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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Die Klerisei - -Author: Nikolaus Leskow - -Translator: Arthur Luther - -Release Date: December 18, 2016 [EBook #53757] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLERISEI *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Nikolaus Leskow - - Die Klerisei - - Roman - - Kurt Wolff Verlag - - - - - Deutsche Übertragung von Arthur Luther. - - Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig. - - - - -Erstes Buch. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Die Leute, deren Leben und Treiben diese Erzählung schildern soll, -sind die Bewohner der Dompfarrei von Stargorod: der Propst Sawelij -Tuberozow, der Pfarrer Zacharia Benefaktow und der Diakon Achilla -Desnitzyn. Ihre Jugendjahre, sowie auch ihre Kindheit lassen wir -unberührt. Will der Leser sie vor sich sehn, wie unsere Geschichte -sie faßt, so muß er sich das Haupt der Stargoroder Geistlichkeit, -den Propst Sawelij Tuberozow, als Mann vorstellen, der die Sechzig -bereits überschritten hat. Vater Tuberozow ist hochgewachsen und von -stattlicher Leibesfülle, aber noch sehr rüstig und beweglich. Dasselbe -gilt von seinen Geisteskräften: auf den ersten Blick erkennt man, daß -er sich alle Glut des Herzens und alle Energie der Jugend bewahrt hat. -Seinen auffallend schönen Kopf ist man versucht, als Urbild männlicher -Schönheit zu betrachten. Tuberozows Haar ist dicht, wie die Mähne -eines gewaltigen Löwen, und weiß, wie die Locken des Zeus von Phidias. -Es türmt sich malerisch als mächtiger Schopf über der hohen Stirn -und fällt in drei großen Wellen nach rückwärts, ohne die Schultern -zu erreichen. In dem langen zweigeteilten Bart des Propstes und in -dem kleinen Schnurrbart, der bei den Mundwinkeln mit dem Bart in eins -zusammenfließt, blitzen hie und da noch ein paar schwarze Haare auf, -welche dem Bart das Aussehen von schwarz emailliertem Silber geben. Die -Brauen dagegen sind ganz schwarz. In zwei steilgebogenen ~S~-Linien -vereinigen sie sich über dem Rücken seiner ziemlich großen und -fleischigen Nase. Die Augen sind braun, groß, kühn und klar. Sie haben -es ein ganzes Menschenleben lang verstanden, der Spiegel eines regen -und starken Geistes zu sein. Wer dem Propste nahestand, sah sie von -freudiger Begeisterung durchstrahlt, von Schmerz umnebelt, in Tränen -der Rührung gebadet. Mitunter flammte in ihnen das Feuer der Entrüstung -und sie sprühten Funken des Zorns, keines eiteln, rechthaberischen -Zornes, sondern des Zornes eines bedeutenden Mannes. Aus diesen Augen -leuchtete die gerade und ehrliche Seele des Propstes Sawelij, die er in -seiner christlichen Zuversicht unsterblich glaubte. - -Zacharia Benefaktow, der zweite Pfarrer am Stargoroder Dom, ist ein -Wesen ganz anderer Art. Seine Person ist die verkörperte Sanftmut und -Milde. Wie sein bescheidener Geist sich in keiner Weise hervorzutun -begehrt, so nimmt auch sein winziger Leib nur ganz wenig Platz weg, als -wäre es ihm peinlich, die Erde allzusehr zu beschweren. Er ist klein, -mager, schmächtig und kahlköpfig. Zwei kleine Löckchen graugelber Haare -flattern nur noch über seinen Ohren. An Stelle eines Bartes scheint dem -Vater Zacharia am Kinn ein Stückchen Schwamm zu kleben. Er hat winzige -Kinderhände, die er immer in den Taschen seines Leibrocks verbirgt. -Seine Beinchen sind dünn und schwach, wie Strohhalme, überhaupt -erscheint der ganze Mann wie aus Stroh geflochten. Seine herzensguten, -grauen Äuglein sind äußerst beweglich, aber sie werden nur selten -voll aufgeschlagen, immer suchen sie sich gleich ein Plätzchen, wo -sie sich vor unbescheidenen Blicken verbergen könnten. An Jahren ist -Vater Zacharia etwas älter als Vater Tuberozow und viel schwächlicher -als dieser, aber auch er ist gleich dem Propst gewohnt, sich stramm zu -halten, und trotz aller Übel und Gebresten, von denen er heimgesucht -wird, hat er sich einen lebhaften Geist und eine große körperliche -Beweglichkeit bewahrt. - -Der dritte und letzte Vertreter der Stargoroder Domgeistlichkeit, der -Diakon Achilla, wird durch mehrere Attribute gekennzeichnet, die wir -alle hier mitzuteilen für gut befinden, damit der Leser ein möglichst -klares Bild von dem gewaltigen Achilla gewinne. - -Der Inspektor der Kirchenschule, der den Achilla Desnitzyn aus -der Syntax-Klasse »wegen Überreife und mangelhafter Fortschritte« -ausgeschlossen hatte, pflegte zu ihm zu sagen: - -»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!« - -Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in -die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den -werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese -Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern: - -»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen, -sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz -repräsentierest.« - -Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla -eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus -zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«. - -»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone; -aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts -dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln -soll.« - -Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte -von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den -Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er, -Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach -Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte -aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave -Achilla zu diesem Namen kam. - -Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der -sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ, -sondern auch in den Jahren des nahenden Alters. - -Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor -doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu -den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave -hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei -dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, -- seine übergroße -Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht -damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu -singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten -Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des -Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen -Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen -konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen -getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag, -den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch -einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen. -Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für -jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage -hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo -auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung, -die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem -Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und -her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern -vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war, -und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der -Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald -in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen -Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in -den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So -brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der -gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und -strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand. -Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo. -Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt -leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand -mit der Stimmgabel ... Achilla hat die ganze Welt und sich selbst -vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels -vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt: -»Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t, -gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren -unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet. -Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu -Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an -den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte -es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel: -»Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner -Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn -- -er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken -seiner Genossen verschwinden zu lassen, -- er singt: »gepeinigt«. -Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er: -»g-e-p-e-i-n-i-g-t!« - -»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme. - -»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der -Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von -draußen ernüchtert. - -Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann -Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig -schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut. -Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen -sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er -behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch -in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu -haben scheint. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder -Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen, -Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes -Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses -aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so -verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze. -Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe -gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und -Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten -außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne -Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte -im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte -den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den -Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig -gemusterten Fußboden legte. - -Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung, -denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der -Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für -ihn und seine Lebensgefährtin. - -Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das -des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie, -die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas -schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen -großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen, -drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster -unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte -Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den -Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei -Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des -Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall -stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel -guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern -und um die Kinder. - -Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich -um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er -eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei -Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts -als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh -versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald -eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses -war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den -der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa, -welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke -lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer -Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in -einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand -ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne -Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll -geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter -welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein -winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein -kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in -der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen -Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die -früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war. - -Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige, -zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem -Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd -unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen -Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel -sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt -nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg -wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes: -»Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich -sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in -seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum -Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde. - -So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer -des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein -ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten -und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des -Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend -aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der -Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer -Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen -verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter -auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für -die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater -Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem -Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter -die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die -ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen. - -»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt -worden,« erzählte der Diakon Achilla. - -»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die -Leute, denen er sein Leid klagte. - -»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt -es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu -tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab -jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber -tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der -Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben -Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig -gleichstellen? ... Ich frage, darf man das? ... Vater Sawelij ... ihr -wißt es ja selbst ... Vater Sawelij ... ist ein Weiser, ein Philosoph, -ein Justizminister ... und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht -zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.« - -»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?« - -»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen -hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab -gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und -welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen! -Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen --- ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt -in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es -ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich -viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es -deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem -Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des -Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen -Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich -nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich -da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz -insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll -kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung -gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf. -Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal -und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit -alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe ... Und -ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« -- rief der Diakon, --- »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater -Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz -genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine -eigene Politik verfolgt.« - -Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war -kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit -den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst -Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu -rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung -zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug -mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow -bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia: - -»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich -will ihn mit in die Stadt nehmen.« - -Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den -Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem -Abreisenden das Geleite zu geben. - -Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater -Benefaktow ins Ohr: - -»Nun? Sagt' ich's Euch nicht? Da haben wir die Politik!« - -»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater -Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen, -wobei er zugleich den Diakon beiseite schob. - -»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns -hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow. - -»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen -Sohne. - -»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn -dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er -fähig war. - -»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij. - -»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso ... ich bin doch auch -von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der -Diakon ein wenig gekränkt. - -Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm -eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den -Kutscher zufahren. - -So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der -Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel -zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen -hatte. - -»Was geht's dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia -den von Neugier gemarterten Diakon. - -»Vater Zacharia, ich sag's Euch, das ist Politik.« - -»Nun und wenn's Politik ist, -- was geht's dich an? Mag er doch -politisieren.« - -»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte. -Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine -Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er -wies es zurück. Das einzige, was ich vermute ...« - -»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?« - -»Das einzige wäre, daß er ... Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.« - -»Ja! Nun ... nun ja ... Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?« - -»In den Griff.« - -»In den seinen oder in den meinen?« - -»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein -Wertstück.« - -»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den -seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er -mit?!« - -Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief: - -»Da wär' ich wieder mal der Narr.« - -»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia -und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik -gelernt, mein Lieber. Schäme dich.« - -»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert -habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon. - -Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen -verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich -geschehen? - -So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla, -welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt, -war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah. -Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen -gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er -kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!« - -Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen. - -»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er -vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen -Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch -für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als -griechische Lettern -- oder auch lateinische -- in die Knöpfe einätzen -lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt -hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten -habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.« - -»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater -Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen. - -Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus -ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den -Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie -sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den -Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den -Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans -Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht, -ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden -Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit -keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als -habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß -versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige. - -Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er -ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die -Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage -nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst -den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia -nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen -an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe. -Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den -Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die -dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.« - -Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder -Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück. - -»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der -beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt. - -Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus -zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu -können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im -Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in -der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem -Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich -eine kurze Kursivinschrift schlang. - -»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die -Geduld ausging. - -»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn -anzusehen. - -»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.« - -»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum -Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach: - -»Das soll meiner sein.« - -Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las -über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.« - -»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den -andern Stab. - -Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz -derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert: - -»Und er gab den Stab in seine Hand.« - -Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter -dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch -des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen -Lachanfall. - -»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater -Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit -des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten. - -»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die -Lettern?« - -Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller. - -»Was lachst du? Was ficht dich an?« - -»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam -hervorstoßend. - -»Du natürlich, wer denn sonst?« - -Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an -den Schultern und flüsterte theatralisch: - -»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest -doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure -Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?« - -»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!« - -»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man -ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.« - -»Du lügst!« - -»Ich lüge?! Und warum ist denn +sein+ Stecken erblüht? Und kein -Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum -Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung -geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.« - -Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn -wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war, -den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph -war nur von kurzer Dauer. - -Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn -scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon -unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann, -wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme: - -»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht. -Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen. -Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und -da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein -Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen. -Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia -- eben jene, -die jetzt dasteht.« - -»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas -von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der -Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn -er kommt deinem Amte nicht zu.« - -Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke, -in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn -in den Kleiderschrank ein. - -Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei -abgespielt hatte. - -Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen -aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte, -welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und -Achillas an den Tag brachte. - -Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in -Augenblicken äußerster Erregung. - - - - -Drittes Kapitel. - - -»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen? -Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und -so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich -das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich -zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als -er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte -mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann -noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. ... Ach, ich sag' -euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut, -welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn -ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet -zu haben!« - -»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den -Achilla. - -»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht -nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr' -ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und -laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer -geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist! -... Der wird sich hüten! ... Ach, du mein Gott! Was war nur in mich -gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's -möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen -habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den -Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der -sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein -Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr -an den Ohren gezaust, -- und diesen Lümmel laß ich immer noch frei -herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht -gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater -Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt, -aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und -gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt -mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch -dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach, -auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn -Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache, -von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur -das, -- sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn -bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück -Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte -sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der -allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ ... -Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau, -der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt -hatte, lauter gute Weine, -- nichts als ho--ho--ho: ~Haut-Sauterne~ -und ~Haut-Margaux~, -- so war ich, hol mich dieser und jener, schon -ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug -in mich hinein. ›So war's ja auch -- sagte er -- dazumal mit dem -Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten -Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem -Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber -quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur -so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und -redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun -noch dieser ~Haut-Margaux~! Ich war so schon gepeinigt genug, und -fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte -ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter -Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines -Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte -nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon ... Versteht ihr wohl, -so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina, -meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr -überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn -- sagte sie -- Euer -Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber, -eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So -- sagte -sie -- hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert ...‹ -Und nun legte sie los ... Na, von all dem ~Haut-Margaux~ schon so -spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum -Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause -des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen, -stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los: -›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie -entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit! -Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette, -trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme: -›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte -bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch -erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich -konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit -war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und -stöhnen.« - -War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon -gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in -melancholischem Tone fort: - -»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater -Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und -klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach: -›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ -- aber ich erhielt -nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich. -Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain ... Ich weiß es, -ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in -Subordination zu halten -- und er ... und er ...« - -Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise -aufschluchzend schloß er seinen Bericht: - -»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir -- er schweigt! Was ich auch -sage, er schweigt! ... Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich -laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er -beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung -das Haus des Propstes befinden mußte. -- »Meinst du, das wäre recht -gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm -trete und sage: ›Vater, segne mich‹ -- und ich küsse dann seine Hand -und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am -Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend, -zu ihm und bat ihn: segne mich ... Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei -gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne -Freundlichkeit geschieht!« - -Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung. - -»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia, -»verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut -zu dir sein.« - -»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?« - -»Durch musterhaftes Betragen.« - -»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht -bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert, -immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu -mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich -meinetwegen. ... Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich -ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat ...« - -Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen -die linke Handfläche und brummte: - -»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich -will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich -diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!« - -Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem -gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des -Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte -immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas -Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem -eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die -Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas -empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama -beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll. - -Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen -wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich -einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka, -nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt -der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt, -die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne -betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche -Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses -Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn -zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die -Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes -leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien -wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf -daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht -störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit -unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht -verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm -zu hören bekommen. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist -die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel -des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille, -flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende -Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich -ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im -stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer. -Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie -über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern -draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von -zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten -schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen -»Onkel Kotin« genannt wird. - -»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber. - -Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist -dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es -riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt. -Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man -hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend -über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles -das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster -aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende -und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie -sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das -Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden -Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich -heran. - -»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie. - -»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.« - -»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen, -Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.« - -Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein -Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen -Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem -Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz -gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße -Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und -auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist, -schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße, -ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt -eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und -eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit, -mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit, -mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt. -Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich -wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster, -um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine -gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten -Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war -heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue -Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder -der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich -der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich -etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den -Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine -Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber -er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von -der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der -Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt -den Batawin-Berg herab und singt: - - Es ruht die Welt im Frieden - Der lauen Frühlingsnacht, - Längst haben alle Müden - Die Augen zugemacht. - -Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter: - - Da klopft mit seinem Stecken - Cupido an mein Tor, - Und ich in jähem Schrecken - Fahr' aus dem Traum empor. - -Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat -den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen -Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon -die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er -endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit -schauerlichem Pathos: - - Wer -- frag ich -- ist der Kühne, - Der da zu klopfen wagt? - -Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und -eilt in das Innere des Zimmers zurück. - -Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen -Gesang. - -»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei -mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse. - -»Wir haben Frieden!« ruft er. - -»Was?« fragt die Pröpstin. - -»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.« - -Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu: - -»Der Vater Propst ... hat ein Ende gemacht.« - -»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt. - -»Schluß! ... Der Streit mit mir hat ein Ende! ... Von nun an herrscht -Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten -Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn -Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu -spüren.« - -»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.« - -»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der -vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, -- notiert -Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.« - -Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert, -sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend: - -»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?« - -»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn -getan?« - -»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.« - -»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin. - -»Nein, er hat ihn gekocht!« - -»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht -Platz.« - -»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort, -»und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt -gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.« - -»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.« - -»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist -gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte -wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich -einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes -und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser -Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin, -aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und -beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat -dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges -- ~coppe vachée~ heißt's -auf französisch -- gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will -- -sagt er -- Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber -fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und -von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia -Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer -Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre -macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der -Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das -notieren ...« - -Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen, -denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur -vom Vater Propst kommen konnte. - -»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims -auf die Erde und geht seines Weges. - -Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem -Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau -leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock -über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans -Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon -vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn -in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient -und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt -hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei -weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner -Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends -nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand -kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt. -Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen -unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen -erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher -Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie -ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander -stoßen oder aneinander hängen bleiben. - -Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner -kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie -sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen. - -Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde -vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen -Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat -er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit -abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken -blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des -»Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor -seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es -schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch. - -»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer -die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin. - -»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater -Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --« - -»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin. - -»Ja, ich bitte dich, schlafe.« ... Und mit diesen Worten setzte der -Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und -begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern -blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch -gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen -Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht -und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu -denen er hin und wieder gern zurückkehrte. - -Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten -sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der -Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht -dringt. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow. - - -Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte -an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den -Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm -dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen -im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am -ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum -erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten. -Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des -Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, -- und -ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, -- und ging nicht. Ich -bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei -ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren -Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz -vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend -und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen -meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und -bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß -ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit -hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen, -denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger -sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine -Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.« - -»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine -Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich -erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.« - -»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe -Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst -an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der -Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz -großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der -Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert -hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.« - -Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder -bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit -erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit -reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen, -indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten, -als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht -noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut -lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen -Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der -Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie, -indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man -mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit -beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für -selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer -persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham« -genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.« - -Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war -in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof -vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus. -Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch -unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und -doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern -das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf -erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen, -denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen. - -Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer -von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An -der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär -teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte -spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, -- was wir auch -ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte -bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten -der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde. -Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er -irgend Vermögen besitze, geantwortet: - -»Freilich besitze ich welches, Eminenz.« - -»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte: - -»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.« - -»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der -Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete. - -»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der -Befragte. - -»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm -deine Antwort ist.« - -Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort -wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind -es anblase, es in heftige Bewegung gerate. - -Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus -nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst -interessiert weiterfragte: - -»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?« - -»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die -Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen -konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die -Kuh wegen Futtermangels.« - -Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr -Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen -eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig -Gutes erwarte. - -Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf -keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch -meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef. -Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher -gesandt bin. Ich soll predigen -- und keiner will mich hören; ich -soll lehren -- und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel -besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit -zwei Enden, -- von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was -sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden? -Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen -zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier -hergeben ...« - -»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia -Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke -uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.« - -»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen -Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein -schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu -allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an -den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller -Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich -herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er -tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit -ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine -Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das -Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch -hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.« - -»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor -Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige -Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim -zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute -wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie -erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen -heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst -unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm -- denn das Volk zündete Kerzen -an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief: -»Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die -Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie -unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das -Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert -er sich drum?« - -»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der -Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der -Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum -Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen -lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme -allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel -angesehen werden.« - -»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie -sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.« - -»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern -nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen, -wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die -ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte -ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte -ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu -lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten -Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ -sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das -Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht -zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum -Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich -zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen -Angelegenheit abgebe ... War das eine Erklärung! ... Wehe mir armen -Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten, -meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung, -die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der -Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten -zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich -heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem -Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache -wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei -und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze -mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du -mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit -gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging -schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's -Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte -nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich -hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei -Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen -gefertigt ist.« - -»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon -zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die -Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu -viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel -von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte, -vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint -es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich -wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus -übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.« - -»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und -schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand -ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen -Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat -mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit! -Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste, -woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem -Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf -die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit -gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit -geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte -selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine -boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder -sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so -zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte, -der alles so gefügt hat, wie es ist.« - -»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan; -allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden -bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien -meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh -auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich -auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor -meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein -schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender -Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich -in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als -Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle -die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls. -Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und -denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch -aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz -ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne -übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze -Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte -Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand -auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt -in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die -Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei -blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des -Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein -jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende, -der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum -hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel, -die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte -aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte -schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte -Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude, -klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden. -Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang -laut Halleluja! ... Halleluja, Herr mein Gott! -- sang auch ich still -für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen -Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah -ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen, -Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der -Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. ... Mir ist -ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein -Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles -und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!« - -»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine -Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen -Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich -die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und -gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht: -sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte -steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns -Gott doch noch -- --« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es -zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch -erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, -- -- -und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut -hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes -Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen -inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem -starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem -Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird, -noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich -so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies -das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte -ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der -sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß -und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht -nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan -habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und -aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib -der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen. -Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen -feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten -und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin -den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war, -denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden -hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein -Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns, -liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil -das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein -demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte -mich tief, -- -- »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte -und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch -keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel -zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und -wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn -euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen -schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes -sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als -ein übertünchter Sarg. Amen.« - -Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz -~ex promptu~ gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war. -Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art -herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den -einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist -noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen. - -Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das -Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder -sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine -Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen -wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner -unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe -geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte -gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während -des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach -Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht -sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern -mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du -nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der -ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im -Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher -diese Tränen? -- Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses -dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt, -wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels, -den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien -und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und -Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir -zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern -unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder -vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um -den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam -eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses -nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh -wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung -Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und -an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf. - -»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir, -Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das -Gebot der Keuschheit gesündigt?« - -Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn -ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig -Geziemendes erfahren wollte. - -Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener -weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur -geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen -Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet, -sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck -gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch -aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die -Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So -erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über -meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich -brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie -beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen, -warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer -trauriger machte, bis sie endlich sagte: - -»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig -gewesen ... gibt es irgendwo noch ein Waisenkind ...« - -Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt -hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht -vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse -gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem -Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus, -daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine -Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und -Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten -Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf -die Schultern und sprach: - -»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden, -und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!« - -Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, -- sie hat es schon lieb, -sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir -zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte -mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf -Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten -und Völker, -- wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen -geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht -Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast, -daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!« - -Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte -begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen: - -»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse -Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten -Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser -Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt -teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen, -obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit -schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille -der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine -Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe, -trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas -betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft, -und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen. -Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster -Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen, -was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß -ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da -meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten -und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese -meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener -Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines -Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar -ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß -ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe -ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich -bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das -Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte -ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem -und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender -mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht -bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette -ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht -mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte -an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden -befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während -sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir -das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies -nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises -fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!