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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Kreuz und Quer, Erster Band,
-by Friedrich Gerstäcker</title>
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-<pre>
-
-Project Gutenberg's Kreuz und Quer, Erster Band, by Friedrich Gerstäcker
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Kreuz und Quer, Erster Band
- Neue gesammelte Erzählungen
-
-Author: Friedrich Gerstäcker
-
-Release Date: April 16, 2017 [EBook #54555]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<h1>Kreuz und Quer.</h1>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Neue gesammelte Erzählungen<br />
-<span class="fss">von</span><br />
-<span class="fsl"><span class="ge"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></span></span></p>
-
-<p class="ce mt2 lh2">Erster Band.</p>
-
-<p class="ce mt2"><span class="ge"><b>Leipzig,</b></span><br />
-<span class="ge">Arnoldische Buchhandlung.</span><br />
-1869.</p>
-
-
-<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2>
-
-
-<div class="ce">
-<table summary="" border="0" cellpadding="2">
-<tr>
- <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">1. Den Teufel an die Wand malen</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">2. Booby-island</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_176">176</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_225">225</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">4. Das Hospital auf der Mission Dolores&emsp;</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_280">280</a></td>
-</tr>
-<tr>
- <td class="tdl">5. Eine Polizeistreife in Cincinnati</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_330">330</a></td>
-</tr>
-</table>
-</div>
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-<span class="ge">Den Teufel an die Wand malen.</span></h2>
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Das Wandgemälde.</h3>
-
-
-<p>In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in
-der Osterstraße, stand der junge Maler Ernst Tautenau
-auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in
-der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand
-eine groteske Figur in übermenschlicher Größe.</p>
-
-<p>Es schien eine Art von Faun zu sein &ndash; ein nicht
-unschöner Kopf, aber mit gierig lüsternem Blick, und
-breiten, sinnlichen Kinnbacken &ndash; der nackt, nur mit
-einem breiten Gürtel von Weinlaub und &ndash; sonderbarer
-Weise Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein
-paar große Epauletten auf den bloßen Schultern trug,
-aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man sie
-wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff
-stand dasselbe auseinander zu brechen.</p>
-
-<p>Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur
-beschäftigt, als sich, ohne vorheriges Anklopfen, die
-der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und ein
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut,
-den Zipfel des langen blauen Mantels über die linke
-Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen braunen
-Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend
-auf der Schwelle stehen blieb, und das neu erstehende
-Werk des Freundes betrachtete.</p>
-
-<p>»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst
-Du denn da? ich glaube gar »den Teufel an die
-Wand.« Was fällt Dir denn ein?«</p>
-
-<p>»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte
-der Angeredete, der kaum den Kopf nach dem Eintretenden
-wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht
-stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr
-Teufel als Faun und eine kleine Aenderung kann da
-nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der
-Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze
-Hörner und zwischen den Kartenblättern und dem
-Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken Haarbüschel
-versehener Schweif heraus.</p>
-
-<p>»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten
-&ndash; gewissermaßen in Generals-Uniform bei
-großer Gala &ndash; die Idee ist nicht schlecht. Aber,
-Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest
-Du im Auftrag irgend eines Ministeriums, um vielleicht
-Frescobilder für einen Ständesaal zu entwerfen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-»Und kennst Du den Burschen nicht?«</p>
-
-<p>»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz
-in der Hand? &ndash; Das muß gut zu dem
-Schwefel schmecken?«</p>
-
-<p>»Ich meine das Gesicht.«</p>
-
-<p>»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,«
-sagte Frank, es jetzt aufmerksamer betrachtend.
-»Also es ist keine Phantasie?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Portrait?«</p>
-
-<p>»Vielleicht &ndash; Du kennst das Original jedenfalls.«</p>
-
-<p>»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich
-darauf &ndash; der Major von Reuhenfels, wie?«</p>
-
-<p>Ernst nickte stumm vor sich hin &ndash; »Allerdings,«
-sagte er endlich, »der Herr Major von Reuhenfels,
-den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen abconterfeit
-habe.«</p>
-
-<p>»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild
-immer vor Augen haben willst?«</p>
-
-<p>»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen
-Zähnen, »so innig, daß ich &ndash; aber zum
-Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht verderben
-und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze
-hier an die Wand zu zeichnen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-»Aber Du hast karrikirt &ndash; der Major ist wirklich
-was man einen schönen, stattlichen Mann nennt.«</p>
-
-<p>»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern,
-wie eine Kuh.«</p>
-
-<p>»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,«
-lachte Frank.</p>
-
-<p>»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun &ndash;
-selbst der Schnurrbart kann den widerlichen Zug derselben
-nicht verbergen.«</p>
-
-<p>»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth
-auf den armen Teufel hast. Hat er Dir denn je etwas
-zu Leide gethan?«</p>
-
-<p>»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«</p>
-
-<p>»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«</p>
-
-<p>»Du setzest die Worte falsch &ndash; mir gefällt sein
-Gesicht nicht bloß, er sollte einen Schleier darüber
-tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich glaube
-bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit
-mit dem.«</p>
-
-<p>Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den
-nächsten Sessel, sich selber in einen, der Staffelei
-schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte dann,
-indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen
-und noch nicht vollendeten Bild haftete:</p>
-
-<p>»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-damit, ich bin gerade in der Stimmung Dir als
-»älterer Freund« &ndash; denn Dein Geburtstag fällt auf
-den 25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni,
-einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen. &ndash;
-Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem
-Bild da machen willst. Ich werde nicht daraus klug,
-und Du mußt es ja auch in den letzten zwei Tagen,
-wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand
-geworfen haben.«</p>
-
-<p>Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor,
-mit rechts einer sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen,
-ziemlich schräg abfallenden Bergabhang,
-an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen.
-An der einen stand eine Mädchengestalt, mit im
-Winde flatternden Locken, und den Baum, wie Schutz
-suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne
-emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen
-in voller Flucht hinüber &ndash; die Thiere waren wenigstens
-flüchtig angedeutet.</p>
-
-<p>»Was soll denn das vorstellen?« &ndash; fuhr er nach
-einer kleinen Weile fort &ndash; »willst Du noch irgendwo
-einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge
-Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie
-ihn im Leben nicht wieder los lassen wollte.«</p>
-
-<p>Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen
-<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Augenblick unterbrochen, und die Gestalt an der Wand
-nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte
-aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen
-daran zu finden, den Ausdruck aller bösen Leidenschaften
-in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt drehte
-er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den
-Tisch, wusch sich die Hände in einem daneben stehenden
-Becken und sagte:</p>
-
-<p>»Du sollst die Geschichte hören, Frank &ndash; wenn
-auch nur in ihren flüchtigen Umrissen &ndash; ich wollte es
-Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen Rath
-fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn
-wenn ich einmal unterbrochen werde, weiß ich nicht,
-ob ich den Muth haben werde, zum zweiten Male zu
-beginnen.«</p>
-
-<p>Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf
-noch einen festen Blick über das unvollendete Bild
-auf der Staffelei und begann dann, indem er mit untergeschlagenen
-Armen im Zimmer auf- und abging:</p>
-
-<p>»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol,
-jene Gegend ist aus einem der dortigen Thäler; ich
-wanderte mit meiner Mappe durch den wilden Grund,
-als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und
-aufschauend, gar nicht so weit über mir eine weibliche
-Gestalt in einem lichten Kleide und jener Stellung,
-<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum umklammern
-sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches
-Wesen zu entdecken, und obgleich ich mir nicht
-denken konnte, weshalb die Dame schrie, denn eine
-Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so
-rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen,
-was auch mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden
-war.«</p>
-
-<p>»Ich fand ein Mädchen &ndash; erlaß mir die Beschreibung
-&ndash; Du kennst sie auch wahrscheinlich selber, denn
-sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater hier
-in M&ndash;«</p>
-
-<p>»Und wie heißt sie?«</p>
-
-<p>»Den Namen nachher. &ndash; Es war ein Wesen, so
-zart und duftig, als ob es dieser Erde gar nicht angehöre
-&ndash; eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und am
-hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen
-war, um sich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,«
-sagte Frank trocken.</p>
-
-<p>»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich
-deshalb nicht,« erwiderte, verdrießlich über den prosaischen
-Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme
-Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem
-Uebermuth war sie ihrer Gesellschaft davon gelaufen,
-<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a>
-um hier über den grünen Wiesenhang hin ein Stück
-vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand,
-als sie Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde
-und Angst bekam. Kaum erreichte sie noch den Baum,
-als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und
-nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu
-ziehen suchte.«</p>
-
-<p>»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand,
-während sie sich fest und schüchtern an meinen Arm
-anklammerte, und führte sie den übrigen Theil der
-hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den
-durch das Thal laufenden Pfad hinab, wo wir auch
-gleich darauf ihre Gesellschaft bemerkten, die denselben
-nicht verlassen hatte, und nun etwas später eintraf.«</p>
-
-<p>»Und wie heißt Deine Schöne?«</p>
-
-<p>»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence,
-wollte mich aber der Gesellschaft nicht aufdringen
-und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie
-den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu
-finden hoffte. Ich hatte mich getäuscht &ndash; sie waren
-weiter gegangen &ndash; ich folgte ihnen, umsonst; auf der
-Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr
-hier, vor vierzehn Tagen etwa &ndash; Du kannst Dir
-meine Freude denken, in M&ndash; begegne.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-»Und hast Du schon um sie angehalten?«</p>
-
-<p>»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe
-sie aus voller, reiner Seele, aber &ndash; sie ist die Tochter
-des steinreichen Joulard und meine Liebe deshalb
-hoffnungslos.«</p>
-
-<p>»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort
-an die Wand zu malen, und in welcher Beziehung
-steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas
-Derartiges muß ich doch vermuthen.«</p>
-
-<p>»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig.
-»Vor drei Tagen war ich zum ersten Male in dem
-Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des Banquiers,
-denn er bewohnt in der That ein solches. Die
-Treppen sind mit schweren Teppichen belegt und mit
-Marmorstatuen verziert; die Vorsäle selbst haben getäfelte
-Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der
-Räume war ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der
-Major von Reuhenfels heraus, sein widerliches Gesicht
-strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener frug,
-wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte
-des gnädigen Fräuleins Clemence.«</p>
-
-<p>»Aha &ndash; deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd.
-»Nun und weiter? Du wolltest meinen
-Rath.«</p>
-
-<p>»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-er wird kaum mehr nöthig sein, denn ich sehe nicht
-ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen
-kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als
-eben einfach zu entsagen und jede Hoffnung auf ein
-dereinstiges Glück fallen zu lassen. &ndash; Sie sind verlobt.«</p>
-
-<p>»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt
-noch nicht immer verheirathet, und ich könnte Dir
-verschiedene Beispiele nennen, wo solche Verlobungen
-wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste
-Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung
-bliebe &ndash; aber Du bist doch wohl nicht wahnsinnig
-genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine
-einzige Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht,
-daß er dem einfach adligen Major eine solche Gnade
-zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der
-Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie
-ausgesucht.«</p>
-
-<p>»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter
-ist?«</p>
-
-<p>»Ich kenne ihn gar nicht &ndash; kaum dem Namen
-nach und nur von Ansehen.«</p>
-
-<p>»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten
-Tagen nach ihm erkundigt. Ein berüchtigter Spieler
-und Roué, der mehr Schulden als Haare auf dem
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend
-machen wird.«</p>
-
-<p>»Und was geht das Dich an?«</p>
-
-<p>»Was das mich angeht? &ndash; Mensch, Du kannst
-mich mit Deinen kalten Fragen zur Verzweiflung
-treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden
-verliebt in das Mädchen bin?«</p>
-
-<p>»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du
-hast mich um meinen Rath gebeten und den will ich
-Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen
-willst, so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie
-von diesem Augenblick an nicht weiter, als daß Du
-Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest,
-und den Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel
-oder sonst was an die Wand malst. Darin bleibst
-Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es
-Dir verwehren oder wird dadurch geschädigt. Mische
-Dich aber um Gottes Willen nicht in fremde Familienangelegenheiten,
-in denen Dir nicht das entfernteste
-Recht zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen
-Gunsten erreichen könntest, wirst Du selber nicht
-glauben, um andere Menschen &ndash; kümmere Dich aber
-nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.«</p>
-
-<p>»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit
-jenem Menschen elend wird&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe,
-so komm ihr wie damals zur Hülfe &ndash; aber früher
-nicht.«</p>
-
-<p>»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos
-zu Grunde gehen sehen?«</p>
-
-<p>»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr
-Vater ist Banquier und Du wirst mir Recht geben,
-wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die
-Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht,
-so ist es ihr eigener Schade und kein Mensch weiter
-hat sich darum zu quälen.«</p>
-
-<p>»Und Clemence?«</p>
-
-<p>Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend
-vor sich nieder, endlich sagte er:</p>
-
-<p>»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend
-werden, wenn ich Dir irgend etwas gegen Dein
-»Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders.
-Was ich auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst
-Du denn auch meine Meinung über Deine Auserwählte
-hören, die allerdings nicht so günstig lautet,
-als Du Dir vielleicht wünschen könntest.«</p>
-
-<p>»Kennst Du sie?«</p>
-
-<p>»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie
-aus und ein geht, und ich gestehe Dir zu, daß sie ein
-bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes Mädchen
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen,
-aber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen
-Leben vorgekommen, und herzlos bis zum Aeußersten.«</p>
-
-<p>»Und woher willst Du das wissen?«</p>
-
-<p>»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages
-jenes Haus verlassen wollte, und ihre Equipage hielt
-vor der Thür &ndash; ich ging hinter ihr die Treppe hinunter
-&ndash; wurde ein armes junges Nähmädchen, die
-irgend eine Arbeit dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig
-und fiel gleich neben dem gnädigen Fräulein,
-ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der
-Robe mußte beschädigt haben, auf der Flur nieder.
-Hätte sie ein weiches Herz im Busen, so würde sie sich
-der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen
-Wagen fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen
-Blick voll Abscheu und Ekel zu, sah nach ihrem Kleid
-und eilte dann so rasch sie konnte in den schon für sie
-geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher
-mit ihr davon rollte.«</p>
-
-<p>»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders
-Ohnmächtigen, sehen können,« sagte Ernst, »es geht
-mir selber so &ndash; ich muß mich dazu zwingen &ndash; das
-ist kein Beweis gegen sie.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,«
-meinte Frank, »aber in dem Fall wird Dich
-auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht
-überzeugen.«</p>
-
-<p>»Und das wäre&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr
-dort oben im Salon zusammen war, sich so gesetzt
-hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen
-konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste
-benutzte.«</p>
-
-<p>Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches
-Mädchen gern selber sieht und ein wenig eitel ist, rechnest
-Du ihr zum Verbrechen an, &ndash; und findest Du
-eine unter Allen, die davon frei wäre?«</p>
-
-<p>»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten,
-denn die Sache hat keinen Zweck. Dir wird Fräulein
-Clemence kaum gefährlich werden können, denn wenn
-sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir
-auch wohl in allernächster Zeit von ihrer Verbindung
-hören. Solltest Du aber wahnsinnig genug sein, Einspruch
-thun zu wollen &ndash; was ich Dir aber nicht zutraue,
-denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch
-nicht an Dir bemerkt, so bedenke wohl, daß Dir jedes
-Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major
-weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Beweise bringen würdest, außer vielleicht für die
-Schulden, und was schadet es dem reichen Joulard,
-wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler
-negatives Vermögen hat? Er wird sie eben bezahlen,
-und die Sache ist abgemacht. Aber wie ist's? Hast Du
-Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich
-her, um Dich abzuholen.«</p>
-
-<p>»Ich danke Dir &ndash; ich bin es jetzt nicht im
-Stande,« sagte Ernst, »nicht in der Stimmung &ndash; es
-geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum &ndash; ich
-muß allein sein &ndash; muß mich erst sammeln &ndash; aber
-wenn Du zurückkehrst, sprich wieder bei mir vor.«</p>
-
-<p>»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und
-ich bin überzeugt, Du wirst in die richtige Bahn
-hinein kommen. &ndash; Ich frage dann wieder vor und
-hoffe Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu
-finden. Ueberdieß haben wir heute Künstlerverein,
-und Du darfst da nicht fehlen.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder
-um, setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer.
-Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast verzweifelten
-Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht
-verhehlen, daß Frank in manchen &ndash; ja in vielen
-Stücken Recht hatte und da mit der kalten Vernunft
-eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-war. Was wußte der Vernunftmensch aber auch von
-Liebe &ndash; einer Liebe, die ihm selber das Herz zu verzehren
-drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit hingegeben
-hatte, mit welcher wir manchmal in der
-Jugend einen Schmerz pflegen, nur um uns unglücklich
-zu wissen.</p>
-
-<p>Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht
-schon das selige Bewußtsein gehabt unglücklich zu
-lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben
-hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich
-in dem Augenblick &ndash; wir verachten das Leben,
-das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat, begehen
-aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich
-für »ewig verloren« halten &ndash; wie denn die Jugend
-mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch treibt.
-So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß
-doch noch gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis
-das Leben selber ernst an sie herantritt. Aber dann
-ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und besiegt
-das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen
-drohte.</p>
-
-<p>Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine
-schmachtende oder weiche Natur. Er rang dem Leben
-kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf kurze
-Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-bewältigen konnte, lange war es wenigstens nicht im
-Stand ihn niederzudrücken, denn der Haß gegen das
-ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.</p>
-
-<p>Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur
-an der Wand. Die Kohlenzeichnung genügte ihm nicht
-mehr, und er beschloß das Bild <i>al fresco</i> in Farben
-auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk &ndash; es
-war eine grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten
-und glücklichen Nebenbuhler in solcher Weise
-seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später
-hatte er das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit
-allen Insignien der Hölle, und noch einer Menge irdischer
-Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an
-der Wand vollendet.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Besuch.</h3>
-
-
-<p>Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau
-wieder an seiner Staffelei, aber er hatte das Bild,
-das er am vorigen Tag darauf gehabt, heruntergeworfen
-und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt.
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Mußte er Frank nicht Recht geben? &ndash;
-War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung zu
-nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand?
-Ja, sah er auch nur selbst die Möglichkeit
-voraus, sich der Geliebten zu nahen? denn
-unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden
-lassen? &ndash; Als Retter in den Alpen? Wenn er die
-Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr Gefahr
-dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine
-gewöhnliche Wiese hinüber geführt hätte &ndash; und gab
-ihm das überhaupt ein Recht sich bei ihr einzuführen?
-&ndash; Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als
-zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine
-solche Demüthigung wäre nur verdiente Strafe für
-seinen Uebermuth gewesen.</p>
-
-<p>Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an &ndash;
-sie war ihm so »unerreichbar wie die Sterne« und er
-mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber durfte
-auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.</p>
-
-<p>Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische
-Arbeit hervorgesucht. Es war das Portrait eines
-benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner
-neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt
-hatte. Das Original erfreute sich dabei eines nicht
-allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen Gesichts,
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen
-Haaren eingedämmten Stirn, eines Paars dünner
-Lippen und sogar noch Blatternarben. Das war eine
-Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und
-er beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf
-die mit großen unächten Steinen besetzte Tuchnadel,
-auf die goldene Kette und das gestickte Vorhemdchen
-zu wenden.</p>
-
-<p>Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur
-zwei Schritte davon zurücktrat, gerade darüber hin den
-Kopf des teuflischen Majors erkennen konnte, der fast
-wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen
-Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der
-arme Gewürzkrämer kam dabei am Schlimmsten weg.
-Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar Pinselstrichen
-auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur
-dahinter täuschend ähnlich wurde.</p>
-
-<p>Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem
-besten Weg das vor ihm stehende Bild total zu verderben,
-als man plötzlich ziemlich herzhaft an die
-Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von
-seinem Portrait zurückgetreten war, um einen besseren
-Ueberblick zu gewinnen, sah, daß sich auf sein barsches
-»Herein« die Thür öffnete und ein Officier &ndash;
-sein eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte,
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-nur in etwas anderem Costüm, auf der Schwelle
-stand.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler
-Trautenau zu sprechen?« sagte der Fremde artig.</p>
-
-<p>»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der
-junge Mann, in dem Moment doch etwas verlegen,
-denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das
-Original seines Teufels so bald einstellen würde.</p>
-
-<p>»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der
-Officier, &ndash; »Major, und Sie sind mir als ein so
-vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt,
-daß ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in
-Lebensgröße zu übernehmen.«</p>
-
-<p>»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den
-Worten alles Blut in seinen Adern zum Herzen zurückströmte.</p>
-
-<p>»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande
-sein, ein solches Gemälde rasch in Angriff zu nehmen,
-und sobald als möglich fördern zu können? Es ist das
-Bild meiner Braut.«</p>
-
-<p>Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort
-über die Lippen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt.
-Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem Menschen,
-nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und
-sich gewaltsam zusammenraffend, sagte er endlich:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-»Ich denke wohl, Herr Major &ndash; wie heißt die
-Dame?«</p>
-
-<p>»Fräulein Joulard &ndash; Sie werden sie wohl kaum
-kennen &ndash; Sie ist ein reizender Vorwurf für ein Bild
-&ndash; eine imposante, prachtvolle Gestalt &ndash; ein wahres
-Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie
-damit beginnen? Meine Braut hat sich bereit erklärt,
-von morgen an dem Bild sitzen zu wollen, und zwar
-täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang.
-Wären Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu
-vollenden?«</p>
-
-<p>»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann
-später noch um einige Sitzungen bitten müssen.«</p>
-
-<p>»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen
-Trotzkopf, so schön er ist, und wenn sie sich da einmal
-etwas hineinsetzt &ndash; alle Teufel,« unterbrach er sich aber
-plötzlich lachend, als sein im Atelier umherschweifender
-Blick auf das riesige diabolische Bild fiel &ndash; »Sie
-haben sich ja da im wahren Sinn des Wortes den
-Teufel an die Wand gemalt &ndash; famos &ndash; ganz ausgezeichnet
-&ndash; Hahahahaha.«</p>
-
-<p>Trautenau fühlte wie er über und über roth
-im Gesicht wurde, und doch auch hatte die Sache
-wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der
-Major über sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-eine Ahnung zu haben, daß es eben sein eigenes
-sein sollte.</p>
-
-<p>»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch
-immer weiter &ndash; »und ein Schurz von Wein- und
-Kartenblättern &ndash; famos allegorisch &ndash; ja wohl sind
-das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das
-Herz, das er mit den Krallen zerbricht, ergänzt die
-dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete Idee
-das &ndash; ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie,
-mein junger Künstler, und der Teufel dort ist ein
-wahres Meisterstück.«</p>
-
-<p>»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete
-Trautenau, bei dem das Humoristische der Situation
-die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen wirklich?«</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen &ndash; und die Epauletten
-&ndash; höhere Charge natürlich in seiner Beelzebubschen
-Majestät Armee; wundervoll! &ndash; Aber ich
-muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr
-im Joulardschen Hôtel &ndash; wissen Sie wo Joulard
-wohnt?«</p>
-
-<p>»Ja wohl.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; also dort mit Allem was Sie brauchen,
-einzufinden. Ein kleines Atelier werden Sie auch da
-antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn für
-die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-noch eins &ndash; der Preis &ndash; ich glaube, daß Sie sich
-später darüber mit Herrn Joulard in für Sie sehr
-befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen
-dabei keine Gefahr. Also Sie kommen?«</p>
-
-<p>»Ich werde mich pünktlich einfinden.«</p>
-
-<p>»Und noch eine Bitte, bester Freund &ndash; könnten
-Sie nicht für mich eine kleine Skizze &ndash; und wenn es
-nur Aquarell ist &ndash; von diesem famosen Teufel
-machen &ndash; aber eine ganz treue Copie, wie? Sie
-würden mich unendlich verbinden.«</p>
-
-<p>Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der
-Mann wirklich im Ernst und so ganz verblendet, daß
-er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber
-unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige
-Bitte desselben, und in einem Anfall von wildem
-Humor rief er aus:</p>
-
-<p>»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major,
-verlassen Sie sich darauf &ndash; eine treue Copie &ndash; und
-vielleicht schon in nächster Zeit.«</p>
-
-<p>»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,«
-versicherte der Officier &ndash; »also unser Geschäft
-wäre soweit abgemacht &ndash; habe die Ehre,« und militairisch
-grüßend verließ er das Zimmer, während
-Trautenau wie in einem wachen Traum mitten in
-dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm nachstarrte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major
-&ndash; sein Major, den er dort als diabolisches Eigenthum
-an der Wand besaß, war zu ihm gekommen, hatte das
-Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn
-selber zu Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese
-zu malen, um ihr Stunden lang in die guten, seelenvollen
-Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme
-zu lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens
-und der Consequenzen noch nicht zu fassen, und starrte
-noch immer, wie in einer Verzückung nach der Thür,
-als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.</p>
-
-<p>»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« &ndash;
-rief er &ndash; »ich begegnete ihm unten in der Thür«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Der Teufel!« sagte Ernst.</p>
-
-<p>»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.</p>
-
-<p>»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem
-Wandgemälde bestellt.«</p>
-
-<p>»Du willst mich zum Besten haben.«</p>
-
-<p>»Ja, mehr als das &ndash; ich soll Clemence malen.«</p>
-
-<p>»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«</p>
-
-<p>»Allerdings.«</p>
-
-<p>»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort
-gesehen?«</p>
-
-<p>»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«</p>
-
-<p>»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich
-jedoch wahrhaftig um eine Copie gebeten, die ich ihm
-auch versprochen.«</p>
-
-<p>»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel
-da machen?«</p>
-
-<p>»Gewiß will ich &ndash; und weshalb nicht?«</p>
-
-<p>»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge
-Maler, »wenn es ihn eben freut. Sobald er aber
-hinter die Aehnlichkeit kommt, &ndash; und gute Freunde
-werden ihn schon darauf aufmerksam machen, &ndash; wird
-er wüthend werden.«</p>
-
-<p>»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn
-er glaubt, daß ich ihm auch nur den Raum eines
-Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«</p>
-
-<p>Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo
-er hinter die Aehnlichkeit kommt, bei ihm sein könnte,
-&ndash; was für ein prachtvoll dummes Gesicht er dann
-machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt
-man nie ein Billet. Uebrigens kam ich eben her, um
-Dir zu sagen, daß ich mich selber noch gestern und
-heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles
-Das bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt.
-Er scheint selbst bei seinem Regiment sehr schlecht angeschrieben,
-obgleich die Officiere natürlich nichts
-Nachtheiliges über ihn äußern werden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-»Siehst Du, daß ich recht hatte.«</p>
-
-<p>»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts.
-Du selber stehst dabei der jungen Dame so fern als je,
-und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie zu malen,
-Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur
-das geringste Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«</p>
-
-<p>»Ich habe schon zugesagt.«</p>
-
-<p>»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den
-Verdienst auch nicht so nothwendig, denn was Du zum
-Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht andere Arbeiten
-ab.«</p>
-
-<p>»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?«
-fragte Ernst trotzig, &ndash; »glaubst Du, daß
-ich mich vor der Dame fürchte?«</p>
-
-<p>»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich
-machst, und um Dir die Folgen desselben zu ersparen,
-habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«</p>
-
-<p>»Ich bin kein Kind mehr.«</p>
-
-<p>»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen,
-was Du zu thun hast, aber &ndash; nimm mir's nicht übel,
-Ernst, &ndash; schon diese tolle Liebe, oder vielmehr der
-Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach
-einem so flüchtigen Begegnen noch gar nicht wissen,
-spricht für Dein &ndash; kindliches Gemüth. In Dir steckt
-weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist,
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-und ohne daß Du es selber merkst, geht Dir einmal
-das Herz mit dem Verstand durch und läßt Dich dann
-in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos
-sitzen. Denk' an mich.«</p>
-
-<p>»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,«
-sagte Trautenau lächelnd, »denn Du sprichst wirklich
-wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau kennte,
-würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister
-halten.«</p>
-
-<p>»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger
-spreche, als ich gewöhnlich denke,« erwiderte Frank &ndash;
-»ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber sei überzeugt,
-daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und
-nur die Sorge, Dich in eine peinliche &ndash; und doppelt
-peinliche, weil selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen,
-läßt mich so zu Dir reden. Malst Du das junge
-bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren
-verliebt zu sein selbst eingestehst, so läuft die Sache
-auch nicht so glatt ab, und ich fürchte, Du &ndash; ruinirst
-Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal
-angenommen habe.«</p>
-
-<p>»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts
-leichter als das. &ndash; Ich will Dir einen Vorschlag
-machen: Wir wollen tauschen &ndash; ich habe das lebensgroße
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen,
-und zwar nur durch Protection, denn meinen bescheidenen
-Verdiensten kann ich das kaum zumessen.
-Uebernimm Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder
-bekommen legen wir dann zusammen und theilen.«</p>
-
-<p>»Du bist ein Thor &ndash; durch das Bild des Grafen
-erhältst Du, wenn es Dir gelingt, Zutritt in alle aristokratischen
-Cirkel der Stadt.«</p>
-
-<p>»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt
-halten.«</p>
-
-<p>»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem
-er ihm die Hand reichte und die seine herzlich schüttelte
-&ndash; »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut mit mir
-meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis
-Deiner Liebe und Treue gegeben, aber &ndash; es bleibt
-dabei. Ich male Clemence und werde Dir zeigen,
-daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen
-unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken.
-Liebt Clemence wirklich den Major, gut, so
-habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen zu treten,
-die sich einander angehören wollen.«</p>
-
-<p>»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob
-sie ihn nicht liebt, wenn sie Dir täglich ein oder zwei
-Stunden, und dann doch auch jedenfalls in Gesellschaft
-irgend einer Begleiterin sitzt?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht
-scharf und einen Plan habe ich mir überhaupt nicht
-entworfen, kann es auch gar nicht. Der Augenblick
-muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein
-kaltes Blut zu wahren &ndash; mehr kann ich nicht thun.«</p>
-
-<p>»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und
-und ich kann Dir da nicht weiter helfen. Aber was
-hast Du denn da für eine Carrikatur auf der Staffelei.
-Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau
-so aus wie Dein Teufel da an der Wand. Ist die
-Aehnlichkeit zufällig?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er
-die beiden Bilder mit einander verglich &ndash; »wahrhaftig
-Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich habe meinem
-wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er
-kommt morgen Nachmittag zu mir, und da werde ich
-wohl wieder in seine normalen Züge hineinfallen.
-Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch
-fragen wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«</p>
-
-<p>»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja &ndash; weiter
-nicht. Vorhin begegnete er mir auf der Straße und
-rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken vertieft
-war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen
-&ndash; eine reine Rechenmaschine.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da
-noch immer?«</p>
-
-<p>»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen,
-wie wir das Malen; es ist ihre zweite Natur geworden,
-und ich glaube sie würden sich zu Tode langweilen
-wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine
-Stunde über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere
-ängstigen müßten. Das läßt uns ruhiger, nicht
-wahr Ernst?«</p>
-
-<p>»Du magst Recht haben &ndash; ich wenigstens kenne,
-außer einer Banknote, kein einziges Werthpapier von
-Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit
-dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben
-was wir brauchen, sind wir am zufriedensten.«</p>
-
-<p>»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«</p>
-
-<p>»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den
-Major.«</p>
-
-<p>»Bist Du denn wirklich des Teufels?«</p>
-
-<p>»Laß mir doch meinen Spaß &ndash; ich habe mich jetzt
-einmal in das verhaßte Gesicht hineingelebt und
-fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben Ausdruck
-gebe &ndash; es wäre ein verwünschter Spaß.«</p>
-
-<p>Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch
-Nichts anzufangen, so habe Deinen Willen. Uebrigens
-bin ich wirklich neugierig was der Major dazu sagt«
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-&ndash; und dem Freund die Hand drückend, stieg er
-wieder die Treppe hinab um seinen eigenen Geschäften
-nachzugehen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die erste Sitzung.</h3>
-
-
-<p>Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen,
-denn in seinem Herzen war ein Verdacht rege geworden,
-daß Clemence selber die Aufforderung an ihn,
-ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse.
-Die Möglichkeit lag doch nicht soweit ab, daß sie ihn
-erkannt haben konnte. Sie war vielleicht an ihm
-vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er
-achtete nie auf Equipagen, und leicht genug konnte sie
-dann von der Dienerschaft seinen Namen erfahren
-haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er
-die Möglichkeit &ndash; ja die Wahrscheinlichkeit eines
-solchen Glückes überdachte, denn wie wäre dieser
-Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere
-und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es
-ließ sich nicht anders denken. Vielleicht hatte ihn
-Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug nur ungeduldig
-den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-und Wege ihm selber eine Annäherung zu ermöglichen.
-Frauen sind schlau; er durfte sich ruhig auf
-sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.</p>
-
-<p>Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß
-die Verbindung mit dem Major eine erzwungene
-gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? &ndash; Aber
-das Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in
-einem Augenblick, wo ihm das Blut wie Feuer durch
-die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment
-bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem
-Leben gestalteten. Das allein konnte entscheiden wie
-er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem wollte
-er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem
-Muthigen lächelt ja das Glück.</p>
-
-<p>Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber
-am nächsten Morgen in einer ganz anderen, und viel
-ruhigeren Stimmung, denn es ist eine allbekannte
-Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter
-und wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten,
-besonders in Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen,
-während der Morgen die kaltblütige Ueberlegung
-und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich
-bringt.</p>
-
-<p>Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er
-jetzt an das Zusammentreffen mit Clemence dachte,
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu
-betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte
-allerdings recht gut ein Zufall sein, und das junge
-Mädchen? &ndash; wie flüchtig &ndash; wie kurze Zeit nur hatte
-sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es
-denkbar, daß sie sich seiner Züge da noch erinnern
-sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze unbedeutende
-Begegnung mit ihm schon lange vergessen?</p>
-
-<p>Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber
-auch nicht die geringste Lust zum Arbeiten und beschloß
-deshalb, langsam und in aller Ruhe seine Vorbereitungen
-zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal
-brauchte er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand,
-auf dem er die Skizze entwerfen konnte, um vor der
-Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe
-des Bildes mußte erst besprochen und festgestellt
-werden und manches Andere blieb dabei zu thun. Die
-Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war
-elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige &ndash; oder
-wenigstens was er für nöthig hielt, beendet hatte.
-Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der
-Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu
-begleiten und schritt nun fest und entschlossen, aber
-doch mit starkem Herzklopfen, dem Joulard'schen Palais
-entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein
-<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes
-Schicksal sich gleich endgültig entscheiden müsse.</p>
-
-<p>Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber
-hier beengte ihn der Glanz und die Pracht, die ihn umgab.
-Die Halle schon war mit Marmor ausgelegt &ndash;
-prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse
-standen auf der mit einem reichen Teppich belegten
-Treppe und galonnirte Diener schlenderten müssig
-auf und ab.</p>
-
-<p>Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch
-einen der Lakaien, der dem Träger seine Last abnahm,
-geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das besserte sich
-nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt
-und dort allein gelassen wurde.</p>
-
-<p>Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar
-reizend das Alles aussah, aber auch wie reich, wie
-ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er ruhig
-und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher
-einen unangenehmen als günstigen Eindruck auf ihn
-gemacht haben, denn es war von Gegenständen überladen,
-die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine
-Zimmerlast werden dürfen. Die breiten goldenen
-Rahmen an den Wänden standen in keinem Verhältniß
-zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen,
-und das war mit allem Uebrigen der Fall.
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten
-drängten sich einander. Die schweren, mit Spitzen
-überwallten Seidengardinen wurden von goldenen
-Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln
-rückten zu nahe aneinander und brachten eher ein
-Gefühl der Beengung als des Behagens hervor; der
-mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war
-sogar so gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem
-Raum gestattete. Sonderbarer Weise hing dazwischen
-auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren heimischen
-Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und
-anderen, und auf einem gestickten Polster lag ein
-kleines silberweißes Wachtelhündchen und knurrte leise
-vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat,
-hielt es aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch
-nur zu rühren.</p>
-
-<p>Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick,
-aber er sah auch, daß dieses Boudoir zugleich das
-kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein
-mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes
-Fenster sah nach Norden hinaus und neben
-dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen gehalten,
-eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger
-Freund allerdings nicht recht begriff, wie es möglich
-sein würde, sie hier in dem engen Raum aufzustellen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen
-war, hörte er plötzlich ein seidenes Kleid rauschen, die
-eine Thür wurde nur durch einen purpurdamastenen
-Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er
-sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber,
-das ihm mehr dem Himmel als der Erde anzugehören
-schien.</p>
-
-<p>Es war Clemence, &ndash; aber nicht mehr das junge
-schüchterne Mädchen aus den Alpen, das sich, Hülfe
-und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie eine
-Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid
-vom schwersten Stoff und mit Goldfäden durchwirkt,
-umschloß ihre schlanke, junonische Gestalt. Voll und
-schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen
-nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender
-Brillanten, aber ihre beiden Augensterne überstrahlten
-sie alle, und wie sie mit königlichem Anstand vor dem
-jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen
-ansah, war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste
-Seele drang. Er wurde über und über roth und
-stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein
-leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie
-schien nicht böse über den Eindruck, den sie auf ihn
-hervorbrachte, und sagte freundlich:</p>
-
-<p>»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-eingehalten und ich möchte Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen
-hier in meinem kleinen Atelier zu treffen
-&ndash; Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen
-Neigung. Das Licht ist, wie Sie sehen vortrefflich,
-und nur der Raum vielleicht ein wenig beschränkt, doch
-werden wir uns ja wohl einrichten.«</p>
-
-<p>Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere
-Dame der Tochter des Hauses gefolgt war, von dieser
-freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie Tag
-und Nacht &ndash; wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.</p>
-
-<p>Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine
-dicke Person mit einem Kropf, in einem schwarzseidenen,
-aber schon lange getragenen Kleid, und mit
-einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und
-gelben Blumen auf dem Kopf. Trautenau warf einen
-erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht klug
-aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter,
-Madame Joulard? &ndash; Diese war, so viel er gehört
-schon vor längerer Zeit gestorben. &ndash; Eine Gesellschafterin?
-Clemence würde sich sicherlich eine andere
-Persönlichkeit dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante
-brauchte sie ebenfalls nicht mehr. Vielleicht eine
-Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der Persönlichkeit
-eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken,
-denn Clemence selber verlangte diese, und er ärgerte
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-sich auch, daß er ihr gar so schülerhaft gegenüber
-stand.</p>
-
-<p>»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,«
-sagte er zu Clemence, »so will ich die Staffelei hier
-herüber stellen &ndash; an diesem Platz werden wir, glaub'
-ich, das beste Licht haben.«</p>
-
-<p>»Wie Sie es für gut halten.«</p>
-
-<p>»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der
-Blumentisch dort hinüber kommt,« bemerkte die Dame
-mit dem Kropf.</p>
-
-<p>»Die Symmetrie wird durch Manches gestört,
-gnädige Frau,« entgegnete Trautenau, durch den
-albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun
-einmal nicht ändern läßt.«</p>
-
-<p>Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte
-aber auch zu gleicher Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch
-stehende Klingel, und bedeutete dann gleich den
-eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung
-vorzunehmen.</p>
-
-<p>Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei,
-der Staffelei die richtige Stellung zu geben und zugleich
-einen passenden Platz für Clemence zu haben,
-wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt
-gut beleuchtet wurde.</p>
-
-<p>Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-zu betrachten, und ach wie schön war sie &ndash;
-wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen castanienbraunen
-Locken stachen wunderbar gegen den weißen
-Nacken ab, auf dem sie ruhten und diese Augen mit
-den Wimpern, &ndash; diese Lippen, die Zähne, wie Perlen
-an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und
-sich selbst dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick
-an der verführerischen Gestalt, daß Clemence endlich
-erröthete und lächelnd sagte:</p>
-
-<p>»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?«</p>
-
-<p>»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es
-giebt immer ein prachtvolles Bild, aber &ndash; es wird
-matt gegen das Original werden, fürchte ich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte
-Clemence, und ihre, noch eben lächelnden Züge nahmen
-einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden also
-mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte
-ich Sie bitten, meine Stellung zu bestimmen.«</p>
-
-<p>»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu
-wählen,« erwiderte der Maler, der die Zurechtweisung
-recht gut fühlte und leicht erröthete &ndash; »so natürlich
-und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf.
-Vielleicht dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen
-benutzen, und den großen Trumeau als Hintergrund.«</p>
-
-<p>»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-macht Ihnen außerdem doppelte Arbeit &ndash; die Vase,
-ja. &ndash; Ich werde ein kleines Blumenbouquet in die
-Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen,
-da ich Alpenblumen &ndash; Edelweiß, Alpenrosen
-und Genziane &ndash; dazu benutzen möchte.«</p>
-
-<p>Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug.
-&ndash; Also auch sie erinnerte sich noch jener schönen
-Berge und schien sogar die Erinnerung daran zu lieben
-&ndash; hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr
-jene Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er
-einer ruhigeren Zeit, als den Beginn der Sitzung &ndash;
-die mußte er abwarten.</p>
-
-<p>Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der
-That seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und
-wie ein electrischer Strom lief es durch seinen ganzen
-Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren
-Arm berührte, um denselben etwas zu heben.</p>
-
-<p>»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen
-beendet waren, »bitte klingeln Sie einmal
-&ndash; ich lasse meinen Vater ersuchen, einen Augenblick
-herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine
-Stellung gefällt.«</p>
-
-<p>Der Befehl wurde rasch ausgeführt. &ndash; Also eine
-Mademoiselle war die Dame mit dem dicken Hals &ndash;
-Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Duenna &ndash; und abschreckend genug sah sie für den
-letzteren Beruf aus.</p>
-
-<p>Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr
-Joulard das Zimmer. Trautenau hatte ihn noch nie
-gesehen und er machte allerdings bei seinem ersten
-Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es
-war eine kleine etwas schwammige Gestalt, dieser
-Millionair, mit halb zugekniffenen Augen und ziemlich
-rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze,
-aber eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den
-Hosentaschen und dabei die Angewohnheit, sich mit dem
-Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten.
-Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke
-schwere Goldkette hing ihm, als einziger Schmuck, über
-die braunseidene Weste.</p>
-
-<p>Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus
-den Taschen zu ziehen und den jungen Maler auch
-kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend,
-und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete
-er sich die Gestalt des jungen Mädchens ein
-paar Augenblicke wohlgefällig.</p>
-
-<p>»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich &ndash; »sehr
-schön &ndash; allerliebst, wird sich recht gut machen. &ndash;
-Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht aufgesetzt?
