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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Kreuz und Quer, Erster Band - Neue gesammelte Erzählungen - -Author: Friedrich Gerstäcker - -Release Date: April 16, 2017 [EBook #54555] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<h1>Kreuz und Quer.</h1> - -<p class="ce mt2 lh2">Neue gesammelte Erzählungen<br /> -<span class="fss">von</span><br /> -<span class="fsl"><span class="ge"><b>Friedrich Gerstäcker.</b></span></span></p> - -<p class="ce mt2 lh2">Erster Band.</p> - -<p class="ce mt2"><span class="ge"><b>Leipzig,</b></span><br /> -<span class="ge">Arnoldische Buchhandlung.</span><br /> -1869.</p> - - -<h2>Inhaltsverzeichniß.</h2> - - -<div class="ce"> -<table summary="" border="0" cellpadding="2"> -<tr> - <td class="tdr fss" colspan="2">Seite</td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">1. Den Teufel an die Wand malen</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">1</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">2. Booby-island</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_176">176</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">3. Zacharias Hasenmeier's Abenteuer</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_225">225</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">4. Das Hospital auf der Mission Dolores </td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_280">280</a></td> -</tr> -<tr> - <td class="tdl">5. Eine Polizeistreife in Cincinnati</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_330">330</a></td> -</tr> -</table> -</div> - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -<span class="ge">Den Teufel an die Wand malen.</span></h2> - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br /> - -Das Wandgemälde.</h3> - - -<p>In seinem kleinen Atelier, drei Treppen hoch in -der Osterstraße, stand der junge Maler Ernst Tautenau -auf einer Art von Treppenleiter, die Kohle in -der Hand, und entwarf auf der weiß getünchten Seitenwand -eine groteske Figur in übermenschlicher Größe.</p> - -<p>Es schien eine Art von Faun zu sein – ein nicht -unschöner Kopf, aber mit gierig lüsternem Blick, und -breiten, sinnlichen Kinnbacken – der nackt, nur mit -einem breiten Gürtel von Weinlaub und – sonderbarer -Weise Spielkarten um die Hüften, trotzdem ein -paar große Epauletten auf den bloßen Schultern trug, -aber in der Hand ein großes Herz hielt, wie man sie -wohl von Pfefferkuchen macht, und eben im Begriff -stand dasselbe auseinander zu brechen.</p> - -<p>Er war noch eifrig mit der Ausführung der Figur -beschäftigt, als sich, ohne vorheriges Anklopfen, die -der Wand gegenüber liegende Thür öffnete, und ein -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -junger Mann mit breitrandigem schwarzen Filzhut, -den Zipfel des langen blauen Mantels über die linke -Schulter geschlagen, dabei mit vollem weichen braunen -Bart und ein paar großen ehrlichen Augen, lachend -auf der Schwelle stehen blieb, und das neu erstehende -Werk des Freundes betrachtete.</p> - -<p>»Alle Wetter Ernst,« rief er dabei, »was malst -Du denn da? ich glaube gar »den Teufel an die -Wand.« Was fällt Dir denn ein?«</p> - -<p>»Du könntest am Ende Recht haben, Frank,« sagte -der Angeredete, der kaum den Kopf nach dem Eintretenden -wandte, und sich auch in seiner Arbeit nicht -stören ließ. »Der Bursche ist in der That mehr -Teufel als Faun und eine kleine Aenderung kann da -nachhelfen.« Noch während er sprach wuchsen der -Gestalt an der Wand ein paar kurz aufsteigende spitze -Hörner und zwischen den Kartenblättern und dem -Weinlaub krümmte sich ein, mit einem dicken Haarbüschel -versehener Schweif heraus.</p> - -<p>»Hahaha,« lachte Frank, »der Teufel mit Epauletten -– gewissermaßen in Generals-Uniform bei -großer Gala – die Idee ist nicht schlecht. Aber, -Menschenkind, was soll die Spielerei? oder arbeitest -Du im Auftrag irgend eines Ministeriums, um vielleicht -Frescobilder für einen Ständesaal zu entwerfen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -»Und kennst Du den Burschen nicht?«</p> - -<p>»Wen? Seine höllische Majestät mit dem Pfefferkuchen-Herz -in der Hand? – Das muß gut zu dem -Schwefel schmecken?«</p> - -<p>»Ich meine das Gesicht.«</p> - -<p>»Hm, in dem Gesicht liegt in der That etwas Bekanntes,« -sagte Frank, es jetzt aufmerksamer betrachtend. -»Also es ist keine Phantasie?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Portrait?«</p> - -<p>»Vielleicht – Du kennst das Original jedenfalls.«</p> - -<p>»Zum Teufel auch, die Epauletten bringen mich -darauf – der Major von Reuhenfels, wie?«</p> - -<p>Ernst nickte stumm vor sich hin – »Allerdings,« -sagte er endlich, »der Herr Major von Reuhenfels, -den ich mir hier zu meinem besonderen Vergnügen abconterfeit -habe.«</p> - -<p>»Und liebst Du den so sehr, daß Du sein Bild -immer vor Augen haben willst?«</p> - -<p>»Ja,« sagte Ernst finster und mit fest zusammengebissenen -Zähnen, »so innig, daß ich – aber zum -Teufel auch, ich will mir den schönen Tag nicht verderben -und habe mir nur den Spaß gemacht die Fratze -hier an die Wand zu zeichnen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -»Aber Du hast karrikirt – der Major ist wirklich -was man einen schönen, stattlichen Mann nennt.«</p> - -<p>»Ein Fleischklumpen mit einem paar Unterkiefern, -wie eine Kuh.«</p> - -<p>»Das spricht für seine gastronomischen Leistungen,« -lachte Frank.</p> - -<p>»Und mit einem paar Lippen wie ein Faun – -selbst der Schnurrbart kann den widerlichen Zug derselben -nicht verbergen.«</p> - -<p>»Aber sage mir nur, weshalb Du eine solche Wuth -auf den armen Teufel hast. Hat er Dir denn je etwas -zu Leide gethan?«</p> - -<p>»Ich habe noch nie ein Wort mit ihm gesprochen.«</p> - -<p>»Also gefällt Dir blos sein Gesicht nicht.«</p> - -<p>»Du setzest die Worte falsch – mir gefällt sein -Gesicht nicht bloß, er sollte einen Schleier darüber -tragen, wie der Prophet von Khorassan und ich glaube -bei Gott, er hat in seinem Charakter Aehnlichkeit -mit dem.«</p> - -<p>Frank lachte, warf den Mantel und Hut auf den -nächsten Sessel, sich selber in einen, der Staffelei -schräg gegenüber stehenden Lehnstuhl und sagte dann, -indem sein Blick an dem auf der Staffelei befindlichen -und noch nicht vollendeten Bild haftete:</p> - -<p>»Du hast etwas auf dem Herzen, Ernst, herunter -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -damit, ich bin gerade in der Stimmung Dir als -»älterer Freund« – denn Dein Geburtstag fällt auf -den 25sten, meiner aber schon auf den 14ten Juni, -einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen. – -Aber vorher sage mir erst einmal, was Du aus dem -Bild da machen willst. Ich werde nicht daraus klug, -und Du mußt es ja auch in den letzten zwei Tagen, -wo ich Dich nicht gesehen, nur so auf die Leinwand -geworfen haben.«</p> - -<p>Das Bild stellte eine wilde Alpenlandschaft vor, -mit rechts einer sogenannten »Lanne,« einem grünbewachsenen, -ziemlich schräg abfallenden Bergabhang, -an welchem ein paar einzelne Lärchen-Tannen wuchsen. -An der einen stand eine Mädchengestalt, mit im -Winde flatternden Locken, und den Baum, wie Schutz -suchend, umklammernd. Oben an der, von der Lanne -emporstrebenden Bergwand, setzte ein Rudel Gemsen -in voller Flucht hinüber – die Thiere waren wenigstens -flüchtig angedeutet.</p> - -<p>»Was soll denn das vorstellen?« – fuhr er nach -einer kleinen Weile fort – »willst Du noch irgendwo -einen Räuberhauptmann anbringen, der die junge -Dame überfällt? Sie umfaßt ja den Baum als ob sie -ihn im Leben nicht wieder los lassen wollte.«</p> - -<p>Trautenau hatte seine Arbeit indessen keinen -<a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Augenblick unterbrochen, und die Gestalt an der Wand -nur noch immer mehr ausgeführt. Er verschönerte -aber die Figur keineswegs, und schien fast Gefallen -daran zu finden, den Ausdruck aller bösen Leidenschaften -in das Gesicht hinein zu legen. Jetzt drehte -er sich um, stieg herunter, warf die Kohle auf den -Tisch, wusch sich die Hände in einem daneben stehenden -Becken und sagte:</p> - -<p>»Du sollst die Geschichte hören, Frank – wenn -auch nur in ihren flüchtigen Umrissen – ich wollte es -Dir schon lange erzählen, und Dich um Deinen Rath -fragen. Aber wir müssen dazu ungestört sein, denn -wenn ich einmal unterbrochen werde, weiß ich nicht, -ob ich den Muth haben werde, zum zweiten Male zu -beginnen.«</p> - -<p>Damit ging er zur Thür, riegelte sie zu, warf -noch einen festen Blick über das unvollendete Bild -auf der Staffelei und begann dann, indem er mit untergeschlagenen -Armen im Zimmer auf- und abging:</p> - -<p>»Ich war im vorigen Herbst, wie Du weißt, in Tyrol, -jene Gegend ist aus einem der dortigen Thäler; ich -wanderte mit meiner Mappe durch den wilden Grund, -als ich plötzlich einen gellenden Hülferuf höre, und -aufschauend, gar nicht so weit über mir eine weibliche -Gestalt in einem lichten Kleide und jener Stellung, -<a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -wie Du sie hier auf dem Bilde findest, den Baum umklammern -sehe. Nirgend weiter war mehr ein menschliches -Wesen zu entdecken, und obgleich ich mir nicht -denken konnte, weshalb die Dame schrie, denn eine -Gefahr gab es ringsum nicht, säumte ich doch nicht, so -rasch mich meine Füße trugen, dort hinauf zu eilen, -was auch mit keinen großen Schwierigkeiten verbunden -war.«</p> - -<p>»Ich fand ein Mädchen – erlaß mir die Beschreibung -– Du kennst sie auch wahrscheinlich selber, denn -sie wohnt seit vorigem Winter mit ihrem Vater hier -in M–«</p> - -<p>»Und wie heißt sie?«</p> - -<p>»Den Namen nachher. – Es war ein Wesen, so -zart und duftig, als ob es dieser Erde gar nicht angehöre -– eine Bergelfe, die ihre Zeit verpaßt, und am -hellen Tag aus ihrem Schlupfwinkel herausgekommen -war, um sich –«</p> - -<p>»An einen Baum anzuklammern und zu schreien,« -sagte Frank trocken.</p> - -<p>»Du hast sie nicht gesehen und verstehst mich -deshalb nicht,« erwiderte, verdrießlich über den prosaischen -Einwurf, der Freund. »Was wußte das arme -Kind von den Bergen. Muthwillig, in kindlichem -Uebermuth war sie ihrer Gesellschaft davon gelaufen, -<a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a> -um hier über den grünen Wiesenhang hin ein Stück -vom Weg abzuschneiden, bis sie die Lanne steiler fand, -als sie Anfangs geglaubt und nun schwindlich wurde -und Angst bekam. Kaum erreichte sie noch den Baum, -als sie ihn auch umfaßte, um sich daran zu halten, und -nun durch ihr Rufen die übrige Gesellschaft herbei zu -ziehen suchte.«</p> - -<p>»Und Du warst der Glückliche, der sie fand.«</p> - -<p>»Ja – ich sprach ihr Trost ein, ergriff ihre Hand, -während sie sich fest und schüchtern an meinen Arm -anklammerte, und führte sie den übrigen Theil der -hier allerdings ziemlich steilen Lanne bis auf den -durch das Thal laufenden Pfad hinab, wo wir auch -gleich darauf ihre Gesellschaft bemerkten, die denselben -nicht verlassen hatte, und nun etwas später eintraf.«</p> - -<p>»Und wie heißt Deine Schöne?«</p> - -<p>»Damals erfuhr ich nur ihren Vornamen: Clemence, -wollte mich aber der Gesellschaft nicht aufdringen -und zog mich bald darauf zurück, weil ich sie -den Abend schon wieder in dem nächsten Gasthof zu -finden hoffte. Ich hatte mich getäuscht – sie waren -weiter gegangen – ich folgte ihnen, umsonst; auf der -Landstraße endlich verlor ich ihre Spur, bis ich ihr -hier, vor vierzehn Tagen etwa – Du kannst Dir -meine Freude denken, in M– begegne.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -»Und hast Du schon um sie angehalten?«</p> - -<p>»Du kannst Deinen Spott nicht lassen. Ich liebe -sie aus voller, reiner Seele, aber – sie ist die Tochter -des steinreichen Joulard und meine Liebe deshalb -hoffnungslos.«</p> - -<p>»Und was hat Dich vermocht, jenen Teufel dort -an die Wand zu malen, und in welcher Beziehung -steht er mit Deiner ganzen Erzählung, denn etwas -Derartiges muß ich doch vermuthen.«</p> - -<p>»Die Sache ist sehr einfach,« sagte Ernst ruhig. -»Vor drei Tagen war ich zum ersten Male in dem -Hause, ich könnte wohl sagen im Palais des Banquiers, -denn er bewohnt in der That ein solches. Die -Treppen sind mit schweren Teppichen belegt und mit -Marmorstatuen verziert; die Vorsäle selbst haben getäfelte -Wände und riesige Spiegel. Im Inneren der -Räume war ich nicht; aus dem einen Zimmer trat der -Major von Reuhenfels heraus, sein widerliches Gesicht -strahlte in Seligkeit. Als ich einen der Diener frug, -wer der Herr wäre, lautete die Antwort: »Der Verlobte -des gnädigen Fräuleins Clemence.«</p> - -<p>»Aha – deshalb!« meinte Frank still vor sich hinlächelnd. -»Nun und weiter? Du wolltest meinen -Rath.«</p> - -<p>»Ja, ich weiß es,« sagte Ernst seufzend, »aber – -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -er wird kaum mehr nöthig sein, denn ich sehe nicht -ein, wie mir noch ein Mensch helfen oder rathen -kann. Es bleibt mir ja doch Nichts weiter übrig, als -eben einfach zu entsagen und jede Hoffnung auf ein -dereinstiges Glück fallen zu lassen. – Sie sind verlobt.«</p> - -<p>»Nun,« meinte Frank, »was das beträfe, so ist verlobt -noch nicht immer verheirathet, und ich könnte Dir -verschiedene Beispiele nennen, wo solche Verlobungen -wieder rückgängig wurden, wenn Dir dadurch die geringste -Aussicht auf einen Erfolg Deiner Werbung -bliebe – aber Du bist doch wohl nicht wahnsinnig -genug zu glauben, daß Dir der reiche Joulard seine -einzige Tochter geben wird? Ich begreife sogar nicht, -daß er dem einfach adligen Major eine solche Gnade -zu Theil werden läßt; denn bis jetzt hieß es in der -Stadt, daß er sich einen Herzog oder Prinz für sie -ausgesucht.«</p> - -<p>»Und weißt Du, was dieser Major für ein Charakter -ist?«</p> - -<p>»Ich kenne ihn gar nicht – kaum dem Namen -nach und nur von Ansehen.«</p> - -<p>»Aber ich habe mich desto sorgfältiger in den letzten -Tagen nach ihm erkundigt. Ein berüchtigter Spieler -und Roué, der mehr Schulden als Haare auf dem -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Kopfe hat, und das arme, engelgleiche Wesen elend -machen wird.«</p> - -<p>»Und was geht das Dich an?«</p> - -<p>»Was das mich angeht? – Mensch, Du kannst -mich mit Deinen kalten Fragen zur Verzweiflung -treiben. Hab' ich Dir nicht gesagt, daß ich zum Tollwerden -verliebt in das Mädchen bin?«</p> - -<p>»In die Braut des Majors? Nun, Ernst, Du -hast mich um meinen Rath gebeten und den will ich -Dir nicht vorenthalten. Wenn Du dem also folgen -willst, so bekümmerst Du Dich um die ganze Familie -von diesem Augenblick an nicht weiter, als daß Du -Dein »Ideal« meinetwegen aus der Ferne anbetest, -und den Major, wenn es Dir Spaß macht, als Teufel -oder sonst was an die Wand malst. Darin bleibst -Du vollkommen harmlos, und kein Mensch kann es -Dir verwehren oder wird dadurch geschädigt. Mische -Dich aber um Gottes Willen nicht in fremde Familienangelegenheiten, -in denen Dir nicht das entfernteste -Recht zusteht, denn daß Du dadurch etwas zu Deinen -Gunsten erreichen könntest, wirst Du selber nicht -glauben, um andere Menschen – kümmere Dich aber -nicht, wie sich Andere auch nicht um Dich bekümmern.«</p> - -<p>»Aber wenn Clemence in der Verbindung mit -jenem Menschen elend wird –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -»Wenn sie wieder schreit und Du bist in der Nähe, -so komm ihr wie damals zur Hülfe – aber früher -nicht.«</p> - -<p>»Aber dann ist es zu spät. Soll ich sie denn rettungslos -zu Grunde gehen sehen?«</p> - -<p>»Lieber Freund,« erwiederte der junge Maler, »ihr -Vater ist Banquier und Du wirst mir Recht geben, -wenn ich Dir sage, daß alle derartigen Leute die -Augen gewöhnlich offen halten. Thun sie es nicht, -so ist es ihr eigener Schade und kein Mensch weiter -hat sich darum zu quälen.«</p> - -<p>»Und Clemence?«</p> - -<p>Frank schwieg ein paar Augenblicke und sah sinnend -vor sich nieder, endlich sagte er:</p> - -<p>»Du wirst aller Wahrscheinlichkeit nach wüthend -werden, wenn ich Dir irgend etwas gegen Dein -»Ideal« einwerfe, aber es geht eben nicht anders. -Was ich auf dem Herzen habe muß heraus, so sollst -Du denn auch meine Meinung über Deine Auserwählte -hören, die allerdings nicht so günstig lautet, -als Du Dir vielleicht wünschen könntest.«</p> - -<p>»Kennst Du sie?«</p> - -<p>»Zufällig habe ich in einem Hause Zutritt, wo sie -aus und ein geht, und ich gestehe Dir zu, daß sie ein -bildhübsches, ja man könnte sogar sagen schönes Mädchen -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -ist, mit edlen, wenn auch etwas stolzen Zügen, -aber –«</p> - -<p>»Aber? –«</p> - -<p>»Sie ist dabei die ärgste Kokette, die mir im ganzen -Leben vorgekommen, und herzlos bis zum Aeußersten.«</p> - -<p>»Und woher willst Du das wissen?«</p> - -<p>»Das kann ich Dir sagen. Als sie eines Tages -jenes Haus verlassen wollte, und ihre Equipage hielt -vor der Thür – ich ging hinter ihr die Treppe hinunter -– wurde ein armes junges Nähmädchen, die -irgend eine Arbeit dort hinauf gebracht hatte, ohnmächtig -und fiel gleich neben dem gnädigen Fräulein, -ja so dicht bei ihr, daß sie ihr wohl etwas an der -Robe mußte beschädigt haben, auf der Flur nieder. -Hätte sie ein weiches Herz im Busen, so würde sie sich -der Armen angenommen und sie in ihrem eigenen -Wagen fortgeschafft haben, so warf sie ihr nur einen -Blick voll Abscheu und Ekel zu, sah nach ihrem Kleid -und eilte dann so rasch sie konnte in den schon für sie -geöffneten Schlag des Wagens, der dann gleich nachher -mit ihr davon rollte.«</p> - -<p>»Es giebt Menschen, die keinen Kranken, besonders -Ohnmächtigen, sehen können,« sagte Ernst, »es geht -mir selber so – ich muß mich dazu zwingen – das -ist kein Beweis gegen sie.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -»Wenn Du einen Beweis wolltest, wäre der genügend,« -meinte Frank, »aber in dem Fall wird Dich -auch das Andere, was ich Dir noch sagen könnte, nicht -überzeugen.«</p> - -<p>»Und das wäre –«</p> - -<p>»Daß sie die ganze Zeit, in welcher ich mit ihr -dort oben im Salon zusammen war, sich so gesetzt -hatte, daß sie sich fortwährend in dem Spiegel sehen -konnte, und die Gelegenheit auch auf das Eifrigste -benutzte.«</p> - -<p>Ernst lachte. »Daß sich also ein junges hübsches -Mädchen gern selber sieht und ein wenig eitel ist, rechnest -Du ihr zum Verbrechen an, – und findest Du -eine unter Allen, die davon frei wäre?«</p> - -<p>»Gut! wir wollen uns auch darüber nicht streiten, -denn die Sache hat keinen Zweck. Dir wird Fräulein -Clemence kaum gefährlich werden können, denn wenn -sie wirklich mit dem Major verlobt ist, werden wir -auch wohl in allernächster Zeit von ihrer Verbindung -hören. Solltest Du aber wahnsinnig genug sein, Einspruch -thun zu wollen – was ich Dir aber nicht zutraue, -denn eine Geistesstörung habe ich bisher noch -nicht an Dir bemerkt, so bedenke wohl, daß Dir jedes -Recht dazu fehlt. Was Du auch über den Major -weißt, können nur Gerüchte sein, für die Du nie wirkliche -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Beweise bringen würdest, außer vielleicht für die -Schulden, und was schadet es dem reichen Joulard, -wenn sein Schwiegersohn ein paar tausend Thaler -negatives Vermögen hat? Er wird sie eben bezahlen, -und die Sache ist abgemacht. Aber wie ist's? Hast Du -Lust einen Spaziergang zu machen? Ich komme eigentlich -her, um Dich abzuholen.«</p> - -<p>»Ich danke Dir – ich bin es jetzt nicht im -Stande,« sagte Ernst, »nicht in der Stimmung – es -geht mir zu viel, zu Schweres im Kopfe herum – ich -muß allein sein – muß mich erst sammeln – aber -wenn Du zurückkehrst, sprich wieder bei mir vor.«</p> - -<p>»Also sammele Dich,« rief ihm Frank zu, »und -ich bin überzeugt, Du wirst in die richtige Bahn -hinein kommen. – Ich frage dann wieder vor und -hoffe Dich gegen Abend ruhig und vernünftig zu -finden. Ueberdieß haben wir heute Künstlerverein, -und Du darfst da nicht fehlen.«</p> - -<p>Mit diesen Worten warf er seinen Mantel wieder -um, setzte seinen Hut auf und verließ das Zimmer. -Sein Freund blieb aber in einer trüben, ja fast verzweifelten -Stimmung zurück, denn er konnte sich nicht -verhehlen, daß Frank in manchen – ja in vielen -Stücken Recht hatte und da mit der kalten Vernunft -eintrat, wo bei ihm nur Alles Feuer und Leidenschaft -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -war. Was wußte der Vernunftmensch aber auch von -Liebe – einer Liebe, die ihm selber das Herz zu verzehren -drohte, und der er sich mit aller Zähigkeit hingegeben -hatte, mit welcher wir manchmal in der -Jugend einen Schmerz pflegen, nur um uns unglücklich -zu wissen.</p> - -<p>Unglückliche Liebe! Wer von uns Allen hat nicht -schon das selige Bewußtsein gehabt unglücklich zu -lieben und sich mit Stolz und Heroismus demselben -hingegeben. Wir sind auch vielleicht wirklich unglücklich -in dem Augenblick – wir verachten das Leben, -das für uns nicht den geringsten Reiz mehr hat, begehen -aber dabei den Fehler, daß wir uns gewöhnlich -für »ewig verloren« halten – wie denn die Jugend -mit dem Worte »ewig« einen argen Mißbrauch treibt. -So hält sie auch ihren Schmerz für ewig, und weiß -doch noch gar nicht was wirklicher Schmerz ist, bis -das Leben selber ernst an sie herantritt. Aber dann -ist auch ihre Kraft gestählt, und sie trägt und besiegt -das Schwerste, wo sie früher unter dem Leichteren zusammenzubrechen -drohte.</p> - -<p>Ernst Trautenau war aber überhaupt gar keine -schmachtende oder weiche Natur. Er rang dem Leben -kräftig seine Existenz ab, und wenn ihn auch auf kurze -Zeit vielleicht das romantische Gefühl seines Leidens -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -bewältigen konnte, lange war es wenigstens nicht im -Stand ihn niederzudrücken, denn der Haß gegen das -ihm im Wege stehende Hinderniß gewann die Oberhand.</p> - -<p>Wieder und wieder fiel sein Blick auf die Figur -an der Wand. Die Kohlenzeichnung genügte ihm nicht -mehr, und er beschloß das Bild <i>al fresco</i> in Farben -auszuführen. Rasch ging er auch an's Werk – es -war eine grimme Genugthuung für ihn, an dem verhaßten -und glücklichen Nebenbuhler in solcher Weise -seine Rache auszuüben, und kaum zwei Stunden später -hatte er das Portrait eines gelbbraunen Satans, mit -allen Insignien der Hölle, und noch einer Menge irdischer -Zuthaten, in den grellsten Farben prangend, an -der Wand vollendet.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br /> - -Der Besuch.</h3> - - -<p>Am nächsten Morgen um elf Uhr saß Trautenau -wieder an seiner Staffelei, aber er hatte das Bild, -das er am vorigen Tag darauf gehabt, heruntergeworfen -und die Leinwand zu einem neuen Gemälde aufgespannt. -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Mußte er Frank nicht Recht geben? – -War es nicht Wahnsinn, da noch eine Hoffnung zu -nähren, wo jede Aussicht schon in sich selber zusammenschwand? -Ja, sah er auch nur selbst die Möglichkeit -voraus, sich der Geliebten zu nahen? denn -unter welchem Vorwand konnte er sich bei ihr melden -lassen? – Als Retter in den Alpen? Wenn er die -Sache ruhig überdachte, so war nicht mehr Gefahr -dabei gewesen, als wenn er die fremde Dame über eine -gewöhnliche Wiese hinüber geführt hätte – und gab -ihm das überhaupt ein Recht sich bei ihr einzuführen? -– Wahrlich nicht, ja er mußte erwarten, daß er als -zudringlicher Fremder abgewiesen wurde; und eine -solche Demüthigung wäre nur verdiente Strafe für -seinen Uebermuth gewesen.</p> - -<p>Was ging ihn des reichen Mannes Tochter an – -sie war ihm so »unerreichbar wie die Sterne« und er -mochte sich wohl an ihrem Glanz erfreuen, aber durfte -auch weiter nicht die Hand nach ihr ausstrecken.</p> - -<p>Er hatte sich heute Morgen eine recht prosaische -Arbeit hervorgesucht. Es war das Portrait eines -benachbarten Gewürzkrämers, der das Bild seiner -neu verlobten Tochter als Hochzeitsgeschenk bestimmt -hatte. Das Original erfreute sich dabei eines nicht -allein alltäglichen, sondern sogar gemeinen Gesichts, -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -mit einer rothen Nase und niederer, von struppigen -Haaren eingedämmten Stirn, eines Paars dünner -Lippen und sogar noch Blatternarben. Das war eine -Physiognomie, wie der Maler sie jetzt brauchte, und -er beschloß deshalb auch ganz besonderen Fleiß auf -die mit großen unächten Steinen besetzte Tuchnadel, -auf die goldene Kette und das gestickte Vorhemdchen -zu wenden.</p> - -<p>Aber die Staffelei stand so, daß er, wenn er nur -zwei Schritte davon zurücktrat, gerade darüber hin den -Kopf des teuflischen Majors erkennen konnte, der fast -wie höhnisch, und jedenfalls mit einem ganz abscheulichen -Ausdruck nach ihm herüber grinste, und der -arme Gewürzkrämer kam dabei am Schlimmsten weg. -Unwillkürlich arbeitete ihm Ernst mit ein paar Pinselstrichen -auch im Gesicht herum, so daß er der Carrikatur -dahinter täuschend ähnlich wurde.</p> - -<p>Noch war er damit beschäftigt und schon auf dem -besten Weg das vor ihm stehende Bild total zu verderben, -als man plötzlich ziemlich herzhaft an die -Thür pochte und Trautenau, der gerade wieder von -seinem Portrait zurückgetreten war, um einen besseren -Ueberblick zu gewinnen, sah, daß sich auf sein barsches -»Herein« die Thür öffnete und ein Officier – -sein eigenes Wandgemälde, wie es leibte und lebte, -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -nur in etwas anderem Costüm, auf der Schwelle -stand. –</p> - -<p>»Habe ich das Vergnügen Herrn Portraitmaler -Trautenau zu sprechen?« sagte der Fremde artig.</p> - -<p>»Mein Name ist Trautenau,« erwiederte der -junge Mann, in dem Moment doch etwas verlegen, -denn er hatte keine Ahnung gehabt, daß sich das -Original seines Teufels so bald einstellen würde.</p> - -<p>»Mein Name ist von Reuhenfels,« erwiderte der -Officier, – »Major, und Sie sind mir als ein so -vortrefflicher Portraitmaler in der Stadt genannt, -daß ich Sie ersuchen möchte, das Bild einer Dame in -Lebensgröße zu übernehmen.«</p> - -<p>»Einer Dame?« fragte Ernst, dem bei den -Worten alles Blut in seinen Adern zum Herzen zurückströmte.</p> - -<p>»Ja, mein Herr. Würden Sie vielleicht im Stande -sein, ein solches Gemälde rasch in Angriff zu nehmen, -und sobald als möglich fördern zu können? Es ist das -Bild meiner Braut.«</p> - -<p>Ernst wollte antworten, brachte jedoch kein Wort -über die Lippen; die Kehle war ihm wie zugeschnürt. -Aber er fühlte auch, daß er, gerade vor diesem Menschen, -nicht wie ein Schulknabe dastehen dürfe, und -sich gewaltsam zusammenraffend, sagte er endlich:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -»Ich denke wohl, Herr Major – wie heißt die -Dame?«</p> - -<p>»Fräulein Joulard – Sie werden sie wohl kaum -kennen – Sie ist ein reizender Vorwurf für ein Bild -– eine imposante, prachtvolle Gestalt – ein wahres -Meisterstück der Schöpfung. Und wann können Sie -damit beginnen? Meine Braut hat sich bereit erklärt, -von morgen an dem Bild sitzen zu wollen, und zwar -täglich eine Stunde von 12-1 Uhr, acht Tage lang. -Wären Sie im Stande das Gemälde in der Zeit zu -vollenden?«</p> - -<p>»Zu untermalen jedenfalls; ich würde aber dann -später noch um einige Sitzungen bitten müssen.«</p> - -<p>»Hm, das wird schwer halten; sie hat einen kleinen -Trotzkopf, so schön er ist, und wenn sie sich da einmal -etwas hineinsetzt – alle Teufel,« unterbrach er sich aber -plötzlich lachend, als sein im Atelier umherschweifender -Blick auf das riesige diabolische Bild fiel – »Sie -haben sich ja da im wahren Sinn des Wortes den -Teufel an die Wand gemalt – famos – ganz ausgezeichnet -– Hahahahaha.«</p> - -<p>Trautenau fühlte wie er über und über roth -im Gesicht wurde, und doch auch hatte die Sache -wieder etwas unendlich Komisches, daß sich der -Major über sein eigenes Bild amüsirte, ohne anscheinend -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -eine Ahnung zu haben, daß es eben sein eigenes -sein sollte.</p> - -<p>»Verfluchte Idee,« lachte der Major aber noch -immer weiter – »und ein Schurz von Wein- und -Kartenblättern – famos allegorisch – ja wohl sind -das die Attribute des Teufels, lieber Freund, und das -Herz, das er mit den Krallen zerbricht, ergänzt die -dritte Kraft im Bunde. Ganz ausgezeichnete Idee -das – ganz ausgezeichnet. Sie haben Phantasie, -mein junger Künstler, und der Teufel dort ist ein -wahres Meisterstück.«</p> - -<p>»Sie sind zu gütig, Herr Major,« entgegnete -Trautenau, bei dem das Humoristische der Situation -die Oberhand gewann, »also er gefällt Ihnen wirklich?«</p> - -<p>»Ausgezeichnet, sage ich Ihnen – und die Epauletten -– höhere Charge natürlich in seiner Beelzebubschen -Majestät Armee; wundervoll! – Aber ich -muß fort. Also bitte sich morgen früh um zwölf Uhr -im Joulardschen Hôtel – wissen Sie wo Joulard -wohnt?«</p> - -<p>»Ja wohl.«</p> - -<p>»Gut – also dort mit Allem was Sie brauchen, -einzufinden. Ein kleines Atelier werden Sie auch da -antreffen, indem die junge Dame selber viel Sinn für -die Kunst hat, und auch zuweilen malt. Und dann -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -noch eins – der Preis – ich glaube, daß Sie sich -später darüber mit Herrn Joulard in für Sie sehr -befriedigender Weise verständigen werden. Sie laufen -dabei keine Gefahr. Also Sie kommen?«</p> - -<p>»Ich werde mich pünktlich einfinden.«</p> - -<p>»Und noch eine Bitte, bester Freund – könnten -Sie nicht für mich eine kleine Skizze – und wenn es -nur Aquarell ist – von diesem famosen Teufel -machen – aber eine ganz treue Copie, wie? Sie -würden mich unendlich verbinden.«</p> - -<p>Trautenau sah ihn erstaunt an. War denn der -Mann wirklich im Ernst und so ganz verblendet, daß -er nicht einmal sein eigenes Portrait erkannte? Aber -unwillkürlich lachte er doch auch über die merkwürdige -Bitte desselben, und in einem Anfall von wildem -Humor rief er aus:</p> - -<p>»Sie sollen eine Copie bekommen, Herr Major, -verlassen Sie sich darauf – eine treue Copie – und -vielleicht schon in nächster Zeit.«</p> - -<p>»Sie sind unendlich liebenswürdig, Herr Trautenau,« -versicherte der Officier – »also unser Geschäft -wäre soweit abgemacht – habe die Ehre,« und militairisch -grüßend verließ er das Zimmer, während -Trautenau wie in einem wachen Traum mitten in -dem kleinen Gemach stehen blieb und ihm nachstarrte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Konnte denn das auch Wirklichkeit sein? Der Major -– sein Major, den er dort als diabolisches Eigenthum -an der Wand besaß, war zu ihm gekommen, hatte das -Bild betrachtet und sich darüber gefreut, und ihn -selber zu Clemence, zu der Geliebten bestellt, um diese -zu malen, um ihr Stunden lang in die guten, seelenvollen -Augen zu sehen und ihrer zauberholden Stimme -zu lauschen? Er vermochte das Riesige des Gedankens -und der Consequenzen noch nicht zu fassen, und starrte -noch immer, wie in einer Verzückung nach der Thür, -als sich diese wieder rasch öffnete und Frank eintrat.</p> - -<p>»Weißt Du wer eben hier im Hause war?« – -rief er – »ich begegnete ihm unten in der Thür« –</p> - -<p>»Der Teufel!« sagte Ernst.</p> - -<p>»Er war doch nicht bei Dir?« fragte Frank rasch.</p> - -<p>»Allerdings, und hat sich eine Copie von dem -Wandgemälde bestellt.«</p> - -<p>»Du willst mich zum Besten haben.«</p> - -<p>»Ja, mehr als das – ich soll Clemence malen.«</p> - -<p>»Und dazu hat Dich der Major aufgefordert?«</p> - -<p>»Allerdings.«</p> - -<p>»Und er hat wirklich das Wandgemälde dort -gesehen?«</p> - -<p>»Gewiß hat er, und war entzückt davon.«</p> - -<p>»Ohne die Aehnlichkeit zu bemerken?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -»Er hat sich wenigstens Nichts merken lassen, mich -jedoch wahrhaftig um eine Copie gebeten, die ich ihm -auch versprochen.«</p> - -<p>»Du willst dem Major eine Copie von dem Teufel -da machen?«</p> - -<p>»Gewiß will ich – und weshalb nicht?«</p> - -<p>»Nun, mir kann's recht sein,« sagte der junge -Maler, »wenn es ihn eben freut. Sobald er aber -hinter die Aehnlichkeit kommt, – und gute Freunde -werden ihn schon darauf aufmerksam machen, – wird -er wüthend werden.«</p> - -<p>»Und was weiter?« fragte Ernst trotzig. »Wenn -er glaubt, daß ich ihm auch nur den Raum eines -Schrittes weiche, so irrt er sich gewaltig.«</p> - -<p>Frank lachte. »Wenn ich nur in dem Moment, wo -er hinter die Aehnlichkeit kommt, bei ihm sein könnte, -– was für ein prachtvoll dummes Gesicht er dann -machen wird. Aber zu solchen Aufführungen bekommt -man nie ein Billet. Uebrigens kam ich eben her, um -Dir zu sagen, daß ich mich selber noch gestern und -heute nach dem Major erkundigt und allerdings alles -Das bestätigt gehört habe, was Du über ihn gesagt. -Er scheint selbst bei seinem Regiment sehr schlecht angeschrieben, -obgleich die Officiere natürlich nichts -Nachtheiliges über ihn äußern werden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -»Siehst Du, daß ich recht hatte.«</p> - -<p>»Aber das ändert deshalb an der Sache nichts. -Du selber stehst dabei der jungen Dame so fern als je, -und wenn Du wirklich aufgefordert bist, sie zu malen, -Ernst, so weisest Du, wenn Du auf meinen Rath nur -das geringste Gewicht legst, den Auftrag rund ab.«</p> - -<p>»Ich habe schon zugesagt.«</p> - -<p>»Eine Ausrede läßt sich finden. Du brauchst den -Verdienst auch nicht so nothwendig, denn was Du zum -Leben bedarfst, werfen Dir eben so leicht andere Arbeiten -ab.«</p> - -<p>»Und sogar ihrem Begegnen soll ich feige ausweichen?« -fragte Ernst trotzig, – »glaubst Du, daß -ich mich vor der Dame fürchte?«</p> - -<p>»Ich fürchte nur, daß Du einen dummen Streich -machst, und um Dir die Folgen desselben zu ersparen, -habe ich Dich gebeten, ihr auszuweichen.«</p> - -<p>»Ich bin kein Kind mehr.«</p> - -<p>»Nein, Du wärst alt genug, um selber zu wissen, -was Du zu thun hast, aber – nimm mir's nicht übel, -Ernst, – schon diese tolle Liebe, oder vielmehr der -Glaube, daß Du sie liebst, denn Du kannst dies nach -einem so flüchtigen Begegnen noch gar nicht wissen, -spricht für Dein – kindliches Gemüth. In Dir steckt -weit mehr Romantik, als Dir gut und zuträglich ist, -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -und ohne daß Du es selber merkst, geht Dir einmal -das Herz mit dem Verstand durch und läßt Dich dann -in irgend einer unangenehmen Situation rettungslos -sitzen. Denk' an mich.«</p> - -<p>»Du hättest Schulmeister werden sollen, Frank,« -sagte Trautenau lächelnd, »denn Du sprichst wirklich -wie ein Buch, und wenn ich Dich nicht so genau kennte, -würde ich Dich jetzt für einen furchtbaren Philister -halten.«</p> - -<p>»Ich gestehe Dir zu, daß ich jetzt vernünftiger -spreche, als ich gewöhnlich denke,« erwiderte Frank – -»ich setze mich auch selbst in Erstaunen, aber sei überzeugt, -daß es mir nicht an praktischem Sinn fehlt, und -nur die Sorge, Dich in eine peinliche – und doppelt -peinliche, weil selbstverschuldete Lage gebracht zu sehen, -läßt mich so zu Dir reden. Malst Du das junge -bildhübsche Mädchen, in das Du bis über die Ohren -verliebt zu sein selbst eingestehst, so läuft die Sache -auch nicht so glatt ab, und ich fürchte, Du – ruinirst -Dir ein groß Stück Leinwand um gar Nichts.«</p> - -<p>»Ich kann nicht mehr ablehnen, was ich einmal -angenommen habe.«</p> - -<p>»Bah, wenn Du ernstlich wolltest, wäre Nichts -leichter als das. – Ich will Dir einen Vorschlag -machen: Wir wollen tauschen – ich habe das lebensgroße -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -Bild des Grafen Stirnheld zu malen bekommen, -und zwar nur durch Protection, denn meinen bescheidenen -Verdiensten kann ich das kaum zumessen. -Uebernimm Du die Arbeit. Was wir für beide Bilder -bekommen legen wir dann zusammen und theilen.«</p> - -<p>»Du bist ein Thor – durch das Bild des Grafen -erhältst Du, wenn es Dir gelingt, Zutritt in alle aristokratischen -Cirkel der Stadt.«</p> - -<p>»Ich möchte Dich aus Joulard's Haus entfernt -halten.«</p> - -<p>»Ich danke Dir, Frank,« rief Trautenau, indem -er ihm die Hand reichte und die seine herzlich schüttelte -– »ich wußte vorher, daß Du es wirklich gut mit mir -meinst, und Du hast mir dadurch einen neuen Beweis -Deiner Liebe und Treue gegeben, aber – es bleibt -dabei. Ich male Clemence und werde Dir zeigen, -daß ich kein kindischer Thor mehr bin, der irgend einen -unüberlegten Streich ausführt, ohne die Folgen zu bedenken. -Liebt Clemence wirklich den Major, gut, so -habe ich kein Recht, zwischen ein paar Seelen zu treten, -die sich einander angehören wollen.«</p> - -<p>»Und wie willst Du erfahren, ob sie ihn oder ob -sie ihn nicht liebt, wenn sie Dir täglich ein oder zwei -Stunden, und dann doch auch jedenfalls in Gesellschaft -irgend einer Begleiterin sitzt?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -»Das überlaß mir,« meinte Ernst, »die Liebe sieht -scharf und einen Plan habe ich mir überhaupt nicht -entworfen, kann es auch gar nicht. Der Augenblick -muß das bestimmen, aber ich verspreche Dir, mein -kaltes Blut zu wahren – mehr kann ich nicht thun.