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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Adelaide, by
-Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Adelaide
- Wahrscheinlich nur ein Roman
-
-Author: Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
-Release Date: April 3, 2017 [EBook #54481]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1807 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen wurden
- beibehalten, insbesondere wenn diese in der damaligen Zeit üblich
- waren oder im Text mehrfach auftreten.
-
- Die Verwendung der grammatischen Fälle wurde nicht den heute
- gültigen Regeln angepasst, soweit dabei der Sinn des Textes nicht
- verloren geht, um den eigenständigen Stil der Verfasserin möglichst
- weitgehend zu erhalten. Aus demselben Grund wurden teilweise oder
- ganz fehlende Anführungszeichen der wörtlichen Rede nicht ergänzt.
-
- Die Buchversion wurde in Frakturschrift gedruckt. Die von
- der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der
- vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
- Adelaide.
-
- Wahrscheinlich
- nur ein Roman.
-
- Von
- der Verfasserin
- von
- Kollmar und Klaire.
-
- [Illustration]
-
- Berlin,
- bei Friedrich Braunes.
- 1807.
-
-
-
-
-Adelaide.
-
-
-
-
-„Ein Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit
-den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang
-und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ -- sagte
-ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar
-dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche
-in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen
-Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und
-mehr dergleichen -- das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel
-dekorirten.
-
-„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu
-fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die
-Landräthin.
-
-„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher
-Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr
-war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der
-Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen
-sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen
-wohlgefällige Tagesordnung an.“
-
-„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“
-flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren
-Freundinnen zu.
-
-„Ach ja, -- gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir
-uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und
-sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und
-rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten
-Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön
-genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder
-wenigstens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden.
-Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit
-fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters
--- nun auch ihr erklärter Verlobter -- sie in die Censur nahm, und den
-Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so
-viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten
-Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.
-
-Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von
-Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant,
-er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen
-mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und
-Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter
-beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder
-zu besiegeln. -- Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl
-den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Sonnenburg
-empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens
-die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das
-Herz seiner schönen Cousine bewerben. -- In ein Fenster gelehnt,
-erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung
-der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.
-
-„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath -- und sechs
-Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors.
-„Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“
-
-Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als
-die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der
-Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte
-Stufe der Treppe betrat.
-
-„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn
-erlauben sollten“, -- flötete Adelaidens Stimme -- „aber ich bin die
-Sünderin, lieber Herr Landrath! -- ich allein habe den Aufenthalt zu
-verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“
-
-„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer
-willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“
-erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus
-dem Wagen. -- Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender
-Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. -- Das Geräusch der
-Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht
-Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen
-einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen
-Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.
-
-„Zynthio Camillo“ -- lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des
-Hauses zu -- „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als
-einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige
-Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und
-Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um
-mich gekämpft.“
-
-„Das ist brav, Signor Camillo! -- sagte der Landrath und schüttelte ihm
-treuherzig die Hand -- ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse
-aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“
-
-Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste
-und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser
-Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von
-Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem
-ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er
-beklommen.
-
-„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! -- ich
-werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen,
-Frau Landräthin!“ -- setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau
-von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.
-
-Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last
-der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths
-und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits
-komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert,
-sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen,
-säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar
-anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil
-wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber.
-Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde
-führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“
-
-Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio
-wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden.
-Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin
-Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. -- So natürlich, und
-doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! -- So zart, so
-kränklich, und doch so viel Leben! -- Sonst hatten sie wohl irgend in
-einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten
-Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen
-Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten
--- als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden -- und, sich
-dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen
-gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. -- Um so weniger glich diesen
-üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur
-ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne
-aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und
-Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue
-Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels
-für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für
-ein Jenseits zu haben. Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen
-ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem
-Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte
-sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus
-Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle
-schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste
-Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton
-einer Titania -- und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und
-menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen
-Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die
-Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten
-seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:
-
-„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind
-vortrefflich. Frau Landräthin! -- ich werde mich bei Ihrer Köchin in
-die Lehre geben.“
-
-„Siehst du, Mütterchen!“ -- fiel fröhlich der Landrath ein -- „der
-lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige!
--- Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie
-rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“
-
-„Gräfin!“ -- sagte traurig Zynthio -- „es thut mir weh, Ihrem so
-seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ -- er gab dem hinter ihren
-Stuhl stehenden Jäger einen Wink -- „lieber eine leichtere Speise.“
-
-Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden
-den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst
-etwas weniges zu genießen angefangen hatte.
-
-„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd;
-dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.
-
-„Bin ich nicht zu bedauern?“ -- wendete sie sich mit komisch klagendem
-Ton an den Landrath -- „diese Quälgeister wollen mir durchaus nicht
-erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“
-
-Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an.
-„Wollte Gott!“ -- seufzte sie -- „diese guten Menschen hätten Unrecht!“
-
-„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath,
-ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke
-Promenaden -- mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den
-Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters
-schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten
-angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“
-
-„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ -- sagte der
-Landrath, und schlug fröhlich in die Hände -- „überlassen Sie sich der
-natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken
-Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien
-Luft. Wir wollen zusammen fischen, jagen, Dohnen stellen, Schlitten
-fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der
-Aerzte auslachen.“
-
-Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher
-verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der
-jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher
-Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide
-fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen
-der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen
-zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen --
-seht den Himmel wie heiter -- und so mehrere mit fistulirender
-Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem
-dumpfen Klavier -- welches der Organist noch diesen Morgen zu der
-heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide
-versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer
-Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden
-geworden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu
-bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen
-Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.
-
-Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze,
-Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend -- zu
-deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich -- und hinter
-diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen
-zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.
-
-„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen
-zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob
-Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr -- wie der Westwind mit
-einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß
-Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden
-Lilie beugte, wollte -- betroffen über die Kühnheit des Entführers im
-ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender
-Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien --
-nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war
-sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt,
-die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft
-aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst
-in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte. --
-
-Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der
-fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die -- so klein und schmal
-sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug
-an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie
-ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und
-sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm
-zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den
-suchenden Bedienten, unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden
-Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer
-solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht
-aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt -- da
-er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender
-Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs
-im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.
-
-„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit
-lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines
-großen Familiensaals wiederhohlte -- „Unverkünstelt an Leib und
-Seele -- ach lieber Gott! -- da sagte ich zu viel; leider blieb der
-Körper nicht so gesund als der Geist! -- mit dem erstern geht’s wie
-mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank --
-zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor,
-eine breite Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und
-kommen nicht fort. -- Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten
-Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne
-führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“
-
- * * * * *
-
-Schon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und
-Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis
-im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu
-feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend
-eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest
-verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden
-Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein
-halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu
-ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die
-seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten.
-
-„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich
-einst als Bürgerin eines andern Gestirns -- vielleicht des Syrius, mit
-gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er
-endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der
-Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu
-enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der
-eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos -- eigentlich
-aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. -- Optischer
-Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde
-ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite
-dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten
-Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte --
-vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide:
-
-„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche
-Erscheinung? -- Prinz Louis!“ --
-
-„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin
-es wirklich, noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und
-Leidenschaften“ -- antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch
-eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden -- „diesen Kuß
-von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu
-überliefern -- selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden
-werden.“
-
-„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein -- „Sie ist doch heiter und
-wohl?“
-
-„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer
-Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die
-Aussicht auf diese Stunde!“
-
-„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und
-Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung
-gewährte?“ --
-
-„Zufall? -- O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der
-Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte -- auch Zufall! -- Konnte Adelaide
-glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als daß
-ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“ -- --
-
-„Also doch wieder auf der Reise nach ***? -- O mein Prinz, nun bin ich
-beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig
-und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu ***
-gefallen lassen werden?“ --
-
-„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. -- Sieh da, Signor Camillo!
-fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“ --
-
-„Hier Graf Hochberg“ -- nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie
-den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur
-Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte,
-und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen.
-Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin,
-zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden,
-und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht.
-
-Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen
-Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander
-stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors
-Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam -- als fürchteten sie,
-eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken.
-Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an -- denn tanzen wollte und
-konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus,
-und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu
-lassen. -- „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ -- dachte
-er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr.
-Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden.
-
-Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen -- „~Mon
-Prince~. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew.
-Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr
-edlen Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron -- und Engel beneiden
-dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur
-mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen
-englischen Tanz abschlagen -- aber Wahrheit und Treue für seinen
-Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“
-
-Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen,
-und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen
-Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden
-Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für
-Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem
-Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte
-er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff
-Adelaide des Ritters Arm und sagte:
-
-„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit
-unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen. Kommen Sie Graf --
-Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“
-
-„Meine Braut?“ -- wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer
-rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger
-Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual,
-mit seiner Verlobten zu tanzen.
-
-Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch
-nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte -- besorgt um
-den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich
-seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der
-Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und
-vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten,
-daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. --
-Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten
-Hoffnungen, und -- Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft
-übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwartet, und schneller
-als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der
-lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen.
-
-„~Vous êtes servi, Monseigneur!~“ meldete die Generalin mit
-etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das
-Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich
-glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren.
-Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den
-Damens aufzuwarten.“
-
-„~Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son
-Aise~“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die
-Tafelrunde -- und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr.
-Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel.
-
-„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese -- „einige
-~Refraichissements à la Campagne~, so gut man sie auf der Reise
-haben kann.“
-
-„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er
-sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen
-Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln
-ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden
-Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten
-Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den
-Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten
-zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen
-Oberförsterdienst?“
-
-Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel
-über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit
-Brillanten gesetzt war, und erwiederte:
-
-„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines
-Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das
-Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“
-
-Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg.
-„Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“
-
-„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer
-Adelaide mit mir gemein“ -- nahm der Prinz das Wort -- „und der Himmel
-lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“
-
-Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können,
-knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller
-Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen.
-„Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine
-Wagenburg schlagen?“ -- frug er bei sich selbst -- „Fürst, ausländische
-Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich
-rasend zu machen.“
-
-Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.
-
-„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.
-
-„O meine Brieftasche wird erst morgen eröffnet. Ein großes Paket, das
-ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde
-führt große Beschwerden über mich! -- Versprechen Sie mir in voraus
-Generalpardon.“
-
-Adelaide sah ihn bedeutend an.
-
-„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt
-es, so wahr ein Gott lebt“ --
-
-Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen
-beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden
-Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche
-das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen
-Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde
-Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte
-herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen
-täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag,
-so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich
-zu nehmen. Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern --
-aber, o Himmel! -- wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in
-Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von
-ihrer Hand triefte.
-
-Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um
-so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und
-Caroline -- deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit
-Thränen füllte, -- und Adelaide lachten nicht.
-
-„In der That“ -- sagte Letztere -- „so etwas kann jedem begegnen.
-Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine
-Ananas -- weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf
-meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war -- und
-da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen
-wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von
-dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu
-verzehren, so wenig diese Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte.
-Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau
-wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“
-
-In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet,
-welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte,
-und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held
-dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen
-hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens
-demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein
-Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens
-Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn
-weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen
-sey, als sie.
-
-„Adelaide“ -- sagte der Prinz -- „Sie sind wahrlich ein Engel! -- Ich
-möchte niederfallen und anbeten -- diese himmlische Güte, diese sanfte
-Schonung“ -- --
-
-„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ --
-unterbrach sie ihn ernst -- „Sie sprachen von einem Entschluß“ --
-
-„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt!
--- Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen
-nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen -- werden Sie die Verlobte
-eines Andern -- gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich
-will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben
-entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an
-das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! -- Aber nein, so
-inconsequent kann Adelaide nie seyn!“
-
-„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen -- „was hat mein Vorsatz unvermählt
-zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? -- Kann Ihnen die
-Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen -- ohne
-alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen Prinzessin Mathilde äußerte
--- daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter
-uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte
--- kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder
-wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten
-eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der
-Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“
-
-„Adelaide! -- Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten,
-sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste
-und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende
-Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten,
-auch nur Chimäre! -- so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann.
--- Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten
-heut Ihr achtzehntes an; -- o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und
-Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den bedenklichen
-Gesundheitsumständen des Fürsten -- ein Rezitiv des neulichen
-Schlagflusses, und er ist dahin.“ --
-
-„Sie werden fürchterlich! -- So sollte die Liebe ein großes edles Herz
-verunstalten können? -- Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung
-für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das
-Sie und mich herabwürdigt.“
-
-„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir
-scheiden. Denke an meinen Schwur. -- Heut übers Jahr an diesem Tage
-kehre ich wieder zurück und finde dich -- nein Adelaide, nicht als
-Braut oder die Gemahlin eines Andern.“ --
-
-„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck
-einer Prophetin ein. -- „Ich habe Ihr Wort, Prinz! -- übers Jahr an
-dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und
-begleiten mich in die Brautkammer.“
-
-„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft
-verwirren? -- was sollen diese Räthsel? -- Ich kann mich damit nicht
-beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“ --
-
-„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften
-schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal
-zum Ländern zu kommen. -- Für diesmal bitte ich, nichts mehr über
-jenes Kapitel! -- Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl
-schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“
-
-„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand
-selbst hoffen?“
-
-„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht
-die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“ --
-
-„Adelaide! -- Adelaide! was machen Sie aus mir?“ -- seufzte noch der
-Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das
-Flüstern seiner letzten Worte.
-
-Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit
-entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr.
-Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathildens Briefe ihr durch Zynthio
-einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen
-geballter Faust vor Kopf und Brust -- befahl stürmisch: vorzufahren
--- und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin
-gekommen.
-
- * * * * *
-
-Alexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften
-und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang
-und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in
-irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im
-Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch
-immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des
-Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste --
-während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges,
-einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch
-Nothwendigkeit gedrängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit
-sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde
-furchtbaren Corps -- welches dieser aus eigenen Kosten errichtet,
-mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte -- nun seinen
-Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach
-den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen
-pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen
-Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten
-Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den
-Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht
-gewonnen -- Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten
-auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige
-Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den
-aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien
--- zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm daraus
-erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner
-ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu
-erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.
-
-Doch -- zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe
-unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis
-in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich
-ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt,
-Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen
--- Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht
-des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig -- zerrissen bald die
-Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete
-nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn,
-und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. --
-Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser
-Hinsicht aus. -- Nur der solide nicht nach Kapricen geordnete Ertrag
-seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen
-und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner
-Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines
-großen Nebenbuhlers war. -- Leichter französischer Spott -- wiewohl
-nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden
-Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen
-an diesen Werth, an diese Tugenden -- kurz, mancherlei und mehrere
-Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend
-blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen
-oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn
-zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht
-gewesen wäre. --
-
-Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so
-gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst
-fand -- jedoch nicht aus dem Gesichtspunkt betrachtete, wie der Freund
-der Römer -- daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten
-konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis
-Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.
-
-Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s
-Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder
-über dessen Meinungen geäußert hatte -- ja selbst den Tadel der Pläne,
-die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph
-nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. -- Alexis war nicht der
-Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im
-Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren
-und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein
-Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und
-durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem
-Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deutlich
-wiederholte -- und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das
-Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde,
-auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that,
-und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu
-fechten, zurückzog.
-
-„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph -- „diesen Querkopf los zu seyn. Der
-Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten
-Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? -- haben wir das Terrain,
-haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“ --
-
-„Und sind +wir+ Römer?“ -- hätte er noch hinzusetzen sollen.
-Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese
-Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene
-nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen
-Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier
-nur, um die erbärmliche Marionetten-Repräsentation mitleidig zu
-belächeln.
-
-Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen
-Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes
-Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen.
-Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei
-deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph
-im Bunde. --
-
-„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres
-Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche
-Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des
-Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. -- Soll die
-Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich
-selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf,
-ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst
-der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck, daß
-sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und
-die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb
-mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und
-fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! -- Läutere die
-Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner
-edelsten Söhne mich umschwebt. -- Kraftvoll, aber nicht stürmisch
-will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt.
--- Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer
-Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein
-milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an
-höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte
-Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen
-Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf
-Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen
-Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß auf
-die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner
-Verlobten -- nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und
-der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer
-Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt
-hatte -- und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn
-die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin
-wieder zurück rief.
-
-Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im
-zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie
-seine Gemahlin werden.
-
-Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise
-ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft
-fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge
-wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden
-Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen!
--- Dieser Wunsch ward erfüllt, und der Geliebte ihr liebreicher
-freundlicher Gatte. -- Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der
-sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar
-gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren
-Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher
-Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie
-ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder
-geliebt würde. -- Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt,
-indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre
-Bildung vollendeten.
-
-Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts --
-in welchem die junge Gräfin erzogen worden -- die Einführung solches
-üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches
-den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht
-gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf
-der unbefangnen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig
-verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden
-traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle
-die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden
-Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet,
-daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte -- wenigstens sie schon dem
-Nahmen nach verabscheute. -- Und so war auch die unerfahrne Ludmilla
-weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen
-aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden
-Leidenschaft, dessen sein Herz -- vielleicht für einen andern
-Gegenstand wohl fähig war -- zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück,
-ihre Ruhe zu stören.
-
-Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der
-Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.
-
- * * * * *
-
-Blutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel
-ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun
-gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen
-unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle
-auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein,
-daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte
-Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.
-
-Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete
-es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes,
-wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste
-Frühjahr einzuschiffen dachte -- durch Anwerbung der tapfersten
-vielversprechensten Männer -- um welche Monarchen sich beneideten, für
-die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen
-könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten
-Aussichten auf Größe und Ruhm -- der sich selbst in fremde Welttheile
-erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. -- Vergebens umfaßte
-Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor
-seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden
-Vaters.
-
-„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste -- und ich heiße
-Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme
-zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens --
-im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath
-rufen sollte -- so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und
-des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee
-zu machen Willens bin -- das Benöthigte schon verfügt und bei der
-Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten
-Willens. -- Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen war, deine
-Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“
-
-Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie
-auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen,
-und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege
-nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte,
-um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen
-Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.
-
-Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der
-nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher
-zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern
-Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur
-See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage,
-Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem
-Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer
-Beobachtung werth zu seyn. -- Weder Posthäuser noch Gastwirthe,
-weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder
-zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache -- so andern
-Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl
-zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte
-beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und
-Unterhaltung gewähren -- nichts dergleichen bietet sich uns auf der
-übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. -- Genug, man
-ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so
-wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln
-häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird -- so wie
-bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze
-bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so
-bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen
-Spielraum spatzieren Launen, Meinungen, gute und böse Gedanken ohne
-allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die
-übrigen Personen eben so auffallend, als diese -- welche sich einer
-gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden
-Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich
-zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.
-
-Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart
-bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen
-gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann
-es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig,
-wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz
-verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder
-andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth,
-der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und
-der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung
-jeder Bequemlichkeit des Lebens bewies -- keiner andern zu bedürfen,
-um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete
-er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder
-wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die
-eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich
-befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt --
-geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen
--- hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag
-auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes
-Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem
-ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei
-Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich
-der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu
-Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger
-Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es sich, daß er einen
-Bedienten erschoß, dem -- als der Unglückliche das Nachtlicht putzen
-wollte -- die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.
-
-„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst -- „mit diesem
-kleinen Tyrannen -- unter seiner Protection sollte ich +ein+
-Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das
-vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen
-Kriegsheere der Welt ist? -- Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir
-durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien --
-einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht
-werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? -- Nein, dabei kann es nicht
-bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht
-Sie -- mein Herr Generalissimus -- um einen Obersten ärmer.“
-
-Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige
-Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und
-Alexis machte dem General die unerwartete Erklärung: daß er nicht
-portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle.
-L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem
-Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend,
-und der Streit endigte mit einem Zweikampf.
-
-Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher,
-wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet,
-fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den
-Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen
-durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt -- im Begriff
-von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden -- seiner mit
-einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war.
-Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. -- Maria Paluzzo
-befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer
-unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem
-betrogenen Vater blieb nichts übrig, als seine Rache durch Enterbung
-der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in
-Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden
-ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig
-ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und
-ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten,
-verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der
-gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer
-Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.
-
-„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ -- frug Paluzzo.
-
-„Wo sonst hin? -- Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel
-erbeten, daß ich hier umkehren soll -- und so will ich denn auch nicht
-länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl
-schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer
-Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich nun werden, und keiner
-Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“
-
-„Schön, recht solid! -- Aber Freund -- dazu ist’s nach Jahren noch
-Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in
-Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr
-kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung
-eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können:
-Ich litt ohne Murren. -- Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten
-sanften Weiber.“
-
-„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt!
-ein treffliches edles tugendhaftes Weib! -- In vier Tagen breche ich
-auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein
-dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu
-drücken.“
-
-„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten.
-Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe -- so nicht
-die unsern: die Glut hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“
-
-„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben
-so heilig wie den Weibern.“
-
-„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in
-ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! -- Früher ist Euch
-die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“
-
-„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? -- Thorheit habe ich mir
-vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter
-Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames
-für sie ward? -- Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche
-Kampf mir selbst daraus erwuchs? -- Basta! -- bei unsrer Freundschaft,
-kein Wort mehr davon!“
-
-„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen
-nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt
-wieder so gefallen mögte wie einst. -- Ihr kennt unsern Hof, auch so
-ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch
-Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste
-machen würde. Herrlich! -- Verwerft Ihr sie -- gut; ihr sollt durch
-Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“
-
-„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich
-habe in Messina nichts zu schaffen. Und -- den kommenden Frühling, will
-ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“
-
-Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen
-des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten
-Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s
-Arme zurückeilte. -- Aber Messina -- hatte er dennoch besucht.
-Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin;
-heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der
-Einwohner in Trümmer zusammengestürzt. Unter den dadurch verarmten
-Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward,
-als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte,
-selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male
-als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für
-sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien
-des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche
-in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt
-hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio
-Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.
-
-Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe -- Alexis hingerissen von
-der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen
-Weibes, ihrer Zärtlichkeit -- Beide erwachten nach einer gefährlichen
-Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen
-ein, daß sie sich früher hätten trennen sollen. Es war geschehen;
-Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde
-auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das
-Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der
-Abschied rückte heran.
-
-„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen
-Augenblick erhalte dich mir.“
-
-Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh
-getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.
-
- * * * * *
-
-„Ruhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte
-der regierende Fürst von *** zu Ludmillen -- „Seine Unstätigkeit, sein
-Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist
-genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“
-
-„Und kann er das nicht? -- Verzeihen Ew. Durchlaucht! -- Sind die
-Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch
-Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“
-
-„Für jeden Andern -- ja, dem es löblicher und zugleich bequemer
-dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches
-Schloß zu setzen, und dann so ~en passant~ aus angebohrner
-Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und
-Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender
-Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. -- Nur ihr Gemahl vermag
-damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß
-größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“
-
-„Aber wie, ~Monseigneur~?“ --
-
-„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu
-seyn.“
-
-„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu
-werden -- der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäftigen, und dann
-die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“
-
-„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen
-der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie
-keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire
-von sechs Wochen höchstens -- und wollte ich ihm dann eine Charge am
-Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von
-meiner Erkenntlichkeit geben -- er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber
-ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir
-der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“
-
-„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut,
-wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl
-dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten
-des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die
-Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre
-kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. -- Aber diesmal
-wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das
-Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth
-vermischte.
-
-„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und
-kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche
-jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte --
-
-„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul
-abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube,
-meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons
-eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und
-dasselbe Grab deckte -- mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein
--- wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter
-Blick nach Osten gerichtet ist.“
-
-„Mir das? -- o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“
-
-„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! -- Noch vor einigen Wochen war dein
-heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt
-zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt
-dein Auge in Thränen.“
-
-„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren -- Dank
-zulächeln? -- Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein
-bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib
-zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen -- o so verlaß es! Darf
-ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“
-
-„Ludmilla! -- Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich
-die mehr als weibliche Schwäche. -- In einem frommen Stift erzogen,
-lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen --
-aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du
-keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei
-dir nur tauben Ohren predigen.“
-
-„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger
-seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien
-Glücks! -- Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser
-Nothwendigkeit zu trösten.“
-
-„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir -- eben
-als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder
-brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des
-Fürsten nicht an -- und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“
-
-„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! --
-Aber der drohende böse Krieg“ -- --
-
-„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in
-Friedenszeiten! -- Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung
-nicht betrogen haben.“
-
-Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht
-allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent -- so er zu dem
-ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete -- Ehre einlegen,
-sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand
-setzen wollte. -- Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand.
-Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete,
-weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber
-er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach
-der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen,
-ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte
-die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles
-in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem
-Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl
-aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur
-die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.
-
-Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen.
-Krankheiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo
-sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die
-nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge
-hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars
-begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.
-
-Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf
-Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth
-ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis
-bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies
-und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu
-haben. --
-
-Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich
-wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so
-baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die
-schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die Vermählung
-des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen
-des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft.
-General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als
-fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing
-ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu
-schmeicheln zwiefach berauschend war -- unserm Alexis die vollkommenste
-Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. -- Nicht allein
-die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das
-fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige
-Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen,
-und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.
-
-Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen
-überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis
-von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande,
-ihn -- der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt
-werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über
-sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus
-gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.
-
- * * * * *
-
-Gräfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in
-die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla,
-sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar
-machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen
-Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der
-Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer
-eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht
-nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben -- während er den Gefahren
-des Krieges ausgesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.
-
-Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der
-Prinzessin Mathilde -- welche nur um 8 Monathe früher das Licht der
-Welt erblickte -- bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte
-er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei
-seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.
-
-Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so
-Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr
-und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die
-duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst
-dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten
-Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für
-keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre
-Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertraulichkeit als
-ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der
-fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier
-schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und
-Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß
-zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern -- doch mehrere
-Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen.
-Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel;
-er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den
-feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie
-gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres
-angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle
-glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer
-fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen
-anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere
-Berufsreisen des Gouverneurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne
-Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide
-wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher
-Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval -- ihre Gouvernante -- wie
-ihre Mutter.
-
-Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des
-Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so
-statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. -- Und diesmal lag die Schuld
-nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den
-Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte.
-Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz,
-Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner
-Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave
-Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in
-der Geburt erstickte.
-
-Theodor, so sehr ihm der Prinz mit Liebe und Geselligkeit überall
-entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den
-Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich
-genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen
-Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe
-zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese
-mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park
-zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken,
-wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung
-entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen
-Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber
-desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen
-Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem
-Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den
-tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.
-
-Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war
-seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen
-Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere
-Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing;
-die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem
-eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine
-spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling
-gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel
-geweint -- war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte
-das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm
--- seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.
-
-„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer
-auch forttragen?“ -- frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön
-gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne
-Kind auf den Schooß legte.
-
-„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das
-Schwesterchen -- das sollst du recht lieb haben, und es einst
-beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch -- wie
-Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner
-Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff
-welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“
-
-„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte
--- er wäre ihr Schutzengel.“
-
-„Richtig, mein Kind! -- Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch
-lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich
-ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“
-
-Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des
-Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen
-Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen
-Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige Stunden
-hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so
-langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie
-weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für
-seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu
-wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der
-Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes
-äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an,
-seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine
-Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen
-Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken
-versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels
-Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er
-jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur
-von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem
-festesten Schlummer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte.
-So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem
-selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht
-widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck
-wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit
-Adelaiden beschäftigt war.
-
-Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin,
-und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung
-erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden
-und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder
-die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und
-freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen
-wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz
-Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen
-nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.
-
-Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf
-seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich
-dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein
-kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er
-entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger,
-mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie
-küßte und sie seine gute Schwester nannte.
-
-„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben
-in unsere Familie!“ -- sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser
-äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu
-geben beschloß.
-
-„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole
-militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich
-kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann.
-Unter seiner Zucht muß sich der Bube ändern und des Vorzugs werth
-machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen --
-oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er
-meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“
-
- * * * * *
-
-Unverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht
-in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit
-wankte -- das Resultat war Veränderung der Luft. -- Das Concilium
-physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des
-fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder,
-als die heilsamsten für Sr. Excellenz.
-
-Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange
-Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für
-unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so
-weiten Reise -- besonders in Länder, gegen die sie einen unerklärbaren
-Widerwillen hegte -- unterworfen haben, um den geliebten Alexis
-begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen
-seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es
-der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen.
-Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben
-zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der
-Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche
-ihr die zarte Knospe Adelaide -- und die Freundschaft ihrer Fürstin
-gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und
-feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht
-ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!
-
-Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem
-Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles,
-was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds
-von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um die Hälfte seines Herzens
-betrogen zu haben -- die letzte Umarmung seiner holden Adelaide,
-alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß -- die
-Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern
-Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns,
-und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de
-Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde
-nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam
-zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in
-disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. --
-Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla -- noch einmal drückte er
-sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal
-in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche -- und -- dahin rollte er;
-Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf
-dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.
-
-„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu
-erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun
-laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über
-das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in
-Alexis Arme.
-
-„Gott im Himmel!“ -- rief der Graf erschüttert -- „was ist aus dir
-geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? -- die
-herrlichste Blume dieses Edens“ -- --
-
-„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir
-verschmachtet, verblüht -- und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn
-schwach die sterbende Wittwe Kamillos.
-
-Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis
-zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete
-gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte
-es Giulianen zum Vorwurf, daß sie ihn so geliebt, und dadurch ein
-Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe
-nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! -- „O
-nur zu wahr sprach dieser Paluzzo -- rief er aus -- deutsche Weiber
-lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane
-unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“ --
-
-„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du
-warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem
-verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft
-meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein
-feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen
-Fehlern und Schwächen reinigen. -- Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer
-strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! -- Sey treuer liebender
-Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich.
--- Gott ist gerecht -- aber auch barmherzig! er will den Tod des
-Sünders nicht. -- Er nehme dich und die Deinen -- in seinen heiligen
-Schutz -- und meine Seele -- zu Gnaden -- auf! -- Jesus, Maria --
-erbarmet -- euch meiner!!“ --
-
-Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte
-Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er
-fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam
-für das Grab schmücken wollten.
-
-„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! -- in den Händen
-meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“
--- sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der
-Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. -- „Kennen Sie mich
-nicht mehr? fuhr sie fort -- die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse
-Prospero -- jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“
-
-Milder wurden Alexis Züge -- „So wissen Sie, was ich verlohr, wem
-dieses Opfer fiel.“
-
-„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen
-Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner
-Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung
-gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“
-
-„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“
-
-„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern.
-Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke
-wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“
-
-Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug
-meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten
-in deinen Armen auszuhauchen -- schrieb Giuliane. -- Eile, denn ich
-fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen
-Sieg. -- Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an
-den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen,
-daß bald der Sand des Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey,
-so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache
-Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir
-mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich
-überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf
-folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter
-enthalten. Kraft und unbefangne +Ruhe+ gebricht mir nur allzugewiß
-in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab
-sinken läßt. -- Mein Lebewohl empfängst du noch -- eine süße Ahndung
-sagt es mir -- von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner
-dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß
-erstirbt. -- Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben: --
-
-Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf
-deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit
-dem Tode ihre Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst
-geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die
-Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den
-Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen
-sie.
-
-Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an
-deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner
-Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach
-Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde
-soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses
-entlocken. -- Seraphine trägt deine Züge -- ein forschender Blick
-Ludmillens -- dein Bewußtseyn! -- Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit
-der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre
-Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme
-eines redlichen geliebten Mannes, oder -- zeigt sich der Wille des
-Himmels in ihrer Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in
-den stillen Mauern des Klosters zu widmen -- als Braut der Kirche zum
-Altar. -- Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen
-Segen.
-
-Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! --
-Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch
-auf ihren Bruder erstrecken! -- Werde sein Retter, wie du es einst
-seiner Mutter wurdest. -- Der feurige schwärmerische Knabe kämpft
-gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St.
-Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem
-Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die
-Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer
-Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars -- in dem er zu seiner
-Bestimmung vorbereitet werden soll -- zu enge sind -- -- --
-
-„Ich will ihm Luft und Raum verschaffen, so heilig mir dein Andenken,
-dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ -- rief Alexis mit
-verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es,
-für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu
-ringen.
-
- * * * * *
-
-Prospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein
-Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht.
-„Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür
-entgegen -- Excellenz haben gewonnen Spiel. -- Aber wie die Karten
-gestern lagen, hätten Sie es verloren.“
-
-„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr
-nicht haben ziehen wollen?“ --
-
-„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges
-Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche
-Klerisey regaliren und beschwichtigen.“
-
-„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner
-übrigen Betgenossen an?“
-
-„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“
-
-„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“
-
-„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen,
-denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die
-Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun -- mit dem Schein
-frommen Eifers läßt sich -- muß sich die übrige heilige Brüderschaft
-abspeisen lassen. -- Ein massiv silberner Antonius von Padua,
-anderthalb Fuß hoch -- mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn
-eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig -- die Bestellung
-kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts
-Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist
-unser.“
-
-„Meinen heißesten Dank dem heiligen Friedenstifter Antonius! -- denn
-wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses
-Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er
-sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“ -- --
-
-„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug;
-nahm Signora Prospero das Wort -- o möchte er auch diesem lieblichen
-Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“ --
-
-Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen
-nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf.
-Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge
-sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der
-Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“
-
-Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu
-Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon
-bekümmert gewesenen Prospero, und weckte ihn aus einer dreistündigen
-Träumerei.
-
-„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser -- „hier ist wohl eine Schlafstätte
-für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“ --
-
-„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet
-und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir
-aufgethan -- Giuliane in den Glanz einer Verklärten! -- wahrlich,
-Prospero! -- säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie
-heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer
-Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“
-
-Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte
-ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden
-Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.
-
-„Die -- die Nachtluft -- Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem
-Entsetzen -- „die übermäßige Betrübniß -- hat Ihr Bewußtseyn, Ihre
-gesunden Sinne umnebelt. -- Heilige Mutter Gottes! -- glaube mir
-Zynthio -- Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“
-
-„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn
-lächelnd Alexis. -- Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen
-freilich nicht anders verständlich machen konnte.“
-
-Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein
-Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen
-bestimmt sind -- in meiner Verwahrung?“ --
-
-„Nach ihrem Ableben erst, Madame! -- Bis dahin würdigen Sie das
-Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst
-ein desto heiligeres Kleinod seyn.“
-
-„Nicht also, Herr Graf! -- und verzeihen Sie, auch nichts weniger als
-rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken.
-Seraphine ist“ -- --
-
-„Graf Wallersee’s Tochter -- nahm imponirend der General das Wort, --
-diese Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“
-
-„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen?
--- Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die
-Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben
-gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück
-und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. -- Solche Attribute
-des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die
-Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten
-Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre
-Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“ --
-
-„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von
-behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. -- Jedoch diese
-Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück.
--- Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von
-einem portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer
-alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige
-in Vorrath haben.“
-
-„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des
-Schleichhandels bedienen?“ --
-
-„Warum nicht, Signora? -- giftigen Insekten wird man nie unverfälschten
-Honig auftischen. -- Weg mit jener kleinen neidischen Brut;
-schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. -- Morgen
-trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl
-der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der
-Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung
-seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu
-feiern!“ --
-
-„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier
-in Kummer verwandeln. -- Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen
-Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“ --
-
-„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange
-dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. -- Doch
-an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens
-bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt -- den die der
-arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die
-Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. -- Ich
-werde es machen wie die Schulknaben, welche -- mit einem verklagenden
-Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und
-nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend
-ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch
-wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“
-
-Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich
-mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche
-Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt
-fast überall bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen
-Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit
-seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim --
-im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als
-er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen
-der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach
-theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie
-dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung
-mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum
-Gegenstand.
-
-„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen
-zitternd -- ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia
-verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim
-mich öfters führte.“
-
-„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem
-Vertrauen lieben.“
-
-„Meine Schwester? -- ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher
-Zynthio! -- oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine.
-Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein,
-es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that
-mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! -- Nun ist’s eben so
-gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“
-
-„Sie hört gern Musik.“
-
-„Die Engel lieben auch Musik -- Adelaide wird nicht hassen was diese
-lieben.“
-
-„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht
-artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet
-ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd
-vervollkommnen. -- Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die
-ihrige.“
-
-„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner
-Guitarre.“
-
-„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“
-
-„Das Letztere, Signor! -- Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten,
-zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit,
-das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende
-Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in
-Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ -- frug Alexis.
-
-„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der
-Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde,
-wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“
-
-„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch
-harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du
-mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen,
-oder euch wieder trennen könnte.“
-
-„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! -- Ich habe schon
-etliche Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es
-sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn --
-genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es
-sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen
-bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte
-sie sehr freundlich -- es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden
-besitze, darfst du sie Schwester nennen. -- Und dies Traumbild verläßt
-mich nimmer.“
-
-„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem
-Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein
-Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der
-Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen
-Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr -- und dies
-würde ihnen weh thun.“
-
-„Weh? -- ich Adelaiden und der Gräfin weh thun? -- dafür bewahre mich
-St. Franzesko.“
-
-Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die
-Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den
-Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings
-anbot, war ihm daher sehr willkommen.
-
- * * * * *
-
-Daß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde
-wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die
-ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten
-hatte -- versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen
-Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich
-gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte,
-unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise
-wünschen, Danksversicherungen für genossene hohe Ehre und splendide
-Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende
-machte.
-
-Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.
-
-„Herr Graf,“ begann der Mann -- „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein
-Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und
-dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu
-Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube
-und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“
-
-„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch
-machen zu dürfen.“
-
-„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie
-besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem
-Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt.
-Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser, mit Thränen angelegen, Sie
-bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“
-
-„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! -- aber kurz zur Sache;
-wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? -- Worinnen bedürften Sie
-die Hülfe eines Menschenfreundes?“ --
-
-„Ich für mich in nichts, Herr Graf! -- Aber dieser Bube hier, dem
-könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus
-Düsseldorf gebürtig.“
-
-„Eine Waise?“ --
-
-„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“
-
-„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“
-
-„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine
-Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im
-Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater --
-dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine
-Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in Elend, und ich erbte
-seinen Sohn, diesen Buben hier.“
-
-„Aha! -- Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber
-noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu
-den Großeltern schaffen?“ --
-
-„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch
-im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber
-soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“
-
-„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil
-für ihn, wenn er“ -- --
-
-„Lassen wir das dahin gestellt seyn. -- Oder hätten Sie Lust sich
-mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher
-machen.“
-
-„Er gefällt mir, und -- Zynthio, möchtest du ihn wohl zum
-Reisegefährten? -- wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“ --
-
-„~Si, Signore!~“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen
-Brust und Hände mit Küssen überströmte. -- „Bravo, Amico! du gehst
-mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester
-Adelaiden“ --
-
-„Holla! einen Engel? -- begann der alte Schweitzer -- das klingt wohl
-tröstlich für meinen Georg; -- aber wird dieser Engel auch ihm ein
-Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“ --
-
-„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens
-gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich
-meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen
-Umständen, wieder.“
-
-„Nun dann -- mit Erlaubniß Herr Graf! -- Georg bitte den jungen Herrn,
-daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig
-ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich erweisen.“
---
-
-Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.
-
-„Jetzt will ich von der Leber weg reden. Der Bube soll seine Mutter
-nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde,
-um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht
-auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. --
-Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts
-besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein
-eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und
--- einen Kopf, Herr! -- einen Kopf! -- Länder hätte er damit regieren,
-Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz
-manchen -- Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern,
-als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes
-unterliegen kann. -- Sie war die einzige Tochter des Inspektors von
-der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. -- Den
-schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen,
-und die Eltern waren’s zufrieden, weil er bei der Herrschaft in
-Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das
-Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm
-der Bube Georg geboren wurde -- da merkte er bereits, daß Madam
-sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und -- als er einst nach
-achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche
-Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen
--- seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später
-die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah -- da wurde
-es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein
-verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte
-er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf
-Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in
-einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine
-Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt er dem zitternden
-Baron unter die Nase. -- Schießen Sie, oder ich schieße. -- Der Baron
-drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß --
-und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. -- Rellmann, auf
-diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten
-getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem
-Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete
-zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch
-die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe
-erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums
-seiner Jesabell zu versehen. -- So lange der Kummer seine Gesundheit
-nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch.
-Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen
-ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem
-Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. -- Was Christenpflicht
-mit sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten
-Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja,
-aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das
-beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum
-Garnaufspulen zu brauchen.“
-
-„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.
-
-„Hm! -- sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen?
-Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in
-den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und
-Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in
-die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über
-mein Bett hängt. -- Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann
-aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen -- huch!
-wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“ --
-
-„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen
-tüchtigen Oberförster -- und wenn Sie mir ihn also anvertrauen wollen“
--- --
-
-„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“
-
-„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“
-
-„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann
-mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns
-Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft
-nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die
-Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen
-Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den
-kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste
-geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und
-so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch
-nicht aus meinem letzten Willen.“
-
-Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver
-Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs
-zweiter Pflegevater wird -- das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann
--- eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“
-
-„Dann, Herr Graf! -- dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns
-sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute
-Menschen erfüllt.“
-
-Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so
-sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.
-
-„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater
-hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich
-nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du
-Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn,
-so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten.
-Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst
-verlassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater
-in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur
-mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden
-bist.“
-
- * * * * *
-
-Wie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens
-schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen
-Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges
-umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte
-so süß, auch sie -- das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde --
-aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung
-auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen
-Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen
-überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen
-Freundes sang. -- Wann er sich aber dem Zauber einer Aufopferung für
-Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend
-und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte -- o dann haftete
-sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war
-sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck
-seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme
-Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie
-mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung
-bewahren würde -- so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen,
-das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen
-Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste
-Aufmerksamkeit lindern zu können.
-
-Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich
-unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und
-Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je
-unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine Stimmung erhalten, die
--- wiewohl um vieles sanfter -- dennoch mit der Seinigen im schönsten
-Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer
-Gespielin alles zu seyn, was diese war -- und ohne die reichhaltige
-Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der
-Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen,
-hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen
-der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin
-aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses
-Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer
-Genüsse -- die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß
-zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen
-West’s.
-
-Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein
-Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel,
-den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden
-Zukunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der
-schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen
-Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen
-Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers,
-und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch
-Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien
-gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen
-bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah
-man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten
-aus der Hand des Schöpfers gehen -- Pracht-Ausgaben sind, an die sich
-kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich
-selbst das bitterste Pasquil zu machen. -- Man begnügte sich demnach
-sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität
-zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung --
-hingegen der eingerißnen Wuth, singen, Guitarre spielen, und den
-italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern
-Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? -- kam
-nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher
-kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit
-Arbeit.
-
-So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre
-liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie
-von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen,
-und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem
-zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor
-nachsetzten -- so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen
-weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden
-nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten
-Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die
-wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen können; wenn
-nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld
-sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen
-Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen
-Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und
-verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle,
-diese glühende Mittheilung des Wohlwollens -- das mit unverständlicher
-Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und
-sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge
-mit fortreißen ließ -- bald wieder in die Gränzen wahrer schöner
-Menschengefühle zu führen.
-
- * * * * *
-
-„Auf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr.
-Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten,
-welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der
-Jagdchaise gelangt worden.
-
-„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken
-dürfen -- so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ --
-erwiederte Alexis --
-
-„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre
-Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete
-Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. -- Wie?“ --
-
-Alexis, welcher die betonten Wie’s? -- Sr. Durchlaucht schon aus
-Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte
-gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja
-schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn?
--- Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin;
-ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren -- wann und wo ich
-mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem,
-noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt
-allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr
-ein.“
-
-„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie
-jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat
-in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ -- „Wie nun so jeder
-seine Ansicht der Dinge hat“ -- warf Alexis dem mit gespitzten Ohr
-ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein
-~Couteau de Chasse~ in der Scheide.
-
-„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser
-Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr
-seht in mir den Freiwerber -- um die liebenswürdige Adelaide für den
-jungen Graf Bendheim.“
-
-„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht.
--- Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen
-hierüber bekannt zu machen.“
-
-„Wohl! -- Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe
-Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des
-zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet
-sonst kein Hinderniß gegen diese Heirath -- so verlobt man die jungen
-Leute, oder -- um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner
-Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten -- nicht
-zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich -- indem er
-ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines
-Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück;
-und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen
-steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der
-auswärtigen Affairen Posseß. -- ~Eh bien mon General!~ -- wie
-gefällt Ihnen die Idee?“ --
-
-„Als Idee betrachtet -- fürstlich und lachend.“
-
-„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh
-an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. -- Wir
-wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das
-Zeichen zum ~Rendez vous~ auf dem Jagdschlosse geben, damit die
-Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“
-
-„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache -- ich
-wiederhole es noch einmal -- wenigstens unter den nächsten anderthalb
-Jahren nicht kommen.“
-
-„Wallersee! -- Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber --
-doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine
-gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein
-herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. -- Und
-warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. -- Zwar ist mir die alte
-Animosität unter Euch Herren bekannt.“ -- --
-
-„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder
-handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es
-nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich
-selbst zu wenden.“
-
-„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung
-durch verwandschaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu
-ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und
-Absicht.“ -- --
-
-„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der
-Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“
-
-„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“
-
-„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der
-anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch
-Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach
-Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch
-dieselben -- und was die Hauptbedingung ist -- sind alsdann die
-Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn
-erwacht -- in Gottes Namen dann.“
-
-„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? -- Wie?“ --
-
-„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“
-
-„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“
-
-„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“ -- --
-
-„Liegen, meine ich -- ziemlich klar am Tage.“
-
-„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu
-lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so
-verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge
-verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und
-bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“
-
-„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine
-freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung
-des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“
-
-„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig
-oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. -- Aber die
-Sprachröhre müßiger, geifernder Höflinge, wissen sich in das Ohr
-der Fürsten zu leiten -- wie der verheerende Wurm in den Kelch
-der königlichsten Blume. -- Beweise müssen uns wenigstens die
-Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung
-dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“
-
-„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem
-übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung
-nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist
-die Losung in der Region liebender Wesen.“
-
-„Der Erbprinz und meine Tochter?“ --
-
-„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen --
-zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je
-herrschender und distinkter sie wird -- nicht führen.“
-
-„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die
-Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“
-
-„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? -- Daß sie
-schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung
-unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“
-
-„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung
-der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß
-diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben
-werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen -- ja durch so
-genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen -- Haß, oder was noch
-schlimmer ist -- kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“
-
-„Lieber Graf! -- Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner
-Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen
-rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren.
-Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“
-
-„Unstreitig, unstreitig!! -- Sie soll mit Argusaugen der väterlichen
-Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen
-dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt
-Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen
-werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe
-und benutze.“
-
-„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts
-Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! -- wir bleiben die
-Alten -- nicht wahr?“ --
-
-„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“ --
-
-Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere
-Respektsversicherung verbittenden: Basta! -- brach der Herzog das
-Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der
-entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung
-des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim
-Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ -- das Signal zum
-neuen Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.
-
- * * * * *
-
-Graf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden
-russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der
-wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin
-unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie
-Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide
-durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des
-beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft
-des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.
-
-Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur
-Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese
-furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich
-zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und
-leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen
-von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt
-für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der
-Einimpfung unterwerfen.
-
-„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin -- nur
-laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“
-
-Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst
--- wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer
-Freundin trennte.
-
-Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen
-Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in
-frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt
-wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante
-für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.
-
-„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern
-schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin am Arm der Gräfin
-verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte -- wo
-in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen
-Mütter erwartete. -- „Meine edelste, treuste Freundin! -- daß wir uns
-trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit
-einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen
-gebietenden Eheherrn! -- Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie
-es jetzt ist -- dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen
-Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“
-
-Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle!
--- erwiederte lächelnd Ludmilla.
-
-„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die
-Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können.
-Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten
-aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und auch uns
-arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. -- Ich habe -- allen
-Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet -- des
-blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche
-Taube --!“
-
-Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem
-Herzen keine Gefahr drohte.
-
-„Und Louis -- o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für
-dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende
-Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen
-und Aufenthalt an jenem Hof -- welche künftigen Winter ihren Anfang
-nehmen sollen -- werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison
-bringen.“
-
-Nichts gewisser als das.
-
-„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder
-mit Bitten bestürmt werden soll -- das Kommando über unsern Louis zu
-führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-Zügen zu begleiten?
--- Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“
-
-Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen,
-innerer Kummer -- den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart
-meines unglücklichen Sohnes verursacht -- machen mich öfters für einen
-uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine
-Kinder in Verzweiflung stürzen wird. -- Des ihm zugedachten so hoch
-ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal
-würdig machen können.
-
-„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht
-führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung
-ihrer Zukunft.“
-
-O mein Sohn Theodor! -- Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling,
-mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte
-schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge
-meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche
-Wort: Fluch dem Ungerathnen! -- des tief beleidigten, von ihm langsam
-gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf
-mit Zittern erwarten! --
-
-„Allgerechter! -- So schlimm steht es mit dem Jüngling? -- Arme
-Mutter!“ --
-
-Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres
-Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten
-aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender
-Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des
-guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe,
-den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn.
--- Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon
-zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre
-in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die
-Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten
-Vaters, er sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen
-Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger
-gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.
-
-„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der
-engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender
-Ueberraschung herbeyführen? -- Der Hülfsleistung theilnehmender
-verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß -- wo es nur
-eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner
-Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. -- Lassen Sie uns
-raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne
-daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr
-opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“
-
-Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen
-sehen. -- Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu
-der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee,
-dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist
-Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen
-verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf
-die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung
-wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den
-Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob
-der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne
-schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch
-ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren
-Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu
-treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.
-
-„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als
-der leidenschaftlichste Ausbruch! -- Kalter höhnender Trotz pikirt
-den General aufs höchste. -- Doch, nur nicht den Muth verloren!
--- Sobald Graf Theodor sich als Officier der Knabenruthe völlig
-entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform
-auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann -- sodann wird sich
-auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn,
-Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die
-Arme seiner langentbehrten Familie führen.“
-
-Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein
-gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt
-sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den
-traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte.
-Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung
-des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde,
-bestätigt meine Vermuthung.
-
-„Liebe Aengstliche! -- Ihre Träume sind ansteckend! -- Nein, lassen
-Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem
-Schatten Gespenster sehen -- nicht wahr machen.“
-
-Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit
-verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich
-bedrohenden Unglücks.
-
-„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also
-mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen.
-Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich
-dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und
-unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und
-Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die
-Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre
-Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“
-
-Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das
-schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein
-zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr
-eröfnete Zukunft zu verwandeln.
-
- * * * * *
-
-Schon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk
-und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche
-der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen
-Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben
-sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker,
-über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme
-aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ
-sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer
--- der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen
-auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten -- deren
-mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die
-Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.
-
-Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des
-Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit seinem Strahlenmantel
-zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht
-das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit
-feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern
-und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden
-Zeit zu trotzen.
-
-Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die
-geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher
-schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht
-als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter
-Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige
-Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm
-selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn,
-untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die
-Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war
-seine Eitelkeit. -- Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein
-Erfindungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer
-ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.
-
-Aber -- wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und
-wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? -- Zynthio hatte
-es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue
-Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden
-Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit.
-Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust
-mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die
-Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges
-Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern
-widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag
-allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des
-Todes gerückt -- noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier
-mit einem ~memento mori!~ seiner Existenz zu erwähnen beschließen
-müssen. -- Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen
-Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag
-verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden
-händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem
-Hinscheiden entgegen starrte -- brach die Krisis; einem Harnisch
-gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt
-hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend
-Wiederholungen zu: Er ist gerettet! -- Er wird nicht sterben! --
-
- * * * * *
-
-„Nicht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran
-hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen
-allergnädigsten Versucher -- den ich nicht erkennen mag -- gegen
-Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“
-donnerte im rauhen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor
-des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen
-Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde
-dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten
-entgegen.
-
-Alter ehrlicher Paul! -- Mir wolltest du den Einlaß versagen? --
-antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis
-zum Auge lüftete.
-
-„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung --
-„unser junger Herr? -- das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so
-einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit
-der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen
-Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu
-locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“
-
-So, so! -- noch immer die alte Jagd? -- murmelte Theodor -- Recht,
-Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten, mach’ deinen Waffen
-Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest --
-hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht
-wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.
-
-„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte
-pfiffig der Hellebardenträger -- „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht
-kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in
-Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“
-
-Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s
-besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.
-
-„Das Gott erbarm!“
-
-Was krächzt der alte Rabe? -- Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für
-mich nicht zu Hause? --
-
-„O ja, aber der Papa -- die arme Excellenz stöhnt und sieht dem
-Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte Nachtlampe
-dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“
-
-O, meine weissagende Seele! --
-
-„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute
-brave Excellenz ist gefaßt; aber -- die Ueberraschung rathe ich doch
-ab.“
-
-Meinst du? --
-
-„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist
-ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken
-weichen darf.“
-
-Und meine Mutter? --
-
-„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen
-nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“
-
-Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von
-dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres
-Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach
-betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschiedenen
-gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.
-
-Theodor! du Schmerzenssohn! -- Ein guter Engel führe dich her! -- Der
-Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. -- In der Hand des
-sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage -- eile, daß die
-Segensschaale den Ausschlag gebe! -- Adelaiden verdankst du, daß es
-damit noch nicht zu spät ist. --
-
-Ich weiß alles. -- Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? -- Ich
-kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine
-väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.
-
-„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest
-darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du -- bis auf ein sehr
-geringes Pflichttheil enterbt.“
-
-Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne. --
-
-Der Fluch des Vaters! --
-
-„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“ --
-
-„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“ --
-
-Was kann ich thun?
-
-„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn
-dankst, mit stiller Ergebung -- wär es auch nicht Gehorsam, doch
-Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die
-Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“
-
-Und dann -- --? --
-
-„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt
-dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“
-
-Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten
-Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die
-Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines
-erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden
-ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen
-Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig
-verschlossenen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre
-Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder
-später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.
-
-„Er schläft? -- Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? -- O, Adelaide!
-gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ -- bat die
-trostbedürftige Mutter.
-
-Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! -- Fassung, liebe
-Mutter! oder -- erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. --
-Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im
-wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu
-vollenden. -- Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.
-
-Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.
-
-„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit -- sagte Theodor -- ein
-Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für
-dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“
-
-Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein
-dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist -- sondern auch mir im Buche
-der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu
-muthiger Resignation erhebt! --
-
-Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß
-der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor,
-dessen Anwesenheit ihm gemeldet -- solle kommen. -- Auf ihre beiden
-Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin,
-an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich
-sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und
-Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor
-standen zu den Füßen des Bettes.
-
-„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte
-mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General -- „ehre deine
-Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde deines Todes
-wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das
-Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl,
-so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“
-
-Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust
-hob sich schwer athmend -- Mein Vater! rief er gepreßt -- so scheiden
-Sie von mir? -- O vernichten Sie mich! --
-
-„Mein Sohn! -- ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht
-erzürnter Vater! dies dein Segen -- verdiene ihn. -- Adelaide, wir
-Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns
-verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. -- Auf Wiedersehen!“
-
-Auf Wiedersehen, mein Vater! -- tönte wie Geisterstimme Adelaidens
-Antwort.
-
-„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! --
-in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick
-sey Dank für deine fromme Liebe! -- dort erst wirst du begreifen,
-welch ein großer Schuldner ich dir war -- aber auch verzeihen! --
-Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. --
-Also nur gute Nacht! -- an der Brust der treuen Gattin schläft es sich
-sanft ein. -- Gute Nacht, Zynthio -- gute Nacht, all ihr Freunde! --
-Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht
-eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. -- So -- so -- gute
-Nacht!“ --
-
- * * * * *
-
-„Schlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes
-Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines
-auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.
-
-Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht
-mehr gestört werden kann. -- Wohl mir -- daß ich giftigen Insekten, als
-sie ihn noch verwunden konnten, den Stachel stumpfte! -- flüsterte es
-leise zu den Füßen der Leiche.
-
-Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an -- „Fühlst du das,
-mein Sohn? -- Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“
-
-Wir verstehen uns nicht -- mein Vater, und können uns nicht verstehen!
---
-
-„Wie?“
-
-Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen,
-von der wir Beide noch weniger verstanden werden. -- Mein Ehrenwort an
-dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie
-seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!
-
-„Damit begnüge ich mich -- fürs erste.“
-
-„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater
-sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst
-mit dem Oberjägermeister vertiefte -- und ich habe das höhnende Manöver
-Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch
-die Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer
-Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen.
-Sie haben mich verstanden -- denn uns beiden ist diese Metapher kein
-Räthsel.“
-
-Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte
-er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. -- Das Räthsel
-selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.
-
-Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der
-Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen,
-in den Besitz -- der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten
-Herrschaften Wallersee und Tomsdorf -- dahingegen bei Nichtachtung
-der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000
-Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin
-ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter
-verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren.
-Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn --
-das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. -- Endlich hatte
-der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß
-Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt,
-und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters -- noch vor ihrer
-Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn
-frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn
-sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig
-machte -- dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.
-
-Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam
-herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament:
--- lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine
-Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten -- während
-andere den mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn
-bedauerten.
-
-„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd
--- „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend
-Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“
-
-„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich -- „Du wirst
-Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir
-das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater
-dir so bestimmen konnte.“
-
-„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie
-La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“ --
-
-Adelaide erblaßte. -- Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? --
-Kennst du diese Julie La Valette? --
-
-„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als
-einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich
-ist bereits gebahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“ --
-
-Eines Labyrinths vielleicht -- erfahrungslos, ohne Freund! -- ich
-beschwöre dich -- wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines
-beängsteten ahnenden Herzens!
-
-„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! -- Sie verliert bei mir, so sehr
-mich alles interessirt, was du sagst -- weil ich dich, das einzige
-Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen,
-innig liebe. -- Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da
-aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“
-
-Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde
-ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir
-nicht nach Kräften vergüten werde? --
-
-„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht
-einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“
-
-Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe --
-
-„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige
-Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“ --
-
-Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung
-vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. -- Nur
-vergiß und verkenne nie deine Schwester!
-
-„Es gilt, Adelaide! -- Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den
-feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner
-frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die
-Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. -- Und nun,
-um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen,
-Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! --
-Die gute ~mater dolorosa~ würde mich mit ihren Thränenströmen
-inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“
-
-Adelaide sah ein, daß dem wilden starrköpfigen Jüngling mit keinem
-Zügel -- wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen
-sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung -- welche ihn doch nach
-dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen -- ihn
-noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz
-die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder
-Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand,
-auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! -- ein
-Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt
-wurde. -- Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte
-die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß
-Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß
-fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner
-Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und
-bewährt in männlicher hoher Tugend -- deren väterliches Erbtheil ihm
-nicht entgangen zurückkehren werde. -- „Auch der Verewigte vermogte
-nicht, dem Hange zu widerstehen -- sich unter fernen Himmelsstrichen
-seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten
-einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.
-
-Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines
-Engels sprechenden Tochter. -- Sie trocknete die mütterlichen Thränen
-der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier,
-und segnete ihren Erstgebornen -- welcher nun als Vaterwaise ihrer
-Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der
-Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der
-Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf
-Abgründe führe.
-
- * * * * *
-
-Schon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin
-die Auflösungsstunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon
-hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer
-erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in
-sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen
-lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den
-fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der
-zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin
-in dem rosigsten Kolorit erschuf. -- Die Abwesenheit des Erbprinzen,
-welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B***
-antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere
-Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin
-verdient zu machen -- hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer
-Tochter. -- Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken,
-und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben
-Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstimmen wollte. --
-Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.
-
-Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück
-liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt,
-als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher
-Tyrannen -- ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener
-und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung
-bringt -- jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne
-raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin,
-sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen
-Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber
-zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich
-ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von
-Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung
-ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet sank die
-allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus
-dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender
-Tageslast hienieden statt findet.
-
- Es wird ja nur die Hülle
- in Grabes Nacht versenkt,
- und Seligkeit die Fülle
- dem bessern Seyn geschenkt.
