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-The Project Gutenberg eBook, Der Stechlin, by Theodor Fontane
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Der Stechlin
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-Author: Theodor Fontane
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-Release Date: November 28, 2016 [eBook #53628]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***
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-E-text prepared by Peter Becker and the Online Distributed Proofreading
-Team (http://www.pgdp.net)
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-Anmerkungen zur Transkription
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- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+, in
- Antiqua gesetzte Passagen sind ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende
- des Buches.
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-[Illustration]
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-THEODOR FONTANE
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-DER STECHLIN
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-Roman
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-S. Fischer, Verlag, Berlin
-1922
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-43. bis 46. Auflage
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-Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
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-Der Stechlin
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-Schloß Stechlin
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-Erstes Kapitel
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-Im Norden der Grafschaft Ruppin, hart an der mecklenburgischen Grenze,
-zieht sich von dem Städtchen Gransee bis nach Rheinsberg hin (und
-noch darüber hinaus) eine mehrere Meilen lange Seenkette durch eine
-menschenarme, nur hie und da mit ein paar alten Dörfern, sonst aber
-ausschließlich mit Förstereien, Glas- und Teeröfen besetzte Waldung.
-Einer der Seen, die diese Seenkette bilden, heißt »der +Stechlin+«.
-Zwischen flachen, nur an einer einzigen Stelle steil und kaiartig
-ansteigenden Ufern liegt er da, rundum von alten Buchen eingefaßt,
-deren Zweige, von ihrer eigenen Schwere nach unten gezogen, den See
-mit ihrer Spitze berühren. Hie und da wächst ein weniges von Schilf
-und Binsen auf, aber kein Kahn zieht seine Furchen, kein Vogel singt,
-und nur selten, daß ein Habicht drüber hinfliegt und seinen Schatten
-auf die Spiegelfläche wirft. Alles still hier. Und doch, von Zeit zu
-Zeit wird es an eben dieser Stelle lebendig. Das ist, wenn es weit
-draußen in der Welt, sei's auf Island, sei's auf Java, zu rollen und zu
-grollen beginnt oder gar der Aschenregen der hawaiischen Vulkane bis
-weit auf die Südsee hinausgetrieben wird. Dann regt sich's auch +hier+,
-und ein Wasserstrahl springt auf und sinkt wieder in die Tiefe. Das
-wissen alle, die den Stechlin umwohnen, und wenn sie davon sprechen, so
-setzen sie wohl auch hinzu: »Das mit dem Wasserstrahl, das ist nur das
-Kleine, das beinah Alltägliche; wenn's aber draußen was Großes gibt,
-wie vor hundert Jahren in Lissabon, dann brodelts hier nicht bloß und
-sprudelt und strudelt, dann steigt statt des Wasserstrahls ein roter
-Hahn auf und kräht laut in die Lande hinein.«
-
- * * * * *
-
-Das ist der Stechlin, der +See+ Stechlin.
-
-Aber nicht nur der See führt diesen Namen, auch der Wald, der ihn
-umschließt. Und Stechlin heißt ebenso das langgestreckte Dorf, das
-sich, den Windungen des Sees folgend, um seine Südspitze herumzieht.
-Etwa hundert Häuser und Hütten bilden hier eine lange, schmale
-Gasse, die sich nur da, wo eine von Kloster Wutz her heranführende
-Kastanienallee die Gasse durchschneidet, platzartig erweitert. An eben
-dieser Stelle findet sich denn auch die ganze Herrlichkeit von Dorf
-Stechlin zusammen: das Pfarrhaus, die Schule, das Schulzenamt, der
-Krug, dieser letztere zugleich ein Eck- und Kramladen mit einem kleinen
-Mohren und einer Girlande von Schwefelfäden in seinem Schaufenster.
-Dieser Ecke schräg gegenüber, unmittelbar hinter dem Pfarrhause,
-steigt der Kirchhof lehnan, auf ihm, so ziemlich in seiner Mitte,
-die frühmittelalterliche Feldsteinkirche mit einem aus dem vorigen
-Jahrhundert stammenden Dachreiter und einem zur Seite des alten
-Rundbogenportals angebrachten Holzarm, dran eine Glocke hängt. Neben
-diesem Kirchhof samt Kirche setzt sich dann die von Kloster Wutz her
-heranführende Kastanienallee noch eine kleine Strecke weiter fort, bis
-sie vor einer über einen sumpfigen Graben sich hinziehenden und von
-zwei riesigen Findlingsblöcken flankierten Bohlenbrücke haltmacht.
-Diese Brücke ist sehr primitiv. Jenseits derselben aber steigt das
-Herrenhaus auf, ein gelbgetünchter Bau mit hohem Dach und zwei
-Blitzableitern.
-
-Auch dieses Herrenhaus heißt Stechlin, +Schloß+ Stechlin.
-
- * * * * *
-
-Etliche hundert Jahre zurück stand hier ein wirkliches Schloß, ein
-Backsteinbau mit dicken Rundtürmen, aus welcher Zeit her auch noch der
-Graben stammt, der die von ihm durchschnittene, sich in den See hinein
-erstreckende Landzunge zu einer kleinen Insel machte. Das ging so bis
-in die Tage der Reformation. Während der Schwedenzeit aber wurde das
-alte Schloß niedergelegt, und man schien es seinem gänzlichen Verfall
-überlassen, auch nichts an seine Stelle setzen zu wollen, bis kurz nach
-dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~I.~ die ganze Trümmermasse
-beiseite geschafft und ein Neubau beliebt wurde. Dieser Neubau war das
-Haus, das jetzt noch stand. Es hatte denselben nüchternen Charakter
-wie fast alles, was unter dem Soldatenkönig entstand, und war nichts
-weiter als ein einfaches ~Corps de logis~, dessen zwei vorspringende,
-bis dicht an den Graben reichende Seitenflügel ein Hufeisen und
-innerhalb desselben einen kahlen Vorhof bildeten, auf dem, als einziges
-Schmuckstück, eine große blanke Glaskugel sich präsentierte. Sonst
-sah man nichts als eine vor dem Hause sich hinziehende Rampe, von
-deren dem Hofe zugekehrter Vorderwand der Kalk schon wieder abfiel.
-Gleichzeitig war aber doch ein Bestreben unverkennbar, gerade diese
-Rampe zu was Besonderem zu machen, und zwar mit Hilfe mehrerer Kübel
-mit exotischen Blattpflanzen, darunter zwei Aloes, von denen die eine
-noch gut imstande, die andre dagegen krank war. Aber gerade diese
-kranke war der Liebling des Schloßherrn, weil sie jeden Sommer in
-einer ihr freilich nicht zukommenden Blüte stand. Und das hing so
-zusammen. Aus dem sumpfigen Schloßgraben hatte der Wind vor langer
-Zeit ein fremdes Samenkorn in den Kübel der kranken Aloe geweht, und
-alljährlich schossen infolge davon aus der Mitte der schon angegelbten
-Aloeblätter die weiß und roten Dolden des Wasserliesch oder des
-~Butomus umbellatus~ auf. Jeder Fremde, der kam, wenn er nicht zufällig
-ein Kenner war, nahm diese Dolden für richtige Aloeblüten, und der
-Schloßherr hütete sich wohl, diesen Glauben, der eine Quelle der
-Erheiterung für ihn war, zu zerstören.
-
-Und wie denn alles hier herum den Namen Stechlin führte, so natürlich
-auch der Schloßherr selbst. Auch er war ein Stechlin.
-
-Dubslav von Stechlin, Major a. D. und schon ein gut Stück über Sechzig
-hinaus, war der Typus eines Märkischen von Adel, aber von der milderen
-Observanz, eines jener erquicklichen Originale, bei denen sich
-selbst die Schwächen in Vorzüge verwandeln. Er hatte noch ganz das
-eigentümlich sympathisch berührende Selbstgefühl all derer, die »schon
-vor den Hohenzollern da waren,« aber er hegte dieses Selbstgefühl nur
-ganz im stillen, und wenn es dennoch zum Ausdruck kam, so kleidete
-sich's in Humor, auch wohl in Selbstironie, weil er seinem ganzen Wesen
-nach überhaupt hinter alles ein Fragezeichen machte. Sein schönster Zug
-war eine tiefe, so recht aus dem Herzen kommende Humanität, und Dünkel
-und Überheblichkeit (während er sonst eine Neigung hatte, fünf gerade
-sein zu lassen) waren so ziemlich die einzigen Dinge, die ihn empörten.
-Er hörte gern eine freie Meinung, je drastischer und extremer, desto
-besser. Daß sich diese Meinung mit der seinigen deckte, lag ihm fern zu
-wünschen. Beinah das Gegenteil. Paradoxen waren seine Passion. »Ich bin
-nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn's
-andere tun; es ist doch immer was drin. Unanfechtbare Wahrheiten gibt
-es überhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.«
-Er ließ sich gern was vorplaudern und plauderte selber gern.
-
-Des alten Schloßherrn Lebensgang war märkisch-herkömmlich gewesen.
-Von jung an lieber im Sattel als bei den Büchern, war er erst nach
-zweimaliger Scheiterung siegreich durch das Fähnrichsexamen gesteuert
-und gleich danach bei den brandenburgischen Kürassieren eingetreten,
-bei denen selbstverständlich auch schon sein Vater gestanden
-hatte. Dieser sein Eintritt ins Regiment fiel so ziemlich mit dem
-Regierungsantritt Friedrich Wilhelms ~IV.~ zusammen, und wenn er
-dessen erwähnte, so hob er, sich selbst persiflierend, gerne hervor,
-»daß alles Große seine Begleiterscheinungen habe.« Seine Jahre bei
-den Kürassieren waren im wesentlichen Friedensjahre gewesen; nur Anno
-vierundsechzig war er mit in Schleswig, aber auch hier, ohne »zur
-Aktion« zu kommen. »Es kommt für einen Märkischen nur darauf an,
-überhaupt mit dabei gewesen zu sein; das andre steht in Gottes Hand.«
-Und er schmunzelte, wenn er dergleichen sagte, seine Hörer jedesmal
-in Zweifel darüber lassend, ob er's ernsthaft oder scherzhaft gemeint
-habe. Wenig mehr als ein Jahr vor Ausbruch des vierundsechziger Kriegs
-war ihm ein Sohn geboren worden, und kaum wieder in seine Garnison
-Brandenburg eingerückt, nahm er den Abschied, um sich auf sein seit dem
-Tode des Vaters halb verödetes Schloß Stechlin zurückzuziehen. Hier
-warteten seiner glückliche Tage, seine glücklichsten, aber sie waren
-von kurzer Dauer -- schon das Jahr darauf starb ihm die Frau. Sich
-eine neue zu nehmen, widerstand ihm, halb aus Ordnungssinn und halb
-aus ästhetischer Rücksicht. »Wir glauben doch alle mehr oder weniger
-an eine Auferstehung« (das heißt, er persönlich glaubte eigentlich
-nicht daran), »und wenn ich dann oben ankomme mit einer rechts und
-einer links, so is das doch immer eine genierliche Sache.« Diese Worte
--- wie denn der Eltern Tun nur allzu häufig der Mißbilligung der
-Kinder begegnet -- richteten sich in Wirklichkeit gegen seinen dreimal
-verheiratet gewesenen Vater, an dem er überhaupt allerlei Großes und
-Kleines auszusetzen hatte, so beispielsweise auch, daß man ihm, dem
-Sohne, den pommerschen Namen »Dubslav« beigelegt hatte. »Gewiß, meine
-Mutter war eine Pommersche, noch dazu von der Insel Usedom, und ihr
-Bruder, nun ja, der hieß Dubslav. Und so war denn gegen den Namen
-schon um des Onkels willen nicht viel einzuwenden, und um so weniger,
-als er ein Erbonkel war. (Daß er mich schließlich schändlich im Stich
-gelassen, ist eine Sache für sich.) Aber trotzdem bleib ich dabei,
-solche Namensmanscherei verwirrt bloß. Was ein Märkischer ist, der muß
-Joachim heißen oder Woldemar. Bleib im Lande und taufe dich redlich.
-Wer aus Friesack is, darf nicht Raoul heißen.«
-
-Dubslav von Stechlin blieb also Witwer. Das ging nun schon an die
-dreißig Jahre. Anfangs war's ihm schwer geworden, aber jetzt lag
-alles hinter ihm, und er lebte »~comme philosophe~« nach dem Wort und
-Vorbild des großen Königs, zu dem er jederzeit bewundernd aufblickte.
-Das war sein Mann, mehr als irgendwer, der sich seitdem einen Namen
-gemacht hatte. Das zeigte sich jedesmal, wenn ihm gesagt wurde, daß er
-einen Bismarckkopf habe. »Nun ja, ja, den hab ich; ich soll ihm sogar
-ähnlich sehen. Aber die Leute sagen es immer so, als ob ich mich dafür
-bedanken müßte. Wenn ich nur wüßte, bei wem; vielleicht beim lieben
-Gott, oder am Ende gar bei Bismarck selbst. Die Stechline sind aber
-auch nicht von schlechten Eltern. Außerdem, ich für meine Person, ich
-habe bei den sechsten Kürassieren gestanden, und Bismarck bloß bei den
-siebenten, und die kleinere Zahl ist in Preußen bekanntlich immer die
-größere; -- ich bin ihm also einen über. Und Friedrichsruh, wo alles
-jetzt hinpilgert, soll auch bloß ne Kate sein. Darin sind wir uns also
-gleich. Und solchen See, wie den ›Stechlin‹, nu, den hat er schon ganz
-gewiß nicht. So was kommt überhaupt bloß selten vor.«
-
-Ja, auf seinen See war Dubslav stolz, aber destoweniger stolz war er
-auf sein Schloß, weshalb es ihn auch verdroß, wenn es überhaupt so
-genannt wurde. Von den armen Leuten ließ er sich's gefallen: »Für die
-ist es ein ›Schloß‹, aber sonst ist es ein alter Kasten und weiter
-nichts.« Und so sprach er denn lieber von seinem »Haus«, und wenn er
-einen Brief schrieb, so stand darüber »Haus Stechlin«. Er war sich
-auch bewußt, daß es kein Schloßleben war, das er führte. Vordem,
-als der alte Backsteinbau noch stand, mit seinen dicken Türmen und
-seinem Luginsland, von dem aus man, über die Kronen der Bäume weg,
-weit ins Land hinaussah, ja, damals war hier ein Schloßleben gewesen,
-und die derzeitigen alten Stechline hatten teilgenommen an allen
-Festlichkeiten, wie sie die Ruppiner Grafen und die mecklenburgischen
-Herzöge gaben, und waren mit den Boitzenburgern und den Bassewitzens
-verschwägert gewesen. Aber heute waren die Stechliner Leute von
-schwachen Mitteln, die sich nur eben noch hielten und beständig bemüht
-waren, durch eine »gute Partie« sich wieder leidlich in die Höhe zu
-bringen. Auch Dubslavs Vater war auf diese Weise zu seinen drei Frauen
-gekommen, unter denen freilich nur die erste das in sie gesetzte
-Vertrauen gerechtfertigt hatte. Für den jetzigen Schloßherrn, der von
-der zweiten Frau stammte, hatte sich daraus leider kein unmittelbarer
-Vorteil ergeben, und Dubslav von Stechlin wäre kleiner und großer
-Sorgen und Verlegenheiten nie los und ledig geworden, wenn er nicht in
-dem benachbarten Gransee seinen alten Freund Baruch Hirschfeld gehabt
-hätte. Dieser Alte, der den großen Tuchladen am Markt und außerdem
-die Modesachen und Damenhüte hatte, hinsichtlich deren es immer hieß,
-»Gerson schicke ihm alles zuerst« -- dieser alte Baruch, ohne das
-»Geschäftliche« darüber zu vergessen, hing in der Tat mit einer Art
-Zärtlichkeit an dem Stechliner Schloßherrn, was, wenn es sich mal
-wieder um eine neue Schuldverschreibung handelte, regelmäßig zu heikeln
-Auseinandersetzungen zwischen Hirschfeld Vater und Hirschfeld Sohn
-führte.
-
-»Gott, Isidor, ich weiß, du bist fürs Neue. Aber was ist das Neue? Das
-Neue versammelt sich immer auf unserm Markt, und mal stürmt es uns den
-Laden und nimmt uns die Hüte, Stück für Stück, und die Reiherfedern und
-die Straußenfedern. Ich bin fürs Alte und für den guten, alten Herrn
-von Stechlin. Is doch der Vater von seinem Großvater gefallen in der
-großen Schlacht bei Prag und hat gezahlt mit seinem Leben.«
-
-»Ja, der hat gezahlt; wenigstens hat er gezahlt mit seinem Leben. Aber
-der von heute ...«
-
-»Der zahlt auch, wenn er kann und wenn er hat. Und wenn er nicht hat,
-und ich sage: ›Herr von Stechlin, ich werde schreiben siebeneinhalb‹,
-dann feilscht er nicht und dann zwackt er nicht. Und wenn er kippt,
-nu, da haben wir das Objekt: Mittelboden und Wald und Jagd und viel
-Fischfang. Ich seh es immer so ganz klein in der Perspektiv, und ich
-seh auch schon den Kirchturm.«
-
-»Aber Vaterleben, was sollen wir mit'm Kirchturm?«
-
-In dieser Richtung gingen öfters die Gespräche zwischen Vater und Sohn,
-und was der Alte vorläufig noch in der »Perspektive« sah, das wäre
-vielleicht schon Wirklichkeit geworden, wenn nicht des alten Dubslav
-um zehn Jahre ältere Schwester mit ihrem von der Mutter her ererbten
-Vermögen gewesen wäre: Schwester Adelheid, Domina zu Kloster Wutz. Die
-half und sagte gut, wenn es schlecht stand oder gar zum Äußersten zu
-kommen schien. Aber sie half nicht aus Liebe zu dem Bruder -- gegen den
-sie, ganz im Gegenteil, viel einzuwenden hatte --, sondern lediglich
-aus einem allgemeinen Stechlinschen Familiengefühl. Preußen war was
-und die Mark Brandenburg auch; aber das Wichtigste waren doch die
-Stechlins, und der Gedanke, das alte Schloß in andern Besitz und nun
-gar in einen solchen übergehen zu sehen, war ihr unerträglich. Und über
-all dies hinaus war ja noch ihr Patenkind da, ihr Neffe Woldemar, für
-den sie all die Liebe hegte, die sie dem Bruder versagte.
-
-Ja, die Domina half, aber solcher Hilfen unerachtet wuchs das Gefühl
-der Entfremdung zwischen den Geschwistern, und so kam es denn, daß der
-alte Dubslav, der die Schwester in Kloster Wutz weder gern besuchte
-noch auch ihren Besuch gern empfing, nichts von Umgang besaß als seinen
-Pastor Lorenzen (den früheren Erzieher Woldemars) und seinen Küster
-und Dorfschullehrer Krippenstapel, zu denen sich allenfalls noch
-Oberförster Katzler gesellte, Katzler, der Feldjäger gewesen war und
-ein gut Stück Welt gesehen hatte. Doch auch diese drei kamen nur, wenn
-sie gerufen wurden, und so war eigentlich nur einer da, der in jedem
-Augenblick Red und Antwort stand. Das war Engelke, sein alter Diener,
-der seit beinahe fünfzig Jahren alles mit seinem Herrn durchlebt
-hatte, seine glücklichen Leutnantstage, seine kurze Ehe und seine
-lange Einsamkeit. Engelke, noch um ein Jahr älter als sein Herr, war
-dessen Vertrauter geworden, aber ohne Vertraulichkeit. Dubslav verstand
-es, die Scheidewand zu ziehen. Übrigens wär es auch ohne diese Kunst
-gegangen. Denn Engelke war einer von den guten Menschen, die nicht aus
-Berechnung oder Klugheit, sondern von Natur hingebend und demütig sind
-und in einem treuen Dienen ihr Genüge finden. Alltags war er, so Winter
-wie Sommer, in ein Leinwandhabit gekleidet, und nur wenn es zu Tisch
-ging, trug er eine richtige Livree von sandfarbenem Tuch mit großen
-Knöpfen dran. Es waren Knöpfe, die noch die Zeiten des Rheinsberger
-Prinzen Heinrich gesehen hatten, weshalb Dubslav, als er mal wieder
-in Verlegenheit war, zu dem jüngst verstorbenen alten Herrn von
-Kortschädel gesagt hatte: »Ja, Kortschädel, wenn ich so meinen Engelke,
-wie er da geht und steht, ins märkische Provinzialmuseum abliefern
-könnte, so kriegt ich ein Jahrgehalt und wäre raus.«
-
- * * * * *
-
-Das war im Mai, daß der alte Stechlin diese Worte zu seinem Freunde
-Kortschädel gesprochen hatte. Heute aber war dritter Oktober und ein
-wundervoller Herbsttag dazu. Dubslav, sonst empfindlich gegen Zug,
-hatte die Türen aufmachen lassen, und von dem großen Portal her zog
-ein erquicklicher Luftstrom bis auf die mit weiß und schwarzen Fliesen
-gedeckte Veranda hinaus. Eine große, etwas schadhafte Marquise war
-hier herabgelassen und gab Schutz gegen die Sonne, deren Lichter
-durch die schadhaften Stellen hindurchschienen und auf den Fliesen
-ein Schattenspiel aufführten. Gartenstühle standen umher, vor einer
-Bank aber, die sich an die Hauswand lehnte, waren doppelte Strohmatten
-gelegt. Auf eben dieser Bank, ein Bild des Behagens, saß der alte
-Stechlin in Joppe und breitkrempigem Filzhut und sah, während er aus
-seinem Meerschaum allerlei Ringe blies, auf ein Rundell, in dessen
-Mitte, von Blumen eingefaßt, eine kleine Fontäne plätscherte. Rechts
-daneben lief ein sogenannter Poetensteig, an dessen Ausgang ein
-ziemlich hoher, aus allerlei Gebälk zusammengezimmerter Aussichtsturm
-aufragte. Ganz oben eine Plattform mit Fahnenstange, daran die
-preußische Flagge wehte, schwarz und weiß, alles schon ziemlich
-verschlissen.
-
-Engelke hatte vor kurzem einen roten Streifen annähen wollen, war aber
-mit seinem Vorschlag nicht durchgedrungen. »Laß. Ich bin nicht dafür.
-Das alte Schwarz und Weiß hält gerade noch; aber wenn du was Rotes dran
-nähst, dann reißt es gewiß.«
-
-Die Pfeife war ausgegangen, und Dubslav wollte sich eben von seinem
-Platz erheben und nach Engelke rufen, als dieser vom Gartensaal her auf
-die Veranda heraustrat.
-
-»Das ist recht, Engelke, daß du kommst ... Aber du hast da ja was wie'n
-Telegramm in der Hand. Ich kann Telegramms nicht leiden. Immer is einer
-dod, oder es kommt wer, der besser zu Hause geblieben wäre.«
-
-Engelke griente. »Der junge Herr kommt.«
-
-»Und das weißt du schon?«
-
-»Ja, Brose hat es mir gesagt.«
-
-»So, so. Dienstgeheimnis. Na, gib her.«
-
-Und unter diesen Worten brach er das Telegramm auf und las: »Lieber
-Papa. Bin sechs Uhr bei dir. Rex und von Czako begleiten mich. Dein
-Woldemar.«
-
-Engelke stand und wartete.
-
-»Ja, was da tun, Engelke?« sagte Dubslav und drehte das Telegramm hin
-und her. »Und aus Cremmen und von heute früh,« fuhr er fort. »Da müssen
-sie also die Nacht über schon in Cremmen gewesen sein. Auch kein Spaß.«
-
-»Aber Cremmen is doch soweit ganz gut.«
-
-»Nu, gewiß, gewiß. Bloß sie haben da so kurze Betten ... Und, wenn man,
-wie Woldemar, Kavallerist ist, kann man ja doch auch die acht Meilen
-von Berlin bis Stechlin in einer Pace machen. Warum also Nachtquartier?
-Und Rex und von Czako begleiten mich. Ich kenne Rex nicht und kenne von
-Czako nicht. Wahrscheinlich Regimentskameraden. Haben wir denn was?«
-
-»Ich denk doch, gnäd'ger Herr. Und wovor haben wir denn unsre Mamsell?
-Die wird schon was finden.«
-
-»Nu gut. Also wir haben was. Aber wen laden wir dazu ein? So bloß ich,
-das geht nicht. Ich mag mich keinem Menschen mehr vorsetzen. Czako,
-das ginge vielleicht noch. Aber Rex, wenn ich ihn auch nicht kenne,
-zu so was Feinem wie Rex pass' ich nicht mehr; ich bin zu altmodisch
-geworden. Was meinst du, ob die Gundermanns wohl können?«
-
-»Ach, die können schon. Er gewiß, und sie kluckt auch bloß immer so
-rum.«
-
-»Also Gundermanns. Gut. Und dann vielleicht Oberförsters. Das älteste
-Kind hat freilich die Masern, und die Frau, das heißt die Gemahlin (und
-Gemahlin is eigentlich auch noch nicht das rechte Wort), die erwartet
-wieder. Man weiß nie recht, wie man mit ihr dran ist und wie man sie
-nennen soll, Oberförsterin Katzler oder Durchlaucht. Aber man kann's
-am Ende versuchen. Und dann unser Pastor. Der hat doch wenigstens
-die Bildung. Gundermann allein ist zu wenig und eigentlich bloß ein
-Klutentreter. Und seitdem er die Siebenmühlen hat, ist er noch weniger
-geworden.«
-
-Engelke nickte.
-
-»Na, dann schick also Martin. Aber er soll sich proper machen. Oder
-vielleicht ist Brose noch da; der kann ja auf seinem Retourgang bei
-Gundermanns mit rangehen. Und soll ihnen sagen sieben Uhr, aber nicht
-früher; sie sitzen sonst so lange rum, und man weiß nicht, wovon man
-reden soll. Das heißt mit ihm; sie red't immerzu ... Und gib Brosen
-auch nen Kornus und funfzig Pfennig.«
-
-»Ich werd ihm dreißig geben.«
-
-»Nein, nein, funfzig. Erst hat er ja doch was gebracht und nu nimmt er
-wieder was mit. Das is ja so gut wie doppelt. Also funfzig. Knaps ihm
-nichts ab.«
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-
-Ziemlich um dieselbe Zeit, wo der Telegraphenbote bei Gundermanns
-vorsprach, um die Bestellung des alten Herrn von Stechlin auszurichten,
-ritten Woldemar, Rex und Czako, die sich für sechs Uhr angemeldet
-hatten, in breiter Front von Cremmen ab; Fritz, Woldemars Reitknecht,
-folgte den dreien. Der Weg ging über Wutz. Als sie bis in die Nähe von
-Dorf und Kloster dieses Namens gekommen waren, bog Woldemar vorsichtig
-nach links hin aus, weil er der Möglichkeit entgehen wollte, seiner
-Tante Adelheid, der Domina des Klosters, zu begegnen. Er stand zwar gut
-mit dieser und hatte sogar vor, ihr, wie herkömmlich, auf dem Rückwege
-nach Berlin seinen Besuch zu machen; aber in diesem Augenblick paßte
-ihm solche Begegnung, die sein pünktliches Eintreffen in Stechlin
-gehindert haben würde, herzlich schlecht. So beschrieb er denn einen
-weiten Halbkreis und hatte das Kloster schon um eine Viertelstunde
-hinter sich, als er sich wieder der Hauptstraße zuwandte. Diese, durch
-Moor- und Wiesengründe führend, war ein vorzüglicher Reitweg, der an
-vielen Stellen noch eine Grasnarbe trug, weshalb es anderthalb Meilen
-lang in einem scharfen Trabe vorwärts ging, bis an eine Avenue heran,
-die geradlinig auf Schloß Stechlin zuführte. Hier ließen alle drei die
-Zügel fallen und ritten im Schritt weiter. Über ihnen wölbten sich die
-schönen, alten Kastanienbäume, was ihrem Anritt etwas Anheimelndes und
-zugleich etwas beinah Feierliches gab.
-
-»Das ist ja wie ein Kirchenschiff,« sagte Rex, der am linken Flügel
-ritt. »Finden Sie nicht auch, Czako?«
-
-»Wenn Sie wollen, ja. Aber Pardon, Rex, ich finde die Wendung etwas
-trivial für einen Ministerialassessor.«
-
-»Nun gut, dann sagen Sie was Besseres.«
-
-»Ich werde mich hüten. Wer unter solchen Umständen was Besseres sagen
-will, sagt immer was Schlechteres.«
-
-Unter diesem sich noch eine Weile fortsetzenden Gespräche waren sie bis
-an einen Punkt gekommen, von dem aus man das am Ende der Avenue sich
-aufbauende Bild in aller Klarheit überblicken konnte. Dabei war das
-Bild nicht bloß klar, sondern auch so frappierend, daß Rex und Czako
-unwillkürlich anhielten.
-
-»Alle Wetter, Stechlin, das ist ja reizend,« wandte sich Czako zu dem
-am andern Flügel reitenden Woldemar. »Ich find es geradezu märchenhaft,
-Fata Morgana -- das heißt, ich habe noch keine gesehn. Die gelbe
-Wand, die da noch das letzte Tageslicht auffängt, das ist wohl Ihr
-Zauberschloß? Und das Stückchen Grau da links, das taxier ich auf eine
-Kirchenecke. Bleibt nur noch der Staketzaun an der andern Seite; -- da
-wohnt natürlich der Schulmeister. Ich verbürge mich, daß ich's damit
-getroffen. Aber die zwei schwarzen Riesen, die da grad in der Mitte
-stehn und sich von der gelben Wand abheben (›abheben‹ ist übrigens
-auch trivial; entschuldigen Sie, Rex), die stehen ja da wie die
-Cherubim. Allerdings etwas zu schwarz. Was sind das für Leute?«
-
-»Das sind Findlinge?«
-
-»Findlinge.«
-
-»Ja, Findlinge,« wiederholte Woldemar. »Aber wenn Ihnen das Wort
-anstößig ist, so können Sie sie auch Monolithe nennen. Es ist
-merkwürdig, Czako, wie hochgradig verwöhnt im Ausdruck Sie sind, wenn
-Sie nicht gerade selber das Wort haben ... Aber nun, meine Herren,
-müssen wir uns wieder in Trab setzen. Ich bin überzeugt, mein Papa
-steht schon ungeduldig auf seiner Rampe, und wenn er uns so in Schritt
-ankommen sieht, denkt er, wir bringen eine Trauernachricht oder einen
-Verwundeten.«
-
- * * * * *
-
-Wenige Minuten später, und alle drei trabten denn auch wirklich, von
-Fritz gefolgt, über die Bohlenbrücke fort, erst in den Vorhof hinein
-und dann an der blanken Glaskugel vorüber. Der Alte stand bereits
-auf der Rampe, Engelke hinter ihm und hinter diesem Martin, der alte
-Kutscher. Im Nu waren alle drei Reiter aus dem Sattel, und Martin und
-Fritz nahmen die Pferde. So trat man in den Flur. »Erlaube, lieber
-Papa, dir zwei liebe Freunde von mir vorzustellen: Assessor von Rex,
-Hauptmann von Czako.«
-
-Der alte Stechlin schüttelte jedem die Hand und sprach ihnen aus, wie
-glücklich er über ihren Besuch sei. »Seien Sie mir herzlich willkommen,
-meine Herren. Sie haben keine Ahnung, welche Freude Sie mir machen,
-mir, einem vergrätzten, alten Einsiedler. Man sieht nichts mehr, man
-hört nichts mehr. Ich hoffe auf einen ganzen Sack voll Neuigkeiten.«
-
-»Ach, Herr Major,« sagte Czako, »wir sind ja schon vierundzwanzig
-Stunden fort. Und, ganz abgesehen davon, wer kann heutzutage noch
-mit den Zeitungen konkurrieren! Ein Glück, daß manche prinzipiell
-einen Posttag zu spät kommen. Ich meine mit den neuesten Nachrichten.
-Vielleicht auch sonst noch.«
-
-»Sehr wahr,« lachte Dubslav. »Der Konservatismus soll übrigens, seinem
-Wesen nach, eine Bremse sein; damit muß man vieles entschuldigen. Aber
-da kommen Ihre Mantelsäcke, meine Herren. Engelke, führe die Herren auf
-ihr Zimmer. Wir haben jetzt sechseinviertel. Um sieben, wenn ich bitten
-darf.«
-
-Engelke hatte mittlerweile die beiden von Dubslav etwas altmodisch
-als »Mantelsäcke« bezeichneten Plaidrollen in die Hand genommen und
-ging damit, den beiden Herren voran, auf die doppelarmige Treppe zu,
-die gerade da, wo die beiden Arme derselben sich kreuzten, einen
-ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete. Zwischen den
-Säulchen aber, und zwar mit Blick auf den Flur, war eine Rokokouhr
-angebracht, mit einem Zeitgott darüber, der eine Hippe führte. Czako
-wies darauf hin und sagte leise zu Rex: »Ein bißchen graulich,« -- ein
-Gefühl, drin er sich bestärkt sah, als man bis auf den mit ungeheurer
-Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war. Über einer nach
-hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift:
-»Museum«, während hüben und drüben, an den Flurwänden links und rechts,
-mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen, wahre Prachtstücke,
-mit zwei großen Bildern dazwischen, eines eine Burg mit dicken
-Backsteintürmen, das andre ein überlebensgroßer Ritter, augenscheinlich
-aus der Frundsbergzeit, wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung
-zu drapieren begann.
-
-»Is wohl ein Ahn?« fragte Czako.
-
-»Ja, Herr Hauptmann. Und er ist auch unten in der Kirche.«
-
-»Auch so wie hier?«
-
-»Nein, bloß Grabstein und schon etwas abgetreten. Aber man sieht doch
-noch, daß es derselbe ist.«
-
-Czako nickte. Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen, das mit
-der einen Seite nach dem Flur, mit der andern Seite nach einem schmalen
-Gang hin lag. Hier war auch die Tür. Engelke, vorangehend, öffnete und
-hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür
-stehenden Kleiderständers. Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit
-einer grünen, etwas ausgefransten Puschel daran. Engelke wies darauf
-hin und sagte: »Wenn die Herren noch was wünschen ... Und um sieben ...
-Zweimal wird angeschlagen.«
-
-Und damit ging er, die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend.
-
-Es waren zwei nebeneinander gelegene Zimmer, in denen man Rex und Czako
-untergebracht hatte, das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand
-eingerichtet, mit Stehspiegel und Toilette, der Spiegel sogar zum
-Kippen. Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel
-und daneben eine Etagere, auf deren oberem Brettchen eine Meißner
-Figur stand, ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend, während auf dem
-unteren Brett ein Neues Testament lag, mit Kelch und Kreuz und einem
-Palmenzweig auf dem Deckel.
-
-Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte: »Wenn nicht unser Freund
-Woldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat, so
-haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen, wie's nicht
-größer gedacht werden kann. Das Püppchen ~pour moi~, das Testament
-~pour vous~.«
-
-»Czako, wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten!«
-
-»Ach, sagen Sie doch so was nicht, Rex; Sie lieben mich ja bloß um
-meiner Neckereien willen.«
-
-Und nun traten sie, von dem Vorderzimmer her, in den etwas kleineren
-Wohnraum, in dem Spiegel und Toilette fehlten. Dafür aber war ein
-Rokokosofa da, mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf.
-
-»Ja, Rex,« sagte Czako, »wie teilen wir nun? Ich denke, Sie nehmen
-nebenan den Himmel, und ich nehme das Rokokosofa, noch dazu mit weißen
-Blumen, vielleicht Lilien. Ich wette, das kleine Ding von Sofa hat eine
-Geschichte.«
-
-»Rokoko hat immer eine Geschichte,« bestätigte Rex. »Aber hundert Jahr
-zurück. Was jetzt hier haust, sieht mir, Gott sei Dank, nicht danach
-aus. Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon
-zu; aber keine Rokokogeschichte. Rokoko ist doch immer unsittlich. Wie
-gefällt Ihnen übrigens der Alte?«
-
-»Vorzüglich. Ich hätte nicht gedacht, daß unser Freund Woldemar solchen
-famosen Alten haben könnte.«
-
-»Das klingt ja beinah,« sagte Rex, »wie wenn Sie gegen unsern Stechlin
-etwas hätten.«
-
-»Was durchaus nicht der Fall ist. Unser Stechlin ist der beste Kerl von
-der Welt, und wenn ich das verdammte Wort nicht haßte, würd ich ihn
-sogar einen ›perfekten Gentleman‹ nennen müssen. Aber ...«
-
-»Nun ...«
-
-»Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle.«
-
-»An welche?«
-
-»In sein Regiment.«
-
-»Aber, Czako, ich verstehe Sie nicht. Er ist ja brillant angeschrieben.
-Liebling bei jedem. Der Oberst hält große Stücke von ihm, und die
-Prinzen machen ihm beinah den Hof ...«
-
-»Ja, das ist es ja eben. Die Prinzen, die Prinzen.«
-
-»Was denn, wie denn?«
-
-»Ach, das ist eine lange Geschichte, viel zu lang, um sie hier vor
-Tisch noch auszukramen. Denn es ist bereits halb, und wir müssen uns
-eilen. Übrigens trifft es viele, nicht bloß unsern Stechlin.«
-
-»Immer dunkler, immer rätselvoller,« sagte Rex.
-
-»Nun, vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse. Schließlich kann man
-ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben. ›Die Prinzen
-machen ihm den Hof,‹ so geruhten Sie zu bemerken, und ich antwortete:
-›Ja, das ist es eben.‹ Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen.
-Die Prinzen -- ja, damit hängt es zusammen und noch mehr damit, daß
-die feinen Regimenter immer feiner werden. Kucken Sie sich mal die
-alten Ranglisten an, das heißt wirklich alte, voriges Jahrhundert und
-dann so bis anno sechs. Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder
-bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen: Marwitz, Wakenitz,
-Kracht, Löschebrand, Bredow, Rochow, höchstens daß sich mal ein höher
-betitelter Schlesischer mit hinein verirrt. Natürlich gab es auch
-Prinzen damals, aber der Adel gab den Ton an, und die paar Prinzen
-mußten noch froh sein, wenn sie nicht störten. Damit ist es nun aber,
-seit wir Kaiser und Reich sind, total vorbei. Natürlich sprech ich
-nicht von der Provinz, nicht von Litauen und Masuren, sondern von der
-Garde, von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät. Und nun
-gar erst diese Gardedragoner! Die waren immer pik, aber seit sie,
-~pour combler le bonheur~, auch noch ›Königin von Großbritannien und
-Irland‹ sind, wird es immer mehr davon, und je piker sie werden,
-desto mehr Prinzen kommen hinein, von denen übrigens auch jetzt schon
-mehr da sind, als es so obenhin aussieht, denn manche sind eigentlich
-welche und dürfen es bloß nicht sagen. Und wenn man dann gar noch
-die alten mitrechnet, die bloß ~à la suite~ stehen, aber doch immer
-noch mit dabei sind, wenn irgendwas los ist, so haben wir, wenn der
-Kreis geschlossen wird, zwar kein Parkett von Königen, aber doch
-einen Zirkus von Prinzen. Und da hinein ist nun unser guter Stechlin
-gestellt. Natürlich tut er, was er kann, und macht so gewisse Luxusse
-mit, Gefühlsluxusse, Gesinnungsluxusse und, wenn es sein muß, auch
-Freiheitsluxusse. So nen Schimmer von Sozialdemokratie. Das ist aber
-auf die Dauer schwierig. Richtige Prinzen können sich das leisten, die
-verbebeln nicht leicht. Aber Stechlin! Stechlin ist ein reizender Kerl,
-aber er ist doch bloß ein Mensch.«
-
-»Und das sagen Sie, Czako, gerade Sie, der Sie das Menschliche stets
-betonen?«
-
-»Ja, Rex, das tu ich. Heut wie immer. Aber eines schickt sich nicht
-für alle. Der eine darf's, der andre nicht. Wenn unser Freund Stechlin
-sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht, so darf er Mensch
-sein, soviel er will, aber als Gardedragoner kommt er damit nicht
-aus. Vom alten Adam will ich nicht sprechen, das hat immer noch so ne
-Nebenbedeutung.«
-
- * * * * *
-
-Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten
-und den jungen Stechlin verhandelten, schritten die, die den Gegenstand
-dieser Unterhaltung bildeten, Vater und Sohn, im Garten auf und ab und
-hatten auch ihrerseits ihr Gespräch.
-
-»Ich bin dir dankbar, daß du mir deine Freunde mitgebracht hast.
-Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten. Mein Leben verläuft ein
-bißchen zu einsam, und es wird ohnehin gut sein, wenn ich mich wieder
-an Menschen gewöhne. Du wirst gelesen haben, daß unser guter alter
-Kortschädel gestorben ist, und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ne
-Neuwahl. Da muß ich dann ran und mich populär machen. Die Konservativen
-wollen mich haben und keinen andern. Eigentlich mag ich nicht, aber
-ich soll, und da paßt es mir denn, daß du mir Leute bringst, an denen
-ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann. Sind sie denn
-ausgiebig und plauderhaft?«
-
-»O sehr, Papa, vielleicht zu sehr. Wenigstens der eine.«
-
-»Das is gewiß der Czako. Sonderbar, die von Alexander reden alle gern.
-Aber ich bin sehr dafür; Schweigen kleid't nicht jeden. Und dann sollen
-wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden. Also wer am
-meisten red't, ist der reinste Mensch. Und diesem Czako, den hab ich
-es gleich angesehn. Aber der Rex. Du sagst Ministerialassessor. Ist er
-denn von der frommen Familie?«
-
-»Nein, Papa, du machst dieselbe Verwechslung, die beinah alle machen.
-Die fromme Familie, das sind die Reckes, gräflich und sehr vornehm.
-Die Rex natürlich auch, aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht
-so fromm. Allerdings nimmt mein Freund, der Ministerialassessor, einen
-Anlauf dazu, die Reckes womöglich einzuholen.«
-
-»Dann hab ich also doch recht gesehn. Er hat so die Figur, die so was
-vermuten läßt, ein bißchen wenig Fleisch und so glatt rasiert. Habt ihr
-denn beim Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden?«
-
-»Er hat alles immer bei sich; lauter englische. Von Solingen oder Suhl
-will er nichts wissen.«
-
-»Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen, wenn das Gespräch auf
-kirchliche Dinge kommt? Ich bin ja, wie du weißt, eigentlich kirchlich,
-wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor (es wird immer schlimmer
-mit ihm), aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter, als man
-vielleicht sein soll, und bei ›niedergefahren zur Hölle‹ kann mir's
-passieren, daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede. Wie
-steht es denn da mit ihm? Muß ich mich in acht nehmen? Oder macht er
-bloß so mit?«
-
-»Das will ich nicht geradezu behaupten. Ich denke mir, er steht so wie
-die meisten stehn; das heißt, er weiß es nicht recht.«
-
-»Ja, ja, den Zustand kenn ich.«
-
-»Und weil er es nicht recht weiß, hat er sozusagen die Auswahl und
-wählt das, was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt. Ich kann das
-auch so schlimm nicht finden. Einige nennen ihn einen ›Streber‹. Aber
-wenn er es ist, ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten. Er hat
-eigentlich einen guten Charakter, und im ~cercle intime~ kann er
-reizend sein. Er verändert sich dann nicht in dem, was er sagt, oder
-doch nur ganz wenig, aber ich möchte sagen, er verändert sich in der
-Art, wie er zuhört. Czako meint, unser Freund Rex halte sich mit
-dem Ohr für das schadlos, was er mit dem Munde versäumt. Czako wird
-überhaupt am besten mit ihm fertig; er schraubt ihn beständig, und
-Rex, was ich reizend finde, läßt sich diese Schraubereien gefallen.
-Daran siehst du schon, daß sich mit ihm leben läßt. Seine Frömmigkeit
-ist keine Lüge, bloß Erziehung, Angewohnheit, und so schließlich seine
-zweite Natur geworden.«
-
-»Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen; die mögen dann beide
-sehn, wie sie miteinander fertig werden. Vielleicht erleben wir ne
-Bekehrung. Das heißt Rex den Pastor. Aber da höre ich eine Kutsche
-die Dorfstraße raufkommen. Das sind natürlich Gundermanns; die kommen
-immer zu früh. Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der
-Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon.
-Autodidakten übertreiben immer. Ich bin selber einer und kann also
-mitreden. Nun, wir sprechen morgen früh weiter; heute wird es nichts
-mehr. Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen, und ich
-will mir nen schwarzen Rock anziehn. Das bin ich der guten Frau von
-Gundermann doch schuldig; sie putzt sich übrigens nach wie vor wie'n
-Schlittenpferd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem
-Zopf -- das heißt, wenn's ihrer ist.«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-
-Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten, als Tamtam
-fungierenden Schild, der an einem der zwei vorspringenden und
-zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing. Eben diese zwei
-Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben
-angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon, diesem Hauptzimmer des
-Erdgeschosses, führenden, ziemlich pittoresken Portikus, von dem ein
-auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte:
-sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten,
-aber malerischen Einfall wieder gutgemacht.
-
-Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben, als Rex und Czako die
-Treppe herunter kamen und, eine Biegung machend, auf den von berufener
-Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten. Als
-die Freunde diesen passierten, sahen sie -- die Türflügel waren
-schon geöffnet -- in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und
-nahmen hier wahr, daß etliche, ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits
-erschienen waren. Dubslav, in dunklem Überrock und die Bändchenrosette
-sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens im Knopfloch,
-ging den Eintretenden entgegen, begrüßte sie nochmals mit der ihm
-eigenen Herzlichkeit, und beide Herren gleich danach in den Kreis
-der schon Versammelten einführend, sagte er: »Bitte die Herrschaften
-miteinander bekannt machen zu dürfen: Herr und Frau von Gundermann
-auf Siebenmühlen, Pastor Lorenzen, Oberförster Katzler,« und dann,
-nach links sich wendend, »Ministerialassessor von Rex, Hauptmann von
-Czako vom Regiment Alexander.« Man verneigte sich gegenseitig, worauf
-Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen, Woldemar aber, als Adlatus
-seines Vaters, zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen
-suchte, was auch ohne weiteres gelang, weil es hüben und drüben weder
-an gesellschaftlicher Gewandtheit, noch an gutem Willen gebrach. Nur
-konnte Rex nicht umhin, die Siebenmühlener etwas eindringlich zu
-mustern, trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde, Frau
-von Gundermann aber in geblümtem Atlas mit Marabufächer erschienen
-war, -- er augenscheinlich Parvenu, sie Berlinerin aus einem
-nordöstlichen Vorstadtgebiet.
-
-Rex sah das alles. Er kam aber nicht in die Lage, sich lange damit zu
-beschäftigen, weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann
-nahm und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer
-gedeckten Tafel gab. Alle folgten paarweise, wie sie sich vorher
-zusammengefunden, kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher
-festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander. Die beiden Stechlins,
-Vater und Sohn, plazierten sich an den beiden Schmalseiten einander
-gegenüber, während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von
-Gundermann, rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen.
-Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne. Neben einem großen
-alten Eichenbüfett, ganz in Nähe der Tür, standen Engelke und Martin,
-Engelke in seiner sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen, Martin,
-dem nur oblag, mit der Küche Verbindung zu halten, einfach in schwarzem
-Rock und Stulpstiefeln.
-
-Der alte Dubslav war in bester Laune, stieß gleich nach den ersten
-Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an, dankte für
-ihr Erscheinen und entschuldigte sich wegen der späten Einladung:
-»Aber erst um zwölf kam Woldemars Telegramm. Es ist das mit dem
-Telegraphieren solche Sache, manches wird besser, aber manches wird
-auch schlechter, und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß.
-Schon die Form, die Abfassung. Kürze soll eine Tugend sein, aber sich
-kurz fassen, heißt meistens auch, sich grob fassen. Jede Spur von
-Verbindlichkeit fällt fort, und das Wort ›Herr‹ ist beispielsweise
-gar nicht mehr anzutreffen. Ich hatte mal einen Freund, der ganz
-ernsthaft versicherte: ›Der häßlichste Mops sei der schönste;‹ so läßt
-sich jetzt beinahe sagen, ›das gröbste Telegramm ist das feinste‹.
-Wenigstens das in seiner Art vollendetste. Jeder, der wieder eine neue
-Fünfpfennigersparnis herausdoktert, ist ein Genie.«
-
-Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann,
-sehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet, weshalb dieser
-letztere denn auch antwortete: »Ja, Herr von Stechlin, alles Zeichen
-der Zeit. Und ganz bezeichnend, daß gerade das Wort ›Herr‹, wie Sie
-schon hervorzuheben die Güte hatten, so gut wie abgeschafft ist. ›Herr‹
-ist Unsinn geworden, ›Herr‹ paßt den Herren nicht mehr, -- ich meine
-natürlich die, die jetzt die Welt regieren wollen. Aber es ist auch
-danach. Alle diese Neuerungen, an denen sich leider auch der Staat
-beteiligt, was sind sie? Begünstigungen der Unbotmäßigkeit, also Wasser
-auf die Mühlen der Sozialdemokratie. Weiter nichts. Und niemand da, der
-Lust und Kraft hätte, dies Wasser abzustellen. Aber trotzdem, Herr von
-Stechlin -- ich würde nicht widersprechen, wenn mich das Tatsächliche
-nicht dazu zwänge --, trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie, gerade
-hier in unsrer Einsamkeit. Und dabei das beständige Schwanken der
-Kurse. Namentlich auch in der Mühlen- und Brettschneidebranche ...«
-
-»Versteht sich, lieber Gundermann. Was ich da gesagt habe ... Wenn
-ich das Gegenteil gesagt hätte, wäre es ebenso richtig. Der Teufel
-is nich so schwarz, wie er gemalt wird, und die Telegraphie auch
-nicht, und wir auch nicht. Schließlich ist es doch was Großes, diese
-Naturwissenschaften, dieser elektrische Strom, tipp, tipp, tipp, und
-wenn uns daran läge (aber uns liegt nichts daran), so könnten wir
-den Kaiser von China wissen lassen, daß wir hier versammelt sind und
-seiner gedacht haben. Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen
-in Zeit und Stunde. Beinahe komisch. Als Anno siebzig die Pariser
-Septemberrevolution ausbrach, wußte man's in Amerika drüben um ein
-paar Stunden früher, als die Revolution überhaupt da war. Ich sagte:
-Septemberrevolution. Es kann aber auch ne andre gewesen sein; sie haben
-da so viele, daß man sie leicht verwechselt. Eine war im Juni, ne andre
-war im Juli, -- wer nich ein Bombengedächtnis hat, muß da notwendig
-reinfallen ... Engelke, präsentiere der gnädgen Frau den Fisch noch
-mal. Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako ...«
-
-»Gewiß, Herr von Stechlin,« sagte Czako. »Erstlich aus
-reiner Gourmandise, dann aber auch aus Forschertrieb oder
-Fortschrittsbedürfnis. Man will doch an dem, was gerade gilt oder
-überhaupt Menschheitsentwicklung bedeutet, auch seinerseits nach
-Möglichkeit teilnehmen, und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan.
-Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten, und Phosphor, so heißt
-es, macht ›helle‹.«
-
-»Gewiß,« kicherte Frau von Gundermann, die sich bei dem Wort »helle«
-wie persönlich getroffen fühlte. »Phosphor war ja auch schon, eh die
-Schwedischen aufkamen.«
-
-»O, lange vorher,« bestätigte Czako. »Was mich aber,« fuhr er, sich
-an Dubslav wendend, fort, »an diesen Karpfen noch ganz besonders
-fesselt -- beiläufig ein Prachtexemplar --, das ist das, daß er
-doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt, über den
-ich durch Woldemar, Ihren Herrn Sohn, bereits unterrichtet bin.
-Dieser merkwürdige See, dieser Stechlin! Und da frag ich mich denn
-unwillkürlich (denn Karpfen werden alt; daher beispielsweise die
-Mooskarpfen), welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden
-Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen? Ich weiß nicht, ob
-ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf; wenn aber, so würde
-er als Jüngling die Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen
-Ausbruch des Krakatowa mitgemacht haben. Und all das erwogen, drängt
-sich mir die Frage auf ...«
-
-Dubslav lächelte zustimmend.
-
-»... Und all das erwogen, drängt sich mir die Frage auf, wenn's nun in
-Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung
-anhebt, aus der dann und wann, wenn ich recht gehört habe, der krähende
-Hahn aufsteigt, wie verhält sich da der Stechlinkarpfen, dieser doch
-offenbar Nächstbeteiligte, bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse?
-Beneidet er den Hahn, dem es vergönnt ist, in die Ruppiner Lande
-hineinzukrähen, oder ist er umgekehrt ein Feigling, der sich in seinem
-Moorgrund verkriecht, also ein Bourgeois, der am andern Morgen fragt:
-›Schießen sie noch?‹«
-
-»Mein lieber Herr von Czako, die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst
-für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten. Ins Innere der
-Natur dringt kein erschaffener Geist. Und zu dem innerlichsten und
-verschlossensten zählt der Karpfen; er ist nämlich sehr dumm. Aber nach
-der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird er sich beim Eintreten der großen
-Eruption wohl verkrochen haben. Wir verkriechen uns nämlich alle.
-Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage. Sie
-brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen, denn Sie sind noch im Dienst.«
-
-»Bitte, bitte,« sagte Czako.
-
- * * * * *
-
-Sehr, sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten Seite
-der Tafel. Rex, der, wenn er dienstlich oder außerdienstlich aufs
-Land kam, immer eine Neigung spürte, sozialen Fragen nachzuhängen,
-und beispielsweise jedesmal mit Vorliebe darauf aus war, an das
-Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe geborenen Kinder alle
-möglichen, teils dem Gemeinwohl, teils der Sittlichkeit zugute kommende
-Betrachtungen zu knüpfen, hatte sich auch heute wieder in einem mit
-Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema
-zugewandt, war aber, weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden
-abschnitt, in die Lage gekommen, sich vorübergehend statt mit Lorenzen
-mit Katzler beschäftigen zu müssen, von dem er zufällig in Erfahrung
-gebracht hatte, daß er früher Feldjäger gewesen sei. Das gab ihm einen
-guten Gesprächsstoff und ließ ihn fragen, ob der Herr Oberförster
-nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit und
-seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde, -- sein früherer
-Feldjägerberuf, so nehme er an, habe ihn in die weite Welt
-hinausgeführt, während er jetzt »stabiliert« sei. »Stabilierung« zählte
-zu Rex' Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewählten
-Fremdwörterschatz, den er sich -- er hatte diese Dinge dienstlich zu
-bearbeiten gehabt -- aus den Erlassen König Friedrich Wilhelms ~I.~
-angeeignet und mit in sein Aktendeutsch herübergenommen hatte. Katzler,
-ein vorzüglicher Herr, aber auf dem Gebiete der Konversation doch nur
-von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit, fand sich in des
-Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich
-zurecht und war froh, als ihm der hellhörige, mittlerweile wieder frei
-gewordene Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam.
-»Ich glaube herauszuhören,« sagte Lorenzen, »daß Herr von Rex geneigt
-ist, dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft
-den Vorzug zu geben. Ich weiß aber nicht, ob wir ihm darin folgen
-können, ich nun schon gewiß nicht; aber auch unser Herr Oberförster
-wird mutmaßlich froh sein, seine vordem im Eisenbahncoupé verbrachten
-Feldjägertage hinter sich zu haben. Es heißt freilich, ›im engen Kreis
-verengert sich der Sinn‹, und in den meisten Fällen mag es zutreffen.
-Aber doch nicht immer, und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte
-große Vorzüge.«
-
-»Sie sprechen mir durchaus aus der Seele, Herr Pastor Lorenzen,«
-sagte Rex. »Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang, als ob der
-›Globetrotter‹ mein Ideal sei, so bin ich sehr geneigt, mit mir handeln
-zu lassen. Aber etwas hat es doch mit dem ›Auch-draußen-zu-Hause-sein‹
-auf sich, und wenn Sie trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren, so
-plädieren Sie wohl in eigner Sache. Denn wie sich der Herr Oberförster
-aus der Welt zurückgezogen hat, so wohl auch Sie. Sie sind beide darin,
-ganz individuell, einem Herzenszuge gefolgt, und vielleicht, daß meine
-persönliche Neigung dieselben Wege ginge. Dennoch wird es andre geben,
-die von einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen
-wollen, die vielleicht umgekehrt, statt in einem Sichhingeben an den
-einzelnen, in der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung
-finden. Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen, welche Fragen
-Sie seit lange beschäftigen, und bitte, Sie dazu beglückwünschen zu
-dürfen. Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung. Aber nehmen
-Sie deren Schöpfer, der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht, er und
-sein Tun sprechen doch recht eigentlich für mich; sein Feld ist nicht
-einzelne Seelsorge, nicht eine Landgemeinde, sondern eine Weltstadt.
-Stöckers Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon, daß
-das Schaffen im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein
-müsse.«
-
-Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, sich mit dem
-ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt
-zu sehen, und empfand dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht
-minder empfand er dabei regelmäßig den tiefen Unterschied, der zwischen
-dem großen Agitator und seiner stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr
-von Rex,« nahm er wieder das Wort, »daß Sie den ›Vater der Berliner
-Bewegung‹ sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar zur
-Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben
-leicht sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem
-Siegeszeichen; hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich
-geliebt und gehuldigt, nicht nur seitens derer, denen er mildtätig die
-Schuhe schneidet, sondern beinah mehr noch im Lager derer, denen er
-das Leder zu den Schuhen nimmt. Er hat schon so viele Beinamen, und der
-des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele wird es geben,
-die sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag ist
-nahe, wo der so Rührige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit
-steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird. Er besitzt,
-wenn ich recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in
-Franken, und wohl möglich, ja, mir persönlich geradezu wahrscheinlich,
-daß ihm an jener stillen Stelle früher oder später ein echteres Glück
-erblüht, als er es jetzt hat. Es heißt wohl, ›Gehet hin und lehret alle
-Heiden‹, aber schöner ist es doch, wenn die Welt, uns suchend, an uns
-herankommt. Und die Welt kommt schon, wenn die richtige Persönlichkeit
-sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer -- er sucht nicht
-die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt
-er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen
-Sie das vom Äußern aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen
-graben just an der Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in
-nächster Nähe, sei's mit dem Alten, sei's mit etwas Neuem.«
-
-»Also mit dem Neuen,« sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer
-die Hand.
-
-Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber
-mit dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es
-muß.«
-
- * * * * *
-
-Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt,
-der eine Spezialität von Schloß Stechlin war und jedesmal die
-Bewunderung seiner Gäste bildete: losgelöste Krammetsvögelbrüste,
-mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet, die, wenn die Herbst- und
-Ebereschentage da waren, als eine höhere Form von Schwarzsauer auf
-den Tisch zu kommen pflegten. Engelke präsentierte Burgunder dazu,
-der schon lange lag, noch aus alten, besseren Tagen her, und als
-jeder davon genommen, erhob sich Dubslav, um erst kurz seine lieben
-Gäste zu begrüßen, dann aber die Damen leben zu lassen. Er müsse bei
-diesem Plural bleiben, trotzdem die Damenwelt nur in einer Einheit
-vertreten sei; doch er gedenke dabei neben seiner lieben Freundin
-und Tischnachbarin (er küßte dieser huldigend die Hand) zugleich
-auch der »Gemahlin« seines Freundes Katzler, die leider -- wenn
-auch vom Familienstandpunkt aus in hocherfreulichster Veranlassung
--- am Erscheinen in ihrer Mitte verhindert sei: »Meine Herren, Frau
-Oberförster Katzler« -- er machte hier eine kleine Pause, wie wenn er
-eine höhere Titulatur ganz ernsthaft in Erwägung gezogen hätte -- »Frau
-Oberförster Katzler und Frau von Gundermann, sie leben hoch!« Rex,
-Czako, Katzler erhoben sich, um mit Frau von Gundermann anzustoßen;
-als aber jeder von ihnen auf seinen Platz zurückgekehrt war, nahmen
-sie die durch den Toast unterbrochenen Privatgespräche wieder auf,
-wobei Dubslav als guter Wirt sich darauf beschränkte, kurze Bemerkungen
-nach links und rechts hin einzustreuen. Dies war indessen nicht immer
-leicht, am wenigsten leicht bei dem Geplauder, das der Hauptmann und
-Frau von Gundermann führten, und das so pausenlos verlief, daß ein
-Einhaken sich kaum ermöglichte. Czako war ein guter Sprecher, aber
-er verschwand neben seiner Partnerin. Ihres Vaters Laufbahn, der es
-(ursprünglich Schreib- und Zeichenlehrer) in einer langen, schon mit
-anno 13 beginnenden Dienstzeit bis zum Hauptmann in der »Plankammer«
-gebracht hatte, gab ihr in ihren Augen eine gewisse militärische
-Zugehörigkeit, und als sie, nach mehrmaligem Auslugen, endlich den ihr
-wohlbekannten Namenszug des Regiments Alexander auf Czakos Achselklappe
-erkannt hatte, sagte sie: »Gott ..., Alexander. Nein, ich sage. Mir
-war aber doch auch gleich so; Münzstraße. Wir wohnten ja Linienstraße,
-Ecke der Weinmeister -- das heißt, als ich meinen Mann kennen lernte.
-Vorher draußen, Schönhauser Allee. Wenn man so wen aus seiner Gegend
-wieder sieht! Ich bin ganz glücklich, Herr Hauptmann. Ach, es ist zu
-traurig hier. Und wenn wir nicht den Herrn von Stechlin hätten, so
-hätten wir so gut wie gar nichts. Mit Katzlers,« aber dies flüsterte
-sie nur leise, »mit Katzlers ist es nichts, die sind zu hoch raus. Da
-muß man sich denn klein machen. Und so toll ist es am Ende doch auch
-noch nicht. Jetzt passen sie ja noch leidlich. Aber abwarten.«
-
-»Sehr wahr, sehr wahr,« sagte Czako, der, ohne was Sicheres zu
-verstehen, nur ein während des Dubslavschen Toastes schon gehabtes
-Gefühl bestätigt sah, daß es mit den Katzlers was Besonderes auf sich
-haben müsse. Frau von Gundermann aber, den ihr unbequemen Flüsterton
-aufgebend, fuhr mit wieder lauter werdender Stimme fort: »Wir haben
-den Herrn von Stechlin, und das ist ein Glück, und es ist auch bloß
-eine gute halbe Meile. Die meisten andern wohnen viel zu weit, und
-wenn sie auch näher wohnten, sie wollen alle nicht recht; die Leute
-hier, mit denen wir eigentlich Umgang haben müßten, sind so difficil
-und legen alles auf die Goldwage. Das heißt, vieles legen sie nicht
-auf die Goldwage, dazu reicht es bei den meisten nicht aus; nur immer
-die Ahnen. Und sechzehn ist das wenigste. Ja, wer hat gleich sechzehn?
-Gundermann ist erst geadelt, und wenn er nicht Glück gehabt hätte, so
-wär es gar nichts. Er hat nämlich klein angefangen, bloß mit einer
-Mühle; jetzt haben wir nun freilich sieben, immer den Rhin entlang,
-lauter Schneidemühlen, Bohlen und Bretter, einzöllig, zweizöllig und
-noch mehr. Und die Berliner Dielen, die sind fast alle von uns.«
-
-»Aber, meine gnädigste Frau, das muß Ihnen doch ein Hochgefühl geben.
-Alle Berliner Dielen! Und dieser Rhinfluß, von dem Sie sprechen, der
-vielleicht eine ganze Seenkette verbindet, und woran mutmaßlich eine
-reizende Villa liegt! Und darin hören Sie Tag und Nacht, wie nebenan in
-der Mühle die Säge geht, und die dicht herumstehenden Bäume bewegen
-sich leise. Mitunter natürlich ist auch Sturm. Und Sie haben eine
-Pony-Equipage für Ihre Kinder. Ich darf doch annehmen, daß Sie Kinder
-haben? Wenn man so abgeschieden lebt und so beständig aufeinander
-angewiesen ist ...«
-
-»Es ist, wie Sie sagen, Herr Hauptmann; ich habe Kinder, aber schon
-erwachsen, beinah alle, denn ich habe mich jung verheiratet. Ja, Herr
-von Czako, man ist auch einmal jung gewesen. Und es ist ein Glück,
-daß ich die Kinder habe. Sonst ist kein Mensch da, mit dem man ein
-gebildetes Gespräch führen kann. Mein Mann hat seine Politik und möchte
-sich wählen lassen, aber es wird nichts, und wenn ich die Journale
-bringe, nicht mal die Bilder sieht er sich an. Und die Geschichten,
-sagt er, seien bloß dummes Zeug und bloß Wasser auf die Mühlen der
-Sozialdemokratie. Seine Mühlen, was ich übrigens recht und billig
-finde, sind ihm lieber.«
-
-»Aber Sie müssen doch viele Menschen um sich herum haben, schon in
-Ihrer Wirtschaft.«
-
-»Ja, die hab ich, und die Mamsells, die man so kriegt, ja, ein paar
-Wochen geht es; aber dann bändeln sie gleich an, am liebsten mit nem
-Volontär; wir haben nämlich auch Volontärs in der Mühlenbranche. Und
-die meisten sind aus ganz gutem Hause. Die jungen Menschen passen aber
-nicht auf, und da hat man's denn, und immer gleich Knall und Fall.
-All das ist doch traurig, und mitunter ist es auch so, daß man sich
-geradezu genieren muß.«
-
-Czako seufzte. »Mir ein Greuel, all dergleichen. Aber ich weiß vom
-Manöver her, was alles vorkommt. Und mit einer Schläue ... nichts
-schlauer, als verliebte Menschen. Ach, das ist ein Kapitel, womit man
-nicht fertig wird. Aber Sie sagten Linienstraße, meine Gnädigste.
-Welche Nummer denn? Ich kenne da beinah jedes Haus, kleine, nette
-Häuser, immer bloß Bel-Etage, höchstens mal ein ~Oeil de Boeuf~.«
-
-»Wie? was?«
-
-»Großes rundes Fenster ohne Glas. Aber ich liebe diese Häuser.«
-
-»Ja, das kann ich auch von mir sagen, und in gerade solchen Häusern
-hab ich meine beste Zeit verbracht, als ich noch ein Quack war,
-höchstens vierzehn. Und so grausam wild. Damals waren nämlich noch die
-Rinnsteine, und wenn es dann regnete und alles überschwemmt war und
-die Bretter anfingen, sich zu heben, und schon so halb herumschwammen,
-und die Ratten, die da drunter steckten, nicht mehr wußten, wo sie hin
-sollten, dann sprangen wir auf die Bohlen rauf, und nun die Biester
-raus, links und rechts, und die Jungens hinterher, immer aufgekrempelt
-und ganz nackigt. Und einmal, weil der eine Junge nicht abließ und mit
-seinen Holzpantinen immer drauflos schlug, da wurde das Untier falsch
-und biß den Jungen so, daß er schrie! Nein, so hab ich noch keinen
-Menschen wieder schreien hören. Und es war auch fürchterlich.«
-
-»Ja, das ist es. Und da helfen bloß Rattenfänger.«
-
-»Ja, Rattenfänger, davon hab ich auch gehört -- Rattenfänger von
-Hameln. Aber die gibt es doch nicht mehr.«
-
-»Nein, gnädige Frau, die gibt es nicht mehr, wenigstens nicht mehr
-solche Hexenmeister mit Zauberspruch und einer Pfeife zum Pfeifen. Aber
-die meine ich auch gar nicht. Ich meine überhaupt nicht Menschen, die
-dergleichen als Metier betreiben und sich in den Zeitungen anzeigen,
-unheimliche Gesichter mit einer Pelzkappe. Was ich meine, sind bloß
-Pinscher, die nebenher auch noch ›Rattenfänger‹ heißen und es auch
-wirklich sind. Und mit einem solchen Rattenfänger auf die Jagd gehen,
-das ist eigentlich das Schönste, was es gibt.«
-
-»Aber mit einem Pinscher kann man doch nicht auf die Jagd gehen!«
-
-»Doch, doch, meine gnädigste Frau. Als ich in Paris war (ich war da
-nämlich mal hinkommandiert), da bin ich mit runtergestiegen in die
-sogenannten Katakomben, hochgewölbte Kanäle, die sich unter der Erde
-hinziehen. Und diese Kanäle sind das wahre Ratteneldorado; da sind
-sie zu Millionen. Oben drei Millionen Franzosen, unten drei Millionen
-Ratten. Und einmal, wie gesagt, bin ich da mit runtergeklettert und
-in einem Boote durch diese Unterwelt hingefahren, immer mitten in die
-Ratten hinein.«
-
-»Gräßlich, gräßlich. Und sind Sie heil wieder raus gekommen?«
-
-»Im ganzen, ja. Denn, meine gnädigste Frau, eigentlich war es doch ein
-Vergnügen. In unserm Kahn hatten wir nämlich zwei solche Rattenfänger,
-einen vorn und einen hinten. Und nun hätten Sie sehen sollen, wie das
-losging. ›Schnapp,‹ und das Tier um die Ohren geschlagen, und tot war
-es. Und so weiter, so schnell wie Sie nur zählen können, und mitunter
-noch schneller. Ich kann es nur vergleichen mit Mr. Carver, dem
-bekannten Mr. Carver, von dem Sie gewiß einmal gelesen haben, der in
-der Sekunde drei Glaskugeln wegschoß. Und so immerzu, viele Hundert.
-Ja, so was wie diese Rattenjagd da unten, das vergißt man nicht wieder.
-Es war aber auch das Beste da. Denn was sonst noch von Paris geredet
-wird, das ist alles übertrieben; meist dummes Zeug. Was haben sie denn
-Großes? Opern und Zirkus und Museum, und in einem Saal ne Venus, die
-man sich nicht recht ansieht, weil sie das Gefühl verletzt, namentlich
-wenn man mit Damen da ist. Und das alles haben wir schließlich auch,
-und manches haben wir noch besser. So zum Beispiel Niemann und die
-dell' Era. Aber solche Rattenschlacht, das muß wahr sein, die haben wir
-nicht. Und warum nicht? Weil wir keine Katakomben haben.«
-
-Der alte Dubslav, der das Wort »Katakomben« gehört hatte, wandte
-sich jetzt wieder über den Tisch hin und sagte: »Pardon, Herr von
-Czako, aber Sie müssen meiner lieben Frau von Gundermann nicht mit so
-furchtbar ernsten Sachen kommen und noch dazu hier bei Tisch, gleich
-nach Karpfen und Meerrettich. Katakomben! Ich bitte Sie. Die waren ja
-doch eigentlich in Rom und erinnern einen immer an die traurigsten
-Zeiten, an den grausamen Kaiser Nero und seine Verfolgungen und seine
-Fackeln. Und da war dann noch einer mit einem etwas längeren Namen, der
-noch viel grausamer war, und da verkrochen sich diese armen Christen
-gerade in eben diese Katakomben, und manche wurden verraten und
-gemordet. Nein, Herr von Czako, da lieber was Heiteres. Nicht wahr,
-meine liebe Frau von Gundermann?«
-
-»Ach nein, Herr von Stechlin; es ist doch alles so sehr gelehrig. Und
-wenn man so selten Gelegenheit hat ...«
-
-»Na, wie Sie wollen. Ich hab es gut gemeint. Stoßen wir an! Ihr Rudolf
-soll leben; das ist doch der Liebling, trotzdem er der älteste ist. Wie
-alt ist er denn jetzt?«
-
-»Vierundzwanzig.«
-
-»Ein schönes Alter. Und wie ich höre, ein guter Mensch. Er müßte nur
-mehr raus. Er versauert hier ein bißchen.«
-
-»Sag ich ihm auch. Aber er will nicht fort. Er sagt, zu Hause sei es am
-besten.«
-
-»Bravo. Da nehm ich alles zurück. Lassen Sie ihn. Zu Hause ist es am
-Ende wirklich am besten. Und gerade wir hier, die wir den Vorzug haben,
-in der Rheinsberger Gegend zu leben. Ja, wo ist so was? Erst der große
-König, und dann Prinz Heinrich, der nie ne Schlacht verloren. Und
-einige sagen, er wäre noch klüger gewesen als sein Bruder. Aber ich
-will so was nicht gesagt haben.«
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-
-Frau von Gundermann schien auf das ihr als einziger, also auch ältester
-Dame zustehende Tafelaufhebungsrecht verzichten zu wollen und wartete,
-bis statt ihrer der schon seit einer Viertelstunde sich nach seiner
-Meerschaumpfeife sehnende Dubslav das Zeichen zum Aufbruch gab. Alles
-erhob sich jetzt rasch, um vom Eßzimmer aus in den nach dem Garten
-hinaussehenden Salon zurückzukehren, dem es -- war es Zufall oder
-Absicht? -- in diesem Augenblick noch an aller Beleuchtung fehlte;
-nur im Kamin glühten ein paar Scheite, die während der Essenszeit
-halb niedergebrannt waren, und durch die offenstehende hohe Glastür
-fiel von der Veranda her das Licht der über den Parkbäumen stehenden
-Mondsichel. Alles gruppierte sich alsbald um Frau von Gundermann, um
-dieser die pflichtschuldigen Honneurs zu machen, während Martin die
-Lampen, Engelke den Kaffee brachte. Das ein paar Minuten lang geführte
-gemeinschaftliche Gespräch kam, all die Zeit über, über ein unruhiges
-Hin und Her nicht hinaus, bis der Knäuel, in dem man stand, sich wieder
-in Gruppen auflöste.
-
-Das erste sich abtrennende Paar waren Rex und Katzler, beide
-passionierte Billardspieler, die sich -- Katzler übernahm die Führung
--- erst in den Eßsaal zurück und von diesem aus in das daneben gelegene
-Spielzimmer begaben. Das hier stehende, ziemlich vernachlässigte
-Billard war schon an die fünfzig Jahre alt und stammte noch aus des
-Vaters Zeiten her. Dubslav selbst machte sich nicht viel aus dem Spiel,
-aus Spiel überhaupt nicht und interessierte sich, soweit sein Billard
-in Betracht kam, nur für eine sehr nachgedunkelte Karoline, von der
-ein Berliner Besucher mal gesagt hatte: »Alle Wetter, Stechlin, wo
-haben Sie +die+ her? Das ist ja die gelbste Karoline, die ich all mein
-Lebtag gesehen habe,« -- Worte, die damals solchen Eindruck auf Dubslav
-gemacht hatten, daß er seitdem ein etwas freundlicheres Verhältnis zu
-seinem Billard unterhielt und nicht ungern von »seiner Karoline« sprach.
-
-Das zweite Paar, das sich aus der Gemeinschaft abtrennte, waren
-Woldemar und Gundermann. Gundermann, wie alle an Kongestionen
-Leidende, fand es überall zu heiß und wies, als er ein paar Worte
-mit Woldemar gewechselt, auf die offenstehende Tür. »Es ist ein so
-schöner Abend, Herr von Stechlin; könnten wir nicht auf die Veranda
-hinaustreten?«
-
-»Aber gewiß, Herr von Gundermann. Und wenn wir uns absentieren, wollen
-wir auch alles Gute gleich mitnehmen. Engelke, bring uns die kleine
-Kiste, du weißt schon.«
-
-»Ah, kapital. So ein paar Züge, das schlägt nieder, besser als
-Sodawasser. Und dann ist es auch wohl schicklicher im Freien. Meine
-Frau, wenn wir zuhause sind, hat sich zwar daran gewöhnen müssen und
-spricht höchstens mal von ›paffen‹ (na, das is nicht anders, dafür is
-man eben verheiratet), aber in einem fremden Hause, da fangen denn doch
-die Rücksichten an. Unser guter alter Kortschädel sprach auch immer von
-›Dehors‹.«
-
-Unter diesen Worten waren Woldemar und Gundermann vom Salon her auf die
-Veranda hinausgetreten, bis dicht an die Treppenstufen heran, und sahen
-auf den kleinen Wasserstrahl, der auf dem Rundell aufsprang.
-
-»Immer, wenn ich den Wasserstrahl sehe,« fuhr Gundermann fort, »muß ich
-wieder an unsern guten alten Kortschädel denken. Is nu auch hinüber.
-Na, jeder muß mal, und wenn irgendeiner seinen Platz da oben sicher
-hat, +der+ hat ihn. Ehrenmann durch und durch, und loyal bis auf die
-Knochen. Redner war er nicht, was eigentlich immer ein Vorzug, und
-hat mit seiner Schwätzerei dem Staate kein Geld gekostet; aber er
-wußte ganz gut Bescheid, und, unter vier Augen, ich habe Sachen von
-ihm gehört, großartig. Und ich sage mir, solchen kriegen wir nicht
-wieder ...«
-
-»Ach, das ist Schwarzseherei, Herr von Gundermann. Ich glaube, wir
-haben viele von ähnlicher Gesinnung. Und ich sehe nicht ein, warum
-nicht ein Mann wie Sie ...«
-
-»Geht nicht.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil Ihr Herr Papa kandidieren will. Und da muß ich zurückstehen. Ich
-bin hier ein Neuling. Und die Stechlins waren hier schon ...«
-
-»Nun gut, ich will dies letztere gelten lassen, und nur was das
-Kandidieren meines Vaters angeht -- ich denke mir, es ist noch nicht
-so weit, vieles kann noch dazwischen kommen, und jedenfalls wird er
-schwanken. Aber nehmen wir mal an, es sei, wie Sie vermuten. In diesem
-Falle träfe doch gerade das zu, was ich mir soeben zu sagen erlaubt
-habe. Mein Vater ist in jedem Anbetracht ein treuer Gesinnungsgenosse
-Kortschädels, und wenn er an seine Stelle tritt, was ist da verloren?
-Die Lage bleibt dieselbe.«
-
-»Nein, Herr von Stechlin.«
-
-»Nun, was ändert sich?«
-
-»Vieles, alles. Kortschädel war in den großen Fragen unerbittlich, und
-Ihr Herr Vater läßt mit sich reden ...«
-
-»Ich weiß nicht, ob Sie da recht haben. Aber wenn es so wäre, so wäre
-das doch ein Glück ...«
-
-»Ein Unglück, Herr von Stechlin. Wer mit sich reden läßt, ist nicht
-stramm, und wer nicht stramm ist, ist schwach. Und Schwäche (die
-destruktiven Elemente haben dafür eine feine Fühlung), Schwäche ist
-immer Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie.«
-
-Die vier andern der kleinen Tafelrunde waren im Gartensalon
-zurückgeblieben, hatten sich aber auch zu zwei und zwei zusammengetan.
-In der einen Fensternische, so daß sie den Blick auf den
-mondbeschienenen Vorplatz und die draußen auf der Veranda auf und
-ab schreitenden beiden Herren hatten, saßen Lorenzen und Frau von
-Gundermann. Die Gundermann war glücklich über das Tete-a-tete, denn sie
-hatte wegen ihres jüngsten Sohnes allerhand Fragen auf dem Herzen oder
-bildete sich wenigstens ein, sie zu haben. Denn eigentlich hatte sie
-für gar nichts Interesse, sie mußte bloß, richtige Berlinerin, die sie
-war, reden können.
-
-»Ich bin so froh, Herr Pastor, daß ich nun doch einmal Gelegenheit
-finde. Gott, wer Kinder hat, der hat auch immer Sorgen. Ich möchte
-wegen meines Jüngsten so gerne mal mit Ihnen sprechen, wegen meines
-Arthur. Rudolf hat mir keine Sorgen gemacht, aber Arthur. Er ist nun
-jetzt eingesegnet, und Sie haben ihm, Herr Prediger, den schönen
-Spruch mitgegeben, und der Junge hat auch gleich den Spruch auf einen
-großen weißen Bogen geschrieben, alle Buchstaben erst mit zwei Linien
-nebeneinander und dann dick ausgetuscht. Es sieht aus wie'n Plakat. Und
-diesen großen Bogen hat er sich in die Waschtoilette geklebt, und da
-mahnt es ihn immer.«
-
-»Nun, Frau von Gundermann, dagegen ist doch nichts zu sagen.«
-
-»Nein, das will ich auch nicht. Eher das Gegenteil. Es hat ja doch was
-Rührendes, daß es einer so ernst nimmt. Denn er hat zwei Tage dran
-gesessen. Aber wenn solch junger Mensch es so immer liest, so gewöhnt
-er sich dran. Und dann ist ja auch gleich wieder die Verführung da.
-Gott, daß man gerade immer über solche Dinge reden muß; noch keine
-Stunde, daß ich mit dem Herrn Hauptmann über unsern Volontär Vehmeyer
-gesprochen habe, netter Mensch, und nun gleich wieder mit Ihnen, Herr
-Pastor, auch über so was. Aber es geht nicht anders. Und dann sind Sie
-ja doch auch wie verantwortlich für seine Seele.«
-
-Lorenzen lächelte. »Gewiß, liebe Frau von Gundermann. Aber was ist es
-denn? Um was handelt es sich denn eigentlich?«
-
-»Ach, es ist an und für sich nicht viel und doch auch wieder eine
-recht ärgerliche Sache. Da haben wir ja jetzt die Jüngste von unserm
-Schullehrer Brandt ins Haus genommen, ein hübsches Balg, rotbraun und
-ganz kraus, und Brandt wollte, sie solle bei uns angelernt werden.
-Nun, wir sind kein großes Haus, gewiß nicht, aber Mäntel abnehmen und
-rumpräsentieren, und daß sie weiß, ob links oder rechts, so viel lernt
-sie am Ende doch.«
-
-»Gewiß. Und die Frida Brandt, o, die kenn ich ganz gut; die wurde
-jetzt gerade vorm Jahr eingesegnet. Und es ist, wie Sie sagen, ein
-allerliebstes Geschöpf und klug und aufgekratzt, ein bißchen zu sehr.
-Sie will zu Ostern nach Berlin.«
-
-»Wenn sie nur erst da wäre. Mir tut es beinahe schon leid, daß ich ihr
-nicht gleich zugeredet. Aber so geht es einem immer.«
-
-»Ist denn was vorgefallen?«
-
-»Vorgefallen? Das will ich nicht sagen. Er is ja doch erst sechzehn
-und eine Dusche dazu, gerade wie sein Vater; +der+ hat sich auch erst
-rausgemausert, seit er grau geworden. Was beiläufig auch nicht gut
-ist. Und da komme ich nun gestern vormittag die Treppe rauf und will
-dem Jungen sagen, daß er in den Dohnenstrich geht und nachsieht, ob
-Krammetsvögel da sind, und die Tür steht halb auf, was noch das beste
-war, und da seh ich, wie sie ihm eine Nase dreht und die Zungenspitze
-raussteckt; so was von spitzer Zunge hab ich mein Lebtag noch nicht
-gesehen. Die reine Eva. Für die Potiphar ist sie mir noch zu jung.
-Und als ich nu dazwischen trete, da kriegt ja nu der arme Junge das
-Zittern, und weil ich nicht recht wußte, was ich sagen sollte, ging ich
-bloß hin und klappte den Waschtischdeckel auf, wo der Spruch stand, und
-sah ihn scharf an. Und da wurde er ganz blaß. Aber das Balg lachte.«
-
-»Ja, liebe Frau von Gundermann, das ist so; Jugend hat keine Tugend.«
-
-»Ich weiß doch nicht; ich bin auch einmal jung gewesen ...«
-
-»Ja, Damen ...«
-
- * * * * *
-
-Während Frau von Gundermann in ihrem Gespräch in der Fensternische mit
-derartigen Intimitäten kam und den guten Pastor Lorenzen abwechselnd
-in Verlegenheit und dann auch wieder in stille Heiterkeit versetzte,
-hatte sich Dubslav mit Hauptmann von Czako in eine schräg gegenüber
-gelegene Ecke zurückgezogen, wo eine altmodische Causeuse stand, mit
-einem Marmortischchen davor. Auf dem Tische zwei Kaffeetassen samt
-aufgeklapptem Likörkasten, aus dem Dubslav eine Flasche nach der andern
-herausnahm. »Jetzt, wenn man von Tisch kommt, muß es immer ein Cognac
-sein. Aber ich bekenne Ihnen, lieber Hauptmann, ich mache die Mode
-nicht mit; wir aus der alten Zeit, wir waren immer ein bißchen fürs
-Süße. Creme de Cacao, na, natürlich, das is Damenschnaps, davon kann
-keine Rede sein; aber Pomeranzen oder, wie sie jetzt sagen, Curaçao,
-das ist mein Fall. Darf ich Ihnen einschenken? Oder vielleicht lieber
-Danziger Goldwasser? Kann ich übrigens auch empfehlen.«
-
-»Dann bitte ich um Goldwasser. Es ist doch schärfer, und dann bekenne
-ich Ihnen offen, Herr Major ... Sie kennen ja unsre Verhältnisse, so'n
-bißchen Gold heimelt einen immer an. Man hat keins und dabei doch
-zugleich die Vorstellung, daß man es trinken kann -- es hat eigentlich
-was Großartiges.«
-
-Dubslav nickte, schenkte von dem Goldwasser ein, erst für Czako, dann
-für sich selbst, und sagte: »Bei Tische hab ich die Damen leben lassen
-und Frau von Gundermann im speziellen. Hören Sie, Hauptmann, Sie
-verstehen's. Diese Rattengeschichte ...«
-
-»Vielleicht war es ein bißchen zu viel.«
-
-»I, keineswegs. Und dann, Sie waren ja ganz unschuldig, die Gnädge fing
-ja davon an; erinnern Sie sich, sie verliebte sich ordentlich in die
-Geschichte von den Rinnsteinbohlen, und wie sie drauf rumgetrampelt,
-bis die Ratten rauskamen. Ich glaube sogar, sie sagte ›Biester‹. Aber
-das schadet nicht. Das ist so Berliner Stil. Und unsre Gnädge hier
-(beiläufig eine geborene Helfrich) is eine Vollblutberlinerin.«
-
-»Ein Wort, das mich doch einigermaßen überrascht.«
-
-»Ah,« drohte Dubslav schelmisch mit dem Finger, »ich verstehe. Sie sind
-einer gewissen Unausreichendheit begegnet und verlangen mindestens mehr
-Quadrat (von Kubik will ich nicht sprechen). Aber wir von Adel müssen
-in diesem Punkte doch ziemlich milde sein und ein Auge zudrücken, wenn
-das das richtige Wort ist. Unser eigenstes Vollblut bewegt sich auch
-in Extremen und hat einen linken und einen rechten Flügel; der linke
-nähert sich unsrer geborenen Helfrich. Übrigens unterhaltliche Madam.
-Und wie beseligt sie war, als sie den Namenszug auf Ihrer Achselklappe
-glücklich entdeckt und damit den Anmarsch auf die Münzstraße gewonnen
-hatte. Was es doch alles für Lokalpatriotismen gibt!«
-
-»An dem unser Regiment teilnimmt oder ihn mitmacht. Die Welt um den
-Alexanderplatz herum hat übrigens so ihren eigenen Zauber, schon um
-einer gewissen Unresidenzlichkeit willen. Ich sehe nichts lieber
-als die große Markthalle, wenn beispielsweise die Fischtonnen mit
-fünfhundert Aalen in die Netze gegossen werden. Etwas Unglaubliches von
-Gezappel.«
-
-»Finde mich ganz darin zurecht und bin auch für Alexanderplatz und
-Alexanderkaserne samt allem, was dazu gehört. Und so brech ich
-denn auch die Gelegenheit vom Zaun, um nach einem Ihrer früheren
-Regimentskommandeure zu fragen, dem liebenswürdigen Obersten von
-Zeuner, den ich noch persönlich gekannt habe. Hier unsere Stechliner
-Gegend ist nämlich Zeunergegend. Keine Stunde von hier liegt Köpernitz,
-eine reizende Besitzung, drauf die Zeunersche Familie schon in
-fridericianischen Tagen ansässig war. Bin oft drüben gewesen (nun
-freilich schon zwanzig Jahre zurück) und komme noch einmal mit der
-Frage: Haben Sie den Obersten noch gekannt?«
-
-»Nein, Herr Major. Er war schon fort, als ich zum Regimente kam.
-Aber ich habe viel von ihm gehört und auch von Köpernitz, weiß aber
-freilich nicht mehr, in welchem Zusammenhange.«
-
-»Schade, daß Sie nur einen Tag für Stechlin festgesetzt haben, sonst
-müßten Sie das Gut sehen. Alles ganz eigentümlich und besonders auch
-ein Grabstein, unter dem eine uralte Dame von beinah neunzig Jahren
-begraben liegt, eine geborne von Zeuner, die sich in früher Jugend
-schon mit einem Emigranten am Rheinsberger Hof, mit dem Grafen La
-Roche-Aymon, vermählt hatte. Merkwürdige Frau, von der ich Ihnen
-erzähle, wenn ich Sie mal wiedersehe. Nur eins müssen Sie heute schon
-mit anhören, denn ich glaube, Sie haben den Gustus dafür.«
-
-»Für alles, was Sie erzählen.«
-
-»Keine Schmeicheleien! Aber die Geschichte will ich Ihnen doch als
-Andenken mitgeben. Andre schenken sich Photographien, was ich, selbst
-wenn es hübsche Menschen sind (ein Fall, der übrigens selten zutrifft),
-immer greulich finde.«
-
-»Schenke nie welche.«
-
-»Was meine Gefühle für Sie steigert. Aber die Geschichte: Da war
-also drüben in Köpernitz diese La Roche-Aymon, und weil sie noch
-die Prinz-Heinrich-Tage gesehen und während derselben eine Rolle
-gespielt hatte, so zählte sie zu den besonderen Lieblingen Friedrich
-Wilhelms ~IV.~ Und als nun -- sagen wir ums Jahr fünfzig -- der Zufall
-es fügte, daß dem zur Jagd hier erschienenen König das Köpernitzer
-Frühstück, ganz besonders aber eine Blut- und Zungenwurst, über die
-Maßen gut geschmeckt hatte, so wurde dies Veranlassung für die Gräfin,
-am nächsten Heiligabend eine ganze Kiste voll Würste nach Potsdam
-hin in die königliche Küche zu liefern. Und das ging so durch Jahre.
-Da beschloß zuletzt der gute König, sich für all die gute Gabe zu
-revanchieren, und als wieder Weihnachten war, traf in Köpernitz ein
-Postpaket ein, Inhalt: eine zierliche, kleine Blutwurst! Und zwar war
-es ein wunderschöner, rundlicher Blutkarneol mit Goldspeilerchen an
-beiden Seiten und die Speilerchen selbst mit Diamanten besetzt. Und
-neben diesem Geschenk lag ein Zettelchen: ›Wurst wider Wurst.‹«
-
-»Allerliebst.«
-
-»Mehr als das. Ich persönlich ziehe solchen guten Einfall einer guten
-Verfassung vor. Der König, glaub ich, tat es auch. Und es denken auch
-heute noch viele so.«
-
-»Gewiß, Herr Major. Es denken auch heute noch viele so, und bei
-dem Schwankezustand, in dem ich mich leider befinde, sind meine
-persönlichen Sympathien gelegentlich nicht weitab davon. Aber ich
-fürchte doch, daß wir mit dieser unsrer Anschauung sehr in der
-Minorität bleiben.«
-
-»Werden wir. Aber Vernunft ist immer nur bei wenigen. Es wäre das
-beste, wenn ein einziger Alter-Fritzen-Verstand die ganze Geschichte
-regulieren könnte. Freilich braucht ein solcher oberster Wille auch
-seine Werkzeuge. Die haben wir aber noch in unserm Adel, in unsrer
-Armee und speziell auch in Ihrem Regiment.«
-
-Während der Alte diesen Trumpf ausspielte, kam Engelke, um ein paar
-neue Tassen zu präsentieren.
-
-»Nein, nein, Engelke, wir sind schon weiter. Aber stell nur hin ...
-In Ihrem Regiment, sag ich, Herr von Czako; schon sein Name bedeutet
-ein Programm, und dieses Programm heißt: Rußland. Heutzutage darf man
-freilich kaum noch davon reden. Aber das ist Unsinn. Ich sage Ihnen,
-Hauptmann, das waren Preußens beste Tage, als da bei Potsdam herum
-die ›russische Kirche‹ und das ›russische Haus‹ gebaut wurden, und
-als es immer hin und her ging zwischen Berlin und Petersburg. Ihr
-Regiment, Gott sei Dank, unterhält noch was von den alten Beziehungen,
-und ich freue mich immer, wenn ich davon lese, vor allem, wenn ein
-russischer Kaiser kommt und ein Doppelposten vom Regiment Alexander vor
-seinem Palais steht. Und noch mehr freu ich mich, wenn das Regiment
-Deputationen schickt: Georgsfest, Namenstag des hohen Chefs, oder
-wenn sich's auch bloß um Uniformabänderungen handelt, beispielsweise
-Klappkragen statt Stehkragen (diese verdammten Stehkragen) -- und wie
-dann der Kaiser alle begrüßt und zur Tafel zieht und so bei sich denkt:
-›Ja, ja, das sind brave Leute; da hab ich meinen Halt.‹«
-
-Czako nickte, war aber doch in sichtlicher Verlegenheit, weil er, trotz
-seiner vorher versicherten »Sympathien«, ein ganz moderner, politisch
-stark angekränkelter Mensch war, der, bei strammster Dienstlichkeit,
-zu all dergleichen Überspanntheiten ziemlich kritisch stand. Der alte
-Dubslav nahm indessen von alledem nichts wahr und fuhr fort: »Und
-sehen Sie, lieber Hauptmann, so hab ich's persönlich in meinen jungen
-Jahren auch noch erlebt und vielleicht noch ein bißchen besser; denn,
-Pardon, jeder hält seine Zeit für die beste. Vielleicht sogar, daß Sie
-mir zustimmen, wenn ich Ihnen mein Sprüchel erst ganz hergesagt haben
-werde. Da haben wir ja nun ›jenseits des Njemen‹, wie manche Gebildete
-jetzt sagen, die ›drei Alexander‹ gehabt, den ersten, den zweiten und
-den dritten, alle drei große Herren und alle drei richtige Kaiser und
-fromme Leute, oder doch beinah fromm, die's gut mit ihrem Volk und mit
-der Menschheit meinten, und dabei selber richtige Menschen; aber in
-dies Alexandertum, das so beinah das ganze Jahrhundert ausfüllt, da
-schiebt sich doch noch einer ein, ein Nicht-Alexander, und ohne Ihnen
-zu nahe treten zu wollen, +der+ war doch der Häupter. Und das war unser
-Nikolaus. Manche dummen Kerle haben Spottlieder auf ihn gemacht und
-vom schwarzen Niklas gesungen, wie man Kinder mit dem schwarzen Mann
-graulich macht, aber war das ein Mann! Und dieser selbige Nikolaus,
-nun, der hatte hier, ganz wie die drei Alexander, auch ein Regiment,
-und das waren die Nikolaus-Kürassiere, oder sag ich lieber: das sind
-die Nikolaus-Kürassiere, denn wir haben sie, Gott sei Dank, noch.
-Und sehen Sie, lieber Czako, das war mein Regiment, dabei hab ich
-gestanden, als ich noch ein junger Dachs war, und habe dann den
-Abschied genommen; viel zu früh; Dummheit, hätte lieber dabei bleiben
-sollen.«
-
-Czako nickte, Dubslav nahm ein neues Glas von dem Goldwasser. »Unsere
-Nikolaus-Kürassiere, Gott erhalte sie, wie sie sind. Ich möchte
-sagen, in dem Regimente lebt noch die heilige Alliance fort, die
-Waffenbrüderschaft von Anno dreizehn, und dies Anno dreizehn, das wir
-mit den Russen zusammen durchgemacht haben, immer nebeneinander im
-Biwak, in Glück und Unglück, das war doch unsre größte Zeit. Größer
-als die jetzt große. Große Zeit ist es immer nur, wenn's beinah
-schief geht, wenn man jeden Augenblick fürchten muß: ›Jetzt ist
-alles vorbei.‹ Da zeigt sich's. Courage ist gut, aber Ausdauer ist
-besser. Ausdauer, das ist die Hauptsache. Nichts im Leibe, nichts
-auf dem Leibe, Hundekälte, Regen und Schnee, so daß man so in der
-nassen Patsche liegt, und höchstens nen Kornus (Kognak, ja hast du
-was, den gab es damals kaum) und so die Nacht durch, da konnte man
-Jesum Christum erkennen lernen. Ich sage das, wenn ich auch nicht mit
-dabei gewesen. Anno dreizehn, bei Großgörschen, das war für uns die
-richtige Waffenbrüderschaft: jetzt haben wir die Waffenbrüderschaft
-der Orgeldreher und der Mausefallenhändler. Ich bin für Rußland, für
-Nikolaus und Alexander. Preobraschensk, Semenow, Kaluga, -- da hat
-man die richtige Anlehnung; alles andre ist revolutionär, und was
-revolutionär ist, das wackelt.«
-
- * * * * *
-
-Kurz vor elf, der Mond war inzwischen unter, brach man auf, und
-die Wagen fuhren vor, erst der Katzlersche Kaleschwagen, dann die
-Gundermannsche Chaise; Martin aber, mit einer Stallaterne, leuchtete
-dem Pastor über Vorhof und Bohlenbrücke fort, bis an seine ganz im
-Dunkel liegende Pfarre. Gleich darauf zogen sich auch die drei Freunde
-zurück und stiegen, unter Vorantritt Engelkes, die große Treppe
-hinauf, bis auf den Podest. Hier trennten sich Rex und Czako von
-Woldemar, dessen Zimmer auf der andern Flurseite gelegen war.
-
-Czako, sehr müde, war im Nu bettfertig. »Es bleibt also dabei, Rex, Sie
-logieren sich in dem Rokokozimmer ein -- wir wollen es ohne weiteres
-so nennen -- und ich nehme das Himmelbett hier in Zimmer Nummer eins.
-Vielleicht wäre das Umgekehrte richtiger, aber Sie haben es so gewollt.«
-
-Und während er noch so sprach, schob er seine Stiefel auf den Flur
-hinaus, schloß ab und legte sich nieder.
-
-Rex war derweilen mit seiner Plaidrolle beschäftigt, aus der
-er allerlei Toilettengegenstände hervorholte. »Sie müssen mich
-entschuldigen, Czako, wenn ich mich noch eine Viertelstunde hier bei
-Ihnen aufhalte. Habe nämlich die Angewohnheit, mich abends zu rasieren,
-und der Toilettentisch mit Spiegel, ohne den es doch nicht gut geht,
-der steht nun mal hier an Ihrem, statt an meinem Fenster. Ich muß also
-stören.«
-
-»Mir sehr recht, trotz aller Müdigkeit. Nichts besser, als noch
-ein bißchen aus dem Bett heraus plaudern können. Und dabei so warm
-eingemummelt. Die Betten auf dem Lande sind überhaupt das beste.«
-
-»Nun, Czako, das freut mich, daß Sie so bereit sind, mir Quartier zu
-gönnen. Aber wenn Sie noch eine Plauderei haben wollen, so müssen
-Sie sich die Hauptsache selber leisten. Ich schneide mich sonst, was
-dann hinterher immer ganz schändlich aussieht. Übrigens muß ich erst
-Schaum schlagen, und so lange wenigstens kann ich Ihnen Red und Antwort
-stehen. Ein Glück nebenher, daß hier, außer der kleinen Lampe, noch
-diese zwei Leuchter sind. Wenn ich nicht Licht von rechts und links
-habe, komme ich nicht von der Stelle; das eine wackelt zwar (alle diese
-dünnen Silberleuchter wackeln), aber ›wenn gute Reden sie begleiten
-...‹ Also strengen Sie sich an. Wie fanden Sie die Gundermanns?
-Sonderbare Leute -- haben Sie schon mal den Namen Gundermann gehört?«
-
-»Ja. Aber das war in ›Waldmeisters Brautfahrt‹.«
-
-»Richtig; so wirkt er auch. Und nun gar erst die Frau. Der einzige,
-der sich sehen lassen konnte, war dieser Katzler. Ein Karambolespieler
-ersten Ranges. Übrigens Eisernes Kreuz.«
-
-»Und dann der Pastor.«
-
-»Nun ja, auch der. Eine ganz gescheite Nummer. Aber doch ein
-wunderbarer Heiliger, wie die ganze Sippe, zu der er gehört. Er hält zu
-Stöcker, sprach es auch aus, was neuerdings nicht jeder tut; aber der
-›neue Luther‹, der doch schon gerade bedenklich genug ist -- Majestät
-hat ganz recht mit seiner Verurteilung, der geht ihm gewiß nicht weit
-genug. Dieser Lorenzen erscheint mir, im Gegensatz zu seinen Jahren,
-als einer der allerjüngsten. Und zu verwundern bleibt nur, daß der
-Alte so gut mit ihm steht. Freund Woldemar hat mir davon erzählt. Der
-Alte liebt ihn und sieht nicht, daß ihm sein geliebter Pastor den Ast
-absägt, auf dem er sitzt. Ja, diese von der neuesten Schule, das sind
-die allerschlimmsten. Immer Volk und wieder Volk, und mal auch etwas
-Christus dazwischen. Aber ich lasse mich so leicht nicht hinters Licht
-führen. Es läuft alles darauf hinaus, daß sie mit uns aufräumen wollen,
-und mit dem alten Christentum auch. Sie haben ein neues, und das
-überlieferte behandeln sie despektierlich.«
-
-»Kann ich ihnen unter Umständen nicht verdenken. Seien Sie gut,
-Rex, und lassen Sie Konventikel und Partei mal beiseite. Das
-Überlieferte, was einem da so vor die Klinge kommt, namentlich
-wenn Sie sich die Menschen ansehen, wie sie nun mal sind, ist doch
-sehr reparaturbedürftig, und auf solche Reparatur ist ein Mann wie
-dieser Lorenzen eben aus. Machen Sie die Probe. Hie Lorenzen, hie
-Gundermann. Und Ihren guten Glauben in Ehren, aber Sie werden diesen
-Gundermann doch nicht über den Lorenzen stellen und ihn überhaupt
-nur ernsthaft nehmen wollen. Und wie dieser Wassermüller aus der
-Brettschneidebranche, so sind die meisten. Phrase, Phrase. Mitunter
-auch Geschäft oder noch Schlimmeres.«
-
-»Ich kann jetzt nicht antworten, Czako. Was Sie da sagen, berührt eine
-große Frage, bei der man doch aufpassen muß. Und so mit dem Messer
-in der Hand, da verbietet sich's. Und das eine wacklige Licht hat
-ohnehin schon einen Dieb. Erzählen Sie mir lieber was von der Frau von
-Gundermann. Debattieren kann ich nicht mehr, aber wenn Sie plaudern,
-brauch ich bloß zuzuhören. Sie haben ihr ja bei Tisch nen langen
-Vortrag gehalten.«
-
-»Ja. Und noch dazu über Ratten.«
-
-»Nein, Czako, davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen; dann doch lieber
-über alten und neuen Glauben. Und gerade hier. In solchem alten Kasten
-ist man nie sicher vor Spuk und Ratten. Wenn Sie nichts andres wissen,
-dann bitt ich um die Geschichte, bei der wir heute früh in Cremmen
-unterbrochen wurden. Es schien mir was Pikantes.«
-
-»Ach, die Geschichte von der kleinen Stubbe. Ja, hören Sie, Rex, das
-regt Sie aber auch auf. Und wenn man nicht schlafen kann, ist es am
-Ende gleich, ob wegen der Ratten oder wegen der Stubbe.«
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-
-Rex und Czako waren so müde, daß sie sich, wenn nötig, über Spuk und
-Ratten weggeschlafen hätten. Aber es war nicht nötig, nichts war da,
-was sie hätte stören können. Kurz vor acht erschien das alte Faktotum
-mit einem silbernen Deckelkrug, aus dem der Wrasen heißen Wassers
-aufstieg, einem der wenigen Renommierstücke, über die Schloß Stechlin
-verfügte. Dazu bot Engelke den Herren einen guten Morgen und stattete
-seinen Wetterbericht ab: Es gebe gewiß einen schönen Tag, und der junge
-Herr sei auch schon auf und gehe mit dem alten um das Rundell herum.
-
-So war es denn auch. Woldemar war schon gleich nach sieben unten im
-Salon erschienen, um mit seinem Vater, von dem er wußte, daß er ein
-Frühauf war, ein Familiengespräch über allerhand difficile Dinge zu
-führen. Aber er war entschlossen, seinerseits damit nicht anzufangen,
-sondern alles von der Neugier und dem guten Herzen des Vaters zu
-erwarten. Und darin sah er sich auch nicht getäuscht.
-
-»Ah, Woldemar, das ist recht, daß du schon da bist. Nur nicht zu lang
-im Bett. Die meisten Langschläfer haben einen Knacks. Es können aber
-sonst ganz gute Leute sein. Ich wette, dein Freund Rex schläft bis
-neun.«
-
-»Nein, Papa, der gerade nicht. Wer wie Rex ist, kann sich das nicht
-gönnen. Er hat nämlich einen Verein gegründet für Frühgottesdienste,
-abwechselnd in Schönhausen und Finkenkrug. Aber es ist noch nicht
-perfekt geworden.«
-
-»Freut mich, daß es noch hapert. Ich mag so was nicht. Der alte
-Wilhelm hat zwar seinem Volke die Religion wiedergeben wollen, was ein
-schönes Wort von ihm war -- alles, was er tat und sagte, war gut --
-aber Religion und Landpartie, dagegen bin ich doch. Ich bin überhaupt
-gegen alle falschen Mischungen. Auch bei den Menschen. Die reine Rasse,
-das ist das eigentlich Legitime. Das andre, was sie nebenher noch
-Legitimität nennen, das ist schon alles mehr künstlich. Sage, wie steht
-es denn eigentlich damit? Du weißt schon, was ich meine.«
-
-»Ja, Papa ...«
-
-»Nein, nicht so; nicht immer bloß ›ja, Papa‹. So fängst du jedesmal
-an, wenn ich auf dies Thema komme. Da liegt schon ein halber Refus
-drin, oder ein Hinausschieben, ein Abwartenwollen. Und damit kann
-ich mich nicht befreunden. Du bist jetzt zweiunddreißig, oder doch
-beinah, da muß der mit der Fackel kommen; aber du fackelst (verzeih
-den Kalauer, ich bin eigentlich gegen Kalauer, die sind so mehr
-für Handlungsreisende), also du fackelst, sag ich, und ist kein
-Ernst dahinter. Und soviel kann ich dir außerdem sagen, deine Tante
-Sanctissima drüben in Kloster Wutz, die wird auch schon ungeduldig.
-Und das sollte dir zu denken geben. Mich hat sie zeitlebens schlecht
-behandelt; wir stimmten eben nie zusammen und konnten auch nicht, denn
-so halb Königin Elisabeth, halb Kaffeeschwester, das is ne Melange, mit
-der ich mich nie habe befreunden können. Ihr drittes Wort ist immer ihr
-Rentmeister Fix, und wäre sie nicht sechsundsiebzig, so erfänd ich mir
-eine Geschichte dazu.«
-
-»Mach es gnädig, Papa. Sie meint es ja doch gut. Und mit mir nun schon
-ganz gewiß.«
-
-»Gnädig machen? Ja, Woldemar, ich will es versuchen. Nur fürcht ich,
-es wird nicht viel dabei herauskommen. Da heißt es immer, man solle
-Familiengefühl haben, aber es wird einem doch auch zu blutsauer
-gemacht, und ich kann umgekehrt der Versuchung nicht widerstehen, eine
-richtige Familienkritik zu üben. Adelheid fordert sie geradezu heraus.
-Andrerseits freilich, in dich ist sie wie vernarrt, für dich hat sie
-Geld und Liebe. Was davon wichtiger ist, stehe dahin; aber soviel
-ist gewiß, ohne sie wär es überhaupt gar nicht gegangen, ich meine
-dein Leben in deinem Regiment. Also wir haben ihr zu danken, und weil
-sie das gerade so gut weiß wie wir, oder vielleicht noch ein bißchen
-besser, gerade deshalb wird sie ungeduldig; sie will Taten sehen, was
-vom Weiberstandpunkt aus allemal so viel heißt wie Verheiratung. Und
-wenn man will, kann man es auch so nennen, ich meine Taten. Es ist und
-bleibt ein Heroismus. Wer Tante Adelheid geheiratet hätte, hätte sich
-die Tapferkeitsmedaille verdient, und wenn ich schändlich sein wollte,
-so sagte ich das Eiserne Kreuz.«
-
-»Ja, Papa ...«
-
-»Schon wieder ›ja, Papa‹. Nun, meinetwegen, ich will dich schließlich
-in deiner Lieblingswendung nicht stören. Aber bekenne mir nebenher --
-denn das ist doch schließlich das, um was sich's handelt --, liegst du
-mit was im Anschlag, hast du was auf dem Korn?«
-
-»Papa, diese Wendungen erschrecken mich beinah. Aber wenn denn schon
-so jägermäßig gesprochen werden soll, ja; meine Wünsche haben ein
-bestimmtes Ziel, und ich darf sagen, mich beschäftigen diese Dinge.«
-
-»Mich beschäftigen diese Dinge ... Nimm mir's nicht übel, Woldemar,
-das ist ja gar nichts. Beschäftigen! Ich bin nicht fürs Poetische,
-das ist für Gouvernanten und arme Lehrer, die nach Görbersdorf müssen
-(bloß, daß sie meistens kein Geld dazu haben), aber diese Wendung
-›sich beschäftigen‹, das ist mir denn doch zu prosaisch. Wenn es sich
-um solche Dinge wie Liebe handelt (wiewohl ich über Liebe nicht viel
-günstiger denke wie über Poesie, bloß daß Liebe doch noch mehr Unheil
-anrichtet, weil sie noch allgemeiner auftritt) -- wenn es sich um
-Dinge wie Liebe handelt, so darf man nicht sagen, ›ich habe mich damit
-beschäftigt‹. Liebe ist doch schließlich immer was Forsches, sonst kann
-sie sich ganz und gar begraben lassen, und da möcht ich denn doch etwas
-von dir hören, was ein bißchen wie Leidenschaft aussieht. Es braucht
-ja nicht gleich was Schreckliches zu sein. Aber so ganz ohne Stimulus,
-wie man, glaub ich, jetzt sagt, so ganz ohne so was geht es nicht;
-alle Menschheit ist darauf gestellt, und wo's einschläft, ist so gut
-wie alles vorbei. Nun weiß ich zwar recht gut, es geht auch ohne uns,
-aber das ist doch alles bloß etwas, was einem von Verstandes wegen
-aufgezwungen wird; das egoistische Gefühl, das immer unrecht, aber auch
-immer recht hat, will von dem allem nichts wissen und besteht darauf,
-daß die Stechline weiterleben, wenn es sein kann, ~in aeternum~. Ewig
-weiterleben; -- ich räume ein, es hat ein bißchen was Komisches, aber
-es gibt wenig ernste Sachen, die nicht auch eine komische Seite hätten
-... Also dich ›beschäftigen‹ diese Dinge. Kannst du Namen nennen? Auf
-wem haben Eurer Hoheit Augen zu ruhen geruht?«
-
-»Papa, Namen darf ich noch nicht nennen. Ich bin meiner Sache noch
-nicht sicher genug, und das ist auch der Grund, warum ich Wendungen
-gebraucht habe, die dir nüchtern und prosaisch erschienen sind. Ich
-kann dir aber sagen, ich hätte mich lieber anders ausgedrückt; nur
-darf ich es noch nicht. Und dann weiß ich ja auch, daß du selber einen
-abergläubischen Zug hast und ganz aufrichtig davon ausgehst, daß man
-sich sein Glück verreden kann, wenn man zu früh oder zu viel davon
-spricht.«
-
-»Brav, brav. Das gefällt mir. So ist es. Wir sind immer von neidischen
-und boshaften Wesen mit Fuchsschwänzen und Fledermausflügeln umstellt,
-und wenn wir renommieren oder sicher tun, dann lachen sie. Und wenn
-sie erst lachen, dann sind wir schon so gut wie verloren. Mit unsrer
-eignen Kraft ist nichts getan, ich habe nicht den Grashalm sicher, den
-ich hier ausreiße. Demut, Demut ... Aber trotzdem komm ich dir mit der
-naiven Frage (denn man widerspricht sich in einem fort), ist es was
-Vornehmes, was Pikfeines?«
-
-»Pikfein, Papa, will ich nicht sagen. Aber vornehm gewiß.«
-
-»Na, das freut mich. Falsche Vornehmheit ist mir ein Greuel; aber
-richtige Vornehmheit, -- ~à la bonne heure~. Sage mal, vielleicht was
-vom Hofe?«
-
-»Nein, Papa.«
-
-»Na, desto besser. Aber da kommen ja die Herren. Der Rex sieht wirklich
-verdeubelt gut aus, ganz das, was wir früher einen Garde-Assessor
-nannten. Und fromm, sagst du, -- wird also wohl Karriere machen;
-›fromm‹ is wie ne untergelegte Hand.«
-
- * * * * *
-
-Während dieser Worte stiegen Rex und Czako die Stufen zum Garten
-hinunter und begrüßten den Alten. Er erkundigte sich nach ihren
-nächtlichen Schicksalen, freute sich, daß sie »durchgeschlafen« hätten,
-und nahm dann Czakos Arm, um vom Garten her auf die Veranda, wo Engelke
-mittlerweile unter der großen Marquise den Frühstückstisch hergerichtet
-hatte, zurückzukehren. »Darf ich bitten, Herr von Rex.« Und er wies auf
-einen Gartenstuhl, ihm gerade gegenüber, während Woldemar und Czako
-links und rechts neben ihm Platz nahmen. »Ich habe neuerdings den Tee
-eingeführt, das heißt nicht obligatorisch; im Gegenteil, ich persönlich
-bleibe lieber bei Kaffee, ›schwarz wie der Teufel, süß wie die Sünde,
-heiß wie die Hölle‹, wie bereits Talleyrand gesagt haben soll. Aber,
-Pardon, daß ich Sie mit so was überhaupt noch belästige. Schon mein
-Vater sagte mal: ›Ja, wir auf dem Lande, wir haben immer noch die alten
-Wiener Kongreßwitze.‹ Und das ist nun schon wieder ein Menschenalter
-her.«
-
-»Ach, diese alten Kongreßwitze,« sagte Rex verbindlich, »ich möchte
-mir die Bemerkung erlauben, Herr Major, daß diese alten Witze besser
-sind als die neuen. Und kann auch kaum anders sein. Denn wer waren denn
-die Verfasser von damals? Talleyrand, den Sie schon genannt haben, und
-Wilhelm von Humboldt und Friedrich Gentz und ihresgleichen. Ich glaube,
-daß das Metier seitdem sehr herabgestiegen ist.«
-
-»Ja, herabgestiegen ist alles, und es steigt immer weiter nach unten.
-Das ist, was man neue Zeit nennt, immer weiter runter. Und mein Pastor,
-den Sie ja gestern abend kennen gelernt haben, der behauptet sogar, das
-sei das Wahre, das sei das, was man Kultur nenne, daß immer weiter nach
-unten gestiegen würde. Die aristokratische Welt habe abgewirtschaftet,
-und nun komme die demokratische ...«
-
-»Sonderbare Worte für einen Geistlichen,« sagte Rex, »für einen Mann,
-der doch die durch Gott gegebenen Ordnungen kennen sollte.«
-
-Dubslav lachte. »Ja, das bestreitet er Ihnen. Und ich muß bekennen, es
-hat manches für sich, trotzdem es mir nicht recht paßt. Im übrigen, wir
-werden ihn, ich meine den Pastor, ja wohl noch beim zweiten Frühstück
-sehen, wo Sie dann Gelegenheit nehmen können, sich mit ihm persönlich
-darüber auseinanderzusetzen; er liebt solche Gespräche, wie Sie wohl
-schon gemerkt haben, und hat eine kleine Lutherneigung, sich immer auf
-das jetzt übliche: ›Hier steh ich, ich kann nicht anders‹ auszuspielen.
-Mitunter sieht es wirklich so aus, als ob wieder eine gewisse
-Märtyrerlust in die Menschen gefahren wäre, bloß ich trau dem Frieden
-noch nicht so recht.«
-
-»Ich auch nicht,« bemerkte Rex, »meistens Renommisterei.«
-
-»Na, na,« sagte Czako. »Da hab ich doch noch diese letzten Tage von
-einem armen russischen Lehrer gelesen, der unter die Soldaten gesteckt
-wurde (sie haben da jetzt auch so was wie allgemeine Dienstpflicht),
-und dieser Mensch, der Lehrer, hat sich geweigert, eine Flinte
-loszuschießen, weil das bloß Vorschule sei zu Mord und Totschlag, also
-ganz und gar gegen das fünfte Gebot. Und dieser Mensch ist sehr gequält
-worden, und zuletzt ist er gestorben. Wollen Sie das auch Renommisterei
-nennen?«
-
-»Gewiß will ich das.«
-
-»Herr von Rex,« sagte Dubslav, »sollten Sie dabei nicht zu weit
-gehen? Wenn sich's ums Sterben handelt, da hört das Renommieren auf.
-Aber diese Sache, von der ich übrigens auch gehört habe, hat einen
-ganz andern Schlüssel. Das liegt nicht an der allgemein gewordenen
-Renommisterei, das liegt am Lehrertum. Alle Lehrer sind nämlich
-verrückt. Ich habe hier auch einen, an dem ich meine Studien gemacht
-habe; heißt Krippenstapel, was allein schon was sagen will. Er ist grad
-um ein Jahr älter als ich, also runde siebenundsechzig, und eigentlich
-ein Prachtexemplar, jedenfalls ein vorzüglicher Lehrer. Aber verrückt
-ist er doch.«
-
-»Das sind alle,« sagte Rex. »Alle Lehrer sind ein Schrecknis. Wir im
-Kultusministerium können ein Lied davon singen. Diese Abc-Pauker wissen
-alles, und seitdem Anno sechsundsechzig der unsinnige Satz in die Mode
-kam, ›der preußische Schulmeister habe die Österreicher geschlagen‹
--- ich meinerseits würde lieber dem Zündnadelgewehr oder dem alten
-Steinmetz, der alles, nur kein Schulmeister war, den Preis zuerkennen
---, seitdem ist es vollends mit diesen Leuten nicht mehr auszuhalten.
-Herr von Stechlin hat eben von einem der Humboldts gesprochen; nun, an
-Wilhelm von Humboldt trauen sie sich noch nicht recht heran, aber was
-Alexander von Humboldt konnte, das können sie nun schon lange.«
-
-»Da treffen Sie's, Herr von Rex,« sagte Dubslav. »Genau so ist meiner
-auch. Ich kann nur wiederholen, ein vorzüglicher Mann; aber er hat
-den Prioritätswahnsinn. Wenn Koch das Heilserum erfindet oder Edison
-Ihnen auf fünfzig Meilen eine Oper vorspielt, mit Getrampel und
-Händeklatschen dazwischen, so weist Ihnen mein Krippenstapel nach, daß
-er das vor dreißig Jahren auch schon mit sich rumgetragen habe.«
-
-»Ja, ja, so sind sie alle.«
-
-Ȇbrigens ... Aber darf ich Ihnen nicht noch von diesem gebackenen
-Schinken vorlegen? ... Übrigens mahnt mich Krippenstapel daran, daß die
-Feststellung eines Vormittagsprogramms wohl an der Zeit sein dürfte;
-Krippenstapel ist nämlich der geborene Cicerone dieser Gegenden, und
-durch Woldemar weiß ich bereits, daß Sie uns die Freude machen wollen,
-sich um Stechlin und Umgegend ein klein wenig zu kümmern, Dorf, Kirche,
-Wald, See -- um den See natürlich am meisten, denn der ist unsre ~pièce
-de résistance~. Das andere gibt es wo anders auch, aber der See ...
-Lorenzen erklärt ihn außerdem noch für einen richtigen Revolutionär,
-der gleich mitrumort, wenn irgendwo was los ist. Und es ist auch
-wirklich so. Mein Pastor aber sollte, beiläufig bemerkt, so was lieber
-nicht sagen. Das sind so Geistreichigkeiten, die leicht übel vermerkt
-werden. Ich persönlich lass' es laufen. Es gibt nichts, was mir so
-verhaßt wäre wie Polizeimaßregeln, oder einem Menschen, der gern ein
-freies Wort spricht, die Kehle zuzuschnüren. Ich rede selber gern, wie
-mir der Schnabel gewachsen ist.«
-
-»Und verplauderst dich dabei,« sagte Woldemar, »und vergißt zunächst
-unser Programm. Um spätestens zwei müssen wir fort; wir haben also nur
-noch vier Stunden. Und Globsow, ohne das es nicht gehen wird, ist weit
-und kostet uns wenigstens die Hälfte davon.«
-
-»Alles richtig. Also das Menü, meine Herren. Ich denke mir die
-Sache so. Erst (da gleich hinter dem Buxbaumgange) Besteigung des
-Aussichtsturms, -- noch eine Anlage von meinem Vater her, die sich,
-nach Ansicht der Leute hier, vordem um vieles schöner ausnahm als
-jetzt. Damals waren nämlich noch lauter bunte Scheiben da oben, und
-alles, was man sah, sah rot oder blau oder orangefarben aus. Und alle
-Welt hier war unglücklich, als ich diese bunten Gläser wegnehmen
-ließ. Ich empfand es aber wie ne Naturbeleidigung. Grün ist grün, und
-Wald ist Wald ... Also Nummer eins der Aussichtsturm; Nummer zwei
-Krippenstapel und die Schule; Nummer drei die Kirche samt Kirchhof.