-Das fehlt noch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden,
-Papa,« sagte Clemence &ndash; »es sieht zu anspruchsvoll
-aus.«</p>
-
-<p>»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte
-Herr, »was Du für Ideen hast &ndash; Joulard's einziges
-Kind zu anspruchsvoll!«</p>
-
-<p>»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich
-werde ein Bouquet von Alpenblumen in die Hand
-nehmen.«</p>
-
-<p>»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und
-die erbärmlichen Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard
-&ndash; »Dein chinesischer Fächer würde sich viel besser
-machen.«</p>
-
-<p>»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete
-Clemence ziemlich bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen
-lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine Stellung so
-gefällt.«</p>
-
-<p>»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater,
-schon gewohnt, daß seine Tochter ihren eigenen
-Willen hatte &ndash; »wird sich ganz gut machen. Und
-weiß der Herr schon die Größe des Bildes?«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß
-er sich dort selber das Maaß nach dem Bild Deiner
-seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.«
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren
-Personen im Zimmer wären, verschwand er wieder
-durch die Thür.</p>
-
-<p>Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen,
-und die Dame in dem schwarzseidenen Kleid hatte
-es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl, den sie
-aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt,
-bequem gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu
-da, um der jungen Dame als Ehrenwache zu dienen.</p>
-
-<p>Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene
-Stunde war ihm aber doch nur zu bald entflogen und
-mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence
-freundlich mit der Hand und sagte:</p>
-
-<p>»Meine Zeit ist für heute um &ndash; ich hoffe, Sie
-morgen pünktlich wieder hier zu sehen, und jetzt bitte ich
-Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen, damit
-Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.«</p>
-
-<p>Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern
-schritt ihm voran durch das nächste Gemach hindurch
-in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau
-wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es
-fand sich aber hier der nämliche Uebelstand, wie in
-dem Boudoir.</p>
-
-<p>Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt
-und genug davon aufeinander gehäuft, um zwei
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-solche Säle fürstlich auszustatten. Man sah bei jedem
-Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines
-wirklich vornehmen Mannes, sondern in dem Hause
-eines Parvenus befand, der diese Räume nicht deshalb
-so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und
-behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu
-prunken und seinen Reichthum zu zeigen.</p>
-
-<p>Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches
-Herr Joulard schon vorher eine Treppenleiter
-hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen.
-Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer
-leichten Verbeugung verabschiedend, schritt sie in ihr
-eigenes Zimmer zurück und überließ es ihrer Begleiterin,
-dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu
-leisten, bis er fertig sein würde und ihm dann den
-Ausgang zu zeigen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Capitel.</span></span><br />
-
-Das Bild.</h3>
-
-
-<p>Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild
-gearbeitet und sich dabei mit immer wachsender Leidenschaft
-in die tadellos schönen Züge und Formen des
-jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen,
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-ihr die frühere Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen.
-Clemence war allerdings immer freundlich
-gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit,
-die wohl zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes
-vertrauliche Entgegenkommen mit einem kalten Lächeln
-zurückweist und dadurch unnahbar wird.</p>
-
-<p>Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht
-wieder gesehen und nicht ein einziges Mal den Major,
-der jedenfalls andere Besuchstunden haben mußte.
-Einmal wurde er allerdings gemeldet, während
-Trautenau arbeitete, Clemence ließ ihm aber, ohne
-sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu rühren,
-sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und
-bäte den Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.</p>
-
-<p>Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und
-besonders in der Ausführung des Kopfes vorgerückt,
-daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen
-konnte.</p>
-
-<p>Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid
-fing aber nachgerade die Geschichte an langweilig zu
-werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur Anstands
-halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um
-einen kleinen Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann
-auch Niemand störte. Sie selber genirte das aber am
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte
-und es war in den letzten Tagen schon einige Male
-vorgekommen, daß sie aufstand, das Zimmer verließ
-und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf und
-ab ging, nur um wieder munter zu werden.</p>
-
-<p>Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre
-Stunde ein; es mochte ihr wohl selber daran liegen,
-das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt
-immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein
-Viertel nach Eins, auch wohl halb zwei Uhr, ehe sie
-das Zeichen zum Aufhören gab.</p>
-
-<p>Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor
-die Staffelei getreten, um selber dem Untermalen des
-Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in dieser
-Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können,
-aber dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben
-und die Farben zeigten sich lebendig genug.</p>
-
-<p>»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,«
-begann Trautenau, der jetzt nicht mehr länger
-schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm zu
-günstig dar.</p>
-
-<p>»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie
-haben freilich keinen Duft, aber so wunderbar schöne
-Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der Alpenrosen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in
-welcher Sie in den freien Bergen umherstreiften?«</p>
-
-<p>»Sehr gern.«</p>
-
-<p>»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den
-steilen Wegen gefürchtet?«</p>
-
-<p>»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des
-flachen Landes,« entgegnete Clemence ruhig.</p>
-
-<p>»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?«
-fuhr Trautenau, ohne die Augen von seinem Bild zu
-nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort.</p>
-
-<p>»An der Graslanne? &ndash; was wissen Sie davon?«
-rief Clemence, ihn verwundert ansehend.</p>
-
-<p>»Und kennen Sie mich nicht mehr?«</p>
-
-<p>»Ich? &ndash; Sie? &ndash; und doch,« setzte sie plötzlich
-tief erröthend hinzu, »es &ndash; es wäre wirklich möglich
-&ndash; Waren Sie jener junge Fremde?«</p>
-
-<p>»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen
-damals den kleinen, leider nur zu unbedeutenden
-Dienst leisten durfte.«</p>
-
-<p>»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt
-benommen, und Sie werden oft über mich gelacht
-haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich blutroth
-wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht,
-ich wurde auf einmal schwindelig und hielt den Abhang
-auch für viel steiler, als er sich später zeigte.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,«
-bemerkte Trautenau entschuldigend, »besonders nicht
-für Damen, die bei ihren langen Kleidern nicht genau
-sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem
-viel zu leichtes und glattes Schuhzeug tragen. &ndash; Ich
-hoffte damals Sie später in den Bergen wieder zu
-treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich verschwunden,
-daß ich selbst auf der breiten Heerstraße
-Ihre Spur verlor.«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; mein Vater eilte etwas, um nach Hause
-zurückzukehren,« erwiederte das junge Mädchen, während
-ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob
-sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus
-lesen wolle.</p>
-
-<p>Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der
-Brust schlug, die Mademoiselle schlief sanft &ndash; seine
-Hand zitterte so, daß er mit dem Malen inne halten
-mußte.</p>
-
-<p>»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist
-es immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen
-wieder einmal nahen zu dürfen.«</p>
-
-<p>»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence
-lächelnd, »daß der Himmel ihn erfüllt hat. Nicht wahr,
-Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme hinzu.</p>
-
-<p>»Ja wohl &ndash; ja wohl &ndash; gewiß,« erwiederte die
-<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-sanft ruhende Dame, aus ihrem Schlummer emporfahrend,
-»nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«</p>
-
-<p>»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,«
-fuhr Clemence fort, »finden Sie nicht auch, daß das
-Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als
-ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«</p>
-
-<p>»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der,
-wenn Sie hier stehen, darauf fällt,« antwortete
-Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich
-und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung
-gegeben hatte; Mademoiselle war auch jetzt vollständig
-munter geworden und an eine Wiederaufnahme
-desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich
-darauf die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen,
-wie sie sagte, und wollte lieber morgen eine
-Viertelstunde nachholen.</p>
-
-<p>Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand
-mehr zu bleiben, aber er trug das beunruhigende Gefühl
-mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein, als
-je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence
-beinahe ängstlich gesucht hatte die Unterredung abzubrechen?
-Fürchtete sie etwa deren Fortsetzung? dann
-wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war
-das Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich
-durfte er Alles verloren geben.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die
-geringste Gelegenheit das Gespräch wieder aufzunehmen.
-Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer
-derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt
-zu geben und Mademoiselle hielt ihre sonst so
-schläfrigen Augen fast krampfhaft offen. &ndash; Dann kam
-eine lange Pause &ndash; Ernst hatte das noch nicht beendete
-Bild nach Hause geschickt bekommen, um es, so
-weit es ohne das Original möglich war, auszuführen,
-und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es
-vollständig zu beenden.</p>
-
-<p>Darüber waren mehre Wochen vergangen und in
-dieser Zeit durchliefen wunderliche Gerüchte über den
-Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im Hause
-des reichen Joulard nicht zu stören schienen.</p>
-
-<p>Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß
-er eine sehr bedeutende Erbschaft gemacht habe &ndash;
-Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen viel
-mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte
-&ndash; von anderer Seite hieß es, daß er seinen
-Abschied nehmen wolle &ndash; weshalb? wußte freilich
-Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb
-dann immer, daß er, mit eigenem Vermögen und als
-Schwiegersohn des reichsten Mannes in der Stadt,
-die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-und ein unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es
-wäre jedenfalls thöricht gewesen, da noch länger Soldat
-zu bleiben. &ndash; Einige wollten aber behaupten, er
-müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That
-eine Menge Leute in der Stadt, die da wissen wollten:
-der Major sei ein von Grund aus ruinirter Patron,
-der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen
-halte, und nächstens einmal mit seinem ganzen Lug-
-und Truggewebe zusammenbrechen müsse. Diese begriffen
-dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard
-ihm die Hand seines einzigen Kindes geben könne.
-Hatte er aber wirklich so viel Schulden, als einzelne
-behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard Alles,
-und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb
-auch, trotz aller Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.</p>
-
-<p>Trautenau allein vielleicht quälte sich um die
-Braut. Er fühlte selber, daß die Hoffnung, sie für
-sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt
-es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß
-zu bewahren, was die Stadt erfüllte, und was sie
-selbst als die künftige Gattin jenes Mannes am nächsten
-betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit
-ihr zu reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe
-machen müssen, wenn er da geschwiegen hätte,
-wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-und Jammer von einem theuren Haupt abwenden
-konnte.</p>
-
-<p>Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence;
-er hatte noch höchstens zwei Tage zu malen,
-um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß
-er im Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen.
-Immer, wenn ihm schon das Wort auf den Lippen
-schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der
-Vater mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit
-diesen das beinahe fertige Bild, das sich wirklich als
-vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern. Eine vertrauliche
-Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.</p>
-
-<p>»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte
-da der alte Herr, indem er mit fast zugekniffenen
-Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem
-Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese &ndash; das sieht zu
-leer aus. Soll der nicht hinein?«</p>
-
-<p>»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen.
-Ich möchte heute das Bild soweit beenden, daß ich morgen
-das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder doch
-nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften
-entschuldigen mich wohl, wenn ich wieder an meine
-Arbeit gehe &ndash; die Farben werden mir sonst trocken.«</p>
-
-<p>Der Besuch war ihm lästig geworden und er
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-suchte ihn zu entfernen, denn es war doch sehr zweifelhaft,
-ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere Gelegenheit
-haben würde, mit Clemence zu sprechen.
-Aber es gelang ihm nicht. Den beiden alten Damen
-war es etwas Neues, einen Maler arbeiten zu sehen
-und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die
-Zeit verstrichen war. Dann rauschten sie fort und
-Clemence verließ mit ihnen das Gemach.</p>
-
-<p>Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze
-Nacht gekämpft und der Morgen fand ihn entschlossen,
-heute sich durch Nichts von seinem Plan abschrecken zu
-lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen Mademoiselle,
-wenn es denn nicht anders geschehen konnte,
-mit Clemence über seine Besorgnisse zu sprechen. Er
-mußte die Last von seinem Gemüth herunterwälzen &ndash;
-mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah
-am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei
-dem, was sie über ihren Verlobten hörte, benehmen
-würde. Erschrak sie &ndash; wurde sie bleich &ndash; aber was
-half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen.
-Das mußte der Augenblick bringen und dem Augenblick
-überließ er darum Alles.</p>
-
-<p>Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er
-dieses letzte Mal das Boudoir der jungen Dame betrat,
-diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin
-allein, sondern schon eine kleine Gesellschaft um das so
-gut wie beendete Bild versammelt. In dieser aber
-bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen
-nicht wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit
-Lobeserhebungen überschüttete. Er konnte gar nicht
-aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische
-Auffassung des Bildes zu preisen.</p>
-
-<p>»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,«
-brach er plötzlich ab, »daß Sie noch in meiner Schuld
-sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich
-nämlich. &ndash; Denken Sie sich, lieber Joulard, denken
-Sie sich, meine Damen, der Herr hat in seinem eigenen
-Atelier daheim den Teufel an die Wand gemalt,
-und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich
-ihn in meinem ganzen Leben nicht gesehen habe.«</p>
-
-<p>Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich
-den Kopf und bemerkte sehr ernsthaft:</p>
-
-<p>»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie
-mir das nicht übel. Das heißt Gott versuchen und
-den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche Einladungskarte
-geben, kommt er, darauf können Sie sich
-fest verlassen &ndash; er kommt gewiß.«</p>
-
-<p>»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der
-Maler lächelnd, »aber seien Sie versichert, gnädige
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm, wie er
-gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand,
-daß er sich nur das schlechteste Gesindel auf der Welt
-aussucht, um es für sich zu holen, zeugt von seiner
-Bescheidenheit.«</p>
-
-<p>Herr Joulard und der Major lachten laut auf;
-die alte würdige Dame aber, die wahrscheinlich keinen
-Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine
-heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel
-hatte, schlug entsetzt die Hände zusammen und rief:</p>
-
-<p>»Das ist ja eine Gotteslästerung.«</p>
-
-<p>»Doch nicht, wenn er den <em class="ge">Teufel</em> lobt,« sagte
-lachend Herr Joulard, »Excellenz irren sich, und ich
-bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn der
-Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird,
-würde ihn der liebe Gott gar nicht auf der Erde
-dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem Künstler
-Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann.
-Vergessen Sie nur den Chinesen nicht.«</p>
-
-<p>»Und meine Copie,« rief der Major.</p>
-
-<p>»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte
-der Maler in einer tollen Laune, »wollen die Herrschaften
-einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht kann
-ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,«
-und die Palette aufnehmend, die er indessen in Stand
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-gesetzt hatte, ging er daran, mit keckem Pinsel seine
-Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu
-malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im
-Hintergrund und halb im Schatten stand, also nicht
-zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.</p>
-
-<p>»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte
-Dame, die Herr Joulard »Excellenz« genannt hatte,
-wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem Ofenschirm
-herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem
-eigenen Conterfey den lebendigen Satan abmalen
-lassen?«</p>
-
-<p>»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence,
-»kein Teufel, sondern ein Faun, wenn auch mit
-etwas wunderlicher Ausschmückung und &ndash; ganz absonderlichen
-Zügen,« setzte sie langsam und mit einem
-forschenden Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu,
-»aber irgend ein phantastisches Bild paßt an einen
-solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr
-für mich darin.«</p>
-
-<p>»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit
-Hörnern und Schweif,« rief die alte Dame entsetzt,
-während der Major neben dem jungen, eifrig malenden
-Künstler stand und einmal über das andere
-»Bravo, ganz vortrefflich!« rief. Er amüsirte sich
-ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-eben dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend
-ähnlichen Züge trug. Sonderbarer Weise fiel
-es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen
-der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht
-war doch immer carrikirt. Nur Clemence verglich still,
-aber desto aufmerksamer das Antlitz des Officiers mit
-der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem
-des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es
-merkte, wich ihr aber absichtlich aus &ndash; er wollte sich
-nicht vor der Zeit verrathen, und malte so emsig
-weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine
-Bild vollendet war. Als aber von keiner Seite weiter
-Einspruch gegen das Sacrilegium geschah, wurde es
-der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte
-zum Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls,
-um dem Maler den Platz zu überlassen, denn dieser
-hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens eine
-viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf
-die letzten Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte
-er dann mit leichter Mühe im eigenen Hause fertig
-machen.</p>
-
-<p>Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen
-Platz im Lehnstuhl eingenommen &ndash; da sagte Clemence
-plötzlich:</p>
-
-<p>»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte,
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-im blauen Zimmer, wo meine kleine Bibliothek steht,
-finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte ich
-Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten
-oder vierten Fach stehen.«</p>
-
-<p>Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen
-Morgen gestanden und sich eben erst recht bequem
-hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, aber es
-half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern,
-da keiner der Diener das Buch gefunden hätte.</p>
-
-<p>Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence
-selber die lästige Zeugin entfernt, um mit ihm allein
-zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den günstigen
-Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn
-heute war seine Arbeit hier im Hause beendet. &ndash;
-Aber sein Entschluß sollte ihm erleichtert werden, denn
-kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden
-geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei
-trat und den jungen Maler fest anblickend auf die
-Figur des Ofenschirms deutete und fragte:</p>
-
-<p>»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«</p>
-
-<p>»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges
-Fräulein,« rief Trautenau über den entschiedenen, fast
-harten Ton der Stimme frappirt.</p>
-
-<p>»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-entscheidende Moment gekommen sei. »Wenn auch
-keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine Charakteristik
-geben.«</p>
-
-<p>»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt&nbsp;&ndash;,
-»wie verstehe ich das?«</p>
-
-<p>»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten,
-nein die Secunden sind mir zugezählt. Fräulein, von
-dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich ein
-Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben
-konnte.«</p>
-
-<p>»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.</p>
-
-<p>»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau
-fort, »lassen Sie mich ruhig ausreden, denn ich werde
-mich sehr kurz fassen, und es ist sogar nöthig, daß Sie
-es erfahren.«</p>
-
-<p>»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence,
-während hohes Roth ihre Züge färbte.</p>
-
-<p>»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen.
-Sie sind im Begriff sich mit dem Major von Reuhenfels
-zu vermählen.«</p>
-
-<p>»Allerdings.«</p>
-
-<p>»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm
-spricht?«</p>
-
-<p>»Von dem Major?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und
-Schuldenmacher, ja mehr als das, daß er ein schlechter
-Mensch sei.«</p>
-
-<p>»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen
-Gatten!«</p>
-
-<p>»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich
-&ndash; »und nur um Unglück von Ihrem theueren Haupt
-abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein
-Freund &ndash; kein Fremder, das Recht beanspruchen
-durfte &ndash; wage ich Sie zu warnen.«</p>
-
-<p>»Zu warnen?«</p>
-
-<p>»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer
-Bewegung kaum die Worte über die Lippen
-brachte. &ndash; »Glauben Sie mir nur, daß mich allein
-die Sorge &ndash; die &ndash; Theilnahme für Sie bewegt,
-Ihnen das zu sagen. Uebereilen Sie den Schritt
-nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine
-lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen
-mir nicht glauben &ndash; kein Wort von dem, was ich
-Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben;
-aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der
-Stadt über Ihren künftigen Gatten ist ein schweres,
-und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm
-zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher
-zu furchtbar.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen
-kalt.</p>
-
-<p>Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.</p>
-
-<p>»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich
-in Zukunft mit Anklagen, die meinen Bräutigam betreffen,
-an diesen selber zu wenden. Ich und mein
-Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und
-besonders aus Neid gegen den Herrn böswillig geklatscht
-und verbreitet wird. Ich will annehmen,«
-setzte sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung
-bemerkte, mit welcher der Maler emporfahren
-wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind.
-Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke
-Ihnen dafür. Damit muß aber auch die Sache und
-zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche
-wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und
-nun bitte, beenden Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit
-ist beschränkt.«</p>
-
-<p>»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt,
-denn er fühlte diese Zurückweisung doppelt scharf. &ndash;
-»Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich die Aehnlichkeit
-in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«</p>
-
-<p>Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort:
-endlich flog ein leichtes, fast neckisches Lächeln
-über ihre Züge.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-»Nein,« sagte sie &ndash; »lassen Sie es so. Haben
-Sie dies nämliche Bild an Ihre Wand gemalt?«</p>
-
-<p>»Ja, mein gnädiges Fräulein.«</p>
-
-<p>Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm
-ihre frühere Stellung wieder ein und in demselben
-Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher
-Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den
-ganzen Bücherschrank von oben bis unten durchgesucht
-habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu finden.</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater
-herausgenommen. Ich brauche es auch nicht mehr &ndash;
-wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem
-gleichgültigen Ton.</p>
-
-<p>Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden
-Arbeit, die er rasch vollendete und erst als
-sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu verlassen,
-sagte er herzlich und einfach:</p>
-
-<p>»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich
-jetzt, da ich das Letzte an dem Bild in meinem eigenen
-Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben
-werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen
-Sie mich, der ich so manche glückliche Stunde hier
-verlebte, nicht so kalt und förmlich von Ihnen Abschied
-nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«</p>
-
-<p>Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und
-<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-während die Mademoiselle über dieses sonderbare und
-außergewöhnliche Verlangen große Augen machte,
-zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie
-mochte es auch nicht verweigern; schüchtern reichte sie
-ihm die äußersten Fingerspitzen. Der Maler nahm
-sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann:
-»Gott gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die
-eines Mannes lege. Seien Sie glücklich&nbsp;&ndash;« und seinen
-Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu
-beachten, verließ er rasch das Zimmer.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Capitel.</span></span><br />
-
-Zerronnen.</h3>
-
-
-<p>Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung
-nach Hause gekommen und diese wurde nicht gebessert
-als sein Auge auf das karrikirte Bild des
-Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig
-zu machen schienen. Eine ganze Weile ging er auch
-mit verschränkten Armen in seinem Zimmer auf und
-ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl
-manchmal nach der verhaßten Gestalt hinüber, ja es
-war als ob er mit einem finsteren Entschluß ringe.
-Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-Sache eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit
-Clemence gesprochen und sie gewarnt und sie ihn auch
-genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch
-kalt abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was
-ihn hätte veranlassen können weiter vorzugehen, ja des
-jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich,
-daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.</p>
-
-<p>Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern
-mit Frank ausgesprochen, denn er wußte, daß der es
-treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen Tagen
-verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder
-zurück erwartet; so blieb ihm Nichts übrig, als Alles
-was ihn quälte, in der eigenen Brust zu verschließen.</p>
-
-<p>Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und
-als er Clemencens Bild, um es jetzt in seinem eigenen
-Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt bekam,
-schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit
-Niemandem, antwortete auf kein Klopfen, und grub
-sich den Pfeil, diesem geliebten Zeugen gegenüber nur
-noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen
-süßen Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon
-zurückzubehalten, er hätte sich ja sonst nicht von dem
-Bilde trennen können.</p>
-
-<p>Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert
-worden. In der ganzen Zeit hörte er auch nichts von
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-Joulard &ndash; er wollte nichts hören, bis er eines Morgens
-ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in
-welchem dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr
-gelungene Gemälde« dankte, und ein Honorar beifügte,
-das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch
-zu fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch
-eine kleine Karte zu Boden, die er vorher nicht bemerkt
-hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst
-feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:</p>
-
-<p class="ce">
-Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,<br />
-Clemence von Reuhenfels zu Berg,<br />
-née Joulard.</p>
-
-<p>Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er
-in seiner Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden
-und Clemence selber seine Warnung verachtet.
-Die Folgen kamen jetzt über sie.</p>
-
-<p>Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der
-Stadt, er mußte fort. Um der Form zu genügen,
-schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin
-er ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend
-anzeigte und zugleich seine Glückwünsche für das jung
-verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch einen
-Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren
-sollte, packte seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften
-zusammen und verließ M&ndash;, um sich nach
-<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-dem Süden &ndash; nach Italien, dem Paradies der
-Künstler, zu wenden.</p>
-
-<p>Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte
-sich so vollkommen in seine Arbeiten, daß er von
-Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er mied
-es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung
-wachte und bohrte noch in ihm. Clemencens
-Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre lieben
-Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch
-die Züge des Majors nicht vergessen hatte.</p>
-
-<p>Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war
-eine Scene aus der früheren italienischen Geschichte,
-wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich manchmal
-keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre
-Schaaren an den Strand warfen und von Menschen
-und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle die
-Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment
-vor, wie die Räuber wieder, während ein Theil von
-ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, mit der
-gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben
-bildete eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte
-Gruppe, in welcher der Capitain der Räuber ein
-junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender
-Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige
-Schritte entfernt liegenden Boot hinunter schleppt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die
-Geraubte Clemencens Züge trug, während der Capitain
-dem verhaßten Major glich.</p>
-
-<p>Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich
-so lebendig wieder mit den alten besser begrabenen
-Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die Sehnsucht
-nach der Heimath stärker als je. &ndash; Clemence?
-&ndash; er wußte recht gut, daß er mit keiner Faser seines
-Herzens mehr an sie denken durfte, aber er wollte doch
-wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie
-noch einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut
-gehe, daß sie sich glücklich fühle, und dann? Ei, dann
-hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung,
-und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen
-Schätzen.</p>
-
-<p>Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte
-er ihn auch bald aus. Seine Gemälde hatte er fast
-alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm
-ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und
-schon in der nächsten Woche trat er den Rückweg nach
-Deutschland an.</p>
-
-<p>Als er M&ndash; erreichte, fuhr er vom Bahnhof in
-einer offenen Droschke durch die Stadt nach einem
-dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er
-auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-wenn er sich auch keine Hoffnung machte, Clemence
-dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen Blick
-nach ihren Fenstern werfen.</p>
-
-<p>Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er
-schrak fast zusammen, als er die Veränderung bemerkte,
-die mit demselben in der kurzen Zeit vorgegangen war.</p>
-
-<p>Das war nicht mehr das Haus eines reichen
-Privatmannes, denn die Industrie hatte sich seiner
-bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es
-von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt
-und zu eleganten Verkaufsräumen hergerichtet
-worden &ndash; in der ersten Etage hatte sich ein großes
-Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen
-riesiger Name fast die ganze Front einnahm, und oben
-war in der zweiten Etage eine Thür ausgebrochen
-und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin
-Waaren gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.</p>
-
-<p>»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?«
-frug Trautenau unwillkürlich den Kutscher; dieser
-zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:</p>
-
-<p>»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben
-Jahre in M&ndash; und weiß gar nicht, wem das Haus
-früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden
-werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich
-weiß, mein Herr hätte gern die schönen Ställe da drin
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen Zins
-dafür. Da war's denn Nichts.«</p>
-
-<p>Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten
-Hôtel, und Trautenau's erste Frage, nachdem
-er sein Zimmer angewiesen bekommen, war nach
-dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls
-die Achseln.</p>
-
-<p>»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind
-nun fast zwei Jahre, da brach der Schwindel zusammen.
-Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für
-einen Millionär gehalten &ndash; ja wohl, eine halbe
-Million Schulden kam fast zusammen, es ging hoch in
-die Hunderttausende und auf einmal war er weg, wie
-Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu
-dieser Stunde, was aus ihm geworden ist.«</p>
-
-<p>Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen,
-aber er wagte nicht, den kurzjackigen, wohlfrisirten
-Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen wollte
-er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte
-sehn, ob er Frank nicht in M&ndash; traf.</p>
-
-<p>Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung,
-dort aber war er nicht mehr zu finden. Jedoch
-sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber jetzt eingemiethet
-habe, würde Herr Trautenau wohl auf der
-Polizei am sichersten erfahren.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling,
-Maler, sein eigenes altes Atelier bewohnte, wohin er
-sich denn natürlich augenblicklich begab.</p>
-
-<p>Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich.
-Wie viel hatten sie sich auch zu sagen und zu erzählen,
-und doch scheuten sich Beide eine lange Weile den
-einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider
-Lippen lag und dem doch Keiner von ihnen zuerst
-Worte geben mochte.</p>
-
-<p>Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen
-Lehnstuhl, den Kopf in die rechte Hand gestützt, das
-linke Bein über das rechte geschlagen, und sein Blick
-hing, während er mit dem Freund sprach, fest und
-unverwandt an seinem eigenen Teufelsbild, das heute
-noch wie damals die Mauer zierte &ndash; oder entstellte.</p>
-
-<p>»Und was ist aus dem da geworden?« brach er
-endlich durch alle Schranken durch, denn er mußte ja
-doch wissen, was mit Clemence geschehen.</p>
-
-<p>»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den
-Blick über die Schulter nach dem Wandgemälde &ndash;
-»weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden
-ist?«</p>
-
-<p>»Sein Haus hat er verkauft.«</p>
-
-<p>»Er? &ndash; nein &ndash; aber seine Gläubiger haben es
-gethan. Das war einer der größten Schwindler, die
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt selber
-angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten,
-die gar nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand
-wie Keiner, den Leuten Sand in die Augen zu streuen
-und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den
-benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das
-natürlich nicht dauern &ndash; plötzlich und bald nachdem
-Du M&ndash; verlassen, brach es zusammen, und wie nur
-die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte
-sich auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in
-Stunden ein so furchtbares Gewitter über seinem
-Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben
-auszuweichen. Er verschwand und hat auch
-keine Spur hinterlassen, was aus ihm geworden.
-Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod
-gesucht, aber ich glaube es nicht &ndash; sein Leichnam ist
-nirgends gefunden worden und außerdem traue ich
-dem berechnenden Burschen eine solche That der
-Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe
-ja nicht überrascht werden konnte. Er mußte vom
-ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher oder
-später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«</p>
-
-<p>»Und Clemence?« fragte Trautenau leise &ndash; »ist
-sie hier?«</p>
-
-<p>Frank zögerte mit der Antwort. &ndash; »Nein« sagte
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-er endlich, »aber ich sehe auch nicht ein, weshalb ich
-Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier in
-M&ndash; kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge
-auf den Dächern haben fast ein Jahr lang davon
-geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden, denn
-das Publikum findet immer wieder etwas Neues,
-was die alten Geschichten vergessen läßt!«</p>
-
-<p>»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«</p>
-
-<p>»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott
-des Alten ausbrach. Wärest Du nur acht Wochen
-länger in M&ndash; geblieben, so hättest Du die ganze
-Sache mit erlebt.«</p>
-
-<p>»Und was war es?«</p>
-
-<p>»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn
-umliefen, und unbegreiflich ist es, daß Joulard selber
-Nichts davon gehört haben sollte.«</p>
-
-<p>»Ich selber habe Clemence gewarnt.«</p>
-
-<p>»Du?«</p>
-
-<p>»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie
-wies mich kalt und stolz zurück.«</p>
-
-<p>»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt
-einen Verdacht, den ich schon lange gefaßt, daß nämlich
-der Major sowohl, als der alte Joulard ihre gegenseitigen
-Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-später behauptet, daß Clemence gar nicht Joulards
-Tochter gewesen sei.«</p>
-
-<p>»Und wessen sonst?«</p>
-
-<p>Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer
-sein, das festzustellen, und käme auch Nichts mehr
-darauf an, denn er ist fort aus M&ndash; und wird wohl
-schwerlich hierher zurückkehren.«</p>
-
-<p>»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«</p>
-
-<p>»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen
-Dinge zur Sprache, die den Major auf das Aeußerste
-compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen.
-Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen.
-Man sprach von falschem Spiel und einigen
-anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf den
-Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen,
-wohl schlaffer mit der Anklage gegen ihn vor,
-als man gegen einen Menschen aus niederem Stande
-vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«</p>
-
-<p>»Mit seiner Frau?«</p>
-
-<p>»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die
-Wechsel zahlen sollte, brach eben das ganze Kartenhaus
-zusammen.«</p>
-
-<p>»Und wurde der Major nicht verfolgt?«</p>
-
-<p>»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr,
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-daß er bei Prinz Y&ndash; sehr gut angeschrieben stand, es
-gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die natürlich
-wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz
-zahlte, wenn auch seufzend, aber er zahlte doch, und
-die Klage gegen den Major, da sich die Gläubiger
-gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet
-hatten gar nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«</p>
-
-<p>»Und wo hält er sich jetzt auf?«</p>
-
-<p>»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir
-wollte ihn neulich in Paris gesehen haben, schien seiner
-Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich
-wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in
-Deutschland mehr verfolgt wird, dürfte er es doch
-nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft blicken zu
-lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich
-werden.«</p>
-
-<p>»Und Clemence ist bei ihm?«</p>
-
-<p>»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«</p>
-
-<p>»Armes, unglückliches Geschöpf &ndash; wie furchtbar
-elend muß sie sich jetzt fühlen.«</p>
-
-<p>Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es
-schien fast, als ob er noch etwas sagen wollte; Trautenau
-aber war zu sehr mit seinen eigenen schmerzlichen
-Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken.
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-Manche Gerüchte über Clemence hatten nämlich
-ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es
-nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben
-wehe zu thun. Bewiesen war doch keins von allen
-worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein
-von jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch,
-der überall seine Opfer suchte und dabei wahrlich
-nicht wählerisch in seinen Mitteln war.</p>
-
-<p>»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden
-ist?« fragte der Andere nach einer längeren
-Pause. &ndash; »Sind denn auch selbst die Familienbilder
-unter den Hammer des Actionators gekommen?«</p>
-
-<p>»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll
-übrigens ziemlich hoch von einem Engländer erstanden
-sein, der sich, Gott weiß, aus welchem Grunde, dafür
-interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in
-die Augen gestochen. Das war doch eine verwünschte
-Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam als Carricatur
-neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht,
-daß Clemence selber blind gegen die wirklich frappante
-Aehnlichkeit blieb.«</p>
-
-<p>»Sie hat sie damals entdeckt.«</p>
-
-<p>»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«</p>
-
-<p>»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies
-es zurück.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt
-wohl von einem ganz eigenthümlichen Humor der
-jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer Verehrung
-für den Bräutigam.«</p>
-
-<p>»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei
-gedacht.«</p>
-
-<p>»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf
-denkt &ndash; das ist unergründlich wie der Ocean. Aber
-was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du hier in
-M&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht &ndash; weiß auch nicht, ob ich überhaupt
-in der nächsten Zeit Ruhe zum Arbeiten haben
-werde.«</p>
-
-<p>»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger
-Studien mitgebracht.«</p>
-
-<p>»Das allerdings, aber die können warten. Meine
-Casse ist ziemlich gefüllt und ich mache vielleicht noch,
-ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme, vorher
-eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine
-Sehnsucht nach dem Rhein.«</p>
-
-<p>»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,«
-sagte Frank, der ihn mißtrauisch ansah &ndash; »Du hast
-doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen Plan,
-Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«</p>
-
-<p>Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein,
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Frank,« erwiderte er, »meine Seele denkt nicht daran.
-Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann für
-mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja,
-ich würde sogar die Stadt, in der sie wohnt, meiden,
-um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb auch? es
-hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten
-zu sehen.«</p>
-
-<p>»Ist das Dein voller Ernst?«</p>
-
-<p>»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«</p>
-
-<p>»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete
-schon, daß die Nachricht ihres Unglücks jene alte hoffnungslose
-Liebe wieder anfachen könne.«</p>
-
-<p>»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte &ndash;
-ja &ndash; nicht an der Seite eines Gatten.«</p>
-
-<p>»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief
-Frank lebendig. »Ich habe gerade verschiedene Arbeiten
-beendet &ndash; bin überhaupt das letzte Jahr merkwürdig
-fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen,
-diesen Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen.
-Wenn Du jetzt noch zwei oder höchstens drei Tage auf
-mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst Du
-dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein
-umher.«</p>
-
-<p>»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!«
-rief Ernst erfreut aus &ndash; »ich warte auf Dich
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig zu
-werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir
-geschieht ein Gefallen damit, denn selbstständig kann ich
-doch noch Nichts arbeiten und möchte nicht die Zeit
-über ganz müssig liegen.«</p>
-
-<p>»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete
-Frank lachend, »also dankbar angenommen, und hier
-in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch
-sein.«</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br />
-
-In Wiesbaden.</h3>
-
-
-<p>Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit
-einander plaudernd und erzählend, frisch an die Arbeit,
-um einige Kleinigkeiten, die Frank noch versprochen
-hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden.
-Das wurde auch rascher erledigt, als sie selber
-geglaubt, denn in der gemeinschaftlichen Thätigkeit
-flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am dritten
-Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet,
-und um auch keinen Moment mehr zu versäumen,
-benutzten sie selbst den Nachtzug, daß der sie dem
-flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in
-die Berge bringe.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in
-Arm den wunderbar schönen Rhein entlang, und das
-Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem
-Gesang über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen
-Strom in der ganzen weiten Welt, und wem das Herz
-an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, freudiger
-schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick
-öffnen &ndash; ei, der mag ruhig fortgehen und sich in der
-lüneburger Haide oder im berliner Sande begraben
-lassen &ndash; auf Erden ist er doch zu Nichts mehr
-nütze.</p>
-
-<p>Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort
-verlebten, und selbst Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth
-neigte und sich nie wohler fühlte, als wenn er
-allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf
-in der wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft
-des stets fröhlichen und heiteren Frank.</p>
-
-<p>Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen
-zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in
-dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten,
-dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und
-nach St.&nbsp;Goarshausen, bis sie sich in St.&nbsp;Goar eine
-Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am
-rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der
-Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil
-es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte,
-und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten
-sie dabei ungemein.</p>
-
-<p>So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt,
-als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach
-M&ndash; zurückkehren mußte, um einige versprochene
-Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte
-noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort
-einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens
-nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch
-den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis
-Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne
-Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.</p>
-
-<p>Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn
-auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen
-hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen,
-berührten sie jetzt und holten das damals
-Versäumte ein.</p>
-
-<p>So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der
-noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal
-auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber
-zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da
-der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht
-dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere
-seine Reise nach Köln fortzusetzen.</p>
-
-<p>Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden
-kann wohl als das Paradies der Spielhöllen
-betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht
-gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen
-Spielsalons preßte sich um die grünen Tische
-Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe
-gelangen konnte.</p>
-
-<p>Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen
-umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt
-wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich
-aber doch &ndash; hier und da durch einen augenblicklichen
-Erfolg einzelner Spieler angelockt &ndash; verleiten, kleine
-Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die
-erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld,
-das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich
-und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen
-sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter
-die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf
-sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die
-um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die
-Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch
-wurden.</p>
-
-<p>Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische
-selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen
-Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen
-Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig
-als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust
-zu zeigen suchten.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel
-gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr
-Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt,
-wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen
-Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und
-dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen
-Physiognomien der bei dem Spiel interessirten
-Menschen.</p>
-
-<p>Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten
-und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten,
-fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein
-Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten
-Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon
-zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt
-ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer
-Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt,
-und hier in wenigen Stunden &ndash; vielleicht Minuten,
-Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger
-Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten
-Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist
-sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer
-Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen
-und geschrieben wird.</p>
-
-<p>Um so mehr wollten die Meisten aber auch
-Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen
-und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht.
-Was war es auch &ndash; ein werthloses Menschenleben,
-was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen
-Goldes, geendet hatte &ndash; ein ekelhafter, unangenehmer
-Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich
-entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen
-mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt
-sein und es dauerte wirklich kaum so lange.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls
-und unwillkürlich jener Stelle zu, wo wieder einmal
-dieser »Fluch des Rheins«, das höllische Spiel, ein
-Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich
-rasch dahin zu gelangen, denn durch die von den
-Tischen plötzlich zurückpressenden Leute wurde der
-Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam
-rückten sie aber trotzdem am Tische hin und wollten
-eben links abbiegen um eine freiere Stelle zu gewinnen,
-als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft festgehalten
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite
-umdrehte, sah er des Freundes Augen, dessen Antlitz
-aschenbleich geworden war, an einem Punkt des noch
-immer besetzten Tisches haften.</p>
-
-<p>Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen
-Trautenau's machen sollte, folgte er seinem Blick,
-konnte aber nicht das geringste Auffällige entdecken.
-An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten,
-Herren und »Damen« &ndash; wenigstens elegant angezogene
-Frauenzimmer, sehr decolletirt und in oft höchst
-unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist
-ältliche Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich
-erregten Gesichtern, mit aufgestellten Rollen von Gold
-und Silber vor sich, von denen sie dann und wann
-kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem
-Gefühl herunternahmen und auf irgend einen Punkt
-setzten, oder auch gewonnene Summen wieder sorgfältig
-neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der
-Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was
-kümmerte sie irgend ein fremder, alberner Mensch,
-der nicht einmal Tact genug besaß, sein unbedeutendes
-Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es
-wäre nicht der Mühe werth gewesen, auch nur den
-Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger das »<i>jeu</i>«
-seinethalben zu vernachlässigen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt
-dem Freund zu, »Du drückst mir ja blaue Flecke in
-den Arm.«</p>
-
-<p>»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem
-Tisch sitzt, gleich hinter jener Dame, die den Kopf von
-uns abdreht?«</p>
-
-<p>»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Nein, den kenne ich nicht &ndash; kann mich wenigstens
-nicht auf das Gesicht besinnen.«</p>
-
-<p>»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer
-an der Wand?«</p>
-
-<p>»Der Major? Unsinn &ndash; Du träumst.«</p>
-
-<p>»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige
-Male gezeichnet habe &ndash; jeder Zug desselben steht mir
-so fest im Gedächtniß, daß ich es mit geschlossenen
-Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist
-es, beim ewigen Gott.«</p>
-
-<p>»Und jene Dame?«</p>
-
-<p>»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich.
-Sie würde sich doch nicht zwischen diese Gesellschaft an
-den grünen Tisch setzen. Nein, sie scheint zu dem
-jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl
-steht und fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren
-wahrscheinlich zusammen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-»Du mußt Dich irren, Ernst.«</p>
-
-<p>»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt
-gegenüber nicht möglich. Ich habe mir nicht den
-Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht wiedererkennen
-sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn
-noch nicht in den Zügen?«</p>
-
-<p>»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,«
-sagte Frank, der ihn indessen aufmerksamer betrachtet
-hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders als
-früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn
-auch anfangs für einen Franzosen gehalten. Du
-könntest wirklich Recht haben &ndash; doch was liegt daran.
-Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von
-Frankreich herüber gekommen und treibt sich hier eine
-Zeitlang in den Bädern herum. Laß ihn und komm
-&ndash; was interessirt uns der Mensch.«</p>
-
-<p>»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der
-Dame, die neben ihm sitzt, sehen könnte,« entgegnete
-Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu
-folgen.</p>
-
-<p>»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«</p>
-
-<p>»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden &ndash;
-wenigstens jetzt noch nicht &ndash; nicht bis ich mich näher
-überzeugt habe.«</p>
-
-<p>Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-zurückzukehren, so rasch hatte man da drüben, in dem
-anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten Spuren
-der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte
-unter keiner Bedingung gestört werden. Kein Mensch
-sprach mehr über den Selbstmord des Unglücklichen,
-wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im
-Heiligthum der grünen Tische gar nicht mehr geduldet
-wurde. Alles verkehrte in Flüstern mit
-einander.</p>
-
-<p>Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder
-fester um die eigentlichen Spieler, und Trautenau
-wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas
-näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens
-war kaum Gefahr da, daß er sie bemerken würde,
-denn seine Augen wanderten für keinen Moment von
-dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab.
-Was kümmert sich der Spieler um die Zuschauer.</p>
-
-<p>Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht,
-Trautenau dagegen hatte auf seinen verschiedenen
-Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten
-und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr
-entgehen, daß der Major ziemlich hoch und zwar nach
-einem bestimmten Plan spiele, während die Dame an
-seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht
-hielt, bald da, bald dort pointirte und den hinter ihr
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-stehenden jungen Mann dabei oft um Rath frug. Die
-Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie
-schien allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam
-Ernst aber weit stärker vor, als Clemence gewesen &ndash;
-auch die Contur der Wangen war voller als er sie
-gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen
-und man hätte kaum glauben sollen, daß zwei
-Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle
-Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem
-nicht; es ließ sich ja auch nicht denken, daß Clemence,
-das stolze, schöne Mädchen, so weit gesunken sein könne,
-um hier am grünen Tisch&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite
-&ndash; der bis jetzt hinter ihr stehende junge Herr hatte
-sie einen Augenblick verlassen, um zu einem anderen
-Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen
-und ihr Blick streifte selbst Trautenau's Gestalt &ndash;
-wenn auch vollkommen gleichgültig, denn er trug nicht
-die bestimmten Formen, denen sie folgte.</p>
-
-<p>»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst,
-indem er scheu und erschrocken einen Schritt zurücktrat
-&ndash; »Clemence!«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,«
-sagte Frank, »und hier der Tisch wäre der letzte, hinter
-dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber stärker
-<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher
-wieder hinter ihren Stuhl. &ndash; Komm Ernst; ich
-glaube, wir haben genug gesehen, um nicht nach Weiterem
-zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem
-neuem Beruf außerordentlich wohl zu fühlen.«</p>
-
-<p>Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm
-das Herz zusammen, der Athem wurde ihm schwer,
-und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil er
-den Anblick nicht länger ertragen konnte.</p>
-
-<p>Das Interesse für die früher Geliebte war aber
-doch zu frisch und gewaltig geweckt worden, um es so
-rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst Frank
-neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen
-Verhältnissen sich die beiden Gatten hier aufhielten,
-so ließen sie sich, in ihrem Hôtel angelangt, vor allen
-Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen aufzusuchen
-und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.</p>
-
-<p>Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das
-alphabetisch geordnete und etwas voluminöse Actenstück
-durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels
-fanden sie nirgends angegeben &ndash; nicht in der alphabetischen
-Ordnung, nicht unter den einzelnen Hôtels.
