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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 00:36:20 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Adelaide - Wahrscheinlich nur ein Roman - -Author: Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein - -Release Date: April 3, 2017 [EBook #54481] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1807 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden - beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich - waren oder im Text mehrfach auftreten. - - Die Verwendung der grammatischen Fälle wurde nicht den heute - gültigen Regeln angepasst, soweit dabei der Sinn des Textes nicht - verloren geht, um den eigenständigen Stil der Verfasserin möglichst - weitgehend zu erhalten. Aus demselben Grund wurden teilweise oder - ganz fehlende Anführungszeichen der wörtlichen Rede nicht ergänzt. - - Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von - der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der - vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - - Adelaide. - - Wahrscheinlich - nur ein Roman. - - Von - der Verfasserin - von - Kollmar und Klaire. - - [Illustration] - - Berlin, - bei Friedrich Braunes. - 1807. - - - - -Adelaide. - - - - -„Ein Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit -den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang -und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ -- sagte -ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar -dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche -in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen -Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und -mehr dergleichen -- das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel -dekorirten. - -„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu -fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die -Landräthin. - -„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher -Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr -war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der -Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen -sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen -wohlgefällige Tagesordnung an.“ - -„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“ -flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren -Freundinnen zu. - -„Ach ja, -- gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir -uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und -sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und -rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten -Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön -genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder -wenigstens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden. -Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit -fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters --- nun auch ihr erklärter Verlobter -- sie in die Censur nahm, und den -Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so -viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten -Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ. - -Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von -Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant, -er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen -mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und -Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter -beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder -zu besiegeln. -- Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl -den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Sonnenburg -empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens -die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das -Herz seiner schönen Cousine bewerben. -- In ein Fenster gelehnt, -erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung -der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide. - -„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath -- und sechs -Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors. -„Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“ - -Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als -die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der -Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte -Stufe der Treppe betrat. - -„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn -erlauben sollten“, -- flötete Adelaidens Stimme -- „aber ich bin die -Sünderin, lieber Herr Landrath! -- ich allein habe den Aufenthalt zu -verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“ - -„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer -willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“ -erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus -dem Wagen. -- Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender -Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. -- Das Geräusch der -Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht -Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen -einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen -Mann, den Begleiter der angekommenen Damen. - -„Zynthio Camillo“ -- lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des -Hauses zu -- „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als -einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige -Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und -Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um -mich gekämpft.“ - -„Das ist brav, Signor Camillo! -- sagte der Landrath und schüttelte ihm -treuherzig die Hand -- ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse -aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“ - -Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste -und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser -Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von -Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem -ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er -beklommen. - -„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! -- ich -werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen, -Frau Landräthin!“ -- setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau -von Elfen über ihr Erblassen beruhigte. - -Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last -der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths -und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits -komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert, -sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen, -säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar -anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil -wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber. -Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde -führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“ - -Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio -wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden. -Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin -Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. -- So natürlich, und -doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! -- So zart, so -kränklich, und doch so viel Leben! -- Sonst hatten sie wohl irgend in -einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten -Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen -Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten --- als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden -- und, sich -dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen -gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. -- Um so weniger glich diesen -üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur -ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne -aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und -Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue -Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels -für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für -ein Jenseits zu haben. Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen -ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem -Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte -sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus -Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle -schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste -Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton -einer Titania -- und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und -menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen -Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die -Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten -seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief: - -„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind -vortrefflich. Frau Landräthin! -- ich werde mich bei Ihrer Köchin in -die Lehre geben.“ - -„Siehst du, Mütterchen!“ -- fiel fröhlich der Landrath ein -- „der -lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige! --- Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie -rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“ - -„Gräfin!“ -- sagte traurig Zynthio -- „es thut mir weh, Ihrem so -seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ -- er gab dem hinter ihren -Stuhl stehenden Jäger einen Wink -- „lieber eine leichtere Speise.“ - -Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden -den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst -etwas weniges zu genießen angefangen hatte. - -„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd; -dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln. - -„Bin ich nicht zu bedauern?“ -- wendete sie sich mit komisch klagendem -Ton an den Landrath -- „diese Quälgeister wollen mir durchaus nicht -erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“ - -Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an. -„Wollte Gott!“ -- seufzte sie -- „diese guten Menschen hätten Unrecht!“ - -„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath, -ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke -Promenaden -- mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den -Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters -schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten -angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“ - -„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ -- sagte der -Landrath, und schlug fröhlich in die Hände -- „überlassen Sie sich der -natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken -Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien -Luft. Wir wollen zusammen fischen, jagen, Dohnen stellen, Schlitten -fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der -Aerzte auslachen.“ - -Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher -verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der -jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher -Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide -fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen -der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen -zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen -- -seht den Himmel wie heiter -- und so mehrere mit fistulirender -Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem -dumpfen Klavier -- welches der Organist noch diesen Morgen zu der -heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide -versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer -Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden -geworden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu -bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen -Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben. - -Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze, -Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend -- zu -deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich -- und hinter -diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen -zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter. - -„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen -zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob -Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr -- wie der Westwind mit -einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß -Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden -Lilie beugte, wollte -- betroffen über die Kühnheit des Entführers im -ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender -Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien -- -nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war -sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt, -die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft -aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst -in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. -- - -Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der -fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die -- so klein und schmal -sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug -an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie -ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und -sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm -zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den -suchenden Bedienten, unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden -Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer -solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht -aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt -- da -er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender -Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs -im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah. - -„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit -lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines -großen Familiensaals wiederhohlte -- „Unverkünstelt an Leib und -Seele -- ach lieber Gott! -- da sagte ich zu viel; leider blieb der -Körper nicht so gesund als der Geist! -- mit dem erstern geht’s wie -mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank -- -zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor, -eine breite Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und -kommen nicht fort. -- Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten -Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne -führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“ - - * * * * * - -Schon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und -Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis -im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu -feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend -eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest -verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden -Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein -halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu -ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die -seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten. - -„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich -einst als Bürgerin eines andern Gestirns -- vielleicht des Syrius, mit -gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er -endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der -Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu -enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der -eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos -- eigentlich -aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. -- Optischer -Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde -ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite -dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten -Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte -- -vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide: - -„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche -Erscheinung? -- Prinz Louis!“ -- - -„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin -es wirklich, noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und -Leidenschaften“ -- antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch -eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden -- „diesen Kuß -von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu -überliefern -- selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden -werden.“ - -„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein -- „Sie ist doch heiter und -wohl?“ - -„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer -Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die -Aussicht auf diese Stunde!“ - -„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und -Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung -gewährte?“ -- - -„Zufall? -- O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der -Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte -- auch Zufall! -- Konnte Adelaide -glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als daß -ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“ -- -- - -„Also doch wieder auf der Reise nach ***? -- O mein Prinz, nun bin ich -beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig -und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu *** -gefallen lassen werden?“ -- - -„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. -- Sieh da, Signor Camillo! -fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“ -- - -„Hier Graf Hochberg“ -- nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie -den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur -Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte, -und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen. -Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin, -zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden, -und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht. - -Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen -Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander -stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors -Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam -- als fürchteten sie, -eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken. -Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an -- denn tanzen wollte und -konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus, -und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu -lassen. -- „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ -- dachte -er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr. -Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden. - -Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen -- „~Mon -Prince~. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew. -Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr -edlen Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron -- und Engel beneiden -dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur -mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen -englischen Tanz abschlagen -- aber Wahrheit und Treue für seinen -Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“ - -Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen, -und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen -Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden -Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für -Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem -Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte -er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff -Adelaide des Ritters Arm und sagte: - -„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit -unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen. Kommen Sie Graf -- -Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“ - -„Meine Braut?“ -- wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer -rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger -Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual, -mit seiner Verlobten zu tanzen. - -Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch -nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte -- besorgt um -den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich -seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der -Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und -vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten, -daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. -- -Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten -Hoffnungen, und -- Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft -übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwartet, und schneller -als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der -lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen. - -„~Vous êtes servi, Monseigneur!~“ meldete die Generalin mit -etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das -Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich -glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren. -Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den -Damens aufzuwarten.“ - -„~Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son -Aise~“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die -Tafelrunde -- und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr. -Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel. - -„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese -- „einige -~Refraichissements à la Campagne~, so gut man sie auf der Reise -haben kann.“ - -„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er -sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen -Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln -ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden -Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten -Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den -Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten -zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen -Oberförsterdienst?“ - -Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel -über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit -Brillanten gesetzt war, und erwiederte: - -„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines -Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das -Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“ - -Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg. -„Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“ - -„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer -Adelaide mit mir gemein“ -- nahm der Prinz das Wort -- „und der Himmel -lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“ - -Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können, -knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller -Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen. -„Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine -Wagenburg schlagen?“ -- frug er bei sich selbst -- „Fürst, ausländische -Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich -rasend zu machen.“ - -Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser. - -„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere. - -„O meine Brieftasche wird erst morgen eröffnet. Ein großes Paket, das -ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde -führt große Beschwerden über mich! -- Versprechen Sie mir in voraus -Generalpardon.“ - -Adelaide sah ihn bedeutend an. - -„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt -es, so wahr ein Gott lebt“ -- - -Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen -beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden -Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche -das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen -Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde -Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte -herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen -täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag, -so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich -zu nehmen. Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern -- -aber, o Himmel! -- wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in -Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von -ihrer Hand triefte. - -Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um -so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und -Caroline -- deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit -Thränen füllte, -- und Adelaide lachten nicht. - -„In der That“ -- sagte Letztere -- „so etwas kann jedem begegnen. -Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine -Ananas -- weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf -meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war -- und -da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen -wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von -dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu -verzehren, so wenig diese Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte. -Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau -wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“ - -In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet, -welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte, -und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held -dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen -hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens -demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein -Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens -Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn -weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen -sey, als sie. - -„Adelaide“ -- sagte der Prinz -- „Sie sind wahrlich ein Engel! -- Ich -möchte niederfallen und anbeten -- diese himmlische Güte, diese sanfte -Schonung“ -- -- - -„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ -- -unterbrach sie ihn ernst -- „Sie sprachen von einem Entschluß“ -- - -„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt! --- Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen -nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen -- werden Sie die Verlobte -eines Andern -- gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich -will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben -entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an -das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! -- Aber nein, so -inconsequent kann Adelaide nie seyn!“ - -„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen -- „was hat mein Vorsatz unvermählt -zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? -- Kann Ihnen die -Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen -- ohne -alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen Prinzessin Mathilde äußerte --- daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter -uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte --- kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder -wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten -eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der -Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“ - -„Adelaide! -- Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten, -sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste -und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende -Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten, -auch nur Chimäre! -- so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann. --- Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten -heut Ihr achtzehntes an; -- o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und -Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den bedenklichen -Gesundheitsumständen des Fürsten -- ein Rezitiv des neulichen -Schlagflusses, und er ist dahin.“ -- - -„Sie werden fürchterlich! -- So sollte die Liebe ein großes edles Herz -verunstalten können? -- Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung -für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das -Sie und mich herabwürdigt.“ - -„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir -scheiden. Denke an meinen Schwur. -- Heut übers Jahr an diesem Tage -kehre ich wieder zurück und finde dich -- nein Adelaide, nicht als -Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ -- - -„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck -einer Prophetin ein. -- „Ich habe Ihr Wort, Prinz! -- übers Jahr an -dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und -begleiten mich in die Brautkammer.“ - -„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft -verwirren? -- was sollen diese Räthsel? -- Ich kann mich damit nicht -beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ -- - -„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften -schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal -zum Ländern zu kommen. -- Für diesmal bitte ich, nichts mehr über -jenes Kapitel! -- Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl -schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“ - -„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand -selbst hoffen?“ - -„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht -die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ -- - -„Adelaide! -- Adelaide! was machen Sie aus mir?“ -- seufzte noch der -Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das -Flüstern seiner letzten Worte. - -Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit -entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr. -Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio -einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen -geballter Faust vor Kopf und Brust -- befahl stürmisch: vorzufahren --- und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin -gekommen. - - * * * * * - -Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften -und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang -und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in -irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im -Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch -immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des -Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste -- -während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges, -einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch -Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit -sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde -furchtbaren Corps -- welches dieser aus eigenen Kosten errichtet, -mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte -- nun seinen -Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach -den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen -pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen -Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten -Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den -Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht -gewonnen -- Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten -auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige -Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den -aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien --- zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus -erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner -ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu -erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen. - -Doch -- zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe -unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis -in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich -ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt, -Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen --- Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht -des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig -- zerrissen bald die -Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete -nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn, -und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. -- -Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser -Hinsicht aus. -- Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag -seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen -und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner -Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines -großen Nebenbuhlers war. -- Leichter französischer Spott -- wiewohl -nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden -Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen -an diesen Werth, an diese Tugenden -- kurz, mancherlei und mehrere -Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend -blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen -oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn -zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht -gewesen wäre. -- - -Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so -gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst -fand -- jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund -der Römer -- daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten -konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis -Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten. - -Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s -Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder -über dessen Meinungen geäußert hatte -- ja selbst den Tadel der Pläne, -die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph -nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. -- Alexis war nicht der -Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im -Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren -und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein -Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und -durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem -Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich -wiederholte -- und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das -Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde, -auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that, -und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu -fechten, zurückzog. - -„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph -- „diesen Querkopf los zu seyn. Der -Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten -Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? -- haben wir das Terrain, -haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ -- - -„Und sind +wir+ Römer?“ -- hätte er noch hinzusetzen sollen. -Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese -Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene -nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen -Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier -nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu -belächeln. - -Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen -Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes -Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen. -Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei -deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph -im Bunde. -- - -„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres -Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche -Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des -Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. -- Soll die -Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich -selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf, -ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst -der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß -sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und -die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb -mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und -fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! -- Läutere die -Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner -edelsten Söhne mich umschwebt. -- Kraftvoll, aber nicht stürmisch -will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt. --- Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer -Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein -milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an -höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte -Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen -Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf -Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen -Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf -die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner -Verlobten -- nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und -der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer -Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt -hatte -- und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn -die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin -wieder zurück rief. - -Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im -zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie -seine Gemahlin werden. - -Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise -ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft -fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge -wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden -Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen! --- Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher -freundlicher Gatte. -- Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der -sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar -gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren -Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher -Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie -ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder -geliebt würde. -- Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt, -indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre -Bildung vollendeten. - -Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts -- -in welchem die junge Gräfin erzogen worden -- die Einführung solches -üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches -den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht -gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf -der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig -verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden -traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle -die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden -Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet, -daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte -- wenigstens sie schon dem -Nahmen nach verabscheute. -- Und so war auch die unerfahrne Ludmilla -weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen -aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden -Leidenschaft, dessen sein Herz -- vielleicht für einen andern -Gegenstand wohl fähig war -- zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück, -ihre Ruhe zu stören. - -Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der -Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang. - - * * * * * - -Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel -ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun -gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen -unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle -auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein, -daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte -Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals. - -Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete -es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes, -wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste -Frühjahr einzuschiffen dachte -- durch Anwerbung der tapfersten -vielversprechensten Männer -- um welche Monarchen sich beneideten, für -die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen -könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten -Aussichten auf Größe und Ruhm -- der sich selbst in fremde Welttheile -erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. -- Vergebens umfaßte -Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor -seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden -Vaters. - -„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste -- und ich heiße -Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme -zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens -- -im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath -rufen sollte -- so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und -des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee -zu machen Willens bin -- das Benöthigte schon verfügt und bei der -Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten -Willens. -- Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen war, deine -Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“ - -Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie -auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen, -und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege -nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte, -um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen -Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen. - -Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der -nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher -zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern -Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur -See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage, -Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem -Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer -Beobachtung werth zu seyn. -- Weder Posthäuser noch Gastwirthe, -weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder -zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache -- so andern -Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl -zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte -beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und -Unterhaltung gewähren -- nichts dergleichen bietet sich uns auf der -übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. -- Genug, man -ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so -wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln -häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird -- so wie -bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze -bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so -bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen -Spielraum spatzieren Launen, Meinungen, gute und böse Gedanken ohne -allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die -übrigen Personen eben so auffallend, als diese -- welche sich einer -gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden -Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich -zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen. - -Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart -bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen -gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann -es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig, -wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz -verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder -andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth, -der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und -der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung -jeder Bequemlichkeit des Lebens bewies -- keiner andern zu bedürfen, -um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete -er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder -wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die -eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich -befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt -- -geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen --- hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag -auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes -Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem -ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei -Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich -der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu -Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger -Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es sich, daß er einen -Bedienten erschoß, dem -- als der Unglückliche das Nachtlicht putzen -wollte -- die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel. - -„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst -- „mit diesem -kleinen Tyrannen -- unter seiner Protection sollte ich +ein+ -Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das -vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen -Kriegsheere der Welt ist? -- Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir -durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien -- -einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht -werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? -- Nein, dabei kann es nicht -bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht -Sie -- mein Herr Generalissimus -- um einen Obersten ärmer.“ - -Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige -Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und -Alexis machte dem General die unerwartete Erklärung: daß er nicht -portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle. -L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem -Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend, -und der Streit endigte mit einem Zweikampf. - -Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher, -wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet, -fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den -Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen -durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt -- im Begriff -von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden -- seiner mit -einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war. -Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. -- Maria Paluzzo -befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer -unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem -betrogenen Vater blieb nichts übrig, als seine Rache durch Enterbung -der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in -Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden -ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig -ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und -ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten, -verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der -gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer -Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht. - -„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ -- frug Paluzzo. - -„Wo sonst hin? -- Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel -erbeten, daß ich hier umkehren soll -- und so will ich denn auch nicht -länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl -schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer -Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich nun werden, und keiner -Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“ - -„Schön, recht solid! -- Aber Freund -- dazu ist’s nach Jahren noch -Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in -Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr -kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung -eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können: -Ich litt ohne Murren. -- Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten -sanften Weiber.“ - -„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt! -ein treffliches edles tugendhaftes Weib! -- In vier Tagen breche ich -auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein -dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu -drücken.“ - -„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten. -Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe -- so nicht -die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“ - -„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben -so heilig wie den Weibern.“ - -„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in -ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! -- Früher ist Euch -die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“ - -„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? -- Thorheit habe ich mir -vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter -Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames -für sie ward? -- Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche -Kampf mir selbst daraus erwuchs? -- Basta! -- bei unsrer Freundschaft, -kein Wort mehr davon!“ - -„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen -nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt -wieder so gefallen mögte wie einst. -- Ihr kennt unsern Hof, auch so -ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch -Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste -machen würde. Herrlich! -- Verwerft Ihr sie -- gut; ihr sollt durch -Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“ - -„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich -habe in Messina nichts zu schaffen. Und -- den kommenden Frühling, will -ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“ - -Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen -des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten -Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s -Arme zurückeilte. -- Aber Messina -- hatte er dennoch besucht. -Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin; -heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der -Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten -Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward, -als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte, -selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male -als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für -sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien -des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche -in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt -hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio -Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten. - -Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe -- Alexis hingerissen von -der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen -Weibes, ihrer Zärtlichkeit -- Beide erwachten nach einer gefährlichen -Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen -ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen; -Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde -auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das -Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der -Abschied rückte heran. - -„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen -Augenblick erhalte dich mir.“ - -Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh -getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück. - - * * * * * - -„Ruhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte -der regierende Fürst von *** zu Ludmillen -- „Seine Unstätigkeit, sein -Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist -genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“ - -„Und kann er das nicht? -- Verzeihen Ew. Durchlaucht! -- Sind die -Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch -Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“ - -„Für jeden Andern -- ja, dem es löblicher und zugleich bequemer -dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches -Schloß zu setzen, und dann so ~en passant~ aus angebohrner -Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und -Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender -Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. -- Nur ihr Gemahl vermag -damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß -größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“ - -„Aber wie, ~Monseigneur~?“ -- - -„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu -seyn.“ - -„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu -werden -- der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäftigen, und dann -die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“ - -„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen -der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie -keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire -von sechs Wochen höchstens -- und wollte ich ihm dann eine Charge am -Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von -meiner Erkenntlichkeit geben -- er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber -ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir -der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“ - -„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut, -wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl -dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten -des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die -Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre -kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. -- Aber diesmal -wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das -Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth -vermischte. - -„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und -kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche -jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte -- - -„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul -abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube, -meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons -eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und -dasselbe Grab deckte -- mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein --- wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter -Blick nach Osten gerichtet ist.“ - -„Mir das? -- o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“ - -„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! -- Noch vor einigen Wochen war dein -heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt -zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt -dein Auge in Thränen.“ - -„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren -- Dank -zulächeln? -- Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein -bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib -zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen -- o so verlaß es! Darf -ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“ - -„Ludmilla! -- Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich -die mehr als weibliche Schwäche. -- In einem frommen Stift erzogen, -lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen -- -aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du -keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei -dir nur tauben Ohren predigen.“ - -„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger -seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien -Glücks! -- Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser -Nothwendigkeit zu trösten.“ - -„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir -- eben -als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder -brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des -Fürsten nicht an -- und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“ - -„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! -- -Aber der drohende böse Krieg“ -- -- - -„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in -Friedenszeiten! -- Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung -nicht betrogen haben.“ - -Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht -allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent -- so er zu dem -ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete -- Ehre einlegen, -sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand -setzen wollte. -- Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand. -Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete, -weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber -er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach -der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen, -ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte -die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles -in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem -Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl -aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur -die Ordre zu satteln und aufzumarschieren. - -Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen. -Krankheiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo -sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die -nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge -hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars -begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten. - -Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf -Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth -ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis -bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies -und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu -haben. -- - -Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich -wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so -baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die -schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die Vermählung -des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen -des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft. -General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als -fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing -ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu -schmeicheln zwiefach berauschend war -- unserm Alexis die vollkommenste -Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. -- Nicht allein -die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das -fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige -Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen, -und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen. - -Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen -überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis -von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande, -ihn -- der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt -werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über -sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus -gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte. - - * * * * * - -Gräfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in -die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla, -sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar -machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen -Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der -Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer -eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht -nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben -- während er den Gefahren -des Krieges ausgesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte. - -Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der -Prinzessin Mathilde -- welche nur um 8 Monathe früher das Licht der -Welt erblickte -- bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte -er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei -seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus. - -Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so -Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr -und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die -duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst -dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten -Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für -keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre -Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als -ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der -fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier -schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und -Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß -zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern -- doch mehrere -Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen. -Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel; -er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den -feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie -gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres -angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle -glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer -fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen -anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere -Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne -Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide -wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher -Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval -- ihre Gouvernante -- wie -ihre Mutter. - -Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des -Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so -statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. -- Und diesmal lag die Schuld -nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den -Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte. -Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz, -Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner -Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave -Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in -der Geburt erstickte. - -Theodor, so sehr ihm der Prinz mit Liebe und Geselligkeit überall -entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den -Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich -genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen -Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe -zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese -mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park -zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken, -wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung -entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen -Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber -desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen -Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem -Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den -tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen. - -Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war -seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen -Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere -Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing; -die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem -eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine -spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling -gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel -geweint -- war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte -das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm --- seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse. - -„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer -auch forttragen?“ -- frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön -gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne -Kind auf den Schooß legte. - -„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das -Schwesterchen -- das sollst du recht lieb haben, und es einst -beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch -- wie -Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner -Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff -welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“ - -„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte --- er wäre ihr Schutzengel.“ - -„Richtig, mein Kind! -- Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch -lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich -ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“ - -Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des -Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen -Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen -Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden -hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so -langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie -weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für -seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu -wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der -Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes -äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an, -seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine -Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen -Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken -versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels -Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er -jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur -von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem -festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte. -So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem -selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht -widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck -wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit -Adelaiden beschäftigt war. - -Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin, -und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung -erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden -und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder -die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und -freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen -wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz -Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen -nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete. - -Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf -seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich -dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein -kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er -entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger, -mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie -küßte und sie seine gute Schwester nannte. - -„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben -in unsere Familie!