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-The Project Gutenberg EBook of Der persische Orden, by Anton Tschechow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Der persische Orden
- und andere Grotesken
-
-Author: Anton Tschechow
-
-Illustrator: W. N. Massjutin
-
-Translator: Alexander Eliasberg
-
-Release Date: December 14, 2016 [EBook #53731]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PERSISCHE ORDEN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
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-[Illustration]
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-
- ANTON TSCHECHOW
-
- Der Persische Orden
-
- und andere Grotesken
-
- Mit
-
- acht Holzschnitten
-
- von
-
- W. N. MASSJUTIN
-
- 1922
-
- Welt-Verlag / Berlin
-
-
-
-
-Deutsch von Alexander Eliasberg
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
- Copyright by the Welt-Verlag 1922
- Gedruckt bei Otto v. Holten, Berlin C.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis
-
-
- Seite
-
- Der Persische Orden 9
-
- Die Simulanten 14
-
- Aus dem Tagebuch des zweiten Buchhalters 20
-
- Ein böser Junge 25
-
- Es war sie! 30
-
- Ein jähzorniger Mensch 37
-
- Eine problematische Natur 50
-
- Intrigen 55
-
-
-
-
-Der Persische Orden
-
-
-In einer der diesseits des Urals gelegenen Städte verbreitete sich das
-Gerücht, daß dieser Tage im Hotel »Japan« der persische Würdenträger
-Rachat-Chelam abgestiegen sei. Dieses Gerücht machte auf die Bürger
-nicht den geringsten Eindruck: ein Perser ist angekommen, was ist
-denn dabei? Nur das Stadthaupt Stepan Iwanowitsch Kuzyn wurde, als er
-vom Sekretär des Magistrats über die Ankunft des Orientalen erfuhr,
-nachdenklich und fragte:
-
-»Wohin reist er denn?«
-
-»Ich glaube, nach Paris oder nach London.«
-
-»Hm! ... Ist also ein großes Tier?«
-
-»Das weiß der Teufel.«
-
-[Illustration]
-
-Als das Stadthaupt aus dem Magistrat heimgekommen war und zu Mittag
-gegessen hatte, wurde es wieder nachdenklich und dachte diesmal bis
-zum Abend durch. Die Ankunft des vornehmen Persers intrigierte ihn
-außerordentlich. Er glaubte, das Schicksal selbst habe ihm diesen
-Rachat-Chelam gesandt und endlich sei der günstige Augenblick
-zur Verwirklichung seines sehnlichsten und leidenschaftlichsten
-Wunsches gekommen. Kuzyn besaß nämlich schon zwei Medaillen, den
-Stanislaus-Orden III. Klasse, die Denkmünze des Roten Kreuzes und das
-Abzeichen des »Vereins zur Rettung Schiffbrüchiger«; außerdem hatte
-er sich ein Anhängsel für die Uhrkette machen lassen, das ein mit
-einer Gitarre gekreuztes goldenes Gewehr darstellte und das, aus dem
-Knopfloch seines Uniformrocks heraushängend, aus der Ferne wie etwas
-Besonderes aussah und als ein Ehrenzeichen angesehen werden konnte. Es
-ist bekannt, daß je mehr Orden und Medaillen einer hat, er um so mehr
-weitere haben möchte, -- das Stadthaupt wollte aber schon längst den
-Persischen Sonnen- und Löwenorden haben, er wollte es leidenschaftlich,
-wahnsinnig. Er wußte sehr gut, daß man zur Erlangung dieses Ordens
-weder kämpfen, noch Gelder für Waisenanstalten spenden, noch ein
-Ehrenamt bekleiden muß, sondern bloß einer günstigen Gelegenheit
-bedarf. Nun schien es ihm, daß diese Gelegenheit eingetreten sei.
-
-Am anderen Tag, um die Mittagsstunde, legte er alle seine Ehrenzeichen
-und die Uhrkette an und begab sich ins Hotel »Japan«. Das Schicksal war
-ihm günstig. Als er das Zimmer des vornehmen Persers betrat, war jener
-allein und unbeschäftigt. Rachat-Chelam, ein riesengroßer Asiate mit
-einer langen Schnepfennase und hervorstehenden Glotzaugen, saß, einen
-Fez auf dem Kopfe, auf dem Fußboden und wühlte in seinem Koffer.
-
-»Entschuldigen Sie gütigst die Belästigung«, begann Kuzyn mit einem
-Lächeln. »Habe die Ehre, mich vorzustellen: erblicher Ehrenbürger und
-Ritter verschiedener Orden, Stepan Iwanowitsch Kuzyn, der Bürgermeister
-dieser Stadt. Ich halte es für meine Pflicht, in Ihrer Person den
-Vertreter einer uns sozusagen freundnachbarlichen Großmacht zu
-begrüßen.«
-
-Der Perser wandte sich um und murmelte etwas in einem sehr schlechten
-Französisch, das wie Klopfen von Holz gegen Holz klang.
-
-»Die Grenzen Persiens«, fuhr Kuzyn in seiner vorher zurechtgelegten
-Ansprache fort, »berühren eng die Grenzen unseres ausgedehnten
-Vaterlandes, und die gegenseitigen Sympathien bewegen mich daher, Ihnen
-unsere Solidarität auszusprechen.«
-
-Der vornehme Perser erhob sich und murmelte wieder etwas, in seiner
-hölzernen Sprache. Kuzyn, der keine fremden Sprachen beherrschte,
-schüttelte den Kopf, um ihm zu bedeuten, daß er nichts verstehe.
-
--- Wie soll ich mit ihm reden? -- dachte er sich. -- Es wäre gut, einen
-Dolmetscher kommen zu lassen, aber es ist eine heikle Angelegenheit,
-und vor Zeugen kann ich darüber nicht gut sprechen. Der Dolmetscher
-wird es in der ganzen Stadt ausposaunen. --
-
-Und Kuzyn fing an, alle Fremdworte zusammenzukramen, die er aus den
-Zeitungen wußte.
-
-»Ich bin Stadthaupt ...« stammelte er. »Das heißt, Lord-Maire ...
-Municipalé ... Wui? Komprené?«
-
-Er wollte durch Worte und Mienenspiel seine gesellschaftliche Stellung
-erklären und wußte nicht, wie es zu machen. Zur Hilfe kam ihm das Bild
-mit der Unterschrift »Stadt Venedig«, das an der Wand hing. Er zeigte
-mit dem Finger auf die Stadt und dann auf seinen Kopf und glaubte auf
-diese Weise den Satz »Ich bin das Stadthaupt« ausgedrückt zu haben. Der
-Perser verstand absolut nichts, lächelte aber und sagte:
-
-»Bon, monsieur ... bon ...«
-
-Eine halbe Stunde später klopfte das Stadthaupt den Perser bald aufs
-Knie, bald auf die Schulter und sprach:
-
-»Komprené? Wui? Als Lord-Maire und Municipalé ... schlage ich Ihnen
-vor, eine kleine Promenade zu machen ... Komprené? Promenade ...«
-
-Kuzyn wandte sich wieder der Ansicht Venedigs zu und stellte mittelst
-zweier Finger ein Paar schreitende Beine dar. Rachat-Chelam, der keinen
-Blick von seinen Medaillen wandte und offenbar ahnte, daß er die
-wichtigste Person der Stadt vor sich habe, begriff das Wort »Promenade«
-und grinste höflich. Dann zogen die beiden ihre Mäntel an und verließen
-das Zimmer. Unten vor der Tür zum Restaurant »Japan« sagte sich Kuzyn,
-daß es gar nicht schaden würde, den Perser zu bewirten. Er blieb
-stehen, zeigte auf die Tische und sagte:
-
-»Nach russischer Sitte, es wäre nicht schlecht ... Ich meine: Purée,
-entre-côte ... Champagne usw. ... Komprené?«
-
-Der vornehme Gast kapierte es, und eine Weile später saßen die beiden
-im besten Extrazimmer des Restaurants, tranken Sekt und aßen.
-
-»Wollen wir auf das Gedeihen Persiens trinken!« sagte Kuzyn. »Wir
-Russen lieben die Perser. Wir sind zwar verschiedenen Glaubens, aber
-die gemeinsamen Interessen, sozusagen die gegenseitigen Sympathien
-... der Fortschritt ... die asiatischen Märkte ... sozusagen die
-friedlichen Eroberungen ...«
-
-Der vornehme Perser aß mit großem Appetit. Er bohrte seine Gabel in
-einen Störrücken, nickte mit dem Kopf und sagte:
-
-»Gut! Bien!«
-
-»Gefällt das Ihnen?« fragte das Stadthaupt erfreut. »Bien?
-Wunderschön!« Dann wandte er sich an den Kellner und sagte: »Luka, laß
-seiner Exzellenz zwei Störrücken aufs Zimmer bringen, von den besten!«
-
-Das Stadthaupt und der persische Würdenträger fuhren darauf die
-Menagerie besichtigen. Die Bürger sahen, wie ihr Stepan Iwanowitsch,
-rot vom getrunkenen Sekt, lustig und sehr zufrieden den Perser durch
-die Hauptstraßen der Stadt und auf den Markt führte und ihm die
-Sehenswürdigkeiten zeigte; er bestieg mit ihm auch den Feuerwachtturm.
-
-Die Bürger sahen u. a., wie er vor einem löwenflankierten steinernen
-Tore stehen blieb und dem Perser erst einen der Löwen und dann die
-Sonne am Himmel zeigte, sich dann auf die Brust tippte, dann wieder auf
-den Löwen und auf die Sonne wies, worauf der Perser bejahend mit dem
-Kopfe nickte und lächelnd seine weißen Zähne zeigte. Am Abend saßen die
-beiden im Hotel »London« und hörten einem Damenchor zu; wo sie aber in
-der Nacht waren, ist unbekannt.
-
-Am nächsten Morgen kam das Stadthaupt in den Magistrat; die
-Angestellten schienen schon etwas zu ahnen: der Sekretär ging auf ihn
-zu und sagte ihm mit einem spöttischen Lächeln:
-
-»Die Perser haben folgende Sitte: wenn zu Ihnen ein vornehmer Gast
-kommt, sind Sie verpflichtet, für ihn eigenhändig einen Hammel zu
-schlachten.«
-
-Etwas später reichte man ihm aber einen Brief, der mit der Post
-gekommen war. Kuzyn öffnete den Umschlag und fand darin eine Karikatur.
-Sie stellte Rachat-Chelam dar und das Stadthaupt, das vor ihm auf den
-Knien lag und, die Hände zu ihm emporstreckend, sagte:
-
- Um Rußlands und des Perserreichs
- Freundschaftsbeziehungen zu achten,
- Würd' ich, Herr Botschafter, respektvoll grenzenlos
- Mich selber gern als einen Hammel schlachten,
- Doch Sie verzeih'n: ein Esel bin ich bloß!
-
-Das Stadthaupt empfand ein unangenehmes Gefühl in der Herzgrube, es
-hielt aber nicht lange an. Um die Mittagsstunde war er schon wieder
-beim vornehmen Perser, bewirtete ihn wieder im Restaurant, zeigte ihm
-die Sehenswürdigkeiten der Stadt, führte ihn wieder vor das Löwentor
-und wies wieder bald auf den Löwen, bald auf die Sonne und bald auf
-seine Brust. Sie speisten im Hotel »Japan« und bestiegen nach dem
-Essen, mit Zigarren im Munde und geröteten strahlenden Gesichtern,
-wieder den Feuerwachtturm. Das Stadthaupt wollte wohl dem Gast ein
-seltenes Schauspiel bieten und rief von oben dem unten auf und ab
-gehenden Wächter zu:
-
-»Leute, Alarm!«
-
-Aber aus dem Alarm wurde nichts, da alle Feuerwehrleute sich um diese
-Stunde im Dampfbade befanden.
-
-Sie soupierten im Hotel »London«, und gleich darauf reiste der Perser
-ab. Stepan Iwanowitsch küßte ihn beim Abschied nach russischer Sitte
-dreimal und vergoß sogar einige Tränen. Als der Zug sich in Bewegung
-setzte, rief er ihm nach:
-
-»Grüßen Sie von uns Persien. Sagen Sie ihm, daß wir es lieben!«
-
-Ein Jahr und vier Monate waren vergangen. Es herrschten ein strenger
-Frost von etwa fünfunddreißig Grad, begleitet von einem durchdringenden
-Wind. Stepan Iwanowitsch ging durch die Straße, den Pelzmantel an der
-Brust geöffnet, und ärgerte sich furchtbar darüber, daß niemand ihm
-begegnete und seinen Sonnen- und Löwenorden sah. So ging er im offenen
-Pelz bis zum Abend und war ganz erfroren; in der Nacht aber wälzte er
-sich von der einen Seite auf die andere und konnte keinen Schlaf finden.