« - -»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen -können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an -dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St. -Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe -im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir, -daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend -stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern -in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders -gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern, -sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn -eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht -angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn -bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen -und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen -Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und -träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr -auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser -Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend -auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich -an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und -sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen -geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein -Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden -müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen -Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun -die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte -am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen -Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.« - -»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie -meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der -Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine -Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden -gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet, -ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von -Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie -hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich -hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe -hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu -unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor, -der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der -Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste -aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹ -und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹ -haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor -der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs -noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein, -der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte, -indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, -- will -heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt -war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein, -dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden, -blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre -Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage, -wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward -verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die -Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« -- sagte sie, -- »können über alle -Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals. -Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und -erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil -du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige -Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen -wollte, -- nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken -- und -sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie -einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein -Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.« - -»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner -Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am -Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere -Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte -Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte. -Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und -unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen -sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij -herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und -unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen -Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.« - -»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die -Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine -Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende -Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns -vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte -dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und -mir den Kopf nicht abhauen, -- und doch ist mir gegen meinen Willen -unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.« - -»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber -den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht -ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen. -Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's -die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. -- -Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst -dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der -Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor -Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm -sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann -das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben. -Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte -Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige -Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige -Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes -Zensurgesetz in sich! ... Und sie verlangen, ich soll an Stelle der -lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen -hervorbringen! - -Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu -schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort! -Gezwungen predigen mag ich nicht.« - -»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben -aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt -durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn -Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die -Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa. -Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei -Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen, -daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre -schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa -gesehen zu haben. - -Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als -ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt, -vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines -Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem -braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und -Pelerinen zierten. - -Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt -sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg -zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene -geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit -jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst -bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend -kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte -zurück und sprach: - -»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an -Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu -ihr zu kommen.« - -»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus -wessen Munde ich das alles höre?« - -»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der -gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.« - -Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte, -erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte. - -Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante -Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie -durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den -Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas -unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand -und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas -Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie -zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein, -meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine -Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir -die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das -der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die -Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt -zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe! --- und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das -Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des -Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch -der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen. - -Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so -schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit -und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden. - -Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der -einsamen Bojarin nahte. - -Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich -von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine -Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine -Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen -machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen -Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren. -Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als -Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer -großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und -ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, -- dank der -weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren -wir unhörbar eingetreten -- verstummte sofort ihre Musik, und mit -einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang -ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei -chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war. - -Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang -verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester -des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die -Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften -Bruders sprach. - -Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich -gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben -Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im -Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so -gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter -dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen, -der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.« - -Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen, -teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa -stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte -schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung -tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie -versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß -und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem -zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen -Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es -einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der -heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter -ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen -silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer -Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit -einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch, -zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche, -Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum -Priester geweiht worden war. - -»Guten Tag,« sagte sie, ohne den Kopf auch nur im geringsten zu senken. -»Es freut mich, daß ich dich zu sehen bekomme.« - -Ich erwiderte ihren Gruß mit einer Verbeugung, welche recht ungeschickt -war, glaube ich. - -»Komm her und segne mich,« sagte sie. - -Ich trat zu ihr und segnete sie. Sie ergriff meine Hand, um sie zu -küssen, was ich auf jede Weise zu verhindern suchte. - -»Zieh deine Hand nicht weg,« sagte sie, als sie es bemerkte. »Ich -huldige nicht dir, sondern deinem Amte. Setze dich jetzt, und wir -wollen ein wenig miteinander bekannt werden.« - -Wir setzten uns, -- das heißt sie, ich und der Vater Alexei. Die Zwerge -stellten sich zu beiden Seiten der Herrin auf. - -»Vater Alexei hat mir gesagt, dir sei die Gabe der Rede und ein klarer -Verstand verliehen. Er selber versteht nichts davon, er hat's aber wohl -von den Leuten gehört. Ich habe lange schon keine klugen Leute gesehen, -und da wollt' ich dich einmal zu meiner Zerstreuung anschauen. Sei mir -alten Frau deswegen nicht böse.« - -»Man hat dich hergeschickt,« fuhr sie fort, »die Altgläubigen zu -bekehren?« - -»Ja,« erwiderte ich, »mit meiner Ernennung hierher war auch diese -Absicht verbunden.« - -»Ich meine,« sagte sie, »es ist ein nutzloses Unterfangen. Den Dummen -belehren und den Toten kurieren zu wollen ist eins des andern wert.« - -Ich weiß nicht mehr, in was für Worte ich meine Antwort, daß ich nicht -alle Altgläubigen für dumm halte, kleidete. - -»Nun, wenn du sie für so klug hältst, -- wie viele hast du schon auf -den rechten Weg geleitet?« - -»Noch kann ich mich keiner Erfolge rühmen,« entgegnete ich, »aber das -hat seine Gründe.« - -Sie: »Was für Gründe meinst du?« - -Ich: »Man behandelt sie nicht in der entsprechenden Weise, und das Übel -wächst infolge des Wankelmuts, den sie in der orthodoxen Gemeinde und -auch bei der Geistlichkeit selbst beobachten.« - -Sie: »Du sagst ›Übel‹. Was ist denn an ihnen so Übels? Harmlose Narren -vor dem Herrn sind sie, deren ganze Sünde darin besteht, daß sie zuviel -Bücher gelesen haben.« - -Ich: »Allein, der rechtgläubige Altar leidet unter solcher Spaltung.« - -Sie: »Ihr solltet diesem Altar treuer dienen und ihn nicht zum -Kramladen machen, dann würde keiner von euch abfallen. Ihr handelt ja -aber alle mit dem Heil, wie andere Leute mit Tuch.« - -Ich schwieg. - -Sie: »Bist du verheiratet oder Witwer?« - -Ich: »Verheiratet.« - -Sie: »Nun, wenn Gott dich mit Kindern segnet, dann nimm mich zur -Taufpatin. Ich tu's gerne. Selber komm ich nicht zur Taufe, ich schicke -meine Zwergin. Aber wenn du das Kind hierherbringst, will ich's selber -halten.« - -Ich dankte und fragte sie: - -»Eure Exzellenz haben Kinder wohl gerne?« - -»Welcher gescheite Mensch hat sie denn nicht lieb? Ihrer ist das Reich -Gottes.« - -»Exzellenz leben schon lange allein?« - -Sie: »Ganz allein, sehr, sehr lange schon.« Und sie seufzte. - -Ich: »Die Einsamkeit ist oft sehr schwer zu tragen.« - -Sie: »Bist du denn nicht einsam?« - -Ich: »Wie kann ich einsam sein, wenn ich eine Frau habe?« - -Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von -Verstand, quälen und betrüben kann?« - -Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.« - -Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den -Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich -so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders -hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen -Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen -habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.« - -Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?« - -Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.« - -Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu -bezwingen.« - -Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit -diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das -nur von unserer Schlamperei.« - -Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.« - -Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so -dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und -der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der -Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel -drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran -haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal -küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und -Schande, die Leute so zu verderben.« - -»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie -uns keinen Schaden zufügen können.« - -»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären -uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen -wollten.« - -»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu -schroff.« - -Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.« - -»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was -für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!« - -Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem -Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine -Speicher plünderten.« - -»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die -Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem -heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube -lag.« - -Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen, -haben wir uns behauptet.« - -Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen -so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen, -erwiderte: - -»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert? -Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male -lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des -Volkes gelten.« - -»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche -geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als -Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht, -so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht -als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der -Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur -gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis -wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die -Zukunft.« - -»Das ist traurig,« sagte ich. - -»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm, -unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug -geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes -passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich -solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber -man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen, -so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten -sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel -hinstellen.« - -Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während -unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich -geben, reichte es mir und sagte: - -»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich -früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den -Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.« - -Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit, -mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich -die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden -Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese -schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so -prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau ...« - -»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau -hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt -nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren -Weiberrock anbehält, -- also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke -nähen.« - -Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau -erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert, -das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die -Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte? -Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus. -Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir -Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so -groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar -ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes -nicht abgesehen zu haben, -- und doch kann ich sie nicht vergessen! -Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung, -welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß -sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im -Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben. - -Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein -seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern -Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte -Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte -er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter -Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle. -Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben -staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere -Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für -ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber -durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles -Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht -zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige -ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu -haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.« -Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte -und ihn mit Küssen fast erstickte. - -Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit -dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des -Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers -für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer -etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich -auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen -Leibrock aus französischem ~Gras-de-Naples~-Stoff, zweitens einen -reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine -Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in -ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand. - -Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht, -wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als -erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem -mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand: -»Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes -Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war -zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten, -erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch -auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse -heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel -enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los -deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du -vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann -wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.« - -Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der -Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche -Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege? - -Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch -er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall -verdankt er das!« - -»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte -Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt -mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen -Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich -langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie -ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.« - -»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht, -aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz -ruhig.« - -»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem -Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht -in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, -- -und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr -noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich -nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas -davon gestohlen habe?« - -»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen -Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube, -daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.« - -»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer -des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist -mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines -ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern -bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei -mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber -verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich -den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit -gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares -Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die -Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.« - -»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde -zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich -bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der -Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und -dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat -man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr. -Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch -wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher, -wie die Herrn im Konsistorium behaupten.« - -»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir -mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal -- -zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias -- aufgefordert -werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür -mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für -jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich -werde bald anfangen, sie zu fürchten.« - -»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt -zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur -sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.« - -»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der -Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom -beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß -der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu -seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger -betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender -Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem -Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die -Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn -Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des -Bischofs nur billigen.« - -»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie -ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit -zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?« - -»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die -Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm -hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner -Hand,« sagte er ihr.« - -»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit -dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf -die Polizeiwache gebracht, -- angeblich weil er betrunken war. Am -nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O -du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu -stehen kommen!« - -»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.« - -»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger -und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der -Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er -sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden. -Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!« - -»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich -geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich -sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein -schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über -die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich -gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die -Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie -zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich -glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz -gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.« - -»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin -meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei -ein trügerischer Tag. Wollen sehen.« - -»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.« - -»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein -ahnungsvolles Herz schlug freudig, -- aber es bezog sich nicht auf -meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen -sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert -mich doch.« - -»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer -noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen -bringen soll.« - -»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht -ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist -doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie -meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber -nicht richtig unterschrieben.« - -»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward -gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem -Herrn, solange ich lebe ... Was hat sich mit mir begeben? Was habe -ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes -Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du -Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in -dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die -es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu -werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich -vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen -leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz? -Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser -»unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise -herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals --- auch wider deinen Willen -- rufen wird, daß er dich zum Grabe -geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist, -sondern überreich an Nöten und Abenteuern, -- oder meinst du, daß -seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine -Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den -Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du, -meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren -und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn -du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und -dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen -Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten. - -Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich -philosophieren gemacht hat. - -Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt -verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich -erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der -Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest -gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über -die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch -an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so -daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt -weder Roggen noch Hafer zu finden. ... Kaum aber hatte ich dieses Wort -»Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von -mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt -Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin -dies und das und jenes, -- und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige -Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und -erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren -wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß -St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten -Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen -bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den -Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte: -»Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen -die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als -die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit -dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen, -sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn -auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge? -Heute bin ich Propst +gewesen+, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß -ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein, -solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln. -Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz -ist.« - -»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war -gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun. -Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine -Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.« - -»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine -Spieldose und ein Damespiel gekauft.« - -»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur -Spieldose singen.« - -»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem -Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den -Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin -ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste -ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt -worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und -man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal -mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war -sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er, -»das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir -nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das -sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur -lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.« - -»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung -geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts -bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die -im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische -Zeitung abonniert.« - -»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater -Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch -ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere -Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen -Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen -anderen.« - -»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und -Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren -auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles -erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes -Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.« - -»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe -ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr -Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit -langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen -und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten, -sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir -würden geschlagen, -- sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten -über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit -der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der -Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich -entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie -lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des -Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen, -trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür -und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!« -Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte, -und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.« - -»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat, -so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute -früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich -und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es -gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten -bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies -wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich -fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.« - -»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht -getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die -Gouvernementsstadt versetzt worden.« - -»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen. -Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden. -+Die+ Strafe ist noch zu ertragen.« - -»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich -Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »~mrak~« -- die -Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns -kommen wird!« - -»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück. -Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er -gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein -tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem -russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer -Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem -Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der -Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben -soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »~Nunquam de republica -desperandum~«, -- was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat -verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen -wollen, man dürfe nie an der +Republik+ verzweifeln. Daraufhin ward der -Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum -glaublich.« - -»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern -auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei -meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur -das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in -jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde -geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da -+er selbst+ auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke -schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur -die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles -hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man -mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum -erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts -anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern --- was meint ihr wohl? -- durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen -mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken -gemacht, -- obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen. -Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte -der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in -ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich -»unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache -patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer -zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch -ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt, -Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick -dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat -singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und -Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß -ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe -unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man -sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich -fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören -bekam: »Schweig!« ~Nunquam de republica desperandum.~« - -»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir -die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr -widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es -aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau -wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.« - -»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen. -Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe -getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte: -Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen -hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau -an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich -finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile -das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur -spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause -allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.« - -»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre -lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist -seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben -alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es -ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge -betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und -werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!« - -»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften -Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen, -namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle. -Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die -Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem -Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses -aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut, -aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts -von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett -lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in -gehöriger Quantität.«« - -»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß -unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz -gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich -habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.« - -»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu -einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das -erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht. -Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete -meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und -besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen -den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den -Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im -Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter, -ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt -für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum -erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und -sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe -Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's -wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie -dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem -Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch -lieb.« - -»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in -Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die -Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft -und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern -würde ich auch in dieser Art predigen!« - -»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht -worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da -ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige -einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen, -notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf -geradem Wege nicht gehen darf.« - -»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen, -aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der -Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe, -welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es -noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!« - -»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden, -im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister -des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur -Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister -hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben, -welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen -gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch -berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben -sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der -Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem -Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges -Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es -durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen -Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde, -weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines -mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen -Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern -verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden -sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der -Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in -dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich -zu Tode!« - -»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen -Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit -eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan -der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern -auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und -jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten ... bloß -der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit ... Aber habe ich -nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine -eigene Schmach zu Papier bringen?« - -»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet! -Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt -geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre -auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag -das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das -Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser ... Der Leib -ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon -gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.« - -»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den -Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und -wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er -sich die Zeit so vertreiben kann.« - -»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine -Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm, -daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum -Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen, -brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des -Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten -für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll -man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist -imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.« - -»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer -Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr, -daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant -einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla -der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen -Charakter hat dieser Sergej.« - -»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst -gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla -war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen -als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen -Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden, -das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen -verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als -der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem -Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein -wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß -er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all -dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob -jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen -Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte -Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen -müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen -Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt, -wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm -er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser -ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!« -Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum -besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum, -»vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders. -Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin -bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um -diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine -recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist -es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging, -kamen mir Tränen in die Augen -- ich weiß selbst nicht weshalb. Ich -fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn -ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren -Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung -widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben -führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der -eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern -ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne -Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla -nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende -Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon -Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten, -noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller -Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.« - -»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein -Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla -Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem -Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein -Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu -verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in -den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann -einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier -den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim -Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich -vorzüglich für einen Stadthauptmann -- sei es auch nur im Scherz. Was -aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser -Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon -Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen, -um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für -die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn -in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht -davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum -Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen -großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein -mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka -zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen -hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen, -wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln -vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch -ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die -Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt. -Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das -Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm -nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen -wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es -zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er, -»wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als -Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und -sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen -Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf -diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten -- -Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte -er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder -Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede -seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen -Heller wert!« - -»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der -Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja, -Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten -absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als -Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage, -warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er -wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt -lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen -Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh -getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.« - -»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den -Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der -schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge -den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein -recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum -Weihnachtsfest beglückwünschen könne, -- Achilla hat sich gleich dazu -bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht: - - Heute ward unser Heiland geboren. - Herodes hat den Verstand verloren. - Herr Bürgermeister ehrenwert, - Werd' Euch von Gott das gleiche beschert! - -Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.« - -»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die -Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa -Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion -gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen. -In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?« --- »Ja,« sagten die Knaben. -- »Und die Knochen habt ihr gesehen?« --- »Die Knochen auch.« -- »Habt ihr alles gesehen?« -- »Alles.« -- -»Habt ihr auch die Seele gesehen?« -- »Nein, die Seele haben wir nicht -gesehen.« -- »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß -es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf -aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision -bestimmt die Rede darauf bringen würde. - -Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den -Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden; -du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt -sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die -Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an -den Knöpfen ab!« - -»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht -verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia -an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und -erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger -vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte -Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung -gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm -plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin, -Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl -gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt -ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge -Theologe seine Anschauung denn begründe, -- und jener erwiderte darauf, -daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden -sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall -eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt -sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen -konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der -Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen -könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir -in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr -alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, -- und, um die Sache noch -deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige -Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit -denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in -der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte -den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten -der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?« -Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an -Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon -klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem -alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat. -Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem -Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa -steckt.« - -»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem -Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und -unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und -die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser -Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte -eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Weg ~ad patres~ finden. -Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben. -Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf -meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis! -Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den -ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten -Diener des Altars kränkt -- erhält einen Verweis! Und wenn ein -hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht, -wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt ... O du -arglistiges Geschlecht! ...« - -»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa -ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der -Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn -dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann -das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu -beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis -hinaus.« - -»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann -ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen -Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem -Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten -Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein -bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein -Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem -eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij -zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, -- und hat -gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden -und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war -ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den -Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt -sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum -Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß -die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen, -den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen -öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so -dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur -eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn -über Kleinem bin ich gesetzt.« - -»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der -Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging -trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den -Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu -alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem -Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht -in Flammen aufgehen, -- »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich -denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich -wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so -sein.« - -»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich -lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann, -und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen -Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu -lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen -lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle, -mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er -mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!« - -»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir -ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der -Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In -Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen -und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich -wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben -sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt, -mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen -Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl -das Bild zu übertünchen.« - -»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat -im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild -in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer -vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte -mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und -fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der -Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen -Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!« - -»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner -Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art -von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des -Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt -hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich -diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen, -und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß -nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie -nachdenken könne.« - -»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er -besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte -er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem -Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte -Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus -Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles -interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den -Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine -Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall -Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige -Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.« - -»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem -Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen -nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen -mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu -vergessen, daß ich Demokrat bin.«« - -»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst -belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von -der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall -Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger -Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür -ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte, -diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit, -denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich -starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als -Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr -erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher -nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte -ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe, -und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach -Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen -wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen -nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht -gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun -die Geschichte an. »Was ist das -- Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse -ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher, -statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren -Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in -der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war -einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe -Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so -zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu -sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.« -Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem -Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte -Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse -verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm: -»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben -recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein -lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer -gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.« - -»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten -zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man -sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am -Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden. -Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire, -verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium -den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem -Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt -sicher noch zu einer regelrechten Bataille.« - -»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus -gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten -Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte: -ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche -versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis -des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden -wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte -vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen -Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet -angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der -seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt -nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« -- und mit diesen -teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem -Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch -nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt -man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium: -ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das -Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht -erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus? -Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und -schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte, -sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung -der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der -Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht -sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie -ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem, -was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten -für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht -freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus -Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn -immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein, -daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben -Lande dienen? Es ist schlimm!« - -»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, -- ich weiß nicht -weswegen. Aber ich konnte nicht anders -- ich besuchte ihn dort, um -etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren. -Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in -freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre -noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über -alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch -für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht -unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen, -was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren -Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.