“ -- sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser -äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu -geben beschloß. - -„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole -militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich -kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann. -Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth -machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen -- -oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er -meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“ - - * * * * * - -Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht -in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit -wankte -- das Resultat war Veränderung der Luft. -- Das Concilium -physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des -fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, -als die heilsamsten für Sr. Excellenz. - -Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange -Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für -unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so -weiten Reise -- besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren -Widerwillen hegte -- unterworfen haben, um den geliebten Alexis -begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen -seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es -der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. -Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben -zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der -Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche -ihr die zarte Knospe Adelaide -- und die Freundschaft ihrer Fürstin -gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und -feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht -ohne Noth zu weit hinaus zu setzen! - -Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem -Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, -was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds -von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens -betrogen zu haben -- die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, -alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß -- die -Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern -Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, -und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de -Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde -nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam -zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in -disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. -- -Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla -- noch einmal drückte er -sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal -in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche -- und -- dahin rollte er; -Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf -dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen. - -„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu -erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun -laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über -das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in -Alexis Arme. - -„Gott im Himmel!“ -- rief der Graf erschüttert -- „was ist aus dir -geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? -- die -herrlichste Blume dieses Edens“ -- -- - -„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir -verschmachtet, verblüht -- und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn -schwach die sterbende Wittwe Kamillos. - -Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis -zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete -gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte -es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein -Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe -nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! -- „O -nur zu wahr sprach dieser Paluzzo -- rief er aus -- deutsche Weiber -lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane -unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ -- - -„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du -warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem -verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft -meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein -feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen -Fehlern und Schwächen reinigen. -- Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer -strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! -- Sey treuer liebender -Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. --- Gott ist gerecht -- aber auch barmherzig! er will den Tod des -Sünders nicht. -- Er nehme dich und die Deinen -- in seinen heiligen -Schutz -- und meine Seele -- zu Gnaden -- auf! -- Jesus, Maria -- -erbarmet -- euch meiner!!“ -- - -Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte -Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er -fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam -für das Grab schmücken wollten. - -„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! -- in den Händen -meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ --- sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der -Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. -- „Kennen Sie mich -nicht mehr? fuhr sie fort -- die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse -Prospero -- jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“ - -Milder wurden Alexis Züge -- „So wissen Sie, was ich verlohr, wem -dieses Opfer fiel.“ - -„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen -Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner -Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung -gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“ - -„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“ - -„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. -Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke -wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“ - -Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug -meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten -in deinen Armen auszuhauchen -- schrieb Giuliane. -- Eile, denn ich -fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen -Sieg. -- Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an -den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, -daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey, -so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache -Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir -mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich -überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf -folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter -enthalten. Kraft und unbefangne +Ruhe+ gebricht mir nur allzugewiß -in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab -sinken läßt. -- Mein Lebewohl empfängst du noch -- eine süße Ahndung -sagt es mir -- von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner -dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß -erstirbt. -- Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: -- - -Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf -deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit -dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst -geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die -Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den -Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen -sie. - -Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an -deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner -Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach -Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde -soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses -entlocken. -- Seraphine trägt deine Züge -- ein forschender Blick -Ludmillens -- dein Bewußtseyn! -- Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit -der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre -Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme -eines redlichen geliebten Mannes, oder -- zeigt sich der Wille des -Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in -den stillen Mauern des Klosters zu widmen -- als Braut der Kirche zum -Altar. -- Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen -Segen. - -Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! -- -Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch -auf ihren Bruder erstrecken! -- Werde sein Retter, wie du es einst -seiner Mutter wurdest. -- Der feurige schwärmerische Knabe kämpft -gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. -Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem -Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die -Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer -Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars -- in dem er zu seiner -Bestimmung vorbereitet werden soll -- zu enge sind -- -- -- - -„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken, -dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ -- rief Alexis mit -verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, -für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu -ringen. - - * * * * * - -Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein -Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. -„Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür -entgegen -- Excellenz haben gewonnen Spiel. -- Aber wie die Karten -gestern lagen, hätten Sie es verloren.“ - -„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr -nicht haben ziehen wollen?“ -- - -„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges -Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche -Klerisey regaliren und beschwichtigen.“ - -„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner -übrigen Betgenossen an?“ - -„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“ - -„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“ - -„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen, -denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die -Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun -- mit dem Schein -frommen Eifers läßt sich -- muß sich die übrige heilige Brüderschaft -abspeisen lassen. -- Ein massiv silberner Antonius von Padua, -anderthalb Fuß hoch -- mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn -eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig -- die Bestellung -kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts -Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist -unser.“ - -„Meinen heißesten Dank dem heiligen Friedenstifter Antonius! -- denn -wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses -Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er -sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ -- -- - -„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug; -nahm Signora Prospero das Wort -- o möchte er auch diesem lieblichen -Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ -- - -Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen -nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf. -Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge -sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der -Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“ - -Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu -Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon -bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen -Träumerei. - -„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser -- „hier ist wohl eine Schlafstätte -für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ -- - -„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet -und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir -aufgethan -- Giuliane in den Glanz einer Verklärten! -- wahrlich, -Prospero! -- säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie -heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer -Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“ - -Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte -ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden -Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen. - -„Die -- die Nachtluft -- Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem -Entsetzen -- „die übermäßige Betrübniß -- hat Ihr Bewußtseyn, Ihre -gesunden Sinne umnebelt. -- Heilige Mutter Gottes! -- glaube mir -Zynthio -- Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“ - -„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn -lächelnd Alexis. -- Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen -freilich nicht anders verständlich machen konnte.“ - -Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein -Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen -bestimmt sind -- in meiner Verwahrung?“ -- - -„Nach ihrem Ableben erst, Madame! -- Bis dahin würdigen Sie das -Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst -ein desto heiligeres Kleinod seyn.“ - -„Nicht also, Herr Graf! -- und verzeihen Sie, auch nichts weniger als -rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken. -Seraphine ist“ -- -- - -„Graf Wallersee’s Tochter -- nahm imponirend der General das Wort, -- -diese Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“ - -„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen? --- Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die -Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben -gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück -und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. -- Solche Attribute -des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die -Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten -Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre -Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ -- - -„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von -behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. -- Jedoch diese -Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück. --- Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von -einem portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer -alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige -in Vorrath haben.“ - -„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des -Schleichhandels bedienen?“ -- - -„Warum nicht, Signora? -- giftigen Insekten wird man nie unverfälschten -Honig auftischen. -- Weg mit jener kleinen neidischen Brut; -schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. -- Morgen -trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl -der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der -Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung -seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu -feiern!“ -- - -„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier -in Kummer verwandeln. -- Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen -Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ -- - -„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange -dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. -- Doch -an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens -bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt -- den die der -arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die -Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. -- Ich -werde es machen wie die Schulknaben, welche -- mit einem verklagenden -Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und -nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend -ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch -wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“ - -Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich -mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche -Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt -fast überall bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen -Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit -seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim -- -im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als -er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen -der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach -theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie -dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung -mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum -Gegenstand. - -„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen -zitternd -- ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia -verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim -mich öfters führte.“ - -„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem -Vertrauen lieben.“ - -„Meine Schwester? -- ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher -Zynthio! -- oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine. -Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein, -es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that -mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! -- Nun ist’s eben so -gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“ - -„Sie hört gern Musik.“ - -„Die Engel lieben auch Musik -- Adelaide wird nicht hassen was diese -lieben.“ - -„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht -artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet -ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd -vervollkommnen. -- Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die -ihrige.“ - -„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner -Guitarre.“ - -„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“ - -„Das Letztere, Signor! -- Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten, -zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit, -das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende -Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in -Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ -- frug Alexis. - -„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der -Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, -wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“ - -„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch -harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du -mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, -oder euch wieder trennen könnte.“ - -„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! -- Ich habe schon -etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es -sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn -- -genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es -sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen -bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte -sie sehr freundlich -- es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden -besitze, darfst du sie Schwester nennen. -- Und dies Traumbild verläßt -mich nimmer.“ - -„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem -Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein -Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der -Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen -Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr -- und dies -würde ihnen weh thun.“ - -„Weh? -- ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? -- dafür bewahre mich -St. Franzesko.“ - -Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die -Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den -Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings -anbot, war ihm daher sehr willkommen. - - * * * * * - -Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde -wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die -ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten -hatte -- versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen -Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich -gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, -unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise -wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide -Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende -machte. - -Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an. - -„Herr Graf,“ begann der Mann -- „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein -Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und -dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu -Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube -und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“ - -„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch -machen zu dürfen.“ - -„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie -besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem -Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt. -Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser, mit Thränen angelegen, Sie -bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“ - -„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! -- aber kurz zur Sache; -wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? -- Worinnen bedürften Sie -die Hülfe eines Menschenfreundes?“ -- - -„Ich für mich in nichts, Herr Graf! -- Aber dieser Bube hier, dem -könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus -Düsseldorf gebürtig.“ - -„Eine Waise?“ -- - -„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“ - -„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“ - -„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine -Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im -Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater -- -dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine -Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in Elend, und ich erbte -seinen Sohn, diesen Buben hier.“ - -„Aha! -- Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber -noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu -den Großeltern schaffen?“ -- - -„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch -im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber -soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“ - -„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil -für ihn, wenn er“ -- -- - -„Lassen wir das dahin gestellt seyn. -- Oder hätten Sie Lust sich -mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher -machen.“ - -„Er gefällt mir, und -- Zynthio, möchtest du ihn wohl zum -Reisegefährten? -- wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ -- - -„~Si, Signore!~“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen -Brust und Hände mit Küssen überströmte. -- „Bravo, Amico! du gehst -mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester -Adelaiden“ -- - -„Holla! einen Engel? -- begann der alte Schweitzer -- das klingt wohl -tröstlich für meinen Georg; -- aber wird dieser Engel auch ihm ein -Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ -- - -„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens -gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich -meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen -Umständen, wieder.“ - -„Nun dann -- mit Erlaubniß Herr Graf! -- Georg bitte den jungen Herrn, -daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig -ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“ --- - -Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer. - -„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter -nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, -um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht -auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. -- -Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts -besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein -eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und --- einen Kopf, Herr! -- einen Kopf! -- Länder hätte er damit regieren, -Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz -manchen -- Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, -als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes -unterliegen kann. -- Sie war die einzige Tochter des Inspektors von -der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. -- Den -schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, -und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in -Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das -Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm -der Bube Georg geboren wurde -- da merkte er bereits, daß Madam -sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und -- als er einst nach -achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche -Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen --- seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später -die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah -- da wurde -es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein -verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte -er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf -Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in -einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine -Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden -Baron unter die Nase. -- Schießen Sie, oder ich schieße. -- Der Baron -drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß -- -und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. -- Rellmann, auf -diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten -getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem -Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete -zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch -die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe -erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums -seiner Jesabell zu versehen. -- So lange der Kummer seine Gesundheit -nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. -Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen -ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem -Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. -- Was Christenpflicht -mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten -Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, -aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das -beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum -Garnaufspulen zu brauchen.“ - -„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf. - -„Hm! -- sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen? -Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in -den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und -Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in -die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über -mein Bett hängt. -- Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann -aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen -- huch! -wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ -- - -„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen -tüchtigen Oberförster -- und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“ --- -- - -„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“ - -„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“ - -„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann -mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns -Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft -nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die -Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen -Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den -kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste -geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und -so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch -nicht aus meinem letzten Willen.“ - -Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver -Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs -zweiter Pflegevater wird -- das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann --- eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“ - -„Dann, Herr Graf! -- dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns -sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute -Menschen erfüllt.“ - -Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so -sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war. - -„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater -hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich -nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du -Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn, -so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten. -Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst -verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater -in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur -mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden -bist.“ - - * * * * * - -Wie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens -schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen -Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges -umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte -so süß, auch sie -- das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde -- -aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung -auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen -Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen -überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen -Freundes sang. -- Wann er sich aber dem Zauber einer Aufopferung für -Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend -und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte -- o dann haftete -sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war -sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck -seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme -Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie -mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung -bewahren würde -- so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen, -das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen -Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste -Aufmerksamkeit lindern zu können. - -Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich -unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und -Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je -unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine Stimmung erhalten, die --- wiewohl um vieles sanfter -- dennoch mit der Seinigen im schönsten -Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer -Gespielin alles zu seyn, was diese war -- und ohne die reichhaltige -Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der -Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen, -hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen -der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin -aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses -Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer -Genüsse -- die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß -zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen -West’s. - -Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein -Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel, -den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden -Zukunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der -schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen -Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen -Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers, -und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch -Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien -gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen -bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah -man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten -aus der Hand des Schöpfers gehen -- Pracht-Ausgaben sind, an die sich -kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich -selbst das bitterste Pasquil zu machen. -- Man begnügte sich demnach -sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität -zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung -- -hingegen der eingerißnen Wuth, singen, Guitarre spielen, und den -italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern -Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? -- kam -nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher -kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit -Arbeit. - -So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre -liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie -von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen, -und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem -zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor -nachsetzten -- so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen -weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden -nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten -Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die -wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen können; wenn -nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld -sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen -Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen -Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und -verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle, -diese glühende Mittheilung des Wohlwollens -- das mit unverständlicher -Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und -sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge -mit fortreißen ließ -- bald wieder in die Gränzen wahrer schöner -Menschengefühle zu führen. - - * * * * * - -„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. -Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, -welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der -Jagdchaise gelangt worden. - -„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken -dürfen -- so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ -- -erwiederte Alexis -- - -„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre -Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete -Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. -- Wie?“ -- - -Alexis, welcher die betonten Wie’s? -- Sr. Durchlaucht schon aus -Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte -gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja -schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? --- Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; -ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren -- wann und wo ich -mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, -noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt -allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr -ein.“ - -„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie -jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat -in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ -- „Wie nun so jeder -seine Ansicht der Dinge hat“ -- warf Alexis dem mit gespitzten Ohr -ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein -~Couteau de Chasse~ in der Scheide. - -„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser -Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr -seht in mir den Freiwerber -- um die liebenswürdige Adelaide für den -jungen Graf Bendheim.“ - -„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. --- Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen -hierüber bekannt zu machen.“ - -„Wohl! -- Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe -Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des -zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet -sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath -- so verlobt man die jungen -Leute, oder -- um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner -Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten -- nicht -zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich -- indem er -ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines -Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; -und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen -steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der -auswärtigen Affairen Posseß. -- ~Eh bien mon General!~ -- wie -gefällt Ihnen die Idee?“ -- - -„Als Idee betrachtet -- fürstlich und lachend.“ - -„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh -an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. -- Wir -wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das -Zeichen zum ~Rendez vous~ auf dem Jagdschlosse geben, damit die -Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“ - -„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache -- ich -wiederhole es noch einmal -- wenigstens unter den nächsten anderthalb -Jahren nicht kommen.“ - -„Wallersee! -- Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber -- -doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine -gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein -herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. -- Und -warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. -- Zwar ist mir die alte -Animosität unter Euch Herren bekannt.“ -- -- - -„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder -handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es -nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich -selbst zu wenden.“ - -„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung -durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu -ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und -Absicht.“ -- -- - -„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der -Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“ - -„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“ - -„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der -anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch -Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach -Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch -dieselben -- und was die Hauptbedingung ist -- sind alsdann die -Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn -erwacht -- in Gottes Namen dann.“ - -„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? -- Wie?“ -- - -„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“ - -„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“ - -„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ -- -- - -„Liegen, meine ich -- ziemlich klar am Tage.“ - -„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu -lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so -verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge -verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und -bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“ - -„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine -freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung -des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“ - -„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig -oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. -- Aber die -Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr -der Fürsten zu leiten -- wie der verheerende Wurm in den Kelch -der königlichsten Blume. -- Beweise müssen uns wenigstens die -Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung -dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“ - -„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem -übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung -nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist -die Losung in der Region liebender Wesen.“ - -„Der Erbprinz und meine Tochter?“ -- - -„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen -- -zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je -herrschender und distinkter sie wird -- nicht führen.“ - -„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die -Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“ - -„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? -- Daß sie -schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung -unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“ - -„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung -der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß -diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben -werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen -- ja durch so -genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen -- Haß, oder was noch -schlimmer ist -- kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“ - -„Lieber Graf! -- Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner -Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen -rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. -Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“ - -„Unstreitig, unstreitig!! -- Sie soll mit Argusaugen der väterlichen -Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen -dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt -Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen -werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe -und benutze.“ - -„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts -Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! -- wir bleiben die -Alten -- nicht wahr?“ -- - -„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ -- - -Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere -Respektsversicherung verbittenden: Basta! -- brach der Herzog das -Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der -entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung -des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim -Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ -- das Signal zum -neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen. - - * * * * * - -Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden -russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der -wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin -unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie -Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide -durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des -beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft -des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen. - -Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur -Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese -furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich -zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und -leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen -von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt -für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der -Einimpfung unterwerfen. - -„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin -- nur -laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“ - -Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst --- wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer -Freundin trennte. - -Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen -Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in -frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt -wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante -für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte. - -„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern -schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin -verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte -- wo -in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen -Mütter erwartete. -- „Meine edelste, treuste Freundin! -- daß wir uns -trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit -einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen -gebietenden Eheherrn! -- Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie -es jetzt ist -- dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen -Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“ - -Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! --- erwiederte lächelnd Ludmilla. - -„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die -Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. -Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten -aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns -arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. -- Ich habe -- allen -Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet -- des -blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche -Taube --!“ - -Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem -Herzen keine Gefahr drohte. - -„Und Louis -- o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für -dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende -Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen -und Aufenthalt an jenem Hof -- welche künftigen Winter ihren Anfang -nehmen sollen -- werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison -bringen.“ - -Nichts gewisser als das. - -„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder -mit Bitten bestürmt werden soll -- das Kommando über unsern Louis zu -führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten? --- Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“ - -Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, -innerer Kummer -- den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart -meines unglücklichen Sohnes verursacht -- machen mich öfters für einen -uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine -Kinder in Verzweiflung stürzen wird. -- Des ihm zugedachten so hoch -ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal -würdig machen können. - -„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht -führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung -ihrer Zukunft.“ - -O mein Sohn Theodor! -- Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, -mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte -schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge -meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche -Wort: Fluch dem Ungerathnen! -- des tief beleidigten, von ihm langsam -gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf -mit Zittern erwarten! -- - -„Allgerechter! -- So schlimm steht es mit dem Jüngling? -- Arme -Mutter!“ -- - -Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres -Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten -aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender -Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des -guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, -den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. --- Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon -zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre -in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die -Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten -Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen -Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger -gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein. - -„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der -engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender -Ueberraschung herbeyführen? -- Der Hülfsleistung theilnehmender -verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß -- wo es nur -eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner -Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. -- Lassen Sie uns -raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne -daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr -opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“ - -Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen -sehen. -- Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu -der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee, -dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist -Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen -verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf -die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung -wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den -Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob -der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne -schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch -ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren -Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu -treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte. - -„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als -der leidenschaftlichste Ausbruch! -- Kalter höhnender Trotz pikirt -den General aufs höchste. -- Doch, nur nicht den Muth verloren! --- Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig -entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform -auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann -- sodann wird sich -auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, -Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die -Arme seiner langentbehrten Familie führen.“ - -Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein -gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt -sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den -traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. -Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung -des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, -bestätigt meine Vermuthung. - -„Liebe Aengstliche! -- Ihre Träume sind ansteckend! -- Nein, lassen -Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem -Schatten Gespenster sehen -- nicht wahr machen.“ - -Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit -verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich -bedrohenden Unglücks. - -„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also -mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. -Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich -dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und -unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und -Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die -Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre -Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“ - -Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das -schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein -zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr -eröfnete Zukunft zu verwandeln. - - * * * * * - -Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk -und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche -der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen -Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben -sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker, -über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme -aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ -sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer --- der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen -auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten -- deren -mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die -Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten. - -Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des -Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel -zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht -das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit -feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern -und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden -Zeit zu trotzen. - -Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die -geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher -schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht -als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter -Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige -Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm -selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn, -untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die -Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war -seine Eitelkeit. -- Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein -Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer -ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen. - -Aber -- wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und -wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? -- Zynthio hatte -es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue -Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden -Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit. -Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust -mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die -Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges -Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern -widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag -allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des -Todes gerückt -- noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier -mit einem ~memento mori!~ seiner Existenz zu erwähnen beschließen -müssen. -- Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen -Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag -verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden -händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem -Hinscheiden entgegen starrte -- brach die Krisis; einem Harnisch -gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt -hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend -Wiederholungen zu: Er ist gerettet! -- Er wird nicht sterben! -- - - * * * * * - -„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran -hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen -allergnädigsten Versucher -- den ich nicht erkennen mag -- gegen -Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ -donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor -des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen -Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde -dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten -entgegen. - -Alter ehrlicher Paul! -- Mir wolltest du den Einlaß versagen? -- -antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis -zum Auge lüftete. - -„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung -- -„unser junger Herr? -- das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so -einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit -der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen -Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu -locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“ - -So, so! -- noch immer die alte Jagd? -- murmelte Theodor -- Recht, -Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen -Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest -- -hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht -wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft. - -„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte -pfiffig der Hellebardenträger -- „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht -kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in -Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“ - -Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s -besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen. - -„Das Gott erbarm!“ - -Was krächzt der alte Rabe? -- Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für -mich nicht zu Hause? -- - -„O ja, aber der Papa -- die arme Excellenz stöhnt und sieht dem -Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe -dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“ - -O, meine weissagende Seele! -- - -„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute -brave Excellenz ist gefaßt; aber -- die Ueberraschung rathe ich doch -ab.“ - -Meinst du? -- - -„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist -ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken -weichen darf.“ - -Und meine Mutter? -- - -„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen -nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“ - -Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von -dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres -Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach -betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen -gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte. - -Theodor! du Schmerzenssohn! -- Ein guter Engel führe dich her! -- Der -Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. -- In der Hand des -sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage -- eile, daß die -Segensschaale den Ausschlag gebe! -- Adelaiden verdankst du, daß es -damit noch nicht zu spät ist. -- - -Ich weiß alles. -- Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? -- Ich -kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine -väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen. - -„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest -darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du -- bis auf ein sehr -geringes Pflichttheil enterbt.“ - -Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. -- - -Der Fluch des Vaters! -- - -„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ -- - -„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ -- - -Was kann ich thun? - -„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn -dankst, mit stiller Ergebung -- wär es auch nicht Gehorsam, doch -Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die -Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“ - -Und dann -- --? -- - -„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt -dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“ - -Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten -Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die -Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines -erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden -ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen -Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig -verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre -Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder -später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte. - -„Er schläft? -- Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? -- O, Adelaide! -gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ -- bat die -trostbedürftige Mutter. - -Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! -- Fassung, liebe -Mutter! oder -- erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. -- -Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im -wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu -vollenden. -- Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben. - -Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha. - -„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit -- sagte Theodor -- ein -Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für -dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“ - -Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein -dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist -- sondern auch mir im Buche -der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu -muthiger Resignation erhebt! -- - -Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß -der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, -dessen Anwesenheit ihm gemeldet -- solle kommen. -- Auf ihre beiden -Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, -an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich -sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und -Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor -standen zu den Füßen des Bettes. - -„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte -mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General -- „ehre deine -Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes -wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das -Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, -so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“ - -Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust -hob sich schwer athmend -- Mein Vater! rief er gepreßt -- so scheiden -Sie von mir? -- O vernichten Sie mich! -- - -„Mein Sohn! -- ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht -erzürnter Vater! dies dein Segen -- verdiene ihn. -- Adelaide, wir -Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns -verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. -- Auf Wiedersehen!“ - -Auf Wiedersehen, mein Vater! -- tönte wie Geisterstimme Adelaidens -Antwort. - -„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! -- -in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick -sey Dank für deine fromme Liebe! -- dort erst wirst du begreifen, -welch ein großer Schuldner ich dir war -- aber auch verzeihen! -- -Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. -- -Also nur gute Nacht! -- an der Brust der treuen Gattin schläft es sich -sanft ein. -- Gute Nacht, Zynthio -- gute Nacht, all ihr Freunde! -- -Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht -eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. -- So -- so -- gute -Nacht!“ -- - - * * * * * - -„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes -Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines -auf dem Paradebette liegenden Generalissimus. - -Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht -mehr gestört werden kann. -- Wohl mir -- daß ich giftigen Insekten, als -sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! -- flüsterte es -leise zu den Füßen der Leiche. - -Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an -- „Fühlst du das, -mein Sohn? -- Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“ - -Wir verstehen uns nicht -- mein Vater, und können uns nicht verstehen! --- - -„Wie?“ - -Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, -von der wir Beide noch weniger verstanden werden. -- Mein Ehrenwort an -dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie -seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen! - -„Damit begnüge ich mich -- fürs erste.“ - -„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater -sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst -mit dem Oberjägermeister vertiefte -- und ich habe das höhnende Manöver -Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch -die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer -Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. -Sie haben mich verstanden -- denn uns beiden ist diese Metapher kein -Räthsel.“ - -Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte -er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. -- Das Räthsel -selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt. - -Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der -Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, -in den Besitz -- der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten -Herrschaften Wallersee und Tomsdorf -- dahingegen bei Nichtachtung -der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 -Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin -ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter -verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. -Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn -- -das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. -- Endlich hatte -der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß -Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, -und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters -- noch vor ihrer -Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn -frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn -sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig -machte -- dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte. - -Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam -herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: --- lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine -Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten -- während -andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn -bedauerten. - -„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd --- „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend -Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“ - -„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich -- „Du wirst -Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir -das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater -dir so bestimmen konnte.