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-The Project Gutenberg EBook of Die Klerisei, by Nikolaus Leskow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Die Klerisei
-
-Author: Nikolaus Leskow
-
-Translator: Arthur Luther
-
-Release Date: December 18, 2016 [EBook #53757]
-
-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLERISEI ***
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-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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- Nikolaus Leskow
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- Die Klerisei
-
- Roman
-
- Kurt Wolff Verlag
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- Deutsche Übertragung von Arthur Luther.
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- Copyright 1919 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig.
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-Erstes Buch.
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-Erstes Kapitel.
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-Die Leute, deren Leben und Treiben diese Erzählung schildern soll,
-sind die Bewohner der Dompfarrei von Stargorod: der Propst Sawelij
-Tuberozow, der Pfarrer Zacharia Benefaktow und der Diakon Achilla
-Desnitzyn. Ihre Jugendjahre, sowie auch ihre Kindheit lassen wir
-unberührt. Will der Leser sie vor sich sehn, wie unsere Geschichte
-sie faßt, so muß er sich das Haupt der Stargoroder Geistlichkeit,
-den Propst Sawelij Tuberozow, als Mann vorstellen, der die Sechzig
-bereits überschritten hat. Vater Tuberozow ist hochgewachsen und von
-stattlicher Leibesfülle, aber noch sehr rüstig und beweglich. Dasselbe
-gilt von seinen Geisteskräften: auf den ersten Blick erkennt man, daß
-er sich alle Glut des Herzens und alle Energie der Jugend bewahrt hat.
-Seinen auffallend schönen Kopf ist man versucht, als Urbild männlicher
-Schönheit zu betrachten. Tuberozows Haar ist dicht, wie die Mähne
-eines gewaltigen Löwen, und weiß, wie die Locken des Zeus von Phidias.
-Es türmt sich malerisch als mächtiger Schopf über der hohen Stirn
-und fällt in drei großen Wellen nach rückwärts, ohne die Schultern
-zu erreichen. In dem langen zweigeteilten Bart des Propstes und in
-dem kleinen Schnurrbart, der bei den Mundwinkeln mit dem Bart in eins
-zusammenfließt, blitzen hie und da noch ein paar schwarze Haare auf,
-welche dem Bart das Aussehen von schwarz emailliertem Silber geben. Die
-Brauen dagegen sind ganz schwarz. In zwei steilgebogenen ~S~-Linien
-vereinigen sie sich über dem Rücken seiner ziemlich großen und
-fleischigen Nase. Die Augen sind braun, groß, kühn und klar. Sie haben
-es ein ganzes Menschenleben lang verstanden, der Spiegel eines regen
-und starken Geistes zu sein. Wer dem Propste nahestand, sah sie von
-freudiger Begeisterung durchstrahlt, von Schmerz umnebelt, in Tränen
-der Rührung gebadet. Mitunter flammte in ihnen das Feuer der Entrüstung
-und sie sprühten Funken des Zorns, keines eiteln, rechthaberischen
-Zornes, sondern des Zornes eines bedeutenden Mannes. Aus diesen Augen
-leuchtete die gerade und ehrliche Seele des Propstes Sawelij, die er in
-seiner christlichen Zuversicht unsterblich glaubte.
-
-Zacharia Benefaktow, der zweite Pfarrer am Stargoroder Dom, ist ein
-Wesen ganz anderer Art. Seine Person ist die verkörperte Sanftmut und
-Milde. Wie sein bescheidener Geist sich in keiner Weise hervorzutun
-begehrt, so nimmt auch sein winziger Leib nur ganz wenig Platz weg, als
-wäre es ihm peinlich, die Erde allzusehr zu beschweren. Er ist klein,
-mager, schmächtig und kahlköpfig. Zwei kleine Löckchen graugelber Haare
-flattern nur noch über seinen Ohren. An Stelle eines Bartes scheint dem
-Vater Zacharia am Kinn ein Stückchen Schwamm zu kleben. Er hat winzige
-Kinderhände, die er immer in den Taschen seines Leibrocks verbirgt.
-Seine Beinchen sind dünn und schwach, wie Strohhalme, überhaupt
-erscheint der ganze Mann wie aus Stroh geflochten. Seine herzensguten,
-grauen Äuglein sind äußerst beweglich, aber sie werden nur selten
-voll aufgeschlagen, immer suchen sie sich gleich ein Plätzchen, wo
-sie sich vor unbescheidenen Blicken verbergen könnten. An Jahren ist
-Vater Zacharia etwas älter als Vater Tuberozow und viel schwächlicher
-als dieser, aber auch er ist gleich dem Propst gewohnt, sich stramm zu
-halten, und trotz aller Übel und Gebresten, von denen er heimgesucht
-wird, hat er sich einen lebhaften Geist und eine große körperliche
-Beweglichkeit bewahrt.
-
-Der dritte und letzte Vertreter der Stargoroder Domgeistlichkeit, der
-Diakon Achilla, wird durch mehrere Attribute gekennzeichnet, die wir
-alle hier mitzuteilen für gut befinden, damit der Leser ein möglichst
-klares Bild von dem gewaltigen Achilla gewinne.
-
-Der Inspektor der Kirchenschule, der den Achilla Desnitzyn aus
-der Syntax-Klasse »wegen Überreife und mangelhafter Fortschritte«
-ausgeschlossen hatte, pflegte zu ihm zu sagen:
-
-»Ach, du langgereckter Holzknüppel, du!«
-
-Der Rektor, der auf ein besonderes Bittgesuch hin den Achilla wieder in
-die Rhetorik-Klasse aufgenommen hatte, staunte jedesmal, wenn er den
-werdenden Recken zu Gesichte bekam, und pflegte, verblüfft über diese
-Riesengröße, Riesenkraft und Rieseneinfalt, zu äußern:
-
-»Es dünkt mich zu wenig, dich bloß einen Knüppel zu nennen,
-sintemalen du in meinen Augen zum mindesten eine volle Ladung Holz
-repräsentierest.«
-
-Der Dirigent des bischöflichen Sängerchores endlich, in den Achilla
-eingereiht wurde, nachdem er aus der Rhetorik entfernt und dem Klerus
-zugezählt worden war, nannte ihn »unermeßlich«.
-
-»Dein Baß ist gut,« sagte der Dirigent, »er donnert wie eine Kanone;
-aber unermeßlich bist du bis zum äußersten, so daß ich angesichts
-dieser Unermeßlichkeit gar nicht weiß, wie ich dich würdig behandeln
-soll.«
-
-Die vierte und gewichtigste Charakteristik des Diakons Achilla stammte
-von dem Bischof selbst, und zwar ward dessen Urteil an einem für den
-Achilla sehr denkwürdigen Tage ausgesprochen, dem Tage nämlich, wo er,
-Achilla, aus dem bischöflichen Chor ausgeschlossen und als Diakon nach
-Stargorod geschickt wurde. Sie lautete: »der Gepeinigte«. Es dürfte
-aber wohl angebracht sein, zu erzählen, auf welche Weise der brave
-Achilla zu diesem Namen kam.
-
-Der Diakon Achilla war von Jugend auf ein sehr impulsiver Mensch, der
-sich nicht nur in seinen Jünglingsjahren immer wieder hinreißen ließ,
-sondern auch in den Jahren des nahenden Alters.
-
-Trotz der »Unermeßlichkeit« seines Basses war Achilla im Sängerchor
-doch sehr geschätzt, weil er mit gleicher Leichtigkeit sich zu
-den höchsten Höhen emporzuschwingen und bis zur tiefsten Oktave
-hinabzuklettern vermochte. Eins nur machte dem Dirigenten bei
-dem unermeßlichen Achilla immer wieder Angst, -- seine übergroße
-Begeisterungsfähigkeit. So konnte er etwa bei der Vesper sich nicht
-damit begnügen, das »Heilig ist der Herr unser Gott« nur dreimal zu
-singen, sondern ließ sich oft fortreißen, es ganz allein zum vierten
-Male anzustimmen; besonders aber konnte er den Lobgesang am Schluß des
-Gottesdienstes nie zur rechten Zeit abbrechen. Doch in allen diesen
-Fällen, die schon bekannt waren und die man deshalb auch voraussehen
-konnte, wurden vernünftigerweise entsprechende Vorsichtsmaßnahmen
-getroffen: einer der erwachsenen Sänger erhielt nämlich den Auftrag,
-den Achilla am Rockschoß zu ziehen oder ihn im geeigneten Moment durch
-einen kräftigen Druck auf beide Schultern zusammenknicken zu lassen.
-Indessen nicht umsonst sagt das Sprichwort, daß man sich nicht für
-jeden Augenblick vorsehen könne. An einem der großen zwölf Feiertage
-hatte Achilla in der Kommunionsliturgie ein sehr schwieriges Baß-Solo
-auf den Text »von Schmerzen gepeinigt« zu singen. Die Bedeutung,
-die der Dirigent und der ganze Chor diesem Solo beimaß, machte dem
-Achilla nicht wenig Sorge: er war in großer Unruhe und dachte hin und
-her, wie er es anstellen sollte, sich nicht zu blamieren, sondern
-vor der Eminenz, die ein großer Liebhaber guten Kirchengesanges war,
-und vor dem gesamten Gouvernementsadel, der an diesem Tage in der
-Kirche sein würde, in Ehren zu bestehen. Tag und Nacht ging er bald
-in seiner Stube, bald im Korridor oder im Hofe, bald im bischöflichen
-Garten oder auf dem Weideplatz vor der Stadt auf und ab und sang in
-den verschiedensten Tonarten: »gepeinigt, gepeinigt, gepeinigt«. So
-brach endlich der Tag seines Ruhmes an, wo er sein »gepeinigt« in der
-gedrängt vollen Domkirche zu Gehör bringen sollte. Gott, wie groß und
-strahlend stand der gewaltige Achilla da, das Notenblatt in der Hand.
-Die wohlbekannten Vorschläge sind erledigt. Nun kommt das Baß-Solo.
-Achilla schiebt seinen Nachbar mit dem Ellenbogen beiseite und zählt
-leise die Takte. Jetzt ist es so weit. Der Dirigent hebt die Hand
-mit der Stimmgabel ... Achilla hat die ganze Welt und sich selbst
-vergessen, und in der wunderlichsten Weise, der Posaune des Erzengels
-vergleichbar, donnert er bald ganz schnell, bald langsam gedehnt:
-»Von Schmerzen gepeinigt, gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t,
-gepeinigt.« Mit Gewalt hält man ihn zurück, sich in weiteren
-unvorhergesehenen Variationen zu ergehen, und das Konzert ist beendet.
-Aber in dem »fortgerissenen« Geiste Achillas war es noch nicht zu
-Ende. Während die Honoratioren der Stadt mit leisen Begrüßungen an
-den Bischof herantraten, um seinen Segen entgegenzunehmen, ertönte
-es vom Chor plötzlich wieder, wie ein Posaunenstoß vom Himmel:
-»Gepeinigt, ge-pei-nigt, g-e-p-e-i-n-i-g-t!« Das singt der in seiner
-Begeisterung ganz um den Verstand gebrachte Achilla. Man zupft ihn --
-er singt weiter. Man drückt ihn zu Boden, um ihn hinter den Rücken
-seiner Genossen verschwinden zu lassen, -- er singt: »gepeinigt«.
-Man führt ihn endlich aus der Kirche hinaus, unentwegt singt er:
-»g-e-p-e-i-n-i-g-t!«
-
-»Was ist dir?« fragen ihn mitleidige Leute voller Teilnahme.
-
-»Gepeinigt,« singt er, sie verständnislos ansehend, und bleibt an der
-Tür der Vorhalle stehen, bis ihn endlich ein Strom frischer Luft von
-draußen ernüchtert.
-
-Im Vergleich zu dem Propst Tuberozow und dem Vater Benefaktow kann
-Achilla Desnitzyn als junger Mann gelten, aber auch er hat die Vierzig
-schon hinter sich und seine tiefschwarzen Locken sind stark angegraut.
-Achilla ist von Riesengestalt und ungeheurer Kraft, seine Bewegungen
-sind eckig und schroff; sein Gesicht zeigt einen südlichen Typus und er
-behauptet, von kleinrussischen Kosaken abzustammen, von denen er auch
-in der Tat den Leichtsinn und die Tapferkeit und noch manches andere zu
-haben scheint.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Alle diese meine altmodischen Helden wohnten auf dem Stargoroder
-Pfarrgehöft, am stillen, schiffbaren Fluß Turitza. Jeder von ihnen,
-Tuberozow, Zacharia und sogar der Diakon Achilla hatte sein eigenes
-Häuschen dicht am Ufer, gerade gegenüber dem jenseits des Flusses
-aufragenden alten Dom mit seinen fünf hohen Kuppeln. Aber so
-verschieden geartet, wie die drei Männer, waren auch ihre Wohnsitze.
-Das Haus des Vaters Sawelij war sehr hübsch, mit hellblauer Ölfarbe
-gestrichen und mit verschiedenfarbigen Sternchen, Quadraten und
-Schnörkeln über jedem der drei Fenster geziert. Letztere hatten
-außerdem noch holzgeschnitzte, grellbemalte Einfassungen und grüne
-Läden, die nie geschlossen wurden, denn das festgefügte Haus trotzte
-im Winter jeglichem Frost und der Propst liebte das Licht, liebte
-den Stern, der nachts vom Himmel in seine Stube schaute, liebte den
-Mondstrahl, der sich wie ein Brokatstreifen über den parkettartig
-gemusterten Fußboden legte.
-
-Im Häuschen des Propstes herrscht absolute Reinlichkeit und Ordnung,
-denn es ist niemand da, der Schmutz oder Unordnung machen könnte. Der
-Propst hat keine Kinder und das ist eine Quelle steter Betrübnis für
-ihn und seine Lebensgefährtin.
-
-Das Häuschen des Vaters Zacharia Benefaktow ist viel größer als das
-des Vaters Tuberozow. Aber es fehlt ihm jene Eleganz und Koketterie,
-die den Wohnsitz des Propstes auszeichnet. Das fünffenstrige, etwas
-schiefstehende, graue Haus des Vaters Zacharia erinnert eher an einen
-großen Geflügelstall, und, um die Ähnlichkeit perfekt zu machen,
-drängen und stoßen sich in den engen Rahmen seiner grünen Fenster
-unausgesetzt allerlei Schnäbelchen und Schöpfchen. Das ist die gesamte
-Nachkommenschaft des Vaters Zacharia, den Gott gesegnet hat, wie den
-Jakob, und dessen Gattin er fruchtbar gemacht hat, wie die Rahel. Bei
-Vater Zacharia fand man nichts von der spiegelglatten Sauberkeit des
-Tuberozowschen Hauses, nichts von dessen strenger Ordnung. Überall
-stieß man auf Spuren schmutziger Kinderpfötchen; aus jedem Winkel
-guckte ein Kinderköpfchen hervor; alles lebte und webte mit den Kindern
-und um die Kinder.
-
-Der Diakon Achilla war Witwer und kinderlos. Wenig kümmerte er sich
-um irdische Güter und Hauswirtschaft. Hart am Flußrande hatte er
-eine lehmgestrichene, kleinrussische Kate, zu der aber keinerlei
-Nebengebäude gehörten; nicht einmal ein Zaun war vorhanden, nichts
-als eine rohe Lattenhürde, innerhalb derer, bis an die Knie im Stroh
-versinkend, bald ein scheckiger Hengst, bald ein falber Wallach, bald
-eine schwarze Stute umherstampfte. Die innere Einrichtung des Hauses
-war ebenfalls ganz kosakenmäßig: in dem vorderen, besseren Raume, den
-der Hausherr für sich selbst bestimmt hatte, stand ein hölzernes Sofa,
-welches Achilla auch als Bett diente. Eine weiße Kosaken-Filzdecke
-lag darüber gebreitet und am Kopfende ein ziselierter asiatischer
-Sattelbogen, an den sich ein kleines pfannkuchenähnliches Kissen in
-einem fettigen Nankingüberzug lehnte. Vor diesem Kosakenlager stand
-ein Tisch aus weißem Lindenholz. An der Wand hing eine Gitarre ohne
-Saiten, ein hänfener Fangstrick, eine Nagaika und zwei kunstvoll
-geflochtene Zäume. In der Ecke auf einem kleinen Wandbrett, hinter
-welchem ein verdorrter Palmweidenzweig gesteckt war, stand ein
-winziges Heiligenbild, die Himmelfahrt Mariä darstellend, vor dem ein
-kleines Kiewer Gebetbuch lag. Sonst war nichts, rein gar nichts in
-der Behausung des Diakons Achilla zu finden. Nebenan in einer kleinen
-Kammer hauste die alte Nadeshda Stepanowna, genannt Esperance, die
-früher einmal Zimmermädchen in einem adligen Gutshause gewesen war.
-
-Sie war eine kleine, ältliche, gelbliche, spitznäsige,
-zusammengeschrumpfte Person von so unverträglichem und unerträglichem
-Charakter, daß sie trotz ihrer geschickten Hände nirgends dauernd
-unterkommen konnte, bis sie zu guter Letzt Bedienerin beim einsamen
-Achilla geworden war, dem sie vorschnattern und vorkeifen konnte soviel
-sie wollte, denn er beachtete dieses Geschnatter und Gekeife überhaupt
-nicht; nur wenn die Erregung seiner alten Hausgenossin gar zu arg
-wurde, machte er ihr im entscheidenden Augenblick durch ein donnerndes:
-»Versinke, Esperance!« ein Ende, worauf Esperance zumeist auch wirklich
-sofort verschwand, denn sie wußte, daß Achilla sie andernfalls in
-seine Arme nehmen, auf das Dach seiner Hütte setzen und dort bis zum
-Sonnenuntergang ihrem Schicksal überlassen würde.
-
-So lebten diese Leutchen hin und trugen alle mehr oder weniger einer
-des andern Lasten und suchten sich gegenseitig das einförmige Dasein
-ein wenig bunter zu gestalten durch allerlei leichte Streitigkeiten
-und Mißverständnisse, welche auf die durch die Ereignislosigkeit des
-Kleinstadtlebens erschlaffte menschliche Natur eine so wohltuend
-aufrüttelnde Wirkung ausüben. So hatte zum Beispiel eines Tages der
-Gutsbesitzer und Adelsmarschall Alexej Nikititsch Plodomasow von einer
-Reise nach Petersburg den von ihm sehr hochgeschätzten Domgeistlichen
-verschiedene mehr oder weniger kostbare Geschenke mitgebracht, darunter
-auch drei Stöcke: zwei mit ganz gleichen Knöpfen aus Dukatengold für
-die beiden Pfarrer, den einen für Vater Tuberozow, den andern für Vater
-Zacharia. Der dritte Stock mit einem hübschen Knopf aus emailliertem
-Silber war für den Diakon Achilla bestimmt. Diese Stäbe fielen unter
-die Stargoroder Geistlichen wie die biblischen Schlangen, welche die
-ägyptischen Zauberer vor den Pharao hinwarfen.
-
-»Durch diese Schenkung der Stäbe ist ein Zweifel in uns geweckt
-worden,« erzählte der Diakon Achilla.
-
-»Was für einen Zweifel kann es denn geben, Vater Diakon?« fragten die
-Leute, denen er sein Leid klagte.
-
-»Ach, ihr Laien versteht von solchen Dingen nichts. Erstens ziemt
-es mir in meinem Amte als Diakon gar nicht, einen solchen Stab zu
-tragen, denn ich bin kein Pfarrer. Ferner: ich trage diesen Stab
-jetzt trotzdem, denn ich habe ihn geschenkt bekommen. Drittens aber
-tritt dabei noch eine zweifelerregende Gleichstellung zutage: der
-Vater Sawelij und der Vater Zacharia haben Stäbe von ganz derselben
-Qualität und gleichem Aussehen erhalten. Darf man sie aber so völlig
-gleichstellen? ... Ich frage, darf man das? ... Vater Sawelij ... ihr
-wißt es ja selbst ... Vater Sawelij ... ist ein Weiser, ein Philosoph,
-ein Justizminister ... und nun sehe ich, daß auch er sich darin nicht
-zu finden weiß und verwirrt ist, ganz furchtbar verwirrt.«
-
-»Was kann ihn denn so verwirren, Vater Diakon?«
-
-»Es verwirrt ihn, daß erstens diese völlige Gleichheit Verwechselungen
-hervorruft. Was meint ihr, wie soll man erkennen, wem dieser Stab
-gehört? Versucht es doch herauszukriegen, welcher Stab dem Propst und
-welcher dem Zacharia zukommt, wenn sie beide ganz gleich aussehen!
-Freilich, zur Unterscheidung ließe sich ja irgendein Zeichen anbringen
--- ein Tröpfchen Siegellack auf den Knopf oder ein kleiner Einschnitt
-in das Holz. Wie steht es aber mit der politischen Seite der Sache? Es
-ist doch ganz unmöglich, daß der Propst und der Vater Zacharia gleich
-viel wert wären! Und der Propst fühlt das sehr wohl, und ich seh' es
-deutlich, und darum sag' ich ihm: ›Vater Propst, es ist in diesem
-Falle nichts anderes zu machen: gestattet mir, daß ich den Stab des
-Vaters Zacharia irgendwie zeichne, mit Siegellack oder durch einen
-Messerschnitt.‹ Er aber antwortet: ›Nichts dergleichen. Untersteh' dich
-nicht. Es ist nicht nötig.‹ Ja, wie denn nicht nötig?! ›Nun,‹ sag' ich
-da wieder, ›so gebt mir Euren Segen zu etwas anderm. Ich will ganz
-insgeheim den Stab des Vaters Zacharia mit dem Messer um einen Zoll
-kürzer machen, so daß der Vater Zacharia selber von dieser Verkürzung
-gar nichts merken soll.‹ Er aber nennt mich darauf einen Dummkopf.
-Gut denn, ich bin ein Dummkopf, ich hör's von ihm nicht zum erstenmal
-und von ihm kränkt's mich auch nicht, aber ich sehe doch, daß er mit
-alledem sehr unzufrieden ist, und das raubt mir alle Seelenruhe ... Und
-ihr könnt mich einen dreifachen Dummkopf nennen,« -- rief der Diakon,
--- »ja, ich gestatte es euch, nennt mich ruhig dumm, wenn er, der Vater
-Sawelij, nicht etwas ganz Politisches im Sinne hat. Ich weiß es ganz
-genau, daß er eben deswegen mich nicht gewähren läßt, weil er seine
-eigene Politik verfolgt.«
-
-Und der Diakon Achilla schien sich nicht geirrt zu haben. Noch war
-kein Monat seit der Beschenkung der Stargoroder Geistlichkeit mit
-den erwähnten zweifelerregenden Stäben vergangen, als der Propst
-Sawelij sich plötzlich zu einer Reise in die Gouvernementsstadt zu
-rüsten begann. Man brauchte dieser Fahrt keine besondere Bedeutung
-zuzuschreiben, denn der Propst hatte in Amtsangelegenheiten oft genug
-mit dem Konsistorium zu verhandeln. Aber als der Vater Tuberozow
-bereits im Wagen saß, wandte er sich plötzlich zum Vater Zacharia:
-
-»Hör' mal, Vater, wo ist denn wohl dein Stab? Gib ihn mir mal her, ich
-will ihn mit in die Stadt nehmen.«
-
-Diese scheinbar von ungefähr gesagten Worte ließen ein Licht in den
-Gemütern aller derer aufgehen, die vor das Tor gekommen waren, dem
-Abreisenden das Geleite zu geben.
-
-Der Diakon Achilla räusperte sich kräftig und flüsterte dem Vater
-Benefaktow ins Ohr:
-
-»Nun? Sagt' ich's Euch nicht? Da haben wir die Politik!«
-
-»Weshalb wollt Ihr denn meinen Stab in die Stadt mitnehmen, Vater
-Propst?« fragte Vater Zacharia, und zwinkerte demütig mit den Augen,
-wobei er zugleich den Diakon beiseite schob.
-
-»Wozu? Nun, vielleicht will ich den Leuten dort zeigen, wie man uns
-hier achtet und unser gedenkt,« antwortete Tuberozow.
-
-»Alioscha, lauf hin und hol den Stock,« befahl Zacharia seinem kleinen
-Sohne.
-
-»Vielleicht nehmt Ihr dann auch meinen Stab mit, Vater Propst, um ihn
-dort zu zeigen?« fragte Achilla in dem sanftmütigsten Tone, dessen er
-fähig war.
-
-»Nein, den deinen magst du bei dir behalten,« erwiderte Sawelij.
-
-»Warum denn, Vater Propst? Ich bin doch ebenso ... ich bin doch auch
-von dem Herrn Adelsmarschall ausgezeichnet worden,« antwortete der
-Diakon ein wenig gekränkt.
-
-Aber der Propst würdigte seinen Einspruch keiner Antwort, legte den ihm
-eben gebrachten Stab des Vater Zacharia neben sich hin und hieß den
-Kutscher zufahren.
-
-So fuhr er dahin und die beiden zweifelerregenden Stäbe fuhren mit, der
-Diakon Achilla aber saß zu Hause und mühte sich vergeblich, das Rätsel
-zu lösen, zu welchem Zweck Tuberozow den Stab des Zacharia mitgenommen
-hatte.
-
-»Was geht's dich an? Was hast du dabei? Was?« beschwichtigte Zacharia
-den von Neugier gemarterten Diakon.
-
-»Vater Zacharia, ich sag's Euch, das ist Politik.«
-
-»Nun und wenn's Politik ist, -- was geht's dich an? Mag er doch
-politisieren.«
-
-»Aber ich vergehe vor Neugier, was das für eine Politik sein könnte.
-Euren Stab zu beschneiden wollte er mir nicht gestatten; das wäre eine
-Dummheit, sagte er; ich schlug ihm vor, Zeichen anzubringen, aber er
-wies es zurück. Das einzige, was ich vermute ...«
-
-»Ei nun, was kannst du Schwätzer vermuten?«
-
-»Das einzige wäre, daß er ... Er setzt bestimmt einen Edelstein hinein.«
-
-»Ja! Nun ... nun ja ... Aber wo soll er den Stein denn einsetzen?«
-
-»In den Griff.«
-
-»In den seinen oder in den meinen?«
-
-»In den seinen, natürlich in den seinen. Ein Edelstein ist doch ein
-Wertstück.«
-
-»Sehr schön. Wozu hat hat er dann aber meinen Stab mitgenommen? In den
-seinen will er den Stein einsetzen lassen, und den meinen nimmt er
-mit?!«
-
-Der Diakon schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rief:
-
-»Da wär' ich wieder mal der Narr.«
-
-»Hoffentlich bist du der Narr, hoffentlich,« bestätigte Vater Zacharia
-und fügte mit leisem Vorwurf hinzu: »und dabei hast du doch Logik
-gelernt, mein Lieber. Schäme dich.«
-
-»Warum soll ich mich schämen, wenn ich sie gelernt, aber nicht kapiert
-habe! Das kann jedem so gehen,« antwortete der Diakon.
-
-Er sprach fortan keinerlei Vermutungen mehr aus, nur im stillen
-verzehrte ihn nach wie vor die Neugier: was wird nun eigentlich
-geschehen?
-
-So verging eine Woche, bis der Propst zurückkam. Der Diakon Achilla,
-welcher gerade einen von ihm neu eingetauschten Steppengaul einritt,
-war der erste, der die schwarze Pfarrkutsche sich der Stadt nähern sah.
-Er raste durch die Straßen, machte Halt vor allen Häusern, in denen
-gute Bekannte wohnten, und schrie in die offenen Fenster hinein: »Er
-kommt! Der Propst Sawelij! Die edle große Seele!«
-
-Ein neuer Gedanke war dem Achilla plötzlich gekommen.
-
-»Jetzt weiß ich, was es ist,« sagte er zu den Umstehenden, während er
-vor dem Tore des Pfarrhofes vom Pferde stieg. »Alle meine bisherigen
-Vermutungen waren nichts als eitel Torheit. Jetzt aber kann ich euch
-für gewiß sagen, der Vater Propst hat nichts anderes getan, als
-griechische Lettern -- oder auch lateinische -- in die Knöpfe einätzen
-lassen. So ist es, jawohl, so und nicht anders ist es; ganz bestimmt
-hat er Lettern einätzen lassen, und wenn ich es jetzt nicht erraten
-habe, so könnt ihr mich hundertmal einen Esel nennen.«
-
-»Warte nur, warte, das tun wir noch; das kommt schon noch,« sagte Vater
-Zacharia und ging dem eben vorfahrenden Wagen entgegen.
-
-Ernst und würdevoll entstieg der Propst dem Wagen, trat in das Haus
-ein, betete, begrüßte seine Gattin, indem er sie dreimal auf den
-Mund küßte, bewillkommnete danach auch den Vater Zacharia, wobei sie
-sich gegenseitig auf die Schultern küßten, und zu guter Letzt den
-Diakon Achilla, der dem Propst die Hand küßte, während dieser mit den
-Lippen seinen Scheitel berührte. Nach dieser Begrüßung ging man ans
-Teetrinken, Schwatzen, Erzählen, und langsam wich der Abend der Nacht,
-ohne daß der Propst auch nur ein Wort über die alle so interessierenden
-Stäbe geäußert hätte. Ein Tag verging, ein zweiter, ein dritter, mit
-keiner Silbe erwähnte Vater Tuberozow die Angelegenheit. Es schien, als
-habe er die Stäbe in die Hauptstadt gebracht und sie dort in den Fluß
-versenkt, damit alles Gerede von ihnen schweige.
-
-Der Diakon brannte förmlich vor Neugier und wußte nicht, was er
-ersinnen sollte, um das Gespräch auf die Stäbe zu bringen. Aber die
-Sache kam bald von selbst zur Erledigung. Am fünften oder sechsten Tage
-nach seiner Heimkehr bat der Vater Sawelij nach dem Hauptgottesdienst
-den Stadthauptmann, den Schulinspektor, den Arzt und den Vater Zacharia
-nebst dem Diakon Achilla zu sich zum Tee und fing wiederum zu erzählen
-an, was er alles in der Gouvernementsstadt gehört und gesehen habe.
-Er berichtete ihnen von vielerlei schönen Sachen, welche er in den
-Kaufläden gesehen hatte. »Es ist erstaunlich,« meinte er, »was die
-dortige Kunstfertigkeit zu leisten vermag.«
-
-Mit diesen Worten ging der Propst ins Nebenzimmer und kam, in jeder
-Hand einen der wohlbekannten Stäbe haltend, wieder zurück.
-
-»Sehen Sie mal hier,« sagte er, indem er den Gästen die Oberfläche der
-beiden goldenen Knöpfe vor die Augen hielt.
-
-Der Diakon Achilla riß die Augen auf, um zu erspähen, was der Politikus
-zustande gebracht hatte, um die gleichwertigen Stäbe unterscheiden zu
-können. Aber ach! Es war kein wesentlicher Unterschied zu erkennen. Im
-Gegenteil, ihre Gleichwertigkeit schien nun erst vollkommen, denn in
-der Mitte eines jeden Knopfes war in ganz gleicher Weise, von einem
-Strahlenkranze umgeben, ein Gottesauge eingraviert, um welches sich
-eine kurze Kursivinschrift schlang.
-
-»Und Lettern sind keine da, Vater Propst?« bemerkte Achilla, dem die
-Geduld ausging.
-
-»Was willst du noch für Lettern?« erwiderte Tuberozow, ohne ihn
-anzusehen.
-
-»Um sie in ihrer Gleichwertigkeit zu unterscheiden.«
-
-»Immer kommst du mit deinem dummen Zeug,« wandte sich der Propst zum
-Diakon, und dann stützte er den einen Stab gegen seine Brust und sprach:
-
-»Das soll meiner sein.«
-
-Der Diakon Achilla warf einen schnellen Blick auf den Knopf und las
-über dem Gottesauge: »Und er fand den Stecken Aarons blühen.«
-
-»Und den nimmst du, Vater Zacharia,« schloß der Propst und gab ihm den
-andern Stab.
-
-Auf dem Knopfe desselben war um das völlig gleiche Gottesauge in ganz
-derselben altslawischen Kursivschrift eingraviert:
-
-»Und er gab den Stab in seine Hand.«
-
-Kaum hatte Achilla diese zweite Inschrift gelesen, so knickte er hinter
-dem Rücken des Vaters Zacharia zusammen, und, den Kopf gegen den Bauch
-des Arztes stemmend, zuckte und strampelte er in einem unbändigen
-Lachanfall.
-
-»Na, Quälgeist, was gibt's wieder? Was gibt's?« wandte sich der Vater
-Zacharia ihm zu, während die übrigen Gäste noch die kunstvolle Arbeit
-des Juweliers an den Priesterstäben bewunderten.
-
-»Lettern? He? Lettern, du krauser Schafbock du? Wo sind hier die
-Lettern?«
-
-Der Diakon aber prustete und lachte nur immer toller.
-
-»Was lachst du? Was ficht dich an?«
-
-»Wer ist jetzt der Schafbock, he?« fragte der Diakon, die Worte mühsam
-hervorstoßend.
-
-»Du natürlich, wer denn sonst?«
-
-Achilla brach in ein neues Gelächter aus, packte den Vater Zacharia an
-den Schultern und flüsterte theatralisch:
-
-»Na und Ihr, Vater Zacharia, wo Ihr so viel Logik studiert habt, lest
-doch noch einmal. ›Und er gab den Stab in seine Hand.‹ Was sagt Eure
-Logik dazu? Wo soll eine solche Inschrift hinaus?«
-
-»Wo hinaus? Nun, so sag du es doch, wo sie hinaus soll!«
-
-»Wo hinaus? Dahinaus,« sagte der Diakon langsam und gedehnt, »daß man
-ihm mit dem Lineal eins auf die Pfoten gegeben hat.«
-
-»Du lügst!«
-
-»Ich lüge?! Und warum ist denn +sein+ Stecken erblüht? Und kein
-Wort davon, daß er ihm in die Hand gegeben ist? Warum? Weil das zum
-Zweck der Erhöhung geschrieben ist, Euch aber ist's zur Erniedrigung
-geschrieben, daß Euch der Knüppel in die Tatze gelegt ist.«
-
-Vater Zacharia wollte etwas erwidern, aber der Diakon hatte ihn
-wirklich irre gemacht. Achilla triumphierte, daß es ihm gelungen war,
-den sanften Benefaktow aus der Fassung zu bringen, doch sein Triumph
-war nur von kurzer Dauer.
-
-Kaum hatte er sich umgewandt, so sah er auch schon, daß der Propst ihn
-scharf ins Auge gefaßt hatte, und sobald er bemerkte, daß der Diakon
-unter der Wirkung dieses strengen Blickes verlegen zu werden begann,
-wandte er sich an die Gäste und sagte mit ganz ruhiger Stimme:
-
-»Die Inschriften, die Sie hier sehen, habe ich nicht selbst ausgedacht.
-Der Konsistorialsekretär Afanasij Iwanowitsch hat sie mir empfohlen.
-Auf einem Abendspaziergang kamen wir beim Goldschmied vorbei, und
-da meinte Afanasij Iwanowitsch: Wißt Ihr, Vater Propst, was für ein
-Gedanke mir gekommen ist? Ihr solltet Inschriften auf die Stäbe setzen.
-Für Euch ›der Stecken Aarons‹ und für den Vater Zacharia -- eben jene,
-die jetzt dasteht.«
-
-»Und du, Vater Diakon,« fuhr der Propst fort, »ich wollte auch etwas
-von deinem Stabe sagen, wie du mich gebeten hattest, aber ich bin der
-Meinung, es wäre am besten, du trügest den Stab überhaupt nicht, denn
-er kommt deinem Amte nicht zu.«
-
-Und damit schritt der Propst in aller Seelenruhe nach der Stubenecke,
-in welcher der berühmte Stab des Achilla stand, nahm ihn und schloß ihn
-in den Kleiderschrank ein.
-
-Dieses war der größte Zwist, der sich je in der Stargoroder Pfarrei
-abgespielt hatte.
-
-Wie es heißt, daß durch ein Dreierlicht einst ganz Moskau in Flammen
-aufgegangen ist, so entstand auch daraus bald eine ganze Geschichte,
-welche die verschiedensten Charakterschwächen und Vorzüge Sawelijs und
-Achillas an den Tag brachte.
-
-Der Diakon kannte diese Geschichte am besten, erzählte sie aber nur in
-Augenblicken äußerster Erregung.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-»Was,« sagte Achilla, »hätte ich von Rechts wegen damals tun sollen?
-Ich hätte dem Vater Propst zu Füßen fallen und ihm sagen sollen: so und
-so stehen die Dinge, nicht aus Bosheit, nicht aus Gehässigkeit hab' ich
-das gesagt, sondern einzig, um dem Vater Zacharia zu zeigen, daß ich
-zwar nichts von Logik verstehe, aber darum doch nicht dümmer bin als
-er. Aber der Stolz übermannte mich und hielt mich zurück. Ich ärgerte
-mich, daß er meinen Stab in den Schrank geschlossen hatte, und daß dann
-noch der Lehrer Warnawka Prepotenskij dazwischenkam. ... Ach, ich sag'
-euch, so bös ich auch auf mich selbst bin, es ist nichts gegen die Wut,
-welche ich auf den Lehrer Warnawka habe! Ich will nicht ich sein, wenn
-ich sterbe, ohne zuvor mit diesem Sohn der Hostienbäckerin abgerechnet
-zu haben!«
-
-»Das darfst du auch wieder nicht,« unterbrach Vater Zacharia den
-Achilla.
-
-»Warum denn nicht? Gottlosigkeit duld' ich nicht! Da frage ich nicht
-nach der Person! Und die Sache macht sich ganz von selbst: ich fahr'
-ihm mit der Faust in den Schopf, schüttel' ihn tüchtig durch und
-laß ihn dann laufen. Jetzt geh und beschwer' dich, daß du von einer
-geistlichen Person wegen Gottlosigkeit durchgewalkt worden bist!
-... Der wird sich hüten! ... Ach, du mein Gott! Was war nur in mich
-gefahren, daß ich auf diesen Taugenichts hören konnte, und wie ist's
-möglich, daß ich ihn bis heute mir noch nicht richtig vorgenommen
-habe! Den Küster Sergej hab' ich damals für sein Geschwätz über den
-Donner sofort verwichst; den Kommissar, den Kleinbürger Danilka, der
-sich in den letzten großen Fasten unterstand, auf offener Straße ein
-Ei zu essen, hab' ich unverzüglich vor versammeltem Volke nach Gebühr
-an den Ohren gezaust, -- und diesen Lümmel laß ich immer noch frei
-herumlaufen, obgleich er mir das Ärgste angetan hat! Wäre er nicht
-gewesen, so würde es gar nicht zu diesem Zwist gekommen sein. Der Vater
-Propst hätte mir wegen meiner Äußerung über den Vater Zacharia gezürnt,
-aber nicht lange. Muß da dieser Warnawka kommen, und erbittert und
-gepeinigt, wie ich bin, laß ich mich von ihm aufhetzen! Er schwatzt
-mir vor: ›Diese Tuberozowsche Inschrift ist zu allem andern auch noch
-dumm!‹ Ich in meiner Pein, müßt ihr wissen, lechzte förmlich danach,
-auch dem Vater Sawelij was anzuhängen, und so fragte ich, was denn
-Dummes daran sei. Warnawka sagte: ›Dumm ist sie, weil die Tatsache,
-von der in ihr die Rede ist, gar nicht feststeht. Und nicht nur
-das, -- sie ist überhaupt unglaubwürdig. Wer, sagt er, kann es denn
-bezeugen, daß der Stecken Aarons erblühte? Kann ein trockenes Stück
-Holz Blüten treiben?‹ Ich fiel ihm hier in die Rede und meinte: ›Bitte
-sehr, Warnawa Wasiljitsch, solche Reden darfst du nicht führen. Der
-allmächtige Willen Gottes ist stärker als die Ordnung der Natur.‹ ...
-Aber weil diese unsere Unterhaltung bei der Akziseeinnehmersfrau,
-der Biziukina, stattfand, welche allerlei Flüssiges aufgetischt
-hatte, lauter gute Weine, -- nichts als ho--ho--ho: ~Haut-Sauterne~
-und ~Haut-Margaux~, -- so war ich, hol mich dieser und jener, schon
-ein bißchen benebelt, und der Warnawka redete sein gelehrtes Zeug
-in mich hinein. ›So war's ja auch -- sagte er -- dazumal mit dem
-Menetekel beim Gastmahl des Belsazar. Heut haben wir's als reinsten
-Schwindel erkannt. Wollt ihr, so mach ich's euch gleich mit einem
-Phosphorstreichhölzchen vor.‹ Ich war starr vor Entsetzen, er aber
-quasselte immer weiter: ›Und überhaupt, sagte er, es wimmelt da nur
-so von Widersprüchen.‹ Dann legte er los, wißt ihr, und redete und
-redete und widerlegte alles, und ich saß dabei und hörte zu. Und nun
-noch dieser ~Haut-Margaux~! Ich war so schon gepeinigt genug, und
-fing am Ende selber an in freigeistigem Stil zu reden. Ja, sagte
-ich, wenn ich nicht sähe, was der Vater Sawelij für ein aufrechter
-Mann ist, denn ich weiß, er steht vor dem Altar und der Rauch seines
-Opfers steigt kerzengerade empor, wie beim Opfer Abels, ich möchte
-nur kein Kain sein, sonst könnte ich ihn schon ... Versteht ihr wohl,
-so redete ich vom Vater Sawelij! Und diese Person, die Biziukina,
-meinte: ›Ja, versteht Ihr denn selber, was Ihr da schwatzt? Wißt Ihr
-überhaupt, was der Kain wert war? Was war denn -- sagte sie -- Euer
-Abel? Nichts weiter als ein kleines Schaf, ein Kriecher und Streber,
-eine Sklavennatur; Kain aber war ein stolzer Mann der Tat. So -- sagte
-sie -- hat ihn der englische Schriftsteller Biehron geschildert ...‹
-Und nun legte sie los ... Na, von all dem ~Haut-Margaux~ schon so
-spiritualisiert, überkam mich plötzlich ein Gefühl, als müßte ich zum
-Kain werden und damit Punktum. Als ich auf dem Heimweg bis zum Hause
-des Vater Propst gelangt war, blieb ich vor seinen Fenstern stehen,
-stemmte, wie ein Offizier, die Arme in die Seiten und brüllte los:
-›Ich Zar, ich Knecht, ich Wurm, ich Gott!‹ Grundgütiger Gott, wie
-entsetzlich ist mir jetzt die bloße Erinnerung an meine Schamlosigkeit!
-Als der Vater Propst mein Gemecker vernommen, sprang er aus dem Bette,
-trat im Hemde ans Fenster, stieß es auf und rief mit zorniger Stimme:
-›Geh zu Bett, du wütiger Kain!‹ Ihr könnt mir's glauben, ich erbebte
-bei diesem Wort. Denn er hatte mich schon Kain genannt, da ich es doch
-erst werden wollte. Er hatte es vorausgesehen! Ach Gott, ach Gott! Ich
-konnte mich kaum nach Hause schleppen; meine ganze Widerspenstigkeit
-war hin, und bis auf den heutigen Tag kann ich seitdem nur trauern und
-stöhnen.«
-
-War er in seiner Erzählung so weit gekommen, versank der Diakon
-gewöhnlich in Gedanken, seufzte, und fuhr nach einer Minute in
-melancholischem Tone fort:
-
-»Und nun fliehen und fließen die Tage dahin, aber der Zorn des Vater
-Sawelij ist bis auf heute nicht von ihm gewichen. Ich ging zu ihm und
-klagte mich selber an; ich klagte mich an und tat Buße. Ich sprach:
-›Vergebt mir, wie der Herr den Sündern vergibt‹ -- aber ich erhielt
-nichts zur Antwort, als ›Geh.‹ Wohin? Wohin soll ich gehen, frage ich.
-Mit den Leuten da werde ich wirklich noch zum Kain ... Ich weiß es,
-ich weiß es genau, nur er allein, nur der Vater Sawelij vermag mich in
-Subordination zu halten -- und er ... und er ...«
-
-Bei diesen Worten kamen dem Diakon die Tränen in die Augen und leise
-aufschluchzend schloß er seinen Bericht:
-
-»Und er spielt ein so böses Spiel mit mir -- er schweigt! Was ich auch
-sage, er schweigt! ... Warum schweigst du?« schrie der Diakon plötzlich
-laut auf und fing nun wirklich an zu schluchzen. Dabei streckte er
-beide Arme in der Richtung aus, wo sich nach seiner Voraussetzung
-das Haus des Propstes befinden mußte. -- »Meinst du, das wäre recht
-gehandelt? Ist es recht, wenn ich in meinem Amte als Diakon zu ihm
-trete und sage: ›Vater, segne mich‹ -- und ich küsse dann seine Hand
-und fühle, daß sogar sie für mich eiskalt ist! Ist das recht? Am
-Pfingsttage, vor dem großen Gebet, kam ich, in Tränen zerfließend,
-zu ihm und bat ihn: segne mich ... Aber er zeigte keine Rührung. ›Sei
-gesegnet,‹ sagte er. Was soll mir dieser Formenkram, wenn alles ohne
-Freundlichkeit geschieht!«
-
-Der Diakon rechnete auf Trost und Unterstützung.
-
-»Verdien' dir seine Freundlichkeit,« sagte ihm der Vater Zacharia,
-»verdiene sie dir ordentlich, und er wird dir verzeihen und wieder gut
-zu dir sein.«
-
-»Wie soll ich sie mir denn verdienen, Vater Zacharia?«
-
-»Durch musterhaftes Betragen.«
-
-»Was nützt mir denn all mein Betragen, wenn er mich überhaupt nicht
-bemerkt? Glaubst du, es ließe mich kalt, ihn jetzt immer so bekümmert,
-immer so tief in Gedanken zu sehen? Gott im Himmel, sag' ich zu
-mir selbst, was mag ihn so beschäftigen? Am Ende gar quält er sich
-meinetwegen. ... Mag er mir auch noch so sehr zürnen, er verstellt sich
-ja doch nur: ich weiß, daß er mich liebhat ...«
-
-Der Diakon wandte das Gesicht ab, schlug mit der rechten Faust gegen
-die linke Handfläche und brummte:
-
-»Na, warte, du Hostienbäckerlümmel, das geht dir nicht so durch! Ich
-will in Wahrheit Kain und nicht der Diakon Achilla sein, wenn ich
-diesen Lehrer Warnawka nicht vor aller Augen zum Krüppel schlage!«
-
-Aus dieser Drohung allein kann der Leser schon ersehen, daß einem
-gewissen, hier erwähnten Lehrer Warnawa Prepotenskij seitens des
-Diakons Achilla eine ernste Gefahr drohte, und diese Gefahr rückte
-immer näher und drohender heran, je stärker und quälender Achillas
-Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese wurde, die Sehnsucht nach dem
-eingebüßten Wohlwollen des Vaters Sawelij. Und endlich schlug die
-Stunde, da Warnawa Prepotenskij seinen Lohn aus der Hand Achillas
-empfangen sollte, das Ereignis, mit dem das große Stargoroder Drama
-beginnt, welches den Inhalt dieser Chronik bilden soll.
-
-Um den Leser in das Verständnis dieses Dramas einzuführen, lassen
-wir vorderhand alle Schleichwege beiseite, auf denen Achilla, gleich
-einem amerikanischen Pfadfinder, seinem Feinde, dem Lehrer Warnawka,
-nachspürt. Versenken wir uns lieber in die Tiefen der inneren Welt
-der dramatischsten Person unserer Geschichte und treten in jene Welt,
-die bisher noch allen, welche sie aus der Nähe oder aus der Ferne
-betrachteten, unbekannt und unsichtbar geblieben ist: in das reinliche
-Häuschen des Vaters Tuberozow. Vielleicht, wenn wir im Innern dieses
-Hauses stehen, finden wir ein Mittel, auch in die Seele seines Herrn
-zu schauen, wie man in einen gläsernen Bienenstock schaut, wo die
-Biene ihre wundersame Wabe baut, aus Wachs, das vor dem Antlitz Gottes
-leuchten, und aus Honig, der den Menschen erfreuen soll. Aber seien
-wir vorsichtig und rücksichtsvoll: ziehen wir leichte Sandalen an, auf
-daß unserer Schritte Schall den sinnenden und betrübten Propst nicht
-störe. Setzen wir die Tarnkappe aus dem Märchen aufs Haupt, damit
-unser neugierig Antlitz den ernsten Blick des würdigen Greises nicht
-verwirre, und lauschen wir mit offenem Ohr auf alles, was wir von ihm
-zu hören bekommen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Der Sommerabend hat sich über Stargorod herabgesenkt. Längst ist
-die Sonne untergegangen. Die Anhöhe, auf der sich die spitze Kuppel
-des Domes erhebt, liegt in bleiches Mondlicht getaucht, das stille,
-flache Ufer drüben versinkt in warmer Finsternis. Über die schwimmende
-Brücke, welche beide Stadtteile miteinander verbindet, bewegen sich
-ab und zu einsame Gestalten. Sie haben es eilig; denn die Nacht im
-stillen Städtchen treibt sie früh in ihre Nester und an ihre Herdfeuer.
-Schellenklingelnd fährt ein Postwagen über die Brückenbohlen, wie
-über Klaviertasten; dann ist alles wieder totenstill. Von den Wäldern
-draußen weht eine wohltuende Kühle herüber. Blau schimmert auf der von
-zwei Armen der Turitza gebildeten Insel das Gemüsefeld des uralten
-schiefnäsigen Sonderlings Konstantin Pizonskij, welcher von allen
-»Onkel Kotin« genannt wird.
-
-»Molwoscha! Wo bist du, Molwoscha?!« schallt es von der Insel herüber.
-
-Der Alte ruft den muntern Buben, seinen Pflegesohn, und so deutlich ist
-dieser Ruf im Hause des Propstes zu hören, daß man glauben möchte, es
-riefe jemand dicht unter dem Fenster, an welchem die Pröpstin sitzt.
-Von demselben Gemüsefeld schallt ein lautes Kinderlachen herüber, man
-hört das Wasser plätschern, nackte Kinderfüßchen laufen klatschend
-über die Brückenbohlen, und hellauf bellt ein spielender Hund. Alles
-das scheint so nah, daß die Mutter Pröpstin von ihrem Platz am Fenster
-aufspringt und die Arme nach vorn ausstreckt. Sie meint, das laufende
-und lachende Kind müsse ihr gleich in den Schoß fallen. Aber als sie
-sich umschaut, erkennt sie die Täuschung. Sie tritt vom Fenster in das
-Innere des Zimmers zurück, zündet eine der auf der Kommode stehenden
-Kerzen an und ruft ein kleines, etwa zwölfjähriges Mädchen zu sich
-heran.
-
-»Weißt du nicht, Feklinka, wo unser Vater Propst ist?« fragt sie.
-
-»Er spielt Dame beim Polizeichef, Mütterchen.«
-
-»Ah so, beim Polizeichef. Schon recht. Wir wollen ihm das Bett machen,
-Feklinka, damit alles fertig ist, wenn er heimkommt.«
-
-Feklinka bringt aus dem Nebenzimmer zwei Kissen in die Wohnstube, ein
-Bettuch und eine gelbe wollene Steppdecke; die Pröpstin einen weißen
-Pikee-Schlafrock und ein großes rotseidenes Tuch. Das Bett wird dem
-Propst auf dem großen, ziemlich harten Sofa aus Masernbirkenholz
-gemacht. Zu Häupten wird die Decke zurückgeschlagen; der weiße
-Schlafrock über einen Lehnstuhl zu Füßen des Bettes ausgebreitet, und
-auf den Schlafrock das Seidentuch gelegt. Sowie alles gemacht ist,
-schiebt die Pröpstin mit Feklinka einen ovalen Tisch auf massivem Fuße,
-ebenfalls aus Masernholz, neben das Kopfende des Bettes, und stellt
-eine Kerze, ein Glas Wasser, ein Tellerchen mit gestoßenem Zucker und
-eine Glocke darauf. Alle diese Vorbereitungen und die Genauigkeit,
-mit der sie vorgenommen werden, zeugen von der großen Aufmerksamkeit,
-mit der die Pröpstin allen Gewohnheiten ihres Gatten entgegenkommt.
-Erst als sie alles gewohnheitsmäßig geordnet hat, beruhigt sie sich
-wieder, löscht die Kerze aus und setzt sich an ihr einsames Fenster,
-um auf den Gatten zu warten. Wer sie hätte sehen können, würde eine
-gewisse Unruhe in dieser Erwartung bemerkt haben, welche ihre guten
-Gründe hatte: Tuberozow, der seit langem schon unfroh schien, war
-heute den ganzen Tag mürrisch gewesen und das beunruhigte seine treue
-Gefährtin. Er war auch sehr müde, denn er hatte heute auf die Felder
-der Vorstadtbewohner hinausgemußt, um einen Bittgottesdienst anläßlich
-der andauernden Trockenheit abzuhalten. Nach dem Essen hatte er sich
-etwas niedergelegt und war dann spazierengegangen. Später hatte er den
-Polizeichef aufgesucht, und war bei ihm sitzen geblieben. Die kleine
-Pröpstin wartete erst eine halbe Stunde und dann noch eine ganze, aber
-er kam nicht. Tiefe Stille herrschte überall. Plötzlich klingt es von
-der Hügelseite herüber wie Gesang. Die Pröpstin horcht auf. Es ist der
-Diakon Achilla; sie kennt diese angenehme tiefe Stimme gut. Er steigt
-den Batawin-Berg herab und singt:
-
- Es ruht die Welt im Frieden
- Der lauen Frühlingsnacht,
- Längst haben alle Müden
- Die Augen zugemacht.
-
-Der Diakon ist unten angekommen, geht über die Brücke und singt weiter:
-
- Da klopft mit seinem Stecken
- Cupido an mein Tor,
- Und ich in jähem Schrecken
- Fahr' aus dem Traum empor.
-
-Die Pröpstin hört dem Gesang des Achilla mit Vergnügen zu. Sie hat
-den Mann gern, weil er ihren Gatten so liebt, und sie mag auch seinen
-Gesang. In Träumerei versinkend merkt sie gar nicht, wie der Diakon
-die Brücke hinter sich läßt und immer näher und näher kommt. Als er
-endlich dicht vor ihrem Fensterlein steht, donnert er plötzlich mit
-schauerlichem Pathos:
-
- Wer -- frag ich -- ist der Kühne,
- Der da zu klopfen wagt?
-
-Die aus ihren Träumen aufgeschreckte Pröpstin schreit leise auf und
-eilt in das Innere des Zimmers zurück.
-
-Als der Diakon ihren Schreckensruf hört, unterbricht er sofort seinen
-Gesang.
-
-»Ihr schlaft noch nicht, Natalia Nikolajewna?« fragt er, packt dabei
-mit beiden Händen das Fensterbrett und schwingt sich auf das Gesimse.
-
-»Wir haben Frieden!« ruft er.
-
-»Was?« fragt die Pröpstin.
-
-»Friede,« antwortet der Diakon, »Friede.«
-
-Achilla fährt mit der Hand durch die Luft und fügt hinzu:
-
-»Der Vater Propst ... hat ein Ende gemacht.«
-
-»Was redest du da. Was für ein Ende?« fragt die Pröpstin erregt.
-
-»Schluß! ... Der Streit mit mir hat ein Ende! ... Von nun an herrscht
-Frieden und Wohlgefallen. Den wievielten haben wir heute? Den vierten
-Juni. Notiert's Euch: ›am vierten Juni Frieden und Wohlgefallen‹. Denn
-Friede soll mit allen sein. Der Lehrer Warnawka kriegt's jetzt aber zu
-spüren.«
-
-»Was hast du? Nach Branntwein riechst du nicht und schwindelst doch.«
-
-»Ich schwindeln! Ihr sollt bald sehen, wie ich schwindle! Heut ist der
-vierte Juni, der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch, -- notiert
-Euch das auch, denn mit diesem Tage geht es los.«
-
-Der Diakon richtet sich auf den Ellenbogen noch höher auf und flüstert,
-sich fast bis zum Gürtel ins Fenster hineinschiebend:
-
-»Ihr wißt wohl gar nicht, was der Lehrer Warnawka getan hat?«
-
-»Nein, Freundchen, ich habe nichts gehört. Was hat der Tunichtgut denn
-getan?«
-
-»Etwas Entsetzliches! Er hat einen Menschen im Topf gekocht.«
-
-»Diakon, du lügst!« ruft die Pröpstin.
-
-»Nein, er hat ihn gekocht!«
-
-»Ganz gewiß, du lügst! Ein Mensch hat doch in einem Kochtopf nicht
-Platz.«
-
-»Er hat ihn im Aschenkasten gekocht,« fuhr der Diakon unbekümmert fort,
-»und obgleich ihm diese greuliche Tat vom Polizeichef und vom Arzt
-gestattet war, wird er doch dafür meinen Händen ausgeliefert.«
-
-»Diakon, du lügst. Das sind alles Lügen.«
-
-»Nein, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, nicht eine Silbe ist
-gelogen,« erwiderte der Diakon mit heftigem Kopfschütteln und die Worte
-wirbelten noch schneller von seinen Lippen. »Warnawka hat tatsächlich
-einen Menschen mit Genehmigung der Obrigkeit, das heißt: des Arztes
-und des Polizeichefs, gekocht. Es war eine Wasserleiche. Aber dieser
-Gekochte quält jetzt ihn und seine Mutter, die Frau Hostienbäckerin,
-aufs grausamste, und ich habe das alles in Erfahrung gebracht und
-beim Polizeichef dem Vater Propst erzählt, und der Vater Propst hat
-dem Herrn Polizeichef dafür ein tüchtiges -- ~coppe vachée~ heißt's
-auf französisch -- gemacht. Der Polizeichef hat gesagt: ›Ich will --
-sagt er -- Soldaten holen und der Sache ein Ende machen.‹ Ich aber
-fügte dazu: ›Hol du nur deine Soldaten, ich bin selber Soldat!‹ Und
-von morgen ab, Euer Hochwürden, ehrenwerteste Frau Pröpstin Natalia
-Nikolajewna, werdet Ihr sehen, wie der Diakon Achilla den Lehrer
-Warnawka strafen wird, ihn, den Gotteslästerer, der die Lebenden irre
-macht und die Toten martert. Jawohl, heute ist der vierte Juni, der
-Gedächtnistag des heiligen Methodius von Pesnosch! Ihr solltet Euch das
-notieren ...«
-
-Hier wurde der Redestrom des Diakons Achilla plötzlich unterbrochen,
-denn aus der Ferne vom Hügel ließ sich ein Husten vernehmen, das nur
-vom Vater Propst kommen konnte.
-
-»Halloh! Da kommt der Propst Sawelij!« ruft Achilla, springt vom Gesims
-auf die Erde und geht seines Weges.
-
-Die Pröpstin erhebt sich, zündet zwei Kerzen an und blickt bei ihrem
-Scheine den eintretenden Gatten scharf an. Der Propst küßt die Frau
-leise auf die Stirn, nimmt die Kutte ab, zieht den weißen Schlafrock
-über, bindet das rote Seidentuch um den Hals und setzt sich ans
-Fenster. Die Pröpstin hat alles vergessen, was ihr eben noch der Diakon
-vorgeredet, und fragt den Gatten gar nicht danach. Sie geleitet ihn
-in das kleine längliche Nebenzimmer, das ihr als Schlafzimmer dient
-und wo sie jetzt den Abendimbiß für den Vater Sawelij bereitgestellt
-hat. Vater Sawelij setzt sich an den kleinen Tisch, verzehrt die zwei
-weichgekochten Eier, spricht sein Dankgebet und wendet sich dann seiner
-Frau zu, um ihr Gute Nacht zu sagen. Die Pröpstin selbst ißt abends
-nie etwas. Sie sitzt ihrem Gatten gegenüber und leistet ihm allerhand
-kleine Dienste, indem sie ihm bald etwas reicht, bald etwas fortträgt.
-Dann erheben sich beide, beten vor dem Heiligenbild und beginnen
-unmittelbar darauf, sich gegenseitig zu bekreuzigen. Diesen Abendsegen
-erteilen sie einander immer zu gleicher Zeit und mit solcher
-Gewandtheit und Geschwindigkeit, daß man sich nur wundern kann, wie
-ihre hin- und herwirbelnden Hände kein einziges Mal gegeneinander
-stoßen oder aneinander hängen bleiben.
-
-Hierauf wechseln die Gatten den Abschiedskuß, wobei der Propst seiner
-kleinen Frau die Stirne, sie ihm aber das Herz küßt. Dann trennen sie
-sich. Der Propst geht in sein Wohnzimmer, um sich niederzulegen.
-
-Aber heute konnte der Alte keine Ruhe finden. Schon war eine Stunde
-vergangen, und immer noch ging er auf und ab in seinem weißen
-Pikeeschlafrock, mit dem roten Seidentuch um den Hals. Endlich trat
-er an einen kleinen roten Schrank, der auf einer hohen Kommode mit
-abgezogener Platte stand. Aus diesem Schränkchen nahm er ein in dicken
-blauen Demi-Coton mit gelbem Juchtenrücken gebundenes Exemplar des
-»Kalenders« des Eugenios, legte das Buch auf den ovalen Tisch, der vor
-seinem Bette stand, zündete zwei Sparkerzen an und horchte auf: es
-schien, als ob seine Frau noch nicht schliefe. So war es auch.
-
-»Willst du noch lesen?« fragte in diesem Augenblick aus dem Nebenzimmer
-die sanfte, besorgte Stimme der Pröpstin.
-
-»Ja, liebe Natascha, ich will noch ein wenig lesen,« antwortete Vater
-Tuberozow. »Du aber tu mir den Gefallen und schlafe --«
-
-»Gewiß werde ich schlafen, gewiß, mein Lieber,« erwiderte die Pröpstin.
-
-»Ja, ich bitte dich, schlafe.« ... Und mit diesen Worten setzte der
-Propst eine große silberne Brille auf seine stolze römische Nase und
-begann langsam in seinem blauen Buch zu blättern. Er las nicht, sondern
-blätterte nur, und dabei interessierte ihn nicht das, was in dem Buch
-gedruckt stand, sondern die von seiner eigenen Hand beschriebenen
-Einschaltblätter. Diese Notizen waren zu verschiedenen Zeiten gemacht
-und weckten in dem alten Priester eine ganze Welt von Erinnerungen, zu
-denen er hin und wieder gern zurückkehrte.
-
-Da wir nun zwischen den Propst Sawelij und seine Vergangenheit geraten
-sind, wollen wir auch still und ehrfürchtig dem leisen Flüstern der
-Greisenlippen lauschen, das durch die dumpfe Stille der Mitternacht
-dringt.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Das Demi-Cotonbuch des Propstes Tuberozow.
-
-
-Tuberozow betrachtete seinen Kalender von dem ersten Einschaltblatte
-an, auf dem zu lesen stand: »Nachdem ich am 4. Februar 1831 durch den
-Hochwürdigen Gawriil die Priesterweihe empfangen, erhielt ich von ihm
-dieses Buch als Belohnung für meine guten wissenschaftlichen Leistungen
-im Seminar und mein gutes Betragen.« Auf diese erste Notiz, die am
-ersten Tage nach der Ordination gemacht war, folgte als zweite: »Zum
-erstenmal im Dom gepredigt, nachdem der Bischof die Messe gehalten.
-Zum Thema der Predigt hatte ich das Gleichnis von den Söhnen des
-Weinbergsbesitzers genommen. Der eine sprach: ich gehe nicht, -- und
-ging doch, der andere aber sprach: ich gehe, -- und ging nicht. Ich
-bezog dieses auf die guten Handlungen und die guten Vorsätze, wobei
-ich mir einige Anspielungen auf die Beamten erlaubte, die ihren
-Diensteid ablegen und dann nicht einhalten. Dabei wies ich auch ganz
-vorsichtig auf die Machthaber und Vorgesetzten hin. Ich sprach fließend
-und weniger feierlich als natürlich. Seine Eminenz belobten diesen
-meinen Versuch. Aber später riefen Seine Eminenz mich zu sich und
-bemerkten nach einem allgemeinen Lobe meiner Rede im besonderen, daß
-ich mich hüten solle, in meinen Predigten direkt auf die Wirklichkeit
-hinzuweisen, vor allem aber die Herren Beamten aus dem Spiele lassen,
-denn je weiter man sie sich vom Leibe halte, desto gottwohlgefälliger
-sei das. Für das aber, was ich schon gesagt hatte, machte er mir keine
-Vorwürfe, sondern schien es sogar zu billigen.«
-
-»1832 am 18. Dezember wurde ich zum Bischof gerufen und erhielt eine
-Ernennung nach Stargorod, wo das Schisma sehr stark sein soll. Ich
-erhielt die Weisung, ihm auf jede Art entgegenzuwirken.«
-
-»1833 am 8. Februar fuhr ich mit meiner Gattin aus dem Dorfe
-Blagoduchowo nach Stargorod und gelangte am 12. zur Frühmesse daselbst
-an. Unterwegs wären wir fast von Wölfen gefressen worden. In der
-Gemeinde fand ich viel Unordnung vor. Die Altgläubigen sind im Besitz
-großer Macht. Nachdem ich mich etwas umgeschaut hatte, sah ich, daß der
-Kampf gegen das Schisma nach den konsistorialen Vorschriften wenig Wert
-hat. Ich schrieb das ans Konsistorium und erhielt einen Verweis.«
-
-Der Propst überschlug ein paar Eintragungen und blieb dann wieder
-bei der folgenden stehen: »Nachdem ich einen Verweis für Untätigkeit
-erhalten, die man daraus zu ersehen meint, daß ich nicht mit
-reichlichen Denunziationen aufwarte, suchte ich mich zu rechtfertigen,
-indem ich darauf hinwies, daß die Schismatiker nichts anderes täten,
-als was man schon längst von ihnen wisse, und fügte diesem Bericht
-noch hinzu, daß vor allem der orthodoxe Klerus in äußerster Armut
-lebe, und infolgedessen, in Anbetracht der Schwäche der menschlichen
-Natur, gegen Bestechung nicht unempfindlich sei und sogar selber der
-Ketzerei Vorschub leiste, gleich anderen Verteidigern der Orthodoxie,
-indem er Spenden von den Ketzern annehme. Ich schloß damit, daß man
-mit der Befreiung der Geistlichkeit aus ihrer schweren Abhängigkeit
-beginnen müsse, wenn man die Schäden der Kirche heilen wolle. Für
-selbigen Versuch erhielt ich abermals einen Verweis und wurde zu einer
-persönlichen Aussprache zitiert, bei der ich ein »unehrerbietiger Ham«
-genannt wurde, der »die Blöße seines Vaters aufdeckt«.«
-
-Etwas weiter, nach einigen anderen Notizen, stand zu lesen: »Ich war
-in Geschäften in der Gouvernementsstadt, und als ich mich dem Bischof
-vorstellte, berichtete ich ihm persönlich von der Armut des Klerus.
-Seine Eminenz zeigten sich sehr gerührt, aber sie bemerkten, daß auch
-unser Herr selber nicht hatte, wo er sein Haupt hinlegen sollte, und
-doch nicht müde ward zu lehren. Er riet mir, ich solle den Klerikern
-das Buch ›Von der Nachfolge Christi‹ zur Lektüre empfehlen. Darauf
-erwiderte ich Seiner Eminenz nichts, und es wäre auch unnütz gewesen,
-denn bei unserer Armut können wir dieses Buch gar nicht beschaffen.
-
-Höchst politisch brachte ich bei der Abendtafel beim Vater Schließer
-von der Domkirche das Gespräch nochmals auf diesen Gegenstand. An
-der Tafel nahmen noch der Vater Propst und der Konsistorialsekretär
-teil. Aber sie zogen meine Worte ins Scherzhafte. Der Sekretär sagte
-spöttisch, daß der Arme leichter ins Himmelreich komme, -- was wir auch
-ohne Seine Wohlgeboren schon wußten, der Vater Schließer aber erzählte
-bei dieser Gelegenheit eine nicht üble Anekdote von einem Studenten
-der Akademie, der später ein berühmter Gottesmann und Prediger wurde.
-Dieser hätte nämlich noch als Laie auf die Frage des Bischofs, ob er
-irgend Vermögen besitze, geantwortet:
-
-»Freilich besitze ich welches, Eminenz.«
-
-»Bewegliches oder unbewegliches?« fragte dieser, worauf jener erwiderte:
-
-»Sowohl bewegliches, wie unbewegliches.«
-
-»Was besitzest du denn an beweglichem Gut?« fragte abermals der
-Bischof, indem er des Jünglings ärmliches Gewand betrachtete.
-
-»An beweglichem Gut besitze ich ein Haus im Dorf,« antwortete der
-Befragte.
-
-»Wie kann denn ein Haus als bewegliches Gut gelten? Bedenke, wie dumm
-deine Antwort ist.«
-
-Jener aber, nicht im geringsten verlegen, entgegnete, seine Antwort
-wäre ganz richtig, denn sein Haus sei solcher Art, daß, sobald der Wind
-es anblase, es in heftige Bewegung gerate.
-
-Dem Bischof erschien diese Antwort so eigenartig, daß er den Studiosus
-nicht mehr für einen Dummkopf zu halten vermochte, sondern höchst
-interessiert weiterfragte:
-
-»Was nennst du denn dein unbewegliches Gut?«
-
-»Mein unbewegliches Gut,« sprach der Student, »ist meine Mutter, die
-Küstersfrau, und unsere braune Kuh, die beide ihre Füße nicht bewegen
-konnten, als ich die Heimat verließ, die Mutter vor Altersschwäche, die
-Kuh wegen Futtermangels.«
-
-Alle lachten sehr darüber, obgleich ich an der Geschichte mehr
-Trauriges und Tragisches fand als Komisches. Ich beginne, bei allen
-eine große Lachlust und einen Leichtsinn zu bemerken, wovon ich wenig
-Gutes erwarte.
-
-Mein Leben geht in Schlafen und Essen dahin. Das Schisma kann ich auf
-keine Weise bekämpfen, denn ich bin in allem gebunden, sowohl durch
-meinen halbverhungerten Klerus, als durch den allzu satten Polizeichef.
-Es empört mich, daß ich gleichsam zum Spott als Missionar hierher
-gesandt bin. Ich soll predigen -- und keiner will mich hören; ich
-soll lehren -- und keiner will lernen. Der Polizeichef predigt viel
-besser als ich, denn er hat so ein gewisses Missionsinstrument mit
-zwei Enden, -- von mir aber verlangt man Denunziationen. Eminenz! Was
-sollen diese Denunziationen, was soll in sie eingewickelt werden?
-Mir verbietet, soweit ich die Sache verstehe, mein Amt, dergleichen
-zu schreiben. Lieber will ich, wenn es nötig ist, reines Papier
-hergeben ...«
-
-»Heute morgen, am 18. März 1836, deutete meine Pfarrerin Natalia
-Nikolajewna an, daß sie sich gesegneten Leibes fühle. O Herr, schenke
-uns diese Freude! Zu erwarten Ende November.«
-
-»Am 9. Mai, dem Tage des heiligen Nikolaus, wurde auf obrigkeitlichen
-Befehl die altgläubige Kapelle in Dejewo zerstört. Es war ein
-schauerliches, unwürdiges und wahrhaft empörendes Schauspiel. Zu
-allem andern riß noch das Eisenkreuz von der Kuppel ab und blieb an
-den Ketten hängen. Als die Zerstörer mit ihren Feuerhaken es voller
-Erbitterung ganz herabzuzerren sich bemühten, stürzte es plötzlich
-herunter und zerschmetterte einem Feuerwehrsoldaten den Schädel, daß er
-tot liegen blieb. Er war ein Jude. O wie weh tat es mir, das alles mit
-ansehen zu müssen! Herr, mein Gott! Sie sollten doch wenigstens keine
-Juden beauftragen, das Kreuz herabzureißen! Abends versammelte sich das
-Volk auf der Trümmerstätte und ihre und unsere Geistlichkeit kam auch
-hin, und alle haben wir geweint und zuletzt fielen wir uns in die Arme.«
-
-»10. Mai. Die Obrigkeit hat einen großen Fehler begangen. Kurz vor
-Mitternacht verbreitete sich das Gerücht, das Volk habe eine heilige
-Lampe auf die Steine gestellt und halte eine Gebetsversammlung beim
-zerstörten Gotteshaus ab. Wir gingen alle hinaus und fanden die Leute
-wirklich beim Gebet. Ein alter Mann hielt die Lampe in der Hand und sie
-erlosch nicht. Der Stadthauptmann gab leise Befehl, die Feuerspritzen
-heranzufahren und die Menge mit Wasser zu begießen. Das war höchst
-unbedacht, ich kann sogar sagen: dumm -- denn das Volk zündete Kerzen
-an und ging heim. Dabei sang es vom »grausamen Pharao« und rief:
-»Der Herr hilft dem verfolgten Glauben und der Wind verlöscht die
-Lichter nicht!« Ich machte den Stadthauptmann darauf aufmerksam, wie
-unvorsichtig seine Verordnung gewesen, die Kapelle zu zerstören, das
-Kreuz herabzureißen und das Marienbild fortzuschaffen. Aber was kümmert
-er sich drum?«
-
-»12. Mai. Die Eitelkeit hat mich übermannt: ich habe mir von der
-Wirtschafterin der Frau Adelsmarschall zwei seidene Kleider der
-Gnädigen auf Kredit geben lassen und habe sie in die Stadt zum
-Färben geschickt. Daraus will ich mir dann eine seidene Kutte machen
-lassen. Es geht nicht anders, man muß sich akkurat kleiden. Ich komme
-allmählich in alle adeligen Häuser, und ich will nicht über die Achsel
-angesehen werden.«
-
-»17. Mai. Die Pfarrerin Natalia Nikolajewna deutete heute an, daß sie
-sich betreffs ihres Zustandes getäuscht habe.«
-
-»20. Juni. Auf einen Bericht des Stadthauptmanns, daß ich zu Ostern
-nicht auch in die Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuze gegangen,
-wurde ich wieder nach der Gouvernementsstadt zitiert. Ich legte die
-ganze Sache dem Bischof eingehend dar. Nicht aus Fahrlässigkeit hätte
-ich die Häuser der Altgläubigen gemieden, denn auch meine Tasche hätte
-ja davon Schaden gehabt. Ich tat es, um die Schismatiker fühlen zu
-lassen, daß ihnen die Ehre nicht gebühre, von mir und dem gesamten
-Klerus besucht zu werden. Der Bischof wurde nachdenklich und ließ
-sodann diese meine Erklärung gelten. Allein nicht umsonst sagt das
-Volk, daß, wenn der Zar auch gnädig sei, sein Hundejunge es noch nicht
-zu sein brauche. Weil die Sache meiner unterlassenen Amtshandlung zum
-Teil auch die weltliche Obrigkeit angeht, schickte der Bischof mich
-zum Gouverneur, damit ich ihm eine Erklärung in der hochwichtigen
-Angelegenheit abgebe ... War das eine Erklärung! ... Wehe mir armen
-Sünder, was ich auszustehen hatte! Wehe auch euch, ihr meine Nächsten,
-meine Brüder, Vertrauten und Freunde, ob der Schmach und Erniedrigung,
-die ich von diesem kurzschwänzigen Glaubensfeind erdulden mußte! Der
-Gouverneur, der als Deutscher die Ambitionen seines Luther hochhalten
-zu müssen wähnt, ließ den russischen Popen überhaupt nicht zu sich
-heran, sondern schickte mich zur Erörterung der Angelegenheit zu seinem
-Kanzleivorsteher. Dieser, ein Pole, war aber nicht geneigt, die Sache
-wie der Bischof anzusehen, sondern er fiel über mich her mit Geschrei
-und Gebrüll, sagte, ich leiste den Ketzern Vorschub und widersetze
-mich dem Willen meines Kaisers. Wehe dir, du aussätziger Pole, daß du
-mit deinem löcherigen Gewissen dich unterstehst, mir Widersetzlichkeit
-gegen meinen Kaiser vorzuwerfen! Allein ich nahm es hin und ging
-schweigend von dannen, des Sprichwortes gedenkend: Wie der Herr, so's
-Gescherr. Und so gewinnt es den Anschein, als wäre alles Geschilderte
-nur geschehen, um meine neue seidene Kutte einzuweihen, welche, wie ich
-hier bemerken will, sehr akkurat gefertigt ist, und der man es nur bei
-Sonnenschein ein wenig ansieht, daß sie aus zwei verschiedenen Stoffen
-gefertigt ist.«
-
-»23. März 1837. Heute, am Karsamstag, kamen die Kleriker und der Diakon
-zu mir. Prochor bittet, wir sollten zu Ostern durchaus auch in die
-Häuser der Altgläubigen mit dem Kreuz gehen, denn es brächte ihnen zu
-viel Schaden, wenn wir es unterließen. Ich gab ihnen vierzig Rubel
-von meinem Gelde, weil ich mich der Schmach nicht unterziehen wollte,
-vor den Türen der reichen Bauern um Almosen zu bitten. Jetzt scheint
-es mir eine Torheit, daß ich mir die seidene Kutte machen ließ; ich
-wäre auch ohne sie ausgekommen und hätte dann mehr für den Klerus
-übriggehabt. Ich gedachte eben: Kleider machen Leute.«
-
-»24. April. Eine Schmach ist mir widerfahren, die mich weinen und
-schluchzen ließ. Ich bin erneut denunziert worden. Nochmals stand
-ich vor jenem Gouvernementskanzleivorsteher und mußte mich wegen
-Nichtbesuches der Altgläubigen verantworten. Mein eigener Klerus hat
-mich denunziert. Wie ertrag' ich diese Niedrigkeit und Undankbarkeit!
-Du Denker und Administrator! Betrachte in deinem aufgeklärten Geiste,
-woraus das Leben eines russischen Popen sich zusammensetzt! Auf dem
-Heimwege haderte ich die ganze Zeit mit mir selber, daß ich nicht auf
-die Akademie gegangen war. Von dort wäre ich zur Klostergeistlichkeit
-gegangen, wie so viele andere. Mit der Zeit wäre ich Archimandrit
-geworden und Bischof. In einer Kutsche wäre ich gefahren und hätte
-selber kommandiert, statt daß man mich kommandierte. Es war mir eine
-boshafte Freude, mich diesen eiteln Gedanken hinzugeben; immer wieder
-sah ich mich als Bischof. Aber als ich heimgekehrt war, wurde ich so
-zärtlich von meiner Pfarrerin empfangen, daß ich Gott dem Herrn dankte,
-der alles so gefügt hat, wie es ist.«
-
-»25. April. In der Gouvernementsstadt haben sie mir Schmach angetan;
-allein das ist nichts dagegen, wie ich heute zu Hause beschämt worden
-bin. Einem Schulbuben gleich. Gestern erst schrieb ich die Memorabilien
-meiner Bekümmernisse und Ärgernisse nieder. Heute stand ich früh
-auf, setzte mich ans Fenster, und in Gedanken versunken schaute ich
-auf das Gemüsefeld des bettelarmen Pizonskij, das sich gerade vor
-meinem Fenster ausbreitet. Voriges Jahr wurde auf diesem Felde ein
-schwachsinniges Mädchen, eine gewisse Nastia, die ein vorüberziehender
-Soldat verführt hatte, von einem Knäblein entbunden, worauf sie sich
-in den Fluß stürzte und ertrank. Pizonskij hatte dieses Kind als
-Trost seines einsamen Alters zu sich genommen, und dann hatten alle
-die Geschichte bald vergessen. Ich als einer der ersten ebenfalls.
-Heut aber blicke ich von oben herab auf das Land dieses Pizonskij und
-denke an meine Angelegenheiten, da bemerke ich, daß dieser frisch
-aufgerissene, schwarze, sogar ein wenig bläuliche Erdboden ganz
-ungemein lieblich anzuschauen ist, wie er so von der Morgensonne
-übergossen daliegt. Die Furchen entlang schreiten hagere schwarze
-Vögel und stärken ihren hungernden Leib mit frischem Gewürm. Der alte
-Pizonskij selbst, den kahlen Kopf im hellsten Sonnenlicht badend, stand
-auf einer Treppe vor einem auf Pfählen befestigten Treibbeet, hielt
-in der einen Hand eine Schale mit Samen und legte mit der andern die
-Körner in die Erde, immer kreuzweise in ganz kleinen Prisen. Und dabei
-blickte er zum Himmel empor und sprach bei jedem Korn ein Wort des
-Spruches: »Herr, laß wohlgelingen, wachsen und gedeihen, auf daß ein
-jeder sein Teil habe, der Hungernde und der Verwaiste, der Wünschende,
-der Bittende und der Fordernde, der Segnende und der Undankbare.« Kaum
-hatte er zu Ende gesprochen, da schrien alle schwarzglänzenden Vögel,
-die auf dem Acker umhergingen, die Hühner gackerten, der Hahn krähte
-aus vollem Halse und schlug laut mit den Flügeln, und von seiner Matte
-schob sich jenes Kind, das Söhnlein der Blödsinnigen, das der alte
-Sonderling zu sich genommen. Es lachte hell auf in kindischer Freude,
-klatschte in die Händchen und kroch lachend über den weichen Erdboden.
-Es war mir wie eine Vision. Der alte Pizonskij war glückselig und sang
-laut Halleluja! ... Halleluja, Herr mein Gott! -- sang auch ich still
-für mich vor Entzücken, und Tränen der Rührung entströmten meinen
-Augen. In diesen heilenden Tränen löste sich mein Groll und ich sah
-ein, wie töricht mein Kummer gewesen war. Vermehre und laß wachsen,
-Herr, deine Gaben auf dieser Erde, daß ein jeder sein Teil erhalte, der
-Wünschende, der Bittende, der Fordernde und der Undankbare. ... Mir ist
-ein solches Gebet in keinem gedruckten Buch vorgekommen. Gott, mein
-Gott! Dieser alte Mann gedachte auch des dem Diebe zukommenden Teiles
-und betete für ihn! O du mein weichherziges Rußland, wie bist du schön!«
-
-»6. August, Christi Verklärung. Was für ein entzückendes Weib ist meine
-Pfarrerin Natalia Nikolajewna! Wieder frage ich: wo, außer im heiligen
-Rußland, kann es solche Frauen geben? Ich sagte ihr einmal, wie mich
-die Zärtlichkeit des bettelarmen Pizonskij zu den Kindern rühre, und
-gleich verstand oder erriet sie meine Gedanken und meine Sehnsucht:
-sie umarmte mich und mit der Schamröte, die ihr so schön zu Gesichte
-steht, sprach sie: »Warte nur, Vater Sawelij, vielleicht schenkt uns
-Gott doch noch -- --« ein Kindlein wollte sie sagen. Aber ich hab' es
-zu oft schon erfahren, daß diese ihre Hoffnungen sich als trügerisch
-erwiesen, daher fragte ich sie gar nicht nach den Einzelheiten, -- --
-und es kam auch wirklich wieder so, daß man sich nur vergeblich gefreut
-hatte. Aber auch aus diesem blinden Lärm ward mir ein rührendes
-Erlebnis. Heute predigte ich von der Notwendigkeit einer beständigen
-inneren Wandlung, daß man Kraft gewinne, in allen Kämpfen gleich einem
-starken und geschmeidigen Metall geschmiedet zu werden, und nicht dem
-Ton gleichwerde, der sich plattdrücken läßt, und wenn er trocken wird,
-noch die Spur des Fußes zeigt, der zuletzt auf ihn trat. Und wie ich
-so redete, ließ ich mich zu einer Improvisation hinreißen und wies
-das Volk auf Pizonskij hin, welcher an der Tür stand. Zwar nannte
-ich nicht seinen Namen, aber ich redete von ihm als von einem, der
-sich in unserer Mitte befinde, der zu uns gekommen sei nackt und bloß
-und von allen Narren ob seiner Armut verspottet, der aber doch nicht
-nur selbst nicht zugrunde gegangen sei, sondern auch das Größte getan
-habe, was ein Mensch tun könne, da er unbefiederte Vöglein gerettet und
-aufgezogen habe. Ich sprach davon, wie süß das sei, den wehrlosen Leib
-der Kleinen zu wärmen und in ihre Seelen die Saat des Guten zu streuen.
-Als ich das ausgesprochen hatte, fühlte ich meine Wimpern von Tränen
-feucht und sah, daß auch viele von den Zuhörern ihre Augen trockneten
-und jenen suchten, den meine Seele meinte, Kotin den Bettler, Kotin
-den Ernährer der Waisen. Und als ich merkte, daß er nicht mehr da war,
-denn er war demütig hinausgegangen, weil er meine Andeutung verstanden
-hatte, da ergriff mich eine gewisse Beklemmung, daß ich ihn durch mein
-Lob verwirrt hatte, und ich sprach: »Er weilt nicht mehr unter uns,
-liebe Brüder! Denn er bedarf dieses meines schwachen Wortes nicht, weil
-das Wort der Liebe längst schon mit dem Flammenfinger Gottes in sein
-demütiges Herz geschrieben ist. Ich bitte euch,« sprach ich und neigte
-mich tief, -- -- »ihr alle, die ihr hier versammelt seid, ehrenwerte
-und angesehene Mitbürger, vergebt mir, daß ich in meiner Ansprache euch
-keinen hochberühmten Feldherrn als Muster der Kraft und als Beispiel
-zur Nachahmung hingestellt habe, sondern einen von den Geringen, und
-wenn euch das ärgern sollte, so legt das meiner Armut zur Last, denn
-euer sündiger Pfarrer Sawelij hat oft, wenn er auf diesen Geringen
-schaute, gefühlt, daß er neben ihm kein Priester des höchsten Gottes
-sei, sondern in diesem Gewande, das meine Unwürde verhüllt, nichts als
-ein übertünchter Sarg. Amen.«
-
-Ich weiß nicht, was in diesen meinen schlichten Worten, die ich ganz
-~ex promptu~ gesprochen hatte, Weises und Schönes enthalten war.
-Ich muß aber sagen, daß meine andächtige Gemeinde etwas dieser Art
-herausgehört hatte, und als ich bei der Entlassung meine Hand den
-einzelnen darreichte, fiel mehr denn eine Träne darauf. Doch das ist
-noch nicht alles: das Wichtigste sollte für mich erst kommen.
-
-Gewissermaßen als Belohnung für mein aufrichtiges Wort über das
-Glück, nicht bloß für die eigenen, sondern auch für fremde Kinder
-sorgen zu können, hat der Allgegenwärtige und Allwaltende auch meine
-Unwürdigkeit in seine Vaterhand genommen. Er hat mir heute den ganzen
-wahren Wert des Schatzes offenbar gemacht, den ich dank seiner
-unermeßlichen Milde besitze. Eben komme ich mit fünf nach der Messe
-geweihten Äpfeln heim, da erwartet mich an der Schwelle eine alte
-gute Bekannte: meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna. Sie war während
-des Schlußgesanges leise hinausgeschlichen und hatte mir daheim nach
-Gewohnheit den Tee nebst einem leichten Frühstück bereitet. Nun steht
-sie kerzengerade auf der Schwelle, nicht mit leeren Händen, sondern
-mit einem Strauß von Wasserlilien und Gartenlevkojen. »Nun, bist du
-nicht ein hinterlistiges Weib, Natalia Nikolajewna!« sage ich, der
-ihr sonst nie Hinterlist vorgeworfen. Aber sie begriff, daß es im
-Scherz gesagt war, umhalste mich und begann leise zu weinen. Woher
-diese Tränen? -- Das ist ihr Geheimnis, allein für mich ist dieses
-dein Geheimnis nicht geheimnisvoll, liebes Weib, daß du nicht weißt,
-wie es seinen Gatten trösten soll, und das ihm den Trost Israels,
-den kleinen Benjamin, nicht schenken darf. Ja, nur mit Wasserlilien
-und Gartenlevkojen begrüßte mich an diesem Tage ihr in Liebe und
-Wohlwollen weit aufgetanes Herz! In stiller Bekümmernis setzten wir
-zwei Kinderlosen uns an den Teetisch, doch nicht der Tee, sondern
-unsere Tränen wurden uns zum Trank; und Hand in Hand sanken wir nieder
-vor dem Bilde des Heilandes und lange und heiß beteten wir zu ihm um
-den Trost Israels. Natascha entdeckte mir später, daß sie gleichsam
-eine Engelstimme vernommen habe, und ob ich gleich verstand, daß dieses
-nur eine Frucht ihrer Phantasie gewesen, so wurden wir doch beide froh
-wie die Kindlein. Ich muß aber bemerken, daß auch in dieser Stimmung
-Natalia Nikolajewna mich, den rohen Mann, an Findigkeit des Geistes und
-an Würde der erhabenen Gefühle weit übertraf.
-
-»Sage mir, Vater Sawelij,« fragte sie lieblich kosend, »sage mir,
-Lieber, hast du nicht irgendeinmal, ehe du mich gefunden, gegen das
-Gebot der Keuschheit gesündigt?«
-
-Eine solche Frage, muß ich gestehen, machte mich äußerst verlegen, denn
-ich begriff plötzlich, warum meine unartige Gattin etwas ihr so wenig
-Geziemendes erfahren wollte.
-
-Aber mit ihrer ganzen ausgezeichneten Bescheidenheit und all jener
-weiblichen Koketterie, die sie auch als Pfarrersfrau von der Natur
-geerbt hat, begann sie mich mit Erinnerungen aus meiner verflossenen
-Jugendzeit zu locken, und wies darauf hin, daß das, was sie angedeutet,
-sehr leicht hätte geschehen können, denn ich sei damals so schmuck
-gewesen, daß alle Mädchen, nicht nur aus geistlichen, sondern auch
-aus weltlichen Häusern, mir nachgeseufzt hätten, als ich in die
-Stadt Fatesh gekommen sei, um bei ihrem Vater um sie anzuhalten. So
-erheiternd das auch war, so suchte ich doch alle ihre Zweifel über
-meine Jugend zu zerstreuen, was mir auch nicht schwer fiel, denn ich
-brauchte nur die reine Wahrheit zu sagen. Allein je eifriger ich sie
-beruhigte, desto betrübter ward sie, und ich konnte nicht fassen,
-warum meine Rechtfertigung sie gar nicht erfreute, sondern nur immer
-trauriger machte, bis sie endlich sagte:
-
-»Denke nach, Vater Sawelij, vielleicht, wenn du doch leichtsinnig
-gewesen ... gibt es irgendwo noch ein Waisenkind ...«
-
-Nun erst verstand ich, was sie klar auszusprechen sich geschämt
-hatte: sie will mein illegitimes Kind ausfindig machen, das gar nicht
-vorhanden ist! Welche Herzensgüte! Wie ein Stier, den die Bremse
-gestochen hat, riß ich mich von meinem Platze, stürzte nach dem
-Fenster und richtete meine Blicke in die himmlische Ferne hinaus,
-daß nur der Himmel mich sehe, mich, den sein Weib so durch seine
-Güte und Sorglichkeit beschämt hatte. Sie aber, meine Lilien- und
-Levkojenfreundin, meine weiße, keusche, süß duftende Rose, mit leichten
-Schritten schlich sie mir nach und legte ihre kleinen Pfötchen mir auf
-die Schultern und sprach:
-
-»Denke nach, Liebster: vielleicht ist irgendwo ein Vöglein vorhanden,
-und ist es so, dann lasse uns gehen und es holen!«
-
-Nicht nur aufsuchen will sie das Kind, -- sie hat es schon lieb,
-sie bemitleidet es wie ein noch unbefiedertes Vöglein! Das ward mir
-zu viel, ich biß mich in den Bart, fiel vor ihr in die Knie, neigte
-mich tief zur Erde und brach in jenes Schluchzen aus, das keiner auf
-Erden zu schildern vermag. Und in Wahrheit, saget mir, alle Zeiten
-und Völker, -- wo außer in unserem heiligen Rußland, werden Frauen
-geboren, wie diese Tugend? Wer hat sie das alles gelehrt? Wenn nicht
-Du, allgütiger Gott, der Du sie deinem unwürdigen Knecht gegeben hast,
-daß er Deine Größe und Deine Güte näher fühlen solle!«
-
-Hier war im Tagebuch des Vaters Sawelij fast eine ganze Seite mit Tinte
-begossen und unter dem Fleck standen die Zeilen:
-
-»Weder will ich diesen Fleck entfernen noch eine gewisse
-Ungeschicklichkeit und Monotonie des Ausdrucks, die ich in den letzten
-Zeilen finde, verbessern; mag alles so bleiben, denn alles, was dieser
-Augenblick mir geschenkt hat, ist mir in seiner gegenwärtigen Gestalt
-teuer. Meine Pfarrerin konnte heut von ihren Schelmereien nicht lassen,
-obgleich es schon auf Mitternacht geht und sie gewöhnlich um diese Zeit
-schon zu schlafen pflegt. Ich aber ziehe es vor, mich in der Stille
-der Nacht noch an einem passenden Buch zu erquicken, oder auch meine
-Memorabilien aufzuzeichnen, und oft, wenn ich etwas geschrieben habe,
-trete ich an ihr Lager und küsse die Schlafende, und wenn mich etwas
-betrübt hat, so schöpfe ich aus diesem Kusse neuen Mut und neue Kraft,
-und schlummere dann friedlich ein. Heut aber ist es anders gegangen.
-Nach diesem Tage, der mir eine solche Menge verschiedenartigster
-Empfindungen gebracht hat, war ich so in die Schilderung alles dessen,
-was auf den vorhergehenden Blättern geschrieben steht, vertieft, daß
-ich mein arges Weiblein gleichsam in meiner Seele selbst fühlte, und da
-meine Seele sie küßte, dachte ich nicht daran, an ihr Bett zu treten
-und sie zu küssen. Sie aber, die Feine und Arglistige, hatte diese
-meine Unterlassung wohl bemerkt und machte sie in unglaublich eigener
-Weise gut: vor einer Stunde kam sie zu mir, legte mir ein reines
-Schnupftuch auf den Tisch, gab mir einen Kuß und ging dann, scheinbar
-ganz ernst, zur Ruhe. Aber welch unfaßbare weibliche Schlauheit muß
-ich an ihr entdecken! Wie ich so ganz ernst dasitze und schreibe, sehe
-ich, daß mein Tuch sich scheinbar bewegt und auf den Boden fällt. Ich
-bückte mich, legte es wieder auf den Tisch und schrieb weiter; aber das
-Tuch fiel wieder auf den Boden. Ich nahm den Flüchtling und fesselte
-ihn, indem ich das Tintenfaß auf ihn stellte, aber er entwich von neuem
-und riß sogar das Tintenfaß mit, welches umfiel und meinen Kalender
-mit diesem mächtigen Fleck zierte. Was sollte nun diese Leinwandflucht
-bedeuten? Sie bedeutet, daß meine Pfarrerin eine ausgemachte Kokette
-ist, und zwar eine von ganz seltener Art, denn sie kokettiert nicht
-mit andern guten Leuten, sondern mit dem eigenen Ehgemahl. Sie hatte
-an das Tuch, das sie mir gebracht, heimlich einen recht langen Faden
-befestigt, durch die Türritze bis zu ihrem Bette gezogen, und während
-sie ganz still daliegt, zupft sie scherzend an dem Faden, so daß mir
-das Tuch aus der Hand gleitet. Und ich dickfelliger Kerl entdeckte dies
-nur, weil bei dem letzten Fallen des Tuches hinter der Tür ein leises
-fröhliches Lachen ertönte, und ich ihre nackten Füßchen stampfen hörte!«
-
-»7. August. Die ganze vorige Nacht habe ich vor Glück nicht schlafen
-können, und ich lüge nicht, wenn ich hinzufüge, daß auch Natascha an
-dieser Nachtwache nicht unbeteiligt war. Wie die Verliebten vor St.
