, wie sein Intuitionsverm&ouml;gen einer bestimmten Situation
-gegenüber wirkt. Die Summe der in uns wirksamen Ideen, den realen
-Inhalt unserer Intuitionen, macht das aus, was bei aller Allgemeinheit
-der Ideenwelt in jedem Menschen individuell geartet ist. Insofern
-dieser intuitive Inhalt auf das Handeln geht, ist er der
-Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das Auslebenlassen dieses Gehalts
-ist die moralische Maxime dessen, der alle andern Moralprinzipien als
-untergeordnet betrachtet. Man kann diesen Standpunkt den <span class="ex">ethischen Individualismus</span> nennen.</p>
-<p class="par">Das Ma&szlig;gebende einer Handlung im konkreten Falle
-ist das Auffinden der entsprechenden, ganz individuellen Intuition. Auf
-dieser Stufe der Sittlichkeit kann von allgemeinen
-Sittlichkeitsbegriffen (Normen, Gesetzen) nicht die Rede sein.
-Allgemeine Normen setzen immer konkrete Thatsachen voraus, aus denen
-sie abgeleitet werden k&ouml;nnen. Durch das menschliche Handeln werden
-aber Thatsachen erst <span class="ex">geschaffen</span>.</p>
-<p class="par">Wenn wir das Gesetzm&auml;&szlig;ige (Begriffliche in
-dem Handeln der Individuen, V&ouml;lker und Zeitalter) aufsuchen, so
-erhalten wir eine Ethik, aber nicht als Wissenschaft von sittlichen
-Normen, sondern als Naturlehre <span class="pagenum">[<a id="pb151"
-href="#pb151" name="pb151">151</a>]</span>der Sittlichkeit. Erst die
-hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich zum menschlichen Handeln so
-wie die Naturgesetze zu einer besonderen Erscheinung. Sie sind aber
-durchaus nicht identisch mit den Gesetzen, die wir unserm Handeln zu
-Grunde legen. Wenn ich oder ein anderer sp&auml;ter über meine
-Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche Sittlichkeitsmaximen
-bei derselben in Betracht kommen. W&auml;hrend ich handle, bewegt mich
-nicht die Sittlichkeitsmaxime, sondern die <span class="ex">Liebe</span> zu dem Objekt, das ich durch meine Handlung
-verwirklichen will. Ich frage keinen Menschen und auch keinen
-Moralcodex: soll ich diese Handlung ausführen, sondern ich
-führe sie aus, sobald ich die Idee davon gefa&szlig;t habe. Nur
-dadurch ist sie <span class="ex">meine</span> Handlung. Wer handelt,
-weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist das
-Ergebnis der in seinem Moralcodex stehenden Prinzipien. Er ist
-blo&szlig; der Vollstrecker. Er ist ein h&ouml;herer Automat. Werfet
-einen Anla&szlig; zum Handeln in sein Bewu&szlig;tsein, und alsbald
-setzt sich das R&auml;derwerk seiner Moralprinzipien in Bewegung und
-l&auml;uft in gesetzm&auml;&szlig;iger Weise ab, um eine christliche,
-humane, selbstlose oder eine Handlung des kulturgeschichtlichen
-Fortschrittes zu vollbringen. Nur wenn ich meiner Liebe zu dem Objekte
-folge, dann bin ich es selbst, der handelt. Ich erkenne auf dieser
-Stufe der Sittlichkeit keinen Herrn über mich, nicht die
-&auml;u&szlig;ere Autorit&auml;t, nicht die sogenannte Stimme meines
-Gewissens. Ich erkenne kein &auml;u&szlig;eres Prinzip meines Handelns
-an, weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur
-Handlung, gefunden habe. Ich prüfe nicht, ob meine Handlung gut
-oder b&ouml;se ist; <span class="pagenum">[<a id="pb152" href="#pb152"
-name="pb152">152</a>]</span>ich vollziehe sie, weil ich in sie verliebt
-bin. Ich frage mich auch nicht: wie würde ein anderer Mensch in
-meinem Falle handeln, sondern ich handle, wie ich, diese besondere
-Individualit&auml;t, <span class="ex">will</span>. Nicht das allgemein
-&Uuml;bliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche Maxime,
-eine sittliche Norm leitet mich, sondern meine Liebe zur That. Ich
-fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich bei meinen
-Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote, sondern ich will
-einfach ausführen, was in mir liegt.</p>
-<p class="par">Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen werden
-zu diesen Ausführungen sagen: wenn jeder das Recht hat, sich
-auszuleben und zu thun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied
-zwischen guter Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir
-liegt, hat gleichen Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem
-allgemeinen Besten zu dienen. Nicht der Umstand, da&szlig; ich eine
-Handlung der Idee nach ins Auge gefa&szlig;t habe, kann für mich,
-als sittlichen Menschen ma&szlig;gebend sein, sondern nachherige
-Prüfung, ob sie gut oder <span class="ex">b&ouml;se</span> ist.
-Nur im ersteren Falle werde ich sie ausführen.</p>
-<p class="par">Meine Entgegnung auf diesen Einwand ist die: da&szlig;
-ich nicht spreche von Kindern und auch nicht von Menschen, die ihren
-tierischen oder sozialen Instinkten folgen. Ich spreche von Menschen,
-die f&auml;hig sind, sich zum Ideengehalte der Welt zu erheben.
-Da&szlig; die That des Verbrechers in gleichem Sinn ein Ausleben der
-Individualit&auml;t genannt wird, wie die Verk&ouml;rperung reiner
-Intuition, ist nur m&ouml;glich in einem Zeitalter, wo unreife Menschen
-die blinden Triebe zur Individualit&auml;t des Menschen z&auml;hlen.
-Der tierische Trieb, der zum Verbrechen treibt, geh&ouml;rt
-<span class="pagenum">[<a id="pb153" href="#pb153" name="pb153">153</a>]</span>nicht zum Individuellen des Menschen, sondern
-zum Allgemeinsten in ihm, zu dem, was bei allen Individuen in gleichem
-Ma&szlig;e geltend ist. Das Individuelle in mir ist nicht mein
-Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die
-einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet. Meine Triebe,
-Instinkte, Leidenschaften begründen nichts weiter in mir, als
-da&szlig; ich zur allgemeinen Gattung <span class="ex">Mensch</span>
-geh&ouml;re; der Umstand, da&szlig; sich ein Ideelles in diesen
-Trieben, Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art
-auslebt, begründet meine Individualit&auml;t. Durch meine
-Instinkte, Triebe bin ich ein Mensch, von denen zw&ouml;lf ein Dutzend
-machen; durch die besondere Form der Idee, durch die ich mich innerhalb
-des Dutzend als Ich bezeichne, bin ich Individuum. Nach der
-Verschiedenheit meiner tierischen Natur k&ouml;nnte mich nur ein mir
-fremdes Wesen von andern unterscheiden; durch mein Denken, d. h. durch
-das th&auml;tige Erfassen dessen, was sich als Ideelles in meinem
-Organismus auslebt, unterscheide ich mich selbst von andern. Man kann
-also von der Handlung des Verbrechers gar nicht sagen, da&szlig; sie
-aus der Idee hervorgeht. Ja, das ist gerade das Charakteristische der
-Verbrecherhandlungen, da&szlig; sie aus den au&szlig;erideellen
-Elementen des Menschen sich herleiten.</p>
-<p class="par">Eine Handlung, deren Grund in dem ideellen Teil meines
-individuellen Wesens liegt, ist frei, jede andere, gleichgültig,
-ob sie aus dem Zwange der Natur oder aus der N&ouml;tigung einer
-sittlichen Norm vollzogen wird, ist <span class="ex">unfrei</span>.</p>
-<p class="par">Frei ist nur der Mensch, der in jedem Augenblicke seines
-Lebens sich selbst zu folgen in der Lage <span class="pagenum">[<a id="pb154" href="#pb154" name="pb154">154</a>]</span>ist. Eine sittliche
-That ist nur <span class="ex">meine</span> That, wenn sie in dieser
-Auffassung eine freie genannt werden kann.</p>
-<p class="par">Die Handlung aus Freiheit schlie&szlig;t die sittlichen
-Gesetze nicht etwa aus, sondern ein; sie erweist sich nur als
-h&ouml;her stehend gegenüber derjenigen, die von diesen Gesetzen
-diktiert ist. Warum sollte meine Handlung denn weniger dem Gesamtwohle
-dienen, wenn ich sie aus Liebe gethan habe, als dann, wenn ich sie aus
-dem Grunde vollbracht habe, weil dem Gesamtwohle zu dienen eine Pflicht
-ist? Der Pflichtbegriff schlie&szlig;t die <span class="ex">Freiheit</span> aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen
-will, sondern Unterwerfung des letztern unter eine allgemeine Norm
-fordert. Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte des
-ethischen Individualismus aus.</p>
-<p class="par">Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen
-m&ouml;glich, wenn jeder nur bestrebt ist, seine Individualit&auml;t
-zur Geltung zu bringen? Damit ist wieder ein Einwand des Moralismus
-gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine Gemeinschaft von Menschen sei nur
-m&ouml;glich, wenn sie alle vereinigt sind durch eine gemeinsame
-sittliche Ordnung. Der Moralismus versteht eben die Einigkeit der
-Ideenwelt nicht. Er begreift nicht, da&szlig; die Ideenwelt, die in mir
-th&auml;tig ist, keine andere ist als die in meinem Mitmenschen. Der
-Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt durchaus nicht
-darin, da&szlig; wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten leben,
-sondern da&szlig; er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere
-Intuitionen empf&auml;ngt als ich. Er will <span class="ex">seine</span> Intuitionen ausleben, ich die <span class="ex">meinigen</span>. Wenn wir beide wirklich aus der Idee
-sch&ouml;pfen und keinen &auml;u&szlig;eren (physischen oder
-<span class="pagenum">[<a id="pb155" href="#pb155" name="pb155">155</a>]</span>moralischen) Antrieben folgen, so k&ouml;nnen
-wir uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen.
-Ein sittliches Mi&szlig;verstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei
-sittlich <span class="ex">freien</span> Menschen ausgeschlossen. Nur
-der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb oder dem Pflichtgebot folgt,
-st&ouml;&szlig;t den Nebenmenschen zurück, wenn er nicht dem
-gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt. <span class="ex">Leben</span> und <span class="ex">Leben lassen</span> ist die
-Grundmaxime der <span class="ex">freien Menschen</span>. Sie kennen
-kein <span class="ex">Sollen</span>; wie sie in einem besonderen Falle
-<span class="ex">wollen</span> werden, das wird ihnen ihr
-Ideenverm&ouml;gen sagen.</p>
-<p class="par">L&auml;ge nicht in der menschlichen Wesenheit der
-Urgrund zur Vertr&auml;glichkeit; man würde sie ihr durch keine
-&auml;u&szlig;eren Gesetze einimpfen! Nur weil die menschlichen
-Individuen Eines Geistes <span class="ex">sind</span>, k&ouml;nnen sie
-sich auch nebeneinander ausleben. Der Freie lebt in dem Vertrauen
-darauf los, da&szlig; der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt
-angeh&ouml;rt und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird. Der
-Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine &Uuml;bereinstimmung, aber
-er erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.</p>
-<p class="par">Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des
-<span class="ex">freien</span> Menschen, den du da entwirfst, ist eine
-Chim&auml;re, ist nirgends verwirklicht. Wir haben es aber mit
-wirklichen Menschen zu thun, und bei denen ist auf Sittlichkeit nur zu
-hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn sie ihre sittliche
-Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren Neigungen und ihrer
-Liebe folgen. Ich bezweifle das keineswegs. Nur ein Blinder k&ouml;nnte
-es. Aber dann hinweg mit <span class="pagenum">[<a id="pb156" href="#pb156" name="pb156">156</a>]</span>aller Heuchelei der Sittlichkeit.
-Saget einfach: die menschliche Natur mu&szlig; zu ihren Handlungen
-<span class="ex">gezwungen</span> werden, solange sie nicht
-<span class="ex">frei</span> ist. Ob man die Unfreiheit durch physische
-Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt, ob der Mensch unfrei ist,
-weil er seinem ma&szlig;losen Geschlechtstrieb folgt oder darum, weil
-er in den Fesseln konventioneller Sittlichkeit eingeschnürt ist,
-ist ganz gleichgültig. Man behaupte aber nur nicht, da&szlig; ein
-solcher Mensch mit Recht eine Handlung die <span class="ex">seinige</span> nennt, da er doch von einer fremden Gewalt dazu
-getrieben ist. Aber mitten aus der Zwangsordnung heraus erheben sich
-die <span class="ex">freien Geister</span>, die <span class="ex">sich</span> selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang,
-Religionsübung u. s. w. <span class="ex">Frei</span> sind sie,
-insofern sie nur sich folgen, <span class="ex">unfrei</span>, insofern
-sie sich unterwerfen. Wer von uns kann sagen, da&szlig; er in allen
-seinen Handlungen wirklich frei ist? Aber in jedem von uns wohnt eine
-tiefere Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.</p>
-<p class="par">Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt
-sich unser Leben zusammen. Wir k&ouml;nnen aber den Begriff des
-Menschen nicht zu Ende denken, ohne auf den <span class="ex">freien
-Geist</span> als die reinste Auspr&auml;gung der menschlichen Natur zu
-kommen. Wahrhaft Menschen sind wir doch nur, insofern wir frei
-sind.</p>
-<p class="par">Das ist ein Ideal, werden viele sagen. Ohne Zweifel,
-aber ein solches, das sich in unserer Wesenheit als reales Element an
-die Oberfl&auml;che arbeitet. Es ist kein erdachtes oder
-ertr&auml;umtes Ideal, sondern ein solches, das Leben hat und das sich
-auch in der unvollkommensten Form seines Daseins deutlich
-ankündigt. W&auml;re der Mensch ein blo&szlig;es Naturwesen, dann
-<span class="pagenum">[<a id="pb157" href="#pb157" name="pb157">157</a>]</span>w&auml;re das Aufsuchen von Idealen, d. i. von
-Ideen, die augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber
-gefordert wird, ein Unding. An dem Dinge der Au&szlig;enwelt ist die
-Idee durch die Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige gethan,
-wenn wir den Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben. Beim
-Menschen ist das nicht so. Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn
-selbst bestimmt; sein Begriff (freier Geist) ist mit dem
-Wahrnehmungsbilde &bdquo;Mensch&ldquo; nicht im voraus objektiv
-vereinigt, um blo&szlig; nachher durch die Erkenntnis festgestellt zu
-werden. Der Mensch mu&szlig; selbstth&auml;tig seinen Begriff mit der
-Wahrnehmung Mensch vereinigen. Begriff und Wahrnehmung decken sich hier
-nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt. Er kann es aber
-nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, d. i. seinen eigenen
-Begriff, gefunden hat. In der objektiven Welt ist uns durch unsere
-Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und Begriff;
-das Erkennen überwindet diese Grenze. In der subjektiven Natur ist
-diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im
-Laufe seiner Entwicklung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff
-zur Ausgestaltung bringt. So führt uns sowohl das intellektuelle
-wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das
-Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken. Das intellektuelle Leben
-überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche
-durch die thats&auml;chliche Verwirklichung des freien Geistes. Jedes
-Wesen hat seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und
-Wirkens); aber er ist in den Au&szlig;endingen unzertrennlich mit
-<span class="pagenum">[<a id="pb158" href="#pb158" name="pb158">158</a>]</span>der Wahrnehmung verbunden und nur innerhalb
-unseres geistigen Organismus von dieser abgesondert. Beim Menschen
-selbst ist Begriff und Wahrnehmung zun&auml;chst <span class="ex">thats&auml;chlich</span> getrennt, um von ihm ebenso <span class="ex">thats&auml;chlich</span> vereinigt zu werden. Man kann einwenden:
-unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht in jedem Augenblicke seines
-Lebens ein bestimmter Begriff, sowie jedem anderen Dinge auch. Ich kann
-mir den Begriff eines Schablonenmenschen bilden und kann einen solchen
-auch als Wahrnehmung gegeben haben; wenn ich zu diesem auch noch den
-Begriff des freien Geistes bringe, so habe ich zwei Begriffe für
-dasselbe Objekt.</p>
-<p class="par">Das ist einseitig gedacht. Ich bin als
-Wahrnehmungsobjekt einer fortw&auml;hrenden Ver&auml;nderung
-unterworfen. Als Kind war ich ein anderer, ein anderer als
-Jüngling und als Mann. Ja, in jedem Augenblicke ist mein
-Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden. Diese
-Ver&auml;nderungen k&ouml;nnen sich in dem Sinne vollziehen, da&szlig;
-sich in ihnen nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder
-da&szlig; sie den Ausdruck des freien Geistes darstellen. Diesen
-Ver&auml;nderungen ist das Wahrnehmungsobjekt meines Handelns
-unterworfen.</p>
-<p class="par">Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die
-M&ouml;glichkeit gegeben, sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die
-M&ouml;glichkeit liegt, zur ganzen Pflanze zu werden. Die Pflanze wird
-sich umbilden wegen der objektiven, in ihr liegenden
-Gesetzm&auml;&szlig;igkeit; der Mensch bleibt in seinem unvollendeten
-Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff in sich selbst aufgreift,
-und sich durch eigene Kraft umbildet. Die Natur <span class="pagenum">[<a id="pb159" href="#pb159" name="pb159">159</a>]</span>macht aus dem Menschen blo&szlig; ein
-Naturwesen; die Gesellschaft ein gesetzm&auml;&szlig;ig handelndes; ein
-<span class="ex">freies</span> Wesen kann er nur <span class="ex">selbst</span> aus sich machen. Die Natur l&auml;&szlig;t den
-Menschen in einem gewissen Stadium seiner Entwicklung aus ihren Fesseln
-los; die Gesellschaft führt diese Entwicklung bis zu einem
-weiteren Punkte; den letzten Schliff kann nur der Mensch selbst sich
-geben.</p>
-<p class="par">Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also
-nicht, da&szlig; der freie Geist die einzige Gestalt ist, in der ein
-Mensch existieren kann. Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das
-letzte Entwicklungsstadium des Menschen. Damit ist nicht geleugnet,
-da&szlig; das Handeln nach Normen als Entwicklungsstufe seine
-Berechtigung habe. Es kann nur nicht als absoluter
-Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt werden. Der freie Geist aber
-überwindet die Normen in dem Sinne, da&szlig; er sie nicht als
-Gebote empfindet, sondern sein Handeln nach seinen Impulsen
-(Intuitionen) einrichtet.</p>
-<p class="par">Wenn Kant von der Pflicht sagt: &bdquo;Pflicht! du
-erhabener, gro&szlig;er Name, der du nichts Beliebtes, was
-Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern
-Unterwerfung verlangst,&ldquo; der du &bdquo;ein Gesetz aufstellst ...,
-vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen ihm
-entgegenwirken&ldquo;; so erwidert der freie Geist: &bdquo;Freiheit! du
-freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte, was
-meinem Menschentum am meisten schmeichelt, in dir fassest, und mich zu
-niemandes Diener machst, der du kein Gesetz aufstellst, sondern
-abwartest, was meine Neigung selbst als Gesetz verkünden wird,
-weil sie jedem auferzwungenen Gesetze Widerstand leistet.&ldquo;
-<span class="pagenum">[<a id="pb160" href="#pb160" name="pb160">160</a>]</span></p>
-<p class="par">Das ist der Gegensatz von gesetzm&auml;&szlig;iger und
-freier Sittlichkeit.</p>
-<p class="par">Der Philister, der in dem Staate die verk&ouml;rperte
-Sittlichkeit sieht, wird in dem freien Geist einen
-Staatsgef&auml;hrlichen sehen. Er thut es aber nur, weil sein Blick
-eingeengt ist in eine bestimmte Zeitepoche. Wenn er über dieselbe
-hinausblicken k&ouml;nnte, so mü&szlig;te er alsbald finden,
-da&szlig; der freie Geist selten n&ouml;tig hat, über die Gesetze
-seines Staates hinauszugehen, nie aber sich mit ihnen in einen
-wirklichen Widerspruch zu setzen. Denn die Staatsgesetze sind
-s&auml;mtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie
-alle anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze. Kein Gesetz wird durch
-Familienautorit&auml;t ausgeübt, das nicht einmal von einem
-Ahnherrn als solches intuitiv erfa&szlig;t und festgesetzt worden
-w&auml;re; auch die konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von
-bestimmten Menschen zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen
-stets im Kopfe eines Staatsmannes. Diese Geister haben die Gesetze
-über die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der,
-welcher diesen Ursprung vergi&szlig;t, und sie entweder zu
-g&ouml;ttlichen Geboten, zu objektiven sittlichen Pflichtbegriffen oder
-zur befehlenden Stimme seines eigenen Gewissens macht. Wer den Ursprung
-aber nicht übersieht, sondern ihn in dem Menschen sucht, der wird
-damit rechnen als mit einem Gliede derselben Ideenwelt, aus der auch er
-seine sittlichen Intuitionen holt. Glaubt er bessere zu haben, so sucht
-er sie an die Stelle der bestehenden zu bringen; findet er diese
-berechtigt, dann handelt er ihnen gem&auml;&szlig;, als wenn sie seine
-eigenen w&auml;ren. <span class="pagenum">[<a id="pb161" href="#pb161"
-name="pb161">161</a>]</span></p>
-<p class="par">Der Mensch ist nicht da, um eine sittliche Weltordnung
-zu begründen. Wer dies behauptet, steht in Bezug auf
-Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene
-Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier h&auml;tte
-H&ouml;rner, damit er sto&szlig;en k&ouml;nne. Die Naturforscher haben
-glücklich den objektiven Zweckbegriff zu den Toten geworfen. Die
-Ethik kann sich schwerer davon frei machen. Aber so wie die H&ouml;rner
-nicht <span class="ex">wegen</span> des Sto&szlig;ens da sind, sondern
-das Sto&szlig;en <span class="ex">durch</span> die H&ouml;rner; so ist
-der Mensch nicht wegen der Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit
-<span class="ex">durch</span> den Menschen. Der freie Mensch handelt,
-weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt nicht, damit er
-sittlich sei. Die menschlichen Individuen sind die Voraussetzung der
-sittlichen Weltordnung.</p>
-<p class="par">Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit
-und Mittelpunkt alles Lebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da,
-weil sie sich als notwendige Folge des Individuallebens ergeben.
-Da&szlig; dann der Staat und die Gesellschaft wieder zurückwirken
-auf das Individualleben, ist ebenso begreiflich, wie der Umstand,
-da&szlig; das Sto&szlig;en, das durch die H&ouml;rner da ist, wieder
-zurückwirkt auf die weitere Entwicklung der H&ouml;rner des
-Stieres, die bei l&auml;ngerem Nichtgebrauch verkümmern
-würden. Ebenso mu&szlig; das Individuum verkümmern, wenn es
-au&szlig;erhalb der menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein
-führt. Darum bildet sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung,
-um im günstigen Sinne wieder zurück auf das Individuum zu
-wirken. <span class="pagenum">[<a id="pb162" href="#pb162" name="pb162">162</a>]</span></p>
-</div>
-<div class="footnotes">
-<hr class="fnsep">
-<div class="footnote-body">
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e1770" href="#xd23e1770src" name="xd23e1770">1</a></span> Eine
-vollst&auml;ndige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit
-findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in Eduard
-von Hartmanns: &bdquo;Ph&auml;nomenologie des sittlichen
-Bewu&szlig;tseins&ldquo;. &mdash;&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e1770src">&uarr;</a></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div id="ch11" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e217">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament03.png" alt="XI." width="636" height="134"></div>
-<h2 class="label">XI.</h2>
-<h2 class="main">Freiheitsphilosophie und Monismus.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten
-l&auml;&szlig;t, was er mit Augen sehen und mit H&auml;nden greifen
-kann, fordert auch für sein sittliches Leben Beweggründe, die
-mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Er fordert ein Wesen, das ihm diese
-Beweggründe auf eine seinen Sinnen verst&auml;ndliche Weise
-mitteilt. Er wird von einem Menschen, den er für weiser und
-m&auml;chtiger h&auml;lt als sich selbst, oder dem er aus einem andern
-Grunde als eine über ihn stehende Macht anerkennt, diese
-Beweggründe als Gebote sich diktieren lassen. Es ergeben sich auf
-diese Weise als sittliche Prinzipien die schon früher genannten,
-der Familien-, staatlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und
-g&ouml;ttlichen Autorit&auml;t. Der befangenste Mensch glaubt noch
-einem einzelnen andern Menschen; der etwas fortgeschrittenere
-l&auml;&szlig;t sich sein sittliches Verhalten von einer Mehrheit
-(Staat, Gesellschaft) diktieren. Immer sind es wahrnehmbare
-M&auml;chte, auf die er baut. Wem endlich die &Uuml;berzeugung
-aufd&auml;mmert, da&szlig; dies doch <span class="pagenum">[<a id="pb163" href="#pb163" name="pb163">163</a>]</span>im Grunde ebenso
-schwache Menschen sind wie er, der sucht bei einer h&ouml;heren Macht
-Auskunft, bei einem g&ouml;ttlichen Wesen, das er sich aber mit
-sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften ausstattet. Er l&auml;&szlig;t
-sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt seines sittlichen Lebens
-wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln, sei es, da&szlig; der Gott im
-brennenden Dornbusche erscheint, sei es, da&szlig; er in
-leibhaftig-menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt und ihren
-Ohren vernehmbar sagt, was sie thun und nicht thun sollen.</p>
-<p class="par">Die h&ouml;chste Entwicklungsstufe des naiven Realismus
-auf dem Gebiete der Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche
-Idee) von jeder fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als
-absolute Kraft im eigenen Innern gedacht wird. Was der Mensch zuerst
-als Stimme Gottes vernahm, das vernimmt er jetzt als selbst&auml;ndige
-Macht in seinem Innern und nennt es Gewissen.</p>
-<p class="par">Damit ist aber die Stufe des naiven Bewu&szlig;tseins
-bereits verlassen, und wir sind eingetreten in die Region, wo die
-Sittengesetze als Normen verselbst&auml;ndigt werden. Sie haben dann
-keinen Tr&auml;ger mehr, sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten,
-die durch sich selbst existieren. Sie sind analog den
-unsichtbar-sichtbaren Kr&auml;ften des metaphysischen Realismus. Sie
-treten auch immer als Begleiterscheinung des metaphysischen Realismus
-auf. Der metaphysische Realismus bezieht ja die uns gegebene
-Wahrnehmungswelt und die von uns gedachte Begriffssph&auml;re auf ein
-au&szlig;erhalb liegendes Wesen an sich. In dieser seiner zweiten Welt
-mu&szlig; er auch den Ursprung der Sittlichkeit suchen. Es giebt da
-verschiedene M&ouml;glichkeiten. <span class="pagenum">[<a id="pb164"
-href="#pb164" name="pb164">164</a>]</span>Ist das Wesen an sich ein
-gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes, wie es der
-moderne Materialismus sich vorstellt, dann wird es auch das menschliche
-Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus sich hervorbringen
-samt allem, was an diesem ist. Das Bewu&szlig;tsein unserer Freiheit
-kann dann nur eine Illusion sein. Denn w&auml;hrend ich mich für
-den Sch&ouml;pfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich
-zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorg&auml;nge. Ich glaube
-mich frei; alle meine Handlungen sind aber thats&auml;chlich nur
-Ergebnisse des meinem leiblichen und geistigen Organismus zu Grunde
-liegenden Stoffwechsels. Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht
-kennen, haben wir das Gefühl der Freiheit. &bdquo;Wir müssen
-hervorheben, da&szlig; das Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit
-&auml;u&szlig;erer zwingender Motive beruht.&ldquo; &bdquo;Unser
-Handeln ist necessitiert wie unser Denken.&ldquo; (Ziehen, Leitfaden
-der physiologischen Psychologie S. 207 f.)</p>
-<p class="par">Eine andere M&ouml;glichkeit ist die, da&szlig; jemand
-in einem geistigen Wesen das hinter den Erscheinungen steckende
-Absolute sieht. Dann wird er auch den Antrieb zum Handeln in einer
-geistigen Kraft suchen. Er wird die in seiner Vernunft auffindbaren
-Sittenprinzipien für einen Ausflu&szlig; dieses Wesens an sich
-ansehen, das mit dem Menschen seine besonderen Absichten hat. Die
-Sittengesetze erscheinen dem Dualisten dieser Richtung als von dem
-Absoluten diktiert, und der Mensch hat durch seine Vernunft einfach
-diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu erforschen und
-auszuführen. Die sittliche Weltordnung erscheint dem Dualisten als
-wahrnehmbarer Abglanz einer hinter <span class="pagenum">[<a id="pb165"
-href="#pb165" name="pb165">165</a>]</span>derselben stehenden
-h&ouml;heren Ordnung. Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung der
-g&ouml;ttlichen Weltordnung. Nicht der Mensch ist es, auf den es in
-dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf
-Gott. Der Mensch <span class="ex">soll</span> das, was Gott
-<span class="ex">will</span>. <span class="ex">Eduard von
-Hartmann</span>, der das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für
-die das eigene Dasein Leiden ist, glaubt, dieses g&ouml;ttliche Wesen
-habe die Welt erschaffen, damit es durch dieselbe von seinem unendlich
-gro&szlig;en Leiden erl&ouml;st werde. Dieser Philosoph sieht daher die
-sittliche Entwicklung der Menschheit als einen Proze&szlig; an, der
-dazu da ist, die Gottheit zu erl&ouml;sen. &bdquo;Nur durch den Aufbau
-einer sittlichen Weltordnung von seiten vernünftiger
-selbstbewu&szlig;ter Individuen kann der Weltproze&szlig; seinem Ziel
-entgegengeführt werden.&ldquo; &bdquo;Das reale Dasein ist die
-Inkarnation der Gottheit, der Weltproze&szlig; die Passionsgeschichte
-des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg der Erl&ouml;sung
-des im Fleische Gekreuzigten; <span class="ex">die Sittlichkeit aber
-ist die Mitarbeit an der Abkürzung dieses Leidens- und
-Erl&ouml;sungsweges</span>.&ldquo; (Hartmann, Ph&auml;nomenologie des
-sittlichen Bewu&szlig;tseins &sect; 871.) Hier handelt der Mensch
-nicht, weil er will, sondern er <span class="ex">soll</span> handeln,
-weil Gott <span class="corr" id="xd23e2108" title="Quelle: erl&ouml;&szlig;t">erl&ouml;st</span> sein will. Wie der
-materialistische Dualist den Menschen zum Automaten macht, dessen
-Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer Gesetzm&auml;&szlig;igkeit
-ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist (d. i. derjenige, der
-das Absolute, das Wesen an sich, in einem geistigen sieht) zum Sklaven
-des Willens jenes Absoluten. Freiheit ist innerhalb des Materialismus
-sowie des Spiritualismus, <span class="pagenum">[<a id="pb166" href="#pb166" name="pb166">166</a>]</span>überhaupt innerhalb des
-metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.</p>
-<p class="par">Der naive wie der metaphysische Realismus müssen
-konsequenterweise aus einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen,
-weil sie in dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher von
-notwendig ihm aufgedr&auml;ngten Prinzipien sehen. Der naive Realismus
-t&ouml;tet die Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorit&auml;t
-eines wahrnehmbaren oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten
-Wesens oder endlich unter die abstrakte Stimme seines Gewissens; der
-Metaphysiker kann die Freiheit nicht anerkennen, weil er den Menschen
-von einem &bdquo;Wesen an sich&ldquo; mechanisch oder moralisch
-bestimmt sein l&auml;&szlig;t.</p>
-<p class="par">Der <span class="ex">Monismus</span> wird die teilweise
-Berechtigung des naiven Realismus anerkennen müssen, weil er die
-Berechtigung der Wahrnehmungswelt anerkennt. Wer unf&auml;hig ist, die
-sittlichen Ideen durch Intuition hervorzubringen, der mu&szlig; sie von
-andern empfangen. Insoweit der Mensch seine sittlichen Prinzipien von
-au&szlig;en empf&auml;ngt, ist er thats&auml;chlich unfrei. Aber der
-Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung eine gleiche Bedeutung
-zu. Die Idee kann aber nur im menschlichen Individuum zur Erscheinung
-kommen. Insofern der Mensch den Antrieben von dieser Seite folgt, ist
-er frei. Der Monismus spricht aber der Metaphysik alle Berechtigung ab,
-folglich auch den von sogenannten &bdquo;Wesen an sich&ldquo;
-herrührenden Antrieben des Handelns. Der Mensch kann nach
-monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem wahrnehmbaren
-&auml;u&szlig;eren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er nur sich
-selbst gehorcht. Einen unbewu&szlig;ten, <span class="pagenum">[<a id="pb167" href="#pb167" name="pb167">167</a>]</span>hinter Wahrnehmung
-und Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen. Wenn
-jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei
-<span class="ex">unfrei</span> vollbracht, so mu&szlig; er innerhalb
-der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder den Menschen, oder die
-Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner Handlung veranla&szlig;t
-haben; wenn der Behauptende sich auf Ursachen des Handelns
-au&szlig;erhalb der sinnlich und geistig wirklichen Welt beruft, dann
-kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht einlassen.</p>
-<p class="par">Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils
-unfrei, teils frei. Er findet sich als unfrei in der Welt der
-Wahrnehmungen vor und verwirklicht in sich den <span class="ex">freien</span> Geist.</p>
-<p class="par">Die sittlichen Gebote, die der Metaphysiker als
-Ausflüsse einer h&ouml;heren Macht ansehen mu&szlig;, sind dem
-Bekenner des Monismus <span class="ex">Gedanken der Menschen</span>;
-die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer rein
-mechanischen Naturordnung, noch einer g&ouml;ttlichen Weltregierung,
-sondern durchaus freies Menschenwerk. Der Mensch hat nicht den Willen
-Gottes in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er
-verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern
-Wesens, sondern seine eigenen. Hinter den handelnden Menschen sieht der
-Monismus nicht einen Weltenlenker, der die Menschen nach seinem Willen
-bestimmt, sondern die Menschen verfolgen nur ihre eigenen, <span class="ex">menschlichen</span> Zwecke. Und zwar verfolgt jedes Individuum
-seine besondern Zwecke. Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer
-Gemeinschaft von Menschen, sondern nur in menschlichen <span class="pagenum">[<a id="pb168" href="#pb168" name="pb168">168</a>]</span>Individuen aus. Was als gemeinsames Ziel einer
-menschlichen Gesamtheit sich ergiebt, das ist nur die Folge der
-einzelnen Willensthaten der Individuen, und zwar meist einiger weniger
-Auserlesener, denen die anderen, als ihren Autorit&auml;ten, folgen.
-Jeder von uns ist berufen zum <span class="ex">freien Geiste</span>,
-wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.</p>
-<p class="par">Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen
-Handelns <span class="ex">Freiheitsphilosophie</span>. Weil er
-Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist er ebenso gut die metaphysischen
-(unwirklichen) Einschr&auml;nkungen des freien Geistes zurück, wie
-er die physischen und historischen (naiv-wirklichen) des naiven
-Menschen anerkennt. Weil er den Menschen nicht als abgeschlossenes
-Produkt, das in jedem Augenblicke seines Lebens sein volles Wesen
-entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der Streit, ob der Mensch als
-solcher <span class="ex">frei ist oder nicht</span>, nichtig. Er sieht
-in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf dieser
-Entwicklungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht werden
-kann.</p>
-<p class="par">Der Monismus wei&szlig;, da&szlig; die Natur den
-Menschen nicht als freien Geist fix und fertig aus ihren Armen
-entl&auml;&szlig;t, sondern da&szlig; sie ihn bis zu einer gewissen
-Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies Wesen sich
-weiter entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich selbst
-findet.</p>
-<p class="par">Der Monismus leugnet nicht die Sittlichkeit, aber er ist
-sich klar darüber, da&szlig; ein Wesen, das unter einem physischen
-oder moralischen Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann.
-Er betrachtet den Durchgang durch das automatische Handeln (nach
-<span class="pagenum">[<a id="pb169" href="#pb169" name="pb169">169</a>]</span>natürlichen Trieben und Instinkten) und
-denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach sittlichen Normen) als
-notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er sieht die
-M&ouml;glichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien Geist zu
-überwinden. Der Monismus befreit den Menschen im allgemeinen von
-den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen und von den
-au&szlig;erweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden
-Metaphysiker. Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die
-Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil
-er alle Erkl&auml;rungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen
-innerhalb der Welt sucht und keine au&szlig;erhalb derselben. Ebenso
-wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als solche
-für Menschen auch nur zu denken (vgl. S. <a href="#pb124" class="pageref">124</a>), so weist er auch den Gedanken an andere
-Sittlichkeitsmaximen als solche für Menschen entschieden
-zurück. Die menschliche Sittlichkeit ist wie die menschliche
-Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur. Und <span class="corr"
-id="xd23e2161" title="Quelle: sowie">so wie</span> h&ouml;here Wesen
-wahrscheinlich unter Erkenntnis etwas ganz anderes verstehen
-würden als wir, so würden wohl andere Wesen auch eine andere
-Sittlichkeit haben; vielleicht w&auml;re aber ihr Handeln
-überhaupt gar nicht unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit zu
-betrachten. Kurz über solche Dinge zu reden, ist für den
-Monismus absurd. Sittlichkeit ist dem Anh&auml;nger des Monismus eine
-spezifisch menschliche Eigenschaft, und <span class="ex">Freiheit</span> die menschliche Form, sittlich zu sein.
-<span class="pagenum">[<a id="pb170" href="#pb170" name="pb170">170</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch12" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e224">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament04.png" alt="XII." width="627" height="134"></div>
-<h2 class="label">XII.</h2>
-<h2 class="main">Weltzweck und Lebenszweck.</h2>
-<h2 class="sub">Bestimmung des Menschen.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Unter den mannigfaltigen Str&ouml;mungen in dem
-geistigen Leben der Menschheit ist eine zu verfolgen, die man die
-&Uuml;berwindung des Zweckbegriffes nennen kann. Die <span class="ex">Zweckm&auml;&szlig;igkeit</span> ist eine bestimmte Art in der
-Abfolge von Erscheinungen. Wahrhaft wirklich ist die
-Zweckm&auml;&szlig;igkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem
-Verh&auml;ltnis von Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis
-ein sp&auml;teres bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend
-auf das frühere einwirkt. Dies kann aber nur bei menschlichen
-Handlungen der Fall sein. Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er
-sich <span class="ex">vorher</span> vorstellt, und l&auml;&szlig;t sich
-von dieser Vorstellung zur Handlung bestimmen. Das Sp&auml;tere, die
-Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung auf das frühere, den
-handelnden Menschen. Dieser Umweg durch das menschliche Vorstellen ist
-aber zum zweckm&auml;&szlig;igen Zusammenhange durchaus notwendig.</p>
-<p class="par">In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung <span class="pagenum">[<a id="pb171" href="#pb171" name="pb171">171</a>]</span>zerf&auml;llt, ist zu unterscheiden die
-Wahrnehmung von dem Begriff. Die Wahrnehmung der Ursache geht der
-Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und Wirkung blieben in unserem
-Bewu&szlig;tsein einfach nebeneinander bestehen, wenn wir sie nicht
-durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander verbinden k&ouml;nnten.
-Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf die Wahrnehmung der
-Ursache folgen. Wenn die Wirkung einen realen Einflu&szlig; auf die
-Ursache haben soll, so kann dies nur durch den begrifflichen Faktor
-sein. Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung ist vor dem der Ursache
-einfach gar nicht vorhanden. Wer behauptet, die Blüte sei der
-Zweck der Wurzel, d. h. die erstere habe auf die letztere einen
-Einflu&szlig;, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte
-behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert. Der
-Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der
-Wurzel noch kein Dasein. Zum zweckm&auml;&szlig;igen Zusammenhange ist
-aber nicht blo&szlig; der ideelle, gesetzm&auml;&szlig;ige Zusammenhang
-des Sp&auml;teren mit dem Früheren notwendig, sondern der Begriff
-(das Gesetz) der Wirkung mu&szlig; real, durch einen wahrnehmbaren
-Proze&szlig; die Ursache beeinflussen. Einen wahrnehmbaren
-Einflu&szlig; von einem Begriff auf etwas anderes k&ouml;nnen wir aber
-nur bei den menschlichen Handlungen beobachten. Hier ist also der
-Zweckbegriff allein anwendbar. Das naive Bewu&szlig;tsein, das nur das
-Wahrnehmbare gelten l&auml;&szlig;t, sucht &mdash; wie wir wiederholt
-bemerkt &mdash; auch dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur
-Ideelles zu erkennen ist. In dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es
-wahrnehmbare Zusammenh&auml;nge oder, wenn es solche nicht <span class="pagenum">[<a id="pb172" href="#pb172" name="pb172">172</a>]</span>findet, <span class="ex">tr&auml;umt</span> sie
-es hinein. Der im subjektiven Handeln geltende Zweckbegriff ist ein
-geeignetes Element für solche ertr&auml;umte Zusammenh&auml;nge.
-Der naive Mensch wei&szlig;, wie er ein Geschehen zustande bringt und
-folgert daraus, da&szlig; es die Natur ebenso machen wird. In den rein
-ideellen Naturzusammenh&auml;ngen sieht er nicht nur unsichtbare
-Kr&auml;fte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke. Der Mensch macht
-seine Werkzeuge zweckm&auml;&szlig;ig; nach demselben Rezept
-l&auml;&szlig;t der naive Realist den Sch&ouml;pfer die Organismen
-bauen. Nur ganz allm&auml;hlich verschwindet dieser falsche
-Zweckbegriff aus den Wissenschaften. In der Philosophie treibt er auch
-heute noch ziemlich arg sein Unwesen. Da wird gefragt nach dem Zweck
-der Welt, nach der Bestimmung (folglich auch dem Zweck) des Menschen u.
-s. w.</p>
-<p class="par">Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten,
-mit alleiniger Ausnahme des menschlichen Handelns zurück. Er sucht
-nach Naturgesetzen, aber nicht nach Naturzwecken. <span class="ex">Naturzwecke</span> sind willkürliche Annahmen wie die
-unwahrnehmbaren Kr&auml;fte (S. <a href="#pb118" class="pageref">118</a>). Aber auch Lebenszwecke, die der Mensch sich nicht
-selbst setzt, sind vom Standpunkte des Monismus unberechtigte Annahmen.
-Zweckvoll ist nur dasjenige, was der Mensch erst dazu gemacht hat, denn
-nur durch Verwirklichung einer Idee entsteht Zweckm&auml;&szlig;iges.
-Wirksam im realistischen Sinne wird die Idee aber nur im Menschen.
-Deshalb hat das Leben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch
-ihm giebt. Auf die Frage: was hat der Mensch für eine Aufgabe im
-Leben, kann der Monismus nur antworten: die, die er sich selbst setzt.
-Meine <span class="pagenum">[<a id="pb173" href="#pb173" name="pb173">173</a>]</span>Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte,
-sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erw&auml;hle. Ich trete nicht
-mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.</p>
-<p class="par">Ideen werden nur durch Menschen verwirklicht. Es ist
-also unstatthaft, von der Verk&ouml;rperung von Ideen durch die
-Geschichte zu sprechen. Alle solche Wendungen wie: &bdquo;die
-Geschichte ist die Entwicklung der Menschen zur Freiheit&ldquo;, oder
-die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung u. s. w. sind von
-monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.</p>
-<p class="par">Die Anh&auml;nger des Zweckbegriffes glauben mit
-demselben zugleich alle Ordnung und Einheitlichkeit der Welt preisgeben
-zu müssen. Man h&ouml;re z. B. <span class="ex">Robert
-Hamerling</span> (Atomistik des Willens, II. Band.<span class="corr"
-id="xd23e2209" title="Nicht in der Quelle">,</span> S. 201): &bdquo;So
-lange es <span class="ex">Triebe</span> in der Natur giebt, ist es eine
-Thorheit, <span class="ex">Zwecke</span> in derselben zu leugnen.</p>
-<p class="par"><span class="corr" id="xd23e2219" title="Nicht in der Quelle">&bdquo;</span>Wie die Gestaltung eines Gliedes
-des menschlichen K&ouml;rpers nicht bestimmt und bedingt ist durch eine
-in der Luft schwebende <span class="ex">Idee</span> dieses Gliedes,
-sondern durch den Zusammenhang mit dem gr&ouml;&szlig;eren Ganzen, dem
-K&ouml;rper, welchem das Glied angeh&ouml;rt, so ist die Gestaltung
-jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und
-bedingt durch eine in der Luft schwebende <span class="ex">Idee</span>
-desselben, sondern durch das Formprinzip des gr&ouml;&szlig;eren, sich
-zweckm&auml;&szlig;ig auslebenden und ausgestaltenden Ganzen der
-Natur.&ldquo; Und S. 191 desselben Bandes: &bdquo;Die Zwecktheorie
-behauptet nur, da&szlig; <span class="ex">trotz</span> der tausend
-Unbequemlichkeiten und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine
-hohe Zweck- und Planm&auml;&szlig;igkeit unverkennbar in den
-<span class="pagenum">[<a id="pb174" href="#pb174" name="pb174">174</a>]</span>Gebilden und in den Entwicklungen der Natur
-vorhanden ist &mdash; eine Plan- und Zweckm&auml;&szlig;igkeit jedoch,
-welche sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche
-nicht auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein
-Tod, dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger
-unerfreulichen, aber schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen
-gegenüberstünde.</p>
-<p class="par"><span class="corr" id="xd23e2234" title="Nicht in der Quelle">&bdquo;</span>Wenn die Gegner des Zweckbegriffes
-ein mühsam zusammengebrachtes Kehrichth&auml;ufchen von halben
-oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen
-Unzweckm&auml;&szlig;igkeiten einer Welt von Wundern der
-Zweckm&auml;&szlig;igkeit, wie sie die Natur in allen Bereichen
-aufweist, entgegenstellen, so finde ich das ebenso
-drollig&ldquo;<span class="corr" id="xd23e2237" title="Nicht in der Quelle">.</span> &mdash;</p>
-<p class="par">Was wird hier Zweckm&auml;&szlig;igkeit genannt? Ein
-Zusammenstimmen von Wahrnehmungen zu einem Ganzen. Da aber allen
-Wahrnehmungen Gesetze (Ideen) zu Grunde liegen, die wir durch unser
-Denken finden, so ist das planm&auml;&szlig;ige Zusammenstimmen der
-Glieder eines Wahrnehmungsganzen nichts weiter als das ideelle
-(logische) Zusammenstimmen der in diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen
-Glieder eines Ideenganzen. Wenn gesagt wird, das Tier oder der Mensch
-sei nicht bestimmt durch eine in der <span class="ex">Luft schwebende
-Idee</span>, so ist das schief ausgedrückt, und die verurteilte
-Ansicht verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von selbst den
-absurden Charakter. Das Tier ist allerdings nicht durch eine in der
-Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene und seine
-gesetzm&auml;&szlig;ige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt. Gerade
-weil die <span class="pagenum">[<a id="pb175" href="#pb175" name="pb175">175</a>]</span>Idee nicht au&szlig;er dem Dinge ist, sondern in
-demselben als dessen Wesen wirkt, kann nicht von
-Zweckm&auml;&szlig;igkeit gesprochen werden. Gerade derjenige, der
-leugnet, da&szlig; das Naturwesen von au&szlig;en bestimmt ist (ob
-durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine im Geiste eines
-Weltsch&ouml;pfers existierende ist in dieser Beziehung ganz
-gleichgültig), mu&szlig; zugeben, da&szlig; dieses Wesen nicht
-zweckm&auml;&szlig;ig und planvoll von au&szlig;en, sondern
-urs&auml;chlich und gesetzm&auml;&szlig;ig von innen bestimmt wird.
-Eine Maschine gestalte ich dann zweckm&auml;&szlig;ig, wenn ich die
-Teile in einen Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben.
-Das Zweckm&auml;&szlig;ige der Einrichtung besteht dann darin,
-da&szlig; ich die Wirkungsweise der Maschine als deren Idee ihr zu
-Grunde gelegt habe. Die Maschine ist dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit
-entsprechender Idee geworden. Solche Wesen sind auch die Naturwesen.
-Wer ein Ding deshalb zweckm&auml;&szlig;ig nennt, weil es
-gesetzm&auml;&szlig;ig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch
-mit dieser Bezeichnung belegen. Nur darf diese
-Gesetzm&auml;&szlig;igkeit nicht mit jener des subjektiven menschlichen
-Handelns verwechselt werden. Zum Zweck ist eben durchaus notwendig,
-da&szlig; die wirkende Ursache ein Begriff ist, und zwar der der
-Wirkung. In der Natur sind aber nirgends Begriffe als Ursachen
-nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets nur als der ideelle
-Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Ursachen sind in der Natur nur in
-Form von Wahrnehmungen vorhanden.</p>
-<p class="par">Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden. Wo
-für unsere Wahrnehmung eine gesetzm&auml;&szlig;ige
-Verknüpfung von Ursache und <span class="pagenum">[<a id="pb176"
-href="#pb176" name="pb176">176</a>]</span>Wirkung sich
-&auml;u&szlig;ert, da kann der Dualist annehmen, da&szlig; wir nur den
-Abklatsch eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen
-seine Zwecke verwirklichte. Für den Monismus entf&auml;llt mit dem
-absoluten Weltwesen auch der Grund zur Annahme von Welt- und
-Naturzwecken. <span class="pagenum">[<a id="pb177" href="#pb177" name="pb177">177</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-<div id="ch13" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e231">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament01.png" alt="XIII." width="626" height="134"></div>
-<h2 class="label">XIII.</h2>
-<h2 class="main">Die moralische Phantasie.</h2>
-<h2 class="sub">(Darwinismus und Sittlichkeit.)</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Der <span class="ex">freie Geist</span> handelt
-nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen, die aus dem Ganzen seiner
-Ideenwelt durch das Denken ausgew&auml;hlt sind. Für den
-<span class="ex">unfreien Geist</span> liegt der Grund, warum er aus
-seiner Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert, um sie einer
-Handlung zu Grunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, d.
-h. in seinen bisherigen Erlebnissen. Er erinnert sich, <span class="corr" id="xd23e2268" title="Quelle: bervor">bevor</span> er zu einem
-Entschlu&szlig; kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen analogen
-Falle gethan oder zu thun für gut gehei&szlig;en hat, oder was
-Gott für diesen Fall befohlen hat u. s. w., und darnach handelt
-er. Dem freien Geist stehen diese Vorbedingungen nicht zu Gebote. Er
-fa&szlig;t einen schlechthin <span class="ex">ersten</span>
-Entschlu&szlig;. Es kümmert ihn dabei ebenso wenig, was andere in
-diesem Falle gethan, noch was sie dafür befohlen haben. Er hat
-rein ideelle (logische) Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe
-seiner Begriffe gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in
-Handlung <span class="pagenum">[<a id="pb178" href="#pb178" name="pb178">178</a>]</span>umzusetzen. Seine Handlung wird aber der
-wahrnehmbaren Wirklichkeit angeh&ouml;ren. Was er vollbringt, wird also
-mit einem ganz bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein. Der
-Begriff wird sich in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen
-haben. Er wird als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten
-k&ouml;nnen. Er wird sich darauf nur in der Art beziehen k&ouml;nnen,
-wie überhaupt ein Begriff sich auf eine Wahrnehmung bezieht, z. B.
-wie der Begriff des L&ouml;wen auf einen einzelnen L&ouml;wen. Das
-Mittelglied zwischen Begriff und Wahrnehmung ist die <span class="ex">Vorstellung</span> (vgl. S. <a href="#pb103" class="pageref">103</a> ff.). Dem unfreien Geist ist dieses Mittelglied von
-vornherein gegeben. Die Motive sind von vornherein als Vorstellungen in
-seinem Bewu&szlig;tsein vorhanden. Wenn er etwas ausführen will,
-so macht er das so, wie er es gesehen hat, oder wie es ihm für den
-einzelnen Fall befohlen wird. Die Autorit&auml;t wirkt daher am besten
-durch <span class="ex">Beispiele</span>, d. h. durch &Uuml;berlieferung
-ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewu&szlig;tsein des unfreien
-Geistes. Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem
-<span class="ex">Vorbilde</span> des Erl&ouml;sers. Regeln haben
-für das positive Handeln weniger Wert als für das Unterlassen
-bestimmter Handlungen. Gesetze treten nur dann in die allgemeine
-Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten, nicht aber wenn sie sie zu
-thun gebieten. Gesetze über das, was er thun soll, müssen dem
-unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben werden. Reinige die
-Stra&szlig;e vor deinem Hausthore! Zahle deine Steuern in dieser
-bestimmten H&ouml;he bei dem Steueramte X! u. s. w. Begriffsform haben
-die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen. Du sollst <span class="ex">nicht</span> stehlen! <span class="pagenum">[<a id="pb179" href="#pb179" name="pb179">179</a>]</span>Du sollst <span class="ex">nicht</span> ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den unfreien
-Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete Vorstellung, z.
-B. die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder der Gewissensqual,
-oder der ewigen Verdammnis u. s. w.</p>
-<p class="par">Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der
-allgemein-begrifflichen Form vorhanden ist (z. B. du sollst deinen
-Mitmenschen Gutes thun! du sollst so leben, da&szlig; du dein Wohlsein
-am besten bef&ouml;rderst!), dann mu&szlig; in jedem einzelnen Fall die
-konkrete Vorstellung des Handelns (die Beziehung des Begriffes auf
-einen Wahrnehmungsinhalt) erst gefunden werden. Bei dem <span class="ex">freien Geiste</span>, den kein Vorbild und keine Furcht vor Strafe
-etc. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in die Vorstellung immer
-notwendig.</p>
-<p class="par">Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus
-produziert der Mensch durch die Phantasie. Was der freie Geist
-n&ouml;tig hat, um seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen,
-ist also die <span class="ex">moralische Phantasie</span>. Sie ist die
-Quelle für das Handeln des freien Geistes. Deshalb sind auch nur
-Menschen mit moralischer Phantasie eigentlich sittlich produktiv. Die
-blo&szlig;en Moralprediger, d. i. die Leute, die sittliche Regeln
-ausspinnen, ohne sie zu konkreten Vorstellungen verdichten zu
-k&ouml;nnen, sind moralisch unproduktiv. Sie gleichen den Kritikern,
-die verst&auml;ndig auseinanderzusetzen wissen, wie ein Kunstwerk
-beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das geringste zustande
-bringen k&ouml;nnen.</p>
-<p class="par">Die moralische <span class="corr" id="xd23e2310" title="Quelle: Phatasie">Phantasie</span> mu&szlig;, um ihre Vorstellung zu
-verwirklichen, in ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen.
-Die Handlung des Menschen <span class="pagenum">[<a id="pb180" href="#pb180" name="pb180">180</a>]</span>schafft keine Wahrnehmungen,
-sondern pr&auml;gt die Wahrnehmungen, die bereits vorhanden sind, um,
-erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt
-oder eine Summe von solchen, einer moralischen Vorstellung
-gem&auml;&szlig;, umbilden zu k&ouml;nnen, mu&szlig; man den
-gesetzm&auml;&szlig;igen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die man
-neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will) dieses
-Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man mu&szlig; ferner den Modus
-finden, nach dem sich diese Gesetzm&auml;&szlig;igkeit in eine neue
-verwandeln l&auml;&szlig;t. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit
-beruht auf Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu thun hat.
-Er ist also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis
-überhaupt. Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem
-moralischen Ideenverm&ouml;gen<a class="noteref" id="xd23e2315src"
-href="#xd23e2315" name="xd23e2315src">1</a> und der moralischen
-Phantasie die F&auml;higkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen,
-ohne ihren naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen. Diese
-F&auml;higkeit ist <span class="ex">moralische Technik</span>. Sie ist
-in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft überhaupt lernbar ist. Im
-allgemeinen sind Menschen n&auml;mlich geeigneter, die Begriffe
-für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv aus der
-Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen zu
-bestimmen. Deshalb ist es sehr wohl m&ouml;glich, da&szlig; Menschen
-ohne moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern
-<span class="pagenum">[<a id="pb181" href="#pb181" name="pb181">181</a>]</span>empfangen und diese geschickt der Wirklichkeit
-einpr&auml;gen. Auch der umgekehrte Fall kann vorkommen, da&szlig;
-Menschen mit moralischer Phantasie ohne die technische Geschicklichkeit
-sind und sich dann anderer Menschen zur Verwirklichung ihrer
-Vorstellungen bedienen müssen.</p>
-<p class="par">Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der
-Objekte unseres Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln
-auf dieser Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind <span class="ex">Naturgesetze</span>. Wir haben es mit Naturwissenschaft zu thun,
-nicht mit Ethik.</p>
-<p class="par">Die moralische Phantasie und das moralische
-Ideenverm&ouml;gen k&ouml;nnen erst Gegenstand des Wissens werden,
-<span class="ex">nachdem</span> sie vom Individuum produziert sind.
-Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es bereits
-geregelt. Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern aufzufassen
-(Zwecke sind sie blo&szlig; für das Subjekt). Wir
-besch&auml;ftigen uns mit ihnen als mit einer <span class="ex">Naturlehre der moralischen Vorstellungen</span>.</p>
-<p class="par">Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht
-geben.</p>
-<p class="par">Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze
-wenigstens insofern halten wollen, da&szlig; man die Ethik im Sinne der
-Di&auml;tetik auffa&szlig;te, welche aus den Lebensbedingungen des
-Organismus allgemeine Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den
-K&ouml;rper im besonderen zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik).
-Dieser Vergleich ist falsch, weil unser moralisches Leben <span class="corr" id="xd23e2343" title="Quelle: s ch">sich</span> nicht mit dem
-Leben des Organismus vergleichen l&auml;&szlig;t. Die Wirksamkeit des
-Organismus ist ohne unser Zuthun da; wir finden dessen <span class="pagenum">[<a id="pb182" href="#pb182" name="pb182">182</a>]</span>Gesetze in der Welt fertig vor, k&ouml;nnen sie
-also suchen, und dann die gefundenen anwenden. Die moralischen Gesetze
-werden aber von uns erst <span class="ex">geschaffen</span>. Wir
-k&ouml;nnen sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind. Der Irrtum
-entsteht daher, da&szlig; die moralischen Gesetze nicht in jedem
-Momente inhaltlich neu geschaffen werden, sondern sich forterben. Die
-von den Vorfahren übernommenen erscheinen dann gegeben wie die
-Naturgesetze des Organismus. Sie werden aber durchaus nicht mit
-demselben Rechte von einer sp&auml;teren Generation wie
-di&auml;tetische Regeln angewendet. Denn sie gehen auf das Individuum
-und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar einer Gattung. Als
-Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar und ich werde
-naturgem&auml;&szlig; leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung in
-meinem besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich
-Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze<a class="noteref" id="xd23e2351src" href="#xd23e2351" name="xd23e2351src">2</a>.</p>
-<p class="par">Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu
-stehen mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als
-<span class="ex">Entwicklungstheorie</span> bezeichnet. Aber sie
-<span class="ex">scheint</span> es nur. Unter <span class="ex">Entwicklung</span> wird verstanden das <span class="ex">reale</span> Hervorgehen des Sp&auml;teren aus dem Früheren
-auf naturgesetzlichem <span class="pagenum">[<a id="pb183" href="#pb183" name="pb183">183</a>]</span>Wege. Unter Entwicklung in der
-organischen Welt versteht man den Umstand, da&szlig; die sp&auml;teren
-(vollkommneren) organischen Formen reale Abk&ouml;mmlinge der
-früheren (unvollkommnen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus
-ihnen hervorgegangen sind. Die Bekenner der organischen
-Entwicklungstheorie stellen sich vor, da&szlig; es auf der Erde einmal
-eine Zeitepoche gegeben hat, wo ein Mensch das allm&auml;hliche
-Hervorgehen der Reptilien aus den Uramnioten mit Augen h&auml;tte
-verfolgen k&ouml;nnen, wenn er damals als Mensch h&auml;tte dabei sein
-k&ouml;nnen und mit entsprechend langer Lebensdauer ausgestattet
-gewesen w&auml;re. Ebenso stellen sich die Entwicklungstheoretiker vor,
-da&szlig; ein Mensch das Hervorgehen des Sonnensystems aus dem
-Kant-Laplaceschen Urnebel h&auml;tte beobachten k&ouml;nnen, wenn er
-w&auml;hrend der unendlich langen Zeit frei im Gebiet des
-Welt&auml;thers sich an einem entsprechenden Orte h&auml;tte aufhalten
-k&ouml;nnen. Keinem Entwicklungstheoretiker wird es aber einfallen, zu
-behaupten, da&szlig; er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des
-Reptils mit allen seinen Eigenschaften herausholen kann, auch wenn er
-nie ein Reptil gesehen hat. Ebenso wenig k&ouml;nnte aus dem Begriff
-des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden, wenn
-dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des Urnebels
-bestimmt worden w&auml;re. Das hei&szlig;t mit anderen Worten: der
-Entwicklungstheoretiker mu&szlig;, wenn er konsequent denkt, behaupten,
-da&szlig; aus früheren Entwicklungsphasen sp&auml;tere sich real
-entwickeln, da&szlig; wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommnen
-<span class="ex">und</span> den des Vollkommnen gegeben haben, den
-Zusammenhang einsehen <span class="pagenum">[<a id="pb184" href="#pb184" name="pb184">184</a>]</span>k&ouml;nnen; keineswegs aber wird
-er zugeben, da&szlig; der an dem Früheren erlangte Begriff
-hinreicht, um das Sp&auml;tere daraus zu entwickeln. Daraus folgt
-für den Ethiker, da&szlig; er zwar den Zusammenhang sp&auml;terer
-moralischer Begriffe mit früheren einsehen kann; aber nicht,
-da&szlig; auch nur eine einzige neue moralische Idee aus früheren
-geholt werden kann. Als moralisches Wesen produziert das Individuum
-seinen Inhalt. Dieser produzierte Inhalt ist für den Ethiker
-gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die Reptilien
-ein Gegebenes sind. Die Reptilien sind aus den Uramnioten
-hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der
-Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen. Sp&auml;tere moralische
-Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den
-sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der
-sp&auml;teren nicht herausholen. Die Verwirrung wird dadurch
-hervorgerufen, da&szlig; wir als Naturforscher die Thatsachen bereits
-vor uns haben und hinterher sie erst erkennend betrachten; w&auml;hrend
-wir beim sittlichen Handeln selbst erst die Thatsachen schaffen, die
-wir hinterher erkennen. Beim Entwicklungsproze&szlig; der sittlichen
-Weltordnung verrichten wir das, was die Natur auf niedrigerer Stufe
-verrichtet: wir ver&auml;ndern ein Wahrnehmbares. Die ethische Norm
-kann also zun&auml;chst nicht wie ein Naturgesetz <span class="ex">erkannt</span>, sondern sie mu&szlig; geschaffen werden. Erst wenn
-sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.</p>
-<p class="par">Aber k&ouml;nnen wir denn nicht das Neue an dem Alten
-messen? Wird nicht jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine
-moralische Phantasie Produzierte <span class="pagenum">[<a id="pb185"
-href="#pb185" name="pb185">185</a>]</span>an den hergebrachten
-sittlichen Lehren zu bemessen? Wenn er wahrhaft sittlich produktiv sein
-will, so ist das ein eben solches Unding, wie es das andere w&auml;re,
-wenn man eine neue Naturform an der alten bemessen wollte und sagte:
-weil die Reptilien mit den Uramnioten nicht übereinstimmen, sind
-sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.</p>
-<p class="par">Der ethische Individualismus steht also nicht im
-Gegensatz zur Entwicklungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr. Der
-Haeckelsche Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als
-organisches Wesen mü&szlig;te sich ohne Unterbrechung der
-natürlichen Gesetzlichkeit und ohne eine Durchbrechung der
-einheitlichen Entwicklung herauf verfolgen lassen bis zu dem Individuum
-als einem im bestimmten Sinne sittlichen Wesen. So wahr es aber ist,
-da&szlig; die sittlichen Ideen des Individuums wahrnehmbar aus denen
-seiner Vorfahren hervorgegangen sind, so wahr ist es auch, da&szlig;
-dasselbe sittlich unfruchtbar ist, wenn es nicht selbst moralische
-Ideen hat.</p>
-<p class="par">Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der
-vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus
-der Entwicklungstheorie ableiten lassen. Die schlie&szlig;liche
-&Uuml;berzeugung w&auml;re dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem
-sie erlangt ist.</p>
-<p class="par">Das Hervortreten v&ouml;llig neuer sittlicher Ideen aus
-der moralischen Phantasie ist für die Entwicklungstheorie gerade
-so wenig wunderbar, wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer
-andern. Nur mu&szlig; diese Theorie als monistische Weltanschauung im
-sittlichen Leben ebenso wie im natürlichen jeden <span class="pagenum">[<a id="pb186" href="#pb186" name="pb186">186</a>]</span>jenseitigen (<span class="corr" id="xd23e2392"
-title="Quelle: metaphisischen">metaphysischen</span>) Einflu&szlig;
-abweisen. Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie
-die Ursachen neuer organischer Formen in bereits bestehenden sucht;
-nicht in dem Eingreifen eines au&szlig;erweltlichen Gottes, der jede
-neue Art nach einem neuen Sch&ouml;pfungsgedanken durch
-übernatürlichen Einflu&szlig; hervorruft. Sowie der Monismus
-zur Erkl&auml;rung des Lebewesens keinen übernatürlichen
-Sch&ouml;pfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch
-unm&ouml;glich, die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die
-nicht innerhalb der Welt liegen. Er kann keinen fortdauernden
-übernatürlichen Einflu&szlig; auf das sittliche Leben
-(g&ouml;ttliche Weltregierung von au&szlig;en), noch einen zeitlichen
-durch eine besondere Offenbarung (Erteilung der zehn Gebote) oder durch
-Erscheinung Gottes auf der Erde (G&ouml;ttlichkeit Christi) zulassen.
-Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus Naturprodukte wie alles
-andere Bestehende und ihre Ursachen müssen in der Natur, d. i.,
-weil der Mensch der Tr&auml;ger der Sittlichkeit ist, im Menschen
-gesucht werden.</p>
-<p class="par">Der ethische Individualismus ist somit die Kr&ouml;nung
-des Geb&auml;udes, das <span class="ex">Darwin</span> und <span class="ex">Haeckel</span> für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er
-ist Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.</p>
-<p class="par">Wer dem Begriff des <span class="ex">Natürlichen</span> von vornherein in engherziger Weise ein
-willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann dann leicht dazu
-kommen, für die freie individuelle Handlung keinen Raum darin zu
-finden. Der konsequent verfahrende Entwicklungstheoretiker kann in
-solche Engherzigkeit nicht verfallen. Er kann die natürliche
-Entwicklungsweise <span class="pagenum">[<a id="pb187" href="#pb187"
-name="pb187">187</a>]</span>beim Affen nicht abschlie&szlig;en und dem
-Menschen einen &bdquo;übernatürlichen&ldquo; Ursprung
-zugestehen; er kann auch bei den organischen Verrichtungen des Menschen
-nicht stehen bleiben und nur diese natürlich finden, sondern er
-mu&szlig; auch das sittlich-freie Leben als Fortsetzung des organischen
-ansehen.</p>
-<p class="par">Der Entwicklungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung
-gem&auml;&szlig;, nur behaupten, da&szlig; das sittliche Handeln aus
-den unvollkommneren Arten des Naturgeschehens hervorgeht; die
-Charakteristik des Handelns, d. i. seine Bestimmung als eines
-<span class="ex">freien</span>, mu&szlig; er der <span class="ex">unmittelbaren Beobachtung</span> des Handelns überlassen. Er
-behauptet ja auch nur, da&szlig; Menschen aus Affen sich entwickelt
-haben. Wie die Menschen beschaffen sind, das mu&szlig; durch
-Beobachtung dieser selbst festgestellt werden. Die Ergebnisse dieser
-Beobachtung k&ouml;nnen nicht in Widerspruch geraten mit der
-Entwicklungsgeschichte. Nur die Behauptung, da&szlig; die Ergebnisse
-solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschlie&szlig;en,
-k&ouml;nnte nicht in &Uuml;bereinstimmung mit der neueren Richtung der
-Naturwissenschaft gebracht werden<a class="noteref" id="xd23e2418src"
-href="#xd23e2418" name="xd23e2418src">3</a>.</p>
-<p class="par">Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat
-der ethische Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung
-ergiebt als Charakteristikum <span class="pagenum">[<a id="pb188" href="#pb188" name="pb188">188</a>]</span>der vollkommenen Form des
-menschlichen Handelns die <span class="ex">Freiheit</span>; die
-begriffliche Beziehung dieses Ergebnisses auf andere Formen des
-Geschehens ergiebt den <span class="ex">natürlichen
-Ursprung</span> der freien Handlungen.</p>
-<p class="par">Wie steht es nun, vom natürlichen Standpunkte aus,
-mit der bereits oben (S. <a href="#pb17" class="pageref">17</a>)
-erw&auml;hnten Unterscheidung zwischen den beiden S&auml;tzen:
-&bdquo;Frei sein hei&szlig;t <span class="ex">thun</span> k&ouml;nnen,
-was man will&ldquo; und dem andern: &bdquo;nach Belieben begehren
-k&ouml;nnen und nicht begehren k&ouml;nnen sei der eigentliche Sinn des
-Dogmas vom freien Willen&ldquo;? <span class="ex">Hamerling</span>
-begründet gerade seine Ansicht vom freien Willen auf diese
-Unterscheidung, indem er das erste für richtig, das zweite
-für eine absurde Tautologie erkl&auml;rt. Er sagt: &bdquo;ich kann
-<span class="ex">thun</span>, was ich will. Aber zu sagen: ich kann
-wollen, was ich will, ist eine leere Tautologie.&ldquo; Ob ich thun, d.
-i. in Wirklichkeit umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als
-Idee meines Thuns vorgesetzt habe, das h&auml;ngt von
-&auml;u&szlig;eren Umst&auml;nden und von meiner technischen
-Geschicklichkeit (vergl. S. <a href="#pb108" class="pageref">180</a>)
-ab. Frei sein hei&szlig;t die dem Handeln zu Grunde liegenden
-Vorstellungen (Beweggründe) durch die moralische Phantasie von
-sich aus bestimmen k&ouml;nnen. Freiheit ist unm&ouml;glich, wenn etwas
-au&szlig;er mir (mechanischer Proze&szlig; oder Gott) meine moralischen
-Vorstellungen bestimmt. Ich bin also nur dann frei, wenn <span class="ex">ich</span> selbst diese Vorstellungen produziere; nicht, wenn ich
-die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat,
-ausführen <span class="ex">kann</span>. Ein freies Wesen ist
-dasjenige, welches <span class="ex">wollen</span> kann, was es selbst
-für richtig h&auml;lt. Wer etwas anderes thut, als er will, der
-mu&szlig; zu <span class="pagenum">[<a id="pb189" href="#pb189" name="pb189">189</a>]</span>diesem anderen durch Motive getrieben werden,
-die nicht in ihm liegen. Ein solcher handelt unfrei. Nach Belieben
-wollen k&ouml;nnen, was man für richtig oder nicht richtig
-h&auml;lt, hei&szlig;t also: nach Belieben frei oder unfrei sein zu
-k&ouml;nnen. Das ist natürlich ebenso absurd, wie die Freiheit in
-dem Verm&ouml;gen zu sehen, thun zu k&ouml;nnen, was man wollen
-mu&szlig;. Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt:
-&bdquo;Es ist vollkommen wahr, da&szlig; der Wille immer durch
-Beweggründe bestimmt wird, aber es ist absurd zu sagen, da&szlig;
-er deshalb unfrei sei; denn eine gr&ouml;&szlig;ere Freiheit
-l&auml;&szlig;t sich für ihn weder wünschen noch denken, als
-die, sich nach Ma&szlig;gabe seiner eigenen St&auml;rke und
-Entschiedenheit zu verwirklichen?&ldquo; Ja wohl: es l&auml;&szlig;t
-sich eine gr&ouml;&szlig;ere Freiheit wünschen, und das ist erst
-die wahre. N&auml;mlich die: sich die Gründe seines Wollens selbst
-zu bestimmen.</p>
-<p class="par">Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will;
-dazu l&auml;&szlig;t sich der Mensch unter Umst&auml;nden bewegen. Sich
-vorschreiben zu lassen, was er thun <span class="ex">soll</span>, d. i.