“ - -„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie -La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ -- - -Adelaide erblaßte. -- Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? -- -Kennst du diese Julie La Valette? -- - -„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als -einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich -ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ -- - -Eines Labyrinths vielleicht -- erfahrungslos, ohne Freund! -- ich -beschwöre dich -- wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines -beängsteten ahnenden Herzens! - -„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! -- Sie verliert bei mir, so sehr -mich alles interessirt, was du sagst -- weil ich dich, das einzige -Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, -innig liebe. -- Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da -aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“ - -Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde -ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir -nicht nach Kräften vergüten werde? -- - -„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht -einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“ - -Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe -- - -„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige -Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ -- - -Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung -vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. -- Nur -vergiß und verkenne nie deine Schwester! - -„Es gilt, Adelaide! -- Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den -feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner -frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die -Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. -- Und nun, -um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, -Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! -- -Die gute ~mater dolorosa~ würde mich mit ihren Thränenströmen -inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“ - -Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem -Zügel -- wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen -sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung -- welche ihn doch nach -dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen -- ihn -noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz -die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder -Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, -auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! -- ein -Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt -wurde. -- Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte -die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß -Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß -fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner -Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und -bewährt in männlicher hoher Tugend -- deren väterliches Erbtheil ihm -nicht entgangen zurückkehren werde. -- „Auch der Verewigte vermogte -nicht, dem Hange zu widerstehen -- sich unter fernen Himmelsstrichen -seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten -einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin. - -Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines -Engels sprechenden Tochter. -- Sie trocknete die mütterlichen Thränen -der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, -und segnete ihren Erstgebornen -- welcher nun als Vaterwaise ihrer -Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der -Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der -Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf -Abgründe führe. - - * * * * * - -Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin -die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon -hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer -erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in -sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen -lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den -fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der -zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin -in dem rosigsten Kolorit erschuf. -- Die Abwesenheit des Erbprinzen, -welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** -antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere -Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin -verdient zu machen -- hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer -Tochter. -- Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, -und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben -Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. -- -Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen. - -Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück -liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, -als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher -Tyrannen -- ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener -und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung -bringt -- jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne -raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, -sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen -Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber -zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich -ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von -Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung -ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die -allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus -dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender -Tageslast hienieden statt findet. - - Es wird ja nur die Hülle - in Grabes Nacht versenkt, - und Seligkeit die Fülle - dem bessern Seyn geschenkt. - Drum weinet nicht, ihr Lieben! - dem Geist ist wohlgeschehn. - Hört auf, Euch zu betrüben, - bald winkt uns Wiedersehn! - --- sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender -Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die -Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde. - -„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde -Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es -von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen -geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der -Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“ - -Versteh ich recht? -- fragte mit einem brennenden von gleichem -Verlangen belebten Blick Adelaide. - -„Und du begleitest mich?“ - -Zu den Lebendigen und Todten! -- Aber wie? -- - -„Heut noch, um Mitternacht. -- Wir finden die Gruft erleuchtet, den -Sarg geöffnet, und -- -- man beobachtet uns -- nur dies noch: das -Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des -ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide -schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der -Vertraute unsrer Todtenfeier.“ - -Und wir -- allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles -gefaßt -- was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln -könnte? - -„An deiner Seite -- auf alles.“ - -Wo treffen wir uns? - -„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich -die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier -zu bitten. -- Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte -Ohren flüstere“ -- - -Sorge nicht, traute Schwärmerin! -- die Wallfarth ist mir selbst zu -heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst -der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte. - -Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden -Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. -- Gute -Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum -Schlafzimmer. -- Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen -Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo -verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit -lagen. - -„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, -welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern -Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp, -das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn -in diese Stimmung versetzt habe -- „die Nacht ist kühl, aber schön. Der -Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“ - -Ich trage Ihnen die Guitarre nach -- fiel Georg, gleichfalls vom Reiz -des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden -Zynthio ins Wort. - -„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde -später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten, -und das Pförtchen herunter gelassen fanden. - -„Auch die Kapelle ist offen.“ - -Der Schein brennender Kerzen -- - -„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“ - --- Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme! - -„Wäre es möglich?“ - -Ob wir vordringen? - -„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ -- - -Unsere Damen schliefen ja wohl -- - -„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“ - -Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde -Ihrer Guitarre. - -Zynthio gab das empfohlne Signal. - -„Zynthio! Zynthio!“ -- rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? -- -oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ -- Und bleich, athemlos -stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige -Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf -dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden -Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles. - -„Halte den Bösewicht auf“ -- schrie der ihr nachspringende Zynthio -dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei -versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne -los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose -theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen -Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, -und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand -zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr -des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden. - -Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus -der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen. - - * * * * * - -Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und -sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, -durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine -Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang -der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die -Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. -- Einige hundert Schritt -von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen -sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben -bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger -Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte -der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren -bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft. - -Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen -Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. -Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie -vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende -so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen -Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. -- - -Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter -Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und -eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das -Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem -Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen -die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den -Frevel sich hörbar schüttelten. - -„Ha! verruchter Dieb!“ -- schnaufte der sich fassende Sakristaner --- „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten -Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s -richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“ - -Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den -ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; -dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu -Boden. - -Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während -der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust -des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug -von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches -Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, -auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel -und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein -von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und -nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in -die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die -Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn -anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit -des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen -hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt -bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. -- Doch hielt er es -für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche -Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens -sicherte. -- Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei -in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit -schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten. - -Der Raub war bereits vollbracht -- Furcht jagte ihn hinter und zwischen -die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur -auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, -welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und -unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt -ihres Räubers zertrümmert lagen. - -Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu -schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken -überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das -Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des -Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem -Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. -Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der -mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten -Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, -und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren -die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte -sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu -begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß -Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke -flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. -- -Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die -noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers -vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen -Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den -er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte. - -Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer -Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im -Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes -Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche -Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; -für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. -- -Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst -die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie -aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, -der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier -noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender -Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. -- Keine Klage körperlicher -Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte -nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe -der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht -geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde -entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen -Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang -der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen. - -Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen -Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach -heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen -zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte -ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die -Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr. - - * * * * * - -„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die -schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, -der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ -- keuchte der schon -seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der -endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken -einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er -wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so -bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte. - -Du stören? -- O wärest du früher gekommen! -- antwortete freundlich, -aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios -Arm; -- doch davon nachher. Laß uns zurück eilen. - -Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. -- Lies, meine gute -Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner -geringen Verlegenheit. - -Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete: - - „Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich - erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner - herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, - welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen - Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, - verloren hat -- supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um - den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die - dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte - für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen - in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu - Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich so ungern das Vergnügen - refüsiren, meine Freundin als ~Grande Maitresse~ unauflöslich - an unsern Hof zu fesseln -- er weiß, welchen Werth ich auf diese - Gefälligkeit legen würde, -- und doch kann er nicht umhin, auch - Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, - besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister - Bendheim, das Gesuch unterstützt. -- - - Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! -- aber ich denke: - +Nein.+ -- Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, - was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen - Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten - Forderungen meines Attachements für Sie. -- Dagegen erwarte ich von - Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; - und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen - und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, - mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken. - Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei - Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ -- -- - -Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein -- kann ich nicht mit dem -Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? -- - -„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete -Ereignisse wohlfeiler damit“ -- entgegnete die Gefragte. - -Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? -- - -„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches -Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf -die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“ - -Mein Gott! -- So -- ~de But en blanc~ --? - -„Nicht ~de But en blanc~! -- Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“ - -Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an -Großmuth nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den -ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe -vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner -Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun. - -„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung, -über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle -verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende -Gräfin Wallersee nicht bedarf -- dünkt der Frau von Zach eben so -ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige -reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“ - -Doch -- ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben -Fürstin aufgenommen werden? - -„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt -haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht -ihren Entschluß im voraus so berechnet hätte, wie er der nicht minder -edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“ - -Und der Hof? -- Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider -geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich -verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen -zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle -remplacirt hätte. - -„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter -dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und -Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner -schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm -Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die -Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die ~malade -imaginaire~ spiele. -- Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich -unterstützen. -- Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust -ihrer gehofften ~Grande Maitresse~, wünscht Ihnen mit schwerem -Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und -der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter -tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer -Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung, -da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“ - -Adelaide! ist das dein Ernst? -- Wenn der Gebrauch der Bäder -nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige -Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar -auf immer uns zu exiliren? - -„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“ - -Du bist bewegt -- deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren? - -„Diesen Morgen -- überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers -Parks“ -- - -Der Erbprinz? -- Mein Gott! ist er wieder angekommen? - -„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im -Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner -Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche -Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“ - -Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft -- schlimmer als ich glaubte. Der -Unbesonnene! Und was ist seine Absicht? - -„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu -ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen -Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier -Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen, -willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten -Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“ - -Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte -starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers -den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte -sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet? - -„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen -Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer -Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle, -meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände -gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten -Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“ - -Freilich, freilich -- So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen --- bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen -Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das -Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. -- O, der rasende -Roland! -- Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige! -Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen. - -Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz, -welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine -schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu -seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die -Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische -auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer. - -„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ -- sagte -Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm -mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem -Auge zitterte -- „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen? -Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und -Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“ - -Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters -wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er -über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten -Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend -gerechtet -- nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer -Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör -geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde. - -„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio -- „die schönsten -Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit -schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter -Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie -in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“ - - * * * * * - -Mathilde an Adelaiden. - -Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich -dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst, -so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst. -Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch -auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die -Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten, -welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen -Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. -- -Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja -die ganze Haltung deines Schreibens. -- Stimme dich zur Harmonie mit -deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles -umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! -- Aber -wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt -die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen! --- Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! -- ich weiß, und -du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer -so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist. - -Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze --- auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des -felsenfesten Bundesgenossen Camillo! -- aber für mich schuf eine den -Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges -Antwortschreiben. -- Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf -meinen Werth bei dir -- aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage -eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und -mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio -fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben -und zu weben vermag -- überbringt dir dieses Paket. - - * * * * * - -Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du -entzieht sie mir. -- Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen -Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. -- O Adelaide! das -ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die -Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der -Kern ist bitter -- bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft -hätte bieten sollen. -- Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung -verloren. -- Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser -sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt --- noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen -der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das -Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen -getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen -diese Menschen berechtigt glaubt -- und was dergleichen sanktionirte -Sentenzen mehr sind. - -Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du -selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem -stolzen Zelter ausnimmst! -- Du schwingst dich mit der Geisteskraft -eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne -Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen -dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. -- Ich lebe nur dem -weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. -- -Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen -- aber -ich umfasse es mit glühender Seele -- während dich das letztere in -sokratische Temperatur versetzt. -- Bedaure mich, wenn du schlußgerecht -Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig -bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch -nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden -habe. -- - -Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche -Standhaftigkeit in dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine -Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe -auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen. - -Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft -- -der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen, -bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben, -und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz -- folglich versiegt nie die -Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt -mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner -Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin -vergeblich warten lassen werde. -- Verdamme ihn, wenn deine strenge -Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die -menschliche Billigkeit, gesiegt hat. - - * * * * * - -Am lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl -sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills -aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable -Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich -- die, je mehr ihm, außer dem -Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas -Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher -wurden. - -Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen -Korrespondenten. - -„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas -näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger -Arkane. -- Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche -Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls -- also ohne -Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? -- wem gehörts?“ - -Lieber Onkel! -- Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte -- - -„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe -herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der -Verlobten Posto gefaßt haben? -- Getroffen! das zeigt dein Erröthen, -das verrät dein Stammeln.“ - -Nicht allemal sind dies überführende Beweise -- - -„Sey ehrlich, Bursche! -- Antworte offen, wie es meine gutgemeinte -Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben -Jahre war? -- wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer -Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch -auf ein Jahr hinaussetzte?“ -- - -Lieber Onkel! -- warum sollte ich nicht -- -- - -„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf -würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln -über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du -dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“ - -Noch verstehe ich nicht ganz. -- Sollten Sie Verdacht auf mich und die -Gräfin haben? -- -- - -„Verdacht? -- Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu -erhaben, und Er -- junger Herr -- noch zu weit unten.“ - -Herr Landrath! -- -- - -„Was beliebt?“ -- - -Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches sagen --- -- - -„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch -übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom -Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit -du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu -Karolinen lästig.“ - -Auf Ehre! ich liebe meine Kousine -- - -„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines -andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. -- Du wünschest -doch ihr Glück?“ -- - -Hätte ich so viel in Ihrer Meinung verloren, daß Sie auch daran -zweifeln könnten? -- - -„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang -zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. -- Folglich, aus -der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“ - -Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter -Vater! -- entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht! -- - -„Halt, so klingt’s? -- Ich habe mich also nicht geirrt. Der -ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die -Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher -fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals. -Gut, gut -- die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber -noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen -- die schonende Behandlung -und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“ - -Aber -- schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig? -- - -„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht -leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig? --- Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? -- Du zwar bist der -allezeitfertige Freier, aber sie? -- und für dich?“ - -Ich glaube noch für Keinen. -- Adelaide ist noch frei -- - -„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“ -- - -Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten. - -„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung; -sie hat Vertrauen in mich.“ - -Bester Onkel! was wollen Sie? - -„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu -zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst. --- Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß -das Weitere mir. Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung; -besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen, -oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“ - -Aber mein Vater wird -- - -„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich -selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen -Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. -- Doch auch aus -ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den -zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“ - -„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ -- raunte der -Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht -des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen -eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht -glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr -aufgebracht verlassen -- mit fröhlichem Lachen aufnahm, und seinen -Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s -entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde -trösten müssen.“ - - * * * * * - -Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine -Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen -dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der -Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der -Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht -habe? - -Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen -- erwiederte der -bestürmte Kommissionair. -- Karoline packt ihre Habseligkeiten, -so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter -Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin -sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort -gefällt, herzlich willkommen ist. -- Die Comtesse verspricht dir -viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines -dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen, -Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten -- alles -dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht -angestaunt worden. -- Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für -Euch angespannt. - -O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre -Reiseanstalten zu treffen. - -Recht gern, sagte die Landräthin -- es war längst mein Wunsch, die -Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern -- -wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft -missest. - -Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. -- Jetzt, liebes -Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der -Ritt hat mir Apetit gemacht. - -Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden -Lustreise ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit -seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus -Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt -Adelaide meiner? -- das Herz drückte. - -Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon -wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! -- Ich -bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! -- Du hättest ein glückliches -Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“ - -Warum aber verschmäht sie mich? -- stotterte Julius -- So ist sie schon -versagt -- - -„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und -- ich glaube, es verdient sie -auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich -habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie -hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und -Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie -dir mitzutheilen vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt, -daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der -Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß -Schuld.“ - -Ja, wenn sie mich so charakterlos hält -- - -„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. -- Adelaidens -glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des -Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich -dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige -Landmädchen. -- Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden, -und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter -aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends -statuire, wo ich drein zu reden habe -- so mußte ich doch versprechen, -ihr Karolinen in die Schule zu geben.“ - -Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art -gewinnen; doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden -Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß. - -„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? -- So ganz -unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“ - -O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas -Schlimmern macht, als zu einem Narren -- - -„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“ - -Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen? - -„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in -den ersten Paar Monathen.“ - -Ha, bravo, ~mon cher Oncle~! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer -Vermittelung -- die Sachen stehen vortrefflich! - -„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von -denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun -- in diesem -Augenblick würdest du mir verächtlich! -- Ich glaube, der Pinsel -unterfängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück -bei der Gräfin zu beschuldigen.“ - -Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß -er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten -und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus -Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und -leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die -jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen -selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu -begegnen. - -Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit -- fügte der -Landrath noch zum Schluß hinzu. -- Das weibliche Ehrgefühl kann -auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige -Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des -Mädchens zu kränken. - -Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie -nun mehrere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte -Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine -Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß -nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer -Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. -- - -Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war -- so wie der junge -Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte, -als je die Dichter ihn besungen hatten -- eben das war Adelaide für -Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter -der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath -mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte. - -Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten -Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach -Palästina unternehmen. - -Hm! -- ich zweifle. Herzen lassen sich nichts unterschieben -- und -dann -- zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie -ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß -ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete. - -Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen -Leute wußten wohl, was sie sagten. -- Befiehlt die subtilere -Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen, -so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde -vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen -Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der -Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen, -bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch -bedauerte. - -Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in -gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. -- Nun, ich habe meine Sach’ -Gott heimgestellt -- singt auch ein braves altes Lied -- und ich habe -meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt; -besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als -einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns -zu erhöhen. -- - -Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen -- murmelte der Landrath, -indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach -Adelaidens Fenster warf -- wenn er um eines solchen Mädchens willen -nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird. - - * * * * * - -Adelaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag -der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem -Postpaket die emsigen Künstlerinnen. - -Meines Bruders Hand -- Mathildens, und -- von Bendheim; sagte leise -mit steigender Verwunderung die Empfängerin. Kaum hatte sie einen der -Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die -Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr -Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der -Adelaiden eben so betroffen nachsah. - -Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich -antreiben, ihr zu folgen -- aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie, -als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht -- - -„Zudringlicher seyn? -- Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein -seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz -zu übertreten. -- Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im -Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“ - -Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“ -rief sie dringend dem Gerufenen entgegen -- „laß dir den besten Renner -aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der nächsten -Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche -weiter. -- O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag -schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“ - -Die Briefe habe ich doch alle richtig? -- - -„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste -Dorf, geschweige eine Stafette -- sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm -eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete -für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten -Gastes an.“ -- - -Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das -Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn -ungekannt schon unter die Unwillkommnen. - -Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern -gefährlich werden möchte, jedoch -- wenn ich darum bitte -- recht sehr -willkommen zu seyn, so halbwegs verdient. - -Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend -unter Musik und Scherzen bin. - -Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern -Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet -- sagte -neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt -bekümmerten Kamillo. -- Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend -decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des -Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt, -so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und -dreifach. - -Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den -Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl -sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses -Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag. -Er ahndete, daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus -Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber, -indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte. -Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden -gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende -Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade -statt alles Nachtmahls verschlang. - -Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht -auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe -- da ein leidender Körper -meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit -Widerwillen betrachtet -- daß sie die erstere Hälfte der Nacht -auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den -Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese -Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den -morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe -warf ihr blasses Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden -Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt -die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos -umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt, -erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm -Besitz von einer ~Chaise longue~, von welcher aus er Adelaiden -genau beobachten konnte. - -So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten? --- fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch, -der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher -die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum -Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde. - -Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte! --- erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre -Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen. - -So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch -erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth -und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen -Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu -ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte -sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden -Zeitraum. -- Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen -menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich -an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches -Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden -glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch -nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis -dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir, -ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. -- Und -du, Lina, unterläßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den -Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen -- bald winde ich -dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der -Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“ - -Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht -erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem -er sich entfernte. -- Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline, -weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die -bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit. - - * * * * * - -Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich -umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des -Karpfengeschlechts ausschüttet -- sollte das nicht meine Adelaide seyn? --- dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin -der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen. - -„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit -einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das -Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer -Basthut verbarg. - -Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu -winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums. -Verlegenheit und Entschuldigung von einer, -- Bestürzungstammelndes: -Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der -andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug, -doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und -leichterer Erklärung. - -„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte -Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm -umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog -- „ich verlange -vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf -meine Rechnung empfangen hat.“ - -Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich -erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens -Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und -Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von -Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von -seinen Armen umschlungen fühlte. - -„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine -halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um -die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen -Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die -Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust -- er muß mich gewaltig -gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht, -nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen -- ich glaube, -sein Kuß wäre süßer!“ - -Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte -Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten Schwester in -der Jasminlaube saß. -- Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne -ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe -ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte, -ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch -manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht, -welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen -verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir, -und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit -- der -Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen -Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl -noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück -Brod verdienen und ruhig essen läßt. - -Sophie ist vermählt -- sagte Adelaide -- einer Bedingung wärest du also -enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte; -und der Majorats-Herr darf hoffen -- -- - -Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich -auch kein Majorats-Herr. - -So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! -- Soll ich die mir -anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? -- In weniger -denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers -verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten. - -Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum -Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt. - -O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten -angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich -dem Vaterlande wiedergegeben. -- Sophie hat anders gewählt, deine -Verbindlichkeit ist gehoben. -- Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu -gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist -außerdem gesorgt; -- und nun darfst du nach deinem Herzen wählen. - -Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner -großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem -Munde zur Wahrheit werden -- in Rücksicht des Wählens und meiner -Neigung war ich niemals glücklich. - -Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für -diese Behauptung? -- - -Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. -- -Bendheim findet also keine Erhörung? -- und zwar mit Recht! Der Wicht -verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines -Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts -entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des -Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen -Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn, -sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt -war. -- Italien scheint ein Donnerwort zu seyn, mit dem er die Ruhe -der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint. - -Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo -unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn. - -In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone -schwebt über deinen Locken -- - -Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe -nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du -sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das -Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft. - -Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich -- Karoline von Elfen -dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre -Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey -- - -Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte -- fiel Adelaide schalkhaft ein. - -Familienbündniß -- vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden -sollte. -- Liebt sie ihn? - -Es war ihre erste Liebe. - -Der Glückliche! - -Warum? -- Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind -nicht allemal die stärksten. - -Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? -- - -Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr. - -Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen; -öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer -honetten Männerseele. - -Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht -aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die -Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel. - -Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im -Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht. - -Karoline ist keine Julie. - -Aber schön, blühender noch, als es jene war, und -- bereits das -Eigenthum eines Andern. - -Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht -mehr behagen. -- - -Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet, -die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte -seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste -Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es -entschieden, daß Fräulein von Elfen -- wofern ungetheilte zärtliche -Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer -Verbindung mit ihn sey -- sie nie dessen Gattin werden könnte. - - * * * * * - -Adelaide an Mathilden. - -Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher -Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht -überwunden, welche mir gebot für dieses Erdenleben nicht die -Fürstentochter -- die künftige Großherzogin über der geliebtesten, -der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten -nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen, -und bringt dir Schwestergruß und Kuß! -- Jetzt verstehest du mich -auch wieder -- nicht so meine Mathilde? -- jetzt wird jedes meiner -Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie -bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das -Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet -die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden -Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf, -als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher -Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier -einstweilen skelettirt -- wenn ich erst noch einige der wichtigsten -Punkte, welche -- wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt, -auf mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit -dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen -angemerkt haben werde. - -Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des -Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit -dir. -- Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten -Vater mit hinüber zu nehmen? -- O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie -an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir -- wenigstens -in diesem Briefe noch nicht sagen darf! -- doch drücke den Kuß der -kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf -seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort -erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses -segnenden Andenkens würdig machen müsse!! -- - -Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden -deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner Wünsche für dein Wohl -versüßen. -- Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder! --- mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen -Mannes -- ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des -tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten -die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; -- von dem Gedanken -niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks -schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und -fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. -- Es bedarf keiner weitern -Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin -so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner -schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den -Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen -hast. - -O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht -hoffnungslos von ihm -- bald wird er dir und dem Staate, den du jetzt -schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten -Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die -wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat. - -Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der -Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? -- Er komme: -daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß -bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und -in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft. - -Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner -des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von -Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher -verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten, -Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete -glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle trat nun ohne -Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich, -aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor -und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der -redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die -Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß -gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg, -der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die -Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn -verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden -Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein -förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor, -wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. -- Mein guter -Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich, -mit so rührender Gutherzigkeit, -- Ritter Julius dessen Dämon mich -erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder -mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen -- seine -Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit -keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende -Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie -dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung -- -das zweite Paar: Julius und Adelaide. - -Nun, meine geliebte Mathilde! -- Du wünschest mir noch nicht Glück? --- Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige -Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten -sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward -der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold -kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten -Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden -Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich, Theodor ist, seit -die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch -die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre -Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. -- O, es war eine -Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den -ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet -aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen. - -Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten -mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich -zärtlich einige Schritte abwärts. -- Kind! sagte sie, deine Entschlüsse -so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt -- -man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn -müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches -Glück zu thun war. -- Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt, -welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen -vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück -treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich -dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen -Frommen heischt! -- Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an, -womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. -- Deine -Sehnsucht hat ein höheres Ziel. - -Amen! sprach ich -- und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter -anders wünschen und fühlen? -- - -Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung -dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen. -Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung -zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz -der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen -Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit -mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten. - -„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, -welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß -seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin -brachte? -- hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach -ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in -der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst -du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff -gemäß, sehr prosaisch endest.“ - -Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und -bereitet die Entwickelungsscene -- -- - -+Doch!+ spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften -Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner -Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte -des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge --- es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken -verirrten Herzens -- über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der -Schwester des Erbprinzen! -- Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl -erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit -dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen -mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg -ziere. - - * * * * * - -„Keine Eifersucht, werther Neffe! -- Es verdrieße ihn oder nicht, -ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine -liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens -mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach -dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel -seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu -Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen, -während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot. -„Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher, -und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“ -fuhr der verjüngte Alte fort. - -„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein -- „Sie mögen es verantworten, -wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin -ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen -schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich -nicht irre“ -- - -„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen -- nicht wahr, das -wollten Sie sagen? -- Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter -eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen -sollen.