-
-Es war ihm schwer zumute, in seinem Innern brannte es, und sein
-Herz klopfte unruhig: jetzt gelüstete es ihn nach dem Serbischen
-Takowo-Orden. Es gelüstete ihn qualvoll und leidenschaftlich.
-
-
-
-
-Die Simulanten
-
-
-Die Generalin Marfa Petrowna Petschonkina oder, wie die Bauern
-sie nennen, die Petschonkin'sche, die schon seit zehn Jahren die
-homöopathische Praxis ausübt, empfängt an einem Maidienstag in ihrem
-Kabinett Kranke. Sie hat vor sich auf dem Tisch einen homöopathischen
-Arzneikasten, ein Handbuch der Homöopathie und Rechnungen von der
-homöopathischen Apotheke. An der Wand hängen in goldenen Rahmen die
-Briefe irgendeines Petersburger Homöopathen, eines nach Ansicht Marfa
-Petrownas sehr berühmten und sogar großen Mannes und das Bildnis des
-Priesters P. Aristarch, dem die Generalin ihre Rettung zu verdanken
-hat: die Lossagung von der schädlichen Allopathie und die Erkenntnis
-der Wahrheit. Im Vorzimmer warten die Patienten, zum größten Teil
-Bauern. Sie alle sind mit Ausnahme von zwei oder drei barfuß, da die
-Generalin befohlen hat, die stinkenden Stiefel draußen zu lassen.
-
-Marfa Petrowna hat schon zehn Patienten abgefertigt und ruft den elften:
-
-»Gawrila Grusdj!«
-
-Die Tür geht auf, und statt des Gawrila Grusdj tritt ins Zimmer der
-Nachbar der Generalin, der verarmte Gutsbesitzer Samuchrischin, ein
-kleines altes Männchen mit trüben Augen und einer Mütze mit rotem Rand.
-Er stellt seinen Stock in die Ecke, geht auf die Generalin zu und sinkt
-vor ihr stumm auf ein Knie.
-
-»Was fällt Ihnen ein! Was fällt Ihnen ein, Kusjma Kusjmitsch!« entsetzt
-sich die Generalin, über und über rot. »Um Gottes Willen!«
-
-[Illustration]
-
-»Solange ich lebe, stehe ich nicht auf!« sagt Samuchrischin, die
-Lippen an ihre Hand drückend. »Soll das ganze Volk sehen, wie ich
-vor Ihnen niederknie, Sie unser Schutzengel, Sie Wohltäterin des
-Menschengeschlechts! Sollen sie nur! Vor der wohltätigen Fee, die
-mir das Leben geschenkt, den wahren Weg gewiesen und mein skeptisches
-Klügeln erleuchtet hat, will ich nicht nur auf den Knien, sondern auch
-in Flammen liegen, Sie unsere wunderbare Ärztin, Mutter der Armen und
-Verwitweten! Ich bin gesund geworden! Ich bin auferstanden, Zauberin!«
-
-»Es ... es freut mich ...!« murmelt die Generalin, vor Vergnügen
-errötend. »Es ist angenehm, so etwas zu hören ... Setzen Sie sich
-bitte! Am vorigen Dienstag waren Sie aber so schwer krank!«
-
-»Ja, so schwer! Es wird mir bange, wenn ich daran zurückdenke!« sagt
-Samuchrischin, Platz nehmend. »In allen Körperteilen und Organen saß
-mir der Rheumatismus. Acht Jahre habe ich mich gequält und keine
-Ruhe gehabt ... Weder bei Tag, noch bei Nacht, meine Wohltäterin!
-Ich habe mich von Ärzten behandeln lassen, habe Professoren in
-Kasan konsultiert, Moorbäder genommen und Brunnen getrunken, alles,
-alles habe ich ausprobiert! Mein ganzes Vermögen ist draufgegangen,
-Mütterchen. Die Ärzte haben mir aber nur geschadet, sie haben mir
-meine Krankheit ins Innere getrieben. Hineintreiben können sie wohl,
-aber wieder heraustreiben -- das können sie nicht, so weit ist ihre
-Wissenschaft noch nicht ... Sie lieben nur Geld zu nehmen, diese
-Räuber, was aber das Wohl der Menschheit betrifft, so kümmern sie
-sich darum nicht viel. Er verschreibt mir irgendeine Chiromantie, und
-ich muß sie trinken. Mit einem Worte, es sind Mörder. Wenn Sie nicht
-wären, mein Engel, so läge ich schon im Grabe! Wie ich am vorigen
-Dienstag von Ihnen heimkomme und mir diese Streukügelchen ansehe, die
-Sie mir gegeben haben, denke ich mir: ›Was können die nützen? Können
-denn diese kaum sichtbaren Sandkörnchen meine schwere, alte Krankheit
-heilen?‹ So denke ich mir, Kleingläubiger, und lächele; kaum habe
-ich aber so ein Kügelchen eingenommen, als meine ganze Krankheit im
-Nu verschwunden ist. Meine Frau glotzt mich an und traut ihren Augen
-nicht. ›Bist du es, Kolja?‹ -- ›Ja, ich bin es.‹ Wir knieten beide vor
-dem Heiligenbilde nieder und beteten für unseren Engel: Herr, gib ihr
-alles, was wir ihr wünschen!«
-
-Samuchrischin wischt sich mit dem Ärmel die Augen ab, erhebt sich von
-seinem Stuhl und zeigt die Absicht, wieder niederzuknien, aber die
-Generalin hindert ihn daran und läßt ihn wieder Platz nehmen.
-
-»Danken Sie nicht mir,« sagt sie, vor Erregung errötend, mit einem
-Blick auf das Bildnis des P. Aristarch. »Nein, nicht mir! Ich bin
-hier nur ein gefügiges Werkzeug ... Es ist wirklich ein Wunder! Ein
-vernachlässigter achtjähriger Rheumatismus ist nach einer einzigen
-Pille Skrophuloso vergangen!«
-
-»Sie waren so gütig, mir drei Kügelchen zu geben. Das eine nahm ich
-zu Mittag, und es wirkte sofort! Das andere nahm ich am Abend und das
-dritte am nächsten Tag, und seitdem spüre ich nichts mehr! Wenn es mich
-auch nur irgendwo zwicken wollte! Ich dachte aber schon an den Tod und
-hatte sogar meinem Sohne nach Moskau geschrieben, daß er kommen solle!
-Eine solche Weisheit hat Ihnen der Herr beschieden, Sie Wundertäterin!
-Jetzt fühle ich mich wie im Paradies ... Am vorigen Dienstag, als ich
-bei Ihnen war, hinkte ich noch, jetzt könnte ich aber wie ein Hase
-hüpfen ... Ich kann auch noch hundert Jahre leben. Nur eines bedrückt
-mich noch -- meine große Armut. Ich bin zwar gesund, aber was taugt mir
-meine Gesundheit, wenn ich nicht habe, wovon zu leben? Die Not bedrückt
-mich noch schwerer als die Krankheit ... Zum Beispiel eine solche Sache
-... Jetzt ist Zeit, Hafer zu säen, wie soll ich ihn aber säen, wenn ich
-keine Saat habe? Ich müßte welche kaufen, aber das Geld dazu ... woher
-soll ich welches haben?«
-
-»Ich will Ihnen Hafer geben, Kusjma Kusjmitsch ... Bleiben Sie nur
-sitzen! Sie haben mich so sehr erfreut, Sie haben mir solches Vergnügen
-bereitet, daß ich Ihnen danken muß, und nicht Sie mir!«
-
-»Sie, unsere Freude! Was für eine Herzensgüte der liebe Gott manchmal
-in die Welt setzt! Freuen Sie sich, Mütterchen, Ihrer guten Werke!
-Wir Sünder haben aber nichts, dessen wir uns freuen könnten ... Wir
-sind kleine, kleinmütige, unnütze Menschen ... Ameisen ... Wir nennen
-uns nur Gutsbesitzer, in materieller Beziehung sind wir aber wie die
-Bauern, sogar noch schlimmer ... Wir wohnen zwar in steinernen Häusern,
-aber es ist nur eine Fata Morgana, denn das Dach ist undicht, so daß es
-hineinregnet ... Ich habe kein Geld, um Schindeln zu kaufen.«
-
-»Ich will Ihnen Schindeln geben, Kusjma Kusjmitsch.«
-
-Samuchrischin erbittet sich noch eine Kuh, einen Empfehlungsbrief
-für seine Tochter, die er ins Institut geben will, und ist von der
-Freigebigkeit der Generalin so gerührt, daß er vor Überfluß an
-Gefühlen aufschluchzt, den Mund verzieht und sein Tuch aus der Tasche
-holt ... Die Generalin sieht, wie zugleich mit dem Tuch aus seiner
-Tasche ein rotes Papierchen zum Vorschein kommt und lautlos auf den
-Boden fällt.
-
-»Mein Lebtag vergesse ich es nicht ...« stammelt er. »Ich werde es
-auch meinen Kindern befehlen, auch meinen Enkeln ... von Geschlecht zu
-Geschlecht ... Kinder, das ist sie, die mich vom Tode errettet hat,
-sie, die ...«
-
-Nachdem die Generalin den Patienten hinausbegleitet hat, sieht sie eine
-Minute lang mit tränenfeuchten Augen auf das Bild des P. Aristarch,
-läßt dann ihren freundlichen, andächtigen Blick über den Arzneikasten,
-die Handbücher, die Rechnungen und den Sessel schweifen, in dem eben
-der von ihr vom Tode errettete Mensch gesessen hat, und bemerkt
-schließlich das vom Patienten fallengelassene Papier. Die Generalin
-hebt das Papier auf und findet darin drei Streukügelchen, die gleichen
-Kügelchen, die sie am letzten Dienstag Samuchrischin gegeben hat.
-
-»Es sind dieselben ...« sagt sie sich erstaunt. »Es ist sogar dasselbe
-Papier ... Er hat es nicht mal entfaltet! Was hat er dann eingenommen?
-Sonderbar ... Er wird mich doch nicht betrügen.«
-
-In die Seele der Generalin schleicht sich zum ersten Male in ihrer
-zehnjährigen Praxis ein Zweifel ein ... Sie nimmt die folgenden Kranken
-vor und merkt, während sie mit ihnen über ihre Leiden spricht, manches,
-was sie bisher seltsamerweise überhört hat. Alle Kranken ohne Ausnahme
-preisen erst wie auf Verabredung ihre wunderbare Heilkunst, entzücken
-sich über ihre medizinische Weisheit, schimpfen auf die allopathischen
-Ärzte und beginnen dann, wenn sie vor Erregung rot geworden ist, mit
-der Schilderung ihrer Nöte. Der eine bittet um ein Stück Ackerland,
-der andere um Brennholz, der dritte um Erlaubnis, in ihren Waldungen
-zu jagen usw. Sie schaut auf das breite, gutmütige Antlitz des P.
-Aristarch, der ihr die Wahrheit offenbart hat, und eine neue Wahrheit
-beginnt ihr am Herzen zu nagen. Es ist eine unangenehme, schwere
-Wahrheit.
-
-Listig ist der Mensch!
-
-
-
-
-Aus dem Tagebuch des zweiten Buchhalters
-
-
-1863, d. 11. Mai. Unser sechzigjähriger Buchhalter Glotkin hat
-anläßlich seines Hustens Milch mit Kognak getrunken und ist
-infolgedessen an Delirium tremens erkrankt. Die Ärzte behaupten mit der
-ihnen eigenen Sicherheit, daß er morgen sterben wird. Endlich werde ich
-erster Buchhalter werden! Diese Stelle ist mir schon längst versprochen.
-
-Der Sekretär Kleschtschow kommt vors Gericht, weil er einen Bittsteller
-verprügelt hat, der ihn einen Bürokraten nannte. Das scheint
-beschlossene Sache zu sein.
-
-Ich nahm eine Kräuterabkochung gegen Magenkatarrh ein.
