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-The Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche, by Rudolf Steiner
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Friedrich Nietzsche
- Ein Kämpfer gegen seine Zeit
-
-Author: Rudolf Steiner
-
-Release Date: November 24, 2016 [EBook #53592]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE ***
-
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-
-Produced by Jeroen Hellingman and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net/ for Project
-Gutenberg (This book was produced from scanned images of
-public domain material from the Google Books project.)
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- FRIEDRICH NIETZSCHE
-
- EIN KÄMPFER GEGEN SEINE ZEIT.
-
- Von
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- Dr. RUDOLF STEINER.
-
-
-
- WEIMAR.
-
- VERLAG VON EMIL FELBER.
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- 1895.
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-INHALT.
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- Seite
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- Vorrede VII
- I. Nietzsches Charakter 1
- II. Der Übermensch 29
- III. Nietzsches Entwickelungsgang 93
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-VORREDE.
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-Als ich vor sechs Jahren die Werke Friedrich Nietzsches kennen lernte,
-waren in mir bereits Ideen ausgebildet, die den seinigen ähnlich
-sind. Unabhängig von ihm und auf anderen Wegen als er, bin ich zu
-Anschauungen gekommen, die im Einklang stehen mit dem, was Nietzsche
-in seinen Schriften: "Zarathustra", "Jenseits von Gut und Böse",
-"Genealogie der Moral" und "Götzendämmerung" ausgesprochen hat. Schon
-in meinem 1886 erschienenen kleinen Buche "Erkenntnistheorie der
-Goetheschen Weltanschauung" kommt dieselbe Gesinnung zum Ausdruck,
-wie in den genannten Werken Nietzsches.
-
-Dies ist der Grund, warum ich mich gedrängt fühlte, ein Bild von
-dem Vorstellungs- und Empfindungsleben Nietzsches zu zeichnen. Ich
-glaube, daß ein solches Bild Nietzsche am ähnlichsten dann wird,
-wenn man es seinen erwähnten letzten Schriften gemäß schafft. So habe
-ich es gethan. Die früheren Schriften Nietzsches zeigen uns ihn als
-Suchenden. Er stellt sich uns in ihnen dar als rastlos aufwärts
-Strebender. In seinen letzten Schriften sehen wir ihn auf dem
-Gipfel angelangt, der eine seiner ureigenen Geistesart angemessene
-Höhe hat. In den meisten der bis jetzt über Nietzsche erschienenen
-Schriften wird dessen Entwickelung so dargestellt, als ob er in
-den verschiedenen Zeiten seiner Schriftstellerlaufbahn voneinander
-mehr oder weniger abweichende Meinungen gehabt hätte. Ich habe zu
-zeigen versucht, daß von einem Meinungswechsel bei Nietzsche nicht
-die Rede sein kann, sondern nur von einer Aufwärts-Bewegung, von
-der naturgemäßen Entwickelung einer Persönlichkeit, die noch nicht
-die ihren Anschauungen entsprechende Ausdrucksform gefunden hatte,
-als sie ihre ersten Schriften schrieb.
-
-Das Endziel von Nietzsches Wirken ist die Zeichnung des Typus
-"Übermensch". Diesen Typus zu charakterisieren, habe ich als
-eine der Hauptaufgaben meiner Schrift betrachtet. Mein Bild des
-Übermenschen ist genau das Gegenteil des Zerrbildes geworden, das
-in dem augenblicklich verbreitetsten Buche über Nietzsche von Frau
-Lou Andreas-Salomé entworfen ist. Man kann nichts dem Nietzscheschen
-Geiste mehr Zuwiderlaufendes in die Welt setzen, als das mystische
-Ungetüm, das Frau Salomé aus dem Übermenschen gemacht hat. Mein Buch
-zeigt, daß in Nietzsches Ideen nirgends auch nur die geringste Spur
-von Mystik anzutreffen ist. Auf die Widerlegung der Ansicht von Frau
-Salomé, daß Nietzsches Gedanken in "Menschliches, Allzumenschliches"
-von den Ausführungen Paul Rées, des Verfassers der "Psychologischen
-Beobachtungen und des Ursprungs der moralischen Empfindungen"
-u. s. w., beeinflußt seien, habe ich mich nicht eingelassen. Ein so
-mittelmäßiger Kopf wie Paul Rée konnte auf Nietzsche keinen bedeutenden
-Eindruck machen. Ich würde diese Dinge auch hier nicht berühren,
-wenn nicht das Buch von Frau Salomé so viel beigetragen hätte,
-geradezu widerwärtige Ansichten über Nietzsche zu verbreiten. Fritz
-Koegel, der ausgezeichnete Herausgeber von Nietzsches Werken, hat im
-"Magazin für Litteratur" diesem Machwerke die gebührende Abfertigung
-angedeihen lassen.
-
-Ich kann diese kurze Vorrede nicht beschließen, ohne Frau
-Förster-Nietzsche, der Schwester Nietzsches, herzlichst zu danken für
-die vielen Freundlichkeiten, die ich von ihr während der Zeit erfahren
-habe, in der meine Schrift entstanden ist. Den im "Nietzsche-Archiv"
-in Naumburg verlebten Stunden verdanke ich die Stimmung, aus der
-heraus die folgenden Gedanken geschrieben sind.
-
-
- Weimar, April 1895.
-
- Rudolf Steiner.
-
-
-
-
-
-
-
-
-NIETZSCHES WERKE.
-
-
-Ich führe hier zur Orientierung die bis jetzt erschienenen und für
-meine Ausführungen in Betracht kommenden Schriften Nietzsches an und
-füge zu jeder einzelnen die Jahreszahl des Erscheinens der ersten
-Auflage hinzu.
-
-
-Die Geburt der Tragödie. Oder: Griechentum und Pessimismus.
-
-Die 1. Aufl. erschien 1872.
-
-Eine neue Ausgabe mit vorgedrucktem "Versuch einer Selbstkritik"
-erschien 1886.
-
-Unzeitgemäße Betrachtungen.
-
-Erstes Stück: David Strauß, der Bekenner und
-Schriftsteller. 1. Aufl. 1873.
-
-Zweites Stück: Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das
-Leben. 1. Aufl. 1874.
-
-Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher. 1. Aufl. 1874.
-
-Viertes Stück: Richard Wagner in Bayreuth. 1. Aufl. 1876.
-
-Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.
-
-1. Band. 1. Aufl. 1878.
-
-Eine neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede erschien 1886.
-
-Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister.
-
-2. Band. Die beiden Abteilungen dieses Buches: "Vermischte Meinungen
-und Sprüche" und "Der Wanderer und sein Schatten" erschienen
-zuerst jede als besonderes Buch. Die erste 1879 unter dem Titel:
-"Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Anhang:
-Vermischte Meinungen und Sprüche", die zweite 1880. Beide Abteilungen
-wurden 1886 zu einem Bande vereinigt, der mit einer einführenden
-Vorrede versehen wurde und der den Titel trug: "Menschliches,
-Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zweiter Band. Neue
-Ausgabe mit einer einführenden Vorrede."
-
-Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile.
-
-1. Aufl. 1881.
-
-Neue Ausgabe mit einer einführenden Vorrede 1887.
-
-Die fröhliche Wissenschaft ("La gaya scienza"). 1. Aufl. 1882.
-
-Neue Ausgabe mit einer Vorrede 1887.
-
-Also sprach Zarathustra. Die Teile erschienen zuerst einzeln: 1. Teil
-1883; 2. Teil 1883; 3. Teil 1884. Die erste Gesamtausgabe der drei
-Teile erschien 1886. Der vierte Teil erschien 1885 in 40 Abzügen bloß
-für Freunde und erst 1891 als 1. Aufl.
-
-Jenseits von Gut und Böse. Vorspiel einer Philosophie der
-Zukunft. 1. Aufl. 1886.
-
-Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. 1. Aufl. 1887.
-
-Der Fall Wagner. Ein Musikanten-Problem. 1. Aufl. 1888.
-
-Götzendämmerung oder Wie man mit dem Hammer
-philosophiert. 1. Aufl. 1889.
-
-Nietzsche contra Wagner. Aktenstücke eines Psychologen. Erschien 1895
-in der Gesamtausgabe zum ersten Mal. 1888 bereits einmal gedruckt,
-aber nicht ausgegeben.
-
-Der Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. Das erste
-Buch des unvollendeten Werkes Nietzsches "Der Wille zur Macht". In
-der Gesamtausgabe (1895) zum erstenmal gedruckt.
-
-Gedichte. In der Gesamtausgabe 1895.
-
-Eine Gesamtausgabe von Nietzsches Werken in 8 Bänden ist 1895 bei
-C. G. Naumann in Leipzig erschienen. In derselben sind enthalten:
-Die Geburt der Tragödie 4. Aufl.; Die "Unzeitgemäßen Betrachtungen"
-3. Aufl.; "Menschliches, Allzumenschliches" 1. u. 2. Bd. 4. Aufl.;
-Morgenröte 2. Aufl.; Fröhliche Wissenschaft 2. Aufl.; Zarathustra
-4. Aufl.; Jenseits von Gut und Böse 5. Aufl.; Genealogie der Moral
-4. Aufl.; Der Fall Wagner 3. Aufl.; Götzendämmerung 3. Aufl.; Nietzsche
-contra Wagner; Antichrist; Gedichte.
-
-
-Die Veröffentlichung der noch ungedruckten Arbeiten Nietzsches, sowie
-seiner Entwürfe zu Arbeiten, seiner Fragmente u. s. w. steht bevor.
-
-
-
-
-
-
-
-
-I.
-
-DER CHARAKTER.
-
-
-1.
-
-Friedrich Nietzsche charakterisiert sich selbst als einsamen Grübler
-und Rätselfreund, als unzeitgemäße Persönlichkeit. Wer auf solchen
-eigenen Wegen geht, wie er, "begegnet niemandem; das bringen die
-eigenen Wege mit sich. Niemand kommt, ihm dabei zu helfen; mit allem,
-was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustößt, muß
-er allein fertig werden", sagt er in der Vorrede zur zweiten Ausgabe
-seiner "Morgenröte". Aber reizvoll ist es, ihm in seine Einsamkeit
-zu folgen. Die Worte, die er über sein Verhältnis zu Schopenhauer
-ausgesprochen hat, möchte ich über das meinige zu Nietzsche sagen:
-"Ich gehöre zu den Lesern Nietzsches, welche, nachdem sie die erste
-Seite von ihm gelesen, mit Bestimmtheit wissen, daß sie alle Seiten
-lesen und auf jedes Wort hören werden, das er überhaupt gesagt
-hat. Mein Vertrauen zu ihm war sofort da ..... Ich verstand ihn,
-als ob er für mich geschrieben hätte, um mich verständlich, aber
-unbescheiden und thöricht auszudrücken." Man kann so sprechen und
-weit davon entfernt sein, sich als "Gläubigen" der Nietzscheschen
-Weltanschauung zu bekennen. Weiter allerdings nicht, als Nietzsche
-davon entfernt war, sich solche "Gläubige" zu wünschen. Legt er doch
-seinem "Zarathustra" die Worte in den Mund:
-
-"Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an
-Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen: aber was liegt an allen
-Gläubigen!
-
-"Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle
-Gläubigen; darum ist es so wenig mit allem Glauben.
-
-"Nun heiße ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn
-ihr mich alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren."
-
-Nietzsche ist kein Messias und Religionsstifter; er kann deshalb sich
-wohl Freunde seiner Meinungen wünschen; Bekenner seiner Lehren aber,
-die ihr eigenes Selbst aufgeben, um das seinige zu finden, kann er
-nicht wollen.
-
-In Nietzsches Persönlichkeit finden sich Instinkte, denen ganze
-Vorstellungskreise seiner Zeitgenossen zuwider sind. Von den
-wichtigsten Kulturideen derjenigen, in deren Mitte er sich entwickelt
-hat, wendet er sich ab mit einem instinktiven Widerwillen; und
-zwar nicht so, wie man eine Behauptung ablehnt, in der man einen
-logischen Widerspruch entdeckt hat, sondern wie man sich von einer
-Farbe abwendet, die dem Auge Schmerz verursacht. Der Widerwille
-geht von dem unmittelbaren Gefühl aus; die bewußte Überlegung kommt
-zunächst gar nicht in Betracht. Was andere Menschen empfinden, wenn
-ihnen die Gedanken: Schuld, Gewissensbiß, Sünde, jenseitiges Leben,
-Ideal, Seligkeit, Vaterland durch den Kopf gehen, wirkt auf Nietzsche
-unangenehm. Die instinktive Art der Abneigung gegen die genannten
-Vorstellungen unterscheidet Nietzsche auch von den sogenannten
-"Freigeistern" der Gegenwart. Diese kennen alle Verstandeseinwände
-gegen die "alten Wahnvorstellungen"; aber wie selten findet sich
-einer, der von sich sagen kann: seine Instinkte hängen nicht mehr an
-ihnen! Gerade die Instinkte sind es, die den Freigeistern der Gegenwart
-böse Streiche spielen. Das Denken nimmt einen von den überlieferten
-Ideen unabhängigen Charakter an, aber die Instinkte können sich diesem
-veränderten Charakter des Verstandes nicht anpassen. Diese "freien
-Geister" setzen irgend einen Begriff der modernen Wissenschaft an die
-Stelle einer älteren Vorstellung; aber sie sprechen so von ihm, daß
-man erkennt: der Verstand geht einen andern Weg als die Instinkte. Der
-Verstand sucht in dem Stoffe, in der Kraft, in der Naturgesetzlichkeit
-den Urgrund der Erscheinungen; die Instinkte aber verleiten dazu,
-diesen Wesen gegenüber dasselbe zu empfinden, was andere ihrem
-persönlichen Gotte gegenüber empfinden. Geister dieser Art wehren
-sich gegen den Vorwurf der Gottesleugnung; aber sie thun es nicht
-deshalb, weil ihre Weltauffassung sie auf etwas führt, was mit irgend
-einer Gottesvorstellung übereinstimmt, sondern weil sie von ihren
-Vorfahren die Eigenschaft ererbt haben, bei dem Worte "Gottesleugner"
-ein instinktives Gruseln zu empfinden. Große Naturforscher betonen,
-daß sie die Vorstellungen: Gott, Unsterblichkeit nicht verbannen,
-sondern nur im Sinne der modernen Wissenschaft umgestalten wollen. Ihre
-Instinkte sind eben hinter ihrem Verstande zurückgeblieben.
-
-Eine große Zahl dieser "freien Geister" vertritt die Ansicht, daß
-der Wille des Menschen unfrei ist. Sie sagen: der Mensch muß in
-einem bestimmten Falle so handeln, wie es sein Charakter und die auf
-ihn einwirkenden Verhältnisse bedingen. Man halte aber Umschau bei
-diesen Gegnern der Ansicht vom "freien Willen", und man wird finden,
-daß sich die Instinkte dieser "Freigeister" von dem Vollbringer einer
-"bösen" That geradeso mit Abscheu abwenden, wie es die Instinkte der
-anderen thun, die der Meinung sind: der "freie Wille" könne sich nach
-Belieben dem Guten oder dem Bösen zuwenden.
-
-Der Widerspruch zwischen Verstand und Instinkt ist das Merkmal unserer
-"modernen Geister". Auch in den freiesten Denkern der Gegenwart leben
-noch die von der christlichen Orthodoxie gepflanzten Instinkte. Genau
-die entgegengesetzten sind in Nietzsches Natur wirksam. Er braucht
-nicht erst darüber nachzudenken, ob es Gründe gegen die Annahme
-eines persönlichen Weltenlenkers giebt. Sein Instinkt ist zu stolz,
-um sich vor einem solchen zu beugen; deshalb lehnt er eine derartige
-Vorstellung ab. Er spricht mit seinem Zarathustra: "Aber daß ich
-euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Götter gäbe, wie
-hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also giebt es keine Götter." Sich
-selbst oder einen andern wegen einer begangenen Handlung "schuldig"
-zu sprechen, dazu drängt ihn nichts in seinem Innern. Um ein solches
-"schuldig" unstatthaft zu finden, dazu braucht er keine Theorie vom
-"freien" oder "unfreien" Willen.
-
-Auch die patriotischen Empfindungen seiner deutschen Volksgenossen
-sind Nietzsches Instinkten zuwider. Er kann sein Empfinden und
-Denken nicht abhängig machen von den Gedankenkreisen des Volkes,
-innerhalb dessen er geboren und erzogen ist; auch nicht von der Zeit,
-in der er lebt. "Es ist so kleinstädtisch -- sagt er in seiner Schrift
-"Schopenhauer als Erzieher" --, sich zu den Ansichten verpflichten, die
-ein paar hundert Meilen weiter schon nicht mehr verpflichten. Orient
-und Occident sind Kreidestriche, die uns jemand vor unsere Augen
-hinmalt, um unsere Furchtsamkeit zu narren. Ich will den Versuch
-machen, zur Freiheit zu kommen, sagt sich die junge Seele; und da
-sollte es sie hindern, daß zufällig zwei Nationen sich hassen und
-bekriegen, oder daß ein Meer zwischen zwei Weltteilen liegt, oder
-daß rings um uns eine Religion gelehrt wird, welche vor ein paar
-tausend Jahren nicht bestand." Die Empfindungen der Deutschen während
-des Krieges im Jahre 1870 fanden in seiner Seele einen so geringen
-Widerhall, daß er, "während die Donner der Schlacht von Wörth über
-Europa weggingen", in einem Winkel der Alpen saß, "sehr vergrübelt
-und verrätselt, folglich sehr bekümmert und unbekümmert zugleich",
-und seine Gedanken über die Griechen niederschrieb. Und als er einige
-Wochen darauf sich selbst "unter den Mauern von Metz" befand, war er
-"noch immer nicht losgekommen von den Fragezeichen, die er zum Leben
-und der Kunst der Griechen gesetzt hatte". (Vergl. "Versuch einer
-Selbstkritik" in der zweiten Auflage seiner "Geburt der Tragödie".) Als
-der Krieg zu Ende war, stimmte er so wenig in die Begeisterung seiner
-deutschen Zeitgenossen über den errungenen Sieg ein, daß er schon
-im Jahre 1872 in seiner Schrift über David Strauß von den "schlimmen
-und gefährlichen Folgen" des siegreich beendeten Kampfes sprach. Er
-stellte es sogar als einen Wahn hin, daß auch die deutsche Kultur in
-diesem Kampfe gesiegt habe, und er nannte diesen Wahn gefährlich, weil,
-wenn er innerhalb des deutschen Volkes herrschend wird, die Gefahr
-vorhanden ist, den Sieg in eine völlige Niederlage zu verwandeln;
-in die Niederlage, ja Exstirpation des deutschen Geistes zu Gunsten
-des "Deutschen Reiches". Das ist Nietzsches Gesinnung in einer Zeit,
-in der ganz Europa voll ist von nationaler Begeisterung. Es ist die
-Gesinnung einer unzeitgemäßen Persönlichkeit, eines Kämpfers gegen
-seine Zeit. Außer dem Angeführten ließe sich noch vieles nennen,
-was in Nietzsches Empfindungs- und Vorstellungsleben anders ist,
-als in dem seiner Zeitgenossen.
-
-
-
-
-2.
-
-Nietzsche ist kein "Denker" im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Für die
-fragwürdigen und tiefdringenden Fragen, die er der Welt und dem Leben
-gegenüber zu stellen hat, reicht das bloße Denken nicht aus. Für diese
-Fragen müssen alle Kräfte der menschlichen Natur entfesselt werden;
-die denkende Betrachtung allein ist ihnen nicht gewachsen. Zu bloß
-erdachten Gründen für eine Meinung hat Nietzsche kein Vertrauen. "Es
-giebt ein Mißtrauen in mir gegen Dialektik, selbst gegen Gründe,"
-schreibt er am 2. Dezember 1887 an Georg Brandes. (Vergl. dessen
-"Menschen und Werke", S. 212). Wer ihn um die Gründe seiner
-Ansichten fragt, für den hat er "Zarathustras" Antwort bereit:
-"Du fragst warum? Ich gehöre nicht zu denen, welche man nach ihrem
-Warum fragen darf." Nicht ob eine Ansicht logisch bewiesen werden
-kann, ist für ihn maßgebend, sondern ob sie auf alle Kräfte der
-menschlichen Persönlichkeit so wirkt, daß sie für das Leben Wert
-hat. Er läßt einen Gedanken nur gelten, wenn er ihn geeignet findet,
-zur Entwicklung des Lebens beizutragen. Den Menschen so gesund als
-möglich, so machtvoll als möglich, so schöpferisch als möglich zu
-sehen, ist sein Wunsch. Wahrheit, Schönheit, alle Ideale haben nur Wert
-und gehen den Menschen nur etwas an, insofern sie lebenfördernd sind.
-
-Die Frage nach dem Werte der Wahrheit tritt in mehreren Schriften
-Nietzsches auf. In der verwegensten Form wird sie in seinem Buche:
-"Jenseits von Gut und Böse" gestellt. "Der Wille zur Wahrheit, der uns
-noch zu manchem Wagnisse verführen wird, jene berühmte Wahrhaftigkeit,
-von der alle Philosophen bisher mit Ehrerbietung geredet haben: was
-für Fragen hat dieser Wille zur Wahrheit uns schon vorgelegt! Welche
-wunderlichen, schlimmen, fragwürdigen Fragen! Das ist bereits eine
-lange Geschichte -- und doch scheint es, daß sie kaum eben angefangen
-hat." Was Wunder, wenn wir endlich auch mißtrauisch werden, die Geduld
-verlieren, uns ungeduldig umdrehn? Daß wir von dieser Sphinx auch
-unsererseits das Fragen lernen? Wer ist das eigentlich, der uns hier
-Fragen stellt? Was in uns will eigentlich 'zur Wahrheit'? In der That,
-wir machten lange Halt vor der Frage nach der Ursache dieses Willens
--- bis wir, zuletzt, vor einer noch gründlicheren Frage ganz und gar
-stehen blieben. Wir fragten nach dem Werte dieses Willens. Gesetzt,
-wir wollen Wahrheit: warum nicht lieber Unwahrheit?
-
-Das ist ein Gedanke von kaum zu überbietender Kühnheit. Stellt man
-daneben, was ein anderer kühner "Grübler und Rätselfreund", Johann
-Gottlieb Fichte, von dem Streben nach Wahrheit sagt, so sieht man
-erst, wie tief aus dem Wesen der menschlichen Natur Nietzsche seine
-Vorstellungen heraufholt. "Ich bin dazu berufen" -- sagt Fichte --
-"der Wahrheit Zeugnis zu geben; an meinem Leben und an meinem Schicksal
-liegt nichts; an den Wirkungen meines Lebens liegt unendlich viel. Ich
-bin ein Priester der Wahrheit; ich bin in ihrem Solde; ich habe
-mich verbindlich gemacht, alles für sie zu thun und zu wagen und zu
-leiden." (Fichte, Vorlesungen "Über die Bestimmung des Gelehrten",
-vierte Vorlesung.) Diese Worte sprechen das Verhältnis aus, in das
-sich die edelsten Geister der abendländischen neueren Kultur zur
-Wahrheit setzen. Nietzsches angeführtem Ausspruch gegenüber erscheinen
-sie oberflächlich. Man kann gegen sie einwenden: Ist es denn nicht
-möglich, daß die Unwahrheit wertvollere Wirkungen für das Leben hat,
-als die Wahrheit? Ist es ausgeschlossen, daß die Wahrheit dem Leben
-schadet? Hat sich Fichte diese Fragen gestellt? Haben es andere gethan,
-die "der Wahrheit Zeugnis" gegeben haben?
-
-Nietzsche aber stellt diese Fragen. Und er glaubt über sie erst
-dann ins Reine zu kommen, wenn er das Streben nach Wahrheit nicht
-als bloße Verstandessache behandelt, sondern nach den Instinkten
-sucht, die dieses Streben erzeugen. Denn es könnte ja wohl sein,
-daß sich diese Instinkte der Wahrheit nur als Mittel bedienten,
-um etwas zu erreichen, was höher steht, als die Wahrheit. Nietzsche
-findet, nachdem er "lange genug den Philosophen zwischen die Zeilen
-und auf die Finger gesehn" hat: "Das meiste Denken eines Philosophen
-ist durch seine Instinkte heimlich geführt und in bestimmte Bahnen
-gezwungen." Die Philosophen glauben, die letzte Triebfeder ihres Thuns
-sei das Streben nach Wahrheit. Sie glauben dies, weil sie nicht auf
-den Grund der menschlichen Natur zu sehen vermögen. In Wirklichkeit
-wird das Streben nach Wahrheit gelenkt von dem Willen zur Macht. Mit
-Hilfe der Wahrheit soll die Macht und Lebensfülle der Persönlichkeit
-erhöht werden. Das bewußte Denken des Philosophen ist der Meinung: die
-Erkenntnis der Wahrheit sei ein letztes Ziel; der unbewußte Instinkt,
-der das Denken treibt, strebt nach Förderung des Lebens. Für diesen
-Instinkt ist "die Falschheit eines Urteils noch kein Einwand gegen
-ein Urteil"; für ihn kommt allein die Frage in Betracht: "wie weit
-ist es lebenfördernd, lebenerhaltend, arterhaltend, vielleicht gar
-artzüchtend" (Jenseits von Gut und Böse § 4).
-
-"'Wille zur Wahrheit' heißt ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt
-und brünstig macht?
-
-"Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heiße ich euren Willen!
-
-"Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen: denn ihr zweifelt mit
-gutem Mißtrauen, ob es schon denkbar ist.
-
-"Aber es soll sich euch fügen und biegen! So will's euer Wille. Glatt
-soll es werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und
-Widerbild.
-
-"Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht
-....." (Zarathustra, 2. Teil, Von der Selbst-Überwindung.)
-
-Die Wahrheit soll die Welt dem Geiste unterthan machen und dadurch
-dem Leben dienen. Nur als Lebensbedingung hat sie einen Wert. --
-Kann man nicht aber noch weiter gehen und fragen: was ist das Leben
-selbst wert? Nietzsche hält eine solche Frage für unmöglich. Daß
-alles Lebende so machtvoll, so inhaltreich leben will, als irgend
-möglich ist, nimmt er als eine Thatsache hin, über die er nicht
-weiter grübelt. Die Lebensinstinkte fragen nicht nach dem Werte
-des Lebens. Sie fragen nur: welche Mittel giebt es, um die Macht
-ihres Trägers zu erhöhen. "Urteile, Werturteile über das Leben, für
-oder wider, können zuletzt niemals wahr sein: sie haben nur Wert
-als Symptome, sie kommen nur als Symptome in Betracht, -- an sich
-sind solche Urteile Dummheiten. Man muß durchaus seine Finger darnach
-ausstrecken und den Versuch machen, die erstaunliche Finesse zu fassen,
-daß der Wert des Lebens nicht abgeschätzt werden kann. Von einem
-Lebenden nicht, weil ein solcher Partei, ja sogar Streitobjekt ist,
-und nicht Richter; von einem Toten nicht, aus einem andern Grunde. --
-Von seiten eines Philosophen im Wert des Lebens ein Problem sehn,
-bleibt dergestalt sogar ein Einwurf gegen ihn, ein Fragezeichen an
-seiner Weisheit, eine Unweisheit." -- (Götzendämmerung. Das Problem
-des Sokrates.) Die Frage nach dem Werte des Lebens existiert nur für
-eine mangelhaft ausgebildete, kranke Persönlichkeit. Wer allseitig
-entwickelt ist, lebt, ohne zu fragen, wie viel sein Leben wert ist.