“ -- - -Und welche? -- - -„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer, -Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu -einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch -- seht, Kinderchen! -wie diskret ich bin! -- ich spionirte nicht, wie oder wozu? -- ich -wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch -die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit -den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die -Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das -Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs -Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe. -Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt -mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei, -dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so -viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer -hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem -Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen, -Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt, -und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von -ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich -ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt -andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener -Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann -unter vielen Wunden gefallen ist. -- Ich bitte dich, Julius, erwähle -wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die -gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg -der Hochburgs in Franken zu sehen ist! -- Sie müssen wissen, liebe -Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit -Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht -ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine -Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen -voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch, -nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er -erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der -heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte -den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil -der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte. -Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der -neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen -Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit -wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl, -daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner -Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen -war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze -eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen -Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben -stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und -mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß -seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu -nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen -Burgen und Lehen“ -- -- - -Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen -Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey, -dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den -Zug geordnet wissen wolle? - -Welcher Leichnam? fragte der Landrath. - -Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird; -antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten -Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden, -sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach -und nach seine Familie zu ihm gesellen wird. - -Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe -geglaubter Hochzeit ein Leichencondukt! -- Ich dachte wahrhaftig, die -gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam -die Freude machen und den Termin abkürzen wollen. - -Ich darf, ich vermag es nicht -- klagte diese mit bittender Stimme um -Entschuldigung. - -Am Ende erlebe ich es nicht einmal -- - -Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten, -künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am -Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen. - -Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen -auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten -Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten -Februar geschrieben haben. - -Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein -heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus. - -Es bleibe beim zweiten Januar ~Anni futuri~. Ein lieber Tag -von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der -zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte -besänftigt der Landrath. -- Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger -seyn, als die jungen Verliebten. - - * * * * * - -Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der -Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl. - -In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und -starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum -er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit -ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der -Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden! - -Wer? -- fuhr der Gedankenlose auf. - -Graf Bendheim, Excellenz -- - -Ha, des Teufels Allervortrefflichster! -- er und seine ganze Raçe. - -Die Jagd versammelt sich. - -Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk -Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche -die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der -Vernichtung zu hetzen. - -Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen. - -Darf ich das? -- O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was -dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten. --- Ist meine Schwester noch von der Parthie? -- - -Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro -Durchlaucht satteln zu lassen. - -Oeffne die Thüren. - -Harry gab das Signal -- Die Flügel sprangen auf, das versammelte -Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das -Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben. -Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen. „Durchlaucht, der Fürst -haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion. - -Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst -unterrichtet -- war die Antwort. - -Die Aerzte geben Hoffnung -- - -Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht -vereitelt werden mögte! - -Wie? den Bösen könnte es -- meine ich unmaaßgeblich -- wohl schwerlich -Ernst seyn! -- - -Doch, doch! Herr Oberjägermeister! -- der Fromme wünscht um des Guten -selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde --- -- doch zur Tagesordnung. -- - -Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen -Thronfolgers! -- Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? -- Die -Bösen? -- geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? -- -- - -Haben sich heuchelnd um den Stamm, der über ihren Schurkensinn -erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen -verstanden -- Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen, -Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der -größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem -Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für -- den guten Fürsten gewidmete -Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und -- fürstlich zu belohnen! -- -Was giebt’s? - -Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie -Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem -Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer -Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte -jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt, -drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den -Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. -- Morgenroth -glühte auf ihren Wangen, außerordentliche Lebhaftigkeit erhöheten -den Glanz der dunkelblauen Augen, und -- indem sie die blonden Locken -mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte, -rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen -sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide -sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah -Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und -- -spottete nicht mehr. - -Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den -Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen, -meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte -durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr -blinzelnden Reihen der Höflinge. -- Guten Morgen, mein Louis! lispelte -sie an der Brust ihrer Bruders. - -So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den -geschäftigen Händen der Zofen? -- bewillkommte liebkosend der Prinz -die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den -Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete. - -„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“ - -Was hielt dich wach? - -„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein -bester Sekretair bin ich selbst.“ - -Depeschen der Großherzogin? - -„Herzensergießungen nach Wallersee.“ - -Dann mißbrauchst du dein Herz. - -„Nein, Louis! nein. -- Mit deiner Erlaubniß, ~mon frère~! -- Meine -Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“ - -Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich. - -„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde. - -Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus -zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu -stolz, sich rechtfertigen zu wollen? - -Sie ist zu groß -- -- - -Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio! - -Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! -- -Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey? - -Der Prinz lachte bitter. - -Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas großes! --- - -Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an, -das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der -ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt -- eines -Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr -getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr -anbetete. -- O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen -sich zu einem Gott erhoben fühlte! -- Doch, vergolten soll ihr werden --- ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen, -vor denen sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! -- Geduld, -wir sprechen uns. - -Um Gottes willen! was wolltest du? - -Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ. -Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer -zu begleiten. -- Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung -seyn? -- Ich halte mich an die erste Verabredung. -- Im Sarge, sagte -sie. -- Hahaha! -- Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken, -Schauspielerin! -- Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim -soll seine Freude an meiner Mordlust haben! - - * * * * * - -Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten -zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche -Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen -ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die -Gäste das Abschiednehmen vergessen, und -- nicht wie man zu sagen -pflegt in den Tag -- sondern in die Nacht hineinleben und jubeln -lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz -der Tafel. Köche waren verschrieben worden -- wiewohl unter vierzig -der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn -gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen -durften, denen Adelaide einst huldigte. -- Alles lebendige Wesen der -Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des -Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen. - -Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend -Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten -Tafel beschäftigten Gatten -- daß heut vor einem Jahre er gewaltig -über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus -Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von -ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache Väter, -er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches -er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde. - -Länger halte ich es auch wirklich nicht aus -- sagte von Sorge -ergriffen der Landrath. -- Ich reite ihnen entgegen, die schon -anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! -- es muß etwas -vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich -um zwölf Uhr einzustellen. -- Sieh, was ist das? Julius sprengt in -den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist -todtenblaß -- Großer Gott! -- - -Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! -- schrie dieser. -Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach; -fort, fort -- Ihre Jagdkalesche -- was die Pferde laufen können! - -Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen -Gästen. -- - -O, Gott sey Dank! -- - -Aber warum? -- Wer? -- Wo sind die Andern? -- - -Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide -- starke Ohnmachten -befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt -hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr -empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei. - -In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof -vorbei. Halt, Schwager! -- rief der Landrath, du kannst einen Dukaten -verdienen. -- - -Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der -Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die -Postchaise -- Julius war schon wieder vorausgesprengt -- und schrie dem -Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir -sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter -bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie -auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! -- - -In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht. - -Nicht wahr -- fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide --- nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? -- -O, das ist ein verzagter Ritter! -- ich glaube eine Aderlaß zöge ihm -selbst eine Ohnmacht zu. - -Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen, -wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. -- Was -meinen Sie, Doktor? - -Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen? --- Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß -wir an Ort und Stelle, und -- zur Tafel kommen. - -So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit -dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte. -Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie, -munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf. - -Karoline, welche seit einigen Wochen wieder in das väterliche Haus -zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung -der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche -Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen -- bebte erschrocken zurück, -als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du -bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich -täuschest du nicht!“ - -Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte -diese. - -„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest -deinen Kräften zu viel.“ - -Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! -- -Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr -leicht und wohl. - -Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors -Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen -Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese -ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von Elfen! rief sie aus -- als jene -berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde -- wo ist Ihr Glaube -an Mutter Natur geblieben? -- Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses -Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten? - -Das war heut ein Jahr. -- O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig, -darum wollten wir ihn in Freude verleben! - -So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig -zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! -- Ich -behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack -findet, bedarf keiner weitern Arznei. - -Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre -Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte -doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht -mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal -bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt -hatte. - -Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen, -das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse -- endlich die -variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen -waren -- nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht -gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der -Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte -Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede -stehen müßten. - -Was meint ihr, Doktor? -- Was haltet ihr von dem Zustand der jungen -Gräfin? -- - -Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende -Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen -Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat. - -Freund Camillo! -- Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer -als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des lieben Mädchens. Sie -verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen -- Sagen Sie aufrichtig: was -steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer -über schien sie sich völlig restituirt zu haben. - -Sie schien es -- seufzte Zynthio. - -Was sagen eure Consulenten? - -Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte -aufgegeben. - -Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu -- aber wenn -das Uebel nicht zu heben war -- - -Verzeihen Sie, fragte der Dokter -- welches Uebel? -- - -O, sagte Zynthio -- die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon -anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. -- - -Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide -mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser -des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper -gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber -nicht fassen könne -- eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die -Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach -sich gezogen hätte. Sie würde -- so schloß er seinen Bericht -- ruhig -wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch -gründete. -- Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der -Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende -Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten -Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! -- So -beherrscht ihr edler Feuergeist -- indem er sich der Vollkommenheit -eines Seraphs schon gleich geschwungen hat -- diesen schwachen -- durch -die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper -- - -Und wird ihn aufreiben? wie? -- fragte stürmisch der Landrath. - -Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in -einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. -- Wenn es darauf -ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr -theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen -Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete -doch ihre Wahl -- - -Ich -- hoffe nichts mehr! -- preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust -hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß. - -Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten -liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. -- Wenn die Gräfin denn -nie von einer Leidenschaft überrascht wird -- warf er ihm ein, so -bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet. - -Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio -- nur nicht -jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber -glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer. - -Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein -Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und Vernunft gewählt -hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es -innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt. - -Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen, -und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht -am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl -mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der -Comtesse -- von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft, -den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich -das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile -gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je -nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen -Grundsätzen beruhenden Richter seyn. - -Doktor! -- so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles -anatomirt -- so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem -Mädchen sind. Behaltet Eure psychologische und philosophische -Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist -eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen, -verlösche wie ein Licht? - -Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und -der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit -beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? -- - -Sie schreibt, sie ordnet viel. - -Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten? - -Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der -Nacht ihrem Schreibpult. - -Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath. - -Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart -wünschen, vernachläßigen. - -Was sie zu ordnen hat, eilt nicht -- polterte noch immer Vater Elfen -- -Ich kann es mir so ungefähr denken. - -Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des -verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem -Tage -- behauptet die Rastlose -- alles in’s Reine gebracht haben zu -müssen. - -Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst -von dem Tage an. - -Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie -als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr -Vermögen zu schalten. - -Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch -gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen -dermahlen die Gräfin? -- fragte der Doktor. -- Nun das wäre wenigstens -keine Trauer verkündende Anordnung. - -Ich weiß es nicht! -- erwiederte Zynthio mit Achselzucken. - -Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten -einen Rath -- ob es der dem Arzt Ueberantworteten anstehe, dem Herrn -des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme, -ihr diese Lust zu versagen? -- - -Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der -Aufgefoderte -- da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und -begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das -Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! -- -Aufgepasst, Neffe! -- Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine -Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. -- - -Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das -minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden -zu haben, und fürchte -- man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen, -wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen -wollte. - -Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort. - -Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um -L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im -Tanzsaal -- nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um -zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas -ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte. - - * * * * * - -Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und -näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue -Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit -dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling -konnte sie ausrufen: - - Steig empor, o Morgenroth, und röthe - Mit purpurnem Kusse Hain und Feld, - Säusle nieder Abendroth und flöte - Sanft in Schlummer die erstorbne Welt. - Morgen -- ach! du röthest - Eine Todtenflur, - Ach! und du, o Abendroth! umflötest - Meinen langen Schlummer nur. - -Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste -bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen -dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen -- - -Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! -- sagte -sie, und bat das Anspannen zu bestellen. - -Kind! ich begleite dich -- versicherte bedächtig die Generalin. Ich -hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause. - -O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr -zärtlich die dankbare Tochter. - -Ueberraschen werden wir sie freilich -- meinte die Mutter -- Theodor -ritt schon diesen Morgen hinüber -- melden konnte er uns nicht, denn er -wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch -- denn jetzt -müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die -Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. -- Zwei, drei Stündchen -sind bald verstrichen! -- ermahnte die Besorgte noch, und trippelte, -sich zu der Ausfarth anzuschicken. - -Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm -schmeichelnd die liebliche Freundin zu -- Sieh, wenn du fein vernünftig -seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse -- -daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache -machen, und mit euch herumkutschiren werde! -- - -O Gott! -- Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! -- Ja, -Adelaide! -- längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! -- -Sie haben mich ja Resignation gelehrt! -- - -Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! -- Wüßtest du, wie -glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit -eine Last -- ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern -legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit -theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen -erfüllen mußt! -- Bald, bald sprechen wir deutlicher hierüber. O -Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um -die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben -- Ich sage dir: dein Lohn -wird in deiner Liebe zu mir liegen -- denn du wirst erfahren, daß der -Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war! - -Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? -- - -Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! -- Sey mir das, was ich -einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an -dich -- wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! -- - -Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! -- -Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen! - -Gott Lob! wir sind einig. -- Man kommt, nichts mehr von meiner nahen -freundlichen Aussicht! -- nicht alle sehen mit unsern Augen. - -Georg kam zu melden, daß vorgefahren sey. Die Generalin folgte ihm -reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und -Handschuh. - -Maman! bat Adelaide -- lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! -- -Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von -ihrem Musikmeister Signor Camillo. -- Sie erlauben doch? - -Wie du fragen kannst! -- - -Betty hüpfte für Freuden. -- „Daß du mir aber auch den weißen -Rosenstock pflegst! -- ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß -er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. -- Mein -Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! -bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“ - -Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das -fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; -das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen -Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. -- Sie fuhren durch eine -Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen -brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den -matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem -Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über -den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. -- So dachte sich der sie -anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber -der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath -zu wenden, wohin er -- sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, -zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick -ergriffen; begeistert rief sie aus: - - Erscheinet mir einst so mein Engel, - Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn; - So winke mir der Todesengel, - und freudig werd’ ich mit ihm gehn. - -Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den -Bruderkuß. -- Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn! --- - -Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie -sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß -Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema -applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im -ruhigern Gleise geblieben seyn!“ -- klagte die Holde. - -Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre -Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. -- Wie Gott -will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen! - -Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen -wollten -- daß ich ihr gute Nacht wünsche. - -Sie schnürt ihr Bündel -- antwortete der Landrath -- und geht mit nach -Wallersee. - -Die Freude dank ich dir, Theodor! - -Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser. - -Ja wahrlich -- nahm der Erste wieder das Wort -- wer könnte sich jetzt -freuen: -- Gutes, liebes Kind! -- werden Sie dieses Haus, wo wir alle -Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? -- und wann? -- -Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar -nicht mehr von Ihnen trennen. -- Aber das können wir Alten nicht; Nun, -wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; -- Nachricht von -Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden. - -Will man mich denn hier nicht wiedersehen? -- scherzte Adelaide, ihre -Wehmuth ziemlich mühsam verbergend -- Es wird Ihnen nicht gelingen; ich -dränge mich ein -- und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich -als Geist. - -Als Geist! -- wiederholte tief bewegt Vater Elfen -- als er die langsam -dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so -langsam in das Zimmer zurückschlich. - -Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! -- klagte weinend -dessen Gattin. - -Uns nicht erleben lassen? -- Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu -erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich -für die Zukunft an sein Güte glauben würde -- denn um dessen gesunden -Verstand steht es dann so und so! -- - - * * * * * - - Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines - Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil - an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der - Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab. - - Jean Paul. - - -Karoline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen -hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre -Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich -- jede -Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! -- Doch tröstete uns -Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst -wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach sey, um bey diesem -convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je -weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. -- -Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! -- ein Nervenschlag hatte die -Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen -Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf -zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen -wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen. - -Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit -uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß -in der Gallerie. -- So eben trägt man ihn außer sich in Theodors -Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen -unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! -- Eine Wohlthat war es, -daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir -lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. -- Ja wohl, der -Zustand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst -Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er -zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden -leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald -weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen -Gruft schon glücklich herausgekommen -- bald ob ihre Tochter schon als -Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? -- Man läßt sie -nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt. --- Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde -- ich kenne -meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht -verderben! - - * * * * * - -Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, -- säuselte Adelaidens Stimme, -dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich -- O, ich weiß wohl, du könntest -auch nicht! -- Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir -auch wieder werden. -- Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß -ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, -- daß du mich in der -letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! -- denn noch ist -mein Tagewerk nicht vollendet. -- Zynthio, hast du die Papiere gelesen, -welche ich dir diese Nacht übergab? -- Es geschah nicht mehr in der -Fieberhitze, als ich sie dir empfahl. - -Ich habe sie gelesen. - -So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! -- -Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen -durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir -anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen -Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf -dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren -Monaten dazu -- und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, -da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. -- Hätte ich leben sollen --- diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. -- In der Disposition -über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff -Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. -- Dein Erbtheil, -das ich einstweilen verwaltete -- -- - -Mein Erbtheil? -- Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so -nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es -nicht bedurft. - -Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen -Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der -Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. -Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem -Schreibpult finden wird, dazu ernannt. -- - -Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen -lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können -- - -Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und -deines Versprechens! - -Wohl, wohl! - --- Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes -Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, -was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. -- Der -Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu -vereiteln. -- Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner -Mutter nicht vergiftet haben wollte -- auch wirst du in dem Aufsatz der -nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige -Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas -von dieser Begebenheit -- auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich -mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend -mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört. - -Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf -seine Knie. - -Und Seraphine? fiel Adelaide ein. -- Erfülle erst die Pflichten des -Bruders, werde erst Gatte und Vater! - -Zynthio schauderte. -- Das Letztere nimmermehr! -- Verhältnisse dieser -Art haben keinen Reiz für mich. - -Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des -nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht -zum seelenkranken Weichling machen. -- Mein Andenken wird dir werth, -ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten -Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! -- ich werde -Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen -- einst -sehen wir uns alle wieder. - -Adelaide! -- O Gott! Gott! -- gieb mir Fassung! -- - -Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele -sich ausgesprochen hat! -- manches habe ich dir noch zu sagen. -- Bist -du gefaßt? -- - -Rede! rede! -- ich höre den Worten eines Engels! - -Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! -- - -Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung! - -Ich verlobte mich einem Manne -- die Braut des Grabes schien ihren Weg -verfehlen zu wollen! -- Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward -ich zur Verrätherin! -- der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich -nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines -Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! -- Liebe konnte ich keinem -mehr geben! -- - -O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. -- Sie -liebten, liebten den edelsten der Menschen -- - -Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! -- Aber er ist Fürst. Ich -habe gekämpft und den Sieg errungen. - -Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken, -sammelte sie die Trophäen. -- - -Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen! --- Die Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. -- -Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters -- -so schwor er. -- Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand -sich durch den Aufzug beleidigt! -- Der Fürst verzweifelte, Verdruß, -Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! -- Schon schwebte der -Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! -- Das Uebrige -weißt du -- die gute Absicht entschuldige die Mittel! -- Wem gehören -diese Klagetöne? -- - -Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte -so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich -in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen -Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen -vermochte. - -Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende. --- Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! -- -Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker -bebende Hände. -- Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht -glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte! - -Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten! - -Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung -für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein -Wohlwollen für meine Mündel. -- Georg näher! Warum so finster? Gönne -mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft -trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten -meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf -einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest! - -Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe. - -Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher. -Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte doch gern von -dir verstanden werden. -- Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth -unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! -- Georg, -du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener -auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht -anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt -der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine -Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich -habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. -- Du erinnertest -dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten -Pflegevaters -- er lebt noch -- Wie würde er sich freuen, dich als den -Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das -Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du -- sobald -ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo -- Ihn ruft eine -wichtige Angelegenheit nach Italien -- und Trennung von ihm -- würde -dir -- doch schwer fallen -- Ha! Gott sey Dank! -- ich habe vollendet! --- Finster wird’s -- vor meinen Augen! -- Wehe! -- wohl! -- Wo seyd -Ihr? -- die Kraft -- verläßt -- mich -- ah! -- - -Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: -Adelaide! -- Vergebens! sie hörte nichts mehr! -- Georg hob sie mit -convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem -Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder -zurück -- Adelaide war nicht mehr! -- - - * * * * * - -Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; --- „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, -kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals -die Verblichene geflehet. -- Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee -prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen -besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen -Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender -Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide -auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, -welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte --- und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der -Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam -wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, -um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein -Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen -Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; -weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, -bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! -- -Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher -heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum -Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die -Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie -- -zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete -Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, -bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste -Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug! - -Wann soll sie beigesetzt werden? -- fragte der Doktor. - -Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline. - -In Gottes Namen dann -- heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie -ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. -- Man will den Sarg auf die -Bühne haben. - -Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, -zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die -weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. -- Ha! bahret nur auf, rief -er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten -- aber, mich -laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! -- -Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der -Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung. - -Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe -stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der -Trauer. -- Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer -Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; -die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. -- Völliger -Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide -warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung -bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte -sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu -gelangen. -- Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen -wollende Mutter zu vergessen. - -Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; -Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. -Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, -das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. -- Zynthio, -in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald -auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein -anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt -ereignen könnte. -- Georg lehnte eben so sprachlos an eine der -Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben -herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet. - -Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem -Sinnenschlummer. - -Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt, -der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut -weinend über die entschlafene Jugendfreundin. - -So konnte das Verhängniß meiner spotten? -- Ha, im Sarge! -- Allweise -Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr -machen, um dich zu verherrlichen! -- sagte bitter Mathildens Begleiter, -der Erbprinz. - -So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? -- klagte Mathilde --- o du Stolze! -- mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; -- -nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! -- Zynthio, -Zynthio! warum ließest du sie sterben? -- - -Sterben? -- Konnte sie etwas bessers thun? -- unterbrach sie in -grollender Verzweiflung der Prinz. -- Heirathen oder sterben, das sind -so die gewöhnlichen Kunstgriffe -- den Verschmähten am sichersten das -Herz zu zerreißen! -- - -Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den -Uebrigen hinweg. Prinz! -- sagte er ihm leise -- diese Nacht um zwei -Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist -- habe ich Ihnen nur wenige -Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem -halben Fürstenthum zurück kaufen zu können. - -Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem -Fürstenthume! -- Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der -Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! -- ihn -konnte sie lieben -- - -Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. -- Ja, sie liebte, aber nicht diesen. -In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der -Menschen -- aber -- er ist Fürst! -- - -Camillo! -- spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? -- - -Es sind die Worte der Verklärten: -- ich habe gekämpft und den Sieg -errungen -- - -Ah, so -- und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten -Schäfers! -- - -An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast -gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. --- Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! -- zweifeln Sie -noch? -- - -An meiner Vernichtung? -- nein. -- Sie haben ihren Zweck erreicht. - -Noch nicht. -- Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer, -ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! -- Ihn -den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen -und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören. -Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die -Verewigte achtete. - -Zynthio! -- gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding! -Sie liebte mich! -- Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. -- -Adelaide! -- Adelaide! -- - -Adelaide! -- wiederholten die Klagetöne Mathildens -- - -Adelaide? -- fragte Julius wie aus einem Traume erwachend -- welcher -bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte. -- Ja, diese -Adelaide antwortet nicht mehr! -- - -Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der -vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand. -Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich -von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. -- Ihr seyd mein! an -ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie -meine Freuden! - -Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er -sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein -unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner -verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während -er ihr die blutbefleckte Rose reichte. - -Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie -besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die -makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete. - -Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch -Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe -sich dem mit Blut besprengten Bunde! - -Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen -hat! -- sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand -Mathildens. - -Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache -Bewegung erschütterte den leblosen Körper -- - -Was war das? -- Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig? -fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die -Bundesverschwornen. -- Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe -Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und -unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen. - -Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu -überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst -hat die Seele den Körper verlassen. Die Veränderung der Liniamente, -das Ausspannen des Körpers -- jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß -sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war -- ein Scheintod. - - * * * * * - -Phrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem -Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt -die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und -Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige -Lachen endete mit einem Stickfluß -- und als das Trauergefolge -zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf -Erden gehabt -- ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt. - -Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio -in des Letztern Zimmer. - -Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr -oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha aufsprang, -und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. -- Wie -Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm -- Volksglück -schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine -Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der -alten Schöpfung sorgen. - -Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier. -- - -Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines -Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle -mittheilen. Und -- darum -- wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall -soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen --- möchte ich mit Hamlet ausrufen -- in kreischenden Tönen die -erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer -Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt! - -Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er -seinem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug -war! - -Es mag schön klingen -- aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut -seyn. -- Wann reisen Sie? - -In wenigen Wochen; Georg begleitet mich. - -Auch dieser? -- Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner -glücklichen Vergangenheit fliehet! - -Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin. -Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint; -gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden -die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht -hätten. - -Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin -zu. -- Unaussprechlich ist sein Jammer -- ihn erneuern wird meine -Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden -sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden. - -Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt -wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn -dieser Einsamkeit entziehen -- - -Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline. - -Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die -schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen -trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der -Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz. - - * * * * * - -Still wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio -traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn -Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung -von Adelaidens schöpferischen Händen -- eine Blumenguirlande, so -diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen -für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke -mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war -der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und -zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er --- oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich -nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt -- - -Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte -- Wen sehe -ich? -- - -Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! -- sagte Graf Bendheim. Ich -bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer. - -Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des -Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre -Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und -Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte -mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden, als ich hoffen -durfte, nachdem ich die Andere verlor! -- Und wer ist ihre zweite -Begleiterin? -- - -Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? -- Aloyse Prospero! - -Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen -Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe -gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das -Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! -- Georg, du meldest -wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses -- - -Der ist? -- frage Bendheim gespannt. - -Graf Theodor von Wallersee. - -Wir sind -- ich möchte ihn belästigen -- Sie haben ja einen guten -Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab. -Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser -Ueberraschung Ihren Dank verdient habe -- sagte in verbißnem Grimm der -Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder -von dannen. - -So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. -- Er meldete sich -als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben -wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich -durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben. - -Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß -- - -O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. -- -Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn -- Nur -unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise. - -Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen -kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes -Schwester? - -Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf. - -Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie -- die junge Gräfin! -- - -Meine und deine Schwester Seraphine! -- Georg, Betty, Seraphine -- wir -alle ein Bund -- eine Familie! -- Adelaide! -- Sieh herab und lispele -dein heiliges Amen! -- Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten -- -lassen Sie uns ihre Kinder seyn! - -Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben. --- Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose -Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo -erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich, -und ward es mit ihr als Gatte und Vater. -- Georg, der in Seraphinen -Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich -- da zu dieser Verehrung -sich bald die zärtlichste Liebe gesellte -- der Großmuth seiner -Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und -Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten -Gatten seiner Schwester. - - * * * * * - -Der Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm -bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? -- Er -bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron -- ernste -Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich -diese Frage aufzuwerfen -- deren Beantwortung, wie man erlauscht haben -will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen -pflegte. - -Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr. -Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den -Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. -- Das Frühjahr -kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der -Trauer. -- Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte -die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. -- Ja, müßige -Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel -dazu geschlagen. - -Der junge Großherzog, welcher viel heißes Blut: aber nicht die -geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen -Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen -berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit -den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. -- -- Eine -Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher -Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um -damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn -bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des -Waldes nach -- ein Schuß fiel -- der vielleicht dem Wilde galt -- und -Julius sank blutend vom Pferde. - -Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; -- Argwohn -bemächtigte sich ihre Herzens -- mit Abscheu stieß sie den -Durchlauchtigen Bewerber von sich -- die blutige Locke des Gemordeten -trug sie an Arm und Busen. -- Das erregte Aufsehn beunruhigte den Hof --- ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den -Augen der boshaft richtenden Welt. - -Ein schmerzliches Ach! -- entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender -Brust -- als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen -wurde! -- Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen! - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Adelaide, by -Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE *** - -***** This file should be named 54481-0.txt or 54481-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/4/8/54481/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Adelaide - Wahrscheinlich nur ein Roman - -Author: Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein - -Release Date: April 3, 2017 [EBook #54481] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1807 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente -Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der -damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p> - -<p class="p0">Die Verwendung der grammatischen Fälle wurde nicht den -heute gültigen Regeln angepasst, soweit dabei der Sinn des Textes nicht -verloren geht, um den eigenständigen Stil der Verfasserin möglichst -weitgehend zu erhalten. Aus demselben Grund wurden teilweise oder ganz -fehlende Anführungszeichen der wörtlichen Rede nicht ergänzt.</p> - -<p class="p0 htmlnoshow">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät -installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> -gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl -serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p> - -</div> - -<h1>Adelaide.</h1> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center lh2">Wahrscheinlich<br /> -<span class="s3"><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">r</span> -<span class="mleft0_6">e</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span> -<span class="mleft0_6">R</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span>.</span></p> - -<hr class="r25" /> - -<p class="center lh2">Von<br /> -<span class="s4">der Verfasserin</span><br /> -von<br /> -<span class="s2"><span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">r</span> -<span class="mleft0_6">u</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">d</span> -<span class="mleft0_6">K</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">e</span>.</span></p> - -<div class="figcenter"> - <a id="cover_deko" name="cover_deko"> - <img class="deko mtop3 mbot1" src="images/cover_deko.jpg" - alt="Dekoration" /></a> -</div> - -<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span>,<br /> -<span class="mleft0_3">b</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">i</span> -<span class="mleft0_6">F</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">c</span><span class="mleft0_3">h</span> -<span class="mleft0_6">B</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">s</span>.<br /> -<span class="mleft0_6">1</span><span class="mleft0_3">8</span><span class="mleft0_3">0</span><span class="mleft0_3">7</span>.</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak mbot3" id="Adelaide">Adelaide.</h2> - -</div> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„E</span>in Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit -den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang -und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ — sagte -ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar -dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche -in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen -Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und -mehr dergleichen — das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel -dekorirten.</p> - -</div> - -<p>„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu -fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die -Landräthin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> - -<p>„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher -Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr -war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der -Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen -sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen -wohlgefällige Tagesordnung an.“</p> - -<p>„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“ -flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren -Freundinnen zu.</p> - -<p>„Ach ja, — gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir -uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und -sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und -rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten -Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön -genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder -wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>stens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden. -Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit -fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters -— nun auch ihr erklärter Verlobter — sie in die Censur nahm, und den -Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so -viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten -Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.</p> - -<p>Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von -Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant, -er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen -mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und -Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter -beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder -zu besiegeln. — Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl -den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Son<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>nenburg -empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens -die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das -Herz seiner schönen Cousine bewerben. — In ein Fenster gelehnt, -erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung -der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.</p> - -<p>„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath — und sechs -Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors. -„Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“</p> - -<p>Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als -die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der -Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte -Stufe der Treppe betrat.</p> - -<p>„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn -erlauben sollten“, — flötete Adelaidens Stimme — „aber ich bin die -Sünderin, lieber Herr Landrath! —<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> ich allein habe den Aufenthalt zu -verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“</p> - -<p>„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer -willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“ -erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus -dem Wagen. — Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender -Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. — Das Geräusch der -Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht -Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen -einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen -Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.</p> - -<p>„Zynthio Camillo“ — lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des -Hauses zu — „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als -einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige -Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um -mich gekämpft.“</p> - -<p>„Das ist brav, Signor Camillo! — sagte der Landrath und schüttelte ihm -treuherzig die Hand — ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse -aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“</p> - -<p>Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste -und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser -Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von -Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem -ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er -beklommen.</p> - -<p>„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! — ich -werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen, -Frau Landräthin!“ — setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau -von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<p>Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last -der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths -und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits -komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert, -sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen, -säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar -anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil -wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber. -Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde -führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“</p> - -<p>Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio -wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden. -Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin -Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. — So natürlich, und<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! — So zart, so -kränklich, und doch so viel Leben! — Sonst hatten sie wohl irgend in -einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten -Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen -Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten -— als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden — und, sich -dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen -gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. — Um so weniger glich diesen -üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur -ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne -aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und -Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue -Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels -für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für -ein Jenseits zu haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen -ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem -Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte -sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus -Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle -schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste -Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton -einer Titania — und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und -menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen -Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die -Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten -seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:</p> - -<p>„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind -vortrefflich. Frau Landräthin! — ich werde mich bei Ihrer Köchin in -die Lehre geben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>„Siehst du, Mütterchen!