-zu wollen, was ein Anderer und nicht Er für richtig h&auml;lt,
-dazu ist er nur zu haben, wenn er sich nicht <span class="ex">frei</span> fühlt.</p>
-<p class="par">Die &auml;u&szlig;eren Gewalten k&ouml;nnen mich
-hindern, zu thun, was ich will. Dann verdammen sie mich einfach zum
-Nichtsthun. Erst wenn sie meinen Geist knechten und mir meine
-Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an deren Stelle die ihrigen
-setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine Unfreiheit. Die Kirche
-wendet sich daher nicht blo&szlig; gegen das <span class="ex">Thun</span>, sondern namentlich gegen die <span class="ex">unreinen</span> Gedanken, d. i. die Beweggründe meines
-Handelns. <span class="pagenum">[<a id="pb190" href="#pb190" name="pb190">190</a>]</span>Unrein sind ihr aber alle Beweggründe, die
-sie nicht angiebt. Eine Kirche erzeugt erst wahre Sklaven, wenn ihre
-Priester sich zu Gewissensr&auml;ten machen, d. i. wenn die
-Gl&auml;ubigen sich von ihnen (aus dem Beichtstuhle) die
-Beweggründe ihres Handelns holen. <span class="pagenum">[<a id="pb191" href="#pb191" name="pb191">191</a>]</span></p>
-</div>
-<div class="footnotes">
-<hr class="fnsep">
-<div class="footnote-body">
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e2315" href="#xd23e2315src" name="xd23e2315">1</a></span> Nur
-Oberfl&auml;chlichkeit k&ouml;nnte im Gebrauch des Wortes Verm&ouml;gen
-an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die
-Lehre der alten Psychologie von den Seelenverm&ouml;gen erblicken. Der
-Zusammenhang mit dem S. <a href="#pb94" class="pageref">94</a> Gesagten
-ergiebt genau die Bedeutung des Wortes.&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e2315src">&uarr;</a></p>
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e2351" href="#xd23e2351src" name="xd23e2351">2</a></span> Wenn
-Paulsen (S. 15 des angeführten Buches) sagt: &bdquo;Verschiedene
-Naturanlage und Lebensbedingungen erfordern wie eine verschiedene
-leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische
-Di&auml;t&ldquo;, so ist er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft
-aber den entscheidenden Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin,
-brauche ich keine Di&auml;t. Di&auml;tetik hei&szlig;t die Kunst, das
-besondere Exemplar mit den allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang
-bringen. Als Individuum bin ich aber kein Exemplar der
-Gattung.&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e2351src">&uarr;</a></p>
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e2418" href="#xd23e2418src" name="xd23e2418">3</a></span>
-Da&szlig; wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung
-bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens
-w&auml;hrend der gedanklichen Th&auml;tigkeit nicht mit ins
-Beobachtungsfeld eintreten, so k&ouml;nnen sie doch nachher Gegenstand
-der Beobachtung werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere
-Charakteristik des Handelns gewonnen.&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e2418src">&uarr;</a></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div id="ch14" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e238">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament02.png" alt="XIV." width="628" height="145"></div>
-<h2 class="label">XIV.</h2>
-<h2 class="main">Der Wert des Lebens.</h2>
-<h2 class="sub">(Pessimismus und Optimismus).</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke
-oder der Bestimmung des Lebens (vergl. S. <a href="#pb170" class="pageref">170</a> ff.) ist die nach dessen Wert. Zwei entgegengesetzten
-Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und dazwischen allen
-denkbaren Vermittlungsversuchen. Eine Ansicht sagt: die Welt ist die
-denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und Handeln in
-derselben ein Gut von unsch&auml;tzbarem Werte. Alles bietet sich als
-harmonisches und zweckm&auml;&szlig;iges Zusammenwirken dar und ist der
-Bewunderung wert. Auch das scheinbar B&ouml;se und &Uuml;ble ist von
-einem h&ouml;hern Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen
-wohlthuenden Gegensatz zum Guten dar; wir k&ouml;nnen dies um so besser
-sch&auml;tzen, wenn es sich von jenem abhebt. Auch ist das &Uuml;bel
-kein wahrhaft wirkliches; wir empfinden nur einen geringeren Grad des
-Wohles als &Uuml;bel. Das &Uuml;bel ist Abwesenheit des Guten; nichts
-was an sich Bedeutung hat.</p>
-<p class="par">Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das
-<span class="pagenum">[<a id="pb192" href="#pb192" name="pb192">192</a>]</span>Leben ist voll Qual und Elend, die Lust
-überwiegt überall die Unlust, der Schmerz die Freude. Das
-Dasein ist eine Last, und das Nichtsein w&auml;re dem Sein unter allen
-Umst&auml;nden vorzuziehen.</p>
-<p class="par">Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des
-Optimismus, haben wir <span class="ex">Shaftesbury</span> und
-<span class="ex">Leibniz</span>, als die der zweiten, des Pessimismus,
-<span class="ex">Schopenhauer</span> und <span class="ex">Eduard von
-Hartmann</span> aufzufassen.</p>
-<p class="par"><span class="ex">Leibniz</span> sagt: die Welt ist die
-beste, die es geben kann. Eine bessere ist unm&ouml;glich. Denn Gott
-ist gut und weise. Ein guter Gott <span class="ex">will</span> die
-beste der Welten schaffen; ein weiser <span class="ex">kennt</span>
-sie; er kann sie vor allen anderen m&ouml;glichen schlechteren
-unterscheiden. Nur ein b&ouml;ser oder unweiser Gott k&ouml;nnte eine
-schlechtere als die bestm&ouml;gliche Welt schaffen.</p>
-<p class="par">Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem
-menschlichen Handeln die Richtung vorzeichnen k&ouml;nnen, die es
-einschlagen mu&szlig;, um zum Besten der Welt das seinige beizutragen.
-Der Mensch wird nur die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich
-darnach zu benehmen haben. Wenn er wei&szlig;, was Gott mit der Welt
-und dem Menschengeschlecht für Absichten hat, dann wird er auch
-das Richtige thun. Und er wird sich glücklich fühlen, zu dem
-andern Guten auch das seinige hinzuzufügen. Vom optimistischen
-Standpunkt aus ist also das Leben des Lebens wert. Es mu&szlig; uns zur
-mitwirkenden Anteilnahme anregen.</p>
-<p class="par">Anders stellt sich Schopenhauer die Sache vor. Er denkt
-sich den Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen,
-sondern als blinden Drang <span class="pagenum">[<a id="pb193" href="#pb193" name="pb193">193</a>]</span>oder Willen. Ewiges Streben,
-unaufh&ouml;rliches Schmachten nach Befriedigung, die doch nie erreicht
-werden kann, ist der Grundzug alles Wollens. Denn ist ein erstrebtes
-Ziel erreicht, so entsteht ein neues Bedürfnis u. s. w. Die
-Befriedigung kann immer nur von verschwindend kleiner Dauer sein. Der
-ganze übrige Inhalt unseres Lebens ist unbefriedigtes
-Dr&auml;ngen, d. i. Unzufriedenheit, Leiden. Stumpft sich der blinde
-Drang endlich ab, so fehlt uns jeglicher Inhalt; eine unendliche
-Langeweile erfüllt unser Dasein. Daher ist das relativ Beste,
-Wünsche und Bedürfnisse in sich zu ersticken, das Wollen zu
-ert&ouml;ten. Der Schopenhauersche Pessimismus führt zur
-Thatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist <span class="ex">Universalfaulheit</span>.</p>
-<p class="par">In wesentlich anderer Art sucht <span class="ex">Hartmann</span> den Pessimismus zu begründen und für die
-Ethik auszunutzen. Hartmann sucht, einem Lieblingsstreben unserer Zeit
-folgend, seine Weltanschauung auf <span class="ex">Erfahrung</span> zu
-begründen. Aus der <span class="ex">Beobachtung</span> des Lebens
-will er Aufschlu&szlig; darüber gewinnen, ob die Lust oder die
-Unlust in der Welt überwiege. Er l&auml;&szlig;t, was den Menschen
-als Gut und Glück erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um
-zu zeigen, da&szlig; alle vermeintliche Befriedigung bei genauerem
-Zusehen sich als <span class="ex">Illusion</span> erweist. Illusion ist
-es, wenn wir glauben in: Gesundheit, Jugend, Freiheit,
-ausk&ouml;mmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenu&szlig;), Mitleid,
-Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft,
-religi&ouml;ser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf
-jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt &mdash; Quellen des
-Glückes und der Befriedigung zu haben. Vor einer nüchternen
-<span class="pagenum">[<a id="pb194" href="#pb194" name="pb194">194</a>]</span>Betrachtung bringt jeder Genu&szlig; viel mehr
-&Uuml;bel und Elend als Lust in die Welt. <span class="ex">Die
-Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets gr&ouml;&szlig;er als die
-Behaglichkeit des Rausches.</span> Die Unlust überwiegt bei weitem
-in der Welt. Kein Mensch, auch der relativ glücklichste,
-würde, gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen
-wollen. Da nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der
-Weisheit) in der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche
-Berechtigung neben dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er
-seinem Urwesen die Sch&ouml;pfung der Welt nur zumuten, wenn es den
-Schmerz der Welt in einen weisen Weltzweck auslaufen l&auml;&szlig;t.
-Der Schmerz der Weltwesen ist aber kein anderer als der Gottesschmerz
-selbst, denn das Leben der Natur als Ganzes ist identisch mit dem Leben
-Gottes. Ein allweises Wesen kann aber sein Ziel nur in der Befreiung
-vom Leid sehen, und da alles Dasein Leid ist, in der Befreiung vom
-Dasein. Das Sein in das weit bessere Nichtsein überzuführen,
-ist der Zweck der Weltsch&ouml;pfung. Der Weltproze&szlig; ist ein
-fortw&auml;hrendes Ank&auml;mpfen gegen den Gottesschmerz, das zuletzt
-mit der Vernichtung alles Daseins endet. Das sittliche Leben der
-Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des Daseins. Gott
-hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe vor seinem
-unendlichen Schmerze befreie. Diese ist &bdquo;gewisserma&szlig;en wie
-ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten&ldquo;, durch den
-dessen unbewu&szlig;te Heilkraft sich von einer <span class="corr" id="xd23e2549" title="Quelle: innern">inneren</span> Krankheit befreit,
-&bdquo;oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das
-all-eine Wesen sich selbst appliziert, um <span class="pagenum">[<a id="pb195" href="#pb195" name="pb195">195</a>]</span>einen innern Schmerz
-zun&auml;chst nach au&szlig;en abzulenken und für die Folge zu
-beseitigen.&ldquo; Die Menschen sind Glieder der Welt. In ihnen leidet
-Gott. Er hat sie geschaffen, um seinen unendlichen Schmerz zu
-zersplittern. Der Schmerz, den jeder einzelne von uns leidet, ist nur
-ein Tropfen in dem unendlichen Meere des Gottesschmerzes (Hartmann,
-Ph&auml;nomenologie des sittlichen Bewu&szlig;tseins S. 866 ff.).</p>
-<p class="par">Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen,
-da&szlig; das Jagen nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine
-Thorheit ist, und hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen,
-durch selbstlose Hingabe an den Weltproze&szlig; der Erl&ouml;sung
-Gottes sich zu widmen. Im Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns
-Hartmanns Pessimismus zu einer hingebenden Th&auml;tigkeit für
-eine erhabene Aufgabe.</p>
-<p class="par">Wie steht es aber mit der Begründung auf
-Erfahrung?</p>
-<p class="par">Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der
-Lebensth&auml;tigkeit über den Lebensinhalt. Ein Wesen ist
-hungrig, d. h. es strebt nach S&auml;ttigung, wenn seine organischen
-Funktionen zu ihrem weiteren Verlauf Zuführung neuen
-Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln verlangen. Das Streben nach
-Ehre besteht darin, da&szlig; der Mensch sein pers&ouml;nliches Thun
-und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu seiner
-Beth&auml;tigung die Anerkennung von au&szlig;en kommt. Das Streben
-nach Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen,
-h&ouml;ren u. s. w. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht
-begriffen hat. Die Erfüllung des Strebens erzeugt in dem
-strebenden Individuum Lust, die Nichtbefriedigung Unlust. <span class="pagenum">[<a id="pb196" href="#pb196" name="pb196">196</a>]</span>Es
-ist dabei wichtig zu beobachten, da&szlig; Lust oder Unlust erst von
-der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens
-abh&auml;ngt. Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten.
-Wenn es sich also herausstellt, da&szlig; in dem Momente des
-Erfüllens einer Bestrebung sich sogleich wieder eine neue
-einstellt, so darf ich nicht sagen: die Lust hat für mich Unlust
-geboren, weil unter allen Umst&auml;nden der Genu&szlig; das Begehren
-nach seiner Wiederholung oder nach einer neuen Lust erzeugt. Erst wenn
-dieses Begehren auf die Unm&ouml;glichkeit seiner Erfüllung
-st&ouml;&szlig;t, kann ich von Unlust sprechen. Selbst dann, wenn ein
-erlebter Genu&szlig; in mir das Verlangen nach einem
-gr&ouml;&szlig;eren oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich
-von einer durch die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke
-sprechen, wenn mir die Mittel versagt sind, die gr&ouml;&szlig;ere oder
-raffiniertere Lust zu erleben. Nur dann, wenn als naturgesetzliche
-Folge des Genusses Unlust eintritt, wie etwa beim
-Geschlechtsgenu&szlig; des Weibes durch die Leiden des Wochenbettes und
-die Mühen der Kinderpflege, kann ich in dem Genu&szlig; den
-Sch&ouml;pfer des Schmerzes finden. Wenn Streben Unlust hervorriefe, so
-mü&szlig;te die Beseitigung des Strebens von Lust begleitet sein.
-Es ist aber das Gegenteil der Fall. Der Mangel an Streben in unserem
-Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust verbunden.
-Da aber das Streben naturgem&auml;&szlig; lange Zeit dauern kann, bevor
-ihm die Erfüllung zu teil wird und sich dann vorl&auml;ufig mit
-der Hoffnung auf dieselbe zufrieden giebt, so mu&szlig; anerkannt
-werden, da&szlig; die Unlust mit dem Streben als solchen gar nichts zu
-thun hat, sondern <span class="pagenum">[<a id="pb197" href="#pb197"
-name="pb197">197</a>]</span>lediglich an der Nichterfüllung
-desselben h&auml;ngt. Schopenhauer hat also unter allen Umst&auml;nden
-Unrecht, wenn er das Begehren oder Streben (den Willen) an sich
-für den Quell des Schmerzes h&auml;lt.</p>
-<p class="par">In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig. Streben
-(Begehren) an sich macht Freude. Wer kennt nicht den Genu&szlig;, den
-die Hoffnung auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet.
-Diese Freude ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in
-Zukunft erst zu teil werden sollen. Diese Lust ist ganz unabh&auml;ngig
-von der Erreichung des Zieles. Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann
-kommt zu der Lust des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues
-hinzu. Wer aber sagen wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes
-Ziel kommt auch noch die über die get&auml;uschte Hoffnung und
-mache zuletzt die Unlust an der Nichterfüllung doch
-gr&ouml;&szlig;er, als die etwaige Lust an der Erfüllung, dem ist
-zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der
-Rückblick auf den Genu&szlig; in der Zeit des unerfüllten
-Begehrens wird ebenso oft lindernd auf die Unlust durch
-Nichterfüllung wirken. Wer im Anblicke gescheiterter Hoffnungen
-ausruft: ich habe das meinige gethan, der ist ein Beweisobjekt für
-diese Behauptung. Das beseeligende Gefühl, nach Kr&auml;ften das
-Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche an jedes
-nicht erfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, da&szlig;
-nicht nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern
-auch der Genu&szlig; des Begehrens selbst zerst&ouml;rt ist.</p>
-<p class="par">Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und
-Nichterfüllung eines solchen Unlust hervor. Daraus darf nicht
-geschlossen werden: Lust ist Befriedigung eines <span class="pagenum">[<a id="pb198" href="#pb198" name="pb198">198</a>]</span>Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung. Sowohl Lust
-wie Unlust k&ouml;nnen sich in einem Wesen einstellen, auch ohne
-da&szlig; sie Folgen eines Begehrens sind. Krankheit ist Unlust, der
-kein Begehren vorausgeht. Wer behaupten wollte: Krankheit sei
-unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler,
-da&szlig; er den selbstverst&auml;ndlichen und nicht zum
-Bewu&szlig;tsein gebrachten Wunsch, nicht krank zu werden, für ein
-positives Begehren hielte. Wenn jemand von einem reichen Verwandten,
-von dessen Existenz er nicht die geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft
-macht, so erfüllt ihn diese Thatsache ohne vorangegangenes
-Begehren mit Lust.</p>
-<p class="par">Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder
-der Unlust ein &Uuml;berschu&szlig; zu finden ist, der mu&szlig; in
-Rechnung bringen: die Lust am Begehren, die an der Erfüllung des
-Begehrens, und diejenige, die uns unerstrebt zu teil wird. Auf die
-andere Seite des Kontobuches wird zu stehen kommen: Unlust aus
-Langeweile, solche aus nicht erfülltem Streben, und endlich
-solche, die ohne unser Begehren an uns herantritt. Zu der letzteren
-Gattung geh&ouml;rt auch die Unlust, die uns aufgedr&auml;ngte, nicht
-selbstgew&auml;hlte Arbeit verursacht.</p>
-<p class="par">Nun <span class="corr" id="xd23e2575" title="Quelle: ensteht">entsteht</span> die Frage: welches ist das rechte
-Mittel, um aus diesem <span class="ex">Soll</span> und <span class="ex">Haben</span> die <span class="ex">Bilanz</span> zu erhalten?
-Eduard von Hartmann ist der Meinung, da&szlig; es die abw&auml;gende
-Vernunft ist. Er sagt zwar (Philosophie des Unbewu&szlig;ten 7.
-Auflage, II. Band, S. 290): &bdquo;Schmerz und Lust <span class="ex">sind</span> nur insofern sie <span class="ex">empfunden</span>
-werden.&ldquo; Hieraus folgt, da&szlig; es für die Lust keinen
-andern Ma&szlig;stab giebt, als den subjektiven <span class="pagenum">[<a id="pb199" href="#pb199" name="pb199">199</a>]</span>des
-Gefühles. Ich mu&szlig; <span class="ex">empfinden</span>, ob die
-Summe meiner Unlustgefühle zusammengestellt mit meinen
-Lustgefühlen in mir einen &Uuml;berschu&szlig; von Freude oder
-Schmerz ergiebt. Dessen ungeachtet behauptet Hartmann: &bdquo;Wenn der
-Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven
-Ma&szlig;stabe in Anschlag gebracht werden kann, so ist doch damit
-keineswegs gesagt, da&szlig; jedes Wesen aus den s&auml;mtlichen
-Affektionen seines Lebens die <span class="ex">richtige</span>
-algebraische Summe zieht, oder mit andern Worten, da&szlig;
-<span class="ex">sein Gesamturteil</span> über sein eigenes Leben
-ein in Bezug auf seine subjektiven Erlebnisse richtiges sei.&ldquo;
-Damit wird doch wieder die <span class="ex">vernunftgem&auml;&szlig;e
-Beurteilung</span> des Gefühles zum Wertsch&auml;tzer gemacht.</p>
-<p class="par">Und weil Hartmann dieser Meinung ist, glaubt er, um zu
-einer richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem
-Wege r&auml;umen zu müssen, die unser <span class="ex">Urteil</span> über die Lust- und Unlustbilanz
-verf&auml;lschen. Er sucht das auf zwei Wegen zu erreichen.
-<span class="ex">Erstens</span> indem er nachweist, da&szlig; unser
-Begehren (Trieb, Wille) sich st&ouml;rend in unsere nüchterne
-Beurteilung des Gefühlswertes einmischt. W&auml;hrend wir uns z.
-B. sagen mü&szlig;ten, da&szlig; der Geschlechtsgenu&szlig; eine
-Quelle des &Uuml;bels ist, verführt uns der Umstand, da&szlig; der
-Geschlechtstrieb in uns m&auml;chtig ist, dazu, uns eine Lust
-vorzugaukeln, die in dem Ma&szlig;e gar nicht da ist. Wir wollen
-genie&szlig;en; deshalb gestehen wir uns nicht, da&szlig; wir unter dem
-Genusse leiden. <span class="ex">Zweitens</span> unterwirft Hartmann
-die Gefühle einer Kritik und sucht nachzuweisen, da&szlig; die
-Gegenst&auml;nde, an die sich die Gefühle knüpfen, vor der
-Vernunfterkenntnis sich als Illusionen erweisen, <span class="pagenum">[<a id="pb200" href="#pb200" name="pb200">200</a>]</span>und
-<span class="ex">da&szlig; sie in dem Augenblicke zerst&ouml;rt werden,
-wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen
-durchschaut</span>.</p>
-<p class="par">Hartmann denkt sich also die Sache folgenderma&szlig;en.
-Wenn ein Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem
-Augenblicke, in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die
-Unlust den überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann
-mu&szlig; er sich von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei
-machen. Da er ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm
-die Freuden über Anerkennung seiner Leistungen durch ein
-Vergr&ouml;&szlig;erungsglas, die Kr&auml;nkungen durch
-Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas zeigen. Damals,
-als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die
-Kr&auml;nkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung
-erscheinen sie in milderem Lichte, w&auml;hrend sich die Freuden
-über Anerkennungen, für die er so zug&auml;nglich ist, um so
-tiefer einpr&auml;gen. Nun ist es zwar für den Ehrgeizigen eine
-wahre Wohlthat, da&szlig; es so ist. Die T&auml;uschung vermindert sein
-Unlustgefühl in dem Augenblicke der Selbstbeobachtung. Dennoch ist
-seine Beurteilung eine falsche. Die Leiden, über die sich ihm ein
-Schleier breitet, hat er wirklich durchmachen müssen in ihrer
-ganzen St&auml;rke, und er setzt sie somit in das Kontobuch seines
-Lebens thats&auml;chlich falsch ein. Um zu einem richtigen Urteile zu
-kommen, mü&szlig;te der Ehrgeizige für den Moment seiner
-Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen. Er mü&szlig;te ohne
-Gl&auml;ser vor seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben
-betrachten. Er gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschlu&szlig;
-seiner <span class="pagenum">[<a id="pb201" href="#pb201" name="pb201">201</a>]</span>Bücher seinen Gesch&auml;ftseifer mit auf
-die Einnahmeseite setzt.</p>
-<p class="par">Hartmann geht aber noch weiter. Er sagt: Der Ehrgeizige
-mu&szlig; sich auch klar machen, da&szlig; die Anerkennungen, nach
-denen er jagt, wertlose Dinge sind. Er mu&szlig; selbst zur Einsicht
-kommen, oder von andern dazu gebracht werden, da&szlig; einem
-vernünftigen Menschen an der Anerkennung von Seite der Menschen
-nichts liegen k&ouml;nne, da man ja &bdquo;in allen solchen Sachen, die
-nicht Lebensfragen der Entwicklung, oder gar von der Wissenschaft schon
-endgültig gel&ouml;st sind&ldquo;, immer darauf schw&ouml;ren
-kann, &bdquo;da&szlig; die Majorit&auml;ten Unrecht und die
-Minorit&auml;ten Recht haben.&ldquo; &bdquo;Einem solchen Urteile giebt
-derjenige sein Lebensglück in die H&auml;nde, welcher den Ehrgeiz
-zu seinem Leitstern macht.&ldquo; (Phil. des Unbew. II. Bd. S. 332.)
-Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann mu&szlig; er alles als
-eine Illusion bezeichnen, was er durch seinen Ehrgeiz erreicht hat,
-folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechende
-Befriedigung seines Ehrgeizes knüpfen. Aus diesem Grunde sagt
-Hartmann: es mu&szlig; auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte
-gestrichen werden, was sich an unseren Lustgefühlen als Illusion
-ergiebt; was dann übrig bleibt, stelle die Lustsumme des Lebens
-dar, und diese sei gegen die Unlustsumme so klein, da&szlig; das Leben
-kein Genu&szlig;, und Nichtsein dem Sein vorzuziehen sei.</p>
-<p class="par">Aber w&auml;hrend es unmittelbar einleuchtend ist,
-da&szlig; die durch Einmischung des ehrgeizigen Triebes bewirkte
-T&auml;uschung bei Aufstellung der Lustbilanz ein falsches Resultat
-bewirkt, mu&szlig; das von der Erkenntnis <span class="pagenum">[<a id="pb202" href="#pb202" name="pb202">202</a>]</span>des illusorischen
-Charakters der Gegenst&auml;nde der Lust Gesagte jedoch bestritten
-werden. Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder vermeintliche
-Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz des
-Lebens würde die letztere geradezu verf&auml;lschen. Denn der
-Ehrgeizige hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine
-Freude gehabt, ganz gleichgültig, ob er selbst sp&auml;ter, oder
-ein anderer diese Anerkennung als Illusion erkennt. Damit wird die
-genossene freudige Empfindung nicht um das Geringste kleiner gemacht.
-Die Ausscheidung aller solchen &bdquo;illusorischen&ldquo; Gefühle
-aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser Urteil über die
-Gefühle richtig, sondern l&ouml;scht wirklich vorhandene
-Gefühle aus dem Leben aus.</p>
-<p class="par">Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden
-werden? Weil sie sich an Gegenst&auml;nde heften, die sich als
-Illusionen entpuppen. Dabei ist also der Wert des Lebens nicht von der
-Menge der Lust, sondern von der Qualit&auml;t der Lust und diese von
-dem Werte der die Lust verursachenden Dinge abh&auml;ngig gemacht. Wenn
-ich den Wert des Lebens aber erst aus der Menge der Lust oder Unlust
-bestimmen will, das es mir bringt, dann darf ich nicht etwas anderes
-voraussetzen, wodurch ich erst wieder den Wert oder Unwert der Lust
-bestimme. Wenn ich sage: ich will die Lustmenge mit der Unlustmenge
-vergleichen und sehen, welche gr&ouml;&szlig;er ist, dann mu&szlig; ich
-auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Gr&ouml;&szlig;en in
-Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion zum
-Grunde liegt oder nicht. Wer einer auf Illusion beruhenden Lust einen
-geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen, die
-sich vor <span class="pagenum">[<a id="pb203" href="#pb203" name="pb203">203</a>]</span>der Vernunft rechtfertigen l&auml;&szlig;t, der
-macht eben den Wert des Lebens noch von anderen Faktoren abh&auml;ngig
-als von der Lust.</p>
-<p class="par">Wer, gleich Eduard von Hartmann, die Lust deshalb
-geringer veranschl&auml;gt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand
-knüpft, der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende
-Ertr&auml;gnis einer Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des
-Betrages in sein Konto einsetzt, weil in derselben Gegenst&auml;nde zur
-T&auml;ndelei für Kinder produziert werden.</p>
-<p class="par">Wenn es sich blo&szlig; darum handelt, die Lust- und
-Unlustmenge gegeneinander abzuw&auml;gen, dann ist also der
-illusorische Charakter der Gegenst&auml;nde gewisser Lustempfindungen
-v&ouml;llig aus dem Spiele zu lassen.</p>
-<p class="par">Der von Hartmann empfohlene Weg: vernünftiger
-Betrachtung der vom Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge, hat uns also
-bisher so weit geführt, da&szlig; wir wissen, wie wir die Rechnung
-aufzustellen haben, was wir auf die eine, was auf die andere Seite
-unseres Kontobuches zu setzen haben. Wie soll aber nun die Rechnung
-gemacht werden? Ist die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu
-bestimmen?</p>
-<p class="par">Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler
-gemacht, wenn der <span class="ex">berechnete</span> Gewinn sich mit
-den durch das Gesch&auml;ft nachweislich genossenen oder noch zu
-genie&szlig;enden Gütern nicht deckt. Auch der Philosoph wird
-unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung gemacht haben, wenn er den
-etwa ausgeklügelten &Uuml;berschu&szlig; an Lust, beziehungsweise
-Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.</p>
-<p class="par">Ich will vorl&auml;ufig die Rechnung der auf
-vernunftgem&auml;&szlig;e Weltbetrachtung sich stützenden
-Pessimisten <span class="pagenum">[<a id="pb204" href="#pb204" name="pb204">204</a>]</span>nicht kontrollieren: wer aber sich entscheiden
-soll, ob er das Lebensgesch&auml;ft weiter führen soll oder nicht,
-der wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete
-&Uuml;berschu&szlig; an Unlust steckt?</p>
-<p class="par">Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die
-Vernunft <span class="ex">nicht</span> in der Lage ist, den
-&Uuml;berschu&szlig; an Lust oder Unlust allein von sich aus zu
-bestimmen, sondern wo sie diesen &Uuml;berschu&szlig; im Leben als
-Wahrnehmung zeigen mu&szlig;. Nicht in dem Begriff allein, sondern in
-dem durch das Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und
-Wahrnehmung (und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das
-Wirkliche erreichbar (vergl. S. <a href="#pb86" class="pageref">86</a>
-ff.). Der Kaufmann wird ja auch sein Gesch&auml;ft erst dann aufgeben,
-wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern sich
-durch die Thatsachen best&auml;tigt. Wenn das nicht der Fall ist, dann
-l&auml;&szlig;t er <span class="corr" id="xd23e2662" title="Quelle: dem">den</span> Buchhalter die Rechnung nochmals machen. Genau
-in derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen. Wenn
-der Philosoph ihm beweisen will, da&szlig; die Unlust weit
-gr&ouml;&szlig;er ist als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann
-wird er sagen: du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die
-Sache nochmals durch. Sind aber in einem Gesch&auml;fte zu einem
-bestimmten Zeitpunkte wirklich solche Verluste vorhanden, da&szlig;
-kein Kredit mehr ausreicht, um die Gl&auml;ubiger zu befriedigen, so
-tritt auch dann der Bankerott ein, wenn der Kaufmann es vermeidet,
-durch Führung der Bücher Klarheit über seine
-Angelegenheiten zu haben. Ebenso mü&szlig;te es, wenn das
-Unlustquantum bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so
-gro&szlig; würde, da&szlig; keine Hoffnung (Kredit) auf
-künftige Lust ihn über <span class="pagenum">[<a id="pb205"
-href="#pb205" name="pb205">205</a>]</span>den Schmerz hinwegsetzen
-k&ouml;nnte, zum Bankerott des Lebensgesch&auml;ftes führen.</p>
-<p class="par">Nun ist aber die Zahl der Selbstm&ouml;rder doch eine
-relativ geringe im Verh&auml;ltnis zu der Menge derjenigen, die mutig
-weiter leben. Die wenigsten Menschen stellen das Lebensgesch&auml;ft
-der vorhandenen Unlust willen ein. Was folgt daraus? Entweder,
-da&szlig; es nicht richtig ist, zu sagen, die Unlustmenge sei
-gr&ouml;&szlig;er als die Lustmenge, oder da&szlig; wir unser
-Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge
-abh&auml;ngig machen.</p>
-<p class="par">Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus
-Ed. v. Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erkl&auml;ren, weil
-darinnen der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu
-behaupten, es durchzumachen. Diese Notwendigkeit liegt darin, da&szlig;
-der oben (S. <a href="#pb194" class="pageref">194</a>) angegebene
-Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der Menschen
-erreicht werden kann. So lange aber die Menschen noch ihren
-egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen
-Arbeit untauglich. Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft
-überzeugt haben, da&szlig; die vom Egoismus erstrebten
-Lebensgenüsse nicht erlangt werden k&ouml;nnen, widmen sie sich
-ihrer eigentlichen Aufgabe. Auf diese Weise soll die pessimistische
-&Uuml;berzeugung der Quell der Selbstlosigkeit sein. Eine Erziehung auf
-Grund des Pessimismus soll den Egoismus dadurch ausrotten, da&szlig;
-sie ihm seine Aussichtslosigkeit vor Augen stellt.</p>
-<p class="par">Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust
-ursprünglich in der Menschennatur begründet. Nur aus Einsicht
-in die Unm&ouml;glichkeit der Erfüllung <span class="pagenum">[<a id="pb206" href="#pb206" name="pb206">206</a>]</span>dankt dieses Streben zu Gunsten h&ouml;herer
-Menschheitsaufgaben ab.</p>
-<p class="par">Von der sittlichen Weltanschauung, die von der
-Anerkennung des Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele
-erhofft, kann nicht gesagt werden, da&szlig; sie den Egoismus im wahren
-Sinne des Wortes überwinde. Die sittlichen Ideale sollen erst dann
-stark genug sein, sich des Willens zu bem&auml;chtigen, wenn der Mensch
-eingesehen hat, da&szlig; das selbstsüchtige Streben nach Lust zu
-keiner Befriedigung führen kann. Der Mensch, dessen Selbstsucht
-nach den Trauben der Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht
-erreichen kann: er geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen
-Lebenswandel. Die sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der
-Pessimisten, nicht stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber
-sie errichten ihre Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die
-Erkenntnis von der Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht
-hat.</p>
-<p class="par">Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust
-erstreben, sie aber unm&ouml;glich erreichen k&ouml;nnen, dann ist
-Vernichtung des Daseins und Erl&ouml;sung durch das Nichtsein das
-einzig vernünftige Ziel. Und wenn man der Ansicht ist, da&szlig;
-der eigentliche Tr&auml;ger des Weltschmerzes Gott ist, so müssen
-die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erl&ouml;sung Gottes
-herbeizuführen. Durch den Selbstmord des einzelnen wird die
-Erreichung dieses Zieles nicht gef&ouml;rdert, sondern
-beeintr&auml;chtigt. Gott kann vernünftigerweise die Menschen nur
-geschaffen haben, damit sie durch ihr Handeln seine Erl&ouml;sung
-herbeiführen. Sonst w&auml;re die Sch&ouml;pfung zwecklos. Jeder
-mu&szlig; in dem allgemeinen <span class="pagenum">[<a id="pb207" href="#pb207" name="pb207">207</a>]</span>Erl&ouml;sungswerke seine
-bestimmte Arbeit verrichten. Entzieht er sich derselben durch den
-Selbstmord, so mu&szlig; die ihm zugedachte Arbeit von einem andern
-verrichtet werden. Dieser mu&szlig; statt ihm die Daseinsqual ertragen.
-Und da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche
-Schmerztr&auml;ger, so hat der Selbstm&ouml;rder die Menge des
-Gottesschmerzes nicht im geringsten vermindert, vielmehr Gott die neue
-Schwierigkeit auferlegt, für ihn einen Ersatzmann zu schaffen.</p>
-<p class="par">Dies alles setzt voraus, da&szlig; die Lust ein
-Wertma&szlig;stab für das Leben sei. Das Leben &auml;u&szlig;ert
-sich durch eine Summe von Trieben (Bedürfnissen). Wenn der Wert
-des Lebens davon abhinge, ob es mehr Lust oder Unlust bringt, dann ist
-ein Trieb als wertlos zu bezeichnen, der seinem Tr&auml;ger einen
-&Uuml;berschu&szlig; der letztern eintr&auml;gt. Wir wollen einmal
-Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite
-gemessen werden kann. Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben erst
-mit der Sph&auml;re der &bdquo;Geistesaristokratie&ldquo; anfangen zu
-lassen, beginnen wir mit einem &bdquo;rein tierischen&ldquo;
-Bedürfnis, dem Hunger.</p>
-<p class="par">Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue
-Stoffzufuhr nicht weiter funktionieren k&ouml;nnen. Was der Hungrige
-zun&auml;chst erstrebt, ist die S&auml;ttigung. Sobald die
-Nahrungszufuhr in dem Ma&szlig;e erfolgt ist, da&szlig; der Hunger
-aufh&ouml;rt, ist alles erreicht, was der Ern&auml;hrungstrieb
-erstrebt. Der Genu&szlig;, der sich an die S&auml;ttigung knüpft,
-besteht fürs erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der
-Hunger bereitet. Zu dem blo&szlig;en Ern&auml;hrungstriebe tritt ein
-anderes Bedürfnis. Der Mensch will durch die Nahrungsaufnahme
-<span class="pagenum">[<a id="pb208" href="#pb208" name="pb208">208</a>]</span>nicht blo&szlig; seine gest&ouml;rten
-Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz
-des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung
-angenehmer Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen. Wenn er Hunger
-hat und eine halbe Stunde vor einer genu&szlig;reichen Mahlzeit steht,
-vermeidet er es, durch minderwertige Kost, die ihn früher
-befriedigen k&ouml;nnte, sich die Lust für das bessere zu
-verderben. Er braucht den Hunger, um von seiner Mahlzeit den vollen
-Genu&szlig; zu haben. Dadurch wird ihm der Hunger zugleich zum
-Veranlasser der Lust. Wenn nun aller in der Welt vorhandene Hunger
-gestillt werden k&ouml;nnte, dann erg&auml;be sich die volle
-Genu&szlig;menge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses
-zu verdanken ist. Hinzuzurechnen w&auml;re noch der besondere
-Genu&szlig;, den Leckerm&auml;uler durch eine über das
-Gew&ouml;hnliche hinausgehende Kultur ihrer Geschmacksnerven
-erzielen.</p>
-<p class="par">Den denkbar gr&ouml;&szlig;ten Wert h&auml;tte diese
-Genu&szlig;menge, wenn kein auf die in Betracht kommende Genu&szlig;art
-hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe, und wenn mit dem
-Genu&szlig; nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in den Kauf
-genommen werden mü&szlig;te.</p>
-<p class="par">Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, da&szlig;
-die Natur mehr Leben erzeugt, als sie erhalten kann, d. i. auch mehr
-Hunger hervorbringt, als sie zu befriedigen in der Lage ist. Der
-&Uuml;berschu&szlig; an Leben, der erzeugt wird, mu&szlig; unter
-Schmerzen im Kampf ums Dasein zu Grunde gehen. Zugegeben: die
-Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke des Weltgeschehens
-gr&ouml;&szlig;er als den vorhandenen Befriedigungsmitteln entspricht,
-und der Lebensgenu&szlig; werde <span class="pagenum">[<a id="pb209"
-href="#pb209" name="pb209">209</a>]</span>dadurch beeintr&auml;chtigt.
-Der wirklich vorhandene Lebensgenu&szlig; wird aber nicht um das
-geringste kleiner gemacht. Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da
-ist die entsprechende Genu&szlig;menge vorhanden, auch wenn es in dem
-begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl
-unbefriedigter Triebe giebt. Was aber dadurch vermindert wird, ist der
-<span class="ex">Wert</span> des Lebensgenusses. Wenn nur ein Teil der
-Bedürfnisse eines Lebewesens Befriedigung findet, so hat es einen
-dem entsprechenden Genu&szlig;. Dieser hat einen um so geringeren Wert,
-je kleiner er ist im Verh&auml;ltnis zur Gesamtforderung des Lebens im
-Gebiete der in Frage kommenden Begierden. Man kann sich diesen Wert
-durch einen Bruch dargestellt denken, dessen Z&auml;hler der wirklich
-vorhandene Genu&szlig; und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist.
-Der Bruch hat den Wert 1, wenn Z&auml;hler und Nenner gleich sind, d.
-h. wenn alle Bedürfnisse auch befriedigt werden. Er wird
-gr&ouml;&szlig;er als 1, wenn in einem Lebewesen mehr Lust vorhanden
-ist, als seine Begierden fordern; und er ist kleiner als 1, wenn die
-Genu&szlig;menge hinter der Summe der Begierden zurückbleibt. Der
-Bruch kann aber nie <span class="ex">Null</span> werden, solange der
-Z&auml;hler auch nur den geringsten Wert hat. Wenn ein Mensch vor
-seinem Tode den Rechnungsabschlu&szlig; machte, und die auf einen
-bestimmten Trieb (z. B. den Hunger) kommende Menge des Genusses sich
-über das ganze Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt
-d&auml;chte, so h&auml;tte die erlebte Lust vielleicht nur einen
-geringen Wert; wertlos aber kann sie nie werden. Bei gleichbleibender
-Genu&szlig;menge nimmt mit der Vermehrung der Bedürfnisse eines
-Lebewesens der Wert der <span class="pagenum">[<a id="pb210" href="#pb210" name="pb210">210</a>]</span>Lebenslust ab. Ein Gleiches gilt
-für die Summe alles Lebens in der Natur. Je gr&ouml;&szlig;er die
-Zahl der Lebewesen ist im Verh&auml;ltnis zu der Zahl derer, die volle
-Befriedigung ihrer Triebe finden k&ouml;nnen, desto geringer ist der
-durchschnittliche Lustwert des Lebens. Die Wechsel auf den
-Lebensgenu&szlig;, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden
-eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen
-Betrag einzul&ouml;sen. Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe,
-und dafür dann weitere drei Tage hungern mu&szlig;, so wird der
-Genu&szlig; an den drei E&szlig;tagen dadurch nicht geringer. Aber ich
-mu&szlig; mir ihn dann auf sechs Tage verteilt denken, wodurch sein
-<span class="ex">Wert</span> für meinen Ern&auml;hrungstrieb auf
-die H&auml;lfte herabgemindert wird. Ebenso verh&auml;lt es sich mit
-der Gr&ouml;&szlig;e der Lust im Verh&auml;ltnis zum <span class="ex">Grade</span> meines Bedürfnisses. Wenn ich Hunger für
-zwei Butterbrode habe, und nur eines bekommen kann, so hat der aus dem
-einen gezogene Genu&szlig; nur die H&auml;lfte des Wertes, den er haben
-würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt w&auml;re. Dies ist die
-Art, wie im Leben der <span class="ex">Wert</span> einer Lust bestimmt
-wird. Sie wird bemessen an den Bedürfnissen des Lebens. Unsere
-Begierden sind der <span class="ex">Ma&szlig;stab</span>; die Lust ist
-das Gemessene. Der S&auml;ttigungsgenu&szlig; erh&auml;lt nur dadurch
-einen Wert, da&szlig; Hunger vorhanden ist; und er erh&auml;lt einen
-Wert von bestimmter Gr&ouml;&szlig;e durch das Verh&auml;ltnis, in dem
-er zu der Gr&ouml;&szlig;e des vorhandenen Hungers steht.</p>
-<p class="par">Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre
-Schatten auch auf die befriedigten Begierden und beeintr&auml;chtigen
-den <span class="ex">Wert</span> genu&szlig;reicher Stunden. Man kann
-aber auch von dem <span class="ex">gegenw&auml;rtigen</span> Wert
-<span class="pagenum">[<a id="pb211" href="#pb211" name="pb211">211</a>]</span>eines Lustgefühles sprechen. Dieser Wert
-ist um so geringer, je kleiner die Lust im Verh&auml;ltnis zur Dauer
-und St&auml;rke unserer Begierde ist.</p>
-<p class="par">Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an
-Dauer und Grad genau mit unserer Begierde übereinstimmt. Eine,
-gegenüber unserem Begehren kleinere Lustmenge vermindert den
-Lustwert; eine gr&ouml;&szlig;ere erzeugt einen nicht verlangten
-&Uuml;berschu&szlig;, der nur solange als Lust empfunden wird, als wir
-w&auml;hrend des Genie&szlig;ens unsere Begierde zu steigern
-verm&ouml;gen. Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres
-Verlangens mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so
-verwandelt sich die Lust in Unlust. Der Gegenstand, der uns sonst
-befriedigen würde, stürmt auf uns ein, ohne da&szlig; wir es
-wollen, und wir leiden darunter. Dies ist ein Beweis dafür,
-da&szlig; die Lust nur solange für uns einen Wert hat, als wir sie
-an unserer Begierde messen k&ouml;nnen. Ein &Uuml;berma&szlig; von
-angenehmem Gefühl schl&auml;gt in Schmerz um. Wir k&ouml;nnen das
-besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgend einer
-Art von Lust sehr gering ist. Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft
-ist, wird das Essen leicht zum Ekel. Auch daraus geht hervor, da&szlig;
-die Begierde der Wertmesser der Lust ist.</p>
-<p class="par">Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte
-Nahrungstrieb bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten
-Genu&szlig;, sondern positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt. Er
-kann sich hierbei berufen auf das namenlose Elend der von
-Nahrungssorgen heimgesuchten Menschen; auf die Summe von Unlust, die
-solchen Menschen mittelbar aus dem <span class="pagenum">[<a id="pb212"
-href="#pb212" name="pb212">212</a>]</span>Nahrungsmangel erw&auml;chst.
-Und wenn er seine Behauptung auch auf die au&szlig;ermenschliche Natur
-anwenden will, kann er hinweisen auf die Qualen der Tiere, die in
-gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel verhungern. Von diesen
-&Uuml;beln behauptet der Pessimist, da&szlig; sie die durch den
-Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genu&szlig;menge reichlich
-überwiegen.</p>
-<p class="par">Es ist ja zweifellos, da&szlig; man <span class="ex">Lust</span> und <span class="ex">Unlust</span> miteinander
-vergleichen und den &Uuml;berschu&szlig; der einen oder der andern
-bestimmen kann, wie das bei <span class="ex">Gewinn</span> und
-<span class="ex">Verlust</span> geschieht. Wenn aber der Pessimismus
-glaubt, aus dem Umstande, da&szlig; auf Seite der Unlust sich ein
-&Uuml;berschu&szlig; ergiebt, auf die Wertlosigkeit des Lebens
-schlie&szlig;en zu k&ouml;nnen, so ist er insofern im Irrtum, als er
-eine Rechnung macht, die im wirklichen Leben nicht ausgeführt
-wird.</p>
-<p class="par">Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf
-einen bestimmten Gegenstand. Der Lustwert der Befriedigung wird, wie
-wir gesehen haben, um so gr&ouml;&szlig;er sein, je gr&ouml;&szlig;er
-die Lustmenge im Verh&auml;ltnis zur Gr&ouml;&szlig;e unseres Begehrens
-ist<a class="noteref" id="xd23e2750src" href="#xd23e2750" name="xd23e2750src">1</a>. Von der Gr&ouml;&szlig;e unseres Begehrens
-h&auml;ngt es aber auch ab, wie gro&szlig; die Menge der Unlust ist,
-die wir mit in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen. Wir
-vergleichen die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit
-der Gr&ouml;&szlig;e unserer Begierde. Wer gro&szlig;e Freude am Essen
-hat, der wird wegen des Genusses in besseren Zeiten sich leichter
-über eine Periode des Hungerns hinweghelfen, als ein anderer, dem
-diese <span class="pagenum">[<a id="pb213" href="#pb213" name="pb213">213</a>]</span>Freude an der Befriedigung des Nahrungstriebes
-fehlt. Das Weib, das ein Kind haben will, vergleicht nicht die Lust,
-die ihm aus dessen Besitz erw&auml;chst, mit den Unlustmengen, die aus
-Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege u. s. w. sich ergeben, sondern
-mit seiner Begierde nach dem Besitz des Kindes.</p>
-<p class="par">Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter
-Gr&ouml;&szlig;e, sondern die konkrete Befriedigung in einer ganz
-bestimmten Weise. Wenn wir nach einem bestimmten Gegenstand oder einer
-bestimmten Empfindung streben, so k&ouml;nnen wir nicht dadurch
-befriedigt werden, da&szlig; uns ein anderer Gegenstand oder eine
-andere Empfindung zu teil wird, die uns eine Lust von gleicher
-Gr&ouml;&szlig;e bereitet. Wer nach S&auml;ttigung strebt, dem kann man
-die Lust an derselben nicht durch eine gleich gro&szlig;e, aber durch
-einen Spaziergang erzeugte ersetzen. Nur wenn unsere Begierde ganz
-allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte, dann
-mü&szlig;te sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein
-sie an Gr&ouml;&szlig;e überragendes Unlustquantum zu erreichen
-w&auml;re. Da aber die Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt
-wird, so tritt die Lust mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit
-ihr eine sie überwiegende Unlust in Kauf genommen werden
-mu&szlig;. Dadurch, da&szlig; sich die Triebe der Lebewesen in einer
-bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes Ziel losgehen,
-h&ouml;rt die M&ouml;glichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem Ziele
-sich entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor mit in
-Rechnung zu bringen. Wenn die Begierde nur stark genug ist, um nach
-&Uuml;berwindung der Unlust &mdash; und sei sie absolut genommen
-<span class="pagenum">[<a id="pb214" href="#pb214" name="pb214">214</a>]</span>noch so gro&szlig; &mdash; noch in irgend einem
-Grade vorhanden zu sein, so kann die Lust an der Befriedigung doch noch
-in voller Gr&ouml;&szlig;e durchgekostet werden. Die Begierde bringt
-also die Unlust nicht direkt in Beziehung zu der erreichten Lust,
-sondern indirekt, indem sie ihre eigene Gr&ouml;&szlig;e (im
-Verh&auml;ltnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt. Nicht
-darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust
-gr&ouml;&szlig;er ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem
-erstrebten Ziele oder der Widerstand der entgegentretenden Unlust
-gr&ouml;&szlig;er ist. Ist dieser Widerstand gr&ouml;&szlig;er als die
-Begierde, dann ergiebt sich die letztere in das Unvermeidliche,
-erlahmt, und strebt nicht weiter. Dadurch, da&szlig; Befriedigung in
-einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die mit ihr
-zusammenh&auml;ngende Lust eine Bedeutung, die es erm&ouml;glicht, nach
-eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum nur insofern in
-die Rechnung einzustellen, als es das Ma&szlig; unserer Begierde
-verringert hat. Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von Fernsichten
-bin, so berechne ich niemals: wie viel Lust macht mir der Blick von dem
-Berggipfel aus direkt verglichen mit der Unlust des mühseligen
-Auf- und Abstiegs. Ich überlege aber: ob nach &Uuml;berwindung der
-Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft genug
-sein wird. Nur mittelbar durch die Gr&ouml;&szlig;e der Begierde
-k&ouml;nnen Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern. Es fragt
-sich also gar nicht, ob Lust oder Unlust im &Uuml;berma&szlig;e
-vorhanden ist, sondern ob das Wollen der Lust stark genug ist, die
-Unlust zu überwinden.</p>
-<p class="par">Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung
-<span class="pagenum">[<a id="pb215" href="#pb215" name="pb215">215</a>]</span>ist der Umstand, da&szlig; der Wert der Lust
-h&ouml;her angeschlagen wird, wenn sie durch gro&szlig;e Unlust erkauft
-werden mu&szlig;, als dann, wenn sie uns gleichsam wie ein Geschenk des
-Himmels in den Scho&szlig; f&auml;llt. Wenn Leiden und Qualen unsere
-Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch noch erreicht
-wird, dann ist eben die Lust <span class="ex">im Verh&auml;ltnis</span>
-zu dem noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um so
-<span class="ex">gr&ouml;&szlig;er</span>. Dieses Verh&auml;ltnis
-stellt aber, wie ich gezeigt habe, den <span class="ex">Wert</span> der
-Lust dar (vergl. S. <a href="#pb209" class="pageref">209</a>). Ein
-weiterer Beweis ist dadurch gegeben, da&szlig; die Lebewesen
-(einschlie&szlig;lich des Menschen) ihre Triebe solange zur Entfaltung
-bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden Schmerzen und
-Qualen zu ertragen. Und der Kampf ums Dasein ist nur die Folge dieser
-Thatsache. Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung, und nur
-derjenige Teil giebt den Kampf auf, dessen Begierden durch die Gewalt
-der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden. Jedes
-Lebewesen sucht solange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben
-zerst&ouml;rt. Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn
-er (mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten
-Lebensziele nicht erreichen zu k&ouml;nnen. Solange er aber noch an die
-M&ouml;glichkeit glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu
-erreichen, k&auml;mpft er gegen alle Qualen und Schmerzen an. Die
-Philosophie mü&szlig;te dem Menschen erst die Meinung beibringen,
-da&szlig; Wollen nur dann einen Sinn hat, wenn die Lust
-gr&ouml;&szlig;er als die Unlust ist; seiner Natur nach will er die
-Gegenst&auml;nde seines Begehrens erreichen, wenn er die dabei
-notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann auch <span class="pagenum">[<a id="pb216" href="#pb216" name="pb216">216</a>]</span>noch
-so gro&szlig;. Eine solche Philosophie w&auml;re aber irrtümlich,
-weil sie das menschliche Wollen von einem Umstande abh&auml;ngig macht
-(&Uuml;berschu&szlig; der Lust über die Unlust), der dem Menschen
-ursprünglich fremd ist. Der ursprüngliche Ma&szlig;stab des
-Wollens ist die Begierde, und diese setzt sich durch, solange sie kann.
-Wenn ich gezwungen bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums
-&Auml;pfel doppelt so viele schlechte als gute mitzunehmen &mdash; weil
-der Verk&auml;ufer seinen Platz frei bekommen will &mdash; so werde ich
-mich keinen Moment besinnen, die schlechten &Auml;pfel mitzunehmen,
-wenn ich den Wert der geringeren Menge guter für mich so hoch
-veranschlagen darf, da&szlig; ich zu dem Kaufpreis auch noch die
-Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf mich nehmen
-will. Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen den durch
-einen Trieb bereiteten Lust- und Unlustmengen. Ich bestimme den Wert
-der guten &Auml;pfel nicht dadurch, da&szlig; ich ihre Summe von der
-der schlechten subtrahiere, sondern darnach, ob die ersteren trotz des
-Vorhandenseins der letztern noch einen Wert behalten.</p>
-<p class="par">Ebenso wie ich bei dem Genu&szlig; der guten &Auml;pfel
-die schlechten unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der
-Befriedigung einer Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen
-abgeschüttelt habe.</p>
-<p class="par">Wenn der Pessimismus auch Recht h&auml;tte mit seiner
-Behauptung, da&szlig; in der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist:
-auf das Wollen w&auml;re das ohne Einflu&szlig;, denn die Lebewesen
-streben nach der übrigbleibenden Lust doch. Der empirische
-Nachweis, da&szlig; der Schmerz die Freude überwiegt, ist zwar
-geeignet die Aussichtslosigkeit jener philosophischen Richtung
-<span class="pagenum">[<a id="pb217" href="#pb217" name="pb217">217</a>]</span>zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem
-&Uuml;berschu&szlig; der Lust sieht (Eud&auml;monismus), nicht aber das
-Wollen überhaupt als unvernünftig hinzustellen; denn dieses
-geht nicht auf einen &Uuml;berschu&szlig; von Lust, sondern auf die
-nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende Lustmenge. Diese
-erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.</p>
-<p class="par">Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht,
-da&szlig; man behauptete, es sei unm&ouml;glich, den
-&Uuml;berschu&szlig; von Lust oder Unlust in der Welt auszurechnen. Die
-M&ouml;glichkeit einer jeden Berechnung beruht darauf, da&szlig; die in
-Rechnung zu stellenden Dinge ihrer Gr&ouml;&szlig;e nach miteinander
-verglichen werden k&ouml;nnen. Nun hat jede Unlust und jede Lust eine
-bestimmte Gr&ouml;&szlig;e (St&auml;rke und Dauer). Auch
-Lustempfindungen verschiedener Art k&ouml;nnen wir ihrer
-Gr&ouml;&szlig;e nach wenigstens sch&auml;tzungsweise vergleichen. Wir
-wissen, ob uns eine gute Cigarre oder ein guter Witz mehr
-Vergnügen macht. Gegen die Vergleichbarkeit verschiedener Lust-
-und Unlustsorten, ihrer Gr&ouml;&szlig;e nach, l&auml;&szlig;t sich
-somit nichts einwenden. Und der Forscher, der es sich zur Aufgabe
-macht, den Lust- oder Unlustüberschu&szlig; in der Welt zu
-bestimmen, geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus. Man kann
-die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten, aber
-man darf die M&ouml;glichkeit einer wissenschaftlichen Absch&auml;tzung
-der Lust- und Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanze
-nicht anzweifeln. Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, da&szlig;
-aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche Wollen
-etwas folge. Die F&auml;lle, wo wir den Wert unserer Beth&auml;tigung
-wirklich <span class="pagenum">[<a id="pb218" href="#pb218" name="pb218">218</a>]</span>davon abh&auml;ngig machen, ob die Lust oder die
-Unlust einen &Uuml;berschu&szlig; zeigt, sind die, in denen uns die
-Gegenst&auml;nde, auf die unser Thun sich richtet, gleichgültig
-sind. Wenn es sich mir darum handelt, nach meiner Arbeit mir ein
-Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte Unterhaltung zu
-bereiten, und es mir v&ouml;llig gleichgültig ist, was ich zu
-diesem Zwecke thue, so frage ich mich: was bringt mir den
-gr&ouml;&szlig;ten &Uuml;berschu&szlig; an Lust. Und ich unterlasse
-eine Beth&auml;tigung unbedingt, wenn sich die Wage nach der
-Unlustseite hin neigt. Bei einem Kinde, dem wir ein Spielzeug kaufen
-wollen, denken wir bei der Wahl nach, was ihm die meiste Freude
-bereitet. In allen anderen F&auml;llen bestimmen wir uns nicht
-ausschlie&szlig;lich nach der Lustbilanze.</p>
-<p class="par">Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind,
-durch den Nachweis, da&szlig; die Unlust in gr&ouml;&szlig;erer Menge
-vorhanden ist als die Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe
-an die Kulturarbeit zu bereiten, so bedenken sie nicht, da&szlig; sich
-das menschliche Wollen seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht
-beeinflussen l&auml;&szlig;t. Das Streben der Menschen richtet sich
-nach dem Ma&szlig;e der nach &Uuml;berwindung aller Schwierigkeiten
-m&ouml;glichen Befriedigung. Die Hoffnung auf diese Befriedigung ist
-der Grund der menschlichen Beth&auml;tigung. Die Arbeit jedes einzelnen
-und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser Hoffnung. Die
-pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd nach dem Glücke
-als eine unm&ouml;gliche hinstellen zu müssen, damit er sich
-seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme. Aber diese sittlichen
-Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen
-<span class="pagenum">[<a id="pb219" href="#pb219" name="pb219">219</a>]</span>und geistigen Triebe; und die Befriedigung
-derselben wird angestrebt trotz der Unlust, die dabei abf&auml;llt. Die
-Jagd nach dem Glücke, die der Pessimismus ausrotten will, ist also
-gar nicht vorhanden. Die Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen
-hat, vollbringt er, weil er sie kraft seines Wesens vollbringen
-<span class="ex">will</span>. Die pessimistische Ethik behauptet, der
-Mensch k&ouml;nne erst dann sich dem hingeben, was er als seine
-Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben hat.
-Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als die
-Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten
-Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale. Keine
-Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von
-ihm Begehrten hat. Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust,
-denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als deine
-Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart, und
-es ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden Philosophie, wenn
-behauptet wird, der Mensch strebe blo&szlig; nach dem Glücke. Er
-strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt, und die
-Erfüllung ist ihm eine Lust. Was die pessimistische Ethik
-verlangt: nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was
-du als deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was
-der Mensch seinem Wesen nach <span class="ex">will</span>. Der Mensch
-braucht durch die Philosophie nicht erst umgekrempelt zu werden, er
-braucht seine Natur nicht erst abzuwerfen, um sittlich zu sein.
-Sittlichkeit ist Streben nach einem Ziel, solange die damit
-verknüpfte Unlust die Begierde darnach <span class="pagenum">[<a id="pb220" href="#pb220" name="pb220">220</a>]</span>nicht l&auml;hmt. Und dieses ist das Wesen alles
-wirklichen Wollens. Die Ethik beruht nicht auf der Ausrottung alles
-Strebens nach Lust, damit die bleichsüchtigen sittlichen Ideen
-ihre Herrschaft da aufschlagen k&ouml;nnen, wo ihnen keine starke
-Sehnsucht nach Lebensgenu&szlig; entgegensteht, sondern auf dem
-<span class="ex">starken Wollen</span>, das sein Ziel erreicht, auch
-wenn der Weg dazu ein dornenvoller ist.</p>
-<p class="par">Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen
-Phantasie des Menschen. Ihre Verwirklichung h&auml;ngt davon ab,
-da&szlig; sie von dem Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen
-und Qualen zu überwinden. Sie sind <span class="ex">seine</span>
-Intuitionen, die Triebfedern, die sein Geist spannt, er <span class="ex">will</span> sie, weil ihre Verwirklichung seine h&ouml;chste Lust
-ist. Er hat es nicht n&ouml;tig, sich von der Ethik erst verbieten zu
-lassen, da&szlig; er nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen,
-wonach er streben <span class="ex">soll</span>. Er wird nach sittlichen
-Idealen streben, wenn seine moralische Phantasie th&auml;tig genug ist,
-um ihm Intuitionen einzugeben, die seinem Wollen die St&auml;rke
-verleihen, sich durchzusetzen.</p>
-<p class="par">Wer nach Idealen von hehrer Gr&ouml;&szlig;e strebt, der
-thut es, weil sie der Inhalt seines Wollens sind, und die
-Verwirklichung wird ihm ein Genu&szlig; sein, gegen den die Lust,
-welche die Armseligkeit aus der Befriedigung der allt&auml;glichen
-Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist. Idealisten <span class="ex">schwelgen</span> bei der Umsetzung ihrer Ideale in
-Wirklichkeit.</p>
-<p class="par">Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen
-Begehrens ausrotten will, mu&szlig; den Menschen erst zum Sklaven
-machen, der nicht handelt, weil er <span class="pagenum">[<a id="pb221"
-href="#pb221" name="pb221">221</a>]</span>will, sondern weil er soll.
-Denn die Erreichung des Gewollten macht Lust. Was man <span class="ex">das Gute</span> nennt, ist nicht das, was der Mensch <span class="ex">soll</span>, sondern das, was er <span class="ex">will</span>,
-wenn er die volle Menschennatur zur Entfaltung bringt. Wer dies nicht
-anerkennt, der mu&szlig; dem Menschen erst das austreiben, was er will,
-und ihm dann <span class="ex">von au&szlig;en</span> das vorschreiben
-lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.</p>
-<p class="par">Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde
-einen Wert, weil sie aus seinem Wesen entspringt. Das Erreichte hat
-seinen Wert, weil es gewollt ist. Spricht man dem Ziel des menschlichen
-Wollens als solchen seinen Wert ab, dann mu&szlig; man die wertvollen
-Ziele von etwas nehmen, das der Mensch nicht will.</p>
-<p class="par">Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt
-aus der Mi&szlig;achtung der moralischen Phantasie. Wer den
-individuellen Menschengeist nicht für f&auml;hig h&auml;lt, sich
-selbst den Inhalt seines Strebens zu geben, nur der kann die Summe des
-Wollens in der Sehnsucht nach Lust suchen. Der phantasielose Mensch
-schafft keine sittlichen Ideen. Sie müssen ihm gegeben werden.
-Da&szlig; er nach Befriedigung seiner niederen Begierden strebt:
-dafür aber sorgt die physische Natur. Zur Entfaltung des
-<span class="ex">ganzen</span> Menschen geh&ouml;ren aber auch die aus
-dem Geiste stammenden Begierden. Nur wenn man der Meinung ist,
-da&szlig; diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man
-behaupten, da&szlig; er sie von au&szlig;en empfangen soll. Dann ist
-man auch berechtigt, zu sagen, da&szlig; er verpflichtet ist, etwas zu
-thun, was er nicht will. Jede Ethik, die von dem Menschen fordert,
-da&szlig; er sein Wollen zurückdr&auml;nge, <span class="pagenum">[<a id="pb222" href="#pb222" name="pb222">222</a>]</span>um
-Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet nicht mit dem
-<span class="ex">ganzen</span> Menschen, sondern mit einem solchen, dem
-das geistige Begehrungsverm&ouml;gen fehlt. Für den harmonisch
-entwickelten Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht
-<span class="ex">au&szlig;erhalb</span>, sondern <span class="ex">innerhalb</span> des Kreises seines Wollens. Nicht in der
-Austilgung des Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern in der
-<span class="ex">vollen</span> Entwicklung der Menschennatur. Wer die
-sittlichen Ideale nur für erreichbar h&auml;lt, wenn der Mensch
-seinen Eigenwillen ert&ouml;tet, der wei&szlig; nicht, da&szlig; diese
-Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind, wie die Befriedigung der
-sogenannten tierischen Triebe.</p>
-<p class="par">Es ist nicht zu leugnen, da&szlig; die hiermit
-charakterisierten Anschauungen leicht mi&szlig;verstanden werden
-k&ouml;nnen. Unreife Knaben ohne moralische Phantasie sehen gerne die
-Instinkte ihrer Halbnatur für den vollen Menschheitsgehalt an, und
-lehnen alle nicht von ihnen erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie
-ungest&ouml;rt &bdquo;sich ausleben&ldquo; k&ouml;nnen. Da&szlig;
-für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was für den
-Vollmenschen richtig ist, ist selbstverst&auml;ndlich. Wer durch
-Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, da&szlig; seine
-sittliche Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht:
-von dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen
-Menschen gilt. Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem
-unentwickelten Menschen einzupr&auml;gen ist, sondern das, was in dem
-Wesen des ausgereiften Menschen liegt.</p>
-<p class="par">Dieser ausgereifte Mensch giebt seinen Wert sich selbst.
-Nicht die Lust erstrebt er, die ihm als <span class="pagenum">[<a id="pb223" href="#pb223" name="pb223">223</a>]</span>Gnadengeschenk von
-der Natur oder von dem Sch&ouml;pfer gereicht wird; und auch nicht die
-Pflicht erfüllt er, die er als solche erkennt, nachdem er das
-Streben nach Lust abgestreift hat. Er handelt, wie er will, das ist
-nach Ma&szlig;gabe seiner ethischen Intuitionen; und er sieht in der
-Erreichung dessen, was er will, seinen wahren Lebensgenu&szlig;. Den
-Wert des Lebens bestimmt er an dem Verh&auml;ltnis des Erreichten zu
-dem Erstrebten. Die Ethik, welche an die Stelle des Wollens das Sollen,
-an die Stelle der Neigung die Pflicht setzt, bestimmt folgerichtig den
-Wert des Menschen an dem Verh&auml;ltnis dessen, was die Pflicht
-fordert, zu dem, was er erfüllt. Sie mi&szlig;t den Menschen an
-einem au&szlig;erhalb seines Wesens gelegenen Ma&szlig;stab. &mdash;
-Die hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst
-zurück. Sie erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was
-der einzelne nach Ma&szlig;gabe seines Wollens als solchen ansieht. Sie
-wei&szlig; ebensowenig von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert
-des Lebens wie von einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des
-Lebens. Sie sieht in dem Individuum seinen eigenen Herrn und seinen
-eigenen Sch&auml;tzer. <span class="pagenum">[<a id="pb224" href="#pb224" name="pb224">224</a>]</span></p>
-</div>
-<div class="footnotes">
-<hr class="fnsep">
-<div class="footnote-body">
-<p class="par footnote"><span class="label"><a class="noteref" id="xd23e2750" href="#xd23e2750src" name="xd23e2750">1</a></span> Von dem
-Falle, wo durch überm&auml;&szlig;ige Steigerung der Lust diese in
-Unlust umschl&auml;gt, sehen wir hier ab.&nbsp;<a class="fnarrow" href="#xd23e2750src">&uarr;</a></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div id="ch15" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e245">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament03.png" alt="XV." width="636" height="134"></div>
-<h2 class="label">XV.</h2>
-<h2 class="main">Individualit&auml;t und Gattung.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Der Ansicht, da&szlig; der Mensch eine
-vollst&auml;ndig in sich geschlossene, freie Individualit&auml;t ist,
-stehen scheinbar die Thatsachen entgegen, da&szlig; er als Glied
-innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse, Stamm, Volk,
-Familie, m&auml;nnliches und weibliches Geschlecht), und da&szlig; er
-innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche u. s. w.). Er tr&auml;gt
-die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der
-er angeh&ouml;rt, und giebt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den
-Platz, den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.</p>
-<p class="par">Ist dabei überhaupt noch Individualit&auml;t
-m&ouml;glich? Kann man den Menschen selbst als ein Ganzes für sich
-ansehen, wenn er aus einem Ganzen herausw&auml;chst, und in ein Ganzes
-sich eingliedert?</p>
-<p class="par">Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und
-Funktionen nach durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein
-Ganzes, und alle zu ihm geh&ouml;rigen Menschen tragen die
-Eigentümlichkeiten an sich, die im Wesen des Stammes bedingt sind.
-Wie der einzelne <span class="pagenum">[<a id="pb225" href="#pb225"
-name="pb225">225</a>]</span>beschaffen ist und wie er sich
-beth&auml;tigt, ist durch den Stammescharakter bedingt. Dadurch
-erh&auml;lt die Physiognomie und das Thun des einzelnen etwas
-Gattungsm&auml;&szlig;iges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies
-und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem
-Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erkl&auml;rt es
-uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.</p>
-<p class="par">Von diesem Gattungsm&auml;&szlig;igen macht sich aber
-der Mensch frei. Er entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich,
-deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen k&ouml;nnen. Das
-Gattungsm&auml;&szlig;ige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine
-besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von
-der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Material, und giebt
-ihm die seinem eigenen Wesen gem&auml;&szlig;e Form. Wir suchen nun
-vergebens den Grund für eine &Auml;u&szlig;erung dieses Wesens in
-den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu thun,
-das nur durch sich selbst erkl&auml;rt werden kann. Ist ein Mensch bis
-zu dieser Losl&ouml;sung von dem Gattungsm&auml;&szlig;igen
-durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, doch noch aus dem
-Charakter der Gattung erkl&auml;ren, so haben wir für das
-Individuelle kein Organ.</p>
-<p class="par">Es ist unm&ouml;glich, einen Menschen ganz zu verstehen,
-wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zu Grunde legt. Am
-hartn&auml;ckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es
-sich um das Geschlecht des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe,
-das Weib in dem Manne fast immer <span class="pagenum">[<a id="pb226"
-href="#pb226" name="pb226">226</a>]</span>zu viel von dem allgemeinen
-Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem individuellen.
-Im praktischen Leben schadet das den M&auml;nnern weniger als den
-Frauen. Die sociale Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so
-unwürdige, weil sie nicht bedingt ist durch die individuellen
-Eigentümlichkeiten der einzelnen Frau, sondern durch die
-allgemeinen Vorstellungen, die man sich von der natürlichen
-Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die
-Beth&auml;tigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen
-individuellen F&auml;higkeiten und Neigungen, die des Weibes soll
-ausschlie&szlig;lich durch den Umstand bedingt sein, da&szlig; es eben
-Weib ist. Das Weib soll der Sklave des Gattungsm&auml;&szlig;igen, des
-Allgemein-Weiblichen sein. Solange von M&auml;nnern darüber
-debattiert wird, ob die Frau &bdquo;ihrer Naturanlage nach&ldquo; zu
-diesem oder jenem Beruf tauge, so lange kann die sogenannte Frauenfrage
-aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was die Frau ihrer
-Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen.
-Wenn es wahr ist, da&szlig; die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der
-ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen
-anderen erreichen. Sie müssen es aber selbst entscheiden
-k&ouml;nnen, was ihrer Natur gem&auml;&szlig; ist. Wer eine
-Erschütterung unserer socialen Zust&auml;nde davon
-befürchtet, da&szlig; die Frauen nicht als Gattungsmenschen,
-sondern als Individuen genommen werden, dem mu&szlig; entgegnet werden,
-da&szlig; sociale Zust&auml;nde, innerhalb welcher die H&auml;lfte der
-Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der
-Verbesserung gar sehr bedürftig sind.</p>
-<p class="par">Wer die Menschen nach <span class="corr" id="xd23e2886"
-title="Quelle: Gattungscharaktern">Gattungscharakteren</span>
-beurteilt, <span class="pagenum">[<a id="pb227" href="#pb227" name="pb227">227</a>]</span>der kommt eben gerade bis zu der Grenze,
-über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Beth&auml;tigung
-auf freier Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt,
-das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein.
-Die Rassen-, Stammes-, Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten
-sind der Inhalt besonderer Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als
-Exemplare der Gattung leben, k&ouml;nnten sich mit einem allgemeinen
-Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande
-kommt. Aber alle diese Wissenschaften k&ouml;nnen nicht vordringen bis
-zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums. Da wo das Gebiet
-der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, h&ouml;rt das
-Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf. Den
-begrifflichen Inhalt, den der Mensch durch das Denken mit der
-Wahrnehmung in Verbindung bringen mu&szlig;, um der vollen Wirklichkeit
-sich zu bem&auml;chtigen (vgl. S. <a href="#pb86" class="pageref">86</a> ff.), kann niemand ein- für allemal festsetzen
-und der Menschheit fertig hinterlassen. Das Individuum mu&szlig; seine
-Begriffe durch eigene Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken
-hat, l&auml;&szlig;t sich nicht aus irgend einem Gattungsbegriffe
-ableiten. Dafür ist einzig und allein das Individuum
-ma&szlig;gebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu
-bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen
-will. Wer das einzelne Individuum verstehen will, mu&szlig; bis in
-dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei typischen
-Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist jeder
-einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich mit
-abstrakten Gedanken <span class="pagenum">[<a id="pb228" href="#pb228"
-name="pb228">228</a>]</span>und Gattungsbegriffen befa&szlig;t, ist nur
-eine Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zu teil wird, wenn uns
-eine menschliche Individualit&auml;t seine Art, die Welt anzuschauen,
-mitteilt, und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt seines Wollens
-gewinnen. Wo wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit einem
-Menschen zu thun, der frei ist von typischer Denkungsart und
-gattungsm&auml;&szlig;igem Wollen, da müssen wir aufh&ouml;ren,
-irgend welche Begriffe aus unserem Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir
-sein Wesen verstehen wollen. Das Erkennen besteht in der Verbindung des
-Begriffes mit der Wahrnehmung durch das Denken. Bei allen anderen
-Objekten mu&szlig; der Beobachter die Begriffe durch seine Intuition
-gewinnen; beim Verstehen einer freien Individualit&auml;t handelt es
-sich nur darum, deren Begriffe, nach denen sie sich ja selbst
-bestimmen, rein (ohne Vermischung) mit eigenem Begriffsinhalt
-herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen, die in jede
-Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe einmischen,
-k&ouml;nnen nie zu dem Verst&auml;ndnisse einer Individualit&auml;t
-gelangen. So wie die freie Individualit&auml;t sich frei macht von den
-Eigentümlichkeiten der Gattung, so mu&szlig; das Erkennen sich
-frei machen von der Art, wie das Gattungsm&auml;&szlig;ige verstanden
-wird.</p>
-<p class="par">Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der
-gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsm&auml;&szlig;igen,
-kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in
-Betracht. Kein Mensch ist vollst&auml;ndig Gattung, keiner ganz
-Individualit&auml;t. Aber eine gr&ouml;&szlig;ere oder geringere
-Sph&auml;re seines Wesens l&ouml;st jeder Mensch allm&auml;hlich ab,
-ebenso <span class="pagenum">[<a id="pb229" href="#pb229" name="pb229">229</a>]</span>von dem Gattungsm&auml;&szlig;igen des
-animalischen Lebens, wie von den despotisch ihn beherrschenden Geboten
-menschlicher Autorit&auml;ten.</p>
-<p class="par">Für den Teil, für den sich der Mensch aber
-eine solche Freiheit nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb
-des Natur- und Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es
-andern abgukt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen ethischen Wert hat
-nur der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt.