-War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann kam
-er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Adreßbuch stand er nicht. Da fiel, als Trautenau
-noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge zufällig
-auf den Namen »Zu Berg« &ndash; Reuhenfels hatte ja
-&ndash; soviel erinnerte er sich, den Namen »zu Berg« bei
-dem eigenen. &ndash; Das mußte er jedenfalls sein und als
-Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung«
-war Hôtel Kompelt angegeben.</p>
-
-<p>Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem,
-doch jedenfalls verstellten Namen, und das schien erklärlich,
-denn er mochte Ursache haben, sich der Vergangenheit
-zu schämen. Auch der verschnittene Bart
-sprach dafür, der ihn allerdings so entstellte, daß ihn
-selbst Frank niemals unter demselben aufgefunden
-hätte.</p>
-
-<p>Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig
-geworden, etwas mehr von den alten Bekannten
-zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß
-man sich dafür in M&ndash; außerordentlich interessiren
-würde &ndash; und beschlossen deßhalb jedenfalls noch bis
-zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben und
-Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es
-dazu allerdings zu spät geworden.</p>
-
-<p>Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an
-dem Spieltisch gesehen, nicht wieder aus dem Gedächtniß
-bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre verändert
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-&ndash; wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos
-konnte sie allerdings nicht sein, denn sie prangte noch
-immer im höchsten Staat &ndash; aber wohin war der
-gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin
-jene schüchterne Jungfräulichkeit, die er sonst darin
-zu finden geglaubt. Sie war wohl noch schön &ndash;
-oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung
-dabei die Schuld tragen, genug ihm machte es
-den Eindruck, als ob sie jene holde Weiblichkeit verloren
-habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz
-wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn
-im Saal umherwarf, schien weit mehr keck und herausfordernd
-gewesen zu sein als er es gewünscht, und an
-dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er
-erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke
-in der Hand geführt und ein Blatt zum Controliren
-des Spiels neben sich gehabt, &ndash; ganz wie es alte
-Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in
-den wenigen Jahren schon so tief gesunken sein.</p>
-
-<p>Wie ihn die Gedanken quälten &ndash; und er grübelte
-und sorgte sich darüber, bis endlich die Müdigkeit seine
-Augen schloß.</p>
-
-<p>Am andern Morgen war Ernst früh auf. In
-einem Badeort giebt es überhaupt wenig Langschläfer,
-denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die
-<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug
-oft ebenso hübsch, gewöhnlich aber in Wirklichkeit
-noch viel hübscher aussehen, als Nachmittags in allem
-Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus
-um den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen
-sprangen, ergingen sich denn auch schon eine Menge
-Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft ihre
-Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen,
-als ob sie irgend wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit
-wegen solch nichtswürdiges Wasser zu trinken. Aber
-die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch
-nur ihres Vergnügens wegen, unter dem Vorwand
-von Nervenleiden, hierhergekommen waren und das
-eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders
-angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen,
-so durften sie sich doch der Kur nicht entziehen. Es
-hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, daß
-ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen
-Reisespesen vorenthielt, und der Gedanke schon
-war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen trinken.</p>
-
-<p>Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige
-Briefe zu schreiben, die, bei jetzt fest bestimmter
-Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen sollten.
-Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang
-nach dem Kurhaus, um dort erst einmal zu
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen könne.
-Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral,
-um unmittelbar von demselben auf einen lustigen
-Schottischen überzuspringen; aber er suchte unter den
-dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den
-lieben, bekannten Zügen der jungen Frau vergebens.
-Er konnte sie nirgends bemerken. Es gab allerdings
-in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen
-getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, &ndash; möglicher
-Weise, daß sie sich dort irgendwo befand, aber dort
-hinaus konnte er sie in jeder Straße verfehlen, und er
-beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste
-bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich
-einiges Nähere über das Ehepaar zu erfahren.</p>
-
-<p>Clemence befand sich übrigens diesen Morgen
-nicht in dem gewöhnlichen Gedräng der Kurgäste,
-weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt,
-sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das
-Grabmal der verstorbenen Herzogin steht, am Arm
-eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn &ndash; desselben,
-der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am
-Spieltisch gestanden, &ndash; langsam durch das Gehölz.
-Beide schienen auch in ernster und eifriger Unterhaltung
-begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft
-waren, um nicht dann und wann wie scheu den
-<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Blick nach rechts und links zu werfen, als ob sie
-fürchteten beobachtet zu werden.</p>
-
-<p>»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,«
-sagte da die junge Frau. &ndash; »Er wird mit
-jedem Tage roher und unerträglicher &ndash; ein wahrer
-Teufel. Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der
-Gestalt mit auf mein Bild brachte.«</p>
-
-<p>»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,«
-bat da Armand. »Du weißt ja, daß ich
-meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht
-Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr
-Gatte zurück. Dann sinnen wir auf Mittel und
-Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«</p>
-
-<p>»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster,
-»denn gestern Abend noch hat er mir erklärt, daß wir
-in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«</p>
-
-<p>»Und wohin will er sich wenden?«</p>
-
-<p>»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch
-nie sagen, weil er unser Einverständniß ahnt, oder
-doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er scheint
-auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«</p>
-
-<p>»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus &ndash;
-»oh, ich kann Dich nicht verlieren, Clemence, ich würde
-elend mein ganzes Leben werden.«</p>
-
-<p>»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-zu verhindern? Ach, Alles Dir zu Liebe, Armand,
-sag' mir nur wie?«</p>
-
-<p>»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt,
-und ich folge Dir dann in wenigen Tagen
-nach.«</p>
-
-<p>»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau,
-»daß er beabsichtigt, mich weit hinweg zu führen.
-Irgend ein Vergehen muß ihn drücken &ndash; irgend etwas
-muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich
-keine Ahnung habe, denn verschiedene Anzeigen sprechen
-dafür. Nicht umsonst trägt er seinen Bart jetzt so,
-daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat.
-Dann fährt er oft, mitten in der Nacht, von schweren
-Träumen geschreckt, empor. Auch ein Revolver liegt
-fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett,
-als ob er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas
-ist jedenfalls geschehen und er hat auch seitdem nirgends
-Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem
-Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten
-Zeit sprach er sogar manchmal von England und
-Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt
-mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in
-den Wellen ein Ende zu machen.«</p>
-
-<p>»Clemence,« bat sie Armand.</p>
-
-<p>»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-leidenschaftliche Frau &ndash; »aber noch ist es nicht nöthig
-&ndash; noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich fest
-auf Dich verlassen kann.«</p>
-
-<p>»Und zweifelst Du daran, Clemence?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; dann bestimme mir nur einen Ort, wo
-ich Dich erwarten kann und ich reise morgen früh
-allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie
-Kuno glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt
-mich rasch fort von hier und dann&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht,
-als auf mich?« rief Armand, »und er würde mich
-nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du
-auch allein reisen &ndash; es geht nicht.«</p>
-
-<p>»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«</p>
-
-<p>»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die
-überall auffällt, ist leicht verfolgt und wie gesagt, er
-hat hier so viele Späher, daß er mich augenblicklich
-würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so
-wäre unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden
-hier, den Du genauer kennst &ndash; dem Du Dich
-anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf
-eine falsche Spur zu bringen? &ndash; Wir müssen sicher
-gehen oder Alles ist verloren!«</p>
-
-<p>»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig,
-»Niemanden, als jene frechen Spielgenossen Kuno's,
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber niemals
-einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen
-würden. Du kennst sie ja selber.«</p>
-
-<p>»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte
-Armand nach einer kurzen Pause &ndash; »es muß sein &ndash;
-es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben nicht,
-wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger
-wissen sollte.«</p>
-
-<p>»Aber die Zeit drängt &ndash; denke Dir Armand, daß
-es vielleicht schon morgen zu spät ist.«</p>
-
-<p>»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick
-sprechen?«</p>
-
-<p>»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen
-Jahr zum ersten Mal trafen,« sagte Clemence nach
-kurzem Bedenken &ndash; »wenn Kuno heute Abend in das
-Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand
-zurückbleiben. Es wird ihm nicht auffallen, denn ich
-habe es schon öfters gethan, weil mir der zu lange
-Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen
-macht. Ich folge ihm dann gewöhnlich um acht
-Uhr &ndash; Du aber darfst im Saale nicht fehlen &ndash;
-halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen;
-pünktlich zu der Zeit bin ich an der Urne, und werde
-auch heute Abend noch Alles packen, um jeden Augenblick
-bereit zu sein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,«
-sagte Armand herzlich &ndash; »doch noch eine Frage. Hast
-Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu ihm
-müssen wir, damit er das Band, das Dich an den
-rohen Burschen knüpft, wieder löse. Du sagtest mir
-ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen habe.«</p>
-
-<p>»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet
-schienen, veruneinigt. Was da vorgefallen ist,
-weiß ich nicht, aber harte Worte fielen zwischen Beiden,
-und ich durfte, als wir fortreisten, nicht einmal
-von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien
-sich wieder ein Verständniß anzubahnen. Wir waren
-bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte viel geheim
-mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir
-selber vorher ein Wort davon zu sagen, eine Reise machte.
-Er sandte mir nur durch Reuhenfels Botschaft, daß er
-vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten werden,
-und da mein Mann nicht so lange warten wollte,
-fuhren wir an den Rhein in die Bäder &ndash; zuerst nach
-Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt hierher.«</p>
-
-<p>»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder
-in Paris?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht &ndash; ich habe seit der Zeit keine
-Nachricht bekommen, obgleich ich selber dreimal an
-ihn schrieb. Wir wechselten aber den Aufenthaltsort
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen
-sein. Ha! dort kommen Leute &ndash; verlaß mich
-jetzt Armand, wir dürfen nicht zusammen gesehen
-werden.«</p>
-
-<p>»Also heute Abend halb acht Uhr.«</p>
-
-<p>»An der zweiten Urne &ndash; oh, wenn der morgende
-Tag nur erst vorüber wäre,« seufzte sie.</p>
-
-<p>Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen
-Kuß auf ihre bleiche Wange, aber sie entwand sich ihm
-rasch und eilte den Pfad entlang, während Armand in
-die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern
-Weg erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren
-konnte.</p>
-
-<p>In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau
-das Hôtel Kompelt auf. Er konnte ja dort eine
-Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen, dabei gab
-es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der
-Kellner ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die
-untern Räume des Hôtels um diese Tageszeit fast
-immer menschenleer.</p>
-
-<p>Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit
-Nichts in Gottes Welt zu thun, hinaus auf die
-Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung
-mit dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die
-Zeit todt zu schlagen, schien ihm selber erwünscht.
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein Ziel
-los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im
-Allgemeinen, frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre,
-und blätterte in der Kurliste die Namen der dafür
-verzeichneten Gäste auf.</p>
-
-<p>»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich &ndash; »die Familie
-ist mir bekannt, ich möchte wohl wissen, welcher
-Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber
-Auskunft geben, Herr Oberkellner?«</p>
-
-<p>»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit
-Kammerfrau &ndash; einer ganz allerliebsten kleinen Französin
-&ndash; zum Anbeißen sage ich Ihnen.«</p>
-
-<p>»Noch jung?«</p>
-
-<p>»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«</p>
-
-<p>»Nein, ich meine das Ehepaar.«</p>
-
-<p>»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau.
-Nun der Herr mag etwa in den vierzigern sein.
-Die Dame &ndash; auch eine sehr schöne, vornehm aussehende
-Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. &ndash;
-Aber eine unglückliche Ehe.«</p>
-
-<p>»Wirklich?«</p>
-
-<p>»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause
-sind. Der Herr Gemahl scheint etwas eifersüchtiger
-Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott,
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf
-sich eigentlich gar nicht darum bekümmern.«</p>
-
-<p>Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau
-blieb in tiefes Nachdenken versenkt, allein zurück. Still
-nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf &ndash; waren
-ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen
-bestätigt worden &ndash; Arme Clemence! Wie Recht hatte
-er gehabt, als er sie vor dem Menschen warnte, aber
-sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht
-unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was
-konnte er dabei thun? Ihm stand kein Recht zu, sich in
-die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder
-Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt &ndash; daß er
-sie noch liebte? wie kam das in Betracht. Er stand
-auf &ndash; was sollte er auch länger hier in Wiesbaden,
-wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die
-Verlorene jede Stunde verbittert hätte. Er wollte
-noch an dem Mittag fort. Es war das Beste was er
-thun konnte.</p>
-
-<p>Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und
-trat in die Thür, als er heftige Stimmen auf dem
-Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame,
-die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer
-Sprache mit einander unterhielten, und er verstand eben
-nur noch die letzten Worte der Dame, die deutlich sagte:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir
-zu, daß ich von diesem Augenblick an&nbsp;&ndash;« Sie schwieg
-plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. &ndash; Es war
-Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das
-aber rasch Farbe bekam, als ihr Blick auf den, im
-Moment erkannten jungen Maler fiel.</p>
-
-<p>Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er
-es lieber vermieden hätte, Clemence zu begegnen, blieb
-ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben gerade aus,
-und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er
-mußte sogar grüßen, denn der jungen Frau Blick
-haftete starr, ja fast wie ersteckt auf ihm. Er zog den
-Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu
-haben, wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau
-auf ihn besinnen mochte. Nur unwillkürlich griff er
-ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal nach
-ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe
-hinauf, der Dame voran.</p>
-
-<p>Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch
-einmal den Blick nach ihm zurück. Sie stieg auch die
-Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie
-dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie
-stehen und wieder drehte sie den Kopf, und als sie
-fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie gebannt,
-an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas
-<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Weißes, an ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel,
-wo es liegen blieb. Aber sie bückte sich nicht danach,
-und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.</p>
-
-<p>Was war das? &ndash; ein Zeichen für ihn? Trautenau
-konnte es sich nicht erklären, denn schien es
-denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches hinterlassen
-würde? Aber er wußte wenigstens daß dort
-etwas liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie
-irgend etwas nur zufällig verloren, und er konnte es
-ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.</p>
-
-<p>Der Major wie Clemence waren schon oben im
-Gang verschwunden, und mit wenigen Sätzen sprang
-Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen,
-noch warmen Handschuh &ndash; mit einer Visitenkarte
-darin, auf welcher, in kaum lesbar feiner Schrift der
-Name Clemence zu Berg <i>née</i> de Joulard stand. Aber
-sonderbar &ndash; die Karte war oben am Rand sechsmal
-eingerissen.</p>
-
-<p>Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg
-seine Beute rasch in der Hand und wollte das Hôtel
-verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank sprechen,
-wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch
-gekommen, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte.</p>
-
-<p>»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an
-ihm vorüberschritt, indem er mit dem Daumen über
-<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?« Damit
-blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte
-sich seine Serviette unter den Arm und verschwand
-damit in der Küche.</p>
-
-<p>Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber
-er begegnete dem Freund schon unterwegs, der eben
-seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch
-ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während
-er mit ihm die Straße hinabschritt, das Begebniß der
-letzten Stunde sowohl, wie das, was er von dem
-Kellner über die beiden Gatten gehört.</p>
-
-<p>»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de
-Joulard &ndash; eine kleine Eitelkeit &ndash; und sechs Risse
-darin.«</p>
-
-<p>»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«</p>
-
-<p>»Sie können, ja &ndash; aber ich glaube es nicht. Frau
-von Reuhenfels sieht mir nicht so aus, als ob sie etwas
-zufällig thut.«</p>
-
-<p>»Aber was können sie bedeuten?«</p>
-
-<p>»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl &ndash;
-also sechs, und das kann wieder nur sechs Uhr sein.
-Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«</p>
-
-<p>»Das ist nicht denkbar.«</p>
-
-<p>»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-nicht denkbar, noch dazu wenn sie einen Tyrannen zum
-Gemahl hat.«</p>
-
-<p>»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben
-haben, oder ihr Mann müßte mehr als ein Teufel sein.«</p>
-
-<p>»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau
-gekannt, und nur <i>par distance</i> angebetet, und dann
-weiß man auch in der That nicht, was Alles in der
-Zeit kann vorgefallen sein.«</p>
-
-<p>»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine
-Hülfe.«</p>
-
-<p>»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so
-gehst Du der Dame entschieden aus dem Weg. Wir
-wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten,
-und wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt
-erfahren werden. Hat sie Streitigkeit, oder lebt sie in
-Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf sich da
-natürlich kein Fremder hineinmischen &ndash; ich wenigstens
-möchte dafür danken. Und dann, was könntest Du ihr
-auch helfen? Also folge mir, alter Freund. Heute
-Nachmittag halb drei oder drei Uhr &ndash; ich weiß es
-nicht genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten
-Züge nach Frankfurt und nach Köln ab.
-Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze Du Dich
-in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig
-allein ausessen, was sie sich dazumal eingebrockt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-»Meine arme Clemence.«</p>
-
-<p>»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,«
-sagte Frank, »denn Du hast gar keine Ahnung davon,
-in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich
-ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«</p>
-
-<p>»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«</p>
-
-<p>»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M&ndash;
-fest auf übermorgen angezeigt und reichlich noch einen
-halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu thun.
-Ich kann nicht länger bleiben.«</p>
-
-<p>Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken
-neben dem Freund her. Er war unschlüssig, was er
-thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte ihm
-wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein
-Herz drängte ihn doch immer wieder, der zu dienen,
-die lange Jahre hindurch nicht allein sein Ideal von
-Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden
-gewesen war. Er konnte sich den Glauben an sie
-wenigstens nicht so rasch erschüttern lassen.</p>
-
-<p>»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach
-Köln?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut.
-»Ich weiß es wahrhaftig noch nicht, Frank.«</p>
-
-<p>»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame
-durch Dein Bleiben einen Gefallen zu erzeigen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder
-begegnen. Nur aus der Ferne möchte ich sie noch
-einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll
-nachher maßgebend für mich sein.«</p>
-
-<p>»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte
-da Frank, »es ist ein ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort:
-Wer nicht hören will muß fühlen, und Du
-scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte
-er herzlich hinzu, »mach' den kleinen Umweg über
-Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein
-Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen
-zurück, und wollte zu Gott, wir hätten dies verdammte
-Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«</p>
-
-<p>»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle
-Streiche machen würde. Du darfst mir mehr zutrauen.«
-Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der
-Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That
-wissen, was er selber zu thun hatte, und Beide schritten
-jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um wenigstens die
-letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank
-redete dem Freund allerdings selbst noch auf dem
-kurzen Weg nach dem Bahnhof ernstlich zu, wenigstens
-das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden
-und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst
-war aber recht einsylbig geworden, denn die bezeichnete
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn Clemence
-nun wirklich nach ihm verlangte? &ndash; Wohl mußte er
-sich dabei sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder
-nützen könne &ndash; er wollte ja auch nur Gewißheit darüber
-haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle &ndash; daß
-seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann
-wieder kam das Bild der Frau dazwischen, wie er sie
-gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn er sie
-dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt
-hatte! Am Ende war es das Beste, er folgte Frank's
-Rath. Hätte er nur seine Sachen bei sich gehabt, er
-würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte
-er keine Zeit mehr.</p>
-
-<p>»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er
-ihm aber noch in das Coupé hinein, »ich werde gewiß
-vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige Wirklichkeit
-nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt,
-ich werde mir eine noch bitterere Täuschung ersparen,
-und die Dame nicht besuchen, sondern den Handschuh
-einfach unten im Hotel abgeben.«</p>
-
-<p>»Und versprichst Du mir das wirklich?«</p>
-
-<p>»Hier hast Du meine Hand darauf.«</p>
-
-<p>»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur
-noch die Liebe und mach' daß Du so rasch als möglich
-nach Köln hinunter kommst.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug
-that den ersten Ruck &ndash; Ernst reichte dem Freund noch
-einmal rasch seine Hand, dann zog sich die lange Kastenreihe
-am Perron hin, immer rascher rollten die
-Räder, und wenige Minuten später zeigte nur noch in
-weiter Ferne eine dichte weiße Dampfwolke, welche
-Richtung der davonbrausende Zug genommen.</p>
-
-<p>Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber
-es litt ihn jetzt nicht zwischen den Häuserreihen. Er
-wollte hinaus in's Grüne, um dort noch ein paar
-Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch
-ein Zug nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann
-blieb er dort die Nacht im Rheinischen Hof, und fuhr
-am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten Boot
-den schönen Strom hinab.</p>
-
-<p>Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen
-den gefundenen Handschuh im Hotel abzugeben,
-und nur die Karte zum Andenken zu behalten,
-aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich
-freilich selber nicht eingestehen, doch zögerte er damit
-bis zur sechsten Stunde. Er war dabei fest entschlossen,
-Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja
-auch dem Freunde versprochen, aber &ndash; er wollte doch
-einmal sehen, ob die sechsmal eingerissene Karte
-wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen
-<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-harmlosen &ndash; wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm
-in die Hand gespielt sei.</p>
-
-<p>Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall
-gewesen sein. Je mehr er darüber nachdachte, desto
-mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen?
-&ndash; Wie wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch
-einen Entschluß zu fassen, oder gar gleich danach zu
-handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo
-sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh
-auf die Treppe fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in
-Anspruch genommen haben. Nein, so durchtrieben war
-Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen,
-um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde
-jedenfalls über ihn gelacht, oder sich auch vielleicht gar
-beleidigt gefühlt haben, daß er sie, einer solchen
-Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht
-aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht
-gegeben, war er doch jetzt fest entschlossen, die Rückgabe
-des Handschuhs durch einen Kellner zu erledigen.</p>
-
-<p>Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang
-immer und ausschließlich mit Clemence
-beschäftigte. Er passirte einige Punkte von denen man
-eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal
-hatte, aber er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge
-blieb allein auf den Weg geheftet, und fast, ohne sich
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte
-er doch immer wieder in einem größeren Bogen zu
-der Stadt zurück, um eben die sechste Stunde im
-Hotel nicht zu versäumen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Achtes Kapitel.</span></span><br />
-
-Das Wiedersehen.</h3>
-
-
-<p>Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag,
-wirklich pünktlich. Die Uhren schlugen gerade an, als
-er schräg über denselben hin, dem Hause zuschritt. Er
-beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht
-irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben
-entdecken könne &ndash; aber vergebens. Es zeigte sich
-Niemand und nur in der ersten Etage waren in einer
-Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von
-unten natürlich nicht bemerken konnte, ob irgend
-Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte das
-auch ihn &ndash; Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht
-einmal im Hause nachfragen, in welcher Etage die
-Herrschaft wohne, um den gefundenen Handschuh abzugeben,
-&ndash; weiter Nichts, und das war ja in wenigen
-Secunden geschehen. Dann ginge er nach Hause,
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-packte seinen Koffer und verließ Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.</p>
-
-<p>Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen
-die Treppe herunter, das in großer Eile zu sein schien.
-Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den leichten
-Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben
-damit rechts gegen den Speisesaal wenden, als ihm
-das Mädchen den Weg dorthin abschnitt, oder vielmehr
-direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem
-Dialect sagte:</p>
-
-<p>»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da
-tragen, hier im Haus gefunden, mein Herr?«</p>
-
-<p>»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich
-war auch eben im Begriff ihn wieder abzuliefern.
-Kennen Sie ihn?«</p>
-
-<p>»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das
-ihn nahm und betrachtete, »er gehört meiner gnädigen
-Frau.«</p>
-
-<p>»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und
-sagen Sie ihr, daß ich mich&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen?
-No.&nbsp;5. in der ersten Etage. Sie brauchen nur anzuklopfen.«</p>
-
-<p>»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-Kleinigkeit wegen zu stören,« meinte Ernst und wollte
-sich abwenden.</p>
-
-<p>»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,«
-erwiderte fast ärgerlich die junge und wie es schien
-ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage,
-daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie
-doch getrost hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher,
-Monsieur. Einer von meinen Landsleuten wäre
-schon lange die Treppe hinauf.«</p>
-
-<p>Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb
-ja kein Zweifel mehr, daß die Einrisse in der Karte
-ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte er eine
-directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich
-sein Wort gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen,
-aber that er denn das jetzt? nein, die Dame
-selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den
-Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen
-gewesen, dem nicht Folge zu leisten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»No.&nbsp;5?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe
-&ndash; die dritte Thür. Sie können gar nicht fehlen.«</p>
-
-<p>Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem
-bezeichneten Zimmer. &ndash; Wie ihm das Herz schlug.
-Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein
-nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und
-<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-wie er die Thür öffnete, stand Clemence mitten im
-Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen.</p>
-
-<p>»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich,
-»daß Sie alte Freunde nicht vergessen haben.«</p>
-
-<p>»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn
-er wußte sich die Anrede nicht zu erklären, da er im
-Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein Freund,
-sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt
-worden. Er nahm aber die dargereichte Hand,
-zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und sagte dann
-befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen
-Ihr Eigenthum zurückzuerstatten, das ich heute Morgen
-hier im Haus zufällig fand. Ich hätte auch nicht
-gewagt selber&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Clemence winkte ihm mit der Hand.</p>
-
-<p>»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem
-Gefühl &ndash; »lassen Sie alle Entschuldigungen; uns
-bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten sind
-mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß
-ich auf eine frühere &ndash; glückliche Zeit zurückkommen
-&ndash; ich war Ihnen früher nicht gleichgültig.«</p>
-
-<p>»Clemence!« rief Trautenau bewegt.</p>
-
-<p>»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence
-ab &ndash; »ich fühlte es, aber es war zu spät und mein
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die
-Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen &ndash; mich
-selber darin halten. Aber ich habe es Ihnen nicht
-vergessen, daß Sie damals der einzige Freund waren,
-der es wagte mich zu warnen, &ndash; wenn ich auch der
-Warnung nicht mehr folgen konnte.«</p>
-
-<p>»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau.</p>
-
-<p>»Wär' ich&nbsp;&ndash;« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt
-ist es zu spät,« fuhr sie lebendiger fort, &ndash; »zu spät
-wenigstens, um das Geschehene wieder gut zu machen,
-wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil &ndash; um
-dem Schlimmsten vorzubeugen, und Sie sind der einzige
-Freund, den ich hier habe. Wollen Sie mir
-helfen?«</p>
-
-<p>»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,«
-rief der junge Mann, der in dem Augenblick Frank's
-sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen
-hatte. »Sagen Sie mir nur wie &ndash; was ich thun
-soll.«</p>
-
-<p>»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine
-Sclavin behandelt,« fuhr Clemence fort, »hat die Absicht
-mich nach England und von da nach Amerika zu
-schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen
-Händen, denn ich habe da keinen Freund mehr, der
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen schützen
-könnte.«</p>
-
-<p>»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt.</p>
-
-<p>»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und
-nur eine Rettung giebt es für mich &ndash; Flucht!«</p>
-
-<p>»Aber wohin? &ndash; zu wem?« rief Trautenau erschreckt,
-denn in dem Augenblick wäre er in der größten
-Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen
-wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich
-ihm schon der Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte.</p>
-
-<p>»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber &ndash;
-»ich habe Mittel genug zu unserer Flucht und auch ein
-Ziel &ndash; ich will zu meinem Vater zurück, der in Paris
-wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber
-ich darf nicht allein in die Welt hinaus &ndash; ein armes
-schwaches Weib; ich brauche die Stütze eines starken
-Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur
-ein klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu
-»oh so helfen Sie ihr zur Rettung aus diesem furchtbaren
-Elend&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge
-Maler, seiner Sinne kaum mehr mächtig bei den verführerischen
-Tönen, »was es auch ist &ndash; ich stehe
-Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.«</p>
-
-<p>»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-seine Hand wieder ergriff und ihn mit einer Thräne
-im Auge ansah, »und Dank &ndash; tausend Dank dafür,
-lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur
-That,« setzte sie lebendiger hinzu &ndash; »denn alles Weitere
-besprechen wir unterwegs. Sind Sie zur Abreise
-gerüstet?«</p>
-
-<p>»Jeden Augenblick.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; heute Abend ist es nicht mehr möglich.
-Ich muß jetzt in das Kurhaus oder Reuhenfels würde
-mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. &ndash;
-Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich
-ab &ndash; Reuhenfels steht nie vor sieben Uhr auf und
-weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken. Er
-wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück
-zurück bin, keinen Verdacht schöpfen.«</p>
-
-<p>»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«</p>
-
-<p>»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs
-&ndash; jetzt fort, daß um Gotteswillen Niemand Verdacht
-schöpft oder Alles ist verloren. Sie begleiten mich nur
-bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir
-soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme
-meines Vaters. &ndash; Und noch eins &ndash; besuchen Sie
-heute Abend das Kurhaus nicht &ndash; mein Mann hat
-Sie erkannt. &ndash; Nicht gleich als wir Ihnen begegneten,
-wenn ihm auch Ihr Gesicht bekannt vorkam,
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er
-schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.«</p>
-
-<p>»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau.</p>
-
-<p>»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete
-sogar, daß Sie nur in eifersüchtigem Neid eine
-solche unwürdige Rache an ihm genommen, und bedauerte,
-die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben,
-um Sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen.«</p>
-
-<p>»Bah, was kann er thun?«</p>
-
-<p>»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und
-wollte sogar nach Ihrer Wohnung gehen, nach der er
-sich auf der Polizei erkundigte &ndash; aber glücklicher
-Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt
-er nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls
-hartnäckig die Verfolgung wieder aufnehmen, und er
-ist furchtbar in seiner Rache.«</p>
-
-<p>»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau
-ruhig, »und wenn es nicht Ihretwegen wäre, möchte
-ich ihn wirklich lieber erwarten.«</p>
-
-<p>»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und
-zu Grunde richten?«</p>
-
-<p>»Nein, Clemence &ndash; nein!« rief Trautenau rasch,
-»Sie haben mein Wort, und beim ewigen Gott, ich
-halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das
-junge schöne Weib gerührt und weich, &ndash; »ich vertraue
-Ihnen ganz &ndash; Sie werden mich nicht verlassen. Aber
-nun auch fort &ndash; ich habe schon zu lange gezögert, denn
-wenn Reuhenfels nur im Geringsten mißtrauisch
-werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen Sie,
-lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen
-früh, ehe der Zug abgeht, drei Billette nach Bieberich
-bereit &ndash; ich nehme meine Kammerfrau mit mir.
-Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind
-darin weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu
-finden.«</p>
-
-<p>Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied,
-die er rasch an seine Lippen drückte &ndash; dann drängte
-sie ihn selber freundlich der Thür zu und Ernst fühlte,
-als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen
-Füßen.</p>
-
-<p>In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch
-dies erste Gefühl der Aufregung und des Entzückens
-einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er
-konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei,
-einen nicht allein außergewöhnlichen, sondern auch
-ziemlich tollen Streich zu begehen. Er wollte eine
-Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er
-auch Muth genug besaß, die Rache des Betrogenen
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-nicht zu fürchten, so konnte er doch auch nicht gut umhin,
-die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu
-überdenken.</p>
-
-<p>Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth
-als früher liebe, das fühlte er jetzt klar und deutlich.
-Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten Jahren bekämpft
-zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und
-heute, wie er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber
-stand und ihre Blicke so lieb und gut auf ihm
-hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft
-frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen
-empor. &ndash; Aber sie war nicht mehr frei &ndash; sie war
-vermählt, und ließ es sich denken, daß der Major,
-durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt
-und beleidigt, je selber und freiwillig das Band
-lösen würde, das sie an ihn fesselte &ndash; und was dann?</p>
-
-<p>Daß er sich selber einen Hausstand gründen und
-eine Frau ernähren könne, wußte er; daß er an Clemence's
-Seite den Himmel auf Erden finden würde,
-davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und
-wenn sie auch in Glanz erzogen und dabei verwöhnt
-sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles leicht
-überwinden lassen. &ndash; Und Clemences Vater? &ndash;
-Nur der Gedanke an diesen blieb ihm peinlich, denn
-sein Bankerott damals war, nach Allem, was er darüber
-<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu
-offenkundige und freche Schwindelei gewesen, um sich
-darüber auch nur noch im Entferntesten einer Täuschung
-hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere
-Verwandschaft treten? &ndash; Aber was konnte Clemence
-dafür? Trug sie die Schuld des Verbrechens? wahrlich
-nicht, und von dem gestohlenen Gelde wollte und
-brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte,
-frei und unabhängig von irgend Jemandem sich seinen
-Lebensunterhalt auch selber zu erwerben.</p>
-
-<p>Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese
-Dinge den Kopf, wo es ja vor Allem galt, die Geliebte
-aus den Händen eines rohen und tyrannischen Gatten
-zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber.
-Lieber Gott, er wollte sie ja nur glücklich wissen, und
-wenn er dann auch noch Jahrelang auf ihren Besitz
-harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst
-die Heimath verlassen mußte, um in einem fernen
-Welttheil das Glück zu suchen, das ihm hier starre
-Formen und Gesetze verweigerten.</p>
-
-<p>Während er sich so in Gedanken um das Wohl
-der Geliebten absorgte, schritt Clemence zu dem Kurhaus
-hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern
-auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von
-ihrer Kammerfrau begleitet, in voller Toilette, aber
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie hatte
-nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen
-drinnen in der Stadt die Uhren die für das Rendezvous
-bestimmte Stunde.</p>
-
-<p>Armand war eben so pünktlich gewesen als sie.
-Um jedoch auf der noch immer sehr belebten Promenade
-keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr
-förmlich und achtungsvoll, und schritt dann, während
-sich die Kammerfrau tactvoll einige Schritte zurückzog,
-neben ihr her.</p>
-
-<p>»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das
-unbeachtet geschehen konnte, zu, »eben habe ich einen
-Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht schon
-morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da
-die Zwischenzeit so kurz ist, haben wir auch keine Gefahr
-weiter zu fürchten. Benutze jetzt die erste Gelegenheit,
-Geliebte, und erwarte mich dann in St.&nbsp;Goarshausen
-im goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels
-aber einen Brief, worin Du ihn auf eine falsche
-Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich
-folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die
-Nachforschungen, die er genöthigt ist anzustellen, aufgehalten
-werden und ich bin dann vielleicht schon den
-nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch
-daran denken, in einem so kleinen abgelegenen Nest
-<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort Zeit und
-Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.«</p>
-
-<p>»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence
-rasch.</p>
-
-<p>»Wen?« frug der junge Mann erstaunt.</p>
-
-<p>»Einen alten Bekannten aus M&ndash;, einen braven
-jungen Künstler, der früher einmal für mich geschwärmt
-hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu
-und ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst
-erweisen zu können.«</p>
-
-<p>»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand,
-dem der Gedanke, einen früheren Anbeter mit
-seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so
-ganz angenehm war.</p>
-
-<p>»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,«
-erwiderte sie. »Er erwartet mich morgen früh um
-sechs Uhr am Bahnhof.«</p>
-
-<p>»So früh willst Du fort?«</p>
-
-<p>»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat
-mich heute Nachmittag aufgefordert, meine Koffer zu
-packen und jeden Augenblick zur Abreise bereit zu
-sein.«</p>
-
-<p>»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein
-Begleiter ist ein Deutscher?«</p>
-
-<p>»Gewiß!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-»Und heißt?«</p>
-
-<p>»Trautenau &ndash; ein Maler.«</p>
-
-<p>»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major
-als Teufel auf dem Ofenschirm.«</p>
-
-<p>»Derselbe.«</p>
-
-<p>»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das
-nur Deinem Gatten beibringen könnte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm
-zurücklasse, schreiben. Er hat Trautenau gestern selber
-gesehen und war schon früher eifersüchtig auf ihn.«</p>
-
-<p>»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz
-falschen Fährte und Richtung und wir sind vollkommen
-sicher.«</p>
-
-<p>»Dort ist das Kurhaus &ndash; Du mußt mich jetzt
-verlassen! Reuhenfels wird schon zürnen, daß ich so
-lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«</p>
-
-<p>»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl
-und schlenderte dann langsam nach dem anderen Tisch
-hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt setze.«</p>
-
-<p>»Also auf Wiedersehen, Armand &ndash; o wie mir das
-Herz klopft, wenn ich an die Zeit denke.«</p>
-
-<p>»Und Du vergißt den Ort nicht?«</p>
-
-<p>»St.&nbsp;Goarshausen &ndash; im goldenen Rosse.«</p>
-
-<p>»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus
-hüllend, eilte sie jetzt, so rasch sie konnte, dem ganz
-nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während ihr
-die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und
-dann umdrehte, um nach Hause zurückzukehren. Sie
-hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu besorgen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Neuntes Kapitel.</span></span><br />
-
-Verfolgend und verfolgt.</h3>
-
-
-<p>Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment,
-als vor dem Kurhaus wieder (eine ganz merkwürdige
-Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes
-Gebäude) der Choral begann, läutete draußen am
-Bahnhof die Glocke, die Locomotive pfiff und in einem
-Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere
-drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem
-schönen Strom hinab, der Freiheit entgegen.</p>
-
-<p>Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett
-und schlief sanft, denn er war gestern sehr lange mit
-Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas
-schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich.
-Es mochte halb acht Uhr sein, als er endlich aufstand,
-denn die in sein Zimmer fallenden Sonnenstrahlen
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte
-sich dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich
-damit zum Fenster hinaus, um die wundervolle Morgenluft
-zu genießen &ndash; aber er bekam Appetit nach
-dem Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo
-blieb nur Clemence heute?</p>
-
-<p>Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte
-gestern Abend wieder ein paar hundert Thaler verloren
-und doch gerade auf Glück gehofft, auch schmeckte
-ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback
-heute Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich,
-daß die Frau noch nicht zurückkam, und klingelte
-nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam
-und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem
-kleinen, aber freundlichen Gemach auf und ab, als
-sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke stehenden
-Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen
-Brief bemerkte. Er nahm ihn und las die Adresse,
-aber das Herz stand ihm still dabei, denn die Aufschrift
-lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt
-&ndash; Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem
-Major von Reuhenfels, und das war die Handschrift
-seiner Frau.</p>
-
-<p>Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete
-Blatt auseinander und las, während seine Augen
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Feuer sprühten und seine Zähne sich fest zusammenbissen:</p>
-
-<p class="ci">»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände
-fallen, bin ich frei von einer verhaßten und unerträglich
-gewordenen Verbindung. Versuchen Sie nicht,
-mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund
-wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in
-erster Liebe schlug &ndash; ich werde nie wieder von seiner
-Seite weichen. Meine Mutter wird das Geschäftliche
-mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich
-in unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie
-wohl.</p>
-
-<p class="ci si">Clemence Joulard.«</p>
-
-<p>Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor
-Wuth und Schreck und Staunen über das noch Unbegreifliche
-&ndash; aber das dauerte nicht lange. Er war
-wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig
-und geduldig über sich ergehen zu lassen, und wie er
-nur erst wieder denken und überlegen konnte, fuhr er
-auch wild und entschlossen empor.</p>
-
-<p>»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er
-höhnisch vor sich hin &ndash; »hoho Madame. Sie haben
-sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie mir
-entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt
-war es von Ihnen gehandelt, mir den Schurken zu
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-bezeichnen, der es gewagt hat, in meine Rechte einzugreifen.
-Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen
-Farbenschmierer der &ndash; aber alle Teufel!« unterbrach
-er sich plötzlich rasch, indem ein neuer Gedanke sein
-Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? &ndash; Sie ist bei Gott
-schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene
-Pfeife in die Ecke und beendete in Hast
-seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem Stubenmädchen,
-um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf
-ihrem Zimmer wäre. Das Mädchen kam nach wenigen
-Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei heute
-Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof
-gefahren und noch nicht zurückgekehrt.</p>
-
-<p>»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den
-Zähnen durch und war wenige Minuten später zum
-Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte
-er hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen
-Zimmer er ohne Weiteres hinaufsprang.</p>
-
-<p>Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete.
-Die Thür war verschlossen und fast zitternd vor
-Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.</p>
-
-<p>»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?«
-rief er hier mit heiserer Stimme.</p>
-
-<p>»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche
-<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Portier. »Monsieur kamen etwas spät nach Haus
-und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel ist
-wenigstens nicht unten.«</p>
-
-<p>»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand
-geantwortet.«</p>
-
-<p>»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«</p>
-
-<p>»Er ist nicht oben.«</p>
-
-<p>»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich
-müßte ja doch sonst den Schlüssel hier haben, wenn der
-Herr ausgegangen wäre.«</p>
-
-<p>Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und
-wiederholten ihr Pochen, als von drinnen eine Stimme
-antwortete:</p>
-
-<p>»Wer ist da?«</p>
-
-<p>»Machen Sie auf, Armand.«</p>
-
-<p>»Es ist nicht verschlossen &ndash; kommen Sie doch
-herein.«</p>
-
-<p>Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete
-sich in der That und der Major fand den jungen
-Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst aus
-festem Schlaf erwacht.</p>
-
-<p>Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa
-sagen sollte: »Sehen Sie wohl, daß ich Recht gehabt?«
-zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in welchem
-die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-aber jetzt wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen
-frühen Besuch entschuldigen sollte, denn was vorgefallen,
-mochte er gerade diesem Mann nicht eingestehen.</p>
-
-<p>»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem
-Bett emporrichtend, »was zum Henker führt Sie denn
-mit Tagesgrauen zu mir?«</p>
-
-<p>»Tagesgrauen &ndash; es ist fast neun Uhr.«</p>
-
-<p>»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen,
-aber das letzte Glas Grog, das wir gestern Abend zusammen
-tranken, hat mir den Rest gegeben. Und womit
-kann ich dienen?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden
-einen deutschen Maler Namens Trautenau
-kennen.«</p>
-
-<p>»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich
-heute in aller Frühe ein Bild bei ihm bestellen?«</p>
-
-<p>»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels,
-und er mußte sich in der That Mühe geben, die
-furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, zu
-verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie
-gestört habe, aber da ich gerade hier vorbei ging, fiel
-es mir ein, Sie zu fragen.«</p>
-
-<p>»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer
-warten,« sagte Armand, »so komme ich hinunter
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in unglaublich
-kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn
-ich habe Ihrer Frau Gemahlin gestern Abend versprochen,
-ihr heute Morgen eine Photographie von
-Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«</p>
-
-<p>»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz,
-»meine Frau ist &ndash; überdies wieder mit einer Freundin
-spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt nicht
-einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« &ndash;
-und ohne sich in eine weitere Unterhandlung einzulassen,
-eilte er rasch nach Hause, raffte, was er zu
-einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte
-seine Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er
-ging auf den Bahnhof hinaus, um dort nur eine
-Spur von der Flüchtigen zu bekommen.</p>
-
-<p>Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen
-einzuziehen, denn die eine Bahn führte nur nach Bieberich,
-von wo dann zwei verschiedene Geleise &ndash; eines
-stromauf, eines stromab &ndash; auszweigten. Wie aber
-sollte er sich dort, in dem Gewirr von Fremden,
-nach der Flüchtigen erkundigen &ndash; von wem sollte er
-Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter
-nach Mainz und Frankfurt kannte er freilich und dort
-war Hoffnung, denn dieser kannte auch seine Frau und
-konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich
-deshalb auch gar nicht in Wiesbaden selber mit Fragen
-auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich abgehenden
-Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich
-zu erreichen. Der kleine Handkoffer, den er bei
-sich führte, enthielt auch ein paar vortreffliche Duell-Pistolen
-und er war fest entschlossen, Gebrauch von
-ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen
-mochte. Hegte er ja doch jetzt einen doppelten Haß
-gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich nicht
-entgehen.</p>
-
-<p>In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich
-an die Casse und seine erste Frage war:</p>
-
-<p>»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann
-freundlich. »Frau Gemahlin waren da, &ndash; drei
-Billette genommen, glaub' ich &ndash; zwei oder drei: ich
-weiß es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber
-Gott, das ist jeden Morgen solch ein Gedränge &ndash;
-waren aber selber an der Casse.«</p>
-
-<p>»Und wer war bei ihr?«</p>
-
-<p>»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte
-der Mann achselzuckend; »das wimmelte nur so heute
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den
-Augenblick wieder.«</p>
-
-<p>»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat
-einschreiben lassen?«</p>
-
-<p>»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? &ndash;
-nach Mainz nahm sie Billette. Ich weiß es noch
-genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen, &ndash; ja wir hatten uns verabredet,
-eine Vergnügungstour zu machen. Wann geht
-der Zug nach Mainz ab?«</p>
-
-<p>»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, &ndash; sobald
-der nach Coblenz gehende hereinkommt, und signalisirt
-ist er schon.«</p>
-
-<p>»Gut, &ndash; bitte um ein Billet zweiter Classe
-Mainz.«</p>
-
-<p>Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen,
-bis die Abfahrt des Zuges angezeigt werden würde,
-mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren Gedanken
-nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als
-er plötzlich seinen Namen hörte.</p>
-
-<p>»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen?