-Peter auf die Sonne warten, so saßen wir im sechsten Jahr unserer Ehe
-im Fenster und harrten des Sonnenaufgangs. Meine Liebste gestand mir,
-daß sie oft nicht schlafe, wenn ich schreibe, und sich nur schlafend
-stelle. Auch manches andere gestand sie mir noch; so, daß sie gestern
-in der Kirche, als sie meiner Predigt zuhörte, die ihr ganz besonders
-gefallen habe, das Gelübde abgelegt habe, zu Fuß nach Kiew zu pilgern,
-sobald sie sich gesegneten Leibes fühle. Ich billigte das nicht, denn
-eine solche Wanderung ist den Kräften einer Schwangeren gar nicht
-angemessen; ich erlaubte ihr aber doch, das Gelübde zu erfüllen, denn
-bei einer so großen Freude würde ich selbstverständlich auch mitgehen
-und wenn sie ermüdet, würde ich sie tragen. Wir machten gleich einen
-Versuch. Ich trug sie lange auf meinen Armen durch den Garten und
-träumte, sie wäre schon guter Hoffnung und ich behütete sie, daß ihr
-auf der Wanderung kein Unheil zustoße. Und so sehr gewann dieser
-Sehnsuchtstraum Gewalt über mich, daß ich, als Natascha sich scherzend
-auf die Schaukel setzte, welche das kleine Mädchen der Köchin sich
-an einem Apfelbaum befestigt hatte, diese Schaukel herunternahm und
-sie ganz hoch in den Baum warf, damit in Zukunft nichts dergleichen
-geschehe, worüber Natascha sehr lachte. Allein, obgleich auch mein
-Leben nicht reich ist an Dingen, die sorgfältig geheimgehalten werden
-müßten, so ist es dennoch gut, daß der Wirt unseres Hauses seinen
-Garten mit einem festen Zaun umgeben hat, und Gott längs diesem Zaun
-die Himbeersträucher recht dicht hat wachsen lassen, denn sonst hätte
-am Ende dieser oder jener gesagt, daß es keine Sünde wäre, den Popen
-Sawelij einmal auch einen Hansnarr zu nennen.«
-
-»9. August. Ich notiere eine höchst erheiternde Begebenheit, wie
-meine Gattin heut mit dem Sohne des Diakon, einem Seminaristen der
-Rhetorikklasse, in richtigen Streit geriet. Das war ein Kasus und eine
-Komödie zugleich. Sie stritten darüber, wer der klügste Mann auf Erden
-gewesen. Der Rhetor sagte: Salomo, meine Pfarrerin aber behauptet,
-ich sei's, und ich muß zugeben, daß diesesmal der üppige König von
-Zion einen weit weniger standhaften Advokaten fand, als ich. O, wie
-hab' ich gelacht! Was nicht alles in dieser Welt passieren kann! Ich
-hörte das alles aus dem Schlafzimmer, wo ich meine Nachmittagsruhe
-hielt; als ich erwacht war, wagte ich die Disputation nicht mehr zu
-unterbrechen, und die zwei redeten mächtig aufeinander ein. Der Rhetor,
-der für die Weisheit Salomonis eintrat, berief sich auf die Worte der
-Schrift, daß »Salomo weiser war, denn alle Menschen«, meine Eheliebste
-aber schlug ihn mit folgendem Argument: »Was reibt Ihr mir Euer ›also‹
-und ›denn‹ und ›sintemal‹ unter die Nase? All diese ›denn‹ und ›also‹
-haben gar keine Bedeutung, weil das alles geschrieben wurde, bevor
-der Vater Sawelij geboren war.« Jetzt mengte sich in diesen Diskurs
-noch der Pfarrer von St. Nikita, Vater Zacharia Benefaktow, hinein,
-der dem ganzen Streite zugehört hatte, und ihn zum Schluß brachte,
-indem er meiner Gattin recht gab. Es sei richtig, sagte er, -- will
-heißen, richtig in dem Sinne, daß ich damals noch nicht auf der Welt
-war. So behielt ein jeder von diesen drei Kritikern recht. Ich allein,
-dem alle ihre kritischen Meinungen zur Antikritik vorgelegt wurden,
-blieb im Unrecht: vorerst betrübte ich meine Natascha, indem ich ihre
-Meinung, ich sei der klügste von allen, verwarf, und auf ihre Frage,
-wer denn klüger sei als ich, antwortete, sie selber sei es. Dem ward
-verzweifelter Widerstand entgegengesetzt, wie er sich nur gegen die
-Wahrheit richten kann: »Die Klugen,« -- sagte sie, -- »können über alle
-Dinge urteilen, ich aber kann das gar nicht und diskutiere niemals.
-Woher kommt das?« Da faßte ich sie leise an ihrem kleinen Näschen und
-erwiderte: »Du mischst dich darum nicht gerne in die Diskussion, weil
-du statt einer widerspenstigen Nase nur dieses kleine sanftmütige
-Knöpfchen hast.« Sie verstand wohl, was ich mit diesem Scherz sagen
-wollte, -- nämlich ihre Herzensmilde ins rechte Licht rücken -- und
-sie suchte nun es zu widerlegen, indem sie daran erinnerte, wie sie
-einmal mit der Postmeistersfrau handgemein geworden sei, um ihr ein
-Dienstmädchen zu entreißen, das jene unmenschlich hart strafen wollte.«
-
-»15. August, Mariä Himmelfahrt. Während ich mich so meiner
-Gattin freute, hatte ich gar nicht bemerkt, daß meine Predigt am
-Verklärungstage, von der Natascha so erbaut gewesen, auf andere
-Leute anders gewirkt hatte, und daß ich eine mir höchst unerwünschte
-Mißstimmung unter einigen Leuten in der Stadt hervorgerufen hatte.
-Meine andächtigen Zuhörer, natürlich nicht alle, aber einige, und
-unter diesen in erster Linie die Postmeisterin Timonowa, fühlen
-sich gekränkt, daß ich sie durch meine Anspielung auf Pizonskij
-herabgesetzt habe. Indessen, das sind alles nur Torheiten müßiger und
-unkluger Geister. Nach und nach wird das an dem Selbstgefühl der hohen
-Herrschaften wieder abtrocknen, wie die Wunden am Fell des Hundes.«
-
-»3. September. Ich war in einem großen Irrtum befangen. Die
-Angelegenheit ist keineswegs erledigt. Aus dem Konsistorium kam eine
-Anfrage, ob ich wirklich eine Predigt mit Hinweis auf eine lebende
-Person improvisiert hätte? Ach Gott, was für eine Angst hat man bei uns
-vor allem Lebendigen! Nun, ich habe denn auch geantwortet, ich hätte
-dieses und das gesagt. Ich meine, man wird mich dafür nicht hängen und
-mir den Kopf nicht abhauen, -- und doch ist mir gegen meinen Willen
-unbehaglich zumute, und meine Ruhe ist hin.«
-
-»20. Oktober. Gewiß können sie einem den Kopf nicht abschlagen, aber
-den Mund können sie einem stopfen, und das haben sie denn auch nicht
-ermangelt zu tun. Am 15. September wurde ich zur Rechenschaft gezogen.
-Schon diese Hast ließ wenig Gutes vermuten, denn mit dem Guten haben's
-die Leute bei uns nicht eilig, am allerwenigsten die Machthaber. --
-Trotzdem machte ich mich voller Mut auf den Weg. Dieser wurde zuerst
-dadurch abgekühlt, daß ich 36 Tage ohne Bescheid blieb, und dann der
-Befehl kam, hinfort alles, was ich zu sagen gedenke, vorerst dem Zensor
-Troadij vorzulegen. Das wird niemals geschehen, lieber will ich stumm
-sein wie ein Fisch. Vergib mir meinen Hochmut, Allwalter, aber ich kann
-das Amt des Predigers nicht mit kalter Leidenschaftslosigkeit ausüben.
-Ich fühle mitunter, wie etwas über mich kommt, wenn meine geliebte
-Gabe wirken will. Dann erfaßt mich eine, ich kann wohl sagen heilige
-Unruhe; meine Seele bebt und glüht und die Worte fallen wie feurige
-Kohlen von meinen Lippen. Nein, dann trägt meine Seele ihr eigenes
-Zensurgesetz in sich! ... Und sie verlangen, ich soll an Stelle der
-lebendigen Rede, die vom Herzen zum Herzen geht, rhetorische Übungen
-hervorbringen!
-
-Nein! lieber mögt ihr euch schließen, ihr Lippen, die ihr nicht zu
-schmeicheln wißt, lieber sollst du schweigen, mein schlichtes Wort!
-Gezwungen predigen mag ich nicht.«
-
-»23. November. Ich kann wahrhaftig nicht behaupten, daß mein Leben
-aller Abwechslung entbehrt. Im Gegenteil, es geht alles bunt
-durcheinander, so daß die Spannung keinen Augenblick nachläßt. Achtzehn
-Werst von unserer Stadt, in dem großen Kirchdorf Plodomasowo, lebt die
-Besitzerin dieses Dorfes, die Bojarin Marfa Andrejewna Plodomasowa.
-Dieser Knüppel ist von so altem Holz, daß man schon längst keinerlei
-Lebenszeichen an ihm bemerkt hat; man weiß nur aus alten Erinnerungen,
-daß sie eine Frau von nicht geringem Geiste war. An die zwanzig Jahre
-schon kann kein Fernerstehender sich rühmen, die Bojarin Plodomasowa
-gesehen zu haben.
-
-Vorgestern, kurz vor zwölf Uhr mittags, war ich unsagbar erstaunt, als
-ich eine große herrschaftliche Droschke, mit drei Füchsen bespannt,
-vor meinem Hause vorfahren sah. Im Wagen saß ein absonderlich kleines
-Männlein, in einer haarigen Filzmütze mit langem Schirm und in einem
-braunen Mantel, den eine Menge übereinanderliegender Kapuzen und
-Pelerinen zierten.
-
-Was, dachte ich, kann das für eine seltsame Person sein, und kommt
-sie auch wirklich zu mir oder hat sie nur irrtümlicherweise den Weg
-zu mir genommen? Diese meine Zweifel wurden aber sehr bald durch jene
-geheimnisvolle Person selbst gelöst, die in mein Wohnzimmer trat, mit
-jenem überaus feinen Anstand, welcher mir stets so wohlgefiel. Vorerst
-bat der Gast um meinen Segen, dann machte er mit seinem ausnehmend
-kleinen Füßchen einen Kratzfuß, trat mit einer Verbeugung zwei Schritte
-zurück und sprach:
-
-»Meine Herrin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, haben mir einen Gruß an
-Euch aufgetragen, Vater Sawelij, und bitten Euch, alsbald mit mir zu
-ihr zu kommen.«
-
-»Darf ich nun meinerseits,« sprach ich, »erfahren, mein Herr, aus
-wessen Munde ich das alles höre?«
-
-»Ich bin,« erwiderte der Kleine, »ein Leibeigener Ihrer Exzellenz, der
-gnädigen Frau Marfa Andrejewna, und nenne mich Nikolai Afanasjew.«
-
-Nachdem dieses winzige Persönchen sich mir so vorgestellt hatte,
-erinnerte es mich nochmals daran, daß seine Herrin mich erwarte.
-
-Während ich mich im Nebenzimmer ankleidete, knüpfte dieser interessante
-Zwerg eine Unterhaltung mit Natalia Nikolajewna an und brachte sie
-durch seine Reden in helles Entzücken. Und wahrlich, es liegt in den
-Worten und in der ganzen Redeweise dieses winzigen Greises etwas
-unaussprechlich Liebliches. Dazu kommt noch sein feiner Anstand
-und eine große Freundlichkeit. Dem Dienstmädchen, das ihm ein Glas
-Wasser brachte, legte er einen Zwanziger auf das Tablett, und als sie
-zögerte, das Geld zu nehmen, wurde er selbst verlegen und sagte: »Nein,
-meine Beste, tun Sie das mir nicht an, es ist das nun mal so meine
-Gewohnheit.« Und als meine Pfarrerin zu mir hinausgegangen war, um mir
-die Haare zu salben, nahm er das schmutzige Mädelchen der Köchin, das
-der Mutter nachgelaufen war, bei der Hand und sagte: »Hör mal, wie die
-Entchen da unten am Flusse schwatzen. Die Ente, die feine Dame, sagt
-zum Enterich, dem Kavalier: Kauf mir 'ne Kappe, kauf mir 'ne Kappe!
--- und der Enterich antwortet: Hab schon, hab schon, hab schon!« Das
-Kind lachte laut, und auch ich konnte mich bei dieser Auslegung des
-Entengeschnatters eines Lächelns nicht erwehren. Dessen hätte sich auch
-der Herr Lafontaine oder unser Iwan Krylow nicht zu schämen brauchen.
-
-Die Fahrt verlief mir im Gespräch mit diesem wunderbaren Zwerge so
-schnell, daß ich kaum etwas vom Wege sah. So viel Verstand, Reinheit
-und Gesundheit fand ich in allen seinen Reden.
-
-Nun aber kommt die Hauptsache: die Stunde der Begegnung mit der
-einsamen Bojarin nahte.
-
-Es wundert mich nicht wenig, daß ich in der Erwartung, obschon ich
-von Natur keineswegs schüchtern bin, doch so etwas wie eine kleine
-Verzagtheit verspürte. Nikolai Afanasjewitsch führte mich durch eine
-Reihe Gemächer, deren Prunk und äußerste Sauberkeit mich staunen
-machten, und blieb endlich in einem runden Zimmer mit zwei Reihen
-Fenstern stehen, deren Wölbungen mit bunten Scheiben geziert waren.
-Hier fanden wir eine alte Frau, die nur um ein Geringes größer war als
-Nikolai. Als wir eintraten, stand sie da und drehte den Griff einer
-großen Orgel. Fast hätte ich sie für die Herrin selbst gehalten und
-ihr eine Verbeugung gemacht. Aber als sie uns erblickte, -- dank der
-weichen Teppiche, die in allen Gemächern den Fußboden bedeckten, waren
-wir unhörbar eingetreten -- verstummte sofort ihre Musik, und mit
-einer etwas tierischen Hast eilte sie in den Nebenraum, dessen Eingang
-ein großer Vorhang aus weißem Atlasstoff schloß, der mit allerlei
-chinesischen Figürlein in farbiger Seide bestickt war.
-
-Diese Frauensperson, welche mit solcher Hast hinter dem Vorhang
-verschwand, war, wie ich später erfuhr, die leibliche Schwester
-des Nikolai und ebenfalls eine Zwergin. Es fehlte ihr aber die
-Liebenswürdigkeit, die aus der ganzen äußern Erscheinung ihres sanften
-Bruders sprach.
-
-Nikolai folgte seiner Schwester hinter den Vorhang, nachdem er mich
-gebeten hatte, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Während der halben
-Stunde, welche ich warten mußte, empfand ich eine gewisse Bitterkeit im
-Munde, die mir noch aus meiner Kindheit, von den Schulprüfungen her, so
-gut im Gedächtnis geblieben war. Aber auch das nahm ein Ende. Hinter
-dem Vorhang vernahm ich die Worte: »Nun zeig mir mal den klugen Popen,
-der, wie ich höre, gewohnt ist, die Wahrheit zu reden.«
-
-Wie auf den Wink eines Zauberers, an unsichtbaren Schnüren gezogen,
-teilte sich der Vorhang plötzlich, und die Bojarin Plodomasowa
-stand vor mir. Ihre Stimme, die ich zuvor gehört hatte, widerlegte
-schon meine Meinung von ihrer Hinfälligkeit, und ihre Erscheinung
-tat es noch mehr. In einer Fülle der Kraft, die, schien es, nie
-versiegen konnte, stand die Bojarin vor mir. Von Wuchs nicht groß
-und auch nicht besonders üppig, scheint sie gleichsam über allem
-zu herrschen. Auf ihrem Antlitz liegt der Ausdruck einer großen
-Strenge und Wahrhaftigkeit, und, nach den Zügen zu schließen, muß es
-einstmals sehr schön gewesen sein. Ihr Gewand ist seltsam und zu der
-heutigen Zeit wenig passend, ein Halbrock aus hellem Tuch, darunter
-ein Sammetrock, grell orangegelb, und gelbe Stiefelchen auf hohen
-silbernen Absätzen. Um den Kopf windet sich mehrfach, wie bei einer
-Türkin, ein großer brauner Schal. In der Hand hält sie einen Stock mit
-einem Amethyst-Knopf. Zu ihrer Rechten stand Nikolai Afanasjewitsch,
-zur Linken Maria Afanasjewna, hinter ihr der Pfarrer der Dorfkirche,
-Vater Alexei, ein entlassener Leibeigener, der auf ihre Anordnung zum
-Priester geweiht worden war.
-
-»Guten Tag,« sagte sie, ohne den Kopf auch nur im geringsten zu senken.
-»Es freut mich, daß ich dich zu sehen bekomme.«
-
-Ich erwiderte ihren Gruß mit einer Verbeugung, welche recht ungeschickt
-war, glaube ich.
-
-»Komm her und segne mich,« sagte sie.
-
-Ich trat zu ihr und segnete sie. Sie ergriff meine Hand, um sie zu
-küssen, was ich auf jede Weise zu verhindern suchte.
-
-»Zieh deine Hand nicht weg,« sagte sie, als sie es bemerkte. »Ich
-huldige nicht dir, sondern deinem Amte. Setze dich jetzt, und wir
-wollen ein wenig miteinander bekannt werden.«
-
-Wir setzten uns, -- das heißt sie, ich und der Vater Alexei. Die Zwerge
-stellten sich zu beiden Seiten der Herrin auf.
-
-»Vater Alexei hat mir gesagt, dir sei die Gabe der Rede und ein klarer
-Verstand verliehen. Er selber versteht nichts davon, er hat's aber wohl
-von den Leuten gehört. Ich habe lange schon keine klugen Leute gesehen,
-und da wollt' ich dich einmal zu meiner Zerstreuung anschauen. Sei mir
-alten Frau deswegen nicht böse.«
-
-»Man hat dich hergeschickt,« fuhr sie fort, »die Altgläubigen zu
-bekehren?«
-
-»Ja,« erwiderte ich, »mit meiner Ernennung hierher war auch diese
-Absicht verbunden.«
-
-»Ich meine,« sagte sie, »es ist ein nutzloses Unterfangen. Den Dummen
-belehren und den Toten kurieren zu wollen ist eins des andern wert.«
-
-Ich weiß nicht mehr, in was für Worte ich meine Antwort, daß ich nicht
-alle Altgläubigen für dumm halte, kleidete.
-
-»Nun, wenn du sie für so klug hältst, -- wie viele hast du schon auf
-den rechten Weg geleitet?«
-
-»Noch kann ich mich keiner Erfolge rühmen,« entgegnete ich, »aber das
-hat seine Gründe.«
-
-Sie: »Was für Gründe meinst du?«
-
-Ich: »Man behandelt sie nicht in der entsprechenden Weise, und das Übel
-wächst infolge des Wankelmuts, den sie in der orthodoxen Gemeinde und
-auch bei der Geistlichkeit selbst beobachten.«
-
-Sie: »Du sagst ›Übel‹. Was ist denn an ihnen so Übels? Harmlose Narren
-vor dem Herrn sind sie, deren ganze Sünde darin besteht, daß sie zuviel
-Bücher gelesen haben.«
-
-Ich: »Allein, der rechtgläubige Altar leidet unter solcher Spaltung.«
-
-Sie: »Ihr solltet diesem Altar treuer dienen und ihn nicht zum
-Kramladen machen, dann würde keiner von euch abfallen. Ihr handelt ja
-aber alle mit dem Heil, wie andere Leute mit Tuch.«
-
-Ich schwieg.
-
-Sie: »Bist du verheiratet oder Witwer?«
-
-Ich: »Verheiratet.«
-
-Sie: »Nun, wenn Gott dich mit Kindern segnet, dann nimm mich zur
-Taufpatin. Ich tu's gerne. Selber komm ich nicht zur Taufe, ich schicke
-meine Zwergin. Aber wenn du das Kind hierherbringst, will ich's selber
-halten.«
-
-Ich dankte und fragte sie:
-
-»Eure Exzellenz haben Kinder wohl gerne?«
-
-»Welcher gescheite Mensch hat sie denn nicht lieb? Ihrer ist das Reich
-Gottes.«
-
-»Exzellenz leben schon lange allein?«
-
-Sie: »Ganz allein, sehr, sehr lange schon.« Und sie seufzte.
-
-Ich: »Die Einsamkeit ist oft sehr schwer zu tragen.«
-
-Sie: »Bist du denn nicht einsam?«
-
-Ich: »Wie kann ich einsam sein, wenn ich eine Frau habe?«
-
-Sie: »Ja, versteht denn deine Frau alles, was dich, als Mann von
-Verstand, quälen und betrüben kann?«
-
-Ich: »Meine Frau macht mich glücklich und ich liebe sie.«
-
-Sie: »Du liebst sie? Ja, aber du liebst sie mit dem Herzen, und mit den
-Gedanken deiner Seele bist du doch einsam. Bedaure mich nicht, daß ich
-so einsam bin: jeder, der in seinem Hause über die Nase seines Bruders
-hinaussieht, ist einsam mitten unter den Seinigen. Ich habe auch einen
-Sohn, aber es sind bald drei Jahre, daß ich ihn nicht mehr gesehen
-habe. Es ist ihm wohl zu langweilig in meiner Gesellschaft.«
-
-Ich: »Wo befindet sich Ihr Herr Sohn?«
-
-Sie: »In Polen. Er ist Regimentskommandeur.«
-
-Ich: »Es ist ein ruhmvolles Werk, die Feinde des Vaterlandes zu
-bezwingen.«
-
-Sie: »Ich weiß nicht, wieviel Ruhm uns das bringt, daß wir uns mit
-diesen Polacken immer noch herumschlagen. Meiner Ansicht nach zeugt das
-nur von unserer Schlamperei.«
-
-Ich: »Wir werden schon fertig, die Zeit kommt noch.«
-
-Sie: »Die kommt nie, weil sie schon vorüber ist. Wir haben immer so
-dagestanden wie die Schnepfe im Sumpf: der Schnabel ist zu lang, und
-der Schwanz ist zu lang. Ziehn wir den Schnabel raus, bleibt der
-Schwanz stecken; ziehn wir den Schwanz raus, steckt der Schnabel
-drin. Wir schaukeln hin und her, daß alle Narren ihre Freude dran
-haben: einmal kommen wir den Polen mit der Knute, und das andere Mal
-küssen wir ihren schlauen Polinnen die Händchen. Es ist eine Sünde und
-Schande, die Leute so zu verderben.«
-
-»Und doch,« sagte ich, »hält unsere Armee die Polen im Zaum, daß sie
-uns keinen Schaden zufügen können.«
-
-»Niemanden hält sie im Zaum,« antwortete sie, »und diese Polen wären
-uns gar nicht gefährlich, wenn wir uns gegenseitig nicht fressen
-wollten.«
-
-»Dieses Urteil Eurer Exzellenz,« meinte ich, »scheint mir doch etwas zu
-schroff.«
-
-Sie: »Die Wahrheit ist nie zu schroff.«
-
-»Sie erinnern sich doch gewiß noch des Jahres 1812,« bemerkte ich, »was
-für eine Einmütigkeit zeigte Rußland damals!«
-
-Sie: »Jawohl, ich erinnere mich sehr gut: ich selbst habe aus diesem
-Fenster zugesehen, wie unsere Kosaken meine Bauern prügelten und meine
-Speicher plünderten.«
-
-»Nun,« sagte ich, »so etwas kann ja vorgekommen sein, ich will die
-Kosaken keineswegs verteidigen, aber wir haben uns trotz allem
-heldenmütig behauptet gegen den Mann, vor dem ganz Europa im Staube
-lag.«
-
-Sie: »Ganz recht, weil der liebe Gott und der Frost uns zu Hilfe kamen,
-haben wir uns behauptet.«
-
-Dieses ebenso verächtliche als ungerechte Urteil machte auf mich einen
-so unangenehmen Eindruck, daß ich, ohne mein Unbehagen zu verbergen,
-erwiderte:
-
-»Glauben Exzellenz im Ernst, daß in Rußland einzig der Zufall regiert?
-Einmal mag's Zufall sein und noch einmal Zufall, aber beim dritten Male
-lassen Sie doch auch die Weisheit und den Heldenmut der Führer des
-Volkes gelten.«
-
-»Alles ist Zufall, mein Bester, und in allem, was mit diesem Reiche
-geschieht, sehe ich neben dem Willen Gottes bisher nichts als
-Zufälligkeiten. Hätten deine Altgläubigen den langen Peter umgebracht,
-so säßen wir heute noch auf unserm vielgerühmten Grund und Boden nicht
-als mächtiger Staat, sondern als so was, wie die Bulgaren in der
-Türkei, und würden diesen selben Polen die Hände küssen. Eins nur
-gereicht uns zum Lobe: daß unser so viele sind. Es dauert lang, bis
-wir einander aufgefressen haben. Das ist uns eine gute Gewähr für die
-Zukunft.«
-
-»Das ist traurig,« sagte ich.
-
-»Laß dich's nicht bekümmern. Andere Länder bauen auf ihren Ruhm,
-unseres wird auch durch Schimpf stark. Aber nun haben wir genug
-geredet, ich bin schon müde geworden. Leb wohl. Und wenn was Schlimmes
-passiert, komm nur zu mir und beklage dich. Sieh nicht darauf, daß ich
-solch ein verschrumpfter Pilz bin. Der Pilz steht zwar im Wald, aber
-man weiß auch in der Stadt von ihm. Und wenn sie über dich herfallen,
-so freue dich drüber; wärst du ein Kriecher oder ein Dummkopf, so täten
-sie es nicht, sondern würden dich loben und den andern als Beispiel
-hinstellen.«
-
-Nachdem sie gesprochen, wandte sie sich zur Zwergin, welche während
-unseres ganzen Gespräches ein Paket in der Hand hielt, ließ es sich
-geben, reichte es mir und sagte:
-
-»Bring das in meinem Namen deiner Pfarrerin, es sind Korallen, die ich
-früher getragen, zwei Stück Stoff zu Kleidern, und Leinwand für den
-Hausgebrauch. Und für dich hab' ich hier einen Rubinring.«
-
-Dieses Geschenk machte mich bei aller schlichten Herzlichkeit,
-mit der es überreicht wurde, doch etwas verlegen, und während ich
-die Korallenketten, die Seidenstoffe und den hell leuchtenden
-Rubin betrachtete, sagte ich: »Exzellenz, ich bin Ihnen für diese
-schmeichelhafte Aufmerksamkeit sehr dankbar. Die Sachen sind aber so
-prächtig, und meine Gattin ist eine ganz schlichte Frau ...«
-
-»Nun,« unterbrach sie mich, »um so besser, wenn du eine einfache Frau
-hast; wo der Mann und die Frau alle beide die Hosen anhaben, da kommt
-nichts Gescheites heraus. Es ist immer das beste, wenn die Frau ihren
-Weiberrock anbehält, -- also mag sie sich aus dem da ein paar Röcke
-nähen.«
-
-Hiermit war unser Gespräch beendet und ich muß gestehen, diese Frau
-erfüllte mich mit großer Bewunderung. Was mich aber am meisten wundert,
-das ist meine Unsicherheit ihr gegenüber. Woher kam es, daß mir die
-Zunge am Gaumen kleben blieb, als wenn ich etwas zu fürchten hätte?
-Und wenn ich dann zu reden versuchte, so kam alles so armselig heraus.
-Sie aber lenkte das Gespräch ganz nach ihrer Laune, und gab ich mir
-Mühe, recht klug zu scheinen, damit ihre Enttäuschung nicht gar so
-groß sei, so achtete sie gar nicht darauf. Ihre Worte kamen scheinbar
-ganz unvorbereitet, sie schien's auf eine Prüfung meines Verstandes
-nicht abgesehen zu haben, -- und doch kann ich sie nicht vergessen!
-Worin liegt diese ihre Gewalt? Ich glaube, in jener feinen Weltbildung,
-welche unsere geistlichen Erzieher verachten, ohne zu bedenken, daß
-sie uns dadurch der so sehr notwendigen Findigkeit und Gewandtheit im
-Verkehr mit Menschen der großen Welt berauben.
-
-Aber dieser Tag sollte damit noch nicht schließen. Es kam noch ein
-seltsames Erlebnis. Kaum hatte ich mich an der Freude meiner biedern
-Natascha über die Geschenke geweidet, da packte auch dieser ehrenwerte
-Zwerg Nikolai Afanasjewitsch seine Gaben aus. Zuerst überreichte
-er mir ein Paar gestrickte baumwollene Hosenträger, weiß mit roter
-Borte, und meiner Gattin ein Kopftüchlein aus zarter Kaninchenwolle.
-Während ich noch über die Seltsamkeit dieser neuen unerwarteten Gaben
-staunte, entnahm er seiner Tasche ein Paar wollener Strümpfe für unsere
-Dienstmagd Axinia, die eben den Samowar brachte. »Was ist denn das für
-ein Schenktag!« rief ich unwillkürlich aus, und wagte nicht, den Geber
-durch eine Ablehnung zu kränken. Er antwortete mir, es seien alles
-Arbeiten seiner eigenen Hand. »Da ich, dank meiner Wohltäterin, nicht
-zu arbeiten brauche und nichts anderes gelernt habe, so beschäftige
-ich mich immer mit Stricken, um nicht müßig zu sein und die Freude zu
-haben, diesem und jenem etwas von meinen Erzeugnissen zu schenken.«
-Diese Herzenseinfalt gefiel mir so, daß ich den kleinen Mann umarmte
-und ihn mit Küssen fast erstickte.
-
-Werde ich meinen heutigen Bericht überhaupt je zu Ende bringen? Mit
-dem Weggang des Dieners der Bojarin Plodomasowa nahmen die Wunder des
-Tages immer noch kein Ende; denn als Axinia die Türe des Vorzimmers
-für die Nacht schließen wollte, entdeckte sie, daß am Kleiderständer
-etwas hing, was nicht uns zu gehören schien, und als Natascha und ich
-auf ihren Ruf hinauskamen, fanden wir: erstens einen dunkelbraunen
-Leibrock aus französischem ~Gras-de-Naples~-Stoff, zweitens einen
-reichgestickten Kammgarn-Gürtel mit purpurroten Bändern, drittens eine
-Kutte aus kostbarem, grünem, unzerschnittenem Sammet, und viertens, in
-ein langes Stück Kaliko gewickelt, ein vollständiges Meßgewand.
-
-Wir waren alle ganz verblüfft über diesen Fund und wußten nicht,
-wie wir uns seine Herkunft erklären sollten. Da bemerkte Axinia als
-erste ein Kärtchen am Knopf des Kragens der Kutte befestigt, auf dem
-mit runder Schrift, sozusagen ägyptischen Stils, geschrieben stand:
-»Gedenke, mein Freund Vater Sawelij, in deinen Gebeten der Magd Gottes
-Marfa.« Wir wußten uns vor Erstaunen nicht zu lassen, aber was war
-zu tun? Indem wir das neue Meßgewand auf dem Tisch ausbreiteten,
-erlebten wir eine neue Überraschung. Als Natascha das Schultertuch
-auseinanderfaltet, fällt ein versiegeltes Kuvert mit meiner Adresse
-heraus, welches fünfhundert Rubel und einen winzigkleinen Zettel
-enthält, auf dem von derselben Hand geschrieben steht: »Damit das Los
-deiner Familie im Fall eines Unglücks dich nicht beunruhige, wenn du
-vor dem Altar stehst, kaufe dir eine Kate und pflanze Kürbisse an. Dann
-wirst du ungestörter an den Ausbau des Gottesreiches denken können.«
-
-Wofür wird mir das zuteil? Warum denkt sie nicht so, wie der
-Konsistorialsekretär und der Schließer, daß es leichter sei, am Reiche
-Gottes zu bauen, wenn man nichts habe, auf dem man sein Haupt hinlege?
-
-Nun ist auch der Pope Sawelij nicht mehr heimatlos! Jetzt soll auch
-er sein Hüttlein haben. Aber ach! Es muß gesagt werden, dem Zufall
-verdankt er das!«
-
-»6. Dezember. Gestern brachte ich das von der Gutsherrin geschenkte
-Meßgewand in die Sakristei und heute amtierte ich darin. Es paßt
-mir ausgezeichnet. Sonst, wenn ich die Gewänder meines verstorbenen
-Vorgängers anlegen mußte, der von sehr kleiner Statur war, erschien ich
-langer Kerl nicht in aller Herrlichkeit der Kirche, sondern sah aus wie
-ein Sperling, dem man die Schwanzfedern ausgezupft hatte.«
-
-»9. Dezember. Sonderbar! Der Propst zieht mir ein schiefes Gesicht,
-aber da ich mir keiner Schuld ihm gegenüber bewußt bin, bin ich ganz
-ruhig.«
-
-»12. Dezember. Es gab eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem
-Propst. Weswegen? Wegen des Plodomasowschen Meßgewandes: es sei nicht
-in der vorschriftsmäßigen Weise nach der Kirche geschaffen worden, --
-und dann fügte er noch hinzu, es »gingen allerlei Gerüchte, daß Ihr
-noch etwas von ihr erhalten hättet«. Soll das etwa heißen, daß ich
-nicht alles, was der Kirche zukommt, abgeliefert habe, sondern etwas
-davon gestohlen habe?«
-
-»1. Januar. Segne das neue Jahr mit deiner Gnade, Herr, und den Popen
-Sawelij zu seiner neuen Fahrt in die Gouvernementsstadt. Ich glaube,
-daß vor diesen Widersachern auch kein Weihwasser schützt.«
-
-»20. Januar. Diese Zeilen schreibe ich in der schmutzigsten Kammer
-des bischöflichen Hofes, im Seminarflügel. Dem Gouverneur ist
-mitgeteilt worden, daß mein Subdiakon Lukian den Schismatikern eines
-ihrer alten Psalmenbücher zurückgegeben hat, welches mit den andern
-bei der Aufhebung der Dejewschen Kapelle konfiszierten Büchern bei
-mir in Verwahrung war. Die Begebenheit ist wahr, ich hatte sie aber
-verheimlicht, erstens weil sie mir unwichtig dünkte, zweitens, weil ich
-den wahren Grund kannte: die Armut, die den Subdiakon Lukian soweit
-gebracht hatte. Aber diese Bagatelle wird mir nun als furchtbares
-Verbrechen angerechnet, ich bin unter Aufsicht gestellt und in die
-Seminarbrauerei geschickt worden, um Kwas zu brauen.«
-
-»9. April. Ich habe meine Zeit abgebüßt und bin zum häuslichen Herde
-zurückgekehrt. Tief rührten mich die Tränen meiner Frau, die sich
-bitter um mich gehärmt hat, aber noch mehr rührten mich die Tränen der
-Frau des Subdiakon Lukian. Von sich schwieg die gute Frau ganz und
-dankte nur mir, daß ich für ihren Mann gelitten. Den Lukian selbst hat
-man in ein entferntes Kloster verbannt, allerdings nur für ein Jahr.
-Die Frist ist so kurz, daß die Seinen nicht umzukommen brauchen, auch
-wenn sie nichts zu essen bekommen. Sie kommen so dem lieben Gott näher,
-wie die Herrn im Konsistorium behaupten.«
-
-»20. April. Der liebenswürdige Zwerg war wieder hier und teilte mir
-mit, Marfa Andrejewna hätte angeordnet, daß ich alljährlich dreimal --
-zu St. Nikolai im Sommer, im Winter und zu Epiphanias -- aufgefordert
-werde, in der Kirche von Plodomasowo die Messe zu zelebrieren, wofür
-mir durch den Verwalter ein Gehalt von 150 Rubel, also 50 Rubel für
-jede Messe, abgezahlt werden solle. O diese Zufälle! Weiß Gott, ich
-werde bald anfangen, sie zu fürchten.«
-
-»15. August. Der Glöckner Jewticheitsch ist aus der Gouvernementsstadt
-zurückgekehrt und hat erzählt, zwischen dem Bischof und dem Gouverneur
-sei ein Zwist wegen einer gegenseitigen Visite ausgebrochen.«
-
-»2. Oktober. Das Gerücht vom Visitenstreit bestätigt sich. Der
-Gouverneur hat, wenn er an Staatsfeiertagen dem Gottesdienst im Dom
-beiwohnt, die Gewohnheit, sich dabei laut zu unterhalten. Da beschloß
-der Bischof, ihm dies abzugewöhnen und schickte seinen Stabträger zu
-seiner Exzellenz mit der Bitte, dieselben wollten sich doch anständiger
-betragen. Der Gouverneur nahm die Botschaft mit sehr hochfahrender
-Miene entgegen und fing nach kurzer Zeit wieder an, laut mit dem
-Gendarmenoberst zu sprechen. Diesmal aber unterbrach der Bischof die
-Liturgie und sagte vernehmlich: »Gut, Exzellenz, ich werde warten. Wenn
-Sie fertig sind, fahre ich fort.« Ich kann diese Handlungsweise des
-Bischofs nur billigen.«
-
-»8. November. Ich habe das Epigonation erhalten. Ich weiß nicht, wie
-ich zu dieser Auszeichnung komme. Soll ich es etwa dem Visitenstreit
-zuschreiben und dem Umstande, daß der Gouverneur mir nicht grün ist?«
-
-»6. Januar 1837. Wieder eine Neuigkeit! Der Bischof hat zu Neujahr die
-Tochter des Gouverneurs zurückgewiesen, als sie in Handschuhen zu ihm
-hintrat, um den Segen zu empfangen. »Zieh erst das Hundefell von deiner
-Hand,« sagte er ihr.«
-
-»17. März. Der Oberpfarrer von der Epiphaniaskirche kam nachts mit
-dem Venerabile von einem Kranken und wurde von einer Patrouille auf
-die Polizeiwache gebracht, -- angeblich weil er betrunken war. Am
-nächsten Tage machte ihm der Bischof einen Besuch im vollen Ornat. O
-du polackischer Kanzleivorsteher, dieses Stücklein kann dir teuer zu
-stehen kommen!«
-
-»18. Mai. Der Bischof ist in eine andere Diözese versetzt worden.«
-
-»16. August. Ich war beim neuen Bischof. Er scheint ein verständiger
-und charakterfester Mann zu sein. Wir sprachen über die Lage der
-Geistlichkeit und er befahl mir, einen Bericht darüber aufzusetzen. Er
-sagte, ich wäre ihm von seinem Vorgänger aufs beste empfohlen worden.
-Dank dir, armer, schmählich geschlagener Alter, für dein gutes Wort!«
-
-»25. Dezember. Ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, wozu ich
-geboren und berufen bin. Meine Pfarrerin macht mir Vorwürfe, daß ich
-sogar am heutigen Weihnachtstage arbeite, aber es gibt für mich kein
-schöneres Vergnügen als diese Arbeit. Ich schreibe meinen Bericht über
-die Lage der Geistlichkeit mit einer Freude und einer Liebe, die ich
-gar nicht auszudrücken vermag. Betitelt habe ich die Schrift: »Über die
-Lage der orthodoxen Geistlichkeit und über die Mittel, durch welche sie
-zum Nutzen der Kirche und des Staates gebessert werden könnte.« Ich
-glaube, es ist gut so. Nie noch habe ich mich so glücklich und so stolz
-gefühlt, so gütig und so reich an Kraft und Verstand.«
-
-»1. April. Mein Bericht ist dem Bischof eingereicht. Meine Pfarrerin
-meinte, ich hätte es heute nicht tun sollen; denn der erste April sei
-ein trügerischer Tag. Wollen sehen.«
-
-»10. August. Ich bin Oberpfarrer geworden.«
-
-»4. Januar 1839. Heute kam ein Schreiben aus dem Konsistorium und mein
-ahnungsvolles Herz schlug freudig, -- aber es bezog sich nicht auf
-meinen Bericht, sondern meldete nur, daß mir das Brustkreuz verliehen
-sei. Vielen, vielen Dank. Aber das Schicksal meines Berichts bekümmert
-mich doch.«
-
-»8. April. Ich bin zum Propst ernannt. Von meinem Bericht ist immer
-noch nichts zu hören. Ich weiß nicht, wie man diese Posaunen zum Tönen
-bringen soll.«
-
-»10. April 1840. Nun bin ich schon ein Jahr Propst. Von meinem Bericht
-ist immer noch nichts zu vernehmen. Der Aberglaube der Pfarrerin ist
-doch nicht so unvernünftig. Heute machte sie mich wieder lachen: sie
-meinte, ich hätte meine Sache vielleicht sehr gut geschrieben, aber
-nicht richtig unterschrieben.«
-
-»20. Juni 1841. Ich ging trocken mitten durch das Meer und ward
-gerettet von der Ägypter Bosheit, darum will ich lobsingen dem
-Herrn, solange ich lebe ... Was hat sich mit mir begeben? Was habe
-ich erdulden müssen und wie bin ich nach alledem wieder an Gottes
-Tageslicht gekommen? Neugierig bin ich, was du wohl tun magst, du
-Dichter von Fabeln, Balladen, Erzählungen und Romanen, wenn du in
-dem Leben, das dich umgibt, keine Fäden zu entdecken behauptest, die
-es wert wären, in deine vergnüglich zu lesende Fabel geflochten zu
-werden? Oder kümmert dich, der du der Menschen Sitten zu bessern dich
-vermissest, jenes wirkliche Leben gar nicht, das die Erdenmenschen
-leben, sondern suchest du nur nach einem Vorwand zu leerem Geschwätz?
-Ist dir bekannt, was für ein Leben ein russischer Pope führt; dieser
-»unnütze Mensch«, den man deiner Meinung nach vielleicht unnötigerweise
-herbeirief, deinen Eintritt ins Leben zu begrüßen, und den man abermals
--- auch wider deinen Willen -- rufen wird, daß er dich zum Grabe
-geleite? Weißt du, daß das elende Leben dieses Popen nicht arm ist,
-sondern überreich an Nöten und Abenteuern, -- oder meinst du, daß
-seinem Weihrauchherzen edle Leidenschaften fremd sind und daß es keine
-Schmerzen empfindet? Oder willst du von deiner Dichterhöhe mich, den
-Popen, deiner Aufmerksamkeit überhaupt nicht würdigen? Oder wähnst du,
-meine Zeit sei schon vorbei, und das Land, das dich und mich geboren
-und aufgezogen, brauche mich nicht mehr? O du Blinder, sage ich, wenn
-du das erste denkst; o du Narr, sage ich, wenn du das zweite denkst und
-dich bemühst, nicht mich aufzurichten und zu beleben, sondern einen
-Stein auf mich zu wälzen und des Erstickenden zu spotten.
-
-Aber ich wende mich vom Philosophieren zu jener Begebenheit, die mich
-philosophieren gemacht hat.
-
-Ich bin nicht mehr Propst und hätte fast auch mein Priesteramt
-verloren. Wofür? Dafür! Ich will die ganze Geschichte ausführlich
-erzählen. Im März dieses Jahres besuchte der Gouverneur auf der
-Durchreise unsere Stadt, aus welchem Anlaß der Adelsmarschall ein Fest
-gab. Ich benutzte diese Gelegenheit, um mich beim Gouverneur über
-die Gutsherren zu beschweren, welche ihre Bauern mit Arbeiten auch
-an Sonntagen und sogar an den zwölf großen Festtagen überhäufen, so
-daß das arme Volk noch ärmer wird, denn in vielen Dörfern ist jetzt
-weder Roggen noch Hafer zu finden. ... Kaum aber hatte ich dieses Wort
-»Hafer« ausgesprochen, als der hohe Herr in heftigen Zorn geriet, von
-mir abrückte, als wäre ich ein giftiges Tier, und schrie: »Was kommt
-Ihr mir mit Eurem Hafer auf den Hals?« Und dann ging es los: ich bin
-dies und das und jenes, -- und zuletzt: »Ich bin doch nicht der heilige
-Nikolaus, ich handle nicht mit Hafer!« Das konnte ich nicht dulden und
-erwiderte: »Ich muß Eure Exzellenz, als eine mit den Glaubenslehren
-wenig bekannte Persönlichkeit, vor allem darauf aufmerksam machen, daß
-St. Nikolaus Bischof war und keinerlei Handel trieb. Ferner aber müßten
-Sie wissen, daß unser rechtgläubiges Volk der Priester und Diakonen
-bedarf, denn das ist bisher das Einzige, was wir noch nicht von den
-Deutschen übernommen haben.« Der Gouverneur lachte boshaft und sagte:
-»Nur keine Furcht, Herr Pfarrer, wenn der Pfuhl erst da ist, kommen
-die Teufel von selbst.« Diese letzte Rede war für mich bitterer als
-die erste. Wer sind diese Teufel, und was meint dein Schandmaul mit
-dem Pfuhl? So dachte ich im Zorne und konnte nicht stillschweigen,
-sondern sagte zu dem Herrn, daß ich aus Achtung vor meinem Amte ihn
-auch diesmal nicht als Teufel bezeichnen wolle. Und was war die Folge?
-Heute bin ich Propst +gewesen+, und ich danke dir, Herr, mein Gott, daß
-ich nicht auch des Priesteramtes beraubt und exkommuniziert bin. Nein,
-solche Dinge mögt ihr modernen Geschichtenschreiber nicht behandeln.
-Ihr denkt nicht daran, den Leuten zu erzählen, wie schwer mir ums Herz
-ist.«
-
-»3. September. Das Herbstwetter stimmt mich unsagbar trübe. Ich war
-gewohnt, immer in Tätigkeit zu sein, und nun quält mich das Nichtstun.
-Ich treibe die Torheit schon so weit, daß ich oft insgeheim, wenn meine
-Gattin es nicht sehen kann, still für mich weine.«
-
-»27. Januar 1842. Ich habe mir bei einem Juden für sieben Rubel eine
-Spieldose und ein Damespiel gekauft.«
-
-»18. Mai. Ich habe mir einen Zeisig angeschafft und lehre ihn zur
-Spieldose singen.«
-
-»2. März 1845. Drei Jahre sind vergangen, ohne daß sich in meinem
-Leben etwas geändert hätte. Ich habe mein Haus bestellt und in den
-Kirchenvätern und Geschichtschreibern gelesen. Zu zwei Schlüssen bin
-ich gekommen und möchte sie gerne beide für falsch halten. Der erste
-ist, daß das Christentum in Rußland überhaupt noch gar nicht gepredigt
-worden ist, und der zweite, daß die Ereignisse sich wiederholen und
-man sie voraussagen kann. Über den ersten Schluß redete ich einmal
-mit meinem sehr verständigen Amtsbruder, dem Vater Nikolaus, und war
-sehr erstaunt, wie er das aufnahm und mir beistimmte. »Ja,« sagte er,
-»das ist unbestreitbar, wir werden in Jesu Namen getauft, aber wir
-nehmen Jesum nicht in uns auf.« Also bin ich es nicht allein, der das
-sieht, andere sehen es auch. Warum erscheint es aber ihnen allen nur
-lächerlich, während es mich bis aufs Blut peinigt.«
-
-»Neujahr 1846. Es sind mehrere Polen zu uns in die Verbannung
-geschickt. Über das Schicksal meines Berichts ist mir noch immer nichts
-bekannt. Ich interessiere mich lebhaft für die politischen Wirren, die
-im Westen im Anzuge sind und habe in Anbetracht dessen eine politische
-Zeitung abonniert.«
-
-»6. Mai 1847. Es sind noch zwei neue Polen zu uns gekommen, der Pater
-Aloysius Konarkiewicz und Pan Ignacij Czemernicki. Letzterer ist noch
-ein ganz junger Mann, aber bereits eine komplette Kanaille. Unsere
-Stadthauptmannsfrau, die ja selber Polin ist, hat sich mit einem ganzen
-Schwarm von Landsleuten umgeben und begünstigt letzteren vor allen
-anderen.«
-
-»20. November. Ich bemerke etwas ganz Erstaunliches und
-Unbegreifliches. Die Polen werfen sich bei uns geradezu zu Herren
-auf. Man kann durch sie bei der Gouvernementsverwaltung alles
-erreichen, denn der Czemernicki erweist sich als intimer Freund jenes
-Kanzleivorstehers, den ich in so guter Erinnerung habe.«
-
-»5. Februar 1848. Was ich mein Lebtag nicht hatte tun wollen, habe
-ich jetzt getan. Ich habe mich über die Polen beschwert, denn ihr
-Benehmen übersteigt jegliches Maß. Nicht genug, daß sie sich seit
-langem schon öffentlich über die Zeitungsmeldungen lustig machen
-und behaupten, es sei gar nicht so, wie die Blätter berichteten,
-sondern gerade umgekehrt: nicht wir schlügen die Feinde, sondern wir
-würden geschlagen, -- sie gehen auch schon von bloßen Worten zu Taten
-über. Bei der Totenmesse für die gefallenen Krieger erhoben sie mit
-der Stadthauptmannsfrau ein derart unziemliches Gelächter, daß der
-Oberpfarrer einen Kirchendiener zu ihnen schickte mit der Bitte, sich
-entweder ruhig zu verhalten oder die Kirche zu verlassen, worauf sie
-lächelnd hinausgingen. Und als wir mit dem Klerus nach Beendigung des
-Gottesdienstes am Kolonialwarenladen der Gebrüder Lialin vorübergingen,
-trat einer von den Polen mit einem Glase Punsch in der Hand vor die Tür
-und rief, die Stimme des Diakons nachahmend: »Mir noch 'nen Heißen!«
-Ich begriff, daß es eine Verspottung des »Kyrie eleison« sein sollte,
-und habe es in meiner Beschwerde auch so erwähnt.«
-
-»1. April. Abends. Meine Beschwerde über das Benehmen der Polen hat,
-so scheint es, wenn auch spät, doch eine gewisse Wirkung gehabt. Heute
-früh kam der Chef der Gendarmen in die Stadt und berief mich zu sich
-und fragte mich lange nach allen Einzelheiten. Ich erzählte ihm, wie es
-gewesen, und er teilte mir mit, daß all diesen polnischen Gemeinheiten
-bald ein Ende gemacht werden solle. Ich fürchte nur, daß alles dies
-wieder mal, recht zum Possen, am ersten April gesagt sein wird. Ich
-fange an zu glauben, daß dieser Tag wirklich ein trügerischer Tag ist.«
-
-»7. September. Der erste April scheint diesmal doch nicht
-getrogen zu haben. Konarkiewicz und Czemernicki sind beide in die
-Gouvernementsstadt versetzt worden.«
-
-»25. November. Unser Stadthauptmann nebst Gemahlin haben uns verlassen.
-Er ist zum Polizeimeister in der Gouvernementsstadt ernannt worden.
-+Die+ Strafe ist noch zu ertragen.«
-
-»5. Dezember. Der neue Stadthauptmann ist angekommen. Er nennt sich
-Hauptmann Mratschkowskij. Der Name kommt vom Worte »~mrak~« -- die
-Finsternis. O Herr, Du allein weißt, wann auch etwas vom Licht zu uns
-kommen wird!«
-
-»9. Dezember. Heute war ich beim neuen Stadthauptmann zum Frühstück.
-Liebenswürdig sind sie beide, er sowohl wie die Gattin. Nachdem er
-gehörig getrunken hatte, sang er uns vor: »Denkst du daran, mein
-tapfrer Kampfgenosse?« Und sein Söhnchen, ein munterer Bub in einem
-russischen Hemd, sang auch: »Heil dir, Meister Frost, bist ein wackrer
-Russe!« Das sind mir doch Neuigkeiten! Aus dem Gespräch mit besagtem
-Mratschkowskij ist mir vor allem die Geschichte von einem Professor der
-Moskauer Universität bemerkenswert, der seinen Abschied erhalten haben
-soll, weil er in einer Festrede gesagt hatte: »~Nunquam de republica
-desperandum~«, -- was bedeuten sollte: man darf niemals am Staat
-verzweifeln. Aber ein Kanzleiweiser legte es so aus, er hätte sagen
-wollen, man dürfe nie an der +Republik+ verzweifeln. Daraufhin ward der
-Professor gebeten, sein Entlassungsgesuch einzureichen. Es ist kaum
-glaublich.«
-
-»20. Dezember. Nein, der erste April ist nicht nur trügerisch, sondern
-auch rätselhaft. Ich will hier nicht alles erzählen, was mir bei
-meiner diesmaligen Fahrt nach der Gouvernementsstadt widerfuhr; nur
-das eine sei gesagt, daß ich beschimpft und geschmäht worden bin in
-jeder Weise. Es fehlte nur noch, daß sie mich für meine Beschwerde
-geschlagen hätten. Ich weiß nicht, wem ich es zu verdanken habe, da
-+er selbst+ auf mich losfuhr und mich anschrie, man hätte meine Ränke
-schon satt; ich vermochte nichts zu erwidern, denn so wie ich nur
-die Lippen bewegte, hieß es gleich: »Schweig!« So mußte ich alles
-hinunterschlucken und bin nun wieder daheim. Wie eine Henne, die man
-mit Nesseln verprügelte. Nur das eine begreife ich nicht: warum
-erklärt man meine Tat, die ja vielleicht unvorsichtig war, durch nichts
-anderes, durch meine Unbildung oder durch mein Ungeschick, sondern
--- was meint ihr wohl? -- durch Mißgunst! Weil nämlich jene Polen
-mich nicht in ihre Gesellschaft aufgefordert und mich nicht trunken
-gemacht, -- obzwar ich, Gott sei gelobt, niemals ein Trinker gewesen.
-Von diesem Geringen auf das Große schließend, gedenke ich der Worte
-der französischen Jungfrau Charlotte Corday d'Armont, welche sie in
-ihrem letzten Brief vor ihrer Hinrichtung schrieb, daß sich nämlich
-»unter den neuen Völkern wenig Patrioten fänden, welche die einfache
-patriotische Leidenschaft verstehen und an die Möglichkeit, ihr Opfer
-zu bringen, glauben können. Überall nur Egoismus und alles wird durch
-ihn erklärt.« Wenn ich nur unsere Leute sehe, so bin ich geneigt,
-Charlotte Corday d'Armont recht zu geben, richte ich meinen Blick
-dann aber auf die Polen, denen jeder Zugvogel ein Lied von der Heimat
-singt, oder auf unsere Altgläubigen, die trotz allen Kränkungen und
-Unterdrückungen nicht aufhören, ihr russisches Land zu lieben, dann muß
-ich ihr widersprechen und behaupten, es gibt doch noch Vaterlandsliebe
-unter den Menschen. So weit kommt man auf seine alten Tage, daß man
-sogar an den Polacken etwas zu loben findet! Allein ich will mich
-fortan an das Wort halten, das ich neulich so viele Male zu hören
-bekam: »Schweig!« ~Nunquam de republica desperandum.~«
-
-»2. Januar 1849. Ich bin bei allen Altgläubigen gewesen und habe mir
-die Silberlinge herausschicken lassen. Ich kann mich dem nicht mehr
-widersetzen, allein es tut mir hin und wieder bitter weh. Ich mußte es
-aber tun, damit meine Pfarrerin nächstens nicht noch zur Subdiakonsfrau
-wird, denn nach dem, was ich erlebt habe, ist alles möglich.«
-
-»1. Januar 1850. Das Jahr ist still und friedlich dahingegangen.
-Ich habe meine Wohltäterin, Marfa Andrejewna Plodomasowa, zu Grabe
-getragen. Sie starb, nachdem sie fünf Kronenträger überlebt hatte:
-Elisabeth, Peter, Katharina, Paul und Alexander; mit zweien von ihnen
-hat sie auf Gesellschaften getanzt. Nächstes Jahr will ich einen Anbau
-an mein Häuschen machen, denn ich bin einer Schwäche verfallen: ich
-finde viel Vergnügen am Preferance-Spiel und habe mir aus Langerweile
-das Rauchen angewöhnt, das macht neue Ausgaben. Anfangs rauchte ich nur
-spaßeshalber beim Stadthauptmann, aber jetzt habe ich mir auch zu Hause
-allen Zubehör angelegt. Eigentlich sollte ich es lassen.«
-
-»10. Januar 1857. Ich erkenne mich selbst nicht mehr. Sieben Jahre
-lang keine einzige Zeile hier hineingeschrieben. Mein Leben ist
-seltsam, denn es ist ein sattes und behagliches geworden. Ich las eben
-alles nach, was ich seit dem Tage meiner Ordination eingetragen. Es
-ist bemerkenswert, wie so ganz anders ich in diesen Jahren die Dinge
-betrachten gelernt habe. Ich kämpfe nicht mehr, belästige niemand und
-werde von keinem belästigt. Steter Tropfen höhlt den Stein!«
-
-»20. Oktober. An Stelle unseres entschlafenen Diakons, des sanften
-Prochor, ist aus der Gouvernementsstadt ein neuer Diakon eingetroffen,
-namens Achilla Desnitzyn. Dieser ist größer und dicker als wir alle.
-Wenn man seine Physiognomie und seine Statur betrachtet, muß man die
-Schöpferkraft der Natur bewundern. Am meisten aber gefällt mir an dem
-Manne seine Gutmütigkeit. Er zeigte mir die Abschrift seines Zeugnisses
-aus dem Seminar, in dem geschrieben stand: »Sittliches Verhalten gut,
-aber sehr tragfähig.« Was bedeutet denn das? fragte ich. »Ach, nichts
-von Belang,« erklärte er, »als ich wegen Fieber im Seminarlazarett
-lag, trug ich den kranken Theologen heimlich Schnaps zu. Und zwar in
-gehöriger Quantität.««
-
-»7. Dezember. Der Subdiakon Sergej macht mich darauf aufmerksam, daß
-unser neuer Diakon Achilla ein wenig vorlaut ist: aus falschem Ehrgeiz
-gibt er vielen Betern vom Lande heimlich den priesterlichen Segen. Ich
-habe ihm gesagt, daß er sich das in Zukunft nicht unterstehen dürfe.«
-
-»15. August. Auf einem Festmahl beim Stadthauptmann kam es fast zu
-einem Skandal, wieder durch einen Streit um den Verstand, und das
-erinnerte mich an den alten Streit, der mich einst so lachen gemacht.
-Der Diakon Achilla und der Arzt stritten über mich. Der Arzt leugnete
-meinen Verstand, der Diakon pries ihn himmelhoch. Auf ihren Lärm und
-besonders auf das Geschrei des Arztes kamen wir ins Zimmer und sahen
-den Arzt hoch oben auf dem Schranke sitzen und verzweifelt mit den
-Beinen strampeln und stoßen. Achilla aber saß seelenruhig mitten im
-Zimmer in einem Lehnstuhl und meinte: »Nehmt ihn bitte nicht herunter,
-ich habe ihn sozusagen an Wasserflüssen Babylons an die Weiden gehängt
-für seine Widerspenstigkeit.« Ich konnte mich des Lachens kaum
-erwehren, hielt aber dem Diakon eine ordentliche Strafpredigt und
-sagte ihm, Gewalt sei kein Beweis. Er aber machte mir dafür eine tiefe
-Verbeugung und wandte sich hierauf zum Arzte: »Nun? Jetzt siehst du's
-wohl selbst, daß er der Justizminister ist.« Es ist wunderbar, wie
-dieser kosakische Diakon es gleichsam fühlt, daß ich ihn von ganzem
-Herzen liebhabe. Ich weiß selbst nicht warum. Aber er hat mich auch
-lieb.«
-
-»25. August. Welch große Freude! Die katholische Geistlichkeit in
-Litauen hat Nüchternheitsvereine gegründet: sie predigen gegen die
-Trunksucht, und die Trunksucht läßt nach. Die Leute kommen zur Vernunft
-und die Blutsauger, die Branntweinpächter, platzen. Ach, wie gern
-würde ich auch in dieser Art predigen!«
-
-»5. September. In einigen orthodoxen Gemeinden ist dasselbe versucht
-worden. Ich fürchte, ich halt's nicht aus und sage ein Wort! Aber da
-ich ohne Zensur nicht predigen darf, so will ich eine schlaue Intrige
-einfädeln und einen Mäßigkeitsverein gründen. Was soll man machen,
-notgedrungen folgt man dem Beispiel des Ignatius Loyola, wenn man auf
-geradem Wege nicht gehen darf.«
-
-»7. Oktober. Wir haben die Statuten unseres Vereins entworfen,
-aber bestätigt ist er noch nicht. Dagegen schreibt man, daß der
-Branntweinpächter sich bei dem Minister über die Prediger beklagt habe,
-welche das Volk vom Trinken abhalten. O du freche Kanaille! Wagst es
-noch zu klagen, und noch gar dem Minister gegenüber!«
-
-»20. Oktober. Eine wahnsinnige Nachricht! Die Zeitungen melden,
-im Juli dieses Jahres hätten die Branntweinpächter beim Minister
-des Innern über die orthodoxen Geistlichen, welche das Volk zur
-Nüchternheit anhalten, Beschwerde geführt, und der Herr Minister
-hätte sie dem Oberprokurator des Heiligen Synods weitergegeben,
-welcher geantwortet hätte, daß der Synod den Geistlichen seinen Segen
-gebe, an dem verdienstlichen Werke des Kampfes gegen den Mißbrauch
-berauschender Getränke nach Kräften mitzuwirken. Aber die Pächter gaben
-sich nicht zufrieden und petitionierten noch einmal um Aufhebung der
-Verordnung des Heiligen Synods. Hierauf soll der Finanzminister dem
-Oberprokurator des Heiligen Synods mitgeteilt haben, daß ein völliges
-Verbot des Gebrauchs geistiger Getränke nicht zulässig sei, wenn es
-durch religiöse Drohungen, die stark auf das Gemüt des einfachen
-Mannes wirken, und durch Ablegung von Gelübden durchgesetzt werde,
-weil dieses nicht nur der allgemeinen Anschauung von dem Nutzen eines
-mäßigen Weingenusses widerspreche, sondern auch gegen die gesetzlichen
-Verordnungen verstoße, auf Grund deren die Regierung die Schanksteuern
-verpachtet habe. Infolgedessen soll eine Verordnung getroffen worden
-sein, die Beschlüsse der Stadt- und Landgemeinden bezüglich der
-Branntweinverbote aufzuheben und keinerlei Gemeindeversammlungen in
-dieser Angelegenheit mehr zuzulassen. Sauf, mein armes Volk, sauf dich
-zu Tode!«
-
-»8. November. Am Tage des Anführers aller heiligen und himmlischen
-Heerscharen, des Erzengels Michael, ward mir von der hohen Obrigkeit
-eine ellenlange Nase zuteil. Nicht nur von dem verbrecherischen Plan
-der Gründung eines Mäßigkeitsvereins hätte ich lassen sollen, sondern
-auch predigen dürfte ich nicht darüber, in Anbetracht von diesem und
-jenem und aus solchen Erwägungen und derartigen Rücksichten ... bloß
-der einfache Nutzen der Menschheit zählt nicht mit ... Aber habe ich
-nicht schon genug davon geschrieben? Soll ich denn immer nur meine
-eigene Schmach zu Papier bringen?«
-
-»1. Januar 1860. Sogar den Jahresbeginn lasse ich jetzt unbeachtet!
-Wie heiß faßte ich früher alles auf und wie gleichgültig bin ich jetzt
-geworden. Meine Pfarrerin Natalia Nikolajewna sagt freilich, ich wäre
-auch heute noch geradeso wie einst, aber wie könnte das sein! Ihr mag
-das mitunter wohl so vorkommen, denn auch sie hat mittlerweile das
-Alter der Mutter Sarah erreicht, ich aber sehe das besser ... Der Leib
-ist gesund und sogar fett, aber was nutzt das, wenn die Seele schon
-gleichsam mit einer Rinde zu bewachsen beginnt.«
-
-»27. März. Frühlingslüfte wehen und die Wasserbäche stürzen von den
-Hügeln. Der Diakon Achilla bringt schon seine Sättel in Ordnung und
-wird bald wieder als Steppenkirgise dahersprengen. Wohl ihm, daß er
-sich die Zeit so vertreiben kann.«
-
-»23. April. Achilla erschien heute mit Sporen, die er sich für seine
-Spazierritte eigens von Pizonskij hatte anfertigen lassen. Schlimm,
-daß er in Nichts Maß zu halten versteht und jedes Ding gleich bis zum
-Äußersten treiben muß. Um ihn sofort in seine Schranken zu weisen,
-brach ich mit einem einzigen Tritt die Sporen von den Stiefeln des
-Achilla ab und verbot ihm zur Strafe für diese Albernheit das Reiten
-für dieses ganze Jahr. Somit muß er mir jetzt Buße tun. Was soll
-man aber machen, wenn er nicht anders gebändigt werden kann? Er ist
-imstande und gürtet sich nächstens noch ein Schwert um.«
-
-»14. September. Der Subdiakon Sergej kam heute angeblich nach einer
-Bütte zu Sauerkraut und erzählte mir dabei scheinbar ganz von ungefähr,
-daß diesen Abend in der Scheune der Ziegelei ein zugereister Komödiant
-einen Riesen und Kraftmenschen vorführe, und der Diakon Achilla
-der Vorstellung beiwohnen wolle. Einen gemeinen und hinterhältigen
-Charakter hat dieser Sergej.«
-
-»Am 15ten. Ich habe mir die Vorstellung angesehen. Ohne selbst
-gesehen zu werden, schaute ich durch eine Ritze im Hintertor. Achilla
-war wirklich da, aber nicht bloß als Zuschauer, sondern sozusagen
-als Mitwirkender. Er erschien in einem mächtigen Schafpelz, dessen
-Kragen hochgeschlagen war, und hatte ein gemustertes Tuch umgebunden,
-das seine Haare und den größten Teil des Gesichts bis an die Augen
-verdeckte. Ich erkannte ihn sofort, was nicht schwer war, weil er, als
-der vom Komödianten vorgeführte Riese und Athlet in fleischfarbenem
-Trikot erschien, in jeder Hand ein Fünf-Pud-Gewicht, und damit, ein
-wenig schwankend, die Bänke entlang wanderte, sich so weit vergaß, daß
-er mit seiner gewöhnlichen Stimme laut rief: »Was ist denn an all
-dem so Wunderbares?« Als hierauf der Riese in frechem Ton fragte, ob
-jemand mit ihm ringen wolle, und sich keine Liebhaber für solch einen
-Wettstreit fanden, trat Achilla, das Gesicht tief in das gemusterte
-Tuch vergrabend, vor und griff den Riesen an. Ich meinte, ihre Knochen
-müßten zerbrechen. Aber endlich überwand Achilla jenen hochmütigen
-Deutschen, und nachdem er ihm die Beine kreuzweis übereinandergelegt,
-wie man in feinen Häusern die gebratenen Poularden serviert, nahm
-er jene zehn Pud und den Kraftmenschen selber und begann mit dieser
-ganzen Last vor dem Publico auf- und abzugehen. Alles schrie »Bravo!«
-Am wunderbarsten aber war das Finale, das mein guter Achilla zum
-besten gab. »Meine Herrschaften,« wandte er sich ans Publikum,
-»vielleicht fällt es jemandem ein, zu behaupten, ich wäre wer anders.
-Bitte seid so gut und spuckt dann dem Kerl ins Gesicht, denn ich bin
-bloß der Kleinbürger Iwan Morozow aus Sewsk.« Als ob ihn jemand um
-diese Erklärung gebeten hätte. Aber mir war das doch immerhin eine
-recht heitere Zerstreuung. Ach, wie geht unser Leben dahin! Wie ist
-es schon hingegangen! Als ich von der Schaustellung wieder heimging,
-kamen mir Tränen in die Augen -- ich weiß selbst nicht weshalb. Ich
-fühlte nur das eine, daß etwas da ist, das ich beweinen muß, wenn
-ich an die kühnen Pläne meiner Jugend denke und sie mit dem weiteren
-Verlauf meines Lebens vergleiche! Als mir einst jene große Kränkung
-widerfuhr, da träumte ich, ich könnte immer noch ein würdig Leben
-führen, nicht im Wirken nach außen, sondern in stiller Arbeit an der
-eigenen inneren Vervollkommnung; aber ich bin kein Philosoph, sondern
-ein Bürger; mir ist das nicht genug: ich plage mich und leide ohne
-Tätigkeit, und darum kann ich die Lebhaftigkeit meines lieben Achilla
-nicht immer verurteilen. Gott verzeihe ihm und segne seine entzückende
-Herzenseinfalt, in der ihn alles erfreut und erheitert. Dem Subdiakon
-Sergej habe ich gesagt, er hätte gelogen, und ich habe ihm verboten,
-noch weiter gegen den Achilla zu hetzen. Ich fühle, daß ich mit aller
-Schwäche eines Vaters diesen guten Menschen liebgewonnen habe.«
-
-»14. Mai 1861. In was für seltsame Dinge kann den Menschen sein
-Leichtsinn verwickeln! Als ob wir nicht auch ohne den Diakon Achilla
-Hansnarren genug hätten. Der Stadthauptmann wollte bei seinem
-Schwiegervater, dem Verwalter der fürstlichen Güter Glitsch, ein
-Pferd für sein Sechsgespann kaufen, welches dieser aber nicht zu
-verkaufen gedachte. Da haben sie gewettet, daß der Stadthauptmann in
-den Besitz des Pferdes gelangen werde. Darauf hat der Stadthauptmann
-einen beschäftigungslosen Kleinbürger, namens Danilka, den sie hier
-den Kommissar nennen, für zwei Rubel gedungen, ihm das Pferd beim
-Herrn Glitsch zu stehlen. Einen zum Diebstahl anzustiften paßt sich
-vorzüglich für einen Stadthauptmann -- sei es auch nur im Scherz. Was
-aber das Tollste war: mein Achilla erbot sich, dem Danilka bei dieser
-Sache zu helfen. Wieder war es der Subdiakon Sergej, der mir davon
-Mitteilung machte, und ich ließ den Achilla rechtzeitig zu mir kommen,
-um ihn für diesen Tag unter Aufsicht meiner Natalia Nikolajewna, für
-die er Butter schlagen mußte, zu stellen; nachts jedoch ließ ich ihn
-in meiner Stube auf dem Fußboden schlafen, und, damit er sich nicht
-davonmachen könne, verwahrte ich seine Kleider und Schuhe bis zum
-Morgen unter Schloß und Riegel. Heute früh aber wurden wir durch einen
-großen Lärm aufgeweckt: Nach dem Hause des Stadthauptmanns jagte ein
-mit drei Pferden bespannter Leiterwagen, in dem der Kommissar Danilka
-zwischen zwei Bauern saß und wie ein Wahnsinniger schrie. Wir gingen
-hinaus, um zu erfahren, aus welchem Grunde er so brüllte, und sahen,
-wie man dem Danilka die Hosen herunterzog, die ganz mit Nesseln
-vollgestopft waren. Es stellte sich heraus, daß der Herr Glitsch
-ihn ertappt und zur Strafe in die Nesseln gesetzt hatte, worauf die
-Gutsknechte ihn zu dem zurückgeschafft hatten, der ihn ausgesandt.
-Ich fragte den Diakon, wie ihm wohl zumute gewesen wäre, wenn er das
-Schicksal des Danilka hätte teilen müssen? Er erwiderte, das hätte ihm
-nicht passieren können. Wenn selbst ihrer zehn über ihn hergefallen
-wären, würde er sich ihnen nicht ergeben haben. »Nun, und wenn es
-zwanzig gewesen wären?« fragte ich. »Ja, mit zwanzig,« meinte er,
-»wär' ich auch nicht fertiggeworden,« und erzählte, wie er einmal als
-Schüler mit seinem Bruder zu den Ferien nach Hause gewandert wäre und
-sie gleichzeitig mit einer vorüberziehenden Abteilung Soldaten einen
-Holderstrauch mit ein paar Zweigen voller Beeren bemerkt, sich auf
-diese doch fast zu nichts zu gebrauchenden Beeren gestürzt hätten --
-Achilla und sein Bruder und an die vierzig Soldaten. »Es kam,« sagte
-er, »zwischen uns zu einem gewaltigen Handgemenge und mein Bruder
-Finogescha blieb für tot liegen.« Wie naiv und einfach das ist! Jede
-seiner Geschichten ist ein Ereignis! Das Leben ist ihm wirklich keinen
-Heller wert!«
-
-»29. September 1861. Aus der Gouvernementsstadt ist der Sohn der
-Hostienbäckerin von St. Nikita, der Marfa Nikolajewna Prepotenskaja,
-Warnawa, hier eingetroffen. Er hat das Seminar als einer der ersten
-absolviert, aber nicht Geistlicher werden wollen und ist jetzt als
-Rechenlehrer an der hiesigen Kreisschule angestellt. Auf meine Frage,
-warum er den geistlichen Stand verschmäht habe, antwortete er kurz, er
-wolle kein Betrüger ein. Ich konnte diese dumme Antwort nicht ungerügt
-lassen und sagte ihm, er sei ein Narr. Aber so gering ich auch diesen
-Menschen und alle seine Meinungen achte, seine Antwort hat mir doch weh
-getan, wie der Stich einer giftigen Wespe.«
-
-»27. Dezember. Achilla legt mitunter einen derartigen Leichtsinn an den
-Tag, daß man in seinem eigenen Interesse hart gegen ihn sein muß. Der
-schon mehrfach erwähnte Konstantin Pizonskij bat ihn jüngst, er möge
-den Knaben, den der arme Alte bei sich aufgenommen und großgezogen, ein
-recht schönes Gedicht lehren, mit dem das Kind den Bürgermeister zum
-Weihnachtsfest beglückwünschen könne, -- Achilla hat sich gleich dazu
-bereit erklärt und dem Buben folgende Verse beigebracht:
-
- Heute ward unser Heiland geboren.
- Herodes hat den Verstand verloren.
- Herr Bürgermeister ehrenwert,
- Werd' Euch von Gott das gleiche beschert!
-
-Nein, man muß ihn mit mehr Strenge behandeln.«
-
-»1. Januar 1862. Der Arzt hat in Erfüllung seiner Amtspflicht die
-Leiche eines plötzlich Verstorbenen geöffnet, und der Lehrer Warnawa
-Prepotenskij ist mit mehreren Schülern der Kreisschule zur Sektion
-gekommen, um sie mit den Grundbegriffen der Anatomie bekannt zu machen.
-In der Klasse hat er sie später gefragt: »Habt ihr den Körper gesehen?«
--- »Ja,« sagten die Knaben. -- »Und die Knochen habt ihr gesehen?«
--- »Die Knochen auch.« -- »Habt ihr alles gesehen?« -- »Alles.« --
-»Habt ihr auch die Seele gesehen?« -- »Nein, die Seele haben wir nicht
-gesehen.« -- »Nun, wo ist sie denn?« Und so bewies er ihnen, daß
-es keine Seele gäbe. Ich machte den Inspektor konfidentiell darauf
-aufmerksam und sagte, daß ich bei der nächsten Direktorenrevision
-bestimmt die Rede darauf bringen würde.
-
-Nun bist du wieder nötig geworden, armer Pope! Du hast mit den
-Altgläubigen Krieg geführt und bist mit ihnen nicht fertig geworden;
-du hast mit den Polen gekämpft und kriegtest sie nicht klein. Jetzt
-sieh zu, was du mit dieser Narretei anstellst, denn da wächst schon die
-Frucht deiner Lenden auf. Wirst du damit fertig werden? Zähl's doch an
-den Knöpfen ab!«
-
-»9. Januar. Ich bin an der Grippe erkrankt und kann das Haus nicht
-verlassen. Die Religionsstunden in der Kreisschule gibt Vater Zacharia
-an meiner Statt. Gestern kam er verwirrt und verstört zurück und
-erklärte unter Tränen, er könne mich in der Schule nicht länger
-vertreten. Die Ursache ist folgende: in der vorletzten Stunde hatte
-Vater Zacharia in der dritten Klasse von der göttlichen Vorsehung
-gesprochen, und heute prüfte er die Jungen daraufhin. Da sagt ihm
-plötzlich ein Schüler, der Sohn des Kolonialwarenhändlers Lialin,
-Alioscha, ein sehr begabter Bub, er »könne Gott den Schöpfer wohl
-gelten lassen, aber Gott den Fürsorger erkenne er nicht an«. Erstaunt
-ob einer solchen Antwort, fragte Vater Zacharia, worauf der junge
-Theologe seine Anschauung denn begründe, -- und jener erwiderte darauf,
-daß in der Natur sehr viel Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu finden
-sei; er wies dabei vor allem auf den Tod hin, der für den Sündenfall
-eines einzigen ungerechterweise dem ganzen Menschengeschlecht auferlegt
-sei. Vater Zacharia, der diese freche Antwort nicht unerwidert lassen
-konnte, fing nun an, den Jungen zu erklären, daß wir, angesichts der
-Unvollkommenheit unserer Vernunft, über diese Dinge nicht gut urteilen
-könnten, und unterstützte seine Worte mit dem Hinweis, daß, wenn wir
-in unserer Sündhaftigkeit ewig wären, auch die Sünde und mit ihr
-alles Schlechte und Böse ewig sein müßte, -- und, um die Sache noch
-deutlicher zu erläutern, fügte er hinzu, daß dann auch der blutgierige
-Tiger und der grimmige Hai ewig sein müßten, und überzeugte sie damit
-denn auch alle. Aber in der zweiten Stunde, als Vater Zacharia in
-der unteren Klasse war, kam derselbe Bub dort hinein und widerlegte
-den Vater Zacharia vor all den Kleinen, indem er sagte: »Was könnten
-der Tiger und der Hai uns denn anhaben, wenn wir unsterblich wären?«
-Vater Zacharia fand in seiner Gutmütigkeit und bei seinem Mangel an
-Schlagfertigkeit keine andere Antwort als: »Darüber haben sich schon
-klügere Leute als du und ich den Kopf zerbrochen.« Das ging aber dem
-alten Manne so nahe, daß er wohl eine Stunde bei mir geweint hat.
-Und ich muß zum Unglück immer noch krank sein und kann nicht aus dem
-Hause, um diesem Unfug zu steuern, hinter dem sicher der Lehrer Warnawa
-steckt.«
-
-»13. Januar. Wie gut ich's erraten habe! Alioscha Lialin hat von seinem
-Vater für seine Freigeisterei die wohlverdienten Prügel bekommen und
-unter Tränen gestanden, daß der Lehrer Prepotenskij ihn jene Frage und
-die spätere Antwort gelehrt habe. Ich bin ganz entrüstet, aber unser
-Arzt meint, ich dürfe das Haus noch nicht verlassen, denn ich hätte
-eine Rezidiv-Angina, und könnte leicht den Weg ~ad patres~ finden.
-Was ich doch noch nicht möchte. Ich habe dem Inspektor geschrieben.
-Als Antwort erhielt ich die Mitteilung, dem Prepotenskij sei auf
-meine Beschwerde hin ein Verweis erteilt worden. Jawohl, ein Verweis!
-Der die Geister verwirrt, der sich an den Kleinen versündigt, den
-ehrenwertesten, sanftmütigsten, man kann wohl sagen: musterhaftesten
-Diener des Altars kränkt -- erhält einen Verweis! Und wenn ein
-hungernder Subdiakon ein altes Psalmenbuch gegen ein neues eintauscht,
-wird seine Familie für ein ganzes Jahr des Ernährers beraubt ... O du
-arglistiges Geschlecht! ...«
-
-»27. Ich bin in der größten Aufregung. Mit dem abscheulichen Warnawa
-ist kein Auskommen. In der Stunde erzählte er neulich, daß der
-Prophet Jonas unmöglich vom Walfisch verschluckt werden konnte, denn
-dieses riesengroße Tier hätte doch eine sehr enge Gurgel. Ich kann
-das unmöglich dulden, aber ich wage es nicht, mich beim Direktor zu
-beschweren, denn am Ende läuft es wieder auf einen flüchtigen Verweis
-hinaus.«
-
-»17. Februar. Prepotenskij bringt mich ganz aus der Fassung. Ich kann
-ihn nach dem, was er sich jetzt wieder erlaubt hat, kaum noch für einen
-Menschen halten, und habe darüber nicht seinem Direktor, sondern dem
-Adelsmarschall Tuganow Bericht erstattet. Was mir von diesem alten
-Voltairianer kommen wird, weiß ich nicht, aber immerhin ist er ein
-bodenständiger Mensch und kein Mietling und wird daher vielleicht ein
-Einsehen haben. Warnawka treibt Dinge, wie sie nur der Wahnsinn einem
-eingeben kann. Weil der Lehrer Gonorskij erkrankt ist, hat Prepotenskij
-zeitweilig den Geschichtsunterricht übernehmen müssen, -- und hat
-gleich damit angefangen, von der Unsittlichkeit des Krieges zu reden
-und es direkt auf die Begebenheiten in Polen bezogen. Indessen das war
-ihm noch nicht genug, er begann über die Zivilisation zu spotten, den
-Patriotismus und die nationalen Prinzipien zu verhöhnen, und zuletzt
-sich auch noch lustig über die Anstandsregeln zu machen, welche er zum
-Teil sogar als unsittlich bezeichnete. Als Beispiel führte er an, daß
-die gebildeten Völker den Akt der Geburt des Menschen verheimlichen,
-den des Mordes aber nicht, indem sie sich sogar mit Kriegswaffen
-öffentlich sehen lassen. Was will dieser Narr? Wahrlich, das ist so
-dumm, daß man sich schämen muß, und doch ärgere ich mich. Es ist ja nur
-eine Kleinigkeit; aber ich muß ja nach den Kleinigkeiten sehen, denn
-über Kleinem bin ich gesetzt.«
-
-»28. Februar. Oho! Mein Voltairianer liebt nicht zu scherzen. Der
-Direktor ist hergekommen. Ich konnt' es nicht länger ertragen und ging
-trotz aller Drohungen des Arztes zu ihm hin und berichtete ihm von den
-Ungebührlichkeiten des Prepotenskij, aber der Herr Direktor haben zu
-alledem nur herzlich gelacht. Wie lachlustig sie alle sind! Er gab dem
-Ganzen eine scherzhafte Wendung und sagte, deswegen werde Moskau nicht
-in Flammen aufgehen, -- »und übrigens,« fügte er hinzu, »wo soll ich
-denn andere hernehmen? Sie sind heutzutage alle so.« Und so stand ich
-wieder da, wie ein Narr, der unnütz Krakeel macht. Aber das muß wohl so
-sein.«
-
-»1. März. Ich bin wirklich ein alter Narr geworden, über den alle sich
-lustig machen. Heute besuchten mich der Arzt und der Stadthauptmann,
-und ich sagte ihnen, daß meine Gesundheit infolge des gestrigen
-Ausgangs nicht im geringsten gelitten habe; da fingen sie beide an zu
-lachen und erwiderten, der Arzt habe mich zum Spaß in der Stube sitzen
-lassen, denn er habe mit irgend jemand gewettet, daß er, wenn er wolle,
-mich einen ganzen Monat lang zu Hause halten könne. Deshalb redete er
-mir von einer Gefahr vor, die gar nicht vorhanden war. Pfui!«
-
-»20. Juni. Ich habe eine Reise durch das Kirchspiel gemacht, die mir
-ausgezeichnet bekommen ist. Es ist so frisch und schön draußen in der
-Natur, und unter den Menschen herrscht Friede und Zufriedenheit. In
-Blagoduchowo haben die Bauern auf eigene Kosten die Kirche ausbauen
-und ausmalen lassen, aber auch bei einer so einfachen Sache hat sich
-wieder etwas Scherzhaftes hineingemengt. An der Wand der Vorhalle haben
-sie einen ehrwürdigen Greis abgebildet, der auf einem Ruhebette liegt,
-mit der Inschrift: »Und Gott ruhete am siebenten Tage von allen seinen
-Werken, die er machte.« Ich wies den Vater Jakob darauf hin und befahl
-das Bild zu übertünchen.«
-
-»11. Juli. Vorgestern war der Bischof auf der Durchreise hier und hat
-im Dom die Messe gelesen. Ich fragte den Vater Troadij, ob das Bild
-in Bogoduchowo entfernt worden sei, und erfuhr, daß es noch immer
-vorhanden, was mich einigermaßen erregte. Aber Vater Troadij beruhigte
-mich, meinte, das habe nichts zu sagen, es sei doch »volkstümlich« und
-fügte noch eine Anekdote hinzu von den Seelen der Erlösten, die der
-Maler in Schuhen dargestellt hatte, und so lief wieder alles auf einen
-Scherz hinaus. Ach, was die Leute alle lustig sind!«
-
-»20. Juli. Ich war in Blagoduchowo und ließ das Bild in meiner
-Gegenwart abkratzen. Ich halte es nicht für angebracht, diese dumme Art
-von Volkstümlichkeit zu pflegen. Ich fragte nach dem Verfertiger des
-Bildes; und es stellte sich heraus, daß der Glöckner Pawel es gemalt
-hatte. Um dem scherzhaften Geist der Zeit entgegenzukommen, befahl ich
-diesem Künstler, sich neben meinen Kutscher auf den Bock zu setzen,
-und nachdem wir vierzig Werst weit gefahren waren, ließ ich ihn zu Fuß
-nach Hause wandern, damit er unterwegs über seine malerische Phantasie
-nachdenken könne.«
-
-»12. Oktober. Der neue Gouverneur ist zur Revision hier gewesen. Er
-besuchte den Dom und die Schule und beide Male, hier wie dort, wollte
-er durchaus, daß ich ihn segne. Er ist ein echter Russe sowohl dem
-Namen, wie dem Benehmen nach. Noch sehr jung, hat er jene privilegierte
-Lehranstalt, die Rechtsschule, absolviert, und war bisher noch nie aus
-Petersburg herausgekommen, was auch leicht zu bemerken ist, denn alles
-interessiert ihn. Besonders angelegentlich erkundigte er sich nach den
-Gegensätzen zwischen Geistlichkeit und Adel; leider konnte ich seine
-Neugier wenig befriedigen, denn sowohl unser Kreisadelsmarschall
-Plodomasow, als auch der Gouvernementsmarschall Tuganow sind würdige
-Männer, und von Gegensätzen ist keine Rede.«
-
-»14. November. Es wird erzählt, daß ein Gutsbesitzer sich bei dem
-Gouverneur über die Bauern beschwert habe, die ihren Verpachtungen
-nicht nachkämen. Der Gouverneur habe seine Klagelitanei unterbrochen
-mit den Worten: »Ich bitte, wenn Sie vom Volke reden, nicht zu
-vergessen, daß ich Demokrat bin.««
-
-»20. Januar 1863. Ich notiere die außerordentliche und höchst
-belehrende »Geschichte vom Surrogat«. Es wird folgendes Kuriosum von
-der ersten Begegnung des neuen Gouverneurs mit unserm Adelsmarschall
-Tuganow erzählt. Dieser von höherer Politik durchdrungene Petersburger
-Kavalier stellte sich auch unserem Voltairianer als Demokrat vor, wofür
-ihn Tuganow auf dem Adelsball vor allen höchlich lobte und hinzufügte,
-diese Richtung sei die allerbeste, besonders in der gegenwärtigen Zeit,
-denn in drei Kreisen unseres Gouvernements herrsche eine ziemlich
-starke Hungersnot und da biete sich reichlich Gelegenheit, sich als
-Volksfreund zu bewähren. Der Gouverneur zeigte sich darüber sehr
-erfreut, daß die Leute hungern, und war nur ungehalten, daß er bisher
-nichts davon gewußt hatte; er rief seinen Kanzleivorsteher und machte
-ihm heftige Vorwürfe, daß er ihn nicht früher davon unterrichtet habe,
-und als richtiger Heißsporn ordnete er an, daß darüber sofort nach
-Petersburg berichtet werde. Aber der Vorsteher, der sich rechtfertigen
-wollte, sagte, daß von einer richtigen Hungersnot in jenen Kreisen
-nicht geredet werden könnte, denn wenn auch die Kornernte schlecht
-gewesen sei, so sei die Hirse doch sehr gut geraten. Damit fing nun
-die Geschichte an. »Was ist das -- Hirse?« rief der Gouverneur. »Hirse
-ist ein Surrogat für Brotkorn,« erwiderte der gelehrte Vorsteher,
-statt einfach zu sagen, daß man aus Hirse Brei koche, was unseren
-Rechtsgelehrten vielleicht vollständig befriedigt hätte, denn in
-der Kunst, einen Brei anzurühren, muß er Meister sein. Aber nun war
-einmal das Wort Surrogat gefallen. »Schämen Sie sich,« sagte der hohe
-Politiker, als er dieses Wort vernahm, »schämen Sie sich, mich so
-zu betrügen. Man braucht ja nur in einen Obstladen zu treten, um zu
-sehen, wozu Hirse gebraucht wird. In Hirse werden Trauben verpackt.«
-Tuganow schwieg mit ernstem Gesicht, tags darauf aber schickte er dem
-Gouverneur durch die Verpflegungskommission eine Liste der Kornfrüchte
-Rußlands. Der Gouverneur wurde verlegen, als er hier auch Hirse
-verzeichnet fand, ließ seinen Kanzleivorsteher rufen und sagte zu ihm:
-»Verzeihen Sie, daß ich Ihnen damals nicht glauben wollte. Sie haben
-recht. Hirse ist ein Getreide.« Du tust mir von Herzen leid, mein
-lieber Demokrat! Der Deutsche meinte wohl, daß St. Nikolaus mit Hafer
-gehandelt habe, aber solche Weintraubenscherze machte er nicht.«
-
-»6. Dezember. Es kommen immer wieder Nachrichten von Konflikten
-zwischen dem Adelsmarschall Tuganow und dem Gouverneur, der, wie man
-sagt, eine Gelegenheit sucht, dem Marschall für die Hirse etwas am
-Zeuge zu flicken, und wie es scheint, hat er endlich etwas gefunden.
-Der Gouverneur steht immer für die Bauern ein und jener, der Voltaire,
-verteidigt seine Rechte und Freiheiten. Dem einen hat das Rechtsstudium
-den Verstand aus dem Geleise gebracht, und des andern Hochmut kommt dem
-Berg Ararat gleich. Er läßt keinerlei fremdes Recht gelten. Es kommt
-sicher noch zu einer regelrechten Bataille.«
-
-»20. Dezember. Die Seminaristen sind für die Weihnachtsferien nach Haus
-gekommen und der Sohn des Vaters Zacharia, der Privatstunden in guten
-Familien gibt, erzählt eine ganz unglaubliche und wüste Geschichte:
-ein abgedankter Soldat hätte sich in einem Winkel der Marienkirche
-versteckt gehabt und die Krone von dem wundertätigen Bilde St. Johannis
-des Kriegers geraubt. Als die Krone dann in seinem Hause gefunden
-wurde, behauptete er, er hätte sie nicht gestohlen, sondern er hätte
-vor dem Bilde des Heiligen über die traurige Lage der dienstentlassenen
-Soldaten geklagt, und den heiligen Krieger in brünstigem Gebet
-angefleht, ihm in seiner Not zu helfen. Hierauf habe der Heilige, der
-seine Worte vernommen, gesagt: »Sie sollen ihrer Strafe in jener Welt
-nicht entgehen, du aber nimm vorläufig dieses hin« -- und mit diesen
-teilnehmenden Worten habe er angeblich die kostbare Krone von seinem
-Haupte genommen und gesagt: »Da!« Verdient eine solche Ausrede auch
-nur die geringste Beachtung? Aber unter dem Eindruck der Hirse denkt
-man anders, und also kam vom Gouverneur eine Anfrage ans Konsistorium:
-ob ein derartiges Wunder möglich sei? Selbstverständlich war nun das
-Konsistorium in einer sehr schwierigen Lage, denn es konnte doch nicht
-erwidern, daß ein Wunder unmöglich sei. Aber wo will das alles hinaus?
-Der Adelsmarschall Tuganow legte dagegen vertraulich Protest ein und
-schrieb, er halte diese Handlungsweise für unvernünftig, und meinte,
-sie bezwecke nur eine Erschütterung des Glaubens und eine Verhöhnung
-der Geistlichkeit. So wird dieser alte Freigeist zum Anwalt der
-Geistlichkeit, und der Rechtskundige, der sie verteidigen sollte, macht
-sie zum Gespötte. Nein, es kommt scheinbar wirklich die Stunde und sie
-ist schon da, wo der gesunde Menschenverstand nichts mehr von allem,
-was geschieht, für sonderbar halten wird. Auch über Tuganows Eintreten
-für die Kirche, so nützlich es in diesem Fall war, kann man sich nicht
-freuen, denn es geschah nicht aus Eifer für den Glauben, sondern aus
-Feindschaft gegen den Gouverneur, und was kann da Gutes kommen, wenn
-immer nur einer den andern schikaniert, ohne dessen eingedenk zu sein,
-daß sie beide derselben Krone den Eid geschworen haben und demselben
-Lande dienen? Es ist schlimm!«
-
-»9. Januar 1864. Tuganow war neulich in Plodomasowo, -- ich weiß nicht
-weswegen. Aber ich konnte nicht anders -- ich besuchte ihn dort, um
-etwas über seinen Kampf um St. Johannes den Krieger zu erfahren.
-Seltsam! Dieser Tuganow, einst ein Verehrer Voltaires, redete zu mir in
-freundschaftlichstem und betrübtem Tone. Er meint, sein Protest wäre
-noch nicht stark genug gewesen, denn »wie ich selber für mich über
-alle Wunder denke, das geht nur mich etwas an und das behalte ich auch
-für mich, aber ich kann diese nichtsnutzigen Bestrebungen doch nicht
-unterstützen, die darauf hinauslaufen, dem Volke das einzige zu nehmen,
-was ihm wenigstens eine Ahnung davon einflößt, daß es einer höheren
-Daseinssphäre angehört, als sein gestreiftes Schwein und seine Kuh.«
-Wie dürr und trocken ist diese Weisheit! Aber ich widersprach nicht ...