-Den fügt er zur schon vorhandenen Summe sittlicher Begriffe hinzu.
-Aus solchen ethischen Intuitionen entspringt alle sittliche
-Beth&auml;tigung der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche
-Leben der Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen
-Phantasieerzeugnisse der freien menschlichen Individuen. Dies ist das
-Glaubensbekenntnis des Monismus. Er kann in der Geschichte des
-sittlichen Lebens nicht die Erziehung des Menschengeschlechtes durch
-einen jenseitigen Gott erkennen, sondern nur das allm&auml;hliche
-Ausleben aller Begriffe und Ideen, die aus der moralischen Phantasie
-entspringen k&ouml;nnen. <span class="pagenum">[<a id="pb231" href="#pb231" name="pb231">231</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="div0 part">
-<h2 class="main">Die letzten Fragen.</h2>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb233" href="#pb233" name="pb233">233</a>]</span></p>
-<div id="ch16" class="div1 chapter"><span class="pagenum">[<a href="#xd23e257">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<div class="figure"><img src="images/ornament04.png" alt="Die Konsequenzen des Monismus." width="627" height="134"></div>
-<h2 class="main">Die Konsequenzen des Monismus.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Die einheitliche Naturerkl&auml;rung oder der
-Monismus entnimmt der menschlichen Erfahrung alle Prinzipien, die er
-zur Erkl&auml;rung der Welt braucht. Die Quellen des Handelns sucht er
-ebenfalls innerhalb der Beobachtungswelt, n&auml;mlich in der unserer
-Selbsterkenntnis zug&auml;nglichen menschlichen Natur, und zwar in der
-moralischen Phantasie. Er lehnt es ab, die letzten Gründe für
-die dem Wahrnehmen und Denken vorliegende Welt <span class="ex">au&szlig;erhalb</span> derselben zu suchen. Für den Monismus
-ist die Einheit, welche die denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen
-Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die das
-menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es auch
-vollkommen befriedigt wird. Wer hinter dieser Einheit noch eine andere
-sucht, der beweist damit nur, da&szlig; er die &Uuml;bereinstimmung des
-durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten
-nicht erkennt. Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt
-nicht thats&auml;chlich abgesondert. Es ist ein Teil der Welt, und der
-Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos ist nicht der Wirklichkeit nach,
-sondern nur für unsere Wahrnehmung <span class="pagenum">[<a id="pb234" href="#pb234" name="pb234">234</a>]</span>unterbrochen. Wir
-sehen für&rsquo;s erste diesen Teil als für sich
-existierendes Wesen, weil wir die Riemen und Seile nicht sehen, durch
-welche die Bewegung unseres Lebensrades von den Grundkr&auml;ften des
-Kosmos bewirkt wird. Wer auf diesem Wahrnehmungsstandpunkt stehen
-bleibt, der sieht den Teil eines Ganzen für ein wirklich
-selbst&auml;ndig existierendes Wesen, eine Monade, an, welches die
-Kunde von der übrigen Welt auf irgend eine Weise von au&szlig;en
-erh&auml;lt. Der Monismus hat gezeigt, da&szlig; die
-Selbst&auml;ndigkeit nur so lange geglaubt werden kann, als das
-Wahrgenommene nicht durch das Denken in das Netz der Begriffswelt
-eingespannt wird. Geschieht dies, so entpuppt sich alle Teilexistenz in
-der Welt, alles besondere Dasein als ein blo&szlig;er <span class="ex">Schein des Wahrnehmens</span>. Eine in sich geschlossene
-Totalexistenz kann nur dem Universum in seiner Ganzheit zugeschrieben
-werden. Das Denken zerst&ouml;rt den Schein des Wahrnehmens und
-gliedert auch unsere individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein.
-Die Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen
-enth&auml;lt, nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven
-Pers&ouml;nlichkeit in sich auf. Das Denken giebt uns von der
-Wirklichkeit die wahre Gestalt, als einer in sich geschlossenen
-Einheit, w&auml;hrend die Mannigfaltigkeit der Wahrnehmungen nur ein
-durch unsere Organisation bedingter Schein ist (vgl. S. <a href="#pb163" class="pageref">163</a> ff.). Die Erkenntnis der wirklichen
-Einheit gegenüber dem Schein des Vielen bildete zu allen Zeiten
-das Ziel des menschlichen Denkens. Die Wissenschaft bemühte sich
-die zusammenhanglos scheinenden Wahrnehmungen durch Aufdeckung der
-gesetzm&auml;&szlig;igen Zusammenh&auml;nge innerhalb derselben als
-<span class="pagenum">[<a id="pb235" href="#pb235" name="pb235">235</a>]</span>Einheit, zu erkennen. Weil man aber der Ansicht
-war, da&szlig; der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang
-nur eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der
-Einheit in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte
-(Gott, Wille, absoluter Geist u. s. w.). &mdash; Und, auf diese Meinung
-gestützt, bestrebte man sich zu dem Wissen über die innerhalb
-der Erfahrung erkennbaren Zusammenh&auml;nge noch ein zweites zu
-gewinnen, das über die Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang
-derselben mit den nicht mehr erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt
-(Metaphysik). Den Grund, warum wir durch logisch geregeltes Denken den
-Weltzusammenhang begreifen, sah man darin, da&szlig; ein Urwesen nach
-logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat, und den Grund für unser
-Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens. Man erkannte nicht,
-da&szlig; das Denken Subjektives und Objektives zugleich umspannt, und
-da&szlig; in dem Zusammenschlu&szlig; der Wahrnehmung mit dem Begriff
-die totale Wirklichkeit vermittelt wird. Nur solange wir die die
-Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzm&auml;&szlig;igkeit
-in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben wir es
-in der That mit etwas rein Subjektivem zu thun. Subjektiv ist aber
-nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu der
-Wahrnehmung hinzugewonnen wird. Dieser Inhalt ist nicht aus dem
-Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen. Er ist der Teil der
-Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann. Er ist
-Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung. Wer
-sich nicht vorstellen kann, da&szlig; der Begriff ein Wirkliches ist,
-der <span class="pagenum">[<a id="pb236" href="#pb236" name="pb236">236</a>]</span>denkt nur an die abstrakte Form, wie er
-denselben in seinem Geiste festh&auml;lt. Aber in solcher Absonderung
-ist er ebenso nur durch unsere Organisation vorhanden, wie die
-Wahrnehmung es ist. Auch der Baum, den man wahrnimmt, hat abgesondert
-für sich keine Existenz. Er ist nur innerhalb des gro&szlig;en
-R&auml;derwerkes der Natur ein Glied, und nur in realem Zusammenhang
-mit ihr m&ouml;glich. Ein abstrakter Begriff hat für sich keine
-Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für sich. Die
-Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv, der Begriff
-derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vergl. S. <a href="#pb94"
-class="pageref">94</a> ff.) gegeben wird. Unsere geistige Organisation
-rei&szlig;t die Wirklichkeit in diese beiden Faktoren auseinander. Der
-eine Faktor erscheint dem Wahrnehmen, der andere der Intuition. Erst
-der Zusammenhang der beiden, die gesetzm&auml;&szlig;ig sich in das
-Universum eingliedernde Wahrnehmung, ist volle Wirklichkeit. Betrachten
-wir die blo&szlig;e Wahrnehmung für sich, so haben wir keine
-Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses Chaos; betrachten wir die
-Gesetzm&auml;&szlig;igkeit der Wahrnehmungen für sich, dann haben
-wir es blo&szlig; mit abstrakten Begriffen zu thun. Nicht der abstrakte
-Begriff enth&auml;lt die Wirklichkeit; wohl aber die denkende
-Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung
-für sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.</p>
-<hr class="tb">
-<p class="par"></p>
-<p class="par">Da&szlig; wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer
-realen Existenz in derselben wurzeln), wird selbst der orthodoxeste
-Idealist nicht leugnen. Er wird nur bestreiten, da&szlig; wir ideell
-mit unserem Erkennen auch <span class="pagenum">[<a id="pb237" href="#pb237" name="pb237">237</a>]</span>das erreichen, was wir real
-durchleben. Dem gegenüber zeigt der Monismus, da&szlig; das Denken
-weder subjektiv, noch objektiv, sondern ein beide Seiten der
-Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist. Wenn wir denkend beobachten,
-vollziehen wir einen Proze&szlig;, der selbst in die Reihe des
-wirklichen Geschehens geh&ouml;rt. Wir überwinden durch das Denken
-innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des blo&szlig;en
-Wahrnehmens. Wir k&ouml;nnen durch abstrakte, begriffliche Hypothesen
-(durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht
-erklügeln, aber wir <span class="ex">leben</span>, indem wir zu
-den Wahrnehmungen die Ideen finden, in dem Wirklichen. Der Monismus
-sucht zu der Erfahrung kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht
-in Begriff und Wahrnehmung das Wirkliche. Er spinnt aus blo&szlig;en
-Begriffen keine Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die
-<span class="ex">eine</span> Seite der Wirklichkeit sieht, die dem
-Wahrnehmen verborgen bleibt, und nur im Zusammenhang mit der
-Wahrnehmung einen Sinn hat. Er ruft aber in dem Menschen die
-&Uuml;berzeugung hervor, da&szlig; er in der Welt der Wirklichkeit lebt
-und nicht au&szlig;erhalb seiner Welt eine h&ouml;here Wirklichkeit zu
-suchen hat. Er h&auml;lt davon ab, das Absolut-Wirkliche anderswo als
-in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt der Erfahrung selbst als
-das Wirkliche erkennt. Und er ist befriedigt durch diese Wirklichkeit,
-weil er wei&szlig;, da&szlig; das Denken auf keine andere hinweist. Was
-der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt sucht, das findet der
-Monismus in dieser selbst. Der Monismus zeigt, da&szlig; wir mit
-unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt ergreifen,
-nicht in <span class="pagenum">[<a id="pb238" href="#pb238" name="pb238">238</a>]</span>einem subjektiven Bilde. Für den Monismus
-ist der Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen
-derselbe (vergl. S. <a href="#pb88" class="pageref">88</a> ff.). Nach
-monistischen Prinzipien betrachtet ein menschliches Individuum ein
-anderes als seinesgleichen, weil es derselbe Weltinhalt ist, der sich
-in ihm auslebt. Es giebt in der einigen Begriffswelt nicht etwa so
-viele Begriffe des L&ouml;wen, wie es Individuen giebt, die einen
-L&ouml;wen denken, sondern nur <span class="ex">einen</span>. Und der
-Begriff, den A zu der Wahrnehmung des L&ouml;wen hinzufügt, ist
-derselbe, wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt
-aufgefa&szlig;t. (Vergl. S. <a href="#pb89" class="pageref">89</a>.)
-Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte auf die gemeinsame
-ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit. Die einige Ideenwelt lebt sich
-in ihnen als in einer Vielheit von Individuen aus. So lange sich der
-Mensch blo&szlig; durch Selbstwahrnehmung erfa&szlig;t, sieht er sich
-als diesen besonderen Menschen an, so bald er auf die in ihm
-aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt, sieht er
-in sich das absolut Wirkliche lebendig. Der Dualismus bestimmt das
-g&ouml;ttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und
-in ihnen allen lebt. Der Monismus findet dieses gemeinsame
-g&ouml;ttliche Leben in der Wirklichkeit selbst. Der ideelle Inhalt
-eines andern Subjektes ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur
-solange als einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, so
-bald ich denke. Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil
-der gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen
-auch durch den thats&auml;chlichen Inhalt ihres Denkens. Aber diese
-Inhalte sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die
-<span class="pagenum">[<a id="pb239" href="#pb239" name="pb239">239</a>]</span>Denkinhalte aller Menschen umfa&szlig;t. Das
-gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt, ergreift somit der
-Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt erfüllte Leben
-in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott. Die Welt ist Gott.
-Das Jenseits beruht auf einem Mi&szlig;verst&auml;ndnis derer, die
-glauben, da&szlig; das Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in
-sich hat. Sie sehen nicht ein, da&szlig; sie durch das Denken das
-finden, was sie zur Erkl&auml;rung der Wahrnehmung verlangen. Deshalb
-hat aber auch noch keine Spekulation einen Inhalt zu Tage
-gef&ouml;rdert, der nicht aus der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt
-w&auml;re. Der pers&ouml;nliche Gott ist nur der in ein Jenseits
-versetzte Mensch, der Wille Schopenhauers die verabsolutierte
-menschliche Willenskraft, das aus Idee und Wille zusammengesetzte
-unbewu&szlig;te Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung zweier
-Abstraktionen aus der Erfahrung. Genau dasselbe ist von allen anderen
-jenseitigen Prinzipien zu sagen.</p>
-<p class="par">Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über
-die Wirklichkeit hinaus, in der wir leben, und er hat es auch nicht
-n&ouml;tig, da alles in dieser Welt liegt, was er zu ihrer
-Erkl&auml;rung braucht. Wenn sich die Philosophen zuletzt befriedigt
-erkl&auml;ren mit der Herleitung der Welt aus Prinzipien, die sie der
-Erfahrung entlehnen und in ein Jenseits versetzen, so mu&szlig; eine
-solche Befriedigung auch m&ouml;glich sein, wenn der gleiche Inhalt im
-Diesseits belassen wird, wohin er ohnedies geh&ouml;rt. Alles
-Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und die aus der
-Welt hinausversetzten Prinzipien erkl&auml;ren die Welt nicht besser,
-als die in derselben liegenden. Das sich selbst verstehende
-<span class="pagenum">[<a id="pb240" href="#pb240" name="pb240">240</a>]</span>Denken fordert aber auch gar nicht zu einem
-solchen Hinausgehen auf, da es keinen Gedankeninhalt giebt, der nicht
-innerhalb der Welt einen Wahrnehmungsinhalt findet, mit dem zusammen er
-ein Wirkliches bildet. Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte,
-die ihre Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die
-auf einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen. Durch diesen Wahrnehmungsinhalt
-gliedern sie sich der Wirklichkeit ein. Ein Begriff, der mit einem
-Inhalt erfüllt ist, der au&szlig;erhalb der uns gegebenen Welt
-liegen soll, ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht.
-Ersinnen k&ouml;nnen wir nur die <span class="ex">Begriffe</span> der
-Wirklichkeit; um diese selbst zu finden, bedarf es auch noch des
-Wahrnehmens. Ein Urwesen der Welt, für das ein Inhalt <span class="ex">erdacht</span> wird, ist für ein sich selbst verstehendes
-Denken eine unm&ouml;gliche Annahme. Der Monismus leugnet nicht das
-Ideelle, er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle
-Gegenstück fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er
-findet im ganzen Gebiet des Denkens nichts, das nicht der diesseitigen
-Welt angeh&ouml;rte. Der Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich
-darauf beschr&auml;nkt, die Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den
-ideellen Erg&auml;nzungen derselben vorzudringen, eine Halbheit. Aber
-er betrachtet ebenso als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre
-Erg&auml;nzung nicht in der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das
-die beobachtbare Welt umspannende Begriffsnetz einfügen. Er kennt
-daher keine Ideen, die auf ein jenseits unserer Erfahrung liegendes
-Objektives hindeuten, und die den Inhalt einer Metaphysik bilden
-sollen. Alles <span class="pagenum">[<a id="pb241" href="#pb241" name="pb241">241</a>]</span>was die Menschheit an solchen Ideen erzeugt hat,
-sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung, deren Entlehnung aus
-derselben von ihren Urhebern nur übersehen wird.</p>
-<p class="par">Ebensowenig k&ouml;nnen nach monistischen
-Grunds&auml;tzen die Ziele unseres Handelns aus einem Jenseits
-entnommen werden. Sie müssen, insofern sie gedacht sind, aus der
-menschlichen Intuition stammen. Der Mensch macht nicht die Zwecke eines
-objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen individuellen Zwecken,
-sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von seiner moralischen Phantasie
-gegebenen. Die in einer Handlung sich verwirklichende Idee l&ouml;st
-der Mensch aus der einigen Ideenwelt los und legt sie seinem Wollen zu
-Grunde. In seinem Handeln leben sich also nicht die aus dem Jenseits
-dem Diesseits eingeimpften Gebote aus, sondern die der diesseitigen
-Welt angeh&ouml;rigen menschlichen Intuitionen. Der Monismus kennt
-keinen Weltenlenker, der au&szlig;erhalb unserer selbst unseren
-Handlungen Ziel und Richtung setzte. Der Mensch findet keinen
-jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse er erforschen
-k&ouml;nnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen er mit seinen
-Handlungen hinzuzusteuern hat. Er ist auf sich selbst
-zurückgewiesen. Er selbst mu&szlig; seinem Handeln einen Inhalt
-geben. Wenn er au&szlig;erhalb der Welt, in der er lebt, nach
-Bestimmungsgründen seines Wollens sucht, so forscht er vergebens.
-Er mu&szlig; sie, wenn er über die Befriedigung seiner
-natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt hat,
-hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen, wenn es
-nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen Phantasie
-anderer <span class="pagenum">[<a id="pb242" href="#pb242" name="pb242">242</a>]</span>sich bestimmen zu lassen, das hei&szlig;t: er
-mu&szlig; alles Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen
-handeln, die er sich selbst aus der Welt seiner Ideen heraus giebt,
-oder die ihm andere aus derselben heraus geben. Er wird, wenn er
-über sein sinnliches Triebleben und über die Ausführung
-der Befehle anderer Menschen hinauskommt, durch nichts, als durch sich
-selbst bestimmt. Er mu&szlig; aus einem von ihm selbst gesetzten, durch
-nichts anderes bestimmten Antrieb handeln. Ideell ist dieser Antrieb
-allerdings in der einigen Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur
-durch den Menschen aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt
-werden. Für die aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit
-durch den Menschen kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den
-Grund finden. Da&szlig; eine Idee zur Handlung werde, mu&szlig; der
-Mensch erst <span class="ex">wollen</span>, bevor es geschehen kann.
-Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem Menschen
-<span class="corr" id="xd23e2976" title="Quelle: selbt">selbst</span>.
-Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner Handlung. Er ist
-<span class="ex">frei</span>.</p>
-<p class="trailer xd23e2982"><span class="ex">Ende.</span></p>
-<p><span class="pagenum">[<a id="pb243" href="#pb243" name="pb243">243</a>]</span></p>
-</div>
-</div>
-</div>
-</div>
-<div class="back">
-<div class="div1 ads"><span class="pagenum">[<a href="#toc">Inhalt</a>]</span>
-<div class="divHead">
-<h2 class="main">Verlag von Emil Felber in Berlin.</h2>
-</div>
-<div class="divBody">
-<p class="par first">Beitr&auml;ge zur Volks- und V&ouml;lkerkunde.</p>
-<p class="par">Bd. I. <b>Wlislocki, Dr. H. v., Volksglaube und
-Volksbrauch der Siebenbürger Sachsen.</b> 5.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Ein herzerfreuendes Buch über das
-schwerbedr&auml;ngte Brudervolk.</p>
-<p class="par">Bd. II. <b>Achelis, Th., Die Entwicklung der Ehe</b>.
-2.60 M.</p>
-<p class="par adReview">Gründlich ausgearbeitet und dabei knapp
-gehalten. Ein aussergew&ouml;hnlich interessantes Buch.</p>
-<p class="par"><b lang="en">Byron&rsquo;s Siege of Corinth.</b> Mit
-Einleitung und Anmerkungen herausgegeben von <b>Eugen
-K&ouml;lbing</b>.</p>
-<p class="par adReview">Von der deutschen und der englischen Kritik als
-&raquo;Muster-Ausgabe&laquo; bezeichnet. Jedem Byron-Leser bestens
-empfohlen.</p>
-<p class="par"><b>Pantschatantra.</b> Ein altes indisches Lehrbuch der
-Lebensklugheit in Erz&auml;hlungen und Sprüchen. Aus dem Sanskrit
-neu übersetzt von <b>Ludwig Fritze</b>. Gebunden. 6.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">&raquo;Eines der berühmtesten, sinnigsten
-und gedankenreichsten Bücher, die je geschrieben sind&laquo;, in
-vorzüglicher &Uuml;bersetzung.</p>
-<p class="par"><b lang="en">Percy&rsquo;s Reliques of ancient
-<span class="corr" id="xd23e3027" title="Quelle: english">English</span> poetry.</b> Nach der ersten Ausgabe
-von 1765 mit den Varianten der sp&auml;teren Original-Ausgaben
-herausgegeben und mit Einleitung versehen von <b>M. M. Arnold
-Schr&ouml;er</b>. 2 Bde. 15.&mdash; M., geb. 17.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Die beste Ausgabe des klassischen Werkes.</p>
-<p class="par"><b>Sanders, Daniel, Aus der Werkstatt eines
-W&ouml;rterbuchschreibers.</b> Plaudereien. 1.50 M., geb. 2.&mdash;
-M.</p>
-<p class="par">&mdash; &mdash; <b>Bausteine zu einem W&ouml;rterbuch
-der sinnverwandten Ausdrücke im Deutschen.</b> 6.&mdash; M., geb.
-7.&mdash; M.</p>
-<p class="par">&mdash; &mdash; <b>Neue Beitr&auml;ge zur deutschen
-Synonymik.</b> 3.&mdash; M., geb. 3.60 M.</p>
-<p class="par">&mdash; &mdash; <b>Erg&auml;nzungsw&ouml;rterbuch der
-deutschen Sprache.</b> Eine Vervollst&auml;ndigung und Erweiterung
-aller bisher erschienenen deutschsprachlichen W&ouml;rterbücher.
-30.&mdash; M., geb. 33.&mdash; M.</p>
-<p class="par">&mdash; &mdash; <b>Leitfaden zur Grundlage der deutschen
-Grammatik.</b> 1.60 M., geb. 2.20 M.</p>
-<p class="par">&mdash; &mdash; <b>Satzbau und Wortfolge in der
-deutschen Sprache.</b> Dargelegt und erl&auml;utert. 2.40 M., geb.
-3.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Die berühmten Sandersschen Werke
-bedürfen keiner besonderen Empfehlung.</p>
-<p class="par"><b>Sarrazin, Gregor, Thomas Kyd und sein Kreis.</b> Eine
-litterarhistorische Untersuchung. 3.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Wegen der Untersuchung über den Ur-Hamlet
-für jeden Shakespeare-Leser von h&ouml;chster Wichtigkeit.
-<span class="pagenum">[<a id="pb244" href="#pb244" name="pb244">244</a>]</span></p>
-<p class="par"><b>Meinck, Ernst, Die sagenwissenschaftlichen Grundlagen
-der Nibelungendichtung Rich. Wagners.</b> 6.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Anerkannt das Beste, was bisher über die
-Wagnersche Dichtung erschienen ist. Geistvoll, gründlich und
-ersch&ouml;pfend. In den &raquo;Bayreuther Bl&auml;ttern&laquo; als
-für jeden Sch&ouml;nes und Neues bringend bestens empfohlen.</p>
-<p class="par"><b>Schrader, Hermann, Der Bilderschmuck der deutschen
-Sprache.</b> Einblick in den unersch&ouml;pflichen Bilderreichtum
-unserer Sprache und ein Versuch wissenschaftlicher Deutung. 6.&mdash;
-M., geb. 7.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Jeder, der seine Muttersprache liebt, sollte
-dieses herrliche Buch besitzen. In 6 Jahren wurden über 5000
-Exemplare verkauft.</p>
-<p class="par"><b>Wlislocki, Dr. H. v., Aus dem inneren Leben der
-Zigeuner.</b> Ethnologische Mitteilungen. Mit 28 Abbildungen. 6.&mdash;
-M.</p>
-<p class="par adReview">Trotz seiner Wissenschaftlichkeit spannender
-und interessanter als ein Roman. Von der gesamten Presse in
-spaltenlangen Aufs&auml;tzen gewürdigt.</p>
-<p class="par"><b>Zeitschrift für Kulturgeschichte.</b> Neue (4.)
-Folge der Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. Herausgegeben
-von <b>Dr. Georg Steinhausen</b>, Kustos an der
-Universit&auml;tsbibliothek in Jena. J&auml;hrlich 1 Band von 6 Heften
-zum Preise von 10.&mdash; M.</p>
-<p class="par adReview">Wohl die interessanteste wissenschaftliche
-Zeitschrift.</p>
-<p class="par"><b>Zeitschrift für vergleichende
-Litteraturgeschichte.</b> <span class="ex">Neue Folge.</span>
-Herausgegeben von <b>Max Koch</b>, Professor an der Universit&auml;t
-Breslau. J&auml;hrlich 1 Band von 6 Heften zum Preise von 14.&mdash;
-M.</p>
-<p class="par adReview">Jedem Litteraturfreunde w&auml;rmstens
-empfohlen. Berücksichtigt auch Volkskunde in hervorragender
-Weise.</p>
-<hr class="tb">
-<p class="par"></p>
-<p class="par xd23e3117">Pierer&rsquo;sche Hofbuchdruckerei. Stephan
-Geibel &amp; Co. in Altenburg.</p>
-</div>
-</div>
-<div class="transcribernote">
-<h2 class="main">Kolophon</h2>
-<h3 class="main">Korrekturen</h3>
-<p>Die folgenden Korrekturen sind am Text angewendet worden:</p>
-<table class="correctiontable" summary="&Uuml;bersicht der Korrekturen im Text">
-<tr>
-<th>Seite</th>
-<th>Quelle</th>
-<th>Korrektur</th>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e445">12</a></td>
-<td class="width40 bottom">Stoss</td>
-<td class="width40 bottom">Sto&szlig;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e462">14</a></td>
-<td class="width40 bottom">verwickelsten</td>
-<td class="width40 bottom">verwickeltsten</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e493">16</a></td>
-<td class="width40 bottom">Ganze</td>
-<td class="width40 bottom">Ganzes</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e541">18</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">&ldquo;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e544">18</a></td>
-<td class="width40 bottom">&ldquo;</td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Weggelassen</i>]</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e805">42</a>,
-<a class="pageref" href="#xd23e2237">174</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">.</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e857">47</a></td>
-<td class="width40 bottom">k&ouml;nne</td>
-<td class="width40 bottom">k&ouml;nnte</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e942">55</a>,
-<a class="pageref" href="#xd23e1384">104</a>, <a class="pageref" href="#xd23e2209">173</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">,</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1082">69</a></td>
-<td class="width40 bottom">Sinnesorgannen</td>
-<td class="width40 bottom">Sinnesorganen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1157">78</a></td>
-<td class="width40 bottom">Bewustsein</td>
-<td class="width40 bottom">Bewu&szlig;tsein</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1287">93</a></td>
-<td class="width40 bottom">Bewustssein</td>
-<td class="width40 bottom">Bewu&szlig;tsein</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1381">104</a></td>
-<td class="width40 bottom">Wahnehmung</td>
-<td class="width40 bottom">Wahrnehmung</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1391">104</a></td>
-<td class="width40 bottom">Denkvem&ouml;gen</td>
-<td class="width40 bottom">Denkverm&ouml;gen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1396">105</a></td>
-<td class="width40 bottom">Begriffsystemen</td>
-<td class="width40 bottom">Begriffssystemen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1430">106</a></td>
-<td class="width40 bottom">Aussenwelt</td>
-<td class="width40 bottom">Au&szlig;enwelt</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1682">133</a></td>
-<td class="width40 bottom">unmittebar</td>
-<td class="width40 bottom">unmittelbar</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1692">134</a></td>
-<td class="width40 bottom">Auffassungsmitttel</td>
-<td class="width40 bottom">Auffassungsmittel</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1695">134</a></td>
-<td class="width40 bottom">des</td>
-<td class="width40 bottom">das</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1715">136</a></td>
-<td class="width40 bottom">ideele</td>
-<td class="width40 bottom">ideelle</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1730">139</a></td>
-<td class="width40 bottom">chrakterologische</td>
-<td class="width40 bottom">charakterologische</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1820">144</a></td>
-<td class="width40 bottom">rücksichtloser</td>
-<td class="width40 bottom">rücksichtsloser</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1823">144</a></td>
-<td class="width40 bottom">dass</td>
-<td class="width40 bottom">da&szlig;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1893">149</a></td>
-<td class="width40 bottom">betimmten</td>
-<td class="width40 bottom">bestimmten</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e1896">149</a></td>
-<td class="width40 bottom">Ausser</td>
-<td class="width40 bottom">Au&szlig;er</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2108">165</a></td>
-<td class="width40 bottom">erl&ouml;&szlig;t</td>
-<td class="width40 bottom">erl&ouml;st</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2161">169</a></td>
-<td class="width40 bottom">sowie</td>
-<td class="width40 bottom">so wie</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2219">173</a>,
-<a class="pageref" href="#xd23e2234">174</a></td>
-<td class="width40 bottom">[<i>Nicht in der Quelle</i>]</td>
-<td class="width40 bottom">&bdquo;</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2268">177</a></td>
-<td class="width40 bottom">bervor</td>
-<td class="width40 bottom">bevor</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2310">179</a></td>
-<td class="width40 bottom">Phatasie</td>
-<td class="width40 bottom">Phantasie</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2343">181</a></td>
-<td class="width40 bottom">s ch</td>
-<td class="width40 bottom">sich</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2392">186</a></td>
-<td class="width40 bottom">metaphisischen</td>
-<td class="width40 bottom">metaphysischen</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2549">194</a></td>
-<td class="width40 bottom">innern</td>
-<td class="width40 bottom">inneren</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2575">198</a></td>
-<td class="width40 bottom">ensteht</td>
-<td class="width40 bottom">entsteht</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2662">204</a></td>
-<td class="width40 bottom">dem</td>
-<td class="width40 bottom">den</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2886">226</a></td>
-<td class="width40 bottom">Gattungscharaktern</td>
-<td class="width40 bottom">Gattungscharakteren</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e2976">242</a></td>
-<td class="width40 bottom">selbt</td>
-<td class="width40 bottom">selbst</td>
-</tr>
-<tr>
-<td class="width20"><a class="pageref" href="#xd23e3027">243</a></td>
-<td class="width40 bottom">english</td>
-<td class="width40 bottom">English</td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-***** This file should be named 53493-h.htm or 53493-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/4/9/53493/
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/53493-h/images/new-cover-tn.jpg b/old/53493-h/images/new-cover-tn.jpg
deleted file mode 100644
index f350e93..0000000
--- a/old/53493-h/images/new-cover-tn.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/new-cover.jpg b/old/53493-h/images/new-cover.jpg
deleted file mode 100644
index 71e4fba..0000000
--- a/old/53493-h/images/new-cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/ornament01.png b/old/53493-h/images/ornament01.png
deleted file mode 100644
index 9ae8c93..0000000
--- a/old/53493-h/images/ornament01.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/ornament02.png b/old/53493-h/images/ornament02.png
deleted file mode 100644
index 19b3c2b..0000000
--- a/old/53493-h/images/ornament02.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/ornament03.png b/old/53493-h/images/ornament03.png
deleted file mode 100644
index a4f186e..0000000
--- a/old/53493-h/images/ornament03.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/ornament04.png b/old/53493-h/images/ornament04.png
deleted file mode 100644
index 2357a3d..0000000
--- a/old/53493-h/images/ornament04.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/53493-h/images/titlepage.png b/old/53493-h/images/titlepage.png
deleted file mode 100644
index cae451f..0000000
--- a/old/53493-h/images/titlepage.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/old/53493-8.txt b/old/old/53493-8.txt
deleted file mode 100644
index d95447e..0000000
--- a/old/old/53493-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,6383 +0,0 @@
-Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Die Philosophie der Freiheit
- Grundzüge einer modernen Weltanschauung
-
-Author: Rudolf Steiner
-
-Release Date: November 10, 2016 [EBook #53493]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-
-
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT.
-
- GRUNDZÜGE EINER MODERNEN WELTANSCHAUUNG.
-
-
- VON
-
- DR. RUDOLF STEINER.
-
- Beobachtungs-Resultate nach naturwissenschaftlicher
- Methode.
-
-
-
- BERLIN.
- VERLAG VON EMIL FELBER.
- 1894.
-
-
-
-
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten.
-
-
-
-
-
-
-
-
-INHALT.
-
-
- Wissenschaft der Freiheit. Seite
-
- Die Ziele alles Wissens 3
- Das bewußte menschliche Handeln 9
- Der Grundtrieb zur Wissenschaft 22
- Das Denken im Dienste der Weltauffassung 31
- Die Welt als Wahrnehmung 52
- Das Erkennen der Welt 77
- Die menschliche Individualität 100
- Giebt es Grenzen des Erkennens? 108
-
-
- Die Wirklichkeit der Freiheit.
-
- Die Faktoren des Lebens 129
- Die Idee der Freiheit 136
- Freiheitsphilosophie und Monismus 162
- Weltzweck und Lebenszweck (Bestimmung des Menschen) 170
- Die moralische Phantasie (Darwinismus und Sittlichkeit) 177
- Der Wert des Lebens (Pessimismus und Optimismus) 191
- Individualität und Gattung 224
-
-
- Die letzten Fragen.
-
- Die Konsequenzen des Monismus 233
-
-
-
-
-
-
-
-
-WISSENSCHAFT DER FREIHEIT.
-
-
-I.
-
-DIE ZIELE ALLES WISSENS.
-
-
-Ich glaube einen Grundzug unseres Zeitalters richtig zu treffen, wenn
-ich sage: der Kultus des menschlichen Individuums strebt gegenwärtig
-dahin, Mittelpunkt aller Lebensinteressen zu werden. Mit Energie wird
-die Überwindung jeder wie immer gearteten Autorität erstrebt. Was
-gelten soll, muß seinen Ursprung in den Wurzeln der Individualität
-haben. Abgewiesen wird alles, was die volle Entfaltung der Kräfte
-des Einzelnen hemmt. "Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem
-er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet," gilt nicht mehr für
-uns. Wir lassen uns keine Ideale aufdrängen; wir sind überzeugt, daß
-in jedem von uns etwas lebt, das edel ist und wert, zur Entwicklung
-zu kommen, wenn wir nur tief genug, bis in den Grund unseres Wesens,
-hinabzusteigen vermögen. Wir glauben nicht mehr daran, daß es einen
-Normalmenschen giebt, zu dem alle hinstreben sollen. Unsere Anschauung
-von der Vollkommenheit des Ganzen ist die, daß es auf der besonderen
-Vollkommenheit jedes einzelnen Individuums beruht. Nicht das, was
-jeder andere auch kann, wollen wir hervorbringen, sondern, was nach
-der Eigentümlichkeit unseres Wesens nur uns möglich ist, soll als
-unser Scherflein der Weltentwicklung einverleibt werden. Niemals
-wollten die Künstler weniger wissen von Normen und Regeln der Kunst
-als heute. Jeder behauptet ein Recht zu haben, das künstlerisch
-zu gestalten, was ihm eigen ist. Es giebt Dramatiker, die lieber
-im Dialekt schreiben, als in einer von der Grammatik geforderten
-Normalsprache.
-
-Keinen besseren Ausdruck kann ich finden für diese Erscheinungen
-als den: sie gehen hervor aus dem bis aufs Höchste gesteigerten
-Freiheitsdrang des Individuums. Wir wollen nach keiner Richtung
-abhängig sein; und wo Abhängigkeit sein muß, da ertragen wir sie nur,
-wenn sie mit einem Lebensinteresse unseres Individuums zusammenfällt.
-
-Ein solches Zeitalter kann auch die Wahrheit nur aus der Tiefe des
-menschlichen Wesens schöpfen wollen. Von Schillers bekannten zwei
-Wegen:
-
-
- "Wahrheit suchen wir beide, du außen im Leben, ich innen
- In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiß.
-
- Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer;
- Ist es das Herz, dann gewiß spiegelt es innen die Welt"
-
-
-wird der Gegenwart vorzüglich der zweite frommen. Eine Wahrheit,
-die uns von außen kommt, trägt immer den Stempel der Unsicherheit
-an sich. Nur was einem jeden von uns in seinem eigenen Innern als
-Wahrheit erscheint, daran mögen wir glauben.
-
-Nur die Wahrheit kann uns Sicherheit bringen im Entwickeln unserer
-individuellen Kräfte. Wer von Zweifeln gequält ist, dessen Kräfte
-sind gelähmt. In einer Welt, die ihm rätselhaft ist, kann er kein
-Ziel seines Schaffens finden.
-
-Wir wollen nicht mehr glauben; wir wollen wissen. Der Glaube fordert
-Anerkennung von Wahrheiten, die wir nicht ganz durchschauen. Was wir
-aber nicht durchschauen, widerstrebt dem Individuellen, das alles mit
-seinem tiefsten Innern durchleben will. Nur das Wissen befriedigt uns,
-das keiner äußeren Norm sich unterwirft, sondern aus dem Innenleben
-der Persönlichkeit entspringt.
-
-Wir wollen auch kein solches Wissen, das in eingefrornen Schulregeln
-sich ein- für allemal ausgestaltet hat, und in, für alle Zeiten
-gültigen Kompendien aufbewahrt ist. Wir halten uns jeder berechtigt,
-von seinen nächsten Erfahrungen, seinen unmittelbaren Erlebnissen
-auszugehen, und von da aus zur Erkenntnis des ganzen Universums
-aufzusteigen. Wir erstreben ein sicheres Wissen, aber jeder auf seine
-eigene Art.
-
-Unsere wissenschaftlichen Lehren sollen auch nicht mehr eine solche
-Gestalt annehmen, als wenn ihre Anerkennung Sache eines unbedingten
-Zwanges wäre. Keiner von uns möchte einer wissenschaftlichen
-Schrift einen Titel geben, wie einst Fichte: "Sonnenklarer Bericht
-an das größere Publikum über das eigentliche Wesen der neuesten
-Philosophie. Ein Versuch, die Leser zum Verstehen zu zwingen." Heute
-soll niemand zum Verstehen gezwungen werden. Wen nicht ein besonderes,
-individuelles Bedürfnis zu einer Anschauung treibt, von dem fordern
-wir keine Anerkennung. Auch dem noch unreifen Menschen, dem Kinde,
-wollen wir gegenwärtig keine Erkenntnisse eintrichtern, sondern
-wir suchen seine Fähigkeiten zu entwickeln, damit es nicht mehr zum
-Verstehen gezwungen zu werden braucht, sondern verstehen will.
-
-Ich gebe mich keiner Illusion hin in Bezug auf diese Charakteristik
-meines Zeitalters. Ich weiß, wie viel individualitätloses Schablonentum
-lebt und sich breit macht. Aber ich weiß ebenso gut, daß viele meiner
-Zeitgenossen im Sinne der angedeuteten Richtung ihr Leben einzurichten
-suchen. Ihnen möchte ich diese Schrift widmen. Sie soll nicht "den
-einzig möglichen" Weg zur Wahrheit führen, aber sie soll von demjenigen
-erzählen, den einer eingeschlagen hat, dem es um Wahrheit zu thun ist.
-
-Die Schrift führt zuerst in abstraktere Gebiete, wo der Gedanke
-scharfe Contouren ziehen muß, um zu sichern Punkten zu kommen. Aber
-der Leser wird aus den dürren Begriffen heraus auch in das konkrete
-Leben geführt. Ich bin eben durchaus der Ansicht, daß man auch
-in das Ätherreich der Abstraktion sich erheben muß, wenn man das
-Dasein nach allen Richtungen durchleben will. Wer nur mit den
-Sinnen zu genießen versteht, der kennt die Leckerbissen des Lebens
-nicht. Die orientalischen Gelehrten lassen die Lernenden erst Jahre
-eines entsagenden und asketischen Lebens verbringen, bevor sie
-ihnen mitteilen, was sie selbst wissen. Das Abendland fordert zur
-Wissenschaft keine frommen Übungen und keine Askese mehr, aber es
-verlangt dafür den guten Willen, kurze Zeit sich den unmittelbaren
-Eindrücken des Lebens zu entziehen, und in das Gebiet der reinen
-Gedankenwelt sich zu begeben.
-
-Der Gebiete des Lebens sind viele. Für jedes einzelne entwickeln
-sich besondere Wissenschaften. Das Leben selbst aber ist eine
-Einheit, und je mehr die Wissenschaften bestrebt sind, sich in die
-einzelnen Gebiete zu vertiefen, desto mehr entfernen sie sich von
-der Anschauung des lebendigen Weltganzen. Es muß ein Wissen geben,
-das in den einzelnen Wissenschaften die Elemente sucht, um den
-Menschen zum vollen Leben wieder zurückzuführen. Der wissenschaftliche
-Spezialforscher will sich durch seine Erkenntnisse ein Bewußtsein von
-der Welt und ihren Wirkungen erwerben; in dieser Schrift ist das Ziel
-ein philosophisches: die Wissenschaft soll selbst organisch-lebendig
-werden. Die Einzelwissenschaften sind Vorstufen der hier angestrebten
-Wissenschaft. Ein ähnliches Verhältnis herrscht in den Künsten. Der
-Komponist arbeitet auf Grund der Kompositionslehre. Die letztere
-ist eine Summe von Kenntnissen, deren Besitz eine notwendige
-Vorbedingung des Komponierens ist. Im Komponieren dienen die Gesetze
-der Kompositionslehre dem Leben, der realen Wirklichkeit. Genau
-in demselben Sinne ist die Philosophie eine Kunst. Alle wirklichen
-Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen
-Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur
-künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes,
-individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann
-nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen
-zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser
-wirkliches, thätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives
-Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.
-
-Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält,
-was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es
-werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen
-wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt
-Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am
-nächsten liegenden Fragen. Eine "Philosophie der Freiheit" soll in
-diesen Blättern gegeben werden.
-
-Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn
-sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen
-Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften
-erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer
-Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens
-kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwicklung aller
-in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert,
-daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen
-Menschennatur.
-
-Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und
-Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und
-seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er
-sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen,
-die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.
-
-Man muß sich der Idee als Herr gegenüberstellen, sonst gerät man
-unter ihre Knechtschaft.
-
-
-
-
-
-
-
-
-II.
-
-DAS BEWUSSTE MENSCHLICHE HANDELN.
-
-
-Ist der Mensch in seinem Denken und Handeln frei, oder steht er
-unter dem Zwange einer ehernen Notwendigkeit? Auf wenige Fragen
-ist soviel Scharfsinn gewendet worden, als auf diese. Die Idee der
-Freiheit hat warme Anhänger wie hartnäckige Gegner in reicher Zahl
-gefunden. Es giebt Menschen, die in ihrem sittlichen Pathos jeden für
-einen beschränkten Geist erklären, der eine so offenkundige Thatsache
-wie die Freiheit zu leugnen vermag. Ihnen stehen andere gegenüber,
-die darin den Gipfel der Unwissenschaftlichkeit erblicken, wenn jemand
-die Gesetzmäßigkeit der Natur auf dem Gebiete des menschlichen Handelns
-und Denkens unterbrochen glaubt. Ein und dasselbe Ding wird hier gleich
-oft für das kostbarste Gut der Menschheit wie für die ärgste Illusion
-erklärt. Unendliche Spitzfindigkeit wurde aufgewendet, um zu erklären,
-wie sich die menschliche Freiheit mit dem Wirken in der Natur, der
-doch auch der Mensch angehört, verträgt. Nicht geringer ist die Mühe,
-mit der von anderer Seite begreiflich zu machen gesucht wurde, wie
-eine solche Wahnidee hat entstehen können. Daß man es hier mit einer
-der wichtigsten Fragen des Lebens, der Religion, der Praxis und der
-Wissenschaft zu thun hat, das fühlt jeder, bei dem nicht das Gegenteil
-von Gründlichkeit der hervorstechendste Zug seines Charakters ist. Und
-es gehört zu den traurigen Zeichen der Oberflächlichkeit gegenwärtigen
-Denkens, daß ein Buch, das aus den Ergebnissen neuerer Naturforschung
-einen "neuen Glauben" prägen will (Dav. Fried. Strauss: "Der alte
-und neue Glaube"), über diese Frage nichts enthält als die Worte:
-"Auf die Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens haben wir uns
-hierbei nicht einzulassen. Die vermeintlich indifferente Wahlfreiheit
-ist von jeder Philosophie, die des Namens wert war, immer als ein
-leeres Phantom erkannt worden; die sittliche Wertbestimmung der
-menschlichen Handlungen und Gesinnungen aber bleibt von jener Frage
-unberührt." Nicht weil ich glaube, daß das Buch, in dem sie steht,
-eine besondere Bedeutung hat, führe ich diese Stelle hier an, sondern
-weil sie mir die Meinung auszusprechen scheint, bis zu der sich in der
-fraglichen Angelegenheit die Mehrzahl unserer denkenden Zeitgenossen
-aufzuschwingen vermag. Daß die Freiheit darin nicht bestehen könne,
-von zwei möglichen Handlungen ganz nach Belieben die eine oder die
-andere zu wählen, scheint heute jeder zu wissen, der darauf Anspruch
-macht, den wissenschaftlichen Kinderschuhen entwachsen zu sein. Es
-ist immer, so behauptet man, ein ganz bestimmter Grund vorhanden,
-warum man von mehreren möglichen Handlungen gerade eine bestimmte
-zur Ausführung bringt.
-
-Das scheint einleuchtend. Trotzdem richten sich bis zum heutigen Tage
-die Hauptangriffe der Freiheitsgegner nur gegen die Wahlfreiheit. Sagt
-doch sogar Herbert Spencer, dessen Ansichten mit jedem Tage an
-Verbreitung gewinnen (Die Prinzipien der Psychologie, von Herbert
-Spencer, deutsche Ausgabe von Dr. B. Vetter, Stuttgart 1882): "Daß
-aber jedermann auch nach Belieben begehren oder nicht begehren könne,
-was der eigentliche, im Dogma vom freien Willen liegende Satz ist, das
-wird freilich ebensosehr durch die Analyse des Bewußtseins, als durch
-den Inhalt der vorhergehenden Kapitel (der Psychologie) verneint." Von
-demselben Gesichtspunkte gehen auch andere aus, wenn sie den Begriff
-des freien Willens bekämpfen. Im Keime finden sich alle diesbezüglichen
-Ausführungen schon bei Spinoza. Was dieser klar und einfach gegen
-die Idee der Freiheit vorbrachte, das wurde seitdem unzählige Male
-wiederholt, nur eingehüllt zumeist in die spitzfindigsten theoretischen
-Lehren, sodaß es schwer wird, den schlichten Gedankengang, auf den
-es allein ankommt, zu erkennen. Spinoza schreibt in einem Briefe
-vom Oktober oder November 1674: "Ich nenne nämlich die Sache frei,
-die aus der bloßen Notwendigkeit ihrer Natur besteht und handelt, und
-gezwungen nenne ich die, welche von etwas anderem zum Dasein und Wirken
-in genauer und fester Weise bestimmt wird. So besteht z. B. Gott,
-obgleich notwendig, doch frei, weil er nur aus der Notwendigkeit
-seiner Natur allein besteht. Ebenso erkennt Gott sich selbst und alles
-andere frei, weil es aus der Notwendigkeit seiner Natur allein folgt,
-daß er alles erkennt. Sie sehen also, daß ich die Freiheit nicht in
-ein freies Beschließen, sondern in eine freie Notwendigkeit setze.
-
-"Doch wir wollen zu den erschaffenen Dingen herabsteigen, welche
-sämtlich von äußeren Ursachen bestimmt werden, in fester und genauer
-Weise zu bestehen und zu wirken. Um dies deutlicher einzusehen, wollen
-wir uns eine ganz einfache Sache vorstellen. So erhält z. B. ein
-Stein von einer äußeren, ihn stoßenden Ursache eine gewisse Menge
-von Bewegung, mit der er nachher, wenn der Stoß der äußeren Ursache
-aufgehört hat, notwendig fortfährt, sich zu bewegen. Dieses Beharren
-des Steines in seiner Bewegung ist deshalb ein erzwungenes und kein
-notwendiges, weil es durch den Stoß einer äußeren Ursache definiert
-werden muß. Was hier von dem Stein gilt, gilt von jeder anderen
-einzelnen Sache, und mag sie noch so zusammengesetzt und zu vielem
-geeignet sein, nämlich, daß jede Sache notwendig von einer äußeren
-Ursache bestimmt wird, in fester und genauer Weise zu bestehen und
-zu wirken.
-
-"Nehmen Sie nun, ich bitte, an, daß der Stein, während er sich bewegt,
-denkt und weiß, er bestrebe sich, soviel er kann, in dem Bewegen
-fortzufahren. Dieser Stein, der nur seines Strebens sich bewußt ist
-und keineswegs gleichgültig sich verhält, wird glauben, daß er ganz
-frei sei und daß er aus keinem anderen Grunde in seiner Bewegung
-fortfahre, als weil er es wolle. Dies ist aber jene menschliche
-Freiheit, die alle zu besitzen behaupten und die nur darin besteht,
-daß die Menschen ihres Begehrens sich bewußt sind, aber die Ursachen,
-von denen sie bestimmt werden, nicht kennen. So glaubt das Kind,
-daß es die Milch frei begehre, und der zornige Knabe, daß er frei
-die Rache verlange, und der Furchtsame die Flucht. Ferner glaubt
-der Betrunkene, daß er nach freiem Entschluß dies spreche, was er,
-wenn er nüchtern geworden, gern nicht gesprochen hätte, und da dieses
-Vorurteil allen Menschen angeboren ist, so kann man sich nicht leicht
-davon befreien. Denn wenn auch die Erfahrung genügend lehrt, daß
-die Menschen am wenigsten ihr Begehren mäßigen können und daß sie,
-von entgegengesetzten Leidenschaften bewegt, das Bessere einsehen
-und das Schlechtere thun, so halten sie sich doch für frei und zwar,
-weil sie manches weniger stark begehren und manches Begehren leicht
-durch die Erinnerung an anderes, dessen man sich oft entsinnt,
-gehemmt werden kann."
-
-Weil hier eine klar und bestimmt ausgesprochene Ansicht vorliegt, wird
-es auch leicht, den Grundirrtum, der darin steckt, aufzudecken. So
-notwendig wie der Stein auf einen Anstoß hin eine bestimmte Bewegung
-ausführt, ebenso notwendig soll der Mensch eine Handlung ausführen,
-wenn er durch irgend einen Grund dazu getrieben wird. Nur weil der
-Mensch ein Bewußtsein von seiner Handlung hat, hält er sich für
-den freien Veranlasser derselben. Er übersieht dabei aber, daß eine
-Ursache ihn treibt, der er unbedingt folgen muß. Der Irrtum in diesem
-Gedankengange ist bald gefunden. Spinoza und alle, die denken wie
-er, übersehen, daß der Mensch nicht nur ein Bewußtsein von seiner
-Handlung hat, sondern es auch von den Ursachen haben kann, von denen
-er geleitet wird. Niemand wird es bestreiten, daß das Kind unfrei
-ist, wenn es die Milch begehrt, daß der Betrunkene es ist, wenn er
-Dinge spricht, die er später bereut. Beide wissen nichts von den
-Ursachen, die in den Tiefen ihres Organismus thätig sind, und unter
-deren unwiderstehlichem Zwange sie stehen. Aber ist es berechtigt,
-Handlungen dieser Art in einen Topf zu werfen mit solchen, bei denen
-sich der Mensch nicht nur seines Handelns bewußt ist, sondern auch der
-Gründe, die ihn veranlassen? Sind die Handlungen der Menschen denn
-von einerlei Art? Darf die That des Kriegers auf dem Schlachtfelde,
-die des wissenschaftlichen Forschers im Laboratorium, des Staatsmannes
-in verwickeltsten diplomatischen Angelegenheiten wissenschaftlich
-auf gleiche Stufe gestellt werden mit der des Kindes, wenn es nach
-Milch begehrt? Wohl ist es wahr, daß man die Lösung einer Aufgabe
-da am besten versucht, wo die Sache am einfachsten ist. Aber oft
-schon hat der Mangel an Unterscheidungsvermögen endlose Verwirrung
-gebracht. Und ein tiefgreifender Unterschied ist es doch, ob ich
-weiß, warum ich etwas thue, oder ob das nicht der Fall ist. Zunächst
-scheint das eine ganz selbstverständliche Wahrheit zu sein. Und doch
-wird von den Gegnern der Freiheit nie darnach gefragt: ob denn ein
-Beweggrund meines Handelns, den ich erkenne und durchschaue, für mich
-in gleichem Sinne einen Zwang bedeutet, wie der organische Prozeß,
-der das Kind veranlaßt, nach Milch zu schreien.
-
-Eduard von Hartmann behauptet in seiner "Phänomenologie des
-sittlichen Bewußtseins" (S. 451), das menschliche Wollen hänge
-von zwei Hauptfaktoren ab: von den Beweggründen und von dem
-Charakter. Betrachtet man die Menschen alle als gleich, oder
-doch ihre Verschiedenheiten als unerheblich, so erscheint ihr
-Wollen von außen als bestimmt; nämlich durch die Umstände, die an
-sie herantreten. Erwägt man aber, daß verschiedene Menschen eine
-Vorstellung erst dann zum Beweggrund ihres Handelns machen, wenn ihr
-Charakter ein solcher ist, der durch die entsprechende Vorstellung
-zu einer Begehrung veranlaßt wird, so erscheint der Mensch von innen
-bestimmt und nicht von außen. Der Mensch glaubt nun, weil er, gemäß
-seinem Charakter, eine ihm von außen aufgedrängte Vorstellung erst
-zum Beweggrund machen muß: er sei frei, d. h. unabhängig von äußeren
-Beweggründen. Die Wahrheit aber ist, nach Eduard von Hartmann, daß:
-"wenn wir auch selbst die Vorstellungen erst zu Motiven erheben, so
-thun wir dies doch nicht willkürlich, sondern nach der Notwendigkeit
-unserer charakterologischen Veranlagung, also nichts weniger als
-frei." Auch hier bleibt der Umstand ohne alle Berücksichtigung, der
-besteht zwischen Beweggründen, die ich erst auf mich wirken lasse,
-nachdem ich sie mit meinem Bewußtsein durchdrungen habe, und solchen,
-denen ich folge, ohne daß ich ein klares Wissen von ihnen besitze.
-
-Und dies führt unmittelbar auf den Standpunkt, von dem aus hier die
-Sache angesehen werden soll. Darf die Frage nach der Freiheit unseres
-Willens überhaupt einseitig für sich versucht werden? Und wenn nicht:
-mit welcher andern muß sie notwendig verknüpft werden?
-
-Ist ein Unterschied zwischen einem bewußten Beweggrund meines Handelns
-und einem unbewußten, dann wird der erstere auch eine Handlung nach
-sich ziehen, die anders beurteilt werden muß, als eine solche aus
-blindem Drange. Die Frage nach diesem Unterschied wird also die erste
-sein. Und was sie ergiebt, davon wird es erst abhängen, wie wir uns
-zu der eigentlichen Freiheitsfrage zu stellen haben.
-
-Was heißt es, ein Wissen von den Gründen seines Handelns haben? Man
-hat diese Frage zu wenig berücksichtigt, weil man leider immer in zwei
-Teile zerrissen hat, was ein untrennbares Ganzes ist: den Menschen. Den
-Handelnden und den Erkennenden unterschied man, und leer ausgegangen
-ist dabei nur der, auf den es vor allen andern Dingen ankommt: der
-aus Erkenntnis Handelnde.
-
-Man sagt: frei sei der Mensch, wenn er nur unter der Herrschaft seiner
-Vernunft stehe und nicht unter der der animalischen Begierden. Oder
-auch: Freiheit bedeute, sein Leben und Handeln nach Zwecken und
-Entschlüssen bestimmen zu können.
-
-Mit Behauptungen solcher Art ist aber gar nichts gewonnen. Denn das
-ist ja eben die Frage, ob die Vernunft, ob Zwecke und Entschlüsse in
-gleicher Weise auf den Menschen einen Zwang ausüben wie animalische
-Begierden. Wenn ohne mein Zuthun ein vernünftiger Entschluß in mir
-auftaucht, gerade mit derselben Notwendigkeit wie Hunger und Durst,
-dann kann ich ihm nur notgedrungen folgen, und meine Freiheit ist
-eine Illusion.
-
-Eine andere Redensart lautet: Freisein heißt: nicht wollen können,
-was man will, sondern thun können, was man will. Diesem Gedanken
-hat der Dichterphilosoph Robert Hamerling in seiner "Atomistik des
-Willens" einen scharfumrissenen Ausdruck gegeben. "Der Mensch kann
-allerdings thun, was er will -- aber er kann nicht wollen, was er will,
-weil sein Wille durch Motive bestimmt ist! -- Er kann nicht wollen
-was er will? Sehe man sich diese Worte doch einmal näher an. Ist
-ein vernünftiger Sinn darin? Freiheit des Wollens müßte also darin
-bestehen, daß man ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen könnte? Aber
-was heißt denn Wollen anders, als einen Grund haben, dies lieber zu
-thun oder anzustreben als jenes? Ohne Grund, ohne Motiv etwas wollen,
-hieße etwas wollen, ohne es zu wollen. Mit dem Begriffe des Wollens
-ist der des Motivs unzertrennlich verknüpft. Ohne ein bestimmendes
-Motiv ist der Wille ein leeres Vermögen: erst durch das Motiv wird er
-thätig und reell. Es ist also ganz richtig, daß der menschliche Wille
-insofern nicht "frei" ist, als seine Richtung immer durch das stärkste
-der Motive bestimmt ist. Aber es muß andererseits zugegeben werden,
-daß es absurd ist, dieser "Unfreiheit" gegenüber von einer denkbaren
-"Freiheit" des Willens zu reden, welche dahin ginge, wollen zu können,
-was man nicht will." (Atomistik des Willens S. 213 f.)
-
-Auch hier wird nur von Motiven im allgemeinen gesprochen, ohne auf den
-Unterschied zwischen unbewußten und bewußten Rücksicht zu nehmen. Wenn
-ein Motiv auf mich wirkt und ich gezwungen bin, ihm zu folgen, weil
-es sich als das "stärkste" unter seinesgleichen erweist, dann hört
-der Gedanke an Freiheit auf, einen Sinn zu haben. Wie soll es für
-mich eine Bedeutung haben, ob ich etwas thun kann oder nicht, wenn
-ich von dem Motive gezwungen werde, es zu thun? Nicht darauf kommt
-es zunächst an: ob ich dann, wenn das Motiv auf mich gewirkt hat,
-etwas thun kann oder nicht, sondern ob es nur solche Motive giebt,
-die mit zwingender Notwendigkeit wirken. Wenn ich etwas wollen muß,
-dann ist es mir unter Umständen höchst gleichgültig, ob ich es auch
-thun kann. Wenn mir wegen meines Charakters und wegen der in meiner
-Umgebung herrschenden Umstände ein Motiv aufgedrängt wird, das sich
-meinem Denken gegenüber als unvernünftig erweist, dann müßte ich
-sogar froh sein, wenn ich nicht könnte, was ich will.
-
-Nicht darauf kommt es an, ob ich einen gefaßten Entschluß zur
-Ausführung bringen kann, sondern wie der Entschluß in mir entsteht.
-
-Was den Menschen von allen andern organischen Wesen unterscheidet,
-ist sein vernünftiges Denken. Thätig zu sein, hat er mit anderen
-Organismen gemein. Nichts ist damit gewonnen, wenn man zur Aufhellung
-des Freiheitsbegriffes für das Handeln des Menschen nach Analogieen
-im Tierreiche sucht. Die moderne Naturwissenschaft liebt solche
-Analogieen. Und wenn es ihr gelungen ist, bei den Tieren etwas dem
-menschlichen Verhalten Ähnliches gefunden zu haben, glaubt sie, die
-wichtigste Frage der Wissenschaft vom Menschen berührt zu haben. Zu
-welchen Mißverständnissen diese Meinung führt, zeigt sich z. B. in
-dem Buche: "Die Illusion der Willensfreiheit" von P. Rée, 1885, der
-(S. 5) über die Freiheit folgendes sagt: "Daß es uns so scheint,
-als ob die Bewegung des Steines notwendig, des Esels Wollen nicht
-notwendig wäre, ist leicht erklärlich. Die Ursachen, welche den
-Stein bewegen, sind ja draußen und sichtbar. Die Ursachen aber,
-vermöge deren der Esel will, sind drinnen und unsichtbar: zwischen
-uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale
-des Esels..... Man sieht die kausale Bedingtheit nicht, und meint
-daher, sie sei nicht vorhanden. Das Wollen, erklärt man, sei zwar die
-Ursache der Umdrehung [des Esels], selbst aber sei es unbedingt; es
-sei ein absoluter Anfang." Also auch hier wieder wird über Handlungen
-des Menschen, bei denen er ein Bewußtsein von den Gründen seines
-Handelns hat, einfach hinweggegangen, denn Rée erklärt: "zwischen
-uns und der Stätte ihrer Wirksamkeit befindet sich die Hirnschale des
-Esels". Daß es, zwar nicht Handlungen des Esels, wohl aber solche der
-Menschen giebt, bei denen zwischen uns und der Handlung das bewußt
-gewordene Motiv liegt, davon hat, schon nach diesen Worten, Rée keine
-Ahnung. Er beweist das einige Seiten später auch noch durch die Worte:
-"Wir nehmen die Ursachen nicht wahr, durch welche unser Wollen bedingt
-wird, daher meinen wir, es sei überhaupt nicht ursachlich bedingt."
-
-Doch genug der Beispiele, welche beweisen, daß viele gegen die Freiheit
-kämpfen, ohne zu wissen, was Freiheit überhaupt ist.
-
-Daß eine Handlung nicht frei sein kann, von der der Thäter nicht weiß,
-warum er sie vollbringt, ist ganz selbstverständlich. Wie verhält
-es sich aber mit einer solchen, über deren Gründe gedacht wird? Das
-führt uns auf die Frage: welches ist der Ursprung und die Bedeutung
-des Denkens? Wenn wir wissen, was Denken im allgemeinen bedeutet,
-dann wird es auch leicht sein, klar darüber zu werden, was für eine
-Rolle das Denken beim menschlichen Handeln spielt. "Das Denken macht
-die Seele, womit auch das Tier begabt ist, erst zum Geiste", sagt
-Hegel mit Recht, und deshalb wird das Denken auch dem menschlichen
-Handeln sein eigentümliches Gepräge geben.
-
-Keineswegs soll behauptet werden, daß all unser Handeln nur aus
-der nüchternen Überlegung unseres Verstandes fließe. Nur diejenigen
-Handlungen als im höchsten Sinne menschlich hinzustellen, die aus
-dem abstrakten Urteil hervorgehen, liegt mir ganz fern. Aber sobald
-sich unser Handeln herauferhebt aus dem Gebiete der Befriedigung rein
-animalischer Begierden, sind unsere Beweggründe immer von Gedanken
-durchsetzt. Liebe, Mitleid, Patriotismus sind Triebfedern des Handelns,
-die sich nicht in kalte Verstandesbegriffe auflösen lassen. Man sagt:
-das Herz, das Gemüt treten da in ihre Rechte. Ohne Zweifel. Aber das
-Herz und das Gemüt schaffen keine Beweggründe des Handelns. Sie setzen
-dieselben voraus. In meinem Herzen stellt sich das Mitleid ein, wenn
-in meinem Bewußtsein die Vorstellung einer mitleiderregenden Person
-aufgetreten ist. Der Weg zum Herzen geht durch den Kopf. Davon macht
-auch die Liebe keine Ausnahme. Wenn sie nicht die bloße Äußerung
-des niedrigen Geschlechtstriebes ist, dann beruht sie auf den
-Vorstellungen, die wir uns von dem geliebten Wesen machen. Und je
-idealistischer diese Vorstellungen sind, desto beseligender ist die
-Liebe. Auch hier ist der Gedanke der Vater des Gefühles. Man sagt: die
-Liebe mache blind für die Schwächen des geliebten Wesens. Die Sache
-kann auch umgekehrt angefaßt werden und behauptet: die Liebe öffne
-gerade für die Vorzüge das Auge. Viele gehen ahnungslos an diesen
-Vorzügen vorbei, ohne sie zu bemerken. Der eine sieht sie, und eben
-deswegen erwacht die Liebe in seiner Seele. Was hat er anderes gethan:
-als von dem sich eine Vorstellung gemacht, wovon hundert andere keine
-haben. Sie haben die Liebe nicht, weil ihnen die Vorstellung mangelt.
-
-Wir mögen die Sache anfassen, wie wir wollen: immer klarer muß es
-werden, daß die Frage nach dem Wesen des menschlichen Handelns die
-andere voraussetzt nach dem Ursprunge des Denkens. Ich wende mich
-daher zunächst dieser Frage zu.
-
-
-
-
-
-
-
-
-III.
-
-DER GRUNDTRIEB ZUR WISSENSCHAFT.
-
-
- "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
- Die eine will sich von der andern trennen;
- Die eine hält, in derber Liebeslust,
- Sich an die Welt mit klammernden Organen;
- Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
- Zu den Gefilden hoher Ahnen."
-
- (Faust I, 1112-1117.)
-
-
-Mit diesen Worten spricht Goethe einen tief in der menschlichen Natur
-begründeten Charakterzug aus. Kein einheitlich organisiertes Wesen
-ist der Mensch. Er verlangt stets mehr, als die Welt ihm freiwillig
-giebt. Bedürfnisse hat die Natur uns gegeben, und die Befriedigung
-überläßt sie unserer eigenen Thätigkeit. Reichlich sind die Gaben,
-die uns zugeteilt, aber noch reichlicher ist unser Begehren. Wir
-scheinen zur Unzufriedenheit geboren. Nur ein besonderer Fall
-dieser Unzufriedenheit ist unser Erkenntnisdrang. Wir blicken einen
-Baum zweimal an. Wir sehen das eine Mal seine Äste in Ruhe, das
-andere Mal in Bewegung. Wir geben uns mit dieser Beobachtung nicht
-zufrieden. Warum stellt sich uns der Baum das eine Mal ruhend, das
-andere Mal in Bewegung dar? So fragen wir. Jeder Blick in die Natur
-erzeugt in uns eine Summe von Fragen. Mit jeder Erscheinung, die uns
-entgegentritt, ist uns eine Aufgabe mitgegeben. Jedes Erlebnis wird
-uns zum Rätsel. Wir sehen aus dem Ei ein dem Muttertiere ähnliches
-Wesen hervorgehen: wir fragen nach dem Grunde dieser Ähnlichkeit. Wir
-beobachten an einem Lebewesen Wachstum und Entwicklung bis zu einem
-bestimmten Grade der Vollkommenheit: wir suchen nach den Bedingungen
-dieser Erfahrung. Nirgends sind wir mit dem zufrieden, was die Natur
-vor unseren Sinnen ausbreitet. Wir suchen überall nach dem, was wir
-Erklärung der Thatsachen nennen.
-
-Der Überschuß dessen, was wir in den Dingen suchen, über das, was
-uns in ihnen unmittelbar gegeben ist, spaltet unser ganzes Wesen in
-zwei Teile; wir werden uns unseres Gegensatzes zur Welt bewußt. Wir
-stellen uns als ein selbständiges Wesen der Welt gegenüber. Das
-Universum erscheint uns in den zwei Gegensätzen: Ich und Welt.
-
-Diese Scheidewand zwischen uns und der Welt errichten wir, sobald
-das Bewußtsein in uns aufleuchtet. Aber niemals verlieren wir das
-Gefühl, daß wir doch zur Welt gehören, daß ein Band besteht, das uns
-verbindet, daß wir nicht ein Wesen außerhalb, sondern innerhalb des
-Universums sind.
-
-Dieses Gefühl erzeugt das Streben, den Gegensatz zu überbrücken. Und
-in der Überbrückung dieses Gegensatzes besteht im letzten Grunde das
-ganze geistige Streben der Menschheit. Die Geschichte des geistigen
-Lebens ist ein fortwährendes Suchen der Einheit zwischen uns und
-der Welt. Religion, Kunst und Wissenschaft verfolgen gleichermaßen
-dieses Ziel. Der Religiös-Gläubige sucht in der Offenbarung, die ihm
-Gott zuteil werden läßt, die Lösung der Welträtsel, die ihm sein mit
-der bloßen Erscheinungswelt unzufriedenes Ich aufgiebt. Der Künstler
-sucht dem Stoffe die Ideen seines Ich einzubilden, um das in seinem
-Innern Lebende mit der Außenwelt zu versöhnen. Auch er fühlt sich
-unbefriedigt von der bloßen Erscheinungswelt und sucht ihr jenes
-Mehr einzuformen, das sein Ich, über sie hinausgehend, birgt. Der
-Denker sucht nach den Gesetzen der Erscheinungen, er strebt denkend zu
-durchdringen, was er beobachtend erfährt. Erst wenn wir den Weltinhalt
-zu unserem Gedankeninhalt gemacht haben, erst dann finden wir den
-Zusammenhang wieder, aus dem wir uns selbst gelöst haben. Wir werden
-später sehen, daß dieses Ziel nur erreicht wird, wenn die Aufgabe des
-wissenschaftlichen Forschers allerdings viel tiefer aufgefaßt wird,
-als dies oft geschieht. Das ganze Verhältnis, das ich hier dargelegt
-habe, tritt uns in einer weltgeschichtlichen Erscheinung entgegen:
-in dem Gegensatze der einheitlichen Weltauffassung oder des Monismus
-und der Zweiweltentheorie oder des Dualismus. Der Dualismus richtet den
-Blick nur auf die von dem Bewußtsein des Menschen vollzogene Trennung
-zwischen Ich und Welt. Sein ganzes Streben ist ein ohnmächtiges Ringen
-nach der Versöhnung dieser Gegensätze, die er bald Geist und Materie,
-bald Subjekt und Objekt, bald Denken und Erscheinung nennt. Er hat
-ein Gefühl, daß es eine Brücke geben muß zwischen den beiden Welten,
-aber er ist nicht imstande, sie zu finden. Der Monismus richtet
-den Blick allein auf die Einheit und sucht die einmal vorhandenen
-Gegensätze zu leugnen oder zu verwischen. Keine von den beiden
-Anschauungen kann befriedigen, denn sie werden den Thatsachen nicht
-gerecht. Der Dualismus sieht Geist (Ich) und Materie (Welt) als zwei
-grundverschiedene Wesenheiten an, und kann deshalb nicht begreifen,
-wie beide aufeinander wirken können. Wie soll der Geist wissen,
-was in der Materie vorgeht, wenn ihm deren eigentümliche Natur ganz
-fremd ist? Oder wie soll er unter diesen Umständen auf sie wirken,
-so daß sich seine Absichten in Thaten umsetzen? Die widersinnigsten
-Hypothesen wurden aufgestellt, um diese Fragen zu lösen. Aber auch
-mit dem Monismus steht es bis heute nicht viel besser. Er hat sich bis
-jetzt in einer dreifachen Art zu helfen gesucht: entweder er leugnet
-den Geist und wird zum Materialismus; oder er leugnet die Materie,
-um im Spiritualismus sein Heil zu suchen; oder aber er behauptet, daß
-auch schon in dem einfachsten Weltwesen Materie und Geist untrennbar
-verbunden sind, weswegen man gar nicht erstaunt zu sein brauchte,
-wenn in dem Menschen diese zwei Daseinsweisen auftreten, die ja
-nirgends getrennt sind.