-
-Weil Nietzsche die beschriebenen Ansichten hat, deshalb legt er auf
-logische Beweisgründe für ein Urteil wenig Gewicht. Nicht darauf kommt
-es ihm an, ob sich das Urteil logisch beweisen läßt, sondern wie gut
-sich unter seinem Einflusse leben läßt. Nicht allein der Verstand,
-sondern die ganze Persönlichkeit des Menschen soll befriedigt
-werden. Die besten Gedanken sind diejenigen, welche alle Kräfte der
-menschlichen Natur in eine ihnen angemessene Bewegung bringen.
-
-Nur Gedanken dieser Art haben für Nietzsche Interesse. Er ist kein
-philosophischer Kopf, sondern ein "Honigsammler des Geistes", der
-die "Bienenkörbe" der Erkenntnis aufsucht und heimzubringen sucht,
-was dem Leben frommt.
-
-
-
-
-3.
-
-In Nietzsches Persönlichkeit sind diejenigen Instinkte vorherrschend,
-die den Menschen zu einem gebietenden, herrischen Wesen machen. Ihm
-gefällt alles, was Macht bekundet; ihm mißfällt alles, was Schwäche
-verrät. Er fühlt sich nur so lange glücklich, als er sich in
-Lebensbedingungen befindet, die seine Kraft erhöhen. Er liebt
-Hemmnisse, Widerstände für seine Thätigkeit, weil er sich bei ihrer
-Überwindung seiner Macht bewußt wird. Er sucht die beschwerlichsten
-Wege auf, die der Mensch gehen kann. Ein Grundzug seines Charakters
-ist in dem Spruche ausgedrückt, den er der zweiten Ausgabe seiner
-"fröhlichen Wissenschaft" auf das Titelblatt gesetzt hat:
-
-
- "Ich wohne in meinem eignen Haus,
- Hab' niemandem nie nichts nachgemacht
- Und -- lachte noch jeden Meister aus,
- Der nicht sich selber ausgelacht."
-
-
-Jede Art von Unterordnung unter eine fremde Macht empfindet Nietzsche
-als Schwäche. Und über das, was eine "fremde Macht" ist, denkt
-er anders als mancher, der sich als "unabhängigen, freien Geist"
-bezeichnet. Nietzsche empfindet es als Schwäche, wenn der Mensch sich
-in seinem Denken und Handeln sogenannten "ewigen, ehernen" Gesetzen
-der Vernunft unterwirft. Was die allseitig entwickelte Persönlichkeit
-thut, das läßt sie sich von keiner Moralwissenschaft vorschreiben,
-sondern allein von den Antrieben des eigenen Selbst. Der Mensch ist
-in dem Augenblicke schon schwach, in dem er nach Gesetzen und Regeln
-sucht, nach denen er denken und handeln soll. Der Starke bestimmt
-die Art seines Denkens und Handelns aus seinem eigenen Wesen heraus.
-
-Diese Ansicht spricht Nietzsche am schroffsten in Sätzen aus,
-um derentwillen ihn kleinlich denkende Menschen geradezu als
-einen gefährlichen Geist bezeichnet haben: "Als die christlichen
-Kreuzfahrer im Orient auf jenen unbesiegbaren Assassinenorden stießen,
-jenen Freigeisterorden par excellence, dessen unterste Grade in einem
-Gehorsame lebten, wie einen gleichen kein Mönchsorden erreicht hat, da
-bekamen sie auf irgend welchem Wege auch einen Wink über jenes Symbol
-und Kerbholzwort, das nur den obersten Graden, als deren Sekretum,
-vorbehalten war: "Nichts ist wahr, alles ist erlaubt!" .... Wohlan,
-das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der
-Glaube gekündigt" ... (Genealogie der Moral § 19). Daß diese Sätze die
-Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen,
-die sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben,
-durch keine Rücksicht auf ewige Wahrheiten und Vorschriften der Moral
-verkümmern lassen will, fühlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer
-Art nach, zur Unterwürfigkeit geeignet sind. Eine Persönlichkeit,
-wie die Nietzsches ist, verträgt auch jene Tyrannen nicht, die in der
-Form abstrakter Sittengebote auftreten. Ich bestimme, wie ich denken,
-wie ich handeln will, sagt eine solche Natur.
-
-Es giebt Menschen, die ihre Berechtigung, sich "Freidenker" zu nennen,
-davon herleiten, daß sie sich in ihrem Denken und Handeln nicht
-solchen Gesetzen unterwerfen, die von anderen Menschen herrühren,
-sondern nur den "ewigen Gesetzen der Vernunft", den "unumstößlichen
-Pflichtbegriffen" oder dem "Willen Gottes". Nietzsche sieht solche
-Menschen nicht als wahrhaft starke Persönlichkeiten an. Denn auch sie
-denken und handeln nicht nach ihrer eigenen Natur, sondern nach den
-Befehlen einer höheren Autorität. Ob der Sklave der Willkür seines
-Herrn, der Religiöse den geoffenbarten Wahrheiten eines Gottes oder
-der Philosoph den Aussprüchen der Vernunft folgt, das ändert nichts an
-dem Umstande, daß sie alle Gehorchende sind. Was befiehlt, ist dabei
-gleichgültig; das ausschlaggebende ist, daß überhaupt befohlen wird,
-daß der Mensch sich nicht selbst die Richtung für sein Thun giebt,
-sondern der Meinung ist, es gebe eine Macht, welche ihm diese Richtung
-vorzeichnet.
-
-Der starke, wahrhaft freie Mensch will die Wahrheit nicht empfangen
--- er will sie schaffen; er will sich nichts "erlauben" lassen, er
-will nicht gehorchen. "Die eigentlichen Philosophen sind Befehlende
-und Gesetzgeber; sie sagen: so soll es sein! sie bestimmen erst das
-Wohin? und Wozu? des Menschen und verfügen dabei über die Vorarbeit
-aller philosophischen Arbeiter, aller Überwältiger der Vergangenheit,
--- sie greifen mit schöpferischer Hand nach der Zukunft, und alles, was
-ist und war, wird ihnen dabei zum Mittel, zum Werkzeug, zum Hammer. Ihr
-"Erkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr
-Wille zur Wahrheit ist -- Wille zur Macht. -- Giebt es heute solche
-Philosophen? Gab es schon solche Philosophen? Muß es nicht solche
-Philosophen geben?" (Jenseits von Gut und Böse § 211.)
-
-
-
-
-4.
-
-Ein besonderes Zeichen menschlicher Schwäche sieht Nietzsche in jeder
-Art von Glauben an ein Jenseits, an eine andere Welt, als die ist,
-in der der Mensch lebt. Man kann, nach seiner Ansicht, dem Leben
-keinen größeren Schaden thun, als wenn man sein Leben im Diesseits
-im Hinblick auf ein anderes Leben im Jenseits einrichtet. Man kann
-sich keiner größeren Verirrung hingeben, als wenn man hinter den
-Erscheinungen dieser Welt Wesenheiten annimmt, die der menschlichen
-Erkenntnis unzugänglich sind, und die als der eigentliche Urgrund,
-als das Bestimmende alles Daseins gelten sollen. Durch eine solche
-Annahme verdirbt man sich die Freude an dieser Welt. Man würdigt sie
-zum Scheine, zu einem bloßen Abglanz eines Unzugänglichen herab. Man
-erklärt die uns bekannte Welt, die für uns allein wirkliche, für einen
-nichtigen Traum und schreibt die wahre Wirklichkeit einer erträumten,
-erdichteten anderen Welt zu. Man erklärt die menschlichen Sinne für
-Betrüger, die uns Scheinbilder statt Wirklichkeiten liefern.
-
-Nur aus der Schwäche kann eine solche Ansicht stammen. Denn der Starke,
-der fest in der Wirklichkeit wurzelt, der seine Freude am Leben hat,
-wird es sich nicht in den Sinn kommen lassen, eine andere Wirklichkeit
-zu erdichten. Er ist mit dieser Welt beschäftigt und bedarf keiner
-andern. Aber die Leidenden, die Kranken, die unzufrieden sind mit
-diesem Leben, nehmen ihre Zuflucht zum Jenseits. Was ihnen das
-Diesseits entzogen hat, soll ihnen das Jenseits bieten. Der Starke,
-der Gesunde, der entwickelte und taugliche Sinne hat, um die Gründe
-dieser Welt in ihr selber aufzusuchen, der bedarf zur Erklärung der
-Erscheinungen, innerhalb deren er lebt, keiner jenseitigen Gründe und
-Wesenheiten. Der Schwache, der mit verkrüppelten Augen und Ohren die
-Wirklichkeit wahrnimmt, der braucht Ursachen hinter den Erscheinungen.
-
-Aus dem Leiden und der kranken Sehnsucht ist der Glaube an das Jenseits
-geboren. Aus dem Unvermögen, die wirkliche Welt zu durchschauen,
-sind alle Annahmen von "Dingen an sich" erwachsen.
-
-Alle, welche Grund haben, das wirkliche Leben zu verneinen, sagen
-Ja zu einem erdichteten. Nietzsche will ein Jasager gegenüber
-der Wirklichkeit sein. Diese Welt will er durchforschen nach allen
-Richtungen, er will sich einbohren in die Tiefen des Daseins; von einem
-andern Leben will er nichts wissen. Ihn kann selbst das Leiden nicht
-veranlassen, Nein zum Leben zu sagen; denn auch das Leiden ist ihm
-ein Mittel der Erkenntnis. "Nicht anders, als es ein Reisender macht,
-der sich vorsetzt, zu einer bestimmten Stunde aufzuwachen, und sich
-dann ruhig dem Schlafe überläßt: so ergeben wir Philosophen, gesetzt,
-daß wir krank werden, uns zeitweilig mit Leib und Seele der Krankheit
--- wir machen gleichsam vor uns die Augen zu. Und wie jener weiß,
-daß irgend etwas nicht schläft, irgend etwas die Stunden abzählt
-und ihn aufwecken wird, so wissen auch wir, daß der entscheidende
-Augenblick uns wach finden wird, -- daß dann etwas hervorspringt und
-den Geist auf der That ertappt, ich meine auf der Schwäche oder Umkehr
-oder Ergebung oder Verhärtung oder Verdüsterung, und wie alle die
-krankhaften Zustände des Geistes heißen, welche in gesunden Tagen den
-Stolz des Geistes wider sich haben. Man lernt nach einer derartigen
-Selbstbefragung, Selbstversuchung, mit einem feineren Auge nach
-allem, worüber überhaupt bisher philosophiert worden ist, hinsehen
-..." (Vorrede zur zweiten Ausgabe der "fröhlichen Wissenschaft".) --
-
-
-
-
-5.
-
-Dieser lebens- und wirklichkeitsfreundliche Sinn Nietzsches
-zeigt sich auch in seinen Anschauungen über die Menschen und
-ihre gegenseitigen Beziehungen. Auf diesem Gebiete ist Nietzsche
-vollkommener Individualist. Jeder Mensch gilt ihm als eine Welt
-für sich, ein Unikum. Das "wunderlich bunte Mancherlei", das
-zum "Einerlei" vereinigt ist und uns als ein bestimmter Mensch
-entgegentritt, kann kein noch so seltsamer Zufall ein zweites Mal in
-gleicher Weise zusammenschütteln. (Schopenhauer als Erzieher 1.) Die
-wenigsten Menschen sind jedoch geneigt, ihre nur einmal vorhandenen
-Eigentümlichkeiten zu entfalten. Sie fürchten sich vor der Einsamkeit,
-in die sie dadurch gedrängt werden. Es ist bequemer und gefahrloser,
-in gleicher Weise wie die Mitmenschen zu leben; man findet dann
-immer Gesellschaft. Wer auf seine eigene Art sich einrichtet,
-wird von anderen nicht verstanden und findet keine Genossen. Für
-Nietzsche hat die Einsamkeit einen besonderen Reiz. Er liebt es,
-die Heimlichkeiten des eigenen Innern aufzusuchen. Er flieht
-die Gemeinschaft der Menschen. Seine Gedankengänge sind zumeist
-Bohrversuche nach Schätzen, die tief in seiner Persönlichkeit verborgen
-liegen. Das Licht, das andere ihm bieten, verschmäht er; die Luft,
-die man da atmet, wo das "Gemeinsame der Menschen", die "Regel Mensch"
-lebt, will er nicht mitatmen. Er trachtet instinktiv nach seiner "Burg
-und Heimlichkeit", wo er von der Menge, den vielen, den allermeisten
-erlöst ist. (Jenseits von Gut und Böse § 36.) In seiner "fröhlichen
-Wissenschaft" klagt er, daß es ihm schwer ist, seine Mitmenschen zu
-"verdauen"; und in "Jenseits von Gut und Böse" (§ 282) verrät er,
-daß er zumeist gefährliche Verdauungsstörungen davontrug, wenn er
-sich an Tische setzte, an denen die Kost des "Allgemein-Menschlichen"
-genossen wurde. Die Menschen dürfen Nietzsche nicht zu nahe kommen,
-wenn er sie ertragen soll.
-
-
-
-
-6.
-
-Nietzsche erklärt einen Gedanken, ein Urteil in derjenigen Form für
-gültig, zu der die freiwaltenden Lebensinstinkte ihre Zustimmung
-geben. Ansichten, für die das Leben sich entscheidet, läßt er sich
-durch keine logischen Zweifel nehmen. Dadurch erhält sein Denken
-einen sichern, freien Zug. Es wird nicht beirrt durch Bedenken wie:
-ob eine Behauptung auch "objektiv" wahr ist, ob sie die Grenzen des
-menschlichen Erkenntnisvermögens nicht überschreitet u. s. w. Wenn
-Nietzsche den Wert eines Urteiles für das Leben erkannt hat, dann
-fragt er nicht mehr nach einer weiteren "objektiven" Bedeutung und
-Gültigkeit desselben. Und wegen Grenzen des Erkennens macht er sich
-keine Sorgen. Er ist der Ansicht, daß ein gesundes Denken das schafft,
-was es schaffen kann, und sich nicht mit der nutzlosen Frage abquält:
-was kann ich nicht?
-
-Wer den Wert eines Urteils nach dem Grade bestimmen will, in dem es
-das Leben fördert, kann diesen Grad natürlich nur durch seine eigenen,
-persönlichen Lebenstriebe und Lebensinstinkte festsetzen. Er kann
-nie mehr sagen wollen, als: in Bezug auf meine Lebensinstinkte halte
-ich dieses bestimmte Urteil für ein wertvolles. Und Nietzsche will
-auch nie etwas anderes sagen, wenn er eine Ansicht ausspricht. Gerade
-dieses sein Verhältnis zu seiner Gedankenwelt wirkt so wohlthuend auf
-den freiheitlich gesinnten Leser. Es giebt Nietzsches Schriften den
-Charakter anspruchsloser, bescheidener Vornehmheit. Wie abstoßend
-und unbescheiden klingt es daneben, wenn andere Denker glauben,
-ihre Person sei das Organ, durch das der Welt ewige, unumstößliche
-Wahrheiten verkündet werden. Man kann in Nietzsches Werken Sätze
-finden, die ein starkes Selbstbewußtsein ausdrücken, z. B.: "Ich
-habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
-meinen Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste." --
-(Götzendämmerung, Streifzüge eines Unzeitgemäßen § 51.) Was besagt
-dies aber aus seinem Munde? Ich habe es gewagt, ein Buch zu schreiben,
-dessen Inhalt tiefer aus dem Wesen einer Persönlichkeit geholt ist,
-als das sonst bei ähnlichen Büchern der Fall ist; und ich werde ein
-Buch liefern, das unabhängiger von jedem fremden Urteil ist, als
-andere philosophische Schriften; denn ich werde über die wichtigsten
-Dinge bloß aussprechen, wie sich meine persönlichen Instinkte zu
-ihnen verhalten. Das ist vornehme Bescheidenheit. Sie geht freilich
-denen wider den Geschmack, deren verlogene Demut sagt: ich bin nichts,
-mein Werk ist alles; ich bringe nichts von persönlichem Empfinden in
-meine Bücher, sondern ich spreche bloß aus, was die reine Vernunft
-mich aussprechen heißt. Solche Menschen wollen ihre Person verleugnen,
-um behaupten zu können, daß ihre Aussprüche die eines höheren Geistes
-sind. Nietzsche hält seine Gedanken für Erzeugnisse seiner Person
-und für nicht mehr.
-
-
-
-
-7.
-
-Die Fachphilosophen mögen über Nietzsche lächeln oder ihre Meinungen
-über die "Gefahren" seiner "Weltanschauung" zum besten geben. Manche
-dieser Geister, die nichts sind als personifizierte Lehrbücher der
-Logik, können natürlich Nietzsches aus den mächtigsten, unmittelbarsten
-Lebensimpulsen entspringendes Schaffen nicht loben.
-
-Nietzsche mit seinen kühnen Gedankensprüngen trifft jedenfalls auf
-tiefere Geheimnisse der menschlichen Natur, als mancher logische
-Denker mit seinem vorsichtigen Kriechen. Was nutzt alle Logik, wenn
-sie mit ihren Begriffsnetzen nur einen wertlosen Inhalt fängt? Wenn
-uns wertvolle Gedanken mitgeteilt werden, dann erfreuen wir uns an
-ihnen, wenn sie auch nicht mit logischen Fäden verknüpft sind. Das Heil
-des Lebens hängt nicht allein von der Logik ab, sondern auch von der
-Gedankenerzeugung. Unsere Fachphilosophie ist gegenwärtig unfruchtbar
-genug, und sie könnte die Belebung mit Gedanken eines mutigen, kühnen
-Schriftstellers, wie es Nietzsche ist, sehr wohl brauchen. Die
-Entwickelungskraft dieser Fachphilosophie ist gelähmt durch den
-Einfluß, den das Kant'sche Denken auf sie genommen hat. Sie hat durch
-diesen Einfluß alle Ursprünglichkeit, allen Mut verloren. Kant hat aus
-der Schulphilosophie seiner Zeit den Begriff von Wahrheiten, die aus
-der "reinen Vernunft" stammen, übernommen. Er hat zu zeigen versucht,
-daß wir durch solche Wahrheit nichts wissen können von Dingen, die
-jenseits unserer Erfahrung liegen, von "Dingen an sich". Seit einem
-Jahrhundert ist nun unermeßlicher Scharfsinn aufgewendet worden,
-um diesen Kant'schen Gedanken nach allen Seiten durchzudenken. Die
-Erzeugnisse dieses Scharfsinns sind allerdings oft dürftig und
-trivial. Übersetzte man die Banalitäten manches philosophischen Buches
-der Gegenwart aus den Schulformeln in eine gesunde Sprache, so würde
-sich ein solcher Inhalt gegenüber manchem kurzen Aphorismus Nietzsches
-armselig genug ausnehmen. Dieser konnte im Hinblick auf die Philosophie
-der Gegenwart mit einem gewissen Recht den stolzen Satz aussprechen:
-"Mein Ehrgeiz ist, in zehn Sätzen zu sagen, was jeder andere in einem
-Buche sagt, -- was jeder andere in einem Buche nicht sagt ..."
-
-
-
-
-8.
-
-Wie Nietzsche in seinen eigenen Meinungen nichts geben will als ein
-Erzeugnis seiner persönlichen Instinkte und Triebe, so sind ihm auch
-fremde Ansichten nichts weiter als Symptome, aus denen er auf die in
-einzelnen Menschen oder ganzen Völkern, Rassen u. s. w. vorwaltenden
-Instinkte schließt. Er macht sich nichts mit Diskussionen oder
-Widerlegungen fremder Meinungen zu schaffen. Aber er sucht die
-Instinkte auf, die sich in diesen Meinungen aussprechen. Er sucht
-die Charaktere der Persönlichkeiten oder Völker aus ihren Ansichten
-zu erkennen. Ob eine Ansicht auf das Vorwalten der Instinkte
-für Gesundheit, Tapferkeit, Vornehmheit, Lebensfreude hinweist,
-oder ob sie aus ungesunden, sklavischen, müden, lebensfeindlichen
-Instinkten entspringt, das interessiert ihn. Wahrheiten an sich
-sind ihm gleichgültig; er kümmert sich darum, wie die Menschen
-ihre Wahrheiten ihren Instinkten gemäß ausbilden, und wie sie damit
-ihre Lebensziele fördern. Die natürlichen Ursachen der menschlichen
-Ansichten will er aufsuchen.
-
-Nach dem Sinne jener Idealisten, die der Wahrheit einen selbständigen
-Wert zuerkennen, die ihr einen "reinen, höhern Ursprung" als
-den aus den Instinkten geben wollen, ist Nietzsches Bestreben
-allerdings nicht. Er erklärt die menschlichen Ansichten als das
-Ergebnis natürlicher Kräfte, wie der Naturforscher die Einrichtung
-des Auges aus dem Zusammenwirken natürlicher Ursachen erklärt. Eine
-Erklärung der geistigen Entwickelung der Menschheit aus besonderen
-sittlichen Zwecken, Idealen, aus einer sittlichen Weltordnung erkennt
-er ebensowenig an, wie der Naturforscher der Gegenwart die Erklärung
-anerkennt, daß die Natur das Auge deswegen in einer bestimmten Weise
-gebaut hat, weil sie den Zweck hatte, dem Organismus ein Organ zum
-Sehen anzuerschaffen. In jedem Ideal sieht Nietzsche nur den Ausdruck
-für einen Instinkt, der sich auf eine bestimmte Art seine Befriedigung
-sucht, wie der moderne Naturforscher in der zweckmäßigen Einrichtung
-eines Organes das Ergebnis organischer Bildungsgesetze sieht. Wenn
-es gegenwärtig noch Naturforscher und Philosophen giebt, die jedes
-Schaffen der Natur nach Zwecken ablehnen, aber vor dem sittlichen
-Idealismus Halt machen und in der Geschichte die Verwirklichung
-eines göttlichen Willens, einer idealen Ordnung der Dinge sehen,
-so ist dies eine Instinkthalbheit. Solchen Personen fehlt für die
-Beurteilung geistiger Vorgänge der richtige Blick, während sie ihn in
-der Beobachtung von Naturvorgängen zeigen. Wenn ein Mensch glaubt,
-er strebe ein Ideal an, das nicht aus der Wirklichkeit stammt, so
-glaubt er dies nur, weil er den Instinkt nicht kennt, aus dem dieses
-Ideal entsteht.
-
-Nietzsche ist Anti-Idealist in dem Sinne, wie der moderne
-Naturforscher Gegner der Annahme von Zwecken ist, die die Natur
-verwirklichen soll. Er spricht ebensowenig von sittlichen Zwecken,
-wie der Naturforscher von Naturzwecken spricht. Nietzsche hält es
-nicht für weiser, zu sagen: der Mensch soll ein sittliches Ideal
-verwirklichen, wie zu erklären: der Stier hat Hörner, damit er
-stoßen könne. Er betrachtet den einen wie den andern Ausspruch als
-Produkt einer Welterklärung, welche von "göttlicher Vorsehung",
-"weiser Allmacht", statt von natürlichen Wirkungen, spricht.
-
-Diese Welterklärung ist ein Hemmschuh für alles gesunde Denken;
-sie schafft einen erdichteten, idealen Nebel, der das natürliche,
-auf die Beobachtung der Wirklichkeit gerichtete Sehvermögen hindert,
-die Weltvorgänge zu durchschauen; sie stumpft endlich völlig allen
-Wirklichkeitssinn ab.
-
-
-
-
-9.
-
-Wenn Nietzsche sich in einen geistigen Kampf einläßt, so will er nicht
-fremde Meinungen als solche widerlegen, sondern er thut es, weil diese
-Meinungen auf schädliche, naturwidrige Instinkte hinweisen, die er
-bekämpfen will. Er hat dabei eine ähnliche Absicht, wie sie jemand
-hat, der eine schädliche Naturwirkung bekämpft oder ein gefährliches
-Naturwesen vertilgt. Er baut nicht auf die "überzeugende" Kraft
-der Wahrheit, sondern darauf, daß er den Gegner besiegen wird, wenn
-dieser die ungesunden, schädlichen Instinkte, er aber die gesunden,
-lebenfördernden hat. Er sucht nach keiner weiteren Rechtfertigung eines
-solchen Kampfes, wenn seine Instinkte die des Gegners als schädlich
-empfinden. Er glaubt nicht als Vertreter irgend einer Idee kämpfen zu
-müssen, sondern er kämpft, weil ihn seine Instinkte dazu treiben. Zwar
-ist das bei keinem geistigen Kampfe anders, aber gewöhnlich sind sich
-die Kämpfer der wirklichen Triebfedern ebensowenig bewußt, wie die
-Philosophen sich ihres "Willens zur Macht" oder die Anhänger der
-sittlichen Weltordnung der natürlichen Ursachen ihrer sittlichen
-Ideale. Sie glauben, daß lediglich Meinung gegen Meinung kämpft,
-und verhüllen ihre wirklichen Motive durch Begriffsmäntel. Sie nennen
-auch die Instinkte des Gegners nicht, die ihnen unsympathisch sind,
-ja diese kommen ihnen vielleicht gar nicht zum Bewußtsein. Kurz, die
-Kräfte, die eigentlich feindlich gegen einander gerichtet sind, treten
-gar nicht offen hervor. Nietzsche nennt rücksichtslos die Instinkte
-des Gegners, die ihm zuwider sind, und er nennt auch die Instinkte,
-die er ihnen entgegensetzt. Wer dies Cynismus nennen will, der mag es
-thun. Er soll aber nur nicht übersehen, daß es in aller menschlichen
-Thätigkeit niemals etwas anderes als solchen Cynismus gegeben hat,
-und daß alle idealistischen Wahngewebe von diesem Cynismus gewebt sind.
-
-
-
-
-
-
-
-
-II.
-
-DER ÜBERMENSCH.
-
-
-10.
-
-Alles Streben des Menschen besteht, wie das eines jeden Lebewesens,
-darin, von der Natur eingepflanzte Triebe und Instinkte in der besten
-Weise zu befriedigen. Wenn die Menschen nach Tugend, Gerechtigkeit,
-Erkenntnis und Kunst streben, so geschieht dies deshalb, weil Tugend,
-Gerechtigkeit u. s. w. Mittel sind, durch die die menschlichen
-Instinkte sich so entwickeln können, wie es deren Natur entsprechend
-ist. Die Instinkte würden ohne diese Mittel verkümmern. Es ist nun
-eine Eigentümlichkeit des Menschen, daß er diesen Zusammenhang seiner
-Lebensbedingungen mit seinen natürlichen Trieben vergißt und jene
-Mittel zu einem naturgemäßen, machtvollen Leben als etwas ansieht,
-das an sich einen unbedingten Wert hat. Der Mensch sagt dann: Tugend,
-Gerechtigkeit, Erkenntnis u. s. w. müssen um ihrer selbst willen
-erstrebt werden. Sie haben nicht dadurch einen Wert, daß sie dem Leben
-dienen, sondern vielmehr das Leben erhalte erst einen Wert dadurch,
-daß es nach jenen idealen Gütern strebt. Der Mensch sei nicht dazu
-da, nach Maßgabe seiner Instinkte zu leben, wie das Tier; sondern
-er solle seine Instinkte dadurch adeln, daß er sie in den Dienst
-höherer Zwecke stelle. Auf diese Weise kommt der Mensch dazu, das,
-was er selbst erst zur Befriedigung seiner Triebe geschaffen hat, als
-Ideale anzubeten, die seinem Leben erst die rechte Weihe geben. Er
-fordert Unterwerfung unter die Ideale, die er höher schätzt, als
-sich selbst. Er löst sich los von dem Mutterboden der Wirklichkeit
-und will seinem Dasein einen höheren Sinn und Zweck geben. Er
-erfindet einen unnatürlichen Ursprung für seine Ideale. Er nennt
-sie den "Willen Gottes", die "ewigen sittlichen Gebote". Er will die
-"Wahrheit um der Wahrheit willen", "die Tugend um der Tugend" willen
-anstreben. Er betrachtet sich als einen guten Menschen erst dann,
-wenn es ihm angeblich gelungen ist, seine Selbstsucht, d. h. seine
-natürlichen Instinkte zu bändigen und selbstlos einem idealen Ziele
-zu folgen. Einem solchen Idealisten gilt der Mensch als unedel und
-"böse", der es bis zu solcher Selbstüberwindung nicht gebracht hat.