-Was ist da zu machen?! Herr, hilf du wenigstens +diesem Unglauben+,
-sonst kommen wir doch noch dazu, daß wir wieder in Rudeln umherlaufen,
-Wurzeln fressen und wie Pferde wiehern!«
-
-»21. März. Der Gutsherr Plodomasow ist aus der Residenz heimgekehrt und
-hat mir und dem Vater Zacharia und dem Diakon Achilla sehr kostbare
-Stäbe aus echtem Rohr mitgebracht. Auch zeigte er uns eine kleine
-gläserne Lampe mit einer brennenden Flüssigkeit, »Petroleum« oder
-Steinöl genannt, die aus Naphtha gewonnen wird.«
-
-»9. Mai. Ich habe mich so kleinlich gezeigt, daß ich mich vor mir
-selber schämen muß. Und das alles kam von den eben erwähnten Stäben.
-Mein ganzes vergangenes Leben ist über mich gefallen wie ein Sieb
-und hat mich zugedeckt. Ich sitze unter diesem Sieb wie eine Krähe,
-der böse Buben die Federn ausgerupft haben, und die sie nun gefangen
-halten, um ihren Spott mit ihr zu treiben. Das ist das Traurigste
-bei dieser allgemeinen Lebensverflachung: ich selber bin flach und
-klein geworden, so flach, daß ich nicht einmal imstande bin, meine
-ganze Eitelkeit dem stummen Papier anzuvertrauen. Ich will mich ganz
-kurz fassen. Es ärgerte mich, daß ich und Zacharia ganz gleiche Stäbe
-erhalten hatten und daß auch der des Achilla sich kaum von den zwei
-andern unterschied. O Gott! War ich denn auch früher schon so? Nein,
-mit solchen Kleinigkeiten gab ich mich nicht ab! Ich trug mich mit
-hohen Gedanken, wie ich hier in diesem irdischen Jammertal immer
-vollkommener werden könnte, um einst das ewige Licht zu schauen und dem
-Herrn das mir anvertraute Pfund mit reichen Zinsen zurückzugeben.«
-
-Damit schlossen die alten Tuberozowschen Aufzeichnungen, und als der
-Greis zu Ende gelesen, nahm er die Feder, trug ein neues Datum ein und
-begann danach mit ruhigen, strengen Schriftzügen zu schreiben:
-
-»Es ist seinerzeit von mir vermerkt worden, wie einmal der Sohn der
-Hostienbäckerin, der Lehrer Warnawa Prepotenskij, die unschuldigen
-Kinder an ihrem Glauben irre zu machen suchte, indem er sie eine
-Leiche sehen ließ und behauptete, es gäbe keine Seele, weil ihr
-Wohnsitz im Körper nirgends aufzufinden sei. Mein Zorn über diesen
-törichten, aber schädlichen Menschen wurde dazumal von klugen Leuten
-für übertrieben erklärt, und von der Veranlagung zu diesem Zorn hieß
-es, sie sei der Beachtung gar nicht wert. Jetzt hat sich wieder
-etwas Neues begeben. Beim letzten Hochwasser wurde eine unbekannte
-Leiche an unser Ufer gespült. Die Mutter des Warnawa, die arme
-Hostienbäckerin, sagte mir heute unter Tränen, daß der Arzt und der
-Stadthauptmann, wohl aus Bosheit gegen ihren Sohn oder um ihn zu
-verhöhnen, ihm jenen Toten geschenkt hätten, und Warnawa hätte aus
-Dummheit dieses Geschenk angenommen, und die Leiche in der Bütte,
-darin sie bisher friedlich ihre Wäsche in Asche gelegt, ausgekocht
-und die Brühe unter den Apfelbaum im Garten gegossen, die Knochen
-aber in die Gouvernementsstadt gebracht. Und nun fürchte sie, man
-werde ihren teuren Sohn mit jenen Knochen als Mörder festnehmen.
-Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und bat den Stadthauptmann
-um eine Erklärung, zu welchem Zwecke der Leichnam des Ertrunkenen,
-der nach der Sektion kirchlich bestattet werden mußte, dem Lehrer
-Warnawa ausgehändigt worden sei? Ich erhielt zur Antwort, das sei im
-Interesse der Aufklärung geschehen, d. h. damit er, Warnawa, an dem
-Skelett naturwissenschaftliche Studien treiben könne. Diese Sorge um
-die Wissenschaft kann einen lachen machen bei Leuten, die ihr so fern
-stehen, wie der Stadthauptmann Porochontzew, der sein halbes Leben
-im Kavalleriepferdestall zugebracht hat, wo man nichts lernt, als
-wie man den Pferden die Schwänze bindet, oder dieses Lügenmaul von
-Arzt, der jene Wissenschaft vertritt, deren Anhänger von den wahren
-Gelehrten für Ignoranten angesehen werden, was durch seine blödsinnige
-Behauptung bewiesen wird, er habe einmal bei Plodomasow versehentlich
-statt Branntwein ein Glas Leucht-Petroleum ausgetrunken, und da habe
-sein Bauch eine ganze Woche lang geleuchtet! Wie dem nun aber auch
-sei, der von dem Lehrer gekochte Leichnam hat sich in ein Skelett
-verwandelt. Warnawa brachte die Knochen zu einem Heilgehilfen am
-Gouvernementskrankenhaus. Dieser Meister der Anatomie fügte all die
-Knochen kunstvoll aneinander und setzte ein Gerippe zusammen, das nun
-wieder in unsere Stadt zurückgebracht wurde und sich gegenwärtig bei
-Prepotenskij befindet, der es dicht bei seinem Fenster befestigt hat.
-Da steht es nun und lockt immer wieder die Straßenmenge an und gibt zu
-allen möglichen Streitigkeiten Anlaß und zu einem ewigen häuslichen
-Zwist zwischen dem Warnawa und seiner einfältigen Mutter. Der Tote
-fängt an Rache zu nehmen. Jede Nacht erscheint er der unglückseligen
-Mutter des großen Gelehrten im Traum und fordert immer wieder sein
-christliches Begräbnis. Die Arme hat den Sohn auf den Knien angefleht,
-ihr dieses Skelett zu geben, daß sie es bestatte, aber natürlich
-widersetzt er sich dem mit aller Entschiedenheit. Da entschloß sie sich
-zu einer verzweifelten Maßnahme, sammelte in Abwesenheit des Sohnes die
-Knochen in eine kleine Holzkiste, trug sie in den Garten und vergrub
-sie mit ihren schwachen Greisenhänden unter dem nämlichen Apfelbaum,
-unter welchen Warnawa die zerkochten Fleischteile des Unglücklichen
-ausgeschüttet hatte. Aber sie hatte kein Glück damit, denn der gelehrte
-Sohn grub die Knochen wieder aus, und damit ging eine neue Geschichte
-an, die auch heut noch nicht beendet ist. Es ist ebenso lächerlich
-wie schmachvoll, was noch weiter folgte. Sie raubten sich die Knochen
-gegenseitig so lange, bis mein Diakon Achilla, der sich in alles
-mischen muß, diese Sache zum Abschluß brachte und mit solcher Hast
-ans Werk ging, daß es ganz unmöglich war, ihm Einhalt zu gebieten.
-Auch haben mich die Reden des Arztes und des Stadthauptmanns sehr
-verstimmt, die mir Vorwürfe machten wegen meiner eifernden (so nannten
-sie es) Intoleranz gegen den Unglauben, denn, meinen sie, wirklich
-gläubig sei heutzutag keiner mehr, auch die nicht, welche offiziell
-für den Glauben eintreten. Das glaub' ich auch! Ich kann nicht daran
-zweifeln. Aber ich wundere mich, woher bei uns dieser erbitterte Haß
-und diese Feindschaft gegen den Glauben kommen. Vom Freiheitsdrang?
-Aber wen hindert denn der Glaube, mit allem Eifer nach voller Freiheit
-in allen Dingen zu streben? Warum haben die wirklichen Denker nicht so
-gesprochen?«
-
-Vater Sawelij seufzte tief, legte die Feder hin und trat ans Fenster.
-Der Himmel war mit schwarzen Wolken bedeckt und schon fielen einzelne
-Regentropfen klatschend in den dicken Staub. Das war der Regen, um
-den Tuberozow am vergangenen Tage gebeten hatte. Der Alte flüsterte
-entzückte Worte des Dankes und des Lobes und merkte nicht, wie leise
-Tränen über seine Wangen liefen. Die Regentropfen aber fielen immer
-dichter und dichter, und endlich war es, als würde oben ein ganz feines
-Sieb geschüttelt, und die feuchte Kühle spielte erfrischend um den
-leicht erhitzten Kopf des Priesters. So am Fenster sitzend, das Haupt
-auf die weißen Hände gestützt, schlief Vater Sawelij ein.
-
-Inzwischen ging der sanfte Regen, den kein Gewitter begleitet hatte,
-vorüber, die Luft war frisch und rein geworden, der Himmel klar, und
-im Osten färbte die graue Dämmerung sich silbern, um dem Morgenrot den
-Weg zu bereiten, dem Morgenrot des Tages, der dem Gedächtnis unseres
-heiligen Vaters Methodius von Pesnosch geweiht ist, des Tages, dem, wie
-wir uns erinnern müssen, der Diakon Achilla eine so große Bedeutung
-zuschrieb.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Der Osten wurde immer heller, und während sich die Sonne im Nebel
-hinter dem dampfenden Walde wusch, reckten sich die goldenen Pfeile
-ihrer Strahlen schon in scharfen Strichen über den Horizont. Ein
-leichter Nebel wallte über dem Flusse auf und kletterte das zerklüftete
-Ufer entlang; unter der Brücke ballte er sich zusammen und blieb an
-den schwarzen, nassen Pfählen kleben. Durch diesen Nebel sieht man das
-Gemüsefeld bläulich schimmern und den weißen Streifen der Landstraße
-hinüberleuchten. Über allem liegen noch die Schatten des Halbdunkels,
-und nirgends, weder in den Häusern, noch auf den Plätzen und Straßen,
-merkt man etwas vom Erwachen.
-
-Aber da, auf dem höchsten Punkte der steilen Hügelseite von Stargorod,
-über dem schmalen Zickzackweg, der den steinigen Abhang hinab zum
-Wasser führt, heben sich zart und durchsichtig die Umrisse einer
-höchst seltsamen Gruppe ab. In dem schwachen Licht, das sie bescheint,
-wirkt sie ganz phantastisch. In der Mitte steht ein Mann, von dessen
-Schultern ein langes, im Gürtel leicht geschürztes Gewand bis zur Erde
-niederwallt. Ganz plötzlich ist diese Gestalt aus dem allmählich dünner
-werdenden Nebel aufgetaucht und steht unbeweglich, wie ein Gespenst.
-
-Ein abergläubischer Mensch könnte denken, es wäre der Hauskobold von
-Stargorod, der, ehe die Stadt erwacht, noch ein paar Klageseufzer über
-ihr anstimmen will.
-
-Aber je heller es wird, desto deutlicher erkennt man, daß es kein
-Hauskobold, noch sonst ein Geist ist, trotzdem aber auch nicht etwas
-ganz Alltägliches. Wir sehen jetzt, daß die Figur ihre Hände in die
-Taschen gesteckt hat. Aus der einen Tasche guckt eine sehr lange Gerte
-hervor, an deren Ende eine Schleuder oder eine Angelschnur gebunden
-ist. Aus der anderen hängt an vier Fäden etwas, das wie eine schwere
-Keule aussieht. Ein leiser Wind erhebt sich, die Oberfläche des
-schläfrigen Flusses beginnt sich leicht zu kräuseln, ein Zittern fährt
-durch die Zweige der Birken hinter dem schöngemusterten Gittertor des
-Domes, und die leeren Falten am weiten Gewande der Gestalt auf dem
-Berge geraten in Bewegung und enthüllen ein paar dünne Beine in weißen
-Unterhosen. In demselben Augenblick, wo diese dünnen Beine sichtbar
-werden, tauchen hinter ihnen plötzlich vier Hände auf, welche zwei
-anderen Gestalten gehören, die sich mehr im Hintergrunde gehalten
-hatten. Diese diensteifrigen Hände fassen die wehenden Enden des
-Gewandes, schlagen sie wieder zusammen und verhüllen aufs neue die
-dünnen, weißen Beine des Standbildes. Jetzt braucht man nur etwas
-schärfer hinzusehen, um auch die zwei anderen Gestalten zu erkennen.
-Rechts zeigt sich eine Frau. Sie fällt vor allem durch die ungeheure
-Wölbung ihres Leibes auf, über dem sich eine schmale Tunika hoch
-emporbläht. In der Hand hält sie einen glänzenden Metallschild, in
-dessen Mitte ein großer Büschel Haare befestigt ist, die soeben erst
-mit der Haut vom Kopfe des Feindes gelöst zu sein scheinen. Auf der
-anderen Seite, also zur Linken der hohen Gestalt, zeigt sich ein
-kurzbeiniger, schwarzer Wilder mit breitem Bart. Unter dem linken Arm
-hält er etwas wie ein Folterinstrument, und in der Rechten hat er
-einen blutigen Sack, aus dem zwei Menschenköpfe heraushängen, bleich,
-haarlos, wohl die unglücklichen Opfer der grausamen Folter. Um diese
-drei Gestalten scheint der ganze Zauber der nordischen Sage zu wehen.
-Nun steigt die helle Sonne noch ein wenig höher, und der Sagenzauber
-löst sich in nichts auf. Die drei stehen noch einen Augenblick da und
-eilen dann den Hügel hinab. Nachdem sie etwa zehn Schritte gemacht
-haben, bleiben sie wieder stehen, und der Größte, der vorausging, sagt
-leise:
-
-»Schau mal, Freund Komar, es ist heut noch nichts von ihnen zu sehen.«
-
-»Ja, es ist nichts zu sehen,« erwidert der schwarzbärtige Komar.
-
-»Sieh besser zu!«
-
-Komar blickt scharf über den Fluß hin:
-
-»Es lohnt gar nicht hinzuschauen, es ist keiner da.«
-
-»Und die Stille in der Stadt, ach du lieber Gott!«
-
-»Das schlafende Königreich,« spricht leise die Gestalt, die den Schild
-unter dem Arm hält.
-
-»Was sagst du, Felicie?« fragt der Lange, der nicht recht gehört hat.
-
-»Ich melde Ihnen, Woin Wasiljewitsch, daß die Stadt dem schlafenden
-Königreich gleicht,« antwortet die Frau.
-
-»Ja, dem schlafenden Königreich; aber bald werden sie erwachen. Schau
-mal hin, Komar, da drüben, scheint mir, platscht eben einer hinein.«
-
-Die Gestalt weist nach der Insel, von der sich ein leichter Dampf
-erhebt und leise nach der Brücke hin schwebt.
-
-»Ganz recht,« sagt Komar, und seine Blicke verfolgen zwei dünne Kreise
-auf dem stillen Wasser, die immer breiter werden. Im Mittelpunkt des
-vorderen Kreises schwankt und dreht sich etwas, das wie ein überreifer
-gelber Kürbis aussieht.
-
-»Ach, die Kanaille ist wieder zuerst reingesprungen, ohne auf die
-Obrigkeit zu warten.«
-
-»Der drüben ist auch fertig,« sagt Komar gleichgültig.
-
-»Nicht möglich, -- du lügst, Komar.«
-
-»Sehn Sie doch hin! Da ist er schon dicht am Wasser!«
-
-Alle drei legen die Hände über die Augen und blicken hinüber. Drüben
-sehen sie etwas Großes, Dickes zum Wasser herabschreiten. Es ist ganz
-in ein weißes schleppendes Gewand gehüllt und erinnert auffallend an
-die Statue des Komtur aus dem »Don Juan«, bewegt sich auch genau so
-langsam und feierlich und ebenso unbeirrt seinem Ziel entgegen.
-
-Jetzt ist aber auch der strahlende Phöbus auf seinem Feuerwagen ein
-gutes Stück höher hinaufgekommen; der zerflatternde Nebel schimmert in
-Bernsteintönen. Die ganze Landschaft leuchtet in Purpur und Blau und in
-diesem grellen, mächtigen Licht, ganz von Sonnenstrahlen überflutet,
-zeigt sich in den Wellen des Flusses ein nackter Recke mit einer
-mächtigen Mähne schwarzer Haare auf dem gewaltigen Haupte. Er sitzt
-auf einem mächtigen Rotfuchs, der seines Reiters würdig und mit seiner
-breiten Brust die Wellen kräftig teilt, zornig mit den feuerfarbenen
-Nüstern schnaubend.
-
-Der Reiter im Flusse und alle oben geschilderten Fußgänger streben dem
-nämlichen Punkte zu. Wollten wir Verbindungslinien von dem einen zum
-andern ziehen, sie würden sich alle bei einem großen Steine kreuzen,
-der in der Mitte des Flusses aus dem Wasser herausragt. In der ersten
-Gestalt, die den Berg herabsteigt, erkennen wir den Polizeichef von
-Stargorod, Rittmeister a. D. Woin Wasiljewitsch Porochontzew. Er hat
-einen himbeerfarbenen seidenen Schlafrock an und eine spitz zulaufende
-Kalotte aus Kamelgarn auf dem Kopfe. Aus der einen Tasche, in der seine
-rechte Hand steckt, guckt ein dünner Peitschenstiel, an dem eine lange
-Peitschenschnur hängt, und bei der andern, in die der Polizeichef
-seine Linke gelegt hat, sieht man eine riesengroße, ganz schwarz
-gerauchte Meerschaumpfeife und einen orientalischen Tabaksbeutel aus
-Saffian an einem Jagdriemen baumeln.
-
-Links von ihm schreitet langsam sein Kutscher, der längst schon
-seinen Taufnamen verloren hat und von allen nur noch Komar (Mücke)
-genannt wird. In seinen Händen befinden sich weder Folterinstrumente
-noch Totenköpfe, noch ein blutbesprengter Leinwandsack, sondern er
-trägt bloß eine Bank, einen alten roten Fußteppich und ein Paar
-straff aufgeblasener Schwimmblasen, die mit einem Tuchstreifen
-zusammengebunden sind.
-
-Die dritte Gestalt, die uns vor einer Viertelstunde so grausig
-erschien, mit ihrem Schlachtschild unter dem Arm, entpuppt sich als
-die sehr bescheidene Gattin des Komar. »Mütterchen Felizata«, wie sie
-von dem Hausgesinde genannt wird, trägt freilich eine sehr schwere
-Last, die sich aber ganz und gar nicht zu kriegerischen Aktionen
-eignet. Vor allem trägt die gute Frau ihren eigenen Leib, in dem ein
-künftiger kleiner Komar junior dem Leben entgegenträumt. Unter dem
-Arm aber hat sie eine hell in der Sonne glitzernde Messingschüssel,
-in der ein Bastwisch liegt, mit einem Badehandschuh aus Tuch, im
-Handschuh ein Stückchen Kampherseife, und auf dem Kopfe ein vierfach
-zusammengefaltetes Badetuch.
-
-Also ein durch und durch friedliches Bild.
-
-Die weiße Gestalt, die am jenseitigen Ufer langsam zum Wasser
-hinabschreitet, hat inzwischen auch alles Imponierende und damit
-auch jede Ähnlichkeit mit dem Standbild des Komturs verloren. Der
-Mann hat sich in ein weißes Badetuch gehüllt, und als er das Wasser
-erreicht und das Tuch fallen läßt, ist es nicht mehr schwer, in ihm
-den wohlbeleibten und ungefügen semmelblonden Kreisarzt Pugowkin zu
-erkennen.
-
-Der nackte Reiter auf dem langmähnigen roten Roß aber ist kein
-anderer als der Diakon Achilla, und sogar der im Gekräusel der
-Wellen auftauchende Kürbis gewinnt nach und nach ein wohlbekanntes
-menschliches Aussehen: zwei sanfte blaue Augen und eine eingeknickte
-Nase zeigen, daß wir es nicht mit einem Kürbis zu tun haben, sondern
-mit dem Kahlkopf des alten Konstantin Pizonskij, dessen Greisenleib
-ganz im kühlen Wasser steckt.
-
-Es sind die Badeliebhaber von Stargorod, die von alters her an jedem
-schönen Sommermorgen hier zusammenkommen und gemeinschaftlich sich des
-frischen Wassers erfreuen.
-
-Als erster stürzt sich der Arzt mit einem mächtigen Anlauf kopfüber in
-den Fluß und schwimmt auf den großen breiten Stein zu, der sich in der
-Mitte des Flusses einen Fuß hoch aus dem Wasser erhebt.
-
-Mit ein paar mächtigen Schlägen hat er ihn erreicht, klettert auf seine
-glatte obere Platte hinauf.
-
-»Ich bin wieder der erste im Wasser!« ruft er lachend. Und brüllt dem
-Achilla zu:
-
-»Schwimm doch schneller, du Pharao! -- Kahlkopf, komm herauf! Kahlkopf,
-komm herauf!«
-
-Inzwischen ist Felizata zu dem Polizeichef getreten. Sie löst seinen
-Gürtel, hilft ihm aus dem Schlafrock, so daß er in Unterhosen und einer
-bunten Flanelljacke dasteht. Der Arzt auf dem Stein plätschert mit den
-Füßen im Wasser, pfeift lustig vor sich hin und klatscht plötzlich den
-herangeschwommenen Diakon Achilla so laut und kräftig mit der flachen
-Hand auf den nackten Rücken, daß dieser aufschreit, nicht vor Schmerz,
-sondern vor Schreck über das laute Klatschen.
-
-»Was haust du mich mit solchem Lärm?«
-
-»Pack mich nicht am Leib,« erwidert der Arzt.
-
-»Wenn das aber meine Gewohnheit ist?«
-
-»Gewöhn dir's ab,« antwortet der Arzt und pfeift laut.
-
-»Ich gewöhn mir's auch ab, aber ich vergesse mich immer wieder.«
-
-Der Arzt erwidert nichts und pfeift weiter. Der Diakon schüttelt den
-Kopf, spuckt aus, bindet die Schnur auf, mit der sein Heldenleib
-gegürtet ist, nimmt die daranhängende Bürste und den Striegel ab und
-beginnt mit ebensoviel Eifer wie Sachkenntnis die Mähne seines Pferdes
-zu reinigen. Das mächtige Tier, welches sich an der langen Leine
-ziemlich frei bewegen kann, biegt den breiten Rücken und schlägt mit
-seinen Knien das Wasser zu Schaum.
-
-Dieses Landschafts- und Genrebild zeigt uns die Schlichtheit des
-Stargoroder Lebens, wie die Ouvertüre die Musik der Oper andeutet. Aber
-die Ouvertüre ist noch nicht zu Ende.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Am linken Flußufer, wo der Stadthauptmann immer noch zögert, hat der
-Kutscher Komar den Teppich ausgebreitet, die mitgebrachte Bank darauf
-gestellt, und nachdem er sich durch kräftiges Schütteln noch überzeugt
-hat, daß sie feststeht, ruft er:
-
-»Setzen Sie sich, Woin Wasiljewitsch, sie steht fest.«
-
-Porochontzew geht schnell auf die Bank zu, rüttelt sie erst noch einmal
-eigenhändig und setzt sich erst, nachdem er sich genügend überzeugt
-hat, daß sie tatsächlich ganz feststeht. Kaum hat der Herr sich
-gesetzt, so packt Komar ihn von hinten an den Schultern, und seine
-Frau, welche die Schüssel nebst Bastwisch und Badetuch auf den Teppich
-gestellt hat, beginnt den kriegerischen Stadtgewaltigen auszukleiden.
-Erst nimmt sie ihm die Kalotte ab, dann die gestrickte Unterjacke, die
-Pantoffeln und die Socken, legt hierauf ihre Handflächen vorsichtig an
-die dürren Rippen des Rittmeisters und bleibt so unbeweglich stehen,
-den Kopf etwas seitwärts gebogen.
-
-»Nun, Felicie, geht es schon? Kann ich schon reiten?« fragt
-Porochontzew.
-
-»Nein, Woin Wasiljewitsch, noch schlägt der Puls,« antwortet Felizata.
-
-»Na, wenn er noch schlägt, muß man warten. Aber du kannst hineinhupfen,
-Komar.«
-
-»Ich tu's auch gleich.«
-
-»Hupf nur, Bruder, hupf! Schwimm einmal herum und komm dann wieder
-raus. Dann wird geritten.«
-
-»Wenn ich dann nur nicht zu schlüpfrig bin, Woin Wasiljewitsch. Dann
-fallen Sie wieder runter, wie neulich.«
-
-»Nein, nein, ich fall schon nicht.«
-
-Komar wirft, hinter dem Rücken seines Herrn stehend, das Hemd ab und
-stürzt sich mit einem mächtigen Anlauf ins Wasser, wo er alsbald
-gewaltig mit den Armen zu arbeiten beginnt.
-
-»Famos schwimmt dein Komar,« sagt Porochontzew.
-
-»Ausgezeichnet,« entgegnet die Frau, welche sich anscheinend nicht im
-geringsten geniert und auch keinen der Badenden durch ihre Anwesenheit
-stört.
-
-Felizata, eine frühere Leibeigene Porochontzews, ist es seit langem
-gewohnt, ihren kränklichen Herrn zu bedienen, und bei dieser
-Beschäftigung gibt es für sie keinen Geschlechtsunterschied. Inzwischen
-ist Komar rund um den Stein geschwommen, auf dem die Badenden sitzen,
-und wieder aus dem Wasser gekrochen und steht nun, den gekrümmten
-Rücken einem Herrn zugewendet, vor der Bank. Woin Wasiljewitsch
-klettert auf den Rücken, umfaßt den Hals des Kutschers mit beiden
-Armen und reitet ins Wasser hinein. Der Rittmeister macht es fast
-immer so, denn er liebt es nicht, barfuß auf dem scharfen Kies zu
-gehen. Kaum hat jedoch das Wasser die Achselhöhlen Komars erreicht,
-so bleibt er stehen und meldet, nun seien keine Steine mehr da, denn
-er fühle reinen Sand unter seinen Sohlen. Woin Wasiljewitsch klettert
-von seinem Roß hinunter und legt sich auf die Schwimmblasen. Auch
-heute war der Vorgang derselbe: der dürre Stadtgewaltige legt sich
-hin, Komar gibt ihm einen tüchtigen Stoß und beide schwimmen nach dem
-Steine, den sie beide erklettern. Dieser nicht sehr große Stein, dessen
-über dem Wasser aufragende glatte, runde Fläche einen Durchmesser
-von etwa zwei Fuß haben mag, bietet fünf Personen Unterkunft, von
-denen vier -- Porochontzew, Pizonskij, der Arzt und Achilla -- sich
-an den Rand gesetzt haben, so daß sie einander den Rücken zukehren,
-während Komar mitten in dem engen Viereck steht, das eben diese Rücken
-bilden, und seinem Herrn den Kopf wäscht. Es wird eifrig diskutiert;
-Pizonskij erzählt unter beständigem Zucken seiner schiefen Nase, daß
-gestern abend in der Dämmerung irgendwo unterhalb der Brücke im Schilf
-sich zwei Schwäne niedergelassen und nachts, während es regnete,
-unausgesetzt geschrien hätten.
-
-»Wenn die Schwäne schreien, so verkünden sie irgend jemandes Ankunft,«
-meint Komar, indem er den Kopf seines Herrn eifrig mit Seife einreibt.
-
-»Nein, das verheißt bloß einen schönen Tag,« wendet Pizonskij ein.
-
-»Wer sollte auch zu uns kommen?« mischt sich der Arzt ins Gespräch.
-»Wir leben ja hier wie die reinen Waldteufel: in hundert Jahren
-passiert nichts Neues.«
-
-»Was soll uns auch das Neue?« sagt Pizonskij. »Wir haben ja alles; das
-Wetter ist schön, wir sitzen gemütlich auf unserm Stein und keiner
-verübelt es uns. Käme aber ein neuer Mensch her, so nähme er vielleicht
-Anstoß, es gäbe ein Gerede und ...«
-
-»Ein Gerede: warum sitzen sie so nackigt da?« unterbricht ihn Komar
-ungeniert.
-
-»Was ist das für ein Stadthauptmann, der sich von einem Frauenzimmer
-waschen läßt?« wirft der Arzt ein.
-
-»Ja, das ist wahr,« ruft der Rittmeister und schaut sich beunruhigt um.
-
-Komar bläst sich in den Schnurrbart, lächelt und sagt leise:
-
-»Und dann wird's heißen: was hat der Polizeichef auf dem Komar ins
-Wasser zu reiten?«
-
-»Halt's Maul, Komar!«
-
-»Auch das, auch das wird Fragen veranlassen,« sagt wieder der sanfte
-Pizonskij und seufzt, indem er fortfährt: »Und jetzt sitzen wir hier
-ohne alle Neuigkeiten wie im Paradiese. Selber sind wir nackt, aber
-wir sehen alle Schönheit der Welt: wir sehen den Wald, sehen die
-Berge, sehen die Tempel Gottes, das Wasser, das Grün der Wiesen; dort
-im Uferschilf piepen die jungen Entlein; vor uns im Wasser spielt das
-Völklein der kleinen Fische so fröhlich. Groß ist deine Güte, o Herr!«
-
-Die letzten Worte hatte Pizonskij mit erhobener Stimme gesprochen, sie
-hallten weit über den Fluß hin, wurden von den Hügeln zurückgeworfen
-und klangen dann noch ein drittes Mal etwas dumpfer von dem flachen
-Ufer wider. Pizonskij horcht auf, streckt den Zeigefinger über seinem
-kahlen Kopfe zum Himmel empor und sagt:
-
-»Dreimal antwortet dir die Güte des Herrn: was kann es Schöneres geben,
-als in solchem Frieden zu leben und in ihm sein Dasein zu vollenden.«
-
-»Wahr, sehr wahr,« antwortet der Rittmeister mit einem Seufzer.
-»Da haben der Arzt und ich uns eine kleine Neuerung gestattet: wir
-erlaubten dem Warnawa eine Leiche auszukochen. Wozu hat das nicht
-geführt! Übrigens, Diakon, vergiß nicht, daß du versprochen hast, dem
-Warnawa die Knochen wegzunehmen.«
-
-»Warum sollte ich's vergessen? Ich bin kein Manichäer, den man
-hundertmal mahnen muß. Was ich versprochen habe, das halte ich auch.«
-
-»Hast du? Hast du's wirklich schon?«
-
-»Natürlich hab' ich's.«
-
-»Du flunkerst, Diakon!«
-
-Achilla schweigt.
-
-»Warum redest du denn nicht? Erzähle doch, wie du ihm die Knochen
-weggenommen hast. Nun? Was Teufel bist du denn heut so solide?«
-
-»Warum soll ich nicht solid sein, wenn meine Taille es mir gestattet?«
-erwidert Achilla selbstbewußt. »Ihr zwei, du und der Arzt, macht
-Dummheiten, und ich muß sie wieder gutmachen. Na, da bin ich eben zum
-Warnawa ins Fenster hineingestiegen, hab die Knochen alle in einen Sack
-gesteckt ...«
-
-»Nun und dann, Achilla? Was dann, mein Lieber?«
-
-»Dann ging es ganz dumm.«
-
-»Ja wie denn? So erzähle doch!«
-
-»Was soll ich erzählen, wo ich selber nichts weiß? Dann hat mir jemand
-die Knochen wieder wegstibitzt.«
-
-Porochontzew springt auf und schreit:
-
-»Was? Wieder gestohlen?«
-
-»Ja, wie soll ich sagen? Gestohlen ist vielleicht nicht das richtige
-Wort. Ich weiß nur, daß ich den ganzen Kram zu mir nach Haus brachte
-und ihn in meinen Karren schüttete, um heut damit zur Begräbnisstätte
-zu fahren. Aber wie ich morgens nachseh, ist nichts mehr da -- bis auf
-das kleine Schwänzchen hier.«
-
-Der Arzt bricht in ein lautes Gelächter aus.
-
-»Was lachst du?« fragt der Diakon geärgert.
-
-»Ein Schwänzchen ist übriggeblieben, sagst du?«
-
-Achilla wird böse.
-
-»Nun ja, ein Schwänzchen,« erwidert er, »oder was soll das sonst sein?«
-
-Der Diakon löst von dem Striegel einen menschlichen Fußknöchel, den er
-mit einem Endchen Bindfaden daran befestigt hatte, reicht ihn dem Arzt
-hin und sagt trocken: »Da, sieh's dir an, wenn du mir nicht glaubst.«
-
-»Haben denn die Menschen Schwänze?«
-
-»Etwa nicht?«
-
-»Du hast also auch einen Schwanz?«
-
-»Ich?!« fragt Achilla.
-
-»Ja, du.«
-
-Der Arzt lacht wieder aus vollem Halse, der Diakon aber wird bleich und
-sagt:
-
-»Hör mal, mein lieber Meister Quacksalber, scherzen kannst du, -- aber
-mit Maß, wenn ich bitten darf. Vergiß nicht, daß ich eine geistliche
-Person bin.«
-
-»Na, schon recht! Aber sag mir mal erst, wo hast du deinen Astragalus?«
-
-Das unbekannte Wort »Astragalus« macht auf den Diakon einen
-verblüffenden Eindruck: die Fachbezeichnung für das unschuldige
-menschliche Sprungbein scheint ihm etwas äußerst Kränkendes, er
-schüttelt den Kopf, stößt einen tiefen Seufzer aus und sagt langsam:
-
-»Für so niederträchtig hätte ich dich allerdings nicht gehalten.«
-
-»Ich niederträchtig?«
-
-»Jawohl! Einer geistlichen Person mit derartigen dummen Fragen zu
-kommen ist niederträchtig. Aber merk dir: deinen faulen Scherz mit dem
-Schwanz hab' ich dir nachgesehen, aber jetzt nimm dich in acht!«
-
-»O wie schrecklich!«
-
-»Ja, hab' dich nur! Ich mein' es ernst. Eure Freigeisterei hängt mir
-längst zum Halse heraus.«
-
-»Ja, ist denn das Freigeisterei, wenn man Astragalus sagt?«
-
-»Kusch!« schreit der Diakon.
-
-»Schafskopf« meint der Arzt achselzuckend.
-
-»Kusch!« donnert Achilla und hebt drohend die Faust. Seine Augen
-funkeln grimmig.
-
-»Ist das ein Esel! Kein vernünftiges Wort kann man mit ihm reden.«
-
-»Was? Ein Esel bin ich? Man kann nicht mit mir reden? Na warte! Ich bin
-euch kein sanfter Sawelij! Runter in den Sumpf!«
-
-Mit diesen Worten hat der Diakon die Leine seines Pferdes aus der
-rechten Hand in die linke genommen, packt den Arzt mit der Rechten um
-den Leib und reißt ihn ins Wasser hinab. Sie tauchen unter, werden
-wieder sichtbar und verschwinden aufs neue. Obgleich das Verhalten des
-Diakons deutlich verriet, daß er keineswegs die Absicht hatte, den
-Arzt zu ertränken, sondern ihn nur etlichemal untertauchen wollte, --
-er hielt auch, während sie so zappelten, immer nach dem Ufer zu -- so
-versetzte das verzweifelte Gebrüll des Medikus die Drei auf dem Steine
-und die am Ufer stehende Felizata doch in eine so unbeschreibliche
-Angst, daß auch sie ein lautes Geschrei erhoben, welches die ganze
-Umgegend alarmieren mußte.
-
-So begann der Diakon Achilla seinen Ausrottungskampf gegen die in
-Stargorod um sich greifende gemeingefährliche Freigeisterei, und
-wir werden sehen, was für gewaltige Folgen dieser energische Anfang
-zeitigen sollte.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Der Lärm und das Geschrei der Badenden hatten den Propst, der an seinem
-Fenster kaum ein wenig eingeschlummert war, aufgeweckt. Der Alte
-erschrickt, springt auf, sieht auf den Fluß hinaus, kann aber ganz und
-gar nicht begreifen, was eigentlich geschehen. In diesem Augenblicke
-hält vor seinem Hause ein eleganter, von einem grauen Vollblutpferde
-gezogener Jagdwagen. Darin sitzt eine schwarzgekleidete junge Dame: sie
-kutschiert selbst, neben ihr ein kleiner Groom. Die Dame ist die junge
-verwitwete Gutsbesitzerin Alexandra Iwanowna Serbolowa, seine ehemalige
-Lieblingsschülerin.
-
-»Alexandra Iwanowna, seien Sie mir herzlichst willkommen,« erwidert der
-Propst ihren Gruß. »Meine Frau steht gleich auf, und dann sind Sie so
-freundlich, eine Tasse Tee mit uns zu nehmen.«
-
-Die Dame dankt. Sie sagt, sie sei in die Stadt gekommen, um eine
-Totenmesse für ihren verstorbenen Gatten lesen zu lassen, und bittet
-Tuberozow, doch recht bald in die Kirche zu kommen.
-
-»Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung.«
-
-»Vielen Dank. Ich will jetzt nur noch für einen Augenblick zur alten
-Prepotenskaja, sonst ist sie gekränkt.«
-
-Sie nickt dem Priester zu und im nächsten Augenblick ist der leichte
-Wagen verschwunden. Der Propst schickt das Dienstmädchen zum Küster
-mit dem Befehl, zur Frühmesse läuten zu lassen und den Diakon Achilla
-in die Kirche zu beordern; dann tritt er vor den Heiligenbilderschrein,
-seine Morgenandacht zu verrichten. Eine halbe Stunde später schlägt
-die Domglocke an, und gleich darauf kommt das Mädchen zurück mit der
-Meldung, sie habe den Diakon Achilla nicht finden können, niemand
-wisse, wo er sei. Zum Warten ist aber keine Zeit mehr und so nimmt der
-Propst seinen Stab mit der Inschrift »Der Stecken Aarons erblühte«
-und begibt sich in den Dom. Er ist noch keine zehn Minuten fort, als
-die Pröpstin Natalia Nikolajewna durch das plötzliche Erscheinen des
-Diakons Achilla höchlich überrascht wird. Er ist ganz außer sich.
-
-»Mütterchen,« ruft er, »alles, was ich Euch gestern von den
-Totengebeinen versprochen hatte, ist zuschanden geworden.«
-
-»Das habe ich mir doch gleich gedacht,« erwidert Natalia Nikolajewna.
-
-»Nein, bitte sehr, Ihr müßt erst wissen, warum es zuschanden geworden
-ist. Wie ich es Euch gestern versprach, so habe ich's auch gemacht.
-Ganz wie sich's gehört, habe ich die Überreste dieses Menschen, den
-der Warnawka gekocht hat, durchs Fenster gestohlen, in den Sack
-gesteckt und zu mir nach Haus getragen. Dann habe ich sie in den Karren
-geschüttet. Aber als ich heute nachschaue, ist der Karren leer! Kann
-ich dafür?«
-
-»Ja, wer beschuldigt dich denn?«
-
-»Das ist es ja eben. Mich überkam sogar ein Zweifel, ob ich sie nicht
-schon nachts vergraben hätte, aber heut früh im Bade war der Arzt so
-frech gegen mich, daß ich gleich aus dem Bad zum Warnawka gerannt bin.
-Alle Fensterläden waren geschlossen. Ich guckte durch eine Ritze, und
-da seh' ich, daß der Gekochte wieder heil und ganz am Nagel hängt! Wo
-ist der Vater Propst? Ich muß ihm gleich alles erzählen!«
-
-Natalia Nikolajewna schickte den Diakon ihrem Gatten nach, und der
-schnellfüßige Achilla hatte den Propst auch bald eingeholt.
-
-»Was rennst du so ... und fauchst und schnaufst und stampfest?« fragt
-ihn Sawelij, als er seine Schritte hinter sich hört.
-
-»Das ... das tu ich immer, Vater Sawelij, wenn ich laufe. Habt Ihr es
-nie bemerkt?«
-
-»Nein, bisher nicht. Aber sprich doch mit dem Arzt, er hilft dir
-vielleicht.«
-
-»Jawohl, der Arzt! Redet mir nur nicht von dem, Vater Sawelij! --
-Er hat mich heute ganz aus der Fassung gebracht. Denkt Euch diese
-Frechheit, Vater Propst ...« Der Diakon beugt sich zu dem Ohre des
-Propstes, und nachdem er ihm die Gemeinheit des Arztes leise mitgeteilt
-hat, fügt er laut hinzu: »Nun sagt selbst, ist das nicht furchtbar
-unverschämt?«
-
-»Ich finde nichts dabei,« erwidert der Propst, indem er langsam die
-Stufen vor dem Domportal emporsteigt. »Astragalus ist ein Fußknöchel,
-und ich verstehe nicht recht, was dich in solche Wut versetzt hat.«
-
-Der Diakon tritt einen Schritt zurück und ruft erstaunt: »Ein
-Fußknöchel?«
-
-»Ja freilich.«
-
-Achilla schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn:
-
-»Ich Dummkopf!«
-
-»Was hast du gemacht?«
-
-»Nein, ich bitt' Euch, seid so gut, nennt mich einen Dummkopf!«
-
-»Ja, weswegen denn?«
-
-»Nein, nein, nennt mich nur so. Ich hätte diesen Arzt beinahe ersäuft.«
-
-»Nun gut, mein Lieber, ich erfülle deinen Wunsch: du bist wahrhaftig
-ein Narr, und ich sage dir's voraus, wenn du von dergleichen
-Narrengewohnheiten nicht bald lässest, so kommt es noch einmal dahin,
-daß du jemand ums Leben bringst.«
-
-»Erbarmt Euch, Vater Sawelij, ich bin doch nicht ganz von Sinnen.«
-
-»Überall, überall folgt dir der Unfrieden auf dem Fuße!«
-
-»Ich weiß nicht, woher das kommt. Ich bin für Frieden und Ordnung, aber
-es kommt immer anders.«
-
-Hierauf erzählt Achilla in großer Hast, aber mit allen Einzelheiten,
-wie er gestern das Gerippe gestohlen und wie es dann wieder
-verschwunden und an seinem alten Platze erschienen sei. Tuberozow hört
-ihm zu. Seine Augen werden immer größer und größer, und unwillkürlich
-tritt er ein paar Schritte zurück, indem er ausruft:
-
-»Großer Gott, was für ein unseliger Mensch!«
-
-»Wer, Vater Sawelij?« meint Achilla, nicht weniger erstaunt.
-
-»Du, mein Bester, du!«
-
-»Aus welchem Grunde bin ich unselig?«
-
-»Welch böser Geist treibt dich zu alledem?«
-
-»Wozu?«
-
-»Zum Einbrechen, Rauben, Zanken.«
-
-»Ihr habt mich dazu angetrieben,« erwidert der Diakon ganz ruhig und
-freundlich. »Ihr sagtet: so oder so -- der Sache muß ein Ende gemacht
-werden. Und da hab' ich ihr ein Ende gemacht. Ich habe nur Euren Wunsch
-erfüllt.«
-
-Tuberozow schüttelt den Kopf, wendet sich dem Portal zu und tritt in
-die Vorhalle, wo er die Serbolowa in stillem Gebete kniend erblickt.
-In einer Ecke aber sitzt der Lehrer Prepotenskij auf einer Totenbahre
-und klopft sich den Staub von den Beinkleidern. Sein Gesicht strahlt.
-Er schaut den Propst und den Diakon mit triumphierendem Lächeln an. Was
-konnte ihn, den Gottesleugner, in die Kirche geführt haben? Darüber
-erstaunte Tuberozow nicht weniger als Achilla; nur vermochte Achilla
-diesen Gedanken auch während der Messe nicht zu bannen, während der
-ernste Sawelij ihn bereits von sich gewiesen hatte, als sich die Tür
-zum Altarraum vor ihm auftat, denn er war gewohnt, mit Furcht und
-Zittern vor das Angesicht seines Gottes zu treten.
-
-Eine Stunde war vergangen und die Totenmesse beendet. Die Serbolowa
-und ein entfernter Vetter von ihr, ein gewisser Darjanow, hatten beim
-Propst Tee getrunken und waren fortgegangen. Die Serbolowa wollte
-gegen Abend, wenn die Sonne nicht mehr so heiß brannte, auf ihr Gut
-zurückkehren. Jetzt aber gedachte sie etwas zu ruhen. Darjanow sollte
-mit ihr bei der alten Prepotenskaja Mittag essen, wohin Tuberozow
-später ebenfalls kommen wollte, um ein Gläschen Tee zu trinken und
-seinem lieben Beichtkinde das Geleite zu geben.
-
-
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-Neuntes Kapitel.
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-Öde, traurig und eintönig ist der Anblick der menschenleeren
-Straßen unserer Kreisstädte zu jeder Zeit; aber nie erscheinen sie
-so ausgestorben wie an einem heißen Sommermittag. Der dicke, graue
-Staub, den stellenweise die Spuren von Wagenrädern durchfurchen, das
-schläfrige, welke Gras, das die ungepflasterten Straßen an der Seite,
-wo die Trottoirs anzunehmen sind, umsäumt, die grauen, halbverfaulten,
-schiefen Zäune, die Kirchentüren mit ihren schweren Hängeschlössern,
-die Holzbuden, die von ihren Besitzern verlassen und mit zwei übers
-Kreuz geschlagenen Brettern verbarrikadiert sind, -- alles das
-schlummert in der Mittagshitze so verführerisch, daß der Mensch, der
-verurteilt ist, in dieser Umgebung zu leben, ganz von selbst alle
-Munterkeit verliert und auch matt wird und einschläft.
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-Um diese Stunde war es, als Valerian Nikolajewitsch Darjanow, nachdem
-er einige öde Straßen durchschritten hatte, in ein enges Gäßchen
-einbog, das durch einen alten Gitterzaun völlig abgeschlossen ward.
-Hinter dem Zaun war eine Kirche sichtbar. Darjanow bückte sich tief
-und trat durch das niedrige Pförtchen in den Kirchhof. Hier stand
-in einer Ecke das kaum bemerkbare Hüttchen des Kirchenwächters, und
-weiter hinten, inmitten eines ganzen Waldes verfallener Grabkreuze,
-verbarg sich das niedrige, dreifenstrige Häuschen der Hostienbäckerin
-Prepotenskaja.
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-Der Friedhof war frei von dem Staube, der in dicker Schicht alle
-Straßen und Plätze der Stadt bedeckte. Hier wuchs schönes grünes
-Gras, und zwei Hühner, die sich im weichen Staube im Sonnenschein
-ausliegen wollten, mußten vor die Pforte hinaus und sich unter der
-Schwelle in den weichen Staub eingraben, so daß man sie kaum sehen
-konnte. Dort lagen sie meist den ganzen Tag, fest überzeugt, daß keiner
-sie stören werde. Als Darjanow über sie hinwegschritt, rührten sie
-sich nicht; jedes öffnete nur eins seiner bernsteinfarbenen Augen,
-begleitete den Gast mit einem schläfrigen Blick und schloß dann die
-grauen Lider wieder. Darjanow ging geradewegs auf das Pförtchen des
-Prepotenskijschen Hauses zu und schlug mit dem schweren eisernen
-Ring gegen das Holz. Alles blieb stumm. Kein Hund bellte, keine
-menschliche Stimme ließ sich vernehmen. Darjanow klopfte noch einmal,
-aber wieder erfolglos. Dann ließ er alle Hoffnung fahren, kroch unter
-dem Lattenwerk hindurch ins Himbeergesträuch, welches das Haus der
-Hostienbäckerin dicht umgab, und schaute in eins der Fenster. Diese
-waren gegen die Sonnenhitze durch Läden geschlossen, aber durch die
-breiten Ritzen konnte man den ganzen Innenraum übersehen. Es war ein
-großes, hohes Zimmer, fast ohne Möbel, mit zwei Türen, durch deren eine
-man in eine zweite, winzige blaue Kammer mit einem hohen Bett blickte,
-über welchem eine aus Kattunflicken zusammengenähte Decke lag.
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-Das große, leere Zimmer gehörte dem Lehrer Warnawa, die kleine Kammer
-seiner Mutter. Das ganze Haus bestand nur aus diesem zwei Räumen, denn
-die winzige Küche, in der man sich kaum umdrehen konnte, zählte nicht
-mit.
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-Augenblicklich standen beide Zimmer leer, aber Darjanow hörte im
-Vorhause hinter der Tür eifrig jemand mit dem Hackmesser arbeiten,
-und im Garten unter dem Fenster schien entweder Ziegel gerieben oder
-Eisen gefeilt zu werden. Durchaus überzeugt, alles Klopfen führe zu
-nichts, trat Darjanow an den Zaun, der das Gärtchen umgab, und begann
-eine neue Musterung durch den Spalt, den er zwischen den Brettern
-entdeckte. Es war aber nicht so leicht, denn an den Zaun lehnte sich
-dichtes Gesträuch, das den Menschen, der da mit den Ziegeln oder
-der Feile arbeitete, nicht sehen ließ. Darjanow mußte sich einen
-neuen Beobachtungspunkt suchen. Er trat mit der Fußspitze auf ein
-vorspringendes Brett, faßte mit der Hand den oberen Rand des Zaunes
-und schwang sich empor. Jetzt konnte er den ganzen kleinen, aber
-dichtbewachsenen und sehr reinlich gehaltenen Garten übersehen. Quer
-hindurch ging ein von der Hostienbäckerin eigenhändig angelegter,
-sauber mit gelbem Sand bestreuter Weg, auf welchem der Lehrer Warnawa
-saß. Er hielt die ausgestreckten Beine auseinandergespreizt, wie Kinder
-beim Ballspielen. Zwischen seinen Knien lag auf dem Sande ein ganzer
-Haufen Menschenknochen und ein Bogen blaues Packpapier. In jeder Hand
-hielt er einen Ziegelstein und rieb sie mit gewaltiger Kraftanstrengung
-aneinander. Der Schweiß floß in Strömen über sein Gesicht, obgleich er
-im Schatten saß und alle irgend überflüssigen Toilettenstücke abgelegt
-hatte. Er war barfuß und nur mit Hemd und Hose, welch letztere nur
-durch einen Träger gehalten wurde, bekleidet.
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-»Warnawa Wasiljewitsch, machen Sie mir auf!« rief Darjanow ihm zu, aber
-dieser Ruf verhallte ergebnislos.
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-Eher hätten die Toten auf dem verfallenen Friedhof dem Gast Bescheid
-geben können, als der ganz in seine Arbeit vertiefte Lehrer. Sobald
-Darjanow das begriffen hatte, verzichtete er auf weiteres Rufen und
-sprang vom Zaun mitten in den Garten hinein. Er sprang leicht und
-gewandt, aber die alten, wackligen Bretter schlugen trotzdem krachend
-aneinander und erschreckten den Lehrer dermaßen, daß er in größter
-Hast seine Ziegelsteine fallen ließ und, auf allen Vieren stehend, die
-Knochen zusammenzusuchen begann.
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-»Na, Warnawa Wasiljewitsch, guter Freund! Sie sind aber vertieft in
-Ihre Arbeit! Man kann sich ja die Lunge aus dem Halse schreien!«
-begrüßte ihn der Gast hervortretend. Als Warnawa ihn erkannte, ging
-ein Leuchten über sein Antlitz, und er zwinkerte mit den Augen, als er
-sagte:
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-»Ah, Sie sind's! Und ich dachte, es wäre der Achilla.«
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-Mit diesen Worten breitete der Lehrer freudig die Arme aus, und der
-ganze Haufen Knochen plumpste auf den Weg, als würde plötzlich das
-Innere des Mannes ausgeschüttet.
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-»Ach, Valerian Nikolajewitsch,« meinte er, »wenn Sie wüßten, was
-hier vorgeht. Nein, hol's der Teufel, -- da soll man noch in diesem
-verfluchten Rußland bleiben!«
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-»Um Gotteswillen, was ist denn passiert? Wollen Sie es mir nicht
-verraten?«
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-»Ja gewiß, wenn ... wenn Sie kein Spion sind.«
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-»Ich glaube nicht.«
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-»Dann setzen Sie sich auf die Bank und ich will weiter arbeiten. Setzen
-Sie sich nur, mir ist Ihre Gegenwart sogar sehr angenehm; ich habe so
-wenigstens einen Zeugen.«
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-Der Gast kam der Aufforderung nach und bat den Lehrer noch einmal,
-zu berichten, was für ein Leid ihn betroffen hätte und wie alles so
-gekommen wäre.
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-Zehntes Kapitel.
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-»Mein Leiden begann mit meiner Geburt, Valerian Nikolajewitsch,« fing
-der Lehrer an, »und wurzelt in der Hauptsache darin, daß ich von meiner
-Mutter geboren bin.«
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-»Trösten Sie sich, lieber Freund, alle Menschen sind von ihren Müttern
-geboren,« entgegnete Darjanow und wischte sich den Schweiß von der
-Stirn. »Nur Macduff wurde aus dem Mutterleibe geschnitten, und auch
-nur, damit Macbeth von keinem besiegt werde, den ein Weib gebar.«
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-»Na ja, Macbeth! ... Was schert mich euer Macbeth? Wir brauchen keinen
-Macbeth, wir brauchen Aufklärung. Aber was soll man machen, wenn man
-hier nicht studieren kann? Ich kann es ohne weiteres beschwören, daß
-weder in Petersburg, noch in Neapel, noch sonstwo in der Welt der
-Mensch, der etwas lernen will, auf solche Hindernisse stößt, wie hier
-bei uns. Da redet man von Spanien ... Aber wie ist's mit Spanien? In
-Spanien ist die Lutherbibel verboten. Schön! Dafür aber haben sie
-auch Verschwörungen und Aufstände und Gott weiß was alles. Ich bin
-überzeugt, wenn sich dort jemand ein Skelett zu wissenschaftlichen
-Zwecken anschafft, so wird niemand was dagegen einzuwenden haben. Aber
-hier? Kaum hatte ich die Knochen präpariert, so ließ meine eigene
-Mutter mir keine Ruhe mehr. ›Sei lieb, Warnawa, mein Kind, ich will ihn
-beerdigen.‹ Was heißt das: ›ihn‹? Was ist das für ein ›Er‹? Warum sind
-diese Knochen ein Er und keine Sie? Hab' ich recht oder nicht?«
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-»Vollkommen recht.«
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-»Ausgezeichnet. Jetzt sagt man, daß ich meiner Mutter nicht vernünftig
-zuzureden verstehe. Ja, was soll ich denn noch sagen? ›Mütterchen, laßt
-die Knochen in Ruhe,‹ sprach ich. ›Ihr versteht nichts davon. Ich habe
-sie nötig, ich studiere den Menschen daran.‹ Aber was soll ich machen,
-wenn sie mir stets darauf antwortet: ›Weißt du, lieber Warnascha, es
-ist doch besser, wenn ich ihn begrabe.‹ -- -- Das ist doch nicht zum
-Aushalten.«
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-»Allerdings.«
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-»Ich sagte ihr, um sie los zu werden: ›Was quält Ihr Euch um ihn,
-Mutter, er war ein Jude.‹ Aber sie glaubt mir nicht. ›Du lügst,‹
-meint sie, ›das gibt dir der Teufel ein. Ich weiß es doch besser, die
-Juden haben alle Schwänzchen.‹ Niemals, sage ich, haben die Menschen,
-gleichviel ob Juden oder Nichtjuden, Schwänze gehabt. Und dann fängt
-der Zank an. Ich trete, wie sich's gehört, für die Juden ein, und sie
-widerspricht mir. Ich beweise ihr, sie hätten keine Schwänze, aber sie
-besteht darauf: Ja -- nein -- mit Schwanz -- ohne Schwanz ... heißt es.
-Und wenn sie sich gar nicht mehr zu helfen weiß, dann zischt sie nur
-noch: Kusch -- kusch -- kusch -- und fuchtelt mir mit den Händen vor
-der Nase herum, als wär' ich ein Huhn, das sie von den Gemüsebeeten
-verjagen will. Und da verlangt man noch, man solle den Frauen Freiheit
-geben. Ich bin gewiß für die Emanzipation, aber man muß die Sache mit
-Vernunft anfangen: einer jungen, entwickelten Frau, die sich in ihrem
-Tun keinen Zwang auferlegen will, soll man die Freiheit geben, aber
-diesen alten Weibern -- -- Nein, dagegen bin ich durchaus, und wundere
-mich, daß noch niemand diese Frage öffentlich behandelt hat. Hinter
-all dem stecken die Pfaffen mit diesem Tuberozow an der Spitze.«
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-»Sie übertreiben!«
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-»Warum nicht gar! Ich habe die Beweise dafür in der Hand. Tuberozow hat
-mich nie leiden mögen, jetzt aber haßt er mich einfach wegen meiner
-naturwissenschaftlichen Studien. Ich habe ihn ja einmal geschnitten.«
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-»Wie haben Sie denn das gemacht?«
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-»Nicht einmal, hundertmal hab' ich ihn schon geschnitten, -- zuletzt
-noch in der vorigen Woche. Damals in der Schule, im Sprechzimmer des
-Inspektors, fing er an zu predigen, die Feiertage seien etwas ganz
-Besonderes, -- da hab' ich ihn in aller Gegenwart geschnitten. Ich
-wies ihn einfach darauf hin, es sei mathematisch bewiesen, daß die
-Festlegung der Feiertage fehlerhaft sei. Wie steht's denn um unsere
-Feste? fragte ich. Wir feiern Weihnachten, und im Auslande haben sie es
-schon dreizehn Tage früher gefeiert. Hab' ich nicht recht?«
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-»Es sind aber nur zwölf Tage, nicht dreizehn.«
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-»Nun gut, zwölf, darauf kommt es nicht an. Aber er schlug gleich mit
-der flachen Hand auf den Tisch und schrie: ›Paß auf, du Mathematikus,
-daß man dir dafür nicht noch mal in die Physik fährt!‹ Ich frage Sie:
-was meint er mit dem Worte Physik? Sie werden mich verstehen, -- so
-redet doch nur ein Ignorant oder Zyniker, -- und: ist das überhaupt
-eine Antwort, frage ich Sie?«
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-Der Gast lachte und sagte, eine Antwort sei es schon, aber freilich
-eine höchst merkwürdige.
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-»Einfach dumm ist sie. Aber so geht es tagaus, tagein. Gestern abend
-erst komme ich von der Biziukina, und wenige Schritte vor mir geht der
-Kommissar Danilka, -- wissen Sie, jener Herumtreiber, der für zwei
-Rubel das Pferd beim Glitsch wegführte, als Achilla Butter schlagen
-mußte. Ich kam mit ihm ins Gespräch. Wo warst du, Danilka? frag'
-ich ihn. Er antwortet, er sei beim Polizeichef gewesen und habe ihm
-Beeren von der Postmeisterin gebracht. Dort habe man gerade von mir
-gesprochen, der Diakon sei dagewesen, bemerkte er noch. Ich geriet
-natürlich in Aufregung, aber er suchte mich zu beruhigen: ›Nicht von
-Ihnen selbst war die Rede, sondern von dem toten Menschen, den Sie
-bei sich haben.‹ Begreifen Sie das Intrigenspiel? Ich gab dem Danilka
-zwanzig Kopeken. Was sollte ich machen? Es ist ja nicht schön, aber
-es geht nicht ohne Spione. Und nun berichtete er mir, der Diakon habe
-gesagt, es sei ein großer Fehler, mir den Ertrunkenen überlassen zu
-haben. Aber man kann es noch wieder gutmachen. Der Stadthauptmann kennt
-natürlich meinen Charakter und meinte deshalb auch, ich würde die
-Knochen nicht wieder zurückgeben, -- und ich geb' sie auch bestimmt
-nicht heraus! Achilla aber riet: ›Man nimmt sie ihm einfach fort und
-bestattet sie in aller Ruhe.‹ Da meinte der Stadthauptmann: ›Sollte man
-vielleicht einen Schutzmann nach den Knochen schicken?‹ Jedoch dieser
-Bandit antwortet: ›Ich brauche keinerlei polizeiliche Hilfe. Ich hole
-sie einfach, lege sie in einen Kindersarg und die Sache ist erledigt.‹«
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-Plötzlich stürzte Prepotenskij auf die Gebeine los, breitete die Hände
-über sie aus, wie eine Henne ihre vor dem Habicht flüchtenden Küchlein
-mit den Flügeln bedeckt, und sagte mit erregter Stimme:
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-»Bitte sehr! Solange ich am Leben bin, wird die Sache nicht gemacht! Es
-ist schon genug, daß Ihr alles verzögert!«
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-»Was verzögern ›sie‹ denn?«
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-»Als ob Sie das nicht wüßten!«
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-»Etwa die Revolution?«
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-Der Lehrer brach seine Arbeit ab und nickte spöttisch.
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-Elftes Kapitel.
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-»Nachdem ich dies alles von Danilka gehört hatte,« fuhr Warnawa fort,
-»begab ich mich zur Biziukina zurück, um sie davon in Kenntnis zu
-setzen, und eine Stunde später, als ich nach Hause kam, waren alle
-Knochen schon fort. ›Wo sind sie geblieben? Wo?‹ schrei' ich, -- und
-diese Dame, meine Frau Mama, antwortet: ›Sei nicht bös, mein lieber
-Warnaschenka (haben sie mir schon so einen scheußlichen Namen gegeben,
-muß er jetzt auch noch so ekelhaft verdreht werden), sei nicht bös,
-die Obrigkeit hat sie holen lassen.‹ -- ›Was ist das wieder für ein
-Blödsinn,‹ schrei' ich, ›von was für einer Obrigkeit quasselt Ihr
-denn?‹ -- ›Während du fort warst,‹ sagt sie, ›kam der Diakon Achilla
-ans Fenster und hat sie alle mitgenommen.‹ Was sagen Sie dazu? ›Seit
-wann gehört der Diakon zur Obrigkeit?‹ -- ›Ja, Lieber,‹ sagt sie,
-›wieso denn nicht? Er hat doch die Weihen empfangen.‹ Wie soll man mit
-einer solchen Person reden? Sie lachen, Ihnen kommt das komisch vor,
-mir aber war gar nicht lächerlich zumute, als ich selber zu diesem
-Banditen hingehen mußte. Jawohl! Achilla nennt mich feige und alle
-glauben es, aber gestern habe ich bewiesen, daß ich kein Feigling bin;
-geradewegs begab ich mich zu Achilla. Als ich hinkam, schnarchte er
-bereits. Ich klopfte ans Fenster und rief: ›Gebt mir meine Knochen
-heraus, Achilla Andrejewitsch.‹ Es dauerte eine Weile, bis er erwachte,
-und sofort mit seinen Unverschämtheiten loslegte: ›Was willst du mit
-den Knochen? (Was soll dies familiäre Du? Seit wann sind wir so intim?)
-Du bist ohne Knochen viel netter.‹ -- ›Das geht Euch gar nichts an, ob
-und wann ich netter bin.‹ -- ›Im Gegenteil, das geht mich sogar sehr
-viel an, denn ich bin eine geistliche Person.‹ -- ›Aber Ihr habt nicht
-das Recht, fremdes Eigentum fortzunehmen.‹ -- ›Sind denn Totengebeine
-Eigentum? Du solltest erst mal kapieren, daß du solches Eigentum gar
-nicht besitzen darfst.‹ Darauf erwiderte ich ihm, daß der Diebstahl
-den geistlichen Personen doch wohl auch nicht gestattet sei: er kenne
-wahrscheinlich die englischen Gesetze nicht. In England könne er dafür
-gehenkt werden. Und was antwortet er mir? ›Wenn du mir von allerlei
-Gesetzen vorschwatzen willst, dann bedenke gefälligst, daß du dafür
-nach der Gendarmeriekanzlei gebracht werden kannst. Da schiebt man dich
-bis zum Gürtel ins Kellerloch und dann setzt es Rutenhiebe mit zwei
-Bündeln zugleich. Dann hast du dein England.‹ Und damit schmeißt er
-sich wieder auf sein Bett. Jetzt war mir alles klar. Ich ging sofort
-zu Biziukins, um gleich alles Daria Nikolajewna zu erzählen, die ganz
-meiner Meinung war. Wie ich ihr gestern meine Vermutungen über den
-Diakon Achilla mitteilte, sagte sie sofort: ›Natürlich ist er ein
-Spion! In Ihrer gegenwärtigen, gefährlichen Lage muß es Ihre Hauptsorge
-sein, wieder in den Besitz der Knochen zu gelangen und sie dann aufs
-allereifrigste zu Lehrzwecken auszunutzen. Achilla kann sie jetzt bei
-Nacht noch nicht fortgeschafft haben, und wenn Sie sich gleich zu ihm
-schleichen, so können Sie sie wiederbekommen. Passen Sie nur auf, daß
-er Sie nicht erwischt, sonst könnte er Sie arg verhauen ...‹«
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-»Verhauen?«
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-»So meinte sie, weil sie die Gewohnheiten des Achilla gut kennt, und
-fügte noch hinzu: ›Lassen Sie sich aber nicht beirren. Nehmen Sie mein
-dickes, gemustertes Tuch und wickeln Sie es sich um den Hals. Auf den
-Kopf setzen Sie meine wattierte Winterkappe. Wenn er Sie dann wirklich
-ertappt und zuschlägt, so sind Sie geschützt und es tut Ihnen nicht
-weh.‹ Ich legte alles an und zog los. So kam ich denn zum zweitenmal
-in den Hof dieses Viehes. Der Hund schlug an, aber Daria Nikolajewna
-hatte auch das vorausgesehen und mir ein Stück Kuchen für den Köter
-mitgegeben. Ich fütterte ihn und ging weiter, bis ich vor mir einen
-Karren stehen sah. Ich stürze auf ihn zu, -- und richtig, da lagen sie
-alle drinnen, alle meine Knochen.«
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-»Sie machten sich natürlich gleich an die Arbeit?«
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-»Versteht sich! Ich nahm die Kappe vom Kopf, wickelte die Knochen
-hinein und raste im schnellsten Tempo davon.«
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-»Und damit war die Geschichte zu Ende?«
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-»Zu Ende? Nein, jetzt war sie erst in vollem Gange. Soll ich
-weitererzählen?«
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-»Ich bitte darum!«
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-Zwölftes Kapitel.
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-»Erst muß ich Ihnen noch erklären, wie und warum ich heute in die
-Kirche gekommen bin. Früh fährt Alexandra Iwanowna Serbolowa bei uns
-vor. Sie kennen sie sicher besser als ich. Sie ist strenggläubig
-und ihre Anschauungen sind überhaupt stark rückständig, aber sie
-unterstützt meine Mutter in diesem und jenem, und deshalb bringe ich
-das Opfer und vermeide es, mit ihr zu streiten. Aber wozu sage ich das?
-Ach ja, -- wie sie gekommen war, sagte meine Mutter zu mir: ›Steh auf,
-mein lieber Warnaschenka, und begleite Alexandra Iwanowna zur Kirche,
-damit die Hunde des Akziseeinnehmers ihr nichts zu Leide tun.‹ So ging
-ich mit. Sie wissen, ich betrete die Kirche sonst nie; aber schließlich
-können mir weder Achilla noch Sawelij dort etwas anhaben, und so tat
-ich's eben. Aber wie ich da stehe, fällt mir plötzlich ein, daß ich
-meine Zimmertür nicht abgeschlossen habe. Ich laufe deshalb so schnell
-ich kann nach Hause, finde aber meine Mutter nirgends. Ich werfe einen
-Blick auf die Wand, -- die Knochen sind weg!«
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-»Sie hatte sie begraben?«
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-»Jawohl!«
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-»Ohne Scherz?«
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-»Als ob man mit +der+ Frau scherzen könnte! Ich bat und bettelte:
-›Liebes, gutes Mütterlein, ich will Euch lieben und ehren, aber sagt
-mir, wo habt Ihr meine Knochen gelassen?‹ ›Frage nicht, Warnascha,
-mein Liebling, sie haben jetzt Ruhe.‹ Ich versuchte, was ich konnte,
-ich weinte, drohte mit Selbstmord, versprach ihr endlich sogar, fortan
-jeden Tag zu beten, -- es half alles nichts! Voller Wut ging ich zur
-Schule, fest entschlossen, heute nacht den Spaten zu nehmen, eins
-der alten Gräber hier auf dem Friedhof aufzugraben und mir ein neues
-Skelett zu verschaffen; denn diesen Triumph durfte ich der Bande nicht
-gönnen. Ich hätte es auch ganz bestimmt getan. Wäre das nicht ein
-sogenanntes Verbrechen gewesen?«
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-»Sogar ein großes.«
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-»Sehen Sie. Und wer hätte mich dazu gebracht? Die eigene Mutter! Sicher
-wäre es so gekommen, wenn nicht zu meinem Glück ein Junge in die Klasse
-getreten wäre, der erzählte, am Flußufer hätte ein Schwein Knochen
-ausgegraben. Ich stürze hin, fest überzeugt, daß es meine Knochen sind,
--- was auch der Fall war. Das Volk schwatzt von Wiederbegraben, ich
-jedoch jage das Pack zu allen Teufeln. Plötzlich höre ich den Achilla
-nahen. Ich raffe meine Knochen rasch zusammen und renne, was ich rennen
-kann. Achilla kriegt mich am Rock zu fassen. Ich wende mich um, --
-krach! Der Rockschoß ist zum Teufel. Achilla packt mich am Kragen, --
-wieder kracht's, und der Kragen ist auch zum Teufel. Nun hat er mich
-bei der Weste. Krach! Die Weste ist mitten entzwei gerissen. Er will
-mir nun an den Hals. Ich aber renne, was ich rennen kann, -- und sitze
-jetzt hier und säubere die Knochen. Da kamen Sie und erschreckten mich
-von neuem. Ich meinte, es wäre Achilla.«
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-»Aber was denken Sie, Achilla wird doch nicht über Ihren Zaun steigen!
-Er ist doch Diakon.«
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-»Jawohl, Diakon! Sie haben gut reden. Der kümmert sich viel darum.
-Mir sagte der Kommissar Danilka gestern, Achilla hätte beim Abschied
-zu Tuberozow geäußert: ›Nun, Vater Sawelij, bis ich diesen Warnawa
-kleingekriegt habe, sollt Ihr mich nicht Achilla den Diakon, sondern
-Achilla den Krieger nennen.‹ Mag er Krieg führen soviel er will,
-ich fürchte ihn nicht. Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe. Ich bin
-nämlich zu der Überzeugung gekommen, daß ich hier nicht länger bleiben
-kann. Ich korrespondiere mit verschiedenen Leuten in Petersburg, von
-denen einer ein großes Unternehmen plant, an dem ich mitwirken kann.
-Freilich macht sich bereits auch dort die Gemeinheit breit, -- und
-die gesinnungstüchtigsten Zeitungen fangen schon an, sich über die
-wachsende Begeisterung für die Naturwissenschaften lustig zu machen.
-Haben Sie es gelesen?«
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-»Ja, ich glaube etwas Ähnliches gelesen zu haben.«
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-»Aha! Also auch Ihnen leuchtet es ein! Nun sagen Sie mal, wozu
-haben sie uns denn dann immerfort dazu angetrieben, an Fröschen zu
-experimentieren und so weiter?«
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-»Das weiß ich nicht.«
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-»Das wissen Sie nicht? Nun, dann will ich es Ihnen sagen! Das soll den
-Leuten nicht so durchgehen! Ich packe meine Knochen zusammen, fahre
-nach Petersburg und hau sie ihnen einfach in die Fratzen, mitten in die
-Fratzen! Dann mögen sie mich vor ihren Friedensrichter schleppen --«
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-Dreizehntes Kapitel.
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-»Hahaha! Da tun Sie recht daran!« rief plötzlich die Serbolowa, die,
-von den beiden Männern unbemerkt, hinter einem Kirschstrauch gestanden
-hatte.
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-Prepotenskij schlug sein aufgeknöpftes Hemd über der Brust zusammen,
-richtete sich auf und sagte, indem er zugleich die ganz mit Ziegelstaub
-bestreuten Hosen mit der anderen Hand in die Höhe zog:
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-»Entschuldigen Sie, Alexandra Iwanowna, daß ich so mangelhaft bekleidet
-bin ...«
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-»Macht nichts. Mit einem Arbeitsmann rechtet man nicht wegen seiner
-Toilette. Aber kommen Sie jetzt. Ihre Frau Mutter bittet, zum Essen zu
-kommen.«
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-»Nein, Alexandra Iwanowna, ich komme nicht. Ich kann mit meiner Mutter
-nicht mehr zusammenleben. Zwischen uns ist alles aus.«
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-»Sie sollten sich schämen, so zu reden. Ihre Mutter liebt Sie doch so
-sehr.«
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-»Ihr Vorwurf trifft mich nicht. Sie hält es mit meinen Feinden, sie
-vergräbt meine Knochen. -- Wenn ich mir eine Zigarette an dem Lämpchen
-vor dem Heiligenbilde anzünde, spielt sie gleich die Gekränkte.«
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-»Warum müssen Sie aber auch Ihre Zigaretten ausgerechnet am
-Heiligenlämpchen anstecken? Als ob Sie nicht anderswo Feuer bekommen
-können!«
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-»Trotzdem ist das doch zu dumm!«
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-Alexandra Iwanowna lächelte und sagte:
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-»Besten Dank!«
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-»Sie meine ich doch nicht! Ich rede von dem Lämpchen. Feuer ist Feuer.«
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-»Eben darum können Sie Ihre Zigarette auch sonstwo anzünden.«
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-»Ach, man kann es ihr doch nie recht machen. Gestern gab ich unserem
-Hunde etwas Suppe von unserer Schüssel, da fängt die Mutter gleich
-jämmerlich an zu heulen und schlägt zuletzt vor Ärger die Schüssel in
-Stücke. ›Ich kann sie nun doch nicht mehr brauchen,‹ meint sie, ›da
-der Hund sie angerochen hat.‹ Ich bitte Sie, meine Herrschaften, --
-Sie, Valerian Nikolajewitsch, haben doch auch Physik studiert, kann
-man etwas ›anriechen‹?! Beriechen kann man eine Sache, herausriechen
-kann man etwas, -- aber anriechen?! Nur ein kompletter Dummkopf kann so
-reden!«
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-»Sie hätten dem Hunde sein Essen aber auch in einem andern Gefäß geben
-können!«
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-»Gewiß. Aber warum?«
-
-»Um Ihrer Mutter nicht weh zu tun.«
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-»Ach, so sehen Sie die Sache an! Meiner Ansicht nach ist alles Lavieren
-eines ehrlichen Menschen unwürdig.«
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-Die Serbolowa lachte leise, reichte Darjanow den Arm und beide gingen
-zum Essen, den Lehrer mit seinem Knochenhaufen allein lassend.
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-Vierzehntes Kapitel.
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-Die Hostienbäckerin Prepotenskaja, ein kleines altes Frauchen mit einem
-winzigen Gesicht und ewig erstaunten, gutmütigen Äuglein, über welchen
-die Brauen gleich Apostrophen hingen, bat Darjanow um Entschuldigung,
-daß sie sein Klopfen nicht gehört habe, beugte sich über den Tisch zu
-ihm hinüber und fragte flüsternd:
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-»Haben Sie meinen Warnascha gesehen?«
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-Darjanow bejahte.
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-»Er bringt mich zur Verzweiflung, Valerian Nikolajewitsch,« klagte die
-Alte.
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-»Was sorgen Sie sich deshalb so sehr? Er ist jung, und Jugend hat keine
-Tugend. Wenn er älter wird, wird er auch vernünftiger. Und wenn er erst
-eine Frau hat ...«
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-»Eine Frau? Wie soll ich ihn denn dazu bringen, daß er heiratet? Das
-ist ganz unmöglich. Er ist ja ganz verdreht. An den lieben Gott glaubt
-er nicht; Fleisch und Milch genießt er an allen Fastentagen, sogar in
-der Karwoche, und ich muß Ihnen gestehen, lieber Freund, ich fürchte
-mich, besonders abends ...«
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-Die schwarzen Apostrophe über den Äuglein der winzigen, ängstlichen
-Alten schoben sich unruhig hin und her. Sie zuckte zusammen und
-flüsterte:
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-»Und zu alledem, lieber Freund, habe ich immer schreckliche Träume,
-so daß ich beim Erwachen gleich bete: ›Sankt Simeon, deute mir mein
-Traumgesicht.‹ Könnte ich mich mit jemand im Hause darüber aussprechen,
-so ertrüge ich es viel leichter; aber so bin ich immer und ewig allein
-mit den Totengebeinen. Ich fürchte keinen Toten, über dem die Gebete
-gesprochen sind, aber Warnascha erlaubt es ja nicht, daß ich die Gebete
-lesen lasse.«
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-»Zürnen Sie ihm nicht, er ist trotz alledem ein guter Kerl.«
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-»Gewiß, gut ist er schon. Ich will auch nichts Böses von ihm sagen. Ich
-war seine glückliche Mutter, und er war früher so gut gegen mich, bis
-er in die Philosophieklasse kam. Damals, wenn er zu den Ferien nach
-Hause kam, ging er auch in die Kirche, und ich führte ihn zum Vater
-Sawelij, und der Vater Sawelij war freundlich gegen ihn und half ihm
-auch in diesem und jenem, -- bis es dann plötzlich über ihn kam, ich
-weiß selbst nicht wie und woher: er fing an, den Weisen zu spielen.
-Seitdem wurde es mit jedemmal, wenn er aus dem Seminar kam, schlimmer
-und schlimmer. Sagen Sie, was Sie wollen, ich kann es mir nicht anders
-erklären, als daß er behext ist. Vater Zacharia hat mir neulich aus dem
-›Familienblatt‹ vorgelesen, wie ein Sohn aus gutem Hause vom Teufel
-besessen war, so daß zehn Mann nicht mit ihm fertig werden konnten.
-Gerade so ist es mit Warnawa auch.«
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-Die Alte sprang auf, schlüpfte in die Küche, wischte sich dort die
-Tränen aus den Augen, kam wieder ins Zimmer zurück und berichtete
-weiter:
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-»Ich will es Ihnen nur gestehen, ich gebe ihm jeden Tag geweihtes
-Wasser zu trinken. Er weiß natürlich nichts davon und merkt es nicht.
-Ich geb's ihm aber. Es hilft nur leider nichts, und eine Sünde ist es
-auch. Vater Sawelij sagt immer wieder, er verdiente, irgendwohin nach
-Taschkent verschickt zu werden. Warum soll man es denn nicht noch
-einmal mit Güte versuchen? denke ich. Er aber meint, mit Güte sei
-da nichts zu machen, weil ihm alle natürlichen Gefühle fremd sind.
-Aber wenn auch, mir ist es doch leid um ihn.« Und die Hostienbäckerin
-verschwand wieder.
-
-»So ein unglückliches Wesen,« sagte die junge Frau leise.
-
-»Ja, freilich,« stimmte Darjanow ihr bei. »Und der Rüpel spielt noch
-Komödie und kommt nicht mal zum Essen.«
-
-»Gehen Sie doch noch mal hinaus und holen Sie ihn.«
-
-»Er ist ja so störrisch wie ein Pferd und wird nicht kommen.«
-
-»Das wollen wir doch sehen. Sagen Sie ihm, ich befehle es, ich sei
-Agent der Geheimpolizei und wünschte ihn sofort hier zu sehen,
-widrigenfalls ich Meldung mache, daß er nach Petersburg zu ziehen
-beabsichtige.«
-
-Darjanow lachte und ging hinaus, um Warnawa zu holen. Inzwischen hatte
-der Lehrer seine Schätze in Sicherheit gebracht, und da die Arbeit
-seinen Appetit mächtig angeregt hatte, fiel es ihm nicht leicht, sich
-charakterfest zu zeigen und die Aufforderung zum Essen zurückzuweisen.
-
-Um den freiwilligen Märtyrer aus seiner schwierigen Lage zu bringen,
-beugte sich der Abgesandte an sein Ohr und flüsterte ihm mit
-geheimnisvoller Miene zu, was die Serbolowa gesagt hatte.
-
-»Sie Spionin!« rief Warnawa und wurde ganz rot.
-
-»Ja.«
-
-»Und vielleicht --«
-
-»Was?«
-
-»Vielleicht auch Sie ...«
-
-»Ja, ich auch.«
-
-Warnawa drückte ihm freundschaftlich die Hand:
-
-»Ich danke Ihnen, daß Sie kein Geheimnis daraus machen.«
-
-Dann ging er mit reinem Gewissen zum Mittagessen.
-
-»Ich muß Ihnen ja gehorchen ...«
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Der Plan war also gelungen. Warnawa hatte jetzt einen Vorwand zum Essen
-zu kommen, ohne seiner Würde etwas zu vergeben. Er trat ins Zimmer mit
-der Miene eines unglücklichen Opfers feindlicher Gewalten und setzte
-sich an das schmale Ende des Tisches, Darjanow gegenüber. Zwischen
-ihnen, an der Längsseite, nahm Alexandra Iwanowna Platz, während die
-vierte Seite frei blieb. Die Hostienbäckerin selbst setzte sich fast
-nie mit ihrem Sohne zu Tisch, und auch jetzt begnügte sie sich damit,
-die Gäste zu bedienen, ohne mitzuessen. Die Alte war entzückt, ihren
-gelehrten Sohn wiederzuhaben, Freude und Kummer wechselten auf ihrem
-Antlitz, ihre Augenlider waren gerötet, die Unterlippe zitterte leise
-und ihre alten Füßchen gingen nicht, sondern liefen in großer Hast,
-wobei sie unausgesetzt bemüht war, sich so zu stellen und zu wenden,
-daß man ihr Gesicht nicht sehen konnte.
-
-Die Gäste suchten durch allerlei Listen die Alte zum Bleiben zu
-bewegen, und lobten ihre Kochkunst. Aber die Gute wies alles Lob zurück
-und meinte, sie verstünde nur die allereinfachsten Speisen zu bereiten.
-
-»Aber gerade diese einfachen Speisen schmecken uns ausgezeichnet.«
-
-»Ach, wie sollen sie schmecken! Bloß gesund sollen sie sein, sagt man.
-Aber Gott weiß, ob dem wirklich so ist. Warnawa ißt doch immer, was
-ich gekocht habe, -- und sehen Sie ihn bloß an: ganz wie leer ist er.«
-
-»Hm!« brummte Warnawa, sah die Mutter vorwurfsvoll an und schüttelte
-den Kopf.
-
-»Ach Gott, was willst du wieder? Wirklich, Warnawa, du bist leer.«
-
-»Sagt das doch noch einmal!« knurrte der Lehrer.
-
-»Es ist doch nichts Kränkendes, Warnascha! Milch trinkst du morgens
-bis zur Unendlichkeit; Tee mit Weißbrot nimmst du auch bis zur
-Unendlichkeit; Braten und Grütze auch, -- aber wenn du vom Tische
-aufstehst, bist du wieder leer bis zur Unendlichkeit. Das ist doch
-sicher eine Krankheit. Ich sage dir schon, lieber Sohn, hör' auf
-mich ...«
-
-»Mutter!« unterbrach sie der Lehrer zornig.
-
-»Was ist denn dabei, Warnascha? Ich sage dir, wenn du frühmorgens
-aufstehst, mußt du beten: ›Herr Gott, fülle meine Leere‹ -- und dann
-erst essen ...«
-
-»Mutter!« rief Warnawa noch lauter.
-
-»Was ärgerst du dich denn, Närrchen? Ich sage dir, du mußt beten: ›Herr
-Gott, fülle meine Leere‹ und dann ein Stückchen geweihte Hostie essen,
-denn, Sie müssen wissen,« wandte sie sich an die Gäste, »ich hole mir
-immer für ihn und für mich je ein Stückchen von der Hostie aus der
-Kirche, damit wir einst drüben in demselben Zelt sind. Aber er will es
-nie essen. Warum?«
-
-»Warum? Ihr wollt wissen, warum? Schön! Weil ich mit Euch nirgends
-zusammen sein will, weder in dieser noch in irgendeiner andern Welt!«
-
-Ehe noch der Lehrer diese Worte gesprochen hatte, erbleichte die Alte.
-Sie zitterte so, daß die beiden Fayenceteller, welche sie in der Hand
-hielt, ihr entglitten und klirrend in Scherben zersprangen.
-
-»Warnascha,« rief sie, »du sagst dich los von mir?«
-
-»Ja, ja, ja, ich sage mich los! Ihr seid mir auch hier schon zuwider,
-und mich verlangt nicht im mindesten darnach, Euch noch in jener Welt
-auf dem Halse zu haben.«
-
-»St! St! St!« suchte die Alte bitterlich weinend ihn zu unterbrechen,
-und fing an, dicht vor seinem Gesicht in die Hände zu klatschen, damit
-sie seine furchtbaren Worte nicht höre. Jedoch Warnawa schrie viel
-lauter, als seine Mutter klatschte. Da stürzte sie zum Heiligenbild
-und rief außer sich, mit den gespreizten Fingern ihrer mageren Hände
-fuchtelnd:
-
-»Höre ihn nicht, Gott, höre ihn nicht, höre ihn nicht!«
-
-Und dann fiel sie schluchzend in der Ecke vor dem Bilde zu Boden.
-
-Diese traurige und ganz unerwartete Szene hatte alle Anwesenden in
-Erregung versetzt, ausgenommen Prepotenskij. Der Lehrer blieb völlig
-ruhig und aß mit seinem gewöhnlichen, nie versagenden Appetit. Die
-Serbolowa war aufgestanden und der Alten, welche aus dem Zimmer
-stürzte, gefolgt. Darjanow sah durch die offene Tür, wie die
-Hostienbäckerin Alexandra Iwanowna umarmte. Er stand auf, schloß die
-Tür und stellte sich ans Fenster.
-
-Prepotenskij aß ruhig weiter.
-
-»Wann fährt Alexandra Iwanowna nach Hause?« fragte er, gemächlich
-kauend.
-
-»Sobald die Hitze nachläßt,« antwortete Darjanow trocken.
-
-»Erst!« sagte Prepotenskij gedehnt.
-
-»Ja, Tuberozow will sie hier noch aufsuchen.«
-
-»Tuberozow? Bei uns? In unserem Hause?«
-
-»Ja, in Ihrem Hause. Aber er kommt nicht zu Ihnen, sondern zu Alexandra
-Iwanowna.«
-
-Darjanow stand während dieses Gespräches mit dem Rücken zu Prepotenskij
-und blickte in den Hof hinaus, aber bei den letzten Worten wandte er
-sich um und fügte mit einem kaum merklichen Lächeln hinzu:
-
-»Es scheint, Sie haben eine Mordsangst vor Tuberozow.«
-
-»Ich? Ich Angst vor Tuberozow?«
-
-»Ja freilich. Es sieht so aus, als wäre sogar Ihre Nase ganz grün
-geworden, wie ich sagte, er wolle hierher kommen.«
-
-»Meine Nase grün geworden? Ich versichere Sie, das kommt Ihnen nur so
-vor. Wie wenig ich ihn fürchte, will ich Ihnen heute noch beweisen.«
-
-Mit diesen Worten erhob sich Prepotenskij und ging hinaus. Der
-Gast ahnte nicht, was für kühne Gedanken in diesem Augenblick im
-verzweifelten Gehirn Warnawas keimten und reiften. Der geneigte Leser
-aber soll es im nächsten Kapitel erfahren.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Nachdem er das Zimmer verlassen, schlüpfte Prepotenskij in eine kleine
-Scheune, entledigte sich seiner Oberkleider und kletterte auf den
-Heuboden. Mit großer Anstrengung schob er zwei Deckbretter auseinander
-und kroch durch den ziemlich engen Spalt in einen kleinen, von außen
-verschlossenen Speicher. Bunt durcheinander lagen dort Töpfe und
-Bütten, an der Decke hing ein Schinken, auf Stöckchen waren Bündel von
-Bohnenkraut, Pfefferminz und Dill gespießt. Der Lehrer ließ alle diese
-Gegenstände unberührt. Er stieg auf eine hohe Truhe aus Tannenholz mit
-schrägem Deckel und holte einen großen, leicht gewölbten Trog herunter,
-der so blank wie das Schaufenster eines Spiegelgeschäfts gescheuert
-war. Mit dem Trog kroch er wieder in die Scheune zurück, wo er die
-unseligen Totengebeine sehr geschickt versteckt hatte.
-
-Niemand dachte daran, dem Lehrer nachzuspüren, er aber war es schon so
-gewohnt, seine »Lage« für »gefährdet« zu halten, daß er sich nirgends
-sicher fühlte. Immer mußte er sich verkriechen und verstecken, weil er
-dachte, sonst wäre es ihm unmöglich, sein Unternehmen zu beginnen und
-im geeigneten Augenblick mit allem Pomp zur Ausführung zu bringen.
-
-Eine Stunde mochte seit Warnawas Verschwinden vergangen sein, und
-es begann zu dämmern, als der Ring an dem wackeligen Pförtchen der
-Prepotenskijschen Behausung klirrte.
-
-Tuberozow war gekommen. Warnawa hörte in seiner Scheune, wie unter dem
-festen Tritt des beleibten Propstes die Stufen des alten Holztreppchens
-knarrten und sich bogen, und wie der Gast die Serbolowa und die alte
-Hostienbäckerin begrüßte.
-
-»Nun, meine liebe Witwe von Nain, was macht dein gelehrter Sohn?«
-wandte sich Vater Sawelij an die Alte, die eben den kleinen weißen
-Tisch auf die offene Veranda hinaustrug, wo die Gäste den Tee trinken
-sollten.
-
-»Mein Warnascha? Gott weiß, Vater Propst. Er hat wohl Angst bekommen
-und sich irgendwo vor Euch versteckt.«
-
-»Du lieber Himmel, was hat er denn von mir zu fürchten? Er sollte sich
-lieber mehr um sich selber kümmern und vorsichtig sein,« und Tuberozow
-erzählte Darjanow und der Serbolowa von den nächtlichen Abenteuern
-Achillas.
-
-»Wer hat ihn darum gebeten? Wer hat es ihm befohlen?« fragte der
-Alte und antwortete selbst: »Niemand! Er hat es ganz für sich allein
-beschlossen, mit Warnawa Wasiljewitsch abzurechnen, und die ganze Stadt
-haben sie in Aufregung versetzt.«
-
-»Habt Ihr es ihm denn nicht befohlen, Vater Propst?« fragte die Alte.
-
-»Wie käme ich dazu, solche Dummheiten zu befehlen?« erwiderte Tuberozow
-und fing von anderen Dingen zu reden an. So verging noch eine halbe
-Stunde und die Gäste brachen auf. Warnawa war immer noch unsichtbar,
-aber als der Wagen der Serbolowa vorfuhr, flog die Pforte der Scheune,
-in welcher der Lehrer sich verborgen hielt, weit auf, und langsam und
-feierlich schritt Warnawa Prepotenskij auf die erstaunten Gäste zu.
-
-Er trug seine gewöhnliche Kleidung und hielt in beiden Händen hoch über
-seinem Haupte den neuen Waschtrog, den er der Mutter geraubt und in dem
-jetzt in schönster symmetrischer Anordnung die wohlbekannten Gebeine
-lagen.
-
-Ehe noch jemand begreifen konnte, was die Erscheinung des Lehrers
-mit dieser seltsamen Trophäe zu bedeuten hatte, war Prepotenskij
-bereits majestätisch an der Veranda vorübergeschritten, hatte dem dort
-stehenden Tuberozow die Zunge gezeigt und war dann über den Friedhof
-auf die Straße hinausgegangen.
-
-Die Hostienbäckerin zitterte am ganzen Leibe, kaute krampfhaft an den
-Spitzen ihrer fest zusammengedrückten Finger und flüsterte:
-
-»Was hat er da? Was trägt er durch die Stadt?«
-
-Als sie es endlich begriffen hatte, heulte sie laut auf und stürzte
-mit einer Geschwindigkeit, die man ihren Jahren gar nicht zugetraut
-hätte, dem Sohne nach. Die Alte hüpfte und hopste, wie gewisse Vögel,
-die, bevor sie auffliegen, erst einen Anlauf nehmen müssen. Trotzdem
-Warnawa langsam schritt, erschien es fraglich, ob die Hostienbäckerin
-selbst bei diesem schnellen Tempo imstande sein werde, ihren Sprößling
-einzuholen, der schon am entgegengesetzten Ende der Straße angelangt
-war. Allein ein unerwartetes Ereignis, durch das die ganze Prozession
-und die Verfolgung eine völlig neue Wendung nehmen sollte, trat ein.
-
-Irgendwo von oben her ertönte plötzlich ein lautes und lustiges:
-
-»Hallo! Hurra! Nicht hauen! Nicht hauen! Nicht hauen!«
-
-Die Zeugen dieser Szene sahen sich nach der Richtung um, aus welcher
-das Geschrei kam, und erblickten auf dem Vorsprung eines der
-Nachbardächer einen zerlumpten Kerl, der in der Hand eine dünne Stange
-hielt, wie sie Taubenzüchter brauchen, um ihre Tümmler aufzuscheuchen.
-Dieser Schreier war der Ausrufer und das Faktotum von Stargorod,
-der Proletarier und beschäftigungslose Kleinbürger Danilka, den sie
-in der Stadt den »Kommissar« nannten. Er war just mit seinen Tauben
-beschäftigt und benutzte die Gelegenheit, um spaßeshalber auch den
-Lehrer zu erschrecken. Diesen Zweck erreichte er vollkommen, denn kaum
-hatte Prepotenskij den Warnungsruf vernommen, so schlug er sofort ein
-schnelleres Tempo an und stürmte wie ein gehetztes Reh vorwärts. Aber
-während er einer Gefahr zu entgehen hoffte, lief er einer andern, weit
-schlimmern in die Arme; denn an der nächsten Wegkreuzung tauchte vor
-den entsetzten Blicken des Lehrers in Riesengröße -- er schien heute
-viel gewaltiger als gewöhnlich -- der grimme Diakon Achilla auf.
-
-Wie sagt das Sprichwort? Links die Backpfeife und rechts der
-Rippenstoß.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-
-Kaum hatte der arme Lehrer den Diakon erblickt, so knickten seine
-Knie kraftlos zusammen. Doch schon im nächsten Augenblick reckten sie
-sich wieder auf wie Sprungfedern, und mit drei mächtigen Sätzen legte
-er eine Entfernung zurück, die ein normaler Mensch in zehn Sprüngen
-nicht hätte überwinden können. Dadurch schien Warnawa gerettet,
-denn er befand sich jetzt gerade unter dem Fenster der Gattin des
-Akziseeinnehmers Biziukin, und zu seinem großen Glück stand die
-aufgeklärte Dame selbst am offenen Fenster.
-
-»Nehmen Sie dies!« rief Prepotenskij ganz außer Atem.
-
-»Ich werde verfolgt von Spionen und Pfaffen!«
-
-Bei diesen Worten schob er den Trog mit den Knochen zum Fenster hinein,
-er war aber selbst so erschöpft, daß er sich nicht mehr rühren konnte
-und an die Mauer lehnen mußte. Im selben Augenblick stand auch schon
-Achilla, ebenfalls ganz außer Atem, neben ihm und packte seinen Arm.