-
-1865, d. 3. August. Der Buchhalter Glotkin ist wieder brustkrank. Er
-hustet und trinkt Milch mit Kognak. Wenn er stirbt, kriege ich seine
-Stelle. Ich hoffe darauf, aber meine Hoffnung ist schwach, denn das
-Delirium tremens scheint nicht immer tödlich zu sein!
-
-Kleschtschow hat einem Armenier einen Wechsel aus der Hand gerissen und
-vernichtet. Vielleicht kommt er deswegen vors Gericht.
-
-Eine Alte (Gurjewna) sagte mir gestern, ich hätte keinen Magenkatarrh,
-sondern versteckte Hämorrhoiden. Es ist sehr möglich!
-
-1867, d. 30. Juni. In Arabien herrscht, wie man berichtet, die Cholera.
-Vielleicht kommt sie auch nach Rußland, und dann wird es viel Vakanzen
-geben. Vielleicht wird der alte Glotkin sterben, und dann werde ich
-erster Buchhalter. Zäh ist der Mensch! So lange zu leben, ist, meiner
-Ansicht nach, sogar sträflich!
-
-Was soll ich noch gegen meinen Magenkatarrh einnehmen? Vielleicht
-Zitwersamen?
-
-[Illustration]
-
-1870, d. 2. Januar. Im Hofe bei Glotkin hat die ganze Nacht ein Hund
-geheult. Meine Köchin Pelageja sagt, dies sei ein sicheres Zeichen, und
-ich sprach mit ihr bis zwei Uhr nachts darüber, daß ich mir, wenn ich
-erster Buchhalter geworden bin, einen Waschbärpelz und einen Schlafrock
-anschaffen werde. Vielleicht werde ich auch heiraten. Natürlich kein
-Mädchen, denn das steht mir bei meinem Alter nicht an, sondern eine
-Witwe.
-
-Gestern wurde Kleschtschow aus dem Klub hinausgeworfen, weil er einen
-unanständigen Witz erzählt und sich über den Patriotismus des Mitglieds
-der Handelsdeputation Ponjuchow lustig gemacht hat. Der letztere will
-ihn, wie man sagt, verklagen.
-
-Ich will mit meinem Magenkatarrh zu Doktor Botkin gehen. Man sagt, er
-behandele seine Patienten mit Erfolg ...
-
-1878, d. 4. Juni. In Wetljanka herrscht, wie man schreibt, die Pest.
-Die Leute sterben wie die Fliegen. Glotkin trinkt aus diesem Grunde
-Pfefferschnaps. Aber einem solchen Greis wird der Pfefferschnaps kaum
-helfen. Wenn die Pest herkommt, werde ich sicher erster Buchhalter
-werden.
-
-1883, d. 4. Juni. Glotkin liegt im Sterben. Ich habe ihn besucht
-und ihn unter Tränen um Verzeihung gebeten, weil ich seinen Tod mit
-Ungeduld erwartet hatte. Er vergab es mir mit Tränen in den Augen und
-riet mir, gegen den Magenkatarrh Eichelkaffee zu trinken.
-
-Kleschtschow ist aber wieder beinahe vors Gericht gekommen: er hat
-ein entliehenes Klavier bei einem Juden versetzt. Trotzalledem hat er
-schon den Stanislausorden und den Rang eines Kollegienassessors. Es ist
-merkwürdig, was in dieser Welt nicht alles möglich ist!
-
-Ingwer 2 Solotnik, Galgant 1½ Solotnik, Königswasser 1 Solotnik,
-Drachenblut 5 Solotnik; mischen, mit einer Flasche Schnaps ansetzen und
-jeden Morgen ein Weinglas nüchtern gegen den Magenkatarrh einnehmen.
-
-1883, d. 7. Juni. Gestern wurde Glotkin beerdigt. Der Tod dieses
-Greises gereichte mir nicht zum Segen! Er erscheint mir jede Nacht
-in einem weißen Gewand und winkt mit dem Finger. Wehe, wehe mir
-Verruchtem: erster Buchhalter bin nicht ich, sondern Tschalikow. Die
-Stelle bekam nicht ich, sondern ein junger Mann, der von der Tante der
-Geheimrätin protegiert wird. Alle meine Hoffnungen sind dahin!
-
-1886, d. 10. Juni. Tschalikow ist seine Frau durchgebrannt. Der Ärmste
-ist außer sich. Vielleicht wird er vor Kummer Hand an sich legen. Wenn
-er es tut, bin ich erster Buchhalter. Man spricht schon darüber. Also
-ist die Hoffnung noch nicht verloren, man kann noch leben, vielleicht
-erlebe ich auch noch den Waschbärpelz.
-
-Was die Verheiratung betrifft, so bin ich nicht abgeneigt. Warum soll
-ich nicht heiraten, wenn sich eine gute Partie bietet, nur müßte ich
-mich mit jemand beraten; denn der Schritt ist ernst.
-
-Kleschtschow hat gestern mit dem Geheimrat Lirmans die Gummischuhe
-vertauscht. Ein Skandal!
-
-Der Portier Pajissij rät mir gegen den Magenkatarrh Sublimat
-einzunehmen. Ich will es versuchen.
-
-
-
-
-Ein böser Junge
-
-
-Iwan Iwanowitsch Lapkin, ein junger Mann von angenehmem Äußeren,
-und Anna Ssemjonowna Samblizkaja, ein junges Mädchen mit einer
-Stupsnase, gingen das steile Ufer hinunter und setzten sich auf die
-Bank. Die Bank stand am Wasser, im dichten jungen Weidengebüsch. Ein
-herrliches Plätzchen! Wenn man sich hersetzt, ist man von der ganzen
-Welt verborgen, nur die Fische und die Spinnen, die blitzschnell über
-das Wasser laufen, sehen einen. Die jungen Leute waren mit Angeln,
-Handnetzen, Regenwürmerbehältern und sonstigen Fischereigeräten
-ausgerüstet. Sie setzten sich und machten sich sofort an den Fischfang.
-
-»Ich bin so froh, daß wir endlich allein sind,« begann Lapkin, sich
-umsehend. »Ich habe Ihnen viel zu sagen, Anna Ssemjonowna ... Sehr viel
-... Als ich Sie zum ersten Male sah ... Eben beißt es bei Ihnen an ...
-Ich begriff damals, wozu ich lebe, ich begriff, wo das Idol ist, dem
-ich mein ehrliches Arbeitsleben weihen muß ... Ist wohl ein großer
-Fisch ... er beißt an ... Als ich Sie erblickte, lernte ich zum ersten
-Male die Liebe kennen, ich gewann Sie leidenschaftlich lieb! Ziehen Sie
-noch nicht ... lassen Sie ihn noch einmal anbeißen ... Sagen Sie mir,
-meine Teure, ich beschwöre Sie: darf ich auf Gegenliebe hoffen -- nein,
-nicht auf Gegenliebe, das verdiene ich gar nicht, ich wage daran nicht
-mal zu denken, -- sondern auf ... Ziehen Sie!«
-
-Anna Ssemjonowna hob die Hand mit der Angelrute, zog sie mit einem
-Ruck heraus und schrie auf. In der Luft blitzte ein silberig-grünes
-Fischchen.
-
-»Mein Gott, ein Barsch! Ach, ach ... Schneller! Er hat sich
-losgerissen!«
-
-Der Barsch riß sich vom Haken los, hüpfte über den Rasen zu seinem
-heimatlichen Element ... und patsch -- da war er schon im Wasser!
-
-Auf der Jagd nach dem Fisch ergriff Lapkin, statt des Fisches, aus
-Versehen die Hand Anna Ssemjonownas und drückte sie, gleichfalls aus
-Versehen, an seine Lippen ... Sie versuchte, die Hand zurückzuziehen,
-aber es war schon zu spät: ihre Lippen trafen sich aus Versehen in
-einem Kuß. Das kam irgendwie ganz von selbst. Auf den ersten Kuß folgte
-ein zweiter, dann kamen Liebesschwüre und Versicherungen ... Glückliche
-Augenblicke! In diesem Erdenleben gibt es übrigens kein absolutes
-Glück. Das Glück trägt gewöhnlich das Gift in sich selbst oder wird
-durch irgend etwas von außen vergiftet. So war es auch diesmal. Als die
-jungen Leute sich küßten, ertönte plötzlich ein Lachen. Sie blickten
-auf den Fluß und erstarrten: Im Flusse stand bis an die Hüften im
-Wasser ein nackter Junge. Es war der Gymnasiast Kolja, der Bruder Anna
-Ssemjonownas. Er stand im Wasser, sah die jungen Leute an und lächelte
-giftig.
-
-»Aha ... ihr küßt euch?« sagte er. »Schön! Ich will es der Mama sagen.«
-
-»Ich hoffe, daß Sie als anständiger Mensch ...« stammelte Lapkin
-errötend.
-
-»Spionieren ist gemein, denunzieren ist aber niederträchtig, häßlich
-und abscheulich ... Ich nehme an, daß Sie als edler und anständiger
-Mensch ...«
-
-»Geben Sie mir einen Rubel, dann sage ich es nicht!« antwortete der
-anständige Mensch. »Sonst sage ich es.«
-
-Lapkin holte aus der Tasche einen Rubel und gab ihn Kolja. Jener
-drückte den Rubel in der nassen Faust zusammen, stieß einen Pfiff aus
-und schwamm davon. Aber die jungen Leute küßten sich diesmal nicht mehr.
-
-Am anderen Tage brachte Lapkin Kolja aus der Stadt einen Tuschkasten
-und einen Ball, die Schwester schenkte ihm aber alle ihre leeren
-Pillenschachteln. Dann mußte man ihm auch noch die Manschettenknöpfe
-mit den Hundeköpfen schenken. Dem bösen Jungen gefiel es wohl sehr gut,
-und er fing an, um noch mehr zu kriegen, zu beobachten. Wohin sich
-auch Lapkin und Anna Ssemjonowna wandten, er folgte ihnen überall. Für
-keinen Augenblick ließ er sie allein.
-
-»Schuft«, sagte Lapkin zähneknirschend. »So klein und ein so großer
-Schuft! Was wird noch aus ihm werden?!«
-
-[Illustration]
-
-Kolja ließ den ganzen Juni den armen Verliebten keine Ruhe. Er drohte
-mit einer Anzeige, beobachtete sie und forderte Geschenke; alles war
-ihm zu wenig, und zuletzt brachte er die Rede auf eine Taschenuhr.
-Nun, man mußte ihm die Taschenuhr versprechen.
-
-Einmal beim Mittagessen, als eben Waffeln gereicht wurden, lachte er
-plötzlich auf, blinzelte mit einem Auge und fragte Lapkin:
-
-»Soll ich es sagen? Was?«
-
-Lapkin errötete furchtbar und begann statt an der Waffel an der
-Serviette zu kauen.
-
-Anna Ssemjonowna sprang auf und lief ins andere Zimmer.
-
-In dieser Lage blieben die jungen Leute bis Ende August, bis zu dem
-Tag, als Lapkin Anna Ssemjonowna endlich den Antrag machte. Was war
-das für ein glücklicher Tag! Nachdem er mit den Eltern der Braut alles
-besprochen und ihre Einwilligung erhalten hatte, lief Lapkin sofort
-in den Garten und begann Kolja zu suchen. Als er ihn fand, brach er
-vor Freude schier in Tränen aus und packte den bösen Jungen am Ohr.
-Auch Anna Ssemjonowna, die gleichfalls Kolja suchte, kam herbei und
-packte ihn am anderen Ohr. Man muß das Entzücken gesehen haben, das die
-Gesichter der Verliebten ausdrückten, als Kolja weinte und flehte:
-
-»Meine Lieben, meine Guten, ich tue es nicht mehr! Au, au, verzeiht
-mir!«
-
-Die beiden gestanden später, daß sie, solange sie heimlich verliebt
-gewesen waren, kein einziges Mal solches Glück, solche atembeklemmende
-Seligkeit empfunden hätten, wie in den Augenblicken, als sie den bösen
-Jungen an den Ohren rissen.
-
-
-
-
-Es war sie!
-
-
-»Erzählen Sie uns etwas, Pjotr Iwanowitsch!« sagten die jungen Mädchen.