-
-Der Materialismus kann niemals eine befriedigende Welterklärung
-liefern. Denn jeder Versuch einer Erklärung muß damit beginnen,
-daß man sich Gedanken über die Welterscheinungen bildet. Der
-Materialismus macht deshalb den Anfang mit dem Gedanken der Materie
-oder der materiellen Vorgänge. Damit hat er bereits zwei verschiedene
-Thatsachengebiete vor sich: die materielle Welt und die Gedanken
-über sie. Er sucht die letzteren dadurch zu begreifen, daß er sie als
-einen rein materiellen Prozeß auffaßt. Er glaubt, daß das Denken im
-Gehirne etwa so zustande komme, wie die Verdauung in den animalischen
-Organen. So wie er der Materie mechanische, chemische und organische
-Wirkungen zuschreibt, so legt er ihr auch die Fähigkeit bei, unter
-bestimmten Bedingungen zu denken. Er vergißt, daß er nun das Problem
-nur an einen andern Ort verlegt hat. Statt sich selbst, schreibt er
-die Fähigkeit des Denkens der Materie zu. Und damit ist er wieder an
-seinem Ausgangspunkte. Wie kommt die Materie dazu, über ihr eigenes
-Wesen nachzudenken? Warum ist sie nicht einfach mit sich zufrieden
-und nimmt ihr Dasein hin? Von dem bestimmten Subjekt, von unserem
-eigenen Ich hat er den Blick abgewandt und auf ein unbestimmtes,
-nebelhaftes Gebilde ist er gekommen. Und hier tritt ihm dasselbe
-Rätsel entgegen. Die materialistische Anschauung vermag das Problem
-nicht zu lösen, sondern nur zu verschieben.
-
-Wie steht es mit der spiritualistischen? Der Spiritualist leugnet
-die Materie (die Welt) und faßt sie nur als ein Produkt des Geistes
-(des Ich) auf. Er stellt sich vor, daß die ganze Erscheinungswelt nur
-ein aus dem Geiste herausgesponnenes Wesen sei. Diese Weltanschauung
-sieht sich sofort in die Enge getrieben, wenn sie den Versuch
-macht, irgend eine konkrete Erscheinung aus dem Geiste heraus zu
-entwickeln. Sie kann es weder im Erkennen noch im Handeln. Will man
-die Aussenwelt wirklich erkennen, so muß man den Blick nach außen
-wenden und eine Anleihe bei der Erfahrung machen. Ohne dieses kann
-unser Geist zu keinem Inhalt kommen. Ebenso müssen wir, wenn wir
-ans Handeln gehen, unsere Absichten mit Hülfe der materiellen Stoffe
-und Kräfte in Wirklichkeit umsetzen. Wir sind also auf die Außenwelt
-angewiesen. Der extremste Spiritualist, oder wenn man will, Idealist,
-ist Johann Gottlieb Fichte. Er versuchte das ganze Weltgebäude aus
-dem "Ich" abzuleiten. Was ihm dabei wirklich gelungen ist, ist ein
-großartiges Gedankenbild der Welt, ohne allen Erfahrungsinhalt. So
-wenig es dem Materialisten möglich ist, den Geist, ebensowenig ist
-es dem Idealisten möglich, die materielle Außenwelt wegzudekretieren.
-
-Eine merkwürdige Abart des Idealismus ist die Anschauung
-Fried. Alb. Langes, wie er sie in seiner vielgelesenen "Geschichte
-des Materialismus" vertreten hat. Er nimmt an, daß der Materialismus
-ganz recht hat, wenn er alle Welterscheinungen, einschließlich
-unseres Denkens, für das Produkt rein stofflicher Vorgänge erklärt;
-nur sei umgekehrt die Materie und ihre Vorgänge selbst wieder ein
-Produkt unseres Denkens. "Die Sinne geben uns Wirkungen der Dinge,
-nicht getreue Bilder, oder gar die Dinge selbst. Zu diesen bloßen
-Wirkungen gehören aber auch die Sinne selbst samt dem Hirn und den in
-ihm gedachten Molecularschwingungen." D. h. unser Denken wird von den
-materiellen Prozessen erzeugt und diese von unserem Denken. Langes
-Philosophie ist somit nichts anderes, als die in Begriffe umgesetzte
-Geschichte des wackeren Münchhausen, der sich an seinem eigenen
-Haarschopf frei in der Luft festhält.
-
-Die dritte Form des Monismus ist die, welche in dem einfachsten Wesen
-(Atom) bereits die beiden Wesenheiten, Materie und Geist, vereinigt
-sieht. Damit ist aber auch nichts erreicht, als daß die Frage,
-die eigentlich in unserem Bewußtsein entsteht, auf einen anderen
-Schauplatz versetzt wird. Wie kommt das einfache Wesen dazu, sich in
-einer zweifachen Weise zu äußern, wenn es eine ungetrennte Einheit ist?
-
-Allen diesen Standpunkten gegenüber muß geltend gemacht werden,
-das uns der Grund- und Urgegensatz zuerst in unserem eigenen
-Bewußtsein entgegentritt. Wir sind es selbst, die wir uns von
-dem Mutterboden der Natur loslösen, und uns als "Ich" der "Welt"
-gegenüberstellen. Klassisch spricht das Goethe in seinem Aufsatz
-"Die Natur" aus: "Wir leben mitten in ihr (der Natur) und sind ihr
-fremde. Sie spricht unaufhörlich mit uns, und verrät uns ihr Geheimnis
-nicht." Aber auch die Kehrseite kennt Goethe: "Die Menschen sind alle
-in ihr und sie in allen."
-
-So wahr es ist, daß wir uns der Natur entfremdet haben, so wahr ist
-es, daß wir fühlen: wir sind in ihr und gehören zu ihr. Es kann nur
-ihr eigenes Wirken sein, das auch in uns lebt.
-
-Wir müssen den Weg zu ihr zurück wieder finden. Eine einfache
-Überlegung kann uns diesen Weg weisen. Wir haben uns zwar losgerissen
-von der Natur; aber wir müssen doch etwas mit herübergenommen haben in
-unser eigenes Wesen. Dieses Naturwesen in uns müssen wir aufsuchen,
-dann werden wir den Zusammenhang auch wieder finden. Das versäumt
-der Dualismus. Er hält das menschliche Innere für ein der Natur ganz
-fremdes Geistwesen und sucht dieses an die Natur anzukoppeln. Kein
-Wunder, daß er das Bindeglied nicht finden kann. Wir können die
-Natur außer uns nur finden, wenn wir sie in uns erst kennen. Das ihr
-Gleiche in unserem eigenen Innern wird uns der Führer sein. Damit
-ist uns unsere Bahn vorgezeichnet. Wir wollen keine Spekulationen
-anstellen über die Wechselwirkung von Natur und Geist. Wir wollen
-aber hinuntersteigen in die Tiefen unseres eigenen Wesens, um da jene
-Elemente zu finden, die wir herübergerettet haben bei unserer Flucht
-aus der Natur.
-
-Die Erforschung unseres Wesens muß uns die Lösung des Rätsels
-bringen. Wir müssen an einen Punkt kommen, wo wir uns sagen können:
-hier sind wir nicht mehr bloß "Ich", hier liegt etwas, was mehr als
-"Ich" ist.
-
-Ich bin darauf gefaßt, daß mancher, der bis hierher gelesen hat,
-meine Ausführungen nicht "dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft"
-gemäß findet. Ich kann dem gegenüber nur erwidern, daß ich es bisher
-mit keinerlei wissenschaftlichen Resultaten zu thun haben wollte,
-sondern mit der einfachen Beschreibung dessen, was jedermann in
-seinem eigenen Bewußtsein erlebt. Daß dabei auch einzelne Sätze über
-Versöhnungsversuche des Bewußtseins mit der Welt eingeflossen sind,
-hat nur den Zweck, die eigentlichen Thatsachen zu verdeutlichen. Ich
-habe deshalb auch keinen Wert darauf gelegt, die einzelnen Ausdrücke,
-wie "Ich", "Geist", "Welt", "Natur" u. s. w. in der präcisen Weise zu
-gebrauchen, wie es in der Psychologie und Philosophie üblich ist. Das
-alltägliche Bewußtsein kennt die scharfen Unterschiede der Wissenschaft
-nicht, und um eine Aufnahme des alltäglichen Thatbestandes handelte es
-sich bisher bloß. Der Einwand, daß meine bisherigen Ausführungen der
-Wissenschaft nicht entsprechen, gliche etwa dem, der jemand gemacht
-würde, wenn er ein Gedicht zunächst recitierte und nicht gleich bei
-jeder Zeile eine ästhetisch-wissenschaftliche Kritik gäbe. Nicht wie
-die Wissenschaft bisher das Bewußtsein interpretiert hat, geht mich
-an, sondern wie sich dasselbe stündlich darlebt.
-
-
-
-
-
-
-
-
-IV.
-
-DAS DENKEN IM DIENSTE DER WELTAUFFASSUNG.
-
-
-Wenn ich beobachte, wie eine Billardkugel, die gestoßen wird, ihre
-Bewegung auf eine andere überträgt, so bleibe ich auf den Verlauf
-dieses beobachteten Vorganges ganz ohne Einfluß. Die Bewegungsrichtung
-und Schnelligkeit der zweiten Kugel ist durch die Richtung und
-Schnelligkeit der ersten bestimmt. So lange ich mich bloß als
-Beobachter verhalte, weiß ich über die Bewegung der zweiten Kugel
-erst dann etwas zu sagen, wenn dieselbe eingetreten ist. Anders ist
-die Sache, wenn ich über den Inhalt meiner Beobachtung nachzudenken
-beginne. Mein Nachdenken hat den Zweck, von dem Vorgange Begriffe zu
-bilden. Ich bringe den Begriff einer elastischen Kugel in Verbindung
-mit gewissen anderen Begriffen der Mechanik und ziehe die besonderen
-Umstände in Erwägung, die in dem vorkommenden Falle obwalten. Ich suche
-also zu dem Vorgange, der sich ohne mein Zuthun abspielt, einen zweiten
-hinzuzufügen, der sich in der begrifflichen Sphäre vollzieht. Der
-letztere ist von mir abhängig. Das zeigt sich dadurch, daß ich mich
-mit der Beobachtung begnügen und auf alles Begriffesuchen verzichten
-kann, wenn ich kein Bedürfnis darnach habe. Wenn dieses Bedürfnis aber
-vorhanden ist, dann beruhige ich mich erst, wenn ich die Begriffe:
-Kugel, Elasticität, Bewegung, Stoß, Geschwindigkeit u. s. w. in
-eine gewisse Verbindung gebracht habe, zu welcher der beobachtete
-Vorgang in einem bestimmten Verhältnisse steht. So gewiß es nun ist,
-daß sich der Vorgang unabhängig von mir vollzieht, so gewiß ist es,
-daß sich der begriffliche Prozeß ohne mein Zuthun nicht abspielen kann.
-
-Ob diese meine Thätigkeit wirklich der Ausfluß meines selbständigen
-Wesens ist, oder ob die modernen Physiologen Recht haben, welche
-sagen, daß wir nicht denken können, wie wir wollen, sondern denken
-müssen, wie es die gerade in unserem Bewußtsein vorhandenen Gedanken
-und Gedankenverbindungen bestimmen (vergl. Ziehen, Leitfaden der
-physiologischen Psychologie, Jena 1893, S. 171), wird Gegenstand
-einer späteren Auseinandersetzung sein. Vorläufig wollen wir bloß
-die Thatsache feststellen, daß wir uns fortwährend gezwungen fühlen,
-zu den ohne unser Zuthun uns gegebenen Gegenständen und Vorgängen
-Begriffe und Begriffsverbindungen zu suchen, die zu jenen in einer
-gewissen Beziehung stehen. Ob dies Thun in Wahrheit unser Thun ist
-oder ob wir es einer unabänderlichen Notwendigkeit gemäß vollziehen,
-lassen wir vorläufig dahin gestellt. Daß es uns zunächst als das
-unserige erscheint, ist ohne Frage. Wir wissen ganz genau, daß
-uns mit den Gegenständen nicht zugleich deren Begriffe mitgegeben
-werden. Daß ich selbst der Thätige bin, mag auf einem Schein beruhen;
-der unmittelbaren Beobachtung stellt sich die Sache jedenfalls so
-dar. Die Frage ist nun: was gewinnen wir dadurch, daß wir zu einem
-Vorgange ein begriffliches Gegenstück hinzufinden?
-
-Es ist ein tiefgreifender Unterschied zwischen der Art, wie sich für
-mich die Teile eines Vorganges zu einander verhalten vor und nach der
-Auffindung der entsprechenden Begriffe. Die bloße Beobachtung kann
-die Teile eines gegebenen Vorganges in ihrem Verlaufe verfolgen;
-ihr Zusammenhang bleibt aber vor der Zuhilfenahme von Begriffen
-dunkel. Ich sehe die erste Billardkugel in einer gewissen Richtung und
-mit einer bestimmten Geschwindigkeit gegen die zweite sich bewegen;
-was nach erfolgtem Stoß geschieht, muß ich abwarten und kann es dann
-auch wieder nur mit den Augen verfolgen. Nehmen wir an, es verdecke
-mir im Augenblicke des Stoßes jemand das Feld, auf dem der Vorgang
-sich abspielt, so bin ich -- als bloßer Beobachter -- ohne Kenntnis,
-was nachher geschieht. Anders ist das, wenn ich für die Konstellation
-der Verhältnisse vor dem Verdecken die entsprechenden Begriffe gefunden
-habe. In diesem Falle kann ich angeben, was geschieht, auch wenn die
-Möglichkeit der Beobachtung aufhört. Ein bloß beobachteter Vorgang oder
-Gegenstand ergiebt aus sich selbst nichts über seinen Zusammenhang
-mit anderen Vorgängen oder Gegenständen. Dieser Zusammenhang wird
-erst ersichtlich, wenn sich die Beobachtung mit dem Denken verbindet.
-
-Beobachtung und Denken sind die beiden Ausgangspunkte für alles
-geistige Streben des Menschen, insoferne er sich eines solchen
-bewußt ist. Die Verrichtungen des gemeinen Menschenverstandes und die
-verwickeltesten wissenschaftlichen Forschungen ruhen auf diesen beiden
-Grundsäulen unseres Geistes. Die Philosophen sind von verschiedenen
-Urgegensätzen ausgegangen: Idee und Wirklichkeit, Subjekt und Objekt,
-Erscheinung und Ding an sich, Ich und Nicht-Ich, Idee und Wille,
-Begriff und Materie, Kraft und Stoff, Bewußtes und Unbewußtes. Es
-läßt sich aber leicht zeigen, daß allen diesen Gegensätzen der
-von Beobachtung und Denken, als der für den Menschen wichtigste,
-vorangehen muß.
-
-Was für ein Prinzip wir auch aufstellen mögen: wir müssen es irgendwo
-als von uns beobachtet nachweisen, oder in Form eines klaren Gedankens,
-der von jedem anderen nachgedacht werden kann, aussprechen. Jeder
-Philosoph, der anfängt über seine Urprinzipien zu sprechen, muß sich
-der begrifflichen Form, und damit des Denkens bedienen. Er giebt
-damit indirekt zu, daß er zu seiner Bethätigung das Denken bereits
-voraussetzt. Ob das Denken oder irgend etwas anderes Hauptelement der
-Weltentwicklung ist, darüber werde hier noch nichts ausgemacht. Daß
-aber der Philosoph ohne das Denken kein Wissen darüber gewinnen kann,
-das ist von vornherein klar. Beim Zustandekommen der Welterscheinungen
-mag das Denken eine Nebenrolle spielen, beim Zustandekommen einer
-Ansicht darüber kommt ihm aber sicher eine Hauptrolle zu.
-
-Was nun die Beobachtung betrifft, so liegt es in unserer Organisation,
-daß wir derselben bedürfen. Unser Denken über ein Pferd und der
-Gegenstand Pferd sind zwei Dinge, die für uns getrennt auftreten. Und
-dieser Gegenstand ist uns nur durch Beobachtung zugänglich. So wenig
-wir durch das bloße Anstarren eines Pferdes uns einen Begriff von
-demselben machen können, ebensowenig sind wir im Stande, durch bloßes
-Denken einen entsprechenden Gegenstand hervorzubringen.
-
-Zeitlich geht die Beobachtung sogar dem Denken voraus. Denn auch
-das Denken müssen wir erst durch Beobachtung kennen lernen. Es war
-wesentlich die Beschreibung einer Beobachtung, als wir am Eingange
-dieses Kapitels darstellten, wie sich das Denken an einem Vorgange
-entzündet und über das ohne sein Zuthun Gegebene hinausgeht. Alles
-was in den Kreis unserer Erlebnisse eintritt, werden wir durch die
-Beobachtung erst gewahr. Der Inhalt von Empfindungen, Wahrnehmungen,
-Anschauungen, die Gefühle, Willensakte, Traum- und Phantasiegebilde,
-Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sämtliche Illusionen und
-Hallucinationen werden uns durch die Beobachtung gegeben.
-
-Nur unterscheidet sich das Denken als Beobachtungsobjekt doch
-wesentlich von allen andern Dingen. Die Beobachtung eines Tisches,
-eines Baumes tritt bei mir ein, sobald diese Gegenstände auf dem
-Horizonte meiner Erlebnisse auftauchen. Das Denken aber über diese
-Gegenstände beobachte ich nicht gleichzeitig. Den Tisch beobachte ich,
-das Denken über den Tisch führe ich aus, aber ich beobachte es nicht
-in demselben Augenblicke. Ich muß mich erst auf einen Standpunkt
-außerhalb meiner eigenen Thätigkeit versetzen, wenn ich neben dem
-Tische auch mein Denken über den Tisch beobachten will. Während das
-Beobachten der Gegenstände und Vorgänge und das Denken darüber ganz
-alltägliche, mein fortlaufendes Leben ausfüllende Zustände sind,
-ist die Beobachtung des Denkens eine Art Ausnahmezustand. Diese
-Thatsache muß in entsprechender Weise berücksichtigt werden, wenn
-es sich darum handelt, das Verhältnis des Denkens zu allen anderen
-Beobachtungsinhalten zu bestimmen. Man muß sich klar darüber sein,
-daß man bei der Beobachtung des Denkens auf dieses ein Verfahren
-anwendet, das für die Betrachtung des ganzen übrigen Weltinhaltes
-den normalen Zustand bildet, das aber im Verfolge dieses normalen
-Zustandes für das Denken selbst nicht eintritt.
-
-Es könnte jemand den Einwand machen, daß das gleiche, was ich hier
-von dem Denken bemerkt habe, auch von dem Fühlen und den übrigen
-geistigen Thätigkeiten gelte. Wenn wir z. B. das Gefühl der Lust haben,
-so entzünde sich das auch an einem Gegenstande, und ich beobachte
-zwar diesen Gegenstand, nicht aber das Gefühl der Lust. Dieser
-Einwand beruht aber auf einem Irrtum. Die Lust steht durchaus nicht
-in demselben Verhältnisse zu ihrem Gegenstande wie der Begriff, den
-das Denken bildet. Ich bin mir auf das bestimmteste bewußt, daß der
-Begriff einer Sache durch meine Thätigkeit gebildet wird, während die
-Lust in mir auf ähnliche Art durch einen Gegenstand erzeugt wird, wie
-z. B. die Veränderung, die ein fallender Stein in einem Gegenstande
-bewirkt, auf den er auffällt. Für die Beobachtung ist die Lust in
-genau derselben Weise gegeben, wie der sie veranlassende Vorgang. Ein
-Gleiches gilt nicht vom Begriffe. Ich kann fragen: warum erzeugt ein
-bestimmter Vorgang bei mir das Gefühl der Lust? Aber ich kann durchaus
-nicht fragen: warum erzeugt ein Vorgang bei mir eine bestimmte Summe
-von Begriffen? Das hätte einfach keinen Sinn. Bei dem Nachdenken über
-einen Vorgang handelt es sich gar nicht um eine Wirkung auf mich. Ich
-kann dadurch nichts über mich erfahren, daß ich für die beobachtete
-Veränderung, die ein gegen eine Fensterscheibe geworfener Stein in
-dieser bewirkt, die entsprechenden Begriffe kenne. Aber ich erfahre
-sehr wohl etwas über meine Persönlichkeit, wenn ich das Gefühl kenne,
-das ein bestimmter Vorgang in mir erweckt. Wenn ich einem beobachteten
-Gegenstand gegenüber sage: dies ist eine Rose, so sage ich über mich
-selbst nicht das Geringste aus; wenn ich aber von demselben Dinge sage:
-es bereitet mir das Gefühl der Lust, so habe ich nicht nur die Rose,
-sondern auch mich selbst in meinem Verhältnis zur Rose charakterisiert.
-
-Von einer Gleichstellung des Denkens mit dem Fühlen der Beobachtung
-gegenüber kann also nicht die Rede sein. Dasselbe ließe sich leicht
-auch für die andern Thätigkeiten des menschlichen Geistes ableiten. Sie
-gehören dem Denken gegenüber in eine Reihe mit anderen beobachteten
-Gegenständen und Vorgängen. Es gehört eben zu der eigentümlichen Natur
-des Denkens, daß es eine Thätigkeit ist, die bloß auf den beobachteten
-Gegenstand gelenkt ist und nicht auf die denkende Persönlichkeit. Das
-spricht sich schon in der Art aus, wie wir unsere Gedanken über eine
-Sache zum Ausdruck bringen im Gegensatz zu unseren Gefühlen oder
-Willensakten. Wenn ich einen Gegenstand sehe und diesen als einen
-Tisch erkenne, werde ich im allgemeinen nicht sagen: ich denke über
-einen Tisch, sondern: dies ist ein Tisch. Wohl aber werde ich sagen:
-ich freue mich über den Tisch. Im ersteren Falle kommt es mir eben gar
-nicht darauf an, auszusprechen, daß ich zu dem Tisch in ein Verhältnis
-trete; in dem zweiten Falle handelt es sich aber gerade um dieses
-Verhältnis. Mit dem Ausspruch: ich denke über einen Tisch, trete ich
-bereits in den oben charakterisierten Ausnahmezustand ein, wo etwas
-zum Gegenstand der Beobachtung gemacht wird, was in unserer geistigen
-Thätigkeit immer mitenthalten ist, aber nicht als beobachtetes Objekt.
-
-Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der Denkende das
-Denken vergisst, während er es ausübt. Nicht das Denken beschäftigt
-ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.
-
-Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die,
-daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens
-ist.
-
-Der Grund, warum wir das Denken im alltäglichen Geistesleben nicht
-beobachten, ist kein anderer als der, daß es auf unserer eigenen
-Thätigkeit beruht. Was ich nicht selbst hervorbringe, tritt als
-ein gegenständliches in mein Beobachtungsfeld ein. Ich sehe mich
-ihm als einem ohne mich zustande Gekommenen gegenüber; es tritt an
-mich heran; ich muß es als die Voraussetzung meines Denkprozesses
-hinnehmen. Während ich über den Gegenstand nachdenke, bin ich mit
-diesem beschäftigt, mein Blick ist ihm zugewandt. Diese Beschäftigung
-ist eben die denkende Betrachtung. Nicht auf meine Thätigkeit,
-sondern auf das Objekt dieser Thätigkeit ist meine Aufmerksamkeit
-gerichtet. Mit anderen Worten: während ich denke, sehe ich nicht auf
-mein Denken, das ich selbst hervorbringe, sondern auf das Objekt des
-Denkens, das ich nicht hervorbringe.
-
-Ich bin sogar in demselben Fall, wenn ich den Ausnahmszustand
-eintreten lasse, und über mein Denken selbst nachdenke. Ich kann mein
-gegenwärtiges Denken nie beobachten; sondern nur die Erfahrungen,
-die ich über meinen Denkprozeß gemacht habe, kann ich nachher zum
-Objekt des Denkens machen. Ich müßte mich in zwei Persönlichkeiten
-spalten: in eine, die denkt, und in die andere, welche sich bei diesem
-Denken selbst zusieht, wenn ich mein gegenwärtiges Denken beobachten
-wollte. Das kann ich nicht. Ich kann das nur in zwei getrennten Akten
-ausführen. Das Denken, das beobachtet werden soll, ist nie das dabei in
-Thätigkeit befindliche, sondern ein anderes. Ob ich zu diesem Zwecke
-meine Beobachtungen an meinem eigenen früheren Denken mache, oder ob
-ich den Gedankenprozeß einer anderen Person verfolge, oder endlich,
-ob ich, wie im obigen Falle mit der Bewegung der Billardkugeln,
-einen fingierten Gedankenprozeß voraussetze, darauf kommt es nicht an.
-
-Zwei Dinge vertragen sich nicht: thätiges Hervorbringen und
-beschauliches Gegenüberstellen. Das weiß schon das 1. Buch Moses. An
-den ersten sechs Welttagen läßt es Gott die Welt hervorbringen, und
-erst als sie da ist, ist die Möglichkeit vorhanden, sie zu beschauen:
-"Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war
-sehr gut." So ist es auch mit unserem Denken. Es muß erst da sein,
-wenn wir es beobachten wollen.
-
-Der Grund, der es uns unmöglich macht, das Denken in seinem
-jeweilig gegenwärtigen Verlauf zu beobachten, ist der gleiche wie
-der, der es uns unmittelbarer und intimer erkennen läßt als jeden
-andern Prozeß der Welt. Eben weil wir es selbst hervorbringen,
-kennen wir das Charakteristische seines Verlaufs, die Art, wie
-sich das dabei in Betracht kommende Geschehen vollzieht. Was in den
-übrigen Beobachtungssphären nur auf mittelbare Weise gefunden werden
-kann: der sachlich-entsprechende Zusammenhang und das Verhältnis der
-einzelnen Gegenstände, das wissen wir beim Denken auf ganz unmittelbare
-Weise. Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt,
-weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit
-dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der
-beiden Begriffe. Es kommt natürlich gar nicht darauf an, ob ich die
-richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der Zusammenhang derer,
-die ich habe, ist mir klar und zwar durch sie selbst.
-
-Diese durchsichtige Klarheit in Bezug auf den Denkprozeß ist ganz
-unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des
-Denkens. Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der
-Beobachtung unserer geistigen Thätigkeit ergiebt. Wie ein materieller
-Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder beeinflußt,
-während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in
-Betracht. Was ich am Denken beobachte ist nicht: welcher Vorgang in
-meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem des Donners verbindet,
-sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes
-Verhältnis zu bringen. Meine Beobachtung ergiebt, daß ich mich in
-meinen Gedankenverbindungen nach dem Inhalte meiner Gedanken richte,
-nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn. Für ein weniger
-materialistisches Zeitalter, als das unsrige, wäre diese Bemerkung
-natürlich vollständig überflüssig. Gegenwärtig aber, wo es Leute giebt,
-die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen,
-wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß man vom Denken
-reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision
-zu treten. Es wird heute sehr vielen Menschen schwer, den Begriff
-des Denkens in seiner Reinheit zu fassen. Wer der Vorstellung, die
-ich hier vom Denken entwickelt habe, sogleich den Satz des Cabanis
-entgegensetzt: "Das Gehirn sondert Gedanken ab wie die Leber Galle,
-die Speicheldrüse Speichel u. s. w.", der weiß einfach nicht, wovon
-ich rede. Er sucht das Denken durch einen bloßen Beobachtungsprozeß
-zu finden in derselben Art, wie wir bei anderen Gegenständen des
-Weltinhaltes verfahren. Er kann es aber auf diesem Wege nicht finden,
-weil es sich, wie ich nachgewiesen habe, gerade da der normalen
-Beobachtung entzieht. Wer den Materialismus nicht überwinden kann,
-dem fehlt die Fähigkeit, bei sich den geschilderten Ausnahmezustand
-herbeizuführen, der ihm zum Bewußtsein bringt, was bei aller andern
-Geistesthätigkeit unbewußt bleibt. Wer den guten Willen nicht hat,
-sich in diesen Standpunkt zu versetzen, mit dem könnte man über das
-Denken so wenig wie mit dem Blinden über die Farbe sprechen. Er möge
-nur aber nicht glauben, daß wir physiologische Prozesse für Denken
-halten. Er erklärt das Denken nicht, weil er es überhaupt nicht sieht.
-
-Für jeden aber, der die Fähigkeit hat, das Denken zu beobachten --
-und bei gutem Willen hat sie jeder normal organisierte Mensch -- ist
-diese Beobachtung die allerwichtigste, die er machen kann. Denn er
-beobachtet etwas, dessen Hervorbringer er selbst ist; er sieht sich
-nicht einem zunächst fremden Gegenstande, sondern seiner eigenen
-Thätigkeit gegenüber. Er weiß, wie das zustande kommt, was er
-beobachtet. Er durchschaut die Verhältnisse und Beziehungen. Es ist
-ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung
-nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann.
-
-Das Gefühl, einen solchen festen Punkt zu haben, veranlaßte den
-Begründer der neueren Philosophie, Renatus Cartesius, das ganze
-menschliche Wissen auf den Satz zu gründen: Ich denke, also bin
-ich. Alle andern Dinge, alles andere Geschehen ist ohne mich da;
-ich weiß nicht, ob als Wahrheit, ob als Gaukelspiel und Traum. Nur
-eines weiß ich ganz unbedingt sicher, denn ich bringe es selbst zu
-seinem sichern Dasein: mein Denken. Mag es noch einen andern Ursprung
-seines Daseins haben, mag es von Gott oder anderswoher kommen; daß
-es in dem Sinne da ist, in dem ich es selbst hervorbringe, dessen
-bin ich gewiß. Einen andern Sinn seinem Satze unterzulegen hatte
-Cartesius zunächst keine Berechtigung. Nur daß ich mich innerhalb des
-Weltinhaltes in meinem Denken als in meiner ureigensten Thätigkeit
-erfasse, konnte er behaupten. Was das darangehängte: also bin ich
-heißen soll, darüber ist viel gestritten worden. Einen Sinn kann
-es aber nur unter einer einzigen Bedingung haben. Die einfachste
-Aussage, die ich von einem Dinge machen kann, ist die, daß es ist,
-daß es existiert. Wie dann dieses Dasein näher zu bestimmen ist, das
-ist bei keinem Dinge, das in den Horizont meiner Erlebnisse eintritt,
-sogleich im Augenblicke zu sagen. Es wird jeder Gegenstand erst in
-seinem Verhältnisse zu andern zu untersuchen sein, um bestimmen zu
-können, in welchem Sinne von ihm als einem existierenden gesprochen
-werden kann. Ein erlebter Vorgang kann eine Summe von Wahrnehmungen,
-aber auch ein Traum, eine Hallucination u. s. w. sein. Kurz, ich
-kann nicht sagen, in welchem Sinne er existiert. Das werde ich dem
-Vorgange selbst nicht entnehmen können, sondern ich werde es erfahren,
-wenn ich ihn im Verhältnisse zu andern Dingen betrachte. Da kann
-ich aber wieder nicht mehr wissen, als wie er im Verhältnisse zu
-diesen Dingen steht. Mein Suchen kommt erst auf einen festen Grund,
-wenn ich ein Objekt finde, bei dem ich den Sinn seines Daseins aus
-ihm selbst schöpfen kann. Das bin ich aber selbst als Denkender,
-denn ich gebe meinem Dasein den bestimmten, in sich beruhenden Inhalt
-der denkenden Thätigkeit. Nun kann ich von da ausgehen und fragen:
-existieren die andern Dinge in dem gleichen oder in einem andern Sinne?
-
-Wenn man das Denken zum Objekt der Beobachtung macht, fügt man zu
-dem übrigen beobachteten Weltinhalte etwas hinzu, was sonst der
-Aufmerksamkeit entgeht; man ändert aber nicht die Art, wie sich
-der Mensch auch den andern Dingen gegenüber verhält. Man vermehrt
-die Zahl der Beobachtungsobjekte, aber nicht die Methode des
-Beobachtens. Während wir die andern Dinge beobachten, mischt sich in
-das Weltgeschehen -- zu dem ich jetzt das Beobachten mitzähle -- ein
-Prozeß, der übersehen wird. Es ist etwas von allem andern Geschehen
-verschiedenes vorhanden, das nicht mitberücksichtigt wird. Wenn ich
-aber mein Denken betrachte, so ist kein solches unberücksichtigtes
-Element vorhanden. Denn was jetzt im Hintergrunde schwebt, ist selbst
-wieder nur das Denken. Der beobachtete Gegenstand ist qualitativ
-derselbe wie die Thätigkeit, die sich auf ihn richtet. Und das ist
-wieder eine charakteristische Eigentümlichkeit des Denkens. Wenn
-wir es zum Betrachtungsobjekt machen, sehen wir uns nicht gezwungen,
-dies mit Hilfe eines Qualitativ-Verschiedenen zu thun, sondern wir
-können in demselben Element verbleiben.
-
-Wenn ich einen ohne mein Zuthun gegebenen Gegenstand in mein Denken
-einspinne, so gehe ich über meine Beobachtung hinaus, und es wird
-sich darum handeln: was giebt mir ein Recht dazu? Warum lasse ich
-den Gegenstand nicht einfach auf mich einwirken? Auf welche Weise ist
-es möglich, daß mein Denken einen Bezug zu dem Gegenstande hat? Das
-sind Fragen, die sich jeder stellen muß, der über seine eigenen
-Gedankenprozeße nachdenkt. Sie fallen weg, wenn man über das Denken
-selbst nachdenkt. Wir fügen zu dem Denken nichts ihm Fremdes hinzu,
-haben uns also auch über ein solches Hinzufügen nicht zu rechtfertigen.
-
-Schelling sagt: "Die Natur erkennen, heißt die Natur schaffen." Wer
-diese Worte des tollkühnen Naturphilosophen wörtlich nimmt, wird wohl
-zeitlebens auf alles Naturerkennen verzichten müssen. Denn die Natur
-ist einmal da, und um sie ein zweites Mal zu schaffen, muß man die
-Prinzipien erkennen, nach denen sie entstanden ist. Für die Natur,
-die man erst schaffen wollte, müßte man der bereits bestehenden die
-Bedingungen ihres Daseins abgucken. Dieses Abgucken, das dem Schaffen
-vorausgehen müßte, wäre aber das Erkennen der Natur, und zwar auch
-dann, wenn nach erfolgtem Abgucken das Schaffen ganz unterbliebe. Nur
-eine noch nicht vorhandene Natur könnte man schaffen, ohne sie vorher
-zu erkennen.
-
-Was bei der Natur unmöglich ist: das Schaffen vor dem Erkennen; beim
-Denken vollbringen wir es. Wollten wir mit dem Denken warten, bis wir
-es erkannt haben, dann kämen wir nie dazu. Wir müssen resolut darauf
-losdenken, um hinterher mittels der Beobachtung des Selbstgethanen zu
-seiner Erkenntnis zu kommen. Der Beobachtung des Denkens schaffen wir
-selbst erst ein Objekt. Für das Vorhandensein aller anderen Objekte
-ist ohne unser Zuthun gesorgt worden.
-
-Leicht könnte jemand meinem Satze: wir müssen denken, bevor wir
-das Denken betrachten können, den andern als gleichberechtigt
-entgegenstellen: wir können auch mit dem Verdauen nicht warten, bis
-wir den Vorgang des Verdauens beobachtet haben. Das wäre ein Einwand
-ähnlich dem, den Pascal dem Cartesius machte, indem er behauptete,
-man könne auch sagen: ich gehe spazieren, also bin ich. Ganz gewiß
-muß ich auch resolut verdauen, bevor ich den physiologischen Prozeß
-der Verdauung studiert habe. Aber mit der Betrachtung des Denkens
-ließe sich das nur vergleichen, wenn ich die Verdauung hinterher
-nicht denkend betrachten, sondern essen und verdauen wollte. Das
-ist doch eben auch nicht ohne Grund, daß das Verdauen zwar nicht
-Gegenstand des Verdauens, das Denken aber sehr wohl Gegenstand des
-Denkens werden kann.
-
-Es ist also zweifellos: in dem Denken halten wir das Weltgeschehen
-an einem Zipfel, wo wir dabei sein müssen, wenn etwas zustande kommen
-soll. Und das ist doch gerade das, worauf es ankommt. Das ist gerade
-der Grund, warum mir die Dinge so rätselhaft gegenüberstehen: daß ich
-an ihrem Zustandekommen so unbeteiligt bin. Ich finde sie einfach vor;
-beim Denken aber weiß ich, wie es gemacht wird. Daher giebt es keinen
-ursprünglicheren Ausgangspunkt für das Betrachten alles Weltgeschehens
-als das Denken.
-
-Ich möchte nun einen weitverbreiteten Irrtum noch erwähnen, der in
-Bezug auf das Denken herrscht. Er besteht darin, daß man sagt: das
-Denken, so wie es an sich selbst ist, ist uns nirgends gegeben. Das
-Denken, das die Beobachtungen unserer Erfahrungen verbindet und mit
-einem Netz von Begriffen durchspinnt, sei durchaus nicht dasselbe
-wie dasjenige, das wir hinterher wieder von den Gegenständen der
-Beobachtung herausschälen und zum Gegenstande unserer Betrachtung
-machen. Was wir erst unbewußt in die Dinge hineinweben, sei ein ganz
-anderes, als was wir dann mit Bewußtsein wieder herauslösen.
-
-Wer so schließt, der begreift nicht, daß es ihm gar nicht möglich
-ist, dem Denken zu entschlüpfen. Ich kann aus dem Denken gar nicht
-herauskommen, wenn ich das Denken betrachten will. Wenn man das
-vorbewußte Denken, von dem nachher bewußten Denken unterscheidet, so
-sollte man doch nicht vergessen, daß diese Unterscheidung eine ganz
-äußerliche ist, die mit der Sache selbst gar nichts zu thun hat. Ich
-mache eine Sache dadurch überhaupt nicht zu einer andern, daß ich
-sie denkend betrachte. Ich kann mir denken, daß ein Wesen mit ganz
-anders gearteten Sinnesorganen und mit einer anders funktionierenden
-Intelligenz von einem Pferde eine ganz andere Vorstellung hat als ich,
-aber ich kann mir nicht denken, daß mein eigenes Denken dadurch ein
-anderes wird, daß ich es beobachte. Ich beobachte selbst, was ich
-selbst vollbringe. Wie mein Denken sich für eine andere Intelligenz
-ausnimmt als die meine, davon ist jetzt nicht die Rede; sondern
-davon, wie es sich für mich ausnimmt. Jedenfalls aber kann das Bild
-meines Denkens in einer andern Intelligenz nicht ein wahreres sein
-als mein eigenes. Nur wenn ich nicht selbst das denkende Wesen wäre,
-sondern das Denken mir als Thätigkeit eines mir fremdartigen Wesens
-gegenüberträte, könnte ich davon sprechen, daß mein Bild des Denkens
-zwar auf eine bestimmte Weise auftrete; wie das Denken des Wesens
-aber an sich selber sei, das könnte ich nicht wissen.
-
-Mein eigenes Denken von einem anderen Standpunkte aus anzusehen, liegt
-aber vorläufig für mich nicht die geringste Veranlassung vor. Ich
-betrachte ja die ganze übrige Welt mit Hilfe des Denkens. Wie sollte
-ich bei meinem Denken hiervon eine Ausnahme machen.
-
-Damit betrachte ich für genügend gerechtfertigt, wenn ich in meiner
-Weltbetrachtung von dem Denken ausgehe. Als Archimedes den Hebel
-erfunden hatte, da glaubte er mit seiner Hilfe den ganzen Kosmos
-aus den Angeln heben zu können, wenn er nur einen Punkt fände, wo
-er sein Instrument aufstützen könnte. Er brauchte etwas, was durch
-sich selbst, nicht durch anderes getragen wird. Im Denken haben
-wir ein Prinzip, das durch sich selbst besteht. Von hier aus sei
-es versucht, die Welt zu begreifen. Das Denken können wir durch es
-selbst erfassen. Die Frage ist nur, ob wir durch dasselbe auch noch
-etwas anderes ergreifen können.
-
-Ich habe bisher von dem Denken gesprochen, ohne auf seinen Träger, das
-menschliche Bewußtsein, Rücksicht zu nehmen. Die meisten Philosophen
-der Gegenwart werden mir einwenden: bevor es ein Denken giebt, muß
-es ein Bewußtsein geben. Deshalb sei vom Bewußtsein und nicht vom
-Denken auszugehen. Es gebe kein Denken ohne Bewußtsein. Ich muß dem
-gegenüber erwidern: Wenn ich darüber Aufklärung haben will, welches
-Verhältnis zwischen Denken und Bewußtsein besteht, so muß ich darüber
-nachdenken. Ich setze das Denken damit voraus. Nun kann man darauf
-allerdings antworten: Wenn der Philosoph das Bewußtsein begreifen
-will, dann bedient er sich des Denkens; er setzt es insoferne voraus;
-im gewöhnlichen Verlaufe des Lebens aber entsteht das Denken innerhalb
-des Bewußtseins und setzt also dieses voraus. Wenn diese Antwort dem
-Weltschöpfer gegeben würde, der das Denken schaffen will, so wäre
-sie ohne Zweifel berechtigt. Man kann natürlich das Denken nicht
-entstehen lassen, ohne vorher das Bewußtsein zustande zu bringen. Dem
-Philosophen aber handelt es sich nicht um die Weltschöpfung, sondern
-um das Begreifen derselben. Er hat daher auch nicht die Ausgangspunkte
-für das Schaffen, sondern für das Begreifen der Welt zu suchen. Ich
-finde es ganz sonderbar, wenn man dem Philosophen vorwirft, daß er
-sich vor allen andern Dingen um die Richtigkeit seiner Prinzipien,
-nicht aber sogleich um die Gegenstände bekümmert, die er begreifen
-will. Der Weltschöpfer mußte vor allem wissen, wie er einen Träger für
-das Denken findet, der Philosoph aber muß nach einer sichern Grundlage
-suchen, von der aus er das Vorhandene begreifen kann. Was frommt es
-uns, wenn wir vom Bewußtsein ausgehen und es der denkenden Betrachtung
-unterwerfen, wenn wir vorher über die Möglichkeit, durch denkende
-Betrachtung Aufschluß über die Dinge zu bekommen, nichts wissen?
-
-Wir müssen erst das Denken ganz neutral, ohne Beziehung auf ein
-denkendes Subjekt oder ein gedachtes Objekt betrachten. Denn in Subjekt
-und Objekt haben wir bereits Begriffe, die durch das Denken gebildet
-sind. Es ist nicht zu leugnen: ehe anderes begriffen werden kann,
-muß es das Denken werden. Wer es leugnet, der übersieht, daß er als
-Mensch nicht ein Anfangsglied der Schöpfung, sondern deren Endglied
-ist. Man kann deswegen behufs Erklärung der Welt durch Begriffe nicht
-von den zeitlich ersten Elementen des Daseins ausgehen, sondern von
-dem, was uns als das Nächste, als das Intimste gegeben ist. Wir können
-uns nicht mit einem Sprunge an den Anfang der Welt versetzen, um da
-unsere Betrachtung anzufangen, sondern wir müssen von dem gegenwärtigen
-Augenblick ausgehen, und sehen, ob wir von dem Späteren zu dem Früheren
-aufsteigen können. So lange die Geologie von erdichteten Revolutionen
-gesprochen hat, um den gegenwärtigen Zustand der Erde zu erklären, so
-lange tappte sie in der Finsternis. Erst als sie ihren Anfang damit
-machte, zu untersuchen, welche Vorgänge gegenwärtig noch auf der
-Erde sich abspielen und von diesen zurückschloß auf das Vergangene,
-hatte sie einen sicheren Boden gewonnen. So lange die Philosophie alle
-möglichen Prinzipien annehmen wird, wie Atom, Bewegung, Materie, Wille,
-Unbewußtes, wird sie in der Luft schweben. Erst wenn der Philosoph
-das absolut letzte als sein erstes ansehen wird, kann er zum Ziele
-kommen. Dieses absolut letzte, zu dem es die Weltentwicklung gebracht
-hat, ist aber das Denken.
-
-Es giebt Leute, die sagen: ob unser Denken an sich richtig sei oder
-nicht, können wir aber doch nicht mit Sicherheit feststellen. Insoferne
-bleibt also der Ausgangspunkt jedenfalls ein zweifelhafter. Das ist
-gerade so vernünftig gesprochen, wie wenn man Zweifel hegt, ob ein
-Baum an sich richtig sei oder nicht. Das Denken ist eine Thatsache;
-und über die Richtigkeit oder Falschheit einer solchen zu sprechen,
-ist sinnlos. Ich kann höchstens darüber Zweifel haben, ob das Denken
-richtig verwendet wird, wie ich zweifeln kann, ob ein gewisser Baum
-ein entsprechendes Holz zu einem zweckmäßigen Gerät giebt. Zu zeigen,
-inwieferne die Anwendung des Denkens auf die Welt eine richtige oder
-falsche ist, wird gerade Aufgabe dieser Schrift sein. Ich kann es
-verstehen, wenn jemand Zweifel hegt, daß durch das Denken über die
-Welt etwas ausgemacht werden kann; das aber ist mir unbegreiflich,
-wie jemand die Richtigkeit des Denkens an sich anzweifeln kann.
-
-
-
-
-
-
-
-
-V.
-
-DIE WELT ALS WAHRNEHMUNG.
-
-
-Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist,
-kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen
-darauf aufmerksam machen, daß er Begriffe habe. Wenn jemand einen
-Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem
-Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den
-Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig. Wenn der
-Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur
-das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des
-Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer
-wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus
-nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen
-zusammen. Der Begriff "Organismus" schließt sich z. B. an die andern:
-"gesetzmäßige Entwicklung, Wachstum" an. Andere an Einzeldingen
-gebildete Begriffe fallen völlig in Eins zusammen. Alle Begriffe
-die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff "Löwe"
-zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu
-einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle
-hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind
-nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe. Ich muß
-einen besonderen Wert darauflegen, daß hier an dieser Stelle beachtet
-werde, daß ich als meinen Ausgangspunkt das Denken bezeichnet habe,
-und nicht Begriffe und Ideen, die erst durch das Denken gewonnen
-werden. Diese setzen das Denken bereits voraus. Es kann daher, was
-ich in Bezug auf die in sich selbst ruhende, durch nichts bestimmte
-Natur des Denkens gesagt habe, nicht einfach auf die Begriffe
-übertragen werden. (Ich bemerke das hier ausdrücklich, weil hier
-meine Differenz mit Hegel liegt. Dieser setzt den Begriff als Erstes
-und Ursprüngliches.)
-
-Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht
-schon aus dem Umstande hervor, daß der heranwachsende Mensch sich
-langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet,
-die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt.
-
-Ein vielgelesener Philosoph der Gegenwart (Herbert Spencer) schildert
-den geistigen Prozeß, den wir gegenüber der Beobachtung vollziehen,
-folgendermaßen:
-
-"Wenn wir an einem Septembertag, durch die Felder wandelnd, wenige
-Schritte vor uns ein Geräusch hören und an der Seite des Grabens,
-von dem es herzukommen schien, das Gras in Bewegung sehen, so werden
-wir wahrscheinlich auf die Stelle losgehen, um zu erfahren, was
-das Geräusch und die Bewegung hervorbrachte. Bei unserer Annäherung
-flattert ein Rebhuhn in den Graben und damit ist unsere Neugierde
-befriedigt: wir haben, was wir eine Erklärung der Erscheinungen
-nennen. Diese Erklärung läuft, wohlgemerkt, auf folgendes hinaus:
-weil wir im Leben unendlich oft erfahren haben, daß eine Störung
-der ruhigen Lage kleiner Körper die Bewegung anderer zwischen ihnen
-befindlicher Körper begleitet, und weil wir deshalb die Beziehungen
-zwischen solchen Störungen und solchen Bewegungen verallgemeinert
-haben, so halten wir diese besondere Störung für erklärt, sobald wir
-finden, daß sie ein Beispiel eben dieser Beziehung darbietet." Genauer
-besehen stellt sich die Sache ganz anders dar, als sie hier beschrieben
-ist. Wenn ich ein Geräusch höre, so suche ich zunächst den Begriff für
-diese Beobachtung. Dieser Begriff erst weist mich über das Geräusch
-hinaus. Wer nicht weiter nachdenkt, der hört eben das Geräusch und
-giebt sich damit zufrieden. Durch mein Nachdenken aber ist mir klar,
-daß ich ein Geräusch als Wirkung aufzufassen habe. Also erst wenn ich
-den Begriff der Wirkung mit der Wahrnehmung des Geräusches verbinde,
-werde ich veranlaßt, über die Einzelbeobachtung hinauszugehen und nach
-der Ursache zu suchen. Der Begriff der Wirkung ruft den der Ursache
-hervor und ich suche dann nach dem verursachenden Gegenstande, den ich
-in der Gestalt des Rebhuhns finde. Diese Begriffe, Ursache und Wirkung,
-kann ich aber niemals durch bloße Beobachtung, und erstrecke sie sich
-auf noch so viele Fälle, gewinnen. Die Beobachtung ruft das Denken
-hervor und erst dieses ist es, das mir den Weg weist, das einzelne
-Erlebnis an ein anderes anzuschließen.
-
-Wenn man von einer "streng objektiven Wissenschaft" fordert, daß
-sie ihren Inhalt nur der Beobachtung entnehme, so muß man zugleich
-fordern, daß sie auf alles Denken verzichte. Denn dieses geht seiner
-Natur nach über das Beobachtete hinaus.
-
-Nun ist es am Platze von dem Denken auf das denkende Wesen
-überzugehen. Denn durch dieses wird das Denken mit der Beobachtung
-verbunden. Das menschliche Bewußtsein ist der Schauplatz, wo
-Begriff und Beobachtung einander begegnen und wo sie miteinander
-verknüpft werden. Dadurch ist aber dieses (menschliche) Bewußtsein
-zugleich charakterisiert. Es ist der Vermittler zwischen Denken und
-Beobachtung. Insoferne es einen Gegenstand beobachtet, erscheint ihm
-dieser als gegeben, insoferne es denkt, erscheint es sich selbst als
-thätig. Es betrachtet den Gegenstand als Objekt, sich selbst als das
-denkende Subjekt. Weil es sein Denken auf die Beobachtung richtet,
-ist es Bewußtsein von den Objekten; weil es sein Denken auf sich
-richtet, ist es Bewußtsein seiner selbst oder Selbstbewußtsein. Das
-menschliche Bewußtsein muß notwendig zugleich Selbstbewußtsein sein,
-weil es denkendes Bewußtsein ist. Denn wenn das Denken den Blick auf
-seine eigene Thätigkeit richtet, dann hat es seine ureigene Wesenheit,
-also sein Subjekt als Objekt zum Gegenstande.
-
-Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des
-Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen
-können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive
-Thätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und
-Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn
-wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen,
-so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives
-auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt,
-sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt
-ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken
-vermag. Die Thätigkeit, die das Bewußtsein als denkendes Wesen
-ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die
-weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe
-hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt
-denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken
-ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und
-mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen,
-indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt.
-
-Darauf beruht die Doppelnatur des Menschen: Er denkt und umschließt
-damit sich selbst und die übrige Welt; aber er muß sich mittels des
-Denkens zugleich als ein den Dingen gegenüberstehendes Individuum
-bestimmen.
-
-Das nächste wird nun sein, uns zu fragen: wie kommt das andere Element,
-das wir bisher bloß als Beobachtungsobjekt bezeichnet haben, und das
-sich mit dem Denken im Bewußtsein begegnet, in das letztere?
-
-Wir müssen, um diese Frage zu beantworten, aus unserem
-Beobachtungsfelde alles aussondern, was durch das Denken bereits
-in dasselbe hineingetragen worden ist. Denn unser jeweiliger
-Bewußtseinsinhalt ist immer schon mit Begriffen in der mannigfachsten
-Weise durchsetzt.
-
-Wir müssen uns vorstellen, daß ein Wesen mit vollkommen entwickelter
-menschlicher Intelligenz aus dem Nichts entstehe und der Welt
-gegenübertrete. Was es da gewahr würde, bevor es das Denken in
-Thätigkeit bringt, das ist der reine Beobachtungsinhalt. Die Welt
-zeigte dann diesem Wesen nur das bloße zusammenhanglose Aggregat von
-Empfindungsobjekten: Farben, Töne, Druck-, Wärme-, Geschmacks- und
-Geruchsempfindungen; dann Lust- und Unlustgefühle. Dieses Aggregat
-ist der Inhalt der reinen, gedankenlosen Beobachtung. Ihm gegenüber
-steht das Denken, das bereit ist, seine Thätigkeit zu entfalten,
-wenn sich ein Angriffspunkt dazu findet. Die Erfahrung lehrt bald,
-daß er sich findet. Das Denken ist imstande Fäden zu ziehen von einem
-Beobachtungselement zum andern. Es verknüpft mit diesen Elementen
-bestimmte Begriffe und bringt sie dadurch in ein Verhältnis. Wir
-haben oben bereits gesehen, wie ein uns begegnendes Geräusch mit
-einer andern Beobachtung dadurch verbunden wird, daß wir das erstere
-als Wirkung der letzteren bezeichnen.
-
-Wenn wir uns nun daran erinnern, daß die Thätigkeit des Denkens
-durchaus nicht als eine subjektive aufzufassen ist, so werden wir
-auch nicht versucht sein zu glauben, daß solche Beziehungen, die
-durch das Denken hergestellt sind, bloß eine subjektive Geltung haben.
-
-Es wird sich jetzt darum handeln, durch denkende Überlegung die
-Beziehung zu suchen, die der oben angegebene unmittelbar gegebene
-Beobachtungsinhalt zu unserem bewußten Subjekt hat.
-
-Bei dem Schwanken des Sprachgebrauches erscheint es mir geboten, daß
-ich mich mit meinem Leser über den Gebrauch eines Wortes verständige,
-das ich im folgenden anwenden muß. Ich werde die unmittelbaren
-Empfindungsobjekte, die ich oben genannt habe, insoferne das bewußte
-Subjekt von ihnen durch Beobachtung Kenntnis nimmt, Wahrnehmungen
-nennen. Also nicht den Vorgang der Beobachtung, sondern das Objekt
-dieser Beobachtung bezeichne ich mit diesem Namen.
-
-Ich wähle den Ausdruck Empfindung nicht, weil dieser in der
-Physiologie eine bestimmte Bedeutung hat, die enger ist, als die
-meines Begriffes von Wahrnehmung. Ein Gefühl in mir selbst kann ich
-wohl als Wahrnehmung, nicht aber als Empfindung im physiologischen
-Sinne bezeichnen. Wenn ich von meinem Gefühle Kenntnis erhalten
-soll, so muß es erst Wahrnehmung für mich werden. Und die Art, wie
-wir durch Beobachtung Kenntnis von unserem Denken erhalten, ist eine
-solche, daß wir auch das Denken in seinem ersten Auftreten für unser
-Bewußtsein Wahrnehmung nennen können.
-
-Der naive Mensch betrachtet seine Wahrnehmungen in dem Sinne, wie
-sie ihm unmittelbar erscheinen, als Dinge, die ein von ihm ganz
-unabhängiges Dasein haben. Wenn er einen Baum sieht, so glaubt er
-zunächst, daß dieser in der Gestalt, die er sieht, mit den Farben,
-die seine Teile haben u. s. w., dort an dem Orte steht, wohin der
-Blick gerichtet ist. Wenn derselbe Mensch morgens die Sonne als eine
-Scheibe am Horizonte erscheinen sieht und den Lauf dieser Scheibe
-verfolgt, so ist er der Meinung, daß das alles in dieser Weise
-(an sich) besteht und vorgeht, wie er es beobachtet. Er hält so
-lange an diesem Glauben fest, bis er anderen Wahrnehmungen begegnet,
-die jenen widersprechen. Das Kind, das noch keine Erfahrungen über
-Entfernungen hat, greift nach dem Monde und stellt das, was es nach
-dem ersten Augenschein für wirklich gehalten hat, erst richtig,
-wenn eine zweite Wahrnehmung sich mit der ersten im Widerspruch
-befindet. Jede Erweiterung des Kreises meiner Wahrnehmungen nötigt
-mich, mein Bild der Welt zu berichtigen. Das zeigt sich im täglichen
-Leben ebenso wie in der Geistesentwicklung der Menschheit. Das Bild,
-das sich die Alten von der Beziehung der Erde zu der Sonne und den
-andern Himmelskörpern machten, mußte von Copernikus durch ein anderes
-ersetzt werden, weil es mit Wahrnehmungen, die früher unbekannt
-waren, nicht zusammenstimmte. Als Dr. Franz einen Blindgeborenen
-operierte, sagte dieser, daß er sich vor seiner Operation durch die
-Wahrnehmungen seines Tastsinnes ein ganz anderes Bild von der Größe
-der Gegenstände gemacht habe. Er mußte seine Tastwahrnehmungen durch
-seine Gesichtswahrnehmungen berichtigen.
-
-Woher kommt es, daß wir zu solchen fortwährenden Richtigstellungen
-unserer Beobachtungen gezwungen sind?
-
-Eine einfache Überlegung bringt die Antwort auf diese Frage. Wenn ich
-an dem einen Ende einer Allee stehe, so erscheinen mir die Bäume an dem
-andern, von mir entfernten Ende kleiner und näher aneinandergerückt
-als da, wo ich stehe. Mein Wahrnehmungsbild wird ein anderes, wenn
-ich den Ort ändere, von dem aus ich meine Beobachtungen mache. Es
-ist also in der Gestalt, in der es an mich herantritt, abhängig von
-einer Bestimmung, die nicht an dem Objekte hängt, sondern die mir,
-dem Wahrnehmenden, zukommt. Es ist für eine Allee ganz gleichgültig,
-wo ich stehe. Das Bild aber, das ich von ihr erhalte, ist wesentlich
-davon abhängig. Ebenso ist es für die Sonne und das Planetensystem
-gleichgültig, daß die Menschen sie gerade von der Erde aus ansehen. Das
-Wahrnehmungsbild aber, das sich diesen darbietet, ist durch diesen
-ihren Wohnsitz bestimmt. Diese Abhängigkeit des Wahrnehmungsbildes
-von unserem Beobachtungsorte ist diejenige, die am leichtesten zu
-durchschauen ist. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir die
-Abhängigkeit unserer Wahrnehmungswelt von unserer leiblichen und
-geistigen Organisation kennen lernen. Der Physiker zeigt uns, daß
-innerhalb des Raumes, in dem wir einen Schall hören, Schwingungen
-der Luft stattfinden, und daß auch der Körper, in dem wir den
-Ursprung des Schalles suchen, eine schwingende Bewegung seiner Teile
-aufweist. Wir nehmen diese Bewegung nur als Schall wahr, wenn wir
-ein normal organisiertes Ohr haben. Ohne ein solches bliebe uns die
-ganze Welt ewig stumm. Die Physiologie belehrt uns darüber, daß es
-Menschen giebt, die nichts wahrnehmen von der herrlichen Farbenpracht,
-die uns umgiebt. Ihr Wahrnehmungsbild weist nur Nuancen von Hell und
-Dunkel auf. Andere nehmen nur eine bestimmte Farbe, z. B. das Rot,
-nicht wahr. Ihrem Weltbilde fehlt dieser Farbenton, und es ist daher
-thatsächlich ein anderes als das eines Durchschnittsmenschen. Ich
-möchte die Abhängigkeit meines Wahrnehmungsbildes von meinem
-Beobachtungsorte eine mathematische, die von meiner Organisation
-eine qualitative nennen. Durch jene werden die Größenverhältnisse und
-gegenseitigen Entfernungen meiner Wahrnehmungen bestimmt, durch diese
-die Qualität derselben. Daß ich eine rote Fläche rot sehe -- diese
-qualitative Bestimmung -- hängt von der Organisation meines Auges ab.
-
-Meine Wahrnehmungsbilder sind also zunächst subjektiv. Die Erkenntnis
-von dem subjektiven Charakter unserer Wahrnehmungen kann leicht zu
-Zweifeln darüber führen, ob überhaupt etwas Objektives denselben
-zum Grunde liegt. Wenn wir wissen, daß eine Wahrnehmung, z. B. die
-der roten Farbe, oder eines bestimmten Tones nicht möglich ist,
-ohne eine bestimmte Einrichtung unseres Organismus, so kann man zu
-dem Glauben kommen, daß dieselbe, abgesehen von unserem subjektiven
-Organismus keinen Bestand hat, daß sie ohne den Akt des Wahrnehmens,
-dessen Objekt sie ist, keine Art des Daseins hat. Diese Ansicht hat in
-George Berkeley einen klassischen Vertreter gefunden, der der Meinung
-war, daß der Mensch von dem Augenblicke an, wo er sich der Bedeutung
-des Subjekts für die Wahrnehmung bewußt geworden ist, nicht mehr an
-eine ohne den bewußten Geist vorhandene Welt glauben könne. Er sagt:
-"Einige Wahrheiten liegen so nahe und sind so einleuchtend, daß man nur
-die Augen zu öffnen braucht, um sie zu sehen. Für eine solche halte
-ich den wichtigen Satz, daß der ganze Chor am Himmel und alles, was
-zur Erde gehört, mit einem Worte alle die Körper, die den gewaltigen
-Bau der Welt zusammensetzen, keine Subsistenz außerhalb des Geistes
-haben, daß ihr Sein in ihrem Wahrgenommen- oder Erkannt-Werden
-besteht, daß sie folglich, so lange sie nicht wirklich von mir
-wahrgenommen werden oder in meinem Bewußtsein oder dem eines anderen
-geschaffenen Geistes existieren, entweder überhaupt keine Existenz
-haben oder in dem Bewußtsein eines ewigen Geistes existieren". Für
-diese Ansicht bleibt von der Wahrnehmung nichts mehr übrig, wenn man
-von dem Wahrgenommen-Werden absieht. Es giebt keine Farbe, wenn keine
-gesehen, keinen Ton, wenn keiner gehört wird. Ebensowenig wie Farbe
-und Ton existieren Ausdehnung, Gestalt und Bewegung außerhalb des
-Wahrnehmungsaktes. Wir sehen nirgends bloße Ausdehnung oder Gestalt,
-sondern diese immer mit Farbe oder andern unbestreitbar von unserer
-Subjektivität abhängigen Eigenschaften verknüpft. Wenn die letzteren
-mit unserer Wahrnehmung verschwinden, so muß das auch bei den ersteren
-der Fall sein, die an sie gebunden sind.
-
-Dem Einwand, daß, wenn auch Figur, Farbe, Ton u. s. w. keine andere
-Existenz als die innerhalb des Wahrnehmungsaktes haben, es doch
-Dinge geben müsse, die ohne das Bewußtsein da sind und denen die
-bewußten Wahrnehmungsbilder ähnlich seien, begegnet die geschilderte
-Ansicht damit, daß sie sagt: eine Farbe kann nur ähnlich einer Farbe,
-eine Figur ähnlich einer Figur sein. Unsere Wahrnehmungen können
-nur unseren Wahrnehmungen, aber keinerlei anderen Dingen ähnlich
-sein. Auch was wir einen Gegenstand nennen, ist nichts anderes als
-eine Gruppe von Wahrnehmungen, die in einer bestimmten Weise verbunden
-sind. Nehme ich von einem Tische Gestalt, Ausdehnung, Farbe u. s. w.,
-kurz alles, was nur meine Wahrnehmung ist, weg, so bleibt nichts mehr
-übrig. Diese Ansicht führt, konsequent verfolgt, zu der Behauptung:
-Die Objekte meiner Wahrnehmungen sind nur durch mich vorhanden und
-zwar nur insoferne und so lange ich sie wahrnehme; sie verschwinden
-mit dem Wahrnehmen und haben keinen Sinn ohne dieses. Außer meinen
-Wahrnehmungen weiß ich aber von keinen Gegenständen und kann von
-keinen wissen.
-
-Gegen diese Behauptung ist so lange nichts einzuwenden, als ich bloß
-im allgemeinen den Umstand in Betracht ziehe, daß die Wahrnehmung von
-der Organisation meines Subjektes mitbestimmt wird. Wesentlich anders
-stellte sich die Sache aber, wenn wir imstande wären, anzugeben,
-welches die Funktion unseres Wahrnehmens beim Zustandekommen einer
-Wahrnehmung ist. Wir wüßten dann, was an der Wahrnehmung während des
-Wahrnehmens geschieht, und könnten auch bestimmen, was an ihr schon
-sein muß, bevor sie wahrgenommen wird.
-
-Damit wird unsere Betrachtung von dem Objekt der Wahrnehmung auf das
-Subjekt derselben geleitet. Ich nehme nicht nur andere Dinge wahr,
-sondern ich nehme mich selbst wahr. Die Wahrnehmung meiner selbst hat
-zunächst den Inhalt, daß ich das Bleibende bin gegenüber den immer
-kommenden und gehenden Wahrnehmungsbildern. Die Wahrnehmung des Ich
-geht in meinem Bewußtsein als Begleiter aller andern Wahrnehmungen
-nebenher. Wenn ich in die Wahrnehmung eines gegebenen Gegenstandes
-vertieft bin, so habe ich vorläufig nur von diesem ein Bewußtsein. Dazu
-tritt dann die Wahrnehmung meines Selbst. Ich bin mir nunmehr nicht
-bloß des Gegenstandes bewußt, sondern auch meiner Persönlichkeit,
-die dem Gegenstand gegenübersteht und ihn beobachtet. Ich sehe
-nicht bloß einen Baum, sondern ich weiß auch, daß ich es bin, der ihn
-sieht. Ich erkenne auch, daß in mir etwas vorgeht, während ich den Baum
-beobachte. Wenn der Baum aus meinem Gesichtskreise verschwindet, bleibt
-ein Rückstand von diesem Vorgange: ein Bild des Baumes. Dieses Bild
-hat sich während meiner Beobachtung mit meinem Selbst verbunden. Mein
-Selbst hat sich bereichert; sein Inhalt hat ein neues Element in
-sich aufgenommen. Dieses Element nenne ich meine Vorstellung von dem
-Baume. Ich käme nie in die Lage von Vorstellungen zu sprechen, wenn
-ich nicht die Wahrnehmung meines Selbst machte. Wahrnehmungen würden
-kommen und gehen; ich ließe sie vorüberziehen. Nur dadurch, daß ich
-mein Selbst wahrnehme und merke, daß mit jeder Wahrnehmung sich auch
-dessen Inhalt ändert, sehe ich mich gezwungen, die Beobachtung des
-Gegenstandes mit meiner eigenen Zustandsveränderung in Zusammenhang
-zu bringen und von meiner Vorstellung zu sprechen.
-
-Die Vorstellung nehme ich an meinem Selbst wahr, in dem Sinne,
-wie Farbe, Ton u. s. w. an andern Gegenständen. Ich kann jetzt
-auch den Unterschied machen, daß ich diese andern Gegenstände, die
-sich mir gegenüberstellen, Außenwelt nenne, während ich den Inhalt
-meiner Selbstwahrnehmung als Innenwelt bezeichne. Die Verkennung
-des Verhältnisses von Vorstellung und Gegenstand hat die größten
-Mißverständnisse in der neueren Philosophie herbeigeführt. Die
-Wahrnehmung einer Veränderung in uns, die Modifikation, die mein
-Selbst erfährt, wurde in den Vordergrund gedrängt und das diese
-Modifikation veranlassende Objekt ganz aus dem Auge verloren. Man
-hat gesagt: wir nehmen nicht die Gegenstände wahr, sondern nur
-unsere Vorstellungen. Ich soll nichts wissen von dem Tische an
-sich, der Gegenstand meiner Beobachtung ist, sondern nur von der
-Veränderung, die mit mir selbst vorgeht, während ich den Tisch
-wahrnehme. Diese Anschauung darf nicht mit der vorhin erwähnten
-Berkeleyschen verwechselt werden. Berkeley behauptet die subjektive
-Natur meines Wahrnehmungsinhaltes, aber er sagt nicht, daß ich nur von
-meinen Vorstellungen wissen kann. Er schränkt mein Wissen auf meine
-Vorstellungen ein, weil er der Meinung ist, daß es keine Gegenstände
-außerhalb des Vorstellens giebt. Was ich als Tisch ansehe, das ist
-im Sinne Berkeleys nicht mehr vorhanden, sobald ich meinen Blick
-nicht mehr darauf richte. Deshalb läßt Berkeley meine Wahrnehmungen
-unmittelbar durch die Macht Gottes entstehen. Ich sehe einen Tisch,
-weil Gott diese Wahrnehmung in mir hervorruft. Berkeley kennt daher
-keine anderen realen Wesen als Gott und die menschlichen Geister. Was
-wir Welt nennen, ist nur innerhalb der Geister vorhanden. Was der
-naive Mensch Außenwelt, körperliche Natur nennt, ist für Berkeley
-nicht vorhanden. Dieser Ansicht steht die jetzt herrschende Kantsche
-gegenüber, welche unsere Erkenntnis von der Welt nicht deshalb auf
-unsere Vorstellungen einschränkt, weil sie überzeugt ist, daß es
-außer diesen Vorstellungen keine Dinge geben kann, sondern weil sie
-uns so organisiert glaubt, daß wir nur von den Veränderungen unseres
-eigenen Selbst, nicht von den diese Veränderungen veranlassenden
-Dingen an sich erfahren können. Sie folgert aus dem Umstande, daß
-ich nur meine Vorstellungen kenne, nicht, daß es keine von diesen
-Vorstellungen unabhängige Existenz giebt, sondern nur, daß das Subjekt
-eine solche nicht unmittelbar in sich aufnehmen, sie nicht anders als
-durch das "Medium seiner subjektiven Gedanken imaginieren, fingieren,
-denken, erkennen, vielleicht auch nicht erkennen kann" (O. Liebmann,
-Zur Analysis der Wirklichkeit, S. 28). Diese Anschauung glaubt etwas
-unbedingt Gewisses zu sagen, etwas, was ohne alle Beweise unmittelbar
-einleuchtet. "Der erste Fundamentalsatz, den sich der Philosoph zu
-deutlichem Bewußtsein zu bringen hat, besteht in der Erkenntnis,
-daß unser Wissen sich zunächst auf nichts weiter als auf unsere
-Vorstellungen erstreckt. Unsere Vorstellungen sind das Einzige, was
-wir unmittelbar erfahren, unmittelbar erleben; und eben weil wir sie
-unmittelbar erfahren, deshalb vermag uns auch der radikalste Zweifel
-das Wissen von denselben nicht zu entreißen. Dagegen ist das Wissen,
-das über mein Vorstellen -- ich nehme diesen Ausdruck hier überall im
-weitesten Sinne, so daß alles psychische Geschehen darunter fällt --
-hinausgeht, vor dem Zweifel nicht geschützt. Daher muß zu Beginn des
-Philosophierens alles über die Vorstellungen hinausgehende Wissen
-ausdrücklich als bezweifelbar hingestellt werden," so beginnt Volkelt
-sein Buch über "Kants Erkenntnistheorie". Was hiermit so hingestellt
-wird, als ob es eine unmittelbare und selbstverständliche Wahrheit
-wäre, ist aber in Wirklichkeit das Resultat einer Gedankenoperation,
-die folgendermaßen verläuft: Der naive Mensch glaubt, daß die
-Gegenstände, so wie er sie wahrnimmt, auch außerhalb seines Bewußtseins
-vorhanden sind. Die Physik, Physiologie und Psychologie lehren aber,
-daß zu unseren Wahrnehmungen unsere Organisation notwendig ist,
-daß wir folglich von nichts wissen können, als von dem, was unsere
-Organisation uns von den Dingen überliefert. Unsere Wahrnehmungen sind
-somit Modifikationen unserer Organisation, nicht Dinge an sich. Den
-hier angedeuteten Gedankengang hat Eduard von Hartmann in der That
-als denjenigen charakterisiert, der zur Überzeugung von dem Satze
-führen muß, daß wir ein direktes Wissen nur von unseren Vorstellungen
-haben können (vergl. dessen Grundproblem der Erkenntnistheorie,
-S. 16-40). Weil wir außerhalb unseres Organismus Schwingungen der
-Körper und der Luft finden, die sich uns als Schall darstellen, so
-wird gefolgert, daß das, was wir Schall nennen, nichts weiter sei als
-eine subjektive Reaktion unseres Organismus auf jene Bewegungen in
-der Außenwelt. In derselben Weise findet man, daß Farbe und Wärme nur
-Modifikationen unseres Organismus sind. Und zwar ist man der Ansicht,
-daß diese beiden Wahrnehmungsarten in uns hervorgerufen werden durch
-die Wirkung der Bewegung eines den Weltraum füllenden, unendlich feinen
-Stoffes, des Äthers. Wenn die Schwingungen dieses Äthers die Hautnerven
-meines Körpers erregen, so habe ich die Wahrnehmung der Wärme, wenn sie
-den Sehnerv treffen, nehme ich Licht und Farbe wahr. Licht, Farbe und
-Wärme sind also das, womit meine Sinnesnerven auf den Reiz von außen
-antworten. Auch der Tastsinn liefert mir nicht die Gegenstände der
-Außenwelt, sondern nur meine eigenen Zustände. Der Physiker glaubt,
-daß die Körper aus unendlich kleinen Teilen, den Molekülen, bestehen,
-und daß diese Moleküle nicht unmittelbar aneinandergrenzen, sondern
-gewisse Entfernungen voneinander haben. Es ist also zwischen ihnen der
-leere Raum. Durch diese wirken sie aufeinander mittelst anziehender
-und abstoßender Kräfte. Wenn ich meine Hand einem Körper nähere,
-so berühren die Moleküle meiner Hand keineswegs unmittelbar diejenigen
-des Körpers, sondern es bleibt eine gewisse Entfernung zwischen
-Körper und Hand, und was ich als Widerstand des Körpers empfinde,
-das ist nichts weiter als die Wirkung der abstoßenden Kraft, die
-seine Moleküle auf meine Hand ausüben. Ich bin schlechthin außerhalb
-des Körpers und nehme nur seine Wirkung auf meinen Organismus wahr.