-
-Sein Blick traf mitten auf der Straße zwei aus dem Staube emporragende
-menschliche Rippen. Sich zu Prepotenskij wendend sagte er:
-
-»Warum hebst du deine Astragalusse nicht auf?«
-
-»Tretet beiseite, dann will ich sie aufheben.«
-
-»Gut, ich will zurücktreten,« -- und der Diakon ging an das Fenster,
-stellte sich auf die Zehenspitzen, guckte ins Zimmer hinein und fuhr
-fort:
-
-»Hören Sie mal, Frau Rätin, Sie tun sehr unrecht, wenn Sie sich für
-diesen Lehrer so ins Zeug legen.«
-
-Statt der erwarteten Antwort der »Rätin« erschien der liberale
-Akziseeinnehmer Biziukin selbst am Fenster und hielt dem Diakon den
-kahlen Schädel des Skeletts vor Augen.
-
-»Sei mal so gut und lege das Ding fort, sonst werde ich böse,«
-entgegnete Achilla höflich. Von innen ertönte nur ein höhnisches
-Gelächter, und der Einnehmer ließ den Schädel laut und schauerlich mit
-den Zähnen klappern.
-
-»Ich schlag euch alle zu Brei,« brüllte Achilla, indem er mit beiden
-Händen einen mächtigen Stein packte, der neben dem Fundament lag und
-gut zwei Zentner wiegen mochte. Im selben Augenblick, als er mit
-flammenden Augen dieses ungeheure Geschoß emporhob, um es gegen seine
-Widersacher zu schleudern, fiel ihm von hinten jemand in den Arm, und
-eine bekannte Stimme rief gebieterisch:
-
-»Laß liegen!«
-
-Es war Tuberozow. Mit strengem Gesicht, schwer atmend und zitternd vor
-Erregung stand Propst Sawelij vor ihm. Achilla gehorchte. Noch einen
-zornigen Blick aus seinen vor Wut geröteten Augen warf er auf den
-Einnehmer, dann schleuderte er den Stein mit solcher Wucht zur Seite,
-daß er einen Zoll tief in den Boden drang.
-
-»Geh nach Hause,« flüsterte ihm Sawelij zu und wandte sich selbst zum
-Gehen.
-
-Achilla widersetzte sich auch diesem Befehl nicht und schlich leise und
-niedergeschlagen, wie ein sonst artiger Schulbub, der bei einem dummen
-Streich ertappt worden ist, von dannen.
-
-»Gott, was für eine alberne und ärgerliche Geschichte,« sagte
-Tuberozow, mühsam nach Luft schnappend, zu Darjanow, der ihn inzwischen
-eingeholt hatte.
-
-»Macht Euch keine unnützen Gedanken, die Sache wird weiter keine Folgen
-haben.«
-
-»Wieso keine Folgen? Die Folge wird sein, daß Achilla vor Gericht
-kommt. Haben Sie denn nicht gehört, was er schrie, als er mit dem Stein
-drohte? Er wollte sie alle zu Brei schlagen!«
-
-»Ihr werdet sehen, alles löst sich in Wohlgefallen und Lachen auf.«
-
-»Nein, das glaube ich nicht. Hier gibt es nichts zum Lachen. Es handelt
-sich um eine große Dummheit, die gemeine Menschen zu ihren Zwecken
-ausnutzen können.«
-
-Der Propst beschleunigte seine Schritte und eilte nach Hause, indem er
-mit seinem langen Stabe zornige Zickzacklinien durch den Straßenstaub
-zog.
-
-Im nächsten Buche unserer Chronik werden wir sehen, was für Folgen
-diese Begebenheit hatte und wer von den beiden Propheten im Recht war.
-
-
-
-
-Zweites Buch.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-Der Tag des heiligen Methodius von Pesnosch war vorüber und der
-erwachende Morgen verhieß einen heiteren und stillen Tag.
-
-Tuberozow, von der Messe zurückgekommen, saß beim Tee, auf demselben
-Sofa, auf dem er nachts geschlafen, und vor demselben Tisch, an dem
-er seine Memorabilien geschrieben hatte. Die Pröpstin bediente ihren
-Gatten, um dessen Ruhe sie so besorgt war, daß sie ihm alles an den
-Augen abzusehen suchte und nicht wagte, durch irgendeine Frage seine
-ernsten Gedanken zu stören. Flüsternd befahl sie dem Dienstmädchen, die
-beiden Pfeifen des Propstes mit Shukowschem Knaster zu stopfen und sie
-in den Ständer in der Ecke zu stellen, und dann setzte sie sich ihm
-gegenüber und wartete, das Kinn auf die Hand gestützt, bis der Propst
-das erste Glas geleert habe und ein zweites verlangen würde.
-
-Aber ehe es so weit war, wurde ihre Aufmerksamkeit durch einen
-ungewöhnlichen Lärm ganz in der Nähe des Hauses abgelenkt. Man
-vernahm hastige Schritte und wirre Stimmen, die sich hin und wieder
-zu wütendem Geschrei verdichteten. Die Pröpstin schaute zum Fenster
-ihres Schlafzimmers hinaus und sah, daß Lärm und Geschrei von einer
-Menschenmenge herüberdrangen, welche sich mit großer Hast geradewegs
-auf ihr Haus zu bewegte.
-
-»Was kann das sein?« dachte die Pröpstin, ging ins Wohnzimmer zurück
-und sagte ihrem Manne:
-
-»Sieh doch, Vater Sawelij, was da für eine Menge Leute kommt.«
-
-»Leute gibt es viel, meine Liebe, aber es sind keine Menschen
-darunter,« antwortete Sawelij ruhig.
-
-»Nein, du solltest wirklich hinaussehen, es sind ihrer furchtbar viele.«
-
-»Laß sie doch rumlaufen, soviel sie wollen; gib mir lieber noch ein
-Gläschen Tee.«
-
-Die Pröpstin nahm sein Glas, füllte es, reichte es ihm und trat wieder
-ans Fenster. Der lärmende Haufe war verschwunden. Nur drei oder vier
-aus ihm standen noch herum und blickten mit offenkundiger Verlegenheit
-nach dem Tuberozowschen Hause.
-
-»Um Gotteswillen, brennt es nicht irgendwo bei uns, Vater Sawelij!«
-rief die Pröpstin und stürzte entsetzt ins Zimmer ihres Gatten, aber
-schon an der Schwelle blieb sie stehen und begriff endlich, was
-eigentlich geschehen war.
-
-Die Tür zum Wohnzimmer ging lärmend auf und in der Wohnstube des
-Propstes erschien der Diakon Achilla, und dicht hinter ihm, feuerrot
-und ganz verwirrt, der Kommissar, welchen Achilla fest am Ohr hielt.
-
-»Vater Propst,« begann Achilla, indem er Danilka losließ und die Hände
-dem Propst entgegenstreckte.
-
-Tuberozow segnete ihn.
-
-Hierauf trat auch Danilka vor Sawelij hin und nahm den Segen in
-Empfang.
-
-Nachdem dies geschehen war, packte der Diakon ihn wieder fest am Ohr,
-riß ihn zwei Schritte zurück und fing an:
-
-»Stellt Euch vor, Vater Sawelij, eben gehe ich die Straße entlang,
-da höre ich laut reden. Ein paar Kleinbürger sprechen vom gestrigen
-Regen, den uns der liebe Gott auf unseren Bittgottesdienst gesandt
-hat, -- und jener dort« -- Achilla stieß den Zeigefinger seiner linken
-Hand dem ängstlich zwinkernden Danilka gerade in die Nase -- »wagt zu
-widersprechen!«
-
-Tuberozow hob den Kopf.
-
-»Denkt nur, er behauptete,« fuhr der Diakon fort und zog Danilka
-näher zu sich heran, »er behauptete, der Regen, den wir vorige Nacht
-nach dem Bittgottesdienst gehabt hätten, sei gar nicht infolge des
-Gottesdienstes gekommen.«
-
-»Woher weißt du denn das?« fragte Tuberozow trocken.
-
-Danilka schwieg verlegen.
-
-»Denkt doch bloß, Vater Propst! Er behauptet, der Regen sei einfach
-kraft eines Naturgesetzes gekommen.«
-
-»Zu welchem Zwecke hast du die Betrachtungen angestellt?« fragte
-Tuberozow.
-
-»Ein Zweifel regte sich in mir,« antwortete Danilka bescheiden.
-
-»Zu zweifeln hat ein so kompletter Ignorant, wie du, überhaupt nicht,
-und also hat der Täter seinen Lohn dahin. Du hast bekommen, was du
-verdientest. Und nun hinaus aus meinem Hause, du Schwätzer.«
-
-Nachdem der Freigeist Danilka auf diese Weise an die Luft befördert
-war, nahm der Propst wieder am Teetisch Platz, trank sein Glas
-schweigend aus, und als er damit fertig war, wandte er sich an den
-Diakon Achilla. »Und du, Vater Diakon, -- hast du die Absicht, noch
-lange so zu wüten? Hab' ich dich nicht ermahnt, deine Hände davon zu
-halten?«
-
-»Es geht nicht, Vater Propst; ich konnte mich nicht bezwingen; ich
-wollte Euch schon längst davon Mitteilung machen, wie er -- denkt nur
--- immer gegen die Gottheit und gegen die Schrift redet.«
-
-»Und da mußtest du dich vor allem Volke mit ihm prügeln?«
-
-»Und wenn's auch vor allem Volke war, -- was ist denn dabei, Vater
-Propst? Ich bin ein Diener des Altars und muß an jedem Ort für meinen
-Glauben eintreten. Der heilige Nikolaus hat dem Ketzer Arius auch vor
-allem Volke eins ausgewischt ...«
-
-»Du bist aber nicht der heilige Nikolaus,« fiel ihm Tuberozow ins Wort.
-»Du bist eine simple Krähe, verstehst du, und als solche hast du dich
-nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen. Was hast du mit
-deinem Knüppel so zu fuchteln? Du hast wohl vergessen, daß ein Knüppel
-zwei Enden hat? Du verläßt dich immer auf deine Kraft, du Dromedar!«
-
-»Das tu ich.«
-
-»Tust du's? Nun, so tu es lieber nicht. Nicht deine Kraft hat dich
-gerettet, sondern das da,« -- sagte der Propst und zog den Diakon am
-Ärmel seiner Kutte.
-
-»Wollt Ihr mir das zum Vorwurf machen, Vater Propst? Ich bin mir der
-Würde meines Amtes bewußt.«
-
-»So? Du bist dir der Würde deines Amtes bewußt?«
-
-Mit diesen Worten trat der Propst dem Diakon einen Schritt näher,
-schlug sich mit der flachen Hand auf das Knie und flüsterte:
-
-»Ist es Euch vielleicht bekannt, Vater Diakon, wer mit den
-Handlungsgehilfen vor dem Kolonialwarenladen sitzt und Zigaretten
-raucht?«
-
-Der Diakon wurde verlegen und erwiderte hastig:
-
-»Ja, gewiß hab' ich, Vater Propst ... Ich kann's nicht leugnen ... Aber
-das geschah nur aus Unvorsichtigkeit, Vater Propst, wirklich nur aus
-Unvorsichtigkeit.«
-
-»Seht nur, ihr Leute, was wir für einen feinen Diakon haben, wie famos
-er die Zigaretten zu drehen versteht.«
-
-»Nein, wirklich, Vater Propst, nicht deswegen war es. Was hätt' ich
-mich groß damit zu rühmen? In bezug auf das Tabakskraut sind auch
-andere geistliche Personen nicht sehr enthaltsam.«
-
-Tuberozow maß den Diakon von Kopf bis zu Fuß mit einem sehr
-vielsagenden Blick, dann warf er den Kopf zurück und fragte:
-
-»Was willst du damit sagen? Daß der Propst auch Tabak raucht, nicht
-wahr?«
-
-Der Diakon war so verlegen, daß er nichts zu erwidern vermochte.
-
-Tuberozow wies mit der Hand nach der Zimmerecke, wo seine drei Pfeifen
-standen.
-
-»Was rauche ich wohl, Vater Diakon?«
-
-Der Diakon schwieg.
-
-»Habt die Güte, mir Antwort zu geben. Was rauche ich? Rauche ich
-Pfeifen?«
-
-»Ihr raucht Pfeifen,« antwortete der Diakon.
-
-»Pfeifen? Ausgezeichnet. Und wo rauche ich sie? Rauche ich sie zu
-Hause?«
-
-»Ihr raucht sie zu Hause.«
-
-»Manchmal rauche ich auch eine bei guten Freunden, die ich besuche.«
-
-»Ihr raucht auch manchmal bei guten Freunden.«
-
-»Aber nicht mit Ladenjungen vor dem Tor!« rief Tuberozow und schlug
-mit dem rechten Zeigefinger drohend gegen die linke Handfläche. »Geh
-jetzt deines Weges und hab' Acht auf dich,« schloß er. »Es kommt eine
-neue Ordnung, es wird ein neues Gerichtsverfahren eingeführt, es kommen
-neue Gebräuche, nichts soll mehr im Verborgenen bleiben, sondern alles
-offenbar werden; dann werde ich dich nicht mehr schützen können.«
-
-Nach diesen Worten trat der Propst mit seinem großen Fuß auf einen
-Strohstuhl und langte vorsichtig den gelben Käfig mit dem Kanarienvogel
-herunter.
-
-»Pfui! Daß Gott sich erbarme! Da hab' ich den Glauben verteidigen
-wollen und wieder war's ein Reinfall!« brummte Achilla vor sich
-hin, als er das Haus des Propstes verlassen hatte und mit schnellen
-Schritten auf ein kleines gelbes Häuschen zuging, aus dessen offenen
-Fenstern ein ganzer Haufen blonder Kinderköpfchen herausguckte.
-
-Der Diakon stieg eilig die Verandastufen hinauf, trat ins Vorhaus und
-öffnete, nachdem er mit der Stirn erst gegen den Querbalken gerannt
-war, die Tür zum Wohnzimmer.
-
-In dem niedrigen Raume ging der dürre, winzige Zacharia im Leibrock,
-die Hände auf dem Rücken, eine lange silberne Kette auf der
-eingefallenen Brust, auf und ab.
-
-Achilla betrat dieses Haus mit einem ganz anderen Gesicht und in ganz
-anderer Haltung, als das des Propstes. Die Verwirrung, in der er sich
-befunden hatte, als er das Haus Tuberozows verließ, war geschwunden,
-und schon erfüllten ihn eitel Milde und Güte.
-
-»Nun, Vater Zacharia! Nun, Brüderlein, liebes ... Nun!« begann er
-ungeduldig in der Tür.
-
-»Was gibt's?« fragte Zacharia mit sanftem Lächeln. »Was drehst und
-windest du dich so?« Und ohne eine Antwort abzuwarten, begann der dürre
-Pfarrer wieder auf- und abzulaufen.
-
-Der Diakon brach erst in ein lustiges Lachen aus und rief dann:
-
-»Ach, Freundchen, hat das wieder eine Kopfwäsche gegeben! Ach, Vater,
-sogar der Schädel tut mir weh von der Seife. Kann ich mal fix einen
-kippen?«
-
-»Einen kippen? Schön! Aber wer hat dich denn vorgekriegt?«
-
-»Wer sonst als der Justizminister!«
-
-»Vater Sawelij!«
-
-»Eben der! Es ist eine ganz ungewöhnliche Sache, Vater Zacharia.
-Ich wollte mich verdient machen, aber er hat alles herumgedreht,
-durcheinandergeschmissen. Erzählen läßt es sich gar nicht.«
-
-Aber nachdem der Diakon sich gesetzt und das ihm auf einem Teller
-präsentierte Gläschen Branntwein geleert hatte, erzählte er Vater
-Zacharia doch die ganze Geschichte seines Konflikts mit Danilka und
-mit Tuberozow in allen Einzelheiten. Zacharia hüpfte währenddem
-unausgesetzt im Zimmer hin und her und blieb nur stehen, um bald den
-einen, bald den andern der herumhuschenden Blondköpfe aus dem Wege
-zu räumen. Als der Diakon seine Erzählung beendet hatte, brummte
-Zacharia, das Ende seines dünnen Bartes zwischen die Lippen geklemmt,
-bedeutungsvoll: »Ja, ja, ja, aber das tut nichts.«
-
-»Ich kann mir's nicht anders denken, als daß er erzürnt ist und ...«
-
-»Und was noch? Packt euch raus, ihr Bälger! Also was noch?« fragte
-Zacharia, die Kinder zur Seite schiebend.
-
-»Daß es unpolitisch von mir war, die Pfeife zu erwähnen,« erklärte der
-Diakon.
-
-»Ja natürlich ... versteht sich ... zum Teil mag auch das ... Weg
-mit euch, ihr Bälger! ... Übrigens glaube ich, daß er nicht so sehr
-unzufrieden mit dir ist ... Er ist vielmehr ... nehme ich an ... Wollt
-ihr wohl Platz machen, ihr Bälger! ... Ich meine, daß er in seinem
-Herzen ... verstehst du?«
-
-»Betrübt ist?« sagte der Diakon.
-
-Vater Zacharia fuhr sich mit der kleinen Hand über die Brust, zog ein
-saures Gesicht und sagte:
-
-»Empört ist.«
-
-»Gepeinigt,« entschied Achilla. »Ich weiß, der Lehrer Warnawka bringt
-ihn immer in Zorn, aber ich nehme mir den Warnawka noch einmal
-ordentlich vor -- -- und so weiter.«
-
-Und ohne sich in weitere Auseinandersetzungen einzulassen,
-verabschiedete sich der Diakon und ging.
-
-Auf dem Heimwege traf er Danilka und hielt ihn an:
-
-»Sei so gut, lieber Danilka, und zürne mir nicht. Wenn ich dich
-gestraft habe, so geschah es nur in Erfüllung meiner Christenpflicht.«
-
-»Ihr habt mich vor dem ganzen Volke gekränkt, Vater Diakon,« antwortete
-Danilka in einem Tone, der zwar noch immer beleidigt, aber doch auch
-schon ein wenig nach Friedensbereitschaft klang.
-
-»Nun, was willst du mir dafür tun, daß ich dich gekränkt habe? Ich
-weiß, daß es eine Kränkung war, aber wenn ich streng bin ... Ich
-habe es ja nicht aus Frechheit getan. Schon im vorigen Jahr, als ich
-dich ertappte, wie du im Vorhause beim Polizeichef das Meßgewand des
-Propstes angelegt hattest und den Weihwasserwedel schwenktest, sagte
-ich zu dir: ›Du kannst über die Schrift philosophieren, soviel du
-willst, Danilka, von der Wissenschaft verstehe ich selbst nicht viel,
-aber den Ritus darfst du mir nicht antasten.‹ -- Hab' ich das gesagt
-oder nicht?«
-
-Danilka schüttelte widerwillig den Kopf und brummte:
-
-»Vielleicht habt Ihr so was gesagt.«
-
-»Nein, mein Lieber, keine Winkelzüge! Gestehen sollst du! Ich hab' es
-deutlich ausgesprochen: den Ritus nicht antasten, und damit basta! Und
-warum sagte ich das? Weil es unser Lebensinhalt ist, unsere Wesenheit,
-deshalb hast du auch deine Finger davon zu lassen. Hast du mich
-verstanden?«
-
-Danilka drehte sich nur zur Seite und lächelte. Ihm selbst war es
-furchtbar komisch vorgekommen, als der Diakon ihn am Ohr durch die
-ganze Stadt zerrte, und die andern Kleinbürger, welche Zeugen dieser
-Szene waren, hatten, im Scherz und mühsam das Lachen verbeißend, dem
-Diakon ebenfalls übermäßige Strenge vorgeworfen.
-
-»Ihr seid zu streng, Vater Diakon! Ihr seid übermäßig streng,« hatten
-sie ihm gesagt.
-
-Achilla machte nach dieser Bemerkung ein nachdenkliches Gesicht, und
-mit einem tugendhaften Seufzer seine Hände auf die Schultern der beiden
-zunächst stehenden Kleinbürger legend, meinte er:
-
-»Streng, sagt ihr? Ja, gewiß bin ich streng, da redet ihr wahr.
-Aber dafür bin ich auch gerecht. Wenn nun diese Sache vor den
-Friedensrichter käme? Da ginge es doch viel schlimmer. Er knöpft einem
-sofort drei Rubel zum Besten der Kinderbewahranstalten ab.«
-
-»Wer weiß? Mancher Friedensrichter gibt einem dafür noch einen Rubel
-Trinkgeld.«
-
-»Na siehst du wohl! Ich weiß, daß ich gerecht bin, mein Lieber.«
-
-»Gerecht? Ach nein, Vater Diakon, Eure Gerechtigkeit ist nicht weit
-her!«
-
-»Wieso?«
-
-»Weil doch der Danilka gar nicht so viel Schuld hat. Er hat doch nur
-wiederholt, was der gelehrte Mann ihm sagte. Wenn's nach Recht ginge,
-müßtet Ihr den Lehrer Warnawa zur Vernunft bringen. Er hat uns das
-erklärt, Danilka hat bloß gezweifelt, ob der Lehrer recht hat und der
-Regen von selber durchs Naturgesetz gekommen ist, oder ob ihn doch der
-Bittgottesdienst hervorgerufen hat. Wenn Ihr den Lehrer durchgewalkt
-hättet, so wäre das nur recht und billig gewesen.«
-
-»Den Lehrer?!« Der Diakon breitete die Arme weit aus, schob die Lippen
-rüsselförmig vor, stand einen Augenblick vor den Kleinbürgern und
-flüsterte dann: »Gerecht? Ja, die Gerechtigkeit verlangt es ... Aber
-Vater Sawelij will es nicht ... und also ist es unmöglich ...«
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Mehrere Tage waren vergangen. Tuberozow hatte sich überzeugt, daß
-seine Befürchtungen, die unbändigen Taten des Diakon Achilla könnten
-noch ein gerichtliches Nachspiel haben, unbegründet waren. Alles ging
-gemütlich seinen gleichen Gang. Die Leute suchten Abwechslung in ihr
-eintöniges Leben zu bringen, indem sie sich zankten, um sich wieder zu
-versöhnen, und sich versöhnten, um sich wieder zanken zu können. Nichts
-drohte die allgemeine Ruhe zu stören. Im Gegenteil, dem Propst ward ein
-wunderschöner Tag beschieden, der ihm nichts als Freude brachte. Es war
-dies der Namenstag der Frau Stadthauptmann, der sehr bald auf jenen
-Tag folgte, an dem Achilla in seinem Glaubenseifer den öffentlichen
-Skandal mit dem Kommissar Danilka hervorgerufen hatte. Als alle Gäste
-der Pastete des Herrn Polizeichefs die gebührende Ehre erwiesen hatten,
-rief der Hausherr, welcher zufällig ans Fenster getreten war, plötzlich
-laut seiner Frau zu:
-
-»Ach du lieber Gott! Sieh nur, Frau, was für Gäste wir bekommen!«
-
-»Wer kommt denn da?« fragte die Frau.
-
-»Sieh mal selber nach.«
-
-Die Hausfrau, und mit ihr alle anwesenden Gäste, stürzten ans Fenster,
-und nun sah man, daß sich ein mächtiges Dreigespann kräftiger brauner
-Pferde vorsichtig den Berg herunter bewegte, fast wie ein dreiköpfiger
-Drache, der auf dem Bauche kriecht. Das mittlere Pferd bläht sich auf
-und strampelt, wie ein alter General, der einem Untergebenen eine
-Pauke halten will. Die Seitenpferde sausen bald, wie Ulanenkornetts
-auf dem Ball, die ein Gegenüber suchen, bald drängen sie sich an
-das Mittelpferd, wie Schafe im Regen. Das rote Glöcklein schlug
-manchmal mit dem Ring gegen den Rand, dann schien es wieder wie
-festgeklebt und schwieg; nur die Schellen klirrten dumpf. Jetzt war
-der dreiköpfige Drache unten angelangt und breitete sich aus. Die
-Rücken der Pferde wurden sichtbar, der Schweif des einen Seitenpferdes
-wehte hoch im Winde; auch eine Mähne flog empor; die Pferde hielten
-gleichmäßigen Trab und der Wagen polterte über die Brücke. Deutlich
-sah man das vergoldete Krummholz mit eingeätzten Ornamenten und den
-großen altertümlichen, bronzebeschlagenen, gitarrenförmigen Wagen,
-auf dem nebeneinander, wie auf einem Sofa, zwei kleine Geschöpfe, ein
-weibliches und ein männliches, saßen; der Mann in einem dunkelgrünen
-Kamelot-Mantel und einer großen Mütze aus haarigem Plüsch, die Frau in
-einem schlafrockartigen Mantel aus himbeerfarbenem ~Gras-de-Naples~ mit
-einem lila Samtkragen und einer Haube mit braunen Bändern.
-
-»Mein Gott, das sind ja die Plodomasowschen Zwerge! -- Nicht möglich!
--- Sehen Sie doch selbst! -- Ja, richtig! -- Gewiß doch! Da -- Nikolai
-Afanasjewitsch hat uns schon bemerkt. Sehen Sie, er grüßt! Und jetzt
-nickt auch Maria Afanasjewna.«
-
-So tönte es erfreut von allen Seiten. Die Gastgeber beeilten sich,
-für die Ankömmlinge das Frühstück wieder auftragen zu lassen, und die
-Anwesenden richteten die Blicke gespannt nach der Tür, durch die die
-kleinen Leute eintreten mußten.
-
-Voran schritt ein altes Männlein, nicht größer als ein achtjähriger
-Knabe, gefolgt von einem alten Frauchen etwas größeren Wuchses.
-
-Das Männlein war ganz Sauberkeit und Wohlanständigkeit. Auf seinem
-Gesicht war nichts von gelben Flecken oder Runzeln zu sehen, wie
-sie gewöhnlich die Gesichter von Zwergen entstellen. Er hatte eine
-sehr wohlproportionierte Gestalt, einen kugelrunden Kopf, der ganz
-mit weißen, kurzgeschorenen Haaren bedeckt war, und kleine braune
-Bärenaugen. Die Zwergin machte keinen so angenehmen Eindruck wie ihr
-Bruder. Ihre Gestalt war schwammig, um den Mund spielte ein Zug von
-Dummheit und Sinnlichkeit und die Augen blickten stumpf.
-
-Der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch trug trotz der heißen Jahreszeit warme
-Tuchstiefel, schwarze Beinkleider aus haarigem Flauschstoff, eine gelbe
-Flanellweste und einen braunen Frack mit Metallknöpfen. Seine Wäsche
-war von tadelloser Sauberkeit und seine Wangen stützten sich auf eine
-stramm gebundene, hohe Atlashalsbinde. Die Zwergin trug ein grünes
-Seidenkleid mit großem Spitzenkragen.
-
-Als Nikolai Afanasjewitsch ins Zimmer getreten war, legte er zuerst die
-Händchen an die Hosennaht, drückte dann die Rechte mit der Mütze ans
-Herz, machte einen Kratzfuß und schritt etwas breitbeinig gerade auf
-die Hausfrau zu.
-
-»Unser gnädiger Herr Nikita Alexejewitsch Plodomasow und der gnädige
-Herr Parmen Semenowitsch Tuganow,« sagte er mit leiser und eintöniger
-Greisenstimme, »haben uns in ihrem eigenen und im Namen ihrer Frau
-Gemahlin befohlen, daß wir als ihre Diener Ihnen, gnädige Frau Olga
-Arsentjewna, ihren Glückwunsch darbringen. -- Schwesterlein, wiederholt
-es,« wandte er sich an die neben ihm stehende Schwester, und als diese
-mit ihrer Gratulation fertig war, machte Nikolai Afanasjewitsch vor
-dem Polizeichef ebenfalls einen Kratzfuß und fuhr fort:
-
-»Und auch Ihnen, gnädiger Herr Woin Wasiljewitsch, und der ganzen
-geehrten Gesellschaft einen herzlichen Glückwunsch zum frohen
-Familienfest. Und ferner habe ich, gnädiger Herr, Ihnen zu melden,
-daß mein gnädiger Herr und Parmen Semenowitsch Tuganow, die mich und
-meine Schwester als Gratulanten hierher gesandt haben, es gütigst zu
-entschuldigen bitten, daß sie ihren Glückwunsch durch uns unwürdige
-Knechte darbringen lassen; aber sie können leider über ihre Zeit
-nicht verfügen. Sie wollen sich heute abend noch persönlich deswegen
-entschuldigen.«
-
-»Parmen Semenowitsch will herkommen?« rief der Polizeichef.
-
-»Mit meinem gnädigen Herrn Nikita Alexejewitsch Plodomasow, der sich
-auf der Durchreise nach Petersburg hier aufhält, und um Vergebung
-bittet, wenn er im Reiseanzug erscheint.«
-
-Der Gesellschaft bemächtigte sich bei dieser Mitteilung eine leichte
-Erregung, welche der Zwerg benutzte, um auf Tuberozow zuzugehen und
-seinen Segen entgegenzunehmen. Dabei sagte er leise:
-
-»Parmen Semenowitsch bittet, Ihr möchtet heute abend auch hier sein.«
-
-»Sag' ihm, Lieber, ich würde kommen,« erwiderte Tuberozow.
-
-Der Zwerg empfing dann auch von Zacharia den Segen. Der Diakon Achilla
-ergriff die Hand des kleinen Mannes, der sich ehrerbietig vor ihm
-verbeugte und dabei lächelnd sagte:
-
-»Ich bitte Euch nur, werter Herr, versucht Eure Heldenkraft nicht an
-mir.«
-
-»Ist er denn so kräftig, Nikolai Afanasjewitsch?« scherzte der Hausherr.
-
-»Er gibt gern Proben seiner Kraft,« antwortete der Alte. »Aber lohnt es
-sich an einem Krüppel?«
-
-»Wie steht's mit der Gesundheit, Nikolai Afanasjewitsch?« fragten die
-Damen, welche den Zwerg von allen Seiten umringt hatten und seine
-Händchen drückten.
-
-»Ach was Gesundheit, meine werten Damen! Es ist ein Spott und eine
-Schande! Wie ein Ferkelchen bin ich geworden. Der Sommer ist längst da,
--- und ich friere beständig.«
-
-»Sie frieren?«
-
-»Ei freilich. Schauen Sie mich bloß an. Ich bin ja ganz in Hasenwolle
-eingenäht. Aber was ist daran auch verwunderlich, werte Herrschaften?
-Ich unnützer Mensch habe doch schon die Achtzig hinter mir.«
-
-Nikolai Afanasjewitsch wurde von allen Seiten mit Fragen überschüttet.
-Man setzte ihn an den Tisch, reichte ihm die Speisen. Er antwortete
-allen klug und gewandt, rührte aber von den Speisen nichts an: er äße
-längst schon sehr wenig, und auch dann nur höchstens ein leichtes
-Gemüse. »Aber die Schwester wird essen,« sagte er, sich zu dieser
-wendend. »Eßt nur, Schwesterlein, eßt. Geniert Euch nicht. Wollt Ihr
-aber ohne mich nicht essen, dann bitte ich Olga Arsentjewna um etwas
-Möhrenfüllung aus der Pastete hier auf dieses kleine Tellerchen ...
-So ist's recht. Danke schön, danke! Was brauch' ich überhaupt noch zu
-essen? Ich kann ja gar nichts mehr. Nicht einmal einen Zwirnstrumpf
-bring' ich mehr ordentlich fertig. Und früher konnte ich doch viel
-besser stricken als die Schwester, sogar ~Broderies anglaises~ verstand
-ich zu flechten; aber jetzt lasse ich beständig die Maschen fallen.«
-
-Der Propst sah dem Zwerge mit glücklichem Lächeln in die Augen:
-
-»Wenn ich dich betrachte, Nikolai, so denke ich an ein lieber altes
-Märchen, mit dem man sterben möchte.«
-
-»Ach, Väterchen, unser liebes Märchen ist vor uns heimgegangen.«
-
-»Vergißt du sie nicht schon, deine Herrin? Die Bojarin Marfa
-Andrejewna?« fragte, sich ihm nähernd, der Diakon Achilla, welchen der
-Zwerg immer noch ein wenig zu fürchten schien.
-
-»Zum Vergessen bin ich schon zu alt, Vater Diakon, ich denke lange
-schon daran, daß es für mich Zeit wird, ihr in jener Welt wieder zu
-dienen,« erwiderte er leise und sich halb dem Diakon zukehrend.
-
-»Sie war eine trostreiche Frau, diese Alte,« sagte der Diakon, ohne
-seine Rede an eine bestimmte Person zu richten.
-
-»In welchem Sinne trostreich? Wie meinst du das?« fragte Tuberozow.
-
-»Spaßig war sie.«
-
-Der Propst lächelte und machte eine abwehrende Handbewegung. Nikolai
-Afanasjewitsch aber fiel Achilla ins Wort und sagte sehr bestimmt:
-
-»Keine Spaßmacherin war sie, sondern eine wirkliche Trösterin, werter
-Herr.«
-
-»Was belehrst du ihn, Nikolai! Erzähle lieber, wie sie dich erbittert
-hat. Und wie sie dann alles wieder zum Besten kehrte,« rief der Propst.
-
-»Ach, Hochwürden, das ist eine so alte Geschichte.«
-
-»Er weiß von dieser seiner Erbitterung mit so viel Wärme zu erzählen,«
-wandte sich Tuberozow an die Gäste.
-
-»Ja, Väterchen, sie, meine gnädige Herrin, verstand es, einen Menschen
-so zu erbittern und dann so zu trösten, wie nur ein Engel Gottes zu
-trösten vermag,« fiel der Zwerg sofort ein.
-
-»Nun, so erzähle doch.«
-
-»Ja, Nikolascha, erzähle, erzähle!«
-
-»Nun, werte Herrschaften, ob Sie sich über mich lustig machen oder
-ob es Sie wirklich interessiert, -- wenn die ganze Gesellschaft es
-wünscht, so will ich mich nicht widersetzen und Ihnen die Geschichte
-erzählen.«
-
-Und er begann.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-»Es war kaum ein Jahr, nachdem meine gnädige Herrin mich von meiner
-früheren Herrschaft gekauft hatte. Ein Jahr in bittern Schmerzen lag
-hinter mir. Ich war von meiner Heimat und von meinen Lieben für immer
-getrennt. Natürlich ließ ich meinen Kummer nicht merken. Es war jedoch
-vergebens, denn die Selige hatte ihn längst erraten. Als nun mein
-Namenstag kam, geruhte sie mir zu sagen:
-
-›Was soll ich dir denn zum Namenstage schenken, Nikolai?‹
-
-›Mütterchen,‹ sag' ich, ›was brauch' ich Narr noch beschenkt zu werden?
-Ich bin auch so völlig zufrieden.‹
-
-›Nein,‹ geruhte sie zu sagen, ›einen Rubel sollst du wenigstens haben.‹
-
-Natürlich wagte ich nicht zu widersprechen und küßte ihr die Hand:
-
-›Vielen Dank, Euer Gnaden!‹ sprach ich nur.
-
-Und setzte mich wieder auf das Fußbänkchen gegenüber ihrem Sessel und
-strickte meinen Strumpf weiter. Nach einiger Zeit fragt sie wieder:
-
-›Was wirst du mit dem Rubel anfangen, Nikolai, den ich dir morgen
-schenken will?‹
-
-›Den schicke ich bei Gelegenheit meinem Vater.‹
-
-›Und wenn ich dir zwei schenke?‹
-
-›So bekommt mein Mütterchen den zweiten.‹
-
-›Und wenn es drei werden?‹
-
-›Dann soll auch mein Bruder Iwan Afanasjewitsch einen haben.‹
-
-Da schüttelte sie den Kopf:
-
-›Du hast aber viel Geld nötig, wenn du alle bedenken willst! Das kannst
-du, so klein wie du bist, ja dein Lebtag nicht verdienen.‹
-
-›Dem lieben Gott hat es gefallen, mich so zu schaffen,‹ antwortete
-ich und fing leise zu weinen an. Mein Herz krampfte sich zusammen,
-wissen Sie, ich ärgerte mich selbst über meine Tränen und doch mußte
-ich weinen. Sie aber, die Selige, guckte und guckte mich an, bis sie
-auf einmal mir schweigend winkte: ich fiel ihr zu Füßen und sie legte
-meinen Kopf auf ihren Schoß, und ich weinte nun erst recht und sie
-weinte auch. Dann stand sie auf und sprach:
-
-›Haderst du nie mit dem lieben Gott, Nikolai?‹
-
-›Wie soll ich mit dem lieben Gott hadern, Mütterchen? Niemals tu ich
-das.‹
-
-›So wird Er dich auch trösten.‹
-
-Und er hat mich wirklich getröstet.«
-
-Als der Zwerg in seiner Erzählung so weit gekommen war, fingen seine
-dünnen Augenlider plötzlich heftig zu zucken an, er sprang hastig von
-seinem Stuhl auf, lief in eine Ecke, wischte sich dort mit einem weißen
-Tüchlein die Augen und kehrte mit verschämtem Lächeln auf seinen Platz
-zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, begann er mit einer ganz
-anderen, feierlichen Stimme:
-
-»Ich war früh aufgestanden, werte Herrschaften, war ganz leise mich
-waschen gegangen, denn ich schlief ja zu Füßen ihres Bettes, hinter
-einem Schirm auf einem Teppich. Dann war ich in die Kirche gegangen,
-um beim Vater Alexei einen Dankgottesdienst nach der Frühmesse zu
-bestellen. Wie ich nun, werte Herrschaften, in die Kirche komme,
-gehe ich geradewegs nach dem Altar, um vom Vater Alexei den Segen zu
-empfangen, und sehe, daß Vater Alexei ein so seltsam frohes Gesicht
-macht und mir so herzlich zur großen Freude gratuliert. Ich bezog das
-natürlich auf den Festtag und auf meinen Namenstag. Aber was sollte
-nun kommen, meine lieben und werten Herrschaften! Ich trete auf den
-linken Altarflügel hinaus, -- und sehe plötzlich mitten im Volke mein
-Mütterlein und meinen Vater und meinen Bruder Iwan Afanasjewitsch. Den
-Vater und die Mutter fand ich in der Menge nicht gleich heraus, aber
-der Bruder Iwan Afanasjewitsch ... der war ja der reine Gardehusar. Ihn
-sah ich sofort. Erst dachte ich, es wäre eine Vision! Denn ich hatte
-mich an diesem Tage so sehr nach ihnen gesehnt. Aber nein, es war keine
-Vision! Ich sah meine Mutter -- sie war eine Bäuerin -- bitterlich
-weinen und dachte, sie habe ihre Herrschaft um Urlaub gebeten und den
-weiten Weg gemacht, um ihr Kind wiederzusehen. Natürlich wollte ich den
-Gottesdienst nicht stören und ging wieder in den Altarraum zurück. Wie
-ich aber nach Schluß der Messe heraustrete, da erblicke ich vor dem
-Betpult mit dem Heiligenbilde Marfa Andrejewna selber; und hinter ihr
-meine Schwester Maria Afanasjewna, die Sie hier sehen, meine Eltern und
-meinen Bruder. Ich gehe auf Marfa Andrejewna zu, um sie zu begrüßen.
-Sie aber schiebt mich leise mit der Hand beiseite und sagt:
-
-›Geh erst und begrüße deine Eltern.‹
-
-So begrüßte ich den Vater, die Mutter, den Bruder, unter Tränen. Nur
-meine Schwester Maria Afanasjewna weinte nicht, denn sie hat einen
-besseren Charakter. Ich aber bin so schwach, daß ich immer weinen muß.
-Nun traten wir aus der Kirche heraus und meine gnädige Herrin nimmt ein
-Beutelchen aus der Tasche -- ich hatte selbst gesehen, wie sie diesen
-Beutel strickte, aber ich wußte natürlich nicht, für wen er bestimmt
-war -- und sagt zu mir: ›Nun beschenke die Deinigen, Nikolascha.‹ Ich
-greife in den Beutel, dem Vater gab ich einen Silberrubel, der Mutter
-einen Silberrubel, dem Bruder Iwan Afanasjewitsch einen Rubel. Es waren
-lauter ganz neue Rubel! Im Beutel aber lagen noch vier Rubel. ›Wer soll
-denn die noch bekommen, Mütterchen?‹ frage ich meine gnädige Herrin.
-Aber da sehe ich schon den Verwalter Dementij, der mir meine Schwägerin
-und ihre drei Kinder zuführt, alle in langen Röcken. Dank der großen
-Gnade meiner Herrin konnte ich auch sie noch beschenken, ehe wir aus
-der Kirche alle zusammen nach Hause gingen. Vor dem Herrenhaus bemerkte
-ich drei Wagen, mit den Gutspferden meiner gnädigen Herrin bespannt.
-Die beiden Pferdchen meines Bruders waren hinten angebunden, und das
-ganze Gepäck der Eltern und des Bruders lag auf dem Wagen. Dies machte
-mich ganz verwirrt, und ich wußte nicht mehr, was ich sagen sollte.
-Marfa Andrejewna war die ganze Zeit mit dem Vater Alexei vorausgegangen
-und hatte von der Ernte gesprochen und mich anscheinend gar nicht
-beachtet. Jetzt aber, wie sie eben die Verandastufen hinauf will,
-wendet sie sich nach mir um und geruht also zu sprechen: ›Hier hast du
-einen Freibrief, mein braver Knecht, deine Eltern und dein Bruder nebst
-Kindern sind von mir losgekauft.‹ Und damit schob sie mir das Papier
-hinter die Weste ... Das war zu viel für mich ...«
-
-Nikolai Afanasjewitsch hob die Hände bis zur Höhe seines Gesichts und
-sagte:
-
-»›Du!‹ rief ich wie wahnsinnig, ›du willst mich durch das Übermaß
-deiner Güte ganz erdrücken!‹ Es schnürte mir die Kehle zusammen, meine
-Schläfen hämmerten, vor meinen Augen zuckten bunte Flämmchen, und ich
-fiel bewußtlos vor dem Wagen meines Vaters nieder, den Freibrief an
-die Brust gedrückt.«
-
-»Ach du, Alter! So viel Gefühl hast du!« rief der Diakon Achilla
-gerührt und schlug Nikolai Afanasjewitsch auf die Schulter.
-
-»Ja,« fuhr der Zwerg fort, nachdem er sich den Mund gewischt hatte.
-»Ich kam erst nach neun Tagen wieder zu mir, denn ich war an einem
-schweren Fieber erkrankt. Und wie ich mich umschaute, sah ich meine
-gnädige Herrin zu Häupten meines Bettes sitzen: ›Vergib mir um Christi
-willen, Nikolascha,‹ sprach sie, ›ich verrücktes Frauenzimmer hätte
-dich beinahe umgebracht!‹ So ein gewaltiger Mensch war sie, die gnädige
-Bojarin Plodomasowa!«
-
-»Ach du allerliebster Alter!« rief wieder der Diakon Achilla und packte
-den Zwerg scherzend an einem Knopfe seines Fracks, diesen scheinbar
-abreißend.
-
-Der Kleine faßte schweigend nach dem Knopf, und als er sich überzeugt
-hatte, daß er heil und ganz an seinem Platze geblieben war, meinte er:
-
-»Ja, ja, ich bin doch ein ganz unbedeutendes Wesen, aber sie war immer
-besorgt um mich und schenkte mir ihr Vertrauen; sogar ihren Kummer
-teilte sie mir mit, besonders als die Trennung von ihrem Sohne Alexei
-Nikititsch ihr so nah ging. Bekam sie mal einen Brief, dann las sie ihn
-erst ganz schnell für sich und später las sie ihn mir vor. Sie sitzt
-und liest vor und ich stehe mit meinem Strickstrumpf daneben und höre
-zu. Und wenn sie zu Ende ist, sprechen wir über den Brief. ›Jetzt wird
-er wohl bald Offizier,‹ sagt sie zu mir. Und ich antworte: ›Ja, sicher
-muß die Reihe schon an ihn gekommen sein.‹ Und sie wieder: ›Was meinst
-du, Nikolascha, da wird man ihm wohl mehr Geld schicken müssen.‹ --
-›Gewiß hat er jetzt mehr nötig, Mütterchen,‹ sage ich. ›Ei freilich,
-wir haben hier das Geld ja gar nicht nötig.‹ ›Natürlich, Mütterchen,
-wozu brauchen wir Geld?‹ Meine Schwester Maria Afanasjewna aber
-schweigt still, und das ist meiner gnädigen Herrin nicht recht und sie
-wird gleich böse. ›Ach, du Holzklotz,‹ sagt sie. ›Ja, die wußten, was
-sie taten, als sie dich mir umsonst als Zugabe zum Bruder überließen.‹«
-
-Nikolai Afanasjewitsch besann sich plötzlich, wurde ganz rot und sagte
-zu seiner stumpfsinnigen Schwester:
-
-»Nehmt mir's nicht übel, Schwesterlein, daß ich das erzähle.«
-
-»Erzählt nur, erzählt nur, es tut nichts,« antwortete Maria
-Afanasjewna, mit der Zunge gegen die Backe stoßend.
-
-»Nun, und euch beiden hat sie die Freiheit nicht geben wollen?« fragte
-jemand.
-
-»Die Freiheit? Nein, freigegeben hat sie uns nicht. Meine Schwester
-Maria Afanasjewna stand wohl mit drin im Freibrief, den sie meinen
-Eltern gegeben, aber mich wollte sie nicht fortlassen. Mitunter sagte
-sie: ›Wenn ich tot bin, magst du leben, wo du willst (denn sie hatte
-ein kleines Kapital als Pension für mich angelegt), aber solange ich am
-Leben bin, lasse ich dich nicht frei.‹ -- ›Ach, Mütterchen,‹ sagte ich
-darauf, ›was soll ich mit der Freiheit? Mich hacken doch die Spatzen
-tot!‹«
-
-»Ach, du kleiner Kerl!« rief Achilla gerührt.
-
-»Er war ja in allem ihre rechte Hand, unser Nikolai Afanasjewitsch,«
-fiel Tuberozow ein.
-
-»Ja, Vater Propst, ich habe ihr gedient, so gut ich's verstand. Wenn
-die Selige nach Moskau oder Petersburg reiste, nahm sie nie eine Zofe
-mit. Sie konnte weibliche Bedienung auf Reisen nicht leiden. Oft
-sagte sie: ›So eine Prinzessin Pumfia tut nichts weiter als quasseln
-und im Gasthof im Korridor herumlungern und Bekanntschaften machen.
-Mein Nikolascha aber sitzt hübsch still im Winkel, wie ein Hase.‹ Sie
-betrachtete mich gar nicht als Mann, sondern nannte mich immer nur
-Hase.«
-
-»Ein Karnickelchen,« sagte Achilla lachend und streichelte die
-Schultern des Kleinen.
-
-»So ganz konnte sie dich aber doch nicht für einen Hasen halten, wenn
-sie dich sogar verheiraten wollte?« sagte der Polizeichef Porochontzew.
-
-»Ja, das hat sie gewollt, Woin Wasiljewitsch. Freilich, freilich,«
-erwiderte der Kleine, die Stimme immer mehr dämpfend, »das hat sie
-gewollt.«
-
-»Wirklich, Nikolai Afanasjewitsch?« riefen mehrere Stimmen zugleich.
-
-Nikolai Afanasjewitsch wurde ganz rot und flüsterte:
-
-»Lügen wäre Sünde, -- ja es war so.«
-
-Und nun stürmte die ganze Gesellschaft auf den Zwerg ein:
-
-»Erzählen, Nikolai Afanasjewitsch, erzählen!«
-
-»Ach, werte Herrschaften, was ist da zu erzählen?« suchte Nikolai
-Afanasjewitsch lachend und errötend und die Hände ausstreckend die
-Zudringlichen abzuwehren.
-
-Man gab nicht nach. Die Damen faßten seine Hände, küßten ihn auf die
-Stirn; er fing die Damenhände, die sich nach ihm ausstreckten, im
-Fluge auf und küßte sie, wollte aber trotzdem nicht erzählen, weil
-er meinte, die Geschichte wäre zu lang und uninteressant. Da schlug
-plötzlich etwas dröhnend gegen den Fußboden, die Hausfrau, die in
-diesem Augenblick vor dem Lehnstuhl des Zwerges stand, trat erschrocken
-zurück, und den erstaunten Blicken von Nikolai Afanasjewitsch zeigte
-sich der Diakon Achilla, kniend mit hoch emporgereckten Armen.
-
-»Herzchen!« flehte er mit heftigen Kopfbewegungen. »Erzähle, wie sie
-dich verheiraten wollten.«
-
-»Ja, ja, ich will alles erzählen, steht nur auf, Vater Diakon.«
-
-Achilla erhob sich, klopfte den Staub von seiner Kutte und rief
-selbstzufrieden:
-
-»Nun? Was sagt ihr nun? Er wird nicht erzählen, meintet ihr! Da sagte
-ich: Ich setze es durch, -- und ich hab's durchgesetzt! Jetzt bitte
-wieder Platz zu nehmen, meine Herrschaften, und hübsch still sein, und
-die gnädigste Hausfrau ist so gut und läßt dem Nikolascha für seine
-Erzählung ein Glas Wasser mit rotem Wein geben, wie das in feinen
-Häusern Brauch ist.« --
-
-Alle setzten sich. Man brachte Nikolai Afanasjewitsch ein Glas Wasser,
-in das er selbst ein paar Tropfen Rotwein goß, und dann fing er von
-neuem zu erzählen an.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-»Es war bald nach dem Frieden mit Frankreich, meine werten
-Herrschaften, als ich mit dem in Gott entschlafenen Kaiser sprach.«
-
-»Sie haben mit dem Kaiser gesprochen?« unterbrachen den Erzähler sofort
-mehrere Stimmen.
-
-»Ja, was denken Sie?« sagte der Zwerg sanft lächelnd. »Mit Seiner
-Kaiserlichen Majestät Alexander Paulowitsch habe ich gesprochen und
-habe Verstand genug gehabt, ihm zu antworten.«
-
-»Hahaha! Ist das ein Kerl, dieser Nikolaurus, Gott straf mich!« brüllte
-der Diakon Achilla entzückt und schlug sich mit der flachen Hand auf
-die Schenkel. »Seht ihn doch an, -- so ein winziger Floh und hat mit
-dem Kaiser geredet.«
-
-»Sitz ruhig, Diakon, und sei still,« sagte Tuberozow ernst.
-
-Achilla gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er den Erzähler
-nicht mehr unterbrechen werde und setzte sich.
-
-Der Zwerg fuhr fort:
-
-»Die ganze Sache nahm scheinbar mit diesem meinem Gespräch mit dem
-Kaiser überhaupt ihren Anfang. Meine gnädige Herrin Marfa Andrejewna
-hatte den Wunsch, nach Moskau zu reisen, als der Kaiser nach seinem
-weltberühmten Siege über Napoleon Bonaparte dort erwartet wurde.
-Natürlich mußte auch ich sie wieder auf dieser Reise begleiten. Die
-Selige war dazumal schon in hohen Jahren, und weil auch ihre Gesundheit
-zu wünschen übrigließ, leicht erzürnt und gekränkt. Da verschaffte
-nun Alexei Nikititsch seiner Mutter eine Einladung zu einem Ball,
-zu dem auch der Kaiser kommen sollte. Marfa Andrejewna gestand mir
-offen, daß ihr das ein großes Vergnügen bereitet hatte. Sie ließ sich
-zu diesem Ball ein kostbares Kleid machen, und für mich wurde bei
-einem französischen Schneider ein blauer Frack aus englischem Tuch
-mit goldenen Knöpfen bestellt, dazu -- entschuldigen Sie, meine Damen
--- Pantalons, Weste, Halsbinde -- alles weiß; ein Spitzenvorhemd und
-Schnallenschuhe, -- zweiundvierzig Rubel hat sie bezahlt. Alexei
-Nikititsch hatte, um seiner Mutter eine Freude zu machen, es so
-eingerichtet, daß sie mich mitnehmen durfte. Dem ~Maitre d'hôtel~
-wurde befohlen, mich in die Orangerie zu führen und gerade gegenüber
-dem Saale, in den der Kaiser eintreten sollte, irgendwo in einer Ecke
-zwischen den Gewächsen aufzustellen. So geschah es denn auch, werte
-Herrschaften, aber doch nicht ganz, wie es beabsichtigt war. Der
-~Maitre d'hôtel~ sagte mir, ich sollte mich ruhig verhalten und sehen,
-soviel ich von meinem Platz nur sehen könnte. Aber was war von da zu
-sehen? Nichts. Da machte ich es wie Zachäus, der Zöllner, wissen Sie,
-und kletterte -- hoppla -- auf so einen kleinen künstlichen Felsen,
-wo ich nun unter einer Palme stand. Der Saal war voll Glanz und Lärm
-und Musik, aber auch von meinem Felsen konnte ich nur die Frisuren
-der Herrschaften sehen. Plötzlich aber gerieten all diese Köpfe in
-lebhafte Bewegung, sie schoben sich auseinander und der Kaiser ging
-mit dem Fürsten Golitzyn geradewegs nach der Orangerie, um sich etwas
-zu erfrischen. Und -- denken Sie sich nur -- nicht allein, daß er sich
-nach der Orangerie begibt, er geht auch gerade auf die entfernte Ecke
-zu, wo man mich versteckt hatte. Ganz starr war ich, meine Damen, wie
-angewachsen an den Felsen und konnte nicht herunter.«
-
-»Da war dir wohl bange?« fragte Tuberozow.
-
-»Wie soll ich sagen? Bange eigentlich nicht, aber doch gewissermaßen
-aufgeregt war ich.«
-
-»Ich wäre davongelaufen,« sagte der Diakon, außerstande, noch weiter zu
-schweigen.
-
-»Warum denn davonlaufen, werter Herr? Ich will nicht sagen, daß ich
-keine Angst verspürt hätte, aber ans Davonlaufen dachte ich doch nicht.
-Seine Majestät kamen indes immer näher und näher. Ich hörte schon
-deutlich, wie Ihre Stiefel klipp-klapp, klipp-klapp machten. Ich sah
-bereits Ihr sanftes Gesicht, den freundlichen Blick, und wissen Sie, in
-meiner Verwirrung dachte ich gar nicht mehr daran, daß ich gleich Ihren
-Augen sichtbar werden mußte. Da wandte der Kaiser den Kopf und, ich
-sah's, er richtete den Blick direkt auf mich und sah mich an.«
-
-»Nun?« schrie der Diakon und wurde ganz bleich.
-
-»Ich machte eine Verbeugung.«
-
-Der Diakon atmete auf, drückte die Hand des Zwerges und flüsterte:
-
-»Erzähle, sei so gut, erzähle schnell weiter!«
-
-»Der Kaiser sah mich also an und geruhte auf Französisch zum Fürsten
-Golitzyn zu sagen: ›Ach, was für ein Miniaturexemplar! Wem mag es
-gehören?‹ Der Fürst Golitzyn war, wie ich sah, in Verlegenheit,
-was er antworten sollte, -- und da ich die französische Rede wohl
-verstehen konnte, antwortete ich selber: ›Der gnädigen Frau Plodomasow,
-Kaiserliche Majestät!‹ Da wandte sich der Kaiser zu mir und geruhte
-zu fragen: ›Welcher Nation sind Sie?‹ -- ›Ein treuer Untertan Eurer
-Majestät,‹ antwortete ich. ›Und geborener Russe?‹ fragte er weiter
-und ich antwortete: ›Ein Bauer und treuer Untertan Eurer Majestät.‹
-Da lachte der Kaiser. ›Bravo,‹ scherzte er, ›bravo, ~mon petit sujet
-fidèle~!‹ und faßte meinen Kopf mit der Hand und zog mich an sich.«
-
-Nikolai Afanasjewitsch dämpfte seine Stimme und sagte mit einem leisen
-Lächeln im Flüstertone, als handele es sich um ein großes politisches
-Geheimnis:
-
-»Er faßte mich um, wissen Sie, und dabei drückte ein Knopf seines
-Ärmelaufschlags mir die Nase zusammen, daß es mir ordentlich wehe tat.«
-
-»Nun und du? Du schriest doch nicht?« rief der Diakon.
-
-»Nein, Väterchen, nein, warum sollte ich schreien? Wie kann man
-schreien, wenn der Zar einen liebkost? Nein, als er mich losließ, küßte
-ich seine Hand ... für das Glück und die Ehre ... und das war mein
-ganzes Gespräch mit Seiner Kaiserlichen Majestät. Später natürlich, als
-sie mich vom Felsen heruntergenommen hatten und man mich in der Kutsche
-nach Hause fuhr, da hab' ich die ganze Zeit geweint.«
-
-»Warum hast du denn nachher geweint?« fragte Achilla.
-
-»Warum? Als ob ich nicht Grund genug gehabt hätte? Vor Rührung weint
-der Mensch!«
-
-»So klein ist er und hat so viel Gefühl!« rief Achilla ganz begeistert.
-
-»Nun, erlauben Sie mal,« fing der Erzähler wieder an. »Die
-Aufmerksamkeit, die Seine Majestät mir zufällig erwiesen, wurde in
-verschiedenen Moskauer Häusern bekannt, Marfa Andrejewna nahm mich
-überall mit hin und zeigte mich den Leuten, und -- ich sage Ihnen die
-reine Wahrheit, ich lüge nicht -- ich war damals der allerkleinste
-Zwerg in ganz Moskau. Aber das dauerte nicht lange, nur einen einzigen
-Winter.«
-
-In diesem Augenblick prustete der Diakon plötzlich überlaut und fing
-dann, den Kopf zurückwerfend, leise zu kichern an.
-
-Als er merkte, daß er durch sein Lachen den Erzähler unterbrochen
-hatte, setzte er sich wieder gerade hin und sagte:
-
-»Es ist nichts! Erzähle nur weiter, Nikolaurus, ich lache über meine
-eigene Sache. Wie einmal der Graf Klenychin mit mir gesprochen hat.«
-
-»Nein, sprechen Sie sich nur aus, werter Herr, sonst unterbrechen Sie
-mich wieder,« sagte der Zwerg.
-
-»Ach, es ist gar nichts Besonderes, eine ganz einfache Geschichte,«
-erwiderte Achilla. »Der Graf Klenychin besichtigte unser
-Seminargebäude, ich machte ihm eine Verbeugung und da sagte er: ›Pack
-dich weg, Schafskopf!‹ Und das war unser ganzes Gespräch, über das ich
-lachen mußte.«
-
-»Es ist auch wirklich komisch,« sagte der Zwerg lächelnd und fuhr fort:
-
-»Im nächsten Winter brachte die Generalin Wichiorowa aus Petersburg
-eine finnische Zwergin namens Meta mit, die war noch um einen Finger
-breit kleiner als ich. Die selige Marfa Andrejewna konnte das gar nicht
-hören. Anfangs behauptete sie immer, das sei keine natürliche Zwergin,
-sondern eine, der man in der Kindheit Blei eingegeben habe; aber als
-sie angekommen war und meine gnädige Herrin die Meta Iwanowna mit
-eigenen Augen sah, da wurde sie furchtbar böse, daß sie so wohlgebaut
-und weiß war. Sogar im Traum ließ es ihr keine Ruhe: immer nur dachte
-sie daran, wie sie die Meta Iwanowna kaufen könnte. Aber die Generalin
-wollte von Verkauf nichts wissen. Da fing nun Marfa Andrejewna mit
-allerlei spitzigen Reden an: ihr Nikolai wäre ein kluger Kopf und
-hätte mit dem Kaiser selbst gesprochen, das Mädel aber sehe bloß nett
-aus und weiter nichts. So zankten sich die beiden Damen unsertwegen.
-Marfa Andrejewna sagte, jene solle ihr das Mädchen verkaufen, und diese
-wiederum wollte mich kaufen. Da fuhr Marfa Andrejewna einmal heftig
-auf: ›Ich will sie doch nicht bloß zum Spaß haben,‹ sagte sie, ›ich
-will sie doch verheiraten, der Nikolai soll sie zur Frau nehmen.‹ Die
-Frau Wichiorowa aber meinte: ›Ich kann ja die beiden auch verheiraten,
-wenn sie mir gehören.‹ Marfa Andrejewna erwiderte: ›Wenn sie Kinder
-kriegen, sollst du ein Paar davon haben.‹ Jene aber versprach, daß sie
-ihr ebenfalls ein paar Kinder überlassen wolle, wenn es welche geben
-würde. Bis auf zehntausend Rubel waren sie nach und nach gekommen,
-meine werten Herrschaften, aber immer wurde nichts aus der Sache, denn
-wenn meine gnädige Herrin zehntausend für die Meta bot, so bot die
-Generalin elftausend für mich. Wohl war Marfa Andrejewna eine Frau von
-starkem und unbezwinglichem Geiste, die mit Pugatschow gestritten und
-mit drei Kaisern getanzt hatte, -- aber mit der Generalin Wichiorowa
-wurde sie doch nicht fertig. Und auf mich war sie auch böse. ›Du bist
-auch so ein dummer Rüpel,‹ geruhte sie zu mir zu sagen, ›der dem Mädel
-nicht ordentlich den Kopf verdrehen kann, daß es selber drum bittet,
-deine Frau werden zu dürfen.‹ -- ›Mütterchen, Marfa Andrejewna,‹ sagte
-ich, ›wie soll ich ihr denn den Kopf verdrehen? Geben Sie mir Ihre
-Hand, Mütterchen, daß ich Narr sie küsse.‹ Da wurde sie noch böser.
-›O, du dummer, dummer Kerl,‹ sagte sie, ›nichts verstehst du als die
-Handküsserei.‹ Da schwieg ich schon lieber ganz.«
-
-»O dieser kleine Kerl! Er kann ja nichts dergleichen, der Arme,«
-erklärte der Diakon teilnahmvoll seinem Nachbarn.
-
-Der Zwerg warf ihm einen Blick zu und fuhr fort:
-
-»So ging es nun Tag für Tag, bis es Frühling wurde, und für uns kam
-die Zeit, aus Moskau wieder nach Plodomasowo zurückzukehren. Wir
-fuhren nochmals zur Wichiorowa und wurden wieder nicht handelseinig.
-Marfa Andrejewna sagte ihr: ›So erlaub doch wenigstens deiner
-Qualle, daß sie mit Nikolai vor dem Hause auf und ab geht.‹ Die
-Generalin gestattete das, und nun mußten Meta Iwanowna und ich auf
-dem Trottoir vor den Fenstern hin- und herspazieren. Das war eine
-große Freude für die selige Marfa Andrejewna, und für uns beide wurden
-die verschiedensten Kostüme genäht. Wir kamen hin und sie befahl:
-›Heute sollen Nikolai und Meta als Paysans gehen.‹ Dann erschienen
-wir beide in Holzschuhen, ich in Kamisol und Hut und Meta Iwanowna
-mit einer großen Haube, und so gingen wir vor dem Hause auf und ab,
-und die Leute auf der Straße blieben stehen und schauten uns an. Ein
-andermal mußten wir uns als Türke und Türkin zeigen. Dann als Matrose
-und Matrosenmädchen. Ferner hatten wir noch Bärenkostüme, aus braunem
-Flanell genäht, wie Futterale. In diese stopfte man uns hinein, wie man
-eine Hand in den Handschuh steckt oder den Fuß in den Strumpf, nichts
-war zu sehen als die Augen, und oben am Kopfe waren solche kleine
-Zipfel aus Tuch angemacht, wie Ohren, die hin- und herwackelten. In
-diesen Kleidern schickte man uns aber nicht auf die Straße, sondern
-ließ sie uns zuweilen anlegen, wenn die beiden Damen beim Kaffee
-saßen. Dann mußten wir auf dem Teppich vor dem Kaffeetisch miteinander
-ringen. Meta Iwanowna war sehr stark für ein Mädchen, wenn ich ihr aber
-geschickt und schlau ein Bein stellte, dann fiel sie doch gleich um.
-Aber ich gab ihr doch meist aus Mitleid mit ihrem weiblichen Geschlecht
-nach, und die Generalin pflegte auch oft ihr Bologneserhündchen zu
-Hilfe zu rufen, das mir in die Waden fuhr. Dann ärgerte sich Marfa
-Andrejewna ... Ach, ich mag gar nicht an diese Ringkämpfe denken!
-Das allerschönste Kostüm, das die Selige hatte machen lassen, habe
-ich heute noch: mich zogen sie als französischen Grenadier und Meta
-Iwanowna als Marquise an. Ich hatte eine hohe Bärenmütze, einen langen
-Waffenrock, eine Flinte mit Bajonett und Meta Iwanowna trug einen
-Reifrock und hielt einen großen Fächer in der Hand. Dann mußte ich
-mich mit der Flinte vor der Tür aufstellen und Meta Iwanowna ging mit
-ihrem Fächer an mir vorüber und ich präsentierte das Gewehr. Und dann
-fing Marfa Andrejewna wieder mit der Generalin zu feilschen an, denn
-sie wollte uns gar zu gerne verheiraten. Ich muß Ihnen aber sagen, daß
-all diese Kostüme für mich und Meta Iwanowna meine gnädige Herrin auf
-ihre Kosten machen ließ, denn sie glaubte ganz sicher, daß sie die
-Meta Iwanowna schließlich doch bekommen würde; ja, je mehr Kleider sie
-für uns machen ließ, desto mehr wurde sie in der Zuversicht bestärkt,
-daß wir beide ihr Eigentum seien. Aber die Sache sollte ganz anders
-ausgehen. Die Generalin Karolina Karlowna Wichiorowa war nicht umsonst
-eine Deutsche: wo etwas ihr von Vorteil war, da widersetzte sie sich
-nicht, sondern nahm alles an, aber nachgeben war ihre Sache nicht. Da
-kam Alexei Nikititsch -- Gott schenke ihm Gesundheit und langes Leben,
-ihm selbst war die Sache schon lange ein Dorn im Auge, und er sah, daß
-sie bös auslaufen würde -- er kam also auf den Gedanken, oder irgendein
-kluger Offizier von seinem Regiment hatte ihm den Rat gegeben, der Frau
-Mutter mitzuteilen, die Wichiorowsche Zwergin sei verschwunden. Das
-beruhigte Marfa Andrejewna noch einigermaßen, daß jetzt niemand die
-Meta Iwanowna haben sollte, und sie redete beständig davon. ›Wie ist
-sie denn verloren gegangen?‹ fragt sie. Alexei Nikititsch antwortet,
-ein Jude hätte sie gestohlen. ›Wie? Was für ein Jude?‹ Und wir fabeln
-weiter, wie's uns gerade einfällt: so ein kastanienbrauner Jude sei
-es gewesen, mit einem langen Bart, alle hätten ihn gesehen, wie er
-sie gepackt und fortgeschleppt habe. ›Warum hat man ihn denn nicht
-festgehalten?‹ fragt sie wieder. -- Ja, er sei eben aus einer Straße
-in die andere, aus einer Gasse in die andere gerannt. -- ›Sie ist aber
-auch ein dummes Frauenzimmer, daß sie sich so fortschleppen läßt und
-nicht einmal schreit! Mein Nikolai hätte sich sowas nicht gefallen
-lassen.‹ -- ›Wie werd' ich mich denn von einem Juden überwältigen
-lassen?!‹ sagte ich. Und so glaubte sie alles, wie ein kleines Kind.
-Aber da machte Alexei Nikititsch versehentlich einen kleinen Fehler,
-oder richtiger, er wollte es zu schlau anfangen. Seine Absicht war
-natürlich, Marfa Andrejewna schneller mit mir aufs Land zu schaffen,
-denn dort, glaubte er, würde sie leichter vergessen, und so sagte er
-zu seiner Mutter: ›Seien Sie unbesorgt, liebe Mutter. Man wird die
-Zwergin sicher wiederfinden, denn sie wird überall gesucht, und wenn
-man sie gefunden hat, schreibe ich Ihnen sofort aufs Land.‹ Die Selige
-klammerte sich nun an dieses Wort. ›Nein,‹ sagte sie, ›wenn man sie
-sucht, dann will ich lieber hier abwarten. Vor allem aber möchte ich
-den Juden sehen, der sie geraubt hat.‹ Ja, meine Herrschaften, da
-mußten wir noch einen Polizisten anstellen, daß er uns lügen half.
-Jeden Tag kam er und meldete, die Kleine würde gesucht, sei aber
-immer noch nicht gefunden. Sie gab ihm jeden Tag fünf Rubel, mich
-aber schickte sie tagtäglich zur Frühmesse, daß ich Sankt Johannes
-dem Krieger einen Bittgottesdienst abhalten lasse um Rückkehr der
-entflohenen Sklavin ...«
-
-»Sankt Johann dem Krieger? Du sagst, zu Sankt Johann dem Krieger
-hättest du beten lassen?« unterbrach ihn der Diakon.
-
-»Ja, Sankt Johannes dem Krieger.«
-
-»Na, dann gratuliere ich, mein Lieber. Da habt ihr gar nicht zu dem
-richtigen Heiligen gebetet.«
-
-»Wirst du wohl Ruhe halten, Diakon? Sei so gut,« fiel Vater Sawelij
-ein.
-
-»Bitte, Nikolai, erzähle weiter.«
-
-»Ja, Hochwürden, was ist da noch viel zu erzählen? Meine Geschichte
-ist so gut wie zu Ende. Einmal kamen wir mit Marfa Andrejewna von der
-Kapelle der Iberischen Mutter Gottes, als uns in der Petrowka-Straße
-der Wagen der Generalin Wichiorowa entgegenkam, in dem neben der
-Generalin auch Meta Iwanowna saß. Da begriff Marfa Andrejewna alles und
-... Sie mögen mir glauben, meine werten Herrschaften, oder nicht, --
-sie fing in der Kutsche leise, aber bitterlich zu weinen an.«
-
-Der Zwerg schwieg.
-
-»Nun, Nikola,« suchte der Propst ihn anzuspornen.
-
-»Ja, was nun? Als wir nach Hause gekommen waren, sagte sie zu Alexei
-Nikititsch: ›Mein liebes Söhnchen, du bist ein rechter Schafskopf, daß
-du dich unterstehen konntest, deine Mutter zu betrügen und mir noch den
-Polizisten auf den Hals zu schicken.‹ Und damit ließ sie ihre Sachen
-packen und fuhr aufs Land.«
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Nikolai Afanasjewitsch drehte sich auf seinem Stühlchen den Gästen zu
-und sagte: »Ich hatte Sie ja schon darauf aufmerksam gemacht, daß es
-eine ganz einfache und wenig interessante Geschichte sein würde. Und
-nun, Schwesterlein,« dabei stand er auf, »müssen wir auch fahren.«
-
-Maria Afanasjewna erhob sich ebenfalls, aber der Diakon fing wieder an:
-Nikolai Afanasjewitsch habe nicht zum richtigen Heiligen beten lassen.
-
-»Das ist nicht meine Sache, werter Vater Diakon,« rechtfertigte sich
-Nikolai Afanasjewitsch, während er seine Mütze suchte.
-
-»Wieso denn nicht? Natürlich ist es deine Sache! Du mußt doch wissen,
-zu welchem Heiligen du betest!«
-
-»Erlaubt mal, als ich zum erstenmal deshalb in die Kirche kam, gab
-ich dem Priester einen Zettel mit der Aufschrift ›um Rückkehr einer
-entflohenen Sklavin‹ und ein Fünfzigkopekenstück, darauf hielt der
-Priester einen Bittgottesdienst vor Sankt Johannes dem Krieger ab, und
-so ging es denn auch später.«
-
-»Wenn die Dinge so stehen, taugt eben der Priester nichts.«
-
-»Wieso? Wieso? Wieso? Wieso taugt der Priester nichts?« mischte sich
-plötzlich Vater Zacharia Benefaktow ins Gespräch.
-
-»Weil er die Befugnisse seines Amtes nicht kennt,« erwiderte Achilla
-höchst selbstbewußt. »Wer betet denn um Rückkehr eines entflohenen
-Knechtes zu Sankt Johann dem Krieger?«
-
-»Ja, was meinst du? Zu wem denn sonst? Zu wem? Zu wem?«
-
-»Zu wem? Ihr habt es wohl vergessen? Neben dem Platz des
-Kirchenältesten hing früher an der Wand ein Blatt. Jetzt ist es
-fortgenommen. Allein ich erinnere mich noch ganz genau, welche Heiligen
-bei den verschiedenen Gelegenheiten anzurufen sind.«
-
-»So.«
-
-»Jawohl! und wenn Ihr's wissen wollt, -- zu dem Heiligen Theodor Tyron
-hätte gebetet werden müssen.«
-
-»Du hast unrecht. Es war ganz richtig, daß sie den Johannes anriefen.«
-
-»Blamiert Euch nicht, Vater Zacharia.«
-
-»Ich sage dir, es war ganz richtig.«
-
-»Ich aber sage Euch, Ihr blamiert Euch ganz unnützerweise. Ich weiß die
-ganze Tabelle auswendig.«
-
-Er schob den breiten Ärmel seiner Kutte weit auf den Ellenbogen hinauf
-und bog mit der rechten Hand den Daumen der Linken ein, als ob er ihn
-abbrechen wollte.
-
-»Um Heilung von der fallenden Sucht,« begann er, »betet man zum
-heiligen Maroas.«
-
-»Zum heiligen Maroas,« wiederholte Benefaktow zustimmend.
-
-»Um Heilung von der zehrenden Sucht -- zum heiligen Märtyrer Artemios,«
-fuhr Achilla fort und bog in derselben Weise den Zeigefinger ein.
-
-»Artemios,« wiederholte Benefaktow.
-
-»Um Erlösung von Unfruchtbarkeit -- zum Wundertäter Romanus; wenn
-der Gatte sein Weib verschmäht -- zu den Märtyrern Gurios, Samon und
-Abebas; wenn man vom Teufel geplagt wird -- zum heiligen Nyphon; gegen
-die wollüstige Leidenschaft -- zur heiligen Thomais ...«
-
-»Und zum heiligen Moses Ugrinos,« fügte Benefaktow, der bisher nur im
-Takt mit dem Kopf geschüttelt hatte, leise hinzu.
-
-Der Diakon, der schon alle fünf Finger der linken Hand eingebogen
-hatte, sann einen Augenblick nach, indem er den Vater Zacharia scharf
-ansah, dann öffnete er die linke Faust, um nun die Finger der Rechten
-einzubiegen, und meinte:
-
-»Ja, man kann auch zum Moses Ugrinos beten.«
-
-»Bitte weiter.«
-
-»Gegen die Trunksucht -- zum Märtyrer Bonifatius.«
-
-»Und zum Moses Murinos.«
-
-»Wie?«
-
-»Zum Bonifatius und zum Moses Murinos,« wiederholte Vater Zacharia.
-
-»Ganz recht,« stimmte der Diakon ihm bei.
-
-»Bitte weiter.«
-
-»Zum Schutz gegen bösen Zauber -- zum heiligen Märtyrer Cyprianus.«
-
-»Und zur heiligen Justina.«
-
-»So hört endlich auf mit Eurem Vorsagen, Vater Zacharia!«
-
-»Wenn's aber doch mit russischen Buchstaben deutlich gedruckt steht:
-und der heiligen Justina.«
-
-»Schön, sei's drum! Und der heiligen Justina. Um Wiedergewinnung
-gestohlener Gegenstände und um Rückkehr entflohener Knechte (der Diakon
-betonte jedes einzelne Wort) -- zu dem Theodor Tyron, dessen Gedächtnis
-wir am siebzehnten Februar feiern.«
-
-Jedoch kaum hatte Achilla sein letztes Wort gleich einem
-Trompetensignal herausgeschmettert, als auch schon Zacharia mit
-derselben leisen und leidenschaftslosen Stimme in der Aufzählung
-fortfuhr:
-
-»Und zum heiligen Johannes dem Krieger, dessen Gedächtnis wir am
-zehnten Juli feiern.«
-
-Achilla riß die Augen weit auf und schrie:
-
-»Jetzt fällt mir's ein, ja, man kann auch zu Johannes dem Krieger
-beten.«
-
-»Aber weshalb habt Ihr denn eine ganze Stunde gestritten, Vater
-Diakon?« sagte Nikolai Afanasjewitsch, ihm zum Abschied sein Händchen
-entgegenstreckend.
-
-»Daß mir sowas passieren mußte! Ich hatte die Duplikate vergessen,
-deshalb stritt ich,« verteidigte sich der Diakon.
-
-»Das ist genau wie im Sprichwort, werter Herr: ich suche meine Mütze
-und habe sie auf dem Kopfe. Meinen ehrerbietigsten Gruß, Vater Diakon.«
-
-»Ich suche meine Mütze! ... Ach, du Kleiner!« grinste Achilla, kriegte
-den Zwerg am Rockschoß zu packen und setzte ihn auf seine Hand, indem
-er rief:
-
-»Der ist ja so leicht wie eine Flaumfeder!«
-
-»Laß sein,« befahl Vater Tuberozow.
-
-Der Diakon stellte den Zwerg wieder auf den Boden und bemerkte
-scherzend, in Anbetracht seiner Leichtigkeit sei es unmöglich, ihn nach
-Gewicht zu verkaufen. Doch der Propst, den das vorlaute Gebaren des
-Diakons schon zu ärgern begann, wandte ein:
-
-»Weißt du, wen man nach Gewicht schätzt?«
-
-»Nun, wen?«
-
-»Den Wicht.«
-
-»Schönsten Dank!«
-
-»Bitte sehr, recht gern geschehen.«
-
-Der Diakon wurde verlegen, fuhr mit seinem Baumwolltaschentuch über den
-haarigen Filz seines Hutes und brummte:
-
-»Ihr könnt auch nie und nirgends ohne Politik auskommen!«
-
-Und schritt mit gekränkter Miene zur Tür hinaus.
-
-Bald begannen sich auch die andern Gäste zu verabschieden und gingen
-ein jeder seines Weges.
-
-Den Zwerg und seine Schwester trug der bronzebeschlagene Wagen schnell
-von dannen, Tuberozow aber nahm seinen Weg in Begleitung desselben
-Darjanow, mit dem wir ihn im Häuschen der Hostienbäckerin Prepotenskaja
-gesehen haben, langsam über die Brücke.
-
-Als sie das jenseitige Ufer erreicht hatten, machten sie einen
-Augenblick Halt. Von alter Erinnerung überwältigt meinte der Propst:
-
-»Ist es nicht seltsam, daß dieses alte Märchen, welches uns der Zwerg
-erzählt und das ich schon so oft gehört habe, daß dieses kindliche
-Märlein von den Stricknadeln der Alten mich nicht nur erfrischt,
-sondern auch beruhigt hat nach all der Aufregung, in welche mich die
-jüngste Wirklichkeit versetzt hatte? Ist das nicht ein deutlicher
-Beweis dafür, daß ich alt geworden bin und in der Vergangenheit zu
-leben beginne? Aber nein, das ist es nicht. Ich bin von klein auf so
-gewesen. Mir fällt eben ein Erlebnis ein: als Student kam ich einmal
-in das Dorf, in dem ich meine Kindheit verbrachte und sah, wie man
-die alte Holzkirche niederriß, um an ihrer Stelle ein neues schönes
-Gotteshaus aus Stein zu errichten ... Damals brach ich in Tränen aus.«
-
-»Warum denn?«
-
-»Es war mir leid um das hölzerne Kirchlein. Einen schönen, lichten,
-neuen Tempel will man in Rußland bauen, und die Enkel, die darin
-beten werden, werden sich freuen an der Fülle von Licht und Wärme,
--- und dennoch tut es weh, wenn die alten Balken ohne Erbarmen
-auseinandergezerrt werden.«
-
-»Ja, lohnt sich's denn wirklich, etwas zu bewahren aus jener alten
-Zeit, die nichts Besseres wußte, als mit Stricknadeln zu klappern und
-sich an Zwergenhochzeiten zu erfreuen?«
-
-»Ja, sehen Sie mal, ärmlich genug ist das ja, -- und doch fühlte ich
-etwas vom russischen Geiste darin. Ich gedachte der alten Bojarin und
-mir wurde so wohl und frei dabei, und das scheint mir der schönste
-Lohn für meine Pietät. Lebt in gutem Einvernehmen mit eurem alten
-Märchen, ihr jungen russischen Leute! Solch ein altes Märchen ist ein
-wunderbares Ding! Wehe dem, der in seinem Alter keines hat! Euren Ohren
-klingt das Klappern der alten Stricknadeln eintönig, mir aber erzählt
-es süße Mären! ... O wie gerne möchte ich in Frieden mit meinem alten
-Märchen sterben!«
-
-»Das wird ja wohl auch so werden.«
-
-»Wie soll man das wissen? Wie soll man wissen, wer es sein wird?
-Aber erlauben Sie, -- was ist denn das?« unterbrach der Propst sich
-plötzlich und sah nach einer Staubwolke, die sich auf dem Berge zeigte
-und einen mit drei Pferden bespannten Reisewagen, in dem zwei Männer
-saßen, begleitete. Der eine von ihnen war groß, fleischig, schwarz, mit
-feurigen Augen und einer unverhältnismäßig großen Oberlippe; der andere
-klein, glatt rasiert, mit einem völlig leidenschaftslosen Gesicht und
-hellen, wässerigen Augen.
-
-Der Wagen mit den Fremden fuhr schnell über die Brücke und bog auf dem
-anderen Ufer links ab.
-
-»Was für unangenehme Gesichter,« sagte der Propst und wandte sich ab.
-
-»Wißt Ihr auch, wer das war?«
-
-»Gott sei Dank, nein.«
-
-»Dann kann ich es Euch zu Eurer Betrübnis sagen. Es ist der
-Regierungsbeamte Fürst Bornowolokow, welcher seit einiger Zeit hier
-erwartet wird. Ich habe ihn sofort erkannt, obgleich ich ihn lange
-nicht gesehen habe. Richtig, sie halten vor dem Biziukinschen Hause.«
-
-»Sagen Sie, bitte, welcher von beiden ist Bornowolokow?«
-
-»Links, der Kleine, ist Bornowolokow.«
-
-»Und der andere?«
-
-»Wohl sein Sekretär. Auch eine Berühmtheit eigener Art.«
-
-»Ein tüchtiger Jurist?«
-
-»Hm! Davon habe ich eigentlich nichts gehört. Aber wegen irgendeiner
-Studentengeschichte wurde er einmal zu Festungshaft verurteilt.«
-
-»Um Gottes willen! Wie nennt sich dieser Mann?«
-
-»Ismail Termosesow!«
-
-»Termosesow?«
-
-»Ja, Termosesow; Ismail Petrowitsch Termosesow.«
-
-»Himmel, was für Leute unser Zar in seine Dienste nimmt!«
-
-»Wie meint Ihr das?«
-
-»Aber, ich bitte! Dies Gesicht, diese Lippen, und auf Festung hat er
-gesessen und ist wieder freigekommen, und Termosesow heißt er auch
-noch.«
-
-»Das ist entsetzlich, nicht wahr?« rief Darjanow laut lachend.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Wir müssen nun, unter dem Zwange der Verhältnisse, welche den Gang
-unserer Chronik bedingen, den Stargoroder Propst für einige Zeit
-verlassen, um die Bekanntschaft eines ganz anderen Kreises derselben
-Stadt zu machen. Wir treten in das Haus des Akzisebeamten Biziukin, in
-dem die längst erwarteten Petersburger Gäste soeben eingetroffen sind:
-der Fürst Bornowolokow, ein alter Studiengenosse des Akziseeinnehmers,
-welcher irgend etwas revidieren oder einführen soll, und sein Sekretär
-Termosesow, ebenfalls ein alter Bekannter und Gesinnungsgenosse
-Biziukins. Es ist vormittags und der Postwagen, welcher die Gäste nach
-Stargorod gebracht hat, macht eben vor dem Hause Halt.
-
-Biziukin selbst war nicht zu Hause, und so mußte ihn seine Gattin
-vertreten. Diese interessante Frau, die sich viel mit Politik
-beschäftigte, sah dem Besuche des Gastes nicht ohne innere Bewegung
-entgegen. Sie wollte sich ihm von ihrer besten und vorteilhaftesten
-Seite zeigen, und war vom frühen Morgen darauf bedacht, daß ihr
-Haus den besten Eindruck auf die Ankommenden mache. In aller Frühe
-prüfte sie sämtliche Gemächer und fand, daß eigentlich nichts ihrem
-Wunsche entsprach. In der Mitte des reinlichen, freundlich möblierten
-Wohnzimmers blieb sie stehen und dachte verzweifelt:
-
-»Nein, das ist zum Tollwerden! Hier sieht es ja genau so aus, wie
-bei Porochontzews oder bei Darjanows oder beim Postmeister, -- mit
-einem Wort, wie überall, vielleicht etwas besser. Die Uhr auf dem
-Kamin, diese Armleuchter, und da steht das Klavier ... Nein, das darf
-unmöglich so bleiben, um dieser Kleinigkeiten willen will ich nicht
-die Verachtung der modernen Männer auf mich laden. Ich weiß, wie man
-moderne Männer der Tat aufnimmt! Ja, aber, wo soll ich hin mit all
-dem Kram? Soll ich alles hinauswerfen? Das wäre doch zu schade. Die
-Sachen werden verderben, sie haben Geld gekostet. Und was nützt es, sie
-hinauszuwerfen, wenn ringsherum ... Im Schlafzimmer zum Beispiel die
-Spitzengardinen ... Na ja, ins Schlafzimmer werden die Gäste ja nicht
-hineinschauen ... Ich bringe nur meines Mannes Zimmer in Ordnung!«
-
-Und damit rief die junge Beamtenfrau ihre Dienstboten und ließ sie
-sofort alles ihrer Meinung nach Überflüssige aus dem Arbeitszimmer
-ihres Gatten auf den Speicher bringen, so daß nichts weiter übrigblieb
-als ein Tisch, ein Stuhl und zwei Sofas.
-
-»Ausgezeichnet,« dachte die Biziukina. »Wenigstens ein Zimmer im Hause,
-das anständig aussieht.«
-
-Sie machte noch zwei große Tintenflecke auf den Schreibtisch und stieß
-den Spucknapf in der Ecke um, so daß der Sand sich über den Fußboden
-streute. Aber o Himmel, als sie wieder in den Saal zurückkehrte,
-bemerkte sie, daß sie das Allerärgste fast übersehen hätte: an der Wand
-hing ein Heiligenbild!
-
-»Jermoschka! Jermoschka! Schaff sofort dies Heiligenbild hinaus ... ich
-will es in die Kommode legen!«
-
-Das Bild wurde fortgeschafft und die besorgte Hausfrau begab sich in
-ihr Boudoir, öffnete einen großen Nußbaumschrank, wählte aus ihrer
-reichhaltigen Garderobe die allerschlechtesten Stücke, rief ihr
-Dienstmädchen und ließ sich ankleiden.
-
-»Marfa, du liebst die Herrschaften wohl gar nicht?«
-
-»Warum sollte ich sie nicht lieben?«
-
-»Warum solltest du nicht? Nun so, ganz einfach! Wofür sollst du sie
-denn lieben?«
-
-Das Mädchen wußte nicht, was es antworten sollte.
-
-»Was haben sie dir denn Gutes getan?«
-
-»Gutes, nichts, gnädige Frau.«
-
-»Nun, du dumme Person, dann kannst du sie auch nicht lieben, und in
-Zukunft bitt' ich dich, die dummen Redensarten ›zu Befehl‹ und ›gnädige
-Frau‹ und so weiter gefälligst zu lassen. Sag einfach ›ja‹ und ›nein‹
-und ›was‹ und ›warum‹. Verstanden?«
-
-»Zu Befehl.«
-
-»Zu Befehl!? Kannst du nicht einfach ›ja‹ sagen?«
-
-»Warum denn, gnädige Frau?«
-
-»Weil ich es so wünsche.«
-
-»Zu Befehl.«
-
-»Schon wieder? Ich hab' dir doch eben erst befohlen: einfach ›ja‹ und
-›nein‹ zu sagen.«
-
-»Ja. Aber es wird mir sehr schwer, gnädige Frau.«
-
-»Schwer? Um so leichter wird dir's später werden. Alle werden einmal so
-sprechen. Hörst du?«
-
-»Zu Befehl.«
-
-»Zu Befehl! Pack dich, dumme Gans! Ich schmeiß dich raus, wenn du mir
-noch einmal so antwortest. Einfach ›ja‹ -- und mehr nicht. Bald wird es
-überhaupt keine Herrschaften mehr geben; verstehst du? Überhaupt keine
-mehr! Sie werden bald alle ... in Stücke gehackt. Verstanden?«
-
-»Ja,« sagte das Mädchen, um sie irgendwie loszuwerden.
-
-»Jetzt geh und schick mir den Jermoschka her.«
-
-»Nun ist aber noch etwas unbedingt nötig. Ich muß eine Schule hier
-haben.« Und Madame Biziukina gab ihrem Jermoschka zehn kupferne
-Fünfkopekenstücke und befahl ihm, möglichst viele Straßenjungen
-herbeizuschaffen. Er sollte jedem von ihnen sagen, daß er von ihr noch
-einen zweiten Fünfer bekommen würde.
-
-Nach zehn Minuten kehrte Jermoschka in Begleitung einer ganzen Horde
-zerlumpter Gassenbuben zurück.
-
-Die Biziukina gab jedem fünf Kopeken, ließ sie im Kabinett ihres Mannes
-Platz nehmen und sagte zu ihnen:
-
-»Jetzt werde ich euch unterrichten und dafür kriegt jeder noch einen
-Fünfer. Ist's euch recht so?«
-
-Die Jungen rümpften die Nase:
-
-»Na ja, warum nicht?«
-
-»Wir verstehen doch nicht, aus Büchern zu lesen,« sagte einer von den
-Klügeren.
-
-»Ich will euch ein Lied lehren, da braucht ihr keine Bücher.«
-
-»Na, wenn's ein Lied sein soll, ist's uns recht.«
-
-»Jermoschka, setze dich auch dazu.«
-
-Jermoschka setzte sich und hielt verlegen die Hand vor den Mund.
-
-»Also jetzt singt ihr alle mit.«
-
- »Aus der Schmiede kommt der junge Schmied.«
-
-Die Buben sangen nach, so gut sie konnten.
-
-»Heil!« sang Madame Biziukina vor.
-
-»Heil!« wiederholten die Kinder.
-
- »Und drei scharfe Messer trägt er unterm Rock! Heil!«
-
-In diesem Ausblick hob Jermoschka den Kopf, sah aus dem Fenster und
-rief:
-
-»Es kommt Besuch, gnädige Frau!«
-
-Die Biziukina ließ das Lineal fallen, mit dem sie den Takt geschlagen
-hatte und stürzte in den Saal.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Der Fürst Bornowolokow und sein Sekretär Termosesow erschienen. Bei
-genauer Betrachtung machten sie einen viel interessanteren Eindruck,
-als sie Tuberozow bei ihrer flüchtigen Begegnung vorgekommen waren.
-
-Der Revisor selbst sah wie ein eingeschlafener Stichling aus. Er war
-klein, mit gesträubten Haaren, breiten Schultern und Augen, über denen
-ein feuchter, schläfriger Schleier lag. Er schien zu nichts fähig und
-zu nichts brauchbar. Er war eben kein Mensch, sondern ein schläfriger
-Stichling, der sich in allen Meeren und Seen herumgetrieben hatte, nun
-aber eingeschlafen und so mit Tang bewachsen war, daß in ihm nichts
-mehr glühte und leuchtete.
-
-Termosesow dagegen erinnerte an einen Kentauren. Er war riesengroß,
-wie es nur ein Mann sein kann, aber der Bau seines mächtigen Körpers
-hatte etwas Weibliches. Die Schultern waren sehr schmal, die Hüften
-übermäßig breit und voll wie Pferdeschinken, die Knie fleischig und
-rund, die Arme dürr und sehnig; der Hals lang, aber nicht mit stark
-hervortretendem Adamsapfel, wie bei den meisten hochgewachsenen
-Menschen, sondern mit einer Vertiefung, wie bei einem Pferde. Um den
-Kopf flatterte eine mächtige Mähne nach allen Seiten; das Gesicht,
-mit einer langen, armenischen Nase und einer unverhältnismäßig großen
-Oberlippe, die schwer auf der untern lastete, war von sehr dunkler
-Färbung; die Augen waren braun mit tiefschwarzen Pupillen, der Blick
-scharf und klug.
-
-Die Biziukina beobachtete alles durch das Fenster, ohne von den Fremden
-gesehen zu werden, und zermarterte sich das Hirn, wer von den beiden
-wohl der Revisor Bornowolokow und wer Termosesow sei. Endlich kam sie
-zu dem Schlusse, der Große müßte unbedingt der Fürst Bornowolokow sein,
-denn er hatte eine Mütze mit einer Kokarde auf dem Kopfe, der andere
-im Reitfrack und dem bunten Mützchen aber war sicher Termosesow, der
-unabhängige Mann, der in einem ganz freien Dienstverhältnis zum Fürsten
-stand. Allein noch eine zweite Frage quälte die Hausfrau: wie sollte
-sie die Gäste empfangen? Sollte sie ihnen entgegengehen? Das wäre
-gar zu zeremoniell gewesen. Nichts tun, dasitzen und warten, bis sie
-kommen? ... Das wirkte zu gezwungen! Ein Buch vornehmen? Ja, das wäre
-das Richtigste, das Natürlichste!
-
-Und sie ergriff das erste beste Buch, blickte aber noch einmal darüber
-hinweg durch das Fenster und bemerkte, daß Termosesow, den sie für
-Bornowolokow hielt, ziemlich schmutzige Hände hatte, während ihre
-wohlgepflegten, müßigen Hände rein waren, wie weißer Schaum.
-
-Sofort nahm Madame Biziukina etwas Erde aus einem auf dem Fensterbrett
-stehenden Blumentopf, zerrieb sie zwischen ihren Handflächen und setzte
-sich mit ihrem Buche auf einen Stuhl in der Nähe des Fensters, die
-Beine übereinanderschlagend.
-
-In diesen Augenblick ließ sich im Hausflur eine fröhliche, recht
-freundliche Baßstimme vernehmen, und in das Vorzimmer traten beide
-Gäste: zuerst Termosesow und hinter ihm Fürst Bornowolokow.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Die Hausfrau saß da und rührte sich nicht. Es fiel ihr jetzt erst
-auf, wie unpassend den Gästen der Blumentopf auf dem Fensterbrett
-erscheinen mußte, und so verwirrt sie auch war, sie hatte doch noch
-Zeit zu überlegen, wie man ihn wohl am leichtesten aus dem Fenster
-hinausbefördern könnte. Dieser Gedanke beschäftigte sie so lebhaft,
-daß sie sogar die erste Frage überhörte, mit der sich einer der beiden
-Gäste an sie wandte, wodurch sie tatsächlich den Eindruck einer ganz in
-ihre Lektüre vertieften Person hervorrief.
-
-Termosesow musterte sie über die Schwelle mit einem scharfen Blick und
-wiederholte seine Frage.
-
-»Wer sind Sie? Vielleicht Frau Biziukina selbst?« fragte er, ruhig in
-den Saal eintretend.
-
-»Ich bin Frau Biziukina,« antwortete die Hausfrau, ohne aufzustehen.