-
-Der Oberst drehte seinen ergrauten Schnurrbart, räusperte sich und
-begann:
-
-»Es war im Jahre 1843, als unser Regiment bei Czenstochowa lag. Ich
-muß Ihnen sagen, meine Damen, der Winter war in jenem Jahre so streng,
-daß kein Tag verging, wo sich die Wachtposten nicht die Nasen abfroren
-oder der Sturm die Straßen nicht mit Schnee verschüttete. Der Frost
-hatte Ende Oktober eingesetzt und hielt bis zum April an. Damals,
-müssen Sie wissen, war ich nicht der alte verrauchte Pfeifenkopf
-wie jetzt, sondern ein junger Bursche wie Blut und Milch, mit einem
-Worte, ein schöner Mann. Ich zierte mich wie ein Pfau, gab das Geld
-mit beiden Händen aus und drehte meinen Schnurrbart wie kein anderer
-Fähnrich auf der Welt. Ich brauchte oft nur mit einem Auge zu blinzeln,
-mit der Spore zu klirren und einmal den Schnurrbart zu streichen,
-damit die stolzeste Schöne sich sofort in ein sanftes Lamm verwandle.
-Ich war scharf auf die Weiber, wie eine Spinne auf die Fliegen, und
-wenn ich jetzt Ihnen, meine Damen, alle die Polinnen und Jüdinnen
-aufzählen wollte, die mir seinerzeit an den Hals flogen, so würden,
-ich versichere Sie, alle Zahlen der Mathematik nicht reichen ... Fügen
-Sie dem noch hinzu, daß ich Regimentsadjutant war, vorzüglich die
-Mazurka tanzte und mit einer allerliebsten Frau verheiratet war, Gott
-hab sie selig. Was ich für ein Taugenichts und ausgelassener Kerl war,
--- davon können Sie sich keinen Begriff machen! Wenn im Landkreise
-irgendeine tolle Liebesgeschichte passierte, wenn jemand einem Juden
-die Schläfenlocken ausriß oder einem polnischen Edelmann in die Fresse
-haute, so wußten alle sofort, daß Leutnant Wywertow es angestellt
-hatte.
-
-»Als Regimentsadjutant mußte ich mich viel im ganzen Landkreise
-herumtreiben. Bald kaufte ich Hafer oder Heu ein, bald verkaufte ich
-den Juden und Gutsbesitzern unsere ausgemusterten Pferde, meistens
-aber fuhr ich, meine Damen, eine Dienstreise vortäuschend, zu einem
-Stelldichein mit irgendeinem polnischen Edelfräulein oder zu einem
-reichen Gutsbesitzer, bei dem man Karten spielte ... In der Nacht
-vor Weihnachten fuhr ich einmal, ich erinnere mich, als wäre es eben
-gewesen, aus Czenstochowa ins Dorf Schewelki, wohin man mich in einer
-dienstlichen Angelegenheit geschickt hatte ... Der Frost war so
-grimmig, daß sogar die Pferde husteten und ich und mein Fuhrmann in
-einer halben Stunde zu zwei Eiszapfen geworden waren ... Mit dem Frost
-konnte man sich noch befreunden, aber denken Sie sich nur, auf dem
-halben Wege erhebt sich plötzlich ein Schneesturm. Der Schnee wirbelte
-und kreiste wie der Teufel vor der Ostermesse, der Wind heulte, als
-hätte man ihm seine Frau genommen, die Straße war verschwunden ... In
-kaum zehn Minuten waren wir alle -- ich, der Fuhrmann und die Pferde --
-über und über mit Schnee bedeckt.
-
-›Euer Wohlgeboren, wir haben den Weg verloren!‹ sagte der Fuhrmann.
-
-›Hol dich der Teufel! Wie hast du aufgepaßt, du Tölpel? Nun, fahre
-jetzt geradeaus, vielleicht stoßen wir auf eine Menschenwohnung!‹
-
-»Wir fuhren und fuhren, immer im Kreise herum, und so gegen Mitternacht
-stießen unsere Pferde an das Tor eines Gutshofes, der, ich erinnere
-mich noch, einem Grafen Bojadlowski, einem reichen Polen gehörte. Die
-Polen und die Juden sind für mich dasselbe wie Meerrettich nach dem
-Essen, aber ich muß die Wahrheit sagen: die polnischen Edelleute sind
-gastfreundlich, und es gibt keine heißeren Weiber als junge Polinnen ...
-
-»Man ließ uns ein ... Der Graf Bojadlowski lebte damals in Paris, und
-uns empfing sein Verwalter, der Pole Kasimir Chapzinski. Ich erinnere
-mich, es war keine Stunde vergangen, als ich schon in der Wohnung des
-Verwalters saß, seiner Frau den Hof machte, trank und Karten spielte.
-Als ich fünf Dukaten gewonnen und genug getrunken hatte, bat ich um ein
-Nachtlager. Da es im Verwalterflügel keinen Platz gab, wies man mir ein
-Zimmer im gräflichen Herrenhause an.
-
-›Fürchten Sie Gespenster?‹ fragte mich der Verwalter, mich in ein
-kleines Zimmer geleitend, das neben einem riesengroßen Saal voller
-Kälte und Finsternis lag.
-
-›Gibt es denn hier Gespenster?‹ fragte ich, während ein dumpfes Echo
-meine Worte und Schritte wiederholte.
-
-›Ich weiß es nicht,‹ antwortete der Pole lachend, ›aber mir scheint,
-daß es ein für Gespenster und unsaubere Geister außerordentlich
-geeigneter Ort ist.‹
-
-»Ich hatte ordentlich getrunken und war besoffen wie vierzigtausend
-Schuster, aber diese Worte machten mich, offen gestanden, erschauern.
-Hol mich der Teufel, lieber sind mir hundert Tscherkessen als ein
-einziges Gespenst! Es war aber nichts zu machen, ich zog mich aus und
-legte mich hin ... Meine Kerze erleuchtete die Wände mit schwachem
-Lichte, an den Wänden hingen aber, stellen Sie es sich nur vor,
-Ahnenbilder, eines schrecklicher als das andere, altertümliche Waffen,
-Jagdhörner und ähnliche phantastische Dinge ... Es herrschte eine
-Grabesstille, nur im Nebensaale piepsten die Mäuse und knisterten die
-trockenen Möbel. Draußen war aber die Hölle los ... Der Wind sang
-jemand die Totenmesse, die Bäume bogen sich heulend und weinend;
-irgendein Teufelsding, wahrscheinlich ein Laden, quietschte jämmerlich
-und klopfte gegen den Fensterrahmen. Denken Sie sich hinzu, daß mir
-der Kopf schwindelte und sich zugleich mit meinem Kopf die ganze Welt
-drehte ... Wenn ich die Augen schloß, war es mir, als flöge mein Bett
-durch das ganze leere Haus und tanze mit den Gespenstern einen Reigen.
-Um meine Angst zu vermindern, blies ich vor allen Dingen die Kerze aus,
-da die leeren Zimmer bei Licht viel schrecklicher erscheinen als im
-Finsteren ...«
-
-Die drei jungen Mädchen, die dem Oberst zuhörten, rückten zu ihm näher
-heran und bohrten in ihn ihre unbeweglichen Blicke.
-
-[Illustration]
-
-»Nun«, fuhr der Oberst fort, »wie sehr ich mich auch bemühte,
-einzuschlafen, der Schlaf floh meine Lider. Bald schien es mir, daß
-Diebe durchs Fenster eindringen, bald hörte ich ein Flüstern, bald
-berührte jemand meine Schulter, -- kurz, mir schwebte der ganze
-Teufelsspuk vor, den jedermann kennt, der einmal nervös erregt war. Nun
-stellen Sie sich vor, daß ich plötzlich mitten in diesem Teufelsspuk
-und Chaos von Tönen deutlich ein Geräusch erkenne, das wie Schlürfen
-von Pantoffeln klingt. Ich spitze die Ohren und, -- was glauben Sie
-wohl? -- ich höre, wie jemand vor meine Türe tritt, hustet, die Türe
-aufmacht ...
-
-›Wer ist da?‹ frage ich, mich aufrichtend.
-
-›Ich bin es ... fürchte dich nicht!‹ antwortet eine weibliche Stimme.
-
-»Ich ging zur Tür ... Es vergingen einige Sekunden, und plötzlich
-fühlte ich, wie sich mir zwei Frauenarme, so weich wie Eiderdaunen, auf
-die Schultern legten.
-
-›Ich liebe dich ... Du bist mir teurer als das Leben,‹ sagte eine
-melodische Frauenstimme.
-
-»Heißer Atem berührte meine Wange ... Ich vergaß den Schneesturm, die
-Gespenster und alles in der Welt und umschlang mit meiner Hand eine
-Taille ... was für eine Taille! Eine solche Taille kann die Natur nur
-auf besondere Bestellung, einmal in zehn Jahren anfertigen ... Schlank,
-wie gedrechselt, heiß und leicht wie der Atem eines Säuglings! Ich
-konnte mich nicht beherrschen und drückte sie fest in meinen Armen
-zusammen ... Unsere Lippen vereinigten sich in einem festen, langen
-Kusse, und ... ich schwöre Ihnen bei allen Frauen der Welt, ich werde
-jenen Kuß bis an mein Ende nicht vergessen.«
-
-Der Oberst verstummte, trank ein halbes Glas Wasser aus und fuhr mit
-gedämpfter Stimme fort:
-
-»Als ich am nächsten Morgen zum Fenster hinausblickte, sah ich,
-daß der Schneesturm noch stärker geworden war ... Weiterfahren war
-ganz unmöglich. So mußte ich den ganzen Tag beim Verwalter sitzen,
-Karten spielen und trinken. Abends war ich wieder im leeren Hause und
-umschlang Schlag Mitternacht wieder die mir bekannte Taille ... Ja,
-meine Damen, wenn nicht die Liebe, so wäre ich wohl vor Langeweile
-verreckt. Oder hätte mich zu Tode gesoffen.«
-
-Der Oberst seufzte, stand auf und ging schweigend durchs Zimmer.
-
-»Nun ... und weiter?« fragte eines der jungen Mädchen, ganz atemlos vor
-Erwartung.
-
-»Gar nichts. Am anderen Tage war ich schon unterwegs.«
-
-»Aber ... wer war denn die Dame?« fragten die jungen Mädchen zögernd.
-
-»Es versteht sich doch von selbst, wer es war!«
-
-»Nein, nichts versteht sich von selbst!«
-
-»Es war meine Frau!«
-
-Alle drei junge Mädchen sprangen wie von einer Schlange gebissen auf.
-
-»Das heißt ... wieso denn?« fragten sie.
-
-»Ach, mein Gott, was ist denn daran so unverständlich?« fragte der
-Oberst ärgerlich und zuckte die Achseln. »Ich glaube, ich habe mich
-klar genug ausgedrückt! Ich war doch mit meiner Frau nach Schewelki
-gefahren ... Sie übernachtete im leeren Hause im Nebenzimmer ... Es ist
-doch vollkommen klar!«
-
-»Hm ...« versetzten die jungen Mädchen und ließen enttäuscht die Arme
-sinken.
-
-»Die Geschichte hat so schön angefangen, aber das Ende ist Gott
-weiß wie ... Ihre Frau ... Entschuldigen Sie, es ist so gar nicht
-interessant und ... auch gar nicht geistreich.«
-
-»Sonderbar! Sie wollen also, daß es nicht meine rechtmäßige Frau
-gewesen sei, sondern irgendeine Fremde! Ach, meine Damen! Wenn
-Sie jetzt so urteilen, was werden Sie erst sagen, wenn Sie einmal
-verheiratet sind?«
-
-Die jungen Mädchen wurden verlegen und verstummten. Sie machten
-unzufriedene Mienen, zogen die Stirnen kraus und fingen an, gänzlich
-enttäuscht, laut zu gähnen ... Beim Abendbrot aßen sie nichts, kneteten
-Kügelchen aus Brot und schwiegen.
-
-»Nein, es ist sogar ... gewissenslos!« platzte eine von ihnen heraus.
-»Was brauchten Sie es uns erzählen, wenn die Geschichte ein solches
-Ende hat? Es ist gar nicht schön ... Es ist sogar unerhört!«
-
-»Sie haben so vielversprechend angefangen und plötzlich abgebrochen
-...« fügte eine andere hinzu. »Es ist einfach Hohn und sonst nichts.«
-
-»Na, na, na ... ich habe nur gescherzt ...« versetzte der Oberst.