-
-Nun stammen ursprünglich alle Ideale aus natürlichen Instinkten. Auch
-was der Christ als Tugend ansieht, die ihm Gott geoffenbart hat,
-ist ursprünglich von Menschen erfunden, um irgend welche Instinkte zu
-befriedigen. Der natürliche Ursprung ist vergessen und der göttliche
-hinzugedichtet worden. Ähnlich verhält es sich mit den Tugenden,
-die die Philosophen und Moralprediger aufstellen.
-
-Wenn die Menschen bloß gesunde Instinkte hätten und diesen gemäß
-ihre Ideale bestimmten, so würde der theoretische Irrtum über
-den Ursprung dieser Ideale nicht schaden. Die Idealisten hätten
-zwar falsche Ansichten über die Herkunft ihrer Ziele, aber diese
-Ziele selbst wären gesund, und das Leben müßte gedeihen. Aber es
-giebt ungesunde Instinkte, die nicht auf Stärkung, Förderung des
-Lebens, sondern auf dessen Schwächung, Verkümmerung abzielen. Diese
-bemächtigen sich des genannten theoretischen Irrtums und machen ihn
-zum praktischen Lebenszwecke. Sie verleiten den Menschen, zu sagen:
-ein vollkommener Mensch ist nicht derjenige, der sich selbst, seinem
-Leben dienen will, sondern derjenige, der sich der Verwirklichung
-eines Ideals hingiebt. Unter dem Einfluß dieser Instinkte bleibt der
-Mensch nicht bloß dabei stehen, irrtümlich seinen Zielen einen un-
-oder übernatürlichen Ursprung anzudichten, sondern er macht sich
-wirklich solche Ideale zurecht oder übernimmt sie von anderen, die
-nicht den Bedürfnissen des Lebens dienen. Er strebt nicht mehr darnach,
-die in seiner Persönlichkeit liegenden Kräfte ans Tageslicht zu ziehen,
-sondern er lebt nach einem seiner Natur aufgezwungenen Musterbilde. Ob
-er dieses Ziel einer Religion entnimmt, oder ob er es selbst auf Grund
-gewisser, nicht in seiner Natur liegenden Voraussetzungen bestimmt:
-darauf kommt es nicht an. Der Philosoph, der einen allgemeinen Zweck
-der Menschheit im Auge hat und aus diesem seine sittlichen Ideale
-ableitet, legt der menschlichen Natur ebenso Fesseln an, wie der
-Religionsstifter, der den Menschen sagt: dies ist das Ziel, das euch
-Gott gesetzt hat; und dem müßt ihr folgen. Es ist auch gleichgültig,
-ob der Mensch sich vorsetzt, ein Ebenbild Gottes zu werden, oder
-ob er ein Ideal des "vollkommenen Menschen" erfindet und diesem
-möglichst ähnlich werden will. Wirklich ist nur der einzelne Mensch
-und die Triebe und Instinkte dieses einzelnen Menschen. Nur wenn er
-auf die Bedürfnisse seiner eigenen Person sein Augenmerk richtet,
-kann der Mensch erfahren, was seinem Leben frommt. Der einzelne
-Mensch wird nicht "vollkommen", wenn er sich verleugnet und einem
-Vorbilde ähnlich wird, sondern wenn er das verwirklicht, was in ihm
-zur Verwirklichung drängt. Die menschliche Thätigkeit erhält nicht
-erst einen Sinn, wenn sie einem unpersönlichen, äußeren Zwecke dient;
-sie hat ihren Sinn in sich selbst.
-
-Der Anti-Idealist wird zwar auch in der ungesunden Abkehr des
-Menschen von seinen ureigenen Instinkten noch eine Instinktäußerung
-erblicken. Er weiß, daß der Mensch selbst das Instinktwidrige nur aus
-Instinkt vollbringen kann. Er wird aber doch die Instinktwidrigkeit
-bekämpfen, wie der Arzt eine Krankheit bekämpft, trotzdem er weiß,
-daß sie naturgemäß aus bestimmten Ursachen entstanden ist. Es
-darf also dem Anti-Idealisten nicht der Einwurf gemacht werden: du
-behauptest, alles, was der Mensch erstrebt, also auch alle Ideale,
-seien naturgemäß entstanden; dennoch bekämpfst du den Idealismus. Gewiß
-entstehen Ideale ebenso naturgemäß wie Krankheiten; aber der Gesunde
-bekämpft den Idealismus, wie er die Krankheit bekämpft. Der Idealist
-aber sieht die Ideale als etwas an, das gehegt und gepflegt werden muß.
-
-Der Glaube, daß der Mensch vollkommen erst wird, wenn er "höheren"
-Zwecken dient, ist, nach Nietzsches Meinung, etwas, das überwunden
-werden muß. Der Mensch muß sich auf sich selbst besinnen und erkennen,
-daß er Ideale nur erschaffen hat, um sich zu dienen. Naturgemäß
-leben, ist gesünder, als Idealen nachjagen, die angeblich nicht aus
-der Wirklichkeit stammen. Den Menschen, der nicht unpersönlichen
-Zielen dient, sondern der den Zweck und Sinn seines Daseins in sich
-selbst sucht, der solche Tugenden zu den seinigen macht, die seiner
-Kraftentfaltung, seiner Machtvollkommenheit dienen -- diesen Menschen
-stellt Nietzsche höher als den selbstlosen Idealisten.
-
-Dies ist es, was er durch seinen "Zarathustra" verkündet. Das souveräne
-Individuum, das weiß, daß es nur aus seiner Natur heraus leben
-kann, und das in einer seinem Wesen entsprechenden Lebensgestaltung
-sein persönliches Ziel sieht, ist für Nietzsche der Übermensch, im
-Gegensatz zu dem Menschen, der glaubt: ihm sei das Leben geschenkt,
-um einem außer ihm selbst liegenden Zwecke zu dienen.
-
-Den Übermenschen, d. h. den Menschen, der naturgemäß zu leben
-versteht, lehrt Zarathustra. Er lehrt die Menschen, ihre Tugenden
-als ihre Geschöpfe betrachten; er heißt sie diejenigen verachten,
-die ihre Tugenden höher als sich selbst achten.
-
-Zarathustra ist in die Einsamkeit gegangen, um sich frei zu machen von
-der Demut, in der sich die Menschen beugen vor ihren Tugenden. Er geht
-erst wieder unter Menschen, als er die Tugenden verachten gelernt hat,
-die das Leben bändigen und nicht dem Leben dienen wollen. Er bewegt
-sich nun leicht wie ein Tänzer, denn er folgt nur sich und seinem
-Willen und achtet nicht auf die Linien, die ihm von den Tugenden
-vorgezeichnet werden. Nicht schwer mehr lastet der Glaube auf seinem
-Rücken, daß es unrecht sei, nur sich selbst zu folgen. Zarathustra
-schläft nun nicht mehr, um von Idealen zu träumen; er ist ein
-Wachender, der der Wirklichkeit sich frei gegenüberstellt. Ein
-schmutziger Strom ist ihm der Mensch, der sich selbst verloren hat und
-vor seinen eigenen Geschöpfen im Staube liegt. Der Übermensch ist ihm
-ein Meer, das diesen Strom aufnimmt, ohne selbst unrein zu werden. Denn
-der Übermensch hat sich selbst gefunden; er erkennt sich als Herrn und
-Schöpfer seiner Tugenden. Zarathustra hat das Große erlebt, daß ihm
-alle Tugend zum Ekel geworden ist, die über den Menschen gesetzt wird.
-
-"Was ist das Größte, das ihr erleben könnt? Das ist die Stunde der
-großen Verachtung. Die Stunde, in der euch euer Glück zum Ekel wird
-und ebenso eure Vernunft und eure Tugend."
-
-
-
-
-11.
-
-Die Weisheit Zarathustras ist nicht nach dem Sinne der "modernen
-Gebildeten". Sie möchten alle Menschen einander gleich machen. Wenn
-alle nur nach einem Ziele streben, sagen sie, dann ist Zufriedenheit
-und Glück auf Erden. Der Mensch soll zurückhalten, so fordern sie,
-seine besondern persönlichen Wünsche und nur der Allgemeinheit,
-dem gemeinsamen Glücke dienen. Friede und Ruhe wird dann auf der
-Erde herrschen. Wenn jeder die gleichen Bedürfnisse hat, dann stört
-keiner die Kreise des andern. Nicht sich und seine individuellen Ziele
-soll der Einzelne im Auge haben, sondern nach der einmal bestimmten
-Schablone sollen alle leben. Verschwinden soll alles einzelne Leben,
-und Glieder der gemeinsamen Weltordnung sollen alle werden.
-
-"Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das Gleiche, jeder ist gleich,
-wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus.
-
-"'Ehemals war alle Welt irre' -- sagen die Feinsten und blinzeln.
-
-"Man ist klug und weiß alles, was geschehen ist: so hat man kein
-Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald,
-sonst verdirbt es den Magen."
-
-Zarathustra ist zu lange Einsiedler gewesen, um solcher Weisheit zu
-huldigen. Er hat die eigenartigen Töne gehört, die aus dem Innern der
-Persönlichkeit erklingen, wenn der Mensch abseits steht von dem Lärm
-des Marktes, wo einer nur die Worte des andern nachspricht. Und er
-möchte es den Menschen in die Ohren rufen: höret auf die Stimmen,
-die nur in jedem Einzelnen von euch erklingen. Denn die nur sind
-naturgemäß, die nur sagen jedem, was er vermag. Ein Feind des Lebens,
-des reichen, vollen Lebens, ist derjenige, welcher diese Stimmen
-ungehört verhallen läßt und auf das gemeinsame Geschrei der Menschen
-hört. Zu den Freunden der Gleichheit aller Menschen will Zarathustra
-nicht sprechen. Sie könnten ihn nur mißverstehen. Denn sie würden
-glauben, daß sein Übermensch jenes ideale Musterbild sei, dem alle
-gleich werden sollen. Aber Zarathustra will den Menschen keine
-Vorschriften darüber machen, wie sie sein sollen; er will nur jeden
-Einzelnen auf sich selbst verweisen und ihm sagen: überlasse dich dir
-selbst, folge nur dir allein, stelle dich über Tugend, Weisheit und
-Erkenntnis. Zu solchen, die sich suchen wollen, spricht Zarathustra;
-nicht einer Menge, die ein gemeinsames Ziel sucht, sondern solchen
-Gefährten, gelten seine Worte, die gleich ihm einen eigenen Weg
-gehen. Sie allein verstehen ihn, denn sie wissen, daß er nicht sagen
-will: seht, dies ist der Übermensch, werdet wie er, sondern: seht,
-ich habe mich gesucht; so bin ich, wie ich es euch lehre; geht hin
-und sucht euch ebenso, dann habt ihr den Übermenschen.
-
-"Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern;
-und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer
-machen mit meinem Glücke."
-
-
-
-
-12.
-
-Zwei Tiere: die Schlange, als das klügste, und der Adler, als das
-stolzeste Tier, begleiten Zarathustra. Sie sind die Symbole seiner
-Instinkte. Klugheit schätzt Zarathustra, denn sie lehrt den Menschen
-die verschlungenen Pfade der Wirklichkeit finden; sie lehrt ihn kennen,
-was er zum Leben braucht. Und auch den Stolz liebt Zarathustra, denn
-der Stolz bringt die Selbstachtung des Menschen hervor, durch die
-dieser dazu kommt, sich selbst als den Sinn und Zweck seines Daseins
-zu betrachten. Der Stolze stellt seine Weisheit, seine Tugend nicht
-über sich selbst. Der Stolz bewahrt den Menschen davor, sich selbst zu
-vergessen über "höheren, heiligeren" Zielen. Lieber noch als den Stolz
-möchte Zarathustra die Klugheit verlieren. Denn die Klugheit, die nicht
-von Stolz begleitet ist, sieht sich nicht als Menschenwerk an. Wem
-der Stolz und die Selbstachtung fehlt, der glaubt, seine Klugheit sei
-ihm vom Himmel geschenkt. Ein solcher sagt: ein Thor ist der Mensch,
-und er hat nur so viel Weisheit, als ihm der Himmel schenken will.
-
-"Und wenn mich einst meine Klugheit verläßt: -- ach, sie liebt es,
-davonzufliegen! -- möge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit
-fliegen!"
-
-
-
-
-13.
-
-Drei Verwandlungen muß der menschliche Geist durchmachen, bis er
-sich selbst gefunden hat. Dies lehrt Zarathustra. Ehrfürchtig ist der
-Geist zuerst. Er nennt Tugend, was auf ihm lastet. Er erniedrigt sich,
-um seine Tugend zu erhöhen. Er sagt: alle Weisheit ist bei Gott, und
-Gottes Wegen muß ich folgen. Gott legt mir das Schwerste auf, um meine
-Kraft zu prüfen, ob sie auch stark sei und geduldig ausharre. Nur der
-Geduldige ist stark. Gehorchen will ich, sagt der Geist auf dieser
-Stufe, und ausführen die Gebote des Weltengeistes, ohne zu fragen,
-was der Sinn dieser Gebote ist. Der Geist fühlt den Druck, den eine
-höhere Macht auf ihn ausübt. Nicht seine Wege geht der Geist, sondern
-die Wege dessen, dem er dient.
-
-Es kommt die Zeit, wo der Geist inne wird, daß kein Gott zu ihm
-redet. Dann will er frei sein und Herr in seiner eigenen Welt. Er
-sucht nach einer Richtschnur für seine Geschicke. Er frägt nicht
-mehr den Weltengeist, wie er sein Leben einrichten solle. Aber nach
-einem festen Gesetz, nach einem heiligen "du sollst" strebt er. Er
-sucht nach einem Maßstab, um den Wert der Dinge zu messen; er sucht
-nach einem Unterscheidungszeichen von Gut und Böse. Es muß eine Regel
-für mein Leben geben, die nicht von mir, von meinem Willen abhängt,
-so spricht der Geist auf dieser Stufe. Dieser Regel will ich mich
-fügen. Frei bin ich, meint der Geist, aber nur frei, um einer solchen
-Regel zu gehorchen.
-
-Auch diese Stufe überwindet der Geist. Er wird wie das Kind,
-das bei seinem Spielen nicht fragt: wie soll ich dies oder jenes
-machen, sondern das nur seinen Willen ausführt, das nur sich selbst
-folgt. "Seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich
-der Weltverlorne."
-
-"Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist
-zum Kamele ward, und zum Löwen das Kamel, und der Löwe zuletzt zum
-Kinde. -- -- Also sprach Zarathustra."
-
-
-
-
-14.
-
-Was wollen die Weisen, die die Tugend über den Menschen stellen? fragt
-Zarathustra. Sie sagen: die Ruhe der Seele kann nur haben, wer
-seine Pflicht gethan hat, wer dem heiligen "du sollst" gefolgt
-ist. Tugendhaft soll der Mensch sein, damit er nach gethaner Pflicht
-träumen könne von erfüllten Idealen und keine Gewissensbisse fühle. Ein
-Mensch mit Gewissensbissen gleicht, sagen die Tugendhaften, einem
-Schlafenden, dem böse Träume die Nachtruhe stören.
-
-"Wenige wissen das, aber man muß alle Tugenden haben, um gut zu
-schlafen. Werde ich falsch Zeugnis reden? Werde ich ehebrechen?
-
-"Werde ich mich gelüsten lassen meines Nächsten Magd? Das alles
-vertrüge sich schlecht mit gutem Schlafe ...
-
-"Friede mit Gott und dem Nachbar, so will es der gute Schlaf. Und
-Friede auch noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des
-Nachts um."
-
-Nicht was sein Trieb ihn heißt, thut der Tugendhafte, sondern was
-Seelenruhe bewirkt. Er lebt, um in Ruhe über das Leben träumen zu
-können. Noch lieber ist es ihm, wenn den Schlaf, den er Seelenruhe
-nennt, gar kein Traum stört. Das heißt: dem Tugendhaften ist es am
-liebsten, wenn er irgendwoher die Regeln seines Handelns erhält und
-im übrigen seine Ruhe genießen kann. "Seine Weisheit heißt: wachen,
-um gut zu schlafen. Und wahrlich, hätte das Leben keinen Sinn, und
-müßte ich Unsinn wählen, so wäre auch mir dies der wählenswürdigste
-Unsinn," spricht Zarathustra.
-
-Auch für Zarathustra gab es eine Zeit, da er glaubte, ein außerhalb
-der Welt wohnender Geist, ein Gott, habe die Welt geschaffen. Einen
-unzufriedenen, leidenden Gott dachte sich Zarathustra. Um sich eine
-Befriedigung zu verschaffen, um von seinem Leiden loszukommen,
-habe Gott die Welt erschaffen, meinte einst Zarathustra. Aber er
-hat einsehen gelernt, daß es ein Wahnbild war, das er sich selbst
-geschaffen hatte. "Ach, ihr Brüder, dieser Gott, den ich schuf,
-war Menschenwerk und -Wahnsinn gleich allen Göttern!" Zarathustra
-hat seine Sinne gebrauchen und die Welt betrachten gelernt. Und
-zufrieden wurde er mit der Welt; nicht mehr schweiften seine Gedanken
-ins Jenseits. Blind war er ehemals und konnte die Welt nicht sehen,
-deshalb suchte er sein Heil außerhalb der Welt. Aber Zarathustra
-hat sehen gelernt und erkennen, daß die Welt in sich selbst ihren
-Sinn habe.
-
-"Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen:
-nicht mehr den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken,
-sondern frei ihn zu tragen, meinen Erdenkopf, der der Erde Sinn
-schafft."
-
-
-
-
-15.
-
-In Leib und Seele haben die Idealisten den Menschen gespalten,
-in Idee und Wirklichkeit haben sie alles Dasein geteilt. Und sie
-haben die Seele, den Geist, die Idee zu einem besonders Wertvollen
-gemacht, um die Wirklichkeit, den Leib um so mehr verachten zu
-können. Zarathustra aber sagt: Nur eine Wirklichkeit, nur einen Leib
-giebt es, und die Seele ist nur etwas am Leibe, die Idee nur etwas
-an der Wirklichkeit. Eine Einheit sind Leib und Seele des Menschen;
-aus einer Wurzel entspringen Körper und Geist. Der Geist ist nur
-da, weil ein Körper da ist, der Kräfte hat, an sich den Geist zu
-entwickeln. Wie die Pflanze an sich die Blüte, so entfaltet der Körper
-an sich den Geist.
-
-"Hinter deinen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger
-Gebieter, ein unbekannter Weiser -- der heißt Selbst. In deinem Leibe
-wohnt er, dein Leib ist er."
-
-Wer einen Sinn hat für das Wirkliche, der sucht den Geist, die Seele
-in und an dem Wirklichen, er sucht die Vernunft in dem Wirklichen;
-nur wer die Wirklichkeit für geistlos, für "bloß natürlich", für "roh"
-hält, der giebt dem Geiste, der Seele ein besonderes Dasein. Er macht
-die Wirklichkeit zur bloßen Wohnung des Geistes. Einem solchen fehlt
-aber auch der Sinn für die Wahrnehmung des Geistes selbst. Nur weil
-er den Geist in der Wirklichkeit nicht sieht, sucht er ihn anderswo.
-
-"Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit
-.....
-
-"Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne,
-ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt.
-
-"Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder,
-die du "Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen
-Vernunft."
-
-Ein Thor ist, wer die Blüte von der Pflanze reißt und glaubt, die
-abgerissene Blüte werde nun sich noch zur Frucht entwickeln. Ein
-Thor ist ebenso, wer den Geist von der Natur absondert und glaubt,
-ein solcher abgesonderter Geist könne noch schaffen.
-
-Menschen mit kranken Instinkten haben die Scheidung von Geist und
-Körper vorgenommen. Ein kranker Instinkt nur kann sagen: mein Reich
-ist nicht von dieser Welt. Eines gesunden Instinktes Reich ist nur
-diese Welt.
-
-
-
-
-16.
-
-Was für Ideale haben sie doch geschaffen, diese Verächter der
-Wirklichkeit! Fassen wir sie ins Auge, die Ideale der Asketen,
-die da sagen: wendet ab euren Blick vom Diesseits und schaut nach
-dem Jenseits! Was bedeuten asketische Ideale? Mit dieser Frage und
-den Vermutungen, mit denen er sie beantwortet, hat uns Nietzsche am
-tiefsten hineinblicken lassen in sein von der abendländischen neueren
-Kultur unbefriedigtes Herz. (Genealogie der Moral, 3. Abteilung.)
-
-Wenn ein Künstler, wie z. B. Richard Wagner in der letzten Zeit seines
-Schaffens, Anhänger des asketischen Ideales wird, so hat das nicht viel
-zu bedeuten. Der Künstler steht sein ganzes Leben hindurch über seinen
-Schöpfungen. Er sieht von oben herab auf seine Wirklichkeiten. Er
-schafft Wirklichkeiten, die nicht seine Wirklichkeit sind. "Ein Homer
-hätte keinen Achill, ein Goethe keinen Faust gedichtet, wenn Homer
-ein Achill, und wenn Goethe ein Faust gewesen wäre." (Genealogie,
-3. Abt. § 4.) Wenn nun ein solcher Künstler sein eigenes Dasein
-einmal ernst nimmt, sich selbst und seine persönlichen Ansichten in
-Wirklichkeit umsetzen will, so ist es kein Wunder, wenn etwas sehr
-Unreales entsteht. Richard Wagner hat über seine Kunst vollständig
-umgelernt, als ihm die Philosophie Schopenhauers bekannt wurde. Vorher
-hielt er die Musik für ein Ausdrucksmittel, das etwas braucht, dem
-es Ausdruck verschafft, das Drama. In seiner Schrift Oper und Drama,
-die 1851 geschrieben ist, spricht er aus, daß der größte Irrtum,
-dem man sich in Bezug auf die Oper hingeben kann, der ist, "daß
-
-
- ein Mittel des Ausdrucks (die Musik) zum Zwecke, der Zweck des
- Ausdrucks (das Drama) aber zum Mittel gemacht werde."
-
-
-Er bekannte sich zu einer andern Ansicht, nachdem er Schopenhauers
-Lehre von der Musik kennen gelernt hatte. Schopenhauer ist der
-Ansicht, daß durch die Musik das Wesen der Dinge selbst zu uns
-spricht. Der ewige Wille, der in allen Dingen lebt, er wird in allen
-anderen Künsten nur in seinen Abbildern, in den Ideen, verkörpert;
-die Musik ist kein bloßes Bild des Willens: in ihr giebt sich der
-Wille unmittelbar kund. Was uns in allen unseren Vorstellungen nur im
-Abglanz erscheint: der ewige Grund alles Seins, der Wille, ihn glaubt
-Schopenhauer in den Klängen der Musik unmittelbar zu vernehmen. Kunde
-aus dem Jenseits bringt für Schopenhauer die Musik. Diese Ansicht
-wirkte auf Richard Wagner. Nicht mehr als Ausdrucksmittel wirklicher
-menschlicher Leidenschaften, wie sie im Drama verkörpert sind, ließ er
-die Musik gelten, sondern als "eine Art Mundstück des Ansich der Dinge,
-ein Telephon des Jenseits". Richard Wagner glaubte jetzt nicht mehr
-die Wirklichkeit in Tönen auszudrücken; "er redete fürderhin nicht nur
-Musik, dieser Bauchredner Gottes, -- er redete Metaphysik: was Wunder,
-daß er endlich eines Tages asketische Ideale redete." (Genealogie,
-3. Abteilung, § 5.)
-
-Hätte Richard Wagner bloß seine Ansicht über die Bedeutung
-der Musik geändert, so hätte Nietzsche keinen Anlaß, ihm etwas
-vorzuwerfen. Nietzsche könnte dann höchstens sagen: Wagner hat außer
-seinen Kunstwerken auch noch allerlei verkehrte Theorien über die Kunst
-geschaffen. Daß aber Wagner in der letzten Zeit seines Schaffens den
-Schopenhauerschen Jenseitsglauben auch in seinen Kunstwerken verkörpert
-hat, daß er seine Musik dazu verwendet hat, die Flucht vor der
-Wirklichkeit zu verherrlichen: das ging Nietzsche wider den Geschmack.
-
-Aber der "Fall Wagner" besagt nichts, wenn es sich um die Bedeutung
-der Verherrlichung des Jenseits auf Kosten des Diesseits, wenn es sich
-um die Bedeutung der asketischen Ideale handelt. Künstler stehen nicht
-auf eigenen Füßen. Wie Richard Wagner von Schopenhauer abhängig ist,
-so waren die Künstler "zu allen Zeiten Kammerdiener einer Moral,
-oder Philosophie oder Religion".
-
-Anders ist es, wenn die Philosophen für die Verachtung der
-Wirklichkeit, für die asketischen Ideale eintreten. Sie thun das aus
-einem tiefen Instinkte heraus.
-
-Schopenhauer hat diesen Instinkt verraten durch die Beschreibung, die
-er von dem Schaffen und Genießen eines Kunstwerkes giebt. "Daß also
-das Kunstwerk die Auffassung der Ideen, in welcher der ästhetische
-Genuß besteht, so sehr erleichtert, beruht nicht bloß darauf, daß
-die Kunst durch Hervorhebung des Wesentlichen und Aussonderung des
-Unwesentlichen die Dinge deutlicher und charakteristischer darstellt,
-sondern ebenso sehr darauf, daß das zur objektiven Auffassung
-des Wesens der Dinge erforderte gänzliche Schweigen des Willens am
-sichersten dadurch erreicht wird, daß das angeschaute Objekt gar nicht
-im Gebiete der Dinge liegt, welche einer Beziehung zum Willen fähig
-sind." (Ergänzungen zum 3. Buch der Welt als Wille und Vorstellung,
-Kap. 21.) "Wann aber ein äußerer Anlaß oder eine innere Stimmung
-uns plötzlich aus dem endlosen Strome des Wollens heraushebt, die
-Erkenntnis dem Sklavendienst des Willens entreißt, die Aufmerksamkeit
-nun nicht mehr auf die Motive des Wollens gerichtet wird, sondern
-die Dinge frei von ihrer Beziehung auf den Willen auffaßt, also ohne
-Interesse, ohne Subjektivität, rein objektiv sie betrachtet, ihnen ganz
-hingegeben, sofern sie bloß Vorstellungen, nicht sofern sie Motive
-sind: dann ist ..... der schmerzenlose Zustand, den Epikuros als das
-höchste Gut und als den Zustand der Götter pries [eingetreten]: denn
-wir sind für jenen Augenblick des schnöden Willensdranges entledigt,
-wir feiern den Sabbat der Zuchthausarbeit des Wollens, das Rad des
-Ixion steht still." (Welt als Wille und Vorstellung, § 38.)