-
-Ergänzend zu diesen Überlegungen tritt die Lehre von den sogenannten
-spezifischen Sinnesenergien, die J. Müller aufgestellt hat. Sie
-besteht darin, daß jeder Sinn die Eigentümlichkeit hat, auf alle
-äußeren Reize nur in einer bestimmten Weise zu antworten. Wird auf
-den Sehnerv eine Wirkung ausgeübt, so entsteht Lichtwahrnehmung,
-gleichgültig ob die Erregung durch das geschieht, was wir Licht nennen,
-oder ob ein mechanischer Druck oder ein elektrischer Strom auf den
-Nerv einwirkt. Andrerseits werden in verschiedenen Sinnen durch die
-gleichen äußeren Reize verschiedene Wahrnehmungen hervorgerufen. Daraus
-scheint hervorzugehen, daß unsere Sinne nur das überliefern können,
-was in ihnen selbst vorgeht, nichts aber von der Außenwelt. Sie
-bestimmen die Wahrnehmungen je nach ihrer Natur.
-
-Die Physiologie zeigt, daß auch von einem direkten Wissen dessen
-keine Rede sein kann, was die Gegenstände in unseren Sinnesorganen
-bewirken. Indem der Physiologe die Vorgänge in unserem eigenen Leibe
-verfolgt, findet er, daß schon in den Sinnesorganen die Wirkungen der
-äußeren Bewegung in der mannigfaltigsten Weise umgeändert werden. Wir
-sehen das am deutlichsten an Auge und Ohr. Beide sind sehr komplizierte
-Organe, die den äußeren Reiz wesentlich verändern, ehe sie ihn zum
-entsprechenden Nerv bringen. Von dem peripherischen Ende des Nerv wird
-nun der schon veränderte Reiz weiter zum Gehirn geleitet. Hier erst
-müssen wieder die Centralorgane erregt werden. Daraus wird geschlossen,
-daß der äußere Vorgang eine Reihe von Umwandlungen erfahren hat, ehe
-er zum Bewußtsein kommt. Was da im Gehirne sich abspielt, ist durch
-so viele Zwischenvorgänge mit dem äußeren Vorgang verbunden, daß an
-eine Ähnlichkeit mit denselben nicht mehr gedacht werden kann. Was
-das Gehirn der Seele zuletzt vermittelt, sind weder äußere Vorgänge,
-noch Vorgänge in den Sinnesorganen, sondern nur solche innerhalb
-des Gehirnes. Aber auch die letzteren nimmt die Seele noch nicht
-unmittelbar wahr. Was wir im Bewußtsein zuletzt haben, sind gar keine
-Gehirnvorgänge, sondern Empfindungen. Meine Empfindung des Rot hat gar
-keine Ähnlichkeit mit dem Vorgange, der sich im Gehirn abspielt, wenn
-ich das Rot empfinde. Das letztere tritt erst wieder als Wirkung in
-der Seele auf und wird nur verursacht durch den Hirnvorgang. Deshalb
-sagt Hartmann (Grundproblem der Erkenntnistheorie S. 37): "Was das
-Subjekt wahrnimmt, sind also immer nur Modifikationen seiner eigenen
-psychischen Zustände und nichts anderes." Wenn ich die Empfindungen
-habe, dann sind diese aber noch lange nicht zu dem gruppiert, was ich
-als Dinge wahrnehme. Es können mir ja nur einzelne Empfindungen durch
-das Gehirn vermittelt werden. Die Empfindungen der Härte und Weichheit
-werden mir durch den Tast-, die Farbe- und Lichtempfindungen durch
-den Gesichtssinn vermittelt. Doch finden sich dieselben an einem
-und demselben Gegenstande vereinigt. Diese Vereinigung muß also
-erst von der Seele selbst bewirkt werden. Das heißt, die Seele setzt
-die einzelnen durch das Gehirn vermittelten Empfindungen zu Körpern
-zusammen. Mein Gehirn überliefert mir einzeln die Gesichts-, Tast-
-und Gehörempfindungen, und zwar auf ganz verschiedenen Wegen, die dann
-die Seele zu der Vorstellung Trompete zusammensetzt. Dieses Endglied
-(Vorstellung der Trompete) eines Prozesses ist es, was für mein
-Bewußtsein zu allererst gegeben ist. Es ist in demselben nichts mehr
-von dem zu finden, was außer mir ist und ursprünglich einen Eindruck
-auf meine Sinne gemacht hat. Der äußere Gegenstand ist auf dem Wege zum
-Gehirn und durch das Gehirn zur Seele vollständig verloren gegangen.
-
-Es wird schwer sein, ein zweites Gedankengebäude in der Geschichte
-des menschlichen Geisteslebens zu finden, das mit größerem Scharfsinn
-zusammengetragen ist, und das bei genauerer Prüfung doch in nichts
-zerfällt. Sehen wir einmal näher zu, wie es zustande kommt. Man
-geht zunächst von dem aus, was dem naiven Bewußtsein gegeben ist,
-von dem wahrgenommenen Dinge. Dann zeigt man, daß alles, was an
-diesem Dinge sich findet, für uns nicht da wäre, wenn wir keine
-Sinne hätten. Kein Auge: keine Farbe. Also ist die Farbe in dem
-noch nicht vorhanden, was auf das Auge wirkt. Sie entsteht erst
-durch die Wechselwirkung des Auges mit dem Gegenstande. Dieser
-ist also farblos. Aber auch im Auge ist die Farbe nicht vorhanden;
-denn da ist ein chemischer oder physikalischer Vorgang vorhanden,
-der erst durch den Nerv zum Gehirn geleitet wird, und da einen andern
-auslöst. Dieser ist noch immer nicht die Farbe. Sie wird erst durch
-den Hirnprozeß in der Seele hervorgerufen. Da tritt sie mir noch immer
-nicht ins Bewußtsein, sondern wird erst durch die Seele nach außen
-an einen Körper verlegt. An diesem nehme ich sie endlich wahr. Wir
-haben einen vollständigen Kreisgang durchgemacht. Wir sind uns eines
-farbigen Körpers bewußt geworden. Das ist das Erste. Nun hebt die
-Gedankenoperation an. Wenn ich keine Augen hätte, wäre der Körper für
-mich farblos. Ich kann die Farbe also nicht in den Körper verlegen. Ich
-gehe auf die Suche nach ihr. Ich suche sie im Auge: vergebens; im
-Nerv: vergebens; im Gehirne: ebenso vergebens; in der Seele: hier
-finde ich sie zwar, aber nicht mit dem Körper verbunden. Den farbigen
-Körper finde ich erst wieder da, wo ich ausgegangen bin. Der Kreis ist
-geschlossen. Ich glaube das als Erzeugnis meiner Seele zu erkennen,
-was der naive Mensch sich als draußen im Raume vorhanden denkt.
-
-So lange man dabei stehen bleibt, scheint alles in schönster
-Ordnung. Aber die Sache muß noch einmal von vorne angefangen
-werden. Ich habe ja bis jetzt mit einem Dinge gewirtschaftet: mit
-der äußeren Wahrnehmung, von dem ich früher, als naiver Mensch, eine
-ganz falsche Ansicht gehabt habe. Ich war der Meinung: sie hätte so,
-wie ich sie wahrnehme, einen objektiven Bestand. Nun merke ich, daß
-sie mit meinem Vorstellen verschwindet, daß sie nur eine Modifikation
-meiner seelischen Zustände ist. Habe ich nun überhaupt noch ein Recht,
-in meinen Betrachtungen von ihr auszugehen? Kann ich von ihr sagen,
-daß sie auf meine Seele wirkt? Ich muß von jetzt ab den Tisch,
-von dem ich früher geglaubt habe, daß er auf mich wirkt und in
-mir eine Vorstellung von sich hervorbringt, selbst als Vorstellung
-behandeln. Konsequenterweise sind dann aber auch meine Sinnesorgane
-und die Vorgänge in ihnen bloß subjektiv. Ich habe kein Recht, von
-einem wirklichen Auge zu sprechen, sondern nur von meiner Vorstellung
-des Auges. Ebenso ist es mit der Nervenleitung und dem Gehirnprozeß
-und nicht weniger mit dem Vorgange in der Seele selbst, durch den
-aus dem Chaos der mannigfaltigen Empfindungen Dinge aufgebaut werden
-sollen. Durchlaufe ich unter Voraussetzung der Richtigkeit des ersten
-Gedankenkreisganges die Glieder meines Erkenntnisaktes nochmals, so
-zeigt sich der letztere als ein Gespinst von Vorstellungen, die doch
-als solche nicht aufeinander wirken können. Ich kann nicht sagen:
-meine Vorstellung des Gegenstandes wirkt auf meine Vorstellung des
-Auges, und aus dieser Wechselwirkung geht die Vorstellung der Farbe
-hervor. Aber ich habe es auch nicht nötig. Denn sobald mir klar ist,
-daß mir meine Sinnesorgane und deren Thätigkeiten, mein Nerven-
-und Seelenprozeß auch nur durch die Wahrnehmung gegeben werden
-können, zeigt sich der geschilderte Gedankengang in seiner vollen
-Unmöglichkeit. Es ist richtig: für mich ist keine Wahrnehmung ohne das
-entsprechende Sinnesorgan gegeben. Aber ebensowenig ein Sinnesorgan
-ohne Wahrnehmung. Ich kann von meiner Wahrnehmung des Tisches auf das
-Auge übergehen, das ihn sieht, auf die Hautnerven, die ihn tasten;
-aber was in diesen vorgeht, kann ich wieder nur aus der Wahrnehmung
-erfahren. Und da bemerke ich denn bald, daß in dem Prozeß, der sich
-im Auge vollzieht, nicht eine Spur von Ähnlichkeit ist mit dem,
-was ich als Farbe wahrnehme. Ich kann meine Farbenwahrnehmung nicht
-dadurch vernichten, daß ich den Prozeß im Auge aufzeige, der sich
-während dieser Wahrnehmung darin abspielt. Ebensowenig finde ich
-in den Nerven- und Gehirnprozessen die Farbe wieder; ich verbinde
-nur neue Wahrnehmungen innerhalb meines Organismus mit der ersten,
-die der naive Mensch außerhalb seines Organismus verlegt. Ich gehe
-nur von einer Wahrnehmung zur andern über.
-
-Außerdem enthält die ganze Schlußfolgerung einen Sprung. Ich bin in
-der Lage, die Vorgänge in meinem Organismus bis zu den Prozessen
-in meinem Gehirne zu verfolgen, wenn auch meine Annahmen immer
-hypothetischer werden, je mehr ich mich den centralen Vorgängen des
-Gehirnes nähere. Der Weg der äußeren Beobachtung hört mit dem Vorgange
-in meinem Gehirne auf, und zwar mit jenem, den ich wahrnehmen würde,
-wenn ich mit physikalischen, chemischen u. s. w. Hilfsmitteln und
-Methoden das Gehirn behandeln könnte. Der Weg der inneren Beobachtung
-fängt mit der Empfindung an und reicht bis zum Aufbau der Dinge
-aus dem Empfindungsmaterial. Beim Übergange von dem Hirnprozeß zur
-Empfindung ist der Beobachtungsweg unterbrochen.
-
-Die charakterisierte Denkart, die sich im Gegensatz zum Standpunkte
-des naiven Bewußtseins, den sie naiven Realismus nennt, als kritischen
-Idealismus bezeichnet, macht den Fehler, daß sie die Eine Wahrnehmung
-als Vorstellung charakterisiert, aber die andere gerade in dem Sinne
-hinnimmt, wie es der von ihr scheinbar widerlegte naive Realismus
-thut. Sie beweist den Vorstellungscharakter der Wahrnehmungen, indem
-sie in naiver Weise die Wahrnehmungen am eigenen Organismus als
-objektiv giltige Thatsachen hinnimmt und zu alledem noch übersieht,
-daß sie zwei Beobachtungsgebiete durcheinanderwirft, zwischen denen
-sie keine Vermittlung finden kann.
-
-Der kritische Idealismus kann den naiven Realismus nur widerlegen, wenn
-er selbst in naiv-realistischer Weise seinen eigenen Organismus als
-objektiv existierend annimmt. In demselben Augenblicke, wo er sich der
-vollständigen Gleichartigkeit der Wahrnehmungen am eigenen Organismus
-mit den vom naiven Realismus als objektiv existierend angenommenen
-Wahrnehmungen bewußt wird, kann er sich nicht mehr auf die ersteren
-als auf eine sichere Grundlage stützen. Er müßte auch seine subjektive
-Organisation als bloßen Vorstellungskomplex ansehen. Damit geht aber
-die Möglichkeit verloren, den Inhalt der wahrgenommenen Welt durch
-die geistige Organisation bewirkt zu denken. Man müßte annehmen, daß
-die Vorstellung "Farbe" nur eine Modifikation der Vorstellung "Auge"
-sei. Der sogenannte kritische Idealismus kann nicht bewiesen werden,
-ohne eine Anleihe beim naiven Realismus zu machen. Der letztere wird
-nur dadurch widerlegt, daß man dessen eigene Voraussetzungen auf
-einem anderen Gebiete ungeprüft gelten läßt.
-
-Soviel ist hieraus gewiß: durch Untersuchungen innerhalb des
-Wahrnehmungsgebietes kann der kritische Idealismus nicht bewiesen,
-somit die Wahrnehmung ihres objektiven Charakters nicht entkleidet
-werden.
-
-Noch weniger aber darf der Satz: "die wahrgenommene Welt ist meine
-Vorstellung" als durch sich selbst einleuchtend und keines Beweises
-bedürftig hingestellt werden. Schopenhauer beginnt sein Hauptwerk,
-"Die Welt als Wille und Vorstellung", mit den Worten: "Die Welt ist
-meine Vorstellung. -- Dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung
-auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt, wiewohl der Mensch
-allein sie in das reflektierte abstrakte Bewußtsein bringen kann:
-und thut er dies wirklich, so ist die philosophische Besonnenheit
-bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß
-er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge,
-das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt,
-welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist; d. h. durchweg nur in
-Beziehung auf ein anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist. --
-Wenn irgend eine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist
-es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen
-und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner als alle anderen,
-als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene
-eben voraus ..." Der ganze Satz scheitert an dem oben bereits von
-uns angeführten Umstande, daß das Auge und die Hand nicht weniger
-Wahrnehmungen sind als die Sonne und die Erde. Und man könnte im
-Sinne Schopenhauers und mit Anlehnung an seine Ausdrucksweise seinen
-Sätzen entgegenhalten: Mein Auge, das die Sonne sieht, und meine Hand,
-die die Erde fühlt, sind meine Vorstellungen gerade so wie die Sonne
-und die Erde selbst. Daß ich damit aber den Satz wieder aufhebe, ist
-ohne weiteres klar. Denn nur mein wirkliches Auge und meine wirkliche
-Hand könnten die Vorstellungen Sonne und Erde als ihre Modifikationen
-an sich haben, nicht aber meine Vorstellungen Auge und Hand.
-
-Der kritische Idealismus ist völlig ungeeignet, eine Ansicht über
-das Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung zu gewinnen. Die auf
-S. 63 angedeutete Scheidung dessen, was an der Wahrnehmung während
-des Wahrnehmens geschieht und was an ihr schon sein muß, bevor sie
-wahrgenommen wird, kann er nicht vornehmen. Dazu muß also ein anderer
-Weg eingeschlagen werden.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VI.
-
-DAS ERKENNEN DER WELT.
-
-
-Aus den vorhergehenden Betrachtungen folgt, daß es unmöglich ist,
-durch Untersuchung unseres Beobachtungsinhalts den Beweis zu erbringen,
-daß unsere Wahrnehmungen Vorstellungen sind. Dieser Beweis soll nämlich
-dadurch erbracht werden, daß man zeigt: wenn der Wahrnehmungsprozeß in
-der Art erfolgt, wie man ihn gemäß den naiv-realistischen Annahmen über
-die psychologische und physiologische Konstitution unseres Individuums
-sich vorstellt, dann haben wir es nicht mit Dingen an sich, sondern
-bloß mit unseren Vorstellungen von den Dingen zu thun. Wenn nun der
-naive Realismus, konsequent verfolgt, zu Resultaten führt, die das
-gerade Gegenteil seiner Voraussetzungen darstellen, so müssen diese
-Voraussetzungen als ungeeignet zur Begründung einer Weltanschauung
-bezeichnet und fallen gelassen werden. Jedenfalls ist es unstatthaft,
-die Voraussetzungen zu verwerfen und die Folgerungen gelten zu lassen,
-wie es der kritische Idealist thut, der seiner Behauptung: die Welt
-ist meine Vorstellung, den obigen Beweisgang zu Grunde legt. (Eduard
-von Hartmann giebt in seiner Schrift "Das Grundproblem der
-Erkenntnistheorie" eine ausführliche Darstellung dieses Beweisganges.)
-
-Ein anderes ist die Richtigkeit des kritischen Idealismus, ein anderes
-die Überzeugungskraft seiner Beweise. Wie es mit der ersteren steht,
-wird sich später im Zusammenhange unserer Ausführungen ergeben. Die
-Überzeugungskraft seines Beweises ist aber gleich Null. Wenn man
-ein Haus baut, und bei Herstellung des ersten Stockwerkes bricht das
-Erdgeschoß in sich zusammen, so stürzt das erste Stockwerk mit. Der
-naive Realismus und der kritische Idealismus verhalten sich wie dies
-Erdgeschoß zum ersten Stockwerk.
-
-Wer der Ansicht ist, daß die ganze wahrgenommene Welt nur eine
-vorgestellte ist, und zwar die Wirkung der mir unbekannten Dinge auf
-meine Seele, für den geht die eigentliche Erkenntnisfrage natürlich
-nicht auf die nur in der Seele vorhandenen Vorstellungen, sondern
-auf die jenseits unseres Bewußtseins liegenden, von uns unabhängigen
-Dinge. Er fragt: Wieviel können wir von den letzteren mittelbar
-erkennen, da sie unserer Beobachtung unmittelbar nicht zugänglich
-sind? Der auf diesem Standpunkt Stehende kümmert sich nicht um den
-inneren Zusammenhang seiner bewußten Wahrnehmungen, sondern um deren
-nicht mehr bewußte Ursachen, die ein von ihm unabhängiges Dasein
-haben, während, nach seiner Ansicht, die Wahrnehmungen verschwinden,
-sobald er seine Sinne von den Dingen abwendet. Unser Bewußtsein wirkt,
-von diesem Gesichtspunkte aus, wie ein Spiegel, dessen Bilder von
-bestimmten Dingen auch in dem Augenblicke verschwinden, in dem seine
-spiegelnde Fläche ihnen nicht zugewandt ist. Wer aber die Dinge selbst
-nicht sieht, sondern nur ihre Spiegelbilder, der muß aus dem Verhalten
-der letzteren über die Beschaffenheit der ersteren durch Schlüsse
-indirekt sich unterrichten. Auf diesem Standpunkte steht die neuere
-Naturwissenschaft, welche die Wahrnehmungen nur als Mittel benutzt,
-um Aufschluß über die hinter denselben stehenden und allein wahrhaft
-seienden Bewegungen des Stoffes zu gewinnen. Wenn der Philosoph als
-kritischer Idealist überhaupt ein Sein gelten läßt, dann geht sein
-Erkenntnisstreben mit mittelbarer Benutzung der Vorstellungen allein
-auf dieses Sein. Sein Interesse überspringt die subjektive Welt der
-Vorstellungen und geht auf das Erzeugende dieser Vorstellungen los.
-
-Der kritische Idealist kann aber soweit gehen, daß er sagt: ich
-bin in meine Vorstellungswelt eingeschlossen und kann aus ihr nicht
-hinaus. Wenn ich ein Ding hinter meinen Vorstellungen denke, so ist
-dieser Gedanke doch auch weiter nichts als meine Vorstellung. Ein
-solcher Idealist wird dann das Ding an sich entweder ganz leugnen
-oder wenigstens davon erklären, daß es für uns Menschen gar keine
-Bedeutung hat, d. i. so gut wie nicht da ist, weil wir nichts von
-ihm wissen können.
-
-Einem kritischen Idealisten dieser Art erscheint die ganze Welt als
-ein wüster Traum, dem gegenüber jeder Erkenntnisdrang einfach sinnlos
-wäre. Für ihn kann es nur zwei Gattungen von Menschen geben: Befangene,
-die ihre eigenen Traumgespinste für wirkliche Dinge halten, und Weise,
-die die Nichtigkeit dieser Traumwelt durchschauen, und die nach und
-nach alle Lust verlieren müssen, sich weiter darum zu bekümmern. Für
-diesen Standpunkt kann auch die eigene Persönlichkeit zum bloßen
-Traumbilde werden. Gerade so wie unter den Bildern des Schlaftraums
-unser eigenes Traumbild erscheint, so tritt im wachen Bewußtsein die
-Vorstellung des eigenen Ich zu der Vorstellung der Außenwelt hinzu. Wir
-haben im Bewußtsein dann nicht unser wirkliches Ich, sondern nur unsere
-Ichvorstellung gegeben. Wer nun leugnet, daß es keine Dinge giebt,
-oder wenigstens, daß wir von ihnen etwas wissen können: der muß auch
-das Dasein beziehungsweise die Erkenntnis der eigenen Persönlichkeit
-leugnen. Der kritische Idealist kommt dann zu der Behauptung: "Alle
-Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben,
-von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist, dem da träumt;
-in einen Traum, der in einem Traume von sich selbst zusammenhängt"
-(vgl. Fichte, die Bestimmung des Menschen).
-
-Gleichgiltig, ob derjenige, der das unmittelbare Leben als Traum zu
-erkennen glaubt, hinter diesem Traum nichts mehr vermutet, oder ob
-er seine Vorstellungen auf wirkliche Dinge bezieht: das Leben selbst
-muß für ihn alles wissenschaftliche Interesse verlieren. Während
-aber für denjenigen, der mit dem Traume das uns zugängliche All
-erschöpft glaubt, alle Wissenschaft ein Unding ist, wird für den
-andern, der sich befugt glaubt, von den Vorstellungen auf die Dinge
-zu schließen, die Wissenschaft in der Erforschung dieser "Dinge an
-sich" bestehen. Die erstere Weltansicht kann mit dem Namen absoluter
-Illusionismus bezeichnet werden, die zweite nennt ihr konsequentester
-Vertreter, Eduard von Hartmann, transcendentalen Realismus [1].
-
-Diese beiden Ansichten haben mit dem naiven Realismus das gemein,
-daß sie Fuß in der Welt zu fassen suchen durch eine Untersuchung der
-Wahrnehmungen. Sie können aber innerhalb dieses Gebietes nirgends
-einen festen Punkt finden.
-
-Eine Hauptfrage für den Bekenner des transcendentalen Realismus
-müßte sein: wie bringt das Ich aus sich selbst die Vorstellungswelt
-zustande? Für eine uns gegebene Welt von Vorstellungen, die
-verschwindet, sobald wir unsere Sinne der Außenwelt verschließen,
-kann ein ernstes Erkenntnisstreben sich insofern erwärmen, als
-sie das Mittel ist, die Welt des an sich seienden Ich mittelbar zu
-erforschen. Wenn die Dinge unserer Erfahrung Vorstellungen wären,
-dann gliche unser alltägliches Leben einem Traume und die Erkenntnis
-des wahren Thatbestandes dem Erwachen. Auch unsere Traumbilder
-interessieren uns so lange, als wir träumen, folglich die Traumnatur
-nicht durchschauen. In dem Augenblicke des Erwachens fragen wir nicht
-mehr nach dem inneren Zusammenhange unserer Traumbilder, sondern nach
-den physikalischen, physiologischen und psychologischen Vorgängen,
-die ihnen zum Grunde liegen. Ebensowenig kann sich der Philosoph,
-der die Welt für seine Vorstellung hält, für den inneren Zusammenhang
-der Einzelheiten in derselben interessieren. Falls er überhaupt
-ein seiendes Ich gelten läßt, dann wird er nicht fragen, wie hängt
-eine meiner Vorstellungen mit einer anderen zusammen, sondern was
-geht in der von ihm unabhängigen Seele vor, während sein Bewußtsein
-einen bestimmten Vorstellungsablauf enthält. Wenn ich träume, daß ich
-Wein trinke, der mir ein Brennen im Kehlkopf verursache und dann mit
-Hustenreiz aufwache (vgl. Weygandt, Entstehung der Träume, 1893), so
-hört im Augenblicke des Erwachens die Traumhandlung auf, für mich ein
-Interesse zu haben. Mein Augenmerk ist nur noch auf die physiologischen
-und psychologischen Prozesse gerichtet, durch die der Hustenreiz
-sich symbolisch in dem Traumbilde zum Ausdruck bringt. In ähnlicher
-Weise muß der Philosoph, sobald er von dem Vorstellungscharakter der
-gegebenen Welt überzeugt ist, von dieser sofort auf die dahinter
-steckende wirkliche Seele überspringen. Schlimmer steht die Sache
-allerdings, wenn der Illusionismus das Ich an sich hinter den
-Vorstellungen ganz leugnet, oder es wenigstens für unerkennbar
-hält. Zu einer solchen Ansicht kann sehr leicht die Erwägung führen,
-daß es dem Träumen gegenüber zwar den Zustand des Wachens giebt,
-in dem wir Gelegenheit haben, die Träume zu durchschauen und auf
-reale Verhältnisse zu beziehen, daß wir aber keinen zu dem wachen
-Bewußtseinsleben in einem ähnlichen Verhältnisse stehenden Zustand
-haben. Wer zu dieser Ansicht sich bekennt, dem geht die Einsicht ab,
-daß es etwas giebt, das sich in der That zum bloßen Wahrnehmen verhält
-wie das Erfahren im wachen Zustande zum Träumen. Dieses Etwas ist
-das Denken.
-
-Dem naiven Menschen kann derselbe Mangel nicht angerechnet werden. Er
-giebt sich dem Leben hin und hält die Dinge so für wirklich, wie
-sie sich ihm in der Erfahrung darbieten. Der erste Schritt aber, der
-über diesen Standpunkt hinaus unternommen wird, kann nur in der Frage
-bestehen: wie verhält sich das Denken zur Wahrnehmung? Ganz einerlei:
-ob die Wahrnehmung in der mir gegebenen Gestalt vor und nach meinem
-Vorstellen weiterbesteht oder nicht: wenn ich irgend etwas über sie
-aussagen will, so kann es nur mit Hilfe des Denkens geschehen. Wenn
-ich sage: die Welt ist meine Vorstellung, so habe ich das Ergebnis
-eines Denkprozesses ausgesprochen, und wenn mein Denken auf die Welt
-nicht anwendbar ist, so ist dieses Ergebnis ein Irrtum. Zwischen die
-Wahrnehmung und jede Art von Aussage über dieselbe schiebt sich das
-Denken ein.
-
-Den Grund, warum das Denken bei der Betrachtung der Dinge zumeist
-übersehen wird, haben wir bereits angegeben (vergl. S. 38 f.). Er liegt
-in dem Umstande, daß wir nur auf den Gegenstand, über den wir denken,
-nicht aber zugleich auf das Denken unsere Aufmerksamkeit richten. Das
-naive Bewußtsein behandelt daher das Denken wie etwas, das mit den
-Dingen nichts zu thun hat, sondern ganz abseits von denselben steht
-und seine Betrachtungen über die Welt anstellt. Das Bild, das der
-Denker von den Erscheinungen der Welt entwirft, gilt nicht als etwas,
-was zu den Dingen gehört, sondern als ein nur im Kopfe des Menschen
-existierendes; die Welt ist auch fertig ohne dieses Bild. Die Welt
-ist fix und fertig in allen ihren Substanzen und Kräften; und von
-dieser fertigen Welt entwirft der Mensch ein Bild. Die so denken,
-muß man nur fragen: mit welchem Rechte erklärt ihr die Welt für
-fertig, ohne das Denken? Bringt nicht mit der gleichen Notwendigkeit
-die Welt das Denken im Kopfe des Menschen hervor, wie die Blüte an
-der Pflanze? Pflanzet ein Samenkorn in den Boden. Es treibt Wurzel
-und Stengel. Es entfaltet sich zu Blättern und Blüten. Stellet die
-Pflanze euch selbst gegenüber. Sie verbindet sich in eurer Seele mit
-einem bestimmten Begriffe. Warum gehört dieser Begriff weniger zur
-ganzen Pflanze als Blatt und Blüte? Ihr saget: die Blätter und Blüten
-sind ohne ein wahrnehmendes Subjekt da; der Begriff erscheint erst,
-wenn sich der Mensch der Pflanze gegenüberstellt. Ganz wohl. Aber
-auch Blüten und Blätter entstehen an der Pflanze nur, wenn Erde da
-ist, in die der Keim gelegt werden kann, wenn Licht und Luft da sind,
-in denen sich Blätter und Blüten entfalten können. Gerade so entsteht
-der Begriff der Pflanze, wenn ein denkendes Bewußtsein an die Pflanze
-herantritt.
-
-Es ist ganz willkürlich, die Summe dessen, was wir von einem Dinge
-durch die bloße Wahrnehmung erfahren, für eine Totalität, für ein
-Ganzes zu halten und dasjenige, was sich durch die denkende Betrachtung
-ergiebt, als ein solches Hinzugekommenes, das mit der Sache selbst
-nichts zu thun hat. Wenn ich heute eine Rosenknospe erhalte, so
-ist das Bild, das sich meiner Wahrnehmung darbietet, nur zunächst
-ein abgeschlossenes. Wenn ich die Knospe in Wasser setze, so werde
-ich morgen ein ganz anderes Bild meines Objektes erhalten. Wenn
-ich mein Auge von der Rosenknospe nicht abwende, so sehe ich den
-heutigen Zustand in den morgigen durch unzählige Zwischenstufen
-kontinuierlich übergehen. Das Bild, das sich mir in einem bestimmten
-Augenblicke darbietet, ist nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem in
-einem fortwährenden Werden begriffenen Gegenstande. Setze ich die
-Knospe nicht in Wasser, so bringt sie eine ganze Reihe von Zuständen
-nicht zur Entwickelung, die der Möglichkeit nach in ihr lagen. Ebenso
-kann ich morgen verhindert sein, die Blüte weiter zu beobachten und
-dadurch ein unvollständiges Bild haben.
-
-Es wäre eine ganz unsachliche, an Zufälligkeiten sich heftende Meinung,
-die von dem in einer gewissen Zeit sich darbietenden Bilde erklärte:
-das ist die Sache.
-
-Ebensowenig ist es statthaft, die Summe der Wahrnehmungsmerkmale
-für die Sache zu erklären. Es wäre sehr wohl möglich, daß ein Geist
-zugleich und ungetrennt von der Wahrnehmung den Begriff mitempfangen
-könnte. Ein solcher Geist würde gar nicht auf den Einfall kommen, den
-Begriff als etwas nicht zur Sache Gehöriges zu betrachten. Er müßte
-ihm ein mit der Sache unzertrennlich verbundenes Dasein zuschreiben.
-
-Ich will mich noch durch ein Beispiel deutlicher machen. Wenn ich einen
-Stein in horizontaler Richtung durch die Luft werfe, so sehe ich ihn
-nacheinander an verschiedenen Orten. Ich verbinde diese Orte zu einer
-Linie. In der Mathematik lerne ich verschiedene Linienformen kennen,
-darunter auch die Parabel. Ich kenne die Parabel als eine Linie,
-die entsteht, wenn sich ein Punkt in einer gewissen gesetzmäßigen
-Art bewegt. Wenn ich die Bedingungen untersuche, unter denen sich der
-geworfene Stein bewegt, so finde ich, daß die Linie seiner Bewegung mit
-der identisch ist, die ich als Parabel kenne. Daß sich der Stein gerade
-in einer Parabel bewegt, das ist eine Folge der gegebenen Bedingungen
-und folgt mit Notwendigkeit aus diesen. Die Form der Parabel gehört
-zur ganzen Erscheinung, wie alles andere, was an derselben in Betracht
-kommt. Dem oben beschriebenen Geist, der nicht den Umweg des Denkens
-nehmen müßte, wäre nicht nur eine Summe von Gesichtsempfindungen an
-verschiedenen Orten gegeben, sondern ungetrennt von der Erscheinung
-auch die parabolische Form der Wurflinie, die wir erst durch Denken
-zu der Erscheinung hinzufügen.
-
-Nicht an den Gegenständen liegt es, daß sie uns zunächst ohne die
-entsprechenden Begriffe gegeben werden, sondern an unserer geistigen
-Organisation. Unsere totale Wesenheit funktioniert in der Weise,
-daß ihr bei jedem Dinge der Wirklichkeit von zwei Seiten her die
-Elemente zufließen, die für die Sache in Betracht kommen: von seiten
-des Wahrnehmens und des Denkens.
-
-Es hat mit der Natur der Dinge nichts zu thun, wie ich organisiert
-bin, sie zu erfassen. Der Schnitt zwischen Wahrnehmen und Denken
-ist erst in dem Augenblicke vorhanden, wo ich, der Betrachtende,
-den Dingen gegenübertrete. Welche Elemente dem Dinge angehören und
-welche nicht, kann aber durchaus nicht davon abhängen, auf welche
-Weise ich zur Kenntnis dieser Elemente gelange.
-
-Der Mensch ist ein eingeschränktes Wesen. Zunächst ist er ein
-Ding unter anderen Dingen. Sein Dasein gehört dem Raum und der
-Zeit an. Dadurch kann ihm auch immer nur ein beschränkter Teil
-des gesamten Universums gegeben sein. Dieser beschränkte Teil
-schließt sich aber ringsherum sowohl zeitlich wie räumlich an
-anderes an. Wäre unser Dasein so mit den Dingen verknüpft, daß
-jedes Weltgeschehen zugleich unser Geschehen wäre, dann gäbe
-es den Unterschied zwischen uns und den Dingen nicht. Dann aber
-gäbe es für uns auch keine Einzeldinge. Da ginge alles Geschehen
-kontinuierlich ineinander über. Der Kosmos wäre eine Einheit und
-eine in sich beschlossene Ganzheit. Der Strom des Geschehens hätte
-nirgends eine Unterbrechung. Wegen unserer Beschränkung erscheint uns
-als Einzelheit, was in Wahrheit nicht Einzelheit ist. Nirgends ist
-z. B. die Einzelqualität des Rot abgesondert für sich vorhanden. Sie
-ist allseitig von anderen Qualitäten umgeben, zu denen sie gehört,
-und ohne die sie nicht bestehen könnte. Für uns aber ist es eine
-Notwendigkeit, gewisse Ausschnitte aus der Welt herauszuheben,
-und sie für sich zu betrachten. Unser Auge kann nur einzelne Farben
-nacheinander aus einem vielgliedrigen Farbenganzen, unser Verstand
-nur einzelne Begriffe aus einem zusammenhängenden Begriffssysteme
-erfassen. Diese Absonderung ist ein subjektiver Akt, bedingt durch
-den Umstand, daß wir nicht identisch sind mit dem Weltprozeß, sondern
-ein Ding unter anderen Dingen.
-
-Es kommt nun alles darauf an, die Stellung des Dinges, das wir
-selbst sind, zu den anderen Dingen zu bestimmen. Diese Bestimmung
-muß unterschieden werden von dem bloßen Bewußtwerden unseres
-Selbst. Das letztere beruht auf dem Wahrnehmen wie das Bewußtwerden
-jedes anderen Dinges. Die Selbstwahrnehmung zeigt mir eine Summe von
-Eigenschaften, die ich ebenso zu dem Ganzen meiner Persönlichkeit
-zusammenfasse, wie ich die Eigenschaften: gelb, metallglänzend, hart
-u. s. w. zu der Einheit "Gold" zusammenfasse. Die Selbstwahrnehmung
-führt mich nicht aus dem Bereiche dessen hinaus, was zu mir
-gehört. Dieses Selbstwahrnehmen ist zu unterscheiden von dem denkenden
-Selbstbestimmen. Wie ich eine einzelne Wahrnehmung der Außenwelt durch
-das Denken eingliedere in den Zusammenhang der Welt, so gliedere ich
-die an mir selbst gemachten Wahrnehmungen in den Weltprozeß durch das
-Denken ein. Mein Selbstwahrnehmen schließt mich innerhalb bestimmter
-Grenzen ein; mein Denken hat nichts zu thun mit diesen Grenzen. In
-diesem Sinne bin ich ein Doppelwesen. Ich bin eingeschlossen in
-das Gebiet, das ich als das meiner Persönlichkeit wahrnehme, aber
-ich bin Träger einer Thätigkeit, die von einer höheren Sphäre aus
-mein begrenztes Dasein bestimmt. Unser Denken ist nicht individuell
-wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein
-individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es
-auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese
-besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die
-einzelnen Menschen voneinander. Ein Dreieck hat nur einen einzigen
-Begriff. Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgiltig, ob ihn
-das menschliche Bewußtsein A oder B faßt. Er wird aber von jedem der
-zwei Bewußtseine in individueller Weise erfaßt werden.
-
-Diesem Gedanken steht ein schwer zu überwindendes Vorurteil der
-Menschen gegenüber. Die Befangenheit kommt nicht bis zu der Einsicht,
-daß der Begriff des Dreieckes, den mein Kopf erfaßt, derselbe ist,
-wie der durch den Kopf meines Nebenmenschen ergriffene. Der naive
-Mensch hält sich für den Bildner seiner Begriffe. Er glaubt deshalb,
-jede Person hat ihre eigenen Begriffe. Es ist eine Grundforderung
-des philosophischen Denkens, dieses Vorurteil zu überwinden. Der
-Eine einheitliche Begriff des Dreiecks wird nicht dadurch zu einer
-Vielheit, daß von vielen gedacht wird. Denn das Denken der vielen
-selbst ist eine Einheit.
-
-In dem Denken haben wir das Element gegeben, das unsere besondere
-Individualität mit dem Kosmos zu einem Ganzen zusammenschließt. Indem
-wir empfinden und fühlen (wahrnehmen), sind wir einzelne, indem wir
-denken, sind wir das All-Eine Wesen, das alles durchdringt. Dies
-ist der tiefere Grund unserer Doppelnatur: Wir sehen in uns eine
-schlechthin absolute Kraft zum Dasein kommen, eine Kraft, die
-universell ist, aber wir lernen sie nicht bei ihrem Ausströmen aus dem
-Centrum der Welt kennen, sondern in einem Punkte der Peripherie. Wäre
-das erstere der Fall, dann wüßten wir in dem Augenblicke, in dem wir
-zum Bewußtsein kommen, das ganze Welträtsel. Da wir aber in einem
-Punkte der Peripherie stehen und unser eigenes Dasein in bestimmte
-Grenzen eingeschlossen finden, müssen wir das außerhalb unseres eigenen
-Wesens gelegene Gebiet mit Hilfe des aus dem allgemeinen Weltensein
-in uns hereinragenden Denkens kennen lernen.
-
-Dadurch, daß das Denken in uns übergreift über unser Sondersein und
-auf das allgemeine Weltensein sich bezieht, entsteht in uns der Trieb
-der Erkenntnis. Wesen ohne Denken haben diesen Trieb nicht. Wenn sich
-ihnen andere Dinge gegenüberstellen, so sind dadurch keine Fragen
-gegeben. Diese anderen Dinge bleiben solchen Wesen äußerlich. Bei
-denkenden Wesen stößt dem Außendinge gegenüber der Begriff auf. Er
-ist dasjenige, was wir von dem Dinge nicht von außen, sondern von
-innen empfangen. Den Ausgleich, die Vereinigung der beiden Elemente,
-des inneren und des äußeren, soll die Erkenntnis liefern.
-
-Die Wahrnehmung ist also nichts Fertiges, Abgeschlossenes, sondern
-die eine Seite der totalen Wirklichkeit. Die andere Seite ist der
-Begriff. Der Erkenntnisakt ist die Synthese von Wahrnehmung und
-Begriff. Wahrnehmung und Begriff eines Dinges machen aber erst das
-ganze Ding aus.
-
-Die vorangehenden Ausführungen liefern den Beweis, daß es ein Unding
-ist, etwas anderes Gemeinsames in den Einzelwesen der Welt zu suchen,
-als den ideellen Inhalt, den uns das Denken darbietet. Alle Versuche
-müssen scheitern, die nach einer anderen Welteinheit streben als
-nach diesem in sich zusammenhängenden ideellen Inhalt, welchen wir
-uns durch denkende Betrachtung unserer Wahrnehmungen erwerben. Nicht
-ein persönlicher Gott, nicht Kraft oder Stoff, noch der ideenlose
-Wille (Schopenhauers und Hartmanns) können uns als eine universelle
-Welteinheit gelten. Diese Wesenheiten gehören sämtlich nur einem
-beschränkten Gebiet unserer Beobachtung an. Persönlichkeit nehmen
-wir nur an uns, Kraft und Stoff an den Außendingen wahr. Was den
-Willen betrifft, so kann er nur als die Thätigkeitsäußerung unserer
-beschränkten Persönlichkeit gelten. Schopenhauer will es vermeiden, das
-"abstrakte" Denken zum Träger der Welteinheit zu machen und sucht statt
-dessen etwas, das sich ihm unmittelbar als ein Reales darbietet. Dieser
-Philosoph glaubt, daß wir der Welt nimmermehr beikommen, wenn wir sie
-als Außenwelt ansehen. "In der That würde die nachgeforschte Bedeutung
-der mir lediglich als meine Vorstellung gegenüberstehenden Welt,
-oder der Übergang von ihr, als bloße Vorstellung des erkennenden
-Subjekts, zu dem, was sie noch außerdem sein mag, nimmermehr zu
-finden sein, wenn der Forscher selbst nichts weiter als das rein
-erkennende Subjekt (geflügelter Engelskopf ohne Leib) wäre. Nun
-aber wurzelt er selbst in jener Welt, findet sich nämlich in ihr
-als Individuum, d. h. sein Erkennen, welches der bedingende Träger
-der ganzen Welt als Vorstellung ist, ist demnach durchaus vermittelt
-durch einen Leib, dessen Affektionen, wie gezeigt, dem Verstande der
-Ausgangspunkt der Anschauung jener Welt sind. Dieser Leib ist dem rein
-erkennenden Subjekt als solchen eine Vorstellung wie jede andere,
-ein Objekt unter Objekten: die Bewegungen, die Aktionen desselben
-sind ihm insoweit nicht anders als wie die Veränderungen aller
-anderen anschaulichen Objekte bekannt, und wären ihm ebenso fremd
-und unverständlich, wenn die Bedeutung derselben ihm nicht etwa auf
-eine ganz andere Art enträtselt wäre...... Dem Subjekt des Erkennens,
-welches durch seine Identität mit dem Leibe als Individuum auftritt,
-ist dieser Leib auf zwei ganz verschiedene Weisen gegeben: einmal als
-Vorstellung in verständiger Anschauung, als Objekt unter Objekten,
-und den Gesetzen dieser unterworfen; sodann aber auch zugleich auf
-eine ganz andere Weise, nämlich als jenes jedem unmittelbar bekannte,
-welches das Wort Wille bezeichnet. Jeder wahre Akt seines Willens ist
-sofort und unausbleiblich auch eine Bewegung seines Leibes: er kann
-den Akt nicht wirklich wollen, ohne zugleich wahrzunehmen, daß er
-als Bewegung des Leibes erscheint. Der Willensakt und die Aktion des
-Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte verschiedene Zustände, die das
-Band der Kausalität verknüpft, stehen nicht im Verhältnis von Ursache
-und Wirkung; sondern sind eins und dasselbe, nur auf zwei gänzlich
-verschiedene Weisen gegeben: einmal ganz unmittelbar und einmal in
-der Anschauung für den Verstand." Durch diese Auseinandersetzungen
-glaubt sich Schopenhauer berechtigt, in dem Leibe des Menschen die
-"Objektität" des Willens zu finden. Er ist der Meinung, in den
-Aktionen des Leibes unmittelbar eine Realität, das Ding an sich in
-concreto zu fühlen. Gegen diese Ausführungen muß eingewendet werden,
-daß uns die Aktionen unseres Leibes nur durch Selbstwahrnehmungen
-zum Bewußtsein kommen und als solche nichts voraus haben vor anderen
-Wahrnehmungen. Wenn wir ihre Wesenheit erkennen wollen, so können
-wir dies nur durch denkende Betrachtung, d. h. durch Eingliederung
-derselben in das ideelle System unserer Begriffe und Ideen.
-
-Am tiefsten eingewurzelt in das naive Menschheitsbewußtsein ist die
-Meinung: das Denken sei abstrakt, ohne allen konkreten Inhalt. Es könne
-höchstens ein "ideelles" Gegenbild der Welteinheit liefern, nicht etwa
-diese selbst. Wer so urteilt, hat sich niemals klar gemacht, was die
-Wahrnehmung ohne den Begriff ist. Sehen wir uns nur diese Welt der
-Wahrnehmung an: Ein bloßes Nebeneinander im Raum und Nacheinander in
-der Zeit, ein Aggregat zusammenhangloser Einzelheiten ist sie. Keines
-der Dinge, die da auftreten und abgehen auf der Wahrnehmungsbühne,
-hat mit dem andern etwas zu thun. Die Welt ist eine Mannigfaltigkeit
-von gleichwertigen Gegenständen. Keiner spielt eine größere Rolle
-als der andere im Getriebe der Welt. Soll uns klar werden, daß diese
-oder jene Thatsache größere Bedeutung hat als die andere, so müssen
-wir unser Denken befragen. Ohne das funktionierende Denken erscheint
-uns das rudimentäre Organ des Tieres, das ohne Bedeutung für dessen
-Leben ist, gleichwertig mit dem wichtigsten Körpergliede. Die einzelnen
-Thatsachen treten in ihrer Bedeutung in sich und für die übrigen Teile
-der Welt erst hervor, wenn das Denken seine Fäden zieht von Wesen zu
-Wesen. Diese Thätigkeit des Denkens ist eine inhaltvolle. Denn nur
-durch einen ganz bestimmten konkreten Inhalt kann ich wissen, warum
-die Schnecke auf einer niedrigeren Organisationsstufe steht als der
-Löwe. Der bloße Anblick, die Wahrnehmung giebt mir keinen Inhalt,
-der mich über die Vollkommenheit der Organisation belehren könnte.
-
-Diesen Inhalt bringt das Denken der Wahrnehmung aus der
-Begriffs- und Ideenwelt des Menschen entgegen. Im Gegensatz zum
-Wahrnehmungsinhalte, der uns von außen gegeben ist, erscheint der
-Gedankeninhalt im Innern. Die Form, in der er zunächst auftritt,
-wollen wir als Intuition bezeichnen. Sie ist für das des Denkens, was
-die Beobachtung für die Wahrnehmung ist. Intuition und Beobachtung
-sind die Quellen unserer Erkenntnis. Wir stehen einem beobachteten
-Dinge der Welt so lange fremd gegenüber, so lange wir in unserem
-Innern nicht die entsprechende Intuition haben, die uns das in der
-Wahrnehmung fehlende Stück der Wirklichkeit ergänzt. Wer nicht die
-Fähigkeit hat, die den Dingen entsprechenden Intuitionen zu finden,
-dem bleibt die volle Wirklichkeit verschlossen. Wie der Farbenblinde
-nur Helligkeitsunterschiede ohne Farbenqualitäten sieht, so kann der
-Intuitionslose nur unzusammenhängende Wahrnehmungsfragmente beobachten.
-
-Ein Ding erklären, verständlich machen heißt nichts anderes, als
-es in den Zusammenhang hinein versetzen, aus dem es durch die oben
-geschilderte Einrichtung unserer Organisation herausgerissen ist. Ein
-von dem Weltganzen abgetrenntes Ding giebt es nicht. Alle Sonderung
-hat bloß subjektive Geltung für unsere Organisation. Für uns legt
-sich das Weltganze auseinander in: oben und unten, vor und nach,
-Ursache und Wirkung, Gegenstand und Vorstellung, Stoff und Kraft,
-Objekt und Subjekt u. s. w. Was uns in der Beobachtung an Einzelheiten
-gegenübertritt, das verbindet sich durch die zusammenhängende,
-einheitliche Welt unserer Intuitionen Glied für Glied; und wir fügen
-durch das Denken alles wieder in Eins zusammen, was wir durch das
-Wahrnehmen getrennt haben.
-
-Die Rätselhaftigkeit eines Gegenstandes liegt in seinem
-Sonderdasein. Diese ist aber von uns hervorgerufen und kann, innerhalb
-der Begriffswelt, auch wieder aufgehoben werden.
-
-Außer durch Denken und Wahrnehmen ist uns direkt nichts gegeben. Es
-entsteht nun die Frage: wie steht es gemäß unseren Ausführungen
-mit der Bedeutung der Wahrnehmung? Wir haben zwar erkannt, daß der
-Beweis, den der kritische Idealismus für die subjektive Natur der
-Wahrnehmungen vorbringt, in sich zerfällt; aber mit der Einsicht in
-die Unrichtigkeit des Beweises ist noch nicht ausgemacht, daß die
-Sache selbst auf einem Irrtume beruht. Der kritische Idealismus geht
-in seiner Beweisführung nicht von der absoluten Natur des Denkens
-aus, sondern stützt sich darauf, daß der naive Realismus, konsequent
-verfolgt, sich selbst aufhebt. Wie stellt sich die Sache, wenn die
-Absolutheit des Denkens erkannt ist?
-
-Nehmen wir an, es trete eine bestimmte Wahrnehmung, z. B. Rot, in
-meinem Bewußtsein auf. Die Wahrnehmung erweist sich bei fortgehender
-Betrachtung in Zusammenhang stehend mit anderen Wahrnehmungen,
-z. B. einer bestimmten Figur, mit gewissen Temperatur- und
-Tastwahrnehmungen. Diesen Zusammenhang bezeichne ich als einen
-Gegenstand der Sinnenwelt. Ich kann mich nun fragen: was findet sich
-außer dem angeführten noch in jenem Raumausschnitte, in dem mir
-obige Wahrnehmungen erscheinen. Ich werde mechanische, chemische
-und andere Vorgänge innerhalb des Raumteiles finden. Nun gehe ich
-weiter und untersuche die Vorgänge, die ich auf dem Wege von dem
-Gegenstande zu meinem Sinnesorgane finde. Ich werde Bewegungsvorgänge
-in einem elastischen Mittel finden, die ihrer Wesenheit nach nicht
-das Geringste mit den ursprünglichen Wahrnehmungen gemein haben. Das
-gleiche Resultat erhalte ich, wenn ich die weitere Vermittelung vom
-Sinnorgane zum Gehirn untersuche. Auf jedem dieser Gebiete mache ich
-neue Wahrnehmungen; aber was als bindendes Mittel sich durch alle diese
-räumlich und zeitlich auseinanderliegenden Wahrnehmungen hindurchwebt,
-das ist das Denken. Die den Schall vermittelnden Schwingungen der Luft
-sind mir gerade so als Wahrnehmungen gegeben wie der Schall selbst. Nur
-das Denken gliedert alle diese Wahrnehmungen aneinander und zeigt sie
-in ihren gegenseitigen Beziehungen. Wir können nicht davon sprechen,
-daß es außer dem unmittelbar Wahrgenommenen noch anderes giebt,
-als die ideellen (durch das Denken aufzudeckenden) Zusammenhänge
-der Wahrnehmungen. Die über das bloß Wahrgenommene hinausgehende
-Beziehung der Wahrnehmungsobjekte zum Wahrnehmungssubjekte ist also
-eine bloß ideelle, d. h. nur durch Begriffe ausdrückbare. Nur in dem
-Falle, wenn ich wahrnehmen könnte, wie das Wahrnehmungsobjekt das
-Wahrnehmungssubjekt afficiert, oder umgekehrt, wenn ich den Aufbau
-des Wahrnehmungsgebildes durch das Subjekt beobachten könnte, wäre
-es möglich, so zu sprechen, wie es die moderne Physiologie und der
-auf sie gebaute kritische Idealismus thun. Diese Ansicht verwechselt
-einen ideellen Bezug (des Objekts auf das Subjekt) mit einem Prozeß,
-von dem nur gesprochen werden könnte, wenn er wahrzunehmen wäre. Der
-Satz "Keine Farbe ohne farbenempfindendes Auge" kann daher nicht
-die Bedeutung haben, daß das Auge die Farbe hervorbringt, sondern
-nur die, daß ein durch das Denken erkennbarer ideeller Zusammenhang
-besteht zwischen der Wahrnehmung Farbe und der Wahrnehmung Auge. Die
-empirische Wissenschaft wird festzustellen haben, wie sich die
-Eigenschaften des Auges und die der Farben zu einander verhalten;
-durch welche Einrichtungen das Sehorgan die Wahrnehmung der Farben
-vermittelt u. s. w. Ich kann verfolgen, wie eine Wahrnehmung auf
-die andere folgt, wie sie räumlich mit andern in Beziehung steht,
-und dies dann in einen begrifflichen Ausdruck bringen; aber ich
-kann nicht wahrnehmen, wie eine Wahrnehmung aus dem Unwahrnehmbaren
-hervorgeht. Alle Bemühungen, zwischen den Wahrnehmungen andere als
-Gedankenbezüge zu suchen, müssen notwendig scheitern.
-
-Was ist also die Wahrnehmung? Diese Frage ist, im allgemeinen
-gestellt, absurd. Die Wahrnehmung tritt immer als eine ganz bestimmte,
-als konkreter Inhalt auf. Dieser Inhalt ist unmittelbar gegeben,
-und erschöpft sich in dem Gegebenen. Man kann in Bezug auf dieses
-Gegebene nur fragen, was es außerhalb der Wahrnehmung d. i. für das
-Denken ist. Die Frage nach dem Was einer Wahrnehmung kann also nur
-auf die begriffliche Intuition gehen, die ihr entspricht. Unter diesem
-Gesichtspunkte kann die Frage nach der Subjektivität der Wahrnehmung
-im Sinne des kritischen Idealismus gar nicht aufgeworfen werden. Als
-subjektiv darf nur bezeichnet werden, was als zum Subjekte gehörig
-wahrgenommen wird. Das Band zu bilden zwischen Subjektivem und
-Objektivem kommt keinem, im naiven Sinn realen, Prozeß d. h. einem
-wahrnehmbaren Geschehen zu, sondern allein dem Denken. Es ist also
-für uns objektiv, was sich für die Wahrnehmung als außerhalb des
-Wahrnehmungssubjektes gelegen darstellt. Mein Wahrnehmungssubjekt
-bleibt für mich wahrnehmbar, wenn der Tisch, der soeben vor mir
-steht, aus dem Kreise meiner Beobachtung verschwunden sein wird. Die
-Beobachtung des Tisches hat eine, ebenfalls bleibende, Veränderung in
-mir hervorgerufen. Ich behalte ein Bild des Tisches zurück, das nun mit
-meinem Selbst verbunden ist. Die moderne Psychologie bezeichnet dieses
-Bild als Erinnerungsvorstellung. Es ist aber dasjenige, was allein mit
-Recht Vorstellung des Tisches genannt werden kann. Es ist nämlich die
-wahrnehmbare Veränderung meines eigenen Zustandes durch die Anwesenheit
-des Tisches in meinem Gesichtsfelde. Und zwar bedeutet sie nicht die
-Veränderung irgend eines hinter dem Wahrnehmungssubjekte stehenden
-"Ich an sich", sondern die Veränderung des wahrnehmbaren Subjektes
-selbst. Die Vorstellung ist also eine subjektive Wahrnehmung im
-Gegensatz zur objektiven Wahrnehmung bei Anwesenheit des Gegenstandes
-im Wahrnehmungshorizonte. Das Zusammenwerfen jener subjektiven mit
-dieser objektiven Wahrnehmung führt zu dem Mißverständnisse des
-Idealismus: die Welt ist meine Vorstellung.
-
-Es wird sich nun zunächst darum handeln, den Begriff der Vorstellung
-näher zu bestimmen. Was wir bisher über sie vorgebracht haben, ist
-nicht der Begriff derselben, sondern weist nur den Weg, wo sie im
-Wahrnehmungsfelde zu finden ist. Der genaue Begriff der Vorstellung
-wird es uns dann auch möglich machen, einen befriedigenden Aufschluß
-über das Verhältnis von Vorstellung und Gegenstand zu gewinnen. Dies
-wird uns dann auch über die Grenze führen, wo das Verhältnis zwischen
-Subjekt und Objekt von dem rein begrifflichen Felde des Erkennens
-hinabgeführt wird in das konkrete individuelle Leben. Wissen wir erst,
-was wir von der Welt zu halten haben, dann wird es ein Leichtes sein,
-auch uns darnach einzurichten. Wir können erst mit voller Kraft thätig
-sein, wenn wir das Objekt kennen, dem wir unsere Thätigkeit widmen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VII.
-
-DIE MENSCHLICHE INDIVIDUALITÄT.
-
-
-Die Hauptschwierigkeit bei der Erklärung der Vorstellungen wird von
-den Philosophen in dem Umstande gefunden, daß wir die äußeren Dinge
-nicht selbst sind, und unsere Vorstellungen doch eine den Dingen
-entsprechende Gestalt haben sollen. Bei genauerem Zusehen stellt
-sich aber heraus, daß diese Schwierigkeit gar nicht besteht. Die
-äußeren Dinge sind wir allerdings nicht, aber wir gehören mit den
-äußeren Dingen zu ein und derselben Welt. Der Ausschnitt aus der
-Welt, den ich als mein Subjekt wahrnehme, wird von dem Strome des
-allgemeinen Weltgeschehens durchzogen. Für mein Wahrnehmen bin ich
-zunächst innerhalb der Grenzen meiner Leibeshaut eingeschlossen. Aber
-was da drinnen steckt in dieser Leibeshaut, gehört zu dem Kosmos
-als einem Ganzen. Damit also eine Beziehung bestehe zwischen meinem
-Organismus und dem Gegenstande außer mir, ist es gar nicht nötig,
-daß etwas von dem Gegenstande in mich hereinschlüpfe oder in meinen
-Geist einen Eindruck mache, wie ein Siegelring in Wachs. Die Frage:
-wie bekomme ich Kunde von dem Baume, der zehn Schritte von mir
-entfernt steht, ist völlig schief gestellt. Sie entspringt aus der
-Anschauung, daß meine Leibesgrenzen absolute Scheidewände seien,
-durch die die Nachrichten von den Dingen in mich hereinwandern. Die
-Kräfte, welche innerhalb meiner Leibeshaut wirken, sind die gleichen
-wie die außerhalb bestehenden. Ich bin also wirklich die Dinge;
-allerdings nicht Ich, insoferne ich Wahrnehmungssubjekt bin, aber
-Ich, insofern ich ein Teil innerhalb des allgemeinen Weltgeschehens
-bin. Die Wahrnehmung des Baumes liegt mit meinem Ich in demselben
-Ganzen. Dieses allgemeine Weltgeschehen ruft in gleichem Maße dort
-die Wahrnehmung des Baumes hervor, wie hier die Wahrnehmung meines
-Ich. Wäre ich nicht Welterkenner, sondern Weltschöpfer, so entstünde
-Objekt und Subjekt (Wahrnehmung und Ich) in einem Akte. Denn sie
-bedingen einander gegenseitig. Als Welterkenner kann ich das Gemeinsame
-der beiden als zusammengehöriger Wesenseiten nur durch Denken finden,
-das durch Begriffe beide aufeinander bezieht.
-
-Am schwierigsten aus dem Felde zu schlagen werden die sogenannten
-physiologischen Beweise für die Subjektivität unserer Wahrnehmungen
-sein. Wenn ich einen Druck auf die Haut meines Körpers ausführe,
-so nehme ich ihn als Druckempfindung wahr. Denselben Druck kann ich
-durch das Auge als Licht, durch das Ohr als Ton wahrnehmen. Einen
-elektrischen Schlag nehme ich durch das Auge als Licht, durch das
-Ohr als Schall, durch die Hautnerven als Stoß, durch das Geruchsorgan
-als Phosphorgeruch wahr. Was folgt aus dieser Thatsache? Nur dieses:
-Ich nehme einen elektrischen Schlag wahr (resp. einen Druck) und
-darauf eine Lichtqualität, oder einen Ton, bezw. einen gewissen
-Geruch u. s. w. Wenn kein Auge da wäre, so gesellte sich zu der
-Wahrnehmung der mechanischen Erschütterung in der Umgebung keine
-Lichtqualität, ohne die Anwesenheit eines Gehörorgans kein Ton
-u. s. w. Mit welchem Rechte kann man sagen, ohne Wahrnehmungsorgane
-wäre der ganze Vorgang nicht vorhanden? Wer von dem Umstande, daß
-ein elektrischer Vorgang im Auge Licht hervorruft, zurückschließt:
-also ist das, was wir als Licht empfinden, außer unserem Organismus
-nur ein mechanischer Bewegungsvorgang, der vergißt, daß er nur von
-einer Wahrnehmung auf die andere übergeht und durchaus nicht auf
-etwas außerhalb der Wahrnehmung. Ebenso gut, wie man sagen kann:
-das Auge nimmt einen mechanischen Bewegungsvorgang seiner Umgebung
-als Licht wahr, ebensogut kann man behaupten: eine gesetzmäßige
-Veränderung eines Gegenstandes wird von uns als Bewegungsvorgang
-wahrgenommen. Wenn ich auf dem Umfang einer rotierenden Scheibe ein
-Pferd zwölfmal male, und zwar genau in den Gestalten, die sein Körper
-im fortgehenden Laufe annimmt, so kann ich durch Rotieren der Scheibe
-den Schein der Bewegung hervorrufen. Ich brauche nur durch eine Öffnung
-zu blicken und zwar so, daß ich in den entsprechenden Zwischenzeiten
-die aufeinander folgenden Stellungen des Pferdes sehe. Ich sehe nicht
-zwölf Pferdebilder, sondern das Bild eines dahineilenden Pferdes.
-
-Die erwähnte physiologische Thatsache kann also kein Licht auf das
-Verhältnis von Wahrnehmung und Vorstellung werfen. Wir müssen uns
-auf andere Weise zurechtfinden.
-
-In dem Augenblicke, wo eine Wahrnehmung in meinem Beobachtungshorizonte
-auftaucht, bethätigt sich durch mich auch das Denken. Ein Glied
-in meinem Gedankensysteme, eine bestimmte Intuition, ein Begriff
-verbindet sich mit der Wahrnehmung. Wenn dann die Wahrnehmung
-aus meinem Gesichtskreise verschwindet: was bleibt zurück? Meine
-Intuition mit der Beziehung auf die bestimmte Wahrnehmung, die sich
-im Momente des Wahrnehmens gebildet hat. Mit welcher Lebhaftigkeit
-ich dann später diese Beziehung mir wieder vergegenwärtigen kann,
-das hängt von der Art ab, in der mein geistiger und körperlicher
-Organismus funktioniert. Die Vorstellung ist nichts anderes als eine
-auf eine bestimmte Wahrnehmung bezogene Intuition, ein Begriff,
-der einmal mit einer Wahrnehmung verknüpft war, und dem der Bezug
-auf diese Wahrnehmung geblieben ist. Mein Begriff eines Löwen ist
-nicht aus meinen Wahrnehmungen von Löwen gebildet. Wohl aber ist
-meine Vorstellung vom Löwen an der Wahrnehmung gebildet. Ich kann
-jemandem den Begriff eines Löwen beibringen, der nie einen Löwen
-gesehen hat. Eine lebendige Vorstellung ihm beizubringen, wird mir
-ohne sein eigenes Wahrnehmen nicht gelingen.
-
-Die Vorstellung ist also nichts anderes als ein individualisierter
-Begriff. Und nun ist es uns erklärlich, daß für uns die Dinge der
-Wirklichkeit durch Vorstellungen repräsentiert werden können. Die
-volle Wirklichkeit eines Dinges ergiebt sich uns im Augenblicke der
-Beobachtung aus dem Zusammengehen von Begriff und Wahrnehmung. Der
-Begriff erhält durch eine Wahrnehmung eine individuelle Gestalt,
-einen Bezug zu dieser bestimmten Wahrnehmung. In dieser individuellen
-Gestalt, die den Bezug auf die Wahrnehmung als eine Eigentümlichkeit
-in sich trägt, lebt er in uns fort und bildet die Vorstellung des
-betreffenden Dinges. Treffen wir auf ein zweites Ding, mit dem sich
-derselbe Begriff verbindet, so erkennen wir es mit dem ersten als
-zu derselben Art gehörig; treffen wir dasselbe Ding ein zweites Mal
-wieder, so finden wir in unserem Begriffssysteme nicht nur überhaupt
-einen entsprechenden Begriff, sondern den individualisierten Begriff
-mit dem ihm eigentümlichen Bezug auf denselben Gegenstand, und wir
-erkennen den Gegenstand wieder.
-
-Die Vorstellung steht also zwischen Wahrnehmung und Begriff. Sie ist
-der bestimmte, auf die Wahrnehmung deutende Begriff.
-
-Die Summe meiner Vorstellungen kann ich meine Erfahrung
-nennen. Derjenige Mensch wird die reichere Erfahrung haben, der
-eine größere Zahl individualisierter Begriffe hat. Ein Mensch, dem
-jedes Intuitionsvermögen fehlt, ist nicht geeignet, sich Erfahrung zu
-erwerben. Er verliert die Gegenstände wieder aus seinem Gesichtskreise,
-weil ihm die Begriffe fehlen, die er zu ihnen in Beziehung setzen
-soll. Ein Mensch mit gut entwickeltem Denkvermögen, aber mit einem
-infolge grober Sinneswerkzeuge schlecht funktionierenden Wahrnehmen,
-wird ebensowenig Erfahrung sammeln können. Er kann sich zwar auf
-irgend eine Weise Begriffe erwerben; aber seinen Intuitionen fehlt
-der lebendige Bezug auf bestimmte Dinge. Der gedankenlose Reisende
-und der in abstrakten Begriffssystemen lebende Gelehrte sind gleich
-unfähig, sich eine reiche Erfahrung zu erwerben.
-
-Als Wahrnehmung und Begriff stellt sich uns die Wirklichkeit; als
-Vorstellung die subjektive Repräsentation dieser Wirklichkeit dar.
-
-Wenn sich unsere Persönlichkeit bloß als erkennend äußerte, so wäre die
-Summe alles Objektiven in Wahrnehmung, Begriff und Vorstellung gegeben.
-
-Wir begnügen uns aber nicht damit, die Wahrnehmung mit Hilfe des
-Denkens auf den Begriff zu beziehen, sondern wir beziehen sie auch
-auf unsere besondere Subjektivität, auf unser individuelles Ich. Der
-Ausdruck dieses individuellen Bezuges ist das Gefühl, das sich als
-Lust oder Unlust auslebt.
-
-Denken und Fühlen entsprechen der Doppelnatur unseres Wesens, der wir
-schon gedacht haben. Das Denken ist das Element, durch das wir das
-allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen; das Fühlen das, wodurch
-wir uns in die Enge des eigenen Wesens zurückziehen.
-
-Unser Denken verbindet uns mit der Welt; unser Fühlen führt uns in uns
-selbst zurück, macht uns erst zum Individuum. Wären wir bloß denkende
-und wahrnehmende Wesen, so müßte unser ganzes Leben in unterschiedloser
-Gleichgültigkeit dahinfließen. Wenn wir uns bloß als Selbst erkennen
-könnten, so wären wir uns vollständig gleichgültig. Erst dadurch, daß
-wir mit der Selbsterkenntnis das Selbstgefühl, mit der Wahrnehmung der
-Dinge Lust und Schmerz empfinden, leben wir als individuelle Wesen,
-deren Dasein nicht mit dem Begriffsverhältnis erschöpft ist, in dem
-sie zu der übrigen Welt stehen, sondern die noch einen besonderen
-Wert für sich haben.
-
-Man könnte versucht sein, in dem Gefühlsleben ein Element zu sehen,
-das reicher mit Wirklichkeit gesättigt ist als das denkende Betrachten
-der Welt. Darauf ist zu erwidern, daß das Gefühlsleben eben doch nur
-für mein Individuum diese reichere Bedeutung hat. Für das Weltganze
-kann mein Gefühlsleben nur einen Wert erhalten, wenn das Gefühl,
-als Wahrnehmung an meinem Selbst, mit einem Begriffe in Verbindung
-tritt und sich auf diesem Umwege dem Kosmos eingliedert.
-
-Unser Leben ist ein fortwährendes Hin- und Herpendeln zwischen dem
-Mitleben des allgemeinen Weltgeschehens und unserem individuellen
-Sein. Je weiter wir hinaufsteigen in die allgemeine Natur des Denkens,
-wo uns das Individuelle zuletzt nur mehr als Beispiel, als Exemplar des
-Begriffes interessiert, desto mehr verliert sich in uns der Charakter
-des besonderen Wesens, der ganz bestimmten einzelnen Persönlichkeit. Je
-weiter wir herabsteigen in die Tiefen des Eigenlebens und unsere
-Gefühle mitklingen lassen mit den Erfahrungen der Außenwelt, desto
-mehr sondern wir uns ab von dem universellen Sein. Eine wahrhafte
-Individualität wird derjenige sein, der am weitesten hinaufreicht mit
-seinen Gefühlen in die Region des Ideellen. Es giebt Menschen, bei
-denen auch die allgemeinsten Ideen, die in ihrem Kopfe sich festsetzen,
-noch jene besondere Färbung tragen, die sie unverkennbar als mit ihrem
-Träger im Zusammenhange zeigt. Andere existieren, deren Begriffe so
-ohne jede Spur einer Eigentümlichkeit an uns herankommen, als wären
-sie gar nicht aus einem Menschen entsprungen, der Fleisch und Blut hat.
-
-Das Vorstellen giebt unserem Begriffsleben bereits ein individuelles
-Gepräge. Jedermann hat ja einen eigenen Standort, von dem aus
-er die Welt betrachtet. An seine Wahrnehmungen schließen sich
-seine Begriffe an. Er wird auf seine besondere Art die allgemeinen
-Begriffe denken. Diese besondere Bestimmtheit ist ein Ergebnis unseres
-Standortes in der Welt, der an unseren Lebensplatz sich anschließenden
-Wahrnehmungssphäre. Wir nennen die hiermit gekennzeichneten
-Voraussetzungen des Individuellen das milieu.
-
-Dieser Bestimmtheit steht entgegen eine andere, von unserer
-besonderen Organisation abhängige. Unsere Organisation ist ja
-eine spezielle, vollbestimmte Einzelheit. Wir verbinden jeder
-besondere Gefühle und zwar in den verschiedensten Stärkegraden
-mit unseren Wahrnehmungen. Dies ist das Individuelle unserer
-Eigenpersönlichkeit. Es bleibt als Rest zurück, wenn wir die
-Bestimmtheiten des milieu alle in Rechnung gebracht haben.
-
-Ein völlig gedankenleeres Gefühlsleben müßte allmählich allen
-Zusammenhang mit der Welt verlieren. Die Erkenntnis der Dinge wird
-bei dem auf Totalität angelegten Menschen Hand in Hand gehen mit der
-Ausbildung und Entwicklung des Gefühlslebens.
-
-Das Gefühl ist das Mittel, wodurch die Begriffe zunächst konkretes
-Leben gewinnen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-VIII.
-
-GIEBT ES GRENZEN DES ERKENNENS?
-
-
-Wir haben festgestellt, daß die Elemente zur Erklärung der Wirklichkeit
-den beiden Sphären: dem Wahrnehmen und dem Denken zu entnehmen
-sind. Unsere Organisation bedingt es, wie wir gesehen haben, daß
-uns die volle, totale Wirklichkeit, einschließlich unseres eigenen
-Subjektes, zunächst als Zweiheit erscheint. Das Erkennen überwindet
-diese Zweiheit, indem es aus den beiden Elementen der Wirklichkeit:
-der Wahrnehmung und dem Begriff das ganze Ding zusammenfügt. Nennen
-wir die Weise, in der uns die Welt entgegentritt, bevor sie
-durch das Erkennen ihre rechte Gestalt gewonnen hat, die Welt der
-Erscheinung im Gegensatz zu der aus Wahrnehmung und Begriff einheitlich
-zusammengesetzten Wesenheit. Dann können wir sagen: die Welt ist uns
-als Zweiheit (dualistisch) gegeben, und das Erkennen verarbeitet
-sie zur Einheit (monistisch). Eine Philosophie, welche von diesem
-Grundprinzip ausgeht, kann als monistische Philosophie oder Monismus
-bezeichnet werden. Ihr steht gegenüber die Zweiweltentheorie oder
-der Dualismus. Der letztere nimmt nicht etwa zwei bloß durch unsere
-Organisation auseinandergehaltene Seiten der einheitlichen Wirklichkeit
-an, sondern zwei von einander absolut verschiedene Welten. Er sucht
-dann Erklärungsprinzipien für die eine Welt in der andern.