“ — fiel fröhlich der Landrath ein — „der -lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige! -— Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie -rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“</p> - -<p>„Gräfin!“ — sagte traurig Zynthio — „es thut mir weh, Ihrem so -seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ — er gab dem hinter ihren -Stuhl stehenden Jäger einen Wink — „lieber eine leichtere Speise.“</p> - -<p>Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden -den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst -etwas weniges zu genießen angefangen hatte.</p> - -<p>„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd; -dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.</p> - -<p>„Bin ich nicht zu bedauern?“ — wendete sie sich mit komisch klagendem -Ton an den Landrath — „diese Quälgeister wollen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> mir durchaus nicht -erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“</p> - -<p>Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an. -„Wollte Gott!“ — seufzte sie — „diese guten Menschen hätten Unrecht!“</p> - -<p>„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath, -ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke -Promenaden — mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den -Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters -schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten -angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“</p> - -<p>„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ — sagte der -Landrath, und schlug fröhlich in die Hände — „überlassen Sie sich der -natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken -Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien -Luft. Wir wollen zusammen fischen,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> jagen, Dohnen stellen, Schlitten -fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der -Aerzte auslachen.“</p> - -<p>Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher -verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der -jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher -Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide -fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen -der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen -zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen — -seht den Himmel wie heiter — und so mehrere mit fistulirender -Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem -dumpfen Klavier — welches der Organist noch diesen Morgen zu der -heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide -versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer -Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>worden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu -bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen -Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.</p> - -<p>Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze, -Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend — zu -deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich — und hinter -diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen -zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.</p> - -<p>„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen -zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob -Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr — wie der Westwind mit -einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß -Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden -Lilie beugte, wollte — betroffen über die Kühnheit des Entführers im<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> -ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender -Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien — -nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war -sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt, -die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft -aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst -in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. —</p> - -<p>Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der -fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die — so klein und schmal -sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug -an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie -ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und -sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm -zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den -suchenden Bedienten,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden -Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer -solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht -aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt — da -er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender -Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs -im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.</p> - -<p>„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit -lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines -großen Familiensaals wiederhohlte — „Unverkünstelt an Leib und -Seele — ach lieber Gott! — da sagte ich zu viel; leider blieb der -Körper nicht so gesund als der Geist! — mit dem erstern geht’s wie -mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank — -zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor, -eine breite<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und -kommen nicht fort. — Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten -Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne -führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>chon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und -Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis -im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu -feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend -eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest -verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden -Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein -halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu -ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die -seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten.</p> - -</div> - -<p>„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich -einst als Bürgerin eines andern Gestirns — viel<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>leicht des Syrius, mit -gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er -endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der -Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu -enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der -eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos — eigentlich -aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. — Optischer -Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde -ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite -dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten -Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte — -vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide:</p> - -<p>„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche -Erscheinung? — Prinz Louis!“ —</p> - -<p>„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin -es wirklich,<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und -Leidenschaften“ — antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch -eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden — „diesen Kuß -von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu -überliefern — selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden -werden.“</p> - -<p>„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein — „Sie ist doch heiter und -wohl?“</p> - -<p>„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer -Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die -Aussicht auf diese Stunde!“</p> - -<p>„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und -Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung -gewährte?“ —</p> - -<p>„Zufall? — O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der -Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte — auch Zufall! — Konnte Adelaide -glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> daß -ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“ — —</p> - -<p>„Also doch wieder auf der Reise nach ***? — O mein Prinz, nun bin ich -beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig -und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu *** -gefallen lassen werden?“ —</p> - -<p>„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. — Sieh da, Signor Camillo! -fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“ —</p> - -<p>„Hier Graf Hochberg“ — nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie -den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur -Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte, -und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen. -Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin, -zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden, -und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p> - -<p>Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen -Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander -stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors -Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam — als fürchteten sie, -eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken. -Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an — denn tanzen wollte und -konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus, -und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu -lassen. — „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ — dachte -er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr. -Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden.</p> - -<p>Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen — „<span class="antiqua">Mon -Prince</span>. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew. -Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr -edlen<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron — und Engel beneiden -dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur -mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen -englischen Tanz abschlagen — aber Wahrheit und Treue für seinen -Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“</p> - -<p>Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen, -und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen -Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden -Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für -Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem -Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte -er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff -Adelaide des Ritters Arm und sagte:</p> - -<p>„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit -unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen.<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Kommen Sie Graf — -Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“</p> - -<p>„Meine Braut?“ — wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer -rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger -Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual, -mit seiner Verlobten zu tanzen.</p> - -<p>Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch -nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte — besorgt um -den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich -seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der -Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und -vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten, -daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. — -Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten -Hoffnungen, und — Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft -übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwar<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>tet, und schneller -als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der -lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Vous êtes servi, Monseigneur!</span>“ meldete die Generalin mit -etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das -Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich -glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren. -Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den -Damens aufzuwarten.“</p> - -<p>„<span class="antiqua">Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son -Aise</span>“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die -Tafelrunde — und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr. -Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel.</p> - -<p>„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese — „einige -<span class="antiqua">Refraichissements à la Campagne</span>, so gut man sie auf der Reise -haben kann.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<p>„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er -sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen -Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln -ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden -Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten -Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den -Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten -zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen -Oberförsterdienst?“</p> - -<p>Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel -über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit -Brillanten gesetzt war, und erwiederte:</p> - -<p>„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines -Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das -Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p> - -<p>Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg. -„Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“</p> - -<p>„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer -Adelaide mit mir gemein“ — nahm der Prinz das Wort — „und der Himmel -lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“</p> - -<p>Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können, -knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller -Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen. -„Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine -Wagenburg schlagen?“ — frug er bei sich selbst — „Fürst, ausländische -Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich -rasend zu machen.“</p> - -<p>Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.</p> - -<p>„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.</p> - -<p>„O meine Brieftasche wird erst morgen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> eröffnet. Ein großes Paket, das -ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde -führt große Beschwerden über mich! — Versprechen Sie mir in voraus -Generalpardon.“</p> - -<p>Adelaide sah ihn bedeutend an.</p> - -<p>„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt -es, so wahr ein Gott lebt“ —</p> - -<p>Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen -beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden -Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche -das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen -Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde -Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte -herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen -täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag, -so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich -zu nehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern — -aber, o Himmel! — wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in -Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von -ihrer Hand triefte.</p> - -<p>Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um -so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und -Caroline — deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit -Thränen füllte, — und Adelaide lachten nicht.</p> - -<p>„In der That“ — sagte Letztere — „so etwas kann jedem begegnen. -Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine -Ananas — weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf -meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war — und -da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen -wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von -dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu -verzehren, so wenig diese<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte. -Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau -wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“</p> - -<p>In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet, -welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte, -und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held -dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen -hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens -demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein -Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens -Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn -weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen -sey, als sie.</p> - -<p>„Adelaide“ — sagte der Prinz — „Sie sind wahrlich ein Engel! — Ich -möchte niederfallen und anbeten — diese himmlische Güte, diese sanfte -Schonung“ — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p>„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ — -unterbrach sie ihn ernst — „Sie sprachen von einem Entschluß“ —</p> - -<p>„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt! -— Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen -nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen — werden Sie die Verlobte -eines Andern — gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich -will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben -entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an -das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! — Aber nein, so -inconsequent kann Adelaide nie seyn!“</p> - -<p>„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen — „was hat mein Vorsatz unvermählt -zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? — Kann Ihnen die -Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen — ohne -alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> Prinzessin Mathilde äußerte -— daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter -uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte -— kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder -wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten -eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der -Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“</p> - -<p>„Adelaide! — Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten, -sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste -und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende -Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten, -auch nur Chimäre! — so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann. -— Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten -heut Ihr achtzehntes an; — o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und -Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> bedenklichen -Gesundheitsumständen des Fürsten — ein Rezitiv des neulichen -Schlagflusses, und er ist dahin.“ —</p> - -<p>„Sie werden fürchterlich! — So sollte die Liebe ein großes edles Herz -verunstalten können? — Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung -für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das -Sie und mich herabwürdigt.“</p> - -<p>„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir -scheiden. Denke an meinen Schwur. — Heut übers Jahr an diesem Tage -kehre ich wieder zurück und finde dich — nein Adelaide, nicht als -Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ —</p> - -<p>„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck -einer Prophetin ein. — „Ich habe Ihr Wort, Prinz! — übers Jahr an -dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und -begleiten mich in die Brautkammer.“</p> - -<p>„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft -verwirren? — was sollen diese Räthsel? — Ich kann mich<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> damit nicht -beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ —</p> - -<p>„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften -schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal -zum Ländern zu kommen. — Für diesmal bitte ich, nichts mehr über -jenes Kapitel! — Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl -schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“</p> - -<p>„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand -selbst hoffen?“</p> - -<p>„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht -die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ —</p> - -<p>„Adelaide! — Adelaide! was machen Sie aus mir?“ — seufzte noch der -Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das -Flüstern seiner letzten Worte.</p> - -<p>Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit -entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr. -Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathil<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>dens Briefe ihr durch Zynthio -einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen -geballter Faust vor Kopf und Brust — befahl stürmisch: vorzufahren -— und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin -gekommen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">A</span>lexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften -und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang -und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in -irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im -Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch -immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des -Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste — -während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges, -einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch -Nothwendigkeit ge<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>drängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit -sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde -furchtbaren Corps — welches dieser aus eigenen Kosten errichtet, -mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte — nun seinen -Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach -den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen -pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen -Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten -Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den -Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht -gewonnen — Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten -auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige -Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den -aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien -— zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> daraus -erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner -ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu -erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.</p> - -</div> - -<p>Doch — zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe -unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis -in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich -ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt, -Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen -— Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht -des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig — zerrissen bald die -Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete -nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn, -und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. — -Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser -Hinsicht aus. — Nur der solide nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> nach Kapricen geordnete Ertrag -seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen -und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner -Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines -großen Nebenbuhlers war. — Leichter französischer Spott — wiewohl -nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden -Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen -an diesen Werth, an diese Tugenden — kurz, mancherlei und mehrere -Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend -blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen -oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn -zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht -gewesen wäre. —</p> - -<p>Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so -gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst -fand — jedoch nicht aus dem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>sichtspunkt betrachtete, wie der Freund -der Römer — daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten -konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis -Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.</p> - -<p>Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s -Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder -über dessen Meinungen geäußert hatte — ja selbst den Tadel der Pläne, -die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph -nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. — Alexis war nicht der -Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im -Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren -und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein -Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und -durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem -Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deut<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>lich -wiederholte — und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das -Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde, -auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that, -und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu -fechten, zurückzog.</p> - -<p>„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph — „diesen Querkopf los zu seyn. Der -Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten -Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? — haben wir das Terrain, -haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ —</p> - -<p>„Und sind <em class="gesperrt">wir</em> Römer?“ — hätte er noch hinzusetzen sollen. -Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese -Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene -nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen -Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier -nur, um die erbärmliche<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> Marionetten-Repräsentation mitleidig zu -belächeln.</p> - -<p>Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen -Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes -Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen. -Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei -deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph -im Bunde. —</p> - -<p>„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres -Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche -Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des -Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. — Soll die -Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich -selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf, -ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst -der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck,<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> daß -sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und -die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb -mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und -fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! — Läutere die -Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner -edelsten Söhne mich umschwebt. — Kraftvoll, aber nicht stürmisch -will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt. -— Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer -Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein -milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an -höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte -Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen -Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf -Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen -Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> auf -die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner -Verlobten — nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und -der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer -Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt -hatte — und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn -die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin -wieder zurück rief.</p> - -<p>Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im -zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie -seine Gemahlin werden.</p> - -<p>Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise -ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft -fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge -wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden -Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen! -— Dieser Wunsch ward er<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>füllt, und der Geliebte ihr liebreicher -freundlicher Gatte. — Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der -sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar -gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren -Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher -Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie -ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder -geliebt würde. — Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt, -indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre -Bildung vollendeten.</p> - -<p>Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts — -in welchem die junge Gräfin erzogen worden — die Einführung solches -üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches -den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht -gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf -der unbefang<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>nen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig -verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden -traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle -die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden -Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet, -daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte — wenigstens sie schon dem -Nahmen nach verabscheute. — Und so war auch die unerfahrne Ludmilla -weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen -aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden -Leidenschaft, dessen sein Herz — vielleicht für einen andern -Gegenstand wohl fähig war — zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück, -ihre Ruhe zu stören.</p> - -<p>Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der -Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">B</span>lutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel -ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun -gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen -unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle -auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein, -daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte -Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.</p> - -</div> - -<p>Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete -es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes, -wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste -Frühjahr einzuschiffen dachte — durch Anwerbung der tapfersten -vielversprechensten Männer — um welche Monarchen sich beneideten, für -die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> -könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten -Aussichten auf Größe und Ruhm — der sich selbst in fremde Welttheile -erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. — Vergebens umfaßte -Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor -seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden -Vaters.</p> - -<p>„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste — und ich heiße -Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme -zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens — -im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath -rufen sollte — so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und -des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee -zu machen Willens bin — das Benöthigte schon verfügt und bei der -Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten -Willens. — Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> war, deine -Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“</p> - -<p>Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie -auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen, -und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege -nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte, -um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen -Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.</p> - -<p>Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der -nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher -zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern -Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur -See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage, -Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem -Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer -Beo<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>bachtung werth zu seyn. — Weder Posthäuser noch Gastwirthe, -weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder -zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache — so andern -Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl -zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte -beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und -Unterhaltung gewähren — nichts dergleichen bietet sich uns auf der -übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. — Genug, man -ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so -wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln -häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird — so wie -bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze -bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so -bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen -Spielraum spatzieren Launen,<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Meinungen, gute und böse Gedanken ohne -allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die -übrigen Personen eben so auffallend, als diese — welche sich einer -gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden -Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich -zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.</p> - -<p>Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart -bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen -gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann -es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig, -wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz -verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder -andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth, -der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und -der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung -je<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>der Bequemlichkeit des Lebens bewies — keiner andern zu bedürfen, -um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete -er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder -wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die -eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich -befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt — -geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen -— hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag -auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes -Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem -ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei -Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich -der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu -Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger -Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> sich, daß er einen -Bedienten erschoß, dem — als der Unglückliche das Nachtlicht putzen -wollte — die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.</p> - -<p>„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst — „mit diesem -kleinen Tyrannen — unter seiner Protection sollte ich <em class="gesperrt">ein</em> -Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das -vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen -Kriegsheere der Welt ist? — Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir -durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien — -einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht -werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? — Nein, dabei kann es nicht -bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht -Sie — mein Herr Generalissimus — um einen Obersten ärmer.“</p> - -<p>Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige -Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und -Alexis machte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> General die unerwartete Erklärung: daß er nicht -portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle. -L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem -Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend, -und der Streit endigte mit einem Zweikampf.</p> - -<p>Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher, -wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet, -fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den -Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen -durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt — im Begriff -von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden — seiner mit -einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war. -Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. — Maria Paluzzo -befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer -unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem -betrogenen Vater blieb nichts übrig, als sei<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ne Rache durch Enterbung -der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in -Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden -ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig -ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und -ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten, -verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der -gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer -Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.</p> - -<p>„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ — frug Paluzzo.</p> - -<p>„Wo sonst hin? — Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel -erbeten, daß ich hier umkehren soll — und so will ich denn auch nicht -länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl -schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer -Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> nun werden, und keiner -Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“</p> - -<p>„Schön, recht solid! — Aber Freund — dazu ist’s nach Jahren noch -Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in -Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr -kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung -eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können: -Ich litt ohne Murren. — Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten -sanften Weiber.“</p> - -<p>„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt! -ein treffliches edles tugendhaftes Weib! — In vier Tagen breche ich -auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein -dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu -drücken.“</p> - -<p>„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten. -Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe — so nicht -die unsern: die Glut<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“</p> - -<p>„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben -so heilig wie den Weibern.“</p> - -<p>„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in -ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! — Früher ist Euch -die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“</p> - -<p>„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? — Thorheit habe ich mir -vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter -Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames -für sie ward? — Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche -Kampf mir selbst daraus erwuchs? — Basta! — bei unsrer Freundschaft, -kein Wort mehr davon!“</p> - -<p>„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen -nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt -wieder so ge<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>fallen mögte wie einst. — Ihr kennt unsern Hof, auch so -ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch -Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste -machen würde. Herrlich! — Verwerft Ihr sie — gut; ihr sollt durch -Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“</p> - -<p>„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich -habe in Messina nichts zu schaffen. Und — den kommenden Frühling, will -ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“</p> - -<p>Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen -des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten -Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s -Arme zurückeilte. — Aber Messina — hatte er dennoch besucht. -Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin; -heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der -Einwohner in Trümmer zusammenge<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>stürzt. Unter den dadurch verarmten -Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward, -als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte, -selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male -als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für -sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien -des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche -in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt -hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio -Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.</p> - -<p>Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe — Alexis hingerissen von -der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen -Weibes, ihrer Zärtlichkeit — Beide erwachten nach einer gefährlichen -Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen -ein, daß sie sich früher hätten trennen sol<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>len. Es war geschehen; -Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde -auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das -Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der -Abschied rückte heran.</p> - -<p>„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen -Augenblick erhalte dich mir.“</p> - -<p>Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh -getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„R</span>uhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte -der regierende Fürst von *** zu Ludmillen — „Seine Unstätigkeit, sein -Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist -genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p> - -<p>„Und kann er das nicht? — Verzeihen Ew. Durchlaucht! — Sind die -Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch -Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“</p> - -<p>„Für jeden Andern — ja, dem es löblicher und zugleich bequemer -dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches -Schloß zu setzen, und dann so <span class="antiqua">en passant</span> aus angebohrner -Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und -Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender -Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. — Nur ihr Gemahl vermag -damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß -größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“</p> - -<p>„Aber wie, <span class="antiqua">Monseigneur</span>?“ —</p> - -<p>„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu -seyn.“</p> - -<p>„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu -werden — der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäf<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>tigen, und dann -die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“</p> - -<p>„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen -der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie -keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire -von sechs Wochen höchstens — und wollte ich ihm dann eine Charge am -Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von -meiner Erkenntlichkeit geben — er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber -ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir -der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“</p> - -<p>„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut, -wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl -dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten -des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die -Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> -kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. — Aber diesmal -wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das -Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth -vermischte.</p> - -<p>„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und -kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche -jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte —</p> - -<p>„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul -abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube, -meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons -eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und -dasselbe Grab deckte — mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein -— wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter -Blick nach Osten gerichtet ist.“</p> - -<p>„Mir das? — o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p> - -<p>„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! — Noch vor einigen Wochen war dein -heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt -zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt -dein Auge in Thränen.“</p> - -<p>„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren — Dank -zulächeln? — Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein -bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib -zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen — o so verlaß es! Darf -ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“</p> - -<p>„Ludmilla! — Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich -die mehr als weibliche Schwäche. — In einem frommen Stift erzogen, -lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen — -aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du -keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei -dir nur tauben Ohren predigen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger -seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien -Glücks! — Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser -Nothwendigkeit zu trösten.“</p> - -<p>„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir — eben -als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder -brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des -Fürsten nicht an — und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“</p> - -<p>„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! — -Aber der drohende böse Krieg“ — —</p> - -<p>„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in -Friedenszeiten! — Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung -nicht betrogen haben.“</p> - -<p>Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht -allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent — so er zu<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> dem -ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete — Ehre einlegen, -sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand -setzen wollte. — Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand. -Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete, -weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber -er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach -der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen, -ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte -die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles -in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem -Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl -aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur -die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.</p> - -<p>Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen. -Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>heiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo -sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die -nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge -hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars -begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.</p> - -<p>Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf -Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth -ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis -bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies -und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu -haben. —</p> - -<p>Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich -wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so -baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die -schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Vermählung -des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen -des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft. -General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als -fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing -ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu -schmeicheln zwiefach berauschend war — unserm Alexis die vollkommenste -Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. — Nicht allein -die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das -fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige -Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen, -und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.</p> - -<p>Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen -überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis -von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande, -ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> — der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt -werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über -sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus -gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">G</span>räfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in -die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla, -sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar -machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen -Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der -Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer -eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht -nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben — während er den Gefahren -des Krieges aus<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>gesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.</p> - -</div> - -<p>Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der -Prinzessin Mathilde — welche nur um 8 Monathe früher das Licht der -Welt erblickte — bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte -er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei -seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.</p> - -<p>Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so -Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr -und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die -duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst -dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten -Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für -keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre -Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertrau<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>lichkeit als -ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der -fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier -schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und -Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß -zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern — doch mehrere -Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen. -Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel; -er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den -feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie -gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres -angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle -glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer -fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen -anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere -Berufsreisen des Gouver<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>neurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne -Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide -wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher -Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval — ihre Gouvernante — wie -ihre Mutter.</p> - -<p>Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des -Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so -statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. — Und diesmal lag die Schuld -nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den -Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte. -Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz, -Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner -Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave -Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in -der Geburt erstickte.</p> - -<p>Theodor, so sehr ihm der Prinz mit<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Liebe und Geselligkeit überall -entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den -Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich -genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen -Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe -zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese -mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park -zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken, -wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung -entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen -Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber -desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen -Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem -Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den -tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> - -<p>Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war -seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen -Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere -Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing; -die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem -eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine -spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling -gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel -geweint — war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte -das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm -— seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.</p> - -<p>„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer -auch forttragen?“ — frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön -gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne -Kind auf den Schooß legte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p> - -<p>„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das -Schwesterchen — das sollst du recht lieb haben, und es einst -beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch — wie -Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner -Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff -welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“</p> - -<p>„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte -— er wäre ihr Schutzengel.“</p> - -<p>„Richtig, mein Kind! — Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch -lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich -ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“</p> - -<p>Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des -Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen -Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen -Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Stunden -hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so -langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie -weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für -seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu -wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der -Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes -äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an, -seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine -Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen -Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken -versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels -Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er -jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur -von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem -festesten Schlum<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>mer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte. -So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem -selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht -widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck -wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit -Adelaiden beschäftigt war.</p> - -<p>Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin, -und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung -erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden -und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder -die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und -freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen -wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz -Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen -nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf -seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich -dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein -kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er -entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger, -mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie -küßte und sie seine gute Schwester nannte.</p> - -<p>„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben -in unsere Familie!“ — sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser -äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu -geben beschloß.</p> - -<p>„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole -militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich -kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann. -Unter seiner Zucht muß sich<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> der Bube ändern und des Vorzugs werth -machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen — -oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er -meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">U</span>nverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht -in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit -wankte — das Resultat war Veränderung der Luft. — Das Concilium -physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des -fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder, -als die heilsamsten für Sr. Excellenz.</p> - -</div> - -<p>Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange -Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für -unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so -weiten Reise — besonders in Länder, gegen die sie<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> einen unerklärbaren -Widerwillen hegte — unterworfen haben, um den geliebten Alexis -begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen -seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es -der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen. -Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben -zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der -Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche -ihr die zarte Knospe Adelaide — und die Freundschaft ihrer Fürstin -gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und -feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht -ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!</p> - -<p>Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem -Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles, -was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds -von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> die Hälfte seines Herzens -betrogen zu haben — die letzte Umarmung seiner holden Adelaide, -alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß — die -Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern -Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns, -und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de -Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde -nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam -zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in -disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. — -Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla — noch einmal drückte er -sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal -in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche — und — dahin rollte er; -Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf -dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu -erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun -laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über -das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in -Alexis Arme.</p> - -<p>„Gott im Himmel!“ — rief der Graf erschüttert — „was ist aus dir -geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? — die -herrlichste Blume dieses Edens“ — —</p> - -<p>„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir -verschmachtet, verblüht — und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn -schwach die sterbende Wittwe Kamillos.