-
-Dies ist eine Beschreibung einer Art des ästhetischen Genusses,
-die nur bei dem Philosophen vorkommt. Nietzsche stellt ihr gegenüber
-eine andere Beschreibung, "die ein wirklicher Zuschauer und Artist
-gemacht hat -- Stendhal", der das Schöne "une promesse de bonheur"
-nennt. Schopenhauer möchte alles Willensinteresse, alles wirkliche
-Leben ausschalten, wenn es sich um die Betrachtung eines Kunstwerkes
-handelt, und nur mit dem Geiste genießen; Stendhal sieht in dem
-Kunstwerke ein Versprechen von Glück, also einen Hinweis auf das
-Leben, und sieht in diesem Zusammenhang der Kunst mit dem Leben den
-Wert der Kunst.
-
-Kant fordert vom schönen Kunstwerk, daß es ohne Interesse gefalle,
-d. h. daß es uns heraushebe aus dem wirklichen Leben und einen rein
-geistigen Genuß gewähre.
-
-Was sucht der Philosoph in dem künstlerischen Genuß? Erlösung von
-der Wirklichkeit. In eine Wirklichkeit-fremde Stimmung will der
-Philosoph durch das Kunstwerk versetzt werden. Er verrät dadurch
-seinen Grundinstinkt. Der Philosoph fühlt sich in den Augenblicken
-am wohlsten, in denen er von der Wirklichkeit loskommen kann. Seine
-Ansicht vom ästhetischen Genuß zeigt, daß er die Wirklichkeit nicht
-liebt.
-
-Nicht was der dem Leben zugewandte Zuschauer von dem Kunstwerke
-verlangt, sagen uns die Philosophen in ihren Theorien, sondern nur,
-was ihnen selbst angemessen ist. Und dem Philosophen ist die Abkehr
-von dem Leben sehr förderlich. Er will sich seine verschlungenen
-Gedankenwege nicht durchkreuzen lassen von der Wirklichkeit. Das Denken
-gedeiht besser, wenn sich der Philosoph von dem Leben abkehrt. Es
-ist nun kein Wunder, wenn dieser philosophische Grundinstinkt
-geradezu zu einer lebensfeindlichen Stimmung wird. Wir finden eine
-solche Stimmung bei der Mehrzahl der Philosophen ausgebildet. Und
-nahe liegt es, daß der Philosoph seine eigene Antipathie gegen das
-Leben zu einer Lehre ausbildet und fordert, daß sich alle Menschen
-zu einer solchen Lehre bekennen. Schopenhauer hat dieses gethan. Er
-fand, daß der Lärm der Welt seine Gedankenarbeit störte. Er empfand,
-daß man über die Wirklichkeit am besten nachdenken kann, wenn man
-dieser Wirklichkeit entflieht. Zugleich vergaß er, daß alles Denken
-über die Wirklichkeit doch nur dann einen Wert hat, wenn es aus dieser
-Wirklichkeit entspringt. Er beachtete nicht, daß das Zurückziehen des
-Philosophen von der Wirklichkeit nur geschehen kann, damit die entfernt
-von dem Leben entstandenen philosophischen Gedanken dann dem Leben
-um so besser dienen können. Wenn der Philosoph den Grundinstinkt,
-der nur ihm als Philosophen förderlich ist, der ganzen Menschheit
-aufdrängen will, dann wird er zu einem Feinde des Lebens.
-
-Der Philosoph, der die Weltflucht nicht als Mittel betrachtet, um
-weltfreundliche Gedanken zu schaffen, sondern als Zweck, als Ziel,
-kann nur Wertloses schaffen. Der wahre Philosoph flieht auf der einen
-Seite die Wirklichkeit nur, um sich auf der anderen um so tiefer in
-sie einzubohren. Aber es ist begreiflich, daß dieser Grundinstinkt
-den Philosophen leicht dazu verführen kann, die Weltflucht als solche
-für wertvoll zu halten. Dann wird der Philosoph zu einem Anwalt der
-Weltverneinung. Er lehrt Abkehr vom Leben, asketisches Ideal. Er
-findet: "Ein gewisser Asketismus ..... eine harte und heitere
-Entsagsamkeit besten Willens gehört zu den günstigen Bedingungen
-höchster Geistigkeit, insgleichen auch zu deren natürlichsten Folgen:
-so wird es von vornherein nicht Wunder nehmen, wenn das asketische
-Ideal gerade von den Philosophen nie ohne einige Voreingenommenheit
-behandelt worden ist." (Genealogie der Moral, 3. Abteilung § 8.)
-
-
-
-
-17.
-
-Einen andern Ursprung haben die asketischen Ideale der Priester. Was
-bei dem Philosophen durch das Überwuchern eines bei ihm berechtigten
-Triebes entsteht, das bildet das Grundideal des priesterlichen
-Wirkens. Der Priester sieht in der Hingabe des Menschen an das
-wirkliche Leben einen Irrtum; er verlangt, daß man dieses Leben
-gering achte gegenüber einem andern Leben, das von höheren als
-bloß natürlichen Kräften gelenkt wird. Der Priester leugnet, daß das
-wirkliche Leben einen Sinn in sich selbst habe, und er fordert, daß ihm
-dieser Sinn verliehen werde durch Einimpfung eines höheren Willens. Er
-sieht das Leben in der Zeitlichkeit als unvollkommen an und stellt ihm
-ein ewiges, vollkommenes Leben gegenüber. Abkehr von der Zeitlichkeit
-und Einkehr in das Ewige, Unwandelbare lehrt der Priester. Ich möchte
-als besonders bezeichnend für die priesterliche Denkweise einige Sätze
-aus dem berühmten Buche "Die deutsche Theologie" anführen, das aus
-dem 14. Jahrhundert stammt und von dem Luther sagt, daß er aus keinem
-Buche, die Bibel und den heiligen Augustin ausgenommen, mehr gelernt
-habe, was Gott, Christus und der Mensch sei, als aus diesem. Auch
-Schopenhauer findet, daß der Geist des Christentums in diesem Buche
-vollkommen und kräftig ausgesprochen ist. Nachdem der Verfasser, der
-uns unbekannt ist, auseinander gesetzt hat, daß alle Dinge der Welt
-nur ein Unvollkommenes und Geteiltes seien gegenüber dem Vollkommenen,
-"das in sich und in seinem Wesen alle Wesen begriffen und beschlossen
-hat, und ohne das und außer dem kein wahres Wesen ist und in dem
-alle Dinge ihr Wesen haben", führt er aus, daß der Mensch in dieses
-Wesen nur eindringen kann, wenn er "Kreatürlichkeit, Geschaffenheit,
-Ichheit, Selbstheit und dergleichen alles verloren" und in sich zu
-nichte gemacht hat. Was von dem Vollkommenen ausgeflossen ist und was
-der Mensch als seine wirkliche Welt erkennt, das wird folgendermaßen
-charakterisiert: "Das ist kein wahres Wesen und hat kein Wesen anders
-denn in dem Vollkommenen, sondern es ist ein Zufall oder ein Glanz
-und ein Schein, der kein Wesen ist oder kein Wesen hat anders als
-in dem Feuer, wo der Glanz ausfließt, oder in der Sonne, oder in dem
-Lichte. Die Schrift spricht und der Glaube und die Wahrheit: Sünde sei
-nichts anderes, denn daß sich die Kreatur abkehrt von dem unwandelbaren
-Gute und kehret sich zu dem wandelbaren, das ist: daß sie sich kehrt
-von dem Vollkommenen zu dem Geteilten und Unvollkommenen und allermeist
-zu sich selber. Nun merke. Wenn sich die Kreatur etwas Gutes annimmt,
-als Wesens, Lebens, Wissens, Erkennens, Vermögens und kürzlich alles
-dessen, was man gut nennen soll, und meint, daß sie das sei oder daß
-es das Ihre sei oder ihr zugehöre oder daß es von ihr sei: so oft
-und viel dabei geschieht, so kehrt sie sich ab. Was that der Teufel
-anders oder was war sein Fall und Abkehren anders, als daß er sich
-annahm, er wäre auch etwas und etwas wäre sein und ihm gehörte auch
-etwas zu? Dies Annehmen und sein Ich und sein Mich, sein Mir und sein
-Mein, das war sein Abkehren und sein Fall. Also ist es noch .... Denn
-alles das, was man für gut hält oder gut nennen soll, das gehört
-niemand zu, denn allein dem ewigen wahren Gut, der Gott allein ist,
-und wer sich dessen annimmt, der thut Unrecht und wider Gott". (1.,
-2., 4. Kap. der deutsch. Theol., 3. Aufl., übersetzt von Pfeiffer.)
-
-Diese Sätze sprechen die Gesinnung jedes Priesters aus. Sie
-sprechen den eigentlichen Charakter der Priesterlichkeit aus. Und
-dieser Charakter ist das Gegenteil desjenigen, den Nietzsche als den
-höherwertigen, den lebenswürdigen bezeichnet. Der höherwertige Typus
-Mensch will alles, was er ist, nur durch sich sein; er will, daß alles,
-was er für gut hält und gut nennt, niemand zugehört, denn ihm selbst.
-
-Aber jene minderwertige Gesinnung ist kein Ausnahmefall. Sie "ist eine
-der breitesten und längsten Thatsachen, die es giebt. Von einem fernen
-Gestirn aus gelesen, würde vielleicht die Majuskelschrift unseres
-Erdendaseins zu dem Schluß verführen, die Erde sei der eigentlich
-asketische Stern, ein Winkel mißvergnügter, hochmütiger und widriger
-Geschöpfe, die einen tiefen Verdruß an sich, an der Erde, an allem
-Leben gar nicht los würden." (Genealogie der Moral, 3. Abteilung §
-11.) Der asketische Priester ist deshalb eine Notwendigkeit, weil die
-Mehrzahl der Menschen an einer "Hemmung und Ermüdung" der Lebenskräfte
-leidet, weil sie an der Wirklichkeit leidet. Der asketische Priester
-ist der Tröster und Arzt derjenigen, die am Leben leiden. Er tröstet
-sie dadurch, daß er ihnen sagt: dieses Leben, an dem ihr leidet,
-ist nicht das wahre Leben; das wahre Leben ist denjenigen, die an
-diesem Leben leiden, viel leichter erreichbar als den Gesunden, die
-an diesem Leben hängen und sich ihm hingeben. Durch solche Aussprüche
-züchtet der Priester die Verachtung, die Verleumdung dieses wirklichen
-Lebens. Er bringt endlich die Gesinnung hervor, die sagt: um das wahre
-Leben zu erreichen, muß dieses wirkliche Leben verneint werden. In
-der Verbreitung dieser Gesinnung sucht der asketische Priester
-seine Stärke. Er beseitigt durch die Züchtung dieser Gesinnung eine
-große Gefahr, die den Gesunden, Starken, Selbstbewußten von den
-Verunglückten, Niedergeworfenen, Zerbrochenen droht. Die letzteren
-hassen die Gesunden und die leiblich und seelisch Glücklichen,
-die ihre Kräfte aus der Natur nehmen. Diesen Haß, der sich dadurch
-äußern müßte, daß die Schwachen gegen die Starken einen fortwährenden
-Vernichtungskrieg führten, sucht der Priester niederzuhalten. Er
-stellt deshalb die Starken als diejenigen hin, die ein wertloses,
-menschenunwürdiges Leben führen und behauptet dagegen, daß das wahre
-Leben allein denen erreichbar ist, die von dem Erdenleben geschädigt
-werden. "Der asketische Priester muß uns als der vorherbestimmte
-Heiland, Hirt und Anwalt der kranken Herde gelten: damit erst
-verstehen wir seine ungeheure historische Mission. Die Herrschaft
-über Leidende ist sein Reich, auf sie weist ihn sein Instinkt an,
-in ihr hat er seine eigenste Kunst, seine Meisterschaft, seine Art
-von Glück." (Genealogie, 3. Abth. § 15.)
-
-Es ist kein Wunder, wenn eine solche Denkweise endlich dazu führt,
-daß ihre Anhänger nicht nur das Leben verachten, sondern geradezu
-auf seine Zerstörung hinarbeiten. Wenn den Menschen gesagt wird,
-nur der Leidende, der Schwache kann wirklich zu einem höheren
-Leben kommen, so wird endlich das Leiden, die Schwäche gesucht
-werden. Sich selbst Schmerz zuzufügen, den Willen in sich ganz
-ertöten, das wird Ziel des Lebens werden. Die Opfer dieser Gesinnung
-sind die Heiligen. "Völlige Keuschheit und Entsagung aller Wollust
-für den, welcher eigentliche Heiligkeit anstrebt; Wegwerfung alles
-Eigentums, Verlassung jedes Wohnortes, aller Angehörigen, tiefe,
-gänzliche Einsamkeit, zugebracht in stillschweigender Betrachtung,
-mit freiwilliger Buße und schrecklicher langsamer Selbstpeinigung,
-zur gänzlichen Mortifikation des Willens, welche zuletzt bis zum
-freiwilligen Tode geht durch Hunger, auch durch Entgegengehen
-den Krokodilen, durch Herabstürzen vom geheiligten Felsengipfel im
-Himalaya, durch Lebendigbegrabenwerden, auch durch Hinwerfung unter die
-Räder des unter Gesang, Jubel und Tanz der Bajaderen die Götterbilder
-umfahrenden Wagens", dies sind die letzten Früchte der asketischen
-Gesinnung. (Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung § 68.)
-
-Diese Denkweise ist dem Leiden am Leben entsprungen, und sie richtet
-ihre Waffen gegen das Leben. Wenn der Gesunde, Lebensfrohe von
-ihr angesteckt wird, dann tilgt sie bei ihm die gesunden, starken
-Instinkte aus. Nietzsches Werk gipfelt darinnen, dieser Lehre
-gegenüber etwas anderes geltend zu machen, eine Ansicht für Gesunde,
-Wohlgeratene. Mögen die Mißratenen, Verdorbenen in der Lehre der
-asketischen Priester ihr Heil suchen; die Gesunden will Nietzsche
-um sich sammeln und ihnen eine Meinung sagen, die ihnen besser zu
-Gesichte steht, als jedes lebensfeindliche Ideal.
-
-
-
-
-18.
-
-Auch in den Pflegern der modernen Wissenschaft steckt noch das
-asketische Ideal. Zwar rühmt sich diese Wissenschaft, alle alten
-Glaubensvorstellungen über Bord geworfen zu haben und sich nur
-an die Wirklichkeit zu halten. Sie will nichts gelten lassen, was
-sich nicht zählen, berechnen, wägen, sehen und greifen läßt. Daß
-man auf diese Weise "das Dasein zu einer Rechenknechtsübung und
-Stubenhockerei für Mathematiker" herabwürdigt, ist den modernen
-Gelehrten gleichgültig. (Fröhliche Wissenschaft § 373.) Ein Recht,
-die vor seinen Sinnen und seiner Vernunft vorüberziehenden Vorkommnisse
-der Welt zu interpretieren, sodaß er sie mit seinem Denken beherrschen
-kann, schreibt sich ein solcher Gelehrter nicht zu. Er sagt: die
-Wahrheit muß von meiner Interpretationskunst unabhängig sein, und ich
-habe die Wahrheit nicht zu schaffen, sondern ich muß sie mir von den
-Erscheinungen der Welt diktieren lassen.
-
-Wozu diese moderne Wissenschaft zuletzt gelangt, wenn sie sich alles
-Zurechtlegens der Welterscheinungen enthält, das hat ein Anhänger
-dieser Wissenschaft (Richard Wahle) in einem soeben erschienenen Buche
-("Das Ganze der Philosophie und ihr Ende") ausgesprochen: "Was könnte
-der Geist, der in das Weltgehäuse spähend und in sich die Fragen
-nach dem Wesen und dem Ziele des Geschehens herumwälzte, endlich als
-Antwort finden? Es ist ihm widerfahren, daß er, wie er so scheinbar
-im Gegensatze zur umgebenden Welt dastand, sich auflöste und in einer
-Flucht von Vorkommnissen mit allen Vorkommnissen zusammenfloß. Er
-"wußte" nicht mehr die Welt; er sagte, ich bin nicht sicher, daß
-Wissende da sind, sondern Vorkommnisse sind da schlechthin. Sie kommen
-freilich in solcher Weise, daß der Begriff eines Wissens vorschnell,
-ungerechtfertigt entstehen konnte .... Und "Begriffe" huschten empor,
-um Licht in die Vorkommnisse zu bringen, aber es waren Irrlichter,
-Seelen der Wünsche nach Wissen, erbärmliche, in ihrer Evidenz
-nichtssagende Postulate einer unausgefüllten Wissensform. Unbekannte
-Faktoren müssen im Wechsel walten. Über ihre Natur war Dunkel
-gebreitet. Vorkommnisse sind der Schleier des Wahrhaften."
-
-Daß die menschliche Persönlichkeit in die Vorkommnisse der Wirklichkeit
-einen Sinn hineinlegen könne und die unbekannten Faktoren, die im
-Wechsel der Ereignisse walten, aus eigenem Vermögen ergänzen könne,
-daran denken die modernen Gelehrten nicht. Sie wollen nicht die
-Flucht der Erscheinungen durch die Ideen interpretieren, die aus ihrer
-Persönlichkeit stammen. Sie wollen die Erscheinungen bloß beobachten
-und beschreiben, aber nicht deuten. Sie wollen bei dem Thatsächlichen
-stehen bleiben und es der schöpferischen Phantasie nicht gestatten,
-sich ein in sich gegliedertes Bild von der Wirklichkeit zu machen.
-
-Wenn ein phantasievoller Naturforscher, wie z. B. Ernst Haeckel,
-aus den Ergebnissen einzelner Beobachtungen ein Gesamtbild
-der Entwickelung des organischen Lebens auf der Erde entwirft,
-dann fallen diese Fanatiker der Thatsächlichkeit über ihn her und
-zeihen ihn der Versündigung an der Wahrheit. Die Bilder, die er von
-dem Leben in der Natur entwirft, können sie nicht mit Augen sehen,
-oder mit Händen greifen. Ihnen ist das unpersönliche Urteil lieber,
-als das durch den Geist der Persönlichkeit gefärbte. Sie möchten bei
-ihren Beobachtungen am liebsten die Persönlichkeit ganz ausschalten.
-
-Es ist das asketische Ideal, das die Fanatiker der Thatsächlichkeit
-beherrscht. Sie wollen eine Wahrheit jenseits des persönlichen,
-individuellen Urteiles. Was der Mensch in die Dinge
-"hineinphantasieren" kann, bekümmert sie nicht; die "Wahrheit"
-ist ihnen etwas absolut Vollkommenes, ein Gott; der Mensch soll sie
-entdecken, sich ihr ergeben, aber sie nicht schaffen. Die Naturforscher
-und die Geschichtschreiber sind gegenwärtig von dem gleichen Geiste
-des asketischen Ideals beseelt. Überall Aufzählen, Beschreiben von
-Thatsachen, und nichts darüber. Jedes Zurechtlegen der Thatsachen
-ist verpönt. Alles persönliche Urteilen soll unterbleiben.
-
-Unter diesen modernen Gelehrten finden sich auch Atheisten. Diese
-Atheisten sind aber keine freieren Geister als ihre Zeitgenossen,
-die an Gott glauben. Mit den Mitteln der modernen Wissenschaft
-läßt sich das Dasein Gottes nicht beweisen. Hat sich doch eine der
-Leuchten moderner Wissenschaft (Du Bois-Reymond) über die Annahme
-einer "Weltseele" also geäußert: bevor der Naturforscher sich zu
-einer solchen Annahme entschließt, verlangt er, "daß ihm irgendwo in
-der Welt, in Neuroglia gebettet und mit warmem arteriellen Blut unter
-richtigem Druck gespeist, ein dem geistigen Vermögen solcher Seele an
-Umfang entsprechendes Konvolut von Ganglienzellen und Nervenfasern
-gezeigt" werde (Grenzen des Naturerkennens S. 44). Die moderne
-Wissenschaft lehnt den Glauben an Gott ab, weil dieser Glaube neben
-dem Glauben an die "objektive Wahrheit" nicht bestehen kann. Diese
-"objektive Wahrheit" ist aber nichts anderes als ein neuer Gott,
-der über den alten gesiegt hat. "Der unbedingte redliche Atheismus
-(und seine Luft allein atmen wir, wir geistigeren Menschen dieses
-Zeitalters!) steht nicht im Gegensatz zu jenem (asketischen)
-Ideale, wie es den Anschein hat; er ist vielmehr nur eine seiner
-letzten Entwickelungsphasen, eine seiner Schlußformen und inneren
-Folgerichtigkeiten, er ist die Ehrfurcht gebietende Katastrophe einer
-zweitausendjährigen Zucht zur Wahrheit, welche am Schlusse sich die
-Lüge im Glauben an Gott verbietet." (Genealogie, 3. Abteilung §
-27.) Der Christ sucht die Wahrheit in Gott, weil er Gott für den
-Quell aller Wahrheit hält; der moderne Atheist lehnt den Glauben an
-Gott ab, weil ihm sein Gott, sein Ideal von Wahrheit diesen Glauben
-verbietet. Der moderne Geist sieht in Gott eine menschliche Schöpfung;
-in der "Wahrheit" sieht er etwas, was ohne alles menschliche Zuthun
-durch sich selbst besteht. Der wirklich "freie Geist" geht noch
-weiter. Er fragt: "Was bedeutet aller Wille zur Wahrheit?" Wozu
-Wahrheit? Alle Wahrheit entsteht doch dadurch, daß der Mensch
-über die Erscheinungen der Welt nachdenkt, sich Gedanken über die
-Dinge bildet. Der Mensch selbst ist der Schöpfer der Wahrheit. Der
-"freie Geist" kommt zum Bewußtsein seines Schaffens der Wahrheit. Er
-betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet;
-er betrachtet sie als sein Geschöpf.
-
-
-
-
-19.
-
-Die mit schwachen, mißratenen Erkenntnisinstinkten ausgestatteten
-Menschen wagen es nicht, aus der Begriffe bildenden Macht
-ihrer Persönlichkeit heraus den Welterscheinungen einen Sinn
-unterzulegen. Sie wollen, daß ihnen die "Gesetzmäßigkeit der Natur"
-als Thatbestand vor die Sinne trete. Ein subjektives, der Einrichtung
-des menschlichen Geistes gemäß geformtes Weltbild scheint ihnen
-wertlos. Aber die bloße Beobachtung der Vorkommnisse in der Welt
-liefert uns nur ein zusammenhangloses und doch nicht in Einzelheiten
-gesondertes Weltbild. Dem bloßen Beobachter der Dinge erscheint
-kein Gegenstand, kein Geschehnis wichtiger, bedeutungsvoller als
-das andere. Das rudimentäre Organ eines Organismus, das vielleicht
-dann, wenn wir darüber nachgedacht haben, ohne alle Bedeutung für
-die Entwickelung des Lebens erscheint, steht gerade mit demselben
-Anspruch auf Beachtung da, wie der edelste Teil des Organismus,
-so lange wir bloß den objektiven Thatbestand beschauen. Ursache
-und Wirkung sind aufeinanderfolgende Erscheinungen, die ineinander
-überfließen, ohne durch etwas getrennt zu sein, so lange wir sie bloß
-beobachten. Erst wenn wir mit unserem Denken einsetzen, die ineinander
-fließenden Erscheinungen sondern und gedanklich aufeinander beziehen,
-wird ein gesetzmäßiger Zusammenhang sichtbar. Erst das Denken erklärt
-die eine Erscheinung für die Ursache, die andere für die Wirkung. Wir
-sehen einen Regentropfen auf den Erdboden fallen und eine Vertiefung
-hervorrufen. Ein Wesen, das nicht denken kann, wird hier nicht
-Ursache und Wirkung sehen, sondern nur eine Aufeinanderfolge von
-Erscheinungen. Ein denkendes Wesen isoliert die Erscheinungen,
-bringt die isolierten Fakten in ein Verhältnis und bezeichnet
-das eine Faktum als Ursache, das andere als Wirkung. Durch die
-Beobachtung wird der Intellekt angeregt, Gedanken zu produzieren
-und diese mit den beobachteten Thatsachen zu einem gedankenvollen
-Weltbilde zu verschmelzen. Der Mensch thut dies, weil er die Summe der
-Beobachtungen gedanklich beherrschen will. Ein ihm gegenüberstehendes
-Gedankenleeres drückt auf ihn wie eine unbekannte Macht. Er widersetzt
-sich dieser Macht, überwindet sie, indem er sie denkbar macht. Auch
-alles Zählen, Wägen und Berechnen der Erscheinungen geschieht
-aus demselben Grunde. Es ist der Wille zur Macht, der sich in dem
-Erkenntnistriebe auslebt. (Ich habe den Erkenntnisprozeß im einzelnen
-dargestellt in meinen beiden Schriften: "Wahrheit und Wissenschaft"
-und "Die Philosophie der Freiheit".)
-
-Der stumpfe, schwache Intellekt will sich nicht eingestehen, daß
-er es selbst ist, der als Äußerung seines Strebens nach Macht die
-Erscheinungen interpretiert. Er hält auch seine Interpretation
-für einen Thatbestand. Und er fragt: wie der Mensch dazu kommt,
-einen solchen Thatbestand in der Wirklichkeit zu finden. Er fragt
-z. B.: wie kommt es, daß der Intellekt in zwei aufeinander folgenden
-Erscheinungen Ursache und Wirkung anerkennt? Alle Erkenntnistheoretiker
-von Locke, Hume, Kant bis auf die Gegenwart haben sich mit dieser Frage
-beschäftigt. Die Spitzfindigkeiten, die sie auf diese Untersuchung
-verwendet haben, sind unfruchtbar geblieben. Die Erklärung ist gegeben
-in dem Streben des menschlichen Intellekts nach Macht. Die Frage ist
-gar nicht: sind Urteile, Gedanken über die Erscheinungen möglich,
-sondern: hat der menschliche Intellekt solche Urteile nötig? Weil er
-sie nötig hat, deshalb wendet er sie an, und nicht weil sie möglich
-sind. Es kommt darauf an, "zu begreifen, daß zum Zweck der Erhaltung
-von Wesen unserer Art solche Urteile als wahr geglaubt werden müssen;
-weshalb sie natürlich noch falsche Urteile sein könnten!" (Jenseits
-von Gut und Böse § 11.) "Und wir sind grundsätzlich geneigt, zu
-behaupten, daß die falschesten Urteile uns die unentbehrlichsten
-sind, daß ohne ein Geltenlassen der logischen Fiktionen, ohne ein
-Messen der Wirklichkeit an der rein erfundenen Welt des Unbedingten,
-Sich-selbst-Gleichen, ohne eine beständige Fälschung der Welt durch
-die Zahl der Mensch nicht leben könnte, -- daß Verzichtleisten auf
-falsche Urteile ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung des
-Lebens wäre." (Ebenda § 4.) Wem dieser Ausspruch paradox erscheint,
-der besinne sich darauf, wie fruchtbar die Anwendung der Geometrie
-auf die Wirklichkeit ist, obgleich es nirgends in der Welt wirklich
-geometrisch regelmäßige Linien, Flächen u. s. w. giebt.
-
-Wenn der stumpfe, schwache Intellekt einsieht, daß alle Urteile
-über die Dinge aus ihm selbst stammen, durch ihn produziert und mit
-den Beobachtungen verschmolzen werden, dann hat er nicht den Mut,
-diese Urteile rückhaltslos anzuwenden. Er sagt: Urteile solcher
-Art können uns keine Erkenntnis von dem "wahren Wesen" der Dinge
-vermitteln. Dieses "wahre Wesen" bleibt daher unserer Erkenntnis
-verschlossen.