-
-Der Dualismus beruht auf einer falschen Auffassung dessen, was
-wir Erkenntnis nennen. Er trennt das gesamte Sein in zwei Gebiete,
-von denen jedes seine eigenen Gesetze hat, und läßt diese Gebiete
-einander äußerlich gegenüberstehen.
-
-Einem solchen Dualismus entspringt die durch Kant in die Wissenschaft
-eingeführte und bis heute nicht wieder herausgebrachte Unterscheidung
-von Wahrnehmungsobjekt und Ding an sich. Unseren Ausführungen
-gemäß liegt es in der Natur unserer geistigen Organisation, daß
-ein besonderes Ding nur als Wahrnehmung gegeben sein kann. Das
-Denken überwindet dann die Besonderung, indem es jeder Wahrnehmung
-ihre gesetzmäßige Stelle im Weltganzen anweist. So lange die
-gesonderten Teile des Weltganzen als Wahrnehmungen bestimmt werden,
-folgen wir einfach in der Aussonderung einem Gesetze unserer
-Subjektivität. Betrachten wir aber die Summe aller Wahrnehmungen als
-den Einen Teil und stellen diesem dann einen zweiten in den "Dingen an
-sich" gegenüber, so philosophieren wir ins Blaue hinein. Wir haben es
-dann mit einem bloßen Begriffsspiel zu thun. Wir konstruieren einen
-künstlichen Gegensatz, können aber für das zweite Glied desselben
-keinen Inhalt gewinnen, denn ein solcher kann für ein besonderes Ding
-nur aus der Wahrnehmung geschöpft werden.
-
-Jede Art des Seins, das außerhalb des Gebietes von Wahrnehmung
-und Begriff angenommen wird, ist in die Sphäre der unberechtigten
-Hypothesen zu verweisen. In diese Kategorie gehört das "Ding an
-sich". Es ist nur ganz natürlich, daß der dualistische Denker
-den Zusammenhang des hypothetisch angenommenen Weltprinzipes
-und des erfahrungsmäßig Gegebenen nicht finden kann. Für das
-hypothetische Weltprincip läßt sich nur ein Inhalt gewinnen,
-wenn man ihn aus der Erfahrungswelt entlehnt und sich über diese
-Thatsache hinwegtäuscht. Sonst bleibt es ein inhaltsleerer Begriff,
-ein Unbegriff, der nur die Form des Begriffes hat. Der dualistische
-Denker behauptet dann gewöhnlich: der Inhalt dieses Begriffes sei
-unserer Erkenntnis unzugänglich; wir könnten nur wissen, daß ein
-solcher Inhalt vorhanden ist, nicht was vorhanden ist. In beiden
-Fällen ist die Überwindung des Dualismus unmöglich. Bringt man ein paar
-abstrakte Elemente der Erfahrungswelt in den Begriff des Dinges an sich
-hinein, dann bleibt es doch unmöglich, das reiche konkrete Leben der
-Erfahrung auf ein paar Eigenschaften zurückzuführen, die selbst nur
-aus dieser Wahrnehmung entnommen sind. Du Bois-Reymond stellt fest,
-daß die unwahrnehmbaren Atome der Materie durch ihre Lage und Bewegung
-Empfindung und Gefühl erzeugen, um dann zu dem Schlusse zu kommen:
-wir können niemals zu einer befriedigenden Erklärung darüber kommen,
-wie Materie und Bewegung Empfindung und Gefühl erzeugen, denn "es ist
-eben durchaus und für immer unbegreiflich, daß es einer Anzahl von
-Kohlenstoff-, Wasserstoff-, Stickstoff- u. s. w. Atomen nicht sollte
-gleichgiltig sein, wie sie liegen und sich bewegen, wie sie lagen
-und sich bewegten, wie sie liegen und sich bewegen werden. Es ist
-in keiner Weise einzusehen, wie aus ihrem Zusammenwirken Bewußtsein
-entstehen könne". Diese Schlußfolgerung ist charakteristisch für
-die ganze Denkrichtung. Aus der reichen Welt der Wahrnehmungen wird
-abgesondert: Lage und Bewegung. Diese werden auf die erdachte Welt
-der Atome übertragen. Dann tritt die Verwunderung darüber ein, daß
-man aus diesem selbstgemachten und aus der Wahrnehmungswelt entlehnten
-Prinzip das konkrete Leben nicht herauswickeln kann.
-
-Daß der Dualist, der mit einem vollständig inhaltleeren Begriff vom
-Ansich arbeitet, zu keiner Welterklärung kommen kann, folgt schon
-aus der, oben angegebenen, Definition seines Prinzipes.
-
-In jedem Falle sieht sich der Dualist gezwungen, unserem
-Erkenntnisvermögen unübersteigliche Schranken zu setzen. Der Anhänger
-einer monistischen Weltanschauung weiß, daß alles, was er zur Erklärung
-einer ihm gegebenen Erscheinung der Welt braucht, im Bereiche der
-letztern liegen müsse. Was ihn hindert, dazu zu gelangen, können
-nur zufällige zeitliche oder räumliche Schranken oder Mängel seiner
-Organisation sein. Und zwar nicht der menschlichen Organisation im
-allgemeinen, sondern nur seiner besonderen individuellen.
-
-Es folgt aus dem Begriffe des Erkennens, wie wir ihn bestimmt haben,
-daß von Erkenntnisgrenzen nicht gesprochen werden kann. Das Erkennen
-ist keine allgemeine Weltangelegenheit, sondern ein Geschäft, das
-der Mensch mit sich selbst abzumachen hat. Die Dinge verlangen
-keine Erklärung. Sie existieren und wirken aufeinander nach den
-Gesetzen, die durch das Denken auffindbar sind. Sie existieren in
-unzertrennlicher Einheit mit diesen Gesetzen. Da tritt ihnen unsere
-Ichheit gegenüber und erfaßt von ihnen zunächst nur das, was wir
-als Wahrnehmung bezeichnet haben. Aber in dem Innern dieser Ichheit
-findet sich die Kraft, um auch den andern Teil der Wirklichkeit zu
-finden. Erst wenn die Ichheit die beiden Elemente der Wirklichkeit,
-die in der Welt unzertrennlich verbunden sind, auch für sich vereinigt
-hat, dann ist die Erkenntnisbefriedigung eingetreten: das Ich ist
-wieder bei der Wirklichkeit angelangt.
-
-Die Vorbedingungen zum Entstehen des Erkennens sind also durch und
-für das Ich. Das letztere giebt sich selbst die Fragen des Erkennens
-auf. Und zwar entnimmt es sie aus dem in sich vollständig klaren
-und durchsichtigen Elemente des Denkens. Stellen wir uns Fragen,
-die wir nicht beantworten können, so kann der Inhalt der Frage nicht
-in allen seinen Teilen klar und deutlich sein. Nicht die Welt stellt
-an uns die Fragen, sondern wir selbst stellen sie.
-
-Ich kann mir denken, daß mir jede Möglichkeit fehlt, eine Frage zu
-beantworten, die ich irgendwo aufgeschrieben finde, ohne daß ich die
-Sphäre kenne, aus der der Inhalt der Frage genommen ist.
-
-Bei unserer Erkenntnis handelt es sich um Fragen, die uns dadurch
-aufgegeben werden, daß einer durch Ort, Zeit und subjektive
-Organisation bedingten Wahrnehmungssphäre eine auf die Allheit der
-Welt gehende Begriffssphäre gegenübersteht. Meine Aufgabe besteht
-in dem Ausgleich dieser beiden mir wohlbekannten Sphären. Von einer
-Grenze der Erkenntnis kann da nicht gesprochen werden. Es kann zu
-irgend einer Zeit dieses oder jenes unaufgeklärt bleiben, weil wir
-durch zufällige Umstände verhindert sind, die Dinge wahrzunehmen, die
-dabei im Spiele sind. Was aber heute nicht gefunden ist, kann es morgen
-werden. Die hierdurch bedingten Schranken sind nur zufällige, die mit
-dem Fortschreiten von Wahrnehmung und Denken überwunden werden müssen.
-
-Der Dualismus begeht den Fehler, daß er den Gegensatz von Objekt und
-Subjekt, der nur innerhalb des Wahrnehmungsgebietes eine Bedeutung hat,
-auf rein erdachte Wesenheiten außerhalb desselben überträgt. Da aber
-die innerhalb des Wahrnehmungshorizontes gesonderten Dinge nur so lange
-gesondert sind, als der Wahrnehmende sich des Denkens enthält, das
-alle Sonderung aufhebt und als eine bloß subjektiv bedingte erkennen
-läßt, so überträgt der Dualist Bestimmungen auf Wesenheiten hinter
-den Wahrnehmungen, die selbst für diese keine absolute, sondern nur
-eine relative Geltung haben. Er zerlegt dadurch die zwei für den
-Erkenntnisprozeß in Betracht kommenden Faktoren, Wahrnehmung und
-Begriff, in vier: 1) Das Objekt an sich; 2) die Wahrnehmung, die das
-Subjekt von dem Objekt hat; 3) das Subjekt; 4) den Begriff, der die
-Wahrnehmung auf das Objekt an sich bezieht. Die Beziehung zwischen
-dem Objekt und Subjekt ist eine reale; das Subjekt wird wirklich
-(dynamisch) durch das Objekt beeinflußt. Dieser reale Prozeß fällt
-nicht in unser Bewußtsein. Aber er ruft im Subjekt eine Gegenwirkung
-auf die vom Objekt ausgehende Wirkung hervor. Das Resultat dieser
-Gegenwirkung ist die Wahrnehmung. Diese fällt erst ins Bewußtsein. Das
-Objekt hat eine objektive (vom Subjekt unabhängige), die Wahrnehmung
-eine subjektive Realität. Diese subjektive Realität bezieht das
-Subjekt auf das Objekt. Die letztere Beziehung ist eine ideelle. Der
-Dualismus spaltet somit den Erkenntnisprozeß in zwei Teile. Den einen,
-Erzeugung des Wahrnehmungsobjektes aus dem Ding an sich, läßt er
-außerhalb, den andern, Verbindung der Wahrnehmung mit dem Begriff
-und Beziehung desselben auf das Objekt, innerhalb des Bewußtseins
-sich abspielen. Unter diesen Voraussetzungen ist es klar, daß der
-Dualist in seinen Begriffen nur subjektive Repräsentanten dessen zu
-gewinnen glaubt, was vor seinem Bewußtsein liegt. Der objektiv-reale
-Vorgang im Subjekte, durch den die Wahrnehmung zustande kommt,
-und umsomehr die objektiven Beziehungen der Dinge an sich bleiben
-für den Dualisten direkt unerkennbar; seiner Meinung nach kann sich
-der Mensch nur begriffliche Repräsentanten für das objektiv Reale
-verschaffen. Das Einheitsband der Dinge, das diese unter sich und
-objektiv mit unserem Individualgeist (als Ding an sich) verbindet,
-liegt jenseits des Bewußtseins in einem göttlichen Wesen an sich,
-von dem wir in unserem Bewußtsein ebenfalls nur einen begrifflichen
-Repräsentanten haben.
-
-Der Dualismus glaubt die ganze Welt zu einem abstrakten Begriffsschema
-zu verflüchtigen, wenn er nicht neben den begrifflichen Zusammenhängen
-der Gegenstände noch reale Zusammenhänge statuiert. Mit andern
-Worten: dem Dualisten erscheinen die durch das Denken auffindbaren
-Idealprinzipien zu luftig, und er sucht noch Realprinzipien, von
-denen sie gestützt werden können.
-
-Wir wollen uns diese Realprinzipien einmal näher anschauen. Der
-naive Mensch (naive Realist) betrachtet die Gegenstände der äußeren
-Erfahrung als Realitäten. Der Umstand, daß er diese Dinge mit seinen
-Händen greifen, mit seinen Augen sehen kann, gilt ihm als Zeugnis
-der Realität. "Nichts existiert, was man nicht wahrnehmen kann",
-ist geradezu als das erste Axiom des naiven Menschen anzusehen,
-das ebenso gut in seiner Umkehrung anerkannt wird: "Alles, was
-wahrgenommen werden kann, existiert". Der beste Beweis für diese
-Behauptung ist der Unsterblichkeits- und Geisterglaube des naiven
-Menschen. Er stellt sich die Seele als feine sinnliche Materie vor,
-die unter besonderen Bedingungen sogar für den gewöhnlichen Menschen
-sichtbar werden kann (Gespensterglaube).
-
-Dieser seiner realen Welt gegenüber ist für den naiven Realisten alles
-andere, namentlich die Welt der Ideen, unreal, "bloß ideell". Was
-wir zu den Gegenständen hinzudenken, das ist bloßer Gedanke über die
-Dinge. Der Gedanke fügt nichts Reales zu der Wahrnehmung hinzu.
-
-Aber nicht nur in Bezug auf das Sein der Dinge hält der naive Mensch
-die Sinneswahrnehmung für das einzige Zeugnis der Realität, sondern
-auch in Bezug auf das Geschehen. Ein Ding kann, nach seiner Ansicht,
-nur dann auf ein anderes wirken, wenn eine für die Sinneswahrnehmung
-vorhandene Kraft von dem einen ausgeht und das andere ergreift. Ältere
-griechische Philosophen, die naive Realisten im besten Sinne des
-Wortes waren, stellten sich das Sehen in der Weise vor, daß das
-Auge Fühler ausstrecke, die die Dinge berühren. Die ältere Physik
-glaubte, daß sehr feine Stoffe von den Körpern ausströmen und durch
-unsere Sinnesorgane in die Seele eindringen. Das wirkliche Sehen
-dieser Stoffe ist nur durch die Grobheit unserer Sinne im Verhältnis
-zu der Feinheit dieser Stoffe unmöglich. Prinzipiell gestand man
-diesen Stoffen aus demselben Grunde Realität zu, warum man es den
-Gegenständen der Sinnenwelt zugesteht, nämlich wegen ihrer Seinsform,
-die derjenigen der sinnenfälligen Realität analog gedacht wurde.
-
-Die in sich beruhende Wesenheit der Ideen gilt dem naiven Bewußtsein
-nicht in gleichem Sinne als real. Ein in der "bloßen Idee"
-gefaßter Gegenstand gilt so lange als bloße Chimäre, bis durch
-die Sinneswahrnehmung die Überzeugung von der Realität geliefert
-werden kann. Der naive Mensch verlangt, um es kurz zu sagen, zum
-ideellen Zeugnis seines Denkens noch das reale der Sinne. In diesem
-Bedürfnisse des naiven Menschen liegt der Grund zur Entstehung des
-Offenbarungsglaubens. Der Gott, der durch das Denken gegeben ist,
-bleibt immer nur ein gedachter Gott. Das naive Bewußtsein verlangt
-die Kundgebung durch Mittel, die der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich
-sind. Der Gott muß leibhaftig erscheinen, und seine Göttlichkeit durch
-sinnenfällig konstatierbares Verwandeln von Wasser in Wein erweisen.
-
-Auch das Erkennen selbst stellt sich der naive Mensch als einen
-den Sinnesprozessen analogen Vorgang vor. Die Dinge machen einen
-Eindruck in der Seele, oder sie senden Bilder aus, die durch die
-Sinne eindringen u. s. w.
-
-Dasjenige, was der naive Mensch mit den Sinnen wahrnehmen kann, das
-hält er für wirklich, und dasjenige, wovon er keine solche Wahrnehmung
-hat (Gott, Seele, das Erkennen u. s. w.), das stellt er sich analog
-dem Wahrgenommenen vor.
-
-Will der naive Realismus eine Wissenschaft begründen, so kann er eine
-solche nur in einer genauen Beschreibung des Wahrnehmungsinhaltes
-sehen. Die Begriffe sind ihm nur Mittel zum Zweck. Sie sind da, um
-ideelle Gegenbilder für die Wahrnehmungen zu schaffen. Für die Dinge
-selbst bedeuten sie nichts. Als real gelten dem naiven Realisten nur
-die Tulpenindividuen, die gesehen werden, oder gesehen werden können;
-die Eine Idee der Tulpe gilt ihm als Abstraktum, als das unreale
-Gedankenbild, das sich die Seele aus den allen Tulpen gemeinsamen
-Merkmalen zusammengefügt hat.
-
-Den naiven Realismus mit seinem Grundsatz von der Wirklichkeit
-alles Wahrgenommenen widerlegt die Erfahrung, welche lehrt, daß
-der Inhalt der Wahrnehmungen vergänglicher Natur ist. Die Tulpe,
-die ich sehe, ist heute wirklich; nach einem Jahre wird sie in
-Nichts verschwunden sein. Was sich behauptet hat, ist die Gattung
-Tulpe. Diese Gattung ist aber für den naiven Realismus nur eine Idee,
-keine Wirklichkeit. So sieht sich denn diese Weltanschauung in der
-Lage, ihre Wirklichkeiten kommen und verschwinden zu sehen, während
-sich das, nach ihrer Meinung, Unwirkliche dem Wirklichen gegenüber
-behauptet. Der naive Realismus muß also neben den Wahrnehmungen
-auch noch etwas Ideelles gelten lassen. Er muß Wesenheiten in sich
-aufnehmen, die er nicht mit den Sinnen wahrnehmen kann. Er findet
-sich dadurch mit sich selbst ab, daß er deren Daseinsform analog mit
-derjenigen der Sinnesobjekte denkt. Solche hypothetisch angenommenen
-Realitäten sind die unsichtbaren Kräfte, durch die die sinnlich
-wahrzunehmenden Dinge aufeinander wirken. Ein solches Ding ist die
-Vererbung, die über das Individuum hinaus fortwirkt und die der Grund
-ist, daß sich aus dem Individuum ein neues entwickelt, das ihm ähnlich
-ist, wodurch sich die Gattung erhält. Ein solches Ding ist das den
-organischen Leib durchdringende Lebensprinzip, die Seele, für die man
-im naiven Bewußtsein stets einen nach Analogie mit Sinnesrealitäten
-gebildeten Begriff findet, und ist endlich das göttliche Wesen des
-naiven Menschen. Dieses göttliche Wesen wird in einer Weise wirksam
-gedacht, die ganz dem entspricht, was als Wirkungsart des Menschen
-selbst wahrgenommen werden kann: anthropomorphisch.
-
-Die moderne Physik führt die Sinnesempfindungen auf Bewegungen der
-kleinsten Teile der Körper und eines unendlich feinen Stoffes, des
-Äthers, zurück. Was wir z. B. als Wärme empfinden, ist innerhalb des
-Raumes, den der wärmeverursachende Körper einnimmt, Bewegung seiner
-Teile. Auch hier wird wieder ein Unwahrnehmbares in Analogie mit dem
-Wahrnehmbaren gedacht. Das sinnliche Analogon des Begriffs "Körper"
-ist in diesem Sinne etwa das Innere eines allseitig geschlossenen
-Raumes, in dem sich nach allen Richtungen elastische Kugeln bewegen,
-die einander stoßen, an die Wände an- und von ihnen abprallen u. s. w.
-
-Ohne solche Annahmen zerfiele dem naiven Realismus die Welt in ein
-unzusammenhängendes Aggregat von Wahrnehmungen ohne gegenseitige
-Beziehungen, das sich zu keiner Einheit zusammenschließt. Es ist
-aber klar, daß der naive Realismus nur durch eine Inkonsequenz
-zu dieser Annahme kommen kann. Wenn er seinem Grundsatz: nur das
-Wahrgenommene ist wirklich, treu bleiben will, dann darf er doch,
-wo er nichts wahrnimmt, kein Wirkliches annehmen. Die unwahrnehmbaren
-Kräfte, die von den wahrnehmbaren Dingen aus wirken, sind eigentlich
-unberechtigte Hypothesen vom Standpunkte des naiven Realismus. Und weil
-er keine anderen Realitäten kennt, so stattet er seine hypothetischen
-Kräfte mit Wahrnehmungsinhalt aus. Er wendet also eine Seinsform
-(das Wahrnehmungsdasein) auf ein Gebiet an, wo ihm das Mittel fehlt,
-das allein über diese Seinsform eine Aussage zu machen hat: das
-sinnliche Wahrnehmen.
-
-Diese in sich widerspruchvolle Weltanschauung führt zum metaphysischen
-Realismus. Der konstruiert neben der wahrnehmbaren Realität noch eine
-unwahrnehmbare, die er der erstem analog denkt. Der metaphysische
-Realismus ist deshalb notwendig Dualismus.
-
-Wo der metaphysische Realismus eine Beziehung zwischen wahrnehmbaren
-Dingen bemerkt (Annäherung durch Bewegung, Bewußtwerden eines
-Objektiven u. s. w.), da setzt er eine Realität hin. Die Beziehung,
-die er bemerkt, kann er jedoch nur durch das Denken ausdrücken, nicht
-aber wahrnehmen. Die ideelle Beziehung wird willkürlich zu einem
-dem Wahrnehmbaren Ähnlichen gemacht. So ist für diese Denkrichtung
-die wirkliche Welt zusammengesetzt aus den Wahrnehmungsobjekten,
-die im ewigen Werden sind, kommen und verschwinden, und aus
-den unwahrnehmbaren Kräften, von denen die Wahrnehmungsobjekte
-hervorgebracht werden, und die das Bleibende sind.
-
-Der metaphysische Realismus ist eine widerspruchsvolle Mischung des
-naiven Realismus mit dem Idealismus. Seine hypothetischen Kräfte
-sind unwahrnehmbare Wesenheiten mit Wahrnehmungsqualitäten. Er hat
-sich entschlossen, außer dem Weltgebiete, für dessen Daseinsform er
-in dem Wahrnehmen ein Erkenntnismittel hat, noch ein Gebiet gelten
-zu lassen, bei dem dieses Mittel versagt, und das nur durch das
-Denken zu ermitteln ist. Er kann sich aber nicht zu gleicher Zeit
-auch entschließen, die Form des Seins, die ihm das Denken vermittelt,
-den Begriff (die Idee), auch als gleichberechtigten Faktor neben der
-Wahrnehmung anzuerkennen. Will man den Widerspruch der unwahrnehmbaren
-Wahrnehmung vermeiden, so muß man zugestehen, daß es für die durch
-das Denken vermittelten Beziehungen zwischen den Wahrnehmungen für
-uns keine andere Existenzform als die des Begriffes giebt. Als
-die Summe von Wahrnehmungen und ihrer begrifflichen (ideellen)
-Bezüge stellt sich die Welt dar, wenn man aus dem metaphysischen
-Realismus den unberechtigten Bestandteil hinauswirft. So läuft der
-metaphysische Realismus in eine Weltanschauung ein, welche für die
-Wahrnehmung das Prinzip der Wahrnehmbarkeit, für die Beziehungen
-unter den Wahrnehmungen die Denkbarkeit fordert. Diese Weltanschauung
-kann kein drittes Weltgebiet neben der Wahrnehmungs- und Begriffswelt
-gelten lassen, für das beide Prinzipien, das sogenannte Realprinzip
-und das Idealprinzip, zugleich Geltung haben.
-
-Wenn der metaphysische Realismus behauptet, daß neben der
-ideellen Beziehung zwischen dem Wahrnehmungsobjekt und seinem
-Wahrnehmungssubjekt noch eine reale Beziehung zwischen dem "Ding
-an sich" der Wahrnehmung und dem "Ding an sich" des wahrnehmbaren
-Subjektes (des sogenannten Individualgeistes) bestehen muß, so beruht
-diese Behauptung auf der falschen Annahme eines den Prozessen der
-Sinnenwelt analogen, nicht wahrnehmbaren Seinsprozesses. Wenn ferner
-der metaphysische Realismus sagt: mit meiner Wahrnehmungswelt komme
-ich in ein bewußt-ideelles Verhältnis; mit der wirklichen Welt kann
-ich aber nur in ein dynamisches (Kräfte-) Verhältnis kommen, so begeht
-er nicht weniger den schon gerügten Fehler. Von einem Kräfteverhältnis
-kann nur innerhalb der Wahrnehmungswelt (dem Gebiete des Tastsinnes),
-nicht aber außerhalb desselben die Rede sein.
-
-Wir wollen die oben charakterisierte Weltanschauung, in die
-der metaphysische Realismus zuletzt einmündet, wenn er seine
-widerspruchsvollen Elemente abstreift, Monismus nennen, weil sie den
-einseitigen Realismus mit dem Idealismus zu einer höheren Einheit
-vereinigt.
-
-Für den naiven Realismus ist die wirkliche Welt eine Summe von
-Wahrnehmungsobjekten; für den metaphysischen Realismus kommt außer den
-Wahrnehmungen auch noch den unwahrnehmbaren Kräften Realität zu; der
-Monismus setzt an die Stelle von Kräften die ideellen Zusammenhänge,
-die er durch sein Denken gewinnt. Das aber sind die Naturgesetze. Ein
-Naturgesetz ist ja nichts anderes als der begriffliche Ausdruck für
-den Zusammenhang gewisser Wahrnehmungen.
-
-Der Monismus kommt gar nicht in die Lage, außer Wahrnehmung und
-Begriff, nach anderen Erklärungsprinzipien der Wirklichkeit zu
-fragen. Er weiß, daß sich im ganzen Bereiche der Wirklichkeit
-kein Anlaß dazu findet. Er sieht in der Wahrnehmungswelt, wie
-sie unmittelbar dem Wahrnehmen vorliegt, ein halbes Wirkliches;
-in der Vereinigung derselben mit der Begriffswelt findet er die
-volle Wirklichkeit. Der metaphysische Realist kann dem Anhänger des
-Monismus einwenden: es mag sein, daß für deine Organisation deine
-Erkenntnis in sich vollkommen ist, daß kein Glied fehlt; du weißt
-aber nicht: wie sich die Welt in einer Intelligenz abspiegelt, die
-anders organisiert ist als die deinige. Die Antwort des Monismus
-wird sein: Es mag sein, daß es andere Intelligenzen giebt als die
-menschlichen; es mag auch sein, daß ihre Wahrnehmungen eine andere
-Gestalt haben als die unsrigen, wenn bei ihnen überhaupt Wahrnehmen
-stattfindet. Das alles geht mich aber aus folgenden Gründen gar nichts
-an. Ich bin durch mein Wahrnehmen, und zwar durch dieses spezifische
-menschliche Wahrnehmen als Subjekt dem Objekt gegenübergestellt. Der
-Zusammenhang der Dinge ist damit unterbrochen. Das Subjekt stellt
-durch das Denken diesen Zusammenhang wieder her. Damit hat es sich
-dem Weltganzen wieder eingefügt. Da nur durch unser Subjekt dieses
-Ganze an der Stelle zwischen unserer Wahrnehmung und unserem Begriff
-zerschnitten erscheint, so ist in der Vereinigung dieser beiden
-auch eine vollkommene Erkenntnis gegeben. Für Wesen mit einer andern
-Wahrnehmungswelt (z. B. mit der doppelten Anzahl von Sinnesorganen)
-erschiene der Zusammenhang an einer andern Stelle unterbrochen, und
-die Wiederherstellung müßte demnach auch eine diesem Wesen spezifische
-Gestalt haben. Nur für den naiven und den metaphysischen Realismus,
-die beide in dem Inhalte der Seele nur eine ideelle Repräsentation der
-Welt sehen, besteht die Frage nach der Grenze des Erkennens. Für sie
-ist nämlich das außerhalb des Subjektes Befindliche ein Absolutes, ein
-in sich Beruhendes, und der Inhalt des Subjektes ein Bild desselben,
-das schlechthin außerhalb dieses Absoluten steht. Die Vollkommenheit
-der Erkenntnis beruht auf der größeren oder geringeren Ähnlichkeit
-des Bildes mit dem absoluten Objekte. Ein Wesen, bei dem die Zahl
-der Sinne kleiner ist, als beim Menschen, wird weniger, eines, bei
-dem sie größer ist, mehr von der Welt wahrnehmen. Das erstere wird
-demnach eine unvollkommenere Erkenntnis haben als das letztere.
-
-Für den Monismus liegt die Sache anders. Durch die Organisation des
-wahrnehmenden Wesens wird die Gestalt bestimmt, wo der Weltzusammenhang
-in Subjekt und Objekt auseinandergerissen erscheint. Das Objekt
-ist kein absolutes, sondern nur ein relatives, in Bezug auf dieses
-bestimmte Subjekt. Die Überbrückung des Gegensatzes kann demnach auch
-nur wieder in der ganz spezifischen, gerade dem menschlichen Subjekt
-eigenen Weise geschehen. Sobald das Ich, das in dem Wahrnehmen von
-der Welt abgetrennt ist, in der denkenden Betrachtung wieder in den
-Weltzusammenhang sich einfügt, dann hört alles weitere Fragen, das
-nur eine Folge der Trennung war, auf.
-
-Ein anders geartetes Wesen hätte eine anders geartete Erkenntnis. Die
-unsrige ist ausreichend, um die durch unser eigenes Wesen aufgestellten
-Fragen zu beantworten.
-
-Der metaphysische Realismus muß fragen, wodurch ist das als Wahrnehmung
-Gegebene gegeben; wodurch wird das Subjekt affiziert?
-
-Für den Monismus ist die Wahrnehmung durch das Subjekt bestimmt. Dieses
-hat aber in dem Denken zugleich das Mittel, die durch es selbst
-hervorgerufene Bestimmtheit wieder aufzuheben.
-
-Der metaphysische Realismus steht vor einer weiteren Schwierigkeit,
-wenn er die Ähnlichkeit der Weltbilder verschiedener menschlicher
-Individuen erklären will. Er muß sich fragen: wie kommt es, daß
-das Weltbild, das ich aus meiner subjektiv bestimmten Wahrnehmung
-und meinen Begriffen aufbaue, gleichkommt dem, das ein anderes
-menschliches Individuum aus denselben beiden subjektiven Faktoren
-aufbaut? Wie kann ich überhaupt aus meinem subjektiven Weltbilde auf
-das eines andern Menschen schließen? Daraus, daß die Menschen sich
-miteinander praktisch abfinden, glaubt der metaphysische Realist die
-Ähnlichkeit ihrer subjektiven Weltbilder erschließen zu können. Aus
-der Ähnlichkeit dieser Weltbilder schließt er dann weiter auf die
-Gleichheit der den einzelnen menschlichen Wahrnehmungssubjekten zu
-Grunde liegenden Individualgeister oder der den Subjekten zu Grunde
-liegenden "Ich an sich".
-
-Dieser Schluß ist also ein solcher aus einer Summe von Wirkungen auf
-den Charakter der ihnen zu Grunde liegenden Ursachen. Wir glauben
-aus einer hinreichend großen Anzahl von Fällen den Sachverhalt so
-zu erkennen, daß wir wissen, wie sich die erschlossenen Ursachen
-in andern Fällen verhalten werden. Einen solchen Schluß nennen wir
-einen Induktionsschluß. Wir werden uns genötigt sehen, die Resultate
-desselben zu modifizieren, wenn in einer weitern Beobachtung etwas
-Unerwartetes sich ergiebt, weil der Charakter des Resultates doch nur
-durch die individuelle Gestalt der geschehenen Beobachtungen bestimmt
-ist. Diese bedingte Erkenntnis der Ursachen reiche aber für das
-praktische Leben vollständig aus, behauptet der metaphysische Realist.
-
-Der Induktionsschluß ist die methodische Grundlage des modernen
-metaphysischen Realismus. Es gab eine Zeit, in der man aus Begriffen
-glaubte etwas herauswickeln zu können, was nicht mehr Begriff ist. Man
-glaubte aus den Begriffen die metaphysischen Realwesen, deren der
-metaphysische Realismus einmal bedarf, erkennen zu können. Diese Art
-des Philosophierens gehört heute zu den überwundenen Dingen. Dafür aber
-glaubt man, aus einer genügend großen Anzahl von Wahrnehmungsthatsachen
-auf den Charakter des Dinges an sich schließen zu können, das diesen
-Thatsachen zu Grunde liegt. Wie früher aus dem Begriffe, so sucht
-man heute das Metaphysische aus den Wahrnehmungen herauswickeln
-zu können. Da man die Begriffe in durchsichtiger Klarheit vor sich
-hat, so glaubte man aus ihnen auch das Metaphysische mit absoluter
-Sicherheit ableiten zu können. Die Wahrnehmungen liegen nicht
-mit gleich durchsichtiger Klarheit vor. Jede folgende stellt sich
-wieder etwas anders dar, als die gleichartigen vorhergehenden. Im
-Grunde wird daher das aus den vorhergehenden Erschlossene durch jede
-folgende etwas modifiziert. Die Gestalt, die man auf diese Weise
-für das Metaphysische gewinnt, ist also nur eine relativ richtige
-zu nennen; sie unterliegt der Korrektur durch künftige Fälle. Einen
-durch diesen methodischen Grundsatz bestimmten Charakter trägt die
-Metaphysik Eduard von Hartmanns, der als Motto auf das Titelblatt
-seines ersten Hauptwerkes gesetzt hat: "Spekulative Resultate nach
-induktiv naturwissenschaftlicher Methode."
-
-Die Gestalt, die der metaphysische Realist gegenwärtig seinen Dingen
-an sich giebt, ist eine durch Induktionsschlüsse gewonnene. Von dem
-Vorhandensein eines objektiv-realen Zusammenhanges der Welt neben dem
-"subjektiven" durch Wahrnehmung und Begriff erkennbaren, ist er durch
-Erwägungen über den Erkenntnisprozeß überzeugt. Wie diese objektive
-Realität beschaffen ist, das glaubt er durch Induktionsschlüsse aus
-seinen Wahrnehmungen heraus bestimmen zu können.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DIE WIRKLICHKEIT DER FREIHEIT.
-
-
-IX.
-
-DIE FAKTOREN DES LEBENS.
-
-
-Rekapitulieren wir das in den vorangehenden Kapiteln Gewonnene. Die
-Welt tritt dem Menschen als eine Vielheit gegenüber, als eine Summe
-von Einzelheiten. Eine von diesen Einzelheiten, ein Ding unter Dingen,
-ist er selbst. Diese Gestalt der Welt bezeichnen wir schlechthin
-als gegeben, und insofern wir sie nicht durch bewußte Thätigkeit
-entwickeln, sondern vorfinden, als Wahrnehmung. Innerhalb der Welt
-der Wahrnehmungen nehmen wir uns selbst wahr. Diese Selbstwahrnehmung
-bliebe einfach als eine unter den vielen anderen Wahrnehmungen stehen,
-wenn nicht aus der Mitte dieser Selbstwahrnehmung etwas auftauchte,
-das sich geeignet erweist die Wahrnehmungen überhaupt, also auch
-die Summe aller anderen Wahrnehmungen mit der unseres Selbst, zu
-verbinden. Dieses auftauchende Etwas ist nicht mehr bloße Wahrnehmung;
-es wird auch nicht gleich den Wahrnehmungen einfach vorgefunden. Es
-wird durch Thätigkeit hervorgebracht. Es erscheint zunächst an
-das gebunden, was wir als unser Selbst wahrnehmen. Seiner inneren
-Bedeutung nach greift es aber über das Selbst hinaus. Es fügt den
-einzelnen Wahrnehmungen ideelle Bestimmtheiten bei, die sich aber
-aufeinander beziehen, die in einem Ganzen gegründet sind. Das durch
-Selbstwahrnehmung Gewonnene bestimmt es auf gleiche Weise ideell
-wie alle andern Wahrnehmungen und stellt es als Subjekt oder "Ich"
-den Objekten gegenüber. Dieses Etwas ist das Denken, und die ideellen
-Bestimmtheiten sind die Begriffe und Ideen. Das Denken äußert sich
-daher zunächst an der Wahrnehmung des Selbst; ist aber nicht bloß
-subjektiv; denn das Selbst bezeichnet sich erst mit Hilfe des Denkens
-als Subjekt. Diese gedankliche Beziehung auf sich selbst ist eine
-Lebensbestimmung unserer Persönlichkeit. Durch sie führen wir ein rein
-ideelles Dasein. Wir fühlen uns durch sie als denkende Wesen. Diese
-Lebensbestimmung bliebe eine rein begriffliche (logische), wenn keine
-anderen Bestimmungen unseres Selbst hinzuträten. Wir wären dann Wesen,
-deren Leben sich in der Herstellung rein ideeller Beziehungen zwischen
-den Wahrnehmungen untereinander und den letztern und uns selbst
-erschöpfte. Nennt man die Herstellung eines solchen gedanklichen
-Verhältnisses ein Erkennen, und den durch dieselbe gewonnenen Zustand
-unseres Selbst Wissen, so müßten wir uns beim Eintreffen der obigen
-Voraussetzung als bloß erkennende oder wissende Wesen ansehen.
-
-Die Voraussetzung trifft aber nicht zu. Wir beziehen die Wahrnehmungen
-nicht bloß ideell auf uns, durch den Begriff, sondern auch noch durch
-das Gefühl, wie wir gesehen haben. Wir sind also nicht Wesen mit
-bloß begrifflichem Lebensinhalt. Der naive Realist sieht sogar in dem
-Gefühlsleben ein wirklicheres Leben der Persönlichkeit als in dem rein
-ideellen Element des Wissens. Und er hat von seinem Standpunkte aus
-ganz recht, wenn er in dieser Weise sich die Sache zurechtlegt. Das
-Gefühl ist auf subjektiver Seite zunächst genau dasselbe, was die
-Wahrnehmung auf objektiver Seite ist. Nach dem Grundsatz des naiven
-Realismus: alles ist wirklich, was wahrgenommen werden kann, ist daher
-das Gefühl die Bürgschaft der Realität der eigenen Persönlichkeit. Der
-Monismus muß aber dem Gefühle die gleiche Ergänzung angedeihen lassen,
-die er für die Wahrnehmung notwendig erachtet, wenn sie als vollkommene
-Wirklichkeit sich darstellen soll. Für den Monismus ist das Gefühl
-ein unvollständiges Wirkliche, das in der ersten Form, in der es
-uns gegeben ist, seinen zweiten Faktor, den Begriff oder die Idee,
-noch nicht mitenthält. Deshalb tritt im Leben auch überall das Fühlen
-gleichwie das Wahrnehmen vor dem Erkennen auf. Wir fühlen uns zuerst
-als Daseiende; und im Laufe der allmählichen Entwicklung ringen wir
-uns erst zu dem Punkte durch, wo uns in dem dumpfgefüllten eigenen
-Dasein der Begriff unseres Selbst aufgeht. Was für uns erst später
-hervortritt, ist aber ursprünglich mit dem Gefühle unzertrennlich
-verbunden. Der naive Mensch gerät durch diesen Umstand auf den
-Glauben: in dem Fühlen stelle sich ihm das Dasein unmittelbar, in
-dem Wissen nur mittelbar dar. Die Ausbildung des Gefühlslebens wird
-ihm daher vor allen andern Dingen wichtig erscheinen. Er wird den
-Zusammenhang der Welt erst erfasst zu haben glauben, wenn er ihn in
-sein Fühlen aufgenommen hat. Er sucht nicht das Wissen, sondern das
-Fühlen zum Mittel der Erkenntnis zu machen. Da das Gefühl etwas ganz
-Individuelles ist, etwas der Wahrnehmung Gleichkommendes, so macht der
-Gefühlsphilosoph ein Prinzip, das nur innerhalb seiner Persönlichkeit
-eine Bedeutung hat, zum Weltprinzipe. Er sucht die ganze Welt mit
-seinem eigenen Selbst zu durchdringen. Was der Monismus im Begriffe
-zu erfassen strebt, das sucht der Gefühlsphilosoph mit dem Gefühle
-zu erreichen, und sieht dieses sein Zusammensein mit den Objekten
-als das unmittelbarere an.
-
-Die hiermit gekennzeichnete Richtung, die Philosophie des Gefühls,
-ist die Mystik. Der Irrtum dieser Anschauungsweise besteht darinnen,
-daß sie erleben will, was sie wissen soll, daß sie ein individuelles,
-das Gefühl, zu einem universellen erziehen will.
-
-Das Fühlen ist ein rein individueller Akt, die Beziehung der Außenwelt
-auf unser Subjekt, insofern diese Beziehung ihren Ausdruck findet in
-einem bloß subjektiven Erleben.
-
-Es giebt noch eine andere Äußerung der menschlichen Persönlichkeit. Das
-Ich lebt durch sein Denken das allgemeine Weltleben mit; es bezieht
-durch dasselbe rein ideell (begrifflich) die Wahrnehmungen auf sich,
-sich auf die Wahrnehmungen. Im Gefühl erlebt es einen Bezug der
-Objekte auf sein Subjekt; im Willen ist das Umgekehrte der Fall. Im
-Wollen haben wir ebenfalls eine Wahrnehmung vor uns, nämlich die des
-individuellen Bezugs unseres Selbstes auf das Objektive. Was am Wollen
-nicht rein ideeller Faktor ist, das ist ebenso bloß Gegenstand des
-Wahrnehmens wie das bei irgend einem Dinge der Außenwelt der Fall ist.
-
-Dennoch wird der naive Realismus auch hier wieder ein weit wirklicheres
-Sein vor sich zu haben glauben, als durch das Denken erlangt werden
-kann. Er wird in dem Willen ein Element erblicken, in dem er ein
-Geschehen, ein Verursachen unmittelbar gewahr wird, im Gegensatz zum
-Denken, das das Geschehen erst in Begriffe faßt. Was das Ich durch
-seinen Willen vollbringt, stellt für eine solche Anschauungsweise
-einen Prozeß dar, der unmittelbar erlebt wird. In dem Wollen glaubt
-der Bekenner dieser Philosophie das Weltgeschehen wirklich an einem
-Zipfel erfaßt zu haben. Während er die anderen Geschehnisse nur durch
-Wahrnehmen von außen verfolgen kann, glaubt er in seinem Wollen ein
-reales Geschehen ganz unmittelbar zu erleben. Die Seinsform, in der
-ihm der Wille innerhalb des Selbst erscheint, wird für ihn zu einem
-Realprinzip der Wirklichkeit. Sein eigenes Wollen erscheint ihm als
-Spezialfall des allgemeinen Weltgeschehens; dieses letztere somit
-als allgemeines Wollen. Der Wille wird zum Weltprinzip wie in der
-Mystik das Gefühl zum Erkenntnisprinzip. Diese Anschauungsweise ist
-Willensphilosophie (Thelismus). Was sich nur individuell erleben läßt,
-das wird durch sie zum konstituierenden Faktor der Welt gemacht.
-
-So wenig die Mystik Wissenschaft genannt werden kann, so wenig kann
-es die Willensphilosophie. Denn beide behaupten mit dem begrifflichen
-Durchdringen der Welt nicht auskommen zu können. Beide fordern neben
-dem Idealprinzip des Seins noch ein Realprinzip. Da wir aber für diese
-sogenannten Realprinzipien nur das Wahrnehmen als Auffassungsmittel
-haben, so ist die Behauptung der Mystik und der Willensphilosophie
-identisch mit der Ansicht: wir haben zwei Quellen der Erkenntnis:
-die des Denkens und die des Wahrnehmens, welches letztere sich
-im Gefühl und Willen als individuelles Erleben darstellt. Da die
-Ausflüsse der einen Quelle, die Erlebnisse, nicht direkt in die
-der andern, des Denkens, aufgenommen werden können, so bleiben
-die beiden Erkenntnisweisen, Wahrnehmen (Erleben) und Denken ohne
-höhere Vermittlung nebeneinander bestehen. Neben dem durch das Wissen
-erreichbaren Idealprinzip giebt es noch ein zu erlebendes Realprinzip
-der Welt. Mit andern Worten: die Mystik und Willensphilosophie
-sind naiver Realismus, weil sie dem Satz huldigen: das unmittelbar
-Wahrgenommene (Erlebte) ist wirklich. Sie begehen dem ursprünglichen
-naiven Realismus gegenüber nur noch die Inkonsequenz, daß sie eine
-bestimmte Form des Wahrnehmens (das Fühlen, beziehungsweise Wollen)
-zum alleinigen Erkenntnismittel des Seins machen, während sie das
-doch nur können, wenn sie im allgemeinen dem Grundsatz huldigen:
-das Wahrgenommene ist wirklich. Sie müßten somit auch dem äußeren
-Wahrnehmen einen gleichen Erkenntniswert zuschreiben.
-
-Die Willensphilosophie wird zum metaphysischen Realismus, wenn sie den
-Willen auch in die Daseinssphären verlegt, in denen ein unmittelbares
-Erleben desselben nicht wie in dem eigenen Subjekt möglich ist. Sie
-nimmt ein Prinzip außer dem Subjekt hypothetisch an, für das das
-subjektive Erleben das einzige Wirklichkeitskriterium ist. Als
-metaphysischer Realismus verfällt die Willensphilosophie der im
-vorhergehenden Kapitel angegebenen Kritik, welche das widerspruchsvolle
-Moment jedes metaphysischen Realismus überwinden und anerkennen muß,
-daß der Wille nur insofern ein allgemeines Weltgeschehen ist, als er
-sich ideell auf die übrige Welt bezieht.
-
-
-
-
-
-
-
-
-X.
-
-DIE IDEE DER FREIHEIT.
-
-
-Der Begriff des Baumes ist für das Erkennen durch die Wahrnehmung
-des Baumes bedingt. Ich kann der bestimmten Wahrnehmung gegenüber
-nur einen ganz bestimmten Begriff aus dem allgemeinen Begriffssystem
-herausheben. Der Zusammenhang von Begriff und Wahrnehmung wird durch
-das Denken an der Wahrnehmung mittelbar und objektiv bestimmt. Die
-Verbindung der Wahrnehmung mit ihrem Begriffe wird nach dem
-Wahrnehmungsakte erkannt; die Zusammengehörigkeit ist aber in der
-Sache selbst bestimmt.
-
-Anders ist das bei unserem Wollen. Hier ist die Wahrnehmung unser
-individueller Daseinsgehalt, wie der Begriff das Allgemeine in uns
-ist. Was durch den Begriff in ideelle Beziehung zur Außenwelt tritt,
-das ist unser eigenes Erlebnis, eine Wahrnehmung an uns selbst. Und
-zwar nehmen wir uns als thätiges, auf die Außenwelt wirksames Wesen
-wahr. Was ich bei Erkenntnis meines eigenen Wollens in Verbindung
-bringe, das ist der Begriff mit einer entsprechenden Wahrnehmung,
-nämlich der einzelnen Willensäußerung. Mit anderen Worten: ich
-gliedere meine individuelle Fähigkeit (das Wollen) dem allgemeinen
-Weltgeschehen mit Hilfe meines Denkens ein. Der Inhalt des Begriffs
-für eine am Horizonte unserer Erfahrung auftretende äußere Wahrnehmung
-wird durch Intuition gegeben. Die Intuition ist die Quelle für den
-Inhalt unseres ganzen Begriffssystems. Die Wahrnehmung zeigt mir nur,
-welchen Begriff ich aus der Summe meiner Intuitionen im gegebenen Falle
-anzuwenden habe. Der Inhalt eines Begriffes ist durch die Wahrnehmung
-zwar bedingt aber nicht hervorgebracht; sondern er ist intuitiv
-gegeben und durch das Denken mit der Wahrnehmung verbunden. Der
-begriffliche Inhalt eines Willensaktes ist ebensowenig aus diesem
-Willensakte abzuleiten. Er wird durch Intuition gewonnen.
-
-Tritt nun die begriffliche Intuition (der ideelle Inhalt) meines
-Willensaktes vor dessen Wahrnehmung auf, dann ist der Inhalt meines
-individuellen Thuns das Ergebnis einer ideellen Bestimmung. Der Grund,
-warum ich aus der Summe der mir möglichen Intuitionen gerade die Eine
-heraushebe, kann nicht in einem Wahrnehmungsobjekte gesucht werden,
-sondern liegt in der gegenseitigen, rein ideellen Bedingtheit der
-Glieder meines Ideensystems. Mit andern Worten: für mein Wollen kann
-ich keine bestimmenden Elemente in der Wahrnehmungswelt, sondern nur
-in der Ideenwelt finden. Das Wollen ist durch die Idee bestimmt. --
-Das Begriffssystem, welches der Außenwelt entspricht, ist durch diese
-Außenwelt auch bedingt. Welche Intuition einer Wahrnehmung entspricht,
-das muß an letzterer bestimmt werden; und wie sich dann diese Intuition
-mit unserem übrigen Ideengebäude zusammenschließt, das ist wieder
-von dem intuitiven Inhalt abhängig. Die Wahrnehmung bedingt also
-direkt ihren Begriff, und indirekt dadurch auch ihre Stellung in dem
-Begriffssysteme der Welt. Der aus dem Begriffssysteme herausgehobene
-ideelle Inhalt eines Willensaktes, der diesem vorhergeht, ist nur
-durch das Begriffssystem selbst bestimmt. -- Ein Willensakt, der von
-nichts anderem als von diesem ideellen Inhalte abhängt, ist selbst
-als ideell, als ein durch die Idee bestimmter aufzufassen. Damit
-ist natürlich nicht gesagt, daß alle Willensakte nur ideell bestimmt
-sind. Es haben alle das menschliche Individuum bestimmenden Faktoren
-Einfluß auf das Wollen.
-
-Für den einzelnen Willensakt kommt in Betracht: das Motiv und die
-Triebfeder. Das Motiv ist der begriffliche Faktor; die Triebfeder
-ist der Wahrnehmungsfaktor des Wollens. Der begriffliche Faktor oder
-das Motiv ist der augenblickliche Bestimmungsgrund des Wollens; die
-Triebfeder der bleibende Bestimmungsgrund des Individuums. Motiv
-des Wollens kann nur ein reiner Begriff oder ein Begriff mit
-einem bestimmten Bezug auf das Wahrnehmen sein, d. i. eine
-Vorstellung. Allgemeine und individuelle Begriffe (Vorstellungen)
-werden dadurch zu Motiven des Wollens, daß sie auf das menschliche
-Individuum wirken und dasselbe in einer gewissen Richtung zum Handeln
-bestimmen. Ein und derselbe Begriff, beziehungsweise eine und dieselbe
-Vorstellung wirkt aber auf verschiedene Individuen verschieden. Sie
-veranlaßt verschiedene Menschen zu verschiedenen Handlungen. Das Wollen
-ist also nicht bloß ein Ergebnis des Begriffes oder der Vorstellung,
-sondern auch der individuellen Beschaffenheit des Menschen. Diese
-individuelle Beschaffenheit wollen wir -- nach Eduard von Hartmann
--- die charakterologische Anlage nennen. Die Art, wie Begriff und
-Vorstellung auf die charakterologische Anlage des Menschen wirken,
-giebt seinem Leben ein bestimmtes moralisches oder ethisches Gepräge.
-
-Die charakterologische Anlage wird gebildet durch den mehr oder
-weniger bleibenden Lebensgehalt unseres Subjektes, d. i. durch unseren
-Vorstellungs- und Gefühlsinhalt. Ob mich eine in mir gegenwärtig
-auftretende Vorstellung zu einem Wollen anregt, das hängt davon
-ab, wie sie sich zu meinem übrigen Vorstellungsinhalte und auch zu
-meinen Gefühlseigentümlichkeiten verhält. Mein Vorstellungsinhalt
-ist aber wieder bedingt durch die Summe derjenigen Begriffe, die im
-Verlaufe meines individuellen Lebens mit Wahrnehmungen in Berührung
-gekommen, d. h. zu Vorstellungen geworden sind. Diese hängt wieder ab
-von meiner größeren oder geringeren Fähigkeit der Intuition und von
-dem Umkreis meiner Beobachtungen, d. i. von dem subjektiven und dem
-objektiven Faktor der Erfahrungen, von der inneren Bestimmtheit und dem
-milieu. Ganz besonders ist meine charakterologische Anlage durch mein
-Gefühlsleben bestimmt. Ob ich an einer bestimmten Vorstellung oder
-einem Begriff Freude oder Schmerz empfinde, davon wird es abhängen,
-ob ich sie zum Motiv meines Handelns machen will oder nicht. --
-Dies sind die Elemente, die bei einem Willensakte in Betracht
-kommen. Die unmittelbar gegenwärtige Vorstellung oder der Begriff,
-die zum Motiv werden, bestimmen das Ziel, den Zweck meines Wollens;
-meine charakterologische Anlage bestimmt mich, auf dieses Ziel meine
-Thätigkeit zu richten. Die Vorstellung, in der nächsten halben Stunde
-einen Spaziergang zu machen, bestimmt das Ziel meines Handelns. Diese
-Vorstellung wird aber nur dann zum Motiv des Wollens erhoben,
-wenn sie auf eine geeignete charakterologische Anlage auftrifft,
-d. i. wenn sich durch mein bisheriges Leben in mir die Vorstellungen
-gebildet haben von der Zweckmäßigkeit des Spazierengehens, von dem
-Wert der Gesundheit, und ferner, wenn sich mit der Vorstellung des
-Spazierengehens in mir das Gefühl der Lust verbindet.
-
-Wir haben somit zu unterscheiden: 1) Die möglichen subjektiven
-Anlagen, die geeignet sind, bestimmte Vorstellungen und Begriffe zu
-Motiven zu machen; und 2) die möglichen Vorstellungen und Begriffe,
-die imstande sind, meine charakterologische Anlage so zu beeinflussen,
-daß sich ein Wollen ergiebt. Jene stellen die Triebfedern, diese die
-Ziele der Sittlichkeit dar.
-
-Die Triebfedern der Sittlichkeit können wir dadurch finden, daß
-wir nachsehen, aus welchen Elementen sich das individuelle Leben
-zusammensetzt.
-
-Die erste Stufe des individuellen Lebens ist das Wahrnehmen,
-und zwar das Wahrnehmen der Sinne. Wir stehen hier in jener Region
-unseres individuellen Lebens, wo sich das Wahrnehmen unmittelbar, ohne
-Dazwischentreten eines Gefühles oder Begriffes in Wollen umsetzt. Die
-Triebfeder des Menschen, die hierbei in Betracht kommt, wird als
-Trieb schlechthin bezeichnet. Die Befriedigung unserer niederen,
-rein animalischen Bedürfnisse (Hunger, roher Geschlechtsverkehr
-u. s. w.) kommt auf diesem Wege zustande. Das charakteristische
-des Trieblebens besteht in der Unmittelbarkeit, mit der die
-Einzelwahrnehmung das Wollen auslöst. Diese Art der Bestimmung des
-Wollens, die ursprünglich nur dem niederen Sinnenleben eigen ist,
-kann aber auch auf die Wahrnehmungen der höheren Sinne ausgedehnt
-werden. Wir lassen auf die Wahrnehmung irgend eines Geschehens in
-der Außenwelt, ohne weiter nachzudenken und ohne daß sich uns an die
-Wahrnehmung ein besonderes Gefühl knüpft, eine Handlung folgen, wie
-das namentlich im konventionellen Umgange mit Menschen geschieht. Die
-Triebfeder dieses Handelns bezeichnet man als Takt oder sittlichen
-Geschmack. Je öfter sich ein solches unmittelbares Auslösen einer
-Handlung durch eine Wahrnehmung vollzieht, desto geeigneter wird sich
-der betreffende Mensch erweisen, rein unter dem Einfluß des Taktes
-zu handeln, d. i. der Takt wird zu seiner charakterologischen Anlage.
-
-Die zweite Sphäre des menschlichen Lebens ist das Fühlen. An die
-Wahrnehmungen der Außenwelt knüpfen sich bestimmte Gefühle. Diese
-Gefühle können zu Triebfedern des Handelns werden. Wenn ich einen
-hungernden Menschen sehe, so kann mein Mitgefühl mit demselben
-die Triebfeder meines Handelns bilden. Solche Gefühle sind etwa:
-das Schamgefühl, der Stolz, das Ehrgefühl, die Demut, die Reue, das
-Mitgefühl, das Rache- und Dankbarkeitsgefühl, die Pietät, die Treue,
-das Liebes- und Pflichtgefühl [2].
-
-Die dritte Stufe des Lebens endlich ist das Denken und
-Vorstellen. Durch bloße Überlegung kann eine Vorstellung oder
-ein Begriff zum Motiv einer Handlung werden. Vorstellungen werden
-dadurch Motive, daß wir im Laufe des Lebens fortwährend gewisse
-Ziele des Wollens an Wahrnehmungen knüpfen, die in mehr oder weniger
-modifizierter Gestalt immer wiederkehren. Daher kommt es, daß bei
-Menschen, die nicht ganz ohne Erfahrung sind, stets mit bestimmten
-Wahrnehmungen auch die Vorstellungen von Handlungen ins Bewußtsein
-treten, die sie in einem ähnlichen Fall ausgeführt oder ausführen
-gesehen haben. Diese Vorstellungen schweben ihnen als bestimmende
-Muster bei allen späteren Entschließungen vor, sie werden Glieder
-ihrer charakterologischen Anlage. Wir können die damit bezeichnete
-Triebfeder des Wollens die praktische Erfahrung nennen. Die praktische
-Erfahrung geht allmählich in das rein taktvolle Handeln über. Wenn sich
-bestimmte typische Bilder von Handlungen mit Vorstellungen von gewissen
-Situationen des Lebens in unserem Bewußtsein so fest verbunden haben,
-daß wir gegebenen Falles mit Überspringung aller auf Erfahrung sich
-gründenden Überlegung unmittelbar auf die Wahrnehmung hin ins Wollen
-übergehen, dann ist dies der Fall.
-
-Die höchste Stufe des individuellen Lebens ist das begriffliche Denken
-ohne Rücksicht auf einen bestimmten Wahrnehmungsgehalt. Wir bestimmen
-den Inhalt eines Begriffes durch reine Intuition aus der ideellen
-Sphäre heraus. Ein solcher Begriff enthält dann zunächst keinen Bezug
-auf bestimmte Wahrnehmungen. Wenn wir unter dem Einflusse eines auf
-eine Wahrnehmung deutenden Begriffes, d. i. einer Vorstellung, in das
-Wollen eintreten, so ist es diese Wahrnehmung, die uns auf dem Umwege
-durch das begriffliche Denken bestimmt. Wenn wir unter dem Einflusse
-bloßer Intuitionen handeln, so ist die Triebfeder unseres Handelns
-das reine Denken. Da man gewohnt ist das reine Denkvermögen in der
-Philosophie als Vernunft zu bezeichnen, so ist es wohl auch berechtigt,
-die auf dieser Stufe gekennzeichnete moralische Triebfeder die
-praktische Vernunft zu nennen. Am klarsten hat von dieser Triebfeder
-des Wollens Kreyenbühl (Philosophische Monatshefte, Bd. XVIII, Heft
-3) gehandelt. Ich rechne seinen darüber geschriebenen Aufsatz zu den
-bedeutsamsten Erzeugnissen der gegenwärtigen Philosophie, namentlich
-der Ethik. Kreyenbühl bezeichnet die in Rede stehende Triebfeder als
-praktisches Apriori, d. h. unmittelbar aus meiner Intuition fließenden
-Antrieb zum Handeln.
-
-Es ist klar, daß ein solcher Antrieb nicht mehr im strengen Wortsinne
-zu dem Gebiete der charakterologischen Anlagen gerechnet werden
-kann. Denn was hier als Triebfeder wirkt, ist nicht mehr ein bloß
-Individuelles in mir, sondern der ideelle und folglich allgemeine
-Inhalt meiner Intuition. Sobald ich die Berechtigung dieses Inhaltes
-als Grundlage und Ausgangspunkt einer Handlung ansehe, trete ich
-in das Wollen ein, gleichgültig ob der Begriff bereits zeitlich
-vorher in mir da war, oder erst unmittelbar vor dem Handeln in mein
-Bewußtsein eintritt, d. i. gleichgültig, ob er bereits als Anlage in
-mir vorhanden war oder nicht.
-
-Zu einem wirklichen Willensakt kommt es nur dann, wenn ein
-augenblicklicher Antrieb des Handelns in Form eines Begriffes oder
-einer Vorstellung auf die charakterologische Anlage einwirkt. Ein
-solcher Antrieb wird dann zum Motiv des Wollens.
-
-Die Motive der Sittlichkeit sind Vorstellungen und Begriffe. Es giebt
-Ethiker, die auch im Gefühle ein Motiv der Sittlichkeit sehen; sie
-behaupten z. B. Ziel des sittlichen Handelns sei die Beförderung des
-größtmöglichen Quantums von Lust im handelnden Individuum. Die Lust
-selbst aber kann nicht Motiv werden, sondern nur eine vorgestellte
-Lust. Die Vorstellung eines künftigen Gefühles, nicht aber das Gefühl
-selbst kann auf meine charakterologische Anlage einwirken. Denn das
-Gefühl selbst ist im Augenblicke der Handlung noch nicht da, soll
-vielmehr erst durch die Handlung hervorgebracht werden.
-
-Die Vorstellung des eigenen oder fremden Wohles wird aber mit Recht
-als ein Motiv des Wollens angesehen. Das Prinzip, durch sein Handeln
-die größte Summe eigener Lust zu bewirken, d. i. die individuelle
-Glückseligkeit zu erreichen, heißt Egoismus. Diese individuelle
-Glückseligkeit wird entweder dadurch zu erreichen gesucht, daß man
-in rücksichtsloser Weise nur auf das eigene Wohl bedacht ist und
-dieses auch auf Kosten des Glückes fremder Individualitäten erstrebt
-(reiner Egoismus), oder dadurch, daß man das fremde Wohl aus dem
-Grunde befördert, weil man sich dann mittelbar von den glücklichen
-fremden Individualitäten einen günstigen Einfluß auf die eigene Person
-verspricht, oder weil man durch Schädigung fremder Individuen auch eine
-Gefährdung des eigenen Interesses befürchtet (Klugheitsmoral). Der
-besondere Inhalt der egoistischen Sittlichkeitsprinzipien wird davon
-abhängen, welche Vorstellung sich der Mensch von seiner eigenen oder
-der fremden Glückseligkeit macht. Nach dem, was einer als ein Gut des
-Lebens ansieht (Wohlleben, Hoffnung auf Glückseligkeit, Erlösung von
-verschiedenen Übeln u. s. w.), wird er den Inhalt seines egoistischen
-Strebens bestimmen.
-
-Als ein weiteres Motiv ist dann der rein begriffliche Inhalt
-einer Handlung anzusehen. Dieser Inhalt bezieht sich nicht wie
-die Vorstellung der eigenen Lust auf die einzelne Handlung allein,
-sondern auf die Begründung einer Handlung aus einem Systeme sittlicher
-Prinzipien. Diese Moralprinzipien können in Form abstrakter Begriffe
-das sittliche Leben regeln, ohne daß der Einzelne sich um den Ursprung
-der Begriffe kümmert. Wir empfinden dann einfach die Unterwerfung unter
-den sittlichen Begriff, der als Gebot über unserem Handeln schwebt,
-als sittliche Notwendigkeit. Die Begründung dieser Notwendigkeit
-überlassen wir dem, der die sittliche Unterwerfung fordert, d. i. der
-sittlichen Autorität, die wir anerkennen (Familienoberhaupt,
-Staat, gesellschaftliche Sitte, kirchliche Autorität, göttliche
-Offenbarung). Eine besondere Art dieser Sittlichkeitsprinzipien
-ist die, wo das Gebot sich nicht durch eine äußere Autorität
-für uns kundgiebt, sondern durch unser eigenes Innere (sittliche
-Autonomie). Wir glauben dann die Stimme in unserem eigenen Innern
-zu vernehmen, der wir uns zu unterwerfen haben. Der Ausdruck dieser
-Stimme ist das Gewissen.
-
-Es bedeutet einen sittlichen Fortschritt, wenn der Mensch zum
-Motiv seines Handelns nicht einfach das Gebot einer äußeren oder
-der inneren Autorität macht, sondern wenn er den Grund einzusehen
-bestrebt ist, aus dem irgend eine Maxime des Handelns als Motiv in
-ihm wirken soll. Dieser Fortschritt ist der von der autoritativen
-Moral zu dem Handeln aus sittlicher Einsicht. Der Mensch wird auf
-dieser Stufe der Sittlichkeit die Bedürfnisse des sittlichen Lebens
-aufsuchen und sich von der Erkenntnis derselben zu seinen Handlungen
-bestimmen lassen. Solche Bedürfnisse sind: 1) das größtmögliche
-Wohl der Gesamtmenschheit rein um dieses Wohles willen; 2) der
-Kulturfortschritt oder die sittliche Entwicklung der Menschheit zu
-immer größerer Vollkommenheit; 3) die Verwirklichung rein intuitiv
-erfaßter individueller Sittlichkeitsziele.
-
-Das größtmögliche Wohl der Gesamtmenschheit wird natürlich von
-verschiedenen Menschen in verschiedener Weise aufgefaßt werden. Die
-obige Maxime bezieht sich nicht auf eine bestimmte Vorstellung von
-diesem Wohl, sondern darauf, daß jeder Einzelne, der dies Prinzip
-anerkennt, bestrebt ist, dasjenige zu thun, was nach seiner Ansicht
-das Wohl der Gesamtmenschheit am meisten fördert.
-
-Der Kulturfortschritt erweist sich für denjenigen, dem sich an die
-Güter der Kultur ein Lustgefühl knüpft, als ein spezieller Fall des
-vorigen Moralprinzips. Er wird nur den Untergang und die Zerstörung
-mancher Dinge, die auch zum Wohle der Menschheit beitragen, mit
-in Kauf nehmen müssen. Es ist aber auch möglich, daß jemand in dem
-Kulturfortschritt, abgesehen von dem damit verbundenen Lustgefühl,
-eine sittliche Notwendigkeit erblickt. Dann ist derselbe für ihn ein
-besonderes Moralprinzip neben dem vorigen.
-
-Sowohl die Maxime des Gesamtwohles wie auch jene des
-Kulturfortschrittes beruht auf der Vorstellung, d. i. auf
-der Beziehung, die man dem Inhalt der sittlichen Ideen zu
-bestimmten Erlebnissen (Wahrnehmungen) giebt. Das höchste denkbare
-Sittlichkeitsprinzip ist aber das, welches keine solche Beziehung
-von vornherein enthält, sondern aus dem Quell der reinen Intuition
-entspringt und erst nachher die Beziehung zur Wahrnehmung (zum Leben)
-sucht. Die Bestimmung, was zu wollen ist, geht hier von einer andern
-Instanz aus als in den vorhergehenden Fällen. Wer dem sittlichen
-Prinzip des Gesamtwohles huldigt, der wird bei allen seinen Handlungen
-zuerst fragen, was zu diesem Gesamtwohl seine Ideale beitragen. Wer
-sich zu dem sittlichen Prinzip des Kulturfortschrittes bekennt, wird
-es hier ebenso machen. Es giebt aber ein höheres, das in dem einzelnen
-Falle nicht von einem bestimmten einzelnen Sittlichkeitsziel ausgeht,
-sondern welches allen Sittlichkeitsmaximen einen gewissen Wert beilegt,
-und im gegebenen Falle immer fragt, ob denn hier das eine oder das
-andere Moralprinzip das wichtigere ist. Es kann vorkommen, daß jemand
-unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschritts,
-unter andern die des Gesamtwohls, im dritten Falle die Förderung
-des eigenen Wohles für das richtige ansieht und zum Motiv seines
-Handelns macht. Wenn aber alle andern Bestimmungsgründe erst an
-zweite Stelle treten, dann kommt in erster Linie die begriffliche
-Intuition selbst in Betracht. Damit fallen alle andern Motive weg,
-und nur der Ideengehalt der Handlung wirkt als Motiv derselben.
-
-Wir haben unter den Stufen der charakterologischen Anlage diejenige
-als die höchste bezeichnet, die als reines Denken, als praktische
-Vernunft wirkt. Unter den Motiven haben wir jetzt als das höchste die
-begriffliche Intuition bezeichnet. Bei genauerer Überlegung stellt
-sich alsbald heraus, daß auf dieser Stufe der Sittlichkeit Triebfeder
-und Motiv zusammenfallen, d. i., daß weder eine vorherbestimmte
-charakterologische Anlage, noch ein äußeres, normativ angenommenes
-sittliches Prinzip auf unser Handeln wirken. Die Handlung ist
-also keine schablonenmäßige, die nach den Regeln eines Moralcodex
-ausgeführt wird, und auch keine solche, die der Mensch auf äußeren
-Anstoß hin automatenhaft vollzieht, sondern eine schlechthin durch
-ihren idealen Gehalt bestimmte.
-
-Zur Voraussetzung hat eine solche Handlung die Fähigkeit der
-moralischen Intuitionen. Wem die Fähigkeit fehlt, sich für den
-einzelnen Fall seine besondere Sittlichkeitsmaxime zu schaffen,
-der wird es auch nie zum wahrhaft individuellen Wollen bringen.
-
-Der gerade Gegensatz dieses Sittlichkeitsprinzips ist das Kant'sche:
-"Handle so, daß die Grundsätze deines Handelns für alle Menschen gelten
-können." Dieser Satz ist der Tod alles individuellen Handelns. Nicht
-wie alle Menschen handeln würden, kann für mich maßgebend sein,
-sondern was für mich in dem individuellen Falle zu thun ist.
-
-Ein oberflächliches Urteil könnte vielleicht diesen Ausführungen
-einwenden: wie kann das Handeln zugleich individuell auf den besondern
-Fall und die besondere Situation geprägt und doch rein ideell aus
-der Intuition heraus bestimmt sein? Dieser Einwand beruht auf einer
-Verwechselung von sittlichem Motiv und wahrnehmbarem Inhalt der
-Handlung. Der letztere kann Motiv sein, und ist es auch z. B. beim
-Kulturfortschritt, beim Handeln aus Egoismus u. s. w.; beim Handeln
-auf Grund rein sittlicher Intuition ist er es nicht. Mein Ich
-richtet seinen Blick natürlich auf diesen Wahrnehmungsinhalt,
-bestimmen läßt es sich durch denselben nicht. Dieser Inhalt
-wird nur benützt, um sich einen Erkenntnisbegriff zu bilden, den
-dazu gehörigen moralischen Begriff entnimmt das Ich nicht aus dem
-Objekte. Der Erkenntnisbegriff aus einer bestimmten Situation, der ich
-gegenüberstehe, ist nur dann zugleich ein moralischer Begriff, wenn
-ich auf dem Standpunkte eines bestimmten Moralprinzips stehe. Wenn
-ich auf dem Boden der Kulturentwicklungsmoral stehe, dann gehe ich
-mit gebundener Marschroute in der Welt umher. Aus jedem Geschehen,
-das ich wahrnehme und das mich beschäftigen kann, entspringt zugleich
-eine sittliche Pflicht; nämlich mein Scherflein beizutragen, damit das
-betreffende Geschehen in den Dienst der Kulturentwickelung gestellt
-werde. Außer dem Begriff, der mir den naturgesetzlichen Zusammenhang
-eines Geschehens oder Dinges enthüllt, haben die letztern auch noch
-eine sittliche Etikette umgehängt, die für mich, das moralische Wesen,
-eine ethische Anweisung enthält, wie ich mich zu benehmen habe. Diese
-sittliche Etikette fällt auf einem höheren Standpunkte weg, und die Art
-meines Handelns ergiebt sich in jedem einzelnen Falle aus meiner Idee;
-und zwar aus der Idee, die mir dem konkreten Fall gegenüber aufgeht.
-
-Die Menschen sind dem Intuitionsvermögen nach verschieden. Dem Einen
-sprudeln die Ideen zu, der andere erwirbt sich sie mühselig. Die
-Situationen, in denen die Menschen leben, und die den Schauplatz
-ihres Handelns abgeben, sind nicht weniger verschieden. Wie ein Mensch
-handelt, wird also abhängen von der Art, wie sein Intuitionsvermögen
-einer bestimmten Situation gegenüber wirkt. Die Summe der in uns
-wirksamen Ideen, den realen Inhalt unserer Intuitionen, macht das
-aus, was bei aller Allgemeinheit der Ideenwelt in jedem Menschen
-individuell geartet ist. Insofern dieser intuitive Inhalt auf das
-Handeln geht, ist er der Sittlichkeitsgehalt des Individuums. Das
-Auslebenlassen dieses Gehalts ist die moralische Maxime dessen, der
-alle andern Moralprinzipien als untergeordnet betrachtet. Man kann
-diesen Standpunkt den ethischen Individualismus nennen.
-
-Das Maßgebende einer Handlung im konkreten Falle ist das Auffinden
-der entsprechenden, ganz individuellen Intuition. Auf dieser Stufe
-der Sittlichkeit kann von allgemeinen Sittlichkeitsbegriffen (Normen,
-Gesetzen) nicht die Rede sein. Allgemeine Normen setzen immer konkrete
-Thatsachen voraus, aus denen sie abgeleitet werden können. Durch das
-menschliche Handeln werden aber Thatsachen erst geschaffen.