</p> - -<p>Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis -zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete -gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte -es Giulianen zum Vorwurf, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> sie ihn so geliebt, und dadurch ein -Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe -nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! — „O -nur zu wahr sprach dieser Paluzzo — rief er aus — deutsche Weiber -lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane -unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ —</p> - -<p>„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du -warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem -verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft -meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein -feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen -Fehlern und Schwächen reinigen. — Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer -strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! — Sey treuer liebender -Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich. -— Gott ist gerecht — aber auch barmherzig! er will den Tod des<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -Sünders nicht. — Er nehme dich und die Deinen — in seinen heiligen -Schutz — und meine Seele — zu Gnaden — auf! — Jesus, Maria — -erbarmet — euch meiner!!“ —</p> - -<p>Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte -Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er -fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam -für das Grab schmücken wollten.</p> - -<p>„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! — in den Händen -meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“ -— sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der -Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. — „Kennen Sie mich -nicht mehr? fuhr sie fort — die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse -Prospero — jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“</p> - -<p>Milder wurden Alexis Züge — „So wissen Sie, was ich verlohr, wem -dieses Opfer fiel.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p> - -<p>„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen -Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner -Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung -gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“</p> - -<p>„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“</p> - -<p>„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern. -Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke -wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“</p> - -<p>Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug -meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten -in deinen Armen auszuhauchen — schrieb Giuliane. — Eile, denn ich -fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen -Sieg. — Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an -den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen, -daß bald der Sand des<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey, -so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache -Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir -mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich -überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf -folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter -enthalten. Kraft und unbefangne <em class="gesperrt">Ruhe</em> gebricht mir nur allzugewiß -in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab -sinken läßt. — Mein Lebewohl empfängst du noch — eine süße Ahndung -sagt es mir — von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner -dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß -erstirbt. — Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: —</p> - -<p>Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf -deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit -dem Tode ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst -geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die -Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den -Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen -sie.</p> - -<p>Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an -deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner -Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach -Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde -soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses -entlocken. — Seraphine trägt deine Züge — ein forschender Blick -Ludmillens — dein Bewußtseyn! — Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit -der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre -Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme -eines redlichen geliebten Mannes, oder — zeigt sich der Wille des -Himmels in ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in -den stillen Mauern des Klosters zu widmen — als Braut der Kirche zum -Altar. — Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen -Segen.</p> - -<p>Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! — -Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch -auf ihren Bruder erstrecken! — Werde sein Retter, wie du es einst -seiner Mutter wurdest. — Der feurige schwärmerische Knabe kämpft -gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St. -Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem -Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die -Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer -Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars — in dem er zu seiner -Bestimmung vorbereitet werden soll — zu enge -sind — — —</p> - -<p>„Ich will ihm Luft und Raum ver<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>schaffen, so heilig mir dein Andenken, -dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ — rief Alexis mit -verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es, -für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu -ringen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">P</span>rospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein -Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht. -„Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür -entgegen — Excellenz haben gewonnen Spiel. — Aber wie die Karten -gestern lagen, hätten Sie es verloren.“</p> - -</div> - -<p>„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr -nicht haben ziehen wollen?“ —</p> - -<p>„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges -Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche -Klerisey regaliren und beschwichtigen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p>„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner -übrigen Betgenossen an?“</p> - -<p>„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“</p> - -<p>„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“</p> - -<p>„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen, -denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die -Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun — mit dem Schein -frommen Eifers läßt sich — muß sich die übrige heilige Brüderschaft -abspeisen lassen. — Ein massiv silberner Antonius von Padua, -anderthalb Fuß hoch — mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn -eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig — die Bestellung -kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts -Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist -unser.“</p> - -<p>„Meinen heißesten Dank dem heiligen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Friedenstifter Antonius! — denn -wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses -Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er -sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ — —</p> - -<p>„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug; -nahm Signora Prospero das Wort — o möchte er auch diesem lieblichen -Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ —</p> - -<p>Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen -nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf. -Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge -sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der -Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“</p> - -<p>Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu -Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon -bekümmert gewesenen Pros<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>pero, und weckte ihn aus einer dreistündigen -Träumerei.</p> - -<p>„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser — „hier ist wohl eine Schlafstätte -für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ —</p> - -<p>„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet -und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir -aufgethan — Giuliane in den Glanz einer Verklärten! — wahrlich, -Prospero! — säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie -heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer -Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“</p> - -<p>Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte -ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden -Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.</p> - -<p>„Die — die Nachtluft — Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem -Entsetzen — „die übermäßige Betrübniß — hat Ihr Be<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>wußtseyn, Ihre -gesunden Sinne umnebelt. — Heilige Mutter Gottes! — glaube mir -Zynthio — Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“</p> - -<p>„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn -lächelnd Alexis. — Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen -freilich nicht anders verständlich machen konnte.“</p> - -<p>Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein -Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen -bestimmt sind — in meiner Verwahrung?“ —</p> - -<p>„Nach ihrem Ableben erst, Madame! — Bis dahin würdigen Sie das -Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst -ein desto heiligeres Kleinod seyn.“</p> - -<p>„Nicht also, Herr Graf! — und verzeihen Sie, auch nichts weniger als -rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken. -Seraphine ist“ — —</p> - -<p>„Graf Wallersee’s Tochter — nahm imponirend der General das Wort, — -diese<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“</p> - -<p>„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen? -— Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die -Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben -gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück -und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. — Solche Attribute -des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die -Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten -Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre -Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ —</p> - -<p>„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von -behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. — Jedoch diese -Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück. -— Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von -einem<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer -alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige -in Vorrath haben.“</p> - -<p>„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des -Schleichhandels bedienen?“ —</p> - -<p>„Warum nicht, Signora? — giftigen Insekten wird man nie unverfälschten -Honig auftischen. — Weg mit jener kleinen neidischen Brut; -schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. — Morgen -trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl -der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der -Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung -seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu -feiern!“ —</p> - -<p>„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier -in Kummer verwandeln. — Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen -Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange -dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. — Doch -an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens -bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt — den die der -arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die -Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. — Ich -werde es machen wie die Schulknaben, welche — mit einem verklagenden -Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und -nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend -ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch -wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“</p> - -<p>Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich -mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche -Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt -fast überall<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen -Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit -seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim — -im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als -er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen -der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach -theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie -dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung -mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum -Gegenstand.</p> - -<p>„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen -zitternd — ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia -verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim -mich öfters führte.“</p> - -<p>„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem -Vertrauen lieben.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p>„Meine Schwester? — ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher -Zynthio! — oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine. -Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein, -es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that -mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! — Nun ist’s eben so -gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“</p> - -<p>„Sie hört gern Musik.“</p> - -<p>„Die Engel lieben auch Musik — Adelaide wird nicht hassen was diese -lieben.“</p> - -<p>„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht -artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet -ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd -vervollkommnen. — Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die -ihrige.“</p> - -<p>„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner -Guitarre.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p> - -<p>„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“</p> - -<p>„Das Letztere, Signor! — Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten, -zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit, -das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende -Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in -Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ — frug Alexis.</p> - -<p>„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der -Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde, -wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“</p> - -<p>„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch -harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du -mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen, -oder euch wieder trennen könnte.“</p> - -<p>„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! — Ich habe schon -etliche<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es -sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn — -genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es -sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen -bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte -sie sehr freundlich — es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden -besitze, darfst du sie Schwester nennen. — Und dies Traumbild verläßt -mich nimmer.“</p> - -<p>„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem -Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein -Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der -Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen -Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr — und dies -würde ihnen weh thun.“</p> - -<p>„Weh? — ich Adelaiden und der Gräfin<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> weh thun? — dafür bewahre mich -St. Franzesko.“</p> - -<p>Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die -Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den -Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings -anbot, war ihm daher sehr willkommen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">D</span>aß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde -wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die -ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten -hatte — versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen -Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich -gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte, -unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise -wünschen, Danksver<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>sicherungen für genossene hohe Ehre und splendide -Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende -machte.</p> - -</div> - -<p>Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.</p> - -<p>„Herr Graf,“ begann der Mann — „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein -Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und -dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu -Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube -und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“</p> - -<p>„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch -machen zu dürfen.“</p> - -<p>„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie -besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem -Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt. -Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser,<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> mit Thränen angelegen, Sie -bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“</p> - -<p>„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! — aber kurz zur Sache; -wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? — Worinnen bedürften Sie -die Hülfe eines Menschenfreundes?“ —</p> - -<p>„Ich für mich in nichts, Herr Graf! — Aber dieser Bube hier, dem -könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus -Düsseldorf gebürtig.“</p> - -<p>„Eine Waise?“ —</p> - -<p>„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“</p> - -<p>„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“</p> - -<p>„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine -Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im -Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater — -dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine -Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Elend, und ich erbte -seinen Sohn, diesen Buben hier.“</p> - -<p>„Aha! — Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber -noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu -den Großeltern schaffen?“ —</p> - -<p>„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch -im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber -soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“</p> - -<p>„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil -für ihn, wenn er“ — —</p> - -<p>„Lassen wir das dahin gestellt seyn. — Oder hätten Sie Lust sich -mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher -machen.“</p> - -<p>„Er gefällt mir, und — Zynthio, möchtest du ihn wohl zum -Reisegefährten? — wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ —</p> - -<p>„<span class="antiqua">Si, Signore!</span>“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen -Brust und Hände<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> mit Küssen überströmte. — „Bravo, Amico! du gehst -mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester -Adelaiden“ —</p> - -<p>„Holla! einen Engel? — begann der alte Schweitzer — das klingt wohl -tröstlich für meinen Georg; — aber wird dieser Engel auch ihm ein -Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ —</p> - -<p>„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens -gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich -meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen -Umständen, wieder.“</p> - -<p>„Nun dann — mit Erlaubniß Herr Graf! — Georg bitte den jungen Herrn, -daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig -ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich -erweisen.“ —</p> - -<p>Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.</p> - -<p>„Jetzt will ich von der Leber weg reden.<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> Der Bube soll seine Mutter -nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde, -um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht -auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. — -Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts -besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein -eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und -— einen Kopf, Herr! — einen Kopf! — Länder hätte er damit regieren, -Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz -manchen — Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern, -als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes -unterliegen kann. — Sie war die einzige Tochter des Inspektors von -der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. — Den -schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen, -und die Eltern waren’s zufrieden, weil er<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> bei der Herrschaft in -Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das -Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm -der Bube Georg geboren wurde — da merkte er bereits, daß Madam -sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und — als er einst nach -achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche -Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen -— seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später -die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah — da wurde -es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein -verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte -er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf -Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in -einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine -Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> er dem zitternden -Baron unter die Nase. — Schießen Sie, oder ich schieße. — Der Baron -drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß — -und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. — Rellmann, auf -diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten -getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem -Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete -zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch -die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe -erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums -seiner Jesabell zu versehen. — So lange der Kummer seine Gesundheit -nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch. -Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen -ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem -Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. — Was Christenpflicht -mit<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten -Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja, -aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das -beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum -Garnaufspulen zu brauchen.“</p> - -<p>„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.</p> - -<p>„Hm! — sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen? -Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in -den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und -Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in -die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über -mein Bett hängt. — Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann -aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen — huch! -wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p>„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen -tüchtigen Oberförster — und wenn Sie mir ihn also anvertrauen -wollen“ — —</p> - -<p>„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“</p> - -<p>„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“</p> - -<p>„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann -mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns -Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft -nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die -Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen -Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den -kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste -geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und -so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch -nicht aus meinem letzten Willen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p> - -<p>Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver -Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs -zweiter Pflegevater wird — das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann -— eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“</p> - -<p>„Dann, Herr Graf! — dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns -sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute -Menschen erfüllt.“</p> - -<p>Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so -sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.</p> - -<p>„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater -hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich -nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du -Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn, -so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten. -Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst -ver<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>lassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater -in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur -mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden -bist.“</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">W</span>ie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens -schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen -Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges -umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte -so süß, auch sie — das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde — -aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung -auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen -Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen -überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen -Freundes sang. — Wann er sich aber dem Zauber<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> einer Aufopferung für -Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend -und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte — o dann haftete -sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war -sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck -seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme -Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie -mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung -bewahren würde — so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen, -das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen -Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste -Aufmerksamkeit lindern zu können.</p> - -</div> - -<p>Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich -unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und -Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je -unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> Stimmung erhalten, die -— wiewohl um vieles sanfter — dennoch mit der Seinigen im schönsten -Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer -Gespielin alles zu seyn, was diese war — und ohne die reichhaltige -Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der -Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen, -hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen -der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin -aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses -Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer -Genüsse — die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß -zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen -West’s.</p> - -<p>Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein -Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel, -den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden -Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>kunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der -schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen -Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen -Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers, -und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch -Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien -gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen -bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah -man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten -aus der Hand des Schöpfers gehen — Pracht-Ausgaben sind, an die sich -kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich -selbst das bitterste Pasquil zu machen. — Man begnügte sich demnach -sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität -zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung — -hingegen der eingerißnen Wuth, singen,<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Guitarre spielen, und den -italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern -Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? — kam -nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher -kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit -Arbeit.</p> - -<p>So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre -liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie -von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen, -und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem -zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor -nachsetzten — so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen -weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden -nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten -Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die -wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> können; wenn -nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld -sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen -Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen -Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und -verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle, -diese glühende Mittheilung des Wohlwollens — das mit unverständlicher -Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und -sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge -mit fortreißen ließ — bald wieder in die Gränzen wahrer schöner -Menschengefühle zu führen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„A</span>uf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr. -Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten, -welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der -Jagdchaise gelangt worden.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p> - -<p>„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken -dürfen — so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ — -erwiederte Alexis —</p> - -<p>„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre -Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete -Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. — Wie?“ —</p> - -<p>Alexis, welcher die betonten Wie’s? — Sr. Durchlaucht schon aus -Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte -gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja -schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn? -— Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin; -ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren — wann und wo ich -mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem, -noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt -allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr -ein.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<p>„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie -jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat -in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ — „Wie nun so jeder -seine Ansicht der Dinge hat“ — warf Alexis dem mit gespitzten Ohr -ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein -<span class="antiqua">Couteau de Chasse</span> in der Scheide.</p> - -<p>„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser -Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr -seht in mir den Freiwerber — um die liebenswürdige Adelaide für den -jungen Graf Bendheim.“</p> - -<p>„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht. -— Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen -hierüber bekannt zu machen.“</p> - -<p>„Wohl! — Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe -Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des -zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet -sonst<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> kein Hinderniß gegen diese Heirath — so verlobt man die jungen -Leute, oder — um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner -Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten — nicht -zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich — indem er -ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines -Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück; -und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen -steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der -auswärtigen Affairen Posseß. — <span class="antiqua">Eh bien mon General!</span> — wie -gefällt Ihnen die Idee?“ —</p> - -<p>„Als Idee betrachtet — fürstlich und lachend.“</p> - -<p>„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh -an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. — Wir -wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das -Zeichen zum <span class="antiqua">Rendez vous</span> auf<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> dem Jagdschlosse geben, damit die -Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“</p> - -<p>„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache — ich -wiederhole es noch einmal — wenigstens unter den nächsten anderthalb -Jahren nicht kommen.“</p> - -<p>„Wallersee! — Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber — -doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine -gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein -herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. — Und -warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. — Zwar ist mir die alte -Animosität unter Euch Herren bekannt.“ — —</p> - -<p>„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder -handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es -nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich -selbst zu wenden.“</p> - -<p>„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung -durch verwand<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>schaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu -ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und -Absicht.“ — —</p> - -<p>„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der -Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“</p> - -<p>„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“</p> - -<p>„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der -anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch -Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach -Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch -dieselben — und was die Hauptbedingung ist — sind alsdann die -Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn -erwacht — in Gottes Namen dann.“</p> - -<p>„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? — Wie?“ —</p> - -<p>„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p> - -<p>„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“</p> - -<p>„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ — —</p> - -<p>„Liegen, meine ich — ziemlich klar am Tage.“</p> - -<p>„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu -lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so -verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge -verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und -bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“</p> - -<p>„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine -freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung -des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“</p> - -<p>„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig -oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. — Aber die -Sprachröhre müßiger, geifern<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>der Höflinge, wissen sich in das Ohr -der Fürsten zu leiten — wie der verheerende Wurm in den Kelch -der königlichsten Blume. — Beweise müssen uns wenigstens die -Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung -dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“</p> - -<p>„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem -übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung -nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist -die Losung in der Region liebender Wesen.“</p> - -<p>„Der Erbprinz und meine Tochter?“ —</p> - -<p>„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen — -zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je -herrschender und distinkter sie wird — nicht führen.“</p> - -<p>„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die -Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p> - -<p>„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? — Daß sie -schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung -unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“</p> - -<p>„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung -der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß -diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben -werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen — ja durch so -genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen — Haß, oder was noch -schlimmer ist — kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“</p> - -<p>„Lieber Graf! — Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner -Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen -rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren. -Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“</p> - -<p>„Unstreitig, unstreitig!! — Sie soll mit<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Argusaugen der väterlichen -Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen -dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt -Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen -werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe -und benutze.“</p> - -<p>„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts -Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! — wir bleiben die -Alten — nicht wahr?“ —</p> - -<p>„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ —</p> - -<p>Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere -Respektsversicherung verbittenden: Basta! — brach der Herzog das -Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der -entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung -des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim -Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ — das Signal zum -neuen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">G</span>raf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden -russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der -wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin -unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie -Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide -durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des -beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft -des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.</p> - -</div> - -<p>Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur -Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese -furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich -zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> -leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen -von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt -für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der -Einimpfung unterwerfen.</p> - -<p>„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin — nur -laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“</p> - -<p>Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst -— wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer -Freundin trennte.</p> - -<p>Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen -Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in -frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt -wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante -für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.</p> - -<p>„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern -schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> am Arm der Gräfin -verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte — wo -in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen -Mütter erwartete. — „Meine edelste, treuste Freundin! — daß wir uns -trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit -einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen -gebietenden Eheherrn! — Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie -es jetzt ist — dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen -Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“</p> - -<p>Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle! -— erwiederte lächelnd Ludmilla.</p> - -<p>„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die -Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können. -Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten -aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> auch uns -arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. — Ich habe — allen -Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet — des -blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche -Taube —!“</p> - -<p>Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem -Herzen keine Gefahr drohte.</p> - -<p>„Und Louis — o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für -dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende -Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen -und Aufenthalt an jenem Hof — welche künftigen Winter ihren Anfang -nehmen sollen — werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison -bringen.“</p> - -<p>Nichts gewisser als das.</p> - -<p>„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder -mit Bitten bestürmt werden soll — das Kommando über unsern Louis zu -führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>Zügen zu begleiten? -— Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“</p> - -<p>Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen, -innerer Kummer — den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart -meines unglücklichen Sohnes verursacht — machen mich öfters für einen -uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine -Kinder in Verzweiflung stürzen wird. — Des ihm zugedachten so hoch -ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal -würdig machen können.</p> - -<p>„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht -führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung -ihrer Zukunft.“</p> - -<p>O mein Sohn Theodor! — Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling, -mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte -schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge -meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> -Wort: Fluch dem Ungerathnen! — des tief beleidigten, von ihm langsam -gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf -mit Zittern erwarten! —</p> - -<p>„Allgerechter! — So schlimm steht es mit dem Jüngling? — Arme -Mutter!“ —</p> - -<p>Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres -Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten -aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender -Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des -guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe, -den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn. -— Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon -zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre -in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die -Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten -Vaters, er<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen -Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger -gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.</p> - -<p>„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der -engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender -Ueberraschung herbeyführen? — Der Hülfsleistung theilnehmender -verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß — wo es nur -eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner -Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. — Lassen Sie uns -raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne -daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr -opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“</p> - -<p>Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen -sehen. — Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu -der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee,<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> -dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist -Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen -verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf -die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung -wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den -Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob -der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne -schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch -ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren -Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu -treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.</p> - -<p>„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als -der leidenschaftlichste Ausbruch! — Kalter höhnender Trotz pikirt -den General aufs höchste. — Doch, nur nicht den Muth verloren! -— Sobald Graf Theodor sich als Officier der<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Knabenruthe völlig -entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform -auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann — sodann wird sich -auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn, -Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die -Arme seiner langentbehrten Familie führen.“</p> - -<p>Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein -gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt -sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den -traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte. -Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung -des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde, -bestätigt meine Vermuthung.</p> - -<p>„Liebe Aengstliche! — Ihre Träume sind ansteckend! — Nein, lassen -Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem -Schatten Gespenster sehen — nicht wahr machen.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p> - -<p>Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit -verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich -bedrohenden Unglücks.</p> - -<p>„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also -mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen. -Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich -dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und -unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und -Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die -Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre -Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“</p> - -<p>Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das -schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein -zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr -eröfnete Zukunft zu verwandeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>chon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk -und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche -der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen -Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben -sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker, -über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme -aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ -sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer -— der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen -auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten — deren -mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die -Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.</p> - -</div> - -<p>Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des -Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit sei<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>nem Strahlenmantel -zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht -das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit -feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern -und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden -Zeit zu trotzen.</p> - -<p>Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die -geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher -schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht -als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter -Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige -Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm -selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn, -untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die -Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war -seine Eitelkeit. — Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein -Erfin<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>dungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer -ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.</p> - -<p>Aber — wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und -wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? — Zynthio hatte -es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue -Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden -Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit. -Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust -mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die -Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges -Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern -widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag -allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des -Todes gerückt — noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier -mit einem <span class="antiqua">memento mori!</span> seiner Existenz<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> zu erwähnen beschließen -müssen. — Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen -Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag -verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden -händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem -Hinscheiden entgegen starrte — brach die Krisis; einem Harnisch -gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt -hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend -Wiederholungen zu: Er ist gerettet! — Er wird nicht sterben! —</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„N</span>icht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran -hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen -allergnädigsten Versucher — den ich nicht erkennen mag — gegen -Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“ -donnerte im rau<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>hen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor -des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen -Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde -dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten -entgegen.</p> - -</div> - -<p>Alter ehrlicher Paul! — Mir wolltest du den Einlaß versagen? — -antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis -zum Auge lüftete.</p> - -<p>„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung — -„unser junger Herr? — das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so -einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit -der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen -Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu -locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“</p> - -<p>So, so! — noch immer die alte Jagd? — murmelte Theodor — Recht, -Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten,<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> mach’ deinen Waffen -Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest — -hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht -wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.</p> - -<p>„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte -pfiffig der Hellebardenträger — „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht -kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in -Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“</p> - -<p>Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s -besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.</p> - -<p>„Das Gott erbarm!“</p> - -<p>Was krächzt der alte Rabe? — Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für -mich nicht zu Hause? —</p> - -<p>„O ja, aber der Papa — die arme Excellenz stöhnt und sieht dem -Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Nachtlampe -dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“</p> - -<p>O, meine weissagende Seele! —</p> - -<p>„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute -brave Excellenz ist gefaßt; aber — die Ueberraschung rathe ich doch -ab.“</p> - -<p>Meinst du? —</p> - -<p>„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist -ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken -weichen darf.“</p> - -<p>Und meine Mutter? —</p> - -<p>„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen -nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“</p> - -<p>Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von -dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres -Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach -betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschie<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>denen -gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.</p> - -<p>Theodor! du Schmerzenssohn! — Ein guter Engel führe dich her! — Der -Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. — In der Hand des -sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage — eile, daß die -Segensschaale den Ausschlag gebe! — Adelaiden verdankst du, daß es -damit noch nicht zu spät ist. —</p> - -<p>Ich weiß alles. — Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? — Ich -kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine -väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.</p> - -<p>„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest -darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du — bis auf ein sehr -geringes Pflichttheil enterbt.“</p> - -<p>Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. —</p> - -<p>Der Fluch des Vaters! —</p> - -<p>„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ —</p> - -<p>Was kann ich thun?</p> - -<p>„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn -dankst, mit stiller Ergebung — wär es auch nicht Gehorsam, doch -Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die -Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“</p> - -<p>Und dann — —? —</p> - -<p>„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt -dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“</p> - -<p>Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten -Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die -Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines -erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden -ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen -Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig -verschlos<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>senen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre -Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder -später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.</p> - -<p>„Er schläft? — Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? — O, Adelaide! -gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ — bat die -trostbedürftige Mutter.</p> - -<p>Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! — Fassung, liebe -Mutter! oder — erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. — -Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im -wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu -vollenden. — Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.</p> - -<p>Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.</p> - -<p>„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit — sagte Theodor — ein -Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für -dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<p>Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein -dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist — sondern auch mir im Buche -der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu -muthiger Resignation erhebt! —</p> - -<p>Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß -der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor, -dessen Anwesenheit ihm gemeldet — solle kommen. — Auf ihre beiden -Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin, -an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich -sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und -Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor -standen zu den Füßen des Bettes.</p> - -<p>„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte -mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General — „ehre deine -Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> deines Todes -wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das -Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl, -so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“</p> - -<p>Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust -hob sich schwer athmend — Mein Vater! rief er gepreßt — so scheiden -Sie von mir? — O vernichten Sie mich! —</p> - -<p>„Mein Sohn! — ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht -erzürnter Vater! dies dein Segen — verdiene ihn. — Adelaide, wir -Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns -verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. — Auf Wiedersehen!“</p> - -<p>Auf Wiedersehen, mein Vater! — tönte wie Geisterstimme Adelaidens -Antwort.</p> - -<p>„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! — -in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick -sey Dank für deine fromme<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Liebe! — dort erst wirst du begreifen, -welch ein großer Schuldner ich dir war — aber auch verzeihen! — -Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. — -Also nur gute Nacht! — an der Brust der treuen Gattin schläft es sich -sanft ein. — Gute Nacht, Zynthio — gute Nacht, all ihr Freunde! — -Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht -eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. — So — so — gute -Nacht!“ —</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„S</span>chlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes -Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines -auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.</p> - -</div> - -<p>Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht -mehr gestört werden kann. — Wohl mir — daß ich giftigen Insekten, als -sie ihn noch ver<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>wunden konnten, den Stachel stumpfte! — flüsterte es -leise zu den Füßen der Leiche.</p> - -<p>Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an — „Fühlst du das, -mein Sohn? — Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“</p> - -<p>Wir verstehen uns nicht — mein Vater, und können uns nicht -verstehen! —</p> - -<p>„Wie?“</p> - -<p>Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen, -von der wir Beide noch weniger verstanden werden. — Mein Ehrenwort an -dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie -seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!</p> - -<p>„Damit begnüge ich mich — fürs erste.“</p> - -<p>„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater -sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst -mit dem Oberjägermeister vertiefte — und ich habe das höhnende Manöver -Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch -die<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer -Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen. -Sie haben mich verstanden — denn uns beiden ist diese Metapher kein -Räthsel.“</p> - -<p>Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte -er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. — Das Räthsel -selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.</p> - -<p>Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der -Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen, -in den Besitz — der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten -Herrschaften Wallersee und Tomsdorf — dahingegen bei Nichtachtung -der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000 -Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin -ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> -verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren. -Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn — -das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. — Endlich hatte -der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß -Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt, -und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters — noch vor ihrer -Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn -frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn -sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig -machte — dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.</p> - -<p>Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam -herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament: -— lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine -Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten — während -andere den<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn -bedauerten.</p> - -<p>„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd -— „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend -Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“</p> - -<p>„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich — „Du wirst -Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir -das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater -dir so bestimmen konnte.“</p> - -<p>„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie -La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ —</p> - -<p>Adelaide erblaßte. — Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? — -Kennst du diese Julie La Valette? —</p> - -<p>„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als -einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich -ist bereits ge<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>bahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ —</p> - -<p>Eines Labyrinths vielleicht — erfahrungslos, ohne Freund! — ich -beschwöre dich — wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines -beängsteten ahnenden Herzens!</p> - -<p>„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! — Sie verliert bei mir, so sehr -mich alles interessirt, was du sagst — weil ich dich, das einzige -Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen, -innig liebe. — Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da -aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“</p> - -<p>Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde -ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir -nicht nach Kräften vergüten werde? —</p> - -<p>„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht -einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“</p> - -<p>Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p> - -<p>„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige -Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ —</p> - -<p>Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung -vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. — Nur -vergiß und verkenne nie deine Schwester!