«</p> - -<p>»Gut, Du willst einmal Deinem Kopf folgen, und -und ich kann Dir da nicht weiter helfen. Aber was -hast Du denn da für eine Carrikatur auf der Staffelei. -Der alte Spießbürger sieht ja ebenfalls genau -so aus wie Dein Teufel da an der Wand. Ist die -Aehnlichkeit zufällig?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht,« antwortete Ernst, indem er -die beiden Bilder mit einander verglich – »wahrhaftig -Du hast Recht. Ich glaube aber fast, ich habe meinem -wackeren Gewürzhändler da Unrecht gethan. Nun er -kommt morgen Nachmittag zu mir, und da werde ich -wohl wieder in seine normalen Züge hineinfallen. -Heute mag er sich so behelfen. Was ich Dich noch -fragen wollte: Kennst Du Clemencens Vater persönlich?«</p> - -<p>»Den Herrn Joulard? vom Ansehen ja – weiter -nicht. Vorhin begegnete er mir auf der Straße und -rannte mich fast über den Haufen, so in Gedanken vertieft -war er. Der hat immer den Kopf voll von Speculationen -– eine reine Rechenmaschine.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -»Ich denke, er ist sehr reich. Speculirt er denn da -noch immer?«</p> - -<p>»Das können die Börsenleute ebensowenig lassen, -wie wir das Malen; es ist ihre zweite Natur geworden, -und ich glaube sie würden sich zu Tode langweilen -wenn sie sich nicht alle Tage wenigstens einmal eine -Stunde über das Fallen oder Steigen ihrer Papiere -ängstigen müßten. Das läßt uns ruhiger, nicht -wahr Ernst?«</p> - -<p>»Du magst Recht haben – ich wenigstens kenne, -außer einer Banknote, kein einziges Werthpapier von -Angesicht zu Angesicht. Schadet auch Nichts. Mit -dem Geld kommen die Sorgen, und so lange wir haben -was wir brauchen, sind wir am zufriedensten.«</p> - -<p>»Was willst Du aber mit dem Carton machen?«</p> - -<p>»Mit dem Blatt hier? Nun die Copie für den -Major.«</p> - -<p>»Bist Du denn wirklich des Teufels?«</p> - -<p>»Laß mir doch meinen Spaß – ich habe mich jetzt -einmal in das verhaßte Gesicht hineingelebt und -fürchte fast, daß ich morgen Clemence denselben Ausdruck -gebe – es wäre ein verwünschter Spaß.«</p> - -<p>Frank lachte. »Mit Deinem Starrkopf ist doch -Nichts anzufangen, so habe Deinen Willen. Uebrigens -bin ich wirklich neugierig was der Major dazu sagt« -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -– und dem Freund die Hand drückend, stieg er -wieder die Treppe hinab um seinen eigenen Geschäften -nachzugehen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Kapitel.</span></span><br /> - -Die erste Sitzung.</h3> - - -<p>Ernst konnte die ganze Nacht kein Auge schließen, -denn in seinem Herzen war ein Verdacht rege geworden, -daß Clemence selber die Aufforderung an ihn, -ihres Vaters Haus zu besuchen, veranlaßt haben müsse. -Die Möglichkeit lag doch nicht soweit ab, daß sie ihn -erkannt haben konnte. Sie war vielleicht an ihm -vorüber gefahren, ohne daß er sie bemerkte, denn er -achtete nie auf Equipagen, und leicht genug konnte sie -dann von der Dienerschaft seinen Namen erfahren -haben. Welche Seligkeit erfüllte ihn aber, wenn er -die Möglichkeit – ja die Wahrscheinlichkeit eines -solchen Glückes überdachte, denn wie wäre dieser -Major gerade auf ihn gefallen, da es doch viele ältere -und berühmtere Portraitmaler in der Stadt gab; es -ließ sich nicht anders denken. Vielleicht hatte ihn -Clemence doch noch nicht ganz vergessen, trug nur ungeduldig -den ihr auferlegten Zwang und suchte Mittel -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -und Wege ihm selber eine Annäherung zu ermöglichen. -Frauen sind schlau; er durfte sich ruhig auf -sie verlassen, sie würde es schon einzurichten wissen.</p> - -<p>Und was dann? wenn er nun wirklich fand, daß -die Verbindung mit dem Major eine erzwungene -gewesen wäre, wenn sie sich dagegen sträubte? – Aber -das Alles konnte er nicht jetzt überdenken, nicht in -einem Augenblick, wo ihm das Blut wie Feuer durch -die Adern rollte. Das mußte auch erst der Moment -bringen, in welchem sich seine Träume zu wirklichem -Leben gestalteten. Das allein konnte entscheiden wie -er zu handeln habe, und was dann kam, ei dem wollte -er auch keck und muthig die Stirn bieten. Nur dem -Muthigen lächelt ja das Glück.</p> - -<p>Mit diesem Vorsatz schlief er ein, erwachte aber -am nächsten Morgen in einer ganz anderen, und viel -ruhigeren Stimmung, denn es ist eine allbekannte -Thatsache, daß Abends unsere Nerven viel aufgeregter -und wir gewöhnlich geneigt sind, Schwierigkeiten, -besonders in Herzensangelegenheiten, gar nicht anzuerkennen, -während der Morgen die kaltblütige Ueberlegung -und gewöhnlich ganz andere Resultate mit sich -bringt.</p> - -<p>Das Herz pochte ihm allerdings lebhaft, als er -jetzt an das Zusammentreffen mit Clemence dachte, -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht zu -betrachten. Die Aufforderung des Majors konnte -allerdings recht gut ein Zufall sein, und das junge -Mädchen? – wie flüchtig – wie kurze Zeit nur hatte -sie ihn damals in den Alpen gesehen, und war es -denkbar, daß sie sich seiner Züge da noch erinnern -sollte? hatte sie nicht vielleicht die ganze unbedeutende -Begegnung mit ihm schon lange vergessen?</p> - -<p>Er war wieder recht verzagt geworden, hatte aber -auch nicht die geringste Lust zum Arbeiten und beschloß -deshalb, langsam und in aller Ruhe seine Vorbereitungen -zu der heutigen Sitzung zu treffen. Für diesmal -brauchte er ja doch nur ein kleines Stück Leinwand, -auf dem er die Skizze entwerfen konnte, um vor der -Hand einmal die Stellung festzuhalten. Die Größe -des Bildes mußte erst besprochen und festgestellt -werden und manches Andere blieb dabei zu thun. Die -Zeit verflog ihm dabei ungemein rasch, und es war -elf Uhr geworden, bis er alles Nöthige – oder -wenigstens was er für nöthig hielt, beendet hatte. -Dann zog er sich an, rief einen Packträger von der -Straße herauf, um ihn mit den nöthigen Utensilien zu -begleiten und schritt nun fest und entschlossen, aber -doch mit starkem Herzklopfen, dem Joulard'schen Palais -entgegen, als ob er nicht beordert wäre nur ein -<a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -Portrait zu beginnen, sondern als ob sein eigenes -Schicksal sich gleich endgültig entscheiden müsse.</p> - -<p>Er hatte das Joulard'sche Haus bald erreicht, aber -hier beengte ihn der Glanz und die Pracht, die ihn umgab. -Die Halle schon war mit Marmor ausgelegt – -prächtige Statuen verzierten sie, kostbare Topfgewächse -standen auf der mit einem reichen Teppich belegten -Treppe und galonnirte Diener schlenderten müssig -auf und ab.</p> - -<p>Trautenau fühlte sich beklommen, als er, durch -einen der Lakaien, der dem Träger seine Last abnahm, -geleitet, die Treppe hinaufstieg, und das besserte sich -nicht, als er in ein kleines reizendes Boudoir geführt -und dort allein gelassen wurde.</p> - -<p>Hier athmete Clemence; wie lieb, wie wunderbar -reizend das Alles aussah, aber auch wie reich, wie -ausgesucht, fast übertrieben prachtvoll. Wäre er ruhig -und unbefangen gewesen, so würde das Gemach eher -einen unangenehmen als günstigen Eindruck auf ihn -gemacht haben, denn es war von Gegenständen überladen, -die eine Zimmerzierde sein sollen, aber nie eine -Zimmerlast werden dürfen. Die breiten goldenen -Rahmen an den Wänden standen in keinem Verhältniß -zu der Größe der Bilder, welche sie umschlossen, -und das war mit allem Uebrigen der Fall. -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -Marmor- und Bronze-Statuen und Statuetten -drängten sich einander. Die schweren, mit Spitzen -überwallten Seidengardinen wurden von goldenen -Troddeln entstellt, prachtvoll eingelegte Möbeln -rückten zu nahe aneinander und brachten eher ein -Gefühl der Beengung als des Behagens hervor; der -mit den seltensten Pflanzen gezierte Blumentisch war -sogar so gestellt, daß er keine freie Bewegung in dem -Raum gestattete. Sonderbarer Weise hing dazwischen -auch eine Anzahl vergoldeter Bauer mit unseren heimischen -Sängern herab, mit Finken, Nachtigallen und -anderen, und auf einem gestickten Polster lag ein -kleines silberweißes Wachtelhündchen und knurrte leise -vor sich hin, als Trautenau das Heiligthum betrat, -hielt es aber sonst nicht der Mühe werth, sich auch -nur zu rühren.</p> - -<p>Trautenau überflog das Ganze mit einem Blick, -aber er sah auch, daß dieses Boudoir zugleich das -kleine Atelier der jungen Dame bildete, denn ein -mächtiges, mit einer einzigen großen Scheibe versehenes -Fenster sah nach Norden hinaus und neben -dem Blumentisch stand noch, von zwei Stühlen gehalten, -eine Mahagoni-Staffelei, von der unser junger -Freund allerdings nicht recht begriff, wie es möglich -sein würde, sie hier in dem engen Raum aufzustellen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Ehe er aber darüber ganz mit sich im Reinen -war, hörte er plötzlich ein seidenes Kleid rauschen, die -eine Thür wurde nur durch einen purpurdamastenen -Vorhang verdeckt, dieser schob sich zurück, und wie er -sich rasch dorthin wandte, stand er einem Wesen gegenüber, -das ihm mehr dem Himmel als der Erde anzugehören -schien.</p> - -<p>Es war Clemence, – aber nicht mehr das junge -schüchterne Mädchen aus den Alpen, das sich, Hülfe -und Schutz suchend, an seinen Arm schmiegte. Wie eine -Prinzessin schwebte sie herein, ein weißes Seidenkleid -vom schwersten Stoff und mit Goldfäden durchwirkt, -umschloß ihre schlanke, junonische Gestalt. Voll und -schwer hingen ihr die dunklen Locken an den Schläfen -nieder, ihren weißen Hals deckte ein Collier blitzender -Brillanten, aber ihre beiden Augensterne überstrahlten -sie alle, und wie sie mit königlichem Anstand vor dem -jungen Manne stehen blieb und ihn mit diesen Augen -ansah, war es, als ob ihr Feuer bis in seine innerste -Seele drang. Er wurde über und über roth und -stand so verlegen vor der Jungfrau, daß diese ein -leichtes Lächeln kaum unterdrücken konnte. Aber sie -schien nicht böse über den Eindruck, den sie auf ihn -hervorbrachte, und sagte freundlich:</p> - -<p>»Herr Trautenau, Sie haben Ihre Zeit pünktlich -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -eingehalten und ich möchte Sie jetzt bitten Ihre Anordnungen -hier in meinem kleinen Atelier zu treffen -– Künstler folgen dabei am Liebsten ihrer eigenen -Neigung. Das Licht ist, wie Sie sehen vortrefflich, -und nur der Raum vielleicht ein wenig beschränkt, doch -werden wir uns ja wohl einrichten.«</p> - -<p>Trautenau bemerkte jetzt erst, daß eine andere -Dame der Tochter des Hauses gefolgt war, von dieser -freilich, in ihrem ganzen Wesen so verschieden wie Tag -und Nacht – wie Sonnenstrahl und Kerzenschein.</p> - -<p>Die Begleiterin entwickelte sich als eine kleine -dicke Person mit einem Kropf, in einem schwarzseidenen, -aber schon lange getragenen Kleid, und mit -einer wunderlichen Coiffüre von grellrothen und -gelben Blumen auf dem Kopf. Trautenau warf einen -erstaunten Blick nach ihr hinüber, konnte aber nicht klug -aus ihr werden, was sie vorstelle. Clemencens Mutter, -Madame Joulard? – Diese war, so viel er gehört -schon vor längerer Zeit gestorben. – Eine Gesellschafterin? -Clemence würde sich sicherlich eine andere -Persönlichkeit dazu ausgesucht haben, und eine Gouvernante -brauchte sie ebenfalls nicht mehr. Vielleicht eine -Duenna? Aber es blieb ihm keine Zeit, der Persönlichkeit -eine weitere Aufmerksamkeit zu schenken, -denn Clemence selber verlangte diese, und er ärgerte -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -sich auch, daß er ihr gar so schülerhaft gegenüber -stand.</p> - -<p>»Wenn Sie mir erlauben, mein gnädiges Fräulein,« -sagte er zu Clemence, »so will ich die Staffelei hier -herüber stellen – an diesem Platz werden wir, glaub' -ich, das beste Licht haben.«</p> - -<p>»Wie Sie es für gut halten.«</p> - -<p>»Aber die Symmetrie wird gestört, wenn der -Blumentisch dort hinüber kommt,« bemerkte die Dame -mit dem Kropf.</p> - -<p>»Die Symmetrie wird durch Manches gestört, -gnädige Frau,« entgegnete Trautenau, durch den -albernen Einwurf geärgert, »was sich im Leben nun -einmal nicht ändern läßt.«</p> - -<p>Clemence lächelte verstohlen vor sich hin, drückte -aber auch zu gleicher Zeit auf die auf ihrem Schreibtisch -stehende Klingel, und bedeutete dann gleich den -eintretenden Bedienten, die gewünschte Aenderung -vorzunehmen.</p> - -<p>Es war das rasch gemacht; Ernst half selber dabei, -der Staffelei die richtige Stellung zu geben und zugleich -einen passenden Platz für Clemence zu haben, -wo das Licht voll auf sie fiel und ihre schlanke Gestalt -gut beleuchtet wurde.</p> - -<p>Jetzt erst bekam er Zeit, das junge Mädchen aufmerksam -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -zu betrachten, und ach wie schön war sie – -wie himmlisch schön. Die dunklen, vollen castanienbraunen -Locken stachen wunderbar gegen den weißen -Nacken ab, auf dem sie ruhten und diese Augen mit -den Wimpern, – diese Lippen, die Zähne, wie Perlen -an einander gereiht. So voll und aufmerksam, und -sich selbst dabei vergessend, ruhte, ja haftete sein Blick -an der verführerischen Gestalt, daß Clemence endlich -erröthete und lächelnd sagte:</p> - -<p>»Wie wünschen Sie, daß ich mich stellen soll?«</p> - -<p>»Wie Sie wollen,« rief Trautenau begeistert; »es -giebt immer ein prachtvolles Bild, aber – es wird -matt gegen das Original werden, fürchte ich –«</p> - -<p>»Mein Vater wünscht ein ähnliches Bild,« sagte -Clemence, und ihre, noch eben lächelnden Züge nahmen -einen weit strengeren Ausdruck an. »Sie werden also -mit Ihren Farben wohl vollständig ausreichen. Dürfte -ich Sie bitten, meine Stellung zu bestimmen.«</p> - -<p>»Ich würde Sie ersuchen, sich diese selber zu -wählen,« erwiderte der Maler, der die Zurechtweisung -recht gut fühlte und leicht erröthete – »so natürlich -und ungezwungen wie möglich, wenn ich bitten darf. -Vielleicht dürfen wir zu der Stellung eine jener Vasen -benutzen, und den großen Trumeau als Hintergrund.«</p> - -<p>»Nein, das ist zu gesucht,« meinte Clemence »und -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -macht Ihnen außerdem doppelte Arbeit – die Vase, -ja. – Ich werde ein kleines Blumenbouquet in die -Hand nehmen, bitte Sie aber, die Blumen nicht auszuführen, -da ich Alpenblumen – Edelweiß, Alpenrosen -und Genziane – dazu benutzen möchte.«</p> - -<p>Trautenau fühlte, wie ihm das Herz lauter schlug. -– Also auch sie erinnerte sich noch jener schönen -Berge und schien sogar die Erinnerung daran zu lieben -– hatte sie ihn aber ganz vergessen? Aber um ihr -jene Scene in's Gedächtniß zurückzurufen, bedurfte er -einer ruhigeren Zeit, als den Beginn der Sitzung – -die mußte er abwarten.</p> - -<p>Die Stellung der Dame nahm jetzt auch in der -That seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, und -wie ein electrischer Strom lief es durch seinen ganzen -Körper, als er leise und ehrfurchtsvoll selbst ihren -Arm berührte, um denselben etwas zu heben.</p> - -<p>»Mademoiselle,« rief Clemence, als diese Vorbereitungen -beendet waren, »bitte klingeln Sie einmal -– ich lasse meinen Vater ersuchen, einen Augenblick -herüber zu kommen, um zu sehen, ob ihm meine -Stellung gefällt.«</p> - -<p>Der Befehl wurde rasch ausgeführt. – Also eine -Mademoiselle war die Dame mit dem dicken Hals – -Wirthschafterin jedenfalls, oder gar eine Art von -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Duenna – und abschreckend genug sah sie für den -letzteren Beruf aus.</p> - -<p>Es dauerte übrigens nicht lange, so betrat Herr -Joulard das Zimmer. Trautenau hatte ihn noch nie -gesehen und er machte allerdings bei seinem ersten -Erscheinen keinen besonders günstigen Eindruck. Es -war eine kleine etwas schwammige Gestalt, dieser -Millionair, mit halb zugekniffenen Augen und ziemlich -rastlosem und unstätem Blick. Er hatte eine Glatze, -aber eine hohe Stirn, die beiden Hände dabei in den -Hosentaschen und dabei die Angewohnheit, sich mit dem -Kinn in die schwarze Halsbinde hineinzuarbeiten. -Uebrigens ging er einfach gekleidet und nur eine dicke -schwere Goldkette hing ihm, als einziger Schmuck, über -die braunseidene Weste.</p> - -<p>Er trat in das Zimmer, ohne aber die Hände aus -den Taschen zu ziehen und den jungen Maler auch -kaum mehr als durch ein leichtes Kopfnicken grüßend, -und in der Mitte des Boudoirs stehen bleibend, betrachtete -er sich die Gestalt des jungen Mädchens ein -paar Augenblicke wohlgefällig.</p> - -<p>»Sehr schön mein Herz,« sagte er endlich – »sehr -schön – allerliebst, wird sich recht gut machen. – -Aber weshalb hast Du Dein Diadem nicht aufgesetzt? -Das fehlt noch –«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -»Ich möchte nicht mit dem Diadem gemalt werden, -Papa,« sagte Clemence – »es sieht zu anspruchsvoll -aus.«</p> - -<p>»Zu anspruchsvoll! Unsinn,« rief lachend der alte -Herr, »was Du für Ideen hast – Joulard's einziges -Kind zu anspruchsvoll!«</p> - -<p>»Es paßt mir auch nicht zu meiner Kleidung; ich -werde ein Bouquet von Alpenblumen in die Hand -nehmen.«</p> - -<p>»Zur Erinnerung an das ewige Bergsteigen und -die erbärmlichen Wirthshäuser,« meinte Herr Joulard -– »Dein chinesischer Fächer würde sich viel besser -machen.«</p> - -<p>»Bitte laß mich das selber arrangiren,« entgegnete -Clemence ziemlich bestimmt, »ich hatte Dich nur rufen -lassen, um mir zu sagen, ob Dir meine Stellung so -gefällt.«</p> - -<p>»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater, -schon gewohnt, daß seine Tochter ihren eigenen -Willen hatte – »wird sich ganz gut machen. Und -weiß der Herr schon die Größe des Bildes?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Gut; führe ihn nachher durch den Salon, daß -er sich dort selber das Maaß nach dem Bild Deiner -seligen Mutter nimmt. Es soll genau so groß werden.« -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -Und sich dann abwendend, als ob gar keine weiteren -Personen im Zimmer wären, verschwand er wieder -durch die Thür.</p> - -<p>Ernst ging jetzt rasch daran, die Skizze zu entwerfen, -und die Dame in dem schwarzseidenen Kleid hatte -es sich indessen in einem breiten Lehnstuhl, den sie -aber so rückte, daß sie die Staffelei im Auge behielt, -bequem gemacht. Sie war augenscheinlich nur dazu -da, um der jungen Dame als Ehrenwache zu dienen.</p> - -<p>Er arbeitete außerordentlich rasch; die gegebene -Stunde war ihm aber doch nur zu bald entflogen und -mit dem Glockenschlag Eins winkte ihm Clemence -freundlich mit der Hand und sagte:</p> - -<p>»Meine Zeit ist für heute um – ich hoffe, Sie -morgen pünktlich wieder hier zu sehen, und jetzt bitte ich -Sie nur noch, mir durch den Saal zu folgen, damit -Sie den Rahmen zu Ihrer Leinwand bestellen können.«</p> - -<p>Sie wartete auch gar keine Antwort ab, sondern -schritt ihm voran durch das nächste Gemach hindurch -in den eigentlichen Salon, in welchem Trautenau -wieder alle erdenkliche Pracht verschwendet sah. Es -fand sich aber hier der nämliche Uebelstand, wie in -dem Boudoir.</p> - -<p>Der Raum war mit kostbaren Verzierungen überfüllt -und genug davon aufeinander gehäuft, um zwei -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -solche Säle fürstlich auszustatten. Man sah bei jedem -Schritt, daß man sich nicht in der Wohnung eines -wirklich vornehmen Mannes, sondern in dem Hause -eines Parvenus befand, der diese Räume nicht deshalb -so reich ausgestattet hatte, um sich selber wohl und -behaglich darin zu fühlen, sondern nur um damit zu -prunken und seinen Reichthum zu zeigen.</p> - -<p>Das Maaß von dem sehr großen Bilde, für welches -Herr Joulard schon vorher eine Treppenleiter -hatte herbeischaffen lassen, war bald genommen. -Clemence wartete das aber nicht ab. Sich mit einer -leichten Verbeugung verabschiedend, schritt sie in ihr -eigenes Zimmer zurück und überließ es ihrer Begleiterin, -dem fremden Künstler so lange Gesellschaft zu -leisten, bis er fertig sein würde und ihm dann den -Ausgang zu zeigen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Capitel.</span></span><br /> - -Das Bild.</h3> - - -<p>Sechs Tage hatte Trautenau jetzt an seinem Bild -gearbeitet und sich dabei mit immer wachsender Leidenschaft -in die tadellos schönen Züge und Formen des -jungen Mädchens versenkt, ohne es aber zu wagen, -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -ihr die frühere Begegnung in's Gedächtniß zurückzurufen. -Clemence war allerdings immer freundlich -gegen ihn, aber nur mit jener höflichen Freundlichkeit, -die wohl zuvorkommend erscheint, aber zugleich jedes -vertrauliche Entgegenkommen mit einem kalten Lächeln -zurückweist und dadurch unnahbar wird.</p> - -<p>Auch ihren Vater hatte er in der ganzen Zeit nicht -wieder gesehen und nicht ein einziges Mal den Major, -der jedenfalls andere Besuchstunden haben mußte. -Einmal wurde er allerdings gemeldet, während -Trautenau arbeitete, Clemence ließ ihm aber, ohne -sich nur im Mindesten aus ihrer Stellung zu rühren, -sagen, sie bedaure sehr, jetzt keine Zeit zu haben, und -bäte den Major, um halb zwei Uhr wieder vorzusprechen.</p> - -<p>Das Bild war jetzt soweit in seiner Anlage und -besonders in der Ausführung des Kopfes vorgerückt, -daß man schon recht gut ein Urtheil darüber fällen -konnte.</p> - -<p>Der Dame in dem alten schwarzseidenen Kleid -fing aber nachgerade die Geschichte an langweilig zu -werden. Sie wußte, daß sie eigentlich nur Anstands -halber da saß und benutzte gelegentlich die Zeit, um -einen kleinen Morgenschlaf zu halten, in dem sie dann -auch Niemand störte. Sie selber genirte das aber am -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -meisten, sie schämte sich, wenn sie wieder aufwachte -und es war in den letzten Tagen schon einige Male -vorgekommen, daß sie aufstand, das Zimmer verließ -und dann wahrscheinlich irgendwo ein wenig auf und -ab ging, nur um wieder munter zu werden.</p> - -<p>Clemence hielt dabei nicht mehr so pünktlich ihre -Stunde ein; es mochte ihr wohl selber daran liegen, -das Bild fertig zu bekommen und es wurde jetzt -immer, sehr zum Leidwesen der Mademoiselle, ein -Viertel nach Eins, auch wohl halb zwei Uhr, ehe sie -das Zeichen zum Aufhören gab.</p> - -<p>Heute war Clemence in einer kleinen Pause vor -die Staffelei getreten, um selber dem Untermalen des -Bouquets zuzusehen. Man hatte allerdings in dieser -Jahreszeit keine wirklichen Alpenrosen beschaffen können, -aber dafür künstlich gemachte von Paris verschrieben -und die Farben zeigten sich lebendig genug.</p> - -<p>»Lieben Sie die Alpenblumen, gnädiges Fräulein,« -begann Trautenau, der jetzt nicht mehr länger -schweigen konnte, denn die Gelegenheit bot sich ihm zu -günstig dar.</p> - -<p>»Gewiß liebe ich sie,« erwiederte Clemence, »sie -haben freilich keinen Duft, aber so wunderbar schöne -Farben. Wie herrlich ist allein das Laub der Alpenrosen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -»Und erinnern Sie sich noch gern jener Zeit, in -welcher Sie in den freien Bergen umherstreiften?«</p> - -<p>»Sehr gern.«</p> - -<p>»Aber Sie haben sich doch ein Bischen vor den -steilen Wegen gefürchtet?«</p> - -<p>»Wohl nicht mehr als jeder andere Bewohner des -flachen Landes,« entgegnete Clemence ruhig.</p> - -<p>»Auch nicht an der einen steilen Graslanne?« -fuhr Trautenau, ohne die Augen von seinem Bild zu -nehmen, still vor sich hinlächelnd, fort.</p> - -<p>»An der Graslanne? – was wissen Sie davon?« -rief Clemence, ihn verwundert ansehend.</p> - -<p>»Und kennen Sie mich nicht mehr?«</p> - -<p>»Ich? – Sie? – und doch,« setzte sie plötzlich -tief erröthend hinzu, »es – es wäre wirklich möglich -– Waren Sie jener junge Fremde?«</p> - -<p>»Ich war wirklich jener Glückliche, der Ihnen -damals den kleinen, leider nur zu unbedeutenden -Dienst leisten durfte.«</p> - -<p>»Damals habe ich mich allerdings recht ungeschickt -benommen, und Sie werden oft über mich gelacht -haben,« flüsterte Clemence, während sie wirklich blutroth -wurde. »Es war zu thöricht, aber ich weiß nicht, -ich wurde auf einmal schwindelig und hielt den Abhang -auch für viel steiler, als er sich später zeigte.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -»Jene Lannen sind gar nicht so leicht zu begehen,« -bemerkte Trautenau entschuldigend, »besonders nicht -für Damen, die bei ihren langen Kleidern nicht genau -sehen können, wohin sie den Fuß setzen und außerdem -viel zu leichtes und glattes Schuhzeug tragen. – Ich -hoffte damals Sie später in den Bergen wieder zu -treffen, aber Sie waren so rasch und plötzlich verschwunden, -daß ich selbst auf der breiten Heerstraße -Ihre Spur verlor.«</p> - -<p>»Ja – mein Vater eilte etwas, um nach Hause -zurückzukehren,« erwiederte das junge Mädchen, während -ihr Blick die Züge des Malers streifte, als ob -sie den Sinn der eben gesprochenen Worte daraus -lesen wolle.</p> - -<p>Dieser hörte indessen, wie ihm sein Herz in der -Brust schlug, die Mademoiselle schlief sanft – seine -Hand zitterte so, daß er mit dem Malen inne halten -mußte.</p> - -<p>»Seit der Zeit,« fuhr er leise und bewegt fort, »ist -es immer mein sehnlichster Wunsch gewesen, Ihnen -wieder einmal nahen zu dürfen.«</p> - -<p>»Der Wunsch war so bescheiden,« meinte Clemence -lächelnd, »daß der Himmel ihn erfüllt hat. Nicht wahr, -Mademoiselle,« setzte sie mit lauterer Stimme hinzu.</p> - -<p>»Ja wohl – ja wohl – gewiß,« erwiederte die -<a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -sanft ruhende Dame, aus ihrem Schlummer emporfahrend, -»nur ein Bischen zu weiß ist das Kleid.«</p> - -<p>»Wir sprachen gestern darüber, ehe Sie kamen,« -fuhr Clemence fort, »finden Sie nicht auch, daß das -Kleid ein wenig zu weiß ist? Mir kommt es vor, als -ob das meinige einen mehr gelblichen Schimmer hat.«</p> - -<p>»Es ist das Licht jenes gelben Vorhanges, der, -wenn Sie hier stehen, darauf fällt,« antwortete -Trautenau, und fühlte recht gut, daß sie absichtlich -und fast gewaltsam dem Gespräch eine andere Richtung -gegeben hatte; Mademoiselle war auch jetzt vollständig -munter geworden und an eine Wiederaufnahme -desselben nicht zu denken. Clemence brach aber gleich -darauf die Sitzung ab. Sie hatte Kopfschmerzen bekommen, -wie sie sagte, und wollte lieber morgen eine -Viertelstunde nachholen.</p> - -<p>Damit ging der Maler, er hatte keinen Vorwand -mehr zu bleiben, aber er trug das beunruhigende Gefühl -mit sich fort, weiter von seinem Ziele zu sein, als -je, denn war es nicht augenscheinlich, daß Clemence -beinahe ängstlich gesucht hatte die Unterredung abzubrechen? -Fürchtete sie etwa deren Fortsetzung? dann -wäre ihm noch eine Hoffnung geblieben. Oder war -das Gespräch ihr nur lästig geworden? dann freilich -durfte er Alles verloren geben.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -In den nächsten Tagen zeigte sich auch nicht die -geringste Gelegenheit das Gespräch wieder aufzunehmen. -Clemence vermied jede Möglichkeit, um einer -derartigen Unterhaltung den kleinsten Anknüpfungspunkt -zu geben und Mademoiselle hielt ihre sonst so -schläfrigen Augen fast krampfhaft offen. – Dann kam -eine lange Pause – Ernst hatte das noch nicht beendete -Bild nach Hause geschickt bekommen, um es, so -weit es ohne das Original möglich war, auszuführen, -und sich dann nur noch zwei Sitzungen erbeten, um es -vollständig zu beenden.</p> - -<p>Darüber waren mehre Wochen vergangen und in -dieser Zeit durchliefen wunderliche Gerüchte über den -Major die Stadt, die aber sein Verhältniß im Hause -des reichen Joulard nicht zu stören schienen.</p> - -<p>Von einer Seite wurde nämlich ausgesprengt, daß -er eine sehr bedeutende Erbschaft gemacht habe – -Thatsache war nur, daß er in den letzten Wochen viel -mehr verausgabte, als seine monatliche Gage ausmachte -– von anderer Seite hieß es, daß er seinen -Abschied nehmen wolle – weshalb? wußte freilich -Niemand zu sagen und die natürlichste Erklärung blieb -dann immer, daß er, mit eigenem Vermögen und als -Schwiegersohn des reichsten Mannes in der Stadt, -die ewigen Scherereien des Dienstes satt bekommen -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -und ein unabhängiger Mann zu werden wünschte. Es -wäre jedenfalls thöricht gewesen, da noch länger Soldat -zu bleiben. – Einige wollten aber behaupten, er -müsse den Abschied nehmen, und es gab in der That -eine Menge Leute in der Stadt, die da wissen wollten: -der Major sei ein von Grund aus ruinirter Patron, -der sich nur noch durch seinen altadeligen Namen -halte, und nächstens einmal mit seinem ganzen Lug- -und Truggewebe zusammenbrechen müsse. Diese begriffen -dann freilich nicht, wie ein Mann wie Joulard -ihm die Hand seines einzigen Kindes geben könne. -Hatte er aber wirklich so viel Schulden, als einzelne -behaupten wollten, so zahlte natürlich Joulard Alles, -und des Majors Credit in der Stadt blieb deshalb -auch, trotz aller Gerüchte, ein völlig unbeschränkter.</p> - -<p>Trautenau allein vielleicht quälte sich um die -Braut. Er fühlte selber, daß die Hoffnung, sie für -sich zu gewinnen, eine wahnsinnige sei, aber er hielt -es für seine Pflicht, vor ihr das nicht als ein Geheimniß -zu bewahren, was die Stadt erfüllte, und was sie -selbst als die künftige Gattin jenes Mannes am nächsten -betraf. Er hatte es jetzt noch in seiner Hand, mit -ihr zu reden, und hätte sich später die bittersten Vorwürfe -machen müssen, wenn er da geschwiegen hätte, -wo er durch eine freundliche Warnung vielleicht Elend -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -und Jammer von einem theuren Haupt abwenden -konnte.</p> - -<p>Das Bild stand wieder im Boudoir von Clemence; -er hatte noch höchstens zwei Tage zu malen, -um es zu vollenden; aber der erste verging, ohne daß -er im Stand gewesen wäre, seine Absicht auszuführen. -Immer, wenn ihm schon das Wort auf den Lippen -schwebte, fehlte ihm der Muth, und dann kam der -Vater mit einem Paar alter Damen zu ihnen, um mit -diesen das beinahe fertige Bild, das sich wirklich als -vortrefflich gelungen zeigte, zu bewundern. Eine vertrauliche -Unterhaltung war deshalb unmöglich geworden.</p> - -<p>»Aber Sie haben ja noch etwas vergessen,« sagte -da der alte Herr, indem er mit fast zugekniffenen -Augen vor dem Gemälde stand, »daneben, auf dem -Ofenschirm, fehlt ja noch der Chinese – das sieht zu -leer aus. Soll der nicht hinein?«</p> - -<p>»Doch,« entgegnete Trautenau, »aber erst morgen. -Ich möchte heute das Bild soweit beenden, daß ich morgen -das gnädige Fräulein gar nicht mehr, oder doch -nur sehr wenig zu bemühen brauche. Die Herrschaften -entschuldigen mich wohl, wenn ich wieder an meine -Arbeit gehe – die Farben werden mir sonst trocken.«</p> - -<p>Der Besuch war ihm lästig geworden und er -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -suchte ihn zu entfernen, denn es war doch sehr zweifelhaft, -ob er morgen, am letzten Tage, eine bessere Gelegenheit -haben würde, mit Clemence zu sprechen. -Aber es gelang ihm nicht. Den beiden alten Damen -war es etwas Neues, einen Maler arbeiten zu sehen -und sie wichen hartnäckig nicht von der Stelle bis die -Zeit verstrichen war. Dann rauschten sie fort und -Clemence verließ mit ihnen das Gemach.</p> - -<p>Der nächste Tag kam; Trautenau hatte die ganze -Nacht gekämpft und der Morgen fand ihn entschlossen, -heute sich durch Nichts von seinem Plan abschrecken zu -lassen und selbst in Gegenwart der schrecklichen Mademoiselle, -wenn es denn nicht anders geschehen konnte, -mit Clemence über seine Besorgnisse zu sprechen. Er -mußte die Last von seinem Gemüth herunterwälzen – -mußte mit sich selber ins Klare kommen, und das geschah -am besten, wenn er sah, wie sich Clemence bei -dem, was sie über ihren Verlobten hörte, benehmen -würde. Erschrak sie – wurde sie bleich – aber was -half es, sich jetzt schon darüber einen Plan zu machen. -Das mußte der Augenblick bringen und dem Augenblick -überließ er darum Alles.</p> - -<p>Uebrigens fand er zu seinem Schrecken, als er -dieses letzte Mal das Boudoir der jungen Dame betrat, -diese nicht, wie er erwartet hatte und wie es bis -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -jetzt immer der Fall gewesen, mit ihrer Begleiterin -allein, sondern schon eine kleine Gesellschaft um das so -gut wie beendete Bild versammelt. In dieser aber -bemerkte er auch den Major, den er seit jenem Morgen -nicht wiedergesehen hatte und der ihn jetzt mit -Lobeserhebungen überschüttete. Er konnte gar nicht -aufhören, die Aehnlichkeit sowohl, wie die künstlerische -Auffassung des Bildes zu preisen.</p> - -<p>»Aber wissen Sie wohl, mein verehrter Herr,« -brach er plötzlich ab, »daß Sie noch in meiner Schuld -sind? Der versprochenen Copie wegen, mein' ich -nämlich. – Denken Sie sich, lieber Joulard, denken -Sie sich, meine Damen, der Herr hat in seinem eigenen -Atelier daheim den Teufel an die Wand gemalt, -und einen so pompösen, humoristischen Teufel, wie ich -ihn in meinem ganzen Leben nicht gesehen habe.«</p> - -<p>Eine alte Generalin schüttelte darüber sehr bedenklich -den Kopf und bemerkte sehr ernsthaft:</p> - -<p>»Das ist sündhaft, mein lieber Herr, nehmen Sie -mir das nicht übel. Das heißt Gott versuchen und -den Bösen locken, denn wenn Sie ihm eine solche Einladungskarte -geben, kommt er, darauf können Sie sich -fest verlassen – er kommt gewiß.«</p> - -<p>»Er hat mich auch schon besucht,« erwiderte der -Maler lächelnd, »aber seien Sie versichert, gnädige -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Frau, der wirkliche Teufel ist nicht so schlimm, wie er -gewöhnlich geschildert wird, und schon der Umstand, -daß er sich nur das schlechteste Gesindel auf der Welt -aussucht, um es für sich zu holen, zeugt von seiner -Bescheidenheit.«</p> - -<p>Herr Joulard und der Major lachten laut auf; -die alte würdige Dame aber, die wahrscheinlich keinen -Sonntag die Kirche versäumte und jedenfalls eine -heilsame und pflichtgetreue Furcht vor dem Teufel -hatte, schlug entsetzt die Hände zusammen und rief:</p> - -<p>»Das ist ja eine Gotteslästerung.«</p> - -<p>»Doch nicht, wenn er den <em class="ge">Teufel</em> lobt,« sagte -lachend Herr Joulard, »Excellenz irren sich, und ich -bin ganz Herrn Trautenau's Meinung. Wenn der -Teufel wirklich so schwarz wäre wie er gemalt wird, -würde ihn der liebe Gott gar nicht auf der Erde -dulden. Aber meine Damen, wir müssen dem Künstler -Platz machen, daß er an seine Staffelei treten kann. -Vergessen Sie nur den Chinesen nicht.«</p> - -<p>»Und meine Copie,« rief der Major.</p> - -<p>»Vielleicht läßt sich Beides vereinigen,« versetzte -der Maler in einer tollen Laune, »wollen die Herrschaften -einen Augenblick Platz nehmen? Vielleicht kann -ich Ihren beiderseitigen Wunsch zugleich erfüllen,« -und die Palette aufnehmend, die er indessen in Stand -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -gesetzt hatte, ging er daran, mit keckem Pinsel seine -Teufelsfigur aus dem Atelier auf den Ofenschirm zu -malen, wohin die Zeichnung, da der Schirm doch im -Hintergrund und halb im Schatten stand, also nicht -zu sehr hervortrat, vortrefflich paßte.</p> - -<p>»Aber um Gottes Willen, Kind,« rief die alte -Dame, die Herr Joulard »Excellenz« genannt hatte, -wie sie nur merkte, welche Gestalt aus dem Ofenschirm -herauswuchs. »Du willst doch nicht neben Deinem -eigenen Conterfey den lebendigen Satan abmalen -lassen?«</p> - -<p>»Das wird, soviel ich bis jetzt sehe,« sagte Clemence, -»kein Teufel, sondern ein Faun, wenn auch mit -etwas wunderlicher Ausschmückung und – ganz absonderlichen -Zügen,« setzte sie langsam und mit einem -forschenden Seitenblick auf ihren Bräutigam hinzu, -»aber irgend ein phantastisches Bild paßt an einen -solchen Platz, und ich sehe nicht die geringste Gefahr -für mich darin.«</p> - -<p>»Es wird ja aber wahrhaftig der helle Satan mit -Hörnern und Schweif,« rief die alte Dame entsetzt, -während der Major neben dem jungen, eifrig malenden -Künstler stand und einmal über das andere -»Bravo, ganz vortrefflich!« rief. Er amüsirte sich -ausgezeichnet und schien keine Ahnung zu haben, daß -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -eben dieser belobte Teufel seine eigenen, fast sprechend -ähnlichen Züge trug. Sonderbarer Weise fiel -es auch, wie man das ja so oft hat, keinem Anderen -der Anwesenden augenblicklich auf, denn das Gesicht -war doch immer carrikirt. Nur Clemence verglich still, -aber desto aufmerksamer das Antlitz des Officiers mit -der Carrikatur, und ihr Blick suchte dabei einmal dem -des Malers zu begegnen. Trautenau, obgleich er es -merkte, wich ihr aber absichtlich aus – er wollte sich -nicht vor der Zeit verrathen, und malte so emsig -weiter, daß in kaum einer halben Stunde das kleine -Bild vollendet war. Als aber von keiner Seite weiter -Einspruch gegen das Sacrilegium geschah, wurde es -der alten Excellenz zu eng im Raum. Sie mahnte -zum Aufbruch und die Uebrigen folgten jetzt ebenfalls, -um dem Maler den Platz zu überlassen, denn dieser -hatte Clemence gebeten, ihm heute noch höchstens eine -viertel Stunde zu sitzen, damit er den Kopf bis auf -die letzten Kleinigkeiten vollende. Das Uebrige konnte -er dann mit leichter Mühe im eigenen Hause fertig -machen.