- Drum weinet nicht, ihr Lieben!
- dem Geist ist wohlgeschehn.
- Hört auf, Euch zu betrüben,
- bald winkt uns Wiedersehn!
-
--- sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender
-Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die
-Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.
-
-„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde
-Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es
-von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen
-geweihte Ruhekammer dem großen Tage entgegen schlummern durfte. Der
-Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“
-
-Versteh ich recht? -- fragte mit einem brennenden von gleichem
-Verlangen belebten Blick Adelaide.
-
-„Und du begleitest mich?“
-
-Zu den Lebendigen und Todten! -- Aber wie? --
-
-„Heut noch, um Mitternacht. -- Wir finden die Gruft erleuchtet, den
-Sarg geöffnet, und -- -- man beobachtet uns -- nur dies noch: das
-Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des
-ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide
-schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der
-Vertraute unsrer Todtenfeier.“
-
-Und wir -- allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles
-gefaßt -- was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln
-könnte?
-
-„An deiner Seite -- auf alles.“
-
-Wo treffen wir uns?
-
-„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich
-die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier
-zu bitten. -- Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte
-Ohren flüstere“ --
-
-Sorge nicht, traute Schwärmerin! -- die Wallfarth ist mir selbst zu
-heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst
-der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.
-
-Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden
-Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. -- Gute
-Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum
-Schlafzimmer. -- Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen
-Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo
-verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit
-lagen.
-
-„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg,
-welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern
-Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp,
-das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn
-in diese Stimmung versetzt habe -- „die Nacht ist kühl, aber schön. Der
-Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“
-
-Ich trage Ihnen die Guitarre nach -- fiel Georg, gleichfalls vom Reiz
-des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden
-Zynthio ins Wort.
-
-„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde
-später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten,
-und das Pförtchen herunter gelassen fanden.
-
-„Auch die Kapelle ist offen.“
-
-Der Schein brennender Kerzen --
-
-„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“
-
--- Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!
-
-„Wäre es möglich?“
-
-Ob wir vordringen?
-
-„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“ --
-
-Unsere Damen schliefen ja wohl --
-
-„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“
-
-Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde
-Ihrer Guitarre.
-
-Zynthio gab das empfohlne Signal.
-
-„Zynthio! Zynthio!“ -- rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? --
-oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ -- Und bleich, athemlos
-stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige
-Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf
-dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden
-Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.
-
-„Halte den Bösewicht auf“ -- schrie der ihr nachspringende Zynthio
-dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei
-versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne
-los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose
-theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen
-Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete,
-und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand
-zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr
-des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.
-
-Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus
-der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und
-sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt,
-durch eine geheime Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine
-Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang
-der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die
-Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. -- Einige hundert Schritt
-von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen
-sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben
-bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger
-Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte
-der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren
-bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.
-
-Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen
-Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung.
-Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie
-vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende
-so viel als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen
-Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen. --
-
-Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter
-Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und
-eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das
-Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem
-Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen
-die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den
-Frevel sich hörbar schüttelten.
-
-„Ha! verruchter Dieb!“ -- schnaufte der sich fassende Sakristaner
--- „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten
-Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s
-richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“
-
-Mit dieser heftig ausgestoßnen Versicherung schritt er auf den
-ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben;
-dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu
-Boden.
-
-Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während
-der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust
-des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug
-von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches
-Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war,
-auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel
-und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein
-von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und
-nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in
-die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die
-Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn
-anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur für eine Nachläßigkeit
-des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen
-hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt
-bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. -- Doch hielt er es
-für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche
-Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens
-sicherte. -- Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei
-in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit
-schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.
-
-Der Raub war bereits vollbracht -- Furcht jagte ihn hinter und zwischen
-die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur
-auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien,
-welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und
-unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt
-ihres Räubers zertrümmert lagen.
-
-Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu
-schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken
-überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das
-Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des
-Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem
-Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank.
-Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der
-mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten
-Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an,
-und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren
-die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte
-sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu
-begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß
-Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke
-flog, wollte er ihr den Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. --
-Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die
-noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers
-vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen
-Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den
-er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.
-
-Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer
-Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im
-Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes
-Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche
-Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt;
-für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. --
-Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst
-die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie
-aus dem Wellengrabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten,
-der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier
-noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender
-Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. -- Keine Klage körperlicher
-Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte
-nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe
-der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht
-geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde
-entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen
-Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang
-der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.
-
-Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen
-Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach
-heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen
-zu können, das sie fühlbar drückte; die abentheuerliche Geschichte
-ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die
-Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.
-
- * * * * *
-
-„Es ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die
-schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen,
-der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ -- keuchte der schon
-seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der
-endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken
-einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er
-wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so
-bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.
-
-Du stören? -- O wärest du früher gekommen! -- antwortete freundlich,
-aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios
-Arm; -- doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.
-
-Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. -- Lies, meine gute
-Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner
-geringen Verlegenheit.
-
-Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:
-
- „Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich
- erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner
- herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach,
- welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen
- Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen,
- verloren hat -- supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um
- den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die
- dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte
- für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen
- in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu
- Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich so ungern das Vergnügen
- refüsiren, meine Freundin als ~Grande Maitresse~ unauflöslich
- an unsern Hof zu fesseln -- er weiß, welchen Werth ich auf diese
- Gefälligkeit legen würde, -- und doch kann er nicht umhin, auch
- Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen,
- besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister
- Bendheim, das Gesuch unterstützt. --
-
- Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! -- aber ich denke:
- +Nein.+ -- Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem,
- was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen
- Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten
- Forderungen meines Attachements für Sie. -- Dagegen erwarte ich von
- Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse;
- und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen
- und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten,
- mir nicht durch übelangebrachte Resignation entgegen zu wirken.
- Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei
- Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“ -- --
-
-Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein -- kann ich nicht mit dem
-Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer? --
-
-„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete
-Ereignisse wohlfeiler damit“ -- entgegnete die Gefragte.
-
-Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor? --
-
-„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches
-Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf
-die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“
-
-Mein Gott! -- So -- ~de But en blanc~ --?
-
-„Nicht ~de But en blanc~! -- Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“
-
-Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an
-Großmuth nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den
-ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe
-vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner
-Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.
-
-„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung,
-über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle
-verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende
-Gräfin Wallersee nicht bedarf -- dünkt der Frau von Zach eben so
-ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige
-reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“
-
-Doch -- ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben
-Fürstin aufgenommen werden?
-
-„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt
-haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht
-ihren Entschluß im voraus so berechnet hätte, wie er der nicht minder
-edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“
-
-Und der Hof? -- Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider
-geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich
-verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen
-zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle
-remplacirt hätte.
-
-„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter
-dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und
-Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner
-schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm
-Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die
-Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die ~malade
-imaginaire~ spiele. -- Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich
-unterstützen. -- Die Fürstin beklagt Angesicht des Hofes den Verlust
-ihrer gehofften ~Grande Maitresse~, wünscht Ihnen mit schwerem
-Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und
-der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter
-tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer
-Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung,
-da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“
-
-Adelaide! ist das dein Ernst? -- Wenn der Gebrauch der Bäder
-nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige
-Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar
-auf immer uns zu exiliren?
-
-„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“
-
-Du bist bewegt -- deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?
-
-„Diesen Morgen -- überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers
-Parks“ --
-
-Der Erbprinz? -- Mein Gott! ist er wieder angekommen?
-
-„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im
-Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner
-Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche
-Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“
-
-Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft -- schlimmer als ich glaubte. Der
-Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?
-
-„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu
-ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen
-Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier
-Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen,
-willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten
-Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“
-
-Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte
-starr umher, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers
-den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte
-sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?
-
-„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen
-Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer
-Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle,
-meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände
-gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten
-Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“
-
-Freilich, freilich -- So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen
--- bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen
-Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das
-Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. -- O, der rasende
-Roland! -- Verderben brächte er über mich und dich, du Unschuldige!
-Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.
-
-Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz,
-welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine
-schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu
-seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die
-Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische
-auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.
-
-„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ -- sagte
-Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm
-mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem
-Auge zitterte -- „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen?
-Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und
-Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“
-
-Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters
-wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er
-über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten
-Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend
-gerechtet -- nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer
-Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör
-geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.
-
-„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio -- „die schönsten
-Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit
-schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter
-Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie
-in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“
-
- * * * * *
-
-Mathilde an Adelaiden.
-
-Daß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich
-dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst,
-so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst.
-Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch
-auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die
-Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten,
-welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen
-Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. --
-Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja
-die ganze Haltung deines Schreibens. -- Stimme dich zur Harmonie mit
-deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles
-umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! -- Aber
-wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt
-die vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen!
--- Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! -- ich weiß, und
-du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer
-so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.
-
-Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze
--- auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des
-felsenfesten Bundesgenossen Camillo! -- aber für mich schuf eine den
-Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges
-Antwortschreiben. -- Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf
-meinen Werth bei dir -- aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage
-eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und
-mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio
-fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben
-und zu weben vermag -- überbringt dir dieses Paket.
-
- * * * * *
-
-Weh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du
-entzieht sie mir. -- Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen
-Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. -- O Adelaide! das
-ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die
-Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der
-Kern ist bitter -- bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft
-hätte bieten sollen. -- Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung
-verloren. -- Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser
-sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt
--- noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen
-der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das
-Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen
-getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen
-diese Menschen berechtigt glaubt -- und was dergleichen sanktionirte
-Sentenzen mehr sind.
-
-Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du
-selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem
-stolzen Zelter ausnimmst! -- Du schwingst dich mit der Geisteskraft
-eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne
-Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen
-dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. -- Ich lebe nur dem
-weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. --
-Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen -- aber
-ich umfasse es mit glühender Seele -- während dich das letztere in
-sokratische Temperatur versetzt. -- Bedaure mich, wenn du schlußgerecht
-Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig
-bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch
-nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden
-habe. --
-
-Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche
-Standhaftigkeit in dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine
-Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe
-auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.
-
-Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft --
-der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen,
-bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben,
-und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz -- folglich versiegt nie die
-Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt
-mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner
-Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin
-vergeblich warten lassen werde. -- Verdamme ihn, wenn deine strenge
-Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die
-menschliche Billigkeit, gesiegt hat.
-
- * * * * *
-
-Am lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl
-sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills
-aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable
-Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich -- die, je mehr ihm, außer dem
-Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas
-Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher
-wurden.
-
-Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen
-Korrespondenten.
-
-„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas
-näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger
-Arkane. -- Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche
-Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls -- also ohne
-Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? -- wem gehörts?“
-
-Lieber Onkel! -- Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte --
-
-„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe
-herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der
-Verlobten Posto gefaßt haben? -- Getroffen! das zeigt dein Erröthen,
-das verrät dein Stammeln.“
-
-Nicht allemal sind dies überführende Beweise --
-
-„Sey ehrlich, Bursche! -- Antworte offen, wie es meine gutgemeinte
-Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben
-Jahre war? -- wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer
-Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch
-auf ein Jahr hinaussetzte?“ --
-
-Lieber Onkel! -- warum sollte ich nicht -- --
-
-„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf
-würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln
-über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du
-dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“
-
-Noch verstehe ich nicht ganz. -- Sollten Sie Verdacht auf mich und die
-Gräfin haben? -- --
-
-„Verdacht? -- Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu
-erhaben, und Er -- junger Herr -- noch zu weit unten.“
-
-Herr Landrath! -- --
-
-„Was beliebt?“ --
-
-Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches sagen
--- --
-
-„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch
-übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom
-Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit
-du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu
-Karolinen lästig.“
-
-Auf Ehre! ich liebe meine Kousine --
-
-„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines
-andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. -- Du wünschest
-doch ihr Glück?“ --
-
-Hätte ich so viel in Ihrer Meinung verloren, daß Sie auch daran
-zweifeln könnten? --
-
-„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang
-zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. -- Folglich, aus
-der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“
-
-Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter
-Vater! -- entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht! --
-
-„Halt, so klingt’s? -- Ich habe mich also nicht geirrt. Der
-ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die
-Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher
-fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals.
-Gut, gut -- die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber
-noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen -- die schonende Behandlung
-und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“
-
-Aber -- schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig? --
-
-„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht
-leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig?
--- Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? -- Du zwar bist der
-allezeitfertige Freier, aber sie? -- und für dich?“
-
-Ich glaube noch für Keinen. -- Adelaide ist noch frei --
-
-„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“ --
-
-Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten.
-
-„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung;
-sie hat Vertrauen in mich.“
-
-Bester Onkel! was wollen Sie?
-
-„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu
-zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst.
--- Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß
-das Weitere mir. Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung;
-besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen,
-oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“
-
-Aber mein Vater wird --
-
-„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich
-selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen
-Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. -- Doch auch aus
-ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den
-zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“
-
-„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ -- raunte der
-Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht
-des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen
-eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht
-glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr
-aufgebracht verlassen -- mit fröhlichem Lachen aufnahm, und seinen
-Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s
-entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde
-trösten müssen.“
-
- * * * * *
-
-Der Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine
-Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen
-dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der
-Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der
-Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht
-habe?
-
-Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen -- erwiederte der
-bestürmte Kommissionair. -- Karoline packt ihre Habseligkeiten,
-so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter
-Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin
-sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort
-gefällt, herzlich willkommen ist. -- Die Comtesse verspricht dir
-viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines
-dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen,
-Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten -- alles
-dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht
-angestaunt worden. -- Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für
-Euch angespannt.
-
-O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre
-Reiseanstalten zu treffen.
-
-Recht gern, sagte die Landräthin -- es war längst mein Wunsch, die
-Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern --
-wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft
-missest.
-
-Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. -- Jetzt, liebes
-Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der
-Ritt hat mir Apetit gemacht.
-
-Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden
-Lustreise ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit
-seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus
-Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt
-Adelaide meiner? -- das Herz drückte.
-
-Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon
-wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! -- Ich
-bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! -- Du hättest ein glückliches
-Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“
-
-Warum aber verschmäht sie mich? -- stotterte Julius -- So ist sie schon
-versagt --
-
-„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und -- ich glaube, es verdient sie
-auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich
-habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie
-hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und
-Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie
-dir mitzutheilen vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt,
-daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der
-Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß
-Schuld.“
-
-Ja, wenn sie mich so charakterlos hält --
-
-„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. -- Adelaidens
-glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des
-Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich
-dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige
-Landmädchen. -- Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden,
-und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter
-aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends
-statuire, wo ich drein zu reden habe -- so mußte ich doch versprechen,
-ihr Karolinen in die Schule zu geben.“
-
-Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art
-gewinnen; doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden
-Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.
-
-„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? -- So ganz
-unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“
-
-O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas
-Schlimmern macht, als zu einem Narren --
-
-„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“
-
-Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?
-
-„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in
-den ersten Paar Monathen.“
-
-Ha, bravo, ~mon cher Oncle~! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer
-Vermittelung -- die Sachen stehen vortrefflich!
-
-„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von
-denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun -- in diesem
-Augenblick würdest du mir verächtlich! -- Ich glaube, der Pinsel
-unterfängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück
-bei der Gräfin zu beschuldigen.“
-
-Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß
-er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten
-und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus
-Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und
-leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die
-jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen
-selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu
-begegnen.
-
-Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit -- fügte der
-Landrath noch zum Schluß hinzu. -- Das weibliche Ehrgefühl kann
-auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige
-Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des
-Mädchens zu kränken.
-
-Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie
-nun mehrere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte
-Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine
-Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß
-nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer
-Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne. --
-
-Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war -- so wie der junge
-Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte,
-als je die Dichter ihn besungen hatten -- eben das war Adelaide für
-Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter
-der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath
-mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.
-
-Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten
-Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach
-Palästina unternehmen.
-
-Hm! -- ich zweifle. Herzen lassen sich nichts unterschieben -- und
-dann -- zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie
-ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß
-ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.
-
-Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen
-Leute wußten wohl, was sie sagten. -- Befiehlt die subtilere
-Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen,
-so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde
-vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen
-Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der
-Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen,
-bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch
-bedauerte.
-
-Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in
-gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. -- Nun, ich habe meine Sach’
-Gott heimgestellt -- singt auch ein braves altes Lied -- und ich habe
-meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt;
-besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als
-einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns
-zu erhöhen. --
-
-Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen -- murmelte der Landrath,
-indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach
-Adelaidens Fenster warf -- wenn er um eines solchen Mädchens willen
-nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.
-
- * * * * *
-
-Adelaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag
-der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem
-Postpaket die emsigen Künstlerinnen.
-
-Meines Bruders Hand -- Mathildens, und -- von Bendheim; sagte leise
-mit steigender Verwunderung die Empfängerin. Kaum hatte sie einen der
-Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die
-Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr
-Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der
-Adelaiden eben so betroffen nachsah.
-
-Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich
-antreiben, ihr zu folgen -- aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie,
-als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht --
-
-„Zudringlicher seyn? -- Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein
-seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz
-zu übertreten. -- Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im
-Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“
-
-Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“
-rief sie dringend dem Gerufenen entgegen -- „laß dir den besten Renner
-aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der nächsten
-Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche
-weiter. -- O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag
-schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“
-
-Die Briefe habe ich doch alle richtig? --
-
-„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste
-Dorf, geschweige eine Stafette -- sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm
-eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete
-für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten
-Gastes an.“ --
-
-Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das
-Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn
-ungekannt schon unter die Unwillkommnen.
-
-Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern
-gefährlich werden möchte, jedoch -- wenn ich darum bitte -- recht sehr
-willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.
-
-Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend
-unter Musik und Scherzen bin.
-
-Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern
-Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet -- sagte
-neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt
-bekümmerten Kamillo. -- Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend
-decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des
-Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt,
-so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und
-dreifach.
-
-Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den
-Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl
-sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses
-Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag.
-Er ahndete, daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus
-Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber,
-indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte.
-Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden
-gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende
-Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade
-statt alles Nachtmahls verschlang.
-
-Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht
-auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe -- da ein leidender Körper
-meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit
-Widerwillen betrachtet -- daß sie die erstere Hälfte der Nacht
-auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den
-Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese
-Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den
-morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe
-warf ihr blasses Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden
-Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt
-die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos
-umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt,
-erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm
-Besitz von einer ~Chaise longue~, von welcher aus er Adelaiden
-genau beobachten konnte.
-
-So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten?
--- fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch,
-der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher
-die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum
-Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.
-
-Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte!
--- erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre
-Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.
-
-So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch
-erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth
-und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen
-Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu
-ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte
-sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden
-Zeitraum. -- Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen
-menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich
-an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches
-Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden
-glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch
-nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis
-dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir,
-ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. -- Und
-du, Lina, unterläßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den
-Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen -- bald winde ich
-dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der
-Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“
-
-Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht
-erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem
-er sich entfernte. -- Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline,
-weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die
-bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.
-
- * * * * *
-
-Dort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich
-umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des
-Karpfengeschlechts ausschüttet -- sollte das nicht meine Adelaide seyn?
--- dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin
-der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.
-
-„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit
-einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das
-Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer
-Basthut verbarg.
-
-Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu
-winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums.
-Verlegenheit und Entschuldigung von einer, -- Bestürzungstammelndes:
-Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der
-andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug,
-doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und
-leichterer Erklärung.
-
-„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte
-Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm
-umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog -- „ich verlange
-vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf
-meine Rechnung empfangen hat.“
-
-Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich
-erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens
-Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und
-Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von
-Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von
-seinen Armen umschlungen fühlte.
-
-„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine
-halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um
-die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen
-Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die
-Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust -- er muß mich gewaltig
-gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht,
-nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen -- ich glaube,
-sein Kuß wäre süßer!“
-
-Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte
-Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten Schwester in
-der Jasminlaube saß. -- Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne
-ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe
-ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte,
-ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch
-manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht,
-welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen
-verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir,
-und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit -- der
-Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen
-Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl
-noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück
-Brod verdienen und ruhig essen läßt.
-
-Sophie ist vermählt -- sagte Adelaide -- einer Bedingung wärest du also
-enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte;
-und der Majorats-Herr darf hoffen -- --
-
-Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich
-auch kein Majorats-Herr.
-
-So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! -- Soll ich die mir
-anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? -- In weniger
-denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers
-verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.
-
-Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum
-Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.
-
-O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten
-angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich
-dem Vaterlande wiedergegeben. -- Sophie hat anders gewählt, deine
-Verbindlichkeit ist gehoben. -- Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu
-gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist
-außerdem gesorgt; -- und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.
-
-Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner
-großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem
-Munde zur Wahrheit werden -- in Rücksicht des Wählens und meiner
-Neigung war ich niemals glücklich.
-
-Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für
-diese Behauptung? --
-
-Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. --
-Bendheim findet also keine Erhörung? -- und zwar mit Recht! Der Wicht
-verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines
-Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts
-entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des
-Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen
-Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn,
-sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt
-war. -- Italien scheint ein Donnerwort zu seyn, mit dem er die Ruhe
-der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.
-
-Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo
-unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.
-
-In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone
-schwebt über deinen Locken --
-
-Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe
-nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du
-sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das
-Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.
-
-Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich -- Karoline von Elfen
-dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre
-Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey --
-
-Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte -- fiel Adelaide schalkhaft ein.
-
-Familienbündniß -- vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden
-sollte. -- Liebt sie ihn?
-
-Es war ihre erste Liebe.
-
-Der Glückliche!
-
-Warum? -- Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind
-nicht allemal die stärksten.
-
-Wäre diese Bemerkung hier anwendbar? --
-
-Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.
-
-Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen;
-öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer
-honetten Männerseele.
-
-Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht
-aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die
-Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.
-
-Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im
-Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.
-
-Karoline ist keine Julie.
-
-Aber schön, blühender noch, als es jene war, und -- bereits das
-Eigenthum eines Andern.
-
-Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht
-mehr behagen. --
-
-Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet,
-die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte
-seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste
-Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es
-entschieden, daß Fräulein von Elfen -- wofern ungetheilte zärtliche
-Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer
-Verbindung mit ihn sey -- sie nie dessen Gattin werden könnte.
-
- * * * * *
-
-Adelaide an Mathilden.
-
-Der glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher
-Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht
-überwunden, welche mir gebot für dieses Erdenleben nicht die
-Fürstentochter -- die künftige Großherzogin über der geliebtesten,
-der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten
-nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen,
-und bringt dir Schwestergruß und Kuß! -- Jetzt verstehest du mich
-auch wieder -- nicht so meine Mathilde? -- jetzt wird jedes meiner
-Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie
-bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das
-Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet
-die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden
-Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf,
-als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher
-Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier
-einstweilen skelettirt -- wenn ich erst noch einige der wichtigsten
-Punkte, welche -- wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt,
-auf mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit
-dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen
-angemerkt haben werde.
-
-Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des
-Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit
-dir. -- Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten
-Vater mit hinüber zu nehmen? -- O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie
-an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir -- wenigstens
-in diesem Briefe noch nicht sagen darf! -- doch drücke den Kuß der
-kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf
-seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort
-erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses
-segnenden Andenkens würdig machen müsse!! --
-
-Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden
-deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner Wünsche für dein Wohl
-versüßen. -- Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder!
--- mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen
-Mannes -- ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des
-tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten
-die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; -- von dem Gedanken
-niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks
-schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und
-fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. -- Es bedarf keiner weitern
-Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin
-so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner
-schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den
-Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen
-hast.
-
-O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht
-hoffnungslos von ihm -- bald wird er dir und dem Staate, den du jetzt
-schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten
-Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die
-wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.
-
-Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der
-Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? -- Er komme:
-daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß
-bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und
-in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.
-
-Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner
-des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von
-Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher
-verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten,
-Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete
-glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle trat nun ohne
-Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich,
-aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor
-und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der
-redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die
-Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß
-gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg,
-der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die
-Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn
-verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden
-Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein
-förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor,
-wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. -- Mein guter
-Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich,
-mit so rührender Gutherzigkeit, -- Ritter Julius dessen Dämon mich
-erkor, sein Herz Karolinen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder
-mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen -- seine
-Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit
-keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende
-Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie
-dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung --
-das zweite Paar: Julius und Adelaide.
-
-Nun, meine geliebte Mathilde! -- Du wünschest mir noch nicht Glück?
--- Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige
-Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten
-sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward
-der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold
-kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten
-Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden
-Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich, Theodor ist, seit
-die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch
-die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre
-Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. -- O, es war eine
-Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den
-ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet
-aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.
-
-Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten
-mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich
-zärtlich einige Schritte abwärts. -- Kind! sagte sie, deine Entschlüsse
-so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt --
-man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn
-müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches
-Glück zu thun war. -- Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt,
-welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zuführt, meinen
-vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück
-treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich
-dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen
-Frommen heischt! -- Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an,
-womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. -- Deine
-Sehnsucht hat ein höheres Ziel.
-
-Amen! sprach ich -- und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter
-anders wünschen und fühlen? --
-
-Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung
-dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen.
-Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung
-zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz
-der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen
-Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit
-mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.
-
-„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe,
-welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß
-seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin
-brachte? -- hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach
-ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in
-der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst
-du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff
-gemäß, sehr prosaisch endest.“
-
-Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und
-bereitet die Entwickelungsscene -- --
-
-+Doch!+ spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften
-Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner
-Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte
-des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge
--- es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hoffen eines kranken
-verirrten Herzens -- über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der
-Schwester des Erbprinzen! -- Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl
-erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit
-dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen
-mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg
-ziere.
-
- * * * * *
-
-„Keine Eifersucht, werther Neffe! -- Es verdrieße ihn oder nicht,
-ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine
-liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens
-mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach
-dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel
-seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu
-Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen,
-während die Gehuldigte dem herzlich Willkommnen Hand und Kuß bot.
-„Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher,
-und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“
-fuhr der verjüngte Alte fort.
-
-„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein -- „Sie mögen es verantworten,
-wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin
-ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen
-schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich
-nicht irre“ --
-
-„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen -- nicht wahr, das
-wollten Sie sagen? -- Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter
-eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen
-sollen.“ --
-
-Und welche? --
-
-„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer,
-Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu
-einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch -- seht, Kinderchen!
-wie diskret ich bin! -- ich spionirte nicht, wie oder wozu? -- ich
-wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch
-die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit
-den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die
-Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das
-Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs
-Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe.
-Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt
-mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei,
-dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so
-viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer
-hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem
-Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen,
-Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt,
-und ihn zierlich genug in sechs Felder eingetheilt, damit jedes von
-ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich
-ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt
-andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener
-Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann
-unter vielen Wunden gefallen ist. -- Ich bitte dich, Julius, erwähle
-wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die
-gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg
-der Hochburgs in Franken zu sehen ist! -- Sie müssen wissen, liebe
-Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit
-Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht
-ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine
-Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen
-voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch,
-nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konnte. Er
-erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der
-heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte
-den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil
-der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte.
-Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der
-neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen
-Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit
-wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl,
-daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner
-Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen
-war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze
-eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen
-Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben
-stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und
-mit herunter bringen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß
-seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu
-nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen
-Burgen und Lehen“ -- --
-
-Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen
-Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey,
-dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den
-Zug geordnet wissen wolle?
-
-Welcher Leichnam? fragte der Landrath.
-
-Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird;
-antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten
-Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden,
-sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach
-und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.
-
-Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe
-geglaubter Hochzeit ein Leichencondukt! -- Ich dachte wahrhaftig, die
-gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam
-die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.
-
-Ich darf, ich vermag es nicht -- klagte diese mit bittender Stimme um
-Entschuldigung.
-
-Am Ende erlebe ich es nicht einmal --
-
-Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten,
-künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am
-Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen.
-
-Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen
-auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten
-Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten
-Februar geschrieben haben.
-
-Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein
-heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus.
-
-Es bleibe beim zweiten Januar ~Anni futuri~. Ein lieber Tag
-von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der
-zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte
-besänftigt der Landrath. -- Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger
-seyn, als die jungen Verliebten.
-
- * * * * *
-
-Schüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der
-Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.
-
-In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und
-starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum
-er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit
-ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der
-Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!
-
-Wer? -- fuhr der Gedankenlose auf.
-
-Graf Bendheim, Excellenz --
-
-Ha, des Teufels Allervortrefflichster! -- er und seine ganze Raçe.
-
-Die Jagd versammelt sich.
-
-Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk
-Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche
-die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der
-Vernichtung zu hetzen.
-
-Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.
-
-Darf ich das? -- O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was
-dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten.
--- Ist meine Schwester noch von der Parthie? --
-
-Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro
-Durchlaucht satteln zu lassen.
-
-Oeffne die Thüren.
-
-Harry gab das Signal -- Die Flügel sprangen auf, das versammelte
-Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das
-Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben.
-Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen. „Durchlaucht, der Fürst
-haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.
-
-Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst
-unterrichtet -- war die Antwort.
-
-Die Aerzte geben Hoffnung --
-
-Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht
-vereitelt werden mögte!
-
-Wie? den Bösen könnte es -- meine ich unmaaßgeblich -- wohl schwerlich
-Ernst seyn! --
-
-Doch, doch! Herr Oberjägermeister! -- der Fromme wünscht um des Guten
-selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde
--- -- doch zur Tagesordnung. --
-
-Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen
-Thronfolgers! -- Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? -- Die
-Bösen? -- geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen? -- --
-
-Haben sich heuchelnd um den Stamm, der über ihren Schurkensinn
-erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen
-verstanden -- Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen,
-Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der
-größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem
-Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für -- den guten Fürsten gewidmete
-Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und -- fürstlich zu belohnen! --
-Was giebt’s?
-
-Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie
-Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem
-Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer
-Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte
-jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt,
-drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den
-Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. -- Morgenroth
-glühte auf ihren Wangen, außerordentliche Lebhaftigkeit erhöheten
-den Glanz der dunkelblauen Augen, und -- indem sie die blonden Locken
-mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte,
-rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen
-sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide
-sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah
-Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und --
-spottete nicht mehr.
-
-Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den
-Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen,
-meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte
-durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr
-blinzelnden Reihen der Höflinge. -- Guten Morgen, mein Louis! lispelte
-sie an der Brust ihrer Bruders.
-
-So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den
-geschäftigen Händen der Zofen? -- bewillkommte liebkosend der Prinz
-die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den
-Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.
-
-„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“
-
-Was hielt dich wach?
-
-„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein
-bester Sekretair bin ich selbst.“
-
-Depeschen der Großherzogin?
-
-„Herzensergießungen nach Wallersee.“
-
-Dann mißbrauchst du dein Herz.
-
-„Nein, Louis! nein. -- Mit deiner Erlaubniß, ~mon frère~! -- Meine
-Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“
-
-Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.
-
-„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.
-
-Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus
-zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu
-stolz, sich rechtfertigen zu wollen?
-
-Sie ist zu groß -- --
-
-Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!
-
-Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! --
-Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?
-
-Der Prinz lachte bitter.
-
-Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas großes!
---
-
-Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an,
-das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der
-ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt -- eines
-Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr
-getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr
-anbetete. -- O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen
-sich zu einem Gott erhoben fühlte! -- Doch, vergolten soll ihr werden
--- ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen,
-vor denen sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! -- Geduld,
-wir sprechen uns.
-
-Um Gottes willen! was wolltest du?
-
-Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ.
-Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer
-zu begleiten. -- Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung
-seyn? -- Ich halte mich an die erste Verabredung. -- Im Sarge, sagte
-sie. -- Hahaha! -- Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken,
-Schauspielerin! -- Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim
-soll seine Freude an meiner Mordlust haben!
-
- * * * * *
-
-Im Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten
-zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche
-Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen
-ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die
-Gäste das Abschiednehmen vergessen, und -- nicht wie man zu sagen
-pflegt in den Tag -- sondern in die Nacht hineinleben und jubeln
-lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz
-der Tafel. Köche waren verschrieben worden -- wiewohl unter vierzig
-der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn
-gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen
-durften, denen Adelaide einst huldigte. -- Alles lebendige Wesen der
-Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des
-Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.
-
-Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend
-Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten
-Tafel beschäftigten Gatten -- daß heut vor einem Jahre er gewaltig
-über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus
-Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von
-ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache Väter,
-er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches
-er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.
-
-Länger halte ich es auch wirklich nicht aus -- sagte von Sorge
-ergriffen der Landrath. -- Ich reite ihnen entgegen, die schon
-anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! -- es muß etwas
-vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich
-um zwölf Uhr einzustellen. -- Sieh, was ist das? Julius sprengt in
-den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist
-todtenblaß -- Großer Gott! --
-
-Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! -- schrie dieser.
-Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach;
-fort, fort -- Ihre Jagdkalesche -- was die Pferde laufen können!
-
-Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen
-Gästen. --
-
-O, Gott sey Dank! --
-
-Aber warum? -- Wer? -- Wo sind die Andern? --
-
-Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide -- starke Ohnmachten
-befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt
-hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr
-empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.
-
-In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof
-vorbei. Halt, Schwager! -- rief der Landrath, du kannst einen Dukaten
-verdienen. --
-
-Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der
-Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die
-Postchaise -- Julius war schon wieder vorausgesprengt -- und schrie dem
-Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir
-sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter
-bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie
-auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich! --
-
-In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.
-
-Nicht wahr -- fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide
--- nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? --
-O, das ist ein verzagter Ritter! -- ich glaube eine Aderlaß zöge ihm
-selbst eine Ohnmacht zu.
-
-Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen,
-wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. -- Was
-meinen Sie, Doktor?
-
-Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen?
--- Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß
-wir an Ort und Stelle, und -- zur Tafel kommen.
-
-So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit
-dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte.
-Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie,
-munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.
-
-Karoline, welche seit einigen Wochen wieder in das väterliche Haus
-zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung
-der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche
-Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen -- bebte erschrocken zurück,
-als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du
-bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich
-täuschest du nicht!“
-
-Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte
-diese.
-
-„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest
-deinen Kräften zu viel.“
-
-Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! --
-Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr
-leicht und wohl.
-
-Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors
-Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen
-Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese
-ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von Elfen! rief sie aus -- als jene
-berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde -- wo ist Ihr Glaube
-an Mutter Natur geblieben? -- Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses
-Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?
-
-Das war heut ein Jahr. -- O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig,
-darum wollten wir ihn in Freude verleben!
-
-So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig
-zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! -- Ich
-behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack
-findet, bedarf keiner weitern Arznei.
-
-Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre
-Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte
-doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht
-mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal
-bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt
-hatte.
-
-Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen,
-das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse -- endlich die
-variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen
-waren -- nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht
-gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der
-Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte
-Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede
-stehen müßten.
-
-Was meint ihr, Doktor? -- Was haltet ihr von dem Zustand der jungen
-Gräfin? --
-
-Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende
-Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen
-Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.
-
-Freund Camillo! -- Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer
-als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des lieben Mädchens. Sie
-verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen -- Sagen Sie aufrichtig: was
-steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer
-über schien sie sich völlig restituirt zu haben.
-
-Sie schien es -- seufzte Zynthio.
-
-Was sagen eure Consulenten?
-
-Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte
-aufgegeben.
-
-Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu -- aber wenn
-das Uebel nicht zu heben war --
-
-Verzeihen Sie, fragte der Dokter -- welches Uebel? --
-
-O, sagte Zynthio -- die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon
-anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach. --
-
-Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide
-mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser
-des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper
-gehabt, und daß endlich eine Geisteskraft, die man nur bewundern, aber
-nicht fassen könne -- eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die
-Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach
-sich gezogen hätte. Sie würde -- so schloß er seinen Bericht -- ruhig
-wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch
-gründete. -- Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der
-Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende
-Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten
-Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! -- So
-beherrscht ihr edler Feuergeist -- indem er sich der Vollkommenheit
-eines Seraphs schon gleich geschwungen hat -- diesen schwachen -- durch
-die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper --
-
-Und wird ihn aufreiben? wie? -- fragte stürmisch der Landrath.
-
-Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in
-einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. -- Wenn es darauf
-ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr
-theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen
-Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete
-doch ihre Wahl --
-
-Ich -- hoffe nichts mehr! -- preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust
-hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.
-
-Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten
-liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. -- Wenn die Gräfin denn
-nie von einer Leidenschaft überrascht wird -- warf er ihm ein, so
-bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.
-
-Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio -- nur nicht
-jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber
-glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.
-
-Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein
-Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und Vernunft gewählt
-hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es
-innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.
-
-Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen,
-und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht
-am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl
-mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der
-Comtesse -- von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft,
-den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich
-das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile
-gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je
-nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen
-Grundsätzen beruhenden Richter seyn.
-
-Doktor! -- so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles
-anatomirt -- so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem
-Mädchen sind. Behaltet Eure psychologische und philosophische
-Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist
-eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen,
-verlösche wie ein Licht?
-
-Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und
-der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit
-beschäftiget sich die Gräfin meistentheils? --
-
-Sie schreibt, sie ordnet viel.
-
-Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?
-
-Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der
-Nacht ihrem Schreibpult.
-
-Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.
-
-Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart
-wünschen, vernachläßigen.
-
-Was sie zu ordnen hat, eilt nicht -- polterte noch immer Vater Elfen --
-Ich kann es mir so ungefähr denken.
-
-Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des
-verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem
-Tage -- behauptet die Rastlose -- alles in’s Reine gebracht haben zu
-müssen.
-
-Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst
-von dem Tage an.
-
-Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie
-als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr
-Vermögen zu schalten.
-
-Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch
-gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen
-dermahlen die Gräfin? -- fragte der Doktor. -- Nun das wäre wenigstens
-keine Trauer verkündende Anordnung.
-
-Ich weiß es nicht! -- erwiederte Zynthio mit Achselzucken.
-
-Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten
-einen Rath -- ob es der dem Arzt Ueberantworteten anstehe, dem Herrn
-des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme,
-ihr diese Lust zu versagen? --
-
-Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der
-Aufgefoderte -- da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und
-begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das
-Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! --
-Aufgepasst, Neffe! -- Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine
-Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen. --
-
-Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das
-minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden
-zu haben, und fürchte -- man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen,
-wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen
-wollte.
-
-Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.
-
-Ein pensionirter Oberster rief seinen Pythias Weidenbach um
-L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im
-Tanzsaal -- nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um
-zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas
-ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.
-
- * * * * *
-
-Mit jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und
-näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue
-Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit
-dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling
-konnte sie ausrufen:
-
- Steig empor, o Morgenroth, und röthe
- Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,
- Säusle nieder Abendroth und flöte
- Sanft in Schlummer die erstorbne Welt.
- Morgen -- ach! du röthest
- Eine Todtenflur,
- Ach! und du, o Abendroth! umflötest
- Meinen langen Schlummer nur.
-
-Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste
-bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen
-dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen --
-
-Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! -- sagte
-sie, und bat das Anspannen zu bestellen.
-
-Kind! ich begleite dich -- versicherte bedächtig die Generalin. Ich
-hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.
-
-O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr
-zärtlich die dankbare Tochter.
-
-Ueberraschen werden wir sie freilich -- meinte die Mutter -- Theodor
-ritt schon diesen Morgen hinüber -- melden konnte er uns nicht, denn er
-wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch -- denn jetzt
-müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die
-Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. -- Zwei, drei Stündchen
-sind bald verstrichen! -- ermahnte die Besorgte noch, und trippelte,
-sich zu der Ausfarth anzuschicken.
-
-Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm
-schmeichelnd die liebliche Freundin zu -- Sieh, wenn du fein vernünftig
-seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse --
-daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache
-machen, und mit euch herumkutschiren werde! --
-
-O Gott! -- Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! -- Ja,
-Adelaide! -- längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! --
-Sie haben mich ja Resignation gelehrt! --
-
-Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! -- Wüßtest du, wie
-glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit
-eine Last -- ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern
-legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit
-theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen
-erfüllen mußt! -- Bald, bald sprechen wir deutlicher hierüber. O
-Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um
-die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben -- Ich sage dir: dein Lohn
-wird in deiner Liebe zu mir liegen -- denn du wirst erfahren, daß der
-Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!
-
-Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen? --
-
-Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! -- Sey mir das, was ich
-einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an
-dich -- wem könnte ich sie anvertrauen, als dir! --
-
-Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! --
-Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!
-
-Gott Lob! wir sind einig. -- Man kommt, nichts mehr von meiner nahen
-freundlichen Aussicht! -- nicht alle sehen mit unsern Augen.
-
-Georg kam zu melden, daß vorgefahren sey. Die Generalin folgte ihm
-reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und
-Handschuh.
-
-Maman! bat Adelaide -- lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! --
-Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von
-ihrem Musikmeister Signor Camillo. -- Sie erlauben doch?
-
-Wie du fragen kannst! --
-
-Betty hüpfte für Freuden. -- „Daß du mir aber auch den weißen
-Rosenstock pflegst! -- ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß
-er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. -- Mein
-Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn!
-bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“
-
-Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das
-fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens;
-das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen
-Vorgeschmack ihres Schlummers im Grabe. -- Sie fuhren durch eine
-Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen
-brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den
-matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem
-Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über
-den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. -- So dachte sich der sie
-anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber
-der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath
-zu wenden, wohin er -- sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht,
-zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick
-ergriffen; begeistert rief sie aus:
-
- Erscheinet mir einst so mein Engel,
- Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;
- So winke mir der Todesengel,
- und freudig werd’ ich mit ihm gehn.
-
-Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den
-Bruderkuß. -- Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu gehn!
---
-
-Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie
-sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß
-Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema
-applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im
-ruhigern Gleise geblieben seyn!“ -- klagte die Holde.
-
-Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre
-Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. -- Wie Gott
-will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!
-
-Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen
-wollten -- daß ich ihr gute Nacht wünsche.
-
-Sie schnürt ihr Bündel -- antwortete der Landrath -- und geht mit nach
-Wallersee.
-
-Die Freude dank ich dir, Theodor!
-
-Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.
-
-Ja wahrlich -- nahm der Erste wieder das Wort -- wer könnte sich jetzt
-freuen: -- Gutes, liebes Kind! -- werden Sie dieses Haus, wo wir alle
-Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? -- und wann? --
-Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar
-nicht mehr von Ihnen trennen. -- Aber das können wir Alten nicht; Nun,
-wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; -- Nachricht von
-Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.
-
-Will man mich denn hier nicht wiedersehen? -- scherzte Adelaide, ihre
-Wehmuth ziemlich mühsam verbergend -- Es wird Ihnen nicht gelingen; ich
-dränge mich ein -- und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich
-als Geist.
-
-Als Geist! -- wiederholte tief bewegt Vater Elfen -- als er die langsam
-dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so
-langsam in das Zimmer zurückschlich.
-
-Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! -- klagte weinend
-dessen Gattin.
-
-Uns nicht erleben lassen? -- Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu
-erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich
-für die Zukunft an sein Güte glauben würde -- denn um dessen gesunden
-Verstand steht es dann so und so! --
-
- * * * * *
-
- Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines
- Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil
- an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der
- Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.
-
- Jean Paul.
-
-
-Karoline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen
-hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre
-Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich -- jede
-Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! -- Doch tröstete uns
-Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst
-wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach sey, um bey diesem
-convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je
-weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. --
-Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! -- ein Nervenschlag hatte die
-Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen
-Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf
-zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen
-wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.
-
-Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit
-uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß
-in der Gallerie. -- So eben trägt man ihn außer sich in Theodors
-Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen
-unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! -- Eine Wohlthat war es,
-daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir
-lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. -- Ja wohl, der
-Zustand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst
-Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er
-zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden
-leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald
-weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen
-Gruft schon glücklich herausgekommen -- bald ob ihre Tochter schon als
-Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? -- Man läßt sie
-nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt.
--- Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde -- ich kenne
-meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht
-verderben!
-
- * * * * *
-
-Zynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, -- säuselte Adelaidens Stimme,
-dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich -- O, ich weiß wohl, du könntest
-auch nicht! -- Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir
-auch wieder werden. -- Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß
-ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, -- daß du mich in der
-letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! -- denn noch ist
-mein Tagewerk nicht vollendet. -- Zynthio, hast du die Papiere gelesen,
-welche ich dir diese Nacht übergab? -- Es geschah nicht mehr in der
-Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.
-
-Ich habe sie gelesen.
-
-So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! --
-Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen
-durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir
-anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen
-Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf
-dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren
-Monaten dazu -- und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute,
-da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. -- Hätte ich leben sollen
--- diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. -- In der Disposition
-über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff
-Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. -- Dein Erbtheil,
-das ich einstweilen verwaltete -- --
-
-Mein Erbtheil? -- Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so
-nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es
-nicht bedurft.
-
-Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen
-Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der
-Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn.
-Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem
-Schreibpult finden wird, dazu ernannt. --
-
-Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen
-lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können --
-
-Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und
-deines Versprechens!
-
-Wohl, wohl!
-
--- Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes
-Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich,
-was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. -- Der
-Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu
-vereiteln. -- Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner
-Mutter nicht vergiftet haben wollte -- auch wirst du in dem Aufsatz der
-nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige
-Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas
-von dieser Begebenheit -- auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich
-mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend
-mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.
-
-Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf
-seine Knie.
-
-Und Seraphine? fiel Adelaide ein. -- Erfülle erst die Pflichten des
-Bruders, werde erst Gatte und Vater!
-
-Zynthio schauderte. -- Das Letztere nimmermehr! -- Verhältnisse dieser
-Art haben keinen Reiz für mich.
-
-Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des
-nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht
-zum seelenkranken Weichling machen. -- Mein Andenken wird dir werth,
-ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten
-Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! -- ich werde
-Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen -- einst
-sehen wir uns alle wieder.
-
-Adelaide! -- O Gott! Gott! -- gieb mir Fassung! --
-
-Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele
-sich ausgesprochen hat! -- manches habe ich dir noch zu sagen. -- Bist
-du gefaßt? --
-
-Rede! rede! -- ich höre den Worten eines Engels!
-
-Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre! --
-
-Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!
-
-Ich verlobte mich einem Manne -- die Braut des Grabes schien ihren Weg
-verfehlen zu wollen! -- Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward
-ich zur Verrätherin! -- der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich
-nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines
-Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! -- Liebe konnte ich keinem
-mehr geben! --
-
-O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. -- Sie
-liebten, liebten den edelsten der Menschen --
-
-Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! -- Aber er ist Fürst. Ich
-habe gekämpft und den Sieg errungen.
-
-Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken,
-sammelte sie die Trophäen. --
-
-Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen!
--- Die Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. --
-Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters --
-so schwor er. -- Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand
-sich durch den Aufzug beleidigt! -- Der Fürst verzweifelte, Verdruß,
-Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! -- Schon schwebte der
-Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! -- Das Uebrige
-weißt du -- die gute Absicht entschuldige die Mittel! -- Wem gehören
-diese Klagetöne? --
-
-Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte
-so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich
-in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen
-Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen
-vermochte.
-
-Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende.
--- Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! --
-Sie legte die zitternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker
-bebende Hände. -- Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht
-glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!
-
-Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!
-
-Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung
-für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein
-Wohlwollen für meine Mündel. -- Georg näher! Warum so finster? Gönne
-mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft
-trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten
-meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf
-einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!
-
-Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.
-
-Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher.
-Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte doch gern von
-dir verstanden werden. -- Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth
-unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! -- Georg,
-du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener
-auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht
-anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt
-der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine
-Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich
-habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. -- Du erinnertest
-dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten
-Pflegevaters -- er lebt noch -- Wie würde er sich freuen, dich als den
-Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das
-Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du -- sobald
-ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo -- Ihn ruft eine
-wichtige Angelegenheit nach Italien -- und Trennung von ihm -- würde
-dir -- doch schwer fallen -- Ha! Gott sey Dank! -- ich habe vollendet!
--- Finster wird’s -- vor meinen Augen! -- Wehe! -- wohl! -- Wo seyd
-Ihr? -- die Kraft -- verläßt -- mich -- ah! --
-
-Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos:
-Adelaide! -- Vergebens! sie hörte nichts mehr! -- Georg hob sie mit
-convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem
-Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder
-zurück -- Adelaide war nicht mehr! --
-
- * * * * *
-
-Schon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne;
--- „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz,
-kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals
-die Verblichene geflehet. -- Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee
-prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen
-besetzten Drapperie. Auf weißen marmornen, mit Zypressen umwundnen
-Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender
-Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide
-auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni,
-welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte
--- und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der
-Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam
-wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen,
-um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein
-Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen
-Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens;
-weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen,
-bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! --
-Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher
-heut am achtzehnten November seine aufgeblühten Erstlinge zum
-Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die
-Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie --
-zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete
-Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten,
-bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste
-Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!
-
-Wann soll sie beigesetzt werden? -- fragte der Doktor.
-
-Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.
-
-In Gottes Namen dann -- heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie
-ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. -- Man will den Sarg auf die
-Bühne haben.
-
-Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten,
-zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die
-weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. -- Ha! bahret nur auf, rief
-er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten -- aber, mich
-laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! --
-Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der
-Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.
-
-Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe
-stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der
-Trauer. -- Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer
-Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft;
-die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. -- Völliger
-Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide
-warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung
-bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte
-sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu
-gelangen. -- Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen
-wollende Mutter zu vergessen.
-
-Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam;
-Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert.
-Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte,
-das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. -- Zynthio,
-in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald
-auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein
-anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt
-ereignen könnte. -- Georg lehnte eben so sprachlos an eine der
-Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben
-herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.
-
-Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem
-Sinnenschlummer.
-
-Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt,
-der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut
-weinend über die entschlafene Jugendfreundin.
-
-So konnte das Verhängniß meiner spotten? -- Ha, im Sarge! -- Allweise
-Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr
-machen, um dich zu verherrlichen! -- sagte bitter Mathildens Begleiter,
-der Erbprinz.
-
-So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? -- klagte Mathilde
--- o du Stolze! -- mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; --
-nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! -- Zynthio,
-Zynthio! warum ließest du sie sterben? --
-
-Sterben? -- Konnte sie etwas bessers thun? -- unterbrach sie in
-grollender Verzweiflung der Prinz. -- Heirathen oder sterben, das sind
-so die gewöhnlichen Kunstgriffe -- den Verschmähten am sichersten das
-Herz zu zerreißen! --
-
-Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den
-Uebrigen hinweg. Prinz! -- sagte er ihm leise -- diese Nacht um zwei
-Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist -- habe ich Ihnen nur wenige
-Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem
-halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.
-
-Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem
-Fürstenthume! -- Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der
-Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! -- ihn
-konnte sie lieben --
-
-Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. -- Ja, sie liebte, aber nicht diesen.
-In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der
-Menschen -- aber -- er ist Fürst! --
-
-Camillo! -- spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir? --
-
-Es sind die Worte der Verklärten: -- ich habe gekämpft und den Sieg
-errungen --
-
-Ah, so -- und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten
-Schäfers! --
-
-An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast
-gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen.
--- Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! -- zweifeln Sie
-noch? --
-
-An meiner Vernichtung? -- nein. -- Sie haben ihren Zweck erreicht.
-
-Noch nicht. -- Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer,
-ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! -- Ihn
-den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen
-und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören.
-Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die
-Verewigte achtete.
-
-Zynthio! -- gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding!
-Sie liebte mich! -- Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. --
-Adelaide! -- Adelaide! --
-
-Adelaide! -- wiederholten die Klagetöne Mathildens --
-
-Adelaide? -- fragte Julius wie aus einem Traume erwachend -- welcher
-bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte. -- Ja, diese
-Adelaide antwortet nicht mehr! --
-
-Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der
-vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand.
-Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich
-von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. -- Ihr seyd mein! an
-ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie
-meine Freuden!
-
-Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er
-sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein
-unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner
-verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während
-er ihr die blutbefleckte Rose reichte.
-
-Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie
-besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die
-makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.
-
-Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch
-Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe
-sich dem mit Blut besprengten Bunde!
-
-Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen
-hat! -- sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand
-Mathildens.
-
-Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache
-Bewegung erschütterte den leblosen Körper --
-
-Was war das? -- Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig?
-fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die
-Bundesverschwornen. -- Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe
-Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und
-unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.
-
-Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu
-überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst
-hat die Seele den Körper verlassen. Die Veränderung der Liniamente,
-das Ausspannen des Körpers -- jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß
-sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war -- ein Scheintod.
-
- * * * * *
-
-Phrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem
-Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt
-die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und
-Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige
-Lachen endete mit einem Stickfluß -- und als das Trauergefolge
-zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf
-Erden gehabt -- ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt.
-
-Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio
-in des Letztern Zimmer.
-
-Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr
-oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha aufsprang,
-und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. -- Wie
-Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm -- Volksglück
-schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine
-Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der
-alten Schöpfung sorgen.
-
-Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier. --
-
-Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines
-Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle
-mittheilen. Und -- darum -- wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall
-soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen
--- möchte ich mit Hamlet ausrufen -- in kreischenden Tönen die
-erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer
-Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt!
-
-Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er
-seinem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug
-war!
-
-Es mag schön klingen -- aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut
-seyn. -- Wann reisen Sie?
-
-In wenigen Wochen; Georg begleitet mich.
-
-Auch dieser? -- Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner
-glücklichen Vergangenheit fliehet!
-
-Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin.
-Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint;
-gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden
-die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht
-hätten.
-
-Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin
-zu. -- Unaussprechlich ist sein Jammer -- ihn erneuern wird meine
-Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden
-sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden.
-
-Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt
-wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn
-dieser Einsamkeit entziehen --
-
-Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline.
-
-Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die
-schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen
-trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der
-Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz.
-
- * * * * *
-
-Still wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio
-traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn
-Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung
-von Adelaidens schöpferischen Händen -- eine Blumenguirlande, so
-diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen
-für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke
-mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war
-der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und
-zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er
--- oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich
-nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt --
-
-Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte -- Wen sehe
-ich? --
-
-Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! -- sagte Graf Bendheim. Ich
-bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer.
-
-Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des
-Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre
-Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und
-Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte
-mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden, als ich hoffen
-durfte, nachdem ich die Andere verlor! -- Und wer ist ihre zweite
-Begleiterin? --
-
-Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? -- Aloyse Prospero!
-
-Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen
-Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe
-gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das
-Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! -- Georg, du meldest
-wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses --
-
-Der ist? -- frage Bendheim gespannt.
-
-Graf Theodor von Wallersee.
-
-Wir sind -- ich möchte ihn belästigen -- Sie haben ja einen guten
-Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab.
-Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser
-Ueberraschung Ihren Dank verdient habe -- sagte in verbißnem Grimm der
-Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder
-von dannen.
-
-So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. -- Er meldete sich
-als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben
-wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich
-durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben.
-
-Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß --
-
-O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. --
-Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn -- Nur
-unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise.
-
-Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen
-kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes
-Schwester?
-
-Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf.
-
-Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie -- die junge Gräfin! --
-
-Meine und deine Schwester Seraphine! -- Georg, Betty, Seraphine -- wir
-alle ein Bund -- eine Familie! -- Adelaide! -- Sieh herab und lispele
-dein heiliges Amen! -- Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten --
-lassen Sie uns ihre Kinder seyn!
-
-Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben.
--- Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose
-Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo
-erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich,
-und ward es mit ihr als Gatte und Vater. -- Georg, der in Seraphinen
-Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich -- da zu dieser Verehrung
-sich bald die zärtlichste Liebe gesellte -- der Großmuth seiner
-Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und
-Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten
-Gatten seiner Schwester.
-
- * * * * *
-
-Der Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm
-bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? -- Er
-bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron -- ernste
-Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich
-diese Frage aufzuwerfen -- deren Beantwortung, wie man erlauscht haben
-will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen
-pflegte.
-
-Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr.
-Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den
-Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. -- Das Frühjahr
-kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der
-Trauer. -- Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte
-die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. -- Ja, müßige
-Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel
-dazu geschlagen.
-
-Der junge Großherzog, welcher viel heißes Blut: aber nicht die
-geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen
-Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen
-berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit
-den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. -- -- Eine
-Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher
-Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um
-damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn
-bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des
-Waldes nach -- ein Schuß fiel -- der vielleicht dem Wilde galt -- und
-Julius sank blutend vom Pferde.
-
-Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; -- Argwohn
-bemächtigte sich ihre Herzens -- mit Abscheu stieß sie den
-Durchlauchtigen Bewerber von sich -- die blutige Locke des Gemordeten
-trug sie an Arm und Busen. -- Das erregte Aufsehn beunruhigte den Hof
--- ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den
-Augen der boshaft richtenden Welt.
-
-Ein schmerzliches Ach! -- entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender
-Brust -- als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen
-wurde! -- Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen!
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Adelaide, by
-Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE ***
-
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-The Project Gutenberg EBook of Adelaide, by
-Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
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-
-
-
-Title: Adelaide
- Wahrscheinlich nur ein Roman
-
-Author: Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
-Release Date: April 3, 2017 [EBook #54481]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1807 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen wurden beibehalten, insbesondere wenn diese in der
-damaligen Zeit üblich waren oder im Text mehrfach auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Die Verwendung der grammatischen Fälle wurde nicht den
-heute gültigen Regeln angepasst, soweit dabei der Sinn des Textes nicht
-verloren geht, um den eigenständigen Stil der Verfasserin möglichst
-weitgehend zu erhalten. Aus demselben Grund wurden teilweise oder ganz
-fehlende Anführungszeichen der wörtlichen Rede nicht ergänzt.</p>
-
-<p class="p0 htmlnoshow">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät
-installierten Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
-gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
-serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</p>
-
-</div>
-
-<h1>Adelaide.</h1>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center lh2">Wahrscheinlich<br />
-<span class="s3"><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">r</span>
-<span class="mleft0_6">e</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span>
-<span class="mleft0_6">R</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">n</span>.</span></p>
-
-<hr class="r25" />
-
-<p class="center lh2">Von<br />
-<span class="s4">der Verfasserin</span><br />
-von<br />
-<span class="s2"><span class="mleft0_3">K</span><span class="mleft0_3">o</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">m</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">r</span>
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-<span class="mleft0_6">K</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">e</span>.</span></p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="cover_deko" name="cover_deko">
- <img class="deko mtop3 mbot1" src="images/cover_deko.jpg"
- alt="Dekoration" /></a>
-</div>
-
-<p class="s4 center"><span class="mleft0_3">B</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">l</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">n</span>,<br />
-<span class="mleft0_3">b</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">i</span>
-<span class="mleft0_6">F</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">d</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">i</span><span class="mleft0_3">c</span><span class="mleft0_3">h</span>
-<span class="mleft0_6">B</span><span class="mleft0_3">r</span><span class="mleft0_3">a</span><span class="mleft0_3">u</span><span class="mleft0_3">n</span><span class="mleft0_3">e</span><span class="mleft0_3">s</span>.<br />
-<span class="mleft0_6">1</span><span class="mleft0_3">8</span><span class="mleft0_3">0</span><span class="mleft0_3">7</span>.</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak mbot3" id="Adelaide">Adelaide.</h2>
-
-</div>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„E</span>in Uhr vorbei, und noch kommen sie nicht. Wie ich immer sage: mit
-den artigen Stadt- und Hofmenschen, zieht man sich auch zugleich Zwang
-und Stöhrung seiner ordentlichen Lebensweise auf den Hals“ &mdash; sagte
-ziemlich verdrießlich der Landrath von Elfen zu seinem Gutsnachbar
-dem Baron Milken, und blickte lüstern nach den Assietten, welche
-in zierlicher Ordnung, mit aufgeschnittener Cervelatwurst, rohen
-Schinken, geräucherter pommerscher Gänsebrust, frischen Heeringen und
-mehr dergleichen &mdash; das Parterre der mit 24 Couverts gedeckten Tafel
-dekorirten.</p>
-
-</div>
-
-<p>„Sie werden wohl gleich kommen; sie haben eine kleine Stunde zu
-fahren;“ erwiederte mit sanfter noch um Geduld bittender Stimme die
-Landräthin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p>
-
-<p>„So hätten sie sich früher auf den Weg machen sollen. Unser ehrlicher
-Steuereinnehmer hatte zwei Stunden zu fahren, und 15 Minuten vor 10 Uhr
-war er hier. Mein ländlicher Magen rebellirt gewaltig, wenn mit der
-Mittagsglocke nicht die Suppe auf den Tisch steht. Solche Neuerungen
-sieht er durchaus als ein Vergehen gegen die Gott und Menschen
-wohlgefällige Tagesordnung an.“</p>
-
-<p>„Die Comtesse wird mit ihrem Staat nicht fertig werden können,“
-flisterte Carolinchen, die älteste Tochter des Landraths, ihren
-Freundinnen zu.</p>
-
-<p>„Ach ja, &mdash; gegen die galanten Damen aus der Residenz werden wir
-uns wohl verstecken müssen!“ seufzte die junge Baroneß Milken, und
-sämmtliche Fräuleins musterten noch einmal ihre weißen, grünen und
-rothen Feierkleider, welche freilich nicht mit dem Modell des neuesten
-Modejournals übereinstimmten, bis jetzt ihnen aber galant und schön
-genug geschienen hatten, um von ihren Bekanntinnen beneidet, oder
-wenig<span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span>stens in schmeichelhafte Consideration gezogen zu werden.