-Ja, die Saison geht jetzt zur Neige und da
-ziehen unsere Schwalben wieder fort!«</p>
-
-<p>Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn
-von Plauen, dessen flüchtige Bekanntschaft er in Wiesbaden
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-gemacht und der auf ihn zukam und ihm die
-Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in
-der Stimmung, sich mit irgend einem Fremden zu unterhalten,
-mochte aber auch nicht unhöflich sein und
-sagte nur ausweichend:</p>
-
-<p>»Ja &ndash; aber nicht ganz &ndash; nur eine kleine Vergnügungstour.«</p>
-
-<p>»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere
-Herr, »habe sie heute Morgen schon gesehen.«</p>
-
-<p>Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte
-den Fremden den wahren Stand der Sache nicht
-ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als es
-ihm irgend möglich war:</p>
-
-<p>»Ja &ndash; wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz
-vorausgefahren.«</p>
-
-<p>»Nach Mainz? &ndash; ih bewahre,« rief Herr von
-Plauen, »sie saß ja im Coblenzer Zug.«</p>
-
-<p>»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt,
-»das ist ja gar nicht möglich. Sie hat Billete nach
-Mainz genommen.«</p>
-
-<p>»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte
-Herr von Plauen, »aber ich weiß es zu gewiß, denn in
-dem nämlichen Coupée in welchem sie mit einem
-Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine
-mir befreundete Familie, der Assessor Hörich mit
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar Secunden
-vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon
-reichte.«</p>
-
-<p>»Und meine Frau war darin?«</p>
-
-<p>»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt
-worden, und ich weiß nicht einmal, ob sie mich
-kennt &ndash; bezweifle es sogar, aber die Dame ist nicht zu
-verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall
-Aufsehen. Sie sah wieder reizend heute Morgen aus.«</p>
-
-<p>»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren
-sein kann?«</p>
-
-<p>»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es
-giebt zahllose Zwischenstationen &ndash; aber sie wird
-jedenfalls auf dem ersten Halteplatz wieder ausgestiegen
-sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen
-Zug gerathen ist.«</p>
-
-<p>»Jedenfalls &ndash; jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut
-&ndash; »aber &ndash; was ich Sie gleich noch fragen
-wollte &ndash; Passagiere für eine bestimmte Station
-werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan.
-Wohin fuhr jener Herr &ndash; der Assessor sagten Sie,
-glaub' ich &ndash; heute Morgen?«</p>
-
-<p>»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St.&nbsp;Goarshausen.
-Sie haben dort Verwandte, die sie erst auf
-einen Tag besuchen wollen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«</p>
-
-<p>»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,«
-meinte Herr von Plauen, der den Ausruf
-ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen
-Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen
-zu viele Züge, mit denen man sich immer rasch wieder
-helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten,
-kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder
-zurück.«</p>
-
-<p>»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet
-sich sonst am Ende nicht zurecht.«</p>
-
-<p>»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen,
-sie haben ein merkwürdiges Geschick darin, sich irgendwo
-festzufahren. Es war ganz das nämliche im vorigen
-Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour
-nach&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels &ndash; »da
-kommt schon der Zug nach Coblenz und ich muß mir
-erst noch ein Billet lösen.«</p>
-
-<p>»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort
-&ndash; »jetzt wird erst der Zug nach Mainz expedirt und
-der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«</p>
-
-<p>»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch
-erst mein Gepäck hier unterbringen. &ndash; Guten Morgen
-lieber Plauen; herzlichen Dank für die Nachricht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-»Bitte &ndash; bitte &ndash; sehr gern geschehen. Freut mich
-nur der gnädigen Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen
-habe. Bitte mich gehorsamst zu empfehlen.«</p>
-
-<p>Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu
-und eilte dann rasch an die Casse, um dort ein Billet
-für St.&nbsp;Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte
-Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb
-sich jetzt gleich &ndash; an einen Irrthum seiner Frau
-glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war jetzt
-nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen
-oder in St.&nbsp;Goarshausen zu erfragen.</p>
-
-<p>Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum
-mit dem Zug Wiesbaden verlassen, als drei sehr anständig
-gekleidete Herren in Civil, mit einem etwas
-militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm
-frugen, und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der
-Herr Baron heute Morgen einen Ausflug &ndash; aller
-Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.</p>
-
-<p>»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren
-wird?«</p>
-
-<p>Der Oberkellner zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,«
-sagte er, »aber die gnädige Frau hat ihren Koffer und
-anderes Handgepäck schon vor Sonnenaufgang hinunterschaffen
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-lassen, was allerdings auf einen längeren
-Ausflug deutet.«</p>
-
-<p>»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«</p>
-
-<p>»Sehr unbedeutend &ndash; die Herrschaften zahlen
-hier im Hôtel immer jede Woche ihre Rechnungen,
-und der Herr Baron hat die seinige erst gestern berichtigt.
-Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn
-er hat noch eine Menge von Sachen oben.«</p>
-
-<p>Die fremden Herren erwiederten nichts weiter,
-sondern schritten zusammen auf den Platz hinaus, unterhielten
-sich aber dabei sehr angelegentlich in französischer
-Sprache miteinander.</p>
-
-<p>»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als
-sie sich außer Hörweite des Kellners wußten &ndash; »daß
-wir auch nicht ein paar Stunden früher hier eintreffen
-konnten. Was nun?«</p>
-
-<p>»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei
-brauchen wir aber nichts zu beeilen,« meinte der Andere,
-»denn der nächste Zug geht erst in zwei Stunden.
-Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine
-Sachen stehn, und es wäre der Mühe werth, die indessen
-zu untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir
-nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren &ndash;
-vielleicht erhalten wir eine günstige Rückantwort, und
-dann visitiren wir das Nest da oben.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten
-sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs
-Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen
-der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam
-beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:</p>
-
-<p>»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol
-mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich;
-das ist der geheime französische Agent, der sich hier
-immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als
-ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt
-bekümmerte &ndash; und ob der Halunke nicht Alles weiß
-was vorgeht &ndash; Einer mußte ein Fremder sein, aber
-der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier &ndash; die
-rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn
-hinter dem Baron her sein? &ndash; wäre nicht übel, so
-ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens
-einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der
-jetzt steckt. &ndash; Oder hat er vielleicht gar selber Wind
-bekommen? &ndash; Na dann können sie schnüffeln, denn
-der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß
-Bescheid.« &ndash; Und mit diesen Gedanken ging er, sich
-wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche
-Morgenbeschäftigung &ndash; d.&nbsp;h. er setzte sich vor das
-große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.</p>
-
-
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-<span class="subheader"><span class="ge">Zehntes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Entführung.</h3>
-
-
-<p>So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem
-Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd
-auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung,
-in welcher sie sich befand, kaum Herr werden
-konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von
-ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte,
-denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.
-Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche
-Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in
-Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte,
-ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während
-Trautenau die wirklichen Billete nach St.&nbsp;Goarshausen
-nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt,
-wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den
-Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen
-hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte
-Fährte setzte.</p>
-
-<p>Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos
-ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden
-Fahrt das ziemlich große Dorf St.&nbsp;Goarshausen,
-einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.</p>
-
-<p>Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen
-und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch
-zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé
-wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn
-sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer
-Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es
-war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das
-Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen
-Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken
-mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden,
-was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal
-in St.&nbsp;Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden
-Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels,
-der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei,
-von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf
-den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde
-veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl
-den Norden als Süden im Auge behalten konnte.
-Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so
-mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang
-es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier
-aus die französische Grenze zu erreichen.</p>
-
-<p>Clemence schien auch in St.&nbsp;Goarshausen bekannt,
-denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten,
-ein paar Träger, um ihre Sachen in das
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch
-keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings
-ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas
-abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in
-früherer Zeit &ndash; gerade dem Gemeindehaus gegenüber,
-den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum
-Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient
-zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz
-anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten
-Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden,
-hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen
-Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines
-gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die
-alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die
-Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört
-von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten«
-Schoppen trinken wollten.</p>
-
-<p>Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That
-vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der
-Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten,
-hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet
-dort leben können.</p>
-
-<p>Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die
-Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte
-zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden
-Mädchen &ndash; denn einen Kellner schien es
-im goldenen Roß gar nicht zu geben &ndash; ihnen das
-Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich
-verzehren wollten.</p>
-
-<p>Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er
-hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence
-unter vier Augen gehabt &ndash; so Vieles war es ja, was
-sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das
-gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja
-herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt
-wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau
-selber entschuldigte sie aber darin &ndash; es wäre unnatürlich
-gewesen, wenn sie sich anders gezeigt &ndash; unweiblich
-wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation
-doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen,
-wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber
-nachzudenken, würde das anders &ndash; besser werden,
-und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz
-sich selber zu überlassen.</p>
-
-<p>Jeannette war dabei das wahre Muster einer
-Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht
-und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich
-kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten.
-Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig,
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken
-beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte
-Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen.
-Trautenau war allerdings fest entschlossen,
-Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten,
-wie aber sollte er dort dem Mann, den er
-überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner
-Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand
-entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch
-nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die
-lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen
-Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal
-ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden
-suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere
-&ndash; vergaß er sich selbst. Aber als er wieder
-allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge
-&ndash; und noch viele andere &ndash; wieder und wieder durch
-den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.</p>
-
-<p>Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung
-zwingen, wie er Clemence zum ersten Mal in Wiesbaden
-gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle,
-den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter
-ihrem Stuhl. &ndash; Er konnte den Blick nicht vergessen,
-den sie ihm einmal &ndash; gerade als sein Auge zufällig
-auf ihr haftete, zugeworfen &ndash; aber wenn ihr Mann
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-sie nun gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und
-es gab eigentlich nichts Natürlicheres, denn er konnte
-die junge Frau in einem solchen Badeort doch nicht
-den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. &ndash;
-Aber der Blick &ndash; dieser eine Blick. &ndash; Doch wie ungerecht
-war sein Verdacht, denn wenn sie zu jenem
-auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung
-stand, so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen
-Beistand bei ihrer Flucht gebeten, und sich nicht an
-den vollkommen Fremden gewandt. &ndash; Fremden? &ndash;
-nein, sie hielt ihn nicht für fremd &ndash; sie wußte ja
-ihren eigenen lieben Worten nach &ndash; wie lange er sie
-schon im Herzen getragen, und da sie das wußte und
-gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch
-auch ein klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan
-haben. Wie gern hätte er sich auch mit ihr ausgesprochen;
-aber die verwünschte Kammerzofe ging ihr
-nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes
-kokettes Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der
-That, mit einem kleinen kecken Stumpfnäschen und
-großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie
-auch eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer
-so viel und geheimnißvoll mit Clemence? &ndash; Die
-Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer Vertrauten
-gemacht? &ndash; es war ihm das ein peinlicher
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-Gedanke. Aber er sah auch recht gut ein, daß sie eine
-weibliche Begleitung haben mußte und für die kurze
-Zeit mochte es denn ja auch gehen.</p>
-
-<p>Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch
-recht altväterlich gebauten Hause wurde ihm zuletzt
-drückend, und er beschloß, einen Spaziergang nach der
-Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er
-Clemence um ihre Begleitung gebeten; aber er wagte
-es nicht. Es war heute der erste Tag, und er mußte
-ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen.
-Sie blieben ja auch jedenfalls morgen noch
-hier, und dann erfüllte sie gewiß seinen Wunsch. Dann
-konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm auf
-dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß
-das erst morgen geschah; er fühlte sich dann auch selber
-mehr mit sich im Reinen. Der morgende Tag sollte
-deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch
-wirklich.</p>
-
-<p>Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor,
-der hinauf zu der alten prachtvollen Ruine führte &ndash;
-aber er traf zu viel Menschen unterwegs &ndash; Kinder
-aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den
-Wundern des Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen
-Wein dazu zu trinken. Er fühlte sich heute
-wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-und schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen
-Platz suchte, auf dem er ungestört ausruhen und mit
-dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich das
-prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.</p>
-
-<p>So lag er lange und träumend dicht versteckt im
-Gehölz, und wenn manchmal einzelne Gruppen von
-Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden
-Pfad stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so
-konnte er deutlich hören, was sie mit einander sprachen,
-ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber was
-interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute
-sprachen sich mit schaalen Phrasen über die Schönheit
-der Gegend aus oder zeigten sich von da oben aus die
-Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten
-sie auch von der Eisenbahn, daß der letzte, von
-Mainz kommende Zug entgleist und dicht vor Rüdesheim
-liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft
-wäre und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei
-würde &ndash; dann gingen sie weiter und bedauerten noch
-dabei, daß sie nun wahrscheinlich das »Frankfurter
-Journal« nicht erhielten.</p>
-
-<p>Der Zug entgleist? &ndash; aber was kümmerte ihn
-das? Es konnte höchstens nur zu ihren Gunsten sein,
-da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen
-Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-jedenfalls erschwert wurde. &ndash; Aber die Zeit verging,
-er wußte gar nicht wie lange er schon gelegen und die
-Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er
-denn auch seine Schützlinge so lang allein lassen?
-Konnte er wissen, was indessen da unten vorfiel? Wenn
-nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang,
-erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er
-konnte, in die Stadt zurück, um sich wenigstens darüber
-erst einmal zu beruhigen. Aber die Befürchtung war
-glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort
-Alles noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur,
-daß die Damen, wie es schien, mit dem Essen auf ihn
-gewartet hatten.</p>
-
-<p>»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die
-ihm auf der Treppe begegnete &ndash; »wo bleiben Sie so
-lange? Wir haben gewartet und gewartet und Monsieur
-vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der
-Stadt dinirt. Wir sind so hungrig, daß wir es kaum
-noch aushalten können.«</p>
-
-<p>»Das bedaure ich in der That unendlich« rief
-Trautenau bestürzt, aber doch auch im Stillen erfreut,
-daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte ich
-eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine
-Stunde früher gekommen. Haben Sie das Essen schon
-bestellt?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu
-bringen, sowie wir die Nachricht Ihrer Ankunft erhielten.
-Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie
-nur hinauf zur gnädigen Frau.«</p>
-
-<p>Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er
-mußte doch erst hinüber in sein Zimmer, um sich von
-der Hitze und dem Staub seines langen Spazierganges
-zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette
-schon wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen
-aus dem Wirthshaus eben emsig beschäftigt die bestellten
-Speisen aufzutragen. Wie er sich aber nun gegen
-Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen
-wollte, unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:</p>
-
-<p>»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein,
-lieber Trautenau, wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt
-haben. Wir haben hier Nichts zu versäumen
-und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier
-am offenen Fenster ein paar Stunden zu plaudern,
-oder vielleicht auch einen kleinen Spaziergang im
-Mondenschein am Rhein zu machen. &ndash; Aber bitte,
-wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p>
-
-<p>Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte
-Clemence noch nie zu ihm gesprochen, selbst nicht als
-sie ihn um seine Hülfe bat &ndash; aber die Kammerjungfer
-war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet;
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn
-sie sich auch hie und da im Zimmer zu thun machte,
-wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort
-bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht
-erhielt er aber am Abend bei dem versprochenen Spaziergang
-Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich sie
-ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein
-paar höflichen Worten erwidernd, setzte er sich mit den
-Damen zu Tisch.</p>
-
-<p>Es war in der That spät geworden und die Sonne
-selbst schon untergegangen. Trautenau mußte aber
-während des Essens von seinem Spaziergang erzählen
-und that das in so lebendiger Weise, daß Clemence
-ihm gespannt und aufmerksam lauschte.</p>
-
-<p>Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich
-zwei Mal an die Thür und Jeannette fuhr entsetzt
-von ihrem Stuhl empor &ndash; Niemand antwortete &ndash;
-noch einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den
-augenscheinlichen Schrecken auch in Clemencens Zügen
-nicht erklären konnte, ärgerlich über die Störung
-»Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die
-Thür und in dem Dämmerlicht des Abends erkannte
-die kleine Gesellschaft den Major, der höhnisch lächelnd,
-mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit
-den Augen überflog.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner
-trockenen, aber unheimlich klingenden Stimme, denn
-die erregte Leidenschaft lauerte dahinter &ndash; »sollte mir
-wirklich leid thun Madame &ndash; <i>et Monsieur aussi</i> &ndash;
-da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich
-bei einander.«</p>
-
-<p>»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der
-entsetzt von seinem Stuhl aufgesprungen war.</p>
-
-<p>»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf
-ihren Stuhl zurückgesunken. Selbst Jeannette wechselte
-die Farbe, obgleich sie für sich selber wenig oder
-nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber
-an dem Schrecken, den seine Erscheinung unter den
-Flüchtigen verbreitete, mit fast teuflischer Schadenfreude
-zu weiden und selbst in der Ueberraschung des Augenblicks
-drängte sich Trautenau der Gedanke auf,
-daß der Major noch nie im Leben dem Bilde, das er
-an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen wäre,
-wie in diesem Augenblick.</p>
-
-<p>Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und
-Rache, die in des betrogenen Gatten Augen blitzten,
-mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor
-Wuth heiserer Stimme sagte er endlich:</p>
-
-<p>»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame,
-und mein Verdacht, den ich als gutmüthiger Thor
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber
-Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen &ndash;
-bitter bereuen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und
-daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte ich denken
-&ndash; gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der
-Sie es gewagt haben, in das Heiligthum einer glücklichen
-Ehe die frevle Hand zu stecken. Ich weiß nicht,
-ob Sie ein Mann von Ehre sind &ndash; was ich bis jetzt
-davon gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür &ndash;
-wenn dem so ist, so folgen Sie mir in ein anderes Zimmer,
-daß wir das Nöthige dort besprechen können.«</p>
-
-<p>»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief
-Trautenau, dessen Antlitz bei den beleidigenden Worten
-alles Blut verlassen hatte &ndash; »wo und wann Sie
-wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der
-Letzte sein dürfen, einen rechtschaffenen Mann an seine
-Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube ich, werden
-wohl fortan unnöthig sein.«</p>
-
-<p>»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß
-und Bosheit, denn die Anspielung des jungen Mannes
-auf sein vergangenes Leben war zu deutlich gewesen
-um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie,
-Madame, werden dies Zimmer nicht verlassen, bis ich
-zurückkehre, um Ihnen meine weiteren Befehle kund
-zu thun.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von
-ihrem Stuhl emporfahrend &ndash; Reuhenfels würdigte
-sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie
-gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das
-Zimmer, während Trautenau seinen Hut ergriff, um
-ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort des Abschieds
-konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt
-und zitternd vor Aufregung schritt er auf sie zu und
-ergriff ihre Hand.</p>
-
-<p>»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise
-und rasch &ndash; »so lange ich lebe haben Sie einen
-Freund, der Sie nicht verlassen soll.«</p>
-
-<p>»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence &ndash; »er
-trifft mit der Pistole eine Schwalbe im Flug.«</p>
-
-<p>»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte
-Trautenau trotzig, »ich schieße rasch und sicher. Noch
-ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit wieder zu
-geben.«</p>
-
-<p>»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat
-das junge schöne Weib, jetzt wirklich furchtbar ergriffen,
-»ach, ich habe es nicht um Sie verdient!« und
-Thränen glänzten dabei in ihren Augen.</p>
-
-<p>»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau
-jubelnd aus, denn diese Thränen waren ihm der erste
-Beweis ihrer Liebe &ndash; »Du weinst um mich, Clemence,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-und so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein
-Gott! er wird mir nicht die höchste Seligkeit des
-Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von
-der Erde zu nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes
-Wiedersehen.« &ndash; Sie stürmisch in die Arme pressend,
-drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie er
-jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff
-eines ganzen Bataillons mit nackter Brust
-jauchzend entgegen gerannt.</p>
-
-<p>Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.</p>
-
-<p>»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür,
-die in einen jetzt leer stehenden düsteren Saal hineinführte.
-»Es ist allerdings schon etwas dunkel, aber zu
-dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein
-Licht.«</p>
-
-<p>Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich
-zudrückend, fuhr der Major mit halblauter und jetzt
-vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:</p>
-
-<p>»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt,
-denn von dem Moment an, wo ich entdeckte, welchen
-frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich es
-mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes
-sein sollte. In Wiesbaden entschlüpften Sie mir
-freilich. &ndash; Sie wissen selber am Besten wie, jetzt
-hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-erledigen, ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen
-doch gern eine Erläuterung dazu geben, was es heißt,
-»den Teufel an die Wand malen.«</p>
-
-<p>»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen,
-Herr Major,« erwiderte Trautenau kalt. »Ich
-werde Ihnen dann auch beweisen können, daß ich
-Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie
-sich auszudrücken belieben, sondern nur, um eine Frau
-von der teuflischen Tyrannei&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch
-der Major, »wir wollen nicht mit Worten,
-sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es
-freilich dafür zu dunkel &ndash; ich konnte leider nicht früher
-eintreffen, da der Zug entgleiste und ich das nächste
-Dampfboot benutzen mußte, um heute Abend noch den
-Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen
-früh neun Uhr von hier wieder stromauf gehen kann,
-bleibt es sich gleich, und wir können das Tageslicht
-abwarten, um unsern &ndash; wie ich jetzt vermuthen muß
-&ndash; beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am
-anderen Ufer bekannt?«</p>
-
-<p>»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen
-längere Zeit dort. Aber weshalb?«</p>
-
-<p>»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren
-muß, möchte ich unser Geschäft im Preußischen erledigt
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an der
-Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner
-offener Platz.«</p>
-
-<p>»Ich erinnere mich.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; sein Sie dort morgen früh eine halbe
-Stunde nach Sonnenaufgang, Waffen bringe ich mit.
-Haben Sie einen Secundanten?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; ich kenne Niemanden hier.«</p>
-
-<p>»Ich habe viele Officiere heute Abend in St.&nbsp;Goarshausen
-gesehen. Sie werden leicht einen der Herrn
-dazu bewegen können.«</p>
-
-<p>»Ich denke ja.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt
-Ihnen der ganze Abend dazu, da Ihre weitere Anwesenheit
-im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch
-nicht mehr verlangt wird. Für Madame werde ich
-selber sorgen. Sie kommen gewiß?«</p>
-
-<p>»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,«
-sagte Trautenau finster, »ich hoffe der Erste auf dem
-Platz zu sein.«</p>
-
-<p>»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels
-sarkastisch, »ich werde Sie nicht lange warten lassen.«</p>
-
-
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-<span class="subheader"><span class="ge">Elftes Capitel.</span></span><br />
-
-Die Entscheidung.</h3>
-
-
-<p>Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein
-hinab zu gehen. Wenn er aber auch sonst friedlicher,
-fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen nur
-als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der
-er nie im Leben einen ernstlichen Gebrauch erwartete,
-so konnte er jetzt kaum den anderen Morgen erwarten,
-wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als
-seinen ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens
-Kuß brannte ihm ja noch auf den Lippen, und er fühlte,
-daß Einer von ihnen Beiden &ndash; Reuhenfels oder er,
-die Erde räumen müsse &ndash; es war nicht Platz darauf
-für Beide.</p>
-
-<p>Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein
-hinab, und es dauerte nicht lange bis er zwei nassauische
-Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein
-spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen
-vortrug. Er war vollkommen fremd hier und
-hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine
-Ehrensache auszumachen &ndash; ob ihn Einer der beiden
-Herren dabei unterstützen wolle?</p>
-
-<p>»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-»Trautenau &ndash; ich bin Maler, und nur zum
-Besuch an den Rhein gekommen.«</p>
-
-<p>»Und wo ist das Rendezvous?«</p>
-
-<p>»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde
-hier morgen früh etwas vor Sonnenaufgang ein Boot
-bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang
-an Ort und Stelle sein müssen.«</p>
-
-<p>»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort
-&ndash; »mein Name ist von Klingen &ndash; haben Sie
-Waffen?«</p>
-
-<p>»Mein Gegner wollte sie besorgen.«</p>
-
-<p>»Pistolen oder Säbel?«</p>
-
-<p>»Pistolen.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen
-mitbringen, die Herren können dann wählen &ndash;
-aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in
-Stand zu setzen.«</p>
-
-<p>Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau
-wanderte noch schweigend und seinen Gedanken
-nachhängend in die Nacht hinaus.</p>
-
-<p>Er dachte an Frank und was der zu dem Allen
-sagen würde, wenn er es erfuhr. Der hatte ihn wohl
-genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln,
-als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner
-Stelle, nicht genau so benommen haben? Arme
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden
-Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für
-ihr ganzes Leben? Doch ihr Schicksal lag ja in Gottes
-Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch Alles
-zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige
-Sorgen machen, die ihn nur weich stimmten und entmannten.
-Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an
-die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu
-siegen.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf
-und in seinen Kleidern. Einen Schiffer hatte er sich
-noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit
-seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls
-pünktlich ein, und schon näherten sie sich dem anderen
-Ufer, als die ersten Strahlen der Morgensonne die
-höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie
-durften sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und
-auch noch vor dem Gegenpart das Rendezvous erreichen
-würden, denn daß dieser schon vor ihnen aufgebrochen
-sei, ließ sich nicht gut denken.</p>
-
-<p>Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön
-und klar, und der Thau blitzte von allen Zweigen und
-Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war
-nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn
-er ging einen ernsten, schweren Weg, und wer wußte
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken auf diese
-Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet
-oder todt wieder zurück zum Ufer trugen. &ndash; Doch gewaltsam
-schüttelte er alle diese Gedanken ab &ndash; er
-durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger
-Wunsch war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu
-finden, um &ndash; was sie zu erledigen hatten, so rasch als
-möglich abzumachen.</p>
-
-<p>Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch
-leer: nur die Vögel zwitscherten in den benachbarten
-Büschen und ein Zug Krähen strich krächzend von dem
-einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.</p>
-
-<p>»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er
-den Platz überschaute.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten
-haben,« erwiederte Trautenau, »er versprach, pünktlich
-auf dem Platz zu sein.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer
-Zeit, aber desto besser; es ist immer ein unangenehmes
-Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu
-finden.«</p>
-
-<p>Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und
-schritt, die Arme verschränkt, auf dem kleinen offenen
-Raum auf und ab, &ndash; aber Reuhenfels ließ lange auf
-sich warten, &ndash; höher und höher stieg die Sonne, und
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-als der Secundant wieder und wieder auf seine Uhr
-sah, rief er endlich aus:</p>
-
-<p>»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens
-schon drei Viertel Stunden hinter seiner Zeit.
-Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«</p>
-
-<p>»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu
-zweifeln, und begreife es selber nicht. Ob er am
-Ende kein Boot bekommen hat?«</p>
-
-<p>»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte.
-Zwischen den beiden Orten wechseln ja die Boote fortwährend
-herüber und hinüber. Das kann ihn nicht
-zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen
-bestimmt?«</p>
-
-<p>»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«</p>
-
-<p>»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch.
-Wir wollen noch eine halbe Stunde warten, dann sind
-wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären jetzt
-schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau,
-und wieder schritten die beiden Männer eine Zeitlang
-schweigend auf und ab, aber es erschien Niemand, ja
-noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar
-lautes Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft
-von Reisenden, die auf die Ruine gestiegen waren und
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der Nachbarschaft
-machen wollten.</p>
-
-<p>»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier,
-indem er seinen kleinen Pistolenkasten unter den Arm
-nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre übernommene
-Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und
-jedem Gesetz der Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist
-&ndash; aus welchem Grunde auch immer &ndash; ausgeblieben.
-Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken,
-denn ich fange an hungrig zu werden.«</p>
-
-<p>Zwischen den Büschen wurden in der That schon
-die hellen Gestalten der Spaziergänger sichtbar; sie
-durften hier gar nicht länger bleiben, wenn sie nicht
-auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an
-seines Begleiters Seite um die Ruine herum, damit
-sie den Fremden nicht mit dem Pistolenkasten in den
-Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels
-nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten
-haben konnte; denn wie auch immer sein Charakter
-sein mochte, für feige hielt er ihn nimmermehr.</p>
-
-<p>Unten in St.&nbsp;Goar angelangt, bestellten sie rasch
-ein Boot und setzten sich indessen in eines der
-nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn
-der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld
-gepeinigt, wäre allerdings am liebsten gleich
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-nach St.&nbsp;Goarshausen zurückgekehrt, aber der Officier
-ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit,
-noch eine Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der
-ihm geleisteten nicht versagen.</p>
-
-<p>Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder
-über den Strom hinüber, ihrem Ziel entgegen, und
-Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße trugen, in
-das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines
-Wortbruchs wegen zur Rede zu stellen.</p>
-
-<p>Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere
-Scene zugetragen, die allerdings das Ausbleiben des
-Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen persönlichen
-Muth betraf, vollkommen entschuldigte.</p>
-
-<p>Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag
-aufgestanden und fertig zum Aufbruch, sah seine Pistolen
-noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem
-Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in
-die Tasche schieben konnte, aus einem größeren, und
-hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch liegen,
-damit er den richtigen Moment nicht versäume.</p>
-
-<p>Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte
-die Stiefeln der verschiedenen Gäste, als die Hausthür
-geöffnet wurde und ein Fremder &ndash; zu so früher
-Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-Hausknecht an, »ist gestern Abend oder in der Nacht,
-wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß angekommen,
-der zu einem paar Damen gehört?«</p>
-
-<p>»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der
-Mann &ndash; »No.&nbsp;11«.</p>
-
-<p>»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen
-darf?«</p>
-
-<p>»Na, wie soll er aussehn &ndash; wie andere Fremde
-auch.«</p>
-
-<p>»Trägt er einen Bart?«</p>
-
-<p>»Ja, einen Backenbart glaub' ich &ndash; ein Bischen
-breit.«</p>
-
-<p>»Aber keinen Schnurrbart?«</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen
-Barbier fragen.«</p>
-
-<p>Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück
-in die Hand, was dieser mit äußerstem Erstaunen
-betrachtete.</p>
-
-<p>»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? &ndash; der Tag
-fängt gut an.«</p>
-
-<p>»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen,
-wie?« frug der Fremde weiter.</p>
-
-<p>Der Hausknecht nickte &ndash; »Ja und die Beiden
-haben sich mit einander gezankt,« erzählte er, denn der
-Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, &ndash; »sie waren
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-zusammen im großen Saal allein, und wie ich den
-fremden Herrn heute Morgen weckte, und ihm Licht
-ansteckte, hatte er einen offenen Pistolenkasten vor
-seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«</p>
-
-<p>»So? &ndash; das war der Letztgekommene?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«</p>
-
-<p>»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben,
-denn sonst hätte ich ihn nicht vor Tag zu wecken
-brauchen.«</p>
-
-<p>»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«</p>
-
-<p>Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit
-dem Kopf, &ndash; »ne, das ist der Andere.«</p>
-
-<p>Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers
-zurück, bis Trautenau das Haus verlassen hatte;
-dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und blieb
-dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er
-leise auf einem kleinen Instrument und es dauerte
-nicht lange, so traten auch vier andere Männer in die
-Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei
-trug.</p>
-
-<p>»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der
-Fremde jetzt, zu diesem gewandt, »denn was ich eben
-von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen Zweifel.
-Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete
-der Polizeibeamte, &ndash; »kennen Sie ihn persönlich?«</p>
-
-<p>»Allerdings, &ndash; Herr von Reuhenfels, der sich in
-Wiesbaden »zu Berg« nannte, ist eine zu allbekannte
-Persönlichkeit, und war jeden Abend in der Spielbank
-zu treffen &ndash; ebenso wie seine schöne Frau.«</p>
-
-<p>»Und was wird mit der Dame?«</p>
-
-<p>»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir
-werden sie nicht belästigen.«</p>
-
-<p>Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.</p>
-
-<p>»Das ist auf No.&nbsp;11,« rief der Hausknecht, &ndash; »ich
-soll ihm den Kasten hinunter zum Wasser tragen.«</p>
-
-<p>»Gut &ndash; gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte.
-»Wir sind hier um den Herrn zu verhaften.
-&ndash; Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie verpflichtet,
-uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«</p>
-
-<p>»Ja wohl &ndash; gewiß.«</p>
-
-<p>»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten
-Sie in die schlimmste Lage kommen, lieber Freund.«</p>
-
-<p>»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht;
-der Herr da oben schien aber ungeduldig, denn eben
-klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker
-als vorher.</p>
-
-<p>»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in
-<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-eben nicht besonderer Laune, »na ja,« murmelte er
-dabei &ndash; »hier unten einen Gulden gekriegt und da
-oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.«
-&ndash; Als guter Deutscher hatte er aber viel zu großen
-Respect vor der Polizei, um irgend einen anderen Gedanken,
-als den unbedingten Gehorsams zu hegen.
-Was ging ihn auch der Fremde auf No.&nbsp;11 an, daß er
-sich seinetwegen hätte in böse Händel verwickeln lassen.
-Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das
-Zimmer und ließ die Thür angelehnt.</p>
-
-<p>»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm
-einmal den Kasten und komme mit mir zum Flußufer
-hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«</p>
-
-<p>»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«</p>
-
-<p>»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr
-zu versäumen &ndash; komm rasch.«</p>
-
-<p>»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen
-müssen, Herr Major von Reuhenfels,« sagte in
-diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des französischen
-Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels
-erinnerte oft in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er
-auch wohl nie eine Ahnung von seiner Function hatte.
-Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier
-andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen
-Raum, während sich der Hausknecht vor das Fenster
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus zu verhindern.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und
-sein scheuer Blick verrieth deutlich genug, daß er kein
-reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht auf
-&ndash; ich habe eine Ehrensache abzumachen.«</p>
-
-<p>»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der
-Beamte mit schneidender Kälte, »betrifft keine Ehrensache,
-sondern einen Bubenstreich &ndash; ja vielleicht eine
-Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß
-diesmal der Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«</p>
-
-<p>»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.</p>
-
-<p>»Im Namen Sr.&nbsp;Majestät des Kaisers der Franzosen
-wegen Anklage auf Mord und Raub, wie anderer
-geringfügiger Vergehen.«</p>
-
-<p>»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher,
-aber Todtenblässe deckte seine Züge und der
-scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht nach
-einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht
-geladen und dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben
-ihm die Polizeibeamten keine Zeit mehr, sich lange zu
-bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder
-nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen,
-und obgleich er sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte,
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-fand er sich doch machtlos in der Hand der fünf baumstarken
-und gewandten Männer. Seine Kraft war
-auch gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und
-plötzlich getroffen und zähneknirschend ergab er sich
-endlich in sein Schicksal.</p>
-
-<p>Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings
-noch einmal seine Frau zu sprechen, der Beamte erklärte
-aber strengen Befehl zu haben, keine Unterredung
-weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er
-wußte überdies, daß ihm die Dame entflohen sei, und
-also keine Gefühlsrichtung diesen Wunsch hervorgerufen
-hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres,
-mit Allem was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden
-befindlichen Sachen waren schon mit Beschlag belegt)
-in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und
-dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus
-weiter erfuhren, was mit ihm geschah.</p>
-
-<p>Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom
-anderen Ufer zurück. Schon unten in der Hausflur
-erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die
-Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen
-Herrn, der jedenfalls ein großes Verbrechen
-begangen haben müsse, denn als man ihn auf die
-Bahn gebracht, habe er Handschellen angehabt.</p>
-
-<p>»Und die Damen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth,
-»und wartet, glaube ich, auf den nächsten Zug, oder
-das nächste Boot &ndash; die andere ist mit einem jungen
-Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr
-fortgeschafft wurde, oder etwa eine Stunde später, an
-Bord des zu Thal gehenden Bootes gefahren. Der
-Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben,
-als Sie heraufkamen.«</p>
-
-<p>Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im
-Kreise herum ging. &ndash; Eine der Damen hatte das
-Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen &ndash; aber
-es war doch nicht möglich &ndash; nicht denkbar, daß Clemence&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen
-hinauf, die zu der oberen Etage führten. Dort lag
-das Zimmer, in welchem Clemence wohnte &ndash; Er
-klopfte leise an.</p>
-
-<p>»<i>Entrez!</i>« lautete der ziemlich lebhaft gegebene
-Ruf, und als er die Thür öffnete, bemerkte er Jeannette,
-eben im Begriff, ihren Koffer zu packen, wie sie
-mitten in der Stube stand.</p>
-
-<p>»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge
-Mädchen, indem sie auf ihn zuflog und seine Hand
-ergriff &ndash; »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön,
-das ist brav von Ihnen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau,
-der das Alles noch gar nicht fassen konnte, »wollen Sie
-mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen ist, denn
-der Wirth unten scheint mir verrückt &ndash; die ganze
-Welt muß wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es
-am Ende selber.«</p>
-
-<p>»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber
-unter Thränen aus &ndash; »man hat Ihnen die Wahrheit
-gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«</p>
-
-<p>»Clemence ist wirklich fort?«</p>
-
-<p>»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«</p>
-
-<p>»Mit dem Franzosen?«</p>
-
-<p>»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr,
-denn der gnädige Herr hätte mich umgebracht,
-wenn er es erfuhr &ndash; telegraphiren mußte. Solch'
-ein Undank ist noch gar nicht dagewesen.«</p>
-
-<p>»Sie haben ihm telegraphirt?«</p>
-
-<p>»Jawohl &ndash; für die gnädige Frau, und heute
-Morgen, wie er ankommt, entläßt sie mich aus ihrem
-Dienst und reist allein mit ihm ab.«</p>
-
-<p>»Clemence?«</p>
-
-<p>»Nun versteht sich &ndash; mit dem ersten Boot, das
-stromab kam, sind sie fort. Ich habe sie selber an's
-Ufer begleitet.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand
-schon früher?«</p>
-
-<p>»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene
-Unbill. »Das Ganze war eine abgekartete
-Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies
-Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«</p>
-
-<p>»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu
-Muthe, als ob ihn Jemand mit eiskalter Hand sein
-Herz gefaßt und zerdrückt hätte &ndash; »also eine abgekartete
-Sache &ndash; und ich selber&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene,
-gefährliche Kokette. Sie wären verloren gewesen,
-wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«</p>
-
-<p>»Wahrhaftig?«</p>
-
-<p>»Was ich Ihnen sage &ndash; diesen Armand liebt sie
-wie rasend. Mit Ihnen hat sie nur ihr Spiel getrieben,
-weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht
-ihres Gatten ablenkte.«</p>
-
-<p>»In der That?«</p>
-
-<p>»Und mich &ndash; die mit solcher Treue und Aufopferung
-an ihr hing, jetzt mit so schmählichem Undank zu
-lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«</p>
-
-<p>Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das
-Zimmer verlassen, als ihn Jeannette zurückhielt.</p>
-
-<p>»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-»Ich? &ndash; oh, Nichts, ich darf Madame natürlich
-nicht mehr belästigen, und denke auch gar nicht daran.
-Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«</p>
-
-<p>»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem
-sie ihn bittend ansah &ndash; »wollen Sie mich, ein armes,
-unbeschütztes Mädchen hier allein in dem fremden
-Land zurücklassen?«</p>
-
-<p>»Hat Sie Madame auch um Ihren &ndash; Lohn betrogen?«</p>
-
-<p>»Nein das nicht &ndash; Monsieur Armand ist reich; er
-war generös.«</p>
-
-<p>»Und was verlangen Sie noch von mir?«</p>
-
-<p>»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte
-Frauen allein reisen läßt?«</p>
-
-<p>»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau,
-dem diese kaum versteckte Zumuthung doch ein wenig zu
-stark schien, &ndash; »Sie haben der gnädigen Frau getreu
-geholfen und beigestanden &ndash; es war an ihr, Sie
-dafür zu belohnen. Sie werden von mir hoffentlich
-nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier ihrer Kammerfrau
-aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen
-anderen Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine
-angenehme Reise&nbsp;&ndash;« und sich abwendend schritt er
-aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der
-Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen &ndash; diese
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-Menschen von Holz!« &ndash; Aber er war geheilt &ndash; vollständig
-geheilt von seiner tollen Leidenschaft, und als
-er etwa drei Wochen später nach M&ndash; zurückkehrte,
-konnte er Frank sein Abenteuer &ndash; oder vielmehr seine
-Kette von Abenteuern mit lachendem Munde erzählen.</p>
-
-<p>Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in
-M&ndash; einen Artikel aus einer französischen Zeitung ab
-&ndash; einen Criminalfall, der für M&ndash; besonderes Interesse
-hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen,
-eines Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt
-worden war, seinen Schwiegervater, einen geborenen
-Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er
-früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben,
-in Paris ermordet, und in einem Keller vergraben
-zu haben. Er hatte das Verbrechen eingestanden
-und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen
-werden konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe
-verurtheilt worden.</p>
-
-<p>Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich,
-daß sie als Madame Armand irgendwo in Frankreich
-lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie &ndash; er hatte
-ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich
-nachdem er nach M&ndash; zurückkehrte, zerstört, aber mit
-desto größerer Vorliebe zeichnete und malte er sich in
-seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-an die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit
-dem Verstand durchgehen wollte, bedurfte es nur eines
-Blickes auf das Bild, um all die alten, fast begrabenen
-Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit
-war denn auch jede Gefahr beseitigt, denn er hatte sich
-den Teufel als Schutzengel an die Wand gemalt.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-<span class="ge">Booby-island.</span><br />
-
-<span class="subheader">Australische Skizze.</span></h2>
-
-
-<p>Wenn der Leser die Karte von Australien in die
-Hand nimmt, so sieht er, daß im Norden dieses Welttheils,
-zwischen Australien und der großen Insel Neu-Guinea,
-eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch
-außerdem mit zahlreichen Punkten &ndash; nichts als bösartige
-Klippen &ndash; gesprenkelt erscheint. In der That füllen
-eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln
-diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne
-Passagen mit kaum fünf oder sechs Faden tiefem Fahrwasser
-ziehen sich hindurch und müssen von den Schiffen
-sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber,
-wenn sie aus dem Stillen in den Indischen Ocean
-wollen, durch die Meerenge ein tüchtig Stück Weg abschneiden,
-so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei
-ruhigem Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht
-eben viel Gefahr dabei.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade
-an der Einfahrt, besonders von Osten her, wo die
-Passage nicht so leicht zu finden ist, stürmisches Wetter
-einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an
-jenen sogenannten <i>barrier-reefs</i> (Riffbarrière) gescheitert,
-und die Mannschaft hat sich, wenn sie nicht
-gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren Booten
-retten müssen.</p>
-
-<p>Einmal erst in der Meerenge &ndash; welche die Torresstraße
-genannt wird &ndash; und die Boote haben auch
-in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen
-Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe
-die schwere Dünung vollständig abhalten. Sie befinden
-sich in der Meerenge selber in ruhigem glatten
-Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall,
-auf denen sie selbst landen können. Freilich bieten
-diese Inseln auch gar Nichts weiter als eben Land,
-und nur einige der größten haben dürftige Quellen.