</p> - -<p>Mademoiselle hatte wieder ihren gewöhnlichen -Platz im Lehnstuhl eingenommen – da sagte Clemence -plötzlich:</p> - -<p>»Ach, Mademoiselle, wenn ich Sie bitten dürfte, -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -im blauen Zimmer, wo meine kleine Bibliothek steht, -finden Sie das Buch der Lieder von Heine; dürfte ich -Sie ersuchen, es mir zu holen. Es muß im dritten -oder vierten Fach stehen.«</p> - -<p>Mademoiselle seufzte; sie hatte fast den ganzen -Morgen gestanden und sich eben erst recht bequem -hingesetzt. Jetzt mußte sie wieder in die Höhe, aber es -half Nichts: sie konnte den Dienst nicht verweigern, -da keiner der Diener das Buch gefunden hätte.</p> - -<p>Des Malers Herz klopfte heftig. Hatte Clemence -selber die lästige Zeugin entfernt, um mit ihm allein -zu sein? dann durfte er auch nicht blöde den günstigen -Moment versäumen, er konnte nie wiederkehren, denn -heute war seine Arbeit hier im Hause beendet. – -Aber sein Entschluß sollte ihm erleichtert werden, denn -kaum hatte sich die Thür hinter den Davongehenden -geschlossen, als das junge Mädchen zu der Staffelei -trat und den jungen Maler fest anblickend auf die -Figur des Ofenschirms deutete und fragte:</p> - -<p>»Wessen Portrait ist das, mein Herr?«</p> - -<p>»Und muß es ein Portrait sein, mein gnädiges -Fräulein,« rief Trautenau über den entschiedenen, fast -harten Ton der Stimme frappirt.</p> - -<p>»Sie leugnen also eine absichtliche Aehnlichkeit?«</p> - -<p>»Nein,« sagte der Maler, denn er fühlte, daß der -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -entscheidende Moment gekommen sei. »Wenn auch -keine Aehnlichkeit, wollte ich doch eine Charakteristik -geben.«</p> - -<p>»Eine Charakteristik,« sagte Clemence erstaunt –, -»wie verstehe ich das?«</p> - -<p>»Ich will deutlich reden, denn nicht die Minuten, -nein die Secunden sind mir zugezählt. Fräulein, von -dem ersten Moment an, wo ich Sie sah, zog mich ein -Etwas zu Ihnen hin, dem ich keinen Namen geben -konnte.«</p> - -<p>»Mein Herr!« rief Clemence, einen Schritt zurücktretend.</p> - -<p>»Fürchten Sie keine Belästigung,« fuhr Trautenau -fort, »lassen Sie mich ruhig ausreden, denn ich werde -mich sehr kurz fassen, und es ist sogar nöthig, daß Sie -es erfahren.«</p> - -<p>»Sie sprechen in Räthseln,« erwiederte Clemence, -während hohes Roth ihre Züge färbte.</p> - -<p>»Die Ihnen augenblicklich klar werden sollen. -Sie sind im Begriff sich mit dem Major von Reuhenfels -zu vermählen.«</p> - -<p>»Allerdings.«</p> - -<p>»Wissen Sie was man in der Stadt von ihm -spricht?«</p> - -<p>»Von dem Major?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -»Von demselben: Daß er ein arger Spieler und -Schuldenmacher, ja mehr als das, daß er ein schlechter -Mensch sei.«</p> - -<p>»Mein Herr, Sie sprechen von meinem künftigen -Gatten!«</p> - -<p>»Ich weiß es« rief Trautenau bewegt und weich -– »und nur um Unglück von Ihrem theueren Haupt -abzuwenden, wage ich etwas, wozu sonst nur ein -Freund – kein Fremder, das Recht beanspruchen -durfte – wage ich Sie zu warnen.«</p> - -<p>»Zu warnen?«</p> - -<p>»Ja, Clemence,« flüsterte Trautenau, der vor innerer -Bewegung kaum die Worte über die Lippen -brachte. – »Glauben Sie mir nur, daß mich allein -die Sorge – die – Theilnahme für Sie bewegt, -Ihnen das zu sagen. Uebereilen Sie den Schritt -nicht, den Sie im Begriff sind zu thun, denn eine -lebenslange Reue könnte ihn bestrafen. Sie sollen -mir nicht glauben – kein Wort von dem, was ich -Ihnen sage, ohne vorher Alles genau geprüft zu haben; -aber prüfen Sie es wenigstens. Das Urtheil der -Stadt über Ihren künftigen Gatten ist ein schweres, -und Ihr Vater wenigstens muß wissen, was man ihm -zur Last legt. Die Enttäuschung später wäre nachher -zu furchtbar.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -»Haben Sie geendet?« fragte das junge Mädchen -kalt.</p> - -<p>Trautenau schwieg und sah sie erstaunt an.</p> - -<p>»Dann ersuche ich Sie,« fuhr Clemence fort, »sich -in Zukunft mit Anklagen, die meinen Bräutigam betreffen, -an diesen selber zu wenden. Ich und mein -Vater wissen, was in der Stadt aus Bosheit und -besonders aus Neid gegen den Herrn böswillig geklatscht -und verbreitet wird. Ich will annehmen,« -setzte sie freundlicher hinzu, als sie die heftige Bewegung -bemerkte, mit welcher der Maler emporfahren -wollte, »daß Ihnen solche Gehässigkeiten fremd sind. -Sie meinen es wahrscheinlich ehrlich und ich danke -Ihnen dafür. Damit muß aber auch die Sache und -zwar für immer, abgemacht sein. Ich selber wünsche -wenigstens nicht weiter damit behelligt zu werden und -nun bitte, beenden Sie Ihre Arbeit, denn meine Zeit -ist beschränkt.«</p> - -<p>»Wie Sie befehlen,« erwiederte Trautenau kalt, -denn er fühlte diese Zurückweisung doppelt scharf. – -»Vielleicht wünschen Sie nun auch, daß ich die Aehnlichkeit -in dem Bilde des Ofenschirmes ändern soll.«</p> - -<p>Clemence zögerte einen Augenblick mit der Antwort: -endlich flog ein leichtes, fast neckisches Lächeln -über ihre Züge.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -»Nein,« sagte sie – »lassen Sie es so. Haben -Sie dies nämliche Bild an Ihre Wand gemalt?«</p> - -<p>»Ja, mein gnädiges Fräulein.«</p> - -<p>Clemence erwiederte Nichts weiter; sie nahm -ihre frühere Stellung wieder ein und in demselben -Augenblick öffnete sich auch die Thür, in welcher -Mademoiselle mit den Worten erschien, daß sie den -ganzen Bücherschrank von oben bis unten durchgesucht -habe, ohne das bezeichnete Buch darin zu finden.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, vielleicht hat es mein Vater -herausgenommen. Ich brauche es auch nicht mehr – -wir sind gleich zu Ende,« sagte Clemence in einem -gleichgültigen Ton.</p> - -<p>Trautenau beeilte sich jetzt wirklich mit der unbedeutenden -Arbeit, die er rasch vollendete und erst als -sich Clemence bereit zeigte das Zimmer zu verlassen, -sagte er herzlich und einfach:</p> - -<p>»Mein gnädiges Fräulein, ich weiß nicht, ob ich -jetzt, da ich das Letzte an dem Bild in meinem eigenen -Atelier beenden muß, noch einmal die Ehre haben -werde, Sie vor Ihrer Verheirathung zu sehen. Lassen -Sie mich, der ich so manche glückliche Stunde hier -verlebte, nicht so kalt und förmlich von Ihnen Abschied -nehmen. Reichen Sie mir Ihre Hand.«</p> - -<p>Er streckte ihr die seine treuherzig entgegen, und -<a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -während die Mademoiselle über dieses sonderbare und -außergewöhnliche Verlangen große Augen machte, -zögerte Clemence, der Bitte zu willfahren. Aber sie -mochte es auch nicht verweigern; schüchtern reichte sie -ihm die äußersten Fingerspitzen. Der Maler nahm -sie, hob sie leicht an die Lippen und flüsterte dann: -»Gott gebe, daß diese Hand sich nur zum Glück in die -eines Mannes lege. Seien Sie glücklich –« und seinen -Hut aufgreifend, ohne die Mademoiselle weiter zu -beachten, verließ er rasch das Zimmer.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Fünftes Capitel.</span></span><br /> - -Zerronnen.</h3> - - -<p>Ernst Trautenau war in einer recht trüben Stimmung -nach Hause gekommen und diese wurde nicht gebessert -als sein Auge auf das karrikirte Bild des -Majors fiel, dessen grinsende Züge sich über ihn lustig -zu machen schienen. Eine ganze Weile ging er auch -mit verschränkten Armen in seinem Zimmer auf und -ab, und in Trotz und Aerger fuhr sein Blick wohl -manchmal nach der verhaßten Gestalt hinüber, ja es -war als ob er mit einem finsteren Entschluß ringe. -Aber was konnte, was durfte er Anderes thun als der -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -Sache eben ihren Lauf lassen? Er hatte ja mit -Clemence gesprochen und sie gewarnt und sie ihn auch -genau genug verstanden, aber auch höflich zwar, doch -kalt abgewiesen. Damit schien Alles erschöpft was -ihn hätte veranlassen können weiter vorzugehen, ja des -jungen Mädchens ganzes Benehmen zeigte deutlich, -daß sie glaubte, er sei schon zu weit gegangen.</p> - -<p>Und was sollte er jetzt thun? Er hätte sich gern -mit Frank ausgesprochen, denn er wußte, daß der es -treu mit ihm meine, Frank war aber seit einigen Tagen -verreist und wurde in der nächsten Zeit nicht wieder -zurück erwartet; so blieb ihm Nichts übrig, als Alles -was ihn quälte, in der eigenen Brust zu verschließen.</p> - -<p>Er war dadurch fast menschenscheu geworden, und -als er Clemencens Bild, um es jetzt in seinem eigenen -Atelier zu beenden, wieder in das Haus geschickt bekam, -schloß er sich volle acht Tage damit ein, verkehrte mit -Niemandem, antwortete auf kein Klopfen, und grub -sich den Pfeil, diesem geliebten Zeugen gegenüber nur -noch immer tiefer in die Brust. Ja er fand einen -süßen Schmerz für sich darin, eine kleine Copie davon -zurückzubehalten, er hätte sich ja sonst nicht von dem -Bilde trennen können.</p> - -<p>Endlich hatte er es fertig und es war abgeliefert -worden. In der ganzen Zeit hörte er auch nichts von -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -Joulard – er wollte nichts hören, bis er eines Morgens -ein Schreiben des alten Herrn selber erhielt, in -welchem dieser ihm mit wenigen Worten für das »sehr -gelungene Gemälde« dankte, und ein Honorar beifügte, -das Trautenau nie gewagt haben würde, so hoch -zu fordern. Aus dem Couvert fiel aber auch noch -eine kleine Karte zu Boden, die er vorher nicht bemerkt -hatte. Er hob sie auf, es standen mit äußerst -feiner zierlicher Schrift nur die beiden Namen darauf:</p> - -<p class="ce"> -Major Kuno von Reuhenfels zu Berg,<br /> -Clemence von Reuhenfels zu Berg,<br /> -née Joulard.</p> - -<p>Es war geschehen, die Hochzeit hatte, ohne daß er -in seiner Abgeschlossenheit etwas davon gehört, stattgefunden -und Clemence selber seine Warnung verachtet. -Die Folgen kamen jetzt über sie.</p> - -<p>Nun litt es ihn aber auch nicht mehr in der -Stadt, er mußte fort. Um der Form zu genügen, -schrieb er ein paar Zeilen an Herrn Joulard, worin -er ihm den richtigen Empfang des Honorars dankend -anzeigte und zugleich seine Glückwünsche für das jung -verehelichte Paar beilegte. Dann ließ er noch einen -Brief für Frank zurück, wenn dieser etwa wiederkehren -sollte, packte seinen kleinen Koffer und seine Malergeräthschaften -zusammen und verließ M–, um sich nach -<a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -dem Süden – nach Italien, dem Paradies der -Künstler, zu wenden.</p> - -<p>Dort blieb er weit über zwei Jahre und vertiefte -sich so vollkommen in seine Arbeiten, daß er von -Deutschland wenig oder gar nichts hörte. Ja, er mied -es sogar, Kunde von dort zu erhalten. Nur die Erinnerung -wachte und bohrte noch in ihm. Clemencens -Bild verließ ihn keinen Augenblick und ihre lieben -Züge gab er manchem seiner Bilder, wie er denn auch -die Züge des Majors nicht vergessen hatte.</p> - -<p>Eines seiner Gemälde machte Aufsehen. Es war -eine Scene aus der früheren italienischen Geschichte, -wo Seeräuber von der afrikanischen Küste sich manchmal -keck an die Ufer dieses Landes wagten, ihre -Schaaren an den Strand warfen und von Menschen -und Gütern raubten, an was sie in aller Schnelle die -Hand legen konnten. Das Bild stellte den Moment -vor, wie die Räuber wieder, während ein Theil von -ihnen das andringende Landvolk zurücktreibt, mit der -gemachten Beute fliehen, und den Mittelpunkt desselben -bildete eine, mit furchtbarer Wahrheit ausgeführte -Gruppe, in welcher der Capitain der Räuber ein -junges bildschönes Mädchen, das sich aber in rasender -Leidenschaft gegen ihn sträubt, zu dem nur noch wenige -Schritte entfernt liegenden Boot hinunter schleppt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß die -Geraubte Clemencens Züge trug, während der Capitain -dem verhaßten Major glich.</p> - -<p>Gerade durch dies Gemälde aber, und daß er sich -so lebendig wieder mit den alten besser begrabenen -Erinnerungen beschäftigte, erwachte in ihm die Sehnsucht -nach der Heimath stärker als je. – Clemence? -– er wußte recht gut, daß er mit keiner Faser seines -Herzens mehr an sie denken durfte, aber er wollte doch -wenigstens in ihre Nähe zurückkehren. Er mußte sie -noch einmal sehen, er mußte hören, daß es ihr gut -gehe, daß sie sich glücklich fühle, und dann? Ei, dann -hatte er weite Reisepläne vor. Er war noch jung, -und die Welt lag vor ihm mit all ihren ungemessenen -Schätzen.</p> - -<p>Einmal mit dem Entschluß erst im Reinen, führte -er ihn auch bald aus. Seine Gemälde hatte er fast -alle auf Bestellung gemacht; für das letzte wurde ihm -ein bedeutender Preis geboten; er nahm ihn an, und -schon in der nächsten Woche trat er den Rückweg nach -Deutschland an.</p> - -<p>Als er M– erreichte, fuhr er vom Bahnhof in -einer offenen Droschke durch die Stadt nach einem -dem Kutscher bezeichneten Hôtel. Er wußte, daß er -auf dem Weg Joulard's Palais passiren mußte und -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -wenn er sich auch keine Hoffnung machte, Clemence -dort zu sehen, wollte er doch wenigstens einen Blick -nach ihren Fenstern werfen.</p> - -<p>Dort lag das stattliche Gebäude vor ihm, aber er -schrak fast zusammen, als er die Veränderung bemerkte, -die mit demselben in der kurzen Zeit vorgegangen war.</p> - -<p>Das war nicht mehr das Haus eines reichen -Privatmannes, denn die Industrie hatte sich seiner -bemächtigt, und große Schilder beklebten, entstellten es -von oben bis unten. Die Parterrelokale waren parcellirt -und zu eleganten Verkaufsräumen hergerichtet -worden – in der ersten Etage hatte sich ein großes -Spitzenlager von Aaron Hamburger etablirt, dessen -riesiger Name fast die ganze Front einnahm, und oben -war in der zweiten Etage eine Thür ausgebrochen -und ein Krahnbalken eingeschoben worden, um dorthin -Waaren gleich von der Straße aus, hinaufzuwinden.</p> - -<p>»Hat denn Herr Joulard dies Haus verkauft?« -frug Trautenau unwillkürlich den Kutscher; dieser -zuckte aber mit den Achseln und erwiederte:</p> - -<p>»Kann ich nicht sagen, ich bin erst seit einem halben -Jahre in M– und weiß gar nicht, wem das Haus -früher gehörte. Jetzt ist's der Stadt und die Läden -werden vom Stadtrath selber vermiethet, denn ich -weiß, mein Herr hätte gern die schönen Ställe da drin -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -gehabt, aber sie forderten einen zu bärenmäßigen Zins -dafür. Da war's denn Nichts.«</p> - -<p>Nicht lange darauf hielt die Droschke vor dem bezeichneten -Hôtel, und Trautenau's erste Frage, nachdem -er sein Zimmer angewiesen bekommen, war nach -dem Joulard'schen Hause. Der Kellner zuckte ebenfalls -die Achseln.</p> - -<p>»Das war eine faule Geschichte,« sagte er, »sind -nun fast zwei Jahre, da brach der Schwindel zusammen. -Die ganze Stadt hatte den Herrn Joulard für -einen Millionär gehalten – ja wohl, eine halbe -Million Schulden kam fast zusammen, es ging hoch in -die Hunderttausende und auf einmal war er weg, wie -Schnee im April, und kein Mensch weiß noch bis zu -dieser Stunde, was aus ihm geworden ist.«</p> - -<p>Trautenau schnürte es fast das Herz zusammen, -aber er wagte nicht, den kurzjackigen, wohlfrisirten -Menschen weiter zu fragen. Von diesen Lippen wollte -er das Schicksal Clemences nicht erfahren. Er mußte -sehn, ob er Frank nicht in M– traf.</p> - -<p>Er zog sich rasch um und ging in dessen alte Wohnung, -dort aber war er nicht mehr zu finden. Jedoch -sollte er in der Stadt sein, wo er sich aber jetzt eingemiethet -habe, würde Herr Trautenau wohl auf der -Polizei am sichersten erfahren.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -Dorthin ging er und hörte, daß Franz Rauling, -Maler, sein eigenes altes Atelier bewohnte, wohin er -sich denn natürlich augenblicklich begab.</p> - -<p>Das Wiedersehen der beiden Freunde war herzlich. -Wie viel hatten sie sich auch zu sagen und zu erzählen, -und doch scheuten sich Beide eine lange Weile den -einen Punkt zu berühren, der jedenfalls auf Beider -Lippen lag und dem doch Keiner von ihnen zuerst -Worte geben mochte.</p> - -<p>Trautenau saß in einem alten lederüberzogenen -Lehnstuhl, den Kopf in die rechte Hand gestützt, das -linke Bein über das rechte geschlagen, und sein Blick -hing, während er mit dem Freund sprach, fest und -unverwandt an seinem eigenen Teufelsbild, das heute -noch wie damals die Mauer zierte – oder entstellte.</p> - -<p>»Und was ist aus dem da geworden?« brach er -endlich durch alle Schranken durch, denn er mußte ja -doch wissen, was mit Clemence geschehen.</p> - -<p>»Aus dem da?« antwortete Frank und warf den -Blick über die Schulter nach dem Wandgemälde – -»weißt Du schon, was aus dem alten Joulard geworden -ist?«</p> - -<p>»Sein Haus hat er verkauft.«</p> - -<p>»Er? – nein – aber seine Gläubiger haben es -gethan. Das war einer der größten Schwindler, die -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -je existirt. Und wie hat er unsere gute Stadt selber -angezapft. Mit einer Frechheit ist er dabei aufgetreten, -die gar nichts zu wünschen übrig ließ. Er verstand -wie Keiner, den Leuten Sand in die Augen zu streuen -und besaß dadurch einen ganz enormen Credit. Den -benutzte er, so lange es anging, aber ewig konnte das -natürlich nicht dauern – plötzlich und bald nachdem -Du M– verlassen, brach es zusammen, und wie nur -die erste drohende Wolke am Horizont aufstieg, ballte -sich auch in wenigen Tagen, ja man könnte sagen in -Stunden ein so furchtbares Gewitter über seinem -Haupt zusammen, daß er es für gerathen fand demselben -auszuweichen. Er verschwand und hat auch -keine Spur hinterlassen, was aus ihm geworden. -Einige wollten behaupten, daß er freiwillig den Tod -gesucht, aber ich glaube es nicht – sein Leichnam ist -nirgends gefunden worden und außerdem traue ich -dem berechnenden Burschen eine solche That der -Verzweiflung gar nicht zu, da er durch die Katastrophe -ja nicht überrascht werden konnte. Er mußte vom -ersten Augenblick an wissen, daß sie ihn früher oder -später ereilen würde. Sie konnte nicht ausbleiben.«</p> - -<p>»Und Clemence?« fragte Trautenau leise – »ist -sie hier?«</p> - -<p>Frank zögerte mit der Antwort. – »Nein« sagte -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -er endlich, »aber ich sehe auch nicht ein, weshalb ich -Dir etwas vorenthalten soll, was Dir doch hier in -M– kein Geheimniß bleiben kann, denn die Sperlinge -auf den Dächern haben fast ein Jahr lang davon -geschwatzt. Jetzt ist es ruhiger geworden, denn -das Publikum findet immer wieder etwas Neues, -was die alten Geschichten vergessen läßt!«</p> - -<p>»So ist etwas mit dem Major vorgegangen?«</p> - -<p>»Allerdings, und zwar kurz vorher, ehe der Bankerott -des Alten ausbrach. Wärest Du nur acht Wochen -länger in M– geblieben, so hättest Du die ganze -Sache mit erlebt.«</p> - -<p>»Und was war es?«</p> - -<p>»Du weißt, welche Gerüchte schon früher über ihn -umliefen, und unbegreiflich ist es, daß Joulard selber -Nichts davon gehört haben sollte.«</p> - -<p>»Ich selber habe Clemence gewarnt.«</p> - -<p>»Du?«</p> - -<p>»Gewiß, wie ich sie das letzte Mal sah, aber sie -wies mich kalt und stolz zurück.«</p> - -<p>»Dann steckt auch mehr dahinter und dies bestätigt -einen Verdacht, den ich schon lange gefaßt, daß nämlich -der Major sowohl, als der alte Joulard ihre gegenseitigen -Verhältnisse genau kannten. Uebrigens wurde -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -später behauptet, daß Clemence gar nicht Joulards -Tochter gewesen sei.«</p> - -<p>»Und wessen sonst?«</p> - -<p>Frank zuckte mit den Achseln. »Es würde schwer -sein, das festzustellen, und käme auch Nichts mehr -darauf an, denn er ist fort aus M– und wird wohl -schwerlich hierher zurückkehren.«</p> - -<p>»Und was ist sonst vorgefallen? Sage mir Alles.«</p> - -<p>»Es ist mit kurzen Worten erzählt. Es kamen -Dinge zur Sprache, die den Major auf das Aeußerste -compromittirten. Er mußte seinen Abschied nehmen. -Wechsel waren gefälscht worden, Cassengelder unterschlagen. -Man sprach von falschem Spiel und einigen -anderen Betrügereien und ging, mit Rücksicht auf den -Schwiegervater und den adeligen Namen des Burschen, -wohl schlaffer mit der Anklage gegen ihn vor, -als man gegen einen Menschen aus niederem Stande -vorgeschritten wäre. Auf einmal war der Major verschwunden.«</p> - -<p>»Mit seiner Frau?«</p> - -<p>»Mit seiner Frau, und als nun Joulard die -Wechsel zahlen sollte, brach eben das ganze Kartenhaus -zusammen.«</p> - -<p>»Und wurde der Major nicht verfolgt?«</p> - -<p>»Nein, man erzählte sich, oder wußte vielmehr, -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -daß er bei Prinz Y– sehr gut angeschrieben stand, es -gingen darüber allerlei tolle Gerüchte, die natürlich -wenig ehrenhaft für den Major waren. Der Prinz -zahlte, wenn auch seufzend, aber er zahlte doch, und -die Klage gegen den Major, da sich die Gläubiger -gern mit 50% abfinden ließen, wo sie schon gefürchtet -hatten gar nichts zu bekommen, wurde niedergeschlagen.«</p> - -<p>»Und wo hält er sich jetzt auf?«</p> - -<p>»Kein Mensch weiß es. Ein Bekannter von mir -wollte ihn neulich in Paris gesehen haben, schien seiner -Sache aber doch nicht ganz gewiß. Unmöglich -wär's freilich nicht, denn wenn er auch nicht in -Deutschland mehr verfolgt wird, dürfte er es doch -nicht wagen, sich in anständiger Gesellschaft blicken zu -lassen, und ein solcher Zustand würde ihm bald unerträglich -werden.«</p> - -<p>»Und Clemence ist bei ihm?«</p> - -<p>»Wenigstens mit ihm von hier fortgegangen.«</p> - -<p>»Armes, unglückliches Geschöpf – wie furchtbar -elend muß sie sich jetzt fühlen.«</p> - -<p>Frank schwieg und sah still vor sich nieder. Es -schien fast, als ob er noch etwas sagen wollte; Trautenau -aber war zu sehr mit seinen eigenen schmerzlichen -Gedanken beschäftigt, um es zu bemerken. -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -Manche Gerüchte über Clemence hatten nämlich -ebenfalls die Stadt durchlaufen, aber was konnte es -nützen, dem Freund durch Wiederholung derselben -wehe zu thun. Bewiesen war doch keins von allen -worden, und ob Clemence nun Mitschuldige oder rein -von jedem Fehl sei, was kümmerte das den Stadtklatsch, -der überall seine Opfer suchte und dabei wahrlich -nicht wählerisch in seinen Mitteln war.</p> - -<p>»Und weißt Du nicht, was aus ihrem Bild geworden -ist?« fragte der Andere nach einer längeren -Pause. – »Sind denn auch selbst die Familienbilder -unter den Hammer des Actionators gekommen?«</p> - -<p>»Alles,« lautete Frank's Antwort, »Dein Bild soll -übrigens ziemlich hoch von einem Engländer erstanden -sein, der sich, Gott weiß, aus welchem Grunde, dafür -interessirte. Ich glaube, der Ofenschirm hat ihm in -die Augen gestochen. Das war doch eine verwünschte -Idee von Dir, Ernst, den Bräutigam als Carricatur -neben die Braut zu stellen, und ich begreife nur nicht, -daß Clemence selber blind gegen die wirklich frappante -Aehnlichkeit blieb.«</p> - -<p>»Sie hat sie damals entdeckt.«</p> - -<p>»Was? und den Schirm nicht übermalen lassen?«</p> - -<p>»Ich erbot mich, es selber zu thun, aber sie wies -es zurück.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -»Das ist in der That sehr sonderbar und zeugt -wohl von einem ganz eigenthümlichen Humor der -jungen Dame, aber nicht besonders von ihrer Verehrung -für den Bräutigam.«</p> - -<p>»Sie hat sich doch keinenfalls etwas Böses dabei -gedacht.«</p> - -<p>»Wer kann wissen, was sich so ein Mädchenkopf -denkt – das ist unergründlich wie der Ocean. Aber -was gedenkst Du jetzt zu thun? Bleibst Du hier in -M–?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht – weiß auch nicht, ob ich überhaupt -in der nächsten Zeit Ruhe zum Arbeiten haben -werde.«</p> - -<p>»Aber Du hast gewiß eine Mappe voll prächtiger -Studien mitgebracht.«</p> - -<p>»Das allerdings, aber die können warten. Meine -Casse ist ziemlich gefüllt und ich mache vielleicht noch, -ehe ich den Pinsel wieder in die Hand nehme, vorher -eine kurze Reise durch Deutschland. Ich habe eine -Sehnsucht nach dem Rhein.«</p> - -<p>»Höre, Ernst, mach' keinen dummen Streich,« -sagte Frank, der ihn mißtrauisch ansah – »Du hast -doch nicht etwa den tollen, abenteuerlichen Plan, -Deiner früheren Flamme nach Paris zu folgen?«</p> - -<p>Trautenau schüttelte leise den Kopf. »Nein, -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Frank,« erwiderte er, »meine Seele denkt nicht daran. -Clemence ist jetzt das Weib des Majors und kann für -mich natürlich von da an nur eine Fremde sein. Ja, -ich würde sogar die Stadt, in der sie wohnt, meiden, -um ihr nicht wieder zu begegnen. Weshalb auch? es -hieße nur alte Wunden aufreißen, um sie frisch bluten -zu sehen.«</p> - -<p>»Ist das Dein voller Ernst?«</p> - -<p>»Hier meine Hand darauf und mein Wort.«</p> - -<p>»Gott sei Dank,« rief Frank, »denn ich fürchtete -schon, daß die Nachricht ihres Unglücks jene alte hoffnungslose -Liebe wieder anfachen könne.«</p> - -<p>»Wenn ich sie verlassen und im Elend wüßte – -ja – nicht an der Seite eines Gatten.«</p> - -<p>»Dann will ich Dir etwas sagen, Ernst,« rief -Frank lebendig. »Ich habe gerade verschiedene Arbeiten -beendet – bin überhaupt das letzte Jahr merkwürdig -fleißig gewesen, und hatte mir schon fest vorgenommen, -diesen Sommer eine kleine Erholungsreise zu machen. -Wenn Du jetzt noch zwei oder höchstens drei Tage auf -mich warten kannst, begleite ich Dich, was meinst Du -dazu, und wir kreuzen dann eine Weile am Rhein -umher.«</p> - -<p>»Der glücklichste Gedanke, den Du fassen konntest!« -rief Ernst erfreut aus – »ich warte auf Dich -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -und wenn Du eine volle Woche brauchst, um fertig zu -werden. Oder kann ich Dir vielleicht helfen? Mir -geschieht ein Gefallen damit, denn selbstständig kann ich -doch noch Nichts arbeiten und möchte nicht die Zeit -über ganz müssig liegen.«</p> - -<p>»Desto rascher werden wir fertig,« entgegnete -Frank lachend, »also dankbar angenommen, und hier -in Deinem alten Atelier wird es Dir doppelt heimisch -sein.«</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Sechstes Kapitel.</span></span><br /> - -In Wiesbaden.</h3> - - -<p>Die beiden jungen Leute gingen jetzt, dabei mit -einander plaudernd und erzählend, frisch an die Arbeit, -um einige Kleinigkeiten, die Frank noch versprochen -hatte abzuliefern, in den nächsten Tagen zu beenden. -Das wurde auch rascher erledigt, als sie selber -geglaubt, denn in der gemeinschaftlichen Thätigkeit -flogen ihnen die Stunden nur so dahin. Am dritten -Abend waren sie auch schon zur Abreise fertig gerüstet, -und um auch keinen Moment mehr zu versäumen, -benutzten sie selbst den Nachtzug, daß der sie dem -flachen Lande entführe, und nur erst einmal hinein in -die Berge bringe.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Am anderen Abend schon wanderten sie Arm in -Arm den wunderbar schönen Rhein entlang, und das -Herz floß ihnen in lautem Jubel und fröhlichem -Gesang über. Giebt es ja doch nur einen einzigen solchen -Strom in der ganzen weiten Welt, und wem das Herz -an diesen Ufern nicht aufgeht und wärmer, freudiger -schlägt bei den Wundern, die sich dort seinem Blick -öffnen – ei, der mag ruhig fortgehen und sich in der -lüneburger Haide oder im berliner Sande begraben -lassen – auf Erden ist er doch zu Nichts mehr -nütze.</p> - -<p>Das war eine frohe, glückliche Zeit, die sie dort -verlebten, und selbst Ernst, der sonst mehr zur Schwermuth -neigte und sich nie wohler fühlte, als wenn er -allein und einsam seine Bahn wandelte, lebte neu auf -in der wunderbar schönen Natur und der Gesellschaft -des stets fröhlichen und heiteren Frank.</p> - -<p>Mit ihren Mappen wanderten sie von Bingen -zuerst durch die Berge hinüber bis Bacharach, in -dessen Nachbarschaft sie sich eine Zeitlang aufhielten, -dann kreuzten sie hinüber nach dem Lurleifelsen und -nach St. Goarshausen, bis sie sich in St. Goar eine -Zeitlang festsetzten, und dann langsam sich wieder am -rechten Rheinufer bis zu der reizenden Mündung der -Lahn hinunterzogen. Es war ein vollkommen zielloses -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -Umherstreifen, aber deshalb gerade so anziehend, weil -es ihnen auch keine Stunde im Tag einen Zwang auferlegte, -und ihre Mappen und Skizzenbücher bereicherten -sie dabei ungemein.</p> - -<p>So hatten sie vier volle Wochen glücklich verlebt, -als Frank zuerst an den Heimweg dachte, da er nach -M– zurückkehren mußte, um einige versprochene -Arbeiten in Angriff zu nehmen. Trautenau beabsichtigte -noch nach Köln hinunter zu gehen und sich dort -einige Zeit aufzuhalten. Er wollte sich aber wenigstens -nicht so lange von dem Freund trennen, als dieser noch -den Rhein bereiste und beschloß, ihn deshalb bis -Mainz oder Castell zu begleiten und dann die schöne -Fahrt wieder stromab bis Köln zu machen.</p> - -<p>Aber auch diese Rückfahrt übereilten sie nicht, denn -auf eine Woche kam es dabei nicht an, und manchen -hübschen Punkt, den sie auf der Niederfahrt übergangen, -berührten sie jetzt und holten das damals -Versäumte ein.</p> - -<p>So kamen sie auch nach Bieberich, und Frank, der -noch nie eine Spielbank gesehen hatte, zeigte Lust einmal -auf ein paar Stunden nach Wiesbaden hinüber -zu fahren. Ernst natürlich schloß sich ihm an und da -der Abend schon dämmerte, beschlossen sie, die Nacht -dort zu bleiben und dann mit dem Frühzug, der Eine -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -wieder in das innere Land zurück zu kehren, der Andere -seine Reise nach Köln fortzusetzen.</p> - -<p>Das war ein reges Leben in dem Ort, denn Wiesbaden -kann wohl als das Paradies der Spielhöllen -betrachtet werden. Die Promenaden waren dicht -gedrängt voll geputzter Menschen und in den prachtvollen -Spielsalons preßte sich um die grünen Tische -Kopf an Kopf, so daß man nicht einmal in ihre Nähe -gelangen konnte.</p> - -<p>Allerdings standen dort auch eine Menge von Neugierigen -umher, die nur eben sehen wollten was gesetzt -wurde und wer es gewann. Die Meisten ließen sich -aber doch – hier und da durch einen augenblicklichen -Erfolg einzelner Spieler angelockt – verleiten, kleine -Summen da oder dorthin zu setzen und erst wenn die -erbarmungslosen Krücken der Croupiers das Geld, -das sie vielleicht Gott weiß wie nothwendig für sich -und ihre Familien gebraucht hätten, einstrichen, zogen -sie sich leise und beschämt zurück und suchten sich unter -die Menge zu verlieren. Aber Niemand achtete auf -sie; das waren ja doch nur Eintagsfliegen, Motten, die -um das Licht flatterten und sobald sie sich einmal die -Flügel leicht versengt, untauglich für weiteren Gebrauch -wurden.</p> - -<p>Die hartnäckigeren Spieler, Stammgäste, wie -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -man sie nennen könnte, hatten ihren Platz am Tische -selbst, auf weich gepolsterten Stühlen, mit kleinen -Täfelchen neben sich, auf denen sie die verschiedenen -Chancen des Spiels notirten und sich dabei so gleichgültig -als irgend möglich gegen Gewinn oder Verlust -zu zeigen suchten.</p> - -<p>Die beiden jungen Leute verstanden das Spiel -gar nicht, und sie dachten noch weniger daran, »ihr -Glück« zu versuchen, wie man das gewöhnlich nennt, -wie es aber besser heißen sollte »ihr Geld dem grünen -Tisch zu opfern.« Nur beobachten wollten sie, und -dazu bekamen sie vortreffliche Gelegenheit in den verschiedenen -Physiognomien der bei dem Spiel interessirten -Menschen.</p> - -<p>Wie sie noch so langsam, bald hier, bald dort umherschlenderten -und sich leise ihre Bemerkungen mittheilten, -fiel plötzlich in einem der anderen Säle ein -Schuß, und was nicht unmittelbar an dem nächsten -Tisch interessirt war, zog sich augenblicklich davon -zurück, um zu sehen, was vorgegangen sei. Es kommt -ja allerdings gar nicht so selten vor, daß ein armer -Commis, der Geld für seinen Principal eincassirt, -und hier in wenigen Stunden – vielleicht Minuten, -Alles verloren hat, mit einer Kugel oder auf sonstiger -Weise seinem Leben ein Ende macht. Aber es geschieht -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -doch nicht oft, daß er einen solchen verzweifelten -Entschluß gleich an Ort und Stelle ausführt, und ist -sicher für die Bankhalter immer ein sehr unangenehmer -Fall, da nachher zu viel darüber gesprochen -und geschrieben wird.</p> - -<p>Um so mehr wollten die Meisten aber auch -Zeugen einer solchen Scene sein, und nur die wirklichen -und leidenschaftlichen Spieler berührte es nicht. -Was war es auch – ein werthloses Menschenleben, -was hier eben, inmitten von Pracht und Haufen -Goldes, geendet hatte – ein ekelhafter, unangenehmer -Leichnam, den die Aufwärter nun so rasch als möglich -entfernen, und das Blut vom Parket wegwaschen -mußten. In zehn Minuten konnte das Alles beseitigt -sein und es dauerte wirklich kaum so lange.</p> - -<p>Die beiden jungen Freunde zogen sich ebenfalls -und unwillkürlich jener Stelle zu, wo wieder einmal -dieser »Fluch des Rheins«, das höllische Spiel, ein -Opfer gefordert hatte. Aber es war nicht möglich -rasch dahin zu gelangen, denn durch die von den -Tischen plötzlich zurückpressenden Leute wurde der -Raum für kurze Zeit vollkommen angefüllt. Langsam -rückten sie aber trotzdem am Tische hin und wollten -eben links abbiegen um eine freiere Stelle zu gewinnen, -als Frank plötzlich seinen Arm fast krampfhaft festgehalten -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -fühlte, und als er sich erstaunt nach der Seite -umdrehte, sah er des Freundes Augen, dessen Antlitz -aschenbleich geworden war, an einem Punkt des noch -immer besetzten Tisches haften.</p> - -<p>Da er gar nicht wußte, was er aus dem Benehmen -Trautenau's machen sollte, folgte er seinem Blick, -konnte aber nicht das geringste Auffällige entdecken. -An dem Tische saßen die gewöhnlichen Gestalten, -Herren und »Damen« – wenigstens elegant angezogene -Frauenzimmer, sehr decolletirt und in oft höchst -unnöthigem Putz für diese Gesellschaft, dabei meist -ältliche Herren mit verlebten, aber leidenschaftlich -erregten Gesichtern, mit aufgestellten Rollen von Gold -und Silber vor sich, von denen sie dann und wann -kleine Haufen, ohne sie zu zählen und nur nach dem -Gefühl herunternahmen und auf irgend einen Punkt -setzten, oder auch gewonnene Summen wieder sorgfältig -neben die anderen häuften. Diese Leute hatte der -Schuß im anderen Zimmer auch nicht gestört; was -kümmerte sie irgend ein fremder, alberner Mensch, -der nicht einmal Tact genug besaß, sein unbedeutendes -Leben außerhalb der Spielsäle abzuschütteln. Es -wäre nicht der Mühe werth gewesen, auch nur den -Kopf nach ihm umzudrehen, viel weniger das »<i>jeu</i>« -seinethalben zu vernachlässigen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -»Aber was hast Du nur?« flüsterte Frank jetzt -dem Freund zu, »Du drückst mir ja blaue Flecke in -den Arm.«</p> - -<p>»Kennst Du den Herrn, der dort unten an dem -Tisch sitzt, gleich hinter jener Dame, die den Kopf von -uns abdreht?«</p> - -<p>»Hinter jener Dame im weißen Kleid?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Nein, den kenne ich nicht – kann mich wenigstens -nicht auf das Gesicht besinnen.«</p> - -<p>»Und hast es in Deinem eigenen Arbeitszimmer -an der Wand?«</p> - -<p>»Der Major? Unsinn – Du träumst.«</p> - -<p>»Lehre mich das Gesicht kennen, das ich unzählige -Male gezeichnet habe – jeder Zug desselben steht mir -so fest im Gedächtniß, daß ich es mit geschlossenen -Augen mit Kohle an die Wand malen könnte. Er ist -es, beim ewigen Gott.«</p> - -<p>»Und jene Dame?«</p> - -<p>»Das kann nicht Clemence sein, es ist nicht möglich. -Sie würde sich doch nicht zwischen diese Gesellschaft an -den grünen Tisch setzen. Nein, sie scheint zu dem -jungen Herrn zu gehören, der hinter ihrem Stuhl -steht und fortwährend mit ihr flüstert. Beide pointiren -wahrscheinlich zusammen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -»Du mußt Dich irren, Ernst.«</p> - -<p>»Glaube mir, eine Täuschung ist dieser Gestalt -gegenüber nicht möglich. Ich habe mir nicht den -Teufel an die Wand gemalt, daß ich ihn nicht wiedererkennen -sollte, wo auch immer. Findest Du ihn denn -noch nicht in den Zügen?«</p> - -<p>»Er hat allerdings Aehnlichkeit mit dem Major,« -sagte Frank, der ihn indessen aufmerksamer betrachtet -hatte. »Er trägt nur den Bart ganz anders als -früher und mehr in französischer Art; ich habe ihn -auch anfangs für einen Franzosen gehalten. Du -könntest wirklich Recht haben – doch was liegt daran. -Er ist wahrscheinlich mit anderem Gesindel von -Frankreich herüber gekommen und treibt sich hier eine -Zeitlang in den Bädern herum. Laß ihn und komm -– was interessirt uns der Mensch.«</p> - -<p>»Wenn ich nur wenigstens einmal das Profil der -Dame, die neben ihm sitzt, sehen könnte,« entgegnete -Ernst, der noch immer zögerte, dem Freund zu -folgen.</p> - -<p>»So laß uns an die andere Seite hinüber gehen.«</p> - -<p>»Ich möchte nicht von ihnen gesehen werden – -wenigstens jetzt noch nicht – nicht bis ich mich näher -überzeugt habe.«</p> - -<p>Das Publikum fing schon wieder an zu dem Tisch -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -zurückzukehren, so rasch hatte man da drüben, in dem -anderen Zimmer, den Leichnam wie die letzten Spuren -der fatalen Angelegenheit beseitigt. Das Spiel durfte -unter keiner Bedingung gestört werden. Kein Mensch -sprach mehr über den Selbstmord des Unglücklichen, -wie denn überhaupt eine laute Unterhaltung im -Heiligthum der grünen Tische gar nicht mehr geduldet -wurde. Alles verkehrte in Flüstern mit -einander.