-
-Noch in einer anderen Art sucht der schwache Intellekt zu beweisen,
-daß durch das menschliche Erkennen kein Feststehendes gewonnen
-werden kann. Er sagt: Der Mensch sieht, hört, tastet die Dinge
-und Vorgänge. Was er dabei wahrnimmt, sind Eindrücke auf seine
-Sinnesorgane. Wenn er eine Farbe, einen Ton wahrnimmt, so kann er nur
-sagen: mein Auge, mein Ohr werden in einer gewissen Art bestimmt,
-Farbe, Ton wahrzunehmen. Nicht etwas außer ihm nimmt der Mensch
-wahr, sondern nur eine Bestimmung, eine Modifikation seiner eigenen
-Organe. In der Wahrnehmung werden das Auge, das Ohr u. s. w. dazu
-veranlaßt, in einer gewissen Weise zu empfinden; sie werden in
-einen bestimmten Zustand versetzt. Diese Zustände seiner eigenen
-Organe nimmt der Mensch als Farben, Töne, Gerüche u. s. w. wahr. In
-aller Wahrnehmung nimmt der Mensch nur seine eigenen Zustände
-wahr. Was er Außenwelt nennt, ist nur aus diesen seinen Zuständen
-zusammengesetzt; ist also im eigentlichen Sinne sein Werk. Die Dinge,
-die ihn veranlassen, aus sich heraus die Außenwelt zu spinnen, kennt
-er nicht; nur ihre Wirkungen auf seine Organe. Einem von dem Menschen
-geträumten Traume gleich, der durch ein Unbekanntes veranlaßt wird,
-erscheint die Welt in dieser Beleuchtung.
-
-Wenn dieser Gedanke konsequent zu Ende gedacht wird, so zieht
-er folgenden Nachsatz nach sich. Auch seine Organe kennt der
-Mensch nur, insofern er sie wahrnimmt; sie sind Glieder in
-seiner Wahrnehmungswelt. Und seines eigenen Selbst wird sich
-der Mensch nur bewußt, insofern er die Bilder der Welt aus sich
-herausspinnt. Traumbilder nimmt er wahr und inmitten dieser Traumbilder
-ein "Ich", an dem diese Traumbilder vorüberziehen. Jedes Traumbild
-erscheint in Begleitung dieses "Ich". Man kann auch sagen: jedes
-Traumbild erscheint inmitten der Traumwelt immer in Beziehung auf
-dieses "Ich". Dieses "Ich" haftet als Bestimmung, als Eigenschaft
-an den Traumbildern. Es ist somit, als Bestimmung von Traumbildern,
-selbst ein Traumhaftes. J. G. Fichte faßt diese Ansicht in die Worte
-zusammen: "Was durch das Wissen und aus dem Wissen entsteht, ist nur
-ein Wissen. Alles Wissen aber ist nur Abbildung, und es wird in ihm
-immer etwas gefordert, das dem Bilde entspreche. Diese Forderung kann
-durch kein Wissen befriedigt werden; und ein System des Wissens ist
-notwendig ein System bloßer Bilder, ohne alle Realität, Bedeutung
-und Zweck." "Alle Realität" ist für Fichte ein wunderbarer "Traum,
-ohne ein Leben, von welchem geträumt wird, und ohne einen Geist,
-dem da träumt"; ein Traum, "der in einem Traume von sich selbst
-zusammenhängt". (Bestimmung des Menschen, 2. Buch.)
-
-Was hat diese ganze Gedankenkette für eine Bedeutung? Ein schwacher
-Intellekt, der sich nicht unterfangen will, der Welt aus sich
-heraus einen Sinn zu geben, sucht diesen Sinn in der Welt der
-Beobachtungen. Er kann ihn da natürlich nicht finden, weil die bloße
-Beobachtung gedankenleer ist.
-
-Der starke, produktive Intellekt verwendet seine Begriffswelt dazu,
-die Beobachtungen zu deuten; der schwache, unproduktive Intellekt
-erklärt sich selbst für zu ohnmächtig, um das zu thun und sagt:
-ich kann in den Erscheinungen der Welt keinen Sinn finden; sie sind
-bloße Bilder, die an mir vorüberziehen. Der Sinn des Daseins muß
-außerhalb, jenseits der Erscheinungswelt gesucht werden. Dadurch
-wird die Erscheinungswelt, d. h. die menschliche Wirklichkeit für
-einen Traum, eine Täuschung, ein Nichts erklärt und das "wahre Wesen"
-der Erscheinungen wird in einem "Ding an sich" gesucht, bis zu dem
-keine Beobachtung, kein Erkennen reicht, d. h. von dem sich der
-Erkennende keine Vorstellung machen kann. Dieses "wahre Wesen" ist
-also für den Erkennenden ein völlig leerer Gedanke, der Gedanke an ein
-Nichts. Traum ist bei jenen Philosophen, die von dem "Ding an sich"
-sprechen, die Erscheinungswelt; Nichts ist aber das, was sie als das
-"wahre Wesen" dieser Erscheinungswelt ansehen. Die ganze philosophische
-Bewegung, die von dem "Ding an sich" spricht und die in der neueren
-Zeit sich namentlich auf Kant stützt, ist der Glaube an das Nichts,
-ist philosophischer Nihilismus.
-
-
-
-
-20.
-
-Wenn der starke Geist nach der Ursache eines menschlichen Handelns
-und Vollbringens sucht, so findet er diese immer in dem Willen
-zur Macht der einzelnen Persönlichkeit. Der Mensch mit schwachem,
-mutlosem Intellekt will dies aber nicht zugeben. Er fühlt sich nicht
-kräftig genug, sich zum Herrn und Richtunggeber seines Handelns zu
-machen. Er deutet die Triebe, die ihn lenken, als Gebote einer fremden
-Macht. Er sagt nicht: ich handle, wie ich will; sondern er sagt: ich
-handle gemäß einem Gebote, wie ich soll. Er will sich nicht befehlen,
-er will gehorchen. Auf der einen Stufe der Entwickelung sehen die
-Menschen ihre Antriebe zum Handeln als Gebote Gottes an, auf einer
-andern Stufe glauben sie in ihrem Innern eine Stimme zu vernehmen,
-die ihnen gebietet. Sie wagen es im letztern Falle nicht, zu sagen:
-ich bin es selbst, der da befiehlt; sie behaupten: in mir spricht
-ein höherer Wille sich aus. Daß sein Gewissen ihm in jedem einzelnen
-Falle sagt, wie er handeln soll, ist die Meinung des einen; daß ein
-kategorischer Imperativ ihm befiehlt, behauptet ein anderer. Hören wir,
-was J. G. Fichte sagt: "Es soll schlechthin etwas geschehen, weil es
-nun einmal geschehen soll: dasjenige, was das Gewissen nun eben von
-mir .... fordert; daß es geschehe, dazu, lediglich dazu bin ich da;
-um es zu erkennen, habe ich Verstand; um es zu vollbringen, habe ich
-Kraft." ("Bestimmung des Menschen", 3. Buch.) Ich führe mit Vorliebe
-J. G. Fichtes Aussprüche an, weil er mit eiserner Konsequenz die
-Meinung der "Schwachen und Mißratenen" bis ans Ende gedacht hat. Wozu
-diese Meinungen zuletzt führen, kann man nur erkennen, wenn man sie da
-aufsucht, wo sie zu Ende gedacht worden sind; auf die Halben, die jeden
-Gedanken nur bis in seine Mitte denken, kann man sich nicht stützen.
-
-Nicht in der Einzelpersönlichkeit wird von denen, die in der
-angedeuteten Weise denken, der Quell des Wissens gesucht; sondern
-jenseits dieser Persönlichkeit in einem "Willen an sich". Eben
-dieser "Wille an sich" soll als "Stimme Gottes" oder "als Stimme
-des Gewissens", "kategorischer Imperativ" u. s. w. zu dem Einzelnen
-sprechen. Er soll der universelle Lenker des menschlichen Handelns und
-der Urquell der Sittlichkeit sein und auch die Zwecke des sittlichen
-Handelns bestimmen. "Ich sage, das Gebot des Handelns selbst ist es,
-welches durch sich selbst mir einen Zweck setzt: dasselbe in mir,
-was mich nötigt, zu denken, daß ich so handeln solle, nötigt mich,
-zu glauben, daß aus diesem Handeln etwas erfolgen werde; es eröffnet
-dem Auge die Aussicht auf eine andere Welt." "Wie ich im Gehorsam
-lebe, lebe ich zugleich in der Anschauung seines Zweckes, lebe ich
-in der besseren Welt, die er mir verheißt." (Fichte, Die Bestimmung
-des Menschen, 3. Buch.) Der also Denkende will sich nicht selbst sein
-Ziel setzen; er will von dem höheren Willen, dem er gehorcht, sich zu
-einem Ziele führen lassen. Er will sich seines Eigenwillens entledigen
-und sich zum Werkzeug "höherer" Zwecke machen. In Worten, die zu den
-schönsten Erzeugnissen des Sinnes für Gehorsam und Demut gehören,
-die mir bekannt sind, schildert Fichte die Hingabe an den "ewigen
-Willen an sich". "Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt,
-und kein Begriff umfaßt, wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben;
-denn du und ich sind nicht getrennt. Deine Stimme ertönt in mir, die
-meinige tönt in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn sie nur wahr
-und gut sind, sind in dir gedacht. -- In dir, dem Unbegreiflichen,
-werde ich mir selbst, und wird mir die Welt vollkommen begreiflich,
-alle Rätsel meines Daseins werden gelöst, und die vollendetste Harmonie
-entsteht in meinem Geiste." "Ich verhülle vor dir mein Angesicht,
-und lege die Hand auf den Mund. Wie du für dich selbst bist, und dir
-selbst erscheinst, kann ich nie einsehen, so gewiß ich nie du selbst
-werden kann. Nach tausendmal tausend durchlebten Geisterleben werde
-ich dich noch eben so wenig begreifen als jetzt, in dieser Hülle von
-Erde." (Bestimmung des Menschen, 3. Buch.)
-
-Wohin dieser Wille den Menschen zuletzt führen will, das kann der
-Einzelne nicht wissen. Wer an diesen Willen glaubt, gesteht also damit,
-daß er über die Endzwecke seines Handelns nichts weiß. Die Ziele, die
-sich der Einzelne schafft, sind aber für einen solchen Gläubigen eines
-höheren Willens keine "wahren" Ziele. Er setzt somit an die Stelle der
-durch das Individuum geschaffenen positiven Einzelziele einen Endzweck
-der ganzen Menschheit, dessen Gedankeninhalt aber ein Nichts ist. Ein
-solcher Gläubiger ist moralischer Nihilist. Er ist in der schlimmsten
-Art von Unwissenheit befangen, die sich erdenken läßt. Nietzsche wollte
-diese Art von Unwissenheit in einem besonderen Buche seines unvollendet
-gebliebenen Werkes "der Wille zur Macht" behandeln. (Vgl. Anhang zu
-Bd. VIII. der Gesamtausgabe von Nietzsches Werken.)
-
-Die Lobpreisung des moralischen Nihilismus finden wir wieder
-in Fichtes "Bestimmung des Menschen" (3. Buch): "Ich will nicht
-versuchen, was mir durch das Wesen der Endlichkeit versagt ist,
-und was mir zu nichts nützen würde; wie du an dir selbst bist, will
-ich nicht wissen. Aber deine Beziehungen und Verhältnisse zu mir,
-dem Endlichen, und zu allem Endlichen, liegen offen vor meinem Auge:
-werde ich, was ich sein soll! -- und sie umgeben mich in hellerer
-Klarheit, als das Bewußtsein meines eignen Daseins. Du wirkest in mir
-die Erkenntnis von meiner Pflicht, von meiner Bestimmung in der Reihe
-der vernünftigen Wesen; wie, das weiß ich nicht, noch bedarf ich es zu
-wissen. Du weißt und erkennst, was ich denke und will; wie du wissen
-kannst, -- durch welchen Akt du dieses Bewußtsein zu stande bringst,
-darüber verstehe ich nichts; ja ich weiß sogar sehr wohl, daß der
-Begriff eines Akts, und eines besonderen Akts des Bewußtseins nur
-von mir gilt, nicht aber von dir, dem Unendlichen. Du willst, denn du
-willst, daß mein freier Gehorsam Folgen habe in alle Ewigkeit; den Akt
-deines Willens begreife ich nicht; und weiß nur soviel, daß er nicht
-ähnlich ist dem meinigen. Du thust, und dein Wille selbst ist That;
-aber deine Wirkungsweise ist der, die ich allein zu denken vermag,
-geradezu entgegengesetzt. Du lebest und bist, denn du weißt, willst
-und wirkest, allgegenwärtig der endlichen Vernunft; aber du bist nicht,
-wie ich alle Ewigkeiten hindurch allein ein Sein werde denken können."
-
-Dem moralischen Nihilismus stellt Nietzsche die Ziele gegenüber,
-die der schaffende Einzelwille sich setzt. Den Lehrern der Ergebung
-ruft Zarathustra zu:
-
-"Diese Lehrer der Ergebung. Überall hin, wo es klein und krank und
-grindig ist, kriechen sie hin, gleich Läusen; und nur mein Ekel
-hindert mich, sie zu knacken.
-
-"Wohlan! Dies ist meine Predigt für ihre Ohren: ich bin Zarathustra,
-der Gottlose, der da spricht: 'wer ist gottloser denn ich, daß ich
-mich seiner Unterweisung freue?'
-
-"Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich meinesgleichen? Und
-alle die sind meinesgleichen, die sich selber ihren Willen geben und
-alle Ergebung von sich abthun."
-
-
-
-
-21.
-
-Die starke Persönlichkeit, die Ziele schafft, ist rücksichtslos in der
-Ausführung derselben. Die schwache Persönlichkeit dagegen führt nur
-das aus, wozu der Wille Gottes oder die "Stimme des Gewissens" oder der
-"kategorische Imperativ" Ja sagt. Was diesem Ja entspricht, bezeichnet
-der Schwache als gut, was diesem Ja zuwider ist als böse. Der Starke
-kann dieses "gut und bös" nicht anerkennen; denn er erkennt diejenige
-Macht nicht an, von der sich der Schwache sein Gutes und Böses
-bestimmen läßt. Was er, der Starke, will, ist für ihn gut; er führt es
-durch gegen alle widerstrebenden Mächte. Was ihn in dieser Durchführung
-stört, das sucht er zu überwinden. Er glaubt nicht, daß ein "ewiger
-Weltwille" alle einzelnen Willensentschlüsse zu einer großen Harmonie
-lenkt; aber er ist der Ansicht, daß alle menschliche Entwickelung aus
-den Willensimpulsen der Einzelpersönlichkeiten sich ergiebt, und daß
-ein ewiger Krieg besteht zwischen den einzelnen Willensäußerungen,
-in dem immer der stärkere Wille über den schwächeren siegt.
-
-Von den Schwachen und Mutlosen wird die starke Persönlichkeit,
-die sich selbst Gesetz und Zweck geben will, als böse, als sündhaft
-bezeichnet. Sie erregt Furcht, denn sie durchbricht die hergebrachten
-Ordnungen; sie nennt wertlos, was die Schwachen gewohnt sind,
-wertvoll zu nennen, und sie erfindet Neues, vor ihr Unbekanntes,
-das sie als wertvoll bezeichnet. "Jede individuelle Handlung, jede
-individuelle Denkweise erregt Schauder; es ist gar nicht auszurechnen,
-was gerade die selteneren, ausgesuchteren, ursprünglicheren Geister
-im ganzen Verlauf der Geschichte dadurch gelitten haben müssen, daß
-sie immer als die bösen und gefährlichen empfunden wurden, ja daß sie
-sich selber so empfanden. Unter der Herrschaft der Sittlichkeit hat
-die Originalität jeder Art ein böses Gewissen bekommen; bis diesen
-Augenblick ist der Himmel der Besten noch dadurch verdüsterter,
-als er sein müßte." (Morgenröte § 9.)
-
-Der wahrhaft freie Geist faßt schlechthin erste Entschlüsse; der
-unfreie entscheidet sich nach dem Herkommen. "Sittlichkeit ist nichts
-anderes (also namentlich nicht mehr!), als Gehorsam gegen Sitten,
-welcher Art diese auch sein mögen; Sitten aber sind die herkömmliche
-Art zu handeln und abzuschätzen" (Morgenröte § 9). Dieses Herkommen
-ist es, was von den Moralisten als "ewiger Wille", "kategorischer
-Imperativ" gedeutet wird. Jedes Herkommen ist aber das Ergebnis der
-naturgemäßen Triebe und Impulse einzelner Menschen, ganzer Stämme,
-Völker u. s. w. Es ist ebenso das Produkt natürlicher Ursachen,
-wie etwa die Witterungsverhältnisse einzelner Gegenden. Der freie
-Geist erklärt sich durch dieses Herkommen nicht gebunden. Er hat
-seine individuellen Triebe und Impulse, und diese sind nicht weniger
-berechtigt als die der anderen. Er setzt diese Impulse in Handlungen
-um, wie eine Wolke Regen auf die Erdoberfläche sendet, wenn die
-Ursachen dazu vorhanden sind. Der freie Geist steht jenseits dessen,
-was das Herkommen als gut und böse ansieht. Er schafft sich selbst
-sein Gut und Böse.
-
-"Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten
-Dünkel: Alle dünkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen
-gut und böse sei.
-
-"Eine alte müde Sache dünkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer
-gut schlafen wollte, der sprach vor dem Schlafengehen noch von 'Gut
-und Böse'.
-
-"Diese Schläferei störte ich auf, als ich lehrte: was gut und böse ist,
-das weiß noch niemand -- es sei denn der Schaffende.
-
-"Das aber ist der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde
-ihren Sinn giebt und ihre Zukunft: dieser erst schafft es, daß etwas
-gut und böse ist." (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln.)
-
-Auch dann wenn der freie Geist handelt, wie es dem Herkommen gemäß
-ist, dann thut er es, weil er die herkömmlichen Motive zu den seinigen
-machen will, und weil er es in bestimmten Fällen nicht für nötig hält,
-an die Stelle des Herkömmlichen etwas Neues zu setzen.
-
-
-
-
-22.
-
-Der Starke sucht in der Durchsetzung seines schaffenden Selbst seine
-Lebensaufgabe. Diese Selbstsucht unterscheidet ihn von den Schwachen,
-die in der selbstlosen Hingabe an das, was sie das Gute nennen,
-die Sittlichkeit sehen. Die Schwachen predigen die Selbstlosigkeit
-als die höchste Tugend. Ihre Selbstlosigkeit ist aber nur die Folge
-ihres Mangels an Schaffenskraft. Hätten sie ein schaffendes Selbst,
-so würden sie dieses auch durchsetzen wollen. Der Starke liebt den
-Krieg, denn er braucht den Krieg, um seine Schöpfungen gegen die
-widerstrebenden Mächte durchzusetzen.
-
-"Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr führen und
-für eure Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure
-Redlichkeit darüber noch Triumph rufen!
-
-"Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den
-kurzen Frieden mehr als den langen.
-
-"Euch rate ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rate ich
-nicht zum Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf,
-euer Friede sei ein Sieg!
-
-"Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich
-aber sage euch: der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
-
-"Der Krieg und der Mut haben mehr große Dinge gethan, als die
-Nächstenliebe. Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete
-bisher die Verunglückten." (Zarathustra, 1. Teil, Vom Krieg und
-Kriegsvolke.)
-
-Unerbittlich und ohne Schonung des Widerstrebenden handelt der
-Schaffende. Er kennt nicht die Tugend der Leidenden: das Mitleid. Aus
-seiner Kraft kommen die Antriebe des Schaffenden, nicht aus dem Gefühle
-des fremden Leidens. Daß die Kraft siege, dafür setzt er sich ein,
-nicht daß das Leidende, Schwache gepflegt werde. Schopenhauer hat die
-ganze Welt für ein Lazarett erklärt, und die aus dem Mitgefühle mit
-den Leidenden entspringenden Handlungen für die höchsten Tugenden. Er
-hat damit die Moral des Christentums in anderer Form ausgesprochen,
-als dieses selbst es thut. Der Schaffende fühlt sich nicht berufen,
-Krankenwärterdienste zu verrichten. Die Tüchtigen, Gesunden können
-nicht um der Schwachen, Kranken willen da sein. Das Mitleid schwächt
-die Kraft, den Mut, die Tapferkeit.
-
-Das Mitleid sucht gerade das zu erhalten, was der Starke überwinden
-will: die Schwäche, das Leiden. Der Sieg des Starken über das
-Schwache ist der Sinn aller menschlichen, wie aller natürlichen
-Entwickelung. "Leben selbst ist wesentlich Aneignung, Verletzung,
-Überwältigung des Fremden und Schwächeren, Unterdrückung, Härte,
-Aufzwängung eigener Formen, Einverleibung und mindestens, mildestens,
-Ausbeutung." (Jenseits von Gut und Böse § 259.)
-
-"Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie könntet
-ihr mit mir -- siegen?
-
-"Und wenn eure Härte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will:
-wie könntet ihr einst mit mir -- schaffen?
-
-"Die Schaffenden nämlich sind hart. Und Seligkeit muß es euch dünken,
-eure Hand auf Jahrtausende zu drücken wie auf Wachs, --
-
-"-- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie
-auf Erz, -- härter als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein
-das Edelste.
-
-"Diese neue Tafel, o meine Brüder, stelle ich über euch: werdet
-hart." (Zarathustra, 3. Teil, Von alten und neuen Tafeln.)
-
-Der freie Geist macht keinen Anspruch auf Mitleid. Wer ihn bemitleiden
-wollte, den müßte er fragen: hältst du mich für so schwach, daß ich
-mein Leid nicht selbst tragen kann? Ihm geht jedes Mitleid gegen die
-Scham. Nietzsche bringt den Widerwillen des Starken gegen das Mitleiden
-im vierten Teil seines "Zarathustra" zur Anschauung. Zarathustra
-kommt auf seinen Wanderungen in ein Thal, das "Schlangentod"
-heißt. Kein Lebewesen findet sich hier. Nur eine Art häßlicher
-grüner Schlangen kommt hierher, um zu sterben. Dieses Thal hat der
-"häßlichste Mensch" aufgesucht. Dieser will von keinem Wesen gesehen
-werden wegen seiner Häßlichkeit. In diesem Thal sieht ihn niemand
-außer Gott. Aber auch dessen Anblick kann er nicht ertragen. Das
-Bewußtsein, daß Gottes Blicke in alle Räume dringen, ist ihm zur
-Last. Er hat deshalb Gott getötet, d. h. er hat den Glauben an
-Gott in sich ertötet. Er ist zum Atheisten geworden wegen seiner
-Häßlichkeit. Als Zarathustra diesen Menschen sieht, überfällt ihn
-noch einmal das, was er für immer in sich getilgt zu haben glaubt:
-das Mitleid mit der furchtbaren Häßlichkeit. Dies ist eine Versuchung
-Zarathustras. Er weist aber das Gefühl des Mitleids bald zurück und
-wird wieder hart. Der häßlichste Mensch sagt zu ihm: Deine Härte ehrt
-meine Häßlichkeit. Ich bin zu reich an Häßlichkeit, um irgend eines
-Menschen Mitleid zu ertragen. Mitleid geht gegen die Scham.
-
-Wer Mitleid braucht, kann nicht allein stehen, und der freie Geist
-will vollständig auf sich selbst gestellt sein.
-
-
-
-
-23.
-
-Mit der Aufzeigung des natürlichen Willens zur Macht als Ursache
-der menschlichen Handlungen geben sich die Schwachen nicht
-zufrieden. Sie suchen nicht bloß nach natürlichen Zusammenhängen
-in der Menschenentwickelung, sondern sie suchen das Verhältnis der
-menschlichen Handlungen zu dem, was sie als den "Willen an sich",
-die "ewige, sittliche Weltordnung" nennen. Wer dieser Weltordnung
-zuwiderhandelt, dem sprechen sie eine Schuld zu. Und sie begnügen
-sich auch nicht damit, eine Handlung nach ihren natürlichen Folgen zu
-bewerten, sondern sie machen den Anspruch darauf, daß eine schuldvolle
-Handlung auch moralische Folgen, Strafen nach sich ziehe. Sie nennen
-sich selbst schuldig, wenn sie ihr Handeln mit der sittlichen
-Weltordnung nicht in Übereinstimmung finden; sie wenden sich mit
-Abscheu von dem Quell des Bösen in sich ab und nennen dies Gefühl
-böses Gewissen. Alle diese Begriffe läßt die starke Persönlichkeit
-nicht gelten. Sie kümmert sich nur um die natürlichen Folgen ihrer
-Handlungen. Sie fragt: wieviel ist meine Handlungsweise für das Leben
-wert? Entspricht sie dem, was ich gewollt habe? Der Starke kann sich
-grämen, wenn ihm eine Handlung fehlschlägt, wenn das Resultat seinen
-Absichten nicht entspricht. Aber er klagt sich nicht an. Denn er mißt
-seine Handlungsweise nicht an außernatürlichen Maßstäben. Er weiß,
-daß er so handelt, wie es seinen natürlichen Trieben entspricht,
-und kann höchstens bedauern, daß diese nicht besser sind. Ebenso
-hält er es mit der Beurteilung fremder Handlungen. Ein moralisches
-Abschätzen der Handlungen kennt er nicht. Er ist Immoralist.
-
-Was das Herkommen als böse bezeichnet, sieht der Immoralist
-ebenso als Ausfluß menschlicher Instinkte an, wie das Gute. Die
-Strafe gilt ihm nicht als moralisch bedingt, sondern nur als ein
-Mittel, Instinkte gewisser Menschen, die andern schädlich sind,
-auszurotten. Die Gesellschaft straft nach Ansicht des Immoralisten
-nicht deswegen, weil sie ein "moralisches Recht" hat, die Schuld
-zu sühnen, sondern allein, weil sie sich stärker erweist, als der
-Einzelne, welcher der Gesamtheit widerstrebende Instinkte hat. Die
-Macht der Gesellschaft steht gegen die Macht des Einzelnen. Dies ist
-der natürliche Zusammenhang einer "bösen" Handlung des Einzelnen
-mit der Rechtsprechung der Gesellschaft und der Bestrafung dieses
-Einzelnen. Es ist der Wille zur Macht, d. h. zum Ausleben jener
-Instinkte, die bei der Mehrzahl der Menschen vorhanden sind, der
-sich in der Rechtspflege einer Gesellschaft äußert. Der Sieg einer
-Mehrheit über einen Einzelnen ist jede Bestrafung. Siegte der Einzelne
-über die Gesellschaft, so müßte seine Handlungsweise als gut, die der
-andern als böse bezeichnet werden. Das jeweilige Recht drückt nur aus,
-was die Gesellschaft eben als die beste Grundlage ihres Willens zur
-Macht anerkennt.
-
-
-
-
-24.