-Zu gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den
-meisten sehr delikate, dattelähnliche Früchte, die wie
-unsere deutschen Pflaumen aussehen, und mit denen
-und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten
-sich Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.</p>
-
-<p>Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese
-Früchte nicht reif sind, und haben sie &ndash; wenn sie
-<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-rasch von Bord flüchten mußten &ndash; keine Gewehre bei
-sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben
-zu erlegen, so sind sie sehr übel daran, und ihre einzige
-Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald als möglich
-zu erreichen.</p>
-
-<p>Alle diese Inseln &ndash; selbst Mount Adolphus, die
-größte von ihnen mit tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt,
-und nur in gewissen Zeiten kommen einzelne
-australische Familien oder Stämme vom Continent
-herüber, um hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen
-Archipel, von Timor-laut und anderen kleineren
-Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären
-Wind) die Malayen herüber, um hier dem Fischfang
-obzuliegen, und kehren erst, wenn diese, regelmäßig
-fünf Monate wehende Luftströmung nach der
-entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre
-Heimath zurück.</p>
-
-<p>Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln
-angefüllt, und die westlichste davon, die schon eine
-ziemliche Strecke draußen im indischen Ocean und von
-sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island,
-nach den von den Engländern <i>boobies</i> genannten
-großen Seemöven so getauft.</p>
-
-<p>Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein,
-mit immergrünen Rankgewächsen überwuchert, zwischen
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-denen nur einige niedere, kaum sechs Fuß hohe
-Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz
-gegen die brennenden Strahlen der Sonne, keine
-Quelle entspringt dem dürren Boden, keine Frucht
-wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen
-Wasser möglich, und da die Insel noch dazu weit ab
-vom festen Lande und den übrigen Inselgruppen liegt,
-so fanden weder australische Eingeborene noch die in
-der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung,
-dort zu landen und den Platz näher zu untersuchen.</p>
-
-<p>Englische Seefahrer hatten das aber schon längst
-gethan und eine besondere Eigenthümlichkeit dieses
-kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in den Fels
-hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch
-vorspringende Zacken ziemlich versteckt lag. Längst
-schon hatte man dabei das Bedürfniß gefühlt, in einer
-Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten
-gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß
-nicht ein oder das andere Fahrzeug auf oder zwischen
-den Korallen scheiterte, irgendwo ein Depot anzulegen,
-in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und
-einige Provisionen finden konnte.</p>
-
-<p>Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz
-vortrefflich, und die praktischen Engländer ergriffen
-<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-den hier gebotenen Vortheil auch ohne Weiteres. In
-den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß
-jene Insel für diesen Zweck benutzt werden solle, und
-dieselbe dem Schutz und der Pflege englischer Seeleute
-empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann dort
-bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback,
-gesalzenes Fleisch, trockenes Obst und verschiedene
-andere Lebensmittel in die Höhle. Selbst eine kleine
-Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht
-vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute.
-Oben auf dem Felsen befestigte man dann
-noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice«
-&ndash; freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.</p>
-
-<p>Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein
-einfaches Bretterdach gegen den Regen geschützter
-Kasten &ndash; eine der gewöhnlichen starken und angestrichenen
-Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen.
-Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte,
-Oblaten, Couverte etc., und ein Schild daneben deklarirte
-den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß
-an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen
-lägen &ndash; falls dort landende Schiffbrüchige
-sie nicht schon vorher gefunden hatten.</p>
-
-<p>Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-kommend, passirt hatten, legten nun hier bei, sandten
-ein Boot an Land und hinterließen in diesem merkwürdigen
-Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt,
-und das nächste nach Sydney durchgehende
-Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und
-brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher,
-als dies auf eine andere Weise möglich gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre,
-und noch im Jahre 58 hatte kein australischer Wilder
-den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich versteckte
-Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben
-wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der
-dort aufgehäuften Sachen, z.&nbsp;B. manche Fässer mit
-gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben, so
-wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch
-andere frische ersetzt, und manche Bootsmannschaft,
-die sich bis hierher gerettet, segnete die wackeren Geber,
-die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt
-und ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt
-hatten.</p>
-
-<p>Es war im November des Jahres 59, daß zuerst
-ein Canoe der Australier dorthin, vielleicht auf einer
-Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie untersuchen
-wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-eine Art Frucht trage &ndash; denn auf den anderen Inseln
-waren die Früchte in dem Jahr nicht gerathen, möglich,
-daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch
-machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen,
-kurz sie landeten, und ein englisches, gerade vorbeikommendes
-Fahrzeug sah die dunklen Gestalten kaum
-oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran
-hielt, einen seiner kleinen Böller löste und zwei Boote
-absandte, um die Wilden zu vertreiben. Es bedurfte
-aber der Boote nicht einmal; schon bei dem abgefeuerten
-Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen
-Hals über Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen
-in ihr Canoe und ruderten in wilder Hast dem
-Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch
-eine Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen;
-wie ein Pfeil glitt es über's Wasser, und da sie
-sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff entfernen
-durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen,
-ob die schwarze, diebische Bande dort schon
-Schaden angerichtet habe.</p>
-
-<p>Den Kasten oben <em class="ge">mußten</em> sie gefunden haben,
-denn das kleine ihn umgebende Mauerwerk mit dem
-Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben &ndash;
-an der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte
-Lappen gelassen hatte, war zu deutlich erkennbar;
-<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-aber sie konnten ihn nicht berührt haben, denn
-Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie
-vorher, und die Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.</p>
-
-<p>Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend
-eine Begräbnißhütte der »bleichen Männer« gehalten,
-für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn oben im
-Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall
-zu erkennen, nur nicht unmittelbar an der »Postoffice«,
-die sie, wie man deutlich sehen konnte, scheu umkreist
-hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte
-zu kommen.</p>
-
-<p>Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden
-haben, denn dort hätten sie sich schwerlich gescheut,
-zuzulangen, da sie in dieser Art sonst gar nicht
-blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal
-abgewandt und <em class="ge">dies</em> Canoe kehrte sicher nicht so rasch
-dahin zurück &ndash; und andere? &ndash; Man mußte der
-Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen
-Schutz für die dort deponirten Provisionen, als eben
-die öde und entfernte Lage der Insel selber. Die
-Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten
-ein Faß frisches Wasser herüber und gingen dann
-an Bord, um noch vor Nacht den günstigen Wind zu
-benutzen und ein Stück in den indischen Ocean hineinzukommen.
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-Oben in den Kasten hatte der Steuermann
-aber für nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben,
-daß er australische Wilde auf der Insel
-gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge
-wurden gebeten, ein wachsames Auge auf die
-Canoe's zu halten.</p>
-
-<p>Ende November und Anfang December legten
-dort noch vier oder fünf fremde Schiffe bei und notirten,
-daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von
-Indianern gefunden hätten.</p>
-
-<p>Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend,
-von Ost nach Westen die Straße zu passiren,
-lief ein kleiner englischer Schooner gegen die Barrierreefs
-auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing
-und eins der hier sehr häufigen und starken Gewitter
-von Süden herüber zog. Der Kapitän hoffte
-noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht
-brach an, ehe er den auf Raines Eiland errichteten
-hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die Brandung
-an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das
-dumpfe Brausen der sich überstürzenden Wogen drang
-klar und deutlich herüber. Nach seiner Mittags genommenen
-Observation mußte er sich aber etwa auf
-der Höhe der Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden,
-und um nicht durch das Wetter zu weit nach
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig
-von den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn
-zum Ankern ist die See dort viel zu tief.</p>
-
-<p>Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über
-das Meer, wühlte die Wogen auf und jagte die
-Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die
-kochende Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner
-rollte und es wurde eine bitterböse Nacht, so daß das
-kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur vor
-seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den
-immer wilderen Sturzseen entgegenhalten konnte.
-Gegen Mitternacht drehte sich der Wind nach Süd-Ost
-und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann
-rieth jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus
-ihrem Cours zu treiben, als der dringenden Gefahr
-ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden;
-der Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber
-von zwölf bis vier Uhr die Wacht hatte, bedeutete er
-seinem Offizier, er würde sehen wie sich das Wetter
-mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die
-Mannschaft an Deck rufen lassen.</p>
-
-<p>Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas
-nach und der Himmel zeigte schon an einigen Punkten
-wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich indessen
-auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug
-<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
-mehr und mehr nach Lee herüber und den gefährlichen
-Barrier-reefs zu.</p>
-
-<p>Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck;
-er hatte nicht schlafen können und das Toben der gar
-nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner, sogar
-vom Lande abliegenden Coje gehört.</p>
-
-<p>»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben
-auf die Riffe!«</p>
-
-<p>»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber,
-daß es Zeit wird, abzufallen; der Wind hat etwas
-nachgelassen und wir dürfen ein wenig Leinwand zeigen.
-Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«</p>
-
-<p>Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen
-Rast, langsam herausgeklettert; der Bug fuhr, dem
-Steuer rasch gehorchend, herum, und die Leute hingen
-eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren
-Schoonersegels aufzuhissen, als es von Osten her mit
-erneuter Wuth über die See brauste.</p>
-
-<p>Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie
-die Seeleute sagen, und in der Dunkelheit hatten sich
-die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen nicht
-erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die
-Leute ihr Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die
-Flanke dem Sturm zugedreht, war es der überdieß
-schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer
-<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
-Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein.
-Aufdrehen konnten sie auch nicht mehr dagegen, und
-abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen?
-&ndash; und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch
-mußte wenigstens gemacht werden.</p>
-
-<p>Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der
-Leute, der nach oben gelaufen war, um eins der Falle
-klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der
-Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue
-los, während sich der Sturm in dem nur etwas aufgehißten
-Segel fing &ndash; der Kapitän sprang selber zum
-Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick
-verfallene Fahrzeug von der gefährlichen Küste abzudrehen
-&ndash; <em class="ge">zu spät!</em> Die Wogen hatten es gefaßt und
-jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich
-leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu;
-der Bug gehorchte zwar noch einmal dem Steuer, aber
-ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der
-Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand
-verstand ihn in dem Aufruhr der Elemente, in dem
-furchtbaren Toben der Brandung. &ndash; Willenlos setzte
-das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt &ndash; eine einzige
-wilde Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner
-wurde wie von einer Riesenfaust emporgehoben, im
-nächsten Augenblick krachten Masten und Balken &ndash;
-<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a>
-ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der
-das Gangspill in dem entscheidenden Moment umklammert
-hatte, fühlte plötzlich, daß das <em class="ge">Wrack</em> in
-ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die
-eben noch über ihr Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug
-nicht mehr erreichen konnte.</p>
-
-<p>Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können;
-möglich schien es, daß die Woge, die den Schooner zertrümmern
-wollte, ihn selber über eines der niedern
-Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick
-wenigstens, in Sicherheit gebracht hatte; möglich auch
-daß der Kiel zufällig eine Lücke in den Korallen getroffen
-und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen
-sie fest in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen
-in tiefes Wasser mit dem verkrüppelten
-Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.</p>
-
-<p>Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas
-höher liegenden Quarterdeck, denn wie sich nachher
-zeigte, war der Bug zertrümmert und das Wasser
-schon in den innern Raum eingestürzt &ndash; zwei Mann
-fehlten; die Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen
-haben, und dann war freilich an Rettung
-nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth
-emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen
-und dort angeklammert; die Meisten schienen nur
-<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a>
-wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.</p>
-
-<p>Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es
-war stockfinster, der Sturm heulte, und das einzige
-Licht, was einen matten Dämmerschein über Deck
-warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle
-herüber. Den Tag mußten sie jedenfalls
-abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand
-zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens
-ausgesetzt seien. Dem schien aber nicht so; das
-Hintertheil des Schooners saß fest auf den Klippen,
-ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum
-zwei Fuß unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit
-dem ausgeworfenen Loth an der Starbordseite
-Grund, während der Top des großen umgestürzten
-Mastes auf einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe
-auf diesem hin recht gut hätte erreichen können.</p>
-
-<p>Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute
-jetzt an Deck, um den nicht mehr so fernen Tag zu erwarten;
-der Wind heulte noch, der Donner rollte und
-ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's &ndash;
-eines der Segel schnitten sie von dem Mast herunter,
-um sich dadurch nur etwas gegen den Regen zu
-schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen,
-kurzen Schlaf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a>
-Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs
-eine Erleichterung zu bringen, sondern ließ sie
-nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig übersehen.</p>
-
-<p>Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf
-Deck befestigte Barkasse vollständig zerschmettert, so
-daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht werden
-konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt,
-und es blieb ihnen nur zur Rettung die kleine
-Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing und sich noch
-glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand &ndash;
-aber wie diese in offenes Wasser bringen? &ndash; Nach
-See zu war es ganz unmöglich, denn keine Lücke selbst
-ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen,
-die jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen
-zurückwich, um im nächsten mit neugeschaffener Gewalt
-wieder darüber hinzustürzen. Nach dem Binnenwasser
-der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen
-starrer Felsen, hie und da von grünem, und oft von
-blauem, also sehr tiefem Wasser unterbrochen; welche
-Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal erkennen,
-da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten
-wurde. &ndash; Und sollten sie hier an Bord
-bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein
-vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung
-<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-hin keine Hülfe bringen können; sie mußten sich
-selber helfen.</p>
-
-<p>Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren
-Raum zu untersuchen, ob sie noch möglicherweise Provisionen:
-Wasser und Zwieback bekommen konnten.
-Der Koch und der Schiffsjunge &ndash; der Stewards-Dienste
-versah &ndash; wurden zu dem Zweck beordert,
-nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen
-Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu
-bergen suchte. Glücklicherweise fand sich ein Korb
-mit Zwieback, aber von eingeschlagenem Seewasser
-ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als
-Nichts. Doch zum Wasser konnten sie nicht kommen,
-denn die zwei Fässer, die an Deck geschnürt gelegen
-hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil
-durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen
-worden. Gegen zehn Uhr fiel aber wieder
-ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde
-jetzt aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen
-&ndash; es genügte freilich noch immer nicht. Dann
-packte der Kapitän ein, was er an Blechbüchsen für
-den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und
-brachte doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen
-den <em class="ge">Hunger</em> geschützt zu sein. Vielleicht half ihnen dann
-der Himmel mit einem frischen Regenschauer weiter.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen,
-obgleich sie im Binnenwasser keine unruhige
-See zu fürchten hatten. Gegen Mittag klärte
-sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und
-etwa vier Uhr Nachmittags, während die See noch da
-draußen unruhig wogte und bäumte, regte sich schon
-kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.</p>
-
-<p>Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot
-flott zu machen und ihre Ladung wenigstens erst einmal
-auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das ging
-verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg
-konnten die Leute das leichte Boot tragen und ziehen
-und auf der andern Seite in's Wasser lassen. Weit
-schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von
-Korallenklippen hinüberzukommen, die mit ihren
-schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen festen Fußhalt
-gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen
-konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke
-daran hin zu fahren, bis sie endlich zu einer Stelle
-kamen, wo sie im Stande waren, sich hindurchzuzwingen.</p>
-
-<p>Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes
-Wasser und dann wieder einen Korallengürtel, der
-aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand nur
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche
-Durchfahrten, und die kleine Bootsmannschaft,
-die aus neun Personen bestand, ruderte nun bei gänzlicher
-Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie
-für das feste Land hielten. Glücklicherweise war es
-nur eine etwa hundert Schritt breite Barre, und dahinter,
-als der Steuermann hinauflief, um sich von
-oben aus umzusehen, entdeckte er das offene Wasser
-der Binnenriffe, von einzelnen Inseln und Sandbänken
-nur überstreut.</p>
-
-<p>Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige
-Arbeit, das Boot und dessen Ladung hinüberzuschaffen,
-und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig wurden,
-aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß
-mehr im Wege. Die Nacht lagerten sie auf
-der Sandbank, und der nächste Morgen fand sie schon
-beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs,
-um vor allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser
-der Schiffe zu kommen und die Möglichkeit zu
-haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden
-aufgenommen zu werden.</p>
-
-<p>Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet,
-und die Karte der Straße ebenfalls, da diese
-schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der
-oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-Leitfaden, denn Keiner der Leute war je diesen Weg
-gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt
-durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber
-nicht um die Führung des Schiffes zu bekümmern
-brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber anzugeben.
-Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island
-draußen vor den Klippen im freien Wasser lag, und
-daß sie damals dort beigelegt und ein Faß Wasser,
-ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes
-Schweinfleisch an Land geschickt hätten. Im Boot
-war er aber selber nicht mit gewesen und wußte deßhalb
-auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der
-Insel zu sagen. Seiner Aussage nach sollte es nur
-ein großer Felsklumpen sein, um welchen eine Unmasse
-großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war
-Alles. Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich
-wieder zu erkennen, sobald er ihn nur sehen würde.</p>
-
-<p>Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt,
-die Schiffs<em class="ge">waffen</em> mitzunehmen, da die australischen
-Eingeborenen in einem wohlverdienten schlechten Ruf
-standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher
-Art man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte
-er nicht, sie muthwillig aufzusuchen, und an eine Insel
-zu landen, von welcher man sich nicht vorher sorgfältig
-überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-wenigstens in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu
-viel über ihre hinterlistige Schlauheit und Grausamkeit
-gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden Zusammenstoß
-mit ihnen ängstlich zu vermeiden.</p>
-
-<p>Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität
-in diesem Meere galt, dienten ebenfalls nicht dazu, ihn
-zuversichtlicher zu stimmen, denn der Bursche &ndash; nach
-Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich übertreiben
-und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden
-&ndash; wußte nicht genug von den Scheußlichkeiten zu
-berichten, mit welchen sie Schiffbrüchige, die in ihre
-Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben schließlich
-auffraßen, war noch das Wenigste.</p>
-
-<p>Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank
-an und der Kapitän nahm hier erst einmal seine Observation,
-die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von der
-eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach
-Süden hinunter halten mußten. Sie sahen auch selber,
-daß dies kein Kanal für größere Schiffe sein
-konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in
-denen sie die Korallen so dicht und deutlich unter sich
-erkannten, daß man glauben mußte, man könne sie
-mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch
-immer zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie
-auch Klippen, die bis unter die Oberfläche reichten
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen
-Boot kaum hindurchwinden konnten.</p>
-
-<p>Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen
-Passagen und blieben die Nacht auf einer kleinen, nur
-mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo sie wenigstens
-nichts von feindlichen Indianerstämmen zu
-fürchten hatten &ndash; aber kein Regen fiel und ihr spärlicher
-Wasservorrath ging zu Ende.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten
-sie weiter und setzten auch das mitgenommene Segel,
-aber die Brise war sehr schwach und trieb sie, allerdings
-mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts.
-Wieder kamen sie aber hier, irregeführt durch die verschiedenen
-Inseln und Sandbänke, in einen falschen
-Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden
-die größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens
-Wasser zu finden hofften, denn das vom Regen
-aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig
-ausgetrunken.</p>
-
-<p>Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem
-einen Felsen ein paar kleine Süßwasserquellen, wie sie
-aber den Platz erreichten, war hohe Fluth, und weiter
-in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den
-schmalen Thälern in einen Hinterhalt zu fallen
-fürchteten.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren
-der kleinen Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden,
-welche die Möven in den heißen Sand legen,
-um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen &ndash;
-sonst nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit
-dunkelbrauner Abzeichnung, sahen sie genug und schossen
-auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend welchen
-Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten,
-nicht in Schroth, und die alten Musketen
-schossen nicht so sicher, daß sie einen so kleinen Gegenstand
-wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen
-hätten herausholen können.</p>
-
-<p>Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten
-und sich nicht einmal getrauten das Boot zu verlassen,
-blieben sie aber wieder nur auf den Rest ihrer mitgenommenen
-Vorräthe angewiesen, und ihre einzige
-Hoffnung lag jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen
-und von den dort befindlichen Provisionen so
-lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße
-kommendes Schiff anrufen und mit diesem
-Batavia oder Singapore erreichen konnten.</p>
-
-<p>Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er
-die genaue Beschreibung und sogar Zeichnung der
-Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die
-Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-Uhr Morgens setzten sie auch mit einer günstigen
-Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und
-Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem
-Durst fast zur Verzweiflung getrieben, sichteten sie gerade
-im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der
-nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island
-sein mußte.</p>
-
-<p>Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er
-behauptete, Booby-island sei ein ganz spitzer kleiner
-Felskegel, und das hier lag breit und flach auf dem
-Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen,
-denn seiner Karte und Berechnung nach stimmte es
-und er hielt gerade darauf zu.</p>
-
-<p>Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut
-gehalten, nur der Zimmermann, der aber auch auf
-dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte und
-klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das
-Seewasser, um seine Lippen zu kühlen. Damit
-machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn
-wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes
-haben mochte, der salzige Geschmack hintennach
-reizte und trocknete nur um so viel mehr, und
-er wimmerte leise vor sich hin.</p>
-
-<p>»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann
-zu ihm, indem er ihn auf die Schulter klopfte, »da
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können
-wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott
-wohl aushalten. Schämt Euch doch vor dem Jungen,
-denn der hat noch nicht einmal geklagt.«</p>
-
-<p>»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,«
-sagte der Angeredete mürrisch, »der kommt
-erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die
-Zunge im Hals springen und bersten müßte &ndash; und
-wer weiß denn, ob auch nur ein Tropfen Wasser auf
-dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht
-er aus.«</p>
-
-<p>»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der
-Kapitän. »<i>The Yorkshire lady</i>«, die vierzehn Tage
-vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und von
-Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck
-mitgenommen, um es dort zu lassen. Finden wir aber
-nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu bleiben, nun
-so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen,
-und laufen damit zu einer der Inseln im indischen
-Archipel hinauf. So weit ist die Fahrt ja
-nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu
-fürchten.«</p>
-
-<p>»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt,
-und von jetzt ab wurde kein Wort weiter gesprochen,
-während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen.</p>
-
-<p>Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel
-setzen, die Strömung half ebenfalls nach und das
-Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte
-Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die
-bis jetzt nur wie ein kurzer Streifen auf dem Horizont
-gelegen und dadurch weit entfernter schien als sie
-wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form
-eines Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich
-schon den Fuß derselben, gegen den die Strömung
-wusch, erkennen konnte.</p>
-
-<p>Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte
-nach einiger Zeit wieder ein, und vier von den Leuten
-hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen, die
-Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im
-kleinen Boot, und nur der Kapitän saß, das Gesicht
-dem Lande zugedreht, am Tiller und betrachtete sich
-das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er
-sich etwas empor und schützte die Augen mit der flachen
-Hand gegen die schon im Westen stehende Sonne,
-die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf dem
-Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen,
-nahm er das neben ihm liegende Telescop auf und
-hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-Blick hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt
-ausrief:</p>
-
-<p>»<i>Damnation!</i> Die Schwarzen haben Booby-island
-besetzt!«</p>
-
-<p>»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen
-&ndash; »oh du grundgütiger Himmel &ndash; dann sind wir
-verloren.«</p>
-
-<p>»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem
-wilden Fluch durch die Lippen, »hat sich was von verloren
-&ndash; Wie viele sind's, Kapitän?«</p>
-
-<p>»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben
-drauf tanzt auch etwa ein Dutzend herum &ndash; aber ich
-sehe keine Canoe's.«</p>
-
-<p>»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem
-Wasser. Also haben die schwarzen Bestien den Platz
-endlich richtig gefunden!«</p>
-
-<p>»Und was nun?« sagte der Kapitän.</p>
-
-<p>»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.«</p>
-
-<p>»Gegen den Schwarm?«</p>
-
-<p>»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß
-ich einen Ueberblick kriege &ndash; immer zu, Jungen, laßt
-die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch nicht
-liegen bleiben.«</p>
-
-<p>»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Haar!« klagte der Koch, der sich bestürzt emporgerichtet
-hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land hinüberstarrte.</p>
-
-<p>»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich,
-während er durch das Glas sah &ndash; »erst müssen sie
-uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion
-und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden,
-denn wie die Ameisen klettern sie da an den lichten
-Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und wie
-werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!«</p>
-
-<p>»Wie viele sind's, Steuermann?«</p>
-
-<p>»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte
-dieser, »aber da links heraus kommen noch
-mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die Höhle &ndash;
-da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben &ndash; es ist ein
-ganzer Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.«</p>
-
-<p>»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im
-Boot?« frug der Kapitän, nachdem er selber das Glas
-genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel
-aber indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen
-nackten Gestalten schon mit bloßen Augen erkennen
-konnten.</p>
-
-<p>»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann,
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-»aber an dem einen ist der Hahn abgebrochen &ndash; und
-dann Ihre Doppelflinte.«</p>
-
-<p>»Und Pistolen?«</p>
-
-<p>»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.«</p>
-
-<p>»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,«
-sagte der Kapitän kopfschüttelnd, »daß wir die
-gebrauchen könnten, sonst spicken sie <em class="ge">uns</em> mit ihren
-verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich
-umzugehen wissen.«</p>
-
-<p>»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte
-der Steuermann trocken, »und mit den alten, von
-Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so
-machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann
-unverrichteter Sache abziehen muß, sind wir.«</p>
-
-<p>»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen
-wir jedenfalls über ihre Köpfe feuern, denn ich möchte
-die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich es irgend
-umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird
-genügend sein, denn wenn sie nur den Knall eines
-Gewehres <em class="ge">hören</em>, laufen sie schon was sie laufen
-können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten
-Devil-Devil.«</p>
-
-<p>»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder
-Steuermann, »ich habe nur so eine Ahnung, daß
-ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt
-kämen und einen der kleinen Böller hätten
-lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes,
-denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß
-klingt als ob er von allen Seiten auf einmal käme.«</p>
-
-<p>Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn
-das Boot näherte sich rasch dem Lande, und die gerettete
-Mannschaft nahm zu viel Interesse an dem,
-was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den
-Augenschein von der Zahl der Feinde zu überzeugen.
-Selbst die Rudernden drehten die Köpfe über die
-Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den
-Schwarm erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der
-Insel herumsprang, während eine Anzahl von ihnen
-grüne Zweige von den Büschen brach und damit hinüberwinkte.
-Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich
-durch sein Glas erkennen konnte, trugen ihre Lanzen
-in den Händen, und legten sie erst zwischen den Steinen
-nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie
-vom Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne.</p>
-
-<p>»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun
-uns ja nichts, die schwingen grüne Büsche; das ist immer
-ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's
-gut meinen &ndash; Einen Tropfen Wasser geben sie uns
-gewiß.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch &ndash; »mit
-denselben Zweigen braten sie Dich nachher.«</p>
-
-<p>Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den
-Zweigen auch nicht. Durch sein gutes Glas sah er
-deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die wieder
-zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine
-Vertiefung &ndash; wahrscheinlich den Rand der Höhle &ndash;
-stellten, aber dicht dabei stehen blieben und dann aus
-Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein
-Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte
-seinen Cours nicht, sondern hielt vielmehr noch etwas
-nach rechts hinüber, um die nördliche Spitze der Insel
-anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen
-konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden
-hinter der Insel, um vorn nicht damit gesehen
-zu werden.</p>
-
-<p>Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die
-Eingeborenen dieser Küsten Alles daran setzen, um in
-den Besitz eines guten europäischen Bootes zu kommen,
-wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen
-anderer Kapitäne. Geld hat für sie nicht den geringsten
-Werth. Kleidungsstücke beachten sie nicht, und
-selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als
-vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus
-den harten und schweren Hölzern bestehen, welche ihnen
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-die Wildniß in Masse liefert, aber ein sicheres
-Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit
-konnten sie das Meer in jeder Jahreszeit befahren,
-und daß sie <em class="ge">kein</em> Mittel scheuen würden, um
-sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich
-denken.</p>
-
-<p>Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf
-der Insel und hatten sie auch schon Alle gesehen? &ndash;
-wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo sie
-nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen
-Augen zu erkennen, waren höchstens noch acht
-oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das
-Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer
-zu machen suchten. Wo waren die Anderen? Jedenfalls
-irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle
-versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so
-würden sie sich ungescheut gezeigt haben &ndash; daß <em class="ge">ihnen</em>
-die Weißen nichts nehmen konnten, wußten sie ohnedieß.
-Das Wichtigste also war: einen ungefähren
-Ueberblick über ihre Zahl zu bekommen, und das
-konnte nur dadurch geschehen, daß sie in Sicht der
-Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß,
-um das nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän,
-der auf die Nordspitze zugesteuert hatte, änderte plötzlich
-seinen Cours, hielt wieder vom Ufer etwas ab und
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr
-hundert Schritte haltend, um das kleine Eiland herum
-zur Westküste, wo er allerdings einen ganzen Trupp
-nackter schwarzer Gestalten überraschte, die nicht schnell
-genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und
-sich nun, so gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken
-und Steinen niederkauerten.</p>
-
-<p>Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine
-kleine Flotte von elf Canoe's, die nebeneinander auf
-den Sand gezogen waren, und stärker an Mannschaft
-wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen
-Diebe festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften
-ihnen nicht das einzige Mittel, sich zu entfernen, selber
-abschneiden, denn an Zahl waren sie ihnen doch zu
-weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur
-Wenige der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen
-umzugehen, und verstanden besonders nicht, ein einmal
-abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig wieder zu
-laden.</p>
-
-<p>Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours
-bei; er wußte jetzt genau, daß er es mit einer verrätherischen
-Bande zu thun hatte, und war nicht gewillt,
-dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich
-einzuräumen. Das Boot glitt dabei, immer noch in
-der sicheren Entfernung, um die Insel hinum der
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die
-vorher an der Höhle Posto gefaßt hatten.</p>
-
-<p>»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig.</p>
-
-<p>»Ja, Sir,« sagte der Steuermann.</p>
-
-<p>»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten
-die Nacht über feucht geworden sein.«</p>
-
-<p>Das geschah lautlos.</p>
-
-<p>»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der
-Steuermann; »ich glaube es wäre besser, wenn wir
-das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.«</p>
-
-<p>»Sie haben Recht, Mr. Brown,« nickte ihm sein
-Vorgesetzter zu, »wir müssen ihnen Gelegenheit zur
-Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben &ndash;
-Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich
-mit dem Arm hinauf, und seine Leute erkannten
-dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze
-eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den
-Uebrigen wesentlich unterschied.</p>
-
-<p>Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt
-und trugen nicht einmal, wie doch die meisten wilden
-Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben
-aber &ndash; oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen
-weißen, wehenden Talar an, der in der Sonne schimmerte
-und bis über die Kniee hinabreichte; nur die
-Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-stand, als man ihn zuerst entdeckte, war er auch durch
-den höheren und mit Büschen bewachsenen Hügelrücken
-gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt
-gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang
-er die wenigen Schritte hinauf und stand im nächsten
-Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er anhatte,
-knitterte und knatterte dabei.</p>
-
-<p>»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der
-Steuermann aus, und in demselben Augenblick riß sich
-ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe es der
-danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See,
-nach dem Boot hinüber, von dem es nicht weit entfernt
-auf das Wasser niederfiel.</p>
-
-<p>Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier,
-und jetzt kein Zweifel mehr, daß die Eingeborenen
-dort oben die Postoffice gefunden und geplündert
-hatten; welche Verwendung sie für das Papier
-fanden, zeigte sich dabei. Die Umfahrt um die
-Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben,
-daß sie es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter
-Schwarzen zu thun bekämen, und wären sie nur
-wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der
-Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen
-Kampf zu wagen. Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge
-auf festem Land vermeiden, blieben immer
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal
-gereizt und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar
-mit ihren Canoe's einen verzweifelten Angriff auf ihr
-Boot machten.</p>
-
-<p>Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück
-gegen Wind und Strömung nach Mount Adolphus
-<em class="ge">konnten</em> sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren
-jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene
-trafen und dann erst recht, bei Theilung der
-Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr
-brachten; Wasser aber <em class="ge">mußten</em> sie haben, und das
-war hier noch zu bekommen, dort draußen im Westen
-lag dagegen eine weite See vor ihnen, die sie ohne
-dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten,
-also blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als
-sich ihren Weg zu erzwingen, im schlimmsten Fall mit
-Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu
-Schaden kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.</p>
-
-<p>Das Boot umruderte indessen das Südwestende
-der Insel und näherte sich der Südost-Ecke, wo, wie
-der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle
-liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene
-und winkten wieder, als das Boot in Sicht
-kam, mit den abgebrochenen Büschen.</p>
-
-<p>»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,«
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-sagte da der Steuermann, »ob sie uns im Guten in
-die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser
-sein, und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht
-gut frei halten.«</p>
-
-<p>»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,«
-meinte aber der Kapitän; »die Möglichkeit ist allerdings
-da, daß wir <em class="ge">hinein</em> kommen, aber schwerlich
-wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens.
-Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu
-rechnen, und ich will die Verantwortlichkeit nicht auf
-mich laden, auch nur zwei von Euch an ein Experiment
-gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit;
-wissen die Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit
-denselben umzugehen?«</p>
-
-<p>»Die Meisten, Sir &ndash; mit einer Pistole verstehen
-sie es besser.«</p>
-
-<p>»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän
-trocken, »und sind in dem engen Boot hier gefährlicher
-für uns selbst, als für die Schwarzen &ndash; ha,
-dort ist die Höhle &ndash; sehen Sie den dunklen Strich im
-Felsen?« &ndash; Er hatte sein Telescop wieder aufgenommen
-und sah hindurch.</p>
-
-<p>»Ist das der Platz, Sir?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete
-Fässer erkennen. Sie wissen doch zu schießen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-»Ay, ay Sir!«</p>
-
-<p>»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal,
-wenn wir noch ein klein Stück voraus sind und
-den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein
-&ndash; aber hoch &ndash; verwunden Sie noch keinen; möglich
-doch, daß wir sie mit einem einzelnen Schuß in die
-Flucht treiben.«</p>
-
-<p>Der Steuermann nahm sein Gewehr an den
-Backen und zielte mitten in die Höhle hinein &ndash; jetzt
-waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert
-Schritte vom Land entfernt.</p>
-
-<p>»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment
-krachte auch der Schuß, dessen Echo sich wohl in der gewölbten
-Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn
-mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf
-schwarze Gestalten, ihre Lanzen und Midlas<span class="top">[1]</span> in den
-Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle hervor
-und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-oben. An Widerstand schienen sie in der That nicht
-zu denken.</p>
-
-<p class="ci fss">
-[1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer
-Hebel, der mit einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die
-Wurflanze eingreift und sie beim Schleudern mit vermehrter
-Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe dieser Midla ist der australischen
-Wilde im Stande, seinen einfach hölzernen Speer auf
-sechzig bis achtzig Schritte &ndash; ja vielleicht noch etwas weiter &ndash;
-mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst kleineres Wild,
-wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet.</p>
-
-<p>»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten
-Muskete einen Stoß bekam, daß er beinah hinten
-übergestürzt wäre &ndash; »das hat richtig geholfen; die
-haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt'
-ich darauf verwetten, daß keine von den Canaillen mehr
-da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich denke, die
-Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten
-den ersten Schreck und räumten was wir
-brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein paar von
-den Leuten die Luft rein halten.«</p>
-
-<p>»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän,
-der seinem Steuermann indessen das Gewehr abgenommen
-hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud
-&ndash; »Nehmen Sie sich drei Mann mit &ndash; wieder zu
-euern Rudern, meine Jungens, und nun scharf an
-Land &ndash; und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein
-Faß mit Wasser finden &ndash; Zwieback soll genug dort
-liegen, packen Sie auf was Sie fortbringen können,
-der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten
-&ndash; aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger
-auf als nöthig ist. Daß Sie indessen Keiner da
-drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren
-sorgen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-»Also ganz ohne Waffen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit &ndash; drinnen
-könnt Ihr vielleicht das Faß gleich auf die Schäfte
-legen und damit herauslaufen &ndash; aber daß ihr kein
-<em class="ge">faules</em> Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele
-Jahre dorten liegen.«</p>
-
-<p>»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,«
-meinte der Steuermann verlegen, »denn flink
-muß die Geschichte gehen, sonst ist's gefehlt, und wenn
-sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir
-ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie
-man mit einem Faß umgehen muß.«</p>
-
-<p>»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete
-der Kapitän, der die Natur dieser wilden Stämme
-besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann,
-»sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären
-fortgerudert. Daß sie sich hier vor unseren Schiffen
-nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das beweist auch,
-wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn
-unser kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es
-augenscheinlich schon bemerkt hatten. Aber da sind
-wir &ndash; jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts &ndash; ehe
-sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's
-haben. Vorwärts, Steuermann &ndash; Ihr, Bill, Ned
-und John, eure Lanzen &ndash; das ist recht, mein Junge,
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-den Korb packst du voll Zwieback &ndash; liegt ein Faß bei
-der Hand, so rollt's nur gleich hier herunter: wenn's
-auch an den Steinen zerbricht, werfen wir in's Boot,
-was wir brauchen. Vorwärts!«</p>
-
-<p>Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung,
-denn jeder Einzelne von ihnen begriff recht gut, was
-von ihm verlangt wurde, während an der raschen Ausführung
-desselben sein eigenes Leben hing. Von den
-Wilden schienen sie in der That nichts weiter zu
-fürchten zu haben, und es war fast, als ob der eine,
-blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu
-Paaren zu treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe
-schauten noch vorsichtig einen Moment über die Felsen
-nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen.
-Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet
-und die Insel bei Annäherung der gefürchteten Weißen
-verlassen? &ndash; Alle freilich noch nicht, denn Einzelne
-kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein.
-Aber es blieb jetzt keine Zeit, nach ihnen auszusehen,
-denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug des
-Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten
-Seeleute, lauter kräftige Burschen und jeder
-seine Lanze fest in der Hand gepackt, hinaus an Land
-und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden.
-Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-Muskete im Anschlag, behielten mit ängstlicher Spannung
-die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von
-dort aus ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern
-könnte, und kein Wort wurde mehr gesprochen.</p>
-
-<p>»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche
-Stimme; und als der Kapitän, der bis dahin eine
-oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge behalten,
-rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts
-hinüber vier oder fünf Canoe's um die Inselspitze
-kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte der feige
-Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.</p>
-
-<p>»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die
-Muskete aus der Hand, »wenn ich wüßte, daß sie <em class="ge">Dich</em>
-brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu anzünden.«</p>
-
-<p>»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es
-ging mir ja von selber los!«</p>
-
-<p>»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann,
-indem er das Gewehr rasch wieder lud. Er sah
-dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten
-hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der
-Schuß einen von ihnen getroffen. Jetzt stießen sie
-plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und fast zu
-gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a>
-»Habt Acht, bester Kapitän &ndash; von drüben herüber
-kommen sie auch. Jetzt haben sie uns fest.«</p>
-
-<p>In demselben Augenblick schien es aber, als ob die
-Felsen selber belebt würden. Unmittelbar über der
-Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern, denn
-die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber
-rechts und links davon sprangen sie herab, und sechs,
-acht Speere wurden zu gleicher Zeit in das Boot hinabgeschleudert,
-von denen einer dem Kapitän den Hut
-vom Kopfe riß, während ein anderer dem Koch durch
-den Arm fuhr und diesen laut aufheulen machte.</p>
-
-<p>Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem
-Koch erst einmal mit dem Kolben seines Gewehrs
-einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber
-sandte, rief er dem Zimmermann zu:</p>
-
-<p>»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen &ndash; haltet in
-den dicksten Klumpen hinein, sobald sie näher kommen.
-In den schwanken Canoe's können sie mit ihren Lanzen
-doch nicht ordentlich treffen &ndash; Du, Peter, nimmst die
-Anderen, ziel' ruhig, Mann &ndash; wenn Du fehlst, sind
-wir verloren.« Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes,
-mit groben Posten geladenes Doppelgewehr angelegt
-und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle niederglitt,
-auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den
-Schuß gerade in den Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte.
-<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Aber er sah nicht einmal nach ihm hin,
-denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit
-ebensogut in Anspruch, während jetzt von den beiden
-Seeleuten ein eben so wirksamer, aber noch viel mehr
-Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein
-gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren
-Entfernung mehr auseinander, und der Zimmermann
-besonders schien so gut gezielt zu haben, daß sich die
-fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht
-von den Verwundeten behindert wurden.</p>
-
-<p>Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie
-die Fahrzeuge vorwärts treiben konnten, an, und alle
-trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren Palmenrinde
-gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an
-den Kanten scharf geschnitten, können ebensogut als
-Keule dienen und sind dann eine furchtbare Waffe in
-der Hand eines starken Mannes.</p>
-
-<p>»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän,
-während er in aller Hast sein eigenes Doppelgewehr
-wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da
-neben Euch, aber zielt gut &ndash; der erste war vortrefflich.«</p>
-
-<p>Wieder der Knall über das Wasser und dießmal
-hatte der Matrose nur das erste Boot voll auf's Korn
-genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung anrichtete.
-Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen
-<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a>
-drückten es sogar auf der Seite unter Wasser und
-es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's jetzt auch
-in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige
-Zeit versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine
-Ladung Rehposten zwischen einen Trupp hinein, der
-sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die
-andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht
-neben dem Boot an's Ufer liefen und wahrscheinlich
-einen Angriff zu Land versuchen wollten, da sie in den
-schwanken Fahrzeugen <em class="ge">ihre</em> Waffen nicht gebrauchen
-konnten. Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten
-auf den Sand hinauf, als der Steuermann mit seinen
-drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen gewartet
-zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt
-ihrerseits mit den Lanzen auf die Feinde einstürmten.
-Der Angriff kam aber zu plötzlich und aus zu unmittelbarer
-Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang
-die ganze Mannschaft der Canoe's über Bord und
-tauchte unter. Wie durch Zauberei waren sie verschwunden.</p>
-
-<p>In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche
-Schwarze von der Insel verschwunden wären; aber
-der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die ihm
-vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre
-wieder zu laden, während die Seeleute indessen
-<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a>
-in aller Hast das schon bis an den Eingang gewälzte
-Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem
-Anschein nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn
-es trug den Brand der <i>Yorkshire lady</i>. Auch der
-Junge war nicht müssig gewesen und mit einem gehäuften
-Korb von Zwieback angekommen, den er ohne
-Weiteres in's Boot schüttete und dann zurück in die
-Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung zu holen.
-Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt
-haben, denn das eine große Faß war auseinandergebrochen
-und der Inhalt über den ganzen Boden
-der Höhle zerstreut.</p>
-
-<p>Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant,
-besonders durch das Faß Wasser bedenklich tief
-geladen. In der Straße selber wäre das bei dem
-spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in
-den indischen Ocean einlaufen wollten, mußten sie
-wenigstens darauf vorbereitet sein, unruhigere See zu
-bekommen &ndash; aber der Steuermann wußte Rath.</p>
-
-<p>»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er,
-einen Blick umherwerfend, »das nehmen wir in's
-Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig
-weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch
-können damit nebenher fahren. Das Ding ist breit
-genug, Euch zu tragen &ndash; dort liegen auch Ruder.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a>
-Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu,
-schoben das Canoe in tieferes Wasser zurück und
-brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte keine
-fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden
-dabei beobachtet worden, denn wieder flogen vier oder
-fünf Speere nach ihnen herunter, aber zu kurz, denn
-die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich
-der Schußwaffe.</p>
-
-<p>»Fertig Alles?« rief der Kapitän.</p>
-
-<p>»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort.</p>
-
-<p>»An Bord denn und fort &ndash; die Sonne ist gleich
-unter und nach Dunkelwerden möchte ich nicht mehr in
-der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten
-dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben &ndash;
-aus mit dem Boot!«</p>
-
-<p>Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er
-gegeben worden, denn sie waren mit steigender Fluth
-gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf bis
-sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in
-die Fluth, um es zurückzuschieben. Zwei von ihnen
-nahmen dann das Canoe und den eben mit einem
-anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein,
-und wenige Minuten später stießen sie von der Küste
-ab &ndash; aber der Kapitän hielt noch nicht in See hinaus.</p>
-
-<p>»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch
-<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a>
-geben,« sagte er finster, »daß sie später das Eigenthum
-der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens
-in einer heilsamen Furcht gehalten werden &ndash; Zimmermann,
-nehmt einmal Euer Beil und bearbeitet das
-Canoe dort drüben ein wenig.«</p>
-
-<p>Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und
-das Fahrzeug war im Nu unbrauchbar gemacht; dann
-nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die
-übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen
-dadurch auf der Insel zu halten, bis ein größeres
-Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie zu
-züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen
-zu haben, etwas Derartiges nicht abzuwarten,
-denn wie sie an den anderen Rand der Insel kamen,
-sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon
-unterwegs, und zwar in voller Flucht gen Süden, dem
-nächsten Festland zu haltend. Daß sie von dem schwergeladenen
-Boot der Weißen nicht verfolgt werden
-konnten, wußten sie gut genug, aber sie schienen auch
-gar nicht die Absicht zu haben, weit zu fliehen, denn
-draußen ein Stück in See lagen sie jetzt plötzlich auf
-ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was
-die Feinde beginnen würden.</p>
-
-<p>Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das
-Boot nur außer Sicht wäre, augenblicklich nach der
-<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a>
-Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre Todten
-abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu
-beenden. Das Alles ließ sich aber nicht mehr ändern.
-Der für den Seemann so wichtige Platz war einmal
-verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der
-Höhle entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an
-eine weitere Niederlage dort von Wasser und Provisionen
-für verunglückte Seeleute gedacht werden.
-Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig
-die Höhle, um Alles mitzuführen, was sie
-fanden.</p>
-
-<p>Das Boot &ndash; nachdem sich die Leute an dem erbeuteten
-Wasser gelabt &ndash; hielt eine nordwestliche
-Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen
-Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag
-aber sichteten sie eine portugiesische Brigg, die, von
-Europa kommend, nach der portugiesischen Besitzung
-in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an
-Bord genommen und gingen später mit einem holländischen
-Schiff nach Singapore, von wo aus sie leicht in
-ihre Heimath zurückkehren konnten.</p>
-
-<p>Der Kapitän machte allerdings in Singapore die
-Anzeige des zerstörten Depots auf Booby-island, und
-ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff bekam auch
-Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten
-<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a>
-Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der
-Höhle nur noch einen Haufen verdorbenes Fleisch, den
-die Schwarzen verschmäht hatten &ndash; alles Uebrige war
-ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich
-nach dem Festland geschafft worden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a>
-<span class="ge">Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.</span></h2>
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br />
-
-Die Matrosenkneipe.</h3>
-
-
-<p>Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch,
-und den freute die Welt nicht mehr, denn
-anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch
-kam, aber nie und nimmer besser.</p>
-
-<p>Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte
-so ein armer Handwerksbursch nach Herzenslust im
-lieben deutschen Vaterland herum, Chaussee auf und
-ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der
-Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er
-unterwegs müde wurde, auf einer vorbeirollenden
-Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran, die
-Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken.
-Das ließ schon die Wanderlust nicht zu, und geschah
-es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte ihn rasch die
-unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der
-er nicht widerstehen konnte und wollte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a>
-Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus
-reiner Bosheit gegen die armen Handwerksburschen,
-die <em class="ge">Eisenbahn</em>, und mit dem lustigen Marsch auf
-der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen
-&ndash; wo bekam man sie noch zu sehen? der
-Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem davonbrausenden
-Bahnzug &ndash; mit <em class="ge">den</em> groben Condukteuren
-&ndash; war kein Gedanke mehr hinten aufzusitzen.</p>
-
-<p>Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich
-und so war denn auch Zacharias Hasenmeier, ein
-»wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem verzweifelten
-Entschluß gekommen &ndash; nicht etwa seinem
-Leben ein Ende zu machen, nein &ndash; dazu besaß er zu
-viel Religion und zu wenig Courage &ndash; aber auszuwandern
-und sich irgend einen Platz auf der Welt zu
-suchen, wo es erstlich einmal keine Eisenbahnen gab,
-und wo ein reisender Handwerksbursch auch noch leben
-konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d.&nbsp;h. wo er
-ein Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.</p>
-
-<p>Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt
-er sich denn auch nicht lange bei der Vorrede auf,
-packte seinen Tornister, mit ein paar neuen Stiefeln
-oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts
-und links unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine
-neue Zwinge an seinen dicken Knotenstock machen, und
-<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a>
-ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch
-visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und
-ob er nun zu den Chinesen oder Menschenfressern kam,
-sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn
-den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so
-wenig wie den Deutschen.</p>
-
-<p>Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine
-Auswanderung hatte sie, merkwürdiger Weise Nichts
-einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf
-seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und
-sonst wohin wollte, gewissenhaft und wörtlich:</p>
-
-<p class="ce">»Nach Australien und weiter!«</p>
-
-<p class="in0">wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt
-hinaus wanderte.</p>
-
-<p>Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt
-gearbeitet, den Hut keck auf die eine Seite gerückt, was
-andeuten sollte, daß er sich aus ganz Europa Nichts
-mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel
-vorn im Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er
-nicht, den er hätte hinein thun können, und etwas <em class="ge">muß</em>
-der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem
-zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen
-in der Tasche, meinte er, daß er nun die
-Welt durchwandern könne. &ndash; Was weiß so ein wasserdichter
-Hutmacher überhaupt von der Welt!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a>
-Natürlich ging er gerade in einem Strich auf
-Hamburg zu, weil er gehört hatte, daß von dort ab
-fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern ausliefen,
-und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit
-zu den Botokuden wie zu den afrikanischen
-Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb sich aber
-vollständig gleich &ndash; Hüte brauchten Alle oder konnten
-ihnen doch wenigstens angepaßt werden, und er war
-von sich selber überzeugt, daß er sein Fortkommen in
-irgend einem Land der Welt finden würde &ndash; er müsse
-nur erst einmal dort sein.</p>
-
-<p>»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte
-er sich und mit dem schönen Liedchen: »Muß i denn,
-muß i denn zum Städtle hinaus &ndash; Städtle hinaus,«
-ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen
-wachsen, und wanderte, jede Eisenbahn von Grund
-seines gekränkten »wasserdichten Hutmacherherzens«
-aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene Hafenstadt,
-um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel
-einzuschiffen.</p>
-
-<p>Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin,
-wenn ein Bahnzug vorüberrasselte, und die Leute
-darin aus den offenen Fenstern hinaussahen, und über
-den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein
-keuchte, während er doch hätte, für ein paar
-<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a>
-Groschen, so bequem darin fahren können; aber Zacharias
-setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur noch
-immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken
-und wanderte trotzig seines Weges, ohne auch
-nur einmal nach ihnen umzuschauen.</p>
-
-<p>Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit
-sich menschliche Gemüthsbewegungen und
-Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung
-des Hutes ausdrücken lassen.</p>
-
-<p>»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes,
-wunderschönes Lied, aber es ist durchaus nicht wahr.
-Im <em class="ge">Hute</em> liegt es, und der aufmerksame Beobachter
-kann manchem Menschen nur allein durch den Hut
-direkt in's Herz sehen.</p>
-
-<p>Wer z.&nbsp;B. den Hut recht gerade und steif auf hat,
-daß er ihm senkrecht auf dem Wirbel des Kopfes sitzt,
-das <em class="ge">mag</em> ein sehr guter rechtschaffener Mensch sein,
-aber er ist jedenfalls nach <em class="ge">einer</em> Richtung hin Pedant
-und geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter
-jeder Bedingung steif und trocken durchs Leben mit
-nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß er ein
-ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann
-sein kann, aber ein guter <em class="ge">Gesellschafter</em> ist er
-keinesfalls.</p>
-
-<p>Ein <em class="ge">klein wenig</em> geneigt &ndash; nach rechts oder links
-<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a>
-bleibt sich gleich &ndash; und welch' einem fabelhaften Unterschied
-begegnen wir hier. &ndash; <em class="ge">Das</em> sind die besten
-und interessantesten Menschen, mit gerade genug
-leichtem Sinn, um liebenswürdig zu sein und über das
-Nützliche einer Sache auch nicht das Angenehme zu
-vergessen &ndash; aber ja nicht zu viel &ndash; den Hut zu viel
-auf eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn &ndash; ein
-keckes Herausfordern der Menschheit, um das sich gewöhnlich
-Niemand kümmert, Rauflust und verschiedene
-andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen
-werden auf die Länge der Zeit im Umgang unerträglich.</p>
-
-<p>Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber
-auch Behaglichkeit, mit einer kleineren oder größeren
-Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige Schuldenmacher
-und Speculanten sind geneigt den Hut in
-solcher Weise zu tragen, und je weiter er nach hinten
-gerückt wird, desto gefährdeter ist ihre Position.</p>
-
-<p>Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit,
-wenn der Hut, im entgegengesetzten Fall,
-weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein
-gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse &ndash;
-auch unsaubere Wünsche; kurz der Hut zeigt den
-Menschen wie er wirklich <em class="ge">ist</em>, und Zacharias Hasenmeier,
-der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,«
-<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a>
-der diese Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut
-keck auf dem linken Ohr diese Theorie wahrlich nicht
-Lügen.</p>
-
-<p>Zacharias machte sich auch wirklich <em class="ge">keine</em> Sorgen,
-und erst nur einmal mit seinem Entschluß im Reinen
-hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise betreffen,
-oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für
-Nebensache &ndash; und doch hatte er gerade da, wo er die
-Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.</p>
-
-<p>Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich
-sehr unvollkommener Art, denn wenn er sonst von
-einer Stadt zur anderen wanderte &ndash; mochte sie auch
-noch so weit entlegen sein &ndash; so brachte er dorthin
-doch gewöhnlich noch immer ein paar Groschen mehr
-mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er
-verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und
-wenig Familien, die er ansprach, konnten sich rühmen
-ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach berechnete
-er also auch die etwa zu zahlende Passage nach
-einem fremden Welttheil, und fand sich hier in Hamburg
-sehr enttäuscht, als die Kapitäne dort liegender
-segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der
-landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als
-<em class="ge">Passagier</em> aufzunehmen, als er im Stande war
-aufzuzeigen &ndash; selbst wenn er gewillt gewesen wäre,
-<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a>
-sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu
-trennen.</p>
-
-<p>Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute
-mit dem Kopf und meinten, das reiche nicht, und unnützes
-Volk könne man nicht Monate lang umsonst an
-Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber
-gar Nichts, Hutmacher wurden nicht unterwegs gebraucht,
-und so blieb das Resultat auf allen Schiffen
-dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten
-Tages, den er auf solche Weise verwandt, mit in die
-Stirn gezogenem Hut &ndash; so keck er ihn auch noch an
-dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein
-Wirthshaus nahe am Hafen zurückkehrte, und sich
-mürrisch und der ganzen See grollend hinter ein Glas
-etwas dünnes Bier setzte.</p>
-
-<p>Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen,
-in der fast nur Seeleute, oder mit der Schiffahrt zusammenhängende
-Personen, wie Segelmacher, Reepschläger
-etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein
-Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und
-einer richtigen »Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt
-passiren konnte. Es war etwa gerade so, als
-ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging,
-und sich einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen
-steckten dann auch bald die Köpfe zusammen,
-<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a>
-und flüsterten und lachten über den wunderlichen
-Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile
-gehabt, ohne daß er weiter Notiz von ihnen genommen,
-wollten sie ihn auch aufziehen, aber Zacharias war
-nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald
-so scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen
-daran fanden, sich mit ihm zu unterhalten &ndash; doch
-freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich ihre
-ganze Lebensweise nicht zuneigte.</p>
-
-<p>Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den
-geringsten Grund sah, seine Absichten, die ihn hierher
-geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die Gesellschaft
-bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern
-wolle, aber kein Schiff finden könne, weil es
-ihm gerade am Besten fehle.</p>
-
-<p>Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen
-Fremde, sobald sie keine Gelegenheit mehr finden sich
-über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald das, bald
-jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht
-doch hätte bewogen werden können, ihn mitzunehmen
-&ndash; Zacharias schüttelte aber immer mit dem Kopf,
-denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und
-wenn auch noch ein oder das andere da lag, auf dem
-er noch nicht nachgefragt, so konnte er sich doch ziemlich
-genau denken, welche Antwort er dort bekommen
-<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a>
-würde. &ndash; Es war nicht der Mühe werth, es auch nur
-zu versuchen.</p>
-
-<p>»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein
-breitschultriger, blatternarbiger Gesell, mit einer
-blauen, goldgestickten, aber entsetzlich schmutzigen Mütze
-auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei
-mit ein paar kleinen verschmitzten Augen &ndash; »wo willst
-Du denn eigentlich hin?«</p>
-
-<p>»Fort &ndash; hinaus in die Welt,« erwiederte der
-wasserdichte Hutmacher &ndash; »wohin, ist mir vollkommen
-gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen &ndash;
-nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten
-Eisenbahnen los werden.«</p>
-
-<p>»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da
-schon auf einem Wallfischfänger versucht?«</p>
-
-<p>»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt,
-»was ist das?«</p>
-
-<p>»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt
-und Fische fängt, und dabei an allen Inseln anlegt,
-die es erreichen kann.«</p>
-
-<p>»<i>Damn it!</i>« rief da Einer der Matrosen, »da liegt
-gerade die »Seeschlange« draußen im Fahrwasser, vor
-einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in
-See gehen &ndash; die braucht noch Leute, und nimmt was
-sie kriegen kann.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a>
-»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.</p>
-
-<p>»Angeln &ndash; <i>hell</i>!« rief der Wirth, »zu angeln
-brauchst Du auch nicht, und die nehmen Dich mit
-Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger
-brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur
-wäre, um einen Schleifstein oder Schiemannsgarn zu
-drehen und Feuer unter den Kesseln zu halten.«</p>
-
-<p>Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei.
-Wallfischfänger waren in der That die einzigen Schiffe,
-die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen
-wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen.
-An alle Inseln, die sie nur erreichen konnten,
-fuhren sie hinan und segelten jetzt an der Japanischen
-Küste &ndash; dann wieder im Eismeer, und vier, fünf
-Monate später zwischen den Corallen-Inseln der Südsee
-herum. Das aber war gerade was Zacharias
-wollte, denn hätte er sich an <em class="ge">einer</em> bestimmten Stelle
-niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes
-übrig geblieben, als wieder zu arbeiten, und zu diesem
-<em class="ge">letzten</em> verzweifelten Mittel, sich eine Existenz zu
-sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.</p>
-
-<p>Einer oder der andere von den Leuten am Tisch
-hatte aber auch schon eine Fahrt mit einem Wallfischfänger
-gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, was
-er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und
-<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a>
-See-Greisen und den Corallenhäusern, die sie in der
-See hätten, von fliegenden Fischen und Palmen, die
-mit den langen Blättern in der Luft herum föchten,
-von Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben
-selber, wie sie in Booten hinter den großen
-Fischen herruderten, ihnen die Harpune in den Leib
-warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten,
-und den ausgekochten Speck für ein enormes Geld
-verkauften.</p>
-
-<p>Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so
-gut wie ihm der Grog mundete, gerade so gefielen ihm
-auch die wunderbaren Schilderungen dieses fabelhaften
-Lebens, das die Matrosen &ndash; einer solchen
-Landratte gegenüber &ndash; denn auch noch tüchtig auszumalen
-wußten. Einer erzählte immer tollere Geschichten
-als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ
-sie Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um
-noch immer mehr zu hören, und jetzt konnte er schon
-die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag würde,
-um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug
-einzuschiffen, und all das Wunderbare selbst mit zu
-erleben.</p>
-
-<p>Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen
-gelauscht, schüttelte zwar mit dem Kopf, denn es that
-ihm leid, daß sie den armen Teufel mit seinen verworrenen
-<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a>
-Ideen nur noch verrückter machten, und er
-meinte einmal:</p>
-
-<p>»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr
-ist, was <em class="ge">ich</em> von Wallfischfängern gehört habe, so ist
-verdammt wenig Vergnügen und heidenmäßige Arbeit
-dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum
-Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken,
-so wollte ich lieber an Land irgendwo als Kettenhund
-in Condition treten, ehe ich mich an Bord eines solchen
-Schiffes verdingte.«</p>
-
-<p>»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer,
-»wenn das bischen Arbeit nicht wäre, machte Einen ja
-die Langeweile auf der langen Reise todt.«</p>
-
-<p>»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die
-Langeweile,« nickte der Segelmacher vor sich hin, »so
-kann er zufrieden sein &ndash; mit Deckwaschen, Garnspinnen,
-Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden
-und auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen
-alle heißen, wird ihn die nicht viel plagen.
-Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem
-Stuhl aufstehend und sein Glas zurückschiebend,
-»wer nicht hören will, muß fühlen, und wenn er's
-denn nicht anders haben mag, wird ihm eine dreijährige
-Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten
-auch gerade Nichts schaden &ndash; viel Glück Mate und
-<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a>
-einen guten Fang&nbsp;&ndash;« und damit stieg er langsam zur
-Thüre hinaus.</p>
-
-<p>Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden,
-aber das Lachen und Erzählen der Anderen trieb bald
-jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. <em class="ge">Das</em> war
-eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser
-hinaus mochte, und von dem lustigen Leben draußen
-wenig wußte. Nur <em class="ge">ein</em> Bedenken kam ihm noch &ndash;
-er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal
-aus dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben
-ihm Sitzenden, der sich überhaupt am Meisten seiner
-angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade hinaus:
-»Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß
-Einer von uns Allen, die wir zur See gehen, schwimmen
-kann? fällt uns gar nicht ein. Daß wir uns etwa
-lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief
-geht, nicht wahr? &ndash; denken gar nicht daran. Fällt
-Einer über Bord, dann geht der Steuermann in seine
-Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's zu
-Ende &ndash; lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat
-dem Teufel die Rechnung verdorben,« und jubelnd
-stießen die wilden Burschen wieder mit ihren Gläsern
-an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.</p>
-
-<p>Endlich fingen sie an zu singen &ndash; ganz schrecklich
-<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a>
-lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar
-kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde
-schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht
-eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den
-Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und
-mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber
-auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge
-&ndash; und es war in der That nicht der einzige &ndash; nur
-auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter
-und hinaus in See zu fahren, und wenn er die
-Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.</p>
-
-<p>Das machte ihn geschwind wieder munter, denn
-die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen;
-sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das
-Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben,
-aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen
-dämmerte schon wieder der Tag &ndash; so lange geschwärmt
-zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte
-aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich
-dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig
-vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es
-vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen,
-der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.</p>
-
-
-
-
-<h3><a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a>
-<span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br />
-
-Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.</h3>
-
-
-<p>Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm
-hier wie auf den anderen Fahrzeugen gehen und der
-Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich angenehm
-getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und
-wenn er zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie
-die Uebrigen, als er den Handwerksburschen mit seinem
-Tornister und Knotenstock sah, so schien er es
-doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen
-aus ihm zu machen. Er sagte, er wolle es jedenfalls
-versuchen. Zacharias wurde sein Platz angewiesen,
-wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein,
-jetzt endlich sein Ziel erreicht zu haben, und einem
-neuen Leben entgegen zu gehen, hing er dort seinen
-Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und
-&ndash; war eingezogen.</p>
-
-<p>Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen
-zu sein, an Bord zu kommen, denn in demselben
-Augenblick schon fast wurden die Segel ausgespannt,
-und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die
-See hinaus. &ndash; Wie das aber tanzte und schwankte
-und der arme Hutmachergesell, der schon so viel von
-der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige
-<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a>
-Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie
-das thue.</p>
-
-<p>Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen;
-Alles wirbelte im Kreis herum &ndash; er wußte nicht
-mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf
-oder auf den Füßen stand. &ndash; Er warf sich auf Deck
-nieder und breitete die Arme und Beine aus, um nicht
-noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem Zustand,
-der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben
-läßt.</p>
-
-<p>Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und
-nur das einzige Bewußtsein war ihm dabei geblieben:
-der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, diesem
-qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu
-machen. &ndash;&nbsp;&ndash; Aber auch das ging zuletzt vorüber, das
-Schiff lag ruhiger, oder er fühlte vielleicht auch die
-Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich
-erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich
-schon so weit draußen in See, daß er, wohin er auch
-blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er hatte
-seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht
-mehr möglich.</p>
-
-<p>Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben
-mochte; er fühlte sich keineswegs behaglich und
-sehnte sich fortwährend danach, das ewig schwankende
-<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a>
-Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu
-werden, und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen
-&ndash; war <em class="ge">das</em> Reisen, wo man in einemfort, wie ein Sack,
-hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß nie vom
-Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein,
-auf die Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in
-seinen festen soliden Pappelalleen und er bekam wieder
-das alte Heimweh nach seinem früheren Leben.</p>
-
-<p>Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden
-gelassen hätten, daß er sich ordentlich ausruhen und
-das häßliche schwindliche Gefühl überwinden konnte
-&ndash; aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen
-wieder auf, so kam auch schon der Steuermann und
-stellte ihn an die Arbeit, und keine Entschuldigung
-half, daß er noch hundeelend sei.</p>
-
-<p>Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht
-gehabt, der ihm ganz genau prophezeiht hatte, was
-ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich
-war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde
-oder gar einen schweren Schleifstein drehen,
-daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging &ndash;
-und dazu sollte er fetten Speck essen und harten
-Schiffszwieback kauen &ndash; so ein Leben &ndash; der Böse
-hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre,
-aber es war ihm nicht recht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a>
-<em class="ge">Arbeiten</em> &ndash; nun ja, er hatte in seinem Leben
-schon oft gearbeitet, und einen Hut zu walken und zu
-bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, aber was
-half ihm das <em class="ge">hier</em>? Statt des Bügeleisens bekam er
-einen alten schmutzigen Sandstein in die Hände und
-mußte damit das Verdeck abschleifen, und wenn das
-Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott
-bewahre; auf und nieder gings und im Kreis herum
-mit ihm und dann kam auch noch der Steuermann
-und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über,
-wenn er nicht rasch genug kratzte, daß er die dicken
-Striemen fühlen konnte.</p>
-
-<p>O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er
-nicht irgendwo Land erkennen und aussteigen könne,
-denn <em class="ge">die</em> Vergnügungstour hatte er schon bis oben
-hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und
-Wasser und immer weiter fuhren sie dabei in den großen
-Ocean hinein.</p>
-
-<p>Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich
-mit der Zeit an die Seereise gewöhnen, so fand er
-doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. Je länger
-er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der
-Kopf brannte ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein
-Magen revoltirte gänzlich gegen den ekelhaften Speck
-und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig
-<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a>
-behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß
-stand, daß alle Civil- und Militärbehörden unterwegs
-ersucht wurden, ihn frei und ungehindert passiren,
-auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen &ndash;
-und hier sollte er sich behandeln lassen wie einen
-Hund?</p>
-
-<p>Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte
-wieder an Land gesetzt zu werden, aber der sagte
-weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm
-den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und
-lachten ihn aus.</p>
-
-<p>Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die
-Segel mußten eingenommen werden, und das Schiff
-fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte,
-es müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn
-in die Höhe und fuhr dann wieder in die Tiefe hinab,
-bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft
-schnappen mußte.</p>
-
-<p>Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf
-den Füßen konnte er sich doch nicht mehr halten, aber
-was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen und
-machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach
-der andern Seite hinüber, und warf ihn wie ein
-Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß ihn
-alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er
-<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a>
-hinein, hatte sich aber noch nicht einmal ordentlich fest
-gelegt, als er noch unsanfter als vorher hinaus geschleudert
-wurde, und jetzt bekam er's satt.</p>
-
-<p>»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der
-Teufel holen &ndash; ich thu' nicht mehr mit,« und zugleich
-fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an und nahm
-dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu
-packen.</p>
-
-<p>Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer
-Hängematte schaukelten, lachten, und frugen ihn, ob
-er an Land wolle und auch tüchtig lange Wasserstiefeln
-habe &ndash; aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte
-seinen Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden
-Stiefelsohlen oben, fest, knöpfte sich seinen Rock
-bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und zog ihn sich
-vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor
-und hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte
-Handgelenk, sagte »adjes miteinander« und stieg an
-Deck.</p>
-
-<p>Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien
-er völlig blind geworden, nur an sich selber dachte er
-und die ihm hier gewordene nichtswürdige Behandlung,
-und so schritt er denn auch fest und entschlossen
-auf den Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern
-auf dem Quarterdeck auf- und abging, und die
-<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a>
-Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in
-dem Wetter noch führen konnten.</p>
-
-<p>»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes
-sagen,« bemerkte hier Zacharias, indem er seinen Hut
-abnahm und eine Verbeugung machte.</p>
-
-<p>»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn
-aus? Bist Du verrückt geworden?«</p>
-
-<p>»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob
-Sie sonst noch etwas zu bestellen hätten.«</p>
-
-<p>»Aber wo willst Du denn hin? &ndash; gehst Du etwa
-so schlafen?« lachte der Seemann.</p>
-
-<p>»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber
-Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder
-keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben
-Sie recht wohl, denn <em class="ge">die</em> Wirthschaft hier hätt'
-ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo
-gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie
-mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief.
-Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes
-Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das
-Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick,
-wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die
-Tiefe.</p>
-
-<p>Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr
-&ndash; oben hörte er nur noch den wildverstörten Ruf:
-<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a>
-Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der Steuermann
-nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch
-schreiben werde: Mittwoch den 13.&nbsp;August Nachmittags
-halb vier &ndash; soviel Grad Länge, soviel Grad
-Breite, Mann über Bord gegangen &ndash; Zacharias
-Hasenmeier &ndash; das war seine Grabschrift und damit
-fuhr er ab &ndash; tiefer und immer tiefer.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Capitel.</span></span><br />
-
-Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.</h3>
-
-
-<p>Eigentlich war er selber sehr überrascht worden,
-als er hinaus aus dem Schiff trat, dort erst merkte,
-daß er auf gar nichts mehr stand und zu gleicher Zeit
-fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln,
-nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich
-darauf über seinem Kopf zusammenschlug.</p>
-
-<p>»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier
-eine verzweifelte Einrichtung mit den Chausseen, und
-wenn ich nach Hause komme« &ndash; weiter dachte er aber
-nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm
-Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst
-versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Nicht einmal
-der bekannte Strohhalm war bei der Hand, nach welchem
-<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a>
-sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und
-er kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er
-sich gar nicht mehr besinnen konnte, wo er sei und was
-mit ihm vorging.</p>
-
-<p>Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr
-um sich her erkennen konnte, fühlte er auch nicht mehr,
-daß er sank, und die ganze Welt kam ihm nur in dem
-Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in
-welcher er eingestöpselt herumschwamm. &ndash; Er wollte
-dabei Athem holen, aber das ging nicht, denn sobald
-er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser
-hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es
-beschlich ihn eine Empfindung, als ob er kaum so
-viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle gleichen
-Alters.</p>
-
-<p>Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine &ndash;
-wie bisher irrthümlich berichtete &ndash; purpurfarbene,
-sondern weit eher Bouteillenglasfarbene Finsterniß
-umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen,
-daß sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete,
-Gegenstände umher wurden sichtbar &ndash; hie und da
-begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich
-faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung
-von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu
-haben schien &ndash; unangenehme Quallen und Blasen trieben
-<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a>
-sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin
-schießen &ndash; ob <em class="ge">die</em> aber <em class="ge">aufwärts</em> fuhren,
-oder er <em class="ge">ab</em>wärts, war er nicht im Stand zu sagen,
-denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick
-auf den, unter ihm befindlichen Raum gerichtet,
-der mit jeder Secunde mehr aus der dichten
-Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen
-Licht übergossen schien.</p>
-
-<p>So mußte es einem Menschen zu Muthe sein,
-der aus hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank,
-so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite
-Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich
-die einzelnen Baumgruppen und Ortschaften und
-zuletzt Häuser und Menschen klar und genau erkennen
-ließen.</p>
-
-<p>Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er
-nicht klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit
-&ndash; dort breiteten sich weite grüne Ebenen,
-mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die
-in jenem wunderbaren Licht funkelten und blitzten
-und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. Ehe
-Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze
-gewinnen konnte, fuhr er plötzlich bis über die Kniee
-in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen,
-sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben.
-<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a>
-&ndash; Und was das für eine curiose Gegend war, in der
-er sich befand!</p>
-
-<p>»Jetzt &ndash; wenn ich nicht auf Reisen wäre,«
-brummte er leise vor sich hin, »sollt' ich meiner Seel'
-denken, <em class="ge">die</em> Pappelallee führte nach Halle hinein &ndash;
-aber puh, wo liegt Halle!«</p>
-
-<p>Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden
-Allee, die freilich aus den wunderbarsten
-Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie Pappeln,
-hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne
-elastische und sich fortwährend bewegende Zweige.
-Gar nicht weit voraus aber lag ein Haus &ndash; er
-konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich
-lange zu besinnen, marschirte er darauf zu. &ndash; Aber
-sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Weg, in
-dem er auch nicht die Spur von einem Wagengleis
-bemerkte &ndash; mit den Extraposten sah es jedenfalls
-windig aus.</p>
-
-<p>Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine
-lange Zeit, denn viel rascher als er gedacht, erreichte
-er das Haus. Und wie sonderbar leicht sich das
-hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den
-Schultern, die Füße nicht auf dem Boden, und der
-schwere Knotenstock hob sich bei jedem Schritt immer
-ganz von selber wieder.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a>
-Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken
-aufgeführt, aber mit den herrlichsten
-Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und
-Fenster, wie die Häuser an der Oberwelt &ndash; die
-Fenster bestanden aber nicht aus Glas, sondern aus
-Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein,
-wie der Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals
-gemacht.</p>
-
-<p>Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren
-Baulichkeiten, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er
-jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort angebrachten
-Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum
-saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht,
-betrachtete.</p>
-
-<p>Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden
-Schuppenmütze auf, aber sonst wohl ganz kahlem
-Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen,
-als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte
-es Arme und Beine, nur daß der untere Theil derselben
-an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es eine
-Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten,
-der um den Leib mit einem Korallengürtel festgebunden
-war.</p>
-
-<p>»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig,
-und Zacharias erschrak ordentlich über die deutsche
-<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a>
-Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der Hand
-kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen
-Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:</p>
-
-<p>»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen
-keinen warmen Löffel im Leibe gehabt.«</p>
-
-<p>»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt,
-ohne aber in die Tasche zu greifen, »das ist eine
-lange Zeit, seit ich keinen Handwerksburschen hier gesehen
-habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst
-kürzlich ersoffen?«</p>
-
-<p>»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere,
-noch gar nicht &ndash; ich habe meinen ordentlichen
-Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's hier
-unten ausschaut &ndash; sehr hübsche Gegend.«</p>
-
-<p>»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit
-dem Kopf schüttelnd, »also Du bist <em class="ge">nicht</em> ersoffen &ndash;
-das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher kannst denn
-Du das Wasser vertragen?«</p>
-
-<p>»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die
-Möglichkeit eines Geschenkes noch nicht aufgab, und
-deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin wasserdichter
-Hutmachergesell und da&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine,
-»aber Du bist noch nicht lang hier, wie? &ndash; gefällt's
-Dir hier bei uns?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a>
-»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der
-Hutmacher, »nur ein Bischen feucht kommt mir die
-Gegend vor.«</p>
-
-<p>»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder,
-»ich wohne nun jetzt schon etwas über zweitausend
-Jahr hier und befinde mich ganz wohl&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief
-Zacharias, »und darf man fragen, was Sie eigentlich
-für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut deutsch
-gelernt haben?«</p>
-
-<p>»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin
-Seegreis und beziehe meine jährliche Pension, und
-Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn gelernt,
-die gar nicht weit von hier wohnen.«</p>
-
-<p>»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.</p>
-
-<p>»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren
-versank grad' über uns ein großes Schiff mit lauter
-Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten, und die
-kamen denn grad herunter und siedelten sich da an.
-Wollen wir einmal hinüber gehen?«</p>
-
-<p>Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten
-werden können, denn der kleine komische Kauz
-hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein
-angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls
-besser behandelt würde. Der Kleine stand
-<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a>
-aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam
-aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias'
-unbegrenztem Erstaunen einen <em class="ge">Regenschirm</em>
-unter der einen Flosse, den er dann aufspannte und
-sagte:</p>
-
-<p>»So, nun kann's losgehen.«</p>
-
-<p>»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher,
-»brauchen Sie denn hier im Wasser einen Regenschirm?«</p>
-
-<p>»<em class="ge">Regenschirm?</em>« sagte sein Begleiter, »einen
-<em class="ge">Schirm</em> gewiß. Es fahren hier jetzt in letzter Zeit
-so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute
-darauf kehren sich den Henker darum, was sie über
-Bord werfen, so daß man nie sicher ist einmal unterwegs
-einen zerbrochenen Teller, oder sonstige Porzellan-
-und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß
-was, auf den Kopf zu bekommen. Ich gehe deshalb
-nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz
-behaglich die Allee entlang.</p>
-
-<p>»Was sind denn das nur für komische Bäume,«
-sagte Zacharias, der nebenherkeuchte und kaum mitkommen
-konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag noch
-nicht gesehen.«</p>
-
-<p>»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen
-Bäume &ndash; Korallenbäume &ndash; andere haben wir hier
-<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a>
-unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen
-gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«</p>
-
-<p>»Polypen &ndash; 's&nbsp;ist die Möglichkeit,« rief Zacharias
-erstaunt aus, »wenn ich wieder nach Hause komme,
-glauben sie mir's gar nicht.«</p>
-
-<p>»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit
-dem Kopf schüttelnd, »ich lebe nun hier unten über
-zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß
-jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach
-Hause gekommen wäre.«</p>
-
-<p>»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die
-ältesten Leute in einem Orte wissen sich nie auf etwas
-zu besinnen &ndash; aber entschuldigen Sie, verehrter Seegreis,
-was ist denn das da drüben &ndash; das sind ja
-komische Thiere.«</p>
-
-<p>Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite
-grüne Seegraswiese aus und Hasenmeier bemerkte
-jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert
-große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während
-der Hirt, oder die Hirtin vielmehr, ein junges
-allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft hatte abgemalt
-gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie
-überwachte.</p>
-
-<p>»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der
-galante Hutmachergesell fort, der sie schmunzelnd betrachtete,
-<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a>
-denn sie gefiel ihm ausnehmend, »können wir
-nicht einmal dort vorüber gehen.«</p>
-
-<p>»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig,
-»wenn wir nachher schräg durch den Korallenwald
-halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück Weges
-ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und
-ohne Weiteres bog er rechts durch die Grasebene
-ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die neugierig aufschaute,
-als sie den komischen, wunderlichen Fremden
-bemerkte.</p>
-
-<p>Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig
-einfach gekleidet, und trug nichts als ihre
-langen grünen mit Meerrosen durchflochtenen Haare,
-aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar
-Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte,
-war weiß und zart wie Elfenbein. Zacharias Hasenmeier
-fühlte auch, daß er hier die Gesetze der Höflichkeit
-nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den
-Hut ab, und das ihm schon aus alter Gewohnheit und
-mit der Bewegung zusammenhängende und auf den
-Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch«
-gewaltsam hinunter schluckend, sagte er mit größter
-Artigkeit:</p>
-
-<p>»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre
-werthe Bekanntschaft zu machen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a>
-Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm
-Muth zu einer größeren Freiheit machte: er hob also
-den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter das
-Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück,
-denn das kleine Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich
-einen grünen Schein annahmen, schnappte danach mit
-den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm
-auch zu gleicher Zeit nach den Beinen.</p>
-
-<p>»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend,
-und hatte eben noch Zeit, seinen Stock vorzuhalten,
-um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.</p>
-
-<p>»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst
-ihr nicht zu nahe kommen.«</p>
-
-<p>»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,«
-sagte Hasenmeier bestürzt, »bei uns beißen die Mädels
-nicht.«</p>
-
-<p>»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber
-laß uns weiter gehen, siehst Du, dort fängt schon der
-Wald an.«</p>
-
-<p>Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine
-Nixe hatte auf einmal alle Reize für ihn verloren,
-und er warf nur noch einen Blick auf die wunderliche
-Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten
-Bäuchen im Seegras herumkrochen und unter Obhut
-der kleinen bissigen Hexe standen. Vergebens sah er
-<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a>
-sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie
-jetzt zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten
-Hecke, als was er sich bis jetzt unter einem Wald gedacht.
-Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es
-große stämmige Korallenbäume waren, die ihre
-zackigen laublosen Aeste nach allen Seiten hinausstreckten,
-so daß man kaum seine Bahn hindurch finden
-konnte.</p>
-
-<p>Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume
-halten und zankte hinauf und als Zacharias erstaunt
-dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein
-paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen
-und sich hinter den Aesten zu verstecken suchten.</p>
-
-<p>»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der
-Seegreis, »Ihr glaubt wohl, ich seh Euch nicht? Wollt
-Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich
-Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei
-den Flossen auf und laß Euch eine Woche zappeln,« &ndash;
-und rechts und links glitten die scheuen Bengel jetzt,
-wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren
-Gewirr sie bald verschwanden.</p>
-
-<p>»Aber was haben denn die da oben gemacht?«
-sagte Zacharias erstaunt.</p>
-
-<p>»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die
-Nester der fliegenden Fische nehmen sie aus und saufen
-<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a>
-die Eier aus &ndash; aber wartet, ich passe Euch auf
-den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt
-sind wir übrigens gleich durch den Wald, &ndash; siehst
-Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner
-Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen
-Besuch abstatten. &ndash; Die werden sich freuen, wenn sie
-Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«</p>
-
-<p>Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter
-und bald betraten sie wieder eine offene Ebene, in der
-auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem Wald,
-die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen
-Auswanderer lag. Daß sie aber zu Deutschen kamen
-sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege waren
-hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten,
-sondern er kam auch bald darauf zu einem weiß und
-grün angestrichenen Wegweiser, dessen Arm gerade
-nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte
-standen:</p>
-
-<p class="ce">»Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«</p>
-
-<p class="in0">was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von
-dem Ort noch befanden. Hasenmeier mußte freilich
-die Beine tüchtig unter den Arm nehmen, um mit
-dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend
-Jahre noch vortrefflich auf den Füßen schien,
-sie rückten dadurch aber auch rasch näher, und nach
-<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a>
-kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald
-verlassen, erreichten sie die äußeren Einfriedigungen
-des Dorfes, das mit seinen reinlichen Straßen
-vor ihnen lag.</p>
-
-<p>Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar
-Heerden von Seekühen mit ihren Kälbern und auch
-Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen allerliebsten
-Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell
-schien aber jede Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden,
-und es drängte ihn jetzt selber, wieder in
-»gesittete Gesellschaft« zu kommen.</p>
-
-
-
-
-<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br />
-
-Der Kampf mit der Seeschlange.</h3>
-
-
-<p>Was unseren Handwerksburschen wunderte, war,
-daß er noch gar keinen Menschen auf der Straße
-sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen
-seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke,
-die hier zum Einfassen der Gärten benutzt
-zu werden schien, plötzlich ein Gendarm hervortrat,
-und den Handwerksburschen mit barscher Stimme
-nach seinem Wanderbuch frug.</p>
-
-<p>»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht
-<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a>
-aus, »haben sie denn hier unten auch Gendarmen?«</p>
-
-<p>»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein
-Bursche,« rief aber der Mann des Gesetzes trotzig,
-»wo <em class="ge">keine</em> gewesen wären?« &ndash; und in der That
-konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis
-noch der Hutmachergesell auf eins in der Geschwindigkeit
-besinnen &ndash; »also mach' rasch, denn ich habe keine
-lange Zeit.«</p>
-
-<p>»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch
-erstaunt vor sich hin; aber nicht gewohnt einer
-solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine Widersetzlichkeit
-zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte
-ihn auf und suchte das Buch.</p>
-
-<p>»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles
-klatsche naß &ndash; wenn hier nur ein Platz wäre, wo
-man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«</p>
-
-<p>»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während
-der Gendarm es unter seiner Würde hielt, mit dem
-reisenden Handwerksburschen ein Gespräch anzuknüpfen,
-ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte &ndash;
-»was ist denn das?«</p>
-
-<p>»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen
-Sie mir aber nicht übel&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Na wird's bald!« rief der Gendarm.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a>
-»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch,
-»hat ihm schon &ndash; hier verehrter Herr
-Gerichtsbehörde ist mein Paß &ndash; Alles in Ordnung
-&ndash; Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich
-gefälligst&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes,
-indem er das Papier wieder zusammenfaltete
-und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier
-aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister
-vorher visiren lassen.«</p>
-
-<p>»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn
-hier auch einen Bürgermeister?«</p>
-
-<p>»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte
-der Gendarm, »wo sechs Deutsche zusammen wohnen,
-brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte
-man denn sonst nur Steuern erheben? &ndash; Alles hier
-wie oben &ndash; Alles genau so!«</p>
-
-<p>»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber
-ganz im Stillen, denn was er <em class="ge">jetzt</em> dachte, durfte er
-nicht laut werden lassen, »und deshalb die schreckliche
-Seereise gemacht.«</p>
-
-<p>»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.</p>
-
-<p>»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.</p>
-
-<p>»Gut &ndash; können einmal meinen alten Filz wieder
-aufbügeln &ndash; ist ein wenig lappig geworden hier unten.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a>
-Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den
-besagten Toilette-Gegenstand und bemerkte allerdings,
-daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, der
-einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine
-sehr trübselige Form angenommen hatten.</p>
-
-<p>»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich,
-»aber wo finde ich den Herrn Bürgermeister?«</p>
-
-<p>»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm,
-»können so lange in's Wirthshaus gehen &ndash; zum goldenen
-Haifisch.«</p>
-
-<p>»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter,
-ist hier auch ein Wirthshaus im Ort?«</p>
-
-<p>»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch
-auch ein Wirthshaus da sein,« sagte der Gendarm,
-»gleich dort neben der Kirche &ndash; dem Haus mit dem
-kleinen Thurm.«</p>
-
-<p>Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen
-wieder und faßte seinen Knotenstock fester, denn jetzt
-fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine nur
-genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn
-herum schwamm, und ihn dabei immer über die Achsel
-ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? ob
-er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich
-hatte von dem Gendarmen so anfahren lassen? Bah,
-was verstand so ein Seegreis davon; wie Gendarmen
-<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a>
-behandelt sein wollten, das wußte <em class="ge">er</em> besser, und sich
-an den Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er
-vergnügt der bezeichneten Stelle zu.</p>
-
-<p>Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken
-aufgebaut, und mit breiten Muscheln,
-wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte das
-Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an
-einer großen Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo
-in einem mächtig breiten Stall eine Menge Seekühe
-mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen
-konnte er entdecken &ndash; nirgends die Spur von
-Leben oder Thätigkeit, und das Ganze fing schon
-an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf
-ausgestorben, und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?</p>
-
-<p>Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht &ndash; fehlen
-konnte er's nicht, denn ein großes Schild mit einem
-goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von Weitem,
-und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt
-in der Thür stehen, als er das ganze Gebäude,
-das etwa noch einmal so groß wie die gegenüberliegende
-Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher
-zechender Menschen sah.</p>
-
-<p>»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's
-mich freilich nicht mehr, daß ich Niemanden in
-<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a>
-den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im Wirthshaus
-sitzen.«</p>
-
-<p>»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth
-an &ndash; eine große breitschultrige Gestalt mit Pockennarben,
-dessen Gesicht ihm merkwürdig bekannt vorkam
-&ndash; »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja
-herein.«</p>
-
-<p>Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und
-den Hut vom Kopf.</p>
-
-<p>»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei
-mit kläglicher Stimme, »bittet allerseits um ein kleines
-Geschenk.«</p>
-
-<p>»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und
-schrien aber die Gäste durcheinander, und ein Toben
-entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der Erde nicht
-natürlicher hätte aufgeführt werden können.</p>
-
-<p>Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen,
-wie reichlich mit Getränken und Speisewaaren versehen
-die Bewohner dieser unterseeischen Station sein
-mußten, denn rings an den Wänden waren Massen
-von Fässern, mit allen nur denkbaren köstlichen Weinen
-und Spirituosen aufgeschichtet, während neben an,
-ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein
-schien. Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht
-zum Umschauen, denn von allen Seiten wurden ihm
-<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a>
-Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier
-wußte gar nicht, wo er zuerst zulangen sollte.</p>
-
-<p>»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?«
-rief er dabei, »Ihr lebt ja hier wahrhaftig, wie der
-liebe Gott in Frankreich.«</p>
-
-<p>»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn
-mein Bursch, daß alle die guten Sachen verloren
-gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln &ndash;
-Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal
-gar nicht wissen wohin damit &ndash; aber jetzt trink aus,
-denn wir müssen fort.«</p>
-
-<p>»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der
-gar nicht daran dachte, sobald wieder fortzugehen,
-»hier ist's doch hübsch genug.«</p>
-
-<p>»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen
-und holten jetzt aus Ecken und Winkeln alle nur erdenkbare
-Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße,
-Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.</p>
-
-<p>»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier,
-»wollt Ihr in den Krieg? &ndash; Donnerwetter, halten Sie
-mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding kann
-losgehen.«</p>
-
-<p>»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das
-sollst Du gleich wissen. Hier ganz in der Nähe läßt
-sich nämlich seit einigen Monaten die <em class="ge">Seeschlange</em>
-<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a>
-blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der
-Weide, ja, hat neulich sogar ein kleines Nixchen, das
-mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut und
-Haaren aufgefressen.«</p>
-
-<p>»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug
-Hasenmeier.</p>
-
-<p>»Ja, <em class="ge">die</em> kehrt sich wohl an einen Gendarm,«
-lachte der Wirth, »nein, wo wirklich etwas los ist, da
-müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe schaffen,
-denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig
-in unserer Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon
-heut Morgen in aller Früh mit seinen Hunden ausgegangen,
-um einmal abzuspüren und wenn wir dann
-wissen, wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher
-schon kriegen.«</p>
-
-<p>»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier
-bleiben und mich ausruhen,« sagte Hasenmeier, dem
-Nichts ferner lag, als hier unten mit einer Seeschlange
-anzubinden, da diese allen früher gelesenen
-Beschreibungen nach ja ein ganz entsetzliches Beest
-sein sollte.</p>
-
-<p>»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend,
-»ne mein Bursche, wenn Du hier unten bei uns leben
-willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt
-ausrücken.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a>
-»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der
-Doctor hat mich untersucht und erklärt, ich hielte die
-dreijährige Dienstzeit nicht aus &ndash; und dann bin ich
-auch auf dem linken Ohr taub.«</p>
-
-<p>»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das
-macht hier Alles Nichts &ndash; gebt ihm einmal eine Lanze
-oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft der
-Herr Bürgermeister.«</p>
-
-<p>Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine
-Blase unter den rechten Fuß gelaufen, und den Rheumatismus
-im Knie hätte, halfen ihm in der That
-Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen
-Säbel um, der wohl einen Fuß hinten nach schleifte
-und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen die
-Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf,
-sammelte sich draußen auf der Straße und marschirte
-nun in Reih und Glied, während ein paar Jungen
-vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.</p>
-
-<p>Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.</p>
-
-<p>»Wenn ich <em class="ge">das</em> gewußt hätte,« dachte er bei sich,
-»so wäre ich lieber noch einen Tag an Bord geblieben,«
-aber es nützte ihm Nichts. Als Vaterlandsvertheidiger
-mußte er mit in Reih und Glied marschiren,
-und dabei auch noch vergnügt aussehen, wenn
-er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt sein wollte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a>
-So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann
-stark, durch die stillen Straßen der Stadt, und Hasenmeier
-bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein
-Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder
-dem anderen der jungen Lieutenants hinunter zu
-schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit zu solchen
-Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das
-weite Feld, eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese,
-in der ihnen jeden Augenblick die gefürchtete Seeschlange
-unter den Füßen herausfahren konnte.</p>
-
-<p>Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche
-Gestalt, die ihnen zuzuwinken schien &ndash; das mußte
-der Bürgermeister sein und die Muschelbläser vorn
-wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja
-nicht wissen, wie nahe die Bestie versteckt lag.</p>
-
-<p>So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das
-Seegras war hier so tief und verwachsen, daß Hasenmeier
-kaum darin fortkonnte und immer ärger stöhnte
-und schwitzte.</p>
-
-<p>Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der
-Hand hielt, suchte indessen das nächste Feld ab und hielt
-plötzlich still und sah vorsichtig voraus. Zacharias bemerkte
-jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich
-hatte, und der eine stand &ndash; der Bürgermeister winkte,
-daß sie sich ruhig verhalten sollten, und schritt leise vor.
-<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a>
-Der eine Seehund zog vortrefflich an &ndash; plötzlich fuhr
-ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und
-der Bürgermeister machte eine famose Doublette nach
-rechts und links, während die beiden Seehunde vorsprangen
-und jeder seinen Fisch apportirte.</p>
-
-<p>Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch
-das Seegras vollständig erschöpft, war froh genug,
-einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu gewinnen,
-wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich
-dann auf einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke,
-die hier überall aus dem Gras hervorschauten. Mit
-einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon in
-demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte
-sich den Platz, auf den er sich niederlassen wollte, vorher
-nicht genau angesehen, und sich dabei mitten auf
-einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.</p>
-
-<p>Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine
-Zeit zur Kurzweil mehr, denn der Bürgermeister kam
-heran und theilte den Leuten mit, daß er das Versteck
-des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult
-in einem kleinen Dickicht von Algen
-und Korallenbäumen liegen, die etwa tausend Schritt
-von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu
-erkennen waren.</p>
-
-<p>»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister
-<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a>
-plötzlich und streng, als sein Blick auf Hasenmeier fiel,
-»wo kommt er her?«</p>
-
-<p>»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister,
-ich wollte nur&nbsp;&ndash;« stammelte der Handwerksbursch.</p>
-
-<p>»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.</p>
-
-<p>»Alles &ndash; wenn Sie erlauben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nachher &ndash; jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber
-der Bürgermeister ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher
-Mensch aussah, nur daß er Schwimmhäute
-zwischen den Fingern trug &ndash; und Hasenmeier überzeugte
-sich jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der
-Fall war. Der Bürgermeister aber fuhr fort: »Wir
-müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann
-hineinschicken &ndash; denn meine Hunde wollen nicht dran
-und ich mag sie auch nicht riskiren. &ndash; Zwei Mann,
-die das Beest aufstören und hinaus in's Freie treiben
-&ndash; und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät
-zum Essen kommen.«</p>
-
-<p>Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz
-eigenthümlich rasche Art geladen und fort ging's auf's
-Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht zu, dem Hasenmeier
-viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt
-hätte, ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar
-Nichts daran, daß sie so rasch vorrückten, aber all diese
-verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal eine
-<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a>
-ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde
-verging, befanden sie sich dicht vor der Dickung,
-in welcher das Ungeheuer seinen Mittagsschlaf halten
-sollte.</p>
-
-<p>Da winkte der Bürgermeister mit der Hand,
-denn die Seehunde drückten sich scheu zwischen seine
-Füße &ndash; ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der
-Nähe sei.</p>
-
-<p>»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an,
-»wir sind am Ziel. Da drinnen liegt das Ungeheuer,
-das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens
-auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um
-Einen von uns zu holen. Das müssen wir verhüten,
-denn ein solcher Satan respektirt nicht einmal die
-Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum
-und thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment
-naht. &ndash; Vorher aber zwei Freiwillige vor, die kühn
-in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen Feind
-zum Weichen bringen &ndash; dann läuft er uns nachher
-von selber in die Hände. &ndash; Also habt Ihr mich verstanden?
-&ndash; <em class="ge">zwei Freiwillige</em> vor!«</p>
-
-<p>Niemand rührte sich.</p>
-
-<p>»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und
-fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es nicht gehört, Du
-<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a>
-Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll
-ich Dir etwa erst Beine machen?«</p>
-
-<p>»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier
-erschrocken, »als wasserdichter Hutmachergeselle&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten
-oder nicht!« schnauzte ihn da noch einmal der
-Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen anderen
-Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu
-opfern. Nur erst einmal im Dickicht drin, wollte er
-aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm
-nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören
-und böse zu machen, daran dachte seine Seele nicht.
-&ndash; Aber auch hierin sollte er sich getäuscht sehen, da
-sich der Wirth selber als <em class="ge">zweiter</em> Freiwilliger meldete,
-und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern
-klopfend rief:</p>
-
-<p>»Und nun komm, Kamerad &ndash; es ist Zeit.
-Donnerwetter, Du hast Dich doch jetzt genug ausgeruht
-und die Seeschlange geht Dir sonst meiner
-Seel' durch!«</p>
-
-<p>»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber
-was half's, vorwärts mußte er, und sich den Hut verzweifelnd
-in die Stirn rückend, sagte er:</p>
-
-<p>»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung
-<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a>
-ist für eine Civil- und Militärbehörde, so will
-ich Schulze heißen« &ndash; und mit den Worten sprang
-er so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth
-kaum folgen konnte. &ndash; Am meisten störte ihn aber
-dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den Algen
-hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß
-er darüber hinstürzen mußte. Aber er achtete das
-Alles nicht &ndash; vorwärts &ndash; weiter hatte er in diesem
-Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht
-wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im
-Dickicht drin und in einem wahren Gewirr von Korallen
-und ekelhaften Seegewächsen.</p>
-
-<p>Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er
-sehen, wie sich die langen grünen schleimigen Blätter
-bewegten, und in den Korallenästen krachte und brach
-es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der
-Wirth, der dicht hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der
-Schulter und schrie ihm in's Ohr:</p>
-
-<p>»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie
-kommt!«</p>
-
-<p>Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide
-reißen, aber es ging nicht &ndash; die verwünschte Klinge
-war in dem Seewasser fest eingerostet.</p>
-
-<p>»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch
-gefehlt.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a>
-Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus
-dem Gebüsch und sperrte gierig den weiten, mit ganz
-entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn auf
-&ndash; heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen
-Augen blitzten ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen
-das ausersehene Opfer schon voraus zu durchbohren.</p>
-
-<p>Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das
-Scheusal wehren konnte &ndash; mit der Linken hatte er
-die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem
-Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte
-&ndash; der Säbel saß fest &ndash; noch einmal &ndash; jetzt brach der
-Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, und mit
-einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn
-und faßte ihn mit den Zähnen.</p>
-
-<p>»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur
-noch wie der Wirth ganz ruhig sagte:</p>
-
-<p>»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher &ndash;
-Donnerwetter, Mensch, Du alarmirst mir ja das
-ganze Haus.«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ja &ndash; wo ist &ndash; wo ist denn die Seeschlange?«
-rief Hasenmeier und richtete sich erschreckt
-empor.</p>
-
-<p>»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll
-wohl auf <em class="ge">Dich</em> warten, die ist mit der Ebbe ausgesegelt
-und schon aus Sicht.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a>
-»Die Seeschlange? &ndash; aber Du meine Güte &ndash;
-wo bin ich denn?« rief der arme Teufel sich erschreckt
-die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister
-und &ndash; ich war doch?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd,
-»von Civil- und Militärbehörden hast Du
-genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich auf
-&ndash; es ist bald Mittag und das Mädchen will die
-Stube rein machen.«</p>
-
-<p>Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf
-ging's ihm wie ein Mühlrad herum &ndash; da stand der
-Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in
-einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen,
-Algen und Korallen keine Spur &ndash; nicht einmal den
-Säbel hatte er umgeschnallt.</p>
-
-<p>»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit
-kläglicher Stimme, »was ist denn nur mit mir vorgegangen?«</p>
-
-<p>»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?«
-meinte der Blatternarbige, »nichts Besonderes &ndash;
-einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend
-angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das
-tollste Zeug dabei geschwatzt. &ndash; Jetzt mach aber, daß
-Du heraus kommst, denn das Zimmer soll gelüftet
-werden.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a>
-Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen.
-Die Erinnerung an den gestrigen Abend
-stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise,
-Nixen, Schildkröten und Seeschlangen schwammen
-dazwischen herum, und seine Reise selbst &ndash; war denn
-das Alles nur ein Traum gewesen? &ndash; Angezogen
-wie er gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er
-überdieß im Bett &ndash; nur die Stiefeln hatten sie ihm
-ausgezogen &ndash; nicht etwa <em class="ge">seiner</em> Bequemlichkeit,
-sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff
-er in die Tasche nach seinem Geld. &ndash; Herr du
-meine Güte, das war fort und &ndash; das machte ihn
-munter.</p>
-
-<p>Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt
-alle Taschen &ndash; nicht die Spur davon war mehr zu
-finden.</p>
-
-<p>»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der
-ihn kopfschüttelnd betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«</p>
-
-<p>»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell &ndash;
-»aber mein Geld &ndash; zehn Thaler 17½ Silbergroschen.«</p>
-
-<p>»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen
-Abend zechen und die Gesellschaft traktiren und den
-Mädels Geld schenken und dann soll am anderen
-<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a>
-Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen
-sein &ndash; wäre nicht übel. Einen solchen Geldbeutel
-wünschte ich mir auch.«</p>
-
-<p>»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn
-Alles bezahlt?«</p>
-
-<p>»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei
-Mark zehn Schilling bist Du aber noch schuldig, mein
-Bursch, und wenn Du die nicht zahlen kannst, werde
-ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«</p>
-
-<p>Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf
-dem Bettrand und starrte wie verloren vor sich hin.
-Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und so
-wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles
-zusammenhing, kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung,
-daß er der unglückseligste wasserdichte Hutmachergesell
-wäre, der je einer Pappelallee Fährten
-eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen
-Unwillen und sogar einen Verdacht zu äußern, daß
-vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen
-sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten
-Andeutung dahin, so furchtbar grob, daß er das bald
-in Verzweiflung aufgab.</p>
-
-<p>Und jetzt? &ndash; der Wallfischfänger, die »Seeschlange«
-war allerdings schon an dem Morgen ausgesegelt;
-wäre er aber auch noch vor Anker gelegen,
-<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a>
-Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene,
-alle Lust zur Seefahrt und zu fremden
-Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als er
-später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine
-Stiefeln wieder auszulösen und dann neues Reisegeld
-zu verdienen. Von Schiffen wollte er aber Nichts
-mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders
-keiner Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a>
-<span class="ge">Das Hospital auf der Mission Dolores.</span><br />
-
-<span class="subheader">Californische Skizze.</span></h2>
-
-
-<p>Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen
-und Klöster, die nur gebaut wurden, um Gott darin
-anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht immer
-erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft
-nichts weniger als heilige Verwendung fanden. Besonders
-in Kriegszeiten geschah das häufig, wo die
-festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen
-Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen
-benutzt wurden; aber auch selbst im vollen
-Frieden trifft man hier und da Tempel und Kapellen,
-zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel
-führt, sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in
-Lagerhäuser oder Keller umwandelte.</p>
-
-<p>Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu
-<em class="ge">Rosa's</em> Zeiten, ein in der unmittelbaren Nähe der
-Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator einem
-<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a>
-Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich
-zu einem halben Gefängniß angewiesen hatte,
-und in der Kapelle selbst lagerten die wilden, halbnackten
-Gestalten der braunen Krieger, während der
-Altar noch die Ueberreste einer, wohl zerrissenen und
-in Fetzen niederhängenden, aber reich gestickten Decke
-trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber
-doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen
-californischen Mission Dolores statt; denn so urplötzlich
-wurde nach der Entdeckung des Goldes das Land von
-Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell
-folgte Schiff auf Schiff, daß die Anlangenden gar
-nicht gleich untergebracht werden konnten und alle
-Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.</p>
-
-<p>Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und
-einsam in wenig mehr als einer Wüste, und etwa drei
-englische Meilen von San-Francisco, der Hauptstadt
-des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung
-nicht.</p>
-
-<p>Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten
-Backsteinen aufgebaut und mehrere Stockwerke hoch,
-einen großen geräumigen Hof umschließend, während
-in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag.
-Das ganze übrige kasernenartige Haus hatten aber
-bis dahin nur eigentlich drei Menschen bewohnt: der
-<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a>
-Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum
-des katholischen Pfarrers, ein Deutscher &ndash; und
-welche Veränderung brachten da wenige Monate zu
-Stande!</p>
-
-<p>Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht
-von jenen fabelhaften Schätzen zu gleicher Zeit fast
-über alle Welttheile verbreitet worden, als die Einwanderung
-begann, und das benachbarte Mexico und
-die Vereinigten Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber
-sandten. Dann folgten die Bewohner der Westküste
-und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer,
-und selbst die Chinesen schwärmten herüber, um
-ihren Theil von dem Gold zu holen, und reiche Leute
-zu werden.</p>
-
-<p>In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles,
-aber nicht Jeder führte Zelt oder Wohnung mit, und
-nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls unterbringen,
-was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen
-ein Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. &ndash; Was
-wurde da aus dem alten Missionsgebäude!</p>
-
-<p>Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher
-eine Brauerei, mauerte einen Kessel ein und fing an
-zu kochen. In der vorderen Flanke, zunächst der Kirche,
-setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine Restauration,
-wobei er es bald zweckmäßig fand, eines
-<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a>
-der alten, großen und öden Zimmer zu einem Tanzsalon
-umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein
-paar Fandangos gehalten wurden.</p>
-
-<p>Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« &ndash;
-ein Ire, der an die andere Seite noch eine gewöhnliche
-Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte es
-sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora
-mit fünf jungen Damen, aber keinen Nonnen, in das
-alte Kloster einzog und nicht wieder zu vertreiben war.</p>
-
-<p>Aber <em class="ge">noch</em> nicht genug. Von Buenos-Ayres war
-ein portugiesischer Arzt nach Californien gekommen,
-der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte,
-dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf
-die Mission angewiesen sah.</p>
-
-<p>Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung
-zu treffen, fand ihn aber nicht mehr, denn dem
-würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt geworden,
-da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein
-Schwarm Indianer, und dicht unter seiner eigenen
-Wohnung auch noch eine Rotte von Mexikanern eingenistet,
-die des draußen niederstürzenden Regens
-wegen gar nicht mehr fortzubringen waren.</p>
-
-<p>Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem
-eigenen Hause zu halten, und nicht im Stande Gewalt
-anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt, aber
-<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a>
-nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben
-kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar
-von Geiern in die Hände, die alle Zahlung von <em class="ge">ihm</em>
-wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet
-hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm,
-und eines Morgens war er spurlos verschwunden.</p>
-
-<p>Der portugiesische Doctor aber sah das als kein
-Hinderniß an. Da er Niemanden fand, der ihm ein
-Quartier <em class="ge">vermiethen</em> konnte, nahm er das Gebäude
-selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer
-Aufstellung von Betten passend und quartierte sich
-dabei ganz ungenirt in der verlassenen Priesterwohnung
-ein. Er war ein praktischer Mann, der recht
-gut wußte, daß das Recht des <em class="ge">Besitzenden</em> in diesem
-Land schwer anzutasten blieb. Schon am nächsten
-Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit
-Matratzen und wollenen Decken ein, während mit
-höchster Fluth ein paar Wallfischboote, mit einer Anzahl
-eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen
-Canal, der die Mission mit der Bai von San-Francisco
-verband, hinauf fuhren. Als Aushülfe hatte sich
-der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner
-und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang
-standen zwanzig Betten dort oben, unmittelbar
-unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten
-<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a>
-Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft
-stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen
-Durchzug hatte. &ndash; Das war das <em class="ge">Hospital</em>, das jetzt
-seiner unglücklichen Bewohner harrte.</p>
-
-<p>Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen
-allerdings mit nicht geringem Erstaunen diese Vorbereitungen
-und schüttelten auch wohl den Kopf, wenn
-die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf
-<em class="ge">Kranke</em> geschafft werden sollten &ndash; noch dazu mitten
-in der Regenzeit, wo man da oben und in dem kalten
-Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber
-was war in damaliger Zeit in Californien nicht
-möglich, noch dazu mit armen Teufeln, die sich selber
-nicht mehr helfen konnten!</p>
-
-<p>Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein,
-&ndash; ein junger Matrose, bewußtlos und todtenbleich,
-der von vier Leuten die steilen Treppen hinaufgeschafft
-und in ein Bett gelegt wurde, Nr.&nbsp;1. An dem nämlichen
-Abend langte noch ein kranker Portugiese an
-und wurde in No.&nbsp;2 des Amerikaners Nachbar, und
-ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten
-schon siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die
-in diesem »Hospital« kaum besser als auf offener
-Straße lagen.</p>
-
-<p>Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt
-<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a>
-allerdings gegen eine solche Einquartierung protestiren,
-denn sie fürchteten nicht mit Unrecht durch irgend eine
-gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu
-werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche
-Recht, in dem alten Gebäude zu wohnen, das die Gesunden
-für sich geltend machten, mußte auch den
-Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche
-Klagen in Californien nahmen, hatten sie nur zu
-deutlich an dem eigentlichen Besitzer der Mission, an
-dem katholischen Priester, gesehen, der durch die <em class="ge">Gerechtigkeit</em>
-des Landes von Haus und Hof getrieben
-worden war.</p>
-
-<p>Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für
-die unglücklichen Kranken selber, wenn der Regen auf
-die unmittelbar über ihren Köpfen befindlichen Ziegel
-schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der
-Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten
-heulte und pfiff, denn nirgends war der Ort, an dem
-sie sich befanden, auch nur durch eine Bretterwand abgegrenzt,
-ja selber nach unten, zu der Brauerei führte
-nur die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort
-her stieg, wenn da unten gebraut wurde und Feuer
-unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor,
-und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß
-man kaum seine Hand vor Augen sehen konnte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a>
-Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings
-abgeholfen haben und beschwerte sich darüber bei den
-Brauern; aber was nützte ihm das? Die Brauerei
-hatte dort früher bestanden als das Hospital, und
-Niemand ihn gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen.
-Allerdings schien sich die Brauerei verpflichtet
-zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn
-es je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen,
-aber es war nicht bestimmt, durch was, und
-so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar
-nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun
-querüber, und durch den ließ sich der Qualm natürlich
-nicht abhalten; er drang überall hindurch.</p>
-
-<p>So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche
-waren in diesen entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und
-nur sehr wenige gesund daraus entlassen worden; oft
-und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch
-vier oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten
-Leichnam zwischen sich tragend, die steile und
-schmale Holztreppe hinab und legten den Verstorbenen
-unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber
-hängende Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr
-als einem Sumpf wandelte, in sein kaltes, feuchtes
-Grab &ndash; nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der
-hätte zu viel Geld gekostet.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a>
-Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen
-Räume des alten Klosters, dessen Zimmer mehr
-Ställen und Kellern, als menschlichen Wohnungen
-glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben,
-aber an einen anderen Brauer verkauft, der
-nur noch nicht Besitz davon ergriffen hatte, und noch
-zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem
-Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.</p>
-
-<p>Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen
-Mädchen gezogen, und hielten dort wilde Fandangos,
-zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der
-Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft
-ansässigen Californier mit ihren Frauen und
-Töchtern das Lokal des Mexikaners benutzten; denn
-sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen
-und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne
-Tanz konnten sie aber ebensowenig bestehen, denn auf
-der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf
-californische Familien mit einer Anzahl erwachsener
-Töchter, und ganz allerliebste Mädchen unter ihnen,
-denen die kleinen Füße schon zuckten, wenn sie nur
-Musik hörten.</p>
-
-<p>Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig
-die beste, zierlichste Tänzerin, war aber die
-Señorita Marequita, die Tochter eines dort ansässigen
-<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a>
-und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und
-sobald sie bei einem der Fandangos zum Tanze antrat,
-wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos zugerufen,
-sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher
-Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen
-nieder.</p>
-
-<p>Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres
-geben, als dies junge, bildhübsche Wesen den Fandango
-oder einen jener anderen spanischen Tänze auszuführen
-zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem
-unanständigen Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen,
-die sich bei uns produciren &ndash; jede Bewegung
-war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine
-Elfe glitt sie herüber und hinüber. Die Schönheit
-und Liebenswürdigkeit der jungen Californierin war
-auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und
-häufig kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern,
-ja selbst von den in der Bai ankernden
-amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne
-Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von
-Diesen schon sogar um ihre Hand angehalten habe.
-Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, denn
-er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission
-blicken, und die Californier selber zeigten sich danach
-nur noch soviel stolzer auf ihre Landsmännin, daß sie
-<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a>
-in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen
-Stamm gewilligt hatte.</p>
-
-<p>Marequita wußte aber auch noch einen anderen
-Grund, weßhalb sie den freundlichen Worten des
-jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz war
-schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete
-tiefer und tanzte befangener, wenn ein junger Franzose,
-Jerome &ndash; wie er von den Kameraden genannt wurde,
-den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur
-mit schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße
-bot. Nach und nach schien er aber doch dreister
-geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger,
-und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's
-Vater wohnte, und faßte zuletzt sogar Muth
-genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten,
-was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage
-nach seinen Vermögensverhältnissen beantwortete.</p>
-
-<p>Mit diesen stand es freilich nicht &ndash; wenigstens
-nach californischen Ansprüchen so, daß beide Theile
-hätten damit zufrieden sein können. Der junge Franzose
-besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld,
-aber Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande
-sagen, wo man manchmal ebensoviel zu einem Souper
-verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch demzufolge:
-der Vater würde gegen eine Verbindung des
-<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a>
-jungen Mannes mit seiner Tochter nicht das Geringste
-einzuwenden haben, wenn &ndash; Don Jerome nur erst
-einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre
-einen eigenen Hausstand zu beginnen und eine Frau
-zu ernähren. Das sah Don Jerome denn auch ein,
-nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter
-Thränen zu ihm auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug
-und schiffte sich frohen Herzens nach Sacramento
-ein, um oben in den nördlichen Minen sein
-Glück zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein
-reicher Mann zu werden. Aehnliche Beispiele kamen
-ja alle Tage vor, und weßhalb sollte <em class="ge">ihm</em> das Glück
-nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es
-noch dazu nicht einmal verdienten oder zu benutzen
-verstanden, weil sie fast regelmäßig auch das Gewonnene
-gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder
-verspielten.</p>
-
-<p>So vergingen wieder mehrere Monate. Der
-Sommer war vorüber, und die Regenzeit setzte aufs
-Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen
-wären, und er hatte doch so fest versprochen dann und
-wann zu schreiben und Nachricht über sich und seine
-Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen fühlte
-sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung
-zwischen San-Francisco und den Minen
-<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a>
-war eine noch so unvollkommene, und ruhte außerdem
-fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen
-Empfang eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte.
-Es kam sogar grade in dieser Zeit sehr häufig vor,
-daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe
-und Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs
-überfallen und todtgeschlagen oder beraubt wurden,
-oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern
-zu Schiff und durchgingen.</p>
-
-<p>Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen
-noch derart im Argen, daß irgend ein Fremder, wenn
-er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, auf
-dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte,
-was er wollte, &ndash; waren doch die Beamten nur froh,
-dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und ihnen
-lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen.
-Ob die Briefe je an ihre Adressen befördert
-wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur das Porto
-dafür erhielten.</p>
-
-<p>Auf der Mission hatte sich indessen Manches in
-sofern geändert, als die Verbindung mit San-Francisco
-eine weit bessere und leichtere geworden war.
-Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen
-Sand Hügel auf und ab waten oder reiten, während
-Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch
-<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a>
-den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten
-die unternehmenden, thätigen Yankees eine breite,
-ebene, mit Planken durchaus belegte Straße gebaut,
-auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn.
-Ueberall auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler
-nieder, theils auf den späteren Werth der
-Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser
-und Branntweinschenken zu errichten.</p>
-
-<p>Auch mit der Mission selber war eine Veränderung
-vorgegangen, indem sich dort einige amerikanische
-Ackerbauer niedergelassen hatten und zum erstenmale
-den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies
-sich auch in der That viel fruchtbarer als man geglaubt,
-und es zeigte sich später als eine ganz vortreffliche
-Speculation, das Getreide, das man bis dahin
-mit schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen
-kaufen müssen, hier gleich an Ort und Stelle
-selbst zu bauen.</p>
-
-<p>Dabei waren auch, um die Mission herum eine
-Menge von neuen Häusern theils schon entstanden,
-theils noch im Bau begriffen und ein reges Leben
-herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz.
-Nur das alte Missionsgebäude mit seiner buntgemischten,
-wunderlichen Bevölkerung lag noch wie
-früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach,
-<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a>
-und wenn es auch seine Bewohner zeitweilig wechselte,
-blieb die <em class="ge">Art</em> des Verkehrs darin doch noch für lange
-Zeit die nämliche.</p>
-
-<p>Der Besuch des Hospitals war allerdings ein
-geringerer geworden, weil man indessen in der unmittelbaren
-Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres
-gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen
-bis dahin enormen Preisen herunterging und billigere
-Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von Zeit
-zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel
-entweder nicht ausreichten, oder für welche Andere zu
-sorgen hatten, wobei sie die Vorsicht nicht versäumten,
-so wenig als möglich Auslagen zu haben.</p>
-
-<p>In den Minen waren auch grade außergewöhnlich
-viel Krankheiten vorgekommen, denn so gesund das
-californische Klima an und für sich sein mochte, so trug
-doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die
-schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit viel dazu
-bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen,
-die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus
-Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung einen
-schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.</p>
-
-<p>Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen
-Hoffnungen und Träumen in das Land gekommen,
-erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen
-<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a>
-Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein
-rohes Kreuz mit dem Beil in den nächsten Baum eingehauen
-&ndash; das war Alles. Und daheim seine Lieben
-sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang
-um den Geschiedenen, mit sehnenden Herzen seiner
-Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an bei
-Behörden und Regierung. Umsonst &ndash; wer kannte
-die Namen der Todten, die überall zerstreut unter den
-Eichbäumen des weiten Landes lagen &ndash; wer hatte
-je nach ihnen gefragt!</p>
-
-<p>Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche
-Krankheit nicht allein und einsam in der Wildniß traf,
-und welche Freunde fanden, um sie aus den Bergen und
-Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation
-und ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber
-half das freilich auch nicht; Viele starben schon unterwegs,
-Andere lebten gerade lange genug, um den Hospitalkirchhof
-zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich
-Wenige von alle den armen hülflosen und gebrochenen
-Menschen konnten wieder soweit gebracht werden, mit
-gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu beginnen!</p>
-
-<p>Eins aber büßten <em class="ge">Alle</em> ein: das mitgebrachte Gold
-&ndash; denn eben nur mit Gold wurden in damaliger
-Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger Arzt hatte
-<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a>
-seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten
-seiner Patienten. Was lag den Kranken auch an dem
-ausgewaschenen und erbeuteten Gold? &ndash; wo sie das
-gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine
-alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der
-Rede werth.</p>
-
-<p>Draußen am langen Werft hatte auch heute
-wieder das von Sacramento kommende Dampfboot angelegt,
-und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen,
-schafften die Matrosen noch ein paar schwer
-kranke Miner an's Land, oder vielmehr auf die Spitze
-des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus,
-legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die
-Planken und kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit
-zurück. Die Freunde oder Kameraden der Leidenden
-mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig
-wurden.</p>
-
-<p>Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr
-Kamerad lief das Werft entlang, um irgendwo eine
-Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein Kosthaus,
-oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte.
-Der Dritte schien ein Fremder, &ndash; sein Begleiter, der
-sich zu ihm überbog und einige Fragen an den halb
-Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein
-paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten,
-<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a>
-blieben neben den Beiden stehen und frugen endlich
-theilnehmend, was dem Armen fehle.</p>
-
-<p>»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem
-Englisch, »Fieber &ndash; schweres Fieber &ndash;
-Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt &ndash;
-Landsmann von mir &ndash; wohin er gebracht sein will
-&ndash; bin selber fremd hier &ndash; vor einem Jahr nur
-zwei Stunden in San-Francisco gewesen &ndash; Er sagt
-Nichts &ndash; nur Mission Dolores &ndash; weiter kein Wort.«</p>
-
-<p>»Ist es Dein Kamerad?«</p>
-
-<p>»Nein &ndash; habe ihn gefunden auf Dampfboot
-krank &ndash; sehr krank &ndash; weiß nicht, wie er heißt &ndash;
-aber Landsmann&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere
-Amerikaner.</p>
-
-<p>»<i>Toujours</i> &ndash; <i>ever</i> &ndash; kein anderes Wort.«</p>
-
-<p>»Dann will er auch in das Hospital auf der
-Mission geschafft sein,« sagt der Andere &ndash; »dort ist
-ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht,
-ein Spanier oder Franzose &ndash; er spricht jedenfalls
-französisch und hat Viele von Euren Landsleuten
-oben.«</p>
-
-<p>»Und wo liegt die Mission?«</p>
-
-<p>»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum &ndash;
-rechts hinein geht ein schmaler Kanal, in den Ihr bei
-<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a>
-Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein Boot
-miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich
-dicht an's Missionsgebäude, und dort fragt nur nach
-dem Hospital &ndash; jedes Kind zeigt Euch den Weg
-dahin.«</p>
-
-<p>»Dank' Euch &ndash; dank' Euch vielmals,« nickte der
-Franzose, der sich des armen todtkranken Landsmanns
-in der That erst unterwegs angenommen hatte, weil
-er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte.
-Keine Seele an Bord wußte auch, wie es schien, etwas
-von ihm. Er war allein und allerdings schon krank
-auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem
-er seine Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt,
-auf Deck niedergeworfen; dort mußte das hitzige Fieber
-erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war er
-auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um
-Rechenschaft über sich zu geben.</p>
-
-<p>Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie
-denn überhaupt die Franzosen in fremden Welttheilen
-besonders treu zu einander halten und uns Deutschen
-dabei mit einem &ndash; freilich selten beherzigten &ndash; guten
-Beispiel vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines
-der dort am Werft liegenden Boote, und da es gerade
-die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu
-Wasser zu erreichen &ndash; fast die höchste Fluth, &ndash; so
-<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a>
-hoben sie den Kranken in das Boot hinab und ruderten
-ihn, von der Strömung noch außerdem begünstigt,
-rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und
-in den schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz
-kaum mehr als zweihundert Schritt von der Mission
-selber entfernt lag.</p>
-
-<p>Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele
-am Ufer fand, auch nicht anders zu helfen, als daß er
-den Kranken noch unten im Boot ließ und indessen
-selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache
-zu nehmen.</p>
-
-<p>»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche
-Behandlung zahlen?« war die erste, vorsichtige Frage
-Desselben, die der Franzose dahin beantwortete, daß er
-an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse,
-einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann
-kam aus den Minen und führte jedenfalls das dort
-Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt
-wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen
-Kur selbst bezahlt machen konnte, und hatte in solchen
-Fällen schon die Erbschaft von verschiedenen Kranken
-angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht
-werden konnten &ndash; wenigstens nicht ausfindig gemacht
-<em class="ge">wurden</em>. Er sandte auch augenblicklich seine Krankenwärter
-hinunter, die den Patienten herauf holen mußten,
-<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a>
-und der junge Franzose begleitete den Armen dann
-noch die Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte
-freilich, als er den elenden Aufenthalt entdeckte,
-der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.</p>
-
-<p>Das Hospital hatte sich auch in der That nicht &ndash;
-seit der Errichtung desselben &ndash; zu seinem Vortheil
-verändert, denn damals waren die Betten doch noch
-wenigstens neu und reinlich gewesen &ndash; und wie sahen
-die jetzt aus!</p>
-
-<p>Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die
-noch die Kräfte besaßen, wieder die Treppe hinunter
-schwankten und dann erklärten, lieber wollten sie auf
-Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen
-Aufenthaltsort liegen bleiben &ndash; aber das
-geschah doch nur im Verhältniß sehr selten und da Eines
-von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends wirklich
-den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan
-unter einen einzeln stehenden Baum kroch und dort in
-der Nacht starb, so wurde dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen
-immer mit dem besten Erfolg vorgehalten.</p>
-
-<p>Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner
-ganzen Umgebung; er wurde bewußtlos die Treppe
-hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem
-Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf
-Wache befindliche Wärter bekam hierauf die Ordre,
-<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a>
-den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der letztgekommene
-Patient &ndash; Nr.&nbsp;14, wie er nach seinem
-Bette genannt wurde &ndash; erwache; aber der Doktor
-brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu werden,
-denn Nr.&nbsp;14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte
-nur stark und schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief
-auch ein paarmal einen spanischen Frauennamen, und
-lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen
-Augen da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine
-Glieder, und der Kopf glühte ihm, daß es fast seine
-Stirnadern zu sprengen drohte.</p>
-
-<p>Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte
-sich aber als ein sehr unruhiger und auch unbequemer
-Gast, denn sein Geist schien zu wandern und er wollte
-auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und
-der Doktor wurde gerufen; er verordnete, daß man
-den Patienten an sein Bett festbinden und ihm kalte
-Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend,
-aber es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt,
-und kaum eine Viertelstunde später lag er,
-an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem
-Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter,
-mit einem Stalleimer voll Wasser neben sich, nach
-der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den
-Kopf legte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a>
-Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen
-Umschläge schienen ihm gut zu thun &ndash; aber das
-dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder einmal
-regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so
-brach auch seine Wuth von Neuem aus. Er tobte und
-wand sich umher und schrie dabei, daß man es weit
-über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen
-und Kinder sich davor fürchteten. Dieser Zustand
-dauerte viele Tage und Wochen und Jedermann dort
-wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger
-Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und
-dem Doktor viel zu schaffen mache. Wo er herstamme
-und wer er sei, darum kümmerte sich Niemand; wer
-hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost
-und West und Süd und Nord nach Californien geströmt
-waren, um dem Boden seine Schätze zu entreißen?
-Es war eben ein »Fremder«, und das Wort
-entsprach in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die
-man sonst vielleicht empfunden hätte, nach Namen
-und Stand zu forschen.</p>
-
-<p>Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission
-hatte dieser unheimliche Gast jedoch nicht den geringsten
-Einfluß. In beiden Flügeln des großen Gebäudes
-wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und
-wenn auch einmal in einen ihrer Fandangos ein wilder,
-<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a>
-gellender Schrei hineintönte, so schraken die jungen
-Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu
-einander an, aber die Instrumente fielen dann nur
-um so rauschender und tönender ein und der Tanz
-verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen
-Kranken da oben geholfen, wenn sie ihre Lust unterbrechen
-wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht einmal
-die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört
-werden.</p>
-
-<p>Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit,
-nachdem Jerome sie verlassen, ziemlich fern von den
-sonst so häufig besuchten Fandangos gehalten. Sie
-kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein-
-oder zweimal, ließ sich aber nie verleiten länger zu
-bleiben, und verließ selbst ihr Haus nur selten. &ndash;
-Aber wie monoton war das Leben auf der Mission,
-wenn man sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen
-versagen wollte, die von Zeit zu Zeit ein unschuldiger
-Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich
-hören; er hätte doch gewiß einmal schreiben können,
-wie es ihm ging, und ob er Hoffnung habe, bald zurückzukehren.
-Von allen Minen trafen außerdem
-Händler oder Goldwäscher in San Francisco ein, und
-wie leicht wäre es ihm gewesen, Einen von Diesen zu
-bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand
-<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a>
-ließ sich sehen &ndash; Niemand, und der Vater Marequita's
-frug <em class="ge">viele</em> Menschen aus den verschiedensten
-Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas
-von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm
-gehört; war es denn ein Wunder, daß ihr zuletzt die
-Zeit lang wurde und sie den Bitten ihrer Freunde
-und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht
-mehr so hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre
-Landsleute nicht allein, nein, auch die Fremden, wenn
-sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe
-feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr
-geworfenen Dollarstücke sogar in der Mantille nach
-Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht mehr
-in den Händen halten konnte.</p>
-
-<p>Heute war der Vater wieder in San-Francisco
-gewesen und hatte dort, zum ersten Mal, so oft er sich
-auch schon erkundigt, einen Franzosen gesprochen, der
-Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet
-hatte. Der aber behauptete, Jerome sei glücklich in
-den Minen gewesen und schon vor langen Wochen
-nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm
-erzählt, heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte.