</p> - -<p>„Es gilt, Adelaide! — Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den -feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner -frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die -Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. — Und nun, -um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen, -Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! — -Die gute <span class="antiqua">mater dolorosa</span> würde mich mit ihren Thränenströmen -inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“</p> - -<p>Adelaide sah ein, daß dem wilden starr<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>köpfigen Jüngling mit keinem -Zügel — wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen -sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung — welche ihn doch nach -dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen — ihn -noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz -die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder -Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand, -auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! — ein -Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt -wurde. — Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte -die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß -Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß -fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner -Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und -bewährt in männlicher hoher Tugend — deren väterliches Erbtheil ihm -nicht entgangen<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> zurückkehren werde. — „Auch der Verewigte vermogte -nicht, dem Hange zu widerstehen — sich unter fernen Himmelsstrichen -seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten -einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.</p> - -<p>Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines -Engels sprechenden Tochter. — Sie trocknete die mütterlichen Thränen -der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier, -und segnete ihren Erstgebornen — welcher nun als Vaterwaise ihrer -Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der -Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der -Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf -Abgründe führe.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>chon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin -die Auflösungs<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>stunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon -hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer -erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in -sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen -lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den -fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der -zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin -in dem rosigsten Kolorit erschuf. — Die Abwesenheit des Erbprinzen, -welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B*** -antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere -Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin -verdient zu machen — hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer -Tochter. — Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken, -und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben -Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstim<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>men wollte. — -Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.</p> - -</div> - -<p>Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück -liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt, -als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher -Tyrannen — ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener -und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung -bringt — jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne -raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin, -sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen -Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber -zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich -ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von -Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung -ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> sank die -allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus -dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender -Tageslast hienieden statt findet.</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Es wird ja nur die Hülle</div> - <div class="verse">in Grabes Nacht versenkt,</div> - <div class="verse">und Seligkeit die Fülle</div> - <div class="verse">dem bessern Seyn geschenkt.</div> - <div class="verse">Drum weinet nicht, ihr Lieben!</div> - <div class="verse">dem Geist ist wohlgeschehn.</div> - <div class="verse">Hört auf, Euch zu betrüben,</div> - <div class="verse">bald winkt uns Wiedersehn!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">— sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender -Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die -Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.</p> - -<p>„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde -Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es -von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen -geweihte Ruhekammer dem<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> großen Tage entgegen schlummern durfte. Der -Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“</p> - -<p>Versteh ich recht? — fragte mit einem brennenden von gleichem -Verlangen belebten Blick Adelaide.</p> - -<p>„Und du begleitest mich?“</p> - -<p>Zu den Lebendigen und Todten! — Aber wie? —</p> - -<p>„Heut noch, um Mitternacht. — Wir finden die Gruft erleuchtet, den -Sarg geöffnet, und — — man beobachtet uns — nur dies noch: das -Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des -ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide -schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der -Vertraute unsrer Todtenfeier.“</p> - -<p>Und wir — allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles -gefaßt — was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln -könnte?</p> - -<p>„An deiner Seite — auf alles.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p> - -<p>Wo treffen wir uns?</p> - -<p>„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich -die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier -zu bitten. — Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte -Ohren flüstere“ —</p> - -<p>Sorge nicht, traute Schwärmerin! — die Wallfarth ist mir selbst zu -heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst -der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.</p> - -<p>Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden -Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. — Gute -Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum -Schlafzimmer. — Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen -Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo -verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit -lagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p> - -<p>„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg, -welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern -Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp, -das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn -in diese Stimmung versetzt habe — „die Nacht ist kühl, aber schön. Der -Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“</p> - -<p>Ich trage Ihnen die Guitarre nach — fiel Georg, gleichfalls vom Reiz -des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden -Zynthio ins Wort.</p> - -<p>„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde -später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten, -und das Pförtchen herunter gelassen fanden.</p> - -<p>„Auch die Kapelle ist offen.“</p> - -<p>Der Schein brennender Kerzen —</p> - -<p>„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>— Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!</p> - -<p>„Wäre es möglich?“</p> - -<p>Ob wir vordringen?</p> - -<p>„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ —</p> - -<p>Unsere Damen schliefen ja wohl —</p> - -<p>„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“</p> - -<p>Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde -Ihrer Guitarre.</p> - -<p>Zynthio gab das empfohlne Signal.</p> - -<p>„Zynthio! Zynthio!“ — rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? — -oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ — Und bleich, athemlos -stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige -Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf -dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden -Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.</p> - -<p>„Halte den Bösewicht auf“ — schrie der<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> ihr nachspringende Zynthio -dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei -versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne -los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose -theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen -Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete, -und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand -zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr -des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.</p> - -<p>Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus -der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">D</span>ie beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und -sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt, -durch eine geheime<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine -Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang -der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die -Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. — Einige hundert Schritt -von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen -sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben -bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger -Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte -der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren -bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.</p> - -</div> - -<p>Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen -Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung. -Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie -vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende -so viel<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen -Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. —</p> - -<p>Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter -Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und -eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das -Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem -Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen -die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den -Frevel sich hörbar schüttelten.</p> - -<p>„Ha! verruchter Dieb!“ — schnaufte der sich fassende Sakristaner -— „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten -Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s -richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“</p> - -<p>Mit dieser heftig ausgestoßnen Versiche<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>rung schritt er auf den -ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben; -dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu -Boden.</p> - -<p>Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während -der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust -des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug -von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches -Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war, -auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel -und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein -von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und -nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in -die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die -Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn -anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> für eine Nachläßigkeit -des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen -hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt -bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. — Doch hielt er es -für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche -Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens -sicherte. — Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei -in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit -schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.</p> - -<p>Der Raub war bereits vollbracht — Furcht jagte ihn hinter und zwischen -die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur -auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien, -welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und -unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt -ihres Räubers zertrümmert lagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p>Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu -schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken -überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das -Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des -Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem -Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank. -Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der -mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten -Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an, -und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren -die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte -sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu -begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß -Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke -flog, wollte er ihr den<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. — -Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die -noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers -vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen -Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den -er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.</p> - -<p>Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer -Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im -Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes -Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche -Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt; -für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. — -Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst -die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie -aus dem Wellen<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>grabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten, -der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier -noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender -Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. — Keine Klage körperlicher -Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte -nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe -der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht -geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde -entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen -Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang -der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.</p> - -<p>Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen -Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach -heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen -zu können, das sie fühlbar<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> drückte; die abentheuerliche Geschichte -ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die -Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„E</span>s ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die -schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen, -der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ — keuchte der schon -seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der -endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken -einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er -wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so -bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.</p> - -</div> - -<p>Du stören? — O wärest du früher gekommen! — antwortete freundlich, -aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios -Arm; — doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span></p> - -<p>Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. — Lies, meine gute -Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner -geringen Verlegenheit.</p> - -<p>Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich -erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner -herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach, -welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen -Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen, -verloren hat — supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um -den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die -dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte -für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen -in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu -Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> so ungern das Vergnügen -refüsiren, meine Freundin als <span class="antiqua">Grande Maitresse</span> unauflöslich -an unsern Hof zu fesseln — er weiß, welchen Werth ich auf diese -Gefälligkeit legen würde, — und doch kann er nicht umhin, auch -Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen, -besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister -Bendheim, das Gesuch unterstützt. —</p> - -<p>Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! — aber ich denke: -<em class="gesperrt">Nein.</em> — Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem, -was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen -Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten -Forderungen meines Attachements für Sie. — Dagegen erwarte ich von -Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse; -und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen -und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten, -mir nicht durch übelan<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>gebrachte Resignation entgegen zu wirken. -Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei -Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ — —</p></div> - -<p>Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein — kann ich nicht mit dem -Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? —</p> - -<p>„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete -Ereignisse wohlfeiler damit“ — entgegnete die Gefragte.</p> - -<p>Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? —</p> - -<p>„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches -Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf -die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“</p> - -<p>Mein Gott! — So — <span class="antiqua">de But en blanc</span> —?</p> - -<p>„Nicht <span class="antiqua">de But en blanc</span>! — Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“</p> - -<p>Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an -Großmuth<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den -ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe -vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner -Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.</p> - -<p>„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung, -über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle -verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende -Gräfin Wallersee nicht bedarf — dünkt der Frau von Zach eben so -ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige -reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“</p> - -<p>Doch — ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben -Fürstin aufgenommen werden?</p> - -<p>„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt -haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht -ihren Entschluß im voraus<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> so berechnet hätte, wie er der nicht minder -edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“</p> - -<p>Und der Hof? — Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider -geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich -verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen -zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle -remplacirt hätte.</p> - -<p>„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter -dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und -Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner -schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm -Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die -Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die <span class="antiqua">malade -imaginaire</span> spiele. — Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich -unterstützen. — Die Fürstin beklagt Ange<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>sicht des Hofes den Verlust -ihrer gehofften <span class="antiqua">Grande Maitresse</span>, wünscht Ihnen mit schwerem -Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und -der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter -tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer -Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung, -da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“</p> - -<p>Adelaide! ist das dein Ernst? — Wenn der Gebrauch der Bäder -nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige -Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar -auf immer uns zu exiliren?</p> - -<p>„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“</p> - -<p>Du bist bewegt — deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?</p> - -<p>„Diesen Morgen — überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers -Parks“ —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p> - -<p>Der Erbprinz? — Mein Gott! ist er wieder angekommen?</p> - -<p>„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im -Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner -Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche -Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“</p> - -<p>Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft — schlimmer als ich glaubte. Der -Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?</p> - -<p>„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu -ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen -Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier -Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen, -willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten -Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“</p> - -<p>Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte -starr um<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>her, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers -den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte -sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?</p> - -<p>„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen -Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer -Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle, -meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände -gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten -Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“</p> - -<p>Freilich, freilich — So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen -— bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen -Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das -Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. — O, der rasende -Roland! — Verderben brächte er über mich und dich, du Unschul<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>dige! -Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.</p> - -<p>Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz, -welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine -schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu -seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die -Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische -auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.</p> - -<p>„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ — sagte -Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm -mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem -Auge zitterte — „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen? -Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und -Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p> - -<p>Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters -wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er -über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten -Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend -gerechtet — nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer -Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör -geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.</p> - -<p>„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio — „die schönsten -Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit -schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter -Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie -in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p class="s4 center mbot1">Mathilde an Adelaiden.</p> - -<p><span class="initial">D</span>aß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich -dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst, -so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst. -Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch -auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die -Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten, -welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen -Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. — -Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja -die ganze Haltung deines Schreibens. — Stimme dich zur Harmonie mit -deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles -umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! — Aber -wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt -die<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen! -— Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! — ich weiß, und -du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer -so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.</p> - -</div> - -<p>Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze -— auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des -felsenfesten Bundesgenossen Camillo! — aber für mich schuf eine den -Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges -Antwortschreiben. — Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf -meinen Werth bei dir — aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage -eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und -mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio -fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben -und zu weben vermag — überbringt dir dieses Paket.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">W</span>eh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du -entzieht sie mir. — Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen -Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. — O Adelaide! das -ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die -Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der -Kern ist bitter — bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft -hätte bieten sollen. — Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung -verloren. — Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser -sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt -— noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen -der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das -Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen -getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen -diese Menschen berechtigt glaubt — und was dergleichen sanktionirte -Sentenzen mehr sind.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p> - -<p>Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du -selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem -stolzen Zelter ausnimmst! — Du schwingst dich mit der Geisteskraft -eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne -Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen -dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. — Ich lebe nur dem -weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. — -Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen — aber -ich umfasse es mit glühender Seele — während dich das letztere in -sokratische Temperatur versetzt. — Bedaure mich, wenn du schlußgerecht -Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig -bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch -nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden -habe. —</p> - -<p>Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche -Standhaftigkeit in<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine -Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe -auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.</p> - -<p>Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft — -der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen, -bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben, -und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz — folglich versiegt nie die -Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt -mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner -Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin -vergeblich warten lassen werde. — Verdamme ihn, wenn deine strenge -Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die -menschliche Billigkeit, gesiegt hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">A</span>m lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl -sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills -aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable -Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich — die, je mehr ihm, außer dem -Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas -Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher -wurden.</p> - -</div> - -<p>Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen -Korrespondenten.</p> - -<p>„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas -näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger -Arkane. — Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche -Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls — also ohne -Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? — wem gehörts?“</p> - -<p>Lieber Onkel! — Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p> - -<p>„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe -herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der -Verlobten Posto gefaßt haben? — Getroffen! das zeigt dein Erröthen, -das verrät dein Stammeln.“</p> - -<p>Nicht allemal sind dies überführende Beweise —</p> - -<p>„Sey ehrlich, Bursche! — Antworte offen, wie es meine gutgemeinte -Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben -Jahre war? — wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer -Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch -auf ein Jahr hinaussetzte?“ —</p> - -<p>Lieber Onkel! — warum sollte ich nicht — —</p> - -<p>„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf -würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln -über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du -dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p> - -<p>Noch verstehe ich nicht ganz. — Sollten Sie Verdacht auf mich und die -Gräfin haben? — —</p> - -<p>„Verdacht? — Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu -erhaben, und Er — junger Herr — noch zu weit unten.“</p> - -<p>Herr Landrath! — —</p> - -<p>„Was beliebt?“ —</p> - -<p>Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches -sagen — —</p> - -<p>„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch -übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom -Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit -du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu -Karolinen lästig.“</p> - -<p>Auf Ehre! ich liebe meine Kousine —</p> - -<p>„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines -andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. — Du wünschest -doch ihr Glück?“ —</p> - -<p>Hätte ich so viel in Ihrer Meinung<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> verloren, daß Sie auch daran -zweifeln könnten? —</p> - -<p>„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang -zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. — Folglich, aus -der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“</p> - -<p>Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter -Vater! — entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht! —</p> - -<p>„Halt, so klingt’s? — Ich habe mich also nicht geirrt. Der -ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die -Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher -fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals. -Gut, gut — die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber -noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen — die schonende Behandlung -und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p> - -<p>Aber — schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig? —</p> - -<p>„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht -leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig? -— Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? — Du zwar bist der -allezeitfertige Freier, aber sie? — und für dich?“</p> - -<p>Ich glaube noch für Keinen. — Adelaide ist noch frei —</p> - -<p>„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“ —</p> - -<p>Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten.</p> - -<p>„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung; -sie hat Vertrauen in mich.“</p> - -<p>Bester Onkel! was wollen Sie?</p> - -<p>„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu -zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst. -— Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß -das Weitere mir.<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung; -besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen, -oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“</p> - -<p>Aber mein Vater wird —</p> - -<p>„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich -selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen -Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. — Doch auch aus -ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den -zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“</p> - -<p>„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ — raunte der -Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht -des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen -eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht -glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr -aufgebracht verlassen — mit fröhlichem Lachen aufnahm,<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> und seinen -Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s -entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde -trösten müssen.“</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">D</span>er Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine -Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen -dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der -Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der -Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht -habe?</p> - -</div> - -<p>Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen — erwiederte der -bestürmte Kommissionair. — Karoline packt ihre Habseligkeiten, -so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter -Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin -sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort -gefällt, herzlich willkommen ist. — Die Com<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>tesse verspricht dir -viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines -dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen, -Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten — alles -dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht -angestaunt worden. — Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für -Euch angespannt.</p> - -<p>O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre -Reiseanstalten zu treffen.</p> - -<p>Recht gern, sagte die Landräthin — es war längst mein Wunsch, die -Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern — -wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft -missest.</p> - -<p>Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. — Jetzt, liebes -Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der -Ritt hat mir Apetit gemacht.</p> - -<p>Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden -Lustreise<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit -seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus -Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt -Adelaide meiner? — das Herz drückte.</p> - -<p>Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon -wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! — Ich -bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! — Du hättest ein glückliches -Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“</p> - -<p>Warum aber verschmäht sie mich? — stotterte Julius — So ist sie schon -versagt —</p> - -<p>„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und — ich glaube, es verdient sie -auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich -habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie -hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und -Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie -dir mitzutheilen<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt, -daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der -Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß -Schuld.“</p> - -<p>Ja, wenn sie mich so charakterlos hält —</p> - -<p>„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. — Adelaidens -glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des -Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich -dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige -Landmädchen. — Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden, -und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter -aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends -statuire, wo ich drein zu reden habe — so mußte ich doch versprechen, -ihr Karolinen in die Schule zu geben.“</p> - -<p>Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art -gewinnen;<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden -Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.</p> - -<p>„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? — So ganz -unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“</p> - -<p>O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas -Schlimmern macht, als zu einem Narren —</p> - -<p>„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“</p> - -<p>Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?</p> - -<p>„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in -den ersten Paar Monathen.“</p> - -<p>Ha, bravo, <span class="antiqua">mon cher Oncle</span>! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer -Vermittelung — die Sachen stehen vortrefflich!</p> - -<p>„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von -denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun — in diesem -Augenblick würdest du mir verächtlich! — Ich glaube, der Pinsel -unter<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>fängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück -bei der Gräfin zu beschuldigen.“</p> - -<p>Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß -er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten -und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus -Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und -leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die -jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen -selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu -begegnen.</p> - -<p>Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit — fügte der -Landrath noch zum Schluß hinzu. — Das weibliche Ehrgefühl kann -auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige -Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des -Mädchens zu kränken.</p> - -<p>Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie -nun meh<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>rere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte -Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine -Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß -nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer -Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. —</p> - -<p>Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war — so wie der junge -Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte, -als je die Dichter ihn besungen hatten — eben das war Adelaide für -Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter -der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath -mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.</p> - -<p>Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten -Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach -Palästina unternehmen.</p> - -<p>Hm! — ich zweifle. Herzen lassen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> nichts unterschieben — und -dann — zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie -ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß -ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.</p> - -<p>Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen -Leute wußten wohl, was sie sagten. — Befiehlt die subtilere -Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen, -so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde -vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen -Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der -Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen, -bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch -bedauerte.</p> - -<p>Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in -gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. — Nun, ich habe meine Sach’ -Gott heimgestellt — singt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> ein braves altes Lied — und ich habe -meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt; -besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als -einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns -zu erhöhen. —</p> - -<p>Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen — murmelte der Landrath, -indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach -Adelaidens Fenster warf — wenn er um eines solchen Mädchens willen -nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">A</span>delaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag -der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem -Postpaket die emsigen Künstlerinnen.</p> - -</div> - -<p>Meines Bruders Hand — Mathildens, und — von Bendheim; sagte leise -mit steigender Verwunderung die Empfängerin.<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Kaum hatte sie einen der -Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die -Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr -Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der -Adelaiden eben so betroffen nachsah.</p> - -<p>Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich -antreiben, ihr zu folgen — aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie, -als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht —</p> - -<p>„Zudringlicher seyn? — Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein -seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz -zu übertreten. — Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im -Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“</p> - -<p>Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“ -rief sie dringend dem Gerufenen entgegen — „laß dir den besten Renner -aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der näch<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>sten -Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche -weiter. — O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag -schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“</p> - -<p>Die Briefe habe ich doch alle richtig? —</p> - -<p>„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste -Dorf, geschweige eine Stafette — sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm -eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete -für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten -Gastes an.“ —</p> - -<p>Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das -Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn -ungekannt schon unter die Unwillkommnen.</p> - -<p>Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern -gefährlich werden möchte, jedoch — wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> darum bitte — recht sehr -willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.</p> - -<p>Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend -unter Musik und Scherzen bin.</p> - -<p>Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern -Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet — sagte -neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt -bekümmerten Kamillo. — Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend -decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des -Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt, -so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und -dreifach.</p> - -<p>Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den -Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl -sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses -Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag. -Er ahndete,<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus -Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber, -indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte. -Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden -gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende -Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade -statt alles Nachtmahls verschlang.</p> - -<p>Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht -auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe — da ein leidender Körper -meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit -Widerwillen betrachtet — daß sie die erstere Hälfte der Nacht -auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den -Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese -Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den -morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe -warf ihr blasses<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden -Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt -die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos -umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt, -erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm -Besitz von einer <span class="antiqua">Chaise longue</span>, von welcher aus er Adelaiden -genau beobachten konnte.</p> - -<p>So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten? -— fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch, -der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher -die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum -Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.</p> - -<p>Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte! -— erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre -Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span></p> - -<p>So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch -erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth -und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen -Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu -ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte -sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden -Zeitraum. — Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen -menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich -an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches -Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden -glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch -nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis -dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir, -ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. — Und -du, Lina, unter<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>läßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den -Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen — bald winde ich -dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der -Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“</p> - -<p>Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht -erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem -er sich entfernte. — Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline, -weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die -bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">D</span>ort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich -umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des -Karpfengeschlechts ausschüttet — sollte das nicht meine Adelaide seyn? -— dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin -der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.</p> - -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p> - -<p>„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit -einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das -Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer -Basthut verbarg.</p> - -<p>Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu -winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums. -Verlegenheit und Entschuldigung von einer, — Bestürzungstammelndes: -Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der -andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug, -doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und -leichterer Erklärung.</p> - -<p>„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte -Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm -umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog — „ich verlange -vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf -meine Rechnung empfangen hat.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></p> - -<p>Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich -erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens -Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und -Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von -Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von -seinen Armen umschlungen fühlte.</p> - -<p>„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine -halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um -die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen -Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die -Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust — er muß mich gewaltig -gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht, -nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen — ich glaube, -sein Kuß wäre süßer!“</p> - -<p>Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte -Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Schwester in -der Jasminlaube saß. — Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne -ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe -ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte, -ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch -manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht, -welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen -verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir, -und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit — der -Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen -Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl -noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück -Brod verdienen und ruhig essen läßt.</p> - -<p>Sophie ist vermählt — sagte Adelaide — einer Bedingung wärest du also -enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte; -und der Majorats-Herr darf hoffen — —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p> - -<p>Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich -auch kein Majorats-Herr.</p> - -<p>So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! — Soll ich die mir -anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? — In weniger -denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers -verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.</p> - -<p>Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum -Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.</p> - -<p>O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten -angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich -dem Vaterlande wiedergegeben. — Sophie hat anders gewählt, deine -Verbindlichkeit ist gehoben. — Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu -gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist -außerdem gesorgt; — und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p> - -<p>Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner -großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem -Munde zur Wahrheit werden — in Rücksicht des Wählens und meiner -Neigung war ich niemals glücklich.</p> - -<p>Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für -diese Behauptung? —</p> - -<p>Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. — -Bendheim findet also keine Erhörung? — und zwar mit Recht! Der Wicht -verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines -Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts -entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des -Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen -Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn, -sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt -war. — Italien scheint ein Donnerwort zu seyn,<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> mit dem er die Ruhe -der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.</p> - -<p>Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo -unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.</p> - -<p>In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone -schwebt über deinen Locken —</p> - -<p>Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe -nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du -sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das -Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.</p> - -<p>Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich — Karoline von Elfen -dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre -Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey —</p> - -<p>Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte — fiel Adelaide schalkhaft ein.</p> - -<p>Familienbündniß — vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden -sollte. — Liebt sie ihn?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>Es war ihre erste Liebe.</p> - -<p>Der Glückliche!</p> - -<p>Warum? — Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind -nicht allemal die stärksten.</p> - -<p>Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? —</p> - -<p>Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.</p> - -<p>Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen; -öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer -honetten Männerseele.</p> - -<p>Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht -aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die -Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.</p> - -<p>Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im -Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.</p> - -<p>Karoline ist keine Julie.</p> - -<p>Aber schön, blühender noch, als es jene<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> war, und — bereits das -Eigenthum eines Andern.</p> - -<p>Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht -mehr behagen. —</p> - -<p>Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet, -die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte -seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste -Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es -entschieden, daß Fräulein von Elfen — wofern ungetheilte zärtliche -Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer -Verbindung mit ihn sey — sie nie dessen Gattin werden könnte.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p class="s4 center mbot1">Adelaide an Mathilden.</p> - -</div> - -<p><span class="initial">D</span>er glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher -Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht -überwunden, welche mir gebot für dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Erdenleben nicht die -Fürstentochter — die künftige Großherzogin über der geliebtesten, -der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten -nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen, -und bringt dir Schwestergruß und Kuß! — Jetzt verstehest du mich -auch wieder — nicht so meine Mathilde? — jetzt wird jedes meiner -Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie -bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das -Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet -die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden -Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf, -als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher -Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier -einstweilen skelettirt — wenn ich erst noch einige der wichtigsten -Punkte, welche — wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt, -auf<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit -dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen -angemerkt haben werde.</p> - -<p>Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des -Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit -dir. — Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten -Vater mit hinüber zu nehmen? — O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie -an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir — wenigstens -in diesem Briefe noch nicht sagen darf! — doch drücke den Kuß der -kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf -seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort -erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses -segnenden Andenkens würdig machen müsse!! —</p> - -<p>Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden -deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> Wünsche für dein Wohl -versüßen. — Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder! -— mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen -Mannes — ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des -tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten -die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; — von dem Gedanken -niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks -schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und -fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. — Es bedarf keiner weitern -Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin -so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner -schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den -Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen -hast.</p> - -<p>O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht -hoffnungslos von ihm — bald wird er dir und dem<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> Staate, den du jetzt -schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten -Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die -wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.</p> - -<p>Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der -Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? — Er komme: -daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß -bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und -in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.</p> - -<p>Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner -des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von -Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher -verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten, -Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete -glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> trat nun ohne -Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich, -aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor -und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der -redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die -Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß -gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg, -der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die -Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn -verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden -Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein -förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor, -wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. — Mein guter -Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich, -mit so rührender Gutherzigkeit, — Ritter Julius dessen Dämon mich -erkor, sein Herz Karo<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>linen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder -mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen — seine -Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit -keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende -Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie -dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung — -das zweite Paar: Julius und Adelaide.</p> - -<p>Nun, meine geliebte Mathilde! — Du wünschest mir noch nicht Glück? -— Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige -Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten -sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward -der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold -kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten -Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden -Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> Theodor ist, seit -die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch -die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre -Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. — O, es war eine -Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den -ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet -aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.</p> - -<p>Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten -mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich -zärtlich einige Schritte abwärts. — Kind! sagte sie, deine Entschlüsse -so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt — -man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn -müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches -Glück zu thun war. — Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt, -welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zu<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>führt, meinen -vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück -treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich -dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen -Frommen heischt! — Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an, -womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. — Deine -Sehnsucht hat ein höheres Ziel.</p> - -<p>Amen! sprach ich — und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter -anders wünschen und fühlen? —</p> - -<p>Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung -dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen. -Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung -zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz -der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen -Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit -mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p> - -<p>„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe, -welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß -seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin -brachte? — hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach -ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in -der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst -du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff -gemäß, sehr prosaisch endest.