-
-Wenn wir das Gesetzmäßige (Begriffliche in dem Handeln der Individuen,
-Völker und Zeitalter) aufsuchen, so erhalten wir eine Ethik, aber
-nicht als Wissenschaft von sittlichen Normen, sondern als Naturlehre
-der Sittlichkeit. Erst die hierdurch gewonnenen Gesetze verhalten sich
-zum menschlichen Handeln so wie die Naturgesetze zu einer besonderen
-Erscheinung. Sie sind aber durchaus nicht identisch mit den Gesetzen,
-die wir unserm Handeln zu Grunde legen. Wenn ich oder ein anderer
-später über meine Handlung nachdenken, kann es herauskommen, welche
-Sittlichkeitsmaximen bei derselben in Betracht kommen. Während ich
-handle, bewegt mich nicht die Sittlichkeitsmaxime, sondern die Liebe
-zu dem Objekt, das ich durch meine Handlung verwirklichen will. Ich
-frage keinen Menschen und auch keinen Moralcodex: soll ich diese
-Handlung ausführen, sondern ich führe sie aus, sobald ich die Idee
-davon gefaßt habe. Nur dadurch ist sie meine Handlung. Wer handelt,
-weil er bestimmte sittliche Normen anerkennt, dessen Handlung ist
-das Ergebnis der in seinem Moralcodex stehenden Prinzipien. Er ist
-bloß der Vollstrecker. Er ist ein höherer Automat. Werfet einen Anlaß
-zum Handeln in sein Bewußtsein, und alsbald setzt sich das Räderwerk
-seiner Moralprinzipien in Bewegung und läuft in gesetzmäßiger Weise
-ab, um eine christliche, humane, selbstlose oder eine Handlung
-des kulturgeschichtlichen Fortschrittes zu vollbringen. Nur wenn
-ich meiner Liebe zu dem Objekte folge, dann bin ich es selbst, der
-handelt. Ich erkenne auf dieser Stufe der Sittlichkeit keinen Herrn
-über mich, nicht die äußere Autorität, nicht die sogenannte Stimme
-meines Gewissens. Ich erkenne kein äußeres Prinzip meines Handelns an,
-weil ich in mir selbst den Grund des Handelns, die Liebe zur Handlung,
-gefunden habe. Ich prüfe nicht, ob meine Handlung gut oder böse ist;
-ich vollziehe sie, weil ich in sie verliebt bin. Ich frage mich auch
-nicht: wie würde ein anderer Mensch in meinem Falle handeln, sondern
-ich handle, wie ich, diese besondere Individualität, will. Nicht das
-allgemein Übliche, die allgemeine Sitte, eine allgemein-menschliche
-Maxime, eine sittliche Norm leitet mich, sondern meine Liebe zur
-That. Ich fühle keinen Zwang, nicht den Zwang der Natur, die mich
-bei meinen Trieben leitet, nicht den Zwang der sittlichen Gebote,
-sondern ich will einfach ausführen, was in mir liegt.
-
-Die Verteidiger der allgemeinen sittlichen Normen werden zu diesen
-Ausführungen sagen: wenn jeder das Recht hat, sich auszuleben und
-zu thun, was ihm beliebt, dann ist kein Unterschied zwischen guter
-Handlung und Verbrechen; jede Gaunerei, die in mir liegt, hat gleichen
-Anspruch sich auszuleben, wie die Intention, dem allgemeinen Besten
-zu dienen. Nicht der Umstand, daß ich eine Handlung der Idee nach ins
-Auge gefaßt habe, kann für mich, als sittlichen Menschen maßgebend
-sein, sondern nachherige Prüfung, ob sie gut oder böse ist. Nur im
-ersteren Falle werde ich sie ausführen.
-
-Meine Entgegnung auf diesen Einwand ist die: daß ich nicht spreche
-von Kindern und auch nicht von Menschen, die ihren tierischen oder
-sozialen Instinkten folgen. Ich spreche von Menschen, die fähig sind,
-sich zum Ideengehalte der Welt zu erheben. Daß die That des Verbrechers
-in gleichem Sinn ein Ausleben der Individualität genannt wird, wie
-die Verkörperung reiner Intuition, ist nur möglich in einem Zeitalter,
-wo unreife Menschen die blinden Triebe zur Individualität des Menschen
-zählen. Der tierische Trieb, der zum Verbrechen treibt, gehört nicht
-zum Individuellen des Menschen, sondern zum Allgemeinsten in ihm,
-zu dem, was bei allen Individuen in gleichem Maße geltend ist. Das
-Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben
-und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem
-Organismus aufleuchtet. Meine Triebe, Instinkte, Leidenschaften
-begründen nichts weiter in mir, als daß ich zur allgemeinen Gattung
-Mensch gehöre; der Umstand, daß sich ein Ideelles in diesen Trieben,
-Leidenschaften und Gefühlen auf eine besondere Art auslebt, begründet
-meine Individualität. Durch meine Instinkte, Triebe bin ich ein
-Mensch, von denen zwölf ein Dutzend machen; durch die besondere Form
-der Idee, durch die ich mich innerhalb des Dutzend als Ich bezeichne,
-bin ich Individuum. Nach der Verschiedenheit meiner tierischen Natur
-könnte mich nur ein mir fremdes Wesen von andern unterscheiden;
-durch mein Denken, d. h. durch das thätige Erfassen dessen, was sich
-als Ideelles in meinem Organismus auslebt, unterscheide ich mich
-selbst von andern. Man kann also von der Handlung des Verbrechers
-gar nicht sagen, daß sie aus der Idee hervorgeht. Ja, das ist gerade
-das Charakteristische der Verbrecherhandlungen, daß sie aus den
-außerideellen Elementen des Menschen sich herleiten.
-
-Eine Handlung, deren Grund in dem ideellen Teil meines individuellen
-Wesens liegt, ist frei, jede andere, gleichgültig, ob sie aus dem
-Zwange der Natur oder aus der Nötigung einer sittlichen Norm vollzogen
-wird, ist unfrei.
-
-Frei ist nur der Mensch, der in jedem Augenblicke seines Lebens sich
-selbst zu folgen in der Lage ist. Eine sittliche That ist nur meine
-That, wenn sie in dieser Auffassung eine freie genannt werden kann.
-
-Die Handlung aus Freiheit schließt die sittlichen Gesetze nicht etwa
-aus, sondern ein; sie erweist sich nur als höher stehend gegenüber
-derjenigen, die von diesen Gesetzen diktiert ist. Warum sollte meine
-Handlung denn weniger dem Gesamtwohle dienen, wenn ich sie aus Liebe
-gethan habe, als dann, wenn ich sie aus dem Grunde vollbracht habe,
-weil dem Gesamtwohle zu dienen eine Pflicht ist? Der Pflichtbegriff
-schließt die Freiheit aus, weil er das Individuelle nicht anerkennen
-will, sondern Unterwerfung des letztern unter eine allgemeine Norm
-fordert. Die Freiheit des Handelns ist nur denkbar vom Standpunkte
-des ethischen Individualismus aus.
-
-Wie ist aber ein Zusammenleben der Menschen möglich, wenn jeder nur
-bestrebt ist, seine Individualität zur Geltung zu bringen? Damit ist
-wieder ein Einwand des Moralismus gekennzeichnet. Dieser glaubt, eine
-Gemeinschaft von Menschen sei nur möglich, wenn sie alle vereinigt
-sind durch eine gemeinsame sittliche Ordnung. Der Moralismus versteht
-eben die Einigkeit der Ideenwelt nicht. Er begreift nicht, daß die
-Ideenwelt, die in mir thätig ist, keine andere ist als die in meinem
-Mitmenschen. Der Unterschied zwischen mir und meinem Mitmenschen liegt
-durchaus nicht darin, daß wir in zwei ganz verschiedenen Geisteswelten
-leben, sondern daß er aus der uns gemeinsamen Ideenwelt andere
-Intuitionen empfängt als ich. Er will seine Intuitionen ausleben, ich
-die meinigen. Wenn wir beide wirklich aus der Idee schöpfen und keinen
-äußeren (physischen oder moralischen) Antrieben folgen, so können wir
-uns nur in dem gleichen Streben, in denselben Intentionen begegnen. Ein
-sittliches Mißverstehen, ein Aufeinanderprallen ist bei sittlich freien
-Menschen ausgeschlossen. Nur der sittlich Unfreie, der dem Naturtrieb
-oder dem Pflichtgebot folgt, stößt den Nebenmenschen zurück, wenn
-er nicht dem gleichen Instinkt und dem gleichen Gebot folgt. Leben
-und Leben lassen ist die Grundmaxime der freien Menschen. Sie kennen
-kein Sollen; wie sie in einem besonderen Falle wollen werden, das
-wird ihnen ihr Ideenvermögen sagen.
-
-Läge nicht in der menschlichen Wesenheit der Urgrund zur
-Verträglichkeit; man würde sie ihr durch keine äußeren Gesetze
-einimpfen! Nur weil die menschlichen Individuen Eines Geistes sind,
-können sie sich auch nebeneinander ausleben. Der Freie lebt in dem
-Vertrauen darauf los, daß der andere Freie mit ihm einer geistigen Welt
-angehört und sich in seinen Intentionen mit ihm begegnen wird. Der
-Freie verlangt von seinen Mitmenschen keine Übereinstimmung, aber er
-erwartet sie, weil sie in der menschlichen Natur liegt.
-
-Es wird viele geben, die da sagen: der Begriff des freien Menschen,
-den du da entwirfst, ist eine Chimäre, ist nirgends verwirklicht. Wir
-haben es aber mit wirklichen Menschen zu thun, und bei denen ist auf
-Sittlichkeit nur zu hoffen, wenn sie einem Sittengebote gehorchen, wenn
-sie ihre sittliche Mission als Pflicht auffassen und nicht frei ihren
-Neigungen und ihrer Liebe folgen. Ich bezweifle das keineswegs. Nur
-ein Blinder könnte es. Aber dann hinweg mit aller Heuchelei der
-Sittlichkeit. Saget einfach: die menschliche Natur muß zu ihren
-Handlungen gezwungen werden, solange sie nicht frei ist. Ob man die
-Unfreiheit durch physische Mittel oder durch Sittengesetze bezwingt,
-ob der Mensch unfrei ist, weil er seinem maßlosen Geschlechtstrieb
-folgt oder darum, weil er in den Fesseln konventioneller Sittlichkeit
-eingeschnürt ist, ist ganz gleichgültig. Man behaupte aber nur nicht,
-daß ein solcher Mensch mit Recht eine Handlung die seinige nennt, da
-er doch von einer fremden Gewalt dazu getrieben ist. Aber mitten aus
-der Zwangsordnung heraus erheben sich die freien Geister, die sich
-selbst finden in dem Wust von Sitte, Gesetzeszwang, Religionsübung
-u. s. w. Frei sind sie, insofern sie nur sich folgen, unfrei, insofern
-sie sich unterwerfen. Wer von uns kann sagen, daß er in allen seinen
-Handlungen wirklich frei ist? Aber in jedem von uns wohnt eine tiefere
-Wesenheit, in der sich der freie Mensch ausspricht.
-
-Aus Handlungen der Freiheit und der Unfreiheit setzt sich unser Leben
-zusammen. Wir können aber den Begriff des Menschen nicht zu Ende
-denken, ohne auf den freien Geist als die reinste Ausprägung der
-menschlichen Natur zu kommen. Wahrhaft Menschen sind wir doch nur,
-insofern wir frei sind.
-
-Das ist ein Ideal, werden viele sagen. Ohne Zweifel, aber ein solches,
-das sich in unserer Wesenheit als reales Element an die Oberfläche
-arbeitet. Es ist kein erdachtes oder erträumtes Ideal, sondern ein
-solches, das Leben hat und das sich auch in der unvollkommensten
-Form seines Daseins deutlich ankündigt. Wäre der Mensch ein bloßes
-Naturwesen, dann wäre das Aufsuchen von Idealen, d. i. von Ideen, die
-augenblicklich unwirksam sind, deren Verwirklichung aber gefordert
-wird, ein Unding. An dem Dinge der Außenwelt ist die Idee durch die
-Wahrnehmung bestimmt; wir haben das unserige gethan, wenn wir den
-Zusammenhang von Idee und Wahrnehmung erkannt haben. Beim Menschen
-ist das nicht so. Die Summe seines Daseins ist nicht ohne ihn selbst
-bestimmt; sein Begriff (freier Geist) ist mit dem Wahrnehmungsbilde
-"Mensch" nicht im voraus objektiv vereinigt, um bloß nachher durch die
-Erkenntnis festgestellt zu werden. Der Mensch muß selbstthätig seinen
-Begriff mit der Wahrnehmung Mensch vereinigen. Begriff und Wahrnehmung
-decken sich hier nur, wenn sie der Mensch selbst zur Deckung bringt. Er
-kann es aber nur, wenn er den Begriff des freien Geistes, d. i. seinen
-eigenen Begriff, gefunden hat. In der objektiven Welt ist uns durch
-unsere Organisation ein Grenzstrich gezogen zwischen Wahrnehmung und
-Begriff; das Erkennen überwindet diese Grenze. In der subjektiven Natur
-ist diese Grenze nicht minder vorhanden; der Mensch überwindet sie im
-Laufe seiner Entwicklung, indem er in seiner Erscheinung seinen Begriff
-zur Ausgestaltung bringt. So führt uns sowohl das intellektuelle
-wie das sittliche Leben des Menschen auf seine Doppelnatur: das
-Wahrnehmen (unmittelbares Erleben) und Denken. Das intellektuelle Leben
-überwindet die Doppelnatur durch die Erkenntnis, das sittliche durch
-die thatsächliche Verwirklichung des freien Geistes. Jedes Wesen hat
-seinen eingeborenen Begriff (das Gesetz seines Seins und Wirkens);
-aber er ist in den Außendingen unzertrennlich mit der Wahrnehmung
-verbunden und nur innerhalb unseres geistigen Organismus von dieser
-abgesondert. Beim Menschen selbst ist Begriff und Wahrnehmung zunächst
-thatsächlich getrennt, um von ihm ebenso thatsächlich vereinigt zu
-werden. Man kann einwenden: unserer Wahrnehmung des Menschen entspricht
-in jedem Augenblicke seines Lebens ein bestimmter Begriff, sowie jedem
-anderen Dinge auch. Ich kann mir den Begriff eines Schablonenmenschen
-bilden und kann einen solchen auch als Wahrnehmung gegeben haben;
-wenn ich zu diesem auch noch den Begriff des freien Geistes bringe,
-so habe ich zwei Begriffe für dasselbe Objekt.
-
-Das ist einseitig gedacht. Ich bin als Wahrnehmungsobjekt einer
-fortwährenden Veränderung unterworfen. Als Kind war ich ein anderer,
-ein anderer als Jüngling und als Mann. Ja, in jedem Augenblicke ist
-mein Wahrnehmungsbild ein anderes als in den vorangehenden. Diese
-Veränderungen können sich in dem Sinne vollziehen, daß sich in ihnen
-nur immer derselbe (Schablonenmensch) ausspricht, oder daß sie den
-Ausdruck des freien Geistes darstellen. Diesen Veränderungen ist das
-Wahrnehmungsobjekt meines Handelns unterworfen.
-
-Es ist in dem Wahrnehmungsobjekt Mensch die Möglichkeit gegeben,
-sich umzubilden, wie im Pflanzenkeim die Möglichkeit liegt, zur
-ganzen Pflanze zu werden. Die Pflanze wird sich umbilden wegen der
-objektiven, in ihr liegenden Gesetzmäßigkeit; der Mensch bleibt in
-seinem unvollendeten Zustande, wenn er nicht den Umbildungsstoff
-in sich selbst aufgreift, und sich durch eigene Kraft umbildet. Die
-Natur macht aus dem Menschen bloß ein Naturwesen; die Gesellschaft
-ein gesetzmäßig handelndes; ein freies Wesen kann er nur selbst aus
-sich machen. Die Natur läßt den Menschen in einem gewissen Stadium
-seiner Entwicklung aus ihren Fesseln los; die Gesellschaft führt
-diese Entwicklung bis zu einem weiteren Punkte; den letzten Schliff
-kann nur der Mensch selbst sich geben.
-
-Der Standpunkt der freien Sittlichkeit behauptet also nicht,
-daß der freie Geist die einzige Gestalt ist, in der ein Mensch
-existieren kann. Sie sieht in der freien Geistigkeit nur das letzte
-Entwicklungsstadium des Menschen. Damit ist nicht geleugnet, daß
-das Handeln nach Normen als Entwicklungsstufe seine Berechtigung
-habe. Es kann nur nicht als absoluter Sittlichkeitsstandpunkt anerkannt
-werden. Der freie Geist aber überwindet die Normen in dem Sinne, daß
-er sie nicht als Gebote empfindet, sondern sein Handeln nach seinen
-Impulsen (Intuitionen) einrichtet.
-
-Wenn Kant von der Pflicht sagt: "Pflicht! du erhabener, großer Name,
-der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir
-fassest, sondern Unterwerfung verlangst," der du "ein Gesetz aufstellst
-..., vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich im Geheimen
-ihm entgegenwirken"; so erwidert der freie Geist: "Freiheit! du
-freundlicher, menschlicher Name, der du alles sittlich Beliebte,
-was meinem Menschentum am meisten schmeichelt, in dir fassest,
-und mich zu niemandes Diener machst, der du kein Gesetz aufstellst,
-sondern abwartest, was meine Neigung selbst als Gesetz verkünden wird,
-weil sie jedem auferzwungenen Gesetze Widerstand leistet."
-
-Das ist der Gegensatz von gesetzmäßiger und freier Sittlichkeit.
-
-Der Philister, der in dem Staate die verkörperte Sittlichkeit
-sieht, wird in dem freien Geist einen Staatsgefährlichen sehen. Er
-thut es aber nur, weil sein Blick eingeengt ist in eine bestimmte
-Zeitepoche. Wenn er über dieselbe hinausblicken könnte, so müßte
-er alsbald finden, daß der freie Geist selten nötig hat, über die
-Gesetze seines Staates hinauszugehen, nie aber sich mit ihnen in
-einen wirklichen Widerspruch zu setzen. Denn die Staatsgesetze sind
-sämtlich aus Intuitionen freier Geister entsprungen, ebenso wie alle
-anderen objektiven Sittlichkeitsgesetze. Kein Gesetz wird durch
-Familienautorität ausgeübt, das nicht einmal von einem Ahnherrn
-als solches intuitiv erfaßt und festgesetzt worden wäre; auch die
-konventionellen Gesetze der Sittlichkeit werden von bestimmten
-Menschen zuerst aufgestellt; und die Staatsgesetze entstehen stets
-im Kopfe eines Staatsmannes. Diese Geister haben die Gesetze über
-die anderen Menschen gesetzt, und unfrei wird nur der, welcher diesen
-Ursprung vergißt, und sie entweder zu göttlichen Geboten, zu objektiven
-sittlichen Pflichtbegriffen oder zur befehlenden Stimme seines eigenen
-Gewissens macht. Wer den Ursprung aber nicht übersieht, sondern ihn
-in dem Menschen sucht, der wird damit rechnen als mit einem Gliede
-derselben Ideenwelt, aus der auch er seine sittlichen Intuitionen
-holt. Glaubt er bessere zu haben, so sucht er sie an die Stelle der
-bestehenden zu bringen; findet er diese berechtigt, dann handelt er
-ihnen gemäß, als wenn sie seine eigenen wären.
-
-Der Mensch ist nicht da, um eine sittliche Weltordnung
-zu begründen. Wer dies behauptet, steht in Bezug auf
-Menschheitswissenschaft noch auf demselben Standpunkt, auf dem jene
-Naturwissenschaft stand, die da glaubte: der Stier hätte Hörner,
-damit er stoßen könne. Die Naturforscher haben glücklich den objektiven
-Zweckbegriff zu den Toten geworfen. Die Ethik kann sich schwerer davon
-frei machen. Aber so wie die Hörner nicht wegen des Stoßens da sind,
-sondern das Stoßen durch die Hörner; so ist der Mensch nicht wegen
-der Sittlichkeit da, sondern die Sittlichkeit durch den Menschen. Der
-freie Mensch handelt, weil er eine sittliche Idee hat; aber er handelt
-nicht, damit er sittlich sei. Die menschlichen Individuen sind die
-Voraussetzung der sittlichen Weltordnung.
-
-Das menschliche Individuum ist Quell aller Sittlichkeit und Mittelpunkt
-alles Lebens. Der Staat, die Gesellschaft sind nur da, weil sie sich
-als notwendige Folge des Individuallebens ergeben. Daß dann der Staat
-und die Gesellschaft wieder zurückwirken auf das Individualleben,
-ist ebenso begreiflich, wie der Umstand, daß das Stoßen, das durch
-die Hörner da ist, wieder zurückwirkt auf die weitere Entwicklung
-der Hörner des Stieres, die bei längerem Nichtgebrauch verkümmern
-würden. Ebenso muß das Individuum verkümmern, wenn es außerhalb der
-menschlichen Gemeinschaft ein abgesondertes Dasein führt. Darum bildet
-sich ja gerade die gesellschaftliche Ordnung, um im günstigen Sinne
-wieder zurück auf das Individuum zu wirken.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XI.
-
-FREIHEITSPHILOSOPHIE UND MONISMUS.
-
-
-Der naive Mensch, der nur als wirklich gelten läßt, was er mit Augen
-sehen und mit Händen greifen kann, fordert auch für sein sittliches
-Leben Beweggründe, die mit den Sinnen wahrnehmbar sind. Er fordert ein
-Wesen, das ihm diese Beweggründe auf eine seinen Sinnen verständliche
-Weise mitteilt. Er wird von einem Menschen, den er für weiser und
-mächtiger hält als sich selbst, oder dem er aus einem andern Grunde als
-eine über ihn stehende Macht anerkennt, diese Beweggründe als Gebote
-sich diktieren lassen. Es ergeben sich auf diese Weise als sittliche
-Prinzipien die schon früher genannten, der Familien-, staatlichen,
-gesellschaftlichen, kirchlichen und göttlichen Autorität. Der
-befangenste Mensch glaubt noch einem einzelnen andern Menschen;
-der etwas fortgeschrittenere läßt sich sein sittliches Verhalten
-von einer Mehrheit (Staat, Gesellschaft) diktieren. Immer sind es
-wahrnehmbare Mächte, auf die er baut. Wem endlich die Überzeugung
-aufdämmert, daß dies doch im Grunde ebenso schwache Menschen sind wie
-er, der sucht bei einer höheren Macht Auskunft, bei einem göttlichen
-Wesen, das er sich aber mit sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften
-ausstattet. Er läßt sich von diesem Wesen den begrifflichen Inhalt
-seines sittlichen Lebens wieder auf wahrnehmbare Weise vermitteln,
-sei es, daß der Gott im brennenden Dornbusche erscheint, sei es,
-daß er in leibhaftig-menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt
-und ihren Ohren vernehmbar sagt, was sie thun und nicht thun sollen.
-
-Die höchste Entwicklungsstufe des naiven Realismus auf dem Gebiete der
-Sittlichkeit ist die, wo das Sittengebot (sittliche Idee) von jeder
-fremden Wesenheit abgetrennt und hypothetisch als absolute Kraft im
-eigenen Innern gedacht wird. Was der Mensch zuerst als Stimme Gottes
-vernahm, das vernimmt er jetzt als selbständige Macht in seinem Innern
-und nennt es Gewissen.
-
-Damit ist aber die Stufe des naiven Bewußtseins bereits verlassen,
-und wir sind eingetreten in die Region, wo die Sittengesetze als
-Normen verselbständigt werden. Sie haben dann keinen Träger mehr,
-sondern werden zu metaphysischen Wesenheiten, die durch sich
-selbst existieren. Sie sind analog den unsichtbar-sichtbaren
-Kräften des metaphysischen Realismus. Sie treten auch immer als
-Begleiterscheinung des metaphysischen Realismus auf. Der metaphysische
-Realismus bezieht ja die uns gegebene Wahrnehmungswelt und die von uns
-gedachte Begriffssphäre auf ein außerhalb liegendes Wesen an sich. In
-dieser seiner zweiten Welt muß er auch den Ursprung der Sittlichkeit
-suchen. Es giebt da verschiedene Möglichkeiten. Ist das Wesen an
-sich ein gedankenloses, nach rein mechanischen Gesetzen wirkendes,
-wie es der moderne Materialismus sich vorstellt, dann wird es auch
-das menschliche Individuum durch rein mechanische Notwendigkeit aus
-sich hervorbringen samt allem, was an diesem ist. Das Bewußtsein
-unserer Freiheit kann dann nur eine Illusion sein. Denn während ich
-mich für den Schöpfer meiner Handlung halte, wirkt in mir die mich
-zusammensetzende Materie und ihre Bewegungsvorgänge. Ich glaube mich
-frei; alle meine Handlungen sind aber thatsächlich nur Ergebnisse
-des meinem leiblichen und geistigen Organismus zu Grunde liegenden
-Stoffwechsels. Nur weil wir die uns zwingenden Motive nicht kennen,
-haben wir das Gefühl der Freiheit. "Wir müssen hervorheben, daß das
-Gefühl der Freiheit auf der Abwesenheit äußerer zwingender Motive
-beruht." "Unser Handeln ist necessitiert wie unser Denken." (Ziehen,
-Leitfaden der physiologischen Psychologie S. 207 f.)
-
-Eine andere Möglichkeit ist die, daß jemand in einem geistigen Wesen
-das hinter den Erscheinungen steckende Absolute sieht. Dann wird
-er auch den Antrieb zum Handeln in einer geistigen Kraft suchen. Er
-wird die in seiner Vernunft auffindbaren Sittenprinzipien für einen
-Ausfluß dieses Wesens an sich ansehen, das mit dem Menschen seine
-besonderen Absichten hat. Die Sittengesetze erscheinen dem Dualisten
-dieser Richtung als von dem Absoluten diktiert, und der Mensch hat
-durch seine Vernunft einfach diese Ratschlüsse des absoluten Wesens zu
-erforschen und auszuführen. Die sittliche Weltordnung erscheint dem
-Dualisten als wahrnehmbarer Abglanz einer hinter derselben stehenden
-höheren Ordnung. Die irdische Sittlichkeit ist die Erscheinung
-der göttlichen Weltordnung. Nicht der Mensch ist es, auf den es in
-dieser sittlichen Ordnung ankommt, sondern auf das Wesen an sich, auf
-Gott. Der Mensch soll das, was Gott will. Eduard von Hartmann, der
-das Wesen an sich als Gottheit vorstellt, für die das eigene Dasein
-Leiden ist, glaubt, dieses göttliche Wesen habe die Welt erschaffen,
-damit es durch dieselbe von seinem unendlich großen Leiden erlöst
-werde. Dieser Philosoph sieht daher die sittliche Entwicklung der
-Menschheit als einen Prozeß an, der dazu da ist, die Gottheit zu
-erlösen. "Nur durch den Aufbau einer sittlichen Weltordnung von
-seiten vernünftiger selbstbewußter Individuen kann der Weltprozeß
-seinem Ziel entgegengeführt werden." "Das reale Dasein ist die
-Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß die Passionsgeschichte
-des fleischgewordenen Gottes, und zugleich der Weg der Erlösung des
-im Fleische Gekreuzigten; die Sittlichkeit aber ist die Mitarbeit
-an der Abkürzung dieses Leidens- und Erlösungsweges." (Hartmann,
-Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins § 871.) Hier handelt
-der Mensch nicht, weil er will, sondern er soll handeln, weil Gott
-erlöst sein will. Wie der materialistische Dualist den Menschen zum
-Automaten macht, dessen Handeln nur das Ergebnis rein mechanischer
-Gesetzmäßigkeit ist, so macht ihn der spiritualistische Dualist
-(d. i. derjenige, der das Absolute, das Wesen an sich, in einem
-geistigen sieht) zum Sklaven des Willens jenes Absoluten. Freiheit
-ist innerhalb des Materialismus sowie des Spiritualismus, überhaupt
-innerhalb des metaphysischen Realismus, ausgeschlossen.
-
-Der naive wie der metaphysische Realismus müssen konsequenterweise
-aus einem und demselben Grunde die Freiheit leugnen, weil sie in
-dem Menschen nur den Vollstrecker oder Vollzieher von notwendig
-ihm aufgedrängten Prinzipien sehen. Der naive Realismus tötet die
-Freiheit durch Unterwerfung unter die Autorität eines wahrnehmbaren
-oder nach Analogie der Wahrnehmungen gedachten Wesens oder endlich
-unter die abstrakte Stimme seines Gewissens; der Metaphysiker kann
-die Freiheit nicht anerkennen, weil er den Menschen von einem "Wesen
-an sich" mechanisch oder moralisch bestimmt sein läßt.
-
-Der Monismus wird die teilweise Berechtigung des naiven Realismus
-anerkennen müssen, weil er die Berechtigung der Wahrnehmungswelt
-anerkennt. Wer unfähig ist, die sittlichen Ideen durch Intuition
-hervorzubringen, der muß sie von andern empfangen. Insoweit der Mensch
-seine sittlichen Prinzipien von außen empfängt, ist er thatsächlich
-unfrei. Aber der Monismus schreibt der Idee neben der Wahrnehmung
-eine gleiche Bedeutung zu. Die Idee kann aber nur im menschlichen
-Individuum zur Erscheinung kommen. Insofern der Mensch den Antrieben
-von dieser Seite folgt, ist er frei. Der Monismus spricht aber der
-Metaphysik alle Berechtigung ab, folglich auch den von sogenannten
-"Wesen an sich" herrührenden Antrieben des Handelns. Der Mensch
-kann nach monistischer Auffassung unfrei handeln, wenn er einem
-wahrnehmbaren äußeren Zwange folgt; er kann frei handeln, wenn er
-nur sich selbst gehorcht. Einen unbewußten, hinter Wahrnehmung und
-Begriff steckenden Zwang kann der Monismus nicht anerkennen. Wenn
-jemand von einer Handlung seines Mitmenschen behauptet: sie sei unfrei
-vollbracht, so muß er innerhalb der wahrnehmbaren Welt das Ding, oder
-den Menschen, oder die Einrichtung nachweisen, die jemand zu seiner
-Handlung veranlaßt haben; wenn der Behauptende sich auf Ursachen des
-Handelns außerhalb der sinnlich und geistig wirklichen Welt beruft,
-dann kann sich der Monismus auf eine solche Behauptung nicht einlassen.
-
-Nach monistischer Auffassung handelt der Mensch teils unfrei, teils
-frei. Er findet sich als unfrei in der Welt der Wahrnehmungen vor
-und verwirklicht in sich den freien Geist.
-
-Die sittlichen Gebote, die der Metaphysiker als Ausflüsse einer
-höheren Macht ansehen muß, sind dem Bekenner des Monismus Gedanken der
-Menschen; die sittliche Weltordnung ist ihm weder der Abklatsch einer
-rein mechanischen Naturordnung, noch einer göttlichen Weltregierung,
-sondern durchaus freies Menschenwerk. Der Mensch hat nicht den
-Willen Gottes in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen;
-er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern
-Wesens, sondern seine eigenen. Hinter den handelnden Menschen sieht
-der Monismus nicht einen Weltenlenker, der die Menschen nach seinem
-Willen bestimmt, sondern die Menschen verfolgen nur ihre eigenen,
-menschlichen Zwecke. Und zwar verfolgt jedes Individuum seine besondern
-Zwecke. Denn die Ideenwelt lebt sich nicht in einer Gemeinschaft
-von Menschen, sondern nur in menschlichen Individuen aus. Was als
-gemeinsames Ziel einer menschlichen Gesamtheit sich ergiebt, das ist
-nur die Folge der einzelnen Willensthaten der Individuen, und zwar
-meist einiger weniger Auserlesener, denen die anderen, als ihren
-Autoritäten, folgen. Jeder von uns ist berufen zum freien Geiste,
-wie jeder Rosenkeim berufen ist, Rose zu werden.
-
-Der Monismus ist also im Gebiete des wahrhaft sittlichen Handelns
-Freiheitsphilosophie. Weil er Wirklichkeitsphilosophie ist, so weist
-er ebenso gut die metaphysischen (unwirklichen) Einschränkungen
-des freien Geistes zurück, wie er die physischen und historischen
-(naiv-wirklichen) des naiven Menschen anerkennt. Weil er den Menschen
-nicht als abgeschlossenes Produkt, das in jedem Augenblicke seines
-Lebens sein volles Wesen entfaltet, betrachtet, so scheint ihm der
-Streit, ob der Mensch als solcher frei ist oder nicht, nichtig. Er
-sieht in dem Menschen ein sich entwickelndes Wesen und fragt, ob auf
-dieser Entwicklungsbahn auch die Stufe des freien Geistes erreicht
-werden kann.
-
-Der Monismus weiß, daß die Natur den Menschen nicht als freien Geist
-fix und fertig aus ihren Armen entläßt, sondern daß sie ihn bis zu
-einer gewissen Stufe führt, von der aus er noch immer als unfreies
-Wesen sich weiter entwickelt, bis er an den Punkt kommt, wo er sich
-selbst findet.
-
-Der Monismus leugnet nicht die Sittlichkeit, aber er ist sich klar
-darüber, daß ein Wesen, das unter einem physischen oder moralischen
-Zwange handelt, nicht wahrhaftig sittlich sein kann. Er betrachtet den
-Durchgang durch das automatische Handeln (nach natürlichen Trieben
-und Instinkten) und denjenigen durch das gehorsame Handeln (nach
-sittlichen Normen) als notwendige Vorstufen der Sittlichkeit, aber er
-sieht die Möglichkeit ein, beide Durchgangsstadien durch den freien
-Geist zu überwinden. Der Monismus befreit den Menschen im allgemeinen
-von den innerweltlichen Fesseln der naiven Sittlichkeitsmaximen
-und von den außerweltlichen Sittlichkeitsmaximen der spekulierenden
-Metaphysiker. Jene kann er nicht aus der Welt schaffen, wie er die
-Wahrnehmung nicht aus der Welt schaffen kann, diese lehnt er ab, weil
-er alle Erklärungsprinzipien zur Aufhellung der Welterscheinungen
-innerhalb der Welt sucht und keine außerhalb derselben. Ebenso
-wie der Monismus es ablehnt, an andere Erkenntnisprinzipien als
-solche für Menschen auch nur zu denken (vgl. S. 124), so weist
-er auch den Gedanken an andere Sittlichkeitsmaximen als solche für
-Menschen entschieden zurück. Die menschliche Sittlichkeit ist wie die
-menschliche Erkenntnis bedingt durch die menschliche Natur. Und so
-wie höhere Wesen wahrscheinlich unter Erkenntnis etwas ganz anderes
-verstehen würden als wir, so würden wohl andere Wesen auch eine andere
-Sittlichkeit haben; vielleicht wäre aber ihr Handeln überhaupt gar
-nicht unter dem Gesichtspunkte der Sittlichkeit zu betrachten. Kurz
-über solche Dinge zu reden, ist für den Monismus absurd. Sittlichkeit
-ist dem Anhänger des Monismus eine spezifisch menschliche Eigenschaft,
-und Freiheit die menschliche Form, sittlich zu sein.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XII.
-
-WELTZWECK UND LEBENSZWECK.
-
-BESTIMMUNG DES MENSCHEN.
-
-
-Unter den mannigfaltigen Strömungen in dem geistigen Leben der
-Menschheit ist eine zu verfolgen, die man die Überwindung des
-Zweckbegriffes nennen kann. Die Zweckmäßigkeit ist eine bestimmte
-Art in der Abfolge von Erscheinungen. Wahrhaft wirklich ist die
-Zweckmäßigkeit nur dann, wenn im Gegensatz zu dem Verhältnis von
-Ursache und Wirkung, wo das vorhergehende Ereignis ein späteres
-bestimmt, umgekehrt das folgende Ereignis bestimmend auf das
-frühere einwirkt. Dies kann aber nur bei menschlichen Handlungen
-der Fall sein. Der Mensch vollbringt eine Handlung, die er sich
-vorher vorstellt, und läßt sich von dieser Vorstellung zur Handlung
-bestimmen. Das Spätere, die Handlung, wirkt mit Hilfe der Vorstellung
-auf das frühere, den handelnden Menschen. Dieser Umweg durch das
-menschliche Vorstellen ist aber zum zweckmäßigen Zusammenhange
-durchaus notwendig.
-
-In dem Prozesse, der in Ursache und Wirkung zerfällt, ist zu
-unterscheiden die Wahrnehmung von dem Begriff. Die Wahrnehmung
-der Ursache geht der Wahrnehmung der Wirkung vorher; Ursache und
-Wirkung blieben in unserem Bewußtsein einfach nebeneinander bestehen,
-wenn wir sie nicht durch ihre entsprechenden Begriffe miteinander
-verbinden könnten. Die Wahrnehmung der Wirkung kann stets nur auf
-die Wahrnehmung der Ursache folgen. Wenn die Wirkung einen realen
-Einfluß auf die Ursache haben soll, so kann dies nur durch den
-begrifflichen Faktor sein. Denn der Wahrnehmungsfaktor der Wirkung
-ist vor dem der Ursache einfach gar nicht vorhanden. Wer behauptet,
-die Blüte sei der Zweck der Wurzel, d. h. die erstere habe auf die
-letztere einen Einfluß, der kann das nur von dem Faktor an der Blüte
-behaupten, den er durch sein Denken an derselben konstatiert. Der
-Wahrnehmungsfaktor der Blüte hat zur Zeit der Entstehungszeit der
-Wurzel noch kein Dasein. Zum zweckmäßigen Zusammenhange ist aber
-nicht bloß der ideelle, gesetzmäßige Zusammenhang des Späteren mit dem
-Früheren notwendig, sondern der Begriff (das Gesetz) der Wirkung muß
-real, durch einen wahrnehmbaren Prozeß die Ursache beeinflussen. Einen
-wahrnehmbaren Einfluß von einem Begriff auf etwas anderes können wir
-aber nur bei den menschlichen Handlungen beobachten. Hier ist also
-der Zweckbegriff allein anwendbar. Das naive Bewußtsein, das nur das
-Wahrnehmbare gelten läßt, sucht -- wie wir wiederholt bemerkt -- auch
-dorthin Wahrnehmbares zu versetzen, wo nur Ideelles zu erkennen ist. In
-dem wahrnehmbaren Geschehen sucht es wahrnehmbare Zusammenhänge oder,
-wenn es solche nicht findet, träumt sie es hinein. Der im subjektiven
-Handeln geltende Zweckbegriff ist ein geeignetes Element für solche
-erträumte Zusammenhänge. Der naive Mensch weiß, wie er ein Geschehen
-zustande bringt und folgert daraus, daß es die Natur ebenso machen
-wird. In den rein ideellen Naturzusammenhängen sieht er nicht nur
-unsichtbare Kräfte, sondern auch unwahrnehmbare reale Zwecke. Der
-Mensch macht seine Werkzeuge zweckmäßig; nach demselben Rezept läßt der
-naive Realist den Schöpfer die Organismen bauen. Nur ganz allmählich
-verschwindet dieser falsche Zweckbegriff aus den Wissenschaften. In der
-Philosophie treibt er auch heute noch ziemlich arg sein Unwesen. Da
-wird gefragt nach dem Zweck der Welt, nach der Bestimmung (folglich
-auch dem Zweck) des Menschen u. s. w.
-
-Der Monismus weist den Zweckbegriff auf allen Gebieten, mit alleiniger
-Ausnahme des menschlichen Handelns zurück. Er sucht nach Naturgesetzen,
-aber nicht nach Naturzwecken. Naturzwecke sind willkürliche Annahmen
-wie die unwahrnehmbaren Kräfte (S. 118). Aber auch Lebenszwecke,
-die der Mensch sich nicht selbst setzt, sind vom Standpunkte des
-Monismus unberechtigte Annahmen. Zweckvoll ist nur dasjenige, was
-der Mensch erst dazu gemacht hat, denn nur durch Verwirklichung einer
-Idee entsteht Zweckmäßiges. Wirksam im realistischen Sinne wird die
-Idee aber nur im Menschen. Deshalb hat das Leben nur den Zweck und
-die Bestimmung, die der Mensch ihm giebt. Auf die Frage: was hat der
-Mensch für eine Aufgabe im Leben, kann der Monismus nur antworten:
-die, die er sich selbst setzt. Meine Sendung in der Welt ist keine
-vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle. Ich
-trete nicht mit gebundener Marschroute meinen Lebensweg an.
-
-Ideen werden nur durch Menschen verwirklicht. Es ist also unstatthaft,
-von der Verkörperung von Ideen durch die Geschichte zu sprechen. Alle
-solche Wendungen wie: "die Geschichte ist die Entwicklung der Menschen
-zur Freiheit", oder die Verwirklichung der sittlichen Weltordnung
-u. s. w. sind von monistischen Gesichtspunkten aus unhaltbar.
-
-Die Anhänger des Zweckbegriffes glauben mit demselben zugleich alle
-Ordnung und Einheitlichkeit der Welt preisgeben zu müssen. Man höre
-z. B. Robert Hamerling (Atomistik des Willens, II. Band., S. 201):
-"So lange es Triebe in der Natur giebt, ist es eine Thorheit, Zwecke
-in derselben zu leugnen.
-
-"Wie die Gestaltung eines Gliedes des menschlichen Körpers nicht
-bestimmt und bedingt ist durch eine in der Luft schwebende Idee
-dieses Gliedes, sondern durch den Zusammenhang mit dem größeren
-Ganzen, dem Körper, welchem das Glied angehört, so ist die Gestaltung
-jedes Naturwesens, sei es Pflanze, Tier, Mensch, nicht bestimmt und
-bedingt durch eine in der Luft schwebende Idee desselben, sondern
-durch das Formprinzip des größeren, sich zweckmäßig auslebenden und
-ausgestaltenden Ganzen der Natur." Und S. 191 desselben Bandes: "Die
-Zwecktheorie behauptet nur, daß trotz der tausend Unbequemlichkeiten
-und Qualen dieses kreatürlichen Lebens eine hohe Zweck- und
-Planmäßigkeit unverkennbar in den Gebilden und in den Entwicklungen der
-Natur vorhanden ist -- eine Plan- und Zweckmäßigkeit jedoch, welche
-sich nur innerhalb der Naturgesetze verwirklicht, und welche nicht
-auf eine Schlaraffenwelt abzielen kann, in welcher dem Leben kein Tod,
-dem Werden kein Vergehen mit allen mehr oder weniger unerfreulichen,
-aber schlechterdings unvermeidlichen Mittelstufen gegenüberstünde.
-
-"Wenn die Gegner des Zweckbegriffes ein mühsam zusammengebrachtes
-Kehrichthäufchen von halben oder ganzen, vermeintlichen oder wirklichen
-Unzweckmäßigkeiten einer Welt von Wundern der Zweckmäßigkeit, wie sie
-die Natur in allen Bereichen aufweist, entgegenstellen, so finde ich
-das ebenso drollig". --
-
-Was wird hier Zweckmäßigkeit genannt? Ein Zusammenstimmen von
-Wahrnehmungen zu einem Ganzen. Da aber allen Wahrnehmungen Gesetze
-(Ideen) zu Grunde liegen, die wir durch unser Denken finden, so ist
-das planmäßige Zusammenstimmen der Glieder eines Wahrnehmungsganzen
-nichts weiter als das ideelle (logische) Zusammenstimmen der in
-diesem Wahrnehmungsganzen enthaltenen Glieder eines Ideenganzen. Wenn
-gesagt wird, das Tier oder der Mensch sei nicht bestimmt durch eine
-in der Luft schwebende Idee, so ist das schief ausgedrückt, und die
-verurteilte Ansicht verliert bei der Richtigstellung des Ausdruckes von
-selbst den absurden Charakter. Das Tier ist allerdings nicht durch eine
-in der Luft schwebende Idee, wohl aber durch eine ihm eingeborene und
-seine gesetzmäßige Wesenheit ausmachende Idee bestimmt. Gerade weil
-die Idee nicht außer dem Dinge ist, sondern in demselben als dessen
-Wesen wirkt, kann nicht von Zweckmäßigkeit gesprochen werden. Gerade
-derjenige, der leugnet, daß das Naturwesen von außen bestimmt ist
-(ob durch eine in der Luft schwebende Idee oder eine im Geiste eines
-Weltschöpfers existierende ist in dieser Beziehung ganz gleichgültig),
-muß zugeben, daß dieses Wesen nicht zweckmäßig und planvoll von außen,
-sondern ursächlich und gesetzmäßig von innen bestimmt wird. Eine
-Maschine gestalte ich dann zweckmäßig, wenn ich die Teile in einen
-Zusammenhang bringe, den sie von Natur aus nicht haben. Das Zweckmäßige
-der Einrichtung besteht dann darin, daß ich die Wirkungsweise der
-Maschine als deren Idee ihr zu Grunde gelegt habe. Die Maschine ist
-dadurch ein Wahrnehmungsobjekt mit entsprechender Idee geworden. Solche
-Wesen sind auch die Naturwesen. Wer ein Ding deshalb zweckmäßig nennt,
-weil es gesetzmäßig gebildet ist, der mag die Naturwesen eben auch mit
-dieser Bezeichnung belegen. Nur darf diese Gesetzmäßigkeit nicht mit
-jener des subjektiven menschlichen Handelns verwechselt werden. Zum
-Zweck ist eben durchaus notwendig, daß die wirkende Ursache ein
-Begriff ist, und zwar der der Wirkung. In der Natur sind aber nirgends
-Begriffe als Ursachen nachzuweisen; der Begriff erweist sich stets
-nur als der ideelle Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Ursachen
-sind in der Natur nur in Form von Wahrnehmungen vorhanden.
-
-Der Dualismus kann von Welt- und Naturzwecken reden. Wo für unsere
-Wahrnehmung eine gesetzmäßige Verknüpfung von Ursache und Wirkung
-sich äußert, da kann der Dualist annehmen, daß wir nur den Abklatsch
-eines Zusammenhanges sehen, in dem das absolute Weltwesen seine Zwecke
-verwirklichte. Für den Monismus entfällt mit dem absoluten Weltwesen
-auch der Grund zur Annahme von Welt- und Naturzwecken.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XIII.
-
-DIE MORALISCHE PHANTASIE.
-
-(DARWINISMUS UND SITTLICHKEIT.)
-
-
-Der freie Geist handelt nach seinen Impulsen, das sind Intuitionen,
-die aus dem Ganzen seiner Ideenwelt durch das Denken ausgewählt
-sind. Für den unfreien Geist liegt der Grund, warum er aus seiner
-Ideenwelt eine bestimmte Intuition aussondert, um sie einer Handlung
-zu Grunde zu legen, in der ihm gegebenen Wahrnehmungswelt, d. h. in
-seinen bisherigen Erlebnissen. Er erinnert sich, bevor er zu einem
-Entschluß kommt, daran, was jemand in einem dem seinigen analogen
-Falle gethan oder zu thun für gut geheißen hat, oder was Gott für
-diesen Fall befohlen hat u. s. w., und darnach handelt er. Dem freien
-Geist stehen diese Vorbedingungen nicht zu Gebote. Er faßt einen
-schlechthin ersten Entschluß. Es kümmert ihn dabei ebenso wenig, was
-andere in diesem Falle gethan, noch was sie dafür befohlen haben. Er
-hat rein ideelle (logische) Gründe, die ihn bewegen, aus der Summe
-seiner Begriffe gerade einen bestimmten herauszuheben und ihn in
-Handlung umzusetzen. Seine Handlung wird aber der wahrnehmbaren
-Wirklichkeit angehören. Was er vollbringt, wird also mit einem ganz
-bestimmten Wahrnehmungsinhalte identisch sein. Der Begriff wird sich
-in einem konkreten Einzelgeschehnis zu verwirklichen haben. Er wird
-als Begriff diesen Einzelfall nicht enthalten können. Er wird sich
-darauf nur in der Art beziehen können, wie überhaupt ein Begriff
-sich auf eine Wahrnehmung bezieht, z. B. wie der Begriff des Löwen
-auf einen einzelnen Löwen. Das Mittelglied zwischen Begriff und
-Wahrnehmung ist die Vorstellung (vgl. S. 103 ff.). Dem unfreien Geist
-ist dieses Mittelglied von vornherein gegeben. Die Motive sind von
-vornherein als Vorstellungen in seinem Bewußtsein vorhanden. Wenn
-er etwas ausführen will, so macht er das so, wie er es gesehen hat,
-oder wie es ihm für den einzelnen Fall befohlen wird. Die Autorität
-wirkt daher am besten durch Beispiele, d. h. durch Überlieferung
-ganz bestimmter Einzelhandlungen an das Bewußtsein des unfreien
-Geistes. Der Christ handelt weniger nach den Lehren als nach dem
-Vorbilde des Erlösers. Regeln haben für das positive Handeln weniger
-Wert als für das Unterlassen bestimmter Handlungen. Gesetze treten nur
-dann in die allgemeine Begriffsform, wenn sie Handlungen verbieten,
-nicht aber wenn sie sie zu thun gebieten. Gesetze über das, was er
-thun soll, müssen dem unfreien Geiste in ganz konkreter Form gegeben
-werden. Reinige die Straße vor deinem Hausthore! Zahle deine Steuern
-in dieser bestimmten Höhe bei dem Steueramte X! u. s. w. Begriffsform
-haben die Gesetze zur Verhinderung von Handlungen. Du sollst nicht
-stehlen! Du sollst nicht ehebrechen! Diese Gesetze wirken auf den
-unfreien Geist aber auch nur durch den Hinweis auf eine konkrete
-Vorstellung, z. B. die der entsprechenden zeitlichen Strafen, oder
-der Gewissensqual, oder der ewigen Verdammnis u. s. w.
-
-Sobald der Antrieb zu einer Handlung in der allgemein-begrifflichen
-Form vorhanden ist (z. B. du sollst deinen Mitmenschen Gutes thun! du
-sollst so leben, daß du dein Wohlsein am besten beförderst!), dann
-muß in jedem einzelnen Fall die konkrete Vorstellung des Handelns
-(die Beziehung des Begriffes auf einen Wahrnehmungsinhalt) erst
-gefunden werden. Bei dem freien Geiste, den kein Vorbild und keine
-Furcht vor Strafe etc. treibt, ist diese Umsetzung des Begriffes in
-die Vorstellung immer notwendig.
-
-Konkrete Vorstellungen aus der Summe seiner Ideen heraus produziert
-der Mensch durch die Phantasie. Was der freie Geist nötig hat, um
-seine Ideen zu verwirklichen, um sich durchzusetzen, ist also die
-moralische Phantasie. Sie ist die Quelle für das Handeln des freien
-Geistes. Deshalb sind auch nur Menschen mit moralischer Phantasie
-eigentlich sittlich produktiv. Die bloßen Moralprediger, d. i. die
-Leute, die sittliche Regeln ausspinnen, ohne sie zu konkreten
-Vorstellungen verdichten zu können, sind moralisch unproduktiv. Sie
-gleichen den Kritikern, die verständig auseinanderzusetzen wissen,
-wie ein Kunstwerk beschaffen sein soll, selbst aber auch nicht das
-geringste zustande bringen können.
-
-Die moralische Phantasie muß, um ihre Vorstellung zu verwirklichen, in
-ein bestimmtes Gebiet von Wahrnehmungen eingreifen. Die Handlung des
-Menschen schafft keine Wahrnehmungen, sondern prägt die Wahrnehmungen,
-die bereits vorhanden sind, um, erteilt ihnen eine neue Gestalt. Um
-ein bestimmtes Wahrnehmungsobjekt oder eine Summe von solchen,
-einer moralischen Vorstellung gemäß, umbilden zu können, muß
-man den gesetzmäßigen Inhalt (die bisherige Wirkungsweise, die
-man neu gestalten oder der man eine neue Richtung geben will)
-dieses Wahrnehmungsbildes begriffen haben. Man muß ferner den
-Modus finden, nach dem sich diese Gesetzmäßigkeit in eine neue
-verwandeln läßt. Dieser Teil der moralischen Wirksamkeit beruht auf
-Kenntnis der Erscheinungswelt, mit der man es zu thun hat. Er ist
-also zu suchen in einem Zweige der wissenschaftlichen Erkenntnis
-überhaupt. Das moralische Handeln setzt also voraus neben dem
-moralischen Ideenvermögen [3] und der moralischen Phantasie
-die Fähigkeit, die Welt der Wahrnehmungen umzuformen, ohne ihren
-naturgesetzlichen Zusammenhang zu durchbrechen. Diese Fähigkeit ist
-moralische Technik. Sie ist in dem Sinne lernbar, wie Wissenschaft
-überhaupt lernbar ist. Im allgemeinen sind Menschen nämlich geeigneter,
-die Begriffe für die schon fertige Welt zu finden, als produktiv
-aus der Phantasie die noch nicht vorhandenen zukünftigen Handlungen
-zu bestimmen. Deshalb ist es sehr wohl möglich, daß Menschen ohne
-moralische Phantasie die moralischen Vorstellungen von andern empfangen
-und diese geschickt der Wirklichkeit einprägen. Auch der umgekehrte
-Fall kann vorkommen, daß Menschen mit moralischer Phantasie ohne die
-technische Geschicklichkeit sind und sich dann anderer Menschen zur
-Verwirklichung ihrer Vorstellungen bedienen müssen.
-
-Insofern zum moralischen Handeln die Kenntnis der Objekte unseres
-Handelnsgebietes notwendig ist, beruht unser Handeln auf dieser
-Kenntnis. Was hier in Betracht kommt, sind Naturgesetze. Wir haben
-es mit Naturwissenschaft zu thun, nicht mit Ethik.
-
-Die moralische Phantasie und das moralische Ideenvermögen können erst
-Gegenstand des Wissens werden, nachdem sie vom Individuum produziert
-sind. Dann aber regeln sie nicht mehr das Leben, sondern haben es
-bereits geregelt. Sie sind als wirkende Ursachen wie alle andern
-aufzufassen (Zwecke sind sie bloß für das Subjekt). Wir beschäftigen
-uns mit ihnen als mit einer Naturlehre der moralischen Vorstellungen.
-
-Eine Ethik als Normwissenschaft kann es daneben nicht geben.
-
-Man hat den normativen Charakter der moralischen Gesetze wenigstens
-insofern halten wollen, daß man die Ethik im Sinne der Diätetik
-auffaßte, welche aus den Lebensbedingungen des Organismus allgemeine
-Regeln ableitet, um auf Grund derselben dann den Körper im besonderen
-zu beeinflussen (Paulsen, System der Ethik). Dieser Vergleich ist
-falsch, weil unser moralisches Leben sich nicht mit dem Leben des
-Organismus vergleichen läßt. Die Wirksamkeit des Organismus ist
-ohne unser Zuthun da; wir finden dessen Gesetze in der Welt fertig
-vor, können sie also suchen, und dann die gefundenen anwenden. Die
-moralischen Gesetze werden aber von uns erst geschaffen. Wir können
-sie nicht anwenden, bevor sie geschaffen sind. Der Irrtum entsteht
-daher, daß die moralischen Gesetze nicht in jedem Momente inhaltlich
-neu geschaffen werden, sondern sich forterben. Die von den Vorfahren
-übernommenen erscheinen dann gegeben wie die Naturgesetze des
-Organismus. Sie werden aber durchaus nicht mit demselben Rechte von
-einer späteren Generation wie diätetische Regeln angewendet. Denn sie
-gehen auf das Individuum und nicht wie das Naturgesetz auf das Exemplar
-einer Gattung. Als Organismus bin ich ein solches Gattungsexemplar
-und ich werde naturgemäß leben, wenn ich die Naturgesetze der Gattung
-in meinem besonderen Falle anwende; als sittliches Wesen bin ich
-Individuum und habe meine ganz eigenen Gesetze [4].
-
-Die hier vertretene Ansicht scheint in Widerspruch zu stehen
-mit jener Grundlehre der modernen Naturwissenschaft, die man als
-Entwicklungstheorie bezeichnet. Aber sie scheint es nur. Unter
-Entwicklung wird verstanden das reale Hervorgehen des Späteren
-aus dem Früheren auf naturgesetzlichem Wege. Unter Entwicklung in
-der organischen Welt versteht man den Umstand, daß die späteren
-(vollkommneren) organischen Formen reale Abkömmlinge der früheren
-(unvollkommnen) sind und auf naturgesetzliche Weise aus ihnen
-hervorgegangen sind. Die Bekenner der organischen Entwicklungstheorie
-stellen sich vor, daß es auf der Erde einmal eine Zeitepoche gegeben
-hat, wo ein Mensch das allmähliche Hervorgehen der Reptilien aus
-den Uramnioten mit Augen hätte verfolgen können, wenn er damals
-als Mensch hätte dabei sein können und mit entsprechend langer
-Lebensdauer ausgestattet gewesen wäre. Ebenso stellen sich die
-Entwicklungstheoretiker vor, daß ein Mensch das Hervorgehen des
-Sonnensystems aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel hätte beobachten
-können, wenn er während der unendlich langen Zeit frei im Gebiet
-des Weltäthers sich an einem entsprechenden Orte hätte aufhalten
-können. Keinem Entwicklungstheoretiker wird es aber einfallen, zu
-behaupten, daß er aus seinem Begriffe des Uramniontieres den des
-Reptils mit allen seinen Eigenschaften herausholen kann, auch wenn
-er nie ein Reptil gesehen hat. Ebenso wenig könnte aus dem Begriff
-des Kant-Laplaceschen Urnebels das Sonnensystem abgeleitet werden,
-wenn dieser Begriff des Urnebels direkt nur an der Wahrnehmung des
-Urnebels bestimmt worden wäre. Das heißt mit anderen Worten: der
-Entwicklungstheoretiker muß, wenn er konsequent denkt, behaupten,
-daß aus früheren Entwicklungsphasen spätere sich real entwickeln, daß
-wir, wenn wir den Begriff des Unvollkommnen und den des Vollkommnen
-gegeben haben, den Zusammenhang einsehen können; keineswegs aber wird
-er zugeben, daß der an dem Früheren erlangte Begriff hinreicht, um
-das Spätere daraus zu entwickeln. Daraus folgt für den Ethiker, daß
-er zwar den Zusammenhang späterer moralischer Begriffe mit früheren
-einsehen kann; aber nicht, daß auch nur eine einzige neue moralische
-Idee aus früheren geholt werden kann. Als moralisches Wesen produziert
-das Individuum seinen Inhalt. Dieser produzierte Inhalt ist für
-den Ethiker gerade so ein Gegebenes, wie für den Naturforscher die
-Reptilien ein Gegebenes sind. Die Reptilien sind aus den Uramnioten
-hervorgegangen; aber der Naturforscher kann aus dem Begriff der
-Uramnioten den der Reptilien nicht herausholen. Spätere moralische
-Ideen entwickeln sich aus früheren; der Ethiker kann aber aus den
-sittlichen Begriffen einer früheren Kulturperiode die der späteren
-nicht herausholen. Die Verwirrung wird dadurch hervorgerufen, daß wir
-als Naturforscher die Thatsachen bereits vor uns haben und hinterher
-sie erst erkennend betrachten; während wir beim sittlichen Handeln
-selbst erst die Thatsachen schaffen, die wir hinterher erkennen. Beim
-Entwicklungsprozeß der sittlichen Weltordnung verrichten wir das,
-was die Natur auf niedrigerer Stufe verrichtet: wir verändern ein
-Wahrnehmbares. Die ethische Norm kann also zunächst nicht wie ein
-Naturgesetz erkannt, sondern sie muß geschaffen werden. Erst wenn
-sie da ist, kann sie Gegenstand des Erkennens werden.
-
-Aber können wir denn nicht das Neue an dem Alten messen? Wird nicht
-jeder Mensch gezwungen sein, das durch seine moralische Phantasie
-Produzierte an den hergebrachten sittlichen Lehren zu bemessen? Wenn
-er wahrhaft sittlich produktiv sein will, so ist das ein eben solches
-Unding, wie es das andere wäre, wenn man eine neue Naturform an der
-alten bemessen wollte und sagte: weil die Reptilien mit den Uramnioten
-nicht übereinstimmen, sind sie eine unberechtigte (krankhafte) Form.
-
-Der ethische Individualismus steht also nicht im Gegensatz zur
-Entwicklungstheorie, sondern folgt direkt aus ihr. Der Haeckelsche
-Stammbaum von den Urtieren bis hinauf zum Menschen als organisches
-Wesen müßte sich ohne Unterbrechung der natürlichen Gesetzlichkeit
-und ohne eine Durchbrechung der einheitlichen Entwicklung herauf
-verfolgen lassen bis zu dem Individuum als einem im bestimmten Sinne
-sittlichen Wesen. So wahr es aber ist, daß die sittlichen Ideen des
-Individuums wahrnehmbar aus denen seiner Vorfahren hervorgegangen
-sind, so wahr ist es auch, daß dasselbe sittlich unfruchtbar ist,
-wenn es nicht selbst moralische Ideen hat.
-
-Derselbe ethische Individualismus, den ich auf Grund der
-vorangehenden Anschauungen entwickelt habe, würde sich auch aus der
-Entwicklungstheorie ableiten lassen. Die schließliche Überzeugung
-wäre dieselbe; nur der Weg ein anderer, auf dem sie erlangt ist.
-
-Das Hervortreten völlig neuer sittlicher Ideen aus der moralischen
-Phantasie ist für die Entwicklungstheorie gerade so wenig wunderbar,
-wie das Hervorgehen einer neuen Tierart aus einer andern. Nur muß
-diese Theorie als monistische Weltanschauung im sittlichen Leben
-ebenso wie im natürlichen jeden jenseitigen (metaphysischen) Einfluß
-abweisen. Sie folgt dabei demselben Prinzip, das sie antreibt, wenn sie
-die Ursachen neuer organischer Formen in bereits bestehenden sucht;
-nicht in dem Eingreifen eines außerweltlichen Gottes, der jede neue
-Art nach einem neuen Schöpfungsgedanken durch übernatürlichen Einfluß
-hervorruft. Sowie der Monismus zur Erklärung des Lebewesens keinen
-übernatürlichen Schöpfungsgedanken brauchen kann, so ist es ihm auch
-unmöglich, die sittliche Weltordnung von Ursachen abzuleiten, die nicht
-innerhalb der Welt liegen. Er kann keinen fortdauernden übernatürlichen
-Einfluß auf das sittliche Leben (göttliche Weltregierung von außen),
-noch einen zeitlichen durch eine besondere Offenbarung (Erteilung der
-zehn Gebote) oder durch Erscheinung Gottes auf der Erde (Göttlichkeit
-Christi) zulassen. Die sittlichen Prozesse sind dem Monismus
-Naturprodukte wie alles andere Bestehende und ihre Ursachen müssen
-in der Natur, d. i., weil der Mensch der Träger der Sittlichkeit ist,
-im Menschen gesucht werden.
-
-Der ethische Individualismus ist somit die Krönung des Gebäudes,
-das Darwin und Haeckel für die Naturwissenschaft errichtet haben. Er
-ist Entwicklungslehre auf das sittliche Leben übertragen.
-
-Wer dem Begriff des Natürlichen von vornherein in engherziger Weise
-ein willkürlich begrenztes Gebiet anweist, der kann dann leicht
-dazu kommen, für die freie individuelle Handlung keinen Raum darin
-zu finden. Der konsequent verfahrende Entwicklungstheoretiker kann
-in solche Engherzigkeit nicht verfallen. Er kann die natürliche
-Entwicklungsweise beim Affen nicht abschließen und dem Menschen
-einen "übernatürlichen" Ursprung zugestehen; er kann auch bei den
-organischen Verrichtungen des Menschen nicht stehen bleiben und nur
-diese natürlich finden, sondern er muß auch das sittlich-freie Leben
-als Fortsetzung des organischen ansehen.
-
-Der Entwicklungstheoretiker kann, seiner Grundauffassung gemäß, nur
-behaupten, daß das sittliche Handeln aus den unvollkommneren Arten
-des Naturgeschehens hervorgeht; die Charakteristik des Handelns,
-d. i. seine Bestimmung als eines freien, muß er der unmittelbaren
-Beobachtung des Handelns überlassen. Er behauptet ja auch nur, daß
-Menschen aus Affen sich entwickelt haben. Wie die Menschen beschaffen
-sind, das muß durch Beobachtung dieser selbst festgestellt werden. Die
-Ergebnisse dieser Beobachtung können nicht in Widerspruch geraten mit
-der Entwicklungsgeschichte. Nur die Behauptung, daß die Ergebnisse
-solche sind, die eine natürliche Weltordnung ausschließen, könnte
-nicht in Übereinstimmung mit der neueren Richtung der Naturwissenschaft
-gebracht werden [5].
-
-Von einer sich selbst verstehenden Naturwissenschaft hat der ethische
-Individualismus nichts zu fürchten: die Beobachtung ergiebt als
-Charakteristikum der vollkommenen Form des menschlichen Handelns die
-Freiheit; die begriffliche Beziehung dieses Ergebnisses auf andere
-Formen des Geschehens ergiebt den natürlichen Ursprung der freien
-Handlungen.
-
-Wie steht es nun, vom natürlichen Standpunkte aus, mit der bereits
-oben (S. 17) erwähnten Unterscheidung zwischen den beiden Sätzen:
-"Frei sein heißt thun können, was man will" und dem andern: "nach
-Belieben begehren können und nicht begehren können sei der eigentliche
-Sinn des Dogmas vom freien Willen"? Hamerling begründet gerade seine
-Ansicht vom freien Willen auf diese Unterscheidung, indem er das erste
-für richtig, das zweite für eine absurde Tautologie erklärt. Er sagt:
-"ich kann thun, was ich will. Aber zu sagen: ich kann wollen, was ich
-will, ist eine leere Tautologie." Ob ich thun, d. i. in Wirklichkeit
-umsetzen kann, was ich will, was ich mir also als Idee meines Thuns
-vorgesetzt habe, das hängt von äußeren Umständen und von meiner
-technischen Geschicklichkeit (vergl. S. 180) ab. Frei sein heißt die
-dem Handeln zu Grunde liegenden Vorstellungen (Beweggründe) durch
-die moralische Phantasie von sich aus bestimmen können. Freiheit
-ist unmöglich, wenn etwas außer mir (mechanischer Prozeß oder
-Gott) meine moralischen Vorstellungen bestimmt. Ich bin also nur
-dann frei, wenn ich selbst diese Vorstellungen produziere; nicht,
-wenn ich die Beweggründe, die ein anderes Wesen in mich gesetzt hat,
-ausführen kann. Ein freies Wesen ist dasjenige, welches wollen kann,
-was es selbst für richtig hält. Wer etwas anderes thut, als er will,
-der muß zu diesem anderen durch Motive getrieben werden, die nicht in
-ihm liegen. Ein solcher handelt unfrei. Nach Belieben wollen können,
-was man für richtig oder nicht richtig hält, heißt also: nach Belieben
-frei oder unfrei sein zu können. Das ist natürlich ebenso absurd,
-wie die Freiheit in dem Vermögen zu sehen, thun zu können, was man
-wollen muß. Das letztere aber behauptet Hamerling, wenn er sagt: "Es
-ist vollkommen wahr, daß der Wille immer durch Beweggründe bestimmt
-wird, aber es ist absurd zu sagen, daß er deshalb unfrei sei; denn
-eine größere Freiheit läßt sich für ihn weder wünschen noch denken,
-als die, sich nach Maßgabe seiner eigenen Stärke und Entschiedenheit zu
-verwirklichen?" Ja wohl: es läßt sich eine größere Freiheit wünschen,
-und das ist erst die wahre. Nämlich die: sich die Gründe seines
-Wollens selbst zu bestimmen.
-
-Von der Ausführung dessen abzusehen, was er will; dazu läßt sich der
-Mensch unter Umständen bewegen. Sich vorschreiben zu lassen, was er
-thun soll, d. i. zu wollen, was ein Anderer und nicht Er für richtig
-hält, dazu ist er nur zu haben, wenn er sich nicht frei fühlt.
-
-Die äußeren Gewalten können mich hindern, zu thun, was ich will. Dann
-verdammen sie mich einfach zum Nichtsthun. Erst wenn sie meinen
-Geist knechten und mir meine Beweggründe aus dem Kopfe jagen und an
-deren Stelle die ihrigen setzen wollen, dann beabsichtigen sie meine
-Unfreiheit. Die Kirche wendet sich daher nicht bloß gegen das Thun,
-sondern namentlich gegen die unreinen Gedanken, d. i. die Beweggründe
-meines Handelns. Unrein sind ihr aber alle Beweggründe, die sie nicht
-angiebt. Eine Kirche erzeugt erst wahre Sklaven, wenn ihre Priester
-sich zu Gewissensräten machen, d. i. wenn die Gläubigen sich von ihnen
-(aus dem Beichtstuhle) die Beweggründe ihres Handelns holen.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XIV.
-
-DER WERT DES LEBENS.
-
-(PESSIMISMUS UND OPTIMISMUS).
-
-
-Ein Gegenstück zu der Frage nach dem Zwecke oder der Bestimmung
-des Lebens (vergl. S. 170 ff.) ist die nach dessen Wert. Zwei
-entgegengesetzten Ansichten begegnen wir in dieser Beziehung, und
-dazwischen allen denkbaren Vermittlungsversuchen. Eine Ansicht sagt:
-die Welt ist die denkbar beste, die es geben kann, und das Leben und
-Handeln in derselben ein Gut von unschätzbarem Werte. Alles bietet
-sich als harmonisches und zweckmäßiges Zusammenwirken dar und ist
-der Bewunderung wert. Auch das scheinbar Böse und Üble ist von einem
-höhern Standpunkte als gut erkennbar; denn es stellt einen wohlthuenden
-Gegensatz zum Guten dar; wir können dies um so besser schätzen, wenn
-es sich von jenem abhebt. Auch ist das Übel kein wahrhaft wirkliches;
-wir empfinden nur einen geringeren Grad des Wohles als Übel. Das Übel
-ist Abwesenheit des Guten; nichts was an sich Bedeutung hat.
-
-Die andere Ansicht ist die, welche behauptet: das Leben ist voll Qual
-und Elend, die Lust überwiegt überall die Unlust, der Schmerz die
-Freude. Das Dasein ist eine Last, und das Nichtsein wäre dem Sein
-unter allen Umständen vorzuziehen.
-
-Als die Hauptvertreter der ersteren Ansicht, des Optimismus, haben
-wir Shaftesbury und Leibniz, als die der zweiten, des Pessimismus,
-Schopenhauer und Eduard von Hartmann aufzufassen.
-
-Leibniz sagt: die Welt ist die beste, die es geben kann. Eine bessere
-ist unmöglich. Denn Gott ist gut und weise. Ein guter Gott will die
-beste der Welten schaffen; ein weiser kennt sie; er kann sie vor
-allen anderen möglichen schlechteren unterscheiden. Nur ein böser
-oder unweiser Gott könnte eine schlechtere als die bestmögliche
-Welt schaffen.
-
-Wer von diesem Gesichtspunkte ausgeht, wird leicht dem menschlichen
-Handeln die Richtung vorzeichnen können, die es einschlagen muß,
-um zum Besten der Welt das seinige beizutragen. Der Mensch wird nur
-die Ratschlüsse Gottes zu erforschen und sich darnach zu benehmen
-haben. Wenn er weiß, was Gott mit der Welt und dem Menschengeschlecht
-für Absichten hat, dann wird er auch das Richtige thun. Und er
-wird sich glücklich fühlen, zu dem andern Guten auch das seinige
-hinzuzufügen. Vom optimistischen Standpunkt aus ist also das Leben
-des Lebens wert. Es muß uns zur mitwirkenden Anteilnahme anregen.
-
-Anders stellt sich Schopenhauer die Sache vor. Er denkt sich den
-Weltengrund nicht als allweises und allgütiges Wesen, sondern als
-blinden Drang oder Willen. Ewiges Streben, unaufhörliches Schmachten
-nach Befriedigung, die doch nie erreicht werden kann, ist der
-Grundzug alles Wollens. Denn ist ein erstrebtes Ziel erreicht, so
-entsteht ein neues Bedürfnis u. s. w. Die Befriedigung kann immer
-nur von verschwindend kleiner Dauer sein. Der ganze übrige Inhalt
-unseres Lebens ist unbefriedigtes Drängen, d. i. Unzufriedenheit,
-Leiden. Stumpft sich der blinde Drang endlich ab, so fehlt
-uns jeglicher Inhalt; eine unendliche Langeweile erfüllt unser
-Dasein. Daher ist das relativ Beste, Wünsche und Bedürfnisse in sich
-zu ersticken, das Wollen zu ertöten. Der Schopenhauersche Pessimismus
-führt zur Thatenlosigkeit, sein sittliches Ziel ist Universalfaulheit.