-
-Weil Nietzsche in der menschlichen Handlungsweise nur einen
-Ausfluß der Instinkte sieht, und diese letzteren bei verschiedenen
-Menschen verschieden sind, scheint es ihm notwendig, daß auch
-deren Handlungsweisen verschieden sind. Nietzsche ist deshalb ein
-entschiedener Gegner des demokratischen Grundsatzes: Gleiche Rechte
-und gleiche Pflichten für alle. Die Menschen sind ungleich, deshalb
-müssen auch ihre Rechte und Pflichten ungleich sein. Der natürliche
-Gang der Weltgeschichte wird stets starke und schwache, schaffende
-und unfruchtbare Menschen aufweisen. Und die Starken werden immer
-dazu berufen sein, den Schwachen die Ziele zu bestimmen. Ja noch
-mehr: die Starken werden sich der Schwachen als Mittel zum Zwecke,
-d. h. als Sklaven bedienen. Nietzsche spricht natürlich nicht von einem
-"moralischen" Recht der Starken zur Haltung von Sklaven. "Moralische"
-Rechte erkennt er nicht an. Sondern er ist der Meinung, daß die
-Überwindung des Schwächeren durch den Stärkeren, die er für das
-Princip alles Lebens hält, notwendig zur Sklaverei führen muß.
-
-Es ist auch natürlich, daß sich der Überwundene gegen den Überwinder
-auflehnt. Wenn diese Auflehnung sich nicht durch die That äußern
-kann, so äußert sie sich wenigstens im Gefühle. Und der Ausdruck
-dieses Gefühles ist die Rache, die stets in den Herzen derer wohnt,
-die in irgend einer Weise von den besser Veranlagten überwunden
-worden sind. Als Ausfluß dieser Rache sieht Nietzsche die moderne
-socialdemokratische Bewegung an. Der Sieg dieser Bewegung würde ihm
-eine Erhöhung der Mißratenen, Übel-Weggekommenen zu Ungunsten der
-Besseren sein. Gerade das Gegenteil strebt Nietzsche an: die Pflege
-der starken, selbstherrlichen Persönlichkeit. Und er haßt die Sucht,
-die alles gleich machen und die souveräne Individualität in dem Meere
-der allgemeinen Mittelmäßigkeit verschwinden lassen will.
-
-Nicht alle sollen dasselbe haben und genießen, meint Nietzsche,
-sondern jeder soll haben und genießen, was er nach Maßgabe seiner
-persönlichen Stärke erreichen kann.
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-25.
-
-Was der Mensch wert ist, hängt allein von dem Wert seiner Instinkte
-ab. Durch nichts anderes kann der Wert des Menschen bestimmt
-werden. Man spricht von dem Werte der Arbeit. Die Arbeit soll den
-Menschen adeln. Aber die Arbeit hat an sich gar keinen Wert. Nur
-dadurch, daß sie dem Menschen dient, erhält sie einen Wert. Nur
-insofern sich die Arbeit als natürliche Folge der menschlichen
-Neigungen darstellt, ist sie des Menschen würdig. Wer sich zum Diener
-der Arbeit macht, entwürdigt sich. Nur der Mensch, der nicht sich
-selbst seinen Wert bestimmen kann, sucht diesen Wert an der Größe
-seines Werkes abzumessen. Es ist charakteristisch für das demokratische
-Bürgertum der neueren Zeit, daß es in der Wertbemessung des Menschen
-sich nach dessen Arbeit richtet. Sogar Goethe ist von dieser Gesinnung
-nicht frei. Läßt er doch seinen Faust die volle Befriedigung in dem
-Bewußtsein gethaner Arbeit finden.
-
-
-
-
-26.
-
-Auch die Kunst hat nach Nietzsches Meinung nur Wert, wenn sie dem Leben
-des Einzelmenschen dient. Auch hier vertritt Nietzsche die Ansicht
-der starken Persönlichkeit und lehnt alles ab, was die schwachen
-Instinkte über die Kunst aussprechen. Fast alle deutschen Ästhetiker
-vertreten den Standpunkt der schwachen Instinkte. Die Kunst soll ein
-"Unendliches" im "Endlichen", ein "Ewiges" im "Zeitlichen", eine
-"Idee" in der "Wirklichkeit" darstellen. Für Schelling z. B. ist alle
-sinnliche Schönheit nur ein Abglanz jener unendlichen Schönheit,
-die wir nie mit den Sinnen wahrnehmen können. Das Kunstwerk ist
-nicht um seiner selbst willen und durch das, was es ist, schön,
-sondern weil es die Idee der Schönheit abbildet. Das sinnliche Bild
-ist nur ein Ausdrucksmittel, nur die Form für einen übersinnlichen
-Inhalt. Und Hegel nennt das Schöne "das sinnliche Scheinen der
-Idee". Ähnliches kann man auch bei den andern deutschen Ästhetikern
-finden. Für Nietzsche ist die Kunst ein lebenförderndes Element, und
-nur, wenn sie dieses ist, hat sie Berechtigung. Wer das Leben, wie er
-es unmittelbar wahrnimmt, nicht ertragen kann, der formt es sich nach
-seinem Bedürfnisse um, und damit schafft er ein Kunstwerk. Und was will
-der Genießende vom Kunstwerk? Er will Erhöhung seiner Lebensfreude,
-Stärkung seiner Lebenskräfte, Befriedigung von Bedürfnissen, die
-ihm die Wirklichkeit nicht befriedigt. Aber er will, wenn sein
-Sinn auf das Wirkliche gerichtet ist, nicht durch das Kunstwerk
-den Abglanz des Göttlichen, Überirdischen erblicken. Hören wir, wie
-Nietzsche den Eindruck schildert, den Bizets Carmen auf ihn gemacht:
-"Ich werde ein besserer Mensch, wenn mir dieser Bizet zuredet. Auch
-ein besserer Musikant, ein besserer Zuhörer. Kann man überhaupt noch
-besser zuhören? -- Ich vergrabe meine Ohren noch unter diese Musik,
-ich höre deren Ursache. Es scheint mir, daß ich ihre Entstehung
-erlebe -- ich zittere vor Gefahren, die irgend ein Wagnis begleiten,
-ich bin entzückt über Glücksfälle, an denen Bizet unschuldig ist. --
-Und seltsam! im Grunde denke ich nicht daran, oder weiß es nicht,
-wie sehr ich daran denke. Denn ganz andere Gedanken laufen mir während
-dem durch den Kopf ... Hat man bemerkt, daß die Musik den Geist frei
-macht? dem Gelehrten Flügel giebt? daß man umsomehr Philosoph wird,
-je mehr man Musiker wird? -- Der graue Himmel der Abstraktion wie von
-Blitzen durchzuckt; das Licht stark genug für alles Filigran der Dinge;
-die großen Probleme nahe zum Greifen; die Welt wie von einem Berge aus
-überblickt. -- Ich definierte eben das philosophische Pathos. -- Und
-unversehens fallen mir Antworten in den Schoß, ein kleiner Hagel von
-Eis und Weisheit, von gelösten Problemen .. Wo bin ich? -- Bizet macht
-mich fruchtbar. Alles Gute macht mich fruchtbar. Ich habe keine andere
-Dankbarkeit, ich habe auch keinen andern Beweis dafür, was gut ist." --
-(Fall Wagner § 1.) Weil Richard Wagners Musik eine solche Wirkung nicht
-auf ihn machte, deshalb lehnte sie Nietzsche ab: "Meine Einwände gegen
-die Musik Wagners sind physiologische Einwände ..... Meine Thatsache,
-mein petit fait vrai ist, daß ich nicht mehr leicht atme, wenn diese
-Musik erst auf mich wirkt; daß alsbald mein Fuß gegen sie böse wird
-und revoltiert: er hat das Bedürfnis nach Takt, Tanz, Marsch ... er
-verlangt von der Musik vorerst die Entzückungen, welche in gutem Gehen,
-Schreiten, Tanzen liegen. Protestiert aber nicht auch mein Magen? mein
-Herz? mein Blutlauf? betrübt sich nicht mein Eingeweide? Werde ich
-nicht unversehens heiser dabei? Und so frage ich mich: was will
-eigentlich mein ganzer Leib von der Musik überhaupt? ... Ich glaube,
-seine Erleichterung: wie als ob alle animalischen Funktionen durch
-leichte, kühne, ausgelassene, selbstgewisse Rhythmen beschleunigt
-werden sollten; wie als ob das eherne, bleierne Leben durch goldene,
-zärtliche, ölgleiche Melodieen seine Schwere verlieren sollte. Meine
-Schwermut will in den Verstecken und Abgründen der Vollkommenheit
-ausruhen: dazu brauche ich Musik." (Nietzsche kontra Wagner. Kap.:
-Wo ich Einwände mache.) --
-
-Im Anfange seiner schriftstellerischen Laufbahn täuschte sich
-Nietzsche über das, was seine Instinkte von der Kunst verlangen,
-deshalb war er damals ein Anhänger Wagners. Er hat sich durch das
-Studium der Schopenhauerschen Philosophie zum Idealismus verführen
-lassen. Er glaubte einige Zeit hindurch an den Idealismus und täuschte
-sich künstliche Bedürfnisse, ideale Bedürfnisse vor. Erst im weiteren
-Verlaufe seines Lebens merkte er, daß aller Idealismus seinen Trieben
-gerade entgegengesetzt ist. Er wurde nun aufrichtiger gegen sich
-selbst. Er sprach aus, wie er selbst empfand. Und das konnte nur zur
-vollständigen Ablehnung von Wagners Musik führen, die ja immer mehr
-den asketischen Charakter annahm, den wir bereits als Kennzeichen
-von Wagners letztem Wirkensziel aufgeführt haben.
-
-Die Ästhetiker, die es der Kunst zur Aufgabe machen, die Idee zu
-versinnlichen, das Göttliche zu verkörpern, vertreten auf diesem
-Gebiete eine ähnliche Ansicht wie die philosophischen Nihilisten
-auf dem Gebiete der Erkenntnis und der Moral. Sie suchen in den
-Kunstobjekten ein Jenseitiges, das sich aber vor dem Wirklichkeitssinn
-in ein Nichts auflöst. Es giebt auch einen ästhetischen Nihilismus.
-
-Diesem steht die Ästhetik der starken Persönlichkeit gegenüber, die
-in der Kunst ein Abbild der Wirklichkeit, eine höhere Wirklichkeit
-sieht, die der Mensch lieber genießt als die Alltäglichkeit.
-
-
-
-
-27.
-
-Zwei Menschentypen stellt Nietzsche einander gegenüber: den Schwachen
-und den Starken. Der erstere sucht die Erkenntnis als einen objektiven
-Thatbestand, der von der Außenwelt in seinen Geist einfließen soll. Er
-läßt sich sein Gutes und Böses von einem "ewigen Weltwillen" oder
-einem "kategorischen Imperativ" diktieren. Er bezeichnet jede nicht
-von diesem Weltwillen, sondern nur von dem schöpferischen Eigenwillen
-bestimmte Handlung als Sünde, die eine moralische Strafe nach sich
-ziehen muß. Er möchte für alle Menschen gleiche Rechte dekretieren
-und den Wert des Menschen nach einem äußern Maßstabe bestimmen. Er
-möchte endlich in der Kunst ein Abbild des Göttlichen, eine Kunde aus
-dem Jenseits erblicken. Der Starke dagegen sieht alle Erkenntnis als
-den Ausdruck des Willens zur Macht an. Er sucht durch die Erkenntnis
-die Dinge denkbar und sich dadurch unterthan zu machen. Er weiß,
-daß er selbst der Schöpfer der Wahrheit ist; daß niemand als er
-selbst sein Gutes und sein Böses schaffen kann. Er betrachtet die
-Handlungen des Menschen als Folgen natürlicher Triebe und läßt sie
-gelten als Naturereignisse, die niemals als Sünden zu betrachten sind
-und nicht eine moralische Verurteilung verdienen. Er sucht den Wert
-des Menschen in der Tüchtigkeit seiner Instinkte. Einen Menschen mit
-den Instinkten für Gesundheit, Geist, Schönheit, Ausdauer, Vornehmheit
-schätzt er höher als einen solchen mit den Instinkten für Schwäche,
-Häßlichkeit, Sklaverei. Er beurteilt ein Kunstwerk nach dem Grade,
-in dem es zur Steigerung seiner Kräfte beiträgt.
-
-Diesen letzteren Menschentypus versteht Nietzsche unter seinem
-Übermenschen. Solche Übermenschen konnten bisher nur durch das
-Zusammentreffen zufälliger Umstände entstehen. Ihre Entwickelung
-zum bewußten Ziele der Menschheit zu machen, ist die Absicht, die
-Zarathustra hat. Man sah bisher das Ziel der menschlichen Entwickelung
-in irgendwelchen Idealen. Hier hält Nietzsche eine Änderung der
-Anschauungen für nötig. Der "höherwertige Typus ist oft genug schon
-dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als
-gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war
-bisher beinahe das Furchtbare; -- und aus der Furcht heraus wurde
-der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Haustier, das
-Herdentier, das kranke Tier Mensch, -- der Christ ..." (Antichrist
-§ 3).
-
-Zarathustras Weisheit soll diesen Übermenschen, zu dem jener andere
-Typus nur ein Übergang ist, lehren.
-
-Nietzsche nennt diese Weisheit eine dionysische. Es ist eine
-Weisheit, die nicht dem Menschen von außen gegeben wird; es ist eine
-selbstgeschaffene Weisheit. Der dionysische Weise forscht nicht; er
-schafft. Er steht nicht als Betrachter außer der Welt, die er erkennen
-will; er ist Eins geworden mit seiner Erkenntnis. Er sucht nicht nach
-einem Gotte; was er sich noch als göttlich vorstellen kann, ist nur
-Er selbst als Schöpfer seiner eigenen Welt. Wenn dieser Zustand auf
-alle Kräfte des menschlichen Organismus sich erstreckt, so giebt
-das den dionysischen Menschen, dem es unmöglich ist, irgend eine
-Suggestion nicht zu verstehen; er übersieht kein Zeichen des Affekts,
-er hat den höchsten Grad des verstehenden und erratenden Instinktes,
-wie er den höchsten Grad von Mitteilungskunst besitzt. Er geht in
-jede Haut, in jeden Affekt ein: er verwandelt sich beständig. Dem
-dionysischen Weisen steht der bloße Betrachter gegenüber, der
-sich immer außerhalb seiner Erkenntnisobjekte stehend glaubt, als
-objektiver, leidender Zuschauer. Dem dionysischen Menschen steht der
-apollinische gegenüber, der "vor allem das Auge erregt hält, sodaß
-es die Kraft der Vision bekommt". Visionen, Bilder von Dingen, die
-jenseits der Menschen-Wirklichkeit stehen, erstrebt der apollinische
-Geist, nicht eine durch ihn selbst geschaffene Weisheit.
-
-
-
-
-28.
-
-Die apollinische Weisheit hat den Charakter des Ernstes. Sie
-empfindet die Herrschaft des Jenseits, das sie nur im Bilde besitzt,
-als einen schweren Druck, als eine ihr widerstrebende Macht. Ernst
-ist die apollinische Weisheit, denn sie glaubt sich im Besitze einer
-Kunde aus dem Jenseits, wenn diese auch nur durch Bilder, Visionen
-vermittelt sein soll. Schwer beladen mit seiner Erkenntnis wandelt
-der apollinische Geist einher, denn er trägt eine Bürde, die aus
-einer andern Welt stammt. Und den Ausdruck der Würde nimmt er an,
-denn vor den Kundgebungen des Unendlichen muß jedes Lachen verstummen.
-
-Dieses Lachen aber charakterisiert den dionysischen Geist. Er weiß,
-daß alles, was er Weisheit nennt, nur seine Weisheit ist, von ihm
-erfunden, um sich das Leben leicht zu machen. Nur dieses Eine soll
-ja seine Weisheit sein: ein Mittel, das ihm erlaubt, zum Leben Ja zu
-sagen. Dem dionysischen Menschen ist der Geist der Schwere zuwider,
-weil er das Leben nicht erleichtert, sondern niederdrückt. Die
-selbstgeschaffene Weisheit ist eine heitere Weisheit, denn wer sich
-selbst seine Bürde schafft, der schafft sich nur eine solche, die er
-auch leicht tragen kann. Mit der selbstgeschaffenen Weisheit bewegt
-sich der dionysische Geist leicht durch die Welt wie ein Tänzer.
-
-
- "Daß ich aber der Weisheit gut bin und oft
- zu gut: das macht, sie erinnert mich gar sehr an
- das Leben!
-
- Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr
- goldnes Angelrütchen: was kann ich dafür, daß
- die beiden sich so ähnlich sehen?"
-
- "In dein Auge schaute ich jüngst, o Leben:
- Gold sah ich in deinem Nachtauge blinken, -- mein
- Herz stand still vor dieser Wollust:
-
- -- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf
- nächtigen Gewässern, einen sinkenden, trinkenden,
- wieder winkenden goldenen Schaukelkahn!
-
- Nach meinem Fuße, dem tanzwütigen, warfst
- du einen Blick, einen lachenden, fragenden,
- schmelzenden Schaukelblick:
-
- zweimal nur regtest du deine Klapper mit
- kleinen Händen -- da schaukelte mein Fuß vor
- Tanzwut. --
-
- Meine Fersen bäumten sich, meine Zehen
- horchten, dich zu verstehen: doch trägt der Tänzer
- sein Ohr -- in seinen Zehen!"
-
- (Zarathustra 2. u. 3. Teil. Die Tanzlieder.)
-
-
-
-
-29.
-
-Weil der dionysische Geist aus sich selbst alle Antriebe seines
-Thuns entnimmt und keiner äußeren Macht gehorcht, ist er ein freier
-Geist. Denn ein freier Geist ist derjenige, der nur seiner Natur
-folgt. Nun ist allerdings in Nietzsches Werken nur die Rede von
-Instinkten als den Antrieben des freien Geistes. Ich glaube, daß hier
-Nietzsche mit einem Namen eine Reihe von Antrieben zusammengefaßt hat,
-die eine mehr ins Einzelne gehende Betrachtung erfordern. Nietzsche
-nennt Instinkte sowohl die bei den Tieren vorhandenen Triebe zur
-Ernährung und Selbsterhaltung, wie auch die höchsten Antriebe der
-menschlichen Natur, z. B. den Erkenntnistrieb, den Trieb, nach
-sittlichen Maßstäben zu handeln, den Trieb, sich an Kunstwerken zu
-ergötzen u. s. w. Nun sind zwar alle diese Triebe Äußerungsformen einer
-und derselben Grundkraft. Aber sie stellen doch verschiedene Stufen in
-der Entwickelung dieser Kraft dar. Die moralischen Antriebe z. B. sind
-eine besondere Stufe der Instinkte. Wenn auch zugegeben werden kann,
-daß sie nur höhere Formen sinnlicher Instinkte sind, so treten sie
-doch im Menschen auf eine besondere Art ins Dasein. Dies zeigt sich
-darin, daß es dem Menschen möglich ist, Handlungen zu vollführen, die
-nicht unmittelbar auf sinnliche Instinkte zurückzuführen sind, sondern
-nur auf jene Antriebe, die eben als höhere Formen des Instinktes zu
-bezeichnen sind. Der Mensch schafft sich Antriebe seines Handelns,
-die nicht aus seinen sinnlichen Trieben abzuleiten sind, sondern
-nur aus dem bewußten Denken. Er setzt sich individuelle Zwecke vor,
-aber er setzt sich diese mit Bewußtsein vor. Und es ist ein großer
-Unterschied, ob er einem unbewußt entstandenen und erst hinterher in
-das Bewußtsein aufgenommenen Instinkte oder einem Gedanken folgt,
-den er von vornherein mit vollem Bewußtsein produziert hat. Wenn
-ich esse, weil mein Nahrungstrieb mich drängt, so ist dies etwas
-wesentlich anderes, als wenn ich eine mathematische Aufgabe löse. Die
-denkende Erfassung der Welterscheinungen stellt eine besondere Form
-des allgemeinen Wahrnehmungsvermögens dar. Sie unterscheidet sich
-von der bloßen sinnlichen Wahrnehmung. Dem Menschen sind nun die
-höheren Entwickelungsformen des Instinktlebens ebenso natürlich
-wie die niederen. Stehen beide nicht im Einklange, dann ist er zur
-Unfreiheit verurteilt. Es kann der Fall eintreten, daß eine schwache
-Persönlichkeit mit vollkommen gesunden sinnlichen Instinkten nur
-schwache geistige Instinkte hat. Dann wird sie zwar in Bezug auf ihr
-Sinnenleben ihre eigene Individualität entfalten, aber die gedanklichen
-Antriebe ihres Handelns wird sie aus dem Herkommen entlehnen. Es kann
-eine Disharmonie beider Triebwelten entstehen. Die sinnlichen Triebe
-drängen zum Ausleben der eigenen Persönlichkeit, die geistigen Antriebe
-stehen in dem Banne einer äußern Autorität. Das Geistesleben einer
-solchen Persönlichkeit wird von den sinnlichen, das sinnliche Leben
-von den geistigen Instinkten tyrannisiert. Denn beide Gewalten gehören
-nicht zusammen, sind nicht aus einer Wesenheit erwachsen. Zur wirklich
-freien Persönlichkeit gehört also nicht nur ein gesund entwickeltes
-individuelles sinnliches Triebleben, sondern auch die Fähigkeit, sich
-die gedanklichen Antriebe für das Leben zu schaffen. Erst derjenige
-Mensch ist vollkommen frei, der auch Gedanken produzieren kann, die zum
-Handeln führen. Ich habe das Vermögen, rein gedankliche Triebfedern
-des Handelns zu schaffen, in meiner Schrift "Die Philosophie der
-Freiheit" (Weimar, Emil Felber 1894) die "moralische Phantasie"
-genannt. Nur wer diese moralische Phantasie hat, ist wirklich frei,
-denn der Mensch muß nach bewußten Triebfedern handeln. Und wenn er
-solche nicht selbst produzieren kann, dann muß er sich dieselben von
-äußeren Autoritäten oder von dem in Form der Gewissensstimme in ihm
-sprechenden Herkommen geben lassen. Ein Mensch, der sich bloß seinen
-sinnlichen Instinkten überläßt, handelt wie ein Tier; ein Mensch,
-der seine sinnlichen Instinkte unter fremde Gedanken stellt, handelt
-unfrei; erst der Mensch, der sich selbst seine moralischen Ziele
-schafft, handelt frei. Die moralische Phantasie fehlt in Nietzsches
-Ausführungen. Wer dessen Gedanken zu Ende denkt, muß notwendig auf
-diesen Begriff kommen. Aber andererseits ist es auch eine unbedingte
-Notwendigkeit, daß dieser Begriff der Nietzscheschen Weltanschauung
-eingefügt wird. Sonst könnte gegen dieselbe immerfort eingewendet
-werden: Zwar ist der dionysische Mensch kein Knecht des Herkommens
-oder des "jenseitigen Willens", aber er ist ein Knecht seiner eigenen
-Instinkte.
-
-Nietzsche hat seinen Blick auf das Ursprüngliche, Eigenpersönliche im
-Menschen gerichtet. Er suchte dieses Eigenpersönliche herauszulösen aus
-dem Mantel des Unpersönlichen, in den es eine wirklichkeitsfeindliche
-Weltanschauung eingehüllt hat. Aber er ist nicht dazu gekommen,
-die Stufen des Lebens innerhalb der Persönlichkeit selbst zu
-unterscheiden. Er hat deshalb die Bedeutung des Bewußtseins für die
-menschliche Persönlichkeit unterschätzt. "Die Bewußtheit ist die
-letzte und späteste Entwickelung des Organischen und folglich auch
-das Unfertigste und Unkräftigste daran. Aus der Bewußtheit stammen
-unzählige Fehlgriffe, welche machen, daß ein Tier, ein Mensch zu
-Grunde geht, früher als es nötig wäre, "über das Geschick", wie
-Homer sagt. Wäre nicht der erhaltende Verband der Instinkte so
-überaus viel mächtiger, diente er nicht im ganzen als Regulator:
-an ihrem verkehrten Urteilen und Phantasieren mit offenen Augen,
-an ihrer Ungründlichkeit und Leichtgläubigkeit, kurz eben an ihrer
-Bewußtheit müßte die Menschheit zu Grunde gehen," sagt Nietzsche
-(Fröhliche Wissenschaft § 11).
-
-Dies ist zwar durchaus zuzugeben; aber nicht minder wahr ist es, daß
-der Mensch nur insoweit frei ist, als er sich gedankliche Triebfedern
-seines Handelns innerhalb des Bewußtseins schaffen kann.
-
-Die Betrachtung der gedanklichen Triebfedern führt aber noch weiter. Es
-ist eine Thatsache der Erfahrung, daß diese gedanklichen Triebfedern,
-die die Menschen aus sich heraus produzieren, bei den einzelnen
-Individuen doch bis zu einem gewissen Grade eine Übereinstimmung
-zeigen. Auch wenn der einzelne Mensch ganz frei aus sich heraus
-Gedanken schafft, so stimmen diese in gewisser Weise mit den Gedanken
-anderer Menschen überein. Daraus folgt für den Freien die Berechtigung,
-anzunehmen, daß die Harmonie in der menschlichen Gesellschaft von
-selbst eintritt, wenn sie aus souveränen Individuen besteht. Er
-kann diese Meinung dem Verteidiger der Unfreiheit gegenüberstellen,
-der glaubt, daß die Handlungen einer Mehrheit von Menschen nur
-zusammenstimmen, wenn sie durch eine äußere Gewalt nach einem
-gemeinsamen Ziele hingelenkt werden. Der freie Geist ist deshalb
-durchaus kein Anhänger jener Ansicht, welche die tierischen Triebe
-absolut frei walten lassen und alle gesetzlichen Ordnungen deshalb
-abschaffen will. Aber er verlangt absolute Freiheit für diejenigen,
-die nicht bloß ihren tierischen Instinkten folgen wollen, sondern die
-imstande sind, moralische Triebfedern, ihr eigenes Gutes und Böses,
-zu schaffen.
-
-Nur wer Nietzsche nicht so weit durchdrungen hat, daß er die letzten
-Konsequenzen von dessen Weltanschauung zu ziehen vermag, trotzdem
-sie Nietzsche nicht selbst gezogen hat, kann in ihm einen Menschen
-sehen, der "mit einer gewissen stilistischen Wollust zu enthüllen
-den Mut gefunden hat, was bisher etwa im geheimsten Seelengrunde
-grandioser Verbrechertypen .... verborgen gelauert haben mag"
-(Ludwig Stein, Friedrich Nietzsches Weltanschauung und ihre Gefahren
-S. 5). Noch immer ist die Durchschnittsbildung eines deutschen
-Professors nicht so weit, das Große einer Persönlichkeit von deren
-kleinen Irrtümern abzutrennen. Sonst könnte man es nicht erleben,
-daß die Kritik eines solchen Professors gerade gegen diese kleinen
-Irrtümer sich richtet. Ich denke, wahrhafte Bildung nimmt das Große
-einer Persönlichkeit auf und verbessert kleine Irrtümer oder denkt
-halbfertige Gedanken zu Ende.
-
-
-
-
-
-
-
-
-III.
-
-NIETZSCHES ENTWICKELUNGSGANG.
-
-
-30.
-
-Ich habe Nietzsches Ansichten vom Übermenschen so dargestellt, wie
-sie uns in seinen letzten Schriften: Zarathustra (1883-1884), Jenseits
-von Gut und Böse (1886), Genealogie der Moral (1887), Der Fall Wagner
-(1888), Götzendämmerung (1889) entgegentreten. In dem unvollendet
-gebliebenen Werke: "Der Wille zur Macht", Versuch einer Umwertung aller
-Werte, dessen erster Teil "Antichrist" im 8. Bande der Gesamtausgabe
-erschienen ist, hätten sie wohl ihren philosophisch prägnantesten
-Ausdruck gefunden. Aus der Disposition, die im Anhange zu dem erwähnten
-Band abgedruckt ist, ist das deutlich zu erkennen. Sie heißt: 1. Der
-Antichrist. Versuch einer Kritik des Christentums. 2. Der freie
-Geist. Kritik der Philosophie als einer nihilistischen Bewegung. 3. Der
-Immoralist. Kritik der verhängnisvollsten Art von Unwissenheit,
-der Moral. 4. Dionysos. Philosophie der ewigen Wiederkunft.