</p> - -<p>Dadurch gruppirten sich die Zuschauer wieder -fester um die eigentlichen Spieler, und Trautenau -wie Frank konnten auch, unter deren Schutz, etwas -näher an den entdeckten Major hinanrücken. Uebrigens -war kaum Gefahr da, daß er sie bemerken würde, -denn seine Augen wanderten für keinen Moment von -dem Tisch selbst und dem darauf stehenden Golde ab. -Was kümmert sich der Spieler um die Zuschauer.</p> - -<p>Frank verstand allerdings das Spiel gar nicht, -Trautenau dagegen hatte auf seinen verschiedenen -Reisen schon öfter Gelegenheit gehabt es zu beobachten -und zu verfolgen, und es konnte ihm bald nicht mehr -entgehen, daß der Major ziemlich hoch und zwar nach -einem bestimmten Plan spiele, während die Dame an -seiner Seite, die aber noch immer den Kopf abgedreht -hielt, bald da, bald dort pointirte und den hinter ihr -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -stehenden jungen Mann dabei oft um Rath frug. Die -Gestalt konnte aber nicht die Clemences sein. Sie -schien allerdings von hoher, stattlicher Figur, kam -Ernst aber weit stärker vor, als Clemence gewesen – -auch die Contur der Wangen war voller als er sie -gekannt. Nur das Haar glich dem ihrigen vollkommen -und man hätte kaum glauben sollen, daß zwei -Personen eine so ähnliche und wahrhaft prachtvolle -Lockenfülle haben könnten. Aber sie war es trotzdem -nicht; es ließ sich ja auch nicht denken, daß Clemence, -das stolze, schöne Mädchen, so weit gesunken sein könne, -um hier am grünen Tisch –</p> - -<p>In dem Moment drehte sie den Kopf zur Seite -– der bis jetzt hinter ihr stehende junge Herr hatte -sie einen Augenblick verlassen, um zu einem anderen -Spieler hinüber zu treten. Sie schien ihn zu suchen -und ihr Blick streifte selbst Trautenau's Gestalt – -wenn auch vollkommen gleichgültig, denn er trug nicht -die bestimmten Formen, denen sie folgte.</p> - -<p>»Beim ewigen Gott, sie ist es,« stöhnte da Ernst, -indem er scheu und erschrocken einen Schritt zurücktrat -– »Clemence!«</p> - -<p>»Wahrhaftig? das ist allerdings merkwürdig,« -sagte Frank, »und hier der Tisch wäre der letzte, hinter -dem ich sie gesucht hätte. Sie scheint aber stärker -<a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -geworden zu sein. Ah, da tritt auch ihr Courmacher -wieder hinter ihren Stuhl. – Komm Ernst; ich -glaube, wir haben genug gesehen, um nicht nach Weiterem -zu verlangen. Die Dame scheint sich in ihrem -neuem Beruf außerordentlich wohl zu fühlen.«</p> - -<p>Trautenau erwiederte kein Wort; es schnürte ihm -das Herz zusammen, der Athem wurde ihm schwer, -und er drängte selber jetzt hinaus in's Freie, weil er -den Anblick nicht länger ertragen konnte.</p> - -<p>Das Interesse für die früher Geliebte war aber -doch zu frisch und gewaltig geweckt worden, um es so -rasch wieder abschütteln zu können, und da selbst Frank -neugierig geworden war, zu erfahren, unter welchen -Verhältnissen sich die beiden Gatten hier aufhielten, -so ließen sie sich, in ihrem Hôtel angelangt, vor allen -Dingen die Kurliste geben, um dort die Namen aufzusuchen -und dadurch ihren Wohnort herauszubekommen.</p> - -<p>Es dauerte allerdings einige Zeit, bis sie das -alphabetisch geordnete und etwas voluminöse Actenstück -durchstudirt hatten, aber den Namen Reuhenfels -fanden sie nirgends angegeben – nicht in der alphabetischen -Ordnung, nicht unter den einzelnen Hôtels. -War er etwa hier in Wiesbaden ansässig? dann kam -er allerdings nicht in die Kurliste. Aber auch im -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Adreßbuch stand er nicht. Da fiel, als Trautenau -noch einmal die Kurliste aufschlug, sein Auge zufällig -auf den Namen »Zu Berg« – Reuhenfels hatte ja -– soviel erinnerte er sich, den Namen »zu Berg« bei -dem eigenen. – Das mußte er jedenfalls sein und als -Wohnung des »Baron und Gemahlin nebst Bedienung« -war Hôtel Kompelt angegeben.</p> - -<p>Also er reiste, wenn auch nicht unter falschem, -doch jedenfalls verstellten Namen, und das schien erklärlich, -denn er mochte Ursache haben, sich der Vergangenheit -zu schämen. Auch der verschnittene Bart -sprach dafür, der ihn allerdings so entstellte, daß ihn -selbst Frank niemals unter demselben aufgefunden -hätte.</p> - -<p>Die beiden jungen Leute waren aber doch neugierig -geworden, etwas mehr von den alten Bekannten -zu hören. Besonders Frank, der recht gut wußte, daß -man sich dafür in M– außerordentlich interessiren -würde – und beschlossen deßhalb jedenfalls noch bis -zum nächsten Mittag in Wiesbaden zu bleiben und -Nachforschungen anzustellen, denn heute Abend war es -dazu allerdings zu spät geworden.</p> - -<p>Ernst aber konnte Clemences Bild, wie er sie an -dem Spieltisch gesehen, nicht wieder aus dem Gedächtniß -bringen. Wie hatten sie die wenigen Jahre verändert -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -– wie gänzlich umgestaltet. Vermögenlos -konnte sie allerdings nicht sein, denn sie prangte noch -immer im höchsten Staat – aber wohin war der -gute, liebe Ausdruck in ihren Zügen gekommen? wohin -jene schüchterne Jungfräulichkeit, die er sonst darin -zu finden geglaubt. Sie war wohl noch schön – -oh so wunderbar schön wie je; aber mochte die Umgebung -dabei die Schuld tragen, genug ihm machte es -den Eindruck, als ob sie jene holde Weiblichkeit verloren -habe, die gerade so bezaubernd auf das Männerherz -wirkt und es fesselt. Auch ihr Blick, wenn sie ihn -im Saal umherwarf, schien weit mehr keck und herausfordernd -gewesen zu sein als er es gewünscht, und an -dem Spieltisch sich wie zu Hause zu fühlen. Ja, er -erinnerte sich jetzt sogar, daß sie eine kleine Geldkrücke -in der Hand geführt und ein Blatt zum Controliren -des Spiels neben sich gehabt, – ganz wie es alte -Spieler gewöhnlich thun. Sie konnte doch nicht in -den wenigen Jahren schon so tief gesunken sein.</p> - -<p>Wie ihn die Gedanken quälten – und er grübelte -und sorgte sich darüber, bis endlich die Müdigkeit seine -Augen schloß.</p> - -<p>Am andern Morgen war Ernst früh auf. In -einem Badeort giebt es überhaupt wenig Langschläfer, -denn schon die Kur erfordert viel Bewegung und die -<a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Damen wissen, daß sie in ihrem einfachen Morgenanzug -oft ebenso hübsch, gewöhnlich aber in Wirklichkeit -noch viel hübscher aussehen, als Nachmittags in allem -Glanz einer Gesellschaftstoilette. Vor dem Kurhaus -um den blitzenden Teich herum, in dem die Fontainen -sprangen, ergingen sich denn auch schon eine Menge -Damen, die, ihr Glas in der Hand, gewissenhaft ihre -Promenade machten und dabei gar nicht so aussahen, -als ob sie irgend wie nöthig hätten, ihrer Gesundheit -wegen solch nichtswürdiges Wasser zu trinken. Aber -die Form mußte beobachtet werden. Wenn sie auch -nur ihres Vergnügens wegen, unter dem Vorwand -von Nervenleiden, hierhergekommen waren und das -eigentlich blos den Zweck hatte, eine reiche, dazu besonders -angefertigte Garderobe zur Schau zu tragen, -so durften sie sich doch der Kur nicht entziehen. Es -hätte sonst der schmerzliche Fall eintreten können, daß -ihnen der Gatte in der nächsten Saison die nothwendigen -Reisespesen vorenthielt, und der Gedanke schon -war furchtbar. Nein, da lieber Brunnen trinken.</p> - -<p>Frank war zu Hause geblieben, um ein paar nothwendige -Briefe zu schreiben, die, bei jetzt fest bestimmter -Abreise seine Rückkunft daheim anzeigen sollten. -Ernst dagegen machte vor allen Dingen einen Spaziergang -nach dem Kurhaus, um dort erst einmal zu -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -sehen, ob er Clemence nicht wieder begegnen könne. -Die Musik spielte eben den unvermeidlichen Choral, -um unmittelbar von demselben auf einen lustigen -Schottischen überzuspringen; aber er suchte unter den -dort auf und ab wandelnden Badegästen nach den -lieben, bekannten Zügen der jungen Frau vergebens. -Er konnte sie nirgends bemerken. Es gab allerdings -in Wiesbaden auch noch andere Stellen, wo Brunnen -getrunken, und zahllose, wo gebadet wurde, – möglicher -Weise, daß sie sich dort irgendwo befand, aber dort -hinaus konnte er sie in jeder Straße verfehlen, und er -beschloß deshalb, ohne Weiteres in das von der Kurliste -bezeichnete Hôtel zu gehen, um da womöglich -einiges Nähere über das Ehepaar zu erfahren.</p> - -<p>Clemence befand sich übrigens diesen Morgen -nicht in dem gewöhnlichen Gedräng der Kurgäste, -weder hier noch in einem anderen Theil der Stadt, -sondern schritt nicht weit von der Stelle, wo das -Grabmal der verstorbenen Herzogin steht, am Arm -eines jungen, sehr elegant gekleideten Herrn – desselben, -der gestern Abend hinter ihrem Stuhl am -Spieltisch gestanden, – langsam durch das Gehölz. -Beide schienen auch in ernster und eifriger Unterhaltung -begriffen, in welche sie aber doch nicht genug vertieft -waren, um nicht dann und wann wie scheu den -<a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Blick nach rechts und links zu werfen, als ob sie -fürchteten beobachtet zu werden.</p> - -<p>»Ich halte es beim Himmel nicht mehr aus, Armand,« -sagte da die junge Frau. – »Er wird mit -jedem Tage roher und unerträglicher – ein wahrer -Teufel. Ach, jener Maler hatte Recht, der ihn in der -Gestalt mit auf mein Bild brachte.«</p> - -<p>»Nur noch eine kurze Zeit, Clemence, um meinetwillen,« -bat da Armand. »Du weißt ja, daß ich -meine Schwester hier nicht verlassen kann, und in acht -Tagen spätestens, vielleicht schon früher, kommt ihr -Gatte zurück. Dann sinnen wir auf Mittel und -Wege, wie wir unsere Flucht bewerkstelligen.«</p> - -<p>»Dann ist es zu spät,« sagte Clemence düster, -»denn gestern Abend noch hat er mir erklärt, daß wir -in den nächsten Tagen Wiesbaden verlassen werden.«</p> - -<p>»Und wohin will er sich wenden?«</p> - -<p>»Er weiß es noch nicht, oder würde es mir auch -nie sagen, weil er unser Einverständniß ahnt, oder -doch wenigstens Verdacht geschöpft hat. Er scheint -auch nur von hier fortzugehen, um uns zu trennen.«</p> - -<p>»So bald schon,« rief Armand erschreckt aus – -»oh, ich kann Dich nicht verlieren, Clemence, ich würde -elend mein ganzes Leben werden.«</p> - -<p>»Aber, was läßt sich, was kann ich thun, um es -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -zu verhindern? Ach, Alles Dir zu Liebe, Armand, -sag' mir nur wie?«</p> - -<p>»Du kannst mir schreiben wohin Ihr Euch gewandt, -und ich folge Dir dann in wenigen Tagen -nach.«</p> - -<p>»Ich fürchte, ich fürchte,« stöhnte die arme Frau, -»daß er beabsichtigt, mich weit hinweg zu führen. -Irgend ein Vergehen muß ihn drücken – irgend etwas -muß in der letzten Zeit geschehen sein, wovon ich -keine Ahnung habe, denn verschiedene Anzeigen sprechen -dafür. Nicht umsonst trägt er seinen Bart jetzt so, -daß er ein ganz anderes Aussehen gewonnen hat. -Dann fährt er oft, mitten in der Nacht, von schweren -Träumen geschreckt, empor. Auch ein Revolver liegt -fortwährend über seinem Kopfkissen, geladen im Bett, -als ob er fürchte überfallen zu werden. Irgend etwas -ist jedenfalls geschehen und er hat auch seitdem nirgends -Ruhe mehr. Kaum sind wir acht Tage in einem -Ort, so treibt es ihn wieder hinweg und in der letzten -Zeit sprach er sogar manchmal von England und -Amerika. Wenn er mich dort hinüber führt, bleibt -mir ja Nichts übrig, als meinem elenden Leben in -den Wellen ein Ende zu machen.«</p> - -<p>»Clemence,« bat sie Armand.</p> - -<p>»Wahrlich Armand, ich thäte es,« rief die junge -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -leidenschaftliche Frau – »aber noch ist es nicht nöthig -– noch bleibt mir ein Ausweg, wenn ich mich fest -auf Dich verlassen kann.«</p> - -<p>»Und zweifelst Du daran, Clemence?«</p> - -<p>»Nein – dann bestimme mir nur einen Ort, wo -ich Dich erwarten kann und ich reise morgen früh -allein dahin ab. Ich gehe ja jeden Morgen, wie -Kuno glaubt, zum Brunnentrinken. Die Bahn führt -mich rasch fort von hier und dann –«</p> - -<p>»Aber auf wen anders fiele dann sein Verdacht, -als auf mich?« rief Armand, »und er würde mich -nicht mehr aus den Augen lassen. Wie kannst Du -auch allein reisen – es geht nicht.«</p> - -<p>»Glaubst Du, daß ich mich fürchte?«</p> - -<p>»Nein, aber die Spur einer einzelnen Dame, die -überall auffällt, ist leicht verfolgt und wie gesagt, er -hat hier so viele Späher, daß er mich augenblicklich -würde beobachten lassen, und folgte ich Dir dann, so -wäre unsere Flucht verrathen. Hast Du denn Niemanden -hier, den Du genauer kennst – dem Du Dich -anvertrauen könntest, um Reuhenfels wenigstens auf -eine falsche Spur zu bringen? – Wir müssen sicher -gehen oder Alles ist verloren!«</p> - -<p>»Ich habe Niemanden,« sagte Clemence eintönig, -»Niemanden, als jene frechen Spielgenossen Kuno's, -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -die wohl zu einem Abenteuer geneigt wären, aber niemals -einer armen unglücklichen Frau Schutz verleihen -würden. Du kennst sie ja selber.«</p> - -<p>»So will ich sehen, daß ich Jemanden finde,« sagte -Armand nach einer kurzen Pause – »es muß sein – -es muß, denn ich selber ertrüge dieses Leben nicht, -wenn ich Dich in der Gewalt jenes Elenden länger -wissen sollte.«</p> - -<p>»Aber die Zeit drängt – denke Dir Armand, daß -es vielleicht schon morgen zu spät ist.«</p> - -<p>»Wo kann ich Dich heute Abend noch einen Augenblick -sprechen?«</p> - -<p>»An der zweiten Urne, wo wir uns im vorigen -Jahr zum ersten Mal trafen,« sagte Clemence nach -kurzem Bedenken – »wenn Kuno heute Abend in das -Kurhaus geht, werde ich unter irgend einem Vorwand -zurückbleiben. Es wird ihm nicht auffallen, denn ich -habe es schon öfters gethan, weil mir der zu lange -Aufenthalt unter den Gasflammen häufig Kopfschmerzen -macht. Ich folge ihm dann gewöhnlich um acht -Uhr – Du aber darfst im Saale nicht fehlen – -halb acht Uhr nur suche einen Augenblick abzukommen; -pünktlich zu der Zeit bin ich an der Urne, und werde -auch heute Abend noch Alles packen, um jeden Augenblick -bereit zu sein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -»Ich danke es Dir mein ganzes Leben, Clemence,« -sagte Armand herzlich – »doch noch eine Frage. Hast -Du lange Nichts von Deinem Vater gehört? Zu ihm -müssen wir, damit er das Band, das Dich an den -rohen Burschen knüpft, wieder löse. Du sagtest mir -ja selber, daß er mit Reuhenfels gebrochen habe.«</p> - -<p>»Ja, sie haben sich, so eng sie früher auch befreundet -schienen, veruneinigt. Was da vorgefallen ist, -weiß ich nicht, aber harte Worte fielen zwischen Beiden, -und ich durfte, als wir fortreisten, nicht einmal -von dem Vater Abschied nehmen. Neuerdings schien -sich wieder ein Verständniß anzubahnen. Wir waren -bei ihm in Paris und Reuhenfels verkehrte viel geheim -mit ihm, bis mein Vater eines Tages, ohne mir -selber vorher ein Wort davon zu sagen, eine Reise machte. -Er sandte mir nur durch Reuhenfels Botschaft, daß er -vielleicht acht oder vierzehn Tage könne ferngehalten werden, -und da mein Mann nicht so lange warten wollte, -fuhren wir an den Rhein in die Bäder – zuerst nach -Ems, dann nach Baden-Baden, jetzt hierher.«</p> - -<p>»Aber Dein Vater ist jetzt doch jedenfalls wieder -in Paris?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht – ich habe seit der Zeit keine -Nachricht bekommen, obgleich ich selber dreimal an -ihn schrieb. Wir wechselten aber den Aufenthaltsort -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -zu rasch, und ein Brief kann recht gut verloren gegangen -sein. Ha! dort kommen Leute – verlaß mich -jetzt Armand, wir dürfen nicht zusammen gesehen -werden.«</p> - -<p>»Also heute Abend halb acht Uhr.«</p> - -<p>»An der zweiten Urne – oh, wenn der morgende -Tag nur erst vorüber wäre,« seufzte sie.</p> - -<p>Armand hatte sie an sich gezogen und drückte einen -Kuß auf ihre bleiche Wange, aber sie entwand sich ihm -rasch und eilte den Pfad entlang, während Armand in -die nächsten Büsche glitt, und von dort ab einen andern -Weg erreichte, auf dem er allein in die Stadt zurückkehren -konnte.</p> - -<p>In derselben Zeit, oder etwas später, suchte Trautenau -das Hôtel Kompelt auf. Er konnte ja dort eine -Tasse Caffee trinken und die Zeitung lesen, dabei gab -es dann vielleicht eine Gelegenheit, um mit einem der -Kellner ein Gespräch anzuknüpfen. Waren doch die -untern Räume des Hôtels um diese Tageszeit fast -immer menschenleer.</p> - -<p>Der Oberkellner, der am Fenster stand und mit -Nichts in Gottes Welt zu thun, hinaus auf die -Straße sah, ging auch willig auf eine Unterhaltung -mit dem einzelnen Gast ein. Irgend etwas, um die -Zeit todt zu schlagen, schien ihm selber erwünscht. -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Trautenau steuerte indessen nicht direct auf sein Ziel -los, sondern erkundigte sich erst nach der Saison im -Allgemeinen, frug dann ob das Hôtel voll besetzt wäre, -und blätterte in der Kurliste die Namen der dafür -verzeichneten Gäste auf.</p> - -<p>»Ah, zu Berg,« sagte er plötzlich – »die Familie -ist mir bekannt, ich möchte wohl wissen, welcher -Zweig derselben es ist. Können Sie mir darüber -Auskunft geben, Herr Oberkellner?«</p> - -<p>»Ein Herr und eine Dame« sagte dieser, »mit -Kammerfrau – einer ganz allerliebsten kleinen Französin -– zum Anbeißen sage ich Ihnen.«</p> - -<p>»Noch jung?«</p> - -<p>»Kaum achtzehn Jahr höchstens.«</p> - -<p>»Nein, ich meine das Ehepaar.«</p> - -<p>»Ach so, ich dachte, Sie frügen nach der Kammerfrau. -Nun der Herr mag etwa in den vierzigern sein. -Die Dame – auch eine sehr schöne, vornehm aussehende -Frau, kann höchstens zweiundzwanzig sein. – -Aber eine unglückliche Ehe.«</p> - -<p>»Wirklich?«</p> - -<p>»Ewig Streit und Skandal, wenn sie zu Hause -sind. Der Herr Gemahl scheint etwas eifersüchtiger -Natur, und hat auch vielleicht Ursache. Lieber Gott, -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -in Badeorten fällt ja so Manches vor, und man darf -sich eigentlich gar nicht darum bekümmern.«</p> - -<p>Der Kellner wurde abgerufen und Trautenau -blieb in tiefes Nachdenken versenkt, allein zurück. Still -nickte er dabei vor sich hin mit dem Kopf – waren -ihm doch nur eben seine schlimmsten Befürchtungen -bestätigt worden – Arme Clemence! Wie Recht hatte -er gehabt, als er sie vor dem Menschen warnte, aber -sie wollte ja nicht hören, und jetzt war sie vielleicht -unglücklich für ihr ganzes Leben lang. Aber was -konnte er dabei thun? Ihm stand kein Recht zu, sich in -die Familienangelegenheiten ihm völlig fremder -Menschen zu mischen. Daß er sie geliebt – daß er -sie noch liebte? wie kam das in Betracht. Er stand -auf – was sollte er auch länger hier in Wiesbaden, -wo ihn nur der Schmerz, die Theilnahme um die -Verlorene jede Stunde verbittert hätte. Er wollte -noch an dem Mittag fort. Es war das Beste was er -thun konnte.</p> - -<p>Mit diesem Entschluß nahm er seinen Hut, und -trat in die Thür, als er heftige Stimmen auf dem -Vorsaal hörte. Es war ein Herr und eine Dame, -die sich auf eine sehr lebhafte Art in französischer -Sprache mit einander unterhielten, und er verstand eben -nur noch die letzten Worte der Dame, die deutlich sagte:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -»Du bist wie ein Thier, und ich schwöre es Dir -zu, daß ich von diesem Augenblick an –« Sie schwieg -plötzlich, denn sie gewahrte den Fremden. – Es war -Clemence und zwar mit zornesbleichem Gesicht, das -aber rasch Farbe bekam, als ihr Blick auf den, im -Moment erkannten jungen Maler fiel.</p> - -<p>Ernst konnte nicht gut umkehren, und obgleich er -es lieber vermieden hätte, Clemence zu begegnen, blieb -ihm doch jetzt keine andere Wahl, als eben gerade aus, -und an den beiden Gatten vorüber zu gehen. Er -mußte sogar grüßen, denn der jungen Frau Blick -haftete starr, ja fast wie ersteckt auf ihm. Er zog den -Hut. Auch der Major schien ihn wieder erkannt zu -haben, wenn er sich auch vielleicht nicht gleich genau -auf ihn besinnen mochte. Nur unwillkürlich griff er -ebenfalls nach seinem Hut, sah sich noch einmal nach -ihm um und sprang dann rasch die Stufen der Treppe -hinauf, der Dame voran.</p> - -<p>Clemence folgte ihm, aber auch sie warf noch -einmal den Blick nach ihm zurück. Sie stieg auch die -Stufen langsam hinauf und Trautenau sah, daß sie -dabei den einen Handschuh auszog. Jetzt blieb sie -stehen und wieder drehte sie den Kopf, und als sie -fand, daß Trautenau's Blick noch immer, wie gebannt, -an ihr haftete, bemerkte der junge Maler, daß etwas -<a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Weißes, an ihrem Kleid nieder, auf die Stufen fiel, -wo es liegen blieb. Aber sie bückte sich nicht danach, -und folgte jetzt, rascher als vorher dem Gatten.</p> - -<p>Was war das? – ein Zeichen für ihn? Trautenau -konnte es sich nicht erklären, denn schien es -denkbar, daß Clemence Joulard ihm ein solches hinterlassen -würde? Aber er wußte wenigstens daß dort -etwas liegen geblieben war. Vielleicht hatte sie -irgend etwas nur zufällig verloren, und er konnte es -ihr dann durch den Kellner hinauf schicken.</p> - -<p>Der Major wie Clemence waren schon oben im -Gang verschwunden, und mit wenigen Sätzen sprang -Ernst die Stufen hinauf und fand dort einen weißen, -noch warmen Handschuh – mit einer Visitenkarte -darin, auf welcher, in kaum lesbar feiner Schrift der -Name Clemence zu Berg <i>née</i> de Joulard stand. Aber -sonderbar – die Karte war oben am Rand sechsmal -eingerissen.</p> - -<p>Unten trat der Kellner in die Thür, Ernst barg -seine Beute rasch in der Hand und wollte das Hôtel -verlassen, denn zuerst mußte er mit Frank sprechen, -wie er hier zu handeln habe, das Alles war so rasch -gekommen, daß er kaum einen Gedanken fassen konnte.</p> - -<p>»Das waren sie,« flüsterte der Kellner, als er an -ihm vorüberschritt, indem er mit dem Daumen über -<a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -seine Schulter zeigte. »Famose Person, heh?« Damit -blinzelte er den jungen Fremden verschmitzt an, drückte -sich seine Serviette unter den Arm und verschwand -damit in der Küche.</p> - -<p>Ernst schritt rasch der eigenen Wohnung zu, aber -er begegnete dem Freund schon unterwegs, der eben -seine Briefe zur Post gegeben hatte. Er nahm auch -ohne Weiteres seinen Arm, und erzählte ihm, während -er mit ihm die Straße hinabschritt, das Begebniß der -letzten Stunde sowohl, wie das, was er von dem -Kellner über die beiden Gatten gehört.</p> - -<p>»Hm, zeig' mir einmal die Karte. Clemence de -Joulard – eine kleine Eitelkeit – und sechs Risse -darin.«</p> - -<p>»Sie können zufällig hinein gekommen sein.«</p> - -<p>»Sie können, ja – aber ich glaube es nicht. Frau -von Reuhenfels sieht mir nicht so aus, als ob sie etwas -zufällig thut.«</p> - -<p>»Aber was können sie bedeuten?«</p> - -<p>»Wenn irgend etwas, natürlich nur eine Zahl – -also sechs, und das kann wieder nur sechs Uhr sein. -Sie wünscht ein Rendezvous mit Dir.«</p> - -<p>»Das ist nicht denkbar.«</p> - -<p>»Bah, was ist bei einer jungen, intriguanten Frau -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -nicht denkbar, noch dazu wenn sie einen Tyrannen zum -Gemahl hat.«</p> - -<p>»Die wenigen Jahre können sie nicht so verdorben -haben, oder ihr Mann müßte mehr als ein Teufel sein.«</p> - -<p>»Erstlich hast Du sie früher gar nicht so genau -gekannt, und nur <i>par distance</i> angebetet, und dann -weiß man auch in der That nicht, was Alles in der -Zeit kann vorgefallen sein.«</p> - -<p>»Vielleicht verlangt sie in irgend etwas meine -Hülfe.«</p> - -<p>»Höre Ernst, wenn Du meinem Rath folgst, so -gehst Du der Dame entschieden aus dem Weg. Wir -wissen jetzt, was wir von dem Paare wissen wollten, -und wahrscheinlich auch Alles, was wir überhaupt -erfahren werden. Hat sie Streitigkeit, oder lebt sie in -Unfrieden mit ihrem Gatten, so kann und darf sich da -natürlich kein Fremder hineinmischen – ich wenigstens -möchte dafür danken. Und dann, was könntest Du ihr -auch helfen? Also folge mir, alter Freund. Heute -Nachmittag halb drei oder drei Uhr – ich weiß es -nicht genau, gehen fast zu gleicher Zeit die beiden entgegengesetzten -Züge nach Frankfurt und nach Köln ab. -Ich werde jedenfalls den einen benutzen, setze Du Dich -in den anderen, und laß die gnädige Frau nur ruhig -allein ausessen, was sie sich dazumal eingebrockt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -»Meine arme Clemence.«</p> - -<p>»Werde nicht langweilig oder gar sentimental,« -sagte Frank, »denn Du hast gar keine Ahnung davon, -in welche höchst unangenehmen Verwickelungen Dich -ein solcher Wahnsinn bringen könnte.«</p> - -<p>»Und Du willst wirklich heute Mittag fort?«</p> - -<p>»Ich muß jetzt. Ich habe meine Ankunft in M– -fest auf übermorgen angezeigt und reichlich noch einen -halben Tag, vielleicht sogar mehr, in Frankfurt zu thun. -Ich kann nicht länger bleiben.«</p> - -<p>Ernst schritt eine ganze Weile in tiefem Nachdenken -neben dem Freund her. Er war unschlüssig, was er -thun, wie er handeln solle. Seine Vernunft sagte ihm -wohl, daß Frank vollkommen Recht habe, aber sein -Herz drängte ihn doch immer wieder, der zu dienen, -die lange Jahre hindurch nicht allein sein Ideal von -Schönheit, sondern auch aller weiblichen Tugenden -gewesen war. Er konnte sich den Glauben an sie -wenigstens nicht so rasch erschüttern lassen.</p> - -<p>»Und gehst Du heute mit dem Mittagszug nach -Köln?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht,« erwiederte Ernst zerstreut. -»Ich weiß es wahrhaftig noch nicht, Frank.«</p> - -<p>»Du irrst Dich, wenn Du glaubst, der Dame -durch Dein Bleiben einen Gefallen zu erzeigen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -»Ich werde ihr wahrscheinlich gar nicht wieder -begegnen. Nur aus der Ferne möchte ich sie noch -einen Tag beobachten. Ihr Benehmen dann soll -nachher maßgebend für mich sein.«</p> - -<p>»Ich will Dir etwas sagen, mein Junge,« bemerkte -da Frank, »es ist ein ganz altes, ehrwürdiges Sprüchwort: -Wer nicht hören will muß fühlen, und Du -scheinst mir auf dem besten Weg dazu. Komm,« setzte -er herzlich hinzu, »mach' den kleinen Umweg über -Frankfurt und gehe mit mir. Ich gebe Dir mein -Wort, ich lasse Dich hier nur mit recht schwerem Herzen -zurück, und wollte zu Gott, wir hätten dies verdammte -Wiesbaden im Leben nicht gesehen.«</p> - -<p>»Ich bin ja doch kein Kind, Frank, daß ich tolle -Streiche machen würde. Du darfst mir mehr zutrauen.« -Frank seufzte, aber es ließ sich eben an der -Sache nichts mehr ändern, Ernst mußte in der That -wissen, was er selber zu thun hatte, und Beide schritten -jetzt zu ihrer Wohnung zurück, um wenigstens die -letzten Stunden noch zusammen zu verbringen. Frank -redete dem Freund allerdings selbst noch auf dem -kurzen Weg nach dem Bahnhof ernstlich zu, wenigstens -das Haus des Herrn von Reuhenfels zu vermeiden -und sich auf neutralem Boden zu halten. Ernst -war aber recht einsylbig geworden, denn die bezeichnete -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -Visitenkarte ging ihm im Kopf herum. Wenn Clemence -nun wirklich nach ihm verlangte? – Wohl mußte er -sich dabei sagen, daß er ihr gar Nichts helfen oder -nützen könne – er wollte ja auch nur Gewißheit darüber -haben, daß sie sich nicht unglücklich fühle – daß -seine Befürchtungen ungegründet seien, und dann -wieder kam das Bild der Frau dazwischen, wie er sie -gestern Abend am Spieltisch gesehen, und wenn er sie -dann dachte, wie er sie früher gekannt und geliebt -hatte! Am Ende war es das Beste, er folgte Frank's -Rath. Hätte er nur seine Sachen bei sich gehabt, er -würde ihn selbst jetzt begleitet haben, aber dazu hatte -er keine Zeit mehr.</p> - -<p>»Hab' keine Angst um mich, Frank,« flüsterte er -ihm aber noch in das Coupé hinein, »ich werde gewiß -vernünftig handeln. Ich sehe ein, daß die jetzige Wirklichkeit -nicht mehr mit meinem Ideal zusammenpaßt, -ich werde mir eine noch bitterere Täuschung ersparen, -und die Dame nicht besuchen, sondern den Handschuh -einfach unten im Hotel abgeben.«</p> - -<p>»Und versprichst Du mir das wirklich?«</p> - -<p>»Hier hast Du meine Hand darauf.«</p> - -<p>»Jetzt bin ich zufrieden und dann thu' mir nur -noch die Liebe und mach' daß Du so rasch als möglich -nach Köln hinunter kommst.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Die Locomotive gab ihren schrillen Pfiff, der Zug -that den ersten Ruck – Ernst reichte dem Freund noch -einmal rasch seine Hand, dann zog sich die lange Kastenreihe -am Perron hin, immer rascher rollten die -Räder, und wenige Minuten später zeigte nur noch in -weiter Ferne eine dichte weiße Dampfwolke, welche -Richtung der davonbrausende Zug genommen.</p> - -<p>Ernst schritt langsam nach der Stadt zurück, aber -es litt ihn jetzt nicht zwischen den Häuserreihen. Er -wollte hinaus in's Grüne, um dort noch ein paar -Stunden zu verbringen. Diesen Abend spät ging noch -ein Zug nach Bieberich, den konnte er benutzen, dann -blieb er dort die Nacht im Rheinischen Hof, und fuhr -am nächsten Morgen mit dem ersten oder zweiten Boot -den schönen Strom hinab.</p> - -<p>Allerdings dachte er wohl daran, gleich im Vorbeigehen -den gefundenen Handschuh im Hotel abzugeben, -und nur die Karte zum Andenken zu behalten, -aber das hatte ja auch noch Zeit. Er mochte es sich -freilich selber nicht eingestehen, doch zögerte er damit -bis zur sechsten Stunde. Er war dabei fest entschlossen, -Clemence nicht aufzusuchen, er hatte es ja -auch dem Freunde versprochen, aber – er wollte doch -einmal sehen, ob die sechsmal eingerissene Karte -wirklich eine Bedeutung gehabt, oder nur durch einen -<a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -harmlosen – wenn freilich wunderlichen Zufall, ihm -in die Hand gespielt sei.</p> - -<p>Es mußte und konnte ja auch nur ein Zufall -gewesen sein. Je mehr er darüber nachdachte, desto -mehr fühlte er sich davon überzeugt. Ein Zeichen? -– Wie wäre die Frau nur im Stand gewesen so rasch -einen Entschluß zu fassen, oder gar gleich danach zu -handeln, denn das Ganze, von dem Augenblick an wo -sie ihn erkannte, bis zu dem Moment wo der Handschuh -auf die Treppe fiel, konnte kaum zwei Minuten Zeit in -Anspruch genommen haben. Nein, so durchtrieben war -Clemence nicht, und wäre er jetzt selber zu ihr gegangen, -um ihr den Handschuh zurückzubringen, sie würde -jedenfalls über ihn gelacht, oder sich auch vielleicht gar -beleidigt gefühlt haben, daß er sie, einer solchen -Kleinigkeit wegen, belästige; dem durfte er sich nicht -aussetzen. Hätte er Frank auch das Versprechen nicht -gegeben, war er doch jetzt fest entschlossen, die Rückgabe -des Handschuhs durch einen Kellner zu erledigen.</p> - -<p>Sonderbar nur, daß er sich auf dem ganzen Spaziergang -immer und ausschließlich mit Clemence -beschäftigte. Er passirte einige Punkte von denen man -eine reizende Aussicht über die Stadt und das Thal -hatte, aber er bemerkte sie gar nicht. Sein Auge -blieb allein auf den Weg geheftet, und fast, ohne sich -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -der Richtung die er nahm, klar bewußt zu sein, lenkte -er doch immer wieder in einem größeren Bogen zu -der Stadt zurück, um eben die sechste Stunde im -Hotel nicht zu versäumen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Achtes Kapitel.</span></span><br /> - -Das Wiedersehen.</h3> - - -<p>Er erreichte den Platz, an welchem das Hotel lag, -wirklich pünktlich. Die Uhren schlugen gerade an, als -er schräg über denselben hin, dem Hause zuschritt. Er -beobachtete auch genau dabei die Fenster, ob er vielleicht -irgend eine weibliche Gestalt an einem derselben -entdecken könne – aber vergebens. Es zeigte sich -Niemand und nur in der ersten Etage waren in einer -Stube die Gardinen herunter gelassen, so daß er von -unten natürlich nicht bemerken konnte, ob irgend -Jemand dahinter stand. Doch was kümmerte das -auch ihn – Frank hatte sein Wort, und er wollte nicht -einmal im Hause nachfragen, in welcher Etage die -Herrschaft wohne, um den gefundenen Handschuh abzugeben, -– weiter Nichts, und das war ja in wenigen -Secunden geschehen. Dann ginge er nach Hause, -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -packte seinen Koffer und verließ Wiesbaden auf Nimmerwiedersehen.</p> - -<p>Wie er das Hôtel betrat, kam ein junges Mädchen -die Treppe herunter, das in großer Eile zu sein schien. -Ernst beachtete sie aber nicht. Er trug den leichten -Handschuh zwischen den Fingern und wollte sich eben -damit rechts gegen den Speisesaal wenden, als ihm -das Mädchen den Weg dorthin abschnitt, oder vielmehr -direct auf ihn zukam und freundlich mit etwas fremdartigem -Dialect sagte:</p> - -<p>»Haben Sie vielleicht den Handschuh, den Sie da -tragen, hier im Haus gefunden, mein Herr?«</p> - -<p>»Allerdings, mein Fräulein,« erwiederte Ernst, »ich -war auch eben im Begriff ihn wieder abzuliefern. -Kennen Sie ihn?«</p> - -<p>»Ja gewiß,« antwortete das junge Mädchen, das -ihn nahm und betrachtete, »er gehört meiner gnädigen -Frau.«</p> - -<p>»Dann bitte empfehlen Sie mich der Dame, und -sagen Sie ihr, daß ich mich –«</p> - -<p>»Aber wollen Sie ihn nicht selber hinauftragen? -No. 5. in der ersten Etage. Sie brauchen nur anzuklopfen.«</p> - -<p>»Ich darf nicht wagen die Dame, einer solchen -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -Kleinigkeit wegen zu stören,« meinte Ernst und wollte -sich abwenden.</p> - -<p>»Aber sie hat mich ja selber heruntergeschickt,« -erwiderte fast ärgerlich die junge und wie es schien -ziemlich gewandte Person. »Wenn ich Ihnen sage, -daß sie sich freuen wird Sie zu sehen, so können Sie -doch getrost hinauf gehen. Sie sind ein echter Deutscher, -Monsieur. Einer von meinen Landsleuten wäre -schon lange die Treppe hinauf.«</p> - -<p>Ernst war blutroth geworden, denn jetzt blieb -ja kein Zweifel mehr, daß die Einrisse in der Karte -ein absichtliches Zeichen gewesen. Aber konnte er eine -directe Einladung ausschlagen? Er hatte Frank freilich -sein Wort gegeben, Clemence nicht wieder aufzusuchen, -aber that er denn das jetzt? nein, die Dame -selber ließ ihn durch ihr Kammermädchen bitten, den -Handschuh zu ihr hinauf zu bringen, und es wäre ungezogen -gewesen, dem nicht Folge zu leisten. –</p> - -<p>»No. 5?« fragte er.</p> - -<p>»Ja! gleich links im Gang über der ersten Treppe -– die dritte Thür. Sie können gar nicht fehlen.«</p> - -<p>Er war mit wenigen Sätzen hinauf, und vor dem -bezeichneten Zimmer. – Wie ihm das Herz schlug. -Kaum aber hatte er angeklopft, als auch schon ein -nicht lautes, aber deutliches »Herein« ertönte, und -<a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -wie er die Thür öffnete, stand Clemence mitten im -Zimmer, und streckte ihm zum Gruß die Hand entgegen.</p> - -<p>»Das ist sehr lieb von Ihnen,« sagte sie freundlich, -»daß Sie alte Freunde nicht vergessen haben.«</p> - -<p>»Gnädige Frau,« stammelte Ernst verlegen, denn -er wußte sich die Anrede nicht zu erklären, da er im -Joulard'schen Hause wenigstens nie wie ein Freund, -sondern immer nur wie ein fremder Künstler behandelt -worden. Er nahm aber die dargereichte Hand, -zog sie ehrfurchtsvoll an die Lippen und sagte dann -befangen: »vor allen Dingen erlauben Sie mir Ihnen -Ihr Eigenthum zurückzuerstatten, das ich heute Morgen -hier im Haus zufällig fand. Ich hätte auch nicht -gewagt selber –«</p> - -<p>Clemence winkte ihm mit der Hand.</p> - -<p>»Herr Trautenau,« sagte sie ernst, aber mit tiefem -Gefühl – »lassen Sie alle Entschuldigungen; uns -bleibt keine Zeit dazu, denn selbst die Minuten sind -mir zugemessen. Nur mit zwei Worten will und muß -ich auf eine frühere – glückliche Zeit zurückkommen -– ich war Ihnen früher nicht gleichgültig.«</p> - -<p>»Clemence!« rief Trautenau bewegt.</p> - -<p>»Sagen Sie Nichts darüber,« wehrte Clemence -ab – »ich fühlte es, aber es war zu spät und mein -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -Schicksal schon besiegelt. Ich mußte Sie streng in die -Grenzen kalter Gleichgültigkeit zurückweisen – mich -selber darin halten. Aber ich habe es Ihnen nicht -vergessen, daß Sie damals der einzige Freund waren, -der es wagte mich zu warnen, – wenn ich auch der -Warnung nicht mehr folgen konnte.«</p> - -<p>»Ach wären Sie ihr gefolgt,« seufzte Trautenau.</p> - -<p>»Wär' ich –« flüsterte leise Clemence, »doch jetzt -ist es zu spät,« fuhr sie lebendiger fort, – »zu spät -wenigstens, um das Geschehene wieder gut zu machen, -wenn auch nicht zu spät um weiterem Unheil – um -dem Schlimmsten vorzubeugen, und Sie sind der einzige -Freund, den ich hier habe. Wollen Sie mir -helfen?«</p> - -<p>»Oh wenn es in meinen Kräften steht, wie gern,« -rief der junge Mann, der in dem Augenblick Frank's -sämmtliche Warnungen und Ermahnungen vergessen -hatte. »Sagen Sie mir nur wie – was ich thun -soll.«</p> - -<p>»Reuhenfels, mein Gemahl, der mich wie eine -Sclavin behandelt,« fuhr Clemence fort, »hat die Absicht -mich nach England und von da nach Amerika zu -schleppen. Dort wäre ich ganz verloren und in seinen -Händen, denn ich habe da keinen Freund mehr, der -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -mich selbst vor seinen rohen Mißhandlungen schützen -könnte.