-Pfarre schenken wir uns. Dann Wald und See. Und dann Globsow, wo sich
-eine Glasindustrie befindet. Und dann wieder zurück, und zum Abschluß
-ein zweites Frühstück, eine altmodische Bezeichnung, die mir aber
-trotzdem immer besser klingt als Lunch. ›Zweites Frühstück‹ hat etwas
-ausgesprochen Behagliches und gibt zu verstehen, daß man ein erstes
-schon hinter sich hat ... Woldemar, dies ist mein Programm, das ich
-dir, als einem Eingeweihten, hiermit unterbreite. Ja oder nein?«
-
-»Natürlich ja, Papa. Du triffst dergleichen immer am besten. Ich
-meinerseits mache aber nur die erste Hälfte mit. Wenn wir in der Kirche
-fertig sind, muß ich zu Lorenzen. Krippenstapel kann mich ja mehr als
-ersetzen, und in Globsow weiß er all und jedes. Er spricht, als ob er
-Glasbläser gewesen wäre.«
-
-»Darf dich nicht wundern. Dafür ist er Lehrer im allgemeinen und
-Krippenstapel im besonderen.«
-
- * * * * *
-
-So war denn also das Programm festgestellt, und nachdem Dubslav mit
-Engelkes Hilfe seinen noch ziemlich neuen weißen Filzhut, den er sehr
-schonte, mit einem wotanartigen schwarzen Filzhut vertauscht und einen
-schweren Eichenstock in die Hand genommen hatte, brach man auf, um
-zunächst auf den als erste Sehenswürdigkeit festgesetzten Aussichtsturm
-hinaufzusteigen. Der Weg dahin, keine hundert Schritte, führte durch
-einen sogenannten »Poetensteig«. »Ich weiß nicht,« sagte Dubslav,
-»warum meine Mutter diesen etwas anspruchsvollen Namen hier einführte.
-Soviel mir bekannt, hat sich hier niemals etwas betreffen lassen, was
-zu dieser Rangerhöhung einer ehemaligen Taxushecke hätte Veranlassung
-geben können. Und ist auch recht gut so.«
-
-»Warum gut, Papa?«
-
-»Nun, nimm es nicht übel,« lachte Dubslav. »Du sprichst ja, wie wenn du
-selber einer wärst. Im übrigen räum ich dir ein, daß ich kein rechtes
-Urteil über derlei Dinge habe. Bei den Kürassieren war keiner, und ich
-habe überhaupt nur einmal einen gesehen, mit einem kleinen Verdruß und
-einer Goldbrille, die er beständig abnahm und putzte. Natürlich bloß
-ein Männchen, klein und eitel. Aber sehr elegant.«
-
-»Elegant?« fragte Czako. »Dann stimmt es nicht; dann haben Sie so gut
-wie keinen gesehen.«
-
-Unter diesem Gespräche waren sie bis an den Turm gekommen, der in
-mehreren Etagen und zuletzt auf bloßen Leitern anstieg. Man mußte
-schwindelfrei sein, um gut hinaufzukommen. Oben aber war es wieder
-gefahrlos, weil eine feste Wandung das Podium umgab. Rex und Czako
-hielten Umschau. Nach Süden hin lag das Land frei, nach den drei andern
-Seiten hin aber war alles mit Waldmassen besetzt, zwischen denen
-gelegentlich die sich hier auf weite Meilen hinziehende Seenkette
-sichtbar wurde. Der nächste See war der Stechlin.
-
-»Wo ist nun die Stelle?« fragte Czako. »Natürlich die, wo's sprudelt
-und strudelt.«
-
-»Sehen Sie die kleine Buchtung da, mit der weißen Steinbank?«
-
-»Jawohl; ganz deutlich.«
-
-»Nun, von der Steinbank aus keine zwei Bootslängen in den See hinein,
-da haben Sie die Stelle, die, wenn's sein muß, mit Java telephoniert.«
-
-»Ich gäbe was drum,« sagte Czako, »wenn jetzt der Hahn zu krähen
-anfinge.«
-
-»Diese kleine Aufmerksamkeit muß ich Ihnen leider schuldig bleiben und
-hab überhaupt da nach rechts hin nichts anderes mehr für Sie als die
-roten Ziegeldächer, die sich zwischen dem Waldrand und dem See wie
-auf einem Bollwerk hinziehen. Das ist Kolonie Globsow. Da wohnen die
-Glasbläser. Und dahinter liegt die Glashütte. Sie ist noch unter dem
-alten Fritzen entstanden und heißt die ›grüne Glashütte‹«.
-
-»Die grüne? Das klingt ja beinah wie aus nem Märchen.«
-
-»Ist aber eher das Gegenteil davon. Sie heißt nämlich so, weil man da
-grünes Glas macht, allergewöhnlichstes Flaschenglas. An Rubinglas mit
-Goldrand dürfen Sie hier nicht denken. Das ist nichts für unsre Gegend.«
-
-Und damit kletterten sie wieder hinunter und traten, nach Passierung
-des Schloßvorhofs, auf den quadratischen Dorfplatz hinaus, an dessen
-einer Ecke die Schule gelegen war. Es mußte die Schule sein, das sah
-man an den offenstehenden Fenstern und den Malven davor, und als die
-Herren bis an den grünen Staketenzaun heran waren, hörten sie auch
-schon den prompten Schulgang da drinnen, erst die scharfe, kurze
-Frage des Lehrers und dann die sofortige Massenantwort. Im nächsten
-Augenblick, unter Vorantritt Dubslavs, betraten alle den Flur, und weil
-ein kleiner weißer Kläffer sofort furchtbar zu bellen anfing, erschien
-Krippenstapel, um zu sehen, was los sei.
-
-»Guten Morgen, Krippenstapel,« sagte Dubslav. »Ich bring Ihnen Besuch.«
-
-»Sehr schmeichelhaft, Herr Baron.«
-
-»Ja, das sagen Sie; wenn's nur wahr ist. Aber unter allen Umständen
-lassen Sie den Baron aus dem Spiel ... Sehen Sie, meine Herren, mein
-Freund Krippenstapel is ein ganz eignes Haus. Alltags nennt er mich
-›Herr von Stechlin‹ (den Major unterschlägt er), und wenn er ärgerlich
-ist, nennt er mich ›gnädger Herr‹. Aber sowie ich mit Fremden komme,
-betitelt er mich ›Herr Baron‹. Er will was für mich tun.«
-
-Krippenstapel, still vor sich hinschmunzelnd, hatte mittlerweile die
-Tür zu der seiner Schulklasse gegenüber gelegenen Wohnstube geöffnet
-und bat die Herren, eintreten zu wollen. Sie nahmen auch jeder einen
-Stuhl in die Hand, aber stützten sich nur auf die Lehne, während das
-Gespräch zwischen Dubslav und dem Lehrer seinen Fortgang nahm. »Sagen
-Sie, Krippenstapel, wird es denn überhaupt gehen? Sie sollen uns
-natürlich alles zeigen, und die Schule ist noch nicht aus.«
-
-»O, gewiß geht es, Herr von Stechlin.«
-
-»Ja, hören Sie, wenn der Hirt fehlt, rebelliert die Herde ...«
-
-»Nicht zu befürchten, Herr von Stechlin. Da war mal ein Burgemeister,
-achtundvierziger Zeit, Namen will ich lieber nicht nennen, der sagte:
-›Wenn ich meinen Stiefel ans Fenster stelle, regier ich die ganze
-Stadt.‹ Das war mein Mann.«
-
-»Richtig; den hab ich auch noch gekannt. Ja, der verstand es. Überhaupt
-immer in der Furcht des Herrn. Dann geht alles am besten. Der
-Hauptregente bleibt doch der Krückstock.«
-
-»Der Krückstock,« bestätigte Krippenstapel. »Und dann freilich die
-Belohnungen.«
-
-»Belohnungen?« lachte Dubslav. »Aber Krippenstapel, wo nehmen Sie denn
-die her?«
-
-»O, die hat's schon, Herr von Stechlin. Aber immer mit
-Verschiedenheiten. Ist es was Kleines, so kriegt der Junge bloß nen
-Katzenkopp weniger, ist es aber was Großes, dann kriegt er ne Wabe.«
-
-»Ne Wabe? Richtig. Davon haben wir schon heute früh beim Frühstück
-gesprochen, als Ihr Honig auf den Tisch kam. Ich habe den Herren dabei
-gesagt, Sie wären der beste Imker in der ganzen Grafschaft.«
-
-»Zuviel Ehre, Herr von Stechlin. Aber das darf ich sagen, ich versteh
-es. Und wenn die Herren mir folgen wollen, um das Volk bei der Arbeit
-zu sehen -- es ist jetzt gerade beste Zeit.«
-
-Alle waren einverstanden, und so gingen sie denn durch den Flur bis
-in Hof und Garten hinaus und nahmen hier Stellung vor einem offenen
-Etageschuppen, drin die Stöcke standen, nicht altmodische Bienenkörbe,
-sondern richtige Bienenhäuser, nach der Dzierzonschen Methode, wo
-man alles herausnehmen und jeden Augenblick in das Innere bequem
-hineingucken kann. Krippenstapel zeigte denn auch alles, und Rex und
-Czako waren ganz aufrichtig interessiert.
-
-»Nun aber, Herr Lehrer Krippenstapel,« sagte Czako, »nun bitte, geben
-Sie uns auch einen Kommentar. Wie is das eigentlich mit den Bienen? Es
-soll ja was ganz Besondres damit sein.«
-
-»Ist es auch, Herr Hauptmann. Das Bienenleben ist eigentlich feiner und
-vornehmer als das Menschenleben.«
-
-»Feiner, das kann ich mir schon denken; aber auch vornehmer? Was
-Vornehmeres als den Menschen gibt es nicht. Indessen, wie's damit auch
-sei, ›ja‹ oder ›nein‹, Sie machen einen nur immer neugieriger. Ich
-habe mal gehört, die Bienen sollen sich auf das Staatliche so gut
-verstehen; beinah vorbildlich.«
-
-»So ist es auch, Herr Hauptmann. Und eines ist ja da, worüber sich
-als Thema vielleicht reden läßt. Da sind nämlich in jedem Stock drei
-Gruppen oder Klassen. In Klasse eins haben wir die Königin, in Klasse
-zwei haben wir die Arbeitsbienen (die, was für alles Arbeitsvolk wohl
-eigentlich immer das beste ist, geschlechtslos sind), und in Klasse
-drei haben wir die Drohnen; die sind männlich, worin zugleich ihr
-eigentlicher Beruf besteht. Denn im übrigen tun sie gar nichts.«
-
-»Interessanter Staat. Gefällt mir. Aber immer noch nicht vorbildlich
-genug.«
-
-»Und nun bedenken Sie, Herr Hauptmann. Winterlang haben sie so
-dagesessen und gearbeitet oder auch geschlafen. Und nun kommt der
-Frühling, und das erwachende neue Leben ergreift auch die Bienen, am
-mächtigsten aber die Klasse eins, die Königin. Und sie beschließt nun,
-mit ihrem ganzen Volk einen Frühlingsausflug zu machen, der sich für
-sie persönlich sogar zu einer Art Hochzeitsreise gestaltet. So muß ich
-es nennen. Unter den vielen Drohnen nämlich, die ihr auf der Ferse
-sind, wählt sie sich einen Begleiter, man könnte sagen einen Tänzer,
-der denn auch berufen ist, alsbald in eine noch intimere Stellung zu
-ihr einzurücken. Etwa nach einer Stunde kehrt die Königin und ihr
-Hochzeitszug in die beengenden Schranken ihres Staates zurück. Ihr
-Dasein hat sich inzwischen erfüllt. Ein ganzes Geschlecht von Bienen
-wird geboren, aber weitere Beziehungen zu dem bewußten Tänzer sind ein
-für allemal ausgeschlossen. Es ist das gerade das, was ich vorhin als
-fein und vornehm bezeichnet habe. Bienenköniginnen lieben nur einmal.
-Die Bienenkönigin liebt und stirbt.«
-
-»Und was wird aus der bevorzugten Drohne, aus dem Prinzessinnen-Tänzer,
-dem Prince-Consort, wenn dieser Titel ausreicht?«
-
-»Dieser Tänzer wird ermordet.«
-
-»Nein, Herr Lehrer Krippenstapel, das geht nicht. Unter dieser letzten
-Mitteilung bricht meine Begeisterung wieder zusammen. Das ist ja
-schlimmer als der Heinesche Asra. Der stirbt doch bloß. Aber hier haben
-wir Ermordung. Sagen Sie, Rex, wie stehen Sie dazu?«
-
-»Das monogamische Prinzip, woran doch schließlich unsre ganze Kultur
-hängt, kann nicht strenger und überzeugender demonstriert werden. Ich
-finde es großartig.«
-
-Czako hätte gern geantwortet; aber er kam nicht dazu, weil in diesem
-Augenblicke Dubslav darauf aufmerksam machte, daß man noch viel
-vor sich habe. Zunächst die Kirche. »Seine Hochwürden, der wohl
-eigentlich dabei sein müßte, wird es nicht übelnehmen, wenn wir auf ihn
-verzichten. Aber Sie, Krippenstapel, können Sie?«
-
-Krippenstapel wiederholte, daß er Zeit vollauf habe. Zudem schlug die
-Schuluhr, und gleich beim ersten Schlage hörte man, wie's drinnen in
-der Klasse lebendig wurde und die Jungens in ihren Holzpantinen über
-den Flur weg auf die Straße stürzten. Draußen aber stellten sie sich
-militärisch auf, weil sie mittlerweile gehört hatten, daß der gnädige
-Herr gekommen sei.
-
-»Morgen, Jungens,« sagte Dubslav, an einen kleinen Schwarzhaarigen
-herantretend. »Bist von Globsow?«
-
-»Nein, gnädger Herr, von Dagow.«
-
-»Na, lernst auch gut?«
-
-Der Junge griente.
-
-»Wann war denn Fehrbellin?«
-
-»Achtzehnter Juni.«
-
-»Und Leipzig?«
-
-»Achtzehnter Oktober. Immer achtzehnter bei uns.«
-
-»Das ist recht, Junge ... Da.«
-
-Und dabei griff er in seinen Rock und suchte nach einem Nickel. »Sehen
-Sie, Hauptmann, Sie sind ein bißchen ein Spötter, soviel hab ich schon
-gemerkt; aber so muß es gemacht werden. Der Junge weiß von Fehrbellin
-und von Leipzig und hat ein kluges Gesicht und steht Red und Antwort.
-Und rote Backen hat er auch. Sieht er aus, als ob er einen Kummer hätte
-oder einen Gram ums Vaterland? Unsinn. Ordnung und immer feste. Na, so
-lange ich hier sitze, so lange hält es noch. Aber freilich, es kommen
-andre Tage.«
-
-Woldemar lächelte.
-
-»Na,« fuhr der Alte fort, »will mich trösten. Als der alte Fritz zu
-sterben kam, dacht er auch, nu ginge die Welt unter. Und sie steht
-immer noch, und wir Deutsche sind wieder obenauf, ein bißchen zu sehr.
-Aber immer besser als zu wenig.«
-
-Inzwischen hatte sich Krippenstapel in seiner Stube proper gemacht:
-schwarzer Rock mit dem Inhaberband des Adlers von Hohenzollern, den
-ihm sein gütiger Gutsherr verschafft hatte. Statt des Hutes, den er in
-der Eile nicht hatte finden können, trug er eine Mütze von sonderbarer
-Form. In der Rechten aber hielt er einen ausgehöhlten Kirchenschlüssel,
-der wie ne rostige Pistole aussah.
-
-Der Weg bis zur Kirche war ganz nah. Und nun standen sie dem Portal
-gegenüber.
-
-Rex, zu dessen Ressort auch Kirchenbauliches gehörte, setzte sein
-Pincenez auf und musterte. »Sehr interessant. Ich setze das Portal
-in die Zeit von Bischof Luger. Prämonstratenserbau. Wenn mich nicht
-alles täuscht, Anlehnung an die Brandenburger Krypte. Also sagen wir
-zwölfhundert. Wenn ich fragen darf, Herr von Stechlin, existieren
-Urkunden? Und war vielleicht Herr von Quast schon hier oder Geheimrat
-Adler, unser bester Kenner?«
-
-Dubslav geriet in eine kleine Verlegenheit, weil er sich einer solchen
-Gründlichkeit nicht gewärtigt hatte. »Herr von Quast war einmal hier,
-aber in Wahlangelegenheiten. Und mit den Urkunden ist es gründlich
-vorbei, seit Wrangel hier alles niederbrannte. Wenn ich von Wrangel
-spreche, mein ich natürlich nicht unsern ›Vater Wrangel‹, der übrigens
-auch keinen Spaß verstand, sondern den Schillerschen Wrangel ... Und
-außerdem, Herr von Rex, ist es so schwer für einen Laien. Aber Sie,
-Krippenstapel, was meinen Sie?«
-
-Rex, über den plötzlich etwas von Dienstlichkeit gekommen war,
-zuckte zusammen. Er hatte sich an Herrn von Stechlin gewandt, wenn
-nicht als an einen Wissenden, so doch als an einen Ebenbürtigen,
-und daß jetzt Krippenstapel aufgefordert wurde, das entscheidende
-Wort in dieser Angelegenheit zu sprechen, wollte ihm nicht recht
-passend erscheinen. Überhaupt, was wollte diese Figur, die doch schon
-stark die Karikatur streifte. Schon der Bericht über die Bienen und
-namentlich was er über die Haltung der Königin und den Prince-Consort
-gesagt hatte, hatte so merkwürdig anzüglich geklungen, und nun wurde
-dies Schulmeister-Original auch noch aufgefordert, über bauliche
-Fragen und aus welchem Jahrhundert die Kirche stamme, sein Urteil
-abzugeben. Er hatte wohlweislich nach Quast und Adler gefragt, und
-nun kam Krippenstapel! Wenn man durchaus wollte, konnte man das alles
-patriarchalisch finden; aber es mißfiel ihm doch. Und leider war
-Krippenstapel -- der zu seinen sonstigen Sonderbarkeiten auch noch
-den ganzen Trotz des Autodidakten gesellte -- keineswegs angetan, die
-kleinen Unebenheiten, in die das Gespräch hineingeraten war, wieder
-glatt zu machen. Er nahm vielmehr die Frage: ›Krippenstapel, was meinen
-Sie,‹ ganz ernsthaft auf und sagte:
-
-»Wollen verzeihen, Herr von Rex, wenn ich unter Anlehnung an eine
-neuerdings erschienene Broschüre des Oberlehrers Tucheband in Templin
-zu widersprechen wage. Dieser Grafschaftswinkel hier ist von mehr
-mecklenburgischem und uckermärkischem als brandenburgischem Charakter,
-und wenn wir für unsre Stechliner Kirche nach Vorbildern forschen
-wollen, so werden wir sie wahrscheinlich in Kloster Himmelpfort oder
-Gransee zu suchen haben, aber nicht in Dom Brandenburg. Ich möchte
-hinzusetzen dürfen, daß Oberlehrer Tuchebands Aufstellungen, soviel ich
-weiß, unwidersprochen geblieben sind.«
-
-Czako, der diesem aufflackernden Kampfe zwischen einem
-Ministerialassessor und einem Dorfschulmeister mit größtem Vergnügen
-folgte, hätte gern noch weitere Scheite herzugetragen; Woldemar aber
-empfand, daß es höchste Zeit sei, zu intervenieren, und bemerkte:
-nichts sei schwerer, als auf diesem Gebiete Bestimmungen zu treffen --
-ein Satz, den übrigens sowohl Rex wie Krippenstapel ablehnen zu wollen
-schienen --, und daß er vorschlagen möchte, lieber in die Kirche selbst
-einzutreten, als hier draußen über die Säulen und Kapitelle weiter zu
-debattieren.
-
-Man fand sich in diesen Vorschlag; Krippenstapel öffnete die Kirche mit
-seinem Riesenschlüssel, und alle traten ein.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-
-Gleich nach zwölf -- Woldemar hatte sich, wie geplant, schon lange
-vorher, um bei Lorenzen vorzusprechen, von den andern Herrn getrennt
--- waren Dubslav, Rex und Czako von dem Globsower Ausfluge zurück,
-und Rex, feiner Mann, der er war, war bei Passierung des Vorhofs
-verbindlich an die mit Zinn ausgelegte blanke Glaskugel herangetreten,
-um ihr, als einem mutmaßlichen Produkte der eben besichtigten »grünen
-Glashütte,« seine Ministerialaufmerksamkeit zu schenken. Er ging dabei
-so weit, von »Industriestaat« zu sprechen. Czako, der gemeinschaftlich
-mit Rex in die Glaskugel hineinguckte, war mit allem einverstanden, nur
-nicht mit seinem Spiegelbilde. »Wenn man nur bloß etwas besser aussähe
-...« Rex versuchte zu widersprechen, aber Czako gab nicht nach und
-versicherte: »Ja, Rex, Sie sind ein schöner Mann, Sie haben eben mehr
-zuzusetzen. Und da bleibt denn immer noch was übrig.«
-
-Oben auf der Rampe stand Engelke.
-
-»Nun, Engelke, wie steht's? Woldemar und der Pastor schon da?«
-
-»Nein, gnädger Herr. Aber ich kann ja die Christel schicken.«
-
-»Nein, nein, schicke nicht. Das stört bloß. Aber warten wollen wir auch
-nicht. Es war doch weiter nach Globsow, als ich dachte; das heißt,
-eigentlich war es nicht weiter, bloß die Beine wollen nicht mehr recht.
-Und hat solche Anstrengung bloß das eine Gute, daß man hungrig und
-durstig wird. Aber da kommen ja die Herren.«
-
-Und er grüßte von der Rampe her nach der Bohlenbrücke hinüber, über
-die Woldemar und Lorenzen eben in den Schloßhof eintraten. Rex ging
-ihnen entgegen. Dubslav dagegen nahm Czakos Arm und sagte: »Nun kommen
-Sie, Hauptmann, wir wollen derweilen ein bißchen recherchieren und uns
-einen guten Platz aussuchen. Mit der ewigen Veranda, das is nichts;
-unter der Marquise steht die Luft wie ne Mauer, und ich muß frische
-Luft haben. Vielleicht erstes Zeichen von Hydropsie. Kann eigentlich
-Fremdwörter nicht leiden. Aber mitunter sind sie doch ein Segen. Wenn
-ich so zwischen Hydropsie und Wassersucht die Wahl habe, bin ich immer
-für Hydropsie. Wassersucht hat so was kolossal Anschauliches.«
-
-Unter diesen Worten waren sie bis in den Garten gekommen, an eine
-Stelle, wo viel Buchsbaum stand, dem Poetensteige gerad gegenüber.
-»Sehen Sie hier, Hauptmann, das wäre so was. Niedrige Buchsbaumwand.
-Da haben wir Luft und doch keinen Zug. Denn vor Zug muß ich mich auch
-hüten wegen Rheumatismus, oder vielleicht ist es auch Gicht. Und dabei
-hören wir das Plätschern von meiner Sanssouci-Fontäne. Was meinen Sie?«
-
-»Kapital, Herr Major.«
-
-»Ach, lassen Sie den Major. Major klingt immer so dienstlich ... Also
-hier, Engelke, hier decke den Tisch und stell auch ein paar Fuchsien
-oder was gerade blüht in die Mitte. Nur nicht Astern. Astern sind
-ganz gut, aber doch sozusagen unterm Stand und sehen immer aus wie'n
-Bauerngarten. Und dann mache dich in den Keller und hol uns was
-Ordentliches herauf. Du weißt ja, was ich zum Frühstück am liebsten
-habe. Vielleicht hat Hauptmann Czako denselben Geschmack.«
-
-»Ich weiß noch nicht, um was es sich handelt, Herr von Stechlin; aber
-ich möchte mich für Übereinstimmung schon jetzt verbürgen.«
-
-Inzwischen waren auch Woldemar, Rex und der Pastor vom Gartensalon her
-auf die Veranda hinausgetreten, und Dubslav ging ihnen entgegen. »Guten
-Tag, Pastor. Nun, das ist recht. Ich dachte schon, Woldemar würde von
-Ihnen annektiert werden.«
-
-»Aber, Herr von Stechlin ... Ihre Gäste ... Und Woldemars Freunde.«
-
-»Betonen Sie das nicht so, Lorenzen. Es gibt Umgangsformen und
-Artigkeitsgesetze. Gewiß. Aber das alles reicht nicht weit. Was der
-Mensch am ehesten durchbricht, das sind gerade solche Formen. Und
-wer sie nicht durchbricht, der kann einem auch leid tun. Wie geht es
-denn in der Ehe? Haben Sie schon einen Mann gesehen, der die Formen
-wahrt, wenn seine Frau ihn ärgert? Ich nicht. Leidenschaft ist immer
-siegreich.«
-
-»Ja, Leidenschaft. Aber Woldemar und ich ...«
-
-»Sind auch in Leidenschaft. Sie haben die Freundschaftsleidenschaft,
-Orest und Pylades -- so was hat es immer gegeben. Und dann,
-was noch viel mehr sagen will, Sie haben nebenher die
-Konspirationsleidenschaft ...«
-
-»Aber, Herr von Stechlin.«
-
-»Nein, nicht die Konspirationsleidenschaft, ich nehm es zurück; aber
-Sie haben dafür was anderes, nämlich die Weltverbesserungsleidenschaft.
-Und das ist eine der größten, die es gibt. Und wenn solche zwei
-Weltverbesserer zusammen sind, da können Rex und Czako warten, und da
-kann selbst ein warmes Frühstück warten. Sagt man noch ~Déjeuner à la
-fourchette~?«
-
-»Kaum, Papa. Wie du weißt, es ist jetzt alles englisch.«
-
-»Natürlich. Die Franzosen sind abgesetzt. Und ist auch recht gut so,
-wiewohl unsre Vettern drüben erst recht nichts taugen. Selbst ist der
-Mann. Aber ich glaube, das Frühstück wartet.«
-
-Wirklich, es war so. Während die Herren zu zwei und zwei an der
-Buchsbaumwandung auf und ab schritten, hatte Engelke den Tisch
-arrangiert, an den jetzt Wirt und Gäste herantraten.
-
-Es war eine längliche Tafel, deren dem Rundell zugekehrte Längsseite
-man frei gelassen hatte, was allen einen Überblick über das hübsche
-Gartenbild gestattete. Dubslav, das Arrangement musternd, nickte
-Engelke zu, zum Zeichen, daß er's getroffen habe. Dann aber nahm er
-die Mittelschüssel und sagte, während er sie Rex reichte: »~Toujours
-perdrix.~ Das heißt, es sind eigentlich Krammetsvögel, wie schon
-gestern abend. Aber wer weiß, wie Krammetsvögel auf französisch heißen?
-Ich wenigstens weiß es nicht. Und ich glaube, nicht einmal Tucheband
-wird uns helfen können.«
-
-Ein allgemeines verlegenes Schweigen bestätigte Dubslavs Vermutung über
-französische Vokabelkenntnis.
-
-»Wir kamen übrigens,« fuhr dieser fort, »dicht vor Globsow durch einen
-Dohnenstrich, überall hingen noch viele Krammetsvögel in den Schleifen,
-was mir auffiel und was ich doch, wie so vieles Gute, meinem alten
-Krippenstapel zuschreiben muß. Es wäre doch ne Kleinigkeit für die
-Jungens, den Dohnenstrich auszuplündern. Aber so was kommt nicht vor.
-Was meinen Sie, Lorenzen?«
-
-»Ich freue mich, daß es ist, wie es ist, und daß die Dohnenstriche
-nicht ausgeplündert werden. Aber ich glaube, Herr von Stechlin, Sie
-dürfen es Krippenstapel nicht anrechnen.«
-
-Dubslav lachte herzlich. »Da haben wir wieder die alte Geschichte.
-Jeder Schulmeister schulmeistert an seinem Pastor herum, und jeder
-Pastor pastort über seinen Schulmeister. Ewige Rivalität. Der
-natürliche Zug ist doch, daß die Jungens nehmen, was sie kriegen
-können. Der Mensch stiehlt wie'n Rabe. Und wenn er's mit einmal
-unterläßt, so muß das doch nen Grund haben.«
-
-»Den hat es auch, Herr von Stechlin. Bloß einen andern. Was sollen sie
-mit nem Krammetsvogel machen? Für uns ist es eine Delikatesse, für
-einen armen Menschen ist es gar nichts, knapp soviel wie'n Sperling.«
-
-»Ach, Lorenzen, ich sehe schon, Sie liegen da wieder mit dem
-›Patrimonium der Enterbten‹ im Anschlag; Sperling, das klingt ganz so.
-Aber soviel ist doch richtig, daß Krippenstapel die Jungens brillant
-in Ordnung hält; wie ging das heute Schlag auf Schlag, als ich den
-kurzgeschorenen Schwarzkopp ins Examen nahm, und wie stramm waren die
-Jungens und wie manierlich, als wir sie nach ner Stunde in Globsow
-wiedersahen. Wie sie da so fidel spielten und doch voll Respekt in
-allem. ›Frei, aber nicht frech‹, das ist so mein Satz.«
-
-Woldemar und Lorenzen, die nicht mit dabei gewesen waren, waren
-neugierig, auf welchen Vorgang sich all dies Lob des Alten bezöge.
-
-»Was hat denn,« fragte Woldemar, »die Globsower Jungens mit einemmal zu
-so guter Reputation gebracht?«
-
-»O, es war wirklich scharmant,« sagte Czako, »wir steckten noch
-unter den Waldbäumen, als wir auch schon Stimmen wie Kommandorufe
-hörten, und kaum daß wir auf einen freien, von Kastanien umstellten
-Platz hinausgetreten waren (eigentlich war es wohl schon ein großer
-Fabrikhof), so sahen wir uns wie mitten in einer Bataille.«
-
-Rex nickte zustimmend, während Czako fortfuhr: »Auf unserer Seite stand
-die bis dahin augenscheinlich siegreiche Partei, deren weiterer Angriff
-aber wegen der guten gegnerischen Deckung mit einem Male stoppte. Kaum
-zu verwundern. Denn eben diese Deckung bestand aus wohl tausend, ein
-großes Karree bildenden Glasballons, hinter die sich die geschlagene
-Truppe wie hinter eine Barrikade zurückgezogen hatte. Da standen
-sie nun und nahmen ein mit den massenhaft umherliegenden Kastanien
-geführtes Feuergefecht auf. Die meisten ihrer Schüsse gingen zu kurz
-und fielen klappernd wie Hagel auf die Ballons nieder. Ich hätte
-dem Spiel, ich weiß nicht wie lange, zusehn können. Als man unserer
-aber ansichtig wurde, stob alles unter Hurra und Mützenschwenken
-auseinander. Überall sind Photographen. Nur wo sie hingehören, da
-fehlen sie. Genau so wie bei der Polizei.«
-
-Dubslav hatte schmunzelnd der Schilderung zugehört.
-
-»Hören Sie, Hauptmann, Sie verstehen es aber; Sie können mit nem
-Dukaten den Großen Kurfürsten vergolden.«
-
-»Ja,« sagte Rex, seinen Partner plötzlich im Stiche lassend, »das tut
-unser Freund Czako nicht anders; dreiviertel ist immer Dichtung.«
-
-»Ich gebe mich auch nicht für einen Historiker aus und am wenigsten für
-einen korrekten Aktenmenschen.«
-
-»Und dabei, lieber Czako,« nahm jetzt Dubslav das Wort, »dabei bleiben
-Sie nur. Auf Ihr Spezielles! In so wichtiger Sache müssen Sie mir aber
-in meiner Lieblingssorte Bescheid tun, nicht in Rotwein, den mein
-berühmter Miteinsiedler das ›natürliche Getränk des norddeutschen
-Menschen‹ genannt hatte. Einer seiner mannigfachen Irrtümer; vielleicht
-der größte. Das natürliche Getränk des norddeutschen Menschen ist am
-Rhein und Main zu finden. Und am vorzüglichsten da, wo sich, wenn ich
-den Ausdruck gebrauchen darf, beide vermählen. Ungefähr von dieser
-Vermählungsstelle kommt auch der hier.« Und dabei wies er auf eine vor
-ihm stehende Bocksbeutelflasche. »Sehen Sie, meine Herren, verhaßt sind
-mir alle langen Hälse; das hier aber, das nenn ich eine gefällige Form.
-Heißt es nicht irgendwo: ›Laßt mich dicke Leute sehn,‹ oder so ähnlich.
-Da stimm ich zu; dicke Flaschen, die sind mein Fall.« Und dabei stieß
-er wiederholt mit Czako an. »Noch einmal, auf Ihr Wohl. Und auf Ihres,
-Herr von Rex. Und dann auf das Wohl meiner Globsower, oder wenigstens
-meiner Globsower Jungens, die sich nicht bloß um Fehrbellin kümmern und
-um Leipzig, sondern, wie wir gesehen haben, auch selber ihre Schlachten
-schlagen. Ich ärgere mich nur immer, wenn ich diese riesigen Ballons
-da zwischen meinen Globsowern sehe. Und hinter dem ersten Fabrikhof
-(ich wollte Sie nur nicht weiter damit behelligen), da ist noch ein
-zweiter Hof, der sieht noch schlimmer aus. Da stehen nämlich wahre
-Glasungeheuer, auch Ballons, aber mit langem Hals dran, und die heißen
-dann Retorten.«
-
-»Aber Papa,« sagte Woldemar, »daß du dich über die paar Retorten und
-Ballons nie beruhigen kannst. So lang ich nur denken kann, eiferst du
-dagegen. Es ist doch ein wahres Glück, daß so viel davon in die Welt
-geht und den armen Fabrikleuten einen guten Lohn sichert. So was wie
-Streik kommt hier ja gar nicht vor, und in diesem Punkt ist unsre
-Stechliner Gegend doch wirklich noch wie ein Paradies.«
-
-Lorenzen lachte.
-
-»Ja, Lorenzen, Sie lachen,« warf Dubslav hier ein. »Aber bei Lichte
-besehen hat Woldemar doch recht, was (und Sie wissen auch warum)
-eigentlich nicht oft vorkommt. Es ist genau so, wie er sagt. Natürlich
-bleibt uns Eva und die Schlange; das ist uralte Erbschaft. Aber so
-viel noch von guter alter Zeit in dieser Welt zu finden ist, so viel
-findet sich hier, hier in unsrer lieben alten Grafschaft. Und in dies
-Bild richtiger Gliederung, oder meinetwegen auch richtiger Unterordnung
-(denn ich erschrecke vor solchem Worte nicht), in dieses Bild des
-Friedens paßt mir diese ganze Globsower Retortenbläserei nicht hinein.
-Und wenn ich nicht fürchten müßte, für einen Querkopf gehalten zu
-werden, so hätt ich bei hoher Behörde schon lange meine Vorschläge
-wegen dieser Retorten und Ballons eingereicht. Und natürlich +gegen+
-beide. Warum müssen es immer Ballons sein? Und wenn schon, na, dann
-lieber solche wie diese. Die lass' ich mir gefallen.« Und dabei hob er
-die Bocksbeutelflasche.
-
-»Wie diese,« bestätigte Czako.
-
-»Ja, Czako, Sie sind ganz der Mann, meinen Papa in seiner Idiosynkrasie
-zu bestärken.«
-
-»Idiosynkrasie,« wiederholte der Alte. »Wenn ich so was höre. Ja,
-Woldemar, da glaubst du nun wieder wunder was Feines gesagt zu haben.
-Aber es ist doch bloß ein Wort. Und was bloß ein Wort ist, ist nie was
-Feines, auch wenn es so aussieht. Dunkle Gefühle, die sind fein. Und so
-gewiß die Vorstellung, die ich mit dieser lieben Flasche hier verbinde,
-für mich persönlich was Celestes hat ... kann man Celestes sagen? ...«
-Lorenzen nickte zustimmend, »so gewiß hat die Vorstellung, die sich
-für mich an diese Globsower Riesenbocksbeutelflaschen knüpft, etwas
-Infernalisches.«
-
-»Aber Papa.«
-
-»Still, unterbrich mich nicht, Woldemar. Denn ich komme jetzt eben an
-eine Berechnung, und bei Berechnungen darf man nicht gestört werden.
-Über hundert Jahre besteht nun schon diese Glashütte, und wenn ich nun
-so das jedesmalige Jahresprodukt mit hundert multipliziere, so rechne
-ich mir alles in allem wenigstens eine Million heraus. Die schicken sie
-zunächst in andre Fabriken, und da destillieren sie flott drauflos,
-und zwar allerhand schreckliches Zeug in diese grünen Ballons hinein:
-Salzsäure, Schwefelsäure, rauchende Salpetersäure. Das ist die
-schlimmste, die hat immer einen rotgelben Rauch, der einem gleich die
-Lunge anfrißt. Aber wenn einen der Rauch auch zufrieden läßt, jeder
-Tropfen brennt ein Loch, in Leinwand oder in Tuch, oder in Leder,
-überhaupt in alles; alles wird angebrannt und angeätzt. Das ist das
-Zeichen unsrer Zeit jetzt, ›angebrannt und angeätzt‹. Und wenn ich dann
-bedenke, daß meine Globsower da mittun und ganz gemütlich die Werkzeuge
-liefern für die große Generalweltanbrennung, ja, hören Sie, meine
-Herren, das gibt mir einen Stich. Und ich muß Ihnen sagen, ich wollte,
-jeder kriegte lieber einen halben Morgen Land von Staats wegen und
-kaufte sich zu Ostern ein Ferkelchen, und zu Martini schlachteten sie
-ein Schwein und hätten den Winter über zwei Speckseiten, jeden Sonntag
-eine ordentliche Scheibe, und alltags Kartoffeln und Grieben.«
-
-»Aber Herr von Stechlin,« lachte Lorenzen, »das ist ja die reine
-Neulandtheorie. Das wollen ja die Sozialdemokraten auch.«
-
-»Ach was, Lorenzen, mit Ihnen ist nicht zu reden ... Übrigens Prosit
-... wenn Sie's auch eigentlich nicht verdienen.«
-
- * * * * *
-
-Das Frühstück zog sich lange hin, und das dabei geführte Gespräch nahm
-noch ein paarmal einen Anlauf ins Politische hinein; Lorenzen aber, der
-kleine Schraubereien gern vermeiden wollte, wich jedesmal geschickt aus
-und kam lieber auf die Stechliner Kirche zu sprechen. Er war aber auch
-hier vorsichtig und beschränkte sich, unter Anlehnung an Tucheband, auf
-Architektonisches und Historisches, bis Dubslav, ziemlich abrupt, ihn
-fragte: »Wissen Sie denn, Lorenzen, auf unserm Kirchenboden Bescheid?
-Krippenstapel hat mich erst heute wissen lassen, daß wir da zwei
-vergoldete Bischöfe mit Krummstab haben. Oder vielleicht sind es auch
-bloß Äbte.« Lorenzen wußte nichts davon, weshalb ihm Dubslav gutmütig
-mit dem Finger drohte.
-
-So ging das Gespräch. Aber kurz vor zwei mußte dem allen ein Ende
-gemacht werden. Engelke kam und meldete, daß die Pferde da und die
-Mantelsäcke bereits aufgeschnallt seien. Dubslav ergriff sein Glas, um
-auf ein frohes Wiedersehn anzustoßen. Dann erhob man sich.
-
-Rex, bei Passierung der Rampe, trat noch einmal an die kranke Aloe
-heran und versicherte, daß solche Blüte doch etwas eigentümlich
-Geheimnisvolles habe. Dubslav hütete sich, zu widersprechen, und freute
-sich, daß der Besuch mit etwas für ihn so Erheiterndem abschloß.
-
- * * * * *
-
-Gleich danach ritt man ab. Als sie bei der Glaskugel vorbeikamen,
-wandten sich alle drei noch einmal zurück, und jeder lüpfte seine
-Mütze. Dann ging es, zwischen den Findlingen hin, auf die Dorfstraße
-hinaus, auf der eben eine ziemlich ramponiert aussehende Halbchaise,
-das lederne Verdeck zurückgeschlagen, an ihnen vorüberfuhr; die Sitze
-leer, alles an dem Fuhrwerk ließ Ordnung und Sauberkeit vermissen;
-das eine Pferd war leidlich gut, das andre schlecht, und zu dem neuen
-Livreerock des Kutschers wollte der alte Hut, der wie ein fuchsiges
-Torfstück aussah, nicht recht passen.
-
-»Das war ja Gundermanns Wagen.«
-
-»So, so,« sagte Czako. »Auf den hätt ich beinah geraten.«
-
-»Ja, dieser Gundermann,« lachte Woldemar. »Mein Vater wollt Ihnen
-gestern gern etwas Grafschaftliches vorsetzen, aber er vergriff sich.
-Gundermann auf Siebenmühlen ist so ziemlich unsere schlechteste Nummer.
-Ich sehe, er hat Ihnen nicht recht gefallen.«
-
-»Gott, gefallen, Stechlin, -- was heißt gefallen? Eigentlich
-gefällt mir jeder oder auch keiner. Eine Dame hat mir mal gesagt,
-die langweiligen Leute wären schließlich gerade so gut wie die
-interessanten, und es hat was für sich. Aber dieser Gundermann! Zu
-welchem Zwecke läßt er denn eigentlich seinen leeren Wagen in der Welt
-herumkutschieren?«
-
-»Ich bin dessen auch nicht sicher. Wahrscheinlich in
-Wahlangelegenheiten. Er persönlich wird irgendwo hängen geblieben sein,
-um Stimmen einzufangen. Unser alter braver Kortschädel nämlich, der
-allgemein beliebt war, ist diesen Sommer gestorben, und da will nun
-Gundermann, der sich auf den Konservativen hin ausspielt, aber keiner
-ist, im trüben fischen. Er intrigiert. Ich habe das in einem Gespräch,
-das ich mit ihm hatte, ziemlich deutlich herausgehört, und Lorenzen hat
-es mir bestätigt.«
-
-»Ich kann mir denken,« sagte Rex, »daß gerade Lorenzen gegen ihn ist.
-Aber dieser Gundermann, für den ich weiter nichts übrig habe, hat doch
-wenigstens die richtigen Prinzipien.«
-
-»Ach, Rex, ich bitte Sie,« sagte Czako, »richtige Prinzipien!
-Geschmacklosigkeiten hat er und öde Redensarten. Dreimal hab
-ich ihn sagen hören: ›Das wäre wieder Wasser auf die Mühlen der
-Sozialdemokratie.‹ So was sagt kein anständiger Mensch mehr, und
-jedenfalls setzt er nicht hinzu: ›daß er das Wasser abstellen wolle‹.
-Das ist ja eine schreckliche Wendung.«
-
-Unter diesen Worten waren sie bis an den hochüberwölbten Teil der
-Kastanienallee gekommen.
-
-Engelke, der gleich frühmorgens ein allerschönstes Wetter in Aussicht
-gestellt hatte, hatte recht behalten; es war ein richtiger Oktobertag,
-klar und frisch und milde zugleich. Die Sonne fiel hie und da durch das
-noch ziemlich dichte Laub, und die Reiter freuten sich des Spielens der
-Schatten und Lichter. Aber noch anmutiger gestaltete sich das Bild, als
-sie bald danach in einen Seitenweg einmündeten, der sich durch eine
-flache, nur hie und da von Wasserlachen durchzogene Wiesenlandschaft
-hinschlängelte. Die großen Heiden und Forsten, die das eigentlich
-Charakteristische dieses nordöstlichen Grafschaftswinkels bilden,
-traten an dieser Stelle weit zurück, und nur ein paar einzelne, wie
-vorgeschobene Kulissen wirkende Waldstreifen wurden sichtbar.
-
-Alle drei hielten an, um das Bild auf sich wirken zu lassen; aber sie
-kamen nicht recht dazu, weil sie, während sie sich umschauten, eines
-alten Mannes ansichtig wurden, der, nur durch einen flachen Graben
-von ihnen getrennt, auf einem Stück Wiese stand und das hochstehende
-Gras mähte. Jetzt erst sah auch er von seiner Arbeit auf und zog seine
-Mütze. Die Herren taten ein Gleiches und schwankten, ob sie näher
-heranreiten und eine Ansprache mit ihm haben sollten. Aber er schien
-das weder zu wünschen noch zu erwarten, und so ritten sie denn weiter.
-
-»Mein Gott,« sagte Rex, »das war ja Krippenstapel. Und hier draußen, so
-weit ab von seiner Schule. Wenn er nicht die Seehundsfellmütze gehabt
-hätte, die wie aus einer konfiszierten Schulmappe geschnitten aussah,
-hätt ich ihn nicht wieder erkannt.«
-
-»Ja, er war es, und das mit der Schulmappe wird wohl auch zutreffen,«
-sagte Woldemar. »Krippenstapel kann eben alles -- der reine Robinson.«
-
-»Ja, Stechlin,« warf Czako hier ein, »Sie sagen das so hin, als ob
-Sie's bespötteln wollten. Eigentlich ist es doch aber was Großes,
-sich immer selber helfen zu können. Er wird wohl nen Sparren haben,
-zugegeben, aber Ihrem gepriesenen Lorenzen ist er denn doch um ein gut
-Stück überlegen. Schon weil er ein Original ist und ein Eulengesicht
-hat. Eulengesichtsmenschen sind anderen Menschen fast immer überlegen.«
-
-»Aber Czako, ich bitte Sie, das ist ja doch alles Unsinn. Und Sie
-wissen es auch. Sie möchten nur, ganz wie Rex, wenn auch aus einem
-andern Motiv, dem armen Lorenzen was am Zeug flicken, bloß weil Sie
-herausfühlen: ›das ist eine lautere Persönlichkeit‹.«
-
-»Da tun Sie mir unrecht, Stechlin. Ganz und gar. Ich bin auch fürs
-Lautere, wenn ich nur persönlich nicht in Anspruch genommen werde.«
-
-»Nun, davor sind Sie sicher, -- vom Brombeerstrauch keine Trauben. Im
-übrigen muß ich hier abbrechen und Sie bitten, mich auf ein Weilchen
-entschuldigen zu wollen. Ich muß da nämlich nach dem Forsthause
-hinüber, da drüben neben der Waldecke.«
-
-»Aber Stechlin, was wollen Sie denn bei nem Förster?«
-
-»Kein Förster. Es ist ein Oberförster, zu dem ich will, und zwar
-derselbe, den Sie gestern abend bei meinem Papa gesehen haben.
-Oberförster Katzler, bürgerlich, aber doch beinah schon historischer
-Name.«
-
-»So, so; jedenfalls nach dem, was mir Rex erzählt, ein brillanter
-Billardspieler. Und doch, wenn Sie nicht ganz intim mit ihm sind, find
-ich diesen Abstecher übertrieben artig.«
-
-»Sie hätten recht, Czako, wenn es sich lediglich um Katzler handelte.
-Das ist aber nicht der Fall. Es handelt sich nicht um ihn, sondern um
-seine junge Frau.«
-
-»~A la bonne heure.~«
-
-»Ja, da sind Sie nun auch wieder auf einer falschen Fährte. So was
-kann nicht vorkommen, ganz abgesehen davon, daß mit Oberförstern
-immer schlecht Kirschen pflücken ist; die blasen einen weg, man weiß
-nicht wie ... Es handelt sich hier einfach um einen Teilnahmebesuch,
-um etwas, wenn Sie wollen, schön Menschliches. Frau Katzler erwartet
-nämlich.«
-
-»Aber mein Gott, Stechlin, Ihre Worte werden immer rätselhafter. Sie
-können doch nicht bei jeder Oberförstersfrau, die ›erwartet‹, eine
-Visite machen wollen. Das wäre denn doch eine Riesenaufgabe, selbst
-wenn Sie sich auf Ihre Grafschaft hier beschränken wollten.«
-
-»Es liegt alles ganz exceptionell. Übrigens mach ich es kurz mit meinem
-Besuch, und wenn Sie Schritt reiten, worum ich bitte, so hol ich Sie
-bei Genshagen noch wieder ein. Von da bis Wutz haben wir kaum noch eine
-Stunde, und wenn wir's forcieren wollen, keine halbe.«
-
-Und während er noch so sprach, bog er rechts ein und ritt auf das
-Forsthaus zu.
-
-Woldemar hatte die Mitte zwischen Rex und Czako gehabt; jetzt ritten
-diese beiden nebeneinander. Czako war neugierig und hätte gern
-Fritz herangerufen, um dies und das über Katzler und Frau zu hören.
-Aber er sah ein, daß das nicht ginge. So blieb ihm nichts als ein
-Meinungsaustausch mit Rex.
-
-»Sehen Sie,« hob er an, »unser Freund Woldemar, trabt er da nicht
-hin, wie wenn er dem Glücke nachjagte? Glauben Sie mir, da steckt ne
-Geschichte dahinter. Er hat die Frau geliebt oder liebt sie noch. Und
-dies merkwürdige Interesse für den in Sicht stehenden Erdenbürger.
-Übrigens vielleicht ein Mädchen. Was meinen Sie dazu, Rex?«
-
-»Ach Czako, Sie wollen ja doch nur hören, was Ihrer eignen frivolen
-Natur entspricht. Sie haben keinen Glauben an reine Verhältnisse. Sehr
-mit Unrecht. Ich kann Ihnen versichern, es gibt dergleichen.«
-
-»Nun ja, Sie, Rex. Sie, der sich Frühgottesdienste leistet. Aber
-Stechlin ...«
-
-»Stechlin ist auch eine sittliche Natur. Sittlichkeit ist ihm
-angeboren, und was er von Natur mitbrachte, das hat sein Regiment
-weiter in ihm ausgebildet.«
-
-Czako lachte. »Nun hören Sie, Rex, Regimenter kenn ich doch auch. Es
-gibt ihrer von allen Arten, aber Sittlichkeitsregimenter kenn ich noch
-nicht.«
-
-»Es gibt's ihrer aber. Zum mindesten hat's ihrer immer gegeben, sogar
-solche mit Askese.«
-
-»Nun ja, Cromwell und die Puritaner. Aber, ~long, long ago~. Verzeihen
-Sie die abgedudelte Phrase. Aber wenn sich's um so feine Dinge wie
-Askese handelt, muß man notwendig einen englischen Brocken einschalten.
-In Wirklichkeit bleibt alles beim alten. Sie sind ein schlechter
-Menschenkenner, Rex, wie alle Konventikler. Die glauben immer, was sie
-wünschen. Und auch an unserm Stechlin werden Sie mutmaßlich erfahren,
-wie falsch Sie gerechnet haben. Im übrigen kommt da gerade zu rechter
-Zeit ein Wegweiser. Lassen Sie uns nachsehen, wo wir eigentlich sind.
-Wir reiten so immer drauflos und wissen nicht mehr, ob links oder
-rechts.«
-
-Rex, der von dem Wegweiser nichts wissen wollte, war einfach für
-Weiterreiten, und das war auch das Richtige. Denn keine halbe Stunde
-mehr, so holte Stechlin sie wieder ein. »Ich wußte, daß ich Sie noch
-vor Genshagen treffen würde. Die Frau Oberförsterin läßt sich übrigens
-den Herren empfehlen. Er war nicht da, was recht gut war.«
-
-»Kann ich mir denken,« sagte Czako.
-
-»Und was noch besser war, sie sah brillant aus. Eigentlich ist sie
-nicht hübsch, Blondine mit großen Vergißmeinnichtaugen und etwas
-lymphatisch; auch wohl nicht ganz gesund. Aber sonderbar, solche Damen,
-wenn was in Sicht steht, sehen immer besser aus als in natürlicher
-Verfassung, ein Zustand, der allerdings bei der Katzler kaum vorkommt.
-Sie ist noch nicht volle sechs Jahre verheiratet und erwartet mit
-nächstem das Siebente.«
-
-»Das ist aber doch unerhört. Ich glaube, so was ist Scheidungsgrund.«
-
-»Mir nicht bekannt und auch, offen gestanden, nicht sehr
-wahrscheinlich. Jedenfalls wird es die Prinzessin nicht als
-Scheidungsgrund nehmen.«
-
-»Die Prinzessin?« fuhren Rex und Czako a tempo heraus.
-
-»Ja, die Prinzessin,« wiederholte Woldemar. »Ich war all die Zeit über
-gespannt, was das wohl für einen Eindruck auf Sie machen würde, weshalb
-ich mich auch gehütet habe, vorher mit Andeutungen zu kommen. Und es
-traf sich gut, daß mein Vater gestern abend nur so ganz leicht drüber
-hinging, ich möchte beinah sagen diskret, was sonst nicht seine Sache
-ist.«
-
-»Prinzessin,« wiederholte Rex, dem die Sache beinah den Atem nahm. »Und
-aus einem regierenden Hause?«
-
-»Ja, was heißt aus einem regierenden Hause? Regiert haben sie alle mal.
-Und soviel ich weiß, wird ihnen dies ›mal regiert haben‹ auch immer
-noch angerechnet, wenigstens sowie sich's um Eheschließungen handelt.
-Um so großartiger, wenn einzelne der hier in Betracht kommenden
-Damen auf alle diese Vorrechte verzichten und ohne Rücksicht auf
-Ebenbürtigkeit sich aus reiner Liebe vermählen. Ich sage ›vermählen‹,
-weil ›sich verheiraten‹ etwas plebeje klingt. Frau Katzler ist eine
-Ippe-Büchsenstein.«
-
-»Eine Ippe!« sagte Rex. »Nicht zu glauben. Und erwartet wieder. Ich
-bekenne, daß mich das am meisten chokiert. Diese Ausgiebigkeit, ich
-finde kein anderes Wort, oder richtiger, ich +will+ kein andres finden,
-ist doch eigentlich das Bürgerlichste, was es gibt.«
-
-»Zugegeben. Und so hat es die Prinzessin auch wohl selber aufgefaßt.
-Aber das ist gerade das Große an der Sache; ja, so sonderbar es klingt,
-das Ideale.«
-
-»Stechlin, Sie können nicht verlangen, daß man das so ohne weiteres
-versteht. Ein halb Dutzend Bälge, wo steckt da das Ideale?«
-
-»Doch, Rex, doch. Die Prinzessin selbst, und das ist das Rührendste,
-hat sich darüber ganz unumwunden ausgesprochen. Und zwar zu meinem
-Alten. Sie sieht ihn öfter und möcht ihn, glaub ich, bekehren, --
-sie ist nämlich von der strengen Richtung und hält sich auch zu
-Superintendent Koseleger, unserm Papst hier. Und kurz und gut, sie
-macht meinem Papa beinah den Hof und erklärt ihn für einen perfekten
-Kavalier, wobei Katzler immer ein etwas süßsaures Gesicht macht, aber
-natürlich nicht widerspricht.«
-
-»Und wie kam sie nur dazu, Ihrem Papa gerade Konfessions in einer so
-delikaten Sache zu machen?«
-
-»Das war voriges Jahr, genau um diese Zeit, als sie auch mal wieder
-erwartete. Da war mein Vater drüben und sprach, als das durch die
-Situation gegebene Thema berührt wurde, halb diplomatisch, halb
-humoristisch von der Königin Luise, hinsichtlich deren der alte Doktor
-Heim, als der Königin das ›Sechste oder Siebente‹ geboren werden
-sollte, ziemlich freiweg von der Notwendigkeit der ›Brache‹ gesprochen
-hatte.«
-
-»Bißchen stark,« sagte Rex. »Ganz im alten Heimstil. Aber freilich,
-Königinnen lassen sich viel gefallen. Und wie nahm es die Prinzessin
-auf?«
-
-»O, sie war reizend, lachte, war weder verlegen noch verstimmt, sondern
-nahm meines Vaters Hand so zutraulich, wie wenn sie seine Tochter
-gewesen wäre. ›Ja, lieber Herr von Stechlin,‹ sagte sie, ›wer A sagt,
-der muß auch B sagen. Wenn ich diesen Segen durchaus nicht wollte, dann
-mußt ich einen Durchschnittsprinzen heiraten, -- da hätt ich vielleicht
-das gehabt, was der alte Heim empfehlen zu müssen glaubte. Statt dessen
-nahm ich aber meinen guten Katzler. Herrlicher Mann. Sie kennen ihn und
-wissen, er hat die schöne Einfachheit aller stattlichen Männer, und
-seine Fähigkeiten, soweit sich überhaupt davon sprechen läßt, haben
-etwas Einseitiges. Als ich ihn heiratete, war ich deshalb ganz von
-dem einen Gedanken erfüllt, alles Prinzeßliche von mir abzustreifen
-und nichts bestehen zu lassen, woraus Übelwollende hätten herleiten
-können: ›Ah, sie will immer noch eine Prinzessin sein.‹ Ich entschloß
-mich also für das Bürgerliche, und zwar ›voll und ganz‹, wie man jetzt,
-glaub ich, sagt. Und was dann kam, nun, das war einfach die natürliche
-Konsequenz.‹«
-
-»Großartig,« sagte Rex. »Ich entschlage mich nach solchen Mitteilungen
-jeder weiteren Opposition. Welch ein Maß von Entsagung! Denn auch im
-Nichtentsagen kann ein Entsagen liegen. Andauernde Opferung eines
-Innersten und Höchsten.«
-
-»Unglaublich!« lachte Czako. »Rex, Rex. Ich hab Ihnen da schon vorhin
-alle Menschenkenntnis abgesprochen. Aber hier übertrumpfen Sie sich
-selbst. Wer Konventikel leitet, der sollte doch wenigstens die Weiber
-kennen. Erinnern Sie sich, Stechlin sagte, sie sei lymphatisch und habe
-Vergißmeinnichtaugen. Und nun sehen Sie sich den Katzler an. Beinah
-sechs Fuß und rotblond und das Eiserne Kreuz.«
-
-»Czako, Sie sind mal wieder frivol. Aber man darf es mit Ihnen nicht so
-genau nehmen. Das ist das Slawische, was in Ihnen nachspukt; latente
-Sinnlichkeit.«
-
-»Ja, sehr latent; durchaus vergrabner Schatz. Und ich wollte wohl, daß
-ich in die Lage käme, besser damit wuchern zu können. Aber ...«
-
-So ging das Gespräch noch eine gute Weile.
-
-Die große Chaussee, darauf ihr Weg inzwischen wieder eingemündet,
-stieg allmählich an, und als man den Höhepunkt dieser Steigung
-erreicht hatte, lag das Kloster samt seinem gleichnamigen Städtchen
-in verhältnismäßiger Nähe vor ihnen. Auf ihrem Hinritte hatten Rex
-und Czako so wenig davon zu Gesicht bekommen, daß ein gewisses
-Betroffensein über die Schönheit des sich ihnen jetzt darbietenden
-Landschafts- und Architekturbildes kaum ausbleiben konnte. Czako
-besonders war ganz aus dem Häuschen, aber auch Rex stimmte mit ein.
-»Die große Feldsteingiebelwand,« sagte er, »so gewagt im allgemeinen
-bestimmte Zeitangaben auf diesem Gebiete sind, möcht ich in das Jahr
-1375, also Landbuch Kaiser Karls ~IV.~, setzen dürfen.«
-
-»Wohl möglich,« lachte Woldemar. »Es gibt nämlich Zahlen, die nicht gut
-widerlegt werden können, und ›Landbuch Kaiser Karls ~IV.~‹ paßt beinah
-immer.«
-
-Rex hörte drüber hin, weil er in seinem Geiste mal wieder einer
-allgemeineren und zugleich höheren Auffassung der Dinge zustrebte.
-»Ja, meine Herren,« hob er an, »das geschmähte Mittelalter. Da
-verstand man's. Ich wage den Ausspruch, den ich übrigens nicht einem
-Kunsthandbuch entnehme, sondern der langsam in mir herangereift ist:
-›Die Platzfrage geht über die Stilfrage.‹ Jetzt wählt man immer die
-häßlichste Stelle. Das Mittelalter hatte noch keine Brillen, aber man
-sah besser.«
-
-»Gewiß,« sagte Czako. »Aber dieser Angriff auf die Brillen, Rex,
-ist nichts für Sie. Wer mit seinem Pincenez oder Monocle so viel
-operiert ...«
-
-Das Gespräch kam nicht weiter, weil in eben diesem Augenblick mächtige
-Turmuhrschläge vom Städtchen Wutz her herüberklangen. Man hielt an, und
-jeder zählte »Vier«. Kaum aber hatte die Uhr ausgeschlagen, so begann
-eine zweite und tat auch ihre vier Schläge.
-
-»Das ist die Klosteruhr,« sagte Czako.
-
-»Warum?«
-
-»Weil sie nachschlägt; alle Klosteruhren gehen nach. Natürlich. Aber
-wie dem auch sei, Freund Woldemar hat uns, glaub ich, für vier Uhr
-angemeldet, und so werden wir uns eilen müssen.«
-
-
-
-
-Kloster Wutz
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-
-Alle setzten sich denn auch wieder in Trab, mit ihnen Fritz, der dabei
-näher an die voraufreitenden Herren herankam. Das Gespräch schwieg
-ganz, weil jeder in Erwartung der kommenden Dinge war.
-
-Die Chaussee lief hier, auf eine gute Strecke, zwischen Pappeln hin;
-als man aber bis in unmittelbare Nähe von Kloster Wutz gekommen war,
-hörten diese Pappeln auf, und der sich mehr und mehr verschmälernde
-Weg wurde zu beiden Seiten von Feldsteinmauern eingefaßt, über die man
-alsbald in die verschiedensten Gartenanlagen mit allerhand Küchen- und
-Blumenbeeten und mit vielen Obstbäumen dazwischen hineinsah. Alle drei
-ließen jetzt die Pferde wieder in Schritt fallen.
-
-»Der Garten hier links,« sagte Woldemar, »ist der Garten der Domina,
-meiner Tante Adelheid; etwas primitiv, aber wundervolles Obst. Und hier
-gleich rechts, da bauen die Stiftsdamen ihren Dill und ihren Meiran. Es
-sind aber nur ihrer vier, und wenn welche gestorben sind -- aber sie
-sterben selten --, so sind es noch weniger.«
-
-Unter diesen orientierenden Mitteilungen des hier aus seinen
-Knabenjahren her Weg und Steg kennenden Woldemar waren alle durch
-eine Maueröffnung in einen großen Wirtschaftshof eingeritten, der
-baulich so ziemlich jegliches enthielt, was hier, bis in die Tage des
-Dreißigjährigen Krieges hinein, der dann freilich alles zerstörte,
-mal Kloster Wutz gewesen war. Vom Sattel aus ließ sich alles bequem
-überblicken. Das meiste, was sie sahen, waren wirr durcheinander
-geworfene, von Baum und Strauch überwachsene Trümmermassen.
-
-»Es erinnert mich an den Palatin,« sagte Rex, »nur ins christlich
-Gotische transponiert.«
-
-»Gewiß,« bestätigte Czako lachend. »Soweit ich urteilen kann, sehr
-ähnlich. Schade, daß Krippenstapel nicht da ist. Oder Tucheband.«
-
-Damit brach das Gespräch wieder ab.
-
-In der Tat, wohin man sah, lagen Mauerreste, in die, seltsamlich genug,
-die Wohnungen der Klosterfrauen eingebaut waren, zunächst die größere
-der Domina, daneben die kleineren der vier Stiftsdamen, alles an der
-vorderen Langseite hin. Dieser gegenüber aber zog sich eine zweite,
-parallel laufende Trümmerlinie, darin die Stallgebäude, die Remisen
-und die Rollkammern untergebracht waren. Verblieben nur noch die zwei
-Schmalseiten, von denen die eine nichts als eine von Holunderbüschen
-übergrünte Mauer, die andere dagegen eine hochaufragende mächtige
-Giebelwand war, dieselbe, die man schon beim Anritt aus einiger
-Entfernung gesehen hatte. Sie stand da, wie bereit, alles unter
-ihrem beständig drohenden Niedersturz zu begraben, und nur das eine
-konnte wieder beruhigen, daß sich auf höchster Spitze der Wand ein
-Storchenpaar eingenistet hatte. Störche, deren feines Vorgefühl immer
-weiß, ob etwas hält oder fällt.
-
-Von der Maueröffnung, durch die man eingeritten, bis an die in die
-Feldsteintrümmer eingebauten Wohngebäude waren nur wenige Schritte,
-und als man davor hielt, erschien alsbald die Domina selbst, um ihren
-Neffen und seine beiden Freunde zu begrüßen. Fritz, der, wie überall,
-so auch hier Bescheid wußte, nahm die Pferde, um sie nach einem an der
-andern Seite gelegenen Stallgebäude hinüberzuführen, während Rex und
-Czako nach kurzer Vorstellung in den von Schränken umstellten Flur
-eintraten.
-
-»Ich habe dein Telegramm,« sagte die Domina, »erst um ein Uhr erhalten.
-Es geht über Gransee, und der Bote muß weit laufen. Aber sie wollen
-ihm ein Rad anschaffen, solches, wie jetzt überall Mode ist. Ich
-sage Rad, weil ich das fremde Wort, das so verschieden ausgesprochen
-wird, nicht leiden kann. Manche sagen ›ci,‹ und manche sagen ›schi‹.
-Bildungsprätensionen sind mir fremd, aber man will sich doch auch nicht
-bloßstellen.«
-
-Eine Treppe führte bis in den ersten Stock hinauf, eigentlich war es
-nur eine Stiege. Die Domina, nachdem sie die Herren bis an die unterste
-Stufe begleitet hatte, verabschiedete sich hier auf eine Weile. »Du
-wirst so gut sein, Woldemar, alles in deine Hand zu nehmen. Führe die
-Herren hinauf. Ich habe unser bescheidenes Klostermahl auf fünf Uhr
-angeordnet; also noch eine gute halbe Stunde. Bis dahin, meine Herren.«
-
-Oben war eine große Plättkammer zur Fremdenstube hergerichtet
-worden. Ein Waschtisch mit Finkennäpfchen und Krügen in Kleinformat
-war aufgestellt worden, was in Erwägung der beinah liliputanischen
-Raumverhältnisse durchaus passend gewesen wäre, wenn nicht sechs an
-ebenso vielen Türhaken hängende Riesenhandtücher das Ensemble wieder
-gestört hätten. Rex, der sich -- ihn drückten die Stiefel -- auf kurze
-zehn Minuten nach einer kleinen Erleichterung sehnte, bediente sich
-eines eisernen Stiefelknechts, während Czako sein Gesicht in einer der
-kleinen Waschschüsseln begrub und beim Abreiben das feste Gewebe der
-Handtücher lobte.
-
-»Sicherlich Eigengespinst. Überhaupt, Stechlin, das muß wahr sein, Ihre
-Tante hat so was; man merkt doch, daß sie das Regiment führt. Und wohl
-schon seit lange. Wenn ich recht gehört, ist sie älter als Ihr Papa.«
-
-»O, viel; beinahe um zehn Jahre. Sie wird sechsundsiebzig.«
-
-»Ein respektables Alter. Und ich muß sagen, wohl konserviert.«
-
-»Ja, man kann es beinahe sagen. Das ist eben der Vorzug solcher, die
-man ›schlank‹ nennt. Beiläufig ein Euphemismus. Wo nichts ist, hat
-der Kaiser sein Recht verloren und die Zeit natürlich auch; sie kann
-nichts nehmen, wo sie nichts mehr findet. Aber ich denke -- Rex tut mir
-übrigens leid, weil er wieder in seine Stiefel muß -- wir begeben uns
-jetzt nach unten und machen uns möglichst liebenswürdig bei der Tante.
-Sie wird uns wohl schon erwarten, um uns ihren Liebling vorzustellen.«
-
-»Wer ist das?«
-
-»Nun, das wechselt. Aber da es bloß vier sein können, so kommt jeder
-bald wieder an die Reihe. Während ich das letztemal hier war, war es
-ein Fräulein von Schmargendorf. Und es ist leicht möglich, daß sie
-jetzt gerade wieder dran ist.«
-
-»Eine nette Dame?«
-
-»O ja. Ein Pummel.«
-
- * * * * *
-
-Und wie vorgeschlagen, nach kurzem »Sichadjustieren« in der
-improvisierten Fremdenstube, kehrten alle drei Herren in Tante
-Adelheids Salon zurück, der niedrig und verblakt und etwas altmodisch
-war. Die Möbel, lauter Erbschaftsstücke, wirkten in dem niedrigen
-Raume beinah grotesk, und die schwere Tischdecke, mit einer mächtigen,
-ziemlich modernen Astrallampe darauf, paßte schlecht zu dem Zeisigbauer
-am Fenster und noch schlechter zu dem über einem kleinen Klavier
-hängenden Schlachtenbilde: »König Wilhelm auf der Höhe von Lipa«.
-Trotzdem hatte dies stillose Durcheinander etwas Anheimelndes. In dem
-primitiven Kamin -- nur eine Steinplatte mit Rauchfang -- war ein
-Holzfeuer angezündet; beide Fenster standen auf, waren aber durch
-schwere Gardinen so gut wie wieder geschlossen, und aus dem etwas
-schief über dem Sofa hängenden Quadratspiegel wuchsen drei Pfauenfedern
-heraus.
-
-Tante Adelheid hatte sich in Staat geworfen und ihre Karlsbader
-Granatbrosche vorgesteckt, die der alte Dubslav wegen der sieben
-mittelgroßen Steine, die einen größeren und buckelartig vorspringenden
-umstanden, die »Sieben-Kurfürsten-Brosche« nannte. Der hohe hagere
-Hals ließ die Domina noch größer und herrischer erscheinen, als sie
-war, und rechtfertigte durchaus die brüderliche Malice: »Wickelkinder,
-wenn sie sie sehen, werden unruhig, und wenn sie zärtlich wird, fangen
-sie an zu schreien.« Man sah ihr an, daß sie nur immer vorübergehend
-in einer höheren Gesellschaftssphäre gelebt hatte, sich trotzdem aber
-zeitlebens der angeborenen Zugehörigkeit zu eben diesen Kreisen bewußt
-gewesen war. Daß man sie zur Domina gemacht hatte, war nur zu billigen.
-Sie wußte zu rechnen und anzuordnen und war nicht bloß von sehr gutem
-natürlichen Verstand, sondern unter Umständen auch voller Interesse für
-ganz bestimmte Personen und Dinge. Was aber, trotz solcher Vorzüge,
-den Verkehr mit ihr so schwer machte, das war die tiefe Prosa ihrer
-Natur, das märkisch Enge, das Mißtrauen gegen alles, was die Welt der
-Schönheit oder gar der Freiheit auch nur streifte.
-
-Sie erhob sich, als die drei Herren eintraten, und war gegen Rex und
-Czako aufs neue von verbindlichstem Entgegenkommen. »Ich muß Ihnen noch
-einmal aussprechen, meine Herren, wie sehr ich bedaure, Sie nur so
-kurze Zeit unter meinem Dache sehen zu dürfen.«
-
-»Du vergißt mich, liebe Tante,« sagte Woldemar. »Ich bleibe dir noch
-eine gute Weile. Mein Zug geht, glaub ich, erst um neun. Und bis dahin
-erzähl ich dir eine Welt und -- beichte.«
-
-»Nein, nein, Woldemar, nicht das, nicht das. Erzählen sollst du mir
-recht, recht viel. Und ich habe sogar Fragen auf dem Herzen. Du weißt
-wohl schon, welche. Aber nur nicht beichten. Schon das Wort macht
-mir jedesmal ein Unbehagen. Es hat solch ausgesprochen katholischen
-Beigeschmack. Unser Rentmeister Fix hat recht, wenn er sagt: ›Beichte
-sei nichts, weil immer unaufrichtig, und es habe in Berlin -- aber
-das sei nun freilich schon sehr, sehr lange her -- einen Geistlichen
-gegeben, der habe den Beichtstuhl einen Satansstuhl genannt.‹ Das find
-ich nun offenbar übertrieben und habe mich auch in diesem Sinne zu
-Fix geäußert. Aber andrerseits freue ich mich doch immer aufrichtig,
-einem so mutig protestantischen Worte zu begegnen. Mut ist, was uns not
-tut. Ein fester Protestant, selbst wenn er schroff auftritt, ist mir
-jedesmal eine Herzstärkung, und ich darf ein gleiches Empfinden auch
-wohl bei Ihnen, Herr von Rex, voraussetzen?«
-
-Rex verbeugte sich. Woldemar aber sagte zu Czako: »Ja, Czako, da sehen
-Sie's. Sie sind nicht einmal genannt worden. Eine Domina -- verzeih,
-Tante -- bildet eben ein feines Unterscheidungsvermögen aus.«
-
-Die Tante lächelte gnädig und sagte: »Herr von Czako ist Offizier.
-Es gibt viele Wohnungen in meines Vaters Hause. Das aber muß ich
-aussprechen, der Unglaube wächst, und das Katholische wächst auch. Und
-das Katholische, das ist das Schlimmere. Götzendienst ist schlimmer als
-Unglaube.«
-
-»Gehst du darin nicht zu weit, liebe Tante?«
-
-»Nein, Woldemar. Sieh, der Unglaube, der ein Nichts ist, kann den
-lieben Gott nicht beleidigen; aber Götzendienst beleidigt ihn. Du
-sollst keine andern Götter haben neben mir. Da steht es. Und nun gar
-der Papst in Rom, der ein Obergott sein will und unfehlbar.«
-
-Czako, während Rex schwieg und nur seine Verbeugung wiederholte, kam
-auf die verwegene Idee, für Papst und Papsttum eine Lanze brechen
-zu wollen, entschlug sich dieses Vorhabens aber, als er wahrnahm,
-daß die alte Dame ihr Dominagesicht aufsetzte. Das war indessen nur
-eine rasch vorüberziehende Wolke. Dann fuhr Tante Adelheid, das Thema
-wechselnd, in schnell wiedergewonnener guter Laune fort: »Ich habe
-die Fenster öffnen lassen. Aber auch jetzt noch, meine Herren, ist
-es ein wenig stickig. Das macht die niedrige Decke. Darf ich Sie
-vielleicht auffordern, noch eine Promenade durch unsern Garten zu
-machen? Unser Klostergarten ist eigentlich das Beste, was wir hier
-haben. Nur der unsers Rentmeisters ist noch gepflegter und größer und
-liegt auch am See. Rentmeister Fix, der hier alles zusammenhält, ist
-uns, wie in wirtschaftlichen Dingen, so auch namentlich in seinen
-Gartenanlagen, ein Vorbild; überhaupt ein charaktervoller Mann, und
-dabei treu wie Gold, trotzdem sein Gehalt unbedeutend ist und seine
-Nebeneinnahmen ganz unsicher in der Luft schweben. Ich hatte Fix denn
-auch bitten lassen, mit uns bei Tisch zu sein; er versteht so gut zu
-plaudern, gut und leicht, ja beinahe freimütig und doch immer durchaus
-diskret. Aber er ist dienstlich verhindert. Die Herren müssen sich
-also mit mir begnügen und mit einer unsrer Konventualinnen, einem mir
-lieben Fräulein, das immer munter und ausgelassen, aber doch zugleich
-bekenntnisstreng ist, ganz von jener schönen Heiterkeit, die man bloß
-bei denen findet, deren Glaube feste Wurzeln getrieben hat. Ein gut
-Gewissen ist das beste Ruhekissen. Damit hängt es wohl zusammen.«
-
-Rex, an den sich diese Worte vorzugsweise gerichtet hatten, drückte
-wiederholt seine Zustimmung aus, während Czako beklagte, daß Fix
-verhindert sei. »Solche Männer sprechen zu hören, die mit dem Volke
-Fühlung haben und genau wissen, wie's einerseits in den Schlössern,
-andrerseits in den Hütten der Armut aussieht, das ist immer in hohem
-Maße fördernd und lehrreich und ein Etwas, auf das ich jederzeit ungern
-verzichte.«
-
-Gleich danach erhob man sich und ging ins Freie.
-
-Der Garten war von sehr ländlicher Art. Durch seine ganze Länge hin
-zog sich ein von Buchsbaumrabatten eingefaßter Gang, neben dem links
-und rechts, in wohlgepflegten Beeten, Rittersporn und Studentenblumen
-blühten. Gerade in seiner Mitte weitete sich der sonst schmale Gang zu
-einem runden Platz aus, darauf eine große Glaskugel stand, ganz an die
-Stechliner erinnernd, nur mit dem Unterschied, daß hier das eingelegte
-blanke Zinn fehlte. Beide Kugeln stammten natürlich aus der Globsower
-»grünen Hütte«. Weiterhin, ganz am Ausgange des Gartens, wurde man
-eines etwas schiefen Bretterzaunes ansichtig, mit einem Pflaumenbaum
-dahinter, dessen einer Hauptzweig aus dem Nachbargarten her in den der
-Domina herüberreichte.
-
-Rex führte die Tante. Dann folgte Woldemar mit Hauptmann Czako, weit
-genug ab von dem vorausgehenden Paar, um ungeniert miteinander sprechen
-zu können.
-
-»Nun, Czako,« sagte Woldemar, »bleiben wir, wenn's sein kann, noch ein
-bißchen weiter zurück. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gern ich
-in diesem Garten bin. Allen Ernstes. Ich habe hier nämlich als Junge
-hundertmal gespielt und in den Birnbäumen gesessen; damals standen hier
-noch etliche, hier links, wo jetzt die Mohrrübenbeete stehen. Ich mache
-mir nichts aus Mohrrüben, woraus ich übrigens schließe, daß wir heute
-welche zu Tisch kriegen. Wie gefällt Ihnen der Garten?«
-
-»Ausgezeichnet. Es ist ja eigentlich ein Bauerngarten, aber doch mit
-viel Rittersporn drin. Und zu jedem Rittersporn gehört eine Stiftsdame.«
-
-»Nein, Czako, nicht so. Sagen Sie mir ganz ernsthaft, ob Sie solche
-Gärten leiden können.«
-
-»Ich kann solche Gärten eigentlich nur leiden, wenn sie eine Kegelbahn
-haben. Und dieser hier ist wie geschaffen dazu, lang und schmal. Alle
-unsre modernen Kegelbahnen sind zu kurz, wie früher alle Betten zu
-kurz waren. Wenn die Kugel aufsetzt, ist sie auch schon da, und der
-Bengel unten schreit einen an mit seinem ›acht um den König‹. Für mich
-fängt das Vergnügen erst an, wenn das Brett lang ist und man der Kugel
-anmerkt, sie möchte links oder rechts abirren, aber die eingeborene
-Gewalt zwingt sie zum Ausharren, zum Bleiben auf der rechten Bahn.
-Es hat was Symbolisches oder Pädagogisches, oder meinetwegen auch
-Politisches.«
-
-Unter diesem Gespräche waren sie, ganz nach unten hin, bis an die
-Stelle gekommen, wo der nachbarliche Pflaumenbaum seinen Zweig über
-den Zaun wegstreckte. Neben dem Zaun aber, in gleicher Linie mit ihm,
-stand eine grüngestrichene Bank, auf der, von dem Gezweig überdacht,
-eine Dame saß, mit einem kleinen runden Hut und einer Adlerfeder. Als
-sich die Herrschaften ihr näherten, erhob sie sich und schritt auf die
-Domina zu, dieser die Hand zu küssen; zugleich verneigte sie sich gegen
-die drei Herren.
-
-»Erlauben Sie mir,« sagte Adelheid, »Sie mit meiner lieben Freundin,
-Fräulein von Schmargendorf, bekannt zu machen. Hauptmann von Czako,
-Ministerialassessor von Rex ... Meinen Neffen, liebe Schmargendorf,
-kennen Sie ja.«
-
-Adelheid, als sie so vorgestellt hatte, zog ihre kleine Uhr aus dem
-Gürtel hervor und sagte: »Wir haben noch zehn Minuten. Wenn es Ihnen
-recht ist, bleiben wir noch in Gottes freier Natur. Woldemar, führe
-meine liebe Freundin, oder lieber Sie, Herr Hauptmann, -- Fräulein von
-Schmargendorf wird ohnehin Ihre Tischdame sein.«
-
-Das Fräulein von Schmargendorf war klein und rundlich, einige
-vierzig Jahre alt, von kurzem Hals und wenig Taille. Von den sieben
-Schönheiten, über die jede Evastochter Verfügung haben soll, hatte
-sie, soweit sich ihr »Kredit« feststellen ließ, nur die Büste. Sie war
-sich dessen denn auch bewußt und trug immer dunkle Tuchkleider, mit
-einem Sammetbesatz oberhalb der Taille. Dieser Besatz bestand aus drei
-Dreiecken, deren Spitze nach unten lief. Sie war immer fidel, zunächst
-aus glücklicher Naturanlage, dann aber auch, weil sie mal gehört hatte:
-Fidelität erhalte jung. Ihr lag daran, jung zu sein, obwohl sie keinen
-rechten Nutzen mehr daraus ziehen konnte. Benachbarte Adlige gab es
-nicht, der Pastor war natürlich verheiratet und Fix auch. Und weiter
-nach unten ging es nicht.
-
-Adelheid und Rex waren meist weit voraus, so daß man sich immer erst an
-der Glaskugel traf, wenn das voranschreitende Paar schon wieder auf dem
-Rückwege war. Czako grüßte dann jedesmal militärisch zur Domina hinüber.
-
-Diese selbst war in einem Gespräch mit Rex fest engagiert und
-verhandelte mit ihm über ein bedrohliches Wachsen des Sektiererwesens.
-Rex fühlte sich davon getroffen, da er selbst auf dem Punkte stand,
-Irvingianer zu werden; er war aber Lebemann genug, um sich schnell
-zurechtzufinden und vor allem auf jede nachhaltige Bekämpfung der von
-Adelheid geäußerten Ansichten zu verzichten. Er lenkte geschickt in
-das Gebiet des allgemeinen Unglaubens ein, dabei sofort einer vollen
-Zustimmung begegnend. Ja, die Domina ging weiter, und sich abwechselnd
-auf die Apokalypse und dann wieder auf Fix berufend, betonte sie, daß
-wir am Anfang vom Ende stünden. Fix gehe freilich wohl etwas zu weit,
-wenn er eigentlich keinem Tage mehr so recht traue. Das seien nutzlose
-Beunruhigungen, weshalb sie denn auch in ihn gedrungen sei, von solchen
-Berechnungen Abstand zu nehmen oder wenigstens alles nochmals zu
-prüfen. »Kein Zweifel,« so schloß sie, »Fix ist für Rechnungssachen
-entschieden talentiert, aber ich habe ihm trotzdem sagen müssen, daß
-zwischen Rechnungen und Rechnungen doch immer noch ein Unterschied sei.«
-
-Czako hatte dem Fräulein von Schmargendorf den Arm gereicht; Woldemar,
-weil der Mittelgang zu schmal war, folgte wenige Schritte hinter den
-beiden und trat nur immer da, wo der Weg sich erweiterte, vorübergehend
-an ihre Seite.
-
-»Wie glücklich ich bin, Herr Hauptmann,« sagte die Schmargendorf, »Ihre
-Partnerin zu sein, jetzt schon hier und dann später bei Tisch.«
-
-Czako verneigte sich.
-
-»Und merkwürdig,« fuhr sie fort, »daß gerade das Regiment Alexander
-immer so vergnügte Herren hat; einen Namensvetter von Ihnen, oder
-vielleicht war es auch Ihr älterer Herr Bruder, den hab ich noch von
-einer Einquartierung in der Priegnitz her ganz deutlich in Erinnerung,
-trotzdem es schon an die zwanzig Jahre ist oder mehr. Denn ich war
-damals noch blutjung und tanzte mit Ihrem Herrn Vetter einen richtigen
-Radowa, der um jene Zeit noch in Mode war, aber schon nicht mehr so
-recht. Und ich hab auch noch den Namenszug und einen kleinen Vers von
-ihm in meinem Album. ›Jegor von Baczko, Secondelieutenant im Regiment
-Alexander.‹ Ja, Herr von Baczko, so kommt man wieder zusammen. Oder
-wenigstens mit einem Herrn gleichen Namens.«
-
-Czako schwieg und nickte nur, weil er Richtigstellungen überhaupt
-nicht liebte; Woldemar aber, der jedes Wort gehört und in bezug auf
-solche Dinge kleinlicher als sein Freund, der Hauptmann, dachte, wollte
-durchaus Remedur schaffen und bat, das Fräulein darauf aufmerksam
-machen zu dürfen, daß der Herr, der den Vorzug habe, sie zu führen,
-nicht ein Herr von Baczko, sondern ein Herr von Czako sei.
-
-Die kleine Rundliche geriet in eine momentane Verlegenheit, Czako
-selbst aber kam ihr mit großer Courtoisie zu Hilfe.
-
-»Lieber Stechlin,« begann er, »ich beschwöre Sie um sechsundsechzig
-Schock sächsische Schuhzwecken, kommen Sie doch nicht mit solchen
-Kleinigkeiten, die man jetzt, glaub ich, Velleitäten nennt. Wenigstens
-hab ich das Wort immer so übersetzt. Czako, Baczko, Baczko, Czako --
-wie kann man davon so viel Aufhebens machen. Name, wie Sie wissen,
-ist Schall und Rauch, siehe Goethe, und Sie werden sich doch nicht in
-Widerspruch mit dem bringen wollen. Dazu reicht es denn doch am Ende
-nicht aus.«
-
-»Hihi.«
-
-»Außerdem, ein Mann wie Sie, der es trotz seines Liberalismus
-fertig bringt, immer seinen Adel bis wenigstens dritten Kreuzzug
-zurückzuführen, ein Mann wie Sie sollte mir doch diese kleine
-Verwechslung ehrlich gönnen. Denn dieser mir in den Schoß gefallene
-›Baczko‹ ... Gott sei Dank, daß auch unsereinem noch was in den Schoß
-fallen kann ...«
-
-»Hihi.«
-
-»Denn dieser mir in den Schoß gefallene Baczko ist doch einfach eine
-Rang- und Standeserhöhung, ein richtiges Avancement. Die Baczkos
-reichen mindestens bis Huß oder Ziska, und wenn es vielleicht Ungarn
-sind, bis auf die Hunyadis zurück, während der erste wirkliche Czako
-noch keine zweihundert Jahre alt ist. Und von diesem ersten wirklichen
-Czako stammen wir doch natürlich ab. Erwägen Sie, bevor es nicht einen
-wirklichen Czako gab, also einen steifen grauen Filzhut mit Leder
-oder Blech beschlagen, eher kann es auch keinen ›+von+ Czako‹ gegeben
-haben; der Adel schreibt sich immer von solchen Dingen seiner Umgebung
-oder seines Metiers oder seiner Beschäftigung her. Wenn ich wirklich
-noch mal Lust verspüren sollte, mich standesgemäß zu verheiraten, so
-scheitre ich vielleicht an der Jugendlichkeit meines Adels und werde
-mich dann dieser Stunde wehmütig freundlich erinnern, die mich, wenn
-auch nur durch eine Namensverwechslung, auf einen kurzen Augenblick zu
-erhöhen trachtete.«
-
-Woldemar, seiner Philisterei sich bewußt werdend, zog sich wieder
-zurück, während die Schmargendorf treuherzig sagte: »Sie glauben also
-wirklich, Herr von ... Herr Hauptmann ... daß Sie von einem Czako
-herstammen?«
-
-»Soweit solch merkwürdiges Spiel der Natur überhaupt möglich ist, bin
-ich fest davon durchdrungen.«
-
-In diesem Moment, nach abermaliger Passierung des Platzes mit der
-Glaskugel, erreichte das Paar die Bank unter dem Pflaumenbaumzweige.
-Die Schmargendorf hatte schon lange vorher nach zwei großen, dicht
-zusammensitzenden Pflaumen hinübergeblickt und sagte, während sie jetzt
-ihre Hand danach ausstreckte: »Nun wollen wir aber ein Vielliebchen
-essen, Herr Hauptmann; wo, wie hier, zwei zusammensitzen, da ist immer
-ein Vielliebchen.«
-
-»Eine Definition, der ich mich durchaus anschließe. Aber mein
-gnädigstes Fräulein, wenn ich vorschlagen dürfte, mit dieser herrlichen
-Gabe Gottes doch lieber bis zum Dessert zu warten. Das ist ja doch auch
-die eigentliche Zeit für Vielliebchen.«
-
-»Nun, wie Sie wollen, Herr Hauptmann. Und ich werde diese zwei bis
-dahin für uns aufheben. Aber diese dritte hier, die nicht mehr so ganz
-dazu gehört, die werd ich essen. Ich esse so gern Pflaumen. Und Sie
-werden sie mir auch gönnen.«
-
-»Alles, alles. Eine Welt.«
-
-Es schien fast, als ob sich Czako noch weiter über dies Pflaumenthema,
-namentlich auch über die sich darin bergenden Wagnisse verbreiten
-wollte, kam aber nicht dazu, weil eben jetzt ein Diener in weißen
-Baumwollhandschuhen, augenscheinlich eine Gelegenheitsschöpfung, in der
-Hoftür sichtbar wurde. Dies war das mit der Domina verabredete Zeichen,
-daß der Tisch gedeckt sei. Die Schmargendorf, ebenfalls eingeweiht in
-diese zu raschen Entschlüssen drängende Zeichensprache, bückte sich
-deshalb, um von einem der Gemüsebeete rasch noch ein großes Kohlblatt
-abzubrechen, auf das sie sorglich die beiden rotgetüpfelten Pflaumen
-legte. Gleich danach aber aufs neue des Hauptmanns Arm nehmend, schritt
-sie, unter Vorantritt der Domina, auf Hof und Flur und ganz zuletzt
-auf den Salon zu, der sich inzwischen in manchem Stücke verändert
-hatte, vor allem darin, daß neben dem Kamin eine zweite Konventualin
-stand, in dunkler Seide, mit Kopfschleifen und tiefliegenden, starren
-Kakadu-Augen, die in das Wesen aller Dinge einzudringen schienen.
-
-»Ah, meine Liebste,« sagte die Domina, auf diese zweite Konventualin
-zuschreitend, »es freut mich herzlich, daß Sie sich, trotz Migräne,
-noch herausgemacht haben; wir wären sonst ohne dritte Tischdame
-geblieben. Erlauben Sie mir vorzustellen: Herr von Rex, Herr von Czako
-... Fräulein von Triglaff aus dem Hause Triglaff.«
-
-Rex und Czako verbeugten sich, während Woldemar, dem sie keine Fremde
-war, an die Konventualin herantrat, um ein Wort der Begrüßung an sie
-zu richten. Czako, die Triglaff unwillkürlich musternd, war sofort von
-einer ihn frappierenden Ähnlichkeit betroffen und flüsterte gleich
-danach dem sein Monocle wiederholentlich in Angriff nehmenden Rex leise
-zu: »Krippenstapel, weibliche Linie.«
-
-Rex nickte.
-
-Während dieser Vorstellung hatte der im Hintergrunde stehende Diener
-den oberen und unteren Türriegel mit einer gewissen Ostentation
-zurückgezogen; einen Augenblick noch, und beide Flügel zu dem neben dem
-Salon gelegenen Eßzimmer taten sich mit einer stillen Feierlichkeit auf.
-
-»Herr von Rex,« sagte die Domina, »darf ich um Ihren Arm bitten?«
-
-Im Nu war Rex an ihrer Seite, und gleich danach traten alle drei Paare
-in den Nebenraum ein, auf dessen gastlicher und nicht ohne Geschick
-hergerichteter Tafel zwei Blumenvasen und zwei silberne Doppelleuchter
-standen. Auch der Diener war schon in Aktion; er hatte sich inzwischen
-am Büfett in Front einer Meißner Suppenterrine aufgestellt, und indem
-er den Deckel (mit einem abgestoßenen Engel obenauf) abnahm, stieg der
-Wrasen wie Opferrauch in die Höhe.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-
-Tante Adelheid, wenn sich nichts geradezu Verstimmliches ereignete,
-war, von alten Zeiten her, eine gute Wirtin und besaß neben anderm auch
-jene Direktoralaugen, die bei Tische so viel bedeuten; aber +eine+ Gabe
-besaß sie nicht, die, das Gespräch, wie's in einem engsten Zirkel doch
-sein sollte, zusammenzufassen. So zerfiel denn die kleine Tafelrunde
-von Anfang an in drei Gruppen, von denen eine, wiewohl nicht absolut
-schweigsam, doch vorwiegend als Tafelornament wirkte. Dies war die
-Gruppe Woldemar-Triglaff. Und das konnte nicht wohl anders sein. Die
-Triglaff, wie sich das bei Kakadugesichtern so häufig findet, verband
-in sich den Ausdruck höchster Tiefsinnigkeit mit ganz ungewöhnlicher
-Umnachtung, und ein letzter Rest von Helle, der ihr vielleicht
-geblieben sein mochte, war ihr durch eine stupende Triglaffvorstellung
-schließlich doch auch noch abhanden gekommen. Eine direkte Deszendenz
-von dem gleichnamigen Wendengotte, etwa wie Czako von Czako, war
-freilich nicht nachzuweisen, aber doch auch nicht ausgeschlossen, und
-wenn dergleichen überhaupt vorkommen oder nach stiller Übereinkunft
-auch nur allgemein angenommen werden konnte, so war nicht abzusehen,
-warum gerade +sie+ leer ausgehen oder auf solche Möglichkeit verzichten
-sollte. Dieser hochgespannten, ganz im Speziellen sich bewegenden
-Adelsvorstellung entsprach denn auch das gereizte Gefühl, das sie
-gegen +den+ Zweig des Hauses Thadden unterhielt, der sich, nach
-seinem pommerschen Gute Triglaff, Thadden-Triglaff nannte, -- eine
-Zubenennung, die +ihr+, der einzig wirklichen Triglaff, einfach
-als ein Übergriff oder doch mindestens als eine Beeinträchtigung
-erschien. Woldemar, der dies alles kannte, war dagegen gefeit und wußte
-seinerseits seit lange, wie zu verfahren sei, wenn ihm die Triglaff
-als Tischnachbarin zufiel. Er hatte sich für diesen Fall, der übrigens
-öfter eintrat als ihm lieb war, die Namen aller Konventualinnen
-auswendig gelernt, die während seiner Kinderzeit in Kloster Wutz gelebt
-hatten und von denen er recht gut wußte, daß sie seit lange tot waren.
-Er begann aber trotzdem regelmäßig seine Fragen so zu stellen, als ob
-das Dasein dieser längst Abgeschiedenen immer noch einer Möglichkeit
-unterläge.
-
-»Da war ja hier früher, mein gnädigstes Fräulein, eine Drachenhausen,
-Aurelie von Drachenhausen, und übersiedelte dann, wenn ich nicht
-irre, nach Kloster Zehdenick. Es würde mich lebhaft interessieren, in
-Erfahrung zu bringen, ob sie noch lebt oder ob sie vielleicht schon tot
-ist.«
-
-Die Triglaff nickte.
-
-Czako, dieses Nicken beobachtend, sprach sich später gegen Rex dahin
-aus, daß das alles mit der Abstammung der Triglaff ganz natürlich
-zusammenhänge. »Götzen nicken bloß.«
-
-Um vieles lebendiger waren Rede und Gegenrede zwischen Tante Adelheid
-und dem Ministerialassessor, und das Gespräch beider, das nur
-sittliche Hebungsfragen berührte, hätte durchaus den Charakter einer
-gemütlichen, aber doch durch Ernst geweihten Synodalplauderei gehabt,
-wenn sich nicht die Gestalt des Rentmeisters Fix beständig eingedrängt
-hätte, dieses Dominaprotegés, von dem Rex, unter Zurückhaltung
-seiner wahren Meinung, immer aufs neue versicherte, »daß in diesem
-klösterlichen Beamten eine seltene Verquickung von Prinzipienstrenge
-mit Geschäftsgenie vorzuliegen scheine«.
-
-Das waren die zwei Paare, die den linken Flügel beziehungsweise die
-Mitte des Tisches bildeten. Die beiden Hauptfiguren waren aber doch
-Czako und die Schmargendorf, die ganz nach rechts hin saßen, in Nähe
-der dicken Fenstergardinen aus Wollstoff, in deren Falten denn auch
-vieles glücklicherweise verklang. An die Suppe hatte sich ein Fisch
-und an diesen ein Linsenpüree mit gebackenem Schinken gereiht, und nun
-wurden gespickte Rebhuhnflügel in einer pikanten Sauce, die zugleich
-Küchengeheimnis der Domina war, herumgereicht. Czako, trotzdem er
-schon dem gebackenen Schinken erheblich zugesprochen hatte, nahm ein
-zweites Mal auch noch von dem Rebhuhngericht und fühlte das Bedürfnis,
-dies zu motivieren.
-
-»Eine gesegnete Gegend, Ihre Grafschaft hier,« begann er. »Aber
-freilich heuer auch eine gesegnete Jahreszeit. Gestern abend bei
-Dubslav von Stechlin Krammetsvögelbrüste, heute bei Adelheid von
-Stechlin Rebhuhnflügel.«
-
-»Und was ziehen Sie vor?« fragte die Schmargendorf.
-
-»Im allgemeinen, mein gnädigstes Fräulein, ist die Frage wohl zugunsten
-ersterer entschieden. Aber hier und speziell für mich ist doch wohl der
-Ausnahmefall gegeben.«
-
-»Warum ein Ausnahmefall?«
-
-»Sie haben recht, eine solche Frage zu stellen. Und ich antworte, so
-gut ich kann. Nun denn, in Brust und Flügel ...«
-
-»Hihi.«
-
-»In Brust und Flügel schlummert, wie mir scheinen will, ein großartiger
-Gegensatz von hüben und drüben; es gibt nichts Diesseitigeres als
-Brust, und es gibt nichts Jenseitigeres als Flügel. Der Flügel trägt
-uns, erhebt uns. Und deshalb, trotz aller nach der andern Seite hin
-liegenden Verlockung, möchte ich alles, was Flügel heißt, doch höher
-stellen.«
-
-Er hatte dies in einem möglichst gedämpften Tone gesprochen. Aber
-es war nicht nötig, weil einerseits die links ihm zunächst sitzende
-Triglaff aus purem Hochgefühl ihr Ohr gegen alles, was gesprochen
-wurde, verschloß, während andrerseits die Domina, nachdem der Diener
-allerlei kleine Spitzgläser herumgereicht hatte, ganz ersichtlich mit
-einer Ansprache beschäftigt war.
-
-»Lassen Sie mich Ihnen noch einmal aussprechen,« sagte sie, während sie
-sich halb erhob, »wie glücklich es mich macht, Sie in meinem Kloster
-begrüßen zu können. Herr von Rex, Herr von Czako, Ihr Wohl.«
-
-Man stieß an. Rex dankte unmittelbar und sprach, als man sich wieder
-gesetzt hatte, seine Bewunderung über den schönen Wein aus. »Ich
-vermute Montefiascone.«
-
-»Vornehmer, Herr von Rex,« sagte Adelheid in guter Stimmung, »eine
-Rangstufe höher. Nicht Montefiascone, den wir allerdings unter meiner
-Amtsvorgängerin auch hier im Keller hatten, sondern ~Lacrimae Christi~.
-Mein Bruder, der alles bemängelt, meinte freilich, als ich ihm vor
-einiger Zeit davon vorsetzte, das passe nicht, das sei Begräbniswein,
-höchstens Wein für Einsegnungen, aber nicht für heitere Zusammenkünfte.«
-
-»Ein Wort von eigenartiger Bedeutung, darin ich Ihren Herrn Bruder
-durchaus wiedererkenne.«
-
-»Gewiß, Herr von Rex. Und ich bin mir bewußt, daß uns der Name gerade
-dieses Weines allerlei Rücksichten auferlegt. Aber wenn Sie sich
-vergegenwärtigen wollen, daß wir in einem Stift, einem Kloster sind ...
-und so meine ich denn, der Ort, an dem wir leben, gibt uns doch auch
-ein Recht und eine Weihe.«
-
-»Kein Zweifel. Und ich muß nachträglich die Bedenken Ihres Herrn
-Bruders als irrtümlich anerkennen. Aber wenn ich mich so ausdrücken
-darf, ein kleidsamer Irrtum ... Auf das Wohl Ihres Herrn Bruders.«
-
-Damit schloß das etwas difficile Zwiegespräch, dem alle mit einiger
-Verlegenheit gefolgt waren. Nur nicht die Schmargendorf. »Ach,« sagte
-diese, während sie sich halb in den Vorhängen versteckte, »wenn wir von
-dem Wein trinken, dann hören wir auch immer dieselbe Geschichte. Die
-Domina muß sich damals sehr über den alten Herrn von Stechlin geärgert
-haben. Und doch hat er eigentlich recht; schon der bloße Name stimmt
-ernst und feierlich, und es liegt was drin, das einem Christenmenschen
-denn doch zu denken gibt. Und gerade wenn man so recht vergnügt ist.«
-
-»Darauf wollen wir anstoßen,« sagte Czako, völlig im Dunkeln lassend,
-ob er mehr den Christenmenschen oder den Ernst oder das Vergnügtsein
-meinte.
-
-»Und überhaupt,« fuhr die Schmargendorf fort, »die Weine müßten
-eigentlich alle anders heißen, oder wenigstens sehr, sehr viele.«
-
-»Ganz meine Meinung, meine Gnädigste,« sagte Czako. »Da sind wirklich
-so manche ... Man darf aber andrerseits das Zartgefühl nicht
-überspannen. Will man das, so bringen wir uns einfach um die reichsten
-Quellen wahrer Poesie. Da haben wir beispielsweise, so ganz allgemein
-und bloß als Gattungsbegriff, die ›Milch der Greise‹ -- zunächst ein
-durchaus unbeanstandenswertes Wort. Aber alsbald (denn unsre Sprache
-liebt solche Spiele) treten mannigfache Fort- und Weiterbildungen,
-selbst Geschlechtsüberspringungen an uns heran, und ehe wir's uns
-versehen, hat sich die ›Milch der Greise‹ in eine ›Liebfrauenmilch‹
-verwandelt.«
-
-»Hihi ... Ja, Liebfrauenmilch, die trinken wir auch. Aber nur selten.
-Und es ist auch nicht +der+ Name, woran ich eigentlich dachte.«
-
-»Sicherlich nicht, meine Gnädigste. Denn wir haben eben noch andre,
-decidiertere, denen gegenüber uns dann nur noch das Refugium der
-französischen Aussprache bleibt.«
-
-»Hihi ... Ja, französisch, da geht es. Aber doch auch nicht immer, und
-jedesmal, wenn Rentmeister Fix unser Gast ist und die Triglaff die
-Flasche hin und her dreht (und ich habe gesehen, daß sie sie dreimal
-herumdrehte), dann lacht Fix ... Übrigens sieht es so aus, als ob die
-Domina noch was auf dem Herzen hätte; sie macht ein so feierliches
-Gesicht. Oder vielleicht will sie auch bloß die Tafel aufheben.«
-
-Und wirklich, es war so, wie die Schmargendorf vermutete. »Meine
-Herren,« sagte die Domina, »da Sie zu meinem Leidwesen so früh fort
-wollen (wir haben nur noch wenig über eine Viertelstunde), so geb ich
-anheim, ob wir den Kaffee lieber in meinem Zimmer nehmen wollen oder
-draußen unter dem Holunderbaum.«
-
-Eine Gesamtantwort wurde nicht laut, aber während man sich unmittelbar
-danach erhob, küßte Czako der Schmargendorf die Hand und sagte mit
-einem gewissen Empressement: »Unter dem Holunderbaum also.«
-
-Die Schmargendorf verstand nicht im entferntesten, auf was es sich
-bezog. Aber das war Czako gleich. Ihm lag lediglich daran, sich ganz
-privatim, ganz für sich selbst, die Schmargendorf auf einen kurzen,
-aber großen Augenblick als »Käthchen« vorstellen zu können.
-
-Im übrigen zeigte sich's, daß nicht bloß Czako, sondern auch Rex und
-Woldemar für den Holunderbaum waren, und so näherte man sich denn
-diesem.
-
-Es war derselbe Baum, den die Herren schon beim Einreiten in den
-Klosterhof gesehen, aber in jenem Augenblick wenig beachtet hatten.
-Jetzt erst bemerkten sie, was es mit ihm auf sich habe. Der Baum,
-der uralt sein mochte, stand außerhalb des Gehöftes, war aber,
-ähnlich wie der Pflaumenbaum im Garten, mit seinem Gezweig über das
-zerbröckelte Gemäuer fortgewachsen. Er war an und für sich schon eine
-Pracht. Was ihm aber noch eine besondere Schönheit lieh, das war, daß
-sein Laubendach von ein paar dahinter stehenden Ebereschenbäumen wie
-durchwachsen war, so daß man überall neben den schwarzen Fruchtdolden
-des Holunders die leuchtenden roten Ebereschenbüschel sah. Auch das
-verschiedene Laub schattierte sich. Rex und Czako waren aufrichtig
-entzückt, beinahe mehr als zulässig. Denn so reizend die Laube selbst
-war, so zweifelhaft war das unmittelbar vor ihnen in großer Unordnung
-und durchaus ermangelnder Sauberkeit ausgebreitete Hofbild. Aber
-pittoresk blieb es doch. Zusammengemörtelte Feldsteinklumpen lagen in
-hohem Grase, dazwischen Karren und Düngerwagen, Enten- und Hühnerkörbe,
-während ein kollernder Truthahn von Zeit zu Zeit bis dicht an die
-Laube herankam, sei's aus Neugier oder um sich mit der Triglaff zu
-messen.
-
-Als sechs Uhr heran war, erschien Fritz und führte die Pferde vor.
-Czako wies darauf hin. Bevor er aber noch an die Domina herantreten
-und ihr einige Dankesworte sagen konnte, kam die Schmargendorf, die
-kurz vorher ihren Platz verlassen, mit dem großen Kohlblatt zurück, auf
-dem die beiden zusammengewachsenen Pflaumen lagen. »Sie wollten mir
-entgehen, Herr von Czako. Das hilft Ihnen aber nichts. Ich will mein
-Vielliebchen gewinnen. Und Sie sollen sehen, ich siege.«
-
-»Sie siegen immer, meine Gnädigste.«
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-
-Rex und Czako ritten ab; Fritz führte Woldemars Pferd am Zügel. Aber
-weder die Schmargendorf noch die Triglaff erwiesen sich, als die
-beiden Herren fort und die drei Damen samt Woldemar in die Wohnräume
-zurückgekehrt waren, irgendwie beflissen, das Feld zu räumen, was die
-Domina, die wegen zu verhandelnder difficiler Dinge mit ihrem Neffen
-allein sein wollte, stark verstimmte. Sie zeigte das auch, war steif
-und schweigsam und belebte sich erst wieder, als die Schmargendorf mit
-einem Male glückstrahlend versicherte: jetzt wisse sie's; sie habe noch
-eine Photographie, die wolle sie gleich an Herrn von Czako schicken,
-und wenn er dann morgen mittag von Cremmen her in Berlin einträfe,
-dann werd er Brief und Bild schon vorfinden und auf der Rückseite des
-Bildes ein »Guten Morgen, Vielliebchen«. Die Domina fand alles so
-lächerlich und unpassend wie nur möglich; weil ihr aber daran lag, die
-Schmargendorf loszuwerden, so hielt sie mit ihrer wahren Meinung zurück
-und sagte: »Ja, liebe Schmargendorf, wenn Sie so was vorhaben, dann
-ist es allerdings die höchste Zeit. Der Postbote kann gleich kommen.«
-Und wirklich, die Schmargendorf ging, nur die Triglaff zurücklassend,
-deren Auge sich jetzt von der Domina zu Woldemar hinüber und dann
-wieder von Woldemar zur Domina zurückbewegte. Sie war bei dem allem
-ganz unbefangen. Ein Verlangen, etwas zu belauschen oder von ungefähr
-in Familienangelegenheiten eingeweiht zu werden, lag ihr völlig fern,
-und alles, was sie trotzdem zum Ausharren bestimmte, war lediglich
-der Wunsch, solchem historischen Beisammensein eine durch ihre
-Triglaffgegenwart gesteigerte Weihe zu geben. Indessen schließlich ging
-auch sie. Man hatte sich wenig um sie gekümmert, und Tante und Neffe
-ließen sich, als sie jetzt allein waren, in zwei braune Plüschfauteuils
-(Erbstücke noch vom Schloß Stechlin her) nieder, Woldemar allerdings
-mit äußerster Vorsicht, weil die Sprungfedern bereits jenen Altersgrad
-erreicht hatten, wo sie nicht nur einen dumpfen Ton von sich zu geben,
-sondern auch zu stechen anfangen.
-
-Die Tante bemerkte nichts davon, war vielmehr froh, ihren Neffen
-endlich allein zu haben, und sagte mit rasch wiedergewonnenem Behagen:
-»Ich hätte dir schon bei Tische gern was Bessres an die Seite gegeben;
-aber wir haben hier, wie du weißt, nur unsre vier Konventualinnen, und
-von diesen vieren sind die Schmargendorf und die Triglaff immer noch
-die besten. Unsre gute Schimonski, die morgen einundachtzig wird, ist
-eigentlich ein Schatz, aber leider stocktaub, und die Teschendorf,
-die mal Gouvernante bei den Esterhazys war und auch noch den Fürsten
-Schwarzenberg, dessen Frau in Paris verbrannte, gekannt hat, ja, die
-hätt ich natürlich solchem feinen Herrn wie dem Herrn von Rex gerne
-vorgesetzt, aber es ist ein Unglück, die arme Person, die Teschendorf,
-ist so zittrig und kann den Löffel nicht recht mehr halten. Da hab
-ich denn doch lieber die Triglaff genommen; sie ist sehr dumm, aber
-doch wenigstens manierlich, soviel muß man ihr lassen. Und die
-Schmargendorf ...«
-
-Woldemar lachte.
-
-»Ja, du lachst, Woldemar, und ich will dir auch nicht bestreiten,
-daß man über die gute Seele lachen kann. Aber sie hat doch auch
-was Gehaltvolles in ihrer Natur, was sich erst neulich wieder in
-einem intimen Gespräch mit unserm Fix zeigte, der trotz aller
-Bekenntnisstrenge (die selbst Koseleger ihm zugesteht) an unserm
-letzten Whistabend Äußerungen tat, die wir alle tief bedauern mußten,
-wir, die wir die Whistpartie machten, nun schon ganz gewiß, aber auch
-die gute, taube Schimonski, der wir, weil sie uns so aufgeregt sah,
-alles auf einen Zettel schreiben mußten.«
-
-»Und was war es denn?«
-
-»Ach, es handelte sich um das, was uns allen, wie du dir denken kannst,
-jetzt das Teuerste bedeutet, um den ›Wortlaut‹. Und denke dir, unser
-Fix war dagegen. Er mußte wohl denselben Tag was gelesen haben, was
-ihn abtrünnig gemacht hatte. Personen wie Fix sind sehr bestimmbar.
-Und kurz und gut, er sagte: das mit dem ›Wortlaut‹, das ginge nicht
-länger mehr, die ›Werte‹ wären jetzt anders, und weil die Werte nicht
-mehr dieselben wären, müßten auch die Worte sich danach richten und
-müßten gemodelt werden. Er sagte ›gemodelt‹. Aber was er am meisten
-immer wieder betonte, das waren die ›Werte‹ und die Notwendigkeit der
-›Umwertung‹.«
-
-»Und was sagte die Schmargendorf dazu?«
-
-»Du hast ganz recht, mich dabei wieder auf die Schmargendorf zu
-bringen. Nun, die war außer sich und hat die darauffolgende Nacht
-nicht schlafen können. Erst gegen Morgen kam ihr ein tiefer Schlaf,
-und da sah sie, so wenigstens hat sie's mir und dem Superintendenten
-versichert, einen Engel, der mit seinem Flammenfinger immer auf ein
-Buch wies und in dem Buch auf eine und dieselbe Stelle.«
-
-»Welche Stelle?«
-
-»Ja, darüber war ein Streit; die Schmargendorf hatte sie genau gelesen
-und wollte sie hersagen. Aber sie sagte sie falsch, weil sie Sonntags
-in der Kirche nie recht aufpaßt. Und wir sagten ihr das auch. Und denke
-dir, sie widersprach nicht und blieb überhaupt ganz ruhig dabei. ›Ja,‹
-sagte sie, ›sie wisse recht gut, daß sie die Stelle falsch hergesagt
-hätte, sie habe nie was richtig hersagen können; aber das wisse sie
-ganz genau, die Stelle mit dem Flammenfinger, das sei der ›Wortlaut‹
-gewesen.‹«
-
-»Und das hast du wirklich alles geglaubt, liebe Tante? Diese gute
-Schmargendorf! Ich will ihr ja gerne folgen; aber was ihren Traum
-angeht, da kann ich beim besten Willen nicht mit. Es wird ihr ein
-Amtmann erschienen sein oder ein Pastor. Dreißig Jahre früher wär es
-ein Student gewesen.«
-
-»Ach, Woldemar, sprich doch nicht so. Das ist ja die neue Façon, in
-der die Berliner sprechen, und in dem Punkt ist einer wie der andre.
-Dein Freund Czako spricht auch so. Du mokierst dich jetzt über die gute
-Schmargendorf, und dein Freund, der Hauptmann, soviel hab ich ganz
-deutlich gesehen, tat es auch und hat sie bei Tische geuzt.«
-
-»Geuzt?«
-
-»Du wunderst dich über das Wort, und ich wundre mich selber darüber.
-Aber daran ist auch unser guter Fix schuld. Der ist alle Monat mal
-nach Berlin rüber, und wenn er dann wiederkommt, dann bringt er so was
-mit, und wiewohl ich's unpassend finde, nehm ich's doch an und die
-Schmargendorf auch. Bloß die Triglaff nicht und natürlich die gute
-Schimonski auch nicht, wegen der Taubheit. Ja, Woldemar, ich sage
-›geuzt‹, und dein Freund Czako hätt es lieber unterlassen sollen. Aber
-das muß wahr sein, er ist amüsant, wenn auch ein bißchen auf der Wippe.
-Siehst du ihn oft?«
-
-»Nein, liebe Tante. Nicht oft. Bedenke die weiten Entfernungen. Von
-unsrer Kaserne bis zu seiner, oder auch umgekehrt, das ist eine kleine
-Reise. Dazu kommt noch, daß wir vor unserm Halleschen Tor eigentlich
-gar nichts haben, bloß die Kirchhöfe, das Tempelhofer Feld und das
-Rotherstift.«
-
-»Aber ihr habt doch die Pferdebahn, wenn ihr irgendwo hin wollt. Beinah
-muß ich sagen leider. Denn es gibt mir immer einen Stich, wenn ich mal
-in Berlin bin, so die Offiziere zu sehen, wie sie da hinten stehen und
-Platz machen, wenn eine Madamm aufsteigt, manchmal mit nem Korb und
-manchmal auch mit ner Spreewaldsamme. Mir immer ein Horreur.«
-
-»Ja, die Pferdebahn, liebe Tante, die haben wir freilich, und man kann
-mit ihr in einer halben Stunde bis in Czakos Kaserne. Der weite Weg ist
-es auch eigentlich nicht, wenigstens nicht allein, weshalb ich Czako so
-selten sehe. Der Hauptgrund ist doch wohl der, er paßt nicht so ganz zu
-uns und eigentlich auch kaum zu seinem Regiment. Er ist ein guter Kerl,
-aber ein Äquivokenmensch und erzählt immer Nachmitternachtsgeschichten.
-Wenn man ihn allein hat, geht es. Aber hat er ein Publikum, dann
-kribbelt es ihn ordentlich, und je feiner das Publikum ist, desto mehr.
-Er hat mich schon oft in Verlegenheit gebracht. Ich muß sagen, ich hab
-ihn sehr gern, aber gesellschaftlich ist ihm Rex doch sehr überlegen.«
-
-»Ja, Rex; natürlich. Das hab ich auch gleich bemerkt, ohne mir weiter
-Rechenschaft darüber zu geben. Du wirst es aber wissen, wodurch er ihm
-überlegen ist.«
-
-»Durch vieles. Erstens, wenn man die Familien abwägt. Rex ist mehr als
-Czako. Und dann ist Rex Kavallerist.«
-
-»Aber ich denke, er ist Ministerialassessor.«
-
-»Ja, das ist er auch. Aber nebenher, oder vielleicht noch darüber
-hinaus, ist er Offizier, und sogar in unsrer Dragonerbrigade.«
-
-»Das freut mich; da ist er ja so gut wie ein Spezialkamerad von dir.«
-
-»Ich kann das zugeben und doch auch wieder nicht. Denn erstens ist er
-in der Reserve, und zweitens steht er bei den zweiten Dragonern.«
-
-»Macht das nen Unterschied?«
-
-»Gott, Tante, wie man's nehmen will. Ja und nein. Bei Mars la Tour
-haben wir dieselbe Attacke geritten.«
-
-»Und doch ...«
-
-»Und doch ist da ein gewisses ~je ne sais quoi~.«
-
-»Sage nichts Französisches. Das verdrießt mich immer. Manche sagen
-jetzt auch Englisches, was mir noch weniger gefällt. Aber lassen wir
-das; ich finde nur, es wäre doch schrecklich, wenn es so bloß nach
-der Zahl ginge. Was sollte denn da das Regiment anfangen, bei dem
-ein Bruder unsrer guten Schmargendorf steht? Es ist, glaube ich, das
-hundertfünfundvierzigste.«
-
-»Ja, wenn es so hoch kommt, dann vertut es sich wieder. Aber so bei der
-Garde ...«
-
-Die Domina schüttelte den Kopf. »Darin, mein lieber Woldemar, kann
-ich dir doch kaum folgen. Unser Fix sagt mitunter, ich sei zu
-exklusiv, aber so exklusiv bin ich doch noch lange nicht. Und solch
-Verstandesmensch, wie du bist, so ruhig und dabei so ›abgeklärt‹, wie
-manche jetzt sagen, und, Gott verzeih mir die Sünde, auch so liberal,
-worüber selbst dein Vater klagt. Und nun kommst du mir mit solchem
-Vorurteil, ja, verzeih mir das Wort, mit solchen Überheblichkeiten.
-Ich erkenne dich darin gar nicht wieder. Und wenn ich nun das erste
-Garderegiment nehme, das ist ja doch auch ein erstes. Ist es denn
-mehr als das zweite? Man kann ja sagen, soviel will ich zugeben, sie
-haben die Blechmützen und sehen aus, als ob sie lauter Holländerinnen
-heiraten wollten ... Was ihnen schon gefallen sollte.«
-
-»Den Holländerinnen?«
-
-»Nun, denen auch,« lachte die Tante. »Aber ich meinte jetzt unsre
-Leute. Mißversteh mich übrigens nicht. Ich weiß recht gut, was es
-mit den großen Grenadieren auf sich hat; aber die andern sind doch
-ebensogut, und Potsdam ist doch schließlich bloß Potsdam.«
-
-»Ja, Tante, das ist es ja eben. Daß sie noch immer in Potsdam sind,
-das macht es. Deshalb ist es nach wie vor die ›Potsdamer Wachtparade‹.
-Und dann das Wort ›erstes‹ spielt allerdings auch mit. Ein alter
-Römer, mit dessen Namen ich dich nicht behelligen will, der wollte in
-seinem Potsdam lieber der Erste, als in seinem Berlin der Zweite sein.
-Wer der Erste ist, nun, der ist eben der Erste, und als die andern
-aufstanden, da hatte dieser ›Erste‹ schon seinen Morgenspaziergang
-gemacht und mitunter was für einen! Sieh, als das zweite Garderegiment
-geboren wurde, da hatten die mit den Blechmützen schon den ganzen
-Siebenjährigen Krieg hinter sich. Es ist damit wie mit dem ältesten
-Sohn. Der älteste Sohn kann unter Umständen dümmer und schlechter
-sein als sein Bruder, aber er ist der älteste, das kann ihm keiner
-nehmen, und das gibt ihm einen gewissen Vorrang, auch wenn er sonst gar
-keinen Vorzug hat. Alles ist göttliches Geschenk. Warum ist der eine
-hübsch und der andere häßlich? Und nun gar erst die Damen. In das eine
-Fräulein verliebt sich alles, und das andre spielt bloß Mauerblümchen.
-Es wird jedem seine Stelle gegeben. Und so ist es auch mit unserm
-Regiment. Wir mögen nicht besser sein als die andern, aber wir sind die
-ersten, wir haben die Nummer eins.«
-
-»Ich kann da beim besten Willen nicht recht mit, Woldemar. Was in
-unsrer Armee den Ausschlag gibt, ist doch immer die Schneidigkeit.«
-
-»Liebe Tante, sprich, wovon du willst, nur nicht davon. Das ist ein
-Wort für kleine Garnisonen. Wir wissen, was wir zu tun haben. Dienst
-ist alles, und Schneidigkeit ist bloß Renommisterei. Und das ist das,
-was bei uns am niedrigsten steht.«
-
-»Gut, Woldemar; was du da zuletzt gesagt hast, das gefällt mir. Und
-in diesem Punkte muß ich auch deinen Vater loben. Er hat vieles, was
-mir nicht zusagt, aber darin ist er doch ein echter Stechlin. Und du
-bist auch so. Und das hab ich immer gefunden, alle, die so sind, die
-schießen zuletzt doch den Vogel ab, ganz besonders auch bei den Damen.«
-
-Dies »bei den Damen« war nicht ohne Absicht gesprochen und schien auf
-das bis dahin vorsichtig vermiedene Hauptthema hinüberführen zu sollen.
-Aber ehe die Tante noch eine direkte Frage stellen konnte, wurde der
-Rentmeister gemeldet, der ihr in diesem Augenblicke sehr ungelegen kam.
-Die Domina wandte sich denn auch in sichtlicher Verstimmung an Woldemar
-und sagte: »Soll ich ihn fortschicken?«
-
-»Es wird kaum gehen, liebe Tante.«
-
-»Nun denn.«
-
-Und gleich danach trat Fix ein.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-
-Während Woldemar und die Domina miteinander plauderten, erst im
-Tete-a-Tete, dann in Gegenwart von Rentmeister Fix, ritten Rex und
-Czako (Fritz mit dem Leinpferd folgend) auf Cremmen zu. Das war noch
-eine tüchtige Strecke, gute drei Meilen. Aber trotzdem waren beide
-Reiter übereingekommen, nichts zu übereilen und sich's nach Möglichkeit
-bequem zu machen. »Es ist am Ende gleichgültig, ob wir um acht oder
-um neun über den Cremmer Damm reiten. Das bißchen Abendrot, das da
-drüben noch hinter dem Kirchturm steht ... Fritz, wie heißt er? Welcher
-Kirchturm ist es? ...« -- »Das ist der Wulkowsche, Herr Hauptmann!« --
-»... Also, das bißchen Abendrot, das da noch hinter dem Wulkowschen
-steht, wird ohnehin nicht lange mehr vorhalten. Dunkel wird's also
-doch, und von dem Hohenlohedenkmal, das ich mir übrigens gern einmal
-näher angesehen hätte (man muß so was immer auf dem Hinwege mitnehmen),
-kommt uns bei Tageslicht nichts mehr vor die Klinge. Das Denkmal liegt
-etwas ab vom Wege.«
-
-»Schade,« sagte Rex.