-Carolinens Toilette war indeß doch etwas mit dem Geist der Zeit
-fortgeschritten, seitdem Graf Hochburg, ein Schwestersohn ihres Vaters
-&mdash; nun auch ihr erklärter Verlobter &mdash; sie in die Censur nahm, und den
-Geschmack der lieben Cousine zu verfeinern sich beflissen zeigte, so
-viel es sich durch das Gutachten und Anordnen eines jungen galanten
-Offiziers im weiblichen Putz mit Nutzen thun ließ.</p>
-
-<p>Als Volontair bei der reitenden Garde du Corps hatte Julius von
-Hochberg, schön wie Adam und reich wie ein baronisirter Kornlieferant,
-er der Residenz, und diese ihm sehr wohlgefallen. Dem alten Grafen
-mißfiel dieses gegenseitige Attachement; schon als Julius zwölf, und
-Caroline von Elfen sechs Jahr alt waren, hatten die beiden Väter
-beschlossen, ihren Freundschaftsbund durch die Verbindung ihrer Kinder
-zu besiegeln. &mdash; Der Premier-Lieutenant mußte auf väterlichen Befehl
-den Dienst mit Rittmeisters Rang quittiren, und nach zu Son<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span>nenburg
-empfangenen Ritterschlag als Geweihter des Johanniter-Maltheser-Ordens
-die väterliche Burg beziehen, und sich als Bräutigam nun auch um das
-Herz seiner schönen Cousine bewerben. &mdash; In ein Fenster gelehnt,
-erwartete er jetzt mit verschränkten Armen, die glänzende Erscheinung
-der verwittweten Generalin, Gräfin Wallersee und ihre Tochter Adelaide.</p>
-
-<p>„Da sind sie ja wohl endlich!“ rief der Landrath &mdash; und sechs
-Mohrenköpfe bogen im stolzen Trabe um den Pfeiler des großen Hofthors.
-„Allons, Herr Neveu, helfe er mir die Damen herauf komplimentiren.“</p>
-
-<p>Julius flog seinem Onkel vorbei, und stand schon vor der Hausthür, als
-die Equipage durch des Kutschers und Vorreiters mächtiges Anhalten der
-Zügel zu rollen aufhörte, und der Landrath erst bedächtig die letzte
-Stufe der Treppe betrat.</p>
-
-<p>„Wir kommen später, als es sich gute und ordentliche Nachbarn
-erlauben sollten“, &mdash; flötete Adelaidens Stimme &mdash; „aber ich bin die
-Sünderin, lieber Herr Landrath! &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span> ich allein habe den Aufenthalt zu
-verantworten und Ihre Verzeihung zu erbitten.“</p>
-
-<p>„Bitte, bitte gehorsamst, meine Gnädigsten! Liebe Gäste sind immer
-willkommen; auf etwas Gutes hat man nicht zu lange gewartet,“
-erwiederte dieser freundlich und half der wohlbeleibten Generalin aus
-dem Wagen. &mdash; Adelaide schwebte an Julius Arm, der sie mit brennender
-Neugier erwartenden Gesellschaft entgegen. &mdash; Das Geräusch der
-Bewillkommung und Eintritts-Ceremonien verhallte, nach einer acht
-Minuten langen Dauer endlich wie das Rollen des Donners in den Tiefen
-einer Gebirgskette, und Aller Augen hiengen nun fragend an einem jungen
-Mann, den Begleiter der angekommenen Damen.</p>
-
-<p>„Zynthio Camillo“ &mdash; lispelte Adelaide und führte ihn der Dame des
-Hauses zu &mdash; „Mein Vater entführte den lieben Sicilianer schon als
-einen Knaben von zehn Jahren zum Gespielen für mich, das fünfjährige
-Mädchen, und seitdem hat es das Schicksal noch nie gewagt, Bruder und<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-Schwester zu trennen. Selbst mit dem Tode hat dieser Freund schon um
-mich gekämpft.“</p>
-
-<p>„Das ist brav, Signor Camillo! &mdash; sagte der Landrath und schüttelte ihm
-treuherzig die Hand &mdash; ich habe davon gehört. Sie zogen die Comtesse
-aus dem Wasser, mit Gefahr ihres eignen Lebens.“</p>
-
-<p>Zynthios Blick schien Adelaiden sanft anzuklagen, daß der heiligste
-und schmerzlichste Moment seines Lebens durch eine Erwähnung dieser
-Art entweihet wurde. Aber kaum sah er den Hauch des zarten Roths von
-Adelaidens Wange fast gänzlich verschwunden, als sein Unwille dem
-ängstlichen Kummer wich. „Ihnen ist nicht wohl, Gräfin!“ rief er
-beklommen.</p>
-
-<p>„O mein Gott!“ scherzte diese, „wohler wie Ihnen mein Freund! &mdash; ich
-werde mit meinem vollkommen gesunden Appetit Ihrer Tafel Ehre machen,
-Frau Landräthin!“ &mdash; setzte sie hinzu, indem sie die herbeigeeilte Frau
-von Elfen über ihr Erblassen beruhigte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<p>Diese Tafel bog sich indessen wie ein zweiter Atlas unter der Last
-der aufgetragenen Schüsseln und Terrinen, zur Freude des Landraths
-und seiner Gäste, deren Magen sich zur prophezeiten Rebellion bereits
-komplottirt hatten. Ein für allemal von seinem Onkel aufgefordert,
-sich gleich ihm die Honneurs des Hauses angelegen seyn zu lassen,
-säumte Julius nicht, Adelaiden seinen Arm und sich zum Tischnachbar
-anzubieten. Der sorgsame Sicilianer führte Carolinen, die ihm zu Theil
-wurde, auf die andere Seite der Tafel, der jungen Gräfin gegenüber.
-Diese lächelte und frug, da sie eben einen Löffel Suppe zum Munde
-führen wollte: „Ich darf doch, lieber Hofmeister?“</p>
-
-<p>Bald herrschte allgemeine Fröhlichkeit über der Tafel; selbst Zynthio
-wurde munter, denn Adelaidens Farbe zeigte ja wieder von Wohlbefinden.
-Nur Caroline und ihre Freundinnen staunten noch immer die junge Gräfin
-Wallersee mit einem völligen Geistesbankerot an. &mdash; So natürlich, und<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-doch so viel Grazie, so viel unbeschreiblichen Zauber! &mdash; So zart, so
-kränklich, und doch so viel Leben! &mdash; Sonst hatten sie wohl irgend in
-einem oder den andern Roman aus der Lesebibliothek eines benachbarten
-Städtchens, die hochblühenden Wangen, den vollen Busen der schönen
-Henriette, Luise, Klementine, oder wie die Heldinnen heißen mogten
-&mdash; als unerläßliche Schönheitspartien gerühmt gefunden &mdash; und, sich
-dieser Vorzüge bewußt, mit stolzer Selbstzufriedenheit sich jenen
-gepries’nen Schönheiten gleich gestellt. &mdash; Um so weniger glich diesen
-üppigen Idealen weiblicher Reitze die alles fesselnde Adelaide. Nur
-ein rosiger Schimmer färbte den Liliengrund ihrer Wangen; das seidne
-aschfarbne Haar ringelte sich nicht in trotziger Fülle um Stirn und
-Nacken, es umschwebte wie Aether das Madonnengesicht. Das dunkelblaue
-Auge schien in seinem sanften Feuer nur freundliche Blicke eines Engels
-für diese Welt, aber den Ausdruck ihrer innigern stärkern Gefühle für
-ein Jenseits zu haben.<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span> Resignation ohne Schmerz, schöne Hoffnungen
-ohne Ansprüche, lächelte heiter in jedem Blick dieser Augen, in jedem
-Zug ihres himmlischen Gesichts. Bei aller Zartheit ihres Körpers, hatte
-sie verhältnißmäßige Fülle; man hätte glauben sollen, sie sey aus
-Wachs geformt, wobei es keines Knochenbaues bedurfte; aber diese Fülle
-schien einer ätherischen Erscheinung anzugehören, die der leichteste
-Zephir unsern Augen zu entführen droht. Ihre Stimme war der Flötenton
-einer Titania &mdash; und doch war es ein irrdisches Mädchen, das Leben und
-menschliche Reitze genug besaß, um Carolinen heut jeden zärtlichen
-Blick ihres Geliebten zu entziehen. Daß sie auch weder für die
-Elfenkönigin, noch sonst für eine bloß geistige Erscheinung gehalten
-seyn wollte, bewieß sie bald, indem sie munter ihrer Mutter zurief:</p>
-
-<p>„Maman! ich empfehle Ihnen diese Klöße mit gebacknem Obst, sie sind
-vortrefflich. Frau Landräthin! &mdash; ich werde mich bei Ihrer Köchin in
-die Lehre geben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>„Siehst du, Mütterchen!“ &mdash; fiel fröhlich der Landrath ein &mdash; „der
-lieben Comtesse schmeckt mein Leibgericht auch. Bravo, meine Gnädige!
-&mdash; Schon um deswillen verdienen Sie meine ganze Bewunderung; Sie
-rümpfen nicht großstädtisch die Nase bei ehrlicher Hausmannskost.“</p>
-
-<p>„Gräfin!“ &mdash; sagte traurig Zynthio &mdash; „es thut mir weh, Ihrem so
-seltnen Apetit Einhalt thun zu müssen, aber“ &mdash; er gab dem hinter ihren
-Stuhl stehenden Jäger einen Wink &mdash; „lieber eine leichtere Speise.“</p>
-
-<p>Der Jäger nahm mit einer um Verzeihung bittenden Verbeugung Adelaiden
-den Teller mit den gepries’nen Klößen und Obst weg, von dem sie erst
-etwas weniges zu genießen angefangen hatte.</p>
-
-<p>„Auch du Georg bist gegen mich verschworen?“ frug sie ihn lächelnd;
-dieser zuckte mit niedergeschlagenen Augen die Achseln.</p>
-
-<p>„Bin ich nicht zu bedauern?“ &mdash; wendete sie sich mit komisch klagendem
-Ton an den Landrath &mdash; „diese Quälgeister wollen<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> mir durchaus nicht
-erlauben, mich unter die Gesunden zu rechnen.“</p>
-
-<p>Die Generalin sah ihre Tochter mit wehmüthiger Freundlichkeit an.
-„Wollte Gott!“ &mdash; seufzte sie &mdash; „diese guten Menschen hätten Unrecht!“</p>
-
-<p>„Nun! was ich noch nicht bin, kann ich wieder werden. Herr Landrath,
-ich begebe mich unter Ihren Schutz. Ich weiß, Sie machen starke
-Promenaden &mdash; mit Ihnen will ich fahren, laufen, reiten; und auf den
-Winter, bei hellem Frostwetter, guter Schlittenbahn, werde ich öfters
-schon des Morgens um 9 Uhr in einem geräumigen Danziger Schlitten
-angefahren kommen, und Ihnen Ihre Damen entführen.“</p>
-
-<p>„Mein’ Seel! da haben Sie Recht, scharmante Comtesse!“ &mdash; sagte der
-Landrath, und schlug fröhlich in die Hände &mdash; „überlassen Sie sich der
-natürlichen gesunden Lebensart, wie wir Dorfmenschen; essen, trinken
-Sie, was Gott und die Natur uns giebt, genießen Sie der gesunden freien
-Luft. Wir wollen zusammen fischen,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> jagen, Dohnen stellen, Schlitten
-fahren, und zuverläßig schon in drei Monathen die gesammte Fakultät der
-Aerzte auslachen.“</p>
-
-<p>Eingefallnes Regenwetter, welches heut den Oktobertag merklicher
-verkürzte, erinnerte die Generalin schon an dem Aufbruch, als der
-jüngere Theil der Gesellschaft sich erst zu gemeinschaftlicher
-Unterhaltung in einem zwanglosern Zirkel vereinigt hatte. Adelaide
-fügte sich mit unnachahmlicher Liebenswürdigkeit, den Vergnügungen
-der ländlichen schönen Welt. Die Fräuleins ließen sich nach einigen
-zierlichen Weigern, in den Liederchen: Blühe liebes Veilchen &mdash;
-seht den Himmel wie heiter &mdash; und so mehrere mit fistulirender
-Annehmlichkeit hören, und Caroline begleitete den Gesang auf einem
-dumpfen Klavier &mdash; welches der Organist noch diesen Morgen zu der
-heutigen Akademie gestimmt und mit neuen Saiten bezogen hatte. Adelaide
-versprach den lieben Virtuosinnen ein ganzes Heft neuer musikalischer
-Blumenlese. Der Landrath, dessen Liebling sie in den wenigen Stunden
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>worden, mußte den Wunsch aufgeben, auch Adelaidens Tonkunst zu
-bewundern, da die Generalin und Zynthio mit dem wattirten atlaßnen
-Sürtout der jungen Gräfin, das Signal zum Abschied nehmen gaben.</p>
-
-<p>Der Herr des Hauses, die ehrwürdige Excellenz führend, an der Spitze,
-Graf Julius an Adelaidens Seite, wie ein Träumender schwankend &mdash; zu
-deren Rechten Zynthio mit banger Aufmerksamkeit schlich &mdash; und hinter
-diesen mehrere der übrigen Gesellschaft, um die Gräfinnen an den Wagen
-zu begleiten, formirten den Zug die Treppe hinunter.</p>
-
-<p>„Georg“ rief sorgsam der Sicilianer, als sie die Hälfte der Stufen
-zurückgelegt hatten. Seinen Hut wegwerfend eilte dieser herbei, hob
-Adelaiden auf seinen Arm, und flog mit ihr &mdash; wie der Westwind mit
-einem Rosenblatt davon. Julius, welcher nicht bemerkt hatte, daß
-Kraftlosigkeit und kürzerwerdender Athemzug das Haupt der schwankenden
-Lilie beugte, wollte &mdash; betroffen über die Kühnheit des Entführers im<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-ersten Augenblick dem trotzigen Krauskopf, dessen stolzer glühender
-Blick seine Hornfessel zu einem Ordensband zu erheben schien &mdash;
-nachstürzen, und ihm die schöne Beute wieder entreißen. Aber schon war
-sie in Sicherheit und dem Schutz des Wagens, und Zynthio beschäftigt,
-die Fenster desselben zu Verhütung jeder schädlichen Zugluft
-aufzuziehen. Ueberdieß warf sich unserm Chevalier ein andrer Gewinnst
-in den Weg, dessen ihm keine menschliche Gewalt berauben sollte.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Adelaide hatte, während sie durch das Haus schwebte, einen der
-fleischfarbnen atlaßnen Schuhe verlohren, die &mdash; so klein und schmal
-sie auch seyn mochten, dennoch zu geräumig waren, um sich fest genug
-an das sylphidenartige Füßchen der jungen Gräfin anzuschließen. Wie
-ein Habicht auf das einsam umherflatternde Täubchen schießt und
-sich seines Raubes bemächtigt, so warf sich Julius auf das von ihm
-zuerst entdeckte Kleinod, und verbarg es mit hämischer Freude vor den
-suchenden Bedienten,<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> unter dem Gilet auf seinem stürmisch klopfenden
-Herzen. Noch nie hatte wohl der hochwürdige Johanniter-Ritter mit einer
-solchen bittern Regung der Mißgunst, einem gemeinen Jäger ein recht
-aufrichtiges: „Hohl dich der Teufel!“ nachgeflistert, als jetzt &mdash; da
-er bei dem Schein der Laternen-Lichter, mit welchen ein vorreitender
-Jokey die nächtliche Finsterniß erhellte, den hohen Federbusch Georgs
-im Winde flattern, und zuletzt hinter dem Thorpfeiler verschwinden sah.</p>
-
-<p>„Ein Mädchen zum küssen, die junge Gräfin Wallersee!“ begann mit
-lauter Stimme der Landrath, daß es das Echo der vier Ecken seines
-großen Familiensaals wiederhohlte &mdash; „Unverkünstelt an Leib und
-Seele &mdash; ach lieber Gott! &mdash; da sagte ich zu viel; leider blieb der
-Körper nicht so gesund als der Geist! &mdash; mit dem erstern geht’s wie
-mit meinen Akazienbäumchens am Ende des Gartens bei der Rasenbank &mdash;
-zwischen welchen und der Mittagssonne mein Nachbar, der Herr Pastor,
-eine breite<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> Scheune hingesetzt hat. Sie schwanken und kränkeln und
-kommen nicht fort. &mdash; Aber wenn das liebe Kind nur bei ihrem gescheuten
-Entschluß bleibt, wenn sie mir folgt, so will ich sie in die Sonne
-führen, die ihr neue Kraft und neues Leben geben soll.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>chon leuchteten schimmernde Lüster mit ihren Kerzen von Plafond und
-Wänden, dem zum fröhlichen Tanz aufgeforderten Gesellschaftskreis
-im Schlosse Wallersee. Die Generalin hatte Adelaidens Geburtstag zu
-feiern, den benachbarten Land- und Stadt-Adel zu Mittag und Abend
-eingeladen; ein glänzender Ball sollte den jungen Gästen das Fest
-verherrlichen. Adelaide war eben nach dem ersten Tanz der rauschenden
-Freude entflohen, um in ihrem Boudoir auf einer Ottomane ruhend ein
-halbes Stündchen die ihr nöthige Erholung zu genießen. Zynthio saß zu
-ihren Füßen und begleitete auf der Guitarre den Gesang einer Hymne, die
-seine Gefühle an dem heutigen Tage bezeichneten.</p>
-
-</div>
-
-<p>„Die Antwort, lieber feuriger Sänger, bleibe ich dir schuldig, bis ich
-einst als Bürgerin eines andern Gestirns &mdash; viel<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>leicht des Syrius, mit
-gleicher Kraft mich dir mitzutheilen vermag“ sagte Adelaide, als er
-endete, und legte die Hand auf seinen Kopf, den er in die Küssen der
-Ottomane drückte, und dumpfe Seufzer bewiesen, daß ihm die Brust zu
-enge geworden. Julius lehnte in der Nische an einer Konsole, auf der
-eine Sphynx lag, und starrte, wie es schien, gedankenlos &mdash; eigentlich
-aber überwältigt von unnennbaren Gefühlen, auf Beide hin. &mdash; Optischer
-Mondenschein beleuchtete die Gruppe und machte es einem Zaubergemählde
-ähnlich. Der Duft eines Amphitheaters, welches auf der Lichtseite
-dieses in orientalischem Geschmack mit seidener Drapperie bekleideten
-Kabinets, mit blühenden Rosenbäumen, Jasmin und Jonquillen prangte &mdash;
-vollendete den Sinnenrausch. Da rief Adelaide:</p>
-
-<p>„Allmächtiger Gott! lebe ich schon in einer Geisterwelt? welche
-Erscheinung? &mdash; Prinz Louis!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Keine Erscheinung aus der Geisterwelt, theure Gräfin! Ich bin
-es wirklich,<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> noch mit allen irdischen Umgebungen, Fehlern und
-Leidenschaften“ &mdash; antwortete der Erbprinz, welcher unbemerkt durch
-eine Seitenthür eingetreten war, und umarmte Adelaiden &mdash; „diesen Kuß
-von meiner Schwester Mathilde; ich habe geschworen, ihn treulich zu
-überliefern &mdash; selbst auf die Gefahr, daß Sie es unverzeihlich finden
-werden.“</p>
-
-<p>„O meine holde Mathilde!“ fiel Adelaide ein &mdash; „Sie ist doch heiter und
-wohl?“</p>
-
-<p>„Sie trauert fern von ihrem Liebling. Seit Adelaide sich von ihrer
-Seite riß, verflossen unsere Tage freudenleer. Wie neidete sie mir die
-Aussicht auf diese Stunde!“</p>
-
-<p>„Verzeihen Sie, Monseigneur! wenn ich in dieser Stunde Besinnung und
-Neugier genug habe, zu fragen: welcher Zufall mir diese Ueberraschung
-gewährte?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Zufall? &mdash; O so ist mein Herz, mein ganzes Wesen, das nur in der
-Hoffnung, Sie wieder zu sehen, lebte &mdash; auch Zufall! &mdash; Konnte Adelaide
-glauben, daß der achtzehnte November mir nicht heiliger sey, als<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> daß
-ich etliche zwanzig Meilen Umweg, auf meiner Reise nach ***“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Also doch wieder auf der Reise nach ***? &mdash; O mein Prinz, nun bin ich
-beruhigt. Darf ich aber auch hoffen, daß Ew. Durchlaucht fein artig
-und wohlgemuth sich den Carneval in der königlichen Residenz zu ***
-gefallen lassen werden?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wie es kommt, noch stehe ich für nichts. &mdash; Sieh da, Signor Camillo!
-fragen Sie diesen, was menschliche Kräfte vermögen“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Hier Graf Hochberg“ &mdash; nahm Adelaide schnell das Wort, indem sie
-den Ritter dem Erbprinzen vorstellte. Auf ihre Bitten gieng man zur
-Gesellschaft, die bei dem Eintritt Sr. Durchlaucht große Augen machte,
-und die Freude schien dem Erstaunen so wie der Ehrfurcht zu weichen.
-Doch Adelaide winkte mit ihrem Zauberstab dieser flüchtigen Freundin,
-zurückzukehren. Die Gräfin mischte sich in die Reihen der Tanzenden,
-und die vorige zwanglose Höflichkeit behauptete wieder ihr Recht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span></p>
-
-<p>Nur der Prinz und Julius konnten diesem rauschenden Feste keinen
-Geschmack abgewinnen. Beide in stummer Unterhaltung neben einander
-stehend, verfolgten mit ihren Blicken Psyche, wie sie auf Amors
-Fittigen die Reihen durchschwebte so sorgsam &mdash; als fürchteten sie,
-eine Wolke würde die Huldin im nächsten Moment ihren Augen entrücken.
-Die Generalin bot dem Prinzen ihr Spiel an &mdash; denn tanzen wollte und
-konnte er in seinem Reise-Apparat nicht; auch das Spiel schlug er aus,
-und bat ihro Excellenz dringend, sich in ihrer Parthie nicht stören zu
-lassen. &mdash; „Sie wird doch nicht den ganzen Abend tanzen!“ &mdash; dachte
-er; und Julius tröstete sich seinerseits mit der Hoffnung, daß Sr.
-Durchlaucht zuverlässig morgen ihre Reise fortzusetzen geruhen würden.</p>
-
-<p>Bald kam Adelaide am Arm des biedern Landraths von Elfen &mdash; „<span class="antiqua">Mon
-Prince</span>. Mit der süßen Ueberzeugung, daß ich den Dank Ew.
-Durchlaucht verdienen werde, präsentire ich Ihnen hier einen sehr
-edlen<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> Mann. Solche Stützen einst Ihrem Thron &mdash; und Engel beneiden
-dann Ihre Unterthanen. Zwar würde dieser redliche Patriot nicht nur
-mir, sondern selbst der liebenswürdigen Prinzessin Mathilde einen
-englischen Tanz abschlagen &mdash; aber Wahrheit und Treue für seinen
-Fürsten mit seinem Blute besiegeln.“</p>
-
-<p>Das reine Bewußtseyn, Adelaide habe nicht zu viel von ihm verheißen,
-und die Freude, mit diesem redlichen Herzen vor seinem künftigen
-Regenten zu stehen, verjüngte das Feuerauge und die sprechenden
-Gesichtszüge des edlen Mannes. Der Prinz hätte keinen Sinn für
-Menschenwerth haben müssen, wenn er die nähere Bekanntschaft mit dem
-Landrath leichthin und kalt hätte aufnehmen können; und kaum faßte
-er mit traulicher Freundlichkeit des biedern Elfens Hand, so ergriff
-Adelaide des Ritters Arm und sagte:</p>
-
-<p>„Diese schöne, Segen bringende Stunde wollen wir profanen Leutchen mit
-unserer flüchtigern Consequenz nicht entweihen.<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> Kommen Sie Graf &mdash;
-Ihre Braut erwartet Sie zum nächsten Walzer.“</p>
-
-<p>„Meine Braut?“ &mdash; wiederholte leise der Ritter, und kalter Schauer
-rüttelte ihn wie Fieberfrost. Caroline kam ihm entgegen, ein heftiger
-Schwindel, der ihn beinahe zum Sinken brachte, überhob ihn der Qual,
-mit seiner Verlobten zu tanzen.</p>
-
-<p>Wohl dir, unbefangenes Kind der Natur, daß dein Forscherblick noch
-nicht die Tiefen des Herzens deines Julius erreichte &mdash; besorgt um
-den geliebten Mann warst du froh, ohne Arges zu ahnden, als er dich
-seines besser Befindens versicherte, und nur die Nothwendigkeit der
-Ruhe vorschützte. Beruhigt hüpftest du zum Tummelplatz der Freude, und
-vereinigtest deine Bitten mit den Wünschen des treulosen Geliebten,
-daß sich dieser unter Adelaidens Vorsorge wieder erholen dürfe. &mdash;
-Die Gräfin sah schärfer, sie ahndete die Gefahr für deine schönsten
-Hoffnungen, und &mdash; Zynthio mußte ihre Pflicht der Gastfreundschaft
-übernehmen. Dies hatte der Patient nicht erwar<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>tet, und schneller
-als man hoffen durfte, war er wieder hergestellt genug, um sich der
-lästigen Gesellschaft des ihm unerträglichen Sicilianers zu entziehen.</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Vous êtes servi, Monseigneur!</span>“ meldete die Generalin mit
-etiquettualischer Ehrfurcht dem Prinzen; dieser führte sie in das
-Tafelzimmer, hier aber bat er schmeichelnd: „Wenn ihro Excellenz mich
-glücklich machen wollen, so erlauben Sie mir promenirend zu soupiren.
-Sie kennen ja meine Passion die Ronde um die Tafel zu machen, und den
-Damens aufzuwarten.“</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Selon vos Ordres, pourvu que Votre Altesse se trouve à son
-Aise</span>“ und so mit erwählte sie sich den Landrath zum Nachbar. Die
-Tafelrunde &mdash; und den Cherubin der Damen zu machen, beschränkten Sr.
-Durchlaucht bald auf den einzigen Platz hinter Adelaidens Sessel.</p>
-
-<p>„Womit kann man aufwarten, gnädiger Herr?“ frug diese &mdash; „einige
-<span class="antiqua">Refraichissements à la Campagne</span>, so gut man sie auf der Reise
-haben kann.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p>„Nur um etwas zu trinken bitte ich.“ Mit dieser Erklärung wendete er
-sich zu Georg, der eben Adelaidens Mundbecher auf einem silbernen
-Teller seiner Gebieterin darreichen wollte. Mit bescheidenem Lächeln
-ergriff der Jäger eine Bouteille, füllte den Becher mit perlenden
-Burgunder, und präsentirte ihn Sr. Durchlaucht. Bis auf den letzten
-Tropfen ward er ausgeleert, und nachdem der Prinz seine Uhr in den
-Becher geworfen hatte, gab er ihn dem betroffenen Georg mit den Worten
-zurück: „Dies wirst du Trotzkopf doch nicht ausschlagen, wie meinen
-Oberförsterdienst?“</p>
-
-<p>Georg zog die Uhr aus dem feuchten Behältniß, küßte die goldene Kapsel
-über dem Zifferblatt, auf welchen des Prinzen verzogner Nahme mit
-Brillanten gesetzt war, und erwiederte:</p>
-
-<p>„Der Oberförster hätte mir nie den Verlust des schönsten Looses meines
-Lebens ersetzt; dieser Beweis der Gnade Ew. Durchlaucht giebt mir das
-Zeugniß, daß ich meines glücklichen Berufs nicht ganz unwerth sey.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
-
-<p>Adelaide warf einen sanft strafenden Blick auf den begeisterten Georg.
-„Hast du Sr. Durchlaucht den Becher kredenzt?“</p>
-
-<p>„Nein, aber den Glauben an die unerreichbare Liebenswürdigkeit einer
-Adelaide mit mir gemein“ &mdash; nahm der Prinz das Wort &mdash; „und der Himmel
-lohne ihn mit seiner ganzen Seligkeit dafür.“</p>
-
-<p>Julius, der nahe genug saß, um alles hören und sehen zu können,
-knirschte über den unbegreiflichen Zusammenhang und der Einigkeit aller
-Derer, von denen Adelaide umgeben und angebetet wurde, mit den Zähnen.
-„Sind es höllische oder gute Geister, die um diese Zauberin eine
-Wagenburg schlagen?“ &mdash; frug er bei sich selbst &mdash; „Fürst, ausländische
-Fündlinge, gemeine Jäger, alle reichen sich brüderlich die Hände, mich
-rasend zu machen.“</p>
-
-<p>Des Prinzen und der Gräfin Gespräch wurde leiser.</p>
-
-<p>„Und keine Zeile von ihr selbst?“ klagte Letztere.</p>
-
-<p>„O meine Brieftasche wird erst morgen<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> eröffnet. Ein großes Paket, das
-ich Ihnen hoch im Porto anrechnen werde. Aber ich fürchte, Mathilde
-führt große Beschwerden über mich! &mdash; Versprechen Sie mir in voraus
-Generalpardon.“</p>
-
-<p>Adelaide sah ihn bedeutend an.</p>
-
-<p>„Gräfin! mit einem Wort: mein Entschluß ist gefaßt, und dabei bleibt
-es, so wahr ein Gott lebt“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er wurde durch einen Schrei des Schreckens von Carolinen, die ihnen
-beinah gegenüber saß, unterbrochen. Unter den mancherlei fremden
-Gestalten und Bestandtheilen freier Koch- und Konditor-Künste, welche
-das mit den raffinirten Lebensbedürfnissen der großen und feinen
-Welt unbekannte Landfräulein anstaunte und neugierig kostete, wurde
-Gefrornes in Formen und natürlichen Farben verschiedener Früchte
-herumgegeben. Man präsentirte ihr eine Assiette mit dergleichen
-täuschenden Pfirsichen, und wiewohl ein goldner Desertlöffel dabei lag,
-so glaubte sie dessen dennoch nicht zu bedürfen, um sich einen Pfirsich
-zu nehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Sie ergriff herzhaft eine der Früchte mit ihren Fingern &mdash;
-aber, o Himmel! &mdash; wer beschreibt ihr Entsetzen, als diese Finger in
-Eis erstarrten, und der entzauberte Pfirsich in Wasser aufgelöst von
-ihrer Hand triefte.</p>
-
-<p>Alles lachte, sobald sich der Irrthum aufklärte; nur Julius, welcher um
-so größern Widerwillen gegen das alberne rohe Landmädchen faßte, und
-Caroline &mdash; deren Wangen die Schaam dunkelroth färbte und das Auge mit
-Thränen füllte, &mdash; und Adelaide lachten nicht.</p>
-
-<p>„In der That“ &mdash; sagte Letztere &mdash; „so etwas kann jedem begegnen.
-Trösten Sie sich mit mir, liebe Elfen! ich selbst habe einmal eine
-Ananas &mdash; weil ein Spottvogel sie mir präsentirte, allein für mich auf
-meinen Teller genommen, wiewohl sie für mehrere bestimmt war &mdash; und
-da ich die Schaale zu hart fand, als ich ohne Umstände hineinbeißen
-wollte, zertheilte ich sie mit Messer und Gabel, und ließ mich von
-dem schadenfrohen Herrn überreden, die Frucht mit Essig und Oehl zu
-verzehren, so wenig diese<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> Zubereitung meinem Gaum auch behagen mochte.
-Und das war doch wohl ein wenig schlimmer, als eine Sache, die genau
-wie ein Pfirsich aussieht, auch für einen Pfirsich zu halten.“</p>
-
-<p>In der Anekdote mit der Ananas lag Wahrheit, nur daß ein junger Cadet,
-welcher eben erst das väterliche Haus und sein Dorf verlassen hatte,
-und bei dem verstorbenen General Wallersee speiste, der traurige Held
-dieser Geschichte war; keinesweges aber Adelaide, welche sich indessen
-hier mit Vergnügen die Lächerlichkeit aufbürdete, um Carolinens
-demüthigende Verlegenheit zu heben. Sie erreichte ihren Zweck; Fräulein
-Elfen bekam wieder Muth; sie lachte aus vollem Halse über Adelaidens
-Leichtgläubigkeit, und wiederholte die Anekdote ihren Nachbarn
-weitläuftig, um zu beweisen, daß die Comtesse nichts klüger gewesen
-sey, als sie.</p>
-
-<p>„Adelaide“ &mdash; sagte der Prinz &mdash; „Sie sind wahrlich ein Engel! &mdash; Ich
-möchte niederfallen und anbeten &mdash; diese himmlische Güte, diese sanfte
-Schonung“ &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>„Ich bitte fortzufahren, wo Ew. Durchlaucht vorhin stehen blieben“ &mdash;
-unterbrach sie ihn ernst &mdash; „Sie sprachen von einem Entschluß“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und sagte, daß es bei diesem Entschluß bliebe, so wahr ein Gott lebt!
-&mdash; Können Sie die meiner Schwester gemachte Erklärung, das Versprechen
-nie ihre Hand zu verschenken, zurücknehmen &mdash; werden Sie die Verlobte
-eines Andern &mdash; gut, so habe ich alle Hoffnung verloren, und ich
-will jeder Glückseligkeit, jeder frohen Stunde für dieses Erdenleben
-entsagen. Mein Vater schmiede mich dann, wie den Galeerensclaven an
-das Ruder, in das Joch einer conventionellen Ehe! &mdash; Aber nein, so
-inconsequent kann Adelaide nie seyn!“</p>
-
-<p>„Prinz!“ sagte Adelaide ergriffen &mdash; „was hat mein Vorsatz unvermählt
-zu bleiben, mit Ihrem Entschluß zu schaffen? &mdash; Kann Ihnen die
-Versicherung: daß ich den Wunsch, nie Gattin werden zu dürfen &mdash; ohne
-alle Beziehung auf Ew. Durchlaucht, gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> Prinzessin Mathilde äußerte
-&mdash; daß ich überhaupt nie an die Möglichkeit eines Verhältnisses unter
-uns, gnädiger Herr! bei irgend einer Bestimmung meines Lebens dachte
-&mdash; kann diese Erklärung einen Fürsten der Hoffnung seiner Länder
-wiedergeben, und ihn selbst in die Bahn der Ordnung, der Pflichten
-eines künftigen Regenten zurückführen, so bitte ich unterthänig, an der
-Wahrheit dieser Betheurung nicht zu zweifeln.“</p>
-
-<p>„Adelaide! &mdash; Ich habe geschworen, und seinen Schwur zu halten,
-sich selbst und seiner Zufriedenheit treu zu bleiben, ist die erste
-und heiligste Pflicht. Wäre diese Zufriedenheit, dies tröstende
-Bewußtseyn, keiner von uns Beiden sey das Eigenthum eines Dritten,
-auch nur Chimäre! &mdash; so wenig dieser Fall hier angenommen werden kann.
-&mdash; Mein Vater ist alt, ich im fünf und zwanzigsten Jahre. Sie treten
-heut Ihr achtzehntes an; &mdash; o Adelaide! die Liebe überwindet Zeit und
-Hindernisse, die Aerzte sprechen mit Achselzucken von den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> bedenklichen
-Gesundheitsumständen des Fürsten &mdash; ein Rezitiv des neulichen
-Schlagflusses, und er ist dahin.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sie werden fürchterlich! &mdash; So sollte die Liebe ein großes edles Herz
-verunstalten können? &mdash; Ich bitte Ew. Durchlaucht wenigstens Schonung
-für mein besseres Gefühl zu haben, und ein Gespräch abzubrechen, das
-Sie und mich herabwürdigt.“</p>
-
-<p>„Abgott meiner Seele! In dieser Ungewißheit kann ich nicht von dir
-scheiden. Denke an meinen Schwur. &mdash; Heut übers Jahr an diesem Tage
-kehre ich wieder zurück und finde dich &mdash; nein Adelaide, nicht als
-Braut oder die Gemahlin eines Andern.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sondern im Sarge,“ fiel Adelaide mit dem feierlichen Nachdruck
-einer Prophetin ein. &mdash; „Ich habe Ihr Wort, Prinz! &mdash; übers Jahr an
-dem heutigen Tage betreten Sie das Haus Ihrer Freundin wieder, und
-begleiten mich in die Brautkammer.“</p>
-
-<p>„Adelaide!“ rief erschüttert der Erbprinz „wollen Sie meine Vernunft
-verwirren? &mdash; was sollen diese Räthsel? &mdash; Ich kann mich<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> damit nicht
-beruhigen. Gewißheit, um Gottes willen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Die Gewißheit, daß wir Ball haben, und die tanzlustigen Herrschaften
-schon ungeduldig mit den Stühlen rücken, um wieder in den Saal
-zum Ländern zu kommen. &mdash; Für diesmal bitte ich, nichts mehr über
-jenes Kapitel! &mdash; Prinzessin Mathilde wird Ew. Durchlaucht ja wohl
-schriftlich benachrichtigen, wie es mit Ihren Vasallen steht.“</p>
-
-<p>„Darf ich nicht einige Zeilen dann und wann von dieser lieben Hand
-selbst hoffen?“</p>
-
-<p>„Das war nicht Ihr Ernst, gnädiger Herr! Dieser Erwartung widerspricht
-die Achtung, die ich einigermaßen zu verdienen glaube.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Adelaide! &mdash; Adelaide! was machen Sie aus mir?“ &mdash; seufzte noch der
-Prinz, und der allgemeine Aufstand der Gesellschaft verschlang das
-Flüstern seiner letzten Worte.</p>
-
-<p>Den andern Morgen ließ sich die junge Gräfin mit Unpäßlichkeit
-entschuldigen, welche sie abhielt persönlichen Abschied von Sr.
-Durchlaucht zu nehmen, und bat, Mathil<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span>dens Briefe ihr durch Zynthio
-einhändigen zu lassen. Der Prinz schlug sich mit krampfhaft zusammen
-geballter Faust vor Kopf und Brust &mdash; befahl stürmisch: vorzufahren
-&mdash; und verließ Wallersee hoffnungsloser, als er den Abend zuvor dahin
-gekommen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">A</span>lexis Graf von Wallersee glaubte mit seinen erprobten Eigenschaften
-und Fähigkeiten, die ihn zum Feldherrn stempelten, auf den Rang
-und die Wichtigkeit eines zweiten Marschalls von Sachsen in
-irgend einer der größten Armeen Anspruch machen zu dürfen. Im
-Besitz ansehnlicher Reichthümer, die durch Erbfälle sich noch
-immer vermehrten, als Kommandör einer der größten Komthureien des
-Johanniter-Maltheser-Ordens, bot er seine uneigennützigen Dienste &mdash;
-während eines für Europa’s Gleichgewicht sehr bedeutenden Krieges,
-einem Monarchen an, dem es in ökonomischer Hinsicht, so wohl durch
-Nothwendigkeit ge<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>drängt, als auch aus angebornem Trieb zur Sparsamkeit
-sehr willkommen seyn mußte, in dem Grafen den Chef eines dem Feinde
-furchtbaren Corps &mdash; welches dieser aus eigenen Kosten errichtet,
-mondirt und für die Königlichen Fahnen angeworben hatte &mdash; nun seinen
-Obersten zu begrüßen. Ruhm und die Aussicht, früher, als es sonst nach
-den gewöhnlichen Fortschritten auf der militärischen Bahn zu erfolgen
-pflegt, noch in den kräftigsten Lebensjahren des raschen feurigen
-Mannes, als Feldmarschall sagen zu können: In den entscheidendsten
-Momenten gab ich mit dem Schwerd in der Faust nicht selten den
-Ausschlag; hier machte ich die schon verlohren geglaubte Schlacht
-gewonnen &mdash; Dies sollte sein Lohn seyn. Seine stolzen Entwürfe zielten
-auf nichts geringeres, als der unentbehrliche und zugleich unabhängige
-Alliirte eines großen Europens Aufmerksamkeit erregenden Königs, den
-aber das Schicksal jetzt seinen Launen preiß geben zu wollen schien
-&mdash; zu werden. Der Monarch berechnete zu richtig den ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span> daraus
-erwachsenden Vortheil, um nicht Graf Wallersee die Perspektive seiner
-ehrgeitzigen Hoffnungen mit den freundschaftlichsten Versprechungen zu
-erweitern, und seine Erwartungen zu entflammen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Doch &mdash; zwei Sonnen an einem Horizont gehören ja in die Reihe
-unmöglicher Existenzen; und eben so wenig konnten Arnulph und Alexis
-in harmonischer Gemeinschaft den Pfad des Ruhmes verfolgen. Beide sich
-ihrer energischen Kraft, ihres allumfassenden Feuergeistes bewußt,
-Beide eifersüchtig auf des andern Ansprüche, einzig seyn zu wollen
-&mdash; Beide, wenn sie diese Ansprüche gekränkt fühlten, ohne Rücksicht
-des Nachtheils für ihren Zweck rachsüchtig &mdash; zerrissen bald die
-Freundschaftsbande, welche Mars um sie geschlungen. Arnulph behauptete
-nicht allein ein großer Held, sondern auch ein schöner Geist zu seyn,
-und selbst seine Feinde gestanden unpartheiisch, daß er es war. &mdash;
-Auch Alexis zeichnete sich unter tausend seiner Zeitgenossen in dieser
-Hinsicht aus. &mdash; Nur der solide nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> nach Kapricen geordnete Ertrag
-seiner Geistesgaben, seine Vertraulichkeit mit den alten Griechen
-und Römern, seine Vorliebe für die Letztern, gaben freilich seiner
-Schöngeisterei eine andere und imponirendere Tendenz, als die seines
-großen Nebenbuhlers war. &mdash; Leichter französischer Spott &mdash; wiewohl
-nicht selten empfindlich verwundend, inconsequentes Absprechen fremden
-Werthes, Geringschätzung derber deutscher Redlichkeit, und Forderungen
-an diesen Werth, an diese Tugenden &mdash; kurz, mancherlei und mehrere
-Widersprüche dieser Art, gaben Arnulphs Geist zwar einen auffallend
-blendenden Anspruch, besonders da derselbe durch ein Bonmot würdigen
-oder herabwürdigen durfte, ohne daß ein Opponent es gewagt hätte, ihn
-zu widerlegen, welches freilich einem andern gegenüber oft kinderleicht
-gewesen wäre.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber Alexis glaubte zwischen einem Mark Aurel und Arnulph einen so
-gewaltigen Unterschied zu finden, den der Letztere vielleicht selbst
-fand &mdash; jedoch nicht aus dem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>sichtspunkt betrachtete, wie der Freund
-der Römer &mdash; daß er unmöglich so ganz unbedingt der Huldigung beitreten
-konnte, die Arnulphs wahre oder scheinbare Bewunderer, der nach Alexis
-Meinung so falsch geleiteten Schöngeisterei zollten.</p>
-
-<p>Nur zu bald hinterbrachte man Arnulphen des Obersten Wallersee’s
-Bemerkungen, welche dieser in vertraulichen Zirkeln hin und wieder
-über dessen Meinungen geäußert hatte &mdash; ja selbst den Tadel der Pläne,
-die auf die kriegerischen Operationen sich bezogen, und die Arnulph
-nach seinem Kopf exekutirt haben wollte. &mdash; Alexis war nicht der
-Mann, der seine Grundsätze durch Verläugnen oder Entschuldigungen, im
-Fall er sie verantworten sollte, anders scheinen ließ, als sie waren
-und er sich einmal darüber erklärt hatte. Als ihm daher Arnulph sein
-Raisonniren, wie derselbe es zu nennen geruhete, mit ernster Miene und
-durchdringendem Adlerblick vorhielt, war dies der Moment, in welchem
-Graf Wallersee nicht nur seine Meinung nochmals klar und deut<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>lich
-wiederholte &mdash; und unter dem Bedauern, daß er das Vertrauen, so wie das
-Wohlwollen Sr. M. wohl schwerlich zu erwerben im Stande seyn würde,
-auch auf alle künftige Ehrenstellen in dessen Armee Verzicht that,
-und sich mit seinem Corps, unter dem Versprechen, nicht gegen ihn zu
-fechten, zurückzog.</p>
-
-<p>„Es ist mir lieb,“ sagte Arnulph &mdash; „diesen Querkopf los zu seyn. Der
-Polisson wollte alles besser wissen. Ist die Kriegskunst der alten
-Römer auf unsere heutige Taktik anwendbar? &mdash; haben wir das Terrain,
-haben wir dieselben Menschen, dieselben Waffen gegen uns?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und sind <em class="gesperrt">wir</em> Römer?“ &mdash; hätte er noch hinzusetzen sollen.
-Doch war die Beschuldigung ungegründet; denn Alexis wußte diese
-Unterscheidung eben so gut zu machen, als Arnulph. Eine Kriegesscene
-nach Römer Art in neuern Zeiten anderswo zu sehen, als in der großen
-Oper zu ***, war ihm nie in der Sinn gekommen; und öfters auch hier
-nur, um die erbärmliche<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span> Marionetten-Repräsentation mitleidig zu
-belächeln.</p>
-
-<p>Gern hätte die feindliche Macht den aus seiner Verbindung getretenen
-Obrist Wallersee an sich gezogen; allein sein dem Arnulph gegebenes
-Ehrenwort ließen ihn selbst die blendendsten Anerbietungen ausschlagen.
-Er nahm an diesem Feldzug keinen weitern Antheil, denn jede Macht, bei
-deren Armee zu streiten, ihm ehrenvoll gedünkt hatte, war gegen Arnulph
-im Bunde.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Soll das Treiben meines Wollens, die erregte Reizbarkeit, ein höheres
-Ziel meiner Bestimmung zu umfassen, als zu dem der gewöhnliche
-Instinkt eines wohl genährten und ausstaffirten Schooskind’s des
-Glücks in behaglichem Seelenschlummer führen dürfte. &mdash; Soll die
-Sehnsucht nach jenem noch unerreichten Zweck nicht zum nagenden mich
-selbst verzehrenden Geyer werden, so nehmt mich noch einmal auf,
-ihr lieblichen Gegenden! Vaterland eines Mucius Scävola, du gabst
-der Spiralfeder des reifenden Jünglings den mächtigen Druck,<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> daß
-sie die Bande entnervender träger Unentschlossenheit sprengte, und
-die Thatkraft des sich nun Enträthselten fesselfrei machte. Gieb
-mir Ersatz für die verschwendeten Erstlinge des Dranges, wirken und
-fern von kleinlichem Eigennutz schaffen zu wollen! &mdash; Läutere die
-Selbstständigkeit des Mannes zur Ausdauer, indem der Geist deiner
-edelsten Söhne mich umschwebt. &mdash; Kraftvoll, aber nicht stürmisch
-will ich mich dann in einen Wirkungskreis schwingen, der mir genügt.
-&mdash; Leben, lebendiges Weben und Seyn, wo Herz und Körper balsamischer
-Nahrung genießt, werde mir jetzt unter italischem Himmel. Sein
-milder Einfluß zügele die wilde Begehrlichkeit der aus Mangel an
-höhern Interesse erregten Sinnlichkeit, und gebe mir die zarte
-Empfänglichkeit, für die mich erwartenden Freuden des glücklichen
-Gatten in den Armen meiner Ludmilla!“ so dachte und beschloß Graf
-Wallersee; nichts stand der raschen Ausführung seiner spekulativen
-Philosophie entgegen; und Alexis drückte den Abschiedskuß<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> auf
-die ihn nur mit sittsamer Blödigkeit erwiedernden Lippen seiner
-Verlobten &mdash; nachdem er das entzückendste Bild des Wiedersehns und
-der unauflöslichen Vereinigung zu einstweiligen Beschäftigung ihrer
-Phantasie, dem arglosen Glauben frommer unschuldiger Liebe aufgestellt
-hatte &mdash; und verließ Deutschland auf zwei Jahr, nach deren Verlauf ihn
-die Vollziehung seiner Vermählung mit Ludmilla Gräfin von St. dahin
-wieder zurück rief.</p>
-
-<p>Familienbündnisse verlobten ihm schon das reiche schöne Mädchen im
-zartesten Kindesalter, mit Vollendung des siebzehnten Jahres sollte sie
-seine Gemahlin werden.</p>
-
-<p>Ludmillas Geburt kostete ihrer Mutter das Leben. Die mutterlose Waise
-ward in einem Stift erzogen; ihrem Herzen blieb jede Leidenschaft
-fremd, es kannte nur den frommen keuschen Wunsch: Graf Alexis möge
-wohlbehalten aus allen Gefahren des Krieges oder aus andern fremden
-Ländern zurückkehren, und liebevoll sie dann zum Altar führen!
-&mdash; Dieser Wunsch ward er<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>füllt, und der Geliebte ihr liebreicher
-freundlicher Gatte. &mdash; Der Mangel feuriger Liebe des Gemahls fiel der
-sanften nur an ruhige Seelenstimmung gewöhnten Ludmilla nicht auf. Zwar
-gewann ihre Liebe mit jedem Tage neue Stärke und Innigkeit für ihren
-Alexis, aber weil sich diese immer nur in dem Sonnenlicht lieblicher
-Heiterkeit zuvorkommender Freundlichkeit äußerte, so überzeugte sie
-ihres Gemahls dem ihrigen ähnliches Betragen, daß sie nicht minder
-geliebt würde. &mdash; Wohlthätig hatte das Schicksal für ihre Ruhe gesorgt,
-indem weder Romanenlektüre noch Frequenz sentimentaler Schauspiele ihre
-Bildung vollendeten.</p>
-
-<p>Mit ächt pastoralischem Eifer verhütete die Aebtissin des Stifts &mdash;
-in welchem die junge Gräfin erzogen worden &mdash; die Einführung solches
-üppigen Thun und Wesens, wie die hochwürdige Frau es nannte, welches
-den jungen Gemüthern, die da rein und ohne Makel unter ihrer Aufsicht
-gedeihen und verbleiben sollten, nur das werden könnte, was der Wolf
-der unbefang<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>nen leicht zu berückenden Heerde; eben so sorgfältig
-verhinderten die strengen Gesetze dieses Vestalischen Ordens jeden
-traulichen Verein mit dem andern Geschlecht. Folglich waren alle
-die aus den Ersteren entstehenden und auf das Andere laufenden
-Leidenschaften in diesen heiligen Hallen dermaßen verpönt und geächtet,
-daß man sie kaum dem Nahmen nach kannte &mdash; wenigstens sie schon dem
-Nahmen nach verabscheute. &mdash; Und so war auch die unerfahrne Ludmilla
-weit entfernt, einen Unterschied zwischen der zwar freundlichen
-aber sehr gemäßigten Zärtlichkeit ihres Gemahls, und der glühenden
-Leidenschaft, dessen sein Herz &mdash; vielleicht für einen andern
-Gegenstand wohl fähig war &mdash; zu ahnden, und sich dadurch ihr Glück,
-ihre Ruhe zu stören.</p>
-
-<p>Sie gebar ihm einen Sohn, und inniger wohlwollend ward das Band der
-Ehe, das sich nun auch um sein Vaterherz schlang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">B</span>lutströme hatten jetzt Bellonas Durst gestillt, und ihre Fackel
-ausgelöscht. Ein allgemeiner Frieden in Deutschland zerstreute nun
-gänzlich jede Besorgniß Ludmillas, daß Alexis bei seinem thätigen
-unruhigen Geist doch noch der Versuchung unterliegen würde, eine Rolle
-auf dem Theater des Krieges zu übernehmen. Doch zu bald sah sie ein,
-daß die Gefahr ihn zu verlieren, wenigstens sich auf lange, unbestimmte
-Zeit von ihm trennen zu müssen, näher war, als jemals.</p>
-
-</div>
-
-<p>Graf von der L...., als Generalissimus nach Portugal berufen, erachtete
-es für keinen geringen Vortheil und Zuwachs des ihn umgebenden Glanzes,
-wenn er seine fast königl. Suite, mit welcher er sich das nächste
-Frühjahr einzuschiffen dachte &mdash; durch Anwerbung der tapfersten
-vielversprechensten Männer &mdash; um welche Monarchen sich beneideten, für
-die Truppen, deren Befehlshaber er wurde, noch mehr verherrlichen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-könnte. Es gelang ihm, Graf Alexis von Wallersee durch die lockendsten
-Aussichten auf Größe und Ruhm &mdash; der sich selbst in fremde Welttheile
-erstrecken würde, für seine Wünsche zu gewinnen. &mdash; Vergebens umfaßte
-Ludmilla die Knie ihres Gemahls, vergebens schmiegte der kleine Theodor
-seine Händchen um den unbiegsamen Nacken des ihm zum Lebewohl segnenden
-Vaters.</p>
-
-<p>„Ich werde Euch wiedersehen; zwei Jahr aufs längste &mdash; und ich heiße
-Euch auf portugiesischen Boden willkommen, oder ich kehre in eure Arme
-zurück, um dann mich nie wieder von Euch zu trennen. Uebrigens &mdash;
-im Fall Freund Hayn mich noch vor dieser Zeit in eine andre Heimath
-rufen sollte &mdash; so wirst du, liebes Weib, in Rücksicht der Güter und
-des Majorats, welches ich aus den Herrschaften Tomsdorf und Wallersee
-zu machen Willens bin &mdash; das Benöthigte schon verfügt und bei der
-Regierung niedergelegt finden; hier ist die Abschrift meines deponirten
-Willens. &mdash; Du wirst dich überzeugen, daß ich beflissen<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> war, deine
-Zufriedenheit auch als Wittwe zu begründen.“</p>
-
-<p>Ludmilla hörte kaum mehr die letzten Worte; ohnmächtig brachte man sie
-auf ihr Ruhebett; Alexis küßte den Abschied auf ihre blassen Lippen,
-und als sie wieder ihr Bewußtseyn erhielt, war er schon auf dem Wege
-nach Hamburg, den er mit Couriersschnelle Tag und Nacht fortsetzte,
-um mit dem Grafen von der L...., welcher nebst seiner zahlreichen
-Reisegesellschaft ihn daselbst erwartete, an Bord zu gehen.</p>
-
-<p>Keine Art zu reisen ist wohl geschickter, Menschen die sich auf der
-nehmlichen Tour in einer und derselben Equipage befinden, sich näher
-zu bringen, und ihre gegenseitigen Beobachtungen über des andern
-Karakter und Meinungen ungestörter zu befördern, als die Reise zur
-See. Die beiden Gegenstände Himmel und Wasser, welche sich Tage,
-Wochen, ja oft Monathe hindurch ohne die geringste Abwechselung unserem
-Auge darbiethen, hören die ersten zwölf Stunden schon auf, unserer
-Beo<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>bachtung werth zu seyn. &mdash; Weder Posthäuser noch Gastwirthe,
-weder gute noch schlecht gebaute Städte und Marktflecken, weder
-zu respektirende Feldgarnison, noch Bürgermilizwache &mdash; so andern
-Reisenden auf einem Wege von zehn Meilen wenigstens ein auch wohl
-zweimal während des Examinirens um Nahmen, Karakter und Geschäfte
-beim Einpassiren an den Thoren, abwechselnde Empfindungen und
-Unterhaltung gewähren &mdash; nichts dergleichen bietet sich uns auf der
-übrigens vortrefflichen Chaussée in Neptuns Reiche dar. &mdash; Genug, man
-ist lediglich auf sich und seine Reisegesellschaft reduzirt; und so
-wie bald alle Zeremonie in Ansehung des Ankleidens und das Bemänteln
-häuslicher Gewohnheiten auch wohl Unarten aufgehoben wird &mdash; so wie
-bald jeder Passagier in seinem Kaftan oder Schlafrock und Nachtmütze
-bleibt, in welche er sich des Morgens beim Erwachen warf, eben so
-bequem macht es sich sein innrer Mensch. Im weiten ihnen beliebigen
-Spielraum spatzieren Launen,<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> Meinungen, gute und böse Gedanken ohne
-allen Rückhalt auf dem Verdeck der Conversation herum, und sind für die
-übrigen Personen eben so auffallend, als diese &mdash; welche sich einer
-gleichen Freiheit bedienen, entweder mit ihren, jenen widersprechenden
-Grundsätzen und Ansicht der Dinge chokiren, oder durch Sympathie sich
-zur festesten Vereinigung hingezogen fühlen.</p>
-
-<p>Graf von der L**** war unbegrenzt stolz, herrschsüchtig, rauh, hart
-bis zur Grausamkeit gegen seine Untergebenen; falsch und verschlagen
-gegen seines Gleichen, um sie zu täuschen und an sich zu ziehen, wann
-es sein Vortheil heischte, übrigens keines Menschen Freund. Geitzig,
-wo Edelmuth gebot es nicht zu seyn; verschwenderisch, wo sein Stolz
-verlangte, mit seinem Glanz Fürsten zu beschämen. In Ermangelung jeder
-andern Tugend glaubte er mit einer seltnen Tapferkeit, mit einem Muth,
-der ihn in die Lavafluthen des Vesuvs kaltblütig springen ließ, und
-der Spartanischen Härte, welche er gegen sich selbst in Entsagung
-je<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>der Bequemlichkeit des Lebens bewies &mdash; keiner andern zu bedürfen,
-um ein Ehrfurcht gebietender verdienstvoller Mann zu seyn. Nie ruhete
-er auf einem Federbette oder einer Matratze. Ein langer Tisch, oder
-wenn es die Umstände wollten, eine Gurtbank, war sein Lager, die
-eiserne Chatulle, in welcher Gelder und seine wichtigsten Papiere sich
-befanden, sein Kopfkissen. Mit dem Haß seiner Dienerschaft bekannt &mdash;
-geliebt zu seyn, verlangte er nicht, denn er liebte ja keinen Menschen
-&mdash; hegte er stetes Mißtrauen und erwartete immerwährend einen Anschlag
-auf sein Leben. Deßhalb lagen, wenn er sich zur Ruhe auf sein hartes
-Lager warf, ein Paar geladene Pistolen mit aufgezogenem Hahn auf dem
-ihm zur Seite stehenden Tisch, und ein Dolch unter seinem Kopf. Zwei
-Bedienten hatten die Nachtwache, und wehe demjenigen, welcher sich
-der geringsten Nachläßigkeit, oder einer Anwandlung des Schlummers zu
-Schulden kommen ließ. Bei dem leisesten Geräusch wich sein unruhiger
-Schlaf, und er griff nach der Pistole. So traf es<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> sich, daß er einen
-Bedienten erschoß, dem &mdash; als der Unglückliche das Nachtlicht putzen
-wollte &mdash; die Scheere, weil er schlaftrunken war, aus der Hand fiel.</p>
-
-<p>„Wie,“ sagte Alexis von Wallersee zu sich selbst &mdash; „mit diesem
-kleinen Tyrannen &mdash; unter seiner Protection sollte ich <em class="gesperrt">ein</em>
-Ziel zu erreichen streben, und zwar in einem Militair, welches das
-vernachläßigste, stupideste aller kristlichen und unkristlichen
-Kriegsheere der Welt ist? &mdash; Ruhm und Größe erwerben wollen, die mir
-durch Nachgiebigkeit gegen einen Arnulph zu theuer erkauft schien &mdash;
-einen Arnulph, dem jener sich zum Despoten aufwerfende Miethling nicht
-werth ist, die Schuhriemen aufzulösen? &mdash; Nein, dabei kann es nicht
-bleiben; noch bin ich durch nichts gebunden. Die erste Landung macht
-Sie &mdash; mein Herr Generalissimus &mdash; um einen Obersten ärmer.“</p>
-
-<p>Und dieser Vorsatz wurde in Calais ausgeführt. Die Schiffe lagen einige
-Tage in diesem Hafen vor Anker; die Mannschaft gieng ans Land, und
-Alexis machte dem<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> General die unerwartete Erklärung: daß er nicht
-portugiesische Dienste nehmen, sondern sich hier von ihm trennen wolle.