«</p> - -<p>»Aber er wagt es doch nicht?« rief Ernst entsetzt.</p> - -<p>»Er hat es gewagt,« sagte Clemence düster, »und -nur eine Rettung giebt es für mich – Flucht!«</p> - -<p>»Aber wohin? – zu wem?« rief Trautenau erschreckt, -denn in dem Augenblick wäre er in der größten -Verlegenheit gewesen, wenn er hätte sagen sollen -wohin er selbst die Geliebte entführen könnte, obgleich -ihm schon der Gedanke das Herz mit Seligkeit füllte.</p> - -<p>»Sorgen Sie sich nicht,« beruhigte sie ihn aber – -»ich habe Mittel genug zu unserer Flucht und auch ein -Ziel – ich will zu meinem Vater zurück, der in Paris -wohnt. Er allein kann und wird mich schützen, aber -ich darf nicht allein in die Welt hinaus – ein armes -schwaches Weib; ich brauche die Stütze eines starken -Armes, und wenn Sie je der armen Clemence nur -ein klein wenig gut gewesen sind,« setzte sie weich hinzu -»oh so helfen Sie ihr zur Rettung aus diesem furchtbaren -Elend –«</p> - -<p>»Sagen Sie mir was ich thun soll,« rief der junge -Maler, seiner Sinne kaum mehr mächtig bei den verführerischen -Tönen, »was es auch ist – ich stehe -Ihnen mit Leib und Seele zu Diensten.«</p> - -<p>»Ich wußte es,« erwiederte Clemence, indem sie -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -seine Hand wieder ergriff und ihn mit einer Thräne -im Auge ansah, »und Dank – tausend Dank dafür, -lieber, theurer Freund. Aber nun auch rasch zur -That,« setzte sie lebendiger hinzu – »denn alles Weitere -besprechen wir unterwegs. Sind Sie zur Abreise -gerüstet?«</p> - -<p>»Jeden Augenblick.«</p> - -<p>»Gut – heute Abend ist es nicht mehr möglich. -Ich muß jetzt in das Kurhaus oder Reuhenfels würde -mich vermissen und augenblicklich nach mir suchen. – -Morgen früh um sechs Uhr geht ein Zug nach Bieberich -ab – Reuhenfels steht nie vor sieben Uhr auf und -weiß mich dann jedesmal beim Brunnentrinken. Er -wird vor acht Uhr, wo ich gewöhnlich zum Frühstück -zurück bin, keinen Verdacht schöpfen.«</p> - -<p>»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«</p> - -<p>»Das bespreche ich mit Ihnen morgen unterwegs -– jetzt fort, daß um Gotteswillen Niemand Verdacht -schöpft oder Alles ist verloren. Sie begleiten mich nur -bis zur französischen Grenze, oder wenn Sie sich mir -soweit opfern wollen, bis nach Paris in die Arme -meines Vaters. – Und noch eins – besuchen Sie -heute Abend das Kurhaus nicht – mein Mann hat -Sie erkannt. – Nicht gleich als wir Ihnen begegneten, -wenn ihm auch Ihr Gesicht bekannt vorkam, -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -aber er besann sich oben im Zimmer darauf, und er -schwur, daß er Sie das Bild wollte entgelten lassen.«</p> - -<p>»Er weiß jetzt, wer es sein soll?« lächelte Trautenau.</p> - -<p>»Mehr als das,« erwiderte Clemence, »er behauptete -sogar, daß Sie nur in eifersüchtigem Neid eine -solche unwürdige Rache an ihm genommen, und bedauerte, -die Bosheit nicht früher entdeckt zu haben, -um Sie dafür zur Rechenschaft zu ziehen.«</p> - -<p>»Bah, was kann er thun?«</p> - -<p>»Er hat Sie heute schon im Kurhaus gesucht und -wollte sogar nach Ihrer Wohnung gehen, nach der er -sich auf der Polizei erkundigte – aber glücklicher -Weise kam etwas dazwischen und seine Spielzeit versäumt -er nie. Morgen früh würde er aber jedenfalls -hartnäckig die Verfolgung wieder aufnehmen, und er -ist furchtbar in seiner Rache.«</p> - -<p>»Ich fürchte ihn nicht, Clemence,« sagte Trautenau -ruhig, »und wenn es nicht Ihretwegen wäre, möchte -ich ihn wirklich lieber erwarten.«</p> - -<p>»Und mich wollten Sie dadurch elend machen und -zu Grunde richten?«</p> - -<p>»Nein, Clemence – nein!« rief Trautenau rasch, -»Sie haben mein Wort, und beim ewigen Gott, ich -halte treu zu Ihnen, so lange Sie meiner bedürfen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -»Sie sind ein edler, braver Mann,« sagte das -junge schöne Weib gerührt und weich, – »ich vertraue -Ihnen ganz – Sie werden mich nicht verlassen. Aber -nun auch fort – ich habe schon zu lange gezögert, denn -wenn Reuhenfels nur im Geringsten mißtrauisch -werden sollte, ist jede Hoffnung verloren. Gehen Sie, -lieber Freund, gehen Sie und halten Sie morgen -früh, ehe der Zug abgeht, drei Billette nach Bieberich -bereit – ich nehme meine Kammerfrau mit mir. -Lassen Sie uns bis dort erster Classe fahren, wir sind -darin weniger der Gefahr ausgesetzt, Gesellschaft zu -finden.«</p> - -<p>Nochmals reichte sie ihm die Hand zum Abschied, -die er rasch an seine Lippen drückte – dann drängte -sie ihn selber freundlich der Thür zu und Ernst fühlte, -als er das Hôtel verließ, kaum den Boden unter seinen -Füßen.</p> - -<p>In seiner Wohnung angekommen, machte aber doch -dies erste Gefühl der Aufregung und des Entzückens -einem etwas ruhigeren Ueberlegen Platz, und er -konnte sich nicht gut verhehlen, daß er im Begriff sei, -einen nicht allein außergewöhnlichen, sondern auch -ziemlich tollen Streich zu begehen. Er wollte eine -Frau ihrem eigenen Manne entführen, und wenn er -auch Muth genug besaß, die Rache des Betrogenen -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -nicht zu fürchten, so konnte er doch auch nicht gut umhin, -die möglichen Folgen eines solchen Schrittes zu -überdenken.</p> - -<p>Daß er Clemence noch immer mit derselben Gluth -als früher liebe, das fühlte er jetzt klar und deutlich. -Er glaubte jene Leidenschaft in den letzten Jahren bekämpft -zu haben, aber sie hatte nur geschlummert, und -heute, wie er dem holden Wesen auf's Neue gegenüber -stand und ihre Blicke so lieb und gut auf ihm -hafteten, wie sie es nie gethan, loderte die alte Leidenschaft -frisch und gewaltig auf's Neue in seinem Herzen -empor. – Aber sie war nicht mehr frei – sie war -vermählt, und ließ es sich denken, daß der Major, -durch die Flucht der Gattin auf das Schwerste gekränkt -und beleidigt, je selber und freiwillig das Band -lösen würde, das sie an ihn fesselte – und was dann?</p> - -<p>Daß er sich selber einen Hausstand gründen und -eine Frau ernähren könne, wußte er; daß er an Clemence's -Seite den Himmel auf Erden finden würde, -davon fühlte er sich fest und innig überzeugt, und -wenn sie auch in Glanz erzogen und dabei verwöhnt -sein mochte, die Liebe zu ihm würde sie alles leicht -überwinden lassen. – Und Clemences Vater? – -Nur der Gedanke an diesen blieb ihm peinlich, denn -sein Bankerott damals war, nach Allem, was er darüber -<a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -von vorurtheilsfreien Männern gehört, eine zu -offenkundige und freche Schwindelei gewesen, um sich -darüber auch nur noch im Entferntesten einer Täuschung -hinzugeben, und mit dem sollte er jetzt in nähere -Verwandschaft treten? – Aber was konnte Clemence -dafür? Trug sie die Schuld des Verbrechens? wahrlich -nicht, und von dem gestohlenen Gelde wollte und -brauchte er Nichts, wenn er die Kraft in sich fühlte, -frei und unabhängig von irgend Jemandem sich seinen -Lebensunterhalt auch selber zu erwerben.</p> - -<p>Aber was zerbrach er sich jetzt über alle diese -Dinge den Kopf, wo es ja vor Allem galt, die Geliebte -aus den Händen eines rohen und tyrannischen Gatten -zu befreien. Alles Andere fand sich später von selber. -Lieber Gott, er wollte sie ja nur glücklich wissen, und -wenn er dann auch noch Jahrelang auf ihren Besitz -harren, oder wenn es nicht anders möglich war, selbst -die Heimath verlassen mußte, um in einem fernen -Welttheil das Glück zu suchen, das ihm hier starre -Formen und Gesetze verweigerten.</p> - -<p>Während er sich so in Gedanken um das Wohl -der Geliebten absorgte, schritt Clemence zu dem Kurhaus -hinüber, aber nicht auf dem direkten Weg, sondern -auf einer etwas weiteren Bahn. Sie war, von -ihrer Kammerfrau begleitet, in voller Toilette, aber -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -sie schien eilig, denn es dunkelte schon, und sie hatte -nicht viel Zeit mehr zu versäumen. Eben schlugen -drinnen in der Stadt die Uhren die für das Rendezvous -bestimmte Stunde.</p> - -<p>Armand war eben so pünktlich gewesen als sie. -Um jedoch auf der noch immer sehr belebten Promenade -keinen Verdacht zu erregen, grüßte er sehr -förmlich und achtungsvoll, und schritt dann, während -sich die Kammerfrau tactvoll einige Schritte zurückzog, -neben ihr her.</p> - -<p>»Glückliche Nachricht,« flüsterte er ihr, wie das -unbeachtet geschehen konnte, zu, »eben habe ich einen -Brief bekommen, daß übermorgen, vielleicht schon -morgen Abend mein Schwager eintrifft, und nun, da -die Zwischenzeit so kurz ist, haben wir auch keine Gefahr -weiter zu fürchten. Benutze jetzt die erste Gelegenheit, -Geliebte, und erwarte mich dann in St. Goarshausen -im goldenen Roß. Hinterlaß' für Reuhenfels -aber einen Brief, worin Du ihn auf eine falsche -Fährte schickst, und überlaß mir das Weitere. Natürlich -folgt er Dir augenblicklich, aber er muß durch die -Nachforschungen, die er genöthigt ist anzustellen, aufgehalten -werden und ich bin dann vielleicht schon den -nächsten Tag bei Dir. Nie im Leben wird er auch -daran denken, in einem so kleinen abgelegenen Nest -<a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -nach Dir zu suchen und es bleibt uns dort Zeit und -Muße genug, unsere weiteren Pläne zu besprechen.«</p> - -<p>»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence -rasch.</p> - -<p>»Wen?« frug der junge Mann erstaunt.</p> - -<p>»Einen alten Bekannten aus M–, einen braven -jungen Künstler, der früher einmal für mich geschwärmt -hat,« fuhr sie lächelnd fort. »Er ist treu -und ehrlich und fühlt sich glücklich mir einen Dienst -erweisen zu können.«</p> - -<p>»Aber es ist jetzt kaum mehr nöthig,« meinte Armand, -dem der Gedanke, einen früheren Anbeter mit -seiner Geliebten reisen zu lassen, vielleicht nicht so -ganz angenehm war.</p> - -<p>»Aber auch unmöglich, es jetzt noch zu ändern,« -erwiderte sie. »Er erwartet mich morgen früh um -sechs Uhr am Bahnhof.«</p> - -<p>»So früh willst Du fort?«</p> - -<p>»Es ist die höchste Zeit, denn Reuhenfels hat -mich heute Nachmittag aufgefordert, meine Koffer zu -packen und jeden Augenblick zur Abreise bereit zu -sein.«</p> - -<p>»Dann kann es freilich Nichts mehr helfen. Dein -Begleiter ist ein Deutscher?«</p> - -<p>»Gewiß!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -»Und heißt?«</p> - -<p>»Trautenau – ein Maler.«</p> - -<p>»Derselbe, der Dein Bild gemalt, mit dem Major -als Teufel auf dem Ofenschirm.«</p> - -<p>»Derselbe.«</p> - -<p>»Gut!« rief Armand lachend. »Wenn man das -nur Deinem Gatten beibringen könnte –«</p> - -<p>»Ich werde es ihm in dem Brief, den ich ihm -zurücklasse, schreiben. Er hat Trautenau gestern selber -gesehen und war schon früher eifersüchtig auf ihn.«</p> - -<p>»Desto besser, dann folgt er jedenfalls einer ganz -falschen Fährte und Richtung und wir sind vollkommen -sicher.«</p> - -<p>»Dort ist das Kurhaus – Du mußt mich jetzt -verlassen! Reuhenfels wird schon zürnen, daß ich so -lange fortgeblieben bin, und Dich auch vermissen.«</p> - -<p>»Ich stand kurz vorher noch hinter seinem Stuhl -und schlenderte dann langsam nach dem anderen Tisch -hinüber; er weiß, daß ich nie bestimmt setze.«</p> - -<p>»Also auf Wiedersehen, Armand – o wie mir das -Herz klopft, wenn ich an die Zeit denke.«</p> - -<p>»Und Du vergißt den Ort nicht?«</p> - -<p>»St. Goarshausen – im goldenen Rosse.«</p> - -<p>»Die Bahn geht von Bieberich den Rhein abwärts.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -»Ich weiß es,« und sich fest in ihren Burnus -hüllend, eilte sie jetzt, so rasch sie konnte, dem ganz -nahen Kurhaus und den Spielsälen zu, während ihr -die Kammerfrau noch ein paar Schritt folgte und -dann umdrehte, um nach Hause zurückzukehren. Sie -hatte für morgen früh noch entsetzlich viel zu besorgen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Neuntes Kapitel.</span></span><br /> - -Verfolgend und verfolgt.</h3> - - -<p>Der nächste Morgen kam, und in demselben Moment, -als vor dem Kurhaus wieder (eine ganz merkwürdige -Melodie für ein, zu Spielhöllen benutztes -Gebäude) der Choral begann, läutete draußen am -Bahnhof die Glocke, die Locomotive pfiff und in einem -Coupé erster Classe saßen, glücklich entkommen, unsere -drei Flüchtigen und dampften, unmittelbar an dem -schönen Strom hinab, der Freiheit entgegen.</p> - -<p>Von Reuhenfels lag indessen noch in seinem Bett -und schlief sanft, denn er war gestern sehr lange mit -Freunden auf und beisammen, und vielleicht etwas -schärfer hinter der Flasche gewesen, als gewöhnlich. -Es mochte halb acht Uhr sein, als er endlich aufstand, -denn die in sein Zimmer fallenden Sonnenstrahlen -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -genirten ihn. Er wusch sich und zog sich an, stopfte -sich dann eine Pfeife, zündete sie an und lehnte sich -damit zum Fenster hinaus, um die wundervolle Morgenluft -zu genießen – aber er bekam Appetit nach -dem Caffee und draußen schlug es schon acht Uhr. Wo -blieb nur Clemence heute?</p> - -<p>Er war nicht besonders guter Laune, denn er hatte -gestern Abend wieder ein paar hundert Thaler verloren -und doch gerade auf Glück gehofft, auch schmeckte -ihm, nach der halb durchschwärmten Nacht, der Taback -heute Morgen nicht besonders. Er wurde endlich ärgerlich, -daß die Frau noch nicht zurückkam, und klingelte -nach dem Caffee. Bis er kam, schritt er langsam -und mit finster zusammengezogenen Brauen in dem -kleinen, aber freundlichen Gemach auf und ab, als -sein Blick zufällig auf den runden, in der Ecke stehenden -Tisch fiel und er dort einen noch geschlossenen -Brief bemerkte. Er nahm ihn und las die Adresse, -aber das Herz stand ihm still dabei, denn die Aufschrift -lautete nicht, wie er jetzt alle seine Briefe erhielt -– Dem Herrn Baron zu Berg, sondern: Dem -Major von Reuhenfels, und das war die Handschrift -seiner Frau.</p> - -<p>Mit zitternden Händen riß er das zierlich gefaltete -Blatt auseinander und las, während seine Augen -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Feuer sprühten und seine Zähne sich fest zusammenbissen:</p> - -<p class="ci">»Herr Major! Wenn diese Zeilen in Ihre Hände -fallen, bin ich frei von einer verhaßten und unerträglich -gewordenen Verbindung. Versuchen Sie nicht, -mir zu folgen; es wäre nutzlos. Ich habe den Freund -wiedergefunden, für den das Herz der Jungfrau in -erster Liebe schlug – ich werde nie wieder von seiner -Seite weichen. Meine Mutter wird das Geschäftliche -mit Ihnen besorgen und die Verbindung lösen, die ich -in unseliger Verblendung eingegangen. Leben Sie -wohl.</p> - -<p class="ci si">Clemence Joulard.«</p> - -<p>Einen Moment stand Reuhenfels sprachlos vor -Wuth und Schreck und Staunen über das noch Unbegreifliche -– aber das dauerte nicht lange. Er war -wahrlich nicht der Mann, etwas derartiges ruhig -und geduldig über sich ergehen zu lassen, und wie er -nur erst wieder denken und überlegen konnte, fuhr er -auch wild und entschlossen empor.</p> - -<p>»Versuchen Sie nicht mir zu folgen?« rief er -höhnisch vor sich hin – »hoho Madame. Sie haben -sich in mir geirrt, wenn Sie glaubten, daß Sie mir -entgehen könnten, und nur leichtsinnig und unüberlegt -war es von Ihnen gehandelt, mir den Schurken zu -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -bezeichnen, der es gewagt hat, in meine Rechte einzugreifen. -Ich kenne ihn, diesen gemeinen tückischen -Farbenschmierer der – aber alle Teufel!« unterbrach -er sich plötzlich rasch, indem ein neuer Gedanke sein -Hirn kreuzte. »Sollte Clemence? – Sie ist bei Gott -schlau genug, um ihr etwas Derartiges zuzutrauen.« –</p> - -<p>Rasch stellte er die, überhaupt schon lange ausgegangene -Pfeife in die Ecke und beendete in Hast -seine Toilette. Zugleich klingelte er nach dem Stubenmädchen, -um zu erfahren, ob die Kammerfrau auf -ihrem Zimmer wäre. Das Mädchen kam nach wenigen -Minuten zurück und meldete, das Fräulein sei heute -Morgen mit der gnädigen Frau nach dem Bahnhof -gefahren und noch nicht zurückgekehrt.</p> - -<p>»Es ist gut!« brummte Reuhenfels zwischen den -Zähnen durch und war wenige Minuten später zum -Ausgehen gerüstet. Aber nicht nach dem Bahnhof eilte -er hinüber, sondern nach Armands Wohnung, zu dessen -Zimmer er ohne Weiteres hinaufsprang.</p> - -<p>Dort klopfte er an; aber Niemand antwortete. -Die Thür war verschlossen und fast zitternd vor -Wuth flog er wieder zu dem Portier hinab.</p> - -<p>»Wann ist Monsieur Armand heute Morgen abgereist?« -rief er hier mit heiserer Stimme.</p> - -<p>»So viel ich weiß, gar nicht,« erwiederte der höfliche -<a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Portier. »Monsieur kamen etwas spät nach Haus -und schlafen wahrscheinlich noch. Der Schlüssel ist -wenigstens nicht unten.«</p> - -<p>»Ich habe an der Thür gepocht; es hat mir Niemand -geantwortet.«</p> - -<p>»Monsieur hätten ein wenig stärker pochen sollen.«</p> - -<p>»Er ist nicht oben.«</p> - -<p>»Wir wollen gleich noch einmal nachsehen. Ich -müßte ja doch sonst den Schlüssel hier haben, wenn der -Herr ausgegangen wäre.«</p> - -<p>Beide stürzten wieder die Treppe hinauf und -wiederholten ihr Pochen, als von drinnen eine Stimme -antwortete:</p> - -<p>»Wer ist da?«</p> - -<p>»Machen Sie auf, Armand.«</p> - -<p>»Es ist nicht verschlossen – kommen Sie doch -herein.«</p> - -<p>Reuhenfels drückte auf die Klinke; die Thür öffnete -sich in der That und der Major fand den jungen -Franzosen noch im Bett und augenscheinlich erst aus -festem Schlaf erwacht.</p> - -<p>Der Portier zog sich mit einem Lächeln, das etwa -sagen sollte: »Sehen Sie wohl, daß ich Recht gehabt?« -zurück und Reuhenfels betrat das Zimmer, in welchem -die Rouleaux noch niedergelassen waren. Er fand sich -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -aber jetzt wirklich in einiger Verlegenheit, wie er seinen -frühen Besuch entschuldigen sollte, denn was vorgefallen, -mochte er gerade diesem Mann nicht eingestehen.</p> - -<p>»Hallo, zu Berg!« rief Armand, sich in seinem -Bett emporrichtend, »was zum Henker führt Sie denn -mit Tagesgrauen zu mir?«</p> - -<p>»Tagesgrauen – es ist fast neun Uhr.«</p> - -<p>»So spät? Ich habe unverzeihlich lange geschlafen, -aber das letzte Glas Grog, das wir gestern Abend zusammen -tranken, hat mir den Rest gegeben. Und womit -kann ich dienen?«</p> - -<p>»Ich – wollte Sie fragen, ob Sie hier in Wiesbaden -einen deutschen Maler Namens Trautenau -kennen.«</p> - -<p>»Einen deutschen Maler? nein. Wollen Sie sich -heute in aller Frühe ein Bild bei ihm bestellen?«</p> - -<p>»Ich wollte, ich könnte ihn finden,« rief Reuhenfels, -und er mußte sich in der That Mühe geben, die -furchtbare Aufregung, in welcher er sich befand, zu -verbergen. »Entschuldigen Sie, Armand, daß ich Sie -gestört habe, aber da ich gerade hier vorbei ging, fiel -es mir ein, Sie zu fragen.«</p> - -<p>»Wenn Sie ein paar Minuten unten im Gastzimmer -warten,« sagte Armand, »so komme ich hinunter -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -und begleite Sie. Ich mache meine Toilette in unglaublich -kurzer Zeit und muß doch zu Ihnen, denn -ich habe Ihrer Frau Gemahlin gestern Abend versprochen, -ihr heute Morgen eine Photographie von -Salzburg zu bringen, die sie sich gewünscht.«</p> - -<p>»Das eilt nicht,« entgegnete Reuhenfels kurz, -»meine Frau ist – überdies wieder mit einer Freundin -spazieren gegangen, und Sie würden sie jetzt nicht -einmal treffen. Also auf Wiedersehen, Armand,« – -und ohne sich in eine weitere Unterhandlung einzulassen, -eilte er rasch nach Hause, raffte, was er zu -einer kurzen Fahrt brauchte, zusammen, überlieferte -seine Schlüssel dem Wirth und lief dann mehr als er -ging auf den Bahnhof hinaus, um dort nur eine -Spur von der Flüchtigen zu bekommen.</p> - -<p>Hier half es ihm freilich Nichts, Erkundigungen -einzuziehen, denn die eine Bahn führte nur nach Bieberich, -von wo dann zwei verschiedene Geleise – eines -stromauf, eines stromab – auszweigten. Wie aber -sollte er sich dort, in dem Gewirr von Fremden, -nach der Flüchtigen erkundigen – von wem sollte er -Auskunft erlangen? Den einen Cassirer am Schalter -nach Mainz und Frankfurt kannte er freilich und dort -war Hoffnung, denn dieser kannte auch seine Frau und -konnte ihm wenigstens sagen, ob er sie an dem Morgen -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -im Bahnhof irgendwo gesehen habe. Er hielt sich -deshalb auch gar nicht in Wiesbaden selber mit Fragen -auf, sondern bestieg augenblicklich den gleich abgehenden -Zug, um nur wenigstens erst einmal Bieberich -zu erreichen. Der kleine Handkoffer, den er bei -sich führte, enthielt auch ein paar vortreffliche Duell-Pistolen -und er war fest entschlossen, Gebrauch von -ihnen zu machen, wo er den Entführer antreffen -mochte. Hegte er ja doch jetzt einen doppelten Haß -gegen ihn, und seiner Rache sollte er wahrlich nicht -entgehen.</p> - -<p>In Bieberich angekommen, eilte er augenblicklich -an die Casse und seine erste Frage war:</p> - -<p>»Hat meine Frau hier heute Morgen den Zug benutzt?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr zu Berg,« sagte der alte Mann -freundlich. »Frau Gemahlin waren da, – drei -Billette genommen, glaub' ich – zwei oder drei: ich -weiß es jetzt wahrhaftig nicht mehr genau. Lieber -Gott, das ist jeden Morgen solch ein Gedränge – -waren aber selber an der Casse.«</p> - -<p>»Und wer war bei ihr?«</p> - -<p>»Bin ich nicht im Stande zu sagen,« erwiederte -der Mann achselzuckend; »das wimmelte nur so heute -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -Morgen, aber die gnädige Frau erkannte ich den -Augenblick wieder.«</p> - -<p>»Sie wissen wohl nicht mehr, wohin sie sich hat -einschreiben lassen?«</p> - -<p>»Haben wohl die Frau Gemahlin verfehlt? – -nach Mainz nahm sie Billette. Ich weiß es noch -genau, ich mußte ihr einen Napoleonsd'or wechseln.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, – ja wir hatten uns verabredet, -eine Vergnügungstour zu machen. Wann geht -der Zug nach Mainz ab?«</p> - -<p>»Wird kaum noch zehn Minuten dauern, – sobald -der nach Coblenz gehende hereinkommt, und signalisirt -ist er schon.«</p> - -<p>»Gut, – bitte um ein Billet zweiter Classe -Mainz.«</p> - -<p>Reuhenfels nahm sein Billet und schritt indessen, -bis die Abfahrt des Zuges angezeigt werden würde, -mit verschränkten Armen und ganz seinen düsteren Gedanken -nachhängend, auf dem Perron auf und ab, als -er plötzlich seinen Namen hörte.</p> - -<p>»Hallo, zu Berg! auch einmal nach Bieberich gekommen? -Ja, die Saison geht jetzt zur Neige und da -ziehen unsere Schwalben wieder fort!«</p> - -<p>Reuhenfels sah auf und bemerkte einen Herrn -von Plauen, dessen flüchtige Bekanntschaft er in Wiesbaden -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -gemacht und der auf ihn zukam und ihm die -Hand entgegenstreckte. Er war allerdings jetzt nicht in -der Stimmung, sich mit irgend einem Fremden zu unterhalten, -mochte aber auch nicht unhöflich sein und -sagte nur ausweichend:</p> - -<p>»Ja – aber nicht ganz – nur eine kleine Vergnügungstour.«</p> - -<p>»Aha, mit Frau Gemahlin,« meinte der andere -Herr, »habe sie heute Morgen schon gesehen.«</p> - -<p>Reuhenfels biß sich auf die Lippen, aber er durfte -den Fremden den wahren Stand der Sache nicht -ahnen lassen, und sagte deshalb so gleichgültig, als es -ihm irgend möglich war:</p> - -<p>»Ja – wahrscheinlich. Sie ist nur nach Mainz -vorausgefahren.«</p> - -<p>»Nach Mainz? – ih bewahre,« rief Herr von -Plauen, »sie saß ja im Coblenzer Zug.«</p> - -<p>»Im Coblenzer Zug?« fragte Reuhenfels bestürzt, -»das ist ja gar nicht möglich. Sie hat Billete nach -Mainz genommen.«</p> - -<p>»Dann ist sie in den falschen Zug gerathen,« sagte -Herr von Plauen, »aber ich weiß es zu gewiß, denn in -dem nämlichen Coupée in welchem sie mit einem -Herrn und noch einer Dame saß, befand sich auch eine -mir befreundete Familie, der Assessor Hörich mit -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -seiner jungen Frau, dem ich noch, ein paar Secunden -vorher ehe der Zug abging, die Hand in den Waggon -reichte.«</p> - -<p>»Und meine Frau war darin?«</p> - -<p>»Gewiß! Ich bin der gnädigen Frau zwar nie vorgestellt -worden, und ich weiß nicht einmal, ob sie mich -kennt – bezweifle es sogar, aber die Dame ist nicht zu -verkennen. Sie macht durch ihre Schönheit ja überall -Aufsehen. Sie sah wieder reizend heute Morgen aus.«</p> - -<p>»Und Sie haben keine Ahnung wohin sie gefahren -sein kann?«</p> - -<p>»Ja mein Himmel, wer soll das wissen, denn es -giebt zahllose Zwischenstationen – aber sie wird -jedenfalls auf dem ersten Halteplatz wieder ausgestiegen -sein, sobald sie nur merkt, daß sie in den falschen -Zug gerathen ist.«</p> - -<p>»Jedenfalls – jedenfalls« sagte Reuhenfels zerstreut -– »aber – was ich Sie gleich noch fragen -wollte – Passagiere für eine bestimmte Station -werden gewöhnlich zusammen in ein Coupée gethan. -Wohin fuhr jener Herr – der Assessor sagten Sie, -glaub' ich – heute Morgen?«</p> - -<p>»Der Assessor? oh nicht weit, nur nach St. Goarshausen. -Sie haben dort Verwandte, die sie erst auf -einen Tag besuchen wollen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -»So? ich danke Ihnen. Merkwürdig!«</p> - -<p>»Ach solche Verwechselungen sind schon häufig vorgefallen,« -meinte Herr von Plauen, der den Ausruf -ganz anders verstand, »und auf unseren Rheinischen -Bahnen hat es eben Nichts zu sagen, denn es gehen -zu viele Züge, mit denen man sich immer rasch wieder -helfen kann. Wenn Sie hier eine Stunde warten, -kommt sie jedenfalls mit dem nächsten Zug wieder -zurück.«</p> - -<p>»Ich werde ihr lieber entgegen fahren, sie findet -sich sonst am Ende nicht zurecht.«</p> - -<p>»Ja, Damen sollte man nie allein reisen lassen, -sie haben ein merkwürdiges Geschick darin, sich irgendwo -festzufahren. Es war ganz das nämliche im vorigen -Jahr mit meiner Frau, wo wir auch eine Tour -nach –«</p> - -<p>»Sie entschuldigen mich,« sagte Reuhenfels – »da -kommt schon der Zug nach Coblenz und ich muß mir -erst noch ein Billet lösen.«</p> - -<p>»Oh Sie haben überflüssig Zeit,« war die Antwort -– »jetzt wird erst der Zug nach Mainz expedirt und -der Coblenzer hält wenigstens zehn Minuten an.«</p> - -<p>»Ich will mich doch fertig machen, denn ich muß auch -erst mein Gepäck hier unterbringen. – Guten Morgen -lieber Plauen; herzlichen Dank für die Nachricht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -»Bitte – bitte – sehr gern geschehen. Freut mich -nur der gnädigen Frau wegen, daß ich Sie hier getroffen -habe. Bitte mich gehorsamst zu empfehlen.«</p> - -<p>Reuhenfels winkte ihm nur noch mit der Hand zu -und eilte dann rasch an die Casse, um dort ein Billet -für St. Goarshausen zu lösen. Hatte sich der alte -Cassirer für den Mainzer Zug geirrt? Aber das blieb -sich jetzt gleich – an einen Irrthum seiner Frau -glaubte er nicht, und seine einzige Hoffnung war jetzt -nur, die Flüchtige entweder unterwegs an den Zwischenstationen -oder in St. Goarshausen zu erfragen.</p> - -<p>Reuhenfels hatte übrigens an dem Morgen kaum -mit dem Zug Wiesbaden verlassen, als drei sehr anständig -gekleidete Herren in Civil, mit einem etwas -militairischen Anstrich, unten im Hôtel Kompelt nach ihm -frugen, und von dem Kellner bedeutet wurden, daß der -Herr Baron heute Morgen einen Ausflug – aller -Wahrscheinlichkeit nach bis Frankfurt gemacht habe.</p> - -<p>»Und glauben Sie, daß er heute Abend zurückkehren -wird?«</p> - -<p>Der Oberkellner zuckte die Achseln.</p> - -<p>»Ein Theil seiner Sachen ist allerdings noch da,« -sagte er, »aber die gnädige Frau hat ihren Koffer und -anderes Handgepäck schon vor Sonnenaufgang hinunterschaffen -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -lassen, was allerdings auf einen längeren -Ausflug deutet.«</p> - -<p>»Sind sie Ihnen noch etwas schuldig?«</p> - -<p>»Sehr unbedeutend – die Herrschaften zahlen -hier im Hôtel immer jede Woche ihre Rechnungen, -und der Herr Baron hat die seinige erst gestern berichtigt. -Uebrigens kommt er jedenfalls zurück, denn -er hat noch eine Menge von Sachen oben.«</p> - -<p>Die fremden Herren erwiederten nichts weiter, -sondern schritten zusammen auf den Platz hinaus, unterhielten -sich aber dabei sehr angelegentlich in französischer -Sprache miteinander.</p> - -<p>»Der Vogel ist ausgeflogen,« sagte der Eine, als -sie sich außer Hörweite des Kellners wußten – »daß -wir auch nicht ein paar Stunden früher hier eintreffen -konnten. Was nun?«</p> - -<p>»Jedenfalls ist er mit der Eisenbahn fort, dabei -brauchen wir aber nichts zu beeilen,« meinte der Andere, -»denn der nächste Zug geht erst in zwei Stunden. -Wie aber der Kellner sagt, hat er hier noch seine -Sachen stehn, und es wäre der Mühe werth, die indessen -zu untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir -nach den verschiedenen Stationen abtelegraphiren – -vielleicht erhalten wir eine günstige Rückantwort, und -dann visitiren wir das Nest da oben.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Damit schienen die Anderen einverstanden und trennten -sich jetzt erst wieder in der Stadt, um nachher aufs -Neue hier zusammenzutreffen. Hinter den grünen Vorhängen -der Fenster hatte sie aber der Oberkellner aufmerksam -beobachtet, und rieb sich sehr bedenklich die Hände:</p> - -<p>»Alle Teufel,« murmelte er dabei, »das ist, hol -mich Dieser und Jener, Polizei; den Einen kenne ich; -das ist der geheime französische Agent, der sich hier -immer in Wiesbaden aufhält, und genau so thut, als -ob er sich um keinen Menschen auf Gottes Welt -bekümmerte – und ob der Halunke nicht Alles weiß -was vorgeht – Einer mußte ein Fremder sein, aber -der dritte war ja unser liebenswürdiger Meier – die -rechte Hand vom Polizeidirector. Sollten die denn -hinter dem Baron her sein? – wäre nicht übel, so -ein vornehmer Herr. Wenn man ihm nur wenigstens -einen Wink geben könnte, aber weiß der Henker wo der -jetzt steckt. – Oder hat er vielleicht gar selber Wind -bekommen? – Na dann können sie schnüffeln, denn -der ist von klein auf in der Welt gewesen und weiß -Bescheid.« – Und mit diesen Gedanken ging er, sich -wieder vergnügt die Hände reibend, an seine gewöhnliche -Morgenbeschäftigung – d. h. er setzte sich vor das -große Hauptbuch und kratzte sich hinter den Ohren.</p> - - - - -<h3><a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -<span class="subheader"><span class="ge">Zehntes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Entführung.</h3> - - -<p>So ängstlich sich Clemence gezeigt, als sie an dem -Morgen den Gatten verließ, so daß sie nur zitternd -auf den Bahnhof eilte und dort der furchtbaren Aufregung, -in welcher sie sich befand, kaum Herr werden -konnte, so plötzlich war jede, auch die letzte Angst von -ihr genommen, als sich der Zug in Bewegung setzte, -denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher. -Trotzdem versäumte sie keine nur irgend mögliche -Vorsicht, und da sie recht gut wußte, daß man sie in -Bieberich, besonders an dem Mainzer Schalter kannte, -ging sie selber dorthin um Billete zu lösen, während -Trautenau die wirklichen Billete nach St. Goarshausen -nahm. Die List wäre auch vollständig geglückt, -wenn eben nicht Reuhenfels zufälliger Weise den -Herrn von Plauen auf dem Bahnhof angetroffen -hätte, der ihn freilich, ohne es zu wissen, auf die rechte -Fährte setzte.</p> - -<p>Indessen verfolgten die Flüchtigen ahnungslos -ihren Weg, und erreichten nach einer kurzen aber reizenden -Fahrt das ziemlich große Dorf St. Goarshausen, -einen der schönsten Punkte am ganzen Rhein.</p> - -<p>Trautenau war selig; er durfte neben der Geliebten -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -sitzen, ihre Hand halten, ihr in die guten Augen sehen -und ihrer silberreinen Stimme lauschen, ja da noch -zwei Fremde, ein Herr und eine junge Dame im Coupé -wenn auch an der anderen Seite saßen, wehte ihn -sogar, als sie sich flüsternd zu ihm überbog, ihr warmer -Athem an. Er hörte auch kaum was sie sprach; es -war ihm genug in ihrer Nähe zu sein. Aber wie das -Alles enden würde! Wie hätte er in diesem seligen -Augenblick der Gegenwart nur an die Zukunft denken -mögen oder können. Er war auch mit Allem einverstanden, -was sie ihm vorschlug, daß sie jetzt erst einmal -in St. Goarshausen, einem kleinen unbedeutenden -Ort, ein paar Tage still liegen wollten, um Reuhenfels, -der jedenfalls schon auf der Verfolgung begriffen sei, -von ihrer Spur abzubringen. Gewiß suchte er sie auf -den größeren Stationen, und hatte auch wohl Freunde -veranlaßt, ihn dabei zu unterstützen, damit er sowohl -den Norden als Süden im Auge behalten konnte. -Waren aber erst einmal ein paar Tage vergangen, so -mußte er sie natürlich fern glauben, und dann gelang -es ihnen leicht, mit irgend einem Nachtzug von hier -aus die französische Grenze zu erreichen.</p> - -<p>Clemence schien auch in St. Goarshausen bekannt, -denn sie beorderte augenblicklich, wie sie nun dort anhielten, -ein paar Träger, um ihre Sachen in das -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -goldene Roß hinauf zu schaffen. Es war das auch -keines der ersten Hôtels dicht am Rhein, wo allerdings -ein reger Fremdenverkehr statt fand, sondern lag etwas -abseits vom Strom mitten in der Stadt und schien in -früherer Zeit – gerade dem Gemeindehaus gegenüber, -den behäbigen Bewohnern des kleinen Orts zum -Mittelpunkt ihrer Versammlungen und Casinos gedient -zu haben. Jetzt freilich, wo der Verkehr einen ganz -anderen Aufschwung genommen und von verwöhnten -Fremden weit größere Ansprüche gemacht wurden, -hatten sich neue sogenannte Hôtels, fast nur mit englischen -Namen, unmittelbar an's Ufer des Rheines -gesetzt, und im goldenen Roß kehrten nur noch die -alten spießbürgerlichen Honoratioren ein, denen die -Fremden ein Dorn im Auge waren, und die ungestört -von ausländischem »Kauderwälsch« einen »guten« -Schoppen trinken wollten.</p> - -<p>Für ihren Zweck lag der Platz aber in der That -vortrefflich, denn hierher kam so leicht Niemand der -Durchreisenden und wenn sie sich nicht draußen zeigten, -hätten sie vielleicht einen Monat lang still und unbeachtet -dort leben können.</p> - -<p>Clemence übernahm aber hier ohne Weiteres die -Leitung ihrer inneren Angelegenheiten. Sie bestellte -zwei Zimmer, eins für sich und Jeannette, ihre -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Kammerfrau, eins für den Herrn, und befahl dem aufwartenden -Mädchen – denn einen Kellner schien es -im goldenen Roß gar nicht zu geben – ihnen das -Frühstück heraufzubringen, das sie gemeinschaftlich -verzehren wollten.</p> - -<p>Trautenau war damit nicht ganz einverstanden; er -hätte so gerne einmal eine Unterredung mit Clemence -unter vier Augen gehabt – so Vieles war es ja, was -sie noch besprechen mußten. Aber Clemence schien das -gerade vermeiden zu wollen, und so freundlich, ja -herzlich sie sich gegen ihn zeigte, wich sie, für jetzt -wenigstens, geschickt einer solchen aus. Trautenau -selber entschuldigte sie aber darin – es wäre unnatürlich -gewesen, wenn sie sich anders gezeigt – unweiblich -wenigstens, wo ihr die Neuheit dieser Situation -doch noch immer die Seele beklemmen mußte. Morgen, -wo sie eine Nacht Zeit gehabt, um ruhiger darüber -nachzudenken, würde das anders – besser werden, -und er beschloß deshalb auch, sie in dieser Zeit ganz -sich selber zu überlassen.</p> - -<p>Jeannette war dabei das wahre Muster einer -Kammerzofe und arrangirte alles Nöthige so leicht -und schnell, daß sich die Damen wenigstens in unglaublich -kurzer Zeit vollständig eingerichtet hatten. -Das Frühstück verlief ziemlich ruhig und einsylbig, -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -denn Jeder war noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken -beschäftigt, und der ernste, fast verzweifelte -Schritt, den sie gethan, rechtfertigte das auch vollkommen. -Trautenau war allerdings fest entschlossen, -Clemence bis nach Paris und zu ihrem Vater zu begleiten, -wie aber sollte er dort dem Mann, den er -überdieß nicht achten konnte, als Entführer seiner -Tochter und zugleich als Bewerber um ihre Hand -entgegentreten? Der Gedanke peinigte ihn, wenn auch -nicht in Clemencens Gegenwart, denn sobald er die -lieben, so wunderbar schönen Züge der verführerischen -Frau sah, und in diese Augen blickte, die manchmal -ihn fast traurig anschauten und nur scheu den Boden -suchten, wenn er ihnen begegnete, vergaß er alles Andere -– vergaß er sich selbst. Aber als er wieder -allein auf seinem Zimmer war, gingen ihm diese Dinge -– und noch viele andere – wieder und wieder durch -den Kopf, die er denn nicht so leicht abschütteln konnte.