-
-»Ja, man kann es beinah sagen. Ich für meine Person komme schließlich
-drüber hin, aber ein Mann wie Sie, Rex, sollte dergleichen mehr
-wallfahrtartig auffassen.«
-
-»Ach Czako, Sie reden wieder tolles Zeug, diesmal mit einem kleinen
-Abstecher ins Lästerliche. Was soll ›Wallfahrt‹ hier überhaupt? Und
-dann, was haben Sie gegen Wallfahrten? Und was haben Sie gegen die
-Hohenlohes?«
-
-»Gott, Rex, wie Sie sich wieder irren. Ich habe nichts gegen die einen,
-und ich habe nichts gegen die andern. Alles, was ich von Wallfahrten
-gelesen habe, hat mich immer nur wünschen lassen, mal mit dabei zu
-sein. Und ~ad vocem~ der Hohenlohes, so kann ich Ihnen nur sagen, für
-die hab ich sogar was übrig in meinem Herzen, viel, viel mehr als für
-unser eigentliches Landesgewächs. Oder, wenn Sie wollen, für unsre
-Autochthonen.«
-
-»Und das meinen Sie ganz ernsthaft?«
-
-»Ganz ernsthaft. Und wir wollen mal fünf Minuten wie vernünftige Leute
-darüber reden. Wenn ich sage ›wir‹, so meine ich natürlich mich. Denn
-Sie sprechen immer vernünftig. Vielleicht ein bißchen zu sehr.«
-
-Rex lächelte. »Nun gut; ich will's Ihnen glauben.«
-
-»Also die Hohenlohes,« fuhr Czako fort. »Ja, wie steht es damit? Wie
-liegt da die Sache? Da kommt hier so Anno Domini ein Burggraf ins
-Land, und das Land will ihn nicht, und er muß sich alles erst erobern,
-die Städte beinah und die Schlösser gewiß. Und die Herzen natürlich
-erst recht. Und der Kaiser sitzt mal wieder weitab und kann ihm nicht
-helfen. Und da hat nun dieser Nürnberger Burggraf, wenn's hoch kommt,
-ein halbes Dutzend Menschen um sich, schwäbische Leute, die mit ihm in
-diese Mördergrube hinabsteigen. Denn ein bißchen so was war es. Und
-geht auch gleich los, und die Quitzows und die, die's sein wollen,
-rufen die Pommern ins Land, und hier auf diesem alten Cremmer Damm
-stoßen sie zusammen, und die paar, die da fallen, das sind eben die
-Schwaben, die's gewagt hatten und mit in den Kahn gestiegen waren.
-Allen vorauf aber ein Graf, so ein Herr in mittleren Jahren. Der fiel
-zuerst und versank in den Sumpf, und da liegt er. Das heißt, sie haben
-ihn rausgeholt, und nun liegt er in der Klosterkirche. Und dieser eine,
-der da voran fiel, der hieß Hohenlohe.«
-
-»Ja, Czako, das weiß ich ja alles. Das steht ja schon im
-Brandenburgischen Kinderfreund. Sie denken aber immer, Sie haben so was
-allein gepachtet.«
-
-»Immer vorsichtig, Rex; im Kinderfreund steht es. Gewiß. Aber was steht
-nicht alles -- von Kinderfreund gar nicht zu reden -- in Bibel und
-Katechismus, und die Leute wissen es doch nicht. Ich zum Beispiel. Und
-ob es nun drin steht oder nicht drin steht, ich sage nur: so hat es
-angefangen, und so läuft der Hase noch. Oder glauben Sie, daß der alte
-Fürst, der jetzt dran ist, daß der zu seinem Spezialvergnügen in unser
-sogenanntes Reichskanzlerpalais gezogen ist, drin die Bismarckschen
-Nachfolger, die sich wahrhaftig nicht danach drängten, ihre Tage
-vertrauern? Ein Opfer ist es, nicht mehr und nicht weniger, und ein
-Opfer bringt auch der alte Fürst, gerade wie der, der damals am Cremmer
-Damm als erster fiel. Und ich sage Ihnen, Rex, das ist das, was mir
-imponiert; immer da sein, wenn Not an Mann ist. Die Kleinen von hier,
-trotz der ›Loyalität bis auf die Knochen‹, die mucken immer bloß auf,
-aber die wirklich Vornehmen, die gehorchen, nicht einem Machthaber,
-sondern dem Gefühl ihrer Pflicht.«
-
-Rex war einverstanden und wiederholte nur: »Schade, daß wir so spät an
-dem Denkmal vorbeikommen.«
-
-»Ja, schade,« sagte Czako. »Wir müssen es uns aber schenken. Im
-übrigen, denk ich, lassen wir in dem, was wir uns noch weiter zu sagen
-haben, die Hohenlohes aus dem Spiel. Andres liegt uns heute näher. Wie
-hat Ihnen denn eigentlich die Schmargendorf gefallen?«
-
-»Ich werde mich hüten, Czako, Ihnen darauf zu antworten. Außerdem haben
-Sie sie durch den Garten geführt, nicht ich, und mir war immer, als ob
-ich Faust und Gretchen sähe.«
-
-Czako lachte. »Natürlich schwebt Ihnen das andre Paar vor, und ich
-bin nicht böse darüber. Die Rolle, die mir dabei zufällt -- der mit
-der Hahnenfeder ist doch am Ende ne andre Nummer wie der sentimentale
-›Habe-nun-ach-Mann‹ -- diese Mephistorolle, sag ich, gefällt mir
-besser, und was die Schmargendorf angeht, so kann ich nur sagen: Von
-meiner Martha lass' ich nicht.«
-
-»Czako, Sie münden wieder ins Frivole.«
-
-»Gut, gut, Rex, Sie werden unwirsch, und Sie sollen recht haben.
-Lassen wir also die Schmargendorf so gut wie die Hohenlohes. Aber
-über die Domina ließe sich vielleicht sprechen, und sind wir erst
-bei der Tante, so sind wir auch bald bei dem Neffen. Ich fürchte,
-unser Freund Woldemar befindet sich in diesem Augenblick in einer
-scharfen Zwickmühle. Die Domina liegt ihm seit Jahr und Tag (er hat mir
-selber Andeutungen darüber gemacht) mit Heiratsplänen in den Ohren,
-mutmaßlich weil ihr die Vorstellung einer Stechlinlosen Welt einfach
-ein Schrecknis ist. Solche alten Jungfern mit einer Granatbrosche haben
-immer eine merkwürdig hohe Meinung von ihrer Familie. Freilich auch
-andre, die klüger sein sollten. Unsre Leute gefallen sich nun mal in
-der Idee, sie hingen mit dem Fortbestande der göttlichen Weltordnung
-aufs engste zusammen. In Wahrheit liegt es so, daß wir sämtlich
-abkommen können. Ohne die Czakos geht es nun schon gewiß, wofür
-sozusagen historisch-symbolisch der Beweis erbracht ist.«
-
-»Und die Rex?«
-
-»Vor diesem Namen mach ich halt.«
-
-»Wer's Ihnen glaubt. Aber lassen wir die Rex und lassen wir die Czakos,
-und bleiben wir bei den Stechlins, will sagen bei unserm Freunde
-Woldemar. Die Tante will ihn verheiraten, darin haben Sie recht.«
-
-»Und ich habe wohl auch recht, wenn ich das eine heikle Lage nenne.
-Denn ich glaube, daß er sich seine Freiheit wahren will und mit
-Bewußtsein auf den Célibataire lossteuert.«
-
-»Ein Glauben, in dem Sie sich, lieber Czako, wie jedesmal, wenn Sie zu
-glauben anfangen, in einem großen Irrtum befinden.«
-
-»Das kann nicht sein.«
-
-»Es kann nicht bloß sein, es ist. Und ich wundre mich nur, daß
-gerade Sie, der Sie doch sonst das Gras wachsen hören und allen
-Gesellschaftsklatsch kennen wie kaum ein zweiter, daß gerade Sie von
-dem allen kein Sterbenswörtchen vernommen haben sollen. Sie verkehren
-doch auch bei den Xylanders, ja, ich glaube, Sie da, letzten Winter,
-mal kämpfend am Büfett gesehen zu haben.«
-
-»Gewiß.«
-
-»Und da waren an jenem Abend auch die Berchtesgadens, Baron und
-Frau, und in lebhaftestem Gespräche mit diesem bayerischen Baron ein
-distinguierter alter Herr und zwei Damen. Und diese drei, das waren die
-Barbys.«
-
-»Die Barbys,« wiederholte Czako, »Botschaftsrat oder dergleichen.
-Ja, gewiß, ich habe davon gehört; aber ich kann mich jedenfalls
-nicht erinnern, ihn und die Damen gesehen zu haben. Und sicherlich
-nicht an jenem Abend, wo ja von Vorstellen keine Rede war, die reine
-Völkerschlacht. Aber Sie wollten mir, glaube ich, von eben diesen
-Barbys erzählen.«
-
-»Ja, das wollt ich. Ich wollte Sie nämlich wissen lassen, daß Ihr
-Célibataire seit Ausgang vorigen Winters in eben diesem Hause
-regelmäßig verkehrt.«
-
-»Er wird wohl in vielen Häusern verkehren.«
-
-»Möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich, da das eine Haus ihn ganz in
-Anspruch nimmt.«
-
-»Nun gut, so lassen wir ihn bei den Barbys. Aber was bedeutet das?«
-
-»Das bedeutet, daß in einem solchen Hause verkehren und sich mit
-einer Tochter verloben so ziemlich ein und dasselbe ist. Bloß eine
-Frage der Zeit. Und die Tante wird sich damit aussöhnen müssen, auch
-wenn sie, wie beinah gewiß, über ihr Herzblatt bereits anders verfügt
-haben sollte. Solche Dinge begleichen sich indessen fast immer. Unser
-Woldemar wird sich aber mittlerweile vor ganz andre Schwierigkeiten
-gestellt sehen.«
-
-»Und die wären? Ist er nicht vornehm genug? Oder mankiert vielleicht
-Gegenliebe?«
-
-»Nein, Czako, von ›mankierender Gegenliebe‹, wie Sie sich auszudrücken
-belieben, kann keine Rede sein. Die Schwierigkeiten liegen in was
-anderm. Es sind da nämlich, wie ich mir schon anzudeuten erlaubte,
-zwei Komtessen im Hause. Nun, die jüngere wird es wohl werden, schon
-weil sie eben die jüngere ist. Aber so ganz sicher ist es doch
-keineswegs. Denn auch die ältere, wiewohl schon über dreißig, ist sehr
-reizend und zum Überfluß auch noch Witwe -- das heißt eigentlich nicht
-Witwe, sondern richtiger eine gleich nach der Ehe geschiedene Frau.
-Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet, oder vielleicht auch nicht
-verheiratet.«
-
-»Verheiratet, oder vielleicht auch nicht verheiratet,« wiederholte
-Czako, während er unwillkürlich sein Pferd anhielt. »Aber Rex, das ist
-ja hoch pikant. Und daß ich erst heute davon höre und noch dazu durch
-Sie, der Sie sich von solchen Dingen doch zunächst entsetzt abwenden
-müßten. Aber so seid ihr Konventikler. Schließlich ist all dergleichen
-doch eigentlich euer Lieblingsfeld. Und nun erzählen Sie weiter,
-ich bin neugierig wie ein Backfisch. Wer war denn der unglücklich
-Glückliche?«
-
-»Sie meinen, wenn ich Sie recht verstehe, wer es war, der diese
-ältere Komtesse heiratete. Nun dieser glücklich Unglückliche -- oder
-vielleicht auch umgekehrt -- war auch Graf, sogar ein italienischer
-(vorausgesetzt, daß Sie dies als eine Steigerung ansehn), und hatte
-natürlich einen echt italienischen Namen: Conte Ghiberti, derselbe Name
-wie der des florentinischen Bildhauers, von dem die berühmten Türen
-herrühren.«
-
-»Welche Türen?«
-
-»Nun, die berühmten Baptisteriumtüren in Florenz, von denen
-Michelangelo gesagt haben soll, ›sie wären wert, den Eingang zum
-Paradiese zu bilden‹. Und diese Türen heißen denn auch, ihrem großen
-Künstler zu Ehren, die Ghibertischen Türen. Übrigens eine Sache, von
-der ein Mann wie Sie was wissen müßte.«
-
-»Ja, Rex, Sie haben gut reden von ›wissen müssen‹. Sie sind aus einem
-großen Hause, haben mutmaßlich einen frommen Kandidaten als Lehrer
-gehabt und sind dann auf Reisen gegangen, wo man so feine Dinge
-wegkriegt. Aber ich! Ich bin aus Ostrowo.«
-
-»Das ändert nichts.«
-
-»Doch, doch, Rex. Italienische Kunst! Ich bitte Sie, wo soll
-dergleichen bei mir herkommen? Was Hänschen nicht lernt, -- dabei
-bleibt es nun mal. Ich erinnere mich noch ganz deutlich einer Auktion
-in Ostrowo, bei der (es war in einem kommerzienrätlichen Hause)
-schließlich ein roter Kasten zur Versteigerung kam, ein Kasten mit
-Doppelbildern und einem Opernkucker dazu, der aber keiner war. Und all
-das kaufte sich meine Mutter. Und an diesem Stereoskopenkasten, ein
-Wort, das ich damals noch nicht kannte, habe ich meine italienische
-Kunst gelernt. Die ›Türen‹ waren aber nicht dabei. Was können Sie da
-groß verlangen? Ich habe, wenn Sie das Wort gelten lassen wollen, ne
-Panoptikumbildung.«
-
-Rex lachte. »Nun, gleichviel. Also der Graf, der die ältere Komtesse
-Barby heiratete, hieß Ghiberti. Seiner Ehe fehlten indes durchaus
-die Himmelstüren, -- soviel läßt sich mit aller Bestimmtheit sagen.
-Und deshalb kam es zur Scheidung. Ja, mehr, die scharmante Frau
-(›scharmant‹ ist übrigens ein viel zu plebejes und minderwertiges Wort)
-hat in ihrer Empörung den Namen Ghiberti wieder abgetan, und alle Welt
-nennt sie jetzt nur noch bei ihrem Vornamen.«
-
-»Und der ist?«
-
-»Melusine.«
-
-»Melusine? Hören Sie, Rex, das läßt aber tief blicken.«
-
- * * * * *
-
-Unter diesem Gespräch waren sie bis an den Cremmer Damm herangekommen.
-Es dunkelte schon stark, und ein Gewölk, das am Himmel hinzog,
-verbarg die Mondsichel. Ein paarmal indessen trat sie hervor, und
-dann sahen sie bei halber Beleuchtung das Hohenlohedenkmal, das unten
-im Luche schimmerte. Hinunterzureiten, was noch einmal flüchtig in
-Erwägung gezogen wurde, verbot sich, und so setzten sie sich in einen
-munteren Trab und hielten erst wieder in Cremmen vor dem Gasthause zum
-»Markgrafen Otto«. Es schlug eben neun von der Nikolaikirche.
-
-Drinnen war man bald in einem lebhaften Gespräch, in dem sich Rex
-über die in der Stadt herrschende Gesinnung und Kirchlichkeit zu
-unterrichten suchte. Der Wirt stellte der einen wie der andern ein
-gleich gutes Zeugnis aus und hatte die Genugtuung, daß ihm Rex
-freundlich zunickte. Czako aber sagte: »Sagen Sie, Herr Wirt, Sie haben
-da ein so schönes Billard; ich habe mir jüngst erst sagen lassen,
-wenn's wirklich flott gehe, so könne man's im Jahr bis auf dreitausend
-Mark bringen. Natürlich bei zwölfstündigem Arbeitstag. Wie steht es
-damit? Für möglich halt ich es.«
-
-
-
-
-Nach dem Eierhäuschen
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-
-Die Barbys, der alte Graf und seine zwei Töchter, lebten seit einer
-Reihe von Jahren in Berlin, und zwar am Kronprinzenufer, zwischen
-Alsen- und Moltkebrücke. Das Haus, dessen erste Etage sie bewohnten,
-unterschied sich, ohne sonst irgendwie hervorragend zu sein (Berlin
-ist nicht reich an Privathäusern, die Schönheit und Eigenart in sich
-vereinigen), immerhin vorteilhaft von seinen Nachbarhäusern, von
-denen es durch zwei Terrainstreifen getrennt wurde; der eine davon
-ein kleiner Baumgarten, mit allerlei Buschwerk dazwischen, der andre
-ein Hofraum mit einem zierlichen, malerisch wirkenden Stallgebäude,
-dessen obere Fenster, hinter denen sich die Kutscherwohnung befand,
-von wildem Wein umwachsen waren. Schon diese Lage des Hauses hätte
-demselben ein bestimmtes Maß von Aufmerksamkeit gesichert, aber auch
-seine Fassade mit ihren zwei Loggien links und rechts ließ die des
-Weges Kommenden unwillkürlich ihr Auge darauf richten. Hier, in eben
-diesen Loggien, verbrachte die Familie mit Vorliebe die Früh- und
-Nachmittagsstunden und bevorzugte dabei, je nach der Jahreszeit,
-mal den zum Zimmer des alten Grafen gehörigen, in pompejischem Rot
-gehaltenen Einbau, mal die gleichartige Loggia, die zum Zimmer der
-beiden jungen Damen gehörte. Dazwischen lag ein dritter großer Raum,
-der als Repräsentations- und zugleich als Eßzimmer diente. Das war,
-mit Ausnahme der Schlaf- und Wirtschaftsräume, das Ganze, worüber man
-Verfügung hatte; man wohnte mithin ziemlich beschränkt, hing aber sehr
-an dem Hause, so daß ein Wohnungswechsel, oder auch nur der Gedanke
-daran, so gut wie ausgeschlossen war. Einmal hatte die liebenswürdige,
-besonders mit Gräfin Melusine befreundete Baronin Berchtesgaden einen
-solchen Wohnungswechsel in Vorschlag gebracht, aber nur um sofort
-einem lebhaften Widerspruche zu begegnen. »Ich sehe schon, Baronin,
-Sie führen den ganzen Lennéstraßenstolz gegen uns ins Gefecht. Ihre
-Lennéstraße! Nun ja, wenn's sein muß. Aber was haben Sie da groß? Sie
-haben den Lessing ganz und den Goethe halb. Und um beides will ich
-Sie beneiden und Ihnen auch die Spreewaldsammen in Rechnung stellen.
-Aber die Lennéstraßenwelt ist geschlossen, ist zu, sie hat keinen
-Blick ins Weite, kein Wasser, das fließt, keinen Verkehr, der flutet.
-Wenn ich in unsrer Nische sitze, die lange Reihe der herankommenden
-Stadtbahnwaggons vor mir, nicht zu nah und nicht zu weit, und sehe
-dabei, wie das Abendrot den Lokomotivenrauch durchglüht und in dem
-Filigranwerk der Ausstellungsparktürmchen schimmert, was will Ihre
-grüne Tiergartenwand dagegen?« Und dabei wies die Gräfin auf einen
-gerade vorüberdampfenden Zug, und die Baronin gab sich zufrieden.
-
-Ein solcher Abend war auch heute; die Balkontür stand auf, und ein
-kleines Feuer im Kamin warf seine Lichter auf den schweren Teppich, der
-durch das ganze Zimmer hin lag. Es mochte die sechste Stunde sein, und
-die Fenster drüben an den Häusern der andern Seite standen wie in roter
-Glut. Ganz in der Nähe des Kamins saß Armgard, die jüngere Tochter, in
-ihren Stuhl zurückgelehnt, die linke Fußspitze leicht auf den Ständer
-gestemmt. Die Stickerei, daran sie bis dahin gearbeitet, hatte sie,
-seit es zu dunkeln begann, aus der Hand gelegt und spielte statt dessen
-mit einem Ballbecher, zu dem sie regelmäßig griff, wenn es galt, leere
-Minuten auszufüllen. Sie spielte das Spiel sehr geschickt, und es gab
-immer einen kleinen hellen Schlag, wenn der Ball in den Becher fiel.
-Melusine stand draußen auf dem Balkon, die Hand an die Stirn gelegt, um
-sich gegen die Blendung der untergehenden Sonne zu schützen.
-
-»Armgard,« rief sie in das Zimmer hinein, »komm; die Sonne geht eben
-unter!«
-
-»Laß. Ich sehe hier lieber in den Kamin. Und ich habe auch schon
-zwölfmal gefangen.«
-
-»Wen?«
-
-»Nun natürlich den Ball.«
-
-»Ich glaube, du fingst lieber wen anders. Und wenn ich dich so dasitzen
-sehe, so kommt es mir fast vor, als dächtest du selber auch so was. Du
-sitzt so märchenhaft da.«
-
-»Ach, du denkst immer nur an Märchen und glaubst, weil du Melusine
-heißt, du hast so was wie eine Verpflichtung dazu.«
-
-»Kann sein. Aber vor allem glaub ich, daß ich es getroffen habe. Weißt
-du, was?«
-
-»Nun?«
-
-»Ich kann es so leicht nicht sagen. Du sitzt zu weit ab.«
-
-»Dann komm und sag es mir ins Ohr.«
-
-»Das ist zuviel verlangt. Denn erstens bin ich die ältere, und zweitens
-bist du's, die was von mir will. Aber ich will es so genau nicht
-nehmen.«
-
-Und dabei ging Melusine vom Balkon her auf die Schwester zu, nahm ihr
-das Fangspiel fort und sagte, während sie ihr die Hand auf die Stirn
-legte: »Du bist verliebt.«
-
-»Aber Melusine, was das nun wieder soll! Und wenn man so klug ist wie
-du ... Verliebt. Das ist ja gar nichts; etwas verliebt ist man immer.«
-
-»Gewiß. Aber in wen? Da beginnen die Fragen und die Finessen.«
-
-In diesem Augenblicke ging die Klingel draußen, und Armgard horchte.
-
-»Wie du dich verrätst,« lachte Melusine. »Du horchst und willst wissen,
-wer kommt.«
-
-Melusine wollte noch weiter sprechen, aber die Tür ging bereits auf und
-Lizzi, die Kammerjungfer der beiden Schwestern, trat ein, unmittelbar
-hinter ihr ein Gersonscher Livreediener mit einem in einen Riemen
-geschnallten Karton. »Er bringt die Hüte,« sagte die Kammerjungfer.
-
-»Ah, die Hüte. Ja, Armgard, da müssen wir freilich unsre Frage
-vertagen. Was doch wohl auch deine Meinung ist. Bitte, stellen Sie hin.
-Aber Lizzi, du, du bleibst und mußt uns helfen; du hast einen guten
-Geschmack. Übrigens, ist kein Stehspiegel da?«
-
-»Soll ich ihn holen?«
-
-»Nein, nein, laß. Unsre Köpfe, worauf es doch bloß ankommt, können
-wir schließlich auch in diesem Spiegel sehen ... Ich denke, Armgard,
-du läßt mir die Vorhand; dieser hier mit dem Heliotrop und den
-Stiefmütterchen, der ist natürlich für mich; er hat den richtigen
-Frauencharakter, fast schon Witwe.«
-
-Unter diesen Worten setzte sie sich den Hut auf und trat an den
-Spiegel. »Nun, Lizzi, sprich.«
-
-»Ich weiß nicht recht, Frau Gräfin, er scheint mir nicht modern genug.
-Der, den Komtesse Armgard eben aufsetzt, der würde wohl auch für Frau
-Gräfin besser passen -- die hohen Straußfedern, wie ein Ritterhelm, und
-auch die Hutform selbst. Hier ist noch einer, fast ebenso und beinah
-noch hübscher.«
-
-Beide Damen stellten sich jetzt vor den Spiegel; Armgard, hinter der
-Schwester stehend und größer als diese, sah über deren linke Schulter
-fort. Beide gefielen sich ungemein, und schließlich lachten sie, weil
-jede der andern ansah, wie hübsch sie sich fand.
-
-»Ich möchte doch beinah glauben ...,« sagte Melusine, kam aber nicht
-weiter, denn in eben diesem Augenblicke trat ein in schwarzen Frack und
-Escarpins gekleideter alter Diener ein und meldete: »Rittmeister von
-Stechlin.«
-
-Unmittelbar darauf erschien denn auch Woldemar selbst und verbeugte
-sich gegen die Damen. »Ich fürchte, daß ich zu sehr ungelegener Stunde
-komme.«
-
-»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Um wessentwillen quälen wir uns
-denn überhaupt mit solchen Sachen? Doch bloß um unsrer Gebieter willen,
-die man ja (vielleicht leider) auch noch hat, wenn man sie nicht mehr
-hat.«
-
-»Immer die liebenswürdige Frau.«
-
-»Keine Schmeicheleien. Und dann, diese Hüte sind wichtig. Ich nehm
-es als eine Fügung, daß Sie da gerade hinzukommen; Sie sollen
-entscheiden. Wir haben freilich schon Lizzis Meinung angerufen, aber
-Lizzi ist zu diplomatisch; Sie sind Soldat und müssen mehr Mut haben;
-Armgard, sprich auch; du bist nicht mehr jung genug, um noch ewig die
-Verlegene zu spielen. Ich bin sonst gegen alle Gutachten, namentlich in
-Prozeßsachen (ich weiß ein Lied davon zu singen), aber ein Gutachten
-von Ihnen, da laß ich all meine Bedenken fallen. Außerdem bin ich für
-Autoritäten, und wenn es überhaupt Autoritäten in Sachen von Geschmack
-und Mode gibt, wo wären sie besser zu finden als im Regiment Ihrer
-Kaiserlich Königlichen Majestät von Großbritannien und Indien? Irland
-laß ich absichtlich fallen und nehme lieber Indien, woher aller gute
-Geschmack kommt, alle alte Kultur, alle Schals und Teppiche, Buddha
-und die weißen Elefanten. Also antreten, Armgard; du natürlich an den
-rechten Flügel, denn du bist größer. Und nun, lieber Stechlin, wie
-finden Sie uns?«
-
-»Aber, meine Damen ...«
-
-»Keine Feigheiten. Wie finden Sie uns?«
-
-»Unendlich nett.«
-
-»Nett? Verzeihen Sie, Stechlin, nett ist kein Wort. Wenigstens kein
-nettes Wort. Oder wenigstens ungenügend.«
-
-»Also schlankweg entzückend.«
-
-»Das ist gut. Und zur Belohnung die Frage: wer ist entzückender?«
-
-»Aber Frau Gräfin, das ist ja die reine Geschichte mit dem seligen
-Paris. Bloß, er hatte es viel leichter, weil es drei waren. Aber zwei.
-Und noch dazu Schwestern.«
-
-»Wer? Wer?«
-
-»Nun, wenn es denn durchaus sein muß, Sie, gnädigste Frau.«
-
-»Schändlicher Lügner. Aber wir behalten diese zwei Hüte. Lizzi, gib all
-das andre zurück. Und Jeserich soll die Lampen bringen; draußen ein
-Streifen Abendrot und hier drinnen ein verglimmendes Feuer, -- das ist
-denn doch zu wenig oder, wenn man will, zu gemütlich.«
-
-Die Lampen hatten draußen schon gebrannt, so daß sie gleich da waren.
-
-»Und nun schließen Sie die Balkontür, Jeserich, und sagen Sie's Papa,
-daß der Herr Rittmeister gekommen. Papa ist nicht gut bei Wege, wieder
-die neuralgischen Schmerzen; aber wenn er hört, daß Sie da sind, so tut
-er ein übriges. Sie wissen, Sie sind sein Verzug. Man weiß immer, wenn
-man Verzug ist. Ich wenigstens hab es immer gewußt.«
-
-»Das glaub ich.«
-
-»Das glaub ich! Wie wollen Sie das erklären?«
-
-»Einfach genug, gnädigste Gräfin. Jede Sache will gelernt sein.
-Alles ist schließlich Erfahrung. Und ich glaube, daß Ihnen reichlich
-Gelegenheit gegeben wurde, der Frage ›Verzug oder Nichtverzug‹
-praktisch näherzutreten.«
-
-»Gut herausgeredet. Aber nun, Armgard, sage dem Herrn von Stechlin (ich
-persönlich getraue mich's nicht), daß wir in einer halben Stunde fort
-müssen, Opernhaus, ›Tristan und Isolde‹. Was sagen Sie dazu? Nicht zu
-Tristan und Isolde, nein, zu der heikleren Frage, daß wir eben gehen,
-im selben Augenblick, wo Sie kommen. Denn ich seh es Ihnen an, Sie
-kamen nicht so bloß um ›~five o'clock tea's~‹ willen, Sie hatten es
-besser mit uns vor. Sie wollten bleiben ...«
-
-»Ich bekenne ...«
-
-»Also getroffen. Und zum Zeichen, daß Sie großmütig sind und Verzeihung
-üben, versprechen Sie, daß wir Sie bald wiedersehen, recht, recht bald.
-Ihr Wort darauf. Und dem Papa, der Sie vielleicht erwartet, wenn es
-Jeserich für gut befunden hat, die Meldung auszurichten, -- dem Papa
-werd ich sagen, Sie hätten nicht bleiben können, eine Verabredung, Klub
-oder sonst was.«
-
- * * * * *
-
-Während Woldemar nach diesem abschließenden Gespräch mit Melusine die
-Treppe hinabstieg und auf den nächsten Droschkenstand zuschritt, saß
-der alte Graf in seinem Zimmer und sah, den rechten Fuß auf einen
-Stuhl gelehnt, durch das Balkonfenster auf den Abendhimmel. Er liebte
-diese Dämmerstunde, drin er sich nicht gerne stören ließ (am wenigsten
-gern durch vorzeitig gebrachtes Licht), und als Jeserich, der das also
-wußte, jetzt eintrat, war es nicht, um dem alten Grafen die Lampe zu
-bringen, sondern nur um ein paar Kohlen aufzuschütten.
-
-»Wer war denn da, Jeserich?«
-
-»Der Herr Rittmeister.«
-
-»So, so. Schade, daß er nicht geblieben ist. Aber freilich, was soll
-er mit mir? Und der Fuß und die Schmerzen, dadurch wird man auch nicht
-interessanter. Armgard und nun gar erst Melusine, ja, da geht es, da
-redet sich's schon besser, und das wird der Rittmeister wohl auch
-finden. Aber soviel ist richtig, ich spreche gern mit ihm; er hat so
-was Ruhiges und Gesetztes und immer schlicht und natürlich. Meinst du
-nicht auch?«
-
-Jeserich nickte.
-
-»Und glaubst du nicht auch (denn warum käme er sonst so oft), daß er
-was vorhat?«
-
-»Glaub ich auch, Herr Graf.«
-
-»Na, was glaubst du?«
-
-»Gott, Herr Graf ...«
-
-»Ja, Jeserich, du willst nicht raus mit der Sprache. Das hilft dir aber
-nichts. Wie denkst du dir die Sache?«
-
-Jeserich schmunzelte, schwieg aber weiter, weshalb dem alten Grafen
-nichts übrig blieb, als seinerseits fortzufahren. »Natürlich paßt
-Armgard besser, weil sie jung ist; es ist so mehr das richtige
-Verhältnis, und überhaupt, Armgard ist sozusagen dran. Aber, weiß der
-Teufel, Melusine ...«
-
-»Freilich, Herr Graf.«
-
-»Also du hast doch auch so was gesehen. Alles dreht sich immer um die.
-Wie denkst du dir nun den Rittmeister? Und wie denkst du dir die Damen?
-Und wie steht es überhaupt? Ist es die oder ist es die?«
-
-»Ja, Herr Graf, wie soll ich darüber denken? Mit Damen weiß man ja nie
--- vornehm und nicht vornehm, klein und groß, arm und reich, das is all
-eins. Mit unsrer Lizzi is es gerad ebenso wie mit Gräfin Melusine. Wenn
-man denkt, es is so, denn is es so, und wenn man denkt, es is so, denn
-is es wieder so. Wie meine Frau noch lebte, Gott habe sie selig, die
-sagte auch immer: ›Ja, Jeserich, was du dir bloß denkst; wir sind eben
-ein Rätsel.‹ Ach Gott, sie war ja man einfach, aber das können Sie mir
-glauben, Herr Graf, so sind sie alle.«
-
-»Hast ganz recht, Jeserich. Und deshalb können wir auch nicht gegen an.
-Und ich freue mich, daß du das auch so scharf aufgefaßt hast. Du bist
-überhaupt ein Menschenkenner. Wo du's bloß her hast? Du hast so was von
-nem Philosophen. Hast du schon mal einen gesehen?«
-
-»Nein, Herr Graf. Wenn man so viel zu tun hat und immer Silber putzen
-muß.«
-
-»Ja, Jeserich, das hilft doch nu nich, davon kann ich dich nicht
-freimachen ...«
-
-»Nein, so mein ich es ja auch nich, Herr Graf, und ich bin ja auch
-fürs Alte. Gute Herrschaft und immer denken, ›man gehört so halb wie
-mit dazu,‹ -- dafür bin ich. Und manche sollen ja auch halb mit dazu
-gehören ... Aber ein bißchen anstrengend is es doch mitunter, und man
-is doch am Ende auch ein Mensch ...«
-
-»Na, höre, Jeserich, das hab ich dir doch noch nicht abgesprochen.«
-
-»Nein, nein, Herr Graf. Gott, man sagt so was bloß. Aber ein bißchen is
-es doch damit ...«
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-
-Woldemar -- wie Rex seinem Freunde Czako, als beide über den Cremmer
-Damm ritten, ganz richtig mitgeteilt hatte -- verkehrte seit Ausgang
-des Winters im Barbyschen Hause, das er sehr bald vor andern Häusern
-seiner Bekanntschaft bevorzugte. Vieles war es, was ihn da fesselte,
-voran die beiden Damen; aber auch der alte Graf. Er fand Ähnlichkeiten,
-selbst in der äußern Erscheinung, zwischen dem Grafen und seinem
-Papa, und in seinem Tagebuche, das er, trotz sonstiger Modernität, in
-altmodischer Weise von jung an führte, hatte er sich gleich am ersten
-Abend über eine gewisse Verwandtschaft zwischen den beiden geäußert.
-Es hieß da unterm achtzehnten April: »Ich kann Wedel nicht dankbar
-genug sein, mich bei den Barbys eingeführt zu haben; alles, was er
-von dem Hause gesagt, fand ich bestätigt. Diese Gräfin, wie charmant,
-und die Schwester ebenso, trotzdem größere Gegensätze kaum denkbar
-sind. An der einen alles Temperament und Anmut, an der andern alles
-Charakter oder, wenn das zuviel gesagt sein sollte, Schlichtheit,
-Festigkeit. Es bleibt mit den Namen doch eine eigene Sache; die Gräfin
-ist ganz Melusine und die Komtesse ganz Armgard. Ich habe bis jetzt
-freilich nur eine dieses Namens kennen gelernt, noch dazu bloß als
-Bühnenfigur, und ich mußte beständig an diese denken, wie sie da
-(ich glaube, es war Fräulein Stolberg, die ja auch das Maß hat) dem
-Landvogt so mutig in den Zügel fällt. Ganz so wirkt Komtesse Armgard!
-Ich möchte beinah sagen, es läßt sich an ihr wahrnehmen, daß ihre
-Mutter eine richtige Schweizerin war. Und dazu der alte Graf! Wie
-ein Zwillingsbruder von Papa; derselbe Bismarckkopf, dasselbe humane
-Wesen, dieselbe Freundlichkeit, dieselbe gute Laune. Papa ist aber
-ausgiebiger und auch wohl origineller. Vielleicht hat der verschiedene
-Lebensgang diese Verschiedenheiten erst geschaffen. Papa sitzt nun seit
-richtigen dreißig Jahren in seinem Ruppiner Winkel fest, der Graf war
-ebensolange draußen! Ein Botschaftsrat ist eben was anderes als ein
-Ritterschaftsrat, und an der Themse wächst man sich anders aus als am
-›Stechlin‹ -- unsern Stechlin dabei natürlich in Ehren. Trotzdem, die
-Verwandtschaft bleibt. Und der alte Diener, den sie Jeserich nennen,
-der ist nun schon ganz und gar unser Engelke vom Kopf bis zur Zeh. Aber
-was am verwandtesten ist, das ist doch die gesamte Hausatmosphäre, das
-Liberale. Papa selbst würde zwar darüber lachen -- er lacht über nichts
-so sehr wie über Liberalismus --, und doch kenne ich keinen Menschen,
-der innerlich so frei wäre, wie gerade mein guter Alter. Zugeben wird
-er's freilich nie und wird in dem Glauben sterben: ›Morgen tragen sie
-einen echten alten Junker zu Grabe.‹ Das ist er auch, aber doch auch
-wieder das volle Gegenteil davon. Er hat keine Spur von Selbstsucht.
-Und diesen schönen Zug (ach, so selten), den hat auch der alte Graf.
-Nebenher freilich ist er Weltmann, und das gibt dann den Unterschied
-und das Übergewicht. Er weiß -- was sie hierzulande nicht wissen oder
-nicht wissen wollen --, daß hinterm Berge auch noch Leute wohnen. Und
-mitunter noch ganz andre.«
-
- * * * * *
-
-Das waren die Worte, die Woldemar in sein Tagebuch eintrug. Von allem,
-was er gesehen, war er angenehm berührt worden, auch von Haus und
-Wohnung. Und dazu war guter Grund da, mehr als er nach seinem ersten
-Besuche wissen konnte. Das von der gräflichen Familie bewohnte Haus
-mit seinen Loggien und seinem diminutiven Hof und Garten teilte sich
-in zwei Hälften, von denen jede noch wieder ihre besondern Annexe
-hatte. Zu der Beletage gehörte das zur Seite gelegene pittoreske Hof-
-und Stallgebäude, drin der gräfliche Kutscher, Herr Imme, residierte,
-während zu dem die zweite Hälfte des Hauses bildenden Hochparterre
-ziemlich selbstverständlich noch das kleine niedrige Souterrain
-gerechnet wurde, drin, außer Portier Hartwig selbst, dessen Frau,
-sein Sohn Rudolf und seine Nichte Hedwig wohnten. Letztere freilich
-nur zeitweilig, und zwar immer nur dann, wenn sie, was allerdings
-ziemlich häufig vorkam, mal wieder ohne Stellung war. Die Wirtin des
-Hauses, Frau Hagelversicherungssekretär Schickedanz, hätte diesen
-gelegentlichen Aufenthalt der Nichte Hartwigs eigentlich beanstanden
-müssen, ließ es aber gehen, weil Hedwig ein heiteres, quickes und sehr
-anstelliges Ding war und manches besaß, was die Schickedanz mit der
-Ungehörigkeit des ewigen Dienstwechsels wieder aussöhnte.
-
-Die Schickedanz, eine Frau von sechzig, war schon verwitwet, als im
-Herbst fünfundachtzig die Barbys einzogen, Komtesse Armgard damals
-erst zehnjährig. Frau Schickedanz selbst war um jene Zeit noch in
-Trauer, weil ihr Gatte, der Versicherungssekretär, erst im Dezember des
-vorausgegangenen Jahres gestorben war, »drei Tage vor Weihnachten«,
-ein Umstand, auf den der Hilfsprediger, ein junger Kandidat, in seiner
-Leichenrede beständig hingewiesen und die gewollte Wirkung auch
-richtig erzielt hatte. Allerdings nur bei der Schickedanz selbst
-und einigermaßen auch bei der Frau Hartwig, die während der ganzen
-Rede beständig mit dem Kopf genickt und nachträglich ihrem Manne
-bemerkt hatte: »Ja. Hartwig, da liegt doch was drin.« Hartwig selber
-indes, der, im Gegensatz zu den meisten seines Standes, humoristisch
-angeflogen war, hatte für die merkwürdige Fügung von »drei Tage vor
-Weihnachten« nicht das geringste Verständnis gezeigt, vielmehr nur die
-Bemerkung dafür gehabt: »Ich weiß nicht, Mutter, was du dir eigentlich
-dabei denkst? Ein Tag ist wie der andre; mal muß man ran,« -- worauf
-die Frau jedoch geantwortet hatte: »Ja, Hartwig, das sagst du so immer;
-aber wenn du dran bist, dann redst du anders.«
-
-Der verstorbene Schickedanz hatte, wie der Tod ihn ankam, ein Leben
-hinter sich, das sich in zwei sehr verschiedene Hälften, in eine ganz
-kleine unbedeutende und in eine ganz große, teilte. Die unbedeutende
-Hälfte hatte lange gedauert, die große nur ganz kurz. Er war ein
-Ziegelstreichersohn aus dem bei Potsdam gelegenen Dorfe Kaputt, was er,
-als er aus dem diesem Dorfnamen entsprechenden Zustande heraus war,
-in Gesellschaft guter Freunde gern hervorhob. Es war so ziemlich der
-einzige Witz seines Lebens, an dem er aber zäh festhielt, weil er sah,
-daß er immer wieder wirkte. Manche gingen so weit, ihm den Witz auch
-noch moralisch gutzuschreiben und behaupteten: Schickedanz sei nicht
-bloß ein Charakter, sondern auch eine bescheidene Natur.
-
-Ob dies zutraf, wer will es sagen! Aber das war sicher, daß er
-sich von Anfang an als ein aufgeweckter Junge gezeigt hatte. Schon
-mit sechzehn war er als Hilfsschreiber in die deutsch-englische
-Hagelversicherungsgesellschaft Pluvius eingetreten und hatte mit
-sechsundsechzig sein fünfzigjähriges Dienstjubiläum in eben dieser
-Gesellschaft gefeiert. Das war aus bestimmten Gründen ein großer Tag
-gewesen. Denn als Schickedanz ihn erlebte, hieß er nur noch so ganz
-obenhin »Herr Versicherungssekretär«, war aber in Wahrheit über diesen
-seinen Titel weit hinausgewachsen und besaß bereits das schöne Haus am
-Kronprinzenufer. Er hatte sich das leisten können, weil er im Laufe
-der letzten fünf Jahre zweimal hintereinander ein Viertel vom großen
-Lose gewonnen hatte. Dies sah er sich allerseits als persönliches
-Verdienst angerechnet und auch wohl mit Recht. Denn arbeiten kann
-jeder, das große Los gewinnen kann nicht jeder. Und so blieb er denn
-bei der Versicherungsgesellschaft lediglich nur noch als verhätscheltes
-Zierstück, weil es damals wie jetzt einen guten Eindruck machte,
-Personen der Art im Dienst oder gar als Teilnehmer zu haben. An der
-Spitze muß immer ein Fürst stehen. Und Schickedanz war jetzt Fürst.
-Alles drängte sich nicht bloß an ihn, sondern seine Stammtischfreunde,
-die zu seiner zweimal bewährten Glückshand ein unbedingtes Vertrauen
-hatten, drangen sogar eine Zeitlang in ihn, die Lotterielose für sie
-zu ziehen. Aber keiner gewann, was schließlich einen Umschlag schuf
-und einzelne von »bösem Blick« und sogar ganz unsinnigerweise von
-Mogelei sprechen ließ. Die meisten indessen hielten es für klug, ihr
-Übelwollen zurückzuhalten; war er doch immerhin ein Mann, der jedem,
-wenn er wollte, Deckung und Stütze geben konnte. Ja, Schickedanz' Glück
-und Ansehen waren groß, am größten natürlich an seinem Jubiläumstage.
-Nicht zu glauben, wer da alles kam. Nur ein Orden kam nicht, was denn
-auch von einigen Schickedanzfanatikern sehr mißliebig bemerkt wurde.
-Besonders schmerzlich empfand es die Frau. »Gott, er hat doch immer
-so treu gewählt,« sagte sie. Sie kam aber nicht in die Lage, sich
-in diesen Schmerz einzuleben, da schon die nächsten Zeiten bestimmt
-waren, ihr Schwereres zu bringen. Am 21. September war das Jubiläum
-gewesen, am 21. Oktober erkrankte er, am 21. Dezember starb er. Auf
-dem Notizenzettel, den man damals dem Kandidaten zugestellt hatte,
-hatte dieser dreimal wiederkehrende »einundzwanzigste« gefehlt, was
-alles in allem wohl als ein Glück angesehen werden konnte, weil,
-entgegengesetztenfalls die »drei Tage vor Weihnachten« entweder gar
-nicht zustande gekommen oder aber durch eine geteilte Herrschaft in
-ihrer Wirkung abgeschwächt worden wären.
-
-Schickedanz war bei voller Besinnung gestorben. Er rief, kurz vor
-seinem Ende, seine Frau an sein Bett und sagte: »Riekchen, sei ruhig.
-Jeder muß. Ein Testament hab ich nicht gemacht. Es gibt doch bloß immer
-Zank und Streit. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Briefbogen, drauf
-hab ich alles Nötige geschrieben. Viel wichtiger ist mir das mit dem
-Haus. Du mußt es behalten, damit die Leute sagen können: ›Da wohnt
-Frau Schickedanz.‹ Hausname, Straßenname, das ist überhaupt das Beste.
-Straßenname dauert noch länger als Denkmal.«
-
-»Gott, Schickedanz, sprich nicht so viel; es strengt dich an. Ich will
-es ja alles heilig halten, schon aus Liebe ...«
-
-»Das ist recht, Riekchen. Ja, du warst immer eine gute Frau, wenn wir
-auch keine Nachfolge gehabt haben. Aber darum bitte ich dich, vergiß
-nie, daß es meine Puppe war. Du darfst bloß vornehme Leute nehmen;
-reiche Leute, die bloß reich sind, nimm nicht; die quängeln bloß und
-schlagen große Haken in die Türfüllung und hängen eine Schaukel dran.
-Überhaupt, wenn es sein kann, keine Kinder. Hartwigen unten mußt du
-behalten; er ist eigentlich ein Klugschmus, aber die Frau ist gut. Und
-der kleine Rudolf, mein Patenkind, wenn er ein Jahr alt wird, soll er
-hundert Taler kriegen. Taler, nicht Mark. Und der Schullehrer in Kaputt
-soll auch hundert Taler kriegen. Der wird sich wundern. Aber darauf
-freu ich mich schon. Und auf dem Invalidenkirchhof will ich begraben
-sein, wenn es irgend geht. Invalide ist ja doch eigentlich jeder. Und
-anno siebzig war ich doch auch mit Liebesgaben bis dicht an den Feind,
-trotzdem Luchterhand immer sagte: ›Nicht so nah ran.‹ Sei freundlich
-gegen die Leute und nicht zu sparsam (du bist ein bißchen zu sparsam)
-und bewahre mir einen Platz in deinem Herzen. Denn treu warst du, das
-sagt mir eine innere Stimme.«
-
-Diesem allem hatte Riekchen seitdem gelebt. Die Beletage, die leer
-stand, als Schickedanz starb, blieb noch drei Vierteljahre unbewohnt,
-trotzdem sich viele Herrschaften meldeten. Aber sie deckten sich nicht
-mit der Forderung, die Schickedanz vor seinem Hinscheiden gestellt
-hatte. Herbst fünfundachtzig kamen dann die Barbys. Die kleine Frau
-sah gleich »ja, das sind die, die mein Seliger gemeint hat«. Und sie
-hatte wirklich richtig gewählt. In den fast zehn Jahren, die seitdem
-verflossen waren, war es auch nicht ein einziges Mal zu Konflikten
-gekommen, mit der gräflichen Familie schon gewiß nicht, aber auch kaum
-mit den Dienerschaften. Ein persönlicher Verkehr zwischen Erdgeschoß
-und Beletage konnte natürlich nicht stattfinden, -- Hartwig war einfach
-der ~alter ego~, der mit Jeserich alles Nötige durchzusprechen hatte.
-Kam es aber ausnahmsweise zwischen Wirtin und Mieter zu irgendeiner
-Begegnung, so bewahrte dabei die kleine winzige Frau (die nie »viel«
-war und seit ihres Mannes Tode noch immer weniger geworden war)
-eine merkwürdig gemessene Haltung, die jedem mit dem Berliner Wesen
-Unvertrauten eine Verwunderung abgenötigt haben würde. Riekchen
-empfand sich nämlich in solchem Augenblicke durchaus als »Macht gegen
-Macht«. Wie beinah jedem hierlandes Geborenen, war auch ihr die Gabe
-wirklichen Vergleichenkönnens völlig versagt, weil jeder echte, mit
-Spreewasser getaufte Berliner, männlich oder weiblich, seinen Zustand
-nur an seiner eigenen kleinen Vergangenheit, nie aber an der Welt
-draußen mißt, von der er, wenn er ganz echt ist, weder eine Vorstellung
-hat noch überhaupt haben will. Der autochthone »Kellerwurm«, wenn er
-fünfzig Jahre später in eine Steglitzer Villa zieht, bildet -- auch
-wenn er seiner Natur nach eigentlich der bescheidenste Mensch ist --
-eine gewisse naive Krösusvorstellung in sich aus und glaubt ganz
-ernsthaft, jenen Gold- und Silberkönigen zuzugehören, die die Welt
-regieren. So war auch die Schickedanz. Hinter einem Dachfenster in
-der Georgenkirchstraße geboren, an welchem Dachfenster sie später
-für ein Weißzeuggeschäft genäht hatte, kam ihr ihr Leben, wenn sie
-rückblickte, wie ein Märchen vor, drin sie die Rolle der Prinzessin
-spielte. Dementsprechend durchdrang sie sich, still aber stark, mit
-einem Hochgefühl, das sowohl Geld- wie Geburtsgrößen gegenüber auf
-Ebenbürtigkeit lossteuerte. Sie rangierte sich ein und wies sich,
-soweit ihre historische Kenntnis das zuließ, einen ganz bestimmten
-Platz an: Fürst Dolgorucki, Herzog von Devonshire, Schickedanz.
-
-Die Treue, die der Verstorbene noch in seinen letzten Augenblicken
-ihr nachgerühmt hatte, steigerte sich mehr und mehr zum Kult. Die
-Vormittagsstunden jedes Tages gehörten dem hohen Palisanderschrank
-an, drin die Jubiläumsgeschenke wohlgeordnet standen: ein großer
-Silberpokal mit einem drachentötenden Sankt Georg auf dem Deckel, ein
-Album mit photographischen Aufnahmen aller Sehenswürdigkeiten von
-Kaputt, eine große Huldigungsadresse mit Aquarellarabesken, mehrere
-Lieder in Prachtdruck (darunter ein Kegelklublied mit dem Refrain
-»alle Neune«), Riesensträuße von Sonnenblumen, ein Oreiller mit dem
-Eisernen Kreuz und einem aufgehefteten Gedicht, von einem Damenkomitee
-herrührend, in dessen Auftrag er, Schickedanz, die Liebesgaben bis
-vor Paris gebracht hatte. Neben dem Schrank, auf einer Ebenholzsäule,
-stand eine Gipsbüste, Geschenk eines dem Stammtisch angehörigen
-Bildhauers, der daraufhin einen leider ausgebliebenen Auftrag in
-Marmor erwartet hatte. Fauteuils und Stühle steckten in großblumigen
-Überzügen, desgleichen der Kronleuchter in einem Gazemantel, und an
-den Frontfenstern standen, den ganzen Winter über, Maiblumen. Riekchen
-trug auch Maiblumen auf jeder ihrer Hauben, war überhaupt, seit das
-Trauerjahr um war, immer hell gekleidet, wodurch ihre Gestalt noch
-unkörperlicher wirkte. Jeden ersten Montag im Monat war allgemeines
-Reinmachen, auch bei Wind und Kälte. Dies war immer ein Tag größter
-Aufregung, weil jedesmal etwas zerbrochen oder umgestoßen wurde. Das
-blieb auch so durch Jahre hin, bis das Auftreten von Hedwig, die sich
-einer sehr geschickten Hand erfreute, Wandel in diesem Punkte schaffte.
-Die Nippsachen zerbrachen nun nicht mehr, und Riekchen war um so
-glücklicher darüber, als Hartwigs hübsche Nichte, wenn sie mal wieder
-den Dienst gekündigt hatte, regelmäßig allerlei davon zu erzählen und
-mit immer neuen und oft sehr intrikaten Geschichten ins Feld zu rücken
-wußte.
-
-Die Barbys hatten alle Ursache, mit dem Schickedanzschen Hause
-zufrieden zu sein. Nur eines störte, das war, daß jeden Mittwoch und
-Sonnabend die Teppiche geklopft wurden, immer gerade zu der Stunde,
-wo der alte Graf seine Nachmittagsruhe halten wollte. Das verdroß ihn
-eine Weile, bis er schließlich zu dem Ergebnis kam: »Eigentlich bin
-ich doch selber schuld daran. Warum setz ich mich immer wieder in die
-Hinterstube, statt einfach vorn an mein Fenster? Immer hasardier ich
-wieder und denke: heute bleibt es vielleicht ruhig; willst es doch noch
-mal versuchen.«
-
- * * * * *
-
-Ja, der alte Graf war nicht bloß froh, die Wohnung zu haben, er hielt
-auch beinah abergläubisch an ihr fest. So lange er darin wohnte, war es
-ihm gut ergangen, nicht glänzender als früher, aber sorgenloser. Und
-das sagte er sich jeden neuen Tag.
-
-Sein Leben, so bunt es gewesen, war trotzdem in gewissem Sinne
-durchschnittsmäßig verlaufen, ganz so wie das Leben eines preußischen
-»Magnaten« (worunter man in der Regel Schlesier versteht; aber es gibt
-doch auch andre) zu verlaufen pflegt.
-
-Im Juli dreißig, gerade als die Franzosen Algier bomdardierten und
-nebenher das Haus Bourbon endgültig beseitigten, war der Graf auf
-einem der an der mittleren Elbe gelegenen Barbyschen Güter geboren
-worden. Auf eben diesem Gute -- das landwirtschaftlich einer von
-fremder Hand geführten Administration unterstand -- vergingen ihm die
-Kinderjahre; mit zwölf kam er dann auf die Ritterakademie, mit achtzehn
-in das Regiment Garde-du-Corps, drin die Barbys standen, solang es
-ein Regiment Garde-du-Corps gab. Mit dreißig war er Rittmeister und
-führte eine Schwadron. Aber nicht lange mehr. Auf einem in der Nähe von
-Potsdam veranstalteten Kavalleriemanöver stürzte er unglücklich und
-brach den Oberschenkel, unmittelbar unter der Hüfte. Leidlich genesen,
-ging er nach Ragaz, um dort völlige Wiederherstellung zu suchen, und
-machte hier die Bekanntschaft eines alten Freiherrn von Planta, der
-ihn alsbald auf seine Besitzungen einlud. Weil diese ganz in der Nähe
-lagen, nahm er die Einladung nach Schloß Schuder an. Hier blieb er
-länger als erwartet, und als er das schön gelegene Bergschloß wieder
-verließ, war er mit der Tochter und Erbin des Hauses verlobt. Es war
-eine große Neigung, was sie zusammenführte. Die junge Freiin drang
-alsbald in ihn, den Dienst zu quittieren, und er entsprach dem um so
-lieber, als er seiner völligen Wiederherstellung nicht ganz sicher
-war. Er nahm also den Abschied und trat aus dem militärischen in den
-diplomatischen Dienst über, wozu seine Bildung, sein Vermögen, seine
-gesellschaftliche Stellung ihn gleichmäßig geeignet erscheinen ließen.
-Noch im selben Jahre ging er nach London, erst als Attaché, wurde dann
-Botschaftsrat und blieb in dieser Stellung zunächst bis in die Tage
-der Aufrichtung des Deutschen Reiches. Seine Beziehungen sowohl zu
-der heimisch-englischen wie zu der außerenglischen Aristokratie waren
-jederzeit die besten, und sein Freundschaftsverhältnis zu Baron und
-Baronin Berchtesgaden entstammte jener Zeit. Er hing sehr an London.
-Das englische Leben, an dem er manches, vor allem die geschraubte
-Kirchlichkeit, beanstandete, war ihm trotzdem außerordentlich
-sympathisch, und er hatte sich daran gewöhnt, sich als verwachsen
-damit anzusehen. Auch seine Familie, die Frau und die zwei Töchter --
-beide, wenn auch in großem Abstande, während der Londoner Tage geboren
--- teilten des Vaters Vorliebe für England und englisches Leben. Aber
-ein harter Schlag warf alles um, was der Graf geplant: die Frau starb
-plötzlich, und der Aufenthalt an der ihm so lieb gewordenen Stätte war
-ihm vergällt. Er nahm in der ersten Hälfte der achtziger Jahre seine
-Demission, ging zunächst auf die Plantaschen Güter nach Graubünden und
-dann weiter nach Süden, um sich in Florenz seßhaft zu machen. Die Luft,
-die Kunst, die Heiterkeit der Menschen, alles tat ihm hier wohl, und
-er fühlte, daß er genas, soweit er wieder genesen konnte. Glückliche
-Tage brachen für ihn an, und sein Glück schien sich noch steigern
-zu sollen, als sich die ältere Tochter mit dem italienischen Grafen
-Ghiberti verlobte. Die Hochzeit folgte beinah unmittelbar. Aber die
-Fortdauer dieser Ehe stellte sich bald als eine Unmöglichkeit heraus,
-und ehe ein Jahr um war, war die Scheidung ausgesprochen. Kurze Zeit
-danach kehrte der Graf nach Deutschland zurück, das er, seit einem
-Vierteljahrhundert, immer nur flüchtig und besuchsweise wiedergesehen
-hatte. Sich auf das eine oder andere seiner Elbgüter zu begeben,
-widerstand ihm auch jetzt noch, und so kam es, daß er sich für Berlin
-entschied. Er nahm Wohnung am Kronprinzenufer und lebte hier ganz sich,
-seinem Hause, seinen Töchtern. Von dem Verkehr mit der großen Welt
-hielt er sich so weit wie möglich fern, und nur ein kleiner Kreis von
-Freunden, darunter auch die durch einen glücklichen Zufall ebenfalls
-von London nach Berlin verschlagenen Berchtesgadens waren, versammelte
-sich um ihn. Außer diesen alten Freunden waren es vorzugsweise
-Hofprediger Frommel, Doktor Wrschowitz und seit letztem Frühjahr
-auch Rittmeister von Stechlin, die den Barbyschen Kreis bildeten.
-An Woldemar hatte man sich rasch attachiert, und die freundlichen
-Gefühle, denen er bei dem alten Grafen sowohl wie bei den Töchtern
-begegnete, wurden von allen Hausbewohnern geteilt. Selbst die Hartwigs
-interessierten sich für den Rittmeister, und wenn er abends an der
-Portierloge vorüberkam, guckte Hedwig neugierig durch das Fensterchen
-und sagte: »So einen, -- ja, das lass' ich mir gefallen.«
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel
-
-
-Woldemar, als er sich von den jungen Damen im Barbyschen Hause
-verabschiedet hatte, hatte versprechen müssen, seinen Besuch recht bald
-zu wiederholen.
-
-Aber was war »recht bald«? Er rechnete hin und her und fand, daß der
-dritte Tag dem etwa entsprechen würde; das war »recht bald« und doch
-auch wieder nicht zu früh. Und so ging er denn, als der Abend dieses
-dritten Tages da war, auf die Hallesche Brücke zu, wartete hier die
-Ringbahn ab und fuhr, am Potsdamer und Brandenburger Tor vorüber,
-bis an jene sonderbare Reichstagsuferstelle, wo, von mächtiger
-Giebelwand herab, ein wohl zwanzig Fuß hohes, riesiges Kaffeemädchen
-mit einem ganz kleinen Häubchen auf dem Kopf freundlich auf die Welt
-der Vorübereilenden herniederblickt, um ihnen ein Paket Kneippschen
-Malzkaffee zu präsentieren. An dieser echt berlinisch-pittoresken Ecke
-stieg Woldemar ab, um die von hier aus nur noch kurze Strecke bis an
-das Kronprinzenufer zu Fuß zurückzulegen.
-
-Es war gegen acht, als er in dem Barbyschen Hause die mit Teppich
-überdeckte Marmortreppe hinaufstieg und die Klingel zog. Im selben
-Augenblick, wo Jeserich öffnete, sah Woldemar an des Alten verlegenem
-Gesicht, daß die Damen aller Wahrscheinlichkeit nach wieder nicht zu
-Hause waren. Aber eine Verstimmung darüber durfte nicht aufkommen, und
-so ließ er es geschehen, daß Jeserich ihn bei dem alten Grafen meldete.
-
-»Der Herr Graf lassen bitten.«
-
-Und nun trat Woldemar in das Zimmer des wieder mal von Neuralgie
-Geplagten ein, der ihm, auf einen dicken Stock gestützt, unter
-freundlichem Gruß entgegenkam.
-
-»Aber Herr Graf,« sagte Woldemar und nahm des alten Herrn linken
-Arm, um ihn bis an seinen Lehnstuhl und eine für den kranken Fuß
-zurechtgemachte Stellage zurückzuführen. »Ich fürchte, daß ich störe.«
-
-»Ganz im Gegenteil, lieber Stechlin. Mir hochwillkommen. Außerdem hab
-ich strikten Befehl, Sie, ~coûte que coûte~, festzuhalten; Sie wissen,
-Damen sind groß in Ahnungen, und bei Melusine hat es schon geradezu was
-Prophetisches.«
-
-Woldemar lächelte.
-
-»Sie lächeln, lieber Stechlin, und haben recht. Denn daß sie nun
-schließlich doch gegangen ist (natürlich zu den Berchtesgadens) ist ein
-Beweis, daß sie sich und ihrer Prophetie doch auch wieder einigermaßen
-mißtraute. Aber man ist immer nur klug und weise für andre. Die Doktors
-machen es ebenso; wenn sie sich selber behandeln sollen, wälzen sie die
-Verantwortung von sich ab und sterben lieber durch fremde Hand. Aber
-was sprech ich nur immer von Melusine. Freilich, wer in unserm Hause so
-gut Bescheid weiß wie Sie, wird nichts Überraschliches darin finden.
-Und zugleich wissen Sie, wie's gemeint ist. Armgard ist übrigens in
-Sicht; keine zehn Minuten mehr, so werden wir sie hier haben.«
-
-»Ist sie mit bei der Baronin?«
-
-»Nein, Sie dürfen sie nicht so weit suchen. Armgard ist in ihrem
-Zimmer, und Doktor Wrschowitz ist bei ihr. Es kann aber nicht lange
-mehr dauern.«
-
-»Aber ich bitte Sie, Herr Graf, ist die Komtesse krank?«
-
-»Gott sei Dank, nein. Und Wrschowitz ist auch kein Medizindoktor,
-sondern ein Musikdoktor. Sie haben von ihm rein zufällig noch nicht
-gehört, weil erst vorige Woche, nach einer langen, langen Pause, die
-Musikstunden wieder aufgenommen wurden. Er ist aber schon seit Jahr und
-Tag Armgards Lehrer.«
-
-»Musikdoktor? Gibt es denn die?«
-
-»Lieber Stechlin, es gibt alles. Also natürlich auch das. Und so sehr
-ich im ganzen gegen die Doktorhascherei bin, so liegt es hier doch
-so, daß ich dem armen Wrschowitz seinen Musikdoktor gönnen oder doch
-mindestens verzeihen muß. Er hat den Titel auch noch nicht lange.«
-
-»Das klingt ja fast wie ne Geschichte.«
-
-»Trifft auch zu. Können Sie sich denken, daß Wrschowitz aus einer Art
-Verzweiflung Doktor geworden ist?«
-
-»Kaum. Und wenn kein Geheimnis ...«
-
-»Durchaus nicht; nur ein Kuriosum. Wrschowitz hieß nämlich bis vor zwei
-Jahren, wo er als Klavierlehrer, aber als ein höherer (denn er hat auch
-eine Oper komponiert), in unser Haus kam, einfach Niels Wrschowitz,
-und er ist bloß Doktor geworden, um den Niels auf seiner Visitenkarte
-loszuwerden.«
-
-»Und das ist ihm auch geglückt?«
-
-»Ich glaube ja, wiewohl es immer noch vorkommt, daß ihn einzelne
-ganz wie früher Niels nennen, entweder aus Zufall oder auch wohl aus
-Schändlichkeit. In letzterem Falle sind es immer Kollegen. Denn die
-Musiker sind die boshaftesten Menschen. Meist denkt man, die Prediger
-und die Schauspieler seien die schlimmsten. Aber weit gefehlt. Die
-Musiker sind ihnen über. Und ganz besonders schlimm sind die, die die
-sogenannte heilige Musik machen.«
-
-»Ich habe dergleichen auch schon gehört,« sagte Woldemar. »Aber was ist
-das nur mit Niels? Niels ist doch an und für sich ein hübscher und ganz
-harmloser Name. Nichts Anzügliches drin.«
-
-»Gewiß nicht. Aber Wrschowitz und Niels. Er litt, glaub ich, unter
-diesem Gegensatz.«
-
-Woldemar lachte. »Das kenn ich. Das kenn ich von meinem Vater her, der
-Dubslav heißt, was ihm auch immer höchst unbequem war. Und da reichen
-wohl nicht hundertmal, daß ich ihn wegen dieses Namens seinen Vater
-habe verklagen hören.«
-
-»Genau so hier,« fuhr der Graf in seiner Erzählung fort. »Wrschowitz'
-Vater, ein kleiner Kapellmeister an der tschechisch-polnischen Grenze,
-war ein Niels-Gade-Schwärmer, woraufhin er seinen Jungen einfach Niels
-taufte. Das war nun wegen des Kontrastes schon gerade bedenklich genug.
-Aber das eigentlich Bedenkliche kam doch erst, als der allmählich
-ein scharfer Wagnerianer werdende Wrschowitz sich zum direkten
-Niels-Gade-Verächter ausbildete. Niels Gade war ihm der Inbegriff alles
-Trivialen und Unbedeutenden, und dazu kam noch, wie Amen in der Kirche,
-daß unser junger Freund, wenn er als ›Niels Wrschowitz‹ vorgestellt
-wurde, mit einer Art Sicherheit der Phrase begegnete: ›Niels? Ah,
-Niels. Ein schöner Name innerhalb unsrer musikalischen Welt. Und hoch
-erfreulich, ihn hier zum zweiten Male vertreten zu sehen.‹ All das
-konnte der arme Kerl auf die Dauer nicht aushalten, und so kam er auf
-den Gedanken, den Vornamen auf seiner Karte durch einen Doktortitel
-wegzueskamotieren.«
-
-Woldemar nickte.
-
-»Jedenfalls, lieber Stechlin, ersehen Sie daraus zur Genüge, daß unser
-Wrschowitz, als richtiger Künstler, in die Gruppe ~gens irritabilis~
-gehört, und wenn Armgard ihn vielleicht aufgefordert haben sollte,
-zum Tee zu bleiben, so bitt ich Sie herzlich, dieser Reizbarkeit
-eingedenk zu sein. Wenn irgend möglich, vermeiden Sie Beziehungen auf
-die ganze skandinavische Welt, besonders aber auf Dänemark direkt. Er
-wittert überall Verrat. Übrigens, wenn man auf seiner Hut ist, ist er
-ein feiner und gebildeter Mann. Ich hab ihn eigentlich gern, weil er
-anders ist wie andre.«
-
- * * * * *
-
-Der alte Graf behielt recht mit seiner Vermutung: Armgard hatte
-den Doktor Wrschowitz aufgefordert zu bleiben, und als bald danach
-Jeserich eintrat, um den Grafen und Woldemar zum Tee zu bitten, fanden
-diese beim Eintritt in das Mittelzimmer nicht nur Armgard, sondern
-auch Wrschowitz vor, der, die Finger ineinander gefaltet, mitten in
-dem Salon stand und die an der Büfettwand hängenden Bilder mit jenem
-eigentümlichen Mischausdruck von aufrichtigem Gelangweiltsein und
-erkünsteltem Interesse musterte. Der Rittmeister hatte dem Grafen
-wieder seinen Arm geboten; Armgard ging auf Woldemar zu und sprach
-ihm ihre Freude aus, daß er gekommen; auch Melusine werde gewiß bald
-da sein; sie habe noch zuletzt gesagt: »Du sollst sehen, heute kommt
-Stechlin.« Danach wandte sich die junge Komtesse wieder Wrschowitz zu,
-der sich eben in das von Hubert Herkomer gemalte Bild der verstorbenen
-Gräfin vertieft zu haben schien, und sagte, gegenseitig vorstellend,
-»Doktor Wrschowitz, Rittmeister von Stechlin.« Woldemar, seiner
-Instruktion eingedenk, verbeugte sich sehr artig, während Wrschowitz,
-ziemlich ablehnend, seinem Gesicht den stolzen Doppelausdruck von
-Künstler und Hussiten gab.
-
-Der alte Graf hatte mittlerweile Platz genommen, entschuldigte sich,
-mit der unglücklichen Stellage beschwerlich fallen zu müssen, und bat
-die beiden Herren, sich neben ihm niederzulassen, während Armgard,
-dem Vater gegenüber, an der andern Schmalseite des Tisches saß. Der
-alte Graf nahm seine Tasse Tee, schob den Kognak, »des Tees bessren
-Teil,« mit einem humoristischen Seufzer beiseit und sagte, während er
-sich links zu Wrschowitz wandte: »Wenn ich recht gehört habe -- so ein
-bißchen von musikalischem Ohr ist mir geblieben --, so war es Chopin,
-was Armgard zu Beginn der Stunde spielte ...«
-
-Wrschowitz verneigte sich.
-
-»Chopin, für den ich eine Vorliebe habe, wie für alle Polen,
-vorausgesetzt, daß sie Musikanten oder Dichter oder auch
-Wissenschaftsmenschen sind. Als Politiker kann ich mich mit ihnen nicht
-befreunden. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich Deutscher und
-sogar Preuße bin.«
-
-»Sehr warr, sehr warr,« sagte Wrschowitz, mehr gesinnungstüchtig als
-artig.
-
-»Ich darf sagen, daß ich für polnische Musiker, von meinen frühesten
-Leutnantstagen an, eine schwärmerische Vorliebe gehabt habe. Da gab es
-unter anderm eine Polonaise von Oginski, die damals so regelmäßig und
-mit soviel Passion gespielt wurde, wie später der ›Erlkönig‹ oder die
-›Glocken von Speier‹. Es war auch die Zeit vom ›Alten Feldherrn‹ und
-von ›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹.«
-
-»Jawohl, Herr Graff, eine schlechte Zeit. Und warr mir immerdarr eine
-besondere Lust zu sehen, wie das Sentimentalle wieder fällt. Immer
-merr, immer merr. Ich hasse das Sentimentalle ~de tout mon cœur~.«
-
-»Worin ich,« sagte Woldemar, »Herrn Doktor Wrschowitz durchaus
-zustimme. Wir haben in der Poesie genau dasselbe. Da gab es
-auch dergleichen, und ich bekenne, daß ich als Knabe für solche
-Sentimentalitäten geschwärmt habe. Meine besondere Schwärmerei war
-›König Renés Tochter‹ von Henrik Hertz, einem jungen Kopenhagener, wenn
-ich nicht irre ...«
-
-Wrschowitz verfärbte sich, was Woldemar, als er es wahrnahm, zu
-sofortigem raschen Einlenken bestimmte. »... ›König Renés Tochter‹, ein
-lyrisches Drama. Aber schon seit lange wieder vergessen. Wir stehen
-jetzt im Zeichen von Tolstoj und der Kreutzersonate.«
-
-»Sehr warr, sehr warr,« sagte der rasch wieder beruhigte Wrschowitz und
-nahm nur noch Veranlassung, energisch gegen die Mischung von Kunst und
-Sektierertum zu protestieren.
-
-Woldemar, großer Tolstojschwärmer, wollte für den russischen Grafen
-eine Lanze brechen, aber Armgard, die, wenn derartige Themata berührt
-wurden, der Salonfähigkeit ihres Freundes Wrschowitz arg mißtraute,
-war sofort aufrichtig bemüht, das Gespräch auf harmlosere Gebiete
-hinüberzuspielen. Als ein solches friedeverheißendes Gebiet erschien
-ihr in diesem Augenblicke ganz eminent die Grafschaft Ruppin, aus deren
-abgelegenster Nordostecke Woldemar eben wieder eingetroffen war, und so
-sprach sie denn gegen diesen den Wunsch aus, ihn über seinen jüngsten
-Ausflug einen kurzen Bericht erstatten zu sehen. »Ich weiß wohl, daß
-ich meiner Schwester Melusine (die voll Neugier und Verlangen ist, auch
-davon zu hören) einen schlechten Dienst damit leiste; Herr von Stechlin
-wird es aber nicht verschmähen, wenn meine Schwester erst wieder da
-ist, darauf zurückzukommen. Es braucht ja, wenn man plaudert, nicht
-alles absolut neu zu sein. Man darf sich wiederholen. Papa hat auch
-einzelnes, das er öfter erzählt.«
-
-»Einzelnes?« lachte der alte Graf, »meine Tochter Armgard meint
-›vieles‹.«
-
-»Nein, Papa, ich meine einzelnes. Da gibt es denn doch ganz andre, zum
-Beispiel unser guter Baron. Und die Baronin sieht auch immer weg, wenn
-er anfängt. Aber lassen wir den Baron und seine Geschichten, und hören
-wir lieber von Herrn von Stechlins Ausfluge. Doktor Wrschowitz teilt
-gewiß meinen Geschmack.«
-
-»Teile vollkommen.«
-
-»Also, Herr von Stechlin,« fuhr Armgard fort. »Sie haben nach diesen
-Erklärungen unsers Freundes Wrschowitz einen freundlichen Zuhörer mehr,
-vielleicht sogar einen begeisterten. Auch für Papa möcht ich mich
-verbürgen. Wir sind ja eigentlich selber märkisch oder doch beinah,
-und wissen trotzdem so wenig davon, weil wir immer draußen waren.
-Ich kenne wohl Saatwinkel und den Grunewald, aber das eigentliche
-brandenburgische Land, das ist doch noch etwas andres. Es soll alles so
-romantisch sein und so melancholisch, Sand und Sumpf und im Wasser ein
-paar Binsen oder eine Birke, dran das Laub zittert. Ist Ihre Ruppiner
-Gegend auch so?«
-
-»Nein, Komtesse, wir haben viel Wald und See, die sogenannte
-Mecklenburgische Seenplatte.«
-
-»Nun, das ist auch gut. Mecklenburg, wie mir die Berchtesgadens erst
-neulich versichert haben, hat auch seine Romantik.«
-
-»Sehr warr. Habe gelesen Stromtid und habe gelesen Franzosentid ...«
-
-»Und dann glaub ich auch zu wissen,« fuhr Armgard fort, »daß Sie
-Rheinsberg ganz in der Nähe haben. Ist es richtig? Und kennen Sie's? Es
-soll soviel Interessantes bieten. Ich erinnere mich seiner aus meinen
-Kindertagen her, trotzdem wir damals in London lebten. Oder vielleicht
-auch gerade deshalb. Denn es war die Zeit, wo das Carlylesche Buch
-über Friedrich den Großen immer noch in Mode war, und wo's zum guten
-Ton gehörte, sich nicht bloß um die Terrasse von Sanssouci zu kümmern,
-sondern auch um Rheinsberg und den Orden ~de la générosité~. Lebt das
-alles noch da? Spricht das Volk noch davon?«
-
-»Nein, Komtesse, das ist alles fort. Und überhaupt, von dem großen
-König spricht im Rheinsbergischen niemand mehr, was auch kaum anders
-sein kann. Der große König war als Kronprinz nur kurze Zeit da, sein
-Bruder Heinrich aber fünfzig Jahre. Und so hat die Prinz-Heinrich-Zeit
-beklagenswerterweise die Kronprinzenzeit ganz erdrückt. Aber
-beklagenswert doch nicht in allem. Denn Prinz Heinrich war auch
-bedeutend und vor allem sehr kritisch. Was doch immer ein Vorzug ist.«
-
-»Sehr warr, sehr warr,« unterbrach hier Wrschowitz.
-
-»Er war sehr kritisch,« wiederholte Woldemar. »Namentlich auch gegen
-seinen Bruder, den König. Und die Malkontenten, deren es auch damals
-schon die Hülle und Fülle gab, waren beständig um ihn herum. Und dabei
-kommt immer was heraus.«
-
-»Sehr warr, sehr warr ...«
-
-»Denn zufriedene Hofleute sind allemal öd und langweilig, aber die
-Frondeurs, wenn +die+ den Mund auftun, da kann man was hören, da tut
-sich einem was auf.«
-
-»Gewiß,« sagte Armgard. »Aber trotzdem, Herr von Stechlin, ich
-kann das Frondieren nicht leiden. Frondeur ist doch immer nur der
-gewohnheitsmäßig Unzufriedene, und wer immer unzufrieden ist, der taugt
-nichts. Immer Unzufriedene sind dünkelhaft und oft boshaft dazu, und
-während sie sich über andre lustig machen, lassen sie selber viel zu
-wünschen übrig.«
-
-»Sehr warr, sehr warr, gnädigste Komtesse,« verbeugte sich Wrschowitz.
-»Aber, wollen verzeihn, Komtesse, wenn ich trotzdem bin für Frondeur.
-Frondeur ist Krittikk, und wo Guttes sein will, muß sein Krittikk.
-Deutsche Kunst viel Krittikk. Erst muß sein Kunst, gewiß, gewiß, aber
-gleich danach muß sein Krittikk. Krittikk ist wie große Revolution.
-Kopf ab aus Prinzipp. Kunst muß haben ein Prinzipp. Und wo Prinzipp is,
-is Kopf ab.«
-
-Alles schwieg, so daß dem Grafen nichts übrigblieb, als etwas verspätet
-seine halbe Zustimmung auszudrücken. Armgard ihrerseits beeilte
-sich, auf Rheinsberg zurückzukommen, das ihr, trotz des fatalen
-Zwischenfalls mit »Kopf ab,« im Vergleich zu vielleicht wiederkehrenden
-Musikgesprächen immer noch als wenigstens ein Nothafen erschien.
-
-»Ich glaube,« sagte sie, »neben manchem andern auch mal von der
-Frauenfeindschaft des Prinzen gehört zu haben. Er soll -- irre ich
-mich, so werden Sie mich korrigieren -- ein sogenannter Misogyne
-gewesen sein. Etwas durchaus Krankhaftes in meinen Augen oder doch
-mindestens etwas sehr Sonderbares.«
-
-»Sehr sonderbarr,« sagte Wrschowitz, während sich, unter huldigendem
-Hinblick auf Armgard, sein Gesicht wie verklärte.
-
-»Wie gut, lieber Wrschowitz,« fuhr Armgard fort, »daß Sie, mein Wort
-bestätigend, für uns arme Frauen und Mädchen eintreten. Es gibt immer
-noch Ritter, und wir sind ihrer so sehr benötigt. Denn wie mir Melusine
-erzählt hat, sind die Weiberfeinde sogar stolz darauf, Weiberfeinde
-zu sein, und behandeln ihr Denken und Tun als eine höhere Lebensform.
-Kennen Sie solche Leute, Herr von Stechlin? Und wenn Sie solche Leute
-kennen, wie denken Sie darüber?«
-
-»Ich betrachte sie zunächst als Unglückliche.«
-
-»Das ist recht.«
-
-»Und zum zweiten als Kranke. Der Prinz, wie Komtesse schon ganz richtig
-ausgesprochen haben, war auch ein solcher Kranker.«
-
-»Und wie äußerte sich das? Oder ist es überhaupt nicht möglich, über
-das Thema zu sprechen?«
-
-»Nicht ganz leicht, Komtesse. Doch in Gegenwart des Herrn Grafen und
-nicht zu vergessen auch in Gegenwart von Doktor Wrschowitz, der so
-schön und ritterlich gegen die Misogynität Partei genommen, unter
-solchem Beistande will ich es doch wagen.«
-
-»Nun, das freut mich. Denn ich brenne vor Neugier.«
-
-»Und will auch nicht länger ängstlich um die Sache herumgehen. Unser
-Rheinsberger Prinz war ein richtiger Prinz aus dem vorigen Jahrhundert.
-Die jetzigen sind Menschen; die damaligen waren +nur+ Prinzen. Eine der
-Passionen unsers Rheinsberger Prinzen -- wenn man will, in einer Art
-Gegensatz von dem, was schon gesagt wurde -- war eine geheimnisvolle
-Vorliebe für jungfräuliche Tote, besonders Bräute. Wenn eine Braut im
-Rheinsbergischen, am liebsten auf dem Lande, gestorben war, so lud er
-sich zu dem Begräbnis zu Gast. Und eh der Geistliche noch da sein
-konnte (den vermied er), erschien er und stellte sich an das Fußende
-des Sarges und starrte die Tote an. Aber sie mußte geschminkt sein und
-aussehen wie das Leben.«
-
-»Aber das ist ja schrecklich,« brach es beinahe leidenschaftlich aus
-Armgard hervor. »Ich mag diesen Prinzen nicht und seine ganze Fronde
-nicht. Denn die müssen ebenso gewesen sein. Das ist ja Blasphemie, das
-ist ja Gräberschändung, -- ich muß das Wort aussprechen, weil ich so
-empört bin und nicht anders kann.«
-
-Der alte Graf sah die Tochter an, und ein Freudenstrahl umleuchtete
-sein gutes altes Gesicht. Auch Wrschowitz empfand so was von
-unbedingter Huldigung, bezwang sich aber und sah, statt auf Armgard,
-auf das Bild der Gräfin-Mutter, das von der Wand niederblickte.
-
-Nur Woldemar blieb ruhig und sagte: »Komtesse, Sie gehen vielleicht zu
-weit. Wissen Sie, was in der Seele des Prinzen vorgegangen ist? Es kann
-etwas Infernales gewesen sein, aber auch etwas ganz andres. Wir wissen
-es nicht. Und weil er nebenher unbedingt große Züge hatte, so bin ich
-dafür, ihm das in Rechnung zu stellen.«
-
-»Bravo, Stechlin,« sagte der alte Graf. »Ich war erst Armgards Meinung.
-Aber Sie haben recht, wir wissen es nicht. Und soviel weiß ich noch von
-der Juristerei her, in der ich, wohl oder übel, eine Gastrolle gab,
-daß man in zweifelhaften Fällen ~in favorem~ entscheiden muß. Übrigens
-geht eben die Klingel. An bester Stelle wird ein Gespräch immer
-unterbrochen. Es wird Melusine sein. Und so sehr ich gewünscht hätte,
-sie wäre von Anfang an mit dabei gewesen, wenn sie jetzt so mit einem
-Male dazwischen fährt, ist selbst Melusine eine Störung.«
-
-Es war wirklich Melusine. Sie trat, ohne draußen abgelegt zu haben, ins
-Zimmer, warf das schottische Cape, das sie trug, in eine Sofaecke und
-schritt, während sie noch den Hut aus dem Haare nestelte, bis an den
-Tisch, um hier zunächst den Vater, dann aber die beiden andern Herren
-zu begrüßen. »Ich seh euch so verlegen, woraus ich schließe, daß eben
-etwas Gefährliches gesagt worden ist. Also etwas über mich.«
-
-»Aber, Melusine, wie eitel.«
-
-»Nun, dann also nicht über mich. Aber über wen? Das wenigstens will ich
-wissen. Von wem war die Rede?«
-
-»Vom Prinzen Heinrich. Aber von dem ganz alten, der schon fast hundert
-Jahre tot ist.«
-
-»Da konntet ihr auch was Besseres tun.«
-
-»Wenn du wüßtest, was uns Stechlin von ihm erzählt hat, und daß er
--- nicht Stechlin, aber der Prinz -- ein Misogyne war, so würdest du
-vielleicht anders sprechen.«
-
-»Misogyne. Das freilich ändert die Sache. Ja, lieber Stechlin, da kann
-ich Ihnen nicht helfen, davon muß ich auch noch hören. Und wenn Sie
-mir's abschlagen, so wenigstens was Gleichwertiges.«
-
-»Gräfin Melusine, was Gleichwertiges gibt es nicht.«
-
-»Das ist gut, sehr gut, weil es so wahr ist. Aber dann bitt ich um
-etwas zweiten Ranges. Ich sehe, daß Sie von Ihrem Ausfluge erzählt
-haben, von Ihrem Papa, von Schloß Stechlin selbst oder von Ihrem Dorf
-und Ihrer Gegend. Und davon möcht ich auch hören, wenn es auch freilich
-nicht an das andre heranreicht.«
-
-»Ach, Gräfin, Sie wissen nicht, wie bescheiden es mit unserm Stechliner
-Erdenwinkel bestellt ist. Wir haben da, von einem Pastor abgesehen,
-der beinah Sozialdemokrat ist, und des weiteren von einem Oberförster
-abgesehen, der eine Prinzessin, eine Ippe-Büchsenstein, geheiratet
-hat ...«
-
-»Aber das ist ja alles großartig ...«
-
-»Wir haben da, von diesen zwei Sehenswürdigkeiten abgesehen, eigentlich
-nur noch den ›Stechlin‹. Der ginge vielleicht, über den ließe sich
-vielleicht etwas sagen.«
-
-»Den ›Stechlin?‹ Was ist das? Ich bin so glücklich zu wissen« (und sie
-machte verbindlich eine Handbewegung auf Woldemar zu), »ich bin so
-glücklich, zu wissen, daß es Stechline gibt. Aber der Stechlin! Was ist
-der Stechlin?«
-
-»Das ist ein See.«
-
-»Ein See. Das besagt nicht viel. Seen, wenn es nicht grade der
-Vierwaldstätter ist, werden immer erst interessant durch ihre Fische,
-durch Sterlet oder Felchen. Ich will nicht weiter aufzählen. Aber was
-hat der Stechlin? Ich vermute, Steckerlinge.«
-
-»Nein, Gräfin, die hat er nun gerade nicht. Er hat genau das, was
-Sie geneigt sind am wenigsten zu vermuten. Er hat Weltbeziehungen,
-vornehme, geheimnisvolle Beziehungen, und nur alles Gewöhnliche, wie
-beispielsweise Steckerlinge, hat er nicht. Steckerlinge fehlen ihm.«
-
-»Aber, Stechlin, Sie werden doch nicht den Empfindlichen spielen.
-Rittmeister in der Garde!«
-
-»Nein, Gräfin. Und außerdem, den wollt ich sehen, der das Ihnen
-gegenüber zuwege brächte.«
-
-»Nun dann also, was ist es? Worin bestehen seine vornehmen Beziehungen?«
-
-»Er steht mit den höchsten und allerhöchsten Herrschaften, deren
-genealogischer Kalender noch über den Gothaischen hinauswächst, auf
-du und du. Und wenn es in Java oder auf Island rumort oder der Geiser
-mal in Doppelhöhe dampft und springt, dann springt auch in unserm
-Stechlin ein Wasserstrahl auf, und einige (wenn es auch noch niemand
-gesehen hat), einige behaupten sogar, in ganz schweren Fällen erscheine
-zwischen den Strudeln ein roter Hahn und krähe hell und weckend in die
-Ruppiner Grafschaft hinein. Ich nenne das vornehme Beziehungen.«
-
-»Ich auch,« sagte Melusine.
-
-Wrschowitz aber, dessen Augen immer größer geworden waren, murmelte vor
-sich hin: »Sehr warr, sehr warr.«
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel
-
-
-Es war zu Beginn der Woche, daß Woldemar seinen Besuch im Barbyschen
-Hause gemacht hatte. Schon am Mittwoch früh empfing er ein Billett von
-Melusine.
-
-»Lieber Freund. Lassen Sie mich Ihnen noch nachträglich mein Bedauern
-aussprechen, daß ich vorgestern nur gerade noch die letzte Szene
-des letzten Aktes (Geschichte vom Stechlin) miterleben konnte. Mich
-verlangt es aber lebhaft, mehr davon zu wissen. In unsrer sogenannten
-großen Welt gibt es so wenig, was sich zu sehen und zu hören verlohnt;
-das meiste hat sich in die stillen Winkel der Erde zurückgezogen. Allen
-vorauf, wie mir scheint, in Ihre Stechliner Gegend. Ich wette, Sie
-haben uns noch über vieles zu berichten, und ich kann nur wiederholen,
-ich möchte davon hören. Unsre gute Baronin, der ich davon erzählt
-habe, denkt ebenso; sie hat den Zug aller naiven und liebenswürdigen
-Frauen, neugierig zu sein. Ich, ohne die genannten Vorbedingungen zu
-erfüllen, bin ihr trotzdem an Neugier gleich. Und so haben wir denn
-eine Nachmittagspartie verabredet, bei der Sie der große Erzähler sein
-sollen. In der Regel freilich verläuft es anders wie gedacht, und man
-hört nicht das, was man hören wollte. Das darf uns aber in unserm
-guten Vorhaben nicht hindern. Die Baronin hat mir etwas vorgeschwärmt
-von einer Gegend, die sie ›Oberspree‹ nannte (die vielleicht auch
-wirklich so heißt), und wo's so schön sein soll, daß sich die
-Havelherrlichkeiten daneben verstecken müssen. Ich will es ihr glauben,
-und jedenfalls werd ich es ihr nachträglich versichern, auch wenn ich
-es nicht gefunden haben sollte. Das Ziel unsrer Fahrt -- ein Punkt,
-den übrigens die Berchtesgadens noch nicht kennen; sie waren bisher
-immer erheblich weiter flußaufwärts -- das Ziel unsrer Reise hat einen
-ziemlich sonderbaren Namen und heißt das ›Eierhäuschen‹. Ich werde
-seitdem die Vorstellung von etwas Ovalem nicht los und werde wohl erst
-geheilt sein, wenn sich mir die so sonderbar benamste Spreeschönheit
-persönlich vorgestellt haben wird. Also morgen, Donnerstag:
-Eierhäuschen. Ein ›Nein‹ gibt es natürlich nicht. Abfahrt vier Uhr,
-Jannowitzbrücke. Papa begleitet uns; es geht ihm seit heut um vieles
-besser, so daß er sich's zutraut. Vielleicht ist vier etwas spät; aber
-wir haben dabei, wie mir Lizzi sagt, den Vorteil, auf der Rückfahrt
-die Lichter im Wasser sich spiegeln zu sehen. Und vielleicht ist auch
-irgendwo Feuerwerk, und wir sehen dann die Raketen steigen. Armgard
-ist in Aufregung, fast auch ich. ~Au revoir.~ Eines Herrn Rittmeisters
-wohlaffektionierte
-
- Melusine.«
-
- * * * * *
-
-Nun war der andre Nachmittag da, und kurz vor vier Uhr fuhren
-erst die Berchtesgadens und gleich danach auch die Barbys bei
-der Jannowitzbrücke vor. Woldemar wartete schon. Alle waren in
-jener heitern Stimmung, in der man geneigt ist, alles schön und
-reizend zu finden. Und diese Stimmung kam denn auch gleich der
-Dampfschiffahrtsstation zustatten. Unter lachender Bewunderung der sich
-hier darbietenden Holzarchitektur stieg man ein Gewirr von Stiegen
-und Treppen hinab und schritt, unten angekommen, an den um diese
-Stunde noch leeren Tischen eines hier etablierten »Lokals« vorüber,
-unmittelbar auf das Schiff zu, dessen Glocke schon zum erstenmal
-geläutet hatte. Das Wetter war prachtvoll, flußaufwärts alles klar und
-sonnig, während über der Stadt ein dünner Nebel lag. Zu beiden Seiten
-des Hinterdecks nahm man auf Stühlen und Bänken Platz und sah von hier
-aus auf das verschleierte Stadtbild zurück.
-
-»Da heißt es nun immer,« sagte Melusine, »Berlin sei so kirchenarm;
-aber wir werden bald Köln und Mainz aus dem Felde geschlagen haben.
-Ich sehe die Nikolaikirche, die Petrikirche, die Waisenkirche,
-die Schloßkuppel, und das Dach da, mit einer Art von chinesischer
-Deckelmütze, das ist, glaub ich, der Rathausturm. Aber freilich, ich
-weiß nicht, ob ich den mitrechnen darf.«
-
-»Turm ist Turm,« sagte die Baronin. »Das fehlte so gerade noch, daß man
-dem armen alten Berlin auch seinen Rathausturm als Turm abstritte. Man
-eifersüchtelt schon genug.«
-
-Und nun schlug es vier. Von der Parochialkirche her klang das
-Glockenspiel, die Schiffsglocke läutete dazwischen, und als diese
-wieder schwieg, wurde das Brett aufgeklappt, und unter einem schrillen
-Pfiff setzte sich der Dampfer auf das mittlere Brückenjoch zu in
-Bewegung.
-
- * * * * *
-
-Oben, in Nähe der Jannowitzbrücke, hielten immer noch die beiden
-herrschaftlichen Wagen, die's für angemessen erachten mochten, ehe sie
-selber aufbrachen, zuvor den Aufbruch des Schiffes abzuwarten, und
-erst als dieses unter der Brücke verschwunden war, fuhr der gräflich
-Barbysche Kutscher neben den freiherrlich Berchtesgadenschen, um
-mit diesem einen Gruß auszutauschen. Beide kannten sich seit lange,
-schon von London her, wo sie bei denselben Herrschaften in Dienst
-gestanden hatten. In diesem Punkte waren sie sich gleich, sonst
-aber so verschieden wie nur möglich, auch schon in ihrer äußeren
-Erscheinung. Imme, der Barbysche Kutscher, ein ebenso martialisch wie
-gutmütig dreinschauender Mecklenburger, hätte mit seinem angegrauten
-Sappeurbart ohne weiteres vor eine Gardetruppe treten und den Zug als
-Tambourmajor eröffnen können, während der Berchtesgadensche, der seine
-Jugend als Trainer und halber Sportsmann zugebracht hatte, nicht bloß
-einen englischen Namen führte, sondern auch ein typischer Engländer
-war, hager, sehnig, kurz geschoren und glatt rasiert. Seine Glotzaugen
-hatten etwas Stupides; er war aber trotzdem klug genug und wußte,
-wenn's galt, seinem Vorteil nachzugehen. Das Deutsche machte ihm noch
-immer Schwierigkeiten, trotzdem er sich aufrichtige Mühe damit gab und
-sogar das bequeme Zuhilfenehmen englischer Wörter vermied, am meisten
-dann, wenn er sich die Berlinerinnen seiner Bekanntschaft abquälen sah,
-ihm mit »~well, well, Mr. Robinson~« oder gar mit einem geheimnisvollen
-»~indeed~« zu Hilfe zu kommen. Nur mit dem einen war er einverstanden,
-daß man ihn »Mr. Robinson« nannte. Das ließ er sich gefallen.
-
-»~Now, Mr. Robinson~,« sagte Imme, als sie Bock an Bock nebeneinander
-hielten, »~how are you? I hope quite well.~«
-
-»Danke, Mr. Imme, danke! Was macht die Frau?«
-
-»Ja, Robinson, da müssen Sie, denk ich, selber nachsehen, und zwar
-gleich heute, wo die Herrschaften fort sind und erst spät wiederkommen.
-Noch dazu mit der Stadtbahn. Wenigstens von hier aus, Jannowitzbrücke.
-Sagen wir also neun; eher sind sie nicht zurück. Und bis dahin haben
-wir einen guten Skat. Hartwig als dritter wird schon kommen; Portiers
-können immer. Die Frau zieht ebensogut die Tür auf wie er, und weiter
-ist es ja nichts. Also Klocker fünf: ein ›Nein‹ gilt nicht; ~where
-there is a will, there is a way~. Ein bißchen ist doch noch hängen
-geblieben von ~dear old England~.«
-
-»Danke, Mr. Imme,« sagte Robinson, »danke! Ja, Skat ist das Beste von
-~all Germany~. Komme gern. Skat ist noch besser als Bayrisch.«
-
-»Hören Sie, Robinson, ich weiß doch nicht, ob das stimmt. Ich denke
-mir, so beides zusammen, das ist das Wahre. ~That's it.~«
-
-Robinson war einverstanden, und da beide weiter nichts auf dem Herzen
-hatten, so brach man hier ab und schickte sich an, die Rückfahrt in
-einem mäßig raschen Trab anzutreten, wobei der Berchtesgadensche
-Kutscher den Weg über Molkenmarkt und Schloßplatz, der Barbysche den
-auf die Neue Friedrichstraße nahm. Jenseits der Friedrichsbrücke hielt
-sich dieser dann dicht am Wasser hin und kam so am bequemsten bis an
-sein Kronprinzenufer.
-
- * * * * *
-
-Der Dampfer, gleich nachdem er das Brückenjoch passiert hatte, setzte
-sich in ein rascheres Tempo, dabei die linke Flußseite haltend, so daß
-immer nur eine geringe Entfernung zwischen dem Schiff und den sich
-dicht am Ufer hinziehenden Stadtbahnbögen war. Jeder Bogen schuf den
-Rahmen für ein dahinter gelegenes Bild, das natürlich die Form einer
-Lunette hatte. Mauerwerk jeglicher Art, Schuppen, Zäune zogen in buntem
-Wechsel vorüber, aber in Front aller dieser der Alltäglichkeit und der
-Arbeit dienenden Dinge zeigte sich immer wieder ein Stück Gartenland,
-darin ein paar verspätete Malven oder Sonnenblumen blühten. Erst als
-man die zweitfolgende Brücke passiert hatte, traten die Stadtbahnbögen
-so weit zurück, daß von einer Ufereinfassung nicht mehr die Rede sein
-konnte; statt ihrer aber wurden jetzt Wiesen und pappelbesetzte Wege
-sichtbar, und wo das Ufer kaiartig abfiel, lagen mit Sand beladene
-Kähne, große Zillen, aus deren Innerem eine baggerartige Vorrichtung
-die Kies- und Sandmassen in die dicht am Ufer hin etablierten
-Kalkgruben schüttete. Es waren dies die Berliner Mörtelwerke, die hier
-die Herrschaft behaupteten und das Uferbild bestimmten.
-
-Unsre Reisenden sprachen wenig, weil unter dem raschen Wechsel der
-Bilder eine Frage die andre zurückdrängte. Nur als der Dampfer
-an Treptow vorüber zwischen den kleinen Inseln hinfuhr, die hier
-mannigfach aus dem Fluß aufwachsen, wandte sich Melusine an Woldemar
-und sagte: »Lizzi hat mir erzählt, hier zwischen Treptow und Stralau
-sei auch die ›Liebesinsel‹; da stürben immer die Liebespaare, meist mit
-einem Zettel in der Hand, drauf alles stünde. Trifft das zu?«
-
-»Ja, Gräfin, soviel ich weiß, trifft es zu. Solche Liebesinseln gibt
-es übrigens vielfach in unsrer Gegend und kann als Beweis gelten, wie
-weitverbreitet der Zustand ist, dem abgeholfen werden soll, und wenn's
-auch durch Sterben wäre.«
-
-»Das nehm ich Ihnen übel, daß Sie darüber spotten. Und Armgard wird
-es noch mehr tun, weil sie gefühlvoller ist als ich. Zudem sollten Sie
-wissen, daß sich so was rächt.«
-
-»Ich weiß es. Aber Sie lesen auch durchaus falsch in meiner Seele.
-Sicher haben Sie mal gehört, daß der, der Furcht hat, zu singen
-anfängt, und wer nicht singen kann, nun, der witzelt eben. Übrigens, so
-schön ›Liebesinsel‹ klingt, der Zauber davon geht wieder verloren, wenn
-Sie sich den Namen des Ganzen vergegenwärtigen. Die sich so mächtig
-hier verbreiternde Spreefläche heißt nämlich der ›Rummelsburger‹ See.«
-
-»Freilich nicht hübsch; das kann ich zugeben. Aber die Stelle selbst
-ist schön, und Namen bedeuten nichts.«
-
-»Wer Melusine heißt, sollte wissen, was Namen bedeuten.«
-
-»Ich weiß es leider. Denn es gibt Leute, die sich vor ›Melusine‹
-fürchten.«
-
-»Was immer eine Dummheit, aber doch viel mehr noch eine Huldigung ist.«
-
-Unter diesem Gespräche waren sie bis über die Breitung der Spree hinaus
-gekommen und fuhren wieder in das schmaler werdende Flußbett ein.
-An beiden Ufern hörten die Häuserreihen auf, sich in dünnen Zellen
-hinzuziehen, Baumgruppen traten in nächster Nähe dafür ein, und weiter
-landeinwärts wurden aufgeschüttete Bahndämme sichtbar, über die hinweg
-die Telegraphenstangen ragten und ihre Drähte von Pfahl zu Pfahl
-spannten. Hie und da, bis ziemlich weit in den Fluß hinein, stand ein
-Schilfgürtel, aus dessen Dickicht vereinzelte Krickenten aufflogen.
-
-»Es ist doch weiter, als ich dachte,« sagte Melusine. »Wir sind ja
-schon wie in halber Einsamkeit. Und dabei wird es frisch. Ein Glück,
-daß wir Decken mitgenommen. Denn wir bleiben doch wohl im Freien? Oder
-gibt es auch Zimmer da? Freilich kann ich mir kaum denken, daß wir zu
-sechs in einem Eierhäuschen Platz haben.«
-
-»Ach, Frau Gräfin, ich sehe, Sie rechnen auf etwas extrem Idyllisches
-und erwarten, wenn wir angelangt sein werden, einen Mischling von
-Kiosk und Hütte. Da harrt Ihrer aber eine grausame Enttäuschung.
-Das Eierhäuschen ist ein sogenanntes ›Lokal‹, und wenn uns die Lust
-anwandelt, so können wir da tanzen oder eine Volksversammlung abhalten.
-Raum genug ist da. Sehen Sie, das Schiff wendet sich schon, und der
-rote Bau da, der zwischen den Pappelweiden mit Turm und Erker sichtbar
-wird, das ist das Eierhäuschen.«
-
-»O weh! Ein Palazzo,« sagte die Baronin und war auf dem Punkt, ihrer
-Mißstimmung einen Ausdruck zu geben. Aber ehe sie dazu kam, schob
-sich das Schiff schon an den vorgebauten Anlegesteg, über den hinweg
-man, einen Uferweg einschlagend, auf das Eierhäuschen zuschritt.
-Dieser Uferweg setzte sich, als man das Gartenlokal endlich erreicht
-hatte, jenseits desselben noch eine gute Strecke fort, und weil
-die wundervolle Frische dazu einlud, beschloß man, ehe man sich im
-Eierhäuschen selber niederließ, zuvor noch einen gemeinschaftlichen
-Spaziergang am Ufer hin zu machen. Immer weiter flußaufwärts.
-
-Der Enge des Weges halber ging man zu zweien, vorauf Woldemar mit
-Melusine, dann die Baronin mit Armgard. Erheblich zurück erst
-folgten die beiden älteren Herren, die schon auf dem Dampfschiff
-ein politisches Gespräch angeschnitten hatten. Beide waren liberal,
-aber der Umstand, daß der Baron ein Bayer und unter katholischen
-Anschauungen aufgewachsen war, ließ doch beständig Unterschiede
-hervortreten.
-
-»Ich kann Ihnen nicht zustimmen, lieber Graf. Alle Trümpfe heut, und
-zwar mehr denn je, sind in des Papstes Hand. Rom ist ewig und Italien
-nicht so fest aufgebaut, als es die Welt glauben machen möchte. Der
-Quirinal zieht wieder aus, und der Vatikan zieht wieder ein. Und was
-dann?«
-
-»Nichts, lieber Baron. Auch dann nicht, wenn es wirklich dazu kommen
-sollte, was, glaub ich, ausgeschlossen ist.«
-
-»Sie sagen das so ruhig, und ruhig ist man nur, wenn man sicher ist.
-Sind Sie's? Und wenn Sie's sind, dürfen Sie's sein? Ich wiederhole, die
-letzten Entscheidungen liegen immer bei dieser Papst- und Rom-Frage.«
-
-»Lagen einmal. Aber damit ist es gründlich vorbei, auch in Italien
-selbst. Die letzten Entscheidungen, von denen Sie sprechen, liegen
-heutzutage ganz wo anders, und es sind bloß ein paar Ihrer Zeitungen,
-die nicht müde werden, der Welt das Gegenteil zu versichern. Alles
-bloße Nachklänge. Das moderne Leben räumt erbarmungslos mit all dem
-Überkommenen auf. Ob es glückt, ein Nilreich aufzurichten, ob Japan
-ein England im Stillen Ozean wird, ob China mit seinen vierhundert
-Millionen aus dem Schlaf aufwacht und, seine Hand erhebend, uns und
-der Welt zuruft: ›Hier bin ich,‹ allem vorauf aber, ob sich der vierte
-Stand etabliert und stabiliert (denn darauf läuft doch in ihrem
-vernünftigen Kern die ganze Sache hinaus) -- das alles fällt ganz
-anders ins Gewicht als die Frage ›Quirinal oder Vatikan‹. Es hat sich
-überlebt. Und anstaunenswert ist nur das eine, daß es überhaupt noch so
-weiter geht. Das ist der Wunder größtes.«
-
-»Und das sagen Sie, der Sie zeitweilig den Dingen so nahe gestanden?«
-
-»+Weil+ ich ihnen so nahe gestanden.«
-
- * * * * *
-
-Auch die beiden voranschreitenden Paare waren in lebhaftem Gespräch.
-
-An dem schon in Dämmerung liegenden östlichen Horizont stiegen
-die Fabrikschornsteine von Spindlersfelde vor ihnen auf, und die
-Rauchfahnen zogen in langsamem Zuge durch die Luft.
-
-»Was ist das?« fragte die Baronin, sich an Woldemar wendend.
-
-»Das ist Spindlersfelde.«
-
-»Kenn ich nicht.«
-
-»Doch vielleicht, gnädigste Frau, wenn Sie hören, daß in eben diesem
-Spindlersfelde der für die weibliche Welt so wichtige Spindler seine
-geheimnisvollen Künste treibt. Besser noch seine verschwiegenen. Denn
-unsre Damen bekennen sich nicht gern dazu.«
-
-»So, der! Ja, dieser unser Wohltäter, den wir -- Sie haben ganz recht
--- in unserm Undank so gern unterschlagen. Aber dies Unterschlagen hat
-doch auch wieder sein Verzeihliches. Wir tun jetzt (leider) so vieles,
-was wir, nach einer alten Anschauung, eigentlich nicht tun sollten. Es
-ist, mein ich, nicht passend, auf einem Pferdebahnperron zu stehen,
-zwischen einem Schaffner und einer Kiepenfrau, und es ist noch weniger
-passend, in einem Fünfzigpfennigbasar allerhand Einkäufe zu machen und
-an der sich dabei aufdrängenden Frage: ›Wodurch ermöglichen sich diese
-Preise?‹ still vorbeizugehen. Unser Freund in Spindlersfelde da drüben
-degradiert uns vielleicht auch durch das, was er so hilfreich für uns
-tut. Armgard, wie denken Sie darüber?«
-
-»Ganz wie Sie, Baronin.«
-
-»Und Melusine?«
-
-Diese gab kopfschüttelnd die Frage weiter und drang darauf, daß die
-beiden älteren Herren, die mittlerweile herangekommen waren, den
-Ausschlag geben sollten. Aber der alte Graf wollte davon nichts wissen.
-»Das sind Doktorfragen. Auf derlei Dinge lass' ich mich nicht ein. Ich
-schlage vor, wir machen lieber kehrt und suchen uns im Eierhäuschen
-einen hübschen Platz, von dem aus wir das Leben auf dem Fluß beobachten
-und hoffentlich auch den Sonnenuntergang gut sehen können.«
-
- * * * * *
-
-Ziemlich um dieselbe Stunde, wo die Barbyschen und Berchtesgadenschen
-Herrschaften ihren Spaziergang auf Spindlersfelde zu machten, erschien
-unser Freund Mr. Robinson, von seinem Stallgebäude her, in Front der
-Lennéstraße, sah erst gewohnheitsmäßig nach dem Wetter und ging dann
-quer durch den Tiergarten auf das Kronprinzenufer zu, wo die Immes ihn
-bereits erwarteten.
-
-Frau Imme, die, wie die meisten kinderlosen Frauen (und Frauen
-mit Sappeurbartmännern sind fast immer kinderlos), einen großen
-Wirtschafts- und Sauberkeitssinn hatte, hatte zu Mr. Robinsons Empfang
-alles in die schönste Ordnung gebracht, um so mehr, als sie wußte, daß
-ihr Gast, als ein verwöhnter Engländer, immer der Neigung nachgab,
-alles Deutsche, wenn auch nur andeutungsweise, zu bemängeln. Es lag
-ihr daran, ihn fühlen zu lassen, daß man's hier auch verstehe. So war
-denn von ihr nicht bloß eine wundervolle Kaffeeserviette, sondern auch
-eine silberne Zuckerdose mit Streuselkuchentellern links und rechts
-aufgestellt worden. Frau Imme konnte das alles und noch mehr infolge
-der bevorzugten Stellung, die sie von langer Zeit her bei den Barbys
-einnahm, zu denen sie schon als fünfzehnjähriges junges Ding gekommen
-und in deren Dienst sie bis zu ihrer Verheiratung geblieben war. Auch
-jetzt noch hingen beide Damen an ihr, und mit Hilfe Lizzis, die, so
-diskret sie war, doch gerne plauderte, war Frau Imme jederzeit über
-alles unterrichtet, was im Vorderhause vorging. Daß der Rittmeister
-sich für die Damen interessierte, wußte sie natürlich wie jeder andre,
-nur nicht -- auch darin wie jeder andre --, für welche.
-
-Ja, für welche?
-
-Das war die große Frage, selbst für Mr. Robinson, der regelmäßig, wenn
-er die Immes sah, sich danach erkundigte. Dazu kam es denn auch heute
-wieder, und zwar sehr bald nach seinem Eintreffen.
-
-Eine große Familientasse mit einem in Front eines Tempels den Bogen
-spannenden Amor war vor ihn hingestellt worden, und als er dem
-Streuselkuchen (für den er eine so große Vorliebe hatte, daß er
-regelmäßig erklärte, so was gäb es in den vereinigten drei Königreichen
-nicht) -- als er dem Streusel liebevoll und doch auch wieder maßvoll
-zugesprochen hatte, betrachtete er das Bild auf der großen Tasse,
-zeigte, was bei seiner Augenbeschaffenheit etwas Komisches hatte,
-schelmisch lächelnd auf den bogenspannenden Amor und sagte: »Hier
-hinten ein Tempel und hier vorn ein Lorbeerbusch. Und hier ~this little
-fellow with his arrow~. Ich möchte mir die Frage gestatten -- Sie sind
-eine so kluge Frau, Frau Imme --: wird er den Pfeil fliegen lassen oder
-nicht, und wenn er den Pfeil fliegen läßt, ist es die Priesterin, die
-hier neben dem Lorbeer steht, oder ist es eine andre?«
-
-»Ja, Mr. Robinson,« sagte Frau Imme, »darauf ist schwer zu antworten.
-Denn erstens wissen wir nicht, was er überhaupt vorhat, und dann
-wissen wir auch nicht: wer ist die Priesterin? Ist die Komtesse die
-Priesterin, oder ist die Gräfin die Priesterin? Ich glaube, wer schon
-verheiratet war, kann wohl eigentlich nicht Priesterin sein.«
-
-»Ach,« sagte Imme, in dem sich der naturwüchsige Mecklenburger regte,
-»sein kann alles. Über so was wächst Gras. Ich glaube, es is die
-Gräfin.«
-
-Robinson nickte. »Glaub ich auch. ~And what's the reason, dear~ Mrs.
-Imme? Weil Witib vor Jungfrau geht. Ich weiß wohl, es ist immer viel
-die Rede von ~virginity~, aber ~widow~ ist mehr als ~virgin~.«
-
-Frau Imme, die nur halb verstanden hatte, verstand doch genug, um zu
-kichern, was sie übrigens sittsam mit der Bemerkung begleitete, sie
-habe so was von Mr. Robinson nicht geglaubt.
-
-Robinson nahm es als Huldigung und trat, nachdem er sich mit Erlaubnis
-der »Lady« ein kurzes Pfeifchen mit türkischem Tabak angesteckt hatte,
-an ein Fensterchen, in dessen mit einer kleinen Laubsäge gemachten
-Blumenkasten rote Verbenen blühten, und sagte, während er auf den
-Hof mit seinen drei Akazienbäumen herunterblickte: »Wer ist denn der
-hübsche Junge da, der da mit seinem ~hoop~ spielt? Hier sagen sie
-Reifen.«
-
-»Das is ja Hartwigs Rudolf,« sagte Frau Imme. »Ja, der Junge hat viel
-Chic. Und wie er da mit dem Reifen spielt und die Hedwig immer hinter
-ihm her, wiewohl sie doch beinahe seine Mutter sein könnte. Na, ich
-freue mich immer, wenn ich ausgelassene Menschen sehe, und wenn Hartwig
-kommt -- ich wundere mich bloß, daß er noch nicht da ist --, da können
-Sie ihm ja sagen, wie hübsch Sie die verwöhnte kleine Range finden. Das
-wird ihn freuen; er ist furchtbar eitel. Alle Portiersleute sind eitel.
-Aber das muß wahr sein, es ist ein reizender Junge.«
-
-Während sie noch so sprachen, erschien Hartwig, auf den Imme,
-skatdurstig, schon seit einer Viertelstunde gewartet hatte, und keine
-drei Minuten mehr, so war auch Hedwig da, die sich bis kurz vorher mit
-ihrem kleinen Cousin Rudolf in dem Hof unten abgeäschert hatte. Beide
-wurden mit gleicher Herzlichkeit empfangen, Hartwig, weil nach seinem
-Erscheinen die Skatpartie beginnen konnte, Hedwig, weil Frau Imme
-nun gute Gesellschaft hatte. Denn Hedwig konnte wundervoll erzählen
-und brachte jedesmal Neuigkeiten mit. Sie mochte vierundzwanzig
-sein, war immer sehr sauber gekleidet und von heiter-übermütigem
-Gesichtsausdruck. Dazu krauses, kastanienbraunes Haar. Es traf sich,
-daß sie mal wieder außer Dienst war.
-
-»Nun, das ist recht, Hedwig, daß du kommst,« sagte Frau Imme. »Rudolfen
-hab ich eben erst gefragt, wo du geblieben wärst, denn ich habe dich ja
-mit ihm spielen sehen; aber solch Junge weiß nie was; der denkt bloß
-immer an sich, und ob er sein Stück Kuchen kriegt. Na, wenn er kommt,
-er soll's haben; Robinson ißt immer so wenig, wiewohl er den Streusel
-ungeheuer gern mag. Aber so sind die Engländer, sie sind nicht so
-zugreifsch, und dann geniert sich mein Imme auch, und die Hälfte bleibt
-übrig. Na, jedenfalls is es nett, daß du wieder da bist. Ich habe dich
-ja seit deinem letzten Dienst noch gar nicht ordentlich gesehen. Es war
-ja wohl ne Hofrätin? Na, Hofrätinnen, die kenn ich. Aber es gibt auch
-gute. Wie war +er+ denn?«
-
-»Na, mit +ihm+ ging es.«
-
-»Deine krausen Haare werden wohl wieder schuld sein. Die können manche
-nicht vertragen. Und wenn dann die Frau was merkt, dann is es vorbei.«
-
-»Nein, so war es nicht. Er war ein sehr anständiger Mann. Beinahe zu
-sehr.«
-
-»Aber, Kind, wie kannst du nur so was sagen? Wie kann einer +zu+
-anständig sein?«
-
-»Ja, Frau Imme. Wenn einen einer gar nicht ansieht, das ist einem auch
-nicht recht.«
-
-»Ach, Hedwig, was du da bloß so redst! Und wenn ich nich wüßte, daß du
-gar nich so bist ... Aber was war es denn?«
-
-»Ja, Frau Imme, was soll ich sagen, was es war; es is ja immer wieder
-dasselbe. Die Herrschaften können einen nicht richtig unterbringen.
-Oder wollen auch nich. Immer wieder die Schlafstelle oder, wie manche
-hier sagen, die Schlafgelegenheit.«
-
-»Aber, Kind, wie denn? Du mußt doch ne Gelegenheit zum Schlafen haben.«
-
-»Gewiß, Frau Imme. Und ne Gelegenheit, so denkt mancher, is ne
-Gelegenheit. Aber gerade +die+, die hat man nich. Man ist müde zum
-Umfallen und kann doch nicht schlafen.«
-
-»Versteh ich nich.«
-
-»Ja, Frau Imme, das macht, weil Sie von Kindesbeinen an immer bei so
-gute Herrschaften waren, und mit Lizzi is es jetzt wieder ebenso.
-Die hat es auch gut un is, wie wenn sie mit dazu gehörte. Meine
-Tante Hartwig erzählt mir immer davon. Und einmal hab ich es auch so
-gut getroffen. Aber bloß das eine Mal. Sonst fehlt eben immer die
-Schlafgelegenheit.«
-
-Frau Imme lachte.
-
-»Sie lachen darüber, Frau Imme. Das is aber nich recht, daß Sie lachen.
-Glauben Sie mir, es is eigentlich zum Weinen. Und mitunter hab ich
-auch schon geweint. Als ich nach Berlin kam, da gab es ja noch die
-Hängeböden.«
-
-»Kenn ich, kenn ich; das heißt, ich habe davon gehört.«
-
-»Ja, wenn man davon gehört hat, das is nich viel. Man muß sie richtig
-kennen lernen. Immer sind sie in der Küche, mitunter dicht am Herd oder
-auch gerade gegenüber. Und nun steigt man auf eine Leiter, und wenn man
-müde is, kann man auch runterfallen. Aber meistens geht es. Und nun
-macht man die Tür auf und schiebt sich in das Loch hinein, ganz so wie
-in einen Backofen. Das is, was sie ne Schlafgelegenheit nennen. Und
-ich kann Ihnen bloß sagen: auf einem Heuboden is es besser, auch wenn
-Mäuse da sind. Und am schlimmsten is es im Sommer. Draußen sind dreißig
-Grad, und auf dem Herd war den ganzen Tag Feuer; da is es denn, als ob
-man auf den Rost gelegt würde. So war es, als ich nach Berlin kam. Aber
-ich glaube, sie dürfen jetzt so was nich mehr bauen. Polizeiverbot.
-Ach, Frau Imme, die Polizei is doch ein rechter Segen. Wenn wir die
-Polizei nich hätten (und sie sind auch immer so artig gegen einen), so
-hätten wir gar nichts. Mein Onkel Hartwig, wenn ich ihm so erzähle,
-daß man nicht schlafen kann, der sagt auch immer: ›Kenn ich, kenn ich;
-der Bourgeois tut nichts für die Menschheit. Und wer nichts für die
-Menschheit tut, der muß abgeschafft werden.‹«
-
-»Ja, dein Onkel spricht so. Und war es denn bei deinem Hofrat, wo du nu
-zuletzt warst, auch so?«
-
-»Nein, bei Hofrats war es +nicht+ so. Die wohnten ja auch in einem
-ganz neuen Hause. Hofrats waren Trockenwohner. Und in dem, was jetzt
-die neuen Häuser sind, da kommen, glaub ich, die Hängeböden gar nicht
-mehr vor; da haben sie bloß noch die Badestuben.«
-
-»Nu, das is aber doch ein Fortschritt.«
-
-»Ja, das kann man sagen; Badestube als Badestube ist ein Fortschritt
-oder, wie Onkel Hartwig immer sagt, ein Kulturfortschritt. Er hat
-meistens solche Wörter. Aber Badestube als Schlafgelegenheit is kein
-Fortschritt.«
-
-»Gott, Kind, sie werden dich aber doch nich in eine Badewanne gepackt
-haben?«
-
-»I bewahre. Das tun sie schon der Badewanne wegen nich. Da werden sie
-sich hüten. Aber ... Ach, Frau Imme, ich kann nur immer wieder sagen,
-Sie wissen nich Bescheid; Sie hatten es gut, wie Sie noch unverheiratet
-waren, und nu haben Sie's erst recht gut. Sie wohnen hier wie in einer
-kleinen Sommerwohnung, un daß es ein bißchen nach Pferde riecht, das
-schadet nich; das Pferd is ein feines und reinliches Tier, und all
-seine Verrichtungen sind so edel. Man sagt ja auch: das edle Pferd. Und
-außerdem soll es so gesund sein, fast so gut wie Kuhstall, womit sie ja
-die Schwindsucht kurieren. Und dazu haben Sie hier den Blick auf die
-Kugelakazien und drüben auf das Marinepanorama, wo man sehen kann, wie
-alles is, und dahinter haben Sie den Blick auf die Kunstausstellung, wo
-es so furchtbar zieht, bloß damit man immer frische Luft hat. Aber bei
-Hofrats ... Nein, diese Badestube!«
-
-»Gott, Hedwig,« sagte Frau Imme, »du tust ja, wie wenn es eine
-Mördergrube oder ein Verbrecherkeller gewesen wäre.«
-
-»Verbrecherkeller? Ach, Frau Imme, das is ja gar nichts. Ich habe
-Verbrecherkeller gesehen, natürlich bloß zufällig. Da trinken sie
-Weißbier und spielen Sechsundsechzig. Und in einer Ecke wird was
-ausbaldowert, aber davon merkt man nichts.«
-
-»Und die Badestube ... warum is sie dir denn so furchtbar, daß du dich
-ordentlich schudderst? Der Mensch muß doch am Ende baden können.«
-
-»Ach was, baden! natürlich. Aber ne Badestube is nie ne Badestube.
-Wenigstens hier nicht. Eine Badestube is ne Rumpelkammer, wo man
-alles unterbringt, alles, wofür man sonst keinen Platz hat. Und
-dazu gehört auch ein Dienstmädchen. Meine eiserne Bettstelle, die
-abends aufgeklappt wurde, stand immer neben der Badewanne, drin alle
-alten Bier- und Weinflaschen lagen. Und nun drippten die Neigen aus.