-Seit dem Tage aber habe er ihn natürlich nicht mehr
-gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt befinde,
-müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a>
-»Aber welches?«</p>
-
-<p>Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende
-Goldwäscher wurden aber gar nicht etwa so selten von
-nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen und
-beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt,
-Boote zusammengerannt und gesunken. Er konnte
-auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein
-ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt
-haben &ndash; wie oft geschah das! &ndash; und dann stak er
-jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, um
-sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere
-schien auch in der That das Wahrscheinlichste, denn
-leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, und verschwindet
-oft rascher als es erlangt wurde, und die
-also Betrogenen schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn
-einzugestehen.</p>
-
-<p>Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde
-brachte &ndash; also das wäre die Liebe gewesen, die ihr
-Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen
-gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr
-nicht einmal Kunde von seiner Rückkehr gab? Dann
-aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den leichtsinnigen
-Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre
-Jugend zum Opfer zu bringen. &ndash; Heute Abend war
-großer Fandango &ndash; die Offiziere eines in der Bai
-<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a>
-ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt,
-die Mission zu besuchen &ndash; lag es doch auch gerade
-dem Kanal gegenüber, und das junge Mädchen beschloß,
-sich heute Abend dem Tanz wieder mit der
-alten, unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.</p>
-
-<p>Allerdings machte der Wirth auch die größten
-und ganz außergewöhnliche Anstalten, um die einst
-weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines Lokals
-für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren,
-und ein Dutzend Indianer waren schon seit Tagesanbruch
-beschäftigt gewesen, grüne Büsche jenes lorbeerartigen
-Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen
-wuchs, herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in
-eine Laube zu verwandeln. Ueberall wurde gehämmert
-und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen
-Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul
-des Wahnsinnigen herunter, so daß sich der Wirth
-noch für den Abend eine große Trommel und zwei
-Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden
-Musik die unglückseligen Laute zu übertäuben. Er
-hätte das aber nicht nöthig gehabt, denn schon gegen
-elf Uhr schwiegen die Aufschreie &ndash; kein Ton wurde
-mehr gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter
-die Nachricht herunter, der Unglückliche, der ihnen die
-letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei vor etwa
-<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a>
-einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen
-und gestorben.</p>
-
-<p>»<i>Grazias a Dios!</i>« rief der Wirth, »Gott sei
-seiner armen Seele gnädig und gebe ihr den ewigen
-Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind,
-<i>amigo</i>, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten
-und ich selber schon im Begriff, den sonst so
-bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders anzusiedeln.
-Jetzt stört er uns auch heute Abend die
-fremden Gäste nicht, und die jungen Damen besonders
-werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht
-mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«</p>
-
-<p>Das war auch in der That ein reges Leben heute
-auf der Mission, und noch dazu Sonntag und prachtvolles
-Wetter, so daß ganze Schwärme von Lustwandelnden
-und Reitern und Wagen aus San-Francisco
-herüber kamen, um den Nachmittag hier draußen zuzubringen.</p>
-
-<p>Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth
-seinen so stattlich herausgeputzten Ballsaal, in welchem
-höchstens die Mittel zur Beleuchtung etwas zu
-wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich
-nicht, und Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren
-von weißem Blech gesetzt, mußten da aushelfen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a>
-Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht
-daran, den Abend zu erwarten, um die Lustbarkeit zu
-beginnen; wozu sollten sie den ganzen schönen Tag
-versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie
-nur so lange zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten
-Arbeiten im Innern beendet hatte, denn daß er nachher
-keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.</p>
-
-<p>Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen
-mit Offizieren von dem spanischen Kriegsschiffe abstießen
-und dem Lande zuruderten, und zugleich
-begannen auch die Musici als Introduction einen
-lustigen Marsch zu spielen, um die willkommenen
-Gäste damit zu empfangen. &ndash; In derselben Zeit
-drückte der Arzt da oben dem Todten die Augen zu
-und die Krankenwärter lösten ihm die bis jetzt noch
-immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände
-auf der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten
-sein volles, lockiges Haar, das ihm bis jetzt
-wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte.
-Dann wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof
-gesandt, um ein Grab für den Unglücklichen
-auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden,
-aber morgen mit dem Frühesten sollte er beerdigt
-werden, denn länger konnte man ihn unmöglich dort
-oben zwischen den Lebenden lassen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a>
-Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten
-Missionsgebäude, die Männer das schmale Grab aus,
-und inwendig spielten mit Trommeln und Trompeten
-die Musici den lustigen Marsch und plauderten und
-lachten die jungen Mädchen mit einander, sich des
-schönen Tages freuend. Auch zu ihnen war wohl die
-Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei,
-aber auch sie freuten sich darüber, denn lange genug
-hatte er sie fürchten gemacht und auch wohl bös erschreckt,
-wenn manchmal mitten in der Nacht sein
-gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war
-jetzt vorbei &ndash; aber es dachte Keine von ihnen länger
-als einen flüchtigen Augenblick an den Unglücklichen;
-andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort
-kamen die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen
-schon über den niederen Küstenhang vom Ufer
-herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit
-vollständig in Anspruch.</p>
-
-<p>Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten
-Missionsgebäude, und es war in der That wunderlich
-anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen und
-Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das
-schienen auch nicht die Bewohner einer einzigen Stadt,
-die sich hier an einem Sonntag Nachmittag versammelten,
-das glich weit eher einem Carneval, der die
-<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a>
-Repräsentanten aller Zonen und Welttheile für kurze
-Zeit vereinigte, und <em class="ge">alle</em> Zonen, &ndash; mit Ausnahme
-vielleicht der kalten &ndash; waren wirklich vertreten.</p>
-
-<p>Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen
-schwarzen Frack, den hohen Cylinderhut
-weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in
-den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln,
-Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen
-drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum,
-in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen
-Hosen, die langen Zöpfe wohl geflochten und gepflegt.
-Südsee-Insulaner waren da, die scheu und verwundert
-auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in
-ihrer eigenen Sprache zusammen plauderten und
-lachten, wenn ihnen etwas gar zu Absonderliches in
-die Augen sprang &ndash; Mexikaner mit den, an der
-Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen
-Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenfalls
-so garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut
-auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen,
-in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die
-ihnen fast bis auf die Knöchel hinabreichten und die
-ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, Franzosen,
-Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen
-Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter,
-<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a>
-wie sie gerade über die Felsengebirge gekommen waren;
-Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und
-Mulatten in allen Schattirungen, und dazwischen die
-aus den Minen oft mit schweren Beuteln voll Gold
-zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten
-Costümen, die sich nur denken lassen &ndash; abgerissen in
-ihren Kleidern auf das Entsetzlichste, mit geflickten
-Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, und
-Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem
-Regen getrotzt und Nachts dann als Kopfkissen gedient
-hatten. Und in kleinen Gruppen standen dabei die
-Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen
-Herren des Bodens, und doch vielleicht die einzigen,
-vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr
-Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.</p>
-
-<p>Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem
-engen Platz umher, und dieser schlossen sich nun auch
-noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren blitzenden,
-goldgestickten Uniformen an und vollendeten
-eigentlich erst das bunte, wunderliche Bild. Aber die
-rauschende Musik zog sich auch bald zu dem eigentlichen
-Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz
-da drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich
-schien er ihnen heute nicht allein durch das frische
-Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch
-<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a>
-durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier
-versammelt hatten und jetzt nun verschämt und doch
-auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden Augen des
-Tanzes harrten.</p>
-
-<p>Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber
-auch nicht lange, bis er begann, und wie nur die
-kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in
-die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen,
-hatten sich rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden,
-die zusammen antraten &ndash; und Marequita
-war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen
-Offiziere.</p>
-
-<p>Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in
-Californien, denn das wilde Leben im ganzen Lande
-bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine
-Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa
-an weiblichen Wesen herüber gekommen war, gehörte
-nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen konnten,
-und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt.
-Die Fremden, wenn sie wirklich anständige Damengesellschaft
-suchten, blieben deshalb allein auf die hier
-ansässigen Californierinnen angewiesen.</p>
-
-<p>Zu <em class="ge">diesem</em> Fandango hatte übrigens auch die
-weite Nachbarschaft ihre schönen Gesandtinnen hergeschickt.
-Die Mission selber stellte fünf allerliebste
-<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a>
-Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein
-Besuch von Pueblo San-José hier, der drei reizende
-junge Damen aufweisen konnte, es waren auch noch
-flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio,
-theils von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst
-von der Mission San-Rafael hatten sich zwei junge
-Damen eingefunden.</p>
-
-<p>Allerdings wären wohl noch immer am heutigen
-Tage auf eine Tänzerin mehr als zwanzig Tänzer
-gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen
-können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den
-Fandango und seine verwickelten und doch so graziösen
-Touren, und nur die Chilenen, deren Sambacueca
-die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen,
-Theil daran zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit
-Ausnahme einiger Franzosen, die sich rasch hineingefunden,
-den Spaniern, Californiern und Mexikanern,
-und da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß
-in der Zahl heraus.</p>
-
-<p>Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer
-wenigstens auf der einen Seite des Saals und im
-hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum
-für die Paare lassend, während die andere Seite, an
-welcher sich auch die Musici befanden, der einen Thür
-wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth nur durch
-<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a>
-diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen
-Gäste verlangten Erfrischungen, denn die Hitze im
-Saal war fast erstickend. Wie aber die Nacht einbrach,
-änderte sich das, denn die meisten heutigen
-Besucher der Mission kehrten in ihre Wohnungen
-nach San-Francisco zurück, und die Yankees besonders
-bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei
-einem Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden
-und deshalb auch nicht schön finden konnten. Dies
-ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen
-nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen
-mochten, doch viel zu monoton für sie und sie
-vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen &ndash; ja
-wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe«
-gewesen wäre, der hätten sie mit Hacken und Fußspitze
-schon Nachdruck geben wollen!</p>
-
-<p>Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls
-nicht viel länger aus, denn es gab keine Spielzelte auf
-der Mission, keinen Platz, auf dem sie ihr Glück versuchen,
-und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter
-Weise verdoppeln &ndash; oder auch verlieren konnten,
-und sie verließen einzeln oder in Trupps die Mission
-wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza zurückzukehren
-und sich der Aufregung des Monte hinzugeben.
-Viele Mexikaner thaten das Nämliche, aber die
-<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a>
-Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso ergeben,
-hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte
-wichen nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen
-oder benachbarten Californier, und der Raum
-blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr
-wie den Nachmittag über, gedrängt war.</p>
-
-<p>Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen
-californischen Damen bekannt wurden, desto lebendiger
-gestaltete sich der Tanz, und Alles schien zu wetteifern,
-um neue und piquante Touren zu erfinden. Die
-Königin des Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen
-Rivalinnen, Marequita, der ihr Tänzer fast nicht
-mehr von der Seite wich, und bald war sie die Ausgelassenste
-und Lebendigste von Allen, und übertraf
-sich selber. Aber die spanischen Offiziere sollten sie
-heute Abend nicht blos tanzen sehen, sie sollten auch
-noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen
-kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb
-ihrem Bruder zu, rasch nach Hause zu springen
-und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem
-Zweck schon immer vorräthig gehalten wurden, in der
-bekannten Art zu füllen &ndash; galt es doch eine Ueberraschung.</p>
-
-<hr />
-
-<p><a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a>
-Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte
-tiefe Dunkelheit. Das Wetter war den ganzen Tag
-über schön und klar gewesen, und noch jetzt funkelten
-die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber
-der Wind hatte sich erhoben, der über die niederen
-Küstenberge fast unablässig mit solcher Gewalt herüberweht,
-daß die dort einzeln wachsenden Bäume
-ihr Laub alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber
-gedrückt tragen, und auch selber dorthin neigen, als
-ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und sich
-von ihnen abwendeten.</p>
-
-<p>Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff
-und zog! Die alten, moosbewachsenen Ziegel klapperten
-ordentlich dumpf und klanglos zusammen,
-und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen
-Fieberkranken mischte sich mit dem unheimlichen
-Laut.</p>
-
-<p>Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf
-seinem Schmerzenslager ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«,
-wie er überhaupt seit den letzten Monaten
-von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man
-hatte ihm eins von seinen neuen rothen Hemden
-und ein paar weiße Beinkleider angezogen &ndash;
-denn die Decke war augenblicklich zum Waschen
-gegeben, um wieder verwandt zu werden &ndash; und
-<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a>
-mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.</p>
-
-<p>Träumte er? &ndash; die Betten rechts von ihm (denn
-man hatte ihn zunächst der Treppe gelegt, um ihn so
-fern als möglich von den übrigen Kranken zu halten,
-die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft
-gestört und erschreckt) standen leer. Das Hospital barg
-jetzt nicht so viele Patienten, um nicht Raum genug für
-die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte
-in dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich
-doch so viele Mühe gegeben, <em class="ge">seine</em> Kranken behaglich
-unterzubringen.</p>
-
-<p>Und wie still das heute Abend dort oben war!
-Ein paar Leidende wimmerten allerdings leise vor sich
-hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe
-Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich
-mit dem Luftzug, die von unten herauf schallenden
-munteren Weisen der Trompeten und Violinen, wie
-zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel,
-die ein Mulatte mit unendlicher Ausdauer bearbeitete.
-Da unten herrschte Jubel und frische Lebenshoffnung
-&ndash; hier oben kauerte der <em class="ge">Tod</em> und zählte die ihm
-verfallenen Opfer.</p>
-
-<p>Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde,
-und kein Wärter ließ sich sehen, obgleich der eine Fieberkranke
-<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a>
-schon lange nach einem Trunk Wasser gewimmert
-hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken,
-daß sie nicht da oben zwischen Jammer und Elend
-blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie mitten
-unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango
-auf der Mission und ein paar Gläser <i>agua ardiente</i>
-(Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht schaden, um
-den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige
-Nachtwache nachher auszuhalten. Außerdem war der
-»Doctor« gerade heute nach der Stadt geritten, und
-sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei
-einer Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über
-welche sie sich selber wenig genug Gewissensbisse
-machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen
-Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige«
-dort tobte und an seinen Banden riß. Heute
-war der <em class="ge">erste</em> freie Abend, den sie bekamen, und den
-wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.</p>
-
-<p>Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben
-in der Lorbeerwaldung, die in der Richtung nach
-San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr
-Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen
-Wölfe, und die Cayotas, das kleine Steppengesindel,
-das mit seinen feinen Stimmen den Diskant
-zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich
-<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a>
-konnte man das hier oben hören, da der Luftzug
-die Laute gerade herübertrug, und wie sonderbar das
-zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds
-klang!</p>
-
-<p>Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als
-ein heftiges Zittern den Körper des »Todten« überflog.
-Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem
-von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die
-schützende Decke, die ihn sonst wenigstens warm gehalten.</p>
-
-<p>Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte
-den fremden, wunderlichen Lauten, die zu ihm herüberdrangen.
-Hatte er in einem Starrkrampf gelegen,
-der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er
-fuhr sich mit der Hand nach der Stirne &ndash; auch die
-Hand war nicht mehr gebunden &ndash; er hob sich vom
-Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert
-&ndash; aber dunkle Nacht umgab ihn &ndash; er war nicht im
-Stande zu <em class="ge">sehen</em>, wo er sich befand, noch hatte
-er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein
-könnte.</p>
-
-<p>Wie schwach er auch geworden war! &ndash; als er
-zum ersten Mal wieder auf den Füßen stand, vermochten
-ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er
-mußte sich zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken.
-<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a>
-&ndash; Und wie das in seinem Kopfe hämmerte,
-und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken
-herüber- und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten?
-&ndash; er horchte hoch auf &ndash; was war das? wohin
-hatte ihn das Schicksal geführt?</p>
-
-<p>Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er
-herumtappte, trafen seine Finger auf einen dünnen
-Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes Geländer
-fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter
-durch; wie er aber vorsichtig weiter tappte, trat sein
-Fuß ins Leere und er merkte bald, daß er an einer
-Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber
-munterer als vorher ertönten in diesem Moment
-wieder die Instrumente von unten herauf, und ohne
-sich länger zu besinnen, stieg er hinab.</p>
-
-<hr />
-
-<p>Wie das da unten lachte und jubelte und seiner
-unschuldigen Lust und Freude folgte! Die Eier waren
-angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht
-wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im
-Fandango, die Mütze ein wenig zurückschob, und er
-gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de Cologne
-an sich niederrieseln fühlte.</p>
-
-<p>»<i>Caramba, Señorita</i>« rief er aus, indem er erschreckt
-<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a>
-zurücksprang, »was ist das?« &ndash; Aber lautes
-Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte Frage
-und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe,
-nur noch einen Theil seiner sorgfältig präparirten
-Eier für die Schwester zurückzubehalten, denn von
-allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf ihn
-ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das
-nicht ging, durch List oder Gewalt zu entreißen, und
-jetzt brach der Muthwillen der jungen Damen voll
-und entfesselt los.</p>
-
-<p>Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen
-Fröhlichkeit war &ndash; wie bildschön! Der arme Marineoffizier,
-der Jahre lang draußen auf öder See
-herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder
-dem Reiz weiblicher Liebenswürdigkeit begegnete und
-von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz hingerissen.</p>
-
-<p>Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und
-jetzt begann ein neuer Fandango, noch lebendiger als
-der vorige.</p>
-
-<p>»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm
-um ihre Taille legte, und sie leise an sich zog, &ndash; »Du
-bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte verrückt
-werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken
-müßte, Dich je wieder zu verlieren &ndash; von Dir vergessen
-<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a>
-zu sein. Sei mein, Marequita &ndash; in kurzer
-Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein
-schönes Vaterland!«</p>
-
-<p>Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten
-sich, aber in dem ihrigen lag vielmehr Schelmerei als
-Liebe &ndash; sie hob ihre Hand, und im nächsten Moment
-fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich
-aber auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und
-damit einem andern Tänzer entgegenhuschte, mit dem
-sie im nächsten Augenblick den Fandango begann. Der
-junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier
-aber, der schon den ganzen Abend die rauschende Musik
-mit seiner kaum hörbaren Guitarre begleitet hatte,
-hielt ihn zurück und rief aus:</p>
-
-<p>»<i>Caramba, Señor</i>, das geht nicht &ndash; das ist ein
-Recht der californischen Señioritas beim Fandango,
-und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt Ihr
-sie auslösen.«</p>
-
-<p>»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er
-einen Ring vom Finger zog und jetzt die Zeit nicht
-erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick
-vom Tanz zurücktrat.</p>
-
-<p>Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem
-neuen Scherz gegeben, denn die andern jungen Damen
-folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst
-<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a>
-sahen sie in der That in den kecken Seemannsmützen
-aus.</p>
-
-<p>Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in
-das Innere des Hauses führte, und der junge Galan
-war im Nu an ihrer Seite.</p>
-
-<p>»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu,
-»wie glücklich machen Sie mich, daß Sie mir Gelegenheit
-geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen zu dürfen
-&ndash; wollen Sie es tragen?« &ndash; Und dabei schob
-er ihr leise den kleinen goldenen, mit einem Brillant
-gezierten Reif an den Finger; »darf ich, Marequita?«</p>
-
-<p>Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen
-Hemd in die Thür. Das braungelockte
-Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn
-&ndash; sein Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die
-großen dunklen Augen überflogen erstaunt den sich
-vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und hellerleuchteten
-Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein
-Ohr, und rasch und wie erschreckt schaute er auf das
-vor ihm stehende junge Paar.</p>
-
-<p>Marequita erröthete tief, als sie den Ring an
-ihrem Finger führte, und flüsterte leise:</p>
-
-<p>»Tausend Dank, Señor, &ndash; ich &ndash; werde ihn
-tragen,« und der junge Mann, in der Erregung des
-<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a>
-Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog
-sie an sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren
-Nacken.</p>
-
-<p>»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme,
-und das junge Mädchen wandte bestürzt den Kopf.
-Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete
-den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und
-wie verzehrend auf ihr hafteten.</p>
-
-<p>»<i>Ave Maria Purisima!</i>« schrie da eine entsetzliche
-Stimme; es war einer der Krankenwärter, der
-sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen: »der
-Wahnsinnige &ndash; der todte Wahnsinnige!«</p>
-
-<p>»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der
-Offizier nur zuspringen konnte, um sie aufzufangen,
-schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.</p>
-
-<p>»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief
-der Schreckensschrei, und entsetzt drängten die Mädchen
-von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des
-Zimmers zu.</p>
-
-<p>Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen
-Moment stand er selber regungslos, und wie scheu
-und erstaunt flog sein Blick über den inneren Raum
-&ndash; über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der
-Mädchen. Da schrie der Wärter wieder:</p>
-
-<p>»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt
-<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a>
-ihn nicht fort!« und als ob nur der Ton dieser Stimme
-ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der
-Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze
-Gestalt hob sich &ndash; fast unwillkürlich öffnete er dabei
-den Mund und zeigte seine beiden Reihen blinkender
-Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu
-davor zurückwichen.</p>
-
-<p>»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere,
-und drängten vor &ndash; nur der junge Offizier
-kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden
-achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und
-suchte sie zum Leben zu erwecken.</p>
-
-<p>»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze
-Wildheit bei dem Rufen auf's Neue erwachte &ndash;
-»haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern
-konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische
-Seeoffizier an der Seite trug, aus seiner Scheide;
-»haltet ihn?« gellte er noch einmal, die Waffe mit
-einem entsetzlichen Lachen schwingend &ndash; »Raum da
-vorn!« und zum Stoß ausholend, warf er sich mit
-wildem Muth mitten auf den dichtesten Schwarm,
-der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu
-machen.</p>
-
-<p>Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm
-aus, um ihn zu halten, aber nach rechts und links
-<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a>
-hinüber &ndash; unbekümmert, wen er traf, stieß der scharfe
-Stahl &ndash; nach rechts und links stürzten die Männer
-übereinander, zwei oder drei von ihnen schwer verwundet
-&ndash; wer hätte sich ihm entgegenwerfen wollen?
-und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen
-Nacht.</p>
-
-<p>»Marequita!« schrie seine gellende Stimme &ndash;
-»Marequita!« und sein Fuß berührte kaum den Boden,
-als er, die blutige Waffe noch immer in der
-Faust, an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.</p>
-
-<p>Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm
-allerdings, oder thaten wenigstens so, als ob sie ihm
-folgen wollten, aber es holte ihn Niemand ein, und
-wenige Minuten später war er in der da draußen
-lagernden Finsterniß verschwunden.</p>
-
-<p>Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so
-belebten Raum entstand, war nicht zu beschreiben, und
-an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke mehr.
-Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung
-suchten die Mädchen ihre Wohnungen zu erreichen,
-und Fackeln wurden dann angezündet, um den entflohenen
-Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er
-wieder vom Tode erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden
-&ndash; aber vergebens. Der Boden war zu sehr
-<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a>
-von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten
-Spur folgen zu können, und unverrichteter Dinge
-kehrten die Männer erst spät in der Nacht zu der
-Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen
-Fregatte waren indessen wieder an Bord gerudert.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen
-die Bewohner der Mission alle ihre Nachforschungen
-von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es
-blieb immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und
-Nebel einem bewaffneten Wahnsinnigen hinaus in
-die Dunkelheit zu folgen &ndash; war auch wohl Keinem
-von ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen.
-Jetzt aber gestaltete sich die Sache anders; mit Sonnenlicht
-war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß der
-entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen
-könne, und auf und ab durchsuchten sie die Nachbarschaft
-und selbst den sandigen Waldrand, wo sich die
-Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco
-wurden Boten gesandt, um das Geschehene
-zu melden und dort nach dem Flüchtling zu
-forschen.</p>
-
-<p>Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm
-zu suchen. Als die Fluth ablief, fanden Fischer seinen
-Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer in
-<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a>
-der See und zwar genau in der Richtung, die er
-gestern Abend auf seiner Flucht genommen, als er
-aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es
-war auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im
-Dunkeln von dem steilen Ufer hinab in die See gestürzt,
-ob er absichtlich den Tod dort gesucht &ndash; wer
-hätte es sagen können?</p>
-
-<p>Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene
-Grab gelegt, und drei Tage später verließ auch die
-spanische Fregatte die Bai von San-Francisco wieder,
-um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.</p>
-
-<p>Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal
-an Land und in dem Hause von Marequita's Eltern
-gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in
-Thränen fand.</p>
-
-<p>Und wann kehrte er wieder? &ndash; Wer konnte
-es sagen; denn sein Weg ging durch eine weite
-Strecke &ndash; aber mit den heißesten Schwüren betheuerte
-er der Jungfrau seine Liebe, und als er
-sie endlich verlassen mußte, barg sie laut schluchzend
-ihr Antlitz an der Brust des Vaters. &ndash; Es
-war zu viel für das arme Kind gewesen; zu rasch
-war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage
-an &ndash; tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen
-<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a>
-lang. Als ich aber &ndash; etwas nach dieser Zeit &ndash;
-Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder
-wie vordem, und sie war unstreitig das schönste
-Mädchen und die beste Tänzerin auf der Mission
-Dolores.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a>
-<span class="ge">Eine Polizeistreife in Cincinnati.</span></h2>
-
-
-<p>Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb
-von Deutschen bewohnte Cincinnati ist, so hat sie doch
-trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da sich mir die
-Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte
-ich sie nicht.</p>
-
-<p>In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen
-übrigen Theil derselben herrscht nämlich volle
-Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der
-Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte
-von einem anständig gekleideten Menschen doch lieber
-zu vermeiden sein, denn der Auswurf der Bevölkerung
-hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich
-dahinein mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben.
-Ermordungen fallen dort wenigstens gar nicht so selten
-vor, und noch am letzten Abend war ein Bootsmann
-in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne
-<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a>
-daß man bis jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter
-zu ermitteln.</p>
-
-<p>Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte,
-würde außerdem nichts weiter zu sehen bekommen, als
-die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und
-man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft
-einzudringen. Dazu aber hat die Polizei das
-volle Recht und macht denn auch davon zu unregelmäßigen
-Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal
-einem dort vielleicht versteckten Verbrecher auf die
-Spur zu kommen, oder die Insassen der verschiedenen,
-ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.</p>
-
-<p>Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants
-(der Eine von ihnen ein Deutscher) unternahmen,
-schloß ich mich mit einem Freunde an, und
-etwa um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der
-einen Polizeistation, die an sich schon manches Interessante
-bot.</p>
-
-<p>Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene
-Vagabonden oder auch Verbrecher festgehalten werden,
-bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre Strafe
-bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort
-unterbringt, ist so eigenthümlich wie praktisch. Man
-sperrt sie nämlich keineswegs in kleine, aus dicken
-Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen
-<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a>
-Thüren und Schlössern und sorgfältig verwahrten
-Oefen, durch welche sie aber noch trotzdem manchmal
-ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen
-Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet,
-stehen vier oder fünf große viereckige, eiserne
-Käfige, aus starken Eisenblechbändern zusammengenietet
-und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen,
-zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen
-Gefangenen. Die Zwischenräume zwischen
-den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man
-überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren
-dadurch über das Innere einen durch nichts
-gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem fortwährend
-zwischen den verschiedenen Käfigen hin und
-her, und keiner der Insassen kann sich auch nur bewegen,
-ohne daß es bemerkt wird. An ein Ausbrechen
-ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie
-durch Feuer Unheil anrichten &ndash; das Eisen brennt
-nicht.</p>
-
-<p>Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen,
-aber nicht verschlossenen Käfigen ist für Obdachlose
-bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz gesucht
-haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei
-Frauen mit kleinen Kindern da eingefunden, um hier
-die Nacht zuzubringen &ndash; ja vielleicht auch den andern
-<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a>
-Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz
-gegen Wind und Wetter und wer weiß, welches unsagbare
-Leid die armen Frauen erst durchgemacht, ehe
-sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.</p>
-
-<p>Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der
-Besichtigung dieser verschiedenen Gruppen auf, sondern
-traten unseren Marsch an, der uns in die östlich gelegenen
-Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte
-Negerviertel führte.</p>
-
-<p>Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich,
-wenn auch an einem Wochentage, ziemlich stark besucht
-zeigte. Besonders ragten die »farbigen« Ladies durch
-bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte
-mich gar nicht wundern, wenn sie es schon den »weißen«
-Ladies abgesehen hätten, nur deßhalb nämlich das
-Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder
-zur Schau zu tragen.</p>
-
-<p>Der Geistliche &ndash; ein dunkler Mulatte, hielt eine
-schale, nichtssagende Predigt voll lauter Phrasen und
-dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und etwa
-mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer
-hätte sagen wollen: »Nun, hab' ich nicht recht? &ndash; ist
-die ganze Sache nicht sonnenklar, und kann irgend ein
-vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden
-haben?« &ndash; Er blieb dabei auf der sehr breiten
-<a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a>
-Kanzel auch nicht etwa stehen, sondern lief darauf hin
-und her, sich bald an diesen, bald an jenen Theil seiner
-Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet
-zu werden, denn fortwährend kamen und
-gingen Leute, und machten oft Lärmen genug dabei.</p>
-
-<p>Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze
-des berüchtigten Viertels, und von dort an begannen
-schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus denen
-hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte.
-Es herrschte auch jetzt gerade kein rechtes Leben
-zwischen dieser Menschenklasse, denn der Fluß war zu
-niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und
-gerade die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier
-ihre Orgien feiern und den schmutzigen Strudel in
-Bewegung halten.</p>
-
-<p>Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen
-unten, bei der Beleuchtung eines einzelnen Talglichts,
-oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky und
-grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht
-einmal mehr geschminkte weiße und schwarze Dirnen,
-durcheinander gemischt, ihr Glas tranken und ihre
-Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten
-sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf,
-denn was hier weilte, brauchte das Licht &ndash; wenigstens
-dieser Nachbarschaft &ndash; nicht zu scheuen. Sie wußten
-<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a>
-auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu
-wenden hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter
-dem Schenkstand, eine steile Treppe empor, die eher
-einer Leiter glich, bald wandten sie sich der Hinterthür
-zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum
-und überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen,
-halbverfallenen Hinterhauses.</p>
-
-<p>Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und:
-»Jammer, von keiner Menschenseele zu fassen!« hätte
-ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir einzelne
-dieser höhlenartigen Wohnungen betraten.</p>
-
-<p>Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen
-Strohmatratze eine menschliche Gestalt zusammengekauert.</p>
-
-<p>»Wer ist das?«</p>
-
-<p>»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke
-kauernde Frau, die man natürlich keines Grußes gewürdigt
-hatte, »sie ist krank.«</p>
-
-<p>Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes
-Talglicht seinen düsteren, unbestimmten Schein durch
-das Gemach, blies doch der kalte Nachtwind durch drei
-oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der
-amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit
-der Antwort &ndash; war es doch ein zu gewöhnlicher Kniff
-dieser Art Leute, irgend Jemanden, den sie verstecken
-<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a>
-wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog
-ziemlich unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt
-schaute ein hohläugiges, bleiches Antlitz zu ihm auf.
-Es war in der That die kranke Schwester.</p>
-
-<p>»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach
-Cincinnati gekommen?«</p>
-
-<p>Die Kranke konnte nicht antworten und zog die
-Glieder fröstelnd zusammen, so daß der Lieutenant ihr
-die Decke wieder überwarf. Die Schwester antwortete
-für sie.</p>
-
-<p>»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen
-Cents, die sie verdient, auch noch vertrunken, ohne ihr
-je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen. Da hat
-sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.«</p>
-
-<p>Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens
-und doch lehnte daneben auf einer alten
-Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen,
-das nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten
-Oberkleider ein wenig zusammen zu raffen.</p>
-
-<p>Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude
-gleich in ein anderes hinübersteigend &ndash; und der Weg
-war nicht angenehm, denn man sah gar nicht, wohin
-man den Fuß setzte, &ndash; erreichten wir ein niederes,
-schmales Haus, in welchem oben, in zwei verschiedenen
-Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern stiegen wir die
-<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a>
-eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete
-Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft.
-Zwei junge, weiße Damen lebten hier in
-dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen
-Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas
-verlegen in der Hand herumdrehend.</p>
-
-<p>Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe
-mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen, in das
-nächste Zimmer und leuchtete hinein &ndash; aber es war
-leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich
-darin, und war hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges
-zu finden &ndash; nichts wenigstens, gegen was die
-Gesetze des Staates hätten einschreiten können.</p>
-
-<p>Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir
-in einer der nächsten Negerspelunken Musik und fanden
-den Raum gedrängt voll Menschen. Ein paar von
-diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen
-erkannten, denn es giebt Konstitutionen,
-denen dieselben antipathisch sind; die meisten hielten
-aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren
-einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste
-verkrüppelt, der mit den Stumpfen eine Art von
-Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein
-paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt
-sang.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a>
-Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den
-Genuß eines Negertanzes zu machen, aber die Damen
-schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang
-machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing
-und ihr ein Stück Papiergeld vorhielt, das sie haben
-sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie schien allerdings,
-trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben,
-sah aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er
-hielt sie fest, und griff deßhalb nach dem Gelde. Es
-war eine kleine dicke, wie es schien, unbehülfliche Gestalt,
-warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von
-dem alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher
-Geschicklichkeit um sich, daß sie mit Hacken und
-Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den Achtelnoten
-schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie
-jetzt selber warm in dem Tanz geworden wäre, machte
-sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte mitten
-zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter,
-aus der sie natürlich nicht wieder herausgefischt werden
-konnte.</p>
-
-<p>Das genügte übrigens auch vollständig für eine
-Probe, und wir schritten über die Straße nach einem
-anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten nicht
-recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem
-Raum, den ein einzelner Mann fast beanspruchen
-<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a>
-würde, wenn er bequem leben sollte, eine ganze Kolonie
-von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und
-&ndash; eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es
-nicht möglich wäre zu beschreiben. Ich konnte mir
-auch nicht helfen und frug den Deutschen, wie er nur
-im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den
-Seinen auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und
-meinte: »es wäre ihm hier in Amerika nicht besonders
-gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm, als sie
-gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.«</p>
-
-<p>Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens
-nachher, daß nicht etwa die Noth deutsche Familien in
-einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern daß sich
-derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher
-Umgebung herumgetrieben habe, oder hier durch
-lüderliches Leben dazu gebracht sei. Uebrigens wären
-die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte verschiedene
-»deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust
-finden.</p>
-
-<p>Wieder in die Straße hinüberkreuzend, betraten
-wir ein anderes Schenklokal, in welchem drei Neger
-Karten mitsammen spielten.</p>
-
-<p>»Wo habt ihr denn den Einsatz?« frug sie der
-Polizeimann, und sie wußten recht gut, daß sie nicht
-um Geld spielen durften.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a>
-»O, Mister,« sagte der eine Neger grinsend, »wissen
-wohl, wir sind viel zu arm, als daß wir um Geld
-spielen könnten &ndash; spielen nur darum, wer von uns
-nächstes Jahr Präsident wird.«</p>
-
-<p>Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthür
-zu.</p>
-
-<p>»<i>For Gods sake Massa!</i>« sagte der eine Neger
-aufspringend, und mit ziemlich lauter Stimme:
-»Nehmen Sie sich in Acht, ist ein großes Loch im
-Hof.«</p>
-
-<p>»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann
-ärgerlich, »kümmere Du Dich um Dich; ich
-kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« &ndash; und ohne
-sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch
-einige in den Grund gestochene Stufen &ndash; die bei
-Regenwetter völlig unpassirbar sein mußten &ndash; hinauf
-und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr
-in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen,
-daß wir Anderen ihm viel vorsichtiger folgten, denn
-die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns nicht so
-spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich
-das obere Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges
-dort zu finden. Hatte sich irgend Jemand da
-versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen,
-sich aus dem Staub zu machen, denn er brauchte
-<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a>
-nur über eine der nächsten, niederen Planken zu steigen,
-um damit schon vollständig aus Sicht und Bereich zu
-kommen.</p>
-
-<p>In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen
-weiblichen Gästen, eine junge, aber sehr leidend aussehende
-Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas mit
-Whisky vor sich stehen hatte.</p>
-
-<p>»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das
-Viertel gekommen, Margot?« sagte der Amerikaner,
-»hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier
-nicht wieder finden sollten?«</p>
-
-<p>»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge
-Frau finster und leerte dabei das Glas auf einen Zug;
-»habt keine Furcht, daß Ihr mich hier wieder trefft,
-denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen.
-Nur hereingekommen bin ich, um meine
-Kiste abzuholen, aber vor einer Viertelstunde kam der
-Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt
-muß ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen.
-Heute bringt er sie mir nicht mehr fort, und wenn ich
-ihm einen Dollar dafür böte.«</p>
-
-<p>Es war überall das Nämliche: Jammer und
-Elend, aber nirgends Rauferei oder wüster Lärm,
-eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem
-Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise
-<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a>
-nicht mehr erschwingen, denn wo sie sonst die
-Flasche um zehn Cents gehabt, sollten sie jetzt einen
-Dollar dafür bezahlen &ndash; deßhalb auch dieser anscheinend
-moralische Frieden in dem »schlechten
-Viertel.«</p>
-
-<p>Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der
-Stadt sprachen wir noch, der Merkwürdigkeit wegen,
-in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die schwarzen,
-neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig
-diesem Spiele zugewendet. Der Besitzer desselben
-schien indessen ebenfalls unter den »schlechten Zeiten«
-zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr
-in dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine
-Treppe hoch gelegen, ein großes, hübsches Billard und
-einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte. Wir
-tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren
-geben und fanden beides, Getränk und Tabak,
-gut und preiswürdig.</p>
-
-<p>Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung
-bei, wo die über Nacht aufgebrachten Vagabonden
-abgeurtheilt und verschiedene andere Dinge
-verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig
-wiederholende Geschichte: Trunkene, die in ihrem
-Rausch Prügeleien angefangen, Frauen, die von ihren
-Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung
-<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a>
-bei den Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige
-Dirnen, die einander in die Haare gerathen, und
-würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen
-seidenen Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt
-waren, ein lüderliches Haus zu halten, das durch
-seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen
-störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele
-wohl, die gerechte Entrüstung zu sehen, mit welcher sie
-eine solche Verdächtigung von sich wiesen, und die Resignation
-zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars
-Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen
-ließen. Ueberhaupt fiel mir auf, daß die Strafen
-von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für
-Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich
-diktirt wurden. Sechs bis zehn Monat Arbeitshaus
-kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug
-mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich
-nöthig sein, denn wenn man nur in die von Verbrechen
-und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge dieser
-Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen,
-daß sie eine leichte Strafe nur verspotten würden.
-Selbst diese kann sie nicht heilen, sondern entzieht sie
-nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und wüsten
-Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich
-von Neuem beginnen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a>
-Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen
-vor, leider aber nicht zur Entscheidung, und zwar ein
-junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen.
-In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander
-in unerklärlicher Weise, mehrere Brände ausgebrochen,
-und das halbe Kind, denn sie konnte kaum
-dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer
-an allen diesen Stellen angelegt, ja es sogar gegen
-Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber keiner
-von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu
-haben, denn dazu lag nicht der geringste Grund vor,
-der dagegen in einer Art von Wahnsinn, in einer
-Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall
-Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu
-freuen.</p>
-
-<p>Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und
-das große Bonnet, das sie trug, beschattete ihre, nur
-selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an ihrer
-Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete
-ihre Unschuld. Sie selber sprach fast gar nicht,
-nur wenn er sich mit einer Frage leise an sie wandte,
-schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern.
-Die gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe
-reichten indessen noch lange nicht hin, sie zu verurtheilen
-&ndash; wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden,
-<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a>
-und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben
-werden, um beiden Theilen Gelegenheit
-zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu
-rüsten.</p>
-
-<p>Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati.</p>
-
-
-<p class="ce mt2"><a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a>
-<span class="fss ge">Leipzig,</span><br />
-<span class="fsxs">Druck von Giesecke &amp; Devrient.</span></p>
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und Überschrift des siebten Kapitels.</p>
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
-werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i>
-hervorgehoben.</p>
-
-<p class="in0">Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert,
-sowie gegebenenfalls "«," geändert in ",«".</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie
-beispielsweise
-"Billette" &ndash; "Billete", "Cajüte" &ndash; "Kajüte",
-"Compaß" &ndash; "Kompaß",
-"erwiderte" &ndash; "erwiederte", "Hôtel" &ndash; "Hotel",
-"müssig" &ndash; "müßig", "Paar" &ndash; "paar",
-"weshalb" &ndash; "weßhalb",</p>
-
-<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br />
-"hiel" geändert in "hielt"<br />
-(in der Hand ein großes Herz hielt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br />
-"," entfernt hinter "sie"<br />
-(wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"grünbebewachsenen" geändert in "grünbewachsenen"<br />
-(einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br />
-"irgend wo" geändert in "irgendwo"<br />
-(noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(»Und woher willst Du das wissen?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br />
-"So bald" geändert in "Sobald"<br />
-(Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br />
-"meist" geändert in "meinst"<br />
-(daß Du es wirklich gut mit mir meinst)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(und fürchte fast, daß ich morgen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_033">33</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_033">33</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br />
-"ab" geändert in "ob"<br />
-(sondern als ob sein eigenes Schicksal)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"ein" geändert in "eine"<br />
-(Also eine Mademoiselle war die Dame)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Papa,« sagte Clemence)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Unsinn,« rief lachend der alte Herr)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"." geändert in ","<br />
-(»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_047">47</a>:<br />
-"Wären" geändert in "Waren"<br />
-(Waren Sie jener junge Fremde?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_053">53</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br />
-"Sie" geändert in "sie"<br />
-(»Nein,« sagte sie)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br />
-"Sie" geändert in "sie"<br />
-(setzte sie freundlicher hinzu)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(»Und wo hält er sich jetzt auf?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br />
-"du" geändert in "Du"<br />
-(Bleibst Du hier in M&ndash;?)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_118">118</a>:<br />
-"Biberich" geändert in "Bieberich"<br />
-(»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_122">122</a>:<br />
-"hatt" geändert in "hatte"<br />
-(und sie hatte nicht viel Zeit)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_123">123</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_136">136</a>:<br />
-"vorrigen" geändert in "vorigen"<br />
-(ganz das nämliche im vorigen Jahr)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_140">140</a>:<br />
-vertauschte "," und "." korrigiert<br />
-(setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br />
-"so bald" geändert in "sobald"<br />
-(denn sobald er die lieben)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_159">159</a>:<br />
-"Trautena" geändert in "Trautenau"<br />
-(Aber Trautenau war nicht in der Stimmung)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_160">160</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(»Wir sind die Ersten,« begann der Officier)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br />
-"Hauskecht" geändert in "Hausknecht"<br />
-(was ich eben von dem Hausknecht gehört)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br />
-"den" geändert in "denn"<br />
-(denn auf den anderen Inseln waren die Früchte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br />
-"Kapitan" geändert in "Kapitän"<br />
-(Der Kapitän hoffte noch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br />
-"ihre" geändert in "Ihre"<br />
-(Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_189">189</a>:<br />
-"," hinter "dem" entfernt<br />
-(fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br />
-"?" geändert in "!"<br />
-(Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_214">214</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Steuermann &ndash; Ihr, Bill)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_222">222</a>:<br />
-"Zimmermannn" geändert in "Zimmermann"<br />
-(Der Zimmermann that dies mit Vergnügen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_227">227</a>:<br />
-"ihm" geändert in "im"<br />
-(Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_238">238</a>:<br />
-"mußte" geändert in "wußte"<br />
-(von dem lustigen Leben draußen wenig wußte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_252">252</a>:<br />
-";" geändert in ":"<br />
-(seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br />
-"keinen" geändert in "kleinen"<br />
-(dem Haus mit dem kleinen Thurm)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_265">265</a>:<br />
-"ihn" geändert in "ihm"<br />
-(Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(Und nun komm, Kamerad &ndash; es ist Zeit.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_276">276</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_278">278</a>:<br />
-"." geändert in "?"<br />
-(stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_278">278</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(bist Du aber noch schuldig, mein Bursch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_300">300</a>:<br />
-"Aufenthalsort" geändert in "Aufenthaltsort"<br />
-(in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Erster Band, by
-Friedrich Gerstäcker
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND ***
-
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