« -Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht ... -Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens +diesem Unglauben+, -sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen, -Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!« - -»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und -hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare -Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine -gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder -Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.« - -»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir -selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben. -Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb -und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe, -der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen -halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste -bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und -klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine -ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz -kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe -erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei -andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein, -mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit -hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer -vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem -Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.« - -Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der -Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und -begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben: - -»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der -Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen -Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine -Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr -Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen -törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten -für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß -es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder -etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte -Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme -Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der -Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu -verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus -Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte, -darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht -und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen -aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man -werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen. -Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann -um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen, -der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer -Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im -Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem -Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um -die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern -stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben -im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als -wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von -Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren -Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige -Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich -statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe -sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch -sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett -verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am -Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die -Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun -wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei -Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat. -Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu -allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen -Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote -fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen -Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein -christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht, -ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich -widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich -zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die -Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub -sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum, -unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen -ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte -Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte -an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich -wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen -gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles -mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast -ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten. -Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr -verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten -sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich -gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell -für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran -zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß -und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang? -Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit -in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so -gesprochen?« - -Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster. -Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne -Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um -den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte -entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise -Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer -dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines -Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den -leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt -auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein. - -Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte, -vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und -im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den -Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres -heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie -wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung -zuschrieb. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel -hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile -ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein -leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete -Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an -den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das -Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße -hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels, -und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen, -merkt man etwas vom Erwachen. - -Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod, -über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum -Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer -höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint, -wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen -Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde -niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner -werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst. - -Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von -Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über -ihr anstimmen will. - -Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein -Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas -ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die -Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte -hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden -ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere -Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des -schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt -durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des -Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem -Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen -Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar -werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei -anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten -hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des -Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die -dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas -schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen. -Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure -Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch -emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in -dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst -mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der -anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein -kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm -hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er -einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich, -haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese -drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen. -Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber -löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und -eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht -haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt -leise: - -»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.« - -»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar. - -»Sieh besser zu!« - -Komar blickt scharf über den Fluß hin: - -»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.« - -»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!« - -»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild -unter dem Arm hält. - -»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat. - -»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden -Königreich gleicht,« antwortet die Frau. - -»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau -mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.« - -Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf -erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt. - -»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise -auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des -vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer -gelber Kürbis aussieht. - -»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die -Obrigkeit zu warten.« - -»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig. - -»Nicht möglich, -- du lügst, Komar.« - -»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!« - -Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben -sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz -in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an -die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so -langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen. - -Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein -gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in -Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in -diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet, -zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer -mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt -auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner -breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen -Nüstern schnaubend. - -Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem -nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum -andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen, -der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten -Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von -Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat -einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende -Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine -rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange -Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef -seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz -gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus -Saffian an einem Jagdriemen baumeln. - -Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon -seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke) -genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente -noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er -trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar -straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen -zusammengebunden sind. - -Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig -erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als -die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie -von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere -Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen -eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein -künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem -Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel, -in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im -Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach -zusammengefaltetes Badetuch. - -Also ein durch und durch friedliches Bild. - -Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser -hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit -auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der -Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser -erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm -den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu -erkennen. - -Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein -anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der -Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes -menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte -Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern -mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib -ganz im kühlen Wasser steckt. - -Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem -schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des -frischen Wassers erfreuen. - -Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in -den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der -Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt. - -Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine -glatte obere Platte hinauf. - -»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem -Achilla zu: - -»Schwimm doch schneller, du Pharao! -- Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf, -komm herauf!« - -Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen -Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer -bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den -Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den -herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen -Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz, -sondern vor Schreck über das laute Klatschen. - -»Was haust du mich mit solchem Lärm?« - -»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt. - -»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?« - -»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut. - -»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.« - -Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den -Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib -gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und -beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes -zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine -ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit -seinen Knien das Wasser zu Schaum. - -Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des -Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber -die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der -Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf -gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt -hat, daß sie feststeht, ruft er: - -»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.« - -Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal -eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt -hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich -gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine -Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich -gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden. -Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die -Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an -die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen, -den Kopf etwas seitwärts gebogen. - -»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt -Porochontzew. - -»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata. - -»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen, -Komar.« - -»Ich tu's auch gleich.« - -»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder -raus. Dann wird geritten.« - -»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann -fallen Sie wieder runter, wie neulich.« - -»Nein, nein, ich fall schon nicht.« - -Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und -stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald -gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt. - -»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew. - -»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im -geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit -stört. - -Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem -gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser -Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen -ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen, -und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten -Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch -klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden -Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast -immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu -gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht, -so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn -er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert -von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch -heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich -hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem -Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen -über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser -von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von -denen vier -- Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla -- sich -an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren, -während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken -bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert; -Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß -gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf -sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete, -unausgesetzt geschrien hätten. - -»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,« -meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt. - -»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein. - -»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch. -»Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren -passiert nichts Neues.« - -»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das -Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner -verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht -Anstoß, es gäbe ein Gerede und ...« - -»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar -ungeniert. - -»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer -waschen läßt?« wirft der Arzt ein. - -»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um. - -Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise: - -»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins -Wasser zu reiten?« - -»Halt's Maul, Komar!« - -»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte -Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier -ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber -wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die -Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort -im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das -Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!« - -Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie -hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen -und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen -Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem -kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt: - -»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben, -als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.« - -»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer. -»Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir -erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht -geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem -Warnawa die Knochen wegzunehmen.« - -»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man -hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.« - -»Hast du? Hast du's wirklich schon?« - -»Natürlich hab' ich's.« - -»Du flunkerst, Diakon!« - -Achilla schweigt. - -»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen -weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?« - -»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?« -erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht -Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum -Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack -gesteckt ...« - -»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?« - -»Dann ging es ganz dumm.« - -»Ja wie denn? So erzähle doch!« - -»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand -die Knochen wieder wegstibitzt.« - -Porochontzew springt auf und schreit: - -»Was? Wieder gestohlen?« - -»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige -Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte -und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte -zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da -- bis auf -das kleine Schwänzchen hier.« - -Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus. - -»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert. - -»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?« - -Achilla wird böse. - -»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?« - -Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er -mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt -hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.« - -»Haben denn die Menschen Schwänze?« - -»Etwa nicht?« - -»Du hast also auch einen Schwanz?« - -»Ich?!« fragt Achilla. - -»Ja, du.« - -Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und -sagt: - -»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, -- aber -mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche -Person bin.« - -»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?« - -Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen -verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige -menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er -schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam: - -»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.« - -»Ich niederträchtig?« - -»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu -kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem -Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!« - -»O wie schrecklich!« - -»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir -längst zum Halse heraus.« - -»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?« - -»Kusch!« schreit der Diakon. - -»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend. - -»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen -funkeln grimmig. - -»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.« - -»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin -euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!« - -Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der -rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um -den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden -wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des -Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den -Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, -- -er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu -- so -versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine -und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche -Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze -Umgegend alarmieren mußte. - -So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in -Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und -wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang -zeitigen sollte. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem -Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte -erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und -gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke -hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde -gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie -kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge -verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige -Lieblingsschülerin. - -»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der -Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so -freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.« - -Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine -Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet -Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen. - -»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.« - -»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten -Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.« - -Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte -Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster -mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla -in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein, -seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt -die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der -Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand -wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der -Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte« -und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als -die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des -Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich. - -»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den -Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.« - -»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna. - -»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden -ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht. -Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den -der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack -gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren -geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann -ich dafür?« - -»Ja, wer beschuldigt dich denn?« - -»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht -schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so -frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin. -Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und -da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo -ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!« - -Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der -schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt. - -»Was rennst du so ... und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt -ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört. - -»Das ... das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es -nie bemerkt?« - -»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir -vielleicht.« - -»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! -- -Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese -Frechheit, Vater Propst ...« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des -Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt -hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar -unverschämt?« - -»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die -Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel, -und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.« - -Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein -Fußknöchel?« - -»Ja freilich.« - -Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn: - -»Ich Dummkopf!« - -»Was hast du gemacht?« - -»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!« - -»Ja, weswegen denn?« - -»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.« - -»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig -ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen -Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin, -daß du jemand ums Leben bringst.« - -»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.« - -»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!« - -»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber -es kommt immer anders.« - -Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten, -wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder -verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört -ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich -tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft: - -»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!« - -»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt. - -»Du, mein Bester, du!« - -»Aus welchem Grunde bin ich unselig?« - -»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?« - -»Wozu?« - -»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.« - -»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und -freundlich. »Ihr sagtet: so oder so -- der Sache muß ein Ende gemacht -werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch -erfüllt.« - -Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in -die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt. -In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre -und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt. -Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was -konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber -erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla -diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der -ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür -zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und -Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten. - -Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa -und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim -Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte -gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut -zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte -mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow -später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und -seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren -Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie -so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue -Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das -schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite, -wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten, -schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern, -die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers -Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, -- alles das -schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der -verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle -Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft. - -Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem -er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen -einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward. -Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief -und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand -in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und -weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze, -verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin -Prepotenskaja. - -Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle -Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes -Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein -ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der -Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen -konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner -sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie -sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen, -begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die -grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des -Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen -Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine -menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal, -aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter -dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der -Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese -waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die -breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein -großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine -man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte, -über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag. - -Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer -seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn -die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht -mit. - -Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im -Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten, -und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder -Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu -nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann -eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern -entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich -dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder -der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen -neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein -vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes -und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber -dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer -hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter, -sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa -saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder -beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer -Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand -hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung -aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er -im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt -hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur -durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet. - -»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber -dieser Ruf verhallte ergebnislos. - -Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid -geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald -Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und -sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und -gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend -aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter -Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die -Knochen zusammenzusuchen begann. - -»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in -Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!« -begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging -ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er -sagte: - -»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.« - -Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der -ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das -Innere des Mannes ausgeschüttet. - -»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was -hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, -- da soll man noch in diesem -verfluchten Rußland bleiben!« - -»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht -verraten?« - -»Ja gewiß, wenn ... wenn Sie kein Spion sind.« - -»Ich glaube nicht.« - -»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen -Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so -wenigstens einen Zeugen.« - -Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal, -zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so -gekommen wäre. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing -der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner -Mutter geboren bin.« - -»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern -geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der -Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch -nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.« - -»Na ja, Macbeth! ... Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen -Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man -hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß -weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der -Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier -bei uns. Da redet man von Spanien ... Aber wie ist's mit Spanien? In -Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie -auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin -überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen -Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber -hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene -Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn -beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind -diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?« - -»Vollkommen recht.« - -»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig -zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt -die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe -sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen, -wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es -ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ -- -- Das ist doch nicht zum -Aushalten.« - -»Allerdings.« - -»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn, -Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹ -meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die -Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen, -gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt -der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie -widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie -besteht darauf: Ja -- nein -- mit Schwanz -- ohne Schwanz ... heißt es. -Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur -noch: Kusch -- kusch -- kusch -- und fuchtelt mir mit den Händen vor -der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten -verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit -geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit -Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem -Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber -diesen alten Weibern -- -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere -mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter -all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.« - -»Sie übertreiben!« - -»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat -mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner -naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.« - -»Wie haben Sie denn das gemacht?« - -»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, -- zuletzt -noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des -Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz -Besonderes, -- da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich -wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die -Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere -Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es -schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?« - -»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.« - -»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit -der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus, -daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie: -was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, -- so -redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, -- und: ist das überhaupt -eine Antwort, frage ich Sie?« - -Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich -eine höchst merkwürdige. - -»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend -erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der -Kommissar Danilka, -- wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei -Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen -mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag' -ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm -Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir -gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet -natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von -Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie -bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka -zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber -es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe -gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu -haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt -natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die -Knochen nicht wieder zurückgeben, -- und ich geb' sie auch bestimmt -nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und -bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man -vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser -Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole -sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹« - -Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände -über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein -mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme: - -»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es -ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!« - -»Was verzögern ›sie‹ denn?« - -»Als ob Sie das nicht wüßten!« - -»Etwa die Revolution?« - -Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch. - - - - -Elftes Kapitel. - - -»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort, -»begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu -setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle -Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, -- und -diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber -Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben, -muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös, -die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ -- ›Was ist das wieder für ein -Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr -denn?‹ -- ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla -ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit -wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ -- ›Ja, Lieber,‹ sagt sie, -›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit -einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor, -mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem -Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle -glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin; -geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er -bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen -heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte, -und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit -den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?) -Du bist ohne Knochen viel netter.‹ -- ›Das geht Euch gar nichts an, ob -und wann ich netter bin.‹ -- ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr -viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ -- ›Aber Ihr habt nicht -das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ -- ›Sind denn Totengebeine -Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar -nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl -den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne -wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür -gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei -Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür -nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich -bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei -Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er -sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort -zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz -meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den -Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein -Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge -sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs -allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei -Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm -schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß -er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen ...‹« - -»Verhauen?« - -»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und -fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein -dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den -Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich -ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht -weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal -in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna -hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter -mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen -Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, -- und richtig, da lagen sie -alle drinnen, alle meine Knochen.« - -»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?« - -»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen -hinein und raste im schnellsten Tempo davon.« - -»Und damit war die Geschichte zu Ende?« - -»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich -weitererzählen?« - -»Ich bitte darum!« - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die -Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns -vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig -und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie -unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich -das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das? -Ach ja, -- wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf, -mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche, -damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging -ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich -können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat -ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich -meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell -ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen -Blick auf die Wand, -- die Knochen sind weg!« - -»Sie hatte sie begraben?« - -»Jawohl!« - -»Ohne Scherz?« - -»Als ob man mit +der+ Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte: -›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt -mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha, -mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte, -ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan -jeden Tag zu beten, -- es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur -Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins -der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues -Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht -gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein -sogenanntes Verbrechen gewesen?« - -»Sogar ein großes.« - -»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher -wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse -getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen -ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind, --- was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich -jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla -nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen -kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, -- -krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, -- -wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich -bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will -mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, -- und sitze -jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich -von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.« - -»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen! -Er ist doch Diakon.« - -»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum. -Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied -zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa -kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern -Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will, -ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin -nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben -kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von -denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann. -Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, -- und -die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die -wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen. -Haben Sie es gelesen?« - -»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.« - -»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu -haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu -experimentieren und so weiter?« - -»Das weiß ich nicht.« - -»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den -Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre -nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die -Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen --« - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die, -von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden -hatte. - -Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen, -richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub -bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog: - -»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet -bin ...« - -»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner -Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu -kommen.« - -»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter -nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.« - -»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so -sehr.« - -»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie -vergräbt meine Knochen. -- Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen -vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.« - -»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am -Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen -können!« - -»Trotzdem ist das doch zu dumm!« - -Alexandra Iwanowna lächelte und sagte: - -»Besten Dank!« - -»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.« - -»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.« - -»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem -Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich -jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in -Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da -der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, -- -Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann -man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen -kann man etwas, -- aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so -reden!« - -»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben -können!« - -»Gewiß. Aber warum?« - -»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.« - -»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren -eines ehrlichen Menschen unwürdig.« - -Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen -zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem -winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen -die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung, -daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu -ihm hinüber und fragte flüsternd: - -»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?« - -Darjanow bejahte. - -»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die -Alte. - -»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine -Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst -eine Frau hat ...« - -»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das -ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt -er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in -der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte -mich, besonders abends ...« - -Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen -Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und -flüsterte: - -»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume, -so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein -Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen, -so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein -mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete -gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete -lesen lasse.« - -»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.« - -»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich -war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis -er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach -Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater -Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm -auch in diesem und jenem, -- bis es dann plötzlich über ihn kam, ich -weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen. -Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer -und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders -erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem -›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel -besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten. -Gerade so ist es mit Warnawa auch.« - -Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die -Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete -weiter: - -»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes -Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht. -Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es -auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach -Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch -einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei -da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind. -Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin -verschwand wieder. - -»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise. - -»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch -Komödie und kommt nicht mal zum Essen.« - -»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.« - -»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.« - -»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei -Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen, -widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen -beabsichtige.« - -Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte -der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit -seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich -charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen. - -Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen, -beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit -geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte. - -»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot. - -»Ja.« - -»Und vielleicht --« - -»Was?« - -»Vielleicht auch Sie ...« - -»Ja, ich auch.« - -Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand: - -»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.« - -Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen. - -»Ich muß Ihnen ja gehorchen ...« - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen -zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit -der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte -sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen -ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die -vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast -nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit, -die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren -gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem -Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise -und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast, -wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden, -daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte. - -Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu -bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück -und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten. - -»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.« - -»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man. -Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was -ich gekocht habe, -- und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.« - -»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte -den Kopf. - -»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.« - -»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer. - -»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens -bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur -Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, -- aber wenn du vom Tische -aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch -sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf -mich ...« - -»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig. - -»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens -aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ -- und dann -erst essen ...« - -»Mutter!« rief Warnawa noch lauter. - -»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr -Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen, -denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir -immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der -Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es -nie essen. Warum?« - -»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends -zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!« - -Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte. -Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand -hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen. - -»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?« - -»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider, -und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt -auf dem Halse zu haben.« - -»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen, -und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit -sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel -lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild -und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände -fuchtelnd: - -»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!« - -Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden. - -Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in -Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig -ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die -Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer -stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die -Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die -Tür und stellte sich ans Fenster. - -Prepotenskij aß ruhig weiter. - -»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich -kauend. - -»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken. - -»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt. - -»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.« - -»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?« - -»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra -Iwanowna.« - -Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij -und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er -sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu: - -»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.« - -»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?« - -»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün -geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.« - -»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so -vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.« - -Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der -Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im -verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser -aber soll es im nächsten Kapitel erfahren. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine -Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den -Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander -und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen -verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und -Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von -Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese -Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit -schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter, -der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert -war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die -unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte. - -Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so -gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends -sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er -dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und -im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen. - -Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und -es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der -Prepotenskijschen Behausung klirrte. - -Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem -festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens -knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte -Hostienbäckerin begrüßte. - -»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?« -wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen -Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken -sollten. - -»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen -und sich irgendwo vor Euch versteckt.« - -»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich -lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow -erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern -Achillas. - -»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der -Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein -beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt -haben sie in Aufregung versetzt.« - -»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte. - -»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow -und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe -Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar, -aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune, -in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und -feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu. - -Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über -seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem -jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine -lagen. - -Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers -mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij -bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort -stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof -auf die Straße hinausgegangen. - -Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den -Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte: - -»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?« - -Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte -mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut -hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel, -die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem -Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin -selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling -einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt -war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession -und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein. - -Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges: - -»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!« - -Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher -das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der -Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange -hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen. -Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod, -der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie -in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben -beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den -Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum -hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein -schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber -während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit -schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor -den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße -- er schien heute -viel gewaltiger als gewöhnlich -- der grimme Diakon Achilla auf. - -Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der -Rippenstoß. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine -Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie -sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte -er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen -nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet, -denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des -Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die -aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster. - -»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem. - -»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!« - -Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein, -er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte -und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon -Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm. - -Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende -menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er: - -»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?« - -»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.« - -»Gut, ich will zurücktreten,« -- und der Diakon ging an das Fenster, -stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr -fort: - -»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für -diesen Lehrer so ins Zeug legen.« - -Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale -Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den -kahlen Schädel des Skeletts vor Augen. - -»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,« -entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches -Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit -den Zähnen klappern. - -»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden -Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und -gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit -flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine -Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und -eine bekannte Stimme rief gebieterisch: - -»Laß liegen!