-Und in der Ecke stand ein Bettsack, drin die Fräuleins ihre Wäsche
-hineinstopften, und in der andern Ecke war eine kleine Tür. Aber
-davon will ich zu Ihnen nicht sprechen, weil ich einen Widerwillen
-gegen Unanständigkeiten habe, weshalb schon meine Mutter immer sagte:
-›Hedwig, du wirst noch Jesum Christum erkennen lernen.‹ Und ich muß
-sagen, das hat sich bei Hofrats denn auch erfüllt. Aber fromm waren sie
-weiter nich.«
-
-Während Hedwig noch so weiter klagte, hörte man, daß draußen die
-Klingel ging, und als Frau Imme öffnete, stand Rudolf auf dem kleinen
-Flur und sagte, daß er Vatern holen solle und Hedwigen auch; Mutter
-müsse weg.
-
-»Na,« sagte Frau Imme, »dann komm nur, Rudolf, un iß erst ein Stück
-Streusel und bestell es nachher bei deinem Vater.«
-
-Bald danach nahm sie denn auch den Jungen bei der Hand und führte ihn
-in das Nebenzimmer, wo die drei Männer vergnügt an ihrem Skattisch
-saßen. Ein großes Spiel war eben gemacht; alles noch in Aufregung.
-
-Robinson, als er Rudolfen sah, nickte ihm zu und sagte zu Imme: »Das
-is ja der hübsche Junge, den ich vorhin auf dem Hof gesehen habe mit
-seinem ~hoop~; -- ~nice boy~.«
-
-»Ja,« sagte Imme, »das ist unserm Freund Hartwig seiner.« Hartwig
-selber aber rief seinen Jungen heran und sagte: »Na, Rudolf, was
-gibt's? Du willst mich holen. Du sollst aber auch noch ne Freude
-haben. Kuck dir mal den Herrn da an, der dich so freundlich ansieht.
-Das is Robinson.«
-
-»Haha.«
-
-»Ja, Junge, warum lachst du? Glaubst du's nich, wenn ich dir sage, das
-is Robinson?«
-
-»I bewahre, Vater. Robinson, +den+ kenn ich. Robinson hat nen
-Sonnenschirm und ein Lama. Un der is auch schon lange dod.«
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel
-
-
-Unsere Landpartieler waren im Angesicht von Spindlersfelde nach dem
-Eierhäuschen zurückgekehrt und hatten sich hier an zwei dicht am Ufer
-zusammengerückten Tischen niedergelassen, eine Laube von Baumkronen
-über sich. Sperlinge hüpften umher und warteten auf ihre Zeit. Gleich
-danach erschien auch ein Kellner, um die Bestellungen entgegenzunehmen.
-Es entstand dabei die herkömmliche Verlegenheitspause; niemand
-wußte was zu sagen, bis die Baronin auf den Stamm einer ihr
-gegenüberstehenden Ulme wies, drauf »Wiener Würstel« und daneben
-in noch dickeren Buchstaben das gefällige Wort »Löwenbräu« stand.
-In kürzester Frist erschien denn auch der Kellner wieder, und die
-Baronin hob ihr Seidel und ließ das Eierhäuschen und die Spree leben,
-zugleich versichernd, »daß man ein echtes Münchener überhaupt nur noch
-in Berlin tränke«. Der alte Berchtesgaden wollte jedoch nichts davon
-wissen und drang in seine Frau, lieber mehr nach links zu rücken, um
-den Sonnenuntergang besser beobachten zu können; »der sei freilich in
-Berlin ebenso gut wie wo anders«. Die Baronin hielt aber aus und rührte
-sich nicht. »Was Sonnenuntergang! den seh ich jeden Abend. Ich sitze
-hier sehr gut und freue mich schon auf die Lichter.«
-
-Und nicht lange mehr, so waren diese Lichter auch wirklich da.
-Nicht nur das ganze Lokal erhellte sich, sondern auch auf dem
-drüben am andern Ufer sich hinziehenden Eisenbahndamme zeigten sich
-allmählich die verschiedenfarbigen Signale, während mitten auf der
-Spree, wo Schleppdampfer die Kähne zogen, ein verblaktes Rot aus den
-Kajütenfenstern hervorglühte. Dabei wurde es kühl, und die Damen
-wickelten sich in ihre Plaids und Mäntel.
-
-Auch die Herren fröstelten ein wenig, und so trat denn der ersichtlich
-etwas planende Woldemar nach kurzem Aufundabschreiten an das in der
-Nähe befindliche Büfett heran, um da zur Herstellung einer besseren
-Innentemperatur das Nötige zu veranlassen. Und siehe da, nicht lange
-mehr, so stand auch schon ein großes Tablett mit Gläsern und Flaschen
-vor ihnen und dazwischen ein Deckelkrug, aus dem, als man den Deckel
-aufklappte, der heiße Wrasen emporschlug. Die Baronin, in solchen
-Dingen die scharfblickendste, war sofort orientiert und sagte: »Lieber
-Stechlin, ich beglückwünsche Sie. Das war eine große Idee.«
-
-»Ja, meine Damen, ich glaubte, daß etwas geschehen müsse, sonst haben
-wir morgen samt und sonders einen akuten Rheumatismus. Und zurück
-müssen wir doch auch. Auf dem Schiffe, wo solche Hilfsmittel, glaub
-ich, fehlen, sind wir allen Unbilden der Elemente preisgegeben.«
-
-»Und Sie konnten wirklich nicht besser wählen,« unterbrach Melusine.
-»Schwedischer Punsch, für den ich ein ~liking~ habe. Wie für Schweden
-überhaupt. Da Doktor Wrschowitz nicht da ist, können wir uns ungestraft
-einem gewissen Maß von Skandinavismus überlassen.«
-
-»Am liebsten ohne alles Maß,« sagte Woldemar, »so skandinavisch bin
-ich. Ich ziehe die Skandinaven den sonst ›Meistbegünstigten‹ unter
-den Nationen immer noch vor. Alle Länder erweitern übrigens ihre
-Spezialgebiete. Früher hatte Schweden nur zweierlei: Mut und Eisen,
-von denen man sagen muß, daß sie gut zusammen passen. Dann kamen die
-›Säkerhets Tändstickors‹, und nun haben wir den schwedischen Punsch,
-den ich in diesem Augenblick unbedingt am höchsten stelle. Ihr Wohl,
-meine Damen.«
-
-»Und das Ihre,« sagte Melusine, »denn Sie sind doch der Schöpfer dieses
-glücklichen Moments. Aber wissen Sie, lieber Stechlin, daß ich in
-Ihrer Aufzählung schwedischer Herrlichkeiten etwas vermißt habe. Die
-Schweden haben noch eins -- oder hatten es wenigstens. Und das war die
-schwedische Nachtigall.«
-
-»Ja, die hab ich vergessen. Es fällt vor meine Zeit.«
-
-»Ich müßte,« lachte die Gräfin, »vielleicht auch sagen: es fällt vor
-+meine+ Zeit. Aber ich darf doch andrerseits nicht verschweigen,
-die Lind noch leibhaftig gekannt zu haben. Freilich nicht mehr so
-eigentlich als schwedische Nachtigall. Und überhaupt unter anderm
-Namen.«
-
-»Ja, ich erinnere mich,« sagte Woldemar, »sie hatte sich verheiratet.
-Wie hieß sie doch?«
-
-»Goldschmidt, -- ein Name, den man schon um ›Goldschmieds Töchterlein‹
-willen gelten lassen kann. Aber an Jenny Lind reicht er allerdings
-nicht heran.«
-
-»Gewiß nicht. Und Sie sagten, Frau Gräfin, Sie hätten sie noch
-persönlich gekannt?«
-
-»Ja, gekannt und auch gehört. Sie sang damals, wenn auch nicht mehr
-öffentlich, so doch immer noch in ihrem häuslichen Salon. Diese
-Bekanntschaft zählt zu meinen liebsten und stolzesten Erinnerungen. Ich
-war noch ein halbes Kind, aber trotzdem doch mit eingeladen, was mir
-allein schon etwas bedeutete. Dazu die Fahrt von Hyde-Park bis in die
-Villa hinaus. Ich weiß noch deutlich, ich trug ein weißes Kleid und
-einen hellblauen Kaschmirumhang und das Haar ganz aufgelöst. Die Lind
-beobachtete mich, und ich sah, daß ich ihr gefiel. Wenn man Eindruck
-macht, das behält man. Und nun gar mit vierzehn!«
-
-»Die Lind,« warf die Baronin etwas prosaisch ein, »soll ihrerseits als
-Kind sehr häßlich gewesen sein.«
-
-»Ich hätte das Gegenteil vermutet,« bemerkte Woldemar.
-
-»Und auf welche Veranlassung hin, lieber Stechlin?«
-
-»Weil ich ein Bild von ihr kenne. Wir haben es, wie bekannt, seit
-einiger Zeit von einem unsrer besten Maler auf unsrer Nationalgalerie.
-Aber lange bevor ich es da sah, kannt ich es schon ~en miniature~,
-und zwar aus einer im Besitz meines Freundes Lorenzen befindlichen
-Aquarelle. Diese Kopie hängt über seinem Sofa, dicht unter einer
-Rubensschen Kreuzabnahme. Wenn man will, eine etwas sonderbare
-Zusammenstellung.«
-
-»Und das alles in Ihrer Stechliner Pfarre!« sagte Melusine. »Wissen
-Sie, Rittmeister, daß ich die Tatsache, daß so was überhaupt in einem
-kleinen Dorfe vorkommen kann, Ihrem berühmten See beinah gleichstelle?
-Unsre schwedische Nachtigall in Ihrem ›Ruppiner Winkel‹, wie Sie selbst
-beständig sich auszudrücken lieben. Die Lind! Und wie kam Ihr Pastor
-dazu?«
-
-»Die Lind war, glaub ich, seine erste Liebe. Sehr wahrscheinlich auch
-seine letzte. Lorenzen saß damals noch auf der Schulbank und schlug
-sich mit Stundengeben durch. Aber er hörte die Diva trotzdem jeden
-Abend und wußte sich auch, trotz bescheidenster Mittel, das Bildchen
-zu verschaffen. Fast grenzt es ans Wunderbare. Freilich verlaufen die
-Dinge meist so. Wär er reich gewesen, so hätt er sein Geld anderweitig
-vertan und die Lind vielleicht nie gehört und gesehen. Nur die Armen
-bringen die Mittel auf für das, was jenseits des Gewöhnlichen liegt;
-aus Begeisterung und Liebe fließt alles. Und es ist etwas sehr Schönes,
-daß es so ist in unserm Leben. Vielleicht das Schönste.«
-
-»Das will ich meinen,« sagte die Gräfin. »Und ich dank es Ihnen, lieber
-Stechlin, daß Sie das gesagt haben. Das war ein gutes Wort, das ich
-Ihnen nicht vergessen will. Und dieser Lorenzen war Ihr Lehrer und
-Erzieher?«
-
-»Ja, mein Lehrer und Erzieher. Zugleich mein Freund und Berater. Der,
-den ich über alles liebe.«
-
-»Gehen Sie darin nicht zu weit?« lachte Melusine.
-
-»Vielleicht, Gräfin, oder sag ich lieber: gewiß. Und ich hätte dessen
-eingedenk sein sollen, gerade heut und gerade hier. Aber soviel bleibt:
-ich liebe ihn sehr, weil ich ihm alles verdanke, was ich bin, und weil
-er reinen Herzens ist.«
-
-»Reinen Herzens,« sagte Melusine. »Das ist viel. Und Sie sind dessen
-sicher?«
-
-»Ganz sicher.«
-
-»Und von diesem Unikum erzählen Sie uns erst heute! Da waren Sie
-neulich mit dem guten Wrschowitz bei uns und haben uns allerhand
-Schreckliches von Ihrem misogynen Prinzen wissen lassen. Und während
-Sie den in den Vordergrund stellen, halten Sie diesen Pastor Lorenzen
-ganz gemütlich in Reserve. Wie kann man so grausam sein und mit
-seinen Berichten und Redekünsten so launenhaft operieren! Aber holen
-Sie wenigstens nach, was Sie versäumt haben. Die Fragen drängen sich
-ordentlich. Wie kam Ihr Vater auf den Einfall, Ihnen einen solchen
-Erzieher zu geben? Und wie kam ein Mann wie dieser Lorenzen in diese
-Gegenden? Und wie kam er überhaupt in diese Welt? Es ist so selten, so
-selten.«
-
-Armgard und die Baronin nickten.
-
-»Ich bekenne, mich quält die Neugier, mehr von ihm zu hören,« fuhr
-Melusine fort. »Und er ist unverheiratet? Schon das allein ist immer
-ein gutes Zeichen. Durchschnittsmenschen glauben sich so schnell wie
-möglich verewigen zu müssen, damit die Herrlichkeit nicht ausstirbt.
-Ihr Lorenzen ist eben in allem, wie mir scheint, ein Ausnahmemensch.
-Also beginnen.«
-
-»Ich bin dazu besten Willens, Frau Gräfin. Aber es ist zu spät dazu,
-denn das helle Licht, das Sie da sehen, das ist bereits unser Dampfer.
-Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen abbrechen, wenn wir nicht im
-Eierhäuschen ein Nachtquartier nehmen wollen. Unterwegs ist übrigens
-Lorenzen ein wundervolles Thema, vorausgesetzt, daß uns der Anblick der
-Liebesinsel nicht wieder auf andre Dinge bringt. Aber hören Sie ... der
-Dampfer läutet schon ... wir müssen eilen. Bis an die Anlegestelle sind
-noch mindestens drei Minuten!«
-
- * * * * *
-
-Und nun war man glücklich auf dem Schiff, auf dem Woldemar und die
-Damen ihre schon auf der Hinfahrt innegehabten Plätze sofort wieder
-einnahmen. Nur die beiden in ihre Plaids gewickelten alten Herren
-schritten auf Deck auf und ab und sahen, wenn sie vorn am Bugspriet
-eine kurze Rast machten, auf die vielen hundert Lichter, die sich von
-beiden Ufern her im Fluß spiegelten. Unten im Maschinenraum hörte man
-das Klappern und Stampfen, während die Schiffsschraube das Wasser nach
-hinten schleuderte, daß es in einem weißen Schaumstreifen dem Schiffe
-folgte. Sonst war alles still, so still, daß die Damen ihr Gespräch
-unterbrachen. »Armgard, du bist so schweigsam,« sagte Melusine, »finden
-Sie nicht auch, lieber Stechlin? Meine Schwester hat noch keine zehn
-Worte gesprochen.«
-
-»Ich glaube, Gräfin, wir lassen die Komtesse. Manchen kleidet es zu
-sprechen, und manchen kleidet es zu schweigen. Jedes Beisammensein
-braucht einen Schweiger.«
-
-»Ich werde Nutzen aus dieser Lehre ziehen.«
-
-»Ich glaub es nicht, Gräfin, und vor allem wünsch ich es nicht. Wer
-könnt es wünschen?«
-
-Sie drohte ihm mit dem Finger. Dann schwieg man wieder und sah auf
-die Landschaft, die da, wo der am Ufer hinlaufende Straßenzug breite
-Lücken aufwies, in tiefem Dunkel lag. Urplötzlich aber stieg gerad aus
-dem Dunkel heraus ein Lichtstreifen hoch in den Himmel und zerstob da,
-wobei rote und blaue Leuchtkugeln langsam zur Erde niederfielen.
-
-»Wie schön,« sagte Melusine. »Das ist mehr, als wir erwarten durften;
-Ende gut, alles gut, -- nun haben wir auch noch ein Feuerwerk. Wo mag
-es sein? Welche Dörfer liegen da hinüber? Sie sind ja so gut wie ein
-Generalstäbler, lieber Stechlin, Sie müssen es wissen. Ich vermute
-Friedrichsfelde. Reizendes Dorf und reizendes Schloß. Ich war einmal
-da; die Dame des Hauses ist eine Schwester der Frau von Hülsen. Ist es
-Friedrichsfelde?«
-
-»Vielleicht, gnädigste Gräfin. Aber doch nicht wahrscheinlich.
-Friedrichsfelde gehört nicht in die Reihe der Vororte, wo Feuerwerke
-sozusagen auf dem Programm stehen. Ich denke, wir lassen es im
-Ungewissen und freuen uns der Sache selbst. Sehen Sie, jetzt beginnt
-es erst recht eigentlich. Die Rakete, die wir da vorhin gesehen haben,
-das war nur Vorspiel. Jetzt haben wir erst das Stück. Es ist zu weit
-ab, sonst würden wir das Knattern hören und die Kanonenschläge.
-Wahrscheinlich ist es Sedan oder Düppel oder der Übergang nach Alsen.
-Übrigens ist die Pyrotechnik eine profunde Wissenschaft geworden.«
-
-»Und es soll auch Personen geben, die ganz dafür leben und ihr Vermögen
-hinopfern wie früher die Holländer für die Tulpen. Tulpen wäre nun
-freilich nicht mein Geschmack! Aber Feuerwerk!«
-
-»Ja, unbedingt. Und nur schade, daß alle die, die damit zu tun haben,
-über kurz oder lang in die Luft fliegen.«
-
-»Das ist fatal. Aber es steigert andrerseits doch auch wieder den
-Reiz. Sonderbar, gefahrlose Berufe, solche, die sozusagen eine
-Zipfelmütze tragen, sind mir von jeher ein Greuel gewesen. Interesse
-hat doch immer nur das Vabanque: Torpedoboote, Tunnel unter dem
-Meere, Luftballons. Ich denke mir, das Nächste, was wir erleben, sind
-Luftschifferschlachten. Wenn dann so eine Gondel die andre entert. Ich
-kann mich in solche Vorstellungen geradezu verlieben.«
-
-»Ja, liebe Melusine, das seh ich,« unterbrach hier die Baronin. »Sie
-verlieben sich in solche Vorstellungen und vergessen darüber die
-Wirklichkeiten und sogar unser Programm. Ich muß angesichts dieser doch
-erst kommenden Luftschifferschlachten ganz ergebenst daran erinnern,
-daß für heute noch wer anders in der Luft schwebt, und zwar Pastor
-Lorenzen. Von +dem+ sollte die Rede sein. Freilich, der ist kein
-Pyrotechniker.«
-
-»Nein,« lachte Woldemar, »+das+ ist er nicht. Aber als einen Aeronauten
-kann ich ihn Ihnen beinahe vorstellen. Er ist so recht ein Excelsior-,
-ein Aufsteigemensch, einer aus der wirklichen Obersphäre, genau von
-daher, wo alles Hohe zu Haus ist, die Hoffnung und sogar die Liebe.«
-
-»Ja,« lachte die Baronin, »die Hoffnung und sogar die Liebe! Wo bleibt
-aber das Dritte? Da müssens zu uns kommen. Wir haben noch das Dritte;
-das heißt also, wir wissen auch, was wir +glauben+ sollen.«
-
-»Ja, +sollen+.«
-
-»Sollen, gewiß. Sollen, das ist die Hauptsache. Wenn man weiß, was man
-soll, so find't sich's schon. Aber wo das Sollen fehlt, da fehlt auch
-das Wollen. Es ist halt a Glück, daß wir Rom haben und den heiligen
-Vater.«
-
-»Ach,« sagte Melusine, »wer's Ihnen glaubt, Baronin! Aber lassen wir
-so heikle Fragen und hören wir lieber von +dem+, den ich -- ich bin
-beschämt darüber -- in so wenig verbindlicher Weise vergessen konnte,
-von unserm Wundermann mit der Studentenliebe, von dem Säulenheiligen,
-der reinen Herzens ist, und vor allem von dem Schöpfer und geistigen
-Nährvater unsers Freundes Stechlin. ~Eh bien~, was ist es mit ihm?
-›An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen,‹ -- das könnt uns beinahe
-genügen. Aber ich bin doch für ein Weiteres. Und so denn ~attention au
-jeu~. Unser Freund Stechlin hat das Wort.«
-
-»Ja, unser Freund Stechlin hat das Wort,« wiederholte Woldemar, »so
-sagen Sie gütigst, Frau Gräfin. Aber dem nachkommen ist nicht so
-leicht. Vorhin, da war ich im Zuge. Jetzt wieder damit anfangen, das
-hat seine Schwierigkeiten. Und dann erwarten die Damen immer eine
-Liebesgeschichte, selbst wenn es sich um einen Mann handelt, den ich,
-was diese Dinge betrifft, so wenig versprechend eingeführt habe.
-Sie gehen also, wie heute schon mehrfach (ich erinnere nur an das
-Eierhäuschen) einer grausamen Enttäuschung entgegen.«
-
-»Keine Ausflüchte!«
-
-»Nun, so sei's denn. Ich muß es aber auf einem Umwege versuchen und
-Ihnen bei der Gelegenheit als Nächstes schildern, wie meine letzte
-Begegnung mit Lorenzen verlief. Er war, als ich bei ihm eintrat, in
-ersichtlich großer Erregung, und zwar über ein Büchelchen, das er in
-Händen hielt.«
-
-»Und ich will raten, was es war,« unterbrach Melusine.
-
-»Nun?«
-
-»Ein Buch von Tolstoj. Etwas mit viel Opfer und Entsagung. Anpreisung
-von Askese.«
-
-»Sie sind auf dem richtigen Wege, Gräfin, nur nicht geographisch. Es
-handelt sich nämlich nicht östlich um einen Russen, sondern westlich um
-einen Portugiesen.«
-
-»Um einen Portugiesen,« lachte die Baronin. »O, ich kenne welche. Sie
-sind alle so klein und gelblich. Und einer fand einen Seeweg. Freilich
-schon lange her. Ist es nicht so?«
-
-»Gewiß, Frau Baronin, es ist so. Nur der, um den es sich hier handelt,
-das ist keiner mit einem Seeweg, sondern bloß ein Dichter.«
-
-»Ach, dessen erinnere ich mich auch, ja, ich habe sogar seinen Namen
-auf der Zunge. Mit einem großen C fängt er an. Aber Calderon ist es
-nicht.«
-
-»Nein, Calderon ist es nicht; es deckt sich da manches, auch schon
-rein landkartlich, nicht mit +dem+, um den sich's hier handelt. Und
-ist überhaupt kein alter Dichter, sondern ein neuer. Und heißt Joao de
-Deus.«
-
-»Joao de Deus,« wiederholte die Gräfin. »Schon der Name. Sonderbar. Und
-was war es mit dem?«
-
-»Ja, was war es mit +dem+? Dieselbe Frage tat ich auch, und ich habe
-nicht vergessen, was Lorenzen mir antwortete: ›Dieser Joao de Deus,‹
-so etwa waren seine Worte, ›war genau +das+, was ich wohl sein möchte,
-wonach ich suche, seit ich zu leben, +wirklich+ zu leben angefangen,
-und wovon es beständig draußen in der Welt heißt, es gäbe dergleichen
-nicht mehr. Aber es gibt dergleichen noch, es muß dergleichen geben
-oder doch +wieder+ geben. Unsre ganze Gesellschaft (und nun gar erst
-das, was sich im besonderen so nennt) ist aufgebaut auf dem Ich. Das
-ist ihr Fluch, und daran muß sie zugrunde gehen. Die zehn Gebote, das
-war der Alte Bund, der Neue Bund aber hat ein andres, ein einziges
-Gebot, und das klingt aus in: Und du hättest der Liebe nicht ...‹«
-
-»Ja, so sprach Lorenzen,« fuhr Woldemar nach einer Pause fort, »und
-sprach auch noch andres, bis ich ihn unterbrach und ihm zurief:
-›Aber, Lorenzen, das sind ja bloß Allgemeinheiten. Sie wollten mir
-Persönliches von Joao de Deus erzählen. Was ist es mit dem? Wer war er?
-Lebt er? Oder ist er tot?‹«
-
-»›Er ist tot, aber seit kurzem erst, und von seinem Tode spricht das
-kleine Heft hier. Höre.‹ Und nun begann er zu lesen. Das aber, was er
-las, das lautete etwa so: ›... Und als er nun tot war, der Joao de
-Deus, da gab es eine Landestrauer, und alle Schulen der Hauptstadt
-waren geschlossen, und die Minister und die Leute vom Hof und die
-Gelehrten und die Handwerker, alles folgte dem Sarge dicht gedrängt,
-und die Fabrikarbeiterinnen hoben schluchzend ihre Kinder in die Höh
-und zeigten auf den Toten und sagten: ~Un Santo, un Santo.~ Und sie
-taten so und sagten so, weil er für die Armen gelebt hatte und +nicht
-für sich+.‹«
-
-»Das ist schön,« sagte Melusine.
-
-»Ja, das ist schön,« wiederholte Woldemar, »und ich darf hinzusetzen,
-in dieser Geschichte haben Sie nicht bloß den Joao de Deus, sondern
-auch meinen Freund Lorenzen. Er ist vielleicht nicht ganz wie sein
-Ideal. Aber Liebe gibt Ebenbürtigkeit.«
-
-»Und so schlag ich denn vor,« sagte die Baronin, »daß wir den mit dem
-C, dessen Namen mir übrigens noch einfallen wird, vorläufig absetzen
-und statt seiner den neuen mit dem D leben lassen. Und natürlich unsern
-Lorenzen dazu.«
-
-»Ja, leben lassen,« lachte Woldemar. »Aber womit? worin? ~Les jours de
-fête~ ...« und er wies auf das Eierhäuschen zurück.
-
-»In dieser Notlage wollen wir uns helfen, so gut es geht, und uns statt
-andrer Beschwörung einfach die Hände reichen, selbstverständlich über
-Kreuz; hier, erst Stechlin und Armgard und dann Melusine und ich.«
-
-Und wirklich, sie reichten sich in heiterer Feierlichkeit die Hände.
-
-Gleich danach aber traten die beiden alten Herren an die Gruppe heran,
-und der Baron sagte: »Das ist ja wie Rütli.«
-
-»Mehr, mehr. Bah, Freiheit! Was ist Freiheit gegen Liebe!«
-
-»So, hat's denn eine Verlobung gegeben?«
-
-»Nein ... noch nicht,« lachte Melusine.
-
-
-
-
-Wahl in Rheinsberg-Wutz
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel
-
-
-Der andre Morgen rief Woldemar zeitig zum Dienst. Als er um neun Uhr
-auf sein Zimmer zurückkehrte, fand er auf dem Frühstückstisch Zeitungen
-und Briefe. Darunter war einer mit einem ziemlich großen Siegel, der
-Lack schlecht und der Brief überhaupt von sehr unmodischer Erscheinung,
-ein bloß zusammengelegter Quartbogen. Woldemar, nach Poststempel und
-Handschrift sehr wohl wissend, woher und von wem der Brief kam, schob
-ihn, während Fritz den Tee brachte, beiseite, und erst als er eine
-Tasse genommen und länger als nötig dabei verweilt hatte, griff er
-wieder nach dem Brief und drehte ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
-»Ich hätte mir, nach dem gestrigen Abend, heute früh was andres
-gewünscht als gerade +diesen+ Brief.« Und während er das so vor sich
-hin sprach, standen ihm, er mochte wollen oder nicht, die letzten
-Wutzer Augenblicke wieder vor der Seele. Die Tante hatte, kurz bevor er
-das Kloster verließ, noch einmal vertraulich seine Hand genommen und
-ihm bei der Gelegenheit ausgesprochen, was sie seit lange bedrückte.
-
-»Das Junggesellenleben, Woldemar, taugt nichts. Dein Vater war auch
-schon zu alt, als er sich verheiratete. Ich will nicht in deine
-Geheimnisse eindringen, aber ich möchte doch fragen dürfen: wie stehst
-du dazu?«
-
-»Nun, ein Anfang ist gemacht. Aber doch erst obenhin.«
-
-»Berlinerin?«
-
-»Ja und nein. Die junge Dame lebt seit einer Reihe von Jahren in Berlin
-und liebt unsre Stadt über Erwarten. Insoweit ist sie Berlinerin. Aber
-eigentlich ist sie doch keine; sie wurde drüben in London geboren, und
-ihre Mutter war eine Schweizerin.«
-
-»Um Gottes willen!«
-
-»Ich glaube, liebe Tante, du machst dir falsche Vorstellungen von einer
-Schweizerin. Du denkst sie dir auf einer Alm und mit einem Milchkübel.«
-
-»Ich denke sie mir gar nicht, Woldemar. Ich weiß nur, daß es ein wildes
-Land ist.«
-
-»Ein freies Land, liebe Tante.«
-
-»Ja, das kennt man. Und wenn du das Spiel noch einigermaßen in der Hand
-hast, so beschwör ich dich ...«
-
-An dieser Stelle war, wie schon vorher durch Fix, abermals (weil eine
-Störung kam) das Gespräch mit der Tante auf andre Dinge hingeleitet
-worden, und nun hielt er ihren Brief in Händen und zögerte, das Siegel
-zu brechen. »Ich weiß, was drin steht, und ängstige mich doch beinahe.
-Wenn es nicht Kämpfe gibt, so gibt es wenigstens Verstimmungen. Und die
-sind mir womöglich noch fataler ... Aber was hilft es!«
-
-Und nun brach er den Brief auf und las:
-
-»Ich nehme an, mein lieber Woldemar, daß Du meine letzten Worte noch
-in Erinnerung hast. Sie liefen auf den Rat und die Bitte hinaus: gib
-auch in dieser Frage die Heimat nicht auf, halte Dich, wenn es sein
-kann, an das Nächste. Schon unsre Provinzen sind so sehr verschieden.
-Ich sehe Dich über solche Worte lächeln, aber ich bleibe doch dabei.
-Was ich Adel nenne, das gibt es nur noch in unsrer Mark und in unsrer
-alten Nachbar- und Schwesterprovinz, ja, da vielleicht noch reiner als
-bei uns. Ich will nicht ausführen, wie's bei schärferem Zusehen auf dem
-adligen Gesamtgebiete steht, aber doch wenigstens ein paar Andeutungen
-will ich machen. Ich habe sie von allen Arten gesehen. Da sind zum
-Beispiel die rheinischen jungen Damen, also die von Köln und Aachen;
-nun ja, die mögen ganz gut sein, aber sie sind katholisch, und wenn
-sie nicht katholisch sind, dann sind sie was anders, wo der Vater erst
-geadelt wurde. Neben den rheinischen haben wir dann die westfälischen.
-Über die ließe sich reden. Aber Schlesien. Die schlesischen
-Herrschaften, die sich mitunter auch Magnaten nennen, sind alle so gut
-wie polnisch und leben vom Jeu und haben die hübschesten Erzieherinnen;
-immer ganz jung, da macht es sich am leichtesten. Und dann sind da
-noch weiterhin die preußischen, das heißt die ostpreußischen, wo schon
-alles aufhört. Nun die kenn ich, die sind ganz wie ihre Litauer Füllen
-und schlagen aus und beknabbern alles. Und je reicher sie sind, desto
-schlimmer. Und nun wirst du fragen, warum ich gegen andre so streng
-und so sehr für unsre Mark bin, ja speziell für unsre Mittelmark.
-Deshalb, mein lieber Woldemar, weil wir in unsrer Mittelmark nicht so
-bloß äußerlich in der Mitte liegen, sondern weil wir auch in allem die
-rechte Mitte haben und halten. Ich habe mal gehört, unser märkisches
-Land sei +das+ Land, drin es nie Heilige gegeben, drin man aber auch
-keine Ketzer verbrannt habe. Sieh, das ist das, worauf es ankommt,
-Mittelzustand, -- darauf baut sich das Glück auf. Und dann haben wir
-hier noch zweierlei: in unserer Bevölkerung die reine Lehre und in
-unserm Adel das reine Blut. +Die+, wo das nicht zutrifft, die kennt
-man. Einige meinen freilich, das, was sie das ›Geistige‹ nennen, das
-litte darunter. Das ist aber alles Torheit. Und wenn es litte (es
-leidet aber nicht), so schadet das gar nichts. Wenn das Herz gesund
-ist, ist der Kopf nie ganz schlecht. Auf diesen Satz kannst Du Dich
-verlassen. Und so bleibe denn, wenn Du suchst, in unsrer Mark und
-vergiß nie, daß wir das sind, was man so ›brandenburgische Geschichte‹
-nennt. Am eindringlichsten aber laß Dir unsre Rheinsberger Gegend
-empfohlen sein, von der mir selbst Koseleger -- trotzdem seine Feinde
-behaupten, er betrachte sich hier bloß wie in Verbannung und sehne sich
-fort nach einer Berliner Domstelle -- von der mir selbst Koseleger
-sagte: ›Wenn man sich die preußische Geschichte genau ansieht, so
-findet man immer, daß sich alles auf unsre alte, liebe Grafschaft
-zurückführen läßt; da liegen die Wurzeln unsrer Kraft.‹ Und so schließe
-ich denn mit der Bitte: heirate heimisch und heirate lutherisch. Und
-nicht nach Geld (Geld erniedrigt), und halte Dich dabei versichert der
-Liebe Deiner Dich herzlich liebenden Tante und Patin Adelheid von St.«
-
-Woldemar lachte. »Heirate heimisch und heirate lutherisch -- das hör
-ich nun schon seit Jahren. Und auch das dritte höre ich immer wieder:
-›Geld erniedrigt.‹ Aber das kenn ich. Wenn's nur recht viel ist,
-kann es schließlich auch eine Chinesin sein. In der Mark ist alles
-Geldfrage. Geld -- weil keins da ist -- spricht Person und Sache heilig
-und, was noch mehr sagen will, beschwichtigt zuletzt auch den Eigensinn
-einer alten Tante.«
-
-Während er lachend so vor sich hin sprach, überflog er noch einmal
-den Brief und sah jetzt, daß eine Nachschrift an den Rand der vierten
-Seite gekritzelt war. »Eben war Katzler hier, der mir von der am
-Sonnabend in unserm Kreise stattfindenden Nachwahl erzählte. Dein Vater
-ist aufgestellt worden und hat auch angenommen. Er bleibt doch immer
-der Alte. Gewiß wird er sich einbilden, ein Opfer zu bringen, -- er
-litt von Jugend auf an solchen Einbildungen. Aber was ihm ein Opfer
-bedünkte, waren, bei Lichte besehen, immer bloß Eitelkeiten. Deine A.
-von St.«
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel
-
-
-Es war so, wie die Tante geschrieben: Dubslav hatte sich als
-konservativen Kandidaten aufstellen lassen, und wenn für Woldemar
-noch Zweifel darüber gewesen wären, so hätten einige am Tage darauf
-von Lorenzen eintreffende Zeilen diese Zweifel beseitigt. Es hieß in
-Lorenzens Brief:
-
-»Seit Deinem letzten Besuch hat sich hier allerlei Großes zugetragen.
-Noch am selben Abend erschienen Gundermann und Koseleger und drangen
-in Deinen Vater, zu kandidieren. Er lehnte zunächst natürlich ab; er
-sei weltfremd und verstehe nichts davon. Aber damit kam er nicht weit.
-Koseleger, der -- was ihm auch später noch von Nutzen sein wird --
-immer ein paar Anekdoten auf der Pfanne hat, erzählte ihm sofort, daß
-vor Jahren schon, als ein von Bismarck zum Finanzminister Ausersehener
-sich in gleicher Weise mit einem ›Ich verstehe nichts davon‹ aus der
-Affäre ziehen wollte, der bismarckisch-prompten Antwort begegnet sei:
-›Darum wähle ich Sie ja gerade, mein Lieber,‹ -- eine Geschichte,
-der Dein Vater natürlich nicht widerstehen konnte. Kurzum, er hat
-eingewilligt. Von Herumreisen ist selbstverständlich Abstand genommen
-worden, ebenso vom Redenhalten. Schon nächsten Sonnabend haben wir
-Wahl. In Rheinsberg, wie immer, fallen die Würfel. Ich glaube, daß er
-siegt. Nur die Fortschrittler können in Betracht kommen und allenfalls
-die Sozialdemokraten, wenn vom Fortschritt (was leicht möglich ist)
-einiges abbröckelt. Unter allen Umständen schreibe Deinem Papa, daß Du
-Dich seines Entschlusses freutest. Du kannst es mit gutem Gewissen.
-Bringen wir ihn durch, so weiß ich, daß kein Besserer im Reichstag
-sitzt und daß wir uns alle zu seiner Wahl gratulieren können. Er sich
-persönlich allerdings auch. Denn sein Leben hier ist zu einsam, so
-sehr, daß er, was doch sonst nicht seine Sache ist, mitunter darüber
-klagt. Das war das, was ich Dich wissen lassen mußte. ›Sonst nichts
-Neues vor Paris.‹ Krippenstapel geht in großer Aufregung einher; ich
-glaube, wegen unsrer auf Donnerstag in Stechlin selbst angesetzten
-Vorversammlung, wo er mutmaßlich seine herkömmliche Rede über den
-Bienenstaat halten wird. Empfiehl mich Deinen zwei liebenswürdigen
-Freunden, besonders Czako. Wie immer, Dein alter Freund Lorenzen.«
-
-Woldemar, als er gelesen, wußte nicht recht, wie er sich dazu stellen
-sollte. Was Lorenzen da schrieb, »daß kein Besserer im Hause sitzen
-würde«, war richtig; aber er hatte trotzdem Bedenken und Sorge. Der
-Alte war durchaus kein Politiker, er konnte sich also stark in die
-Nesseln setzen, ja vielleicht zur komischen Figur werden. Und dieser
-Gedanke war ihm, dem Sohne, der den Vater schwärmerisch liebte, sehr
-schmerzlich. Außerdem blieb doch auch immer noch die Möglichkeit, daß
-er in dem Wahlkampf unterlag.
-
- * * * * *
-
-Diese Bedenken Woldemars waren nur allzu berechtigt. Es stand durchaus
-nicht fest, daß der alte Dubslav, so beliebt er selbst bei den
-Gegnern war, als Sieger aus der Wahlschlacht hervorgehen müsse. Die
-Konservativen hatten sich freilich daran gewöhnt, Rheinsberg-Wutz
-als eine »Hochburg« anzusehen, die der staatserhaltenden Partei
-nicht verloren gehen könne; diese Vorstellung aber war ein Irrtum,
-und die bisherige Reverenz gegen den alten Kortschädel wurzelte
-lediglich in etwas Persönlichem. Nun war ihm Dubslav an Ansehen und
-Beliebtheit freilich ebenbürtig, aber das mit der ewigen persönlichen
-Rücksichtnahme mußte doch mal ein Ende nehmen, und das Anrecht, das
-sich der alte Kortschädel ersessen hatte, mit diesem mußt es vorbei
-sein, eben weil sich's endlich um einen Neuen handelte. Kein Zweifel,
-die gegnerischen Parteien regten sich, und es lag genau so, wie
-Lorenzen an Woldemar geschrieben, »daß ein Fortschrittler, aber auch
-ein Sozialdemokrat gewählt werden könne«.
-
-Wie die Stimmung im Kreise wirklich war, das hätte der am besten
-erfahren, der im Vorübergehen an der Kontortür des alten Baruch
-Hirschfeld gehorcht hätte.
-
-»Laß dir sagen, Isidor, du wirst also wählen den guten alten Herrn von
-Stechlin.«
-
-»Nein, Vater. Ich werde +nicht+ wählen den guten alten Herrn von
-Stechlin.«
-
-»Warum nicht? Ist er doch ein lieber Herr und hat das richtige Herz.«
-
-»Das hat er; aber er hat das falsche Prinzip.«
-
-»Isidor, sprich mir nicht von Prinzip. Ich habe dich gesehn, als du
-hast scharmiert mit dem Mariechen von nebenan und hast ihr aufgebunden
-das Schürzenband, und sie hat dir gegeben einen Klaps. Du hast gebuhlt
-um das christliche Mädchen. Und du buhlst jetzt, wo die Wahl kommt,
-um die öffentliche Meinung. Und das mit dem Mädchen, das hab ich dir
-verziehen. Aber die öffentliche Meinung verzeih ich dir nicht.«
-
-»Wirst du, Vaterleben; haben wir doch die neue Zeit. Und wenn ich
-wähle, wähl ich für die Menschheit.«
-
-»Geh mir, Isidor, +die+ kenn ich. Die Menschheit, die will haben, aber
-nicht geben. Und jetzt wollen sie auch noch teilen.«
-
-»Laß sie teilen, Vater.«
-
-»Gott der Gerechte, was meinst du, was du kriegst? Nicht den zehnten
-Teil.«
-
-Und ähnlich ging es in den andern Ortschaften. In Wutz sprach Fix für
-das Kloster und die Konservativen im allgemeinen, ohne dabei Dubslav
-in Vorschlag zu bringen, weil er wußte, wie die Domina zu ihrem Bruder
-stand. Ein Linkskandidat aus Cremmen schien denn auch in der Wutzer
-Gegend die Oberhand gewinnen zu wollen. Noch gefährlicher für die ganze
-Grafschaft war aber ein Wanderapostel aus Berlin, der von Dorf zu Dorf
-zog und die kleinen Leute dahin belehrte, daß es ein Unsinn sei, von
-Adel und Kirche was zu erwarten. Die vertrösteten immer bloß auf den
-Himmel. Achtstündiger Arbeitstag und Lohnerhöhung und Sonntagspartie
-nach Finkenkrug, -- +das+ sei das Wahre.
-
-So zersplitterte sich's allerorten. Aber wenigstens um den Stechlin
-herum hoffte man der Sache noch Herr werden und alle Stimmen auf
-Dubslav vereinigen zu können. Im Dorfkruge wollte man zu diesem Zwecke
-beraten, und Donnerstag sieben Uhr war dazu festgesetzt.
-
- * * * * *
-
-Der Stechliner Krug lag an dem Platze, der durch die Kreuzung der von
-Wutz her heranführenden Kastanienallee mit der eigentlichen Dorfstraße
-gebildet wurde, und war unter den vier hier gelegenen Eckhäusern das
-stattlichste. Vor seiner Front standen ein paar uralte Linden, und
-drei, vier Stehkrippen waren bis dicht an die Hauswand herangeschoben,
-aber alle ganz nach links hin, wo sich Eckladen und Gaststube befanden,
-während nach der rechten Seite hin der große Saal lag, in dem heute
-Dubslav, wenn nicht für die Welt, so doch für Rheinsberg-Wutz, und
-wenn nicht für Rheinsberg-Wutz, so doch für Stechlin und Umgegend
-proklamiert werden sollte. Dieser große Saal war ein fünffenstriger
-Längsraum, der schon manchen Schottischen erlebt, was er in seiner
-Erscheinung auch heute nicht zu verleugnen trachtete. Denn nicht nur
-waren ihm alle seine blanken Wandleuchter verblieben, auch die mächtige
-Baßgeige, die jedesmal wegzuschaffen viel zu mühsam gewesen wäre,
-guckte, schräg gestellt, mit ihrem langen Halse von der Musikempore her
-über die Brüstung fort.
-
-Unter dieser Empore, quer durch den Saal hin, stand ein für das Komitee
-bestimmter länglicher Tisch mit Tischdecke, während auf den links
-und rechts sich hinziehenden Bänken einige zwanzig Vertrauensmänner
-saßen, denen es hinterher oblag, im Sinne der Komiteebeschlüsse
-weiter zu wirken. Die Vertrauensmänner waren meist wohlhabende
-Stechliner Bauern, untermischt mit offiziellen und halboffiziellen
-Leuten aus der Nachbarschaft: Förster und Waldhüter und Vormänner
-von den verschiedenen Glas- und Teeröfen. Zu diesen gesellte sich
-noch ein Torfinspektor, ein Vermessungsbeamter, ein Steueroffiziant
-und schließlich ein gescheiterter Kaufmann, der jetzt Agent war und
-die Post besorgte. Natürlich war auch Landbriefträger Brose da samt
-der gesamten Sicherheitsbehörde: Fußgensdarm Uncke und Wachtmeister
-Pyterke von der reitenden Gensdarmerie. Pyterke gehörte nur halb mit
-zum Revier (es war das immer ein streitiger Punkt), erschien aber
-trotzdem mit Vorliebe bei Versammlungen der Art. Es gab nämlich für
-ihn nichts Vergnüglicheres, als seinen Kameraden und Amtsgenossen
-Uncke bei solcher Gelegenheit zu beobachten und sich dabei seiner
-ungeheuren, übrigens durchaus berechtigten Überlegenheit als schöner
-Mann und ehemaliger Gardekürassier bewußt zu werden. Uncke war ihm
-der Inbegriff des Komischen, und wenn ihn schon das rote, verkupferte
-Gesicht an und für sich amüsierte, so doch viel, viel mehr noch der
-gefärbte Schuhbürstenbackenbart, vor allem aber das Augenspiel, mit
-dem er den Verhandlungen zu folgen pflegte. Pyterke hatte recht: Uncke
-war wirklich eine komische Figur. Seine Miene sagte beständig: »An mir
-hängt es.« Dabei war er ein höchst gutmütiger Mann, der nie mehr als
-nötig aufschrieb und auch nur selten auflöste.
-
-Der Saal hatte nach dem Flur hin drei Türen. An der Mitteltür
-standen die beiden Gensdarmen und rückten sich zurecht, als sich
-der Vorsitzende des Komitees mit dem Glockenschlag sieben von
-seinem Platz erhob und die Sitzung für eröffnet erklärte. Dieser
-Vorsitzende war natürlich Oberförster Katzler, der heute, statt
-des bloßen schwarz-weißen Bandes, sein bei St. Marie aux Chênes
-erworbenes Eisernes Kreuz in Substanz eingeknöpft hatte. Neben ihm
-saßen Superintendent Koseleger und Pastor Lorenzen, an der linken
-Schmalseite Krippenstapel, an der rechten Schulze Kluckhuhn, letzterer
-auch dekoriert, und zwar mit der Düppelmedaille, trotzdem er bei Düppel
-in der Reserve gestanden. Er scherzte gern darüber und sagte, während
-er seine beneidenswerten Zähne zeigte: »Ja, Kinder, so geht es. Bei
-Alsen war ich, aber bei Düppel war ich nich, und dafür hab ich nu die
-Düppelmedaille.«
-
-Schulze Kluckhuhn war überhaupt eine humoristisch angeflogene
-Persönlichkeit, Liebling des alten Dubslav, und trat immer, wenn
-sich die alten Kriegerbundleute von sechsundsechzig und siebzig aufs
-hohe Pferd setzen wollten, für die von vierundsechzig ein. »Ja,
-vierundsechzig, Kinder, da fing es an. Und aller Anfang ist schwer.
-Anfangen ist immer die Hauptsache; das andre kommt dann schon wie von
-selbst.« Ein alter Globsower, der bei Spichern mitgestürmt und sich
-durch besondere Tapferkeit hervorgetan hatte, war denn auch, bloß
-weil er einer von Anno siebzig war, ein Gegenstand seiner besonderen
-Bemängelungen. »Ich will ja nich sagen, Tübbecke, daß es bei Spichern
-gar nichts war; aber gegen Düppel (wenn ich auch nicht mit dabei
-gewesen), gegen Düppel war es gar nichts. Wie war es denn bei Spichern,
-wovon du soviel redst, als ob sich vierundsechzig daneben verstecken
-müßte? Bei Spichern, da waren Menschen oben, aber bei Düppel, da waren
-Schanzen oben. Und ich sag dir, Schanzen mit'm Turm drin. Da pfeift
-es ganz anders. Das heißt, von Pfeifen war schon eigentlich gar keine
-Rede mehr.« Eine Folge dieser Anschauung war es denn auch, daß in den
-Augen Kluckhuhns der Pionier Klinke, der bei Düppel unter Opferung
-seines Lebens den Palisadenpfahl von Schanze drei weggesprengt hatte,
-der eigentliche Held aller drei Kriege war und alles in allem nur
-einen Rivalen hatte. Dieser +eine+ Rivale stand aber drüben auf Seite
-der Dänen und war überhaupt kein Mensch, sondern ein Schiff und hieß
-Rolf Krake. »Ja, Kinder, wie wir nu da so rüber gondelten, da lag das
-schwarze Biest immer dicht neben uns und sah aus wie'n Sarg. Und wenn
-es gewollt hätte, so wär es auch alle mit uns gewesen und bloß noch
-plumps in den Alsensund. Und weil wir das wußten, schossen wir immer
-drauflos, denn wenn einem so zu Mute ist, dann schießt der Mensch
-immerzu.«
-
-Ja, Rolf Krake war eine fatale Sache für Kluckhuhn gewesen. Aber
-dasselbe schwarze Schiff, das ihm damals so viel Furcht und Sorge
-gemacht hatte, war doch auch wieder ein Segen für ihn geworden, und
-man durfte sagen, sein Leben stand seitdem im Zeichen von Rolf Krake.
-Wie Gundermann immer der Sozialdemokratie das »Wasser abstellen«
-wollte, so verglich Kluckhuhn alles zur Sozialdemokratie Gehörige mit
-dem schwarzen Ungetüm im Alsensund. »Ich sag euch, was sie jetzt die
-soziale Revolution nennen, das liegt neben uns wie damals Rolf Krake;
-Bebel wartet bloß, und mit eins fegt er dazwischen.«
-
-Schulze Kluckhuhn war in der ganzen Stechliner Gegend sehr angesehen,
-und als er jetzt mit seiner Medaille so dasaß, dicht neben Koseleger,
-war er sich dessen auch wohl bewußt. Aber gegen Krippenstapel, den er
-als Schulpauker und Bienenvater eigentlich nicht für voll ansah, kam
-er bei dieser Gelegenheit doch nicht an; Krippenstapel hatte heute
-ganz seinen großen Tag, so sehr, daß selbst Kluckhuhn seinen Ton
-herabstimmen mußte.
-
-Katzler, ein entschiedener Nichtredner, begann, als er sich mit seinem
-Notizenzettel, auf dem verschiedene Satzanfänge standen, erhoben hatte,
-mit der Versicherung, daß er den so zahlreich Anwesenden, unter denen
-vielleicht auch einige Andersdenkende seien, für ihr Erscheinen danke.
-Sie wüßten alle, zu welchem Zweck sie hier seien. Der alte Kortschädel
-sei tot, »er ist in Ehren hingegangen«, und es handle sich heute darum,
-dem alten Herrn von Kortschädel im Reichstag einen Nachfolger zu geben.
-Die Grafschaft habe immer konservativ gewählt; es sei Ehrensache,
-wieder konservativ zu wählen. »Und ob die Welt voll Teufel wär'.« Es
-liege der Grafschaft ob, dieser Welt des Abfalls zu zeigen, daß es noch
-»Stätten« gäbe. Und hier sei eine solche Stätte. »Wir haben, glaub
-ich,« so schloß er, »niemand an diesem Tisch, der das Parlamentarische
-voll beherrscht, weshalb ich bemüht gewesen bin, das, was uns hier
-zusammengeführt hat, schriftlich niederzulegen. Es ist ein schwacher
-Versuch. Jeder tut, soviel er kann, und der Brombeerstrauch hat eben
-nur seine Beeren. Aber auch +sie+ können den durstigen Wanderer
-erfrischen. Und so bitte ich denn unsern politischen Freund, dem wir
-außerdem für die Erforschung dieser Gegenden so viel verdanken, ich
-bitte Herrn Lehrer Krippenstapel, uns das von mir Aufgesetzte vorlesen
-zu wollen. Ein ~pro memoria~. Man kann es vielleicht so nennen.«
-
-Katzler, unter Verneigung, setzte sich wieder, während sich
-Krippenstapel erhob. Er blätterte wie ein Rechtsanwalt in einer Anzahl
-von Papieren und sagte dann: »Ich folge der Aufforderung des Herrn
-Vorsitzenden und freue mich, berufen zu sein, ein Schriftstück zur
-Verlesung zu bringen, das unser +aller+ Gefühlen -- ich bin dessen
-sicher und glaube von den Einschränkungen, die unser Herr Vorsitzender
-gemacht hat, absehen zu dürfen -- zu kräftigstem Ausdruck verhilft.«
-
-Und nun setzte Krippenstapel seine Hornbrille auf und las. Es war
-ein ganz kurzes Schriftstück und enthielt eigentlich dasselbe, was
-Katzler schon gesagt hatte. Die Betonungen Krippenstapels sorgten aber
-dafür, daß der Beifall reichlicher war, und daß die Schlußwendung »und
-so vereinigen wir uns denn in dem Satze: was um den Stechlin herum
-wohnt, das ist +für+ Stechlin,« einen ungeheuren Beifall fand. Pyterke
-hob seinen Helm und stieß mit dem Pallasch auf, während Uncke sich
-umsah, ob doch vielleicht ein einzelner Übelwollender zu notieren sei.
-Nicht um ihn direkt anzuzeigen, aber doch zur Kenntnisnahme. Brose,
-der (wohl eine Folge seines Berufs) unter dem ungewohnten langen
-Stillstehen gelitten hatte, nahm im Vorflur, wie zur Niederkämpfung
-seiner Beinnervosität, eine Art Probegeschwindschritt rasch wieder
-auf, während Kluckhuhn sich von seinem Stuhl erhob, um Katzler erst
-militärisch und dann unter gewöhnlicher Verbeugung zu begrüßen, wobei
-seine Düppelmedaille dem Katzlerschen Eisernen Kreuz entgegenpendelte.
-Nur Koseleger und Lorenzen blieben ruhig. Um des Superintendenten Mund
-war ein leiser ironischer Zug.
-
-Dann erklärte der Vorsitzende die Sitzung für geschlossen; alles brach
-auf, und nur Uncke sagte zu Brose: »Wir bleiben noch, Brose; morgen
-wird es Lauferei genug geben.«
-
-»Denk ich auch. Aber lieber laufen als hier so stillestehen.«
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel
-
-
-Draußen, unter dem Gezweig der alten Linden, standen mehrere
-Kaleschwagen, aber der des Superintendenten fehlte noch, weil Koseleger
-eine viel längere Sitzung erwartet und daraufhin seinen Wagen erst zu
-zehn Uhr bestellt hatte. Bis dahin war noch eine hübsche Zeit; der
-Superintendent indessen schien nicht unzufrieden darüber, und seines
-Amtsbruders Arm nehmend, sagte er: »Lieber Lorenzen, ich muß mich, wie
-Sie sehen, bei Ihnen zu Gaste laden. Als Unverheirateter werden Sie,
-so hoffe ich, über die Störung leicht hinwegkommen. Die Ehe bedeutet
-in der Regel Segen, wenigstens an Kindern, aber die Nichtehe hat auch
-ihre Segnungen. Unsere guten Frauen entschlagen sich dieser Einsicht,
-und dieser unbedingte Glauben an sich und ihre Wichtigkeit hat oft was
-Rührendes.«
-
-Lorenzen, der sich -- bei voller Würdigung der Gaben seines ihm
-vorgesetzten und zugleich gern einen spöttischen Ton anschlagenden
-Amtsbruders -- im allgemeinen nicht viel aus ihm machte, war diesmal
-mit allem einverstanden und nickte, während sie, schräg über den Platz
-fort, auf die Pfarre zuschritten.
-
-»Ja, diese Einbildungen!« fuhr Koseleger fort, zu dessen
-Lieblingsgesprächen dieses Thema gehörte. »Gewiß ist es richtig, daß
-wir samt und sonders von Einbildungen leben, aber für die Frauen ist
-es das tägliche Brot. Sie malträtieren ihren Mann und sprechen dabei
-von Liebe, sie +werden+ malträtiert und sprechen erst recht von Liebe;
-sie sehen alles so, wie sie's sehen wollen, und vor allem haben sie ein
-Talent, sich mit Tugenden auszurüsten (erlassen Sie mir, diese Tugenden
-aufzuzählen), die sie durchaus nicht besitzen. Unter diesen meist nur
-in der Vorstellung existierenden Tugenden befindet sich auch die der
-Gastlichkeit, wenigstens hierlandes. Und nun gar unsre Pfarrmütter!
-Eine jede hält sich für die heilige Elisabeth mit den bekannten Broten
-im Korb. Haben Sie übrigens das Bild auf der Wartburg gesehen? Unter
-allen Schwindschen Sachen steht es mir so ziemlich obenan. Und in
-Wahrheit, um auf unsere Pfarrmütter zurückzukommen, liegt es doch so,
-daß ich mich bei pastorlichen Junggesellen immer am besten aufgehoben
-gefühlt habe.«
-
-Lorenzen lachte: »Wenn Sie nur heute nicht widerlegt werden, Herr
-Superintendent.«
-
-»Ganz undenkbar, lieber Lorenzen. Ich bin noch nicht lange in dieser
-Gegend, in meinem guten Quaden-Hennersdorf da drüben, aber wenn
-auch nicht lange, so doch lange genug, um zu wissen, wie's hier
-herum aussieht. Und Ihr Renommee ... Sie sollen so was von einem
-Feinschmecker an sich haben. Kann ich mir übrigens denken. Sie sind
-Ästhetikus, und das ist man nicht ungestraft, am wenigsten in bezug
-auf die Zunge. Ja, das Ästhetische. Für manchen ist es ein Unglück.
-Ich weiß davon. Das Haus hier vor uns ist wohl Ihr Schulhaus?
-Weißgestrichen und kein Fetzchen Gardine, das ist immer ne preußische
-Schule. So wird bei uns die Volksseele für das, was schön ist,
-großgezogen. Aber es kommt auch was dabei heraus! Mitunter wundert's
-mich nur, daß sie die Bauten aus der Zeit Friedrich Wilhelms ~I.~
-nicht besser konservieren. Eigentlich war +das+ doch das Ideal. Graue
-Wand, hundert Löcher drin und unten großes Hauptloch. Und natürlich
-ein Schilderhaus daneben. Letzteres das Wichtigste. Schade, daß so was
-verloren geht. Übrigens rettet hier der grüne Staketenzaun das Ganze
-... Wie heißt doch der Lehrer?«
-
-»Krippenstapel.«
-
-»Richtig, Krippenstapel. Katzler nannte ihn ja während der Sitzung mit
-einer Art Aplomb. Ich erinnere mich noch, wie mir der Name wohltat, als
-ich ihn das erstemal hörte. So heißt nicht jeder. Wie kommen Sie mit
-dem Manne aus?«
-
-»Sehr gut, Herr Superintendent.«
-
-»Freut mich aufrichtig. Aber es muß ein Kunststück sein. Er hat
-ein Gesicht wie ne Eule. Dabei so was Steifleinenes und zugleich
-Selbstbewußtes. Der richtige Lehrer. Meiner in Quaden-Hennersdorf war
-ebenso. Aber er läßt nun schon ein bißchen nach.«
-
-Unter diesen Worten waren sie bis an die Pfarre gekommen, in der man,
-ohne daß ein Bote vorausgeschickt worden wäre, doch schon wußte, daß
-der Herr Superintendent mit erscheinen würde. Nun war er da. Nur
-wenige Minuten waren seit dem Aufbruch vom Krug her vergangen, die
-trotz Kürze für Frau Kulicke (eine Lehrerswitwe, die Lorenzen die
-Wirtschaft führte) ausgereicht hatten, alles in Schick und Ordnung zu
-bringen. Auf dem länglichen Hausflur, an dessen äußerstem Ende man
-gleich beim Eintreten die blinkblanke Küche sah, brannten ein paar
-helle Paraffinkerzen, während rechts daneben, in der offenstehenden
-Studierstube, eine große Lampe mit grünem Bilderschirm ein gedämpftes
-Licht gab. Lorenzen schob den Sofatisch, darauf Zeitungen hoch
-aufgeschichtet lagen, ein wenig zurück und bat Koseleger, Platz zu
-nehmen. Aber dieser, eben jetzt das große Bild bemerkend, das in
-beinahe reicher Umrahmung über dem Sofa hing, nahm den ihm angebotenen
-Platz nicht gleich ein, sondern sagte, sich über den Tisch vorbeugend:
-»Ah, gratuliere, Lorenzen. Kreuzabnahme; Rubens. Das ist ja ein
-wunderschöner Stich. Oder eigentlich Aquatinta. Dergleichen wird hier
-wohl im siebenmeiligen Umkreis nicht oft betroffen werden, nicht
-einmal in dem etwas heraufgepufften Rheinsberg; in Rheinsberg war
-man für Watteausche Reifrockdamen auf einer Schaukel, aber nicht für
-Kreuzabnahmen und dergleichen. Und stammt auch sicher nicht aus dem
-sogenannten Schloß Ihres liebenswürdigen alten Herrn drüben, Riesenkate
-mit Glaskugel davor. Ach, wenn ich diese Glaskugeln sehe. Und daneben
-+das+ hier! Wissen Sie, Lorenzen, das Bild hier ruft mir eine schöne
-Stunde meines Lebens zurück, einen Reisetag, wo ich mit Großfürstin
-Wera vom Haag aus in Antwerpen war. Da sah ich das Bild in der
-Kathedrale. Waren Sie da?«
-
-Lorenzen verneinte.
-
-»Das wäre was für Sie. Dieser Rubens im Original, in seiner
-Farbenallgewalt. Es heißt immer, daß er nur Flamänderinnen hätte malen
-können. Nun, das wäre wohl auch noch nicht das Schlimmste gewesen.
-Aber er konnte mehr. Sehen Sie den Christus. Wohl jedem, der draußen
-war, und zu dem die Welt mal in andern Zungen redete! Hier blüht der
-Bilderbogen, Türke links, Russe rechts. Ach, Lorenzen, es ist traurig,
-hier versauern zu müssen.«
-
-Als er so gesprochen, ließ er sich, vor sich hinstarrend, in die
-Sofaecke nieder, ganz wie in andre Zeiten verloren, und sah erst wieder
-auf, als ein junges Ding ins Zimmer trat, groß und schlank und blond,
-und dem Pastor verlegen und errötend etwas zuflüsterte.
-
-»Meine gute Frau Kulicke,« sagte Lorenzen, »läßt eben fragen, ob wir
-unsern Imbiß im Nebenzimmer nehmen wollen? Ich möchte beinahe glauben,
-es ist das beste, wir bleiben hier. Es heißt zwar, ein Eßzimmer müsse
-kalt sein. Nun, das hätten wir nebenan. Ich persönlich finde jedoch
-das Temperierte besser. Aber ich bitte, bestimmen zu wollen, Herr
-Superintendent.«
-
-»Temperiert. Mir aus der Seele gesprochen. Also wir bleiben, wo
-wir sind ... Aber sagen Sie mir, Lorenzen, wer war das entzückende
-Geschöpf? Wie ein Bild von Knaus. Halb Prinzeß, halb Rotkäppchen. Wie
-alt ist sie denn?«
-
-»Siebzehn. Eine Nichte meiner guten Frau Kulicke.«
-
-»Siebzehn. Ach, Lorenzen, wie Sie zu beneiden sind. Immer solche
-Menschenblüte zu sehn. Und siebzehn, sagen Sie. Ja, das ist das
-Eigentliche. Sechzehn hat noch ein bißchen von der Eierschale, noch
-ein bißchen den Einsegnungscharakter, und achtzehn ist schon wieder
-alltäglich. Achtzehn kann jeder sein. Aber siebzehn. Ein wunderbarer
-Mittelzustand. Und wie heißt sie?«
-
-»Elfriede.«
-
-»Auch +das+ noch.«
-
-Lorenzen wiegte den Kopf und lächelte.
-
-»Ja, Sie lächeln, Lorenzen, und wissen nicht, wie gut Sie's haben
-in dieser Ihrer Waldpfarre. Was ich hier sehe, heimelt mich an, das
-ganze Dorf, alles. Wenn ich mir da beispielsweise den Tisch wieder
-vergegenwärtige, dran wir, drüben im Krug, vor einer halben Stunde
-gesessen haben, an der linken Seite dieser Krippenstapel (er sei wie
-er sei) und an der rechten Seite dieser Rolf Krake. Das sind ja doch
-lauter Größen. Denn das Groteske hat eben auch seine Größen und nicht
-die schlechtesten. Und dazu dieser Katzler mit seiner Ermyntrud. All
-das haben Sie dicht um sich her und dazu dies Kind, diese Elfriede,
-die hoffentlich nicht Kulicke heißt, -- sonst bricht freilich mein
-ganzes Begeisterungsgebäude wieder zusammen. Und nun nehmen Sie +mich+,
-Ihren Superintendenten, das große Kirchenlicht dieser Gegenden! Alles
-nackte Prosa, widerhaarige Kollegen und Amtsbrüder, die mir nicht
-verzeihen können, daß ich im Haag war und mit einer Großfürstin über
-Land fahren konnte. Glauben Sie mir, Großfürstinnen, selbst wenn sie
-Mängel haben (und sie haben Mängel), sind mir immer noch lieber als das
-Landesgewächs von Quaden-Hennersdorf, und mitunter ist mir zumut, als
-gäbe es keine Weltordnung mehr.«
-
-»Aber Herr Superintendent ...«
-
-»Ja, Lorenzen, Sie setzen ein überraschtes Gesicht auf und wundern
-sich, daß einer, für den die hohe Klerisei so viel getan und ihn zum
-Superintendenten in der gesegneten Mittelmark und der noch gesegneteren
-Grafschaft Ruppin gemacht hat, -- Sie wundern sich, daß solch zehnmal
-Glücklicher solchen Hochverrat redet. Aber bin ich ein Glücklicher? Ich
-bin ein Unglücklicher ...«
-
-»Aber Herr Superintendent ...«
-
-»... Und möchte, daß ich eine Hundertundfünfzig-Seelen-Gemeinde hätte,
-sagen wir auf dem ›toten Mann‹ oder in der Tuchler Heide. Sehen Sie,
-dann wär es vorbei, dann wüßt ich bestimmt: ›du bist in den Skat
-gelegt‹. Und das kann unter Umständen ein Trost sein. Die Leute,
-die Schiffbruch gelitten und nun in einer Isolierzelle sitzen und
-Tüten kleben oder Wolle zupfen, das sind nicht die Unglücklichsten.
-Unglücklich sind immer bloß die Halben. Und als einen solchen habe
-ich die Ehre mich Ihnen vorzustellen. Ich bin ein Halber, vielleicht
-sogar in +dem+, worauf es ankommt; aber lassen wir das, ich will hier
-nur vom allgemein Menschlichen sprechen. Und daß ich auch in diesem
-Menschlichen ein Halber bin, das quält mich. Über das andre käm ich
-vielleicht weg.«
-
-Lorenzens Augen wurden immer größer.
-
-»Sehen Sie, da war ich also -- verzeihen Sie, daß ich immer wieder
-darauf zurückkomme -- da war ich also mit siebenundzwanzig im Haag und
-kam in die vornehme Welt, die da zu Hause ist. Und da war ich denn
-heut in Amsterdam und morgen in Scheveningen und den dritten Tag in
-Gent oder in Brügge. Brügge, Reliquienschrein, Hans Memling -- so was
-müßten Sie sehn. Was sollen uns diese ewigen Markgrafen oder gar die
-faule Grete? Mancher, ich weiß wohl, ist für's härene Gewand oder
-zum Eremiten geboren. Ich nicht. Ich bin von der andern Seite; meine
-Seele hängt an Leben und Schönheit. Und nun spricht da draußen all
-dergleichen zu einem, und man tränkt sich damit und hat einen Ehrgeiz,
-nicht einen kindischen, sondern einen echten, der höher hinauf will,
-weil man da wirken und schaffen kann, für sich gewiß, aber auch für
-andre. Danach dürstet einen. Und nun kommt der Becher, der diesen Durst
-stillen soll. Und dieser Becher heißt Quaden-Hennersdorf. Das Dorf, das
-mich umgibt, ist ein großes Bauerndorf, aufgesteifte Leute, geschwollen
-und hartherzig, und natürlich so trocken und trivial, wie die Leute
-hier alle sind. Und noch stolz darauf. Ach, Lorenzen, immer wieder, wie
-beneide ich Sie!«
-
-Während Koseleger noch so sprach, erschien Frau Kulicke. Sie schob die
-Zeitungen zurück, um zwei Kuverts legen zu können, und nun brachte sie
-den Rotwein und ein Kabarett mit Brötchen. In dünngeschliffene große
-Gläser schenkte Lorenzen ein, und die beiden Amtsbrüder stießen an »auf
-bessere Zeiten«. Aber sie dachten sich sehr Verschiedenes dabei, weil
-sich der eine nur mit sich, der andre nur mit andern beschäftigte.
-
-»Wir könnten, glaub ich,« sagte Lorenzen, »neben den ›besseren
-Zeiten‹ noch dies und das leben lassen. Zunächst +Ihr+ Wohl, Herr
-Superintendent. Und zum zweiten auf das Wohl unsers guten alten
-Stechlin, der uns doch heute zusammengeführt. Ob wir ihn durchbringen?
-Katzler tat so sicher und Kluckhuhn und Krippenstapel nun schon ganz
-gewiß. Aber ich habe trotzdem Zweifel. Die Konservativen -- ich kann
-kaum sagen ›unsere Parteigenossen‹, oder doch nur in sehr bedingtem
-Sinne -- die Konservativen sind in sich gespalten. Es gibt ihrer
-viele, denen unser alter Stechlin um ein gut Teil zu flau ist.
-›~Fortiter in re, suaviter in modo~,‹ hat neulich einer, der sich auf
-Bildung ausspielt, von dem Alten gesagt, und von ›~suaviter~,‹ wenn
-auch nur ›~in modo~‹, wollen alle diese Herren nichts wissen. Unter
-diesen Ultras ist natürlich auch Gundermann auf Siebenmühlen, der Ihnen
-vielleicht bekannt geworden ist ...«
-
-»Versteht sich. War neulich bei mir. Ein Mann von drei Redensarten, von
-denen die zwei besten aus der Wassermüllersphäre genommen sind.«
-
-»Nun, dieser Gundermann, wie immer die Dummen, ist zugleich Intrigant,
-und während er vorgibt, für unsern guten alten Stechlin zu werben,
-tropft er den Leuten Gift ins Ohr und erzählt ihnen, daß der Alte senil
-sei und keinen Schneid habe. Der alte Stechlin hat aber mehr Schneid
-als sieben Gundermanns. Gundermann ist ein Bourgeois und ein Parvenu,
-also so ziemlich das Schlechteste, was einer sein kann. Ich bin schon
-zufrieden, wenn dieser Jämmerling unterliegt. Aber um den Alten bin ich
-besorgt. Ich kann nur wiederholen: es liegt nicht so günstig für ihn,
-wie die Gegend hier sich einbildet. Denn auf das arme Volk ist kein
-Verlaß. Ein Versprechen und ein Kornus, und alles schnappt ab.«
-
-»Ich werde das meine tun,« sagte Koseleger mit einer Mischung von
-Pathos und Wohlwollen. Aber Lorenzen hatte dabei den Eindruck, daß
-sein Quaden-Hennersdorfer Superintendent bereits ganz andern Bildern
-nachhing. Und so war es auch. Was war für Koseleger diese traurige
-Gegenwart? Ihn beschäftigte nur die Zukunft, und wenn er in die
-hineinsah, so sah er einen langen, langen Korridor mit Oberlicht und
-am Ausgang ein Klingelschild mit der Aufschrift: Doktor Koseleger,
-Generalsuperintendent.
-
- * * * * *
-
-So ziemlich um dieselbe Stunde, wo die beiden Amtsbrüder »auf bessere
-Zeiten« anstießen, hielt Katzlers Pürschwagen -- die Sterne blinkten
-schon -- vor seiner Oberförsterei. Das Blaffen der Hunde, das,
-solange der Wagen noch weit ab war, unausgesetzt über die Waldwiese
-hingeklungen war, verkehrte sich mit einemmal in winseliges Geheul und
-wunderliche Freudentöne. Katzler sprang aus dem Wagen, hing den Hut
-an einen im Flur stehenden Ständer (von den ewigen »Geweihen« wollte
-er als feiner Mann nichts wissen) und trat gleich danach in das an
-der linken Flurseite gelegene, matt erleuchtete Wohnzimmer seiner
-Frau. Das gedämpfte Licht ließ sie noch blasser erscheinen, als sie
-war. Sie hatte sich, als der Wagen hielt, von ihrem Sofaplatz erhoben
-und kam ihrem Manne, wie sie regelmäßig zu tun pflegte, wenn er aus
-dem Walde zurückkehrte, zu freundlicher Begrüßung entgegen. Ein als
-Weihnachtsgeschenk für eine jüngere Schwester bestimmtes Batisttuch,
-in das sie eben die letzte Zacke der Ippe-Büchsensteinschen Krone
-hineinstickte, hatte sie, bevor sie sich vom Sofa erhob, aus der Hand
-gelegt. Sie war nicht schön, dazu von einem lymphatisch-sentimentalen
-Ausdruck, aber ihre stattliche Haltung und mehr noch die Art, wie sie
-sich kleidete, ließen sie doch als etwas durchaus Apartes und beinahe
-Fremdländisches erscheinen. Sie trug, nach Art eines Morgenrockes,
-ein glatt herabhängendes, leis gelbgetöntes Wollkleid und als
-Eigentümlichstes einen aus demselben gelblichen Wollstoff hergestellten
-Kopfputz, von dem es unsicher blieb, ob er einen Turban oder eine Krone
-darstellen sollte. Das Ganze hatte etwas Gewolltes, war aber neben dem
-Auffälligen doch auch wieder kleidsam. Es sprach sich ein Talent darin
-aus, etwas aus sich zu machen.
-
-»Wie glücklich bin ich, daß du wieder da bist,« sagte Ermyntrud. »Ich
-habe mich recht gebangt, diesmal nicht um dich, sondern um mich. Ich
-muß dies egoistischerweise gestehen. Es waren recht schwere Stunden für
-mich, die ganze Zeit, daß du fort warst.«
-
-Er küßte ihr die Hand und führte sie wieder auf ihren Platz zurück.
-»Du darfst nicht stehen, Ermyntrud. Und nun bist du auch wieder bei
-der Stickerei. Das strengt dich an und hat, wie du weißt, auf +alles+
-Einfluß. Der gute Doktor sagte noch gestern, alles sei im Zusammenhang.
-Ich seh auch, wie blaß du bist.«
-
-»O, das macht der Schirm.«
-
-»Du willst es nicht wahr haben und mir nichts sagen, was vielleicht
-wie Vorwurf klingen könnte. Ich mache mir aber den Vorwurf selbst. Ich
-mußte hier bleiben und nicht hin zu dieser Stechliner Wahlversammlung.«
-
-»Du +mußtest+ hin, Wladimir.«
-
-»Ich rechne es dir hoch an, Ermyntrud, daß du so sprichst. Aber es wäre
-schließlich auch ohne mich gegangen. Koseleger war da, der konnte das
-Präsidium nehmen so gut wie ich. Und wenn der nicht wollte, so konnte
-Torfinspektor Etzelius einspringen. Oder vielleicht auch Krippenstapel.
-Krippenstapel ist doch zuletzt der, der alles macht. Jedenfalls liegt
-es so, wenn es der eine nicht ist, ist es der andre.«
-
-»Ich kann das zugeben, wie könnte sonst die Welt bestehen? Es gibt
-nichts, was uns so Demut predigte wie die Wahrnehmung von der
-Entbehrlichkeit des einzelnen. Aber darauf kommt es nicht an. Worauf es
-ankommt, das ist Erfüllung unsrer Pflicht.«
-
-Katzler, als er dies Wort hörte, sah sich nach einem Etwas um, das
-ihn in den Stand gesetzt hätte, dem Gespräch eine andere Wendung zu
-geben. Aber, wie stets in solchen Momenten, das, was retten konnte, war
-nicht zu finden, und so sah er denn wohl, daß er einem Vortrage der
-Prinzessin über ihr Lieblingsthema »von der Pflicht« verfallen sei.
-Dabei war er eigentlich hungrig.
-
-Ermyntrud wies auf ein Taburett, das sie mittlerweile neben ihren
-Sofaplatz geschoben, und sagte: »Daß ich immer wieder davon sprechen
-muß, Wladimir. Wir leben eben nicht in der Welt um unsert-, sondern um
-andrer willen. Ich will nicht sagen um der Menschheit willen, was eitel
-klingt, wiewohl es eigentlich wohl so sein sollte. Was uns obliegt, ist
-nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche,
-sondern lediglich die Pflicht ...«
-
-»Gewiß, Ermyntrud. Wir sind einig darüber. Es ist dies außerdem auch
-etwas speziell Preußisches. Wir sind dadurch vor andern Nationen
-ausgezeichnet, und selbst bei denen, die uns nicht begreifen oder
-übelwollen, dämmert die Vorstellung von unsrer daraus entspringenden
-Überlegenheit. Aber es gibt doch Unterschiede, Grade. Wenn ich statt
-zu der Stechliner Wählerversammlung lieber zu Doktor Sponholz oder zur
-alten Stinten in Kloster Wutz (die ja schon früher einmal dabei war)
-gefahren wäre, so wäre das doch vielleicht das Bessere gewesen. Es ist
-ein Glück, daß es noch mal so vorübergegangen. Aber darauf darf man
-nicht in jedem Falle rechnen.«
-
-»Nein, darauf darf man nicht in jedem Falle rechnen. Aber man darf
-darauf rechnen, daß, wenn man das Pflichtgemäße tut, man zugleich auch
-das Rechte tut. Es hängt so viel an der Wahl unsers alten trefflichen
-Stechlin. Er steht außerdem sittlich höher als Kortschädel, dem man,
-trotz seiner siebzig, allerhand nachsagen durfte. Stechlin ist ganz
-intakt. Etwas sehr Seltenes. Und einem sittlichen Prinzip zum Siege zu
-verhelfen, dafür leben wir doch recht eigentlich. Dafür lebe wenigstens
-+ich+.«
-
-»Gewiß, Ermyntrud, gewiß.«
-
-»In jedem Augenblicke seiner Obliegenheiten eingedenk sein, ohne erst
-bei Neigung oder Stimmung anzufragen, +das+ hab ich mir in feierlicher
-Stunde gelobt, du weißt, in welcher, und du wirst mir das Zeugnis
-ausstellen, daß ich diesem Gelöbnis nachgekommen ...«
-
-»Gewiß, Ermyntrud, gewiß. Es war unser Fundament ...«
-
-»Und wenn es sich um eine sittliche Pflicht handelt, wie doch heute
-ganz offenbar, wie hätt ich da sagen wollen: bleibe. Ich wäre mir klein
-vorgekommen, klein und untreu.«
-
-»Nicht untreu, Ermyntrud.«
-
-»Doch, doch, es gibt viele Formen der Untreue. Das Persönliche hat sich
-der Familie zu bequemen und unterzuordnen und die Familie wieder der
-Gesellschaft. In diesem Sinne bin ich erzogen, und in diesem Sinne tat
-ich den Schritt. Verlange nicht, daß ich in irgend etwas diesen Schritt
-zurücktue.«
-
-»Nie.«
-
-Das kleine Dienstmädchen, eine Heideläufertochter, deren storres Haar,
-von keiner Bürste gezähmt, immer weit abstand, erschien in diesem
-Augenblicke, meldend, daß sie das Teezeug gebracht habe.
-
-Katzler nahm seiner Frau Arm, um sie bis in das zweite, nach dem Hof
-hinaus gelegene Zimmer zu führen. Als er aber wahrnahm, wie schwer ihr
-das Gehen wurde, sagte er: »Ich freue mich, dich so sprechen zu hören.
-Immer du selbst. Ich bin aber doch in Unruhe und will morgen früh zur
-Frau schicken.«
-
-Sie nickte zustimmend, während ein halb zärtlicher Blick den guten
-Katzler streifte, der, solange das ihm nur zu wohlbekannte Gespräch
-über Pflicht gedauert hatte, von Minute zu Minute verlegener geworden
-war.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel
-
-
-Und nun war Wahltagmorgen. Kurz vor acht erschien Lorenzen auf dem
-Schloß, um in Dubslavs schon auf der Rampe haltenden Kaleschewagen
-einzusteigen und mit nach Rheinsberg zu fahren. Der Alte, bereits
-gestiefelt und gespornt, empfing ihn mit gewohnter Herzlichkeit und
-guter Laune. »Das ist recht, Lorenzen. Und nun wollen wir auch gleich
-aufsteigen. Aber warum haben Sie mich nicht an Ihrem Pfarrgarten
-erwartet? Muß ja doch dran vorüber« -- und dabei schob er ihm voll
-Sorglichkeit eine Decke zu, während die Pferde schon anrückten.
-»Übrigens freut es mich trotzdem (man widerspricht sich immer), daß
-Sie nicht so praktisch gewesen und doch lieber gekommen sind. Es is ne
-Politesse. Und die Menschen sind jetzt so schrecklich unpoliert und
-geradezu unmanierlich ... Aber lassen wir's; ich kann es nicht ändern,
-und es grämt mich auch nicht.«
-
-»Weil Sie gütig sind und jene Heiterkeit haben, die, menschlich
-angesehn, so ziemlich unser Bestes ist.«
-
-Dubslav lachte. »Ja, soviel ist richtig; Kopfhängerei war nie meine
-Sache, und wäre das verdammte Geld nicht ... Hören Sie, Lorenzen, das
-mit dem Mammon und dem goldnen Kalb, das sind doch eigentlich alles
-sehr feine Sachen.«
-
-»Gewiß, Herr von Stechlin.«
-
-»... Und wäre das verdammte Geld nicht, so hätt ich den Kopf noch
-weniger hängen lassen, als ich getan. Aber das Geld. Da war, noch
-unter Friedrich Wilhelm ~III.~, der alte General von der Marwitz auf
-Friedersdorf, von dem Sie gewiß mal gehört haben, der hat in seinen
-Memoiren irgendwo gesagt: ›er hätte sich aus dem Dienst gern schon
-früher zurückgezogen und sei bloß geblieben um des Schlechtesten
-willen, was es überhaupt gäbe, um des Geldes willen‹ -- und das hat
-damals, als ich es las, einen großen Eindruck auf mich gemacht. Denn
-es gehört was dazu, das so ruhig auszusprechen. Die Menschen sind in
-allen Stücken so verlogen und unehrlich, auch in Geldsachen, fast noch
-mehr als in Tugend. Und das will was sagen. Ja, Lorenzen, so ist es
-... Na, lassen wir's, Sie wissen ja auch Bescheid. Und dann sind das
-schließlich auch keine Betrachtungen für heute, wo ich gewählt werden
-und den Triumphator spielen soll. Übrigens geh ich einem totalen
-Kladderadatsch entgegen. Ich werde nicht gewählt.«
-
-Lorenzen wurde verlegen, denn was Dubslav da zuletzt sagte, das stimmte
-nur zu sehr mit seiner eigenen Meinung. Aber er mußte wohl oder übel,
-so schwer es ihm wurde, das Gegenteil versichern. »Ihre Wahl, Herr
-von Stechlin, steht, glaub ich, fest; in unsrer Gegend wenigstens.
-Die Globsower und Dagower gehen mit gutem Beispiel voran. Lauter gute
-Leute.«
-
-»Vielleicht. Aber schlechte Musikanten. Alle Menschen sind
-Wetterfahnen, ein bißchen mehr, ein bißchen weniger. Und wir selber
-machen's auch so. Schwapp, sind wir auf der andern Seite.«
-
-»Ja, schwach ist jeder, und ich mag mich auch nicht für all und jeden
-verbürgen. Aber in diesem speziellen Falle ... Selbst Koseleger schien
-mir voll Zuversicht und Vertrauen, als er am Donnerstag noch mit mir
-plauderte.«
-
-»Koseleger voll Vertrauen! Na, dann geht es gewiß in die Brüche. Wo
-Koseleger Amen sagt, das ist schon so gut wie letzte Ölung. Er hat
-keine glückliche Hand, dieser Ihr Amtsbruder und Vorgesetzter.«
-
-»Ich teile leider einigermaßen Ihre Bedenken gegen ihn. Aber was
-vielleicht mit ihm versöhnen kann, er hat angenehme Formen und durchaus
-etwas Verbindliches.«
-
-»Das hat er. Und doch, so sehr ich sonst für Formen und
-Verbindlichkeiten bin, nicht für seine. Man soll einem Menschen nicht
-seinen Namen vorhalten. Aber Koseleger! Ich weiß immer nicht, ob er
-mehr Kose oder mehr Leger ist; vielleicht beides gleich. Er ist wie ne
-Baisertorte, süß, aber ungesund. Nein, Lorenzen, da bin ich doch mehr
-für Sie. Sie taugen auch nicht viel, aber Sie sind doch wenigstens
-ehrlich.«
-
-»Vielleicht,« sagte Lorenzen. »Übrigens hat Koseleger inmitten seiner
-Verbindlichkeiten und schönen Worte doch auch wieder was Freies, beinah
-Gewagtes und ist mir da neulich mit Bekenntnissen gekommen, fast wie
-ein Charakter.«
-
-Dubslav lachte hell auf. »Charakter. Aber Lorenzen. Wie können Sie
-sich so hinters Licht führen lassen. Ich verwette mich, er hat Ihnen
-irgendwas über Ihre ›Gaben‹ gesagt; das ist jetzt so Lieblingswort,
-das die Pastoren immer gegenseitig brauchen. Es soll bescheiden und
-unpersönlich klingen und sozusagen alles auf Inspiration zurückführen,
-für die man ja, wie für alles, was von oben kommt, am Ende nicht kann.
-Es ist aber gerade dadurch das Hochmütigste ... War es so was? Hat er
-meinen klugen Lorenzen, eh er sich als ›Charakter‹ ausspielte, durch
-solche Schmeicheleien eingefangen?«
-
-»Es war nicht so, Herr von Stechlin. Sie tun ihm hier ausnahmsweise
-unrecht. Er sprach überhaupt nicht über mich, sondern über sich, und
-machte mir dabei seine Konfessions. Er gestand mir beispielsweise, daß
-er sich unglücklich fühle.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil er in Quaden-Hennersdorf deplaziert sei.«
-
-»Deplaziert. Das ist auch solch Wort; das kenn ich. Wenn man durchaus
-will, ist jeder deplaziert, ich, Sie, Krippenstapel, Engelke. Ich müßte
-Präses von einem Stammtisch oder vielleicht auch ein Badedirektor
-sein, Sie Missionar am Kongo, Krippenstapel Kustos an einem märkischen
-Museum und Engelke, nun der müßte gleich selbst hinein, Nummer
-hundertdreizehn. Deplaziert! Alles bloß Eitelkeit und Größenwahn. Und
-dieser Koseleger mit dem Konsistorialratskinn! Er war Galopin bei ner
-Großfürstin; das kann er nicht vergessen, damit will er's nun zwingen,
-und in seinem Ärger und Unmut spielt er sich auf den Charakter aus und
-versteigt sich, wie Sie sagen, bis zu Konfessions und Gewagtheiten.
-Und wenn er nun reüssierte (Gott verhüt es), so haben Sie den
-Scheiterhaufenmann ~comme il faut~. Und der erste, der raus muß, das
-sind Sie. Denn er wird sofort das Bedürfnis spüren, seine Gewagtheiten
-von heute durch irgendein Brandopfer wieder wettzumachen.«
-
-Unter diesem Gespräche waren sie schließlich aus dem Walde heraus und
-näherten sich einem beinah meilenlangen und bis an den Horizont sich
-ausdehnenden Stück Bruchland, über das mehrere mit Kropfweiden und
-Silberpappeln besetzte Wege strahlenförmig auf Rheinsberg zuliefen.
-Alle diese Wege waren belebt, meist mit Fußgängern, aber auch mit
-Fuhrwerken. Eins davon, aus gelblichem Holz, das hell in der Sonne
-blinkte, war leicht zu erkennen.
-
-»Da fährt ja Katzler,« sagte Dubslav. »Überrascht mich beinah. Es
-ist nämlich, was Sie vielleicht noch nicht wissen werden, wieder was
-einpassiert; er schickte mir heute früh einen Boten mit der Nachricht
-davon, und daraus schloß ich, er würde +nicht+ zur Wahl kommen. Aber
-Ermyntrud mit ihrer grandiosen Pflichtvorstellung wird ihn wohl wieder
-fortgeschickt haben.«
-
-»Ist es wieder ein Mädchen?« fragte Lorenzen.
-
-»Natürlich, und zwar das siebente. Bei sieben (freilich müssen es
-Jungens sein) darf man, glaub ich, den Kaiser zu Gevatter laden.
-Übrigens sind mehrere bereits tot, und alles in allem ist es wohl
-möglich, daß sich Ermyntrud über das beständige ›bloß Mädchen‹ allerlei
-Sorgen und Gedanken macht.«
-
-Lorenzen nickte. »Kann mir's denken, daß die Prinzessin etwas wie
-eine zu leistende Sühne darin sieht, Sühne wegen des von ihr getanen
-Schrittes. Alles an ihr ist ein wenig überspannt. Und doch ist es eine
-sehr liebenswürdige Dame.«
-
-»Wovon niemand überzeugter ist als ich,« sagte Dubslav. »Freilich bin
-ich bestochen, denn sie sagt mir immer das Schmeichelhafteste. Sie
-plaudre so gern mit mir, was auch am Ende wohl zutrifft. Und dabei
-wird sie dann jedesmal ganz ausgelassen, trotzdem sie eigentlich
-hochgradig sentimental ist. Sentimental, was nicht überraschen darf;
-denn aus Sentimentalität ist doch schließlich die ganze Katzlerei
-hervorgegangen. Bin übrigens ernstlich in Sorge, wo Hoheit den
-richtigen Taufnamen für das Jüngstgeborene hernehmen wird. In diesem
-Stücke, vielleicht dem einzigen, ist sie nämlich noch ganz und gar
-Prinzessin geblieben. Und Sie, lieber Lorenzen, werden dabei sicherlich
-mit zu Rate gezogen werden.«
-
-»Was ich mir nicht schwierig denken kann.«
-
-»Sagen Sie das nicht. Es gibt in diesem Falle viel weniger Brauchbares,
-als Sie sich vorzustellen scheinen. Prinzessinnennamen an und für
-sich, ohne weitere Zutat, ja, die gibt es genug. Aber damit ist
-Ermyntrud nicht zufrieden; sie verlangt ihrer Natur nach zu dem
-Dynastisch-Genealogischen auch noch etwas poetisch Märchenhaftes.
-Und das kompliziert die Sache ganz erheblich. Sie können das sehen,
-wenn Sie die Katzlersche Kinderstube durchmustern oder sich die Namen
-der bisher Getauften ins Gedächtnis zurückrufen. Die Katzlersche
-Kronprinzeß heißt natürlich auch Ermyntrud. Und dann kommen ebenso
-selbstverständlich Dagmar und Thyra. Und danach begegnen wir einer
-Inez und einer Maud und zuletzt einer Arabella. Aber bei Arabella
-können Sie schon deutlich eine gewisse Verlegenheit wahrnehmen. Ich
-würde ihr, wenn sie sich wegen des Jüngstgeborenen an mich wendete,
-was Altjüdisches vorschlagen; das ist schließlich immer das Beste. Was
-meinen Sie zu Rebekka?«
-
-Lorenzen kam nicht mehr dazu, Dubslav diese Frage zu beantworten, denn
-eben jetzt waren sie durch das Stück Bruchland hindurch und rasselten
-bereits über einen ein weiteres Gespräch unmöglich machenden Steindamm
-weg, scharf auf Rheinsberg zu.
-
- * * * * *
-
-Dubslav war in ausgezeichneter Laune. Das prachtvolle Herbstwetter,
-dazu das bunte Leben, alles hatte seine Stimmung gehoben, am meisten
-aber, daß er unterwegs und beim Passieren der Hauptstraße bereits
-Gelegenheit gehabt hatte, verschiedene gute Freunde zu begrüßen. Von
-der Kirche her schlug es zehn, als er vor dem als Wahllokal etablierten
-Gasthause »Zum Prinzregenten« hielt, in dessen Front denn auch bereits
-etliche mehr oder weniger verwegen aussehende Wahlmänner standen, alle
-bemüht, ihre Zettel an mutmaßliche Parteigenossen aufzuteilen.
-
-Drinnen im Saal war der Wahlakt schon im Gange. Hinter der Urne
-präsidierte der alte Herr von Zühlen, ein guter Siebziger, der die
-groteskesten Feudalansichten mit ebenso grotesker Bonhomie zu verbinden
-wußte, was ihm, auch bei seinen politischen Gegnern, eine große
-Beliebtheit sicherte. Neben ihm, links und rechts, saßen Herr von
-Storbeck und Herr van dem Peerenboom, letzterer ein Holländer aus der
-Gegend von Delft, der vor wenig Jahren erst ein großes Gut im Ruppiner
-Kreise gekauft und sich seitdem zum Preußen und, was noch mehr sagen
-wollte, zum ›Grafschaftler‹ herangebildet hatte. Man sah ihn aus allen
-möglichen Gründen -- auch schon um seines ›van‹ willen -- nicht ganz
-für voll an, ließ aber nichts davon merken, weil er der bei den meisten
-Grafschaftlern stark ins Gewicht fallenden Haupteigenschaft eines vor
-so und soviel Jahren in Batavia geborenen holländisch-javanischen
-Kaffeehändlers nicht entbehrte. Seines Nachbarn von Storbeck
-Lebensgeschichte war durchschnittsmäßiger. Unter denen, die sonst noch
-am Komiteetisch saßen, befand sich auch Katzler, den Ermyntrud (wie
-Dubslav ganz richtig vermutet) mit der Bemerkung, »daß im modernen
-bürgerlichen Staate Wählen so gut wie Kämpfen sei,« von ihrem
-Wochenbette fortgeschickt hatte. »Das Kind wird inzwischen mein Engel
-sein, und das Gefühl erfüllter Pflicht soll mich bei Kraft erhalten.«
-Auch Gundermann, der immer mit dabei sein mußte, saß am Komiteetisch.
-Sein Benehmen hatte was Aufgeregtes, weil er -- wie Lorenzen bereits
-angedeutet -- wirklich im geheimen gegen Dubslav intrigiert hatte. Daß
-er selber unterliegen würde, war klar und beschäftigte ihn kaum noch,
-aber ihn erfüllte die Sorge, daß sein voraufgegangenes doppeltes Spiel
-vielleicht an den Tag kommen könne.
-
-Dubslav wollte die Sache gern hinter sich haben. Er trat deshalb,
-nachdem er sich draußen mit einigen Bekannten begrüßt und an jeden
-einzelnen ein paar Worte gerichtet hatte, vom Vorplatz her in das
-Wahllokal ein, um da so rasch wie möglich seinen Zettel in die Urne
-zu tun. Es traf ihn bei dieser Prozedur der Blick des alten Zühlen,
-der ihm in einer Mischung von Feierlichkeit und Ulk sagen zu wollen
-schien: »Ja, Stechlin, das hilft nu mal nicht; man muß die Komödie mit
-durchmachen.« Dubslav kam übrigens kaum dazu, von diesem Blicke Notiz
-zu nehmen, weil er Katzlers gewahr wurde, dem er sofort entgegentrat,
-um ihm durch einen Händedruck zu dem siebenten Töchterchen zu
-gratulieren. An Gundermann ging der Alte ohne Notiznahme vorüber. Dies
-war aber nur Zufall; er wußte nichts von den Zweideutigkeiten des
-Siebenmühlners, und nur dieser selbst, weil er ein schlechtes Gewissen
-hatte, wurde verlegen und empfand des Alten Haltung wie eine Absage.
-
-Als Dubslav wieder draußen war, war natürlich die große Frage:
-»Ja, was jetzt tun?« Es ging erst auf elf, und vor sechs war die
-Geschichte nicht vorbei, wenn sich's nicht noch länger hinzog. Er
-sprach dies auch einer Anzahl von Herren aus, die sich auf einer vor
-dem Gasthause stehenden Bank niedergelassen und hier dem Likörkasten
-des »Prinzregenten«, der sonst immer erst nach dem Diner auftauchte,
-vorgreifend zugesprochen hatten.
-
-Es waren ihrer fünf, lauter Kreis- und Parteigenossen, aber nicht
-eigentlich Freunde, denn der alte Dubslav war nicht sehr für
-Freundschaften. Er sah zu sehr, was jedem einzelnen fehlte. Die da
-saßen und aus purer Langeweile sich über die Vorzüge von Allasch
-und Chartreuse stritten, waren die Herren von Molchow, von Krangen
-und von Gnewkow, dazu Baron Beetz und ein Freiherr von der Nonne,
-den die Natur mit besonderer Rücksicht auf seinen Namen geformt zu
-haben schien. Er trug eine hohe schwarze Krawatte, darauf ein kleiner
-vermickerter Kopf saß, und wenn er sprach, war es, wie wenn Mäuse
-pfeifen. Er war die komische Figur des Kreises und wurde gehänselt,
-nahm es aber nicht übel, weil seine Mutter eine schlesische Gräfin auf
-»inski« war, was ihm in seinen Augen ein solches Übergewicht sicherte,
-daß er, wie Friedrich der Große, jeden Augenblick bereit war, »die sich
-etwa einstellenden Pasquille niedriger hängen zu lassen«.
-
-»Ich denke, meine Herren,« sagte Dubslav, »wir gehen in den Park. Da
-hat man doch immer was. An der einen Stelle ruht das Herz des Prinzen,
-und an der andern Stelle ruht er selbst und hat sogar eine Pyramide
-zu Häupten, wie wenn er Sesostris gewesen wäre. Ich würde gern einen
-andern nennen, aber ich kenne bloß den.«
-
-»Natürlich gehen wir in den Park,« sagte von Gnewkow. »Und es ist
-schließlich immer noch ein Glück, daß man so was hat ...«
-
-»Und auch ein Glück,« ergänzte von Molchow, »daß man solchen Wahltag
-wie heute hat, der einen ordentlich zwingt, sich mal um Historisches
-und Bildungsmäßiges zu kümmern. Bismarcken is es auch mal so gegangen,
-noch dazu mit ner reichen Amerikanerin, und hat auch gleich (das heißt
-eigentlich lange nachher) das rechte Wort dafür gefunden.«
-
-»Der hat immer das rechte Wort gefunden.«
-
-»Immer. Aber weiter, Molchow.«
-
-»... Und als nun also die reiche Amerikanerin so runde vierzig Jahr
-später ihn wiedersah und sich bei ihm bedanken wollte von wegen des
-Bildermuseums, in das er sie halb aus Verlegenheit und halb aus
-Ritterlichkeit begleitet und ihr mutmaßlich alle Bilder falsch erklärt
-hatte, da hat er all diesen Dank abgewiesen und ihr -- ich seh und
-hör ihn ordentlich -- in aller Fidelität gesagt, sie habe nicht ihm,
-sondern er habe ihr zu danken, denn wenn jener Tag nicht gewesen wäre,
-so hätt er das ganze Bildermuseum höchstwahrscheinlich nie zu sehen
-gekriegt. Ja, Glück hat er immer gehabt. Im großen und im kleinen.
-Es fehlt bloß noch, daß er hinterher auch noch Generaldirektor der
-königlichen Museen geworden wäre, was er schließlich doch auch noch
-gekonnt hätte. Denn eigentlich konnt er alles und ist auch beinah alles
-gewesen.«
-
-»Ja,« nahm Gnewkow, der aus Langeweile viel gereist war, seinen
-Urgedanken, daß solcher Park eigentlich ein Glück sei, wieder auf.
-»Ich finde, was Molchow da gesagt hat, ganz richtig; es kommt drauf
-an, daß man reingezwungen wird, sonst weiß man überhaupt gar nichts.
-Wenn ich so bloß an Italien zurückdenke. Sehen Sie, da läuft man nu
-so rum, was einen doch am Ende strapziert, und dabei dieser ewige
-pralle Sonnenschein. Ein paar Stunden geht es; aber wenn man nu schon
-zweimal Kaffee getrunken und Granito gegessen hat, und es ist noch
-nicht mal Mittag, ja, ich bitte Sie, was hat man da? Was fängt man da
-an? Gradezu schrecklich. Und da kann ich Ihnen bloß sagen, da bin ich
-ein kirchlicher Mensch geworden. Und wenn man dann so von der Seite her
-still eintritt und hat mit einem Male die Kühle um sich rum, ja, da
-will man gar nicht wieder raus und sieht sich so seine funfzig Bilder
-an, man weiß nicht wie. Is doch immer noch besser als draußen. Und die
-Zeit vergeht, und die Stunde, wo man was Reguläres kriegt, läppert sich
-so heran.«
-
-»Ich glaube doch,« sagte der für kirchliche Kunst schwärmende Baron
-Beetz, »unser Freund Gnewkow unterschätzt die Wirkung, die, vielleicht
-gegen seinen Willen, die Quattrozentisten auf ihn gemacht haben. Er
-hat ihre Macht an sich selbst empfunden, aber er will es nicht wahr
-haben, daß die Frische von ihnen ausgegangen sei. Jeder, der was davon
-versteht ...«
-
-»Ja, Baron, das is es eben. Wer was davon versteht! Aber wer versteht
-was davon? Ich jedenfalls nicht.«
-
-Unter diesen Worten war man, vom »Prinzregenten« aus, die Hauptstraße
-hinuntergeschritten und über eine kleine Brücke fort erst in den
-Schloßhof und dann in den Park eingetreten. Der See plätscherte leis.
-Kähne lagen da, mehrere an einem Steg, der von dem Kiesufer her in
-den See hineinlief. Ein paar der Herren, unter ihnen auch Dubslav,
-schritten die ziemlich wacklige Bretterlage hinunter und blickten, als
-sie bis ans Ende gekommen waren, wieder auf die beiden Schloßflügel
-und ihre kurz abgestumpften Türme zurück. Der Turm rechts war der, wo
-Kronprinz Fritz sein Arbeitszimmer gehabt hatte.
-
-»Dort hat er gewohnt,« sagte von der Nonne. »Wie begrenzt ist doch
-unser Können. Mir weckt der Anblick solcher Fridericianischen Stätten
-immer ein Schmerzgefühl über das Unzulängliche des Menschlichen
-überhaupt, freilich auch wieder ein Hochgefühl, daß wir dieser
-Unzulänglichkeit und Schwäche Herr werden können. Tod, wo ist dein
-Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg? Dieser König. Er war ein großer
-Geist, gewiß; aber doch auch ein verirrter Geist. Und je patriotischer
-wir fühlen, je schmerzlicher berührt uns die Frage nach dem Heil seiner
-Seele. Die Seelenmessen -- das empfind ich in solchem Augenblicke --
-sind doch eine wirklich trostspendende Seite des Katholizismus, und
-daß es (selbstverständlich unter Gewähr eines höchsten Willens) in die
-Macht Überlebender gelegt ist, eine Seele freizubeten, das ist und
-bleibt eine große Sache.«
-
-»Nonne,« sagte Molchow, »machen Sie sich nicht komisch. Was haben Sie
-für ne Vorstellung vom lieben Gott? Wenn Sie kommen und den alten
-Fritzen freibeten wollen, werden Sie rausgeschmissen.«
-
-Baron Beetz -- auch ein Anzweifler des Philosophen von Sanssouci --
-wollte seinem Freunde Nonne zu Hilfe kommen und erwog einen Augenblick
-ernstlich, ob er nicht seinen in der ganzen Grafschaft längst bekannten
-Vortrag über die »schiefe Ebene« oder »~c'est le premier pas qui
-coute~« noch einmal zum besten geben solle. Klugerweise jedoch ließ
-er es wieder fallen und war einverstanden, als Dubslav sagte: »Meine
-Herren, ich meinerseits schlage vor, daß wir unsern Auslug von dem
-Wackelstege, drauf wir hier stehen (jeden Augenblick kann einer von uns
-ins Wasser fallen), endlich aufgeben und uns lieber in einem der hier
-herumliegenden Kähne über den See setzen lassen. Unterwegs, wenn noch
-welche da sind, können wir Teichrosen pflücken und drüben am andern
-Ufer den großen Prinz-Heinrich-Obelisken mit seinen französischen
-Inschriften durchstudieren. Solche Rekapitulation stärkt einen immer
-historisch und patriotisch, und unser Etappenfranzösisch kommt auch
-wieder zu Kräften.«
-
-Alle waren einverstanden, selbst Nonne.
-
- * * * * *
-
-Gegen vier war man von dem Ausfluge zurück und hielt wieder vor
-dem »Prinzregenten«, auf einem mit alten Bäumen besetzten Platz,
-der wegen seiner Dreiecksform schon von alter Zeit her den Namen
-Triangelplatz führte. Die Wahlresultate lagen noch keineswegs sicher
-vor; es ließ sich aber schon ziemlich deutlich erkennen, daß viele
-Fortschrittlerstimmen auf den sozialdemokratischen Kandidaten,
-Feilenhauer Torgelow, übergehen würden, der, trotzdem er nicht
-persönlich zugegen war, die kleinen Leute hinter sich hatte. Hunderte
-seiner Parteigenossen standen in Gruppen auf dem Triangelplatz umher
-und unterhielten sich lachend über die Wahlreden, die während der
-letzten Tage teils in Rheinsberg und Wutz, teils auf dem platten
-Lande von Rednern der gegnerischen Parteien gehalten worden waren.
-Einer der mit unter den Bäumen Stehenden, ein Intimus Torgelows, war
-der Drechslergeselle Söderkopp, der sich schon lediglich in seiner
-Eigenschaft als Drechslergeselle eines großen Ansehens erfreute. Jeder
-dachte: der kann auch noch mal Bebel werden. »Warum nicht? Bebel is
-alt, und dann haben wir den.« Aber Söderkopp verstand es auch wirklich,
-die Leute zu packen. Am schärfsten ging er gegen Gundermann vor. »Ja,
-dieser Gundermann, den kenn ich. Brettschneider und Börsenfilou; jeder
-Groschen is zusammengejobbert. Sieben Mühlen hat er, aber bloß zwei
-Redensarten, und der Fortschritt ist abwechselnd die ›Vorfrucht‹ und
-dann wieder der ›Vater‹ der Sozialdemokratie. Vielleicht stammen wir
-auch noch von Gundermann ab. So einer bringt alles fertig.«
-
-Uncke, während Söderkopp so sprach, war von Baum zu Baum immer näher
-gerückt und machte seine Notizen. In weiterer Entfernung stand
-Pyterke, schmunzelnd und sichtlich verwundert, was Uncke wieder alles
-aufzuschreiben habe.
-
-Pyterkes Verwunderung über das »Aufschreiben« war nur zu berechtigt,
-aber sie wär es um ein gut Teil weniger gewesen, wenn sich Unckes
-aufhorchender Diensteifer statt dem Sozialdemokraten Söderkopp lieber
-dem Gespräch einer nebenstehenden Gruppe zugewandt hätte. Hier
-plauderten nämlich mehrere »Staatserhaltende« von dem mutmaßlichen
-Ausgange der Wahl und daß es mit dem Siege des alten Stechlin von
-Minute zu Minute schlechter stünde. Besonders die Rheinsberger schienen
-den Ausschlag zu seinen Ungunsten geben zu sollen.
-
-»Hole der Teufel das ganze Rheinsberg!« verschwor sich ein alter Herr
-von Kraatz, dessen roter Kopf, während er so sprach, immer röter wurde.
-»Dies elende Nest! Wir bringen ihn wahr und wahrhaftig nicht durch,
-unsern guten alten Stechlin. Und was das sagen will, das wissen wir.
-Wer gegen +uns+ stimmt, stimmt auch gegen den König. Das ist all eins.
-Das ist das, was man jetzt solidarisch nennt.«
-
-»Ja, Kraatz,« nahm Molchow, an den sich diese Rede vorzugsweise
-gerichtet hatte, das Wort, »nennen Sie's, wie Sie wollen, solidarisch
-oder nicht; das eine sagt nichts, und das andre sagt auch nichts. Aber
-mit Ihrem Wort über Rheinsberg, da haben Sie's freilich getroffen.
-Aufmuckung war hier immer zu Hause, von Anfang an. Erst frondierte
-Fritz gegen seinen Vater, dann frondierte Heinrich gegen seinen Bruder,
-und zuletzt frondierte August, unser alter forscher Prinz August, den
-manche von uns ja noch gut gekannt haben, ich sage: frondierte unser
-alter August gegen die Moral. Und das war natürlich das Schlimmste.
-(Zustimmung und Heiterkeit.) Und bestraft sich zuletzt auch immer. Denn
-wissen Sie denn, meine Herren, wie's mit Augusten schließlich ging, als
-er durchaus in den Himmel wollte?«
-
-»Nein. Wie war es denn, Molchow?«
-
-»Ja, er mußte da wohl ne halbe Stunde warten, und als er nu mit nem
-Anschnauzer gegen Petrus rausfahren wollte, da sagte ihm der Fels
-der Kirche: ›Königliche Hoheit, halten zu Gnaden, aber es ging nicht
-anders.‹ Und warum nicht? Er hatte die elftausend Jungfrauen erst in
-Sicherheit bringen müssen.«
-
-»Stimmt, stimmt,« sagte Kraatz. »So war der Alte. Der reine
-Deubelskerl. Aber schneidig. Und ein richtiger Prinz. Und dann, meine
-Herren, -- ja, du mein Gott, wenn man nu mal Prinz is, irgend was muß
-man doch von der Sache haben ... Und soviel weiß ich, wenn ich Prinz
-wäre ...«
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel
-
-
-Um sechs stand das Wahlresultat so gut wie fest; einige Meldungen
-fehlten noch, aber das war aus Ortschaften, die mit ihren paar Stimmen
-nichts mehr ändern konnten. Es lag zutage, daß die Sozialdemokraten
-einen beinahe glänzenden Sieg davongetragen hatten; der alte Stechlin
-stand weit zurück, Fortschrittler Katzenstein aus Gransee noch weiter.
-Im ganzen aber ließen beide besiegte Parteien dies ruhig über sich
-ergehen; bei den Freisinnigen war wenig, bei den Konservativen gar
-nichts von Verstimmung zu merken. Dubslav nahm es ganz von der heiteren
-Seite, seine Parteigenossen noch mehr, von denen eigentlich ein jeder
-dachte: »Siegen ist gut, aber zu Tische gehen ist noch besser.« Und in
-der Tat, gegessen mußte werden. Alles sehnte sich danach, bei Forellen
-und einem guten Chablis die langweilige Prozedur zu vergessen. Und war
-man erst mit den Forellen fertig und dämmerte der Rehrücken am Horizont
-herauf, so war auch der Sekt in Sicht. Im »Prinzregenten« hielt man auf
-eine gute Marke.
-
-Durch den oberen Saal hin zog sich die Tafel: der Mehrzahl nach
-Rittergutsbesitzer und Domänenpächter, aber auch Gerichtsräte, die so
-glücklich waren, den »Hauptmann in der Reserve« mit auf ihre Karte
-setzen zu können. Zu diesem ~gros d'armée~ gesellten sich Forst- und
-Steuerbeamte, Rentmeister, Prediger und Gymnasiallehrer. An der Spitze
-dieser stand Rektor Thormeyer aus Rheinsberg, der große, vorstehende
-Augen, ein mächtiges Doppelkinn, noch mächtiger als Koseleger, und
-außerdem ein Renommee wegen seiner Geschichten hatte. Daß er nebenher
-auch ein in der Wolle gefärbter Konservativer war, versteht sich von
-selbst. Er hatte, was aber schon Jahrzehnte zurücklag, den großartigen
-Gedanken gefaßt und verwirklicht: die ostelbischen Provinzen, da, wo
-sie strauchelten, durch Gustav Kühnsche Bilderbogen auf den richtigen
-Pfad zurückzuführen, und war dafür dekoriert worden. Es hieß denn auch
-von ihm, »er gelte was nach oben hin,« was aber nicht recht zutraf. Man
-kannte ihn »oben« ganz gut.
-
-Um halb sieben (Lichter und Kronleuchter brannten bereits) war
-man unter den Klängen des Tannhäusermarsches die hie und da schon
-ausgelaufene Treppe hinaufgestiegen. Unmittelbar vorher hatte noch ein
-Schwanken wegen des Präsidiums bei Tafel stattgefunden. Einige waren
-für Dubslav gewesen, weil man sich von ihm etwas Anregendes versprach,
-auch speziell mit Rücksicht auf die Situation. Aber die Majorität
-hatte doch schließlich Dubslavs Vorsitz als ganz undenkbar abgelehnt,
-da der Edle Herr von Alten-Friesack, trotz seiner hohen Jahre, mit zur
-Wahl gekommen war; der Edle Herr von Alten-Friesack, so hieß es, sei
-doch nun mal -- und von einem gewissen Standpunkt aus auch mit Fug und
-Recht -- der Stolz der Grafschaft, überhaupt ein Unikum, und ob er nun
-sprechen könne oder nicht, das sei, wo sich's um eine Prinzipienfrage
-handle, durchaus gleichgültig. Überhaupt, die ganze Geschichte mit
-dem »Sprechenkönnen« sei ein moderner Unsinn. Die einfache Tatsache,
-daß der Alte von Alten-Friesack dasäße, sei viel, viel wichtiger
-als eine Rede, und sein großes Präbendenkreuz ziere nicht bloß ihn,
-sondern den ganzen Tisch. Einige sprächen freilich immer von seinem
-Götzengesicht und seiner Häßlichkeit, aber auch das schade nichts.
-Heutzutage, wo die meisten Menschen einen Friseurkopf hätten, sei es
-eine ordentliche Erquickung, einem Gesicht zu begegnen, das in seiner
-Eigenart eigentlich gar nicht unterzubringen sei. Dieser von dem alten
-Zühlen, trotz seiner Vorliebe für Dubslav, eindringlich gehaltenen
-Rede war allgemein zugestimmt worden, und Baron Beetz hatte den
-götzenhaften Alten-Friesacker an seinen Ehrenplatz geführt. Natürlich
-gab es auch Schandmäuler. An ihrer Spitze stand Molchow, der dem neben
-ihm sitzenden Katzler zuflüsterte: »Wahres Glück, Katzler, daß der
-Alte drüben die große Blumenvase vor sich hat; sonst, so bei ~veau en
-tortue~, -- vorausgesetzt, daß so was Feines überhaupt in Sicht steht
--- würd ich der Sache nicht gewachsen sein.«
-
-Und nun schwieg der von einem Thormeyerschen Unterlehrer gespielte
-Tannhäusermarsch, und als eine bestimmte Zeit danach der Moment für
-den ersten Toast da war, erhob sich Baron Beetz und sagte: »Meine
-Herren. Unser Edler Herr von Alten-Friesack ist von der Pflicht und
-dem Wunsch erfüllt, den Toast auf Seine Majestät den Kaiser und
-König auszubringen.« Und während der Alte, das Gesagte bestätigend,
-mit seinem Glase grüßte, setzte der in seiner ~alter ego~-Rolle
-verbleibende Baron Beetz hinzu: »Seine Majestät der Kaiser und König
-lebe hoch!« Der Alten-Friesacker gab auch hierzu durch Nicken seine
-Zustimmung, und während der junge Lehrer abermals auf den auf einer
-Rheinsberger Schloßauktion erstandenen alten Flügel zueilte, stimmte
-man an der ganzen Tafel hin das »Heil dir im Siegerkranz« an, dessen
-erster Vers stehend gesungen wurde.
-
-Das Offizielle war hierdurch erledigt, und eine gewisse Fidelitas,
-an der es übrigens von Anfang an nicht gefehlt hatte, konnte jetzt
-nachhaltiger in ihr Recht treten. Allerdings war noch immer ein
-wichtiger und zugleich schwieriger Toast in Sicht, +der+, der sich mit
-Dubslav und dem unglücklichen Wahlausgange zu beschäftigen hatte. Wer
-sollte den ausbringen? Man hing dieser Frage mit einiger Sorge nach
-und war eigentlich froh, als es mit einemmale hieß, Gundermann werde
-sprechen. Zwar wußte jeder, daß der Siebenmühlener nicht ernsthaft zu
-nehmen sei, ja, daß Sonderbarkeiten und vielleicht sogar Scheiterungen
-in Sicht stünden, aber man tröstete sich, je mehr er scheitere, desto
-besser. Die meisten waren bereits in erheblicher Aufregung, also sehr
-unkritisch. Eine kleine Weile verging noch. Dann bat Baron Beetz, dem
-die Rolle des Festordners zugefallen war, für Herrn von Gundermann auf
-Siebenmühlen ums Wort. Einige sprachen ungeniert weiter; »Ruhe, Ruhe!«
-riefen andre dazwischen, und als Baron Beetz noch einmal an das Glas
-geklopft und nun, auch seinerseits um Ruhe bittend, eine leidliche
-Stille hergestellt hatte, trat Gundermann hinter seinen Stuhl und
-begann, während er mit affektierter Nonchalance seine Linke in die
-Hosentasche steckte:
-
-»Meine Herren. Als ich vor so und soviel Jahren in Berlin studierte«
-(»na nu«), »als ich vor Jahren in Berlin studierte, war da mal ne
-Hinrichtung ...«
-
-»Alle Wetter, +der+ setzt gut ein.«
-
-»... war da mal ne Hinrichtung, weil eine dicke Klempnermadam, nachdem
-sie sich in ihren Lehrburschen verliebt, ihren Mann, einen würdigen
-Klempnermeister, vergiftet hatte. Und der Bengel war erst siebzehn.
-Ja, meine Herren, soviel muß ich sagen, es kamen damals auch schon
-dolle Geschichten vor. Und ich, weil ich den Gefängnisdirektor kannte,
-ich hatte Zutritt zu der Hinrichtung, und um mich rum standen lauter
-Assessoren und Referendare, ganz junge Herren, die meisten mit nem
-Kneifer. Kneifer gab es damals auch schon. Und nun kam die Witwe, wenn
-man sie so nennen darf, und sah soweit ganz behäbig und beinahe füllig
-aus, weil sie, was damals viel besprochen wurde, nen Kropf hatte,
-weshalb auch der Block ganz besonders hatte hergerichtet werden müssen.
-Sozusagen mit nem Ausschnitt.«
-
-»Mit nem Ausschnitt ...; gut, Gundermann.«
-
-»Und als sie nun, ich meine die Delinquentin, all die jungen
-Referendare sah, wobei ihr wohl ihr Lehrling einfallen mochte ...«
-
-»Keine Verspottung unsrer Referendare ...«
-
-»... Wobei ihr vielleicht ihr Lehrling einfallen mochte, da trat sie
-ganz nahe an den Schafottrand heran und nickte uns zu (ich sage ›uns,‹
-weil sie mich auch ansah) und sagte: ›Ja, ja, meine jungen Herrens,
-+dat kommt davon+ ...‹ Und sehen Sie, meine Herren, +dieses+ Wort, wenn
-auch von einer Delinquentin herrührend, bin ich seitdem nicht wieder
-losgeworden, und wenn ich so was erlebe wie heute, dann +muß+ einem
-solch Wort auch immer wieder in Erinnerung kommen, und ich sage dann
-auch, ganz wie die Alte damals sagte: ›Ja, meine Herren, dat kommt
-davon.‹ Und wovon kommt es? Von den Sozialdemokraten. Und wovon kommen
-die Sozialdemokraten?«
-
-»Vom Fortschritt. Alte Geschichte, kennen wir. Was Neues!«
-
-»Es gibt da nichts Neues. Ich kann nur bestätigen, vom Fortschritt
-kommt es. Und wovon kommt +der+? Davon, daß wir die Abstimmungsmaschine
-haben und das große Haus mit den vier Ecktürmen. Und wenn es
-meinetwegen ohne das große Haus nicht geht, weil das Geld für den Staat
-am Ende bewilligt werden muß -- und ohne Geld, meine Herren, geht es
-nicht« (Zustimmung: »ohne Geld hört die Gemütlichkeit auf«) --, »nun
-denn, wenn es also sein muß, was ich zugebe, was sollen wir, auch unter
-derlei gern gemachten Zugeständnissen, anfangen mit einem Wahlrecht, wo
-Herr von Stechlin gewählt werden soll, und wo sein Kutscher Martin, der
-ihn zur Wahl gefahren, tatsächlich gewählt wird oder wenigstens gewählt
-werden kann. Und der Kutscher Martin unsers Herrn von Stechlin ist mir
-immer noch lieber als dieser Torgelow. Und all das nennt sich Freiheit.
-Ich nenn es Unsinn, und viele tun desgleichen. Ich denke mir aber,
-gerade +diese+ Wahl, in einem Kreise, drin das alte Preußen noch lebt,
-gerade diese Wahl wird dazu beitragen, die Augen oben helle zu machen.