</p> - -<p>Er konnte das Bild nicht aus seiner Erinnerung -zwingen, wie er Clemence zum ersten Mal in Wiesbaden -gesehen: an jenem grünen Tisch in der Spielhölle, -den hübschen schlankgewachsenen Franzosen hinter -ihrem Stuhl. – Er konnte den Blick nicht vergessen, -den sie ihm einmal – gerade als sein Auge zufällig -auf ihr haftete, zugeworfen – aber wenn ihr Mann -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -sie nun gezwungen hätte, dem Spiel beizuwohnen? und -es gab eigentlich nichts Natürlicheres, denn er konnte -die junge Frau in einem solchen Badeort doch nicht -den ganzen Abend allein, und sich selber überlassen. – -Aber der Blick – dieser eine Blick. – Doch wie ungerecht -war sein Verdacht, denn wenn sie zu jenem -auch nur in der geringsten freundlichen Beziehung -stand, so hätte sie doch wahrlich auch ihn um seinen -Beistand bei ihrer Flucht gebeten, und sich nicht an -den vollkommen Fremden gewandt. – Fremden? – -nein, sie hielt ihn nicht für fremd – sie wußte ja -ihren eigenen lieben Worten nach – wie lange er sie -schon im Herzen getragen, und da sie das wußte und -gerade ihn zu ihrer Hülfe wählte, mußte sie ihm doch -auch ein klein wenig gut sein, oder sie würde es nicht gethan -haben. Wie gern hätte er sich auch mit ihr ausgesprochen; -aber die verwünschte Kammerzofe ging ihr -nicht von der Seite. Und was für ein durchtriebenes -kokettes Frauenzimmer das war. Bildhübsch in der -That, mit einem kleinen kecken Stumpfnäschen und -großen klugen und dunklen Augen; die aber hatte sie -auch eben überall, und weshalb flüsterte sie nur immer -so viel und geheimnißvoll mit Clemence? – Die -Person hatte sie doch hoffentlich nicht zu ihrer Vertrauten -gemacht? – es war ihm das ein peinlicher -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -Gedanke. Aber er sah auch recht gut ein, daß sie eine -weibliche Begleitung haben mußte und für die kurze -Zeit mochte es denn ja auch gehen.</p> - -<p>Der Aufenthalt in dem engen dumpfen und noch -recht altväterlich gebauten Hause wurde ihm zuletzt -drückend, und er beschloß, einen Spaziergang nach der -Ruine hinauf zu machen. Gar zu gern hätte er -Clemence um ihre Begleitung gebeten; aber er wagte -es nicht. Es war heute der erste Tag, und er mußte -ihr den ungestört lassen, um sich vollkommen auszuruhen. -Sie blieben ja auch jedenfalls morgen noch -hier, und dann erfüllte sie gewiß seinen Wunsch. Dann -konnte er Alles, Alles mit ihr besprechen, was ihm auf -dem Herzen lag und es war vielleicht sogar besser, daß -das erst morgen geschah; er fühlte sich dann auch selber -mehr mit sich im Reinen. Der morgende Tag sollte -deshalb sein Schicksal entscheiden. Er that es auch -wirklich.</p> - -<p>Langsam stieg er den ziemlich steilen Pfad empor, -der hinauf zu der alten prachtvollen Ruine führte – -aber er traf zu viel Menschen unterwegs – Kinder -aller Nationen, die hier zusammenkamen, um an den -Wundern des Rheines zu schwelgen und den vortrefflichen -Wein dazu zu trinken. Er fühlte sich heute -wahrlich nicht in der Stimmung, unter ihnen zu verkehren -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -und schlug sich seitab in die Büsche, wo er einen -Platz suchte, auf dem er ungestört ausruhen und mit -dem Rhein und der alten Ruine Rheinfels vor sich das -prachtvolle Bild in voller Ruhe genießen konnte.</p> - -<p>So lag er lange und träumend dicht versteckt im -Gehölz, und wenn manchmal einzelne Gruppen von -Spaziergängern in dem weiter oben hinlaufenden -Pfad stehen blieben um die Aussicht zu genießen, so -konnte er deutlich hören, was sie mit einander sprachen, -ohne von ihnen dabei gesehen zu werden. Aber was -interessirten ihn diese Unterhaltungen. Die Leute -sprachen sich mit schaalen Phrasen über die Schönheit -der Gegend aus oder zeigten sich von da oben aus die -Stellen, wo guter Wein zu haben war. Einmal erzählten -sie auch von der Eisenbahn, daß der letzte, von -Mainz kommende Zug entgleist und dicht vor Rüdesheim -liegen geblieben sei, so daß die Bahn verstopft -wäre und man nicht wisse, ob sie heute noch wieder frei -würde – dann gingen sie weiter und bedauerten noch -dabei, daß sie nun wahrscheinlich das »Frankfurter -Journal« nicht erhielten.</p> - -<p>Der Zug entgleist? – aber was kümmerte ihn -das? Es konnte höchstens nur zu ihren Gunsten sein, -da dadurch die Verbindung mit den südlicher gelegenen -Uferplätzen, wenn auch nicht abgeschnitten, doch -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -jedenfalls erschwert wurde. – Aber die Zeit verging, -er wußte gar nicht wie lange er schon gelegen und die -Sonne neigte sich wieder den Bergen zu. Durfte er -denn auch seine Schützlinge so lang allein lassen? -Konnte er wissen, was indessen da unten vorfiel? Wenn -nun der Zufall sein Spiel doch hatte. Er sprang, -erschreckt von dem Gedanken, auf, und eilte, so rasch er -konnte, in die Stadt zurück, um sich wenigstens darüber -erst einmal zu beruhigen. Aber die Befürchtung war -glücklicherweise grundlos gewesen, denn er fand dort -Alles noch gerade so, wie er es verlassen hatte, nur, -daß die Damen, wie es schien, mit dem Essen auf ihn -gewartet hatten.</p> - -<p>»Aber Monsieur,« rief ihn die Kammerzofe an, die -ihm auf der Treppe begegnete – »wo bleiben Sie so -lange? Wir haben gewartet und gewartet und Monsieur -vielleicht indessen in aller Ruhe oben in der -Stadt dinirt. Wir sind so hungrig, daß wir es kaum -noch aushalten können.«</p> - -<p>»Das bedaure ich in der That unendlich« rief -Trautenau bestürzt, aber doch auch im Stillen erfreut, -daß Clemence seinetwegen gewartet hatte. »Hätte ich -eine Ahnung davon gehabt, ich wäre gewiß eine -Stunde früher gekommen. Haben Sie das Essen schon -bestellt?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -»Gewiß, das Mädchen hat Ordre es sofort zu -bringen, sowie wir die Nachricht Ihrer Ankunft erhielten. -Ich werde sie gleich rufen. Bitte gehn Sie -nur hinauf zur gnädigen Frau.«</p> - -<p>Am liebsten hätte er das freilich gethan, aber er -mußte doch erst hinüber in sein Zimmer, um sich von -der Hitze und dem Staub seines langen Spazierganges -zu säubern, und als er das beendet, fand er Jeannette -schon wieder bei ihrer Herrin, und das dralle Mädchen -aus dem Wirthshaus eben emsig beschäftigt die bestellten -Speisen aufzutragen. Wie er sich aber nun gegen -Clemence seines langen Ausbleibens wegen entschuldigen -wollte, unterbrach sie ihn freundlich und lächelte:</p> - -<p>»Aber Sie sollen ja doch nicht unser Sclave sein, -lieber Trautenau, wenn wir Sie zu unserm Ritter ausgewählt -haben. Wir haben hier Nichts zu versäumen -und der Abend bleibt uns ja so noch immer, um hier -am offenen Fenster ein paar Stunden zu plaudern, -oder vielleicht auch einen kleinen Spaziergang im -Mondenschein am Rhein zu machen. – Aber bitte, -wollen Sie nicht Platz nehmen?«</p> - -<p>Trautenau's Augen leuchteten. So herzlich hatte -Clemence noch nie zu ihm gesprochen, selbst nicht als -sie ihn um seine Hülfe bat – aber die Kammerjungfer -war ihm im Weg; er hätte ihr so gern eben so geantwortet; -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -in deren Gegenwart ging das nicht, denn wenn -sie sich auch hie und da im Zimmer zu thun machte, -wußte er doch recht gut, daß sie trotzdem jedes Wort -bewachte, auf jeden Blick selbst paßte. Vielleicht -erhielt er aber am Abend bei dem versprochenen Spaziergang -Gelegenheit ihr zu sagen, wie glücklich sie -ihn dadurch gemacht, und jetzt deshalb nur mit ein -paar höflichen Worten erwidernd, setzte er sich mit den -Damen zu Tisch.</p> - -<p>Es war in der That spät geworden und die Sonne -selbst schon untergegangen. Trautenau mußte aber -während des Essens von seinem Spaziergang erzählen -und that das in so lebendiger Weise, daß Clemence -ihm gespannt und aufmerksam lauschte.</p> - -<p>Da klopfte Jemand draußen laut und deutlich -zwei Mal an die Thür und Jeannette fuhr entsetzt -von ihrem Stuhl empor – Niemand antwortete – -noch einmal klopfte es, als Trautenau, der sich den -augenscheinlichen Schrecken auch in Clemencens Zügen -nicht erklären konnte, ärgerlich über die Störung -»Herein« rief. In dem Augenblick öffnete sich die -Thür und in dem Dämmerlicht des Abends erkannte -die kleine Gesellschaft den Major, der höhnisch lächelnd, -mit triumphirendem Blick die überraschte Gruppe mit -den Augen überflog.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -»Ich störe doch nicht?« sagte er endlich mit seiner -trockenen, aber unheimlich klingenden Stimme, denn -die erregte Leidenschaft lauerte dahinter – »sollte mir -wirklich leid thun Madame – <i>et Monsieur aussi</i> – -da finde ich ja die ganze kleine Gesellschaft gemüthlich -bei einander.«</p> - -<p>»Herr von Reuhenfels,« stammelte Trautenau, der -entsetzt von seinem Stuhl aufgesprungen war.</p> - -<p>»Kuno!« hauchte Clemence und war bleich auf -ihren Stuhl zurückgesunken. Selbst Jeannette wechselte -die Farbe, obgleich sie für sich selber wenig oder -nichts zu fürchten hatte. Reuhenfels schien sich aber -an dem Schrecken, den seine Erscheinung unter den -Flüchtigen verbreitete, mit fast teuflischer Schadenfreude -zu weiden und selbst in der Ueberraschung des Augenblicks -drängte sich Trautenau der Gedanke auf, -daß der Major noch nie im Leben dem Bilde, das er -an jener Wand entworfen, so ähnlich gewesen wäre, -wie in diesem Augenblick.</p> - -<p>Aber die Stille dauerte nicht lange. Haß und -Rache, die in des betrogenen Gatten Augen blitzten, -mußten endlich zum Ausbruch kommen und mit vor -Wuth heiserer Stimme sagte er endlich:</p> - -<p>»Also dahin ist es mit Ihnen gekommen, Madame, -und mein Verdacht, den ich als gutmüthiger Thor -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -selber einzuschläfern suchte, war doch begründet? Aber -Sie sollen diesen nichtswürdigen Undank bereuen – -bitter bereuen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort, und -daß ich mein Wort halte, wissen Sie, sollte ich denken -– gut genug. Und nun zu Ihnen mein Herr, der -Sie es gewagt haben, in das Heiligthum einer glücklichen -Ehe die frevle Hand zu stecken. Ich weiß nicht, -ob Sie ein Mann von Ehre sind – was ich bis jetzt -davon gesehen habe, spricht wenigstens nicht dafür – -wenn dem so ist, so folgen Sie mir in ein anderes Zimmer, -daß wir das Nöthige dort besprechen können.«</p> - -<p>»Ich stehe zu Ihren Diensten, Herr Major,« rief -Trautenau, dessen Antlitz bei den beleidigenden Worten -alles Blut verlassen hatte – »wo und wann Sie -wollen und werde Ihnen beweisen, daß Sie gerade der -Letzte sein dürfen, einen rechtschaffenen Mann an seine -Ehre zu mahnen. Weitere Worte, glaube ich, werden -wohl fortan unnöthig sein.«</p> - -<p>»Ich glaube es auch,« zischte der Major in Haß -und Bosheit, denn die Anspielung des jungen Mannes -auf sein vergangenes Leben war zu deutlich gewesen -um sie mißzuverstehen. »Folgen Sie mir, und Sie, -Madame, werden dies Zimmer nicht verlassen, bis ich -zurückkehre, um Ihnen meine weiteren Befehle kund -zu thun.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -»Mein Herr!« rief jetzt Clemence erzürnt von -ihrem Stuhl emporfahrend – Reuhenfels würdigte -sie aber keines weiteren Blicks. »Ich weiß, daß Sie -gehorchen werden,« sagte er tückisch und verließ das -Zimmer, während Trautenau seinen Hut ergriff, um -ihm zu folgen. So aber und ohne ein Wort des Abschieds -konnte er Clemence nicht verlassen. Bewegt -und zitternd vor Aufregung schritt er auf sie zu und -ergriff ihre Hand.</p> - -<p>»Fürchten Sie Nichts, Clemence,« sagte er leise -und rasch – »so lange ich lebe haben Sie einen -Freund, der Sie nicht verlassen soll.«</p> - -<p>»Er wird Sie tödten,« hauchte Clemence – »er -trifft mit der Pistole eine Schwalbe im Flug.«</p> - -<p>»Ich selber bin nicht ungeübt darin,« erwiederte -Trautenau trotzig, »ich schieße rasch und sicher. Noch -ist es möglich, Ihnen Ihre volle Freiheit wieder zu -geben.«</p> - -<p>»Und für mich wollen Sie in den Tod gehen,« bat -das junge schöne Weib, jetzt wirklich furchtbar ergriffen, -»ach, ich habe es nicht um Sie verdient!« und -Thränen glänzten dabei in ihren Augen.</p> - -<p>»Jetzt komme was da wolle!« rief Trautenau -jubelnd aus, denn diese Thränen waren ihm der erste -Beweis ihrer Liebe – »Du weinst um mich, Clemence, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -und so möcht' ich sterben. Aber es lebt ein -Gott! er wird mir nicht die höchste Seligkeit des -Lebens zeigen, um mich dann nur verzweifelnd von -der Erde zu nehmen. Lebe wohl, auf baldiges frohes -Wiedersehen.« – Sie stürmisch in die Arme pressend, -drückte er den ersten Kuß auf ihre Lippen, und wie er -jetzt zur Thür hinauseilte, wäre er dem Bajonnetangriff -eines ganzen Bataillons mit nackter Brust -jauchzend entgegen gerannt.</p> - -<p>Draußen empfing ihn der Major mit eisiger Kälte.</p> - -<p>»Ist es gefällig?« sagte er, und öffnete eine Thür, -die in einen jetzt leer stehenden düsteren Saal hineinführte. -»Es ist allerdings schon etwas dunkel, aber zu -dem, was wir zu reden haben, brauchen wir wohl kein -Licht.«</p> - -<p>Trautenau folgte ihm, und die Thür hinter sich -zudrückend, fuhr der Major mit halblauter und jetzt -vollkommen leidenschaftloser Stimme fort:</p> - -<p>»Ich habe diesen Augenblick lange herbeigesehnt, -denn von dem Moment an, wo ich entdeckte, welchen -frechen Scherz Sie sich mit mir erlaubt, schwor ich es -mir zu, daß unser erstes Begegnen auch unser letztes -sein sollte. In Wiesbaden entschlüpften Sie mir -freilich. – Sie wissen selber am Besten wie, jetzt -hoffe ich aber, daß wir unser Geschäft mit einander -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -erledigen, ehe wir uns trennen, denn ich möchte Ihnen -doch gern eine Erläuterung dazu geben, was es heißt, -»den Teufel an die Wand malen.«</p> - -<p>»Ich sehe dieser Erläuterung mit großer Ruhe entgegen, -Herr Major,« erwiderte Trautenau kalt. »Ich -werde Ihnen dann auch beweisen können, daß ich -Ihnen in Wiesbaden nicht »entschlüpft« bin, wie Sie -sich auszudrücken belieben, sondern nur, um eine Frau -von der teuflischen Tyrannei –«</p> - -<p>»Halten Sie ein, mein Herr,« unterbrach ihn gebieterisch -der Major, »wir wollen nicht mit Worten, -sondern mit Waffen fechten. Heute Abend ist es -freilich dafür zu dunkel – ich konnte leider nicht früher -eintreffen, da der Zug entgleiste und ich das nächste -Dampfboot benutzen mußte, um heute Abend noch den -Ort hier zu erreichen. Da auch kein Zug vor morgen -früh neun Uhr von hier wieder stromauf gehen kann, -bleibt es sich gleich, und wir können das Tageslicht -abwarten, um unsern – wie ich jetzt vermuthen muß -– beiderseitigen Wunsch zu erfüllen. Sind Sie am -anderen Ufer bekannt?«</p> - -<p>»So ziemlich, ich war erst vor wenigen Wochen -längere Zeit dort. Aber weshalb?«</p> - -<p>»Weil ich auf nassauisches Gebiet zurückkehren -muß, möchte ich unser Geschäft im Preußischen erledigt -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -sehen. Kennen Sie den hinteren Thurm an der -Ruine Rheinfels? Gleich darunter ist ein kleiner -offener Platz.«</p> - -<p>»Ich erinnere mich.«</p> - -<p>»Gut – sein Sie dort morgen früh eine halbe -Stunde nach Sonnenaufgang, Waffen bringe ich mit. -Haben Sie einen Secundanten?«</p> - -<p>»Nein – ich kenne Niemanden hier.«</p> - -<p>»Ich habe viele Officiere heute Abend in St. Goarshausen -gesehen. Sie werden leicht einen der Herrn -dazu bewegen können.«</p> - -<p>»Ich denke ja.«</p> - -<p>»Gut – weiteres ist nicht nöthig. Es bleibt -Ihnen der ganze Abend dazu, da Ihre weitere Anwesenheit -im Hôtel,« setzte er höhnisch hinzu, »doch -nicht mehr verlangt wird. Für Madame werde ich -selber sorgen. Sie kommen gewiß?«</p> - -<p>»Schon die Frage ist eine unwürdige Beleidigung,« -sagte Trautenau finster, »ich hoffe der Erste auf dem -Platz zu sein.«</p> - -<p>»Gut, mein Herr Maler,« erwiderte Reuhenfels -sarkastisch, »ich werde Sie nicht lange warten lassen.«</p> - - - - -<h3><a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -<span class="subheader"><span class="ge">Elftes Capitel.</span></span><br /> - -Die Entscheidung.</h3> - - -<p>Trautenau verließ das Hôtel, um an den Rhein -hinab zu gehen. Wenn er aber auch sonst friedlicher, -fast sanfter Natur war, und sein Pistolenschießen nur -als eine interessante Uebung betrieben hatte, von der -er nie im Leben einen ernstlichen Gebrauch erwartete, -so konnte er jetzt kaum den anderen Morgen erwarten, -wo er Dem gegenüberstehen sollte, den er nun als -seinen ärgsten Feind kannte und haßte. Clemencens -Kuß brannte ihm ja noch auf den Lippen, und er fühlte, -daß Einer von ihnen Beiden – Reuhenfels oder er, -die Erde räumen müsse – es war nicht Platz darauf -für Beide.</p> - -<p>Mit diesen Gedanken schritt er rasch den Rhein -hinab, und es dauerte nicht lange bis er zwei nassauische -Officiere traf, die Arm in Arm am Rhein -spazieren gingen, und denen er ohne Weiteres sein Anliegen -vortrug. Er war vollkommen fremd hier und -hatte morgen früh, zum Schutz einer Dame, eine -Ehrensache auszumachen – ob ihn Einer der beiden -Herren dabei unterstützen wolle?</p> - -<p>»Wie ist Ihr Name?« frug der Eine der Officiere.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -»Trautenau – ich bin Maler, und nur zum -Besuch an den Rhein gekommen.«</p> - -<p>»Und wo ist das Rendezvous?«</p> - -<p>»Dort drüben gleich hinter der Ruine; ich werde -hier morgen früh etwas vor Sonnenaufgang ein Boot -bereit halten, da wir eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang -an Ort und Stelle sein müssen.«</p> - -<p>»Ich werde Sie begleiten,« lautete die Antwort -– »mein Name ist von Klingen – haben Sie -Waffen?«</p> - -<p>»Mein Gegner wollte sie besorgen.«</p> - -<p>»Pistolen oder Säbel?«</p> - -<p>»Pistolen.«</p> - -<p>»Gut – ich werde zur Vorsorge noch meine eigenen -mitbringen, die Herren können dann wählen – -aber dann muß ich gleich nach Hause, um Alles in -Stand zu setzen.«</p> - -<p>Die jungen Leute drückten sich die Hand und Trautenau -wanderte noch schweigend und seinen Gedanken -nachhängend in die Nacht hinaus.</p> - -<p>Er dachte an Frank und was der zu dem Allen -sagen würde, wenn er es erfuhr. Der hatte ihn wohl -genug gewarnt, aber konnte er denn anders handeln, -als er es gethan? und würde sich Frank, an seiner -Stelle, nicht genau so benommen haben? Arme -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -Clemence! was wurde aus ihr, wenn er in dem morgenden -Zweikampf fiel? war sie dann nicht elend für -ihr ganzes Leben? Doch ihr Schicksal lag ja in Gottes -Hand, und dem wollte er vertrauen, daß er noch Alles -zum Besten führe. Wozu sich jetzt auch unnöthige -Sorgen machen, die ihn nur weich stimmten und entmannten. -Mit kaltem, ruhigen Blut mußte er an -die Arbeit gehen, denn nur dann konnte er hoffen zu -siegen.</p> - -<p>Am nächsten Morgen war er lange vor Tag auf -und in seinen Kleidern. Einen Schiffer hatte er sich -noch am vorigen Abend bestellt, der auch schon mit -seinem Boot wartete; der Officier fand sich ebenfalls -pünktlich ein, und schon näherten sie sich dem anderen -Ufer, als die ersten Strahlen der Morgensonne die -höchsten Thürme der alten Ruine vergoldeten. Sie -durften sich fest überzeugt halten, daß sie pünktlich und -auch noch vor dem Gegenpart das Rendezvous erreichen -würden, denn daß dieser schon vor ihnen aufgebrochen -sei, ließ sich nicht gut denken.</p> - -<p>Der Morgen war frisch, aber wunderbar schön -und klar, und der Thau blitzte von allen Zweigen und -Grashalmen funkelnd wieder. Aber Trautenau war -nicht in der Stimmung, das heute zu beachten, denn -er ging einen ernsten, schweren Weg, und wer wußte -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -denn, ob nicht sein Blut bald häßliche Flecken auf diese -Gräser werfen würde, wenn sie ihn, schwer verwundet -oder todt wieder zurück zum Ufer trugen. – Doch gewaltsam -schüttelte er alle diese Gedanken ab – er -durfte sich ihnen nicht hingeben und sein einziger -Wunsch war, jetzt den Gegner schon auf dem Platz zu -finden, um – was sie zu erledigen hatten, so rasch als -möglich abzumachen.</p> - -<p>Aber der Platz, als sie ihn erreichten, war noch -leer: nur die Vögel zwitscherten in den benachbarten -Büschen und ein Zug Krähen strich krächzend von dem -einen alten Thurm ab, hinüber dem Walde zu.</p> - -<p>»Wir sind die Ersten,« begann der Officier, als er -den Platz überschaute.</p> - -<p>»Ich hoffe, wir werden nicht lange zu warten -haben,« erwiederte Trautenau, »er versprach, pünktlich -auf dem Platz zu sein.«</p> - -<p>»Ich glaube, wir sind noch etwas vor unserer -Zeit, aber desto besser; es ist immer ein unangenehmes -Gefühl, den Gegner schon uns erwartend zu -finden.«</p> - -<p>Trautenau nickte schweigend mit dem Kopf und -schritt, die Arme verschränkt, auf dem kleinen offenen -Raum auf und ab, – aber Reuhenfels ließ lange auf -sich warten, – höher und höher stieg die Sonne, und -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -als der Secundant wieder und wieder auf seine Uhr -sah, rief er endlich aus:</p> - -<p>»Aber zum Teufel auch, der Herr ist jetzt wenigstens -schon drei Viertel Stunden hinter seiner Zeit. -Sind Sie auch gewiß, daß er überhaupt kommt?«</p> - -<p>»Ich habe nicht den geringsten Grund, daran zu -zweifeln, und begreife es selber nicht. Ob er am -Ende kein Boot bekommen hat?«</p> - -<p>»Zehne für eins, wenn er sie haben wollte. -Zwischen den beiden Orten wechseln ja die Boote fortwährend -herüber und hinüber. Das kann ihn nicht -zurückgehalten haben. Welche Zeit hatte er Ihnen -bestimmt?«</p> - -<p>»Eine halbe Stunde nach Sonnenaufgang.«</p> - -<p>»Die Sonne ist jetzt fast anderthalb Stunden hoch. -Wir wollen noch eine halbe Stunde warten, dann sind -wir aber an Nichts mehr gebunden. Sie wären jetzt -schon völlig berechtigt, den Platz wieder zu verlassen.«</p> - -<p>»Lassen Sie uns noch warten,« bat Trautenau, -und wieder schritten die beiden Männer eine Zeitlang -schweigend auf und ab, aber es erschien Niemand, ja -noch kurz vor der gestellten Frist hörten sie sogar -lautes Lachen und schwatzende Leute, eine Gesellschaft -von Reisenden, die auf die Ruine gestiegen waren und -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -jetzt wahrscheinlich einen Spaziergang in der Nachbarschaft -machen wollten.</p> - -<p>»Mein lieber Herr Trautenau,« sagte der Officier, -indem er seinen kleinen Pistolenkasten unter den Arm -nahm, »ich kann Ihnen bezeugen, daß Sie Ihre übernommene -Pflicht auf das Vollständigste erfüllt und -jedem Gesetz der Ehre genügt haben. Ihr Gegner ist -– aus welchem Grunde auch immer – ausgeblieben. -Lassen Sie uns zurückkehren und zusammen frühstücken, -denn ich fange an hungrig zu werden.«</p> - -<p>Zwischen den Büschen wurden in der That schon -die hellen Gestalten der Spaziergänger sichtbar; sie -durften hier gar nicht länger bleiben, wenn sie nicht -auffallen wollten und Trautenau selber schritt jetzt an -seines Begleiters Seite um die Ruine herum, damit -sie den Fremden nicht mit dem Pistolenkasten in den -Weg kamen. Unterwegs begegneten sie auch Reuhenfels -nicht und Trautenau begriff nicht, was ihn abgehalten -haben konnte; denn wie auch immer sein Charakter -sein mochte, für feige hielt er ihn nimmermehr.</p> - -<p>Unten in St. Goar angelangt, bestellten sie rasch -ein Boot und setzten sich indessen in eines der -nächsten Weinhäuser, um etwas zu frühstücken, denn -der Magen verlangte sein Recht. Trautenau, von Ungeduld -gepeinigt, wäre allerdings am liebsten gleich -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -nach St. Goarshausen zurückgekehrt, aber der Officier -ließ ihn nicht los und er konnte ihm die Gefälligkeit, -noch eine Viertelstunde bei ihm auszuhalten, nach der -ihm geleisteten nicht versagen.</p> - -<p>Jetzt lag das Boot bereit und brachte sie wieder -über den Strom hinüber, ihrem Ziel entgegen, und -Trautenau eilte nun, so rasch ihn seine Füße trugen, in -das goldene Roß hinüber, um dort den Major seines -Wortbruchs wegen zur Rede zu stellen.</p> - -<p>Im goldenen Roß hatte sich indessen eine andere -Scene zugetragen, die allerdings das Ausbleiben des -Herrn von Reuhenfels, soweit es seinen persönlichen -Muth betraf, vollkommen entschuldigte.</p> - -<p>Der genannte Herr war ebenfalls lange vor Tag -aufgestanden und fertig zum Aufbruch, sah seine Pistolen -noch einmal nach, ob auch Alles in tüchtigem -Stand wäre, füllte das kleine Pulverhorn, das er in -die Tasche schieben konnte, aus einem größeren, und -hatte die Uhr dabei vor sich auf dem Tisch liegen, -damit er den richtigen Moment nicht versäume.</p> - -<p>Der Hausknecht stand unten im Flur und putzte -die Stiefeln der verschiedenen Gäste, als die Hausthür -geöffnet wurde und ein Fremder – zu so früher -Stunde allerdings etwas Ungewohntes, darin erschien.</p> - -<p>»Sagen Sie mir, lieber Freund,« redete er den -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -Hausknecht an, »ist gestern Abend oder in der Nacht, -wohl noch ein Fremder hier im goldenen Roß angekommen, -der zu einem paar Damen gehört?«</p> - -<p>»Heute Nacht nicht, aber gestern Abend,« sagte der -Mann – »No. 11«.</p> - -<p>»In der That? Wie sah er aus, wenn ich fragen -darf?«</p> - -<p>»Na, wie soll er aussehn – wie andere Fremde -auch.«</p> - -<p>»Trägt er einen Bart?«</p> - -<p>»Ja, einen Backenbart glaub' ich – ein Bischen -breit.«</p> - -<p>»Aber keinen Schnurrbart?«</p> - -<p>»Ich glaube nicht, aber da müssen Sie seinen -Barbier fragen.«</p> - -<p>Der Fremde drückte dem Hausknecht ein Guldenstück -in die Hand, was dieser mit äußerstem Erstaunen -betrachtete.</p> - -<p>»Hollo?« rief er, »so früh Morgens? – der Tag -fängt gut an.«</p> - -<p>»Es war noch ein anderer Herr bei den Damen, -wie?« frug der Fremde weiter.</p> - -<p>Der Hausknecht nickte – »Ja und die Beiden -haben sich mit einander gezankt,« erzählte er, denn der -Gulden hatte ihn gesprächig gemacht, – »sie waren -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -zusammen im großen Saal allein, und wie ich den -fremden Herrn heute Morgen weckte, und ihm Licht -ansteckte, hatte er einen offenen Pistolenkasten vor -seinem Bett auf dem Stuhl stehen!«</p> - -<p>»So? – das war der Letztgekommene?«</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Und ist er noch auf seinem Zimmer?«</p> - -<p>»Gewiß, aber lange wird er nicht mehr bleiben, -denn sonst hätte ich ihn nicht vor Tag zu wecken -brauchen.«</p> - -<p>»Da kommt Jemand die Treppe herunter.«</p> - -<p>Der Hausknecht sah hinauf, schüttelte aber mit -dem Kopf, – »ne, das ist der Andere.«</p> - -<p>Der Fremde zog sich in den Schatten des Geländers -zurück, bis Trautenau das Haus verlassen hatte; -dann folgte er ihm langsam bis zur Thür und blieb -dort wohl noch zehn Minuten stehen. Endlich pfiff er -leise auf einem kleinen Instrument und es dauerte -nicht lange, so traten auch vier andere Männer in die -Flur, von denen der Eine die Uniform der Landes-Polizei -trug.</p> - -<p>»Ich denke wir haben den Burschen,« meinte der -Fremde jetzt, zu diesem gewandt, »denn was ich eben -von dem Hausknecht gehört, läßt kaum noch einen Zweifel. -Unser Extrazug wird sich wahrscheinlich bezahlt machen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -»Daß wir nur keinen Verkehrten fassen,« entgegnete -der Polizeibeamte, – »kennen Sie ihn persönlich?«</p> - -<p>»Allerdings, – Herr von Reuhenfels, der sich in -Wiesbaden »zu Berg« nannte, ist eine zu allbekannte -Persönlichkeit, und war jeden Abend in der Spielbank -zu treffen – ebenso wie seine schöne Frau.«</p> - -<p>»Und was wird mit der Dame?«</p> - -<p>»Es ist keine Anklage gegen die Dame erhoben; wir -werden sie nicht belästigen.«</p> - -<p>Oben wurde in diesem Augenblick geklingelt.</p> - -<p>»Das ist auf No. 11,« rief der Hausknecht, – »ich -soll ihm den Kasten hinunter zum Wasser tragen.«</p> - -<p>»Gut – gehen Sie hinauf,« sagte der Polizeibeamte. -»Wir sind hier um den Herrn zu verhaften. -– Sollte er Widerstand leisten, so sind Sie verpflichtet, -uns beizustehen. Sie haben mich doch verstanden?«</p> - -<p>»Ja wohl – gewiß.«</p> - -<p>»Und wenn Sie ein Wort oben äußern, könnten -Sie in die schlimmste Lage kommen, lieber Freund.«</p> - -<p>»Werde mich hüten,« brummte der Hausknecht; -der Herr da oben schien aber ungeduldig, denn eben -klingelte es zum zweiten Mal, und bedeutend stärker -als vorher.</p> - -<p>»Ja, ja, komme schon,« knurrte der Hausknecht, in -<a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -eben nicht besonderer Laune, »na ja,« murmelte er -dabei – »hier unten einen Gulden gekriegt und da -oben das Trinkgeld verloren; wo bleibt da der Profit.« -– Als guter Deutscher hatte er aber viel zu großen -Respect vor der Polizei, um irgend einen anderen Gedanken, -als den unbedingten Gehorsams zu hegen. -Was ging ihn auch der Fremde auf No. 11 an, daß er -sich seinetwegen hätte in böse Händel verwickeln lassen. -Helfen konnte er ihm doch nichts. Er ging in das -Zimmer und ließ die Thür angelehnt.</p> - -<p>»Hier mein Bursche,« begann Reuhenfels, »nimm -einmal den Kasten und komme mit mir zum Flußufer -hinunter. Ist der andere Herr schon fort?«</p> - -<p>»Oh wohl schon vor zehn Minuten.«</p> - -<p>»So? Dann habe ich keinen Augenblick Zeit mehr -zu versäumen – komm rasch.«</p> - -<p>»Sie werden wohl noch einen Augenblick entschuldigen -müssen, Herr Major von Reuhenfels,« sagte in -diesem Moment die tiefe, ernste Stimme des französischen -Polizei-Agenten, dessen Gesicht sich Reuhenfels -erinnerte oft in Wiesbaden gesehen zu haben, wenn er -auch wohl nie eine Ahnung von seiner Function hatte. -Aber er erbleichte, denn hinter diesem traten noch vier -andere Männer ins Zimmer und füllten den kleinen -Raum, während sich der Hausknecht vor das Fenster -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -zurückgezogen hatte, um eine Flucht dort hinaus zu verhindern.</p> - -<p>»Was wollen Sie von mir?« rief Reuhenfels, und -sein scheuer Blick verrieth deutlich genug, daß er kein -reines Gewissen hatte. »Halten Sie mich nicht auf -– ich habe eine Ehrensache abzumachen.«</p> - -<p>»Weshalb wir kommen, mein Herr,« sagte der -Beamte mit schneidender Kälte, »betrifft keine Ehrensache, -sondern einen Bubenstreich – ja vielleicht eine -Kette von solchen, und die Erledigung derselben muß -diesmal der Ehrensache vorgehen. Sie sind mein Gefangener.«</p> - -<p>»In wessen Namen?« fuhr Reuhenfels auf.</p> - -<p>»Im Namen Sr. Majestät des Kaisers der Franzosen -wegen Anklage auf Mord und Raub, wie anderer -geringfügiger Vergehen.«</p> - -<p>»Das ist eine schändliche Lüge!« rief der Verbrecher, -aber Todtenblässe deckte seine Züge und der -scheue Blick umher suchte nach Hülfe, vielleicht nach -einer Waffe. Die Pistolen im Kasten waren aber nicht -geladen und dieser auch verschlossen. Ueberhaupt gaben -ihm die Polizeibeamten keine Zeit mehr, sich lange zu -bedenken. Ehe er ernstlichen Widerstand wagen oder -nur beschließen konnte, hatten sie sich auf ihn geworfen, -und obgleich er sich jetzt wie ein Verzweifelter wehrte, -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -fand er sich doch machtlos in der Hand der fünf baumstarken -und gewandten Männer. Seine Kraft war -auch gebrochen. Der Schlag hatte ihn zu rasch und -plötzlich getroffen und zähneknirschend ergab er sich -endlich in sein Schicksal.</p> - -<p>Ehe man ihn abführte, verlangte er allerdings -noch einmal seine Frau zu sprechen, der Beamte erklärte -aber strengen Befehl zu haben, keine Unterredung -weiter mit irgend wem gestatten zu dürfen. Er -wußte überdies, daß ihm die Dame entflohen sei, und -also keine Gefühlsrichtung diesen Wunsch hervorgerufen -hatte. Der Gefangene wurde ohne Weiteres, -mit Allem was man bei ihm fand (seine in Wiesbaden -befindlichen Sachen waren schon mit Beschlag belegt) -in Gewahrsam gebracht, bis der nächste Zug ging und -dann fort transportirt, ohne daß die Leute im Haus -weiter erfuhren, was mit ihm geschah.</p> - -<p>Zwei Stunden später etwa kehrte Trautenau vom -anderen Ufer zurück. Schon unten in der Hausflur -erzählte ihm aber der Wirth, den er dort antraf, die -Gefangennahme des fremden, gestern Abend angekommenen -Herrn, der jedenfalls ein großes Verbrechen -begangen haben müsse, denn als man ihn auf die -Bahn gebracht, habe er Handschellen angehabt.</p> - -<p>»Und die Damen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -»Die Eine ist noch oben,« erwiederte der Wirth, -»und wartet, glaube ich, auf den nächsten Zug, oder -das nächste Boot – die andere ist mit einem jungen -Herrn, einem Franzosen, gleich nachdem der Herr -fortgeschafft wurde, oder etwa eine Stunde später, an -Bord des zu Thal gehenden Bootes gefahren. Der -Dampfer konnte ja kaum die Landung verlassen haben, -als Sie heraufkamen.«</p> - -<p>Trautenau war es, als ob das Haus mit ihm im -Kreise herum ging. – Eine der Damen hatte das -Hôtel mit einem jungen Franzosen verlassen – aber -es war doch nicht möglich – nicht denkbar, daß Clemence –</p> - -<p>Er drehte sich langsam ab und stieg die Stufen -hinauf, die zu der oberen Etage führten. Dort lag -das Zimmer, in welchem Clemence wohnte – Er -klopfte leise an.</p> - -<p>»<i>Entrez!</i>« lautete der ziemlich lebhaft gegebene -Ruf, und als er die Thür öffnete, bemerkte er Jeannette, -eben im Begriff, ihren Koffer zu packen, wie sie -mitten in der Stube stand.</p> - -<p>»Ah Monsieur Trautenau!« rief das junge -Mädchen, indem sie auf ihn zuflog und seine Hand -ergriff – »Sie sind zurückgekehrt? Ah das ist schön, -das ist brav von Ihnen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -»Mein liebes Fräulein,« erwiederte Trautenau, -der das Alles noch gar nicht fassen konnte, »wollen Sie -mir freundlichst sagen, was hier vorgegangen ist, denn -der Wirth unten scheint mir verrückt – die ganze -Welt muß wahnsinnig geworden sein, oder ich bin es -am Ende selber.«</p> - -<p>»Nein, Monsieur,« rief Jeannette lebhaft aber -unter Thränen aus – »man hat Ihnen die Wahrheit -gesagt. Das Unerhörteste ist geschehen.«</p> - -<p>»Clemence ist wirklich fort?«</p> - -<p>»Heute Morgen, mit Monsieur Armand.«</p> - -<p>»Mit dem Franzosen?«</p> - -<p>»Dem ich gestern noch in der Nacht mit Lebensgefahr, -denn der gnädige Herr hätte mich umgebracht, -wenn er es erfuhr – telegraphiren mußte. Solch' -ein Undank ist noch gar nicht dagewesen.«</p> - -<p>»Sie haben ihm telegraphirt?«</p> - -<p>»Jawohl – für die gnädige Frau, und heute -Morgen, wie er ankommt, entläßt sie mich aus ihrem -Dienst und reist allein mit ihm ab.«</p> - -<p>»Clemence?«</p> - -<p>»Nun versteht sich – mit dem ersten Boot, das -stromab kam, sind sie fort. Ich habe sie selber an's -Ufer begleitet.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -»Und kannte Madame jenen Monsieur Armand -schon früher?«</p> - -<p>»Ah gewiß,« rief Jeannette in Aerger über die erlittene -Unbill. »Das Ganze war eine abgekartete -Sache, und Monsieur Armand hat uns ja selber dies -Hôtel bestimmt, um auf ihn zu warten.«</p> - -<p>»So?« sagte Trautenau und es war ihm zu -Muthe, als ob ihn Jemand mit eiskalter Hand sein -Herz gefaßt und zerdrückt hätte – »also eine abgekartete -Sache – und ich selber –?«</p> - -<p>»Ah Monsieur, diese Dame ist eine durchtriebene, -gefährliche Kokette. Sie wären verloren gewesen, -wenn Sie vollständig in ihr Netz fielen.«</p> - -<p>»Wahrhaftig?«</p> - -<p>»Was ich Ihnen sage – diesen Armand liebt sie -wie rasend. Mit Ihnen hat sie nur ihr Spiel getrieben, -weil sie Jemanden brauchte, der den Verdacht -ihres Gatten ablenkte.«</p> - -<p>»In der That?«</p> - -<p>»Und mich – die mit solcher Treue und Aufopferung -an ihr hing, jetzt mit so schmählichem Undank zu -lohnen; oh es ist schändlich! abscheulich!«</p> - -<p>Trautenau wandte sich langsam ab und wollte das -Zimmer verlassen, als ihn Jeannette zurückhielt.</p> - -<p>»Und was gedenken Monsieur jetzt zu thun?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -»Ich? – oh, Nichts, ich darf Madame natürlich -nicht mehr belästigen, und denke auch gar nicht daran. -Ich werde in meine Heimath zurückkehren.«</p> - -<p>»Und was wird aus mir?« rief Jeannette, indem -sie ihn bittend ansah – »wollen Sie mich, ein armes, -unbeschütztes Mädchen hier allein in dem fremden -Land zurücklassen?«</p> - -<p>»Hat Sie Madame auch um Ihren – Lohn betrogen?«</p> - -<p>»Nein das nicht – Monsieur Armand ist reich; er -war generös.«</p> - -<p>»Und was verlangen Sie noch von mir?«</p> - -<p>»Ist es Sitte in Deutschland, daß man unbeschützte -Frauen allein reisen läßt?«</p> - -<p>»Mein liebes Fräulein,« antwortete Trautenau, -dem diese kaum versteckte Zumuthung doch ein wenig zu -stark schien, – »Sie haben der gnädigen Frau getreu -geholfen und beigestanden – es war an ihr, Sie -dafür zu belohnen. Sie werden von mir hoffentlich -nicht verlangen, daß ich mich zum Cavalier ihrer Kammerfrau -aufwerfe, da sie selber es vorgezogen, einen -anderen Schutz zu suchen. Ich wünsche Ihnen eine -angenehme Reise –« und sich abwendend schritt er -aus der Thür und hörte nur noch den Ausruf der -Empörung Jeannettens: »Oh diese Deutschen – diese -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -Menschen von Holz!« – Aber er war geheilt – vollständig -geheilt von seiner tollen Leidenschaft, und als -er etwa drei Wochen später nach M– zurückkehrte, -konnte er Frank sein Abenteuer – oder vielmehr seine -Kette von Abenteuern mit lachendem Munde erzählen.