-»Seien Sie nicht böse, meine Damen, ich habe nur Spaß gemacht. Es war
-nicht meine Frau, sondern die des Verwalters ...«
-
-»Ja?!«
-
-Die jungen Mädchen wurden plötzlich lustig, ihre Augen fingen zu
-leuchten an ... Sie rückten zum Obersten heran, schenkten ihm immer
-neuen Wein ein und überschütteten ihn mit Fragen. Die Langweile war
-verschwunden, auch das Abendbrot war bald verschwunden, denn die jungen
-Mädchen aßen plötzlich mit großem Appetit.
-
-
-
-
-Ein jähzorniger Mensch
-
-
-Ich bin ein ernster Mensch, und mein Geist hat eine philosophische
-Richtung. Von Beruf bin ich Finanzwissenschaftler, ich studiere
-Finanzrecht und schreibe eine Dissertation über das Thema:
-»Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«. Man wird mir zugeben
-müssen, daß mich alle die jungen Mädchen, die Lieder, der Mond und
-sonstige Dummheiten absolut nichts angehen.
-
-Zehn Uhr früh. Meine Mama schenkt mir Kaffee ein. Ich trinke ihn aus
-und gehe auf den Balkon, um mich sofort an meine Dissertation zu
-machen. Ich nehme einen reinen Bogen, tauche die Feder ins Tintenfaß
-und male die Überschrift: »Vergangenheit und Zukunft der Hundesteuer«.
-Ich überlege eine Weile und schreibe: »Historischer Überblick. Aus
-einigen Andeutungen bei Herodot und Xenophon zu schließen, datieren die
-Anfänge der Hundesteuer ...«
-
-In diesem Augenblick höre ich aber höchst verdächtige Schritte. Ich
-schaue von meinem Balkon hinunter und erblicke ein junges Mädchen mit
-langem Gesicht und langer Taille. Sie heißt, glaube ich, Nadenjka oder
-Warenjka; übrigens ist es mir vollkommen gleich. Sie sucht etwas, tut
-so, als sähe sie mich nicht und summt vor sich hin:
-
-»Gedenkst du noch der Weise voller Sehnsucht ...«
-
-Ich lese das Geschriebene durch und will fortfahren, aber das junge
-Mädchen tut so, als hätte sie mich plötzlich bemerkt und spricht mit
-trauriger Stimme:
-
-»Guten Morgen, Nikolai Andrejewitsch! Denken Sie sich nur, dieses
-Unglück! Gestern beim Spazierengehen verlor ich ein Anhängsel von
-meinem Armband.«
-
-Ich lese den Anfang meiner Dissertation noch einmal durch, korrigiere
-die Öse beim Buchstaben »b« und will weiter schreiben, aber das junge
-Mädchen läßt nicht locker.
-
-»Nikolai Andrejewitsch,« sagt sie, »seien Sie so gut und begleiten Sie
-mich nach Hause. Die Karelins haben einen großen Hund, und ich kann
-mich nicht entschließen, allein vorbeizugehen.«
-
-Nichts zumachen. Ich lege die Feder weg und gehe hinunter. Nadenjka
-oder Warenjka nimmt mich unter den Arm, und wir schlagen den Weg zu
-ihrer Landwohnung ein.
-
-Wenn mich die Pflicht trifft, mit einer Dame oder mit einem Mädchen
-Arm in Arm zu gehen, so fühle ich mich aus irgendeinem Grunde immer
-wie ein Haken, an den man einen schweren Pelz gehängt hat; Nadenjka
-oder Warenjka ist aber, unter uns gesagt, leidenschaftlicher Natur (ihr
-Großvater war Armenier), sie hat die Fähigkeit, sich mit der ganzen
-Schwere ihres Körpers an meinen Arm zu hängen und schmiegt sich an
-meine Seite wie ein Blutegel. So gehen wir ...
-
-Wie wir am Landhause der Karelins vorbeikommen, sehe ich einen großen
-Hund, und dieser ruft mir die Hundesteuer in Erinnerung. Ich denke mit
-Sehnsucht an die angefangene Arbeit und seufze.
-
-»Warum seufzen Sie?« fragt mich Nadenjka oder Warenjka und stößt auch
-selbst einen Seufzer aus.
-
-Hier muß ich etwas einschalten. Nadenjka oder Warenjka (jetzt besinne
-ich mich, daß sie Maschenjka heißt) hat sich aus irgendeinem Grunde
-eingebildet, daß ich in sie verliebt sei, und hält es daher für eine
-Pflicht der Menschenliebe, mich immer mitleidsvoll anzublicken und
-meine Herzenswunde durch Worte zu heilen.
-
-»Hören Sie einmal,« sagt sie stehenbleibend, »ich weiß, warum Sie
-seufzen. Sie sind verliebt, ja! Aber ich bitte Sie bei unserer
-Freundschaft, versichert zu sein, daß das Mädchen, das Sie lieben, Sie
-tief achtet! Sie kann Ihnen Ihre Liebe nicht mit dem gleichen Gefühl
-beantworten, aber ist es denn ihre Schuld, daß ihr Herz schon längst
-einem anderen gehört?«
-
-[Illustration]
-
-Maschenjkas Nase wird rot und schwillt an, ihre Augen füllen sich mit
-Tränen; sie scheint auf meine Antwort zu warten, aber zum Glück sind
-wir schon am Ziel ... Auf der Veranda sitzt Maschenjkas Mama, eine gute
-Frau, doch voller Vorurteile; als sie das erregte Gesicht ihrer Tochter
-sieht, heftet sie einen langen Blick auf mich und seufzt, als wollte
-sie sagen: »Ach, diese Jugend versteht sich nicht mal zu verstellen!«
-Außer ihr sitzen auf der Veranda mehrere junge bunte Mädchen und unter
-ihnen mein Sommernachbar, der verabschiedete Offizier, der im letzten
-Kriege an der linken Schläfe und an der rechten Hüfte verwundet worden
-ist. Dieser Unglückliche will gleich mir den Sommer einer literarischen
-Arbeit weihen. Er schreibt an den »Memoiren eines Militärs«. Gleich mir
-macht er sich jeden Morgen an seine jede Achtung verdienende Arbeit,
-aber kaum hat er die Worte geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre ...«,
-als unter seinem Balkon irgendeine Warenjka oder Maschenjka erscheint
-und den armen Kerl mit Beschlag belegt.
-
-Alle, die auf der Veranda sitzen, sind mit dem Putzen irgendwelcher
-dummer, zum Einkochen bestimmter Beeren beschäftigt. Ich grüße und will
-mich entfernen, aber die bunten jungen Mädchen nehmen mir quietschend
-meinen Hut und Stock weg und verlangen, daß ich bleibe. Ich setze mich.
-Man gibt mir einen Teller mit Beeren und eine Haarnadel. Ich beginne zu
-putzen.
-
-Die bunten jungen Mädchen sprechen über die Männer. Der eine sei nett,
-der andere hübsch, aber unsympathisch, der dritte häßlich, der vierte
-wäre nicht übel, wenn seine Nase nicht einem Fingerhut gliche usw.
-
-»Und Sie, Monsieur Nicolas,« wendet sich an mich Maschenjkas Mama,
-»sind nicht hübsch, aber sympathisch ... In Ihrem Gesicht ist etwas
-... Übrigens,« seufzt sie, »ist die Hauptsache am Manne nicht die
-Schönheit, sondern der Geist.«
-
-Die jungen Mädchen seufzen und schlagen die Augen nieder. Auch sie sind
-damit einverstanden, daß die Hauptsache am Manne nicht die Schönheit,
-sondern der Geist sei. Ich schiele nach dem Spiegel, um mich zu
-überzeugen, inwiefern ich sympathisch bin. Ich sehe einen zerzausten
-Kopf, einen zerzausten Bart und Schnurrbart, Augenbrauen, Haare an den
-Wangen, Haare unter den Augen, ein ganzer Wald, aus dem wie ein Turm
-meine solide Nase ragt. Hübsch, das muß man sagen!
-
-»Dafür schlagen Sie die anderen mit dem Seelischen, Nicolas,« seufzt
-Maschenjkas Mama, als bekräftige sie einen heimlichen Gedanken.
-
-Maschenjka leidet mit mir mit, zugleich scheint ihr aber das
-Bewußtsein, daß ihr gegenüber ein in sie verliebter Mensch sitzt, einen
-großen Genuß zu verschaffen.
-
-Als die Männer erledigt sind, beginnen die jungen Mädchen über die
-Liebe zu sprechen. Nachdem dieses Gespräch eine Weile gedauert hat,
-steht eines der jungen Mädchen auf und geht. Die Zurückgebliebenen
-beginnen sie sofort durchzuhecheln. Alle finden, sie sei dumm,
-unerträglich und abstoßend häßlich und eines ihrer Schulterblätter
-sitze nicht an der richtigen Stelle.
-
-Da kommt aber, Gott sei Dank, das von meiner Mama geschickte
-Dienstmädchen und ruft mich zum Essen. Nun darf ich die unangenehme
-Gesellschaft verlassen und heimgehen, um meine Dissertation weiter zu
-schreiben. Ich stehe auf und mache eine Verbeugung. Maschenjkas Mama,
-Maschenjka selbst und alle die bunten jungen Mädchen umringen mich und
-erklären, daß ich kein Recht habe, heimzugehen, da ich ihnen gestern
-mein Ehrenwort gegeben hätte, mit ihnen zu Mittag zu essen und nach dem
-Essen in den Wald auf die Pilzsuche zu gehen. Ich verbeuge mich und
-setze mich wieder ... In meiner Seele kocht der Haß, und ich fühle, daß
-ich bald für mich nicht mehr einstehen können werde, daß es gleich zu
-einer Explosion kommen müsse, aber meine Höflichkeit und die Angst, den
-guten Ton zu verletzen, zwingen mich, mich den Damen zu fügen. Und ich
-füge mich.
-
-Wir setzen uns an den Tisch. Der verwundete Offizier, der infolge der
-Verwundung an der Schläfe eine Kontraktion der Kiefern hat, ißt mit
-einer Miene, als wäre er aufgezäumt und hätte eine Kandare im Munde.
-Ich knete Kügelchen aus Brot, denke an die Hundesteuer und bemühe mich,
-da ich meinen jähzornigen Charakter kenne, zu schweigen. Maschenjka
-blickt mich voller Mitleid an. Es gibt eine kalte Sauerampfersuppe,
-Zunge mit jungen Erbsen, Brathuhn und Kompott. Ich habe keinen Appetit,
-esse aber aus Höflichkeit. Wie ich nach dem Essen allein auf der
-Veranda stehe und rauche, kommt auf mich Maschenjkas Mama zu, drückt
-mir die Hände und spricht um Atem ringend:
-
-»Verzweifeln Sie aber nicht, Nicolas ... Sie hat ein so empfindsames
-Herz ... ein solches Herz!«
-
-Wir gehen in den Wald auf die Pilzsuche ... Maschenjka hängt an meinem
-Arm und saugt sich an meiner Seite fest. Ich leide unmenschlich, dulde
-es aber.
-
-Wir kommen in den Wald.
-
-»Hören Sie einmal, Monsieur Nicolas,« beginnt Maschenjka seufzend:
-»Warum sind Sie so traurig? Warum schweigen Sie?«
-
-Ein sonderbares Mädchen: worüber könnte ich denn mit ihr sprechen? Was
-haben wir gemein?
-
-»Sagen Sie doch etwas ...« bittet sie.
-
-Ich bemühe mich, etwas Populäres auszudenken, was ihren Begriffen
-zugänglich wäre. Nachdem ich eine Weile nachgedacht habe, sage ich:
-
-»Die Ausrottung der Wälder fügt Rußland einen großen Schaden zu ...«
-
-»Nicolas!« seufzt Maschenjka, und ihre Nase wird rot. »Nicolas, ich
-sehe, Sie weichen einer offenen Aussprache aus ... Sie wollen mich
-wohl durch Ihr Schweigen strafen ... Ihr Gefühl bleibt unerwidert, und
-Sie wollen den Schmerz stumm, in der Einsamkeit tragen ... das ist
-schrecklich. Nicolas!« ruft sie aus und packt mich plötzlich bei der
-Hand, und ich sehe, wie ihre Nase zu schwellen beginnt. »Was würden Sie
-sagen, wenn das Mädchen, das Sie lieben, Ihnen die ewige Freundschaft
-anbieten würde?«
-
-Ich murmele etwas Zusammenhangloses, denn ich weiß absolut nicht, was
-ich ihr sagen könnte ... Erlauben Sie doch: erstens liebe ich kein
-Mädchen in der Welt, zweitens, was brauche ich die ewige Freundschaft?