-
-Termosesow ging auf sie zu:
-
-»Ich bin Termosesow, Ismail Petrowitsch Termosesow, ein Schulkamerad
-Ihres Mannes, mit dem ich später wegen einer Dummheit auseinanderkam;
-und dies ist der Fürst Afanasij Fedosejewitsch Bornowolokow,
-Regierungsbeamter und Revisor aus Petersburg. Wir wollen hier allen die
-Hölle heiß machen. Guten Tag!«
-
-Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie ergriff sie, während sie mit der
-andern das Buch auf die Fensterbank legte und bei dieser Gelegenheit
-den Blumentopf umstieß, so daß er auf die Straße kollerte.
-
-»Was ist das? Sie haben Ihre Blume zum Fenster hinausgeworfen?«
-
-»Das hat nichts zu sagen. Es war keine Blume. Nur Gras zum Auflegen auf
-Schnittwunden. Aber es taugt auch schon nichts mehr.«
-
-»Selbstverständlich taugt es nichts. Wer legt heute noch Gras auf
-Schnittwunden! Aber vielleicht gibt es noch solche Esel. Wo ist denn
-Ihr Mann?«
-
-Die Biziukina sah den Revisor an, der ohne ein Wort zu sagen auf dem
-kleinen Sofa Platz genommen hatte, und erwiderte Termosesow, ihr Mann
-sei nicht zu Hause.
-
-»Nicht zu Hause? Na, macht nichts, wir sprechen uns noch. Wir waren
-dicke Freunde, bis uns eine Dummheit auseinanderbrachte. Aber ich muß
-offen bekennen, Sie passen nicht zu diesem Mann. Nein, wirklich ganz
-und gar nicht, darüber ist kein Wort zu verlieren. Er ist ein Hohlkopf,
-weiter nichts, und es ist sein Glück, daß Sie ihm zu dieser Stelle
-in der Akzise verhelfen konnten. Sie aber sind ein Prachtkerl, der
-alles ganz famos gedeichselt hat, -- dem Mann die Stelle verschafft
-und -- fein ist's hier bei Ihnen!« fügte er hinzu, indem er mit einem
-schnellen Blick alle vom Saale aus sichtbaren Räume der Wohnung
-musterte. Als er in dem allen Schmuckes beraubten Kabinett die
-Kinderschar bemerkte, die sich an der Schwelle drängte, meinte er:
-
-»Ah, so etwas wie eine Schule haben Sie auch hier. Schäbig genug ist
-das Zimmerchen, aber als Schulraum geht's noch an. -- Zu was Deubel
-unterrichten Sie die Lausebande eigentlich?« schloß er plötzlich
-schroff.
-
-Die Biziukina geriet in Verlegenheit, aber Termosesow half ihr selbst
-darüber hinweg. Er ging auf die Jungen zu, faßte einen von ihnen unter
-das Kinn und fragte: »Na? Verstehst du Erbsen zu mausen? Lern's, mein
-Junge, und wenn sie dich nach Sibirien expedieren, mag mein Segen dich
-begleiten. Lassen Sie sie laufen, Biziukina! Marsch nach Hause, ihr
-Halunken! Fix ans Erbsenstehlen!«
-
-Die Jungen kamen langsam einer nach dem andern aus dem Kabinett und
-zogen im Gänsemarsch durch den Saal. Dann ging es in beschleunigtem
-Tempo durch das Vorhaus und über den Hof.
-
-»Wozu all diese Schulen? Nichts als Zeitvergeudung!«
-
-»Das finde ich auch,« sagte die Hausfrau kleinlaut.
-
-»Versteht sich. Bekommen Sie eine Unterstützung?«
-
-»Nein. Wo sollte die auch herkommen?«
-
-»Warum nicht? Andere bekommen sie doch! -- Und das ist wohl Ihr
-Früchtchen?« fragte er, indem er auf den herausgeputzten Jermoschka
-zeigte, der eben eingetreten war. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte
-er sich an den Jungen:
-
-»Geh mal, mein liebes Goldsöhnchen, und sag dem Dienstmädchen, daß wir
-uns waschen wollen.«
-
-»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Hausfrau verlegen.
-
-Aber Termosesow hörte es nicht. Er glaubte nun einmal, den Sohn der
-Hausfrau vor sich zu haben, und hielt dieser eine Predigt, wie und wozu
-sie ihn erziehen solle.
-
-»Bereiten Sie ihn für den Staatsdienst vor. Daß er nur keine
-literarischen Neigungen kriegt! Sehn Sie mich an. Ich dürfte
-eigentlich gar nicht Staatsbeamter sein, aber durch Hintertüren und
-auf Hintertreppchen hab' ich mich doch rangeschlängelt. Jawohl! Und
-bin doch früher selbst Nihilist gewesen und ärgerte mich sogar über
-Ihren Mann, als er Akzisebeamter wurde. Dumm war das! Warum soll
-unsereins nicht Staatsbeamter sein? Als Beamter kann man sich beliebt
-machen, als Beamter hat man Geld, als Beamter gewinnt man Einfluß, --
-das ist etwas ganz anderes als die blöde Schriftstellerei. Dort muß
-man noch Talent haben, hier aber wird es nur störend empfunden. Als
-Staatsbeamter kann ich die Leute sortieren. Was bist du für ein Kerl?
--- Du kommst hierher. Und du bist so einer? -- Du kommst dahin. Du bist
-keiner von den unsern? So zwing' ich dich, ersticke dich, zerbreche
-dich, -- und der Staat muß mich dafür bezahlen. -- Na, was starren
-Sie mich so an? Es kommt Ihnen wohl sonderbar vor, was ich da aus der
-Praxis erzähle?«
-
-Die verblüffte Hausfrau schwieg, der Gast aber fuhr fort:
-
-»Ihr richtet hier Schulen ein, -- na ja, wenn man sich an die
-landesübliche Schablone der roten Hähne halten wollte, müßte man das
-loben, aber Termosesow als praktischer Mensch tut das nicht. Termosesow
-sagt: Zum Teufel mit den Schulen, sie sind vom Übel; wenn das Volk zu
-lesen versteht, nimmt es die heiligen Bücher vor. Sie glauben, die
-Bildung gehört zu den zerstörenden Elementen? Keineswegs. Sie ist ein
-aufbauendes Element, wir aber wollen vor allem zerstören.«
-
-»Es heißt doch aber, eine Revolution wäre jetzt bei dem Bildungsstand
-unseres Volkes nicht möglich,« wagte die Hausfrau einzuwerfen.
-
-»Zu was Teufel brauchen wir sie denn, die Revolution, wenn es auch ohne
-Revolution ganz nach unsern Wünschen geht? Aber sehn Sie, da steht Ihr
-Söhnlein und spitzt die Ohren. Warum erlauben Sie ihm zuzuhören, was
-die Erwachsenen reden?«
-
-»Das ist gar nicht mein Sohn,« sagte die Dame.
-
-»Nicht Ihr Sohn? Wer ist es denn?«
-
-»Ein Diener.«
-
-»Ein Diener! Und so herausstaffiert! Fix, Waschwasser, du
-Teufelsbraten!«
-
-»Ist schon fertig,« antwortete Jermoschka schroff, wie es ihm
-vorgeschrieben war.
-
-»Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Marsch hinaus!«
-
-»Das ist nun ein wahrhaft kluger Mensch,« dachte Frau Daria Biziukina,
-als sie wieder allein geblieben war, und starrte unverwandt nach der
-Tür, durch die Termosesow hinausgegangen war. »Alle andern sind so
-streng, -- dies kann man nicht und das soll man nicht, hier aber ist
-alles erlaubt, alles möglich, und doch fürchtet dieser Mann sich vor
-nichts. Mit so einem Mann zu leben wäre leicht; ja es wäre süß, sich
-ihm zu unterwerfen.«
-
-Der arglistige Fremde hatte das Herz Darias völlig erobert. Alles an
-dem Gaste begann ihr zu gefallen. Was hatte er für eine Stimme! Wie
-stark war er! Überhaupt, -- was war er für ein Mann! ... Wie entzückend
-war er! Kein Seladon, wie ihr Gatte; kein Trantopf, wie Prepotenskij,
--- nein, er war entschlossen, unbeugsam, ein ganzer Mann ... Der würde
-nie nachgeben! Er war wie der Sturmwind ... er kommt ... reißt fort ...
-vernichtet ...
-
-Wo bist du nun, du armer Akziseeinnehmer? Juckt dir nicht schon die
-Stirn wie einem jungen Böcklein, dem die Hörner wachsen wollen?
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Zu den Ohren der verliebten Biziukina war aus dem Kabinett längst
-schon bald ein sanftes Entenplätschern, bald ein wildes Spritzen und
-seltsames Gurgeln gedrungen. Plötzlich jedoch war alles still geworden
-und immer noch zeigte sich Termosesow nicht. Hatte er denn wirklich
-so viel mit diesem wortkargen Fürsten zu reden? Oder schlief er? ...
-Das konnte der Fall sein, denn die Reise mußte ihn ermüdet haben.
-Oder las er vielleicht? Was konnte er lesen? Und was brauchte er zu
-lesen, wenn er selbst klüger war als alle Bücherschreiber? ... Aber
-während sie so grübelte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien
-Jermoschka mit einer Waschschüssel voll Seifenwasser. Er schloß die
-Tür nicht hinter sich, so daß Daria Nikolajewna ins Zimmer hineinsehen
-konnte. Ganz hinten am Fenster entdeckte sie die schmächtige Figur des
-Fürsten. Dicht vor ihm, etwas näher zur Tür, erhob sich der fleischige
-Torso Termosesows. Beide, der Revisor und sein Sekretär, waren im
-Negligé. Bornowolokow in Beinkleidern und einem schneeweißen Hemde
-aus holländischer Leinwand, über das sich kreuzweise die zwei roten
-Streifen der seidenen Hosenträger legten. Sein kleines blondes Köpfchen
-war glatt gekämmt, und er bemühte sich, es mit Hilfe einer Metallbürste
-noch mehr zu glätten. Termosesows Gestalt zeigte sich in ihrer ganzen
-plastischen Vollendung, der Kragen seines Hemdes war aufgeknöpft und
-die weit über den Ellbogen aufgeschürzten Ärmel ließen die muskulösen,
-dicht behaarten Arme deutlich erkennen.
-
-Mit diesen Armen hob Termosesow ein langes russisches Handtuch, an
-dessen Enden rote Hähne gestickt waren, und bearbeitete damit seine
-sich wild sträubenden nassen Haare aufs kräftigste.
-
-Aus der Energie, mit welcher der liebenswürdige Ismail Petrowitsch
-dieses Geschäft betrieb, ließ sich ohne weiteres erraten, daß die
-fröhlichen, machtvollen und ungenierten Fiorituren, die eben noch
-durch die geschlossene Tür bis in den Saal gedrungen waren, von
-Termosesow herrührten, während Bornowolokow nur wie eine Ente zischen
-und plätschern konnte. Der zurückkehrende Jermoschka, welcher die Tür
-zuschlug, zerstörte das holde Bild.
-
-Aber Termosesow hatte genügend Zeit gehabt, um das Feld mit seinem
-Adlerblick zu überschauen, und er ließ sich die Gelegenheit nicht
-nehmen, die Hausfrau durch sein Erscheinen ohne den Fürsten zu
-erfreuen. Er warf schnell seinen weiten Mantel über seine höchst
-unvollkommene Toilette und stieß den armen Jermoschka, ihn am Ohr
-packend, ins Vorzimmer hinaus mit den Worten:
-
-»Daß du deine Nase hier nicht zu zeigen wagst, bis ich dich rufen
-werde!«
-
-Dann schloß er die Tür zum Kabinett, in dem sich der Fürst noch befand,
-und setzte sich in seinem immerhin recht seltsamen Kostüm ungeniert
-neben die Hausfrau.
-
-»Hören Sie mal, Biziukina, so geht das nicht, Herzchen,« fing er an und
-faßte sie ohne weiteres bei der Hand. »Sie haben Ihren Lausbuben gar zu
-sehr verwöhnt. Ich nannte ihn ein Ferkel, weil er dem Fürsten die Ärmel
-beplantscht hatte, worauf er mir: ›Meine Mutter ist keine Sau, sondern
-eine Frau!‹ antwortete. Daran sind Sie natürlich schuld, Sie haben ihn
-so emanzipiert, nicht wahr?«
-
-Und mit völlig veränderter Stimme fuhr er zärtlich fort: »Sie sind
-es? Ja? Sagen Sie -- ja?« Dieses Ja wurde in einem Ton gesagt, der
-das Herz der Biziukina erschauern machte. Sie begriff, daß die
-gewünschte Antwort gar nicht der gestellten Frage galt, sondern einer
-unausgesprochenen, deren heimlicher Sinn sie durch seinen Realismus
-geradezu erschreckte, und darum schwieg sie. Aber Termosesow ließ nicht
-locker.
-
-»Ja oder nein? Ja oder nein?« drängte er mit wachsender Ungeduld.
-
-Zu langem Überlegen war keine Zeit. Die Biziukina sah Termosesow
-ängstlich an und begann schüchtern:
-
-»Ja, ich weiß n...«
-
-Aber Termosesow unterbrach sie hart:
-
-»Ja!« rief er. »Ja! Und damit genug! Weiter brauchst du mir nichts zu
-sagen. Gib mir dein Händchen. Gleich auf den ersten Blick habe ich
-erkannt, daß wir zueinander gehören, und eine andere Antwort habe ich
-von dir nicht erwartet. Jetzt keine Zeit verloren! Beweise mir deine
-Liebe durch einen Kuß.«
-
-»Wollen Sie nicht ein Glas Tee?« stammelte Daria Nikolajewna, als ob
-sie diese Worte nicht gehört hätte.
-
-»Komm mir nicht mit solchen Geschichten! Ich bin kein Teekessel,
-sondern ein Dampfkessel.«
-
-»Dann ist Ihnen Wein vielleicht lieber?« flüsterte Daria, sich von ihm
-losmachend.
-
-»Wein?« wiederholte Termosesow. »Du bist süßer als Myrrhen und Wein!«
-Und damit zog er Madame Biziukina an sich. »Laß uns verschmelzen in
-seligem Kusse«, flüsterte er und schloß ihr rotes Mündchen mit seinen
-Pferdelippen.
-
-»Jetzt aber sag mir mal, warum bist du eine so renitente Monarchistin?«
-fragte er unmittelbar nach dem Kusse, die Hand der Dame seinen Augen
-nähernd.
-
-»Ich bin gar nicht Monarchistin,« beteuerte die Biziukina hastig.
-
-»Wem gilt denn deine Hoftrauer? Dem Maximilian von Mexiko?«
-
-Und Termosesow wies lachend auf die schwarzen Streifen an ihren
-Fingernägeln, schob sie zur Seite und sagte: »Geh, wasch deine Hände!«
-
-Daria Nikolajewna wurde feuerrot und war nahe daran zu weinen.
-Sie hatte sonst immer tadellos saubere Nägel. Sie eilte in ihr
-Schlafzimmer, wusch dort die Hände und kam lächelnd zurück.
-
-»So,« sagte sie, »jetzt bin ich wieder Republikanerin, ich habe ganz
-weiße Hände.«
-
-Der Gast aber drohte ihr mit dem Finger und meinte, der Republikanismus
-sei nur ein dummer Spaß.
-
-»Was brauchen wir uns um die Republik zu kümmern?« sagte er. »Man kann
-damit bös reinfallen. Aber ich habe die photographischen Bildnisse
-sämtlicher regierender Herrschaften mit. Soll ich sie dir schenken, daß
-wir sie hier an die Wand hängen?«
-
-»Ich habe sie ja selbst.«
-
-»Wo sind sie denn? Wohl versteckt? He? Ich schwör's beim Satan selber,
-daß ich's erraten habe: du erwartetest unsern Besuch aus Petersburg,
-und um mit deinem Liberalismus zu prahlen, hast du sie versteckt! Dumm
-ist das, mein Töchterchen, sehr dumm! Bring sie mal fix her, ich hänge
-sie dir wieder auf.«
-
-Die ertappte Einnehmersfrau wurde wieder bis an die Ohren rot, holte
-aber die eingerahmten Bildnisse aus dem Tischkasten heraus und brachte
-auf Termosesows Befehl Hammer und Nägel, worauf der Gast sich gleich an
-die Arbeit machte.
-
-»Ich denke, wir bringen sie gleich hier an dieser Wand an,« sagte er,
-mit dem Finger durch die Luft fahrend.
-
-»Wie Sie meinen.«
-
-»Was nennst du mich immer noch Sie, wenn ich dich duze? Du sollst du
-sagen. Und nun gib mal die Bilder her.«
-
-»Die hat alle mein Mann gekauft.«
-
-»Sehr richtig von ihm, daß er die Obrigkeit hochachtet! Die Herren
-Minister hängen wir alle hier unten nebeneinander auf. Her damit!
-Wer ist das? Gortschakow. Der Kanzler. Ausgezeichnet! Er hat Rußland
-gerettet! Sehr nett von ihm! Dafür wird er als Erster aufgehängt.«
-
-Als alle Bilder an der Wand befestigt waren, ergriff Termosesow die
-rechte Hand der Biziukina und drückte sie an seine Brust.
-
-»Nicht wahr, ich habe ein heißes Herz?« fragte er, ihre Verlegenheit
-ausnutzend.
-
-Aber Daria Nikolajewna riß ihre Hand los und erwiderte zornig: »Sie
-werden aber zu frech.«
-
-»Tä--tä--tä--tä--! Zu frech! Ganz und gar nicht ›zu‹, sondern gerade,
-wie sich's gehört,« spottete Termosesow und legte den andern, freien
-Arm um ihren Leib.
-
-»Sie sind ein ganz unverschämter Mensch! Sie vergessen, daß wir uns
-kaum kennen,« schrie Daria Nikolajewna entrüstet und riß sich von ihm
-los.
-
-»Ich bin nicht unverschämt und ich vergesse auch nichts! Termosesow
-ist bloß klug, schlicht, natürlich und praktisch -- weiter nichts.
-Termosesow denkt einfach so: wenn du ein vernünftiges Frauenzimmer
-bist, dann weißt du, warum du mit einem Mann so intim redest, wie du
-mit mir geredet hast; weißt du aber selber nicht, warum du dich so
-benimmst, dann bist du eine Gans und es hat keinen Sinn, dich schonend
-zu behandeln.«
-
-Madame Biziukina wollte natürlich klug sein.
-
-»Sie sind sehr schlau,« sagte sie, das Gesicht abwendend.
-
-»Schlau! Was braucht's hier Schlauheit? Ja, wenn du mich liebst oder
-ich dir gefalle ...«
-
-»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß ich Sie liebe?«
-
-»Laß doch das Flunkern!«
-
-»Nein, ich rede die Wahrheit. Ich liebe Sie gar nicht und Sie gefallen
-mir nicht im geringsten.«
-
-»Quatsch keinen Blödsinn! Du liebst mich nicht? Nein, laß dir mal
-ganz was anderes sagen: ich fühle dich und verstehe dich und will dir
-offenbaren, wer ich bin, aber nur, wenn wir ganz allein und ungestört
-sind.«
-
-Daria Nikolajewna schwieg.
-
-»Verstehst du, wie ich es meine? Damit wir einander ganz kennen lernen,
-müssen wir mal zusammenkommen ... Ein Rendezvous -- verstehst du --
-natürlich zu politischen Zwecken.«
-
-Daria Nikolajewna schwieg wieder. Termosesow seufzte, ließ ihre Hand
-leise los und sagte:
-
-»O ihr Weiber im heiligen Rußland! Und ihr wollt es noch den Polinnen
-gleichtun! Nein, meine Lieben, mit denen nehmt ihr es noch lange nicht
-auf! Gebt den Ismail Termosesow einer Polin, sie würde nicht von ihm
-lassen und in Gemeinschaft mit ihm den Ararat auf den Kopf stellen!«
-
-»Die Polinnen sind ganz was anderes,« sagte Daria Nikolajewna.
-
-»Warum?«
-
-»Sie lieben ihr Vaterland und wir hassen unseres.«
-
-»Was ist denn dabei? Die Feinde der Polinnen sind also alle Feinde der
-Unabhängigkeit Polens und eure Feinde sind alle russischen Patrioten.«
-
-»Das ist wahr.«
-
-»Nun, wer ist also hier dein schlimmster Feind? Nenn ihn mir und du
-sollst sehn, wie er die ganze Schwere der Hand Termosesows spüren wird!«
-
-»Ich habe viele Feinde.«
-
-»Nenn mir die schlimmsten! Die allerschlimmsten!«
-
-»Die schlimmsten sind zwei.«
-
-»Die Namen dieser Unseligen! Die Namen!«
-
-»Der eine ist ... der hiesige Diakon Achilla.«
-
-»Es sterbe der Diakon Achilla!«
-
-»Der andere ist der Propst Tuberozow.«
-
-»Wehe dem Propst Tuberozow!«
-
-»Hinter ihm steht die ganze Stadt, das ganze Volk.«
-
-»Nun, und was tut das? Termosesow kennt die Obrigkeit und fürchtet
-daher keine Stadt und kein Volk.«
-
-»Die Obrigkeit ist nicht sehr gut auf ihn zu sprechen.«
-
-»Nicht gut zu sprechen? Um so leichter kommen wir ihm an den Kragen.
-Jetzt aber merke dir nur folgendes: Gewinn mich lieb und werde mein,
-Herodias!«
-
-Madame Biziukina küßte ihn ohne Bangen.
-
-»Das war ehrlich!« rief Termosesow, und nachdem er sie ausgefragt
-hatte, was sie von ihren Feinden Tuberozow und Achilla zu leiden
-gehabt, drückte er ihr lächelnd die Hand und ging in das Kabinett
-zurück, wo sein Gefährte die ganze Zeit über geblieben war.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Der durchlauchtige Gefährte Termosesows lag in einem weißen Jackett auf
-dem für ihn aufgeschlagenen Bette, hatte die Füße mit einem leichten
-Plaid zugedeckt und schien mit geschlossenen Augen vor sich hin zu
-träumen.
-
-Termosesow wollte sich überzeugen, ob sein Vorgesetzter schlafe oder
-sich bloß schlafend stelle, darum trat er leise an das Bett, beugte
-sich über das Gesicht des Fürsten und nannte ihn beim Namen.
-
-»Schlafen Sie?« fragte er.
-
-»Ja,« antwortete Bornowolokow.
-
-»Was soll das heißen? Wenn Sie mir antworten, können Sie nicht
-schlafen.«
-
-»Ja.«
-
-»Das ist also ein Blödsinn.«
-
-Termosesow begab sich zu dem zweiten Sofa, warf seinen Mantel ab und
-streckte sich ebenfalls aus.
-
-»Während Sie sich hier rekelten, habe ich schon sehr viel geleistet,«
-sagte er, sich zurechtlegend.
-
-Bornowolokow antwortete wieder nichts als »Ja«, es war aber ein ganz
-besonderes Ja, sozusagen ein neugieriges Ja, das eher wie eine Frage
-klang.
-
-»Jawohl, ja! Ich kann sagen, daß ich einige für uns sehr bedeutsame
-Entdeckungen gemacht habe.«
-
-»Mit dieser Dame?«
-
-»Die Dame? Die ist eine Sache für sich. Erinnern Sie sich aber noch,
-was ich Ihnen sagte, als ich Sie in Moskau auf der Sadowaja fing?«
-
-»Ach ja!«
-
-»Ich sagte: ›Eure Durchlaucht, gnädigster Fürst! So geht man mit alten
-Kameraden nicht um, -- daß man sie nämlich fallen läßt. Nur Lumpen
-handeln so.‹ Habe ich Ihnen das gesagt oder nicht?«
-
-»Ja, Sie haben das gesagt.«
-
-»Aha, Sie erinnern sich noch! Nun, dann müssen Sie sich auch noch
-erinnern, wie ich Ihnen meine Gedanken weiter entwickelte und bewies,
-daß Sie als unser heutiger Prinz Egalité nicht das Recht haben, auf
-Ihre Herkunft und Ihre bevorzugte amtliche Stellung zu pochen und über
-uns alte Montagnards, Ihre einstigen Freunde, die Nase zu rümpfen. Ich
-habe Ihnen das alles haarklein auseinandergesetzt.«
-
-»Ja, ja.«
-
-»Schön! Sie verstanden, daß mit mir nicht gut Kirschen essen ist, und
-zeigten sich sehr nachgiebig. Dafür lob' ich Sie. Sie begriffen, daß
-Sie mich nicht so am Wege liegen lassen durften, denn Hunger ist ein
-böser Berater, und einem Hungrigen fällt alles mögliche ein. Termosesow
-hat zudem noch ein vorzügliches Gedächtnis und einen scharfen Riecher.
-Als Sie noch ein feuerroter Umstürzler waren, wußte er schon, daß Sie
-bestimmt mal Kehrt machen würden.«
-
-»Ja.«
-
-»Sie beschlossen, mich als Ihren Sekretär mitzunehmen ... Das heißt,
-um der Wahrheit die Ehre zu geben und Sie nicht durch Schmeichelei
-zu kränken, Sie entschlossen sich nicht selbst dazu, sondern ich
-zwang Sie, mich mitzunehmen. Ich machte Ihnen Angst, ich könnte Ihre
-Korrespondenz mit gewissen Freunden an der Weichsel bekannt geben.«
-
-»Ach!«
-
-»Tut nichts, mein Fürst, seufzen Sie nicht. Was ich Ihnen damals in
-Moskau auf der Sadowaja sagte, als ich Sie am Rockknopf festhielt
-und Sie vor mir davonlaufen wollten, das sag' ich Ihnen auch heute
-wieder: seufzen Sie nicht und jammern Sie nicht, daß Termosesow über
-Sie gekommen ist. Ismail Termosesow wird Ihnen noch einen großen
-Dienst leisten. Sie und Ihre gegenwärtige Partei, in der keine solchen
-Halunken zu finden sind wie Termosesow, sondern viel feinere Kunden,
-gründen Zeitungen und suchen auf diese oder jene Art Fühlung mit dem
-Volk zu gewinnen.«
-
-»Ja.«
-
-»Das wird Ihnen aber nie gelingen.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil ihr ungeschickt seid. Die Patrioten erkennen euch sofort an den
-Klauen, packen euch am Schopf und schmeißen euch auf die Gasse hinaus.«
-
-»Hm!«
-
-»Jawohl! Aber laßt ihr die Zeitungen schwimmen und haltet euch an
-Termosesow, so deichselt er euch die ganze Geschichte glänzend. Seien
-Sie mein Märchenprinz Iwan, so will ich Ihr grauer Wolf sein.«
-
-»Ein Wolf sind Sie schon.«
-
-»Das ist es eben. So ein grauer Wolf schafft Ihnen die goldmähnigen
-Rosse und den Feuervogel und die Prinzessin und setzt Sie zu guter
-Letzt auf den Königsthron.«
-
-Und damit sprang der graue Wolf von seiner Lagerstätte auf, lief an das
-Bett seines Prinzen Iwan und sagte leise:
-
-»Rücken Sie mal ein bißchen zur Wand, ich will Ihnen was ins Ohr
-flüstern.«
-
-Bornowolokow gehorchte, und Termosesow setzte sich auf den Bettrand,
-legte seinen Arm um den Fürsten und fing mit leiser Stimme an:
-
-»Versetzen Sie mal der Kirche eins. Da steckt das Gift! Jagt ihren
-Bonzen mal einen heilsamen Schrecken ein.«
-
-»Ich verstehe nichts.«
-
-»Das Christentum macht die Menschen doch gleich, nicht wahr? Es hat
-doch Staatsmänner genug gegeben, die in der Übersetzung der Bibel in
-die Volkssprache eine Gefahr sahen. Nein, das Christentum ... man kann
-es sehr leicht ... wissen Sie, in gefährlichem Sinne auslegen. Und
-solch ein Ausleger kann jeder beliebige Pope sein.«
-
-»Das klingt ganz plausibel.«
-
-»Na also. Danken Sie Ihrem Schicksal, daß es Ihnen Termosesow gesandt
-hat! Ich stelle Ihnen einen Bericht zusammen, daß sogar Ihre Feinde
-Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen und Sie für ein administratives
-Genie erklären.«
-
-Termosesow dämpfte die Stimme noch mehr und fuhr fort:
-
-»Erinnern Sie sich noch, wie wir schon hier in der Gouvernementsstadt
-auf dem Heimweg aus dem Klub mit dem Kanzleivorsteher sprachen, und wie
-er einen freisinnigen Popen erwähnte, welcher sogar frech gegen Seine
-Exzellenz geworden sei?«
-
-»Ja.«
-
-»Daran haben Sie natürlich nicht gedacht, daß dieser Pope Tuberozow
-heißt und daß er hier, in dieser Stadt amtiert, wo Sie sich auf dem
-Lotterbette rekeln und nichts über ihn zu melden imstande sein werden.«
-
-Bornowolokow fuhr in die Höhe und fragte, aufrecht auf dem Bette
-sitzend:
-
-»Wie können Sie wissen, was der Kanzleivorsteher mir gesagt hat?«
-
-»Sehr einfach. Ich ging damals leise hinter Ihnen. Es ist gut, wenn
-man Sie immer im Auge behält. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir
-müssen unsere Taktik zuerst an diesem Tuberozow erproben und seine
-Gemeingefährlichkeit, wie überhaupt die Gemeingefährlichkeit derartiger
-unabhängiger Charaktere unter den Geistlichen erweisen. So kommen wir
-zu dem logischen Ergebnis, daß die Religion überhaupt nur als ein
-Zweig der Verwaltung geduldet werden kann. Sobald aber der Glaube als
-wirklicher Glaube auftritt, ist er gefährlich und muß eingeschränkt,
-muß unter Kontrolle gestellt werden. Diesen Gedanken werden Sie als
-Erster verkünden, und man wird ihn stets in Verbindung mit Ihrem Namen
-wiederholen, wie man die Gedanken eines Macchiavelli und Metternich
-wiederholt. Sind Sie zufrieden mit mir, mein Herr und Gebieter?«
-
-»Ja.«
-
-»Und geben mir Vollmacht zu handeln?«
-
-»Ja.«
-
-»Wie soll ich dieses Ja verstehen? Heißt das, daß Sie es ebenfalls
-wollen?«
-
-»Ja, ich will es.«
-
-»Also! Manchmal heißt Ihr Ja nämlich zugleich Ja und Nein.«
-
-Termosesow erhob sich vom Bette seines Gebieters und sagte:
-
-»Wir armen Sklaven können nicht lange untätig sein. Uns hat keine
-gütige Fee die Mittel in die Hand gegeben, vom Nihilisten im
-Handumdrehen zum Satrapen zu werden. Ich sorge für Sie, aber auch für
-mich. Ich mag nicht mehr hungern. Wo immer ich mich auch zeige, immer
-heißt's ›ein Roter‹ -- und niemand will mich nehmen.«
-
-»Waschen Sie sich weiß.«
-
-»Wo soll ich die Seife hernehmen?«
-
-»Warum haben Sie sich nicht in Petersburg als Spion gemeldet?«
-
-»Ich hab's versucht,« antwortete Termosesow ungeniert, »aber wir leben
-in einem realistischen Zeitalter: alle einträglichen Stellen waren
-schon besetzt. Man muß sich erst irgendwie bewährt haben, wurde mir
-gesagt.«
-
-»So bewähren Sie sich doch.«
-
-»Geben Sie mir Gelegenheit, zu zeigen, was ich kann. Sonst fang' ich,
-bei Gott, mit Ihnen an.«
-
-»Vieh!« zischte Bornowolokow.
-
-»M--m--m--mu--u--uh!« brummte Termosesow ganz laut.
-
-Bornowolokow sprang auf, faßte sich entsetzt an den Kopf und rief:
-
-»Was soll das noch?«
-
-»Was? Das schwarze Vieh brüllt, weil es fressen will, und es bittet das
-weiße, es etwas höflicher zu behandeln,« sagte Termosesow ruhig.
-
-Bornowolokow knirschte vor Wut mit den Zähnen und drehte sich
-schweigend zur Wand.
-
-»Aha! So ist's schon besser! Zähme deinen Zorn, edler Fürst, und bilde
-dir nicht so viel darauf ein, daß du weiß bist, sonst mal' ich dich
-so schön an, daß du grau-gelb-grün schimmern wirst und im Schatten
-blau mit schwarzen Pünktchen. Vergiß nicht, daß ich dir als Zuchtrute
-mitgegeben bin; ich bin der Dorn in den Blättern deines Kranzes. Trage
-mich mit Ehrfurcht.«
-
-Der gemarterte Bornowolokow unterdrückte einen Seufzer und stellte sich
-schlafend. Der triumphierende Sieger aber schlief wirklich ein.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Daria Nikolajewna war mit ihrer gesamten Dienerschaft eifrig bemüht,
-ihren Appartements das frühere Aussehen wiederzugeben. An den Wänden
-reihte sich bald wieder Bild an Bild, vor den Kamin stellte sie einen
-kostbaren Schirm, auf den Kamin selbst eine schwarze Marmoruhr mit
-einem Perpendikel in Gestalt eines Sternes, über die Tische breiteten
-sich neue kostbare Decken; Lampen, Porzellan, Bronzen, Statuetten
-und allerlei Kleinkram bedeckten jeden freien Platz im Salon und
-Schlafzimmer, so daß die Wohnung bald an das Logement einer reichen
-Halbweltdame erinnerte, die sich von ihren Verehrern die unnützesten
-Dinge ohne Sinn und Verstand hatte schenken lassen.
-
-Noch als die Arbeit im besten Gange war, erschien unerwartet der Lehrer
-Prepotenskij und war völlig verblüfft. Natürlich konnte er diesen
-»Schick« nicht billigen. Als aber Daria Nikolajewna, die ihn gar nicht
-beachtete, die Unverschämtheit hatte, den Dienstboten zu befehlen, in
-Gegenwart des Lehrers die Überzüge von den Möbeln abzunehmen, da wurde
-es ihm zu viel, und er fragte:
-
-»Und Sie schämen sich nicht?«
-
-»Ganz und gar nicht.«
-
-»Das ist einfach unverschämt!« rief Prepotenskij, setzte sich in eine
-Ecke und nahm ein neues Buch vor.
-
-In diesem Augenblick hörte man Termosesow im Nebenzimmer husten. Kurz
-entschlossen meinte die Biziukina:
-
-»Gehn Sie raus!«
-
-Das kam so unerwartet, daß sogar Prepotenskij den harten Sinn dieser
-Worte nicht begriff und die Dame ihren Befehl wiederholen mußte.
-
-»Raus?« fragte der verblüffte Lehrer noch einmal.
-
-»Ja. Ich wünsche Sie nicht mehr in meinem Hause zu sehn.«
-
-»Meinen Sie das im Ernst?«
-
-»Vollkommen im Ernst.«
-
-Im Zimmer der Gäste wurde es wieder laut.
-
-»Gehn Sie bitte hinaus, Prepotenskij,« rief die Biziukina ungeduldig.
-»Hören Sie? Hinaus!«
-
-»Aber ich bitte Sie, ich störe doch gar nicht.«
-
-»Doch, Sie stören!«
-
-»Ich kann mich ja bessern.«
-
-»Sie sind unverbesserlich,« widersprach die Hausfrau ungeduldig und
-suchte den Gast von seinem Platze zu vertreiben.
-
-Allein auch Prepotenskij zeigte sich als Mann von Charakter und
-verlangte ruhig, aber fest eine Erklärung, warum sie ihn für
-unverbesserlich halte.
-
-»Weil Sie ein kompletter Esel sind!« schrie endlich die Biziukina ganz
-außer sich.
-
-»Ah, das ist etwas anderes,« sagte Prepotenskij aufstehend. »In diesem
-Falle bitte ich nur um Rückgabe meiner Knochen.«
-
-»Fragen Sie Jermoschka danach. Ich hab' ihm befohlen, sie
-hinauszuwerfen.«
-
-»Hinauszuwerfen!« schrie der Lehrer und stürzte in die Küche. Als er
-nach einer halben Stunde zurückkam, war Daria Nikolajewna bereits in
-einer so blendenden Toilette, daß der Lehrer, als er sie erblickte,
-sich am Ofen festhalten mußte, um nicht umzufallen.
-
-»Ah, Sie sind noch nicht fort?« fragte sie streng.
-
-»Nein, ich bin nicht gegangen und kann nicht gehn ... denn Ihr
-Jermoschka ...«
-
-»Nun?«
-
-»Er hat die Knochen an einen Ort geworfen, daß für mich keine Hoffnung
-mehr ...«
-
-»O, ich sehe, Sie wollen hier noch lange predigen!« rief die Biziukina
-in wildem Zorn, packte den Lehrer bei den Schultern und stieß ihn ins
-Vorzimmer. In demselben Augenblick ging die Tür des Kabinetts auf und
-Termosesow erschien auf der Schwelle.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-
-»Bah! Bah! Bah! Was bedeutet denn das?« fragte er die Biziukina und
-rieb sich die verschlafenen Augen.
-
-»Ach, gar nichts, das ist ... ein dummer Mensch, der früher bei uns
-verkehrte,« antwortete sie und ließ den Lehrer los.
-
-»Weshalb soll er denn jetzt hinausgeworfen werden? Was hat er denn
-getan?«
-
-»Nichts, gar nichts,« sagte Prepotenskij.
-
-Termosesow sah ihn an und fragte:
-
-»Wer sind Sie denn?«
-
-»Der Lehrer Prepotenskij.«
-
-»Wodurch haben Sie die Dame verletzt?«
-
-»Durch nichts, durch gar nichts.«
-
-»So kommen Sie her, ich will Sie versöhnen.«
-
-Prepotenskij kam sofort zurück.
-
-»Weshalb nennen Sie ihn eigentlich dumm?« fragte Termosesow die
-Hausfrau und hielt dabei den Lehrer an beiden Händen fest. »Ich kann es
-nicht finden.«
-
-»Ja, versteht sich, Sie können mir glauben, ich bin gar nicht dumm,«
-sagte Warnawa lächelnd.
-
-»Ganz richtig, und das Verhalten unserer Frau Wirtin Ihnen gegenüber
-kann ich nicht billigen. Aber zum Zeichen der Versöhnung soll sie uns
-Tee geben. Ich trinke gern ein Glas Tee, wenn ich geschlafen habe.«
-
-Daria Nikolajewna ging hinaus, um den Tee zu bestellen.
-
-»Na, und Sie, Herr Lehrer, nehmen Sie Platz und plaudern wir ein
-bißchen. Ich sehe, Sie sind ein guter Kerl, mit dem sich leben
-läßt,« begann Termosesow, als er mit Warnawa allein war, der ihn in
-fünf Minuten in sein ganzes trauriges Schicksal daheim und draußen
-eingeweiht hatte. Nichts wurde vergessen, weder die Mutter, noch die
-Totengebeine, noch Achilla, noch Tuberozow, bei dessen Namen Termosesow
-seine Aufmerksamkeit verdoppelte. Endlich erzählte der Lehrer auch noch
-von der Vormittagsschlacht des Diakons mit dem Kommissar Danilka.
-
-Bei diesem Bericht räusperte sich Termosesow, klopfte Prepotenskij auf
-das Knie und sagte leise:
-
-»Also, Herr Professor, ich beauftrage Sie hiermit, mir morgen früh
-diesen Kleinbürger unbedingt herbeizuschaffen.«
-
-»Den Danilka?«
-
-»Ja, den der Diakon beleidigt hat.«
-
-»Das ist ja eine Kleinigkeit.«
-
-»Also her mit ihm!«
-
-»Morgen in aller Frühe ist er hier.«
-
-»Recht so. Sie sind ein Prachtkerl, Prepotenskij!« lobte ihn
-Termosesow, und da in diesem Augenblick die Hausfrau wieder eintrat,
-wandte er sich an sie: »Hören Sie, er gefällt mir ausnehmend, und wenn
-er mich mit dem Popen Tuberozow bekannt macht, so nenn' ich ihn einen
-ganz klugen Kopf.«
-
-»Ich kann ihn nicht ausstehn und rate Ihnen nicht, seine Bekanntschaft
-zu machen,« stammelte Warnawa, »wenn Sie es aber für nötig halten ...«
-
-»Es ist sehr nötig, lieber Freund.«
-
-»Dann kommen Sie heute mit zum Abendessen beim Polizeichef, dort lernen
-Sie unsere ganze Gesellschaft kennen.«
-
-»Schön. Ich geh überall hin. Aber ich muß doch eingeladen sein.«
-
-»Ach, das ist ganz leicht zu machen,« fiel ihm der Lehrer ins Wort.
-»Ich werde sofort zum Polizeichef gehen und ihm im Namen von Daria
-Nikolajewna mitteilen, sie bäte um Erlaubnis, abends ihren Petersburger
-Gast mitzubringen.«
-
-»Prepotenskij, komm in meine Arme!« rief Termosesow, und als der
-Lehrer aufstand und auf ihn zuging, küßte er ihn. Dann drehte er ihn
-linksherum und sagte: »Geh und handle!«
-
-Stolz und seines Ruhmes nun völlig sicher, nahm Warnawa seine Mütze
-und ging. Nach einer Stunde, die Termosesow dazu benutzt hatte, der
-Biziukina klarzumachen, daß man keinen Dummkopf merken lassen dürfe,
-für wie dumm man ihn halte, kam der Lehrer mit der Botschaft zurück,
-Porochontzews wären sehr erfreut, die Herrschaften heute abend bei sich
-zu sehen.
-
-»Und was den Kleinbürger Danilka betrifft, den Sie kennen lernen
-wollten,« fügte er endlich hinzu, »so habe ich ihn bereits ausfindig
-gemacht. Er steht draußen vor dem Tor.«
-
-Termosesow belobte Warnawa nochmals für seine Findigkeit, stand auf
-und bat den Lehrer, ihn an irgendeinen stillen Ort zu führen, wo er
-ungestört mit Danilka reden könne.
-
-Prepotenskij führte Ismail Petrowitsch in die leere Kanzlei des
-Akziseeinnehmers und stellte ihm dort den Kommissar vor.
-
-»Guten Tag, Bürger,« begrüßte ihn Termosesow. »Wie hat Sie der hiesige
-Diakon neulich morgens beleidigt?«
-
-»Er hat mich gar nicht beleidigt.«
-
-»Gar nicht? Sagen Sie mir alles frei und offen, wie dem Popen in der
-Beichte, denn ich bin ein Freund des Volkes, kein Feind. Der Diakon
-Achilla hat Sie gekränkt?«
-
-»Nein, er hat mich nicht gekränkt. Wir haben das schon unter uns
-erledigt.«
-
-»Wie kann man das erledigen? Er hat Sie doch am Ohr durch die Stadt
-gezerrt!«
-
-»Was ist denn dabei? Das sind ja nur Dummheiten.«
-
-»Wieso Dummheiten? Eine Beleidigung ist es. Bedenken Sie, Bürger, er
-hat Sie am Ohr gerissen!«
-
-»Es war aber doch nur Scherz. Darin finden wir keine Beleidigung.«
-
-»Wie, Bürger? Ist es möglich, so etwas nicht als Beleidigung anzusehen?
-Er soll es doch vor allem Volke getan haben!«
-
-»Ja freilich.«
-
-»Da müssen Sie doch eine Klage einreichen.«
-
-»Wem denn?«
-
-»Nun, dem Fürsten, der mit mir gekommen ist.«
-
-»Schon recht.«
-
-»Also wollen Sie klagen oder nicht?«
-
-»Worauf soll ich denn klagen?«
-
-»Er kann zu hundert Rubel Strafe verurteilt werden.«
-
-»Das stimmt.«
-
-»Sie sind also einverstanden. So ist's recht, Prepotenskij! Setz dich
-und schreib, was ich dir diktieren werde.«
-
-Und Termosesow diktierte eine Beschwerde an Bornowolokow, kurz, aber
-gehaltvoll; auch der Propst war darin nicht vergessen: er hätte der
-Lynchjustiz des Diakons Vorschub geleistet und dem Kläger sogar gesagt,
-daß die ihm zuerteilte Lektion wohlverdient gewesen.
-
-»Nun unterzeichne, Bürger!« Und Termosesow stopfte Danilka die Feder
-gewaltsam in die Hand, aber der »Bürger« erklärte plötzlich, er wolle
-nicht unterschreiben.
-
-»Was? Sie wollen nicht?«
-
-»Nein, ich bin damit nicht einverstanden.«
-
-»Was soll das heißen? Teufel noch einmal! Erst schweigst du, und
-nachdem man dir die Beschwerde gratis aufgesetzt hat, willst du nicht
-unterschreiben!«
-
-»Nein, ich will nicht.«
-
-»Man soll dir wohl noch einen Rubel geben, damit du unterschreibst? Das
-ist zu viel verlangt, mein Lieber. Sofort unterschreibst du!«
-
-Termosesow packte den Widerspenstigen wütend beim Kragen und zerrte ihn
-zum Tisch.
-
-»Ich ... wie es Eurer Gnaden gefällt ..., aber ich unterschreibe
-nicht,« stotterte der Kleinbürger und ließ die Feder absichtlich fallen.
-
-»Ich will dich lehren! Wie's Eurer Gnaden gefällt! Und wenn es mir nun
-gefällt, deiner Gnaden ein Dutzend mal in die Fresse zu hauen?«
-
-Der Bürger fuhr entsetzt zurück und stammelte:
-
-»Euer Hochwohlgeboren, erbarmen Sie sich, zwingen Sie mich nicht! Meine
-Klage wird doch zu nichts führen!«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ich hab' schon einmal klagen wollen, als der fürstliche Verwalter
-Glitsch mich mit Nesseln auspeitschen ließ, weil ich auf die Wette des
-Polizeichefs hin sein Pferd stehlen wollte. Damals rieten alle mir ab.
-Klage nicht, Danilka, sagten sie, denn dann kommt es zu einer großen
-Untersuchung, und dann sagen wir alle, daß du längst schon in Sibirien
-sein müßtest. Ja, und ich kannte mich selber zu gut, um zu wissen, daß
-ich kein Recht mehr habe, meine Ehre zu verteidigen.«
-
-»Wie du über deine Ehre denkst, das kommt hier gar nicht in Betracht.«
-
-»Und die hiesigen Herren Beamten wissen auch ...«
-
-»Deine hiesigen Herren Beamten mögen wissen, was sie wollen, wir sind
-aber keine hiesigen, wir sind aus Petersburg. Verstehst du das? Aus der
-Residenz, aus Petersburg! Und ich befehle dir: sofort unterschreibst
-du, du gottverdammtes Luder, ohne alle Widerrede, sonst ... sonst
-fliegst du auch ohne Untersuchung nach Sibirien.«
-
-Und der bärenstarke Termosesow drückte mit der Rechten die Hand und mit
-der Linken die Kehle des Kommissars so kräftig zusammen, daß Danilka im
-Nu rot wurde, wie ein gekochter Krebs, und kaum noch hörbar röchelte:
-
-»Um Gottes willen, lassen Sie mich los! Ich unterschreibe ja alles!«
-
-Ächzend und hustend setzte er seine Krakelfüße unter das Gesuch.
-
-Termosesow steckte das Papier in die Tasche, hielt Danilka die Faust
-unter die Nase und sagte drohend:
-
-»Bürger, wenn du dich irgendwie vor der Zeit verplapperst, daß du dich
-beschwert hast ...«
-
-Danilka, der immer noch hustete, machte nur eine abwehrende Bewegung
-mit der ganz erstarrten Hand.
-
-»... Dann schlag ich dir die ganze Fratze zu Brei, multipliziere die
-Wangen, subtrahiere die Nase und verwandle die Zähne in Brüche!«
-
-Der Kleinbürger winkte mit beiden Händen ab.
-
-»Jetzt hast du aber genug gekrächzt! ~Allez, marchez~ zur Tür hinaus!«
-kommandierte Termosesow, schob den Haken von der Tür zurück und gab
-Danilka auf der Schwelle einen so kräftigen Stoß, daß er über den an
-das Haus angebauten Hühnerstall hinwegflog und auf den warmen Rasen zu
-sitzen kam. Er sah sich nur noch einmal um, spuckte aus und rollte dann
-auf allen vieren zum Tor hinaus. Er hustete nicht einmal mehr.
-
-Prepotenskij war von dieser Kraftprobe so entzückt, daß er laut
-applaudierte.
-
-»Was fällt dir ein?« fragte Termosesow.
-
-»Sie sind stärker als Achilla! Jetzt brauch' ich ihn nicht mehr zu
-fürchten!«
-
-»Das brauchst du auch nicht.«
-
-
-
-
-Drittes Buch.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-Als Termosesow und seine Genossen beim Polizeichef erschienen,
-hatte Tuberozow schon eine Stunde abseits von den übrigen Gästen
-mit dem Adelsmarschall Tuganow geplaudert. Der alte Propst brachte
-dem vornehmen Gaste wieder all die Klagen vor, welche wir in seinem
-Tagebuche gelesen haben, -- und erhielt die alten Scherzworte zur
-Antwort.
-
-»Was soll aus dieser Zerrüttung noch werden?« fragte der Propst und
-runzelte die Brauen. Der Adelsmarschall aber erwiderte ihm lachend:
-
-»Wer kann wissen, was noch werden wird, mein Lieber?«
-
-»Ohne Ideale, ohne Glauben, ohne Achtung vor den Taten der großen
-Vorfahren ... Das ... das muß Rußland zugrunde richten.«
-
-»Nun, wenn es zugrunde gehen soll, wird es eben zugrunde gehen,« sagte
-Tuganow gleichgültig und stand auf. »Aber weißt du, -- gehen wir wieder
-zu den Gästen. Unser Gespräch führt doch zu nichts. Du bist ein Maniak.«
-
-Der Propst trat einen Schritt zurück und sagte gekränkt:
-
-»Wieso bin ich ein Maniak?«
-
-»Was drängst du dich den Leuten auf und läßt niemand seine Ruhe? Ideal!
-Glauben! Was soll man tun, guter Freund, wenn die Zeit dafür vorüber
-ist?«
-
-Tuberozow lächelte, seufzte leise und antwortete, nicht die Zeit des
-Glaubens und der Ideale sei vorüber, sondern die Zeit der +Worte+.
-
-»Nun, so vollbringe +Taten+, Freund.«
-
-»Auch Taten sind noch nicht genug.«
-
-»Was brauchen wir denn?«
-
-»Großtaten.«
-
-»So vollbringe Großtaten. Aber in welcher Art?«
-
-»Im Geiste der Kraft, im Wehen des Sturmes. Daß die, so das Feuer
-löschen wollen, selber von der Flamme ergriffen werden.«
-
-»Ja, ja, du willst wieder streiten. Halt lieber Frieden, Vater.«
-
-»Parmen Nikolajewitsch, ich höre so viel von diesem Frieden reden.
-Aber wie soll man Frieden schließen mit einem, der gar nicht um Pardon
-bittet? So ein Frieden taugt nicht viel, und unsere Altvordern sagten
-nicht umsonst: ›Eh du den Gevatter nicht verprügelt hast, kannst du ihm
-keinen Friedenstrunk reichen‹.«
-
-»Ohne Prügel geht's bei ihm nicht.«
-
-»Gewiß nicht, Freund.«
-
-»Du bist noch der richtige Seminarist.«
-
-»Ich will auch gar nicht den großen Herrn spielen.«
-
-»Sag mal, willst du durchaus leiden? Das tut man nicht einer
-Kleinigkeit wegen. Spare deine Kräfte für eine bessere Sache.«
-
-»Sparsame Leute gibt es ohne mich genug. Ich muß meine Pflicht
-erfüllen.«
-
-»Der letzte wäre ich, der dich abhielte, deine Pflicht zu erfüllen,
-wie dein Gewissen sie dir vorschreibt. Geh hin und versuch es, die
-Schamlosen zu beschämen. Wenn du es kannst, heißest du Hans. Aber jetzt
-laß uns zu den Gastgebern gehen. Ich muß bald fort.«
-
-Der Propst folgte ihm. Er versuchte sich zusammenzunehmen, war aber
-sehr entmutigt. Er hatte etwas ganz anderes von dieser Zusammenkunft
-erwartet, ohne sich wohl selbst sagen zu können, was eigentlich.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Die beiden alten Herren saßen schon in dem kleinen Wohnzimmer, als die
-Hausfrau Warnawa und Termosesow hineinführte. Die Mehrzahl der andern
-Gäste befand sich im Saal. Man plauderte, spielte Klavier und versuchte
-zu singen. Die Biziukina, welche sich sonst überall zu Hause fühlte,
-hatte nicht den Mut, ihren Kavalieren ins Wohnzimmer zu folgen; da ihr
-andererseits die Gesellschaft der Damen nicht sympathisch war, nahm sie
-nahe der Tür Platz.
-
-Das Wohnzimmer war ein schmaler Raum. Auf dem Sofa vor dem Tisch saßen
-Tuganow und Tuberozow, während der sanfte Benefaktow, Darjanow und
-der Kreisadelsmarschall Plodomasow auf Stühlen Platz genommen hatten.
-Achilla stand hinter einem leeren Sessel und stützte die Hand auf
-die Lehne. Die Biziukina bemerkte, wie Termosesow das Zimmer betrat,
-sich höchst ehrerbietig verneigte, und -- was wohl keiner für möglich
-gehalten hatte -- plötzlich auf Tuberozow zuschritt und um seinen
-Segen bat. Am meisten erstaunt darüber war wohl Vater Sawelij selbst.
-Er wußte im ersten Augenblick nicht recht, was er tun sollte, und als
-er dem Gast den erbetenen Segen erteilte, sah man ihm die Verwirrung
-deutlich an. Als Termosesow aber seine Hand küssen wollte, verlor
-der Propst so vollkommen die Fassung, daß er mit einer schnellen,
-energischen Bewegung Termosesows Hand nach unten zog und so fest
-drückte und schüttelte, als wäre es die Hand seines besten Freundes.
-
-Termosesow bat auch Zacharia um seinen Segen, und der sanfte Benefaktow
-erwies sich diesmal findiger als Tuberozow. Er erteilte dem Gast nicht
-nur den Segen, sondern schob auch ganz ungeniert sein gelbes Händchen
-an den Mund des Abenteurers.
-
-Einmal im Zuge, ging Termosesow nun noch auf Achilla zu, um sich von
-ihm auch segnen zu lassen. Aber dieser machte einen gewandten Kratzfuß
-und meinte:
-
-»Ich bin bloß Diakon.«
-
-Hierauf drückten sie einander die Hände und Achilla lud Termosesow
-ein, es sich in dem Lehnsessel, hinter dem er stand, bequem zu machen.
-Termosesow jedoch lehnte diese Ehre höflich ab und setzte sich auf
-den zunächst stehenden Stuhl, während Prepotenskij, den hergebrachten
-Anschauungen seiner »Richtung« treu bleibend, sich möglichst weit
-entfernte, um gegenüber der weitgeöffneten Saaltür Platz zu nehmen.
-
-Hiermit wollte er erstens andeuten, daß er mit der Gesellschaft im
-Wohnzimmer nichts gemein habe, und dann konnte er von seinem Platz
-aus die Biziukina sehen, welche alles hören sollte, was er sagte. Der
-Lehrer empfand die dringende Notwendigkeit, sein Ansehen wieder zu
-heben, welches durch das Erscheinen Termosesows stark beeinträchtigt
-worden war, und wartete auf eine günstige Gelegenheit, Streit vom
-Zaun zu brechen und der Biziukina, wenn auch nicht die Überlegenheit
-seines Geistes, so doch wenigstens die Reinheit seiner Überzeugung zu
-beweisen. Und da derjenige, welcher Streit sucht, in jedem Wort einen
-willkommenen Anlaß erblickt, so brauchte Warnawa auch nicht lange in
-Schweigen zu verharren.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Beim Eintreten der neuen Gäste erzählte der Adelsmarschall Plodomasow
-dem Propst gerade von den jüngsten Reformen im Kirchenwesen.
-
-»Seine Eminenz ist ein Mann von großen Geistesgaben,« meinte der Propst.
-
-»Und auch ein großer Humorist,« bemerkte Tuganow. »Wir haben hier einen
-ungeheuer arroganten Gendarmenoffizier, der sich einbildet, alles zu
-können.«
-
-»Das ist immer so, die Gendarmen können alles,« fiel Prepotenskij ein,
-ohne daß man auf ihn achtete.
-
-»Dieses Herrchen hatte in Erfahrung gebracht,« fuhr Tuganow fort, »daß
-bei unserm Bischof noch nie jemand zu Mittag gespeist hätte, -- und
-wettete im Klub mit dem Polizeimeister, er werde schon mal bei dem
-Alten essen. Ausgerechnet muß der Bischof Wind davon bekommen.«
-
-»O weh, o weh!« sagte Zacharia gedehnt.
-
-»Besagter Kavallerist macht also Seiner Eminenz seinen Besuch am frühem
-Morgen und geht einfach nicht fort. Als es bereits sechs Uhr vorüber
-ist, kann er's natürlich vor Hunger nicht mehr aushalten und will sich
-verabschieden. Aber der schweigsame Bischof, der ihm die ganze Zeit
-zugehört hatte, ohne selbst zu reden, meinte sehr freundlich: ›Wollen
-Sie nicht zum Essen bleiben?‹ Na, denkt er, die Wette ist gewonnen!
-Aber der Bischof ließ ihn noch eine Stunde hungern, ehe es zu Tische
-geht.«
-
-»Das war doch unnütz,« warf Zacharia ein, »ganz unnütz.«
-
-»Warten Sie nur. Sie treten also ins Eßzimmer ein. Der Bischof bleibt
-vor dem Gottesbilde stehen und beginnt zu beten, -- ein Gebet, dann
-noch eins, und ein drittes. -- Es vergeht wieder eine ganze Stunde und
-der hungrige Gast ist fast dem Verenden nahe. ›So, nun kann das Essen
-aufgetragen werden,‹ sagt Eminenz endlich. Und zwei winzige Teller
-mit Erbsensuppe und Zwieback werden gebracht. Als sie verzehrt sind,
-erhebt sich der Bischof wieder und sagt: ›Danken wir jetzt dem Herrn,
-der uns gesättigt hat.‹ Das ward dem Kriegsmann denn doch zu viel, und
-während der Bischof betete, schlich er sich unbemerkt aus dem Zimmer.
-Der Alte erzählte es mir gestern: ›Dieser Geist läßt sich durch nichts
-austreiben, es sei denn durch Beten und Fasten,‹ schloß er.«
-
-»Er ist ein Mann von Geist und von feinem und angenehmem Benehmen,«
-sagte Tuberozow, dem diese Anekdötchen wenig Freude zu machen schienen.
-
-»Ja, aber er klagt und jammert auch, es gäbe keine Leute. ›Wir fahren
-über ein tiefes Meer,‹ sagt er, ›auf schwankem Schiff mit trunkenen
-Matrosen. Gott bewahre uns vor einem Sturm.‹«
-
-»Ein bitteres Wort,« warf Tuberozow ein.
-
-»Übrigens,« begann Tuganow von neuem, »meinte er, Euere Stadt mache ihm
-keine Sorgen. ›Ich habe dort zwei Popen,‹ bemerkte er, ›der eine ist
-klug und der andere fromm.‹«
-
-»Der Kluge ist Vater Sawelij,« bestätigte Zacharia.
-
-»Wieso meint Ihr, daß gerade Vater Sawelij der Kluge sei?«
-
-»Weil ... weil er weise ist,« erwiderte Zacharia verlegen.
-
-»Und Vater Zacharia ist in die zweite Reihe gerückt,« fiel der Diakon
-ein.
-
-Tuberozow sah mit einem mißbilligenden Kopfschütteln zu ihm hinüber.
-
-Um seine Taktlosigkeit wieder gut zu machen, fuhr Achilla schnell fort:
-
-»Seine Eminenz haben den Vater Zacharia fromm genannt, weil sich noch
-nie jemand über den Vater Zacharia beschwerte.«
-
-»Ja, beschwert hat sich noch niemand,« seufzte Zacharia.
-
-»Der Vater Sawelij aber ist ein unruhiger Kopf,« scherzte Tuganow.
-
-Dieser Augenblick erschien dem Lehrer willkommen, und er warf
-schnell ein, die unruhigen Köpfe unter der Geistlichkeit seien
-die Denunzianten; das religiöse Gewissen aber müsse frei sein.
-Unvorsichtigerweise antwortete Tuganow darauf, Gewissensfreiheit sei
-allerdings notwendig und es sei sehr zu bedauern, daß man sie in
-Rußland noch nicht habe.
-
-»Ja, und unsere arme Kirche wird deshalb von allen Seiten mit
-unverdienten Vorwürfen überschüttet,« fügte Tuberozow hinzu.
-
-»Worüber habt Ihr Euch denn zu beklagen?« fiel ihm Prepotenskij lebhaft
-ins Wort.
-
-»Wir beklagen uns über die Unduldsamkeit,« erwiderte Tuberozow trocken.
-
-»Ihr leidet darunter ja nicht.«
-
-»O doch. Bitter leiden wir. Ihr predigt laut und frei, den Glauben
-solle man abschaffen, und es geschieht euch nichts dafür. Wenn aber wir
-auch nur ganz leise sagen, es wäre besser, eure Lehren würden nicht
-überall verkündigt, so ...«
-
-»Ach -- so meint Ihr das!« unterbrach ihn der Lehrer. »Ihr wollt gegen
-uns hetzen, damit man uns den Garaus macht.«
-
-»Nein, Ihr wollt uns den Garaus machen.«
-
-Prepotenskij wußte nicht, was er antworten sollte. Leugnen wollte er es
-nicht, fürchtete sich jedoch, es einfach zuzugeben. Tuganow half ihm
-aus der Schwierigkeit und erklärte, der Vater Propst sei nur ungehalten
-darüber, daß es Leute gebe, die es sich zur Aufgabe machten, schlichte
-Herzen um ihren Glauben zu bringen.
-
-»Am meisten aber bekümmert mich, daß es ihnen gelingt, weil man ihnen
-Vorschub leistet.«
-
-Prepotenskij lächelte.
-
-»Es gelingt,« sagte er, »weil der Glaube ein Luxus ist, der dem Volk
-sehr teuer zu stehen kommt.«
-
-»Wohl nicht teurer als der Suff,« sagte Tuganow kühl.
-
-»Ja, aber die neuen Menschen,« -- fing der Lehrer wieder an.
-
-»Taugen nichts, und eben deshalb ist der Teufel los.«
-
-»Weil die Spione ihnen ins Handwerk pfuschen.«
-
-»Ach wo! Einfach Halunken sind es.«
-
-»Halunken?«
-
-»Jawohl. Immer noch, wenn es irgendwo eine Gärung gegeben hat, haben
-sich zu guter Letzt Halunken der Bewegung bemächtigt, weil sich im
-Trüben gut fischen läßt. Da hat man sich bei uns so lange mit diesen
-... Nihilisten -- so heißen sie doch wohl -- geplagt. Erst schlug sich
-die Regierung mit ihnen herum, Gesellschaft und Presse sind heute noch
-nicht mit ihnen fertig geworden, -- Schluß mit ihnen machen werden aber
-die Halunken, die sich ihnen zum Schein anschließen, um ihnen später
-den Hals umzudrehen, und dann kommt die große Wendung der Dinge.«
-
-Prepotenskij warf einen ängstlichen Blick auf die Biziukina. Es
-verwirrte ihn, daß Tuganow seine kühnen Tiraden so einfach in nichts
-auflöste, wie der Frühlingsnebel die Schneeflecken auf dem Felde
-verschlingt. Warnawa suchte Hilfe und wandte seine Blicke deshalb
-Termosesow zu, welcher aber nicht zu ihm hinüberschaute. Der Diakon
-Achilla, der schon lange vergeblich versuchte, dem Lehrer durch Zeichen
-zu verstehen zu geben, daß er schweigen solle, rief jetzt laut:
-
-»Halt den Mund, Warnawa Wasiljewitsch, es ist langweilig!«
-
-Der Lehrer geriet in Wut, besonders als auch Tuganow sich von ihm
-abgewandt hatte. Er wollte deshalb die Bombe zum Platzen bringen.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Prepotenskij sprang von seinem Platz auf und lief auf Tuganow zu, der
-sich wieder mit dem Propst unterhielt.
-
-»Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche ... Aber ich ... ich stehe
-für die Freiheit.«
-
-»Ich auch,« sagte Tuganow und neigte sich wieder zum Propst.
-
-»Lassen Sie mich doch ausreden!« rief der Lehrer.
-
-Nun wandte sich Tuganow ihm zu.
-
-»Wissen Sie, daß die Freiheit nicht gegeben wird, sondern genommen?«
-fragte Warnawa.
-
-»Nun und --?«
-
-»Wer soll sie denn nehmen, wenn die neuen Menschen nichts taugen?«
-
-»Die Entwicklung der Dinge wird sie nehmen.«
-
-»Also wird sie doch genommen und nicht gegeben. Ich habe recht. Ich
-sagte es: sie wird genommen werden.«
-
-»Das sagt man dir doch auch!« rief ihm Achilla zu.
-
-»Aber das ist doch meine Meinung: sie wird genommen werden!«
-
-»Hat denn jemand etwas anderes gesagt? Parmen Semenowitsch spricht ja
-die ganze Zeit davon,« unterstützte plötzlich Termosesow den Diakon und
-suchte dabei den Namen Tuganows möglichst deutlich und im herzlichsten
-Ton auszusprechen.
-
-»Für mich wird's aber Zeit,« sagte Tuganow leise und erhob sich, um in
-den Saal zu gehen, aber der Lehrer überfiel ihn von neuem.
-
-»Noch ein Wort,« drängte er. »Mir scheint, es ist Ihnen unangenehm, daß
-jetzt alle gleich sind.«
-
-»Nein, es tut mir leid, daß nicht alle gleich sind.«
-
-Prepotenskij stockte einen Augenblick. Dann sprach er:
-
-»Das ist doch eine Tatsache, alle müssen gleich sein.«
-
-»Parmen Semenowitsch sagt Ihnen das ja: alle müssen gleich sein,«
-mischte sich nun Termosesow hinein, der neben Tuganow getreten war und
-den Lehrer von ihm fortzudrängen sich bemühte.
-
-»Aber erlauben Sie,« -- er suchte von der andern Seite heranzukommen,
-wo ihm aber Achilla den Weg vertrat.
-
-»Laß doch,« sagte er, »du redest doch bloß dummes Zeug.«
-
-»Erlauben Sie, seien Sie so gut,« wehrte sich Prepotenskij und
-versuchte nun einen Frontangriff. »Ich meine bloß: Ihnen gefällt es
-wohl in England, weil da die Lords sind ... Sie sind unzufrieden, daß
-die Standesprivilegien aufgehoben sind?«
-
-»Sind sie das?«
-
-»Geh weg, du weißt nichts,« stieß Achilla den Lehrer zur Seite, aber
-dieser lief noch einmal um Tuganow herum und versuchte einen zweiten
-Frontangriff.
-
-»Über jedes Ding kann man verschiedene Meinungen haben.«
-
-»Was wollen Sie eigentlich von mir?« rief Tuganow lachend.
-
-»Ich meine, man kann verschieden urteilen.«
-
-»Bloß, daß ein Urteil vernünftig ist und das andere dumm,« mischte sich
-Termosesow wieder hinein.
-
-»Sagen wir lieber: gerecht und ungerecht,« bemerkte Tuganow in
-versöhnlichem Tone.
-
-»Auch Gott kennt nur eine Wahrheit,« rief der Diakon.
-
-»Zwischen zwei Punkten kann man nur eine gerade Linie ziehen,« sagte
-Termosesow.
-
-Prepotenskij geriet außer sich.
-
-»Was ist denn das? So kann man ja gar nicht reden!« rief er. »Ich bin
-allein unter lauter Kriechern und Heuchlern. Da habt ihr leichtes
-Spiel. Ich weiß nur eines: ich achte nichts Althergebrachtes.«
-
-»Das eben ist althergebracht. Wann hat man bei uns je Achtung vor der
-Geschichte gehabt?«
-
-»Weißt du was? Sei jetzt ganz still, du Schaf,« sagte Achilla in
-freundschaftlichstem Tone. Die Biziukina wandte sich verächtlich vom
-Lehrer ab, Termosesow versuchte noch einmal, ihn zur Seite zu schieben
-und trat ihm dabei auf den Fuß, so daß der Lehrer, der sich in der
-Aufregung leicht versprach, laut aufschrie:
-
-»Au! Sie haben mir auf mein liebstes Hühnerauge getreten!«
-
-Das »liebste Hühnerauge« rief ein schallendes Gelächter hervor, während
-dessen sich Tuganow von der Hausfrau verabschiedete.
-
-Schellen erklangen und ein Sechsgespann frischer Postpferde fuhr den
-Tuganowschen Reisewagen vor das Haus. Wenn Prepotenskij sich noch
-rehabilitieren wollte, mußte es sofort geschehen, hastig riß er sich
-von Achilla und Termosesow los, die ihn festhalten wollten, und hüpfte
-auf seinem »liebsten Hühnerauge« zu Tuganow, indem er rief:
-
-»Und ich werde doch immer weiter gegen den Adel und für das Naturrecht
-kämpfen.«
-
-Tuganow drehte sich in der Tür um und sagte zu Warnawa:
-
-»Die natürlichste Lebensform ist doch ... das Leben der Pferde da, die
-mich gleich fortschaffen sollen. Aber sehn Sie, man spannt sie vor den
-Wagen, damit sie einen Edelmann ziehen.«
-
-»Und wird sie unterwegs noch mit der Peitsche bearbeiten, daß sie fixer
-vorwärts kommen,« fiel der Diakon ein.
-
-»Das Vieh wird immer geschlagen,« pflichtete Termosesow ihm bei.
-
-»Wieder fallen alle über einen her!« schrie der Lehrer, »aber ich lasse
-nicht ab!«
-
-»Dann bist du also ein Stänker,« sagte Achilla.
-
-»Du rufst den Abgrund gegen den Abgrund auf,« bemerkte Zacharia.
-
-»Wißt Ihr denn, was das heißt: der Abgrund ruft den Abgrund herbei?«
-erwiderte Warnawa voller Wut. »Das heißt: ein Pope ladet den andern zu
-Besuch!«
-
-Diese Äußerung erregte ein helles Gelächter, das durch den Saal
-ertönte. Nur Tuberozow zog die Brauen zornig zusammen, riß krampfhaft
-an dem Bande seines Brustkreuzes und ging in das Wohnzimmer zurück.
-
-»Der Alte ist ganz zum Maniak geworden,« sagte Tuganow, ihm
-nachblickend.
-
-»Leider Gottes. Er liest die Zeitungen und regt sich auf und klagt und
-seufzt und kann über nichts mehr ruhig sprechen,« antwortete Darjanow.
-
-»Er hört uns,« flüsterte Achilla leise.
-
-Sawelij hatte wirklich alles gehört ...
-
-Warnawa fühlte sich wieder. Er glaubte durch seinen Witz mit dem
-Abgrund seine Chancen bedeutend gebessert zu haben, und das gab ihm den
-Mut, dem Propst ganz unvermittelt nachzulaufen, ihn am Ärmel zu fassen
-und zu sagen:
-
-»Ich möchte Euch etwas fragen: vorgestern war ich in der Kirche und
-hörte, wie ein Priester plötzlich das Wort ›Schafskopf‹ aussprach. Was
-hat der Klerus zu singen, wenn der Priester ›Schafskopf‹ ruft?«
-
-»Der Klerus singt dreimal: ›Ist der Lehrer Prepotenskij‹,« erwiderte
-Sawelij.
-
-Ob dieser unerwarteten Antwort waren alle einen Augenblick ganz
-verblüfft und brachen gleich darauf in ein dröhnendes Gelächter aus.
-
-Prepotenskij hatte das Spiel verloren.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Je tiefer der Stern des Lehrers sank, desto höher stieg derjenige
-Termosesows. Spielend gewann er die Gunst der gesamten Weiblichkeit;
-der Frau Postmeisterin machte er geradezu den Hof, und zwar in
-einer Weise, die dem Lehrer aufs äußerste mißfiel; denn Termosesow
-huldigte ihr nicht als Dame, sondern gewissermaßen als Vertreterin der
-Staatsgewalt.
-
-Beim Abendessen ließ Termosesow die Damen mehr oder weniger im Stich
-und hielt sich an die Herren. Mit jedem stieß er an und leerte dabei
-eine recht beträchtliche Zahl Gläser, ohne daß irgendeine Wirkung zu
-bemerken gewesen wäre. Schnell war er gut Freund mit Achilla, Darjanow
-und Vater Zacharia. Auch Tuberozow redete er wiederholt an, aber der
-Alte zeigte sich sehr wenig entgegenkommend. Dafür begann Achilla, nach
-einem etwa halbstündigen Gespräch, zur nicht geringen Verwunderung der
-Anwesenden, den Petersburger Gast plötzlich zu duzen, drückte ihm die
-Hand, küßte seine wulstige Lippe und verlieh ihm sogar Kosenamen.
-
-»Bei Gott, dieses Termoseslein ist ein Mordskerl,« predigte der
-Diakon. »Haben wir zwei es dem Lehrer nicht fein gegeben? Nicht? Nein,
-Bruder Termosesselchen, du darfst nicht fort von hier. Was hast du
-in Petersburg zu suchen? Hier können wir zwei beide im Winter Füchse
-fangen. Das ist ein Hauptspaß, Brüderlein. Nicht?«
-
-»Freilich, freilich,« antwortete Termosesow und begann nun seinerseits
-den Diakon zu preisen und nannte auch ihn einen Mordskerl. Und dann
-küßten die beiden Mordskerle sich wieder.
-
-Als das Fest sich zu seinem Ende neigte und Zacharia und Tuberozow
-schon heimgehen wollten, hielt Termosesow den Diakon am Ärmel zurück
-und sagte: »Du hast doch keine Eile?«
-
-»Eigentlich nicht,« antwortete Achilla.
-
-»Dann warte noch etwas, wir gehen zusammen.«
-
-Achilla erklärte sich bereit und Termosesow schlug noch ein Tänzchen
-vor. Er tanzte zuerst mit der Postmeisterin, dann mit ihren Töchtern,
-dann mit noch zwei oder drei andern Damen, und zu allerletzt mit der
-Biziukina. Dann aber kriegte er den Diakon zu fassen, drehte ihn im
-Walzertakt ein paarmal herum und führte, als er ihn, wie eine Dame, an
-seinen Platz gebracht hatte, seine Hand an die Lippen, küßte aber die
-eigene.
-
-Achilla, der darauf nicht im mindesten gefaßt war, geriet in
-Verlegenheit und riß seine Hand hastig zurück, Termosesow jedoch lachte
-unbändig und sagte:
-
-»Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde deine Kutschertatze
-küssen?«
-
-Der Diakon war gekränkt und dachte: ›Am Ende hätt' ich mich lieber
-nicht mit dem Kerl einlassen sollen.‹ Aber da man sich gleich darauf
-auf den Heimweg machte, so schloß er sich der Gesellschaft an. Die
-Familie des Postmeisters, der Diakon, Warnawa, Termosesow und Madame
-Biziukina gingen zusammen. Erst wurde die Frau Postmeisterin mit ihren
-Töchtern nach Hause gebracht, und bei dieser Gelegenheit hörte Achilla,
-wie sie beim Abschied zu Termosesow sagte:
-
-»Ich hoffe, wir sehen uns häufiger.«
-
-»Daran zweifle ich keinen Augenblick,« antwortete Termosesow und
-fügte noch hinzu: »Sie fanden es so hübsch, daß der Polizeichef
-sein Wohnzimmer mit den Bildnissen der ganzen kaiserlichen Familie
-geschmückt hat?«
-
-»Ja, ich wünsche sie mir schon so lange.«
-
-»Diesen Wunsch kann ich Ihnen morgen erfüllen.«
-
-Und damit trennten sie sich.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Kaum hatte man sich von der Postmeisterin verabschiedet, so erklärte
-Termosesow, es müßten unbedingt alle noch einen Augenblick mit ihm bei
-der Biziukina vorsprechen.
-
-»Du gestattest es doch?« fragte er, halb zu ihr gewendet.
-
-Es schien ihr nicht sehr angenehm, aber sie sagte trotzdem ja.
-
-»Irgendein Gesöff wird sich bei dir wohl finden?«
-
-Daria Nikolajewna wurde verlegen. Gerade heute hatte sie vergessen,
-Wein holen zu lassen, und erinnerte sich auch, daß man heute mittag
-die letzte Flasche Xeres so gut wie leer getrunken hatte. Termosesow
-bemerkte ihre Verlegenheit und sagte:
-
-»Na, Bier wird es doch wenigstens geben?«
-
-»Bier ist da.«
-
-»Das wußte ich. Bier haben die von der Akzise immer. Hast du auch Meth?«
-
-»Ja.«
-
-»Das ist ja famos! Nun, meine Herrschaften, wir haben Bier und Meth,
-und da braue ich euch ein Blachdnublach zusammen, daß ihr ...«
-Termosesow küßte seine Finger und beschloß: »daß ihr zum Schluß die
-eigene Zunge mit verschlucken sollt.«
-
-»Was ist das für ein Blech und Blech?« fragte Achilla.
-
-»Nicht Blech und Blech, sondern Blachdnublach -- ein Getränk aus Bier
-und Meth. Vorwärts!« Und er zog Achilla am Ärmel.
-
-»Warte doch,« widersetzte sich der Diakon. »Was ist denn das für
-ein Blech und Blech? Bei Begräbnissen trinkt man es und nennt es
-›Biermeth‹.«
-
-»Ich sage dir aber, es ist kein Biermeth, sondern Blachdnublach.
-Vorwärts!«
-
-»Nein, warte!« protestierte der Diakon wieder. »Ich kenne diesen
-Biermeth ... Eins, zwei, drei, liegt man da wie ein Klotz. Ich trink'
-das Zeug nicht.«
-
-»Ich sag' dir doch, es gibt Blachdnublach und nicht Biermeth!«
-
-»Und doch sollten wir's heut nicht mehr trinken,« antwortete der
-Diakon. »Sonst gibt's morgen einen wüsten Brummschädel.«
-
-Prepotenskij war derselben Ansicht, aber keiner von beiden besaß
-Charakterfestigkeit genug, seine Meinung durchzusetzen, und so blieb
-Termosesow schließlich Sieger und schleppte sie in die Wohnung der
-Biziukina. Sein Plan war, das Gesöff in der Laube einzunehmen, und
-so wurden alsbald eine Unmenge Bier- und Methflaschen nebst dem dazu
-gehörigen Imbiß dorthin gebracht, und Termosesow begann sofort mit der
-Bereitung des Blachdnublach.
-
-Warnawa Prepotenskij hatte sich neben Termosesow gesetzt. Der Lehrer
-wollte den Gast sofort zur Rede stellen, weshalb er vor Tuganow
-so gekatzbuckelt und ihn bei seinen Angriffen gegen ihn, Warnawa,
-unterstützt hatte.
-
-Aber zum größten Erstaunen Prepotenskijs schien Termosesow nicht die
-geringste Lust zu haben, mit ihm zu plaudern, denn statt der erwarteten
-freundlichen Antwort kam es schroff und ungeduldig von seinen Lippen:
-
-»Wir sind alle gleich: Kleinbürger, Adel und niederes Volk. Lassen Sie
-mich mit Ihrer Politik in Frieden, ich will jetzt trinken.«
-
-»Aber Sie müssen doch zugeben, daß Leute mit Besinarmildung etwas
-Besseres sind, als ...« stammelte Warnawa verwirrt.
-
-»Da haben wir's!« unterbrach ihn Termosesow. »Erst das liebste
-Hühnerauge, und jetzt die Besinarmildung! Der richtige Cicero!«
-
-»Das passiert ihm oft, wenn er aufgeregt ist. Er will ein Wort sagen
-und es kommt ein anderes heraus,« trat Achilla für Prepotenskij ein
-und erzählte, wie der Lehrer infolge dieses Defekts einmal beinahe
-um den Verkehr in einem sehr feinen Hause gekommen wäre. »Er hatte
-zu der Wirtin sagen wollen: ›Matrona Iwanowna, darf ich noch um ein
-Zitronenscheibchen bitten?‹ -- und sagte statt dessen: ›Zitrona
-Iwanowna, bitte noch ein Matronenscheibchen!‹ was die Dame natürlich
-als Beleidigung auffaßte.«
-
-Termosesow wollte sich ausschütten vor Lachen, faßte aber plötzlich
-Warnawas Hand, beugte sich zu ihm herab und flüsterte ihm ins Ohr:
-
-»Geh sofort und schreib mir auf, was die Pfaffen und Edelleute heut
-geredet haben. Ich meine das von der Gewissensfreiheit und der
-Unduldsamkeit ... Mit einem Wort: alles, alles ...«
-
-»Wozu denn?« fragte der Lehrer erstaunt.
-
-»Das geht dich nichts an. Geh nur und schreib's auf. Du wirst später
-schon sehen, wozu. Wir unterschreiben es und schicken es an die
-richtige Adresse.«
-
-»Was? Was wollen Sie tun?« rief Prepotenskij laut und fuchtelte erregt
-mit den Armen. »Eine Denunziation! Um nichts in der Welt!«
-
-»Aber du haßt sie doch!«
-
-»Nun und?«
-
-»So schneid ihnen doch die Kehle durch, wenn du sie haßt.«
-
-»Ja gewiß, schneiden will ich schon, aber ich bin kein Lump, der eine
-Denunziation ...«
-
-»Dann raus mit dir!« unterbrach ihn Termosesow und stieß ihn gegen die
-Tür.
-
-»Aha! Raus?! So hab' ich Sie doch richtig erkannt! Sie halten's mit
-Achilla!«
-
-»Raus, sage ich!«
-
-»Ja, ja! Erst fordert Ihr mich zum Blachdnublach auf und dann ...«
-
-»Da hast du dein Blachdnublach!« antwortete Termosesow und gab
-dem Lehrer einen kräftigen Stoß in den Nacken, so daß er zur Tür
-hinausflog. Dann schob er den Riegel vor.
-
-Achilla, der diesen Auftritt mit angesehen hatte, stand verwirrt auf
-und nahm seinen Hut.
-
-»Wo willst du hin?« fragte Termosesow, sich wieder an den Tisch setzend.
-
-»Ich bitte um Entschuldigung, ich muß nach Hause.«
-
-»Trink doch erst dein Blachdnublach aus.«
-
-»Nein, mag es zum Teufel gehn, ich will nicht mehr. Leben Sie wohl. Ich
-habe die Ehre.«
-
-Er reichte Termosesow die Hand. Dieser nahm sie aber nicht, sondern riß
-dem Diakon den Hut fort, warf ihn unter seinen Stuhl und befahl:
-
-»Setz dich!«
-
-»Ich will nicht,« erwiderte Achilla.
-
-»Setz dich, sag' ich dir!« schrie Termosesow noch lauter und riß ihn so
-heftig am Arm, daß er auf die Bank niederfiel.
-
-»Willst du Pfarrer werden?«
-
-»Nein.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Weil ich dessen weder wert noch fähig bin.«
-
-»Aber der Propst kränkt dich doch?«
-
-»Nein, das tut er nicht.«
-
-»Er soll dir doch mal einen Stock weggenommen haben.«
-
-»Was ist denn dabei?«
-
-»Und einen Dummkopf hat er dich genannt?«
-
-»Ich weiß nicht, vielleicht hat er mich auch mal so genannt.«
-
-»Wollen wir ihn für seine heutigen Reden denunzieren?«
-
-»Wa--a--a--as?«
-
-»Das!!«
-
-Termosesow bückte sich, holte Achillas Hut unter dem Stuhl hervor und
-warf ihn vor die Schwelle.
-
-»Du bist eine Petersburger Kanaille,« sagte der Diakon und bückte
-sich nach dem Hute. In diesem Augenblick aber traf ihn ein dröhnender
-Schlag in den Nacken und er lag mit der Nase im Sande des Gartenweges,
-wohin ihm sein Hut alsbald nachgeflogen kam und wo ein paar Schritte
-weiter auch der Lehrer hockte. Der Diakon begriff erst gar nicht, wie
-das gekommen war, aber als er Termosesow in der Tür stehen und ihm mit
-einem Spaten drohen sah, wurde es ihm klar, warum der Schlag so schwer
-gewesen war und eine so breite Fläche getroffen hatte. Er sagte:
-
-»Das nennt sich also Blachdnublach. Danke für freundliche Belehrung.«
-
-Hierauf wandte er sich zum Lehrer:
-
-»Nun? Gehen wir heim, lieber Freund?«
-
-»Ich kann nicht,« sagte Warnawa.
-
-»Warum nicht?«
-
-»Ich bin voll blauer Flecke und der Wopf tut mir keh.«
-
-»Laß den Wopf nur keh tun, das geht vorüber. Komm nach Hause. Ich
-begleite dich.« Und mitleidig half der Diakon dem Lehrer auf und führte
-ihn zum Gartentor hinaus.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Aufs äußerste erregt und verstört kam der Propst heim. Da das Fest
-beim Polizeichef so lange dauerte, hatte die daheimgebliebene Natalia
-Nikolajewna, wider ihre sonstige Gewohnheit, die Heimkehr ihres
-Gatten nicht abgewartet und sich zu Bett gelegt, die Tür nach ihrem
-Schlafzimmer aber offen gelassen. Sie wollte durchaus aufwachen, wenn
-ihr Mann zurückkehrte.
-
-Tuberozow wußte, was die offene Türe zu bedeuten hatte und rief beim
-Eintreten seine Frau beim Namen. Sie erwachte und erwiderte seinen Gruß.
-
-»Du schläfst nicht?«
-
-»Nein, Liebster, Sawelij Jefimytsch, ich schlafe nicht.«
-
-»Das ist gut, ich möchte mit dir reden.«
-
-Der Alte setzte sich auf den Bettrand und erzählte seiner Gattin das
-Gespräch mit dem Adelsmarschall und beklagte sich, wie gleichgültig
-alle sich zu der immer mehr in Rußland aufkommenden Anschauung
-verhalten, daß sich ein gebildeter Mensch des Glaubens schämen müsse.
-Er drückte ihr seine Befürchtungen aus, daß die guten Sitten und die
-hohen Ideale in Verfall geraten könnten, ja müßten.
-
-Natalia Nikolajewna unterbrach ihn mit keiner Silbe, denn er sprach mit
-einem Freimut, wie er ihn sonst nirgendwo hätte zum Ausdruck bringen
-dürfen.
-
-»Und denke dir, Natascha!« schloß er, als er bemerkte, daß der Morgen
-graute und sein Kanarienvögelchen, eben erwacht, den Schnabel zu
-wetzen begann. »Denke dir, meine liebe Alte, daß er, der Tuganow,
-keines meiner Worte widerlegen konnte, daß er mir in allem recht gab,
-daß er selbst zugestand, wir stünden, wie die selige Marfa Andrejewna
-mal sagte, gleich Schnepfen im Sumpf. Der Schwanz ist zu lang und der
-Schnabel ist zu lang, und so wackeln wir hin und her: ziehen wir den
-Schnabel heraus, bleibt der Schwanz stecken; ziehen wir den Schwanz
-heraus, steckt der Schnabel im Sumpf. Das alles gab er zu, aber von
-der seelischen Erregung, die man in einer solchen Lage doch empfinden
-müßte, ließ er nichts merken ... O diese entsetzliche Gleichgültigkeit!«
-
-Natalia Nikolajewna schwieg.
-
-»Zu guter Letzt nannte er mich noch einen Maniak! Sage bitte selbst,
-wieso und warum verdiene ich diesen Namen?« Sawelij dämpfte die Stimme.
-»Mich nennt er einen Maniak, und er selbst sagt ... Ich meinte: alles,
-worauf ich hingewiesen hätte, seien vielleicht Kleinigkeiten, aber
-trotzdem so bezeichnend für den in unserer Gesellschaft herrschenden
-Geist, und wenn wir jetzt mit diesen Kleinigkeiten nicht fertig
-würden, wie sollen es unsere Machthaber werden, nachdem alles erst
-mal großgewachsen ist! Er antwortete mir in seinem mir so verhaßten
-spöttischen Tone, den wir Russen so gern anschlagen, mit einer
-Anekdote, die sehr gut paßte und die ich aus Rücksicht auf mein Amt nur
-dir allein erzählen kann: Ein Offizier kam einst in ein Quartier, wo er
-im Nebenzimmer ein wunderschönes Mädchen entdeckte. Er war von ihr so
-entzückt, daß er, wie das im Regiment Brauch ist, seinen Burschen rief
-und ihn fragte: ›Wie könnte ich wohl die Bekanntschaft dieser Schönen
-machen?‹ Der Bursche überlegte, und da er im Begriff war, Kohlen in
-den Samowar zu legen, rief er plötzlich: ›Hier riecht's nach Rauch!‹
-Der Offizier sprang auf und stürzte in das Zimmer seiner Nachbarin:
-›Meine Gnädige, hier bei Ihnen riecht es nach Rauch. Ich komme, Sie und
-Ihre Schönheit aus dem Feuer zu retten!‹ Auf diese Weise machte er die
-gewünschte Bekanntschaft. Der Bursche aber erhielt ein Geldgeschenk
-und einen Schnaps. Als der Frauenjäger nach einiger Zeit in ein neues
-Quartier kam, wo er ebenfalls eine schöne Dame entdeckte, jedoch nicht
-nebenan, sondern im gegenüberliegenden Hause, -- sagte er wieder zu
-seinem Burschen: ›Verhilf mir zu ihrer Bekanntschaft!‹ Der aber wußte
-nichts anderes zu antworten, als sein altes ›Hier riecht's nach Rauch!‹
-Da erkannte der Offizier, daß er sich zu Unrecht auf den Verstand
-seines Helfershelfers verlassen hatte und die erwünschte Bekanntschaft
-durch ihn nicht machen konnte. Jetzt merke, was das für ein Gleichnis
-ergibt: bei uns geziemt es sich für einen aufgeklärten Mann, daß er
-ungläubig sei, seines Vaterlandes spotte, die Menschen verachte, die
-Heiligkeit der Familienbande nicht gelten lasse, in seinen Mitteln
-nicht wählerisch sei; jene Schöne jedoch, die äußere Zivilisation,
-haben wir leicht gewonnen; allein jetzt gilt es, eine andere Schöne
-kennen zu lernen, jetzt, wo wir geistige Selbständigkeit zeigen sollen,
-... aber da sitzt die Schöne drüben am Fenster, und die Frage ist, wie
-kriegen wir sie? Da sehnen wir uns wohl und seufzen: ›Ach, wie könnten
-wir am leichtesten ihre Bekanntschaft machen?‹ Aber der ungeschickte
-Bursche weiß darauf nichts zu sagen, als: ›Hier riecht's nach Rauch!‹
-Doch was nützt es uns, wenn es nach Rauch riecht?«
-
-»Ja,« sagte Natalia Nikolajewna und seufzte.
-
-»Das ist es eben! Begreifst du es auch? Wer ist denn nun der Maniak?
-Ich, der ich alles klar sehe und mich deswegen beunruhige, oder jene,
-denen es ebenso klar ist, die sich aber den Kopf nicht weiter darüber
-zerbrechen: ›Wir kommen noch so durch, und hinterher mag's gehn, wie es
-will!‹ Heißt das nicht: ›Hier riecht's nach Rauch!‹ Nicht wahr, meine
-Liebe?«
-
-»Ja, Liebster, das Mädel stellt wohl den Samowar auf,« sagte Natalia
-Nikolajewna mit schläfriger Stimme.
-
-Da begriff Tuberozow, daß er die ganze Zeit in die Luft gesprochen
-hatte, die keine Ohren für ihn hatte, und er senkte lächelnd sein
-weißhaariges Haupt.
-
-Er gedachte der Worte, die einst die verstorbene Bojarin Marfa
-Plodomasowa zu ihm gesprochen: »Und bist du denn nicht einsam? Was sagt
-denn das, daß du eine gute Frau hast, die dich liebt? Was dich quält,
-wird sie doch nicht verstehen. Und so ist jeder, der weiter sieht als
-sein Bruder, einsam inmitten der Seinigen.«
-
-»Ja, einsam, unsagbar einsam!« flüsterte der Alte. »Und es ist am
-stärksten zu fühlen, wenn man am innigsten verlangt, es nicht zu
-sein; denn ... mag ich nun ein Maniak sein oder nicht ... ich habe
-beschlossen, das nicht länger zu dulden, und was ich beschlossen,
-das vollbringe ich auch.« Leise stand der Alte vom Bette auf, um die
-Schlafende nicht zu stören, segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes,
-stopfte dann seine Pfeife und ging in den Hof hinaus, um sich vor dem
-Hause niederzusetzen.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Tief in Gedanken versunken saß der alte Mann. Die dünnen
-Tabakswölkchen, die sich von seinem weißen Schnurrbart lösten und
-in der Luft zerflatterten, glänzten bernsteinfarbig im Lichte der
-aufgehenden Sonne. Die Hühner flogen von ihren Stangen herunter,
-kamen aus dem Stall, schüttelten sich und strichen ihr Gefieder.
-Jetzt klang von der Brücke die Lindenholzflöte des Hirten herüber,
-am Ufer klirrten die leeren Eimer, mit denen ein barfüßiges Weib
-nach Wasser ging; überall hörte man die Kühe brüllen, und die eigene
-Dienstmagd des Propstes kam gähnend, das Zeichen des Kreuzes über dem
-weitaufgerissenen Munde machend, aus dem Stall und trieb die Kuh mit
-einer Gerte vor sich her. Drinnen am Fenster sang der Kanarienvogel aus
-voller Kehle.
-
-Im vollen Glanze war der junge Tag erschienen.
-
-Vom Dom her ertönte der erste Glockenschlag.
-
-Vor dem Pförtchen erschien eine junge Zigeunerin mit einem Kinde an
-der Brust, einem zweiten auf dem Rücken und dreien, die sich an ihre
-zerlumpten Kleider klammerten.
-
-»Gib mir was, frommer Vater, gib mir was, du Glücklicher,
-Segensreicher!« bettelte sie den Propst an.
-
-»Was soll ich dir geben, du Unglückliche, Ungesegnete? Meine Frau
-schläft, und ich habe kein Geld bei mir.«
-
-»Gib mir etwas, was du nicht brauchst, dafür soll dir Ehre und Glück
-werden.«
-
-»Was brauche ich denn nicht? Halt! du hast recht gesprochen! Ich hab'
-hier etwas, was ich nicht brauche!«
-
-Und Tuberozow ging ins Zimmer und brachte seine sämtlichen Pfeifen
-heraus, den perlengestickten Tabaksbeutel und die Blechschachtel, in
-welche er die Asche zu schütten pflegte. Alles gab er der Zigeunerin
-und sagte:
-
-»Da, du Zigeunerweib, bring das deinem Mann, ihm steht es besser zu.«
-
-Natalia Nikolajewna schlief noch immer. Der Propst schrieb sich die
-Schuld zu, weil er sie durch seine lange Abwesenheit und seine Reden am
-Einschlafen gehindert hatte. Zwar hatte sie ihm nicht zugehört, aber
-ihre Ruhe hatte er doch gestört.