-L**** wandte alle Ueberredungskünste an, den Obersten von seinem
-Entschluß abzubringen; als dies nichts fruchtete, ward er beleidigend,
-und der Streit endigte mit einem Zweikampf.</p>
-
-<p>Der General gieng, um eine Narbe über den linken Backen reicher,
-wieder an Bord; und Alexis, am rechten Arm nur leicht verwundet,
-fand in demselben Gasthof, in dem er sich einquartiert hatte, den
-Viskomte de Paluzzo, dessen Bekanntschaft er auf seinen ersten Reisen
-durch Italien in Neapel gemacht hatte, und der jetzt &mdash; im Begriff
-von seiner Gesandschaft in Paris abgelöst zu werden &mdash; seiner mit
-einem Schottländer entflohenen Tochter nachzueilen gezwungen war.
-Hier erfuhr der Viskomte, daß es zu spät sey. &mdash; Maria Paluzzo
-befand, nachdem sie durch Priesters Hand bereits mit ihrem Entführer
-unzertrennlich verbunden, sich schon unter brittischem Schutz, und dem
-betrogenen Vater blieb nichts übrig, als sei<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>ne Rache durch Enterbung
-der ungehorsamen Tochter zu befriedigen. Jetzt war es ihm Trost in
-Alexis Busen seinen Unmuth, den Kummer über vernichtete Vaterfreuden
-ausschütten zu können, und während die beiden Freunde sich gegenseitig
-ihren Verdruß über getäuschte Hoffnungen, erlittene Hintergehungen, und
-ihrentheils angenehme und theils unangenehme Erfahrungen mittheilten,
-verschwand allmählig der erste, nehmlich der stärkste Eindruck der
-gehabten Verdrießlichkeiten, und die Reminiscenzen genußreicherer
-Begebenheiten gewannen immer herrschenderes Licht.</p>
-
-<p>„Und jetzt wollt ihr nach Deutschland zurück?“ &mdash; frug Paluzzo.</p>
-
-<p>„Wo sonst hin? &mdash; Mein frommes Weib hat es doch wohl vom Himmel
-erbeten, daß ich hier umkehren soll &mdash; und so will ich denn auch nicht
-länger meinem Schicksale widerstehen. Mein Junge wird mir nun wohl
-schon entgegenlaufen; ihm will ich meine Sorgfalt widmen; ein treuer
-Hausvater, ein fleißiger Landwirth will ich<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> nun werden, und keiner
-Macht in der Welt mehr meinen Degen anbieten.“</p>
-
-<p>„Schön, recht solid! &mdash; Aber Freund &mdash; dazu ist’s nach Jahren noch
-Zeit. Die Gräfin ist nun schon auf eure längere Entfernung gefaßt; in
-Resignation sind die Weiber Heldinnen. Eure frühere Rückkunft würde ihr
-kaum die Freude des Triumphs ersetzen, den sie durch längere Ertragung
-eurer Abwesenheit verdient hätte. Sie dulden gern, um sagen zu können:
-Ich litt ohne Murren. &mdash; Hauptsächlich eure Deutschen blauäugigten
-sanften Weiber.“</p>
-
-<p>„Unter denen meine Ludmilla wohl die sanfteste ist. So wahr Gott lebt!
-ein treffliches edles tugendhaftes Weib! &mdash; In vier Tagen breche ich
-auf; ist’s möglich, noch früher, um sie je eher je lieber an mein
-dankbares Herz, für alle ihre Liebe mit innigster Zärtlichkeit, zu
-drücken.“</p>
-
-<p>„Auch Giuliana läßt ihre Jugendblüthe in Liebe für euch hinschmachten.
-Deutsche Weiber lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe &mdash; so nicht
-die unsern: die Glut<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> hoffnungsloser Liebe höhlt ihnen ein frühes Grab.“</p>
-
-<p>„Paluzzo! Die Pflichten ehelicher Treue sind den Deutschen Männern eben
-so heilig wie den Weibern.“</p>
-
-<p>„O daß doch bei Euch die Pflichten des gewissenhaften Mannes erst in
-ihre Rechte treten, wann Ihr vom Traualtar kommt! &mdash; Früher ist Euch
-die Zerstörung weiblicher Ruhe erlaubtes Spiel.“</p>
-
-<p>„Nichts mehr davon; kann ichs ändern? &mdash; Thorheit habe ich mir
-vorzuwerfen, aber kein Verbrechen. Kann ich dafür, daß mein guter
-Wille, sie dem ewigen Jammer zu entreißen, eine Quelle neuen Grames
-für sie ward? &mdash; Und wie kann ein Dritter wissen, welcher schmerzliche
-Kampf mir selbst daraus erwuchs? &mdash; Basta! &mdash; bei unsrer Freundschaft,
-kein Wort mehr davon!“</p>
-
-<p>„Wie Ihr wollt. Aber Neapel hat doch mit Eurem Kampf und Eurem Gewissen
-nichts zu schaffen. Begleitet mich dahin, seht ob es Euch jetzt
-wieder so ge<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>fallen mögte wie einst. &mdash; Ihr kennt unsern Hof, auch so
-ziemlich unsere Regierungsform, unsern Zustand der Armee. Beliebts Euch
-Vorschläge anzunehmen, die man Euch vielleicht auf das ehrenvollste
-machen würde. Herrlich! &mdash; Verwerft Ihr sie &mdash; gut; ihr sollt durch
-Zudringlichkeiten nicht belästigt werden.“</p>
-
-<p>„Nun dann, es sei. Aber die Meerenge passiere ich nicht wieder; ich
-habe in Messina nichts zu schaffen. Und &mdash; den kommenden Frühling, will
-ich auf vaterländischen Boden begrüßen.“</p>
-
-<p>Alexis hielt nur in so fern Wort, daß er die glänzendsten Anerbietungen
-des Neapolitanischen Hofes ausschlug, und wenn nicht den nächsten
-Frühling, doch gegen Ende des darauf folgenden Sommers in Ludmilla’s
-Arme zurückeilte. &mdash; Aber Messina &mdash; hatte er dennoch besucht.
-Giuliana war ja verheyrathet, und Menschenpflicht rief ihn dahin;
-heftige Erderschütterungen hatten Habe und Gut eines großen Theils der
-Einwohner in Trümmer zusammenge<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>stürzt. Unter den dadurch verarmten
-Familien befand sich auch Giuliana und ihr Gatte. Letzterer ward,
-als er noch auf Rettung einiger Kostbarkeiten bedacht seyn wollte,
-selbst tödlich beschädigt; und Alexis erschien jetzt zum zweiten Male
-als helfender Schutzengel der neunzehnjährigen Wittwe. Er sorgte für
-sie und ihren dreijährigen Knaben Zynthio; erhielt ihr die Spolien
-des Vermögens ihres Mannes, söhnte sie mit ihren Eltern aus, welche
-in Rometo Handlung trieben, und diese Tochter fürs Kloster bestimmt
-hatten, folglich mit ihrer Heyrath sehr unzufrieden waren, und Antonio
-Camillo nie als Schwiegersohn erkennen wollten.</p>
-
-<p>Giuliana, aufgelößt in Dankbarkeit und Liebe &mdash; Alexis hingerissen von
-der Allgewalt der durch das Trauergewand erhöheten Reitze des schönen
-Weibes, ihrer Zärtlichkeit &mdash; Beide erwachten nach einer gefährlichen
-Abendstunde zu spät aus ihrem verbotnen Rausch, und sahen mit Entsetzen
-ein, daß sie sich früher hätten trennen sol<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>len. Es war geschehen;
-Alexis versprach als ehrlicher Mann nie den Folgen dieser Stunde
-auszuweichen, er lebe oder sterbe, er sey an welchen Ende der Welt das
-Schicksal ihn auch festhalte. Maasregeln wurden getroffen, und der
-Abschied rückte heran.</p>
-
-<p>„Giuliana! noch einmal sehen wir uns in diesem Leben wieder; für diesen
-Augenblick erhalte dich mir.“</p>
-
-<p>Mit diesen Worten riß er sich aus ihrer Umarmung, und von innrer Unruh
-getrieben, eilte er jetzt rastlos nach Deutschland zurück.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„R</span>uhig liebe Gräfin! Er soll uns nicht wieder davon flattern“, sagte
-der regierende Fürst von *** zu Ludmillen &mdash; „Seine Unstätigkeit, sein
-Treiben entsteht aus Mangel an Geschäften, die nur allein seinem Geist
-genügen können. Er will ordnen, schaffen, verbessern.“</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span></p>
-
-<p>„Und kann er das nicht? &mdash; Verzeihen Ew. Durchlaucht! &mdash; Sind die
-Sorgen eines Vaters, die Verwaltung seiner Domainen nicht auch
-Beschäftigungen eines thätigen, Nutzen bewirkenden Mannes?“</p>
-
-<p>„Für jeden Andern &mdash; ja, dem es löblicher und zugleich bequemer
-dünkt, sich in seinem 34sten Lebensjahr zur Ruhe auf sein ländliches
-Schloß zu setzen, und dann so <span class="antiqua">en passant</span> aus angebohrner
-Wirthschaftlichkeit ein wachsames Auge auf die Inspektors, Amt- und
-Verwaltersleute seiner Güter zu haben; und endlich als klugthuender
-Papa seinen Söhnen die Vokabeln überhört. &mdash; Nur ihr Gemahl vermag
-damit allein seine Stunden nicht auszufüllen; sein Wirkungskreis muß
-größer, sein Einfluß bedeutender seyn.“</p>
-
-<p>„Aber wie, <span class="antiqua">Monseigneur</span>?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich hoffe damit, zu unser allerseitigen Zufriedenheit in’s Reine zu
-seyn.“</p>
-
-<p>„Mein Gemahl schmeichelt sich bereits mit einem Auftrag beehrt zu
-werden &mdash; der indessen nur auf kurze Zeit ihn beschäf<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>tigen, und dann
-die Einförmigkeit des Daheimseyns um so lästiger machen würde.“</p>
-
-<p>„Ah, Sie sprechen von der Unterhandlung mit dem ***schen Hofe wegen
-der Vermählung meines jüngsten Bruders. In der That, ich glaube sie
-keinen bessern Händen anvertrauen zu können. Doch das ist eine Affaire
-von sechs Wochen höchstens &mdash; und wollte ich ihm dann eine Charge am
-Hof oder im Zivil anbieten, dies würde ihm einen geringen Begriff von
-meiner Erkenntlichkeit geben &mdash; er schlüge sie ohne weiteres aus. Aber
-ich habe einen sicherern Plan, bei dem ich selbst gewinne, und den mir
-der kapriciöse Mann gewiß nicht zu Wasser machen wird.“</p>
-
-<p>„Das gebe der Himmel!“ seufzte die Gräfin, denn sie wußte zu gut,
-wie Alexis über den Dienst in kleinern Staaten dachte, und, wiewohl
-dieser Fürst, dessen Vasall er war, sich unter die ansehnlichsten
-des Deutschen Reichs rechnen durfte, so hatte ihm doch immer die
-Pygmäengröße ihrer Diener nur zum Spiel seines Witzes, und ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-kleinliche Titelsucht zum Mitleid, den Stoff geliehen. &mdash; Aber diesmal
-wurden ihre Wünsche über ihre Erwartung erfüllt; wie wohl auch hier das
-Schicksal den Becher wohlthätiger Gewährung mit einigen Tropfen Wermuth
-vermischte.</p>
-
-<p>„O wärst du Philemon und ich Bauzis!“ seufzte abermals Ludmilla, und
-kräuselte mit Thränen im Auge, die blendend weiße Straußfeder, welche
-jetzt den Generalsgrad ihres Alexis auf seinem Hute bezeichnen sollte&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Dann hätten wir Beide ein halbes Sekulum mehr von unserm Lebensknaul
-abgewickelt“ nahm der neucreirte Feldherr das Wort. „Aber ich glaube,
-meine Bauzis würde noch auf die gesunden Pulsschläge ihres Philemons
-eifersüchtig seyn; sie würde wähnen, so lange uns Beide nicht ein und
-dasselbe Grab deckte &mdash; mit dem Himmel hadern zu müssen, daß ich mein
-&mdash; wenn auch schon gebrochnes Auge nach Süden wende, während Ihr matter
-Blick nach Osten gerichtet ist.“</p>
-
-<p>„Mir das? &mdash; o Alexis! Wie ungerecht seyd Ihr Männer!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span></p>
-
-<p>„Und wie wankelmüthig ihr Weiber! &mdash; Noch vor einigen Wochen war dein
-heißester Wunsch, mich im Dienst des Vaterlandes an dasselbe gefesselt
-zu sehen. Und jetzt, da alles nach deinem Verlangen sich fügt, schwimmt
-dein Auge in Thränen.“</p>
-
-<p>„Soll ich fröhlich der Gefahr, dich auf immer zu verlieren &mdash; Dank
-zulächeln? &mdash; Kann dich nur dann dein Vaterland fesseln, wenn ein
-bevorstehender Krieg dich auffordert für dasselbe zu bluten; dein Weib
-zur Wittwe, deine Kinder zu Waisen zu machen &mdash; o so verlaß es! Darf
-ich dir nicht folgen, so weiß ich doch dein Leben in Sicherheit.“</p>
-
-<p>„Ludmilla! &mdash; Wahrlich, nur dem Uebermaaß deiner Liebe verzeih ich
-die mehr als weibliche Schwäche. &mdash; In einem frommen Stift erzogen,
-lerntest du wohl die Erfordernisse zarter weiblicher Tugend kennen &mdash;
-aber für die gemeinsten Begriffe von der Ehre des Mannes scheinst du
-keinen Sinn zu haben; deßhalb würde ich Erläuterungen dieser Art bei
-dir nur tauben Ohren predigen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>„Ach, leider weiß ich, daß den Männern das Phantom der Ehre heiliger
-seyn muß, als die reellere stille Zufriedenheit häuslichen Familien
-Glücks! &mdash; Aber ich bin zu wenig Heldin, um mich mit Anerkennung dieser
-Nothwendigkeit zu trösten.“</p>
-
-<p>„Aber doch wohl billig genug, mir zu glauben, wenn ich Dir &mdash; eben
-als Mann von Ehre betheure: daß ich mich, Dich und Deine Kinder
-brandmarkte, blieb ich müßig daheim und nähme die Aufforderung des
-Fürsten nicht an &mdash; und Dich dann mit dieser Ueberzeugung zu beruhigen?“</p>
-
-<p>„Freilich, das Generalat über sämmtliche Truppen ist zu ehrenvoll! &mdash;
-Aber der drohende böse Krieg“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Bewog mich, das Generals-Patent anzunehmen. Ich bin kein Held in
-Friedenszeiten! &mdash; Der Fürst soll sich hoffentlich in seiner Erwartung
-nicht betrogen haben.“</p>
-
-<p>Und Alexis rechtfertigte das Vertrauen des Fürsten, welcher nicht
-allein mit seinem ansehnlichen Reichscontingent &mdash; so er zu<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> dem
-ausbrechenden Kriege stellen zu müssen erwartete &mdash; Ehre einlegen,
-sondern auch sein Land auf den Nothfall in gehörigen Defensionsstand
-setzen wollte. &mdash; Hier war es, wo Graf Wallersee zu gewinnen stand.
-Ruhm und Ehre konnten ihm, auf dem Posten, den er jetzt bekleidete,
-weder geschmälert, noch seinen Plänen in der Armee, deren Befehlshaber
-er war, entgegengearbeitet werden. Er organisirte seine Truppen nach
-der bessern Einsicht eines geschickten Feldherrn, bereiste die Gränzen,
-ließ die befestigten Plätze ausbessern, sorgte für Vorräthe, setzte
-die Feldbäckerei, das Proviantfuhrwesen in Stande, und zwar alles
-in der größten Stille. Als die übrigen Hülfs-Armeen, erst aus ihrem
-Schlummer geweckt, den Wind sondirten, um zu wissen, welche Segel wohl
-aufzuspannen wären, erwartete das Wallerseesche Korps schon längst nur
-die Ordre zu satteln und aufzumarschieren.</p>
-
-<p>Der Krieg dauerte kurze Zeit; Hauptaktionen waren wenig vorgefallen.
-Krank<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>heiten unter den Truppen, Noth und Theurung in den Ländern, wo
-sich der Feind einlagerte, Marodiren der undisciplinirten Korps, die
-nicht selten Raub und Plünderung schwachbesetzter Ortschaften zur Folge
-hatten, waren allein die Furien, die den träg dahin schleichenden Mars
-begleiteten, und seine Saumseligkeit durch ihre Aktivität ersetzten.</p>
-
-<p>Demohnerachtet hatten sich die ***schen Truppen, deren Chef Graf
-Wallersee war, bei jeder Gelegenheit durch Ordnung, Ambition und Muth
-ausgezeichnet. Es ereigneten sich mehrere Fälle, in denen Alexis
-bewies, daß der Kommandostab in den Händen eines vollkommnen Genies
-und sein Fürst mit Fug und Recht stolz war, ihm solchen überreicht zu
-haben.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Arnulph hielt jetzt die Alliance mit diesem Fürsten ungleich
-wichtiger, da die Dauer des so bald erfolgten Friedens eine eben so
-baldige Endschaft befürchten ließ; um so willkommner war ihm die
-schon vorhin erwähnte Verbindung beider Häuser durch die<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> Vermählung
-des jüngern Prinzen von *** mit einer Nichte des Königs. Die wegen
-des Krieges abgebrochnen Unterhandlungen wurden wieder angeknüpft.
-General-Lieutenant Wallersee übernahm den ehrenvollen Auftrag, als
-fürstlicher Freiwerber sich Arnulphen vorzustellen, und dieser empfing
-ihn mit einer Auszeichnung, welche von einem Arnulph, dessen Art zu
-schmeicheln zwiefach berauschend war &mdash; unserm Alexis die vollkommenste
-Genugthuung für ehemalige Mißverständnisse gab. &mdash; Nicht allein
-die Vermählung wurde unter sehr vortheilhaften Bedingungen für das
-fürstliche Haus angenommen, sondern Verbindungen für alle künftige
-Fälle zwischen beiden Regenten geschlossen, welche dem Stolz des Einen,
-und den reellen Vortheilen des Andern sehr wesentlich entsprachen.</p>
-
-<p>Mit Ehrenbezeugungen, mit königlichen Freundschaftsversicherungen
-überhäuft, mit dem Orden des Königlichen Adlers geziert, kehrte Alexis
-von seiner Gesandschaft zurück. Fast hielt sich der Fürst außer Stande,
-ihn<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> &mdash; der nur durch Nahrung seines unbegränzten Ehrgefühls belohnt
-werden konnte, seine Dankbarkeit zu bezeugen. Das Gouvernement über
-sämmtliche fürstliche Staaten war ihm ohnedem gewiß, und Serenissimus
-gewannen selbst dabei, wenn er es jetzt anzutreten sich nicht weigerte.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">G</span>räfin Wallersee war schon seit dem letztern Feldzug ihres Gemahls in
-die Residenz geflüchtet. Die Fürstin liebte die fromme sanfte Ludmilla,
-sie wollte ihr die Abwesenheit des theuern Gatten weniger fühlbar
-machen, und durch die Zerstreuung in der Gesellschaft ihrer erhabnen
-Freundin die trauernde Halb-Wittwe aufheitern. Auf dem Flügel der
-Burg, wo die Zimmer der Fürstin waren, wurden auch Ludmilla’s Zimmer
-eingerichtet, die sie beziehen mußte, so gern sie auch der Sehnsucht
-nach ihrem Alexis, der Sorge für sein Leben &mdash; während er den Gefahren
-des Krieges aus<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>gesetzt war, sich still und einsam überlassen hätte.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die einjährige Adelaide wurde zur Gespielin und Jugendfreundin der
-Prinzessin Mathilde &mdash; welche nur um 8 Monathe früher das Licht der
-Welt erblickte &mdash; bestimmt. Selbst als Alexis wieder zurückkam, mußte
-er sich bequemen im fürstlichen Schlosse zu garnisoniren, wollte er bei
-seiner Gattin wohnen, denn man lieferte ihm Ludmilla nicht aus.</p>
-
-<p>Diesem war die Gelegenheit zur Ermunterung für die sonst so
-Schwermüthige, der wirklich innige Freundschaftsbund zwischen ihr
-und der Fürstin keinesweges unangenehm; die stille Häuslichkeit, die
-duldende Sanftmuth, die alles überwiegende Zärtlichkeit für ihn, nebst
-dem Vertrauen auf seine eben so ungetheilte Liebe, waren seinem zarten
-Bewußtsein nicht selten der bitterste Vorwurf. Sie hatte sonst für
-keine andre Wünsche, keine andere Sorge Raum, als für ihn und ihre
-Kinder; keinen andern Gegenstand ihrer Liebe und Vertrau<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>lichkeit als
-ihrem Gemahl. Jetzt erforderte das Hofleben, der stete Umgang mit der
-fürstlichen Familie, ungeachtet die möglichste Zwanglosigkeit hier
-schon längst der steifen Etiquette den Rang abgewonnen, weil Fürst und
-Fürstin Geist und Herz genug besaßen, um sich vom erstern mehr Genuß
-zu versprechen, als vom Schaugericht der Letztern &mdash; doch mehrere
-Aufmerksamkeit außer sich und ihren eigenthümlichen Verhältnissen.
-Ludmilla sah, daß sie ihrem Gemahl in ihrer jetzigen Sphäre gefiel;
-er sagte ihr so viel Erfreuliches über ihr artiges Benehmen; den
-feinen Ton, in den sie sich so bald und mit so viel natürlicher Grazie
-gefunden hätte, daß Ludmilla, für welche diese Liebhaber-Sprache ihres
-angebeteten Alexis einen ganz neuen Zauber hatte, sich in dieser Rolle
-glücklich schätzte. In den Armen ihres Gemahls, an der Hand ihrer
-fürstlichen Freundin vergaß sie bald gänzlich die Reitze eines stillen
-anspruchlosen Lebens im einförmigen Kreise der Häuslichkeit. Oeftere
-Berufsreisen des Gouver<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>neurs lehrten sie, nach und nach ruhig und ohne
-Unterbrechung ihres Vergnügens, seine Abwesenheit ertragen. Adelaide
-wurde mit Prinzeß Mathilde erzogen; beide liebten sich in kindlicher
-Unschuld wie Geschwister, und Baronin Treval &mdash; ihre Gouvernante &mdash; wie
-ihre Mutter.</p>
-
-<p>Theodor, Alexis ältester Sohn, sollte gleiche Rechte an der Seite des
-Erbprinzen genießen; aber hier fand nicht die Harmonie der Herzen so
-statt, wie bei Mathilden und Adelaiden. &mdash; Und diesmal lag die Schuld
-nicht an dem Fürstensohn, oder an dessen Hofmeister, der etwa den
-Erbprinzen auf Kosten seines Gespielen unbilligerweise secundirte.
-Prinz Louis besaß Herzensgüte und Ausdauer der Freundschaft; Stolz,
-Hartnäckigkeit, Eigendünkel konnten, wenn der Fehler auch in seiner
-Seele gelegen hätte, zu keinem Aufkommen gelangen, da sie der brave
-Mann, dem glücklicher Weise seine Erziehung anvertraut war, sogleich in
-der Geburt erstickte.</p>
-
-<p>Theodor, so sehr ihm der Prinz mit<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Liebe und Geselligkeit überall
-entgegen kam, blieb widerspänstig, kalt und ohne Theilnahme an den
-Vergnügungen des Knabenalters, die er mit Prinz Louis gemeinschaftlich
-genießen sollte. Hingegen war er ausgelassen fröhlich, wann er seinen
-Muthwillen in Gesellschaft der Söhne des Küchenmeisters, ein Paar rohe
-zügellose Knaben, auslassen konnte, und nicht selten mußten sich diese
-mit ihm vereinigen, dem Prinzen eine Lieblingshecke im fürstlichen Park
-zu verwüsten, oder ein Windspiel, das Louis sehr liebte, zu verstecken,
-wohl gar zu mißhandeln. Zu stolz, durch läugnen der verdienten Ahndung
-entgehen zu wollen, gab er sich bei der Untersuchung eines solchen
-Excesses jedesmal freimüthig oder vielmehr trotzig als den Urheber
-desselben an, und beschützte seine Gehülfen, so viel es in seinen
-Kräften stand; diese hingegen mußten seine Protektion mit unbedingtem
-Gehorsam, mit der geschmeidigsten Bereitwilligkeit sich auch den
-tollsten seiner Launen zu unterwerfen, theuer genung erkaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<p>Liebe und Anhänglichkeit an irgend ein anderes menschliches Wesen war
-seinem Herzen fremd, außer an Adelaiden. Die kindlichen zärtlichen
-Gefühle gegen seinen Vater, wurden durch Furcht und bittere
-Zurückhaltung verdrängt, weil er von dessen strengen Befehlen abhing;
-die gütigere leutselige Mutter schätzte er gering, weil sie dem
-eigenwilligen Söhnchen überall nachgab; überdem hatte er einmal eine
-spöttische Anmerkung über Weiberthränen von einem jungen Witzling
-gehört, und seine Mutter hatte die erstern Jahre seiner Kindheit viel
-geweint &mdash; war noch jetzt sehr leicht zu Thränen gestimmt; er nannte
-das armselige weibliche Schwäche und verachtete das Geschlecht, mit ihm
-&mdash; seine Mutter. Nur an seiner Schwester nahm er besonderes Interesse.</p>
-
-<p>„Ist das wieder ein Bruder Herrmann, werden ihn die schwarzen Männer
-auch forttragen?“ &mdash; frug der fünfjährige Knabe, als man ihm schön
-gewickelt auf Batistnen mit Spitzen garnirten Kissen das neugebohrne
-Kind auf den Schooß legte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span></p>
-
-<p>„Brüderchen Herrmann ist zu Gott gegangen; er schickt dir das
-Schwesterchen &mdash; das sollst du recht lieb haben, und es einst
-beschützen, wie es einem edlen Ritter zukommt; weißt du noch &mdash; wie
-Väterchen dir unlängst vom Ritter Theobald von Wallersee und seiner
-Schwester Rosamunde erzählte, daß er sie von einem Korsaren Schiff
-welches nach Konstantinopel laufen sollte, befreite?“</p>
-
-<p>„Weiß schon; und Rosamunde küßte ihrem Bruder Mund und Hände, und sagte
-&mdash; er wäre ihr Schutzengel.“</p>
-
-<p>„Richtig, mein Kind! &mdash; Nicht wahr, so wirst du dein Schwesterchen auch
-lieben und ihr Beschützer seyn, wann es nöthig ist; dafür wird sie dich
-ebenfalls so verehren, wie Rosamunde ihren Bruder.“</p>
-
-<p>Dieser unwillkührlich geworfne Funke entzündete den Stolz in des
-Knaben Brust; er betrachtete sich als den Protektor der kleinen
-Adelaide, und fand sich geschmeichelt, indem er zugleich seinen
-Schützling liebgewann. Nur selten konnte man ihn einige<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> Stunden
-hindurch von ihrer Wiege entfernen; besorgt eilte er nach einer so
-langen Abwesenheit wieder zu ihr, schmählte mit der Wärterin, wenn sie
-weinte, verlangte von seiner Mutter eine aufmerksamere Pflegerin für
-seine Adelaide, und brach sich halbe Nächte die Ruhe ab, um bei ihr zu
-wachen, wenn wimmernder Klageton irgend ein körperliches Leiden der
-Kleinen verrieth. Was das kindliche Herz nur Süßes und Schmeichelhaftes
-äußern konnte, wandte dann der kleine Löwe Theodor liebkosend an,
-seinen Augapfel zu beschwichtigen, ihren Unmuth wegzutändeln. Seine
-Liebkosungen waren auch selten fruchtlos; ihre Händchen um seinen
-Hals geschmiegt, ihr Köpfchen unter der Fülle seiner blonden Locken
-versteckt, vergaß sie Schmerzen und Weinen, und lächelte ihn mit Engels
-Unschuld und Liebe an. Nur von seiner Hand nahm sie Arzenei, die er
-jedoch vorher kostete, ob sie auch nicht allzu übel schmeckend sey; nur
-von ihm geleitet, lernte sie gehen; nur seine Stimme konnte sie aus dem
-festesten Schlum<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>mer erwecken, so leise sie auch immer ertönen mochte.
-So wurde das Band der Geschwisterliebe ein unauflöslicher Zauber, dem
-selbst der Trotz und unbiegsame Eigenwille des kleinen Timon nicht
-widerstehen konnte, denn nie sah man in Theodors Gesicht den Ausdruck
-wohlwollenden Gefühls, zärtlicher Freundlichkeit, als wenn er mit
-Adelaiden beschäftigt war.</p>
-
-<p>Doch schon mit dem dritten Jahre ward sie Mathildens Gesellschafterin,
-und ihm sollte der Erbprinz der geliebten Schwester Entfernung
-erträglicher machen. Zwar sahen sie sich so oft als es ihre Lehrstunden
-und Beschäftigungen erlaubten; aber dann war dem eifersüchtigen Bruder
-die schmeichelnde Mathilde im Wege, welche sich eben so liebevoll und
-freundlich an Adelaiden schloß und von dieser eben so aufgenommen
-wurde. Späterhin wuchs sein Mißvergnügen durch die Dazukunft des Prinz
-Louis bis zum Haß gegen diesen, da auch er Adelaide Schwesterchen
-nannte und ihr seine unschuldigen Galanterieen widmete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>Jetzt ward Theodor verschlossen, trotzig und unbiegsam, selbst auf
-seine Schwester zürnte er, wenn sie Arm in Arm mit Mathilden freundlich
-dem Erbprinzen entgegen hüpfte, einen Blumenstrauß oder sonst ein
-kleines Geschenk aus seiner Hand empfing und mit einem Kuß belohnte; er
-entzog sich bitter ihrer Umarmung, und nur die Worte: mein einziger,
-mein geliebter Bruder! konnten ihn wieder dahin besänftigen, daß er sie
-küßte und sie seine gute Schwester nannte.</p>
-
-<p>„Welch ein fremder Geist schleicht sich mit diesem unglücklichen Knaben
-in unsere Familie!“ &mdash; sagte Ludmilla zu ihrem Gemahl, als dieser
-äußerst aufgebracht über seinen Sohn, ihn in militärische Zucht zu
-geben beschloß.</p>
-
-<p>„Der Geist ungebändigten Starrsinns, den der Oberst von der Ecole
-militäre in B... Zaum und Gebiß anzulegen nicht ermangeln wird; ich
-kenne ihn als einen strengen pünktlichen, Gehorsam verlangenden Mann.
-Unter seiner Zucht muß sich<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> der Bube ändern und des Vorzugs werth
-machen, den ihm Arnulph bereits mit dem Officiers-Patent erwiesen &mdash;
-oder ich selbst schieße ihn mit eigner Hand vor den Kopf, bevor er
-meinen Namen und den pr.schen Degen entehrt.“</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">U</span>nverkennbar wurde der Ausdruck des Kummers übel verborgner Sehnsucht
-in Alexis Mienen. Die Aerzte nannten es Hypochondrie; seine Gesundheit
-wankte &mdash; das Resultat war Veränderung der Luft. &mdash; Das Concilium
-physischer, psychologischer und philosophischer Bemerkungen, des
-fürstlichen Leib-Aeskulaps entschieden bald für die italischen Bäder,
-als die heilsamsten für Sr. Excellenz.</p>
-
-</div>
-
-<p>Einige Jahre früher, und Ludmilla würde eine abermalige so lange
-Trennung, zumal bei der Kränklichkeit ihres Gatten, zu ertragen für
-unmöglich gehalten, und sich lieber den Beschwerlichkeiten einer so
-weiten Reise &mdash; besonders in Länder, gegen die sie<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> einen unerklärbaren
-Widerwillen hegte &mdash; unterworfen haben, um den geliebten Alexis
-begleiten zu dürfen, ihr einziger Wunsch, die einzige Bedingung gewesen
-seyn, wenn sie nicht für Kummer sterben sollte. Jetzt bedurfte es
-der Ueberredungskünste weniger, sie von dieser Idee zurückzuführen.
-Gewohnheit, ihrem Eheherrn nur bis an den Reisewagen das Geleite geben
-zu dürfen, alles von dieser Reise für seine Gesundheit hoffend, der
-Trost, den ihr während seiner Abwesenheit die Mutterfreuden, welche
-ihr die zarte Knospe Adelaide &mdash; und die Freundschaft ihrer Fürstin
-gewährte, machten die Thränen des Abschieds sanfter fließen, und
-feierlicher, kräftiger die Bitte: die selige Stunde der Rückkehr nicht
-ohne Noth zu weit hinaus zu setzen!</p>
-
-<p>Der von mancherlei sich widersprechenden, wiewohl sämmtlich aus dem
-Quell der Liebe entspringenden Gefühle bestürmte Graf versprach alles,
-was sein zärtliches Weib von ihm erflehete; das Bittere des Abschieds
-von Ludmillen, das Bewußtseyn, sie um<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> die Hälfte seines Herzens
-betrogen zu haben &mdash; die letzte Umarmung seiner holden Adelaide,
-alles dies stimmte ihn zur Wehmuth, und beinah zum Entschluß &mdash; die
-Reiseequipage wieder abspannen zu lassen, und daheim zu bleiben. Andern
-Theils hingegen zog ihn Hoffnung der süßen Freuden des Wiedersehns,
-und die Nothwendigkeit, so ihn laut erhaltener Briefe über den Faro de
-Messina rief, unwiderstehlich in die Berline, vor der sechs Postpferde
-nur seines Einsteigens harreten, um dem Signal der Hörner Gehorsam
-zu leisten, auf welchem zwei Postillions, schon seit einer Stunde in
-disharmonischen abwechselnden Duos und Solos, excellirt hatten. &mdash;
-Noch eine Umarmung seiner guten Ludmilla &mdash; noch einmal drückte er
-sein Engelskind an das väterliche Herz, berauschte sich noch einmal
-in den lieblichen Zügen der kleinen Psyche &mdash; und &mdash; dahin rollte er;
-Staubwolken zeigten in wenig Augenblicken nur die Spur des Weges, auf
-dem er davon flog, um Heiterkeit und Gesundheit sich zu holen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>„Sieh ich hielt Wort, für diesen Moment des Wiedersehns mich zu
-erhalten, habe ich die lebensgierigste Sorgfalt angewendet. Und nun
-laß mich sterben. Mann meiner innigen heißen Liebe, die mich noch über
-das Grab hinaus begleiten wird,“ sagte Giuliane und sank erschöpft in
-Alexis Arme.</p>
-
-<p>„Gott im Himmel!“ &mdash; rief der Graf erschüttert &mdash; „was ist aus dir
-geworden, seit den sechs Jahren, daß ich dich nicht sah? &mdash; die
-herrlichste Blume dieses Edens“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ist in der langen schwülen Nacht sechsjähriger Trennung von dir
-verschmachtet, verblüht &mdash; und zerfällt in Staub,“ unterbrach ihn
-schwach die sterbende Wittwe Kamillos.</p>
-
-<p>Nie vermochte noch die Verzweiflung sich des sonst standhaften Alexis
-zu bemächtigen, aber dieser Augenblick war ihr Triumph. Er wüthete
-gegen sich, das Schicksal und die Gerechtigkeit des Himmels. Er machte
-es Giulianen zum Vorwurf, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> sie ihn so geliebt, und dadurch ein
-Opfer des Todes geworden; Ludmilla klagte er an, daß er diese Liebe
-nicht belohnen, Giuliane für Glück und Leben erhalten können! &mdash; „O
-nur zu wahr sprach dieser Paluzzo &mdash; rief er aus &mdash; deutsche Weiber
-lieben, leiden und leben in heroischer Ruhe, während einer Giuliane
-unglückliche Liebe ein frühes Grab höhlt!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und die strafende Nemesis ihr das Leichentuch webt. Alexis! du
-warst Gatte eines andern edlen Weibes und Vater, als ich mich zu dem
-verbotnen Genuß deiner Liebe hinreißen ließ. Gönne mir die Endschaft
-meiner Leiden; für dieses Leben war mein nagendes Gewissen mein
-feindseligster Verfolger; der Tod möge mich von allen menschlichen
-Fehlern und Schwächen reinigen. &mdash; Verlaß Seraphinen, das Kind unsrer
-strafbaren Liebe nicht; beschütze Zynthio! &mdash; Sey treuer liebender
-Gatte deiner tugendhaften Ludmilla, und du entsündigst mich und dich.
-&mdash; Gott ist gerecht &mdash; aber auch barmherzig! er will den Tod des<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-Sünders nicht. &mdash; Er nehme dich und die Deinen &mdash; in seinen heiligen
-Schutz &mdash; und meine Seele &mdash; zu Gnaden &mdash; auf! &mdash; Jesus, Maria &mdash;
-erbarmet &mdash; euch meiner!!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mit krampfhaft geschloßner Hand hielt Alexis der Verblichnen kalte
-Rechte. „Weg von dieser Heiligen, wagt sie nicht anzurühren!“ rief er
-fast sinnenlos den weinenden Freundinnen zu, welche jetzt den Leichnam
-für das Grab schmücken wollten.</p>
-
-<p>„Ehren Sie die Wünsche der Verklärten, Herr Graf! &mdash; in den Händen
-meines Mannes, finden Sie das schriftliche Verzeichniß ihrer Aufträge“
-&mdash; sagte eine der Leidtragenden, und bemühte sich, ihn sanft von der
-Entseelten zu entfernen. Wild blickte er sie an. &mdash; „Kennen Sie mich
-nicht mehr? fuhr sie fort &mdash; die Vertraute Ihrer Giuliane, Aloyse
-Prospero &mdash; jetzt die Mutter ihrer Seraphine?“</p>
-
-<p>Milder wurden Alexis Züge &mdash; „So wissen Sie, was ich verlohr, wem
-dieses Opfer fiel.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span></p>
-
-<p>„Würdigen Sie es durch Fassung, wie sie dem Mann gebührt, von dessen
-Seelengröße die Geopferte die Feier ihres Andenkens in schöner
-Pflichterfüllung erwartete, aber nicht Muthlosigkeit, nicht Empörung
-gegen die, unsere theure Leidende zur Ruhe einführende Hand Gottes!“</p>
-
-<p>„Ihr werde die mich fliehende Ruhe!“</p>
-
-<p>„Prospero wünscht Ihnen die anvertrauten Papiere zu überliefern.
-Giulianens Geist umschwebe Sie bei Lesung dieser Blätter, und senke
-wohlthätigen Trost in Ihre Brust!“</p>
-
-<p>Ich ringe mit dem dahinfliehenden Leben, ich geize mit jedem Zug
-meines von Minute zu Minute schwächer werdenden Athems, um den letzten
-in deinen Armen auszuhauchen &mdash; schrieb Giuliane. &mdash; Eile, denn ich
-fürchte, der ungleiche Kampf mit dem Todesengel beschleunigt seinen
-Sieg. &mdash; Sollte aber auch deine Ankunft noch früh genug erfolgen, um an
-den Pulsschlägen meines brechenden Herzen dich selbst zu überzeugen,
-daß bald der Sand des<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Stundenglases verronnen und mein Ziel da sey,
-so werde ich zwar meine sterbende Blicke auf dich heften, die schwache
-Hand den Druck der deinigen empfinden, das Uebermaaß meiner Gefühle dir
-mit leisen Seufzern zuflüstern können; doch was ich, außer den mich
-überwältigenden Eindruck des Wiedersehns, und des nur zu bald darauf
-folgenden Scheidens, dir noch mitzutheilen habe, mögen diese Blätter
-enthalten. Kraft und unbefangne <em class="gesperrt">Ruhe</em> gebricht mir nur allzugewiß
-in der feierlichen Stunde, die mich in deine Arme und dann in’s Grab
-sinken läßt. &mdash; Mein Lebewohl empfängst du noch &mdash; eine süße Ahndung
-sagt es mir &mdash; von der blassen Lippe, wenn auch die Bitte, dich meiner
-dir schriftlich eröffneten Wünsche anzunehmen, unter dem Abschiedskuß
-erstirbt. &mdash; Ich kenne dich, und rechne auf Gewährung derselben:&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nie ahnde deine Gattin, daß eine Unglückliche an ihren Ansprüchen auf
-deine ungetheilte Liebe, deiner Treue zur Verrätherin ward, und nur mit
-dem Tode ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Schuld zu büßen vermochte. Verbittre nicht durch selbst
-geschaffne Qualen zweckloser Reue, der Trauer über mein Verhängniß die
-Tage deines Lebens; du verletzest mit dem daraus erzeugten Unmuth den
-Frieden der unschuldigen Ludmilla, und vergrößerst dein Unrecht gegen
-sie.</p>
-
-<p>Seraphine deiner Vorsorge empfehlen, dürfte unverzeihlicher Zweifel an
-deinem Herzen seyn! doch beschwöre ich dich bei der Zartheit deiner
-Gefühle; dies geliebte Kind nie, so lange deine Gattin lebt, nach
-Deutschland zu führen! der unschuldige Vorwurf einer strafbaren Stunde
-soll nie der reinen Tugend deiner Gemahlin eine Regung des Hasses
-entlocken. &mdash; Seraphine trägt deine Züge &mdash; ein forschender Blick
-Ludmillens &mdash; dein Bewußtseyn! &mdash; Nein, Alexis, Seraphine darf nie mit
-der Gräfin Wallersee eine Luft einathmen. Aloyse Prospero sey ihre
-Mutter; sie bilde und leite die Jungfrau entweder einst in die Arme
-eines redlichen geliebten Mannes, oder &mdash; zeigt sich der Wille des
-Himmels in ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> Neigung, sich dem Dienst der unbefleckten Jungfrau in
-den stillen Mauern des Klosters zu widmen &mdash; als Braut der Kirche zum
-Altar. &mdash; Beides geschehe mit deiner Genehmigung und deinem väterlichen
-Segen.</p>
-
-<p>Mit mehrerer Besorgniß weilt mein Blick auf dem Knaben Zynthio! &mdash;
-Vater meiner Seraphine! mögte deine liebevolle Sorgfalt sich auch
-auf ihren Bruder erstrecken! &mdash; Werde sein Retter, wie du es einst
-seiner Mutter wurdest. &mdash; Der feurige schwärmerische Knabe kämpft
-gegen die ihm aufgedrungene Bestimmung. Sein Oheim, Abt des St.
-Benediktiner-Klosters behauptet die Rechte eines Vormunds; mit heiligem
-Eifer verlobte er den Unmündigen seinem Orden, und heischt für die
-Zukunft dasselbe Gelübde von dem Unglücklichen, dessen fruchtbarer
-Phantasie jetzt schon die Gefilde des Seminars &mdash; in dem er zu seiner
-Bestimmung vorbereitet werden soll &mdash; zu enge
-sind&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich will ihm Luft und Raum ver<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>schaffen, so heilig mir dein Andenken,
-dein Wille ist, du unaussprechlich Geliebte!“ &mdash; rief Alexis mit
-verjüngter Kraft seiner Entschlossenheit und Liebe; denn hier galt es,
-für Giulianens Wünsche mit einem wahrscheinlich hartnäckigen Gegner zu
-ringen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">P</span>rospero eilte mit lebhafter Gestikulation seinem Hause zu, sein
-Mienenspiel, die unartikulirten Töne verkündeten fröhliche Nachricht.
-„Victoria! kreischte er dem Grafen durch die halbgeöffnete Zimmerthür
-entgegen &mdash; Excellenz haben gewonnen Spiel. &mdash; Aber wie die Karten
-gestern lagen, hätten Sie es verloren.“</p>
-
-</div>
-
-<p>„Und das Trentleva auf dem Valet Camillo sollte der hochwürdige Herr
-nicht haben ziehen wollen?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Alles mit Manier, Herr Graf! Dreihundert Dukaten sind ein artiges
-Morgenbrod für eine Person; damit läßt sich aber nicht die sämmtliche
-Klerisey regaliren und beschwichtigen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p>„Ich habe es mit dem Abt zu thun, was geht mich der Hunger seiner
-übrigen Betgenossen an?“</p>
-
-<p>„Excellenz nichts. Aber den hochwürdigen Vater desto mehr.“</p>
-
-<p>„Wohlan, ich lege die Hälfte zu, das Weitere sey seine Sorge.“</p>
-
-<p>„Pianissimo! die 150 Dukaten würden da kapo in seinen Seckel fallen,
-denn von geprägtem Gold trennen wir uns zu ungern. Und doch will die
-Liebe zur heiligen Kirche sich gleichfalls darthun &mdash; mit dem Schein
-frommen Eifers läßt sich &mdash; muß sich die übrige heilige Brüderschaft
-abspeisen lassen. &mdash; Ein massiv silberner Antonius von Padua,
-anderthalb Fuß hoch &mdash; mein Nepote, ein berühmter Goldarbeiter hat ihn
-eben als bestellte Arbeit nach St. Philippo fertig &mdash; die Bestellung
-kann bald ersetzt werden, und ein Fäßchen Lakrima Christi in des Abts
-Keller, die 300 Dukaten in seine Chatulle, und Zynthio Camillo ist
-unser.“</p>
-
-<p>„Meinen heißesten Dank dem heiligen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> Friedenstifter Antonius! &mdash; denn
-wahrlich, ich hätte alles aufgeboten mich des theuren Vermächtnisses
-Giulianens zu versichern. Der Knabe ist das Ebenbild seiner Mutter, er
-sey Erbe ihrer Ansprüche auf die ewige Dauer meiner Liebe“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und heile die Wunde, welche der Tod des holden Weibes Ihnen schlug;
-nahm Signora Prospero das Wort &mdash; o möchte er auch diesem lieblichen
-Geschöpf das Herz des zärtlichen Vaters erhalten!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Alexis hob Seraphinen auf seinen Arm. „Daß ich dich an diesem Herzen
-nicht mit dem dir verschwisterten Engel Adelaide verketten darf.
-Fürchten Sie nichts, Signora! die Aehnlichkeit meiner beiden Lieblinge
-sorgt dafür, daß die Gegenwart der Einen die Sehnsucht nach der
-Abwesenden wie ihr Andenken sich stets gleich neu und lebendig bleibt.“</p>
-
-<p>Den Abend vor seiner Abreise war der Trauernde noch einmal zu
-Giulianens Grab geschlichen. Zynthio kam an der Hand des um ihn schon
-bekümmert gewesenen Pros<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>pero, und weckte ihn aus einer dreistündigen
-Träumerei.</p>
-
-<p>„Heiliger Franzesko!“ sagte dieser &mdash; „hier ist wohl eine Schlafstätte
-für die Todten, aber nicht für die Lebenden.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich habe auch nicht geschlafen, mein Freund! aber geruhet, süß geruhet
-und geträumt, wie nur Selige träumen können. Der Himmel schien mir
-aufgethan &mdash; Giuliane in den Glanz einer Verklärten! &mdash; wahrlich,
-Prospero! &mdash; säße ich auf dem Stuhl Petri’s, morgen spräche ich sie
-heilig, ohne jede weitere Formalität; und sie wäre es mit mehrerer
-Dignität als eure Maria Magdalena, Luzia, Agatha und so weiter.“</p>
-
-<p>Der römisch-gläubige Christ schlug ein dreifaches Kreuz, und blickte
-ängstlich um sich, ob etwa noch ein andrer Ohrenzeuge an der frevelnden
-Raserey eines Ketzers ein Aergerniß genommen.</p>
-
-<p>„Die &mdash; die Nachtluft &mdash; Signor!!!“ stammelte er mit sichtbarem
-Entsetzen &mdash; „die übermäßige Betrübniß &mdash; hat Ihr Be<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>wußtseyn, Ihre
-gesunden Sinne umnebelt. &mdash; Heilige Mutter Gottes! &mdash; glaube mir
-Zynthio &mdash; Excellenz wußten jetzt selbst nicht was sie redeten.“</p>
-
-<p>„Und darum ist mir auch die Sünde nicht zuzurechnen; unterbrach ihn
-lächelnd Alexis. &mdash; Wirklich, ich war in einem Taumel, den ich Ihnen
-freilich nicht anders verständlich machen konnte.“</p>
-
-<p>Signora Prospero begleitete ihn mit preßhafter Gemüthsbewegung in sein
-Zimmer. „Was sollen die Kostbarkeiten, die wahrscheinlich Seraphinen
-bestimmt sind &mdash; in meiner Verwahrung?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nach ihrem Ableben erst, Madame! &mdash; Bis dahin würdigen Sie das
-Geschmeide, sich dessen zu bedienen, es wird ihrer Pflegetochter einst
-ein desto heiligeres Kleinod seyn.“</p>
-
-<p>„Nicht also, Herr Graf! &mdash; und verzeihen Sie, auch nichts weniger als
-rathsam. Nur glanzlose Bescheidenheit kann unser Geheimniß decken.
-Seraphine ist“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Graf Wallersee’s Tochter &mdash; nahm imponirend der General das Wort, &mdash;
-diese<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> Diamanten sind wohl das wenigste was ihr gebühret.“</p>
-
-<p>„Soll, darf sie einst als Gräfin Wallersee ihre Rechte gültig machen?
-&mdash; Hier ließ sich des edlen Mannes Großmuth doch wohl über die
-Schranken nöthiger Vorsicht führen. Einem ruhigen bürgerlichen Leben
-gewidmet, ist Seraphine schon hinlänglich mit dem erkauften Grundstück
-und für sie niedergelegten Kapital ausgestattet. &mdash; Solche Attribute
-des Reichthums, wie diese Diamanten, erregen Aufsehen, reizen die
-Lästerzungen des Neides, die Aufmerksamkeit der Feinde unsrer guten
-Giuliane; die Bosheit achtet den Raum von hundert Meilen nicht, ihre
-Stimme könnte bis nach Deutschland dringen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich pflichte Ihrer Meinung bei; Seraphinens Glück selbst hängt von
-behutsamer Ausübung meiner väterlichen Pflicht ab. &mdash; Jedoch diese
-Ihnen anstößigen Steine, nehme ich schlechterdings nicht wieder zurück.
-&mdash; Gewinnen Sie die prunkende Kleinigkeit meinetwegen im Spiel von
-einem<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> portugiesischen Juden, oder lassen Sie sie die Erbschaft einer
-alten Base in Palermo seyn, deren Sie, wenn ich nicht irre, dort einige
-in Vorrath haben.“</p>
-
-<p>„Ich soll mich demnach bei der größten Ehrlichkeit der Künste des
-Schleichhandels bedienen?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Warum nicht, Signora? &mdash; giftigen Insekten wird man nie unverfälschten
-Honig auftischen. &mdash; Weg mit jener kleinen neidischen Brut;
-schmerzhafter ist es, edle Menschen täuschen zu müssen. &mdash; Morgen
-trete ich mit dem Wurm im Gewissen die Wallfarth zu dem Richterstuhl
-der Unschuld, des reinen Bewußtseyns an. Ludmilla harret der
-Wiederkunft des Genesenen, um durch Dankopfer für die Herstellung
-seiner Gesundheit, seiner Heiterkeit, das schönste Fest ihres Lebens zu
-feiern!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Heilige Jungfrau! ohne ein Wunder des Allmächtigen wird sich die Feier
-in Kummer verwandeln. &mdash; Wäre die Seele ruhiger, die toskanischen
-Quellen könnten dennoch wohl von Nutzen seyn“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p>„Ja, in der Seele sitzt eben das Uebel. Pisa wird mich nicht lange
-dulden, das Gewühl der üppigen Menschenklasse überhaupt nicht. &mdash; Doch
-an mir soll’s nicht liegen, wenn nicht mein Schmerz sich wenigstens
-bis zu dem Grade des Ueberdrusses am Leben abspannt &mdash; den die der
-arzneikundigen Herrn schwer zu hebende Hypochondrie nennen, und die
-Ursach davon geschwächten Verdauungs-Werkzeugen schuld geben. &mdash; Ich
-werde es machen wie die Schulknaben, welche &mdash; mit einem verklagenden
-Konduitenzettel vom Präzeptor fortgeschickt, durch verlängerte Wege und
-nur zögernd dem väterlichen Hause zu schleichen, in der Meinung, irgend
-ein Mittel zu finden, die fatale Anklage zu unterdrücken oder durch
-wohl ersonnene Entschuldigungen zu schwächen.“</p>
-
-<p>Ein schöner Herbst begünstigte diesen Vorsatz; Alexis durchstrich
-mit seinem in Freude und Erwartung glühenden Zynthio das südliche
-Frankreich, erheiterte sich durch die Fröhlichkeit, welche ihn jetzt
-fast überall<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> bei den Festen der Weinlese empfing; er fühlte sich gegen
-Ende Oktobers an Körper und Geist ermannt genug, nun ohne Saumseligkeit
-seinen Weg durch die Schweiz nach Deutschland zu nehmen, und daheim &mdash;
-im schlimmsten Fall doch der Vorige wieder zu seyn, der er war, als
-er es verließ. Erwachte Sehnsucht nach seiner Adelaide, welche wegen
-der Aehnlichkeit mit ihrer Halbschwester Seraphine ihm jetzt zwiefach
-theuer war, ließ ihn nicht allein das Ende seiner Reise, je länger sie
-dauerte, mit Ungeduld entgegen sehen, sondern seine meiste Unterhaltung
-mit dem kleinen Sicilianer hatte dessen künftige süße Gespielin zum
-Gegenstand.</p>
-
-<p>„Ah! Signor Comte! sagte dann dieser entzückt und für Verlangen
-zitternd &mdash; ich werde in ihr das Conterfay der heiligen Cäcilia
-verehren; die schöne Schutzpatronin des Stiftes, in welches mein Oheim
-mich öfters führte.“</p>
-
-<p>„Adelaide wird deine Schwester seyn; du sollst sie mit brüderlichem
-Vertrauen lieben.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p>„Meine Schwester? &mdash; ach nun habe ich eine Schwester! glücklicher
-Zynthio! &mdash; oft sahe ich bei meiner Mutter die schöne kleine Seraphine.
-Ich glaubte, es sey meine Schwester, aber Donna Giuliana sagte: Nein,
-es wäre ihrer Cousine und eines reichen fremden Mannes Tochter; es that
-mir leid, daß ich nicht ihr Bruder seyn sollte! &mdash; Nun ist’s eben so
-gut, mein ganzes Herz bringe und gebe ich nun der Schwester Adelaide.“</p>
-
-<p>„Sie hört gern Musik.“</p>
-
-<p>„Die Engel lieben auch Musik &mdash; Adelaide wird nicht hassen was diese
-lieben.“</p>
-
-<p>„Du wirst ihr nützlich seyn; du spielst die Guitarre schon recht
-artig, von dir kann sie den ersten Unterricht erhalten. Beide könnet
-ihr dann künftig euch in der Tonkunst in mancherlei Art wetteifernd
-vervollkommnen. &mdash; Du lernst ihr deine Muttersprache, sie dir die
-ihrige.“</p>
-
-<p>„Ich zeichne auch schon, und mache Verse, die singe ich dann zu meiner
-Guitarre.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span></p>
-
-<p>„Ei du wirst ja wohl ein zweiter Tasso oder Petrark werden?“</p>
-
-<p>„Das Letztere, Signor! &mdash; Und nun will ich ganz andere Gesänge dichten,
-zu Schwester Adelaidens Lobe!“ So erhielt des Knaben Lebhaftigkeit,
-das reine Feuer seines verlangenden Herzens, die immer mehr zunehmende
-Lebens- und Seelenstärke des Grafen; aber auch öfters versank jener in
-Tiefsinn. „Beginnt das Heimweh?“ &mdash; frug Alexis.</p>
-
-<p>„O nein! wohl aber die Furcht, oder vielmehr die Qualen der
-Ungewißheit, ob mich die süße Schwester Adelaide auch so lieben werde,
-wie ich sie? Auch könnte ein Unglück sie mir wieder entreißen.“</p>
-
-<p>„Schwärmerischer Knabe! noch kennst du sie nicht; weder Gewohnheit noch
-harmonischer Einklang fesselte dich an sie, und schon eifersüchtelst du
-mit dem Schicksale, daß dich entweder um ihre Schwesterliebe betrügen,
-oder euch wieder trennen könnte.“</p>
-
-<p>„Bin ich nur erst bei ihr, so kann dies nur der Tod! &mdash; Ich habe schon
-etliche<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> Mal die schöne Schwester im Traume gesehen; ich glaubte, es
-sey Seraphine, die Augen, der Mund, die Haare, das Grübchen im Kinn &mdash;
-genug es war ganz ihr Ebenbild; und da stand meine Mutter und sagte, es
-sey meine Schwester. Eine fremde Dame trat aber hinzu, nahm das Mädchen
-bei der Hand, blickte wehmüthig auf Donna Giuliana, und zu mir sagte
-sie sehr freundlich &mdash; es ist meine Tochter, so lange ich sie auf Erden
-besitze, darfst du sie Schwester nennen. &mdash; Und dies Traumbild verläßt
-mich nimmer.“</p>
-
-<p>„Sonderbar,“ lispelte betroffen der Graf. „Nun, es ist etwas an Deinem
-Traumgesicht. Adelaide hat wirklich Aehnlichkeit mit Seraphinen, ein
-Spiel der Natur; doch laß Dir dies nie in Gegenwart Adelaidens oder der
-Gräfin merken, man könnte glauben, Du zögest Seraphinen Deiner neuen
-Freundin vor, Du wünschtest Dich wieder nach Messina zu ihr &mdash; und dies
-würde ihnen weh thun.“</p>
-
-<p>„Weh? &mdash; ich Adelaiden und der Gräfin<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span> weh thun? &mdash; dafür bewahre mich
-St. Franzesko.“</p>
-
-<p>Die geschäftige Einbildungskraft Zynthio’s, welche treffend genug die
-Vergangenheit mit der Zukunft vereinigte, beunruhigte indessen doch den
-Grafen. Ein neuer Gegenstand, der sich dem Interesse seines Pfleglings
-anbot, war ihm daher sehr willkommen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">D</span>aß Sr. Excellenz morgen früh die Stadt Zürich ohne alle Gefährde
-wieder verlassen könnten, wo selbst ihn eine Beschädigung am Fuß, die
-ein kleines Wundfieber nach sich gezogen, einige Tage aufgehalten
-hatte &mdash; versicherte so eben der Wundarzt, und empfahl sich mit tiefen
-Bücklingen, und reichlich gefüllter Hand, als ein wohlhabend bürgerlich
-gekleideter Mann, der einen zwölfjährigen Burschen an der Hand hatte,
-unangemeldet ins Zimmer trat, und den weitern glückliche Reise
-wünschen, Danksver<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>sicherungen für genossene hohe Ehre und splendide
-Bezahlung der geringen Verdienste, des geschwätzigen Chirurgus ein Ende
-machte.</p>
-
-</div>
-
-<p>Alexis sah die neue Erscheinung befremdet an.</p>
-
-<p>„Herr Graf,“ begann der Mann &mdash; „ich bin ein ehrlicher Schweizer, ein
-Zeugfabrikant dieses Orts, und versteh den Henker von Komplimenten und
-dergleichen Wischiwaschi. Aber ich gehe voll Vertrauen und dreist zu
-Männern, sie seyen Bürgersleute, Grafen oder Fürsten, wenn ich glaube
-und erwarten darf, daß sie brav und menschenfreundlich sind.“</p>
-
-<p>„Nun, ich schmeichle mir allenfalls auf ein solches Vertrauen Anspruch
-machen zu dürfen.“</p>
-
-<p>„Das habe ich vernommen von ihren Leuten, von dem Chirurgus, der sie
-besucht, und schließe es aus der Liebe, die der kleine Welsche, an dem
-Sie, wie ich gehört, Barmherzigkeit üben, für seinen Wohlthäter hegt.