-
-Nietzsche hat seine Gedanken nicht sogleich im Beginne seiner
-schriftstellerischen Laufbahn in der ihnen ureigensten Form zum
-Ausdruck gebracht. Er stand anfangs unter dem Einflusse des deutschen
-Idealismus, namentlich in der Form, in der ihn Schopenhauer und
-Richard Wagner vertreten haben. In Schopenhauerschen und Wagnerschen
-Formeln drückt er sich in seinen ersten Schriften aus. Wer aber durch
-dieses Formelwesen hindurch auf den Kern der Nietzscheschen Gedanken
-zu blicken vermag, der findet in diesen Schriften dieselben Absichten
-und Ziele, die in den späteren Werken zum Ausdruck kommen.
-
-Man kann von Nietzsches Entwickelung nicht sprechen, ohne an den
-freiesten Denker erinnert zu werden, den die neuzeitliche Menschheit
-hervorgebracht hat, an Max Stirner. Es ist eine traurige Wahrheit,
-daß dieser Denker, der im vollsten Sinne dem entspricht, was Nietzsche
-von dem Übermenschen fordert, nur von wenigen erkannt und gewürdigt
-worden ist. Er hat bereits in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts
-Nietzsches Weltanschauung ausgesprochen. Allerdings nicht in solch
-gesättigten Herzenstönen wie Nietzsche, aber dafür in krystallklaren
-Gedanken, neben denen sich Nietzsches Aphorismen allerdings oft wie
-ein bloßes Stammeln ausnehmen.
-
-Welchen Weg hätte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern
-Max Stirner sein Erzieher geworden wäre! In Nietzsches Schriften ist
-keinerlei Einfluß Stirners zu bemerken. Aus eigener Kraft mußte sich
-Nietzsche aus dem deutschen Idealismus heraus zu einer der Stirnerschen
-gleichen Weltauffassung durchringen.
-
-Stirner ist wie Nietzsche der Ansicht, das die Triebkräfte
-des menschlichen Lebens nur in der einzelnen, wirklichen
-Persönlichkeit gesucht werden können. Er lehnt alle Gewalten ab,
-die die Einzelpersönlichkeit von außen formen, bestimmen wollen. Er
-verfolgt den Gang der Weltgeschichte und findet den Grundirrtum der
-bisherigen Menschheit darin, daß sie nicht die Pflege und Kultur
-der individuellen Persönlichkeit, sondern andere, unpersönliche
-Ziele und Zwecke sich vorsetzte. Er sieht die wahre Befreiung des
-Menschen darin, daß dieser allen solchen Zielen keine höhere Realität
-zugesteht, sondern sich dieser Ziele als Mittel zu seiner Selbstpflege
-bedient. Der freie Mensch bestimmt sich seine Zwecke; er besitzt
-seine Ideale; er läßt sich nicht von ihnen besitzen. Der Mensch,
-der nicht als freie Persönlichkeit über seinen Idealen waltet, steht
-unter dem Einflusse derselben, wie der Irrsinnige, der an fixen Ideen
-leidet. Es ist für Stirner einerlei, ob sich der Mensch einbildet,
-der "König von China", oder ob "ein behaglicher Bürger sich einbildet,
-es sei seine Bestimmung, ein guter Christ, ein gläubiger Protestant,
-ein loyaler Bürger, ein tugendhafter Mensch u. s. w. zu sein --
-das ist beides ein und dieselbe 'fixe Idee'. Wer es nie versucht
-und gewagt hat, kein guter Christ, kein gläubiger Protestant, kein
-tugendhafter Mensch u. s. w. zu sein, der ist in der Gläubigkeit,
-Tugendhaftigkeit u. s. w. gefangen und befangen."
-
-Man braucht nur einige Sätze aus Stirners Buch: "Der Einzige und sein
-Eigentum" zu lesen, um zu sehen, wie verwandt seine Anschauung der
-Nietzscheschen ist. Ich führe einige Stellen aus diesem Buche an,
-die besonders bezeichnend für Stirners Denkweise sind.
-
-"Vorchristliche und christliche Zeit verfolgen ein entgegengesetztes
-Ziel; jene will das Reale idealisieren, diese das Ideale realisieren,
-jene sucht den "heiligen Geist", diese den "verklärten Leib". Daher
-schließt jene mit der Unempfindlichkeit gegen das Reale, mit der
-"Weltverachtung"; diese wird mit der Abwerfung des Idealen, mit der
-"Geistesverachtung" enden.
-
-Wie der Zug der Heiligung oder Reinigung durch die alte Welt geht
-(die Waschungen u. s. w.), so geht der der Verleiblichung durch die
-christliche: der Gott stürzt sich in diese Welt, wird Fleisch und will
-sie erlösen, d. h. mit sich erfüllen; da er aber "die Idee" oder "der
-Geist" ist, so führt man (z. B. Hegel) am Schlusse die Idee in alles,
-in die Welt, ein und beweist, "daß die Idee, die Vernunft in allem
-sei". Dem, was die heidnischen Stoiker als "den Weisen" aufstellten,
-entspricht in der heutigen Bildung "der Mensch", jener wie dieser
-ein fleischloses Wesen. Der unwirkliche "Weise", dieser leiblose
-"Heilige" der Stoiker, wurde eine wirkliche Person, ein leiblicher
-"Heiliger" in dem fleischgewordenen Gotte; der unwirkliche "Mensch",
-das leiblose Ich, wird wirklich werden im leibhaftigen Ich, in Mir.
-
-Daß der Einzelne für sich eine Weltgeschichte ist und an der übrigen
-Weltgeschichte sein Eigentum besitzt, das geht über das Christliche
-hinaus. Dem Christen ist die Weltgeschichte das Höhere, weil sie
-die Geschichte Christi oder "des Menschen" ist; dem Egoisten hat
-nur seine Geschichte Wert, weil er nur sich entwickeln will, nicht
-die Menschheits-Idee, nicht den Plan Gottes, nicht die Absichten der
-Vorsehung, nicht die Freiheit u. dergl. Er sieht sich nicht für ein
-Werkzeug der Idee oder ein Gefäß Gottes an, er erkennt keinen Beruf
-an, er wähnt nicht, zur Fortentwickelung der Menschheit dazusein,
-und sein Scherflein dazu beitragen zu müssen, sondern er lebt sich
-aus, unbesorgt darum, wie gut oder wie schlecht die Menschheit
-dabei fahre. Ließe es nicht das Mißverständnis zu, als sollte ein
-Naturzustand gepriesen werden, so könnte man an Lenaus "Drei Zigeuner"
-erinnern. -- Was, bin Ich dazu in der Welt, um Ideen zu realisieren? Um
-etwa zur Verwirklichung der Idee "Staat" durch mein Bürgertum das
-Meinige zu thun oder durch die Ehe, als Ehegatte und Vater, die Idee
-der Familie zu einem Dasein zu bringen? Was ficht mich ein solcher
-Beruf an! Ich lebe so wenig nach einem Berufe, als die Blume nach
-einem Berufe wächst und duftet.
-
-Das Ideal "der Mensch" ist realisiert, wenn die christliche
-Anschauung umschlägt in den Satz: "Ich, dieser Einzige, bin der
-Mensch." Die Begriffsfrage: "was ist der Mensch?" -- hat sich dann
-in die persönliche umgesetzt: "wer ist der Mensch?" Bei "was" suchte
-man den Begriff, um ihn zu realisieren; bei "wer" ist's überhaupt
-keine Frage mehr, sondern die Antwort im Fragenden gleich persönlich
-vorhanden: die Frage beantwortet sich von selbst.
-
-Man sagt von Gott: "Namen nennen Dich nicht". Das gilt von Mir: kein
-Begriff drückt Mich aus, nichts, was man als mein Wesen angiebt,
-erschöpft mich; es sind nur Namen. Gleichfalls sagt man von Gott,
-er sei vollkommen und habe keinen Beruf, nach Vollkommenheit zu
-streben. Auch das gilt allein von Mir.
-
-Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich
-als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein
-schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere
-Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl
-meiner Einzigkeit und erbleicht vor der Sonne dieses Bewußtseins:
-Stell' Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf
-dem vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst
-verzehrt, und Ich darf sagen:
-
-"Ich hab' mein' Sach' auf nichts gestellt."
-
-Dieser auf sich sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende
-Eigner ist Nietzsches Übermensch.
-
-
-
-
-31.
-
-Diese Stirnerschen Gedanken wären das geeignete Gefäß gewesen, in das
-Nietzsche sein reiches Empfindungsleben hätte gießen können. Statt
-dessen suchte er in Schopenhauers Begriffswelt die Leiter, auf der
-er zu seiner Gedankenwelt hinaufkletterte.
-
-Aus zwei Wurzeln stammt, nach Schopenhauers Meinung, unsere gesamte
-Welterkenntnis. Aus dem Vorstellungsleben und aus der Wahrnehmung
-des Willens, der in uns selbst als Handelnder auftritt. Das "Ding
-an sich" liegt jenseits der Welt unserer Vorstellung. Denn die
-Vorstellung ist nur die Wirkung, die das "Ding an sich" auf mein
-Erkenntnisorgan ausübt. Nur die Eindrücke kenne ich, die die Dinge
-auf mich machen, nicht die Dinge selbst. Und diese Eindrücke sind
-eben meine Vorstellungen. Ich kenne keine Sonne und keine Erde,
-sondern nur ein Auge, das eine Sonne sieht, und eine Hand, die eine
-Erde fühlt. Der Mensch weiß nur: "daß die Welt, welche ihn umgiebt,
-nur als Vorstellung da ist, d. h. durchweg nur in Beziehung auf ein
-anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist". (Schopenhauer, Welt
-als Wille und Vorstellung § 1.) Aber der Mensch stellt die Welt nicht
-bloß vor, sondern er wirkt auch in ihr; er wird sich seines Willens
-bewußt, und er erfährt, daß dasjenige, welches er in sich als Wille
-empfindet, von außen als Bewegung seines Leibes wahrgenommen werden
-kann, d. h. der Mensch nimmt sein eigenes Wirken doppelt wahr, von
-innen als Vorstellung, von außen als Wille. Schopenhauer schließt
-daraus, daß es der Wille selbst ist, der in der wahrgenommenen
-Leibesaktion als Vorstellung erscheint. Und er behauptet dann weiter,
-daß nicht nur der Vorstellung des eigenen Leibes und seiner Bewegungen
-ein Wille zu Grunde liege, sondern daß dies auch bei allen übrigen
-Vorstellungen der Fall sei. Die ganze Welt ist also, nach Schopenhauers
-Ansicht, dem Wesen nach Wille und erscheint unserem Intellekt als
-Vorstellung. Dieser Wille, behauptet Schopenhauer weiter, ist in
-allen Dingen ein einheitlicher. Nur unser Intellekt verursacht,
-daß wir eine Mehrheit von besonderen Dingen wahrnehmen.
-
-Durch seinen Willen hängt der Mensch, nach dieser Anschauung, mit dem
-einheitlichen Weltwesen zusammen. Insofern der Mensch wirkt, wirkt in
-ihm der einheitliche Urwille. Als einzelne, besondere Persönlichkeit
-existiert der Mensch nur in seiner eigenen Vorstellung; im Wesen ist
-er identisch mit dem einheitlichen Weltengrunde.
-
-Nehmen wir an, daß in Nietzsche, als er die Schopenhauersche
-Philosophie kennen lernte, schon der Gedanke des Übermenschen unbewußt,
-instinktiv vorhanden war, so konnte ihn diese Willenslehre allerdings
-nur sympathisch berühren. In dem menschlichen Willen war ihm ein
-Element gegeben, das den Menschen unmittelbar an der Schöpfung des
-Weltinhaltes teilnehmen ließ. Als Wollender ist der Mensch nicht bloß
-ein außerhalb des Weltinhaltes stehender Zuschauer, der sich Bilder
-des Wirklichen macht, sondern er ist selbst ein Schaffender. In ihm
-waltet die göttliche Kraft, über die hinaus es keine andere giebt.
-
-
-
-
-32.
-
-Aus diesen Anschauungen heraus bildeten sich bei Nietzsche die beiden
-Ideen von der apollinischen und der dionysischen Weltbetrachtung. Sie
-wendete er auf das griechische Kunstleben an, das er demgemäß aus zwei
-Wurzeln entstehen ließ: aus einer Kunst des Vorstellens und einer Kunst
-des Wollens. Wenn der Vorstellende seine Vorstellungswelt idealisiert
-und seine idealisierten Vorstellungen in Kunstwerken verkörpert,
-so entsteht die apollinische Kunst. Er verleiht den einzelnen
-Vorstellungsobjekten dadurch, daß er ihnen die Schönheit einprägt,
-den Schein des Ewigen. Aber er bleibt innerhalb der Vorstellungswelt
-stehen. Der dionysische Künstler sucht nicht nur in seinen Kunstwerken
-die Schönheit auszudrücken, sondern er ahmt selbst das schöpferische
-Wirken des Weltwillens nach. Er sucht in seinen eigenen Bewegungen
-den Weltgeist abzubilden. Er macht sich zur sichtbaren Verkörperung
-des Willens. Er wird selbst Kunstwerk. "Singend und tanzend äußert
-sich der Mensch als Mitglied einer höhern Gemeinschaft: er hat das
-Gehen und Sprechen verlernt und ist auf dem Wege, tanzend in die
-Lüfte emporzufliegen. Aus seinen Gebärden spricht die Verzauberung"
-(Geburt der Tragödie § 1). In diesem Zustande vergißt der Mensch sich
-selbst, er fühlt sich nicht mehr als Individuum, er läßt in sich den
-allgemeinen Weltwillen walten. In dieser Weise deutet Nietzsche die
-Feste, die zu Ehren des Gottes Dionysus durch die Dionysusdiener
-veranstaltet wurden. In dem Dionysusdiener sieht Nietzsche das
-Urbild des dionysischen Künstlers. Nun stellt er sich vor, daß
-die älteste dramatische Kunst der Griechen dadurch entstanden ist,
-daß eine höhere Vereinigung des Dionysischen mit dem Apollinischen
-sich vollzogen hat. Auf diese Weise erklärt er den Ursprung der
-ersten griechischen Tragödie. Er nimmt an, daß die Tragödie aus dem
-tragischen Chore entstanden ist. Der dionysische Mensch wird zum
-Zuschauer, zum Betrachter eines Bildes, das ihn selbst darstellt. Der
-Chor ist die Selbstspiegelung eines dionysisch erregten Menschen,
-d. h. der dionysische Mensch sieht seine dionysische Erregung durch ein
-apollinisches Kunstwerk abgebildet. Die Darstellung des Dionysischen
-im apollinischen Bilde ist die primitive Tragödie. Voraussetzung
-einer solchen Tragödie ist, daß in ihrem Schöpfer ein lebendiges
-Bewußtsein von dem Zusammenhang des Menschen mit den Urgewalten
-der Welt vorhanden ist. Ein solches Bewußtsein spricht sich als
-Mythus aus. Das Mythische muß der Gegenstand der ältesten Tragödie
-sein. Tritt nun in der Entwickelung eines Volkes der Zeitpunkt ein, wo
-der zersetzende Verstand das lebendige Gefühl für den Mythus zerstört,
-so ist der Tod des Tragischen die notwendige Folge.
-
-
-
-
-33.
-
-In der Entwickelung des Griechentums trat, nach Nietzsches Meinung,
-mit Sokrates dieser Zeitpunkt ein. Sokrates war ein Feind alles
-instinktiven, mit den Naturgewalten im Bunde stehenden Lebens. Er ließ
-nur dasjenige gelten, was der Verstand denkend zu beweisen vermag,
-was lehrbar ist. Damit war dem Mythus der Krieg erklärt. Und der von
-Nietzsche als Schüler des Sokrates bezeichnete Euripides zerstörte
-die Tragödie, weil sein Schaffen nicht mehr, wie das des Äschylos,
-aus den dionysischen Instinkten, sondern aus dem kritischen Verstande
-entsprang. Statt der Nachbildung der Willensbewegungen des Weltgeistes
-findet sich bei Euripides die verständige Verknüpfung einzelner
-Vorgänge innerhalb der tragischen Handlung.
-
-Ich frage nicht nach der historischen Rechtfertigung dieser
-Nietzscheschen Ideen. Er ist ihretwegen von einem klassischen
-Philologen scharf angegriffen worden. Nietzsches Beschreibung der
-griechischen Kultur läßt sich vergleichen mit der Schilderung, die ein
-Mensch von einer Landschaft giebt, die er von dem Gipfel eines Berges
-aus betrachtet; eine philologische Darstellung mit einer Beschreibung,
-die der Wanderer giebt, der jedes einzelne Fleckchen besucht. Von
-dem Berge aus verschiebt sich manches eben nach den Gesetzen der Optik.
-
-
-
-
-34.
-
-Was hier in Betracht kommt, ist die Frage: was für eine Aufgabe stellte
-sich Nietzsche in seiner "Geburt der Tragödie"? Nietzsche ist der
-Ansicht, daß die älteren Griechen die Leiden des Daseins sehr gut
-gekannt haben. "Es geht die alte Sage, daß König Midas lange Zeit
-nach dem weisen Silen, dem Begleiter des Dionysus, im Walde gejagt
-habe, ohne ihn zu fangen. Als er ihm endlich in die Hände gefallen
-ist, fragt der König, was für den Menschen das Allerbeste und
-Allervorzüglichste sei. Starr und unbeweglich schweigt der Dämon,
-bis er, durch den König gezwungen, endlich unter gellem Lachen
-in diese Worte ausbricht: "Elendes Eintagsgeschlecht, des Zufalls
-Kinder und der Mühsal, was zwingst du mich, dir zu sagen, was nicht
-zu hören für dich das Ersprießlichste ist? Das Allerbeste ist für dich
-gänzlich unerreichbar: nicht geboren zu sein, nicht zu sein, nichts zu
-sein. Das Zweitbeste aber ist für dich -- bald zu sterben" (Geburt der
-Tragödie § 3). In dieser Sage findet Nietzsche eine Grundempfindung
-der Griechen ausgedrückt. Er hält es für eine Oberflächlichkeit,
-wenn man die Griechen als das beständig heitere, kindlich tändelnde
-Volk hinstellt. Aus der tragischen Grundempfindung heraus mußte den
-Griechen der Drang entstehen, etwas zu schaffen, wodurch das Dasein
-erträglich wird. Sie suchten nach einer Rechtfertigung des Daseins --
-und fanden diese in ihrer Götterwelt und in der Kunst. Nur durch das
-Gegenbild der olympischen Götter und der Kunst wurde den Griechen
-die rauhe Wirklichkeit erträglich. Die Grundfrage in der "Geburt der
-Tragödie" ist also für Nietzsche: Inwiefern ist die griechische Kunst
-lebenfördernd, lebenerhaltend gewesen? Nietzsches Grundinstinkt macht
-sich somit in Bezug auf die Kunst als lebenfördernde Macht schon in
-diesem ersten Werke geltend.
-
-
-
-
-35.
-
-Noch ein anderer Grundinstinkt Nietzsches ist in diesem Werke
-schon zu beobachten. Es ist die Abneigung gegen die bloß logischen
-Geister, deren Persönlichkeit vollständig unter der Herrschaft ihres
-Verstandes steht. Aus dieser Abneigung stammt Nietzsches Meinung,
-daß der sokratische Geist der Zerstörer der griechischen Kultur
-ist. Das Logische gilt Nietzsche nur als eine Form, in der sich
-die Persönlichkeit äußert. Wenn zu dieser Form nicht noch andere
-Äußerungsweisen treten, so erscheint die Persönlichkeit als Krüppel,
-als Organismus, an dem notwendige Organe verstümmelt sind. Weil
-Nietzsche in Kants Schriften nur den grübelnden Verstand entdecken
-konnte, nennt er Kant einen "verwachsenen Begriffskrüppel". Nur
-wenn die Logik der Ausdruck für die tieferen Grundinstinkte einer
-Persönlichkeit ist, läßt sie Nietzsche gelten. Sie muß ein Ausfluß
-des Über-Logischen in der Persönlichkeit sein. Nietzsche hat an der
-Ablehnung des sokratischen Geistes immer festgehalten. Wir lesen in
-der Götzendämmerung: "Mit Sokrates schlägt der griechische Geschmack zu
-Gunsten der Dialektik um: was geschieht da eigentlich? Vor allem wird
-ein vornehmer Geschmack besiegt; der Pöbel kommt mit der Dialektik
-oben auf. Vor Sokrates lehnte man in der guten Gesellschaft die
-dialektischen Manieren ab; sie galten als schlechte Manieren,
-sie stellten bloß" (Problem des Sokrates § 5). Wo nicht kräftige
-Grundinstinkte für eine Sache sprechen, da tritt der beweisende
-Verstand ein und sucht sie durch Advokatenkünste zu stützen.
-
-
-
-
-36.
-
-Einen Erneuerer des dionysischen Geistes glaubte Nietzsche in
-Richard Wagner zu erkennen. Er hat aus diesem Glauben heraus die
-vierte seiner "Unzeitgemäßen Betrachtungen": "Richard Wagner in
-Bayreuth", 1875, geschrieben. Er hielt in dieser Zeit noch an der
-Deutung des dionysischen Geistes fest, die er sich in Gemäßheit
-der Schopenhauerschen Philosophie gebildet hatte. Er glaubte noch,
-daß die Wirklichkeit nur menschliche Vorstellung sei und jenseits
-dieser Vorstellungswelt das Wesen der Dinge in Form des Urwillens
-liege. Und der schaffende dionysische Geist war ihm noch nicht der
-aus sich heraus schaffende, sondern der sich selbst vergessende, in
-dem Urwollen aufgehende Mensch. Bilder des waltenden Urwillens, von
-einem an diesen Urwillen hingegebenen dionysischen Geiste geschaffen,
-waren ihm Wagners Musikdramen.
-
-Und da Schopenhauer in der Musik ein unmittelbares Abbild des Willens
-sah, so glaubte auch Nietzsche in der Musik das beste Ausdrucksmittel
-für einen dionysisch schaffenden Geist sehen zu sollen. Die Sprache
-der civilisierten Völker schien ihm erkrankt. Sie kann nicht mehr der
-schlichte Ausdruck der Gefühle sein, denn die Worte mußten allmählich
-immer mehr dazu verwendet werden, der Ausdruck für die zunehmende
-Verstandesbildung der Menschen zu werden. Dadurch aber ist die
-Bedeutung der Worte abstrakt, arm geworden. Sie können nicht mehr
-ausdrücken, was der aus dem Urwillen heraus schaffende dionysische
-Geist empfindet. Dieser kann daher in dem Wortdrama sich nicht mehr
-aussprechen. Er muß andere Ausdrucksmittel, vor allem die Musik, aber
-auch die anderen Künste zu Hilfe rufen. Der dionysische Geist wird
-zum dithyrambischen Dramatiker, "diesen Begriff so voll genommen, daß
-er zugleich den Schauspieler, Dichter, Musiker umfaßt". "Wie man sich
-nun auch die Entwickelung des Urdramatikers vorstellen möge, in seiner
-Reife und Vollendung ist er ein Gebilde ohne jede Hemmung und Lücke:
-der eigentlich freie Künstler, der gar nicht anders kann, als in allen
-Künsten zugleich denken, der Mittler und Versöhner zwischen scheinbar
-getrennten Sphären, der Wiederhersteller einer Ein- und Gesamtheit des
-künstlerischen Vermögens, welches gar nicht erraten und erschlossen,
-sondern nur durch die That gezeigt werden kann" (Richard Wagner in
-Bayreuth § 7). Als dionysischen Geist verehrte Nietzsche Richard
-Wagner. Und nur in dem von Nietzsche in der eben genannten Schrift
-angegebenen Sinne kann Wagner als dionysischer Geist bezeichnet
-werden. Seine Instinkte sind auf das Jenseits gerichtet; er will
-die Stimme des Jenseits durch seine Musik erklingen lassen. Ich habe
-bereits (S. 81 f.) darauf hingewiesen, daß sich Nietzsche später selbst
-fand und imstande war, seine auf das Diesseits gerichteten Instinkte
-in ihrer Eigenart zu erkennen. Er hatte ursprünglich die Wagnersche
-Kunst mißverstanden, weil er sich selbst mißverstanden hatte, weil
-er seine Instinkte durch die Schopenhauersche Philosophie hatte
-tyrannisieren lassen. Wie ein Krankheitsprozeß erschien ihm später
-diese Unterordnung seiner Instinkte unter eine fremde Geistesmacht. Er
-fand, daß er auf seine Instinkte nicht gehört hatte und sich durch
-eine ihm unangemessene Meinung hatte verführen lassen, eine Kunst auf
-diese Instinkte wirken lassen, die ihnen nur zum Nachteil gereichen
-konnte, die sie krank machen mußte.
-
-
-
-
-37.
-
-Nietzsche hat den Einfluß, den die seinen Grundtrieben widersprechende
-Schopenhauersche Philosophie auf ihn genommen, selbst geschildert
-in seiner dritten "Unzeitgemäßen Betrachtung", "Schopenhauer als
-Erzieher" (1873), zu einer Zeit, als er noch an diese Philosophie
-glaubte. Nietzsche suchte einen Erzieher. Der rechte Erzieher kann nur
-der sein, der auf den zu Erziehenden so wirkt, daß dessen innerster
-Wesenskern sich aus der Persönlichkeit heraus entwickelt. Auf jeden
-Menschen wirkt seine Zeit mit ihren Kulturmitteln ein. Er nimmt auf,
-was die Zeit an Bildungsstoff bietet. Aber es frägt sich, wie er sich
-inmitten dieses von außen auf ihn Eindringenden selbst finden kann;
-wie er das aus sich herausspinnen kann, was er und nur er und kein
-anderer sein kann. "Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören
-will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge
-seinem Gewissen, welches ihm zuruft: ""sei du selbst! Das bist du
-alles nicht, was du jetzt thust, meinst, begehrst"", so spricht
-der Mensch zu sich, der eines Tages findet, daß er sich immer nur
-damit begnügt hat, Bildungsstoff von außen aufzunehmen (Schopenhauer
-als Erzieher § 1). Nietzsche fand sich selbst, wenn auch zunächst
-noch nicht in seiner ihm ureigensten Gestalt, durch das Studium der
-Schopenhauerschen Philosophie. Nietzsche strebte unbewußt danach,
-einfach und ehrlich seinen Grundtrieben gemäß sich auszusprechen. Er
-fand um sich nur Menschen, die in den Bildungsformeln der Zeit sich
-ausdrückten, die ihr eigenes Wesen durch diese Formeln verhüllten. In
-Schopenhauer fand Nietzsche aber einen Menschen, der den Mut hatte,
-seine persönlichen Empfindungen der Welt gegenüber zum Inhalte seiner
-Philosophie zu machen: "Das kräftige Wohlgefühl des Sprechenden"
-umfing Nietzsche beim ersten Lesen von Schopenhauers Sätzen. "Hier
-ist eine immer gleichartige, stärkende Luft, so fühlen wir; hier ist
-eine gewisse unnachahmliche Unbefangenheit und Natürlichkeit, wie sie
-Menschen haben, die in sich zu Hause und zwar in einem sehr reichen
-Hause Herren sind: im Gegensatze zu jenen Schriftstellern, die sich am
-meisten wundern, wenn sie einmal geistreich waren, und deren Vortrag
-dadurch etwas Unruhiges und Naturwidriges bekommt." "Schopenhauer
-redet mit sich; oder wenn man sich durchaus einen Zuhörer denken
-will, so denke man sich den Sohn, den der Vater unterweist. Es ist
-ein redliches, derbes, gutmütiges Aussprechen vor einem Hörer, der
-mit Liebe hört" (Schopenhauer § 2). Daß er einen Menschen, der sich
-seinen innersten Instinkten gemäß ausspricht, reden hörte, das war es,
-was Nietzsche zu Schopenhauer hinzog.