-
-Er ging in den Stall und gab seinen zwei kleinen braunen Pferden selbst
-die doppelte Portion Hafer. Dann wollte er leise über den Hof ins Haus,
-als er plötzlich den Botengänger des Akziseeinnehmers Biziukin durch
-das Pförtchen kommen sah, welcher ein Buch unter dem Arm hatte.
-
-Der Propst nahm das Buch, schlug es auf und wurde ganz rot im Gesicht.
-Im Buch lag ein Schreiben mit folgender Aufschrift: »An den Propst
-des Stargoroder Kirchspiels, Oberpfarrer Sawelij Tuberkulow.« Das
-Wort »Tuberkulow« war flüchtig durchstrichen und darüber geschrieben
-»Tuberozow«.
-
-»Es wird um sofortige Empfangsbestätigung gebeten,« sagte der Bote.
-
-»Wer hat drum gebeten?«
-
-»Der Sekretär des angereisten Beamten.«
-
-»Der kann warten.«
-
-Der Propst fühlte, daß die Sache nicht so harmlos war. Er merkte, daß
-man ihn herausfordern wollte und auch schon ein Mittel gefunden hatte,
-ihm beizukommen.
-
-»Was kann das sein? Es ist noch so früh ... Sie scheinen die Nacht
-nicht geschlafen zu haben, nur um eine Gemeinheit auszuhecken ... ja,
-Leute, die nichts zu tun haben!«
-
-Mit solchen Gedanken beschäftigt, trat Tuberozow in sein vom
-Sonnenglanz durchflutetes Wohnzimmer, setzte seine große silbergefaßte
-Brille auf und öffnete den interessanten Brief.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Das fatale Schreiben war ein höchst formloses Dokument, in jenen
-unangenehmen, vieldeutigen Ausdrücken abgefaßt, an denen die
-Kanzleisprache so reich ist. Es stellte an den Propst Tuberozow
-»konfidentiell« das Ersuchen oder die Forderung, beim Regierungsbeamten
-Bornowolokow zu erscheinen »zwecks Abgabe näherer Erklärungen über
-einige wichtige Punkte, sowie auch über das anstößige und unpassende
-Betragen des Diakons Achilla Desnitzyn.«
-
-»Ei zum Donnerwetter, sollte das nicht ein dummer Scherz sein? ...
-Wollen sie sich jetzt auf diese Weise über mich lustig machen?! Aber
-nein, das ist kein Scherz! Da steht's: Tuberkulow ... Mein Name ist in
-der offenkundigen Absicht, mich zu kränken, so verdreht worden. Und
-dann: »das anstößige und unpassende Betragen des Diakons Achilla.« Was
-bedeutet das alles, wo will man hinaus? Um ihnen den Spaß zu verderben
-und keinen Fehler zu begehen, wollen wir uns an die Methode des
-Abwartens halten, die einzig richtige in unklaren Fällen.«
-
-Der Propst nahm die Feder und schrieb unter das formlose Dokument: »Der
-Propst Tuberozow hält sich, da er über die Vollmachten der ihn zu sich
-auffordernden Person nicht unterrichtet ist, nicht für verpflichtet,
-der Aufforderung Folge leisten zu müssen.«
-
-Darauf legte er das Blatt in denselben Umschlag, in dem er es erhalten
-hatte, und schrieb quer über die Adresse: »Zurück an den, dessen Titel
-und Würden ich nicht kenne.«
-
-Nachdem er das Paket wieder in das Quittungsbuch gelegt hatte, ging
-er hinaus und gab es dem Boten. Dem langen Subdiakon Pawliukan, der
-inzwischen gekommen war, befahl er, den Wagen zu schmieren und in einer
-Stunde zu einer Fahrt ins Kirchspiel bereit zu sein. Dann schickte er
-die Magd nach dem Diakon Achilla.
-
-Unterdessen war Natalia Nikolajewna aufgestanden und machte sich,
-nachdem sie sich mehrmals bei ihrem Gatten wegen ihres gestrigen
-Einschlafens entschuldigt hatte, eifrig daran, sein Reiseköfferchen zu
-packen. Höchst erstaunt war sie aber, als er auf ihre Frage, wohin sie
-den Tabak legen solle, kurz antwortete, er habe das Rauchen aufgegeben,
-und sich dann gleich dem eben eingetretenen Diakon zuwandte.
-
-»Ich muß gleich eine Amtsreise machen und habe dich kommen lassen, um
-dich noch einmal zu warnen,« begann er, doch Achilla unterbrach ihn
-sofort.
-
-»Schönsten Dank, Vater Propst, aber ich bin schon gewarnt.«
-
-»Das hat nicht viel zu sagen und macht mir keine Sorge. Jedenfalls
-bitte ich dich nur, wenigstens in meiner Abwesenheit etwas solider zu
-sein.«
-
-»Ja, Vater Propst, jetzt ... Auch wenn Ihr kein Wort gesagt hättet, es
-ist doch schon alles aus.«
-
-Tuberozow blieb vor ihm stehen und sah ihn mit einem scharfen,
-durchdringenden Blick an. Gestalt und Gesicht des Diakons sahen nicht
-gerade vorteilhaft aus. Die dichten, natürlichen Locken machten den
-Eindruck einer schief aufgesetzten Perücke: die rechte Seite der Stirn
-war viel zu weit entblößt, die linke fast bis zum Auge verdeckt.
-
-Der Propst dachte nach, was denn wohl noch mit dem unvorsichtigen
-Diakon geschehen sein mochte, dieser aber sagte, die Augen starr auf
-den Hut gerichtet, den er in der Hand hin- und herdrehte:
-
-»Ich habe schon gestern, Vater Propst ... gleich nachdem ich von der
-Biziukinschen heimgekommen war ... denn wir waren alle vom Polizeichef
-noch dorthin gegangen ... zu meiner Bedienerin gesagt: ›Nein,‹ sagt'
-ich, ›Esperance, der Vater Sawelij hat recht: der Starke rühme sich
-nicht seiner Kraft und baue nicht auf seine Macht.‹«
-
-Statt ihm zu antworten, ging der Propst auf den Diakon zu und strich
-die Haare zurück, welche die linke Seite seines Gesichtes so übermäßig
-bedeckten.
-
-»Nein, Vater Sawelij, hier ist nichts, aber da,« sagte Achilla leise
-und schob die Hand des Propstes auf seinen Nacken.
-
-»Schäme dich, Diakon,« sagte Tuberozow.
-
-»Es tut auch weh, Vater Propst,« sagte Achilla, sich an die Brust
-schlagend, und fing bitterlich zu weinen an. »Dafür werde ich mich nun
-täglich und stündlich martern.«
-
-Tuberozow schüttete keinen Tropfen mehr in diesen Leidenstrank des
-armen Achilla. Im Gegenteil. Er machte ein paar Schritte durchs Zimmer
-und sagte dann, den Diakon am Arme fassend:
-
-»Weißt du noch, wie du mir Vorwürfe machtest wegen der Pfeife?«
-
-»Verzeiht.«
-
-»Nicht doch, ich bin dir dankbar dafür, und wenn ich im Rauchen auch
-nichts besonders Schlechtes sehe und diese Gewohnheit gehabt habe, so
-habe ich doch heute, um dem Gerede ein Ende zu machen, davon abgelassen
-und alle meine Pfeifen einem Zigeuner geschenkt.«
-
-»Einem Zigeuner!« rief der Diakon mit strahlendem Gesicht.
-
-»Ja. Es kann dir übrigens gleich sein, wem ich sie gegeben habe; gib
-aber auch du deine Wildheit irgend jemandem. Du bist kein Jüngling
-mehr, sondern bald fünfzig, und du bist auch kein Kosak, denn du trägst
-die Kutte. Und jetzt sage ich dir noch einmal Lebewohl, denn ich muß
-fahren.«
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Im Biziukinschen Hause ließ sich der neue Tag wenig freundlich an: die
-gnädige Frau vermißte ein kostbares Brillantenkollier, das sie gestern
-abend getragen hatte und das heute nirgends zu finden war. Die ganze
-Dienerschaft war auf den Beinen, und die Herrschaft ebenfalls. Man
-suchte das Verlorene in der Laube und im ganzen Hause, aber es war und
-blieb verschwunden.
-
-Bornowolokow hatte mit der Revision angefangen, und auch
-Termosesow war ungeheuer beschäftigt. Zunächst nahm er aus seiner
-Photographiensammlung einige Bildnisse der kaiserlichen Familie,
-dann schrieb er einen Brief an einen Petersburger Freund, der in
-Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Er schilderte die Schönheit
-der Natur, die gelbrosa Färbung der Wolken, sprach von seiner
-Freundschaft mit Bornowolokow und seinen Aussichten auf eine glänzende
-Beamtenlaufbahn und auf eine Erbschaft im Gouvernement Samara. Zum
-Schluß entwarf er eine flüchtige Skizze der gestrigen Gesellschaft,
-wobei er die Stargoroder Herrschaften schonungslos kritisierte und nur
-hinsichtlich der Postmeisterin eine Ausnahme machte. »Diese Frau,«
-schrieb er, »ist es durchaus wert, daß man etwas bei ihr verweilt.
-Stelle dir vor, ich spüre hier so etwas wie Schicksalsgewalt; ich sah
-sie und wurde sofort von einer Art Sohnesgefühl zu ihr erfaßt. Ich
-sag' dir, wenn es ihr einfallen würde, mich auspeitschen zu lassen,
-ich würde ihr dankbar die Hand küssen. Doch -- ich weiß selber noch
-nicht, wie das enden wird, denn sie hat zwei Töchter. Die eine ist ganz
-die Mutter, die andere verspricht ebenfalls so schön zu werden. Wer
-vermöchte zu sagen, Freund, warum das unerforschliche Geschick mich der
-Familie dieser hochgeachteten Frau zugeführt hat? Vielleicht werde auch
-ich demnächst singen müssen: ›O goldne Freiheit, lebe wohl!‹«
-
-Nachdem Termosesow den Brief an einen Herrn Nikolai Iwanowitsch
-Iwanow adressiert hatte, preßte er das versiegelte Kuvert zwischen
-zwei Fingern fest zusammen, überzeugte sich, daß man auf diese
-Weise seine ganze Charakteristik der Frau Postmeisterin durchlesen
-konnte, räusperte sich und sagte: »Na, nun wollen wir mal sehen, ob
-Prepotenskij gestern die Wahrheit gesagt hat, daß sie die Briefe
-aufmacht! Tut sie das, so bin ich fein heraus.«
-
-Er nahm den Brief und die Bilder und begab sich auf das Postamt. Außer
-diesem Brief hatte er noch ein Schriftstück in der Tasche, das er in
-derselben frühen Morgenstunde abgefaßt hatte, als er die Aufforderung
-an Tuberozow schickte. Es lautete folgendermaßen:
-
-»Das Komplott der demokratischen Sozialisten, die sich hinter der Larve
-des Patriotismus verbergen, macht sich überall bemerkbar. Hier setzt
-es sich aus äußerst verschiedenartigen Elementen zusammen, und das
-Schädlichste dabei ist, daß die Geistlichkeit bereits in hohem Maße
-daran beteiligt ist -- was äußerst gefährlich ist, da sie dem Volke
-sehr nahesteht. Die Resultate der traurigen liberalen Duldsamkeit
-treten hier besonders kraß und zahlreich zutage.
-
-Der Stargoroder Propst Sawelij Tuberozow, der schon mehr als einmal
-die Aufmerksamkeit der Behörden durch seinen wilden und frechen
-Charakter und durch seine schlechte Gesinnung auf sich gelenkt hat,
-wurde bereits mehrmals für sein unzulässiges Betragen gemaßregelt,
-ohne daß es auf ihn Eindruck gemacht zu haben scheint, denn er ist von
-revolutionären Tendenzen ganz durchdrungen.
-
-Ich wage es nicht zu entscheiden, wieweit er den Absichten der
-Regierung Schaden bringen könne, allein nach meiner Ansicht ist dieser
-Schaden unermeßlich groß. Der Propst Tuberozow genießt hohes Ansehen
-in der ganzen Stadt, und ist ein Mann von großem Verstande und von
-einer Kühnheit, die dank der jahrelangen Nachsicht seiner Vorgesetzten
-heute vor nichts mehr zurückschreckt. Alles, was ein Mensch wie er tut,
-sollte von Rechts wegen unter strengster Kontrolle stehen. Er jedoch
-redet was er will, ohne sich den geringsten Zwang anzutun, und genießt
-dabei noch das Vorrecht, öffentlich in der Kirche sprechen zu dürfen.
-
-Dieses geistliche, dem Volke so nahestehende Element scheint aber
-auch noch mit dem flachen Lande, d. h. mit dem grundbesitzenden Adel
-Fühlung zu suchen. So genießt dieser verdächtige Propst Tuberozow
-anscheinend die Gunst und den Schutz des Adelsmarschalls Tuganow,
-dessen Persönlichkeit und Anschauungen Ihnen ja wohlbekannt sind.
-Herr Tuganow, der hier an einer Abendgesellschaft im Hause des
-Polizeichefs teilnahm, meinte u. a.: ›man lasse die Sonne nicht auf
-die Erde scheinen‹ -- wobei unter der ›Sonne‹ zweifellos der Monarch
-zu verstehen ist, und unter der ›Erde‹ das Volk. Wer aber sich vor die
-Sonne stellt, ist nicht schwer zu erraten. Ja, er hat es sogar selbst
-klar ausgesprochen, als er dann noch bemerkte, er sei ein Mann der
-Scholle, der Gouverneur dagegen nur ›ein Kalif für eine Stunde‹. Als
-ein hiesiger Lehrer, Prepotenskij, ein ganz dummer, aber politisch
-durchaus unbescholtener Mensch, ihm sagte, wir alle könnten nicht
-sagen, wie und von wem Rußland regiert werde, antwortete er mit
-zynischer Frechheit: ›Ich halte mich in diesem Falle an die Worte des
-Grafen Panin aus der Zeit Katharinas, der zu sagen pflegte, Rußland
-werde durch die Gnade Gottes und die Dummheit des Volkes regiert.‹
-Auf all das habe ich die Ehre, Eure Exzellenz aufmerksam zu machen
-und halte es für meine Pflicht, vor Eurer Exzellenz die unschätzbaren
-Dienste des mich begleitenden Kanzleibeamten Ismail Petrowitsch
-Termosesow nachdrücklich zu betonen. Seiner feinen Beobachtungsgabe,
-sowie seiner Fähigkeit, in alle Schichten der Gesellschaft
-einzudringen, verdanke ich eine Menge wertvoller Informationen, und ich
-wage es, den Gedanken auszusprechen, daß, wenn die Obrigkeit diesem
-begabten Manne einen selbständigen Beobachtungsposten anvertrauen
-wollte, er dem Staate von unermeßlichem Nutzen sein könnte.«
-
-Dieses Blatt in der Tasche ging Termosesow seines Weges und fragte
-sich: »Wird diese Kanaille von Bornowolokow das wohl unterschreiben?
-Ach was, -- wenn man ihn nur ordentlich drückt, unterschreibt er
-alles.«
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Termosesow gab seinen Brief auf und ging dann sofort zur Frau
-Postmeisterin. Die Begrüßung war sehr freundschaftlich. Er küßte ihre
-Hand, sie gab ihm einen Schmatz auf die Stirn und dankte ihm für die
-Ehre seines Besuchs.
-
-»O bitte, ich muß Ihnen danken,« erwiderte Termosesow. »Es war ja so
-entsetzlich langweilig. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, weil
-ich immer mit Angst und Grauen denken mußte: wo bin ich? unter was für
-Leuten?«
-
-»Ja, ich sagte schon gestern zu meinen Töchtern: Unser Petersburger
-Gast muß sich wohl köstlich amüsieren.«
-
-»Ach, gar zu schlimm wollen wir es auch nicht machen. Ich diene ja
-nicht um des Mammons willen, sondern um das Land kennen zu lernen.«
-
-»Dann finden Sie bei uns eine Unmenge Beobachtungsstoff.«
-
-»Ganz recht -- Beobachtungsstoff! Aber da hab' ich Ihnen mit Ihrer
-Erlaubnis die Bilder mitgebracht, von denen wir gestern sprachen.
-Gestatten Sie mir, sie aufzuhängen.«
-
-Die Postmeisterin wußte gar nicht, wie sie ihm danken sollte.
-
-»Ich will mich mit Vergnügen dieser Arbeit unterziehen, bis Ihre
-Fräulein Töchter erscheinen ... Ich darf doch hoffen, sie zu sehen?«
-
-Die Postmeisterin erwiderte, die Mädchen seien noch nicht angezogen, da
-sie in der Wirtschaft zu tun hätten, kämen aber trotzdem bald.
-
-»Ach, ich bitte Sie darum, ich bitte sehr!« flehte Termosesow, und als
-die geschmeichelte Hausfrau das Zimmer verlassen hatte, begann er die
-Kaiserbildnisse an der Wand zu befestigen. Die Nägel dazu hatte er
-mitgebracht.
-
-Die Toilette der jungen Damen nahm fast eine Stunde in Anspruch, und in
-dieser ganzen Zeit ließ sich auch die Postmeisterin nicht sehen.
-
-»Das ist ein gutes Zeichen!« dachte Termosesow. »Gewiß studiert sie
-mein Opus.«
-
-Endlich erschienen die Töchter in Begleitung ihrer Mutter. Termosesow
-maß die Postmeisterin mit einem schnellen, durchdringenden Blick. Sie
-strahlte vor Wonne und Begeisterung.
-
-»Das Fischlein hat angebissen!« schloß er und verzehnfachte seine
-Liebenswürdigkeit. Um aber seiner Sache ganz sicher zu sein, fing er
-wieder von Literatur und von seinen Reiseskizzen an zu reden.
-
-»Porträts! Um Gottes willen mehr Porträts! Mehr Naturstudien!« bat die
-Postmeisterin.
-
-»Ja, eigentlich habe ich schon die ganze hiesige Gesellschaft
-porträtiert und -- entschuldigen Sie -- auch Ihrer und Ihrer Fräulein
-Töchter Erwähnung getan ... Wissen Sie, so ganz flüchtig ... Wenn ich
-meinen Brief zurückbekommen könnte, den ich eben aufgegeben habe ...«
-
-»Ach nein, wozu denn?« rief die Postmeisterin errötend.
-
-»Angebissen, angebissen!« frohlockte Termosesow, und bestand darauf,
-den Damen vorzulesen, was er über sie geschrieben hatte. Eine Zeitlang
-hörte man im Zimmer nichts als: »Ach, wozu denn lesen, wir glauben
-Ihnen auch so!« und: »Ja, warum denn nicht lesen? Wodurch habe ich denn
-so großes Zutrauen verdient?«
-
-Termosesows Einwände wirkten zu verführerisch auf die Neugier der
-Mädchen. Bald erbot sich die eine, bald die andere, ins Bureau zum
-Vater zu laufen und den interessanten Brief des Gastes zu bringen.
-
-Vergebens suchte die Mutter sie durch Worte und Zeichen zurückzuhalten,
-die Mädchen verstanden sie nicht und gaben keine Ruhe. Termosesow
-dagegen hatte alles ausgezeichnet verstanden: der Brief befand sich in
-den Händen der Hausfrau, es galt jetzt nur noch, sie zur Rückgabe zu
-zwingen und sie dadurch selbst völlig in die Hände zu bekommen.
-
-Ohne viel Bedenken sprang Termosesow von seinem Platz auf und stürzte
-diensteifrig, der Zurufe der Damen, die ihn zurückhalten wollten,
-nicht achtend, nach dem Postbureau: er sei, rief er, selbst nicht
-mehr imstande, sich den Genuß zu versagen, den Damen die bescheidene
-Darstellung seiner tiefen Bewunderung für sie vorzutragen.
-
-Keine Bitten konnten ihn bewegen, von seinem Vorhaben abzustehen. --
-Aber auf dem Bureau war kein Brief zu finden.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-
-Termosesow machte ein sehr verlegenes Gesicht, als er zu den Damen
-zurückkehrte. Ihre Verwirrung aber war noch viel größer. Die Mädchen
-sprangen auf und liefen hinaus, um ihre Tränen zu verbergen, die
-infolge der ihnen von der Mutter gehaltenen Pauke reichlich flossen.
-Die Postmeisterin selbst blieb als Opferlamm im Salon.
-
-Termosesow stellte sich schweigend vor sie hin und lächelte.
-
-»Ich sehe Sie an,« sagte die Dame geziert, »und schäme mich.«
-
-»Sie haben den Brief?«
-
-»Die Versuchung war zu groß. Hier ist er.«
-
-Termosesow nahm das versiegelte Kuvert aus ihrer Hand.
-
-»Ich schäme mich ganz entsetzlich ... aber was soll ich machen ... ich
-bin ein Weib ...«
-
-»Ach, lassen Sie doch! Ein Weib! Um so besser, daß Sie ein Weib sind!
-Das Weib ist ein viel besserer Freund als der Mann und ich bin ein so
-vertrauensseliger Narr, daß ich wirklich warme aufrichtige Freundschaft
-... ich meine, weibliche Freundschaft sehr nötig habe! Jetzt habe ich
-mich an Herrn Bornowolokow angeschlossen ... Wir sind schon lange
-Freunde und er ist auch jetzt mehr mein Freund als mein Vorgesetzter
-... wenigstens scheint es mir ...«
-
-»Ja, ich sehe, ich sehe, Sie sind sehr treuherzig und vertrauensselig!«
-
-»Ich bin einfach ein Narr in dieser Beziehung! Ein völliger Narr! Ein
-kleines Kind kann mich nasführen!«
-
-»Das ist aber nicht gut, gar nicht gut!«
-
-»Was kann ich gegen meine Natur? Jemand, der meine Freundschaft mit
-Bornowolokow genau beobachtet hatte, sagte mir einmal: ›Paß auf, Ismail
-Petrowitsch, du bist zu leichtgläubig! Baue nicht zu sehr auf diese
-hinterlistige Freundschaft! Bornowolokow zeigt hinter deinem Rücken ein
-ganz anderes Gesicht, als du zu sehen gewohnt bist!‹ ... Aber ich kann
-nicht anders -- ich muß ihm glauben!«
-
-»Warum tun Sie es?«
-
-»Gott, ich bin nun mal so! ... Ja, wenn man mir Beweise vorlegte! Wenn
-ich hören könnte, wie er in meiner Abwesenheit von mir spricht! Wenn
-ich einen Brief von ihm sehen könnte! Den Freundesdienst würde ich mein
-Leben lang nicht vergessen!«
-
-Die Postmeisterin bedauerte, daß sie diesen hinterlistigen Bornowolokow
-nie zu Gesicht bekommen habe, und fragte, ob Termosesow vielleicht eine
-Photographie des Verräters besäße?
-
-»Leider nicht. Aber einen Brief von ihm. Hier, sehen Sie seine
-Handschrift.«
-
-Und er zeigte ihr einen Fetzen Papier von Bornowolokows Hand
-beschrieben. Beim Fortgehen ließ er ihn wie von ungefähr auf dem Tische
-liegen.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-
-Diese zweite Angel war noch glücklicher ausgeworfen als die erste.
-Gegen Abend, als Termosesow mit Bornowolokow und Biziukin beim Kaffee
-saß, kam ein Postbote mit dem Auftrage, Ismail Petrowitsch sofort zur
-Frau Postmeisterin zu bitten.
-
-»Ach richtig! Ich hatte versprochen, heute einen Ausflug mit ihr
-zu machen! Wie konnte ich das nur vergessen!« sagte Termosesow und
-entfernte sich mit dem Boten.
-
-Er traf die Postmeisterin im Salon allein. Sie drückte ihm die Hand,
-schloß die Tür und nahm schweigend einen Brief aus der Tasche, welchen
-sie ihm reichte.
-
-»Lesen Sie, es stört uns hier niemand.«
-
-Termosesow las den Brief, in dem sich Bornowolokow bei seiner
-Petersburger Kusine Nina bitter über sein Geschick beklagte, welches
-ihn in Moskau mit Termosesow zusammengeführt hatte. Er nannte ihn einen
-»ausgemachten Lumpen und Halunken« und bat die Kusine, »mit allen
-Mitteln und unter Heranziehung all ihrer ausgezeichneten Verbindungen
-darauf hinzuwirken, daß dieser gemeine Kerl eine gute Stelle in Polen
-oder in Petersburg erhalte, sonst könne er, weil er über alle alten
-Dummheiten unterrichtet sei, das entsetzlichste Unheil anstiften.«
-
-»Haben Sie Ihren Freund nun erkannt?« fragte die Postmeisterin.
-
-»Das hätte ich nicht erwartet! Gott strafe mich, -- das nicht!« sagte
-Termosesow, indem er seinen Kopf schüttelte und seufzte.
-
-»Behalten Sie den Brief und vernichten Sie ihn,« sagte die
-Postmeisterin.
-
-»Vernichten? Warum? Nein, ich vernichte ihn nicht! Mag er an seine
-Adresse gelangen, -- aber eine Abschrift möchte ich haben. Gestatten
-Sie mir, sie zu nehmen.«
-
-Termosesow hatte sofort begriffen, daß der Brief für seine Ehre
-zwar wenig schmeichelhaft war, aber sehr vorteilhaft, weil man ihm
-angesichts seiner Gefährlichkeit ganz sicher eine sehr gute Anstellung
-verschaffen würde.
-
-Mit der Abschrift steckte er auch das Original zu sich und ging heim.
-
-Das Ehepaar Biziukin war bereits zu Bett gegangen, und Bornowolokow saß
-allein und schrieb.
-
-»Immer fleißig, Eure Durchlaucht? Schon wieder bei der Schreiberei?«
-sagte Termosesow heiter.
-
-Ein kurzes kaltes »Ja« war die Antwort.
-
-»Da wird wohl wieder irgendeine Gemeinheit verfaßt?«
-
-Bornowolokow fuhr zusammen.
-
-»Na also!« sagte Termosesow gelangweilt, schloß plötzlich die Tür ab
-und steckte den Schlüssel in die Tasche.
-
-Bornowolokow sprang auf und versuchte schnell das Blatt, an dem er
-geschrieben hatte, zu zerreißen.
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-
-»Gott, was Sie sich aufregen!« lachte Termosesow. »Ich schloß die Tür
-nur, um mich mit Ihnen gemütlich und ungestört unterhalten zu können,
-und Sie reißen gleich Ihr ganzes Geistesprodukt in Fetzen.«
-
-Bornowolokow setzte sich wieder.
-
-»Unterzeichnen Sie dieses Papier. Aber bitte schön -- nicht zerreißen!«
-
-Damit legte Termosesow ihm jenes formlose Skriptum vor, in dem er
-Wahrheit und Dichtung über Tuberozow und Tuganow zusammengebraut und
-sich selbst so glänzend attestiert hatte.
-
-Bornowolokow las es ruhig von Anfang bis zu Ende.
-
-»Nun?« fragte Termosesow, als er sah, daß er mit dem Lesen fertig war,
-»wollen Sie unterschreiben oder nicht?«
-
-»Ich könnte Ihnen sagen, daß ich erstaunt bin, aber ...«
-
-»Ich habe Ihnen das Staunen schon abgewöhnt! Das weiß ich sehr gut, und
-auch bei Ihnen wundere ich mich über nichts mehr!«
-
-Damit reichte er Bornowolokow die Abschrift des Briefes an die Kusine
-Nina und fügte hinzu:
-
-»Das Original habe ich auch.«
-
-»Sie haben es? Wie konnten Sie sich unterstehen?«
-
-»Wie konnten +Sie+ sich unterstehen? Und das nennt sich Freund und
-Bruder! Da will man gemeinschaftlich ganz Rußland auf den Kopf stellen
--- und dann kommt so ein liebenswürdiges Attest! Nein, mein Lieber,
-das geht nicht. Da werden Sie mir ein ganz anderes Zeugnis ausstellen
-müssen.«
-
-Bornowolokow sprang auf und fing an im Zimmer hin und her zu laufen.
-
-»Nehmen Sie nur wieder Platz, das Rennen nützt Ihnen gar nichts,«
-meinte Termosesow. »Wir wollen uns doch friedlich auseinandersetzen.
-Sie wissen, wohin ich Sie mit diesem Brieflein, mit dem Hinweise
-darauf, daß Ihre werte Vergangenheit nicht so ganz sauber ist,
-expedieren kann? Da holt Sie kein Polack und keine Kusine heraus!«
-
-Bornowolokow schlug sich ungeduldig auf die Schenkel und rief:
-
-»Wie konnten Sie meinen Brief stehlen, wenn ich ihn selbst in den
-Kasten geworfen hatte?«
-
-»Raten Sie! Wie ich's fertig gekriegt habe, ist meine Sache, Ihnen aber
-sag' ich nun zum letztenmal: unterschreiben Sie! Auf das erste Blatt
-setzen Sie Ihren Vor- und Familiennamen, Amt und Rang, und auf dem
-zweiten bestätigen Sie die Richtigkeit der Abschrift und fügen dann
-noch zwei Worte hinzu, die ich Ihnen diktieren werde.«
-
-»Sie ... Sie wollen mir diktieren?«
-
-»Allerdings. Ich diktiere, Sie schreiben und dann geben Sie mir tausend
-Rubel Reugeld.«
-
-»Reugeld?! Wofür?«
-
-»Dafür, daß Sie dann Ruhe vor mir haben.«
-
-»Ich habe nicht so viel.«
-
-»Mir genügt ein Schuldschein. Hundert bis hundertfünfzig in bar, das
-übrige hat Zeit ... Aber lange mit Ihnen diskutieren tue ich nicht.
-Wollen Sie, so ist's recht; wollen Sie nicht, so ist mir's auch recht.
-In diesem Fall habe ich die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.«
-
-»Ich will unterschreiben!« sagte Bornowolokow kurz.
-
-»Bitte ...«
-
-Termosesow wischte die Feder an seinem Rockschoß ab, tauchte sie ein
-und reichte sie Bornowolokow.
-
-»Was soll ich schreiben?«
-
-Termosesow räusperte sich und diktierte:
-
-»Der Hundsfott Termosesow ...«
-
-Bornowolokow stutzte und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.
-
-»Wollen Sie wirklich, daß ich diese Worte schreibe?«
-
-»Selbstverständlich. Schreiben Sie nur: ›Der Hundsfott Termosesow‹.«
-
-»Danke ergebenst. Bitte, weiter.«
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Der Sekretär stand hinter dem Stuhle Bornowolokows und blickte über
-seine Schulter, während er weiterdiktierte: »Der Hundsfott Termosesow
-ist auf eine ebenso unbegreifliche wie geniale Weise in den Besitz
-meines eigenhändigen Briefes an Sie gelangt, in welchem ich so
-unvorsichtig war, alles das zu schreiben, was Sie auf diesem Blatte von
-der Hand eben dieses Halunken Termosesow geschrieben lesen.«
-
-»Schluß?«
-
-»Nein, noch etwas. Bitte, schreiben Sie: ›Wie er sich den Brief hat
-verschaffen können, den ich persönlich zur Post brachte, vermag
-ich nicht zu ergründen. Die Tatsache aber mag Ihnen ein Beweis für
-die Kühnheit und Gewandtheit dieses Lumpen sein, der es sich zur
-Aufgabe gemacht hat, mir keine Ruhe zu lassen und mich so lange zu
-schikanieren, bis Sie ihm einen einträglichen Posten verschafft haben.
-Ich beschwöre Sie deshalb um unser beider Wohlergehen willen, für ihn
-selbst das Unmögliche möglich zu machen. Im anderen Falle droht er
-damit, alles aufzudecken, was wir in der Zeit unserer revolutionären
-Dummheiten begangen haben.‹«
-
-»Kann der letzte Satz nicht geändert werden?«
-
-»Nein. Ich bin wie Pilatus: was ich geschrieben habe, das habe ich
-geschrieben.«
-
-Bornowolokow schrieb das Bekenntnis seiner Schmach zu Ende und schob
-das Papier weg.
-
-»Nun haben Sie hier noch den Bericht über die Geistlichkeit und die
-gefährliche Stimmung in der Gesellschaft zu unterzeichnen.«
-
-Bornowolokow nahm die Feder wieder, las das Schriftstück noch einmal
-durch, überlegte und sagte:
-
-»Was haben diese Leute, Tuberozow und Tuganow, Ihnen eigentlich getan?«
-
-»Nicht das geringste.«
-
-»Vielleicht sind es ausgezeichnete Menschen.«
-
-»Sehr möglich.«
-
-»Warum verleumden Sie sie denn? Was hier steht, ist doch Verleumdung?«
-
-»Nicht durchweg, nur ein wenig.«
-
-»Ja, wozu dies alles?«
-
-»Was soll ich machen? Ich muß zeigen, was ich kann. Ihr Blaublütigen
-habt Onkel und Tanten, die sich für Euch bemühen, Parvenüs wie wir
-müssen alles selber machen.«
-
-Bornowolokow seufzte und unterschrieb.
-
-Termosesow steckte die Denunziation ein.
-
-»Jetzt wäre noch das Dritte zu erledigen,« fuhr er fort, »dann setze
-ich meinen Hut auf und sage Adieu. Hier ist ein Wechselformular. Es
-lautet auf achthundert Rubel. Zweihundert erbitte ich mir in bar.«
-
-Bornowolokow saß mit aufgestützten Armen da und betrachtete Termosesow
-schweigend.
-
-»Nun? Sie haben sich wohl in die Zunge gebissen?«
-
-»Nein, ich bewundere Sie bloß.«
-
-»Bitte sehr. Ich bin so, wie das Leben mich gemacht hat. Aber jetzt
-unterschreiben Sie den Wechsel und geben Sie mir das Geld.«
-
-»Wofür, Herr Termosesow, wofür?«
-
-»Wofür?! Für Ihre einstigen geheimen Vergnügungen in stillen Nächten im
-heiligen Moskau und im sündhaften Petersburg; für Ihre Unterhaltungen,
-Pläne, Schriftstücke, für alle die schönen Stunden, an die ich in
-meinen Taschen und in meinem Kopf genug Erinnerungen behalten habe, um
-Ihre ganze Karriere vernichten zu können.«
-
-Bornowolokow unterschrieb den Wechsel und warf das Geld hin.
-
-»Verbindlichsten Dank,« sagte Termosesow, indem er Wechsel und Geld
-einsteckte, »es freut mich sehr, daß es ohne Feilschen abgegangen ist.«
-
-»Was wäre dann geschehen?«
-
-»Dann hätte ich das Doppelte verlangt.«
-
-Nachdem er alle Dokumente beisammen hatte, suchte Termosesow seine
-Mütze. »Ich werde draußen im Wagen schlafen,« sagte er, »hier ist es zu
-schwül für zwei.«
-
-»Wollen Sie mir nicht erst meinen Brief wiedergeben?«
-
-»Fällt mir gar nicht ein. So war es nicht gemeint.«
-
-»Ja, wozu brauchen Sie ihn noch?«
-
-Termosesow lachte.
-
-»Wollen Sie noch Geld dafür haben?«
-
-»Nein, ich bin nicht habgierig, ich habe genug.«
-
-»Pfui, was sind Sie für ein ...«
-
-»Vieh, wollen Sie sagen? Bitte, bitte, genieren Sie sich nicht. Ich
-höre nicht hin und gehe schlafen.«
-
-»So beantworten Sie mir wenigstens noch nur eine Frage: wo sind die
-verschwundenen Brillanten der Biziukina?«
-
-»Woher soll ich das wissen?«
-
-»Sie ... Sie waren doch irgendwo mit ihr ... in einer Laube, -- nicht
-wahr?«
-
-»Was ist denn dabei? Es waren auch noch andere Leute da: der Lehrer und
-der Diakon.«
-
-»Gewiß. Aber sagen Sie mir wenigstens, -- sind diese Brillanten nicht
-irgendwo unter meine Sachen gesteckt?«
-
-»Wie kann ich das wissen?«
-
-»O Gott! Dieser Mensch macht mich wahnsinnig!« rief Bornowolokow in
-höchster Erregung.
-
-»Noch eins,« flüsterte Termosesow und drückte Bornowolokows Arm fest
-zusammen. »Daß Sie sich's nicht einfallen lassen, Ihren Kusinen
-vorzuflunkern ... denn die Briefe wurden nicht nur von mir gelesen.«
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Die verschwundenen Brillanten der Biziukina, das Blachdnublach,
-die Niederlage Achillas und Prepotenskijs, die Liebelei mit Daria
-Nikolajewna und die Eroberung der Postmeisterin, endlich die
-Mattsetzung Bornowolokows, -- alle diese Ereignisse, die sich in knapp
-vierundzwanzig Stunden abgespielt hatten, waren Termosesow selbst ein
-wenig zu Kopf gestiegen. Er fühlte ein unüberwindliches Verlangen nach
-Schlaf und streckte sich auf dem Heu des Wagens aus, wo er sofort
-einschlief und erst sehr spät am Morgen wieder erwachte. Die kühle
-Scheune, welche Termosesow zu seinem Schlafgemach gewählt hatte, blieb
-geschlossen und Ismail Petrowitsch rekelte sich noch lange nach dem
-Erwachen auf seinem Lager, kratzte sich die Fußsohlen und dachte nach.
-
-Seine Gedanken waren insofern bemerkenswert, als das Vergangene
-und Geschehene für sie absolut nicht vorhanden war; ebensowenig
-beschäftigten sie sich mit einer der neuen Personen, gegen die
-Termosesow mit so kühner Ungeniertheit vorgegangen war. So seltsam
-das auch klingen mag, -- Termosesow besaß wirklich eine gewisse
-Harmlosigkeit, die sich mit einer maßlosen sittlichen Laxheit und
-Frechheit und einer vollkommenen Gleichgültigkeit gegen alle Menschen
-und ihr Urteil paarte. Er dachte nie daran, daß die Person, mit der
-er im Augenblick zu tun hatte, schon früher existiert hätte, ehe sie
-ihm in den Weg gekommen, und daß sie auch weiterhin existieren wolle;
-daß sie infolgedessen auch ihr eigenes Verhältnis zur Vergangenheit
-und ihre eigenen Zukunftsaussichten habe. Ihm kam es so vor, als
-tauchten die Menschen vor ihm auf wie Wasserblasen oder Pilze, nur
-für den Moment, wo er sie zu Gesicht bekam, und darum glaubte er über
-sie völlig nach Belieben verfügen und sie ausbeuten zu dürfen, was er
-denn auch in der unverschämtesten Weise tat. Hatte er aber erreicht,
-was er wollte, so vergaß er den andern bald ganz und gar. In seiner
-zynischen Redeweise drückte er das ganz naiv aus: »Wenn ich jemanden
-gekränkt habe, bin ich später nie böse auf ihn.« Und so war es auch.
-Wenn jetzt plötzlich Achilla oder Prepotenskij zu ihm in die Scheune
-gekommen wären, so hätte er sie ganz freundschaftlich angeredet, ohne
-auch nur im geringsten an die gestrigen Ereignisse zu denken. Als er
-auf Bornowolokow, den er längst vergessen hatte, stieß, packte er ihn:
-»An dem bleib' ich hängen!« meinte er. Und blieb an ihm hängen. Als er
-die Biziukina traf, kam's ihm in den Sinn, ihr den Hof zu machen --
-und er machte ihr den Hof. Als er -- der Teufel mag wissen, zu welchem
-Zweck -- ihr seine höhere politische Weisheit beibrachte, kam ihm der
-Gedanke, sich ihre Brillanten anzueignen, und alsbald ward dieser
-Gedanke ausgeführt. Dabei wurden die Brillanten so schlau versteckt,
-daß, falls die Biziukins es zu einer Haussuchung hätten kommen lassen,
-sie sich natürlich nicht bei Termosesow, sondern bei Bornowolokow
-gefunden hätten, der diese Kostbarkeiten fast am eigenen Leibe trug:
-Termosesow hatte sie nämlich in das Futter seines Mantels eingenäht.
-Die Person des Propstes Tuberozow beschäftigte die Gedanken Termosesows
-überhaupt nicht; als die Biziukina über ihn zu klagen begann, versprach
-er leichtfertig, den Alten aus dem Wege zu räumen, -- und dann erst kam
-ihm die Idee, Tuberozow als Beweisobjekt für seine »Beobachtungsgabe«
-zu benutzen. Jetzt aber hätte keine Gewalt der Erde ihn mehr von dem
-hartnäckigen Streben nach Verwirklichung dieses Planes abbringen können.
-
-Hätte der alte Propst dies gewußt, er würde die ihm zugedachte Rolle
-als bitterste Kränkung empfunden haben. Allein er hatte keinerlei
-Ahnung von dem, was ihm bevorstand, und fuhr auf seinem Klapperwagen
-von Dorf zu Dorf, von Kirche zu Kirche, durchwanderte weite
-Waldstrecken zu Fuß, ruhte auf Wiesen und an Feldrainen und schöpfte
-neue Kraft aus der Berührung mit der Mutter Natur.
-
-In der Stadt aber war inzwischen, dank den unermüdlichen Bemühungen
-Termosesows, die Schlinge schon ausgelegt. Die Beschwerde des
-Kleinbürger Danilka war den Instanzenweg gegangen, eine Bagatelle war
-zu einer Angelegenheit geworden, die auf gesetzlichem Wege entschieden
-werden mußte.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-
-Die aufregenden Berichte vom Mißgeschick des Diakons Achilla und davon,
-daß man auch ihn, den Propst selbst, in diese nichtige Sache verwickelt
-hatte, trafen den Vater Sawelij in einem weit abgelegenen Kirchdorf,
-von dem er wenigstens zwei Tage zu reisen hatte, bis er die Stadt
-erreichte.
-
-Es war unerträglich heiß. Vom letzten Dorf, in dem Tuberozow
-übernachtet hatte, waren es noch etwa fünfzig Werst bis zur Stadt. Der
-Propst war ziemlich spät ausgefahren und hatte noch kaum die Hälfte des
-Weges zurückgelegt, als die Hitze so groß wurde, daß Tuberozow seine
-armen, von Schweiß und Schaum triefenden braunen Pferdchen gar nicht
-mehr ansehen mochte. Er beschloß deshalb, noch einmal Halt zu machen,
-um die Tiere zu füttern und sie ausruhen zu lassen. Aber keine Herberge
-wollte er aufsuchen: er erinnerte sich eines wunderschönen Plätzchens
-am Waldrand, der sogenannten »Zaunkönigshöhe«, dorthin zog es ihn, um
-in der Kühle zu rasten.
-
-Von dem weiten flachen Abhang, der sich hier niedersenkt, erblickt man
-auf einer Entfernung von mehr als zwanzig Werst die goldenen Kuppeln
-der städtischen Kirchen, während der jahrhundertealte Wald sich im
-Rücken endlos hinzieht. Tiefe Stille und Ruhe herrschen hier.
-
-Von der Glut ermattet, hatte Tuberozow eben den Wagen verlassen,
-als ihn ein ungemein wohliges Gefühl übermannte. Trotz der ringsum
-herrschenden Hitze strömte das dichte dunkelblaue junge Eichengehölz
-eine belebende Kühle aus. An den elastischen, wie in grünes Wachs
-getauchten Blättern der Jungeichen war kein Stäubchen zu entdecken.
-Überall warme, weiche, beruhigende Farben. Unter den bunten krausen
-Blättern des Farnkrautes guckt die leuchtendrote Wolfsbeere hervor.
-Von der Sonne vergoldet, reckt sich ein trockener Haselstrauch in die
-Luft, und auf dunkelbraunem Torfboden erheben sich ganze Pilzfamilien,
-zwischen denen rote Steinbeeren wie Korallen glänzen.
-
-Während Pawliukan, in Unterwäsche und Weste, die erhitzten Pferde
-ausspannte und umherführte, ging der Propst ein wenig im Walde
-spazieren. Er holte sich aus dem Wagen einen kleinen Teppich und trug
-ihn zu einer grünen Vertiefung, aus der lärmend und schäumend eine
-Quelle sprang. Hier wusch er sich mit dem frischen Wasser und streckte
-sich zur Ruhe auf dem Teppich aus. Das gleichmäßige Murmeln des Baches
-und die Kühle umwehten wohltuend das von der Hitze ganz benommene Haupt
-des Alten, und ohne es selbst zu merken, war er wider seinen Willen
-eingeschlafen. Der Schlaf war stärker, er warf ihn nieder und hielt ihn
-fest. Er wollte dem Pawliukan etwas sagen, aber der Schlaf hielt ihm
-mit weicher Hand den Mund zu.
-
-Der Traumgott hatte den Propst so in seiner Gewalt, daß Pawliukan
-ihn vergebens an den Schultern rüttelte, um ihn zum Essen einer
-vorzüglichen Grütze aus Buchweizen und frischen Pilzen aufzufordern.
-Tuberozow blinzelte nur mit den Augen: »Iß, mein Lieber, ich schlafe so
-süß,« -- und lag alsbald in noch tieferem Schlummer.
-
-So verzehrte Pawliukan sein Mittagessen allein und folgte dann dem
-Beispiel seines Vorgesetzten. Auch die Pferde wurden still, ließen die
-Köpfe hängen und schlummerten ein.
-
-Ringsum schien alles in einem Zauberschlaf zu liegen. Eine so
-tiefe Stille herrschte, daß ein Hase, der aus der Waldestiefe
-hinausgesprungen kam und sich, leise mit dem Schnurrbart wackelnd, auf
-die Hinterbeine setzte, plötzlich ganz verlegen wurde und mit weit
-zurückgeworfenen Ohren eiligst wieder im Walde verschwand.
-
-Tuberozow ertappte sich beim Erwachen dabei, daß seine Lippen mit
-großer Anstrengung die Worte »guten Tag« herausbrachten -- allem
-Anschein nach als Erwiderung auf einen Gruß.
-
-»Wen begrüße ich da? Wer war hier bei mir?« fragte er sich, den Schlaf
-abschüttelnd. Und es wollte ihn bedünken, als hätte soeben jemand
-neben ihm gestanden, kühl und still, in einem Gewande von der Farbe
-einer reifenden Pflaume ... So deutlich empfand er alles, daß er
-sich schnell, auf den Ellbogen gestützt, aufrichtete, aber nur den
-schlafenden Pawliukan, seine braunen Pferde und den Wagen sah. Der
-langen Ruhe satt, suchte das Seitenpferd sich den Halfter vom Kopfe zu
-streifen. Es trat zur Seite, warf sich nieder, wälzte sich im Grase,
-stand wieder auf und reckte witternd den Hals. Tuberozow war noch immer
-im Halbschlaf. Das Pferd ging weiter, bückte sich nach dem dichten
-Grase am Waldrand und biß die Spitze eines jungen Eichbäumchens ab.
-Endlich kam es bis zu dem mit wildem Klee bewachsenen Grenzpfad und
-zog die warme Luft ein. Sawelij sah immer noch vor sich hin und konnte
-seinen Zustand nicht begreifen. Es war weder Schlaf noch Wachen. Die
-Feuchtigkeit seines Ruheplatzes schien ihn betäubt zu haben; ihm war,
-als wogten Dämpfe in seinem Kopf. Er rieb sich die Augen und blickte
-in die Höhe: droben im Blauen über seinem Kopfe schwebte ein Rabe.
-Oder war es ein Geier? Nein, es mußte ein Rabe sein. Er hielt sich
-fester und zog weitere Kreise ... Jetzt kam es von oben herab wie
-eine hingeworfene Handvoll Erbsen: ku--urlu. So schreit nur ein Rabe.
-Wonach mag er spähen? Was will er? Vielleicht ist er des Kreisens müde
-und möchte von dem Wasser unten trinken. Tuberozow kam eine Legende in
-den Sinn, die sich auf diese Quelle bezog. Sie sollte einen wunderbaren
-Ursprung haben. Das reine durchsichtige Becken der Quelle glich einer
-in die Erde gegrabenen Schale von Kristall, welche einem Blitzstrahl
-ihre Entstehung verdankte, der vom Himmel kam und tief in das Innere
-der Erde drang. Gerade an der Stelle, wo vor sehr, sehr langer Zeit
-ein vom Kampf ermatteter russischer Held hingesunken sein sollte, den
-eine gewaltige Übermacht der Ungläubigen von allen Seiten umzingelte.
-Rettung schien für den Ritter, der allein war, ganz unmöglich. Er
-flehte zum Heilande, daß er ihn vor schimpflicher Gefangennahme
-bewahre. In demselben Augenblick, so berichtet die Sage, zückte aus
-völlig klarem Himmel ein Blitzstrahl nieder und sprang wieder in die
-Höhe. Ein Donnerschlag folgte, so gewaltig, daß die Rosse der Tataren
-in die Knie sanken und ihre Reiter abwarfen. Als sie sich erhoben, war
-der Ritter verschwunden. An der Stelle aber, an welcher er sich eben
-noch befunden, stieg, schäumend und wie tausend Diamanten glitzernd,
-ein mächtiger Strahl kalten Quellwassers in die Höhe; in wildem Zorn
-peitschte er die Wände des Erdkessels und als silbernes Bächlein floß
-er weiter über die grüne Wiesenfläche.
-
-Ein Wunder dünkt diese Quelle allen und das Volk behauptet, ihrem
-Wasser sei eine Zauberkraft eigen, die selbst die Tiere und die Vögel
-kennen. Alle wissen das, allen ist es bekannt, denn alle fühlen
-hier die immerwährende geheimnisvolle Gegenwart des entrückten
-Glaubenskämpen. Hier tut der Glaube Wunder und darum ist alles hier
-so mächtig und so stark, vom Gipfel der hundertjährigen Eiche bis zum
-Pilz, der sich zwischen ihren Wurzeln verbirgt. Sogar das scheinbar
-ganz Abgestorbene wird hier wieder lebendig: Da steht der dünne,
-vertrocknete Haselstrauch; er ist vom Blitz gestreift, aber auf der
-Rinde, dicht über der Wurzel, bemerkt man, wie mit grünem Wachs
-aufgestrichen, ein »Peterskreuz«, und von hier wird bald ein neues
-Leben ausgehen ... Ja, die Gewitter sollen hier böse sein, heißt es.
-
-»Freilich, freilich, es gibt bekanntlich solche Gegenden mit
-außerordentlich starker elektrischer Spannung,« dachte Tuberozow, und
-es kam ihm vor, als bewegten sich die grauen Haare auf seinem Kopfe.
-Kaum war er aufgestanden, so erblickte er nur wenige Schritte entfernt
-ein kleines blaßgelbes Wölkchen, dessen Umrisse sich fortwährend
-veränderten, während es langsam den Grenzpfad entlang kroch, auf dem
-sich das freigekommene Pferd herumtrieb. Es schien direkt auf das Pferd
-loszusteuern. Aber als es bis zu ihm gekommen war, fing es plötzlich
-zu hüpfen an, wirbelte empor und zerflatterte, wie der Rauch aus einem
-Kanonenrohr. Das Pferd schnaufte wild und stürmte, kaum den Boden
-berührend, angsterfüllt vorwärts.
-
-Tuberozow sprang hastig auf, weckte Pawliukan, half ihm auf das andere
-Pferd klettern und schickte ihn dem Flüchtling nach, von dem schon jede
-Spur verschwunden war.
-
-»Beeil dich, hol es ein,« sagte Sawelij zum Subdiakon und warf einen
-Blick auf seine silberne Uhr: es war etwas über drei Uhr nachmittags.
-
-Der Alte setzte sich barhäuptig in den Schatten, gähnte und fuhr
-plötzlich zusammen, da er in der Ferne ein schweres Dröhnen vernommen
-zu haben glaubte.
-
-»Was ist das? Ein Gewitter?«
-
-Er stand wieder auf, ging an den Waldrand hinaus und sah, daß von Osten
-her wirklich eine dunkle Wolke heraufzog. Das Gewitter überraschte ihn
-ganz allein.
-
-Noch ein Schlag! Das Feld wogte heftiger und kalt wehte es darüber hin.
-
-An die schwarze Wolke, welche den Osten ganz bedeckte, rückten von
-unten her kleinere Wolkenballen heran, gleichsam von ihr heraufgezogen
-wie Kulissen. Ab und zu brach eine Flamme zwischen ihnen durch. So
-überschaut ein Zauberkünstler, der eine schauerliche Vorstellung geben
-will, mit der Laterne in der Hand, noch einmal die dunkle Bühne, bevor
-er alle Lichter anzündet und den Vorhang hochzieht. Die schwarze Wolke
-kroch weiter und je näher sie rückte, desto undurchdringlicher schien
-sie. Vielleicht läßt der liebe Gott sie vorüberziehen? Vielleicht
-entlädt sie sich irgendwo weiter draußen? Doch nein! Schon zuckt
-über ihren oberen Rand leise ein feuriger Streif und Blitze flimmern
-und flackern plötzlich leuchtend durch die ganze finstere Masse. Die
-Sonne ist nicht mehr zu sehen: Wolken haben ihre Scheibe bedeckt,
-ihre langen, degenartigen Strahlen zucken noch einmal hell auf, um
-dann auch zu verschwinden. Ein Wirbelwind erhebt sich pfeifend und
-dröhnend. Wie Fahnen flattern die Wolken. Über das reifende Roggenfeld
-laufen weiße Flecken wild hin und her. Einer scheint unmittelbar vom
-Himmel herabzufallen, ein anderer setzt sich dick und breit hin.
-Plötzlich laufen beide auf einander los, fließen in eins zusammen und
-verschwinden. Am Feldrain schüttelt der Wind die Ähren so seltsam,
-daß man meinen könnte, es wäre nicht der Wind, sondern ein lebendes
-Wesen hätte sich am Boden versteckt und treibe wütend seinen Unfug.
-Der Wald ist voll Lärm. Eine Zickzacklinie flammt über dem Walde auf;
-eine andere zuckt hoch über den Wipfeln, und dann wird es still ...
-ganz still! ... Kein Blitz, kein Wind: alles ist wie gebannt. Das
-ist die Stille vor dem Sturm: alles, was noch nicht Zeit gehabt hat,
-sich vor dem Unwetter zu verstecken, sucht diesen letzten stillen
-Augenblick noch auszunutzen: ein paar Bienen fliegen an Tuberozow
-vorüber, es ist, als flögen sie nicht, sondern als würden sie von
-einem Windstoß fortgerissen. Aus dem dunklen Gesträuch, das jetzt ganz
-schwarz erscheint, hüpfen ein paar erschrockene Hasen heraus und legen
-sich in eine Furche. Über das Gras, das bei der Beleuchtung grau wie
-Asphalt aussieht, rollt ein silberner Knäuel und verschwindet unter
-der Erde. Es war ein Igel. Alles verbirgt sich, so gut es kann. Da als
-letzter stürzt sich auch der Rabe, welcher vorhin so hoch schwebte, die
-Flügel hart an den Rücken gedrückt, hinab auf den Wipfel eines hohen
-Eichbaums, wo man ihn jetzt schwerfällig rascheln hört.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Tuberozow war nicht furchtsam, aber sehr nervös, und solche Menschen
-werden bei starken elektrischen Entladungen von einer unwillkürlichen
-und unbezwinglichen Unruhe befallen. Diese Unruhe verspürte auch er,
-als er sich umschaute und überlegte, wo er wohl am besten vor dem
-Gewitter, dessen Ausbruch unmittelbar bevorstand, geschützt wäre.
-
-Seine erste Bewegung war, nach seinem Wagen zu laufen, einzusteigen
-und sich zuzudecken; aber kaum hatte er hier Platz genommen, so begann
-es im Walde zu knarren und zu krachen, und der Wagen wurde hin und her
-geschüttelt, wie eine Kinderwiege. Auf diesen Unterschlupf war also
-kein Verlaß: der Wagen konnte sehr leicht umgeworfen werden und ihn
-erdrücken.
-
-Tuberozow sprang wieder hinaus und lief ins Kornfeld. Der Wirbelwind
-packte ihn bald von vorn, bald von der Seite, zwang ihn, stehen zu
-bleiben, riß ihn an den Schößen zurück, pfiff, trompetete, winselte und
-brüllte ihm in die Ohren.
-
-Tuberozow lief wieder zur Quelle. Aber in dem Kristallbecken herrschte
-eine noch größere Unruhe: das Wasser brauste und kochte, und durch
-die Kreise, die es bildete, schien ein in der Tiefe verborgenes Wesen
-sich emporarbeiten zu wollen. Plötzlich flammte es über der dunkeln,
-bleiernen Wassermasse blutigrot auf. Es war ein Blitzschlag, aber
-was für ein seltsamer Schlag! Wie ein Pfeil fuhr er, in zweimaligem
-Zickzack gebrochen, von oben herab, spiegelte sich im Wasser wider
-und wirbelte im selben Augenblick, ebenso gezackt, wieder zum Himmel
-empor, als hätten Himmel und Erde einen feurigen Gruß getauscht. Ein
-knatternder Schlag folgte, als stürzten sämtliche Dachplatten von
-einem Hause herab, und eine gewaltige Wolke von Wasserstaub und Schaum
-sprudelte springbrunnenartig aus der Quelle empor.
-
-Tuberozow legte die Hände vor das Gesicht, sank auf ein Knie und befahl
-Seele und Leben dem Allmächtigen. Jetzt brach auf den Feldern und im
-Walde eine jener Gewitterkanonaden los, welche dem Menschen seine
-völlige Hilflosigkeit gegenüber den Naturgewalten so besonders klar vor
-Augen führen. Blitze flammten auf. Krachend folgte Schlag auf Schlag.
-Mit einem Male sah Tuberozow, wie auf den dunklen Eichenstamm vor ihm
-gleich einer trüben Lampe schimmernd eine Kugel zuschwebte. Mitten im
-Gezweig des Baumes leuchtete der Funke plötzlich in blendendem Lichte
-auf, wuchs zu einem großen Klumpen und zerstob. Ein furchtbares Getöse
-erschütterte die Luft, dem alten Manne ging der Atem aus, um seine
-Finger und Zehen drehten sich glühende Ringe, der Körper reckte sich
-krampfhaft empor, knickte zusammen und fiel hin ...
-
-Ein Bewußtsein erfüllte ihn noch: daß alles zusammenbrach. Daß das Ende
-nahe! Weiter konnte er nichts denken ... Als er zu sich kam, wußte er
-nicht, wieviel Zeit seit dem Augenblick vergangen war, da der Schlag
-ihn getroffen, und wie lange er bewußtlos gelegen hatte. Er hörte nur
-noch ein letztes, dumpfes, langsames Rollen weit droben, -- dann trat
-völlige Ruhe ein. Das Wetter zog ab. Sawelij hob den Kopf, blickte um
-sich und bemerkte in seiner nächsten Nähe auf dem Boden etwas Riesiges,
-Unförmiges. Es war ein Haufen Zweige, der Wipfel des gewaltigen
-Eichbaums. Wie mit einem Messer war der Baum dicht über der Wurzel
-abgeschnitten und lag auf der Erde. Aus seinem Gezweig, das sich mit
-den Kornähren des Feldes mischte, erklang das widerliche Kreischen des
-Raben, der mit dem Baum gestürzt war. Ein schwerer Ast hatte ihn an
-die Erde gedrückt, und nun riß er seinen purpurroten Rachen weit auf,
-zuckte in Krämpfen und schrie verzweifelt.
-
-Angewidert durch dies Schauspiel sprang Tuberozow mit einer
-Geschwindigkeit und Leichtigkeit zur Seite, als wäre er nicht siebzig
-Jahre alt, sondern siebzehn.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Das Gewitter hatte sich ebenso schnell verzogen, wie es gekommen war.
-An Stelle der schwarzen Wolke hob sich vom blauen Grunde ein rosiger
-Streifen ab. Auf dem nassen Hafersack, der auf dem Bock des Wagens
-lag, saßen schon fröhlich zwitschernde Spatzen und zogen frech nasse
-Körner durch die Löcher der feuchten Leinewand. Der Wald wurde wieder
-lebendig. Irgendwoher kam ein leises, einschmeichelndes Pfeifen, und
-auf den Rain ließ sich laut girrend ein Taubenpärchen herab. Das
-Weibchen streckte seinen Flügel über dem Boden aus, strich ihn mit
-seinem roten Pfötchen und richtete ihn segelartig empor, um sich vor
-dem Freunde zu verbergen. Der Tauber blies den Kropf auf, machte eine
-tiefe Verbeugung und sagte gefühlvoll: »Nur du!« Auf diese Begrüßung
-folgten Küsse, und fieberhaft bebten die Flügel im dichten Gewirr der
-Wermutstauden. Das Leben nahm wieder seinen Lauf. Pferdegetrappel
-ertönte in nächster Nähe: Pawliukan kam zurück. Er ritt auf dem einen
-Pferde und führte das andere am Zügel.
-
-»Nun, lebt Ihr noch, Vater!« rief er lustig, auf den Wagen zureitend
-und absteigend. »Ich eilte, was ich konnte, daß Ihr nicht allein vom
-Unwetter überrascht würdet, aber wie der Donner plötzlich so dreinfuhr,
-da bin ich, müßt Ihr wissen, vom Pferde runter einfach platt auf den
-Boden gefallen ... Und hier hat's ja den Eichbaum abgeschnitten!«
-
-»Ja, mein Freund, das hat es. Aber laß uns nun anspannen und fahren.«
-
-»Gott, muß das eine Gewalt gewesen sein!«
-
-»Ja, Freund, aber fahren wir.«
-
-»Es weht jetzt so ein frischer Wind, da wird sich's herrlich fahren.«
-
-»Ja, herrlich, aber spann nur schnell an.«
-
-Und Tuberozow machte sich in seiner Ungeduld selbst an die Arbeit.
-
-In wenigen Minuten waren die im Regen gebadeten Pferde angespannt, und
-der Wagen des Propstes sauste dahin, fröhlich in den zahllosen Lachen
-des furchenreichen Landweges plätschernd.
-
-Die Luft war wunderbar frisch und rein. Ein warmes Licht lag über der
-Landschaft. Leichter Dampf stieg von den Feldern auf. Es roch nach
-feuchten Haselzweigen. Tuberozow fühlte sich in seinem Wägelchen so
-wohl wie seit langem nicht. Er zog immer wieder tief Atem und freute
-sich, daß er es so leicht konnte. Er kam sich vor wie ein Adler, dem
-neue Flügel gewachsen waren.
-
-Vor der Stadt begrüßte ihn helles Glockengeläute, das die Andächtigen
-zum Vespergottesdienste rief.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Der Wagen Tuberozows rollte in den Hof.
-
-»Ach Gott, Vater Sawelij, wie hab' ich mich um dich gebangt!« schrie
-Natalia Nikolajewna und stürzte ihrem Gatten entgegen. »Das furchtbare
-Gewitter, -- und du warst ganz allein, mein Herz!«
-
-»Ja, Liebste, ich war nur einen Schritt vom Tode entfernt.«
-
-Und der Propst erzählte seiner Frau alles, was er an der Quelle erlebt
-hatte, und fügte hinzu, daß er von nun an gleichsam ein zweites Leben
-lebe, nicht mehr sein eigenes, sondern das eines andern. Es sei ihm
-dies eine Lehre und zugleich ein Vorwurf, nie an die Vergänglichkeit
-und Nichtigkeit seines kurzen Lebens gedacht zu haben.
-
-Natalia Nikolajewna zwinkerte nur mit den Äuglein und sagte seufzend:
-
-»Willst du jetzt nicht etwas essen?« -- Und als der Gatte daraufhin nur
-verneinend den Kopf schüttelte, fragte sie, ob er Durst habe.
-
-»Durst?« wiederholte Sawelij. »Ja, ich dürste.«
-
-»Willst du Tee?«
-
-Der Propst lächelte, küßte seine Frau auf den Scheitel und sagte:
-
-»Nein, mich dürstet nach Wahrheit.«
-
-»Ei was! Dank sei deinem Gotte! Alles, was du tust, ist gut.«
-
-»Schon recht, schon recht, -- aber jetzt will ich mich waschen. Und du
-erzählst mir indes, was sie hier mit dem Diakon anstellen.«
-
-Und der Propst trat vor das glänzende kupferne Waschgerät und wusch
-sich, und Natalia Nikolajewna berichtete ihm alles, was sie von Achilla
-wußte, und zog daraus den Schluß, es werde damit nichts anderes
-bezweckt, als ihm, ihrem Manne, etwas Böses anzutun.
-
-Der Propst schwieg. Als er seine Toilette beendet hatte, nahm er Hut
-und Stab und begab sich zur Kirche, wo der Vespergottesdienst bereits
-begonnen hatte.
-
-Fünf Minuten später stand er im Altarraum seitwärts vom Opfertisch am
-Fenster und schrieb etwas auf ein Blatt Papier, welches er gegen das
-schräge, von der untergehenden Sonne hell beleuchtete Fensterbrett
-stützte. Was mag er da schreiben? Wir können es über seine Hand hinweg
-ganz gut lesen. Folgendes stand auf dem an den Polizeichef Porochontzew
-adressierten Blatte: »Da ich die Absicht habe, morgen anläßlich des
-hohen Festtages eine feierliche Messe in der Domkirche abzuhalten,
-so erachte ich es für meine Pflicht, Euer Hochwohlgeboren davon in
-Kenntnis zu setzen, und knüpfe daran die ergebenste Bitte, heute noch
-rechtzeitig allen Beamten davon schriftlich, gegen Empfangsbestätigung,
-Mitteilung zu machen, damit dieselben in der Kirche erscheinen können.
-Insonderheit bitte ich dieses denjenigen Herren Beamten zu empfehlen,
-die am meisten dazu neigen, diese ihre Pflicht zu vernachlässigen, denn
-ich bin entschlossen, über das schlechte Beispiel, das sie damit geben,
-der Obrigkeit unverzüglich Bericht zu erstatten. Den Empfang dieses
-Schreibens bitte ich Euer Hochwohlgeboren mir gütigst bestätigen zu
-wollen.«
-
-Der Propst ließ sich das Botenbuch bringen, setzte eine Nummer auf sein
-Schreiben, trug es eigenhändig ins Buch ein und schickte den Glöckner
-damit zu Porochontzew.
-
-
-
-
-Einundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Die Nacht, welche diesem Abend im Hause Sawelijs folgte, erinnert uns
-an jene, da wir den Alten über seinem Tagebuche sahen: er war ebenso
-allein in seiner Stube, ging ebenso auf und ab, setzte sich ebenso hin,
-schrieb und sann nach, -- aber sein Buch lag diesmal nicht vor ihm. Auf
-dem Tisch, an den er immer wieder herantrat, lag ein kleines doppelt
-gefaltetes Blättchen, und auf dieses Blättchen setzte er in winziger,
-aber doch deutlich lesbarer Schrift folgende fragmentarische Notizen:
-
-»Gott, gib Dein Gericht dem Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs
-Sohne.«
-
-»Übliche Einleitung: meine gestrige Lage während des Gewitters. Der
-Rabe: wie er sich vor dem Unwetter in der mächtigen Eiche verbergen
-wollte und den Tod dort fand, wo er Rettung gesucht hatte.
-
-Wie lehrreich mir das Beispiel dieses Raben scheint. Ist das Heil dort,
-wo wir es wähnen, die Not dort, wo wir sie fürchten?
-
-Unser maßloses Grübeln, das die Vernunft zu seinem Sklaven macht. Die
-Gelehrsamkeit, welche die Möglichkeit einer Erkenntnis des bisher
-Unfaßbaren leugnet.
-
-Die Unvollkommenheit und die Unsicherheit unseres Wissens von der
-Seele. Das mangelnde Verständnis für die Natur des Menschen und die
-daraus folgende leidenschaftslose Gleichgültigkeit gegen Gut und Böse
-und die falsche Beurteilung menschlicher Handlungen: Rechtfertigung
-des nicht zu Rechtfertigenden und Verurteilung des Lobenswerten.
-Verdient Moses, der den Ägypter schlug, vom verkehrten Standpunkt
-gewisser Liberaler, die das heiße Vaterlandsgefühl verwerfen, nicht
-Tadel? Verdient Judas der Verräter vom Standpunkt der ›blind im Gesetz
-Ruhenden‹ nicht Lob, da er doch ›das Gesetz eingehalten‹, als er seinen
-Meister verriet, den die Machthaber verfolgten? (Innozenz von Cherson
-und seine Auslegung.) Auch unsere Tage sind reich an Verführung:
-Vorwürfe gegen jene, die den Listen der heimlichen Feinde des Staates
-nicht gleichgültig gegenüberstehen können. Der große Verlust der Sorge
-um das Heil des Vaterlandes und als letztes Beispiel die Nachlässigkeit
-in der Erfüllung der Gebetspflichten an den großen Festtagen des
-Volkes, die zur bloßen Formalität geworden sind.
-
-Auslegung der Worte: ›Gott, gib Dein Gericht dem Könige‹ in dem Sinne,
-›daß wir ein geruhig und stilles Leben führen mögen‹ (St. Paulus).
-Welchen Wert hat ein solches Leben? Beispiel: Rehabeam nach Salomo,
-umringt von Freunden und Gespielen, die vor sein Antlitz treten und
-ihm arglistig vorstellen, daß die Last des Volkes erleichtern eine
-Erniedrigung seiner eigenen königlichen Würde bedeute, -- und wie er
-infolge ihres Rates die Not Israels vergrößerte.
-
-›Mein Vater hatte ein schweres Joch auf euch gelegt; ich aber will zu
-eurer Last noch zulegen‹ (1. Kön. 11, 12). Das Unglück, das dadurch
-entstand und die Teilung des Reiches.
-
-Hieraus geht klar hervor, daß wir wünschen und beten müssen, daß das
-Herz des Herrschers sich in niemandes Händen befinde, es sei denn in
-den Händen Gottes.
-
-Wir aber achten in unserer Sündhaftigkeit dieser Sorge nicht, und wenn
-ich an einem solchen Tage das Gotteshaus nicht leer sehe, so weiß
-ich erst gar nicht, wie ich das deuten soll! Ich suche nach Gründen
-und sehe, daß sich dieses einzig durch die Angst vor meiner Drohung
-erklären läßt, und daraus schließe ich, daß alle diese Beter ungetreue
-und faule Knechte sind, und daß ihr Gebet kein Gebet ist, sondern ein
-Schacher, ein Schacher im Tempel, angesichts dessen unser Herr und
-Heiland Jesus Christus nicht nur in seinem göttlichen Geiste ergrimmte,
-sondern auch eine Geißel nahm und sie aus dem Tempel vertrieb.
-
-Seinem göttlichen Beispiele folgend, tadle und verurteile ich diesen
-Gewissensschacher, den ich im Gotteshause vor mir sehe. Der Kirche ist
-das Gebet solcher Mietlinge ein Greuel. Vielleicht sollte auch ich eine
-Geißel ergreifen und die Krämer hinaustreiben, die sich heut in diesem
-Tempel breit machen, auf daß kein treues Herz Ärgernis nehme an ihrer
-Arglist ... Doch mag mein Wort ihnen als Geißel dienen. Mag lieber das
-Gotteshaus leer stehen, mich soll das nicht irren: ich will auf meinem
-Haupte den Leib und das Blut meines Herrn in die Wüste tragen und vor
-den wilden Steinen im Meßgewande singen: ›Gott, gib Dein Gericht dem
-Könige und Deine Gerechtigkeit des Königs Sohne,‹ -- auf daß Rußland in
-Ewigkeit erhalten bleibe, dem Du wohlgetan zu allen Zeiten!
-
-Schlußwort: Laß, o Herr und Schöpfer, unser Land nicht zum Gespötte
-der Fremden werden, um der Arglist seiner gewissenlosen und ungetreuen
-Diener willen!«
-
-
-
-
-Zweiundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Das war der Entwurf zu einer Predigt, die Sawelij am folgenden Tage
-zu halten beabsichtigte und auch wirklich vor der versammelten
-Beamtenschaft hielt, -- um damit nicht nur seiner Tätigkeit als
-Prediger, sondern auch seiner ganzen Amtstätigkeit ein jähes Ende zu
-bereiten.
-
-Die Intelligenz von Stargorod war der Meinung, es sei keine Predigt,
-sondern ein Aufruf zur Revolution, und wenn der Propst weiterhin
-so reden würde, werde sich bald kein Beamter auch nur auf der
-Straße zeigen dürfen. Sogar die besten Freunde Sawelijs warfen ihm
-unvorsichtige Aufhetzung der Leidenschaften des Pöbels vor. Eine
-Ausnahme machten nur die beiden Fremden: Bornowolokow und Termosesow.
-Sie hatten die Predigt ebenfalls angehört, aber nichts dazu gesagt und
-keinerlei Verstimmung gezeigt. Im Gegenteil, als sie aus der Kirche
-kamen, war Termosesow mit gefalteten Händen auf Bornowolokow zugegangen
-und hatte mit freudestrahlendem Gesicht gesagt: »Herr, nun lässest du
-deinen Diener in Frieden fahren.«
-
-»Was soll das heißen?« fragte der Vorgesetzte.
-
-»Das soll heißen, daß ich Sie verlasse. Leben Sie wohl und lassen
-Sie sich's gut gehen, aber erweisen Sie mir noch einen letzten
-Liebesdienst: melden Sie der Obrigkeit, der Pope, über den Sie schon
-einmal berichteten, hätte heute, aller Ehrfurcht bar, die einem so
-hohen Festtage geziemte, eine äußerst empörende Rede gehalten, über
-welche der von Ihnen eigens dazu abdelegierte Sekretär Termosesow die
-Ehre haben werde, persönlich eingehend Bericht zu erstatten.«
-
-»Hol Sie der Teufel! Schreiben Sie's auf, ich will's unterzeichnen.«
-
-Die Freunde wollten sich eben voneinander verabschieden, als der
-Kleinbürger Danilka, bleich und entsetzt, von Wasser triefend, in
-zerfetztem Hemde hineingestürzt kam, Bornowolokow zu Füßen fiel und
-jammerte:
-
-»Gnädiger Herr, schicken Sie mich fort, soweit Sie wollen, -- aber hier
-kann ich nicht bleiben! Sie stehen alle am Ufer und jeder will mir in
-die Fresse fahren!«
-
-Und Danilka erzählte, man hätte schon gedroht, ihn totzuschlagen, weil
-er sich über den Propst beschwert hätte, -- und zum Beweis zeigte er
-sein nasses und zerrissenes Gewand; das Volk hätte ihn eben von der
-Brücke in den Fluß geworfen.
-
-»Famos! Aufruhr und Empörung!« rief Termosesow freudig und setzte,
-mitten im Zimmer stehend, seine Mütze auf. »Sehn Sie, so macht man's!«
-fügte er zu Bornowolokow gewandt hinzu.
-
-Und dann reiste er ab. Unmittelbar darauf verließ auch Bornowolokow die
-Stadt in entgegengesetzter Richtung, um anderweitig für Ordnung und
-Gesetzlichkeit zu wirken.
-
-
-
-
-Dreiundzwanzigstes Kapitel.
-
-
-Schon fing man in Stargorod an, Tuberozows Predigt zu vergessen,
-als gegen Abend des dritten Tages ein Postkarren zwei eigentümliche
-Gäste in die Stadt brachte: einen langen hageren Polizeiwachtmeister
-und einen dicken Konsistorialbeamten, rund und schwammig, wie ein
-Bauernpfannkuchen, mit einem winzigen Knöpfchen als Nase.
-
-Es waren die Sendboten, die nach Sawelijs Seele kamen: Unter ihrer
-Obhut sollte der Propst in die Gouvernementsstadt gebracht werden. In
-einer halben Stunde wußte es die ganze Stadt. Vor dem Hause Tuberozows
-stand bald eine große Menschenmenge, und nach einer Stunde ging die Tür
-des Hauses auf, aus der Vater Sawelij völlig reisefertig heraustrat.
-Natalia Nikolajewna ging neben ihm, ihr Taubenköpfchen an seinen
-Ellbogen drückend.
-
-Sie hatten sich gegenseitig zu beruhigen gewußt und jetzt offenbarte
-auch nicht eine Träne ihre etwaige Schwäche.
-
-Das Volk, das auf den Propst gewartet hatte, drängte lärmend vorwärts.
-Tuberozow nahm den Hut ab und verneigte sich tief nach allen Seiten.
-
-Der Lärm verstummte; vielen traten die Tränen in die Augen und alle
-bekreuzigten sich.
-
-Der mit drei Pferden bespannte Postwagen, welcher bisher, auf Befehl
-des zartfühlenden Polizeichefs, hinter dem Hause verborgen gestanden
-hatte, fuhr vor.
-
-Der Propst setzte den Fuß auf den Tritt und faßte mit der Hand die
-Lehne des Wagensitzes. In diesem Augenblick griff ihn der Wachtmeister
-unter den Ellbogen und der Konsistorialbeamte zog ihn an der andern
-Hand empor ... Von Ekel erfaßt fuhr der Alte zusammen. Sein Kopf begann
-heftig zu wackeln wie der einer Puppe, die eine Drahtfeder im Halse hat.
-
-Natalia Nikolajewna trat neben ihren Mann, faßte seine Hand und
-flüsterte: »Schone dein Leben, Liebster!«
-
-Tuberozow sah sie an und erwiderte:
-
-»Sei unbesorgt. Das Leben ist schon zu Ende. Jetzt beginnt das
-Erdenwallen.«
-
-
-
-
-Viertes Buch.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-»Das Leben ist zu Ende, das Erdenwallen beginnt,« hatte Tuberozow im
-letzten Augenblick vor seiner Abreise gesagt. Dann war das Dreigespann
-den Berg hinaufgesaust und hatte ihn den Blicken der Seinigen entzogen.
-
-Die Leute, die ihm das Geleit gegeben, blieben noch eine Zeitlang,
-bis endlich ein jeder seines Weges ging. Die Nacht brach herein, alle
-Pforten und Pförtchen wurden verschlossen und verriegelt und der Mond
-konnte aus seiner blauen Höhe auf dem vereinsamten Pfarrhofe nur noch
-die ebenfalls vereinsamte Natalia Nikolajewna erblicken.
-
-Sie beeilte sich nicht, ins Haus zurückzugehen, sondern saß weinend
-auf der Veranda, von der ihr Mann vor kurzem heruntergestiegen war.
-Schluchzend drückte sie ihren kleinen Kopf gegen das Geländer, -- ach,
-sie hatte keinen Freund, keinen Tröster! Doch nein! Ein Freund war da,
-ein treuer, zuverlässiger Freund ...
-
-Plötzlich wurde das Pförtchen weit aufgerissen und vor die weinende
-Alte trat der Diakon Achilla. Er war barhäuptig, in einem kurzen dicken
-Leibrock und weiten Hosen und mit mehreren Säcken beladen. Hinter
-sich zog er zwei Pferde, deren jedes ein großes schweres Bündel auf
-dem Rücken trug. Natalia Nikolajewna sah schweigend zu, wie Achilla
-die Pferde in den Hof führte, sie von ihrer Last befreite, und wieder
-zum Pförtchen ging, das er mit der Energie eines sorgsamen Hausvaters
-verschloß und den Schlüssel in die Tasche steckte.
-
-»Diakon! Du kommst zu mir!« rief Natalia Nikolajewna, welche seine
-Absicht begriffen hatte.
-
-»Ja, du leidende Mutter, ich bin gekommen, dich zu behüten.«
-
-Sie umarmten und küßten sich, und Natalia Nikolajewna begab sich in
-ihr Schlafzimmer, um dort weiter zu wachen, Achilla aber brachte seine
-Pferde in die Scheune, breitete dann eine Filzdecke auf der Veranda
-aus, streckte sich lang auf derselben aus und vertiefte sich in den
-Anblick des Sternenhimmels. Während der ganzen Nacht schlief er nicht.
-Er dachte nur daran, wie er seinem Justizminister helfen könnte. Das
-war etwas anderes, als den Warnawka verprügeln! Hier war Verstand
-nötig. Aber was kann der Verstand allein, wenn ihm keine äußere Gewalt
-zur Seite steht? Ja, hätte man, wie es in dem Märchen erzählt wird,
-einen Zaubermantel oder Siebenmeilenstiefel. Oder eine Tarnkappe! Dann
-würde er gewußt haben, was er zu tun hätte! So aber, so! Der Diakon
-wußte sich absolut keinen Rat, und dennoch mußte etwas unternommen
-werden.
-
-Als Achillas Gedanken beim Zaubermantel und bei der Tarnkappe angelangt
-waren, da kam es dem an keinerlei sophistische Grübeleien Gewohnten
-vor, als fiele eine kaum noch zu tragende, schwere Last ihm von der
-Seele, er atmete auf und flog selbst auf dem Zaubermantel in die Ferne
-hinaus. Unsichtbar trat er in den Siebenmeilenstiefeln und mit der
-Tarnkappe zu dem einen und dem andern der hohen Würdenträger, zu
-denen er ohne Zaubermittel nicht hoffen konnte zu gelangen. Er weckte
-sie durch einen sanften Rippenstoß aus dem Schlaf und sagte: »Tut dem
-Pfarrer Sawelij kein Leid an. Ihr werdet's sonst, wenn es zu spät ist,
-zu bereuen haben.«
-
-Als die hohen Herren die Stimme des Unsichtbaren vernahmen, warfen
-sie sich unruhig auf ihrem Lager hin und her, sprangen plötzlich
-auf, liefen hinaus und schrien: »Um Gottes willen, nehmt euch des
-Pfarrers Sawelij an!« ... Aber das alles läßt sich in unseren Tagen
-nur mit Hilfe von Siebenmeilenstiefeln und einer Tarnkappe erreichen,
-und es war gut, daß Achilla rechtzeitig daran gedacht und sich damit
-versehen hatte. Dank ihnen allein konnte der Diakon in seiner gelben
-Nankingkutte in einen strahlenden Palast dringen, dessen Glanz ihn
-so unerträglich blendete, daß er selbst nicht froh war, sich dort
-hineingewagt zu haben. Die Stätte, welche er vorher besucht hatte,
-hätte schließlich wohl auch genügt, aber die Siebenmeilenstiefel waren
-in Schuß gekommen und hatten ihn an einen Ort gebracht, wo er infolge
-der blendenden Helle kaum etwas unterscheiden konnte, so daß er Sawelij
-und seine Mission am Ende ganz vergaß und nur noch dachte, wie er
-wieder fortkommen könnte. Die geschwinden Stiefel aber trugen ihn immer
-höher und höher hinauf, und das Zauberwort, das ihnen Halt gebieten
-konnte, hatte er vergessen ...
-
-»Ich verbrenne, bei Gott, ich verbrenne!« schrie der Diakon
-und versuchte sich hinter einem vor ihm auftauchenden kleinen
-Schattenfleckchen zu verbergen, -- als ihm zu seiner Verwunderung aus
-diesem Fleckchen die sanfte Stimme des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch
-entgegentönte.
-
-»Hört doch auf, Vater Diakon, im Schlaf zu schreien, daß Ihr verbrennt!
-Allenfalls vor Scham müßten wir alle verbrennen!« sprach der Zwerg,
-das Gesicht des Diakons durch seine kleine Gestalt vor der Sonne
-schützend.
-
-Achilla sprang auf, stürzte zur Wasserbütte und leerte zweimal
-hintereinander den großen eisernen Schöpfkrug.
-
-»Von was für einer Scham redest du da, Nikola?« fragte er, seine Locken
-mit Wasser anfeuchtend.
-
-»Ei, wo ist unser Propst? He?«
-
-»Der Propst, Freund Nikolaurus, ist futsch. Gestern haben sie ihn
-weggeschafft.«
-
-»Was heißt das -- ›futsch‹, mein Herr? Wir müssen ihn freibekommen!«
-
-»Liebster, ich hab' die ganze Nacht darüber gegrübelt, aber ich kriege
-nichts raus.«
-
-»Das ist es eben. Einen Stein ins Wasser werfen kann jeder, -- aber ihn
-zurückbekommen?«
-
-Und Nikolai Afanasjewitsch wackelte auf seinen knarrenden Stiefelchen
-in das Zimmer der Pröpstin, hielt sich hier einen Augenblick auf und
-bat dann den Diakon, ihn zu begleiten. Beide begaben sich erst zum
-Polizeichef und nachher zum Richter. Mit beiden hatte der Zwerg eine
-lange Beratung, aber weder der eine noch der andere konnte ihm etwas
-Tröstliches sagen.
-
-»Das einzige, was ich tun kann,« sagte plötzlich der Richter, »ist, an
-den Staatsanwalt in der Gouvernementsstadt zu schreiben. Er ist ein
-Studiengenosse von mir und wird sicher gern bereit sein, irgend etwas
-für den Propst zu tun.«
-
-Der Vorschlag fand lebhaften Beifall beim Polizeichef. Nikolai
-Afanasjewitsch dachte anders darüber, hielt es aber für unangebracht,
-zu widersprechen.
-
-Nun fragte sich's, wie man den Brief an seine Adresse gelangen ließ?
-Die nächste Post ging erst in zwei Tagen, eine Estafette schien beiden
-Beamten zu pomphaft, zudem konnte die Postmeisterin, die Freundin
-Termosesows, den alle nach den von Achilla gemachten Angaben für den
-eigentlichen Denunzianten hielten, diesem Ehrenmann mit derselben
-Estafette Nachricht geben.
-
-Als er von dieser Schwierigkeit vernahm, erklärte der Diakon, er würde
-schon alles regeln; wenn der Brief nur fertig sei, setze er seinen Kopf
-zum Pfande, daß er sich morgen in den Händen des Adressaten befinde.
-
-Abends, als es schon dunkelte, erschien vor dem Hause des Vaters
-Zacharia ein riesiger schwarzer Reiter, klopfte sacht ans Fenster und
-rief den »sanften Popen« beim Namen.
-
-Zacharia öffnete das Fenster und fragte, als er den Reiter erblickte:
-
-»Bist du es, der da als Schreckgespenst kommt?«
-
-»Pst ... Ruhe und Schweigen tun not!« antwortete der Reiter
-geheimnisvoll und suchte sein ungeduldiges Roß durch kräftigen
-Schenkeldruck ruhig zu halten.
-
-Zacharia sah sich nach allen Seiten um -- Straße und Ufer waren
-menschenleer -- und flüsterte:
-
-»Wohin willst du und was beabsichtigst du?«
-
-»Ich kann Euch nichts mitteilen, denn ich habe mein Wort gegeben,«
-antwortete der Reiter mit derselben geheimnisvollen Miene wie vorhin.
-»Ich bitte Euch nur, sucht mich morgen nicht und fragt nicht nach dem
-Zweck meines Ritts ... Doch, ob ich auch mein Wort gegeben, ich will's
-Euch allegorisch sagen:
-
- Nordwärts zieht's den Kosaken hin
- Und nicht nach Ruhe steht sein Sinn,
-
-in der Mütze aber hab' ich
-
- Ein Schreiben an den Zaren Peter
- Über den Hetman, den Verräter ...
-
-Habt Ihr verstanden?«
-
-»Nichts hab' ich verstanden.«
-
-»So muß es auch bei einer richtigen Allegorie sein.«
-
-Der Reiter schlug sich mit der Faust gegen die Brust und sagte:
-
-»Das eine sollt Ihr noch wissen, Vater Zacharia, daß der Reiter kein
-Kosak ist, sondern der Diakon Achilla, und daß mein Herz die Kränkung
-nicht dulden mag, mein Verstand aber kein Mittel findet, ihm zu helfen.«
-
-Nach diesen Worten ließ der Diakon seinem Pferde die Zügel fahren,
-drückte es mit den Knien zusammen und ritt nicht, sondern flog davon,
-so daß seine Locken, die langen Enden und weiten Ärmel seiner Kutte,
-der Schweif und die Mähne des Pferdes wild flatternd vom dunkelblauen
-Hintergrund des nächtlichen Himmels abstachen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Nikolai Afanasjewitsch hatte mit Recht nicht viel von dem Brief
-erwartet, mit dem der Diakon davongeritten war. Achilla blieb eine
-ganze Woche fort, und als er gesenkten Hauptes auf mattem Pferde
-heimkam, berichtete er, daß er mit seinem Briefe nichts ausgerichtet
-habe und auch nichts habe ausrichten können.
-
-»Warum denn das?« fragte man ihn.
-
-»Sehr einfach! Weil der Vater Sawelij selbst zu mir sagte: ›Laß ab,
-mein Lieber, wir Geistlichen haben keinen, der sich unser annimmt.
-Bitte alle, daß sie mir den Gefallen tun, sich nicht für mich zu
-verwenden.‹«
-
-Und der Diakon wollte darüber weiter gar nicht reden.
-
-Viel lieber erzählte Achilla, wie er den Propst angetroffen und was
-dieser in der einen Woche erlebt hatte.
-
-»Der Bischof«, so berichtete er, »ist gar nicht so böse auf ihn, ja
-eigentlich überhaupt nicht erzürnt, er hat ihn bloß aus Politik der
-Marter überantwortet, um es mit der weltlichen Obrigkeit nicht zu
-verderben. Deswegen allein wurde der Vater Sawelij in die Stadt geholt.
-Jawohl! Und der Vater Sawelij könnte die ganze Schuld von sich abwälzen
-und zu uns zurückkommen, denn der Bischof hält es insgeheim mit ihm ...
-Jawohl! Gleich am nächsten Tage wurde ihm eine geheime Mitteilung vom
-Bischof, daß er zum Herrn Gouverneur gehen solle und um Entschuldigung
-bitten ... Jawohl! Aber der Vater Sawelij hat in seiner Hartnäckigkeit
-sehr schroff darauf geantwortet: ›Ich bin mir keiner Schuld bewußt,
-kann also auch nicht um Vergebung bitten!‹ Dadurch hat er nun auch den
-Bischof aufgebracht. Jawohl! Aber auch jetzt war der Zorn nicht groß,
-denn den Beschluß des Konsistoriums, eine Untersuchung wegen jener
-Predigt einzuleiten, hat er mit einem großen blauen ~X~ durchstrichen
-und alle Gemüter im stillen beruhigt, indem er den Vater Sawelij dem
-niedern Klerus am Bischofshofe zuzählen ließ. Jawohl!«
-
-»Und Vater Sawelij dient jetzt?« fragte Zacharia.
-
-»Jawohl! Er liest die Hora und die Parömie, aber seinen Sinn ändert er
-nicht, und auf die politische Frage der Eminenz: ›Worin hast du dich
-vergangen?‹ -- antwortete er noch politischer, als hätte er die Frage
-nicht verstanden: ›In diesem Leibrock, hohe Eminenz!‹ -- und hat sich
-dadurch nur geschadet. Jawohl!«
-
-»A--a--ach!« rief Zacharia und schüttelte verzweifelt den kleinen Kopf,
-sich die Ohren mit den Händchen zuhaltend.
-
-»Er hat sich bei einem Gendarmenwachtmeister in der Klostervorstadt ein
-gelbes Stübchen für zweiundeinenhalben Silberrubel monatlich gemietet
-und läuft jeden Morgen mit seinem Krug an den Fluß hinunter nach
-Wasser. Aber Gesicht und Gestalt sind sehr spitz geworden, und er läßt
-Euch sagen, Natalia Nikolajewna, Ihr möchtet recht bald zu ihm kommen.«
-
-»Morgen noch reise ich hin,« antwortete die Pröpstin weinend.
-
-»So, das wären sämtliche Neuigkeiten. Der Staatsanwalt aber, dem ich
-den Brief brachte, sagte nur: ›Die ganze Sache geht mich gar nichts
-an, ihr habt eure eigene Obrigkeit.‹ Er hat mir auch keinen Brief
-mitgegeben, sondern nur schön grüßen lassen. Nehmen Sie also, bitte,
-hiermit seinen Gruß entgegen, wenn Ihnen was dran liegt. Und noch einen
-Gruß an Sie alle habe ich, vom Herrn Termosesow. Ich traf ihn in der
-Stadt; er kam in einem feinen Wagen vorbeigefahren und rief, wie er
-mich sah: ›Warte mal ein wenig hier vor dem Tor, Diakon, ich bring dir
-gleich etwas. Eure Postmeisterin nebst Töchtern hat mir bei meiner
-Abreise ihr Stammbuch aufgehalst. Ich sollte ihr da ein paar Verse
-hineinschreiben. Ich hab's versehentlich mitgenommen, und nun weiß ich
-nicht, wie ich's ihr zurückschicken soll. Sei so gut und nimm's mit!‹
-Ich denke mir: Hol dich dieser und jener! Gib her, sag' ich, um ihn
-loszuwerden. Hier ist es!«
-
-Der Diakon holte aus der Tasche seines Leibrocks ein dünnes Büchlein
-mit bunten Blättern und las vor:
-
- »Auf das letzte Blatt Papier
- Schreibe ich der Zeilen vier,
- Voller Ehrfurcht, meine Damen ...
- Wohl bekomm's in Teufels Namen!
-
-Damit bezeugt er Euch seine Ehrfurcht, -- nehmt sie also hin als den
-Lohn, der Euch gebührt.«
-
-Und Achilla warf das Album mit der Ehrfurchtsbezeigung Termosesows auf
-den Tisch und begab sich in den Pferdestall, um sich dort nach den
-Reisestrapazen auszuschlafen.
-
-Am Tage darauf reiste Natalia Nikolajewna zu ihrem Gatten, und der
-Diakon blieb allein in dem Hause des Verbannten zurück.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Ein Tag verging wie der andere. Die Stadt unterhielt sich mit
-Neuigkeiten, die mit unserer Geschichte nichts zu tun haben. Tuberozow
-blieb in Acht und Bann und seine Freunde schienen sich vollständig
-damit beruhigt zu haben, daß »hier nichts zu machen« wäre. Die Feinde
-des Propstes zeigten sich etwas besser als die Freunde: wenigstens
-einige von ihnen hatten ihn nicht vergessen. Für ihn setzte sich zum
-Beispiel die feine Frau Postmeisterin ein, die Termosesow die ihr
-angetane schwere Beleidigung nicht vergessen konnte und noch weniger
-geneigt war, der Gesellschaft ihre Schadenfreude zu verzeihen. Sie
-wollte ihr vielmehr zeigen, daß sie allein feinfühliger, klüger,
-weitsichtiger, ja auch ehrlicher sei, als sie alle.
-
-Dazu bot sich ihr nun eine Gelegenheit, die sie wiederum sehr fein
-und boshaft auszunutzen wußte. Sie beschloß, die Gesellschaft durch
-unerhörten Glanz zu blenden und ihre Autorität in den Augen der biedern
-Stargoroder auf eine bisher nie dagewesene Höhe zu heben.