-Ich sage nicht, welche Augen.«
-
-»Schluß, Schluß!«
-
-»Ich komme zum Schluß. Es hieß anno siebzig, daß sich die Franzosen
-als die ›glorreich Besiegten‹ bezeichnet hätten. Ein stolzes und
-nachahmenswertes Wort. Auch für uns, meine Herren. Und wie wir, ohne
-uns was zu vergeben, diesen Sekt aus Frankreich nehmen, so dürfen wir,
-glaub ich, auch das eben zitierte stolze Klagewort aus Frankreich
-herübernehmen. Wir sind besiegt, aber wir sind glorreich Besiegte. Wir
-haben eine Revanche. +Die+ nehmen wir. Und bis dahin in alle Wege: Herr
-von Stechlin auf Schloß Stechlin, er lebe hoch!«
-
-Alles erhob sich und stieß mit Dubslav an. Einige freilich lachten,
-und von Molchow, als er einen neuen Weinkübel heranbestellte, sagte zu
-dem neben ihm sitzenden Katzler: »Weiß der Himmel, dieser Gundermann
-ist und bleibt ein Esel. Was sollen wir mit solchen Leuten? Erst
-beschreibt er uns die Frau mit nem Kropf, und dann will er das große
-Haus abschaffen. Ungeheure Dämelei. Wenn wir das große Haus nicht mehr
-haben, haben wir gar nichts; das ist noch unsre Rettung und die beinah
-einzige Stelle, wo wir den Mund (ich sage Mund) einigermaßen auftun
-und was durchsetzen können. Wir müssen mit dem Zentrum paktieren. Dann
-sind wir egal raus. Und nun kommt dieser Gundermann und will uns auch
-das noch nehmen. Es ist doch ne Wahrheit, daß sich die Parteien und die
-Stände jedesmal selbst ruinieren. Das heißt, von ›Ständen‹ kann hier
-eigentlich nicht die Rede sein; denn dieser Gundermann gehört nicht mit
-dazu. Seine Mutter war ne Hebamme in Wrietzen. Drum drängt er sich auch
-immer vor.«
-
-Bald nach Gundermanns Rede, die schon eine Art Nachspiel gewesen war,
-flüsterte Baron Beetz dem Alten-Friesacker zu, daß es Zeit sei, die
-Tafel aufzuheben. Der Alte wollte jedoch noch nicht recht, denn wenn
-er mal saß, saß er; aber als gleich danach mehrere Stühle gerückt
-wurden, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anzuschließen, und
-unter den Klängen des »Hohenfriedbergers« -- der »Prager«, darin es
-heißt: »Schwerin fällt,« wäre mit Rücksicht auf die Gesamtsituation
-vielleicht paßlicher gewesen -- kehrte man in die Parterreräume
-zurück, wo die Majorität dem Kaffee zusprechen wollte, während eine
-kleine Gruppe von Allertapfersten in die Straße hinaustrat, um da,
-unter den Bäumen des »Triangelplatzes,« sich bei Sekt und Kognak des
-weiteren ~bene~ zu tun. Obenan saß von Molchow, neben ihm von Kraatz
-und van Peerenboom; Molchow gegenüber Direktor Thormeyer und der bis
-dahin mit der Festmusik betraute Lehrer, der bei solchen Gelegenheiten
-überhaupt Thormeyers Adlatus war. Sonderbarerweise hatte sich auch
-Katzler hier niedergelassen (er sehnte sich wohl nach Eindrücken,
-die jenseits aller »Pflicht« lagen), und neben ihm, was beinahe noch
-mehr überraschen konnte, saß von der Nonne. Molchow und Thormeyer
-führten das Wort. Von Wahl und Politik -- nur über Gundermann fiel
-gelegentlich eine spöttische Bemerkung -- war längst keine Rede mehr,
-statt dessen befleißigte man sich, die neuesten Klatschgeschichten aus
-der Grafschaft heranzuziehen. »Ist es denn wahr,« sagte Kraatz, »daß
-die schöne Lilli nun doch ihren Vetter heiraten wird, oder richtiger,
-der Vetter die schöne Lilli?«
-
-»Vetter?« fragte Peerenboom.
-
-»Ach, Peerenboom, Sie wissen auch gar nichts; Sie sitzen immer noch
-zwischen Ihren Delfter Kacheln und waren doch schon ne ganze Weile
-hier, als die Lilli-Geschichte spielte.«
-
-Peerenboom ließ sich's gesagt sein und begrub jede weitere Frage, was
-er, ohne sich zu schädigen, auch ganz gut konnte, da kein Zweifel war,
-daß der, der das Lilli-Thema heraufbeschworen, über kurz oder lang
-ohnehin alles klarlegen würde. Das geschah denn auch.
-
-»Ja, diese verdammten Kerle,« fuhr von Kraatz fort, »diese Lehrer!
-Entschuldigen Sie, Luckhardt, aber Sie sind ja beim Gymnasium, da liegt
-alles anders, und +der+, der hier ne Rolle spielt, war ja natürlich
-bloß ein Hauslehrer, Hauslehrer bei Lillis jüngstem Bruder. Und eines
-Tages waren beide weg, der Kandidat und Lilli. Selbstverständlich nach
-England. Es kann einer noch so dumm sein, aber von Gretna Green hat er
-doch mal gehört oder gelesen. Und da wollten sie denn auch beide hin.
-Und sind auch. Aber ich glaube, der Gretna Greensche darf nicht mehr
-trauen. Und so nahmen sie denn Lodgings in London, ganz ohne Trauung.
-Und es ging auch so, bis ihnen das kleine Geld ausging.«
-
-»Ja, das kennt man.«
-
-»Und da kamen sie denn also wieder. Das heißt, Lilli kam wieder. Und
-sie war auch schon vorher mit dem Vetter so gut wie verlobt gewesen.«
-
-»Und der sprang nu ab?«
-
-»Nicht so ganz. Oder eigentlich gar nicht. Denn Lilli ist sehr hübsch
-und nebenher auch noch sehr reich. Und da soll denn der Vetter gesagt
-haben, er liebe sie so sehr, und wo man liebe, da verzeihe man auch.
-Und er halte auch eine Entsühnung für durchaus möglich. Ja, er soll
-dabei von Purgatorium gesprochen haben.«
-
-»Mißfällt mir, klingt schlecht,« sagte Molchow. »Aber was er vorher
-gesagt, ›Entsühnung,‹ das ist ein schönes Wort und eine schöne Sache.
-Nur das ›Wie,‹ -- ach, man weiß immer so wenig von diesen Dingen, --
-will mir nicht recht einleuchten. Als Christ weiß ich natürlich (so
-schlimm steht es am Ende auch nicht mit einem), als Christ weiß ich,
-daß es eine Sühne gibt. Aber in solchem Falle? Thormeyer, was meinen
-Sie, was sagen Sie dazu? Sie sind ein Mann von Fach und haben alle
-Kirchenväter gelesen und noch ein paar mehr.«
-
-Thormeyer verklärte sich. Das war so recht ein Thema nach seinem
-Geschmack; seine Augen wurden größer und sein glattes Gesicht noch
-glatter.
-
-»Ja,« sagte er, während er sich über den Tisch zu Molchow vorbeugte,
-»so was gibt es. Und es ist ein Glück, daß es so was gibt. Denn die
-arme Menschheit braucht es. Das Wort Purgatorium will ich vermeiden,
-einmal, weil sich mein protestantisches Gewissen dagegen sträubt, und
-dann auch wegen des Anklangs; aber es gibt eine Purifikation. Und das
-ist doch eigentlich das, worauf es ankommt: Reinheitswiederherstellung.
-Ein etwas schwerfälliges Wort. Indessen die Sache, drum sich's hier
-handelt, gibt es doch gut wieder. Sie begegnen diesem Hange nach
-Restitution überall, und namentlich im Orient -- aus dem doch unsre
-ganze Kultur stammt -- finden Sie diese Lehre, dieses Dogma, diese
-Tatsache.«
-
-»Ja, ist es eine Tatsache?«
-
-»Schwer zu sagen. Aber es wird als Tatsache genommen. Und das ist
-ebensogut. +Blut sühnt.+«
-
-»Blut sühnt,« wiederholte Molchow. »Gewiß. Daher haben wir ja auch
-unsere Duellinstitution. Aber wo wollen Sie hier die Blutsühne
-hernehmen? In diesem Spezialfalle ganz undurchführbar. Der
-Hauslehrer ist drüben in England geblieben, wenn er nicht gar nach
-Amerika gegangen ist. Und wenn er auch wiederkäme, er ist nicht
-satisfaktionsfähig. Wär er Reserveoffizier, so hätt ich das längst
-erfahren ...«
-
-»Ja, Herr von Molchow, das ist die hiesige Anschauung. Etwas primitiv,
-naturwüchsig, das sogenannte Blutracheprinzip. Aber es braucht nicht
-immer das Blut des Übeltäters selbst zu sein. Bei den Orientalen ...«
-
-»Ach, Orientalen ... dolle Gesellschaft ...«
-
-»Nun denn meinetwegen, bei fast allen Völkern des Ostens sühnt Blut
-überhaupt. Ja mehr, nach orientalischer Anschauung -- ich kann das
-Wort nicht vermeiden, Herr von Molchow, ich muß immer wieder darauf
-zurückkommen -- nach orientalischer Anschauung stellt Blut die Unschuld
-als solche wieder her.«
-
-»Na, hören Sie, Rektor.«
-
-»Ja, es ist so, meine Herren. Und ich darf sagen, es zählt das zu dem
-Feinsten und Tiefsinnigsten, was es gibt. Und ich habe da auch neulich
-erst eine Geschichte gelesen, die das alles nicht bloß so obenhin
-bestätigt, sondern beinahe +großartig+ bestätigt. Und noch dazu aus
-Siam.«
-
-»Aus Siam?«
-
-»Ja, aus Siam. Und ich würde Sie damit behelligen, wenn die Sache
-nicht ein bißchen zu lang wäre. Die Herren vom Lande werden so leicht
-ungeduldig, und ich wundere mich oft, daß sie die Predigt bis zu Ende
-mitanhören. Daneben ist freilich meine Geschichte aus Siam ...«
-
-»Erzählen, Direktorchen, erzählen.«
-
-»Nun denn, auf Ihre Gefahr. Freilich auch auf meine ... Da war also,
-und es ist noch gar nicht lange her, ein König von Siam. Die Siamesen
-haben nämlich auch Könige.«
-
-»Nu, natürlich. So tief stehen sie doch nicht.«
-
-»Also da war ein König von Siam, und dieser König hatte eine Tochter.«
-
-»Klingt ja wie aus'm Märchen.«
-
-»Ist auch, meine Herren. Eine Tochter, eine richtige Prinzessin, und
-ein Nachbarfürst (aber von geringerem Stande, so daß man doch auch hier
-wieder an den Kandidaten erinnert wird) -- dieser Nachbarfürst raubte
-die Prinzessin und nahm sie mit in seine Heimat und seinen Harem, trotz
-alles Sträubens.«
-
-»Na, na.«
-
-»So wenigstens wird berichtet. Aber der König von Siam war nicht der
-Mann, so was ruhig einzustecken. Er unternahm vielmehr einen heiligen
-Krieg gegen den Nachbarfürsten, schlug ihn und führte die Prinzessin
-im Triumphe wieder zurück. Und alles Volk war wie von Sieg und Glück
-berauscht. Aber die Prinzessin selbst war schwermütig.«
-
-»Kann ich mir denken. Wollte wieder weg.«
-
-»Nein, ihr Herren. Wollte +nicht+ zurück. Denn es war eine sehr feine
-Dame, die gelitten hatte ...«
-
-»Ja. Aber wie ...«
-
-»Die gelitten hatte und fortan nur dem einen Gedanken der Entsühnung
-lebte, dem Gedanken, wie das Unheilige, das Berührtsein, wieder von ihr
-genommen werden könne.«
-
-»Geht nicht. Berührt is berührt.«
-
-»Mitnichten, Herr von Molchow. Die hohe Priesterschaft wurde
-herangezogen und hielt, wie man hier vielleicht sagen würde, einen
-Synod, in dem man sich mit der Frage der Entsühnung oder, was dasselbe
-sagen will, mit der Frage der Wiederherstellung der Virginität
-beschäftigte. Man kam überein (oder fand es auch vielleicht in alten
-Büchern), daß sie in Blut gebadet werden müsse.«
-
-»Brrr.«
-
-»Und zu diesem Behufe wurde sie bald danach in eine Tempelhalle
-geführt, drin zwei mächtige Wannen standen, eine von rotem Porphyr
-und eine von weißem Marmor, und zwischen diesen Wannen, auf einer Art
-Treppe, stand die Prinzessin selbst. Und nun wurden drei weiße Büffel
-in die Tempelhalle gebracht, und der Hohepriester trennte mit einem
-Schnitt jedem der drei das Haupt vom Rumpf und ließ das Blut in die
-daneben stehende Porphyrwanne fließen. Und jetzt war das Bad bereitet,
-und die Prinzessin, nachdem siamesische Jungfrauen sie entkleidet
-hatten, stieg in das Büffelblut hinab, und der Hohepriester nahm ein
-heiliges Gefäß und schöpfte damit und goß es aus über die Prinzessin.«
-
-»Eine starke Geschichte; bei Tisch hätt ich mehrere Gänge passieren
-lassen. Ich find es doch entschieden zu viel.«
-
-»Ich nicht,« sagte der alte Zühlen, der sich inzwischen eingefunden und
-seit ein paar Minuten mit zugehört hatte. »Was heißt zuviel oder zu
-stark? Stark ist es, soviel geb ich zu; aber nicht +zu+ stark. Daß es
-stark ist, das ist ja eben der Witz von der Sache. Wenn die Prinzessin
-bloß einen Leberfleck gehabt hätte, so fänd ich es ohne weiteres
-zu stark; es muß immer ein richtiges Verhältnis da sein zwischen
-Mittel und Zweck. Ein Leberfleck ist gar nichts. Aber bedenken Sie,
-ne richtige Prinzessin als Sklavin in einem Harem; da muß denn doch
-ganz anders vorgegangen werden. Wir reden jetzt so viel von ›großen
-Mitteln‹. Ja, meine Herren, auch +hier+ war nur mit großen Mitteln was
-auszurichten.«
-
-»~Igni et ferro~,« bestätigte der Rektor.
-
-»Und,« fuhr der alte Zühlen fort, »soviel wird jedem einleuchten,
-um den Teufel auszutreiben (als den ich diesen Nachbarfürsten und
-seine Tat durchaus ansehe), dazu mußte was Besonderes geschehn, etwas
-Beelzebubartiges. Und das war eben das Blut dieser drei Büffel. Ich
-find es +nicht+ zu viel.«
-
-Thormeyer hob sein Glas, um mit dem alten Zühlen anzustoßen. »Es
-ist genau so, wie Herr von Zühlen sagt. Und zuletzt geschah denn
-auch glücklicherweise das, was unsre mehr auf Schönheit gerichteten
-Wünsche -- denn wir leben nun mal in einer Welt der Schönheit --
-zufriedenstellen konnte. Direkt aus der Porphyrwanne stieg die
-Prinzessin in die Marmorwanne, drin alle Wohlgerüche Arabiens ihre
-Heimstätte hatten, und alle Priester traten mit ihren Schöpfkellen
-aufs neue heran, und in Kaskaden ergoß es sich über die Prinzessin,
-und man sah ordentlich, wie die Schwermut von ihr abfiel und wie all
-das wieder aufblühte, was ihr der räuberische Nachbarfürst genommen.
-Und zuletzt schlugen die Dienerinnen ihre Herrin in schneeweiße
-Gewänder und führten sie bis an ein Lager und fächelten sie hier mit
-Pfauenwedeln, bis sie den Kopf still neigte und entschlief. Und ist
-nichts zurückgeblieben, und ist später die Gattin des Königs von
-Annam geworden. Er soll allerdings sehr aufgeklärt gewesen sein, weil
-Frankreich schon seit einiger Zeit in seinem Lande herrschte.«
-
-»Hoffen wir, daß Lillis Vetter auch ein Einsehen hat.«
-
-»Er wird, er wird.«
-
-Darauf stieß man an, und alles brach auf. Die Wagen waren bereits
-vorgefahren und standen in langer Reihe zwischen dem »Prinzregenten«
-und dem Triangelplatz.
-
-Auch der Stechliner Wagen hielt schon, und Martin, um sich die Zeit zu
-vertreiben, knipste mit der Peitsche. Dubslav suchte nach seinem Pastor
-und begann schon ungeduldig zu werden, als Lorenzen endlich an ihn
-herantrat und um Entschuldigung bat, daß er habe warten lassen. Aber
-der Oberförster sei schuld; der habe ihn in ein Gespräch verwickelt,
-das auch noch nicht beendet sei, weshalb er vorhabe, die Rückfahrt mit
-Katzler gemeinschaftlich zu machen.
-
-Dubslav lachte. »Na, dann mit Gott. Aber lassen Sie sich nicht zu
-viel erzählen. Ermyntrud wird wohl die Hauptrolle spielen oder noch
-wahrscheinlicher der neuzufindende Name. Werde wohl recht behalten ...
-Und nun vorwärts, Martin.«
-
-Damit ging es über das holperige Pflaster fort.
-
- * * * * *
-
-In der Stadt war schon alles still; aber draußen auf der Landstraße
-kam man an großen und kleinen Trupps von Häuslern, Teerschwelern und
-Glashüttenleuten vorüber, die sich einen guten Tag gemacht hatten
-und nun singend und johlend nach Hause zogen. Auch Frauensvolk war
-dazwischen und gab allem einen Beigeschmack.
-
-So trabte Dubslav auf den als halber Weg geltenden Nehmitzsee zu. Nicht
-weit davon befand sich ein Kohlenmeiler, Dietrichsofen, und als Martin
-jetzt um die nach Süden vorgeschobene Seespitze herumbiegen wollte,
-sah er, daß wer am Wege lag, den Oberkörper unter Gras und Binsen
-versteckt, aber die Füße quer über das Fahrgeleise.
-
-Martin hielt an. »Gnädiger Herr, da liegt wer. Ich glaub, es ist der
-alte Tuxen.«
-
-»Tuxen, der alte Süffel von Dietrichsofen?«
-
-»Ja, gnädiger Herr. Ich will mal sehen, was es mit ihm is.«
-
-Und dabei gab er die Leinen an Dubslav und stieg ab und rüttelte und
-schüttelte den am Wege Liegenden. »Awer Tuxen, wat moakst du denn hier?
-Wenn keen Moonschien wiehr, wiehrst du nu all kaput.«
-
-»Joa, joa,« sagte der Alte. Aber man sah, daß er ohne rechte Besinnung
-war.
-
-Und nun stieg Dubslav auch ab, um den ganz Unbehilflichen mit Martin
-gemeinschaftlich auf den Rücksitz zu legen. Und bei dieser Prozedur kam
-der Trunkene einigermaßen wieder zu sich und sagte: »Nei, nei, Martin,
-nich doa; pack mi lewer vörn upp'n Bock.«
-
-Und wirklich, sie hoben ihn da hinauf, und da saß er nun auch ganz
-still und sagte nichts. Denn er schämte sich vor dem gnädigen Herrn.
-
-Endlich aber nahm dieser wieder das Wort und sagte: »Nu sage mal,
-Tuxen, kannst du denn von dem Branntwein nich lassen? Legst dich da
-hin; is ja schon Nachtfrost. Noch ne Stunde, dann warst du dod. Waren
-sie denn alle so?«
-
-»Mehrschtendeels.«
-
-»Und da habt ihr denn für den Katzenstein gestimmt?«
-
-»Nei, gnädger Herr, vör Katzenstein nich.«
-
-Und nun schwieg er wieder, während er vorn auf dem Bock unsicher hin
-und her schwankte.
-
-»Na, man raus mit der Sprache. Du weißt ja, ich reiß keinem den Kopp
-ab. Is auch alles egal. Also für Katzenstein nich. Na, für wen denn?«
-
-»För Torgelow'n.«
-
-Dubslav lachte. »Für Torgelow, den euch die Berliner hergeschickt
-haben. Hat er denn schon was für euch getan?«
-
-»Nei, noch nich.«
-
-»Na, warum denn?«
-
-»Joa, se seggen joa, he +will+ wat för uns duhn un is so sihr för de
-armen Lüd. Un denn kriegen wi joa'n Stück Tüffelland. Un se seggen ook,
-he is klöger, as de annern sinn.«
-
-»Wird wohl. Aber er is doch noch lange nich so klug, wie ihr dumm seid.
-Habt ihr denn schon gehungert?«
-
-»Nei, dat grad nich.«
-
-»Na, das kann auch noch kommen.«
-
-»Ach, gnädger Herr, dat wihrd joa woll nich.«
-
-»Na, wer weiß, Tuxen. Aber hier is Dietrichsöfen. Nu steigt ab und
-seht Euch vor, daß Ihr nicht fallt, wenn die Pferde anrucken. Und hier
-habt Ihr was. Aber nich mehr für heut. Für heut habt Ihr genug. Und nu
-macht, daß Ihr zu Bett kommt, und träumt von ›Tüffelland‹.«
-
-
-
-
-In Mission nach England
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Woldemar erfuhr am andern Morgen aus Zeitungstelegrammen, daß der
-sozialdemokratische Kandidat, Feilenhauer Torgelow, im Wahlkreise
-Rheinsberg-Wutz gesiegt habe. Bald darauf traf auch ein Brief von
-Lorenzen ein, der zunächst die Telegramme bestätigte und am Schlusse
-hinzusetzte, daß Dubslav eigentlich herzlich froh über den Ausgang
-sei. Woldemar war es auch. Er ging davon aus, daß sein Vater wohl das
-Zeug habe, bei Dressel oder Borchardt mit viel gutem Menschenverstand
-und noch mehr Eulenspiegelei seine Meinung über allerhand politische
-Dinge zum besten zu geben; aber im Reichstage fach- und sachgemäß
-sprechen, das konnt er nicht und wollt er auch nicht. Woldemar war so
-durchdrungen davon, daß er über die Vorstellung einer Niederlage, dran
-er als Sohn des Alten immerhin wie beteiligt war, verhältnismäßig rasch
-hinwegkam, pries es aber doch, um eben diese Zeit mit einem Kommando
-nach Ostpreußen hin betraut zu werden, das ihn auf ein paar Wochen
-von Berlin fernhielt. Kam er dann zurück, so waren Anfragen in dieser
-Wahlangelegenheit nicht mehr zu befürchten, am wenigsten innerhalb
-seines Regiments, in dem man sich, von ein paar Intimsten abgesehen,
-eigentlich schon jetzt über den unliebsamen Zwischenfall ausschwieg.
-
-Und in Schweigen hüllte man sich auch am Kronprinzenufer, als Woldemar
-hier am Abend vor seiner Abreise noch einmal vorsprach, um sich bei
-der gräflichen Familie zu verabschieden. Es wurde nur ganz obenhin
-von einem abermaligen Siege der Sozialdemokratie gesprochen, ein
-absichtlich flüchtiges Berühren, das nicht auffiel, weil sich das
-Gespräch sehr bald um Rex und Czako zu drehen begann, die, seit
-lange dazu aufgefordert, gerade den Tag vorher ihren ersten Besuch
-im Barbyschen Hause gemacht und besonders bei dem alten Grafen viel
-Entgegenkommen gefunden hatten. Auch Melusine hatte sich durch den
-Besuch der Freunde durchaus zufriedengestellt gesehen, trotzdem ihr
-nicht entgangen war, was, nach freilich entgegengesetzten Seiten hin,
-die Schwäche beider ausmachte.
-
-»Wovon der eine zu wenig hat,« sagte sie, »davon hat der andre zu viel.«
-
-»Und wie zeigte sich das, gnädigste Gräfin?«
-
-»O, ganz unverkennbar. Es traf sich, daß im selben Augenblicke, wo
-die Herren Platz nahmen, drüben die Glocken der Gnadenkirche geläutet
-wurden, was denn -- man ist bei solchen ersten Besuchen immer dankbar,
-an irgendwas anknüpfen zu können -- unser Gespräch sofort aufs
-Kirchliche hinüberlenkte. Da legitimierten sich dann beide. Hauptmann
-Czako, weil er ahnen mochte, was sein Freund in nächster Minute sagen
-würde, gab vorweg deutliche Zeichen von Ungeduld, während Herr von Rex
-in der Tat nicht nur von dem ›Ernst der Zeiten‹ zu sprechen anfing,
-sondern auch von dem Bau neuer Kirchen einen allgemeinen, uns nahe
-bevorstehenden Umschwung erwartete. Was mich natürlich erheiterte.«
-
- * * * * *
-
-Woldemars Kommando nach Ostpreußen war bis auf Anfang November
-berechnet, und mehr als einmal sprachen im Verlaufe dieser Zeit Rex und
-Czako bei den Barbys vor. Freilich immer nur einzeln. Verabredungen
-zu gemeinschaftlichem Besuche waren zwar mehrfach eingeleitet worden,
-aber jedesmal erfolglos, und erst zwei Tage vor Woldemars Rückkehr
-fügte es sich, daß sich die beiden Freunde bei den Barbys trafen.
-Es war ein ganz besonders gelungener Abend, da neben der Baronin
-Berchtesgaden und Doktor Wrschowitz auch ein alter Malerprofessor
-(eine neue Bekanntschaft des Hauses) zugegen waren, was eine sehr
-belebte Konversation herbeiführte. Besonders der neben seinen andern
-Apartheiten auch durch langes weißes Haar und große Leuchte-Augen
-ausgezeichnete Professor hatte -- gestützt auf einen unentwegten
-Peter-Cornelius-Enthusiasmus -- alles hinzureißen gewußt. »Ich
-bin glücklich, noch die Tage dieses großen und einzig dastehenden
-Künstlers gesehen zu haben. Sie kennen seine Kartons, die mir das
-Bedeutendste scheinen, was wir überhaupt hier haben. Auf dem einen
-Karton steht im Vordergrund ein Tubabläser und setzt das Horn an den
-Mund, um zu Gericht zu rufen. Diese eine Gestalt balanciert fünf
-Kunstausstellungen, will also sagen netto 15000 Bilder. Und eben diese
-Kartons, samt dem Bläser zum Gericht, die wollen sie jetzt fortschaffen
-und sagen dabei in naiver Effronterie, solch schwarzes Zeug mit
-Kohlenstrichen dürfe überhaupt nicht so viel Raum einnehmen. Ich aber
-sage Ihnen, meine Herrschaften, ein Kohlenstrich von Cornelius ist
-mehr wert als alle modernen Paletten zusammengenommen, und die Tuba,
-die dieser Tubabläser da an den Mund setzt -- verzeihen Sie mir altem
-Jüngling diesen Kalauer --, diese Tuba wiegt alle Tuben auf, aus denen
-sie jetzt ihre Farben herausdrücken. Beiläufig auch eine miserable
-Neuerung. Zu meiner Zeit gab es noch Beutel, und diese Beutel aus
-Schweinsblase waren viel besser. Ein wahres Glück, daß König Friedrich
-Wilhelm ~IV.~ diese jetzt etablierte Niedergangsepoche nicht mehr
-erlebt hat, diese Zeit des Abfalls, so recht eigentlich eine Zeit der
-apokalyptischen Reiter. Bloß zu den dreien, die der große Meister uns
-da geschaffen hat, ist heutzutage noch ein vierter Reiter gekommen,
-ein Mischling von Neid und Ungeschmack. Und dieser vierte sichelt am
-stärksten.«
-
-Alles nickte, selbst die, die nicht ganz so dachten, denn der Alte
-mit seinem Apostelkopfe hatte ganz wie ein Prophet gesprochen. Nur
-Melusine blieb in einer stillen Opposition und flüsterte der Baronin
-zu: »Tubabläser. Mir persönlich ist die Böcklinsche Meerfrau mit dem
-Fischleib lieber. Ich bin freilich Partei.«
-
- * * * * *
-
-Die Abende bei den Barbys schlossen immer zu früher Stunde. So war es
-auch heute wieder. Es schlug eben erst zehn, als Rex und Czako auf die
-Straße hinaustraten und drüben an dem langgestreckten Ufer Tausende
-von Lichtern vor sich hatten, von denen die vordersten sich im Wasser
-spiegelten.
-
-»Ich möchte wohl noch einen Spaziergang machen,« sagte Czako. »Was
-meinen Sie, Rex? Sind Sie mit dabei? Wir gehen hier am Ufer entlang, an
-den Zelten vorüber bis Bellevue, und da steigen wir in die Stadtbahn
-und fahren zurück, Sie bis an die Friedrichstraße, ich bis an den
-Alexanderplatz. Da ist jeder von uns in drei Minuten zu Haus.«
-
-Rex war einverstanden. »Ein wahres Glück,« sagte er, »daß wir uns
-endlich mal getroffen haben. Seit fast drei Wochen kennen wir nun das
-Haus und haben noch keine Aussprache darüber gehabt. Und das ist doch
-immer die Hauptsache. Für Sie gewiß.«
-
-»Ja, Rex, das ›für Sie gewiß‹, das sagen Sie so spöttisch und
-überheblich, weil Sie glauben, Klatschen sei was Inferiores und für
-mich gerade gut genug. Aber da machen Sie meiner Meinung nach einen
-doppelten Fehler. Denn erstlich ist Klatschen überhaupt nicht inferior,
-und zweitens klatschen Sie gerade so gern wie ich und vielleicht noch
-ein bißchen lieber. Sie bleiben nur immer etwas steifer dabei, lehnen
-meine Frivolitäten zunächst ab, warten aber eigentlich darauf. Im
-übrigen denk ich wir lassen all das auf sich beruhn und sprechen lieber
-von der Hauptsache. Ich finde, wir können unserm Freunde Stechlin
-nicht dankbar genug dafür sein, uns mit einem so liebenswürdigen Hause
-bekannt gemacht zu haben. Den Wrschowitz und den alten Malerprofessor,
-der von dem Engel des Gerichts nicht loskonnte, -- nun die beiden
-schenk ich Ihnen (ich denke mir, der Maler wird wohl nach Ihrem
-Geschmacke sein), aber die andern, die man da trifft, wie reizend alle,
-wie natürlich. Obenan dieser Frommel, dieser Hofprediger, der mir am
-Teetisch fast noch besser gefällt als auf der Kanzel. Und dann diese
-bayrische Baronin. Es ist doch merkwürdig, daß die Süddeutschen uns
-im Gesellschaftlichen immer um einen guten Schritt vorauf sind, nicht
-von Bildungs-, aber von glücklicher Natur wegen. Und diese glückliche
-Natur, das ist doch die wahre Bildung.«
-
-»Ach Czako, Sie überschätzen das. Es ist ja richtig, wenn Sie da so die
-Würstel aus dem großen Kessel herausholen und irgendeine Loni oder Toni
-mit dem Maßkrug kommt, so sieht das nach was aus, und wir kommen uns
-wie verhungerte Schulmeister daneben vor. Aber eigentlich ist das, was
-wir haben, doch das Höhere.«
-
-»Gott bewahre. Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist
-nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses oder
-Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei
-herauskommt. Aber, um mehr in der Nähe zu bleiben, nehmen Sie den alten
-Grafen. Er war freilich Botschaftsrat, und das klingt ein bißchen
-nach was; aber eigentlich ist er doch auch bloß ein unexaminierter
-Naturmensch, und das gerade gibt ihm seinen Charme. Beiläufig, finden
-Sie nicht auch, daß er dem alten Stechlin ähnlich sieht?«
-
-»Ja, äußerlich.«
-
-»Auch innerlich. Natürlich ne andre Nummer, aber doch derselbe Zwirn,
--- Pardon für den etwas abgehaspelten Berolinismus. Und wenn Sie
-vielleicht an Politik gedacht haben, auch da ist wenig Unterschied.
-Der alte Graf ist lange nicht so liberal, und der alte Dubslav lange
-nicht so junkerlich, wie's aussieht. Dieser Barby, dessen Familie,
-glaub ich, vordem zu den Reichsunmittelbaren gehörte, dem steckt noch
-so was von ›Gottesgnadenschaft‹ in den Knochen, und das gibt dann die
-bekannte Sorte von Vornehmheit, die sich den Liberalismus glaubt gönnen
-zu können. Und der alte Dubslav, nun, der hat dafür das im Leibe, was
-die richtigen Junker alle haben: ein Stück Sozialdemokratie. Wenn sie
-gereizt werden, bekennen sie sich selber dazu.«
-
-»Sie verkennen das, Czako. Das alles ist ja bloß Spielerei.«
-
-»Ja, was heißt Spielerei? Spielen. Wir haben schöne alte Fibelverse,
-die vor der Gefährlichkeit des Mit-dem-Feuerspielens warnen. Aber
-lassen wir Dubslav und den alten Barby. Wichtiger sind doch zuletzt
-immer die Damen, die Gräfin und die Komtesse. Welche wird es? Ich
-glaube, wir haben schon mal darüber gesprochen, damals, als wir von
-Kloster Wutz her über den Cremmer Damm ritten. Viel Vertrauen zu Freund
-Woldemars richtigem Frauenverständnis hab ich eigentlich nicht, aber
-ich sage trotzdem: Melusine.«
-
-»Und ich sage: Armgard. Und Sie sagen es im stillen auch.«
-
- * * * * *
-
-Es war zwei Tage vor Woldemars Rückkehr aus Ostpreußen, daß Rex und
-Czako dies Tiergartengespräch führten. Eine halbe Stunde später
-fuhren sie, wie verabredet, vom Bellevuebahnhof aus wieder in die
-Stadt zurück. Überall war noch ein reges Leben und Treiben, und
-Leben war denn auch in dem aus bloß drei Zimmern verschiedener Größe
-sich zusammensetzenden Kasino der Gardedragoner. In dem zunächst am
-Flur gelegenen großen Speisesaale, von dessen Wänden die früheren
-Kommandeure des Regiments, Prinzen und Nichtprinzen, herniederblickten,
-sah man nur wenig Gäste. Daneben aber lag ein Eckzimmer, das mehr
-Insassen und mehr flotte Bewegung hatte. Hier über dem schräg
-gestellten Kamin, drin ein kleines Feuer flackerte, hing seit kurzem
-das Bildnis des »hohen Chefs« des Regiments, der Königin von England,
-und in der Nähe eben dieses Bildes ein ruhmreiches Erinnerungsstück
-aus dem sechsundsechziger und siebziger Kriege: die Trompete, darauf
-derselbe Mann, Stabstrompeter Wollhaupt, erst am 3. Juli auf der Höhe
-von Lipa und dann am 16. August bei Mars-la-Tour das Regiment zur
-Attacke gerufen hatte, bis er an der Seite seines Obersten fiel; der
-Oberst mit ihm.
-
-Dies Eckzimmer war, wie gewöhnlich, auch heute der bevorzugte kleine
-Raum, drin sich jüngere und ältere Offiziere zu Spiel und Plauderei
-zusammengefunden hatten, unter ihnen die Herren von Wolfshagen, von
-Herbstfelde, von Wohlgemuth, von Grumbach, von Raspe.
-
-»Weiß der Himmel,« sagte Raspe, »wir kommen aus den Abordnungen auch
-gar nicht mehr heraus. Wir haben freilich drei Sendens im Regiment,
-aber es sind der Sendbotschaften doch fast zuviel. Und diesmal nun auch
-unser Stechlin dabei. Was wird er sagen, wenn er oben in Ostpreußen
-von der ihm zugedachten Ehre hört. Er wird vielleicht sehr gemischte
-Gefühle haben. Übermorgen ist er von Trakehnen wieder da, mutmaßlich
-bei dem scheußlichen Wetter schlecht ajustiert, und dann Hals über Kopf
-und in großem Trara nach London. Und London ginge noch. Aber auch nach
-Windsor. Alles, wenn es sich um Chic handelt, will doch seine Zeit
-haben, und gerade die Vettern drüben sehen einem sehr auf die Finger.«
-
-»Laß sie sehn,« sagte Herbstfelde. »Wir sehen auch. Und Stechlin ist
-nicht der Mann, sich über derlei Dinge graue Haare wachsen zu lassen.
-Ich glaube, daß ihn was ganz andres geniert. Es ist doch immerhin was,
-daß er da mit nach England hinüber soll, und einer solchen Auszeichnung
-entspricht selbstverständlich eine Nichtauszeichnung andrer. Das paßt
-nicht jedem, und nach dem Bilde, das ich mir von unserm Stechlin
-mache, gehört er zu diesen. Er ficht nicht gern unter der Devise ›nur
-über Leichen‹, hat vielmehr umgekehrt den Zug, sich in die zweite Linie
-zu stellen. Und nun sieht es aus, als wär er ein Streber.«
-
-»Stimmt nicht,« sagte Raspe. »Für so verrannt kann ich keinen von uns
-halten. Stechlin sitzt da oben in Ostpreußen und kann doch unmöglich
-in seinen Mußestunden hierher intrigiert und einen etwaigen Rivalen
-aus dem Sattel geworfen haben. Und unser Oberst! Der ist doch auch
-nicht der Mann dazu, sich irgendwen aufreden zu lassen. Der kennt seine
-Pappenheimer. Und wenn er sich den Stechlin aussucht, dann weiß er,
-warum. Übrigens, Dienst ist Dienst; man geht nicht, weil man will,
-sondern weil man muß. Spricht er denn Englisch?«
-
-»Ich glaube nicht,« sagte von Grumbach. »Soviel ich weiß, hat er vor
-kurzem damit angefangen, aber natürlich nicht wegen dieser Mission,
-die ja wie vom blauen Himmel auf ihn niederfällt, sondern der Barbys
-wegen, die beinah zwanzig Jahre in England waren und halb englisch
-sind. Im übrigen hab ich mir sagen lassen, es geht drüben auch ohne die
-Sprache. Herbstfelde, Sie waren ja voriges Jahr da. Mit gutem Deutsch
-und schlechtem Französisch kommt man überall durch.«
-
-»Ja,« sagte Herbstfelde. »Bloß ein bißchen Landessprache muß doch
-noch dazu kommen. Indessen, es gibt ja kleine Vademekums, und da
-muß man dann eben nachschlagen, bis man's hat. Sonst sind hundert
-Vokabeln genug. Als ich noch zu Hause war, hatten wir da ganz in unsrer
-Nachbarschaft einen verdrehten alten Herrn, der -- eh ihn die Gicht
-unterkriegte -- sich so ziemlich in der ganzen Welt herumgetrieben
-hatte. Pro neues Land immer neue hundert Vokabeln. Unter anderm war er
-auch mal in Südrußland gewesen, von welcher Zeit ab -- und zwar nach
-vorgängiger, vor einem großen Likörkasten stattgehabten Anfreundung
-mit einem uralten Popen -- er das Amendement zu stellen pflegte:
-›Hundert Vokabeln; aber bei nem Popen bloß fünfzig.‹ Und das muß ich
-sagen, ich habe das mit den hundert in England durchaus bestätigt
-gefunden. ›~Mary, please, a jug of hot water~,‹ soviel muß man
-weghaben, sonst sitzt man da. Denn der Naturengländer weiß gar nichts.«
-
-»Wie lange waren Sie denn eigentlich drüben, Herbstfelde?«
-
-»Drei Wochen. Aber die Reisetage mitgerechnet.«
-
-»Und sind Sie so ziemlich auf Ihre Kosten gekommen? Einblick ins
-Volksleben, Parlament, Oxford, Cambridge, Gladstone?«
-
-Herbstfelde nickte.
-
-»Und wenn Sie nun so alles zusammennehmen, was hat da so den meisten
-Eindruck auf Sie gemacht? Architektur, Kunst, Leben, die Schiffe, die
-großen Brücken? Die Straßenjungens, wenn man in einem Cab vorüberfährt,
-sollen ja immer Rad neben einem her schlagen, und die Dienstmädchen,
-was noch wichtiger ist, sollen sehr hübsch sein, kleine Hauben und
-Tändelschürze.«
-
-»Ja, Raspe, da treffen Sie's. Und ist eigentlich auch das
-Interessanteste. Denn sogenannte Meisterwerke gibt es ja jetzt überall,
-von Kirchen und dergleichen gar nicht zu reden. Und Schiffe haben wir
-ja jetzt auch und auch ein Parlament. Und manche sagen, unsres sei noch
-besser. Aber das Volk. Sehen Sie, da steckt es. Das Volk ist alles.«
-
-»Na, natürlich Volk. Oberschicht überall ein und dasselbe. Was da los
-ist, das wissen wir.«
-
-»Und eigentlich hab ich die ganzen drei Wochen auf nem Omnibus gesessen
-und bin abends in die Matrosenkneipen an der Themse gegangen. Ein
-bißchen gefährlich; man hat da seinen Messerstich weg, man weiß nicht
-wie, ganz wie in Italien. Bloß in Italien gibt es vorher doch immer
-noch ein Liebesverhältnis, was in Old-Wapping -- so heißt nämlich der
-Stadtteil an der Themse -- nicht mal nötig ist. Und dann, wenn ich zu
-Hause war, sprach ich natürlich mit Mary. Viel war es nicht. Denn die
-hundert Vokabeln, die dazu nötig sind die hatte ich damals noch nicht
-voll.«
-
-»Na, 's ging aber doch?«
-
-»So leidlich. Und dabei hatt ich mal ne Szene, die war eigentlich das
-Hübscheste. Meine Wohnung befand sich nämlich eine Treppe hoch in einer
-kleinen stillen Querstraße von Oxford-Street. Und Mary war gerade bei
-mir. Und in dem Augenblicke, wo ich mich mit dem hübschen Kinde zu
-verständigen suche ...«
-
-»Worüber?«
-
-»In demselben Augenblicke sieht ein Chinese grinsend in mein Fenster
-hinein, so daß er eigentlich eine Ohrfeige verdient hätte.«
-
-»Wie war denn das aber möglich?«
-
-»Ja, das ist ja eben das, was ich das Londoner Volksleben nenne. Alles
-mögliche, wovon wir hier gar keine Vorstellung haben, vollzieht sich da
-mitten auf dem Straßendamm. Und so waren denn auch an jenem Tage zwei
-Chinesen, ihres Zeichens Akrobaten, in die Querstraße von Oxford-Street
-gekommen, und der eine, ein dicker starker Kerl, hatte einen Gurt um
-den Leib, und in der Öse dieses Gurtes steckte ne Stange, auf die der
-zweite Chinese hinaufkletterte. Und wie er da oben war, war er gerade
-in Höhe meiner Beletage und sah hinein, als ich mich eben bemühte, mich
-Mary klar zu machen.«
-
-»Ja, Herbstfelde, das war nu freilich ein Pech, und wenn Sie wieder
-drüben sind, müssen Sie nach hinten hinaus wohnen oder höher hinauf.
-Aber interessant ist es doch. Und ich bezweifle nur, daß Stechlin in
-eine gleiche Lage kommen wird.«
-
-»Gewiß nicht. Daran hindern ihn seine Moralitäten.«
-
-»Und noch mehr die Barbys.«
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Woldemar, von der ihm bevorstehenden Auszeichnung unterrichtet, kürzte
-seinen Aufenthalt in Ostpreußen um vierundzwanzig Stunden ab, hatte
-trotzdem aber, nach seinem Wiedereintreffen in Berlin, nur noch zwei
-Tage zur Verfügung. Das war wenig. Denn außer allerlei zu treffenden
-Reisevorbereitungen lag ihm doch auch noch ob, verschiedene Besuche
-zu machen, so bei den Barbys, bei denen er sich für den letzten Abend
-schon brieflich angemeldet hatte.
-
-Dieser Abend war nun da. Die Koffer standen gepackt um ihn her, er
-selber aber lehnte sich, ziemlich abgespannt, in seinen Schaukelstuhl
-zurück, nochmals überschlagend, ob auch nichts vergessen sei. Zuletzt
-sagte er sich: »Was nun noch fehlt, fehlt; ich kann nicht mehr.« Und
-dabei sah er nach der Uhr. Bis zu seinem am Kronprinzenufer angesagten
-Besuche war noch fast eine Stunde. Die wollt er ausnutzen und sich
-vorher nach Möglichkeit ruhn. Aber er kam nicht dazu. Sein Bursche trat
-ein und meldete: »Hauptmann von Czako.«
-
-»Ah, sehr willkommen.«
-
-Und Woldemar, so wenig gelegen ihm Czako auch kam, sprang doch auf und
-reichte dem Freunde die Hand. »Sie kommen, um mir zu meiner englischen
-Reise zu gratulieren. Und wiewohl es so so damit steht, +Ihnen+ glaub
-ich's, daß Sie's ehrlich meinen. Sie gehören zu den paar Menschen, die
-keinen Neid kennen.«
-
-»Na, lassen wir das Thema lieber. Ich bin dessen nicht so ganz sicher;
-mancher sieht besser aus, als er ist. Aber natürlich komm ich, um Ihnen
-wohl oder übel meine Glückwünsche zu bringen und meinen Reisesegen
-dazu. Donnerwetter, Stechlin, wo will das noch mit Ihnen hinaus! Sie
-werden natürlich Londoner Militärattaché, sagen wir in einem halben
-Jahr, und in ebensoviel Zeit haben Sie sich drüben sportlich eingelebt
-und etablieren sich als Sieger in einem Steeple Chase, vorausgesetzt,
-daß es so was noch gibt (ich glaube nämlich, man nennt es jetzt alles
-ganz anders). Und vierzehn Tage nach Ihrem ersten großen Sportsiege
-verloben Sie sich mit Ruth Russel oder mit Geraldine Cavendish, haben
-den Bedforder- oder den Devonshire-Herzog als Rückendeckung und gehen
-als Generalgouverneur nach Mittelafrika, links die Zwerge, rechts die
-Menschenfresser. Emin soll ja doch eigentlich aufgefressen sein.«
-
-»Czako, Sie machen sich's zunutze, daß die Mittagsstunde glücklich
-vorüber ist, sonst könnten Sie's kaum verantworten. Aber rücken Sie
-sich einen Sessel ran, und hier sind Zigaretten. Oder lieber Zigarre?«
-
-»Nein, Zigaretten ... Ja, sehen Sie, Stechlin, solche Mission oder wenn
-auch nur ein Bruchteil davon ...«
-
-»Sagen wir Anhängsel.«
-
-»... Solche Mission ist gerade das, was ich mir all mein Lebtag
-gewünscht habe. Bloß ›Erhörung kam nicht geschritten‹. Und doch ist
-gerad in unserm Regiment immer was los. Immer ist wer auf dem Wege nach
-Petersburg. Aber weiß der Teufel, trotz der vielen Schickerei, meine
-Wenigkeit ist noch nicht rangekommen. Ich denke mir, es liegt an meinem
-Namen. Hier hat ›Czako‹ ja auch schon einen Beigeschmack, einen Stich
-ins Komische, aber das Slawische drin gibt ihm in Berlin etwas Apartes,
-während es in Petersburg wahrscheinlich heißen würde: ›Czako, was soll
-das? Was soll Czako? Dergleichen haben wir hier echter und besser.‹
-Ja, ich gehe noch weiter und bin nicht einmal sicher, ob man da drüben
-nicht Lust bezeugen könnte, in der Wahl von ›Czako‹ einen Witz oder
-versteckten Affront zu wittern. Aber wie dem auch sei, Winterpalais
-und Kreml sind mir verschlossen. Und nun gehen Sie nach London und
-sogar nach Windsor. Und Windsor ist doch nun mal das denkbar Feinste.
-Rußland, wenn Sie mir solche Frühstücksvergleiche gestatten wollen,
-hat immer was von Astrachan, England immer was von Colchester. Und ich
-glaube, Colchester steht höher. In meinen Augen gewiß. Ach, Stechlin,
-Sie sind ein Glückspilz, ein Wort, das Sie meiner erregten Stimmung
-zugute halten müssen. Ich werde wohl an der Majorsecke scheitern, wegen
-verschiedener Mankos. Aber sehn Sie, daß ich das einsehe, das könnte
-das Schicksal doch auch wieder mit mir versöhnen.«
-
-»Czako, Sie sind der beste Kerl von der Welt. Es ist eigentlich schade,
-daß wir solche Leute wie Sie nicht bei unserm Regiment haben. Oder
-wenigstens nicht genug. ›Fein‹ ist ja ganz gut, aber es muß doch auch
-mal ein Donnerwetter dazwischen fahren, ein Zynismus, eine Bosheit;
-sie braucht ja nicht gleich einen Giftzahn zu haben. Übrigens, was die
-Patentheit angeht, so fühl ich deutlich, daß ich auch nur so gerade
-noch passiere. Nehmen Sie beispielsweise bloß das Sprachliche. Wer
-heutzutage nicht drei Sprachen spricht, gehört in die Ecke ...«
-
-»Sag ich mir auch. Und ich habe deshalb auch mit dem Russischen
-angefangen. Und wenn ich dann so dabei bin und über meine Fortschritte
-beinah erstaune, dann berapple ich mich momentan wieder und sage mir:
-›Courage gewonnen, alles gewonnen.‹ Und dabei laß ich dann zu meinem
-weitern Trost all unsre preußischen Helden zu Fuß und zu Pferde an mir
-vorüberziehen, immer mit dem Gefühl einer gewissen wissenschaftlichen
-und mitunter auch moralischen Überlegenheit. Da ist zuerst der
-Derfflinger. Nun, der soll ein Schneider gewesen sein. Dann kam
-Blücher, -- der war einfach ein ›~Jeu~‹er. Und dann kam Wrangel und
-trieb sein verwegenes Spiel mit ›mir und mich‹.«
-
-»Bravo, Czako. Das ist die Sprache, die Sie sprechen müssen. Und Sie
-werden auch nicht an der Majorsecke scheitern. Eigentlich läuft doch
-alles bloß darauf hinaus, wie hoch man sich selber einschätzt. Das ist
-freilich eine Kunst, die nicht jeder versteht. Das Wort vom alten
-Fritz: ›Denk Er nur immer, daß Er hunderttausend Mann hinter sich hat,‹
-dies Trostwort ist manchem von uns ein bißchen verloren gegangen, trotz
-unsrer Siege. Oder vielleicht auch eben deshalb. Siege produzieren
-unter Umständen auch Bescheidenheit.«
-
-»Jedenfalls haben Sie, lieber Stechlin, zuviel davon. Aber wenn Sie
-erst Ihre Ruth haben ...«
-
-»Ach, Czako, kommen Sie mir nicht immer mit Ruth. Oder eigentlich,
-seien Sie doch bedankt dafür. Denn dieser weibliche Name mahnt mich,
-daß ich mich für heut abend am Kronprinzenufer angemeldet habe, bei den
-Barbys, wo's, wie Sie wissen, freilich keine Ruth gibt, aber dafür eine
-Melusine, was fast noch mehr ist.«
-
-»Versteht sich, Melusine is mehr. Alles, was aus dem Wasser kommt,
-ist mehr. Venus kam aus dem Wasser, ebenso Hero ... Nein, nein,
-entschuldigen Sie, es war Leander.«
-
-»Egal. Lassen Sie's, wie's ist. Solche verwechselte Schillerstelle tut
-einem immer wohl. Übrigens können Sie mich in meinem Coupé begleiten;
-vom Kronprinzenufer aus haben Sie knapp noch halben Weg bis in Ihre
-Kaserne.«
-
- * * * * *
-
-Das Coupé tat seine Schuldigkeit, und es schlug eben erst acht,
-als Woldemar vor dem Barbyschen Hause hielt und, sich von Czako
-verabschiedend, die Treppe hinaufstieg. Er fand nur die Familie vor,
-was ihm sehr lieb war, weil er kein allgemeines Gespräch führen,
-sondern sich lediglich für seine Reise Rats erholen wollte. Der alte
-Graf kannte London besser als Berlin, und auch Melusine war schon über
-siebzehn, als man, bald nach dem Tode der Mutter, England verlassen und
-sich auf die Graubündner Güter zurückgezogen hatte. Darüber waren nun
-wieder nah an anderthalb Jahrzehnte vergangen, aber Vater und Töchter
-hingen nach wie vor an Hydepark und dem schönen Hause, das sie da
-bewohnt hatten, und gedachten dankbar der in London verlebten Tage.
-Selbst Armgard sprach gern von dem Wenigen, dessen sie sich noch aus
-ihrer frühen Kindheit her erinnerte.
-
-»Wie glücklich bin ich,« sagte Woldemar, »Sie allein zu finden!
-Das klingt freilich sehr selbstisch, aber ich bin doch vielleicht
-entschuldigt. Wenn Besuch da wäre, nehmen wir beispielsweise
-Wrschowitz, und ich ließe mich hinreißen, von der Prinzessin von Wales
-und in natürlicher Konsequenz von ihren zwei Schwestern Dagmar und
-Thyra zu sprechen, so hätt ich vielleicht wegen Dänenfreundlichkeit
-heut abend noch ein Duell auszufechten. Was mir doch unbequem wäre.
-Besser ist besser.«
-
-Der alte Barby nickte vergnüglich.
-
-»Ja, Herr Graf,« fuhr Woldemar fort, »ich komme, mich von Ihnen und
-den Damen zu verabschieden: aber ich komme vor allem auch, um mich
-in zwölfter Stunde noch nach Möglichkeit zu informieren. In dem
-Augenblick, wo der gänzlich ignorante Kandidatus in seinen Frack fährt,
-guckt er -- so was soll vorkommen -- noch einmal ins Corpus juris und
-liest, sagen wir zehn Zeilen, und gerad über diese wird er nachher
-gefragt und sieht sich gerettet. Dergleichen könnte mir doch auch
-vorbehalten sein. Sie waren lange drüben und die Damen ebenso. Auf was
-muß ich achten, was vermeiden, was tun? Vor allem, was muß ich sehn und
-was nicht sehn? Das letztere vielleicht das Wichtigste von allem.«
-
-»Gewiß, lieber Stechlin. Aber ehe wir anfangen, rücken Sie hier ein
-und gönnen Sie sich eine Tasse Tee. Freilich, daß Sie den Tee würdigen
-werden, ist so gut wie ausgeschlossen; dazu sind Sie viel zu aufgeregt.
-Sie sind ja wie ein Wasserfall; ich erkenne Sie kaum wieder.«
-
-Woldemar wollte sich entschuldigen.
-
-»Nur keine Entschuldigungen. Und am wenigsten über das. Alles ist
-heutzutage so nüchtern, daß ich immer froh bin, mal einer Aufregung zu
-begegnen; Aufregung kleidet besser als Indifferenz, und jedenfalls ist
-sie interessanter. Was meinst du dazu, Melusine?«
-
-»Papa schraubt mich. Ich werde mich aber hüten, zu antworten.«
-
-»Und so denn wieder zur Sache. Ja, lieber Stechlin, was tun, was sehn?
-Oder wie Sie ganz richtig bemerken, was nicht sehn? Überall etwas sehr
-Schwieriges. In Italien vertrödelt man die Zeit mit Bildern, in England
-mit Hinrichtungsblöcken. Sie haben drüben ganze Kollektionen davon.
-Also möglichst wenig Historisches. Und dann natürlich keine Kirchen,
-immer mit Ausnahme von Westminster. Ich glaube, was man so mit billiger
-Wendung »Land und Leute« nennt, das ist und bleibt das Beste. Die
-Themse hinauf und hinunter, Richmond-Hill (auch jetzt noch, trotzdem
-wir schon November haben) und Werbekneipen und Dudelsackspfeifer.
-Und wenn Sie bei Passierung eines stillen Squares einem sogenannten
-›Straßen-Raffael‹ begegnen, dann stehenbleiben und zusehen, was das
-sonderbare Genie mit seiner linken und oft verkrüppelten Hand auf die
-breiten Straßensteine hinmalt. Denn diese Straßen-Raffaels haben immer
-nur eine linke Hand.«
-
-»Und was malt er?«
-
-»Was? Das wechselt. Er ist imstande und zaubert Ihnen in zehn Minuten
-eine richtige Sixtina aufs Trottoir. Aber in der Regel ist er mehr
-Ruysdael oder Hobbema. Landschaften sind seine Force; dazu Seestücke.
-Die Klippe von Dover hab ich wohl zwanzigmal gesehn und über das Meer
-hin den zitternden Mondstrahl. Da haben Sie schon was zur Auswahl. Und
-nun fragen Sie Melusine. Die hat von London und Umgegend viel mehr
-gesehn als ich und weiß, glaub ich, in Hampton-Court und Waltham-Abbey
-besser Bescheid als an der Oberspree, natürlich das Eierhäuschen
-ausgenommen. Und wenn Melusine versagen sollte, nun, so haben wir ja
-noch unsere Tochter Cordelia. Cordelia war damals freilich erst sechs
-oder doch nicht viel mehr. Aber Kindermund tut Wahrheit kund. Armgard,
-wie wär es, wenn du dich unsers Freundes annähmest?«
-
-»Ich weiß nicht, Papa, ob Herr von Stechlin damit einverstanden ist
-oder auch nur sein kann. Vielleicht ging es, wenn du nur nicht von
-meinen sechs Jahren gesprochen hättest. Aber so. Mit sechs Jahren hat
-man eben nichts erlebt, was, in den Augen andrer, des Erzählens wert
-wäre.«
-
-»Komtesse, gestatten Sie mir ... die Dinge an sich sind gleichgültig.
-Alles Erlebte wird erst was durch den, der es erlebt.«
-
-»Ei,« sagte Melusine. »So bin ich zum Erzählen noch mein Lebtag nicht
-aufgefordert worden. Nun wirst du sprechen müssen, Armgard.«
-
-»Und ich will auch, selbst auf die Gefahr hin einer Niederlage.«
-
-»Keine Vorreden, Armgard. Am wenigsten, wenn sie wie Selbstlob klingen.«
-
-»Also wir hatten damals eine alte Person im Hause, die schon bei
-Melusine Kindermuhme gewesen war, und hieß Susan. Ich liebte sie sehr,
-denn sie hatte wie die meisten Irischen etwas ungemein Heiteres und
-Gütiges. Ich ging viel mit ihr im Hydepark spazieren, wohnten wir doch
-in der an seiner Nordseite sich hinziehenden großen Straße. Hydepark
-erschien mir immer sehr schön. Aber weil es tagaus, tagein dasselbe
-war, wollt ich doch gern einmal was andres sehen, worauf Susan auch
-gleich einging, trotzdem es ihr eigentlich verboten war. ›Ei freilich,
-Komtesse,‹ sagte sie, ›da wollen wir nach Martins le Grand.‹ ›Was ist
-das?‹ fragte ich; aber statt aller Antwort gab sie mir nur ein kleines
-Mäntelchen um, denn es war schon Spätherbst, so etwa wie jetzt, und
-dunkelte auch schon. Aus dem, was dann kam, muß ich annehmen, daß es
-um die fünfte Stunde war. Und so brachen wir denn auf, unsre Straße
-hinunter, und weil an dem Parkgitter entlang lauter große Röhren
-gelegt waren, um hier neu zu kanalisieren, so sprang ich auf die Röhren
-hinauf, und Susan hielt mich an meinem linken Zeigefinger. So gingen
-wir, ich immer auf den Röhren oben, bis wir an eine Stelle kamen, wo
-der Park aufhörte. Hier war gerad ein Droschkenstand, und Hafer und
-Häcksel lagen umher und zahllose Sperlinge dazwischen. In der Mitte von
-dem allem aber stand ein eiserner Brunnen. Auf den wies Susan hin und
-sagte: ›~Look at it, dear Armgard. There stood Tyburn-Gallows.~‹ Und
-wer soviel gestohlen hatte, wie gerad ein Strick kostete, der wurde da
-gehängt.«
-
-»Eine merkwürdige Kindermuhme,« sagte Stechlin. »Und erschraken Sie
-nicht, Komtesse?«
-
-»Nein, von Erschrecken, solange Susan bei mir war, war keine Rede. Sie
-hätte mich gegen eine Welt verteidigt.«
-
-»Das söhnt wieder aus.«
-
-»Und kurz und gut, wir blieben auf unserm Weg und stiegen alsbald in
-ein zweirädriges Cab, aus dem heraus wir sehr gut sehen konnten, und
-jagten die Oxfordstraße hinunter in die City hinein, in ein immer
-dichter werdendes Straßengewirr, drin ich nie vorher gekommen war und
-auch nachher nicht wieder gekommen bin. Bloß vor zwei Jahren, als wir
-auf Besuch drüben waren und ich den alten Plätzen wieder nachging.«
-
-»Ich glaube,« sagte Melusine, »daß du bei diesem zweiten Besuch eine
-gute Anleihe machst. Denn von dem mit Susan Gesehenen wirst du zurzeit
-nicht mehr viel zur Verfügung haben.«
-
-»Doch, doch. Und nun hielt unser Hansom-Cab vor einem großen Hause,
-das halb wie ein Palast und halb wie ein griechischer Tempel aussah
-und unter dessen Säulengang hinweg wir in eine große, mit vielen
-hundert Menschen erfüllte Halle traten. Über ihren Köpfen aber lag es
-wie ein Strom von Licht, und ganz nach hinten zu, wo die Lichtmasse
-sich zu verdichten schien, standen auf einem Podium zwei in rote
-Röcke gekleidete Bedienstete mit ein paar großen Behältern links und
-rechts neben sich, die wie Futterkisten mit weit aufgeklapptem Deckel
-aussahen.«
-
-»Und nun laß Stechlin raten, was es war.«
-
-»Er braucht es nicht zu raten,« fuhr Armgard fort, »er weiß es
-natürlich schon. Aber er muß trotzdem aushalten. Denn er hat es selber
-so gewollt. Also Podium und Rotröcke samt aufgeklappter Kiste links
-und rechts. Und die hell erleuchtete Uhr darüber zeigte, daß es nur
-noch eine Minute bis sechs war. An ein Sichherandrängen war nicht zu
-denken, und so flogen denn die Brief- und Zeitungspakete, die noch mit
-den letzten Postzügen fort sollten, in weitem Bogen über die Köpfe der
-in Front Stehenden weg; was aber dabei statt in die Behälter bloß auf
-das Podium fiel, das wurde von den Rotröcken mit einer geschickten
-Fußbewegung in die Futterkisten wie hineingeharkt. Und nun setzte der
-Uhrzeiger ein, und das Fliegen der Pakete steigerte sich, bis genau mit
-dem sechsten Schlag auch der Deckel jeder der beiden Kisten zuschlug.«
-
-»Reizend, Komtesse. Natürlich seh ich mir das an, und wenn ich ein
-Rendezvous mit der Königin darüber versäumen müßte.«
-
-»Nichts Antimonarchisches,« lachte der alte Graf. »Und so kommen Susans
-Untaten schließlich noch ans Licht.«
-
-»Und meine eignen dazu. Glücklicherweise durch mich selbst.«
-
-Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort, und allerlei
-Schilderungen aus dem Klein- und Alltagsleben behielten dabei die
-Oberhand. Ein paarmal, weil er wohl sah, daß Woldemar gern auch andres
-zu hören wünschte, versuchte der alte Graf das Thema zu wechseln, aber
-beide Damen blieben bei »~shopping~« und »~five o'clock tea~«, bis
-Melusine, der Woldemars Ungeduld ebenfalls nicht entgangen war, mit
-einem Male fragte: »Haben Sie denn je von Traitors-Gate gehört?«
-
-»Nein,« sagte Woldemar. »Ich kann es mir aber übersetzen und meine
-Schlüsse daraus ziehn.«
-
-»Das reicht aus. Also natürlich Tower. Nun sehen Sie, Traitors-Gate,
-das war meine Domäne, wenn Besuch aus Deutschland kam und ich wohl oder
-übel den Führer machen mußte. Vieles im Tower langweilte mich, aber
-Traitors-Gate nie, vielleicht deshalb nicht, weil es ziemlich zu Anfang
-liegt, so daß ich, wenn wir's erreichten, immer noch bei Frische war,
-nicht abgestumpft durch all die Schrecklichkeiten, die dann weiterhin
-folgen.«
-
-»Also Traitors-Gate muß ich sehn?«
-
-»Unbedingt. Freilich, wenn ich dann wieder erwäge, daß an dieser
-berühmten Stelle nichts unmittelbar Wirkungsvolles zu sehn ist, so muß
-ich mich bei meinen Ratschlägen auf Ihre Phantasie verlassen können.
-Und ob das geht, weiß ich nicht. Wer aus der Mark ist, hat meist keine
-Phantasie.«
-
-Der alte Graf und Armgard schwiegen, und auch Melusine sah wohl,
-daß sie mit ihrer Bemerkung etwas zu weit gegangen war. Irgendeine
-Reparierung schien also geboten. »Ich will's aber doch mit Ihnen
-wagen,« nahm sie das Gespräch wieder auf und lachte. »Traitors-Gate.
-Nun sehen Sie, Sie kommen da vom Eingange her einen schmalen Gang
-entlang, und mit einem Male haben Sie statt der grauen Steinwand ein
-eisenbeschlagenes Holztor neben sich. Hinter diesem Tor aber befindet
-sich ein kleiner, ganz unten in der Tiefe gelegener Wasserhof, von dem
-aus eine mehrstufige Treppe heraufführt und an eben der Stelle mündet,
-an der Sie stehn. Und nun rechnen Sie dreihundert Jahre zurück. Wem
-sich die Pforte damals auftat, um sich hinter ihm wieder zu schließen,
-der hatte vom Leben Abschied genommen ... Es sind da, verzeihen Sie
-das Wort, lauter glibbrige Stufen, und +wer+ alles stieg diese Stufen
-hinauf: Essex, Sir Walter Raleigh, Thomas Morus und zuletzt noch jene
-Clanhäuptlinge, die für Prince Charlie gefochten hatten und deren
-Köpfe wenige Tage später von Temple-Bar herab auf die City niedersahen.«
-
-»Liegt, Gott sei Dank, weit zurück.«
-
-»Ja, weit zurück. Aber es kann wiederkommen. Und gerade +das+ war es,
-was immer, wenn ich da so stand, den größten Eindruck auf mich machte.
-Diese Möglichkeit, daß es wiederkehre. Denn ich erinnere mich noch sehr
-wohl -- ja, du warst es selbst, Papa, der es mir erzählte --, daß Lord
-Palmerston einmal, unwirsch über die koburgische Nebenpolitik (ich
-glaube während der Krimkriegtage) sich dahin geäußert hätte: ›Dieser
-Prince-Consort, er täte gut, sich unser Traitors-Gate bei Gelegenheit
-anzusehen. Es ist zwar schon lange, daß Könige da die glibbrige Treppe
-hinaufgestiegen sind, aber es ist doch noch nicht +so+ lange, daß wir
-uns dessen nicht mehr entsinnen könnten. Und ein Prince-Consort ist
-noch lange nicht ein König.‹«
-
-Woldemar, als Melusine dies mit überlegener Miene gesagt hatte,
-lächelte vor sich hin, was die Gräfin derartig verdroß, daß sie mit
-einer gewissen Gereiztheit hinzusetzte: »Sie lächeln. Da seh ich doch,
-wie sehr ich im Rechte war, Ihnen die Phantasie abzusprechen.«
-
-»Verzeihen Sie mir ...«
-
-»Und nun werden Sie auch noch pathetisch. Das ist die richtige
-Ergänzung. Im übrigen, wie könnt ich mit Ihnen ernsthaft zürnen! Ein
-berühmter deutscher Professor soll einmal irgendwo gesagt haben:
-›niemand sei verpflichtet, ein großer Mann zu sein.‹ Und ebensowenig
-wird er ›große Phantasie‹ als etwas Pflichtmäßiges gefordert haben.«
-
-Woldemar küßte ihr die Hand. »Wissen Sie, Gräfin, daß Sie doch
-eigentlich recht hochmütig sind?«
-
-»Vielleicht. Aber mancher entwaffnet mich wieder. Und zu diesen gehören
-Sie.«
-
-»Das ist nun auch wieder aus dem Ton.«
-
-»Ich weiß es nicht. Aber lassen wir's. Und versprechen Sie mir
-lieber, mir von Windsor oder London aus eine Karte zu schreiben ...
-nein, eine Karte, das geht nicht ... also einen Brief, darin Sie mir
-ein Wort über die Engländerinnen sagen, und ob Sie jede taillenlose
-Rotblondine drüben auch so schön gefunden haben werden, wie's von den
-Kontinentalen, wenn sie dies Thema berühren, fast immer versichert
-wird.«
-
-»Es wird davon abhängen, an wen ich gerade denke.«
-
-»Nach dieser Bemerkung ist Ihnen alles verziehn.«
-
- * * * * *
-
-Woldemar blieb bis neun. Er hatte gleich in den Zeilen, in denen er
-sich anmeldete, die Damen wissen lassen, daß er seinen Besuch auf eine
-kurze Stunde beschränken müsse. So war er denn bei guter Zeit wieder
-daheim. Auf seinem Tische fand er ein Briefchen vor und erkannte Rex'
-Handschrift. »Lieber Stechlin,« so schrieb dieser, »ich höre eben,
-daß Sie nach London gehn. In der Zeitung, wo's schon gestanden haben
-soll, hab ich es übersehn. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu dieser
-Auszeichnung und lege Ihnen eine Karte bei, die Sie (wenn's Ihnen paßt)
-bei meinem Freunde Ralph Waddington einführen soll. Er ist Advokat und
-einer der angesehensten Führer unter den Irvingianern. Fürchten Sie
-übrigens keine Bekehrungsversuche. Waddington ist ein durchaus feiner
-Mann, also zurückhaltend. Er kann Ihnen aber mannigfach behilflich
-sein, wenn Ihnen daran gelegen sein sollte, sich um das Wesen der
-englischen Dissenter, ihre Chapels und Tabernakels zu kümmern. Er ist
-ein Wissenschaftler auf diesem Gebiet. Und ich kenne ja Ihre Vorliebe
-für derlei Fragen.«
-
-Stechlin legte den Brief unter den Briefbeschwerer und sagte: »Der gute
-Rex! Er überschätzt mich. Dissenterstudien. Es genügt mir, wenn ich
-einen einzigen Quäker sehe.«
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Was Rex da schrieb, hatte doch ein Gutes gehabt; Woldemar, erheitert
-bei dem Gedanken, sich durch Ralph Waddington in ein Tabernakel
-eingeführt zu sehn, sah sich mit einemmale einer gewissen Abspannung
-entrissen und war froh darüber, denn er brauchte durchaus Stimmung,
-um noch einige Briefe zu schreiben. Das ging ihm nun leichter von der
-Hand, und als elf Uhr kaum heran war, war alles erledigt.
-
-Der andre Morgen sah ihn selbstverständlich früh auf. Fritz war um
-ihn her und half, wo noch zu helfen war. »Und nun, Fritz,« so waren
-Woldemars letzte Worte, »sieh nach dem Rechten. Schicke mir nichts
-nach; Zeitungen wirf weg. Und die drei Briefe hier, wenn ich fort bin,
-die tue sofort in den Kasten ... Ist die Droschke schon da?«
-
-»Zu Befehl, Herr Rittmeister.«
-
-»Na, dann mit Gott. Und jeden Tag lüften. Und paß auf die Pferde.«
-
-Damit verabschiedete sich Woldemar.
-
- * * * * *
-
-Von den drei Briefen war einer nach Stechlin hin adressiert. Er traf,
-weil er noch mit dem ersten Zuge fort konnte, gleich nach Tische bei
-dem Alten ein und lautete:
-
-»Mein lieber Papa. Wenn Du diese Zeilen erhältst, sind wir schon auf
-dem Wege. ›Wir,‹ das will sagen, unser Oberst, unser zweitältester
-Stabsoffizier, ich und zwei jüngere Offiziere. Aus Deinen eignen
-Soldatentagen her kennst Du den Charakter solcher Abordnungen. Nachdem
-wir ›Regiment Königin von Großbritannien und Irland‹ geworden sind,
-war dies ›uns drüben vorstellen‹ nur noch eine Frage der Zeit. Dieser
-Mission beigesellt zu sein ist selbstverständlich eine große Ehre für
-mich, doppelt, wenn ich die Namen, über die wir in unserm Regiment
-Verfügung haben, in Erwägung ziehe. Die Zeiten, wo man das Wort
-›historische Familie‹ betonte, sind vorüber. Auch an Tante Adelheid hab
-ich in dieser Sache geschrieben. Was mir persönlich an Glücksgefühl
-vielleicht noch fehlen mag, wird sie leicht aufbringen. Und ich freue
-mich dessen, weil ich ihr, alles in allem, doch so viel verdanke.
-Daß ich mich von Berlin gerade jetzt nicht gerne trenne, sei nur
-angedeutet; Du wirst den Grund davon unschwer erraten. Mit besten
-Wünschen für Dein Wohl, unter herzlichen Grüßen an Lorenzen, wie immer
-Dein Woldemar.«
-
-Dubslav saß am Kamin, als ihm Engelke den Brief brachte. Nun war der
-Alte mit dem Lesen durch und sagte: »Woldemar geht nach England. Was
-sagst du dazu, Engelke?«
-
-»So was hab ich mir all immer gedacht.«
-
-»Na, dann bist du klüger gewesen als ich. Ich habe mir gar nichts
-gedacht. Und nu noch drei Tage, so stellt er sich mit seinem Oberst und
-seinem Major vor die Königin von England hin und sagt: ›Hier bin ich.‹«
-
-»Ja, gnädger Herr, warum soll er nich?«
-
-»Is auch 'n Standpunkt. Und vielleicht sogar der richtige. Volksstimme,
-Gottesstimme. Na, nu geh mal zu Pastor Lorenzen und sag ihm, ich ließ
-ihn bitten. Aber sage nichts von dem Brief; ich will ihn überraschen.
-Du bist mitunter ne alte Plappertasche.«
-
- * * * * *
-
-Schon nach einer halben Stunde war Lorenzen da.
-
-»Haben befohlen ...«
-
-»Haben befohlen. Ja, das ist gerade so das Richtige; sieht mir ähnlich
-... Nun, Lorenzen, schieben Sie sich mal nen Stuhl ran, und wenn
-Engelke nicht geplaudert hat (denn er hält nicht immer dicht), so hab
-ich eine richtige Neuigkeit für Sie. Woldemar ist nach England ...«
-
-»Ah, mit der Abordnung.«
-
-»Also wissen Sie schon davon?«
-
-»Nein, ausgenommen das eine, daß eine Deputation oder Gesandtschaft
-beabsichtigt sei. Das las ich, und dabei hab ich dann freilich auch an
-Woldemar gedacht.«
-
-Dubslav lachte. »Sonderbar. Engelke hat sich so was gedacht, Lorenzen
-hat sich auch so was gedacht. Nur der eigne Vater hat an gar nichts
-gedacht.«
-
-»Ach, Herr von Stechlin, das ist immer so. Väter sind Väter und können
-nie vergessen, daß die Kinder Kinder waren. Und doch hört es mal auf
-damit. Napoleon war mit zwanzig ein armer Leutnant und an Ansehn noch
-lange kein Stechlin. Und als er so alt war wie jetzt unser Woldemar,
-ja, da stand er schon zwischen Marengo und Austerlitz.«
-
-»Hören Sie, Lorenzen, Sie greifen aber hoch. Meine Schwester Adelheid
-wird sich Ihnen übrigens wohl anschließen und von heut ab eine neue
-Zeitrechnung datieren. Ich nehm es ruhiger, trotzdem ich einsehe,
-daß es nach großer Auszeichnung schmeckt. Und ist er wieder zurück,
-dann wird er auch allerlei Gutes davon haben. Aber so lang er drüben
-ist! Ich trau der Sache nicht. Von Behagen jedenfalls keine Rede. Die
-Vettern sind nun mal nicht zufriedenzustellen; vielleicht ärgern sie
-sich, daß es draußen in der Welt auch noch ein ›Regiment Königin von
-Großbritannien und Irland‹ gibt. Das besorgen sie sich lieber selbst
-und nehmen so was, wenn andre damit kommen, wie ne Prätension. Wie
-stehen denn Sie dazu? Sie haben die Beefeaters vielleicht in Ihr Herz
-geschlossen wegen der vielen Dissenter. Ein Kardinal, der freilich auch
-noch Gourmand war, soll mal gesagt haben: ›Schreckliches Volk; hundert
-Sekten und bloß eine Sauce.‹«
-
-»Ja,« lachte Lorenzen, »da bin ich freilich für die ›Beefeaters‹, wie
-Sie sagen, und gegen den Kardinal. Das mit den hundert Sekten laß ich
-auf sich beruhn (mein Geschmack, beiläufig, ist es nicht), aber unter
-allen Umständen bin ich für höchstens eine Sauce. Das ist das einzig
-Richtige, weil Gesunde. Die Dinge müssen in sich etwas sein, und wenn
-das zutrifft, so ist eigentlich jede Sauce, und nun gar erst die Sauce
-im Plural, von vornherein schon gerichtet. Aber lassen wir den Kardinal
-und seine Gewagtheiten und nehmen wir den Gegenstand seiner Abneigung:
-England. Es hat für mich eine Zeit gegeben, wo ich bedingungslos dafür
-schwärmte. Nicht zu verwundern. Hieß es doch damals in dem ganzen
-Kreise, drin ich lebte: ›Ja, wenn wir England nicht mehr lieben sollen,
-was sollen wir dann überhaupt noch lieben?‹ Diese halbe Vergötterung
-hab ich noch ehrlich mit durchgemacht. Aber das ist nun eine hübsche
-Weile her. Sie sind drüben schrecklich runtergekommen, weil der Kult
-vor dem goldenen Kalbe beständig wächst; lauter Jobber und die vornehme
-Welt obenan. Und dabei so heuchlerisch; sie sagen ›Christus‹ und meinen
-Kattun.«
-
-»Is leider so, wenigstens nach dem bißchen, was ich davon weiß. Und
-alles in allem, und neuerdings erst recht, bin ich deshalb immer für
-Rußland gewesen. Wenn ich da so an unsern Kaiser Nikolaus zurückdenke
-und an die Zeit, wo seine Uniform als Geschenk bei uns eintraf und dann
-als Kirchenstück in die Garnisonskirche kam. Natürlich in Potsdam.
-Wir haben zwar die Reliquien abgeschafft, aber wir haben sie doch auf
-unsre Art, und ganz ohne so was geht es nu mal nicht. Mit dem alten
-Fritzen fing es natürlich an. Wir haben seinen Krückstock und den
-Dreimaster und das Taschentuch (na, das hätten sie vielleicht weglassen
-können), und zu den drei Stücken haben wir nu jetzt auch noch die
-Nikolaus-Uniform.«
-
-Lorenzen sah verlegen vor sich hin; etwas dagegen sagen ging nicht, und
-zustimmen noch weniger.
-
-Dubslav aber fuhr fort: »Und dann sind sie da forscher in Petersburg
-und geht alles mehr aus dem Vollen, auch wenn die besten Steine
-mitunter schon rausgebrochen sind. So was kommt vor; is eben noch ein
-Naturvolk. Ich kann das ›Schenken‹ eigentlich nicht leiden, es hat
-so was von Bestechung und sieht aus wie'n Trinkgeld. Und Trinkgeld
-ist noch schlimmer als Bestechung und paßt mir eigentlich ganz und
-gar nicht. Aber es hat doch auch wieder was Angenehmes, solche
-Tabatiere. Wenn es einem gut geht, ist es ein Familienstück, und wenn
-es einem schlecht geht, ist es ne letzte Zuflucht. Natürlich, ein ganz
-reinliches Gefühl hat man nicht dabei.«
-
- * * * * *
-
-Lorenzen blieb eine volle Stunde. Der Alte war immer froh, wenn sich
-ihm Gelegenheit bot, sich mal ausplaudern zu können, und heute standen
-ja die denkbar besten Themata zur Verfügung: Woldemar, England, Kaiser
-Nikolaus und dazwischen Tante Adelheid, über die zwar immer nur kurze
-Worte fielen, aber doch so, daß sie, weil spöttisch, die gute Laune des
-Alten wesentlich steigerten.
-
-Und in dieser guten Laune war er auch noch, als er um die fünfte Stunde
-seinen Eichenstock und seinen eingeknautschten Filzhut vom Riegel nahm,
-um am See hin, in der Richtung auf Globsow zu, seinen gewöhnlichen
-Spaziergang zu machen. Unmittelbar am Südufer, da wo die Wand steil
-abfiel, befand sich eine von Buchenzweigen überdachte Steinbank.
-Das war sein Lieblingsplatz. Die Sonne stand schon unterm Horizont,
-und nur das Abendrot glühte noch durch die Bäume. Da saß er nun und
-überdachte sein Leben, Altes und Neues, seine Kindheits- und seine
-Leutnantstage, die Tage kurz vor seiner Verheiratung, wo das junge,
-blasse Fräulein, das seine Frau werden sollte, noch Lieblingshofdame
-bei der alten Prinzeß Karl war. All das zog jetzt wieder an ihm
-vorüber, und dazwischen seine Schwester Adelheid, in jenen Tagen noch
-leidlich gut bei Weg, aber auch schon hart und herbe wie heute, so daß
-sie den reizenden Kerl, den Baron Krech, bloß weil er über ein schon
-halbabgestorbenes ›Verhältnis‹ und eine freilich noch fortlebende
-Spielschuld verfügte, durch ihre Tugend weggegrault hatte. Das waren
-die alten Geschichten. Und dann wurde Woldemar geboren, und die junge
-Frau starb, und der Junge wuchs heran und lernte bei Lorenzen all das
-dumme Zeug, das Neue (dran vielleicht doch was war), und nun fuhr er
-nach England rüber und war vielleicht schon in Köln und in ein paar
-Stunden in Ostende.
-
-Dabei sah er vor sich hin und malte mit seinem Stock Figuren in den
-Sand. Der Wald war ganz still; auf dem See schwanden die letzten roten
-Lichter, und aus einiger Entfernung klangen Schläge herüber, wie wenn
-Leute Holz fällen. Er hörte mit halbem Ohr hin und sah eben auf die von
-Globsow her heraufführende schmale Straße, als er einer alten Frau von
-wohl siebzig gewahr wurde, die, mit einer mit Reisig bepackten Kiepe,
-den leis ansteigenden Weg heraufkam, etliche Schritte vor ihr ein Kind
-mit ein paar Enzianstauden in der Hand. Das Kind, ein Mädchen, mochte
-zehn Jahr sein, und das Licht fiel so, daß das blonde wirre Haar wie
-leuchtend um des Kindes Kopf stand. Als die Kleine bis fast an die
-Bank heran war, blieb sie stehn und erwartete da das Näherkommen der
-alten Frau. Diese, die wohl sah, daß das Kind in Furcht oder doch in
-Verlegenheit war, sagte: »Geih man vorupp, Agnes; he deiht di nix.«
-
-Das Kind, sich bezwingend, ging nun auch wirklich, und während es an
-der Bank vorüberkam, sah es den alten Herrn mit großen, klugen Augen an.
-
-Inzwischen war auch die Alte herangekommen.
-
-»Na, Buschen,« sagte Dubslav, »habt Ihr denn auch bloß Bruchholz in
-Eurer Kiepe? Sonst packt Euch der Förster.«
-
-Die Alte griente. »Jott, jnädiger Herr, wenn Se doabi sinn, denn wird
-he joa woll nich.«
-
-»Na, ich denk auch; is immer nich so schlimm. Und wer is denn das Kind
-da?«
-
-»Dat is joa Karlinens.«
-
-»So, so, Karlinens. Is sie denn noch in Berlin? Und wird er sie denn
-heiraten? Ich meine den Rentsch in Globsow.«
-
-»Ne, he will joa nich.«
-
-»Is aber doch von ihm?«
-
-»Joa, se seggt so. Awers he seggt, he wihr et nich.«
-
-Der alte Dubslav lachte. »Na, hört, Buschen, ich kann's ihm eigentlich
-nich verdenken. Der Rentsch is ja doch ein ganz schwarzer Kerl. Un nu
-seht Euch mal das Kind an.«
-
-»Dat hebb ick ehr ook all seggt. Und Karline weet et ook nich so recht
-un lacht man ümmer. Un se brukt em ook nich.«
-
-»Geht es ihr denn so gut?«
-
-»Joa; man kann et binah seggen. Se plätt't ümmer. Alle so'ne plätten
-ümmer. Ick wihr oak dissen Summer mit Agnessen (se heet Agnes) in
-Berlin, un doa wihr'n wi joa tosamen in'n Zirkus. Ud Karline wihr ganz
-fidel.«
-
-»Na, das freut mich. Und Agnes, sagt Ihr, heißt sie. Is ein hübsches
-Kind.«
-
-»Joa, det is se. Un is ook en gaudes Kind; se weent gliks un is immer
-so patschlich mit ehre lütten Hänn'. Sünne sinn immer so.«
-
-»Ja, das is richtig. Aber Ihr müßt aufpassen, sonst habt Ihr nen
-Urenkel, Ihr wißt nicht wie. Na, gu'n Abend, Buschen.«
-
-»'n Abend, jnädger Herr.«
-
-
-
-
-Vierundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Der Baron Berchtesgadensche Wagen fuhr am Kronprinzenufer vor, und
-die Baronin, als sie gehört hatte, daß die Herrschaften oben zu Hause
-seien, stieg langsam die Treppe hinauf, denn sie war nicht gut zu Fuß
-und ein wenig asthmatisch. Armgard und Melusine begrüßten sie mit
-großer Freude. »Wie gut, wie hübsch, Baronin,« sagte Melusine, »daß wir
-Sie sehn. Und wir erwarten auch noch Besuch. Wenigstens ich. Ich habe
-solch Kribbeln in meinem kleinen Finger, und dann kommt immer wer.
-Wrschowitz gewiß (denn er war drei Tage lang nicht hier) und vielleicht
-auch Professor Cujacius. Und wenn nicht der, so Doktor Pusch, den Sie
-noch nicht kennen, trotzdem Sie ihn eigentlich kennen müßten, -- noch
-alte Bekanntschaft aus Londoner Tagen her. Möglicherweise kommt auch
-Frommel. Aber vor allem, Baronin, was bringen Sie für Wetter mit? Lizzi
-sagte mir eben, es neble so stark, man könne die Hand vor Augen nicht
-sehn.«
-
-»Lizzi hat Ihnen ganz recht berichtet, der richtige ~London fog~, wobei
-mir natürlich Ihr Freund Stechlin einfällt. Aber über den sprechen wir
-nachher. Jetzt sind wir noch beim Nebel. Es war draußen wirklich so,
-daß ich immer dachte, wir würden zusammenfahren; und am Brandenburger
-Tor, mit den großen Kandelabern dazwischen, sah es beinah aus wie ein
-Bild von Skarbina. Kennen Sie Skarbina?«
-
-»Gewiß,« sagte Melusine, »den kenn ich sehr gut. Aber allerdings
-erst von der letzten Ausstellung her. Und was, außer den Gaslaternen
-im Nebel, mir so eigentlich von ihm vorschwebt, das ist ein kleines
-Bild: langer Hotelkorridor, Tür an Tür, und vor einer der vielen Türen
-ein paar Damenstiefelchen. Reizend. Aber die Hauptsache war doch die
-Beleuchtung. Von irgendwoher fiel ein Licht ein und vergoldete das
-Ganze, den Flur und die Stiefelchen.«
-
-»Richtig,« sagte die Baronin. »Das war von ihm. Und gerade das hat
-Ihnen so sehr gefallen?«
-
-»Ja. Was auch natürlich ist. In meinen italienischen Tagen -- wenn ich
-von ›italienischen Tagen‹ spreche, so meine ich übrigens nie meine
-Verheiratungstage; während meiner Verheiratungstage hab ich Gott sei
-Dank so gut wie gar nichts gesehn, kaum meinen Mann, aber freilich
-immer noch zu viel --, also während meiner italienischen Tage hab ich
-vor so vielen Himmelfahrten gestanden, daß ich jetzt für Stiefeletten
-im Sonnenschein bin.«
-
-»Ganz mein Fall, liebe Melusine. Freilich bin ich jetzt nebenher auch
-noch fürs Japanische: Wasser und drei Binsen und ein Storch daneben.
-In meinen Jahren darf ich ja von Storch sprechen. Früher hätt ich
-vielleicht Kranich gesagt.«
-
-»Nein, Baronin, das glaub ich Ihnen nicht. Sie waren immer für das, was
-sie jetzt Realismus nennen, was meistens mehr Ton und Farbe hat, und
-dazu gehört auch der Storch. Deshalb lieb ich Sie ja gerade so sehr.
-Ach, daß doch das Natürliche wieder obenauf käme.«
-
-»Kommt, liebe Melusine.«
-
- * * * * *
-
-Melusinens kribbelnder kleiner Finger behielt recht. Es kam wirklich
-Besuch, erst Wrschowitz, dann aber -- statt der drei, die sie noch
-nebenher gemutmaßt hatte -- nur Czako.
-
-Der Empfang des einen wie des andern der beiden Herren hatte vorn im
-Damenzimmer stattgefunden, ohne Gegenwart des alten Grafen. Dieser
-erschien erst, als man zum Tee ging; er hieß seine Gäste herzlich
-willkommen, weil er jederzeit das Bedürfnis hatte, von dem, was
-draußen in der Welt vorging, etwas zu hören. Dafür sorgte denn auch
-jeder auf seine Weise: die Baronin durch Mitteilungen aus der oberen
-Gesellschaftssphäre, Czako durch Avancements und Demissionen und
-Wrschowitz durch »Krittikk.« Alles, was zur Sprache kam, hatte für den
-alten Grafen so ziemlich den gleichen Wert, aber das Liebste waren ihm
-doch die Hofnachrichten, die die Baronin mit glücklicher Ungeniertheit
-zum besten gab. Wendungen wie »ich darf mich wohl Ihrer Diskretion
-versichert halten« waren ihr gänzlich fremd. Sie hatte nicht bloß ganz
-allgemein den Mut ihrer Meinung, sondern diesen Mut auch in betreff
-ihrer jedesmaligen Spezialgeschichte, von der man in der Regel freilich
-sagen durfte, daß sie desselben auch dringend bedürftig war.
-
-»Sagen Sie, liebe Freundin,« begann der alte Graf, »was wird das jetzt
-so eigentlich mit den Briefen bei Hofe?«
-
-»Mit den Briefen? O, das wird immer schöner.«
-
-»Immer schöner?«
-
-»Nun, immer schöner,« lachte hier die Baronin, »ist vielleicht nicht
-gerade das rechte Wort. Aber es wird immer geheimnisvoller. Und das
-Geheimnisvolle hat nun mal das, worauf es ankommt, will sagen den
-Charme. Schon die beliebte Wendung ›rätselhafte Frau‹ spricht dafür;
-eine Frau, die nicht rätselhaft ist, ist eigentlich gar keine, womit
-ich mir persönlich freilich eine Art Todesurteil ausspreche. Denn ich
-bin alles, nur kein Rätsel. Aber am Ende, man ist, wie man ist, und
-so muß ich dies Manko zu verwinden suchen ... Es heißt immer, ›üble
-Nachrede, drin man sich mehr oder weniger mit Vorliebe gefalle, sei
-was Sündhaftes‹. Aber was heißt hier ›üble Nachrede‹? Vielleicht ist
-das, was uns so bruchstückweise zu Gehör kommt, nur ein schwaches
-Echo vom Eigentlichen und bedeutet eher ein Zuwenig als ein Zuviel.
-Im übrigen, wie's damit auch sei, mein Sinn ist nun mal auf das
-Sensationelle gerichtet. Unser Leben verläuft, offen gestanden, etwas
-durchschnittsmäßig, also langweilig, und weil dem so ist, setz ich
-getrost hinzu: ›Gott sei Dank, daß es Skandale gibt.‹ Freilich für
-Armgard ist so was nicht gesagt. Die darf es nicht hören.«
-
-»Sie hört es aber doch,« lachte die Komtesse, »und denkt dabei: was es
-doch für sonderbare Neigungen und Glücke gibt. Ich habe für dergleichen
-kein Organ. Unsre teure Baronin findet unser Leben langweilig und
-solche Chronik interessant. Ich, umgekehrt, finde solche Chronik
-langweilig und unser alltägliches Leben interessant. Wenn ich den
-Rudolf unsers Portier Hartwig unten mit seinem ~hoop~ und seinen dünnen
-langen Berliner Beinen über die Straße laufen sehe, so find ich das
-interessanter als diese sogenannte Pikanterie.«
-
-Melusine stand auf und gab Armgard einen Kuß. »Du bist doch deiner
-Schwester Schwester, oder mein Erziehungsprodukt, und zum erstenmal in
-meinem Leben muß ich meine teure Baronin ganz im Stiche lassen. Es ist
-nichts mit diesem Klatsch; es kommt nichts dabei heraus.«
-
-»Ach, liebe Melusine, das ist durchaus nicht richtig. Es kommt
-umgekehrt sehr viel dabei heraus. Ihr Barbys seid alle so schrecklich
-diskret und ideal, aber ich für mein Teil, ich bin anders und nehme
-die Welt, wie sie ist; ein Bier und ein Schnaderhüpfl und mal ein
-Haberfeldtreiben, damit kommt man am weitesten. Was wir da jetzt hier
-erleben, das ist auch solch Haberfeldtreiben, ein Stück Feme.«
-
-»Nur keine heilige.«
-
-»Nein,« sagte die Baronin, »keine heilige. Die Feme war aber auch
-nicht immer heilig. Habe mir da neulich erst den Götz wieder angesehn,
-bloß wegen dieser Szene. Die Poppe beiläufig vorzüglich. Und der
-schwarze Mann von der Feme soll im Urtext noch viel schlimmer gewesen
-sein, so daß man es (Goethe war damals noch sehr jung) eigentlich
-kaum lesen kann. Ich würde mir's aber doch getrauen. Und nun wend ich
-mich an unsre Herren, die dies diffizile Kampffeld, ich weiß nicht
-ritterlicher- oder unritterlicherweise, mir ganz allein überlassen
-haben. Doktor Wrschowitz, wie denken Sie darüber?«
-
-»Ich denke darüber ganz wie gnädige Frau. Was wir da lesen wie
-Runenschrift ... nein, +nicht+ wie Runenschrift ... (Wrschowitz
-unterbrach sich hier mißmutig über sein eignes Hineingeraten ins
-Skandinavische) -- was wir da lesen in Briefen vom Hofe, das ist
-Krittikk. Und weil es Krittikk ist, ist es gutt. Mag es auch sein
-Mißbrauch von Krittikk. Alles hat Mißbrauch. Gerechtigkeit hat
-Mißbrauch, Kirche hat Mißbrauch, Krittikk hat Mißbrauch. Aber trotzdem.
-Auf die Feme kommt es an, und das große Messer muß wieder stecken im
-Baum.«
-
-»Brrr,« sagte Czako, was ihm einen ernsten Augenaufschlag von
-Wrschowitz eintrug. --
-
-Als man sich nach einer halben Stunde von Tisch erhoben hatte,
-wechselte man den Raum und begab sich in das Damenzimmer zurück, weil
-der alte Graf etwas Musik hören und sich von Armgards Fortschritten
-überzeugen wollte. »Doktor Wrschowitz hat vielleicht die Güte, dich zu
-begleiten.«
-
-So folgte denn ein Quatremains, und als man damit aufhörte, nahm der
-alte Barby Veranlassung, seiner Vorliebe für solch vierhändiges Spiel
-Ausdruck zu geben, was Wrschowitz, dessen Künstlerüberheblichkeit keine
-Grenzen kannte, zu der ruhig lächelnden Gegenbemerkung veranlaßte,
-daß man dieser Auffassung bei Dilettanten sehr häufig begegne.
-Der alte Graf, wenig befriedigt von dieser »Krittikk«, war doch
-andrerseits viel zu vertraut mit Künstlerallüren im allgemeinen und
-mit den Wrschowitzschen im besonderen, um sich ernstlich über solche
-Worte zu verwundern. Er begnügte sich vielmehr mit einer gemessenen
-Verbeugung gegen den Musikdoktor und zog, auf einer nebenstehenden
-Causeuse Platz nehmend, die gute Frau von Berchtesgaden ins Gespräch,
-von der er wußte, daß ihre Munterkeiten nie den Charakter »goldener
-Rücksichtslosigkeiten« annahmen.
-
-Wrschowitz seinerseits war an dem aufgeklappten Flügel stehen
-geblieben, ohne jede Spur von Verlegenheit, so daß ein Sichkümmern um
-ihn eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Trotzdem hielt es Czako für
-angezeigt, sich seiner anzunehmen und dabei die herkömmliche Frage zu
-tun, »ob er, der Herr Doktor Wrschowitz, sich schon in Berlin eingelebt
-habe«.
-
-»Hab ich,« sagte Wrschowitz kurz.
-
-»Und beklagen es nicht, Ihr Zelt unter uns aufgeschlagen zu haben?«
-
-»~Au contraire.~ Berlin eine schöne Stadt, eine serr gutte Stadt. Eine
-serr gutte Stadt ~pour moi en particulier et pour les étrangers en
-général~. Eine serr gutte Stadt, weil es hat Musikk und weil es hat
-Krittikk.«
-
-»Ich bin beglückt, Doktor Wrschowitz, speziell aus Ihrem Munde so viel
-Gutes über unsre Stadt zu hören. Im allgemeinen ist die slawische,
-besonders die tschechische Welt ...«
-
-»O, die tschechische Welt. ~Vanitas vanitatum.~«
-
-»Es ist sehr selten, in nationalen Fragen einem so freien Drüberstehn
-zu begegnen ... Aber wenn es Ihnen recht ist, Doktor Wrschowitz, wir
-stehen hier wie zwei Schildhalter neben diesem aufgeklappten Klavier,
--- vielleicht daß wir uns setzen könnten. Gräfin Melusine lugt ohnehin
-schon nach uns aus.« Und als Wrschowitz seine Zustimmung zu diesem
-Vorschlage Czakos ausgedrückt hatte, schritten beide Herren vom Klavier
-her auf den Kamin zu, vor dem sich die Gräfin auf einem Fauteuil
-niedergelassen hatte. Neben ihr stand ein Marmortischchen, drauf sie
-den linken Arm stützte.
-
-»Nun endlich, Herr von Czako. Vor allem aber rücken Sie Stühle heran.
-Ich sah die beiden Herren in einem anscheinend intimen Gespräche. Wenn
-es sich um etwas handelte, dran ich teilnehmen darf, so gönnen Sie mir
-diesen Vorzug. Papa hat sich, wie Sie sehn, mit der Baronin engagiert,
-ich denke mir über berechtigte bajuvarische Eigentümlichkeiten, und
-Armgard denkt über ihr Spiel nach und all die falschen Griffe. Was
-müssen Sie gelitten haben, Wrschowitz. Und nun noch einmal, Hauptmann
-Czako, worüber plauderten Sie?«
-
-»Berlin.«
-
-»Ein unerschöpfliches Thema für die Medisance.«
-
-»Worauf Doktor Wrschowitz zu meinem Staunen verzichtete. Denken Sie
-sich, gnädigste Gräfin, er schien alles loben zu wollen. Allerdings
-waren wir erst bei Musik und Kritik. Über die Menschen noch kein Wort.«
-
-»O, Wrschowitz, das müssen Sie nachholen. Ein Fremder sieht mehr
-als ein Einheimischer. Also frei weg und ohne Scheu. Wie sind die
-Vornehmen? Wie sind die kleinen Leute?«
-
-Wrschowitz wiegte den Kopf hin und her, als ob er überlege, wie weit
-er in seiner Antwort gehen könne. Dann mit einem Male schien er einen
-Entschluß gefaßt zu haben und sagte: »Oberklasse gutt, Unterklasse serr
-gutt; Mittelklasse +nicht+ serr gutt.«
-
-»Kann ich zustimmen,« lachte Melusine. »Fehlen nur noch ein paar
-Details. Wie wär es damit?«
-
-»Mittelklassberliner findet gutt, was +er+ sagt, aber findet +nicht+
-gutt, was sagt ein andrer.«
-
-Czako, trotzdem er sich getroffen fühlte, nickte.
-
-»Mittelklassberliner, wenn spricht andrer, fällt in Krampf. In
-versteckten Krampf oder auch in nicht versteckten Krampf. In
-verstecktem Krampf ist er ein Bild des Jammers, in nicht verstecktem
-Krampf ist er ein Affront.«
-
-»Brav, Wrschowitz. Aber mehr. Ich bitte.«
-
-»Berliner immer an der Tete. So wenigstens glaubt er. Berliner immer
-Held. Berliner weiß alles, findet alles, entdeckt alles. Erst Borsig,
-dann Stephenson, erst Rudolf Hertzog, dann Herzog Rudolf, erst
-Pfefferküchler Hildebrand, dann Papst Hildebrand.«
-
-»Nicht geschmeichelt, aber ähnlich. Und nun, Wrschowitz, noch eins,
-dann sind Sie wieder frei ... Wie sind die Damen?«
-
-»Ach, gnädigste Gräfin ...«
-
-»Nichts, nichts. Die Damen.«
-
-»Die Damen. O, die Damen serr gutt. Aber nicht speziffisch. Speziffisch
-in Berlin bloß die Madamm.«
-
-»Da bin ich aber doch neugierig.«
-
-»Speziffisch bloß die Madamm. Ich war, gnädigste Gräfin, in Pettersburg
-und ich war in Moscou. Und war in Budapest. Und war auch in Saloniki.
-Ah, Saloniki! Schöne Damen von Helikon und schöne Damen von Libanon,
-hoch und schlank wie die Zeder. Aber keine Madamm. Madamm nirgendwo;
-Madamm bloß in Berlin.«
-
-»Aber Wrschowitz, es müssen doch schließlich Ähnlichkeiten da sein.
-Eine Madamm ist doch immerhin auch eine Dame, wenigstens eine Art Dame.
-Schon das Wort spricht es aus.«
-
-»Nein, gnäddigste Gräfin; ~rien du tout~ Dame! Dame denkt an Galan,
-Dame denkt an Putz; oder vielleicht auch an ~Divorçons~. Aber Madamm
-denkt bloß an Rieke draußen und mitunter auch an Paul. Und wenn sie zu
-Paul spricht, der ihr Jüngster ist, so sagt sie: ›Jott, dein Vater.‹
-Oh, die Madamm! Einige sagen, sie stürbe aus, andre sagen, sie stürbe
-nie.«
-
-»Wrschowitz,« sagte Melusine, »wie schade, daß die Baronin und Papa
-nicht zugehört haben und daß unser Freund Stechlin, der solche Themata
-liebt, nicht hier ist. Übrigens hatten wir heut ein Telegramm von ihm.
-Haben Sie vielleicht auch Nachricht, Herr Hauptmann?«
-
-»Heute, gnädigste Gräfin. Und auch ein Telegramm. Ich hab es
-mitgebracht, weil ich an die Möglichkeit dachte ...«
-
-»Bitte, lesen.«
-
-Und Czako las: »London, Charing Croß-Hotel. Alles über Erwarten groß.
-Sieben unvergeßliche Tage. Richmond schön. Windsor schöner. Und die
-Nelsonsäule vor mir. Ihr v. St.«
-
-Melusine lachte. »Das hat er uns auch telegraphiert.«
-
-»Ich fand es wenig,« stotterte Czako verlegen, »und als Doublette find
-ich es noch weniger. Und ein Mann wie Stechlin, ein Mann in Mission!
-Und jetzt sogar unter den Augen Ihrer Majestät von Großbritannien und
-Indien.«
-
-Alles stimmte dem, »daß es wenig sei«, zu. Nur der alte Graf wollte
-davon nichts wissen.
-
-»Was verlangt ihr? Es ist umgekehrt ein sehr gutes Telegramm, weil
-ein richtiges Telegramm; Richmond, Windsor, Nelsonsäule. Soll er etwa
-telegraphieren, daß er sich sehnt, uns wiederzusehn? Und das wird er
-nicht einmal können, so riesig verwöhnt er jetzt ist. Ihr werdet euch
-alle sehr zusammennehmen müssen. Auch du, Melusine.«
-
-»Natürlich, ich am meisten.«
-
-
-
-
-Verlobung
-
-Weihnachtsreise nach Stechlin
-
-
-
-
-Fünfundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Drei Tage später war Woldemar zurück und meldete sich für den
-nächsten Abend am Kronprinzenufer an. Er traf nur die beiden Damen,
-die, Melusine voran, kein Hehl aus ihrer Freude machten. »Papa läßt
-Ihnen sein Bedauern aussprechen, Sie nicht gleich heute mitbegrüßen
-zu können. Er ist bei den Berchtesgadens zur Spielpartie, bei der er
-natürlich nicht fehlen durfte. Das ist ›Dienst‹, weit strenger als der
-Ihrige. Wir haben Sie nun ganz allein, und das ist auch etwas Gutes. An
-Besuch ist kaum zu denken; Rex war erst gestern auf eine kurze Visite
-hier, etwas steif und formell wie gewöhnlich, und mit Ihrem Freunde
-Czako haben wir letzten Sonnabend eine Stunde verplaudern können.
-Wrschowitz war an demselben Abend auch da; beide treffen sich jetzt
-öfter und vertragen sich besser, als ich bei Beginn der Bekanntschaft
-dachte. Wer also sollte noch kommen? ... Und nun setzen Sie sich, um
-Ihr Reisefüllhorn über uns auszuschütten; -- die Füllhörner, die jetzt
-Mode sind, sind meist Bonbontüten, und genau so was erwart ich auch
-von Ihnen. Sie sollten mir in einem Briefe von den Engländerinnen
-schreiben. Aber wer darüber nicht schrieb, das waren Sie, wenn wir uns
-auch entschließen wollen, Ihr Telegramm für voll anzusehn.« Und dabei
-lachte Melusine. »Vielleicht haben Sie uns in unsrer Eitelkeit nicht
-kränken wollen. Aber offen Spiel ist immer das beste. Wovon Sie nicht
-geschrieben, davon müssen Sie jetzt sprechen. Wie war es drüben? Ich
-meine mit der Schönheit.«
-
-»Ich habe nichts einzelnes gesehn, was mich frappiert oder gar
-hingerissen hätte.«
-
-»Nichts einzelnes. Soll das heißen, daß Sie dafür das Ganze beinah
-bewundert haben, will also sagen, die weibliche Totalität?«
-
-»Fast könnt ich dem zustimmen. Ich erinnere mich, daß mir vor Jahr und
-Tag schon ein Freund einmal sagte, ›in der ganzen Welt fände man, Gott
-sei Dank, schöne Frauen, aber nur in England seien die Frauen überhaupt
-schön‹.«
-
-»Und das haben Sie geglaubt?«
-
-»Es liegt eigentlich schlimmer, gnädigste Gräfin. Ich hab es nicht
-geglaubt; aber ich hab es, meinem Nichtglauben zum Trotz, nachträglich
-bestätigt gefunden.«
-
-»Und Sie schaudern nicht vor solcher Übertreibung?«
-
-»Ich kann es nicht, so sehr ich gerade hier eine Verpflichtung dazu
-fühle ...«
-
-»Keine Bestechungen.«
-
-»Ich soll schaudern vor einer Übertreibung,« fuhr Woldemar fort. »Aber
-Sie werden mir, Frau Gräfin, dies Schaudern vielleicht erlassen, wenn
-ich Erklärungen abgegeben haben werde. Der Englandschwärmer, den
-ich da vorhin zitierte, war ein Freund von zugespitzten Sätzen, und
-zugespitzte Sätze darf man nie wörtlich nehmen. Und am wenigsten auf
-diesem diffizilen Gebiete. Nirgends in der Welt blühen Schönheiten wie
-die gelben Butterblumen übers Feld hin; wirkliche Schönheiten sind
-schließlich immer Seltenheiten. Wären sie nicht selten, so wären sie
-nicht schön, oder wir fänden es nicht, weil wir einen andern Maßstab
-hätten. All das steht fest. Aber es gibt doch Durchschnittsvorzüge,
-die den Typus des Ganzen bestimmen, und diesem Maße nicht
-geradezu frappierender, aber doch immerhin noch sehr gefälliger
-Durchschnittsschönheit, dem bin ich drüben begegnet.«
-
-»Ich laß es mit dieser Einschränkung gelten, und Sie werden in Papa,
-mit dem wir oft darüber streiten, einen Anwalt für Ihre Meinung finden.
-Durchschnittsvorzüge. Zugegeben. Aber was sich darin ausspricht, das
-beinah Unpersönliche, das Typische ...«
-
-Melusine schrak in diesem Augenblick leise zusammen, weil sie draußen
-die Klingel gehört zu haben glaubte. Wirklich, Jeserich trat ein
-und meldete: Professor Cujacius. »Um Gottes willen,« entfuhr es der
-Gräfin, und die kleine Pause benutzend, die ihr noch blieb, flüsterte
-sie Woldemar zu: »Cujacius ... Malerprofessor. Er wird über Kunst
-sprechen; bitte, widersprechen Sie ihm nicht, er gerät dabei so leicht
-in Feuer oder in mehr als das.« Und kaum, daß Melusine soweit gekommen
-war, erschien auch schon Cujacius und schritt unter rascher Verbeugung
-gegen Armgard auf die Gräfin zu, dieser die Hand zu küssen. Sie hatte
-sich inzwischen gesammelt und stellte vor: »Professor Cujacius, ...
-Rittmeister von Stechlin.« Beide verneigten sich gegeneinander,
-Woldemar ruhig, Cujacius mit dem ihm eignen superioren Apostelausdruck,
-der, wenn auch ungewollt, immer was Provozierendes hatte. »Bin,« so
-ließ er sich mit einer gewissen Kondescenz vernehmen, »durch Gräfin
-Melusine ganz auf dem Laufenden. Abordnung, England, Windsor. Ich habe
-Sie beneidet, Herr Rittmeister. Eine so schöne Reise.«
-
-»Ja, das war sie, nur leider zu kurz, so daß ich intimeren Dingen,
-beispielsweise der englischen Kunst, nicht das richtige Maß von
-Aufmerksamkeit widmen konnte.«
-
-»Worüber Sie sich getrösten dürfen. Was ich persönlich an solcher
-Reise jedem beneiden möchte, das sind ausschließlich die großen
-Gesamteindrücke, der Hof und die Lords, die die Geschichte des Landes
-bedeuten.«
-
-»All das war auch mir die Hauptsache, mußt es sein. Aber ich hätte mich
-dem ohnerachtet auch gern um Künstlerisches gekümmert, speziell um
-Malerisches. So zum Beispiel um die Schule der Präraffaeliten.«
-
-»Ein überwundener Standpunkt. Einige waren da, deren Auftreten auch von
-uns (ich spreche von den Künstlern meiner Richtung) mit Aufmerksamkeit
-und selbst mit Achtung verfolgt wurde. So beispielsweise Millais ...«
-
-»Ah, +der+. Sehr wahr. Ich erinnere mich seines bedeutendsten Bildes,
-das leider nach Amerika hin verkauft wurde. Wenn ich nicht irre, zu
-einem enormen Preise.«
-
-Cujacius nickte. »Mutmaßlich das vielgefeierte ›Angelusbild‹, was
-Ihnen vorschwebt, Herr Rittmeister, eine von Händlern heraufgepuffte
-Marktware, für die Sie glücklicherweise den englischen Millais, will
-also sagen den ›+ais+‹-Millais, nicht verantwortlich machen dürfen.
-+Der+ Millet, der für eine, wie Sie schon bemerkten, lächerlich
-hohe Summe nach Amerika hin verkauft wurde, war ein ›+et+‹-Millet,
-Vollblutpariser oder wenigstens Franzose.«
-
-Woldemar geriet über diese Verwechslung in eine kleine Verlegenheit,
-die Damen mit ihm, alles sehr zur Erbauung des Professors, dessen rasch
-wachsendes Überlegenheitsgefühl unter dem Eindruck dieses Fauxpas immer
-neue Blüten übermütiger Laune trieb. »Im übrigen sei mir's verziehen,«
-fuhr er, immer leuchtender werdend, fort, »wenn ich mein Urteil über
-beide kurz dahin zusammenfasse: ›sie sind einander wert,‹ und die
-zwei großen westlichen Kulturvölker mögen sich darüber streiten, wer
-von ihnen am meisten genasführt wurde. Der französische Millet ist
-eine Null, ein Zwerg, neben dem der englische vergleichsweise zum
-Riesen anwächst, wohlverstanden vergleichsweise. Trotzdem, wie mir
-gestattet sein mag zu wiederholen, war er zu Beginn seiner Laufbahn
-ein Gegenstand unsrer hiesigen Aufmerksamkeit. Und mit Recht. Denn das
-Präraffaelitentum, als dessen Begründer und Vertreter ich ihn ansehe,
-trug damals einen Zukunftskeim in sich; eine große Revolution schien
-sich anbahnen zu wollen, jene große Revolution, die Rückkehr heißt.
-Oder wenn Sie wollen ›Reaktion‹. Man hat vor solchen Wörtern nicht zu
-erschrecken. Wörter sind Kinderklappern.«
-
-»Und dieser englische Millais, -- den mit dem französischen verwechselt
-zu haben ich aufrichtig bedaure, -- dieser ›+ais+‹-Millais, dieser
-großer Reformer, ist, wenn ich Sie recht verstehe, sich selber untreu
-geworden.«
-
-»Man wird dies sagen dürfen. Er und seine Schule verfielen in
-Excentricitäten. Die Zucht ging verloren, und das straft sich auf
-jedem Gebiet. Was da neuerdings in der Welt zusammengekleckst wird,
-zumal in der schottischen und amerikanischen Schule, die sich jetzt
-auch bei uns breitzumachen sucht, das ist der Überschwang einer an
-sich beachtenswerten Richtung. Der Zug, der unter Mitteldampf gut und
-erfreulich fuhr, unter Doppeldampf (und das reicht noch nicht einmal
-aus) ist er entgleist; er liegt jetzt neben den Schienen und pustet und
-keucht. Und ein Jammer nur, daß seine Heizer nicht mit auf dem Platze
-geblieben sind. Das ist der Fluch der bösen Tat ... ich verzichte
-darauf, in Gegenwart der Damen das Zitat zu Ende zu führen.«
-
-Eine kleine Pause trat ein, bis Woldemar, der einsah, daß irgendwas
-gesagt werden müsse, sich zu der Bemerkung aufraffte: »Von Neueren hab
-ich eigentlich nur Seestücke kennen gelernt; dazu die Phantastika des
-Malers William Turner, leider nur flüchtig. Er hat die ›drei Männer im
-feurigen Ofen‹ gemalt. Stupend. Etwas Großartiges schien mir aus seinen
-Schöpfungen zu sprechen, wenigstens in allem, was das Kolorit angeht.«
-
-»Eine gewisse Großartigkeit,« nahm Cujacius mit lächelnd überlegener
-Miene wieder das Wort, »ist ihm nicht abzusprechen. Aber aller Wahnsinn
-wächst sich leicht ins Großartige hinein und düpiert dann regelmäßig
-die Menge. ~Mundus vult decipi~. Allem vorauf in England. Es gibt
-nur ein Heil: Umkehr, Rückkehr zur keuschen Linie. Die Koloristen
-sind das Unglück in der Kunst. Einige wenige waren hervorragend, aber
-nicht ~parceque~, sondern ~quoique~. Noch heute wird es mir obliegen,
-in unserm Verein über eben dieses Thema zu sprechen. Gewiß unter
-Widerspruch, vielleicht auch unter Lärm und Gepolter; denn mit den
-richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der
-Gesellschaft verloren gegangen. Aber viel Feind, viel Ehr, und jede
-Stelle verlangt heutzutage ihren Mann von Worms, ihren Luther. ›Hier
-stehe ich.‹ Am elendesten aber sind die paktierenwollenden Halben.
-Zwischen schön und häßlich ist nicht zu paktieren.«
-
-»Und schön und häßlich,« unterbrach hier Melusine (froh, überhaupt
-unterbrechen zu können), »war auch die große Frage, die wir, als wir
-Sie begrüßen durften, eben unter Diskussion stellten. Herr von Stechlin
-sollte beichten über die Schönheit der Engländerinnen. Und nun frag
-ich +Sie+, Herr Professor, finden auch Sie sie so schön, wie einem
-hierlandes immer versichert wird?«
-
-»Ich spreche nicht gern über Engländerinnen,« fuhr Cujacius fort.
-»Etwas von Idiosynkrasie beherrscht mich da. Diese Töchter Albions,
-sie singen so viel und musizieren so viel und malen so viel. Und haben
-eigentlich kein Talent.«
-
-»Vielleicht. Aber davon dürfen Sie jetzt nicht sprechen. Bloß das eine:
-schön oder nicht schön?«
-
-»Schön? Nun denn ›nein‹. Alles wirkt wie tot. Und was wie tot
-wirkt, wenn es nicht der Tod selbst ist, ist nicht schön. Im
-übrigen, ich sehe, daß ich nur noch zehn Minuten habe. Wie gerne
-wär ich an einer Stelle geblieben, wo man so vielem Verständnis und
-Entgegenkommen begegnet. Herr von Stechlin, ich erlaube mir, Ihnen
-morgen eine Radierung nach einem Bilde des richtigen englischen
-Millais zu schicken. Dragonerkaserne, Hallesches Tor, -- ich weiß.
-Übermorgen laß ich die Mappe wieder abholen. Name des Bildes: ›Sir
-Isumbras.‹ Merkwürdige Schöpfung. Schade, daß er, der Vater des
-Präraffaelitentums, dabei nicht aushielt. Aber nicht zu verwundern.
-Nichts hält jetzt aus, und mit nächstem werden wir die Berühmtheiten
-nach Tagen zählen. Tizian entzückte noch mit hundert Jahren; wer jetzt
-fünf Jahre gemalt hat, ist altes Eisen. Gnädigste Gräfin, Komtesse
-Armgard ... Darf ich bitten, mich meinem Gönner, Ihrem Herrn Vater, dem
-Grafen, angelegentlichst empfehlen zu wollen.«
-
- * * * * *
-
-Woldemar, die Honneurs des Hauses machend, was er bei seiner intimen
-Stellung durfte, hatte den Professor bis auf den Korridor geleitet
-und ihm hier den Künstlermantel umgegeben, den er, in unverändertem
-Schnitt, seit seinen Romtagen trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein
-Kalabreser von Seidenfilz.
-
-»Er ist doch auf seine Weise nicht übel,« sagte Woldemar, als er bei
-den Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewußtsein, dran er
-wohl leidet, darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt,
-daß die Tatsachen es einigermaßen rechtfertigen.«
-
-»Ein starkes Selbstbewußtsein ist nie gerechtfertigt,« sagte Armgard,
-»Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also in jedem Jahrhundert
-einer.«
-
-»Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre,« lachte Woldemar.
-»Wie steht es eigentlich mit ihm? Ich habe nie von ihm gehört, was aber
-nicht viel besagen will, namentlich nachdem ich Millais und Millet
-glücklich verwechselt habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein
-Mann, den ich eigentlich kennen müßte?«
-
-»Das hängt ganz davon ab,« sagte Melusine, »wie Sie sich einschätzen.
-Haben Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von
-Florenz zu kennen, sondern auch all die Giottinos, die neuerdings
-in Ostelbien von Rittergut zu Rittergut ziehn, um für Kunst und
-Christentum ein übriges zu leisten, so müssen Sie Cujacius freilich
-kennen. Er hat da die große Lieferung; ist übrigens lange nicht der
-Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und
-geschüttelt Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu; nur verdirbt er
-alles durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem
-er beständig von Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder
-sprach. Gerade diese Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste
-gegen sich, was übrigens nicht bloß an ihm, sondern auch an den
-Genossen liegt. Gerade die, die dasselbe Ziel verfolgen, bekämpfen
-sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf christlichem
-Gebiet, auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß um
-christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt
-die, daß er ›in der Tradition stehe‹, was ihm indessen nur Spott und
-Achselzucken einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen -- als ob er mich
-persönlich dafür hätte verantwortlich machen wollen -- fragte mich erst
-neulich voll ironischer Teilnahme: ›Steht denn Ihr Cujacius immer noch
-in der Tradition?‹ Und als ich ihm antwortete: ›Sie spötteln darüber,
-hat er denn aber keine?‹ bemerkte dieser Spezialkollege: ›Gewiß hat er
-eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit fünfundvierzig Jahren
-malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst-, aber fast auch
-schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen, so daß man
-betreffs seiner beinah sagen kann: Es predigt sein Christus allerorten,
-ist aber drum nicht schöner geworden.‹«
-
-»Melusine, du darfst so nicht weitersprechen,« unterbrach hier Armgard.
-»Sie wissen übrigens, Herr von Stechlin, wie's hier steht, und daß ich
-meine ältere Schwester, die mich erzogen hat (hoffentlich gut), jetzt
-nachträglich mitunter meinerseits erziehen muß.« Dabei reichte sie
-Melusine die Hand. »Eben erst ist er fort, der arme Professor, und
-jetzt schon so schlechte Nachrede. Welchen Trost soll sich unser Freund
-Stechlin daraus schöpfen? Er wird denken, heute dir, morgen mir.«
-
-»Du sollst in allem recht haben, Armgard, nur nicht in diesem letzten.
-Schließlich weiß doch jeder, was er gilt, ob er geliebt wird oder
-nicht, vorausgesetzt, daß er ein Gentleman und nicht ein Gigerl ist.
-Aber Gentleman. Da hab ich wieder die Einhakeöse für England. Das
-Schönheitskapitel ist erledigt, war ohnehin nur Kaprize. Von all dem
-andern aber, das schließlich doch wichtiger ist, wissen wir noch immer
-so gut wie gar nichts. Wie war es im Tower? Und hab ich recht behalten
-mit Traitors Gate?«
-
-»Nur in einem Punkt, Gräfin, in Ihrem Mißtrauen gegen meine Phantasie.