-Er hat den Wundarzt, so erzählt dieser,<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> mit Thränen angelegen, Sie
-bald Ihrer Schmerzen zu befreien.“</p>
-
-<p>„Der Knabe hat eine schöne weiche Seele! &mdash; aber kurz zur Sache;
-wodurch kann ich Ihnen mein Gutseyn beweisen? &mdash; Worinnen bedürften Sie
-die Hülfe eines Menschenfreundes?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich für mich in nichts, Herr Graf! &mdash; Aber dieser Bube hier, dem
-könnte es zu statten kommen. Ein ehrlicher Westphälinger, aus
-Düsseldorf gebürtig.“</p>
-
-<p>„Eine Waise?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wie man’s nimmt, wenigstens eine vaterlose Waise.“</p>
-
-<p>„Ich verstehe; so ein vom Herrn Papa nicht anerkanntes Kind der Liebe.“</p>
-
-<p>„Da sey Gott vor. Nein, er ist in rechtmäßiger Ehe erzeugt. Seine
-Mutter lebt noch, in Saus und Braus, in Freud und Herrlichkeit. Im
-Hause der Großeltern geht’s zu wie beim reichen Mann. Nur der Vater &mdash;
-dem es vor der Stirn juckte, und die Galle überkochte, als um seine
-Ehre Pfänderspiel getrieben wurde, starb hier in<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> Elend, und ich erbte
-seinen Sohn, diesen Buben hier.“</p>
-
-<p>„Aha! &mdash; Freilich es ist oft ein Unglück, so kitzlich zu seyn. Aber
-noch begreife ich nicht recht; soll ich den Knaben zu seiner Mutter, zu
-den Großeltern schaffen?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Bewahre Gott! das wäre gegen den Willen seines Vaters, der mich noch
-im Sterben bat, die Rückkehr des Kindes dahin zu verhüten. Nein, lieber
-soll er sein Brod unter fremden Leuten suchen.“</p>
-
-<p>„Wäre es aber nicht, bei dem Vermögen seiner Verwandten, ein Vortheil
-für ihn, wenn er“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Lassen wir das dahin gestellt seyn. &mdash; Oder hätten Sie Lust sich
-mit dem Burschen zu befassen, dann würde ich Ihnen vieles deutlicher
-machen.“</p>
-
-<p>„Er gefällt mir, und &mdash; Zynthio, möchtest du ihn wohl zum
-Reisegefährten? &mdash; wollen wir ihn zu Adelaiden mitnehmen?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Si, Signore!</span>“ rief dieser mit Freuden, indem er des Grafen
-Brust und Hände<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> mit Küssen überströmte. &mdash; „Bravo, Amico! du gehst
-mit uns nach Deutschland, wo wir einen Engel finden werden; Schwester
-Adelaiden“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Holla! einen Engel? &mdash; begann der alte Schweitzer &mdash; das klingt wohl
-tröstlich für meinen Georg; &mdash; aber wird dieser Engel auch ihm ein
-Schutz- und Gnadenschild seyn und bleiben wollen?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Es ist meine fünfjährige Tochter. Ein sanftes gutes Kind; übrigens
-gebe ich nicht in ihrem, sondern in meinem Namen das Wort. Wem ich
-meine Fürsorge einmal zusagte, dem entzog ich sie, unter keinen
-Umständen, wieder.“</p>
-
-<p>„Nun dann &mdash; mit Erlaubniß Herr Graf! &mdash; Georg bitte den jungen Herrn,
-daß er ein wenig mit dir ins Nebenzimmer geht, du kannst, wo’s nöthig
-ist, und er dich brauchbar findet, dich ihm fein dienstlich
-erweisen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Alexis winkte, und beide Knaben verließen das Zimmer.</p>
-
-<p>„Jetzt will ich von der Leber weg reden.<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> Der Bube soll seine Mutter
-nicht wiedersehen, der er schon als dreijähriges Kind entrissen wurde,
-um ihre Untugenden nicht kennen zu lernen. Ich will die Schuld nicht
-auf mir haben, daß sie ihm durch meine Erzählung bekannt wurden. &mdash;
-Sein Vater, Namens Anton Rellmann, war ein junger Mahler, der nichts
-besaß, als Geschicklichkeit, Fleiß und Liebe zu seiner Kunst und ein
-eisernes Kapital von Redlichkeit, Treue gegen Gott und Menschen; und
-&mdash; einen Kopf, Herr! &mdash; einen Kopf! &mdash; Länder hätte er damit regieren,
-Staatsverfassungen umstürzen und bessere dafür einführen können, trotz
-manchen &mdash; Nun, nun das gehört weiter nicht hierher, außer in so fern,
-als auch ein gescheuter Mann der Hinterlist eines ehrvergeßnen Weibes
-unterliegen kann. &mdash; Sie war die einzige Tochter des Inspektors von
-der Mahlerakademie, reich, und mag fein genug ausgesehen haben. &mdash; Den
-schmucken Gesell Rellmann heirathete sie aus sinnlichem Wohlgefallen,
-und die Eltern waren’s zufrieden, weil er<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> bei der Herrschaft in
-Manheim in gutem Ansehen stand. Ein anderthalb Jährchen mochte das
-Freudenleben der jungen Eheleute gedauert haben, während dessen ihm
-der Bube Georg geboren wurde &mdash; da merkte er bereits, daß Madam
-sich nach anderem Zeitvertreib umschaute; und &mdash; als er einst nach
-achtmonathlicher Abwesenheit, weil er in Manheim die kurfürstliche
-Familie abkonterfayen, auch mehrere Kirchengemälde auffrischen müssen
-&mdash; seine liebe Hausehre in guter Hoffnung fand, und zehn Wochen später
-die Familie um ein neu gebornes Töchterlein vermehrt sah &mdash; da wurde
-es ihm handgreiflich, daß er ein betrogener Ehemann sey. Durch ein
-verzetteltes Billet, welches ihm der kleine Georg brachte, entdeckte
-er den Verführer seines Weibes, verfolgte den vornehmen Schuft auf
-Schritten und Tritten, bis er ihn auf einem abgelegenen Spatziergang in
-einem nahen Hölzchen erwischte. Der tollkühne Rellmann drang ihm eine
-Pistole auf, die andere mit gespanntem Hahn, hielt<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> er dem zitternden
-Baron unter die Nase. &mdash; Schießen Sie, oder ich schieße. &mdash; Der Baron
-drückte los und fehlte; jetzt war die Reihe an dem Mahler, er schoß &mdash;
-und das freiherrliche Gehirn spritzte an einem Baum. &mdash; Rellmann, auf
-diesen Fall gefaßt, hatte schon im nächsten Dorfe seine Reiseanstalten
-getroffen; der kleine Georg wartete daselbst seiner, und in einem
-Einspänner erreichten sie schnell die erste Poststation. Er flüchtete
-zu uns, denn wir waren alte Bekannte, von seinen frühern Reisen durch
-die Schweitz nach Italien. Wenig brachte er mit, denn seine Ehrliebe
-erlaubte ihm nicht, sich auch nur mit dem geringsten des Eigenthums
-seiner Jesabell zu versehen. &mdash; So lange der Kummer seine Gesundheit
-nicht völlig untergraben hatte, half ihm reichliche Arbeit durch.
-Als komplette Auszehrung ihn auf’s Siechbette warf, da verließen
-ihn gute Menschen und Freunde nicht in der Noth. Er starb in meinem
-Hause; seinen Buben band er mir auf die Seele. &mdash; Was Christenpflicht
-mit<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> sich bringt, habe ich bisher an Georg gethan. Nach vollbrachten
-Schuljahren sollte er in Gottesnahmen ein Zeugmacher werden: ja,
-aber dazu fehlt Lust. Auf unserm Gymnasium hatte er gewöhnlich das
-beste Zeugniß, aber für unsere Handthierung ist er nicht einmal zum
-Garnaufspulen zu brauchen.“</p>
-
-<p>„Vielleicht steckt ein Gelehrter in ihm,“ meinte der Graf.</p>
-
-<p>„Hm! &mdash; sollte das mit seinem rastlosen Umhertreiben übereinstimmen?
-Zwar, was er aus den Büchern zu lernen hat, das fliegt ihm nur so in
-den Kopf, aber sind die Schulstunden vorbei, dann geht’s über Busch und
-Graben, auf’s Bogenschießen, andres Schießgewehr gebe ich ihm nicht in
-die Hände, so lüstern er auch immer nach den Stutz blickt, der über
-mein Bett hängt. &mdash; Ich denke es würde ein guter Forst- und Waidmann
-aus ihm werden, und läßt man so ein Wörtchen gegen ihn fliegen &mdash; huch!
-wie lebt und webt alles an ihm, wie blitzen seine Augen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p>„Da könnte ihm auf meinen Gütern geholfen werden. Ich habe einen
-tüchtigen Oberförster &mdash; und wenn Sie mir ihn also anvertrauen
-wollen“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich muß wohl, so ungern ich auch den Buben von mir lasse.“</p>
-
-<p>„Welche Nothwendigkeit heischt aber diese Trennung?“</p>
-
-<p>„Mein Hauskreutz, Herr Graf! Ein Uebel, das wohl mancher ehrliche Mann
-mit mir gemein hat. Mein erstes Weib starb ein Jahr nach Rellmanns
-Tode. Kleine Kinder, weitläuftige Haus- und Fabrikenwirthschaft
-nöthigten mich bald, zu einer zweiten Heirath zu schreiten. Die
-Stiefmutter meiner eignen Kinder, ist es zwiefach gegen den armen
-Georg. Darum danke ich Gott, wenn ich eine gute Freistatt für den
-kleinen Rellmann bei Ihnen finde, so ist ihm und mir für’s erste
-geholfen. Ausgestrichen wird er darum doch nicht in meinem Herzen, und
-so Gott meinen Handel und Wandel ferner zu segnen beschlossen, auch
-nicht aus meinem letzten Willen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span></p>
-
-<p>Alexis drückte dem Zeugfabrikanten recht brüderlich die Hand. „Braver
-Mann, Sie sollen Freude an Ihrem Werk der Menschenliebe erleben. Georgs
-zweiter Pflegevater wird &mdash; das verspreche ich Ihnen als ehrlicher Mann
-&mdash; eben so väterlich für ihn sorgen, als sein Vorgänger.“</p>
-
-<p>„Dann, Herr Graf! &mdash; dann wird unser aller Vater da oben einst zu uns
-sagen: ihr habt meinen Willen erkannt, und eure Pflichten als gute
-Menschen erfüllt.“</p>
-
-<p>Georgs Abschied von seinem Wohlthäter kostete ihm heiße Thränen, so
-sehr der Knabe auch über seine Bestimmung entzückt war.</p>
-
-<p>„Und hier hast du, nebst seinem Segen, das dir von deinem Vater
-hinterlassene Erbtheil. Hebe diese vierzehn Dukaten, so lange dich
-nicht die äußerste Noth drückt, als ein Heiligthum auf. Uebst du
-Redlichkeit, Treue und Dankbarkeit gegen deinen Versorger und Herrn,
-so wirst du deines Leibes Nahrung und Nothdurft von ihm erhalten.
-Uebrigens vergiß in keiner Gefahr, in keinem Unglück, wo du einst
-ver<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>lassen stehen mögtest, daß so lange ich lebe, du noch einen Vater
-in Zürich hast. Sterbe ich, so erhältst du Kunde von meinem Tode. Nur
-mir laß nie die Kunde werden, daß du ein schlechter Mensch geworden
-bist.“</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">W</span>ie sich im Blumenstrauß, der den Busen eines liebekranken Mädchens
-schmückt, der schwärmerisch duftende Jasmin sich um die, mit purpurnen
-Streifen durchbrochene Knospe des nachbarlichen Rosenzweiges
-umschlingt, so schmiegte sich Zynthio an Adelaiden; und Mathilde flehte
-so süß, auch sie &mdash; das duftende Veilchen in diesem Blüthengewinde &mdash;
-aufzunehmen, daß Zynthio den seligen Blick gefühlvoller Mittheilung
-auch auf ihr ruhen ließ, wann er das fromme Entzücken, die himmlischen
-Erscheinungen des in heiliger Schwärmerei aufgelößten Johannes, dessen
-überirrdische Gefühle in den Armen, an der Brust seines göttlichen
-Freundes sang. &mdash; Wann er sich aber dem Zauber<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> einer Aufopferung für
-Adelaiden überließ, seine Einbildungskraft den Engel, der ihn wachend
-und träumend umschwebte, in menschliche Hülle formte &mdash; o dann haftete
-sein schwarzes glühendes Auge nur auf der holden Schwester; sie war
-sein Genius; an sie richtete er seine seligsten Wünsche. Der Zweck
-seines Daseyns schien ihm, für sie zu leben; und so wie der fromme
-Klausner, die durch Büßung und mühvoller Wallfahrt errungene Reliquie
-mit Gefahr seines Lebens für profaner Berührung oder Entwendung
-bewahren würde &mdash; so spähete er jedes trübe Wölkchen zu verscheuchen,
-das Adelaidens kindliche Heiterkeit drohete, jedem physischen
-Mißbehagen ihres zarten Körpers vorbeugen oder durch die liebevollste
-Aufmerksamkeit lindern zu können.</p>
-
-</div>
-
-<p>Adelaidens unaussprechlich zart besaitete Seele mußte unumgänglich
-unter den Händen eines Jünglings, dessen Empfindungen und
-Imaginations-Fähigkeiten die überspanntesten waren, welche nur je
-unter italischem Himmel erzeugt wurden, eine<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> Stimmung erhalten, die
-&mdash; wiewohl um vieles sanfter &mdash; dennoch mit der Seinigen im schönsten
-Einklang harmonirte. Mathilde bestrebte sich aus Liebe zu ihrer
-Gespielin alles zu seyn, was diese war &mdash; und ohne die reichhaltige
-Quelle hoher Geistesgaben, den Keim der edelsten Seelengröße, der
-Empfänglichkeit für jede erhabene Tugend einer Adelaide zu besitzen,
-hatte sie doch reine Güte und edle Reizbarkeit genug, um die Strahlen
-der glänzenden Eigenschaften ihrer so sanft schimmernden Freundin
-aufzufangen, und deren Wiederschein zu seyn. So tönte denn dieses
-Kleeblatt drei unschuldsvoller Seelen bei der leisesten Berührung ihrer
-Genüsse &mdash; die an diesem kindlichen Engelsverein ihren wonnigsten Genuß
-zu haben schienen, gleich Aeolsharfen in das Gesäusel des lieblichen
-West’s.</p>
-
-<p>Die Gruppe selbst, in allen ihrem Leben und Wirkungen schien ein
-Gemälde in ätherischen Tinten zu seyn, und in einem Zauberspiegel,
-den Vorschmack einer himmlischen kaum mit Sinnen zu fassenden
-Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>kunft eines Jenseits zu geben. Alles was sich zum Hof und der
-schönen Welt in der Residenz zählen durfte, staunte diese kleinen
-Wundermenschen an. Es wurde Ton, sich der Nachahmung des idealischen
-Schwunges der Gedanken und Ausdrücke, des bewunderten Sicilianers,
-und der wirklich idealischen Liebenswürdigkeiten, seiner ihm durch
-Sympathie verschwisterten Gespielinnen zu befleißigen. Als diese Kopien
-gewöhnlich sehr schlecht ausfielen, ja nicht selten Karrikaturen
-bildeten, zu denen sich kein Verleger und kein Lobpreiser fand, so sah
-man wohl endlich ein, daß Originale dieser Art, wie sie nur selten
-aus der Hand des Schöpfers gehen &mdash; Pracht-Ausgaben sind, an die sich
-kein Nachdrucker auf seinem Löschpapier wagen darf, ohne auf sich
-selbst das bitterste Pasquil zu machen. &mdash; Man begnügte sich demnach
-sehr bald, diese rührende Schwärmerey, diese hinreißende süße Naivität
-zu bewundern, ohne fernere unglückliche Versuche der Nachahmung &mdash;
-hingegen der eingerißnen Wuth, singen,<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> Guitarre spielen, und den
-italienischen Dichtergeist auch auf sich herabzuziehen, desto mehrern
-Spielraum zu geben. Alles sang und wurde besungen, das Wie? &mdash; kam
-nicht in Anschlag, man that nach seinen Kräften. Die Instrumentenmacher
-kamen in Flor, denn die Guitarren-Bestellungen überhäuften sie mit
-Arbeit.</p>
-
-<p>So sehr es Graf Wallersee und seine Gemahlin schmeichelte, ihre
-liebliche Knospe Wunderhold schon als Kind Epoche machen, und sie
-von allen Hofleuten, ja von der ganzen Residenz bewundert zu sehen,
-und Zynthio, der zu dieser Celebrität nicht wenig beitrug, zu ihrem
-zweiten Liebling erhoben, und demselben ihren leiblichen Sohn Theodor
-nachsetzten &mdash; so hätte doch diese exaltirte Stimmung der kindlichen
-weichen Gefühle sowohl für Adelaiden, als auch selbst für Mathilden
-nachtheilige Folgen in der Zukunft haben, und ihre jetzt überspannten
-Seelenkräfte, im wirklichen Leben bis zur Unbrauchbarkeit für die
-wesentliche Tendenz edler Weltbürgerinnen erschlaffen<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> können; wenn
-nicht auch hier der Schutzgeist frommer liebenswürdiger Unschuld
-sie an der Hand einer so klugen als trefflichen Führerin diesen
-Gefahren ausweichen ließ. Baronin Treval, die Gouvernante der kleinen
-Prinzessin, welche von ihren Zöglinginnen wie eine Mutter geliebt und
-verehrt wurde, wußte diese bebende Erhöhung ihrer weichen Gefühle,
-diese glühende Mittheilung des Wohlwollens &mdash; das mit unverständlicher
-Sehnsucht in dem kleinen Kreise ihrer Imagination umherirrte, und
-sich von der erhitzten Phantasie ihres Sicilianers im unsichern Fluge
-mit fortreißen ließ &mdash; bald wieder in die Gränzen wahrer schöner
-Menschengefühle zu führen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„A</span>uf’s Gedeihen braver Schwiegersöhne!“ sagten listig schmunzelnd Sr.
-Durchlaucht, indem sie ihrem getreuen Joab, den Ratavia kredenzten,
-welcher nebst dem dazu gehörigen Morgenimbiß aus der Seitentasche der
-Jagdchaise gelangt worden.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span></p>
-
-<p>„Da sich rechtgläubige Waidmänner auf glückliche Beute nicht zutrinken
-dürfen &mdash; so ist dieser Nothbehelf lustig genung gewählt!“ &mdash;
-erwiederte Alexis&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und ich dächte interessant für uns Beide. Wir sind Väter, und unsre
-Töchter gerade hübsch und liebeverlangend genung, um gegründete
-Ansprüche auf die Freuden einer glücklichen Ehe zu machen. &mdash; Wie?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Alexis, welcher die betonten Wie’s? &mdash; Sr. Durchlaucht schon aus
-Erfahrung als bedeutend kannte, sah ihn forschend an, und erwiederte
-gleich stark betont: „Das eheliche Glück der Fürstenkinder wird ja
-schon bei ihrer Wiege entschieden, wie könnte dies zweifelhaft seyn?
-&mdash; Und, was meine Tochter betrifft, Adelaide ist keine Spanierin;
-ein Deutsches Mädchen, darf mit vierzehn Jahren &mdash; wann und wo ich
-mitzusprechen habe, an diesen wichtigen Schritt, weder nach ihrem,
-noch nach meinem Kopf, zu denken wagen. Zwei, drei Jahre später tritt
-allenfalls die Zeit der Reife für dergleichen Reflektionen bei ihr
-ein.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<p>„Meines Oberjägermeisters jüngster Sohn, Graf Heinrich, glaubt sie
-jetzt schon eingetreten; wenigstens ist er mit seinem Resultat
-in’s Reine, zur großen Freude seines Vaters.“ &mdash; „Wie nun so jeder
-seine Ansicht der Dinge hat“ &mdash; warf Alexis dem mit gespitzten Ohr
-ihn beobachtenden Fürsten leichthin ein, und lüpfte tändelnd, sein
-<span class="antiqua">Couteau de Chasse</span> in der Scheide.</p>
-
-<p>„Und mir gaben Sie den Auftrag, daß ich mich um den Preis dieser
-Aufgabe für ihn verwenden soll. Mit einem Wort, lieber Wallersee! Ihr
-seht in mir den Freiwerber &mdash; um die liebenswürdige Adelaide für den
-jungen Graf Bendheim.“</p>
-
-<p>„Adelaide hat vor wenig Tagen erst ihr vierzehntes Jahr erreicht.
-&mdash; Ich war so frei, Ew. Durchlaucht so eben mit meinen Gesinnungen
-hierüber bekannt zu machen.“</p>
-
-<p>„Wohl! &mdash; Ich ehre die Besorgnisse des Deutschen Hausvaters. Frühe
-Heirath, frühes Mutterwerden schwächt die Gesundheit und Blüthe des
-zarten Weibes. Doch sagt hier die spekulative Vernunft, streitet
-sonst<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> kein Hinderniß gegen diese Heirath &mdash; so verlobt man die jungen
-Leute, oder &mdash; um sicherer zu gehen, man vermählt sie. Nach solenner
-Festivität führe ich als Wirth der Fete den Neuvermählten &mdash; nicht
-zum Torus, sondern an den Reisewagen. Er aquirire sich &mdash; indem er
-ein paar Jährchen unsern Welttheil durchstreicht, die Würde eines
-Ehemannes, komme an Kenntnissen bereichert als Legationsrath zurück;
-und nehme dann erst von seiner Gemahlin, so wie auch nach des redlichen
-steinalten Lestocks Tode, von dessen erledigter Ministerstelle der
-auswärtigen Affairen Posseß. &mdash; <span class="antiqua">Eh bien mon General!</span> &mdash; wie
-gefällt Ihnen die Idee?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Als Idee betrachtet &mdash; fürstlich und lachend.“</p>
-
-<p>„Vortrefflich! dort sprengt der Oberjägermeister und läßt seine Unruh
-an den armen Bauern, den Handlangern unsrer Treibjagd aus. &mdash; Wir
-wollen Wild und Menschen Luft gönnen, und Bendheim ohne Verzug das
-Zeichen zum <span class="antiqua">Rendez vous</span> auf<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> dem Jagdschlosse geben, damit die
-Sache noch heute unter uns Männern zur völligen Richtigkeit komme.“</p>
-
-<p>„Das muß ich verbitten, zur völligen Richtigkeit darf die Sache &mdash; ich
-wiederhole es noch einmal &mdash; wenigstens unter den nächsten anderthalb
-Jahren nicht kommen.“</p>
-
-<p>„Wallersee! &mdash; Ich habe diesen eisernen Sinn gefürchtet; aber &mdash;
-doch auch viel von Ihrer Klugheit, und Ihrem Vertrauen auf meine
-gute Meinung gehofft. Wirklich Sie machen meine Freundschaft, mein
-herzliches Wohlwollen für Sie, um einen schönen Genuß ärmer. &mdash; Und
-warum? Sie haben gegen den Vorschlag nichts. &mdash; Zwar ist mir die alte
-Animosität unter Euch Herren bekannt.“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Die kömmt hier nicht in Frage, wenn es von dem Glück unsrer Kinder
-handelt; wiewohl der Herr Oberjägermeister in Erinnerung desselben, es
-nicht für räthlich zu halten scheint, sich gerad und ehrlich an mich
-selbst zu wenden.“</p>
-
-<p>„Vielleicht, doch sein herzlichster Wunsch ist, diese fatale Erinnerung
-durch verwand<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>schaftliche Bande, in der natürlichsten Vereinigung zu
-ersticken. Unverhohlner erklärte sich freilich des Sohnes Liebe und
-Absicht.“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Das heißt, er schwärmt und faselt um das unbefangene Mädchen; wie der
-Schmetterling um die kaum aufgebrochne Knospe.“</p>
-
-<p>„Und die Liebliche entfaltet ihren Purpur, um ihn auf immer zu fesseln.“</p>
-
-<p>„Dies mag die Zeit lehren. Der Plan Ew. Durchlaucht ist dazu der
-anwendbarste, nur mit der Abänderung: Er gehe auf Reisen, ohne durch
-Vermählung, nicht einmal durch Verlobung gebunden zu seyn; sind nach
-Verlauf von zwei Jahren Wünsche und Neigung des jungen Herrn noch
-dieselben &mdash; und was die Hauptbedingung ist &mdash; sind alsdann die
-Gefühle, das Bedürfniß der Liebe in Adelaidens Busen erwacht, für ihn
-erwacht &mdash; in Gottes Namen dann.“</p>
-
-<p>„Sie glauben, noch schlafen diese Gefühle? &mdash; Wie?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich glaube nicht nur, sondern bin dessen fest überzeugt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span></p>
-
-<p>„Hier irrt sich doch wohl der verdachtlose Vater.“</p>
-
-<p>„Beweise dieses Irrthums, Ew. Durchlaucht!“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Liegen, meine ich &mdash; ziemlich klar am Tage.“</p>
-
-<p>„Um so dringender muß ich bitten, auch mir dieses Licht leuchten zu
-lassen, da der Nebel der Verleumdung die höfische Sphäre gewöhnlich so
-verdickt, daß der reine Glanz der Wahrheit sich gänzlich unserm Auge
-verbirgt. Je fleckenloser und weißer das Gewand, je nachtheiliger und
-bemerkbarer sind an demselben die Spuren des Betastens unreiner Hände.“</p>
-
-<p>„Sie gerathen in Affekt, lieber Graf! Freilich, wie Sie meine
-freundschaftliche und wahrlich auf nichts schlimmes deutende Berührung
-des Herzens der kleinen Gräfin vielleicht nehmen.“</p>
-
-<p>„Ew. Durchlaucht unmittelbare Meinung auch im geringsten zweideutig
-oder ehrverletzend zu nehmen, wird mir nie einfallen. &mdash; Aber die
-Sprachröhre müßiger, geifern<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>der Höflinge, wissen sich in das Ohr
-der Fürsten zu leiten &mdash; wie der verheerende Wurm in den Kelch
-der königlichsten Blume. &mdash; Beweise müssen uns wenigstens die
-Herzensbeobachter liefern; ich beruhige mich nicht ohne Erörterung
-dieser mir jetzt so konsequent scheinenden Bemerkung Ew. Durchlaucht.“</p>
-
-<p>„So werfen Sie mir den Handschuh hin, ohne sich in Fehde mit dem
-übrigen uns umgebenden Troß zu verwickeln, welcher zu jener Bemerkung
-nichts beitrug. Freund zum Freunde also: Mein Louis und Adelaide ist
-die Losung in der Region liebender Wesen.“</p>
-
-<p>„Der Erbprinz und meine Tochter?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Lieben sich zart und schwärmerisch wie Engel. Aber Sie begreifen &mdash;
-zum Glück dieser beiden edeln Geschöpfe kann diese Leidenschaft, je
-herrschender und distinkter sie wird &mdash; nicht führen.“</p>
-
-<p>„Ich begreife und danke meinem wahr fürstlichen Freund für die
-Entdeckung, aus vollem innig gerührten Herzen!“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span></p>
-
-<p>„Und haben jetzt Sinn für die Bendheimsche Bewerbung? &mdash; Daß sie
-schleunig angenommen das beste Präservativ für die Herzensverwirrung
-unsrer Kinder sey, ist unläugbar.“</p>
-
-<p>„Je mehr ich die Nothwendigkeit anerkenne, sorgfältig die Entwickelung
-der Gefühle des Mädchens zu leiten, um so behutsamer und zarter muß
-diese Leitung seyn, und um so weniger ihr eine Wahl vorgeschrieben
-werden, die ihrer Neigung vielleicht nie entsprechen &mdash; ja durch so
-genannte väterliche Tyranney dazu gezwungen &mdash; Haß, oder was noch
-schlimmer ist &mdash; kalte Verachtung für ihren Gatten hervorbringen würde.“</p>
-
-<p>„Lieber Graf! &mdash; Nur noch ein Wort. Ich denke es bedarf keiner
-Erwähnung, daß nur Sorge für die junge Gräfin mich wünschen und Ihnen
-rathen läßt, Adelaidens Herz ihrem soliden Glück gemäßer zu fixiren.
-Die Perle ist zum Objekt der Leidenschaft eines Fürstensohnes zu edel.“</p>
-
-<p>„Unstreitig, unstreitig!! &mdash; Sie soll mit<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Argusaugen der väterlichen
-Sorgfalt für dergleichen Entweihung gehütet werden. Ohne sie indessen
-dermahlen zu der vorgeschlagenen Wahl zu forciren, will ich ungesäumt
-Maaßregeln treffen, die Ew. Durchlaucht um so mehr rechtfertigen
-werden, je dankbarer und richtiger ich die erhaltenen Winke verstehe
-und benutze.“</p>
-
-<p>„Freilich, dem Gutachten des verständigen Vaters läßt sich nichts
-Nachdrückliches einwenden. Doch wir bleiben Freunde! &mdash; wir bleiben die
-Alten &mdash; nicht wahr?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ich weiß diese Gnade zu schätzen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mit traulichem Händedruck und einem sich alle weitere
-Respektsversicherung verbittenden: Basta! &mdash; brach der Herzog das
-Gespräch ab, und gab seinem Büchsenspanner Befehl, welcher auf der
-entgegengesetzten Buschseite nebst seinem Sohne in unruhiger Erwartung
-des Gelingens seines durchlauchtigsten Brautwerbers die Bauern beim
-Treibjagen die Schwere seiner Ungeduld fühlen ließ &mdash; das Signal zum
-neuen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> Angriff des Wildes durch die Hörner geben zu lassen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">G</span>raf Wallersee kaufte das Palais eines die Residenz verlassenden
-russischen Fürsten. Garten und Park, welche dazu gehörten, war der
-wankenden Gesundheit, den hektischen Uebeln des Generals längerhin
-unentbehrlich. Das anbrechende Frühjahr fand demnach die Familie
-Wallersee schon in der neuen Wohnung eingerichtet, und Adelaide
-durchstreifte jetzt am Arm ihres Zynthio’s unter den Augen des
-beobachtenden Vaters die Bogengänge und Gebüsche, ohne die Gesellschaft
-des Erbprinzen auf eine ihre Freuden störende Art zu vermissen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die fürstlichen Leibärzte rühmten die schöne Jahreszeit zur
-Blatterimpfung als äußerst vortheilhaft. Prinz Louis hatte diese
-furchtbare Krankheit noch nicht überstanden. Man entschloß sich
-zur Inokulation. Die Vorbereitung erfoderte reine Landluft und<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-leidenschaftslose arkadische Stille. Ein Lustschloß, einige Meilen
-von der Residenz entfernt, wurde zu des Blatter-Kandidaten Aufenthalt
-für dieses Frühjahr erwählt. Auch Prinzessin Mathilde sollte sich der
-Einimpfung unterwerfen.</p>
-
-<p>„Ich will mich dem Tode unterwerfen, rief die kleine Schwärmerin &mdash; nur
-laßt mich in Adelaidens Armen sterben.“</p>
-
-<p>Sie stürbe, sagte Baronin Tréval, ohne alle Gefahr der Krankheit selbst
-&mdash; wenn man sie in einer solchen Schonung verlangenden Epoche von ihrer
-Freundin trennte.</p>
-
-<p>Der Graf und seine Gemahlin vereinigten so herzlich ihre aufrichtigen
-Anerbietungen mit den Bitten ihrer geliebten Adelaide, welche schon in
-frühester Kindheit die Blattern gehabt, daß Mathildens Wünsche erfüllt
-wurden und Letztere der kleinen Gräfin Zimmer nebst ihrer Gouvernante
-für die bevorstehende Leidensperiode beziehen durfte.</p>
-
-<p>„Meine theure Ludmilla!“ sagte die Fürstin, als sie einen heitern
-schönen Nachmittag das Krankenzimmer der Prinzessin<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> am Arm der Gräfin
-verließ, und dem Zypressenhayn des Wallerseeschen Parks zueilte &mdash; wo
-in dem Tempel des Apoll eine Collation die gutmüthigen geschwätzigen
-Mütter erwartete. &mdash; „Meine edelste, treuste Freundin! &mdash; daß wir uns
-trennen mußten, unser häusliches Leben und Weben nicht ferner mit
-einander treiben durften, das verzeih der Himmel unsern eigensinnigen
-gebietenden Eheherrn! &mdash; Aber daß es nicht immer so bleiben darf, wie
-es jetzt ist &mdash; dies wollen wir uns in dieser Stunde, in dem heiligen
-Tempel der Natur, unter dem heitern blauen Himmel geloben.“</p>
-
-<p>Ein Trutz- und Schutzbündniß also, gegen die Despotie unserer Gemahle!
-&mdash; erwiederte lächelnd Ludmilla.</p>
-
-<p>„So etwas dergleichen; doch wohl verstanden: In der Manier, daß die
-Herren selbst nichts sträfliches an dieser Verschwörung finden können.
-Es ist uns beiden bekannt, welches Phantom die beiden Unglückspropheten
-aus der unbefangenen Ruhe unserer Kinder wegen trieb, und<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> auch uns
-arme Weiber wie geängstete Rehe aufscheuchen ließ. &mdash; Ich habe &mdash; allen
-Egard für die unfehlbare Weisheit dieser Herren unbeschadet &mdash; des
-blinden Feuerlärms gelacht. Unsere Adelaide, die unschuldige kindliche
-Taube &mdash;!“</p>
-
-<p>Auch ist mein Alexis jetzt gänzlich beruhigt und überzeugt, daß ihrem
-Herzen keine Gefahr drohte.</p>
-
-<p>„Und Louis &mdash; o da lasse man doch den Flattersinn der Männer für
-dessen Heilung sorgen, wenn sein Herz je krank war. Seine zu hoffende
-Verbindung mit der ***schen Prinzessin, seine einstweiligen Reisen
-und Aufenthalt an jenem Hof &mdash; welche künftigen Winter ihren Anfang
-nehmen sollen &mdash; werden den zärtlichen Etourdi schon völlig zur Raison
-bringen.“</p>
-
-<p>Nichts gewisser als das.</p>
-
-<p>„Und weiß meine Freundin wohl, daß der Graf von meinem Gemahl wieder
-mit Bitten bestürmt werden soll &mdash; das Kommando über unsern Louis zu
-führen und ihn an Vaters Statt auf seinen Freiers-<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>Zügen zu begleiten?
-&mdash; Wie? Sie zucken zweifelhaft die Achseln?“</p>
-
-<p>Meines Alexis Gesundheit schwankt jetzt mehr als jemals. Trübe Launen,
-innerer Kummer &mdash; den ihm ohne Zweifel die widerspenstige Gemüthsart
-meines unglücklichen Sohnes verursacht &mdash; machen mich öfters für einen
-uns vielleicht nur zu nahe liegenden Schlag zittern, der mich und meine
-Kinder in Verzweiflung stürzen wird. &mdash; Des ihm zugedachten so hoch
-ehrenden Vertrauens Sr. Durchlaucht wird er sich schwerlich diesmal
-würdig machen können.</p>
-
-<p>„Mein Gott! Sie weinen; lassen Sie mich Ihre Sorgen theilen, vielleicht
-führt diese Mittheilung zum Verein meiner Wünsche mit der Bestimmung
-ihrer Zukunft.“</p>
-
-<p>O mein Sohn Theodor! &mdash; Dieser verkehrte starrsinnige Jüngling,
-mischt mir Wermuth in jeden Tropfen der Freude; er läßt meine Nächte
-schlaflos in Gram dahinschleichen, und im verfallnen erlöschenden Auge
-meines Alexis den nur mühsam unterdrückten Grimm und das schreckliche<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-Wort: Fluch dem Ungerathnen! &mdash; des tief beleidigten, von ihm langsam
-gemordeten und nicht versöhnten Vaters, als sein letzter Sterbensruf
-mit Zittern erwarten!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Allgerechter! &mdash; So schlimm steht es mit dem Jüngling? &mdash; Arme
-Mutter!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Noch zählte ich den Verirrten nicht unter die Verlornen. Besseres
-Vertrauen auf den Grund seiner, nur durch wilde Thorheiten umnebelten
-aber nicht gänzlich verdorbenen Seele, fordert mit tröstender
-Ueberredungskunst, seine Vertheidigerin Adelaide; das zarte Herz des
-guten Kindes erwärmt mit dem überströmenden Gefühl der Schwesterliebe,
-den Glauben der verzagenden Mutter an den schon halb aufgegebnen Sohn.
-&mdash; Und nur dieser schmeichelnden Fürsprecherin gelang es selbst schon
-zum öftern, der Friedensengel zwischen Vater und Sohn zu seyn. O wäre
-in einer solchen Stunde gemildeter Gefühle, Theodor hier, und sähe die
-Zähre der Rührung, des Verzeihens auf der Wange des weichgestimmten
-Vaters, er<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> sänke ihm zu Füßen; Engel sprächen das Amen zu dem heiligen
-Bunde, und trügen diese dem Segen geweihte Stunde in das Buch ewiger
-gränzenloser Liebe unsers Vaters im Himmel ein.</p>
-
-<p>„Und könnte die Mutterliebe, die rastlose Betriebsamkeit der
-engelsguten Schwester nicht eine solche Stunde heilbringender
-Ueberraschung herbeyführen? &mdash; Der Hülfsleistung theilnehmender
-verschwiegener Freunde sind Sie hoffentlich gewiß &mdash; wo es nur
-eines Winkes bedarf, wann und wie Sie von des Fürsten und meiner
-Bereitwilligkeit Gebrauch machen könnten. &mdash; Lassen Sie uns
-raffiniren, wie wir die Annäherung Vater und Sohnes bewürken, ohne
-daß der intricate Schein unsrer Thätigkeit dabey etwa Beyde noch mehr
-opiniatrirt, und die gute Absicht vereitelt.“</p>
-
-<p>Ich habe dieserhalb schon einige Versuche gewagt und fehlschlagen
-sehen. &mdash; Seitdem Theodor vergeblich um des Vaters Einwilligung zu
-der Reise nach Frankreich mit dem jungen La Valetta und der Idee,<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-dort militairische Dienste zu nehmen, angehalten hat, seitdem ist
-Biegsamkeit, kindliche Ergebenheit gänzlich aus seinen Briefen
-verschwunden. In trotzigem herzlosen Subordinationston resignirt er auf
-die Willkühr freigeborner Menschen, welche nach Neigung ihre Bestimmung
-wählen dürfen, und versichert, daß er mit stoischem Gleichmuth den
-Befehl Sr. Excellenz des Herrn Generals von Wallersee erwarte, ob
-der Rekrut Theodor als Tambour oder als Fähnrich zur p...schen Fahne
-schwören soll. Diese schnöde Antwort zog ihm die Verurtheilung zu: noch
-ein Jahr als Ecolier in der Akademie militaire zu bleiben, nach deren
-Verlauf aber, als Kornett in das in B... stehende Husarenregiment zu
-treten, wozu ihn schon des Königs Gnade als Kind ernannte.</p>
-
-<p>„Freilich, diese Spannung der Gemüther ist schwerer zu besiegen, als
-der leidenschaftlichste Ausbruch! &mdash; Kalter höhnender Trotz pikirt
-den General aufs höchste. &mdash; Doch, nur nicht den Muth verloren!
-&mdash; Sobald Graf Theodor sich als Officier der<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> Knabenruthe völlig
-entzogen weiß, und den Unmuth als Kavallerist in glänzender Uniform
-auf einem feuersprühenden Araber austummeln kann &mdash; sodann wird sich
-auch das unnatürliche, grollende seines Gemüths legen, und Frohsinn,
-Zufriedenheit mit seiner Bestimmung ihn dankbar und liebevoll in die
-Arme seiner langentbehrten Familie führen.“</p>
-
-<p>Bange Ahndung sagt mir, daß es dann zu spät seyn dürfte. Ein
-gleiches Vorgefühl scheint auch mein Gemahl zu haben. Er beschäftigt
-sich, verschlossen in seinem Kabinet, mit Verfügungen auf den
-traurigsten Fall, der für mich und meine Kinder statt haben könnte.
-Mit Einem Worte, er ordnet seinen letzten Willen; die Zuziehung
-des General-Auditörs und noch zweier seiner vertrautesten Freunde,
-bestätigt meine Vermuthung.</p>
-
-<p>„Liebe Aengstliche! &mdash; Ihre Träume sind ansteckend! &mdash; Nein, lassen
-Sie uns die Beschuldigung des stärkern Geschlechts, daß wir in jedem
-Schatten Gespenster sehen &mdash; nicht wahr machen.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span></p>
-
-<p>Leider haben diese Schrecken schon das gräßliche ihrer Neuheit
-verloren; ich bin schon zu vertraut mit der Gewißheit des mich
-bedrohenden Unglücks.</p>
-
-<p>„Nun, dann sind Sie auf dem Wege, den ich wünsche. Wir wollen also
-mit philosophischer Standhaftigkeit von diesem Zeitpunkt sprechen.
-Ihr Wittwenschleyer sey dann das Ordensgewand, in welchem Sie sich
-dem Gelübde unzertrennlicher Freundschaft und Vereinigung mit mir und
-unserm Hause unterwerfen. Die Soly ist alt, sehr alt; Keuchhusten und
-Nervenzerrüttung geben ihr kaum noch ein Lebensjahr Frist, und die
-Oberhofmeisterinstelle ist für meine theure Ludmilla erledigt; Ihre
-Hand darauf, daß Sie mir dann diese frohe Hoffnung nicht vereiteln.“</p>
-
-<p>Es gelang der Fürstin, die bange Schwermuth der Generalin durch das
-schmeichelhafte Anerbieten der künftigen ehrenvollen Charge, in ein
-zwar wehmüthiges, aber freundliches dankbares Ergeben, in die ihr
-eröfnete Zukunft zu verwandeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>chon blickten Dichter und Kapellmeister stolz auf das gelungene Werk
-und hoffnungsvoll den vielen Beweisen hohen Beifalls entgegen, welche
-der zur Genesungs-Feier verfertigten Kantate, in Rollen goldenen
-Inhalts, oder Tabatieren gleichen Werthes werden mußten. Schon schoben
-sich Perüquen und Kaffeemützchen der Herren Dekoratörs und Feuerwerker,
-über dem Ausbrüten neuer Allegorien, von einem Ohr zum andern. Die arme
-aber wohlgebildete funfzehnjährige Jugend beiderlei Geschlechts ließ
-sich bereits in Aussicht des wohlthätigen Fonds künftiger Aussteuer
-&mdash; der neu altgriechischen Form anpassen, in welcher sie Gruppen
-auf Amphitheatern des Fürstlichen Parks formiren sollten &mdash; deren
-mythologische Tendenz kein Deutscher begriff, und wahrscheinlich die
-Manen ihres Adoptiv-Vaterlandes eben so wenig erkannt hätten.</p>
-
-</div>
-
-<p>Das Sonnenlicht des sieben und zwanzigsten Mais, der Geburtstag des
-Fürsten, war bestimmt, diese doppelte Feier mit sei<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>nem Strahlenmantel
-zu verherrlichen, bis die dunkle golddurchwirkte Drapperie der Nacht
-das Signal gäbe mit zahllosen Flämmchen auf Bäumen und Hecken, mit
-feuersprühenden Rahmen, Pyramiden, fürstlichen Attributen, Sinnbildern
-und Motto’s, dem Gesetz der nun Ruhe und nächtliche Stille gebietenden
-Zeit zu trotzen.</p>
-
-<p>Auch Adelaide und Zynthio arbeiteten an einer Ueberraschung für die
-geliebte Mathilde zu diesem glänzenden Tag der Freude. Georg, welcher
-schon seine Lehrjahre überstanden, und in des Generals Hause, nicht
-als dienender Jäger, sondern nächst Zynthio den zweiten Platz unter
-Wallersee’s geliebten Pflegesöhnen behauptete, wiewohl keine gütige
-Dispensation, kein Befehl es vermochte, den Dankbaren seiner ihm
-selbst erwählten so süßen Pflicht, Adelaidens Leibeigner zu seyn,
-untreu zu machen; nur ihr wartete er bei der Tafel auf, nur die
-Zierde ihrer glänzenden Dienerschaft, ihrer Equipage zu seyn, war
-seine Eitelkeit. &mdash; Auch Georg bot jetzt seine Geschicklichkeit, sein
-Erfin<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>dungsvermögen auf, um jene lieblichentworfene Idee in ihrer
-ganzen Vollkommenheit ausführbar zu machen.</p>
-
-<p>Aber &mdash; wer vermag des Schicksals Launen zu berechnen, um nicht hin und
-wieder sich mit vergeblichen Erwartungen zu täuschen? &mdash; Zynthio hatte
-es sich, besonders die letztere Zeit, nicht nehmen lassen, der treue
-Gehülfe Adelaidens in der Pflege und Zeitverkürzung der blatternden
-Mathilde zu seyn, und wurde nun das Opfer seiner Dienstwilligkeit.
-Ein dunkler Wahn machte ihn glauben, er habe schon an der Mutterbrust
-mit jener Krankheit gekämpft und sie überwunden, und folglich die
-Ansteckung dieser Menschenpest nicht mehr zu fürchten. Ein heftiges
-Fieber mit allen Symptomen der ihn hämisch begrüßenden Blattern
-widerlegten den Irrthum, und der sieben und zwanzigste May, der Tag
-allgemeinen Jubels, hatte den armen Sicilianer schon an die Pforten des
-Todes gerückt &mdash; noch einen Schritt weiter, und meine Feder hätte hier
-mit einem <span class="antiqua">memento mori!</span> seiner Existenz<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> zu erwähnen beschließen
-müssen. &mdash; Doch als Mathildens Namenszug und Fürstenkrone im blauen
-Feuer auf der Plantage mit dem mitternächtlichen Glockenschlag
-verpuffte, und die nicht zurückzuhaltende Königin des Festes Adelaiden
-händeringend und verzweifelnd zur Seite am Lager des Leidenden seinem
-Hinscheiden entgegen starrte &mdash; brach die Krisis; einem Harnisch
-gleich überzog das herausgetriebene Gift den Körper, und neu belebt
-hüpften und jauchzten die noch kurz vorher Trostlosen sich in tausend
-Wiederholungen zu: Er ist gerettet! &mdash; Er wird nicht sterben!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„N</span>icht um den Ober-Gränzzoll-Inspectordienst nebst allen daran
-hangenden Sportelchen und Deputaten, lasse ich mich verleiten, meinen
-allergnädigsten Versucher &mdash; den ich nicht erkennen mag &mdash; gegen
-Pflicht und Verbot zu dieser Stunde das Einpassiren zu vergönnen“
-donnerte im rau<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>hen Baß der Cherubim vor dem stählernen Gitterthor
-des Wallerseeschen Paradieses in den Herbststurm des schauerlichen
-Novemberabends, und hielt statt des feurigen Schwertes seine Hellebarde
-dem Einlaß begehrenden in Mantel und formidabler Bärenmütze Vermummten
-entgegen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Alter ehrlicher Paul! &mdash; Mir wolltest du den Einlaß versagen? &mdash;
-antwortete es schmeichelnd aus der Hülle, die sich jetzt vom Kinn bis
-zum Auge lüftete.</p>
-
-<p>„Graf Theodor!“ rief der graue Pförtner in freudiger Bestürzung &mdash;
-„unser junger Herr? &mdash; das hebt die Parole. Das Verbot galt nur so
-einen gewissen Jemand, so zu sagen fürstlichen Wilddieben, die mit
-der Zitter unter dem Arm, und allerlei Liebestriller unter der jungen
-Comteß Fenster, das unschuldige Reh aufzuscheuchen und in ihr Garn zu
-locken, sich ab und zu gelüsten lassen.“</p>
-
-<p>So, so! &mdash; noch immer die alte Jagd? &mdash; murmelte Theodor &mdash; Recht,
-Meister Isegrim! halt dich brav auf deinen Posten,<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> mach’ deinen Waffen
-Ehre. Welch’ einem unberufnen Schützen du die glatte Haut ritzest &mdash;
-hast du nicht zu verantworten: im Finstern kannst du ohnehin nicht
-wissen, wen und wohin deine Nachtwächterlanze trifft.</p>
-
-<p>„Haha! dacht’s wohl, auch noch immer das alte Häkchen!“ schmunzelte
-pfiffig der Hellebardenträger &mdash; „Nun, nun, bis dahin lassen wirs nicht
-kommen. Indessen, schön willkommen! wenn nicht in’s Grüne, doch in
-Hagel und Sturm des frostigen Novembers.“</p>
-
-<p>Oben, in den Armen der mich freundlich erwarmenden Familiensonne wird’s
-besser seyn. Bleib mit deiner Laterne zurück; ich will sie überraschen.</p>
-
-<p>„Das Gott erbarm!“</p>
-
-<p>Was krächzt der alte Rabe? &mdash; Sind sie nicht zu Hause, vielleicht für
-mich nicht zu Hause?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„O ja, aber der Papa &mdash; die arme Excellenz stöhnt und sieht dem
-Christmonat entgegen, wie eine zum Verlöschen ausgebrannte<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> Nachtlampe
-dem anbrechenden Morgen, kaum flackert’s, bis es draußen hell wird!“</p>
-
-<p>O, meine weissagende Seele!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ja, ja; das Weihnachtsfest wird wohl Trauer bringen. Nun, die gute
-brave Excellenz ist gefaßt; aber &mdash; die Ueberraschung rathe ich doch
-ab.“</p>
-
-<p>Meinst du?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Komteßchen, die liebe fromme Seele! mag den Papa vorbereiten. Sie ist
-ohnehin die Einzige, die nicht von der Seite des wunderlichen Kranken
-weichen darf.“</p>
-
-<p>Und meine Mutter?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Weint oft in ihrem einsamen Kämmerlein, weil Excellenz die Thränen
-nicht wohl leiden können, und Lamentationen seinen Zustand erschweren.“</p>
-
-<p>Mit einem ängstlichen Schrey des Schreckens bebte die Generalin von
-dem Sopha auf, dessen Polster so wie ihre Wangen von den Spuren ihres
-Jammers, wie im Abendthaue glänzten, als Theodor das einsame Gemach
-betrat, und das düster leuchtende Kaminfeuer ihn, einem Abgeschie<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>denen
-gleich, nur in unsicherer Schattengestalt kenntlich machte.</p>
-
-<p>Theodor! du Schmerzenssohn! &mdash; Ein guter Engel führe dich her! &mdash; Der
-Moment ist wichtig, der wichtigste deines Lebens. &mdash; In der Hand des
-sterbenden Vaters schwankt noch das Zünglein der Waage &mdash; eile, daß die
-Segensschaale den Ausschlag gebe! &mdash; Adelaiden verdankst du, daß es
-damit noch nicht zu spät ist.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich weiß alles. &mdash; Aber soll ich den Dahinscheidenden betrügen? &mdash; Ich
-kann die Bedingungen nicht erfüllen, und komme, seine Billigkeit, seine
-väterliche Nachsicht in Anspruch zu nehmen.</p>
-
-<p>„Unglücklicher! du dringst nicht durch. Quittirst du, und bestehest
-darauf, Deutschland zu verlassen, so bleibst du &mdash; bis auf ein sehr
-geringes Pflichttheil enterbt.“</p>
-
-<p>Immerhin! Fesseln drücken, wären es auch goldne.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Fluch des Vaters!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Schrecklich! aber spricht er ihn als ungerechter Tyrann aus, so“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>„Ende nicht, Frevler! Mir zermalmt der Gedanke schon Arm und Bein!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Was kann ich thun?</p>
-
-<p>„Schweigen; die letzten Augenblicke des Edlen, dem du dein Daseyn
-dankst, mit stiller Ergebung &mdash; wär es auch nicht Gehorsam, doch
-Widerspruchslos zu ehren, und ihn in Frieden mit dem Troste in die
-Ewigkeit treten lassen, daß sein Wille dein Gesetz seyn werde.“</p>
-
-<p>Und dann &mdash; &mdash;?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Spricht zwar das Testament über den Heuchler das Urtheil, doch folgt
-dir nicht der Nachhall väterlichen Fluches.“</p>
-
-<p>Bleich, wie ein trauernder Genius am Monument eines geliebten
-Entschlafenen, trat Adelaide jetzt in das Zimmer. Man hatte ihr die
-Ankunft des Bruders zugeflüstert, eben als der theure Kranke eines
-erquickenden Schlummers genoß; die Folgen einer sehr angreifenden
-ernsten Stunde, in welcher die sechzehnjährige Tochter des vollen
-Vertrauens ihres sonst mit seinen Aufträgen und Kummer so vorsichtig
-verschlos<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>senen Vaters gewürdigt wurde, und versiegelte Papiere in ihre
-Verwahrung bekam, die sie nur unter gewissen Bedingungen früher oder
-später eröfnen und sich mit dessen Inhalt bekannt machen sollte.</p>
-
-<p>„Er schläft? &mdash; Diese Ruhe gäbe ihm neue Kräfte? &mdash; O, Adelaide!
-gutes Kind! täusche mich nicht mit eitler Hoffnung!“ &mdash; bat die
-trostbedürftige Mutter.</p>
-
-<p>Weh mir, wenn ich dieser Schwachheit fähig wäre! &mdash; Fassung, liebe
-Mutter! oder &mdash; erleichtern Sie jetzt ihr Herz durch Thränen. &mdash;
-Diese Ruhe giebt ihm Kraft, uns noch einmal zu segnen, und dann im
-wohlthätigsten Bewußtseyn erfüllter Vater- und Gattenpflicht zu
-vollenden. &mdash; Sein Erwachen wird das letzte seyn für dieses Leben.</p>
-
-<p>Die Generalin sank laut schluchzend auf das Sopha.</p>
-
-<p>„Schwester, ich bewundere deine Standhaftigkeit &mdash; sagte Theodor &mdash; ein
-Vaterherz hört alsdann auf zu schlagen, daß im Uebermaaß der Liebe für
-dich, beinah für jedes andre Gefühl des Wohlwollens verarmte.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<p>Diese Standhaftigkeit verdanke ich dem Todesengel, der nicht allein
-dieses Vaterherz zu brechen erschienen ist &mdash; sondern auch mir im Buche
-der Zukunft ein Blatt aufzuschlagen, dessen dunkler Spruch mich zu
-muthiger Resignation erhebt!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zynthio schlich in dumpfer Betäubung mit der Nachricht herein, daß
-der General erwacht sey, und nach der Familie verlange; auch Theodor,
-dessen Anwesenheit ihm gemeldet &mdash; solle kommen. &mdash; Auf ihre beiden
-Kinder gestützt, wankte die fast selbst mit dem Tode ringende Gattin,
-an das Bette des von ihr so innigst geliebten Gemahls; unwillkührlich
-sank sie auf die Knie vor demselben, und bedeckte mit Küssen und
-Thränen die kalte feuchte Hand ihres Alexis. Adelaide und Theodor
-standen zu den Füßen des Bettes.</p>
-
-<p>„Gut, mein Sohn, daß du kommst und deinen Vater sterben siehst,“ sagte
-mit vernehmlicher, aber sanfter Stimme der General &mdash; „ehre deine
-Mutter, ehre das Andenken an diese Stunde, und die Stunde<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> deines Todes
-wird dir so leicht und sanft werden, wie es mir die meinige ist. Das
-Uebrige wirst du aus meinem letzten Willen ersehen. Dein ist die Wahl,
-so oder so; ich habe mich auf jeden Fall mit dir abgefunden.“</p>
-
-<p>Theodor hielt beide Hände gefaltet vor die glühende Stirn, seine Brust
-hob sich schwer athmend &mdash; Mein Vater! rief er gepreßt &mdash; so scheiden
-Sie von mir? &mdash; O vernichten Sie mich!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Mein Sohn! &mdash; ich scheide von dir als dein gerechter aber nicht
-erzürnter Vater! dies dein Segen &mdash; verdiene ihn. &mdash; Adelaide, wir
-Beide haben uns für diese Welt nichts mehr zu sagen, wir haben uns
-verstanden, und ich bin deinetwegen ruhig. &mdash; Auf Wiedersehen!“</p>
-
-<p>Auf Wiedersehen, mein Vater! &mdash; tönte wie Geisterstimme Adelaidens
-Antwort.</p>
-
-<p>„Und nun zu dir, treues redliches Weib, meine geliebte Ludmilla! &mdash;
-in deinen Armen will ich sterben, richte mich auf; mein letzter Blick
-sey Dank für deine fromme<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Liebe! &mdash; dort erst wirst du begreifen,
-welch ein großer Schuldner ich dir war &mdash; aber auch verzeihen! &mdash;
-Keinen Abschied! die mich lieben, werden mich bald wiederfinden. &mdash;
-Also nur gute Nacht! &mdash; an der Brust der treuen Gattin schläft es sich
-sanft ein. &mdash; Gute Nacht, Zynthio &mdash; gute Nacht, all ihr Freunde! &mdash;
-Adelaide, Theodor; unterstützt eure Mutter, daß mich ihre Arme nicht
-eher fallen lassen, bis ich fest eingeschlafen bin. &mdash; So &mdash; so &mdash; gute
-Nacht!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„S</span>chlaf wohl, edler guter Mann!“ sprach mit weicher des Freundes
-Verlust klagender Stimme der Fürst, und drückte die kalte Rechte seines
-auf dem Paradebette liegenden Generalissimus.</p>
-
-</div>
-
-<p>Ja, dieser Schlaf ist dem edlen großen Mann Bürge, daß seine Ruhe nicht
-mehr gestört werden kann. &mdash; Wohl mir &mdash; daß ich giftigen Insekten, als
-sie ihn noch ver<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>wunden konnten, den Stachel stumpfte! &mdash; flüsterte es
-leise zu den Füßen der Leiche.</p>
-
-<p>Der Fürst blickte seinen Thronfolger bedeutend an &mdash; „Fühlst du das,
-mein Sohn? &mdash; Gott Lob! dann leichterst du mein Herz um ein großes!“</p>
-
-<p>Wir verstehen uns nicht &mdash; mein Vater, und können uns nicht
-verstehen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wie?“</p>
-
-<p>Ich bitte, Ew. Durchlaucht geruhen die neugierige Menge zu erwägen,
-von der wir Beide noch weniger verstanden werden. &mdash; Mein Ehrenwort an
-dieser mir heiligen Stätte, wenn dies genügt, daß sich der Fürst nie
-seines Sohnes wird schämen, noch seinen Handlungen fluchen dürfen!</p>
-
-<p>„Damit begnüge ich mich &mdash; fürs erste.“</p>
-
-<p>„Graf Bendheim, Sie haben erlauscht, was ich so eben mit meinem Vater
-sprach; raunte der Erbprinz dem Legationsrath zu, als sich der Fürst
-mit dem Oberjägermeister vertiefte &mdash; und ich habe das höhnende Manöver
-Ihrer Gesichtszüge bemerkt. Ich bitte ferner aufmerksam zu seyn; auch
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Ueberreste des Grafen, seinen Schatten werde ich mit besonderer
-Strenge und Wachsamkeit vor dickbenannten Insekten zu schützen wissen.