-
-Etwa sechs Werst von der Stadt entfernt hatte eine Petersburger Dame,
-Frau Mordokonaki, ihren Sommeraufenthalt auf einem wunderschönen
-Landgut. Der alte Mann dieser jungen und sehr hübschen Frau hatte, als
-er noch Branntweinpächter war, bei einer der Postmeisterstöchter Pate
-gestanden. Das schien nun der Frau Postmeisterin eine völlig genügende
-Veranlassung, die junge Gattin des alten Mordokonaki zum Namenstag des
-Patenkindes ihres Mannes einzuladen, und bei der Gelegenheit wollte
-sie die Bitte aussprechen, die bekannte Philantropin und Freundin der
-Kirche möge sich doch des verfolgten Tuberozow annehmen.
-
-Das war nicht übel ausgedacht. Die junge und fabelhaft reiche
-»Wohltäterin« hatte Einfluß in der Residenz und genoß bei den
-Gewalthabern im Gouvernement hohe Achtung. Jedenfalls hätte sie, wenn
-sie wollte, für den gemaßregelten Propst mehr tun können, als sonst
-jemand. Ob sie es aber wollte? Darum eben sollte die ganze Gesellschaft
-sie bitten.
-
-Die Dame langweilte sich in ihrer Einsamkeit und nahm daher die
-Einladung der Postmeisterin dankend an. Die giftige Frau Postmeisterin
-triumphierte. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß sie die Honoratioren
-der Stadt durch ihr unerwartetes Eintreten für den alten Tuberozow
-verblüffen werde, und daß infolgedessen alle sich notgedrungen ihr
-anschließen würden, gleichsam als Chorus, als zweite Garnitur.
-
-Die Postmeisterin schwelgte in solcherlei süßen Träumen, -- bis endlich
-der Tag ihrer Erfüllung gekommen war.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Die Hausfrau begrüßte die Gäste und war glückselig, als sie merkte, daß
-keiner sich mit ernsten Gedanken trug, daß das Schicksal des verbannten
-Priesters längst niemanden mehr beschäftigte.
-
-Die Gäste waren sämtlich in fröhlichster Stimmung. Als erster erschien
-der »Kreiskommandant«, Invalidenhauptmann Powerdownia, ein rothaariger
-Offizier mit großen runden Augen, der sich vom Proviantschreiber
-hinaufgedient hatte.
-
-Die große, üppige Madame Mordokonaki überstrahlte die ganze
-Gesellschaft und alles wirkte neben ihr matt und unbedeutend. Sogar
-Daria Biziukina schien ganz klein geworden. Die Hausfrau floß über von
-Schmeichelreden, führte dem Gast die interessantesten Leute zu und bat
-den Hauptmann Powerdownia und den Lehrer Warnawa Prepotenskij, die
-Dame aufs beste zu unterhalten. Leute, die sich zur Unterhaltung mit
-der Petersburgerin nicht eigneten, wurden beiseite geschafft, wie der
-Bürgermeister, welcher die Gewohnheit hatte, im Gespräch oftmals die
-Redensart anzuwenden: »Da spuck mir einer ins Maul«, sowie ein alter
-Major, der im Kaukasus gedient und die Veranlassung zur Entstehung des
-schönen Vergleichs gegeben hatte: »Dumm wie ein kaukasischer Major«,
-und schließlich der Diakon Achilla. Diese drei Personen waren sehr
-glücklich in einer kühlen Kammer untergebracht, wo die Weine und
-kalten Speisen bereitstanden. Sie waren über ihre Verbannung keineswegs
-betrübt. Ganz ungeniert und in nächster Nähe der Speisen führten
-sie äußerst lebhafte Gespräche und philosophierten sogar. Der Major
-wollte wissen, »woher die Frechheit komme«, und erklärte sie daraus,
-daß die Menschen heutzutage sehr verwöhnt seien -- was er durch eine
-ganze Menge von Argumenten zu beweisen suchte. Achilla aber wollte so
-viele Gründe nicht gelten lassen und sagte, die Frechheit hätte zwei
-Ursachen: »den Zorn und noch häufiger den Wein.«
-
-Der Major dachte nach und meinte dann, es gebe allerdings eine
-Frechheit, die vom Wein komme.
-
-»Glauben Sie mir, es ist so,« meinte der Diakon und leerte ein großes
-Glas Likör. »Ich kann mich selbst als Beispiel anführen. Im Dusel bin
-ich ein sehr netter Kerl, denn ich werde weder wild, noch habe ich böse
-Gedanken; aber, meine lieben Freunde, ich prahle im Dusel nur zu gerne.
-Bei Gott! Und nicht, daß ich irgendeine Absicht damit verfolge, nein,
-es ist, als ob meine Natur es verlangte.«
-
-Der Bürgermeister und der Major lachten.
-
-»Wahrhaftig!« fuhr der Diakon fort. »Ich fange zum Beispiel an zu
-erzählen, die Gemeinde habe sich an den Bischof gewandt mit der Bitte,
-mich zum Pfarrer zu ordinieren, was ich selber nicht mal wünsche;
-oder ein andermal behaupte ich, die Kaufmannschaft des Gouvernements
-petitioniere um meine Ernennung zum Protodiakon; oder ...« Der Diakon
-sah sich ängstlich um und fuhr dann im Flüstertone fort: »Einmal
-platzte ich heraus, ich wäre in jungen Jahren mit der Tochter des
-Konsistorialsekretärs verlobt gewesen! Also, ich sag' Ihnen, ich hätte
-mich am liebsten umgebracht, als man mir später von dieser meiner
-bodenlosen Frechheit erzählte.«
-
-»Wenn der Sekretär das erfahren hätte, hätte es schlimm werden können,«
-bemerkte der Major.
-
-»Und wie schlimm! Ganz scheußlich!« bestätigte der Diakon und kippte
-noch ein Gläschen.
-
-»Na, wenn wir schon mal davon reden, will ich Ihnen noch etwas
-erzählen.« Und seine Stimme noch mehr dämpfend, fuhr er fort: »Ich bin
-durch diese meine Flunkerei einmal schon in eine so üble Lage gekommen,
-daß ich aufs Haar einer öffentlichen Exekution unterworfen worden wäre.
-Haben Sie nichts davon gehört?«
-
-»Nein, absolut nichts.«
-
-»Es war eine ganz böse Sache. Man hätte mich einfach henken können --
-auf Grund des ersten Paragraphen im Gesetz!«
-
-»Unmöglich!« rief der Major, ganz aufgeregt.
-
-»Warum unmöglich? Es hätte ganz leicht geschehen können, wenn ein guter
-Mensch mich nicht gerettet hätte.«
-
-»So erzählt uns doch die Geschichte, Vater Diakon!«
-
-»Ja, sofort, ich will nur noch erst ein Schnäpschen nehmen.«
-
-Achilla leerte noch ein Gläschen und begann den Bericht über sein
-Verbrechen gegen den ersten Gesetzesparagraphen.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-»Das kam alles daher,« fing der Diakon an, »daß ich vor Ostern nach
-der Gouvernementsstadt fuhr -- mit zwei Pferden. Eins war meines
-und das andere gehörte dem Subdiakon Serioga. Wir hatten sie beide
-vor einen Wagen gespannt. Serioga wollte seine Kinder aus der Stadt
-abholen, und was ich da zu suchen hatte, das mag der Teufel wissen.
-Ich wollte wohl ein paar gute Bekannte wiedersehen. Als wir nun vor
-die Stadt kamen, sahen wir, daß die Brücke fort war und eine Fähre
-die Leute hinüberschaffte. Am Ufer herrschte ein fürchterliches
-Gedränge; Kopf an Kopf standen die Menschen da; im Zollhäuschen aber
-hatte ein Soldat einen Branntweinausschank. Na, da die Reihe an uns
-noch nicht so bald kommen konnte, gingen wir hinein und tranken ein
-jeder zwei Gläschen, uns zu erwärmen. Auch hier war alles voll von
-Leuten: Mönche und Fuhrleute und Soldaten und Beamte -- das sind die
-allerschlimmsten -- und auch einige Amtsbrüder. Es fanden sich auch
-ein paar Bekannte aus unserer Gegend, und so mußte man, anläßlich des
-frohen Wiedersehens, gleich noch zwei Gläschen kippen. Ein Schreiber,
-ein ungeheuer freches Maul, fing an, uns aufzuziehen. Ich sagte ihm:
-›Geh hin, wo du hergekommen bist. Du gehörst nicht zu uns.‹ Darauf er:
-›Ich bin ein Offizier meines Kaisers!‹ Und ich: ›Ich selbst bin so
-gut wie ein Stabsoffizier, mein Bester!‹ -- ›Stabsoffizier‹, sagt er
-drauf, ›ist der Pope, du bist aber sein Untergebener.‹ Da sage ich,
-vor dem Throne Gottes stünde ich allerdings unter dem Popen meinem
-Amte nach, in der Politik aber seien wir beide gleich. Da ging der
-Streit los. Ich wurde immer hitziger, infolge der vielen Gläschen,
-und rief schließlich: ›Du Tintenseele, was verstehst denn du davon?
-Du kannst doch die Heilige Schrift gar nicht verstehen, denn du hast
-keine Gedärme im Kopf. Sag doch mal, hat je ein Pope auf dem Zarenthron
-gesessen?‹ ›Nein,‹ sagt er. ›Na also! Ein Diakon aber ist Zar gewesen
-und hat die Krone auf dem Haupt getragen!‹ -- ›Wer war denn das?‹ fragt
-er. ›Wann ist das gewesen?‹ -- ›Ja, wann? Ich bin kein Arithmetikus und
-hab' die Jahreszahlen nicht alle im Kopf, aber nimm mal ein Buch zur
-Hand und lies nach, was Grigorij Otrepiew war, bevor er als Demetrius
-Zar wurde, dann wirst du sehen, was ein Diakon wert ist.‹ -- ›Nu ja,‹
-sagt er, ›das war Otrepiew, aber du, du bist eben kein Otrepiew!‹ --
-Besoffen, wie ich bin, platz ich auf einmal los: ›Woher kannst du denn
-das wissen? Vielleicht bin ich noch viel mehr? Der sah dem Demetrius
-ähnlich, und ich habe vielleicht ein Gesicht wie irgendein Franziskus
-Venezianus oder ein Mahmud und werde auch König!‹ Kaum hatt' ich das
-gesagt, meine Lieben, so erhebt dieser verfluchte Federfuchser ein
-Geschrei, ruft Zeugen auf, bringt die Sache zu Papier. Man packte
-mich, band mich, setzte mich in einen Wagen, gab mir einen Polizisten
-mit und schaffte mich in die Stadt. Na und dann -- Gott schenke ihm
-Gesundheit und langes Leben und nach dem Tode die ewige Seligkeit --
-dem Gendarmenoberst Albert Kasimirowitsch, der damals an der Spitze
-der Geheimpolizei stand! Am Morgen ließ er mich zu sich kommen, rief
-seine Frau herbei und sagte: ›Da, sieh mal, Herzchen, so sieht ein
-Thronprätendent aus.‹ Und dann lachte er mich noch tüchtig aus und
-ließ mich laufen. ›Geh nur, Vater Mahmud,‹ sagte er, ›und in Zukunft
-zähle die Gläser, die du leerst.‹ Gott schenke ihm ein langes Leben!«
-wiederholte der Diakon noch einmal und hob sein Glas. »Ich will auch
-heut noch auf sein Wohl trinken!«
-
-»Da seid Ihr noch glücklich aus der Klemme gekommen,« sagte der Major
-langsam.
-
-»Und ob! Ich sag's ja: der Pole ist ein guter Kerl. Der Pole liebt die
-Regierung nicht, und wo es gegen sie geht, ist er immer nachsichtig.«
-
-Gegen Mitternacht wurde die Unterhaltung der drei Einsiedler
-unterbrochen; denn die Stunde war gekommen, in der auch sie sich der
-Gesellschaft anschließen durften: man bat sie zu Tische.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Das Fest sollte jetzt seinen Höhepunkt erreichen.
-
-Kaum hatten alle Platz genommen, so sprang auch schon der Hauptmann
-Powerdownia wieder auf und apostrophierte die Petersburger Dame
-folgendermaßen:
-
- »Die uns gesandt ein gütiger Himmel,
- Du Holde, Schöne!
- Dich grüßen aus dem irdischen Gewimmel
- Meiner Leier Töne!
- Steig hernieder zu uns aus des Äthers Bläue
- Und laß dich's nicht verdrießen
- Von dieses Festes Gaben zu genießen,
- Die wir dir spenden in Begeisterung und Treue!«
-
-Die Aristokratin aus dem Geschlecht der Branntweinpächter hörte dem
-Dichter mit lieblichem Erröten zu und empfing aus seinen Händen ein
-Blättchen, auf dem, nicht ganz orthographisch, aber mit kunstreichen
-Schnörkeln, das Gedicht verewigt war.
-
-Die Hausfrau war entzückt, aber die Gäste waren sowohl über das
-Gedicht, als auch über die Wahl des Augenblicks für seinen Vortrag sehr
-verschiedener Meinung.
-
-Doch wie dem auch sei, die ganze Gesellschaft wurde ungemein lustig,
-was der Postmeisterin gar nicht recht paßte. Man redete so laut und
-lebhaft durcheinander, daß es der Hausfrau unmöglich wurde, eine etwa
-eintretende Pause zu benutzen, um an den verbannten Propst zu erinnern.
-Die Petersburgerin schien sich übrigens sehr gut zu unterhalten. Sie
-wisse gar nicht, meinte sie zur Postmeisterin, wie sie ihr danken solle
-für das Vergnügen, das ihre Gäste ihr verschafft, und wenn ihr etwas
-leid tue, so sei es nur der Umstand, den Diakon und den Hauptmann
-Powerdownia erst so spät kennen gelernt zu haben. Als Powerdownia
-dieses Urteil hörte, sprang er auf und machte der Dame eine tiefe
-Verbeugung. Auch der Diakon nahm das Lob nicht gleichgültig hin: er gab
-Prepotenskij einen Rippenstoß und sagte:
-
-»Siehst du wohl, du Schafskopf, wie hoch man uns schätzt! Von dir sagt
-keiner was.«
-
-»Selber Schafskopf!« erwiderte der geärgerte Lehrer ebenso leise.
-
-Powerdownia sann einen Augenblick nach, dann packte er den Diakon fest
-am Arm, stand mit ihm zusammen auf und sagte in beider Namen:
-
- »Wir wollen heilig dein Gedächtnis ehren,
- Und sollten Jahre vorübergehen.
- O lichter Geist, laß dich erflehen:
- Woll unserer Bitte Erhörung gewähren!«
-
-Hierauf setzten sie sich wieder unter donnerndem Applaus.
-
-»Siehst du wohl? Und du weißt wieder nichts zu sagen,« wandte sich
-Achilla vorwurfsvoll an den Lehrer. Powerdownia aber war schon wieder
-aufgesprungen und redete die Hausfrau also an:
-
- »Du bist genannt Matrona
- Und aller Frauen Krona!
- Hurra!«
-
-»O dieser Hauptmann! Er ist die Seele der Gesellschaft,« meinte die
-Postmeisterin geschmeichelt.
-
-»Und du bringst immer noch nichts fertig,« ließ der Diakon dem Warnawa
-keine Ruhe.
-
-»Wollen wir alle Verse deklamieren!«
-
-»Ja, alle! Der Polizeichef muß anfangen!«
-
-»Warum nicht? Ich will's gerne versuchen!« sagte der Polizeichef. »Ganz
-ungeniert: wer nichts weiß, braucht nicht mitzumachen.«
-
-»Anfangen! Fix, Herr Rittmeister! Was soll das? Anfangen!«
-
-Der Rittmeister Porochontzew stand auf, hob sein Glas bis zur Höhe
-seines Gesichtes, sah durch den Wein gegen das Licht und fing an:
-
- »Als der Despot entsagte seinem Thron,
- Um so durch abgefeimte Lügen
- Sein Opfer, Rußland, in den Schlaf zu wiegen,
- Und es alsdann noch schlimmer zu bedrohn, --
- Da ließ die Freiheit ihre Stimm' erschallen,
- Und hätte Rußland drauf gehört,
- Ihm wär' ein neuer Tag beschert,
- Die Fesseln wären abgefallen.
- Doch gleich dem Diebe, den der Morgen schreckt,
- Hast schmählich du dich vor dem Freund versteckt!
- Der rief: Der Juden Greueltaten,
- Der schnöde Abfall der Uniaten,
- Und alle Sünden der Sarmaten, --
- Es komme alles auf mein Haupt,
- Ich trag' es ohne viel Bedenken,
- Könnt' ich dem Volk der Russen wieder schenken
- Die Freiheit, die man ihm geraubt!
- Hurra!«
-
-»Alle tragen etwas vor, nur du nicht,« fing der Diakon, sich an
-Prepotenskij wendend, wieder an.
-
-»Nein, Freundchen, sag was du willst, -- wenn du trinkst und nichts
-vorzutragen weißt, dann bist du kein Mensch, sondern bloß eine Bütte
-voll Wein.«
-
-»Laßt mich mit Eurer Bütte in Frieden! Ihr seid selbst eine!«
-antwortete der Lehrer.
-
-»Wa--a--as?!« schrie Achilla gekränkt. »Ich eine Bütte? Und das wagst
-du mir ins Gesicht zu sagen! Ich eine Bütte?«
-
-»Ja, natürlich!«
-
-»Wa--a--as?!«
-
-»Ihr könnt ja selber nichts vortragen!«
-
-»Ich nichts vortragen? O du dreifacher Dummkopf! Wenn ich bloß will, so
-trage ich dir so etwas vor, daß du aufspringen und mir stehend zuhören
-mußt!«
-
-»Na, versucht es doch mal!«
-
-»Gleich werd ich's auch, damit du dich überzeugst, daß ich tatsächlich
-auch den Oberkiefer bewegen kann!«
-
-Mit diesen Worten erhob sich Achilla, sah die ganze Gesellschaft mit
-weitaufgerissenen Augen an, richtete den Blick schließlich starr auf
-ein Salzfaß, das in der Mitte des Tisches stand, und fing mit seinem
-tiefen weichen Baß an:
-
- »Ein geru--u--u--hig und friedli--i--i--ch Leben,
- Gesu--u--undheit und Wo--o--ohlergehen ... und heilsa--a--ames
- Wirken und Scha--a--a--ffen ... und Sieg über die Feinde ...«
- usw. usw.
-
-Achillas Stimme griff immer höher, Stirne, Kinnbacken, Schläfe, die
-ganze obere Hälfte seines breiten Gesichtes waren mit Schweiß bedeckt
-und glühten in feurigem Rot; die Augen krochen aus ihren Höhlen, auf
-den Wangen und an den Mundwinkeln zeigten sich weiße Flecke, der Mund
-war weit aufgerissen wie eine Trompete und mit Dröhnen und Krachen
-entstieg ihm das »Heil und Segen«, das alle unbelebten Wesen im Hause
-erzittern machte und die Lebendigen zwang, sich von den Plätzen zu
-erheben und, ohne die erstaunten Augen von dem geöffneten Munde des
-Diakons zu wenden, gleich nachdem der letzte Ton verklungen, im Chor
-einzufallen: »Heil und Segen! Heil und Se--e--egen!«
-
-Warnawa allein wollte bei seiner Beschäftigung bleiben und gemächlich
-weiteressen, aber Achilla riß ihn mit Gewalt in die Höhe und sang, ihn
-fest am Arm haltend: »Heil und Se--e--e--gen! Heil und Se--e--e--egen!«
-
-Der Bürgermeister gab seinem Nachbar eine blaue Fünfrubelnote, die er
-dem Diakon weitergeben sollte.
-
-»Was heißt denn das?« fragte Achilla.
-
-»Der ganzen Verwaltung. Sing noch ›der ganzen Verwaltung und dem
-christlichen Heer‹,« bat der Bürgermeister.
-
-Der Diakon steckte die Note in die Tasche und stimmte nochmals an:
-
-»Und der ganzen Verwaltung und dem chri--i--istlichen Hee--e--e--ere
-Heil und Se--e--e--gen!«
-
-Hier übertraf Achilla sich selbst, und als er schloß, wagten nur noch
-der Vater Zacharia, der an die Stimme des Diakons gewöhnt war, und der
-Bürgermeister einzufallen: alle übrigen Gäste waren auf ihre Stühle
-gesunken und hielten sich an den Lehnen, dem Tisch oder ihren Nachbarn
-fest.
-
-Der Diakon war höchst befriedigt.
-
-»Sie haben einen wunderbaren Baß,« sagte die Petersburger Dame, die
-zuerst wieder zu sich gekommen war.
-
-»Ach Gott, es war ja nicht deswegen, ich wollte nur zeigen, daß ich
-kein Feigling bin und sehr gut etwas vortragen kann.«
-
-»Schau, schau, wer ist denn hier feige?« mischte sich Zacharia ins
-Gespräch.
-
-»Vor allem Ihr selber, Vater Zacharia! Ihr könnt ja nicht mal mit den
-Vorgesetzten richtig sprechen: Ihr fangt gleich an zu stottern.«
-
-»Das ist wahr,« bestätigte Zacharia, »ich komme leicht ins Stottern,
-wenn ich mit einem Vorgesetzten rede. Aber du? Du hast gar keinen
-Respekt vor Höherstehenden?«
-
-»Ich? Mir ist's ganz gleich, ob ich mit dem Bischof selber oder mit
-einem einfachen Manne rede! Der Bischof sagt zu mir: ›So und so, mein
-Bester,‹ -- und ich antworte ihm gerade so: ›Ganz recht, so und so,
-Eure Eminenz!‹ Weiter nichts.«
-
-»Ist das wahr, Vater Zacharia?« fragte der Arzt, der dem Diakon gern
-etwas am Zeuge flicken wollte.
-
-»Er flunkert,« sagte Benefaktow mit der größten Seelenruhe, ohne seine
-sanften Augen vom Diakon zu wenden.
-
-»Er knickt auch vor dem Bischof zusammen?«
-
-»Allerdings.«
-
-»Nie und nimmer! So was kommt bei mir nicht vor!« rief der Diakon,
-sich in die Brust werfend. »Wie wäre das auch möglich? Wollte ich
-mich um alle kümmern, ich wüßte nicht, wo ich hin sollte. Was hat
-denn der Bischof so viel zu bedeuten, wenn ich jetzt Tag für Tag von
-einer Person beobachtet werde, die viel mehr zu sagen hat, als so ein
-Bischof!«
-
-»Du meinst wohl mich?« sagte der Arzt.
-
-»Wie sollte ich denn darauf kommen? Nein, dich meine ich nicht.«
-
-»Wen denn sonst?«
-
-»Hast du die neuesten Zeitungen gelesen?«
-
-»Was hat denn drin gestanden?« fragte die Petersburger Dame, die sich
-wie ein Kind amüsierte.
-
-»Auf Befehl des Oberhofpredigers Baschanow ist der kaiserliche
-Kirchenmusikdirektor auf Reisen geschickt worden, um in ganz Rußland
-Bässe für die Hofkapelle Seiner Majestät anzuwerben. Er steht im Range
-eines Generals und hat eine Unmenge Orden. Der Bischof ist nichts neben
-ihm, denn bei Seiner Majestät ist ja schon der Kutscher, der auf dem
-Bock sitzt, Oberst. Na, also dieser Musikmeister reist nun unerkannt,
-als ganz einfacher Mann gekleidet, damit die Bässe sich in seiner
-Gegenwart nicht absichtlich anstrengen, denn er will wissen, was sie
-für gewöhnlich zu leisten imstande sind.«
-
-Der Diakon wußte nicht, was er weiter sagen sollte, aber der Arzt ließ
-nicht locker.
-
-»Nun, und was weiter?«
-
-»Was weiter? Der Herr Musikdirektor befindet sich jetzt schon vier
-Wochen hier in der Stadt. Merkst du was? Ich sehe ihn jeden Sonntag in
-seinem blauen Rock unter den Kleinbürgern in der Kirche stehen. Er ist
-meinetwegen da, aber wie verhalte ich mich dazu? Ein anderer würde sich
-rein die Beine ausreißen, um dem kaiserlichen Abgesandten zu gefallen,
-würde ihn zu sich einladen, ihm Schnaps und Tee vorsetzen, -- nicht
-wahr? Aber ich tue nichts dergleichen. Mag er zehnmal kaiserlicher
-Musikus sein, mir ist's ganz wurst! Ich halte mich ans Gesetz. Du hast
-mir nach dem Gesetz zu handeln, mein Lieber, und magst du das nicht,
-dann adieu! Glückliche Heimreise!«
-
-»Das ist natürlich alles Schwindel?« wandte sich der Arzt an Zacharia.
-
-»Schwindel,« erwiderte dieser seelenruhig. »Er hat ein wenig über den
-Durst getrunken, da hören wir bis morgen kein wahres Wort mehr. Er wird
-jetzt ohne Ende phantasieren und großtun.«
-
-Achilla war trotzdem gekränkt. Es schien ihm, als glaubte man jetzt
-auch nicht mehr, daß er kein Feigling sei; was ihm unerträglich war.
-Daher fing er wieder von seiner Tapferkeit an zu sprechen und wollte
-sofort auf die schwerste Probe gestellt sein.
-
-»Ich will allen beweisen, daß ich hier der Tapferste bin, und ich werde
-es!«
-
-»Prahlt lieber nicht damit, Vater Diakon,« sagte der Major. »Manchmal
-wird auch der Tapferste von Angst gepackt, und der Feigling leistet,
-was keiner von ihm erwartet hätte.«
-
-»Da pfeif' ich drauf! Los!«
-
-»Ja, was soll denn eigentlich losgehen? Ich will Euch lieber ein
-Beispiel vorführen.«
-
-»Auch gut! Nur immer zu!«
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-»Als ich aus dem Kaukasus nach Rußland zurückversetzt wurde,« fing der
-Major an, »hatten wir einen Oberst, der ein urfideler Herr und ein
-ausgezeichneter Soldat war. Er besaß sogar einen goldenen Ehrensäbel.
-Unter ihm machte ich anno Achtundvierzig den ungarischen Feldzug mit.
-In einer Nacht mußten damals Freiwillige vorgeschickt werden, als
-wir gerade beim Wein saßen. Der Oberst fragte: ›Wieviel haben sich
-denn gemeldet?‹ ›Hundertzehn,‹ antwortet der Adjutant. ›Oho!‹ meinte
-der Oberst und legte die Karten hin, denn man hatte sich eben ans
-Preferance gemacht. ›Das ist ein bißchen viel. Sind gar keine Hasenfüße
-drunter?‹ -- ›Nein,‹ erwiderte der Adjutant. ›Na,‹ meint der Oberst,
-›trommeln Sie mal die Kerls zusammen.‹ Das geschieht. ›Nun,‹ fängt der
-Oberst an, ›machen wir mal die Probe. Wer ist der Tapferste? Wer gilt
-als Obmann?‹ Man nennt ihm irgendeinen Iwanow oder Sergejew. ›Schafft
-ihn mir her! Bist du der Obmann?‹ -- ›Zu Befehl, Euer Hochwohlgeboren!‹
--- ›Bist du nicht feige?‹ -- ›Nein, Euer Hochwohlgeboren!‹ -- ›Nicht
-ein bißchen?‹ -- ›Ganz und gar nicht, Euer Hochwohlgeboren!‹ --
-›Wirklich nicht?‹ -- ›Nein.‹ -- ›Nun, wenn du nicht feige bist, so
-zupf' mich am Bart!‹ Der Soldat steht da und rührt sich nicht und
-wagt's nicht. Man ruft einen zweiten, -- dieselbe Geschichte! Einen
-dritten, vierten, fünften, zehnten -- keiner wagt's. Alle erwiesen sie
-sich als Feiglinge.«
-
-»Ach, hol ihn dieser und jener! Das war ein Spaß!« rief Achilla
-hocherfreut. »Wenn du nicht feige bist, ei, so zupf' mich am Bart!
-Ha--ha--ha! Das ist famos! Hauptmann, alter Freund, laß dich mal vom
-Lehrer Warnawa am Bart zupfen!«
-
-»Mit Vergnügen,« sagte der Hauptmann.
-
-Prepotenskij weigerte sich, aber da fing man so bösartig über seine
-Feigheit zu spotten an, daß er ja sagen mußte.
-
-Achilla stellte einen Stuhl in die Mitte des Zimmers, der Hauptmann
-Powerdownia setzte sich drauf und stemmte die Arme in die Hüften.
-
-Um ihn herum standen der Polizeichef, Zacharia, der Bürgermeister und
-der Major.
-
-Der Lehrer pustete, krümmte und schüttelte sich, schlug bald die Augen
-schüchtern nieder und riß sie bald weit auf, machte einen Schritt
-vorwärts und trat wieder zurück.
-
-»Also du bist doch ein Feigling,« sagte Achilla, »aber denke mal nach,
-Schafskopf: wovor fürchtest du dich denn eigentlich? Es ist ja zum
-Lachen!«
-
-Warnawa dachte nach, wurde aber davon nur noch schwächer. Powerdownia
-jedoch saß da wie ein Götzenbild, fühlte sich als »Seele der
-Gesellschaft« und freute sich über die neue Überraschung, die er im
-Schilde führte.
-
-»Du bist ein Feigling, mein Bester, ein ganz elender Feigling!«
-flüsterte Achilla dem Lehrer ins Ohr.
-
-»Das geht doch nicht, die Gäste warten,« bemerkte der Major.
-
-Prepotenskij zeigte mit dem Finger auf den Polizeichef und sagte: »Ich
-will lieber Woin Wasiljewitsch am Bart zupfen.«
-
-»Nein, mich sollst du zupfen,« erklärte der Hauptmann mit sehr ernstem
-Gesicht.
-
-»Feigling, Feigling,« flüstert es wieder von allen Seiten. Warnawa hört
-es, kalter Schweiß läuft ihm übers Gesicht, es kribbelt ihn am ganzen
-Körper; die Angst packt ihn, wie eine unerträgliche, lähmende, quälende
-Krankheit, sein Ausdruck bekommt etwas Starres, Schreckliches.
-
-Achilla, der ihn genau beobachtete, hatte das zuerst bemerkt. Als
-er die Augen des Lehrers aufflammen sah, gab er dem Polizeichef ein
-Zeichen, etwas zur Seite zu treten, den Vater Zacharia aber nahm er
-ganz einfach beim Ärmel, zog ihn zurück und sagte:
-
-»Steht nicht so dicht bei ihm, Vater Zacharia. Seht Ihr nicht? Er
-träumt!«
-
-Warnawa tat einen Schritt vorwärts. Noch einen zweiten. Die zitternde
-Hand des Feiglings gerät in Bewegung, sie hebt sich langsam, bewegt
-sich vorwärts, -- aber nicht nach dem Barte des Hauptmanns, sondern
-geradewegs nach dem Gesichte des Polizeichefs.
-
-»Der Teufel mag wissen, was in dem Kerl vorgeht!« rief Achilla und
-winkte dem Polizeichef noch einmal zu. Geh lieber fort, sollte das
-heißen, siehst du nicht, daß der Mann von Sinnen ist?
-
-In diesem selben Augenblick jedoch hatte Prepotenskij, die Augen
-zugekniffen, ganz von ferne den Schnurrbart Powerdownias gestreift:
-sofort stieß der Hauptmann ein grimmiges Knurren aus und fing dann an
-laut zu bellen.
-
-Das war dem armen Warnawa zu viel. Er schrie wild auf, stürzte sich wie
-ein Panther auf den Polizeichef und schlug sinnlos um sich.
-
-Hierauf war niemand gefaßt. Der Effekt war großartig. Die umgestürzte
-Lampe, das aufflammende Petroleum, die wild flüchtenden Gäste, das
-Entsetzen des Polizeichefs, das Geheul Warnawas, der in einem Winkel
-sich mit wütenden Schlägen vor dem Gespenst, das ihn packen wollte, zu
-schützen suchte, alles machte eine Fortsetzung des Festes unmöglich.
-
-Die Petersburger Dame verabschiedete sich, und Prepotenskij, der alle
-Ein- und Ausgänge im Hause des Postmeisters sehr gut kannte, benutzte
-diesen Augenblick, um in den Korridor und ins Bureau zu schlüpfen, wo
-er sich hinter einen Schrank verkroch ...
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Die Frau Postmeisterin hatte ihre Nachtjacke angezogen und ging erregt
-in ihrem Zimmer auf und nieder. Ihre Gedanken beschäftigten sich
-unablässig mit der einen Frage: Wer war an dem gräßlichen Vorfall
-schuld? Wer hatte diesen Spaß angezettelt?
-
-»Der Spaß war ja an sich nicht mal so übel,« dachte sie, »aber wer
-hat den Prepotenskij eingeladen? Nein, auch das ist nicht so wichtig
-... aber wer hat mich mit ihm bekannt gemacht? Wer denn anders, als
-mein Herr Gemahl! Eines Tages kam er: ›Hier, bitte, stelle ich dir
-Warnawa Wasiljewitsch vor!‹ Na warte nur, ich will dir den Warnawa
-Wasiljewitsch schon eintränken ... Aber wo ist denn mein Mann?«
-fragte sie sich und sah sich im Zimmer um. »Schläft er schon? Er kann
-schlafen, nachdem so etwas geschehen! ... Nein, das geht nicht,«
-erklärte die Postmeisterin kategorisch und stürzte ungeduldig in den
-Saal, wo ihr Gatte zu schlafen pflegte, wenn er wegen irgendwelcher
-Familienzwistigkeiten aus dem ehelichen Schlafgemach verbannt wurde.
-Aber zu ihrer nicht geringen Verwunderung fand die Dame ihren Gatten
-hier nicht.
-
-»Aha, er versteckt sich vor mir. Er liegt jetzt auf dem Sofa im Bureau
-und schnarcht ... Ich will dich schnarchen lehren.«
-
-Und die Frau Postmeisterin begab sich nach dem Bureau.
-
-Ihre Vermutung war richtig: der Postmeister schlief tatsächlich im
-Bureau, aber darin irrte sie, daß sie ihn auf dem Sofa zu finden
-meinte. In Wirklichkeit lag er auf dem Tische. Auf dem Sofa aber
-schlief Prepotenskij, der nach allem, was vorgefallen war, nicht
-nach Hause zu gehen wagte, weil er fürchtete, Achilla könnte ihm an
-irgendeiner Straßenecke auflauern. Deshalb hatte er den Postmeister
-um Erlaubnis gebeten, seiner Sicherheit wegen im Hause übernachten
-zu dürfen. Der Postmeister war um so lieber damit einverstanden, als
-er die Erregung seiner Frau sehr wohl bemerkt hatte und es auch ihm
-vorteilhaft erschien, unter diesen Umständen noch jemand in seiner Nähe
-zu haben. Darum stellte er dem Lehrer das Sofa im Bureau zur Verfügung
-und machte es sich selbst auf dem großen Tisch bequem, an dem sonst die
-Briefe sortiert wurden.
-
-Die Tür aus dem Korridor in das Bureau, in dem beide schliefen, war
-geschlossen. Das brachte die energische Dame erst recht auf, denn nach
-ihrem Hausgesetz durfte keine einzige Innentür ohne ihre Genehmigung
-geschlossen werden, und im Bureau fühlte sie sich ebenso als Herrin,
-wie in ihrem Schlafgemach!
-
-Die Postmeisterin kochte vor Wut. Sie griff noch einmal nach der Tür,
-sie ging nicht auf. Wohl knackte der Haken, aber er saß fest. Und dabei
-hörte sie drinnen ganz deutlich zwei Menschen atmen. Zwei! Man male
-sich das Entsetzen der Ehefrau bei dieser plötzlichen Entdeckung aus!
-
-In ihren geheiligten Rechten als Gattin und Herrin des Hauses gekränkt,
-rannte sie wieder durch den Korridor zurück, stürzte in die Küche,
-geradewegs auf den Tisch los. Wühlte lange im Dunkeln in der Schublade
-herum, in der es von Schwaben wimmelte, bis sie endlich gefunden hatte,
-was sie brauchte: Ein Messer!
-
-Die ungeheure Spannung, die diese Zeile entfesselt, zwingt uns, hier
-haltzumachen, um dem Leser Zeit zu geben, sich auf das Fürchterliche
-vorzubereiten, das nun kommen soll.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Vor Erregung am ganzen Leibe zitternd, das riesige Küchenmesser in
-der Hand, den rechten Ärmel der Nachtjacke hinaufgeschoben, ging die
-Postmeisterin direkt auf die Tür zum Bureau los und legte das Ohr noch
-einmal an den Spalt. Es war kein Zweifel möglich: das unselige Paar
-lag im süßesten Schlaf; man hörte ganz deutlich, wie das eine stärkere
-Wesen tiefe Kehllaute von sich gab, während das andere, zartere, sich
-auf ein ganz sanftes Pfeifen beschränkte.
-
-Die Postmeisterin steckte das Messer in den Türspalt, schob den Haken
-zurück und die leichte Tür ging mit leisem Knarren auf.
-
-Es war noch früh am Morgen, kaum hoben sich die Fenster durch
-ihr mattes Grau von der Finsternis ab, doch das geübte Auge der
-Postmeisterin erkannte sowohl den Tisch mit der Postwage, als auch den
-zweiten langen Tisch in der Ecke und das Sofa.
-
-Mit der linken Hand sich an der Wand entlang tastend, bewegte sich
-die zürnende Dame direkt auf das Sofa zu und erreichte ohne besondere
-Schwierigkeiten den Schnarcher, der mit tief herabhängendem Kopfe ganz
-am Rande lag. Er hatte nichts gehört, und als die Postmeisterin vor ihn
-hintrat, schien er sogar mit ganz besonderem Eifer und Genuß in den
-lieblichsten Säuseltönen zu schwelgen, als ob er ahnte, daß die Sache
-bald ein Ende haben werde und daß es ihm heute nicht mehr vergönnt
-sein werde, sich diesem Vergnügen hinzugeben.
-
-So kam es denn auch.
-
-Noch war der Schläfer mit seiner letzten Fioritur nicht ganz fertig,
-als die Linke der Frau Postmeisterin ihn kräftig an den Haaren emporriß
-und die Rechte, nachdem sie das Messer fallen gelassen, ihm eine
-schallende Ohrfeige verabfolgte.
-
-»Mmmm ... Warum denn? Warum?« brummte der Erwachende, aber statt einer
-Antwort erhielt er eine zweite Ohrfeige, dann eine dritte, eine fünfte,
-zehnte, eine immer kräftiger und dröhnender als die andere.
-
-»Au, au, au,« schrie er und versuchte vergeblich, den aus der
-Finsternis auf ihn herabhagelnden Backpfeifen auszuweichen, bis diese
-plötzlich durch ein weniger lautes, aber nicht minder schmerzhaftes
-Zausen und Schütteln ersetzt wurden.
-
-»Herzchen! Was tust du denn, Herzchen! Das bin ja gar nicht ich! Das
-ist doch Warnawa Wasiljewitsch!« kam vom Tische her die Stimme des
-aufgeschreckten Postmeisters.
-
-Die Postmeisterin hielt verblüfft ein, ließ die Mähne Warnawas los,
-schrie laut auf: »Was machst du mit mir, du Ungeheuer!« -- und stürzte
-sich auf ihren Gatten.
-
-»Ja, ja, das bin ich,« hörte Warnawa den Postmeister rufen, und ohne
-etwas zu begreifen -- außer der Notwendigkeit, sich eiligst aus dem
-Staube zu machen -- sprang er vom Sofa auf und rannte, wie er war, in
-Unterhosen und Strümpfen, durch die glücklich gefundene Tür auf die
-Straße hinaus.
-
-Er war gründlich verdroschen worden, und als er sich das Gesicht mit
-dem Ärmel wischte, bemerkte er, daß seine Nase blutete.
-
-In demselben Augenblick ging die Tür leise auf und seine Kleider fielen
-vor ihm hin. Er bückte sich, um sie aufzuheben, als eine Minute später
-auch die Stiefel über den Zaun geflogen kamen.
-
-Warnawa setzte sich auf den Boden und zog die Stiefel an, fuhr, so gut
-es ging, in Hosen und Rock und trottete nach Hause.
-
-Eine Woche darauf verließ der Lehrer Prepotenskij mit einem
-Urlaubschein und einigen wenigen Spargroschen in der Tasche die Stadt.
-Die Ursache dieser plötzlichen Flucht war und blieb für alle ein ewiges
-Geheimnis.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-An demselben Tage, wo es in Stargorod so lustig herging, spielte sich
-weit draußen in dem gelben Stübchen des verbannten Propstes eine Szene
-anderer Art ab. Natalia Nikolajewna bereitete sich zum Sterben.
-
-Gewissenhaft und sparsam, wie sie war, hatte die Pröpstin während der
-ganzen Zeit ihres Aufenthaltes bei ihrem gemaßregelten Gatten sich ohne
-Bedienung beholfen und allerlei Arbeit auf sich genommen, an die sie
-nicht gewohnt war und die ihre Kräfte weit überstieg. Als sie bei dem
-letzten Fünfundzwanzigrubelschein in ihrer Schachtel angelangt war,
-erschrak sie, daß sie bald ganz ohne Geld sein würde, und beschloß,
-ihren Hauswirt, den Gendarm, zu bitten, ihnen die Miete zu stunden, bis
-der Propst wieder begnadigt sei. Der Gendarm ging darauf ein, Natalia
-Nikolajewna aber hielt das vor ihrem Gatten streng geheim und suchte
-auf jede Weise das Geld beim Hauswirt abzuverdienen: sie grub mit
-seiner Magd Kartoffeln, hackte Kohl und spülte ihre Wäsche selbst im
-Fluß.
-
-Jedoch das war zu viel für ihre Jahre und ihre schwache Gesundheit. Sie
-erkrankte und mußte das Bett hüten.
-
-Der Propst machte ihr Vorwürfe wegen ihrer übergroßen Sorgsamkeit.
-
-»Du glaubst, du hilfst mir,« sagte er, »aber als ich hörte, was du
-getan hast, verdoppelte das meine Qualen.«
-
-»Vergib,« flüsterte Natalia Nikolajewna.
-
-»Was heißt: vergib? Vergib du mir,« antwortete der Propst und faßte
-ihre Hand, die er leidenschaftlich küßte. »Ich habe dich mit meiner
-starren Unbotmäßigkeit so weit gebracht, aber wenn du willst ... sage
-nur ein Wort und ich gehe und demütige mich dir zuliebe.«
-
-»Was fällt dir ein? Nie werde ich dieses Wort sagen! Soll ich deine
-Lehrmeisterin sein, der du alles weißt und alles zum Rechten wendest?«
-
-»Um meiner Ehre willen +muß+ ich dieses tragen, Liebste.«
-
-»Und Gott möge dir helfen, an mich aber sollst du nicht denken.«
-
-Der Propst küßte noch einmal die Hände seiner Frau und ging an sein
-Tagewerk, Natalia Nikolajewna aber wickelte sich in ihre Decke und
-schlief ein. Und da sah sie im Traum den Diakon Achilla, der zu ihr
-ins Zimmer trat und sprach: »Warum betet Ihr denn nicht, daß der
-Vater Sawelij sein Leid leichter trage?« -- »Wie denn?« fragt Natalia
-Nikolajewna, »lehre mich, wie ich zu beten habe.« -- »Nun,« antwortet
-Achilla, »Ihr sollt bloß sagen: Herr, hilf uns auf den Wegen, die du
-kennst.« -- »Herr, hilf uns auf den Wegen, die du kennst,« wiederholte
-Natalia Nikolajewna andächtig, und plötzlich war ihr, als nähme der
-Diakon sie auf seine Arme und trüge sie in das Allerheiligste, --
-der Raum war unendlich groß: Säule reihte sich an Säule, und der
-Altar reckte sich bis zum Himmel empor und flammte in tausend hellen
-Lichtern; hinter ihnen aber, von wo sie gekommen waren, schien alles
-winzig klein, so klein, daß sie gelacht hätte, wenn es sie nicht
-beunruhigt hätte, daß sie doch ein Weib sei, das Allerheiligste also
-gar nicht betreten dürfe. »Bist du bei Sinnen, Diakon!« sagte sie zu
-Achilla, »man wird dich deines Amtes entsetzen, wenn man erfährt, daß
-du eine Frau ins Allerheiligste getragen hast.« Er aber erwiderte:
-»Ihr seid keine Frau, sondern eine +Kraft+!« Und mit einem Male war
-Achilla und das Allerheiligste und der Altar und die Lichter -- alles,
-alles verschwunden, und Natalia Nikolajewna schlief nicht mehr, sondern
-wunderte sich nur, warum alles um sie herum immer noch so klein aussah:
-der Samowar da drüben war gar kein richtiger Samowar, sondern ein
-Spielzeug, und die Teekanne darauf war nur eine Eierschale ...
-
-In diesem Augenblick kam Tuberozow aus dem Kloster zurück und fing an,
-freundlich zu ihr zu sprechen, sie aber wehrte mit beiden Händen ab.
-
-»Still,« sagte sie, »still: ich muß ja bald sterben.«
-
-Der Propst blickte sie ganz erstaunt an.
-
-»Was fällt dir ein, Natascha? Gott behüte uns in Gnaden!«
-
-»Nein, Liebster, ich muß sterben. Ich lebe nur noch halb.«
-
-»Wer hat dir das gesagt?«
-
-»Wer mir's gesagt hat? Ich sehe alles nur halb.«
-
-Der Arzt kam, fühlte den Puls, besah die Zunge und sagte: »Nichts
-Besonderes, Erkältung und Übermüdung.«
-
-Tuberozow wollte ihm sagen, daß die Kranke alles nur halb sehe, aber er
-genierte sich.
-
-»Du hast sehr recht getan, es ihm nicht zu sagen,« meinte Natalia
-Nikolajewna, als er es ihr erzählte.
-
-»Siehst du wirklich alle Gegenstände nur halb?«
-
-»Ja! Ist das droben am Himmel der Mond?«
-
-»Freilich ist es der Mond, der auf uns zwei Alte durchs Fenster
-herabschaut!«
-
-»Und mir erscheint er wie ein Fischauge.«
-
-»Das kommt dir nur so vor, Natascha.«
-
-»Nein, es ist wirklich so, Vater Sawelij.«
-
-Um seine Frau von ihrem Irrtum zu überzeugen, nahm Tuberozow den
-verhängnisvollen Fünfundzwanzigrubelschein aus der Schachtel und zeigte
-ihn ihr.
-
-»Nun sag mal, was ist das?«
-
-»Zwölf und ein halber Rubel,« erwiderte Natalia Nikolajewna sanft.
-
-Tuberozow erschrak. Das war ihm unbegreiflich. Natalia Nikolajewna aber
-faßte lächelnd seine Hand und flüsterte, indem sie die Augen schloß:
-
-»Du scherzest und ich scherze auch. Ich habe wohl gesehen, daß das
-unser Schein war. Aber alles sieht winzig klein aus. Doch sobald ich
-die Augen zumache, seh' ich alles groß, riesengroß. Alle wachsen: du
-und Nikolai Afanasjewitsch, unser Freund, und der liebe Diakon Achilla,
-und Vater Zacharia ... Mir ist so wohl, so wohl, weckt mich nicht.«
-
-Und Natalia Nikolajewna entschlief für immer.
-
-
-
-
-Fünftes Buch.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-Nicht nur den Zwerg Nikolai Afanasjewitsch erschütterte die
-schauerliche Ruhe des Gesichtsausdrucks und der wackelnde Kopf
-Tuberozows, der langsam durch den tiefen Schlamm der ungepflasterten
-Straßen hinter dem Sarge seiner entschlafenen Gattin herging, sondern
-in dem großen und stummen Schmerz tiefangelegter Menschen liegt
-unzweifelhaft eine unwiderstehliche Kraft, die von allen empfunden
-wird und bei kleinen Naturen, welche gewohnt sind, ihr Weh in lauten
-Seufzern und Geschrei ausströmen zu lassen, Angst und Grauen erweckt.
-Das fühlte jetzt jeder, der irgend etwas mit dem verwaisten Greise
-zu tun gehabt hatte, dessen treue Gefährtin dahingegangen war. Als
-die Erdschollen an den Sargdeckel schlugen und der in den Bann getane
-Priester sich umwandte, um von dem hohen Erdhaufen herabzusteigen,
-traten alle Umstehenden zurück und gaben ihm den Weg frei, den er
-nun auch ganz allein mit entblößtem Haupte durch den ganzen Friedhof
-entlang schritt.
-
-Am Tor blieb er stehen, betete vor dem Heiligenbild der Kapelle, setzte
-seinen Hut auf und wandte sich noch einmal um. Erstaunt trat er zurück.
-Vor ihm stand der Zwerg Nikolai Afanasjewitsch, der von der Grabstätte
-an in einer Entfernung von zwei Schritt hinter ihm hergegangen war.
-
-Etwas wie Freude zuckte über das Gesicht des Propstes. Es tat ihm
-augenscheinlich wohl, seinem »alten Märchen« in einem so trüben
-Augenblick zu begegnen. Er wandte sich seitwärts den schwarzen Feldern
-zu, auf denen noch kümmerlich und frierend die Wintersaat sproßte, und
-aus seinen Augen fiel eine schwere Träne, einsam und schnell, wie ein
-Tropfen Quecksilber, und verlor sich in seinem grauen Barte, gleich
-einem im Walde verirrten Waisenkind.
-
-Der Zwerg bemerkte diese Träne. Er wußte, was sie bedeutete und schlug
-still ein Kreuz. Sie machte Sawelijs vom Übermaß des Schmerzes beengte
-Brust leicht. Er holte tief Atem, und als der Zwerg ihn aufforderte, in
-seinen Wagen zu steigen, erwiderte er:
-
-»Ja, Nikolascha, es ist gut, ich will mit dir fahren.«
-
-Schweigend fuhren sie dahin, bis der Wagen vor dem Häuschen des
-Gendarmen in der Klostervorstadt hielt. Tuberozow drückte dem Zwerg
-stumm die Hand und ging in seine Wohnung.
-
-Nikolai Afanasjewitsch folgte ihm nicht. Er empfand, daß Tuberozow
-jetzt allein sein wollte. Erst am Abend besuchte er den Witwer, und
-nachdem er eine Zeitlang dagesessen hatte, bat er um Tee unter dem
-Vorwande, daß ihn friere; in Wirklichkeit wollte er Sawelij von seinem
-Schmerz ablenken und das Gespräch auf den eigentlichen Zweck seines
-Besuchs bringen. Der Plan gelang vollkommen, und als Tuberozow den
-dampfenden Samowar hineingetragen hatte, die Tassen aus dem Schrank
-holte und sich anschickte, den Tee zu bereiten, begann der Zwerg
-leise zu erzählen, was sich in all der Zeit in Stargorod zugetragen.
-Schritt für Schritt ging er vorwärts, ließ einen Tag nach dem andern
-vorüberziehen, bis zu dem Augenblick, wo er hier am Teetisch saß. In
-diesem Bericht war natürlich sehr viel die Rede von der Betrübnis der
-Städter über das Mißgeschick des Propstes, den man so sehr vermißte und
-ganz zu verlieren fürchtete.
-
-Der Propst, der dem Zwerg anfangs ernst und ruhig, beinahe teilnahmlos
-zugehört hatte, wurde aufmerksamer, als die Rede auf das Verhalten
-der Gemeinde seiner Maßregelung gegenüber kam. Und als der Zwerg,
-nachdem er sich erst umgesehen hatte, mit gedämpfter Stimme zu erzählen
-fortfuhr, sie hätten im Namen der ganzen Gemeinde ein Gesuch aufgesetzt
-und unterzeichnet, und er, Nikolai Afanasjewitsch, hätte es von Achilla
-empfangen und auf seiner Brust verborgen, da zuckte die Unterlippe des
-Alten krampfhaft und er sagte:
-
-»Ein braves Volk. Ich danke.«
-
-»Ja, es ist brav, unser Volk, sogar sehr brav, aber es weiß noch nicht
-recht, wie es eine Sache anfangen soll.«
-
-»Finsternis, Finsternis über dem Abgrund ... doch über allem schwebt
-der Geist des Herrn,« sagte der Propst, seufzte tief und bat um das
-Papier, von dem der Zwerg gesprochen hatte.
-
-»Wozu braucht Ihr es denn, Vater Propst, dieses Papier?« fragte der
-Zwerg schlau lächelnd. »Morgen wird es dem überreicht, an den es
-gerichtet ist --«
-
-»Gib es mir, ich will es besehen.«
-
-Der Zwerg knöpfte seinen Rock auf, um seinen Brustbeutel herauszuholen,
-schien sich aber plötzlich auf etwas zu besinnen.
-
-»Nun, so gib doch her,« bat Sawelij.
-
-»Aber werdet Ihr ... werdet Ihr es nicht zerreißen, Vater Propst?«
-
-»Nein,« sagte Tuberozow fest, und als der Kleine ihm das Blatt
-hinreichte, das mit winzigen und riesengroßen, deutlichen und ganz
-unleserlichen Unterschriften bedeckt war, murmelte Sawelij andächtig:
-
-»Zerreißen? Dieses kostbare Dokument zerreißen? Nein, nein! Mit ihm ins
-Gefängnis; mit ihm ans Kreuz! In den Sarg sollt ihr es mir legen!«
-
-Und zum nicht geringen Entsetzen des Zwerges rollte er das Blatt
-schnell zusammen und verbarg es auf seiner Brust unter dem Leibrock.
-
-»Aber, Vater Propst, das soll doch eingereicht werden!«
-
-»Nein, das soll es nicht!«
-
-Ihm das Papier jetzt fortzunehmen, war unmöglich. Man konnte sicher
-sein, daß er sich eher von seinem Leben, als von diesem Blatt mit den
-kostbaren Krakelfüßen seiner Gemeinde trennen würde.
-
-Dies sah der Zwerg ein und versuchte vorsichtig, sich dem Gedankengang
-Sawelijs anzupassen. Er fing an davon zu reden, wie bedeutungsvoll und
-erfreulich dieses Eintreten der Gemeinde für ihren Pfarrer sei, und
-wies weiter darauf hin, daß der Wille der Gemeinde für jeden Einzelnen
-bindend und heilig sein müsse.
-
-»Sie weinen und wehklagen jetzt, Vater Propst, daß sie Euch nicht mehr
-sehen sollen.«
-
-»Das ist nicht zu ändern,« sagte der Propst seufzend. »Meine Tage sind
-ohnedies schon gezählt.«
-
-»Aber ich, Vater Propst? Wie steh' ich da? Was hat die Gemeinde mir
-anvertraut und womit kehr' ich zu ihr zurück?«
-
-Tuberozow stand auf, durchschritt ein paarmal sein enges Zimmerchen,
-blieb in der Ecke vor dem Heiligenbilde stehen, zog das Blatt wieder
-hervor, küßte es noch einmal und reichte es dann dem Zwerg mit den
-Worten:
-
-»Du hast recht, mein lieber Freund, tu, wie die Gemeinde dir befohlen.«
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Nikolai Afanasjewitsch hatte viel Mühe, um seinen Auftrag auszuführen,
-aber er war ebenso unermüdlich wie geschickt. Dieser kleine Abgesandte
-der großen Gemeinde kannte weder Ermattung noch Überstürzung. Wie eine
-Klette hängte er sich an alle, die ihm förderlich sein konnten, und
-ließ sie nicht los. Den Propst besuchte er allabendlich, doch erzählte
-er ihm nichts von seinen Bemühungen, und Sawelij selbst dachte nicht
-daran, ihn zu fragen. Inzwischen rückte aber die Sache so gut vorwärts,
-daß am neunten Tage nach dem Tode Natalia Nikolajewnas, als der Propst
-vom Friedhof gekommen war, der Zwerg zu ihm sagen konnte:
-
-»Nun, lieber Vater Propst, macht Euch zur Heimreise fertig. Man entläßt
-Euch.«
-
-»Der Wille des Herrn sei über mir,« erwiderte Tuberozow gleichgültig.
-
-»Man verlangt nur eines von Euch, Ihr sollt Euch schriftlich
-verpflichten, dieses hinfort nicht mehr zu tun.«
-
-»Gut; ich will's nicht mehr tun ... werde es nicht tun ... ich bin
-schwach und zu nichts mehr zu brauchen.«
-
-»Wollt Ihr Eure Unterschrift geben?«
-
-»Ja ... ich will ... ich bin bereit.«
-
-»Und dann bittet man noch ... Ihr sollt Euch schuldig bekennen und um
-Verzeihung bitten.«
-
-»Schuldig? Wessen beschuldigt man mich?«
-
-»Des Übermuts. Das heißt -- sie nennen es so: Übermut.«
-
-»Übermut? Ich war nie übermütig und habe stets auch andere, soviel ich
-vermochte, davon zurückgehalten. Ich kann mich also nicht einer Sünde
-schuldig bekennen, die ich nicht begangen habe.«
-
-»Aber sie nennen es so.«
-
-»So sage ich ihnen, daß ich mir keines Übermuts bewußt bin.«
-
-Tuberozow blieb stehen, hob den Zeigefinger der rechten Hand in die
-Höhe und rief:
-
-»Der Prophet ward nicht übermütig genannt, da er für den Herrn eiferte.
-Geh hin und sage ihnen: der Priester, den ihr in den Bann getan, läßt
-euch melden, daß der Eifer des Herrn ihn getrieben, und daß er, wie er
-als Eiferer geboren, so auch sterben werde. Und jetzt will ich kein
-Wort von Vergebung mehr hören.«
-
-Mit dieser kategorischen Antwort mußte der Fürsprecher sich entfernen,
-und wieder lief er von Tür zu Tür, bat, flehte, drohte sogar mit dem
-menschlichen und göttlichen Gericht, aber alles war vergeblich.
-
-Der Zwerg wurde krank und mußte sich zu Bett legen; die Unmöglichkeit,
-die Sache zum Austrag zu bringen, die er auf sich genommen, hatte die
-Kraft und die Geduld des eigenartigen Anwalts gebrochen.
-
-Nun tauschten die beiden Alten ihre Rollen, und wie bisher Nikolai
-Afanasjewitsch den Propst täglich besucht hatte, so wanderte jetzt
-Sawelij, wenn er die vorgeschriebene Menge Holz gesägt und die Vesper
-im Kloster mit angehört hatte, nach dem großen Plodomasowschen Hause,
-wo der Kranke in einem kleinen Hinterstübchen lag.
-
-Der arme Zwerg tat dem Propst unsagbar leid, er fühlte alle seine
-Schmerzen mit ihm und sagte seufzend:
-
-»Das hatte noch gefehlt, daß du um meinetwillen leiden mußtest.«
-
-»Ach, Vater Propst, was redet Ihr von mir altem Hasen? Wozu bin ich
-denn überhaupt noch auf der Welt? Denkt lieber an Euch, und an ihn,
-an Euren Hohepriester! Er +bittet+ Euch doch, daß Ihr Euch demütigt!
-Tröstet ihn, gebt nach, bittet um Vergebung.«
-
-»Ich kann nicht, Nikolai, ich kann nicht.«
-
-»Demütigt Euch.«
-
-»Ich demütige mich vor der Gewalt, aber was höher ist als die irdische
-Gewalt, das hat mehr Macht über mich ... Ich stehe unter dem Gesetz.
-Sirach hat es uns zur Pflicht gemacht, für die Ehre unseres Namens
-Sorge zu tragen, und der Apostel Paulus protestierte gegen die
-Mißachtung seiner Bürgerrechte; ich habe nicht das Recht, mich zu
-erniedrigen um einer Abbitte willen.«
-
-Der Zwerg gab alle Hoffnung auf und begann, sich zur Heimreise
-nach Stargorod zu rüsten. Sawelij widersetzte sich dem nicht; im
-Gegenteil, er riet ihm selbst, schneller abzureisen und gab ihm
-keinerlei Aufträge, was er daheim sagen oder antworten sollte. Bis
-zum letzten Augenblick, als er den Zwerg aus der Stadt hinaus bis zum
-Zollschlagbaum begleitete, bestand er auf seinem Willen und kehrte
-ruhig in die Stadt und auf den Klosterhof zurück, um sein Holz zu sägen.
-
-Der Kummer des Zwerges war grenzenlos. Er hatte ganz anders gehofft
-heimzukehren, und seine Gedanken umkreisten unablässig denselben
-Gegenstand. Plötzlich jedoch kam ihm Erleuchtung -- ein einfacher,
-klarer, rettender, glänzender Gedanke, wie sie dem Menschen nur selten
-kommen und fast immer so unverhofft, als würden sie ihm von oben
-gesandt.
-
-Etwa zehn Werst weit war der Zwerg gefahren, als er dem Kutscher
-befahl, wieder nach der Stadt zurückzukehren. Sofort begab er sich
-zu Sawelijs Vorgesetzten und bat flehentlich, man möge dem Propst
-+befehlen+, Abbitte zu tun.
-
-Da man des halsstarrigen alten Mannes lange überdrüssig war, erfüllte
-man seinen Wunsch ohne weiteres. Er erschien daher wieder bei Tuberozow
-und erklärte:
-
-»Nun, stolzer Vater Propst, Ihr wolltet Euch nicht bestimmen lassen, --
-jetzt habt Ihr's so weit gebracht, daß Ihr Euch der Strenge fügen müßt.
-Ich bin beauftragt, Euch mitzuteilen, daß die Obrigkeit Euch kraft der
-ihr zukommenden Gewalt befiehlt, Abbitte zu tun.«
-
-»Wo soll ich denn den Kniefall tun: hier, oder auf dem Marktplatz, oder
-in der Kirche?« fragte Tuberozow trocken. »Mir ist es gleich. Was man
-mir befiehlt, muß ich tun.«
-
-Der Zwerg antwortete, daß kein Mensch eine derartige Demütigung von ihm
-verlange; er habe schriftlich Abbitte zu leisten.
-
-Sofort setzte sich Tuberozow hin und schrieb das Gewünschte nieder. Als
-Überschrift wählte er die Worte: »Befohlenes ergebenstes Gesuch.«
-
-Der Zwerg bemerkte, daß das Wort »befohlen« hier ganz unpassend sei,
-jedoch Sawelij wies ihn energisch zurück:
-
-»Ich hoffe, man hat dich nicht noch beauftragt, mir Unterricht in der
-Logik zu erteilen. Ich habe genug davon im Seminar gelernt. Du sagtest,
-es würde mir befohlen, und also schreibe ich auch ›befohlenes Gesuch‹.«
-
-Die Sache endete damit, daß man den Vater Sawelij, um ihn endlich
-einmal los zu sein, ziehen ließ, weil aber sein ergebenstes Gesuch
-zugleich als »befohlenes« bezeichnet worden war, so erfolgte darauf der
-Bescheid, daß der Propst noch ein halbes Jahr lang keine Amtshandlungen
-ausüben dürfe.
-
-Sawelij nahm das sehr kühl auf, dankte allen, denen er Dank zu schulden
-glaubte, und reiste mit dem Zwerge nach Stargorod. Die lange, qualvolle
-Verbannung war vorüber.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Unterwegs redeten sie nicht viel, und immer nur war es der Zwerg,
-welcher anfing. Er wollte den Propst, der stumm mit den in alten
-Wildlederhandschuhen über den Knien gefalteten Händen dasaß, zerstreuen
-und erheitern. Nikolai Afanasjewitsch fing bald von diesem, bald von
-jenem an, Tuberozow jedoch schwieg oder gab nur ganz kurze Antworten.
-Der Kleine erzählte, wie die Gemeinde um den Propst geklagt und geweint
-hätte, wie die Postmeisterin ihren Mann verprügeln wollte und statt
-dessen den Lehrer verprügelt hätte, wie dieser, von der Biziukina
-verfolgt, aus der Stadt geflohen sei, aber der Alte schwieg und schwieg.
-
-Nikolai Afanasjewitsch sprach von Tuberozows Hause: es werde baufällig
-und müsse repariert werden.
-
-Seufzend meinte der Propst:
-
-»Für mich ist das alles nur Staub, und es ekelt mich, daß ich mein Herz
-daran hängen konnte.«
-
-Der Zwerg fing von Achilla an, der immer einen Zeitvertreib zu finden
-wisse: jetzt habe er z. B. ein Hündchen zu sich ins Haus genommen, das
-er noch blind am Flußufer ausgesetzt gefunden, und triebe immer neuen
-Spaß mit ihm.
-
-»Mag er doch, wenn es ihm Vergnügen macht,« sagte der Propst leise.
-
-Nikolai Afanasjewitsch fuhr lebhafter fort:
-
-»Ja, und es passieren ganz seltsame Geschichten mit diesem Hündchen,
-Vater Propst. Er hat diesen Hund, wie schon seine früheren, lachen
-gelehrt, und wenn er zu ihm sagt: ›Lache, mein Hündchen‹ -- dann zeigt
-es gleich die Zähnchen. Nun machte ihm aber der Gedanke Sorge, wie er
-das Tierchen nennen sollte.«
-
-»Als ob es dem Vieh nicht ganz gleichgültig sei, wie man es nennt,«
-sagte der Propst scheinbar gelangweilt.
-
-Aber der Zwerg hatte schon gemerkt, daß sein Gefährte den Geschichten
-vom Diakon Achilla mehr Teilnahme entgegenbrachte als seinen sonstigen
-Reden, und fuhr deshalb fort:
-
-»Man sollte es meinen. Aber dem Vater Diakon ist es nicht gleichgültig.
-Er ist nun mal so ein Charakter: hat er sich was in den Kopf gesetzt,
-dann hat er auch keine Ruhe mehr bei Tag und Nacht. ›Ich habe‹, sagt
-er, ›dies Hündlein bei einer besondern Gelegenheit in sehr erregter
-Stimmung heimgebracht, und ich will, daß es zur Erinnerung an diesen
-Tag auch einen besondern Namen habe, einen Namen, wie er sonst nicht
-vorkommt.‹«
-
-Der Propst lächelte.
-
-»So kam Vater Achilla eines Tages zu mir nach Plodomasowo geritten,
-hielt auf seinem Rosse vor meinem und meines Schwesterleins Fenstern
-an und rief mit Donnerstimme: ›Nikolascha! Heda, Nikolascha!‹ Ich
-dachte: ›Herrgott, was ist denn da passiert?‹ schaute zum Fenster
-hinaus und fragte: ›Ist am Ende dem Vater Sawelij noch etwas Schlimmes
-widerfahren, Vater Diakon?‹ -- ›Nein,‹ entgegnete er, ›nichts
-dergleichen, aber ich habe ein wichtiges Anliegen an dich, Nikolascha.
-Ich muß dich um Rat fragen.‹ -- ›Um was handelt sich's denn?‹ rief ich
-hinunter. ›Macht schnell, wertester Herr, denn mir wird's kalt, wenn
-ich so lange am offenen Fenster stehe. Ich vertrage das nicht.‹ --
-›Du hast dich‹, sagte er, ›von klein auf in herrschaftlichen Häusern
-umgetan und mußt alle Hundenamen wissen.‹ -- ›Da verlangt Ihr zu viel,‹
-sagte ich. ›Ein jeder nennt seinen Hund so, wie's ihm paßt.‹ -- ›Na
-also,‹ schrie er zurück, ›dann leg mal los!‹ -- Ich antwortete, der
-Name richte sich doch meistens nach der Rasse. Die Windspiele nenne man
-›Mylord‹, unsere einfachen Hunde ›Barbos‹, die englischen ›Fanny‹, die
-kurländischen ›Charlotte‹ ... ›Aber‹, unterbrach mich der Vater Diakon,
-›du sollst mir einen Namen nennen, der sonst nirgends vorkommt. Du mußt
-einen solchen wissen!‹ ›Herrgott, wie beruhige ich den Menschen nur?‹
-dachte ich.«
-
-»Nun, und was hast du schließlich gemacht?« fragte Tuberozow neugierig.
-
-»Ich fror derart am offenen Fenster, daß ich, nur um ihn schneller
-loszuwerden, meinte: ›Ich kenne noch einen Hundenamen, werter Herr,
-aber ich habe nicht den Mut, ihn Euch zu sagen.‹ -- ›Tut nichts,‹
-schrie er, ›sag ihn ruhig!‹ -- ›Ich kannte einen Herrn, dessen Hund
-hieß Wiesie.‹ Vater Achilla machte ein ganz verdutztes Gesicht. ›Was
-ist das für Unsinn, du bist wohl verrückt geworden?‹ -- ›Nein,‹ sagte
-ich, ›verrückt bin ich nicht, ich weiß nur ganz genau, daß in Moskau
-ein Fürst einen Hund hatte, der hieß Wiesie.‹ Achilla Andrejewitsch
-geriet nun in fürchterliche Wut, gab seinem Pferd die Sporen, ritt
-hart an die Mauer heran und schrie: ›Wie darfst du alter schamloser
-Kerl solche Dinge reden? Weißt du nicht, daß ich einen christlichen
-Namen trage und daß ich ein Diener des Altars bin?‹ Mit Müh und Not
-konnte ich ihn beruhigen, Vater Propst, und ihm erklären, was es mit
-dem Wiesie für eine Bewandtnis hatte. Darauf schwang er sich auf sein
-Pferd, holte das Hündchen aus seinem Pelz, wo er es verborgen gehalten
-hatte, heraus und rief: ›Guten Tag, Wiesiechen!‹ Und sprengte fröhlich
-von dannen.«
-
-»Das große Kind!« sagte Sawelij lächelnd.
-
-»Ja, er muß immer spaßen.«
-
-»Tadele ihn nicht. Das Kind muß sein Spielzeug haben, damit es nicht
-weint. Er hat eine schwere Last zu tragen. Rundherum liegt alles in
-tiefstem Schlaf und in ihm brennen tausend Leben.«
-
-»Sehr richtig. Ich kann mir auch gar nicht denken, wie er einmal
-sterben wird.«
-
-»Ich auch nicht,« meinte der Propst lächelnd. »Er ist die verkörperte
-Verneinung des Todes. Was aber wurde weiter aus dem Wiesie?«
-
-»Ja, was meint Ihr wohl? Seinetwegen gab es noch Zank und Streit ohne
-Ende. Es konnte ja auch gar nicht anders sein. Der Vater Diakon hatte
-sich nämlich folgendes angewöhnt: Wenn er besonders große Sehnsucht
-nach Euch bekam, nahm er sein Wiesiechen auf den Arm und begab sich
-zur Poststation. Dort setzte er sich vor die Tür und wartete. Kaum
-zeigte sich nun ein vornehmer Reisender oder eine Dame, so sagte er
-gleich: ›Lache, mein Hündchen!‹ Und das kleine Vieh lachte. Das machte
-den Reisenden Spaß und sie fragten: ›Wie heißt denn das Hündchen, Herr
-Pfarrer?‹ Er antwortete: ›Ich bin kein Pfarrer, sondern bloß Diakon,
-meinen Pfarrer haben die Hunde gefressen.‹ ›Wie heißt denn aber das
-Hündchen?‹ fragten sie erneut. ›Das Hündchen, das heißt Wiesie.‹ Auf
-diese Weise geriet er mit allen in Streit. ›Ich will sie so alle ins
-Gesicht Hunde nennen,‹ sagte er, ›und der Friedensrichter kann mir doch
-nichts anhaben.‹ So nimmt er Rache für Euch, Vater Sawelij; aber was er
-eigentlich damit erreicht, das bedenkt er gar nicht. Dem Vater Zacharia
-ist es seinetwegen schon einmal schlimm ergangen: der Propst sah den
-Hund bei ihm und fragte, wie er hieße. ›Er heißt Wiesie, Hochwürden‹ --
-sagte Zacharia und zog sich einen ernsten Verweis zu.«
-
-Sawelij lachte Tränen. »Dieser ehrliche Zacharia ist köstlich. Ein
-Gefäß Gottes und ein Beter, wie ich keinen zweiten gesehen. Ich sehne
-mich, ihn wieder zu umarmen.«
-
-Von der Anhöhe, welche die Reisenden jetzt erreichten, ward plötzlich
-die ganze Stadt sichtbar, diese alte, eigentümliche Stadt, die für
-Tuberozow so viele Erinnerungen barg; sie überkamen den Alten mit einer
-solchen Macht, daß er sich zurücklehnen und die Augen schließen mußte,
-als hätte ihn zu grelles Sonnenlicht geblendet.
-
-Sie ließen den Kutscher langsamer fahren, denn erst, wenn es dämmerte,
-wollten sie in der Stadt sein. Als sie im Halbdunkel mit dem eisernen
-Ring gegen das wohlbekannte Tor schlugen, ertönte von innen Achillas
-Stimme: »Wer da?« Tuberozow wischte sich eine Träne aus dem Auge und
-bekreuzigte sich.
-
-»Wer denn sonst als ich und Vater Sawelij,« antwortete der Zwerg.
-
-Der Diakon schrie laut auf, flog die Verandastufen herunter, öffnete
-das Tor weit, rollte wie eine Lawine in den Wagen hinein und
-umklammerte den Hals des Propstes.
-
-So saßen beide umarmt im Wagen und schluchzten lange und bitterlich,
-während der Zwerg daneben stand und seine sanften, befreienden Tränen
-leise mit der kleinen, frosterstarrten Faust wegwischte.
-
-Als der Diakon sich ausgeweint hatte, fing er an zu sprechen. Beinahe
-hätte er nach Natalia Nikolajewna gefragt, aber er besann sich noch im
-rechten Augenblick und gab dem Gespräch schnell eine andere Wendung,
-indem er dem Propst das Hündchen zeigte, das zu seinen Füßen spielte.
-
-»Das ist mein neuer Hund, Vater Propst, mein Wiesiechen. Ein ganz
-famoses Vieh. Wir brauchen bloß zu befehlen, dann lacht er. Was sollen
-wir wegen unnützer Dinge Trübsal blasen!«
-
-»Wegen unnützer Dinge!« klang es unerträglich schmerzvoll in Vater
-Sawelijs Herzen nach, aber er sprach die Worte nicht aus, sondern
-drückte nur des Diakons Hand, so fest er konnte.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Als der Propst sein Haus betreten hatte, dessen einziger Bewohner und
-Herr so lange Zeit der Diakon Achilla gewesen war, küßte er den wilden
-Riesen auf den trockenen Scheitel seines Lockenkopfes, ging dann mit
-ihm durch alle Zimmer, machte das Zeichen des Kreuzes über dem leeren,
-verwaisten Bettchen Natalia Nikolajewnas und sprach:
-
-»Nun, alter Freund, jetzt hat es wohl keinen Sinn mehr, daß wir uns
-wieder trennen? Bleiben wir zusammen.«
-
-»Mit tausend Freuden. Ich hatte es mir selbst auch schon so gedacht,«
-entgegnete Achilla und schloß den Propst wieder in seine Arme.
-
-So hausten sie denn zu zwei hier. Achilla sang in der Kirche und sorgte
-für die Wirtschaft, Tuberozow saß zu Hause, las seinen John Bunian,
-dachte und betete.
-
-Er lebte das intensive, konzentrierte Leben eines Geistes, der mit sich
-selbst ins Reine zu kommen sucht.
-
-Achilla hielt ihm alle kleinen Alltagssorgen fern und gab dem Alten die
-Möglichkeit, ganz und gar der innern Sammlung zu leben.
-
-Aber dieses Glück sollte nicht lange dauern. Dem Diakon ward eine
-große Ehre zuteil: der Bischof, der zur Session des Heiligen Synods
-berufen war, nahm ihn mit nach Petersburg, weil der Protodiakon der
-Gouvernementskathedrale erkrankt war.
-
-Der Abschied des Diakons von Tuberozow war rührend. Achilla, der in
-seinem Leben noch keinen Brief geschrieben hatte, nicht wußte, wie man
-einen schreibt noch absendet, erklärte nicht nur, daß er dem Propst
-regelmäßig schreiben werde, sondern er tat es auch wirklich.
-
-Seine Briefe waren ebenso eigenartig und seltsam wie seine ganze
-Denk- und Lebensweise. Zuerst erhielt Tuberozow einen Brief aus der
-Gouvernementsstadt, und in diesem Brief, dessen Umschlag die Aufschrift
-trug: »An den Vater Propst Tuberozow geheim und eigenhändig«, meldete
-Achilla, daß er während seines Aufenthaltes im Kloster für Tuberozow
-Rache an dem Zensor Troadij genommen habe: er habe dem Kater des
-Zensors eine Wurst auf den Rücken gebunden mit der Aufschrift:
-
- »Diese Wurst bring ich, der Kater,
- Meinem Herrn, dem frommen Vater«
-
-und ihn in den Klosterhof laufen lassen.
-
-Einen Monat später schrieb Achilla aus Moskau, wie sehr ihm die Stadt
-gefallen hätte; doch seien die Leute dort gar arglistig, insbesondere
-die Kirchensänger, die ihn zweimal aufgefordert hätten, mit ihnen
-Blachdnublach zu trinken, er aber habe »aus der Praxis wohl wissend,
-was sothanes Blachdnublach zu bedeuten habe, sich ob dieser ihrer
-Sängerfrechheit nicht wenig verwundert«.
-
-Einige Zeit später schrieb er aus Petersburg:
-
-»Mein vielgeliebter Freund und Euer Hochwürden Vater Sawelij. Freuet
-Euch. Ich lebe herrlich im Klostergasthof, in dem es freilich an
-Versuchungen jeglicher Art nicht fehlt, denn es geht hier fast ebenso
-zu, wie mitten im Lärm der großen Stadt. Und doch sehne ich mich sehr
-nach Euch. Wenn wir zusammen hier wären, könnten wir gemeinschaftlich
-viel schöner und mit viel mehr Freude alles bewundern. Eure weisen
-Ratschläge habe ich mir wohl gemerkt und werde von allen mit größter
-Achtung behandelt, was Euch ja das Moskauer Blachdnublach beweist,
-welches mitzutrinken ich mich weigerte. Ich trinke nur ganz wenig,
-und auch nur deshalb, weil ich sonst fürchte, gute Bekanntschaft zu
-verlieren. An Schönem ist hier kein Mangel, bloß einen richtigen
-Diakon, wie man ihn sich bei uns wünscht, habe ich noch nicht
-gefunden. Alle sind sie Tenöre, die nach unsern Begriffen nur zu
-Friedhofsgottesdiensten zu brauchen wären, und obgleich einige sich
-sehr aufspielen, so sind sie doch an Gestalt im Vergleich zu uns gar
-jämmerlich und ihr Gesang ist ein halbes Sprechen, wobei sie nicht
-mal die richtige Note treffen, und die Sänger mit ihnen gar nicht
-ordentlich zurechtkommen können. Ich aber, der ich mein Handwerk
-kenne, mache ihre Mode nicht mit, sondern singe die Messe so, wie
-ich es gewohnt bin, und, obgleich ich ein Fremder bin, hat mich die
-Kaufmannschaft doch aufgefordert, beim Dankgottesdienst vor der
-Markthalle mitzusingen, und ich habe dafür, außer der Renumeration
-in barem Gelde, noch drei Tücher aus Seidenfoulard erhalten, wie Ihr
-sie so gerne habt und welche ich Euch als Gastgeschenk mitzubringen
-gedenke. Wohl bekomm's! Langeweile habe ich oft. Man bekommt hier
-meistens Kaffee vorgesetzt. Wegen der weiten Entfernungen mache ich
-nur wenig Besuche. Fast alle wohnen in Nebenstraßen; und da ich auf
-dem Imperial fahre, komme ich in keine Nebenstraßen hinein. Doch Ihr
-als Provinzler werdet das gar nicht verstehen: man sitzt wie auf einem
-Hause, hoch oben auf dem Dache, und wenn man von da hinunter will, so
-muß man sehr gewandt sein, um abspringen zu können. Dem weiblichen
-Geschlecht ist dieses wegen seiner Kleidung überhaupt nicht gestattet.
-Die Droschkenkutscher aber sind hier, wie ich bemerke, große Spötter.
-Und wenn einer von uns geistlichen Personen einen mieten will und er
-bietet einen niedrigen Preis, dann schreien gleich alle andern: ›Mit
-dem sollt Ihr nicht fahren, Vater, der hat erst gestern einen Priester
-in den Schmutz fallen lassen.‹ Deshalb lasse ich mich mit ihnen lieber
-nicht ein. Unsern Warnawa habe ich einmal getroffen, sprach ihn aber
-nicht. Denn wir fuhren aneinander im Imperial vorüber, und ich konnte
-ihm nur von ferne drohen. Im übrigen sieht er halb krepiert aus. Was
-Euer Unglück betrifft, daß Ihr noch unter dem Bann steht und nicht für
-Euch in der Messe beten könnt, so grämt Euch deshalb nicht. Ich habe
-das alles wohl überlegt und eingerichtet und der Allmächtige sieht
-es. Seid getrost: Wenn Ihr auch für Euch selbst im Kreisstadttempel
-nicht beten könnt, in der Residenz ist ein Mann, durch den steigt
-das Gebet für Euch zum Himmel empor, -- aus der Kasankathedrale, wo
-der Erretter des Vaterlandes, der durchlauchtigste Fürst Kutusow,
-beigesetzt ist, und aus der Isaakskathedrale, die von außen ganz von
-Marmor ist. Und dieser Beter in der Residenz bin ich, denn sobald ich
-die große Fürbitte verlesen habe, so verkünde ich laut die Namen, die
-mir vorgeschrieben sind, aber heimlich flüsternd nenne ich still für
-mich auch Deinen Namen, mein Freund Vater Sawelij, und sende mein
-allerheißestes Gebet für Dich zum Höchsten hinauf, und klage ihm, wie
-Du vor aller Welt von Deinen Vorgesetzten gekränkt worden bist. Und ich
-bitte Euch noch ganz besonders, nicht mehr an jenes Wort, Eure Tage
-seien gezählt, zu denken, es nicht auszusprechen, denn das wäre für
-mich und den Vater Zacharia über alle Maßen schmerzlich, und ich würde
-Dich, auf Ehrenwort, nur ganz kurze Zeit überleben.«
-
-Unterzeichnet war der Brief: »Zeitweiliger Residenzstellvertreter
-des Protodiakons seiner Parochie, Diakon am Dom zu Stargorod Achilla
-Desnitzyn.«
-
-Es kam noch ein zweiter Brief von Achilla, in dem er berichtete, daß er
-»durch einen glücklichen Zufall doch mit Prepotenskij zusammengekommen
-sei und sich mit ihm wegen der vergangenen Dinge habe schlagen wollen;
-daß die Sache aber eine ganz andere Wendung genommen habe und er sogar
-in seiner Redaktion gewesen sei.« Denn Warnawa war jetzt Redakteur und
-Achilla hatte verschiedene »Literaten« bei ihm getroffen und sich mit
-ihm ausgesöhnt. Als Grund zu dieser Versöhnung wurde angegeben, Warnawa
-(nach Achillas Behauptung) sei ein sehr unglücklicher Mensch geworden,
-weil er sich kürzlich mit einer Petersburger jungen Dame verheiratet
-hätte, die weit strenger wäre, als jede ältere Frau, und immer gegen
-die Ehe spreche. Auch solle sie Warnawa häufig prügeln. Er wäre gar
-nicht mehr so wie früher: »Er hat mir selber offen eingestanden, wenn
-er nicht eine solche große Angst vor seiner Frau hätte, so würde
-er in seiner Zeitung sogar für den lieben Gott eintreten; und dann
-schimpft er fürchterlich auf die Frau Biziukina und insonderlich den
-Herrn Termosesow, der sich anfangs hier sehr gut eingerichtet hatte
-und ein hohes Gehalt bezog im Geheimdienst, indem er ehrliche Leute
-auszukundschaften hatte. Aber der böse Feind verführte ihn durch seine
-Habsucht: er fing an falsches Papiergeld in Umlauf zu bringen, und nun
-sitzt er im Gefängnis.« Am meisten aber rühmte Achilla sich dessen, daß
-er eine Theatervorstellung mit angesehen habe. »Einmal (schrieb er)
-bin ich mit den Kirchensängern in bürgerlichem Gewande auf die höchste
-Galerie zur Oper ›Das Leben für den Zaren‹ gegangen, und habe nachher
-von dem schönen Gesang fast die ganze Nacht vor Entzücken weinen
-müssen. Ein andermal bin ich dann, wiederum als Zivilist verkleidet,
-hingegangen, den König Achilla selber zu sehen. Aber mit mir hatte
-er auch nicht die geringste Ähnlichkeit: Es kam ein Komödiant
-herausstolziert, ganz in Gold gepanzert, und klagte über seine Ferse.
-Hätte man mir solch eine Montur angezogen, ich hätte es viel dröhnender
-gemacht. Das andere Spiel aber ist ganz heidnisch mit einer Offenheit
-bis hierher, und auf einen Witwer oder einzelnstehenden Mann wirkt das
-äußerst beunruhigend.«
-
-Und dann kam endlich noch ein dritter Brief, in dem Achilla
-meldete, er käme jetzt bald zurück, und an einem trüben Herbsttag
-erschien er plötzlich bei Tuberozow, strahlend, als brächte er eine
-Freudenbotschaft.
-
-Sawelij begrüßte ihn und lief sofort auf die Straße, um die
-Fensterläden zu schließen, weil kein Neugieriger von der Heimkehr des
-Diakons erfahren sollte.
-
-Ihre Unterredung dauerte sehr lange. Achilla trank in der Zeit einen
-ganzen Samowar leer, Vater Tuberozow aber füllte seine Tasse immer von
-neuem und sagte:
-
-»Trink nur, Lieber, trink nur noch,« -- und wenn Achilla die Tasse
-geleert hatte, meinte der Propst: »Nun erzähle weiter, Freund, was hast
-du noch alles gesehen und erlebt?«
-
-Und Achilla erzählte. Gott weiß, woher er das alles hatte, -- Wichtiges
-und Unwichtiges bunt durcheinander. Was aber den Vater Sawelij am
-meisten wunderte, waren die vielen seltsamen Worte, die Achilla
-erbarmungslos in seine Rede mengte, mochten sie passen oder nicht,
-Ausdrücke, wie er sie vor seiner Petersburger Reise nicht nur nie
-gebraucht, sondern wohl auch gar nicht gekannt hatte.
-
-So fing er zum Beispiel plötzlich ganz unvermittelt an: »Denk
-dir einmal, Vater Sawelij, diese Kumbination ...« (Das ›u‹ wurde
-unbarmherzig scharf betont.)
-
-Oder:
-
-»Wie er mir das sagte, da sah ich ihn an und antwortete: ›Nein, mein
-Bester, ~je vous perdu~! Das wäre mir gerade der rechte Türlütütü!‹«
-
-Mit welch großer Teilnahme Vater Tuberozow auch seinem Diakon zuhörte,
--- als diese und ähnliche Ausdrücke sich immer häufiger wiederholten,
-runzelte er die Stirn und rief endlich ungeduldig:
-
-»Was soll das eigentlich? Wo hast du all diese dummen Redensarten
-gelernt?«
-
-Aber der begeisterte Achilla war so eifrig dabei, dem Propst alle seine
-aus der Residenz mitgebrachten Herrlichkeiten zu zeigen, daß er auch
-vor den tollsten Wortbildungen nicht zurückschreckte.
-
-»Hab' nur keine Furcht, guter Vater Sawelij, solche Worte haben nichts
-zu sagen -- sie sind nicht verboten.«
-
-»Wieso nichts zu sagen? Sie klingen häßlich.«
-
-»Ihr seid sie nur nicht gewohnt. Mir kann man jetzt sagen, was man
-will. Es ist alles Quatsch mit Sauce.«
-
-»Schon wieder!«
-
-»Was denn?«
-
-»Was hast du da wieder für ein gemeines Wort gebraucht?«
-
-»Quatsch mit Sauce!«
-
-»Pfui!«
-
-»Was ist denn dabei? Alle Literaten gebrauchen es.«
-
-»Mögen sie es tun, in der Residenz sind sie eben so feine Herrschaften;
-da geht's nicht ohne Sauce. Wir einfachen Leute aber haben an dem
-Quatsch allein schon mehr als genug. Meinst du nicht?«
-
-»Sehr richtig,« sagte Achilla und fügte nach einigem Nachdenken hinzu,
-er fände eigentlich auch, daß Quatsch ohne Sauce viel besser klinge.
-
-»Denkt einmal,« widerlegte er sich selbst, »wenn unsereins einen
-Quatsch zum Besten gibt, dann lacht alles; aber die Leute geben gleich
-auch noch eine scharfe Sauce hinzu -- zum Beispiel, es gebe keinen Gott
-oder ähnliche Torheiten, so daß einem angst und bange wird, und nachher
-gibt's dann allemal Zank und Streit.«
-
-»Es muß einem dabei immer angst werden,« flüsterte Tuberozow.
-
-»So streng darf man auch nicht sein, Vater Sawelij. Wenn sie's einem
-beweisen -- wo soll man dann hin?«
-
-»Was beweisen? Was redest du da? Was hat man dir bewiesen? Daß es
-keinen Gott gibt?«
-
-»Ja, Vater Sawelij, das hat man mir bewiesen ...«
-
-»Was faselst du da, Achilla? Du bist doch ein ehrlicher Kerl und
-Christ! Bekreuzige dich! Was hast du da gesagt?!«
-
-»Was soll man denn machen? Ich bin ja selbst nicht froh. Aber gegen ein
-Faktum kann man nicht ankämpfen.«
-
-»Was für ein Faktum? Was hast du denn entdeckt?«
-
-»Ach, Vater Sawelij, was soll ich Euch ärgern? Lest Ihr nur Euren
-Bunian und glaubt in Eurer Einfalt, wie Ihr bisher geglaubt habt.«
-
-»Laß du meinen Bunian in Ruh und kümmere dich nicht um meine Einfalt.
-Bedenke nur, wie du dich selbst bloßstellst!«
-
-»Was soll man machen? Es ist ein Faktum!« erwiderte Achilla seufzend.
-
-Tuberozow stand erregt auf und verlangte, Achilla solle ihm sofort das
-Faktum nennen, auf das sich sein Zweifel an der Existenz Gottes gründe.
-
-»Dieses Faktum hüpft auf jedem Menschen herum,« antwortete der Diakon
-und erklärte dann, er meine damit den Floh. Einen Floh könne jeder aus
-Sägespänen hervorbringen, und also hätte auch die Welt von selbst
-entstehen können.
-
-Auf dieses naive und offenherzige Geständnis wußte Tuberozow zuerst
-gar nichts zu erwidern, Achilla aber begann nun, nachdem das
-Gespräch einmal diese Wendung genommen hatte, seine Petersburger
-Aufklärungsideen weiter zu entwickeln.
-
-»Wozu arbeitet der Mensch? Um des Essens willen. Er möchte satt sein
-und keinen Hunger leiden. Wenn wir nicht essen müßten, würden wir
-überhaupt nichts tun. Man nennt das den Kampf ums Dasein. Ohne den gäb'
-es gar nichts.«
-
-»Nun sieh mal,« sagte Tuberozow, »Gott hat das alles gar nicht nötig
-gehabt und hat doch die Welt geschaffen.«
-
-»Das ist wahr,« sagte der Diakon, »Gott hat sie geschaffen.«
-
-»Wie kannst du ihn dann aber leugnen?«
-
-»Ich leugne ja gar nicht,« antwortete Achilla, »ich sage nur, daß,
-wenn man vom Faktum ausgeht, so kann, wie der Floh aus Sägespänen, die
-Welt auch aus sich selbst heraus entstanden sein. Ihr Gott ist, heißt
-es, der »Sauerstoff«. Aber der Teufel mag wissen, was das wieder für
-ein Stoff ist! Und nun seht einmal: wenn Ihr das wieder von der andern
-Seite betrachtet habt, versteh ich rein gar nichts mehr.«
-
-»Wo ist denn dein Sauerstoff hergekommen?«
-
-»Ich weiß nicht ... Lassen wir das lieber, Vater Sawelij.«
-
-»Nein, das kann ich nicht. Es muß wieder heraus aus dir. Also sag'
-einmal: wo hat er seinen Anfang, dein Sauerstoff?«
-
-»Bei Gott, ich weiß es nicht, Vater Sawelij! Laßt es doch, Liebster!«
-
-»Vielleicht ist dieser Sauerstoff ohne Anfang?«
-
-»Das mag der Teufel wissen! Der soll ihn überhaupt holen!«
-
-»Und er hat auch kein Ende?«
-
-»Vater Sawelij! ... Was geht uns dieser verfluchte Sauerstoff an? Mag
-er doch ohne Anfang und ohne Ende sein! Was kümmert's uns?«
-
-»Begreifst du, was das heißt: ohne Anfang und ohne Ende?«
-
-Achilla erwiderte, er begreife es, und fuhr mit lauter Stimme fort:
-
-»Es ist ein Gott, der in der Dreifaltigkeit angebetet wird, der ewig
-ist, nicht Anfang noch Ende seines Seins hat, sondern immer war, ist
-und sein wird.«
-
-»Amen,« sagte Sawelij lächelnd, und immer noch lächelnd stand er auf,
-faßte freundlich Achillas Hand und sagte:
-
-»Komm, ich will dir etwas zeigen.«
-
-»Gerne,« erwiderte der Diakon.
-
-Und Hand in Hand gingen sie aus dem Zimmer, durchschritten den ganzen
-Hof und blieben schließlich in der Mitte des mit glänzendem frischen
-Schnee bedeckten Gemüsegartens stehen. Der Alte zeigte dem Diakon das
-Kreuz des Doms, wo sie so lange Zeit zusammen vor dem Altar gestanden
-hatten; dann richtete er immer noch schweigend den Zeigefinger abwärts
-und sagte streng:
-
-»Falle nieder und bete!«
-
-Achilla kniete nieder.
-
-»Sprich: Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig,« sagte Sawelij
-und beugte sich selbst als erster zur Erde.
-
-Achilla seufzte und folgte seinem Beispiel. In der feierlichen Stille
-der Mitternacht, im weißen, monderhellten, einsamen Garten stand er
-da und immer wieder schlug er mit der heißen Stirn gegen den kalten
-Schnee, und tiefe Seufzer wechselten mit der süßen Klage des Bußgebets:
-»Herr, reinige mich Sünder und sei mir gnädig« -- und dazwischen klang
-die Stimme des Propstes, der die zweite Bitte sprach: »Herr, gehe nicht
-ins Gericht mit deinem Knecht.« Der Prediger und der Büßer beteten
-zusammen.
-
-Wie groß war doch der Unterschied zwischen diesem Achilla und jenem,
-den wir einst in der Morgenröte pfeifend auf flammendem Roß durchs
-Wasser reiten sahen!
-
-Jener Achilla war wie ein frischer Morgen nach nächtlichem Regen,
-dieser flimmert wie Sonnenuntergang nach einem stürmischen Tage.
-
-Während Achilla betete, saß Tuberozow in seinem leichten grauen
-Leibrock auf der Bank vor dem Badehause und zählte, mit dem Kopfe
-wackelnd, die Verbeugungen Achillas. Als er so viele abgezählt hatte,
-wie ihm nötig schien, stand er auf, faßte den Diakon an der Hand und
-friedlich gingen sie wieder in das Haus zurück. Aber ehe er sich zu
-Bett legte, trat der Diakon noch einmal zu Tuberozow heran und sagte:
-
-»Wißt Ihr, Vater Propst, als ich betete ...«
-
-»Nun?«
-
-»Da war es mir, als ob die Erde erbebte.«
-
-»Gesegnet sei der Herr, daß er dir ein solches Gebet gab! Geh jetzt,
-leg dich nieder und schlafe in Frieden,« antwortete der Propst und
-beide schliefen friedlich ein.