-Die versagte da total, wenn es nicht doch vielleicht an der Sache
-selbst, also an Traitors Gate, gelegen hat. Denn an einer anderen
-Stelle konnt ich mich meiner Phantasie beinah berühmen und am meisten
-da, wo (wie mir übrigens nur zu begreiflich) auch Sie persönlich mit so
-viel Vorliebe verweilt haben.«
-
-»Und welche Stelle war das?«
-
-»Waltham-Abbey.«
-
-»Waltham-Abbey. Aber davon weiß ich ja gar nichts. Waltham-Abbey kenn
-ich nicht, kaum dem Namen nach.«
-
-»Und doch weiß ich bestimmt, daß mir Ihr Herr Papa gerade am Abend
-vor meiner Abreise sagte: ›das muß Melusine wissen; die weiß ja dort
-überall Bescheid und kennt, glaub ich, Waltham-Abbey besser als Treptow
-oder Stralau.‹«
-
-»So bilden sich Renommees,« lachte Melusine. »Der Papa hat das auf gut
-Glück hin gesagt, hat bloß ein beliebiges Beispiel herausgegriffen. Und
-nun diese Tragweite! Lassen wir das aber und sagen Sie mir lieber: was
-ist Waltham-Abbey? Und wo liegt es?«
-
-»Es liegt ganz in der Nähe von London und ist eine Nachmittagsfahrt,
-etwa wie wenn man das Mausoleum in Charlottenburg besucht oder das in
-der Potsdamer Friedenskirche.«
-
-»Hat es denn etwas von einem Mausoleum?«
-
-»Ja und nein. Der Denkstein fehlt, aber die ganze Kirche kann als ein
-Denkmal gelten.«
-
-»Als ein Denkmal für wen?«
-
-»Für König Harald.«
-
-»Für den, den Editha Schwanenhals auf dem Schlachtfelde von Hastings
-suchte?«
-
-»Für denselben.«
-
-»Ich habe während meiner Londoner Tage das Bild von Horace Vernet
-gesehn, das den Moment darstellt, wo die schöne Col de Cygne zwischen
-den Toten umherirrt. Und ich erinnre mich auch, daß zwei Mönche neben
-ihr herschritten. Aber weiter weiß ich nichts. Und am wenigsten weiß
-ich, was daraus wurde.«
-
-»Was daraus wurde, -- das ist eben der Schlußakt des Dramas. Und dieser
-Schlußakt heißt Waltham-Abbey. Die Mönche, deren Sie sich erinnern und
-die da neben Editha herschritten, das waren Waltham-Abbeymönche, und
-als sie schließlich gefunden hatten, was sie suchten, legten sie den
-König auf dichtes Baumgezweig und trugen ihn den weiten Weg bis nach
-Waltham-Abbey zurück. Und da begruben sie ihn.«
-
-»Und die Stätte, wo sie ihn begruben, die haben Sie besucht?«
-
-»Nein, nicht sein Grab; das existiert nicht. Man weiß nur, daß man
-ihn dort überhaupt begrub. Und als ich da, die Sonne ging eben unter,
-in einem uralten Lindengange stand, zwischen Grabsteinen links und
-rechts, und das Abendläuten von der Kirche her begann, da war es mir,
-als käme wieder der Zug mit den Mönchen den Lindengang herauf, und
-ich sah Editha und sah auch den König, trotzdem ihn die Zweige halb
-verdeckten. Und dabei (wenn auch eigentlich der Papa schuld ist und
-nicht Sie, Gräfin) gedacht ich Ihrer in alter und neuer Dankbarkeit.«
-
-»Und daß Sie mich besiegt haben. Aber das sage nur ich. Sie sagen es
-natürlich nicht, denn Sie sind nicht der Mann, sich eines Sieges zu
-rühmen, noch dazu über eine Frau. Waltham-Abbey kenn ich nun, und an
-Ihre Phantasie glaub ich von heut an, trotzdem Sie mich mit Traitors
-Gate im Stich gelassen. Daß Sie nebenher noch, und zwar Armgard zu
-Ehren, in Martins le Grand waren, dessen bin ich sicher und ebenso, daß
-Sie Papas einzige Forderung erfüllt und der Kapelle Heinrichs ~VII.~
-Ihren Besuch gemacht haben, diesem Wunderwerk der Tudors. Welchen
-Eindruck hatten Sie von der Kapelle?«
-
-»Den denkbar großartigsten. Ich weiß, daß man die herabhängenden
-Trichter, die sie ›Tromben‹ nennen, unschön gefunden hat; aber
-ästhetische Vorschriften existieren für mich nicht. Was auf mich
-wirkt, wirkt. Ich konnte mich nicht satt sehen daran. Trotzdem, das
-Eigentlichste war doch noch wieder ein andres und kam erst, als ich
-da zwischen den Sarkophagen der beiden feindlichen Königinnen stand.
-Ich wüßte nicht, daß etwas je so beweglich und eindringlich zu mir
-gepredigt hätte wie gerade diese Stelle.«
-
-»Und was war es, was Sie da so bewegte?«
-
-»Das Gefühl: ›zwischen diesen beiden Gegensätzen pendelt die
-Weltgeschichte.‹ Zunächst freilich scheinen wir da nur den Gegensatz
-zwischen Katholizismus und Protestantismus zu haben, aber weit
-darüber hinaus (weil nicht an Ort und Zeit gebunden) haben wir
-bei tiefergehender Betrachtung den Gegensatz von Leidenschaft und
-Berechnung, von Schönheit und Klugheit. Und das ist der Grund, warum
-das Interesse daran nicht ausstirbt. Es sind große Typen, diese
-feindlichen Königinnen.«
-
-Beide Schwestern schwiegen. Dann sagte Melusine, der daran lag, wieder
-ins Heitere hinüber zu lenken: »Und nun, Armgard, sage, für welche von
-den beiden Königinnen bist du?«
-
-»Nicht für die eine und nicht für die andre. Nicht einmal für beide.
-Gewiß sind es Typen. Aber es gibt andre, die mir mehr bedeuten, und, um
-es kurz zu sagen, Elisabeth von Thüringen ist mir lieber als Elisabeth
-von England. Andern leben und der Armut das Brot geben -- darin allein
-ruht das Glück. Ich möchte, daß ich mir +das+ erringen könnte. Aber man
-erringt sich nichts. Alles ist Gnade.«
-
-»Du bist ein Kind,« sagte Melusine, während sie sich mühte, ihrer
-Bewegung Herr zu werden. »Du wirst noch Unter den Linden für Geld
-gezeigt werden. Auf der einen Seite die ›Mädchen von Dahomey‹, auf der
-andern du.«
-
-Stechlin ging. Armgard gab ihm das Geleit bis auf den Korridor. Es war
-eine Verlegenheit zwischen beiden, und Woldemar fühlte, daß er etwas
-sagen müsse. »Welche liebenswürdige Schwester Sie haben.«
-
-Armgard errötete. »Sie werden mich eifersüchtig machen.«
-
-»Wirklich, Komtesse?«
-
-»Vielleicht ... Gute Nacht.«
-
- * * * * *
-
-Eine halbe Stunde später saß Melusine neben dem Bett der Schwester,
-und beide plauderten noch. Aber Armgard war einsilbig, und Melusine
-bemerkte wohl, daß die Schwester etwas auf dem Herzen habe.
-
-»Was hast du, Armgard? Du bist so zerstreut, so wie abwesend.«
-
-»Ich weiß es nicht, aber ich glaube fast ...«
-
-»Nun was?«
-
-»Ich glaube fast, ich bin verlobt.«
-
-
-
-
-Sechsundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Und was die jüngere Schwester der älteren zugeflüstert hatte, das
-wurde wahr, und schon wenige Tage nach diesem ersten Wiedersehn waren
-Armgard und Woldemar Verlobte. Der alte Graf sah einen Wunsch erfüllt,
-den er seit lange gehegt, und Melusine küßte die Schwester mit einer
-Herzlichkeit, als ob sie selber die Glückliche wäre.
-
-»Du gönnst ihn mir doch?«
-
-»Ach, meine liebe Armgard,« sagte Melusine, »wenn du wüßtest! Ich habe
-nur die Freude, du hast auch die Last.«
-
- * * * * *
-
-An demselben Abende noch, wo die Verlobung stattgefunden hatte, schrieb
-Woldemar nach Stechlin und nach Wutz; der eine Brief war so wichtig wie
-der andre, denn die Tante-Domina, deren Mißstimmung so gut wie gewiß
-war, mußte nach Möglichkeit versöhnlich gestimmt werden. Freilich blieb
-es fraglich, ob es glücken würde.
-
-Zwei Tage später waren die Antwortbriefe da, von denen diesmal der
-Wutzer Brief über den Stechliner siegte, was einfach daran lag,
-daß Woldemar von Wutz her nur Ausstellungen, von Stechlin her nur
-Entzücken erwartet hatte. Das traf aber nun beides nicht zu. Was die
-Tante schrieb, war durchaus nicht so schlimm (sie beschränkte sich auf
-Wiederholung der schon mündlich von ihr ausgesprochenen Bedenken),
-und was der Alte schrieb, war nicht so gut oder doch wenigstens nicht
-so der Situation angepaßt, wie's Woldemar gewärtigte. Natürlich war
-es eine Beglückwünschung, aber doch mehr noch ein politischer Exkurs.
-Dubslav litt als Briefschreiber daran, gern bei Nebensächlichkeiten zu
-verweilen und gelegentlich über die Hauptsache wegzusehn. Er schrieb:
-
-»Mein lieber Woldemar. Die Würfel sind nun also gefallen (früher hieß
-es ~alea jacta est~, aber so altmodisch bin ich denn doch nicht mehr),
-und da zwei Sechsen obenauf liegen, kann ich nur sagen: ich gratuliere.
-Nach dem Gespräch übrigens, das ich am 3. Oktober morgens mit Dir
-führte, während wir um unsern Stechliner Springbrunnen herumgingen
-(seit drei Tagen springt er nicht mehr; wahrscheinlich werden die
-Mäuse das Röhrenwerk angeknabbert haben) -- seit jenem Oktobermorgen
-hab ich so was erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du wirst
-nun also Karriere machen, glücklicherweise zunächst durch Dich selbst
-und dann allerdings auch durch Deine Braut und deren Familie. Graf
-Barby -- mit Rübenboden im Magdeburgischen und mit Mineralquellen im
-Graubündischen -- höher hinauf geht es kaum, Du müßtest Dich denn bis
-ins Katzlersche verirren. Armgard ist auch schon viel, aber Ermyntrud
-doch mehr und für den armen Katzler jedenfalls zu viel. Ja, mein
-lieber Woldemar, Du kommst nun also zu Vermögen und Einfluß und kannst
-die Stechlins wieder raufbringen (gestern war Baruch Hirschfeld hier
-und in allem willfährig; die Juden sind nicht so schlimm, wie manche
-meinen), und wenn Du dann hier einziehst und statt der alten Kate so
-was in Chateaustil bauen läßt und vielleicht sogar eine Fasanenzucht
-anlegst, so daß erst der Post-Stephan und dann der Kaiser selbst bei
-Dir zu Besuch kommen kann, ja, da kannst Du möglicherweise selbst das
-erreichen, was Dein alter Vater, weil Feilenhauer Torgelow mächtiger
-war als er, nicht erreichen konnte: den Einzug ins Reichshaus mit
-dem freien Blick auf Kroll. Mehr kann ich in diesem Augenblick nicht
-sagen, auch meine Freude nicht höher spannen, und in diesem relativen
-Ruhigbleiben empfind ich zum erstenmal eine gewisse Familienähnlichkeit
-mit meiner Schwester Adelheid, deren Glaubensbekenntnis im letzten
-darauf hinausläuft: Kleinadel über Hochadel, Junker über Graf. Ja,
-ich fühle, Deinen Gräflichkeiten gegenüber, wie sich der Junker ein
-bißchen in mir regt. Die reichen und vornehmen Herren sind doch immer
-ganz eigene Leute, die wohl Fühlung mit uns haben, unter Umständen
-auch suchen, aber das Fühlunghalten nach oben ist ihnen schließlich
-doch viel, viel wichtiger. Es heißt wohl immer »wir Kleinen, wir
-machten alles und könnten alles,« aber bei Lichte besehn, ist es bloß
-das alte: ›Du glaubst zu schieben und Du wirst geschoben.‹ Glaube
-mir, Woldemar, wir werden geschoben und sind bloß Sturmbock. Immer
-dieselbe Geschichte, wie mit Protz und Proletarier. Die Proletarier
--- wie sie noch echt waren, jetzt mag es wohl anders damit sein --
-waren auch bloß immer dazu da, die Kastanien aus dem Feuer zu holen;
-aber ging es dann schief, dann wanderte Bruder Habenichts nach Spandau
-und Bruder Protz legte sich zu Bett. Und mit Hochadel und Kleinadel
-ist es beinah ebenso. Natürlich heiratet eine Ermyntrud mal einen
-Katzler, aber eigentlich äugt sie doch mehr nach einem Stuart oder
-Wasa, wenn es deren noch gibt. Wird aber wohl nich. Entschuldige diesen
-Herzenserguß, dem Du nicht mehr Gewicht beilegen mußt, als ihm zukommt.
-Es kam mir das alles so von ungefähr in die Feder, weil ich grade heute
-wieder gelesen habe, wie man einen von uns, der durch Eintreten eines
-Ippe-Büchsenstein hätte gerettet werden können, schändlich im Stich
-gelassen hat. Ippe-Büchsenstein ist natürlich nur Begriff. Alles in
-allem: ich habe zu Dir das Vertrauen, daß Du richtig gewählt hast,
-und daß man Dich nicht im Stiche lassen wird. Außerdem, ein richtiger
-Märker hat Augen im Kopf und is beinah so helle wie'n Sachse.
-
-Wie immer Dein alter Vater Dubslav von Stechlin.«
-
- * * * * *
-
-Es war Ende November, als Woldemar diesen Brief erhielt. Er überwand
-ihn rasch, und am dritten Tag las er alles schon mit einer gewissen
-Freudigkeit. Ganz der Alte; jede Zeile voll Liebe, voll Güte, voll
-Schnurrigkeiten. Und eben diese Schnurren, trafen sie nicht eigentlich
-auch den Nagel auf den Kopf? Sicherlich. Was aber das Beste war, so
-sehr das alles im allgemeinen passen mochte, auf die Barbys paßte so
-gut wie nichts davon; die waren doch anders, die suchten nicht Fühlung
-nach oben und nicht nach unten, die marchandierten nicht mit links und
-nicht mit rechts, die waren nur Menschen, und daß sie nur +das+ sein
-wollten, das war ihr Glück und zugleich ihr Hochgefühl. Woldemar sagte
-sich denn auch, daß der Alte, wenn er sie nur erst kennen gelernt haben
-würde, mit fliegenden Fahnen ins Barbysche Lager übergehen würde. Der
-alte Graf, Armgard und vor allem Melusine. Die war genau das, was der
-Alte brauchte, wobei ihm das Herz aufging.
-
-Den Weihnachtsabend verbrachte Woldemar am Kronprinzenufer. Auch
-Wrschowitz und Cujacius -- von denen jener natürlich unverheiratet,
-dieser wegen beständiger Streiterei von seiner Frau geschieden war --
-waren zugegen. Cujacius hatte gebeten, ein Krippentransparent malen zu
-dürfen, was denn auch, als es erschien, auf einen Nebentisch gestellt
-und allseitig bewundert wurde. Die drei Könige waren Porträts: der alte
-Graf, Cujacius selbst und Wrschowitz (als Mohrenkönig); letzterer,
-trotz Wollhaar und aufgeworfener Lippe, von frappanter Ähnlichkeit.
-Auch in der Maria suchte man nach Anlehnungen und fand sie zuletzt;
-es war Lizzi, die, wie so viele Berliner Kammerjungfern, einen
-sittig verschämten Ausdruck hatte. Nach dem Tee wurde musiziert, und
-Wrschowitz spielte -- weil er dem alten Grafen eine Aufmerksamkeit
-zu erweisen wünschte -- die Polonaise von Oginski, bei deren erster,
-nunmehr um siebzig Jahre zurückliegenden Aufführung, einem alten ~on
-dit~ zufolge, der polnisch gräfliche Komponist im Schlußmomente sich
-erschossen haben sollte. Natürlich aus Liebe. »Brav, brav,« sagte der
-alte Graf und war, während er sich beinah überschwenglich bedankte, so
-sehr aus dem Häuschen, daß Wrschowitz schließlich schelmisch bemerkte:
-»Den Piffpaffschluß muß ich mir versagen, Herr Graff, trotzdem meine
-Vererrung (Blick auf Armgard) serr groß ist, fast so groß wie die
-Vererrung des Grafen vor Graff Oginski.«
-
-So verlief der Heiligabend.
-
-Schon vorher war man übereingekommen, am zweiten Feiertage zu
-dritt einen Ausflug nach Stechlin zu machen, um dort die künftige
-Schwiegertochter dem Schwiegervater vorzustellen. Noch am Christabend
-selbst, trotzdem Mitternacht schon vorüber, schrieb denn auch Woldemar
-einige Zeilen nach Stechlin hin, in denen er sich samt Braut und
-Schwägerin für den zweiten Feiertagabend anmeldete.
-
-Rechtzeitig trafen Woldemars Zeilen in Stechlin ein. »Lieber Papa. Wir
-haben vor, am zweiten Feiertage mit dem Spätnachmittagszuge von hier
-aufzubrechen. Wir sind dann um sieben auf dem Granseer Bahnhof und
-um neun oder nicht viel später bei Dir. Armgard ist glücklich, Dich
-endlich kennen zu lernen, +den+ kennen zu lernen, den sie seit lange
-verehrt. Dafür, mein lieber Papa, hab ich Sorge getragen. Graf Barby,
-der nicht gut bei Wege ist, was ihn hindert mitzukommen, will Dir
-angelegentlich empfohlen sein. Desgleichen Gräfin Ghiberti, die uns als
-Dame d'honneur begleiten wird. Armgard ist in Furcht und Aufregung wie
-vor einem Examen. Sehr ohne Not. Kenn ich doch meinen Papa, der die
-Güte und Liebe selbst ist. Wie immer Dein Woldemar.«
-
-Engelke stand neben seines Herrn Stuhl, als dieser die Zeilen halblaut,
-aber doch in aller Deutlichkeit vorlas. »Nun, Engelke, was sagst du
-dazu?«
-
-»Ja, gnädger Herr, was soll ich dazu sagen. Es is ja doch, was man sone
-›gute Nachricht‹ nennt.«
-
-»Natürlich is es ne gute Nachricht. Aber hast du noch nicht erlebt, daß
-einen gute Nachrichten auch genieren können?«
-
-»Jott, gnädger Herr, ich kriege keine.«
-
-»Na, denn sei froh; dann weißt du nicht, was ›gemischte Gefühle‹ sind.
-Sieh, ich habe jetzt gemischte Gefühle. Da kommt nun mein Woldemar.
-Das is gut. Und da bringt er seine Braut mit, das is wieder gut. Und
-da bringt er seine Schwägerin mit, und das is wahrscheinlich auch gut.
-Aber die Schwägerin ist eine Gräfin mit einem italienischen Namen, und
-die Braut heißt Armgard, was doch auch schon sonderbar ist. Und beide
-sind in England geboren, und ihre Mutter war aus der Schweiz, von einer
-Stelle her, von der man nicht recht weiß, wozu sie gehört, weil da
-alles schon durcheinander geht. Und überall haben sie Besitzungen, und
-Stechlin ist doch bloß ne Kate. Sieh, Engelke, das is genierlich und
-gibt das, was ich ›gemischte Gefühle‹ nenne.«
-
-»Nu ja, nu ja.«
-
-»Und dann müssen wir doch auch repräsentieren. Ich muß ihnen doch
-irgendeinen Menschen vorsetzen. Ja, wen soll ich ihnen vorsetzen? Viel
-is hier nich. Da hab ich Adelheiden. Natürlich, die muß ich einladen,
-und sie wird auch kommen, trotzdem Schnee gefallen ist; aber sie kann
-ja nen Schlitten nehmen. Vielleicht ist ihr Schlitten besser als ihr
-Wagen. Gott, wenn ich an das Verdeck denke mit der großen Lederflicke,
-da wird mir auch nicht besser. Und dabei denkt sie, ›sie is was‹, was
-am Ende auch wieder gut is, denn wenn der Mensch erst denkt, ›es is gar
-nichts mit ihm‹, dann is es auch nichts.«
-
-»Und dann, gnädger Herr, sie is ja doch ne Domina und hat nen Rang. Und
-ich hab auch mal gelesen, sie sei eigentlich mehr als ein Major.«
-
-»Na, jedenfalls ist sie mehr als ihr Bruder; so'n vergessener Major
-is ein Jammer. Aber Adelheid selbst, so auf'n ersten Anhieb, is auch
-bloß so so. Wir müssen jedenfalls noch wen dazu haben. Schlage was vor.
-Baron Beetz und der alte Zühlen, die die besten sind, die wohnen zu
-weit ab, und ich weiß nicht, seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die
-Pferde schlechter. Oder es kommt einem auch bloß so vor. Also die guten
-Nummern fallen aus. Und da sind wir denn wieder bei Gundermann.«
-
-»Ach, gnädger Herr, den nich. Un er soll ja auch so zweideutig
-sein. Uncke hat es mir gesagt; Uncke hat freilich immer das Wort
-›zweideutig‹. Aber es wird wohl stimmen. Un dann die Frau Gundermann.
-Das is ne richtige Berlinsche. Verlaß is auf ihm nich und auf ihr nich.«
-
-»Ja, Engelke, du sollst mir helfen und machst es bloß noch schlimmer.
-Wir könnten es mit Katzler versuchen, aber da ist das Kind krank, und
-vielleicht stirbt es. Und dann haben wir natürlich noch unsern Pastor;
-nu der ginge, bloß daß er immer so still dasitzt, wie wenn er auf den
-heiligen Geist wartet. Und mitunter kommt er; aber noch öfter kommt er
-nicht. Und solche Herrschaften, die dran gewöhnt sind, daß einer in
-einem fort was Feines sagt, ja, was sollen die mit unserm Lorenzen? Er
-ist ein Schweiger.«
-
-»Aber er schweigt doch immer noch besser, als die Gundermannsche red't.«
-
-»Das is richtig. Also Lorenzen, und vielleicht, wenn das Kind sich
-wieder erholt, auch Katzler. Ein Schelm gibt mehr, als er hat. Und
-dann, Engelke, solche Damen, die überall rum in der Welt waren, da
-weiß man nie, wie der Hase läuft. Es ist möglich, daß sie sich für
-Krippenstapel interessieren. Oder höre, da fällt mir noch was ein. Was
-meinst du zu Koseleger?«
-
-»Den hatten wir ja noch nie.«
-
-»Nein, aber Not lehrt beten. Ich mache mir eigentlich nicht viel aus
-ihm, indessen is und bleibt er doch immer ein Superintendent, und das
-klingt nach was. Und dann war er ja mit ner russischen Großfürstin
-auf Reisen, und solche Großfürstin is eigentlich noch mehr als ne
-Prinzessin. Also sprich mal mit Kluckhuhn, der soll nen Boten schicken.
-Ich schreibe gleich ne Karte.«
-
- * * * * *
-
-Katzler sagte ab oder ließ es doch unbestimmt, ob er kommen könne,
-Koseleger dagegen, was ein Glück war, nahm an, und auch Schwester
-Adelheid antwortete durch den Boten, den Dubslav geschickt hatte:
-»daß sie den zweiten Feiertag in Stechlin eintreffen und soweit wie
-dienlich und schicklich nach dem Rechten sehen würde.« Adelheid war
-in ihrer Art eine gute Wirtin und stammte noch aus den alten Zeiten,
-wo die Damen bis zum »Schlachten« und »Aalabziehen« herunter alles
-lernten und alles konnten. Also nach dieser Seite hin entschlug sich
-Dubslav jeder Befürchtung. Aber wenn er sich dann mit einem Male
-vergegenwärtigte, daß es seiner Schwester vielleicht in den Sinn kommen
-könne, sich auf ihren Uradel oder auf die Vorzüge sechshundertjähriger
-märkischer »Eingesessenheit« zu besinnen, so fiel alles, was er sich
-in dem mit Engelke geführten Gespräch an Trost zugesprochen hatte,
-doch wieder von ihm ab. Ihm bangte vor der Möglichkeit einer seitens
-seiner Schwester »aufgesetzten hohen Miene« wie vor einem Gespenst, und
-desgleichen vor der Kostümfrage. Wohl war er sich, ob er nun seine rote
-Landstandsuniform oder seinen hochkragigen schwarzen Frack anlegte,
-seiner eignen altmodischen Erscheinung voll bewußt, aber nebenher, was
-seine Person anging, doch auch wieder einer gewissen Patriarchalität.
-Einen gleichen Trost konnt er dem äußern Menschen seiner Schwester
-Adelheid nicht entnehmen. Er wußte genau, wie sie kommen würde:
-schwarzes Seidenkleid, Rüsche mit kleinen Knöpfelchen oben und die
-Siebenkurfürstenbrosche. Was ihn aber am meisten ängstigte, war der
-Moment nach Tisch, wo sie, wenn sie sich einigermaßen behaglich zu
-fühlen anfing, ihre Wutzer Gesamtchaussure auf das Kamingitter zu
-stellen und die Wärme von unten her einzusaugen pflegte.
-
- * * * * *
-
-Gleich nach sieben trafen Woldemar und die Barbyschen Damen auf dem
-Granseer Bahnhof ein und fanden Martin und den Stechlinschen Schlitten
-vor, letzterer insoweit ein Prachtstück, als er ein richtiges Bärenfell
-hatte, während andrerseits Geläut und Schneedecken und fast auch die
-Pferde mehr oder weniger zu wünschen übrigließen. Aber Melusine sah
-nichts davon und Armgard noch weniger. Es war eine reizende Fahrt; die
-Luft stand, und am stahlblauen Himmel oben blinkten die Sterne. So ging
-es zwischen den eingeschneiten Feldern hin, und wenn ihre Kappen und
-Hüte hier und dort die herniederhängenden Zweige streiften, fielen die
-Flocken in ihren Schlitten. In den Dörfern war überall noch Leben, und
-das Anschlagen der Hunde, das vom nächsten Dorf her beantwortet wurde,
-klang übers Feld. Alle drei Schlitteninsassen waren glücklich, und ohne
-daß sie viel gesprochen hätten, bogen sie zuletzt, eine weite Kurve
-machend, in die Kastanienallee ein, die sie nun rasch, über Dorfplatz
-und Brücke fort, bis auf die Rampe von Schloß Stechlin führte. Dubslav
-und Engelke standen hier schon im Portal und waren den Damen beim
-Aussteigen behilflich. Beim Eintritt in den großen Flur war für diese
-das erste, was sie sahen, ein mächtiger, von der Decke herabhängender
-Mistelbusch; zugleich schlug die Treppenuhr, deren Hippenmann wie
-verwundert und beinah verdrießlich auf die fremden Gäste herniedersah.
-Viele Lichter brannten, aber es wirkte trotzdem alles wie dunkel.
-Woldemar war ein wenig befangen, Dubslav auch. Und nun wollte Armgard
-dem Alten die Hand küssen. Aber das gab diesem seinen Ton und seine
-gute Laune wieder: »Umgekehrt wird ein Schuh draus.«
-
-»Und zuletzt ein Pantoffel,« lachte Melusine.
-
-
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-
-Siebenundzwanzigstes Kapitel
-
-
-»Das ist eine Dame und ein Frauenzimmer dazu,« sagte sich Dubslav still
-in seinem alten Herzen, als er jetzt Melusine den Arm bot, um sie vom
-Flur her in den Salon zu führen. »So müssen Weiber sein.«
-
-Auch Adelheid mühte sich, Entgegenkommen zu zeigen, aber sie war wie
-gelähmt. Das Leichte, das Heitre, das Sprunghafte, das die junge Gräfin
-in jedem Wort zeigte, das alles war ihr eine fremde Welt, und daß ihr
-eine innere Stimme dabei beständig zuraunte: »Ja, dies Leichte, das
-du nicht hast, das ist das Leben, und das Schwere, das du hast, das
-ist eben das Gegenteil davon,« -- das verdroß sie. Denn trotzdem sie
-beständig Demut predigte, hatte sie doch nicht gelernt, sich in Demut
-zu überwinden. So war denn alles, was über ihre Lippen kam, mehr oder
-weniger verzerrt, ein Versuch zu Freundlichkeiten, die schließlich
-in Herbigkeiten ausliefen. Lorenzen, der erschienen war, half nach
-Möglichkeit aus, aber er war kein Damenmann, noch weniger ein Causeur,
-und so kam es denn, daß Dubslav mit einer Art Sehnsucht nach dem
-Oberförster aufblickte, trotzdem er doch seit Mittag wußte, daß er
-nicht kommen würde. Das jüngste Töchterchen war nämlich gestorben und
-sollte den andern Tag schon auf einem kleinen, von Weihnachtsbäumen
-umstellten Privatfriedhofe, den sich Katzler zwischen Garten und Wald
-angelegt hatte, begraben werden. Es war das vierte Töchterchen in der
-Reihe; jede lag in einer Art Gartenbeet und hatte, wie ein Samenkorn,
-dessen Aufgehen man erwartet, ein Holztäfelchen neben sich, drauf der
-Name stand. Als Dubslavs Einladung eingetroffen war, war Ermyntrud, wie
-gewöhnlich, in Katzler gedrungen, der Einladung zu folgen. »Ich wünsche
-nicht, daß du dich deinen gesellschaftlichen Pflichten entziehst, auch
-heute nicht, trotz des Ernstes der Stunde. Gesellschaftlichkeiten
-sind auch Pflichten. Und die Barbyschen Damen -- ich erinnere mich
-der Familie -- werden gerade wegen der Trauer, in der wir stehn, in
-deinem Erscheinen eine besondere Freundlichkeit sehen. Und das ist
-genau das, was ich wünsche. Denn die Komtesse wird über kurz oder
-lang unsre nächste Nachbarin sein.« Aber Katzler war fest geblieben
-und hatte betont, daß es Höheres gäbe als Gesellschaftlichkeiten und
-daß er durchaus wünsche, daß dies gezeigt werde. Der Prinzessin Auge
-hatte während dieser Worte hoheitsvoll auf Katzler geruht, mit einem
-Ausdruck, der sagen zu wollen schien: »Ich weiß, daß ich meine Hand
-keinem Unwürdigen gereicht habe.«
-
-Katzler also fehlte. Doch auch Koseleger, trotz seiner Zusage, war
-noch nicht da, so daß Dubslav in die sonderbare Lage kam, sich den
-Quaden-Hennersdorfer, aus dem er sich eigentlich nichts machte,
-herbeizuwünschen. Endlich aber fuhr Koseleger vor, sein etwas
-verspätetes Kommen mit Dienstlichkeiten entschuldigend. Unmittelbar
-danach ging man zu Tisch, und ein Gespräch leitete sich ein. Zunächst
-wurde von der Nordbahn gesprochen, die, seit der neuen Kopenhagener
-Linie, den ihr von früher her anhaftenden Schreckensnamen siegreich
-überwunden habe. Jetzt heiße sie die »Apfelsinenbahn,« was doch kaum
-noch übertroffen werden könne. Dann lenkte man auf den alten Grafen und
-seine Besitzungen im Graubündischen über, endlich aber auf den langen
-Aufenthalt der Familie drüben in England, wo beide Töchter geboren
-seien.
-
-Dies Gespräch war noch lange nicht erledigt, als man sich von Tisch
-erhob, und so kam es, daß sich das Plaudern über eben dasselbe Thema
-beim Kaffee, der im Gartensalon und zwar in einem Halbzirkel um
-den Kamin herum eingenommen wurde, fortsetzte. Dubslav sprach sein
-Bedauern aus, daß ihn in seiner Jugend der Dienst und später die
-Verhältnisse daran gehindert hätten, England kennen zu lernen; es sei
-nun doch mal das vorbildliche Land, eigentlich für alle Parteien,
-auch für die Konservativen, die dort ihr Ideal mindestens ebensogut
-verwirklicht fänden wie die Liberalen. Lorenzen stimmte lebhaft
-zu, während andrerseits die Domina ziemlich deutliche Zeichen von
-Ungeduld gab. England war ihr kein erfreuliches Gesprächsthema, was
-selbstverständlich ihren Bruder nicht hinderte, dabei zu verharren.
-
-»Ich möchte mich,« fuhr Dubslav fort, »in dieser Angelegenheit an
-unsern Herrn Superintendenten wenden dürfen. Waren Sie drüben?«
-
-»Leider nein, Herr von Stechlin, ich war nicht drüben, sehr zu meinem
-Bedauern. Und ich hätt es so leicht haben können. Aber es ist immer
-wieder die alte Geschichte: was man in ein paar Stunden und mitunter
-in ein paar Minuten erreichen kann, das verschiebt man, eben weil es
-so nah ist, und mit einemmal ist es zu spät. Ich war Jahr und Tag
-im Haag, und von da nach Dover hinüber war nicht viel mehr als nach
-Potsdam. Trotzdem unterblieb es, oder richtiger gerade deshalb. Daß ich
-den Tunnel oder den Tower nicht gesehn, das könnt ich mir verzeihn.
-Aber das Leben drüben! Wenn irgendwo das viel zitierte Wort von dem
-›in einem Tag mehr gewinnen, als in des Jahres Einerlei‹ hinpaßt,
-so da drüben. Alles modern und zugleich alles alt, eingewurzelt,
-stabilisiert. Es steht einzig da; mehr als irgendein andres Land ist es
-ein Produkt der Zivilisation, so sehr, daß die Neigungen der Menschen
-kaum noch dem Gesetze der Natur folgen, sondern nur noch dem einer
-verfeinerten Sitte.«
-
-Die Domina fühlte sich von dem allem mehr und mehr unangenehm berührt,
-besonders als sie sah, daß Melusine zu dem, was Koseleger ausführte,
-beständig zustimmend nickte. Schließlich wurd es ihr zu viel. »Alles,
-was ich da so höre,« sagte sie, »kann mich für dieses Volk nicht
-einnehmen, und weil sie rundum von Wasser umgeben sind, ist alles so
-kalt und feucht und die Frauen, bis in die höchsten Stände hinauf,
-sind beinah immer in einem Zustand, den ich hier nicht bei Namen
-nennen mag. So wenigstens hat man mir erzählt. Und wenn es dann neblig
-ist, dann kriegen sie das, was sie den Spleen nennen, und fallen zu
-Hunderten ins Wasser, und keiner weiß, wo sie geblieben sind. Denn, wie
-mir unser Rentmeister Fix, der drüben war, aufs Wort versichert hat,
-sie stehen in keinem Buch und haben auch nicht einmal das, was wir
-Einwohnermeldeamt nennen, so daß man beinah sagen kann, sie sind so
-gut wie gar nicht da. Und wie sie kochen und braten! Alles fast noch
-blutig, besonders das, was wir hier ›englische Beefsteaks‹ nennen. Und
-kann auch nicht anders sein, weil sie so viel mit Wilden umgehn und gar
-keine Gelegenheit haben, sich einer feineren Gesittung anzuschließen.«
-
-Koseleger und Melusine wechselten verständnisvoll Blicke. Die Domina
-aber sah nichts davon und fuhr unentwegt fort: »Fix ist ein guter
-Beobachter, auch von Sittenzuständen, und einer ihrer Könige, worüber
-ich auch schon als Mädchen einen Aufsatz machen mußte, hat fünf Frauen
-gehabt, meist Hofdamen. Und eine hat er köpfen lassen, und eine hat
-er wieder nach Hause geschickt. Und war noch dazu eine Deutsche. Und
-sie sollen auch keinen eigentlichen Adel mehr haben, weil mal ein
-Krieg war, drin sie sich umschichtig enthaupteten, und als alle weg
-waren, haben sie gewöhnliche Leute rangezogen und ihnen die alten Namen
-gegeben, und wenn man denkt, es ist ein Graf, so ist es ein Bäcker oder
-höchstens ein Bierbrauer. Aber viel Geld sollen sie haben, und ihre
-Schiffe sollen gut sein und dauerhaft und auch sehr sauber, fast schon
-wie holländisch; aber in ihrem Glauben sind sie zersplittert und fangen
-auch schon wieder an katholisch zu werden.«
-
-Der alte Dubslav, als die Schwester mit ihrem Vortrag über England
-einsetzte, hatte sich mit einem »Schicksal, nimm deinen Lauf« sofort
-resigniert. Woldemar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen,
-einen Themawechsel eintreten zu lassen, worin er vielleicht auch
-reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser -- entweder
-weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein
-aufrichtiges Gefallen fand, oder aber weil er die von ihm selbst
-angeregte Frage hinsichtlich »Natur und Sitte« (die sein Steckenpferd
-war) gern weiterspinnen wollte -- hielt an England fest und sagte:
-»Die Frau Domina scheint mir davon auszugehn, daß gerade der mitunter
-schon an den Wilden grenzende Naturmensch drüben in vollster Blüte
-steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber
-daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschaftsraffinement, das
-ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck
-bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter anderm eines gerade damals
-geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner
-kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (High life-Prozesse
-gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's dabei
-handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen
-auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem
-Naturburschentum. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte ...«
-
-»Schade,« sagte Dubslav. »Aber trotzdem, -- wenn überhaupt
-erzählbar ...«
-
-»O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste ...«
-
-»Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirklich so harmlos, so mach
-ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen,
-meine Schwester, die Domina, mit eingeschlossen. Wie war es? Wie
-verlief die Geschichte, für die sich eine kaiserliche Hoheit so lebhaft
-interessieren konnte?«
-
-»Nun, wenn es denn sein soll,« nahm Koseleger langsam und wie bloß
-einer Pression nachgebend das Wort, »es lebte da zu jener Zeit eine
-schöne Herzogin in London, die's nicht ertragen konnte, daß die Jahre
-nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten; Fältchen und Krähenfüße
-zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer
-›plastischen Künstlerin‹, die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend
-wiederherzustellen wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die
-Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung
-ein, ›die Bill‹, wie sie da drüben sagen. Es war eine Summe, vor der
-selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und da die Künstlerin auf
-ihrer Forderung beharrte, so kam es zu dem angedeuteten Prozeß, der
-sich alsbald zu einer ~cause célèbre~ gestaltete.«
-
-»Sehr begreiflich,« versicherte Dubslav, und Melusine stimmte zu.
-
-»Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und als
-Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem
-Spezialgebiete der ›plastischen Kunst‹ vernommen. Alle fanden
-die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich rasch
-der Herzogin zuneigen zu wollen. Aber in eben diesem Augenblicke
-trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden
-des Gerichtshofes heran und bat ihn, an die erschienenen
-Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst
-wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten zu wollen, eine Bitte,
-der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was darauf geantwortet wurde,
-lautete hinsichtlich der Dauer sehr verschieden. Als aber, trotz der
-Verschiedenheit dieser Angaben, keine der Konkurrentinnen mehr als
-ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig
-an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ›Meine Herren
-Richter: meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen haben, helfen
-auf +Zeit+; was ich leiste, ist, ›~beautifying for ever~‹.‹ Und alles
-war von diesem Worte hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und die
-Herzogin hatte die Riesensumme zu zahlen.«
-
-»Und wäre dergleichen hierlandes möglich?« fragte Melusine.
-
-»Ganz unmöglich,« erwiderte der für alles Fremde schwärmende Koseleger.
-»Es kann hier einfach deshalb nicht vorkommen, weil uns der dazu nötige
-höhere Kulturzustand und die dementsprechende Anschauung fehlt. In
-unserm guten Preußen, und nun gar erst in unsrer Mark, sieht man in
-einem derartigen Hergange nur das Karikierte, günstigstenfalls das
-Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus
-dem allein sich solche Dinge, die man im übrigen um ihres Raffinements
-willen belächeln oder verurteilen mag, entwickeln können.«
-
-Die meisten waren einverstanden, allen voraus Dubslav, dem dergleichen
-immer einleuchtete, während die Domina von »Horreur« sprach und
-sichtlich unmutig den Kopf hin und her bewegte. Woldemar erneute
-natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation
-auf andres überzulenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren
-verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Coventgardenmarkt und den
-englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.
-
-»Ja, Gemüsebau,« sagte sie, »das ist eine wunderbare Sache, daran
-hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine
-Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit und breit der beste,
-und meine gute Schmargendorf hat Artischocken gezogen so groß wie ne
-Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und alle sagen
-immer: ›es dauert so lange, wenn man so jedes Blatt nehmen muß, und
-eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.‹
-Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren --
-ich meine natürlich nicht die Schimonski selber; sie selber kann gar
-nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person -- und ein Berliner
-Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die Schnecken oft die Hälfte jeder
-Erdbeere wegfressen. Man sollte nicht glauben, daß solche Tiere solchen
-feinen Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher
-ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es
-einschlägt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr
-davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal sind sie
-billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die schlechten
-werden einem berechnet und abgezogen, und die Streiterei nimmt kein
-Ende.«
-
-Kurz vor elf brach das Gespräch ab, und man zog sich zurück. Der alte
-Dubslav ließ es sich nicht nehmen, die Damen persönlich treppauf
-bis an ihre Zimmer zu führen und sich da unter Handkuß von ihnen zu
-verabschieden. Es waren dieselben zwei Räume, die vor gerad einem
-Vierteljahr Rex und Czako bewohnt hatten, das größere Zimmer jetzt für
-Melusine, das kleinere für Armgard bestimmt. Aber als nun beide vor
-ihren Reisetaschen standen und sich oberflächlich daran zu tun machten,
-sagte Melusine: »Dies Himmelbett ist also für mich. Wenn es dir gleich
-ist, beziehe du lieber dies Ehrenlager und lasse mir das kleine
-Schlafzimmer. Zusammen sind wir ja doch; die Tür steht auf.«
-
-»Ja, Melusine, wenn du's durchaus wünscht, dann natürlich. Aber ich
-verstehe dich nicht recht. Man will dich auszeichnen, und wenn du das
-ablehnst, so kann es auffallen. Man muß doch in einem Hause, wo man
-noch halb fremd ist, alles so tun, wie's gewünscht wird.«
-
-Melusine ging auf die Schwester zu, sah sie halb verlegen, halb
-schelmisch an und sagte: »Natürlich hast du recht. Aber ich bitte dich
-trotzdem darum. Und es braucht es ja auch keiner zu merken. Direkte
-Kontrolle wird ja wohl ausgeschlossen sein, und ich mache keine tiefere
-Kute wie du.«
-
-»Gut, gut,« lachte Armgard. »Aber sage, was soll das alles? Du bist
-doch sonst so leichtlebig. Und wenn es dir hier in dem ersten Zimmer,
-weil es so nah an der scharfen Flurecke liegt, wirklich etwas ängstlich
-zumute sein sollte, nun, so können wir ja zuriegeln.«
-
-»Das hilft nichts, Armgard. In solchen alten Schlössern gibt es immer
-Tapetentüren. Und was +das+ hier angeht,« und sie wies dabei auf das
-Bett, »alle Spukgeschichten sind immer gerad in Himmelbetten passiert;
-ich habe noch nie gehört, daß Gespenster an eine Birkenmaserbettstelle
-herangetreten wären. Und hast du nicht unten den ~mistle-toe~ gesehn?
-Mistelbusch ist auch noch so Überbleibsel aus heidnischer Zeit her,
-bei den alten Deutschen gewiß und bei den Wenden wohl auch, für den
-Fall, daß die Stechlins wirkliche Wenden sind. Wenn ich Tante Adelheid
-ansehe, glaub ich es beinah. Und wie sie von den Hühnern sprach und den
-Eiern. Alles so wendisch. Ich glaube ja nicht eigentlich an Gespenster,
-wiewohl ich auch nicht ganz dagegen bin, aber wie dem auch sein möge,
-wenn ich mir denke, Tante Adelheid erschiene mir hier und brächte mir
-eine Erdbeere, die die Schnecken schon angeknabbert haben, so wäre das
-mein Tod.«
-
-Armgard lachte.
-
-»Ja, du lachst, aber hast du denn die Augen von ihr gesehn? Und hast du
-ihre Stimme gehört? Und die Stimme, wie du doch weißt, ist die Seele.«
-
-»Gewiß. Aber, Seele oder nicht, sie kann dir doch nichts tun mit ihrer
-Stimme und dir auch nicht erscheinen. Und wenn sie trotzdem kommt, nun,
-so rufst du mich.«
-
-»Am liebsten wär es mir, du bliebst gleich bei mir.«
-
-»Aber Melusine ...«
-
-»Nun gut, nun gut. Ich sehe wohl ein, daß das nicht gut geht. Aber
-was anders! Ich habe da vorhin eine Bibel oder vielleicht auch bloß
-ein Gesangbuch liegen sehn, da auf dem Brettchen, wo die kleine Puppe
-steht. Beiläufig auch was Sonderbares, diese Puppe. Bitte, nimm die
-Bibel von der Etagere fort und lege sie mir hier auf den Nachttisch.
-Und das Licht laß brennen. Und wenn du im Bett liegst, sprich immerzu,
-bis ich einschlafe.«
-
-
-
-
-Achtundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Am andern Morgen traf man sich beim Frühstück. Es war ziemlich
-spät geworden, ohne daß Dubslav, wie das sonst wohl auf dem Lande
-Gewohnheit ist, ungeduldig geworden wäre. Nicht dasselbe ließ sich
-von Tante Adelheid sagen. »Ich finde das lange Wartenlassen nicht
-gerade passend, am wenigsten Personen gegenüber, denen man Respekt
-bezeigen will. Oder geh ich vielleicht zu weit, wenn ich hier von
-Respektbezeigung spreche?« So hatte sich Adelheid zu Dubslav geäußert.
-Als nun aber die Barbyschen Damen wirklich erschienen, bezwang sich die
-Domina und stellte all die Fragen, die man an solchem Begrüßungsmorgen
-zu stellen pflegt. In aller Unbefangenheit antworteten die Schwestern,
-am unbefangensten Melusine, die bei der Gelegenheit dem alten Dubslav
-erzählte, daß sie nicht umhin gekonnt hätte, sich die Bibel an ihr Bett
-zu legen.
-
-»Und mit der Absicht, drin zu lesen?«
-
-»Beinah. Aber es wurde nichts daraus. Armgard plauderte so viel,
-freilich auf meinen Wunsch. Ich hörte von der Treppe her immer die
-Uhr schlagen und las dabei beständig das Wort ›Museum‹. Aber das war
-natürlich schon im Traum. Ich schlief schon ganz fest. Und heute früh
-bin ich wie der Fisch im Wasser.«
-
-Dubslav hätte dies gern bestätigt, dabei nach einem Spezialfisch
-suchend, der so recht zum Vergleich für Melusine gepaßt hätte. Die
-Blicke seiner Schwester aber, die zu fragen schienen »hast du gehört?«
-ließen ihn wieder davon abstehn, und nachdem noch einiges über den
-großen Oberflur und seine Bilder und Schränke gesprochen worden war,
-wurde, genau wie vor einem Vierteljahr, wo Rex und Czako zu Besuch
-da waren, ein Programm verabredet, das dem damaligen sehr ähnlich
-sah: Aussichtsturm, See, Globsow; dann auf dem Rückwege die Kirche,
-vielleicht auch Krippenstapel. Und zuletzt das »Museum«. Aber manches
-davon war unsicher und hing vom Wetter ab. Nur den See wollte man
-unter allen Umständen sehn. Engelke wurde beauftragt, mit Plaids und
-Decken vorauszugehn und ein paar Leute zum Wegschaufeln des Schnees
-mitzunehmen, lediglich für den Fall, daß die Damen vielleicht Lust
-bezeigen sollten, die Sprudel- und Trichterstelle genauer zu studieren.
-»Und wenn wir auf unserm Hofe keine Leute haben, so geh ins Schulzenamt
-und bitte Rolf Krake, daß er aushilft.«
-
-Melusine, die dieser Befehlserteilung zugehört hatte, war überrascht,
-in einem märkischen Dorfe dem Namen »Rolf Krake« zu begegnen, und
-erfuhr denn auch alsbald den Zusammenhang der Dinge. Sie war ganz
-enchantiert davon und sagte: »Das ist hübsch. Aller aufgesteifter
-Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und
-sich in Humor und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das Beste,
-was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der
-ist in sich eine Geschichte.« Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid
-aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen
-Huldigungen sein. »Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein alter
-Major und nicht ein junger Leutnant. Dubslav ist zwanzig, aber zwanzig
-Jahr a. D.«
-
-Es war gegen zehn, als man aufbrach, um zunächst auf den Aussichtsturm
-zu steigen, und nachdem man von der obersten Etage her die
-Waldlandschaft, die sich auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll
-ausnahm, gebührend bewundert und dann den Abstieg glücklich
-bewerkstelligt hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel,
-um über den Dorfplatz fort in die nach dem See hinunterführende große
-Straße einzubiegen. Auf dem Dorfplatze war alles winterlich still, nur
-vor dem Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper
-vorausgeschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben ihm
-Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm Uncke, das Karabinergewehr
-über die Schulter gehängt.
-
-»Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit,« sagte Dubslav. »Engelke
-kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is also eigentlich die
-Feudalitätsspitze.«
-
-Während dieser Worte waren die Herrschaften an die Gruppe herangetreten.
-
-»Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten
-uns ... Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unsern Dorfherrscher
-vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger.«
-
-Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab, Woldemar,
-Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran,
-Rolf Krake neben ihr.
-
-»Ich bin froh,« sagte Melusine, »Sie bei dieser Partie mit dabei zu
-sehn. Der alte Herr von Stechlin hat mir schon von Ihnen erzählt, und
-daß Sie vierundsechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren
-Namen; das heißt den zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer,
-wenn ich so was Hübsches höre.«
-
-»Ach, Rolf Krake,« lachte Kluckhuhn. »Ja, Frau Gräfin, wer den Schaden
-hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das heißt, von ›Schaden‹ darf ich
-eigentlich nicht reden, den hab ich nicht so recht davon gehabt; ich
-bin nicht mal angeschossen worden. Und doch is so was billig, wenn's
-erst losgeht.«
-
-»Ja, Schulze Kluckhuhn, unsereinem ist so was leider immer verschlossen
-oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. Und doch ist das das
-eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein bißchen Charpie
-zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war
-aber trotzdem wohl ein eigenes Gefühl, als Sie da so von Düppel nach
-Alsen rüberfuhren und das unheimliche Schiff, der Rolf Krake, so dicht
-daneben lag.«
-
-»Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eigenes Gefühl. Und mitunter
-erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Und is auch nicht zu
-verwundern. Denn Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn
-solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg ... Und dabei bleib ich,
-Frau Gräfin, sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht
-viel.«
-
-»Aber die großen Verluste ...«
-
-»Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, Frau
-Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den
-is es was. Aber ich meine jetzt das, was man dabei so das Moralische
-nennt; und darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht auf viel
-oder wenig. Wenn einer eine Böschung raufklettert und nu steht er oben
-und schleicht sich ran, immer mit nem Pulversack und nem Zünder in der
-Hand, und nu legt er an, und nu fliegt alles in die Luft und er mit.
-Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau Gräfin, das ist
-was. Und das hat unser Pionier Klinke getan. Der war moralisch. Ich
-weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb
-ich und sterb ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich's, was einer
-kann. Wenn ein Bataillon ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was
-will ich da machen? Da muß ich mit. Und baff, da lieg ich. Und nu bin
-ich ein Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß ›Muß‹,
-und solche Mußhelden gibt es viele. Das is, was ich die großen Kriege
-nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber
-er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf
-Krake.«
-
-So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, während
-Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der
-Gegenwart standen.
-
-»Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg hab
-ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nu wohl schon
-im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege natürlich jeden Tag meine
-Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große Format und das
-dünne Papier. Da kuck ich denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn
-schon gesprochen?«
-
-»Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. Un war auch
-kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten.«
-
-»Er wird wohl die Sache noch nicht recht weghaben. Ich meine das, was
-sie jetzt das Parlamentarische nennen. Das schad't aber nichts und ist
-eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie hier in unserm Ruppiner Winkel,
-in unserm Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm
-zufrieden?«
-
-»Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig.«
-
-»Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nu mal so, das is nicht zu
-ändern. In Frankreich heißt es immer gleich ›Verrat‹, und hier sagen
-sie ›zweideutig‹. Da war auch einer von uns, den ich nicht nennen will,
-von dem hieß es auch so ...«
-
-»Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major. Und Pyterke, der immer gut
-Bescheid weiß, der sagte mir schon damals in Rheinsberg: ›Uncke,
-glauben Sie mir, da hat sich der Herr Major eine Schlange an seinem
-Busen großgezogen.‹«
-
-»Kann ich mir denken; klingt ganz nach Pyterke. Der spricht immer so
-gebildet. Aber is es auch richtig?«
-
-»Is schon richtig, Herr Major. Herr Major denken immer das Gute von nem
-Menschen, weil Sie so viel zu Hause sitzen und selber so sind. Aber
-wer so rum kommt wie ich. Alle lügen sie. Was sie meinen, das sagen
-sie nich, und was sie sagen, das meinen sie nich. Is kein Verlaß mehr;
-alles zweideutig.«
-
-»Ja, so rund raus, Uncke, das war früher, aber das geht jetzt nicht
-mehr. Man darf keinem so alles auf die Nase binden. Das is eben, was
-sie jetzt ›politisches Leben‹ nennen.«
-
-»Ach, Herr Major, das mein ich ja gar nicht. Das Politische ... Jott,
-wenn einer sich ins Politische zweideutig macht, na, dann muß ich ihn
-anzeigen, das is Dienst. Darum gräm ich mich aber nich. Aber was nich
-Dienst is, was man so bloß noch nebenbei sieht, das kann einen mitunter
-leid tun. So bloß als Mensch.«
-
-»Aber, lieber Uncke, was is denn eigentlich los? Wenn man Sie so hört,
-da sollte man ja wahrhaftig glauben, es ginge zu Ende ... Nu ja, in
-der Welt draußen, da klappt nich immer alles. Aber so im Schoß der
-Familie ...«
-
-»Jott, Herr Major, das is es ja eben. In diesem Schoß der Familie, da
-is es ja gerad am schlimmsten. Und sogar in dem jüdischen Schoß, der
-doch immer noch der beste war.«
-
-»Beispiele, Uncke, Beispiele.«
-
-»Da haben wir nu hier, um bloß ein Beispiel zu geben, unsern guten
-alten Baruch Hirschfeld in Gransee. Frommer alter Jude ...«
-
-»Kenn ich. Kenn ich ganz gut, beinah zu gut. Nu, der hat nen Sohn, und
-mit dem is er mitunter verschiedner Meinung. Aber dagegen is doch nicht
-viel zu sagen; das is in der ganzen Welt so. Der Alte hängt noch am
-Alten, und der Junge, nu, der is eben ein Jungscher und bramarbasiert
-ein bißchen. Ich weiß nicht recht, zu welcher Partei er sich hält, er
-wird aber wohl für Torgelow gestimmt haben. Nu, mein Gott, warum nicht?
-Das tun jetzt viele. Daran muß man sich gewöhnen. Das is eben das
-Politische.«
-
-»Nein, Herr Major. Herr Major wollen verzeihn, aber bei diesem Isidor
-is es nicht das Politische. Komme ja jeden dritten Tag hin und seh den
-Alten in seinem Laden und höre, was er da red't und red't. Und der
-Junge red't auch und red't immer vons ›Prinzip‹. Das Prinzip is ihm
-aber egal. Er will bloß mogeln und den Alten an die Wand drücken. Und
-das ist das, was ich das Zweideutige nenne.«
-
- * * * * *
-
-Armgard, Woldemar und Tante Adelheid hatten die Mitte genommen. Als
-sie bis in die Nähe der Seespitze gekommen waren, immer unter einem
-verschneiten Buchen- und Eichengange hin, wurden sie durch ein Geräusch
-wie von brechenden kleinen Ästen aufmerksam gemacht, und ihr Auge nach
-oben richtend, gewahrten sie, wie zwei Eichhörnchen über ihnen spielten
-und in beständigem Sichhaschen von Baum zu Baum sprangen. Die Zweige
-knickten, und der Schnee stäubte hernieder. Armgard mochte sich von
-dem Schauspiel nicht trennen, lachte, wenn die momentan verschwundenen
-Tierchen mit einem Male wieder zum Vorschein kamen, und gab ihre
-Beobachtung erst auf, als die Domina, nicht direkt unfreundlich,
-aber doch ziemlich ungeduldig und jedenfalls wie gelangweilt, zu ihr
-bemerkte: »Ja, Komtesse, die springen; es sind eben Eichhörnchen.«
-Einige Minuten später hatten alle die Bank erreicht, von der aus
-man den besten Blick auf den zugefrorenen See hatte. Das Eis zeigte
-sich hoch mit Schnee bedeckt, aber in seiner Mitte war doch schon
-eine gefegte Stelle, zu der vom Ufer her eine schmale, gleichfalls
-freigeschaufelte Straße hinüberführte. Engelke legte die Decken über
-die Bank, und die Damen, die von dem halbstündigen und zuletzt etwas
-ansteigenden Wege müde geworden waren, nahmen alle drei Platz, während
-sich Rolf Krake und Uncke wie Schildhalter zu beiden Seiten der Bank
-aufstellten. Dubslav dagegen plazierte sich in Front und machte,
-während er einen landläufigen Führerton anschlug, den Cicerone. »Hab
-die Ehr, Ihnen hier die große Sehenswürdigkeit von Dorf und Schloß
-Stechlin zu präsentieren, unsern See, +meinen+ See, wenn Sie mir das
-Wort gestatten wollen. Alle möglichen berühmten Naturforscher waren
-hier und haben sich höchst schmeichelhaft über den See geäußert. Immer
-hieß es: ›es stehe wissenschaftlich fest.‹ Und das ist jetzt das
-Höchste. Früher sagte man: ›es steht in den Akten‹. Ich lasse dabei
-dahingestellt sein, wovor man sich tiefer verbeugen muß.«
-
-»Ja,« sagte Melusine, »das ist nun also der große Moment. Orientiert
-bin ich. Aber wie das mit allem Großen geht, ich empfinde doch auch
-etwas von Enttäuschung.«
-
-»Das ist, weil wir Winter haben, gnädigste Gräfin. Wenn Sie die offene
-Seefläche vor sich hätten und in der Vorstellung stünden: ›jetzt
-bildet sich der Trichter und jetzt steigt es herauf‹, so würden Sie
-mutmaßlich nichts von Enttäuschung empfinden. Aber jetzt! Das Eis macht
-still und duckt das Revolutionäre. Da kann selbst unser Uncke nichts
-notieren. Nicht wahr, Uncke?«
-
-Uncke schmunzelte.
-
-»Im übrigen seh ich zu meiner Freude -- und das verdanken wir wieder
-unserm guten Kluckhuhn, der an alles denkt und alles vorsieht --, daß
-die Schneeschipper auch ein paar ihrer Pickäxte mitgebracht haben.
-Ich taxiere das Eis auf nicht dicker als zwei Fuß, und wenn sich die
-Leute dran machen, so haben wir in zehn Minuten eine große Lune, und
-der Hahn, wenn er nur sonst Lust hat, kommt aus seiner Tiefe herauf.
-Befehlen Frau Gräfin?«
-
-»Um Gottes willen, nein. Ich bin sehr für solche Geschichten und bin
-glücklich, daß die Familie Stechlin diesen See hat. Aber ich bin
-zugleich auch abergläubisch und mag kein Eingreifen ins Elementare.
-Die Natur hat jetzt den See überdeckt; da werd ich mich also hüten,
-irgendwas ändern zu wollen. Ich würde glauben, eine Hand führe heraus
-und packte mich.«
-
-Adelheid war bei diesen Worten immer gerader und länger geworden und
-rückte mit Ostentation von Melusine weg, mehr der Banklehne zu, wo,
-halb wie das gute Gewissen, halb wie die göttliche Weltordnung, Uncke
-stand und durch seine bloße Gegenwart den Gemütszustand der Domina
-wieder beschwichtigte. Nur von Zeit zu Zeit sah sie fragend, forschend
-und vorwurfsvoll auf ihren Bruder.
-
-Dieser wußte genau, was in seiner Schwester Seele vorging. Es
-erheiterte ihn ungemein, aber es beunruhigte ihn doch auch. Wenn
-diese Gefühle wuchsen, wohin sollte das führen? Die Möglichkeit einer
-schrecklichen Szene, die sein Haus mit einer nicht zu tilgenden Blame
-behaftet hätte, trat dabei vor seine Seele.
-
-Der Himmel hatte aber ein Einsehn. Schon seit einer Viertelstunde
-lag ein grauer Ton über der Landschaft, und plötzlich fielen Flocken,
-erst vereinzelte, dann dicht und reichlich. Den Weg bis Globsow
-fortzusetzen, daran war unter diesen Umständen gar nicht mehr zu
-denken, und so brach man denn auf, um ins Schloß zurückzukehren.
-Auch auf einen Besuch in der Kirche, weil es da zu kalt sei, wurde
-verzichtet.
-
-
-
-
-Neunundzwanzigstes Kapitel
-
-
-Der Heimweg war gemeinschaftlich angetreten worden, aber doch nur bis
-an die Dorfstraße. Hier teilte man sich in drei Gruppen, eine jede mit
-verschiedenem Ziel: Dubslav, Tante Adelheid und Armgard gingen auf das
-Herrenhaus, Uncke und Rolf Krake auf das Schulzenamt, Woldemar und
-Melusine dagegen auf die Pfarre zu. Woldemar freilich nur bis an den
-Vorgarten, wo er sich von Melusine verabschiedete.
-
-Lorenzen, so lang er Woldemar und Melusine sich seiner Pfarre nähern
-sah, hatte verlegen am Fenster gestanden, kam aber, als das Paar sich
-draußen trennte, so ziemlich wieder zu sich. Er war nun schon so lange
-jeder Damenunterhaltung entwöhnt, daß ihm ein Besuch wie der der Gräfin
-zunächst nur Verlegenheit schaffen konnte; wenn's denn aber durchaus
-sein mußte, so war ihm ein Tete-a-Tete mit ihr immer noch lieber,
-als eine Plauderei zu dritt. Er ging ihr denn auch bis in den Flur
-entgegen, war ihr hier beim Ablegen behilflich und sprach ihr -- weil
-er jede Scheu rasch von sich abfallen fühlte -- ganz aufrichtig seine
-Freude aus, sie in seiner Pfarre begrüßen zu dürfen. »Und nun bitt ich
-Sie, Frau Gräfin, sich's unter meinen Büchern hier nach Möglichkeit
-bequem machen zu wollen. Ich bin zwar auch Inhaber einer Putzstube,
-mit einem dezenten Teppich und einem kalten Ofen; aber ich könnte das
-gesundheitlich nicht verantworten. Hier haben wir wenigstens eine gute
-Temperatur.«
-
-»Die immer die Hauptsache bleibt. Ach, eine gute Temperatur!
-Gesellschaftlich ist sie beinah alles und dabei leider doch so selten.
-Ich kenne Häuser, wo, wenn Sie den Widersinn verzeihen wollen, der
-kalte Ofen gar nicht ausgeht. Aber erlassen Sie mir gütigst den
-Sofaplatz hier; ich fühle mich dazu noch nicht ›alte Dame‹ genug und
-möcht auch gern ~en vue~ der beiden Bilder bleiben, trotzdem ich das
-eine davon schon so gut wie kenne.«
-
-»Die Kreuzabnahme?«
-
-»Nein! das andre.«
-
-»Die Lind also?«
-
-»Ja.«
-
-»So haben Sie das schöne Bild in der Nationalgalerie gesehn?«
-
-»Auch das. Aber doch freilich erst seit ganz kurzem, während ich von
-Ihrer Aquarellkopie schon seit ein paar Monaten weiß. Das war auf einer
-Dampfschiffahrt, die wir nach dem sogenannten Eierhäuschen machten,
-und der Ausplauderer über das Bild da vor mir war niemand anders als
-Ihr Zögling Woldemar, auf den Sie stolz sein können. Er freilich würde
-den Satz umkehren, oder sage ich lieber, er tat es. Denn er sprach mit
-solcher Liebe von Ihnen, daß ich Sie von jenem Tag an auch herzlich
-liebe, was Sie sich schon gefallen lassen müssen. Ein Glück nur, daß
-er sich draußen verabschiedet hat und nicht hören kann, was ich hier
-sage ...«
-
-Lorenzen lächelte.
-
-»Sonst hätten sich diese Bekenntnisse verboten. Aber da sie nun mal
-gemacht sind und man nie weiß, wann und wie man wieder zusammenkommt,
-so lassen Sie mich darin fortfahren. Woldemar erzählte mir -- Pardon
-für meine Indiskretion -- von Ihrer Schwärmerei für die Lind. Und da
-horchten wir denn auf und beneideten Sie fast. Nichts beneidenswerter
-als eine Seele, die schwärmen kann. Schwärmen ist fliegen, eine
-himmlische Bewegung nach oben.«
-
-Lorenzen stutzte. Das war doch mehr als eine bloß liebenswürdige Dame
-aus der Gesellschaft.
-
-»Und um es kurz zu machen,« fuhr Melusine fort, »Woldemar sprach bei
-dieser Gelegenheit wie von Ihrer ersten Liebe« (und dabei wies sie
-lächelnd auf das Bildchen der Lind) »so auch von Ihrer letzten -- nein,
-nein, nicht von Ihrer letzten; +Sie+ werden immer eine neue finden --,
-sprach also von Ihrer Begeisterung für den herrlichen Mann da weit
-unten am Tajo, von Ihrer Begeisterung für den Joao de Deus. Und als er
-ausgesprochen hatte, da haben wir uns alle, die wir zugegen waren, um
-den ›~Un Santo~‹ geschart und einen geheimen Bund geschlossen. Erst
-um den ›~Un Santo~‹ und zum zweiten um Sie selbst. Und nun frag ich
-Sie, wollen Sie mittun in diesem unserm Bunde, der ohne sie gar nicht
-existierte? Mir ist manches verquer gegangen. Aber ich bin, denk ich,
-dem Tage nahe, der mich ahnen läßt, daß unsre Prüfungen auch unsre
-Segnungen sind und daß mir alles Leid nur kam, um den Stab, der trägt
-und stützt, fester zu umklammern. Ich darf leider nicht hinzusetzen,
-daß dieser Stab (möglich, daß er sich einst dazu auswächst) das Kreuz
-sei. Meiner ganzen Natur nach bin ich ungläubig. Aber ich hoffe sagen
-zu dürfen: ich bin wenigstens demütig.«
-
-»Wenigstens demütig,« wiederholte Lorenzen langsam, zugleich halb
-verlegen vor sich hinblickend, und Melusine, die Zweifel, die sich
-in der Wiederholung dieser Worte ziemlich deutlich aussprachen, mit
-scharfem Ohre heraushörend, fuhr in plötzlich verändertem und beinah
-heiterem Tone fort: »Wie grausam Sie sind. Aber Sie haben recht.
-Demütig. Und daß ich mich dessen auch noch berühme. Wer ist demütig?
-Wir alle sind im letzten doch eigentlich das Gegenteil davon. Aber das
-darf ich sagen, ich habe den Willen dazu.«
-
-»Und schon +der+ gilt, Frau Gräfin. Nur freilich ist Demut nicht genug;
-sie schafft nicht, sie fördert nicht nach außen, sie belebt kaum.«
-
-»Und ist doch mindestens der Anfang zum Bessern, weil sie mit dem
-Egoismus aufräumt. Wer die Staffel hinauf will, muß eben von unten
-an dienen. Und soviel bleibt, es birgt sich in ihr die Lösung jeder
-Frage, die jetzt die Welt bewegt. Demütig sein heißt christlich sein,
-christlich in meinem, vielleicht darf ich sagen in +unsrem+ Sinne.
-Demut erschrickt vor dem zweierlei Maß. Wer demütig ist, der ist
-duldsam, weil er weiß, wie sehr er selbst der Duldsamkeit bedarf;
-wer demütig ist, der sieht die Scheidewände fallen und erblickt den
-Menschen im Menschen.«
-
-»Ich kann Ihnen zustimmen,« lächelte Lorenzen. »Aber wenn ich, Frau
-Gräfin, in Ihren Mienen richtig lese, so sind diese Bekenntnisse doch
-nur Einleitung zu was andrem. Sie halten noch das Eigentliche zurück
-und verbinden mit Ihrer Aussprache, so sonderbar es klingen mag, etwas
-Spezielles und beinah Praktisches.«
-
-»Und ich freue mich, daß Sie das herausgefühlt haben. Es ist so. Wir
-kommen da eben von Ihrem Stechlin her, von Ihrem See, dem Besten,
-was Sie hier haben. Ich habe mich dagegen gewehrt, als das Eis
-aufgeschlagen werden sollte, denn alles Eingreifen oder auch nur
-Einblicken in das, was sich verbirgt, erschreckt mich. Ich respektiere
-das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies
-Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles
-Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das
-Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir,
-wie der Stechlin uns lehrt, den großen Zusammenhang der Dinge nie
-vergessen. Sich abschließen heißt sich einmauern, und sich einmauern
-ist Tod. Es kommt darauf an, daß wir gerade +das+ beständig gegenwärtig
-haben. Mein Vertrauen zu meinem Schwager ist unbegrenzt. Er hat einen
-edeln Charakter, aber ich weiß nicht, ob er auch einen festen Charakter
-hat. Er ist feinen Sinnes, und wer fein ist, ist oft bestimmbar. Er
-ist auch nicht geistig bedeutend genug, um sich gegen abweichende
-Meinungen, gegen Irrtümer und Standesvorurteile wehren zu können. Er
-bedarf der Stütze. Diese Stütze sind Sie meinem Schwager Woldemar von
-Jugend auf gewesen. Und um was ich jetzt bitte, das heißt: ›Seien Sie's
-ferner.‹«
-
-»Daß ich Ihnen sagen könnte, wie freudig ich in Ihren Dienst trete,
-gnädigste Gräfin. Und ich kann es um so leichter, als Ihre Ideale, wie
-Sie wissen, auch die meinigen sind. Ich lebe darin und empfind es als
-eine Gnade, da, wo das Alte versagt, ganz in einem Neuen aufzugehn. Um
-ein solches ›Neues‹ handelt es sich. Ob ein solches ›Neues‹ sein soll
-(weil es sein muß), oder ob es +nicht+ sein soll, um diese Frage dreht
-sich alles. Es gibt hier um uns her eine große Zahl vorzüglicher Leute,
-die ganz ernsthaft glauben, das uns Überlieferte -- das Kirchliche
-voran (leider nicht das Christliche) -- müsse verteidigt werden wie der
-salomonische Tempel. In unserer Obersphäre herrscht außerdem eine naive
-Neigung, alles ›Preußische‹ für eine höhere Kulturform zu halten.«
-
-»Genau wie Sie sagen. Aber ich möchte doch, um der Gerechtigkeit
-willen, die Frage stellen dürfen, ob dieser naive Glaube nicht eine
-gewisse Berechtigung hat?«
-
-»Er hatte sie mal. Aber das liegt zurück. Und kann nicht anders sein.
-Der Hauptgegensatz alles Modernen gegen das Alte besteht darin, daß die
-Menschen nicht mehr durch ihre Geburt auf den von ihnen einzunehmenden
-Platz gestellt werden. Sie haben jetzt die Freiheit, ihre Fähigkeiten
-nach allen Seiten hin und auf jedem Gebiete zu betätigen. Früher war
-man dreihundert Jahre lang ein Schloßherr oder ein Leinenweber; jetzt
-kann jeder Leinenweber eines Tages ein Schloßherr sein.«
-
-»Und beinah auch umgekehrt,« lachte Melusine. »Doch lassen wir
-dies heikle Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen
-über den Wert unsrer Lebens- und Gesellschaftsformen, über unsre
-Gesamtanschauungsweise, deren besondere Zulässigkeit Sie, wie mir
-scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«
-
-»Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so
-sehr den Dingen selbst, als dem Hochmaß des Glaubens daran. Daß man
-all diese Mittelmaßdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und
-deshalb, wenn's sein kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht,
-das ist das Schlimme. Was mal galt, soll weiter gelten, was mal gut
-war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar ein Bestes sein. Das ist
-aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der Fall ist, einer
-gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche ... Wir haben, wenn wir
-rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk
-sein. Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem
-Soldatenkönig. Das war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit
-wunderbar angepaßt und ihr zugleich voraus. Er hat nicht bloß das
-Königtum stabiliert, er hat auch, was viel wichtiger, die Fundamente
-für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle von Zerfahrenheit,
-selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und Gerechtigkeit
-gesetzt, Gerechtigkeit, das war sein bester ›~rocher de bronce~‹.«
-
-»Und dann?«
-
-»Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht lange
-mehr auf sich warten, und das seiner Natur und seiner Geschichte nach
-gleich ungeniale Land sah sich mit einem Male von Genie durchblitzt.«
-
-»Muß das ein Staunen gewesen sein.«
-
-»Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch
-eine Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen ... Und
-dann kam die dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da
-war das arme, elende, halb dem Untergange verfallene Land nicht von
-Genie, wohl aber von Begeisterung durchleuchtet, von dem Glauben an die
-höhere Macht des Geistigen, des Wissens und der Freiheit.«
-
-»Gut, Lorenzen. Aber weiter.«
-
-»Und all das, was ich da so hergezählt, umfaßte zeitlich ein
-Jahrhundert. Da waren wir den andern voraus, mitunter geistig
-und moralisch gewiß. Aber der ›~Non soli cedo~-Adler‹ mit seinem
-Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr, und die Begeisterung
-ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst Abgestorbenes,
-ich muß es wiederholen, soll neu erblühn. Es tut es nicht. In
-gewissem Sinne freilich kehrt alles einmal wieder, aber bei dieser
-Wiederkehr werden Jahrtausende übersprungen; wir können die römischen
-Kaiserzeiten, Gutes und Schlechtes, wieder haben, aber nicht das
-spanische Rohr aus dem Tabakskollegium und nicht einmal den Krückstock
-von Sanssouci. Damit ist es vorbei. Und gut, daß es so ist. Was einmal
-Fortschritt war, ist längst Rückschritt geworden. Aus der modernen
-Geschichte, der eigentlichen, der lesenswerten, verschwinden die
-Bataillen und die Bataillone (trotzdem sie sich beständig vermehren)
-und wenn sie nicht selbst verschwinden, so schwindet doch das
-Interesse daran. Und mit dem Interesse das Prestige. An ihre Stelle
-treten Erfinder und Entdecker, und James Watt und Siemens bedeuten
-uns mehr als du Guesclin und Bayard. Das Heldische hat nicht direkt
-abgewirtschaftet und wird noch lange nicht abgewirtschaftet haben,
-aber sein Kurs hat nun mal seine besondere Höhe verloren, und anstatt
-sich in diese Tatsache zu finden, versucht es unser Regime, dem
-Niedersteigenden eine künstliche Hausse zu geben.«
-
-»Es ist, wie Sie sagen. Aber gegen wen richtet sich's? Sie sprachen von
-›Regime‹. Wer ist dies Regime? Mensch oder Ding? Ist es die von alter
-Zeit her übernommene Maschine, deren Räderwerk tot weiterklappert,
-oder ist es der, der an der Maschine steht? Oder endlich, ist es eine
-bestimmte abgegrenzte Vielheit, die die Hand des Mannes an der Maschine
-zu bestimmen, zu richten trachtet? In allem, was Sie sagen, klingt eine
-sich auflehnende Stimme. Sind Sie gegen den Adel? Stehen Sie gegen die
-›alten Familien‹?«
-
-»Zunächst: nein. Ich liebe, hab auch Ursach dazu, die alten Familien
-und möchte beinah glauben, jeder liebt sie. Die alten Familien sind
-immer noch populär, auch heute noch. Aber sie vertun und verschütten
-diese Sympathien, die doch jeder braucht, jeder Mensch und jeder
-Stand. Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung,
-›daß es ohne sie nicht gehe‹, was aber weit gefehlt ist, denn es geht
-sicher auch ohne sie; -- sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze
-trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und
-drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann. Wohl möglich,
-daß aristokratische Tage mal wiederkehren, vorläufig, wohin wir sehen,
-stehen wir im Zeichen einer demokratischen Weltanschauung. Eine neue
-Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und eine glücklichere. Aber
-wenn auch nicht eine glücklichere, so doch mindestens eine Zeit mit
-mehr Sauerstoff in der Luft, eine Zeit, in der wir besser atmen
-können. Und je freier man atmet, je mehr lebt man. Was aber Woldemar
-angeht, +meiner+ sind Sie sicher, Frau Gräfin. Bleibt freilich, als
-Hauptfaktor, noch die Komtesse. Für +die+ müssen +Sie+ die Bürgschaft
-übernehmen. Die Frauen bestimmen schließlich doch alles.«
-
-»So heißt es immer. Und wir sind eitel genug, es zu glauben. Aber das
-führt uns auf ganz neue Gebiete. Vorläufig Ihre Hand zur Besieglung.
-Und nun erlauben Sie mir, nach diesem unserm revolutionären Diskurse,
-zu den Hütten friedlicher Menschen zurückzukehren. Ich habe mich bei
-dem alten Herrn nur auf eine halbe Stunde beurlaubt und rechne darauf,
-daß Sie mich, wenn nicht bis ins ›Museum‹ selbst (das dem Programm nach
-besucht werden sollte), so doch wenigstens bis auf die Schloßrampe
-begleiten.«
-
-
-
-
-Dreißigstes Kapitel
-
-
-Lorenzen tat, wie gewünscht, und auf dem Wege zum Schloß plauderten
-beide weiter, wenn auch über sehr andere Dinge.
-
-»Was ist es eigentlich mit diesem ›Museum‹?« fragte Melusine; »kann ich
-mir doch kaum was Rechtes darunter vorstellen. Eine alte Papptafel mit
-Inschrift hängt da schräg über der Saaltür, alles dicht neben meinem
-Schlafzimmer, und ich habe mich etwas davor geängstigt.«
-
-»Sehr mit Unrecht, gnädigste Gräfin. Die primitive Papptafel, die
-freilich verwunderlich genug aussieht, sollte wohl nur andeuten,
-daß es sich bei der ganzen Sache mehr um einen Scherz als um etwas
-Ernsthaftes handelt. Etwa wie bei Sammlung von Meerschaumpfeifen und
-Tabaksdosen. Und Sie werden auch vorwiegend solchen Seltsamkeiten
-begegnen. Anderseits aber ist es auch wieder ein richtiges historisches
-Museum, trotzdem es nur halb das geworden ist, worauf Herr von Stechlin
-anfänglich aus war.«
-
-»Und das war?«
-
-»Das war mehr etwas Groteskes. Es mögen nun wohl schon zwanzig Jahre
-sein, da las er eines Tages in der Zeitung von einem Engländer, der
-historische Türen sammle und neuerdings sogar für eine enorme Summe,
-ich glaube es waren tausend Pfund, die Gefängnistür erstanden habe,
-durch die Ludwig ~XVI.~ und dann später Danton und Robespierre zur
-Guillotinierung abgeführt worden seien. Und diese Notiz machte solchen
-Eindruck auf unsern liebenswürdigen Stechliner Schloßherrn, daß er
-auch solche historische Türensammlung anzulegen beschloß. Er ist aber
-nicht weit damit gekommen und hat sich mit dem Küstriner Schloßfenster
-begnügen müssen. an dem Kronprinz Friedrich stand, als Katte zur
-Enthauptung vorübergeführt wurde. Doch auch das ist unsicher, ja, die
-meisten wollen nichts davon wissen. Nur Krippenstapel hält noch daran
-fest.«
-
-»Krippenstapel?«
-
-»Ja. Der Name frappiert Sie. Das ist nämlich unser Lehrer hier,
-Liebling des alten Herrn und sein Berater in derlei Dingen. Der hat
-ihm denn auch das gegenwärtige ›Museum‹, das man als Abschlagszahlung
-auf die ›historischen Türen‹ ansehen kann, zusammengestellt. Außer dem
-angezweifelten Fenster werden Frau Gräfin noch ein paar phantastische
-Regentraufen finden und vor allem viele Wetterhähne, die von alten
-märkischen Kirchtürmen herabgenommen wurden. Einige sollen ganz
-interessant sein. Ich habe keinen Sinn dafür. Aber Krippenstapel hat
-einen Katalog angefertigt.«
-
-Unter diesen Worten waren beide bis an die Rampe gekommen, auf der
-Engelke schon stand und auf die Gräfin wartete. Lorenzen empfahl sich.
-Aber auch Melusine wollte nicht gleich ins Museum hinauf, zog es
-vielmehr vor, erst unten in das große Gesellschaftszimmer einzutreten
-und sich da zu wärmen.
-
-Engelke machte sich auch sofort am Kamin zu schaffen, was der Gräfin
-gut paßte, weil sie noch manches fragen wollte.
-
-»Das ist recht, Engelke, daß Sie Kohlen aufschütten und auch Kienäpfel.
-Ich freue mich immer, wenn es so lustig brennt. Und oben im ›Museum‹
-wird es wohl noch kalt sein.«
-
-»Ja, kalt ist es, Frau Gräfin. Aber mit der Kälte, na, das ging am Ende
-noch, und der viele Staub, der oben liegt, das ginge vielleicht auch
-noch; Staub wärmt. Und die Dachtraufen und Wetterhähne tun auch keinem
-Menschen was ...«
-
-»Aber was ist denn sonst noch?«
-
-»Ach, ich meine bloß die verdammten Dinger, die Spinnen ...«
-
-»Um Gottes willen, Spinnen?« erschrak Melusine.
-
-»Ja, Spinnen, Frau Gräfin. Aber so ganz schlimme sind nich dabei.
-Solche mit'm Kreuz oben hab ich bei uns noch nicht gesehn. Bloß solche,
-die Schneider heißen.«
-
-»Ach, das sind die, die die langen Beine haben.«
-
-»Ja, lange Beine haben sie. Aber sie tun einem nichts. Und eigentlich
-sind es sehr ängstliche Tiere und verkriechen sich, wenn sie hören, daß
-aufgeschlossen wird, und bloß wenn Krippenstapel kommt, dann kommen sie
-alle raus un kucken sich um. Krippenstapeln, den kennen sie ganz gut,
-und ich hab auch mal gesehn, daß er ihnen Fliegen mitbringt, und machen
-sich dann gleich drüber her.«
-
-»Aber das ist ja grausam. Ist es denn ein guter Mensch?«
-
-»O, sehr gut, Frau Gräfin. Und als ich ihm mal so was sagte, sagte er:
-›Ja, Engelke, das is nu mal so; einer frißt den andern auf.‹«
-
-Das Gespräch setzte sich noch eine Weile fort; dann sagte Melusine:
-»Nun, Engelke, ist es aber wohl die höchste Zeit für das Museum, sonst
-komm ich zu spät und seh und höre gar nichts mehr. Ich bin nun auch
-wieder warm geworden.« Dabei erhob sie sich und stieg die Doppeltreppe
-hinauf und klopfte. Sie wollte nicht gleich eintreten.
-
-Auf ihr Klopfen wurde sehr bald von innen her geöffnet, und
-Krippenstapel, mit der Hornbrille, stand vor ihr. Er verbeugte sich
-und trat zurück, um den Platz freizugeben. Aber Melusine, deren Angst
-vor ihm wiederkehrte, zauderte, was eine momentane Verlegenheit schuf.
-Inzwischen war aber auch Dubslav herangekommen. »Ich fürchtete schon,
-daß Lorenzen Sie nicht herausgeben würde. Seine Gelegenheiten, hier
-in Stechlin ein Gespräch zu führen, sind nicht groß, und nun gar ein
-Gespräch mit Gräfin Melusine! Nun, er hat es gnädig gemacht. Jetzt
-aber, Gräfin, halten Sie gefälligst Umschau; vielleicht daß Lorenzen
-schon geplaudert hat oder gar Engelke.«
-
-»So ganz im Dunkeln bin ich nicht mehr; ein Küstriner Schloßfenster,
-ein paar Kirchendachreliquien und dazu Wetterhähne -- lauter
-Gegenstände (denn ich bin auch ein bißchen fürs Aparte), zu deren
-Auswahl ich Ihnen gratuliere.«
-
-»Wofür ich der Frau Gräfin dankbar bin, ohne sonderlich überrascht zu
-sein. Ich wußte, Damen wie Gräfin Ghiberti haben Sinn für derlei Dinge.
-Darf ich Ihnen übrigens zunächst hier diesen Lebuser Bischof zeigen und
-hier weiter einen Heiligen oder vielleicht Anachoreten? Beide, Bischof
-und Anachoret, sind sehr unähnlich untereinander, schon in bezug auf
-Leibesumfang, -- der richtige Gegensatz von Refektorium und Wüste.
-Wenn ich den Heiligen hier so sehe, taxier ich ihn höchstens auf eine
-Dattel täglich. Und nun denk ich, wir fahren in unsrer Besichtigung
-fort. Krippenstapel war nämlich eben dabei, der Komtesse Armgard
-unsern Derfflingerschen Dragoner mit der kleinen Standarte und der
-Jahreszahl 1675 zu zeigen. Bitte, Gräfin Melusine, bemerken Sie hier
-die Zahl, dicht unter dem brandenburgischen Adler. Es wirkt, wie wenn
-er die Nachricht vom Siege bei Fehrbellin überbringen wolle. Daß es
-ein Dragoner ist, ist klar; der Filzhut mit der breiten Krempe hebt
-jeden Zweifel, und ich hab es für mein gutes Recht gehalten, ihn auch
-speziell als Derfflingerschen Dragoner festzusetzen. Aber mein Freund
-Krippenstapel will davon nichts wissen, und wir liegen darüber seit
-Jahr und Tag in einer ernsten Fehde. Glücklicherweise unsre einzige.
-Nicht wahr, Krippenstapel?«
-
-Dieser lächelte und verbeugte sich.
-
-»Die beiden Damen,« fuhr Dubslav fort, »mögen aber nicht etwa glauben,
-daß ich mich für berechtigt halte, die freie Wissenschaft hier in
-meinem Museum in Banden zu schlagen. Grad umgekehrt. Ich kann also
-nur wiederholen: ›Krippenstapel, Sie haben das Wort.‹ Und nun bitte,
-setzen Sie den Damen Ihrerseits auseinander, warum es nach ganz
-bestimmten Begleiterscheinungen ein Derfflingerscher +nicht+ sein kann.
-Bilderbücher aus der Zeit her hat man nicht, und die großen Gobelins
-lassen einen im Stich und beweisen gar nichts.«
-
-Unter diesen Worten hatte Krippenstapel die den Gegenstand des Streits
-bildende Wetterfahne wieder in die Hand genommen, und als er sah, daß
-die Gräfin -- die, wie das in ihrer Natur lag, den vor zehn Minuten
-noch so gefürchteten ›Fliegentöter‹ längst in ihr Herz geschlossen
-hatte -- ihm freundlich zunickte, ließ er auf Geltendmachung seines
-Standpunktes auch nicht lange mehr warten und sagte: »Ja, Frau Gräfin,
-der Streit schwebt nun schon so lange, wie wir den Dragoner überhaupt
-haben, und Herr von Stechlin wäre wohl schon längst in das gegnerische
-Lager, in dem ich und Oberlehrer Tucheband stehn, übergegangen, wenn er
-nicht an meiner wissenschaftlichen Ereiferung seine beständige Freude
-hätte. Tucheband, einer unsrer Besten und ein Mann, der nicht leicht
-vorbeischießt, hat auch in dieser Frage gleich das Richtige getroffen.
-Er hat nämlich den Ort in Erwägung gezogen, von wo diese Wetterfahne
-stammt. Sie stammt aus dem wenigstens damals noch der alten Familie
-von Mörner zugehörigen Dorfe Zellin in der Neumark. Das Regiment
-aber, das sich bei Fehrbellin vor allen andern auszeichnete, war das
-Dragonerregiment Mörner. Es ist also kein Derfflingerscher, sondern ein
-Mörnerscher Dragoner, der, in fliegender Eile, die Nachricht von dem
-erfochtenen Siege nach Zellin bringt.«
-
-»Bravo,« sagte Melusine. »Wenn ich je eine richtige Schlußfolgerung
-gehört habe (die meisten sind Blender), so haben wir sie hier. Herr von
-Stechlin, ich kann Ihnen nicht helfen, Sie sind besiegt.«
-
-Dubslav war einverstanden und küßte Melusine die Hand, ohne sich um
-die mißbilligenden Blicke seiner Schwester zu kümmern, die jetzt
-ihrerseits auf endliche Vorführung der ›beiden Mühlen‹ drang, ihrer
-zwei Lieblingsstücke. Diese beiden Mühlen, so versicherte sie,
-seien das einzige, was hier überhaupt einen Anspruch auf ›Museum‹
-erheben dürfe. Beinah war es wirklich so, wie selbst Krippenstapel
-zugab, trotzdem sich, bis wenigstens ganz vor kurzem, nichts von
-historischer Kontroverse (die doch schließlich immer die Hauptsache
-bleibt) daran geknüpft hatte. Neuerdings freilich hatte sich das
-geändert. Zwei Berliner Herren vom Gewerbemuseum waren über die Mühlen
-in Streit geraten, speziell über ihren Ursprungsort. Zwar hatte man
-sich vorläufig dahin geeinigt, daß die Wassermühle holländisch, die
-Windmühle dagegen (eine richtige alte Bockmühle) eine Nürnberger
-Arbeit sei; Krippenstapel aber hatte bei diesem Friedensschlusse nur
-gelächelt. Er war viel zu sehr ernster Wissenschaftsmensch, als daß
-er nicht hätte herausfühlen sollen, wie diese sogenannte ›Beilegung‹
-nichts als eine Verkleisterung war. Der Ausbruch neuer Streitigkeiten
-stand nahe bevor.
-
-Die waren aber zunächst wenigstens ausgeschlossen, da beide Schwestern,
-Armgard wie Melusine, wie Kinder vor einem Lieblingsspielzeug, in einem
-ganz ausbündigen Vergnügen aufgingen. Die Windmühle klapperte, daß es
-eine Lust war, und das Rad der Wassermühle, wenn es grad in der Sonne
-blitzte, gab einen solchen Silberschein, daß es aussah, als fiele das
-blinkende Wasser wirklich über die Schaufelbretter. All das wurde
-gesehn und bewundert, und was nicht gesehn wurde, nahm man auf Treu und
-Glauben mit in den Kauf. Von den Spinnen kam keine zum Vorschein; nur
-hier und da hingen lange graue Gewebe, was jedoch nur feierlich aussah,
-und als Mittag heran war, verließ man das »Museum«, um sich erst eine
-Stunde zu ruhn und dann bei Tische wiederzusehn. Die Gräfin aber, ehe
-sie den großen, wüsten Raum verließ, trat noch einmal an Krippenstapel
-heran, um ihn, unter gewinnendstem Lächeln, zu bitten, ihr, sobald
-ein ernsterer Streit über die beiden Mühlen entbrennen sollte, die
-betreffenden Schriftstücke nicht vorzuenthalten.
-
-Krippenstapel versprach alles.
-
- * * * * *
-
-Auf drei war das Mittagsmahl angesetzt. Schon eine Viertelstunde
-vorher erschien Lorenzen und traf den alten Dubslav in einer gewissen
-stattlichen Herrichtung an oder, wie er sich selbst zu Engelke geäußert
-hatte, »ganz feudal«.
-
-»Ach, das ist gut, Lorenzen, daß Sie schon kommen. Ich habe noch
-allerhand auf dem Herzen. Es muß doch was geschehn, eine richtige
-Begrüßung (denn das gestern abend war zu wenig) oder aber ein solennes
-Abschiedswort, kurzum irgendwas, das in das Gebiet der Toaste gehört.
-Und da müssen Sie helfen. Sie sind ein Mann von Fach, und wer jeden
-Sonntag predigen kann, kann doch schließlich auch ne Tischrede halten.«
-
-»Ja, das sagen Sie so, Herr von Stechlin. Mitunter ist eine Tischrede
-leicht und eine Predigt schwer, aber es kann auch umgekehrt liegen.
-Außerdem, wenn Sie sich nur erst mit dem Gedanken vertraut gemacht
-haben, daß es so sein muß, dann geht es auch. Sie werden sehn, das
-Herz, wie immer, macht den Redner. Und dazu diese Damen, beide von so
-seltener Liebenswürdigkeit. Was die Gräfin angeht ...«
-
-»Ja,« lachte der Alte, »was die Gräfin angeht ... Sie machen sich's
-bequem, Pastor. Die Gräfin, -- wenn sich's um die handelte, da könnt
-ich's vielleicht auch. Aber die Komtesse, die hat so was Ernstes. Und
-dann ist sie zum übrigen auch noch meine Schwiegertochter oder soll es
-wenigstens werden, und da muß ich doch sprechen wie ne Respektsperson.
-Und das ist schwer, vielleicht, weil sich in meiner Vorstellung die
-Gräfin immer vor die Komtesse schiebt.«
-
-Dubslav sprach noch so weiter. Aber es half ihm nichts; Lorenzen
-war in seinem Widerstande nicht zu besiegen, und so kam denn die
-Tisch- und endlich auch die gefürchtete Redezeit heran. Der Alte
-hatte sich schließlich drin gefunden. »Meine lieben Gäste,« hob er
-an, »geliebte Braut, hochverehrte Brautschwester! Ein andres Wort, um
-meine Beziehungen zu Gräfin Melusine zu bezeichnen, hat vorläufig die
-deutsche Sprache nicht, was ich bedaure. Denn das Wort sagt mir lange
-nicht genug. Wenige Stunden erst ist es, daß ich Sie, meine Damen, an
-dieser Stelle begrüßen durfte, noch kein voller Tag, und schon ist der
-Abschied da. Währenddem hab ich kein ›Du‹ beantragt, aber es liegt doch
-in der Luft, mehr noch auf meiner Lippe ... Teuerste Armgard! dies
-alte Haus Stechlin also soll Ihre dereinstige Heimstätte werden; Sie
-werden sie zu neuem Leben erheben. Unter meinem Regime war es nicht
-viel damit. Auch heute nicht. Ich habe nur das gute Gewissen, Ihnen
-während dieser kurzen Spanne Zeit alles gezeigt zu haben, was gezeigt
-werden konnte: mein Museum und meinen See. Die Sprudelstelle (die
-Winterhand lag darauf) hat geschwiegen, aber mein Derfflingerscher
-Dragoner -- in Krippenstapels Abwesenheit darf ich ihn ja wieder so
-nennen -- hat dafür um so deutlicher zu Ihnen gesprochen. Er hat
-die Zahl 1675 in seiner Standarte und trägt die Siegesnachricht von
-Fehrbellin ins märkische Land. Erleb ich's noch und gibt Krippenstapel
-seine Zustimmung, so stell ich, kurz oder lang, auch meinerseits einen
-Dragoner auf meinen Dachreiter (einen Turm hab ich nicht) und zwar
-einen Dragoner vom Regiment Königin von Großbritannien und Irland, und
-auch er trägt eine Siegesbotschaft ins Land. Nicht die von Königgrätz
-und nicht die von Mars-la-Tour, aber die von einem gleich gewichtigen
-Siege. Das Haus Barby lebe hoch und meine liebe Schwiegertochter
-Armgard!«
-
-Alle waren bewegt. Am meisten Lorenzen. Als er an den Alten herantrat,
-flüsterte er ihm zu: »Sehn Sie. Ich wußt es.« Armgard küßte dem Alten
-die Hand, Melusine strahlte. »Ja, die alte Garde!« sagte sie. Nur
-Schwester Adelheid konnte sich in dieser allgemeinen Freude nicht gut
-zurechtfinden. Alle Feierungen mußten eben das Maß halten, das sie
-vorschrieb. Sie hatte den landesüblichen Zug: »Nur nicht zuviel von
-irgendwas, am wenigsten aber von Huldigungen oder gar von Hingebung.«
-
-Als man wieder saß, sagte Melusine: »Krippenstapel wird übrigens
-verstimmt sein, wenn er von Ihrem Trinkspruche hört. Es war doch
-eigentlich eine erneute feierliche Proklamierung des Derfflingerschen.
-Und was bei solcher Gelegenheit gesagt wird, das gilt ... Interessiert
-sich übrigens irgendwer für dies Ihr Museum?«
-
-»Dann und wann ein Mann von Fach. Sonst niemand.«
-
-»Was Sie verdrießt.«
-
-»Nein, gnädigste Gräfin. Nicht im geringsten. Ich nehme nicht vieles
-ernsthaft, und am wenigsten ernsthaft nehm ich mein Museum. Es ist
-freilich von mir ausgegangen und interessierte mich auch eine Weile;
-hinterher aber hat sich eigentlich alles ohne mich gemacht. Das ist
-so die Regel. Ist überhaupt erst ein Anfang da, so laufen die Dinge
-von selber weiter, und die Leute lassen einen nicht wieder los, halten
-einen fest, man mag wollen oder nicht. Ich hätte vielleicht alles schon
-längst wieder aufgegeben, man will's aber nicht. Einigen gereicht es
-zur Befriedigung, mich für einen Querkopf halten zu können, und andre
-sprechen wenigstens von Originalitätshascherei. Man muß eben allerhand
-über sich ergehen lassen.«
-
-
-
-
-Einunddreißigstes Kapitel
-
-
-Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf, um den Zug,
-der um sieben Uhr Gransee passierte, nicht zu versäumen. Es dunkelte
-schon, aber der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer; so ging es
-über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit ihrem kahlen und
-übereisten Gezweige hinein.
-
-Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich, um
-wieder warm zu werden -- auf der Rampe war's kalt und zugig gewesen
---, in die Nähe des Kamins, dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte
-seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme, blieb
-aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine
-dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die
-sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich
-nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid.
-+Die+ wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus der Versuch
-einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den
-Gundermanns hinüber, um in ein paar Worten sein Bedauern darüber
-auszudrücken, daß er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn
-können. »Engelke sei so sehr dagegen gewesen.« All dies Bedauern
--- wie's der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte -- kam
-flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß
-ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche nur ganz leise, nur ganz
-ohnehin streifende Worte schon zuwider waren. »Ach, laß doch diese
-geborne Helfrich,« sagte sie, »diese Tochter von dem alten Hauptmann,
-der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens
-erzählt sie beständig. Eine schreckliche Frau, die gar nicht in unsre
-Gesellschaft paßt. Und dabei so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn
-wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das
-muß ich sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das
-Untersichbleiben für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse,
-aber bestimmt gezogene Grenzen.«
-
-Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt,
-durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune
-wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er
-auf.
-
-Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.
-
-Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an
-den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Likörflaschen standen.
-Er wollte was sagen, traute sich's aber nicht recht, und erst als er zu
-zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte
-er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine
-goldene Kette hin und her zog.
-
-»Ja,« sagte er, »jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.«
-
-»Ich vermute drüber raus. Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen
-lassen. Es sind, glaub ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.«
-
-»Du sagst das so, Adelheid, als ob du's tadeln wolltest, überhaupt als
-ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid
-tun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin
-wie die Komtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich möchte sagen,
-je verwöhnter sie sind ...«
-
-»Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr
-unsre Leute. Beide sind doch beinah wie Fremde.«
-
-»Nun, das ist nicht schlimm.«
-
-»Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen
-Sommer mit der Schmargendorf in Berlin und ging zu Josty, weil die
-Schmargendorf, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken
-wollte.«
-
-»Du hoffentlich auch.«
-
-»Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil
-ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn an dem Tische neben mir saß
-ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war. Aber Engländer
-waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider
-umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen
-Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte,
-trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.«
-
-»Ja, warum nicht?«
-
-»Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Kognak, und die
-Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in
-die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.«
-
-»Charmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.«
-
-»Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.«
-
-»Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine
-nicht rauchen?«
-
-»Weil Rauchen männlich ist.«
-
-»Und Schlachten weiblich ... Ach, Adelheid, wir können uns über so was
-nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du
-bist ja geradezu petrefakt.«
-
-»Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es etwas ist, dessen
-du dich nicht zu schämen hast. Es klingt sonderbar genug. Aber ich
-weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine
-Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.«
-
-»Kann ich beinah sagen.«
-
-»Ich dacht es mir.«
-
-»Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht
-jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche,
-wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das
-Schluß-›e‹ ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit
-drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.«
-
-»Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.«
-
-»Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der
-alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng
-sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem
-Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als
-ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten
-Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der
-Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich
-+dem+ gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so
-hätt ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als
-einen Kugelmann. Denn damals, es war anno vierundsechzig, waren alle
-›Briefbeschwerer‹ bloß ›Kugelmänner‹: ne Flintenkugel oben und zwei
-Flintenkugeln unten. Und natürlich ne Kartätschenkugel als Bauch in der
-Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar
-hieß, das war so dünn wie'n Strich.«
-
-»Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du gibst da deinem Zeisig
-mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht
-verletzlich werden will.«
-
-»Küss' die Hand ...«
-
-»Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe
-nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass' es ihm,
-ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel
-gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine
-aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist
-eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person ...«
-
-»Ich bitte dich, Adelheid ...«
-
-»Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist
-verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und
-wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja
-solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh er noch weiß, was los
-ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist.
-Oder vielleicht auch grade deshalb. Und dazu das ewige Sichbiegen und
--wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange
-denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen
-umsprang. Aber freilich, der ist womöglich noch leichter zu fangen als
-Woldemar. Er sah sie immer an wie ne Offenbarung. Und sie ist auch so
-was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?«
-
-
-
-
-Hochzeit
-
-
-
-
-Zweiunddreißigstes Kapitel
-
-
-Zu guter Zeit waren die Reisenden wieder in Berlin zurück. Woldemar
-hatte Braut und Schwägerin bis an das Kronprinzenufer begleitet, mußte
-jedoch auf Verbleib im Barbyschen Hause verzichten, weil im Kasino eine
-kleine Festlichkeit stattfand, der er beiwohnen wollte.
-
-Der alte Graf ging, als unten die Droschke hielt, mühsamlich auf seinem
-Zimmerteppich auf und ab, weil ihn sein Fuß, wie stets, wenn das Wetter
-umschlug, mal wieder mit einer ziemlich heftigen Neuralgie quälte.
-
-»Nun, da seid ihr ja wieder. Der Zug muß Verspätung gehabt haben. Und
-wo ist Woldemar?«
-
-Man gab ihm Auskunft und daß Woldemar wegen seines Nichterscheinens um
-Entschuldigung bäte. »Gut, gut. Und nun setzt euch und erzählt. Mit
-dem Conte, das ließ damals allerlei zu wünschen übrig ... verzeih,
-Melusine. Da möcht ich denn begreiflicherweise, daß es uns diesmal
-besser ginge. Woldemar macht mir natürlich kein Kopfzerbrechen, aber
-die Familie, der alte Stechlin. Armgard braucht selbstverständlich auf
-eine so delikate Frage nicht zu antworten, wenn sie nicht will, wiewohl
-erfahrungsmäßig ein Unterschied ist zwischen Schwiegermüttern und
-Schwiegervätern. Diese sind mitunter verbindlicher als der Sohn.«
-
-Armgard lachte. »Mir, Papa, passiert so was Nettes nicht. Aber mit
-Melusine war es wieder das Herkömmliche. Der alte Stechlin fing an, und
-der Pastor folgte. Wenigstens schien es mir so.«
-
-»Dann bin ich beruhigt, vorausgesetzt, daß Melusine über den neuen
-Schwiegervater ihren richtigen alten Vater nicht vergißt.«
-
-Sie ging auf ihn zu und küßte ihm die Hand.
-
-»Dann bin ich beruhigt,« wiederholte der Alte. »Melusine gefällt
-fast immer. Aber manchem gefällt sie freilich auch nicht. Es gibt
-so viele Menschen, die haben einen natürlichen Haß gegen alles,
-was liebenswürdig ist, weil sie selber unliebenswürdig sind. Alle
-beschränkten und aufgesteiften Individuen, alle, die eine bornierte
-Vorstellung vom Christentum haben -- das richtige sieht ganz anders
-aus --, alle Pharisäer und Gernegroß, alle Selbstgerechten und Eiteln
-fühlen sich durch Personen wie Melusine gekränkt und verletzt, und wenn
-sich der alte Stechlin in Melusine verliebt hat, dann lieb ich ihn
-schon darum, denn er ist dann eben ein guter Mensch. Mehr brauch ich
-von ihm gar nicht zu wissen. Übrigens konnt es kaum anders sein. Der
-Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Aber auch umgekehrt: wenn ich den
-Apfel kenne, kenn ich auch den Stamm ... Und wer war denn noch da? Ich
-meine, von Verwandtschaft?«
-
-»Nur noch Tante Adelheid von Kloster Wutz,« sagte Armgard.
-
-»Das ist die Schwester des Alten?«
-
-»Ja, Papa. Ältere Schwester. Wohl um zehn Jahr älter und auch nur
-Halbschwester. Und eine Domina.«
-
-»Sehr fromm?«
-
-»Das wohl eigentlich nicht.«
-
-»Du bist so einsilbig. Sie scheint dir nicht recht gefallen zu haben.«
-
-Armgard schwieg.
-
-»Nun, Melusine, dann sprich du. Nicht fromm also; das ist gut. Aber
-vielleicht ~hautaine~?«
-
-»Fast könnte man's sagen,« antwortete Melusine. »Doch paßt es auch
-wieder nicht recht, schon deshalb nicht, weil es ein französisches Wort
-ist. Tante Adelheid ist eminent unfranzösisch.«
-
-»Ah, ich versteh. Also komische Figur.«
-
-»Auch das nicht so recht, Papa. Sagen wir einfach, zurückgeblieben,
-vorweltlich.«
-
-Der alte Graf lachte. »Ja, das ist in allen alten Familien so, vor
-allem bei reichen und vornehmen Juden. Kenne das noch von Wien her, wo
-man überhaupt solche Fragen studieren kann. Ich verkehrte da viel in
-einem großen Bankierhause, drin alles nicht bloß voll Glanz, sondern
-auch voll Orden und Uniformen war. Fast zuviel davon. Aber mit einem
-Male traf ich in einer Ecke, ganz einsam und doch beinah vergnüglich,
-einen merkwürdigen Urgreis, der wie der alte Gobbo -- der in dem Stück
-von Shakespeare vorkommt -- aussah, und als ich mich später bei einem
-Tischnachbar erkundigte, wer denn das sei, da hieß es: ›Ach, das ist ja
-Onkel Manasse.‹ Solche Onkel Manasses gibt es überall, und sie können
-unter Umständen auch Tante Adelheid heißen.«
-
-Daß der alte Graf das so leicht nahm, erfreute die Töchter sichtlich,
-und als Jeserich bald danach das Teezeug brachte, wurd auch Armgard
-mitteilsamer und erzählte zunächst von Superintendent Koseleger und
-Pastor Lorenzen, danach vom Stechlinsee (der ganz überfroren gewesen
-sei, so daß sie die berühmte Stelle nicht hätten sehen können) und
-zuletzt von dem Museum und den Wetterfahnen.
-
-Diese waren das, was den alten Grafen am meisten interessierte.
-»Wetterfahnen, ja, die müssen gesammelt werden, nicht bloß alte
-Dragoner in Blech geschnitten, sondern auch allermodernste Silhouetten,
-sagen wir aus der Diplomatenloge. Da kommt dann schon eine ganz
-hübsche Galerie zusammen. Und wißt ihr, Kinder, das mit dem Museum
-gibt mir erst eine richtige Vorstellung von dem Alten und eine volle
-Befriedigung, beinah mehr noch, als daß ihm Melusine gefallen hat. Ich
-bin sonst nicht für Sammler. Aber wer Wetterfahnen sammelt, das will
-doch was sagen, das ist nicht bloß eine gute Seele, sondern auch eine
-kluge Seele, denn es is da so was drin, wie ein Fingerknips gegen die
-Gesellschaft. Und wer den machen kann, das ist mein Mann, mit dem kann
-ich leben.«
-
- * * * * *
-
-Man blieb nicht lange mehr beisammen; beide Schwestern, ziemlich
-ermüdet von der Tagesanstrengung, zogen sich früh zurück, aber ihr
-Gespräch über Schloß Stechlin und die beiden Geistlichen und vor allem
-über die Domina (gegen die Melusine heftig eiferte) setzte sich noch in
-ihrem Schlafzimmer fort.
-
-»Ich glaube,« sagte Armgard, »du legst zuviel Gewicht auf das, was
-du das Ästhetische nennst. Und Woldemar tut es leider auch. Er läßt
-auf seine Mark Brandenburg sonst nichts kommen, aber in diesem Punkte
-spricht er beinah so wie du. Wohin er blickt, überall vermißt er das
-Schönheitliche. Das Wenige, was danach aussieht, so klagt er beständig,
-sei bloß Nachahmung. Aus eignem Trieb heraus würde hier nichts der Art
-geboren.«
-
-»Und daß er so klagt, das ist das, was ich so ziemlich am meisten an
-ihm schätze. Du meinst, daß ich, wenn ich von der Domina spreche,
-zuviel Gewicht auf diese doch bloß äußerlichen Dinge lege. Glaube mir,
-diese Dinge sind nicht bloß äußerlich. Wer kein feines Gefühl hat,
-sei's in Kunst, sei's im Leben, der existiert für mich überhaupt nicht
-und für meine Freundschaft und Liebe nun schon ganz gewiß nicht. Da
-hast du mein Programm. Unser ganzer Gesellschaftszustand, der sich
-wunder wie hoch dünkt, ist mehr oder weniger Barbarei; Lorenzen, von
-dem du doch soviel hältst, hat sich ganz in diesem Sinne gegen mich
-ausgesprochen. Ach, wie weit voraus war uns doch die Heidenzeit, die
-wir jetzt so verständnislos bemängeln! Und selbst unser ›dunkles
-Mittelalter‹ -- schönheitlich stand es höher als wir, und seine
-Scheiterhaufen, wenn man nicht gleich selbst an die Reihe kam, waren
-gar nicht so schlimm.«
-
-»Ich erlebe noch,« lachte Armgard, »daß du nen neuen Kreuzzug oder
-ähnliches predigst. Aber wir sind von unserm eigentlichen Thema ganz
-abgekommen, von der Domina. Du sagtest, ihre Gefühle widersprächen sich
-untereinander. Welche Gefühle?«
-
-»Darauf ist leicht Antwort geben. Erst beglückwünscht sie sich zu sich
-selbst, und hinterher ärgert sie sich über sich selbst. Und daß sie das
-+muß+, daran sind wir schuld, und das kann sie uns nicht verzeihn.«
-
-»Ich würde vielleicht zustimmen, wenn das, was du da sagst, nicht gar
-so eitel klänge ... Sie hat übrigens einen guten Verstand.«
-
-»Den hat sie, gewiß, den haben sie alle hier oder doch die meisten.
-Aber ein guter Verstand, soviel er ist, ist auch wieder recht wenig,
-und schließlich -- ich muß leider zu diesem Berolinismus greifen -- ist
-diese gute Domina doch nichts weiter als eine Stakete, lang und spitz.
-Und nicht mal grün gestrichen.«
-
-»Und der Alte? +Der+ wenigstens wird doch vor deiner Kritik bestehn.«
-
-»O, der; der ist ~hors concours~ und geht noch über Woldemar hinaus.
-Was meinst du, wenn ich den Alten heiratete?«
-
-»Sprich nicht so, Melusine. Ich weiß ja recht gut, wie das alles
-von dir gemeint ist, Übermut und wieder Übermut. Aber er ist doch
-am Ende noch nicht so steinalt. Und +du+, so lieb ich dich habe,
-du bist schließlich imstande, dich in solche Kompliziertheiten von
-Schwiegervater und Schwager, alles in einem, und womöglich noch
-allerhand dazu, zu verlieben.«
-
-»Jedenfalls mehr als in +den+, der diese Kompliziertheiten darstellt
-oder gar erst schaffen soll ... Also sei ruhig, freundlich Element.«
-
-
-
-
-Dreiunddreißigstes Kapitel
-
-
-Das war in den letzten Dezembertagen; auf Ende Februar hatte man die
-Hochzeit des jungen Paares festgesetzt. In der Zwischenzeit war seitens
-des alten Grafen erwogen worden, ob die Trauung nicht doch vielleicht
-auf einem der Barbyschen Elbgüter stattfinden solle; die Braut selbst
-aber war dagegen gewesen und hatte mit einer ihr sonst nicht eignen
-Lebhaftigkeit versichert: sie hänge an der Armee, weshalb sie -- ganz
-abgesehn von ihrem teuren Frommel -- die Berliner Garnisonkirche weit
-vorziehe. Daß diese, nach Ansicht vieler, bloß ein großer Schuppen
-sei, habe für sie gar keine Bedeutung; was ihr an der Garnisonkirche
-soviel gelte, das seien die großen Erinnerungen, und ein Gotteshaus,
-drin die Schwerins und die Zietens ständen (und wenn sie nicht drin
-ständen, so doch andre, die kaum schlechter wären) -- eine historisch
-so bevorzugte Stelle wäre ihr an ihrem Trautage viel lieber als ihre
-Familienkirche, trotz der Särge so vieler Barbys unterm Altar. Woldemar
-war sehr glücklich darüber, seine Braut so preußisch-militärisch zu
-finden, die denn auch, als einmal die Zukunft und mit ihr die Frage
-nach ›Verbleib oder Nichtverbleib‹ in der Armee durchgesprochen wurde,
-lachend erwidert hatte: »Nein, Woldemar, nicht jetzt schon Abschied;
-ich bin sehr für Freiheit, aber doch beinah mehr noch für Major.«
-
- * * * * *
-
-Auf drei Uhr war die Trauung festgesetzt. Schon eine halbe Stunde
-vorher erschien der Brautwagen und hielt vor dem Schickedanzschen
-Hause, dessen Flur auszuschmücken sich die Frau Versicherungssekretärin
-nicht hatte nehmen lassen. Von der Treppe bis auf das Trottoir hinaus
-waren zu beiden Seiten Blumenestraden aufgestellt, auf denen die
-Lieblinge der Frau Schickedanz in einer Schönheit und Fülle standen,
-als ob es sich um eine Maiblumenausstellung gehandelt hätte. Hinter
-den verschiedenen Estraden aber hatten alle Hausbewohner Aufstellung
-genommen, Lizzi, Frau Imme und sämtliche Hartwigs und natürlich auch
-Hedwig, die, nach ganz kurzem Dienst im Kommerzienrat Seligmannschen
-Hause, vor etwa acht Tagen ihre Stelle wieder aufgegeben hatte.
-
-»Gott, Hedwig, war es denn wieder so was?«
-
-»Nein, Frau Imme, diesmal war es mehr.«
-
- * * * * *
-
-Frommel traute. Die Kirche war dicht besetzt, auch von bloß
-Neugierigen, die sich, ehe die große Orgel einsetzte, die
-merkwürdigsten Dinge mitzuteilen hatten. Die Barbys seien eigentlich
-Italiener aus der Gegend von Neapel, und der alte Graf, was man ihm
-auch noch ansehe, sei in seinen jungen Jahren unter den Carbonaris
-gewesen; aber mit einem Male hab er geschwenkt und sei zum Verräter
-an seiner heiligen Sache geworden. Und weil in solchem Falle jedesmal
-einer zur Vollstreckung der Gerechtigkeit ausgelost würde (was der Graf
-auch recht gut gewußt habe), hab er vorsichtigerweise seine schöne
-Heimat verlassen und sei nach Berlin gekommen und sogar an den Hof.
-Und Friedrich Wilhelm ~IV.~, der ihn sehr gern gemocht, hab auch immer
-Italienisch mit ihm gesprochen.
-
- * * * * *
-
-Das Hochzeitsmahl fand im Barbyschen Hause statt, notgedrungen ~en
-petit comité~, da das große Mittelzimmer, auch bei geschicktester
-Anordnung, immer nur etwa zwanzig Personen aufnehmen konnte. Der
-weitaus größte Teil der Gesellschaft setzte sich aus uns schon
-bekannten Personen zusammen, obenan natürlich der alte Stechlin. Er war
-gern gekommen, trotzdem ihm die Weltabgewandtheit, in der er lebte, den
-Entschluß anfänglich erschwert hatte. Tante Adelheid fehlte. »Trösten
-wir uns,« sagte Melusine mit einer ihr kleidenden Überheblichkeit.
-Selbstverständlich waren die Berchtesgadens da, desgleichen Rex und
-Czako, sowie Cujacius und Wrschowitz. Außerdem ein behufs Abschluß
-seiner landwirtschaftlichen Studien erst seit kurzem in Berlin
-lebender junger Baron von Planta, Neffe der verstorbenen Gräfin, zu
-dem sich zunächst ein Premierleutnant von Szilagy (Freund und früherer
-Regimentskamerad von Woldemar) und des weiteren ein Doktor Pusch
-gesellte, den die Barbys noch von ihren Londoner Tagen her gut kannten.
-Dem Brautpaare gegenüber saßen die beiden Väter, beziehungsweise
-Schwiegerväter. Da weder der eine noch der andre zu den Rednern zählte,
-so ließ Frommel das Brautpaar in einem Toaste leben, drin Ernst und
-Scherz, Christlichkeit und Humor in glücklichster Weise verteilt
-waren. Alles war entzückt, der alte Stechlin, Frommels Tischnachbar,
-am meisten. Beide Herren hatten sich schon vorher angefreundet, und
-als nach Erledigung des offiziellen Toastes das Tischgespräch ganz
-allgemein wieder in Konversation mit dem Nachbar überging, sahen
-sich Frommel und der alte Stechlin in Anknüpfung einer intimeren
-Privatunterhaltung nicht weiter behindert.
-
-»Ihr Herr Sohn,« sagte Frommel, »wovon ich mich persönlich überzeugen
-konnte, wohnt sehr hübsch. Darf ich daraus schließen, daß Sie sich bei
-ihm einlogiert haben?«
-
-»Nein, Herr Hofprediger. So bei Kindern wohnen ist immer mißlich. Und
-mein Sohn weiß das auch; er kennt den Geschmack oder meinetwegen auch
-bloß die Schrullenhaftigkeit seines Vaters, und so hat er mich, was
-immer das Beste bleibt, in einem Hotel untergebracht.«
-
-»Und Sie sind da zufrieden?«
-
-»Im höchsten Maße, wiewohl es ein bißchen über mich hinausgeht. Ich
-bin noch aus der Zeit von Hotel de Brandebourg, an dem mich immer nur
-die Französierung ärgerte, -- sonst alles vorzüglich. Aber solche
-Gasthäuser sind eben, seit wir Kaiser und Reich sind, mehr oder weniger
-altmodisch geworden, und so bin ich denn durch meinen Sohn im Hotel
-Bristol untergebracht worden. Alles ersten Ranges, kein Zweifel, wozu
-noch kommt, daß mich der bloße Name schon erheitert, der neuerdings
-jeden Mitbewerb so gut wie ausschließt. Als ich noch Leutnant war,
-freilich lange her, mußten alle Witze von Glasbrenner oder von Beckmann
-sein. Beckmann war erster Komiker, und wenn man in Gesellschaft sagte:
-›da hat ja wieder der Beckmann ...‹, so war man mit seiner Geschichte
-so gut wie raus. Und wie damals mit den Witzen, so heute mit den
-Hotels. Alle müssen ›Bristol‹ heißen. Ich zerbreche mir den Kopf
-darüber, wie gerade Bristol dazu kommt. Bristol ist doch am Ende nur
-ein Ort zweiten Ranges, aber Hotel Bristol ist immer prima. Ob es hier
-wohl Menschen gibt, die Bristol je gesehn haben? Viele gewiß nicht,
-denn Schiffskapitäne, die zwischen Bristol und Newyork fahren, sind
-in unserm guten Berlin immer noch Raritäten. Übrigens darf ich bei
-allem Respekt vor meinem berühmten Hotel sagen, unberühmte sind meist
-interessanter. So zum Beispiel bayrische Wirtshäuser im Gebirge, wo man
-eine dicke Wirtin hat, von der es heißt, sie sei mal schön gewesen und
-ein Kaiser oder König habe ihr den Hof gemacht. Und dazu dann Forellen
-und ein Landjäger, der eben einen Wilderer oder Haberfeldtreiber über
-den stillen See bringt. An solchen Stellen ist es am schönsten. Und
-ist der See aufgeregt, so ist es noch schöner. Das alles würde mir
-unser Baron Berchtesgaden, der da drüben sitzt, gewiß gern bestätigen,
-und Sie, Herr Hofprediger, bestätigen es mir schließlich auch. Denn
-mir fällt eben ein, Sie waren ja mit unserm guten Kaiser Wilhelm,
-dem letzten Menschen, der noch ein wirklicher Mensch war, immer in
-Gastein zusammen und viel an seiner Seite. Jetzt hat man statt des
-wirklichen Menschen den sogenannten Übermenschen etabliert; eigentlich
-gibt es aber bloß noch Untermenschen, und mitunter sind es gerade die,
-die man durchaus zu einem ›Über‹ machen will. Ich habe von solchen
-Leuten gelesen und auch welche gesehn. Ein Glück, daß es, nach meiner
-Wahrnehmung, immer entschieden komische Figuren sind, sonst könnte man
-verzweifeln. Und daneben unser alter Wilhelm! Wie war er denn so, wenn
-er so still seine Sommertage verbrachte? Können Sie mir was von ihm
-erzählen? So was, woran man ihn so recht eigentlich erkennt.«
-
-»Ich darf sagen ›ja‹, Herr von Stechlin. Habe so was mit ihm erlebt.
-Eine ganz kleine Geschichte; aber das sind gerade die besten. Da
-hatten wir mal einen schweren Regentag in Gastein, so daß der alte
-Herr nicht ins Freie kam und, statt draußen in den Bergen, in seinem
-großen Wohnzimmer seinen gewohnten Spaziergang machen mußte, so gut
-es eben ging. Unter ihm aber (was er wußte) lag ein Schwerkranker.
-Und nun denken Sie sich, als ich bei dem guten alten Kaiser eintrete,
-seh ich ihn, wie er da lange Läufer und Teppiche zusammenschleppt und
-übereinander packt, und als er mein Erstaunen sieht, sagt er mit einem
-unbeschreiblichen und mir unvergeßlichen Lächeln: ›Ja, lieber Frommel,
-da unter mir liegt ein Kranker; ich mag nicht, daß er die Empfindung
-hat, ich trample ihm da so über den Kopf hin ...‹ Sehn Sie, Herr von
-Stechlin, da haben Sie den alten Kaiser.«
-
-Dubslav schwieg und nickte. »Wie beneid ich Sie, so was erlebt zu
-haben,« hob er nach einer Weile an. »Ich kannt ihn auch ganz gut, das
-heißt in Tagen, wo er noch Prinz Wilhelm war, und dann oberflächlich
-auch später noch. Aber seine eigentliche Zeit ist doch seine
-Kaiserzeit.«
-
-»Gewiß, Herr von Stechlin. Es wächst der Mensch mit seinen größern
-Zwecken.«
-
-»Richtig, richtig,« sagte Dubslav, »das schwebte mir auch vor; ich
-konnt es bloß nicht gleich finden. Ja, so war er, und so einen kriegen
-wir nicht wieder. Übrigens sag ich das in aller Reverenz. Denn ich bin
-kein Frondeur. Fronde ist mir gräßlich und paßt nicht für uns. Bloß
-mitunter, da paßt sie doch vielleicht.«
-
- * * * * *
-
-Inzwischen war die siebente Stunde herangekommen, und um halb acht
-ging der Zug, mit dem das junge Paar noch bis Dresden wollte, dieser
-herkömmlich ersten Etappe für jede Hochzeitsreise nach dem Süden. Man
-erhob sich von der Tafel, und während die Gäste, bunte Reihe machend,
-untereinander zu plaudern begannen, zogen sich Woldemar und Armgard
-unbemerkt zurück. Ihr Reisegepäck war seit einer Stunde schon voraus,
-und nun hielt auch der viersitzige Wagen vor dem Barbyschen Hause.