« - -Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor -Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen -zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den -Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite, -daß er einen Zoll tief in den Boden drang. - -»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum -Gehen. - -Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und -niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen -Streich ertappt worden ist, von dannen. - -»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte -Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen -eingeholt hatte. - -»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen -haben.« - -»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht -kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein -drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!« - -»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.« - -»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt -sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken -ausnutzen können.« - -Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er -mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub -zog. - -Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen -diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war. - - - - -Zweites Buch. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der -erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag. - -Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben -Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem -er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren -Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den -Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine -ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die -beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie -in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm -gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst -das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde. - -Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen -ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man -vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder -zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster -ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer -Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs -auf ihr Haus zu bewegte. - -»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück -und sagte ihrem Manne: - -»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.« - -»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen -darunter,« antwortete Sawelij ruhig. - -»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.« - -»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein -Gläschen Tee.« - -Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder -ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier -aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit -nach dem Tuberozowschen Hause. - -»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!« -rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber -schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was -eigentlich geschehen war. - -Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des -Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot -und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt. - -»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände -dem Propst entgegenstreckte. - -Tuberozow segnete ihn. - -Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in -Empfang. - -Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr, -riß ihn zwei Schritte zurück und fing an: - -»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang, -da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen -Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt -hat, -- und jener dort« -- Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken -Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase -- »wagt zu -widersprechen!« - -Tuberozow hob den Kopf. - -»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka -näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht -nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des -Gottesdienstes gekommen.« - -»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken. - -Danilka schwieg verlegen. - -»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach -kraft eines Naturgesetzes gekommen.« - -»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte -Tuberozow. - -»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden. - -»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht, -und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du -verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.« - -Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert -war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas -schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den -Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, -- hast du die Absicht, noch -lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu -halten?« - -»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich -wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er -- denkt nur --- immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.« - -»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?« - -»Und wenn's auch vor allem Volke war, -- was ist denn dabei, Vater -Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen -Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor -allem Volke eins ausgewischt ...« - -»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort. -»Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich -nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit -deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel -zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!« - -»Das tu ich.« - -»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich -gerettet, sondern das da,« -- sagte der Propst und zog den Diakon am -Ärmel seiner Kutte. - -»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der -Würde meines Amtes bewußt.« - -»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?« - -Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher, -schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte: - -»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den -Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten -raucht?« - -Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig: - -»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst ... Ich kann's nicht leugnen ... Aber -das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus -Unvorsichtigkeit.« - -»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos -er die Zigaretten zu drehen versteht.« - -»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich -mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch -andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.« - -Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr -vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte: - -»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht -wahr?« - -Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte. - -Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen -standen. - -»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?« - -Der Diakon schwieg. - -»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich -Pfeifen?« - -»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon. - -»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu -Hause?« - -»Ihr raucht sie zu Hause.« - -»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.« - -»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.« - -»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug -mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh -jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine -neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen -neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles -offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.« - -Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen -Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel -herunter. - -»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen -wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich -hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen -Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen -Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte. - -Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und -öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt -war, die Tür zum Wohnzimmer. - -In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock, -die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der -eingefallenen Brust, auf und ab. - -Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz -anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich -befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden, -und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte. - -»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes ... Nun!« begann er -ungeduldig in der Tür. - -»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und -windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre -Pfarrer wieder auf- und abzulaufen. - -Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann: - -»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater, -sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen -kippen?« - -»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?« - -»Wer sonst als der Justizminister!« - -»Vater Sawelij!« - -»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia. -Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht, -durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.« - -Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller -präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater -Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und -mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem -unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den -einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege -zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte -Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt, -bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.« - -»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und ...« - -»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte -Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend. - -»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der -Diakon. - -»Ja natürlich ... versteht sich ... zum Teil mag auch das ... Weg -mit euch, ihr Bälger! ... Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr -unzufrieden mit dir ist ... Er ist vielmehr ... nehme ich an ... Wollt -ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! ... Ich meine, daß er in seinem -Herzen ... verstehst du?« - -»Betrübt ist?« sagte der Diakon. - -Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein -saures Gesicht und sagte: - -»Empört ist.« - -»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt -ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal -ordentlich vor -- -- und so weiter.« - -Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen, -verabschiedete sich der Diakon und ging. - -Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an: - -»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich -gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.« - -»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete -Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch -schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang. - -»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich -weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin ... Ich -habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich -dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des -Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte -ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du -willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel, -aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ -- Hab' ich das gesagt -oder nicht?« - -Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte: - -»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.« - -»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es -deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und -warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit, -deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich -verstanden?« - -Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es -furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die -ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser -Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem -Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen. - -»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten -sie ihm gesagt. - -Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und -mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden -zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er: - -»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr. -Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den -Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem -sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.« - -»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel -Trinkgeld.« - -»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.« - -»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit -her!« - -»Wieso?« - -»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur -wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge, -müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das -erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der -Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der -Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt -hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.« - -»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen -rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und -flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es ... Aber -Vater Sawelij will es nicht ... und also ist es unmöglich ...« - - - - -Zweites Kapitel. - - -Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß -seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten -noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging -gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr -eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu -versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts -drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein -wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war -dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen -Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen -Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste -der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten, -rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich -laut seiner Frau zu: - -»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!« - -»Wer kommt denn da?« fragte die Frau. - -»Sieh mal selber nach.« - -Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster, -und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner -Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger -Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf -und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine -Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts -auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an -das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug -manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie -festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war -der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die -Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes -wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten -gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich -sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den -großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen, -auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein -weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen -Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in -einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem ~Gras-de-Naples~ mit -einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern. - -»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! -- Nicht möglich! --- Sehen Sie doch selbst! -- Ja, richtig! -- Gewiß doch! Da -- Nikolai -Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt -nickt auch Maria Afanasjewna.« - -So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich, -für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die -Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die -kleinen Leute eintreten mußten. - -Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger -Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses. - -Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem -Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie -sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine -sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz -mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune -Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr -Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von -Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf. - -Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme -Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe -Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche -war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine -stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes -Seidenkleid mit großem Spitzenkragen. - -Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die -Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans -Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf -die Hausfrau zu. - -»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige -Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger -Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau -Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga -Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. -- Schwesterlein, wiederholt -es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese -mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor -dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort: - -»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen -geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen -Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden, -daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und -meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu -entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige -Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit -nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen -entschuldigen.« - -»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef. - -»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich -auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung -bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.« - -Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte -Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und -seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise: - -»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.« - -»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow. - -Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla -ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm -verbeugte und dabei lächelnd sagte: - -»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an -mir.« - -»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr. - -»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es -sich an einem Krüppel?« - -»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die -Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine -Händchen drückten. - -»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine -Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da, --- und ich friere beständig.« - -»Sie frieren?« - -»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle -eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften? -Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.« - -Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet. -Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete -allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße -längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes -Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser -wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr -aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas -Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen ... -So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu -essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf -bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel -besser stricken als die Schwester, sogar ~Broderies anglaises~ verstand -ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.« - -Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen: - -»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes -Märchen, mit dem man sterben möchte.« - -»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.« - -»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa -Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der -Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien. - -»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange -schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu -dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend. - -»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne -seine Rede an eine bestimmte Person zu richten. - -»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow. - -»Spaßig war sie.« - -Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai -Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt: - -»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter -Herr.« - -»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert -hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst. - -»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.« - -»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,« -wandte sich Tuberozow an die Gäste. - -»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen -so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu -trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein. - -»Nun, so erzähle doch.« - -»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!« - -»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder -ob es Sie wirklich interessiert, -- wenn die ganze Gesellschaft es -wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte -erzählen.« - -Und er begann. - - - - -Drittes Kapitel. - - -»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner -früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag -hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer -getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch -vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein -Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen: - -›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹ - -›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden? -Ich bin auch so völlig zufrieden.‹ - -›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹ - -Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand: - -›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur. - -Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und -strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder: - -›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen -schenken will?‹ - -›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹ - -›Und wenn ich dir zwei schenke?‹ - -›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹ - -›Und wenn es drei werden?‹ - -›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹ - -Da schüttelte sie den Kopf: - -›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst -du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹ - -›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete -ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen, -wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte -ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie -auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte -meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie -weinte auch. Dann stand sie auf und sprach: - -›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹ - -›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich -das.‹ - -›So wird Er dich auch trösten.‹ - -Und er hat mich wirklich getröstet.« - -Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine -dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von -seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen -Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz -zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz -anderen, feierlichen Stimme: - -»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich -waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter -einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen, -um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu -bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme, -gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu -empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht -macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das -natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte -nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den -linken Altarflügel hinaus, -- und sehe plötzlich mitten im Volke mein -Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den -Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber -der Bruder Iwan Afanasjewitsch ... der war ja der reine Gardehusar. Ihn -sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte -mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine -Vision! Ich sah meine Mutter -- sie war eine Bäuerin -- bitterlich -weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den -weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den -Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie -ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem -Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr -meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und -meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen. -Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt: - -›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹ - -So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur -meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen -besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß. -Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein -Beutelchen aus der Tasche -- ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen -Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt -war -- und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich -greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter -einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren -lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll -denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin. -Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin -und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen -Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus -der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte -ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt. -Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das -ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte -mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte. -Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen -und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht -beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will, -wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du -einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst -Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier -hinter die Weste ... Das war zu viel für mich ...« - -Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und -sagte: - -»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß -deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine -Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich -fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an -die Brust gedrückt.« - -»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla -gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter. - -»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte. -»Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem -schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine -gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi -willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte -dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige -Bojarin Plodomasowa!« - -»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte -den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar -abreißend. - -Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt -hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er: - -»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer -besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer -teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei -Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn -erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt -und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre -zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird -er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher -muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst -du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ -- -›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich, -wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen, -wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber -schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie -wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was -sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹« - -Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte -zu seiner stumpfsinnigen Schwester: - -»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.« - -»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria -Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend. - -»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte -jemand. - -»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester -Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen -Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte -sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte -ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am -Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ -- ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich -darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen -tot!‹« - -»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt. - -»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,« -fiel Tuberozow ein. - -»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn -die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe -mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft -sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln -und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen. -Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie -betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur -Hase.« - -»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die -Schultern des Kleinen. - -»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn -sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew. - -»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,« -erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie -gewollt.« - -»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich. - -Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte: - -»Lügen wäre Sünde, -- ja es war so.« - -Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein: - -»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!« - -»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai -Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die -Zudringlichen abzuwehren. - -Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die -Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im -Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil -er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug -plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in -diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken -zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte -sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen. - -»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie -dich verheiraten wollten.« - -»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.« - -Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief -selbstzufrieden: - -»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte -ich: Ich setze es durch, -- und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte -wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und -die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine -Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen -Häusern Brauch ist.« -- - -Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser, -in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von -neuem zu erzählen an. - - - - -Viertes Kapitel. - - -»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten -Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.« - -»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort -mehrere Stimmen. - -»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner -Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und -habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.« - -»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte -der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf -die Schenkel. »Seht ihn doch an, -- so ein winziger Floh und hat mit -dem Kaiser geredet.« - -»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst. - -Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler -nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich. - -Der Zwerg fuhr fort: - -»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem -Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna -hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem -weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde. -Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die -Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit -zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte -nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball, -zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir -offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich -zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei -einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch -mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu -- entschuldigen Sie, meine Damen --- Pantalons, Weste, Halsbinde -- alles weiß; ein Spitzenvorhemd und -Schnallenschuhe, -- zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei -Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so -eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem ~Maitre d'hôtel~ -wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber -dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke -zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte -Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der -~Maitre d'hôtel~ sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen, -soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu -sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie, -und kletterte -- hoppla -- auf so einen kleinen künstlichen Felsen, -wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm -und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren -der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in -lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging -mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas -zu erfrischen. Und -- denken Sie sich nur -- nicht allein, daß er sich -nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke -zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie -angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.« - -»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow. - -»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen -aufgeregt war ich.« - -»Ich wäre davongelaufen,« sagte der Diakon, außerstande, noch weiter zu -schweigen. - -»Warum denn davonlaufen, werter Herr? Ich will nicht sagen, daß ich -keine Angst verspürt hätte, aber ans Davonlaufen dachte ich doch nicht. -Seine Majestät kamen indes immer näher und näher. Ich hörte schon -deutlich, wie Ihre Stiefel klipp-klapp, klipp-klapp machten. Ich sah -bereits Ihr sanftes Gesicht, den freundlichen Blick, und wissen Sie, in -meiner Verwirrung dachte ich gar nicht mehr daran, daß ich gleich Ihren -Augen sichtbar werden mußte. Da wandte der Kaiser den Kopf und, ich -sah's, er richtete den Blick direkt auf mich und sah mich an.« - -»Nun?« schrie der Diakon und wurde ganz bleich. - -»Ich machte eine Verbeugung.« - -Der Diakon atmete auf, drückte die Hand des Zwerges und flüsterte: - -»Erzähle, sei so gut, erzähle schnell weiter!« - -»Der Kaiser sah mich also an und geruhte auf Französisch zum Fürsten -Golitzyn zu sagen: ›Ach, was für ein Miniaturexemplar! Wem mag es -gehören?‹ Der Fürst Golitzyn war, wie ich sah, in Verlegenheit, -was er antworten sollte, -- und da ich die französische Rede wohl -verstehen konnte, antwortete ich selber: ›Der gnädigen Frau Plodomasow, -Kaiserliche Majestät!‹ Da wandte sich der Kaiser zu mir und geruhte -zu fragen: ›Welcher Nation sind Sie?‹ -- ›Ein treuer Untertan Eurer -Majestät,‹ antwortete ich. ›Und geborener Russe?‹ fragte er weiter -und ich antwortete: ›Ein Bauer und treuer Untertan Eurer Majestät.‹ -Da lachte der Kaiser. ›Bravo,‹ scherzte er, ›bravo, ~mon petit sujet -fidèle~!‹ und faßte meinen Kopf mit der Hand und zog mich an sich.« - -Nikolai Afanasjewitsch dämpfte seine Stimme und sagte mit einem leisen -Lächeln im Flüstertone, als handele es sich um ein großes politisches -Geheimnis: - -»Er faßte mich um, wissen Sie, und dabei drückte ein Knopf seines -Ärmelaufschlags mir die Nase zusammen, daß es mir ordentlich wehe tat.« - -»Nun und du? Du schriest doch nicht?« rief der Diakon. - -»Nein, Väterchen, nein, warum sollte ich schreien? Wie kann man -schreien, wenn der Zar einen liebkost? Nein, als er mich losließ, küßte -ich seine Hand ... für das Glück und die Ehre ... und das war mein -ganzes Gespräch mit Seiner Kaiserlichen Majestät. Später natürlich, als -sie mich vom Felsen heruntergenommen hatten und man mich in der Kutsche -nach Hause fuhr, da hab' ich die ganze Zeit geweint.« - -»Warum hast du denn nachher geweint?« fragte Achilla. - -»Warum? Als ob ich nicht Grund genug gehabt hätte? Vor Rührung weint -der Mensch!« - -»So klein ist er und hat so viel Gefühl!« rief Achilla ganz begeistert. - -»Nun, erlauben Sie mal,« fing der Erzähler wieder an. »Die -Aufmerksamkeit, die Seine Majestät mir zufällig erwiesen, wurde in -verschiedenen Moskauer Häusern bekannt, Marfa Andrejewna nahm mich -überall mit hin und zeigte mich den Leuten, und -- ich sage Ihnen die -reine Wahrheit, ich lüge nicht -- ich war damals der allerkleinste -Zwerg in ganz Moskau. Aber das dauerte nicht lange, nur einen einzigen -Winter.« - -In diesem Augenblick prustete der Diakon plötzlich überlaut und fing -dann, den Kopf zurückwerfend, leise zu kichern an. - -Als er merkte, daß er durch sein Lachen den Erzähler unterbrochen -hatte, setzte er sich wieder gerade hin und sagte: - -»Es ist nichts! Erzähle nur weiter, Nikolaurus, ich lache über meine -eigene Sache. Wie einmal der Graf Klenychin mit mir gesprochen hat.« - -»Nein, sprechen Sie sich nur aus, werter Herr, sonst unterbrechen Sie -mich wieder,« sagte der Zwerg. - -»Ach, es ist gar nichts Besonderes, eine ganz einfache Geschichte,« -erwiderte Achilla. »Der Graf Klenychin besichtigte unser -Seminargebäude, ich machte ihm eine Verbeugung und da sagte er: ›Pack -dich weg, Schafskopf!‹ Und das war unser ganzes Gespräch, über das ich -lachen mußte.« - -»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort: - -»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg -eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger -breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht -hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin, -sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als -sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit -eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut -und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte -sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin -wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit -allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und -hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett -aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen. -Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese -wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig -auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich -will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die -Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten, -wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder -kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie -ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben -würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen, -meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn -wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die -Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von -starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und -mit drei Kaisern getanzt hatte, -- aber mit der Generalin Wichiorowa -wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist -auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel -nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet, -deine Frau werden zu dürfen.‹ -- ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte -ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre -Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser. -›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die -Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.« - -»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,« -erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn. - -Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort: - -»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam -die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir -fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig. -Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner -Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die -Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf -dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine -große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden -die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl: -›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen -wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna -mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab, -und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein -andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose -und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem -Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man -eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts -war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine -Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In -diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern -ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee -saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander -ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber -geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um. -Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht -nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu -Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa -Andrejewna ... Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken! -Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe -ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta -Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen -Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen -Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich -mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit -ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann -fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn -sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß -all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf -ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die -Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie -für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt, -daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders -ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst -eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich -nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da -kam Alexei Nikititsch -- Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben, -ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß -sie bös auslaufen würde -- er kam also auf den Gedanken, oder irgendein -kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau -Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das -beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die -Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist -sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet, -ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln -weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei -es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er -sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht -festgehalten?‹ fragt sie wieder. -- Ja, er sei eben aus einer Straße -in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. -- ›Sie ist aber -auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und -nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen -lassen.‹ -- ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen -lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind. -Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler, -oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war -natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen, -denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er -zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die -Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn -man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige -klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie -sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich -den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da -mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half. -Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber -immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich -aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes -dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der -entflohenen Sklavin ...« - -»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger -hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon. - -»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.« - -»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem -richtigen Heiligen gebetet.« - -»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij -ein. - -»Bitte, Nikolai, erzähle weiter.« - -»Ja, Hochwürden, was ist da noch viel zu erzählen? Meine Geschichte -ist so gut wie zu Ende. Einmal kamen wir mit Marfa Andrejewna von der -Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, als uns in der Petrowka-Straße -der Wagen der Generalin Wichiorowa entgegenkam, in dem neben der -Generalin auch Meta Iwanowna saß. Da begriff Marfa Andrejewna alles und -... Sie mögen mir glauben, meine werten Herrschaften, oder nicht, -- -sie fing in der Kutsche leise, aber bitterlich zu weinen an.« - -Der Zwerg schwieg. - -»Nun, Nikola,« suchte der Propst ihn anzuspornen. - -»Ja, was nun? Als wir nach Hause gekommen waren, sagte sie zu Alexei -Nikititsch: ›Mein liebes Söhnchen, du bist ein rechter Schafskopf, daß -du dich unterstehen konntest, deine Mutter zu betrügen und mir noch den -Polizisten auf den Hals zu schicken.‹ Und damit ließ sie ihre Sachen -packen und fuhr aufs Land.« - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu -und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es -eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und -nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.« - -Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an: -Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen. - -»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich -Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte. - -»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen, -zu welchem Heiligen du betest!« - -»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab -ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer -entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der -Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und -so ging es denn auch später.« - -»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.« - -»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich -plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch. - -»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla -höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen -Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?« - -»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?« - -»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des -Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es -fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen -bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.« - -»So.« - -»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, -- zu dem Heiligen Theodor Tyron -hätte gebetet werden müssen.« - -»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.« - -»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.« - -»Ich sage dir, es war ganz richtig.« - -»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die -ganze Tabelle auswendig.« - -Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf -und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn -abbrechen wollte. - -»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum -heiligen Maroas.« - -»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend. - -»Um Heilung von der zehrenden Sucht -- zum heiligen Märtyrer Artemios,« -fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein. - -»Artemios,« wiederholte Benefaktow. - -»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit -- zum Wundertäter Romanus; wenn -der Gatte sein Weib verschmäht -- zu den Märtyrern Gurios, Samon und -Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird -- zum heiligen Nyphon; gegen -die wollüstige Leidenschaft -- zur heiligen Thomais ...« - -»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im -Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu. - -Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen -hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf -ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten -einzubiegen, und meinte: - -»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.« - -»Bitte weiter.« - -»Gegen die Trunksucht -- zum Märtyrer Bonifatius.« - -»Und zum Moses Murinos.« - -»Wie?« - -»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia. - -»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei. - -»Bitte weiter.« - -»Zum Schutz gegen bösen Zauber -- zum heiligen Märtyrer Cyprianus.« - -»Und zur heiligen Justina.« - -»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!« - -»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht: -und der heiligen Justina.« - -»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung -gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon -betonte jedes einzelne Wort) -- zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis -wir am siebzehnten Februar feiern.« - -Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem -Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit -derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung -fortfuhr: - -»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am -zehnten Juli feiern.« - -Achilla riß die Augen weit auf und schrie: - -»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger -beten.« - -»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater -Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen -entgegenstreckend. - -»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen, -deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon. - -»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze -und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.« - -»Ich suche meine Mütze! ... Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte -den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem -er rief: - -»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!« - -»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow. - -Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte -scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach -Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des -Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein: - -»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?« - -»Nun, wen?« - -»Den Wicht.« - -»Schönsten Dank!« - -»Bitte sehr, recht gern geschehen.« - -Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den -haarigen Filz seines Hutes und brummte: - -»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!« - -Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus. - -Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen -ein jeder seines Weges. - -Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell -von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben -Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja -gesehen haben, langsam über die Brücke. - -Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen -Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst: - -»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg -erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche -Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt, -sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die -jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher -Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu -leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so -gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal -in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man -die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes -Gotteshaus aus Stein zu errichten ... Damals brach ich in Tränen aus.« - -»Warum denn?« - -»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten, -neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin -beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme, --- und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen -auseinandergezerrt werden.« - -»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten -Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und -sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?« - -»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, -- und doch fühlte ich -etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und -mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste -Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten -Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein -wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren -klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt -es süße Mären! ... O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten -Märchen sterben!« - -»Das wird ja wohl auch so werden.« - -»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird? -Aber erlauben Sie, -- was ist denn das?« unterbrach der Propst sich -plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte -und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer -saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit -feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere -klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und -hellen, wässerigen Augen. - -Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem -anderen Ufer links ab. - -»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab. - -»Wißt Ihr auch, wer das war?« - -»Gott sei Dank, nein.« - -»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der -Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier -erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange -nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.« - -»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?« - -»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.« - -»Und der andere?« - -»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.« - -»Ein tüchtiger Jurist?« - -»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner -Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.« - -»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?« - -»Ismail Termosesow!« - -»Termosesow?« - -»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.« - -»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!« - -»Wie meint Ihr das?« - -»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er -gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch -noch.« - -»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang -unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit -verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben -Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in -dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind: -der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers, -welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär -Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse -Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach -Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt. - -Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin -vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik -beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung -entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten -Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr -Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe -prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem -Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten -Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt: - -»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie -bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, -- mit -einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem -Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier ... Nein, das darf -unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht -die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man -moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all -dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die -Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie -hinauszuwerfen, wenn ringsherum ... Im Schlafzimmer zum Beispiel die -Spitzengardinen ... Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht -hineinschauen ... Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!« - -Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie -sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer -ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb -als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas. - -»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause, -das anständig aussieht.« - -Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß -den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden -streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte, -bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand -hing ein Heiligenbild! - -»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus ... ich -will es in die Kommode legen!« - -Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in -ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer -reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr -Dienstmädchen und ließ sich ankleiden. - -»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?« - -»Warum sollte ich sie nicht lieben?« - -»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie -denn lieben?« - -Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte. - -»Was haben sie dir denn Gutes getan?« - -»Gutes, nichts, gnädige Frau.« - -»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in -Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige -Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹ -und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?« - -»Zu Befehl.« - -»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?« - -»Warum denn, gnädige Frau?« - -»Weil ich es so wünsche.« - -»Zu Befehl.« - -»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und -›nein‹ zu sagen.« - -»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.« - -»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so -sprechen. Hörst du?« - -»Zu Befehl.« - -»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir -noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ -- und mehr nicht. Bald wird es -überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine -mehr! Sie werden bald alle ... in Stücke gehackt. Verstanden?« - -»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden. - -»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.« - -»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier -haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne -Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen -herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch -einen zweiten Fünfer bekommen würde. - -Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde -zerlumpter Gassenbuben zurück. - -Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes -Platz nehmen und sagte zu ihnen: - -»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen -Fünfer. Ist's euch recht so?« - -Die Jungen rümpften die Nase: - -»Na ja, warum nicht?« - -»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den -Klügeren. - -»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.« - -»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.« - -»Jermoschka, setze dich auch dazu.« - -Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund. - -»Also jetzt singt ihr alle mit.« - - »Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.« - -Die Buben sangen nach, so gut sie konnten. - -»Heil!« sang Madame Biziukina vor. - -»Heil!« wiederholten die Kinder. - - »Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!« - -In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und -rief: - -»Es kommt Besuch, gnädige Frau!« - -Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen -hatte und stürzte in den Saal. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei -genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck, -als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren. - -Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war -klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen -ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und -zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger -Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun -aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts -mehr glühte und leuchtete. - -Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß, -wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers -hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften -übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und -rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark -hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen -Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den -Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht, -mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen -Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler -Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick -scharf und klug. - -Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden -gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden -wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie -zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein, -denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere -im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der -unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten -stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte -sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre -gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie -kommen? ... Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre -das Richtigste, das Natürlichste! - -Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber -hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für -Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre -wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum. - -Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett -stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte -sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die -Beine übereinanderschlagend. - -In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht -freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide -Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst -auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett -erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch -Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster -hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft, -daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden -Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in -ihre Lektüre vertieften Person hervorrief. - -Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und -wiederholte seine Frage. - -»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in -den Saal eintretend. - -»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen. - -Termosesow ging auf sie zu: - -»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad -Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam; -und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow, -Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die -Hölle heiß machen. Guten Tag!« - -Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der -andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit -den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte. - -»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?« - -»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf -Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.« - -»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf -Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn -Ihr Mann?