-Sie haben mich verstanden &mdash; denn uns beiden ist diese Metapher kein
-Räthsel.“</p>
-
-<p>Der Legationsrath biß sich wüthend auf die Lippen; heuchelnd gelobte
-er, die Meinungen und Winke Seiner Durchlaucht zu ehren. &mdash; Das Räthsel
-selbst blieb vor der Hand noch unter fürstlichem Siegel bewahrt.</p>
-
-<p>Die Testamentseröfnung rechtfertigte die mütterlichen Besorgnisse der
-Generalin. Theodor trat nur unter den von ihm verworfenen Bedingungen,
-in den Besitz &mdash; der für den Fall ihrer Erfüllung, zu Majorat ernannten
-Herrschaften Wallersee und Tomsdorf &mdash; dahingegen bei Nichtachtung
-der ihm vorgeschriebenen Bestimmung, er mit einem Kapital von 10,000
-Thaler ein für allemal abzufinden, und Adelaide zur Universalerbin
-ernannt war. Selbst über das ansehnliche Witthum durfte die leichter<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-verzeihende Mutter nicht nach Willkühr zu Vermächtnissen disponiren.
-Nur ein Drittheil fiel nach deren Tode an den ungehorsamen Sohn &mdash;
-das Uebrige ebenfalls der geliebtern Tochter zu. &mdash; Endlich hatte
-der Testator, unter der Garantie der Regierung selbst, verfügt: daß
-Adelaide mit dem Beschluß ihres achtzehnten Jahres für mündig erklärt,
-und vermählte sie sich vor Erreichung dieses Alters &mdash; noch vor ihrer
-Heirath der Minderjährigkeit enthoben werden sollte, wo sie alsdenn
-frey über ihr Vermögen zu schalten und zu walten hätte, welches, wenn
-sich Theodor auch der beiden Herrschaften Tomsdorf und Wallersee würdig
-machte &mdash; dennoch beträchtliche Reichthümer in sich faßte.</p>
-
-<p>Man schüttelte die Köpfe, definirte und verwarf wieder die mühsam
-herausgerechneten Muthmaßungen über dieses sonderbare Testament:
-&mdash; lobte des verstorbenen Generals Klugheit und Vorliebe für seine
-Tochter, der nun von allen Seiten Freyers-Attaken droheten &mdash; während
-andere den<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> mit offenbarem Unrecht in Nachtheil zurückgesetzten Sohn
-bedauerten.</p>
-
-<p>„Ich habe einen Stiefvater verloren,“ sagte dieser bitter lächelnd
-&mdash; „in dieser Hinsicht betrachtet, ist das Legatchen von zehntausend
-Thaler immer ein sehr respectabler Beweis seiner Großmuth.“</p>
-
-<p>„Nicht doch,“ flehete die Schwester liebreich &mdash; „Du wirst
-Majorathsherr, verbindest dich mit der schönen Sophie, und sicherst dir
-das Glück eines dankbaren guten Sohnes, das nur der zärtlichste Vater
-dir so bestimmen konnte.“</p>
-
-<p>„Nur an den Ufern der Seine blüht das meinige; in den Armen einer Julie
-La Valette kann ich das Loos eines verstoßnen Sohnes vergessen!“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Adelaide erblaßte. &mdash; Welchen Gefahren willst du dich Preiß geben? &mdash;
-Kennst du diese Julie La Valette?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sieh hier ihr Bild. Ihr Cousin gab es mir; wir stehen seit länger als
-einem Jahre in Briefwechsel. Der Weg zu meiner Carriere in Frankreich
-ist bereits ge<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>bahnt; des Vaters Tod öffnete mir die Schranken“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Eines Labyrinths vielleicht &mdash; erfahrungslos, ohne Freund! &mdash; ich
-beschwöre dich &mdash; wäge deinen Entschluß; höre die Warnungen meines
-beängsteten ahnenden Herzens!</p>
-
-<p>„Keine Theater-Beschwörung, Schwester! &mdash; Sie verliert bei mir, so sehr
-mich alles interessirt, was du sagst &mdash; weil ich dich, das einzige
-Wesen, selbst mit Aufopferung meines Mißtrauens gegen die Menschen,
-innig liebe. &mdash; Unsers Vaters Ungerechtigkeit schmerzt mich weniger, da
-aus meinem Verlust dein Vortheil entsprang.“</p>
-
-<p>Grolle nicht mit dem theuren Verstorbenen. Mit achtzehn Jahren werde
-ich mündig; kannst du zweifeln, daß ich seine Absicht verstehe, und dir
-nicht nach Kräften vergüten werde?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Adelaide! wähnst du dich so weit über mich erhaben, daß ich nicht
-einmal die Größe deiner Tugenden zu begreifen vermag?“</p>
-
-<p>Du thust mir weh, wiewohl ich dich eigentlich nicht verstehe&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span></p>
-
-<p>„Bescheiden hüllt die Großmüthige ihr Opfer in erdichtete gütige
-Absicht des noch mit Haß gegen mich in die Grube Gefahrnen“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Du gefällst dir in deiner Verblendung, leider ist dann jede Vorstellung
-vergeblich. Zeit und Erfahrung mögen deine Lehrerinnen seyn. &mdash; Nur
-vergiß und verkenne nie deine Schwester!</p>
-
-<p>„Es gilt, Adelaide! &mdash; Deine gutmüthige Arglosigkeit rechte mit den
-feindseligen Verhältnissen, in denen ich mit der Menschheit von meiner
-frühesten Jugend an stand, daß mir nur Glauben an dich und an die
-Wahrheit deines mir wohlwollenden edlen Zartgefühls blieb. &mdash; Und nun,
-um deiner Liebe willen: vermittle, daß ich den Jammerexplosionen,
-Bußpredigten und dergleichen mütterlichen Berufsübungen entgehe! &mdash;
-Die gute <span class="antiqua">mater dolorosa</span> würde mich mit ihren Thränenströmen
-inondiren, ohne auch nur ein Jota von meinen Entschlüssen wegzuwaschen.“</p>
-
-<p>Adelaide sah ein, daß dem wilden starr<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>köpfigen Jüngling mit keinem
-Zügel &mdash; wäre er auch sanfter als das Band der Liebe selbst, gerathen
-sey; daß auch des Vaters letzte Verfügung &mdash; welche ihn doch nach
-dessen Vermuthung am sichersten in Schranken hätte halten sollen &mdash; ihn
-noch widerstrebender machte. Ihr Herz klopfte bang; Wehmuth schmolz
-die Thräne, die ihrem Auge zu entfallen drohte, und mit lächelnder
-Freundlichkeit, unbemerkt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand,
-auf welchem ein goldner Reif mit dem Motto: Wiedersehen! &mdash; ein
-Geschenk ihres Bruders, diesen an sein Gelübde erinnerte, erdrückt
-wurde. &mdash; Selbst der in dreifachen Jammer versenkten Generalin machte
-die ihren eigenen Schmerz verläugnende Trösterin begreiflich, daß
-Theodors Plan für seine Neigung der beste sey, und der nach Kenntniß
-fremder Länder schmachtende, aber keinesweges ausgelaßne, seiner
-Pflichten spottende Sohn, zuverläßig in wenig Jahren, gebildet und
-bewährt in männlicher hoher Tugend &mdash; deren väterliches Erbtheil ihm
-nicht entgangen<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> zurückkehren werde. &mdash; „Auch der Verewigte vermogte
-nicht, dem Hange zu widerstehen &mdash; sich unter fernen Himmelsstrichen
-seiner Vervollkommung zu nähern, und blieb dem ohnerachtet der Edelsten
-einer unter Deutschlands Männern“ schloß beruhigend die Vermittlerin.</p>
-
-<p>Ludmilla hatte hohe Achtung für die Gründe ihrer mit der Weihe eines
-Engels sprechenden Tochter. &mdash; Sie trocknete die mütterlichen Thränen
-der Verzweiflung über den ungebührlichen Sohn mit dem Wittwenschleier,
-und segnete ihren Erstgebornen &mdash; welcher nun als Vaterwaise ihrer
-Liebe in verdoppeltem Maaße bedurfte, auf daß es ihm entfernt von der
-Heimath wohl ergehe, und kein Schatten des verheißnen Fluches der
-Uebertretung väterlichen Willens, seinen Weg verfinstere, und ihn auf
-Abgründe führe.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>chon berechnete man nach Tagen in den Apartements der Fürstin
-die Auflösungs<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>stunde der zum Grabe keuchenden Gräfin Soly; schon
-hatten erneuerte Zusagen und süßschmeichelnde Trostgründe ihrer
-erhabenen Busenfreundin, die Betrübniß der verwittweten Generalin in
-sanftwehmüthiges Andenken an den ihr entrissenen Alexis übergehen
-lassen; auch Adelaide lächelte mit theilnehmender Gefälligkeit den
-fröhlichen Bildern, welche sich die freudentrunkne Mathilde in der
-zu hoffenden Wiedervereinigung mit ihrer geliebten Jugendgespielin
-in dem rosigsten Kolorit erschuf. &mdash; Die Abwesenheit des Erbprinzen,
-welcher wenige Wochen nach dem Tode des Generals eine Reise nach B***
-antreten müssen, um hoher Absicht zufolge, während eines für längere
-Zeit bestimmten Aufenthaltes daselbst, sich um seine künftige Gemahlin
-verdient zu machen &mdash; hob jede Bedenklichkeit Ludmillas und ihrer
-Tochter. &mdash; Nur Zynthio ließ banger Ahndung voll den Kopf sinken,
-und riß in bebenden Molltönen tragisch gehaltene Akkorde, wenn eben
-Adelaide einen Gesang an die Hoffnung gerichtet, anstim<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>men wollte. &mdash;
-Man lachte des Schwermuths-Berauschten; aber bald schwand dieses Lachen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Jener Würger, dessen verheerende Thätigkeit öfterer das stille Glück
-liebender und geliebter Verbundenen in nahmenlosen Schmerz verwandelt,
-als die Wünsche der Erben reicher Greise, der Sklaven entbehrlicher
-Tyrannen &mdash; ja selbst das Flehen so vieler von jeder Freude verlassener
-und nur von Schmerz und Leiden heimgesuchter Unglücklichen in Erfüllung
-bringt &mdash; jener herzlose Freudenstörer streckte die knöcherne
-raubgierige Hand nicht nach der siebzigjährigen Oberhofmeisterin,
-sondern nach der kaum das fünfte Stufenjahr betretenden edlen
-Erzieherin Mathildens und deren Freundin. Ein heftiges Fieber
-zerrüttete das schwache Nervensystem der schon seit längerer Zeit sich
-ins Geheim dem Grabe nahe fühlenden nun dahinsinkenden Baronin von
-Treval. Es bedurfte nur wenige Tage zur entscheidenden Vernichtung
-ihres Lebens. Die unerbittliche Atropos zuckte, und abgemähet<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> sank die
-allgemein Geliebte, allgemein Bedauerte, in die Arme des Schlafes, aus
-dem kein Erwachen, weder zu neuem Genuß der Freuden, noch zu drückender
-Tageslast hienieden statt findet.</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Es wird ja nur die Hülle</div>
- <div class="verse">in Grabes Nacht versenkt,</div>
- <div class="verse">und Seligkeit die Fülle</div>
- <div class="verse">dem bessern Seyn geschenkt.</div>
- <div class="verse">Drum weinet nicht, ihr Lieben!</div>
- <div class="verse">dem Geist ist wohlgeschehn.</div>
- <div class="verse">Hört auf, Euch zu betrüben,</div>
- <div class="verse">bald winkt uns Wiedersehn!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">&mdash; sang noch zum Schluß der Trauerkantate mit Trost gebietender
-Baßstimme der Kantor, und das Chor stimmte ein, als der Sarg in die
-Gruft der Schloßkirche gesenkt wurde.</p>
-
-<p>„Bald winkt uns Wiedersehn!“ lispelte, von Thränen erschöpft, Mathilde
-Adelaiden leise zu. „Aber nicht erst in jenem Leben, darum erbat ich es
-von meinem Vater, daß die Entschlafene in die nur fürstlichen Gebeinen
-geweihte Ruhekammer dem<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> großen Tage entgegen schlummern durfte. Der
-Sakristaner ist für mich gewonnen, er wird meine Wallfarth begünstigen.“</p>
-
-<p>Versteh ich recht? &mdash; fragte mit einem brennenden von gleichem
-Verlangen belebten Blick Adelaide.</p>
-
-<p>„Und du begleitest mich?“</p>
-
-<p>Zu den Lebendigen und Todten! &mdash; Aber wie?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Heut noch, um Mitternacht. &mdash; Wir finden die Gruft erleuchtet, den
-Sarg geöffnet, und &mdash; &mdash; man beobachtet uns &mdash; nur dies noch: das
-Zugpförtchen über den Burggraben an der Kirchseite wird durch des
-ehrlichen Sakristaners Vorsorge niedergelassen bleiben. Wir Beide
-schleichen unbemerkt in die Halle; am Eingang der Gruft verläßt uns der
-Vertraute unsrer Todtenfeier.“</p>
-
-<p>Und wir &mdash; allein? Ist die sonst so zaghafte Mathilde auch auf alles
-gefaßt &mdash; was Täuschung, nächtliche Stille und Grauen ihr vorgaukeln
-könnte?</p>
-
-<p>„An deiner Seite &mdash; auf alles.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span></p>
-
-<p>Wo treffen wir uns?</p>
-
-<p>„Unter dem Vorwande trauriger noch ungewohnter Einsamkeit, erhalte ich
-die Einwilligung unsrer Eltern noch diesen Abend, dich um Nachtquartier
-zu bitten. &mdash; Behutsamkeit, Liebe! daß kein Wörtchen sich in ungeweihte
-Ohren flüstere“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sorge nicht, traute Schwärmerin! &mdash; die Wallfarth ist mir selbst zu
-heilig; siebenfacher Schleier verhülle unser Geheimniß, daß es selbst
-der Mond nur ahnde, auf welchem Wege sein blasser Schimmer uns leuchte.</p>
-
-<p>Zynthio schlich diesen Abend, von banger Unruh getrieben, den beiden
-Priesterinnen der Todtenhalle auf Schritt und Tritten nach. &mdash; Gute
-Nacht, lieber Kamillo! rief ihm Mathilde zu, und zog Adelaiden zum
-Schlafzimmer. &mdash; Schlaf wohl! wünschte ihm diese, indem sie ihm einen
-Kuß zuwarf, und schlüpfte am Arm der Freundin ins einsame Gemach, wo
-verhüllende Gewänder für die beiden Wallfahrterinnen schon bereit
-lagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span></p>
-
-<p>„Ich kann nicht schlafen,“ sagte der Sicilianer zu seinem Georg,
-welcher ebenfalls wie ein Geächteter umher irrte, ohne einen andern
-Grund seiner Unruhe angeben zu können, als daß der heutige Trauerpomp,
-das dumpfe Getön der Glocken, und die Schwermuth der jungen Damen ihn
-in diese Stimmung versetzt habe &mdash; „die Nacht ist kühl, aber schön. Der
-Vollmond lockt mich, trotz der strengen Märzluft, ins Freie.“</p>
-
-<p>Ich trage Ihnen die Guitarre nach &mdash; fiel Georg, gleichfalls vom Reiz
-des nächtlichen Spazierganges ergriffen, dem ihm Dank zulächelnden
-Zynthio ins Wort.</p>
-
-<p>„Was heißt das? Sonderbar!“ riefen Beide zugleich, als sie eine Stunde
-später auf ihrem Wege an die Zugbrücke der fürstlichen Burg gelangten,
-und das Pförtchen herunter gelassen fanden.</p>
-
-<p>„Auch die Kapelle ist offen.“</p>
-
-<p>Der Schein brennender Kerzen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Gerechter Gott! Geistern ähnliche Gestalten wanken hin und her.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>&mdash; Aengstliche Töne! wie Adelaidens Stimme!</p>
-
-<p>„Wäre es möglich?“</p>
-
-<p>Ob wir vordringen?</p>
-
-<p>„Wenn es nur nicht unwillkommne Neugier werden könnte“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Unsere Damen schliefen ja wohl&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Wieder ein vernehmbarer Ruf, wie aus der jungen Gräfin Brust entflohn!“</p>
-
-<p>Bannen Sie das Fremde, und locken die Bekannten durch einige Akkorde
-Ihrer Guitarre.</p>
-
-<p>Zynthio gab das empfohlne Signal.</p>
-
-<p>„Zynthio! Zynthio!“ &mdash; rief es mit zitterndem Entsetzen. „Du hier? &mdash;
-oder dein Geist zu unserm Schutz gesandt?“ &mdash; Und bleich, athemlos
-stürzte Adelaide aus der Seitenpforte der Kapelle. Eine riesenartige
-Menschengestalt, im dunkelgrauen Mantel gewickelt, drängte sich auf
-dem schmalen Nebensteg der Schwankenden vor, stieß die herbeieilenden
-Jünglinge zurück, und Adelaiden in den tiefen Graben des Walles.</p>
-
-<p>„Halte den Bösewicht auf“ &mdash; schrie der<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> ihr nachspringende Zynthio
-dem ihm auch in den Graben folgen wollenden Georg zu. Das Geschrei
-versammelte die Wächter; man brachte Stangen herbei, band Fischerkähne
-los, und eben schwand Zynthios letzte Kraft, mit der er die leblose
-theure Bürde über dem Wasser erhielt, als Georg mit einer ausgerissenen
-Palisade sich durch Schlamm und Weiden zu den Sinkenden hinarbeitete,
-und Beide einstweilen an den von Weiden sich natürlich bildenden Strand
-zog, bis endlich die Kähne sich näherten, und die Gebadeten der Gefahr
-des Untersinkens und des Erstarrens gänzlich entrissen wurden.</p>
-
-<p>Mathilde wurde schon ohnmächtig von dem erschrocknen Sakristaner aus
-der Gruft in dessen nahe an der Kirche liegenden Wohnung getragen.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">D</span>ie beiden Wallfahrterinnen waren, sobald sie alles in Schlummer und
-sich unbemerkt glauben durften, in weiße Mäntel und Schleier gehüllt,
-durch eine geheime<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span> Treppe dem obern Stockwerk, und durch eine
-Hinterthür dem Schlosse entkommen. Ein Miethswagen erwartete am Ausgang
-der Allee, die von dem Portal des Wallerseeschen Schlosses auf die
-Chaussee führte, die begeisterten Heldinnen. &mdash; Einige hundert Schritt
-von der Burg, welche am äußersten Ende der Residenz lag, stiegen
-sie aus, und fanden alles der Verabredung getreu zu ihrem Vorhaben
-bereitet. Mit der Laterne in der linken Hand, und der zu nochmaliger
-Warnung aufgehobenen Rechten, kam ihnen der Vertraute aus der Pforte
-der Sakristei entgegen, und geleitete sie, da keine Vorstellungen ihren
-bedenklichen Entschluß ändern konnten, zum Eingang der Gruft.</p>
-
-</div>
-
-<p>Eine brennende Ampel gab der düstern Wohnung der modernden fürstlichen
-Sippschaft Mathildens nur eine schwache schauerliche Beleuchtung.
-Der vorsichtige Führer hatte sich mit Wachskerzen versehen, um sie
-vor Eröffnung des Sarges anzuzünden, und somit das Grauen Erweckende
-so viel<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> als möglich zu mindern, als auch den Anblick des werthen
-Leichnams denen ihn besuchenden Freundinnen freundlicher zu machen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Entsetzen ergriff die unter dumpfen Tritten die letzten Stufen herunter
-Steigenden, als der Deckel des Sarges schon auf den Boden lag, und
-eine große wild umherschauende männliche Figur mit schwarzen, über das
-Gesicht hängenden Haaren von dem Todten hinwegeilte, und unter großem
-Getöse hinter die kolossalischen metallnen Särge verschwand, in denen
-die Gebeine der Verwesung anheimgefallnen fürstlichen Familie über den
-Frevel sich hörbar schüttelten.</p>
-
-<p>„Ha! verruchter Dieb!“ &mdash; schnaufte der sich fassende Sakristaner
-&mdash; „ich kenne dich und deine Absicht. Heraus mit dem entwendeten
-Geschmeide. Sehen Sie, gnädigste Durchlaucht! der Spitzbube hat’s
-richtig schon in seinen Klauen. Aber Gewinn soll’s ihm nicht bringen!“</p>
-
-<p>Mit dieser heftig ausgestoßnen Versiche<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>rung schritt er auf den
-ungebetnen Gast zu, und wollte ihn aus seinem Schlupfwinkel vertreiben;
-dieser kam ihm zuvor, schlug ihm die Laterne aus der Hand und ihn zu
-Boden.</p>
-
-<p>Der Verwegne hatte bei Eröffnung des Sarges vor dem Altar, während
-der Trauermusik, ein Medaillon in Brillanten gefaßt, auf der Brust
-des Leichnams bemerkt, welches Mathildens Bildniß und Nahmenszug
-von ihren Haaren geschlungen enthielt, und auf deren ausdrückliches
-Verlangen, dem mehr als treuen Mutterherzen, dem es gewidmet war,
-auch im Tode nicht entrissen werden sollte. Mit Hebel, Nachschlüssel
-und Brechstangen wußte er, der ein Schlosser war, sich durch ein
-von ihm noch während der Begräbnißfeier unbemerkt geöffnetes und
-nur lose angelehntes Fenster in der Dunkelheit des Abends wieder in
-die Kirche zu schleichen, und als er alles sicher wähnte, in die
-Gruft zu gelangen. Daß er hier eine brennende Ampel fand, machte ihn
-anfänglich stutzig; doch hielt er es bald nur<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span> für eine Nachläßigkeit
-des Kirchendieners, welcher sie wahrscheinlich auszulöschen vergessen
-hatte, es däuchte ihm sogar bequemer zu seinem Unternehmen, denn jetzt
-bedurfte er der mitgebrachten Blendleuchte nicht. &mdash; Doch hielt er es
-für rathsamer, nicht eher Hand ans Werk zu legen, bis die schauerliche
-Mitternachtsstunde ihn für jede Unterbrechung eines lebenden Wesens
-sicherte. &mdash; Sein Schrecken war daher nicht minder groß, als die zwei
-in ihren Verhüllungen Geistern ähnlichen Nachtwandlerinnen, von dem mit
-schwarzem Mantel angethanen Sakristaner begleitet, die Gruft betraten.</p>
-
-<p>Der Raub war bereits vollbracht &mdash; Furcht jagte ihn hinter und zwischen
-die Särge; als er sich erkannt und verrathen sah, dachte er jetzt nur
-auf Flucht, unbekümmert um die Erhaltung der erbeuteten Kleinodien,
-welche jetzt nebst dem Bildniß der blühenden Fürstentochter in und
-unter dem Staube ihrer stolzen Ahnen durch einen ungeschickten Fußtritt
-ihres Räubers zertrümmert lagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Adelaide versuchte um Hülfe zu rufen, doch ihre Stimme war zu
-schwach; größer wurde die tödtende Angst, als Mathilde, vom Schrecken
-überwältigt, besonders da ihres treuen Begleiters Fall auch das
-Hinstürzen des fremden Mannes nach sich zog, weil dieser sich in des
-Sakristaners Mantel mit den Füßen verwickelte, und erstere aus vollem
-Halse: Mörder! Diebe! schrie, ohnmächtig auf den offnen Sarg sank.
-Doch ergriff die beherztere Tochter des Helden Wallersee eine der
-mitgebrachten Kerzen, zündete sie an der brennenden in Oehl getränkten
-Laterne des mit dem Schlosser auf der Erde ringenden Sakristaners an,
-und eilte die Stufen hinauf, um Beistand zu rufen. Unterdessen waren
-die Kämpfenden wieder auf die Füße gekommen; der Verbrecher bestrebte
-sich um so mehr, denen auf das Geschrei Herbeieilenden nicht mehr zu
-begegnen. Der Klang der Guitarre über dem Walle überzeugte ihn, daß
-Personen in der Nähe wären, und als Adelaide über die schmale Brücke
-flog, wollte er ihr den<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Vorsprung ins freie Feld abgewinnen. &mdash;
-Wüthend packte ihn Georg, übergab ihn der jetzt zudringenden Wache, die
-noch eben früh genug kam, um die Ungeduld des ehrlichen Westphählingers
-vor eigenmächtiger, rascher Exekution an dem Mörder seiner jungen
-Gebieterin abzuhalten, da ihm jeder Augenblick unersetzlich schien, den
-er der Hülfe Adelaidens und Zynthios entziehen mußte.</p>
-
-<p>Im Wahnsinn des hitzigen Fiebers klagte sich Mathilde des Mordes ihrer
-Gefährtin in jener Schreckensnacht an. Sie hatte die Schlußscene im
-Wasser, welche beinah das heroisch-romantische Drama in ein vollkommnes
-Trauerspiel verwandelte, erfahren, und hielt Adelaidens körperliche
-Gegenwart, ihren sanften Händedruck, für Erscheinung aus jener Welt;
-für geistige Berührungen und Aufforderungen, ihr dahin zu folgen. &mdash;
-Wie hätte auch die kranke Phantasie anders träumen sollen, da selbst
-die gesunde versucht wurde, die junge Gräfin Wallersee, seitdem sie
-aus dem Wellen<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>grabe erstanden war, für einen Friedensengel zu halten,
-der dem bessern Jenseits noch einmal entschwebte, um seine hier
-noch umherirrenden Lieblinge mit himmlischer Geduld und schonender
-Freundlichkeit ebenfalls dahin zu geleiten. &mdash; Keine Klage körperlicher
-Leiden entschlüpfte ihren Lippen, wiewohl ihre physischen Lebenskräfte
-nicht wieder mit ihr aus jener Todesnacht zurückkehrten. Die Blüthe
-der Gesundheit war abgestreift, der Sturm hatte die Lilie zwar nicht
-geknickt, aber die zarte Wurzel dem nährenden Schooße der Mutter Erde
-entrissen; sie neigte nicht ihr Haupt, aber es schien sich im reinen
-Aether eines schönen Frühlingsabends nur bis zum gänzlichen Untergang
-der sie sanft umstrahlenden Sonne erhalten zu wollen.</p>
-
-<p>Das stärkere Nervensystem der Prinzessin erkämpfte dieser nach einigen
-Wochen wieder ein vollkommnes Wohlbefinden. Auch Adelaide widersprach
-heiter den Bedenklichkeiten der Aerzte, und erklärte: kein Uebel nennen
-zu können, das sie fühlbar<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span> drückte; die abentheuerliche Geschichte
-ward demnach bald nebst ihren Folgen vergessen, wenigstens trübte die
-Erinnerung derselben keinen von Mathildens fröhlichen Tagen mehr.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„E</span>s ist mir leid, wenn ich störe; aber der mütterliche Wunsch, die
-schon seit einer halben Stunde sehnlichst erwartete Tochter zu sehen,
-der Befehl, Sie zu suchen, entschuldige mich!“ &mdash; keuchte der schon
-seit dreißig Minuten im Park nach Adelaiden umherirrende Zynthio der
-endlich Gefundenen entgegen, und verfolgte mit forschenden Blicken
-einen sich durchs Gebüsch verlierenden Jüngling, dessen Gesichtszüge er
-wegen des tief in die Augen gesetzten Hutes nicht erkennen konnte, so
-bekannt ihm auch die schöne schlanke Gestalt zu seyn dünkte.</p>
-
-</div>
-
-<p>Du stören? &mdash; O wärest du früher gekommen! &mdash; antwortete freundlich,
-aber doch etwas bewegt, die Glühende, und stützte sich auf Zynthios
-Arm; &mdash; doch davon nachher. Laß uns zurück eilen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span></p>
-
-<p>Die Generalin hielt Adelaiden einen Brief entgegen. &mdash; Lies, meine gute
-Tochter, und rathe mir. Der Fall ist epinös; ich befinde mich in keiner
-geringen Verlegenheit.</p>
-
-<p>Adelaide entfaltete das Schreiben der Fürstin, es lautete:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>„Der Tod der Solly hat freilich die Oberhofmeisterinstelle endlich
-erledigt, aber noch will der Zufall mir die Erfüllung meiner
-herzlichen Wünsche erschweren. Die Wittwe des Ministers Zach,
-welche durch den Prozeß mit den Lehnsvettern ihres verstorbenen
-Gemahls alles, bis auf ihr kleines eingebrachtes Vermögen,
-verloren hat &mdash; supplicirt um diese Stelle. Zach machte sich um
-den Staat verdient, das ist nicht zu läugnen. Eine Pension, die
-dem Gehalt der in Anspruch stehenden Charge gleich käme, dürfte
-für den Finanzetat etwas zu Ungewöhnliches, und folglich denen
-in der eingeführten Regel graugewordnen Verwesern desselben zu
-Auffallendes seyn. Der Fürst mögte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> so ungern das Vergnügen
-refüsiren, meine Freundin als <span class="antiqua">Grande Maitresse</span> unauflöslich
-an unsern Hof zu fesseln &mdash; er weiß, welchen Werth ich auf diese
-Gefälligkeit legen würde, &mdash; und doch kann er nicht umhin, auch
-Rücksicht auf die Ansprüche der verwittweten Zach zu nehmen,
-besonders da, als ihr naher Verwandter, der Oberjägermeister
-Bendheim, das Gesuch unterstützt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mein Gemahl meint: hier sey guter Rath theuer! &mdash; aber ich denke:
-<em class="gesperrt">Nein.</em> &mdash; Entschädigung werde der Hülfsbedürftigen von dem,
-was sonst für die überflüßige Befriedigung meiner kostspieligen
-Launen bestimmt war, aber nicht auf Kosten der schönsten
-Forderungen meines Attachements für Sie. &mdash; Dagegen erwarte ich von
-Ihnen, liebe Gräfin! alles Enthaltens einer unzeitigen Delikatesse;
-und wenn das voreilige Gerücht Ihnen die Prätensionen der Zachschen
-und Bendheimschen Allianz schon als akkordirt zu Ohren brächten,
-mir nicht durch übelan<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>gebrachte Resignation entgegen zu wirken.
-Ich engagire Sie für diesen Nachmittag, mich auf meine Meierei
-Luisensruh zu begleiten; dann das Weitere.“&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p></div>
-
-<p>Nun, liebe Adele! fiel jetzt die Gräfin ein &mdash; kann ich nicht mit dem
-Fürsten sagen: hier ist guter Rath theuer?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nichts weniger. Nie versahen uns Verhältnisse, neue unerwartete
-Ereignisse wohlfeiler damit“ &mdash; entgegnete die Gefragte.</p>
-
-<p>Und welches Benehmen schrieben mir diese Verhältnisse vor?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Der Vorsehung zu danken, die meine edle Mutter durch hinlängliches
-Vermögen in Stand setzte, zum Vortheil einer unbegüterten Familie auf
-die angebotne Gnade der Fürstin Verzicht leisten zu können.“</p>
-
-<p>Mein Gott! &mdash; So &mdash; <span class="antiqua">de But en blanc</span> &mdash;?</p>
-
-<p>„Nicht <span class="antiqua">de But en blanc</span>! &mdash; Ihr Zweck ist redlich und unfehlbar.“</p>
-
-<p>Aber die Fürstin will die Zach entschädigen. Ich selbst denke mich an
-Großmuth<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> nicht übertreffen zu lassen, denn ich verlange nicht den
-ganzen Gehalt, die Hälfte davon möge die Revenüen der ärmern Wittwe
-vermehren; und somit könnten die Wünsche des Fürsten und seiner
-Gemahlin erfüllt werden, ohne der Ministerin Unrecht zu thun.</p>
-
-<p>„Und die vom Hof Entfernten würden, ohnerachtet dieser Entschädigung,
-über Unrecht klagen. Der Glanz, das Ansehen, welches mit dieser Stelle
-verbunden ist, und dessen die ohnedies reiche im hohen Range stehende
-Gräfin Wallersee nicht bedarf &mdash; dünkt der Frau von Zach eben so
-ersprießlich für die Versorgung ihrer Töchter, als es der wohlthätige
-reichliche Gehalt ihrer zerrütteten Finanzen seyn wird.“</p>
-
-<p>Doch &mdash; ich bitte dich, Kind! wie würde mein Renonciren von der lieben
-Fürstin aufgenommen werden?</p>
-
-<p>„Sie müßte weniger billiges Gefühl, weniger richtigen und feinen Takt
-haben, als doch selbst jede Zeile ihres Briefes beweist, wenn sie nicht
-ihren Entschluß im voraus<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> so berechnet hätte, wie er der nicht minder
-edel und gerecht fühlenden Freundin einer solchen Fürstin geziemt.“</p>
-
-<p>Und der Hof? &mdash; Gewiß, mein Kind! das wird ein Fest für unsere Neider
-geben. Man wird sagen, ich sey in Ungnade gefallen; die Zach habe mich
-verdrängt. Jedermann weiß, daß die Solly der Herrschaft nur deswegen
-zu lange lebte, weil man gern schon längst durch mich ihre Stelle
-remplacirt hätte.</p>
-
-<p>„Dem läßt sich vorbeugen. Sie schlagen das ehrenvolle Anerbieten unter
-dem Vorwande aus, daß mir die Aerzte den Gebrauch der Bäder Pyrmont und
-Spaa verordnet, und überhaupt bis zu vollkommner Befestigung meiner
-schwankenden Gesundheit, die Stille und reine Landluft auf unserm
-Wallersee fürs zuträglichste hielten. Der Zweck rechtfertigt hier die
-Mittel, und entschuldige mich, wenn ich diesmal ein wenig die <span class="antiqua">malade
-imaginaire</span> spiele. &mdash; Gewiß, ich will das Vorgehen recht natürlich
-unterstützen. &mdash; Die Fürstin beklagt Ange<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>sicht des Hofes den Verlust
-ihrer gehofften <span class="antiqua">Grande Maitresse</span>, wünscht Ihnen mit schwerem
-Herzen glückliche Reise, und mir heilsames Gedeihen der Brunnenkur und
-der künftigen Landluft auf unsern Gütern. Die Höflinge wünschen unter
-tiefen Bücklingen uns desgleichen, bedauern, daß sie uns aus ihrer
-Mitte verlieren, und lachen, wenigstens nicht über getäuschte Hoffnung,
-da es von der beneideten Gräfin Wallersee abhing, sie erfüllt zu sehen!“</p>
-
-<p>Adelaide! ist das dein Ernst? &mdash; Wenn der Gebrauch der Bäder
-nothwendig, ja dir nur wünschenswerth wäre, so reisen wir künftige
-Woche, wenn du willst. Aber warum von hier auf längere Zeit, wohl gar
-auf immer uns zu exiliren?</p>
-
-<p>„Aus der triftigsten Ursach von der Welt, meine gute theure Mutter!“</p>
-
-<p>Du bist bewegt &mdash; deine Wange glüht: ist dir etwas wiederfahren?</p>
-
-<p>„Diesen Morgen &mdash; überraschte mich Prinz Louis im Fasanen-Gehege unsers
-Parks“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span></p>
-
-<p>Der Erbprinz? &mdash; Mein Gott! ist er wieder angekommen?</p>
-
-<p>„Für Niemand sichtbar, als für mich. Mit unserm Fasanenwärter im
-Einverständniß, kam er als reisender Jäger diese Nacht bei seiner
-Waldhütte an, nahm Herberge daselbst, und ließ mich durch eine falsche
-Einladung von Mathilden in aller Frühe dahin locken.“</p>
-
-<p>Liebes Kind! die Sache ist ernsthaft &mdash; schlimmer als ich glaubte. Der
-Unbesonnene! Und was ist seine Absicht?</p>
-
-<p>„Mich mit der Unmöglichkeit bekannt zu machen, eine längere Trennung zu
-ertragen. Er spricht von lästigen, ja selbst unsrer Ruhe gefährlichen
-Anschlägen des jungen Graf Bendheims, und droht, in längstens vier
-Wochen wieder am Hofe seines Vaters, berufen oder nicht berufen,
-willkommen oder nicht willkommen, zu erscheinen, und die beabsichteten
-Zwecke des Fürsten andern Händen zu überlassen.“</p>
-
-<p>Die Generalin schlug die Hände über den Kopf zusammen, und blickte
-starr um<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>her, als fürchtete sie, durch eine der drei Thüren des Zimmers
-den Unwillkommenen eintreten zu sehen. Nach einer kleinen Pause fragte
-sie kleinlaut: Wie hast du denn diesen Tollkopf bedeutet?</p>
-
-<p>„Mit der Würde des Mädchens, das von ihm verlangen darf, einen solchen
-Besuch nie zu wiederholen: ihren Ruf, ihre Ruhe fürs künftige mehrerer
-Schonung werth zu achten. Er versprachs; indeß dem sey wie ihm wolle,
-meine theure Mutter sieht das Zusammentreffen aller dieser Umstände
-gewiß für einen Wink der Vorsehung an, ihre Ansprüche der verwittweten
-Frau von Zach mit der anständigsten ehrenvollsten Manier zu cediren.“</p>
-
-<p>Freilich, freilich &mdash; So zusammen gehalten, bei so bewandten Fällen
-&mdash; bin ich genöthigt, und noch überdies mit guter Miene bei schlimmen
-Spiel, der Fürstin den Kauf aufzusagen, soll ihr und mir nicht das
-Mutterherz für Leid über unsere Kinder brechen. &mdash; O, der rasende
-Roland! &mdash; Verderben brächte er über mich und dich, du Unschul<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>dige!
-Wohl, es geschehe, wie du mir gerathen.</p>
-
-<p>Die Generalin hielt Wort, so viel es ihr kostete, die Residenz,
-welche nun schon ihre Heimath geworden, die Fürstin, in der sie eine
-schwesterliche Vertraute gefunden, und den Hof, welcher ihr Element zu
-seyn schien, zu verlassen, und trat mit ihrer Adelaide Anfangs Juni die
-Reise nach den Bädern an. Der Herbst fand sie schon als Einheimische
-auf Wallersee, den erwählten Aufenthalt für kommenden Winter und Sommer.</p>
-
-<p>„Es ist schön, ganz wie ich es längst um Ihretwillen wünschte“ &mdash; sagte
-Zynthio, als Adelaide am Abend vor ihrer Abreise aus der Residenz ihm
-mit hoher Rührung um den Hals fiel, und eine bedeutende Thräne in ihrem
-Auge zitterte &mdash; „allein zu spät; was wird es jetzt überhaupt helfen?
-Mit blutendem Herzen beginnt die sich Opfernde die Heldenthat, und
-Genesung dem Liebekranken bewirkt man demohnerachtet nicht.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span></p>
-
-<p>Zeitungen verkündeten, daß der Erbprinz in der Residenz seines Vaters
-wieder eingetroffen sey; vertraute Briefe daher meldeten, daß Er
-über die Abreise Adelaidens, ihrer gänzlichen für immer berechneten
-Entfernung von dort erst gewüthet, mit sich und dem Schicksal grausend
-gerechtet &mdash; nachher aber sich besänftigt habe, und jetzt wie in einer
-Art Resignation lebe; man hoffe, daß er der Vernunft endlich Gehör
-geben, und sich wieder mit der Nothwendigkeit aussöhnen werde.</p>
-
-<p>„Was wird es helfen?“ sagte abermals Zynthio &mdash; „die schönsten
-Hoffnungen des Lebens hat der Mehlthau eiserner Nothwendigkeit
-schon vergiftet; Resignation ist entweder die Frucht abgestumpfter
-Verzweiflung, Groll gegen Schöpfer und Geschöpf; oder sie enthält, wie
-in Adelaidens Seele, die Kraft des Magnets einer andern Welt.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s4 center mbot1">Mathilde an Adelaiden.</p>
-
-<p><span class="initial">D</span>aß du mich liebst, weiß ich; daß deine Gesundheit gewinnt, glaube ich
-dir nur halb, und Zynthio schreibt mir, daß du es selbst nicht glaubst,
-so beflissen du es auch allen, die dich lieben, versichern willst.
-Ferner, daß mein Bruder dir schmerzlichen Kummer mit seinem Besuch
-auf Wallersee verursachte, daß seine eigensinnige Leidenschaft die
-Störerin deiner Zufriedenheit sey, möge das Verhängniß verantworten,
-welches die edelste Richtung des menschlichen Herzens meinem armen
-Louis zum Verbrechen macht, weil Convenienz das Urtheil spricht. &mdash;
-Aber auch mit mir bist du unzufrieden, dies verräth so manche Zeile, ja
-die ganze Haltung deines Schreibens. &mdash; Stimme dich zur Harmonie mit
-deinen Landfräuleins herab; diese Selbstverläugnung ist deiner alles
-umfassenden Menschenliebe und sanften Hingebung reiner Genuß! &mdash; Aber
-wer alle seine Nebengeschöpfe mit gleicher Liebe umfaßt, bevortheilt
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> vorzüglichern Rechte geprüfter uns näher verschwisterter Seelen!
-&mdash; Beschuldige mich nicht kleinlicher Eifersüchtelei! &mdash; ich weiß, und
-du selbst wirst fühlen, daß meine Besorgniß vor dem Richterstuhl einer
-so zarten Freundschaft, wie die unsrige, gerechtfertigt ist.</p>
-
-</div>
-
-<p>Jeder Tag vermehrt die Sammlung deiner schriftlichen Aufsätze
-&mdash; auch dies weiß ich, Dank sey es der Aufrichtigkeit des
-felsenfesten Bundesgenossen Camillo! &mdash; aber für mich schuf eine den
-Gelegenheitsgeschäften gewidmete Stunde ein längst mir schuldiges
-Antwortschreiben. &mdash; Ich könnte vergelten; denn noch baue ich auf
-meinen Werth bei dir &mdash; aber nein, dieses Blatt ist nur die Beilage
-eines Tagebuchs von mehrern Wochen, in denen ich mich für dich und
-mit dir aussprach. Die kleine Betty, welche ohne dich und Zynthio
-fernerhin, so wenig als die Biene ohne den Saft der Blüthen zu leben
-und zu weben vermag &mdash; überbringt dir dieses Paket.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">W</span>eh mir! Adelaide ist für mich verloren. Auch das trauliche Du
-entzieht sie mir. &mdash; Du verweisest mich auf die Stuffe der künftigen
-Großherzogin, und läßt mich dort isolirt stehen. &mdash; O Adelaide! das
-ist nicht der Weg, mich für meine Bestimmung zu gewinnen. So süß die
-Schaale auch seyn mag, in der du mir deine Ermahnungen darreichst, der
-Kern ist bitter &mdash; bittrer als mir ihn je die Hand der Freundschaft
-hätte bieten sollen. &mdash; Sobald die Arznei widersteht, geht die Wirkung
-verloren. &mdash; Ich soll von einer Schwärmerei genesen, die in dieser
-sublunarischen Welt weder eignes noch allgemeines Glück gedeihen läßt
-&mdash; noch gefährlicher sey ihr berauschender Duft dem unbefangnen Herzen
-der Fürstentochter, welche alsdann mit exaltirten Forderungen an das
-Menschengeschlecht den Pfad zum Throne wandelt; diese Erwartungen
-getäuscht: folglich sich zur Verachtung, zur Gleichgültigkeit gegen
-diese Menschen berechtigt glaubt &mdash; und was dergleichen sanktionirte
-Sentenzen mehr sind.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></p>
-
-<p>Wisse, gute Adelaide, du beschuldigst mich einer Schwäche, der du
-selbst unterworfen bist, nur daß du dich größer, erhabener auf deinem
-stolzen Zelter ausnimmst! &mdash; Du schwingst dich mit der Geisteskraft
-eines Weltweisen zum vollkommensten Erdengeschöpf hinauf, ohne
-Enthusiasmus für dies glänzende Ziel würde das siebzehnjährige Mädchen
-dies nicht ausdauernd wollen, nicht vermögen. &mdash; Ich lebe nur dem
-weichen Gefühle meines Liebe und Freundschaft bedürfenden Herzens. &mdash;
-Mein Ideal von Glückseligkeit steht tief unter dem deinigen &mdash; aber
-ich umfasse es mit glühender Seele &mdash; während dich das letztere in
-sokratische Temperatur versetzt. &mdash; Bedaure mich, wenn du schlußgerecht
-Unglück für mich daraus folgerst: um so mehr, da ich dir aufrichtig
-bekenne, daß ich jenem Ideal treu zu bleiben mir fest gelobt, und noch
-nichts weniger, als für die Anträge des Großherzogs, mich entschieden
-habe.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Gleiches Blut wallt in den Adern meines Bruders, gleiche
-Standhaftigkeit in<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> dem System heißer reiner Liebe, motivirt auch seine
-Begriffe über das, was er darf oder nicht darf; so sehr diese Begriffe
-auch die exemplarische Staatsklugheit vor den Kopf stoßen mögen.</p>
-
-<p>Verzeihe der schwesterlichen Liebe den Verrath an der Freundschaft &mdash;
-der nur dir Lebende ist mit deinem Entschluß, dich nie zu vermählen,
-bekannt. Eine Adelaide beschließt nie, ohne reiflich erwogen zu haben,
-und Beharrlichkeit ist dann ihr Gesetz &mdash; folglich versiegt nie die
-Quelle süßer Hoffnung für meinen Bruder. Sein letzter Brief überzeugt
-mich neuerdings, daß, kühn durch diese Hoffnung, er den Zweck seiner
-Sendung schlecht befördere und uns auf die gehoffte Erbprinzessin
-vergeblich warten lassen werde. &mdash; Verdamme ihn, wenn deine strenge
-Weisheit auch schon über deine Herzensgüte, ja selbst über die
-menschliche Billigkeit, gesiegt hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">A</span>m lodernden Kaminfeuer, auf seinem mit Leder beschlagenen Armstuhl
-sitzend, und unzufrieden mit dem Schneegestöber des angehenden Aprills
-aufs Fenster hinblickend, blies der Landrath von Elfen formidable
-Wolkensäulen von Tabacksrauch um sich &mdash; die, je mehr ihm, außer dem
-Kitzel des angenehmen Brandopfers Virginischen Kanasters, noch etwas
-Wichtigeres auf der Zunge lag, immer dicker und undurchdringlicher
-wurden.</p>
-
-</div>
-
-<p>Graf Hochburg ergriff jetzt auch die Beilage zum hamburgischen
-Korrespondenten.</p>
-
-<p>„Lass das nur weg;“ sagte der alte Herr. „Mir liegt dermalen etwas
-näher, als jene Ediktalien, Citationen und Ankündigungen wunderthätiger
-Arkane. &mdash; Höre, Neffe! Ich verstehe mich nicht auf das verfängliche
-Betasten des guten Gewissens eines ehrlichen Kerls &mdash; also ohne
-Umschweife: Freund, wie stehst um dein Herz? &mdash; wem gehörts?“</p>
-
-<p>Lieber Onkel! &mdash; Karoline ist mit Ihrer Einwilligung meine Verlobte&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span></p>
-
-<p>„Um die seit einer gewissen Zeit dein Leichnam wie eine Gliederpuppe
-herumstationirt, während deine Liebesgedanken meilenweit von der
-Verlobten Posto gefaßt haben? &mdash; Getroffen! das zeigt dein Erröthen,
-das verrät dein Stammeln.“</p>
-
-<p>Nicht allemal sind dies überführende Beweise&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Sey ehrlich, Bursche! &mdash; Antworte offen, wie es meine gutgemeinte
-Frage verdient. Ist dir Karoline noch das, was sie dir vor einem halben
-Jahre war? &mdash; wünschest du heute noch eben so herzlich: der Tag eurer
-Verbindung wäre auf morgen festgesetzt, als dazumal, da ich ihn noch
-auf ein Jahr hinaussetzte?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Lieber Onkel! &mdash; warum sollte ich nicht&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Pfui! mit diesem armen Sündergesicht, mit diesem stotternden Behelf
-würdest du selbst von der jungen Wallersee kaum ein bedauerndes Lächeln
-über den Seelenbanquerouten Schächer gewonnen haben; um derentwillen du
-dich doch in dieser preßhaften Lage befindest.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span></p>
-
-<p>Noch verstehe ich nicht ganz. &mdash; Sollten Sie Verdacht auf mich und die
-Gräfin haben?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Verdacht? &mdash; Ueber den steht die vortreffliche junge Gräfin zu
-erhaben, und Er &mdash; junger Herr &mdash; noch zu weit unten.“</p>
-
-<p>Herr Landrath!&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Was beliebt?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie sind meiner Mutter Bruder, und dürfen mir freilich manches
-sagen&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Was einem Andern eine blutige Nase kosten würde, so recht er auch
-übrigens hätte. Genug, du siehst, daß ich zu alt bin, um nicht vom
-Blatte wegzulesen, was unter deinem Brusttuche geschrieben steht. Seit
-du die Wallersee kennen gelernt, seitdem ist dir dein Verhältniß zu
-Karolinen lästig.“</p>
-
-<p>Auf Ehre! ich liebe meine Kousine&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Als Vetter, und würdest dich aufrichtig freuen, sie am Arm eines
-andern braven Mannes zum Traualtar treten zu sehen. &mdash; Du wünschest
-doch ihr Glück?“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Hätte ich so viel in Ihrer Meinung<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> verloren, daß Sie auch daran
-zweifeln könnten?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nun dann, eine frostige Ehe würde sie unglücklich machen, sie hat Hang
-zur Eifersucht, und du kaum ein halbes Herz für sie. &mdash; Folglich, aus
-der Heirath mit Karolinen kann nichts werden.“</p>
-
-<p>Julius sank an des Landraths Brust. Guter, theurer Onkel! mein zweiter
-Vater! &mdash; entziehen Sie mir Ihre Liebe nicht!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Halt, so klingt’s? &mdash; Ich habe mich also nicht geirrt. Der
-ehemalige Liebhaber würde mit Sturm und Donnerwetter gegen die
-Bräutigams-Entlassung protestirt haben; der erkaltete Bonjourmacher
-fällt mir dankbar gerührt über den erhaltenen Abschied um den Hals.
-Gut, gut &mdash; die Sache ist abgemacht, unter uns beiden, heißt das. Aber
-noch nicht mit deinem Vater, mit Karolinen &mdash; die schonende Behandlung
-und Achtung zu fordern hat; doch auch das wird sich finden.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span></p>
-
-<p>Aber &mdash; schließt und geht mein guter Onkel auch nicht zu eilig?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Erspare dir die unnöthigen Schnörkeln; ich kann die Proforma’s nicht
-leiden. An mir ist’s, dich zu fragen: gehst du auch nicht zu eilig?
-&mdash; Was soll’s werden mit dir und der Wallersee? &mdash; Du zwar bist der
-allezeitfertige Freier, aber sie? &mdash; und für dich?“</p>
-
-<p>Ich glaube noch für Keinen. &mdash; Adelaide ist noch frei&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Und nichts weniger als zu zärtlicher Neigung für dich gestimmt.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie betrachtet mich als Karolinens Verlobten.</p>
-
-<p>„Gut, dahinter will ich bald kommen. Das Mädchen ist ohne Verstellung;
-sie hat Vertrauen in mich.“</p>
-
-<p>Bester Onkel! was wollen Sie?</p>
-
-<p>„Das Eis probiren, auf dem du eingebildeter Thor vielleicht zu
-zuversichtlich deine unwiderstehliche Herrlichkeit produziren willst.