-
-Nietzsche sah in Schopenhauer eine starke Persönlichkeit, die nicht
-durch die Philosophie in einen bloßen Verstandesmenschen umgewandelt
-wird, sondern die das Logische nur zum Ausdrucke des Überlogischen,
-des Instinktiven in sich macht. "Die Sehnsucht nach starker Natur, nach
-gesunder und einfacher Menschheit war bei ihm eine Sehnsucht nach sich
-selbst; und sobald er die Zeit in sich besiegt hatte, mußte er auch,
-mit erstauntem Auge, den Genius in sich erblicken" (Schopenhauer §
-3). In Nietzsches Geist arbeitete schon damals das Streben nach der
-Idee des Übermenschen, der sich selbst sucht, als den Sinn seines
-Daseins, und einen solchen Suchenden fand er in Schopenhauer. In
-solchen Menschen sieht er den Zweck und zwar den einzigen Zweck des
-Weltdaseins erreicht; die Natur scheint ihm an einem Ziele angekommen
-zu sein, wenn sie einen solchen Menschen hervorgebracht hat. "Die
-Natur, die nie springt, macht hier ihren einzigen Sprung und zwar
-einen Freudensprung, denn sie fühlt sich zum erstenmal am Ziele,
-dort nämlich, wo sie begreift, daß sie verlernen müsse, Ziele zu
-haben." (Schopenh. § 5.) In diesem Satze liegt der Keim zur Konzeption
-des Übermenschen. Nietzsche wollte, als er diesen Satz niederschrieb,
-schon genau dasselbe, was er später mit seinem Zarathustra wollte;
-aber ihm fehlte noch die Kraft, dieses Wollen in einer eigenen Sprache
-auszusprechen. Er sah schon, als er sein Schopenhauerbuch schrieb,
-den Grundgedanken der Kultur in der Erzeugung des Übermenschen.
-
-
-
-
-38.
-
-In der Entwickelung der persönlichen Instinkte der Einzelmenschen sieht
-also Nietzsche das Ziel aller menschlichen Entwickelung. Was dieser
-Entwickelung entgegenarbeitet, erscheint ihm als die eigentlichste
-Versündigung an der Menschheit. Es giebt aber etwas im Menschen, das
-auf ganz natürliche Weise seiner freien Entwickelung widerstrebt. Der
-Mensch läßt sich nicht allein durch die in jedem einzelnen Augenblicke
-in ihm thätigen Triebe bestimmen, sondern auch durch alles das, was
-in seinem Gedächtnisse sich angesammelt hat. Der Mensch erinnert
-sich an seine eigenen Erlebnisse, er sucht sich ein Bewußtsein
-der Erlebnisse seines Volkes, Stammes, ja der ganzen Menschheit
-durch den Betrieb der Geschichte zu verschaffen. Der Mensch ist ein
-historisches Wesen. Die Tiere leben unhistorisch; sie folgen den
-Trieben, die in dem einzelnen Augenblicke in ihnen wirken. Der Mensch
-läßt sich durch seine Vergangenheit bestimmen. Wenn er irgend etwas
-unternehmen will, frägt er sich: welche Erfahrungen habe ich oder ein
-anderer mit einem ähnlichen Unternehmen schon gemacht? Der Antrieb zu
-einer Handlung kann durch die Erinnerung an ein Erlebnis vollständig
-abgetötet werden. Für Nietzsche entsteht aus der Beobachtung dieser
-Thatsache die Frage: inwiefern wirkt das Erinnerungsvermögen des
-Menschen auf sein Leben fördernd, und inwiefern wirkt es nachteilig
-ein? Die Erinnerung, die auch Dinge zu umfassen sucht, die der Mensch
-nicht selbst erlebt hat, lebt als historischer Sinn, als Studium des
-Vergangenen in dem Menschen. Nietzsche fragt: inwiefern wirkt der
-historische Sinn lebenfördernd? Die Antwort auf diese Frage sucht er
-zu geben in seiner zweiten "Unzeitgemäßen Betrachtung": "Vom Nutzen
-und Nachteil der Historie für das Leben" (1843). Die Veranlassung zu
-dieser Schrift war Nietzsches Wahrnehmung, daß der historische Sinn bei
-seinen Zeitgenossen, namentlich bei den Gelehrten unter denselben, ein
-hervorstechendes Charaktermerkmal geworden war. Die Vertiefung in die
-Vergangenheit fand Nietzsche überall gepriesen. Nur durch Erkenntnis
-der Vergangenheit soll der Mensch imstande sein, zu unterscheiden,
-was ihm möglich, was ihm unmöglich ist: dieses Glaubensbekenntnis
-drang ihm in die Ohren. Nur wer weiß, wie sich ein Volk entwickelt
-hat, kann ermessen, was für seine Zukunft förderlich ist: diesen Ruf
-hörte Nietzsche. Ja selbst die Philosophen wollten nicht mehr Neues
-erdenken, sondern lieber die Gedanken ihrer Vorfahren studieren. Dieser
-historische Sinn wirkt lähmend auf das gegenwärtige Schaffen. Wer bei
-jedem Impuls, der sich in ihm regt, erst zu bestimmen sucht, wozu ein
-ähnlicher Impuls in der Vergangenheit geführt hat, in dem erschlaffen
-die Kräfte, bevor sie gewirkt haben. "Denkt euch das äußerste Beispiel,
-einen Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der
-verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht
-mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, sieht alles in
-bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strome
-des Werdens. ... Zu allem Handeln gehört Vergessen, wie zum Leben alles
-Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch,
-der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich,
-der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen wäre, oder dem Tiere,
-das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholtem Wiederkäuen fortleben
-sollte" (Historie § 1). Nietzsche ist der Meinung, daß der Mensch nur
-so viel Geschichte vertragen kann, als dem Maße seiner schöpferischen
-Kräfte entspricht. Die starke Persönlichkeit führt ihre Intentionen
-aus, trotzdem sie sich an die Erlebnisse der Vergangenheit erinnert,
-ja sie wird vielleicht gerade durch die Erinnerung an diese Erlebnisse
-eine Stärkung ihrer Kraft erfahren. Die Kräfte des schwachen Menschen
-aber werden durch den historischen Sinn ausgelöscht. Um den Grad
-zu bestimmen und durch ihn dann die Grenze, "an der das Vergangene
-vergessen werden muß, wenn es nicht zum Totengräber des Gegenwärtigen
-werden soll, müßte man genau wissen, wie groß die plastische Kraft
-eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur ist, ich meine jene Kraft,
-aus sich heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes
-umzubilden und einzuverleiben" (Historie § 1).
-
-Nietzsche ist der Ansicht, daß das Historische nur insofern
-gepflegt werden soll, als es für die Gesundheit eines Einzelnen,
-eines Volkes oder einer Kultur nötig ist. Worauf es ihm ankommt,
-ist: "besser lernen, Historie zum Zwecke des Lebens zu treiben"
-(Historie § 1). Er spricht dem Menschen das Recht zu, die Geschichte
-so zu treiben, daß sie möglichst zur Förderung der Antriebe einer
-bestimmten Gegenwart wirkt. Von diesem Gesichtspunkte aus ist er
-ein Gegner jener Geschichtsbetrachtung, die nur in der "historischen
-Objektivität" ihr Heil sucht, die nur sehen und erzählen will, wie es
-in der Vergangenheit "thatsächlich" zugegangen ist, die nur die "reine,
-folgenlose" Erkenntnis oder deutlicher "die Wahrheit, bei der nichts
-herauskommt", sucht (Historie § 6). Eine solche Betrachtung kann nur
-aus einer schwachen Persönlichkeit entspringen, deren Empfindungen
-nicht flut- und ebbeartig auf- und abwogen, wenn sie den Strom der
-Ereignisse an sich vorübergehen sieht. Eine solche Persönlichkeit
-"ist zum nachtönenden Passivum geworden, das durch sein Ertönen
-wieder auf andere derartige Passiva wirkt: bis endlich die ganze
-Luft einer Zeit von solchen durcheinander schwirrenden zarten und
-verwandten Nachklängen erfüllt ist." (Historie § 6.) Daß aber eine
-solche schwache Persönlichkeit wirklich die Kräfte nachempfinden
-kann, die in den Menschen der Vergangenheit gewaltet haben, glaubt
-Nietzsche nicht: "Doch scheint es mir, daß man gleichsam nur die
-Obertöne jedes originalen und geschichtlichen Haupttons vernimmt:
-das Derbe und Mächtige des Originals ist aus dem sphärisch-dünnen
-und spitzen Saitenklange nicht mehr zu erraten. Dafür weckte der
-Originalton meistens Thaten, Nöte, Schrecken, dieser lullt uns
-ein und macht uns zu weichlichen Genießern; es ist, als ob man die
-heroische Symphonie für zwei Flöten eingerichtet und zum Gebrauch
-von träumenden Opiumrauchern bestimmt habe." (Historie § 6.) Nur der
-kann die Vergangenheit wirklich verstehen, der auch in der Gegenwart
-machtvoll lebt, der kräftige Instinkte hat, durch die er die Instinkte
-der Vorfahren erraten und erschließen kann. Dieser kümmert sich
-weniger um das Thatsächliche, als um das, was aus den Thatsachen
-sich erraten läßt. "Es wäre eine Geschichtsschreibung zu denken, die
-keinen Tropfen der gemeinen empirischen Wahrheit in sich hat und doch
-im höchsten Grade auf das Prädikat der Objektivität Anspruch machen
-dürfte." (Historie § 6.) Der Meister einer solchen Geschichtsschreibung
-wäre der, der überall in den historischen Personen und Ereignissen
-das aufsuchte, was hinter dem bloß Thatsächlichen steckt. Dazu muß
-er aber ein mächtiges Eigenleben führen, denn Instinkte und Triebe
-kann man unmittelbar nur an der eigenen Person beobachten. "Nur aus
-der höchsten Kraft der Gegenwart dürft ihr das Vergangene deuten: nur
-in der stärksten Anspannung eurer edelsten Eigenschaften werdet ihr
-erraten, was in dem Vergangenen wissens- und bewahrenswürdig und groß
-ist. Gleiches durch Gleiches! Sonst zieht ihr das Vergangene zu euch
-nieder." "Alle Geschichte schreibt der Erfahrene und Überlegene. Wer
-nicht einiges größer und höher erlebt hat als alle, wird auch nichts
-Großes und Hohes aus der Vergangenheit zu deuten wissen." (Historie
-§ 6.)
-
-Dem Überhandnehmen des historischen Sinnes in der Gegenwart gegenüber
-macht Nietzsche geltend, "daß der Mensch vor allem zu leben lerne, und
-nur im Dienste des erlernten Lebens die Historie gebrauche". (Historie
-§ 10.) Er will vor allen Dingen eine "Gesundheitslehre des Lebens",
-und die Historie soll nur insoweit getrieben werden, als sie einer
-solchen Gesundheitslehre förderlich ist.
-
-Was ist an der Geschichtsbetrachtung lebenfördernd? Diese Frage stellt
-Nietzsche in seiner "Historie", und er steht damit bereits auf dem
-Boden, den er in dem S. 9 f. angeführten Satz aus "Jenseits von Gut
-und Böse" bezeichnet.
-
-
-
-
-39.
-
-In besonders starkem Grade wirkt der gesunden Entwickelung der
-Eigenpersönlichkeit jene Gesinnung entgegen, die in dem bürgerlichen
-Philister zur Erscheinung kommt. Ein Philister ist der Gegensatz zu
-einem Menschen, der in dem freien Ausleben seiner Anlagen Befriedigung
-findet. Der Philister will dieses Ausleben nur insoweit gelten
-lassen, als es einem gewissen Durchschnittsmaß der menschlichen
-Begabung entspricht. So lange der Philister innerhalb seiner Grenzen
-bleibt, ist gegen ihn nichts einzuwenden. Wer ein Durchschnittsmensch
-bleiben will, der hat das mit sich abzumachen. Nietzsche fand unter
-seinen Zeitgenossen solche, die ihre philisterhafte Gesinnung
-zur Normalgesinnung für alle Menschen machen wollten, die ihre
-Philisterhaftigkeit als das einzige, wahre Menschentum ansahen. Zu
-ihnen rechnet er Dav. Friedr. Strauß, den Ästhetiker Friedr. Theodor
-Vischer u. A. Vischer, glaubt er, habe das Philisterbekenntnis
-unumwunden abgelegt in einer Rede, die er zum Andenken Hölderlins
-gehalten hat. Er sieht es in den Worten: "Er (Hölderlin) war
-eine der unbewaffneten Seelen, er war der Werther Griechenlands,
-ein hoffnungslos Verliebter; es war ein Leben voll Weichheit und
-Sehnsucht, aber auch Kraft und Inhalt war in seinem Leben, Fülle und
-Leben in seinem Stil, der da und dort sogar an Aeschylus gemahnt. Nur
-hatte sein Geist zu wenig vom Harten; es fehlte ihm als Waffe der
-Humor; er konnte es nicht ertragen, daß man noch kein Barbar ist,
-wenn man ein Philister ist." (David Strauß § 2.) Der Philister will
-hervorragenden Menschen nicht geradezu die Existenzberechtigung
-absprechen; aber er meint: sie gehen an der Wirklichkeit zu Grunde,
-wenn sie sich nicht abzufinden wissen mit den Einrichtungen, die
-der Durchschnittsmensch seinen Bedürfnissen entsprechend geschaffen
-hat. Diese Einrichtungen seien einmal das Einzige, was wirklich,
-was vernünftig ist, und in sie müsse sich auch der große Mensch
-fügen. Aus dieser Philistergesinnung heraus hat David Strauß sein Buch
-"Der alte und der neue Glaube" geschrieben. Gegen dieses Buch oder
-vielmehr gegen die in ihm zum Ausdruck gekommene Gesinnung wendet
-sich die erste der Nietzscheschen "Unzeitgemäßen Betrachtungen":
-"David Strauß, der Bekenner und Schriftsteller" (1873). Der Eindruck
-der neueren naturwissenschaftlichen Errungenschaften auf den Philister
-ist ein solcher, daß er sagt: "Der christliche Ausblick auf ein
-unsterbliches, himmlisches Leben ist, samt den andern Tröstungen
-der christlichen Religion, unrettbar dahingefallen." (David Strauß §
-4.) Er will sich das Leben auf der Erde gemäß den Vorstellungen der
-Naturwissenschaft behaglich, d. h. so behaglich, wie es dem Philister
-entspricht, einrichten. Nun zeigt der Philister, wie man glücklich
-und zufrieden sein kann, trotzdem man weiß, daß kein höherer Geist
-über den Sternen waltet, sondern die starren, gefühllosen Kräfte der
-Natur über alles Weltgeschehen herrschen. "Wir haben während der
-letzten Jahre lebendigen Anteil genommen an dem großen nationalen
-Krieg und der Aufrichtung des deutschen Staates, und wir finden uns
-durch diese so unerwartete als herrliche Wendung der Geschicke unserer
-vielgeprüften Nation im Innersten erhoben. Dem Verständnis dieser
-Dinge helfen wir durch geschichtliche Studien nach, die jetzt mittelst
-einer Reihe anziehend und volkstümlich geschriebener Geschichtswerke
-auch dem Nichtgelehrten leicht gemacht sind; dabei suchen wir unsere
-Naturerkenntnisse zu erweitern, wozu es an gemeinverständlichen
-Hülfsmitteln gleichfalls nicht fehlt; und endlich finden wir in
-den Schriften unserer großen Dichter, bei den Aufführungen der
-Werke unserer großen Musiker eine Anregung für Geist und Gemüt, für
-Phantasie und Humor, die nichts zu wünschen übrig läßt. So leben wir,
-so wandeln wir beglückt." (Strauß, Der alte und neue Glaube § 88.)
-
-Es ist das Evangelium des trivialsten Lebensgenusses, das aus diesen
-Worten spricht. Alles, was über das Triviale hinausgeht, nennt der
-Philister ungesund. Strauß sagt von der "Neunten Symphonie" Beethovens,
-daß diese nur bei denen beliebt sei, welchen "das Barocke als das
-Geniale, das Formlose als das Erhabene gilt" (Der alte und neue
-Glaube § 109); von Schopenhauer weiß der Messias des Philistertums
-zu verkünden, daß man an eine so "ungesunde und unersprießliche"
-Philosophie wie die Schopenhauersche keine Gründe, sondern höchstens
-nur Worte und Scherze verschwenden dürfe. (David Strauß § 6.) Gesund
-nennt der Philister nur das, was der Durchschnittsbildung entspricht.
-
-Als sittliches Urgebot stellt Strauß den Satz auf: "Alles sittliche
-Handeln ist ein Sichbestimmen des Einzelnen, nach der Idee der
-Gattung." (Der alte und neue Glaube § 74.) Nietzsche erwidert
-darauf: "Ins Deutliche und Greifbare übertragen heißt das nur:
-lebe als Mensch und nicht als Affe oder Seehund. Dieser Imperativ
-ist leider nur durchaus unbrauchbar und kraftlos, weil unter dem
-Begriff Mensch das Mannigfaltigste zusammen im Joche geht, z. B. der
-Patagonier und der Magister Strauß, und weil niemand wagen wird,
-mit gleichem Rechte zu sagen: lebe als Patagonier! und: lebe als
-Magister Strauß!" (Dav. Strauß § 7.)
-
-Es ist ein Ideal, und zwar ein Ideal jämmerlichster Art, das Strauß
-den Menschen vorsetzen will. Und Nietzsche protestiert dagegen; er
-protestiert, weil in ihm ein lebhafter Instinkt ruft: lebe nicht,
-wie der Magister Strauß, sondern lebe, wie es dir angemessen ist!
-
-
-
-
-40.
-
-Erst in der Schrift: "Menschliches, Allzumenschliches" (1878) erscheint
-Nietzsche frei von dem Einflusse der Schopenhauerschen Denkweise. Er
-hat es aufgegeben, übernatürliche Ursachen für die natürlichen
-Ereignisse zu suchen; er strebt nach natürlichen Erklärungsgründen. Er
-sieht jetzt alles Menschenleben als eine Art natürlichen Geschehens an;
-in dem Menschen sieht er das höchste Naturprodukt. Man lebt "zuletzt
-unter den Menschen und mit sich wie in der Natur, ohne Lob, Vorwürfe,
-Ereiferung, an vielem sich wie an einem Schauspiel weidend, vor dem
-man sich bisher nur zu fürchten hatte. Man wäre die Emphasis los und
-würde die Anstachelung des Gedankens, daß man nicht nur Natur oder mehr
-als Natur sei, nicht weiter empfinden ..... es muß ein Mensch, von dem
-in solchem Maße die gewöhnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind,
-daß er nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf alles,
-ja fast auf alles, was bei den anderen Menschen Wert hat, ohne Neid und
-Verdruß verzichten können; ihm muß als der wünschenswerteste Zustand
-jenes freie, furchtlose Schweben über Menschen, Sitten, Gesetzen und
-den herkömmlichen Schätzungen der Dinge genügen." (Menschliches I. §
-84.) Nietzsche hat bereits allen Glauben an Ideale aufgegeben; er sieht
-in den menschlichen Handlungen nur noch Folgen natürlicher Ursachen,
-und in dem Erkennen dieser Ursachen findet er seine Befriedigung. Er
-findet, daß man eine unrichtige Vorstellung von den Dingen bekommt,
-wenn man bloß das an ihnen sieht, was von dem Lichte der idealistischen
-Erkenntnis beleuchtet wird. Es entgeht einem dann das, was von den
-Dingen im Schatten liegt. Nietzsche will jetzt nicht nur die Sonnen-,
-sondern auch die Schattenseite der Dinge kennen lernen. Aus diesem
-Streben ging die Schrift: "Der Wanderer und sein Schatten" hervor
-(1879). Er will in diesem Buche die Erscheinungen des Lebens von allen
-Seiten erfassen. Er ist "Wirklichkeitsphilosoph" im besten Sinne des
-Wortes geworden.
-
-In der "Morgenröte" (1881) schildert er den moralischen Prozeß in der
-Menschheitsentwickelung als einen Naturvorgang. Schon in dieser Schrift
-zeigt er, daß es keine überirdische sittliche Weltordnung, keine
-ewigen Gesetze des Guten und Bösen giebt, und daß alle Sittlichkeit
-entsprungen ist aus den in den Menschen waltenden natürlichen Trieben
-und Instinkten. Nun war die Bahn frei gemacht für den originellen
-Wandergang Nietzsches. Wenn keine außermenschliche Macht dem Menschen
-eine bindende Verpflichtung auferlegen kann, dann ist er berechtigt,
-das eigene Schaffen frei walten zu lassen. Diese Erkenntnis ist das
-Leitmotiv der "fröhlichen Wissenschaft" (1882). Keine Fessel ist nun
-dieser "freien" Erkenntnis Nietzsches mehr angelegt. Er fühlt sich
-berufen, neue Werte zu schaffen, nachdem er den Ursprung der alten
-erkannt und gefunden hat, daß sie nur menschliche, keine göttlichen
-Werte sind. Er wagt es jetzt, das zu verwerfen, was seinen Instinkten
-widerspricht, und anderes an die Stelle zu setzen, was seinen
-Trieben gemäß ist: "Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen,
-wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft -- wir bedürfen zu
-einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen
-Gesundheit, einer stärkeren, gewitzteren, zäheren, verwegeneren,
-lästigeren, als alle Gesundheiten bisher waren. Wessen Seele darnach
-dürstet, den ganzen Umfang der bisherigen Werte und Wünschbarkeiten
-erlebt und alle Künste dieses idealischen "Mittelmeeres" umschifft zu
-haben, wer aus den Abenteuern der eigensten Erfahrungen wissen will,
-wie es einem Eroberer und Entdecker des Ideals zu Mute ist ... der
-hat zu allererst Eins nötig, die große Gesundheit .... Und nun,
-nachdem wir lange dergestalt unterwegs waren, wir Argonauten des
-Ideals, mutiger vielleicht, als klug ist ... will es uns scheinen,
-als ob wir, zum Lohn dafür, ein noch unentdecktes Land vor uns haben
-.... Wie könnten wir uns, nach solchen Ausblicken und mit einem
-solchen Heißhunger in Gewissen und Wissen, noch am gegenwärtigen
-Menschen genügen lassen!" (Fröhliche Wissenschaft § 382.)
-
-
-
-
-41.
-
-Aus der in den vorstehenden Sätzen charakterisierten Stimmung heraus
-erwuchs Nietzsche das Bild seines Übermenschen. Es ist das Gegenbild
-des Gegenwartsmenschen; es ist vor allem das Gegenbild des Christen. Im
-Christentum ist der Widerspruch gegen die Pflege des starken Lebens
-Religion geworden. (Antichrist § 5.) Der Stifter dieser Religion
-lehrte: daß vor Gott das verächtlich ist, was vor den Menschen
-Wert hat. In dem "Gottesreich" will der Christ alles verwirklicht
-finden, was ihm auf Erden mangelhaft erscheint. Das Christentum ist
-die Religion, die dem Menschen alle Sorge für das irdische Leben
-benehmen will; es ist die Religion der Schwachen, die sich gerne als
-Gebot vorsetzen lassen: "Widerstrebe nicht dem Bösen und dulde alles
-Ungemach", weil sie nicht stark genug sind zum Widerstande. Der Christ
-hat keinen Sinn für die vornehme Persönlichkeit, die aus ihrer eigenen
-Wirklichkeit ihre Kraft schöpfen will. Er glaubt, der Blick für das
-Menschenreich verderbe die Sehkraft für das Gottesreich. Auch die
-vorgeschritteneren Christen, die nicht mehr glauben, daß sie am Ende
-der Tage in ihrer leibhaftigen Gestalt wieder auferstehen werden, um
-entweder in das Paradies aufgenommen oder in die Hölle verstoßen zu
-werden, träumen von "göttlicher Vorsehung", von einer "übersinnlichen"
-Ordnung der Dinge. Auch sie sind der Ansicht, daß sich der Mensch
-über seine bloß irdischen Ziele erheben und in ein ideales Reich
-einfügen müsse. Sie glauben, daß das Leben einen rein geistigen
-Hintergrund habe, und daß es erst dadurch einen Wert erhalte. Nicht
-die Instinkte für Gesundheit, Schönheit, Wachstum, Wohlgeratenheit,
-Dauer, für Häufung von Kräften will das Christentum pflegen, sondern
-den Haß gegen den Geist, gegen Stolz, Mut, Vornehmheit, gegen das
-Selbstvertrauen und die Freiheit des Geistes, den Haß gegen die Freuden
-der sinnlichen Welt, gegen die Freude und Heiterkeit der Wirklichkeit,
-in der der Mensch lebt. (Antichrist § 21.) Das Christentum bezeichnet
-das Natürliche geradezu als "verwerflich". Im christlichen Gotte
-ist ein jenseitiges Wesen, d. h. ein Nichts vergöttlicht, es ist
-der Wille zum Nichts heilig gesprochen. (Antichrist § 18.) Deshalb
-bekämpft Nietzsche im ersten Buche seiner "Umwertung aller Werte"
-das Christentum. Und er wollte im zweiten und dritten Buche auch
-die Philosophie und Moral der Schwachen bekämpfen, die sich nur in
-der Rolle von Abhängigen wohlgefallen. Weil der Typus des Menschen,
-den Nietzsche gezüchtet sehen will, das diesseitige Leben nicht
-gering schätzt, sondern dieses Leben mit Liebe umfaßt und es zu hoch
-stellt, um glauben zu können, daß es nur einmal gelebt werden solle,
-deshalb ist er nach "der Ewigkeit brünstig" (Zarathustra, 3. Teil,
-die sieben Siegel) und möchte, daß dieses Leben unendlich oft gelebt
-werden könne. Nietzsche läßt seinen "Zarathustra" den "Lehrer der
-ewigen Wiederkunft" sein. "Siehe, wir wissen ....., daß alle Dinge ewig
-wiederkehren und wir selber mit, und daß wir schon ewige Male dagewesen
-sind, und alle Dinge mit uns." (Zarath. 3. Teil, der Genesende.) Eine
-bestimmte Meinung darüber zu haben, welche Vorstellung Nietzsche mit
-dem Worte "ewige Wiederkunft" verknüpfte, scheint mir gegenwärtig
-nicht möglich zu sein. Man wird darüber erst Genaueres sagen können,
-wenn die Aufzeichnungen Nietzsches zu den unvollendeten Teilen seines
-"Willens zur Macht" in der zweiten Abteilung der Gesamtausgabe seiner
-Werke vorliegen werden.
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche, by Rudolf Steiner
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE ***
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