-Drittens bin ich sehr jähzornig. Maschenjka oder Warenjka bedeckt das
-Gesicht mit den Händen und sagt leise, wie zu sich selbst:
-
-»Er schweigt ... Offenbar verlangt er ein Opfer von mir. Aber ich kann
-ihn doch nicht lieben, wenn ich immer noch den anderen liebe! Übrigens
-... ich will es mir überlegen ... Gut, ich werde es mir überlegen ...
-Ich werde alle Kräfte meiner Seele sammeln und vielleicht um den Preis
-meines Glückes diesen Menschen von seinen Leiden erlösen!«
-
-Ich verstehe nichts. Es ist eine Art Kabbala für mich. Wir gehen weiter
-und sammeln Pilze. Wir schweigen die ganze Zeit. Maschenjkas Gesicht
-drückt einen inneren Kampf aus. Ich höre Hundegebell: das bringt mir
-meine Dissertation in Erinnerung, und ich seufze laut auf. Zwischen den
-Baumstämmen erblicke ich den verwundeten Offizier. Der Ärmste hinkt
-schmerzvoll rechts und links: rechts hat er seine verwundete Hüfte,
-links hängt eines der bunten jungen Mädchen. Sein Gesicht drückt Demut
-vor dem Schicksal aus.
-
-Aus dem Walde kehren wir ins Haus zurück und trinken Tee. Dann spielen
-wir Krocket und hören zu, wie eines der bunten jungen Mädchen das Lied
-singt: »Nein, du liebst mich nicht, nein, nein!« Beim Worte »nein«
-verzieht sie den Mund bis zu den Ohren.
-
-»Charmant!« stöhnen die übrigen Mädchen. »Charmant!«
-
-Der Abend bricht an. Hinter dem Gebüsch kommt ein ekelhafter Mond
-zum Vorschein. Die Luft ist still, und es riecht unangenehm nach
-frischgemähtem Heu. Ich nehme meinen Hut und will gehen.
-
-»Ich muß Ihnen etwas sagen,« flüstert mir Maschenjka bedeutungsvoll zu.
-»Gehen Sie nicht.«
-
-Mir schwant etwas übles. Aber aus Höflichkeit bleibe ich doch.
-Maschenjka ergreift meinen Arm und führt mich die Allee entlang.
-Jetzt drückt schon ihre ganze Figur einen Kampf aus. Sie ist blaß,
-atmet schwer und scheint die Absicht zu haben, mir meinen rechten Arm
-abzureißen. Was hat sie bloß?
-
-»Hören Sie ...« murmelt sie. »Nein, ich kann nicht ... Nein ...«
-
-Sie will etwas sagen, kann sich aber nicht entschließen. Da sehe ich
-es aber ihrem Gesicht an, daß sie sich doch entschlossen hat. Mit
-funkelnden Augen und geschwollener Nase ergreift sie plötzlich meine
-Hand und sagt schnell:
-
-»Nicolas, ich bin die Ihre! Lieben kann ich Sie nicht, aber ich
-verspreche Ihnen Treue!«
-
-Dann schmiegt sie sich an meine Brust und prallt plötzlich zurück.
-
-»Da kommt wer ...« flüstert sie. »Leb wohl ... Morgen um elf werde ich
-im Gartenhäuschen sein ... Leb wohl!«
-
-Und sie verschwindet. Ohne etwas zu verstehen, klopfenden Herzens
-gehe ich heim. Mich erwartet die »Vergangenheit und Zukunft der
-Hundesteuer«, aber ich bin nicht mehr imstande zu arbeiten. Ich rase.
-Man darf wohl sagen, ich bin erschreckend. Hol der Teufel, ich werde
-es nicht dulden, daß man mich wie einen grünen Jungen behandelt! Ich
-bin jähzornig, und es ist gefährlich, mit mir zu spaßen! Als das
-Dienstmädchen hereinkommt, um mich zum Abendbrot zu rufen, schreie ich
-sie an: »Hinaus!« Mein jähzorniger Charakter verspricht wenig Gutes.
-
-Der nächste Morgen. Es ist ein echtes Sommerfrischenwetter, d. h.
-Temperatur unter Null, durchdringender kalter Wind, Regen, Schmutz
-und Naphthalingeruch, da meine Mama ihre warmen Mäntel aus dem Korb
-geholt hat. Ein teuflischer Morgen. Es ist der 7. August 1887, als die
-berühmte Sonnenfinsternis stattfand. Ich muß bemerken, daß bei einer
-Sonnenfinsternis ein jeder von uns, auch ohne Astronom zu sein, großen
-Nutzen bringen kann. So kann ein jeder: 1) den Durchmesser der Sonne
-und des Mondes bestimmen, 2) die Korona skizzieren, 3) die Temperatur
-messen, 4) während der Verfinsterung die Tiere und die Pflanzen
-beobachten, 5) seine eigenen Empfindungen aufschreiben u. s. w. Das
-alles ist so wichtig, daß ich mich entschloß, die »Vergangenheit und
-Zukunft der Hundesteuer« beiseite zu lassen und die Sonnenfinsternis
-zu beobachten. Wir alle standen sehr früh auf. Die ganze bevorstehende
-Arbeit verteilte ich auf folgende Weise: ich bestimme den Durchmesser
-der Sonne und des Mondes, der verwundete Offizier zeichnet die Korona,
-alles übrige übernehmen aber Maschenjka und die bunten jungen Mädchen.
-Nun sind wir alle versammelt und warten.
-
-»Wieso entsteht eine Sonnenfinsternis?« fragt mich Maschenjka.
-
-Ich antworte:
-
-»Eine Sonnenfinsternis kommt zustande, wenn der Mond, die Ebene
-der Ekliptik durchlaufend, auf die Linie zu stehen kommt, die die
-Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet.«
-
-»Was ist die Ekliptik?«
-
-Ich erkläre es ihr. Maschenjka hört mir aufmerksam zu und fragt:
-
-»Kann man durch ein angerußtes Glas die Linie sehen, die die
-Mittelpunkte der Sonne und des Mondes verbindet?«
-
-Ich antworte ihr, daß es eine gedachte Linie ist.
-
-»Wenn sie nur gedacht ist,« wundert sich Maschenjka, »wie kann dann der
-Mond auf ihr Platz finden?«
-
-Ich gebe ihr keine Antwort. Ich fühle, wie diese naive Frage meine
-Leber schwellen macht.
-
-»Es ist lauter Unsinn,« sagt Maschenjkas Mama. »Man kann doch nicht
-wissen, was kommen wird, auch sind Sie noch nie im Himmel gewesen;
-woher wollen Sie dann wissen, was mit dem Monde und der Sonne geschehen
-wird? Hirngespinste!«
-
-Da rückt aber ein schwarzer Fleck über die Sonne. Allgemeiner Aufruhr.
-Kühe, Schafe und Pferde rasten mit erhobenen Schwänzen, vor Angst
-brüllend, über das Feld. Die Hunde heulten. Die Wanzen bildeten
-sich ein, daß die Nacht angebrochen sei: sie kamen aus ihren Ritzen
-gekrochen und fingen an, die noch Schlafenden zu beißen. Der Diakon,
-der gerade mit einer Ladung Gurken heimfuhr, erschrak, sprang aus dem
-Wagen und verkroch sich unter die Brücke, sein Pferd fuhr aber mit dem
-Wagen in einen fremden Hof, wo die Gurken von den Schweinen gefressen
-wurden. Ein Akzisebeamter, der nicht bei sich zu Hause, sondern bei
-einer Sommerfrischlerin übernachtete, sprang in Unterwäsche aus dem
-Hause, lief in die Menge und schrie mit wilder Stimme:
-
-»Rette sich, wer kann!«
-
-Viele Sommerfrischlerinnen, selbst junge und hübsche, stürzten, vom
-Lärm geweckt, ohne Schuhe auf die Straße. Es passierte noch manches
-andere, was ich gar nicht wiedergeben kann.
-
-»Ach, wie schrecklich!« kreischen die bunten jungen Mädchen. »Ach, wie
-schrecklich!«
-
-»Meine Damen, beobachten Sie doch!« rufe ich ihnen zu, »die Zeit ist
-kostbar!«
-
-Ich selbst beeile mich, die Durchmesser festzustellen ... Ich besinne
-mich auf die Korona und suche mit den Blicken den verwundeten Offizier.
-Er steht da und tut nichts.
-
-»Was haben Sie?« schreie ich. »Was ist denn mit der Korona?«
-
-Er zuckt die Achseln und weist mit den Blicken hilflos auf seine
-Arme. Der Ärmste hat an beiden Armen je ein junges Mädchen hängen;
-sie schmiegen sich an ihn voller Angst und lassen ihn nicht arbeiten.
-Ich nehme einen Bleistift und notiere die Stunde mit den Sekunden.
-Das ist wichtig. Ich notiere auch die geographische Lage des
-Beobachtungspunktes. Auch das ist wichtig. Nun will ich den Durchmesser
-bestimmen, da ergreift aber Maschenjka meine Hand und sagt:
-
-»Vergessen Sie also nicht: heute um elf!«
-
-Ich befreie meine Hand und will, jede Sekunde ausnützend, meine
-Beobachtungen fortsetzen, aber Maschenjka hängt sich mir krampfhaft an
-den Arm und schmiegt sich an meine Seite. Der Bleistift, die Gläser,
-die Zeichnungen, -- alles fällt ins Gras. Teufel nocheinmal! Dieses
-Mädchen könnte doch wirklich endlich begreifen, daß ich jähzornig bin
-und, wenn ich einmal rasend geworden, für mich nicht einstehe.
-
-Ich will fortfahren, die Sonnenfinsternis ist aber schon zu Ende!
-
-»Schauen Sie mich doch an!« flüstert sie zärtlich.
-
-Oh, das ist schon der Gipfel der Verhöhnung! Man wird doch zugeben, daß
-ein solches Spiel mit der menschlichen Geduld nur ein übles Ende nehmen
-kann. Man mache mir keine Vorwürfe, wenn etwas Schreckliches geschieht!
-Ich werde es niemand gestatten, mich zu verhöhnen, Teufel nocheinmal,
-und wenn ich rasend bin, möchte ich niemand raten, mir nahe zu kommen!
-Ich bin zu allem fähig!
-
-Eines der jungen Mädchen sieht es wohl meinem Gesicht an, daß ich
-rasend bin und sagt, offenbar mit der Absicht, mich zu besänftigen:
-
-»Nikolai Andrejewitsch, ich habe Ihren Auftrag ausgeführt. Ich habe die
-Säugetiere beobachtet. Ich sah, wie vor der Sonnenfinsternis ein grauer
-Hund einer Katze nachlief und hinterher lange mit dem Schweif wedelte.«
-
-So ist aus der Sonnenfinsternis nichts geworden. Ich begebe mich
-nach Hause. Da es regnet, gehe ich nicht auf den Balkon arbeiten.
-Der verwundete Offizier hat sich aber auf seinem Balkon hinausgewagt
-und sogar geschrieben: »Ich bin geboren im Jahre ...«; nun sehe
-ich aus meinem Fenster, wie eines der jungen Mädchen ihn zu sich
-in die Landwohnung schleppt. Ich kann nicht arbeiten, denn ich bin
-noch immer rasend und habe Herzklopfen. Ins Gartenhäuschen gehe ich
-nicht. Es ist zwar unhöflich, aber ich kann doch nicht bei Regen
-hingehen! Um die Mittagstunde bekomme ich einen Brief von Maschenjka;
-er enthält Vorwürfe, die Bitte, ins Gartenhäuschen zu kommen und ist
-per »du« geschrieben. Um eins bekomme ich einen zweiten Brief, um
-zwei einen dritten ... Ich muß gehen. Bevor ich hingehe, muß ich mir
-aber überlegen, worüber ich mit ihr sprechen werde. Ich will wie ein
-anständiger Mensch handeln. Erstens werde ich ihr sagen, sie habe gar
-keinen Grund sich einzubilden, daß ich sie liebe. Solche Sachen sagt
-man übrigens einer Dame nicht. Einer Dame zu sagen: »Ich liebe Sie
-nicht,« ist dasselbe, wie einem Schriftsteller zu sagen: »Sie verstehen
-nicht zu schreiben.« Ich will Maschenjka lieber meine Ansichten
-über die Ehe darlegen. Ich ziehe einen warmen Mantel an, nehme den
-Regenschirm und gehe ins Gartenhäuschen. Da ich mein jähzorniges Wesen
-kenne, fürchte ich, zu viel zu sagen. Ich werde mir Mühe geben, mich zu
-beherrschen.