-&mdash; Würde sie auf dich reflektiren, wenn sie dich frei weiß, so überlaß
-das Weitere mir.<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span> Für Karolinen findet sich schon noch Entschädigung;
-besser den Brautstand aufgehoben, als den Ehestand mit Wehe zerrissen,
-oder verzweifelnd bis zum Grabe fortgeschleppt.“</p>
-
-<p>Aber mein Vater wird&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Seine podagraischen Beine verfluchen, daß sie ihn abhalten, dich
-selbst auf die Zinne des Straßburger Thurms zu schleppen, und seinen
-Stammhalter mit eigner Hand herunter zu stürzen. &mdash; Doch auch aus
-ihm hoffe ich den bösen Geist zu treiben, wenn nur die Wallersee den
-zärtlichen Schäfer zu erhören sich geneigt findet.“</p>
-
-<p>„Heisa! trabe der Herr nicht so übermüthig einher!“ &mdash; raunte der
-Landrath seinem Neffen in’s Ohr, als dieser Tages darauf die Nachricht
-des jungen Baron Milken: Adelaide habe an dem Grafen Bendheim einen
-eifrigen Bewerber, aber dieser schien in seinen Bemühungen nicht
-glücklich zu seyn, und habe Wallersee vor ein Paar Tagen wieder sehr
-aufgebracht verlassen &mdash; mit fröhlichem Lachen aufnahm,<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> und seinen
-Witz über den abgewiesenen Seladon spielen ließ. „Morgen wird sich’s
-entscheiden, ob er über Bendheim triumphiren, oder sich mit ihm werde
-trösten müssen.“</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">D</span>er Landrath ritt nach Wallersee; gegen Abend kam er zurück. Seine
-Familie empfing ihn mit Fragen, wie es um das Befinden der Damen
-dort stehe? ob er von der Comtesse das neue Modejournal, von der
-Haushälterin die vollständige Koch- und Backereikunst, und von der
-Generalin den russischen Thee bekommen und wohlbehalten mitgebracht
-habe?</p>
-
-</div>
-
-<p>Alles das könnt ihr dort selbst in Empfang nehmen &mdash; erwiederte der
-bestürmte Kommissionair. &mdash; Karoline packt ihre Habseligkeiten,
-so viel sie deren auf einige Wochen bedarf, zusammen, und Mutter
-Friederike bringt morgen früh ihr Töchterchen nach Wallersee, wohin
-sie freundlichst eingeladen, und auf so lange, als es ihr dort
-gefällt, herzlich willkommen ist. &mdash; Die Com<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>tesse verspricht dir
-viel Vergnügen, ein neues englisches Fortepiano, wie dir noch keines
-dergleichen vorgekommen, neue Moden, dir völlig den Kopf zu verdrehen,
-Affen und Papagoys, dich mit ihnen lehrreich zu unterhalten &mdash; alles
-dieß ist unterdessen angekommen, und von Euch Frauenzimmern noch nicht
-angestaunt worden. &mdash; Säumt nicht, morgen mit dem Frühesten ist für
-Euch angespannt.</p>
-
-<p>O scharmant! rief erfreut Karoline, und hüpfte fort, ihre
-Reiseanstalten zu treffen.</p>
-
-<p>Recht gern, sagte die Landräthin &mdash; es war längst mein Wunsch, die
-Generalin selbst zu besuchen; nur wagte ich ihn nicht zu äußern &mdash;
-wegen der Pferde, die du doch jetzt nicht gern in der Wirthschaft
-missest.</p>
-
-<p>Muß wohl; wer kann so artigen Damen etwas abschlagen. &mdash; Jetzt, liebes
-Riekchen, sey auch du galant, und sorge für meinen Nacht-Imbiß; der
-Ritt hat mir Apetit gemacht.</p>
-
-<p>Die Landräthin ging mit freundlichem Behagen an der bevorstehenden
-Lustreise<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> ihren häuslichen Geschäften nach. Julius sah sich nun mit
-seinem Onkel allein; bange Erwartung des ihn angehenden Berichts aus
-Wallersee schloß ihm den Mund, so sehr ihm auch die Frage: Wie denkt
-Adelaide meiner? &mdash; das Herz drückte.</p>
-
-<p>Der Landrath ließ ihn nicht lange in Ungewißheit: „Und mit dem, wovon
-wir gesprochen haben, lieber Neffe, ists nichts, rein nichts!! &mdash; Ich
-bedaure dich, wahrlich ich bedaure dich! &mdash; Du hättest ein glückliches
-Loos gezogen, wäre dies Mädchen dir zu theil geworden.“</p>
-
-<p>Warum aber verschmäht sie mich? &mdash; stotterte Julius &mdash; So ist sie schon
-versagt&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Nein. Sie wird keines Andern Weib, und &mdash; ich glaube, es verdient sie
-auch keiner; Adelaide ist zu gut für unsere lieben Alltagsmänner. Ich
-habe nur eine halbe Stunde mit ihr unter vier Augen gesprochen; sie
-hat mir Ursachen angegeben, warum es nicht seyn kann, in Wendungen und
-Entschuldigungen, die ich weder wörtlich verstanden habe, noch sie
-dir mitzutheilen<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> vermögte; aber ich begreife und bin fest überzeugt,
-daß es nicht seyn kann. Uebrigens giebt sie deinen Wankelmuth der
-Unzufriedenheit mit Karolinens Mangel an feinem Ton und Weltkenntniß
-Schuld.“</p>
-
-<p>Ja, wenn sie mich so charakterlos hält&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Hm! Sie scheint mir auf dem rechten Wege zu seyn. &mdash; Adelaidens
-glänzend ausgebildete Talente, der Stempel der großen Welt, des
-Hoftons, der überall ihr Benehmen auszeichnet, verleidete freilich
-dem eleganten Chevalier das simple jener galanten Lebensart unkundige
-Landmädchen. &mdash; Die Wallersee behauptet: dem könne abgeholfen werden,
-und wiewohl ich nichts weniger willens bin, als dir meine Tochter
-aufzudringen, überhaupt das: Heute so, und morgen anders! nirgends
-statuire, wo ich drein zu reden habe &mdash; so mußte ich doch versprechen,
-ihr Karolinen in die Schule zu geben.“</p>
-
-<p>Die ohnehin schon liebenswürdige Cousine wird unstreitig in jeder Art
-gewinnen;<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> doch eben so wahr ist es, daß ich auf dieser entscheidenden
-Stufe mich sehr gedrückt fühlen muß.</p>
-
-<p>„Er meint, diese Stufe sey das Fußgestell eines Donquixots? &mdash; So ganz
-unrecht habt ihr nicht, edler Ritter!“</p>
-
-<p>O diese Adelaide! Gott gebe, daß sie mich nicht noch zu etwas
-Schlimmern macht, als zu einem Narren&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Der Ihr jetzt schon im höchsten Grade seyd!“</p>
-
-<p>Wie soll ich künftig ihren Anblick ertragen?</p>
-
-<p>„Dessen bist du überhoben: man verbittet deine Besuche auf Wallersee in
-den ersten Paar Monathen.“</p>
-
-<p>Ha, bravo, <span class="antiqua">mon cher Oncle</span>! ich erkenne dankbar die Früchte Ihrer
-Vermittelung &mdash; die Sachen stehen vortrefflich!</p>
-
-<p>„Sieh, Bursche! hielt ich dich jetzt nicht für eine Art Gecken, von
-denen man sagen muß: Sie wissen selbst nicht, was sie thun &mdash; in diesem
-Augenblick würdest du mir verächtlich! &mdash; Ich glaube, der Pinsel
-unter<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>fängt sich, mich der Kabale zwischen ihm und seinem Liebesglück
-bei der Gräfin zu beschuldigen.“</p>
-
-<p>Der Landrath war in allem Ernst böse, und Julius, der wohl einsah, daß
-er des Onkels Beistand nicht verlieren dürfte, legte sich mit Bitten
-und Schmeicheln zum Ziel. Er versprach, sich seiner Verbannung aus
-Wallersee auf vier Wochen wenigstens zu unterwerfen, sich still und
-leidlich zu verhalten, und ohne Vorbehalt auf Karolinens Hand, die
-jetzt der stolze Vater ihm auf jeden Fall versagen würde, dem Mädchen
-selbst mit der bisherigen Vertraulichkeit und wohlwollender Achtung zu
-begegnen.</p>
-
-<p>Karolinens Bekehrung überlaß ich Adelaidens Klugheit &mdash; fügte der
-Landrath noch zum Schluß hinzu. &mdash; Das weibliche Ehrgefühl kann
-auch nur von der zarten Schicklichkeit eines Weibes in jene nöthige
-Reizbarkeit gebracht werden, ohne den Stolz und die Ansprüche des
-Mädchens zu kränken.</p>
-
-<p>Die Cousine nahm des Vetters finstere Laune für Verdruß, daß er sie
-nun meh<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>rere Wochen hindurch nicht sehen würde; da eine vorgeschützte
-Reise zu seines Vaters Bruder ihn hinderte, ihr Vergnügen durch seine
-Gegenwart in Wallersee zu vergrößern. Sie selbst tröstete ihn, daß
-nichts schneller laufe, als die Zeit, und Wiedersehen nach langer
-Trennung das Süßeste sey, was ein treues Herz erfreuen könne.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Was die Frühlingssonne der knospenden Schöpfung war &mdash; so wie der junge
-Mai den stürmischen Aprill verdrängte, und sich schöner entwickelte,
-als je die Dichter ihn besungen hatten &mdash; eben das war Adelaide für
-Karolinens Blüthen; auch das artige Landmädchen entwickelte sich unter
-der jungen Gräfin Leitung zur reizenden Hebe, die selbst den Landrath
-mit dem Becher hoher Vaterfreude über ihre Verwandlung berauschte.</p>
-
-<p>Ich hoffe, sagte Adelaide dann mit sanftem Händedruck zu dem vergnügten
-Alten: der Ritter würde noch gern um diese Perle einen Zug nach
-Palästina unternehmen.</p>
-
-<p>Hm! &mdash; ich zweifle. Herzen lassen sich<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> nichts unterschieben &mdash; und
-dann &mdash; zum Lükkenbüßer wäre sie überall zu gut. Ich wünschte, sie
-ahndete, daß sie dies als Weib nur ihrem Vetter seyn könnte, ohne daß
-ein wörtlicher Commentar sie davon unterrichtete.</p>
-
-<p>Zeit bricht Rosen, sprüchwörtelten unsere Alten, und die ehrlichen
-Leute wußten wohl, was sie sagten. &mdash; Befiehlt die subtilere
-Nothwendigkeit, dem Geliebten nur den Grad eines Vetters zu zuerkennen,
-so wird Lina dem Willen des Vaters und der jungfräulichen Würde
-vielleicht ohne sonderlichen Zwang Gehör geben. Als sie vor einigen
-Tagen vernahm, Graf Julius sey, während wir einen Besuch in der
-Nachbarschaft abstatteten, in der Hoffnung uns zu sehen, hier gewesen,
-bewunderte ich die Ruhe, mit der sie seinen vergeblichen Versuch
-bedauerte.</p>
-
-<p>Die Dirne ist leichtsinniger, als ich geglaubt hätte, aber in
-gegenwärtigem Fall frommt es uns allen. &mdash; Nun, ich habe meine Sach’
-Gott heimgestellt &mdash; singt auch<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> ein braves altes Lied &mdash; und ich habe
-meine Noth mit dem Mädchen in ihre gütige, geschickte Hand gelegt;
-besser konnte sie nicht aufgehoben werden; denn ich betrachte Sie als
-einen Engel, uns von Gott geschenkt, Leiden zu versüßen und Freuden uns
-zu erhöhen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich kann es dem Passionsritter nicht verargen &mdash; murmelte der Landrath,
-indem er sich aufs Pferd und noch einen väterlichen Liebeskuß nach
-Adelaidens Fenster warf &mdash; wenn er um eines solchen Mädchens willen
-nicht nur seiner Braut, der ganzen Welt, ja sich selbst ungetreu wird.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">A</span>delaide arbeitete mit Karolinen an einer Stickerei, die zum Geburtstag
-der Frau von Elfen vollendet werden sollte. Georg unterbrach mit einem
-Postpaket die emsigen Künstlerinnen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Meines Bruders Hand &mdash; Mathildens, und &mdash; von Bendheim; sagte leise
-mit steigender Verwunderung die Empfängerin.<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> Kaum hatte sie einen der
-Briefe zur Hälfte gelesen, so bat sie erblassend: Zynthio mögte die
-Vorzeichnung der Stickerei an ihrer Statt vollenden, und eilte in ihr
-Kabinet. Karoline wendete ihre besorgten Blicke auf den Sicilianer, der
-Adelaiden eben so betroffen nachsah.</p>
-
-<p>Die Gräfin entfärbte sich, ihre Stimme zitterte; die Angst würde mich
-antreiben, ihr zu folgen &mdash; aber sie könnte ungestört seyn wollen. Sie,
-als der vertrautere Freund des Hauses dürfen vielleicht&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Zudringlicher seyn? &mdash; Nein, Fräulein! ich verstand ihren Wink, allein
-seyn zu wollen. Nie habe ich gewagt, dies stillschweigende Gesetz
-zu übertreten. &mdash; Droht ihrem Befinden ein Unfall, so ist Betty im
-Nebenzimmer, und zur Hülfe im Augenblick alles bereit.“</p>
-
-<p>Eine Stunde später verließ Adelaide das Schreibepult. „Guter Georg!“
-rief sie dringend dem Gerufenen entgegen &mdash; „laß dir den besten Renner
-aus dem Stall ziehen, und eile mit diesen Briefen nach der näch<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>sten
-Post, von dort aus schicke ungesäumt eine Stafette mit deiner Depesche
-weiter. &mdash; O über den Dienstfertigen! Die Hast, mit der er den Auftrag
-schon erfüllt haben möchte, läßt ihn das Nothwendigste vergessen.“</p>
-
-<p>Die Briefe habe ich doch alle richtig?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Ja, aber ohne diesen Kommandostab geht dir kein Fußbote aufs nächste
-Dorf, geschweige eine Stafette &mdash; sagte lächelnd Adelaide, und warf ihm
-eine gefüllte Börse zu. Georg verschwand, und die Erheiterte meldete
-für nächstens unerwarteten Zuspruch eines halb Europa durchwanderten
-Gastes an.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Doch nicht jener Briefsteller, der meiner guten Adelaide vorhin das
-Roth von den Wangen blies? fragte Karoline; sonst rechne ich ihn
-ungekannt schon unter die Unwillkommnen.</p>
-
-<p>Nichts weniger. Es ist mein Bruder, der Euch artigen Mädchen zwar gern
-gefährlich werden möchte, jedoch &mdash; wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> darum bitte &mdash; recht sehr
-willkommen zu seyn, so halbwegs verdient.</p>
-
-<p>Lina flog fröhlich in ihrer Freundin Arme, und ruhig floß der Abend
-unter Musik und Scherzen bin.</p>
-
-<p>Nur dieser Pulsschlag-Revisor lauert auf jede Wallung, jeden langsamern
-Lauf meines Blutes, als wäre er von meinen Erben besoldet &mdash; sagte
-neckend Adelaide zu dem immerwährend ernsten, jetzt aber doppelt
-bekümmerten Kamillo. &mdash; Glaube, mir, es ist nichts, was mich bedeutend
-decontenanciren könnte, und hätte mich auch die lästige Kaprice des
-Bendheims, immer wieder anzuklopfen, in unangenehme Laune versetzt,
-so erheitert mich die Freude, meinen Theodor zu sehen, doppelt und
-dreifach.</p>
-
-<p>Stumm und unbefriedigt von dieser Versicherung stieg Zynthio den
-Schneckenberg zur Philosophen-Ruhe hinauf; durch hohe Linden stahl
-sich der Mond, und beleuchtete mit kaltem Hohn den Usurpator dieses
-Thrones ruhiger Weisheit, der in bittrer Fehde mit dem Schicksal lag.
-Er ahndete,<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> daß hier ein Geheimniß herrschte, welches Adelaide aus
-Schonung gegen einen Dritten so sorgfältig verbarg, sich selbst aber,
-indem sie die Last desselben allein trug, unverantwortlich aufopferte.
-Daß auch die heut empfangenen Nachrichten schädlich auf ihr Befinden
-gewirkt hatten, bewieß die brennende Wange, das nur übel zu verbergende
-Zittern der Hände, und die Begierde, mit der sie ein Glas Limonade
-statt alles Nachtmahls verschlang.</p>
-
-<p>Es war eine Lieblings-Gewohnheit der jungen Gräfin, vielleicht
-auch Beförderung ihrer sanftern Ruhe &mdash; da ein leidender Körper
-meistentheils das Bette, als den Tummelplatz seiner Schmerzen mit
-Widerwillen betrachtet &mdash; daß sie die erstere Hälfte der Nacht
-auf einer Ottomane wegschlummerte, und gegen Morgen erst in den
-Flaum der weichern und wärmern Kissen sich flüchtete. Auch diese
-Mitternacht belauschte die heißen Athemzüge der Schlafenden auf den
-morgenländischen Polstern des kleinen Museums. Eine Spiritlampe
-warf ihr blasses<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> Licht durch die offne Thür aus dem daranstoßenden
-Schlafkabinett, aus welchem, durch ein leises Geräusch gelockt, jetzt
-die noch mit Schreiben beschäftigte Karoline trat, und den rastlos
-umherwandelnden Sicilianer, sorgsam über die Ottomane gebückt,
-erblickte. Er zündete die Kerzen des Spiegel-Lüsters an, und nahm
-Besitz von einer <span class="antiqua">Chaise longue</span>, von welcher aus er Adelaiden
-genau beobachten konnte.</p>
-
-<p>So spät noch? Signor Kamillo! Wäre für die Gräfin wirklich zu fürchten?
-&mdash; fragte Karoline, doch etwas betroffen über den männlichen Besuch,
-der gegenwärtig durch die misteriöse Stunde der Nacht, in welcher
-die jungfräuliche Schamhaftigkeit im Nachtgewande dieses Kabinet zum
-Heiligthum machte, zur Entweihung desselben wurde.</p>
-
-<p>Das wird die Zeit lehren, die man aber alsdann zu spät fragen dürfte!
-&mdash; erwiederte Zynthio, und rückte den Schirm vor die Lichter, daß ihre
-Strahlen in Adelaidens nur halbgeschloßnes Auge nicht drangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span></p>
-
-<p>So leise Frage und Antwort, so behutsam jede Bewegung geschah, dennoch
-erreichten sie das Ohr der Schlafenden. Mit neuer Kraft belebt, an Muth
-und Hoffnung gestärkt, winkte sie dem treuen Freunde: „Dem voreiligen
-Frager antwortet die Geheimnißvolle nie, doch mich scheint sie zu
-ihrer Lieblingin erkoren zu haben; mit purpurnem Finger entschleierte
-sie in dieser Stunde für mich den wichtigen, mir nahe liegenden
-Zeitraum. &mdash; Weg jedes ängstliche Zweifeln, jedes fibrilsche Zagen
-menschlicher Schwäche und Unbestimmtheit. Vor allen Dingen halte dich
-an keinen Schein; du wirst Handlungen, Anstalten sehen, die dir manches
-Kopfbrechen kosten dürften, es sind Operationen der sich nähernden
-glücklichern Katastrophe; und sind wir am Ziel, dann soll dir auch
-nicht das kleinste Motiv, der geringste Zweck verborgen bleiben. Bis
-dahin erhalte deine Seele in ruhiger heitrer Erwartung, und glaube mir,
-ich befinde mich wohl. Schicke mir die Betty, und gehe schlafen. &mdash; Und
-du, Lina, unter<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>läßt mir künftig das nächtliche Schreiben; schone den
-Glanz deiner Augen, die frische Farbe deiner Wangen &mdash; bald winde ich
-dir die bräutliche Myrthe um deine Locken, und du eilst aus dem Arm der
-Schwester mit dem Geliebten zum Altar.“</p>
-
-<p>Ein apokalyptisches Gesicht durch den Eindruck der erhaltenen Nachricht
-erzeugt, und in der Fieberhitze verarbeitet, seufzte Zynthio; indem
-er sich entfernte. &mdash; Der Ungläubige! sagte Adelaide; und Karoline,
-weniger zu zweifeln geneigt, papilliotirte noch diese Stunde die
-bräutlichen Locken mit zwiefach angestrengter Geschicklichkeit.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">D</span>ort jene Nymphen-Gestalt am Bassin, welche das mit Blumen zierlich
-umwundne Füllhorn über den mit Moos gekrönten Häuptern der Nestors des
-Karpfengeschlechts ausschüttet &mdash; sollte das nicht meine Adelaide seyn?
-&mdash; dachte Theodor und eilte leise, die ihn nicht bemerkende Pflegerin
-der Wasser-Patriarchen mit seiner Umarmung zu überraschen.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span></p>
-
-<p>„Willkommen an meinem Herzen, du Einzige!“ rief er, und erstickte mit
-einem feurigen Kuß den Schrei auf ihrer Lippe, als die Erschrockene das
-Gesicht kaum zur Hälfte nach ihm gewendet hatte, welches ein neidischer
-Basthut verbarg.</p>
-
-<p>Karolinens Bestreben, sich aus den Armen des ungestümen Fremden zu
-winden, bewirkte in der nächsten Minute die Erkennung seines Irrthums.
-Verlegenheit und Entschuldigung von einer, &mdash; Bestürzungstammelndes:
-Wer sind Sie? glühende Wangen, furchtsam forschende Blicke von der
-andern Seite, machte die Unterhaltung für Beide zwar interessant genug,
-doch gewann sie nur durch Adelaidens Herbeifliegen an Lebhaftigkeit und
-leichterer Erklärung.</p>
-
-<p>„Noch einmal an mein Herz, Theodor, du sehnlichst Erwarteter!“ sagte
-Adelaide, indem sie den kaum Freigelaßnen wieder mit einem Arm
-umschlang, und mit dem andern Karolinen an sich zog &mdash; „ich verlange
-vollen Ersatz der Küsse, die meine Freundin Karoline von Elfen auf
-meine Rechnung empfangen hat.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></p>
-
-<p>Ich will den mir nicht gebührenden Empfang an die Behörde ehrlich
-erstatten, erwiederte diese, und begann die Zahlung auf Adelaidens
-Lippen. Graf Wallersee wollte die Entschädigung selbst leisten, und
-Karolinens Verwirrung erneuerte sich, als sie auch ihre Wangen von
-Theodors Küssen brennen, und sich mit dessen Schwester zugleich von
-seinen Armen umschlungen fühlte.</p>
-
-<p>„Das hätte er doch nicht thun sollen!“ klagte sie sich eine
-halbe Stunde später, als sie in ihr Kabinet geflüchtet war, um
-die vertraulichen Mittheilungen des ersten Wiedersehens zwischen
-Geschwister und der erfreuten Mutter nicht zu stören. „Wie mich die
-Lippen schmerzen! wie ich glühe! und die Brust &mdash; er muß mich gewaltig
-gedrückt haben: denn es ist mir so beklommen. So küßt Julius nicht,
-nein! so nicht. Ach, der Vetter sollt’ es von ihm lernen &mdash; ich glaube,
-sein Kuß wäre süßer!“</p>
-
-<p>Nichts mehr von dieser Julie La Valette! ergoß sich das geheilte
-Bruderherz den nächsten Tag, als er mit der geliebten<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> Schwester in
-der Jasminlaube saß. &mdash; Herkules stand am Scheidewege. Die Phryne
-ließ die Maske noch früh genug fallen; ich entdeckte die Abgründe
-ungeachtet der täuschenden Blumenpfade, so wie Julie meine Kräfte,
-ihren unersättlichen Eigennutz zu befriedigen, schwinden sah. Durch
-manche meiner Erzählungen war ihr dein Edelmuth bekannt; frage nicht,
-welche Projekte die Elende darauf bauete. Als ich sie entschlossen
-verwarf, enthüllte sich das Laster; ich schleuderte die Natter von mir,
-und dankte Gott, daß noch kein unauflösliches Band mich mit &mdash; der
-Vice-Gemahlin des Düc de *** vereinigt hatte. Frankreich hatte keinen
-Reiz mehr für den Getäuschten, ich kehrte zurück, und denke doch wohl
-noch einen Platz in meinem Vaterlande zu finden, auf den sich ein Stück
-Brod verdienen und ruhig essen läßt.</p>
-
-<p>Sophie ist vermählt &mdash; sagte Adelaide &mdash; einer Bedingung wärest du also
-enthoben, wenn deine Neigung nun einmal nicht für sie gesprochen hätte;
-und der Majorats-Herr darf hoffen &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span></p>
-
-<p>Nichts, denn ein Erbschleicher werde ich nun einmal nicht, folglich
-auch kein Majorats-Herr.</p>
-
-<p>So darf’s aber nicht bleiben, durchaus nicht! &mdash; Soll ich die mir
-anvertrauten Güter unrechtmäßigen Händen übergeben? &mdash; In weniger
-denn acht Monathen heischt meine Pflicht, sie nach dem Willen unsers
-verstorbenen Vaters den eigentlichen Erben abzutreten.</p>
-
-<p>Und dieser eigentliche Erbe ist der Glückliche, den du mir einst zum
-Schwager giebst; die Verfügung ist mir bekannt.</p>
-
-<p>O, des Ohnfehlbaren! Dem nur eben der wichtigste, ihn am nächsten
-angehende Punkt dieser Verfügung unbekannt blieb! Du hast dich
-dem Vaterlande wiedergegeben. &mdash; Sophie hat anders gewählt, deine
-Verbindlichkeit ist gehoben. &mdash; Wallersee und Tomsdorf nebst den dazu
-gehörigen Ortschaften und Meiereien sind dein; für meine Mitgift ist
-außerdem gesorgt; &mdash; und nun darfst du nach deinem Herzen wählen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span></p>
-
-<p>Angenommen, ich hörte auf das schmeichelnde Geschwätz deiner
-großmüthigen Schwesterliebe; laß selbst die wohlgemeinte Lüge in deinem
-Munde zur Wahrheit werden &mdash; in Rücksicht des Wählens und meiner
-Neigung war ich niemals glücklich.</p>
-
-<p>Unter den deutschen Mädchen hast du doch wohl noch keine Beweise für
-diese Behauptung?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Hm! Von meinen Angelegenheiten auf deine Umgebungen zu kommen. &mdash;
-Bendheim findet also keine Erhörung? &mdash; und zwar mit Recht! Der Wicht
-verdient dich nicht. Er schlich um mich während der zwei Tage meines
-Aufenthalts in der Residenz, wie eine Kröte, die sich ihres Gifts
-entledigen wollte. Nur das forschende Auge, die drohende Miene des
-Erbprinzen, welcher, wie du weißt, wegen den neuerdings eingetretenen
-Apoplektischen Zufällen seines Vaters zurückberufen ist, nöthigten ihn,
-sich mit seiner Ladung jedesmal wieder zu retiriren, wie er avancirt
-war. &mdash; Italien scheint ein Donnerwort zu seyn,<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> mit dem er die Ruhe
-der Wallerseeschen Familie in die Luft zu sprengen vermeint.</p>
-
-<p>Ich hoffe, es soll ihm nicht gelingen. Bald kommt ein Zeitpunkt, wo
-unsere Ruhe aufhören wird sein Spielwerk zu seyn.</p>
-
-<p>In dieser Zuversicht liegt viel Bedeutendes! Adelaide, die Fürstenkrone
-schwebt über deinen Locken&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Weh mir, wenn ich zu dieser Vermuthung Anlaß gab. O Theodor, störe
-nicht den süßen Genuß, den mir meine gegenwärtigen Umgebungen, wie du
-sie nennst, so rein gewähren. In diesem Zirkel belebt mich nur das
-Interesse der Schwester- und Kindesliebe, und der Freundschaft.</p>
-
-<p>Die letztere blüht im lieblichen Kranze um dich &mdash; Karoline von Elfen
-dankt dir die Vollendung ihrer Liebenswürdigkeit, sagt mir unsre
-Mutter, so auch, daß sie schon verlobt sey&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ob wohl Graf Hochburg glücklich wählte &mdash; fiel Adelaide schalkhaft ein.</p>
-
-<p>Familienbündniß &mdash; vielleicht wie einst das meinige mit Sophien werden
-sollte. &mdash; Liebt sie ihn?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>Es war ihre erste Liebe.</p>
-
-<p>Der Glückliche!</p>
-
-<p>Warum? &mdash; Auch Julie war deine erste Liebe; die frühern Gefühle sind
-nicht allemal die stärksten.</p>
-
-<p>Wäre diese Bemerkung hier anwendbar?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Bereichre deine Erfahrungen bei näherer Bekanntschaft mit ihr.</p>
-
-<p>Man gewinnt nichts an Klugheit durch das Studium der Weiberherzen;
-öfters kostet es unsre Vernunft, ja selbst den baaren Gehalt einer
-honetten Männerseele.</p>
-
-<p>Beginnt der Forschende mit unbefangnem Blick, mischt sich nicht
-aufkeimende Leidenschaft in seine Beobachtungen, so steht weder die
-Vernunft noch der Seelengehalt auf dem Spiel.</p>
-
-<p>Zum Commerce nehme ich die Karten in die Hand, und ende im
-Hazard-Spiel, wo der letzte Point mich zum Bettler macht.</p>
-
-<p>Karoline ist keine Julie.</p>
-
-<p>Aber schön, blühender noch, als es jene<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> war, und &mdash; bereits das
-Eigenthum eines Andern.</p>
-
-<p>Unter Bedingungen, die beiden Verlobten vielleicht jetzt schon nicht
-mehr behagen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Begierig diese Bedingungen zu wissen, und mit erneutem Muth bewaffnet,
-die Herzen der Mädchen zu ergründen, begann Theodor für die Erndte
-seiner Erfahrungen, Karolinen sorgfältig zu prüfen. Der glücklichste
-Erfolg krönte seine Bemühungen. Nach Verlauf einer Woche war es
-entschieden, daß Fräulein von Elfen &mdash; wofern ungetheilte zärtliche
-Liebe für Graf Julius gegenwärtig noch die Hauptbedingung ihrer
-Verbindung mit ihn sey &mdash; sie nie dessen Gattin werden könnte.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p class="s4 center mbot1">Adelaide an Mathilden.</p>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">D</span>er glückliche Moment ist da, wo ich mich mit schwesterlicher
-Vertraulichkeit zu meiner Mathilde erheben darf; jede Rücksicht
-überwunden, welche mir gebot für dieses<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> Erdenleben nicht die
-Fürstentochter &mdash; die künftige Großherzogin über der geliebtesten,
-der vertrautesten Freundin zu vergessen. Fesselfrei von jeder kalten
-nothgedrungenen Bedachtsamkeit fliegt Adelaidens Geist zu dem deinigen,
-und bringt dir Schwestergruß und Kuß! &mdash; Jetzt verstehest du mich
-auch wieder &mdash; nicht so meine Mathilde? &mdash; jetzt wird jedes meiner
-Worte Glauben und Eingang in dein Herz finden! und sey überzeugt: nie
-bedurften, nie verdienten sie dessen in so hohem Grade als jetzt. Das
-Schicksal legt die Hand an den letzten Akt des Drama’s, und bereitet
-die Entwicklungsscene mit der Phantasie eines heroisch schwärmenden
-Dichters, wo es an Energie, an Sprache der Weihe so wenig fehlen darf,
-als an den die Illusion befördernden Dekorationen und feierlicher
-Beleuchtung. Der Knoten ist geschürzt, die Auflösung folge hier
-einstweilen skelettirt &mdash; wenn ich erst noch einige der wichtigsten
-Punkte, welche &mdash; wie die größern Planeten auf unsere kleinere Welt,
-auf<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> mich, oder vielmehr auf jene Entwickelungsscene Einfluß haben, mit
-dem glühenden Griffel meiner Gefühle für dich und die theuren Deinen
-angemerkt haben werde.</p>
-
-<p>Winde den Flor um das Herz der liebenden Tochter, dem der Verlust des
-Vaters, nicht des Fürsten bevorsteht! Denke eine Schwester trauert mit
-dir. &mdash; Der erhabene Leidende verspricht, Grüße von mir meinem guten
-Vater mit hinüber zu nehmen? &mdash; O dürfte ich an des Fürsten Lager, wie
-an dem des Vaters stehen, und ihm zulispeln, was ich dir &mdash; wenigstens
-in diesem Briefe noch nicht sagen darf! &mdash; doch drücke den Kuß der
-kindlichsten Dankbarkeit für dieses schöne zarte Versprechen auf
-seine väterliche Hand; sage ihm: die Tochter seines ihn und mich dort
-erwarteten Alexis verstehe und fühle eben so zart, wie sie sich dieses
-segnenden Andenkens würdig machen müsse!!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wohl dir Mathilde! mit freiem Herzen kannst du die letzten Stunden
-deines großen Vaters, durch Erfüllung seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> Wünsche für dein Wohl
-versüßen. &mdash; Aber mit banger Furcht blicke ich jetzt auf deinen Bruder!
-&mdash; mißtrauend seinen Grundsätzen über Ehre und Pflicht des festen
-Mannes &mdash; ich will mich nicht einmal hier auf die weichern Gefühle des
-tugendhaften Menschen berufen, die selbst in der Brust der Fürsten
-die Basis seines edelsten Wollens seyn sollten; &mdash; von dem Gedanken
-niedergedrückt, ich sey der Gegenstand seiner beharrlichen Unglücks
-schwangern Leidenschaft, ergreift kalter Schauer meine Seele, und
-fremd wird ihr der Bruder meiner Mathilde. &mdash; Es bedarf keiner weitern
-Auseinandersetzung meiner Meinung hierüber, du fassest sie ohnehin
-so lebendig und wahr, als ich das unglückliche Gemählde in seiner
-schrecklichsten Darstellung vor Augen habe, welches du mit von den
-Verhältnissen des Fürsten und seines Sohnes nur als Skizze entworfen
-hast.</p>
-
-<p>O zürne mir nicht, beleidigter Vater! wende dein Auge noch nicht
-hoffnungslos von ihm &mdash; bald wird er dir und dem<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> Staate, den du jetzt
-schon verwaist zu sehen glaubst, wiedergegeben. Versöhnt, der erwählten
-Mutter künftiger Enkel gewiß, schwebt erst dein Geist hinüber, wann die
-wichtige Katastrophe meines Lebens unter deinem Segen entschieden hat.</p>
-
-<p>Graf Bendheim hat Deutschland verlassen, um in Italien die Pfeile der
-Rache zu spitzen; ich soll vor seiner Rückkunft zittern? &mdash; Er komme:
-daß der Erbprinz ja nichts thue, uns dagegen zu sichern. Ich weiß
-bestimmt, daß der verblendete Eiferer sich nur zu sehr verrechnet, und
-in der Zwecklosigkeit seines Strebens sich selbst bestraft.</p>
-
-<p>Und jetzt zu den Neuigkeiten unsrer Tage: Mein Bruder betrat als Gegner
-des Graf Hochburg den Kampfplatz; der Preis war Fräulein Karoline von
-Elfen. Sein Glück wollte, daß Julius von Hochburg und die ihm früher
-verlobte Karoline seit einiger Zeit sich mehr und mehr überzeugten,
-Liebe sey es nicht, was sie für einander bestimmte; die eingebildete
-glühende Zärtlichkeit verschwand, und an ihre Stelle<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> trat nun ohne
-Täuschung, das freundschaftliche Wohlwollen, welches sich herzlich,
-aber ruhig, in die Verwandtschaftsbande guter Menschen webt. Theodor
-und Karoline schwuren sich gestern als Verlobte ewige Treue. Der
-redliche Landrath von Elfen weinte Thränen der Freude; denn die
-Unbeständigkeit seines Neffen hatte ihn schon früher zu dem Entschluß
-gebracht, Karolinens Verbindung mit diesem aufzuheben. Hochburg,
-der Vater, der sich seit sechs Jahren an der Aussicht weidete, die
-Brudertochter seiner verstorbenen Gemahlin mit seinem einzigen Sohn
-verheirathet zu sehen, zürnte gewaltig, diese Hoffnung durch die beiden
-Abtrünnigen vereitelt zu sehen. Er war durch nichts zu besänftigen, ein
-förmlicher Familienbruch zwischen Hochburgs und Elfens stand bevor,
-wenn ich ihm die verlorne Tochter nicht ersetzen wollte. &mdash; Mein guter
-Vater Elfen, den ich wahrlich kindlich verehre, bat so freundlich,
-mit so rührender Gutherzigkeit, &mdash; Ritter Julius dessen Dämon mich
-erkor, sein Herz Karo<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>linen zu entwenden, rang wie ein Verzweifelnder
-mit meinem Gelübde, nie einem Manne angehören zu wollen &mdash; seine
-Verhältnisse, sein Charakter, so wie das Aeußere des Grafen, gaben mit
-keinen Vorwand, auf jenen Vorsatz zu beharren, hingegen bedeutende
-Ursachen bestimmten mich, ihn aufzugeben, und so vernimm denn die nie
-dir geträumte zweite Neuigkeit: wir feierten eine doppelte Verlobung &mdash;
-das zweite Paar: Julius und Adelaide.</p>
-
-<p>Nun, meine geliebte Mathilde! &mdash; Du wünschest mir noch nicht Glück?
-&mdash; Denke dir, zur Verherrlichung der gestrigen Scene, die selige
-Wonne, die stille aber um so unaussprechlichere Freude meiner guten
-sanften Mutter! Du kanntest ihren Kummer um Theodor und jetzt ward
-der frommen Dulderin so schön vergolten; rein wie geläutertes Gold
-kniete der hochherzige Jüngling mit seiner Geliebten vor der verehrten
-Mutter; ihre liebe Hand ruhte segnend und zitternd vom überwältigenden
-Gefühl, auf dem schönen Apollskopf; denn wahrlich,<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> Theodor ist, seit
-die Liebe die letzte Feile an ihn legte. Die vollkommenste, aber auch
-die verführerischte Kopie des Vatikanischen Gottes geworden: ihre
-Freudenthränen glänzten auf seinen goldnen Locken. &mdash; O, es war eine
-Gruppe, in deren Beschauung sich selbst Zynthio verlor; schon heut den
-ganzen Morgen war dieser beschäftigt, die Leinewand für seine Staffelet
-aufzuspannen um das Tableau durch seinen Pinsel zu verewigen.</p>
-
-<p>Nach einer sehr herzlich gütigen Umarmung entließ die von allen Seiten
-mit Gratulationen bestürmte Mutter auch meinen Verlobten, und zog mich
-zärtlich einige Schritte abwärts. &mdash; Kind! sagte sie, deine Entschlüsse
-so wie deine Handlungen haben so einen besondern feierliche Gehalt &mdash;
-man fühlt und ist überzeugt, daß sie Gott und Engeln angenehm seyn
-müssen, aber man weiß nie, ob es dir dabei um dein eignes irdisches
-Glück zu thun war. &mdash; Du kannst nicht zweifeln, daß der Schritt,
-welcher dich dem Altar und einer glücklichen Ehe zu<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span>führt, meinen
-vollkommnen Beifall hat. Dich kann hienieden weder Reue noch Unglück
-treffen; aber mir engt eine Ahndung das Herz, und doch sollte ich mich
-dieses Schwachmuths erwehren; denn es ist ja, wie Gott es von seinen
-Frommen heischt! &mdash; Du siehest das Glück dieser Welt für Spielwerk an,
-womit du dich nur zur Freude für andere Kinder beschäftigest. &mdash; Deine
-Sehnsucht hat ein höheres Ziel.</p>
-
-<p>Amen! sprach ich &mdash; und wie könnte die Tochter einer so frommen Mutter
-anders wünschen und fühlen?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie drückte mich so fest an ihre Brust, als glaubte sie, die Erreichung
-dieses Ziels wollte mich schon in dieser Minute aus ihren Armen reißen.
-Ich hielt für nothwendig, sie durch weniger angreifende Gemüthsbewegung
-zu zerstreuen, und war bemüht, unter heitern Uebergängen in den Scherz
-der nach uns hinblickenden Gesellschaft, sie der vorigen fröhlichen
-Stimmung wiederzugeben. Die übrigen Glücklichen vereinigten sich mit
-mir zu diesem Endzweck, den wir auch sehr bald erreichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span></p>
-
-<p>„Und das wäre denn die große Begebenheit, die wichtige Katastrophe,
-welche das wunderbare Schicksal, gleich dem kolossischen Erzeugniß
-seiner Phantasie einen Heldendichter in die Angst einer Gebährerin
-brachte? &mdash; hör ich dich fragen. Das Mädchen Adelaide hat sich nach
-ihrer Mütterweise einen Mann erwählt, und wird in etlichen Monaten, in
-der Ordnung gewöhnlicher Vorfälle, Gräfin Hochburg. Poetisch begannst
-du die Einleitung zu einer Alltags-Geschichte, die du auch, ihrem Stoff
-gemäß, sehr prosaisch endest.“</p>
-
-<p>Ich sagte, das Schicksal legte die Hand an den letzten Akt, und
-bereitet die Entwickelungsscene&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Doch!</em> spotte wie du willst, ich habe durch einen herzhaften
-Sprung eine Stufe erreicht, auf welcher ich mit leichtem Herzen deiner
-Aufforderung willfahren und dich Schwester nennen darf. Die Verlobte
-des Grafen Hochburg vernichtet alle und jede Deutelei oder Schlußfolge
-&mdash; es sey das Studium der Verleumdung, oder das Hof<span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span>fen eines kranken
-verirrten Herzens &mdash; über die mich ehrende Vertraulichkeit mit der
-Schwester des Erbprinzen! &mdash; Melde dem Fürsten, daß ich seinen Befehl
-erfüllt, und der Ring, welchen er mir einst an meinem Geburtstage mit
-dem Wunsche verehrt, daß ich ihn bald als Verlobungsring gebrauchen
-mögte, seit gestern in dieser Eigenschaft die Hand des Grafen Hochburg
-ziere.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">„K</span>eine Eifersucht, werther Neffe! &mdash; Es verdrieße ihn oder nicht,
-ich weiß mir nun nirgends besseres Wohlseyn zu suchen, als wo meine
-liebe künftige Nichte mich willkommen heißt!“ braußte eines Morgens
-mit ungewöhnlicher Munterkeit der Landrath, ungefähr vier Wochen nach
-dem Verlobungsfest in Adelaidens Zimmer. Julius, welcher im Taumel
-seines Glücks jetzt öfters wie ein Kind tändelte, und eben parterre zu
-Adelaidens Füßen saß, wollte aufspringen, seinen Onkel zu empfangen,
-während die Gehuldigte dem herzlich Willkomm<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span>nen Hand und Kuß bot.
-„Bleibe er sitzen, der größte Ehrenplatz für ihn! Dreißig Jahre früher,
-und nur über meiner Leiche hätte er sich desselben bemeistern dürfen!“
-fuhr der verjüngte Alte fort.</p>
-
-</div>
-
-<p>„Herr Landrath!“ fiel Adelaide ein &mdash; „Sie mögen es verantworten,
-wenn ich eitel werde, und ihnen alles aufs Wort glaube, denn ich bin
-ein Mädchen, und wann hätten Mädchen je an dem gezweifelt, was ihnen
-schmeichelhaftes gesagt wurde. Doch Ihnen leuchtet heute, wenn ich
-nicht irre“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„In verdoppeltem Maaße die Freude aus den Augen &mdash; nicht wahr, das
-wollten Sie sagen? &mdash; Ja, liebes Kind! ich bin so halb und halb hinter
-eine Ueberraschung gekommen, die ich wohl noch nicht hätte errathen
-sollen.“&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und welche?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>„Mein Weg führte mich an der Kirche vorbei; ich hörte und sah Maurer,
-Zimmerleute, Tapezierer in voller Arbeit, wahrscheinlich die Kirche zu
-einem besondern Fest zu schmücken; und dennoch &mdash; seht, Kin<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>derchen!
-wie diskret ich bin! &mdash; ich spionirte nicht, wie oder wozu? &mdash; ich
-wollte Euch den Spaß nicht verderben. Aber da fallen mir durch
-die offne Thür des Zofen-Gemachs die violet-sammtnenen Decken mit
-den Wallerseeschen Wappen in die Augen, an die eine Stickerin die
-Grafenkrone in der Arbeit hatte, und da fiel mir natürlicherweise das
-Hochburgische, welches doch nun auch hinzugefügt werden muß, aufs
-Herz, wie ein Sache, an der ich längst ein Aergerniß genommen habe.
-Element, Neffe! Er ist ja sonst ein gewaltiger Heraldiker; es gefällt
-mir nicht mit seinen Neuerungen und frühern Auswüchsen. Seit zwei,
-dreihundert Jahren haben seine Vorfahren, Kaiser und Reichslehne so
-viel daran geschnürkelt, daß aus dem Kreuzzügler zu Roß auf einer
-hohen Felsenspitze, der sechste Tag der Schöpfung geworden ist, an dem
-Gott die vernünftigen und unvernünftigen Thiere ins Leben rief. Löwen,
-Pferde, Greifen und Raben haben den Felsen niedergestampft und gehackt,
-und ihn zierlich genug in sechs<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Felder eingetheilt, damit jedes von
-ihnen seinen eigenen Stall habe. In den beiden untersten steht endlich
-ein demüthiger Ritter, dessen Schwerdt in der Scheide ruhet, und blickt
-andächtig auf eine im nächsten Felde befindliche Mauer im Saracener
-Lande, wo ein Hochburg die christliche Fahne aufgesteckt, und dann
-unter vielen Wunden gefallen ist. &mdash; Ich bitte dich, Julius, erwähle
-wieder das erste Sinnbild des Muths und Vertrauens auf Gott und die
-gerechte Sache, wie es noch auf der Ruine einer alten verfallenen Burg
-der Hochburgs in Franken zu sehen ist! &mdash; Sie müssen wissen, liebe
-Komteß! Kurt von Elsek, der Stammvater dieses Herrn hier, zog mit
-Kaiser Friedrich nach Palästina, und war einer der Wenigen, die nicht
-ertranken. Er hielt sich tapfer, kam nach Franken zurück, fand seine
-Güter bereits in andern christlichen Händen, und gerieth mit seinen
-voreiligen Erben in Streit, der freilich nach damaligem Rechtsbrauch,
-nur durch Faust, Stärke und Muth entschieden werden konn<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span>te. Er
-erschlug seinen Anticipator im ehrlichen Zweikampf; indeß wurde der
-heilige Vater sehr unwirsch, denn einer der päpstlichen Legaten hatte
-den pfäffischen Söldner zum Erben konstituirt, wofür dieser einen Theil
-der Elsekschen Güter dem benachbarten Kloster zugeschlagen hatte.
-Der ehrliche Kreuzzügler wurde verfolgt und in den Bann gethan. Der
-neue Kaiser wollte es nicht gern mit Sr. Heiligkeit um eines gemeinen
-Ritters willen verderben, den er hingegen seiner bekannten Tapferkeit
-wegen seinem Heere erhalten und schützen wollte; auch wußte er wohl,
-daß aus den Händen der Geistlichkeit, die sich nun aller seiner
-Besitzungen bemächtigt hatte, schwer wieder etwas zurück zu erlangen
-war. Demnach fiel der Beschluß dahin aus: daß Kurt von Elsek die Spitze
-eines steilen hohen unwegsamen Felsen des Fichtelgebirgs im Fränkischen
-Hochland zu Gaule hinaufsprengen, und eine einzelne Fichte, die oben
-stand, als Wahrzeichen, daß er das Abentheuer bestanden, abhauen und
-mit herunter brin<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span>gen sollte, welches dann, als Gottes Urtheil, daß
-seine Fehde gerecht war, anzusehen, und der Bann wieder von ihm zu
-nehmen sey; auch ferner er durch des Kaisers Gnade mit anderweitigen
-Burgen und Lehen“ &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Theodor trat ein und unterbrach den Erzähler der Hochburgischen
-Geschlechts-Vorzeit mit der Frage: Ob Adelaide noch entschlossen sey,
-dem Leichnam diesen Abend selbst entgegen zu fahren, und wie sie den
-Zug geordnet wissen wolle?</p>
-
-<p>Welcher Leichnam? fragte der Landrath.</p>
-
-<p>Für den die Kirche, oder vielmehr die Todtenkapelle, dekoriert wird;
-antwortete mit heiterer Ruhe Adelaide. Die Ueberreste unsers guten
-Vaters, welche in der Georgkirche in der Residenz beigesetzt wurden,
-sollen nun hier in der Wallerseeschen Gruft ruhen, wo sich dann nach
-und nach seine Familie zu ihm gesellen wird.</p>
-
-<p>Ei, ei! das war ein arger Mißverstand meiner Hoffnung! statt nahe
-geglaubter<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Hochzeit ein Leichencondukt! &mdash; Ich dachte wahrhaftig, die
-gütige Adelaide hätte uns Vätern und auch dem schmachtenden Bräutigam
-die Freude machen und den Termin abkürzen wollen.</p>
-
-<p>Ich darf, ich vermag es nicht &mdash; klagte diese mit bittender Stimme um
-Entschuldigung.</p>
-
-<p>Am Ende erlebe ich es nicht einmal&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Wenn Karoline und Theodor nicht ihren Eigensinn behaupten wollten,
-künftige Woche schon übernähmen Sie die Offices des Brautvaters am
-Ehrentage der geliebten Tochter. Die Anstalten sind bald getroffen.</p>
-
-<p>Nein, das ist nichts. Da haben die Menschen recht. Beide Vermählungen
-auf einen Tag, und sollten Theodor und Karoline bis zum nächsten
-Schaltjahre warten, wiewohl wir erst vor sieben Monathen den 29sten
-Februar geschrieben haben.</p>
-
-<p>Julius und Theodor stießen ein gemeinschaftliches: das wäre zu arg! ein
-heilloser Termin! in auffahrender Bewegung aus.</p>
-
-<p>Es bleibe beim zweiten Januar <span class="antiqua">Anni<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> futuri</span>. Ein lieber Tag
-von guter Vorbedeutung, als Geburtstag der Gräfin Mutter, und der
-zwanzigjährigen Feier meiner glücklichen zufriednen Ehe! versicherte
-besänftigt der Landrath. &mdash; Wir Alten werden ja wohl nicht ungeduldiger
-seyn, als die jungen Verliebten.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>chüchtern nahte sich der kleine Harry, leise flüsterte er: In der
-Antichamber erwartet man Ew. Durchlaucht Befehl.</p>
-
-</div>
-
-<p>In ein dumpfes Hinbrüten versunken stand der Erbprinz am Fenster und
-starrte in den blauen Aether, ohne zu wissen was er sah, und warum
-er ihn begaffte, ohne zu hören was sein Liebling, Bettys Bruder mit
-ungewöhnlicher Furchtsamkeit meldete. Vernehmlich begann dieser: Der
-Oberjägermeister wünscht vorgelassen zu werden!</p>
-
-<p>Wer? &mdash; fuhr der Gedankenlose auf.</p>
-
-<p>Graf Bendheim, Excellenz&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ha, des Teufels Allervortrefflichster! &mdash; er und seine ganze Raçe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span></p>
-
-<p>Die Jagd versammelt sich.</p>
-
-<p>Das ist so sein Element. Familienglück, Ruhe der Herzen wie ein Volk
-Rebhühner aufzuscheuchen. Die Forderungen besserer Menschen, welche
-die Seligkeit einer Generation mit in sich faßten, in den Schlund der
-Vernichtung zu hetzen.</p>
-
-<p>Durchlaucht dürfen ja nur die Jagd absagen.</p>
-
-<p>Darf ich das? &mdash; O mein guter Hall! da hilft kein Absagen mehr; auf was
-dieser Jagdlustige seine Hunde dressirt hat, das muß fallen und bluten.
-&mdash; Ist meine Schwester noch von der Parthie?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der Stallmeister hat Befehl erhalten, den Goldfuchs für Ihro
-Durchlaucht satteln zu lassen.</p>
-
-<p>Oeffne die Thüren.</p>
-
-<p>Harry gab das Signal &mdash; Die Flügel sprangen auf, das versammelte
-Jagd-Departement schritt in tiefer Unterthänigkeit in das
-Audienzzimmer, und bildete einen halben Zirkel am Eingang desselben.
-Der Oberjägermeister näherte sich dem Prinzen.<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span> „Durchlaucht, der Fürst
-haben diese Nacht erträglich geruhet“, meldete er in Devotion.</p>
-
-<p>Davon habe ich mich schon unmittelbar bei meinem Vater selbst
-unterrichtet &mdash; war die Antwort.</p>
-
-<p>Die Aerzte geben Hoffnung&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Fromme und böse Wünsche stimmen darüber überein, daß sie nicht
-vereitelt werden mögte!</p>
-
-<p>Wie? den Bösen könnte es &mdash; meine ich unmaaßgeblich &mdash; wohl schwerlich
-Ernst seyn!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Doch, doch! Herr Oberjägermeister! &mdash; der Fromme wünscht um des Guten
-selbst willen, daß ein edler Fürst der Menschheit noch erhalten werde
-&mdash; &mdash; doch zur Tagesordnung.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zu lieblich tönt die Suada der Weisheit von den Lippen eines solchen
-Thronfolgers! &mdash; Und der Gegensatz, mein gnädigster Prinz? &mdash; Die
-Bösen? &mdash; geruhen Sie erst huldreichst! Die Bösen?&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Haben sich heuchelnd um den Stamm,<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> der über ihren Schurkensinn
-erhabenen, und deswegen ihn nicht ahndenden Eiche zu schmiegen
-verstanden &mdash; Gewohnheit lehrte sie die armen Schächer ertragen,
-Großmuth, kleine Dienste für Opfer zu halten; Eigenliebe, von der der
-größte Mensch nicht gänzlich frei ist, seine Schmeichelei unter dem
-Anstrich treuherziger Gutmüthigkeit für &mdash; den guten Fürsten gewidmete
-Ergebenheit des Biedermanns zu nehmen, und &mdash; fürstlich zu belohnen! &mdash;
-Was giebt’s?</p>
-
-<p>Der Halbzirkel theilte sich in zwei Reihen; im lieblichen Schimmer wie
-Diana, wenn sie als Anführerin der Musen und Grazien nach Delphi zu dem
-Sitz ihres Bruders eilte, und den goldnen Bogen nur als Attribut ihrer
-Herrschaft über die Thiere des Waldes spielend mit sich führt, schwebte
-jetzt Prinzessin Mathilde herein. Einfach, aber reizend geschmückt,
-drohte die schöne Jägerin nicht sowohl dem vierfüßigen Wilde, als den
-Herzen ihres Gefolges mit einer starken Niederlage. &mdash; Morgenroth
-glühte auf ihren Wangen, außeror<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>dentliche Lebhaftigkeit erhöheten
-den Glanz der dunkelblauen Augen, und &mdash; indem sie die blonden Locken
-mit schneller Bewegung der Despotie des plümirten Kastors entledigte,
-rollten diese auf den Brabanter Geweben, durch welche der Schwanenbusen
-sein stürmisches Wogen verrieth, und auf dem dunkelgrünen Reitkleide
-sich zu Fesseln für jeden kühnen Spötter der Liebe; denn er sah
-Mathilden jetzt in ihrer verführerischen Liebenswürdigkeit und &mdash;
-spottete nicht mehr.</p>
-
-<p>Mit der Würde eines sechzehnjährigen Martissohnes, schwang sie den
-Hut, daß die blendende Esprit einen Luftzug verursachte. Guten Morgen,
-meine Herren und wackern Jagdgesellen! sagte sie launig, und schlüpfte
-durch die bis zur Erde gebückten, und lüstern in die Höhe nach ihr
-blinzelnden Reihen der Höflinge. &mdash; Guten Morgen, mein Louis! lispelte
-sie an der Brust ihrer Bruders.</p>
-
-<p>So früh entzogst du dich wirklich schon den Armen des Schlafes, und den
-geschäf<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span>tigen Händen der Zofen? &mdash; bewillkommte liebkosend der Prinz
-die holde Schwester, und tändelte mit der neidischen Locke, die den
-Schnee der sanftgewölbten Stirn umschattete.</p>
-
-<p>„Ich habe wenig oder gar nicht geschlafen!“</p>
-
-<p>Was hielt dich wach?</p>
-
-<p>„Staatsgeschäfte meines Boudoirs, Korrespondenzen. Du weißt, mein
-bester Sekretair bin ich selbst.“</p>
-
-<p>Depeschen der Großherzogin?</p>
-
-<p>„Herzensergießungen nach Wallersee.“</p>
-
-<p>Dann mißbrauchst du dein Herz.</p>
-
-<p>„Nein, Louis! nein. &mdash; Mit deiner Erlaubniß, <span class="antiqua">mon frère</span>! &mdash; Meine
-Herren, wir folgen Ihnen sogleich.“</p>
-
-<p>Die überflüßigen Zuhörer entfernten sich.</p>
-
-<p>„Ich bitte dich, sey nicht ungerecht!“ flehte Mathilde.</p>
-
-<p>Hat Kamillo der Gebrechlichkeit des Weibersinns abermals einen Nimbus
-zu geben gewußt? Denn die gepriesene Heldin Adelaide wäre doch wohl zu
-stolz, sich rechtfertigen zu wollen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span></p>
-
-<p>Sie ist zu groß&nbsp;&mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ah, da höre ich ihren Vergötterer Zynthio!</p>
-
-<p>Ich sage, sie ist zu groß, ihr Resignation in Anschlag zu bringen! &mdash;
-Vermagst du zu bestimmen, wie hoch ihr das Opfer anzurechnen sey?</p>
-
-<p>Der Prinz lachte bitter.</p>
-
-<p>Wahrlich, was Adelaide that, erkennt sogar der Fürst als etwas
-großes!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun so staune denn noch die Nachwelt die Seelengröße eines Weibes an,
-das sich geneigt fand, in den Armen eines jungen hübschen Mannes, der
-ihr Liebe einflößte und ihre Menschheit in Wallung bringt &mdash; eines
-Herzens zu spotten, das sich für sie verblutet, Thron und Leben mit ihr
-getheilt hätte, eine Venus Urania mit Minervens Weisheit begabt, in ihr
-anbetete. &mdash; O, ich Thor! der bei der Berührung ihrer Fingerspitzen
-sich zu einem Gott erhoben fühlte! &mdash; Doch, vergolten soll ihr werden
-&mdash; ich will ihr einen Spiegel vorhalten, Worte ihr in’s Gewissen rufen,
-vor denen<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span> sie wie eine gemeine Sünderin erbleichen soll! &mdash; Geduld,
-wir sprechen uns.</p>
-
-<p>Um Gottes willen! was wolltest du?</p>
-
-<p>Der Einladung gehorchen, die das Mädchen von Wort an mich ergehen ließ.
-Auf den achtzehnten November bin ich bestellt, sie in die Brautkammer
-zu begleiten. &mdash; Den zweiten Januar soll die berühmte Vermählung
-seyn? &mdash; Ich halte mich an die erste Verabredung. &mdash; Im Sarge, sagte
-sie. &mdash; Hahaha! &mdash; Einer Leiche ähnlich will ich dich schminken,
-Schauspielerin! &mdash; Jetzt fort zur Jagd. Der alte Hirschfänger Bendheim
-soll seine Freude an meiner Mordlust haben!</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">I</span>m Hause des Landraths von Elfen wurden wieder einmal große Anstalten
-zu einem Banquet getroffen, desgleichen der sonst Ruhe und häusliche
-Bequemlichkeit liebende Hausherr sich nur selten zu Schulden kommen
-ließ. Für Tafelmusik war gesorgt, auch sollte ein lustiger Tanz die
-Gäste das Ab<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span>schiednehmen vergessen, und &mdash; nicht wie man zu sagen
-pflegt in den Tag &mdash; sondern in die Nacht hineinleben und jubeln
-lassen. Adelaidens Nahme prangte im Blumengewinde über den Aufsatz
-der Tafel. Köche waren verschrieben worden &mdash; wiewohl unter vierzig
-der auserlesensten Speisen, welche selbst den Gaumen eines Domherrn
-gekitzelt hätten, die beliebten Klöße mit gebacknem Obst nicht fehlen
-durften, denen Adelaide einst huldigte. &mdash; Alles lebendige Wesen der
-Elfenschen Hausgenossen- und Dienerschaft drehte sich um die Achse des
-Strebens, das heutige Fest zu verherrlichen.</p>
-
-</div>
-
-<p>Anderthalb Stunden über Mittag waren verflossen, da erinnerte neckend
-Frau von Elfen ihren mit nochmaliger flüchtiger Revision der bereiteten
-Tafel beschäftigten Gatten &mdash; daß heut vor einem Jahre er gewaltig
-über das Verweilen der Wallerseeschen Damen geeifert, und sie fast aus
-Ungeduld wieder in die Residenz zurückgewünscht habe. Nun, da eine von
-ihnen sein Schooßkind geworden, mache er es wie alle schwache<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> Väter,
-er übersehe mit freundlicher Geduld ein Vergehen des Lieblings, welches
-er an den weniger geliebten Kindern mit Strenge rügen würde.</p>
-
-<p>Länger halte ich es auch wirklich nicht aus &mdash; sagte von Sorge
-ergriffen der Landrath. &mdash; Ich reite ihnen entgegen, die schon
-anwesende Gesellschaft mag mich entschuldigen! &mdash; es muß etwas
-vorgefallen seyn; sie versprachen mit Hand und Mund sich pünktlich
-um zwölf Uhr einzustellen. &mdash; Sieh, was ist das? Julius sprengt in
-den Hof, als wenn ein Heer Kosacken hinter ihm drein jagte. Er ist
-todtenblaß &mdash; Großer Gott!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er eilte dem Grafen entgegen. Um Gottes willen! &mdash; schrie dieser.
-Onkel! schicken Sie nach dem Arzt, nach unserm geschickten Weidenbach;
-fort, fort &mdash; Ihre Jagdkalesche &mdash; was die Pferde laufen können!</p>
-
-<p>Weidenbach ist hier, der befindet sich schon unter den angekommenen
-Gästen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O, Gott sey Dank!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber warum? &mdash; Wer? &mdash; Wo sind die Andern?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-<p>Ich sehe gleich wieder, wo sie bleiben. Adelaide &mdash; starke Ohnmachten
-befielen sie, als wir schon über den halben Weg hierher zurückgelegt
-hatten. Langsam muß gefahren werden, jede schnelle Bewegung ist ihr
-empfindlich, und führt eine neue Ohnmacht herbei.</p>
-
-<p>In demselben Augenblick fuhr eine unbesetzte Extrapost den Schloßhof
-vorbei. Halt, Schwager! &mdash; rief der Landrath, du kannst einen Dukaten
-verdienen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er ließ dem Doktor kaum so viel Zeit, sich seines Hutes nebst der
-Hausapotheke der Frau von Elfen zu bemächtigen, riß ihn in die
-Postchaise &mdash; Julius war schon wieder vorausgesprengt &mdash; und schrie dem
-Postillon zu: die Straße nach Wallersee, auf dem halben Wege finden wir
-sie. Fahr, was deine Mähren aushalten, sie sollen nachher ein Futter
-bekommen, daß sie auf zwei Tage genug haben; und du sollst leben wie
-auf der Hochzeit zu Kanaan. Nur tummle dich!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>In acht Minuten hatten sie den langsamen Zug erreicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span></p>
-
-<p>Nicht wahr &mdash; fragte mit matter nur mühsam gehobener Stimme Adelaide
-&mdash; nicht wahr, Vater Elfen! Ihr Neffe hat Sie unnöthig erschreckt? &mdash;
-O, das ist ein verzagter Ritter! &mdash; ich glaube eine Aderlaß zöge ihm
-selbst eine Ohnmacht zu.</p>
-
-<p>Nun, liebes Herzenskind! ich will gern den blinden Schrecken hinnehmen,
-wenn nur die Wahrheit nicht wie ein hinkender Bote nachkommt. &mdash; Was
-meinen Sie, Doktor?</p>
-
-<p>Mein Himmel! wir werden doch nicht hier ein Feldlazareth aufschlagen?
-&mdash; Sie haben lange genug auf uns gewartet. Lassen Sie uns machen, daß
-wir an Ort und Stelle, und &mdash; zur Tafel kommen.</p>
-
-<p>So treibt sie es immer, sagte der Landrath, indem er sich wieder mit
-dem Aeskulap in den gebrechlichen Phaeton des Postmeisters setzte.