« - -Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem -kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann -sei nicht zu Hause. - -»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren -dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß -offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz -und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf, -weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle -in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der -alles ganz famos gedeichselt hat, -- dem Mann die Stelle verschafft -und -- fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem -schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung -musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die -Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er: - -»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist -das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. -- Zu was Deubel -unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich -schroff. - -Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst -darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter -das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein -Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich -begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr -Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!« - -Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und -zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem -Tempo durch das Vorhaus und über den Hof. - -»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!« - -»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut. - -»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?« - -»Nein. Wo sollte die auch herkommen?« - -»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! -- Und das ist wohl Ihr -Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka -zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte -er sich an den Jungen: - -»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir -uns waschen wollen.« - -»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen. - -Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der -Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu -sie ihn erziehen solle. - -»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine -literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte -eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und -auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und -bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über -Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll -unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt -machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, -- -das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß -man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als -Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl? --- Du kommst hierher. Und du bist so einer? -- Du kommst dahin. Du bist -keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche -dich, -- und der Staat muß mich dafür bezahlen. -- Na, was starren -Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der -Praxis erzähle?« - -Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort: - -»Ihr richtet hier Schulen ein, -- na ja, wenn man sich an die -landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das -loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow -sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu -lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die -Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein -aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.« - -»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand -unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen. - -»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne -Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr -Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was -die Erwachsenen reden?« - -»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame. - -»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?« - -»Ein Diener.« - -»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du -Teufelsbraten!« - -»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm -vorgeschrieben war. - -»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!« - -»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina, -als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der -Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so -streng, -- dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist -alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor -nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich -ihm zu unterwerfen.« - -Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an -dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie -stark war er! Überhaupt, -- was war er für ein Mann! ... Wie entzückend -war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij, --- nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann ... Der würde -nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind ... er kommt ... reißt fort ... -vernichtet ... - -Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die -Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen? - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst -schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und -seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden -und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich -so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? ... -Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben. -Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu -lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? ... Aber -während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien -Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die -Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen -konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des -Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige -Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im -Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde -aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten -Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen -war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste -noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen -plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und -die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen, -dicht behaarten Arme deutlich erkennen. - -Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an -dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine -sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste. - -Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch -dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die -fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch -durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von -Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen -und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür -zuschlug, zerstörte das holde Bild. - -Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem -Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht -nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu -erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst -unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr -packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten: - -»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen -werde!« - -Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand, -und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert -neben die Hausfrau. - -»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und -faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu -sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel -beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern -eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn -so emanzipiert, nicht wahr?« - -Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind -es? Ja? Sagen Sie -- ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der -das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die -gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer -unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus -geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht -locker. - -»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld. - -Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow -ängstlich an und begann schüchtern: - -»Ja, ich weiß n...« - -Aber Termosesow unterbrach sie hart: - -»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu -sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich -erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich -von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine -Liebe durch einen Kuß.« - -»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob -sie diese Worte nicht gehört hätte. - -»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel, -sondern ein Dampfkessel.« - -»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm -losmachend. - -»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!« -Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in -seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen -Pferdelippen. - -»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?« -fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen -nähernd. - -»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig. - -»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?« - -Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren -Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!« - -Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen. -Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr -Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück. - -»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz -weiße Hände.« - -Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus -sei nur ein dummer Spaß. - -»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann -damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse -sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß -wir sie hier an die Wand hängen?« - -»Ich habe sie ja selbst.« - -»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber, -daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg, -und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm -ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge -sie dir wieder auf.« - -Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte -aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte -auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an -die Arbeit machte. - -»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er, -mit dem Finger durch die Luft fahrend. - -»Wie Sie meinen.« - -»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du -sagen. Und nun gib mal die Bilder her.« - -»Die hat alle mein Mann gekauft.« - -»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren -Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit! -Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland -gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.« - -Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die -rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust. - -»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit -ausnutzend. - -Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie -werden aber zu frech.« - -»Tä--tä--tä--tä--! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade, -wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien -Arm um ihren Leib. - -»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns -kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm -los. - -»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow -ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch -- weiter nichts. -Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer -bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du -mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so -benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend -zu behandeln.« - -Madame Biziukina wollte natürlich klug sein. - -»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend. - -»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder -ich dir gefalle ...« - -»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?« - -»Laß doch das Flunkern!« - -»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen -mir nicht im geringsten.« - -»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal -ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir -offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört -sind.« - -Daria Nikolajewna schwieg. - -»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen, -müssen wir mal zusammenkommen ... Ein Rendezvous -- verstehst du -- -natürlich zu politischen Zwecken.« - -Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand -leise los und sagte: - -»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen -gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht -auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm -lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!« - -»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna. - -»Warum?« - -»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.« - -»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der -Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.« - -»Das ist wahr.« - -»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du -sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!« - -»Ich habe viele Feinde.« - -»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!« - -»Die schlimmsten sind zwei.« - -»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!« - -»Der eine ist ... der hiesige Diakon Achilla.« - -»Es sterbe der Diakon Achilla!« - -»Der andere ist der Propst Tuberozow.« - -»Wehe dem Propst Tuberozow!« - -»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.« - -»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet -daher keine Stadt und kein Volk.« - -»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.« - -»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen. -Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein, -Herodias!« - -Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen. - -»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt -hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden -gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett -zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf -dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten -Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu -träumen. - -Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder -sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte -sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen. - -»Schlafen Sie?« fragte er. - -»Ja,« antwortete Bornowolokow. - -»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht -schlafen.« - -»Ja.« - -»Das ist also ein Blödsinn.« - -Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und -streckte sich ebenfalls aus. - -»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,« -sagte er, sich zurechtlegend. - -Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz -besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage -klang. - -»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame -Entdeckungen gemacht habe.« - -»Mit dieser Dame?« - -»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch, -was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?« - -»Ach ja!« - -»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten -Kameraden nicht um, -- daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen -handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?« - -»Ja, Sie haben das gesagt.« - -»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch -erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies, -daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf -Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über -uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich -habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.« - -»Ja, ja.« - -»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und -zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß -Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein -böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow -hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher. -Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie -bestimmt mal Kehrt machen würden.« - -»Ja.« - -»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen ... Das heißt, -um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei -zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich -zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre -Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.« - -»Ach!« - -»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in -Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt -und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute -wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über -Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen -Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen -Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden, -gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem -Volk zu gewinnen.« - -»Ja.« - -»Das wird Ihnen aber nie gelingen.« - -»Warum nicht?« - -»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den -Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.« - -»Hm!« - -»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an -Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien -Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.« - -»Ein Wolf sind Sie schon.« - -»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen -Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter -Letzt auf den Königsthron.« - -Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das -Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise: - -»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr -flüstern.« - -Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand, -legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an: - -»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren -Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.« - -»Ich verstehe nichts.« - -»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat -doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in -die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum ... man kann -es sehr leicht ... wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und -solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.« - -»Das klingt ganz plausibel.« - -»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt -hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde -Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives -Genie erklären.« - -Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort: - -»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt -auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie -er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine -Exzellenz geworden sei?« - -»Ja.« - -»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow -heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem -Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.« - -Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette -sitzend: - -»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?« - -»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn -man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir -müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine -Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger -unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir -zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein -Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als -wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt, -muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als -Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen -wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich -wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?« - -»Ja.« - -»Und geben mir Vollmacht zu handeln?« - -»Ja.« - -»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls -wollen?« - -»Ja, ich will es.« - -»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.« - -Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte: - -»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine -gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im -Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für -mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer -heißt's ›ein Roter‹ -- und niemand will mich nehmen.« - -»Waschen Sie sich weiß.« - -»Wo soll ich die Seife hernehmen?« - -»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?« - -»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben -in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren -schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir -gesagt.« - -»So bewähren Sie sich doch.« - -»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich, -bei Gott, mit Ihnen an.« - -»Vieh!« zischte Bornowolokow. - -»M--m--m--mu--u--uh!« brummte Termosesow ganz laut. - -Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief: - -»Was soll das noch?« - -»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das -weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig. - -Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich -schweigend zur Wand. - -»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde -dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich -so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten -blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute -mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage -mich mit Ehrfurcht.« - -Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich -schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein. - - - - -Elftes Kapitel. - - -Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht, -ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden -reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen -kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit -einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten -sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten -und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und -Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen -Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten -Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen. - -Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer -Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen -»Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht -beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in -Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde -es ihm zu viel, und er fragte: - -»Und Sie schämen sich nicht?« - -»Ganz und gar nicht.« - -»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine -Ecke und nahm ein neues Buch vor. - -In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz -entschlossen meinte die Biziukina: - -»Gehn Sie raus!« - -Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser -Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte. - -»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal. - -»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.« - -»Meinen Sie das im Ernst?« - -»Vollkommen im Ernst.« - -Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut. - -»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig. -»Hören Sie? Hinaus!« - -»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.« - -»Doch, Sie stören!« - -»Ich kann mich ja bessern.« - -»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und -suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben. - -Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und -verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für -unverbesserlich halte. - -»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz -außer sich. - -»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem -Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.« - -»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie -hinauszuwerfen.« - -»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er -nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in -einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte, -sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen. - -»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng. - -»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn ... denn Ihr -Jermoschka ...« - -»Nun?« - -»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung -mehr ...« - -»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina -in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins -Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und -Termosesow erschien auf der Schwelle. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und -rieb sich die verschlafenen Augen. - -»Ach, gar nichts, das ist ... ein dummer Mensch, der früher bei uns -verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los. - -»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn -getan?« - -»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij. - -Termosesow sah ihn an und fragte: - -»Wer sind Sie denn?« - -»Der Lehrer Prepotenskij.« - -»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?« - -»Durch nichts, durch gar nichts.« - -»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.« - -Prepotenskij kam sofort zurück. - -»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die -Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es -nicht finden.« - -»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,« -sagte Warnawa lächelnd. - -»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber -kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns -Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.« - -Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen. - -»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein -bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben -läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in -fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen -eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die -Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow -seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch -von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka. - -Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf -das Knie und sagte leise: - -»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh -diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.« - -»Den Danilka?« - -»Ja, den der Diakon beleidigt hat.« - -»Das ist ja eine Kleinigkeit.« - -»Also her mit ihm!« - -»Morgen in aller Frühe ist er hier.« - -»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn -Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat, -wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn -er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen -ganz klugen Kopf.« - -»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft -zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten ...« - -»Es ist sehr nötig, lieber Freund.« - -»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen -Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.« - -»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.« - -»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort. -»Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria -Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger -Gast mitzubringen.« - -»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der -Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn -linksherum und sagte: »Geh und handle!« - -Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze -und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der -Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe, -für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück, -Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich -zu sehen. - -»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen -wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig -gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.« - -Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf -und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er -ungestört mit Danilka reden könne. - -Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des -Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor. - -»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige -Diakon neulich morgens beleidigt?« - -»Er hat mich gar nicht beleidigt.« - -»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der -Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon -Achilla hat Sie gekränkt?« - -»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns -erledigt.« - -»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt -gezerrt!« - -»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.« - -»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er -hat Sie am Ohr gerissen!« - -»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.« - -»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen? -Er soll es doch vor allem Volke getan haben!« - -»Ja freilich.« - -»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.« - -»Wem denn?« - -»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.« - -»Schon recht.« - -»Also wollen Sie klagen oder nicht?« - -»Worauf soll ich denn klagen?« - -»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.« - -»Das stimmt.« - -»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich -und schreib, was ich dir diktieren werde.« - -Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber -gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der -Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt, -daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen. - -»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder -gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle -nicht unterschreiben. - -»Was? Sie wollen nicht?« - -»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.« - -»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und -nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht -unterschreiben!« - -»Nein, ich will nicht.« - -»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das -ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!« - -Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn -zum Tisch. - -»Ich ... wie es Eurer Gnaden gefällt ..., aber ich unterschreibe -nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen. - -»Ich will dich lehren! Wie's Eurer Gnaden gefällt! Und wenn es mir nun -gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?« - -Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte: - -»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine -Klage wird doch zu nichts führen!« - -»Warum nicht?« - -»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter -Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des -Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab. -Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen -Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien -sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß -ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.« - -»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.« - -»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch ...« - -»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind -aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der -Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst -du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst ... sonst -fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.« - -Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit -der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im -Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte: - -»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!« - -Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch. - -Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust -unter die Nase und sagte drohend: - -»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich -beschwert hast ...« - -Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung -mit der ganz erstarrten Hand. - -»... Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die -Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!« - -Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab. - -»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!« -kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab -Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an -das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu -sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann -auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr. - -Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut -applaudierte. - -»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow. - -»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu -fürchten!« - -»Das brauchst du auch nicht.« - - - - -Drittes Buch. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen, -hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen -mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte -dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem -Tagebuche gelesen haben, -- und erhielt die alten Scherzworte zur -Antwort. - -»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und -runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend: - -»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?« - -»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen -Vorfahren ... Das ... das muß Rußland zugrunde richten.« - -»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte -Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, -- gehen wir wieder -zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.« - -Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt: - -»Wieso bin ich ein Maniak?« - -»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal! -Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber -ist?« - -Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des -Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der +Worte+. - -»Nun, so vollbringe +Taten+, Freund.« - -»Auch Taten sind noch nicht genug.« - -»Was brauchen wir denn?« - -»Großtaten.« - -»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?« - -»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer -löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.« - -»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.« - -»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden. -Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon -bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten -nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm -keinen Friedenstrunk reichen‹.« - -»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.« - -»Gewiß nicht, Freund.« - -»Du bist noch der richtige Seminarist.« - -»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.« - -»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer -Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.« - -»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht -erfüllen.« - -»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen, -wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die -Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt -laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.« - -Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber -sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft -erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die -Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern -Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte -zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte, -hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr -andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie -nahe der Tür Platz. - -Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen -Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und -der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten. -Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf -die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat, -sich höchst ehrerbietig verneigte, und -- was wohl keiner für möglich -gehalten hatte -- plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen -Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst. -Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als -er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung -deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor -der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen, -energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest -drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes. - -Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow -erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht -nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen -an den Mund des Abenteurers. - -Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von -ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß -und meinte: - -»Ich bin bloß Diakon.« - -Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow -ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen. -Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf -den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten -Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit -entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen. - -Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im -Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz -aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der -Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu -heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt -worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom -Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit -seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu -beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen -willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in -Schweigen zu verharren. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow -dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen. - -»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst. - -»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen -ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu -können.« - -»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein, -ohne daß man auf ihn achtete. - -»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß -bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, -- und -wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem -Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.« - -»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt. - -»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem -Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber -ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich -verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit -zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen -Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen! -Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische -geht.« - -»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.« - -»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt -vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, -- ein Gebet, dann -noch eins, und ein drittes. -- Es vergeht wieder eine ganze Stunde und -der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen -aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller -mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind, -erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn, -der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und -während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer. -Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts -austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.« - -»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,« -sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen. - -»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren -über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen -Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹« - -»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein. - -»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm -keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist -klug und der andere fromm.‹« - -»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia. - -»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?« - -»Weil ... weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen. - -»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon -ein. - -Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber. - -Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort: - -»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch -nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.« - -»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia. - -»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow. - -Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf -schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien -die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein. -Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei -allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in -Rußland noch nicht habe. - -»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit -unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu. - -»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft -ins Wort. - -»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken. - -»Ihr leidet darunter ja nicht.« - -»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben -solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir -auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht -überall verkündigt, so ...« - -»Ach -- so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen -uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.« - -»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.« - -Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es -nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm -aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten -darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte -Herzen um ihren Glauben zu bringen. - -»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen -Vorschub leistet.« - -Prepotenskij lächelte. - -»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk -sehr teuer zu stehen kommt.« - -»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl. - -»Ja, aber die neuen Menschen,« -- fing der Lehrer wieder an. - -»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.« - -»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.« - -»Ach wo! Einfach Halunken sind es.« - -»Halunken?« - -»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben -sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im -Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen -... Nihilisten -- so heißen sie doch wohl -- geplagt. Erst schlug sich -die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch -nicht mit ihnen fertig geworden, -- Schluß mit ihnen machen werden aber -die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später -den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.« - -Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es -verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts -auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde -verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb -Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon -Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen -zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut: - -»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!« - -Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm -abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der -sich wieder mit dem Propst unterhielt. - -»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche ... Aber ich ... ich stehe -für die Freiheit.« - -»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst. - -»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer. - -Nun wandte sich Tuganow ihm zu. - -»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?« -fragte Warnawa. - -»Nun und --?« - -»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?« - -»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.« - -»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich -sagte es: sie wird genommen werden.« - -»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu. - -»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!« - -»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja -die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und -suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten -Ton auszusprechen. - -»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in -den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem. - -»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß -jetzt alle gleich sind.« - -»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.« - -Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er: - -»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.« - -»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,« -mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und -den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte. - -»Aber erlauben Sie,« -- er suchte von der andern Seite heranzukommen, -wo ihm aber Achilla den Weg vertrat. - -»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.« - -»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und -versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es -wohl in England, weil da die Lords sind ... Sie sind unzufrieden, daß -die Standesprivilegien aufgehoben sind?« - -»Sind sie das?« - -»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber -dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten -Frontangriff. - -»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.« - -»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend. - -»Ich meine, man kann verschieden urteilen.« - -»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich -Termosesow wieder hinein. - -»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in -versöhnlichem Tone. - -»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon. - -»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte -Termosesow. - -Prepotenskij geriet außer sich. - -»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin -allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes -Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.« - -»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der -Geschichte gehabt?« - -»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in -freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom -Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben -und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der -Aufregung leicht versprach, laut aufschrie: - -»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!« - -Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während -dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete. - -Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den -Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch -rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich -von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte -auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief: - -»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht -kämpfen.« - -Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa: - -»Die natürlichste Lebensform ist doch ... das Leben der Pferde da, die -mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den -Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.« - -»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer -vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein. - -»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei. - -»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse -nicht ab!« - -»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla. - -»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia. - -»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?« -erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu -Besuch!« - -Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal -ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft -an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück. - -»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm -nachblickend. - -»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und -seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow. - -»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise. - -Sawelij hatte wirklich alles gehört ... - -Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem -Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den -Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen -und zu sagen: - -»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und -hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was -hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?« - -»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte -Sawelij. - -Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz -verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus. - -Prepotenskij hatte das Spiel verloren. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige -Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit; -der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in -einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow -huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der -Staatsgewalt. - -Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich -und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei -eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu -bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow -und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der -Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach -einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der -Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die -Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen. - -»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der -Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein, -Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du -in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse -fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?« - -»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits -den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann -küßten die beiden Mordskerle sich wieder. - -Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow -schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück -und sagte: »Du hast doch keine Eile?« - -»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla. - -»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.« - -Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen -vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern, -dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der -Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im -Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an -seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die -eigene. - -Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in -Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte -unbändig und sagte: - -»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze -küssen?« - -Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber -nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf -auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die -Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame -Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren -Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla, -wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte: - -»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.« - -»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und -fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef -sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie -geschmückt hat?« - -»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.« - -»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.« - -Und damit trennten sie sich. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte -Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei -der Biziukina vorsprechen. - -»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet. - -Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja. - -»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?« - -Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen, -Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag -die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow -bemerkte ihre Verlegenheit und sagte: - -»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?« - -»Bier ist da.« - -»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?« - -»Ja.« - -»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth, -und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr ...« -Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die -eigene Zunge mit verschlucken sollt.« - -»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla. - -»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach -- ein Getränk aus Bier -und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel. - -»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für -ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es -›Biermeth‹.« - -»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach. -Vorwärts!« - -»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen -Biermeth ... Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink' -das Zeug nicht.« - -»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!« - -»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der -Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.« - -Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß -Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb -Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der -Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und -so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu -gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der -Bereitung des Blachdnublach. - -Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer -wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow -so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa, -unterstützt hatte. - -Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die -geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten -freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen: - -»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie -mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.« - -»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas -Besseres sind, als ...« stammelte Warnawa verwirrt. - -»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste -Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!« - -»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen -und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein -und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe -um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte -zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein -Zitronenscheibchen bitten?‹ -- und sagte statt dessen: ›Zitrona -Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich -als Beleidigung auffaßte.« - -Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich -Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr: - -»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut -geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der -Unduldsamkeit ... Mit einem Wort: alles, alles ...« - -»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt. - -»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später -schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die -richtige Adresse.« - -»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt -mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!« - -»Aber du haßt sie doch!« - -»Nun und?« - -»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.« - -»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine -Denunziation ...« - -»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die -Tür. - -»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit -Achilla!« - -»Raus, sage ich!« - -»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann ...« - -»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab -dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür -hinausflog. Dann schob er den Riegel vor. - -Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf -und nahm seinen Hut. - -»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend. - -»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.« - -»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.« - -»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich -habe die Ehre.« - -Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß -dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl: - -»Setz dich!« - -»Ich will nicht,« erwiderte Achilla. - -»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so -heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel. - -»Willst du Pfarrer werden?« - -»Nein.« - -»Warum nicht?« - -»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.« - -»Aber der Propst kränkt dich doch?« - -»Nein, das tut er nicht.« - -»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.« - -»Was ist denn dabei?« - -»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?« - -»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.« - -»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?« - -»Wa--a--a--as?« - -»Das!!« - -Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und -warf ihn vor die Schwelle. - -»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte -sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender -Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges, -wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte -weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie -das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit -einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer -gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte: - -»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.« - -Hierauf wandte er sich zum Lehrer: - -»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?« - -»Ich kann nicht,« sagte Warnawa. - -»Warum nicht?« - -»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.« - -»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich -begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte -ihn zum Gartentor hinaus. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest -beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia -Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres -Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem -Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn -ihr Mann zurückkehrte. - -Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim -Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß. - -»Du schläfst nicht?« - -»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.« - -»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.« - -Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das -Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig -alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung -verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse. -Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die -hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten. - -Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit -einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen -dürfen. - -»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen -graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu -wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow, -keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab, -daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna -mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der -Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den -Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz -heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von -der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden -müßte, ließ er nichts merken ... O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!« - -Natalia Nikolajewna schwieg. - -»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst, -wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme. -»Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt ... Ich meinte: alles, -worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber -trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden -Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig -würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst -mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten -spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer -Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur -dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er -im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so -entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief -und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen -machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in -den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ -Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin: -›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und -Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die -gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk -und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues -Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht -nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, -- sagte er wieder zu -seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte -nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹ -Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand -seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft -durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis -ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er -ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die -Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln -nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation, -haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne -kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen, -... aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie -kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten -wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte -Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ -Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?« - -»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte. - -»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak? -Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene, -denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber -zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es -will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine -Liebe?« - -»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia -Nikolajewna mit schläfriger Stimme. - -Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen -hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein -weißhaariges Haupt. - -Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa -Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt -denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält, -wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als -sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.« - -»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am -stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu -sein; denn ... mag ich nun ein Maniak sein oder nicht ... ich habe -beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen, -das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die -Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes, -stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem -Hause niederzusetzen. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen -Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und -in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der -aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter, -kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder. -Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber, -am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib -nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene -Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem -weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit -einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus -voller Kehle. - -Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen. - -Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag. - -Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an -der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre -zerlumpten Kleider klammerten. - -»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher, -Segensreicher!« bettelte sie den Propst an. - -»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau -schläft, und ich habe kein Geld bei mir.« - -»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück -werden.« - -»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab' -hier etwas, was ich nicht brauche!« - -Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen -heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in -welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin -und sagte: - -»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.« - -Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die -Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am -Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber -ihre Ruhe hatte er doch gestört. - -Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst -die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus, -als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch -das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte. - -Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht. -Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst -des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das -Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben -»Tuberozow«. - -»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote. - -»Wer hat drum gebeten?« - -»Der Sekretär des angereisten Beamten.« - -»Der kann warten.« - -Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß -man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte, -ihm beizukommen. - -»Was kann das sein? Es ist noch so früh ... Sie scheinen die Nacht -nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken ... ja, -Leute, die nichts zu tun haben!« - -Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom -Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte -Brille auf und öffnete den interessanten Brief. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen -unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die -Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow -»konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten -Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über -einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende -Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.« - -»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? ... -Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber -nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow ... Mein Name ist in -der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und -dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was -bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben -und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des -Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.