-Die Baronin und Melusine hatten sich zur Begleitung des jungen Paares
-miteinander verabredet und nahmen jetzt, ohne daß Woldemar und Armgard
-es hindern konnten, die beiden Rücksitze des Wagens ein. Das ergab
-aber, besonders zwischen den zwei Schwestern, eine vollkommene Rang-
-und Höflichkeitsstreiterei. »Ja, wenn es jetzt in die Kirche ginge,«
-sagte Armgard, »so hättest du recht. Aber unser Wagen ist ja schon
-wieder ein ganz einfacher Landauer geworden, und Woldemar und ich
-sind, vier Stunden nach der Trauung, schon wieder wie zwei gewöhnliche
-Menschen. Und sich dessen bewußt zu werden, damit kann man nicht früh
-genug anfangen.«
-
-»Armgard, du wirst mir zu gescheit,« sagte Melusine.
-
-Man einigte sich zuletzt, und als der Wagen am Anhalter Bahnhof
-eintraf, waren Rex und Czako bereits da -- beide mit Riesensträußen
---, zogen sich aber unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts wieder
-zurück. Nur die Baronin und Melusine blieben noch auf dem Bahnsteig
-und warteten unter lebhafter Plauderei bis zum Abgange des Zuges.
-In dem von dem jungen Paare gewählten Coupé befanden sich noch zwei
-Reisende; der eine, blond und artig und mit goldener Brille, konnte nur
-ein Sachse sein, der andre dagegen, mit Pelz und Juchtenkoffer, war
-augenscheinlich ein »Internationaler« aus dem Osten oder selbst aus dem
-Südosten Europas.
-
-Nun aber hörte man das Signal, und der Zug setzte sich in Bewegung.
-
- * * * * *
-
-Die Baronin und Melusine grüßten noch mit ihren Tüchern. Dann bestiegen
-sie wieder den draußen haltenden Wagen. Es war ein herrliches Wetter,
-einer jener Vorfrühlingstage, wie sie sich gelegentlich schon im
-Februar einstellen.
-
-»Es ist so schön,« sagte Melusine. »Benutzen wir's. Ich denke, liebe
-Baronin, wir fahren hier zunächst am Kanal hin in den Tiergarten hinein
-und dann an den Zelten vorbei bis in Ihre Wohnung.«
-
-Eine Weile schwiegen beide Damen; im Augenblick aber, wo sie von dem
-holprigen Pflaster in den stillen Asphaltweg einbogen, sagte die
-Baronin: »Ich begreife Stechlin nicht, daß er nicht ein Coupé apart
-genommen.«
-
-Melusine wiegte den Kopf.
-
-»Den mit der goldenen Brille,« fuhr die Baronin fort, »den nehm ich
-nicht schwer. Ein Sachse tut keinem was und ist auch kaum eine Störung.
-Aber der andre mit dem Juchtenkoffer. Er schien ein Russe, wenn nicht
-gar ein Rumäne. Die arme Armgard. Nun hat sie ihren Woldemar und hat
-ihn auch wieder nicht.«
-
-»Wohl ihr.«
-
-»Aber Gräfin ...«
-
-»Sie sind verwundert, liebe Baronin, mich das sagen zu hören. Und doch
-hat's damit nur zu sehr seine Richtigkeit: gebranntes Kind scheut das
-Feuer.«
-
-»Aber Gräfin ...«
-
-»Ich verheiratete mich, wie Sie wissen, in Florenz und fuhr an
-demselben Abende noch bis Venedig. Venedig ist in einem Punkte ganz
-wie Dresden: nämlich erste Station bei Vermählungen. Auch Ghiberti --
-ich sage immer noch lieber ›Ghiberti‹ als ›mein Mann‹; ›mein Mann‹ ist
-überhaupt ein furchtbares Wort -- auch Ghiberti also hatte sich für
-Venedig entschieden. Und so hatten wir denn den großen Apennintunnel zu
-passieren.«
-
-»Weiß, weiß. Endlos.«
-
-»Ja, endlos. Ach, liebe Baronin, wäre doch da wer mit uns gewesen, ein
-Sachse, ja selbst ein Rumäne. Wir waren aber allein. Und als ich aus
-dem Tunnel heraus war, wußt ich, welchem Elend ich entgegenlebte.«
-
-»Liebste Melusine, wie beklag ich Sie; wirklich, teuerste Freundin, und
-ganz aufrichtig. Aber so gleich ein Tunnel. Es ist doch auch wie ein
-Schicksal.«
-
- * * * * *
-
-Rex und Czako hatten sich unmittelbar nach Überreichung ihrer Buketts
-vom Bahnhof her in die Königgrätzerstraße zurückgezogen, und hier
-angekommen, sagte Czako: »Wenn es Ihnen recht ist, Rex, so gehen wir
-bis in das Restaurant Bellevue.«
-
-»Tasse Kaffee?«
-
-»Nein; ich möchte gern was Ordentliches essen. Drei Löffel Suppe, ne
-Forelle ~en miniature~ und ein Poulardenflügel, -- das ist zu wenig für
-meine Verhältnisse. Rund heraus, ich habe Hunger.«
-
-»Sie werden sich zu gut unterhalten haben.«
-
-»Nein, auch das nicht. Unterhaltung sättigt außerdem, wenigstens
-Menschen, die, wie ich, wenn Sie auch drüber lachen, aufs Geistige
-gestellt sind. Ein bißchen mag ich übrigens an meinem elenden Zustande
-selbst schuld sein. Ich habe nämlich immer nur die Gräfin angesehn und
-begreife nach wie vor unsren Stechlin nicht. Nimmt da die Schwester!
-Er hatte doch am Ende die Wahl. Der kleine Finger der Gräfin (und
-ihr kleiner Zeh nun schon ganz gewiß) ist mir lieber als die ganze
-Komtesse.«
-
-»Czako, Sie werden wieder frivol.«
-
-
-
-
-Vierunddreißigstes Kapitel
-
-
-Unter den Hochzeitsgästen hatte sich, wie schon kurz erwähnt, auch
-ein Doktor Pusch befunden, ein gewandter und durchaus weltmännisch
-wirkender Herr mit gepflegtem, aber schon angegrautem Backenbart. Er
-war vor etwa fünfundzwanzig Jahren an der Assessorecke gescheitert und
-hatte damals nicht Lust gehabt, sich ein zweites Mal in die Zwickmühle
-nehmen zu lassen. »Das Studium der Juristerei ist langweilig und die
-Karriere hinterher miserabel« -- so war er denn als Korrespondent für
-eine große rheinische Zeitung nach England gegangen und hatte sich
-dort auf der deutschen Botschaft einzuführen gewußt. Das ging so durch
-Jahre. Ziemlich um dieselbe Zeit aber, wo der alte Graf seine Londoner
-Stellung aufgab, war auch Doktor Pusch wieder flügge geworden und hatte
-sich nach Amerika hinüber begeben. Er fand indessen das Freie dort
-freier, als ihm lieb war, und kehrte sehr bald, nachdem er es erst in
-Newyork, dann in Chikago versucht hatte, nach Europa zurück. Und zwar
-nach Deutschland. »Wo soll man am Ende leben?« Unter dieser Betrachtung
-nahm er schließlich in Berlin wieder seinen Wohnsitz. Er war ungeniert
-von Natur und ein klein wenig überheblich. Als wichtigstes Ereignis
-seiner letzten sieben Jahre galt ihm sein Übertritt vom Pilsener
-zum Weihenstephan. »Sehen Sie, meine Herren, vom Weihenstephan zum
-Pilsener, das kann jeder; aber das Umgekehrte, das ist was. Chinesen
-werden christlich, gut. Aber wenn ein Christ ein Chinese wird, das ist
-doch immer noch eine Sache von Belang.«
-
-Pusch, als er sich in Berlin niederließ, hatte sich auch bei den
-Barbys wieder eingeführt; Melusine entsann sich seiner noch,
-und der alte Graf war froh, die zurückliegenden Zeiten wieder
-durchsprechen und von Sandrigham und Hatfieldhouse, von Chatsworth
-und Prembroke-Lodge plaudern zu können. Eigentlich paßte der etwas
-weitgehende Ungeniertheitston, in dem der Doktor seiner Natur wie
-seiner Newyorker Schulung nach zu sprechen liebte, nicht sonderlich zu
-den Gepflogenheiten des alten Grafen; aber es lag doch auch wieder ein
-gewisser Reiz darin, ein Reiz, der sich noch verdoppelte durch das, was
-Pusch aus aller Welt Enden mitzuteilen wußte. Brillanter Korrespondent,
-der er war, unterhielt er Beziehungen zu den Ministerien und, was fast
-noch schwerer ins Gewicht fiel, auch zu den Gesandtschaften. Er hörte
-das Gras wachsen. Auf Titulaturen ließ er sich nicht ein; die vielen
-Telegramme hatten einen gewissen allgemeinen Telegrammstil in ihm
-gezeitigt, dessen er sich nur entschlug, wenn er ins Ausmalen kam. Es
-war im Zusammenhang damit, daß er gegen Worte wie: »Wirklicher Geheimer
-Oberregierungsrat« einen förmlichen Haß unterhielt. Herzog von Ujest
-oder Herzog von Ratibor waren ihm, trotz ihrer Kürze, immer noch zu
-lang, und so warf er denn statt ihrer einfach mit »Hohenlohes« um sich.
-In der Tat, er hatte mancherlei Schwächen. Aber diese waren doch auch
-wieder von eben so vielen Tugenden begleitet. So beispielsweise sah er
-über alles, was sich an Liebesgeschichten ereignete, mit einer beinah
-vornehmen Gleichgültigkeit hinweg, was manchem sehr zu paß kam. Ob dies
-Drüberhinsehn bloß Geschäftsmaxime war, oder ob er all dergleichen
-einfach alltäglich und deshalb mehr oder weniger langweilig fand,
-war nicht recht festzustellen; er kultivierte dafür mit Vorliebe das
-Finanzielle, vielleicht davon ausgehend, daß, wer die Finanzen hat,
-auch selbstverständlich alles andere hat, besonders die Liebe.
-
-Das war ~Dr.~ Pusch. Er schloß sich, als man aufbrach, einer Gruppe
-von Personen an, die den »angerissenen Abend« noch in einem Lokal
-verbringen wollten.
-
-»Ja, wo?«
-
-»Natürlich Siechen.«
-
-»Ach, Siechen. Siechen ist für Philister.«
-
-»Nun denn also, beim ›schweren Wagner‹.«
-
-»Noch philiströser. Ich bin für Weihenstephan.«
-
-»Und ich für Pilsener.«
-
-Man einigte sich schließlich auf ein Lokal in der Friedrichstraße, wo
-man beides haben könne.
-
-Die Herren, die dahin aufbrachen, waren außer Pusch noch der
-junge Baron Planta, dann Cujacius und Wrschowitz und abschließend
-Premierleutnant von Szilagy, der, wie schon angedeutet, früher bei den
-Gardedragonern gestanden, aber wegen einer großen Generalbegeisterung
-für die Künste, das Malen und Dichten obenan, schon vor etlichen
-Jahren seinen Abschied genommen hatte. Mit seinen Genrebildern war
-er nicht recht von der Stelle gekommen, weshalb er sich neuerdings
-der Novellistik zugewandt und einen Sammelband unter dem bescheidenen
-Titel »~Bellis perennis~« veröffentlicht hatte. Lauter kleine
-Liebesgeschichten.
-
-Alle fünf Herren, mit alleiniger Ausnahme des jungen Graubündner
-Barons, erwiesen sich von Anfang an als ziemlich aufgeregt, und
-jeder ihnen Zuhörende hätte sofort das Gefühl haben müssen, daß hier
-viel Explosionsstoff aufgehäuft sei. Trotzdem ging es zunächst gut;
-Wrschowitz hielt sich in Grenzen, und selbst Cujacius, der nicht gern
-andern das Wort ließ, freute sich über Puschs Schwadronage, vielleicht
-weil er nur das heraushörte, was ihm gerade paßte.
-
-Leutnant von Szilagy -- man kam vom Hundertsten aufs Tausendste --
-wurde bei den Fragen, die hin und her gingen, von ungefähr auch nach
-seinem Novellenbande gefragt und ob er Freude daran gehabt habe.
-
-»Nein, meine Herren,« sagte Szilagy, »das kann ich leider nicht sagen.
-Ich habe ~Bellis perennis~ auf eigne Kosten herstellen lassen und
-hundertzehn Rezensionsexemplare verschickt, unter Beilegung eines
-Zettels; der ist denn auch von einigen Zeitungen abgedruckt worden,
-aber nur von ganz wenigen. Im übrigen schweigt die Kritik.«
-
-»O, Krittikk« sagte Wrschowitz. »Ich liebe Krittikk. Aber gutte
-Krittikk schweigt.«
-
-»Und doch,« fuhr Szilagy fort, der sich in dem etwas delphischen
-Ausspruch des guten Wrschowitz nicht gleich zurechtfinden konnte, »doch
-sind diese schmerzlichen Gefühle nichts gegen das, was voraufgegangen.
-Ich unterhielt nämlich vor Erscheinen des Buches selbst die Hoffnung
-in mir, einige dieser kleinen Arbeiten in einem Parteiblatt und, als
-dies mißlang, in einem Familienjournal unterbringen zu können. Aber ich
-scheiterte ...«
-
-»Ja, natürlich scheiterten Sie,« sagte Pusch, »das spricht für Sie.
-Lassen Sie sich sagen und raten, denn ich weiß in diesen Dingen
-einigermaßen Bescheid. War nämlich drüben, ja ich darf beinah sagen,
-ich war doppelt drüben, erst drüben in England und dann drüben in
-Amerika. Da versteht man's. Ja, du lieber Himmel, dies bedruckte
-Löschpapier! Man lebt davon und es regiert eigentlich die Welt. Aber,
-aber ... Und dabei, wenn ich recht gehört habe, sprachen Sie von
-Parteiblatt, -- furchtbar. Und dann sprachen Sie von Familienjournal,
--- zweimal furchtbar!«
-
-»Haben Sie selbst Erfahrungen gemacht auf diesem schwierigen Gebiete?«
-
-»Nein, Herr von Szilagy, so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. Aber
-ich treibe mein Wesen über dem Strich, und wenn man so Wand an Wand
-wohnt, da weiß man doch einigermaßen, wie's bei dem Nachbar aussieht.
-Ach, und außerdem, wie so mancher hat mir sein Herz ausgeschüttet
-und mir dabei seine liebe Not geklagt! Wer's nicht leicht nimmt, der
-ist verloren. Roman, Erzählung, Kriminalgeschichte. Jeder, der der
-großen Masse genügen will, muß ein Loch zurückstecken. Und wenn er das
-redlich getan hat, dann immer noch eins. Es gibt eine Normalnovelle.
-Etwa so: tiefverschuldeter adeliger Assessor und ›Sommerleutnant‹
-liebt Gouvernante von stupender Tugend, so stupende, daß sie, wenn
-geprüft, selbst auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde.
-Plötzlich aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten Neffen
-an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten wünscht. Höhe der
-Situation! Drohendster Konflikt. Aber in diesem bedrängten Moment
-entsagt die Cousine nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr
-Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute
-noch ... Ja, Herr von Szilagy, wollen Sie damit konkurrieren?«
-
-Alles stimmte zu; nur Baron Planta meinte: »Doktor Pusch, Pardon, aber
-ich glaube beinah, Sie übertreiben. Und Sie wissen es auch.«
-
-Pusch lachte: »Wenn man etwas der Art sagt, übertreibt man immer. Wer
-ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon
-die Karikatur streift, macht eine Wirkung. Glauben Sie, daß Peter von
-Amiens den ersten Kreuzzug zusammengetrommelt hätte, wenn er so etwa
-beim Erdbeerpflücken einem Freunde mitgeteilt hätte, das Grab Christi
-sei vernachlässigt und es müsse für ein Gitter gesorgt werden?!«
-
-»Serr gutt, serr gutt.«
-
-»Und so auch, meine Herren, wenn ich von moderner Literatur spreche.
-Herr von Szilagy, den wir so glücklich sind unter uns zu sehn, soll
-aufgerichtet, seine Seele soll mit neuem Vertrauen erfüllt werden.
-Oder aber mit Heiterkeit, was noch besser ist. Er soll wieder lachen
-können. Und wenn man solche Wirkung erzielen will, ja, dann muß man
-eben deutlich und zugleich etwas phantastisch sprechen. Indessen
-auch ernsthaft angesehen, wie steht es denn mit der Herstellung
-(ich vermeide mit Vorbedacht das Wort ›Schöpfung‹) oder gar mit dem
-Verschleiß der meisten dieser Dinge! Lassen Sie mich in einem Bilde
-sprechen. Da haben wir jetzt in unsern Blumenläden allerlei Kränze,
-voran den aus Eichenlaub und Lorbeer bestehenden und meist noch behufs
-besserer Dauerbarkeit auf eine herzhafte Weidenrute geflochtenen
-Urkranz. Und nun treten Sie, je nach der Situation, an die sich Ihnen
-mit betrübter oder auch mit lächelnder Miene nähernde Kranzbinderin
-heran, um zu Begräbnis oder Trauung Ihre Bestellung zu machen, zu
-drei Mark oder zu fünf oder zu zehn. Und genau dieser Bestellung
-entsprechend, werden in den vorgeschilderten Urkranz etliche Georginen
-oder Teichrosen eingebunden und bei stattgehabter Höchstbewilligung
-sogar eine Orchidee von ganz unglaublicher Form und Farbe.«
-
-»Kenne die Orchidee,« rief Wrschowitz in höchster Ekstase, »lila mit
-gelb.«
-
-Pusch nickte, zugleich in steigendem Übermut fortfahrend: »Und genau
-so mit der Urnovelle. Die liegt fertig da wie der Urkranz; nichts
-fehlt als der Aufputz, der nunmehr freundschaftlich verabredet
-wird. Bei Höchstbewilligung wird ein Verstoß gegen die Sittlichkeit
-eingeflochten. Das ist dann die große Orchidee, lila mit gelb, wie
-Freund Wrschowitz sehr richtig hervorgehoben hat.«
-
-»Unter diesen Umständen,« bemerkte hier Baron Planta, »will es mir
-als ein wahres Glück erscheinen, daß Herr von Szilagy, wie ich höre,
-mehrere Eisen im Feuer hat. Was ihm die Novellistik schuldig bleibt,
-muß ihm die Malerei bringen.«
-
-»Was sie leider bisher nicht tat und mutmaßlich auch nie tun wird,«
-lachte Szilagy halb wehmütig, »trotzdem ich vom Genrebild aus, mit
-dem ich anfing, eine Schwenkung gemacht und mich unter Anleitung
-meines Freundes Salzmann neuerdings der Marinemalerei zugewandt habe.
-Mitunter auch Bataillen. Und was die blauen Töne betrifft, so darf ich
-vielleicht behaupten, hinter keinem zurückgeblieben zu sein. Habe mich
-außerdem in Gudin und William Turner vergafft. Aber trotzdem ...«
-
-»Aber trotzdem ohne rechten Erfolg,« unterbrach hier Cujacius,
-»was mich nicht Wunder nimmt. Was wollen Sie mit Gudin oder gar
-mit Turner? Wer das Meer malen will, muß nach Holland gehn und die
-alten Niederländer studieren. Und unter den Modernen vor allem die
-Skandinaven: die Norweger, die Dänen.«
-
-Wrschowitz zuckte zusammen.
-
-»Wir haben da beispielsweise den Melby, Däne ~pur sang~, der sehr gut
-und beinah bedeutend ist.«
-
-»O nein, nein,« platzte jetzt Wrschowitz mit immer mehr erzitternder
-Stimme heraus. »Nicht serr gutt, nicht bedeutend, auch nicht einmal
-+beinah+ bedeutend.«
-
-»Der +sehr+ bedeutend ist,« wiederholte Cujacius. »Grade darin
-bedeutend, daß er nicht bedeutend sein will. Er erhebt keine falschen
-Prätensionen; er ist schlicht, ohne Phantastereien, aber stimmungsvoll;
-und wenn ich Bilder von ihm sehe, besonders solche, wo das graublaue
-Meer an einer Klippe brandet, so berührt mich das jedesmal spezifisch
-skandinavisch, etwa wie der ossianische Meereszauber in den
-Kompositionen unsers trefflichen Niels Gade.«
-
-»Niels Gade? Von Niels Gade spricht man nicht.«
-
-»Ich spreche von Niels Gade. Seine Kompositionen reichen bis an
-Mendelssohn heran.«
-
-»Was ihn nicht größer macht.«
-
-»Doch, mein Herr Doktor. Wirkliche Kunstgrößen zu stürzen, dazu reichen
-Überheblichkeiten nicht aus.«
-
-»Was Sie nicht abhielt, mein Herr Professor, den großen Gudin
-culbütieren zu wollen.«
-
-»Über Malerei zu sprechen steht mir zu.«
-
-»Über Musik zu sprechen steht mir zu.«
-
-»Sonderbar. Immer Personen aus unkontrollierbaren Grenzbezirken führen
-bei uns das große Wort.«
-
-»Ich bin Tscheche. Weiß aber, daß es ein deutsches Sprichwort gibt:
-›Der Deutsche lüggt, wenn er höfflich wird.‹«
-
-»Weshalb ich unter Umständen darauf verzichte.«
-
-»~En quoi vous réussissez à merveille.~«
-
-»Aber, meine Herren,« warf Pusch hier ein, den die ganze Streiterei
-natürlich entzückte, »könnten wir nicht das Kriegsbeil begraben?
-Proponiere: Begegnung auf halbem Wege; ~shaking hands~. Nehmen Sie
-zurück, hüben und drüben.«
-
-»Nie,« donnerte Cujacius.
-
-»~Jamais~,« sagte Wrschowitz.
-
-Und damit erhoben sich alle. Cujacius und Pusch hatten die Tete,
-Wrschowitz und Baron Planta folgten in einiger Entfernung. Szilagy war
-vorsichtigerweise abgeschwenkt.
-
-Wrschowitz, immer noch in großer Erregung, mühte sich, dem jungen
-Graubündner auseinanderzusetzen, daß Cujacius ganz allgemein den Ruf
-eines Krakeelers habe. »~Je vous assure, Monsieur le Baron, il est un
-fou et plus que ça -- un blagueur.~«
-
-Baron Planta schwieg und schien seinen Begleiter im Stich lassen zu
-wollen. Aber er bekehrte sich, als er einen Augenblick danach von der
-Front her die mit immer steigender Heftigkeit ausgestoßenen Worte
-hörte: Kaschube, Wende, Böhmake.
-
-
-
-
-Fünfunddreißigstes Kapitel
-
-
-Um dieselbe Stunde, wo sich die fünf Herren von der Barbyschen
-Hochzeitstafel entfernt hatten, waren auch Baron Berchtesgaden und
-Hofprediger Frommel aufgebrochen, so daß sich, außer dem Brautvater,
-nur noch der alte Stechlin im Hochzeitshause befand. Dieser hatte
-sich -- Melusine war vom Bahnhofe noch nicht wieder da -- vom Eßsaal
-her zunächst in das verwaiste Damenzimmer und von diesem aus auf die
-Loggia zurückgezogen, um da die Lichter im Strom sich spiegeln zu sehn
-und einen Zug frische Luft zu tun. An dieser Stelle fand ihn denn auch
-schließlich der alte Graf und sagte, nachdem er seinem Staunen über
-den gesundheitlich etwas gewagten Aufenthalt Ausdruck gegeben hatte:
-»Nun aber, mein lieber Stechlin, wollen wir endlich einen kleinen
-Schwatz haben und uns näher miteinander bekannt machen. Ihr Zug geht
-erst zehn ein halb; wir haben also noch beinah anderthalb Stunden.«
-
-Und dabei nahm er Dubslavs Arm, um ihn in sein Wohnzimmer, das bis
-dahin als Estaminet gedient hatte, hinüberzuführen.
-
-»Erlauben Sie mir,« fuhr er hier fort, »daß ich zunächst mein halb
-eingewickeltes und halb eingeschientes Elefantenbein auf einen Stuhl
-strecke; es hat mich all die Zeit über ganz gehörig gezwickt, und
-namentlich das Stehen vor dem Altar ist mir blutsauer geworden. Bitte,
-rücken Sie heran. Es ging während unsers kleinen Diners alles so
-rasch, und ich wette, Sie sind bei dem Kaffee ganz erheblich zu kurz
-gekommen. Der Moment, wo das Bier herumgereicht wird, ist in den Augen
-des modernen Menschen immer das wichtigste; da wird dann der Kaffeezeit
-manches abgeknapst.«
-
-Und dabei drückte er auf den Knopf der Klingel.
-
-»Jeserich, noch eine Tasse für Herrn von Stechlin und natürlich einen
-Kognak oder Curaçao oder lieber die ganze ›Benediktinerabtei‹, --
-Witz von Cujacius, für den Sie mich also nicht verantwortlich machen
-dürfen ... Leider werde ich Ihnen bei diesem ›zweiten Kaffee‹ nicht
-Gesellschaft leisten können; ich habe mich schon bei Tische mit einer
-lügnerisch und bloß anstandshalber in einen Champagnerkübel gestellten
-Apollinarisflasche begnügen müssen. Aber was hilft es, man will doch
-nicht auffallen mit all seinen Gebresten.«
-
-Dubslav war der Aufforderung des alten Grafen nachgekommen und saß,
-eine Lampe mit grünem Schirm zwischen sich und ihm, seinem Wirte gerade
-gegenüber. Jeserich kam mit der Tablette.
-
-»Den Kognak,« fuhr der alte Barby fort, »kann ich Ihnen empfehlen;
-noch Beziehungen aus Zeiten her, wo man mit einem Franzosen ungeniert
-sprechen und nach einer guten Firma fragen konnte. Waren Sie siebzig
-noch mit dabei?«
-
-»Ja, so halb. Eigentlich auch das kaum. Aus meinem Regiment war ich
-lange heraus. Nur als Johanniter.«
-
-»Ganz wie ich selber.«
-
-»Eine wundervolle Zeit, dieser Winter siebzig,« fuhr Dubslav fort,
-»auch rein persönlich angesehn. Ich hatte damals das, was mir
-zeitlebens, wenn auch nicht absolut, so doch mehr als wünschenswert
-gefehlt hatte: Fühlung mit der großen Welt. Es heißt immer, der Adel
-gehöre auf seine Scholle, und je mehr er mit der verwachse, desto
-besser sei es. Das ist auch richtig. Aber etwas ganz Richtiges gibt es
-nicht. Und so muß ich denn sagen, es war doch was Erquickliches, den
-alten Wilhelm so jeden Tag vor Augen zu haben. Hab ihn freilich immer
-nur flüchtig gesehn, aber auch das war schon eine Herzensfreude. Sie
-nennen ihn jetzt den ›Großen‹ und stellen ihn neben Fridericus Rex.
-Nun, so einer war er sicherlich nicht, an den reicht er nicht ran.
-Aber als Mensch war er ihm über, und das gibt, mein ich, in gewissem
-Sinne den Ausschlag, wenn auch zur ›Größe‹ noch was anders gehört. Ja,
-der alte Fritz! Man kann ihn nicht hoch genug stellen; nur in einem
-Punkte find ich trotzdem, daß wir eine falsche Position ihm gegenüber
-einnehmen, gerade wir vom Adel. Er war nicht so sehr für uns, wie wir
-immer glauben oder wenigstens nach außen hin versichern. Er war für
-sich und für das Land oder, wie er zu sagen liebte, ›für den Staat‹.
-Aber daß wir als Stand und Kaste so recht was von ihm gehabt hätten,
-das ist eine Einbildung.«
-
-»Überrascht mich, aus Ihrem Munde zu hören.«
-
-»Ist aber doch wohl richtig. Wie lag es denn eigentlich? Wir hatten
-die Ehre, für König und Vaterland hungern und dursten und sterben
-zu dürfen, sind aber nie gefragt worden, ob uns das auch passe. Nur
-dann und wann erfuhren wir, daß wir ›Edelleute‹ seien und als solche
-mehr ›Ehre‹ hätten. Aber damit war es auch getan. In seiner innersten
-Seele rief er uns eigentlich genau dasselbe zu wie den Grenadieren
-bei Torgau. Wir waren Rohmaterial und wurden von ihm mit meist sehr
-kritischem Auge betrachtet. Alles in allem, lieber Graf, find ich
-unser Jahr dreizehn eigentlich um ein Erhebliches größer, weil alles,
-was geschah, weniger den Befehlscharakter trug und mehr Freiheit und
-Selbstentschließung hatte. Ich bin nicht für die patentierte Freiheit
-der Parteiliberalen, aber ich bin doch für ein bestimmtes Maß von
-Freiheit überhaupt. Und wenn mich nicht alles täuscht, so wird auch
-in unsern Reihen allmählich der Glaube lebendig, daß wir uns dabei --
-besonders auch rein praktisch-egoistisch -- am besten stehn.«
-
-Der alte Barby freute sich sichtlich dieser Worte. Dubslav aber fuhr
-fort: »Übrigens, +das+ muß ich sagen dürfen, lieber Graf, Sie wohnen
-hier brillant an Ihrem Kronprinzenufer; ein entzückender Blick, und
-Fremde würden vielleicht kaum glauben, daß an unsrer alten Spree so
-was Hübsches zu finden sei. Die Niederlassungs- und speziell die
-Wohnungsfrage spielt doch, wo sich's um Glück und Behagen handelt,
-immer stark mit, und gerade Sie, der Sie so lange draußen waren,
-werden, ehe Sie hier dies Visavis von unsrer Jungfernheide wählten,
-nicht ohne Bedenken gewesen sein. In bezug auf die Landschaft gewiß und
-in bezug auf die Menschen vielleicht.«
-
-»Sagen wir, auch da gewiß. Ich hatte wirklich solche Bedenken. Aber sie
-sind niedergekämpft. Vieles gefiel mir durchaus nicht, als ich, nach
-langen, langen Jahren, aus der Fremde wieder nach hier zurückkam, und
-vieles gefällt mir auch noch nicht. Überall ein zu langsames Tempo. Wir
-haben in jedem Sinne zuviel Sand um uns und in uns, und wo viel Sand
-ist, da will nichts recht vorwärts, immer bloß hü und hott. Aber dieser
-Sandboden ist doch auch wieder tragfähig, nicht glänzend, aber sicher.
-Er muß nur, und vor allem der moralische, die richtige Witterung
-haben, also zu rechter Zeit Regen und Sonnenschein. Und ich glaube,
-Kaiser Friedrich hätt ihm diese Witterung gebracht.«
-
-»Ich glaub es nicht,« sagte Dubslav.
-
-»Meinen Sie, daß es ihm schließlich doch nicht ein rechter Ernst mit
-der Sache war?«
-
-»O nein, nein. Es war ihm Ernst, ganz und gar. Aber es würd ihm zu
-schwer gemacht worden sein. Rund heraus, er wäre gescheitert.«
-
-»Woran?«
-
-»An seinen Freunden vielleicht, an seinen Feinden gewiß. Und das waren
-die Junker. Es heißt immer, das Junkertum sei keine Macht mehr, die
-Junker fräßen den Hohenzollern aus der Hand und die Dynastie züchte sie
-bloß, um sie für alle Fälle parat zu haben. Und das ist eine Zeitlang
-vielleicht auch richtig gewesen. Aber heut ist es nicht mehr richtig,
-es ist heute grundfalsch. Das Junkertum (trotzdem es vorgibt, seine
-Strohdächer zu flicken, und sie gelegentlich vielleicht auch wirklich
-flickt), dies Junkertum -- und ich bin inmitten aller Loyalität und
-Devotion doch stolz, dies sagen zu können -- hat in dem Kampf dieser
-Jahre kolossal an Macht gewonnen, mehr als irgendeine andre Partei,
-die Sozialdemokratie kaum ausgeschlossen, und mitunter ist mir's, als
-stiegen die seligen Quitzows wieder aus dem Grabe herauf. Und wenn das
-geschieht, wenn unsre Leute sich auf das besinnen, worauf sie sich seit
-über vierhundert Jahren nicht mehr besonnen haben, so können wir was
-erleben. Es heißt immer: ›unmöglich.‹ Ah bah, was ist unmöglich? Nichts
-ist unmöglich. Wer hätte vor dem 18. März den 18. März für möglich
-gehalten, für möglich in diesem echten und rechten Philisternest
-Berlin! Es kommt eben alles mal an die Reihe; das darf nicht vergessen
-werden. Und die Armee! Nun ja. Wer wird etwas gegen die Armee sagen?
-Aber jeder glückliche General ist immer eine Gefahr! Und unter
-Umständen auch noch andre. Sehen Sie sich den alten Sachsenwalder an,
-unsren Zivil-Wallenstein. Aus dem hätte schließlich doch Gott weiß was
-werden können.«
-
-»Und Sie glauben,« warf der Graf hier ein, »an dieser scharfen
-Quitzow-Ecke wäre Kaiser Friedrich gescheitert?«
-
-»Ich glaub es.«
-
-»Hm, es läßt sich hören. Und wenn so, so wär es schließlich ein Glück,
-daß es nach den neunundneunzig Tagen anders kam und wir nicht vor diese
-Frage gestellt wurden.«
-
-»Ich habe mit meinem Woldemar, der einen stark liberalen Zug hat (ich
-kann es nicht loben und mag's nicht tadeln) oft über diese Sache
-gesprochen. Er war natürlich für Neuzeit, also für Experimente ...
-Nun hat er inzwischen das bessere Teil erwählt, und während wir hier
-sprechen, ist er schon über Trebbin hinaus. Sonderbar, ich bin nicht
-allzuviel gereist, aber immer, wenn ich an diesem märkischen Neste
-vorbeikam, hatt ich das Gefühl: ›jetzt wird es besser, jetzt bist du
-frei.‹ Ich kann sagen, ich liebe die ganze Sandbüchse da herum, schon
-bloß aus diesem Grunde.«
-
-Der alte Graf lachte behaglich. »Und Trebbin wird sich von dieser Ihrer
-Schwärmerei nichts träumen lassen. Übrigens haben Sie recht. Jeder lebt
-zu Hause mehr oder weniger wie in einem Gefängnis und will weg. Und
-doch bin ich eigentlich gegen das Reisen überhaupt und speziell gegen
-die Hochzeitsreiserei. Wenn ich so Personen in ein Coupé nach Italien
-einsteigen sehe, kommt mir immer ein Dankgefühl, dieses ›höchste Glück
-auf Erden‹ nicht mehr mitmachen zu müssen. Es ist doch eigentlich eine
-Qual, und die Welt wird auch wieder davon zurückkommen; über kurz oder
-lang wird man nur noch reisen, wie man in den Krieg zieht oder in einen
-Luftballon steigt, bloß von Berufs wegen. Aber nicht um des Vergnügens
-willen. Und wozu denn auch? Es hat keinen rechten Zweck mehr. In alten
-Zeiten ging der Prophet zum Berge, jetzt vollzieht sich das Wunder und
-der Berg kommt zu uns. Das Beste vom Parthenon sieht man in London und
-das Beste von Pergamum in Berlin, und wäre man nicht so nachsichtig
-mit den lieben, nie zahlenden Griechen verfahren, so könnte man sich
-(am Kupfergraben) im Laufe des Vormittags in Mykenä und nachmittags in
-Olympia ergehn.«
-
-»Ganz Ihrer Meinung, teuerster Graf. Aber doch zugleich auch ein wenig
-betrübt, Sie so dezidiert gegen alle Reiserei zu finden. Ich stand
-nämlich auf dem Punkte, Sie nach Stechlin hin einzuladen, in meine alte
-Kate, die meine guten Globsower unentwegt ein ›Schloß‹ nennen.«
-
-»Ja, lieber Stechlin, Ihre ›Kate‹, das ist was andres. Und um Ihnen
-ganz die Wahrheit zu sagen, wenn Sie mich nicht eingeladen hätten
-(eigentlich ist es ja noch nicht geschehn, aber ich greife bereits
-vor), so hätt ich mich bei Ihnen angemeldet. Das war schon lange mein
-Plan.«
-
-In diesem Augenblicke ging draußen die Klingel. Es war Melusine.
-
-»Bringe den Vätern, respektive Schwiegervätern allerschönste Grüße. Die
-Kinder sind jetzt mutmaßlich schon über Wittenberg, die große Luther-
-beziehungsweise Apfelkuchenstation, hinaus, und in weniger als zwei
-Stunden fahren sie in den Dresdener Bahnhof ein. O diese Glücklichen!
-Und dabei verwett ich mich, Armgard hat bereits Sehnsucht nach Berlin
-zurück. Vielleicht sogar nach mir.«
-
-»Kein Zweifel,« sagte Dubslav. Die Gräfin selbst aber fuhr fort: »Ehe
-man nämlich ganz Abschied von dem alten Leben nimmt, sehnt man sich
-noch einmal gründlich danach zurück. Freilich, Schwester Armgard wird
-weniger davon empfinden als andere. Sie hat eben den liebenswürdigsten
-und besten Mann, und ich könnt ihn ihr beinah beneiden, trotzdem ich
-noch im Abschiedsmoment einen wahren Schreck kriegte, als ich ihn sagen
-hörte, daß er morgen vormittag mit ihr vor die Sixtinische Madonna
-treten wolle. Worte, bei denen er noch dazu wie verklärt aussah. Und
-das find ich einfach unerhört. Warum, werden Sie mich vielleicht
-fragen. Nun denn, weil es erstens eine Beleidigung ist, sich auf eine
-Madonna so extrem zu freuen, wenn man eine Braut oder gar eine junge
-Frau zur Seite hat, und zweitens, weil dieser geplante Galeriebesuch
-einen Mangel an Disposition und Ökonomie bedeutet, der mich für
-Woldemars ganze Zukunft besorgt machen kann. Diese Zukunft liegt doch
-am Ende nach der agrarischen Seite hin, und richtige ›Dispositionen‹
-bedeuten in der Landwirtschaft so gut wie alles.«
-
-Der alte Graf wollte widersprechen, aber Melusine ließ es nicht
-dazu kommen und fuhr ihrerseits fort: »Jedenfalls -- das ist nicht
-wegzudisputieren -- fährt unser Woldemar jetzt in das Land der Madonnen
-hinein und will da mutmaßlich mit leidlich frischen Kräften antreten;
-wenn er sich aber schon in Deutschland etappenweise vertut, so wird
-er, wenn er in Rom ist, wohl sein Programm ändern und im Café Cavour
-eine Berliner Zeitung lesen müssen, statt nebenan im Palazzo Borghese
-Kunst zu schwelgen. Ich sage mit Vorbedacht: eine +Berliner+ Zeitung,
-denn wir werden jetzt Weltstadt und wachsen mit unserer Presse schon
-über Charlottenburg hinaus ... Übrigens läßt, wie das junge Paar, so
-auch die Baronin bestens grüßen. Eine reizende Frau, Herr von Stechlin,
-die grad Ihnen ganz besonders gefallen würde. Glaubt eigentlich gar
-nichts und geriert sich dabei streng katholisch. Das klingt widersinnig
-und ist doch richtig und reizend zugleich. All die Süddeutschen
-sind überhaupt viel netter als wir, und die nettesten, weil die
-natürlichsten, sind die Bayern.«
-
-
-
-
-Sonnenuntergang
-
-
-
-
-Sechsunddreißigstes Kapitel
-
-
-Der alte Dubslav, als er bald nach elf auf seinem Granseer Bahnhof
-eintraf, fand da Martin und seinen Schlitten bereits vor. Engelke
-hatte zum Glück für warme Sachen gesorgt, denn es war inzwischen
-recht kalt geworden. Im ersten Augenblicke tat dem Alten, in dessen
-Coupé die herkömmliche Stickluft gebrütet hatte, der draußen wehende
-Ostwind überaus wohl; sehr bald aber stellte sich ein Frösteln ein.
-Schon tags zuvor, bei Beginn seiner Reise, war ihm nicht so recht
-zumute gewesen, Kopfweh, Druck auf die Schläfe; jetzt war derselbe
-Zustand wieder da. Trotzdem nahm er's leicht damit und sah in das
-Sterngeflimmer über ihm. Die wie Riesenbesen aufragenden Pappeln warfen
-dunkle, groteske Schatten über den Weg, während er die nach links und
-rechts hin liegenden toten Schneefelder mit den wechselnden Bildern
-alles dessen, was ihm der zurückliegende Tag gebracht harte, belebte.
-Da sah er wieder die mit rotem Teppich belegte Hotel-Marmortreppe
-mit dem Oberkellner in Gesandtschaftsattachéhaltung, und im nächsten
-Augenblicke den Garnisonkirchenküster, den er anfänglich für einen
-zur Feier eingeladenen Konsistorialrat gehalten hatte. Daneben aber
-stand die blasse, schöne Braut und die reizende, bieg- und schmiegsame
-Melusine. »Ja, der alte Barby, wenn er auf +die+ sieht, der hat's gut,
-der kann es aushalten. Immer einen guten und klugen Menschen um sich
-haben, immer was hören und sehen, was einen anlacht und erquickt, das
-ist was. Aber ich! Ich für meinen Teil, gleichviel ob mit oder ohne
-Schuld, ich war immer nur auf ein Pflichtteil gesetzt, -- als Kind,
-weil ich faul war, und als Leutnant, weil ich nicht recht was hatte.
-Dann kam ein Lichtblick. Aber gleich danach starb sie, die mir Stab und
-Stütze hätte sein können, und durch all die dreißig Jahre, die seitdem
-kamen und gingen, blieb mir nichts als Engelke (der noch das Beste war)
-und meine Schwester Adelheid. Gott, verzeih mir's, aber ein Trost war
-die nicht; immer bloß herbe wie'n Holzapfel.«
-
-Unter solchen Betrachtungen fuhr er in das Dorf ein und hielt gleich
-danach vor der Tür seines alten Hauses. Engelke war schon da, half ihm
-und tat sein Bestes, ihn aus der schweren Wolfsschur herauszuwickeln.
-Der immer noch Fröstelnde stapfte dabei mit den Füßen, warf seinen
-Staatshut -- den er unterwegs, weil er ihn drückte, wohl hundertmal
-verwünscht hatte -- mit ersichtlicher Befriedigung beiseite und sagte
-gleich danach beim Eintreten in sein Zimmer: »Ach, das is recht,
-Engelke. Du hast ein Feuer gemacht; du weißt, was einem alten Menschen
-gut tut. Aber es reicht noch nicht aus. Ob wohl unten noch heißes
-Wasser ist? So'n fester Grog, der sollte mir jetzt passen; ich friere
-Stein und Bein.«
-
-»Heiß Wasser is nicht mehr, gnädiger Herr. Aber ich kann ja ne
-Kasseroll aufstellen. Oder noch besser, ich hole den Petroleumkocher.«
-
-»Nein, nein, Engelke, nicht soviel Umstände. Das mag ich nicht. Und
-den Petroleumkocher, den erst recht nich; da kriegt man bloß Kopfweh,
-und ich habe schon genug davon. Aber bringe mir den Kognak und kaltes
-Wasser. Und wenn man dann so halb und halb nimmt, dann is es so gut,
-als wär es ganz heiß gewesen.«
-
-Engelke brachte, was gefordert, und eine Viertelstunde danach ging
-Dubslav zu Bett.
-
- * * * * *
-
-Er schlief auch gleich ein. Aber bald war er wieder wach und druste nur
-noch so hin. So kam endlich der Morgen heran.
-
-Als Engelke zu gewohnter Stunde das Frühstück brachte, schleppte sich
-Dubslav mühsamlich von seinem Schlafzimmer bis an den Frühstückstisch.
-Aber es schmeckte ihm nicht. »Engelke, mir ist schlecht; der Fuß ist
-geschwollen, und das mit dem Kognak gestern abend war auch nicht
-richtig. Sage Martin, daß er nach Gransee fährt und Doktor Sponholz
-mitbringt. Und wenn Sponholz nicht da ist -- der arme Kerl kutschiert
-in einem fort rum; ohne Landpraxis geht es nicht --, dann soll er
-warten, bis er kommt.«
-
-Es traf sich so, wie Dubslav vermutet hatte; Sponholz war wirklich auf
-Landpraxis und kam erst nachmittags zurück. Er aß einen Bissen und
-stieg dann auf den Stechliner Wagen.
-
-»Na, Martin, was macht denn der gnädge Herr?«
-
-»Joa, Herr Doktor, ick möt doch seggen, he seiht en beten verännert ut;
-em wihr schon nich so recht letzten Sünndag, un doa müßt he joa nu grad
-nach Berlin. Un ick weet schon, wenn ihrst een nach Berlin muß, denn
-is ook ümmer wat los. Ick weet nich, wat se doa mit'n ollen Minschen
-moaken.«
-
-»Ja, Martin, das ist die große Stadt. Da übernehmen sie sich denn. Und
-dann war ja auch Hochzeit. Da werden sie wohl ein bißchen gepichelt
-haben. Und vorher die kalte Kirche. Und dazu so viele feine Damen.
-Daran ist der gnädge Herr nicht mehr gewöhnt, und dann will er sich
-berappeln und strengt sich an, und da hat man denn gleich was weg.«
-
-Es dämmerte schon, als der kleine Jagdwagen auf der Rampe vorfuhr.
-Sponholz stieg aus, und Engelke nahm ihm den grauen Mantel mit
-Doppelkragen ab und auch die hohe Lammfellmütze, darin er -- freilich
-das einzige an ihm, das diese Wirkung ausübte -- wie ein Perser aussah.
-
-So trat er denn bei Dubslav ein. Der alte Herr saß an seinem Kamin und
-sah in die Flamme.
-
-»Nun, Herr von Stechlin, da bin ich. War über Land. Es geht jetzt
-scharf. Jeder dritte hustet und hat Kopfweh. Natürlich Influenza. Ganz
-verdeubelte Krankheit.«
-
-»Na, +die+ wenigstens hab ich nicht.«
-
-»Kann man nicht wissen. Ein bißchen fliegt jedem leicht an. Nun, wo
-sitzt es?«
-
-Dubslav wies auf sein rechtes Bein und sagte: »Stark geschwollen. Und
-das andre fängt auch an.«
-
-»Hm. Na, wollen mal sehen. Darf ich bitten?«
-
-Dubslav zog sein Beinkleid herauf, den Strumpf herunter und sagte: »Da
-is die Bescherung. Gicht ist es nicht. Ich habe keine Schmerzen ...
-Also was andres.«
-
-Sponholz tippte mit dem Finger auf dem geschwollenen Fuß herum und
-sagte dann: »Nichts von Belang, Herr von Stechlin. Einhalten, Diät,
-wenig trinken, auch wenig Wasser. Das verdammte Wasser drückt gleich
-nach oben, und dann haben Sie Atemnot. Und von Medizin bloß ein paar
-Tropfen. Bitte bleiben Sie sitzen; ich weiß ja Bescheid hier.« Und
-dabei ging er an Dubslavs Schreibtisch heran, schnitt sich ein Stück
-Papier ab und schrieb ein Rezept. »Ihr Kutscher, das wird das beste
-sein, kann bei der Apotheke gleich mit vorfahren.«
-
-Im Vorflur, nach Verabschiedung von Dubslav, fuhr Sponholz alsbald
-wieder in seinen Mantel. Engelke half ihm und sagte dabei: »Na, Herr
-Doktor?«
-
-»Nichts, nichts, Engelke!«
-
-Martin mit seinem Jagdwagen hielt noch wartend auf der Rampe draußen,
-und so ging es denn in rascher Fahrt wieder nach der Stadt zurück, von
-wo der alte Kutscher die Tropfen gleich mitbringen sollte.
-
-Der Winterabend dämmerte schon, als Martin zurück war und die Medizin
-an Engelke abgab. Der brachte sie seinem Herrn.
-
-»Sieh mal,« sagte dieser, als er das rundliche Fläschchen in Händen
-hielt, »die Granseer werden jetzt auch fein. Alles in rosa Seidenpapier
-gewickelt.« Auf einem angebundenen Zettel aber stand: »Herrn Major
-von Stechlin. Dreimal täglich zehn Tropfen.« Dubslav hielt die kleine
-Flasche gegen das Licht und tröpfelte die vorgeschriebene Zahl in einen
-Löffel voll Wasser. Als er sie genommen hatte, bewegte er die Lippen
-hin und her, etwa wie wenn ein Kenner eine neue Weinsorte probt. Dann
-nickte er und sagte: »Ja, Engelke, nu geht es los. Fingerhut.«
-
- * * * * *
-
-Der alte Dubslav nahm durch mehrere Tage hin seine Tropfen ganz
-gewissenhaft und fand auch, daß sich's etwas bessere. Die Geschwulst
-ging um ein geringes zurück. Aber die Tropfen nahmen ihm den Appetit,
-so daß er noch weniger aß, als ihm gestattet war.
-
-Es war ein schöner Frühmärzentag, die Mittagszeit schon vorüber.
-Dubslav saß an der weit offenstehenden Glastür seines Gartensalons
-und las die Zeitung. Es schien indes, daß ihm das, was er las, nicht
-sonderlich gefiel. »Ach, Engelke, die Zeitung ist ja soweit ganz gut;
-nur so für den ganzen Tag ist sie doch zu wenig. Du könntest mir lieber
-ein Buch bringen.«
-
-»Was für eines?«
-
-»Is egal.«
-
-»Da liegt ja noch das kleine gelbe Buch: ›Keine Lupine mehr!‹«
-
-»Nein, nein; nicht so was. Lupine, davon hab ich schon so viel gelesen;
-das wechselt in einem fort, und eins ist so dumm wie das andre. Die
-Landwirtschaft kommt doch nicht wieder obenauf oder wenigstens nicht
-durch so was. Bringe mir lieber einen Roman; früher in meiner Jugend
-sagte man Schmöker. Ja, damals waren alle Wörter viel besser als jetzt.
-Weißt du noch, wie ich mir in dem Jahre, wo ich Zivil wurde, den
-ersten Schniepel machen ließ? Schniepel is auch solch Wort und doch
-wahrhaftig besser als Frack. Schniepel hat so was Fideles: Einsegnung,
-Hochzeit, Kindtaufe.«
-
-»Gott, gnädiger Herr, immer is es doch auch nicht so. Die meisten
-Schniepel sind doch, wenn einer begraben wird.«
-
-»Richtig, Engelke. Wenn einer begraben wird. Das war ein guter Einfall
-von dir. Früher würd ich gesagt haben ›zeitgemäß‹; jetzt sagt man
-›opportun‹. Hast du schon mal davon gehört?«
-
-»Ja, gnädiger Herr, gehört hab ich schon mal davon.«
-
-»Aber nich verstanden. Na, ich eigentlich auch nich. Wenigstens nicht
-so recht. Und du, du warst ja nich mal auf Schulen.«
-
-»Nein, gnädiger Herr.«
-
-»Alles in allem, sei froh drüber ... Aber, Engelke, wenn du mir nu ein
-Buch gebracht hast, dann will ich mich mit meinem Stuhl doch lieber
-gleich auf die Veranda rausrücken. Es ist wie Frühling heut. Solche
-guten Tage muß man mitnehmen. Und bringe mir auch ne Decke. Früher war
-ich nich so fürs Pimplige; jetzt aber heißt es: besser bewahrt als
-beklagt.«
-
- * * * * *
-
-In dem ganzen Dreieck zwischen Rheinsberg, Kloster Wutz und Gransee
-hatte sich die Nachricht von des alten Dubslav ernster Erkrankung
-mehr und mehr herumgesprochen, und es war wohl im Zusammenhange
-damit, daß ungefähr um dieselbe Stunde, wo Dubslav und Engelke sich
-über »Schniepel« und »opportun« unterhielten, ein Einspänner auf die
-Stechliner Rampe fuhr, ein etwas sonderbares Gefährt, dem der alte
-Baruch Hirschfeld langsam und vorsichtig entstieg. Engelke war ihm
-dabei behilflich und meldete gleich danach, daß der Alte da sei.
-
-»Der alte Baruch! Um Gottes willen, Engelke, was will denn der? Es ist
-ja doch glücklicherweise nichts los. Und so ganz aus freien Stücken.
-Na, laß ihn kommen.«
-
-Und Baruch Hirschfeld trat gleich darauf ein.
-
-Dubslav, in seine Decke gewickelt, begrüßte den Alten. »Aber, Baruch,
-um alles in der Welt, was gibt es? Was bringen Sie? Gleichviel
-übrigens, ich freue mich, Sie zu sehn. Machen Sie sich's so bequem,
-wie's auf den drei Latten eines Gartenstuhls überhaupt möglich ist. Und
-dann noch einmal: Was gibt es? Was bringen Sie?«
-
-»Herr Major wollen entschuldigen, es gibt nichts, und ich bringe auch
-nichts. Ich kam da bloß so vorbei, Geschäfte mit Herrn von Gundermann,
-und da wollt ich mir doch die Freiheit genommen haben, mal nach der
-Gesundheit zu fragen. Habe gehört, der Herr Major seien nicht ganz gut
-bei Wege.«
-
-»Nein, Baruch, nicht ganz gut bei Wege, beinahe schon schlecht genug.
-Aber lassen wir das schlimme Neue; das Alte war doch eigentlich besser
-(das heißt dann und wann), und manchmal denk ich so an alles zurück,
-was wir so gemeinschaftlich miteinander durchgemacht haben.«
-
-»Und immer glatt, Herr Major, immer glatt, ohne Schwierigkeiten.«
-
-»Ja,« lachte Dubslav, »+gemacht+ hab ich keine Schwierigkeiten, aber
-+gehabt+ hab ich genug. Und das weiß keiner besser als mein Freund
-Baruch. Und nun sagen Sie mir vor allem, was macht Ihr Isidor, der
-große Volksfreund? Ist er mit Torgelow noch zufrieden? Oder sieht er,
-daß sie da auch mit Wasser kochen? Ich wundere mich bloß, daß ein Sohn
-von Baruch Hirschfeld, Sohn und Firmateilhaber, so sehr für den Umsturz
-ist.«
-
-»Nicht für den Umsturz, Herr Major. Isidor, wenn ich so sagen darf, ist
-für die alte Valuta. Aber nebenher hat er ein Herz für die Menschheit.«
-
-»Hat er? Na, das ist recht.«
-
-»Und das Herz für die Menschheit, das haben wir alle, Herr Major. Und
-kommt uns dabei was heraus, so haben wir, wenn ich so sagen darf,
-die Dividende. Gott der Gerechte, wir brauchen's. Und weil ich rede
-von Dividende, will ich auch reden von Hypothek. Wir haben da seit
-letzten Freitag 'n Kapital, Granseer Bürger, und will's hergeben zu
-dreiundeinhalb.«
-
-»Nu, Baruch, das ist hübsch. Aber im Augenblick bin ich's nicht
-benötigt. Vielleicht später mal mein Woldemar. Der hat, wie Sie wissen,
-ne reiche Partie gemacht, und wer viel erheiratet, der braucht auch
-viel. Man denkt immer, ›dann hört es auf‹, aber das ist falsch, dann
-fängt es erst recht an. Unter allen Umständen seien Sie bedankt, daß
-Sie mal haben sehen wollen, wie's mit mir steht. Ich kann leider nur
-wiederholen, schlecht genug. Aber eine Weile dauert es wohl noch.
-Und wenn auch nicht, mit meinem Sohne wird sich, denk ich, gerade
-so wie zwischen uns zwei beiden, alles glatt abwickeln, glatter
-noch, und vielleicht können Sie gemeinschaftlich mal was Nettes
-herauswirtschaften, was Ordentliches, was Großes, was sich sehen lassen
-kann. Das heißt dann neue Zeit. Und nun, Baruch, müssen Sie noch ein
-Glas Sherry nehmen. In unserm Alter ist das immer das beste. Das
-heißt für Sie, der Sie noch gut im Gange sind. Ich darf bloß noch mit
-anstoßen.«
-
-Eine Viertelstunde später fuhr Baruch auf seinem Wägelchen wieder in
-den Stechliner Wald hinein und dachte wenig befriedigt über alles nach,
-was er da drinnen gehört hatte. Die geträumten Schloß-Stechlin-Tage
-schienen mit einemmale für immer vorüber. Alles, was der alte Herr da
-so nebenher von »gemeinschaftlich herauswirtschaften« gesagt hatte, war
-doch bloß ein Stich, eine Pike gewesen.
-
-Ja, Baruch fühlte was wie Verstimmung. Aber Dubslav auch. Es war ihm
-zu Sinn, als hätt er seinen alten Granseer Geld- und Geschäftsfreund
-(trotzdem er dessen letzte Pläne nicht einmal ahnte) zum erstenmal
-auf etwas Heimlichem und Verstecktem ertappt, und als Engelke kam, um
-die Sherryflasche wieder wegzuräumen, sagte er: »Engelke, mit Baruch
-is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär,
-und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir
-da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug
-davon hätte ... Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird
-am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit nem
-Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die
-feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich's nicht eher gemerkt
-habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir
-doch zuviel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen,
-dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie's einem
-geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so
-fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie
-an Auktion.«
-
-
-
-
-Siebenunddreißigstes Kapitel
-
-
-Auch die nächsten Tage waren beinahe sommerlich, taten dem Alten
-wohl und erleichterten ihm das Atmen. Er begann wieder zu hoffen,
-sprach mit Wirtschaftsinspektor und Förster und war nicht bloß voll
-wiedererwachten Interesses, sondern überhaupt guter Dinge.
-
-So kam Mitte März heran. Der Himmel war blau, Dubslav saß auf seiner
-Veranda, den kleinen Springbrunnen vor sich, und sah dabei das leichte
-weiße Gewölk ziehen. Vom Park her vernahm er den ersten Finkenschlag.
-Er mochte wohl schon eine Stunde so gesessen haben, als Engelke kam und
-den Doktor meldete.
-
-»Das ist recht, Sponholz, daß Sie kommen. Nicht um mir zu helfen (das
-ist immer schlimm, wenn einem erst geholfen werden soll), nein, um zu
-sehen, daß Sie mir schon geholfen haben. Diese Tropfen. Es ist doch was
-damit. Wenn sie nur nicht so schlecht schmeckten; ich muß mir immer
-einen Ruck geben. Und daß sie so grün sind. Grün ist Gift, heißt es bei
-den Leuten. Eigentlich eine ganz dumme Vorstellung. Wald und Wiese sind
-auch grün und doch so ziemlich unser Bestes.«
-
-»Ja, es ist ein Spezifikum. Und ich bin froh, daß die Digitalis hier
-bei Ihnen mal wieder zeigt, was sie kann. Und ich bin doppelt froh,
-weil ich mich auf sechs Wochen von Ihnen verabschieden muß.«
-
-»Auf sechs Wochen. Aber Doktor, das is ja ne halbe Ewigkeit. Haben Sie
-Schulden gemacht und sollen in Prison?«
-
-»Man könnte beinahe so was denken. Denn so lange Gransee historisch
-beglaubigt dasteht, ist noch kein Doktor auf sechs Wochen weg gewesen,
-noch dazu ein Kreisphysikus. Eine Doktorexistenz gestattet solchen
-Luxus nicht. Wie lebt man denn hier? Und wie hat man gelebt? Immer
-Furunkel aufgeschnitten, immer Karbolwatte, immer in den Wagen
-gestiegen, immer einem alten Erdenbürger seinen Entlassungsschein
-ausgestellt oder einen neuen Erdenbürger geholt. Und nun sechs Wochen
-weg. Wie ich meinen Kreis wiederfinden werde ... nu, vielleicht hat
-Gott ein Einsehen.«
-
-»Er ist doch wohl eigentlich der beste Assistenzarzt.«
-
-»Und vor allem der billigste. Der andre, den ich mir aus Berlin habe
-verschreiben müssen (ach, und so viel Schreiberei), der ist teurer. Und
-meine Reise kommt mir ohnedies schon teuer genug.«
-
-»Aber wohin denn, Doktor?«
-
-»Nach Pfäffers.«
-
-»Pfäffers. Kenn ich nicht. Und was wollen Sie da? Warum? Wozu?«
-
-»Meine Frau laboriert an einem Rheumatismus, hochgradig, schon nicht
-mehr schön. Und da ist denn Pfäffers der letzte Trumpf. Schweizerbad
-mit allen Schikanen und wahrscheinlich auch mit allen Kosten. Ein
-Granseer, der allerdings für Geld gezeigt werden kann, war mal an
-diesem merkwürdigen Ort und hat mir denn auch ne Beschreibung davon
-gemacht. Habe natürlich auch noch im Bädeker nachgeschlagen und unter
-anderm einen Fluß da verzeichnet gefunden, der Tamina heißt. Erinnert
-ein bißchen an Zauberflöte und klingt soweit ganz gut. Aber trotzdem
-eine tolle Geschichte, dies Pfäffers. Soweit es nämlich als Bad in
-Betracht kommt, ist es nichts als ein Felsenloch, ein großer Backofen,
-in den man hineingeschoben wird. Und da hockt man denn, wie die
-Indianer hocken, und die Dämpfe steigen siedeheiß von unten herauf. Wer
-da nicht wieder zustande kommt, der kann überhaupt einpacken. Übrigens
-will ich für meine Person gleich mit hineinkriechen. Denn das darf
-ich wohl sagen, wer so fünfunddreißig Jahre lang durch Kreis Gransee
-hin und her kutschiert ist, mitunter bei Ostwind, der hat sich sein
-Gliederreißen ehrlich verdient. Sonderbar, daß der Hauptteil davon auf
-meine Frau gefallen ist.«
-
-»Ja, Sponholz, in einer christlichen Ehe ...«
-
-»Freilich, Herr Major, freilich. Wiewohl das mit ›christlicher Ehe‹
-auch immer bloß so so ist. Da hatten wir, als ich noch Militär war,
-einen Kompaniechirurgus, richtige alte Schule, der sagte, wenn er von
-so was hörte: ›Ja, christliche Ehe, ganz gut, kenn ich. Is wie Schinken
-in Burgunder. Das eine is immer da, aber das andere fehlt.‹«
-
-»Ja,« sagte Dubslav, »diese richtigen alten Kompaniechirurgusse, die
-hab ich auch noch gekannt. Blutige Zyniker, jetzt leider ausgestorben
-... Und in solchem Pfäfferschen Backofen wollen Sie sechs Wochen
-zubringen?«
-
-»Nein, Herr von Stechlin, nicht solange. Bloß vier, höchstens vier.
-Denn es strengt sehr an. Aber wenn man nu doch mal da ist, ich meine
-in der Schweiz und da herum, wo sie stellenweise schon Italienisch
-sprechen, da will man doch schließlich auch gern in das gelobte Land
-Italia hineinkucken. Und da haben wir denn also, meine Frau und ich,
-vor, von diesem Pfäffers aus erst noch durch die Viamala zu fahren, den
-Splügen hinauf oder auf irgendeinen andern Paß. Und wenn wir dann einen
-Blick in all die Herrlichkeit drüben hinein getan haben, dann kehren
-wir wieder um, und ich für meine Person ziehe mir wieder meinen grauen
-Mantel an (denn für die Reise hab ich mir einen neuen Paletot bauen
-lassen) und kutschiere wieder durch Kreis Gransee.«
-
-»Na, Sponholz, das freut mich aber wirklich, daß Sie mal rauskommen.
-Und bloß wenn Sie durch die Viamala fahren, da müssen Sie sich in acht
-nehmen.«
-
-»Waren Sie denn mal da, Herr Major?«
-
-»Bewahre. Meine Weltfahrten, mit ganz schwachen Ausnahmen, lagen immer
-nur zwischen Berlin und Stechlin. Höchstens mal Dresden und ein bißchen
-ins Bayrische. Wenn man so gar nicht mehr weiß, wo man hin soll, fährt
-man natürlich nach Dresden. Also Viamala nie gesehen. Aber ein Bild
-davon. Im allgemeinen ist Bilderankucken auch nicht gerade mein Fall,
-und wenn die Museums von mir leben sollten, dann täten sie mir leid.
-Indessen wie so der Zufall spielt, mal sieht man doch so was, und war
-da auf dem Viamala-Bilde ne Felsenschlucht mit Figuren von einem sehr
-berühmten Malermenschen, der, glaub ich, Böcking oder Böckling hieß.«
-
-»Ah so. Einer, wenn mir recht ist, heißt Böcklin.«
-
-»Wohl möglich, daß es der gewesen ist. Ja, sogar sehr wahrscheinlich.
-Nun sehen Sie, Doktor, da war denn also auf diesem Bilde diese
-Viamala, mit einem kleinen Fluß unten, und über den Fluß weg lief ein
-Brückenbogen, und ein Zug von Menschen (es können aber auch Ritter
-gewesen sein) kam grade die Straße lang. Und alle wollten über die
-Brücke.«
-
-»Sehr interessant.«
-
-»Und nun denken Sie sich, was geschieht da? Grade neben dem
-Brückenbogen, dicht an der rechten Seite, tut sich mit einem Male der
-Felsen auf, etwa wie wenn morgens ein richtiger Spießbürger seine Laden
-aufmacht und nachsehen will, wie's Wetter ist. Der aber, der an dieser
-Brücke da von ungefähr rauskuckte, hören Sie, Sponholz, das war kein
-Spießbürger, sondern ein richtiger Lindwurm oder so was Ähnliches aus
-der sogenannten Zeit der Saurier, also so weit zurück, daß selbst der
-älteste Adel (die Stechline mit eingeschlossen) nicht dagegen ankann,
-und dies Biest, als der herankommende Zug eben den Fluß passieren
-wollte, war mit seinem aufgesperrten Rachen bis dicht an die Menschen
-und die Brücke heran, und ich kann Ihnen bloß sagen, Sponholz, mir
-stand, als ich das sah, der Atem still, weil ich deutlich fühlte, nu
-noch einen Augenblick, dann schnappt er zu, und die ganze Bescherung is
-weg.«
-
-»Ja, Herr von Stechlin, da hat man bloß den Trost, daß die Saurier,
-soviel ich weiß, seitdem ausgestorben sind. Aber meiner Frau will
-ich diese Geschichte doch lieber nicht erzählen; die kriegt nämlich
-mitunter Ohnmachten. In Doktorhäusern ist immer was los.«
-
-Dubslav nickte.
-
-»Und nur das eine möcht ich Ihnen noch sagen, Herr von Stechlin,
-mit der Digitalis immer ruhig so weiter, und wenn der Appetit nicht
-wiederkommt, lieber nur zweimal täglich. Und nie mehr als zehn Tropfen.
-Und wenn Sie sich unpaß fühlen, mein Stellvertreter ist von allem
-unterrichtet. Er wird Ihnen gefallen. Neue Schule, moderner Mensch;
-aber doch nicht zuviel davon (so wenigstens hoff ich) und jedenfalls
-sehr gescheit. An seinem Namen -- er heißt nämlich Moscheles -- dürfen
-Sie nicht Anstoß nehmen. Er ist aus Brünn gebürtig, und da heißen die
-meisten so.«
-
-Der Alte drückte mit allem seine Zustimmung aus, auch mit dem Namen,
-trotzdem dieser ihm quälende Erinnerungen weckte. Schon vor etlichen
-fünfzig Jahren habe er Musikstücke spielen müssen, die alle auf den
-Namen Moscheles liefen. Aber das wolle er dem Insichtstehenden nicht
-weiter entgelten lassen.
-
-Und nach diesen beruhigenden Versicherungen empfahl sich Sponholz und
-fuhr zu weiteren Abschiedsbesuchen in die Grafschaft hinein.
-
- * * * * *
-
-Am zweitfolgenden Tage brachen die Sponholzschen Eheleute von Gransee
-nach Pfäffers hin auf; die Frau, sehr leidend, war schweigsam, er
-aber befand sich in einem hochgradigen Reisefieber, was sich, als
-sie draußen auf dem Bahnhof angelangt waren, in immer wachsender
-Gesprächigkeit äußerte.
-
-Mehrere Freunde (meist Logenbrüder) hatten ihn bis hinaus begleitet.
-Sponholz kam hier sofort vom Hundertsten aufs Tausendste. »Ja, unser
-guter Stechlin, mit dem steht es so so ... Baruch hat ihn auch gesehn
-und ihn einigermaßen verändert gefunden ... Und Sie, Kirstein, Sie
-schreiben mir natürlich, wenn der junge Burmeister eintritt; ich
-weiß, er will nicht recht (bloß der Vater will) und soll sogar von
-›Hokuspokus‹ gesprochen haben. Aber dergleichen muß man leicht nehmen.
-Unwissenheit, Verkennungen, über so was sind wir weg; viel Feind, viel
-Ehr ... Nur, es noch einmal zu sagen, der Alte drüben in Stechlin macht
-mir Sorge. Man muß aber hoffen; bei Gott kein Ding unmöglich ist. Und
-zu Moscheles hab ich Vertrauen; ihn auskultieren zu sehn ist ein wahres
-Vergnügen für nen Fachmann.«
-
-So klang, was Sponholz noch in letzter Minute vom Coupéfenster aus zum
-besten gab. Alles, am meisten aber das über den alten Stechlin Gesagte,
-wurde weitergetragen und drang bis auf die Dörfer hinaus, so namentlich
-auch bis nach Quaden-Hennersdorf zu Superintendent Koseleger, der seit
-kurzem mit Ermyntrud einen lebhaften Verkehr unterhielt und, angeregt
-durch die mit jedem Tage kirchlicher werdende Prinzessin, einen
-energischen Vorstoß gegen den Unglauben und die in der Grafschaft
-überhandnehmende Laxheit plante. Koseleger sowohl wie die Prinzessin
-wollten zu diesem Zwecke beim alten Dubslav als »nächstem Objekt«
-einsetzen und hielten sein Asthma für den geeignetsten Zeitpunkt. In
-einem Briefe der Prinzessin an Koseleger hieß es dementsprechend: »Ich
-will die gute Gesinnung des alten Herrn in nichts anzweifeln; außerdem
-hat er etwas ungemein Affables. Ich bin ihm menschlich durchaus
-zugetan. Aber sein Prinzip, das nichts Höheres kennt, als ›leben
-und leben lassen‹, hat in unsrer Gegend alle möglichen Irrtümer und
-Sonderbarkeiten ins Kraut schießen lassen. Nehmen Sie beispielsweise
-diesen Krippenstapel. Und nun den Lorenzen selbst! Katzler, mit dem ich
-gestern über unsern Plan sprach, hat mich gebeten, mit Rücksicht auf
-die Krankheit des alten Herrn wenigstens vorläufig von allem Abstand zu
-nehmen, aber ich hab ihm widersprechen müssen. Krankheit (soviel ist
-richtig) macht schroff und eigensinnig, aber in bedrängten Momenten
-auch wiederum ebenso gefügig, und es sind wohl auch hier wieder gerade
-die Auferlegungen und Bitternisse, daraus ein Segen für den Kranken und
-jedenfalls für die Gesamtheit unsres Kreises entspringen wird. Unter
-allen Umständen aber muß uns das Bewußtsein trösten, unsre Pflicht
-erfüllt zu haben.«
-
- * * * * *
-
-Es war eine Woche nach Sponholz' Abreise, daß Ermyntrud diese Zeilen
-schrieb, und schon am andern Vormittage fuhr Koseleger, der mit der
-Prinzessin im wesentlichen derselben Meinung war, auf die Stechliner
-Rampe. Gleich danach trat Engelke bei Dubslav ein und meldete den Herrn
-Superintendenten.
-
-»Superintendent? Koseleger?«
-
-»Ja, gnädger Herr. Superintendent Koseleger. Er sieht sehr wohl aus,
-und ganz blank.«
-
-»Was es doch für merkwürdige Tage gibt. Heute (du sollst sehn)
-ist wieder so einer. Mit Moscheles fing's an. Sage dem Herrn
-Superintendenten, ich ließe bitten.«
-
-»Ich komme hoffentlich zu guter Stunde, Herr von Stechlin.«
-
-»Zur allerbesten, Herr Superintendent. Eben war der neue Doktor hier.
-Und eine Viertelstunde, wenn's mit dem ›~praesente medico~‹ nur ein
-ganz klein wenig auf sich hat, muß solche Doktorgegenwart doch wohl
-noch nachwirken.«
-
-»Sicher, sicher. Und dieser Moscheles soll sehr gescheit sein. Die
-Wiener und Prager verstehn es; namentlich alles, was nach +der+ Seite
-hin liegt.«
-
-»Ja,« sagte Dubslav, »nach +der+ Seite hin,« und wies auf Brust und
-Herz. »Aber, offen gestanden, nach mancher andern Seite hin ist mir
-dieser Moscheles nicht sehr sympathisch. Er faßt seinen Stock so
-sonderbar an und schlenkert auch so.«
-
-»Ja, so was muß man unter Umständen mit in den Kauf nehmen. Und dann
-heißt es ja auch, der Major von Stechlin habe mehr oder weniger einen
-philosemitischen Zug.«
-
-»Den hat der Major von Stechlin auch wirklich, weil er
-Unchristlichkeiten nicht leiden kann und Prinzipienreitereien erst
-recht nicht. Ich gehöre zu denen, die sich immer den Einzelfall ansehn.
-Aber freilich, mancher Einzelfall gefällt mir nicht. So zum Beispiel
-der hier mit dem neuen Doktor. Und auch mein alter Baruch Hirschfeld,
-den der Herr Superintendent mutmaßlich kennen werden, auch der gefällt
-mir nicht mehr so recht. Ich hielt große Stücke von ihm, aber --
-vielleicht daß sein Sohn Isidor schuld ist -- mit einemmal ist der
-Pferdefuß rausgekommen.«
-
-»Ja,« lachte Koseleger, »der kommt immer mal raus. Und nicht bloß bei
-Baruch. Ich muß aber sagen, das alles hat mit der Rasse viel, viel
-weniger zu schaffen als mit dem jeweiligen Beruf. Da war ich eben bei
-der Frau von Gundermann ...«
-
-»Und da war auch so was?«
-
-»In gewissem Sinne, ja. Natürlich ein bißchen anders, weil es sich um
-etwas Weibliches handelte. ›Stütze der Hausfrau‹. Und da bändelt sich
-denn leicht was an. Eben diese ›Stütze der Hausfrau‹ war bis vor kurzem
-noch Erzieherin, und mit Erzieherinnen, alten und jungen, hat's immer
-einen Haken, wie mit den Lehrern überhaupt. Es liegt im Beruf. Und der
-Seminarist steht obenan.«
-
-»Ich kann mich nicht erinnern,« sagte Dubslav, »in unserer Gegend
-irgendwas gröblich Verletzliches erlebt zu haben.«
-
-»O, ich bin mißverstanden,« beschwichtigte Koseleger und rieb sich
-mit einem gewissen Behagen seine wohlgepflegten Hände. »Nichts von
-Vergehungen auf erotischem Gebiet, wiewohl es bei den Gundermanns (die
-gerad in +diesem+ Punkte viel heimgesucht werden) auch diesmal wieder,
-ich möchte sagen diese kleine Nebenform angenommen hatte. Nein, der
-große Seminaristenpferdefuß, an den ich bei meiner ersten Bemerkung
-dachte, trägt ganz andere Signaturen: Unbotmäßigkeit, Überschätzung und
-infolge davon ein eigentümliches Bestreben, sich von den Heilsgütern
-loszulösen und die Befriedigung des inneren Menschen in einer falschen
-Wissenschaftlichkeit zu suchen.«
-
-»Ich will das nicht loben; aber auch solche ›falsche
-Wissenschaftlichkeit‹ zählt, dächt ich, in unserer alten Grafschaft zu
-den allerseltensten Ausnahmen.«
-
-»Nicht so sehr, als Sie vermuten, Herr Major, und aus Ihrer eigenen
-Stechliner Schule sind mir Klagen kirchlich gerichteter Eltern über
-solche Dinge zugegangen. Allerdings Altlutheraner aus der Globsower
-Gegend. Indessen, so lästig diese Leute zuzeiten sind, so haben sie
-doch andrerseits den Ernst des Glaubens und finden, wie sie sich in
-einem Skriptum an mich ausgedrückt haben, in der Krippenstapelschen
-Lehrmethode diesen Ernst des Glaubens arg vernachlässigt.«
-
-Dubslav wiegte den Kopf hin und her und hätte trotz allen Respekts
-vor dem Vertreter einer kirchlichen Behörde wahrscheinlich ziemlich
-scharf und spitz geantwortet, wenn ihm nicht alles, was er da hörte,
-gleichzeitig in einem heiteren Licht erschienen wäre. Krippenstapel,
-sein Krippenstapel, er, der den alten Fritzen so gut wie den
-Katechismus, aber den Katechismus auch reichlich so gut wie den alten
-Fritzen kannte, -- Krippenstapel, sein großartiger Bienenvater,
-sein korrespondierendes Mitglied märkisch-historischer Vereine, die
-Seele seines »Museums«, sein guter Freund, dieser Krippenstapel
-sollte den »Ernst des Glaubens« verkannt haben, bei ihm sollte der
-Seminaristenhochmut zu gemeingefährlichem Ausbruch gekommen sein. Wohl
-entsann er sich, in eigenster Person (was ihn in diesem Augenblick ein
-wenig verstimmte) gelegentlich sehr Ähnliches gesagt zu haben. Aber
-doch immer nur scherzhaft. Und wenn zwei dasselbe tun, so ist es nicht
-mehr dasselbe. Traf dieser Satz je zu, so hier. Er erhob sich also mit
-einiger Anstrengung von seinem Platz, ging auf Koseleger zu, schüttelte
-ihm die Hand und sagte: »Herr Superintendent, so wie Sie's da sagen, so
-kann es nicht sein. Von richtigen Altlutheranern gibt es hier überhaupt
-nichts, und am wenigsten in Globsow; die glauben sozusagen gar nichts.
-Ich wittere da was von Intrigue. Da stecken andere dahinter. Bei
-meinem alten Baruch ist der Pferdefuß rausgekommen, aber bei meinem
-alten Krippenstapel ist er +nicht+ rausgekommen und wird auch nicht
-rauskommen, weil er überhaupt nicht da ist. Meinen alten Krippenstapel,
-den kenn ich.«
-
-Koseleger, Weltmann, wie er war, lenkte rasch ein, sprach von
-Konventiklerbeschränktheit und gab die Möglichkeit einer Intrigue zu.
-
-»Natürlich wird es einem schwer, in diesem Erdenwinkel an derlei
-Dinge zu glauben, denn ›Intrigue‹ zählt ganz eminent zu den höheren
-Kulturformen. Intrigue hat hier in unserer alten Grafschaft, glaub ich,
-noch keinen Boden. Aber andrerseits ist es doch freilich wahr, daß
-heutzutage die Verwerflichkeiten, ja selbst die Verbrechen und Laster,
-nicht bloß im Gefolge der Kultur auftreten, sondern umgekehrt ihr
-voranschreiten, als beklagenswerte Herolde falscher Gesittung! Bedenken
-Sie, was wir neuerdings in unsern Äquatorialprovinzen erlebt haben.
-Die Zivilisation ist noch nicht da, und schon haben wir ihre Greuel.
-Man erschauert, wenn man davon liest, und freut sich der kleinen und
-alltäglichen Verhältnisse, drin der Wille Gottes uns gnädig stellte.«
-
-Nach diesen Worten, die was von einem guten Abgang hatten, erhob
-sich Koseleger, und der Alte, seinerseits seinen Arm in den des
-Superintendenten einhakend, »um sich,« wie er sagte, »auf die Kirche
-zu stützen,« begleitete seinen Besuch bis wieder auf die Rampe hinaus
-und grüßte noch mit der Hand, als der Wagen schon über die Bohlenbrücke
-fuhr. Dann wandte er sich rasch an Engelke, der neben ihm stand, und
-sagte:
-
-»Engelke, schade, daß ich mit dir nicht wetten kann. Lust hätt ich.
-Heute kommt noch wer, du wirst es sehn. Eine Woche lang läßt sich keine
-Katze blicken, aber wenn unser Schicksal erst mal nen Entschluß gefaßt
-hat, dann kann es sich auch wieder nicht genug tun. Man gewinnt dreimal
-das große Los, oder man stößt sich dreimal den Kopp. Und immer an
-derselben Stelle.«
-
- * * * * *
-
-Es schlug zwölf, als Dubslav vom Portal her wieder den Flur passierte.
-Dabei sah er nach dem Hippenmann hinauf und zählte die Schläge.
-»Zwölf,« sagte er, »und um zwölf ist alles aus, und dann fängt der neue
-Tag an. Es gibt freilich zwei Zwölfen, und die Zwölf, die da oben jetzt
-schlägt, das is die Mittagszwölf. Aber Mittag! ... Wo bist du Sonne
-geblieben!« All dem weiter nachhängend, wie er jetzt öfter tat, kam er
-an seinen Kaminplatz und nahm eine Zeitung in die Hand. Er sah jedoch
-kaum drauf hin und beschäftigte sich, während er zu lesen schien,
-eigentlich nur mit der Frage, »wer wohl heute noch kommen könne,«
-und dabei neben andren Personen aus seiner Umgebung auch an Lorenzen
-denkend, kam er zu dem Schlußresultat, daß ihm Lorenzen »mit all
-seinem neuen Unsinn« doch am Ende lieber sei als Koseleger mit seinen
-Heilsgütern, von denen er wohl zwei-, dreimal gesprochen hatte. »Ja,
-die Heilsgüter, die sind ganz gut. Versteht sich. Ich werde mich nicht
-so versündigen. Die Kirche kann was, is was, und der alte Luther, nu,
-der war schon ganz gewiß was, weil er ehrlich war und für seine Sache
-sterben wollte. Nahe dran war er. Eigentlich kommt's doch immer bloß
-darauf an, daß einer sagt, ›dafür sterb ich‹. Und es dann aber auch
-tut. Für was, is beinah gleich. Daß man überhaupt so was kann, wie sich
-opfern, das ist das Große. Kirchlich mag es ja falsch sein, was ich da
-so sage; aber was sie jetzt ›sittlich‹ nennen (und manche sagen auch
-›schönheitlich‹, aber das is ein zu dolles Wort), also was sie jetzt
-sittlich nennen, so bloß auf +das+ hin angesehn, da is das persönliche
-Sicheinsetzen und Fürwassterbenkönnen und -wollen doch das Höchste.
-Mehr kann der Mensch nich. Aber Koseleger. Der will leben.«
-
-Und während er noch so vor sich hin seinen Faden spann, war sein gutes,
-altes Faktotum eingetreten, an das er denn auch ohne weiteres und bloß
-zu eignem Ergötzen die Frage richtete: »Nich wahr, Engelke?«
-
-Der aber hörte gar nichts mehr, so sehr war er in Verwirrung, und
-stotterte nur aus sich heraus: »Ach Gott, gnädger Herr, nu is es doch
-so gekommen.«
-
-»Wie? Was?«
-
-»Die Frau Gemahlin von unserm Herrn Oberförster ...«
-
-»Was? Die Prinzessin?«
-
-»Ja, die Frau Katzler, Durchlaucht.«
-
-»Alle Wetter, Engelke ... Da haben wir's. Aber ich hab es ja gesagt,
-ich wußt es. Wie so'n Tag anfängt, so bleibt er, so geht es weiter ...
-Und wie das hier durcheinander liegt, alles wie Kraut und Rüben. Nimm
-die Zudecke weg, ach was Zudecke, die reine Pferdedecke; wir müssen
-eine andre haben. Und nimm auch die grünen Tropfen weg, daß es nicht
-gleich aussieht wie ne Krankenstube ... Die Prinzessin ... Aber rasch,
-Engelke, flink ... Ich lasse bitten, ich lasse die Frau Oberförsterin
-bitten.«
-
-Dubslav rückte sich, so gut es ging, zurecht; im übrigen aber hielt
-er's in seinem desolaten Zustande doch für besser, in seinem Rollstuhl
-zu bleiben, als der Prinzessin entgegenzugehn oder sie durch ein
-Sicherheben von seinem Sitz mehr oder weniger feierlich zu begrüßen.
-Ermyntrud paßte sich seinen Intentionen denn auch an und gab durch
-eine gemessene Handbewegung zu verstehen, daß sie nicht zu stören
-wünsche. Gleich danach legte sie den rechten Arm auf die Lehne eines
-nebenstehenden Stuhles und sagte: »Ich komme, Herr von Stechlin,
-um nach Ihrem Befinden zu fragen; Katzler (sie nannte ihn, unter
-geflissentlichster Vermeidung des allerdings plebejen »mein Mann«,
-immer nur bei seinem Familiennamen) hat mir von Ihrem Unwohlsein
-erzählt und mir Empfehlungen aufgetragen. Ich hoffe, es geht besser.«
-
-Dubslav dankte für so viel Freundlichkeit und bat, das um ihn her
-herrschende Übermaß von Unordnung entschuldigen zu wollen. »Wo die
-weibliche Hand fehlt, fehlt alles.« Er fuhr so noch eine Weile fort, in
-allerlei Worten und Wendungen, wie sie ihm von alter Zeit her geläufig
-waren; eigentlich aber war er wenig bei dem, was er sagte, sondern
-hing ausschließlich an dem halb nonnen-, halb heiligenbildartigen
-ihrer Erscheinung, das durch einen großen, aus mattweißen Kugeln
-bestehenden Halsschmuck samt Elfenbeinkreuz noch gesteigert wurde.
-Sie mußte jedem, auch dem Kritischsten, auffallen, und Dubslav, der
--- so sehr er dagegen ankämpfte -- ganz unter der Vorstellung ihrer
-Prinzessinnenschaft stand, vergaß auf Augenblicke Krankheit und Alter
-und fühlte sich nur noch als Ritter seiner Dame. Daß sie stehenblieb,
-war ihm im ersten Augenblicke störend, bald aber war es ihm recht, weil
-ihm einleuchtete, daß ihr »Bild« erst dadurch zu voller Wirkung kam.
-Ermyntrud selbst war sich dessen auch voll bewußt und Frau genug, auf
-diese Vorzüge nicht ohne Not zu verzichten.
-
-»Ich höre, daß Doktor Sponholz, den ich als Arzt sehr schätzen
-gelernt habe, seine Kranken, während er in Pfäffers ist, einem jungen
-Stellvertreter anvertraut hat. Junge Ärzte sind meist klüger als die
-alten, aber doch weniger Ärzte. Man bringt außerdem dem Alter mehr
-Vertrauen entgegen. Alte Doktoren sind wie Beichtiger, vor denen man
-sich gern offenbart. Freilich können sie den geistlichen Zuspruch nicht
-voll ersetzen, der in jeder ernstlichen Krankheit doch das eigentlich
-Heilsame bleibt. Ärzte selbst -- ich hab einen Teil meiner Jugend in
-einem Diakonissenhause verbracht -- Ärzte selbst, wenn sie ihren Beruf
-recht verstehn, urteilen in diesem Sinne. Sogenannte Medikamente sind
-und bleiben ein armer Notbehelf; alle wahre Hilfe fließt aus dem Wort.
-Aber freilich, das richtige Wort wird nicht überall gesprochen.«
-
-Dubslav sah etwas unruhig um sich her. Es war ganz klar, daß die
-Prinzessin gekommen war, seine Seele zu retten. Aber woher kam ihr die
-Wissenschaft, daß seine Seele dessen bedürftig sei? Das verlohnte sich
-doch in Erfahrung zu bringen, und so bezwang er sich denn und sagte:
-»Gewiß, Durchlaucht, das Wort ist die Hauptsache. Das Wort ist das
-Wunder; es läßt uns lachen und weinen; es erhebt uns und demütigt uns,
-es macht uns krank und macht uns gesund. Ja, es gibt uns erst das wahre
-Leben hier und dort. Und dies letzte höchste Wort, das haben wir in der
-Bibel. Daher nehm ich's. Und wenn ich manches Wort nicht verstehe, wie
-wir die Sterne nicht verstehn, so haben wir dafür die Deuter.«
-
-»Gewiß. Aber es gibt der Deuter so viele.«
-
-»Ja,« lachte Dubslav, »und wer die Wahl hat, hat die Qual. Aber ich
-persönlich, ich habe keine Wahl. Denn genau so wie mit dem Körper, so
-steht es für mich auch mit der Seele. Man behilft sich mit dem, was
-man hat. Nehm ich da zunächst meinen armen, elenden Leib. Da sitzt es
-mir hier und steigt und drückt und quält mich und ängstigt mich, und
-wenn die Angst groß ist, dann nehm ich die grünen Tropfen. Und wenn es
-mich immer mehr quält, dann schick ich nach Gransee hinein, und dann
-kommt Sponholz. Das heißt, wenn er gerade da ist. Ja, dieser Sponholz
-ist auch ein Wissender und ein ›Deuter‹. Sehr wahrscheinlich, daß es
-klügere und bessere gibt; aber in Ermangelung dieser besseren muß er
-für mich ausreichen.«
-
-Ermyntrud nickte freundlich und schien ihre Zustimmung ausdrücken zu
-wollen.
-
-»Und,« fuhr Dubslav fort, »ich muß es wiederholen, genau so wie mit
-dem Leib, so auch mit der Seele. Wenn sich meine arme Seele ängstigt,
-dann nehm ich mir Trost und Hilfe, so gut ich sie gerade finden kann.
-Und dabei denk ich dann, der nächste Trost ist der beste. Den hat man
-am schnellsten, und wer schnell gibt, der gibt doppelt. Eigentlich muß
-man das lateinisch sagen. Ich rufe mir Sponholz, weil ich ihn, wenn
-benötigt, in ziemlicher Nähe habe; den andern aber, den Arzt für die
-Seele, den hab ich glücklicherweise noch näher und brauche nicht mal
-nach Gransee hinüberzuschicken. Alle Worte, die von Herzen kommen, sind
-gute Worte, und wenn sie mir helfen (und sie helfen mir), so frag ich
-nicht viel danach, ob es sogenannte ›richtige‹ Worte sind oder nicht.«
-
-Ermyntrud richtete sich höher auf; ihr bis dahin verbindliches Lächeln
-war sichtlich in raschem Hinschwinden.
-
-»Überdies,« so schloß Dubslav seine Bekenntnisrede, »was sind die
-richtigen Worte? Wo sind sie?«
-
-»Sie haben sie, Herr von Stechlin, wenn Sie sie haben wollen. Und
-Sie haben sie nah, wenn auch nicht in Ihrer unmittelbarsten Nähe.
-Mich persönlich haben diese Worte während schwerer Tage gestützt und
-aufgerichtet. Ich weiß, er hat Feinde, voran im eignen Lager. Und
-diese Feinde sprechen von ›schönen Worten‹. Aber soll ich mich einem
-Heilswort verschließen, weil es sich in Schönheit kleidet? Soll ich
-eine mich segnende Hand zurückweisen, weil es eine weiche Hand ist?
-Sie haben Sponholz genannt. Unser Superintendent liegt wohl weit über
-diesen hinaus, und wenn es nicht eitel und vermessen wäre, würd ich
-eine gnädge Fügung darin zu sehn glauben, daß er an diese sterile Küste
-verschlagen werden mußte, gerade mir eine Hilfe zu sein. Aber was er
-an mir tat, kann er auch an andern tun. Er hat eben das, was zum Siege
-führt; wer die Seele hat, hat auch den Leib.«
-
-Unter diesen Worten war Ermyntrud von ihrem Stuhl an Dubslav
-herangetreten und neigte sich über ihn, um ihm, halb wie segnend, die
-Stirn zu küssen. Das Elfenbeinkreuz berührte dabei seine Brust. Sie
-ließ es eine Weile da ruhen. Dann aber trat sie wieder zurück, und sich
-zweimal unter hoheitsvollem Gruß verneigend, verließ sie das Zimmer.
-Engelke, der draußen im Flur stand, eilte vorauf, ihr beim Einsteigen
-in den kleinen Katzlerschen Jagdwagen behilflich zu sein.
-
-Als Dubslav wieder allein war, nahm er das Schüreisen, das grad vor ihm
-auf dem Kaminstein lag, und fuhr in die halb niedergebrannten Scheite.
-Die Flamme schlug auf und etliche Funken stoben. »Arme Durchlaucht.
-Es ist doch nicht gut, wenn Prinzessinnen in Oberförsterhäuser
-einziehn. Sie sind dann aus ihrem Fahrwasser heraus und greifen
-nach allem möglichen, um in der selbstgeschaffenen Alltäglichkeit
-nicht unterzugehn. Einen bessern Trostspender als Koseleger konnte
-sie freilich nicht finden; er gab ihr den Trost, dessen sie selber
-bedürftig ist. Im übrigen mag sie sich aufrichten lassen, von wem
-sie will. Der Alte auf Sanssouci, mit seinem nach der eignen Fasson
-selig werden hat's auch darin getroffen. Gewiß. Aber wenn ich euch
-eure Fasson lasse, so laßt mir auch die meine. Wollt nicht alles
-besser wissen, kommt mir nicht mit Anzettelungen, erst gegen meinen
-guten Krippenstapel, der kein Wässerchen trübt, und nun gar gegen
-meinen klugen Lorenzen, der euch alle in die Tasche steckt. An ihn
-persönlich wagen sie sich nicht ran, und da kommen sie nun zu mir und
-wollen mich umstimmen und denken, weil ich krank bin, muß ich auch
-schwach sein. Aber da kennen sie den alten Stechlin schlecht, und
-er wird nun wohl seinen märkischen Dickkopf aufsetzen. Auch sogar
-gegen Ippe-Büchsenstein und die Elfenbeinkugeln, die ja schon der
-reine Rosenkranz sind. Und es wird auch noch so was. Eigentlich bin
-ich übrigens selber schuld. Ich habe mir durch den prinzeßlichen
-Augenaufschlag und die vier Kindergräber im Garten zu sehr imponieren
-lassen. Aber es fällt doch allmählich wieder ab, und ein Glück, daß ich
-meinen Engelke habe.«
-
-Vor Erregung war er aus seinem Rollstuhl aufgestanden und drückte auf
-den Klingelknopf. »Engelke, geh zu Lorenzen und sag ihm, ich ließ ihn
-bitten. Der soll dann aber heut auch der letzte sein ... Denke dir,
-Engelke, sie wollen mich bekehren!«
-
-»Aber, gnädger Herr, das is ja doch das Beste.«
-
-»Gott, nu fängt der auch noch an.«
-
-
-
-
-Achtunddreißigstes Kapitel
-
-
-Lorenzen kam nicht; er war nach Rheinsberg, wo die Geistlichen aus
-dem östlichen Teil der Grafschaft eine Konferenz hatten. Aber statt
-Lorenzen kam Doktor Moscheles und sprach von allem möglichen, erst
-ganz kurz von Dubslavs Zustand, den er nicht gut und nicht schlecht
-fand, dann von Koseleger, von Katzler, auch von Sponholz (von dem ein
-Brief eingetroffen war), am ausführlichsten aber von Rechtsanwalt
-Katzenstein und von Torgelow. »Ja, dieser Torgelow,« sagte Moscheles.
-»Es war ein Mißgriff, ihn zu wählen. Und wenn es noch nötig gewesen
-wäre, wenn die Partei keinen Besseren gehabt hätte! Aber da haben sie
-denn doch noch ganz andre Leute.« Dubslav war davon wenig angenehm
-berührt, weil er aus der persönlichen Niedrigstellung Torgelows die
-Hochstellung der Torgelowschen Partei heraushörte.
-
-Der Besuch hatte wohl eine halbe Stunde gedauert. Als Moscheles wieder
-fort war, sagte Dubslav: »Engelke, wenn er wiederkommt, so sag ihm,
-ich sei nicht da. Das wird er natürlich nicht glauben; weiß er doch
-am besten, daß ich an mein Zimmer und meinen Rollstuhl gebunden bin.
-Aber trotzdem; ich mag ihn nicht. Es war eine Dummheit von Sponholz,
-sich grade diesen auszusuchen, solchen Allerneuesten, der nach
-Sozialdemokratie schmeckt und dabei seinen Stock so sonderbar anfaßt,
-immer grad in der Mitte. Und dazu auch noch nen roten Schlips.«
-
-»Es sind aber schwarze Käfer drin.«
-
-»Ja, die sind drin, aber ganz kleine. Das machen sie so, damit es
-nicht jeder gleich merkt, wes Geistes Kind so einer ist und wohin
-er eigentlich gehört. Aber ich merk es doch, auch wenn er an Kaiser
-Wilhelms Geburtstag mit ner papiernen Kornblume kommt. Also du sagst
-ihm, ich sei nicht da.«
-
-Engelke widersprach nicht, hatte jedoch so seine Gedanken dabei. »Der
-alte Doktor ist weg, und den neuen will er nicht. Un den aus Wutz
-will er auch nich, weil der so viel mit der Domina zusammenhockt. Un
-dabei kommt er doch immer mehr runter. Er denkt: ›Es is noch nich so
-schlimm.‹ Aber es is schlimm. Is genau so wie mit Bäcker Knaack. Un
-Kluckhuhn sagte mir schon vorige Woche: ›Engelke, glaube mir, es wird
-nichts; ich weiß Bescheid.‹«
-
- * * * * *
-
-Das war am Montag. Am Freitag fuhr Moscheles wieder vor und verfärbte
-sich, als Engelke sagte, der gnädge Herr sei nicht da.
-
-»So, so. Nicht da.«
-
-Das war doch etwas stark. Moscheles stieg also wieder auf seinen
-Wagen und bestärkte sich, während er nach Gransee zurückfuhr, in
-seinen durchaus ablehnenden Anschauungen über den derzeitigen
-Gesellschaftszustand. »Einer ist wie der andre. Was wir brauchen, is
-ein Generalkladderadatsch, Krach, ~tabula rasa~.« Zugleich war er
-entschlossen, von einem erneuten Krankenbesuch abzustehen. »Der gnädge
-Herr auf, von und zu Stechlin kann mich ja rufen lassen, wenn er mich
-braucht. Hoffentlich unterläßt er's.«
-
-Dieser Wunsch erfüllte sich denn auch. Dubslav ließ ihn nicht rufen,
-wiewohl guter Grund dazu gewesen wäre, denn die Beschwerden wuchsen
-plötzlich wieder, und wenn sie zeitweilig nachließen, waren die
-geschwollenen Füße sofort wieder da. Engelke sah das alles mit Sorge.
-Was blieb ihm noch vom Leben, wenn er seinen gnädgen Herrn nicht mehr
-hatte? Jeder im Haus mißbilligte des Alten Eigensinn, und Martin, als
-er eines Tages vom Stall her in die nebenan gelegene niedrige Stube
-trat, wo seine Frau Kartoffeln schälte, sagte zu dieser: »Ick weet
-nich, Mutter, worüm he den jungschen Dokter rutgrulen däd. De Jungsche
-is doch klöger, as de olle Sponholz is. Doa möt man blot de Globsower
-über Sponholzen hüren. ›Joa, oll Sponholz,‹ so seggen se, ›de is joa
-so wiet ganz good, awers he seggt man ümmer: Kinnings, krank is he
-egentlich nich, he brukt man blot ne Supp mit en beten wat in!‹ Joa,
-Sponholz, de kann so wat seggen, de hett wat da to. Awers de Globsower!
-Wo salln de ne Supp herkregen mit en beten wat in?«
-
-So verging Tag um Tag, und Dubslav, dem herzlich schlecht war, sah
-nun selber, daß er sich in jedem Punkt übereilt hatte. Moscheles war
-doch immerhin ein richtiger Stellvertreter gewesen, und wenn er jetzt
-einen andern nahm, so traf das Sponholzen auch mit. Und das mocht er
-nicht. In dieser Notlage sann er hin und her, und eines Tages, als er
-mal wieder in rechter Bedrängnis und Atemnot war, rief er Engelke und
-sagte: »Engelke, mir is schlecht. Aber rede mir nicht von dem Doktor.
-Ich mag unrecht haben, aber ich will ihn nicht. Sage, wie steht das
-eigentlich mit der Buschen? Die soll ja doch letzten Herbst uns' Kossät
-Rohrbeckens Frau wieder auf die Beine gebracht haben.«
-
-»Ja, die Buschen ...«
-
-»Na, was meinst du?«
-
-»Ja, die Buschen, +die+ weiß Bescheid. Versteht sich. Man bloß, daß
-sie ne richtige alte Hexe is, und um Walpurgis weiß keiner, wo sie is.
-Und die Mächens gehen Sonnabends auch immer hin, wenn's schummert, und
-Uncke hat auch schon welche notiert und beim Landrat Anzeige gemacht.
-Aber sie streiten alle Stein und Bein; und ein paar haben auch schon
-geschworen, sie wüßten von gar nichts.«
-
-»Kann ich mir denken, und vielleicht war's auch nich so schlimm.
-Und dann, Engelke, wenn du meinst, daß sie so gut Bescheid weiß, da
-wär's am Ende das beste, du gingst mal hin oder schicktest wen. Denn
-deine alten Beine wollen auch nich mehr so recht, und außerdem is
-Schlackerwetter. Und wenn du mir auch noch krank wirst, so hab ich ja
-keine Katze mehr, die sich um mich kümmert. Woldemar is weit weg. Und
-wenn er auch in Berlin wäre, da hat er ja doch seinen Dienst und seine
-Schwadron und kann nich den ganzen Tag bei seinem alten Vater sitzen.
-Und außerdem, Krankenpflegen ist überhaupt was Schweres; darum haben
-die Katholiken auch nen eignen Segen dafür. Ja, die verstehn es. So was
-verstehn sie besser als wir.«
-
-»Nei, gnädger Herr, besser doch wohl nich.«
-
-»Na, lassen wir's. So was is immer schwer festzustellen, und weil
-heutzutage so vieles schwer festzustellen ist, haben sich ja die
-Menschen auch das angeschafft, was sie ne ›Enquete‹ nennen. Keiner kann
-sich freilich so recht was dabei denken. Ich gewiß nicht. Weißt du, was
-es ist?«
-
-»Nei, gnädger Herr.«
-
-»Siehst du! Du bist eben ein vernünftiger Mensch, das merkt man gleich,
-und hast auch ein Einsehn davon, daß es eigentlich am besten wäre, wenn
-ich zu der Buschen schicke. Was die Leute von ihr reden, geht mich
-nichts an. Und dann bin ich auch kein Mächen. Und Uncke wird mich ja
-wohl nicht aufschreiben.«
-
-Engelke lächelte: »Na, gnädger Herr, dann werd ich man unten mit unse
-Mamsell Pritzbur sprechen; die kann die lütte Marie rausschicken.
-Marieken is letzten Michaelis erst eingesegnet, aber sie war auch schon
-da.«
-
- * * * * *
-
-Noch an demselben Nachmittag erschien die Buschen im Herrenhause. Sie
-hatte sich für den Besuch etwas zurecht gemacht und trug ihre besten
-Kleider, auch ein neues schwarzes Kopftuch. Aber man konnte nicht
-sagen, daß sie dadurch gewonnen hätte. Fast im Gegenteil. Wenn sie so
-mit nem Sack über die Schulter oder mit ner Kiepe voll Reisig aus dem
-Walde kam, sah man nichts als ein altes, armes Weib; jetzt aber, wo
-sie bei dem alten Herrn eintrat und nicht recht wußte, warum man sie
-gerufen, sah man ihr die Verschlagenheit an, und daß sie für all und
-jedes zu haben sei.
-
-Sie blieb an der Tür stehen.
-
-»Na, Buschen, kommt man ran oder stellt Euch da ans Fenster, daß ich
-Euch besser sehn kann. Es ist ja schon ganz schummrig.«
-
-Sie nickte.
-
-»Ja, mit mir is nich mehr viel los, Buschen. Und nu is auch noch
-Sponholz weg. Und den neuen Berlinschen, den mag ich nicht. Ihr sollt
-ja Kossät Rohrbeckens Frau damals wieder auf die Beine gebracht haben.
-Mit mir is es auch so was. Habt Ihr Courage, mich in die Kur zu nehmen?
-Ich zeig Euch nicht an. Wenn einem einer hilft, is das andre alles
-gleich. Also nichts davon. Und es soll Euer Schaden nicht sein.«
-
-»Ick weet joa, jnädger Herr ... Se wihren joa nich. Un denn de Lüd', de
-denken ümmer, ick kann hexen un all so wat. Ick kann awer joar nix un
-hebb man blot en beten Liebstöckel un Wacholder un Allermannsharnisch.
-Un alles blot, wie't sinn muß. Un de Gerichten können mi nix dohn.«
-
-»Is mir lieb. Und geht mich übrigens auch nichts an. Mit so was komm
-ich Euch nich. Kann ›Gerichte‹ selber nich gut leiden. Und nu sagt mir,
-Buschen, wollt Ihr den Fuß sehn? Einer is genug. Der andre sieht ebenso
-aus. Oder doch beinah.«
-
-»Nei, jnädger Herr. Loaten's man. Ick weet joa, wi dat is. Ihrst sitt
-et hier up de Bost, nu denn sackt et sich, un denn sitt et hier unnen.
-Un is all een un dat sülwige. Dat möt allens rut, un wenn et rut is,
-denn drückt et nich mihr, un denn künnen Se wedder gapsen.«
-
-»Gut. Leuchtet mir ein. ›Et muß rut,‹ sagt Ihr. Und das sag ich auch.
-Aber womit wollt Ihr's ›rut‹-bringen? Das is die Sache. Welche Mittel,
-welche Wege?«
-
-»Joa, de Mittel hebb ick. Un hebben wi ihrst de Mittel, denn finnen
-sich ook de Weg. Ick schick' hüt noch Agnessen mit twee Tüten; Agnes,
-dat is Karlinen ehr lütt Deern.«
-
-»Ich weiß, ich weiß.«
-
-»Un Agnes, de soll denn unnen in den Küch goahn, to Mamsell Pritzbur,
-un de Pritzburn de sall denn den Tee moaken für'n jnädgen Herrn.
-Morgens ut de witte Tüt, un abens ut de blue Tüt. Un ümmer man nen
-gestrichnen Eßlöffel vull un nich to veel Woater; awers bullern möt
-et. Un wenn de Tüten all sinn, denn is et rut. Dat Woater nimmt dat
-Woater weg.«
-
-»Na gut, Buschen. Wir wollen das alles so machen. Und ich bin nicht
-bloß ein geduldiger Kranker, ich bin auch ein gehorsamer Kranker. Nun
-will ich aber bloß noch wissen, was Ihr mir da in Euern Tüten schicken
-wollt, in der weißen und in der blauen. Is doch kein Geheimnis?«
-
-»Nei, jnädger Herr.«
-
-»Na also.«
-
-»In de witte Tüt is Bärlapp un in de blue Tür is, wat de Lüd hier
-Katzenpoot nennen.«
-
-»Versteh, versteh,« lächelte Dubslav, und dann sprach er wie zu
-sich selbst: »Nu ja, nu ja, das kann schon helfen. Dazwischen liegt
-eigentlich die ganze Weltgeschichte. Mit Bärlapp zum Einstreuen fängt
-die süße Gewohnheit des Daseins an und mit Katzenpfötchen hört es auf.
-So verläuft es. Katzenpfötchen ... die gelben Blumen, draus sie die
-letzten Kränze machen ... Na, wir wollen sehn.«
-
- * * * * *
-
-An demselben Abend kam Agnes und brachte die beiden Tüten, und es
-geschah, was beinah über alles Erwarten hinaus lag: es wurde wirklich
-besser. Die Geschwulst schwand, und Dubslav atmete leichter. »Dat
-Woater nimmt dat Woater,« an diesem Hexenspruch -- den er, wenn er mit
-Engelke plauderte, gern zitierte -- richteten sich seine Hoffnungen und
-seine Lebensgeister wieder auf. Er war auch wieder für Bewegung und
-ließ, wenn es das Wetter irgendwie gestattete, seinen Rollstuhl nicht
-bloß auf die Veranda hinausschieben, sondern fuhr auch um das Rundell
-herum und sah dem kleinen Springbrunnen zu, der wieder sprang. Ja, es
-kam ihm vor, als ob er höher spränge. »Findest du nich auch, Engelke?
-Vor vier Wochen wollt er nich. Aber es geht jetzt wieder. Alles geht
-wieder, und es ist eigentlich dumm, ohne Hoffnung zu leben; wozu hat
-man sie denn?«
-
-Engelke nickte bloß und legte die Zeitungen, die gekommen waren, auf
-einen neben dem Frühstückstisch stehenden Gartenstuhl, zuunterst die
-»Kreuzzeitung« als Fundament, auf diese dann die »Post« und zuletzt die
-Briefe. Die meisten waren offen, Anzeigen und Anpreisungen, nur einer
-war geschlossen, ja sogar gesiegelt. Poststempel: Berlin. »Gib mir mal
-das Papiermesser, daß ich ihn manierlich aufschneiden kann. Er sieht
-nach was aus, und die Handschrift is wie von ner Dame, bloß ein bißchen
-zu dicke Grundstriche.«
-
-»Is am Ende von der Gräfin.«
-
-»Engelke,« sagte Dubslav, »du wirst mir zu klug. Natürlich is er von
-der Gräfin. Hier is ja die Krone.«
-
-Wirklich, es war ein Brief von Melusine, samt einer Einlage. Melusinens
-Zeilen aber lauteten am Schluß: »Und nun bitt ich, Ihnen einen Brief
-beilegen zu dürfen, den unsre liebe Baronin Berchtesgaden gestern
-aus Rom erhalten hat und zwar von Armgard, deren volles Glück ich
-aus diesem Brief und allerhand kleinen, ihrem Charakter eigentlich
-fernliegenden Übermütigkeiten erst so recht ersehn habe.«
-
-Dubslav nickte. Dann nahm er die Einlage und las:
-
- »Rom, im März.
-
- Teuerste Baronin!
-
-An wen könnt ich von hier aus lieber schreiben als an Sie? Vatikan und
-Lateran und Grabmal Pio Nonos, und wenn ich Glück habe, bin ich auch
-noch mit dabei, wenn am Gründonnerstag der große Segen gespendet wird.
-Man muß eben alles mitnehmen. Von Rom zu schwärmen ist geschmacklos und
-überflüssig dazu, weil man an die Schwärmerei seiner Vorgänger doch
-nie heranreicht. Aber von unserer Reise will ich Ihnen statt dessen
-erzählen. Wir nahmen den Weg über den Brenner und waren am selben
-Abend noch in Verona. ›Torre di Londra‹. Was mich andern Tags in der
-Capuletti- und Montecchi-Stadt am meisten interessierte, war ein großer
-Parkgarten, der ›Giardino Giusti‹, mit über zweihundert Zypressen,
-alle fünfhundert Jahre alt und viele beinah so hoch wie das Berliner
-Schloß. Ich ging mit Woldemar auf und ab, und dabei berechneten wir
-uns, ob wohl die schöne Julia hier auch schon auf und ab gegangen sei?
-Nur eins störte uns. Zu solcher Prachtavenue von Trauerbäumen gehört
-als Abschluß notwendig ein Mausoleum. Das fehlt aber. Im ›Giardino
-Guisti‹ trafen wir Hauptmann von Gaza vom ersten Garderegiment, der,
-von Neapel kommend, bereits alle Schönheit Italiens gesehen hatte. Wir
-fragten ihn, ob Verona, wie einem beständig versichert wird, wirklich
-die ›italienischste der italienischen Städte‹ sei? Hauptmann von Gaza
-lachte. ›Von Potsdam,‹ so meinte er, ›könne man vielleicht sagen, daß
-es die preußischste Stadt sei. Aber Verona die italienischste? Nie und
-nimmer.‹
-
-Über das vielgefeierte Venedig an dieser Stelle nur das eine. Unser
-Hotel lag in Nähe einer mit Barock überladenen Kirche: San Mose. Daß
-es einen Sankt Moses gibt, war mir fremd und verwunderlich zugleich.
-Aber gleich danach dacht ich an unsere Gendarmentürme und war beruhigt.
-Moses geht doch immer noch vor Gendarm.
-
-Florenz überspring ich und erzähle Ihnen dafür lieber vom
-Trasimenischen See, den wir auf unserer Eisenbahnfahrt passierten.
-Woldemar, ein ganz klein wenig ›Taschen-Moltke‹, mochte nicht darauf
-verzichten, den großen Hannibal auf Herz und Nieren zu prüfen, und so
-stiegen wir denn in Nähe des Sees aus, an einer kleinen Station, die,
-glaub ich, Borghetto-Tuoro heißt. Es war auch für einen Laien über
-Erwarten interessant, und selbst ich, die ich sonst gar reinen Sinn für
-derlei Dinge habe, verstand alles, und fand mich leicht in jeglichem
-zurecht. Ja, ich hatte das Gefühl, daß ich in diesem hochgelegenen
-Engpaß ebenfalls über die Römer gesiegt haben würde. Der See hat viele
-Zu- und Abflüsse. Einer dieser Abflüsse (mehr Kanal als Fluß) nennt
-sich der ›Emissarius‹, was mich sehr erheiterte. Noch interessanter
-aber erschien mir ein anderer Flußlauf, der, weil er am Schlachttage
-von Blut sich rötete, der ›Sanguinetto‹ heißt. Das Diminutiv steigert
-hier ganz entschieden die Wirkung. Der See ist übrigens sehr groß,
-zehn Meilen Umfang, und dabei flach, weshalb der erste Napoleon ihn
-auspumpen lassen wollte. Da hätte sich dann ein neues Herzogtum gründen
-lassen ...«
-
-»Schau, schau,« sagte der alte Dubslav, »wer der blassen Komtesse das
-zugetraut hätte! Ja, reisen und in den Krieg ziehen, da lernt man, da
-wird man anders.«
-
-Und er legte den Brief beiseite.
-
-Zugleich aber war ein stilles Behagen über ihn gekommen, und er
-überdachte, wie manche Freude das Leben doch immer noch habe. Vor ihm,
-in den Parkbäumen, schlugen die Vögel, und ein Buchfink kam bis auf
-den Tisch und sah ihn an, ganz ohne Scheu. Das tat ihm ungemein wohl.
-»Etwas ganz besonders Schönes im Leben ist doch das Vertrauen, und
-wenn's auch bloß ein Piepvogel is, der's einem entgegenbringt. Einige
-haben eine schwarze Milz und sagen: alles sei von Anfang an auf Mord
-und Totschlag gestellt. Ich kann es aber nicht finden.«
-
-Engelke kam, um abzuräumen. »Is ein schöner Tag heut,« sagte Dubslav,
-»und die Krokusse kommen auch schon raus. Eigentlich hab ich nich
-geglaubt, daß ich so was Hübsches noch mal sehen würde. Und wenn ich
-dann denke, daß ich das alles der Buschen verdanke! Merkwürdige Welt!
-Sponholz hatte bloß immer seine grünen Tropfen, und Moscheles hatte
-nichts als seinen ewigen Torgelow, und nu kommt die Buschen, und mit
-einemmal is es besser. Ja, wirklich merkwürdig. Und nu krieg ich auch
-noch, wenn auch bloß leihweise, solchen hübschen Brief von einer
-hübschen jungen Frau. Noch dazu Schwiegertochter. Ja, Engelke, so
-geht's; nich zu glauben. Und da hättest du vorhin den Buchfinken sehen
-sollen, wie mich der ansah. Bloß als du kamst, da flog er weg; er muß
-sich vor dir gegrault haben.«
-
-»Ach, gnädger Herr, vor mir grault sich keine Kreatur.«
-
-»Will dir's glauben. Und du sollst sehn, heute haben wir nen guten
-Tag, und es kommt auch noch wer, an dem man sich freuen kann. Wie mir
-schlecht war, da kam Koseleger und die Prinzessin. Aber heute kam ein
-Buchfink. Und ich bin ganz sicher, der hat noch ein Gefolge.«
-
- * * * * *
-
-Dubslavs Ahnungen behielten recht; und als der Nachmittag da war, kam
-Lorenzen, der sich, seitdem der Alte seinen Katzenpfötchentee trank,
-nur selten und immer bloß flüchtig hatte sehen lassen. Aber das war
-rein zufällig und sollte nicht eine Mißbilligung darüber ausdrücken,
-daß sich der Alte bei der Buschen in die Kur gegeben.
-
-»Nun endlich,« empfing ihn Dubslav, als Lorenzen eintrat. »Wo bleiben
-Sie? Da heißt es immer, wir Junker wären kleine Könige. Ja, wer's
-glaubt! Alle kleinen Könige haben ein Cortege, das sich in Huldigungen
-und Purzelbäumen überschlägt. Aber von solchem Gefolge habe ich noch
-nicht viel gesehen. Baruch ist freilich hier gewesen und dann Koseleger
-und dann die Prinzessin, aber der, der so halb ~ex officio~ kommen
-sollte, der kommt nicht und schickt höchstens mal die Kulicke oder die
-Elfriede mit ner Anfrage. Sterben und verderben kann man. Und das heißt
-dann Seelsorge.«
-
-Lorenzen lächelte. »Herr von Stechlin, Ihre Seele macht mir, trotz
-dieser meiner Vernachlässigung, keine Sorge, denn sie zählt zu denen,
-die jeder Spezialempfehlung entbehren können. Lassen Sie mich sehr
-menschlich, ja für einen Pfarrer beinah lästerlich sprechen. Aber ich
-muß es. Ich lebe nämlich der Überzeugung, der liebe Gott, wenn es mal
-soweit ist, freut sich, Sie wiederzusehen. Ich sage, wenn es soweit
-ist. Aber es ist noch nicht soweit.«
-
-»Ich weiß nicht, Lorenzen, ob Sie recht haben. Jedenfalls aber befind
-ich mich in meinem derzeitig erträglichen Zustande nur mit Hilfe
-der Buschen, und ob mich das nach obenhin besonders empfehlen kann,
-ist mir zweifelhaft. Aber lassen wir die heikle Frage. Erzählen Sie
-mir lieber etwas recht Hübsches und Heiteres, auch wenn es nebenher
-etwas ganz Altes ist, etwa das, was man früher Miscellen nannte. Das
-ist mir immer das liebste gewesen und ist es noch. Was ich da so in
-den Zeitungen lese, voran das Politische, das weiß ich schon immer
-alles, und was ich von Engelke höre, das weiß ich auch. Beiläufig --
-natürlich nur vom alleregoistischsten Zeitungsleserstandpunkt aus --
-eine wahres Glück, daß es Unglücksfälle gibt, sonst hätte man von der
-Zeitungslektüre so gut wie gar nichts. Aber Sie, Sie lesen auch sonst
-noch allerlei, mitunter sogar Gutes (freilich nur selten), und haben
-ein wundervolles Gedächtnis für Räubergeschichten und Anekdoten aus
-allen fünf Weltteilen. Außerdem sind Sie Friederikus-Rex-Mann, was ich
-Ihnen eigentlich am höchsten anrechne, denn die Friederikus-Rex-Leute,
-die haben alle Herz und Verstand auf dem rechten Fleck. Also suchen Sie
-nach irgendwas der Art, nach einer alten Zieten- oder Blücheranekdote,
-kann meinetwegen auch Wrangel sein -- ich bin dankbar für alles. Je
-schlechter es einem geht, je schöner kommt einem so was kavalleristisch
-Frisches und Übermütiges vor. Ich spiele mich persönlich nicht auf
-Heldentum aus, Renommieren ist ein elendes Handwerk; aber das darf ich
-sagen: ich liebe das Heldische. Und Gott sei Dank kommt dergleichen
-immer noch vor.«
-
-»Gewiß kommt so was immer noch vor. Aber, Herr von Stechlin, all dies
-Heldische ...«
-
-»Nun aber, Lorenzen, Sie werden doch nicht gegen das Heldische
-sein? Soweit sind Sie doch noch nicht! Und wenn es wäre, da würd ich
-ernstlich böse.«
-
-»Das läßt Ihre Güte nicht zu.«
-
-»Sie wollen mich einfangen. Aber diesmal glückt es nicht. Was haben Sie
-gegen das Heldische?«
-
-»Nichts, Herr von Stechlin, gar nichts. Im Gegenteil. Heldentum ist
-gut und groß. Und unter Umständen ist es das Allergrößte. Lasse mir
-also den Heroenkultus durchaus gefallen, das heißt, den echten und
-rechten. Aber was Sie da von mir hören wollen, das ist, Verzeihung für
-das Wort, ein Heldentum zweiter Güte. +Mein+ Heldentum -- soll heißen,
-was ich für Heldentum halte -- das ist nicht auf dem Schlachtfelde
-zu Hause, das hat keine Zeugen oder doch immer nur solche, die mit
-zugrunde gehn. Alles vollzieht sich stumm, einsam, weltabgewandt.
-Wenigstens als Regel. Aber freilich, +wenn+ die Welt dann ausnahmsweise
-davon hört, dann horch ich mit auf, und mit gespitzterem Ohr, wie ein
-Kavalleriepferd, das die Trompete hört.«
-
-»Gut. Meinetwegen. Aber Beispiele.«
-
-»Kann ich geben. Da sind zunächst die fanatischen Erfinder, die
-nicht ablassen von ihrem Ziel, unbekümmert darum, ob ein Blitz sie
-niederschlägt oder eine Explosion sie in die Luft schleudert; da sind
-des weiteren die großen Kletterer und Steiger, sei's in die Höh, sei's
-in die Tiefe, da sind zum dritten die, die den Meeresgrund absuchen
-wie ne Wiese, und da sind endlich die Weltteildurchquerer und die
-Nordpolfahrer.«
-
-»Ach, der ewige Nansen. Nansen, der, weil er die diesseits verlorene
-Hose jenseits in Grönland wiederfand, auf den Gedanken kam: ›Was die
-Hose kann, kann ich auch.‹ Und daraufhin fuhr er über den Pol. Oder
-wollte wenigstens.«
-
-Lorenzen nickte.
-
-»Nun ja, das war klug gedacht. Und daß dieser Nansen sich an die Sache
-ranmachte, das respektier ich, auch wenn schließlich nichts draus
-wurde. Bleibt immer noch ein Bravourstück. Gewiß, da sitzt nu so wer im
-Eise, sieht nichts, hört nichts, und wenn wer kommt, ist es höchstens
-ein Eisbär. Indessen, er freut sich doch, weil es wenigstens was
-Lebendiges ist. Ich darf sagen, ich hab einen Sinn für dergleichen.