-Alles fürchtet, sie schwebe über dem Grabe, und lachend versichert sie,
-munterer als je, nehme sie es mit der Gesundheit selbst auf.</p>
-
-<p>Karoline, welche seit einigen Wochen<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> wieder in das väterliche Haus
-zurückgekehrt war, um sich zur künftigen Hausfrau unter der Anführung
-der wirthlichen verständigen Mutter vorzubereiten, und die reichliche
-Ausstattung selbst mit ordnen zu helfen &mdash; bebte erschrocken zurück,
-als sie die Schwester ihres Geliebten umarmen wollte. „Adelaide! du
-bist kränker, als du scheinen willst; jetzt kenne ich dich; mich
-täuschest du nicht!“</p>
-
-<p>Würde ich gekommen seyn, wenn der Zufall von Bedeutung wäre? fragte
-diese.</p>
-
-<p>„Du wolltest meinen Eltern die Freude nicht verderben, und trautest
-deinen Kräften zu viel.“</p>
-
-<p>Liebst du mich, so beunruhige die Andern nicht mit deinem Argwohn! &mdash;
-Auf mein Wort, das dir doch sonst etwas galt, mir ist jetzt wieder sehr
-leicht und wohl.</p>
-
-<p>Doch mußte Adelaide dem besorgten Alten sich fügen, und von des Doktors
-Hand einige Tropfen Herzstärkung nehmen, auch bei der Tafel in dessen
-Nähe und Aufsicht bleiben. Die Patientin scherzte über alle diese
-ängstlichen Aufpasser. Ha! Herr von<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> Elfen! rief sie aus &mdash; als jene
-berühmte pommersche Hausmannskost aufgesetzt wurde &mdash; wo ist Ihr Glaube
-an Mutter Natur geblieben? &mdash; Wer empfahl mir bei Gelegenheit dieses
-Lieblingsgerichts, der medizinischen Vorsorge zu spotten?</p>
-
-<p>Das war heut ein Jahr. &mdash; O der Tag ist Ihren Freunden zu merkwürdig,
-darum wollten wir ihn in Freude verleben!</p>
-
-<p>So verschmähen Sie mein Scherflein nicht; ich bin physisch und geistig
-zu gleichem Genuß gestimmt. Entscheiden Sie, Herr Doktor! &mdash; Ich
-behaupte: wessen Constitution noch an dieser Würze des Lebens Geschmack
-findet, bedarf keiner weitern Arznei.</p>
-
-<p>Man widersprach der liebenswürdigen Sophistin nicht länger; ihre
-Munterkeit that der Gesellschaft wohl. Aber bange Besorgniß quälte
-doch einen Theil derselben, die Adelaiden zu innig liebten, um nicht
-mit Schrecken bemerkt zu haben, daß Doktor Waidenbach verschiedenemal
-bedenklich, doch, wie er meinte, unbeobachtet den Kopf geschüttelt
-hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span></p>
-
-<p>Eben wollte er, dem der kleine hochrothe Fleck auf Adelaidens Wangen,
-das unstäte oft wechselnde Schlagen der Halspulse &mdash; endlich die
-variierende Stimme, und andere ihm auffallende Symptome nicht entgangen
-waren &mdash; nach aufgehobner Tafel, den ihm vielleicht mehreres Licht
-gebenkönnenden Zynthio ins Verhör nehmen; da stand auch schon der
-Landrath, als der dritte dieses Conciliums zwischen ihnen, und faßte
-Beide an die Klappen ihrer Fraks, zum Zeichen: daß sie ihm jetzt Rede
-stehen müßten.</p>
-
-<p>Was meint ihr, Doktor? &mdash; Was haltet ihr von dem Zustand der jungen
-Gräfin?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich vermag noch nicht zu beurtheilen, ob es eine vorübergehende
-Unpäßlichkeit ist, oder ob eine frühere Ursach der allerdings schwachen
-Gesundheit der Gräfin, die heutigen Zufälle zur Folge hat.</p>
-
-<p>Freund Camillo! &mdash; Sie sind ihr täglicher Gesellschafter; aufmerksamer
-als ihre eignen, beobachten Sie die Athemzüge des<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span> lieben Mädchens. Sie
-verstehen jede ihrer Gemüthsbewegungen &mdash; Sagen Sie aufrichtig: was
-steht zu hoffen? woher die Verschlimmerung ihres Befindens? Den Sommer
-über schien sie sich völlig restituirt zu haben.</p>
-
-<p>Sie schien es &mdash; seufzte Zynthio.</p>
-
-<p>Was sagen eure Consulenten?</p>
-
-<p>Wir haben keine. Die Aerzte haben die Gräfin, und diese die Aerzte
-aufgegeben.</p>
-
-<p>Das ist Eigensinn! Zwar rieth ich ihr selbst einst dazu &mdash; aber wenn
-das Uebel nicht zu heben war&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Verzeihen Sie, fragte der Dokter &mdash; welches Uebel?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O, sagte Zynthio &mdash; die Krankheitsgeschichte ist, wiewohl schon
-anderthalb Jahre alt, dennoch kurz und einfach.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Er erzählte nun die Begebenheit jener furchtbaren Nacht, die Adelaide
-mit Mathilden in der fürstlichen Gruft, dann im kalten tiefen Wasser
-des Walles gefeyert hatte; welche Folgen dies für ihren zarten Körper
-gehabt, und daß endlich eine Gei<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span>steskraft, die man nur bewundern, aber
-nicht fassen könne &mdash; eine Selbstverläugnung und Standhaftigkeit, die
-Verachtung physischer Uebel, so fern es sie nur allein beträfe, nach
-sich gezogen hätte. Sie würde &mdash; so schloß er seinen Bericht &mdash; ruhig
-wie Sokrates, den Giftbecher leeren, wenn sie Anderer Wohl dadurch
-gründete. &mdash; Ohne Leidenschaft handelt sie groß und schnell, unter der
-Maske eines gewöhnlichen nichts tendirenden Mädchens; ohne prunkende
-Schwärmerey opfert sie sich selbst, ihre schönsten gerechtesten
-Ansprüche, und niemand ahndet, daß sie ein Opfer brachte! &mdash; So
-beherrscht ihr edler Feuergeist &mdash; indem er sich der Vollkommenheit
-eines Seraphs schon gleich geschwungen hat &mdash; diesen schwachen &mdash; durch
-die erwähnte Lebensgefahr ohnehin erschütterten Körper&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Und wird ihn aufreiben? wie? &mdash; fragte stürmisch der Landrath.</p>
-
-<p>Neue angenehme Verhältnisse können vielleicht das Ganze wieder in
-einiges Gleichgewicht setzen; meinte Weidenbach. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span> Wenn es darauf
-ankommt, ihre physische Erhaltung zur Bedingung des Glückes eines ihr
-theuren Gegenstandes zu machen, sollte da Graf Hochburg nicht diesen
-Gleichmuth, diesen Stoizism’ mit Erfolg befehden können? Liebe leitete
-doch ihre Wahl&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich &mdash; hoffe nichts mehr! &mdash; preßte dumpf der Sicilianer aus der Brust
-hervor, welche der Zweifel mancherlei verschloß.</p>
-
-<p>Der Doktor schien diese Zweifel zu ahnden, er glaubte, in jenen Worten
-liege mehr, als Zynthio gesagt haben wollte. &mdash; Wenn die Gräfin denn
-nie von einer Leidenschaft überrascht wird &mdash; warf er ihm ein, so
-bleibt freilich auch die Liebe der kältern Vernunft untergeordnet.</p>
-
-<p>Wahr! in gewisser Hinsicht sehr wahr! erwiederte Zynthio &mdash; nur nicht
-jener kalten fühllosen Vernunft. Adelaidens Herz klopft leise, aber
-glauben Sie mir, es verzehrt sich in seinem eignen Feuer.</p>
-
-<p>Herr! sagte der Landrath, alle diese Phrasen verstehe ich nicht. Ein
-Herz, das seinen Gegenstand gewählt, mit Ehren und<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span> Vernunft gewählt
-hat, darf laut klopfen, und somit seinem Feuer Luft machen, daß es
-innerlich nicht um sich greift und die Lebenslust erstickt.</p>
-
-<p>Der Arzt, welcher auch jetzt wieder weiter sah, als der ehrliche Elfen,
-und eben so wohl merkte, daß Aufklärung in dieser Minute hier nicht
-am rechten Orte sey, wandte ein: daß Camillos Aeußerung sich gar wohl
-mit des Landraths Meinung vereinigen ließe. Die zarteren Gefühle der
-Comtesse &mdash; von jeher gewöhnt, sich der Kritik der strengen Vernunft,
-den Gesetzen excentrischer Tugend zu unterwerfen, haben folglich
-das Herz des seltnen Mädchens stillschweigend zum leidenden Theile
-gemacht; und je weicher das so genannte moralische Individuum sey, je
-nachgebender werde es gegen die anerkannte Consequenz der auf festen
-Grundsätzen beruhenden Richter seyn.</p>
-
-<p>Doktor! &mdash; so gelehrt oder so handgreiflich Ihr mir auch das alles
-anatomirt &mdash; so sehe ich noch immer nicht ein, woran wir mit dem
-Mädchen sind. Behaltet Eure<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span> psychologische und philosophische
-Abhandlungen, und sagt mir: was steht noch zu hoffen? was ist
-eigentlich noch zu thun, daß sie uns nicht, ehe wir’s uns versehen,
-verlösche wie ein Licht?</p>
-
-<p>Dazu gehört längere, ungestörtere Beobachtung ihres Temperaments und
-der noch vorhandenen Lebenskräfte. Sagen Sie mir, mein Herr! womit
-beschäftiget sich die Gräfin meistentheils?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sie schreibt, sie ordnet viel.</p>
-
-<p>Mit Lebhaftigkeit und Zuziehung ihrer Freunde und Verwandten?</p>
-
-<p>Einsam und verschlossen. Mehrentheils widmet sie jetzt die Stunden der
-Nacht ihrem Schreibpult.</p>
-
-<p>Das soll sie bleiben lassen! lärmte der Landrath.</p>
-
-<p>Sie will nicht gern Personen, die sie lieben, und ihre Gegenwart
-wünschen, vernachläßigen.</p>
-
-<p>Was sie zu ordnen hat, eilt nicht &mdash; polterte noch immer Vater Elfen &mdash;
-Ich kann es mir so ungefähr denken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span></p>
-
-<p>Den 18ten kommenden Monaths wird sie nach dem ausdrücklichen Willen des
-verstorbenen Graf von Wallersee, für mündig erklärt, und bis zu diesem
-Tage &mdash; behauptet die Rastlose &mdash; alles in’s Reine gebracht haben zu
-müssen.</p>
-
-<p>Eigensinn! wird sie dann auch majoren, so gelten ihre Verfügungen erst
-von dem Tage an.</p>
-
-<p>Sie ist verlobt; und eine eigne Klausel des Testaments berechtigt sie
-als Verlobte, auch noch vor Beschluss des achtzehnten Jahres über ihr
-Vermögen zu schalten.</p>
-
-<p>Also Ehepakten und Auseinandersetzungen des bis dato noch
-gemeinschaftlichen Vermögens unter den Geschwistern beschäftigen
-dermahlen die Gräfin? &mdash; fragte der Doktor. &mdash; Nun das wäre wenigstens
-keine Trauer verkündende Anordnung.</p>
-
-<p>Ich weiß es nicht! &mdash; erwiederte Zynthio mit Achselzucken.</p>
-
-<p>Adelaide schlich hinzu, pathetisch nahm sie das Wort: Und sie hielten
-einen Rath &mdash; ob es der dem Arzt Ueberantworteten<span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span> anstehe, dem Herrn
-des Hauses zu einer Ehrenmenuet aufzufordern, und ob es ihm gezieme,
-ihr diese Lust zu versagen?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nun da ziehe einer einen vernünftigen Schluß! rief erfreut der
-Aufgefoderte &mdash; da sollte man denken, wer tanzen will, hofft und
-begehrt auch noch recht lange auf diesem Erdenrund zu tanzen, und das
-Leben zu genießen. Kommen Sie, kommen Sie, liebes theures Kind! &mdash;
-Aufgepasst, Neffe! &mdash; Die Geiger und Pfeiffer sollen beginnen. Seine
-Braut will mit mir, und nicht mit ihm den Ball eröffnen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zynthio und der Doktor blieben noch zurück. Letzterer unterbrach das
-minutenlange Stillschweigen; Ich glaube Sie hin und wieder verstanden
-zu haben, und fürchte &mdash; man würde einen sehr trüglichen Schluß ziehen,
-wenn man diese angebliche Lust zu tanzen nach unsern Wünschen auslegen
-wollte.</p>
-
-<p>Ein bedeutender Händedruck war dessen stumme Antwort.</p>
-
-<p>Ein pensionirter Oberster rief seinen Py<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span>thias Weidenbach um
-L’Hombretisch; und Zynthio verlor sich unter das lustige Gewühl im
-Tanzsaal &mdash; nicht um mit den Fröhlichen fröhlich zu seyn, sondern um
-zu sehen, wie die Ehrenmenuet ablaufen werde, die ihm jetzt so etwas
-ähnliches von einem Todtentanz zu haben dünkte.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">M</span>it jedem Sonnenuntergang neigte sich das Haupt der Lilie ermüdeter und
-näher der Nacht des Grabes entgegen; mit jedem Aufgang sproßten neue
-Blüthen zum jungfräulichen Kranz, welcher bald die kalte Stirn der mit
-dem Tode vermählten Braut schmücken sollte. Mit Schillers Flüchtling
-konnte sie ausrufen:</p>
-
-</div>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Steig empor, o Morgenroth, und röthe</div>
- <div class="verse mleft1">Mit purpurnem Kusse Hain und Feld,</div>
- <div class="verse">Säusle nieder Abendroth und flöte</div>
- <div class="verse mleft1">Sanft in Schlummer die erstorbne Welt.</div>
- <div class="verse mleft2">Morgen &mdash; ach! du röthest</div>
- <div class="verse mleft3">Eine Todtenflur,</div>
- <div class="verse mleft2">Ach! und du, o Abendroth! umflötest</div>
- <div class="verse mleft3">Meinen langen Schlummer nur.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span></p>
-
-<p>Heiter und warm war einer der ersten Novembertage; seit jenem Feste
-bei dem Landrath von Elfen hatte es Adelaide noch nicht wieder wagen
-dürfen, sich der rauhen Herbstluft auszusetzen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Heut will ich Vater Elfen und Schwester Karolinen überraschen! &mdash; sagte
-sie, und bat das Anspannen zu bestellen.</p>
-
-<p>Kind! ich begleite dich &mdash; versicherte bedächtig die Generalin. Ich
-hätte keinen ruhigen Augenblick zu Hause.</p>
-
-<p>O, dann werden mir zwei Wünsche für einen gewährt! liebkoste ihr
-zärtlich die dankbare Tochter.</p>
-
-<p>Ueberraschen werden wir sie freilich &mdash; meinte die Mutter &mdash; Theodor
-ritt schon diesen Morgen hinüber &mdash; melden konnte er uns nicht, denn er
-wußte von nichts. Wir überfallen sie beim Mittagstisch &mdash; denn jetzt
-müssen wir fahren; lange dürfen wir auch nicht ausbleiben: erstlich die
-Abendluft; dann kommt heute Graf Julius wieder. &mdash; Zwei, drei Stündchen
-sind bald verstrichen! &mdash; ermahnte die Besorgte noch,<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span> und trippelte,
-sich zu der Ausfarth anzuschicken.</p>
-
-<p>Du leistest uns doch auch Gesellschaft, guter Zynthio? flötete ihm
-schmeichelnd die liebliche Freundin zu &mdash; Sieh, wenn du fein vernünftig
-seyn, und es dir nur allein gesagt seyn lassen willst, so wisse &mdash;
-daß ich wohl zum Letztenmal mit den Lebenden gemeinschaftliche Sache
-machen, und mit euch herumkutschiren werde!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O Gott! &mdash; Wie lange war ich mit dieser Neuigkeit vertraut! &mdash; Ja,
-Adelaide! &mdash; längst riß sich schon die Hoffnung aus meiner Seele! &mdash;
-Sie haben mich ja Resignation gelehrt!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dank, feurigen Dank dir! edler, geliebter Bruder! &mdash; Wüßtest du, wie
-glücklich mich deine Fassung macht! Nun kann ich erst mit Sicherheit
-eine Last &mdash; ach eine sehr angenehme Last auf deine Schultern
-legen; dir ein Vertrauen gewähren, das du standhaft und doch mit
-theilnehmendem, fühlenden Herzen aufnehmen und seine Bedingungen
-erfüllen mußt! &mdash; Bald, bald<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> sprechen wir deutlicher hierüber. O
-Zynthio! behalte diesen Muth bei! du wirst dann ein großes Verdienst um
-die Heiterkeit meiner letzten Stunden haben &mdash; Ich sage dir: dein Lohn
-wird in deiner Liebe zu mir liegen &mdash; denn du wirst erfahren, daß der
-Tod mir ein beneidenswerthes Geschenk war!</p>
-
-<p>Und ich soll dieser Wohlthat nicht theilhaftig zu werden wünschen?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Nein, Zynthio, nein! Dein Leben sey dir heilig! &mdash; Sey mir das, was ich
-einst meinem Vater war; mein letzter Wille hat große Forderungen an
-dich &mdash; wem könnte ich sie anvertrauen, als dir!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das war ein großes Wort! von Adelaiden gesprochen, ein großes Wort! &mdash;
-Wohl, ich will und werde dies Vertrauen rechtfertigen!</p>
-
-<p>Gott Lob! wir sind einig. &mdash; Man kommt, nichts mehr von meiner nahen
-freundlichen Aussicht! &mdash; nicht alle sehen mit unsern Augen.</p>
-
-<p>Georg kam zu melden, daß vorgefahren<span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span> sey. Die Generalin folgte ihm
-reisefertig. Betty brachte ihrer Gräfin den Mantel, Schleier und
-Handschuh.</p>
-
-<p>Maman! bat Adelaide &mdash; lassen Sie uns die kleine Närrin mitnehmen! &mdash;
-Sie trennt sich so ungern von mir, ihrer Lehrerin im Sticken, und von
-ihrem Musikmeister Signor Camillo. &mdash; Sie erlauben doch?</p>
-
-<p>Wie du fragen kannst!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Betty hüpfte für Freuden. &mdash; „Daß du mir aber auch den weißen
-Rosenstock pflegst! &mdash; ich sage dir, zu meinem Geburtstag muß
-er blühen, und du mich mit seinen Erstlingen schmücken. &mdash; Mein
-Kunstgärtner Camillo lasse diese Rosen sich gleichfalls empfohlen seyn!
-bat mit Engelsgüte die holde Dulderin, und wankte langsam an den Wagen.“</p>
-
-<p>Sie sprach wahr; zum letzten Mal sah sie Wald, Wiesen und Thal. Das
-fallende Laub gab ihr ein freundliches Bild ihres nahem Dahinsinkens;
-das allmählige Entschlaffen der sich entkleidenden Natur einen süßen
-Vorgeschmack ihres Schlummers im<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> Grabe. &mdash; Sie fuhren durch eine
-Lindenallee; die Sonne stand im Mittag, ihre senkrechten Strahlen
-brachen sich auf den gelblichrothen Lindenblättern, und warfen den
-matten Wiederschein auf Adelaidens blasses Gesicht. In seligem
-Entzücken wandte sie das seelenvolle Auge zu dem reinen Aether, über
-den sich bald ihr Geist zu schwingen hoffte. &mdash; So dachte sich der sie
-anstaunende Zynthio den Engel der Auferstehung, welcher die Gräber
-der Gerechten öffnet, ohne sein Antlitz von der ihm geliebten Heimath
-zu wenden, wohin er &mdash; sobald der Zweck seiner Sendung vollbracht,
-zurückzukehren sich sehnet. Selbst Betty wurde von diesem Anblick
-ergriffen; begeistert rief sie aus:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Erscheinet mir einst so mein Engel,</div>
- <div class="verse mleft1">Dann glaub’ ich, daß ich ihn gesehn;</div>
- <div class="verse">So winke mir der Todesengel,</div>
- <div class="verse mleft1">und freudig werd’ ich mit ihm gehn.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Würdest du, liebe Kleine? sagte überrascht Camillo. Nimm dafür den
-Bruderkuß. &mdash; Aber dieser Engel wird uns nicht winken, mit ihm zu
-gehn!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span></p>
-
-<p>Adelaidens Blick fiel unzufrieden auf den Unbesonnenen, denn sie
-sah, daß der Sinn dieser Worte den Jammer der Mutter aufregte. „Daß
-Betty doch so leicht schwärmt und Zynthio so gern ein solches Thema
-applaudirt! Ohne den Sicilianer würde die Phantasie der Brittin im
-ruhigern Gleise geblieben seyn!“ &mdash; klagte die Holde.</p>
-
-<p>Kind, laß sie! unterbrach die Generalin ihre Tochter. Wohl ihnen! ihre
-Phantasie erhält ihren Muth, wo mir das Herz brechen wird. &mdash; Wie Gott
-will! Lange werde ich mein Unglück nicht beweinen!</p>
-
-<p>Wo ist Karoline? fragte Adelaide, als sie zur Heimkehr aufbrechen
-wollten &mdash; daß ich ihr gute Nacht wünsche.</p>
-
-<p>Sie schnürt ihr Bündel &mdash; antwortete der Landrath &mdash; und geht mit nach
-Wallersee.</p>
-
-<p>Die Freude dank ich dir, Theodor!</p>
-
-<p>Ach mir macht die Ursach wenig Freude; versicherte dieser.</p>
-
-<p>Ja wahrlich &mdash; nahm der Erste wieder<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> das Wort &mdash; wer könnte sich jetzt
-freuen: &mdash; Gutes, liebes Kind! &mdash; werden Sie dieses Haus, wo wir alle
-Ihnen mit Liebe entgegen kamen, wohl wieder betreten? &mdash; und wann? &mdash;
-Karoline erwählt das beste Theil. Sie will sich lieber vors erste gar
-nicht mehr von Ihnen trennen. &mdash; Aber das können wir Alten nicht; Nun,
-wir haben einen guten Bothschafter an unsrer Tochter; &mdash; Nachricht von
-Ihrem Befinden soll und täglich zweimal werden.</p>
-
-<p>Will man mich denn hier nicht wiedersehen? &mdash; scherzte Adelaide, ihre
-Wehmuth ziemlich mühsam verbergend &mdash; Es wird Ihnen nicht gelingen; ich
-dränge mich ein &mdash; und verschließt man mir die Thüren, so erscheine ich
-als Geist.</p>
-
-<p>Als Geist! &mdash; wiederholte tief bewegt Vater Elfen &mdash; als er die langsam
-dahinrollende Equipage endlich aus den Augen verlor, und eben so
-langsam in das Zimmer zurückschlich.</p>
-
-<p>Das sollte uns der gütige Gott nicht erleben lassen! &mdash; klagte weinend
-dessen Gattin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span></p>
-
-<p>Uns nicht erleben lassen? &mdash; Ach, ich möchte nur den lieben Gott zu
-erwägen bitten: daß ein junges Blut, wie unser Julius, wohl schwerlich
-für die Zukunft an sein Güte glauben würde &mdash; denn um dessen gesunden
-Verstand steht es dann so und so!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Das Grab ist nicht tief, es ist der leuchtende Fußtritt eines
-Engels, der uns sucht. Wenn die unbekannte Hand den letzten Pfeil
-an des Menschen Haupt sendet, so beugt er vorher das Haupt, und der
-Pfeil hebt blos die Dornenkrone von seinen Wunden ab.</p>
-
-<p class="right mright2"><em class="gesperrt">Jean Paul</em>.</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<p><span class="initial">K</span>aroline schrieb ihren Eltern: Nachdem Sie uns gestern verlassen
-hatten, vermehrte sich die Fieberhitze unsrer theuren Kranken. Ihre
-Gedanken verwirrten sich; die Brust arbeitete ängstlich &mdash; jede
-Nerve zuckte; wir all vergingen vor Jammer! &mdash; Doch tröstete uns
-Doktor Weidenbach mit der Versicherung, daß die Leidende selbst
-wenig empfinde, und ihr Nervensystem zu schwach<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> sey, um bey diesem
-convulsivischen Bewegungen sich anders als leidend zu verhalten. Je
-weniger Widerstand die Natur leiste, je geringer wäre das Gefühl. &mdash;
-Gegen Mitternacht wurde sie ruhiger. Ach! &mdash; ein Nervenschlag hatte die
-Krisis entschieden. Abwechselnd mit Schlafen und Wachen hat sie diesen
-Morgen hingebracht; auch wir sollen uns durch einige Stunden Schlaf
-zu erholen suchen! dies war ihre dringendste Bitte, und wir müssen
-wenigstens scheinbar ihrem Willen nachkommen.</p>
-
-<p>Ich verließ sie, um Ihnen, theure Eltern zu melden, wie es hier mit
-uns steht. Julius liegt in dumpfer Verzweiflung vor Adelaidens Bildniß
-in der Gallerie. &mdash; So eben trägt man ihn außer sich in Theodors
-Zimmer auf ein Bett; Theodor bedarf selbst des Trostes und soll meinen
-unglücklichen Vetter zur Vernunft bringen! &mdash; Eine Wohlthat war es,
-daß Sie Doktor Weidenbach zu uns brachten. Adelaide sagt: es ist mir
-lieb, meiner Mutter wegen! sie wir seiner bedürfen. &mdash; Ja wohl, der
-Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span>stand der alten Gräfin kann bedenklich genug werden! meint selbst
-Weidenbach; er fürchtet für ihren Verstand. Sie hatte gehört, daß er
-zu Camillo gesagt: kaum könne Adelaide noch vier und zwanzig Stunden
-leben, und seitdem scheint sich ihre Vernunft verwirrt zu haben; bald
-weint, bald lacht sie; bald fragt sie: ob Adelaide aus der fürstlichen
-Gruft schon glücklich herausgekommen &mdash; bald ob ihre Tochter schon als
-Braut geschmückt sey, und zur Trauung gehen werde? &mdash; Man läßt sie
-nicht ins Krankenzimmer; auch hat sie heut dahin noch nicht verlangt.
-&mdash; Sie wird mich schon rufen; sagte sie vor einer Stunde &mdash; ich kenne
-meine Tochter: sie überrascht mich gern; ich muß ihr die Freude nicht
-verderben!</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">Z</span>ynthio! du darfst jetzt nicht schlafen, &mdash; säuselte Adelaidens Stimme,
-dem leisen Ton der Aeolsharfe gleich &mdash; O, ich weiß wohl, du könntest
-auch nicht! &mdash; Laß mich erst zur Ruhe seyn, dann soll und wird sie dir<span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span>
-auch wieder werden. &mdash; Ewiges, allgütiges Wesen! wie dank ich dir, daß
-ich einen so leichten Kampf zu überwinden gehabt, &mdash; daß du mich in der
-letzten Stunde noch mit solcher Kraft ausgerüstet! &mdash; denn noch ist
-mein Tagewerk nicht vollendet. &mdash; Zynthio, hast du die Papiere gelesen,
-welche ich dir diese Nacht übergab? &mdash; Es geschah nicht mehr in der
-Fieberhitze, als ich sie dir empfahl.</p>
-
-</div>
-
-<p>Ich habe sie gelesen.</p>
-
-<p>So ist dir meine und deine Schwester nicht mehr fremd, Seraphine! &mdash;
-Jetzt klage ich nicht mehr, daß ich hienieden mich ihrer nicht freuen
-durfte; es war zärtliche Schonung in dem väterlichen Befehl: die mir
-anvertrauten Schriften früher nicht zu eröffnen, als in der vor einigen
-Wochen eingetretenen Epoche; entweder ich sollte verlobt, oder auf
-dem Wege zur Gruft seyn, beide Fälle berechtigten mich seit mehreren
-Monaten dazu &mdash; und ich entdecke eine Schwester, in derselben Minute,
-da ich sie auch schon wieder aufgeben muß. &mdash; Hätte ich leben<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> sollen
-&mdash; diesmal würde mich Entsagung geschmerzt haben. &mdash; In der Disposition
-über das Vermögen meines Vaters habe ich mich auch in Betreff
-Seraphinens ganz nach seiner Vorschrift gerichtet. &mdash; Dein Erbtheil,
-das ich einstweilen verwaltete &mdash;&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mein Erbtheil? &mdash; Wenn ich die Beweise der Großmuth des Generals so
-nennen darf, wurden mir schon nach dessen Tode übergeben; ich hätte es
-nicht bedurft.</p>
-
-<p>Widerstrebe mir nicht in Kleinigkeiten! doch erst noch von anderen
-Dingen; jenes ist ohnedies schon in Ordnung und unumstößlich. Der
-Landrath von Elfen wird der Vollstrecker meines Testaments seyn.
-Ihn habe ich in einer versiegelten Schrift, welche man in meinem
-Schreibpult finden wird, dazu ernannt.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ha, Vater Elfen! dies waren die Ehepakten? Armer Mann! auch deine Augen
-lernen noch Thränen kennen! Wohl dir! Ich werde nicht weinen können&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Denn du wirst handeln müssen. Denke meiner Forderungen an dich, und
-deines Versprechens!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span></p>
-
-<p>Wohl, wohl!</p>
-
-<p>&mdash; Graf Bendheim hatte meines Vaters theuerstes und schmerzlichstes
-Geheimniß erschlichen. Nach Eröffnung der Papiere ward es mir deutlich,
-was seine Drohungen, seine Reise nach Italien sagen wollten. &mdash; Der
-Erbprinz hat viel gethan, seine feindlichen Absichten gegen uns zu
-vereiteln. &mdash; Du begreifst leicht, daß mein edler Vater die Ruhe meiner
-Mutter nicht vergiftet haben wollte &mdash; auch wirst du in dem Aufsatz der
-nicht minder edlen Giuliana dich unterrichtet haben, daß es die einzige
-Bedingung ihres Friedens in der Ewigkeit sey, seine Gemahlin nie etwas
-von dieser Begebenheit &mdash; auch nur ahnden zu lassen. O wie freue ich
-mich des Augenblicks, wo ich dem reinen Engel für diese zarte Tugend
-mit dem Troste lohnen kann: ihr Friede sey und werde nicht gestört.</p>
-
-<p>Mutter! Adelaide läßt mich bei Euch wohnen! rief Zynthio, und sank auf
-seine Knie.</p>
-
-<p>Und Seraphine? fiel Adelaide ein. &mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> Erfülle erst die Pflichten des
-Bruders, werde erst Gatte und Vater!</p>
-
-<p>Zynthio schauderte. &mdash; Das Letztere nimmermehr! &mdash; Verhältnisse dieser
-Art haben keinen Reiz für mich.</p>
-
-<p>Werde Gatte und Vater! Verfehle nicht die Bestimmung des
-nützlichen-redlichen Weltbürgers! Laß tragische Schwärmerei dich nicht
-zum seelenkranken Weichling machen. &mdash; Mein Andenken wird dir werth,
-ja ich hoffe, unvergeßlich seyn. Denke meiner wie einer geliebten
-Schwester, und sprich oft von mir mit unsrer Seraphine! &mdash; ich werde
-Euch nicht seltner im Hauch reiner geistiger Liebe begrüßen &mdash; einst
-sehen wir uns alle wieder.</p>
-
-<p>Adelaide! &mdash; O Gott! Gott! &mdash; gieb mir Fassung!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Höre mich aus. Möchte meine Stimme nicht früher sinken, als meine Seele
-sich ausgesprochen hat! &mdash; manches habe ich dir noch zu sagen. &mdash; Bist
-du gefaßt?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Rede! rede! &mdash; ich höre den Worten eines Engels!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span></p>
-
-<p>Doch wardst du vor einiger Zeit an mir irre!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dann verzeihe mir Gott diese Lästerung!</p>
-
-<p>Ich verlobte mich einem Manne &mdash; die Braut des Grabes schien ihren Weg
-verfehlen zu wollen! &mdash; Graf Hochburg möge mir verzeihen, an ihm ward
-ich zur Verrätherin! &mdash; der Stunde meines Todes fast gewiß, durfte ich
-nicht fürchten, die Verbindung vollziehen zu müssen. Nie das Weib eines
-Mannes zu werden, gelobte ich meinem Herzen! &mdash; Liebe konnte ich keinem
-mehr geben!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O Adelaide, an der Pforte der Ewigkeit darf Wahrheit sprechen. &mdash; Sie
-liebten, liebten den edelsten der Menschen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ich liebte, liebte den edelsten der Menschen! &mdash; Aber er ist Fürst. Ich
-habe gekämpft und den Sieg errungen.</p>
-
-<p>Und die Siegerin verblutet an ihren Wunden! ihren Sarg zu schmücken,
-sammelte sie die Trophäen.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Dort, dort blühen sie schöner und wehen mir sanfte Kühlung entgegen!
-&mdash; Die<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> Beharrlichkeit des Prinzen, rechtfertigte die Täuschung. &mdash;
-Sobald er mich verlobt wußte, ergab er sich dem Willen seines Vaters &mdash;
-so schwor er. &mdash; Der Hof, mit dem er in Verbindung treten sollte, fand
-sich durch den Aufzug beleidigt! &mdash; Der Fürst verzweifelte, Verdruß,
-Gram, brachten sein Leben in tödliche Gefahr! &mdash; Schon schwebte der
-Fluch über den ungehorsamen Sohn auf seinen Lippen! &mdash; Das Uebrige
-weißt du &mdash; die gute Absicht entschuldige die Mittel! &mdash; Wem gehören
-diese Klagetöne?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es war Betty, welche verzweifelnd in das Nebenkabinet trat. Sie hatte
-so eben aus dem Munde des Doktors erfahren, daß Adelaide wahrscheinlich
-in wenigen Stunden nicht mehr seyn werde. Ihr folgte Georg, dessen
-Schmerz sich durch keinen Seufzer, keine Thräne Luft zu schaffen
-vermochte.</p>
-
-<p>Sie sollen zu mir kommen, die Treuen! lispelte die schwächer Werdende.
-&mdash; Tritt näher, Betty! Deine Hand! dich übergebe ich diesem Freunde! &mdash;
-Sie legte die zit<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span>ternde Rechte der Trostlosen in Zynthios noch stärker
-bebende Hände. &mdash; Folge ihn, wohin er dich führt; macht er dich nicht
-glücklich, so vergebe ihm Gott, daß er mich so zu täuschen vermogte!</p>
-
-<p>Was soll ich thun? Ich gelobe und werde halten!</p>
-
-<p>Werde Gatte und Vater! Dieß mein Vermächtniß. Daß ich deiner Neigung
-für die ruhigere Zukunft nicht wehgethan habe, lehrte mich längst dein
-Wohlwollen für meine Mündel. &mdash; Georg näher! Warum so finster? Gönne
-mir doch den freundlichen Uebergang in ein besseres Leben! Wie oft
-trugst du mich auf deinen Armen, wenn du glaubtest, Dornen könnten
-meinen Fuß verletzen, oder wenn du mich schwankend und leidend auf
-einem kurzen Wege dem Hinsinken nahe glaubtest!</p>
-
-<p>Georg schwankte jetzt selbst, und war dem Sinken nahe.</p>
-
-<p>Betty, reiche ihm einen Stuhl. Setze dich, Georg! Hierher! Näher.
-Ich kann so laut nicht mehr sprechen, und möchte<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> doch gern von
-dir verstanden werden. &mdash; Kinder! soll Euch die Sterbende mit Muth
-unterstützen? Weil Ihr mich liebt, müßt Ihr standhaft seyn! &mdash; Georg,
-du warst nicht bestimmt, mir den Teller zu reichen, oder als Diener
-auf dem Wagen zu stehen. Deine Anhänglichkeit wollte es aber nicht
-anders; ich hab es gelitten, um dir nicht weh zu thun. Doch nun tritt
-der Fall anders ein: du mußt unabhängig seyn und leben können. Deine
-Uneigennützigkeit hat freilich schlecht für diesen Fall gesorgt; ich
-habe dies bemerkt, und es an deiner Statt gethan. &mdash; Du erinnertest
-dich öfters mit so warmem Gefühl der Schweiz und deines ersten
-Pflegevaters &mdash; er lebt noch &mdash; Wie würde er sich freuen, dich als den
-Eigenthümer eines artigen Gutes in seinem Canton zu wissen. Für das
-Kapital zu dem Ankauf ist gesorgt. Uebrigens begleitest du &mdash; sobald
-ihr mich zur Ruhe gebracht, deinen Freund Camillo &mdash; Ihn ruft eine
-wichtige Angelegenheit nach Italien &mdash; und Trennung von ihm &mdash; würde
-dir &mdash; doch schwer<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> fallen &mdash; Ha! Gott sey Dank! &mdash; ich habe vollendet!
-&mdash; Finster wird’s &mdash; vor meinen Augen! &mdash; Wehe! &mdash; wohl! &mdash; Wo seyd
-Ihr? &mdash; die Kraft &mdash; verläßt &mdash; mich &mdash; ah!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mit einem Schrei sank Betty zu Boden. Zynthio rief halb sinnenlos:
-Adelaide! &mdash; Vergebens! sie hörte nichts mehr! &mdash; Georg hob sie mit
-convulsivischer Heftigkeit von dem Ruhebette auf, als wollte er sie dem
-Tode entreißen; umsonst! ohne ein Zeichen des Lebens sank sie wieder
-zurück &mdash; Adelaide war nicht mehr!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>chon wallte der violette Sammet über die errichtete Trauerbühne;
-&mdash; „nur nicht in die Farbe der Verzweiflung, dem finstern Schwarz,
-kleidet einst die Umgebungen meines entseelten Körpers!“ hatte oftmals
-die Verblichene geflehet. &mdash; Das reichsgräfliche Wappen der Wallersee
-prangte, von Gold gestickt, auf den vier Ecken der mit reichen Franzen
-besetzten Drapperie. Auf weißen<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> marmornen, mit Zypressen umwundnen
-Säulen ruhte die blendende Kuppel, in deren Mitte ein sanft strahlender
-Reverber das Castrum magisch beleuchtete. Schon schlummerte Adelaide
-auf balsamisch duftenden Polstern im einfachen Sarge von Mahagoni,
-welchen ein Sarkophag von Karrarischem Marmor umschließen sollte
-&mdash; und noch vertiefte der Arzt sich stundenlang in Betrachtung der
-Leblosen. Kein Mittel war unversucht geblieben, den theuren Leichnam
-wieder zu beleben, aber ohne Erfolg; man hätte Wunder erwarten müssen,
-um noch hoffen zu dürfen. Und doch schien sie nur zu schlafen. Kein
-Erstarren der gewöhnlichen Todeskälte; Lippen und Nägel im blassen
-Rosenschimmer; elastisch das Fleisch der Schwanenarme und des Busens;
-weich und gelockt das seidne Haar, auf dem ein Diadem von weißen Rosen,
-bescheiden wie die Bekränzte es war, die liebliche Stirn umduftete! &mdash;
-Ach! Betty erblickte mit mattgeweinten Augen den Rosenbaum, welcher
-heut am achtzehnten November seine<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> aufgeblühten Erstlinge zum
-Schmuck für Adelaiden darbot. Mit wundgerungnen Händen brach sie die
-Lieblinge der schönsten, so früh gebrochnen Blume, und flocht sie &mdash;
-zum Todtenkranz! Ein kleiner Zweig, auf dem zwei nur halb entfaltete
-Knospen wie in unschuldiger Liebe vereinigte Zwillinge sich wiegten,
-bezeichneten die Stelle, wo noch vor wenig Tagen das tugendhafteste
-Herz in himmlischer Reinheit groß und edel schlug!</p>
-
-</div>
-
-<p>Wann soll sie beigesetzt werden? &mdash; fragte der Doktor.</p>
-
-<p>Diese Nacht um zwölf Uhr, sagte Karoline.</p>
-
-<p>In Gottes Namen dann &mdash; heut ist der dritte Tag. Fräulein; lassen Sie
-ihr die Zugpflaster von den Füßen nehmen. &mdash; Man will den Sarg auf die
-Bühne haben.</p>
-
-<p>Was wollt ihr? frage Julius wild, als die Bedienten den Sarg anfaßten,
-zu dessem Haupt er auf einem Tabouret kniete, und das Gesicht in die
-weiß atlaßnen Kissen gedrückt hatte. &mdash; Ha! bahret nur auf,<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> rief
-er, als er vernommen, was man zu thun Befehl erhalten &mdash; aber, mich
-laßt nicht zurück! Wo sie schläft, will ich auch bald schlafen! &mdash;
-Und wie ein Schlaftrunkner folgte er dem Sarge; auf den Stuffen der
-Schaffottage sank er wieder in seine vorige Stellung.</p>
-
-<p>Das karge Licht des Novembertages war meist verloschen; trübe
-stürmische Dämmerung umflorte immer undurchdringlicher den Tempel der
-Trauer. &mdash; Die Klagenden seufzten leiser um Adelaiden, denn ein neuer
-Anblick des Jammers forderte ihre Theilnahme und ihre Fassungskraft;
-die unglückliche Mutter beschäftigte Arzt und Freunde. &mdash; Völliger
-Wahnsinn war eingetreten; eine fixirte Idee, Alexis und Adelaide
-warteten ihrer in der Kapelle, hatte sich der kranken Einbildung
-bemächtigt, gegen alle sie zurückhaltende Gewalt ihrer Wächter wollte
-sie aus dem Fenster springen, um auf dem kürzesten Wege dahin zu
-gelangen. &mdash; Man schien der verblichenen Tochter, über die ihr folgen
-wollende Mutter zu vergessen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span></p>
-
-<p>Nur Julius, Zynthio und Georg weilten jetzt bei dem geliebten Leichnam;
-Betty war entkräftet auf der Stuffe am Fuße des Sarges eingeschlummert.
-Noch hielt sie mit der Hand, auf welche der Amors-Kopf sich stützte,
-das weiße naß geweinte Tuch vor die geschloßnen Augen. &mdash; Zynthio,
-in die Arbeit vertieft, zum letzten Male die Züge der ihm nun bald
-auf immer entrissenen Schwester aufzufassen, und dem Elfenbein
-anzuvertrauen, wußte kaum, daß noch etwas außerdem sich in der Welt
-ereignen könnte. &mdash; Georg lehnte eben so sprachlos an eine der
-Marmorsäulen, den starren Blick auf Adelaidens himmlisches von oben
-herab sanft beleuchtetes Gesicht gerichtet.</p>
-
-<p>Da schreckten Ausrufungen von fremden Stimmen die Träumenden aus ihrem
-Sinnenschlummer.</p>
-
-<p>Allmächtiger Gott! meine Adelaide! rief eine schlanke weiße Gestalt,
-der Schleier flog zurück, und Prinzessin Mathilde warf sich laut
-weinend über die entschlafene Jugendfreundin.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span></p>
-
-<p>So konnte das Verhängniß meiner spotten? &mdash; Ha, im Sarge! &mdash; Allweise
-Vorsehung, die Weissagungen einer schwachen Seele mußtest du wahr
-machen, um dich zu verherrlichen! &mdash; sagte bitter Mathildens Begleiter,
-der Erbprinz.</p>
-
-<p>So kalt nimmst du den Kuß der treuen Schwester hin? &mdash; klagte Mathilde
-&mdash; o du Stolze! &mdash; mit dem Tode buhltest du, unserer vergessend; &mdash;
-nicht achtend, daß ohne dich die Welt uns eine Einöde ist! &mdash; Zynthio,
-Zynthio! warum ließest du sie sterben?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Sterben? &mdash; Konnte sie etwas bessers thun? &mdash; unterbrach sie in
-grollender Verzweiflung der Prinz. &mdash; Heirathen oder sterben, das sind
-so die gewöhnlichen Kunstgriffe &mdash; den Verschmähten am sichersten das
-Herz zu zerreißen!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zynthio führte ihn schnell in ein Fenster, mehrere Schritte von den
-Uebrigen hinweg. Prinz! &mdash; sagte er ihm leise &mdash; diese Nacht um zwei
-Uhr, wann die Beisetzung vorüber ist &mdash; habe ich Ihnen nur wenige<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span>
-Worte zu vertrauen, und Sie werden wünschen, diese Lästerung mit ihrem
-halben Fürstenthum zurück kaufen zu können.</p>
-
-<p>Nicht um das Wahrzeichen des kleinsten Marktflecken, in diesem
-Fürstenthume! &mdash; Sieh jenen Schmerzenssohn! er darf als der
-Glücklichere um sie weinen, und sich mit seinem Schmerz brüsten! &mdash; ihn
-konnte sie lieben&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Lieben? fiel bewegt Zynthio ein. &mdash; Ja, sie liebte, aber nicht diesen.
-In der Stunde ihres Todes sagte sie: ich liebte den edelsten der
-Menschen &mdash; aber &mdash; er ist Fürst!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Camillo! &mdash; spricht ein guter oder ein böser Geist aus dir?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Es sind die Worte der Verklärten: &mdash; ich habe gekämpft und den Sieg
-errungen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ah, so &mdash; und erwartete den Lohn in den Armen meines erwählten
-Schäfers!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>An Hochburg ward ich zur Verrätherin; der Stunde meines Todes fast
-gewiß, durfte ich nicht fürchten, die Verbindung<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span> vollziehen zu müssen.
-&mdash; Dies ihr Bekenntniß an den Pforten der Ewigkeit! &mdash; zweifeln Sie
-noch?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>An meiner Vernichtung? &mdash; nein. &mdash; Sie haben ihren Zweck erreicht.</p>
-
-<p>Noch nicht. &mdash; Wer von einer Adelaide geliebt ward, muß ein großer,
-ihr an tugendhafter Entschlossenheit gleichender Jüngling seyn! &mdash; Ihn
-den Seltnen bitte ich, mich zu der schon erwähnten Stunde, ohne Zeugen
-und in empfänglicher Stimmung für das Zarte meines Auftrags zu hören.
-Bis dahin Schonung der kleinern Verhältnisse, deren Rechte selbst die
-Verewigte achtete.</p>
-
-<p>Zynthio! &mdash; gieb mir Trost, ohne den ist Entschlossenheit ein Unding!
-Sie liebte mich! &mdash; Nun erst ist mein Verlust unersetzlich. &mdash;
-Adelaide! &mdash; Adelaide!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Adelaide! &mdash; wiederholten die Klagetöne Mathildens&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Adelaide? &mdash; fragte Julius wie aus einem Traume erwachend &mdash; welcher
-bis jetzt selbst nicht wußte, was er sah und hörte.<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> &mdash; Ja, diese
-Adelaide antwortet nicht mehr!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Mathilde erblickte die zwei verschwisterten Rosen an der Brust der
-vergeblich Gerufenen, und entzog sie der kalten darauf ruhenden Hand.
-Ha, wie ich euch von dem Herzen eurer Königin reiße so riß sie sich
-von mir, und ließ mich traurig und einsam stehen. &mdash; Ihr seyd mein! an
-ihrer Brust habt ihr geblüht, an der meinigen sollt ihr verwelken, wie
-meine Freuden!</p>
-
-<p>Julius sprang auf, die Hälfte des Raubes sey mein! rief er, indem er
-sich des Zweiges bemächtigte, und die zarten Zwillinge trennte. Ein
-unter den Blättern versteckter Dorn rächte den Frevel. Von seiner
-verwundeten Hand tropfte das Blut auf Mathildens weißes Gewand, während
-er ihr die blutbefleckte Rose reichte.</p>
-
-<p>Sonderbar! sagte finster der hinzugetretene Prinz. Es scheint, Sie
-besiegelten bei diesem Altar einen Bund mit ihrem Blute, das selbst die
-makellose Reinheit meiner Schwester zur Mitschuldigen bezeichnete.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span></p>
-
-<p>Einen Bund des heiligen Andenkens dieses Altars! fiel schwärmerisch
-Mathilde sein. Wem der Tod dieses Engels das Herz zerriß, der weihe
-sich dem mit Blut besprengten Bunde!</p>
-
-<p>Der weihe sich ihm, bis das zerrissene Herz kein Blut mehr zu vergießen
-hat! &mdash; sagte Julius, und nahm die ihm über dem Sarg dargebotne Hand
-Mathildens.</p>
-
-<p>Ein vernehmliches Ah! zitterte aus Adelaidens Brust, eine schwache
-Bewegung erschütterte den leblosen Körper&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Was war das? &mdash; Allmächtiger Gott! werden die Todten lebendig?
-fragten sich die Ergriffenen. Schauder der Ahndung durchbebte die
-Bundesverschwornen. &mdash; Die Schloßuhr schlug sechs; das dumpfe
-Trauer-Geläute der Kirchen umliegender Dorfschaften begann, und
-unsichtbare Chöre tönten in sanft klagenden Harmonieen.</p>
-
-<p>Doktor Weidenbach trat ein; er hörte und eilte, sich selbst zu
-überzeugen. So waren doch meine Zweifel gegründet? rief er. Jetzt erst
-hat die Seele den Körper verlas<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>sen. Die Veränderung der Liniamente,
-das Ausspannen des Körpers &mdash; jetzt können wir mit Gewißheit sagen, daß
-sie aufgehört hat zu leben. Der bisherige Zustand war &mdash; ein Scheintod.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">P</span>hrenetisches Lachen schallte aus dem Zimmer der Generalin dem
-Leichenzuge nach. Den Fackelschein, das Läuten der Glocken, hielt
-die freudige erwartungsvolle Mutter für das Zeichen, daß Alexis und
-Adelaide im hochzeitlichen Pomp sie einzuholen kämen. Das heftige
-Lachen endete mit einem Stickfluß &mdash; und als das Trauergefolge
-zurückkam, war wirklich Gräfin Ludmilla dem Theuersten, was sie auf
-Erden gehabt &mdash; ihrem Gemahl und ihrer Tochter nachgefolgt.</p>
-
-</div>
-
-<p>Die Morgendämmerung fand den Prinzen in lebhaftem Gespräch mit Zynthio
-in des Letztern Zimmer.</p>
-
-<p>Verschmerzen werde ich nie, und so gilts einerlei, eine Grad mehr
-oder weniger elend! sagte der Erstere, indem er vom Sopha auf<span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span>sprang,
-und Adelaidens in schwarzen Flor gehüllte Guitarre ergriff. &mdash; Wie
-Prometheus wollte ich ein neues Fürstenglück und in ihm &mdash; Volksglück
-schaffen. Die erzürnte Politik schmiede mich dafür an den Felsen eine
-Ehe ohne Liebe; für den Geier laß die Bestimmung eines Fürsten nach der
-alten Schöpfung sorgen.</p>
-
-<p>Herkules, mit Tugendkraft begabt, erlegte den Geier.&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Aber nie werden diese Saiten, von ihren Fingern belebt, wieder eines
-Menschen Ohr erfreuen, einem Herzen Wonne und harmonische Gefühle
-mittheilen. Und &mdash; darum &mdash; wie gesagt, ist’s alles eins. Zum Karnevall
-soll’s lustig zugehen in der Residenz; Trompeten und Pauken sollen
-&mdash; möchte ich mit Hamlet ausrufen &mdash; in kreischenden Tönen die
-erlauchte Begebenheit verkünden: daß der Fürst, als Schwiegerpapa einer
-Königstochter, sich einen Freudenrausch trinkt!</p>
-
-<p>Ich werde, fern von Deutschland, dem edlen Sohn Glück wünschen, daß er
-sei<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>nem Vater den Freudentrunk zu reichen, groß und entschlossen genug
-war!</p>
-
-<p>Es mag schön klingen &mdash; aber mir wird jeder solcher Wünsche ein Mißlaut
-seyn. &mdash; Wann reisen Sie?</p>
-
-<p>In wenigen Wochen; Georg begleitet mich.</p>
-
-<p>Auch dieser? &mdash; Nun gut, selbst der geringste Schatten aus meiner
-glücklichen Vergangenheit fliehet!</p>
-
-<p>Mathilde brachte den übrigen Theil der Nacht ebenfalls schlaflos hin.
-Karolinens und Hochburgs Thränen hatten sich mit den ihrigen vereint;
-gleiches Gefühl ihres Verlusts brachte während den wenigen Stunden
-die Gemüther näher, als es in fröhlichen Zeiten kaum Monathe vermocht
-hätten.</p>
-
-<p>Mein unglücklicher Vetter! flüsterte Fräulein von Elfen der Prinzessin
-zu. &mdash; Unaussprechlich ist sein Jammer &mdash; ihn erneuern wird meine
-Verbindung mit Graf Wallersee; denn auch seine Vermählung mit Adelaiden
-sollte mit der unsrigen an einem Tage vollzogen werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span></p>
-
-<p>Er muß dieser Feierlichkeit ausweichen, antwortete Mathilde. Ueberhaupt
-wäre Beschäftigung, Zerstreuung das heilsamste für ihn. Wir wollen ihn
-dieser Einsamkeit entziehen&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Das wäre Wohlthat für den armen Julius, meinte Karoline.</p>
-
-<p>Und als wohlthätige Absicht wenigstens nahm Graf Hochburg die
-schmeichelhafte Einladung Mathildens auf; in den nächsten acht Tagen
-trieb ihn sein rastloser Schmerz der Freundin seiner Adelaide, der
-Genossin des Trauerbundes, nach in die Residenz.</p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">S</span>till wie in dem Kloster La Trappe war es jetzt in Wallersee. Zynthio
-traf Reiseanstalten, er mußte für seine Gefährten mit denken, denn
-Georg und Betty schlichen traurig ab und zu; ihnen war eine Zeichnung
-von Adelaidens schöpferischen Händen &mdash; eine Blumenguirlande, so
-diese in ihren Haaren getragen, eine ihrer Lieblingscompositionen<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span>
-für Guitarre oder Pianoforte das wichtigste, was sie als Erbstücke
-mitzunehmen und sorgfältig einzupacken würdig erachteten. Schon war
-der Tag ihrer Abreise festgesetzt, als Georg eines Abends athemlos und
-zitternd in seines Freundes Zimmer stürzte. Adelaidens Geist! rief er
-&mdash; oder mich täuscht ein Blendwerk der Hölle. Er riß Zynthio mit sich
-nach dem untern Stockwerk, wo er die Erscheinung gehabt&nbsp;&mdash;</p>
-
-</div>
-
-<p>Ist’s möglich? rief Zynthio, als er die Fremden erblickte &mdash; Wen sehe
-ich?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Ihre Schwester Seraphine, Signor Camillo! &mdash; sagte Graf Bendheim. Ich
-bedaure! ich glaubte Freude zu bringen, und finde ein Haus der Trauer.</p>
-
-<p>Verzeihen Sie, Herr Graf, wenn ich überzeugt bin, daß Sie ein Haus des
-Friedens in Trauer und Verwirrung zu versetzen hofften. Sie sehen, Ihre
-Absicht ist vereitelt, der Zweck Ihrer Reise nach Italien verfehlt, und
-Sie geben mir wirklich, gegen Ihren Willen, den Trost, eine geliebte
-mir anvertraute Schwester früher wieder zu finden,<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> als ich hoffen
-durfte, nachdem ich die Andere verlor! &mdash; Und wer ist ihre zweite
-Begleiterin?&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Zynthio! Kennst du mich nicht mehr? &mdash; Aloyse Prospero!</p>
-
-<p>Zynthio lag in den Armen seiner Schwester und ihrer mütterlichen
-Freundin. Wirklich, Herr Graf! Sie haben weder Aufwand noch Mühe
-gespart, in dies Haus der Trauer Freude zu locken. Möchte Ihnen das
-Bewußtseyn genügen, daß es Ihnen gelungen ist! &mdash; Georg, du meldest
-wohl den Herrn Grafen bei dem Herrn des Hauses&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Der ist? &mdash; frage Bendheim gespannt.</p>
-
-<p>Graf Theodor von Wallersee.</p>
-
-<p>Wir sind &mdash; ich möchte ihn belästigen &mdash; Sie haben ja einen guten
-Gasthof im Orte. Morgen mit dem frühesten reise ich wieder ab.
-Ich habe das Meinige gethan, und bin belohnt, daß ich mit dieser
-Ueberraschung Ihren Dank verdient habe &mdash; sagte in verbißnem Grimm der
-Ueberraschende, schüttelte den Staub von seinen Füßen, und zog wieder
-von dannen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span></p>
-
-<p>So wurden wir getäuscht? fragte Signora Prospero. &mdash; Er meldete sich
-als Bevollmächtigter der Gräfin, welche Seraphinen bei sich zu haben
-wünschte, und als ihres Gemahls Tochter anerkannte. Er legitimirte sich
-durch Briefe, selbst an Seraphinen hatte die Generalin geschrieben.</p>
-
-<p>Zynthio eröffnete den Getäuschten das Verständniß&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>O, es ahndete mir wohl! nahm die redliche Matrone wieder das Wort. &mdash;
-Ein boshafter Mensch kann auch ein Verführer der Unschuld seyn &mdash; Nur
-unter meiner Aufsicht bewilligte ich Seraphinens Mitreise.</p>
-
-<p>Georg, welcher die Zeit über Seraphinen angestaunt, und seinen Sinnen
-kaum glauben wollte, rief jetzt aus: Dies wäre meines Freundes
-Schwester?</p>
-
-<p>Und die Deinige! antwortete dieser, indem er sie ihm in den Arm warf.</p>
-
-<p>Betty kam. Gott im Himmel! schrie sie &mdash; die junge Gräfin!&nbsp;&mdash;</p>
-
-<p>Meine und deine Schwester Seraphine!<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> &mdash; Georg, Betty, Seraphine &mdash; wir
-alle ein Bund &mdash; eine Familie! &mdash; Adelaide! &mdash; Sieh herab und lispele
-dein heiliges Amen! &mdash; Signora Prospero, Sie verloren Ihren Gatten &mdash;
-lassen Sie uns ihre Kinder seyn!</p>
-
-<p>Adelaidens freundlicher Segen mußte über der Gruppe geschwebt haben.
-&mdash; Unvergeßlich war ihnen der verklärte Engel, aber die hoffnungslose
-Trauer gieng bald in sanfte dankbare Erinnerung über. Zynthio Camillo
-erfüllte, was er der Verewigten gelobte; er machte Betty glücklich,
-und ward es mit ihr als Gatte und Vater. &mdash; Georg, der in Seraphinen
-Adelaidens Ebenbild verehrte, freuete sich &mdash; da zu dieser Verehrung
-sich bald die zärtlichste Liebe gesellte &mdash; der Großmuth seiner
-Wohlthäterin, kaufte sich im Canton Zürich sehr vorteilhaft an, und
-Zynthio umarmte nun den Freund auch als den liebenden und geliebten
-Gatten seiner Schwester.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span></p>
-
-<hr class="abschnitt" />
-
-<div class="section">
-
-<p><span class="initial">D</span>er Erbprinz söhnte seinen Vater, durch die Vermählung mit der ihm
-bestimmten Prinzessin, mit sich aus. Ob er glücklich ward? &mdash; Er
-bestieg zu bald nach dem prunkenden Beilager den Thron &mdash; ernste
-Geschäfte, Regierungssorgen, ließen ihm selbst kaum so viel Muße, sich
-diese Frage aufzuwerfen &mdash; deren Beantwortung, wie man erlauscht haben
-will, sich dann gemeiniglich in einen schweren Seufzer aufzulösen
-pflegte.</p>
-
-</div>
-
-<p>Julius Graf von Hochburg wurde, auf Mathildens Verwendung, Kammerherr.
-Die Bundesgenossen recapitulirten ihre melancholischen Gefühle in den
-Stunden der Weihe, deren Losungswort: Adelaide! war. &mdash; Das Frühjahr
-kam, mit ihm die Gelegenheit zu romantischer Feier des Bundes der
-Trauer. &mdash; Ein Zypressenhayn, das Flöten klagender Nachtigallen, nährte
-die Seelenkrankheit der Geweihten bis zur Unheilbarkeit. &mdash; Ja, müßige
-Höflinge wollten sogar bemerkt haben, daß sich noch ein neues Uebel
-dazu geschlagen.</p>
-
-<p>Der junge Großherzog, welcher viel<span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span> heißes Blut: aber nicht die
-geringste Anlage zu dergleichen mystischen Gefühlen besaß, und dessen
-Ansprüche auf Mathildens Hand ihn, nach seiner Meinung vollkommen
-berechtigte, die Genesung der Prinzessin ernstlich zu wünschen, war mit
-den Symptomen der vermehrten Krankheit höchst unzufrieden. &mdash; &mdash; Eine
-Jagd ward veranstaltet: Graf Hochburg, sonst kein leidenschaftlicher
-Jäger, wollte heut in Verfolgung eines Hirsches den Preis gewinnen, um
-damit diesen Abend von seiner erhabenen Bundesgenossin im Zypressenhayn
-bekränzt zu werden. Er sprengte dem Verfolgten in das Dickicht des
-Waldes nach &mdash; ein Schuß fiel &mdash; der vielleicht dem Wilde galt &mdash; und
-Julius sank blutend vom Pferde.</p>
-
-<p>Mathildens Verzweiflung war keiner Verstellung fähig; &mdash; Argwohn
-bemächtigte sich ihre Herzens &mdash; mit Abscheu stieß sie den
-Durchlauchtigen Bewerber von sich &mdash; die blutige Locke des Gemordeten
-trug sie an Arm und Busen. &mdash; Das erregte Auf<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>sehn beunruhigte den Hof
-&mdash; ein fürstliches Stift nahm die Unglückliche auf, und entzog sie den
-Augen der boshaft richtenden Welt.</p>
-
-<p>Ein schmerzliches Ach! &mdash; entwand sich Adelaidens nicht mehr athmender
-Brust &mdash; als jener mit Blut geweihte Bund über ihrem Sarge geschlossen
-wurde! &mdash; Nur zu bedeutend war dieses ominöse Zeichen!</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Adelaide, by
-Augusta von Wallenrodt, AKA Augusta von Goldstein
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ADELAIDE ***
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-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
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