« - -Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der -Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich -auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet, -der Aufforderung Folge leisten zu müssen.« - -Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten -hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel -und Würden ich nicht kenne.« - -Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging -er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der -inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer -Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er -die Magd nach dem Diakon Achilla. - -Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich, -nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen -Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu -packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie -den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben, -und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte. - -»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um -dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn -sofort. - -»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.« - -»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls -bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu -sein.« - -»Ja, Vater Propst, jetzt ... Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es -ist doch schon alles aus.« - -Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen, -durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht -gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den -Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn -war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt. - -Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen -Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf -den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte: - -»Ich habe schon gestern, Vater Propst ... gleich nachdem ich von der -Biziukinschen heimgekommen war ... denn wir waren alle vom Polizeichef -noch dorthin gegangen ... zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt' -ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich -nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹« - -Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich -die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig -bedeckten. - -»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise -und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken. - -»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow. - -»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust -schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun -täglich und stündlich martern.« - -Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des -armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer -und sagte dann, den Diakon am Arme fassend: - -»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?« - -»Verzeiht.« - -»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch -nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so -habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen -und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.« - -»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht. - -»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib -aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling -mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst -die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß -fahren.« - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die -gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern -abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze -Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man -suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und -blieb verschwunden. - -Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch -Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner -Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie, -dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in -Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit -der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner -Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende -Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum -Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft, -wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur -hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,« -schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt. -Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah -sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich -sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen, -ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch -- ich weiß selber noch -nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz -die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer -vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der -Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch -ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹« - -Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch -Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen -zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese -Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen -konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob -Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe -aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.« - -Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer -diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in -derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung -an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen: - -»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve -des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt -es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das -Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße -daran beteiligt ist -- was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke -sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit -treten hier besonders kraß und zahlreich zutage. - -Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal -die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen -Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat, -wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt, -ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von -revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen. - -Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der -Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser -Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen -in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von -einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten -heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut, -sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch -redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt -dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen. - -Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber -auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel -Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow -anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow, -dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind. -Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des -Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf -die Erde scheinen‹ -- wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch -zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die -Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst -klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der -Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als -ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch -durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht -sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit -zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des -Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland -werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹ -Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen -und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren -Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch -Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe, -sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft -einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich -wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem -begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen -wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.« - -Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte -sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben? -Ach was, -- wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er -alles.« - - - - -Elftes Kapitel. - - -Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau -Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre -Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die -Ehre seines Besuchs. - -»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so -entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil -ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für -Leuten?« - -»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger -Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.« - -»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja -nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.« - -»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.« - -»Ganz recht -- Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer -Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen. -Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.« - -Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte. - -»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre -Fräulein Töchter erscheinen ... Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?« - -Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da -sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald. - -»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als -die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die -Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er -mitgebracht. - -Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in -dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen. - -»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie -mein Opus.« - -Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow -maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie -strahlte vor Wonne und Begeisterung. - -»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine -Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er -wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden. - -»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die -Postmeisterin. - -»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft -porträtiert und -- entschuldigen Sie -- auch Ihrer und Ihrer Fräulein -Töchter Erwähnung getan ... Wissen Sie, so ganz flüchtig ... Wenn ich -meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe ...« - -»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend. - -»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf, -den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang -hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben -Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn -so großes Zutrauen verdient?« - -Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der -Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum -Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen. - -Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten, -die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow -dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in -den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu -zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen. - -Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte -diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten, -nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht -mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene -Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen. - -Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. -- -Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen -zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen -sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die -infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen. -Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon. - -Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte. - -»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.« - -»Sie haben den Brief?« - -»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.« - -Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand. - -»Ich schäme mich ganz entsetzlich ... aber was soll ich machen ... ich -bin ein Weib ...« - -»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind! -Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so -vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft -... ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich -mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen ... Wir sind schon lange -Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter -... wenigstens scheint es mir ...« - -»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!« - -»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein -kleines Kind kann mich nasführen!« - -»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!« - -»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit -Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail -Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese -hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein -ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ ... Aber ich kann -nicht anders -- ich muß ihm glauben!« - -»Warum tun Sie es?« - -»Gott, ich bin nun mal so! ... Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn -ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn -ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein -Leben lang nicht vergessen!« - -Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow -nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine -Photographie des Verräters besäße? - -»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine -Handschrift.« - -Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand -beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische -liegen. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste. -Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee -saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur -Frau Postmeisterin zu bitten. - -»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr -zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und -entfernte sich mit dem Boten. - -Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand, -schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen -sie ihm reichte. - -»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.« - -Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner -Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches -ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen -»ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen -Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen -darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen -oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten -Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.« - -»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin. - -»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, -- das nicht!« sagte -Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte. - -»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die -Postmeisterin. - -»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine -Adresse gelangen, -- aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten -Sie mir, sie zu nehmen.« - -Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre -zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm -angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung -verschaffen würde. - -Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim. - -Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß -allein und schrieb. - -»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?« -sagte Termosesow heiter. - -Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort. - -»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?« - -Bornowolokow fuhr zusammen. - -»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab -und steckte den Schlüssel in die Tasche. - -Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er -geschrieben hatte, zu zerreißen. - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür -nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können, -und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.« - -Bornowolokow setzte sich wieder. - -»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön -- nicht zerreißen!« - -Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er -Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und -sich selbst so glänzend attestiert hatte. - -Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende. - -»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war, -»wollen Sie unterschreiben oder nicht?« - -»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber ...« - -»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und -auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!« - -Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine -Nina und fügte hinzu: - -»Das Original habe ich auch.« - -»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?« - -»Wie konnten +Sie+ sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und -Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen --- und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber, -das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen -müssen.« - -Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen. - -»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,« -meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen. -Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise -darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist, -expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!« - -Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief: - -»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den -Kasten geworfen hatte?« - -»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber -sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt -setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem -zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann -noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.« - -»Sie ... Sie wollen mir diktieren?« - -»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend -Rubel Reugeld.« - -»Reugeld?! Wofür?« - -»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.« - -»Ich habe nicht so viel.« - -»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das -übrige hat Zeit ... Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht. -Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht. -In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.« - -»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz. - -»Bitte ...« - -Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein -und reichte sie Bornowolokow. - -»Was soll ich schreiben?« - -Termosesow räusperte sich und diktierte: - -»Der Hundsfott Termosesow ...« - -Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. - -»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?« - -»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.« - -»Danke ergebenst. Bitte, weiter.« - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über -seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow -ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz -meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so -unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von -der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.« - -»Schluß?« - -»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat -verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag -ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für -die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur -Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu -schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben. -Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn -selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er -damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären -Dummheiten begangen haben.‹« - -»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?« - -»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich -geschrieben.« - -Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob -das Papier weg. - -»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die -gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.« - -Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal -durch, überlegte und sagte: - -»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?« - -»Nicht das geringste.« - -»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.« - -»Sehr möglich.« - -»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?« - -»Nicht durchweg, nur ein wenig.« - -»Ja, wozu dies alles?« - -»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen -habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir -müssen alles selber machen.« - -Bornowolokow seufzte und unterschrieb. - -Termosesow steckte die Denunziation ein. - -»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze -ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es -lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.« - -Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow -schweigend. - -»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?« - -»Nein, ich bewundere Sie bloß.« - -»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt -unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.« - -»Wofür, Herr Termosesow, wofür?« - -»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im -heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen, -Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in -meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um -Ihre ganze Karriere vernichten zu können.« - -Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin. - -»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld -einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.« - -»Was wäre dann geschehen?« - -»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.« - -Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine -Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu -schwül für zwei.« - -»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?« - -»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.« - -»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?« - -Termosesow lachte. - -»Wollen Sie noch Geld dafür haben?« - -»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.« - -»Pfui, was sind Sie für ein ...« - -»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich -höre nicht hin und gehe schlafen.« - -»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die -verschwundenen Brillanten der Biziukina?« - -»Woher soll ich das wissen?« - -»Sie ... Sie waren doch irgendwo mit ihr ... in einer Laube, -- nicht -wahr?« - -»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und -der Diakon.« - -»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, -- sind diese Brillanten nicht -irgendwo unter meine Sachen gesteckt?« - -»Wie kann ich das wissen?« - -»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in -höchster Erregung. - -»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest -zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen -vorzuflunkern ... denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.« - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach, -die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria -Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die -Mattsetzung Bornowolokows, -- alle diese Ereignisse, die sich in knapp -vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein -wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach -Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort -einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle -Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb -geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem -Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach. - -Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene -und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig -beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die -Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam -das auch klingen mag, -- Termosesow besaß wirklich eine gewisse -Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und -Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen -und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der -er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie -ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle; -daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit -und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als -tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur -für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über -sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er -denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht, -was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner -zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden -gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch. -Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune -gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne -auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er -auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn: -»An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er -die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen -- -und er machte ihr den Hof. Als er -- der Teufel mag wissen, zu welchem -Zweck -- ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der -Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser -Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt, -daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen, -sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow -gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug: -Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht. -Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows -überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach -er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, -- und dann erst kam -ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe« -zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem -hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können. - -Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle -als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei -Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen -von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite -Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte -neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur. - -In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen -Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des -Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war -zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden -werden mußte. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon, -daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt -hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf, -von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt -erreichte. - -Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow -übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der -Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des -Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine -armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht -mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen, -um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge -wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens -am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um -in der Kühle zu rasten. - -Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man -auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln -der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im -Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier. - -Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen, -als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum -herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz -eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs -getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken. -Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen -Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor. -Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die -Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien, -zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen. - -Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde -ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde -spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug -ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine -Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte -sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches -und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt -des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen -eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn -fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm -mit weicher Hand den Mund zu. - -Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan -ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer -vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern. -Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so -süß,« -- und lag alsbald in noch tieferem Schlummer. - -So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem -Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die -Köpfe hängen und schlummerten ein. - -Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so -tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe -hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf -die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit -zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand. - -Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit -großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten -- allem -Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß. - -»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf -abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand -neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe -einer reifenden Pflaume ... So deutlich empfand er alles, daß er -sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den -schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der -langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu -streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase, -stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer -im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten -Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab. -Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und -zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte -seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die -Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war, -als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte -in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe. -Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich -fester und zog weitere Kreise ... Jetzt kam es von oben herab wie -eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku--urlu. So schreit nur ein Rabe. -Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde -und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in -den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren -Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer -in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl -ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere -der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit -ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den -eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte. -Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er -flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme -bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus -völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die -Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren -in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war -der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben -noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd, -ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn -peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß -er weiter über die grüne Wiesenfläche. - -Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem -Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel -kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen -hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten -Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier -so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum -Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar -ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne, -vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der -Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs -aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues -Leben ausgehen ... Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es. - -»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit -außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und -es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe. -Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt -ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend -veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem -sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd -loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich -zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem -Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden -berührend, angsterfüllt vorwärts. - -Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere -Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede -Spur verschwunden war. - -»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen -Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags. - -Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr -plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen -zu haben glaubte. - -»Was ist das? Ein Gewitter?« - -Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten -her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn -ganz allein. - -Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin. - -An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von -unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen -wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So -überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben -will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor -er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke -kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien -sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht -entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt -über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern -und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die -Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt, -ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um -dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und -dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld -laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom -Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin. -Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und -verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam, -daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes -Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug. -Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf; -eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still ... -ganz still! ... Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das -ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat, -sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen -Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow -vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von -einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz -schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen -sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie -Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter -der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als -letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die -Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen -Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen -werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen -und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er, -als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem -Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre. - -Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen -und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann -es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her -geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also -kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn -erdrücken. - -Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind -packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu -bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und -brüllte ihm in die Ohren. - -Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte -eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch -die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen -sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln, -bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber -was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem -Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider -und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel -empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein -knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von -einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum -sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor. - -Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl -Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im -Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine -völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor -Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag. -Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm -gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im -Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte -auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse -erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine -Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich -krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin ... - -Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende -nahe! Weiter konnte er nichts denken ... Als er zu sich kam, wußte er -nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag -ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur -noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, -- dann trat -völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um -sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges, -Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen -Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel -abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit -den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des -Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an -die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf, -zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt. - -Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer -Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig -Jahre alt, sondern siebzehn. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war. -An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger -Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens -lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse -Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder -lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und -auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das -Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit -seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor -dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine -tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung -folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der -Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel -ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen -Pferde und führte das andere am Zügel. - -»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend -und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom -Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr, -da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den -Boden gefallen ... Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!« - -»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.« - -»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!« - -»Ja, Freund, aber fahren wir.« - -»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.« - -»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.« - -Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit. - -In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und -der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen -des furchenreichen Landweges plätschernd. - -Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der -Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach -feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so -wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute -sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem -neue Flügel gewachsen waren. - -Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen -zum Vespergottesdienste rief. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof. - -»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie -Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare -Gewitter, -- und du warst ganz allein, mein Herz!« - -»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.« - -Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt -hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben -lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm -dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit -und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben. - -Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend: - -»Willst du jetzt nicht etwas essen?« -- Und als der Gatte daraufhin nur -verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe. - -»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.« - -»Willst du Tee?« - -Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte: - -»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.« - -»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.« - -»Schon recht, schon recht, -- aber jetzt will ich mich waschen. Und du -erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.« - -Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch -sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla -wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes -bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun. - -Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut -und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits -begonnen hatte. - -Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am -Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das -schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett -stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg -ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew -adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des -hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten, -so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in -Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch -rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung, -Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können. -Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen, -die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn -ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben, -der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses -Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu -wollen.« - -Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein -Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner -damit zu Porochontzew. - - - - -Einundzwanzigstes Kapitel. - - -Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns -an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso -allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin, -schrieb und sann nach, -- aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf -dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt -gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger, -aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen: - -»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs -Sohne.« - -»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der -Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen -wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte. - -Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort, -wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten? - -Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die -Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher -Unfaßbaren leugnet. - -Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der -Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die -daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse -und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung -des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten. -Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt -gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht -Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz -Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen -Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson -und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung: -Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates -nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge -um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit -in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des -Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind. - -Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne, -›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus). -Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo, -umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und -ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine -Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, -- und wie er -infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte. - -›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu -eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch -entstand und die Teilung des Reiches. - -Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das -Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in -den Händen Gottes. - -Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn -ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß -ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen -und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung -erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue -und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein -Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und -Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte, -sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb. - -Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen -Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist -das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine -Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem -Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer -Arglist ... Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das -Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem -Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor -den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem -Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ -- auf daß Rußland in -Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten! - -Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte -der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen -Diener willen!« - - - - -Zweiundzwanzigstes Kapitel. - - -Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage -zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten -Beamtenschaft hielt, -- um damit nicht nur seiner Tätigkeit als -Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu -bereiten. - -Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt, -sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin -so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der -Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm -unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine -Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow. -Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und -keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche -kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen -und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du -deinen Diener in Frieden fahren.« - -»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte. - -»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen -Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten -Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon -einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so -hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über -welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die -Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.« - -»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.« - -Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der -Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in -zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und -jammerte: - -»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, -- aber hier -kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in -die Fresse fahren!« - -Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil -er sich über den Propst beschwert hätte, -- und zum Beweis zeigte er -sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der -Brücke in den Fluß geworfen. - -»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte, -mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!« -fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu. - -Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die -Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und -Gesetzlichkeit zu wirken. - - - - -Dreiundzwanzigstes Kapitel. - - -Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen, -als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche -Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister -und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein -Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase. - -Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer -Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In -einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows -stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür -des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat. -Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen -Ellbogen drückend. - -Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte -auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche. - -Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts. -Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten. - -Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle -bekreuzigten sich. - -Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl -des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden -hatte, fuhr vor. - -Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die -Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister -unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern -Hand empor ... Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann -heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat. - -Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und -flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!« - -Tuberozow sah sie an und erwiderte: - -»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das -Erdenwallen.« - - - - -Viertes Buch. - - - - -Erstes Kapitel. - - -»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im -letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann -den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen. - -Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang, -bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle -Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond -konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch -die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken. - -Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend -auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war. -Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, -- ach, -sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da, -ein treuer, zuverlässiger Freund ... - -Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende -Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken -Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter -sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf -dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla -die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder -zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters -verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte. - -»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine -Absicht begriffen hatte. - -»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.« - -Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in -ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine -Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda -aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den -Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht. -Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das -war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand -nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt -zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird, -einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann -würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon -wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen -werden. - -Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt -waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten -vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der -Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne -hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der -Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu -denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte -sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem -Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist, -zu bereuen haben.« - -Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen -sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich -auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des -Pfarrers Sawelij an!« ... Aber das alles läßt sich in unseren Tagen -nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen, -und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit -versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben -Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn -so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort -hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte, -hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren -in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge -der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij -und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er -wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer -höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten -konnte, hatte er vergessen ... - -»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon -und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen -Schattenfleckchen zu verbergen, -- als ihm zu seiner Verwunderung aus -diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch -entgegentönte. - -»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt! -Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg, -das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne -schützend. - -Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal -hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug. - -»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken -mit Wasser anfeuchtend. - -»Ei, wo ist unser Propst? He?« - -»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn -weggeschafft.« - -»Was heißt das -- ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!« - -»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege -nichts raus.« - -»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, -- aber ihn -zurückbekommen?« - -Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen -in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und -bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum -Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine -lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas -Tröstliches sagen. - -»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an -den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein -Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas -für den Propst zu tun.« - -Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai -Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht, -zu widersprechen. - -Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ? -Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden -Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin -Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den -eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben -Estafette Nachricht geben. - -Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde -schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf -zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde. - -Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters -Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und -rief den »sanften Popen« beim Namen. - -Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte: - -»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?« - -»Pst ... Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter -geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen -Schenkeldruck ruhig zu halten. - -Zacharia sah sich nach allen Seiten um -- Straße und Ufer waren -menschenleer -- und flüsterte: - -»Wohin willst du und was beabsichtigst du?« - -»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,« -antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin. -»Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem -Zweck meines Ritts ... Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's -Euch allegorisch sagen: - - Nordwärts zieht's den Kosaken hin - Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn, - -in der Mütze aber hab' ich - - Ein Schreiben an den Zaren Peter - Über den Hetman, den Verräter ... - -Habt Ihr verstanden?« - -»Nichts hab' ich verstanden.« - -»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.« - -Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte: - -»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein -Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung -nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.« - -Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren, -drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon, -so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte, -der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen -Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen. - - - - -Zweites Kapitel. - - -Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief -erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine -ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde -heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet -habe und auch nichts habe ausrichten können. - -»Warum denn das?« fragte man ihn. - -»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab, -mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt. -Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu -verwenden.‹« - -Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden. - -Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was -dieser in der einen Woche erlebt hatte. - -»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja -eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der -Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu -verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt. -Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen -und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm ... -Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom -Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung -bitten ... Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit -sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt, -kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den -Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß, -denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener -Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen ~X~ durchstrichen -und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem -niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!« - -»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia. - -»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er -nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich -vergangen?‹ -- antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage -nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ -- und hat sich -dadurch nur geschadet. Jawohl!« - -»A--a--ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf, -sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend. - -»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein -gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet -und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach -Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt -Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.« - -»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend. - -»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich -den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts -an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief -mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte, -hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen -Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der -Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er -mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir -gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner -Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse -hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich -nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹ -Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn -loszuwerden. Hier ist es!« - -Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein -mit bunten Blättern und las vor: - - »Auf das letzte Blatt Papier - Schreibe ich der Zeilen vier, - Voller Ehrfurcht, meine Damen ... - Wohl bekomm's in Teufels Namen! - -Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, -- nehmt sie also hin als den -Lohn, der Euch gebührt.« - -Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf -den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den -Reisestrapazen auszuschlafen. - -Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der -Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit -Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow -blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig -damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde -des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens -einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum -Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr -angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger -geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie -wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger, -weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle. - -Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein -und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch -unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern -Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben. - -Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame, -Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen -Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als -er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate -gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende -Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des -Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte -sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der -Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen. - -Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche -»Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den -Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn -sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst -jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft -sie bitten. - -Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die -Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin -triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren -der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow -verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr -anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur. - -Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, -- bis endlich -der Tag ihrer Erfüllung gekommen war. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß -keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten -Priesters längst niemanden mehr beschäftigte. - -Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien -der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger -Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber -hinaufgedient hatte. - -Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze -Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar -Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von -Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat -den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die -Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit -der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der -Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die -Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter -Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des -schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«, -und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr -glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und -kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs -betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten -sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major -wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus, -daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien -- was er durch eine -ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so -viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei -Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.