-Aber trotzdem, Lorenzen, die Garde bei St. Privat ist doch mehr.«
-
-»Ich weiß nicht, Herr von Stechlin. Echtes Heldentum, oder um's noch
-einmal einzuschränken, ein solches, das mich persönlich hinreißen
-soll, steht immer im Dienst einer Eigenidee, eines allereigensten
-Entschlusses. Auch dann noch (ja mitunter dann erst recht), wenn dieser
-Entschluß schon das Verbrechen streift. Oder, was fast noch schlimmer,
-das Häßliche. Kennen Sie den Cooperschen ›Spy‹? Da haben Sie den Spion
-als Helden. Mit andern Worten, ein Niedrigstes als Höchstes. Die
-Gesinnung entscheidet. Das steht mir fest. Aber es gibt der Beispiele
-noch andere, noch bessere!«
-
-»Da bin ich neugierig,« sagte Dubslav. »Also wenn's sein kann: Name.«
-
-»Name: Greeley, Leutnant Greeley; Yankee ~pur sang~. Und im übrigen
-auch einer aus der Nordpolfahrergruppe.«
-
-»Will also sagen: Nansen der Zweite.«
-
-»Nein, nicht der Zweite. Was er tat, war viele Jahre vor Nansen.«
-
-»Und er kam höher hinauf? Weiter nach dem Pol zu? Oder waren seine
-Eisbär-Rencontres von noch ernsthafterer Natur?«
-
-»All das würde mir nicht viel besagen. Das herkömmlich Heldische fehlt
-in seiner Geschichte völlig. Was an seine Stelle tritt, ist ein ganz
-andres. Aber dies andre, +das+ gerade macht es.«
-
-»Und das war?«
-
-»Nun denn, -- ich erzähle nach dem Gedächtnis und im Einzelnen und
-Nebensächlichen irr ich vielleicht ... Aber in der Hauptsache stimmt
-es ... Also zuletzt, nach langer Irrfahrt, waren's noch ihrer fünf:
-Greeley selbst und vier seiner Leute. Das Schiff hatten sie verlassen,
-und so zogen sie hin über Eis und Schnee. Sie wußten den Weg, soweit
-sich da von Weg sprechen läßt, und die Sorge war nur, ob das bißchen
-Proviant, das sie mit sich führten, Schiffszwieback und gesalzenes
-Fleisch, bis an die nächste menschenbewohnte Stelle reichen würde.
-Jedem war ein höchstes und doch zugleich auch wieder geringstes Maß
-als tägliche Provision zubewilligt, und wenn man dies Maß einhielt
-und kein Zwischenfall kam, so mußt es reichen. Und einer, der noch am
-meisten bei Kräften war, schleppte den gesamten Proviant. Das ging so
-durch Tage. Da nahm Leutnant Greeley wahr, daß der Proviant schneller
-hinschmolz als berechnet, und nahm auch wahr, daß der Proviantträger
-selbst, wenn er sich nicht beobachtet glaubte, von den Rationen nahm.
-Das war eine schreckliche Wahrnehmung. Denn ging es so fort, so waren
-sie samt und sonders verloren. Da nahm Greeley die drei andern beiseit
-und beriet mit ihnen. Eine Möglichkeit gewöhnlicher Bestrafung gab es
-nicht, und auf einen Kampf sich einzulassen ging auch nicht. Sie hatten
-dazu die Kräfte nicht mehr. Und so hieß es denn zuletzt, und es war
-Greeley, der es sagte: ›Wir müssen ihn hinterrücks erschießen.‹ Und
-als sie bald nach dieser Kriegsgerichtsszene wieder aufbrachen, der
-heimlich Verurteilte vorn an der Tete, trat Greeley von hintenher an
-ihn heran und schoß ihn nieder. Und die Tat war nicht umsonst getan;
-ihre Rationen reichten aus, und an dem Tage, wo sie den letzten Bissen
-verzehrten, kamen sie bis an eine Station.«
-
-»Und was wurde weiter?«
-
-»Ich weiß nicht mehr, ob Greeley selbst bei seiner Rückkehr nach
-Newyork als Ankläger gegen sich auftrat; aber das weiß ich, daß es zu
-einer großen Verhandlung kam.«
-
-»Und in dieser ...«
-
-»... In dieser wurd er freigesprochen und im Triumph nach Hause
-getragen.«
-
-»Und Sie sind einverstanden damit?«
-
-»Mehr; ich bin voll Bewunderung. Greeley, statt zu tun, was er tat,
-hätte zu den Gefährten sagen können: ›Unser Exempel wird falsch, und
-wir gehen an des einen Schuld zugrunde; töten mag ich ihn nicht, --
-sterben wir also alle.‹ Für seine Person hätt er so sprechen und
-handeln können. Aber es handelte sich nicht bloß um ihn; er hatte
-die Führer- und die Befehlshaberrolle, zugleich die Richterpflicht,
-und hatte die Majorität von drei gegen eine Minorität von einem zu
-schützen. Was dieser eine getan, an und für sich ein Nichts, war unter
-den Umständen, unter denen es geschah, ein fluchwürdiges Verbrechen.
-Und so nahm er denn gegen die geschehene schwere Tat die schwere
-Gegentat auf sich. In solchem Augenblicke richtig fühlen und in der
-Überzeugung des Richtigen fest und unbeirrt ein furchtbares Etwas tun,
-ein Etwas, das, aus seinem Zusammenhange gerissen, allem göttlichen
-Gebot, allem Gesetz und aller Ehre widerspricht, +das+ imponiert mir
-ganz ungeheuer und ist in meinen Augen der wirkliche, der wahre Mut.
-Schmach und Schimpf, oder doch der Vorwurf des Schimpflichen, haben
-sich von jeher an alles Höchste geknüpft. Der Bataillonsmut, der Mut in
-der Masse (bei allem Respekt davor), ist nur ein Herdenmut.«
-
-Dubslav sah vor sich hin. Er war augenscheinlich in einem
-Schwankezustand. Dann aber nahm er die Hand Lorenzens und sagte: »Sie
-sollen recht haben.«
-
-
-
-
-Neununddreißigstes Kapitel
-
-
-Dubslav hatte nach Lorenzens Besuch eine gute Nacht. »Wenn man
-mal so was andres hört, wird einem gleich besser.« Aber auch der
-Katzenpfötchentee fuhr fort, seine Wirkung zu tun, und was dem Kranken
-am meisten half, war, daß er die grünen Tropfen fortließ.
-
-»Hör, Engelke, am Ende wird es noch mal was. Wie gefallen dir meine
-Beine? Wenn ich drücke, keine Kute mehr.«
-
-»Gewiß, gnädger Herr, es wird nu wieder, un das macht alles der Tee.
-Ja, die Buschen versteht es, das hab ich immer gesagt. Und gestern
-abend, als Lorenzen hier war, war auch lütt Agnes hier un hat unten in
-der Küche gefragt, wie's denn eigentlich mit dem gnädigen Herrn stünn?
-Und die Mamsell hat ihr gesagt, ›es stünde gut‹.«
-
-»Na, das is recht, daß die Alte, wie 'n richtiger Doktor, sich um einen
-kümmert und von allem wissen will. Und daß sie nicht selber kommt, ist
-noch besser. So'n bißchen schlecht Gewissen hat sie doch woll. Ich
-glaube, daß sie viel auf'm Kerbholz hat, und daß die Karline so is,
-wie sie is, daran is doch auch bloß die Alte schuld. Und das Kind wird
-vielleicht auch noch so; sie dreht sich schon wie ne Puppe, und dazu
-das lange, blonde Zoddelhaar. Ich muß dabei immer an Bellchen denken,
--- weißt du noch, als die gnädge Frau noch lebte. Bellchen hatte auch
-solche Haare. Und war auch der Liebling. Solche sind immer Liebling.
-Krippenstapel, hör ich, soll sie auch in der Schule verwöhnen. Wenn
-die andern ihn noch anglotzen, dann schießt sie schon los. Es ist ein
-kluges Ding.«
-
-Engelke bestätigte, was Dubslav sagte, und ging dann nach unten, um dem
-gnädgen Herrn sein zweites Frühstück zu holen: ein weiches Ei und eine
-Tasse Fleischbrühe. Als er aber aus dem Gartenzimmer auf den großen
-Hausflur hinaustrat, sah er, daß ein Wagen vorgefahren war, und statt
-in die Küche zu gehen, ging er doch lieber gleich zu seinem Herrn
-zurück, um mit verlegenem Gesicht zu melden, daß das gnädge Fräulein da
-sei.
-
-»Wie? Meine Schwester?«
-
-»Ja, das gnädge Frölen.«
-
-»I, da soll doch gleich ne alte Wand wackeln,« sagte Dubslav, der einen
-ehrlichen Schreck gekriegt hatte, weil er sicher war, daß es jetzt mit
-Ruh und Frieden auf Tage, vielleicht auf Wochen, vorbei sei. Denn
-Adelheid mit ihren sechsundsiebzig setzte sich nicht gern auf eine
-Kleinigkeit hin in Bewegung, und wenn sie die beinahe vier Meilen von
-Kloster Wutz her herüberkam, so war das kein Nachmittagsbesuch, sondern
-Einquartierung. Er fühlte, daß sich sein ganzer Zustand mit einem Male
-wieder verschlechterte und daß eine halbe Atemnot im Nu wieder da war.
-
-Er hatte aber nicht lange Zeit, sich damit zu beschäftigen, denn
-Engelke öffnete bereits die Tür, und Adelheid kam auf ihn zu. »Tag,
-Dubslav. Ich muß doch mal sehn. Unser Rentmeister Fix ist vorgestern
-hier in Stechlin gewesen und hat dabei von deinem letzten Unwohlsein
-gehört. Und daher weiß ich es. Eh du persönlich deine Schwester so was
-wissen läßt oder einen Boten schickst ...«
-
-»Da muß ich schon tot sein,« ergänzte der alte Stechlin und lachte.
-»Nun, laß es gut sein, Adelheid, mach dir's bequem und rücke den Stuhl
-da heran.«
-
-»Den Stuhl da? Aber, Dubslav, was du dir nur denkst! Das ist ja ein
-Großvaterstuhl oder doch beinah.« Und dabei nahm sie statt dessen einen
-kleinen, leichten Rohrsessel und ließ sich drauf nieder. »Ich komme
-doch nicht zu dir, um mich hier in einen großen Polsterstuhl mit Backen
-zu setzen. Ich will meinen lieben Kranken pflegen, aber ich will nicht
-selber eine Kranke sein. Wenn es so mit mir stünde, wär ich zu Hause
-geblieben. Du rechnest immer, daß ich zehn Jahre älter bin als du. Nun,
-ja, ich bin zehn Jahre älter. Aber was sind die Jahre? Die Wutzer Luft
-ist gesund, und wenn ich die Grabsteine bei uns lese, unter achtzig ist
-da beinah keine von uns abgegangen. Du wirst erst siebenundsechzig.
-Aber ich glaube, du hast dein Leben nicht richtig angelegt, ich meine
-deine Jugend, als du noch in Brandenburg warst. Und von Brandenburg
-immer rüber nach Berlin. Na, das kennt man. Ich habe neulich was
-Statistisches gelesen.«
-
-»Damen dürfen nie Statistisches lesen,« sagte Dubslav, »es ist entweder
-zu langweilig oder zu interessant, -- und das ist dann noch schlimmer.
-Aber nun klingle (verzeih, mir wird das Aufstehn so schwer), daß uns
-Engelke das Frühstück bringt; du kommst ~à la fortune du pot~ und mußt
-fürlieb nehmen. Mein Trost ist, daß du drei Stunden unterwegs gewesen,
-Hunger ist der beste Koch.«
-
-Beim Frühstück, das bald danach aufgetragen wurde -- die Jahreszeit
-gestattete, daß auch eine Schale mit Kiebitzeiern aufgesetzt werden
-konnte -- verbesserte sich die Stimmung ein wenig; Dubslav ergab sich
-in sein Schicksal, und Adelheid wurde weniger herbe.
-
-»Wo hast du nur die Kiebitzeier her?« sagte sie. »Das ist was Neues.
-Als ich noch hier lebte, hatten wir keine.«
-
-»Ja, die Kiebitze haben sich seit kurzem hier eingefunden, an unserm
-Stechlin, da, wo die Binsen stehn; aber bloß auf der Globsower Seite.
-Nach der andern Seite hin wollen sie nicht. Ich habe mir gedacht,
-es sei vielleicht ein Fingerzeig, daß ich nun auch welche nach
-Friedrichsruh schicken soll. Aber das geht nicht; dann gelt ich am
-Ende gleich für eingeschworen, und Uncke notiert mich. Wer dreimal
-Kiebitzeier schickt, kommt ins schwarze Buch. Und das kann ich schon
-Woldemars wegen nicht.«
-
-»Is auch recht gut so. Was zuviel ist, ist zuviel. Er soll sich ja
-mit der Lucca zusammen haben photographieren lassen. Und während
-sie da oben in der Regierung und mitunter auch bei Hofe so was tun,
-fordern sie Tugend und Sitte. Das geht nicht. Bei sich selber muß man
-anfangen. Und dann ist er doch auch schließlich bloß ein Mensch, und
-alle Menschenanbetung ist Götzendienst. Menschenanbetung ist noch
-schlimmer als das goldene Kalb. Aber ich weiß wohl, Götzendienst kommt
-jetzt wieder auf, und Hexendienst auch, und du sollst ja auch -- so
-wenigstens hat mir Fix erzählt -- nach der Buschen geschickt haben.«
-
-»Ja, es ging mir schlecht.«
-
-»Gerade, wenn's einem schlecht geht, dann soll man Gott und Jesum
-Christum erkennen lernen, aber nicht die Buschen. Und sie soll dir
-Katzenpfötchentee gebracht haben und soll auch gesagt haben: ›Wasser
-treibt das Wasser.‹ Das mußt du doch heraushören, daß das ein
-unchristlicher Spruch ist. Das ist, was sie ›besprechen‹ nennen oder
-auch ›böten‹. Und wo das alles herstammt, ... Dubslav, Dubslav, ...
-Warum bist du nicht bei den grünen Tropfen geblieben und bei Sponholz?
-Seine Frau war eine Pfarrerstochter aus Kuhdorf.«
-
-»Hat ihr auch nichts geholfen. Und nu sitzt sie mit ihm in Pfäffers,
-einem Schweizerbadeort, und da schmoren sie gemeinschaftlich in einem
-Backofen. Er hat es mir selbst erzählt, daß es ein Backofen is.«
-
- * * * * *
-
-Der erste Tag war immerhin ganz leidlich verlaufen. Adelheid erzählte
-von Fix, von der Schmargendorf und der Schimonski und zuletzt auch
-von Maurermeister Lebenius in Berlin, der in Wutz eine Ferienkolonie
-gründen wolle. »Gott, wir kriegen dann so viel armes Volk in unsern
-Ort und noch dazu lauter Berliner Bälge mit Plieraugen. Aber die
-grünen Wiesen sollen ja gut dafür sein und unser See soll Jod haben,
-freilich wenig, aber doch so, daß man's noch gerade finden kann.«
-Adelheid sprach in einem fort, derart, daß Dubslav kaum zu Wort kommen
-konnte. Gelang es ihm aber, so fuhr sie rasch dazwischen, trotzdem
-sie beständig versicherte, daß sie gekommen sei, ihn zu pflegen, und
-nur, wenn er auf Woldemar das Gespräch brachte, hörte sie mit einiger
-Aufmerksamkeit zu. Freilich, die italienischen Reisemitteilungen als
-solche waren ihr langweilig, und nur bei Nennung bestimmter Namen,
-unter denen »Tintoretto« und »Santa Maria Novella« obenan standen,
-erheiterte sie sich sichtlich. Ja, sie kicherte dabei fast so vergnügt
-wie die Schmargendorf. Ein wirkliches, nicht ganz flüchtiges Interesse
-(wenn auch freilich kein freundliches) zeigte sie nur, wenn Dubslav von
-der jungen Frau sprach und hinzusetzte: »Sie hat so was Unberührtes.«
-
-»Nu ja, nu ja. Das liegt aber doch zurück.«
-
-»Wer keusch ist, bleibt keusch.«
-
-»Meinst du das ernsthaft?«
-
-»Natürlich mein ich es ernsthaft. Über solche Dinge spaß ich überhaupt
-nicht.«
-
-Und nun lachte Adelheid herzlich und sagte: »Dubslav, was hast du nur
-wieder für Bücher gelesen? Denn aus dir selbst kannst du doch so was
-nicht haben. Und von deinem Pastor Lorenzen auch nicht. Der wird ja
-wohl nächstens ne ›freie Gemeinde‹ gründen.«
-
-So war der erste Tag dahingegangen. Alles in allem, trotz kleiner
-Ärgerlichkeiten, unterhaltlich genug für den Alten, der, unter seiner
-Einsamkeit leidend, meist froh war, irgendeinen Plauderer zu finden,
-auch wenn dieser im übrigen nicht gerade der richtige war. Aber
-das alles dauerte nicht lange. Die Schwester wurde von Tag zu Tag
-rechthaberischer und herrischer und griff unter der Vorgabe, »daß ihr
-Bruder anders verpflegt werden müsse«, in alles ein, auch in Dinge,
-die mit der Verpflegung gar nichts zu tun hatten. Vor allem wollte sie
-ihm den Katzenpfötchentee wegdisputieren, und wenn abends die kleine
-Meißener Kanne kam, gab es jedesmal einen erregten Disput über die
-Buschen und ihre Hexenkünste.
-
-So waren denn noch keine acht Tage um, als es für Dubslav feststand,
-daß Adelheid wieder fort müsse. Zugleich sann er nach, wie das wohl am
-besten zu machen sei. Das war aber keine ganz leichte Sache, da die
-»Kündigung« notwendig von ihr ausgehen mußte. So wenig er sich aus
-ihr machte, so war er doch zu sehr Mann der Form und einer feineren
-Gastlichkeit, als daß er's zuwege gebracht hätte, seinerseits auf
-Abreise zu dringen.
-
-Es war um die vierte Stunde, das Wetter schön, aber auch frisch.
-Adelheid hing sich ihren Pelzkragen um, ein altes Familienerbstück, und
-ging zu Krippenstapel, um sich seine Bienenstöcke zeigen zu lassen. Sie
-hoffte bei der Gelegenheit auch was über den Pastor zu hören, weil sie
-davon ausging, daß ein Lehrer immer über den Prediger und der Prediger
-immer über den Lehrer zu klagen hat. Jedes Landfräulein denkt so. Die
-Bienen nahm sie so mit in den Kauf.
-
-Es begann zu dunkeln, und als die Domina schließlich aus dem
-Herrenhause fort war, war das eine freie Stunde für Dubslav, der nun
-nicht länger säumen mochte, seine Mine zu legen.
-
-»Engelke,« sagte er, »du könntest in die Küche gehn und die Marie zur
-Buschen schicken. Die Marie weiß ja Bescheid da. Und da kann sie denn
-der alten Hexe sagen, lütt Agnes solle heute abend mit heraufkommen und
-hier schlafen und immer da sein, wenn ich was brauche.«
-
-Engelke stand verlegen da.
-
-»Nu, was hast du? Bist du dagegen?«
-
-»Nein, gnädger Herr, dagegen bin ich wohl eigentlich nich. Aber ich
-schlafe doch auch nebenan, und dann is es ja, wie wenn ich für gar
-nichts mehr da wär und fast so gut wie schon abgesetzt. Und das Kind
-kann doch auch nich all das, was nötig is; Agnes is ja doch noch ne
-lütte Krabb.«
-
-»Ja, das is sie. Und du sollst auch in der andern Stube bleiben und
-alles tun wie vorher. Aber trotzdem, die Agnes soll kommen. Ich brauche
-das Kind. Und du wirst auch bald sehn, warum.«
-
-Und so kam denn auch Agnes, aber erst sehr spät, als sich Adelheid
-schon zurückgezogen hatte, dabei nicht ahnend, welche Ränke
-mittlerweile gegen sie gesponnen waren. Auf diese Verheimlichung kam es
-aber gerade an. Dubslav hatte sich nämlich wie Franz Moor -- an den er
-sonst wenig erinnerte -- herausgeklügelt, daß Überraschung und Schreck
-bei seinem Plan mitwirken müßten.
-
-Agnes schlief in einer nebenan aufgestellten eisernen Bettstelle.
-Dubslav, gerade so wie seine Schwester, hatte das etwas auffällig
-herausgeputzte Kind bei seinem Erscheinen im Herrenhause gar nicht mehr
-gesehen; es trug ein langes, himmelblaues Wollkleid ohne Taille, dazu
-Knöpfstiefel und lange rote Strümpfe, -- lauter Dinge, die Karline
-schon zu letzten Weihnachten geschenkt hatte. Gleich damals, am ersten
-Feiertag, hatte das Kind den Staat denn auch wirklich angezogen, aber
-bloß so still für sich, weil sie sich genierte, sich im Dorfe damit zu
-zeigen; jetzt dagegen, wo sie bei dem gnädgen Herrn in Krankenpflege
-gehen sollte, jetzt war die richtige Zeit dafür da.
-
-Die Nacht verging still; niemand war gestört worden. Um sieben erst kam
-Engelke und sagte: »Nu, lütt Deern, steih upp, is all seben.« Agnes war
-auch wirklich wie der Wind aus dem Bett, fuhr mit einem mitgebrachten
-Hornkamm, dem ein paar Zähne fehlten, durch ihr etwas gekraustes langes
-Blondhaar, putzte sich wie ein Kätzchen und zog dann den himmelblauen
-Hänger, die roten Strümpfe und zuletzt auch die Knöpfstiefel an.
-Gleich danach brachte ihr Engelke einen Topf mit Milchkaffee, und als
-sie damit fertig war, nahm sie ihr Strickzeug und ging in das große
-Zimmer nebenan, wo Dubslav bereits in seinem Lehnstuhl saß und auf
-seine Schwester wartete. Denn um acht nahmen sie das erste Frühstück
-gemeinschaftlich.
-
-»So, Agnes, das is recht, daß du da bist. Hast du denn schon deinen
-Kaffee gehabt?«
-
-Agnes knickste.
-
-»Nu setz dich da mal ans Fenster, daß du bei deiner Arbeit besser sehn
-kannst; du hast ja schon dein Strickzeug in der Hand. Solch junges Ding
-wie du muß immer was zu tun haben, sonst kommt sie auf dumme Gedanken.
-Nicht wahr?«
-
-Agnes knickste wieder, und da sie sah, daß ihr der Alte weiter nichts
-zu sagen hatte, ging sie bis an das ihr bezeichnete Fenster, dran ein
-länglicher Eichentisch stand, und fing an zu stricken. Es war ein sehr
-langer Strumpf, brandrot und, nach seiner Schmalheit zu schließen, für
-sie selbst bestimmt.
-
-Sie war noch nicht lange bei der Arbeit, als Adelheid eintrat und auf
-ihren im Lehnstuhl sitzenden Bruder zuschritt. Bei der geringen Helle,
-die herrschte, traf sich's, daß sie von dem Gast am Fenster nicht recht
-was wahrnahm. Erst als Engelke mit dem Frühstück kam und die plötzlich
-geöffnete Tür mehr Licht einfallen ließ, bemerkte sie das Kind und
-sagte: »Da sitzt ja wer. Wer ist denn das?«
-
-»Das ist Agnes, das Enkelkind von der Buschen.«
-
-Adelheid bewahrte mit Mühe Haltung. Als sie sich wieder
-zurechtgefunden, sagte sie: »So, Agnes. Das Kind von der Karline?«
-
-Dubslav nickte.
-
-»Das ist mir ja ne Überraschung. Und wo hast du sie denn, seit ich hier
-bin, versteckt gehalten? Ich habe sie ja die ganze Woche über noch
-nicht gesehn.«
-
-»Konntest du auch nicht, Adelheid; sie ist erst seit gestern abend
-hier. Mit Engelke ging das nicht mehr, wenigstens nicht auf die Dauer.
-Er ist ja so alt wie ich. Und immer raus in der Nacht und rauf und
-runter und mich umdrehn und heben. Das konnt ich nich mehr mit ansehn.«
-
-»Und da hast du dir die Agnes kommen lassen? Die soll dich nun rumdrehn
-und heben? Das Kind, das Wurm. Haha. Was du dir doch alles für
-Geschichten machst.«
-
-»Agnes,« sagte hier Dubslav, »du könntest mal zu Mamsell Pritzbur in
-die Küche gehn und ihr sagen, ich möchte heute mittag ne gefüllte Taube
-haben. Aber nich so mager und auch nich so wenig Füllung, und daß es
-nich nach alter Semmel schmeckt. Und dann kannst du gleich bei der
-Mamsell unten bleiben und dir ne Geschichte von ihr erzählen lassen,
-vom ›Schäfer und der Prinzessin‹ oder vom ›Fischer un sine Fru‹;
-Rotkäppchen wirst du wohl schon kennen.«
-
-Agnes stand auf, trat unbefangen an den Tisch, wo Bruder und Schwester
-saßen, und machte wiederholt ihren Knicks. Dabei hielt sie das
-Strickzeug und den langen Strumpf in der Hand.
-
-»Für wen strickst du denn den?« fragte die Domina.
-
-»Für mich.«
-
-Dubslav lachte. Adelheid auch. Aber es war ein Unterschied in ihrem
-Lachen. Agnes nahm übrigens nichts von diesem Unterschied wahr, sah
-vielmehr ohne Furcht um sich und ging aus dem Zimmer, um unten in der
-Küche die Bestellung auszurichten.
-
-Als sie hinaus war, wiederholte sich Adelheids krampfhaftes Lachen.
-Dann aber sagte sie: »Dubslav, ich weiß nicht, warum du dir, so lang
-ich hier bin, gerade diese Hilfskraft angenommen hast. Ich bin deine
-Schwester und eine Märkische von Adel. Und bin auch die Domina von
-Kloster Wutz. Und meine Mutter war eine Radegast. Und die Stechline,
-die drüben in der Gruft unterm Altar stehn, die haben, soviel ich weiß,
-auf ihren Namen gehalten und sich untereinander die Ehre gegeben, die
-jeder beanspruchen durfte. Du nimmst hier das Kind der Karline in dein
-Zimmer und setzt es ans Fenster, fast als ob's da jeder so recht sehn
-sollte. Wie kommst du zu dem Kind? Da kann sich Woldemar freuen und
-seine Frau auch, die so was ›Unberührtes‹ hat. Und Gräfin Melusine! Na,
-die wird sich wohl auch freun. Und die darf auch. Aber ich wiederhole
-meine Frage, wie kommst du zu dem Kind?«
-
-»Ich hab es kommen lassen.«
-
-»Haha. Sehr gut; ›kommen lassen‹. Der Klapperstorch hat es dir wohl von
-der grünen Wiese gebracht und natürlich auch gleich für die roten Beine
-gesorgt. Aber ich kenne dich besser. Die Leute hier tun immer so, wie
-wenn du dem alten Kortschädel sittlich überlegen gewesen wärst. Ich
-für meine Person kann's nicht finden und sagte dir gern meine Meinung
-darüber. Aber ich nehme häßliche Worte nicht gern in den Mund.«
-
-»Adelheid, du regst dich auf. Und ich frage mich, warum? Du bist ein
-bißchen gegen die Buschen, -- nun gut, gegen die Buschen kann man
-sein; und du bist ein bißchen gegen die Karline, -- nun gut, gegen die
-Karline kann man auch sein. Aber ich sehe dir's an, das Eigentliche,
-was dich aufregt, das ist nicht die Buschen und ist auch nicht die
-Karline, das sind bloß die roten Strümpfe. Warum bist du so sehr gegen
-die roten Strümpfe?«
-
-»Weil sie ein Zeichen sind.«
-
-»Das sagt gar nichts, Adelheid. Ein Zeichen ist alles. Wovon sind sie
-ein Zeichen? Darauf kommt es an.«
-
-»Sie sind ein Zeichen von Ungehörigkeit und Verkehrtheit. Und ob du nun
-lachen magst oder nicht -- denn an einem Strohhalm sieht man eben am
-besten, woher der Wind weht --, sie sind ein Zeichen davon, daß alle
-Vernunft aus der Welt ist und alle gesellschaftliche Scheidung immer
-mehr aufhört. Und das alles unterstützt du. Du denkst wunder, wie fest
-du bist; aber du bist nicht fest und kannst es auch nicht sein, denn
-du steckst in allerlei Schrullen und Eitelkeiten. Und wenn sie dir um
-den Bart gehn oder dich bei deinen Liebhabereien fassen, dann läßt du
-das, worauf es ankommt, ohne weiteres im Stich. Es soll jetzt viele
-solche geben, denen ihr Humor und ihre Rechthaberei viel wichtiger
-ist als Gläubigkeit und Apostolikum. Denn sie sind sich selber ihr
-Glaubensbekenntnis. Aber, glaube mir, dahinter steckt der Versucher,
-und wohin der am Ende führt, das weißt du, -- soviel wird dir ja wohl
-noch geblieben sein.«
-
-»Ich hoffe,« sagte Dubslav.
-
-»Und weil du bist wie du bist, freust du dich, daß diese Zierpuppe
-(schon ganz wie die Karline) rote Strümpfe trägt und sich neue dazu
-strickt. Ich aber wiederhole dir, diese roten Strümpfe, die sind ein
-Zeichen, eine hochgehaltene Fahne.«
-
-»Strümpfe werden nicht hochgehalten.«
-
-»Noch nicht, aber das kann auch noch kommen. Und das ist dann die
-richtige Revolution, die Revolution in der Sitte, -- das, was sie jetzt
-das ›Letzte‹ nennen. Und ich begreife dich nicht, daß du davon kein
-Einsehn hast, du, ein Mann von Familie, von Zugehörigkeit zu Thron und
-Reich. Oder der sich's wenigstens einbildet.«
-
-»Nun gut, nun gut.«
-
-»Und da reist du herum, wenn sie den Torgelow oder den Katzenstein
-wählen wollen, und hältst deine Reden, wiewohl du eigentlich nicht
-reden kannst ...«
-
-»Das is richtig. Aber ich hab auch keine gehalten ...«
-
-»Und hältst deine Reden für König und Vaterland und für die alten Güter
-und sprichst gegen die Freiheit. Ich versteh dich nicht mit deinem
-ewigen ›gegen die Freiheit‹. Laß sie doch mit ihrer ganzen dummen
-Freiheit machen, was sie wollen. Was heißt Freiheit? Freiheit ist gar
-nichts; Freiheit ist, wenn sie sich versammeln und Bier trinken und
-ein Blatt gründen. Du hast bei den Kürassieren gestanden und mußt
-doch wissen, daß Torgelow und Katzenstein (was keinen Unterschied
-macht) uns nicht erschüttern werden, uns nicht und unsern Glauben
-nicht und Stechlin nicht und Wutz nicht. Die Globsower, solange sie
-bloß Globsower sind, können gar nichts erschüttern. Aber wenn erst
-der Buschen ihre Enkelkinder, denn die Karline wird doch wohl schon
-mehrere haben, ihre Knöpfstiefel und ihre roten Strümpfe tragen, als
-müßt es nur so sein, ja, Dubslav, dann ist es vorbei. Mit der Freiheit,
-laß mich das wiederholen, hat es nicht viel auf sich; aber die roten
-Strümpfe, das ist was. Und dir trau ich ganz und gar nicht, und der
-Karline natürlich erst recht nicht, wenn es auch vielleicht schon eine
-Weile her ist.«
-
-»Sagen wir ›vielleicht‹.«
-
-»O, ich kenne das. Du willst das wegwitzeln, das ist so deine Art. Aber
-unser Kloster ist nicht so aus der Welt, daß wir nicht auch Bescheid
-wüßten.«
-
-»Wozu hättet ihr sonst euern Fix?«
-
-»Kein Wort gegen den.«
-
-Und in großer Erregung brach das Gespräch ab. Noch am selben Nachmittag
-aber verabschiedete sich Adelheid von ihrem Bruder und fuhr nach Wutz
-zurück.
-
-
-
-
-Verweile doch. Tod. Begräbnis. Neue Tage.
-
-
-
-
-Vierzigstes Kapitel
-
-
-Agnes, während oben die gereizte Szene zwischen Bruder und Schwester
-spielte, war unten in der Küche bei Mamsell Pritzbur und erzählte von
-Berlin, wo sie vorigen Sommer bei ihrer Mutter auf Besuch gewesen war.
-»Eins war da,« sagte sie, »das hieß das Aquarium. Da lag eine Schlange,
-die war so dick wie'n Bein.«
-
-»Aber hast du denn schon Beine gesehn?« fragte die Pritzbur.
-
-»Aber, Mamsell Pritzbur, ich werde doch wohl schon Beine gesehn haben
-... Und dann, an einem andern Tag, da waren wir in einem ›Tiergarten‹,
-aber in einem richtigen, mit allerlei Tieren drin. Und den nennen sie
-den ›Zoologischen‹.«
-
-»Ja, davon hab ich auch schon gehört.«
-
-»Und in dem ›Zoologischen‹, da war ein ganz kleiner See, noch viel
-kleiner als unser Stechlin, und in dem See standen allerlei Vögel. Und
-einer, ganz wie'n Storch, stand auf einem Bein.«
-
-Als die Mädchen das Wort »Storch« hörten, kamen sie näher heran.
-
-»Aber die Beine von dem Vogel, oder es waren wohl mehrere Vögel, die
-waren viel größer als Storchenbeine und auch viel dicker und viel
-röter.«
-
-»Und taten sie dir nichts?«
-
-»Nein, sie taten mir nichts. Bloß, wenn sie so ne Weile gestanden
-hatten, dann stellten sie sich auf das andre Bein. Und ich sagte zu
-Mutter: ›Mutter, komm; der eine sieht mich immer so an.‹ Und da gingen
-wir an eine andere Stelle, wo der Bär war.«
-
-Das Kind erzählte noch allerlei. Die Mädchen und auch die Mamsell
-freuten sich über Agnes, und sie trug ihnen ein paar Lieder vor, die
-ihre Mutter, die Karline, immer sang, wenn sie plättete, und sie tanzte
-auch, während sie sang, wobei sie das himmelblaue Kleid zierlich in die
-Höhe nahm, ganz so, wie sie's in der Hasenheide gesehen hatte.
-
-So kam der Nachmittag heran, und als es schon dunkelte, sagte Engelke:
-»Ja, gnädger Herr, wie is das nu mit Agnessen? Sie is immer noch bei
-Mamsell Pritzbur unten, un die Mächens wenn sie so singt und tanzt,
-kucken ihr zu. Sie wird woll auch so was wie die Karline. Soll sie
-wieder nach Haus, oder soll sie hierbleiben?«
-
-»Natürlich soll sie hierbleiben. Ich freue mich, wenn ich das Kind
-sehe. Du hast ja ein gutes Gesicht, Engelke, aber ich will doch auch
-mal was andres sehn als dich. Wie das lütte Balg da so saß, so steif
-wie ne Prinzeß, hab ich immer hingekuckt und ihr wohl ne Viertelstunde
-zugesehn, wie da die Stricknadeln immer so hin und her gingen und
-der rote Strumpf neben ihr baumelte. So was Hübsches hab ich nicht
-mehr gesehn, seit zu Weihnachten die Grafschen hier waren, die blasse
-Komtesse und die Gräfin. Hat sie dir auch gefallen?«
-
-Engelke griente.
-
-»Na, ich sehe schon. Also Agnes bleibt. Und sie kann ja auch nachts mal
-aufstehn und mir eine Tasse von dem Tee bringen, oder was ich sonst
-grade brauche, und du alte Seele kannst ausschlafen. Ach, Engelke, das
-Leben is doch eigentlich schwer. Das heißt, wenn's auf die Neige geht;
-vorher is es soweit ganz gut. Weißt du noch, wenn wir von Brandenburg
-nach Berlin ritten? In Brandenburg war nich viel los; aber in Berlin,
-da ging es.«
-
-»Ja, gnädger Herr. Aber nu kommt es.«
-
-»Ja, nu kommt es. Nu is Katzenpfötchen dran. So was gab es damals
-noch gar nicht. Aber ich will nichts sagen, sonst wird die Buschen
-ärgerlich, und mit alten Weibern muß man gut stehn; das is noch
-wichtiger als mit jungen. Und, wie gesagt, die Agnes bleibt. Ich sehe
-so gern was Zierliches. Es is ein reizendes Kind.«
-
-»Ja, das is sie. Aber ...«
-
-»Ach, laß die ›Abers‹. Du sagst, sie wird wie die Karline. Möglich is
-es. Aber vielleicht wird sie auch ne Nonne. Man kann nie wissen.«
-
- * * * * *
-
-Agnes blieb also bei Dubslav. Sie saß am Fenster und strickte. Mal in
-der Nacht, als ihm recht schlecht war, hatte er nach dem Kinde rufen
-wollen. Aber er stand wieder davon ab. »Das arme Kind, was soll ich ihm
-den Schlaf stören? Und helfen kann es mir doch nicht.«
-
-So verging eine Woche. Da sagte der alte Dubslav: »Engelke, das mit der
-Agnes, das kann ich nich mehr mit ansehn. Sie sitzt da jeden Morgen und
-strickt. Das arme Wurm muß ja hier umkommen. Und alles bloß, weil ich
-alter Sünder ein freundliches Gesicht sehn will. Das geht so nich mehr
-weiter. Wir müssen sehn, daß wir was für das Kind tun können. Haben wir
-denn nicht ein Buch mit Bildern drin oder so was?«
-
-»Ja, gnädger Herr, da sind ja noch die vier Bände, die wir letzte
-Weihnachten bei Buchbinder Zippel in Gransee haben einbinden lassen.
-Eigentlich war es bloß ne ›Landwirtschaftliche Zeitung‹, und alle, die
-mal nen Preis gewonnen haben, die waren drin. Und Bismarck war auch
-drin un Kaiser Wilhelm auch.«
-
-»Ja, ja, das is gut; das gib ihr. Und brauchst ihr auch nich zu sagen,
-daß sie keine Eselsohren machen soll; die macht keine.«
-
-Wirklich, die »Landwirtschaftliche Zeitung« lag am andern Morgen
-da, und Agnes war sehr glücklich, mal was andres zu haben als ihr
-Strickzeug, und die schönen Bilder ansehn zu können. Denn es waren
-auch Schlösser drin und kleine Teiche, drauf Schwäne fuhren, und auf
-einem Bilde, das eine Beilage war, waren sogar Husaren. Engelke brachte
-jeden Morgen einen neuen Band, und mal erschien auch Elfriede, die
-Lorenzen, um nach Dubslavs Befinden fragen zu lassen, von der Pfarre
-herübergeschickt hatte. »Die kann sich ja die Bilder mit ansehen,«
-sagte Dubslav; »am Ende macht es ihr selber auch Spaß, und vielleicht
-kann sie dem kleinen Ding, der Agnes, alles so nebenher erklären, und
-dann is es so gut wie ne Schulstunde.«
-
-Elfriede war gleich dazu bereit. Und nun standen die beiden Kinder
-nebeneinander und blätterten in dem Buch, und die Kleine sog jedes
-Wort ein, was die Große sagte. Dubslav aber hörte zu und wußte nicht,
-wem von beiden er ein größeres Interesse zuwenden sollte. Zuletzt aber
-war es doch wohl Elfriede, weil sie den wehmütigen Zauber all derer
-hatte, die früh abberufen werden. Ihr zarter, beinahe körperloser Leib
-schien zu sagen: »Ich sterbe.« Aber ihre Seele wußte nichts davon; die
-leuchtete und sagte: »Ich lebe.«
-
- * * * * *
-
-Das mit den Bilderbüchern dauerte mehrere Tage. Dann sagte Dubslav:
-»Engelke, das Kind fängt heute schon wieder von vorn an; es ist mit
-allen vier Bänden, so dick sie sind, schon zweimal durch; ich sehe,
-wir müssen uns was Neues ausbaldowern. Das is nämlich ein Wort aus der
-Diebssprache; soweit sind wir nu schon. Übrigens ist mir was Gutes
-eingefallen: hol ihr eine von unsern Wetterfahnen herunter. Die stehn
-ja da bloß so rum, un wenn ich tot bin und alles abgeschätzt wird --
-was sie ›ordnen‹ nennen --, dann kommt Kupperschmied Reuter aus Gransee
-und taxiert es auf fünfundsiebzig Pfennig.«
-
-»Aber, gnädger Herr, uns' Woldemar ...«
-
-»Nu ja, Woldemar. Woldemar ist gut, natürlich, und die Komtesse, seine
-junge Frau, is auch gut. Alles is gut, und ich hab es auch nicht so
-schlimm gemeint; man red't bloß so. Nur soviel is richtig: meine
-Sammlung oben is für Spinnweb und weiter nichts. Alles Sammeln ist
-überhaupt verrückt, und wenn Woldemar sich nich mehr drum kümmert, so
-is es eigentlich bloß Wiederherstellung von Sinn und Verstand. Jeder
-hat seinen Sparren, und ich habe meinen gehabt. Bring aber nich gleich
-alles runter. Nur die Mühle bring und den Dragoner.«
-
-Engelke gehorchte.
-
-Den ersten Tag, wie sich denken läßt, war Agnes ganz für den Dragoner,
-der, als man ihn vor Jahr und Tag von seinem Zelliner Kirchturm
-heruntergeholt hatte, frisch aufgepinselt worden war: schwarzer Hut,
-blauer Rock, gelbe Hosen. Aber sehr bald hatte sich das Kind an der
-Buntheit des Dragoners sattgesehen, und nun kam statt seiner die
-Mühle an die Reihe. Die hielt länger vor. Meistens -- wenn sie nur
-überhaupt erst im Gange war -- brauchte das Kind bloß zu pusten, um die
-Mühlflügel in ziemlich rascher Bewegung zu halten, und der schnarrende
-Ton der etwas eingerosteten Drehvorrichtung war dann jedesmal eine Lust
-und ein Entzücken. Es waren glückliche Tage für Agnes. Aber fast noch
-glücklichere für den Alten.
-
- * * * * *
-
-Ja, der alte Dubslav freute sich des Kindes. Aber so wohltuend ihm
-seine Gegenwart war, so war es auf die Dauer doch nicht viel was
-andres, als ob ein Goldlack am Fenster gestanden oder ein Zeisig
-gezwitschert hätte. Sein Auge richtete sich gerne darauf; als aber
-eine Woche und dann eine zweite vorüber war, wurd ihm eine gewisse
-Verarmung fühlbar, und das so stark, daß er fast mit Sehnsucht an die
-Tage zurückdachte, wo Schwester Adelheid sich ihm bedrücklich gemacht
-hatte. Das war sehr unbequem gewesen, aber sie besaß doch nebenher
-einen guten Verstand, und in allem, was sie sagte, war etwas, worüber
-sich streiten und ein Feuerwerk von Anzüglichkeiten und kleinen Witzen
-abbrennen ließ. Etwas, was ihm immer eine Hauptsache war. Dubslav
-zählte zu den Friedliebendsten von der Welt, aber er liebte doch
-andrerseits auch Friktionen, und selbst ärgerliche Vorkommnisse waren
-ihm immer noch lieber als gar keine.
-
- * * * * *
-
-Kein Zweifel, der alte Schloßherr auf Stechlin sehnte sich nach
-Menschen, und da waren es denn wahre Festtage, wenn Besucher aus Näh
-oder Ferne sich einstellten.
-
-Eines Tages -- es schummerte schon -- erschien Krippenstapel. Er hatte
-seinen besten Rock angezogen und hielt ein übermaltes Gefäß, mit einem
-Deckel darauf, in seinem linken Arm.
-
-»Nun, das ist recht, Krippenstapel. Ich freue mich, daß Sie mal
-nachsehn, ob unser Museum oben noch seinen ›Chef‹ hat. Ich sage ›Chef‹.
-Der Direktor sind Sie ja selber. Und nun kommen Sie auch gleich noch
-mit ner Urne. Hat gewiß Ihr Freund Tucheband irgendwo ausgegraben. Oder
-is es bloß ne Terrine? Himmelwetter, Krippenstapel, Sie werden mir doch
-nich ne Krankensuppe gekocht haben?«
-
-»Nein, Herr Major, keine Krankensuppe. Gewiß nicht. Und doch is es
-einigermaßen so was. Es ist nämlich ne Wabe. Habe da heute mittag einen
-von meinen Stöcken ausgenommen und wollte mir erlaubt haben, Ihnen die
-beste Wabe zu bringen. Es ist beinah so was wie der mittelalterliche
-Zehnte. Der Zehnte, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, war
-eigentlich was Feineres als Geld.«
-
-»Find ich auch. Aber die heutige Menschheit hat für so was Feines gar
-keinen Sinn mehr. Immer alles bar und nochmal bar. O, das gemeine
-Geld! Das heißt, wenn man keins hat; wenn man's hat, ist es soweit
-ganz gut. Und daß Sie gleich an Ihren alten Patron -- ein Wort,
-das übrigens vielleicht zu hoch gegriffen ist und unser Verhältnis
-nicht recht ausdrückt -- gedacht haben! Lorenzen wird es hoffentlich
-nicht übelnehmen, daß ich Sie, wenn ich mich Ihren ›Patron‹ nenne,
-so gleichsam avancieren lasse. Ja, das mit der Wabe. Freut mich
-aufrichtig. Aber ich werde mich wohl nicht drüberher machen dürfen.
-Immer heißt es: ›+das+ nicht‹. Erst hat mir Sponholz alles verboten und
-nu die Buschen, und so leb ich eigentlich bloß noch von Bärlapp und
-Katzenpfötchen.«
-
-»Am Ende geht es doch,« sagte Krippenstapel. »Ich weiß wohl, in eine
-richtige Kur darf der Laie nicht eingreifen. Aber der Honig macht
-vielleicht ne Ausnahme. Richtiger Honig ist wie gute Medizin und hat
-die ganze Heilkraft der Natur.«
-
-»Is denn aber nicht auch was drin, was besser fehlte?«
-
-»Nein, Herr Major. Ich sehe die Bienen oft schwärmen und sammeln, und
-seh auch, wie sie sammeln und wo sie sammeln. Da sind voran die Linden
-und Akazien und das Heidekraut. Nu, die sind die reine Unschuld; davon
-red ich gar nicht erst. Aber nun sollten Sie die Biene sehn, wenn sie
-sich auf eine giftige Blume, sagen wir zum Beispiel auf den Venuswagen,
-niederläßt. Und in jedem Venuswagen, besonders in dem roten (aber doch
-auch in dem blauen), sitzt viel Gift.«
-
-»Venuswagen; kann ich mir denken. Und wie sammelt da die Biene?«
-
-»Sie nimmt nie das Gift, sie nimmt immer bloß die Heilkraft.«
-
-»Na, Sie müssen es wissen, Krippenstapel. Und auf Ihre Verantwortung
-hin will ich mir den Honig auch schmecken lassen, und die Buschen muß
-sich drin finden und sich wohl oder übel zufrieden geben. Übrigens
-fällt mir bei der Alten natürlich auch das Kind ein. Da sitzt es am
-Fenster. Na, komm mal her, Agnes, und sage, daß du hier auch was
-lernst. Ich hab ihr nämlich Bücher gegeben, mit allerlei Bildern drin,
-und seit vorgestern auch eine Götterlehre, das heißt aber noch eine aus
-guter, anständiger Zeit und jeder Gott ordentlich angezogen. Und da
-lernt sie, glaub ich, ganz gut. Nicht wahr, Agnes?«
-
-Agnes knickste und ging wieder auf ihren Platz.
-
-»Und dann hab ich dem Kind auch unsern Dragoner und die Mühle gegeben.
-Also unsre besten Stücke, soviel ist richtig. Ich denke mir aber, mein
-Museumsdirektor wird über diesen Eingriff nicht böse sein. Eigentlich
-is es doch besser, das Kind hat was davon als die Spinnen. Und was
-macht denn Ihr Oberlehrer in Templin? Hat er wieder was gefunden?«
-
-»Ja, Herr Major. Münzenfund.«
-
-»Na, das is immer das beste. Vermutlich Georgstaler oder so was;
-Dreißigjähriger Krieg. Es war ja ne gräßliche Zeit. Aber daß sie damals
-aus Angst und Not soviel verbuddelt haben, das is doch auch wieder ein
-Segen. Is es denn viel?«
-
-»Wie man's nehmen will, Herr Major; praktisch und profan angesehen
-ist es nicht viel, aber wissenschaftlich angesehen ist es allerdings
-viel. Nämlich drei römische Münzen, zwei von Diokletian und eine von
-Caracalla.«
-
-»Na, die passen wenigstens. Diokletian war ja wohl der mit der
-Christenverfolgung. Aber ich glaube, es war am Ende nicht so schlimm.
-Verfolgt wird immer. Und mitunter sind die Verfolgten obenauf.«
-
-Dabei lachte der Alte. Dann rief er Engelke, daß er den Honig
-herausnehme. Krippenstapel aber verabschiedete sich, seine leere
-Terrine vorsichtig im Arm.
-
-
-
-
-Einundvierzigstes Kapitel
-
-
-Dubslav hatte sich über Krippenstapels Besuch und sein Geschenk
-aufrichtig gefreut, weil es ja das Beste war, was ihm die alte treue
-Seele bringen konnte. Er bestand denn auch darauf (trotzdem Engelke,
-der ein Vorurteil gegen alles Süße hatte, dagegen war), daß ihm die
-Wabe jeden Morgen auf den Frühstückstisch gestellt werde.
-
-»Siehst du, Engelke,« sagte er nach einer Woche, »daß ich mich wieder
-wohler fühle, das macht die Wabe. Denn man muß jedes Fisselchen
-mitessen, Wachs und alles, das hat er mir eigens gesagt. Das is grad
-so wie beim Apfel die Schale; die hat die Natur so gewollt und is ein
-Fingerzeig und muß respektiert werden.«
-
-»Ich bin aber doch für abschälen,« sagte Engelke. »Wenn man so sieht,
-was mitunter alles dran ist ...«
-
-»Ja, Engelke, ich weiß nicht, du bist jetzt so fein geworden. Aber ich
-bin noch ganz altmodisch. Und dann glaub ich nebenher wirklich, daß
-in dem Wachs die richtige ›gesamte Heilkraft der Natur‹ steckt, fast
-noch mehr als in dem Honig. Krippenstapel übrigens is jetzt auch so
-furchtbar gebildet und hat so viele feine Wendungen, wie zum Beispiel
-die mit der ›gesamten Heilkraft‹. Aber so fein wie du is er doch noch
-lange nicht, darauf will ich mich verschwören. Und auch darauf, daß er
-sich keine Birne schält.«
-
-In dieser guten Laune verblieb Dubslav eine ganze Weile, sich mehr und
-mehr zurechtlegend, daß er sich die Quälerei mit all dem andern Zeug
-eigentlich hätte sparen können; »denn wenn +alles+ drin ist, so ist
-doch auch Bärlapp und Katzenpfötchen drin und natürlich auch Fingerhut
-oder wie Sponholz sagt: ›Die Digitalis.‹« Engelke freilich wollte von
-diesen Sophistereien nichts wissen; sein Herr aber ließ sich durch
-solche Zweifel nicht stören und fuhr vielmehr fort: »Und dann, Engelke,
-macht es doch auch einen Unterschied, von wem eine Sache kommt.
-Die Katzenpfötchen kommen von der Buschen, und die Wabe kommt von
-Krippenstapel. Das heißt also, hinter der Wabe steht ein guter Geist,
-und hinter den Katzenpfötchen steht ein böser Geist. Und das kannst du
-mir glauben, an solchen Rätselhaftigkeiten liegt sehr viel im Leben,
-und wenn mir Lorenzen seine Patsche gibt, so ist das ganz was anders,
-wie wenn mir Koseleger seine Hand gibt. Koseleger hat solche weichen
-Finger und auf dem vierten einen großen Ring.«
-
-»Aber er is doch ein Superintendent.«
-
-»Ja, Superintendent is er. Und er kommt auch noch höher. Und wenn es
-nach der Prinzessin geht, wird er Papst. Und dann wollen wir uns Ablaß
-bei ihm holen; aber viel geb ich nicht.«
-
- * * * * *
-
-Als Dubslav und Engelke dies Gespräch führten, saß Agnes wie gewöhnlich
-am Fenster, mit halbem Ohre hinhörend, und so wenig sie davon verstand,
-so verstand sie doch gerade genug. Krippenstapel war ein guter Geist
-und ihre Großmutter war ein böser Geist. Aber das alles war ihr nicht
-mehr, als ob ihr ein Märchen erzählt würde. Sie hatte schon so vieles
-in ihrem Leben gehört und war wohl dazu bestimmt, noch viel, viel
-andres zu hören. Ihr Gesichtsausdruck blieb denn auch derselbe. Sie
-träumte bloß so hin, und daß sie dies Wesen hatte, das war es recht
-eigentlich, was den alten Herrn so an sie fesselte. Das Auge, womit sie
-die Menschen ansah, war anders als das der andern.
-
- * * * * *
-
-Engelke hatte sich in die nebenan gelegene Dienststube zurückgezogen;
-ein heller Schein fiel von der Veranda her durch die Balkontür und gab
-dem etwas dunklen Zimmer mehr Licht, als es für gewöhnlich zu haben
-pflegte. Dubslav hielt die Kreuzzeitung in Händen und schlug nach einem
-Brummer, der ihn immer und immer wieder umsummte. »Verdammte Bestie,«
-und er holte von neuem aus. Aber ehe er zuschlagen konnte, kam Engelke
-und fragte, ob Uncke den gnädigen Herrn sprechen dürfe.
-
-»Uncke, unser alter Uncke?«
-
-»Ja, gnädger Herr.«
-
-»Na, natürlich. Kriegt man doch mal wieder nen vernünftigen Menschen
-zu sehn. Was er nur bringen mag? Vielleicht Verhaftung irgendwo:
-Demokratennest ausgenommen.«
-
-Agnes horchte. Verhaftung! Demokratennest ausgenommen! Das war doch
-noch besser als ein Märchen »vom guten und bösen Geist«.
-
- * * * * *
-
-Inzwischen war Uncke eingetreten, Backenbart und Schnurrbart, wie
-gewöhnlich, fest angeklebt. In der Nähe der Tür blieb er stehen und
-grüßte militärisch. Dubslav aber rief ihm zu: »Nein, Uncke, nicht da.
-So weit reicht mein Ohr nicht und meine Stimme erst recht nicht. Und
-ich denke doch, Sie bringen was. Was Reguläres. Also ran hier. Und wenn
-es nicht was ganz Dienstliches is, so nehmen Sie den Stuhl da.«
-
-Uncke trat auch näher, nahm aber keinen Stuhl und sagte: »Herr Major
-wollen entschuldigen. Ich komme so bloß ... Der alte Baruch Hirschfeld
-hat mir erzählt, und die alte Buschen hat mir erzählt ...«
-
-»Ach so, von wegen meiner Füße.«
-
-»Zu Befehl, Herr Major.«
-
-»Ja, Uncke, wollte Gott, es stünde besser. Immer denk ich, wenn wieder
-ein Neuer kommt, ›nu wird es‹. Aber es will nicht mehr; es hilft immer
-bloß drei Tage. Die Buschen hilft nicht mehr, und Krippenstapel hilft
-nicht mehr, und Sponholz hilft schon lange nicht mehr; der kutschiert
-so in der Welt rum. Bleibt also bloß noch der liebe Gott.«
-
-Uncke begleitete dies Wort mit einer Kopfbewegung, die seine
-respektvolle Stellung (aber doch auch nicht mehr) zum lieben Gott
-ausdrücken sollte. Dubslav sah es und erheiterte sich. Dann fuhr er in
-rasch wachsender guter Laune fort: »Ja, Uncke, wir haben so manchen Tag
-miteinander gelebt. Denke gern daran zurück -- sind noch einer von den
-Alten. Und der Pyterke auch. Was macht er denn?«
-
-»Ah, Herr Major, immer noch tüchtig da; schneidig,« und dabei rückte er
-sich selbst zurecht, wie wenn er die überlegene Stattlichkeit seines
-Kollegen wenigstens andeuten wolle.
-
-Dubslav verstand es auch so und sagte: »Ja, der Pyterke; natürlich
-immer hoch zu Roß. Und Sie, Uncke, ja, Sie müssen laufen wie 'n
-Landbriefträger. Es hat aber auch sein Gutes; zu Fuß macht geschmeidig,
-zu Pferde macht steif. Und macht auch faul. Und überhaupt, Gebrüder
-Beeneke is schon immer das Beste. Da kann man nicht zu Fall kommen.
-Aber jeder will heutzutage hoch raus. Das is, was sie jetzt die
-›Signatur der Zeit‹ nennen. Haben Sie den Ausdruck schon gehört, Uncke?«
-
-»Zu Befehl, Herr Major.«
-
-»Und die Sozialdemokratie will auch hoch raus und so zu Pferde sitzen
-wie Pyterke, bloß noch viel höher. Aber das geht nicht gleich so. Gut
-Ding will Weile haben. Und Torgelow, wenn er auch vielleicht reden
-kann, reiten kann er noch lange nicht. Sagen Sie, was macht er denn
-eigentlich? Ich meine Torgelow. Sind denn unsre kleinen Leute jetzt
-mehr zufrieden mit ihm?«
-
-»Nein, Herr Major, sie sind immer noch nicht zufrieden mit ihm. Er
-wollte da neulich in Berlin reden und hat auch wirklich was zu Graf
-Posadowsky gesagt. Und das is so dumm gewesen, daß es die andern
-geniert hat. Und da haben sie ihn bedeutet: ›Torgelow, nu bist du
-still; so geht das hier nich.‹«
-
-»Ja,« lachte Dubslav, »und wo +der+ nu steht, da sollte ich eigentlich
-stehen. Aber es is doch besser so. Nu kann Torgelow zeigen, daß er
-nichts kann. Und die andern auch. Und wenn sie's alle gezeigt haben,
-na, dann sind wir vielleicht wieder dran und kommen noch mal oben auf,
-und jeder kriegt Zulage. Sie auch, Uncke, und Pyterke natürlich auch.«
-
-Uncke schmunzelte und legte seine zwei Dienstfinger an die Schläfe.
-
-»... Vorläufig aber müssen wir abwarten und den sogenannten ›Ausbruch‹
-verhüten und dafür sorgen, daß unsere Globsower zufrieden sind. Und
-wenn wir klug sind, glückt es vielleicht auch. Glauben Sie nicht auch,
-Uncke, daß es kleine Mittel gibt?«
-
-»Zu Befehl, Herr Major, kleine Mittel gibt es. Es hat's schon.«
-
-»Und welche meinen Sie?«
-
-»Musik, Herr Major, und verlängerte Polizeistunde.«
-
-»Ja,« lachte Dubslav, »so was hilft. Musik und nen Schottschen, dann
-sind die Mädchen zufrieden.«
-
-»Und,« bestätigte Uncke, »wenn die Mädchens zufrieden sind, Herr Major,
-dann sind alle zufrieden.«
-
- * * * * *
-
-Uncke hatte zusagen müssen, mal wieder vorzusprechen, aber es kam nicht
-dazu, weil Dubslavs Zustand sich rasch verschlimmerte. Von Besuchern
-wurde keiner mehr angenommen, und nur Lorenzen hatte Zutritt. Aber er
-kam meist nur, wenn er gerufen wurde.
-
-»Sonderbar,« sagte der Alte, während er in den Frühlingstag
-hinausblickte, »dieser Lorenzen is eigentlich gar kein richtiger
-Pastor. Er spricht nicht von Erlösung und auch nicht von
-Unsterblichkeit, und is beinah, als ob ihm so was für alltags wie zu
-schade sei. Vielleicht is es aber auch noch was andres, und er weiß am
-Ende selber nicht viel davon. Anfangs hab ich mich darüber gewundert,
-weil ich mir immer sagte: Ja, solch Talar- und Beffchenmann, der muß
-es doch schließlich wissen; er hat so seine drei Jahre studiert und
-eine Probepredigt gehalten, und ein Konsistorialrat oder wohl gar ein
-Generalsuperintendent hat ihn eingesegnet und ihm und noch ein paar
-andern gesagt: ›Nun gehet hin und lehret alle Heiden.‹ Und wenn man
-das so hört, ja, da verlangt man denn auch, daß einer weiß, wie's
-mit einem steht. Is gerade wie mit den Doktors. Aber zuletzt begibt
-man sich und hat die Doktors am liebsten, die einem ehrlich sagen:
-›Hören Sie, wir wissen es auch nicht, wir müssen es abwarten.‹ Der
-gute Sponholz, der nun wohl schon an der Brücke mit dem Ichthyosaurus
-vorbei ist, war beinah so einer, und Lorenzen is nu schon ganz gewiß
-so. Seit beinah zwanzig Jahren kenn ich ihn, und noch hat er mich nicht
-ein einziges Mal bemogelt. Und daß man +das+ von einem sagen kann, das
-ist eigentlich die Hauptsache. Das andre ... ja, du lieber Himmel, wo
-soll es am Ende herkommen? Auf dem Sinai hat nun schon lange keiner
-mehr gestanden, und wenn auch, was der liebe Gott da oben gesagt hat,
-das schließt eigentlich auch keine großen Rätsel auf. Es ist alles
-sehr diesseitig geblieben; du sollst, du sollst, und noch öfter ›du
-sollst +nicht+‹. Und klingt eigentlich alles, wie wenn ein Nürnberger
-Schultheiß gesprochen hätte.«
-
-Gleich danach kam Engelke und brachte die Mittagspost. »Engelke, du
-könntest mal wieder die Marie zu Lorenzen rüberschicken -- ich ließ'
-ihn bitten.«
-
-Lorenzen kam denn auch und rückte seinen Stuhl an des Alten Seite.
-
-»Das ist recht, Pastor, daß Sie gleich gekommen sind, und ich sehe
-wieder, wie sich alles Gute schon gleich hier unten belohnt. Sie müssen
-nämlich wissen, daß ich mich heute schon ganz eingehend mit Ihnen
-beschäftigt und Ihr Charakterbild, das ja auch schwankt wie so manch
-andres, nach Möglichkeit festgestellt habe. Würde mir das Sprechen
-wegen meines Asthmas nicht einigermaßen schwer, ich wär imstande,
-gegen mich selber in eine Art Indiskretion zu verfallen und Ihnen
-auszuplaudern, was ich über Sie gedacht habe. Habe ja, wie Sie wissen,
-ne natürliche Neigung zum Ausplaudern, zum Plaudern überhaupt, und
-Kortschädel, der sich im übrigen durch französische Vokabeln nicht
-auszeichnete, hat mich sogar einmal einen ›Causeur‹ genannt. Aber
-freilich schon lange her, und jetzt ist es damit total vorbei. Zuletzt
-stirbt selbst die alte Kindermuhme in einem aus.«
-
-»Glaub ich nicht. Wenigstens Sie, Herr von Stechlin, sorgen für den
-Ausnahmefall.«
-
-»Ich will es gelten lassen und mich auch gleich legitimieren. Haben
-Sie denn in Ihrer Zeitung gelesen, wie sie da neulich wieder dem armen
-Bennigsen zugesetzt haben? Mir mißfällt es, wiewohl Bennigsen nicht
-gerade mein Mann ist.«
-
-»Auch meiner nicht. Aber, er sei, wie er sei, er ist doch ein
-Excelsior-Mann. Und wer hierlandes für ein freudiges ›~excelsior~‹ ist,
-der ist bei den Ostelbiern (Pardon, Sie gehören ja selbst mit dazu) von
-vornherein verdächtig und ein Gegenstand tiefen Mißtrauens. Jedes höher
-gesteckte Ziel, jedes Wollen, das über den Kartoffelsack hinausgeht,
-findet kein Verständnis, sicherlich keinen Glauben. Und bringt einer
-irgendein Opfer, so heißt es bloß, daß er die Wurst nach der Speckseite
-werfe.«
-
-Dubslav lachte. »Lorenzen, Sie sitzen wieder auf Ihrem Steckenpferd.
-Aber ich selber bin freilich schuld. Warum kam ich auf Bennigsen! Da
-war das Thema gegeben, und Ihr Ritt ins Bebelsche (denn weitab davon
-sind Sie nicht) konnte beginnen. Aber daß Sie's wissen, ich hab auch
-mein Steckenpferd, und das heißt: König und Kronprinz oder alte Zeit
-und neue Zeit. Und darüber hab ich seit lange mit Ihnen sprechen
-wollen, nicht akademisch, sondern märkisch-praktisch, so recht mit
-Rücksicht auf meine nächste Zukunft. Denn es heißt nachgrade bei mir:
-›Was du tun willst, tue bald.‹«
-
-Lorenzen nahm des Alten Hand und sagte: »Gewiß kommen andre Zeiten.
-Aber man muß mit der Frage, was kommt und was wird, nicht zu früh
-anfangen. Ich seh nicht ein, warum unser alter König von Thule hier
-nicht noch lange regieren sollte. Seinen letzten Trunk zu tun und den
-Becher dann in den Stechlin zu werfen, damit hat es noch gute Wege.«
-
-»Nein, Lorenzen, es dauert nicht mehr lange; die Zeichen sind da,
-mehr als zuviel. Und damit alles klappt und paßt, geh ich nun auch
-gerad ins Siebenundsechzigste, und wenn ein richtiger Stechlin ins
-Siebenundsechzigste geht, dann geht er auch in Tod und Grab. Das is so
-Familientradition. Ich wollte, wir hätten eine andre. Denn der Mensch
-is nun mal feige und will dies schändliche Leben gern weiterleben.«
-
-»Schändliches Leben! Herr von Stechlin, Sie haben ein sehr gutes Leben
-gehabt.«
-
-»Na, wenn es nur wahr ist! Ich weiß nicht, ob alle Globsower ebenso
-denken. Und +die+ bringen mich wieder auf mein Hauptthema.«
-
-»Und das lautet?«
-
-»Das lautet: ›Teuerster Pastor, sorgen Sie dafür, daß die Globsower
-nicht zu sehr obenauf kommen.‹«
-
-»Aber, Herr von Stechlin, die armen Leute ...«
-
-»Sagen Sie das nicht. Die armen Leute! Das war mal richtig; heutzutage
-aber paßt es nicht mehr. Und solch unsichere Passagiere wie mein
-Woldemar und wie mein lieber Lorenzen (von dem der Junge, Pardon,
-all den Unsinn hat), solche unsichere Passagiere, statt den Riegel
-vorzuschieben, kommen den Torgelowschen auf halbem Wege entgegen und
-sagen: ›Ja, ja, Töffel, du hast auch eigentlich ganz recht,‹ oder, was
-noch schlimmer ist: ›Ja, ja, Jochem, wir wollen mal nachschlagen.‹«
-
-»Aber, Herr von Stechlin.«
-
-»Ja, Lorenzen, wenn Sie auch noch solch gutes Gesicht machen, es ist
-doch so. Die ganze Geschichte wird auf einen andern Leisten gebracht,
-und wenn dann wieder eine Wahl ist, dann fährt der Woldemar rum und
-erzählt überall, Katzenstein sei der rechte Mann. Oder irgendein
-andrer. Aber das ist Mus wie Mine; -- verzeihen Sie den etwas
-fortgeschrittenen Ausdruck. Und wenn dann die junge gnädige Frau
-Besuch kriegt oder wohl gar einen Ball gibt, da will ich Ihnen ganz
-genau sagen, wer dann hier in diesem alten Kasten, der dann aber
-renoviert sein wird, antritt. Da ist in erster Reihe der Minister
-von Ritzenberg geladen, der, wegen Kaltstellung unter Bismarck, von
-langer Hand her eine wahre Wut auf den alten Sachsenwalder hat, und
-eröffnet die Polonaise mit Armgard. Und dann ist da ein Professor,
-Kathedersozialist, von dem kein Mensch weiß, ob er die Gesellschaft
-einrenken oder aus den Fugen bringen will, und führt eine Adelige, mit
-kurzgeschnittenem Haar (die natürlich schriftstellert), zur Quadrille.
-Und dann bewegen sich da noch ein Afrikareisender, ein Architekt und
-ein Porträtmaler, und wenn sie nach den ersten Tänzen eine Pause
-machen, dann stellen sie ein lebendes Bild, wo ein Wilddieb von einem
-Edelmann erschossen wird, oder sie führen ein französisches Stück
-auf, das die Dame mit dem kurzgeschnittenen Haar übersetzt hat, ein
-sogenanntes Ehebruchsdrama, drin eine Advokatenfrau gefeiert wird, weil
-sie ihren Mann mit einem Taschenrevolver über den Haufen geschossen
-hat. Und dann gibt es Musikstücke, bei denen der Klavierspieler mit
-seiner langen Mähne über die Tasten hinfegt, und in einer Nebenstube
-sitzen andere und blättern in einem Album mit lauter Berühmtheiten,
-obenan natürlich der alte Wilhelm und Kaiser Friedrich und Bismarck
-und Moltke, und ganz gemütlich dazwischen Mazzini und Garibaldi, und
-Marx und Lassalle, die aber wenigstens tot sind, und daneben Bebel
-und Liebknecht. Und dann sagt Woldemar: ›Sehen Sie da den Bebel. Mein
-politischer Gegner, aber ein Mann von Gesinnung und Intelligenz.‹ Und
-wenn dann ein Adeliger aus der Residenz an ihn herantritt und ihm sagt:
-›Ich bin überrascht, Herr von Stechlin, -- ich glaubte den Grafen
-Schwerin hier zu finden,‹ dann sagt Woldemar: ›Ich habe die Fühlung mit
-diesem Herrn verloren.‹«
-
-Der Pastor lachte. »Und +Sie+ wollen sterben. Wer so lange sprechen
-kann, der lebt noch zehn Jahr.«
-
-»Nichts, nichts. Ich halte Sie fest. Kommt es so oder kommt es nicht
-so?«
-
-»Nun, es kommt sicherlich +nicht+ so.«
-
-»Sind Sie dessen sicher?«
-
-»Ganz sicher.«
-
-»Dann sagen Sie mir, +wie+ es kommt, aber ehrlich.«
-
-»Nun, das kann ich leicht, und Sie haben mir selber den Weg gewiesen,
-als Sie gleich anfangs von ›König und Kronprinz‹ sprachen. Dieser
-Gegensatz existiert natürlich überall und in allen Lebensverhältnissen.
-Es kommen eben immer Tage, wo die Leute nach irgendeinem ›Kronprinzen‹
-aussehn. Aber so gewiß das richtig ist, noch richtiger ist das andre:
-der Kronprinz, nach dem ausgeschaut wurde, hält nie das, was man von
-ihm erwartete. Manchmal kippt er gleich um und erklärt in plötzlich
-erwachter Pietät, im Sinne des Hochseligen weiterregieren zu wollen;
-in der Regel aber macht er einen leidlich ehrlichen Versuch, als
-Neugestalter aufzutreten, und holt ein Volksbeglückungsprogramm auch
-wirklich aus der Tasche. Nur nicht auf lange. ›Leicht beieinander
-wohnen die Gedanken, doch eng im Raume stoßen sich die Sachen.‹ Und
-nach einem halben Jahre lenkt der Neuerer wieder in alte Bahnen und
-Geleise ein.«
-
-»Und so wird es Woldemar auch machen?«
-
-»So wird es Woldemar auch machen. Wenigstens wird ihn die Lust sehr
-bald anwandeln, so halb und halb ins Alte wieder einzulenken.«
-
-»Und diese Lust werden Sie natürlich bekämpfen. Sie haben ihm in den
-Kopf gesetzt, daß etwas durchaus Neues kommen müsse. Sogar ein neues
-Christentum.«
-
-»Ich weiß nicht, ob ich so gesprochen habe; aber wenn ich so sprach,
-dies neue Christentum ist gerade das alte.«
-
-»Glauben Sie das?«
-
-»Ich glaub es. Und was besser ist: ich fühl es.«
-
-»Nun gut, das mit dem neuen Christentum ist +Ihre+ Sache; da will
-ich Ihnen nicht hineinreden. Aber das andre, da müssen Sie mir was
-versprechen. Besinnt er sich, und kommt er zu der Ansicht, daß das
-alte Preußen mit König und Armee, trotz all seiner Gebresten und
-altmodischen Geschichten, doch immer noch besser ist als das vom
-neuesten Datum, und daß wir Alten vom Cremmer Damm und von Fehrbellin
-her, auch wenn es uns selber schlecht geht, immer noch mehr Herz für
-die Torgelowschen im Leibe haben als alle Torgelows zusammengenommen,
-kommt es zu solcher Rückbekehrung, +dann+, Lorenzen, stören Sie diesen
-Prozeß nicht. Sonst erschein ich Ihnen. Pastoren glauben zwar nicht an
-Gespenster, aber wenn welche kommen, graulen sie sich auch.«
-
-Lorenzen legte seine Hand auf die Hand Dubslavs und streichelte sie,
-wie wenn er des Alten Sohn gewesen wäre. »Das alles, Herr von Stechlin,
-kann ich Ihnen gern versprechen. Ich habe Woldemar erzogen, als es
-mir oblag, und Sie haben in Ihrer Klugheit und Güte mich gewähren
-lassen. Jetzt ist Ihr Sohn ein vornehmer Herr und hat die Jahre.
-Sprechen hat seine Zeit, und Schweigen hat seine Zeit. Aber wenn Sie
-ihn und mich von oben her unter Kontrolle nehmen und eventuell mir
-erscheinen wollen, so schieben Sie mir dabei nicht zu, was mir nicht
-zukommt. Nicht +ich+ werde ihn führen. Dafür ist gesorgt. Die Zeit wird
-sprechen, und neben der Zeit das neue Haus, die blasse junge Frau und
-vielleicht auch die schöne Melusine.«
-
-Der Alte lächelte. »Ja, ja.«
-
-
-
-
-Zweiundvierzigstes Kapitel
-
-
-So ging das Gespräch. Und als Lorenzen aufbrach, fühlte sich der Alte
-wie belebt und versprach sich eine gute Nacht mit viel Schlaf und wenig
-Beängstigung.
-
-Aber es kam anders; die Nacht verlief schlecht, und als der Morgen da
-war und Engelke das Frühstück brachte, sagte Dubslav: »Engelke, schaff
-die Wabe weg; ich kann das süße Zeug nicht mehr sehn. Krippenstapel hat
-es gut gemeint. Aber es is nichts damit und überhaupt nichts mit der
-ganzen Heilkraft der Natur.«
-
-»Ich glaube doch, gnädger Herr. Bloß gegen die Gegenkraft kann die Wabe
-nich an.«
-
-»Du meinst also: ›für'n Tod kein Kraut gewachsen ist‹. Ja, das wird es
-wohl sein; das mein ich auch.«
-
-Engelke schwieg.
-
- * * * * *
-
-Eine Stunde später kam ein Brief, der, trotzdem er aus nächster
-Nähe stammte, doch durch die Post befördert worden war. Er war von
-Ermyntrud, behandelte die durch Koseleger und sie selbst geplante
-Gründung eines Rettungshauses für verwahrloste Kinder und äußerte sich
-am Schlusse dahin, daß, »wenn sich -- hoffentlich binnen kurzem -- ihre
-Wünsche für Dubslavs fortschreitende Gesundheit erfüllt haben würden«,
-Agnes, das Enkelkind der alten Buschen, als erste, wie sie vertraue,
-sittlich zu Heilende in das Asyl aufgenommen werden möchte.
-
-Dubslav drehte den Brief hin und her, las noch einmal und sagte dann:
-»O, diese Komödie ... ›wenn sich meine Wünsche für Ihre fortschreitende
-Gesundheit erfüllt haben werden‹ ... das heißt doch einfach, ›wenn
-Sie sich demnächst den Rasen von unten ansehn‹. Alle Menschen sind
-Egoisten, Prinzessinnen auch, und sind sie fromm, so haben sie noch
-einen ganz besonderen Jargon. Es mag so bleiben, es war immer so. Wenn
-sie nur ein bißchen mehr Vertrauen zu dem gesunden Menschenverstand
-andrer hätten.«
-
-Er steckte, während er so sprach, den Brief wieder in das Kuvert und
-rief Agnes.
-
-Das Kind kam auch.
-
-»Agnes, gefällt es dir hier?«
-
-»Ja, gnädger Herr, es gefällt mir hier.«
-
-»Und ist dir auch nicht zu still?«
-
-»Nein, gnädger Herr, es ist mir auch nicht zu still. Ich möchte immer
-hier sein.«
-
-»Na, du sollst auch bleiben, Agnes, solang es geht. Und nachher. Ja,
-nachher ...«
-
-Das Kind kniete vor ihm nieder und küßte ihm die Hände.
-
- * * * * *
-
-Dubslavs Zustand verschlechterte sich schnell. Engelke trat an ihn
-heran und sagte: »Gnädger Herr, soll ich nicht in die Stadt schicken?«
-
-»Nein.«
-
-»Oder zu der Buschen?«
-
-»Ja, das tu. So ne alte Hexe kann es immer noch am besten.«
-
-In Engelkens Augen traten Tränen.
-
-Dubslav, als er es sah, schlug rasch einen andern Ton an. »Nein,
-Engelke, graule dich nicht vor deinem alten Herrn. Ich habe es bloß so
-hingesagt. Die Buschen soll nich kommen. Es würde mir wohl auch nicht
-viel schaden, aber wenn man schon so in sein Grab sieht, dann muß man
-doch anders sprechen, sonst hat man schlechte Nachrede bei den Leuten.
-Und das möcht ich nich, um meinetwegen nich und um Woldemars wegen nich
-... Und dabei fällt mir auch noch Adelheid ein ... Die käme mir am Ende
-gleich nach, um mich zu retten. Nein, Engelke, nich die Buschen. Aber
-gib mir noch mal von den Tropfen. Ein bißchen besser als der Tee sind
-sie doch.«
-
- * * * * *
-
-Engelke ging, und Dubslav war wieder allein. Er fühlte, daß es zu Ende
-gehe. »Das ›Ich‹ ist nichts -- damit muß man sich durchdringen. Ein
-ewig Gesetzliches vollzieht sich, weiter nichts, und dieser Vollzug,
-auch wenn er ›Tod‹ heißt, darf uns nicht schrecken. In das Gesetzliche
-sich ruhig schicken, das macht den sittlichen Menschen und hebt ihn.«
-
-Er hing dem noch so nach und freute sich, alle Furcht überwunden zu
-haben. Aber dann kamen doch wieder Anfälle von Angst, und er seufzte:
-»Das Leben ist kurz, aber die Stunde ist lang.«
-
- * * * * *
-
-Es war eine schlimme Nacht. Alles blieb auf. Engelke lief hin und
-her, und Agnes saß in ihrem Bett und sah mit großen Augen durch die
-halbgeöffnete Tür in das Zimmer des Kranken. Erst als schon der Tag
-graute, wurde durch das ganze Haus hin alles ruhiger; der Kranke nickte
-matt vor sich hin, und auch Agnes schlief ein.
-
-Es war wohl schon sieben -- die Parkbäume hinter dem Vorgarten lagen
-bereits in einem hellen Schein --, als Engelke zu dem Kinde herantrat
-und es weckte. »Steih upp, Agnes.«
-
-»Is he dod?«
-
-»Nei. He slöppt en beten. Un ick glöw, et sitt em nich mihr so upp de
-Bost.«
-
-»Ick grul mi so.«
-
-»Dat brukst du nich. Un kann ook sinn, he slöppt sich wedder gesunn ...
-Und nu, steih upp un bind di ook en Doog um'n Kopp. Et is noch en beten
-küll drut. Un denn geih in'n Goaren nu plück em (wenn du wat finnst) en
-beten Krokus oder wat et sünsten is.«
-
-Die Kleine trat auch leise durch die Balkontür auf die Veranda hinaus
-und ging auf das Rundell zu, um nach ein paar Blumen zu suchen. Sie
-fand auch allerlei; das Beste waren Schneeglöckchen. Und nun ging sie,
-mit den Blumen in der Hand, noch ein paarmal auf und ab und sah, wie
-die Sonne drüben aufstieg. Sie fröstelte. Zugleich aber kam ihr ein
-Gefühl des Lebens. Dann trat sie wieder in das Zimmer und ging auf
-den Stuhl zu, wo Dubslav saß. Engelke, die Hände gefaltet, stand neben
-seinem Herrn.
-
-Das Kind trat heran und legte die Blumen dem Alten auf den Schoß.
-
-»Dat sinn de ihrsten,« sagte Engelke, »un wihren ook woll de besten
-sinn.«
-
-
-
-
-Dreiundvierzigstes Kapitel
-
-
-Es war Mittwoch früh, daß Dubslav, still und schmerzlos, das Zeitliche
-gesegnet hatte. Lorenzen wurde gerufen; auch Kluckhuhn kam, und eine
-Stunde später war ein Gemeindediener unterwegs, der die Nachricht von
-des Alten Tode den im Kreise Zunächstwohnenden überbringen sollte,
-voran der Domina, dann Koseleger, dann Katzlers und zuletzt den beiden
-Gundermanns.
-
- * * * * *
-
-Den Tag drauf trafen zwei Briefe bei den Barbys ein, der eine von
-Adelheid, der andre von Armgard. Adelheid machte dem gräflichen Hause
-kurz und förmlich die Anzeige von dem Ableben ihres Bruders, unter
-gleichzeitiger Mitteilung, »daß das Begräbnis am Sonnabend mittag
-stattfinden werde.« Der Brief Armgards aber lautete: »Liebe Melusine!
-Wir bleiben noch bis morgen hier, -- noch einmal das Forum, noch einmal
-den Palatin. Ich werde heute noch aus der Fontana Trevi trinken, dann
-kommt man wieder, und das ist für jeden, der Rom verläßt, bekanntlich
-der größte Trost. Wir gehen nun nach Capri, aber in Etappen, und
-bleiben unter anderm einen halben Tag in Monte Cassino, wo (verzeih
-meine Weisheit) das ganze Ordenswesen entstanden sein soll. Ich liebe
-Klöster, wenn auch nicht für mich persönlich. Neapel berühren wir nur
-kurz und gehen gleich bis Amalfi, wenn wir nicht das höher gelegene
-Ravello bevorzugen. Dann erst über Sorrent nach Capri, dem eigentlichen
-Ziel unsrer Reise. Wir werden nicht bei Pagano wohnen, wo, bei allem
-Respekt vor der Kunst, zu viel Künstler sind, sondern weiter abwärts,
-etwa auf halber Höhe. Wir haben von hier aus eine Empfehlung. In acht
-Tagen sind wir sicher da. Sorge, daß wir dann einen Brief von Dir
-vorfinden. Vorher sind wir so gut wie unerreichbar, ein Zustand, den
-ich mir als Kind immer gewünscht und mir als etwas ganz besonders
-Poetisches vorgestellt habe. Küsse meinen alten Papa. Nach Stechlin
-hin tausend Grüße, vor allem aber bleibe, was Du jederzeit warst: die
-Schwester, die Mutter (nur nicht die Tante) Deiner glücklichen, Dich
-immer und immer wieder zärtlich liebenden Armgard.«
-
-Armgards Brief kam kaum zu seinem Recht, weil sowohl der alte Graf
-wie Melusine ganz der Erwägung lebten, ob es nicht, trotz Armgards
-gegenteiliger Vorwegversicherung, vielleicht doch noch möglich sein
-würde, das junge Paar irgendwo telegraphisch zu erreichen; aber es
-ging nicht, man mußte es aufgeben und sich begnügen, allerpersönlichst
-Vorbereitungen für die Fahrt nach Stechlin hin zu treffen. Des alten
-Grafen Befinden war nicht das beste, so daß seitens des Hausarztes sein
-Fernbleiben von dem Begräbnis dringend gewünscht wurde. Daran aber war
-gar nicht zu denken. Und so brachen denn Vater und Tochter am Sonnabend
-früh nach Stechlin hin auf. Jeserich wurde mitgenommen, um für alle
-Fälle zur Hand zu sein. Es war Prachtwetter, aber scharfe Luft, so daß
-man trotz Sonnenschein fröstelte.
-
- * * * * *
-
-In dem alten Herrenhause zu Stechlin sah es am Begräbnistage sehr
-verändert aus; sonst so still und abgeschieden, war heute alles
-Andrang und Bewegung. Zahllose Kutschen erschienen und stellten
-sich auf dem Dorfplatz auf, die meisten ganz in Nähe der Kirche.
-Diese lag in prallem Sonnenschein da, so daß man deutlich die
-hohen, in die Feldsteinwand eingemauerten Grabsteine sah, die
-früher, vor der Restaurierung, im Kirchenschiff gelegen hatten. Efeu
-fehlte; nur Holunderbüsche, die zu grünen anfingen, und dazwischen
-Ebereschensträucher wuchsen um den Chor herum.
-
-Der Tote war auf dem durch Palmen und Lorbeer in eine grüne Halle
-umgewandelten Hausflur aufgebahrt. Adelheid machte die Honneurs, und
-ihre hohen Jahre, noch mehr aber ihr Selbstbewußtsein, ließen sie
-die ihr zuständige Rolle mit einer gewissen Würde durchführen. Außer
-den Barbys, Vater und Tochter, waren, von Berlin her, noch Baron und
-Baronin Berchtesgaden gekommen, ebenso Rex und Hauptmann von Czako. Rex
-sah aus, als ob er am Grabe sprechen wolle, während sich Czako darauf
-beschränkte, das gesellschaftliche Durchschnittstrauermaß zu zeigen.
-
-Aber diese Berliner Gäste verschwanden natürlich in dem Kontingent,
-das die Grafschaft gestellt hatte. Dieselben Herren, die sich -- kaum
-ein halbes Jahr zurück -- am Rheinsberger Wahltage zusammengefunden
-und sich damals, von ein paar Ausnahmen abgesehen, über Torgelows
-Sieg eigentlich mehr erheitert als geärgert hatten, waren auch heute
-wieder da: Baron Beetz, Herr von Krangen, Jongherr van dem Peerenbom,
-von Gnewkow, von Blechernhahn, von Storbeck, von Molchow, von der
-Nonne, die meisten, wie herkömmlich, mit sehr kritischen Gesichtern.
-Auch Direktor Thormeyer war gekommen, ~in pontificalibus~, angetan mit
-so vielen Orden und Medaillen, daß er damit weit über den Landadel
-hinauswuchs. Einige stießen sich denn auch an, und Molchow sagte mit
-halblauter Stimme zu von der Nonne: »Sehn Sie, Nonne, das ist die
-›Schmetterlingsschlacht‹, von der man jetzt jeden Tag in den Zeitungen
-liest.« Aber trotz dieser spöttischen Bemerkung wäre Thormeyer doch
-Hauptgegenstand aller Aufmerksamkeit geblieben, wenn nicht der jeden
-Ordensschmuck verschmähende, nur mit einem hochkragigen und uralten
-Frack angetane Edle Herr von Alten-Friesack ihm siegreiche Konkurrenz
-gemacht hätte. Das wendisch Götzenbildartige, das sein Kopf zeigte,
-gab auch heute wieder den Ausschlag zu seinen Gunsten. Er nickte nur
-pagodenhaft hin und her und schien selbst an die vom ältesten Adel die
-Frage zu richten: »Was wollt ihr hier?« Er hielt sich nämlich (worin er
-einer ererbten Geschlechtsanschauung folgte) für den einzig wirklich
-berechtigten Bewohner und Vertreter der ganzen Grafschaft.
-
-Das waren so die Hauptanwesenden. Alles stand dichtgedrängt, und
-von Blechernhahn, der in bezug auf »Schneid« beinah an von Molchow
-heranreichte, sagte: »Bin neugierig, was der Lorenzen heute loslassen
-wird. Er gehört ja zur Richtung Göhre.«
-
-»Ja, Göhre,« sagte von Molchow. »Merkwürdig, wie der Zufall spielt. Das
-Leben macht doch immer die besten Witze.«
-
-Weiter kam es mit dieser ziemlich ungeniert geführten Unterhaltung
-nicht, weil sich, als Molchow eben seinen Pfeil abgeschossen hatte, die
-Gesamtaufmerksamkeit auf jene Flurstelle richtete, wo der aufgebahrte
-Sarg stand. Hier war nämlich, und zwar in einem brillant sitzenden und
-mit Atlasaufschlägen ausstaffierten Frack, in eben diesem Augenblicke
-der Rechtsanwalt Katzenstein erschienen und schritt, nachdem er einen
-Granseeschen Riesenkranz am Fußende des Sarges niedergelegt hatte,
-mit jener Ruhe, wie sie nur das gute Gewissen gibt, auf Adelheid zu,
-vor der er sich respektvollst verneigte. Diese bewahrte gute Haltung
-und dankte. Von verschiedenen Seiten her aber hörte man leise das
-Wort »Affront«, während ein in unmittelbarer Nähe des Edlen Herrn
-von Alten-Friesack stehender, erst seit kurzem zu Christentum und
-Konservatismus übergetretener Katzensteinscher Kollege lächelnd vor
-sich hin murmelte: »Schlauberger!«
-
-Und nun war es Zeit.
-
-Der Zug ordnete sich; Militärmusik aus der nächsten Garnison schritt
-vorauf; dann traten die Stechliner Bauern heran, die darum gebeten
-hatten, den Sarg tragen zu dürfen. Diener und Mädchen aus dem Hause
-nahmen die Kränze. Dann kam Adelheid mit Pastor Lorenzen, an die
-sich die Trauerversammlung (viele von ihnen in Landstandsuniform)
-unmittelbar anschloß. Draußen sah man, daß eine große Zahl kleiner
-Leute Spalier gebildet hatte. Das waren die von Globsow. Sie hatten
-bei der Rheinsberger Wahl alle für Torgelow oder doch wenigstens für
-Katzenstein gestimmt; jetzt aber, wo der Alte tot war, waren sie doch
-vorwiegend der Meinung: »He wihr so wiet janz good.«
-
-Die Musik klang wundervoll; kleine Mädchen streuten Blumen, und so
-ging es den etwas ansteigenden Kirchhof hinauf, zwischen den Gräbern
-hindurch und zuletzt auf das uralte, niedrige Kirchenportal zu. Vor dem
-Altar stellten sie den Sarg auf einen mit einer Versenkungsvorrichtung
-versehenen Stein, unter dem sich die Gruft der Stechline befand. Schiff
-und Emporen waren überfüllt; bis auf den Kirchhof hinaus stand alles
-Kopf an Kopf. Und nun trat Lorenzen an den Sarg heran, um über den,
-den er trotz aller Verschiedenheit der Meinungen so sehr geliebt und
-verehrt, ein paar Worte zu sagen.
-
-»›Wer seinen Weg richtig wandelt, kommt zu seiner Ruhe in der Kammer.‹
-Diesen Weg zu wandeln war das Bestreben dessen, an dessen Sarge wir
-hier stehn. Ich gebe kein Bild seines Lebens, denn wie dies Leben
-war, es wissen's alle, die hier erschienen sind. Sein Leben lag
-aufgeschlagen da, nichts verbarg sich, weil sich nichts zu verbergen
-brauchte. Sah man ihn, so schien er ein Alter, auch in dem, wie er
-Zeit und Leben ansah; aber für die, die sein wahres Wesen kannten, war
-er kein Alter, freilich auch kein Neuer. Er hatte vielmehr das, was
-über alles Zeitliche hinaus liegt, was immer gilt und immer gelten
-wird: ein Herz. Er war kein Programmedelmann, kein Edelmann nach der
-Schablone, wohl aber ein Edelmann nach jenem alles Beste umschließenden
-Etwas, das Gesinnung heißt. Er war recht eigentlich frei. Wußt es
-auch, wenn er's auch oft bestritt. Das goldene Kalb anbeten war
-nicht seine Sache. Daher kam es auch, daß er vor dem, was das Leben
-so vieler andrer verdirbt und unglücklich macht, bewahrt blieb, vor
-Neid und bösem Leumund. Er hatte keine Feinde, weil er selber keines
-Menschen Feind war. Er war die Güte selbst, die Verkörperung des alten
-Weisheitssatzes: ›Was du nicht willst, daß man dir tu.‹
-
-Und das leitet mich denn auch hinüber auf die Frage nach seinem
-Bekenntnis. Er hatte davon weniger das Wort als das Tun. Er hielt es
-mit den guten Werken und war recht eigentlich das, was wir überhaupt
-einen Christen nennen sollten. Denn er hatte die Liebe. Nichts
-Menschliches war ihm fremd, weil er sich selbst als Mensch empfand und
-sich eigner menschlicher Schwäche jederzeit bewußt war. Alles, was
-einst unser Herr und Heiland gepredigt und gerühmt, und an das er die
-Segensverheißung geknüpft hat, -- all das war sein: Friedfertigkeit,
-Barmherzigkeit und die Lauterkeit des Herzens. Er war das Beste, was
-wir sein können, ein Mann und ein Kind. Er ist nun eingegangen in
-seines Vaters Wohnungen und wird da die Himmelsruhe haben, die der
-Segen aller Segen ist.«
-
-Einige der Anwesenden sahen sich bei dieser Schlußwendung an. Am
-meisten bemerkt wurde Gundermann, dessen der Rede halb zustimmende,
-halb ablehnende Haltung bei den versammelten »Alten und Echten« (die
-wohl +sich+, aber nicht +ihm+ ein Recht der Kritik zuschrieben) auch
-hier wieder ein Lächeln hervorrief. Dann folgte mit erhobener Stimme
-Gebet und Einsegnung, und als die Orgel intonierte, senkte sich der
-auf dem Versenkungsstein stehende Sarg langsam in die Gruft. Einen
-Augenblick später, als der wiederaufsteigende Stein die Gruftöffnung
-mit einem eigentümlichen Klappton schloß, hörte man von der Kirchentür
-her erst ein krampfhaftes Schluchzen und dann die Worte: »Nu is
-allens ut; nu möt ick ook weg.« Es war Agnes. Man nahm das Kind von
-dem Schemel herunter, auf dem es stand, um es unter Zuspruch der
-Nächststehenden auf den Kirchhof hinauszuführen. Da schlich es noch
-eine Weile weinend zwischen den Gräbern hin und her und ging dann die
-Straße hinunter auf den Wald zu.
-
-Die alte Buschen selbst hatte nicht gewagt, mit dabei zu sein.
-
- * * * * *
-
-Unter denen, die draußen auf dem Kirchhof standen, waren auch von
-Molchow und von der Nonne. Jeder von ihnen wartete auf seine Kutsche,
-die, weil der Andrang so groß war, nicht gleich vorfahren konnte. Beide
-froren bitterlich bei der scharfen Luft, die vom See her wehte.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte von der Nonne, »warum sie die Feier nicht im
-Hause, wo sie doch heizen konnten, abgehalten haben; es war ja da drin
-gar keine menschliche Temperatur mehr. Und nun erst hier draußen.«
-
-»Is leider so,« sagte Molchow, »und ich werde wohl auch mit ner
-Kopfkolik abschließen. Und mitunter stirbt man dran. Aber wenn man in
-Berlin is (und ich habe da neulich auch so was mitgemacht,) is es doch
-noch schlimmer. Da haben sie was, was sie ne Leichenhalle nennen, ne
-Art Kapelle mit Bibelspruch und Lorbeerbäumen, und dahinter verstecken
-sich ein paar Gesangsmenschen. Wenn man sie nachher aber sieht, sehen
-sie sehr gefrühstückt aus.«
-
-»Kenn ich, kenn ich,« sagte Nonne.
-
-»Nu, der Gesang,« fuhr Molchow fort, »das ginge noch, den kann man
-schließlich aushalten. Aber der Fußboden und der Zug durch die
-offenstehende Tür. Und wenn man noch bloß +den+ kriegte. Wer aber
-Pech hat, der kommt, wenn's Winter is, dicht neben einen Kanonenofen
-zu stehn, und wenn ich sage, ›der pustet‹, so sag ich noch wenig.
-Und der Geistliche kann einem auch leid tun. Er spricht sozusagen
-für niemanden. Wer kann denn bei solchem Zug und solchem Ofenpusten
-ordentlich zuhören? Und bloß das weiß ich, daß ich immer an die
-drei Männer im feurigen Ofen gedacht habe. So halb Eisklumpen, halb
-Bratapfel is nich mein Fall.«
-
-»Ja, die Berliner,« sagte Nonne ... »Nich zu glauben.«
-
-»Nich zu glauben. Und dabei bilden sie sich ein, sie hätten eigentlich
-alles am besten. Und mancher von ihnen glaubt es auch wirklich. Aber
-die Hölle lacht.«
-
-»Ich bitte Sie, Molchow, menagieren Sie sich! Das über Berlin, na, das
-ginge vielleicht noch. Aber so gleich hier von Hölle, hier mitten auf
-nem christlichen Kirchhof ...«
-
- * * * * *
-
-Bald danach hatte sich der Kirchhof geleert, und alles, was in der
-Grafschaft wohnte, war auf dem Heimwege. Nur die von Berlin her
-erschienenen Gäste, die den nächsten, an Gransee vorüberkommenden
-Rostocker Zug abzuwarten hatten, waren in das Herrenhaus zurückgekehrt,
-wo mittlerweile für einen Imbiß Sorge getragen war. Rex und Czako,
-desgleichen auch die Berchtesgadens, nahmen erst ein Glas Wein und
-dann eine Tasse Kaffee. Zwischen dem alten Grafen und Adelheid knüpfte
-sich ein mäßig belebtes Gespräch an, wobei der Graf der Vorzüge des
-Verstorbenen gedachte. Da Schwester Adelheid jedoch, wie so viele
-Schwestern, allerlei Zweifel und Bedenken hinsichtlich des Tuns und
-Treibens ihres Bruders hegte, so ging man bald zu den Kindern über
-und beklagte, daß sie bei einer so schönen Feier nicht hätten zugegen
-sein können. Dazwischen wurde dann freilich das fast entgegengesetzt
-klingende Bedauern laut, daß das junge Paar seinen Aufenthalt im Süden
-wohl werde abbrechen müssen. Der alte Graf in seiner Güte fand alles,
-was Adelheid sagte, sehr verständig, während sich Adelheids Gefühle mit
-der Anerkennung begnügten, daß sie sich den Alten eigentlich schlimmer
-gedacht habe.
-
-
-
-
-Vierundvierzigstes Kapitel
-
-
-Melusine war aus der Kirche mit in das Herrenhaus zurückgekehrt und
-widmete sich hier auf eine kurze Weile zunächst ihren Freunden, den
-Berchtesgadens, dann Rex und Czako. Danach ging sie in die Pfarre
-hinüber, um Lorenzen zu danken und noch ein kurzes Gespräch mit ihm
-über Woldemar und Armgard zu haben, im wesentlichen eine Wiederholung
-alles dessen, was sie schon während ihres Weihnachtsbesuches mit ihm
-durchgesprochen hatte. Sie verplauderte sich dabei wider Wunsch und
-Willen, und als sie schließlich nach dem Herrenhause zurückkehrte,
-begegnete sie bereits jener Aufbruchsunruhe, die kein ernstes Eingehen
-auf irgendein Thema mehr zuläßt. Sie beschränkte sich deshalb auf ein
-paar Worte mit Tante Adelheid. Daß man sich gegenseitig nicht mochte,
-war der einen so gewiß wie der andern. Sie waren eben Antipoden:
-Stiftsdame und Weltdame, Wutz und Windsor, vor allem enge und weite
-Seele.
-
-»Welch ein Mann, Ihr Pastor Lorenzen,« sagte Melusine. »Und zum Glück
-auch noch unverheiratet.«
-
-»Ich möchte das nicht so betonen und noch weniger es beloben. Es
-widerspricht dem Beispiele, das unser Gottesmann gegeben, und
-widerspricht auch wohl der Natur.«
-
-»Ja, der Durchschnittsnatur. Es gibt aber, Gott sei Dank, Ausnahmen.
-Und das sind die eigentlich Berufenen. Eine Frau nehmen ist
-alltäglich ...«
-
-»Und keine Frau nehmen ist ein Wagnis. Und die Nachrede der Leute hat
-man noch obenein.«
-
-»Diese Nachrede hat man immer. Es ist das erste, wogegen man
-gleichgültig werden muß. Nicht in Stolz, aber in Liebe.«
-
-»Das will ich gelten lassen. Aber die Liebe des natürlichen Menschen
-bezeigt sich am besten in der Familie.«
-
-»Ja, die des natürlichen Menschen ...«
-
-»Was ja so klingt, Frau Gräfin, als ob Sie dem Unnatürlichen das Wort
-reden wollten.«
-
-»In gewissem Sinne ›ja‹, Frau Domina. Was entscheidet, ist, ob man
-dabei nach oben oder nach unten rechnet.«
-
-»Das Leben rechnet nach unten.«
-
-»Oder nach oben; je nachdem.«
-
-Es klang alles ziemlich gereizt. Denn so leichtlebig und heiter
-Melusine war, +einen+ Ton konnte sie nicht ertragen, den sittlicher
-Überheblichkeit. Und so war eine Gefahr da, sich die Schraubereien
-fortsetzen zu sehen. Aber die Meldung, daß die Wagen vorgefahren seien,
-machte dieser Gefahr ein Ende. Melusine brach ab und teilte nur noch
-in Kürze mit, daß sie vorhabe, morgen mit dem frühesten von Berlin aus
-einen Brief zu schreiben, der mutmaßlich gleichzeitig mit dem jungen
-Paar in Capri eintreffen werde. Adelheid war damit einverstanden, und
-Melusine nahm Baron Berchtesgadens Arm, während der alte Graf die
-Baronin führte.
-
-Das Verdeck des vor dem Portal haltenden Wagens war zurückgeschlagen,
-und alsbald hatten die Baronin und Melusine im Fond, die beiden
-Herren aber auf dem Rücksitz Platz genommen. So ging es eine schon in
-Kätzchen stehende Weidenallee hinunter, die beinahe geradlinig auf
-Gransee zuführte. Das Wetter war wunderschön; von der Kälte, die noch
-am Vormittag geherrscht hatte, zeigte sich nichts mehr; der Himmel war
-gleichmäßig grau, nur hier und da eine blaue Stelle. Der Rauch stand in
-der stillen Luft, die Spatzen quirilierten auf den Telegraphendrähten,
-und aus dem Saatengrün stiegen die Lerchen auf. »Wie schön,« sagte
-Baron Berchtesgaden, »und dabei spricht man immer von der Dürftigkeit
-und Prosa dieser Gegenden.« Alles stimmte zu, zumeist der alte Graf,
-der die Frühlingsluft einsog und immer wieder aussprach, wie glücklich
-ihn diese Stunde mache. Sein Bewegtsein fiel auf.
-
-»Ich dachte, lieber Barby,« sagte der Baron, »in meinen Huldigungen
-gegen Ihre märkische Frühlingslandschaft ein Äußerstes getan zu haben.
-Aber ich sehe, ich bleibe doch weit zurück; Sie schlagen mich aus dem
-Felde.«
-
-»Ja,« sagte der alte Graf, »und mir kommt es wohl auch zu. Denn ich bin
-der erste dran, davon Abschied nehmen zu müssen.«
-
- * * * * *
-
-Rex und Czako folgten in einem leichten Jagdwagen. Die beiden Schecken,
-kleine Shetländer, warfen ihre Mähnen. Daß man von einem Begräbnis kam,
-war dem Gefährt nicht recht anzusehen.
-
-»Rex,« sagte Czako, »Sie könnten nun wieder ein ander Gesicht
-aufsetzen. Oder wollen Sie mich glauben machen, daß Sie wirklich
-betrübten Herzens sind?«
-
-»Nein, Czako, so gröblich inszenier ich mich nicht. Und käme mir so was
-in den Sinn, so jedenfalls nicht vor einem Publikum, das Czako heißt.
-Übrigens wollen Sie bloß etwas von sich auf mich abwälzen. +Sie+ sind
-betrübt, und wenn ich mir alles überlege, so steht es so, daß Sie bei
-dem Chateau Lafitte nicht auf Ihre Rechnung gekommen sind. Er wirkte
--- denn des Alten ›Bocksbeutel‹ hab ich von unserem Oktoberbesuch her
-noch in dankbarer Erinnerung --, wie wenn ihn Tante Adelheid aus ihrem
-Kloster mitgebracht hätte.«
-
-»Rex, Sie sind ja wie vertauscht und reden beinah in meinem Stil. Es
-ist doch merkwürdig, sowie die Menschen dies Nest, dies Berlin, erst
-hinter sich haben, fängt Vernunft wieder an zu sprechen.«
-
-»Sehr verbunden. Aber eskamotieren Sie nicht die Hauptsache. Meine
-Frage bleibt, ›warum so belegt, Czako?‹ Denn daß Sie das sind, ist
-außer Zweifel. Wenn's also nicht von dem Lafitte stammt, so kann es nur
-Melusine sein.«
-
-Czako seufzte.
-
-»Da haben wir's. Tatsache festgestellt, obwohl ich Ihren Seufzer nicht
-recht verstehe. Sie haben nämlich nicht den geringsten Grund dazu.
-Gesamtsituation umgekehrt überaus günstig.«
-
-»Sie vergessen, Rex, die Gräfin ist sehr reich.«
-
-»Das erschwert nicht, das erleichtert bloß.«
-
-»Und außerdem ist sie grundgescheit.«
-
-»Das sind Sie beinah auch, wenigstens mitunter.«
-
-»Und dann ist die Gräfin eine Gräfin, ja, sogar eine Doppelgräfin, erst
-durch Geburt und dann durch Heirat noch mal. Und dazu diese verteufelt
-vornehmen Namen: Barby, Ghiberti. Was soll da Czako? Teuerster Rex,
-man muß den Mut haben, den Tatsachen ins Auge zu sehn. Ich mache mir
-kein Hehl draus, Czako hat was merkwürdig Kommißmäßiges, etwa wie
-Landwehrmann Schultze. Kennen Sie das reizende Ballett ›Uckermärker und
-Picarde?‹ Da haben Sie die ganze Geschichte. Melusine ist die reine
-Picarde.«
-
-»Zugegeben. Aber was schadet das? Italienisieren Sie sich und schreiben
-Sie sich von morgen ab Ciacco. Dann sind Sie dem Ghiberti trotz seiner
-Grafenschaft dicht auf den Hacken.«
-
-»Sapristi, Rex, ~c'est une idée~.«
-
-
-
-
-Fünfundvierzigstes Kapitel
-
-
-Das junge Paar war, nach geplantem kurzen Aufenthalt erst in Amalfi und
-dann in Sorrent, in Capri angekommen. Woldemar fragte nach Briefen,
-erfuhr aber, daß nichts eingegangen.
-
-Armgard schien verstimmt. »Melusine läßt sonst nie warten.«
-
-»Das hat dich verwöhnt. Sie verwöhnt dich überhaupt.«
-
-»Vielleicht. Aber, so dir's recht ist, darüber erst später einmal,
-nicht heute; für solche Geständnisse sind wir doch eigentlich noch
-nicht lange genug verheiratet. Wir sind ja noch in den Flitterwochen.«
-
-Woldemar beschwichtigte. »Morgen wird ein Brief da sein. Schließen wir
-also Frieden, und steigen wir, wenn dir's paßt, nach Anacapri hinauf.
-Oder wenn du nicht steigen magst, bleiben wir, wo wir sind, und suchen
-uns hier eine gute Aussichtsstelle.«
-
-Es war auf dem Frontbalkon ihres am mittleren Abhang gelegenen Albergo,
-daß sie dies Gespräch führten, und weil die Mühen und Anstrengungen
-der letzten Tage ziemlich groß gewesen waren, war Armgard willens,
-für heute wenigstens auf Anacapri zu verzichten. Sie begnügte sich
-also, mit Woldemar auf das Flachdach hinaufzusteigen, und verlebte da,
-angesichts der vor ihnen ausgebreiteten Schönheit, eine glückliche
-Stunde. Von Sorrent kamen Fischerboote herüber, die Fischer sangen, und
-der Himmel war klar und blau; nur drüben aus dem Kegel des Vesuv stieg
-ein dünner Rauch auf, und von Zeit zu Zeit war es, als vernähme man ein
-dumpfes Rollen und Grollen.
-
-»Hörst du's?« fragte Armgard.
-
-»Gewiß. Und ich weiß auch, daß man einen Ausbruch erwartet. Vielleicht
-erleben wir's noch.«
-
-»Das wäre herrlich.«
-
-»Und dabei,« fuhr Woldemar fort, »komm ich von der eiteln Vorstellung
-nicht los, daß, wenn's da drüben ernstlich anfängt, unser
-Stechlin mittut, wenn auch bescheiden. Es ist doch eine vornehme
-Verwandtschaft.«
-
-Armgard nickte, und von der Uferstelle her, wo die Sorrentiner Fischer
-eben anlegten, klang es herauf:
-
- ~Tre giorni son che Nina, che Nina.
- In letto ne se sta ...~
-
- * * * * *
-
-Am andern Tage, wie vorausgesagt, kam ein Brief von Melusine, diesmal
-aber nicht an die Schwester, sondern an Woldemar adressiert.
-
-»Was ist?« fragte Armgard, der die Bewegung nicht entging, die
-Woldemar, während er las, zu bekämpfen suchte.
-
-»Lies selbst.«
-
-Und dabei gab er ihr den Brief mit der Todesanzeige des Alten.
-
-An ein Eintreffen in Stechlin, um noch der Beisetzung beiwohnen zu
-können, war längst nicht mehr zu denken; der Begräbnistag lag zurück.
-So kam man denn überein, die Rückreise langsam, in Etappen über Rom,
-Mailand und München machen, aber an jedem Orte (denn beide sehnten sich
-heim) nicht länger als einen Tag verweilen zu wollen. Von Capri nahm
-Woldemar ein einziges Andenken mit, einen Kranz von Lorbeer und Oliven.
-»Den hat er sich verdient.« --
-
-Die letzte Station war Dresden, und von hier aus war es denn auch, daß
-Woldemar ein paar kurze Zeilen an Lorenzen richtete.
-
- Lieber Lorenzen.
-
- Seit einer halben Stunde sind wir in Dresden, und ich schreibe
- diese Zeilen angesichts des immer wieder schönen Bildes von
- der Terrasse aus, das auch auf den Verwöhntesten noch wirkt.
- Wir wollen morgen in aller Frühe von hier fort, sind um zehn
- in Berlin und um zwölf in Gransee. Denn ich will zunächst
- unser altes Stechlin wiedersehen und einen Kranz am Sarge
- niederlegen. Bitte, sorgen Sie, daß mich ein Wagen auf der
- Station erwartet. Wenn ich auch Sie persönlich träfe, so
- wäre mir das das Erwünschteste. Es plaudert sich unterwegs so
- gut. Und von wem könnt ich mehr und zugleich Zuverlässigeres
- erfahren als von Ihnen, der Sie die letzten Tage mit durchlebt
- haben werden. Meine Frau grüßt herzlichst. Wie immer Ihr alter
- treu und dankbar ergebenster
-
- Woldemar v. St.
-
- * * * * *
-
-Um zwölf hielt der Zug auf Bahnhof Gransee. Woldemar sah schon vom
-Coupé aus den Wagen; aber statt Lorenzen war Krippenstapel da. Das
-war ihm zunächst nicht angenehm, aber er nahm es bald von der guten
-Seite. »Krippenstapel ist am Ende noch besser, weil er unbefangener ist
-und mit manchem weniger zurückhält. Lorenzen, wenn er dies Wort auch
-belächeln würde, hat einen diplomatischen Zug.«
-
-In diesem Augenblick erfolgte die Begrüßung mit dem inzwischen
-herangetretenen »Bienenvater«, und alle drei bestiegen den Wagen,
-dessen Verdeck zurückgeschlagen war. Krippenstapel entschuldigte
-Lorenzen, »der wegen einer Trauung behindert sei«, und so wäre
-denn alles in bester Ordnung gewesen, wenn unser trefflicher alter
-Museumsdirektor nur vor Antritt seiner Fahrt nach Gransee von einer
-Herausbesserung seines äußeren Menschen Abstand genommen hätte. Das
-war ihm aber unzulässig erschienen, und so saß er denn jetzt dem
-jungen Paare gegenüber, angetan mit einem Schlipsstreifen und einem
-großen Chemisettevorbau. Der Schlips war so schmal, daß nicht bloß
-der zur Befestigung der Vatermörder dienende Hemdkragenrand in halber
-Höhe sichtbar wurde, sondern leider auch der aus einem keilartigen
-Ausschnitt hervorlugende Adamsapfel, der sich nun, wie ein Ding für
-sich, beständig hin und her bewegte. Die Verlegenheit Armgards, deren
-Auge sich -- natürlich ganz gegen ihren Willen -- unausgesetzt auf
-dies Naturspiel richten mußte, wäre denn auch von Moment zu Moment
-immer größer geworden, wenn nicht Krippenstapels unbefangene Haltung
-schließlich über alles wieder hinweggeholfen hätte.
-
-Dazu kam noch, daß seiner Unbefangenheit seine Mitteilsamkeit
-entsprach. Er erzählte von dem Begräbnis und wer vom Grafschaftsadel
-alles dagewesen sei. Dann kam Thormeyer an die Reihe, dann Katzenstein
-und die Domina und zuletzt auch »lütt Agnes«.
-
-»Des Kindes müssen wir uns annehmen,« sagte Armgard.
-
-»Wenn du darauf dringst, gewiß. Aber es liegt schwieriger damit, als
-du denkst. Solche Kinder, ganz im Gegensatz zur Pädagogenschablone,
-muß man sich selbst überlassen. Der gefährlichere Weg, wenn überhaupt
-was Gutes in ihnen steckt, ist jedesmal der bessere. Dann bekehren
-sie sich aus sich selbst heraus. Wenn aber irgendein Zwang diese
-Bekehrung schaffen will, so wird meist nichts draus. Da werden nur
-Heuchelei und Ziererei geboren. Eigner freier Entschluß wiegt hundert
-Erziehungsmaximen auf.«
-
-Armgard stimmte zu. Krippenstapel aber fuhr in seinem Berichte fort und
-erzählte von Kluckhuhn, von Uncke, von Elfriede; Sponholz werde in der
-nächsten Woche zurückerwartet, und Koseleger und die Prinzessin seien
-ein Herz und eine Seele, ganz besonders -- und das sei das Allerneueste
--- seit man für ein Rettungshaus sammle. Seitens des Adels werde
-fleißig dazu beigesteuert; nur Molchow habe sich geweigert: »so was
-schaffe bloß Konfusion.«
-
-Um zwei traf man in Schloß Stechlin ein. Woldemar durchschritt die
-verödeten Räume, verweilte kurze Zeit in dem Sterbezimmer und ging dann
-in die Kirchengruft, um da den Kranz an des Vaters Sarge niederzulegen.
-
-Am späten Nachmittag erschien auch Lorenzen und sprach zunächst sein
-Bedauern aus, daß er einer Amtshandlung halber (Kossäth Zschocke habe
-sich wieder verheiratet) nicht habe kommen können. Er blieb dann noch
-den Abend über und erzählte vielerlei, zuletzt auch von dem, was er dem
-Alten feierlich habe versprechen müssen.
-
-Woldemar lächelte dabei. »Die Zukunft liegt also bei +dir+.«
-
-Unter diesen Worten reichte er Armgard die Hand.
-
-
-
-
-Sechsundvierzigstes Kapitel
-
-
-Armgard hatte sich von der im Stechliner Hause herrschenden
-Weltabgewandtheit angeheimelt gefühlt. Aber der Gedanke, hier ihre Tage
-zu verbringen, lag ihr doch vorderhand noch fern, und so kehrte sie
-denn kurz nach Ablauf einer Woche nach Berlin zurück, wo mittlerweile
-Melusine für alles gesorgt und eine ganz in der Nähe von Woldemars
-Kaserne gelegene Wohnung gemietet und eingerichtet hatte.
-
-Das war am Belle-Allianceplatz. Als das junge Paar diese Wohnung bezog,
-ging die Saison bereits auf die Neige. Die Frühjahrsparaden nahmen
-ihren Anfang und gleich danach auch die Wettrennen, an denen Armgard
-voller Interesse teilnahm. Aber ihre Freude daran war doch geringer,
-als sie geglaubt hatte. Weder das Großstädtische noch das Militärische,
-weder Sport noch Kunst behaupteten dauernd den Reiz, den sie sich
-anfänglich davon versprochen, und ehe der Hochsommer heran war, sagte
-sie: »Laß mich's dir gestehn, Woldemar, ich sehne mich einigermaßen
-nach Schloß Stechlin.«
-
-Er hätte nichts Lieberes hören können. Was Armgard da sagte, war ihm
-aus der eignen Seele gesprochen. Liebenswürdig und bescheiden wie er
-war, stand ihm längst fest, daß er nicht berufen sei, jemals eine
-Generalstabsgröße zu werden, während das alte märkische Junkertum, von
-dem frei zu sein er sich eingebildet hatte, sich allmählich in ihm zu
-regen begann. Jeder neue Tag rief ihm zu: »Die Scholle daheim, die dir
-Freiheit gibt, ist doch das Beste.« So reichte er denn seine Demission
-ein. Man sah ihn ungern scheiden, denn er war nicht bloß wohlgelitten
-an der Stelle, wo er stand, sondern überhaupt beliebt. Man gab ihm,
-als sein Scheiden unmittelbar bevorstand, ein Abschiedsfest, und der
-ihm besonders wohlwollende Kommandeur des Regiments sprach in seiner
-Rede von den »schönen, gemeinschaftlich durchlebten Tagen in London und
-Windsor«. --
-
-All die Zeit über waren natürlich auch die von einer Übersiedlung
-aufs Land unzertrennlichen kleinen Mühen und Sorgen an das junge Paar
-herangetreten. Unter diesen Sorgen -- Lizzi hatte abgelehnt, weil sie
-die große Stadt und die »Bildung« nicht missen mochte -- war in erster
-Reihe das Ausfindigmachen einer geeigneten Kammerjungfer gewesen. Es
-traf sich aber so glücklich, daß Portier Hartwigs hübsche Nichte mal
-wieder außer Stellung war, und so wurde diese denn engagiert. Melusine
-leitete die Verhandlungen mit ihr. »Ich weiß freilich nicht, Hedwig,
-ob es Ihnen da draußen gefallen wird, Ich hoff es aber. Und Sie werden
-jedenfalls zweierlei +nicht+ haben: keinen Hängeboden und keinen
-›Ankratz‹, wie die Leute hier sagen. Oder wenigstens nicht mehr davon,
-als Ihnen schließlich doch vielleicht lieb ist.«
-
-»Ach, das ist nicht viel,« versicherte Hedwig halb scham- halb
-schalkhaft. --
-
-Am 21. September wollte das junge Paar in Stechlin einziehen, und
-alle Vorbereitungen dazu waren getroffen: Schulze Kluckhuhn trommelte
-sämtliche Kriegervereine zusammen (die Düppelstürmer natürlich am
-rechten Flügel), während Krippenstapel sich mit Tucheband über ein
-Begrüßungsgedicht einigte, das von Rolf Krakes ältester Tochter
-gesprochen werden sollte. Die Globsower gingen noch einen Schritt
-weiter und bereiteten eine Rede vor, darin der neue junge Herr als
-einer der »Ihrigen« begrüßt werden sollte.
-
-Das alles galt dem 21.
-
-Am Tage vorher aber traf ein Brief Melusinens bei Lorenzen ein, an
-dessen Schluß es hieß:
-
-»Und nun, lieber Pastor, noch einmal das eine. Morgen früh zieht
-das junge Paar in das alte Herrenhaus ein, meine Schwester und
-mein Schwager. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit unsres in den
-Weihnachtstagen geschlossenen Paktes: es ist nicht nötig, daß die
-Stechline weiterleben, aber es lebe
-
- +der Stechlin+.«
-
-
-
-
-Werke von Theodor Fontane
-
-
- Gesammelte Werke
-
- Erste Reihe in fünf Bänden
-
- Erzählende Werke
-
-
- 1. Band:
-
- Gedichte / Grete Minde / Schach von Wuthenow /
- Unterm Birnbaum
-
-
- 2. Band:
-
- L'Adultera / Cecile / Unwiederbringlich
-
-
- 3. Band:
-
- Stine / Irrungen Wirrungen /
- Frau Jenny Treibel
-
-
- 4. Band:
-
- Die Poggenpuhls / Effi Briest
-
-
- 5. Band:
-
- Der Stechlin
-
-
- Zweite Reihe in fünf Bänden
-
- Autobiographische Werke, Briefe
-
-
- 1. Band:
-
- Einleitung / Meine Kinderjahre
-
-
- 2. Band:
-
- Von Zwanzig bis Dreißig
-
-
- 3. Band:
-
- Kriegsgefangen / Aus den Tagen der Okkupation
- / Vor und nach der Reise
-
-
- 4. und 5. Band:
-
- Briefe
-
-
- Einzelausgaben
-
-
- Effi Briest
-
- Roman. 58. Auflage
-
-
- Cecile
-
- Roman. 3. Auflage
-
-
- Stine
-
- Roman. 53. Tausend
-
-
- Meine Kinderjahre
-
- Autobiographischer Roman. 12. Auflage
-
-
- Von Zwanzig bis Dreißig
-
- Autobiographisches. 7. Tausend
-
-
- Kriegsgefangen
-
- 26. Tausend
-
-
- Die Poggenpuhls
-
- Roman. 47. Auflage
-
-
- Mathilde Möhring
-
- Roman. 60. Tausend
-
-
- L'Adultera
-
- Roman. 80. Auflage
-
-
- Frau Jenny Treibel
-
- Roman. 92. Auflage
-
-
- Irrungen Wirrungen
-
- Roman. 148. Auflage
-
-
- Aus dem Nachlaß
-
- 6. Auflage
-
-
- Das Fontanebuch
-
- 9. Auflage
-
-
-Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig
-
-
-
-
- * * * * * *
-
-
-
-
-Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 216: verwogen → verwegen
- etliche mehr oder weniger {verwegen} aussehende Wahlmänner
-
- S. 279: ofen → Ofen
- drei Männer im feurigen {Ofen}
-
- S. 343: Fronde → Fronde ist
- {Fronde ist} mir gräßlich und paßt nicht für uns
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER STECHLIN***
-
-
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