-
-Im Gartenhäuschen werde ich erwartet. Maschenjka ist blaß und hat
-verweinte Augen. Als sie mich erblickt, schreit sie freudig auf, fällt
-mir um den Hals und sagt:
-
-»Endlich! Du spielst mit meiner Geduld. Hör, ich habe die ganze Nacht
-nicht geschlafen ... Habe immer überlegt. Mir scheint, daß ich dich,
-wenn ich dich näher kennen lerne, ... lieb gewinnen werde ...«
-
-Ich setze mich hin und beginne ihr meine Ansichten über die Ehe
-darzulegen. Um nicht zu weit zu gehen und mich kürzer zu fassen,
-beginne ich mit einem historischen Überblick. Ich spreche von der
-Ehe bei den Indern und den Ägyptern und komme dann auf die späteren
-Perioden zu sprechen; bringe auch einige Gedanken Schopenhauers.
-Maschenjka hört mir aufmerksam zu, hält es aber plötzlich, gegen jede
-Logik verstoßend, für nötig, mich zu unterbrechen.
-
-»Nicolas, küsse mich!« sagt sie mir.
-
-Ich bin verdutzt und weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Sie wiederholt
-ihre Aufforderung. Nichts zu machen, ich stehe auf und drücke meine
-Lippen auf ihr langes Gesicht, wobei ich dasselbe empfinde, was ich
-als Kind empfunden habe, als ich bei der Totenmesse meine verstorbene
-Großmutter küssen mußte. Aber Maschenjka begnügt sich nicht mit dem
-Kuß, sondern steht auf und umarmt mich sehr leidenschaftlich. In
-diesem Augenblick erscheint in der Tür des Gartenhäuschens Maschenjkas
-Mama. Sie macht ein erschrockenes Gesicht, sagt zu jemand: »Pst!« und
-verschwindet wie Mephistopheles in der Versenkung.
-
-Ratlos und rasend gehe ich heim. Zu Hause treffe ich Maschenjkas Mama,
-die mit Tränen in den Augen meine Mama umarmt, während meine Mama
-weinend sagt:
-
-»Ich habe es selbst gewünscht!«
-
-Dann -- wie gefällt Ihnen das? -- dann geht Maschenjkas Mama auf mich
-zu, umarmt mich und sagt:
-
-»Gott wird euch segnen! Pass auf, hab sie lieb ... Vergiß nicht, daß
-sie sich dir zum Opfer bringt ...«
-
-Nun werde ich verheiratet. Während ich dies schreibe, stehen vor mir
-die Trauzeugen und treiben mich zur Eile an. Diese Menschen kennen
-meinen Charakter wirklich nicht! Ich bin ja jähzornig und kann für mich
-nicht einstehen! Hol der Teufel, ihr werdet sehen, was noch kommen
-wird! Einen jähzornigen Menschen zum Traualtar zu schleppen ist meiner
-Ansicht nach ebenso gescheit, wie die Hand zu einem rasenden Tiger in
-den Käfig zu stecken. Wir werden sehen, wir werden sehen, was noch
-kommen wird!
-
- * * * * *
-
-So bin ich verheiratet. Alle gratulieren mir, und Maschenjka schmiegt
-sich immer an mich und spricht:
-
-»Begreife doch, daß du jetzt mein bist! Sag doch, daß du mich liebst!
-Sag!«
-
-Dabei schwillt ihr die Nase.
-
-Von den Trauzeugen erfuhr ich, daß der verwundete Offizier auf eine
-höchst geschickte Weise den Ehebanden entronnen ist. Er stellte dem
-bunten jungen Mädchen ein ärztliches Zeugnis bei, welches besagte, daß
-er infolge der Verwundung an der Schläfe geistig unnormal sei und daher
-laut Gesetz nicht heiraten dürfe. Eine Idee! Auch ich könnte so ein
-Zeugnis beistellen. Ein Onkel von mir war Quartalsäufer, ein anderer
-Onkel war auffallend zerstreut (einmal stülpte er sich statt einer
-Mütze einen Damenmuff über den Kopf), eine Tante spielte viel Klavier
-und zeigte bei Begegnungen mit Männern ihnen die Zunge. Zudem ist
-mein außerordentlich jähzorniger Charakter -- ein höchst verdächtiges
-Symptom. Warum kommen aber die guten Ideen so spät? Ja, warum?
-
-
-
-
-Eine problematische Natur
-
-
-Ein Coupé erster Klasse.
-
-Auf dem mit himbeerrotem Samt bezogenen Divan liegt ein hübsches junges
-Dämchen.
-
-Der kostbare befranste Fächer kracht in ihrer krampfhaft
-zusammengedrückten Hand, der Zwicker rutscht jeden Augenblick von
-ihrem hübschen Näschen, die Brosche an ihrer Brust hebt und senkt sich
-wie ein Nachen inmitten der Wellen. Sie ist sehr aufgeregt ... Ihr
-gegenüber sitzt der Beamte für besondere Aufträge beim Gouverneur,
-ein junger angehender Schriftsteller, der im Gouvernements-Amtsblatte
-kleine Novellen aus den höheren Kreisen erscheinen läßt ... Er schaut
-ihr unverwandt mit einer Kennermiene ins Gesicht. Er beobachtet,
-er studiert, er sucht diese exzentrische, problematische Natur zu
-ergründen, er hat sie schon beinahe erfaßt ... Ihre Seele, ihre ganze
-Psychologie sind ihm vollkommen klar.
-
-»Oh, ich verstehe Sie!« sagt der Beamte für besondere Aufträge,
-ihre Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Ihre empfindliche,
-empfängliche Seele sucht einen Ausgang aus dem Labyrinth ... Gewiß! Es
-ist ein ungeheuer schrecklicher Kampf, aber ... verzagen Sie nicht! Sie
-werden siegen! Ganz bestimmt!«
-
-»Beschreiben Sie mich doch, Woldemar!« spricht das Dämchen mit einem
-traurigen Lächeln. »Mein Leben ist so voll, so abwechselungsreich, so
-bunt ... Die Hauptsache aber ist, daß ich unglücklich bin! Ich bin eine
-Märtyrerin im Stile Dostojewskijs ... Zeigen Sie der Welt meine Seele,
-Woldemar, zeigen Sie ihr diese arme Seele! Sie sind ein Psycholog. Es
-ist kaum eine Stunde her, daß wir hier im Coupé sitzen und sprechen,
-Sie aber haben mich schon ganz erfaßt!«
-
-[Illustration]
-
-»Sprechen Sie! Ich beschwöre Sie, sprechen Sie doch!«
-
-»Hören Sie. Ich stamme aus einer armen Beamtenfamilie. Mein Vater war
-ein guter Kerl, gescheit, aber ... der Geist der Zeit und des Milieus
-... vous comprenez, ich klage meinen armen Vater nicht an. Er trank,
-spielte Karten ... nahm Bestechungsgelder an ... Auch die Mutter ...
-Was soll ich davon sprechen! Die Not, der Kampf um ein Stück Brot, das
-Bewußtsein seiner Nichtigkeit ... Ach, zwingen Sie mich nicht, diese
-Erinnerungen aufzufrischen! Ich mußte mir selbst meinen Weg bahnen
-... Die entsetzliche Institutserziehung, die Lektüre dummer Romane,
-die Verirrungen der Jugend, die erste scheue Liebe ... Und der Kampf
-mit dem Milieu? Schrecklich! Und die Zweifel? Und die Qualen der
-beginnenden Enttäuschung am Leben und an sich selbst? ... Ach! Sie sind
-Schriftsteller und kennen uns Frauen. Sie werden es begreifen ... Zu
-meinem Unglück bin ich mit einer breiten Natur begabt ... Ich wartete
-auf ein Glück, und auf was für eines! Ich lechzte danach, Mensch zu
-sein! Ja! Mensch zu sein, darin sah ich mein Glück!«
-
-»Sie Herrliche!« stammelt der Schriftsteller, ihr die Hand in der Nähe
-des Armbandes küssend. »Nicht Sie küsse ich, Sie wunderbares Geschöpf,
-sondern das menschliche Leid! Erinnern Sie sich an Raskolnikow? Er
-küßte so.«
-
-»Oh, Woldemar! Ich lechzte nach Ruhm ... nach rauschendem Leben und
-Glanz wie jede -- warum soll ich bescheiden sein? -- wie jede nicht
-ganz gewöhnliche Natur. Ich lechze nach Ungewöhnlichem ... gar nicht
-Weiblichem! Und ... Und ... ich stieß auf meinem Wege auf einen
-reichen alten General ... Begreifen Sie mich doch, Woldemar! Es war
-ja Selbstaufopferung, Entsagung, begreifen Sie mich! Ich konnte nicht
-anders. Ich versorgte meine Angehörigen, ich machte Reisen, ich tat
-Gutes ... Wie litt ich aber dabei, wie unerträglich und erniedrigend
-gemein erschienen mir die Umarmungen jenes Generals, obwohl er, das
-muß man ihm lassen, seinerzeit im Kriege große Tapferkeit gezeigt
-hat. Es gab Minuten ... schreckliche Minuten! Mich hielt aber der
-Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen stirbt, daß ich dann
-nach meinem Wunsche leben, mich einem geliebten Menschen hingeben
-und glücklich sein werde ... Ich habe aber einen solchen Menschen,
-Woldemar! Gott weiß es, daß ich einen solchen habe!«
-
-Das Dämchen schwingt energisch den Fächer. Ihr Gesicht nimmt einen
-weinerlichen Ausdruck an.
-
-»Nun ist der Alte tot ... Er hat mir einiges Vermögen hinterlassen,
-ich bin so frei wie ein Vogel. Nun kann ich glücklich werden ... Nicht
-wahr, Woldemar? Das Glück klopft an meine Tür. Ich brauche es nur
-hereinlassen, aber ... nein! Woldemar, hören Sie, ich beschwöre Sie!
-Jetzt sollte ich mich doch dem geliebten Menschen hingeben, seine
-Freundin werden, seine Helferin, die Trägerin seiner Ideale, glücklich
-sein ... ausruhen ... Aber wie gemein, häßlich und dumm ist doch
-alles in dieser Welt! So niederträchtig ist alles, Woldemar! Ich bin
-unglücklich, unglücklich, unglücklich! Auf meinem Wege erhebt sich ein
-neues Hindernis! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern, ach, so fern
-ist! Ach, diese Qual, wenn Sie nur wüßten, welch eine Qual!«
-
-»Was ist es denn? Was ist es für ein Hindernis? Ich beschwöre Sie,
-sagen Sie es mir! Was ist es?«
-
-»Ein anderer reicher Alter ...«
-
-Der zerbrochene Fächer verdeckt das hübsche Gesicht. Der Schriftsteller
-stützt seinen gedankenschweren Kopf in die Hand, seufzt und beginnt
-mit der Miene eines Kenners und Psychologen zu grübeln. Die Lokomotive
-pfeift und faucht, die Fenstervorhänge röten sich im Lichte der
-untergehenden Sonne ...
-
-
-
-
-Intrigen
-
-
- a) Wahl des Vereinsvorsitzenden.
- b) Erörterung des Zwischenfalles vom 2. Oktober.
- c) Referat des ordentlichen Vereinsmitgliedes Dr. M. N. von Bronn.
- d) Laufende Vereinsangelegenheiten.
-
-Doktor Schelestow, der Urheber des Zwischenfalles vom 2. Oktober,
-macht sich bereit, in diese Sitzung zu gehen; er steht schon lange vor
-dem Spiegel und bemüht sich, seinem Gesicht einen matten Ausdruck zu
-verleihen. Wenn er in der Sitzung mit einem aufgeregten, gespannten,
-roten oder allzublassen Gesicht erscheint, werden sich seine Feinde
-einbilden können, daß er ihren Intrigen allzuviel Bedeutung beimesse;
-wenn aber sein Gesicht kalt, leidenschaftslos, gleichsam verschlafen
-sein wird, wie bei Menschen, die über der Menge stehen und vom Leben
-ermüdet sind, so werden diese Feinde bei seinem Anblick Respekt vor ihm
-empfinden und sich denken:
-
- Sein unbeugsames Haupt ragt höher als das Denkmal
- Des Siegers, der Napoleon bezwang!