-
-Aber als Achilla am nächsten Morgen erwachte, da hatte er ein Gefühl,
-als wäre er aus sich selbst herausgekommen, als hätte er unversehens
-etwas fortgeworfen und etwas anderes dafür gefunden. Etwas, das schwer
-zu tragen war und wovon man sich doch nicht trennen konnte und nicht
-wollte.
-
-Es war der Strom des lebendigen, rettenden Glaubens, der die verwirrte,
-bebende Seele überflutete.
-
-Sie mußte krank werden und sterben, um auferstehen zu können, und diese
-heilige Arbeit war in vollem Gange.
-
-Der törichte Achilla war weise geworden, er suchte die Stille, und
-eines Tages, als er sich schon etwas gefestigt fühlte, fragte er den
-Propst:
-
-»Sage mir, du gewaltiger Greis, wie soll ich mit mir zurechtkommen,
-wenn Gottes Wille es so fügt, daß ich, sei's auch nur für kurze Zeit,
-allein bleibe? Bisher war ich stolz auf meine Kraft, aber nun bin ich
-andern Sinnes geworden und weiß, daß ich mich nicht auf sie verlassen
-kann.«
-
-»Ja, du warst groß und stark, aber auch dir naht die Stunde, da
-nicht mehr du dich selbst, sondern da ein anderer dich gürten wird,«
-erwiderte Sawelij.
-
-»Aber auf meine Vernunft ist noch weniger Verlaß als auf die Kraft,
-denn Ihr wißt ja, wie leicht ich irre werde.«
-
-»Vertrau auf dein Herz, es schlägt treu und wahr.«
-
-»Was aber soll ich sagen, wenn ich einmal Rede stehen muß? Mein Herz
-ist ja stumm.«
-
-»Lausche nur, so wirst du wohl hören, was es leise zu dir flüstert.
-Aber die Flöhe, die von der schmutzigen Erde auf dich hüpfen, die
-schüttle ab.«
-
-Achilla legte die Hand aufs Herz und ging. »Wie soll das zugehen?«
-dachte er, und eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er bald, sehr
-bald allein sein, daß all seine Kraft ihn verlassen und »ein anderer
-ihn gürten« werde.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Die dunkeln, bangen Ahnungen des Diakons gingen in Erfüllung: der
-schwächliche, durch die Ereignisse hart mitgenommene alte Propst
-gehörte kaum noch dieser Welt an. Er erkältete sich nachts beim Zählen
-der Verbeugungen, die der Diakon auf seinen Befehl zu machen hatte,
-und wurde krank. Er litt nur wenig Schmerzen, fühlte aber, daß der Tod
-schon die Arme nach ihm ausstreckte.
-
-Und nur eins tat ihm weh: daß der Bann immer noch nicht von ihm
-genommen war. Achilla verstand dies sehr wohl und wußte auch, was den
-Alten dabei am meisten betrübte.
-
-Tuberozow wollte nicht als Gemaßregelter sterben. Er wollte vor den
-himmlischen Richter als ein von der irdischen Gewalt Freigesprochener
-treten. Er diktierte dem Diakon einen Brief, in dem er der geistlichen
-Behörde von seiner Krankheit Mitteilung machte und in rührenden Worten
-bat, man solle ihm die Gnade erweisen und die Frist des ihm auferlegten
-Bannes verkürzen. Der Brief wurde abgesandt, blieb aber unbeantwortet.
-
-All seine Kraft, alles, was ihm lieb und teuer war, hätte Achilla
-freudig hingegeben, um diesen Schmerz von der Seele Tuberozows zu
-nehmen, aber es lag nicht in seiner Macht, auch war es schon zu spät.
-Der Todesengel schwebte bereits zu Häupten seines Bettes, um die
-scheidende Seele zu empfangen.
-
-Einige Tage später stand Achilla weinend in einer Ecke des
-Krankenzimmers und blickte auf den Vater Zacharia, der, tief über den
-Sterbenden gebeugt, dessen letzte geflüsterte Beichte entgegennahm.
-Doch was bedeutete das? Was für eine Sünde belastete das Gewissen
-des greisen Sawelij, daß der Vater Benefaktow plötzlich in so große
-Aufregung geriet? Er schien sogar völlig vergessen zu haben, daß er
-eine Sakramentshandlung vollzog, die keinerlei Zeugen duldet, denn er
-verlangte mit lauter Stimme, Vater Sawelij solle irgend jemandem irgend
-etwas vergeben! Was machte den Vater Sawelij am Rande des Grabes so
-unbeugsam?
-
-»Sei friedfertig! Sei friedfertig! Vergib!« drängte Zacharia sanft,
-aber fest. »Wenn du nicht vergibst, kann ich dir keine Absolution
-erteilen.«
-
-Der arme Achilla zitterte am ganzen Leibe und lauschte mit stockendem
-Herzschlag auf jedes Wort.
-
-»Im Namen des lebendigen Gottes flehe ich dich an, solange du noch am
-Leben ...« rief Zacharia mit lauter Stimme und stockte plötzlich, ohne
-den Satz zu Ende bringen zu können.
-
-Der Sterbende richtete sich krampfhaft empor, fiel wieder zurück, hob
-die Hand, um sich zu bekreuzigen, und nachdem er dies getan, sprach er
-langsam und mit großer Anstrengung:
-
-»Als Christ ... vergebe ich ihnen die Schmach, die sie mir angetan ...
-aber daß sie, nur auf den toten Buchstaben bedacht ... daß sie hier ...
-Gottes lebendiges Werk zugrunde richten ...«
-
-Der Augenblick wurde immer ernster und feierlicher. Es knackte etwas in
-der Gurgel Sawelijs, und er fuhr wie ein im Fieber Phantasierender fort:
-
-»Diesen Schmerz will ich vor den Thron ... des Königs der Könige ...
-und selbst dafür zeugen ...«
-
-»Sei friedfertig. Vergib! Vergib ihnen alles!« rief Zacharia
-händeringend.
-
-Sawelij zog die Brauen zusammen, seufzte und flüsterte: »Wohl mir, daß
-ich mich gedemütigt habe« -- und schloß dann mit unerwartet fester
-Stimme:
-
-»Nach dem Gerichte derer, so Deinen Namen lieben, erleuchte die
-Unwissenden und vergib dem blinden und verderbten Geschlechte seine
-Herzenshärte.«
-
-Zacharia blickte mit seligem Lächeln zum Himmel und machte das Zeichen
-des Kreuzes über Sawelijs Gesicht.
-
-Dieses Gesicht bewegte sich schon nicht mehr, die Augen blickten starr
-in die Höhe und erloschen. Das Ende nahte.
-
-Achilla stürzte laut schluchzend zum Bette und warf sich über den
-Sterbenden.
-
-Mit einer letzten Kraftanstrengung legte der Verscheidende seine Hand
-auf den Kopf des Diakons. Dann aber fing er auch schon laut zu röcheln
-an, und seltsam mischten sich diese Töne mit den sanft rieselnden
-Worten des Sterbegebets, das Zacharia mit tränenerstickter Stimme
-sprach. Das Erdenwallen des Propstes Tuberozow war zu Ende.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Die Wirkung dieses Todes auf Achilla war entsetzlich. Er weinte und
-schluchzte nicht wie ein Mann, sondern wie ein nervöses Weib, das einen
-Verlust beklagt, den es nicht überleben zu können meint. Übrigens
-war das Hinscheiden des Propstes Tuberozow auch für die ganze Stadt
-ein großes Ereignis: es gab nicht ein Haus, in dem man nicht für den
-Entschlafenen gebetet hätte.
-
-In dem Totenhause drängten sich die Menschen: die einen kamen, um
-dem Verschiedenen ihr letztes Lebewohl zu sagen, die andern, um zu
-sehen, wie der Priester im Sarge aussah. In der Nacht, die dem Tode
-des Propstes folgte, kam vom Konsistorium die Aufhebung des über den
-Verstorbenen verhängten Banns, und so konnte Sawelij denn in vollem
-Ornat bestattet werden. Riesengroß, lang lag er da, die Scheitelkappe
-auf dem Haupte. Totenmessen wurden im Hause unausgesetzt gelesen, und
-so viel eifrige Priester auch kamen und die auf dem Betpult liegenden
-Gewänder und Binden anlegten, um die Messe zu singen, -- jeden bat
-der Diakon Achilla um seinen Segen, daß er das Orarion anlegen und
-mitsingen dürfe.
-
-Am zweiten Tage war der Sarg fertig, und nun begann, nach einer
-alten örtlichen Sitte, die auch heute noch in einigen Gegenden bei
-der Einsargung von Geistlichen ausgeübt wird, eine feierliche und
-schauerliche Zeremonie. Die versammelte Geistlichkeit, mit Kerzen
-in den Händen, in Trauergewändern, trug den toten Sawelij dreimal um
-den mächtigen Sarg herum, und Achilla hielt in der Hand des Toten ein
-rauchendes Weihrauchgefäß, so daß es aussah, als weihe der Tote selbst
-seine letzte kalte Wohnstätte. Dann legte man den entschlafenen Propst
-in den Sarg, und alle gingen fort bis auf Achilla; er verweilte die
-ganze Nacht bei seinem toten Freunde allein, und da geschah etwas, das
-Achilla selbst nicht bemerkte; wohl aber sahen es die andern für ihn.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Seit dem Hinscheiden Sawelijs hatte der Diakon sich nicht mehr zu
-Bette gelegt und die drei schlaflosen Nächte nebst der gespannten
-Aufmerksamkeit, die er unausgesetzt dem Toten widmete, hatten die
-stahlharten Nerven Achillas in einen Zustand äußerster Erregung
-versetzt.
-
-Die Instinkte und Leidenschaften, welche sonst vor allem das Tun und
-Lassen des Diakons bestimmt hatten, schienen jetzt völlig verstummt zu
-sein und an ihre Stelle traten Seelenzustände, wie sie ihm bisher gar
-nicht eigentümlich gewesen waren.
-
-Von seiner einstigen Zerfahrenheit und seinem Leichtsinn war nichts
-mehr zu merken. Er war in sich gekehrt und ganz im Banne schwerer
-Gedanken, von denen er sich nicht zu befreien vermochte. Er war nicht
-bleich geworden und seine Augen blickten nicht matt: im Gegenteil, über
-seiner gebräunten Haut lag ein mattrosiger Schimmer. Er sah alles mit
-einer Deutlichkeit und Schärfe, daß ihm die Augen schmerzten. Jeden Ton
-hörte er, als käme er aus seinem eigenen Innern, und vieles war ihm
-verständlich geworden, woran er früher überhaupt nie mehr gedacht hatte.
-
-Er begriff jetzt alles, was der verstorbene Sawelij gewollt und
-angestrebt hatte, und er nannte den Entschlafenen einen Märtyrer.
-
-In den drei Nächten der Totenwache redete er wiederholt mit dem
-Verstorbenen und wartete allen Ernstes darauf, daß unter dem
-Brokattuch, das über das Antlitz des toten Propstes gebreitet war, eine
-Antwort erschallen würde.
-
-»Väterchen!« sprach der Diakon leise, sich im Lesen des Evangeliums
-unterbrechend und in der nächtlichen Stille an den Sarg herantretend,
--- »stehe auf! Wie? Für mich allein stehe auf! Du kannst nicht? Du
-liegst da wie Gras?«
-
-Und dann stand oder saß er einige Minuten stumm da, um endlich das
-monotone Lesen wieder aufzunehmen.
-
-In der dritten und letzten Nacht war Achilla für einen Augenblick
-eingeschlummert. Als er kurz vor Mitternacht erwachte, löste er den
-Vorleser ab und schloß die Tür hinter ihm zu.
-
-Nachdem er das Sticharion angelegt hatte, stellte er sich vor das Pult,
-berührte die Schulter des Toten mit der Hand und sagte:
-
-»Nun höre, Väterchen, heut lese ich zum letztenmal,« -- und dann fing
-er an, das Johannisevangelium zu lesen. Vier Kapitel las er, und als
-er beim fünften angelangt war, stockte er bei einem Vers, seufzte
-tief auf und wiederholte die große Verheißung zweimal: »Denn es kommt
-die Stunde, in welcher alle, die in den Gräbern sind, werden seine
-Stimme hören, und werden hervorgehen, die da Gutes getan haben, zur
-Auferstehung des Lebens.«
-
-Nachdem er diesen Satz zweimal laut gesprochen hatte, wiederholte
-Achilla ihn in Gedanken noch einige Male, -- und kam nicht weiter.
-
-»Jetzt hat er doch schon die Stimme des Gottessohnes gehört und ist zu
-neuem Leben erwacht ... Ich sehe ihn nur nicht, aber er ist hier.«
-
-Er merkte nicht, daß die Nacht schon vergangen war und am Himmel der
-erste bleiche, bernsteinfarbene Streif der Morgenröte aufleuchtete, die
-letzte Morgenröte, die auf Erden die sich auflösenden Reste dessen
-beleuchten sollte, der einst Vater Sawelij war und die Stimme seiner
-heimischen Erde so gerne hörte und so gut verstand.
-
-Als der Diakon sah, daß es hell geworden war, seufzte er, trat vom Pult
-zum Sarge, stützte sich mit den Armen auf die beiden Seitenwände, so
-daß die hohe Brust Sawelijs unter seiner Brust lag, hob sachte mit zwei
-Fingern das Brokattuch empor, das über dem Gesicht des Toten gebreitet
-lag, und sprach:
-
-»Väterchen, Väterchen, wo ist jetzt dein Geist? Wo ist dein flammendes
-Wort? Gib mir Unverständigem etwas von deinem Geiste!«
-
-Achilla fiel an die Brust des Toten, zuckte plötzlich zusammen und
-fuhr zurück: ein Schauer war ihm durch seine Glieder gefahren. Er sah
-sich nach allen Seiten um: alles war still, nur seine schwergewordenen
-Augenlider klebten zusammen und eine große Müdigkeit zog seinen Kopf
-abwärts.
-
-Der Diakon raffte sich auf, warf sich zum Gebet nieder und erschrak vor
-dem Laut seines fallenden Körpers: über sich glaubte er ein Knacken
-zu vernehmen, und es schien ihm, als sitze Sawelij aufrecht, das
-Brokattuch vor dem Gesicht und das Evangelienbuch in den todesstarren
-Händen.
-
-Achilla sprang auf und flüsterte, die Arme vorstreckend:
-
-»Friede sei mit dir! Friede! Ich lasse dir keine Ruhe!«
-
-Nach diesen Worten nahm er wieder das Buch und wollte weiterlesen, aber
-mit Staunen fand er dasselbe zugeschlagen. Und er konnte sich nicht
-mehr entsinnen, wo er stehen geblieben war.
-
-Er schlug das Buch aufs Geratewohl auf und las: »Er war in der Welt und
-die Welt kannte ihn nicht ...«
-
-»Was suche ich denn da?« dachte er. Sein Kopf war ganz verwirrt. Er
-schlug eine andere Stelle auf. Dort stand:
-
-»Und es werden ihn sehen alle Augen und die ihn zerstochen haben.«
-
-Aber wie Achilla das Blatt umwenden will, merkt er, daß seine Hand ganz
-schwer geworden ist und jemand ihn festhält.
-
-»Was will ich denn? Was suche ich eigentlich? Welche Perikope?
-Was ist denn heute für ein Tag?« denkt Achilla und kann es nicht
-herausbekommen, denn er ist ganz von der Erde entrückt ...
-
-In der strahlend erleuchteten Kirche steht Sawelij im hellen,
-festlichen Meßgewand, mit der hohen violetten Scheitelkappe vor
-dem Altar und liest mit voller runder Stimme, jedes Wort wie eine
-leuchtende Kugel von sich stoßend: »Im Anfang war das Wort und das Wort
-war bei Gott und Gott war das Wort.«
-
-»Was ist das? Gott im Himmel! Und ich meinte, der Vater Sawelij wäre
-gestorben! Ich habe den Introitus verschlafen! Ich bin zu spät zur
-Frühmesse gekommen!«
-
-Achilla zuckte zusammen und öffnete die Augen. Er merkte, daß er
-wirklich geschlafen hatte, und draußen heller Morgen war. Das rote
-Leuchten der Begräbniskerzen erstarb in den Strahlen der aufgehenden
-Sonne. Die Luft war dick vom Qualm, trauriges Glockengeläute klang von
-draußen herüber und an die Zimmertür wurde heftig gepocht.
-
-Achilla fuhr sich hastig mit der trockenen Hand über das Gesicht und
-öffnete.
-
-»Eingeschlafen?« fragte ihn der eintretende Benefaktow leise.
-
-»Ein wenig,« erwiderte der Diakon und trat zur Seite, um den Priestern
-Platz zu machen, die dem Vater Zacharia folgten.
-
-»Aber ich ... weißt du ... ich habe nicht geschlafen: ich habe die
-ganze Nacht an der Leichenrede gearbeitet,« flüsterte Benefaktow dem
-Diakon zu.
-
-»Nun, und ist sie fertig?«
-
-»Nein, es kommt nichts heraus.«
-
-»Ja, so geht es Euch allemal.«
-
-»Vielleicht könntest du etwas sagen?«
-
-»Ich, Vater Zacharia? Ich bin doch kein Gelehrter!«
-
-»Was denn? Du hast doch das Sticharion! Das Recht hast du.«
-
-»Was hilft mir das Recht, Vater Zacharia, wenn ich weder die Gabe noch
-den Verstand dafür besitze?«
-
-»So betet recht inbrünstig um die Gabe, werter Herr, dann wird sie von
-selber kommen,« mischte sich flüsternd der Zwerg ins Gespräch.
-
-»Beten? Nein, Freund Nikolascha, vielleicht betest du für mich. Mich
-hat der Schmerz um den Verstand gebracht. Ich habe selbst in wachem
-Zustande Gesichte.«
-
-»Gut, ich will beten, wenn Ihr es wünscht,« erwiderte der Zwerg.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Ganz Stargorod geleitete den Leichnam Tuberozows zur Kirche. Der
-Trauergottesdienst wirkte infolge des Verhaltens des Diakons
-grauenhaft. Jedesmal wenn Achilla seinen Mund öffnete, versagte ihm
-die Stimme und er brach in Tränen aus. Sein Schluchzen, das man in der
-ganzen Kirche hörte, erfüllte aller Herzen mit tiefer Trauer.
-
-Nur während der Leichenrede, die einer der Priester hielt, bezwang
-Achilla seinen Schmerz, hörte aufmerksam zu und weinte nur ganz leise
-in sein Taschentuch. Als er jedoch aus der Kirche heraustrat und all
-die Plätze sah, über welche er so viele Jahre an der Seite Tuberozows
-gegangen war, da fühlte Achilla das Bedürfnis, nicht nur zu weinen,
-sondern zu heulen und zu schreien. Um dem Weh, das seine Brust zu
-zersprengen drohte, einen Ausweg zu schaffen, sang er »Heiliger,
-Unsterblicher, erbarme Dich unser«, aber mit einer derartigen
-Stimmgewalt, daß eine blinde hundertjährige Frau, die beim Herannahen
-des Trauerzuges von ihren Enkeln vor das Tor geführt worden war, damit
-sie sich vor dem Sarge neige, plötzlich die Hände zusammenschlug und in
-die Knie sinkend rief:
-
-»O, er hört es, Gott der Herr hört es, wie Achilla zum Himmel schreit!«
-
-Da war auch schon der von einem Graben und einer Weidenhecke umgebene
-Friedhof, auf dem Tuberozow abends so gerne spazieren gegangen und
-dessen Instandhaltung ihm so sehr am Herzen gelegen. Der Sarg wurde
-durch das dunkle Tor getragen; die letzte Litanei war gesungen, die
-weißen Leinenseile rollten den Erdhügel hinab und spannten sich über
-den finstern Abgrund des Grabes. Noch einen Augenblick und es ertönt
-das letzte Amen ... der Sarg sinkt in die Tiefe.
-
-Aber vorher sollte sich noch etwas ereignen, was niemand erwartet
-hatte. Achilla, der schon so viele Male in seinem Leben die Stargoroder
-in Staunen versetzt hatte, fühlte sich gedrungen, es auch dieses Mal zu
-tun, und zwar auf eine ganz neue Weise. Bleich und starr streckte er
-die Hand gegen einen der Totengräber aus, welche die Seile festhielten,
-und rief, wehmütig zu den Priestern hinüberblickend:
-
-»Ihr Väter, ich bitt' euch ... wartet noch etwas ... Ich will nur ein
-paar Worte sprechen ...«
-
-Der schluchzende Zacharia gab den Totengräbern hastig ein Zeichen,
-streckte dem Diakon beide Hände entgegen und segnete ihn.
-
-Ganz in Tränen gebadet, wischte sich Achilla mit seinem baumwollenen
-Taschentuche die mit roten Flecken bedeckte Stirn und stammelte mit
-krampfhaft verzerrten Lippen: »Er war in der Welt und die Welt kannte
-ihn nicht.« Und dann fand er keine Worte mehr, wurde feuerrot und
-mit einem wilden Blick aus seinen entzündeten Augen, der den Worten
-nachzujagen schien, die für ihn in der Luft geschrieben standen, rief
-er drohend: »Aber es werden ihn alle sehen, die ihn zerstochen haben!«
-Und damit warf er eine Handvoll Erde auf den Sarg, nahm hastig das
-Sticharion ab und verließ den Friedhof.
-
-»Ihr habt sehr schön gesprochen, werter Vater Diakon,« flüsterte ihm
-der Zwerg unter Tränen zu.
-
-»Der Geist Sawelijs war über ihn gekommen,« antwortete ihm Zacharia,
-während er sein Meßgewand ablegte.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Nach der Beerdigung Tuberozows wurde es im Hause des Propstes
-unheimlich still. Achilla war nirgends zu erblicken. Die Sonne geht auf
-und beleuchtet den vereinsamten Hof. Öde ist er und tot; Wolken ziehen
-vorüber und spiegeln sich in den Scheiben der Fenster, wie Schatten aus
-einer andern Welt -- aber drinnen regt sich nichts.
-
-Diese unheimliche Ruhe erfüllte die Nachbarn mit Angst. Man fing an,
-sich ernstlich um den Diakon zu sorgen.
-
-Zacharia besuchte ihn. Lange ging der sanfte Alte aus einem Zimmer ins
-andere und rief:
-
-»Diakon, wo bist du? Höre doch, Diakon!«
-
-Aber niemand antwortete. Endlich öffnete Vater Zacharia die Tür zur
-kleinen Kammer, welche der Diakon bewohnt hatte.
-
-»Was ruft Ihr so laut, Vater Zacharia?« kam aus der Finsternis die
-Stimme Achillas.
-
-»Du fragst noch, mein Lieber? Wo steckst du die ganze Zeit?«
-
-»Macht die Tür etwas weiter auf. Ich bin hier in der Ecke.«
-
-Benefaktow tat, wie Achilla ihm geheißen, und sah ihn auf einer an
-der Wand befestigten schmalen bretternen Lagerstatt ausgestreckt
-daliegen. Der Diakon trug ein grobes Leinenhemd mit zurückgeschlagenem
-Kragen, das nach kleinrussischer Art durch eine lange bunte Schnur
-zusammengehalten wurde, und breite gestreifte Beinkleider.
-
-»Was soll denn das, Diakon?« fragte Benefaktow und sah sich nach einer
-Sitzgelegenheit um.
-
-»Ich will ein bißchen weiterrücken,« erwiderte Achilla und schob sich
-auf das hart an die Wand stoßende Brett.
-
-»Was ist mit dir, Diakon?«
-
-»Gepeinigt,« brummte Achilla.
-
-»Was peinigt dich denn so?«
-
-»Lächerliche Frage! Was? Eben das! Der Tod des Vaters Sawelij peinigt
-mich.«
-
-»Ja, was ist da zu machen? Der Tod ... gewiß ... er ist der Natur
-zuwider ... ist ein Hemmnis aller Gedanken ... aber er ist doch
-unvermeidlich ... unentrinnbar ...«
-
-»Eben dieses Hemmnis ist's, was mich peinigt.«
-
-»Was kommst du immer mit deinem ›peinigt, peinigt‹! Das ist nicht gut,
-mein Lieber.«
-
-»Ja, was ist denn überhaupt noch gut? Nichts!«
-
-»Nun, wenn du selbst einsiehst, daß es nicht gut ist, so mußt du auch
-Vernunft haben: gegen das Naturgesetz kannst du nichts.«
-
-»Ach, was redet Ihr nun wieder vom ›Naturgesetz‹, Vater Zacharia! Wenn
-mich nun eben dieses Naturgesetz peinigt!«
-
-»Ja, was willst du denn machen?«
-
-»O du grundgütiger himmlischer Vater! So laßt mich doch mit Euren
-Gesetzen in Ruh', Vater Zacharia! Nichts will ich machen!«
-
-»Ja, wirst du denn von nun ab immer so daliegen?«
-
-Der Diakon schwieg. Dann seufzte er und sagte ganz leise:
-
-»Ich trauere immer noch sehr und Ihr kommt und redet von gleichgültigen
-Dingen. Was also wollt Ihr von mir haben?«
-
-»Raffe dich auf, denn bei all unserer Trauer sind wir doch schwache
-Menschen, die ohne Essen und Trinken nicht auskommen können.«
-
-»Gewiß, davon ist gar nicht zu reden. Essen und Trinken werden wir
-schon, aber da eben steckt's!«
-
-»Was? Was steckt da? Wo steckt was?«
-
-»Darin steckt's, daß wir das, was gewesen ist, nach und nach vergessen
-werden. Und wenn wir es eines schönen Tages ganz vergessen haben -- was
-dann?«
-
-»Ja, was ist da zu machen?«
-
-»Das ist zu machen, daß ich mit meinem Charakter ganz und gar nicht
-damit einverstanden bin, ihn zu vergessen.«
-
-»Gewiß, lieber Freund, aber die Zeit vergeht und du vergißt doch.«
-
-»Vater Zacharia, sagt mir solche Dinge nicht! Ihr wißt, wie wild ich im
-Schmerz bin!«
-
-»Das fehlte auch noch! Nein, mein Bester, die Roheiten laß du lieber
-beiseite!«
-
-»Ja, beiseite lassen! Wer kann mich jetzt noch im Zaume halten?«
-
-»Wenn du willst, tu ich es.«
-
-»Ihr wäret mir gerade der Rechte!«
-
-»Warum sollte ich es nicht sein?«
-
-»Machen wir uns doch nichts vor! Ihr habt nicht die geringste Gewalt
-über mich.«
-
-»Weißt du, Diakon, du bist einfach frech,« sagte Zacharia gekränkt.
-
-»Gar nicht frech, denn ich hab' Euch lieb; wie könnt Ihr aber Gewalt
-über mich haben, wo Ihr doch so schwach von Charakter seid, daß sogar
-der Subdiakon Sergej Euch Grobheiten sagt.«
-
-»Das tut er! Gegen mich sind alle grob! Deine Reden aber sind einfach
-dumm!«
-
-»So zeigt jetzt, was Ihr über mich vermögt, und verhindert mich, so zu
-reden.«
-
-»Ich will dich nicht verhindern, ich ... ich will nicht, weil ich als
-Freund zu dir kam und du gegen mich grob warst ... Lebe wohl!«
-
-»Wartet doch, Vater Zacharia! So war's nicht gemeint!«
-
-»Nein, nein, laß mich, du hast mir weh getan.«
-
-»So geht in Gottes Namen.«
-
-»Du bist ein Grobian, ein ganz schlimmer Grobian.«
-
-Und Zacharia ging in der Hoffnung, der Diakon werde allgemach des
-Rekelns müde werden und von selber wieder herauskommen; jedoch es
-verging noch eine ganze Woche und Achilla zeigte sich nicht.
-
-»Sie werden vergessen,« sagte er immer wieder vor sich hin, »bestimmt
-werden sie vergessen.« Und dieser Gedanke ließ ihn nicht los, und
-vergeblich strengte er sein Hirn an, wie er das Übel abwehren könnte.
-
-Um Achilla aus seiner Höhle ans Tageslicht zu locken, bedurfte es eines
-ganz besondern Ereignisses.
-
-Eines Morgens wachte Achilla früh gegen sechs auf und blickte nach
-den ersten Sonnenstrahlen, die durch das winzige Fensterlein über der
-Tür in seine Kammer zu dringen versuchten, -- da kam Vater Zacharia
-in großer Hast gelaufen und erzählte, daß an Stelle des verstorbenen
-Tuberozow ein neuer Propst ernannt sei.
-
-Achilla wurde bleich vor Ärger.
-
-»Freut es dich denn nicht?« fragte Zacharia.
-
-»Was geht es mich an?«
-
-»Wieso geht es dich nichts an? Frag doch erst, wer ernannt ist.«
-
-»Als ob mir das nicht ganz gleichgültig wäre!«
-
-»Ein Akademiker!«
-
-»Na ja, ein Akademiker! Und darüber freut Ihr Euch! Nein, bei Gott, Ihr
-steckt noch voll Eitelkeit, Vater Zacharia!«
-
-»Wieso Eitelkeit? Ein Akademiker -- das will sagen: ein kluger Kopf!«
-
-»Wieder was Neues: ein kluger Kopf! Mag er doch klug sein! Werden wir
-zwei davon etwa klüger?«
-
-»Du wirst wieder grob.«
-
-»Fällt mir gar nicht ein. Ihr denkt daran, wie Ihr den Neuen empfangen
-sollt, und ich -- daß ich den Alten nicht vergesse. Wo steckt da die
-Grobheit?«
-
-»Es lohnt gar nicht, mit dir zu reden,« sagte Zacharia und zog geärgert
-von dannen. Achilla aber erhob sich sofort, wusch sich und lief zum
-Polizeichef mit der Bitte, dieser möchte ihm behilflich sein, sobald
-wie möglich sein Haus und seine beiden Pferde zu verkaufen.
-
-»Warum denn das?« fragte Porochontzew.
-
-»Sei nicht neugierig,« antwortete Achilla. »Später, wenn ich's gemacht
-habe, wirst du alles erfahren.«
-
-»So sag' doch ungefähr, um was es sich handelt.«
-
-»Darum, daß Vater Sawelij nicht sobald vergessen wird.«
-
-»Dann soll doch Vater Zacharia in seinen Predigten öfter auf ihn
-hinweisen.«
-
-»Was kann Vater Zacharia? Nein, der liebt heute schon die
-Wissenschaften, ich aber ... ich liebe nach altem Brauch den Menschen.«
-
-Damit war die Unterredung zu Ende und Achillas Besitz wurde seinem
-Wunsche entsprechend verkauft.
-
-Indessen war man gespannt, was er weiter unternehmen würde.
-
-Der Diakon hatte für alles zweihundert Rubel bekommen und steckte die
-beiden Scheine in die Tasche seines Nanking-Leibrocks; er begebe sich
-in die Gouvernementsstadt, erklärte er. Er hatte sich bereits einen
-Wanderstab aus einer langen Latte zurechtgeschnitten, packte seine
-Sachen in ein kleines Bündel zusammen, kaufte sich auf dem Markt zwei
-große Roggenmehlfladen mit Zwiebeln, die er in dieselbe Tasche steckte,
-in der er sein Geld hatte, und wollte sich eben auf die Wanderschaft
-begeben, als unerwartet der neue Propst Irodion Grazianskij eintraf.
-Es war ein sehr wohlaussehender Herr von schwer zu bestimmendem Alter.
-Seinem Äußern nach konnte man ihm ebensogut sechsundzwanzig als auch
-vierzig Jahre geben.
-
-Achilla ging dem neuen Vorgesetzten entgegen und wollte, nachdem er den
-Segen von ihm empfangen hatte, seine Hand küssen. Allein er zog sie
-zurück und schlug dem Diakon einen brüderlichen Kuß vor. Und so küßten
-sie sich auf Mund und Wangen.
-
-»Siehst du, wie gut er ist,« sagte nach einer Stunde, als sie zusammen
-nach Hause gingen, Zacharia zum Diakon.
-
-»Wie habt Ihr denn in so kurzer Zeit so viel Güte entdeckt?« fragte
-Achilla gleichgültig.
-
-»Wie denn? Er wollte sich nicht die Hand von dir küssen lassen, sondern
-bot dir den Mund ... das zeugt doch von großer Güte.«
-
-»Ich meine, das ist nichts weiter als so eine Art von Wichtigtuerei,«
-erwiderte Achilla.
-
-Er war bereits von einer wilden Eifersucht auf den neuen Propst erfaßt
-und suchte allerlei schlechte Eigenschaften an ihm zu entdecken, die
-jeden Vergleich mit dem verstorbenen Tuberozow ausschließen mußten.
-Je mehr der neue Propst allen Stargorodern gefiel, desto heißer mußte
-Achilla ihn hassen.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Am Tage darauf zelebrierte der neue Propst zum erstenmal die Messe und
-hielt eine Predigt, in der er seinen Vorgänger mit Lobeserhebungen
-überschüttete und auf die Notwendigkeit und Pflicht eines ständigen
-Gedenkens und einer Ehrung seiner Verdienste hinwies.
-
-»Wozu das? Was beabsichtigt er damit?« zürnte der Diakon, als er mit
-Zacharia aus der Kirche ging.
-
-Er fühlte selbst, daß er ungerecht war, aber er konnte sich nicht
-beherrschen, und als Zacharia ihm zuzureden versuchte und betonte,
-wie edel das ganze Verhalten Grazianskijs sei, da zerbrach Achilla
-ungeduldig das Stöckchen, das er in der Hand hielt, in zwei Stücke und
-sagte:
-
-»Das ist's ja gerade, was mich so ärgert.«
-
-»Wäre es denn besser, wenn er nicht so gut wäre?«
-
-»Natürlich ... viel, viel besser wäre das,« unterbrach ihn Achilla
-ungeduldig. »Wißt Ihr denn nicht, daß wer nicht gesündigt hat, auch
-nicht Buße tut!«
-
-Zacharia machte nur eine abwehrende Handbewegung.
-
-Achillas Pilgerfahrt nach der Gouvernementsstadt wurde von Tag zu Tag
-aufgeschoben: der Diakon wohnte noch der Revision der Schatzkammer, der
-Bücher und der Kirchengelder bei, immer schweigend und grollend. Zu
-seinem großen Kummer bot sich ihm auch nicht die geringste Gelegenheit,
-dem »Neuen« etwas am Zeuge zu flicken, -- bis Grazianskij endlich
-davon zu reden begann, daß man auf dem Grabe Tuberozows ein kleines
-Denkmal errichten müsse. Achilla sprang wie von einer Tarantel
-gestochen in die Höhe.
-
-»Warum denn ein ›kleines‹ Denkmal und kein großes? Er hat sehr lange
-unter uns gewirkt und Verdienste errungen, wie sie mancher andere nicht
-so leicht fertig brächte.«
-
-Grazianskij sah den Diakon unwillig an und schlug, ohne ihm etwas zu
-erwidern, eine Subskription zum Bau eines Denkmals für Sawelij vor.
-
-Durch die Subskription kamen zweiunddreißig Rubel zusammen.
-
-Der Diakon wollte überhaupt nichts zeichnen und fand den ganzen Plan
-verkehrt.
-
-»Weshalb bist du dagegen?« fragte ihn Benefaktow.
-
-»Weil das alles eitel ist,« antwortete Achilla.
-
-»Worin seht Ihr die Eitelkeit?« warf Grazianskij trocken dazwischen.
-
-»Wie kann man einem solchen Manne namens der ganzen Gemeinde ein
-Denkmal für zweiunddreißig Rubel setzen? So ein Denkmal ist nicht
-besser als eine Pistole für einen Groschen. Nein, diese Kränkung will
-ich ihm nicht antun. Ich bitte, mir das gütigst zu erlassen.«
-
-Am Abend erbat sich der Diakon vom neuen Propst einen vierzehntägigen
-Urlaub nach der Gouvernementsstadt, der ihm auch bewilligt wurde.
-
-So begab sich Achilla auf die Wanderschaft, die er schon so lange
-zur Verwirklichung seiner großartigen Absichten geplant hatte. Schon
-in jenen Tagen, als er noch in seinem Kämmerlein auf der bretternen
-Bettstatt lag, war ihm der Gedanke gekommen, dem Vater Tuberozow ein
-Denkmal zu setzen, aber nicht für dreißig Rubel, sondern für all sein
-Geld, für all die zweihundert Rubel, die er aus dem Verkauf seines
-durch die Arbeit eines ganzen Lebens erworbenen Gutes gelöst hatte.
-Achilla hielt diese Summe für völlig ausreichend, um ein Monument zu
-errichten, das allen Zeiten und Völkern ein Wunder dünken müßte, ein so
-gewaltiges Monument, daß sein idealer Entwurf sogar in seinem eigenen
-Kopfe nicht Platz genug hatte.
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Kalt und trübe war die Oktobernacht. Hastige Wolken krochen am Himmel
-entlang und der Wind brauste in den nackten Zweigen der Weiden. Achilla
-schritt unermüdlich vorwärts und als die späte Herbstmorgendämmerung
-graute, hatte er den halben Weg bereits zurückgelegt und konnte sich
-getrost etwas Ruhe gönnen.
-
-Er bog vom Wege ab, legte sich hinter einer großen Strohmiete, die ihn
-vor dem Winde schützen sollte, auf den Boden, deckte sich den Mantel
-übers Gesicht und schlief ein.
-
-Der Tag war genau so wie die Nacht: die kalte Sonne tauchte bald
-auf, bald verzog sie sich wieder hinter grauen Nebeln; der Wind
-heulte und brauste wild, um sich dazwischen wieder, einer zischenden
-Schlange gleich, am Boden zu winden. Das Ende des Mantels, welches
-der Diakon über seinen Kopf gezogen hatte, war längst vom Winde
-emporgerissen und flatterte hin und her, und wenn die Sonne hinter
-den Wolken hervorschaute, fielen ihre grellen Strahlen gerade auf das
-Heldenantlitz Achillas. Trotzdem erwachte er nicht. Es war schon ganz
-warm geworden und auf dem zerstampften Stoppelfeld, das Achilla sich
-zur Lagerstatt gewählt hatte, zeigten sich die letzten verspäteten
-Bewohner des toten Kornfeldes: über Achillas Stiefel kroch ein harter
-schwarzer Ohrwurm, und seinen Bart entlang kletterte mühsam und
-zitternd eine frosterstarrte Hummel. Das arme Insekt, das in dem
-dichten Barte des Diakons einen warmen Unterschlupf gefunden hatte,
-fing bald an zu krabbeln und zu zappeln, wovon der Diakon erwachte.
-Er prustete laut, reckte sich, sprang auf, warf sein Bündel über die
-Schulter und schritt der Stadt zu.
-
-Als der Abend dämmerte, hatte er auch die übriggebliebenen
-fünfunddreißig Werst zurückgelegt, und angesichts der Kreuze der
-städtischen Kirchen setzte er sich an den Rand des Straßengrabens und
-beschloß, zum erstenmal, seit er ausgewandert, etwas Speise zu sich zu
-nehmen. Die beiden Fladen holte er aus seiner Tasche, welche sie rund
-eine Woche beherbergt hatte, legte den einen auf den andern und begann
-mit großem Appetit zu kauen. Aber die ganze Portion vermochte er doch
-nicht zu zwingen und steckte den Rest wieder in die Tasche, um zur
-Stadt zu wandern. Nachdem er bei bekannten Seminaristen übernachtet
-hatte, ging er gleich früh am nächsten Morgen zum Adelsmarschall
-Tuganow, ließ sich bei ihm melden und setzte sich auf eine Bank im
-Vorzimmer.
-
-Eine Stunde verging und noch eine. Niemand kümmerte sich um Achilla.
-Mehrere Male schon hatte er den vorüberlaufenden Diener gefragt:
-
-»Herr Haushofmeister, wann wird man mich denn rufen?«
-
-Aber der Herr Haushofmeister würdigte den bäuerisch aussehenden Diakon
-in der Nankingkutte nicht einmal einer Antwort.
-
-Von der gestrigen Wanderung noch müde, wäre Achilla fast eingeschlafen,
-doch besann er sich, daß es hier doch nicht recht schicklich sei. So
-beschloß er, sich lieber die Zeit durch Essen zu vertreiben, was ihm
-die von vorgestern übriggebliebenen Stücke der Zwiebelfladen sehr gut
-ermöglichten. Kaum jedoch hatte er die Reste aus der Tasche seines
-Leibrocks herausgeholt und sich darangemacht, den Staub von ihnen zu
-blasen, als er plötzlich zur Salzsäule erstarrte, dann emporsprang und,
-wie von einem giftigen Insekt gestochen, durch die vornehmen Gemächer
-des Hauses zu rasen begann. Zufälligerweise geriet er bald in das
-Arbeitszimmer des Adelsmarschalls, und als er sich ihm von Angesicht zu
-Angesicht gegenübersah, brüllte er los:
-
-»All ihr heiligen Väter! Wer an Gott glaubt, muß mir helfen! Sehen Sie
-doch, was mir für ein Unglück passiert ist!«
-
-»Was denn? Was ist geschehen?« fragte Tuganow erstaunt.
-
-»Parmen Semenowitsch! Was hab' ich gemacht, ich Bösewicht!« jammerte
-Achilla in wahnwitziger Verzweiflung.
-
-»Hast du jemanden ermordet?«
-
-»Nein, ich kam zu Fuß zu Ihnen gelaufen, damit Sie mir einen guten Rat
-erteilen. Ich möchte dem Propst ein Denkmal setzen für zweihundert
-Rubel.«
-
-»Nun und --? Hat man dir das Geld gestohlen?«
-
-»Nein, nein, etwas viel Schlimmeres!«
-
-»Hast du es verloren?«
-
-»Nein, ich hab's aufgegessen!«
-
-Und voller Verzweiflung streckte Achilla dem Adelsmarschall die untere
-Rinde des nicht ganz aufgegessenen Fladens entgegen, an der ein kleines
-Fetzchen eines Hundertrubelscheines wie angebacken festklebte.
-
-Tuganow berührte den Fetzen mit seinen feinen Fingernägeln, löste
-ihn von der Rinde und sah, daß unter dem ersten Stückchen Papier ein
-zweites von derselben Art noch fester klebte.
-
-Der Adelsmarschall konnte nicht anders, er mußte lachen.
-
-»Ja, sehen Sie, ganz aufgefressen,« wiederholte der Diakon und kaute
-vor Verlegenheit den Nagel seines Mittelfingers. Dann wandte er sich
-plötzlich um und sagte kurz: »Nun also, ich bitte um Entschuldigung,
-daß ich Sie gestört habe. Leben Sie wohl.«
-
-Tuganow aber zeigte sich hilfsbereit.
-
-»Nicht gleich verzweifeln, mein Lieber,« sagte er. »Das hat nichts zu
-bedeuten, man wird mir in der Bank deine Papiere schon einwechseln,
-inzwischen gebe ich dir ein paar andere, dann kannst du deinem Pfarrer
-Sawelij das Denkmal setzen. Ich habe ihn ja auch sehr lieb gehabt.«
-
-Damit reichte er dem Diakon zwei neue Hundertrubelscheine und legte
-die angekauten Fetzen beiseite, um sie später in die Sammlung seiner
-Familienkuriositäten einzureihen.
-
-Diese Not war also behoben, aber eine neue nahte: es galt ein Denkmal
-auszusinnen, wie Achilla es wünschte, aber sich selbst nicht vorstellen
-konnte. Auch diese seine Sorge beichtete er dem Adelsmarschall.
-
-»Ich möchte, Parmen Semenowitsch,« meinte er, »daß das für mein Geld
-errichtete Denkmal möglichst groß und schön sei.«
-
-»So laß doch eine Pyramide aus Granit aufrichten.«
-
-Tuganow ließ sich aus dem Schrank eine Mappe reichen und nahm die
-Abbildung einer ägyptischen Pyramide heraus:
-
-»So in dieser Art.«
-
-Der Gedanke sagte dem Diakon ungemein zu, nur zweifelte er, ob er mit
-seinem Gelde auskommen würde, worauf ihm Tuganow erklärte, falls die
-zweihundert Rubel nicht reichen sollten, so wolle er, Tuganow, aus
-Verehrung für den alten Tuberozow, für den Überschuß eintreten.
-
-»Du aber«, sagte er, »sollst der Baumeister sein. Baue ganz, wie es dir
-gefällt und was du willst.«
-
-»Das ist ...« fing Achilla in höchster Verlegenheit an, aber er kam
-nicht weiter, sondern machte nur eine tiefe Verbeugung bis zur Erde und
-faßte dann plötzlich Tuganows Hand und küßte sie.
-
-Tuganow war gerührt. Er nannte Achilla einen »braven Kerl« und schlug
-ihm vor, bei ihm im Gartenhaus zu logieren.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-
-
-Der Diakon lief von einem Steinmetz zum andern, bis schließlich seine
-Wahl auf den allerschlechtesten, einen Mühlsteinfabrikanten namens
-Popygin fiel. Zwei deutsche Steinhauer hatten den Diakon in hellen
-Zorn versetzt, weil sie immer wissen wollten, ob »der Maßstab es
-gestatten werde«, eine so große Pyramide aufzubauen, wie der Diakon sie
-haben wollte, der die Fläche einfach durch Schritte und die Höhe mit
-emporgereckten Armen bezeichnete.
-
-Meister Popygin als biederer Russe verstand ihn besser: sie maßen alles
-nach Schritten und mit ausgestreckten Armen ab und schlossen einen
-mündlichen Vertrag, den sie durch Handschlag besiegelten. Damit war die
-Bestellung gemacht und der Bau der Pyramide begann. Achilla sah zu, wie
-man die riesigen Steine schob, wendete und glättete und war über ihre
-Dimensionen entzückt.
-
-»So ohne Maßstab ist's viel besser,« sagte er, »wie es uns paßt, so
-bauen wir.«
-
-Der russische Meister Popygin stimmte ihm durchaus bei.
-
-Tuganow ließ sich von Achilla über die Fortschritte der Arbeit Bericht
-erstatten und widersprach ihm weder, noch stritt er mit ihm. Er suchte
-den Recken durch das Denkmal bei Laune zu erhalten, wie man einem
-betrübten Kinde ein Spielzeug gibt.
-
-Nach einer Woche war sowohl die Pyramide als auch die Inschrift fertig,
-und der Diakon kam zu Tuganow und bat ihn, das Wunderwerk seiner
-schöpferischen Phantasie in Augenschein zu nehmen. Es erwies sich als
-furchtbar breite, etwas plattgedrückte Pyramide, mit einem Kreuz oben
-und je einem großen holzgeschnitzten, vergoldeten Cherub an den vier
-Ecken.
-
-Tuganow betrachtete das Monument. »Das lebt!« sagte er, und der Diakon
-war beglückt. Die Pyramide wurde auseinandergenommen und ihre Teile auf
-neun Schlitten nach Stargorod geschafft. Auf dem zehnten Schlitten,
-der die Karawane beschloß, saß Achilla selbst, zusammengekauert,
-in einem speckigen Schafpelz zwischen den vier vergoldeten, in
-Matten gewickelten Cherubim. Er war immer noch ganz entzückt von der
-Herrlichkeit des Denkmals, aber in dieses Entzücken mischte sich eine
-gewisse Unruhe: er fürchtete, es könnte jemandem einfallen, an seiner
-Pyramide Kritik zu üben, an dieser einzigartigen Schöpfung seines
-Geistes und Geschmacks, dem Zeugnis seiner Ergebenheit und Liebe zu
-dem entschlafenen Sawelij. Um dem zu entgehen, beschloß Achilla, den
-Aufbau möglichst im geheimen zu bewerkstelligen. Als er daher Stargorod
-erreicht hatte, ging er nachts nur zu Zacharia und erzählte ihm von
-allen Schwierigkeiten, die er bei der Herstellung der Pyramide zu
-überwinden gehabt hatte.
-
-Es gelang dem Diakon aber nicht, unbemerkt das Monument
-zusammenzustellen. Die auf den Schlitten lagernden Teile der
-Sawelij-Pyramide erregten gleich am nächsten Morgen allgemeines
-Aufsehen. Die sich scharenweise herandrängenden Städter interessierten
-sich besonders für die unter den Matten hervorblinkenden Arme und
-Flügel der vergoldeten Cherubim. Die Biederleute stritten heftig
-über die Frage, was das wohl für Engel sein mochten: silberne oder
-vergoldete.
-
-»Silbern und vergoldet und von innen mit Brillanten gespickt,« erklärte
-Achilla und trieb die Mitbürger auseinander, die sich um die Arbeiter
-drängten.
-
-Auch die feinen Herrschaften ärgerten den Diakon. Diese schienen ihm
-eigens zum hämischen Kritteln gekommen zu sein.
-
-Der sonst so wenig selbstbewußte und ehrgeizige Achilla wurde in seiner
-wachsenden Reizbarkeit zuletzt ganz unerträglich. Er konnte kein Wort
-über Tuberozow mehr ruhig anhören. Sogar wenn man den Seligen lobte,
-geriet er in Wut: er fand all und jedes Lob unangebracht.
-
-»Was gibt's denn da zu loben?« sagte er zu Benefaktow. »Ihr seid, nehmt
-mir's nicht übel, ein leichtsinniger Mensch, Vater Zacharia. Ihr redet
-von ihm, wie man von Milch redet, wenn man eine Kuh gesehen hat.«
-
-»Habe ich denn etwas Schlechtes über ihn gesagt?«
-
-»Man soll überhaupt nicht von ihm reden. Die Zeit ist nicht danach,
-über die Glaubensstarken zu streiten.«
-
-Gegen andere war Achilla noch viel schroffer als gegen Benefaktow, und
-als nach und nach alle, durch seine Empfindlichkeit abgestoßen, ihn
-zu meiden anfingen, geriet er immer mehr unter die Herrschaft eines
-Gedankens: der Vergänglichkeit alles Irdischen und des Todes.
-
-»Sagt was ihr wollt,« philosophierte er, »das ist auch keine
-Kleinigkeit, plötzlich so hinzusterben und dann Gott weiß wo an einem
-ganz andern Ort wieder zu sich kommen.«
-
-»Darüber hast du noch Zeit genug nachzudenken,« tröstete ihn Zacharia,
-»du stirbst nicht so bald.«
-
-»Woraus schließt Ihr das, Vater Zacharia?«
-
-»Aus deinem Körperbau und ... dann hast du solche Ohren ... so
-feste ...«
-
-»Ja, was meine Statur und meine Ohren betrifft, so brauchte ich in
-hundert Jahren nicht zu sterben; man müßte mich rein mit einem Knüppel
-totschlagen. Aber, wißt Ihr, das hängt doch auch von der Phantasie ab,
-und deswegen muß der Mensch auch daran denken.«
-
-Und endlich verfiel der Diakon in eine ganz trübe Hypochondrie, die
-auch den andern nicht entging. Man fing an zu reden, daß er sich den
-Tod herbeirufe.
-
-Der Propst Grazianskij besuchte den Diakon und machte ihm Vorwürfe
-wegen seines freiwilligen Exils; er sagte, es wäre unvernünftig, die
-Menschen zu fliehen; Achilla aber erwiderte ihm ruhig:
-
-»Den Vernünftigen sucht Ihr jetzt vergebens. Er liegt im Grabe.«
-
-Dem Arzt Pugowkin, den der Diakon einst beim Baden untergetaucht hatte
-und der trotzdem sein guter Freund geblieben war und jetzt zu ihm kam,
-ihn zu trösten und ihm einzureden, er sei krank und müsse sich ärztlich
-behandeln lassen, erwiderte Achilla:
-
-»Du hast recht, mein Bester, alle meine Gedanken gehen durcheinander
-... Ich grübele -- ich weiß selber nicht worüber ... und immer quält
-mich ... weißt du (Achilla zog die Brauen zusammen und schloß im
-Flüstertone) die Sehnsucht.«
-
-»Nun ja, man nennt das erhöhte Sensibilität, Reizbarkeit.«
-
-»Reizbarkeit, das ist es! Alles drückt mich. Weißt du, es ist, als ob
-ein Pfahl in meiner Brust stäke, und nachts sitze ich da und weiß lange
-nicht, weswegen ich mich quäle und weine.«
-
-Da trat unerwartet ein Ereignis ein, das den Diakon aufrüttelte: der
-Tod des Zwerges Nikolai Afanasjewitsch. In seinem Testament hatte er
-verfügt, daß Vater Zacharia und Achilla ihm das letzte Geleit geben
-sollten, jedem von den beiden hatte er dafür fünf Rubel in bar, zwei
-Paar selbstgestrickte Strümpfe und eine baumwollene Nachtmütze
-hinterlassen.
-
-Als man vom Begräbnis nach Hause ging, schien der Diakon heiterer als
-sonst. Er scherzte sogar.
-
-»Seht ihr wohl, meine Lieben, wie Er unsere Gemeinschaft auflöst?«
-sagte er, »einen nach dem andern holt Er sich: nun ist auch Nikolai
-Afanasjewitsch hin. Und dann kommt die Reihe an mich und Vater
-Zacharia.«
-
-Achilla täuschte sich nicht. Als er Seinen Besuch erwartete, stand Er,
-der Milde und Unüberwindliche, schon hinter ihm und breitete seine
-kühlen Flügel über ihn.
-
-Die Chronik muß eingehend über die letzten Taten des Recken Achilla
-berichten, denn diese Taten waren seiner durchaus würdig und gaben ihm
-die Möglichkeit, auf seine eigene, ganz besondere Weise die Fahrt nach
-dem jenseitigen Ufer des Lebensmeeres anzutreten.
-
-
-
-
-Dreizehntes Kapitel.
-
-
-Der Frühling kam und Stargorod erwachte zu neuem Leben. Der Fluß wollte
-die starre Eisdecke abwerfen, blies sich auf und wurde blau. Immer
-höher türmten sich an beiden Ufern die Berge von Getreidesäcken, und
-schon wurden die breiten Barken instand gesetzt.
-
-Aus den Dörfern, die den Winter hindurch gehungert hatten, kamen
-täglich Scharen zerlumpter Bauern in Bastschuhen und weißen Filzkappen
-in die Stadt. Sie ließen sich als Schlepper dingen, gegen Bezahlung
-ihrer Steuern und Beköstigung, und waren glücklich, das Getreide, das
-ihnen daheim so mangelte, in entfernte Gegenden schaffen zu können.
-Selbstverständlich wurden nicht alle dieses Glückes teilhaftig. Das
-Angebot übertraf die Nachfrage ganz bedeutend. Und um die Überflüssigen
-kümmerte sich kein Mensch.
-
-In einsamen und abgelegenen Gassen der Stadt begann sich, ohne
-sichtliche Veranlassung, allerlei Teufelsspuk zu zeigen. Ein solcher
-Teufel, in voller höllischer Ausrüstung, mit Hörnern und Klauen,
-überfiel nacheinander zwei Weiber, einen betrunkenen Schmied und einen
-völlig nüchternen Kanzlisten, der zu einem nächtlichen Stelldichein
-mit einer Kaufmannstochter pilgerte. Den Armen wurde alles abgenommen,
-was sie bei sich hatten, und später sagten sie aus, der Teufel, dessen
-Opfer sie geworden wären, hätte Stierhörner gehabt und Klauen ganz wie
-jene Eisenhaken, mit denen die Hafenarbeiter die Getreidesäcke auf
-die Barken zerren. Niemand wagte mehr nach Sonnenuntergang durch die
-Stadt zu gehen; aber der Teufel trieb sein Unwesen ruhig weiter. Einmal
-wurde er von den Wachtposten gesehen, die vor dem Salzdepot und vor
-dem Gefängnis standen. Er hatte sogar die Unverschämtheit, näher als
-auf Schußweite an die Soldaten heranzukommen und sie mit kläglicher
-Stimme um ein Stückchen Brot zu bitten. Man sandte daher nachts
-Patrouillen aus; eine, vom Polizeichef, dem uns längst wohlbekannten
-tapfern Rittmeister Porochontzew, selbst geführt, begegnete dem
-Teufel tatsächlich und rief ihn sogar an. Als er aber darauf: »Gut
-Freund« erwiderte -- bekamen die Leute Angst und rannten davon. Der
-Rittmeister, welcher glaubte, sich auf die Polizei nicht mehr verlassen
-zu können, wandte sich nun an den Hauptmann Powerdownia und bat um den
-Beistand seines Invalidenkommandos zur sofortigen Festnahme des die
-Stadt in so große Erregung versetzenden Teufels. Aber der Hauptmann
-wollte sich mit dem Höllenfürsten nicht einlassen, ohne vorher die
-Genehmigung seiner unmittelbaren Vorgesetzten eingeholt zu haben,
-und so spazierte der Teufel nach wie vor in der Stadt herum, und das
-Entsetzen der Bürgerschaft wuchs von Tag zu Tag. Endlich mischte
-sich der Propst Grazianskij hinein. Er wandte sich an das Volk mit
-einer Predigt über den Aberglauben und behauptete, Teufel, die den
-Leuten Mäntel und Kopftücher fortnehmen, gäbe es überhaupt nicht.
-Der nachts in der Stadt umgehende Teufel sei nichts weiter als ein
-fauler Taugenichts, welcher glaube, die Leute leichter um ihr Hab
-und Gut betrügen zu können, wenn er ihnen durch seine Teufelsmaske
-vorher einen gehörigen Schreck einjage. Diese Rede rief eine große
-Entrüstung hervor. Der Vorsteher der altgläubigen Gemeinde erklärte,
-das sei wieder einmal eine Ketzerei der neuen Kirche, und es gelang
-ihm ohne alle Mühe, ein paar Schäflein aus der Domherde für seine
-Sekte zu gewinnen. Der Teufel aber nahm noch in anderer Weise Rache an
-dem ungläubigen Grazianskij. Am Tage, welcher seiner Predigt folgte,
-entdeckte man im Vorhause der Grazianskijschen Wohnung an der Decke die
-Spuren schmutziger Stiefel. Natürlich war alle Welt darüber erstaunt
-und entsetzt; denn wer kann mit dem Kopf nach unten an der Decke
-entlang laufen?! Man neigte daher zu der Ansicht, nur der Teufel könne
-es gewesen sein, und selbst der Propst war nicht imstande, seiner
-Frau dies auszureden. Allen seinen Ermahnungen zum Trotz wuchs die
-Hochachtung vor dem Teufel erst recht; kein Mensch wagte mehr, ihn zu
-erzürnen, aber auch niemand ging in der Dämmerung mehr aus.
-
-Indessen, der Teufel hatte es doch zu toll getrieben und das bekam
-ihm schließlich übel. In den Straßen gab es für ihn schlechterdings
-nichts mehr zu erbeuten. Es begannen infolgedessen die Messingkreuze,
-die Heiligenbilderschreine und die Lämpchen auf dem Friedhofe zu
-verschwinden, wo der Vater Sawelij unter seiner Pyramide ruhte.
-
-Die Stadt, durch die verschiedenen Teufelsstreiche in Schrecken
-versetzt, schrieb auch diese neue Schändlichkeit ohne weiteres
-demselben bösen Feinde zu.
-
-Bei der Untersuchung des Schadens bemerkte man, daß auch das Denkmal
-des Vaters Sawelij gelitten hatte: das Kreuz und der vergoldete Knopf,
-welche die Pyramide krönten, waren mit Hilfe eines Brecheisens stark
-verbogen und gelockert, einer der vergoldeten Cherubim abgerissen,
-erbarmungslos mit dem Beil zerhackt und dann verächtlich weggeworfen,
-da er keinen nennenswerten Marktwert besaß.
-
-Als Achilla davon Kenntnis erhielt, unterzog er das beschädigte
-Monument einer genauen Besichtigung und meinte:
-
-»Und wenn du Beelzebub selber wärst, das wirst du mir büßen müssen.«
-
-
-
-
-Vierzehntes Kapitel.
-
-
-In der darauffolgenden Nacht, gegen elf Uhr, verließ der Diakon, ohne
-vorher jemandem etwas gesagt zu haben, leise das Haus und schlich sich
-nach dem Friedhof. Eine lange Stange und eine starke Hanfschlinge trug
-er in der Hand.
-
-Niemand kam ihm in den Weg, niemand bemerkte ihn. Kurz vor halb zwölf
-erreichte er den Friedhof. Er betrachtete das Tor: es war geschlossen
-und klapperte leise, vom frischen Frühlingswind gerüttelt. Allem
-Anschein nach pflegte der Teufel nicht durch dieses Tor zu gehen,
-sondern nahm einen andern Weg.
-
-Achilla trat zur Seite und stieß mit der Stange in den weichen
-Schnee, der den rund um den Friedhof gezogenen Graben füllte. Die
-Stange durchbohrte die dünne Eisschicht und drang etwa bis zur Hälfte
-ein. Der Graben war ungefähr zwei und eine halbe Arschin tief. Auf
-der gegenüberliegenden Seite bildete die abgegrabene Erde einen
-glitschigen, von außen leicht befrorenen Lehmwall.
-
-Achilla stieß die Stange fester in den Boden, stützte sich auf sie,
-flog drachengleich empor und gelangte glücklich hinüber. Für die
-Stange, mit deren Hilfe er diesen gigantischen Sprung allein hatte
-ausführen können, erwies sich die Wucht seines massigen Leibes
-allerdings zu schwer: sie brach in demselben Augenblick, in dem die
-Sohlen des Diakons den Wall berührten. Achilla kümmerte es nicht;
-er hoffte, auf dem Friedhof irgend etwas anderes zu finden, das ihm
-auf dem Rückwege denselben Dienst leisten könnte. Außerdem hatte ihn
-jenes Gefühl erfaßt, das sich nachts auf dem Friedhof unser so leicht
-bemächtigt. Nicht Furcht, sondern eine Art Spannung, bei der alle fünf
-Sinne erregt und scharf arbeiten. Achilla atmete tief auf, nahm das
-schwarze Tuchkäppchen vom Kopf, schüttelte die grau gewordenen Locken
-und sah mit Vergnügen, wie hell das silberne Licht des Mondes über den
-Gottesacker floß. Wehmut erfaßte ihn, und doch fühlte er sich zugleich
-so frisch, wie schon lange nicht; er gedachte der alten Zeiten und
-ihrer Kämpfe und sandte dem Monde einen scherzhaften Gruß hinauf:
-
-»Guten Abend, Kosakensonne!«
-
-Tiefe Stille ringsum! Ja, hier herrschte wirklich Frieden! ...
-
-Der Diakon ging zum Grabe Sawelijs, setzte sich auf den Hügel und
-lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Cherubim. Immer noch tiefe,
-durch nichts gestörte Stille, nur die Wolkenschatten zogen lautlos
-dahin. Neue und immer neue, ohne Ende.
-
-Der Diakon wurde schläfrig. Er lehnte sich fester gegen die Pyramide
-und fiel in Halbschlaf. Nur für kurze Zeit; denn plötzlich schien es
-ihm, als stampfte jemand kräftig auf. Er öffnete die Augen: gleiche
-Stille ringsum, nur der Himmel hatte sein Aussehen verändert, der Mond
-war blasser geworden und längs der Pyramide lief ein einziger langer
-und breiter Schatten. Wolken ballten sich zusammen und die Luft wehte
-morgenkühl. Achilla erhob sich und wiederum hatte er die Empfindung,
-als wandele jemand auf dem Friedhof umher.
-
-Der Diakon ging hinter die Pyramide. Niemand war zu sehen.
-
-Nur eine frische Spur. Aber auch sie konnte von früher herstammen. Wie
-sollte man das unterscheiden, wenn der Schnee schon zum dünnen Brei
-geworden war, in den der Fuß riesige, fast formlose Gruben drückte? In
-der Stadt krähten die Hähne ihren Morgengruß. Nein, heute kommt der
-Teufel nicht mehr!
-
-Achilla wandte sich langsam zu der Stelle, wo er über den Graben
-gesprungen war. Er fand sie ohne Schwierigkeit und griff ohne
-Bedenken nach der aus dem Graben emporragenden langen Stange, als er
-sich plötzlich erinnerte, daß sie gebrochen war! ... Wo kam da die
-unversehrte Stange her?
-
-»Sonderbar!« dachte der Diakon, und nachdem er sich überzeugt hatte,
-daß er sich nicht täusche, sondern tatsächlich aus dem Graben eine
-tadellose Stange hervorragte, machte er sich zum Sprung bereit, als
-sich von hinten plötzlich über seine Schultern hinweg zwei mächtige
-Tatzen auf seine Brust legten. Sie waren mit dicker, filziger schwarzer
-Wolle bekleidet und hatten gewaltige Eisenklauen.
-
-Der Teufel!
-
-
-
-
-Fünfzehntes Kapitel.
-
-
-Achilla knickte augenblicklich unter dem ihn niederdrückenden
-Teufel zusammen, packte ihn dann an den Pfoten und riß dieselben so
-kräftig, daß das Kinn des Teufels dröhnend gegen seinen Scheitel
-schlug und gleichsam daran kleben blieb. Der Teufel, der darauf nicht
-gefaßt gewesen war, fing verzweifelt an zu zappeln, sah aber die
-Vergeblichkeit seiner Bemühungen bald ein, wurde still und blieb nach
-einem dumpfen Seufzer auf dem Rücken des Diakons hängen. Es war ihm
-nicht nur unmöglich, sich loszureißen, sondern er vermochte sogar kein
-Wort herauszubringen, denn sein Kiefer war wie mit einer Presse gegen
-den Schädel Achillas gepreßt. Die einzige Bewegung, welche der böse
-Geist zu machen vermochte, war das Strampeln mit den Beinen. Diese
-Möglichkeit beutete er aber auch mit höllischer Lust und Arglist aus.
-
-Achilla, der den Teufel ebenso leicht auf seinem Rücken hielt, wie ein
-gesunder Bauer eine Garbe Erbsenstroh, tat ein paar Schritte rückwärts,
-nahm einen Anlauf und sprang über den Graben. Der gewandte Teufel
-benutzte diesen Moment, seine Beine um die ausgespreizten des Diakons
-zu schlingen, gerade als sie beide jenseits des Grabens angelangt
-waren. Der so plötzlich in seiner Bewegung gehemmte Achilla verlor das
-Gleichgewicht und stürzte mit seiner Last in den mit kaltem, schneeigem
-Brei gefüllten Graben.
-
-Beinahe hätte die furchtbare Kälte ihn veranlaßt, seine Hände zu
-öffnen und den Teufel loszulassen, doch überwand er sich und hielt
-nach anderen Rettungsmöglichkeiten Umschau. Doch schien es die nicht
-zu geben; die glatten Grabenwände bedeckte eine Eisschicht, so daß
-es unmöglich war, an ihnen emporzuklimmen, ohne sich der Hände zu
-bedienen. Dazu aber hätte Achilla den Teufel loslassen müssen und das
-wollte er durchaus nicht. Er versuchte zu schreien, doch niemand hörte
-ihn, und wenn ihn auch jemand gehört hätte, so würde er seine Tür nur
-noch fester verschlossen und gesagt haben: »Da hat der Teufel schon
-wieder einen am Wickel.«
-
-Der Diakon begriff, daß er von der geängstigten Bevölkerung keine Hilfe
-zu erwarten habe. Trotzdem wollte er den Teufel nicht loslassen, und so
-hockten beide im Graben und froren. Sie waren fast völlig erstarrt und
-hätten vielleicht hier ihren Tod gefunden, wenn nicht ein Zufall ihnen
-zu Hilfe gekommen wäre.
-
-Frühmorgens zog ein Spiritustransport nach der Stadt. Als er am
-Friedhof vorbeikam, bemerkten die Bauern im Graben eine seltsame
-Gruppe. Sie machten Halt, ergriffen aber entsetzt die Flucht, als sie
-das blaue Gesicht eines Mannes erkannten, über dem sich die gehörnte
-Teufelsfratze emporreckte. Der halberstarrte Achilla nahm seine letzte
-Kraft zusammen, rief die Leute zurück, befahl ihnen, auf den Teufel
-aufzupassen, zog die rechte Hand aus dem Graben heraus und bekreuzigte
-sich.
-
-»Es ist ein Christenmensch, Kinder!« riefen die Bauern, zogen den
-Diakon und den Teufel heraus, steckten einen Strohhalm in das Spundloch
-eines der Fässer und setzten Achilla davor. Den Teufel aber warfen sie
-vorn auf den Schlitten und fuhren weiter zur Stadt.
-
-Nachdem er etwas Spiritus eingesogen hatte, zuckte der Diakon zusammen
-und fiel der Länge nach auf den Schlitten. Er befand sich in einem
-entsetzlichen Zustande. Ganz durchnäßt und blau, wie ein Kessel,
-zitterte er so, daß er kaum atmen konnte. Der Teufel aber lag da wie
-ein Eiszapfen. So brachte man ihn in die Stadt, wo der Diakon das
-Fahrzeug vor dem Polizeiamt halten ließ.
-
-Achilla hob den Teufel aus dem Schlitten, ließ ihn in die Kanzlei
-tragen und schickte nach dem Polizeichef. Er selbst ließ sich vom
-Polizeidiener ein trockenes Hemd und einen Soldatenmantel geben und
-legte sich auf das Sofa.
-
-Trotz der frühen Stunde war bald die ganze Stadt von dem großen
-Ereignis unterrichtet, und eine dichte Menschenmenge wogte, wie
-Meereswellen um einen Felsen, um das Gebäude des Polizeiamtes, wo auch
-der Rittmeister Porochontzew seine Amtswohnung hatte. Trotz ihres Amtes
-und ihrer Würde gelang es den einflußreichsten Persönlichkeiten der
-Stadt, wie dem Propst Grazianskij, dem Vater Zacharia und dem Hauptmann
-Powerdownia, nur mit großer Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu
-bahnen, und auch nur deshalb, weil die Menge die Anwesenheit der
-Geistlichkeit bei der an dem Teufel vorzunehmenden Exekution für eine
-religiöse Notwendigkeit hielt. Dem Hauptmann Powerdownia aber kam sein
-Säbelgriff zugute, mit dem er kräftige Hiebe und Püffe nach rechts und
-nach links austeilte.
-
-
-
-
-Sechzehntes Kapitel.
-
-
-Während draußen die Menge sich drängte und lärmte, ging es im Hause
-nicht weniger erregt zu. Der Polizeichef, Rittmeister Porochontzew,
-kam in Barchentunterhosen und einer Flanelljacke in die Kanzlei
-gestürzt und sah tatsächlich den Teufel mit Hörnern und Klauen kläglich
-zusammengekauert am Boden hocken und ihm gegenüber auf dem Sofa, das
-sonst die Bittsteller einzunehmen pflegten, eine unförmliche zitternde
-Masse, bedeckt mit einem Soldatenmantel und zwei Schafpelzen: der
-Diakon.
-
-Um den Teufel herum gruppierten sich in den verschiedensten Stellungen
-sämtliche Stargoroder Honoratioren, auf deren Gesichtern nichts von dem
-Grauen zu lesen war, das die Nähe des bösen Geistes ihnen von Rechts
-wegen hätte einflößen sollen. Jeder sah, daß dieser Teufel ein ganz
-jämmerliches Geschöpf war, welches vor Kälte bebte und schlecht und
-recht in die traurigen Reste eines Kosakenmantels aus haarigem Filz
-gewickelt war, den der Diakon Achilla einmal dem Kommissar Danilka
-geschenkt hatte, weil das Kleidungsstück zu nichts sonst zu gebrauchen
-war. Auf des Teufels Kopfe, den ein Fetzen desselben Mantels bedeckte,
-ragten zwei mit einem schmutzigen Bindfaden ungeschickt befestigte
-Kuhhörner empor, und an den Händen, die in ein paar Stückchen Schaffell
-gewickelt waren, baumelten zwei gewöhnliche Eisenhaken, wie man sie zum
-Aufwinden von Getreidesäcken verwendet. Das merkwürdigste aber war,
-daß einer der Soldaten, als er mit der Hand unter den Anzug des Teufels
-griff, eine Schnur zu packen bekam, an der ein altes Messingkreuzchen
-mit der Aufschrift: »Es stehe Gott auf, daß seine Feinde zerstreuet
-werden« hing.
-
-»Ich sagte doch, daß alles Betrug wäre,« bemerkte der Propst
-Grazianskij.
-
-»Ja, ja, dem Kostüm nach ist es ein richtiger Teufel, aber das
-Kreuzlein läßt auf anderes schließen,« stimmte Zacharia ihm bei, trat
-auf das rätselhafte Geschöpf zu und fragte: »Hör mal, mein Lieber, wer
-bist du? He? Hörst du, was ich dir sage? ... Lieber Freund! ... Heda!
-... Hörst du? ... Sprich doch! ... Sonst gibt es Prügel! ... So rede
-doch!«
-
-Hier mischte sich der Polizeichef ein und fing selbst an, den Teufel
-auszufragen, aber ebenso erfolglos.
-
-Der Teufel, der allmählich warm wurde und zu sich kam, rückte nur
-sachte hin und her und verkroch sich wie eine Schildkröte immer tiefer
-in seinen Mantel.
-
-Von den verschiedenen Seiten wurden allerlei Meinungen darüber laut:
-was man jetzt mit diesem Teufel anfangen sollte. Der Polizeichef
-neigte zu der Ansicht, man müsse ihn, so wie er sei, zum Gouverneur
-schicken und berief sich dabei auf das alte Gesetz über Ungeheuer und
-Mißgeburten. Aber alle waren so neugierig, daß sie sich diesem Beschluß
-energisch widersetzten und die mannigfaltigsten Gründe anführten, um
-den Polizeichef zu überzeugen, daß der Dämon unbedingt sofort entlarvt
-werden müsse, um die allgemeine, brennende Neugier endlich zu stillen!
-
-Zwei der Anwesenden nahmen an den Debatten keinen Anteil:
-der Bürgermeister und Vater Zacharia, denn beide waren in
-Spezialuntersuchungen vertieft. Der Bürgermeister schlich sich immer
-ganz leise an den Teufel heran, bald von der einen, bald von der
-anderen Seite, machte das Zeichen des Kreuzes über ihn und sprang dann
-geschwind wieder zur Seite, um nicht mit dem Bösen gemeinsam in die
-Tiefe zu versinken. Zacharia aber riß ihn an den Hörnern und flüsterte
-ihm zu:
-
-»Hör mal, mein Lieber, sag mir nur das eine: warst du es, der beim
-Vater Propst die Decke entlang gelaufen ist? Gesteh's und du bekommst
-keine Schläge.«
-
-»Ich war's,« stöhnte der Teufel dumpf.
-
-Diese ersten Worte des Dämons riefen unter den Anwesenden eine
-unerwartete Panik hervor, welche durch das wilde Geschrei des draußen
-stehenden Volkes noch verstärkt wurde. Die Menge hatte die Geduld
-verloren und drängte ins Haus mit der Forderung, der Teufel solle ihr
-ausgeliefert werden, wobei ganz laut der Verdacht geäußert wurde, die
-Polizei beabsichtige, sich vom Teufel »schmieren« zu lassen und ihn
-dann unbehelligt in sein höllisches Reich heimzusenden. Einige machten
-den Vorschlag, die Tür aufzubrechen und den Teufel mit Gewalt den
-Händen der gesetzlichen Obrigkeit zu entreißen. Dieser Drohung folgte
-ihre Verwirklichung auf dem Fuße, denn man schlug donnernd gegen die
-Türe. Jedoch der Rittmeister fand das richtige Gegenmittel. Er gab dem
-Revieraufseher ein Zeichen, worauf dieser sofort die Feuerspritze aus
-dem Schuppen zog, mit dem Schlauch auf den Zaun kletterte und einen
-Strahl eiskalten Wassers über die Menge ergoß. Hiermit war das Signal
-zu einem wilden Tohuwabohu gegeben. Die Menge fuhr zurück, schrie,
-pfiff, lachte, dann aber wurden die heiteren Gesichter plötzlich ganz
-ernst, die Leute bissen die Zähne zusammen und drängten von neuem
-vorwärts. Das kalte Sturzbad hatte seine Schrecken verloren, die Tür
-krachte, Steine flogen ins Fenster, der Aufseher wurde an den Beinen
-vom Zaun heruntergerissen, die Menge bemächtigte sich der Spritze und
-besprengte nun den Aufseher vor den Augen seiner Vorgesetzten. Der
-Polizeichef und die Honoratioren stürzten in die innern Gemächer und
-schlossen die Türen hinter sich zu, der Hauptmann Powerdownia aber, der
-ihnen nicht so schnell hatte folgen können, rannte in der Kanzlei hin
-und her und schrie:
-
-»Meine Herren! Keine Furcht! Gott mit uns! Wer Waffen hat ... rettet
-euch!«
-
-Sein Blick fiel auf den geöffneten Aktenschrank, er sprang geschwind
-hinein und schlug die Tür hinter sich zu, durch die zerschlagenen
-Fensterscheiben aber kamen immer mehr Steine geflogen, und der Teufel
-selbst schrie laut auf vor Entsetzen und Verzweiflung.
-
-
-
-
-Siebzehntes Kapitel.
-
-
-Der Augenblick war kritisch. Er harrte seines Helden, und dieser kam.
-Die Pelze, mit denen der von allen vergessene Diakon Achilla bedeckt
-war, gerieten in Bewegung, sie fielen zu Boden, und er selbst, barfuß,
-im kurzen und engen Soldatenhemd, stürzte auf das Wesen los, das man
-noch jüngst für den Teufel gehalten hatte, und begann es heftig zu
-schütteln.
-
-»Zieh dich aus!« kommandierte er, »zieh dich aus und zeige, wer du
-bist, oder ich reiße dir das alles samt deinem eigenen Fell vom Leibe!«
-
-Ein kurzer Moment -- und der Teufel war verschwunden. An seiner Statt
-zeigte sich den erstaunten Augen des Diakons der frosterstarrte
-Kleinbürger Danilka.
-
-Achilla riß ihn ans Fenster, steckte den Kopf durch die zerbrochene
-Scheibe hinaus und rief:
-
-»Ruhe, ihr Schafsköpfe! Das ist Danilka, der sich als Teufel verkleidet
-hatte! Schaut her!«
-
-Und der Diakon hob den blaugefrorenen Danilka in die Höhe und warf zu
-gleicher Zeit seine Teufelsausrüstung Stück für Stück auf die Straße
-hinab:
-
-»Da habt ihr seine Klauen! Und seine Hörner! Und den übrigen Kram! Und
-jetzt paßt auf: ich will ihn verhören.«
-
-Und der Diakon drehte den Danilka so herum, daß dieser ihm ins Gesicht
-sehen mußte, und fragte ihn mit ungeheuchelter Freundlichkeit:
-
-»Warum hast du dich so scheußlich verkleidet, du Narr?«
-
-»Vor Hunger,« flüsterte der Kleinbürger.
-
-Achilla rief es dem Volke zu und fuhr dann mit seiner gewaltigen
-Donnerstimme fort:
-
-»Und jetzt, ihr braven Christenleute, begebt euch nach Hause, denn wenn
-die hohe Obrigkeit wieder Mut faßt, läßt sie -- was Gott verhüten möge
--- gleich schießen.«
-
-Lachend ging das Volk auseinander.
-
-
-
-
-Achtzehntes Kapitel.
-
-
-Wirklich hatte die Obrigkeit »Mut« gefaßt, kam wieder aus ihrem
-Schlupfwinkel heraus und begann Ordnung zu stiften.
-
-Der nasse und kaum noch schnaufende Danilka wurde in einen trockenen
-Arrestantenkittel gesteckt, und das peinliche Verhör begann. Er
-gestand, daß er, von Hunger und Frost geplagt, von allen wegen
-seines liederlichen Lebenswandels gemieden, lange Zeit obdachlos
-umhergeirrt sei, bis ihm der Gedanke gekommen sei, sich als Teufel
-zu verkleiden. Auf diese Weise habe er den Leuten bei Nacht Angst
-eingejagt, gemaust, was ihm irgendwie unter die Finger gekommen sei, es
-den Juden verschachert und davon gelebt. Achilla hörte aufmerksam zu.
-Als das Verhör beendet war, sah er immer noch Danilka an und bemerkte
-plötzlich, wie die Gestalt des Kommissars vor seinen Blicken sich bald
-ganz hoch emporhob, bald tief senkte. Achilla zwinkerte ein paarmal
-mit den Augen, denn ein neues Schauspiel begann: Danilka glänzte jetzt
-wie blankes Gold, dann wie weißes Silber, dann wieder schien er ganz
-in Flammen zu stehen, daß einem die Augen schmerzten, wenn man ihn
-betrachtete, dann erlosch er mit einemmal und war fort. Und er war doch
-da! Diesem kaleidoskopartigen Wechsel der Erscheinungen zu folgen war
-eine unerträgliche Marter; schloß man aber die Augen, so wurde es noch
-bunter und tat erst recht weh.
-
-»Was ist das nur!« dachte der Diakon und fuhr sich mit der Hand über
-das Gesicht. Dabei bemerkte er, daß seine Handfläche, wenn sie die
-Gesichtshaut berührte, knisterte und hängen blieb, wie wenn man mit
-Tuch über Flanell streicht. Dann war's ihm plötzlich, als liefe ein
-heißer Feuerstrom durch sein Blut, stoße gegen den Scheitel und beraube
-ihn des Gedächtnisses. Der Diakon wußte nicht mehr, warum er hier
-war, weshalb dieser Danilka da stand wie ein gerupftes Hühnchen und
-ungeniert erzählte, wie er den Leuten Angst machte, wie er sie sich
-durch allerlei Künste vom Leibe hielt und wie er unvermutet in die
-Gewalt des Vaters Diakon geriet.
-
-»Nun erzähle mal,« fragte Zacharia wieder, »erzähle mal, mein Lieber,
-wie bist du beim Vater Propst mit dem Kopf nach unten die Decke entlang
-gelaufen?«
-
-»Ganz einfach, Vater Zacharia,« antwortete Danilka. »Ich nahm meine
-Stiefel ab, steckte sie auf einen Stock und stieß sie dann mit den
-Sohlen gegen die Decke.«
-
-»So laßt ihn doch endlich gehen, was quält ihr ihn immer noch,« sagte
-endlich Achilla.
-
-Alle sahen ihn erstaunt an.
-
-»Was redet Ihr da? Wie kann man einen Kirchenschänder ziehen lassen?«
-fiel ihm Grazianskij ins Wort.
-
-»Ach was, Kirchenschänder! Der Mann hatte Hunger. Laßt ihn laufen um
-Christi willen.«
-
-Grazianskij bemerkte, ohne Achilla anzusehen, sein Eintreten zugunsten
-des Verbrechers sei völlig unpassend.
-
-»Warum denn? So ein armer Kerl ... er hungerte doch ... die Apostel
-rauften auch Ähren aus ...«
-
-»Wie kommt Ihr dazu?« sagte der Propst streng und drehte sich nach ihm
-um. »Ihr seid wohl gar Sozialist?«
-
-»Was weiß ich von Sozialisten! Die heiligen Apostel, sag ich, gingen
-über Feld und rauften Ähren aus. Ihr städtischen Pfarrerssöhne wißt
-nichts davon, aber wir Subdiakonskinder vom Lande haben in der Schule
-auch manchmal Eßwaren gemaust. Nein, laßt ihn gehen um Christi willen,
-ich gebe ihn Euch ja doch nicht heraus.«
-
-»Ihr habt wohl den Verstand verloren? Wie könnt Ihr Euch unterstehen?«
-
-Diese letzten Worte schienen dem Diakon eine so unerhörte Kränkung, daß
-er feuerrot wurde, und seinen nassen Leibrock überwerfend, aufschrie:
-
-»Ich geb' ihn Euch nicht heraus und damit Schluß! Er ist mein
-Gefangener und ich habe ein Recht auf ihn!«
-
-Mit diesen Worten wankte der Diakon auf Danilka zu, stieß ihn zur Tür
-hinaus, packte mit beiden Händen die Türpfosten, um keinen Verfolger
-durchzulassen, und wollte noch etwas sagen, als er sich plötzlich immer
-größer und breiter werden, in feurigen Gluten aufgehen und verschwinden
-fühlte. Er schloß die Augen und fiel bewußtlos nieder.
-
-Achillas Zustand war jener des seligen Vergessens, in den das Fieber
-den Menschen versetzt. Er vernahm die Worte, wie »Unfug«, »Protokoll«,
-»Schlag«, fühlte, daß man ihn berührte, umdrehte, aufhob, hörte das
-Flehen und Jammern des draußen wieder eingefangenen Danilka, aber er
-hörte das alles nur wie im Traum, und dann wuchs er wieder und dehnte
-sich unendlich weit und strömte süße Gluten aus und zerschmolz in der
-läuternden Flamme der Krankheit. Da kam es, das Ende des Lebens, der
-Tod!
-
-Achillas »Tat« wurde zu Protokoll gebracht, wobei der alte Freund und
-Kamerad, Woin Porochontzew, sich die größte Mühe gab, das Benehmen des
-Diakons in möglichst harmlosem Lichte erscheinen zu lassen. Trotzdem
-wurde das Dokument betitelt: »Von dem frechen Unfug, den der Domdiakon
-Achilla im Beisein der Stargoroder Polizeiverwaltung angestiftet.«
-
-Der Rittmeister Porochontzew konnte nur das Wort »frech« ausstreichen,
-der Unfug Achillas aber wurde zum Gegenstand einer polizeilichen Akte,
-auf die früher oder später ein strenges Urteil erfolgen mußte.
-
-
-
-
-Neunzehntes Kapitel.
-
-
-Achilla wußte nichts von alledem: er glühte ruhig und sorglos weiter
-in den Flammen seiner Krankheit. Der Arzt hatte ihn ins Krankenhaus
-schaffen lassen und erklärt, es handle sich um eine sehr schwere Form
-von Typhus, die gleich mit Bewußtlosigkeit und hohem Fieber anfange und
-zu den schlimmsten Befürchtungen Veranlassung gebe.
-
-Dem Rittmeister Porochontzew kam diese Äußerung des Arztes sehr
-gelegen. Er fragte sofort, ob man das Benehmen Achillas nicht durch
-seinen krankhaften Zustand erklären könne. Der Arzt war durchaus dieser
-Meinung. Achilla aber war schon fünf Tage ohne Bewußtsein und lebte
-immer noch in denselben unklaren, aber süßen Vorstellungen und in
-demselben Gefühl einer wohltuenden Hitze. Neben seinem Bette saß auf
-einem wackeligen Stühlchen der Vater Zacharia und hielt ein mit kaltem
-Wasser getränktes Handtuch dem Kranken auf die Stirn. Gegen Abend kamen
-noch ein paar Bekannte und der Arzt.
-
-Der mit geschlossenen Augen daliegende Diakon hörte, wie der Arzt
-sagte, daß, wenn es jemandem um die Seele des Kranken zu tun sei, er
-den ersten lichten Augenblick wahrnehmen müsse, denn die Krisis nahe
-heran, von der nicht viel Gutes zu erwarten sei.
-
-»Nehmt den Augenblick wahr,« sagte er, »der Puls ist schon ganz
-unzuverlässig.« Dann fing der Arzt mit Porochontzew und den andern an
-zu reden, die es gar nicht begreifen konnten, daß Achilla im Sterben
-liege und noch dazu infolge einer Erkältung! Dieser Recke sollte
-sterben, und Danilka, der mit ihm im kalten Bade gesessen hatte, befand
-sich in seiner Gefängniszelle ganz wohl und munter. Der Arzt erklärte
-es dadurch, daß Achilla schon seit längerer Zeit angegriffen und
-leidend gewesen wäre.
-
-»Ja, ja, Sie sprachen davon ... erhöhte Sensibilität,« stammelte
-Zacharia.
-
-»Eine merkwürdige Krankheit,« bemerkte Porochontzew. »Auch hier alles
-neu. Ich lebe nun schon so lange auf der Welt und habe noch nie von so
-einer Krankheit gehört.«
-
-»Ja, ja, ja,« sagte Zacharia zustimmend, »die Lebensgewohnheiten
-verfeinern sich und die Krankheiten werden komplizierter.«
-
-Der Diakon öffnete leise die Augen und flüsterte:
-
-»Gebt mir zu trinken!«
-
-Man reichte ihm einen Metallkrug, an den er seine flammenden
-Lippen preßte. Und während er das kühle Moosbeerengetränk gierig
-herunterschlang, musterte er die Umstehenden mit seinen entzündeten
-Augen.
-
-»Nun, wie geht es unserer lieben Orgel?« fragte der Bürgermeister
-teilnehmend.
-
-»Dumpf, dumpf,« antwortete der Diakon schwer atmend und fing nach
-einer Minute ganz unvermittelt in erzählendem Tone an: »Nach meinem
-Hündchen Wiesie -- als die Post es überfahren hatte -- wollte ich mir
-wieder eins zulegen ... Da seh' ich in Petersburg auf dem Newskij
-einen Hundejungen ... ›Verschaff mir‹, sagte ich ... ›ein nettes
-Hündchen‹ ... Da antwortete er: ›Heutzutag -- gibt's keine Hunde mehr
-... Heutzutag gibt's nur noch Pointer und Setter,‹ sagte er ... ›Was
-sind denn das für Viecher?‹ fragte ich ... ›Das‹ -- sagte er -- ›sind
-ebensolche Hunde, bloß nennt man sie anders.‹«
-
-Der Diakon stockte.
-
-»Wie kommt Ihr auf diese Geschichte?« fragte ihn der Arzt in
-freundlichem, aufmunterndem Tone, denn es schien ihm, als phantasierte
-der Kranke.
-
-»Weil Sie vorhin von neuen Krankheiten redeten. Sie alle -- man mag sie
-nennen, wie man will -- laufen doch auf ein und dasselbe Ziel hinaus --
-auf den Tod.«
-
-Hier verlor der Diakon von neuem das Bewußtsein und erwachte bis
-Mitternacht nicht mehr. Dann fing er plötzlich wieder zu phantasieren
-an:
-
-»Arkebusier, Arkebusier ... geh fort, Arkebusier!«
-
-Bei dem letzten Wort sprang er auf und setzte sich, völlig wach,
-aufrecht im Bette hin.
-
-»Du solltest beichten, Diakon«, sagte Zacharia.
-
-»Ja, ja,« sagte Achilla, »nehmt meine Beichte entgegen ... Schneller
-... ich will beichten, um nichts zu vergessen ... In allem hab' ich
-gesündigt ... Vergebt mir um Jesu Christi willen ...« Und mit einem
-Seufzer fügte er hinzu:
-
-»Schickt schnell nach dem Propst.«
-
-Grazianskij erschien sogleich.
-
-Achilla grüßte ihn von weitem mit den Augen, bat um seinen Segen und
-küßte ihm zweimal die Hand.
-
-»Ich sterbe,« sagte er, »und ich wollte Euch um Vergebung bitten. Gegen
-alle Gebote hab' ich gesündigt.«
-
-»Der Herr wird Euch vergeben,« antwortete Grazianskij.
-
-»Ich war ja nicht bösen Willens ... aber ich redete oft unverständlich.«
-
-»Laßt doch ... Ihr habt ein edles Herz.«
-
-»Nein, nein, so sollt Ihr nicht reden,« unterbrach ihn der Diakon.
-»Ich tat nicht immer das, was ich sollte ... und zuletzt ... zürnte
-ich wegen des Denkmals ... Leere Phantasien: Himmel und Erde werden
-verbrennen und alles wird versinken ... Was für ein Denkmal! Und alles
-meine Unvernunft!«
-
-»Er ist schon weise,« flüsterte Zacharia, den Kopf senkend.
-
-Der Diakon warf sich auf seinem Bette hin und her.
-
-»Vergebt mir um Christi willen,« sagte er hastig, »und zwingt Euch
-nicht, hier zu bleiben. Mich packt die Krankheit schon wieder ... Lebt
-wohl.«
-
-Der gelehrte Propst segnete den Sterbenden, worauf Zacharia ihn
-hinausbegleitete. Als er in das Zimmer zurückkam, blieb er entsetzt auf
-der Schwelle stehen.
-
-Achilla lag im Todeskampf und seine Agonie war ebenso verblüffend wie
-grauenerregend. Einige Sekunden war er ganz still, und wenn er genügend
-Luft eingesogen hatte, stieß er sie plötzlich mit einem langgedehnten
-»Hu--u--u--u« heraus; dabei fuchtelte er jedesmal mit den Armen in der
-Luft herum und richtete sich auf, als ob er sich von etwas befreie,
-etwas von sich werfe.
-
-Zacharia stand wie erstarrt, und die schwachen Bretter der Bettstelle
-bogen sich und krachten immer stärker unter der Last des Sterbenden,
-und schauerlich bebte die Wand, durch die gleichsam die so lange
-gefesselt gewesene elementare Kraft sich einen Weg bahnen wollte.
-
-»Geht es zu Ende?« erriet Zacharia plötzlich und stürzte zum Fenster
-nach dem dort liegenden Gebetbuche, aber in diesem Augenblick rief
-Achilla mit fest zusammengebissenen Zähnen:
-
-»Wer bist du? Du mit dem Feuergesicht? Laß mich durch!«
-
-Zacharia sah sich ängstlich um und machte ein verblüfftes Gesicht,
-denn kein feuriger Mann war zu sehen; aber in seiner Angst war es ihm
-vorgekommen, als hätte Achilla sich von seinem eigenen Leibe gelöst
-und wäre hier in der Stube auf jemand gestoßen, mit dem er gerungen und
-den er dann überwunden hätte ...
-
-Der ängstliche Alte bebte am ganzen Leibe, schloß die Augen und lief
-hinaus. Einige Minuten später ertönte vom Turme der Domkirche das
-traurige Geläut der Totenglocke für den verstorbenen Diakon Achilla.
-
-
-
-
-Zwanzigstes Kapitel.
-
-
-Die Chronik von Stargorod geht zu Ende, und ihr letzter Punkt soll der
-Nagel sein, der in den Sargdeckel des Vaters Zacharia geschlagen ward.
-
-Der sanfte Greis überlebte Sawelij und Achilla nicht lange. Er lebte
-nur noch bis zum großen Fest des Frühjahrs, dem Ostersonntag, und
-entschlief ganz sacht während des Gottesdienstes.
-
-Für die Klerisei von Stargorod kam eine Zeit völliger Erneuerung.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Korrekturen:
-
- S. 306: waren → wären
- So, das {wären} sämtliche Neuigkeiten.
-
-
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Die Klerisei, by Nikolaus Leskow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE KLERISEI ***
-
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-works. See paragraph 1.E below.
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-electronic work or group of works on different terms than are set
-forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
- Dr. Gregory B. Newby
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- gbnewby@pglaf.org
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-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-works.
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