“</p> - -<p>Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und -bereitet die Entwickelungsscene — —</p> - -<p><em class="gesperrt">Doch!</em> spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften -Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner -Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte -des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge -— es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hof<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>fen eines kranken -verirrten Herzens — über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der -Schwester des Erbprinzen! — Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl -erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit -dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen -mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg -ziere.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">„K</span>eine Eifersucht, werther Neffe! — Es verdrieße ihn oder nicht, -ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine -liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens -mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach -dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel -seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu -Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen, -während die Gehuldigte dem herzlich Willkomm<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>nen Hand und Kuß bot. -„Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher, -und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“ -fuhr der verjüngte Alte fort.</p> - -</div> - -<p>„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein — „Sie mögen es verantworten, -wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin -ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen -schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich -nicht irre“ —</p> - -<p>„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen — nicht wahr, das -wollten Sie sagen? — Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter -eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen -sollen.“ —</p> - -<p>Und welche? —</p> - -<p>„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer, -Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu -einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch — seht, Kin<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>derchen! -wie diskret ich bin! — ich spionirte nicht, wie oder wozu? — ich -wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch -die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit -den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die -Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das -Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs -Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe. -Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt -mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei, -dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so -viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer -hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem -Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen, -Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt, -und ihn zierlich genug in sechs<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Felder eingetheilt, damit jedes von -ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich -ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt -andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener -Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann -unter vielen Wunden gefallen ist. — Ich bitte dich, Julius, erwähle -wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die -gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg -der Hochburgs in Franken zu sehen ist! — Sie müssen wissen, liebe -Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit -Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht -ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine -Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen -voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch, -nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konn<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>te. Er -erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der -heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte -den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil -der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte. -Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der -neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen -Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit -wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl, -daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner -Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen -war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze -eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen -Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben -stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und -mit herunter brin<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>gen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß -seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu -nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen -Burgen und Lehen“ — —</p> - -<p>Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen -Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey, -dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den -Zug geordnet wissen wolle?</p> - -<p>Welcher Leichnam? fragte der Landrath.</p> - -<p>Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird; -antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten -Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden, -sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach -und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.</p> - -<p>Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe -geglaubter<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Hochzeit ein Leichencondukt! — Ich dachte wahrhaftig, die -gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam -die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.</p> - -<p>Ich darf, ich vermag es nicht — klagte diese mit bittender Stimme um -Entschuldigung.</p> - -<p>Am Ende erlebe ich es nicht einmal —</p> - -<p>Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten, -künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am -Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen.</p> - -<p>Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen -auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten -Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten -Februar geschrieben haben.</p> - -<p>Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein -heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus.</p> - -<p>Es bleibe beim zweiten Januar <span class="antiqua">Anni<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> futuri</span>. Ein lieber Tag -von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der -zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte -besänftigt der Landrath. — Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger -seyn, als die jungen Verliebten.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>chüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der -Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.</p> - -</div> - -<p>In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und -starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum -er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit -ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der -Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!</p> - -<p>Wer? — fuhr der Gedankenlose auf.</p> - -<p>Graf Bendheim, Excellenz —</p> - -<p>Ha, des Teufels Allervortrefflichster! — er und seine ganze Raçe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p> - -<p>Die Jagd versammelt sich.</p> - -<p>Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk -Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche -die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der -Vernichtung zu hetzen.</p> - -<p>Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.</p> - -<p>Darf ich das? — O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was -dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten. -— Ist meine Schwester noch von der Parthie? —</p> - -<p>Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro -Durchlaucht satteln zu lassen.</p> - -<p>Oeffne die Thüren.</p> - -<p>Harry gab das Signal — Die Flügel sprangen auf, das versammelte -Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das -Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben. -Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen.<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> „Durchlaucht, der Fürst -haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.</p> - -<p>Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst -unterrichtet — war die Antwort.</p> - -<p>Die Aerzte geben Hoffnung —</p> - -<p>Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht -vereitelt werden mögte!</p> - -<p>Wie? den Bösen könnte es — meine ich unmaaßgeblich — wohl schwerlich -Ernst seyn! —</p> - -<p>Doch, doch! Herr Oberjägermeister! — der Fromme wünscht um des Guten -selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde -— — doch zur Tagesordnung. —</p> - -<p>Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen -Thronfolgers! — Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? — Die -Bösen? — geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? — —</p> - -<p>Haben sich heuchelnd um den Stamm,<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> der über ihren Schurkensinn -erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen -verstanden — Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen, -Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der -größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem -Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für — den guten Fürsten gewidmete -Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und — fürstlich zu belohnen! — -Was giebt’s?</p> - -<p>Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie -Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem -Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer -Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte -jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt, -drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den -Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. — Morgenroth -glühte auf ihren Wangen, außeror<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>dentliche Lebhaftigkeit erhöheten -den Glanz der dunkelblauen Augen, und — indem sie die blonden Locken -mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte, -rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen -sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide -sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah -Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und — -spottete nicht mehr.</p> - -<p>Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den -Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen, -meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte -durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr -blinzelnden Reihen der Höflinge. — Guten Morgen, mein Louis! lispelte -sie an der Brust ihrer Bruders.</p> - -<p>So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den -geschäf<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>tigen Händen der Zofen? — bewillkommte liebkosend der Prinz -die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den -Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.</p> - -<p>„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“</p> - -<p>Was hielt dich wach?</p> - -<p>„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein -bester Sekretair bin ich selbst.“</p> - -<p>Depeschen der Großherzogin?</p> - -<p>„Herzensergießungen nach Wallersee.“</p> - -<p>Dann mißbrauchst du dein Herz.</p> - -<p>„Nein, Louis! nein. — Mit deiner Erlaubniß, <span class="antiqua">mon frère</span>! — Meine -Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“</p> - -<p>Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.</p> - -<p>„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.</p> - -<p>Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus -zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu -stolz, sich rechtfertigen zu wollen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p> - -<p>Sie ist zu groß — —</p> - -<p>Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!</p> - -<p>Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! — -Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?</p> - -<p>Der Prinz lachte bitter.</p> - -<p>Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas -großes! —</p> - -<p>Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an, -das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der -ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt — eines -Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr -getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr -anbetete. — O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen -sich zu einem Gott erhoben fühlte! — Doch, vergolten soll ihr werden -— ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen, -vor denen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! — Geduld, -wir sprechen uns.</p> - -<p>Um Gottes willen! was wolltest du?</p> - -<p>Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ. -Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer -zu begleiten. — Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung -seyn? — Ich halte mich an die erste Verabredung. — Im Sarge, sagte -sie. — Hahaha! — Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken, -Schauspielerin! — Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim -soll seine Freude an meiner Mordlust haben!</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">I</span>m Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten -zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche -Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen -ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die -Gäste das Ab<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span>schiednehmen vergessen, und — nicht wie man zu sagen -pflegt in den Tag — sondern in die Nacht hineinleben und jubeln -lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz -der Tafel. Köche waren verschrieben worden — wiewohl unter vierzig -der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn -gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen -durften, denen Adelaide einst huldigte. — Alles lebendige Wesen der -Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des -Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.</p> - -</div> - -<p>Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend -Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten -Tafel beschäftigten Gatten — daß heut vor einem Jahre er gewaltig -über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus -Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von -ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> Väter, -er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches -er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.</p> - -<p>Länger halte ich es auch wirklich nicht aus — sagte von Sorge -ergriffen der Landrath. — Ich reite ihnen entgegen, die schon -anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! — es muß etwas -vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich -um zwölf Uhr einzustellen. — Sieh, was ist das? Julius sprengt in -den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist -todtenblaß — Großer Gott! —</p> - -<p>Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! — schrie dieser. -Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach; -fort, fort — Ihre Jagdkalesche — was die Pferde laufen können!</p> - -<p>Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen -Gästen. —</p> - -<p>O, Gott sey Dank! —</p> - -<p>Aber warum? — Wer? — Wo sind die Andern? —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - -<p>Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide — starke Ohnmachten -befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt -hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr -empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.</p> - -<p>In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof -vorbei. Halt, Schwager! — rief der Landrath, du kannst einen Dukaten -verdienen. —</p> - -<p>Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der -Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die -Postchaise — Julius war schon wieder vorausgesprengt — und schrie dem -Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir -sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter -bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie -auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! —</p> - -<p>In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p> - -<p>Nicht wahr — fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide -— nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? — -O, das ist ein verzagter Ritter! — ich glaube eine Aderlaß zöge ihm -selbst eine Ohnmacht zu.</p> - -<p>Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen, -wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. — Was -meinen Sie, Doktor?</p> - -<p>Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen? -— Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß -wir an Ort und Stelle, und — zur Tafel kommen.</p> - -<p>So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit -dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte. -Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie, -munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.</p> - -<p>Karoline, welche seit einigen Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> wieder in das väterliche Haus -zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung -der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche -Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen — bebte erschrocken zurück, -als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du -bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich -täuschest du nicht!“</p> - -<p>Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte -diese.</p> - -<p>„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest -deinen Kräften zu viel.“</p> - -<p>Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! — -Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr -leicht und wohl.</p> - -<p>Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors -Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen -Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese -ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> Elfen! rief sie aus — als jene -berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde — wo ist Ihr Glaube -an Mutter Natur geblieben? — Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses -Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?</p> - -<p>Das war heut ein Jahr. — O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig, -darum wollten wir ihn in Freude verleben!</p> - -<p>So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig -zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! — Ich -behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack -findet, bedarf keiner weitern Arznei.</p> - -<p>Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre -Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte -doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht -mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal -bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt -hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p> - -<p>Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen, -das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse — endlich die -variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen -waren — nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht -gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der -Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte -Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede -stehen müßten.</p> - -<p>Was meint ihr, Doktor? — Was haltet ihr von dem Zustand der jungen -Gräfin? —</p> - -<p>Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende -Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen -Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.</p> - -<p>Freund Camillo! — Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer -als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> lieben Mädchens. Sie -verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen — Sagen Sie aufrichtig: was -steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer -über schien sie sich völlig restituirt zu haben.</p> - -<p>Sie schien es — seufzte Zynthio.</p> - -<p>Was sagen eure Consulenten?</p> - -<p>Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte -aufgegeben.</p> - -<p>Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu — aber wenn -das Uebel nicht zu heben war —</p> - -<p>Verzeihen Sie, fragte der Dokter — welches Uebel? —</p> - -<p>O, sagte Zynthio — die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon -anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. —</p> - -<p>Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide -mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser -des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper -gehabt, und daß endlich eine Gei<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span>steskraft, die man nur bewundern, aber -nicht fassen könne — eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die -Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach -sich gezogen hätte. Sie würde — so schloß er seinen Bericht — ruhig -wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch -gründete. — Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der -Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende -Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten -Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! — So -beherrscht ihr edler Feuergeist — indem er sich der Vollkommenheit -eines Seraphs schon gleich geschwungen hat — diesen schwachen — durch -die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper —</p> - -<p>Und wird ihn aufreiben? wie? — fragte stürmisch der Landrath.</p> - -<p>Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in -einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. —<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Wenn es darauf -ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr -theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen -Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete -doch ihre Wahl —</p> - -<p>Ich — hoffe nichts mehr! — preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust -hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.</p> - -<p>Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten -liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. — Wenn die Gräfin denn -nie von einer Leidenschaft überrascht wird — warf er ihm ein, so -bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.</p> - -<p>Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio — nur nicht -jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber -glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.</p> - -<p>Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein -Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> Vernunft gewählt -hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es -innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.</p> - -<p>Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen, -und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht -am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl -mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der -Comtesse — von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft, -den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich -das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile -gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je -nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen -Grundsätzen beruhenden Richter seyn.</p> - -<p>Doktor! — so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles -anatomirt — so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem -Mädchen sind. Behaltet Eure<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> psychologische und philosophische -Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist -eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen, -verlösche wie ein Licht?</p> - -<p>Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und -der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit -beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? —</p> - -<p>Sie schreibt, sie ordnet viel.</p> - -<p>Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?</p> - -<p>Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der -Nacht ihrem Schreibpult.</p> - -<p>Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.</p> - -<p>Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart -wünschen, vernachläßigen.</p> - -<p>Was sie zu ordnen hat, eilt nicht — polterte noch immer Vater Elfen — -Ich kann es mir so ungefähr denken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p> - -<p>Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des -verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem -Tage — behauptet die Rastlose — alles in’s Reine gebracht haben zu -müssen.</p> - -<p>Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst -von dem Tage an.</p> - -<p>Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie -als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr -Vermögen zu schalten.</p> - -<p>Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch -gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen -dermahlen die Gräfin? — fragte der Doktor. — Nun das wäre wenigstens -keine Trauer verkündende Anordnung.</p> - -<p>Ich weiß es nicht! — erwiederte Zynthio mit Achselzucken.</p> - -<p>Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten -einen Rath — ob es der dem Arzt Ueberantworteten<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> anstehe, dem Herrn -des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme, -ihr diese Lust zu versagen? —</p> - -<p>Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der -Aufgefoderte — da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und -begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das -Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! — -Aufgepasst, Neffe! — Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine -Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. —</p> - -<p>Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das -minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden -zu haben, und fürchte — man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen, -wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen -wollte.</p> - -<p>Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.</p> - -<p>Ein pensionirter Oberster rief seinen Py<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>thias Weidenbach um -L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im -Tanzsaal — nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um -zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas -ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">M</span>it jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und -näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue -Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit -dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling -konnte sie ausrufen:</p> - -</div> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Steig empor, o Morgenroth, und röthe</div> - <div class="verse mleft1">Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,</div> - <div class="verse">Säusle nieder Abendroth und flöte</div> - <div class="verse mleft1">Sanft in Schlummer die erstorbne Welt.</div> - <div class="verse mleft2">Morgen — ach! du röthest</div> - <div class="verse mleft3">Eine Todtenflur,</div> - <div class="verse mleft2">Ach! und du, o Abendroth! umflötest</div> - <div class="verse mleft3">Meinen langen Schlummer nur.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span></p> - -<p>Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste -bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen -dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen —</p> - -<p>Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! — sagte -sie, und bat das Anspannen zu bestellen.</p> - -<p>Kind! ich begleite dich — versicherte bedächtig die Generalin. Ich -hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.</p> - -<p>O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr -zärtlich die dankbare Tochter.</p> - -<p>Ueberraschen werden wir sie freilich — meinte die Mutter — Theodor -ritt schon diesen Morgen hinüber — melden konnte er uns nicht, denn er -wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch — denn jetzt -müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die -Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. — Zwei, drei Stündchen -sind bald verstrichen! — ermahnte die Besorgte noch,<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> und trippelte, -sich zu der Ausfarth anzuschicken.</p> - -<p>Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm -schmeichelnd die liebliche Freundin zu — Sieh, wenn du fein vernünftig -seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse — -daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache -machen, und mit euch herumkutschiren werde! —</p> - -<p>O Gott! — Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! — Ja, -Adelaide! — längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! — -Sie haben mich ja Resignation gelehrt! —</p> - -<p>Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! — Wüßtest du, wie -glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit -eine Last — ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern -legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit -theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen -erfüllen mußt! — Bald, bald<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> sprechen wir deutlicher hierüber. O -Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um -die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben — Ich sage dir: dein Lohn -wird in deiner Liebe zu mir liegen — denn du wirst erfahren, daß der -Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!</p> - -<p>Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? —</p> - -<p>Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! — Sey mir das, was ich -einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an -dich — wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! —</p> - -<p>Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! — -Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!</p> - -<p>Gott Lob! wir sind einig. — Man kommt, nichts mehr von meiner nahen -freundlichen Aussicht! — nicht alle sehen mit unsern Augen.</p> - -<p>Georg kam zu melden, daß vorgefahren<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> sey. Die Generalin folgte ihm -reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und -Handschuh.</p> - -<p>Maman! bat Adelaide — lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! — -Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von -ihrem Musikmeister Signor Camillo. — Sie erlauben doch?</p> - -<p>Wie du fragen kannst! —</p> - -<p>Betty hüpfte für Freuden. — „Daß du mir aber auch den weißen -Rosenstock pflegst! — ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß -er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. — Mein -Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn! -bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“</p> - -<p>Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das -fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens; -das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen -Vorgeschmack ihres Schlummers im<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> Grabe. — Sie fuhren durch eine -Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen -brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den -matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem -Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über -den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. — So dachte sich der sie -anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber -der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath -zu wenden, wohin er — sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht, -zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick -ergriffen; begeistert rief sie aus:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Erscheinet mir einst so mein Engel,</div> - <div class="verse mleft1">Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;</div> - <div class="verse">So winke mir der Todesengel,</div> - <div class="verse mleft1">und freudig werd’ ich mit ihm gehn.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den -Bruderkuß. — Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu -gehn! —</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span></p> - -<p>Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie -sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß -Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema -applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im -ruhigern Gleise geblieben seyn!“ — klagte die Holde.</p> - -<p>Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre -Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. — Wie Gott -will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!</p> - -<p>Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen -wollten — daß ich ihr gute Nacht wünsche.</p> - -<p>Sie schnürt ihr Bündel — antwortete der Landrath — und geht mit nach -Wallersee.</p> - -<p>Die Freude dank ich dir, Theodor!</p> - -<p>Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.</p> - -<p>Ja wahrlich — nahm der Erste wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> das Wort — wer könnte sich jetzt -freuen: — Gutes, liebes Kind! — werden Sie dieses Haus, wo wir alle -Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? — und wann? — -Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar -nicht mehr von Ihnen trennen. — Aber das können wir Alten nicht; Nun, -wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; — Nachricht von -Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.</p> - -<p>Will man mich denn hier nicht wiedersehen? — scherzte Adelaide, ihre -Wehmuth ziemlich mühsam verbergend — Es wird Ihnen nicht gelingen; ich -dränge mich ein — und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich -als Geist.</p> - -<p>Als Geist! — wiederholte tief bewegt Vater Elfen — als er die langsam -dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so -langsam in das Zimmer zurückschlich.</p> - -<p>Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! — klagte weinend -dessen Gattin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p> - -<p>Uns nicht erleben lassen? — Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu -erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich -für die Zukunft an sein Güte glauben würde — denn um dessen gesunden -Verstand steht es dann so und so! —</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<div class="blockquot"> - -<p>Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines -Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil -an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der -Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.</p> - -<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Jean Paul</em>.</p> - -</div> - -</div> - -<p><span class="initial">K</span>aroline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen -hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre -Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich — jede -Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! — Doch tröstete uns -Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst -wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> sey, um bey diesem -convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je -weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. — -Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! — ein Nervenschlag hatte die -Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen -Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf -zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen -wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.</p> - -<p>Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit -uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß -in der Gallerie. — So eben trägt man ihn außer sich in Theodors -Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen -unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! — Eine Wohlthat war es, -daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir -lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. — Ja wohl, der -Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>stand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst -Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er -zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden -leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald -weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen -Gruft schon glücklich herausgekommen — bald ob ihre Tochter schon als -Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? — Man läßt sie -nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt. -— Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde — ich kenne -meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht -verderben!</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">Z</span>ynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, — säuselte Adelaidens Stimme, -dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich — O, ich weiß wohl, du könntest -auch nicht! — Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span> -auch wieder werden. — Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß -ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, — daß du mich in der -letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! — denn noch ist -mein Tagewerk nicht vollendet. — Zynthio, hast du die Papiere gelesen, -welche ich dir diese Nacht übergab? — Es geschah nicht mehr in der -Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.</p> - -</div> - -<p>Ich habe sie gelesen.</p> - -<p>So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! — -Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen -durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir -anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen -Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf -dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren -Monaten dazu — und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute, -da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. — Hätte ich leben<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> sollen -— diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. — In der Disposition -über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff -Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. — Dein Erbtheil, -das ich einstweilen verwaltete — —</p> - -<p>Mein Erbtheil? — Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so -nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es -nicht bedurft.</p> - -<p>Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen -Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der -Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn. -Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem -Schreibpult finden wird, dazu ernannt. —</p> - -<p>Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen -lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können —</p> - -<p>Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und -deines Versprechens!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p> - -<p>Wohl, wohl!</p> - -<p>— Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes -Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich, -was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. — Der -Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu -vereiteln. — Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner -Mutter nicht vergiftet haben wollte — auch wirst du in dem Aufsatz der -nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige -Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas -von dieser Begebenheit — auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich -mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend -mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.</p> - -<p>Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf -seine Knie.</p> - -<p>Und Seraphine? fiel Adelaide ein. —<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> Erfülle erst die Pflichten des -Bruders, werde erst Gatte und Vater!</p> - -<p>Zynthio schauderte. — Das Letztere nimmermehr! — Verhältnisse dieser -Art haben keinen Reiz für mich.</p> - -<p>Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des -nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht -zum seelenkranken Weichling machen. — Mein Andenken wird dir werth, -ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten -Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! — ich werde -Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen — einst -sehen wir uns alle wieder.</p> - -<p>Adelaide! — O Gott! Gott! — gieb mir Fassung! —</p> - -<p>Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele -sich ausgesprochen hat! — manches habe ich dir noch zu sagen. — Bist -du gefaßt? —</p> - -<p>Rede! rede! — ich höre den Worten eines Engels!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p> - -<p>Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! —</p> - -<p>Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!</p> - -<p>Ich verlobte mich einem Manne — die Braut des Grabes schien ihren Weg -verfehlen zu wollen! — Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward -ich zur Verrätherin! — der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich -nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines -Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! — Liebe konnte ich keinem -mehr geben! —</p> - -<p>O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. — Sie -liebten, liebten den edelsten der Menschen —</p> - -<p>Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! — Aber er ist Fürst. Ich -habe gekämpft und den Sieg errungen.</p> - -<p>Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken, -sammelte sie die Trophäen. —</p> - -<p>Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen! -— Die<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. — -Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters — -so schwor er. — Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand -sich durch den Aufzug beleidigt! — Der Fürst verzweifelte, Verdruß, -Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! — Schon schwebte der -Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! — Das Uebrige -weißt du — die gute Absicht entschuldige die Mittel! — Wem gehören -diese Klagetöne? —</p> - -<p>Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte -so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich -in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen -Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen -vermochte.</p> - -<p>Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende. -— Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! — -Sie legte die zit<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>ternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker -bebende Hände. — Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht -glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!</p> - -<p>Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!</p> - -<p>Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung -für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein -Wohlwollen für meine Mündel. — Georg näher! Warum so finster? Gönne -mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft -trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten -meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf -einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!</p> - -<p>Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.</p> - -<p>Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher. -Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> doch gern von -dir verstanden werden. — Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth -unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! — Georg, -du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener -auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht -anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt -der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine -Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich -habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. — Du erinnertest -dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten -Pflegevaters — er lebt noch — Wie würde er sich freuen, dich als den -Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das -Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du — sobald -ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo — Ihn ruft eine -wichtige Angelegenheit nach Italien — und Trennung von ihm — würde -dir — doch schwer<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> fallen — Ha! Gott sey Dank! — ich habe vollendet! -— Finster wird’s — vor meinen Augen! — Wehe! — wohl! — Wo seyd -Ihr? — die Kraft — verläßt — mich — ah! —</p> - -<p>Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos: -Adelaide! — Vergebens! sie hörte nichts mehr! — Georg hob sie mit -convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem -Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder -zurück — Adelaide war nicht mehr! —</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>chon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne; -— „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz, -kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals -die Verblichene geflehet. — Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee -prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen -besetzten Drapperie. Auf weißen<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> marmornen, mit Zypressen umwundnen -Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender -Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide -auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni, -welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte -— und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der -Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam -wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen, -um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein -Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen -Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens; -weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen, -bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! — -Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher -heut am achtzehnten November seine<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> aufgeblühten Erstlinge zum -Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die -Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie — -zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete -Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten, -bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste -Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!</p> - -</div> - -<p>Wann soll sie beigesetzt werden? — fragte der Doktor.</p> - -<p>Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.</p> - -<p>In Gottes Namen dann — heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie -ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. — Man will den Sarg auf die -Bühne haben.</p> - -<p>Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten, -zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die -weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. — Ha! bahret nur auf,<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> rief -er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten — aber, mich -laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! — -Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der -Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.</p> - -<p>Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe -stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der -Trauer. — Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer -Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft; -die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. — Völliger -Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide -warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung -bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte -sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu -gelangen. — Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen -wollende Mutter zu vergessen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p> - -<p>Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam; -Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert. -Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte, -das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. — Zynthio, -in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald -auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein -anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt -ereignen könnte. — Georg lehnte eben so sprachlos an eine der -Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben -herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.</p> - -<p>Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem -Sinnenschlummer.</p> - -<p>Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt, -der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut -weinend über die entschlafene Jugendfreundin.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p> - -<p>So konnte das Verhängniß meiner spotten? — Ha, im Sarge! — Allweise -Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr -machen, um dich zu verherrlichen! — sagte bitter Mathildens Begleiter, -der Erbprinz.</p> - -<p>So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? — klagte Mathilde -— o du Stolze! — mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; — -nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! — Zynthio, -Zynthio! warum ließest du sie sterben? —</p> - -<p>Sterben? — Konnte sie etwas bessers thun? — unterbrach sie in -grollender Verzweiflung der Prinz. — Heirathen oder sterben, das sind -so die gewöhnlichen Kunstgriffe — den Verschmähten am sichersten das -Herz zu zerreißen! —</p> - -<p>Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den -Uebrigen hinweg. Prinz! — sagte er ihm leise — diese Nacht um zwei -Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist — habe ich Ihnen nur wenige<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> -Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem -halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.</p> - -<p>Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem -Fürstenthume! — Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der -Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! — ihn -konnte sie lieben —</p> - -<p>Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. — Ja, sie liebte, aber nicht diesen. -In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der -Menschen — aber — er ist Fürst! —</p> - -<p>Camillo! — spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? —</p> - -<p>Es sind die Worte der Verklärten: — ich habe gekämpft und den Sieg -errungen —</p> - -<p>Ah, so — und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten -Schäfers! —</p> - -<p>An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast -gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> vollziehen zu müssen. -— Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! — zweifeln Sie -noch? —</p> - -<p>An meiner Vernichtung? — nein. — Sie haben ihren Zweck erreicht.</p> - -<p>Noch nicht. — Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer, -ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! — Ihn -den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen -und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören. -Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die -Verewigte achtete.</p> - -<p>Zynthio! — gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding! -Sie liebte mich! — Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. — -Adelaide! — Adelaide! —</p> - -<p>Adelaide! — wiederholten die Klagetöne Mathildens —</p> - -<p>Adelaide? — fragte Julius wie aus einem Traume erwachend — welcher -bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte.<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> — Ja, diese -Adelaide antwortet nicht mehr! —</p> - -<p>Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der -vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand. -Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich -von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. — Ihr seyd mein! an -ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie -meine Freuden!</p> - -<p>Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er -sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein -unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner -verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während -er ihr die blutbefleckte Rose reichte.</p> - -<p>Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie -besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die -makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p> - -<p>Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch -Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe -sich dem mit Blut besprengten Bunde!</p> - -<p>Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen -hat! — sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand -Mathildens.</p> - -<p>Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache -Bewegung erschütterte den leblosen Körper —</p> - -<p>Was war das? — Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig? -fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die -Bundesverschwornen. — Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe -Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und -unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.</p> - -<p>Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu -überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst -hat die Seele den Körper verlas<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>sen. Die Veränderung der Liniamente, -das Ausspannen des Körpers — jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß -sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war — ein Scheintod.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">P</span>hrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem -Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt -die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und -Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige -Lachen endete mit einem Stickfluß — und als das Trauergefolge -zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf -Erden gehabt — ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt.</p> - -</div> - -<p>Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio -in des Letztern Zimmer.</p> - -<p>Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr -oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha auf<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span>sprang, -und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. — Wie -Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm — Volksglück -schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine -Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der -alten Schöpfung sorgen.</p> - -<p>Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier. —</p> - -<p>Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines -Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle -mittheilen. Und — darum — wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall -soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen -— möchte ich mit Hamlet ausrufen — in kreischenden Tönen die -erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer -Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt!</p> - -<p>Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er -sei<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>nem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug -war!</p> - -<p>Es mag schön klingen — aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut -seyn. — Wann reisen Sie?</p> - -<p>In wenigen Wochen; Georg begleitet mich.</p> - -<p>Auch dieser? — Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner -glücklichen Vergangenheit fliehet!</p> - -<p>Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin. -Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint; -gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden -die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht -hätten.</p> - -<p>Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin -zu. — Unaussprechlich ist sein Jammer — ihn erneuern wird meine -Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden -sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span></p> - -<p>Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt -wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn -dieser Einsamkeit entziehen —</p> - -<p>Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline.</p> - -<p>Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die -schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen -trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der -Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz.</p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">S</span>till wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio -traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn -Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung -von Adelaidens schöpferischen Händen — eine Blumenguirlande, so -diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> -für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke -mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war -der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und -zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er -— oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich -nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt —</p> - -</div> - -<p>Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte — Wen sehe -ich? —</p> - -<p>Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! — sagte Graf Bendheim. Ich -bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer.</p> - -<p>Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des -Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre -Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und -Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte -mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden,<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> als ich hoffen -durfte, nachdem ich die Andere verlor! — Und wer ist ihre zweite -Begleiterin? —</p> - -<p>Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? — Aloyse Prospero!</p> - -<p>Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen -Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe -gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das -Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! — Georg, du meldest -wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses —</p> - -<p>Der ist? — frage Bendheim gespannt.</p> - -<p>Graf Theodor von Wallersee.</p> - -<p>Wir sind — ich möchte ihn belästigen — Sie haben ja einen guten -Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab. -Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser -Ueberraschung Ihren Dank verdient habe — sagte in verbißnem Grimm der -Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder -von dannen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span></p> - -<p>So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. — Er meldete sich -als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben -wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich -durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben.</p> - -<p>Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß —</p> - -<p>O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. — -Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn — Nur -unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise.</p> - -<p>Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen -kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes -Schwester?</p> - -<p>Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf.</p> - -<p>Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie — die junge Gräfin! —</p> - -<p>Meine und deine Schwester Seraphine!<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> — Georg, Betty, Seraphine — wir -alle ein Bund — eine Familie! — Adelaide! — Sieh herab und lispele -dein heiliges Amen! — Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten — -lassen Sie uns ihre Kinder seyn!</p> - -<p>Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben. -— Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose -Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo -erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich, -und ward es mit ihr als Gatte und Vater. — Georg, der in Seraphinen -Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich — da zu dieser Verehrung -sich bald die zärtlichste Liebe gesellte — der Großmuth seiner -Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und -Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten -Gatten seiner Schwester.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p> - -<hr class="abschnitt" /> - -<div class="section"> - -<p><span class="initial">D</span>er Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm -bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? — Er -bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron — ernste -Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich -diese Frage aufzuwerfen — deren Beantwortung, wie man erlauscht haben -will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen -pflegte.</p> - -</div> - -<p>Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr. -Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den -Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. — Das Frühjahr -kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der -Trauer. — Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte -die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. — Ja, müßige -Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel -dazu geschlagen.</p> - -<p>Der junge Großherzog, welcher viel<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> heißes Blut: aber nicht die -geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen -Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen -berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit -den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. — — Eine -Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher -Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um -damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn -bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des -Waldes nach — ein Schuß fiel — der vielleicht dem Wilde galt — und -Julius sank blutend vom Pferde.</p> - -<p>Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; — Argwohn -bemächtigte sich ihre Herzens — mit Abscheu stieß sie den -Durchlauchtigen Bewerber von sich — die blutige Locke des Gemordeten -trug sie an Arm und Busen. — Das erregte Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>sehn beunruhigte den Hof -— ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den -Augen der boshaft richtenden Welt.</p> - -<p>Ein schmerzliches Ach! — entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender -Brust — als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen -wurde! — Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen!</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Adelaide, by -Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE *** - -***** This file should be named 54481-h.htm or 54481-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/4/8/54481/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/54481-h/images/cover.jpg b/old/54481-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 18b2738..0000000 --- a/old/54481-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/54481-h/images/cover_deko.jpg b/old/54481-h/images/cover_deko.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index f2c4938..0000000 --- a/old/54481-h/images/cover_deko.jpg +++ /dev/null |