</p> - -<p>Drei Monat später druckte ein deutsches Blatt in -M– einen Artikel aus einer französischen Zeitung ab -– einen Criminalfall, der für M– besonderes Interesse -hatte. Es war die Verurtheilung eines Deutschen, -eines Herrn von Reuhenfels, der beschuldigt und überführt -worden war, seinen Schwiegervater, einen geborenen -Franzosen Monsieur Joulard, mit dem er -früher Wechselfälschungen und anderen Betrug getrieben, -in Paris ermordet, und in einem Keller vergraben -zu haben. Er hatte das Verbrechen eingestanden -und war, da ein vorbedachter Mord nicht nachgewiesen -werden konnte, zu lebenslänglicher Galeerenstrafe -verurtheilt worden.</p> - -<p>Von Clemence hörten sie Nichts wieder. Möglich, -daß sie als Madame Armand irgendwo in Frankreich -lebte. Trautenau dachte nicht mehr an sie – er hatte -ihr Bild, die Copie, die er damals behalten, gleich -nachdem er nach M– zurückkehrte, zerstört, aber mit -desto größerer Vorliebe zeichnete und malte er sich in -seinem neuen Atelier den Major in der alten Staffage -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -an die Wand, und wo ihm einmal wieder das Herz mit -dem Verstand durchgehen wollte, bedurfte es nur eines -Blickes auf das Bild, um all die alten, fast begrabenen -Erinnerungen wieder wach zu rufen. Damit -war denn auch jede Gefahr beseitigt, denn er hatte sich -den Teufel als Schutzengel an die Wand gemalt.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -<span class="ge">Booby-island.</span><br /> - -<span class="subheader">Australische Skizze.</span></h2> - - -<p>Wenn der Leser die Karte von Australien in die -Hand nimmt, so sieht er, daß im Norden dieses Welttheils, -zwischen Australien und der großen Insel Neu-Guinea, -eine schmale Meerenge hindurchführt, die noch -außerdem mit zahlreichen Punkten – nichts als bösartige -Klippen – gesprenkelt erscheint. In der That füllen -eine Menge von Korallenriffen und Sandinseln -diesen schmalen Meeresarm aus, und nur einzelne -Passagen mit kaum fünf oder sechs Faden tiefem Fahrwasser -ziehen sich hindurch und müssen von den Schiffen -sorgfältig eingehalten werden. Da diese aber, -wenn sie aus dem Stillen in den Indischen Ocean -wollen, durch die Meerenge ein tüchtig Stück Weg abschneiden, -so benutzen sie doch häufig den Weg, und bei -ruhigem Wetter und einiger Vorsicht ist auch nicht -eben viel Gefahr dabei.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Anders stellt sich freilich die Sache, wenn gerade -an der Einfahrt, besonders von Osten her, wo die -Passage nicht so leicht zu finden ist, stürmisches Wetter -einsetzt. Manches arme Schiff ist dann schon an -jenen sogenannten <i>barrier-reefs</i> (Riffbarrière) gescheitert, -und die Mannschaft hat sich, wenn sie nicht -gar an einer zu bösen Stelle strandete, in ihren Booten -retten müssen.</p> - -<p>Einmal erst in der Meerenge – welche die Torresstraße -genannt wird – und die Boote haben auch -in der That Nichts mehr von den selbst stürmischen -Wogen des Oceans zu fürchten, da diese Korallenriffe -die schwere Dünung vollständig abhalten. Sie befinden -sich in der Meerenge selber in ruhigem glatten -Wasser, und eine Menge Inseln liegen dort überall, -auf denen sie selbst landen können. Freilich bieten -diese Inseln auch gar Nichts weiter als eben Land, -und nur einige der größten haben dürftige Quellen. -Zu gewissen Jahreszeiten wachsen aber auch auf den -meisten sehr delikate, dattelähnliche Früchte, die wie -unsere deutschen Pflaumen aussehen, und mit denen -und den zahlreichen Fischen im seichten Wasser könnten -sich Schiffbrüchige eine Zeitlang das Leben fristen.</p> - -<p>Stranden sie freilich zu einer Zeit, wo diese -Früchte nicht reif sind, und haben sie – wenn sie -<a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -rasch von Bord flüchten mußten – keine Gewehre bei -sich, um von den dort häufig vorkommenden Tauben -zu erlegen, so sind sie sehr übel daran, und ihre einzige -Aussicht bleibt, »Booby-island« so bald als möglich -zu erreichen.</p> - -<p>Alle diese Inseln – selbst Mount Adolphus, die -größte von ihnen mit tüchtigen Hügelrücken, sind unbewohnt, -und nur in gewissen Zeiten kommen einzelne -australische Familien oder Stämme vom Continent -herüber, um hier zu fischen. Selbst aus dem ostindischen -Archipel, von Timor-laut und anderen kleineren -Inseln segeln mit dem günstigen Monsuhn (temporären -Wind) die Malayen herüber, um hier dem Fischfang -obzuliegen, und kehren erst, wenn diese, regelmäßig -fünf Monate wehende Luftströmung nach der -entgegengesetzten Himmelsrichtung umspringt, in ihre -Heimath zurück.</p> - -<p>Die ganze Torresstraße ist derart mit kleinen Inseln -angefüllt, und die westlichste davon, die schon eine -ziemliche Strecke draußen im indischen Ocean und von -sehr tiefem Wasser umgeben liegt, ist Booby-island, -nach den von den Engländern <i>boobies</i> genannten -großen Seemöven so getauft.</p> - -<p>Sie besteht allerdings nur aus kahlem Felsgestein, -mit immergrünen Rankgewächsen überwuchert, zwischen -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -denen nur einige niedere, kaum sechs Fuß hohe -Büsche hervorragen. Kein Baum giebt dort Schutz -gegen die brennenden Strahlen der Sonne, keine -Quelle entspringt dem dürren Boden, keine Frucht -wächst darauf, kein Fischfang ist selbst in dem tiefen -Wasser möglich, und da die Insel noch dazu weit ab -vom festen Lande und den übrigen Inselgruppen liegt, -so fanden weder australische Eingeborene noch die in -der Nähe vorbeifahrenden Malayen je eine Veranlassung, -dort zu landen und den Platz näher zu untersuchen.</p> - -<p>Englische Seefahrer hatten das aber schon längst -gethan und eine besondere Eigenthümlichkeit dieses -kleinen Eilands entdeckt, nämlich eine tief in den Fels -hineingehende, sehr geräumige Höhle, die aber durch -vorspringende Zacken ziemlich versteckt lag. Längst -schon hatte man dabei das Bedürfniß gefühlt, in einer -Gegend, wo Schiffbrüche gar nicht zu den Seltenheiten -gehörten und wenigstens kein Jahr verging, daß -nicht ein oder das andere Fahrzeug auf oder zwischen -den Korallen scheiterte, irgendwo ein Depot anzulegen, -in welchem die gerettete Mannschaft Wasser und -einige Provisionen finden konnte.</p> - -<p>Dazu erwies sich eben dies Booby-island ganz -vortrefflich, und die praktischen Engländer ergriffen -<a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -den hier gebotenen Vortheil auch ohne Weiteres. In -den englischen Zeitungen wurde bekannt gemacht, daß -jene Insel für diesen Zweck benutzt werden solle, und -dieselbe dem Schutz und der Pflege englischer Seeleute -empfohlen. Vorbeilaufende Schiffe legten dann dort -bei und schafften Fässer mit Wasser und Schiffszwieback, -gesalzenes Fleisch, trockenes Obst und verschiedene -andere Lebensmittel in die Höhle. Selbst eine kleine -Anzahl Flaschen spirituoser Getränke wurde nicht -vergessen, wie etwas Tabak für schiffbrüchige Seeleute. -Oben auf dem Felsen befestigte man dann -noch eine kleine Flagge und etablirte eine »Postoffice« -– freilich ohne irgend einen Beamten oder Aufseher.</p> - -<p>Es stand dort oben nämlich ein, nur durch ein -einfaches Bretterdach gegen den Regen geschützter -Kasten – eine der gewöhnlichen starken und angestrichenen -Seekisten, wie sie Matrosen statt Koffer gebrauchen. -Darinnen lag etwas Papier, Bleistifte, -Oblaten, Couverte etc., und ein Schild daneben deklarirte -den Platz als »Postoffice«, und deutete an, daß -an der Süd-Ostseite der Insel in einer Höhle Provisionen -lägen – falls dort landende Schiffbrüchige -sie nicht schon vorher gefunden hatten.</p> - -<p>Fahrzeuge, welche die Torresstraße, von Osten -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -kommend, passirt hatten, legten nun hier bei, sandten -ein Boot an Land und hinterließen in diesem merkwürdigen -Postbureau Namen und Zeit ihrer Durchfahrt, -und das nächste nach Sydney durchgehende -Schiff fand dann den Brief, nahm ihn mit und -brachte dadurch die Nachricht nach dem Port viel rascher, -als dies auf eine andere Weise möglich gewesen -wäre.</p> - -<p>So bestand diese Einrichtung viele lange Jahre, -und noch im Jahre 58 hatte kein australischer Wilder -den Platz betreten oder, wenn so, die ziemlich versteckte -Höhle entdeckt. Die dort eingelegten Provisionen blieben -wenigstens unberührt, und wenn auch einzelne der -dort aufgehäuften Sachen, z. B. manche Fässer mit -gepökeltem Fleisch in dem heißen Clima verdarben, so -wurden sie doch immer wieder von Zeit zu Zeit durch -andere frische ersetzt, und manche Bootsmannschaft, -die sich bis hierher gerettet, segnete die wackeren Geber, -die mitten im Ocean einen Tisch für sie gedeckt -und ihren Hunger und Durst in einer Wüste gestillt -hatten.</p> - -<p>Es war im November des Jahres 59, daß zuerst -ein Canoe der Australier dorthin, vielleicht auf einer -Entdeckungsreise kam. Möglich, daß sie untersuchen -wollten, ob dies kleine Eiland doch vielleicht irgend -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -eine Art Frucht trage – denn auf den anderen Inseln -waren die Früchte in dem Jahr nicht gerathen, möglich, -daß sie nur Möveneier sammeln oder den Versuch -machen wollten, in der dortigen Gegend zu fischen, -kurz sie landeten, und ein englisches, gerade vorbeikommendes -Fahrzeug sah die dunklen Gestalten kaum -oben auf dem kahlen Felsen, als es auch näher heran -hielt, einen seiner kleinen Böller löste und zwei Boote -absandte, um die Wilden zu vertreiben. Es bedurfte -aber der Boote nicht einmal; schon bei dem abgefeuerten -Schuß hatten sich die erschrockenen Eingeborenen -Hals über Kopf den Felsen hinunter geworfen, sprangen -in ihr Canoe und ruderten in wilder Hast dem -Festlande zu. Die Boote folgten ihnen wohl noch -eine Strecke, aber das Canoe konnten sie nicht einholen; -wie ein Pfeil glitt es über's Wasser, und da sie -sich auch nicht zu weit von ihrem Schiff entfernen -durften, kehrten sie auf die Insel zurück, um zu untersuchen, -ob die schwarze, diebische Bande dort schon -Schaden angerichtet habe.</p> - -<p>Den Kasten oben <em class="ge">mußten</em> sie gefunden haben, -denn das kleine ihn umgebende Mauerwerk mit dem -Bretterdach darauf wie der Fahnenstange daneben – -an der der Wind freilich nur noch ein paar dünne verbleichte -Lappen gelassen hatte, war zu deutlich erkennbar; -<a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -aber sie konnten ihn nicht berührt haben, denn -Alles fand sich noch in vollständiger Ordnung wie -vorher, und die Höhle hatten sie gar nicht entdeckt.</p> - -<p>Möglicherweise daß sie den Kasten oben für irgend -eine Begräbnißhütte der »bleichen Männer« gehalten, -für irgend einen Zauber auch vielleicht, denn oben im -Sand waren die Spuren ihrer nackten Füße überall -zu erkennen, nur nicht unmittelbar an der »Postoffice«, -die sie, wie man deutlich sehen konnte, scheu umkreist -hatten, ohne ihr näher als zehn oder zwölf Schritte -zu kommen.</p> - -<p>Die Höhle unten konnten sie aber keinenfalls gefunden -haben, denn dort hätten sie sich schwerlich gescheut, -zuzulangen, da sie in dieser Art sonst gar nicht -blöde sind. Die Gefahr war deshalb noch für dießmal -abgewandt und <em class="ge">dies</em> Canoe kehrte sicher nicht so rasch -dahin zurück – und andere? – Man mußte der -Sache eben ihren Lauf lassen, denn es gab keinen -Schutz für die dort deponirten Provisionen, als eben -die öde und entfernte Lage der Insel selber. Die -Boote fuhren deßhalb noch einmal zum Schiff, brachten -ein Faß frisches Wasser herüber und gingen dann -an Bord, um noch vor Nacht den günstigen Wind zu -benutzen und ein Stück in den indischen Ocean hineinzukommen. -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -Oben in den Kasten hatte der Steuermann -aber für nachkommende Schiffe die Notiz aufgeschrieben, -daß er australische Wilde auf der Insel -gefunden und sie davon verjagt habe. Andere Fahrzeuge -wurden gebeten, ein wachsames Auge auf die -Canoe's zu halten.</p> - -<p>Ende November und Anfang December legten -dort noch vier oder fünf fremde Schiffe bei und notirten, -daß sie Alles in Ordnung und keine Spur von -Indianern gefunden hätten.</p> - -<p>Ende December, und die letzte günstige Zeit benutzend, -von Ost nach Westen die Straße zu passiren, -lief ein kleiner englischer Schooner gegen die Barrierreefs -auf, als es gegen Abend tüchtig zu wehen anfing -und eins der hier sehr häufigen und starken Gewitter -von Süden herüber zog. Der Kapitän hoffte -noch Raines Einfahrt zu erreichen, aber die Nacht -brach an, ehe er den auf Raines Eiland errichteten -hölzernen Thurm erkennen konnte. Nur die Brandung -an den Riffen selber war deutlich sichtbar und das -dumpfe Brausen der sich überstürzenden Wogen drang -klar und deutlich herüber. Nach seiner Mittags genommenen -Observation mußte er sich aber etwa auf -der Höhe der Einfahrt oder wenigstens dicht davor befinden, -und um nicht durch das Wetter zu weit nach -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -Norden aufgetrieben zu werden, hielt er ein wenig -von den Korallenriffen ab und legte dann bei, denn -zum Ankern ist die See dort viel zu tief.</p> - -<p>Nicht lange dauerte es, so fegte der Sturm über -das Meer, wühlte die Wogen auf und jagte die -Kämme derselben wie dünnen Wasserstaub über die -kochende Fläche. Blitze zischten dabei, der Donner -rollte und es wurde eine bitterböse Nacht, so daß das -kleine, außerdem leicht geladene Fahrzeug, nur vor -seinem Vorstengenstagsegel liegend, kaum die Nase den -immer wilderen Sturzseen entgegenhalten konnte. -Gegen Mitternacht drehte sich der Wind nach Süd-Ost -und dann fast nach Ost herum, und der Steuermann -rieth jetzt, ernstlich abzufallen, um lieber aus -ihrem Cours zu treiben, als der dringenden Gefahr -ausgesetzt zu sein, an die Riffe geworfen zu werden; -der Kapitän sträubte sich dagegen und da er selber -von zwölf bis vier Uhr die Wacht hatte, bedeutete er -seinem Offizier, er würde sehen wie sich das Wetter -mache, und wenn es noch eine Stunde so anhalte, die -Mannschaft an Deck rufen lassen.</p> - -<p>Der Sturm ließ in dieser Zeit allerdings etwas -nach und der Himmel zeigte schon an einigen Punkten -wieder Sterne, aber der Wogengang hatte sich indessen -auch geändert und drängte das kleine, tanzende Fahrzeug -<a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> -mehr und mehr nach Lee herüber und den gefährlichen -Barrier-reefs zu.</p> - -<p>Gegen zwei Uhr sprang der Steuermann an Deck; -er hatte nicht schlafen können und das Toben der gar -nicht mehr so fernen Brandung unten in seiner, sogar -vom Lande abliegenden Coje gehört.</p> - -<p>»Kapitän, um Gottes willen, ich glaube, wir treiben -auf die Riffe!«</p> - -<p>»Noch nicht, Mr. Brown, aber ich denke selber, -daß es Zeit wird, abzufallen; der Wind hat etwas -nachgelassen und wir dürfen ein wenig Leinwand zeigen. -Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.«</p> - -<p>Die Wacht kam, schlaftrunken nach der kurzen -Rast, langsam herausgeklettert; der Bug fuhr, dem -Steuer rasch gehorchend, herum, und die Leute hingen -eben an den Fallen, um die Gaffel des schweren -Schoonersegels aufzuhissen, als es von Osten her mit -erneuter Wuth über die See brauste.</p> - -<p>Es war »eine frische Hand am Blasbalg«, wie -die Seeleute sagen, und in der Dunkelheit hatten sich -die dort schon lange aufquellenden Wolkenmassen nicht -erkennen lassen. Wohl versuchten jetzt trotzdem die -Leute ihr Aeußerstes, das Segel zu setzen, aber die -Flanke dem Sturm zugedreht, war es der überdieß -schwachen Bemannung nicht möglich, mit so furchtbarer -<a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> -Gewalt legte sich riesenschwer der Wind hinein. -Aufdrehen konnten sie auch nicht mehr dagegen, und -abfallen vor dem Sturm, den Riffen gerade entgegen? -– und doch blieb nichts Anderes übrig; der Versuch -mußte wenigstens gemacht werden.</p> - -<p>Zu spät! »Brandung voraus!« schrie einer der -Leute, der nach oben gelaufen war, um eins der Falle -klar zu machen, und »Brandung in Lee!« tönte der -Schreckensruf dazwischen. Die Leute ließen die Taue -los, während sich der Sturm in dem nur etwas aufgehißten -Segel fing – der Kapitän sprang selber zum -Rad, um den Versuch zu machen, das seinem Geschick -verfallene Fahrzeug von der gefährlichen Küste abzudrehen -– <em class="ge">zu spät!</em> Die Wogen hatten es gefaßt und -jagten es mehr und mehr dem schon deutlich und unheimlich -leuchtenden Gürtel der Brandungswellen zu; -der Bug gehorchte zwar noch einmal dem Steuer, aber -ein anderer Windstoß schlug das Segel zurück. Der -Kapitän schrie seine Befehle über Deck, aber Niemand -verstand ihn in dem Aufruhr der Elemente, in dem -furchtbaren Toben der Brandung. – Willenlos setzte -das Fahrzeug nach Lee zu und jetzt – eine einzige -wilde Brandungswoge jagte über Deck, der Schooner -wurde wie von einer Riesenfaust emporgehoben, im -nächsten Augenblick krachten Masten und Balken – -<a class="pagenum" id="page_188" title="188"> </a> -ein dumpfer Stoß folgte, und der Steuermann, der -das Gangspill in dem entscheidenden Moment umklammert -hatte, fühlte plötzlich, daß das <em class="ge">Wrack</em> in -ruhigem Wasser lag und dieselbe Brandungswoge, die -eben noch über ihr Deck gestürzt, das gescheiterte Fahrzeug -nicht mehr erreichen konnte.</p> - -<p>Wie es geschehen war, wer hätte es sagen können; -möglich schien es, daß die Woge, die den Schooner zertrümmern -wollte, ihn selber über eines der niedern -Riffe hinübergehoben und dadurch, für den Augenblick -wenigstens, in Sicherheit gebracht hatte; möglich auch -daß der Kiel zufällig eine Lücke in den Korallen getroffen -und hindurchgeschoben war. Jedenfalls saßen -sie fest in die Riffe eingekeilt, und an ein Wiederhinauskommen -in tiefes Wasser mit dem verkrüppelten -Fahrzeug durfte nicht gedacht werden.</p> - -<p>Jetzt sammelte sich die Mannschaft auf dem etwas -höher liegenden Quarterdeck, denn wie sich nachher -zeigte, war der Bug zertrümmert und das Wasser -schon in den innern Raum eingestürzt – zwei Mann -fehlten; die Brandungswelle mußte sie über Bord gewaschen -haben, und dann war freilich an Rettung -nicht zu denken; der Kapitän hatte sich, von der Fluth -emporgehoben, noch in der einen »Want« gefangen -und dort angeklammert; die Meisten schienen nur -<a class="pagenum" id="page_189" title="189"> </a> -wie durch ein Wunder dem sicheren Verderben entgangen.</p> - -<p>Vorderhand ließ sich indessen gar Nichts thun, es -war stockfinster, der Sturm heulte, und das einzige -Licht, was einen matten Dämmerschein über Deck -warf, kam von dem leuchtenden Kamm der Brandungswelle -herüber. Den Tag mußten sie jedenfalls -abwarten, und nur darüber suchten sie sich vorderhand -zu vergewissern, ob sie noch der Gefahr des Sinkens -ausgesetzt seien. Dem schien aber nicht so; das -Hintertheil des Schooners saß fest auf den Klippen, -ja sogar in einer Korallenspalte drin, denn kaum -zwei Fuß unter dem Wasserspiegel fühlten sie mit -dem ausgeworfenen Loth an der Starbordseite -Grund, während der Top des großen umgestürzten -Mastes auf einer hohen Sandklippe lag, so daß man dieselbe -auf diesem hin recht gut hätte erreichen können.</p> - -<p>Erschöpft und aufgerieben warfen sich die Leute -jetzt an Deck, um den nicht mehr so fernen Tag zu erwarten; -der Wind heulte noch, der Donner rollte und -ein prasselnder Regen schlug nieder. Was that's – -eines der Segel schnitten sie von dem Mast herunter, -um sich dadurch nur etwas gegen den Regen zu -schützen, und sanken dann bald in einen unruhigen, -kurzen Schlaf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_190" title="190"> </a> -Und der Morgen kam endlich, schien aber keineswegs -eine Erleichterung zu bringen, sondern ließ sie -nun erst das Trostlose ihrer Lage vollständig übersehen.</p> - -<p>Der große Mast hatte in seinem Sturz die auf -Deck befestigte Barkasse vollständig zerschmettert, so -daß an eine Reparatur derselben nicht gedacht werden -konnte; das ganze Hintertheil derselben war abgedrückt, -und es blieb ihnen nur zur Rettung die kleine -Kapitäns-Jölle, die hinten am Heck hing und sich noch -glücklicherweise in brauchbarem Zustande befand – -aber wie diese in offenes Wasser bringen? – Nach -See zu war es ganz unmöglich, denn keine Lücke selbst -ließ sich in der wälzenden Brandungswoge erkennen, -die jetzt für einen Moment von den zackigen Klippen -zurückwich, um im nächsten mit neugeschaffener Gewalt -wieder darüber hinzustürzen. Nach dem Binnenwasser -der Riffe zu lagen hingegen ganze Reihen -starrer Felsen, hie und da von grünem, und oft von -blauem, also sehr tiefem Wasser unterbrochen; welche -Gefahren es aber barg, ließ sich noch nicht einmal erkennen, -da es vom heftigen Winde gekräußt gehalten -wurde. – Und sollten sie hier an Bord -bleiben? Es wäre nutzlos gewesen, denn selbst ein -vorbeisegelndes Schiff hätte ihnen durch diese Brandung -<a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -hin keine Hülfe bringen können; sie mußten sich -selber helfen.</p> - -<p>Vor allen Dingen war es nöthig, den inneren -Raum zu untersuchen, ob sie noch möglicherweise Provisionen: -Wasser und Zwieback bekommen konnten. -Der Koch und der Schiffsjunge – der Stewards-Dienste -versah – wurden zu dem Zweck beordert, -nachzusehen, während der Kapitän in seiner eigenen -Kajüte die Schiffspapiere und sonstige Werthsachen zu -bergen suchte. Glücklicherweise fand sich ein Korb -mit Zwieback, aber von eingeschlagenem Seewasser -ganz aufgeweicht; es war aber immer besser als -Nichts. Doch zum Wasser konnten sie nicht kommen, -denn die zwei Fässer, die an Deck geschnürt gelegen -hatten, waren mit der Kambüse und dem ganzen Vordertheil -durch die eine Sturzsee rein über Bord gewaschen -worden. Gegen zehn Uhr fiel aber wieder -ein kleiner Regenschauer und das eine Segel wurde -jetzt aufgespannt, um so viel als möglich davon aufzufangen -– es genügte freilich noch immer nicht. Dann -packte der Kapitän ein, was er an Blechbüchsen für -den Kajütstisch oben in seiner Coje hatte, und -brachte doch so viel zusammen, um für kurze Zeit gegen -den <em class="ge">Hunger</em> geschützt zu sein. Vielleicht half ihnen dann -der Himmel mit einem frischen Regenschauer weiter.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -So lange der Sturm wüthete, ließ sich nichts unternehmen, -obgleich sie im Binnenwasser keine unruhige -See zu fürchten hatten. Gegen Mittag klärte -sich aber der Himmel auf; der Wind ließ nach, und -etwa vier Uhr Nachmittags, während die See noch da -draußen unruhig wogte und bäumte, regte sich schon -kein Lüftchen mehr und das Binnenwasser war spiegelglatt.</p> - -<p>Jetzt gingen sie an die Arbeit, um das kleine Boot -flott zu machen und ihre Ladung wenigstens erst einmal -auf die Sandbank hinüber zu schaffen. Das ging -verhältnißmäßig rasch; auch über den Sand weg -konnten die Leute das leichte Boot tragen und ziehen -und auf der andern Seite in's Wasser lassen. Weit -schwieriger war es aber, über die nächste Reihe von -Korallenklippen hinüberzukommen, die mit ihren -schlüpfrigen und spitzen Zacken keinen festen Fußhalt -gestatteten, und da sie hier ihre Fracht nicht ausladen -konnten, sahen sie sich genöthigt, eine lange Strecke -daran hin zu fahren, bis sie endlich zu einer Stelle -kamen, wo sie im Stande waren, sich hindurchzuzwingen.</p> - -<p>Jetzt hatten sie etwa fünfzig Schritt breit glattes -Wasser und dann wieder einen Korallengürtel, der -aber gefährlicher aussah als er war. Er bestand nur -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -aus neben einander liegenden Klippen und bot zahlreiche -Durchfahrten, und die kleine Bootsmannschaft, -die aus neun Personen bestand, ruderte nun bei gänzlicher -Windstille auf eine hohe Sandbank zu, die sie -für das feste Land hielten. Glücklicherweise war es -nur eine etwa hundert Schritt breite Barre, und dahinter, -als der Steuermann hinauflief, um sich von -oben aus umzusehen, entdeckte er das offene Wasser -der Binnenriffe, von einzelnen Inseln und Sandbänken -nur überstreut.</p> - -<p>Hier blieb ihnen allerdings noch eine tüchtige -Arbeit, das Boot und dessen Ladung hinüberzuschaffen, -und es war dunkle Nacht, ehe sie damit fertig wurden, -aber dann stand ihrer weiteren Fahrt auch kein Hinderniß -mehr im Wege. Die Nacht lagerten sie auf -der Sandbank, und der nächste Morgen fand sie schon -beim ersten Schimmer des anbrechenden Tages unterwegs, -um vor allen Dingen erst einmal in das Fahrwasser -der Schiffe zu kommen und die Möglichkeit zu -haben, von einem oder dem anderen vorübersegelnden -aufgenommen zu werden.</p> - -<p>Instrumente und Compaß hatte der Kapitän gerettet, -und die Karte der Straße ebenfalls, da diese -schon zum Gebrauch bereit hinter dem Spiegel in der -oberen Kajüte stak. Außerdem fehlte ihnen aber jeder -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -Leitfaden, denn Keiner der Leute war je diesen Weg -gekommen. Nur der Koch wollte einmal eine Fahrt -durch die Torresstraße gemacht haben, da er sich aber -nicht um die Führung des Schiffes zu bekümmern -brauchte, wußte er auch sehr wenig darüber anzugeben. -Nur auf das erinnerte er sich, daß Booby-island -draußen vor den Klippen im freien Wasser lag, und -daß sie damals dort beigelegt und ein Faß Wasser, -ein Faß Zwieback und ein halb Faß gepökeltes -Schweinfleisch an Land geschickt hätten. Im Boot -war er aber selber nicht mit gewesen und wußte deßhalb -auch nichts über die eigentliche Beschaffenheit der -Insel zu sagen. Seiner Aussage nach sollte es nur -ein großer Felsklumpen sein, um welchen eine Unmasse -großer schwarzer Möven herumschwärmte; das war -Alles. Uebrigens behauptete er, ihn augenblicklich -wieder zu erkennen, sobald er ihn nur sehen würde.</p> - -<p>Der Kapitän hatte indessen auch nicht versäumt, -die Schiffs<em class="ge">waffen</em> mitzunehmen, da die australischen -Eingeborenen in einem wohlverdienten schlechten Ruf -standen und man gar nicht wissen konnte, in welcher -Art man mit ihnen zusammentraf. Uebrigens gedachte -er nicht, sie muthwillig aufzusuchen, und an eine Insel -zu landen, von welcher man sich nicht vorher sorgfältig -überzeugt hatte, daß keine Eingeborenen an Land oder -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -wenigstens in unmittelbarer Nähe wären. Er hatte zu -viel über ihre hinterlistige Schlauheit und Grausamkeit -gehört, um sie nicht zu fürchten und jeden Zusammenstoß -mit ihnen ängstlich zu vermeiden.</p> - -<p>Die Aussagen des Kochs, der als einzige Autorität -in diesem Meere galt, dienten ebenfalls nicht dazu, ihn -zuversichtlicher zu stimmen, denn der Bursche – nach -Art solcher Leute, die alles Gehörte entsetzlich übertreiben -und wo möglich noch ihren Theil dazu erfinden -– wußte nicht genug von den Scheußlichkeiten zu -berichten, mit welchen sie Schiffbrüchige, die in ihre -Händen fielen, behandelten. Daß sie dieselben schließlich -auffraßen, war noch das Wenigste.</p> - -<p>Zu Mittag legten sie an einer nackten Sandbank -an und der Kapitän nahm hier erst einmal seine Observation, -die ihm zeigte, daß sie sich nördlich von der -eigentlichen Einfahrt befänden und deßhalb mehr nach -Süden hinunter halten mußten. Sie sahen auch selber, -daß dies kein Kanal für größere Schiffe sein -konnte, denn mehrmals hatten sie Plätze passirt, in -denen sie die Korallen so dicht und deutlich unter sich -erkannten, daß man glauben mußte, man könne sie -mit der Hand ergreifen. Allerdings waren da noch -immer zwei bis drei Faden Wasser, aber oft trafen sie -auch Klippen, die bis unter die Oberfläche reichten -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -und zwischen denen sie sich selbst mit dem schmalen -Boot kaum hindurchwinden konnten.</p> - -<p>Erst gegen Abend erreichten sie eine der wirklichen -Passagen und blieben die Nacht auf einer kleinen, nur -mit niederen Büschen bewachsenen Insel, wo sie wenigstens -nichts von feindlichen Indianerstämmen zu -fürchten hatten – aber kein Regen fiel und ihr spärlicher -Wasservorrath ging zu Ende.</p> - -<p>Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ruderten -sie weiter und setzten auch das mitgenommene Segel, -aber die Brise war sehr schwach und trieb sie, allerdings -mit günstiger Strömung, nur langsam vorwärts. -Wieder kamen sie aber hier, irregeführt durch die verschiedenen -Inseln und Sandbänke, in einen falschen -Kanal und erreichten erst lange nach Dunkelwerden -die größere Insel Mount Adolphus, wo sie wenigstens -Wasser zu finden hofften, denn das vom Regen -aufgefangene war in der glühenden Hitze vollständig -ausgetrunken.</p> - -<p>Allerdings befinden sich dort dicht am Ufer in dem -einen Felsen ein paar kleine Süßwasserquellen, wie sie -aber den Platz erreichten, war hohe Fluth, und weiter -in das Land wagten sie sich nicht hinein, da sie in den -schmalen Thälern in einen Hinterhalt zu fallen -fürchteten.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -Einige Früchte hatten sie allerdings auf mehreren -der kleinen Zwischeninseln aufgelesen, auch Eier gefunden, -welche die Möven in den heißen Sand legen, -um sie dort von der Sonne ausbrüten zu lassen – -sonst nichts. Tauben, eine weiße prächtige Art mit -dunkelbrauner Abzeichnung, sahen sie genug und schossen -auch ein paar Mal danach, aber ohne irgend welchen -Erfolg, denn ihre Munition bestand nur in Rehposten, -nicht in Schroth, und die alten Musketen -schossen nicht so sicher, daß sie einen so kleinen Gegenstand -wie eine Taube damit aus den hohen Bäumen -hätten herausholen können.</p> - -<p>Auf Mount Adolphus, wo sie aber nur beilegten -und sich nicht einmal getrauten das Boot zu verlassen, -blieben sie aber wieder nur auf den Rest ihrer mitgenommenen -Vorräthe angewiesen, und ihre einzige -Hoffnung lag jetzt darin, jenes Booby-island zu erreichen -und von den dort befindlichen Provisionen so -lange zu zehren, bis sie eben ein durch die Torresstraße -kommendes Schiff anrufen und mit diesem -Batavia oder Singapore erreichen konnten.</p> - -<p>Der Kapitän wußte übrigens von hier aus, da er -die genaue Beschreibung und sogar Zeichnung der -Conturen dieser Insel auf der Karte fand, genau die -Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon um vier -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -Uhr Morgens setzten sie auch mit einer günstigen -Brise in dem hier ziemlich breiten Kanal aus, und -Nachmittags um vier Uhr endlich, von brennendem -Durst fast zur Verzweiflung getrieben, sichteten sie gerade -im Westen den einzelnen Felsen im Meer, der -nach jeder Berechnung das angegebene Booby-island -sein mußte.</p> - -<p>Der Koch wollte freilich nichts davon wissen; er -behauptete, Booby-island sei ein ganz spitzer kleiner -Felskegel, und das hier lag breit und flach auf dem -Wasser; der Kapitän ließ sich aber nicht irre machen, -denn seiner Karte und Berechnung nach stimmte es -und er hielt gerade darauf zu.</p> - -<p>Die Leute selber hatten sich bis jetzt ziemlich gut -gehalten, nur der Zimmermann, der aber auch auf -dem Fahrzeug Matrosendienste versah, jammerte und -klagte über Durst und schöpfte mit der Hand das -Seewasser, um seine Lippen zu kühlen. Damit -machte er freilich das Uebel nur noch ärger, denn -wenn es auch für den kurzen Augenblick etwas Erfrischendes -haben mochte, der salzige Geschmack hintennach -reizte und trocknete nur um so viel mehr, und -er wimmerte leise vor sich hin.</p> - -<p>»Geduld, Mann, Geduld,« sagte der Steuermann -zu ihm, indem er ihn auf die Schulter klopfte, »da -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -vorn liegt Wasser; in zwei oder drei Stunden können -wir dort sein, und so lange werdet Ihr's doch bei Gott -wohl aushalten. Schämt Euch doch vor dem Jungen, -denn der hat noch nicht einmal geklagt.«</p> - -<p>»Was weiß auch so ein Junge von Durst, Steuermann,« -sagte der Angeredete mürrisch, »der kommt -erst mit den Jahren. S'ist gerade so, als ob mir die -Zunge im Hals springen und bersten müßte – und -wer weiß denn, ob auch nur ein Tropfen Wasser auf -dem blutigen Felsen zu finden ist. Kahl genug sieht -er aus.«</p> - -<p>»Darüber tröstet Euch, Zimmermann,« sagte der -Kapitän. »<i>The Yorkshire lady</i>«, die vierzehn Tage -vor uns ausgesegelt ist, hat dort angelegt und von -Sydney besonders Wasser und Zwieback für den Zweck -mitgenommen, um es dort zu lassen. Finden wir aber -nicht genug, um eine Zeitlang liegen zu bleiben, nun -so nehmen wir, was wir für den nächsten Tag brauchen, -und laufen damit zu einer der Inseln im indischen -Archipel hinauf. So weit ist die Fahrt ja -nicht, und hohe See haben wir dort auch nicht zu -fürchten.«</p> - -<p>»Geb's Gott,« sagte der Zimmermann resignirt, -und von jetzt ab wurde kein Wort weiter gesprochen, -während sich die Leute nur schärfer in ihre Ruder -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -legten, um den verheißenen Platz desto rascher zu erreichen.</p> - -<p>Die Brise wurde lebhafter, sie konnten das Segel -setzen, die Strömung half ebenfalls nach und das -Boot glitt verhältnißmäßig rasch über das glatte -Wasser seinem Ziel entgegen. Die ersehnte Insel, die -bis jetzt nur wie ein kurzer Streifen auf dem Horizont -gelegen und dadurch weit entfernter schien als sie -wirklich lag, hob sich mehr und mehr, bis sie die Form -eines Topfkuchens annahm und man jetzt deutlich -schon den Fuß derselben, gegen den die Strömung -wusch, erkennen konnte.</p> - -<p>Die Brise, die hier mehr stoßweise kam, lullte -nach einiger Zeit wieder ein, und vier von den Leuten -hatten deßhalb die Ruder wieder aufgegriffen, die -Uebrigen lagen, so gut es eben ging, ausgestreckt im -kleinen Boot, und nur der Kapitän saß, das Gesicht -dem Lande zugedreht, am Tiller und betrachtete sich -das nicht mehr so ferne Eiland. Plötzlich richtete er -sich etwas empor und schützte die Augen mit der flachen -Hand gegen die schon im Westen stehende Sonne, -die ihn auch überdieß durch das Blitzen auf dem -Wasser blendete; dann ohne ein Wort zu sagen, -nahm er das neben ihm liegende Telescop auf und -hob es an's Auge. Kaum aber hatte er einen -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -Blick hindurch geworfen, als er wirklich erschreckt -ausrief:</p> - -<p>»<i>Damnation!</i> Die Schwarzen haben Booby-island -besetzt!«</p> - -<p>»Was?« schrie der Zimmermann voller Entsetzen -– »oh du grundgütiger Himmel – dann sind wir -verloren.«</p> - -<p>»Verloren?« brummte der Steuermann, mit einem -wilden Fluch durch die Lippen, »hat sich was von verloren -– Wie viele sind's, Kapitän?«</p> - -<p>»Der Strand schwärmt von ihnen, und oben -drauf tanzt auch etwa ein Dutzend herum – aber ich -sehe keine Canoe's.«</p> - -<p>»Die liegen jedenfalls hinter der Insel in ruhigem -Wasser. Also haben die schwarzen Bestien den Platz -endlich richtig gefunden!«</p> - -<p>»Und was nun?« sagte der Kapitän.</p> - -<p>»Was nun? Ei, wir müssen ihn wieder erobern.«</p> - -<p>»Gegen den Schwarm?«</p> - -<p>»Geben Sie mir einmal das Glas, Kapitän, daß -ich einen Ueberblick kriege – immer zu, Jungen, laßt -die Ruder nicht schleppen, hier können wir doch nicht -liegen bleiben.«</p> - -<p>»Wenn wir landen, fressen sie uns mit Haut und -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Haar!« klagte der Koch, der sich bestürzt emporgerichtet -hatte und nach dem jetzt gefürchteten Land hinüberstarrte.</p> - -<p>»Was fressen,« knurrte der Steuermann ärgerlich, -während er durch das Glas sah – »erst müssen sie -uns haben. Alle Wetter! es ist eine hübsche Portion -und wir sind auch jedenfalls schon bemerkt worden, -denn wie die Ameisen klettern sie da an den lichten -Felsen in die Höh'. Jungens, Jungens, und wie -werden sie den Vorräthen mitgespielt haben!«</p> - -<p>»Wie viele sind's, Steuermann?«</p> - -<p>»Ich zähle siebenundzwanzig, groß und klein,« erwiderte -dieser, »aber da links heraus kommen noch -mehr aus dem Felsen, das ist jedenfalls die Höhle – -da sind noch drei, vier, fünf, sechs, sieben – es ist ein -ganzer Schwarm, und wir werden Teufelsarbeit bekommen.«</p> - -<p>»Wie viel Gewehre haben wir eigentlich im -Boot?« frug der Kapitän, nachdem er selber das Glas -genommen und durchgeschaut; sie waren der Insel -aber indessen so nahe gekommen, daß sie die schwarzen -nackten Gestalten schon mit bloßen Augen erkennen -konnten.</p> - -<p>»Es sollen sechs sein,« sagte der Steuermann, -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -»aber an dem einen ist der Hahn abgebrochen – und -dann Ihre Doppelflinte.«</p> - -<p>»Und Pistolen?«</p> - -<p>»Vier; aber noch ein halb Dutzend Lanzen.«</p> - -<p>»So nahe dürfen wir den Halunken nicht kommen,« -sagte der Kapitän kopfschüttelnd, »daß wir die -gebrauchen könnten, sonst spicken sie <em class="ge">uns</em> mit ihren -verdammten Wurfspeeren, mit denen sie vortrefflich -umzugehen wissen.«</p> - -<p>»Wenn wir aber zu kanoniren anfangen,« sagte -der Steuermann trocken, »und mit den alten, von -Rost halbzerfressenen Schießprügeln nichts treffen, so -machen wir sie erst recht übermüthig, und wer dann -unverrichteter Sache abziehen muß, sind wir.