-
-Als ein Mensch, der sich für seine Feinde und ihre Ränke sehr wenig
-interessiert, wird er in die Sitzung später als alle kommen. Er wird
-lautlos in den Saal treten, sich mit einer müden Gebärde das Haar
-zurechtstreichen und sich, ohne jemand anzublicken, ans äußerste Ende
-des Tisches setzen. Er wird die Pose eines gelangweilten Zuhörers
-annehmen, kaum merklich gähnen, irgendeine Zeitung vom Tische nehmen
-und lesen ... Alle werden reden, streiten, sich ereifern, einander
-zur Ordnung rufen, er aber wird schweigen und in die Zeitung blicken.
-Endlich wird aber sein Name immer häufiger genannt werden und die
-brennende Frage in Weißglut übergehen; er wird seine gelangweilten,
-müden Augen auf die Kollegen heben und wie widerwillig sagen:
-
-»Man zwingt mich zu sprechen ... Ich habe mich darauf nicht
-vorbereitet, meine Herren, verzeihen Sie mir darum, wenn meine Rede
-etwas mangelhaft ausfallen wird. Ich will ab ovo anfangen ... In der
-letzten Sitzung haben gewisse verehrte Kollegen erklärt, daß ich mich
-bei Konsilien nicht so benehme, wie sie es gerne möchten, und von mir
-Erklärungen verlangt. Da ich alle Erklärungen für überflüssig und die
-gegen mich erhobenen Vorwürfe für unbegründet hielt, bat ich, mich
-aus dem Verein auszuschließen, und verließ die Sitzung. Aber jetzt,
-wo gegen mich eine neue Serie von Anklagen erhoben wird, sehe ich zu
-meinem Leidwesen ein, daß ich dennoch zu Erklärungen greifen muß. Ich
-will also solche abgeben.«
-
-Dann wird er, zerstreut mit dem Bleistifte oder mit der Uhrkette
-spielend, sagen, daß er bei den Konsilien oft tatsächlich die Stimme
-erhoben und die Kollegen unterbrochen habe, ohne sich um die Gegenwart
-Fremder zu kümmern; es sei auch wahr, daß er bei einem Konsilium den
-Patienten in Gegenwart der Ärzte und der Angehörigen gefragt habe:
-»Welcher Dummkopf hat Ihnen Opium verschrieben?« Fast kein einziges
-Konsilium sei ohne einen Zwischenfall abgelaufen ... Aber warum? Sehr
-einfach. Bei jedem Konsilium müsse er, Schelestow, über das tiefe
-Niveau der Fachkenntnisse seiner Kollegen staunen. Es gäbe in der Stadt
-zweiunddreißig Ärzte, und die meisten von ihnen wüßten weniger als
-jeder Student im ersten Semester. Nach Beispielen brauche man nicht
-weit zu gehen. Nomina sunt, natürlich, odiosa, aber in der Sitzung sei
-man doch unter sich, also könne er, um nicht abstrakt zu sein, die
-Namen nennen. Allen sei es z. B. bekannt, daß der verehrte Herr Kollege
-von Bronn der Beamtenfrau Sserjoschkina mit einer Sonde die Speiseröhre
-durchbohrt habe ...
-
-Der Kollege von Bronn wird in diesem Augenblick aufspringen, die Hände
-über dem Kopfe zusammenschlagen und aufschreien:
-
-»Herr Kollege, Sie haben sie durchbohrt und nicht ich! Sie! Und ich
-werde es Ihnen beweisen!«
-
-Schelestow wird ihm nicht die geringste Beachtung schenken und
-fortfahren:
-
-»Es ist auch allen bekannt, daß der verehrte Kollege Schila bei der
-Schauspielerin Semiramidina eine Wanderniere für einen Abszeß angesehen
-und einen Probedurchstich gemacht hat, was sehr bald zu einem exitus
-letalis führte. Der verehrte Kollege Besstrunko hat, statt einen Nagel
-an der großen Zehe des linken Fußes zu exstirpieren, den gesunden Nagel
-am rechten Fuß exstirpiert. Ich darf auch nicht den Fall unerwähnt
-lassen, wo unser verehrter Herr Kollege Tercharjanz dem Soldaten
-Iwanow die Eustachischen Röhren mit solchem Eifer katheterisierte,
-daß dem Patienten beide Trommelfelle platzten. Bei dieser Gelegenheit
-will ich noch erwähnen, daß derselbe Kollege einem Patienten beim
-Zahnziehen den Unterkiefer ausgerenkt hat und ihn nicht früher wieder
-einrenken wollte, als bis der Patient sich bereit erklärte, ihm für
-das Einrenken fünf Rubel zu bezahlen. Der verehrte Kollege Kurizyn ist
-mit einer Nichte des Apothekers Grummer verheiratet und hat mit ihm
-ein gewisses Abkommen getroffen. Es ist auch allen bekannt, daß unser
-Vereinssekretär, der junge Kollege Skoropalitelnyj mit der Gattin
-unseres verehrten Herrn Vorsitzenden Gustav Gustavowitsch Prechtel ein
-Verhältnis hat ...
-
-Vom tiefen Niveau des Wissens bin ich allmählich auf Verstöße gegen
-die ethischen Grundsätze zu sprechen gekommen. Um so besser. Die
-Ethik ist unser wunder Punkt, meine Herren, und um nicht abstrakt zu
-sprechen, will ich Ihnen unseren verehrten Kollegen Pusyrkow nennen,
-der bei einer Namenstagsfeier bei der Oberstenwitwe Treschtschinskaja
-erzählt hat, daß nicht Skoropalitelnyj das Verhältnis mit der Gattin
-unseres Vorsitzenden habe, sondern ich! Das wagt derselbe Herr Pusyrkow
-zu sagen, den ich im vorigen Jahre mit der Gattin unseres verehrten
-Kollegen Snobisch erwischt habe! Übrigens, Dr. Snobisch ... Wer
-genießt das Renommee eines Arztes, von dem sich behandeln zu lassen
-für die Damen nicht ganz ungefährlich ist? -- Snobisch ... Wer hat
-eine Kaufmannstochter wegen der Mitgift geheiratet? -- Snobisch! Was
-aber unseren verehrten Vorsitzenden betrifft, so treibt er heimlich
-Homöopathie und bekommt von den Preußen Geld für Spionage. Ein
-preußischer Spion -- das ist schon wirklich ultima ratio!«
-
-Ärzte, die klug und als gewandte Redner erscheinen möchten, gebrauchen
-immer diese beiden lateinischen Ausdrücke: »nomina sunt odiosa« und
-»ultima ratio«. Schelestow wird nicht nur lateinisch, sondern auch
-französisch und deutsch, in jeder beliebigen Sprache sprechen! Er wird
-alle bezichtigen und allen Intriganten die Masken herunterreißen; der
-Vorsitzende wird müde werden, die Glocke zu schwingen, die verehrten
-Kollegen werden von ihren Plätzen aufspringen und mit den Händen
-fuchteln ... Die Kollegen mosaischer Konfession werden sich zu einem
-Haufen zusammendrängen und ein Geschrei erheben.
-
-Schelestow wird aber, ohne jemand anzublicken, fortfahren:
-
-»Was aber unseren Verein betrifft, so muß er bei dem jetzigen
-Mitgliederbestand und den jetzt herrschenden Ordnungen unbedingt
-zugrunde gehen. Alles ist darin ausschließlich auf Intrigen begründet.
-Intrigen, Intrigen und Intrigen! Als eines der Opfer dieser einen
-großen, teuflischen Intrige halte ich mich für verpflichtet, folgendes
-zu erklären:«
-
-Er wird reden, und seine Partei wird applaudieren und sich
-triumphierend die Hände reiben. Unter einem unbeschreiblichen Lärm und
-Donner wird man zur Wahl des Vorsitzenden schreiten. Von Bronn & Co.
-werden ihren ganzen Einfluß für Prechtel einsetzen, aber das Publikum
-und die wohlgesinnten Ärzte werden sie auszischen und schreien:
-
-»Nieder mit Prechtel! Wir wollen Schelestow! Schelestow!«
-
-Schelestow nimmt die Wahl an, aber unter der Bedingung, daß Prechtel
-und von Bronn sich bei ihm wegen des Zwischenfalls vom 2. Oktober
-entschuldigen. Wieder erhebt sich ein ohrenbetäubender Lärm, wieder
-drängen sich die verehrten Kollegen mosaischer Konfession zu einem
-Haufen zusammen und schreien ... Prechtel und von Bronn sind empört
-und bitten schließlich, sie nicht mehr als Mitglieder des Vereins
-anzusehen. Um so besser!
-
-[Illustration]
-
-Schelestow ist Vorsitzender. Vor allen Dingen reinigt er den
-Augiasstall. Snobisch muß hinaus! Tercharjanz muß hinaus! Die verehrten
-Kollegen mosaischer Konfession müssen hinaus! Mit seiner Partei
-wird er es erreichen, daß bis zum Januar im Verein kein einziger
-Intrigant übrig bleibt. Im Ambulatorium des Vereins wird er zunächst
-die Wände streichen lassen und ein Plakat anbringen: »Rauchen
-strengstens verboten«; dann wird er den Feldscher und die Feldscherin
-hinausschmeißen, die Medikamente nicht von Grummer, sondern von
-Chrasczebicki beziehen, den Ärzten vorschlagen, keine einzige Operation
-ohne seine Aufsicht auszuführen usw. Vor allen Dingen wird aber auf
-seinen Visitkarten stehen: »Vorsitzender des Ärztevereins zu N.«
-
-So träumt Schelestow, bei sich zu Hause vor dem Spiegel stehend. Da
-schlägt aber die Uhr sieben und erinnert ihn daran, daß er in die
-Sitzung muß. Er erwacht aus seinen süßen Träumen und beeilt sich,
-seinem Gesicht den matten Ausdruck zu verleihen, aber das Gesicht will
-ihm nicht gehorchen und nimmt einen sauren und stumpfen Ausdruck an,
-wie bei einem erfrorenen jungen Hofhund; er will, daß es solid sei, es
-wird aber lang und drückt Bestürztheit aus, und nun scheint es ihm, daß
-er nicht mehr einem Hund, sondern einem Gänserich gleiche. Er senkt
-die Lider, kneift die Augen zusammen, bläht die Backen, runzelt die
-Stirne, aber es ist zum Verzweifeln: es kommt dabei etwas ganz anderes
-heraus als er möchte. Die natürlichen Eigenschaften dieses Gesichts
-sind wohl derart, daß mit ihm nichts anzufangen ist. Die Stirne ist
-niedrig, die kleinen Äuglein schweifen unruhig umher wie bei einer
-unreellen Händlerin, der Unterkiefer steht so dumm und blöd hervor, und
-die Wangen und die Frisur sehen so aus, als hätte man den »verehrten
-Kollegen« soeben aus einem Billardlokal hinausgeschmissen.
-
-Schelestow betrachtet sein Gesicht, ärgert sich, und es kommt ihm schon
-vor, daß auch das Gesicht gegen ihn intrigiere. Er geht ins Vorzimmer
-und macht sich fertig, und es scheint ihm, als intrigierten auch der
-Pelz, die Gummischuhe und die Mütze gegen ihn.
-
-»Kutscher, ins Ambulatorium!« schreit er.
-
-Er bietet zwanzig Kopeken, aber der Intrigant von einem
-Droschkenkutscher verlangt fünfundzwanzig ... Er setzt sich in die
-Droschke und fährt, aber der kalte Wind weht ihm ins Gesicht, der
-nasse Schnee blendet ihm die Augen, und das elende Pferd schleppt sich
-unerträglich langsam. Alles hat sich verschworen und intrigiert ...
-Intrigen, Intrigen und Intrigen!
-
-
-
-
- ZWEIHUNDERT EXEMPLARE DIESER AUSGABE
- SIND VOM KÜNSTLER HANDSCHRIFTLICH
- SIGNIERT, NUMERIERT UND
- IN HALBLEDER GEBUNDEN.
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 36: sogar → so gar
- Entschuldigen Sie, es ist {so gar} nicht interessant
-
- S. 37 überlege mir → überlege
- Ich {überlege} eine Weile und schreibe
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der persische Orden, by Anton Tschechow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER PERSISCHE ORDEN ***
-
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