« - -Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine -Frechheit, die vom Wein komme. - -»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes -Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin -ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse -Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne. -Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein, -es ist, als ob meine Natur es verlangte.« - -Der Bürgermeister und der Major lachten. - -»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu -erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte, -mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche; -oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements -petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder ...« Der Diakon -sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal -platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des -Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte -mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner -bodenlosen Frechheit erzählte.« - -»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,« -bemerkte der Major. - -»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte -noch ein Gläschen. - -»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas -erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin -durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen, -daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre. -Haben Sie nichts davon gehört?« - -»Nein, absolut nichts.« - -»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können -- -auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!« - -»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt. - -»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter -Mensch mich nicht gerettet hätte.« - -»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!« - -»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.« - -Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein -Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach -der Gouvernementsstadt fuhr -- mit zwei Pferden. Eins war meines -und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide -vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt -abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen. -Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor -die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre -die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches -Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber -hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns -noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein -jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von -Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte -- das sind die -allerschlimmsten -- und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch -ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des -frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber, -ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm: -›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er: -›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so -gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ -- ›Stabsoffizier‹, sagt er -drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich, -vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem -Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der -Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen, -und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon? -Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast -keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron -gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen -und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ -- ›Wer war denn das?‹ fragt -er. ›Wann ist das gewesen?‹ -- ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und -hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur -Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius -Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ -- ›Nu ja,‹ -sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ -- -Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn -das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius -ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus -Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das -gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein -Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte -mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten -mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann -- Gott schenke ihm -Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit -- -dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze -der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief -seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein -Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und -ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft -zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!« -wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch -heut noch auf sein Wohl trinken!« - -»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major -langsam. - -»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die -Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.« - -Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler -unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der -Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen. - -Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann -Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame -folgendermaßen: - - »Die uns gesandt ein gütiger Himmel, - Du Holde, Schöne! - Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel - Meiner Leier Töne! - Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue - Und laß dich's nicht verdrießen - Von dieses Festes Gaben zu genießen, - Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!« - -Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem -Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein -Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen -Schnörkeln, das Gedicht verewigt war. - -Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das -Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr -verschiedener Meinung. - -Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig, -was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und -lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa -eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern. -Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie -wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle -für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas -leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann -Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia -dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe -Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab -Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte: - -»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt -keiner was.« - -»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise. - -Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest -am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen: - - »Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren, - Und sollten Jahre vorübergehen. - O lichter Geist, laß dich erflehen: - Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!« - -Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus. - -»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich -Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder -aufgesprungen und redete die Hausfrau also an: - - »Du bist genannt Matrona - Und aller Frauen Krona! - Hurra!« - -»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die -Postmeisterin geschmeichelt. - -»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa -keine Ruhe. - -»Wollen wir alle Verse deklamieren!« - -»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!« - -»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz -ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.« - -»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!« - -Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe -seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an: - - »Als der Despot entsagte seinem Thron, - Um so durch abgefeimte Lügen - Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen, - Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, -- - Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen, - Und hätte Rußland drauf gehört, - Ihm wär' ein neuer Tag beschert, - Die Fesseln wären abgefallen. - Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt, - Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt! - Der rief: Der Juden Greueltaten, - Der schnöde Abfall der Uniaten, - Und alle Sünden der Sarmaten, -- - Es komme alles auf mein Haupt, - Ich trag' es ohne viel Bedenken, - Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken - Die Freiheit, die man ihm geraubt! - Hurra!« - -»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an -Prepotenskij wendend, wieder an. - -»Nein, Freundchen, sag was du willst, -- wenn du trinkst und nichts -vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte -voll Wein.« - -»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!« -antwortete der Lehrer. - -»Wa--a--as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst -du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?« - -»Ja, natürlich!« - -»Wa--a--as?!« - -»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!« - -»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so -trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören -mußt!« - -»Na, versucht es doch mal!« - -»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich -auch den Oberkiefer bewegen kann!« - -Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit -weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf -ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem -tiefen weichen Baß an: - - »Ein geru--u--u--hig und friedli--i--i--ch Leben, - Gesu--u--undheit und Wo--o--ohlergehen ... und heilsa--a--ames - Wirken und Scha--a--a--ffen ... und Sieg über die Feinde ...« - usw. usw. - -Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die -ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt -und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf -den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund -war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen -entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause -erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu -erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des -Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor -einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se--e--egen!« - -Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich -weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn -fest am Arm haltend: »Heil und Se--e--e--gen! Heil und Se--e--e--egen!« - -Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er -dem Diakon weitergeben sollte. - -»Was heißt denn das?« fragte Achilla. - -»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem -christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister. - -Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an: - -»Und der ganzen Verwaltung und dem chri--i--istlichen Hee--e--e--ere -Heil und Se--e--e--gen!« - -Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch -der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der -Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle -gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn -fest. - -Der Diakon war höchst befriedigt. - -»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die -zuerst wieder zu sich gekommen war. - -»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich -kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.« - -»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins -Gespräch. - -»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den -Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.« - -»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern, -wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen -Respekt vor Höherstehenden?« - -»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit -einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein -Bester,‹ -- und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so, -Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.« - -»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern -etwas am Zeuge flicken wollte. - -»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine -sanften Augen vom Diakon zu wenden. - -»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?« - -»Allerdings.« - -»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon, -sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich -mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat -denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von -einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein -Bischof!« - -»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt. - -»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.« - -»Wen denn sonst?« - -»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?« - -»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich -wie ein Kind amüsierte. - -»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche -Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland -Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range -eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben -ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem -Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt, -als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner -Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie -für gewöhnlich zu leisten imstande sind.« - -Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ -nicht locker. - -»Nun, und was weiter?« - -»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier -Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in -seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist -meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich -rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen, -würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, -- nicht -wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher -Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast -mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht, -dann adieu! Glückliche Heimreise!« - -»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia. - -»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den -Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird -jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.« - -Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt -auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war. -Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte -sofort auf die schwerste Probe gestellt sein. - -»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde -es!« - -»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal -wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet, -was keiner von ihm erwartet hätte.« - -»Da pfeif' ich drauf! Los!« - -»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein -Beispiel vorführen.« - -»Auch gut! Nur immer zu!« - - - - -Siebentes Kapitel. - - -»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der -Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein -ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel. -Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit. -In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als -wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich -denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte -der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans -Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße -drunter?‹ -- ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst, -›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der -Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt -als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft -ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ -- ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹ --- ›Bist du nicht feige?‹ -- ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Nicht -ein bißchen?‹ -- ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- -›Wirklich nicht?‹ -- ›Nein.‹ -- ›Nun, wenn du nicht feige bist, so -zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und -wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, -- dieselbe Geschichte! Einen -dritten, vierten, fünften, zehnten -- keiner wagt's. Alle erwiesen sie -sich als Feiglinge.« - -»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla -hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart! -Ha--ha--ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom -Lehrer Warnawa am Bart zupfen!« - -»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann. - -Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine -Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte. - -Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann -Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften. - -Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und -der Major. - -Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen -schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt -vorwärts und trat wieder zurück. - -»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach, -Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum -Lachen!« - -Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia -jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der -Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im -Schilde führte. - -»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!« -flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr. - -»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major. - -Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich -will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.« - -»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem -Gesicht. - -»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört -es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen -Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende -Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches. - -Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als -er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein -Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er -ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte: - -»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er -träumt!« - -Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde -Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt -sich vorwärts, -- aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern -geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs. - -»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und -winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das -heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist? - -In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen -zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift: -sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an -laut zu bellen. - -Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie -ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich. - -Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte -Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das -Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel -sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu -schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich. - -Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle -Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte -diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo -er sich hinter einen Schrank verkroch ... - - - - -Achtes Kapitel. - - -Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt -in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich -unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall -schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt? - -»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer -hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig -... aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als -mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir -Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa -Wasiljewitsch schon eintränken ... Aber wo ist denn mein Mann?« -fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann -schlafen, nachdem so etwas geschehen! ... Nein, das geht nicht,« -erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den -Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher -Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde. -Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten -hier nicht. - -»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau -und schnarcht ... Ich will dich schnarchen lehren.« - -Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau. - -Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im -Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden -meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber -schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht -nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an -irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister -um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten -zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als -er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm -vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe -zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung -und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die -Briefe sortiert wurden. - -Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war -geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach -ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung -geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin, -wie in ihrem Schlafgemach! - -Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür, -sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei -hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male -sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus! - -In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt, -rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche, -geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade -herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte, -was sie brauchte: Ein Messer! - -Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier -haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche -vorzubereiten, das nun kommen soll. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in -der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die -Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch -einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar -lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere -Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich -auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte. - -Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken -zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf. - -Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch -ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der -Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den -zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa. - -Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich -die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere -Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz -am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn -hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den -lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache -bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt -sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben. - -So kam es denn auch. - -Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig, -als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß -und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine -schallende Ohrfeige verabfolgte. - -»Mmmm ... Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer -Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte, -zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere. - -»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der -Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese -plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes -Zausen und Schütteln ersetzt wurden. - -»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das -ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des -aufgeschreckten Postmeisters. - -Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los, -schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« -- und stürzte -sich auf ihren Gatten. - -»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne -etwas zu begreifen -- außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem -Staube zu machen -- sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in -Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die -Straße hinaus. - -Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit -dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete. - -In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen -vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später -auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen. - -Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut -es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause. - -Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem -Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt. -Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges -Geheimnis. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich -weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene -anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben. - -Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der -ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne -Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie -nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem -letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war, -erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß, -ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis -der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia -Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte -auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit -seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im -Fluß. - -Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie -erkrankte und mußte das Bett hüten. - -Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit. - -»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du -getan hast, verdoppelte das meine Qualen.« - -»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna. - -»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte -ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner -starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst ... sage -nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.« - -»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine -Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?« - -»Um meiner Ehre willen +muß+ ich dieses tragen, Liebste.« - -»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.« - -Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein -Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und -schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr -ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der -Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« -- »Wie denn?« fragt Natalia -Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« -- »Nun,« antwortet -Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du -kennst.« -- »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte -Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der -Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, -- -der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der -Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen -Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles -winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht -beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also -gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu -Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß -du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte: -»Ihr seid keine Frau, sondern eine +Kraft+!« Und mit einem Male war -Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter -- alles, -alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern -wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah: -der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein -Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale ... - -In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an, -freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab. - -»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.« - -Der Propst blickte sie ganz erstaunt an. - -»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!« - -»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.« - -»Wer hat dir das gesagt?« - -»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.« - -Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts -Besonderes, Erkältung und Übermüdung.« - -Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er -genierte sich. - -»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia -Nikolajewna, als er es ihr erzählte. - -»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?« - -»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?« - -»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster -herabschaut!« - -»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.« - -»Das kommt dir nur so vor, Natascha.« - -»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.« - -Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den -verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte -ihn ihr. - -»Nun sag mal, was ist das?« - -»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft. - -Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber -faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß: - -»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das -unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich -die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du -und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla, -und Vater Zacharia ... Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.« - -Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer. - - - - -Fünftes Buch. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die -schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf -Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten -Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern -in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt -unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden -wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten -Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt. -Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise -zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als -die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane -Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen, -traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er -nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof -entlang schritt. - -Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte -seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück. -Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte -an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war. - -Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm -augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben -Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern -zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und -aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein -Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich -einem im Walde verirrten Waisenkind. - -Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug -still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte -Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in -seinen Wagen zu steigen, erwiderte er: - -»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.« - -Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des -Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg -stumm die Hand und ging in seine Wohnung. - -Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow -jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und -nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem -Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem -Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines -Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den -dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank -holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg -leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen. -Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern -vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In -diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der -Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und -ganz zu verlieren fürchtete. - -Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos -zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten -der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg, -nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen -fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt -und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla -empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des -Alten krampfhaft und er sagte: - -»Ein braves Volk. Ich danke.« - -»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht -recht, wie es eine Sache anfangen soll.« - -»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund ... doch über allem schwebt -der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das -Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte. - -»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der -Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es -gerichtet ist --« - -»Gib es mir, ich will es besehen.« - -Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen, -schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen. - -»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij. - -»Aber werdet Ihr ... werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?« - -»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt -hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz -unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig: - -»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins -Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!« - -Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt -schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock. - -»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!« - -»Nein, das soll es nicht!« - -Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher -sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den -kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde. - -Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang -Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und -erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und -wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen -bindend und heilig sein müsse. - -»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr -sehen sollen.« - -»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind -ohnedies schon gezählt.« - -»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir -anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?« - -Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen, -blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder -hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den -Worten: - -»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.« - - - - -Zweites Kapitel. - - -Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen, -aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte -der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine -Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und -ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte -er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht -daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts, -daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst -vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte: - -»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt -Euch.« - -»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig. - -»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich -verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.« - -»Gut; ich will's nicht mehr tun ... werde es nicht tun ... ich bin -schwach und zu nichts mehr zu brauchen.« - -»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?« - -»Ja ... ich will ... ich bin bereit.« - -»Und dann bittet man noch ... Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um -Verzeihung bitten.« - -»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?« - -»Des Übermuts. Das heißt -- sie nennen es so: Übermut.« - -»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich -vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde -schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.« - -»Aber sie nennen es so.« - -»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.« - -Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die -Höhe und rief: - -»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte. -Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt -euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er -als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein -Wort von Vergebung mehr hören.« - -Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen, -und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem -menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich. - -Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit, -die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die -Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen. - -Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai -Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt -Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper -im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause, -wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag. - -Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine -Schmerzen mit ihm und sagte seufzend: - -»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.« - -»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich -denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn, -an Euren Hohepriester! Er +bittet+ Euch doch, daß Ihr Euch demütigt! -Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.« - -»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.« - -»Demütigt Euch.« - -»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische -Gewalt, das hat mehr Macht über mich ... Ich stehe unter dem Gesetz. -Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens -Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die -Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu -erniedrigen um einer Abbitte willen.« - -Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise -nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im -Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm -keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis -zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum -Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte -ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen. - -Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft -heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben -Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung -- ein einfacher, -klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten -kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben -gesandt. - -Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher -befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich -zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst -+befehlen+, Abbitte zu tun. - -Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte -man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow -und erklärte: - -»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, -- -jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt. -Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der -ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.« - -»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder -in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man -mir befiehlt, muß ich tun.« - -Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm -verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten. - -Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als -Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.« - -Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei, -jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück: - -»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der -Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest, -es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.« - -Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich -einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch -zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der -Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen -ausüben dürfe. - -Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden -glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle -Verbannung war vorüber. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg, -welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten -Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen -und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von -jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten. -Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint -hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt -dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina -verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg. - -Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig -und müsse repariert werden. - -Seufzend meinte der Propst: - -»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz -daran hängen konnte.« - -Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden -wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das -er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen -Spaß mit ihm. - -»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise. - -Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort: - -»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen, -Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen -gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ -- dann zeigt -es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er -das Tierchen nennen sollte.« - -»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,« -sagte der Propst scheinbar gelangweilt. - -Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten -vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen -Reden, und fuhr deshalb fort: - -»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig. -Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt, -dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt -er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter -Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen -Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht -vorkommt.‹« - -Der Propst lächelte. - -»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten, -hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern -an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich -dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster -hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes -widerfahren, Vater Diakon?‹ -- ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts -dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha. -Ich muß dich um Rat fragen.‹ -- ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich -hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn -ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ -- -›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern -umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ -- ›Da verlangt Ihr zu viel,‹ -sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ -- ›Na -also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ -- Ich antwortete, der -Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man -›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die -kurländischen ›Charlotte‹ ... ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon, -›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt -einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹ -dachte ich.« - -»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig. - -»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller -loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr, -aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ -- ›Tut nichts,‹ -schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ -- ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund -hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was -ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ -- ›Nein,‹ sagte -ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau -ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch -geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt -hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser -Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen -Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not -konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit -dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein -Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten -hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich -von dannen.« - -»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd. - -»Ja, er muß immer spaßen.« - -»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht -weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in -tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.« - -»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal -sterben wird.« - -»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte -Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?« - -»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne -Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte -sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht -nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich -zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum -zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er -gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte -den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr -Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon, -meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das -Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf -diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins -Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch -nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er -eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia -ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den -Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ -- -sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.« - -Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein -Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne -mich, ihn wieder zu umarmen.« - -Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich -die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für -Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer -solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte, -als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet. - -Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte, -wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen -Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas -Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und -bekreuzigte sich. - -»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg. - -Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete -das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und -umklammerte den Hals des Propstes. - -So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich, -während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen -leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte. - -Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe -hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im -rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung, -indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte. - -»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz -famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen -wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!« - -»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater -Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern -drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und -Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden -Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit -ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren, -verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach: - -»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns -wieder trennen? Bleiben wir zusammen.« - -»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,« -entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme. - -So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte -für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian, -dachte und betete. - -Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich -selbst ins Reine zu kommen sucht. - -Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die -Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben. - -Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine -große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods -berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der -Gouvernementskathedrale erkrankt war. - -Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in -seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man -einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst -regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich. - -Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze -Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der -Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift -trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete -Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow -Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des -Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift: - - »Diese Wurst bring ich, der Kater, - Meinem Herrn, dem frommen Vater« - -und ihn in den Klosterhof laufen lassen. - -Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt -gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere -die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen -Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend, -was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer -Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«. - -Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg: - -»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet -Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an -Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso -zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr -nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich -viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen -Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter -Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist, -welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig, -und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu -verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen -Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht -gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu -Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich -sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar -jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht -mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht -ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk -kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie -ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die -Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der -Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration -in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr -sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen -gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier -meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich -nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf -dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr -als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem -Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so -muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen -Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet. -Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter. -Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er -bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit -dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester -in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber -nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber -nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte -ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was -Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für -Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe -das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht -es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel -nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt -das Gebet für Euch zum Himmel empor, -- aus der Kasankathedrale, wo -der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow, -beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von -Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich -die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die -mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für -mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein -allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie -Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich -bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage -seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für -mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde -Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.« - -Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter -des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla -Desnitzyn.« - -Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er -»durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen -sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen; -daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar -in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und -Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit -ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa -(nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden, -weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet -hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen -die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar -nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn -er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde -er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann -schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den -Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte -und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute -auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine -Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun -sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß -er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er) -bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste -Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher -von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen -müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet, -hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte -er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant -herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse. -Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender -gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit -bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das -äußerst beunruhigend.« - -Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla -meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag -erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine -Freudenbotschaft. - -Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die -Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des -Diakons erfahren sollte. - -Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen -ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von -neuem und sagte: - -»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« -- und wenn Achilla die Tasse -geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast -du noch alles gesehen und erlebt?« - -Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, -- Wichtiges -und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am -meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla -erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht, -Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie -gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte. - -So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk -dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination ...« (Das ›u‹ wurde -unbarmherzig scharf betont.) - -Oder: - -»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein -Bester, ~je vous perdu~! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹« - -Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte, --- als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten, -runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig: - -»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten -gelernt?« - -Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine -aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch -vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte. - -»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts -zu sagen -- sie sind nicht verboten.« - -»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.« - -»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man -will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.« - -»Schon wieder!« - -»Was denn?« - -»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?« - -»Quatsch mit Sauce!« - -»Pfui!« - -»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.« - -»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften; -da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem -Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?« - -»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu, -er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge. - -»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen -Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich -auch noch eine scharfe Sauce hinzu -- zum Beispiel, es gebe keinen Gott -oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher -gibt's dann allemal Zank und Streit.« - -»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow. - -»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem -beweisen -- wo soll man dann hin?« - -»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es -keinen Gott gibt?« - -»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen ...« - -»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und -Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!« - -»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein -Faktum kann man nicht ankämpfen.« - -»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?« - -»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren -Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.« - -»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt. -Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!« - -»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend. - -Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das -Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe. - -»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon -und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus -Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst -entstehen können. - -Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst -gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das -Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger -Aufklärungsideen weiter zu entwickeln. - -»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein -und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir -überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb' -es gar nichts.« - -»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig -gehabt und hat doch die Welt geschaffen.« - -»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.« - -»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?« - -»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß, -wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die -Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt -es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für -ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern -Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.« - -»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?« - -»Ich weiß nicht ... Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.« - -»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag' -einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?« - -»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!« - -»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?« - -»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!« - -»Und er hat auch kein Ende?« - -»Vater Sawelij! ... Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag -er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?« - -»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?« - -Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort: - -»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig -ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist -und sein wird.« - -»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf, -faßte freundlich Achillas Hand und sagte: - -»Komm, ich will dir etwas zeigen.« - -»Gerne,« erwiderte der Diakon. - -Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen -Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen -Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das -Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden -hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts -und sagte streng: - -»Falle nieder und bete!« - -Achilla kniete nieder. - -»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij -und beugte sich selbst als erster zur Erde. - -Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille -der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er -da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten -Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets: -»Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« -- und dazwischen klang -die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht -ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten -zusammen. - -Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem, -den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs -Wasser reiten sahen! - -Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen, -dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage. - -Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen -Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe -wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte, -wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und -friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu -Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte: - -»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete ...« - -»Nun?« - -»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.« - -»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt, -leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und -beide schliefen friedlich ein. - -Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl, -als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens -etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer -zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht -wollte. - -Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte, -bebende Seele überflutete. - -Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese -heilige Arbeit war in vollem Gange. - -Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und -eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den -Propst: - -»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen, -wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit, -allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich -andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen -kann.« - -»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da -nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,« -erwiderte Sawelij. - -»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft, -denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.« - -»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.« - -»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz -ist ja stumm.« - -»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert. -Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die -schüttle ab.« - -Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?« -dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr -bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer -ihn gürten« werde. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der -schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst -gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen -der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte, -und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod -schon die Arme nach ihm ausstreckte. - -Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm -genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den -Alten dabei am meisten betrübte. - -Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den -himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener -treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen -Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten -bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten -Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet. - -All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla -freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu -nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät. -Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die -scheidende Seele zu empfangen. - -Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des -Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den -Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm. -Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen -des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große -Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er -eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er -verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend -etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so -unbeugsam? - -»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft, -aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution -erteilen.« - -Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem -Herzschlag auf jedes Wort. - -»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am -Leben ...« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne -den Satz zu Ende bringen zu können. - -Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob -die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er -langsam und mit großer Anstrengung: - -»Als Christ ... vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan ... -aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht ... daß sie hier ... -Gottes lebendiges Werk zugrunde richten ...« - -Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in -der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort: - -»Diesen Schmerz will ich vor den Thron ... des Königs der Könige ... -und selbst dafür zeugen ...« - -»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia -händeringend. - -Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß -ich mich gedemütigt habe« -- und schloß dann mit unerwartet fester -Stimme: - -»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die -Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine -Herzenshärte.« - -Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen -des Kreuzes über Sawelijs Gesicht. - -Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr -in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte. - -Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den -Sterbenden. - -Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand -auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln -an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden -Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme -sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende. - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und -schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen -Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens -war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt -ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den -Entschlafenen gebetet hätte. - -In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um -dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu -sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode -des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den -Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem -Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe -auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und -so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden -Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, -- jeden bat -der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und -mitsingen dürfe. - -Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer -alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei -der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und -schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen -in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um -den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein -rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst -seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst -in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die -ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das -Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu -Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten -Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die -stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung -versetzt. - -Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und -Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu -sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar -nicht eigentümlich gewesen waren. - -Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts -mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer -Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht -bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über -seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit -einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton -hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm -verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte. - -Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und -angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer. - -In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem -Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem -Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine -Antwort erschallen würde. - -»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums -unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend, --- »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du -liegst da wie Gras?« - -Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das -monotone Lesen wieder aufzunehmen. - -In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick -eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den -Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu. - -Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult, -berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte: - -»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« -- und dann fing -er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als -er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte -tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt -die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine -Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur -Auferstehung des Lebens.« - -Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte -Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, -- und kam nicht weiter. - -»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu -neuem Leben erwacht ... Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.« - -Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der -erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die -letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen -beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner -heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand. - -Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult -zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so -daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei -Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet -lag, und sprach: - -»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes -Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!« - -Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und -fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah -sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen -Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf -abwärts. - -Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor -dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken -zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das -Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren -Händen. - -Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend: - -»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!« - -Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber -mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht -mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war. - -Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und -die Welt kannte ihn nicht ...« - -»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er -schlug eine andere Stelle auf. Dort stand: - -»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.« - -Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz -schwer geworden ist und jemand ihn festhält. - -»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope? -Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht -herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt ... - -In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen, -festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor -dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine -leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort -war bei Gott und Gott war das Wort.« - -»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre -gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur -Frühmesse gekommen!« - -Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er -wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote -Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden -Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von -draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht. - -Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und -öffnete. - -»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise. - -»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern -Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten. - -»Aber ich ... weißt du ... ich habe nicht geschlafen: ich habe die -ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem -Diakon zu. - -»Nun, und ist sie fertig?« - -»Nein, es kommt nichts heraus.« - -»Ja, so geht es Euch allemal.« - -»Vielleicht könntest du etwas sagen?« - -»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!« - -»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.« - -»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch -den Verstand dafür besitze?« - -»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von -selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch. - -»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich -hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem -Zustande Gesichte.« - -»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der -Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons -grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm -die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der -ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer. - -Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang -Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise -in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all -die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows -gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen, -sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu -zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger, -Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen -Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen -des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit -sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in -die Knie sinkend rief: - -»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!« - -Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene -Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und -dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde -durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die -weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über -den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt -das letzte Amen ... der Sarg sinkt in die Tiefe. - -Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet -hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder -in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu -tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er -die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten, -und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend: - -»Ihr Väter, ich bitt' euch ... wartet noch etwas ... Ich will nur ein -paar Worte sprechen ...« - -Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen, -streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn. - -Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen -Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit -krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte -ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und -mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten -nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief -er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!« -Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das -Sticharion ab und verließ den Friedhof. - -»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm -der Zwerg unter Tränen zu. - -»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia, -während er sein Meßgewand ablegte. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes -unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf -und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen -vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus -einer andern Welt -- aber drinnen regt sich nichts. - -Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an, -sich ernstlich um den Diakon zu sorgen. - -Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins -andere und rief: - -»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!« - -Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur -kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte. - -»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die -Stimme Achillas. - -»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?« - -»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.« - -Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an -der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt -daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem -Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur -zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider. - -»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer -Sitzgelegenheit um. - -»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich -auf das hart an die Wand stoßende Brett. - -»Was ist mit dir, Diakon?« - -»Gepeinigt,« brummte Achilla. - -»Was peinigt dich denn so?« - -»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt -mich.« - -»Ja, was ist da zu machen? Der Tod ... gewiß ... er ist der Natur -zuwider ... ist ein Hemmnis aller Gedanken ... aber er ist doch -unvermeidlich ... unentrinnbar ...« - -»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.« - -»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut, -mein Lieber.« - -»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!« - -»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch -Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.« - -»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn -mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!« - -»Ja, was willst du denn machen?« - -»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren -Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!« - -»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?« - -Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise: - -»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen -Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?« - -»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache -Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.« - -»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir -schon, aber da eben steckt's!« - -»Was? Was steckt da? Wo steckt was?« - -»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen -werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben -- was -dann?« - -»Ja, was ist da zu machen?« - -»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht -damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.« - -»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.« - -»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im -Schmerz bin!« - -»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber -beiseite!« - -»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?« - -»Wenn du willst, tu ich es.« - -»Ihr wäret mir gerade der Rechte!« - -»Warum sollte ich es nicht sein?« - -»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt -über mich.« - -»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt. - -»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt -über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar -der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.« - -»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach -dumm!« - -»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu -reden.« - -»Ich will dich nicht verhindern, ich ... ich will nicht, weil ich als -Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst ... Lebe wohl!« - -»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!« - -»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.« - -»So geht in Gottes Namen.« - -»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.« - -Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des -Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es -verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht. - -»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt -werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und -vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte. - -Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines -ganz besondern Ereignisses. - -Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach -den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der -Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, -- da kam Vater Zacharia -in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen -Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei. - -Achilla wurde bleich vor Ärger. - -»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia. - -»Was geht es mich an?« - -»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.« - -»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!« - -»Ein Akademiker!« - -»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr -steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!« - -»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker -- das will sagen: ein kluger Kopf!« - -»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir -zwei davon etwa klüger?« - -»Du wirst wieder grob.« - -»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen -sollt, und ich -- daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die -Grobheit?« - -»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert -von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum -Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald -wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen. - -»Warum denn das?« fragte Porochontzew. - -»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht -habe, wirst du alles erfahren.« - -»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.« - -»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.« - -»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn -hinweisen.« - -»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die -Wissenschaften, ich aber ... ich liebe nach altem Brauch den Menschen.« - -Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem -Wunsche entsprechend verkauft. - -Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde. - -Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die -beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich -in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen -Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine -Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei -große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte, -in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft -begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf. -Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter. -Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch -vierzig Jahre geben. - -Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den -Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie -zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten -sie sich auf Mund und Wangen. - -»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen -nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon. - -»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte -Achilla gleichgültig. - -»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern -bot dir den Mund ... das zeugt doch von großer Güte.« - -»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,« -erwiderte Achilla. - -Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt -und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die -jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten. -Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte -Achilla ihn hassen. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und -hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen -überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen -Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies. - -»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit -Zacharia aus der Kirche ging. - -Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht -beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte, -wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla -ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und -sagte: - -»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.« - -»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?« - -»Natürlich ... viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla -ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch -nicht Buße tut!« - -Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung. - -Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag -aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der -Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu -seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit, -dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, -- bis Grazianskij endlich -davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines -Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel -gestochen in die Höhe. - -»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange -unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht -so leicht fertig brächte.« - -Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu -erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor. - -Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen. - -Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan -verkehrt. - -»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow. - -»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla. - -»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen. - -»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein -Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht -besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will -ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.« - -Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen -Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde. - -So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange -zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon -in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen -Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein -Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein -Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines -durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte. -Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu -errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so -gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen -Kopfe nicht Platz genug hatte. - - - - -Elftes Kapitel. - - -Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel -entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla -schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung -graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich -getrost etwas Ruhe gönnen. - -Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn -vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel -übers Gesicht und schlief ein. - -Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald -auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind -heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden -Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches -der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde -emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter -den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das -Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz -warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich -zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten -Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter -schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und -zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem -dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte, -fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte. -Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die -Schulter und schritt der Stadt zu. - -Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen -fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der -städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und -beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu -nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund -eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann -mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch -nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur -Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet -hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall -Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im -Vorzimmer. - -Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla. -Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt: - -»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?« - -Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon -in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort. - -Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen, -doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So -beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm -die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut -ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines -Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu -blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und, -wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer -des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das -Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu -Angesicht gegenübersah, brüllte er los: - -»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie -doch, was mir für ein Unglück passiert ist!« - -»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt. - -»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte -Achilla in wahnwitziger Verzweiflung. - -»Hast du jemanden ermordet?« - -»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat -erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert -Rubel.« - -»Nun und --? Hat man dir das Geld gestohlen?« - -»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!« - -»Hast du es verloren?« - -»Nein, ich hab's aufgegessen!« - -Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere -Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines -Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte. - -Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste -ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein -zweites von derselben Art noch fester klebte. - -Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen. - -»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute -vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich -plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung, -daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.« - -Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit. - -»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu -bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln, -inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer -Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.« - -Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte -die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner -Familienkuriositäten einzureihen. - -Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal -auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen -konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall. - -»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld -errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.« - -»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.« - -Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die -Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus: - -»So in dieser Art.« - -Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit -seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die -zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus -Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten. - -»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir -gefällt und was du willst.« - -»Das ist ...« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam -nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und -faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie. - -Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug -ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren. - - - - -Zwölftes Kapitel. - - -Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine -Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens -Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen -Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es -gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie -haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit -emporgereckten Armen bezeichnete. - -Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles -nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen -mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die -Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie -man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre -Dimensionen entzückt. - -»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so -bauen wir.« - -Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei. - -Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht -erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte -den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem -betrübten Kinde ein Spielzeug gibt. - -Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig, -und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner -schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als -furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben -und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier -Ecken. - -Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon -war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf -neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten, -der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert, -in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in -Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der -Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine -gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner -Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines -Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu -dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den -Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod -erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von -allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu -überwinden gehabt hatte. - -Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument -zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der -Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines -Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten -sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und -Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig -über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder -vergoldete. - -»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte -Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter -drängten. - -Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm -eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein. - -Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner -wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort -über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte, -geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht. - -»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt -mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet -von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.« - -»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?« - -»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach, -über die Glaubensstarken zu streiten.« - -Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und -als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn -zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines -Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes. - -»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine -Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem -ganz andern Ort wieder zu sich kommen.« - -»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia, -»du stirbst nicht so bald.« - -»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?« - -»Aus deinem Körperbau und ... dann hast du solche Ohren ... so -feste ...« - -»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in -hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel -totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab, -und deswegen muß der Mensch auch daran denken.« - -Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die -auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den -Tod herbeirufe. - -Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe -wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die -Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig: - -»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.« - -Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte -und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam, -ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich -behandeln lassen, erwiderte Achilla: - -»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander -... Ich grübele -- ich weiß selber nicht worüber ... und immer quält -mich ... weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im -Flüstertone) die Sehnsucht.« - -»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.« - -»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob -ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange -nicht, weswegen ich mich quäle und weine.« - -Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der -Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er -verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben -sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei -Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze -hinterlassen. - -Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als -sonst. Er scherzte sogar. - -»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?« -sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai -Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater -Zacharia.« - -Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er, -der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine -kühlen Flügel über ihn. - -Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla -berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm -die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach -dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten. - - - - -Dreizehntes Kapitel. - - -Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte -die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer -höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und -schon wurden die breiten Barken instand gesetzt. - -Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen -täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen -in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung -ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das -ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können. -Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das -Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen -kümmerte sich kein Mensch. - -In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne -sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher -Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen, -überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen -völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein -mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen, -was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen -Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie -jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf -die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durch die -Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal -wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor -dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als -auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher -Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts -Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten -tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem -Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut -Freund« erwiderte -- bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der -Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen -zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den -Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die -Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann -wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die -Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben, -und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das -Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte -sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit -einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den -Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht. -Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein -fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab -und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske -vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große -Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte, -das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang -ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde für seine -Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an -dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte, -entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die -Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt -und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke -entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne -es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner -Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die -Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu -erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus. - -Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam -ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings -nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze, -die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu -verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte. - -Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken -versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres -demselben bösen Feinde zu. - -Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal -des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf, -welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark -verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen, -erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen, -da er keinen nennenswerten Marktwert besaß. - -Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte -Monument einer genauen Besichtigung und meinte: - -»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.« - - - - -Vierzehntes Kapitel. - - -In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne -vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich -nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug -er in der Hand. - -Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf -erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen -und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem -Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen, -sondern nahm einen andern Weg. - -Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen -Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die -Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte -ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf -der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen -glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall. - -Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie, -flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die -Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte -ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes -allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die -Sohlen des Diakons den Wall berührten. Achilla kümmerte es nicht; -er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm -auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn -jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht -bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf -Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das -schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken -und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den -Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich -so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und -ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf: - -»Guten Abend, Kosakensonne!« - -Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! ... - -Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und -lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe, -durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos -dahin. Neue und immer neue, ohne Ende. - -Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide -und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es -ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche -Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond -war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer -und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte -morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung, -als wandele jemand auf dem Friedhof umher. - -Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen. - -Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie -sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei -geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In -der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der -Teufel nicht mehr! - -Achilla wandte sich langsam zu der Stelle, wo er über den Graben -gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne -Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er -sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! ... Wo kam da die -unversehrte Stange her? - -»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte, -daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine -tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als -sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige -Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer -Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen. - -Der Teufel! - - - - -Fünfzehntes Kapitel. - - -Achilla knickte augenblicklich unter dem ihn niederdrückenden -Teufel zusammen, packte ihn dann an den Pfoten und riß dieselben so -kräftig, daß das Kinn des Teufels dröhnend gegen seinen Scheitel -schlug und gleichsam daran kleben blieb. Der Teufel, der darauf nicht -gefaßt gewesen war, fing verzweifelt an zu zappeln, sah aber die -Vergeblichkeit seiner Bemühungen bald ein, wurde still und blieb nach -einem dumpfen Seufzer auf dem Rücken des Diakons hängen. Es war ihm -nicht nur unmöglich, sich loszureißen, sondern er vermochte sogar kein -Wort herauszubringen, denn sein Kiefer war wie mit einer Presse gegen -den Schädel Achillas gepreßt. Die einzige Bewegung, welche der böse -Geist zu machen vermochte, war das Strampeln mit den Beinen. Diese -Möglichkeit beutete er aber auch mit höllischer Lust und Arglist aus. - -Achilla, der den Teufel ebenso leicht auf seinem Rücken hielt, wie ein -gesunder Bauer eine Garbe Erbsenstroh, tat ein paar Schritte rückwärts, -nahm einen Anlauf und sprang über den Graben. Der gewandte Teufel -benutzte diesen Moment, seine Beine um die ausgespreizten des Diakons -zu schlingen, gerade als sie beide jenseits des Grabens angelangt -waren. Der so plötzlich in seiner Bewegung gehemmte Achilla verlor das -Gleichgewicht und stürzte mit seiner Last in den mit kaltem, schneeigem -Brei gefüllten Graben. - -Beinahe hätte die furchtbare Kälte ihn veranlaßt, seine Hände zu -öffnen und den Teufel loszulassen, doch überwand er sich und hielt -nach anderen Rettungsmöglichkeiten Umschau. Doch schien es die nicht -zu geben; die glatten Grabenwände bedeckte eine Eisschicht, so daß -es unmöglich war, an ihnen emporzuklimmen, ohne sich der Hände zu -bedienen. Dazu aber hätte Achilla den Teufel loslassen müssen und das -wollte er durchaus nicht. Er versuchte zu schreien, doch niemand hörte -ihn, und wenn ihn auch jemand gehört hätte, so würde er seine Tür nur -noch fester verschlossen und gesagt haben: »Da hat der Teufel schon -wieder einen am Wickel.« - -Der Diakon begriff, daß er von der geängstigten Bevölkerung keine Hilfe -zu erwarten habe. Trotzdem wollte er den Teufel nicht loslassen, und so -hockten beide im Graben und froren. Sie waren fast völlig erstarrt und -hätten vielleicht hier ihren Tod gefunden, wenn nicht ein Zufall ihnen -zu Hilfe gekommen wäre. - -Frühmorgens zog ein Spiritustransport nach der Stadt. Als er am -Friedhof vorbeikam, bemerkten die Bauern im Graben eine seltsame -Gruppe. Sie machten Halt, ergriffen aber entsetzt die Flucht, als sie -das blaue Gesicht eines Mannes erkannten, über dem sich die gehörnte -Teufelsfratze emporreckte. Der halberstarrte Achilla nahm seine letzte -Kraft zusammen, rief die Leute zurück, befahl ihnen, auf den Teufel -aufzupassen, zog die rechte Hand aus dem Graben heraus und bekreuzigte -sich. - -»Es ist ein Christenmensch, Kinder!« riefen die Bauern, zogen den -Diakon und den Teufel heraus, steckten einen Strohhalm in das Spundloch -eines der Fässer und setzten Achilla davor. Den Teufel aber warfen sie -vorn auf den Schlitten und fuhren weiter zur Stadt. - -Nachdem er etwas Spiritus eingesogen hatte, zuckte der Diakon zusammen -und fiel der Länge nach auf den Schlitten. Er befand sich in einem -entsetzlichen Zustande. Ganz durchnäßt und blau, wie ein Kessel, -zitterte er so, daß er kaum atmen konnte. Der Teufel aber lag da wie -ein Eiszapfen. So brachte man ihn in die Stadt, wo der Diakon das -Fahrzeug vor dem Polizeiamt halten ließ. - -Achilla hob den Teufel aus dem Schlitten, ließ ihn in die Kanzlei -tragen und schickte nach dem Polizeichef. Er selbst ließ sich vom -Polizeidiener ein trockenes Hemd und einen Soldatenmantel geben und -legte sich auf das Sofa. - -Trotz der frühen Stunde war bald die ganze Stadt von dem großen -Ereignis unterrichtet, und eine dichte Menschenmenge wogte, wie -Meereswellen um einen Felsen, um das Gebäude des Polizeiamtes, wo auch -der Rittmeister Porochontzew seine Amtswohnung hatte. Trotz ihres Amtes -und ihrer Würde gelang es den einflußreichsten Persönlichkeiten der -Stadt, wie dem Propst Grazianskij, dem Vater Zacharia und dem Hauptmann -Powerdownia, nur mit großer Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu -bahnen, und auch nur deshalb, weil die Menge die Anwesenheit der -Geistlichkeit bei der an dem Teufel vorzunehmenden Exekution für eine -religiöse Notwendigkeit hielt. Dem Hauptmann Powerdownia aber kam sein -Säbelgriff zugute, mit dem er kräftige Hiebe und Püffe nach rechts und -nach links austeilte. - - - - -Sechzehntes Kapitel. - - -Während draußen die Menge sich drängte und lärmte, ging es im Hause -nicht weniger erregt zu. Der Polizeichef, Rittmeister Porochontzew, -kam in Barchentunterhosen und einer Flanelljacke in die Kanzlei -gestürzt und sah tatsächlich den Teufel mit Hörnern und Klauen kläglich -zusammengekauert am Boden hocken und ihm gegenüber auf dem Sofa, das -sonst die Bittsteller einzunehmen pflegten, eine unförmliche zitternde -Masse, bedeckt mit einem Soldatenmantel und zwei Schafpelzen: der -Diakon. - -Um den Teufel herum gruppierten sich in den verschiedensten Stellungen -sämtliche Stargoroder Honoratioren, auf deren Gesichtern nichts von dem -Grauen zu lesen war, das die Nähe des bösen Geistes ihnen von Rechts -wegen hätte einflößen sollen. Jeder sah, daß dieser Teufel ein ganz -jämmerliches Geschöpf war, welches vor Kälte bebte und schlecht und -recht in die traurigen Reste eines Kosakenmantels aus haarigem Filz -gewickelt war, den der Diakon Achilla einmal dem Kommissar Danilka -geschenkt hatte, weil das Kleidungsstück zu nichts sonst zu gebrauchen -war. Auf des Teufels Kopfe, den ein Fetzen desselben Mantels bedeckte, -ragten zwei mit einem schmutzigen Bindfaden ungeschickt befestigte -Kuhhörner empor, und an den Händen, die in ein paar Stückchen Schaffell -gewickelt waren, baumelten zwei gewöhnliche Eisenhaken, wie man sie zum -Aufwinden von Getreidesäcken verwendet. Das merkwürdigste aber war, -daß einer der Soldaten, als er mit der Hand unter den Anzug des Teufels -griff, eine Schnur zu packen bekam, an der ein altes Messingkreuzchen -mit der Aufschrift: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet -werden« hing. - -»Ich sagte doch, daß alles Betrug wäre,« bemerkte der Propst -Grazianskij. - -»Ja, ja, dem Kostüm nach ist es ein richtiger Teufel, aber das -Kreuzlein läßt auf anderes schließen,« stimmte Zacharia ihm bei, trat -auf das rätselhafte Geschöpf zu und fragte: »Hör mal, mein Lieber, wer -bist du? He? Hörst du, was ich dir sage? ... Lieber Freund! ... Heda! -... Hörst du? ... Sprich doch! ... Sonst gibt es Prügel! ... So rede -doch!« - -Hier mischte sich der Polizeichef ein und fing selbst an, den Teufel -auszufragen, aber ebenso erfolglos. - -Der Teufel, der allmählich warm wurde und zu sich kam, rückte nur -sachte hin und her und verkroch sich wie eine Schildkröte immer tiefer -in seinen Mantel. - -Von den verschiedenen Seiten wurden allerlei Meinungen darüber laut: -was man jetzt mit diesem Teufel anfangen sollte. Der Polizeichef -neigte zu der Ansicht, man müsse ihn, so wie er sei, zum Gouverneur -schicken und berief sich dabei auf das alte Gesetz über Ungeheuer und -Mißgeburten. Aber alle waren so neugierig, daß sie sich diesem Beschluß -energisch widersetzten und die mannigfaltigsten Gründe anführten, um -den Polizeichef zu überzeugen, daß der Dämon unbedingt sofort entlarvt -werden müsse, um die allgemeine, brennende Neugier endlich zu stillen! - -Zwei der Anwesenden nahmen an den Debatten keinen Anteil: -der Bürgermeister und Vater Zacharia, denn beide waren in -Spezialuntersuchungen vertieft. Der Bürgermeister schlich sich immer -ganz leise an den Teufel heran, bald von der einen, bald von der -anderen Seite, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und sprang dann -geschwind wieder zur Seite, um nicht mit dem Bösen gemeinsam in die -Tiefe zu versinken. Zacharia aber riß ihn an den Hörnern und flüsterte -ihm zu: - -»Hör mal, mein Lieber, sag mir nur das eine: warst du es, der beim -Vater Propst die Decke entlang gelaufen ist? Gesteh's und du bekommst -keine Schläge.« - -»Ich war's,« stöhnte der Teufel dumpf. - -Diese ersten Worte des Dämons riefen unter den Anwesenden eine -unerwartete Panik hervor, welche durch das wilde Geschrei des draußen -stehenden Volkes noch verstärkt wurde. Die Menge hatte die Geduld -verloren und drängte ins Haus mit der Forderung, der Teufel solle ihr -ausgeliefert werden, wobei ganz laut der Verdacht geäußert wurde, die -Polizei beabsichtige, sich vom Teufel »schmieren« zu lassen und ihn -dann unbehelligt in sein höllisches Reich heimzusenden. Einige machten -den Vorschlag, die Tür aufzubrechen und den Teufel mit Gewalt den -Händen der gesetzlichen Obrigkeit zu entreißen. Dieser Drohung folgte -ihre Verwirklichung auf dem Fuße, denn man schlug donnernd gegen die -Türe. Jedoch der Rittmeister fand das richtige Gegenmittel. Er gab dem -Revieraufseher ein Zeichen, worauf dieser sofort die Feuerspritze aus -dem Schuppen zog, mit dem Schlauch auf den Zaun kletterte und einen -Strahl eiskalten Wassers über die Menge ergoß. Hiermit war das Signal -zu einem wilden Tohuwabohu gegeben. Die Menge fuhr zurück, schrie, -pfiff, lachte, dann aber wurden die heiteren Gesichter plötzlich ganz -ernst, die Leute bissen die Zähne zusammen und drängten von neuem -vorwärts. Das kalte Sturzbad hatte seine Schrecken verloren, die Tür -krachte, Steine flogen ins Fenster, der Aufseher wurde an den Beinen -vom Zaun heruntergerissen, die Menge bemächtigte sich der Spritze und -besprengte nun den Aufseher vor den Augen seiner Vorgesetzten. Der -Polizeichef und die Honoratioren stürzten in die innern Gemächer und -schlossen die Türen hinter sich zu, der Hauptmann Powerdownia aber, der -ihnen nicht so schnell hatte folgen können, rannte in der Kanzlei hin -und her und schrie: - -»Meine Herren! Keine Furcht! Gott mit uns! Wer Waffen hat ... rettet -euch!« - -Sein Blick fiel auf den geöffneten Aktenschrank, er sprang geschwind -hinein und schlug die Tür hinter sich zu, durch die zerschlagenen -Fensterscheiben aber kamen immer mehr Steine geflogen, und der Teufel -selbst schrie laut auf vor Entsetzen und Verzweiflung. - - - - -Siebzehntes Kapitel. - - -Der Augenblick war kritisch. Er harrte seines Helden, und dieser kam. -Die Pelze, mit denen der von allen vergessene Diakon Achilla bedeckt -war, gerieten in Bewegung, sie fielen zu Boden, und er selbst, barfuß, -im kurzen und engen Soldatenhemd, stürzte auf das Wesen los, das man -noch jüngst für den Teufel gehalten hatte, und begann es heftig zu -schütteln. - -»Zieh dich aus!« kommandierte er, »zieh dich aus und zeige, wer du -bist, oder ich reiße dir das alles samt deinem eigenen Fell vom Leibe!« - -Ein kurzer Moment -- und der Teufel war verschwunden. An seiner Statt -zeigte sich den erstaunten Augen des Diakons der frosterstarrte -Kleinbürger Danilka. - -Achilla riß ihn ans Fenster, steckte den Kopf durch die zerbrochene -Scheibe hinaus und rief: - -»Ruhe, ihr Schafsköpfe! Das ist Danilka, der sich als Teufel verkleidet -hatte! Schaut her!« - -Und der Diakon hob den blaugefrorenen Danilka in die Höhe und warf zu -gleicher Zeit seine Teufelsausrüstung Stück für Stück auf die Straße -hinab: - -»Da habt ihr seine Klauen! Und seine Hörner! Und den übrigen Kram! Und -jetzt paßt auf: ich will ihn verhören.« - -Und der Diakon drehte den Danilka so herum, daß dieser ihm ins Gesicht -sehen mußte, und fragte ihn mit ungeheuchelter Freundlichkeit: - -»Warum hast du dich so scheußlich verkleidet, du Narr?« - -»Vor Hunger,« flüsterte der Kleinbürger. - -Achilla rief es dem Volke zu und fuhr dann mit seiner gewaltigen -Donnerstimme fort: - -»Und jetzt, ihr braven Christenleute, begebt euch nach Hause, denn wenn -die hohe Obrigkeit wieder Mut faßt, läßt sie -- was Gott verhüten möge --- gleich schießen.« - -Lachend ging das Volk auseinander. - - - - -Achtzehntes Kapitel. - - -Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem -Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften. - -Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen -Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er -gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen -seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos -umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel -zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst -eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es -den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu. -Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte -plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald -ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal -mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt -wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz -in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn -betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch -da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war -eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch -bunter und tat erst recht weh. - -»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über -das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die -Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit -Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein -heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube -ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier -war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und -ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich -durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die -Gewalt des Vaters Diakon geriet. - -»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber, -wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang -gelaufen?« - -»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine -Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den -Sohlen gegen die Decke.« - -»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte -endlich Achilla. - -Alle sahen ihn erstaunt an. - -»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?« -fiel ihm Grazianskij ins Wort. - -»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um -Christi willen.« - -Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten -des Verbrechers sei völlig unpassend. - -»Warum denn? So ein armer Kerl ... er hungerte doch ... die Apostel -rauften auch Ähren aus ...« - -»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm -um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?« - -»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen -über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt -nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule -auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen, -ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.« - -»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?« - -Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß -er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie: - -»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein -Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!« - -Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür -hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger -durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer -größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden -fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder. - -Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber -den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«, -»Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das -Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er -hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte -sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der -läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der -Tod! - -Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und -Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des -Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem -wurde das Dokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon -Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.« - -Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen, -der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte, -auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte. - - - - -Neunzehntes Kapitel. - - -Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter -in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus -schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form -von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und -zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe. - -Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr -gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch -seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser -Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte -immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in -demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf -einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem -Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen -noch ein paar Bekannte und der Arzt. - -Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt -sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er -den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe -heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei. - -»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz -unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzew und den andern an -zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben -liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte -sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand -sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte -es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und -leidend gewesen wäre. - -»Ja, ja, Sie sprachen davon ... erhöhte Sensibilität,« stammelte -Zacharia. - -»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles -neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so -einer Krankheit gehört.« - -»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten -verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.« - -Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte: - -»Gebt mir zu trinken!« - -Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden -Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig -herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten -Augen. - -»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister -teilnehmend. - -»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach -einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem -Hündchen Wiesie -- als die Post es überfahren hatte -- wollte ich mir -wieder eins zulegen ... Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij -einen Hundejungen ... ›Verschaff mir‹, sagte ich ... ›ein nettes -Hündchen‹ ... Da antwortete er: ›Heutzutag -- gibt's keine Hunde mehr -... Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er ... ›Was -sind denn das für Viecher?‹ fragte ich ... ›Das‹ -- sagte er -- ›sind -ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹« - -Der Diakon stockte. - -»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in -freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte -der Kranke. - -»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle -- man mag sie -nennen, wie man will -- laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus -- -auf den Tod.« - -Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis -Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren -an: - -»Arkebusier, Arkebusier ... geh fort, Arkebusier!« - -Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach, -aufrecht im Bette hin. - -»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia. - -»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen ... Schneller -... ich will beichten, um nichts zu vergessen ... In allem hab' ich -gesündigt ... Vergebt mir um Jesu Christi willen ...« Und mit einem -Seufzer fügte er hinzu: - -»Schickt schnell nach dem Propst.« - -Grazianskij erschien sogleich. - -Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und -küßte ihm zweimal die Hand. - -»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen -alle Gebote hab' ich gesündigt.« - -»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij. - -»Ich war ja nicht bösen Willens ... aber ich redete oft unverständlich.« - -»Laßt doch ... Ihr habt ein edles Herz.« - -»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon. -»Ich tat nicht immer das, was ich sollte ... und zuletzt ... zürnte -ich wegen des Denkmals ... Leere Phantasien: Himmel und Erde werden -verbrennen und alles wird versinken ... Was für ein Denkmal! Und alles -meine Unvernunft!« - -»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend. - -Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her. - -»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch -nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder ... Lebt -wohl.« - -Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn -hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf -der Schwelle stehen. - -Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie -grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend -Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten -»Hu--u--u--u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der -Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie, -etwas von sich werfe. - -Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle -bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden, -und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange -gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte. - -»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster -nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief -Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen: - -»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!« - -Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht, -denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm -vorgekommen, als hätte Achilla sich von seinem eigenen Leibe gelöst -und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und -den er dann überwunden hätte ... - -Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief -hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das -traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla. - - - - -Zwanzigstes Kapitel. - - -Die Chronik von Stargorod geht zu Ende, und ihr letzter Punkt soll der -Nagel sein, der in den Sargdeckel des Vaters Zacharia geschlagen ward. - -Der sanfte Greis überlebte Sawelij und Achilla nicht lange. Er lebte -nur noch bis zum großen Fest des Frühjahrs, dem Ostersonntag, und -entschlief ganz sacht während des Gottesdienstes. - -Für die Klerisei von Stargorod kam eine Zeit völliger Erneuerung. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die - Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Korrekturen: - - S. 306: waren → wären - So, das {wären} sämtliche Neuigkeiten. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Klerisei, by Nikolaus Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLERISEI *** - -***** This file should be named 53757-0.txt or 53757-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/3/7/5/53757/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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