-
-In wesentlich anderer Art sucht Hartmann den Pessimismus zu
-begründen und für die Ethik auszunutzen. Hartmann sucht, einem
-Lieblingsstreben unserer Zeit folgend, seine Weltanschauung
-auf Erfahrung zu begründen. Aus der Beobachtung des Lebens will
-er Aufschluß darüber gewinnen, ob die Lust oder die Unlust in
-der Welt überwiege. Er läßt, was den Menschen als Gut und Glück
-erscheint, vor der Vernunft Revue passieren, um zu zeigen, daß alle
-vermeintliche Befriedigung bei genauerem Zusehen sich als Illusion
-erweist. Illusion ist es, wenn wir glauben in: Gesundheit, Jugend,
-Freiheit, auskömmlicher Existenz, Liebe (Geschlechtsgenuß), Mitleid,
-Freundschaft und Familienleben, Ehrgefühl, Ehre, Ruhm, Herrschaft,
-religiöser Erbauung, Wissenschafts- und Kunstbetrieb, Hoffnung auf
-jenseitiges Leben, Beteiligung am Kulturfortschritt -- Quellen
-des Glückes und der Befriedigung zu haben. Vor einer nüchternen
-Betrachtung bringt jeder Genuß viel mehr Übel und Elend als Lust
-in die Welt. Die Unbehaglichkeit des Katzenjammers ist stets größer
-als die Behaglichkeit des Rausches. Die Unlust überwiegt bei weitem
-in der Welt. Kein Mensch, auch der relativ glücklichste, würde,
-gefragt, das elende Leben ein zweites Mal durchmachen wollen. Da
-nun aber Hartmann die Anwesenheit des Ideellen (der Weisheit) in
-der Welt nicht leugnet, ihm vielmehr eine gleiche Berechtigung neben
-dem blinden Drange (Willen) zugesteht, so kann er seinem Urwesen die
-Schöpfung der Welt nur zumuten, wenn es den Schmerz der Welt in einen
-weisen Weltzweck auslaufen läßt. Der Schmerz der Weltwesen ist aber
-kein anderer als der Gottesschmerz selbst, denn das Leben der Natur
-als Ganzes ist identisch mit dem Leben Gottes. Ein allweises Wesen
-kann aber sein Ziel nur in der Befreiung vom Leid sehen, und da alles
-Dasein Leid ist, in der Befreiung vom Dasein. Das Sein in das weit
-bessere Nichtsein überzuführen, ist der Zweck der Weltschöpfung. Der
-Weltprozeß ist ein fortwährendes Ankämpfen gegen den Gottesschmerz,
-das zuletzt mit der Vernichtung alles Daseins endet. Das sittliche
-Leben der Menschen wird also sein: Teilnahme an der Vernichtung des
-Daseins. Gott hat die Welt erschaffen, damit er sich durch dieselbe
-vor seinem unendlichen Schmerze befreie. Diese ist "gewissermaßen
-wie ein juckender Ausschlag am Absoluten zu betrachten", durch den
-dessen unbewußte Heilkraft sich von einer inneren Krankheit befreit,
-"oder auch als ein schmerzhaftes Zugpflaster, welches das all-eine
-Wesen sich selbst appliziert, um einen innern Schmerz zunächst nach
-außen abzulenken und für die Folge zu beseitigen." Die Menschen sind
-Glieder der Welt. In ihnen leidet Gott. Er hat sie geschaffen, um
-seinen unendlichen Schmerz zu zersplittern. Der Schmerz, den jeder
-einzelne von uns leidet, ist nur ein Tropfen in dem unendlichen
-Meere des Gottesschmerzes (Hartmann, Phänomenologie des sittlichen
-Bewußtseins S. 866 ff.).
-
-Der Mensch hat sich mit der Erkenntnis zu durchdringen, daß das Jagen
-nach individueller Befriedigung (der Egoismus) eine Thorheit ist, und
-hat sich einzig von der Aufgabe leiten zu lassen, durch selbstlose
-Hingabe an den Weltprozeß der Erlösung Gottes sich zu widmen. Im
-Gegensatz zu dem Schopenhauers führt uns Hartmanns Pessimismus zu
-einer hingebenden Thätigkeit für eine erhabene Aufgabe.
-
-Wie steht es aber mit der Begründung auf Erfahrung?
-
-Streben nach Befriedigung ist Hinausgreifen der Lebensthätigkeit
-über den Lebensinhalt. Ein Wesen ist hungrig, d. h. es strebt nach
-Sättigung, wenn seine organischen Funktionen zu ihrem weiteren
-Verlauf Zuführung neuen Lebensinhaltes in Form von Nahrungsmitteln
-verlangen. Das Streben nach Ehre besteht darin, daß der Mensch sein
-persönliches Thun und Lassen erst dann für wertvoll ansieht, wenn zu
-seiner Bethätigung die Anerkennung von außen kommt. Das Streben nach
-Erkenntnis entsteht, wenn dem Menschen zu der Welt, die er sehen, hören
-u. s. w. kann, solange etwas fehlt, als er sie nicht begriffen hat. Die
-Erfüllung des Strebens erzeugt in dem strebenden Individuum Lust, die
-Nichtbefriedigung Unlust. Es ist dabei wichtig zu beobachten, daß Lust
-oder Unlust erst von der Erfüllung oder Nichterfüllung meines Strebens
-abhängt. Das Streben selbst kann keineswegs als Unlust gelten. Wenn
-es sich also herausstellt, daß in dem Momente des Erfüllens einer
-Bestrebung sich sogleich wieder eine neue einstellt, so darf ich nicht
-sagen: die Lust hat für mich Unlust geboren, weil unter allen Umständen
-der Genuß das Begehren nach seiner Wiederholung oder nach einer
-neuen Lust erzeugt. Erst wenn dieses Begehren auf die Unmöglichkeit
-seiner Erfüllung stößt, kann ich von Unlust sprechen. Selbst dann,
-wenn ein erlebter Genuß in mir das Verlangen nach einem größeren
-oder raffinierteren Lusterlebnis erzeugt, kann ich von einer durch
-die erste Lust erzeugten Unlust erst in dem Augenblicke sprechen,
-wenn mir die Mittel versagt sind, die größere oder raffiniertere Lust
-zu erleben. Nur dann, wenn als naturgesetzliche Folge des Genusses
-Unlust eintritt, wie etwa beim Geschlechtsgenuß des Weibes durch
-die Leiden des Wochenbettes und die Mühen der Kinderpflege, kann ich
-in dem Genuß den Schöpfer des Schmerzes finden. Wenn Streben Unlust
-hervorriefe, so müßte die Beseitigung des Strebens von Lust begleitet
-sein. Es ist aber das Gegenteil der Fall. Der Mangel an Streben in
-unserem Lebensinhalte erzeugt Langeweile, und diese ist mit Unlust
-verbunden. Da aber das Streben naturgemäß lange Zeit dauern kann,
-bevor ihm die Erfüllung zu teil wird und sich dann vorläufig mit
-der Hoffnung auf dieselbe zufrieden giebt, so muß anerkannt werden,
-daß die Unlust mit dem Streben als solchen gar nichts zu thun hat,
-sondern lediglich an der Nichterfüllung desselben hängt. Schopenhauer
-hat also unter allen Umständen Unrecht, wenn er das Begehren oder
-Streben (den Willen) an sich für den Quell des Schmerzes hält.
-
-In Wahrheit ist sogar das Gegenteil richtig. Streben (Begehren)
-an sich macht Freude. Wer kennt nicht den Genuß, den die Hoffnung
-auf ein entferntes, aber stark begehrtes Ziel bereitet. Diese Freude
-ist die Begleiterin der Arbeit, deren Früchte uns in Zukunft erst zu
-teil werden sollen. Diese Lust ist ganz unabhängig von der Erreichung
-des Zieles. Wenn dann das Ziel erreicht ist, dann kommt zu der Lust
-des Strebens die der Erfüllung als etwas Neues hinzu. Wer aber sagen
-wollte: zur Unlust durch ein nichtbefriedigtes Ziel kommt auch noch
-die über die getäuschte Hoffnung und mache zuletzt die Unlust an der
-Nichterfüllung doch größer, als die etwaige Lust an der Erfüllung,
-dem ist zu erwidern: es kann auch das Gegenteil der Fall sein; der
-Rückblick auf den Genuß in der Zeit des unerfüllten Begehrens wird
-ebenso oft lindernd auf die Unlust durch Nichterfüllung wirken. Wer im
-Anblicke gescheiterter Hoffnungen ausruft: ich habe das meinige gethan,
-der ist ein Beweisobjekt für diese Behauptung. Das beseeligende Gefühl,
-nach Kräften das Beste gewollt zu haben, übersehen diejenigen, welche
-an jedes nicht erfüllte Begehren die Behauptung knüpfen, daß nicht
-nur allein die Freude an der Erfüllung ausgeblieben, sondern auch
-der Genuß des Begehrens selbst zerstört ist.
-
-Erfüllung eines Begehrens ruft Lust und Nichterfüllung eines
-solchen Unlust hervor. Daraus darf nicht geschlossen werden: Lust
-ist Befriedigung eines Begehrens, Unlust Nichtbefriedigung. Sowohl
-Lust wie Unlust können sich in einem Wesen einstellen, auch ohne
-daß sie Folgen eines Begehrens sind. Krankheit ist Unlust, der
-kein Begehren vorausgeht. Wer behaupten wollte: Krankheit sei
-unbefriedigtes Begehren nach Gesundheit, der beginge den Fehler,
-daß er den selbstverständlichen und nicht zum Bewußtsein gebrachten
-Wunsch, nicht krank zu werden, für ein positives Begehren hielte. Wenn
-jemand von einem reichen Verwandten, von dessen Existenz er nicht die
-geringste Ahnung hatte, eine Erbschaft macht, so erfüllt ihn diese
-Thatsache ohne vorangegangenes Begehren mit Lust.
-
-Wer also untersuchen will, ob auf Seite der Lust oder der Unlust
-ein Überschuß zu finden ist, der muß in Rechnung bringen: die Lust
-am Begehren, die an der Erfüllung des Begehrens, und diejenige, die
-uns unerstrebt zu teil wird. Auf die andere Seite des Kontobuches
-wird zu stehen kommen: Unlust aus Langeweile, solche aus nicht
-erfülltem Streben, und endlich solche, die ohne unser Begehren an
-uns herantritt. Zu der letzteren Gattung gehört auch die Unlust,
-die uns aufgedrängte, nicht selbstgewählte Arbeit verursacht.
-
-Nun entsteht die Frage: welches ist das rechte Mittel, um aus
-diesem Soll und Haben die Bilanz zu erhalten? Eduard von Hartmann
-ist der Meinung, daß es die abwägende Vernunft ist. Er sagt zwar
-(Philosophie des Unbewußten 7. Auflage, II. Band, S. 290): "Schmerz
-und Lust sind nur insofern sie empfunden werden." Hieraus folgt,
-daß es für die Lust keinen andern Maßstab giebt, als den subjektiven
-des Gefühles. Ich muß empfinden, ob die Summe meiner Unlustgefühle
-zusammengestellt mit meinen Lustgefühlen in mir einen Überschuß von
-Freude oder Schmerz ergiebt. Dessen ungeachtet behauptet Hartmann:
-"Wenn der Lebenswert jedes Wesens nur nach seinem eigenen subjektiven
-Maßstabe in Anschlag gebracht werden kann, so ist doch damit keineswegs
-gesagt, daß jedes Wesen aus den sämtlichen Affektionen seines Lebens
-die richtige algebraische Summe zieht, oder mit andern Worten, daß
-sein Gesamturteil über sein eigenes Leben ein in Bezug auf seine
-subjektiven Erlebnisse richtiges sei." Damit wird doch wieder die
-vernunftgemäße Beurteilung des Gefühles zum Wertschätzer gemacht.
-
-Und weil Hartmann dieser Meinung ist, glaubt er, um zu einer
-richtigen Bewertung des Lebens zu kommen, die Faktoren aus dem Wege
-räumen zu müssen, die unser Urteil über die Lust- und Unlustbilanz
-verfälschen. Er sucht das auf zwei Wegen zu erreichen. Erstens
-indem er nachweist, daß unser Begehren (Trieb, Wille) sich störend
-in unsere nüchterne Beurteilung des Gefühlswertes einmischt. Während
-wir uns z. B. sagen müßten, daß der Geschlechtsgenuß eine Quelle des
-Übels ist, verführt uns der Umstand, daß der Geschlechtstrieb in uns
-mächtig ist, dazu, uns eine Lust vorzugaukeln, die in dem Maße gar
-nicht da ist. Wir wollen genießen; deshalb gestehen wir uns nicht,
-daß wir unter dem Genusse leiden. Zweitens unterwirft Hartmann die
-Gefühle einer Kritik und sucht nachzuweisen, daß die Gegenstände,
-an die sich die Gefühle knüpfen, vor der Vernunfterkenntnis sich als
-Illusionen erweisen, und daß sie in dem Augenblicke zerstört werden,
-wenn unsere stets wachsende Intelligenz die Illusionen durchschaut.
-
-Hartmann denkt sich also die Sache folgendermaßen. Wenn ein
-Ehrgeiziger sich darüber klar werden will, ob bis zu dem Augenblicke,
-in dem er seine Betrachtung anstellt, die Lust oder die Unlust den
-überwiegenden Anteil an seinem Leben gehabt hat, dann muß er sich
-von zwei Fehlerquellen bei seiner Beurteilung frei machen. Da er
-ehrgeizig ist, wird dieser Grundzug seines Charakters ihm die Freuden
-über Anerkennung seiner Leistungen durch ein Vergrößerungsglas, die
-Kränkungen durch Zurücksetzungen aber durch ein Verkleinerungsglas
-zeigen. Damals, als er die Zurücksetzungen erfuhr, fühlte er die
-Kränkungen, gerade weil er ehrgeizig ist; in der Erinnerung erscheinen
-sie in milderem Lichte, während sich die Freuden über Anerkennungen,
-für die er so zugänglich ist, um so tiefer einprägen. Nun ist es
-zwar für den Ehrgeizigen eine wahre Wohlthat, daß es so ist. Die
-Täuschung vermindert sein Unlustgefühl in dem Augenblicke der
-Selbstbeobachtung. Dennoch ist seine Beurteilung eine falsche. Die
-Leiden, über die sich ihm ein Schleier breitet, hat er wirklich
-durchmachen müssen in ihrer ganzen Stärke, und er setzt sie somit
-in das Kontobuch seines Lebens thatsächlich falsch ein. Um zu einem
-richtigen Urteile zu kommen, müßte der Ehrgeizige für den Moment seiner
-Betrachtung sich seines Ehrgeizes entledigen. Er müßte ohne Gläser vor
-seinem geistigen Auge sein bisher abgelaufenes Leben betrachten. Er
-gleicht sonst dem Kaufmanne, der beim Abschluß seiner Bücher seinen
-Geschäftseifer mit auf die Einnahmeseite setzt.
-
-Hartmann geht aber noch weiter. Er sagt: Der Ehrgeizige muß sich
-auch klar machen, daß die Anerkennungen, nach denen er jagt,
-wertlose Dinge sind. Er muß selbst zur Einsicht kommen, oder von
-andern dazu gebracht werden, daß einem vernünftigen Menschen an der
-Anerkennung von Seite der Menschen nichts liegen könne, da man ja "in
-allen solchen Sachen, die nicht Lebensfragen der Entwicklung, oder
-gar von der Wissenschaft schon endgültig gelöst sind", immer darauf
-schwören kann, "daß die Majoritäten Unrecht und die Minoritäten Recht
-haben." "Einem solchen Urteile giebt derjenige sein Lebensglück in
-die Hände, welcher den Ehrgeiz zu seinem Leitstern macht." (Phil. des
-Unbew. II. Bd. S. 332.) Wenn sich der Ehrgeizige das alles sagt, dann
-muß er alles als eine Illusion bezeichnen, was er durch seinen Ehrgeiz
-erreicht hat, folglich auch die Gefühle, die sich an die entsprechende
-Befriedigung seines Ehrgeizes knüpfen. Aus diesem Grunde sagt Hartmann:
-es muß auch noch das aus dem Konto der Lebenswerte gestrichen werden,
-was sich an unseren Lustgefühlen als Illusion ergiebt; was dann übrig
-bleibt, stelle die Lustsumme des Lebens dar, und diese sei gegen die
-Unlustsumme so klein, daß das Leben kein Genuß, und Nichtsein dem
-Sein vorzuziehen sei.
-
-Aber während es unmittelbar einleuchtend ist, daß die durch Einmischung
-des ehrgeizigen Triebes bewirkte Täuschung bei Aufstellung der
-Lustbilanz ein falsches Resultat bewirkt, muß das von der Erkenntnis
-des illusorischen Charakters der Gegenstände der Lust Gesagte
-jedoch bestritten werden. Ein Ausscheiden aller an wirkliche oder
-vermeintliche Illusionen sich knüpfenden Lustgefühle von der Lustbilanz
-des Lebens würde die letztere geradezu verfälschen. Denn der Ehrgeizige
-hat über die Anerkennung der Menge wirklich seine Freude gehabt, ganz
-gleichgültig, ob er selbst später, oder ein anderer diese Anerkennung
-als Illusion erkennt. Damit wird die genossene freudige Empfindung
-nicht um das Geringste kleiner gemacht. Die Ausscheidung aller solchen
-"illusorischen" Gefühle aus der Lebensbilanz stellt nicht etwa unser
-Urteil über die Gefühle richtig, sondern löscht wirklich vorhandene
-Gefühle aus dem Leben aus.
-
-Und warum sollen diese Gefühle ausgeschieden werden? Weil sie sich
-an Gegenstände heften, die sich als Illusionen entpuppen. Dabei ist
-also der Wert des Lebens nicht von der Menge der Lust, sondern von der
-Qualität der Lust und diese von dem Werte der die Lust verursachenden
-Dinge abhängig gemacht. Wenn ich den Wert des Lebens aber erst aus der
-Menge der Lust oder Unlust bestimmen will, das es mir bringt, dann
-darf ich nicht etwas anderes voraussetzen, wodurch ich erst wieder
-den Wert oder Unwert der Lust bestimme. Wenn ich sage: ich will die
-Lustmenge mit der Unlustmenge vergleichen und sehen, welche größer ist,
-dann muß ich auch alle Lust und Unlust in ihren wirklichen Größen
-in Rechnung bringen, ganz abgesehen davon, ob ihnen eine Illusion
-zum Grunde liegt oder nicht. Wer einer auf Illusion beruhenden Lust
-einen geringeren Wert für das Leben zuschreibt, als einer solchen,
-die sich vor der Vernunft rechtfertigen läßt, der macht eben den Wert
-des Lebens noch von anderen Faktoren abhängig als von der Lust.
-
-Wer, gleich Eduard von Hartmann, die Lust deshalb geringer
-veranschlägt, weil sie sich an einen eitlen Gegenstand knüpft,
-der gleicht einem Kaufmanne, der das bedeutende Erträgnis einer
-Spielwarenfabrik deshalb mit dem Viertel des Betrages in sein Konto
-einsetzt, weil in derselben Gegenstände zur Tändelei für Kinder
-produziert werden.
-
-Wenn es sich bloß darum handelt, die Lust- und Unlustmenge
-gegeneinander abzuwägen, dann ist also der illusorische Charakter der
-Gegenstände gewisser Lustempfindungen völlig aus dem Spiele zu lassen.
-
-Der von Hartmann empfohlene Weg: vernünftiger Betrachtung der vom
-Leben erzeugten Lust- und Unlustmenge, hat uns also bisher so weit
-geführt, daß wir wissen, wie wir die Rechnung aufzustellen haben,
-was wir auf die eine, was auf die andere Seite unseres Kontobuches
-zu setzen haben. Wie soll aber nun die Rechnung gemacht werden? Ist
-die Vernunft auch geeignet, die Bilanz zu bestimmen?
-
-Der Kaufmann hat in seiner Rechnung einen Fehler gemacht, wenn der
-berechnete Gewinn sich mit den durch das Geschäft nachweislich
-genossenen oder noch zu genießenden Gütern nicht deckt. Auch
-der Philosoph wird unbedingt einen Fehler in seiner Beurteilung
-gemacht haben, wenn er den etwa ausgeklügelten Überschuß an Lust,
-beziehungsweise Unlust in der Empfindung nicht nachweisen kann.
-
-Ich will vorläufig die Rechnung der auf vernunftgemäße Weltbetrachtung
-sich stützenden Pessimisten nicht kontrollieren: wer aber sich
-entscheiden soll, ob er das Lebensgeschäft weiter führen soll oder
-nicht, der wird erst den Nachweis verlangen, wo der berechnete
-Überschuß an Unlust steckt?
-
-Hiermit haben wir den Punkt berührt, wo die Vernunft nicht in der
-Lage ist, den Überschuß an Lust oder Unlust allein von sich aus zu
-bestimmen, sondern wo sie diesen Überschuß im Leben als Wahrnehmung
-zeigen muß. Nicht in dem Begriff allein, sondern in dem durch das
-Denken vermittelten Ineinandergreifen von Begriff und Wahrnehmung
-(und Gefühl ist Wahrnehmung) ist dem Menschen das Wirkliche erreichbar
-(vergl. S. 86 ff.). Der Kaufmann wird ja auch sein Geschäft erst dann
-aufgeben, wenn der von seinem Buchhalter berechnete Verlust an Gütern
-sich durch die Thatsachen bestätigt. Wenn das nicht der Fall ist,
-dann läßt er den Buchhalter die Rechnung nochmals machen. Genau in
-derselben Weise wird es der im Leben stehende Mensch machen. Wenn
-der Philosoph ihm beweisen will, daß die Unlust weit größer ist
-als die Lust, er jedoch das nicht empfindet, dann wird er sagen:
-du hast dich in deinem Grübeln geirrt, denke die Sache nochmals
-durch. Sind aber in einem Geschäfte zu einem bestimmten Zeitpunkte
-wirklich solche Verluste vorhanden, daß kein Kredit mehr ausreicht,
-um die Gläubiger zu befriedigen, so tritt auch dann der Bankerott ein,
-wenn der Kaufmann es vermeidet, durch Führung der Bücher Klarheit über
-seine Angelegenheiten zu haben. Ebenso müßte es, wenn das Unlustquantum
-bei einem Menschen in einem bestimmten Zeitpunkte so groß würde,
-daß keine Hoffnung (Kredit) auf künftige Lust ihn über den Schmerz
-hinwegsetzen könnte, zum Bankerott des Lebensgeschäftes führen.
-
-Nun ist aber die Zahl der Selbstmörder doch eine relativ geringe
-im Verhältnis zu der Menge derjenigen, die mutig weiter leben. Die
-wenigsten Menschen stellen das Lebensgeschäft der vorhandenen Unlust
-willen ein. Was folgt daraus? Entweder, daß es nicht richtig ist,
-zu sagen, die Unlustmenge sei größer als die Lustmenge, oder daß wir
-unser Weiterleben gar nicht von der empfundenen Lust- oder Unlustmenge
-abhängig machen.
-
-Auf eine ganz eigenartige Weise kommt der Pessimismus
-Ed. v. Hartmanns dazu, das Leben wertlos zu erklären, weil darinnen
-der Schmerz überwiegt, und doch die Notwendigkeit zu behaupten, es
-durchzumachen. Diese Notwendigkeit liegt darin, daß der oben (S. 194)
-angegebene Weltzweck nur durch rastlose, hingebungsvolle Arbeit der
-Menschen erreicht werden kann. So lange aber die Menschen noch ihren
-egoistischen Gelüsten nachgehen, sind sie zu solcher selbstlosen Arbeit
-untauglich. Erst wenn sie sich durch Erfahrung und Vernunft überzeugt
-haben, daß die vom Egoismus erstrebten Lebensgenüsse nicht erlangt
-werden können, widmen sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe. Auf
-diese Weise soll die pessimistische Überzeugung der Quell der
-Selbstlosigkeit sein. Eine Erziehung auf Grund des Pessimismus soll
-den Egoismus dadurch ausrotten, daß sie ihm seine Aussichtslosigkeit
-vor Augen stellt.
-
-Nach dieser Ansicht liegt also das Streben nach Lust ursprünglich in
-der Menschennatur begründet. Nur aus Einsicht in die Unmöglichkeit der
-Erfüllung dankt dieses Streben zu Gunsten höherer Menschheitsaufgaben
-ab.
-
-Von der sittlichen Weltanschauung, die von der Anerkennung des
-Pessimismus die Hingabe an unegoistische Lebensziele erhofft, kann
-nicht gesagt werden, daß sie den Egoismus im wahren Sinne des Wortes
-überwinde. Die sittlichen Ideale sollen erst dann stark genug sein,
-sich des Willens zu bemächtigen, wenn der Mensch eingesehen hat,
-daß das selbstsüchtige Streben nach Lust zu keiner Befriedigung
-führen kann. Der Mensch, dessen Selbstsucht nach den Trauben der
-Lust begehrt, findet sie sauer, weil er sie nicht erreichen kann: er
-geht von ihnen und widmet sich einem selbstlosen Lebenswandel. Die
-sittlichen Ideale sind, nach der Meinung der Pessimisten, nicht
-stark genug, den Egoismus zu überwinden; aber sie errichten ihre
-Herrschaft auf dem Boden, den ihnen vorher die Erkenntnis von der
-Aussichtslosigkeit der Selbstsucht frei gemacht hat.
-
-Wenn die Menschen ihrer Naturanlage nach die Lust erstreben, sie aber
-unmöglich erreichen können, dann ist Vernichtung des Daseins und
-Erlösung durch das Nichtsein das einzig vernünftige Ziel. Und wenn
-man der Ansicht ist, daß der eigentliche Träger des Weltschmerzes Gott
-ist, so müssen die Menschen es sich zur Aufgabe machen, die Erlösung
-Gottes herbeizuführen. Durch den Selbstmord des einzelnen wird die
-Erreichung dieses Zieles nicht gefördert, sondern beeinträchtigt. Gott
-kann vernünftigerweise die Menschen nur geschaffen haben, damit
-sie durch ihr Handeln seine Erlösung herbeiführen. Sonst wäre die
-Schöpfung zwecklos. Jeder muß in dem allgemeinen Erlösungswerke
-seine bestimmte Arbeit verrichten. Entzieht er sich derselben durch
-den Selbstmord, so muß die ihm zugedachte Arbeit von einem andern
-verrichtet werden. Dieser muß statt ihm die Daseinsqual ertragen. Und
-da in jedem Wesen Gott steckt als der eigentliche Schmerzträger, so
-hat der Selbstmörder die Menge des Gottesschmerzes nicht im geringsten
-vermindert, vielmehr Gott die neue Schwierigkeit auferlegt, für ihn
-einen Ersatzmann zu schaffen.
-
-Dies alles setzt voraus, daß die Lust ein Wertmaßstab für das
-Leben sei. Das Leben äußert sich durch eine Summe von Trieben
-(Bedürfnissen). Wenn der Wert des Lebens davon abhinge, ob es mehr
-Lust oder Unlust bringt, dann ist ein Trieb als wertlos zu bezeichnen,
-der seinem Träger einen Überschuß der letztern einträgt. Wir wollen
-einmal Trieb und Lust daraufhin ansehen, ob der erste durch die zweite
-gemessen werden kann. Um nicht den Verdacht zu erwecken, das Leben
-erst mit der Sphäre der "Geistesaristokratie" anfangen zu lassen,
-beginnen wir mit einem "rein tierischen" Bedürfnis, dem Hunger.
-
-Der Hunger entsteht, wenn unsere Organe ohne neue Stoffzufuhr nicht
-weiter funktionieren können. Was der Hungrige zunächst erstrebt,
-ist die Sättigung. Sobald die Nahrungszufuhr in dem Maße erfolgt ist,
-daß der Hunger aufhört, ist alles erreicht, was der Ernährungstrieb
-erstrebt. Der Genuß, der sich an die Sättigung knüpft, besteht fürs
-erste in der Beseitigung des Schmerzes, den der Hunger bereitet. Zu
-dem bloßen Ernährungstriebe tritt ein anderes Bedürfnis. Der
-Mensch will durch die Nahrungsaufnahme nicht bloß seine gestörten
-Organfunktionen wieder in Ordnung bringen, beziehungsweise den Schmerz
-des Hungers überwinden: er sucht dies auch unter Begleitung angenehmer
-Geschmacksempfindungen zu bewerkstelligen. Wenn er Hunger hat und
-eine halbe Stunde vor einer genußreichen Mahlzeit steht, vermeidet
-er es, durch minderwertige Kost, die ihn früher befriedigen könnte,
-sich die Lust für das bessere zu verderben. Er braucht den Hunger,
-um von seiner Mahlzeit den vollen Genuß zu haben. Dadurch wird ihm
-der Hunger zugleich zum Veranlasser der Lust. Wenn nun aller in der
-Welt vorhandene Hunger gestillt werden könnte, dann ergäbe sich die
-volle Genußmenge, die dem Vorhandensein des Nahrungsbedürfnisses zu
-verdanken ist. Hinzuzurechnen wäre noch der besondere Genuß, den
-Leckermäuler durch eine über das Gewöhnliche hinausgehende Kultur
-ihrer Geschmacksnerven erzielen.
-
-Den denkbar größten Wert hätte diese Genußmenge, wenn kein auf die in
-Betracht kommende Genußart hinzielendes Bedürfnis unbefriedigt bliebe,
-und wenn mit dem Genuß nicht zugleich eine gewisse Menge Unlust in
-den Kauf genommen werden müßte.
-
-Die moderne Naturwissenschaft ist der Ansicht, daß die Natur mehr Leben
-erzeugt, als sie erhalten kann, d. i. auch mehr Hunger hervorbringt,
-als sie zu befriedigen in der Lage ist. Der Überschuß an Leben,
-der erzeugt wird, muß unter Schmerzen im Kampf ums Dasein zu Grunde
-gehen. Zugegeben: die Lebensbedürfnisse seien in jedem Augenblicke
-des Weltgeschehens größer als den vorhandenen Befriedigungsmitteln
-entspricht, und der Lebensgenuß werde dadurch beeinträchtigt. Der
-wirklich vorhandene Lebensgenuß wird aber nicht um das geringste
-kleiner gemacht. Wo Befriedigung des Begehrens eintritt, da
-ist die entsprechende Genußmenge vorhanden, auch wenn es in dem
-begehrenden Wesen selbst oder in andern daneben eine reiche Zahl
-unbefriedigter Triebe giebt. Was aber dadurch vermindert wird, ist
-der Wert des Lebensgenusses. Wenn nur ein Teil der Bedürfnisse eines
-Lebewesens Befriedigung findet, so hat es einen dem entsprechenden
-Genuß. Dieser hat einen um so geringeren Wert, je kleiner er ist im
-Verhältnis zur Gesamtforderung des Lebens im Gebiete der in Frage
-kommenden Begierden. Man kann sich diesen Wert durch einen Bruch
-dargestellt denken, dessen Zähler der wirklich vorhandene Genuß
-und dessen Nenner die Bedürfnissumme ist. Der Bruch hat den Wert 1,
-wenn Zähler und Nenner gleich sind, d. h. wenn alle Bedürfnisse auch
-befriedigt werden. Er wird größer als 1, wenn in einem Lebewesen
-mehr Lust vorhanden ist, als seine Begierden fordern; und er ist
-kleiner als 1, wenn die Genußmenge hinter der Summe der Begierden
-zurückbleibt. Der Bruch kann aber nie Null werden, solange der Zähler
-auch nur den geringsten Wert hat. Wenn ein Mensch vor seinem Tode
-den Rechnungsabschluß machte, und die auf einen bestimmten Trieb
-(z. B. den Hunger) kommende Menge des Genusses sich über das ganze
-Leben mit allen Forderungen dieses Triebes verteilt dächte, so hätte
-die erlebte Lust vielleicht nur einen geringen Wert; wertlos aber
-kann sie nie werden. Bei gleichbleibender Genußmenge nimmt mit der
-Vermehrung der Bedürfnisse eines Lebewesens der Wert der Lebenslust
-ab. Ein Gleiches gilt für die Summe alles Lebens in der Natur. Je
-größer die Zahl der Lebewesen ist im Verhältnis zu der Zahl derer,
-die volle Befriedigung ihrer Triebe finden können, desto geringer
-ist der durchschnittliche Lustwert des Lebens. Die Wechsel auf den
-Lebensgenuß, die uns in unseren Trieben ausgestellt sind, werden
-eben billiger, wenn man nicht hoffen kann, sie für den vollen Betrag
-einzulösen. Wenn ich drei Tage lang genug zu essen habe, und dafür
-dann weitere drei Tage hungern muß, so wird der Genuß an den drei
-Eßtagen dadurch nicht geringer. Aber ich muß mir ihn dann auf sechs
-Tage verteilt denken, wodurch sein Wert für meinen Ernährungstrieb
-auf die Hälfte herabgemindert wird. Ebenso verhält es sich mit der
-Größe der Lust im Verhältnis zum Grade meines Bedürfnisses. Wenn
-ich Hunger für zwei Butterbrode habe, und nur eines bekommen kann,
-so hat der aus dem einen gezogene Genuß nur die Hälfte des Wertes,
-den er haben würde, wenn ich nach der Aufzehrung satt wäre. Dies ist
-die Art, wie im Leben der Wert einer Lust bestimmt wird. Sie wird
-bemessen an den Bedürfnissen des Lebens. Unsere Begierden sind der
-Maßstab; die Lust ist das Gemessene. Der Sättigungsgenuß erhält nur
-dadurch einen Wert, daß Hunger vorhanden ist; und er erhält einen
-Wert von bestimmter Größe durch das Verhältnis, in dem er zu der
-Größe des vorhandenen Hungers steht.
-
-Unerfüllte Forderungen unseres Lebens werfen ihre Schatten auch auf
-die befriedigten Begierden und beeinträchtigen den Wert genußreicher
-Stunden. Man kann aber auch von dem gegenwärtigen Wert eines
-Lustgefühles sprechen. Dieser Wert ist um so geringer, je kleiner
-die Lust im Verhältnis zur Dauer und Stärke unserer Begierde ist.
-
-Vollen Wert hat für uns eine Lustmenge, die an Dauer und Grad genau
-mit unserer Begierde übereinstimmt. Eine, gegenüber unserem Begehren
-kleinere Lustmenge vermindert den Lustwert; eine größere erzeugt
-einen nicht verlangten Überschuß, der nur solange als Lust empfunden
-wird, als wir während des Genießens unsere Begierde zu steigern
-vermögen. Sind wir nicht imstande, in der Steigerung unseres Verlangens
-mit der zunehmenden Lust gleichen Schritt zu halten, so verwandelt
-sich die Lust in Unlust. Der Gegenstand, der uns sonst befriedigen
-würde, stürmt auf uns ein, ohne daß wir es wollen, und wir leiden
-darunter. Dies ist ein Beweis dafür, daß die Lust nur solange für uns
-einen Wert hat, als wir sie an unserer Begierde messen können. Ein
-Übermaß von angenehmem Gefühl schlägt in Schmerz um. Wir können das
-besonders bei Menschen beobachten, deren Verlangen nach irgend einer
-Art von Lust sehr gering ist. Leuten, deren Nahrungstrieb abgestumpft
-ist, wird das Essen leicht zum Ekel. Auch daraus geht hervor, daß
-die Begierde der Wertmesser der Lust ist.
-
-Nun kann der Pessimismus sagen: der unbefriedigte Nahrungstrieb
-bringe nicht nur die Unlust über den entbehrten Genuß, sondern
-positive Schmerzen, Qual und Elend in die Welt. Er kann sich hierbei
-berufen auf das namenlose Elend der von Nahrungssorgen heimgesuchten
-Menschen; auf die Summe von Unlust, die solchen Menschen mittelbar
-aus dem Nahrungsmangel erwächst. Und wenn er seine Behauptung auch
-auf die außermenschliche Natur anwenden will, kann er hinweisen auf
-die Qualen der Tiere, die in gewissen Jahreszeiten aus Nahrungsmangel
-verhungern. Von diesen Übeln behauptet der Pessimist, daß sie die durch
-den Nahrungstrieb in die Welt gesetzte Genußmenge reichlich überwiegen.
-
-Es ist ja zweifellos, daß man Lust und Unlust miteinander vergleichen
-und den Überschuß der einen oder der andern bestimmen kann, wie das
-bei Gewinn und Verlust geschieht. Wenn aber der Pessimismus glaubt,
-aus dem Umstande, daß auf Seite der Unlust sich ein Überschuß ergiebt,
-auf die Wertlosigkeit des Lebens schließen zu können, so ist er
-insofern im Irrtum, als er eine Rechnung macht, die im wirklichen
-Leben nicht ausgeführt wird.
-
-Unsere Begierde richtet sich im einzelnen Falle auf einen bestimmten
-Gegenstand. Der Lustwert der Befriedigung wird, wie wir gesehen haben,
-um so größer sein, je größer die Lustmenge im Verhältnis zur Größe
-unseres Begehrens ist [6]. Von der Größe unseres Begehrens hängt
-es aber auch ab, wie groß die Menge der Unlust ist, die wir mit
-in Kauf nehmen wollen, um die Lust zu erreichen. Wir vergleichen
-die Menge der Unlust nicht mit der der Lust, sondern mit der Größe
-unserer Begierde. Wer große Freude am Essen hat, der wird wegen
-des Genusses in besseren Zeiten sich leichter über eine Periode
-des Hungerns hinweghelfen, als ein anderer, dem diese Freude an der
-Befriedigung des Nahrungstriebes fehlt. Das Weib, das ein Kind haben
-will, vergleicht nicht die Lust, die ihm aus dessen Besitz erwächst,
-mit den Unlustmengen, die aus Schwangerschaft, Kindbett, Kinderpflege
-u. s. w. sich ergeben, sondern mit seiner Begierde nach dem Besitz
-des Kindes.
-
-Wir erstreben niemals eine abstrakte Lust von bestimmter Größe, sondern
-die konkrete Befriedigung in einer ganz bestimmten Weise. Wenn wir
-nach einem bestimmten Gegenstand oder einer bestimmten Empfindung
-streben, so können wir nicht dadurch befriedigt werden, daß uns ein
-anderer Gegenstand oder eine andere Empfindung zu teil wird, die uns
-eine Lust von gleicher Größe bereitet. Wer nach Sättigung strebt,
-dem kann man die Lust an derselben nicht durch eine gleich große,
-aber durch einen Spaziergang erzeugte ersetzen. Nur wenn unsere
-Begierde ganz allgemein nach einem bestimmten Lustquantum strebte,
-dann müßte sie sofort verstummen, wenn diese Lust nicht ohne ein sie
-an Größe überragendes Unlustquantum zu erreichen wäre. Da aber die
-Befriedigung auf eine bestimmte Art erstrebt wird, so tritt die Lust
-mit der Erfüllung auch dann ein, wenn mit ihr eine sie überwiegende
-Unlust in Kauf genommen werden muß. Dadurch, daß sich die Triebe der
-Lebewesen in einer bestimmten Richtung bewegen und auf ein konkretes
-Ziel losgehen, hört die Möglichkeit auf, die auf dem Wege zu diesem
-Ziele sich entgegenstellende Unlustmenge als gleichgeltenden Faktor
-mit in Rechnung zu bringen. Wenn die Begierde nur stark genug ist,
-um nach Überwindung der Unlust -- und sei sie absolut genommen noch
-so groß -- noch in irgend einem Grade vorhanden zu sein, so kann
-die Lust an der Befriedigung doch noch in voller Größe durchgekostet
-werden. Die Begierde bringt also die Unlust nicht direkt in Beziehung
-zu der erreichten Lust, sondern indirekt, indem sie ihre eigene Größe
-(im Verhältnis) zu der der Unlust in eine Beziehung bringt. Nicht
-darum handelt es sich, ob die zu erreichende Lust oder Unlust größer
-ist, sondern darum, ob die Begierde nach dem erstrebten Ziele oder
-der Widerstand der entgegentretenden Unlust größer ist. Ist dieser
-Widerstand größer als die Begierde, dann ergiebt sich die letztere
-in das Unvermeidliche, erlahmt, und strebt nicht weiter. Dadurch,
-daß Befriedigung in einer bestimmten Art verlangt wird, gewinnt die
-mit ihr zusammenhängende Lust eine Bedeutung, die es ermöglicht,
-nach eingetretener Befriedigung das notwendige Unlustquantum
-nur insofern in die Rechnung einzustellen, als es das Maß unserer
-Begierde verringert hat. Wenn ich ein leidenschaftlicher Freund von
-Fernsichten bin, so berechne ich niemals: wie viel Lust macht mir
-der Blick von dem Berggipfel aus direkt verglichen mit der Unlust des
-mühseligen Auf- und Abstiegs. Ich überlege aber: ob nach Überwindung
-der Schwierigkeiten meine Begierde nach der Fernsicht noch lebhaft
-genug sein wird. Nur mittelbar durch die Größe der Begierde können
-Lust und Unlust zusammen ein Ergebnis liefern. Es fragt sich also gar
-nicht, ob Lust oder Unlust im Übermaße vorhanden ist, sondern ob das
-Wollen der Lust stark genug ist, die Unlust zu überwinden.
-
-Ein Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung ist der Umstand,
-daß der Wert der Lust höher angeschlagen wird, wenn sie durch
-große Unlust erkauft werden muß, als dann, wenn sie uns gleichsam
-wie ein Geschenk des Himmels in den Schoß fällt. Wenn Leiden und
-Qualen unsere Begierde herabgestimmt haben, und dann das Ziel doch
-noch erreicht wird, dann ist eben die Lust im Verhältnis zu dem
-noch übriggebliebenen Quantum der Begierde um so größer. Dieses
-Verhältnis stellt aber, wie ich gezeigt habe, den Wert der Lust dar
-(vergl. S. 209). Ein weiterer Beweis ist dadurch gegeben, daß die
-Lebewesen (einschließlich des Menschen) ihre Triebe solange zur
-Entfaltung bringen, als sie imstande sind, die entgegenstehenden
-Schmerzen und Qualen zu ertragen. Und der Kampf ums Dasein ist nur die
-Folge dieser Thatsache. Das vorhandene Leben strebt nach Entfaltung,
-und nur derjenige Teil giebt den Kampf auf, dessen Begierden durch die
-Gewalt der sich auftürmenden Schwierigkeiten erstickt werden. Jedes
-Lebewesen sucht solange nach Nahrung, bis der Nahrungsmangel sein Leben
-zerstört. Und auch der Mensch legt erst Hand an sich selber, wenn er
-(mit Recht oder Unrecht) glaubt, die ihm erstrebenswerten Lebensziele
-nicht erreichen zu können. Solange er aber noch an die Möglichkeit
-glaubt, das nach seiner Ansicht Erstrebenswerte zu erreichen, kämpft
-er gegen alle Qualen und Schmerzen an. Die Philosophie müßte dem
-Menschen erst die Meinung beibringen, daß Wollen nur dann einen
-Sinn hat, wenn die Lust größer als die Unlust ist; seiner Natur
-nach will er die Gegenstände seines Begehrens erreichen, wenn er
-die dabei notwendig werdende Unlust ertragen kann, sei sie dann
-auch noch so groß. Eine solche Philosophie wäre aber irrtümlich,
-weil sie das menschliche Wollen von einem Umstande abhängig macht
-(Überschuß der Lust über die Unlust), der dem Menschen ursprünglich
-fremd ist. Der ursprüngliche Maßstab des Wollens ist die Begierde,
-und diese setzt sich durch, solange sie kann. Wenn ich gezwungen
-bin, beim Einkaufe eines bestimmten Quantums Äpfel doppelt so viele
-schlechte als gute mitzunehmen -- weil der Verkäufer seinen Platz
-frei bekommen will -- so werde ich mich keinen Moment besinnen, die
-schlechten Äpfel mitzunehmen, wenn ich den Wert der geringeren Menge
-guter für mich so hoch veranschlagen darf, daß ich zu dem Kaufpreis
-auch noch die Auslagen für Hinwegschaffung der schlechten Ware auf
-mich nehmen will. Dies Beispiel veranschaulicht die Beziehung zwischen
-den durch einen Trieb bereiteten Lust- und Unlustmengen. Ich bestimme
-den Wert der guten Äpfel nicht dadurch, daß ich ihre Summe von der
-der schlechten subtrahiere, sondern darnach, ob die ersteren trotz
-des Vorhandenseins der letztern noch einen Wert behalten.
-
-Ebenso wie ich bei dem Genuß der guten Äpfel die schlechten
-unberücksichtigt lasse, so gebe ich mich der Befriedigung einer
-Begierde hin, nachdem ich die notwendigen Qualen abgeschüttelt habe.
-
-Wenn der Pessimismus auch Recht hätte mit seiner Behauptung, daß in
-der Welt mehr Unlust als Lust vorhanden ist: auf das Wollen wäre das
-ohne Einfluß, denn die Lebewesen streben nach der übrigbleibenden Lust
-doch. Der empirische Nachweis, daß der Schmerz die Freude überwiegt,
-ist zwar geeignet die Aussichtslosigkeit jener philosophischen
-Richtung zu zeigen, die den Wert des Lebens in dem Überschuß der
-Lust sieht (Eudämonismus), nicht aber das Wollen überhaupt als
-unvernünftig hinzustellen; denn dieses geht nicht auf einen Überschuß
-von Lust, sondern auf die nach Abzug der Unlust noch übrigbleibende
-Lustmenge. Diese erscheint noch immer als ein erstrebenswertes Ziel.
-
-Man hat den Pessimismus dadurch zu widerlegen versucht, daß man
-behauptete, es sei unmöglich, den Überschuß von Lust oder Unlust
-in der Welt auszurechnen. Die Möglichkeit einer jeden Berechnung
-beruht darauf, daß die in Rechnung zu stellenden Dinge ihrer
-Größe nach miteinander verglichen werden können. Nun hat jede
-Unlust und jede Lust eine bestimmte Größe (Stärke und Dauer). Auch
-Lustempfindungen verschiedener Art können wir ihrer Größe nach
-wenigstens schätzungsweise vergleichen. Wir wissen, ob uns eine
-gute Cigarre oder ein guter Witz mehr Vergnügen macht. Gegen die
-Vergleichbarkeit verschiedener Lust- und Unlustsorten, ihrer Größe
-nach, läßt sich somit nichts einwenden. Und der Forscher, der es sich
-zur Aufgabe macht, den Lust- oder Unlustüberschuß in der Welt zu
-bestimmen, geht von durchaus berechtigten Voraussetzungen aus. Man
-kann die Irrtümlichkeit der pessimistischen Resultate behaupten,
-aber man darf die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Abschätzung
-der Lust- und Unlustmengen und damit die Bestimmung der Lustbilanze
-nicht anzweifeln. Unrichtig aber ist es, wenn behauptet wird, daß
-aus dem Ergebnisse dieser Rechnung für das menschliche Wollen etwas
-folge. Die Fälle, wo wir den Wert unserer Bethätigung wirklich davon
-abhängig machen, ob die Lust oder die Unlust einen Überschuß zeigt,
-sind die, in denen uns die Gegenstände, auf die unser Thun sich
-richtet, gleichgültig sind. Wenn es sich mir darum handelt, nach
-meiner Arbeit mir ein Vergnügen durch ein Spiel oder eine leichte
-Unterhaltung zu bereiten, und es mir völlig gleichgültig ist, was ich
-zu diesem Zwecke thue, so frage ich mich: was bringt mir den größten
-Überschuß an Lust. Und ich unterlasse eine Bethätigung unbedingt,
-wenn sich die Wage nach der Unlustseite hin neigt. Bei einem Kinde,
-dem wir ein Spielzeug kaufen wollen, denken wir bei der Wahl nach,
-was ihm die meiste Freude bereitet. In allen anderen Fällen bestimmen
-wir uns nicht ausschließlich nach der Lustbilanze.
-
-Wenn also die pessimistischen Ethiker der Ansicht sind, durch den
-Nachweis, daß die Unlust in größerer Menge vorhanden ist als die
-Lust, den Boden für die selbstlose Hingabe an die Kulturarbeit zu
-bereiten, so bedenken sie nicht, daß sich das menschliche Wollen
-seiner Natur nach von dieser Erkenntnis nicht beeinflussen läßt. Das
-Streben der Menschen richtet sich nach dem Maße der nach Überwindung
-aller Schwierigkeiten möglichen Befriedigung. Die Hoffnung auf diese
-Befriedigung ist der Grund der menschlichen Bethätigung. Die Arbeit
-jedes einzelnen und die ganze Kulturarbeit entspringt aus dieser
-Hoffnung. Die pessimistische Ethik glaubt dem Menschen die Jagd
-nach dem Glücke als eine unmögliche hinstellen zu müssen, damit
-er sich seinen eigentlichen sittlichen Aufgaben widme. Aber diese
-sittlichen Aufgaben sind nichts anderes als die konkreten natürlichen
-und geistigen Triebe; und die Befriedigung derselben wird angestrebt
-trotz der Unlust, die dabei abfällt. Die Jagd nach dem Glücke, die
-der Pessimismus ausrotten will, ist also gar nicht vorhanden. Die
-Aufgaben aber, die der Mensch zu vollbringen hat, vollbringt er, weil
-er sie kraft seines Wesens vollbringen will. Die pessimistische Ethik
-behauptet, der Mensch könne erst dann sich dem hingeben, was er als
-seine Lebensaufgabe erkennt, wenn er das Streben nach Lust aufgegeben
-hat. Keine Ethik aber kann je andere Lebensaufgaben ersinnen als
-die Verwirklichung der von den menschlichen Begierden geforderten
-Befriedigungen und die Erfüllung seiner sittlichen Ideale. Keine
-Ethik kann ihm die Lust nehmen, die er an dieser Erfüllung des von
-ihm Begehrten hat. Wenn der Pessimist sagt: strebe nicht nach Lust,
-denn du kannst sie nie erreichen; strebe nach dem, was du als deine
-Aufgabe erkennst, so ist darauf zu erwidern: das ist Menschenart,
-und es ist die Erfindung einer auf Irrwegen wandelnden Philosophie,
-wenn behauptet wird, der Mensch strebe bloß nach dem Glücke. Er
-strebt nach Befriedigung dessen, was sein Wesen begehrt, und die
-Erfüllung ist ihm eine Lust. Was die pessimistische Ethik verlangt:
-nicht Streben nach Lust, sondern nach Erreichung dessen, was du als
-deine Lebensaufgabe erkennst, so trifft sie damit dasjenige, was der
-Mensch seinem Wesen nach will. Der Mensch braucht durch die Philosophie
-nicht erst umgekrempelt zu werden, er braucht seine Natur nicht erst
-abzuwerfen, um sittlich zu sein. Sittlichkeit ist Streben nach einem
-Ziel, solange die damit verknüpfte Unlust die Begierde darnach nicht
-lähmt. Und dieses ist das Wesen alles wirklichen Wollens. Die Ethik
-beruht nicht auf der Ausrottung alles Strebens nach Lust, damit die
-bleichsüchtigen sittlichen Ideen ihre Herrschaft da aufschlagen können,
-wo ihnen keine starke Sehnsucht nach Lebensgenuß entgegensteht,
-sondern auf dem starken Wollen, das sein Ziel erreicht, auch wenn
-der Weg dazu ein dornenvoller ist.
-
-Die sittlichen Ideale entspringen aus der moralischen Phantasie
-des Menschen. Ihre Verwirklichung hängt davon ab, daß sie von dem
-Menschen stark genug begehrt werden, um Schmerzen und Qualen zu
-überwinden. Sie sind seine Intuitionen, die Triebfedern, die sein
-Geist spannt, er will sie, weil ihre Verwirklichung seine höchste
-Lust ist. Er hat es nicht nötig, sich von der Ethik erst verbieten
-zu lassen, daß er nach Lust strebe, um sich dann gebieten zu lassen,
-wonach er streben soll. Er wird nach sittlichen Idealen streben,
-wenn seine moralische Phantasie thätig genug ist, um ihm Intuitionen
-einzugeben, die seinem Wollen die Stärke verleihen, sich durchzusetzen.
-
-Wer nach Idealen von hehrer Größe strebt, der thut es, weil sie der
-Inhalt seines Wollens sind, und die Verwirklichung wird ihm ein Genuß
-sein, gegen den die Lust, welche die Armseligkeit aus der Befriedigung
-der alltäglichen Triebe zieht, eine Kleinigkeit ist. Idealisten
-schwelgen bei der Umsetzung ihrer Ideale in Wirklichkeit.
-
-Wer die Lust an der Befriedigung des menschlichen Begehrens ausrotten
-will, muß den Menschen erst zum Sklaven machen, der nicht handelt,
-weil er will, sondern weil er soll. Denn die Erreichung des Gewollten
-macht Lust. Was man das Gute nennt, ist nicht das, was der Mensch
-soll, sondern das, was er will, wenn er die volle Menschennatur zur
-Entfaltung bringt. Wer dies nicht anerkennt, der muß dem Menschen erst
-das austreiben, was er will, und ihm dann von außen das vorschreiben
-lassen, was er seinem Wollen zum Inhalt zu geben hat.
-
-Der Mensch verleiht der Erfüllung einer Begierde einen Wert, weil sie
-aus seinem Wesen entspringt. Das Erreichte hat seinen Wert, weil es
-gewollt ist. Spricht man dem Ziel des menschlichen Wollens als solchen
-seinen Wert ab, dann muß man die wertvollen Ziele von etwas nehmen,
-das der Mensch nicht will.
-
-Die auf den Pessimismus sich aufbauende Ethik entspringt aus
-der Mißachtung der moralischen Phantasie. Wer den individuellen
-Menschengeist nicht für fähig hält, sich selbst den Inhalt seines
-Strebens zu geben, nur der kann die Summe des Wollens in der Sehnsucht
-nach Lust suchen. Der phantasielose Mensch schafft keine sittlichen
-Ideen. Sie müssen ihm gegeben werden. Daß er nach Befriedigung
-seiner niederen Begierden strebt: dafür aber sorgt die physische
-Natur. Zur Entfaltung des ganzen Menschen gehören aber auch die
-aus dem Geiste stammenden Begierden. Nur wenn man der Meinung ist,
-daß diese der Mensch überhaupt nicht hat, kann man behaupten, daß
-er sie von außen empfangen soll. Dann ist man auch berechtigt,
-zu sagen, daß er verpflichtet ist, etwas zu thun, was er nicht
-will. Jede Ethik, die von dem Menschen fordert, daß er sein Wollen
-zurückdränge, um Aufgaben zu erfüllen, die er nicht will, rechnet
-nicht mit dem ganzen Menschen, sondern mit einem solchen, dem das
-geistige Begehrungsvermögen fehlt. Für den harmonisch entwickelten
-Menschen sind die sogenannten Ideen des Guten nicht außerhalb,
-sondern innerhalb des Kreises seines Wollens. Nicht in der Austilgung
-des Eigenwillens liegt das sittliche Handeln, sondern in der vollen
-Entwicklung der Menschennatur. Wer die sittlichen Ideale nur für
-erreichbar hält, wenn der Mensch seinen Eigenwillen ertötet, der
-weiß nicht, daß diese Ideale ebenso von dem Menschen gewollt sind,
-wie die Befriedigung der sogenannten tierischen Triebe.
-
-Es ist nicht zu leugnen, daß die hiermit charakterisierten
-Anschauungen leicht mißverstanden werden können. Unreife Knaben ohne
-moralische Phantasie sehen gerne die Instinkte ihrer Halbnatur für
-den vollen Menschheitsgehalt an, und lehnen alle nicht von ihnen
-erzeugten sittlichen Ideen ab, damit sie ungestört "sich ausleben"
-können. Daß für die halbentwickelte Menschennatur nicht gilt, was
-für den Vollmenschen richtig ist, ist selbstverständlich. Wer durch
-Erziehung erst noch dahin gebracht werden soll, daß seine sittliche
-Natur die Eischalen der niederen Leidenschaften durchbricht: von
-dem darf nicht in Anspruch genommen werden, was für den reifen
-Menschen gilt. Hier sollte aber nicht verzeichnet werden, was dem
-unentwickelten Menschen einzuprägen ist, sondern das, was in dem
-Wesen des ausgereiften Menschen liegt.
-
-Dieser ausgereifte Mensch giebt seinen Wert sich selbst. Nicht die
-Lust erstrebt er, die ihm als Gnadengeschenk von der Natur oder von
-dem Schöpfer gereicht wird; und auch nicht die Pflicht erfüllt er, die
-er als solche erkennt, nachdem er das Streben nach Lust abgestreift
-hat. Er handelt, wie er will, das ist nach Maßgabe seiner ethischen
-Intuitionen; und er sieht in der Erreichung dessen, was er will,
-seinen wahren Lebensgenuß. Den Wert des Lebens bestimmt er an dem
-Verhältnis des Erreichten zu dem Erstrebten. Die Ethik, welche an die
-Stelle des Wollens das Sollen, an die Stelle der Neigung die Pflicht
-setzt, bestimmt folgerichtig den Wert des Menschen an dem Verhältnis
-dessen, was die Pflicht fordert, zu dem, was er erfüllt. Sie mißt den
-Menschen an einem außerhalb seines Wesens gelegenen Maßstab. -- Die
-hier entwickelte Ansicht weist den Menschen auf sich selbst zurück. Sie
-erkennt nur das als den wahren Wert des Lebens an, was der einzelne
-nach Maßgabe seines Wollens als solchen ansieht. Sie weiß ebensowenig
-von einem nicht vom Individuum anerkannten Wert des Lebens wie von
-einem nicht aus diesem entsprungenen Zweck des Lebens. Sie sieht in
-dem Individuum seinen eigenen Herrn und seinen eigenen Schätzer.
-
-
-
-
-
-
-
-
-XV.
-
-INDIVIDUALITÄT UND GATTUNG.
-
-
-Der Ansicht, daß der Mensch eine vollständig in sich geschlossene,
-freie Individualität ist, stehen scheinbar die Thatsachen entgegen,
-daß er als Glied innerhalb eines natürlichen Ganzen auftritt (Rasse,
-Stamm, Volk, Familie, männliches und weibliches Geschlecht), und daß
-er innerhalb eines Ganzen wirkt (Staat, Kirche u. s. w.). Er trägt
-die allgemeinen Charaktereigentümlichkeiten der Gemeinschaft, der er
-angehört, und giebt seinem Handeln einen Inhalt, der durch den Platz,
-den er innerhalb einer Mehrheit einnimmt, bestimmt ist.
-
-Ist dabei überhaupt noch Individualität möglich? Kann man den Menschen
-selbst als ein Ganzes für sich ansehen, wenn er aus einem Ganzen
-herauswächst, und in ein Ganzes sich eingliedert?
-
-Das Glied eines Ganzen wird seinen Eigenschaften und Funktionen nach
-durch das Ganze bestimmt. Ein Volksstamm ist ein Ganzes, und alle
-zu ihm gehörigen Menschen tragen die Eigentümlichkeiten an sich,
-die im Wesen des Stammes bedingt sind. Wie der einzelne beschaffen
-ist und wie er sich bethätigt, ist durch den Stammescharakter
-bedingt. Dadurch erhält die Physiognomie und das Thun des einzelnen
-etwas Gattungsmäßiges. Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies
-und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem
-Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns,
-warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.
-
-Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Er
-entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund
-wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei
-nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er
-gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als
-Material, und giebt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir
-suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in
-den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu thun,
-das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis
-zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir
-wollen alles, was an ihm ist, doch noch aus dem Charakter der Gattung
-erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.
-
-Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner
-Beurteilung einen Gattungsbegriff zu Grunde legt. Am hartnäckigsten im
-Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht
-des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem
-Manne fast immer zu viel von dem allgemeinen Charakter des anderen
-Geschlechtes und zu wenig von dem individuellen. Im praktischen
-Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen. Die sociale
-Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie nicht
-bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen
-Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von
-der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die
-Bethätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen
-Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch
-den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist. Das Weib soll der
-Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein. Solange
-von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau "ihrer Naturanlage
-nach" zu diesem oder jenem Beruf tauge, so lange kann die sogenannte
-Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was
-die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu
-beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen,
-der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum
-einen anderen erreichen. Sie müssen es aber selbst entscheiden können,
-was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer socialen
-Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen,
-sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden,
-daß sociale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit
-ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr
-bedürftig sind.
-
-Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt
-eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu
-sein, deren Bethätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was
-unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand
-wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen-, Stammes-, Volks-
-und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer
-Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung
-leben, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch
-solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle
-diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen
-Inhalt des einzelnen Individuums. Da wo das Gebiet der Freiheit (des
-Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums
-nach Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der
-Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen
-muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S. 86
-ff.), kann niemand ein- für allemal festsetzen und der Menschheit
-fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene
-Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht
-aus irgend einem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und
-allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen
-Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum
-seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen
-will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei
-typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist
-jeder einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich
-mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine
-Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zu teil wird, wenn uns eine
-menschliche Individualität seine Art, die Welt anzuschauen, mitteilt,
-und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt seines Wollens gewinnen. Wo
-wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit einem Menschen zu
-thun, der frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem
-Wollen, da müssen wir aufhören, irgend welche Begriffe aus unserem
-Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das
-Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung
-durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter
-die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer
-freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe,
-nach denen sie sich ja selbst bestimmen, rein (ohne Vermischung) mit
-eigenem Begriffsinhalt herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen,
-die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe
-einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität
-gelangen. So wie die freie Individualität sich frei macht von den
-Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen
-von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird.
-
-Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten
-Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist
-innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch
-ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere
-oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab,
-ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den
-despotisch ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.
-
-Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit
-nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und
-Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern
-abgukt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen ethischen Wert hat nur
-der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt. Den
-fügt er zur schon vorhandenen Summe sittlicher Begriffe hinzu. Aus
-solchen ethischen Intuitionen entspringt alle sittliche Bethätigung
-der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche Leben der
-Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse
-der freien menschlichen Individuen. Dies ist das Glaubensbekenntnis
-des Monismus. Er kann in der Geschichte des sittlichen Lebens nicht
-die Erziehung des Menschengeschlechtes durch einen jenseitigen Gott
-erkennen, sondern nur das allmähliche Ausleben aller Begriffe und
-Ideen, die aus der moralischen Phantasie entspringen können.
-
-
-
-
-
-
-
-
-DIE LETZTEN FRAGEN.
-
-
-DIE KONSEQUENZEN DES MONISMUS.
-
-
-Die einheitliche Naturerklärung oder der Monismus entnimmt der
-menschlichen Erfahrung alle Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt
-braucht. Die Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der
-Beobachtungswelt, nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen
-menschlichen Natur, und zwar in der moralischen Phantasie. Er
-lehnt es ab, die letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und Denken
-vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen. Für den Monismus ist
-die Einheit, welche die denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen
-Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die
-das menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es auch
-vollkommen befriedigt wird. Wer hinter dieser Einheit noch eine
-andere sucht, der beweist damit nur, daß er die Übereinstimmung des
-durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten
-nicht erkennt. Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt
-nicht thatsächlich abgesondert. Es ist ein Teil der Welt, und der
-Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos ist nicht der Wirklichkeit
-nach, sondern nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen. Wir sehen
-für's erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir
-die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres
-Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird. Wer auf
-diesem Wahrnehmungsstandpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines
-Ganzen für ein wirklich selbständig existierendes Wesen, eine Monade,
-an, welches die Kunde von der übrigen Welt auf irgend eine Weise von
-außen erhält. Der Monismus hat gezeigt, daß die Selbständigkeit nur
-so lange geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das
-Denken in das Netz der Begriffswelt eingespannt wird. Geschieht dies,
-so entpuppt sich alle Teilexistenz in der Welt, alles besondere Dasein
-als ein bloßer Schein des Wahrnehmens. Eine in sich geschlossene
-Totalexistenz kann nur dem Universum in seiner Ganzheit zugeschrieben
-werden. Das Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und gliedert
-auch unsere individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein. Die
-Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält,
-nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich
-auf. Das Denken giebt uns von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als
-einer in sich geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit der
-Wahrnehmungen nur ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist
-(vgl. S. 163 ff.). Die Erkenntnis der wirklichen Einheit gegenüber dem
-Schein des Vielen bildete zu allen Zeiten das Ziel des menschlichen
-Denkens. Die Wissenschaft bemühte sich die zusammenhanglos scheinenden
-Wahrnehmungen durch Aufdeckung der gesetzmäßigen Zusammenhänge
-innerhalb derselben als Einheit, zu erkennen. Weil man aber der Ansicht
-war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur
-eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit
-in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (Gott,
-Wille, absoluter Geist u. s. w.). -- Und, auf diese Meinung gestützt,
-bestrebte man sich zu dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung
-erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu gewinnen, das über die
-Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang derselben mit den nicht mehr
-erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (Metaphysik). Den Grund, warum wir
-durch logisch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man
-darin, daß ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat,
-und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens. Man
-erkannte nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich
-umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem
-Begriff die totale Wirklichkeit vermittelt wird. Nur solange wir
-die die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzmäßigkeit
-in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben wir
-es in der That mit etwas rein Subjektivem zu thun. Subjektiv ist
-aber nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu
-der Wahrnehmung hinzugewonnen wird. Dieser Inhalt ist nicht aus dem
-Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen. Er ist der Teil
-der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann. Er ist
-Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung. Wer
-sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der
-denkt nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste
-festhält. Aber in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch unsere
-Organisation vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist. Auch der Baum,
-den man wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz. Er ist
-nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur
-in realem Zusammenhang mit ihr möglich. Ein abstrakter Begriff hat
-für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für
-sich. Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv,
-der Begriff derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vergl. S. 94
-ff.) gegeben wird. Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit
-in diese beiden Faktoren auseinander. Der eine Faktor erscheint dem
-Wahrnehmen, der andere der Intuition. Erst der Zusammenhang der beiden,
-die gesetzmäßig sich in das Universum eingliedernde Wahrnehmung,
-ist volle Wirklichkeit. Betrachten wir die bloße Wahrnehmung für
-sich, so haben wir keine Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses
-Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen für sich,
-dann haben wir es bloß mit abstrakten Begriffen zu thun. Nicht der
-abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende
-Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung
-für sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.
-
-
-
-Daß wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in
-derselben wurzeln), wird selbst der orthodoxeste Idealist nicht
-leugnen. Er wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen
-auch das erreichen, was wir real durchleben. Dem gegenüber zeigt der
-Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern
-ein beide Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist. Wenn
-wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in
-die Reihe des wirklichen Geschehens gehört. Wir überwinden durch das
-Denken innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des bloßen
-Wahrnehmens. Wir können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen
-(durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht
-erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den Wahrnehmungen die Ideen
-finden, in dem Wirklichen. Der Monismus sucht zu der Erfahrung
-kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und
-Wahrnehmung das Wirkliche. Er spinnt aus bloßen Begriffen keine
-Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine Seite
-der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt, und
-nur im Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat. Er ruft
-aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt
-der Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine höhere
-Wirklichkeit zu suchen hat. Er hält davon ab, das Absolut-Wirkliche
-anderswo als in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt der
-Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt. Und er ist befriedigt
-durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken auf keine
-andere hinweist. Was der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt
-sucht, das findet der Monismus in dieser selbst. Der Monismus zeigt,
-daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt
-ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde. Für den Monismus ist der
-Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen derselbe
-(vergl. S. 88 ff.). Nach monistischen Prinzipien betrachtet ein
-menschliches Individuum ein anderes als seinesgleichen, weil es
-derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm auslebt. Es giebt in der
-einigen Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen, wie es
-Individuen giebt, die einen Löwen denken, sondern nur einen. Und
-der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist
-derselbe, wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt
-aufgefaßt. (Vergl. S. 89.) Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte
-auf die gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit. Die einige
-Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von Individuen
-aus. So lange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt,
-sieht er sich als diesen besonderen Menschen an, so bald er auf die
-in ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt,
-sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig. Der Dualismus bestimmt
-das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und
-in ihnen allen lebt. Der Monismus findet dieses gemeinsame göttliche
-Leben in der Wirklichkeit selbst. Der ideelle Inhalt eines andern
-Subjektes ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur solange als
-einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, so bald ich
-denke. Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der
-gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen
-auch durch den thatsächlichen Inhalt ihres Denkens. Aber diese Inhalte
-sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller
-Menschen umfaßt. Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt,
-ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt
-erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott. Die
-Welt ist Gott. Das Jenseits beruht auf einem Mißverständnis derer,
-die glauben, daß das Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in
-sich hat. Sie sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden,
-was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen. Deshalb hat aber auch
-noch keine Spekulation einen Inhalt zu Tage gefördert, der nicht aus
-der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre. Der persönliche Gott
-ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch, der Wille Schopenhauers
-die verabsolutierte menschliche Willenskraft, das aus Idee und Wille
-zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung
-zweier Abstraktionen aus der Erfahrung. Genau dasselbe ist von allen
-anderen jenseitigen Prinzipien zu sagen.
-
-Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit
-hinaus, in der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles in
-dieser Welt liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht. Wenn sich die
-Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der Welt
-aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein Jenseits
-versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch möglich sein, wenn
-der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er ohnedies
-gehört. Alles Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und
-die aus der Welt hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht
-besser, als die in derselben liegenden. Das sich selbst verstehende
-Denken fordert aber auch gar nicht zu einem solchen Hinausgehen auf,
-da es keinen Gedankeninhalt giebt, der nicht innerhalb der Welt
-einen Wahrnehmungsinhalt findet, mit dem zusammen er ein Wirkliches
-bildet. Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre
-Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf
-einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen. Durch diesen Wahrnehmungsinhalt
-gliedern sie sich der Wirklichkeit ein. Ein Begriff, der mit einem
-Inhalt erfüllt ist, der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen soll,
-ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht. Ersinnen
-können wir nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu
-finden, bedarf es auch noch des Wahrnehmens. Ein Urwesen der Welt,
-für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes
-Denken eine unmögliche Annahme. Der Monismus leugnet nicht das Ideelle,
-er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück
-fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet
-des Denkens nichts, das nicht der diesseitigen Welt angehörte. Der
-Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt,
-die Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen
-derselben vorzudringen, eine Halbheit. Aber er betrachtet ebenso
-als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in
-der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die beobachtbare Welt
-umspannende Begriffsnetz einfügen. Er kennt daher keine Ideen, die auf
-ein jenseits unserer Erfahrung liegendes Objektives hindeuten, und die
-den Inhalt einer Metaphysik bilden sollen. Alles was die Menschheit an
-solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung,
-deren Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur übersehen wird.
-
-Ebensowenig können nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres
-Handelns aus einem Jenseits entnommen werden. Sie müssen, insofern sie
-gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen. Der Mensch macht
-nicht die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen
-individuellen Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von
-seiner moralischen Phantasie gegebenen. Die in einer Handlung sich
-verwirklichende Idee löst der Mensch aus der einigen Ideenwelt los
-und legt sie seinem Wollen zu Grunde. In seinem Handeln leben sich
-also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote
-aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen
-Intuitionen. Der Monismus kennt keinen Weltenlenker, der außerhalb
-unserer selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte. Der Mensch
-findet keinen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse
-er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen
-er mit seinen Handlungen hinzuzusteuern hat. Er ist auf sich selbst
-zurückgewiesen. Er selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben. Wenn
-er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines
-Wollens sucht, so forscht er vergebens. Er muß sie, wenn er über die
-Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt
-hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen,
-wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen
-Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß alles
-Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er sich
-selbst aus der Welt seiner Ideen heraus giebt, oder die ihm andere
-aus derselben heraus geben. Er wird, wenn er über sein sinnliches
-Triebleben und über die Ausführung der Befehle anderer Menschen
-hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst bestimmt. Er muß
-aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten
-Antrieb handeln. Ideell ist dieser Antrieb allerdings in der einigen
-Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur durch den Menschen
-aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden. Für die
-aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen
-kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund finden. Daß
-eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es
-geschehen kann. Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem
-Menschen selbst. Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner
-Handlung. Er ist frei.
-
-
- ENDE.
-
-
-
-
-
-
-
-
-ANMERKUNGEN
-
-
-[1] transcendental ist eine Erkenntnis, welche sich bewußt ist,
-daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden kann,
-sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf
-das Unbekannte, jenseits das Subjektiven Liegende (Transcendente)
-macht. Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes
-der uns unmittelbar erkennbaren Welt, d. i. transcendent. Unsere
-Welt kann aber auf das Transcendente transcendental bezogen
-werden. Realismus heißt Hartmanns Anschauung, weil sie über das
-Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transcendente, Reale geht.
-
-[2] Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit
-findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in
-Eduard von Hartmanns: "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins".
-
-[3] Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen
-an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die
-Lehre der alten Psychologie von den Seelenvermögen erblicken. Der
-Zusammenhang mit dem S. 94 Gesagten ergiebt genau die Bedeutung
-des Wortes.
-
-[4] Wenn Paulsen (S. 15 des angeführten Buches) sagt: "Verschiedene
-Naturanlage und Lebensbedingungen erfordern wie eine verschiedene
-leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische Diät", so ist
-er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft aber den entscheidenden
-Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche ich keine
-Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den
-allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang bringen. Als Individuum
-bin ich aber kein Exemplar der Gattung.
-
-[5] Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung
-bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens
-während der gedanklichen Thätigkeit nicht mit ins Beobachtungsfeld
-eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der Beobachtung
-werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere Charakteristik des
-Handelns gewonnen.
-
-[6] Von dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in
-Unlust umschlägt, sehen wir hier ab.
-
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Die Philosophie der Freiheit, by Rudolf Steiner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHILOSOPHIE DER FREIHEIT ***
-
-***** This file should be named 53493-8.txt or 53493-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/3/4/9/53493/
-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/old/53493-8.zip b/old/old/53493-8.zip
deleted file mode 100644
index 3d4a7dc..0000000
--- a/old/old/53493-8.zip
+++ /dev/null
Binary files differ