«</p> - -<p>»Den ersten Schuß,« rief der Kapitän, »müssen -wir jedenfalls über ihre Köpfe feuern, denn ich möchte -die armen Teufel nicht todtschießen, wenn ich es irgend -umgehen kann. Ich denke aber auch, das wird -genügend sein, denn wenn sie nur den Knall eines -Gewehres <em class="ge">hören</em>, laufen sie schon was sie laufen -können. Schußwaffen fürchten sie mehr als ihren sogenannten -Devil-Devil.«</p> - -<p>»Ich will's wünschen,« brummte der Mate oder -Steuermann, »ich habe nur so eine Ahnung, daß -ihnen unser kleines Boot keinen besondern Respekt -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -einflößen wird. Ja wenn wir mit dem Schooner angesegelt -kämen und einen der kleinen Böller hätten -lösen können, dann wär's vielleicht 'was Anderes, -denn die machen mehr Spektakel, und so ein Schuß -klingt als ob er von allen Seiten auf einmal käme.«</p> - -<p>Es wurde jetzt kein Wort weiter gesprochen, denn -das Boot näherte sich rasch dem Lande, und die gerettete -Mannschaft nahm zu viel Interesse an dem, -was sie dort erwartete, um sich nicht selber durch den -Augenschein von der Zahl der Feinde zu überzeugen. -Selbst die Rudernden drehten die Köpfe über die -Schulter zurück, und deutlich konnte man auch jetzt den -Schwarm erkennen, der mit wildem Jauchzen auf der -Insel herumsprang, während eine Anzahl von ihnen -grüne Zweige von den Büschen brach und damit hinüberwinkte. -Fast Alle aber, wie der Kapitän deutlich -durch sein Glas erkennen konnte, trugen ihre Lanzen -in den Händen, und legten sie erst zwischen den Steinen -nieder, als sie vielleicht glaubten, daß man sie -vom Boot aus mit bloßen Augen erkennen könne.</p> - -<p>»Ach Kapitän,« sagte der Zimmermann, »die thun -uns ja nichts, die schwingen grüne Büsche; das ist immer -ein Zeichen bei den wilden Hallunken, daß sie's -gut meinen – Einen Tropfen Wasser geben sie uns -gewiß.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -»Ja trau' Du denen,« knurrte der Koch – »mit -denselben Zweigen braten sie Dich nachher.«</p> - -<p>Dem Kapitän gefiel übrigens das Winken mit den -Zweigen auch nicht. Durch sein gutes Glas sah er -deutlich, wie eine Anzahl der Schwarzen, die wieder -zum Strand hinabgeklettert waren, ihre Lanzen in eine -Vertiefung – wahrscheinlich den Rand der Höhle – -stellten, aber dicht dabei stehen blieben und dann aus -Leibeskräften mit den grünen Büschen wehten, als ein -Zeichen, daß das Boot dort landen solle. Er änderte -seinen Cours nicht, sondern hielt vielmehr noch etwas -nach rechts hinüber, um die nördliche Spitze der Insel -anzulaufen, und die Wilden, wie er deutlich erkennen -konnte, griffen jetzt ihre Waffen wieder auf und verschwanden -hinter der Insel, um vorn nicht damit gesehen -zu werden.</p> - -<p>Das Alles deutete auf Hinterlist, und daß die -Eingeborenen dieser Küsten Alles daran setzen, um in -den Besitz eines guten europäischen Bootes zu kommen, -wußte er schon zur Genüge aus den Erzählungen -anderer Kapitäne. Geld hat für sie nicht den geringsten -Werth. Kleidungsstücke beachten sie nicht, und -selbst von Eisenwerk können sie nichts gebrauchen, als -vielleicht ein Beil oder Messer, da ihre Lanzen aus -den harten und schweren Hölzern bestehen, welche ihnen -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -die Wildniß in Masse liefert, aber ein sicheres -Boot war für sie von unschätzbarem Werth, denn damit -konnten sie das Meer in jeder Jahreszeit befahren, -und daß sie <em class="ge">kein</em> Mittel scheuen würden, um -sich in den Besitz eines solchen zu setzen, ließ sich -denken.</p> - -<p>Wie viel Wilde befanden sich aber überhaupt auf -der Insel und hatten sie auch schon Alle gesehen? – -wohl schwerlich, denn von dem Augenblick an, wo sie -nahe genug gekommen, um die Eingeborenen mit bloßen -Augen zu erkennen, waren höchstens noch acht -oder zehn sichtbar, die sich aber dafür durch das -Schwingen von grünen Büschen um so bemerkbarer -zu machen suchten. Wo waren die Anderen? Jedenfalls -irgendwo hinter den Steinen oder in der Höhle -versteckt, und hatten sie wirklich friedliche Absichten, so -würden sie sich ungescheut gezeigt haben – daß <em class="ge">ihnen</em> -die Weißen nichts nehmen konnten, wußten sie ohnedieß. -Das Wichtigste also war: einen ungefähren -Ueberblick über ihre Zahl zu bekommen, und das -konnte nur dadurch geschehen, daß sie in Sicht der -Canoe's kamen. Die Insel war auch gar nicht so groß, -um das nicht leicht zu bewerkstelligen, und der Kapitän, -der auf die Nordspitze zugesteuert hatte, änderte plötzlich -seinen Cours, hielt wieder vom Ufer etwas ab und -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -ruderte nun, seine Distance vom Land auf ungefähr -hundert Schritte haltend, um das kleine Eiland herum -zur Westküste, wo er allerdings einen ganzen Trupp -nackter schwarzer Gestalten überraschte, die nicht schnell -genug den kahlen Hang hinan kommen konnten und -sich nun, so gut das gehen mochte, hinter Korallenbänken -und Steinen niederkauerten.</p> - -<p>Außerdem entdeckten die Seeleute hier auch eine -kleine Flotte von elf Canoe's, die nebeneinander auf -den Sand gezogen waren, und stärker an Mannschaft -wäre es ihnen jetzt ein Leichtes gewesen, die schwarzen -Diebe festzuhalten und zu züchtigen. Aber sie durften -ihnen nicht das einzige Mittel, sich zu entfernen, selber -abschneiden, denn an Zahl waren sie ihnen doch zu -weit überlegen und das Schlimmste von Allem, nur -Wenige der Seeleute wußten wirklich mit Feuerwaffen -umzugehen, und verstanden besonders nicht, ein einmal -abgeschossenes Gewehr auch rasch und ruhig wieder zu -laden.</p> - -<p>Der Kapitän behielt aber indessen seinen Cours -bei; er wußte jetzt genau, daß er es mit einer verrätherischen -Bande zu thun hatte, und war nicht gewillt, -dieser auch nur den geringsten Vortheil über sich -einzuräumen. Das Boot glitt dabei, immer noch in -der sicheren Entfernung, um die Insel hinum der -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -Südküste zu, wo sie die wieder überraschten, die -vorher an der Höhle Posto gefaßt hatten.</p> - -<p>»Sind die Gewehre alle geladen?« frug er ruhig.</p> - -<p>»Ja, Sir,« sagte der Steuermann.</p> - -<p>»Setzt frische Zündhütchen auf; die alten könnten -die Nacht über feucht geworden sein.«</p> - -<p>Das geschah lautlos.</p> - -<p>»Wollen wir hier landen, Kapitän?« frug der -Steuermann; »ich glaube es wäre besser, wenn wir -das so dicht als möglich bei der Höhle thäten.«</p> - -<p>»Sie haben Recht, Mr. Brown,« nickte ihm sein -Vorgesetzter zu, »wir müssen ihnen Gelegenheit zur -Flucht geben, sonst wehren sie sich um ihr Leben – -Alle Teufel, was ist das da oben?« Er deutete zugleich -mit dem Arm hinauf, und seine Leute erkannten -dort auf einer eben in Sicht kommenden Felsspitze -eine allerdings wunderliche Gestalt, die sich von den -Uebrigen wesentlich unterschied.</p> - -<p>Alle anderen Indianer waren vollkommen nackt -und trugen nicht einmal, wie doch die meisten wilden -Stämme, einen Schurz um die Lenden. Der da oben -aber – oder war es ein Frauenzimmer? hatte einen -weißen, wehenden Talar an, der in der Sonne schimmerte -und bis über die Kniee hinabreichte; nur die -Arme schauten nackt daraus hervor. Dort wo er -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -stand, als man ihn zuerst entdeckte, war er auch durch -den höheren und mit Büschen bewachsenen Hügelrücken -gegen den jetzt wieder frischer wehenden Wind geschützt -gewesen. Nun aber, als er sich bemerkt sah, sprang -er die wenigen Schritte hinauf und stand im nächsten -Augenblick in der Brise, und das Zeug, was er anhatte, -knitterte und knatterte dabei.</p> - -<p>»Gott straf' mich, das ist Papier!« rief der -Steuermann aus, und in demselben Augenblick riß sich -ein Stück der Kleidung los und flatterte, ehe es der -danach greifende Wilde erhaschen konnte, aus in See, -nach dem Boot hinüber, von dem es nicht weit entfernt -auf das Wasser niederfiel.</p> - -<p>Es war in der That ein Bogen weißes Schreibpapier, -und jetzt kein Zweifel mehr, daß die Eingeborenen -dort oben die Postoffice gefunden und geplündert -hatten; welche Verwendung sie für das Papier -fanden, zeigte sich dabei. Die Umfahrt um die -Insel hatte den Seeleuten die Versicherung gegeben, -daß sie es hier mit einer großen Anzahl gutbewaffneter -Schwarzen zu thun bekämen, und wären sie nur -wenigstens mit Wasser versorgt gewesen, so würde der -Kapitän kaum daran gedacht haben, einen so ungleichen -Kampf zu wagen. Mußten sie doch sogar jedes Handgemenge -auf festem Land vermeiden, blieben immer -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -noch der Gefahr ausgesetzt, daß die Wilden, erst einmal -gereizt und zur Rache angetrieben, vielleicht sogar -mit ihren Canoe's einen verzweifelten Angriff auf ihr -Boot machten.</p> - -<p>Aber was blieb ihnen Anderes übrig? Zurück -gegen Wind und Strömung nach Mount Adolphus -<em class="ge">konnten</em> sie nicht wieder, noch dazu, da sie im Inneren -jener Insel vielleicht gerade so gut auf Eingeborene -trafen und dann erst recht, bei Theilung der -Mannschaft, ihr Boot und sich selber in Gefahr -brachten; Wasser aber <em class="ge">mußten</em> sie haben, und das -war hier noch zu bekommen, dort draußen im Westen -lag dagegen eine weite See vor ihnen, die sie ohne -dies nöthige Lebensbedürfniß nicht durchschiffen konnten, -also blieb ihnen schon nichts weiter übrig, als -sich ihren Weg zu erzwingen, im schlimmsten Fall mit -Waffengewalt, und wenn die Schwarzen dabei zu -Schaden kamen, hatten sie es sich selber zuzuschreiben.</p> - -<p>Das Boot umruderte indessen das Südwestende -der Insel und näherte sich der Südost-Ecke, wo, wie -der Kapitän von anderen Collegen erfahren, die Höhle -liegen sollte. Dort standen auch immer noch Eingeborene -und winkten wieder, als das Boot in Sicht -kam, mit den abgebrochenen Büschen.</p> - -<p>»Wenn wir's nun einmal versuchten, Kapitän,« -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -sagte da der Steuermann, »ob sie uns im Guten in -die Höhle ließen? Der Eingang muß dicht am Wasser -sein, und wir könnten ihn mit unseren Musketen recht -gut frei halten.«</p> - -<p>»Ich will Ihnen etwas sagen, Mr. Brown,« -meinte aber der Kapitän; »die Möglichkeit ist allerdings -da, daß wir <em class="ge">hinein</em> kommen, aber schwerlich -wieder heraus, denn die Kanaillen spielen da drin Versteckens. -Auf Freundschaft ist mit ihnen nicht zu -rechnen, und ich will die Verantwortlichkeit nicht auf -mich laden, auch nur zwei von Euch an ein Experiment -gewagt zu haben. Halten Sie Ihre Gewehre bereit; -wissen die Leute, welche sie halten, auch ordentlich mit -denselben umzugehen?«</p> - -<p>»Die Meisten, Sir – mit einer Pistole verstehen -sie es besser.«</p> - -<p>»Die Pistolen helfen uns nichts,« sagte der Kapitän -trocken, »und sind in dem engen Boot hier gefährlicher -für uns selbst, als für die Schwarzen – ha, -dort ist die Höhle – sehen Sie den dunklen Strich im -Felsen?« – Er hatte sein Telescop wieder aufgenommen -und sah hindurch.</p> - -<p>»Ist das der Platz, Sir?«</p> - -<p>»Ja – ich kann dort im Inneren schon aufgeschichtete -Fässer erkennen. Sie wissen doch zu schießen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -»Ay, ay Sir!«</p> - -<p>»Gut, dann seien Sie so gut und halten Sie einmal, -wenn wir noch ein klein Stück voraus sind und -den Eingang breit haben, mitten in die Höhle hinein -– aber hoch – verwunden Sie noch keinen; möglich -doch, daß wir sie mit einem einzelnen Schuß in die -Flucht treiben.«</p> - -<p>Der Steuermann nahm sein Gewehr an den -Backen und zielte mitten in die Höhle hinein – jetzt -waren sie gerad vor dem Eingang, etwa noch hundert -Schritte vom Land entfernt.</p> - -<p>»Feuer!« rief der Kapitän, und in dem Moment -krachte auch der Schuß, dessen Echo sich wohl in der gewölbten -Höhlung noch tüchtig brechen mochte, denn -mit Blitzesschnelle sprangen plötzlich zehn oder zwölf -schwarze Gestalten, ihre Lanzen und Midlas<span class="top">[1]</span> in den -Händen, aus dem dunklen Grund der Höhle hervor -und kletterten wie Katzen an den Felsen hinauf nach -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -oben. An Widerstand schienen sie in der That nicht -zu denken.</p> - -<p class="ci fss"> -[1]: Die Midla ist ein kurzer, etwa dritthalb Fuß langer -Hebel, der mit einem kleinen Widerhaken versehen hinten in die -Wurflanze eingreift und sie beim Schleudern mit vermehrter -Kraft vorwärts treibt. Mit Hülfe dieser Midla ist der australischen -Wilde im Stande, seinen einfach hölzernen Speer auf -sechzig bis achtzig Schritte – ja vielleicht noch etwas weiter – -mit großer Sicherheit zu werfen, so daß er selbst kleineres Wild, -wie die Känguru-Ratte, damit trifft und tödtet.</p> - -<p>»Aha,« lachte der Steuermann, der von der alten -Muskete einen Stoß bekam, daß er beinah hinten -übergestürzt wäre – »das hat richtig geholfen; die -haben wir hinausgeräuchert, und meinen Hals wollt' -ich darauf verwetten, daß keine von den Canaillen mehr -da drinnen steckt. Was nun, Kapitän? Ich denke, die -Luft ist rein, und ich dächte, das Beste wäre, wir benutzten -den ersten Schreck und räumten was wir -brauchen aus, indeß Sie uns hier mit ein paar von -den Leuten die Luft rein halten.«</p> - -<p>»Ich denke auch, Mr. Brown,« sagte der Kapitän, -der seinem Steuermann indessen das Gewehr abgenommen -hatte und rasch wieder mit einer Patrone lud -– »Nehmen Sie sich drei Mann mit – wieder zu -euern Rudern, meine Jungens, und nun scharf an -Land – und sehen Sie besonders zu, daß Sie ein -Faß mit Wasser finden – Zwieback soll genug dort -liegen, packen Sie auf was Sie fortbringen können, -der Junge soll Sie mit dem Provisionskorb begleiten -– aber um Ihr Leben, halten Sie sich nicht länger -auf als nöthig ist. Daß Sie indessen Keiner da -drinnen stört, dafür wollen wir schon mit den Gewehren -sorgen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -»Also ganz ohne Waffen –«</p> - -<p>»Jeder von euch nimmt eine Lanze mit – drinnen -könnt Ihr vielleicht das Faß gleich auf die Schäfte -legen und damit herauslaufen – aber daß ihr kein -<em class="ge">faules</em> Wasser bringt, denn einzelne sollen schon viele -Jahre dorten liegen.«</p> - -<p>»Aber wer zum Henker kann sie erst lange untersuchen,« -meinte der Steuermann verlegen, »denn flink -muß die Geschichte gehen, sonst ist's gefehlt, und wenn -sie die schwarzen Halunken zerschlagen haben, sind wir -ganz verloren, denn was wissen die Bestien davon, wie -man mit einem Faß umgehen muß.«</p> - -<p>»Lange können sie noch nicht da sein,« entgegnete -der Kapitän, der die Natur dieser wilden Stämme -besser kannte als sein weit jüngerer Steuermann, -»sonst hätten sie die Canoe's schon beladen und wären -fortgerudert. Daß sie sich hier vor unseren Schiffen -nicht sicher fühlen, ist gewiß, und das beweist auch, -wie treffliche Wacht sie gehalten haben müssen, denn -unser kleines Boot war ja kaum in Sicht, als sie es -augenscheinlich schon bemerkt hatten. Aber da sind -wir – jetzt an's Werk, das Reden hilft nichts – ehe -sie nur wissen, was wir eigentlich wollen, müssen wir's -haben. Vorwärts, Steuermann – Ihr, Bill, Ned -und John, eure Lanzen – das ist recht, mein Junge, -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -den Korb packst du voll Zwieback – liegt ein Faß bei -der Hand, so rollt's nur gleich hier herunter: wenn's -auch an den Steinen zerbricht, werfen wir in's Boot, -was wir brauchen. Vorwärts!«</p> - -<p>Die Seeleute bedurften keiner weiteren Mahnung, -denn jeder Einzelne von ihnen begriff recht gut, was -von ihm verlangt wurde, während an der raschen Ausführung -desselben sein eigenes Leben hing. Von den -Wilden schienen sie in der That nichts weiter zu -fürchten zu haben, und es war fast, als ob der eine, -blind gefeuerte Schuß vollkommen genügt habe, sie zu -Paaren zu treiben. Nur einzelne schwarze Köpfe -schauten noch vorsichtig einen Moment über die Felsen -nieder und verschwanden eben so rasch wie sie gekommen. -Hatten sie sich in ihre Canoe's geflüchtet -und die Insel bei Annäherung der gefürchteten Weißen -verlassen? – Alle freilich noch nicht, denn Einzelne -kamen immer dann und wann wieder zum Vorschein. -Aber es blieb jetzt keine Zeit, nach ihnen auszusehen, -denn wie nur der scharfe, eisenbeschlagene Bug des -Bootes den Korallensand berührte, sprangen die bezeichneten -Seeleute, lauter kräftige Burschen und jeder -seine Lanze fest in der Hand gepackt, hinaus an Land -und waren auch mit wenigen Sätzen in der Höhle verschwunden. -Die Zurückgebliebenen aber, jeder seine -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -Muskete im Anschlag, behielten mit ängstlicher Spannung -die benachbarten Felsen im Auge, ob nicht von -dort aus ein versteckter Feind seine Speere auf sie hinabschleudern -könnte, und kein Wort wurde mehr gesprochen.</p> - -<p>»Da kommen sie!« schrie plötzlich des Kochs ängstliche -Stimme; und als der Kapitän, der bis dahin eine -oben in den Büschen lauernde Gestalt im Auge behalten, -rasch den Kopf ihm zuwandte, sah er nach rechts -hinüber vier oder fünf Canoe's um die Inselspitze -kommen, und fast zu gleicher Zeit drückte der feige -Bursche auch sein Gewehr blind in die Luft hinein ab.</p> - -<p>»Holzkopf!« schrie der Kapitän und riß ihm die -Muskete aus der Hand, »wenn ich wüßte, daß sie <em class="ge">Dich</em> -brieten, wollte ich ihnen selber ein Feuer dazu anzünden.«</p> - -<p>»Oh bester Kapitän,« jammerte der Mann, »es -ging mir ja von selber los!«</p> - -<p>»Ruhe da und aufgepaßt!« rief aber der alte Seemann, -indem er das Gewehr rasch wieder lud. Er sah -dabei, wie die Rudernden einen Moment innegehalten -hatten, als ob sie selber erst sehen wollten, ob der -Schuß einen von ihnen getroffen. Jetzt stießen sie -plötzlich ein wildes Jubelgeschrei aus, und fast zu -gleicher Zeit rief auch der Zimmermann:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_217" title="217"> </a> -»Habt Acht, bester Kapitän – von drüben herüber -kommen sie auch. Jetzt haben sie uns fest.«</p> - -<p>In demselben Augenblick schien es aber, als ob die -Felsen selber belebt würden. Unmittelbar über der -Höhle konnte allerdings Keiner niederklettern, denn -die Steine ragten dort schroff und steil empor; aber -rechts und links davon sprangen sie herab, und sechs, -acht Speere wurden zu gleicher Zeit in das Boot hinabgeschleudert, -von denen einer dem Kapitän den Hut -vom Kopfe riß, während ein anderer dem Koch durch -den Arm fuhr und diesen laut aufheulen machte.</p> - -<p>Kapitän Powel warf den Blick umher, und dem -Koch erst einmal mit dem Kolben seines Gewehrs -einen Stoß in den Nacken gebend, der ihn vornüber -sandte, rief er dem Zimmermann zu:</p> - -<p>»Jetzt dürfen wir nicht mehr schonen – haltet in -den dicksten Klumpen hinein, sobald sie näher kommen. -In den schwanken Canoe's können sie mit ihren Lanzen -doch nicht ordentlich treffen – Du, Peter, nimmst die -Anderen, ziel' ruhig, Mann – wenn Du fehlst, sind -wir verloren.« Zu gleicher Zeit hatte er sein eigenes, -mit groben Posten geladenes Doppelgewehr angelegt -und einen riesigen Schwarzen, der an der Höhle niederglitt, -auf's Korn nehmend, feuerte er ihm den -Schuß gerade in den Leib, daß er wie ein Sack herunterstürzte. -<a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Aber er sah nicht einmal nach ihm hin, -denn die Feinde links nahmen seine Aufmerksamkeit -ebensogut in Anspruch, während jetzt von den beiden -Seeleuten ein eben so wirksamer, aber noch viel mehr -Schaden anrichtender Schuß in die Canoe's hinein -gefeuert wurde. Die Rehposten gingen in der größeren -Entfernung mehr auseinander, und der Zimmermann -besonders schien so gut gezielt zu haben, daß sich die -fünf Canoe's nicht gleich weiter wagten oder auch vielleicht -von den Verwundeten behindert wurden.</p> - -<p>Zwei von den anderen dagegen kamen, so rasch sie -die Fahrzeuge vorwärts treiben konnten, an, und alle -trugen aus dem eisenharten Holz der äußeren Palmenrinde -gefertigte Ruder. Diese aber, schwer und an -den Kanten scharf geschnitten, können ebensogut als -Keule dienen und sind dann eine furchtbare Waffe in -der Hand eines starken Mannes.</p> - -<p>»Noch einen Schuß, Zimmermann,« rief der Kapitän, -während er in aller Hast sein eigenes Doppelgewehr -wieder lud, »nehmt die geladene Muskete da -neben Euch, aber zielt gut – der erste war vortrefflich.«</p> - -<p>Wieder der Knall über das Wasser und dießmal -hatte der Matrose nur das erste Boot voll auf's Korn -genommen, in dem er aber eine arge Verwüstung anrichtete. -Zwei der nach links überschlagenden Schwarzen -<a class="pagenum" id="page_219" title="219"> </a> -drückten es sogar auf der Seite unter Wasser und -es füllte. Wohl kamen die anderen Canoe's jetzt auch -in vollem Lauf wieder näher, aber sie hatten ihre richtige -Zeit versäumt. Kapitän Powel feuerte zuerst eine -Ladung Rehposten zwischen einen Trupp hinein, der -sich wieder an den Felsen zeigte, und schickte dann die -andere Ladung mitten in die Canoe's, die jetzt dicht -neben dem Boot an's Ufer liefen und wahrscheinlich -einen Angriff zu Land versuchen wollten, da sie in den -schwanken Fahrzeugen <em class="ge">ihre</em> Waffen nicht gebrauchen -konnten. Kaum aber schoß der hohe Bug des ersten -auf den Sand hinauf, als der Steuermann mit seinen -drei Matrosen, die auf den Augenblick nur schienen gewartet -zu haben, aus der Höhle sprangen und jetzt -ihrerseits mit den Lanzen auf die Feinde einstürmten. -Der Angriff kam aber zu plötzlich und aus zu unmittelbarer -Nähe, und ohne sich nur zu besinnen sprang -die ganze Mannschaft der Canoe's über Bord und -tauchte unter. Wie durch Zauberei waren sie verschwunden.</p> - -<p>In dem Moment schien es fast, als ob sämmtliche -Schwarze von der Insel verschwunden wären; aber -der Kapitän traute ihnen nicht und benutzte die ihm -vergönnte kurze Zeit, um rasch die abgeschossenen Gewehre -wieder zu laden, während die Seeleute indessen -<a class="pagenum" id="page_220" title="220"> </a> -in aller Hast das schon bis an den Eingang gewälzte -Faß Wasser jetzt aufhoben und heraustrugen. Allem -Anschein nach war es das letzt hierhergeschaffte, denn -es trug den Brand der <i>Yorkshire lady</i>. Auch der -Junge war nicht müssig gewesen und mit einem gehäuften -Korb von Zwieback angekommen, den er ohne -Weiteres in's Boot schüttete und dann zurück in die -Höhle sprang, um noch eine zweite Ladung zu holen. -Den Zwieback mußten die Wilden nämlich zuerst entdeckt -haben, denn das eine große Faß war auseinandergebrochen -und der Inhalt über den ganzen Boden -der Höhle zerstreut.</p> - -<p>Ihr Boot wurde übrigens durch den neuen Proviant, -besonders durch das Faß Wasser bedenklich tief -geladen. In der Straße selber wäre das bei dem -spiegelglatten Wasser gegangen, jetzt aber, wo sie in -den indischen Ocean einlaufen wollten, mußten sie -wenigstens darauf vorbereitet sein, unruhigere See zu -bekommen – aber der Steuermann wußte Rath.</p> - -<p>»Schafft das Canoe herbei, Jungens!« rief er, -einen Blick umherwerfend, »das nehmen wir in's -Schlepptau, bis wir draußen in See erst Alles richtig -weggestaut und geordnet haben, und ein paar von Euch -können damit nebenher fahren. Das Ding ist breit -genug, Euch zu tragen – dort liegen auch Ruder.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_221" title="221"> </a> -Es war im Nu geschehen; die Leute sprangen zu, -schoben das Canoe in tieferes Wasser zurück und -brachten es langseit. Die ganze Sache dauerte keine -fünf Minuten. Trotzdem waren sie von den Wilden -dabei beobachtet worden, denn wieder flogen vier oder -fünf Speere nach ihnen herunter, aber zu kurz, denn -die Schwarzen trauten sich nicht mehr in den Bereich -der Schußwaffe.</p> - -<p>»Fertig Alles?« rief der Kapitän.</p> - -<p>»Alles klar, Sir,« lautete die Antwort.</p> - -<p>»An Bord denn und fort – die Sonne ist gleich -unter und nach Dunkelwerden möchte ich nicht mehr in -der Nähe der schwarzen Halunken sein. Sie holten -dann jedenfalls ein, was sie jetzt unterlassen haben – -aus mit dem Boot!«</p> - -<p>Der Befehl wurde fast so rasch ausgeführt, wie er -gegeben worden, denn sie waren mit steigender Fluth -gelandet und das Wasser mochte in der Zeit fünf bis -sechs Zoll gewachsen sein. Die Leute sprangen alle in -die Fluth, um es zurückzuschieben. Zwei von ihnen -nahmen dann das Canoe und den eben mit einem -anderen Korb Zwieback zurückkommenden Jungen ein, -und wenige Minuten später stießen sie von der Küste -ab – aber der Kapitän hielt noch nicht in See hinaus.</p> - -<p>»Eine Lektion müssen wir den Burschen noch -<a class="pagenum" id="page_222" title="222"> </a> -geben,« sagte er finster, »daß sie später das Eigenthum -der Weißen mehr respektiren lernen oder wenigstens -in einer heilsamen Furcht gehalten werden – Zimmermann, -nehmt einmal Euer Beil und bearbeitet das -Canoe dort drüben ein wenig.«</p> - -<p>Der Zimmermann that dies mit Vergnügen und -das Fahrzeug war im Nu unbrauchbar gemacht; dann -nahmen sie ihren Cours um die Insel herum, um die -übrigen ebenfalls abzuschneiden und die Schwarzen -dadurch auf der Insel zu halten, bis ein größeres -Schiff dort landete, das eher die Macht hatte, sie zu -züchtigen. Die Eingeborenen schienen es aber vorgezogen -zu haben, etwas Derartiges nicht abzuwarten, -denn wie sie an den anderen Rand der Insel kamen, -sahen sie die kleine Flotte von neun Canoe's schon -unterwegs, und zwar in voller Flucht gen Süden, dem -nächsten Festland zu haltend. Daß sie von dem schwergeladenen -Boot der Weißen nicht verfolgt werden -konnten, wußten sie gut genug, aber sie schienen auch -gar nicht die Absicht zu haben, weit zu fliehen, denn -draußen ein Stück in See lagen sie jetzt plötzlich auf -ihren Rudern, um dort erst einmal abzuwarten, was -die Feinde beginnen würden.</p> - -<p>Der Kapitän war überzeugt, daß sie, sobald das -Boot nur außer Sicht wäre, augenblicklich nach der -<a class="pagenum" id="page_223" title="223"> </a> -Insel zurückkehren würden, nicht allein um ihre Todten -abzuholen, sondern auch die begonnene Plünderung zu -beenden. Das Alles ließ sich aber nicht mehr ändern. -Der für den Seemann so wichtige Platz war einmal -verrathen; die Schwarzen hatten das Geheimniß der -Höhle entdeckt, und es durfte wohl schwerlich mehr an -eine weitere Niederlage dort von Wasser und Provisionen -für verunglückte Seeleute gedacht werden. -Jenes diebische Gesindel revidirte jetzt gewiß regelmäßig -die Höhle, um Alles mitzuführen, was sie -fanden.</p> - -<p>Das Boot – nachdem sich die Leute an dem erbeuteten -Wasser gelabt – hielt eine nordwestliche -Richtung bei, um irgend eine der Inseln des ostindischen -Archipels anzulaufen, schon am zweiten Tag -aber sichteten sie eine portugiesische Brigg, die, von -Europa kommend, nach der portugiesischen Besitzung -in Timor bestimmt war. Von dieser wurden sie an -Bord genommen und gingen später mit einem holländischen -Schiff nach Singapore, von wo aus sie leicht in -ihre Heimath zurückkehren konnten.</p> - -<p>Der Kapitän machte allerdings in Singapore die -Anzeige des zerstörten Depots auf Booby-island, und -ein nach Australien bestimmtes Kriegsschiff bekam auch -Auftrag, dort anzulaufen; als es aber mit dem nächsten -<a class="pagenum" id="page_224" title="224"> </a> -Monsuhn Booby-island berührte, fand es in der -Höhle nur noch einen Haufen verdorbenes Fleisch, den -die Schwarzen verschmäht hatten – alles Uebrige war -ausgeräumt und selbst die »Postoffice« wahrscheinlich -nach dem Festland geschafft worden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_225" title="225"> </a> -<span class="ge">Zacharias Hasenmeier's Abenteuer.</span></h2> - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Erstes Kapitel.</span></span><br /> - -Die Matrosenkneipe.</h3> - - -<p>Da lebte einmal vor langen Jahren ein Handwerksbursch, -und den freute die Welt nicht mehr, denn -anders wurde es wohl mit der Zeit, wohin er auch -kam, aber nie und nimmer besser.</p> - -<p>Früher ja, da ließ sich's aushalten, da marschirte -so ein armer Handwerksbursch nach Herzenslust im -lieben deutschen Vaterland herum, Chaussee auf und -ab, ging in den Dörfern fechten, schlief Nachts auf der -Streu oder in einem Heuschober, setzte sich, wenn er -unterwegs müde wurde, auf einer vorbeirollenden -Extrapost hinten auf und dachte gar nicht daran, die -Beine je lang unter einen Arbeitstisch zu strecken. -Das ließ schon die Wanderlust nicht zu, und geschah -es je einmal ausnahmsweise, so erfaßte ihn rasch die -unbezwingbare Sehnsucht nach einer Pappelallee, der -er nicht widerstehen konnte und wollte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_226" title="226"> </a> -Da erfanden böse und hinterlistige Menschen, aus -reiner Bosheit gegen die armen Handwerksburschen, -die <em class="ge">Eisenbahn</em>, und mit dem lustigen Marsch auf -der Landstraße war's vorbei. Extraposten und Lohnkutschen -– wo bekam man sie noch zu sehen? der -Dampf hatte die Zügel ergriffen und bei einem davonbrausenden -Bahnzug – mit <em class="ge">den</em> groben Condukteuren -– war kein Gedanke mehr hinten aufzusitzen.</p> - -<p>Das macht zuletzt den besten Menschen verdrießlich -und so war denn auch Zacharias Hasenmeier, ein -»wasserdichter Hutmachergesell,« endlich zu dem verzweifelten -Entschluß gekommen – nicht etwa seinem -Leben ein Ende zu machen, nein – dazu besaß er zu -viel Religion und zu wenig Courage – aber auszuwandern -und sich irgend einen Platz auf der Welt zu -suchen, wo es erstlich einmal keine Eisenbahnen gab, -und wo ein reisender Handwerksbursch auch noch leben -konnte, »wie sich's gehört und gebührt,« d. h. wo er -ein Terrain zum fechten und hinten aufsitzen fand.</p> - -<p>Mit dem Entschluß erst einmal im Reinen, hielt -er sich denn auch nicht lange bei der Vorrede auf, -packte seinen Tornister, mit ein paar neuen Stiefeln -oben d'rauf, daß die blinkenden weißen Sohlen rechts -und links unter der Klappe vorschauten, ließ sich eine -neue Zwinge an seinen dicken Knotenstock machen, und -<a class="pagenum" id="page_227" title="227"> </a> -ging danach auf die Polizei, um sein Wanderbuch -visirt zu bekommen. Ordnung muß nämlich sein, und -ob er nun zu den Chinesen oder Menschenfressern kam, -sein Wanderbuch wollte er in Ordnung haben, denn -den Chinesischen Gensdarmen traute er gerade so -wenig wie den Deutschen.</p> - -<p>Die Behörde besorgte ihm das auch. Gegen seine -Auswanderung hatte sie, merkwürdiger Weise Nichts -einzuwenden, und visirte ihm sein Wanderbuch, auf -seine Anweisung, daß er nach Amerika, Australien und -sonst wohin wollte, gewissenhaft und wörtlich:</p> - -<p class="ce">»Nach Australien und weiter!«</p> - -<p class="in0">wonach er dann lustig und wohlgemuth in die Welt -hinaus wanderte.</p> - -<p>Er hatte, als er die Stadt verließ, in der er zuletzt -gearbeitet, den Hut keck auf die eine Seite gerückt, was -andeuten sollte, daß er sich aus ganz Europa Nichts -mehr mache, und mit dem buntgestickten Tabaksbeutel -vorn im Knopfloch baumelnd (einen Orden besaß er -nicht, den er hätte hinein thun können, und etwas <em class="ge">muß</em> -der Mensch doch im Knopfloch haben) mit außerdem -zehn Thaler siebenzehn und einen halben Silbergroschen -in der Tasche, meinte er, daß er nun die -Welt durchwandern könne. – Was weiß so ein wasserdichter -Hutmacher überhaupt von der Welt!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_228" title="228"> </a> -Natürlich ging er gerade in einem Strich auf -Hamburg zu, weil er gehört hatte, daß von dort ab -fast täglich Schiffe nach aller Herren Ländern ausliefen, -und man von diesem Hafen aus mit derselben Bequemlichkeit -zu den Botokuden wie zu den afrikanischen -Baumaffen kommen könne. Wohin? blieb sich aber -vollständig gleich – Hüte brauchten Alle oder konnten -ihnen doch wenigstens angepaßt werden, und er war -von sich selber überzeugt, daß er sein Fortkommen in -irgend einem Land der Welt finden würde – er müsse -nur erst einmal dort sein.</p> - -<p>»Der liebe Gott verläßt keinen Deutschen,« sagte -er sich und mit dem schönen Liedchen: »Muß i denn, -muß i denn zum Städtle hinaus – Städtle hinaus,« -ließ er sich wahrlich kein Gras unter die Sohlen -wachsen, und wanderte, jede Eisenbahn von Grund -seines gekränkten »wasserdichten Hutmacherherzens« -aus verachtend, zu Fuß bis in die ferngelegene Hafenstadt, -um sich dort nach einer womöglich wüsten Insel -einzuschiffen.</p> - -<p>Er fluchte allerdings jedesmal still vor sich hin, -wenn ein Bahnzug vorüberrasselte, und die Leute -darin aus den offenen Fenstern hinaussahen, und über -den wunderlichen Menschen lachten, der zu Fuß hinterd'rein -keuchte, während er doch hätte, für ein paar -<a class="pagenum" id="page_229" title="229"> </a> -Groschen, so bequem darin fahren können; aber Zacharias -setzte den Hut bei solchen Gelegenheiten nur noch -immer schiefer, um seine Verachtung bildlich auszudrücken -und wanderte trotzig seines Weges, ohne auch -nur einmal nach ihnen umzuschauen.</p> - -<p>Es ist überhaupt erstaunlich, mit welcher Genauigkeit -sich menschliche Gemüthsbewegungen und -Charaktere nur allein durch die verschiedene Stellung -des Hutes ausdrücken lassen.</p> - -<p>»In den Augen liegt das Herz,« lautet ein altes, -wunderschönes Lied, aber es ist durchaus nicht wahr. -Im <em class="ge">Hute</em> liegt es, und der aufmerksame Beobachter -kann manchem Menschen nur allein durch den Hut -direkt in's Herz sehen.</p> - -<p>Wer z. B. den Hut recht gerade und steif auf hat, -daß er ihm senkrecht auf dem Wirbel des Kopfes sitzt, -das <em class="ge">mag</em> ein sehr guter rechtschaffener Mensch sein, -aber er ist jedenfalls nach <em class="ge">einer</em> Richtung hin Pedant -und geht unausweichlich, vielleicht praktisch, doch unter -jeder Bedingung steif und trocken durchs Leben mit -nicht einer Spur von Poesie. Ich gebe zu, daß er ein -ausgezeichneter Beamter und vortrefflicher Geschäftsmann -sein kann, aber ein guter <em class="ge">Gesellschafter</em> ist er -keinesfalls.</p> - -<p>Ein <em class="ge">klein wenig</em> geneigt – nach rechts oder links -<a class="pagenum" id="page_230" title="230"> </a> -bleibt sich gleich – und welch' einem fabelhaften Unterschied -begegnen wir hier. – <em class="ge">Das</em> sind die besten -und interessantesten Menschen, mit gerade genug -leichtem Sinn, um liebenswürdig zu sein und über das -Nützliche einer Sache auch nicht das Angenehme zu -vergessen – aber ja nicht zu viel – den Hut zu viel -auf eine Seite bedeutet sehr großen Leichtsinn – ein -keckes Herausfordern der Menschheit, um das sich gewöhnlich -Niemand kümmert, Rauflust und verschiedene -andere schlimme Leidenschaften. Solche Menschen -werden auf die Länge der Zeit im Umgang unerträglich.</p> - -<p>Der Hut weit hinten verräth Sorglosigkeit, aber -auch Behaglichkeit, mit einer kleineren oder größeren -Mischung von Eigendünkel. Leichtsinnige Schuldenmacher -und Speculanten sind geneigt den Hut in -solcher Weise zu tragen, und je weiter er nach hinten -gerückt wird, desto gefährdeter ist ihre Position.</p> - -<p>Dagegen deutet es Schwermuth und Niedergeschlagenheit, -wenn der Hut, im entgegengesetzten Fall, -weit in die Stirn gezogen wird: düsteren Groll, ein -gepreßtes Herz oder gedrückte Lebensverhältnisse – -auch unsaubere Wünsche; kurz der Hut zeigt den -Menschen wie er wirklich <em class="ge">ist</em>, und Zacharias Hasenmeier, -der leichtsinnigste »wasserdichte Hutmachergesell,« -<a class="pagenum" id="page_231" title="231"> </a> -der diese Straße je passirt war, strafte mit seinem Hut -keck auf dem linken Ohr diese Theorie wahrlich nicht -Lügen.</p> - -<p>Zacharias machte sich auch wirklich <em class="ge">keine</em> Sorgen, -und erst nur einmal mit seinem Entschluß im Reinen -hielt er alles Andere, was ihn möglicher Weise betreffen, -oder ihm hindernd in den Weg treten könne, für -Nebensache – und doch hatte er gerade da, wo er die -Hauptschwierigkeit fand, keine erwartet.</p> - -<p>Seine Begriffe von Reisespesen waren nämlich -sehr unvollkommener Art, denn wenn er sonst von -einer Stadt zur anderen wanderte – mochte sie auch -noch so weit entlegen sein – so brachte er dorthin -doch gewöhnlich noch immer ein paar Groschen mehr -mit, als er von Hause aus mit genommen, denn er -verstand die Kunst des Fechtens aus dem Grunde und -wenig Familien, die er ansprach, konnten sich rühmen -ihn unbeschenkt entlassen zu haben. Darnach berechnete -er also auch die etwa zu zahlende Passage nach -einem fremden Welttheil, und fand sich hier in Hamburg -sehr enttäuscht, als die Kapitäne dort liegender -segelfertiger Schiffe eine weit größere Quantität der -landesüblichen Münzsorte verlangten, um ihn als -<em class="ge">Passagier</em> aufzunehmen, als er im Stande war -aufzuzeigen – selbst wenn er gewillt gewesen wäre, -<a class="pagenum" id="page_232" title="232"> </a> -sich zu diesem Zweck von seinem ganzen Capital zu -trennen.</p> - -<p>Wo er an Bord kam, schüttelten die alten Seeleute -mit dem Kopf und meinten, das reiche nicht, und unnützes -Volk könne man nicht Monate lang umsonst an -Bord füttern. Von dem Seedienst verstand er aber -gar Nichts, Hutmacher wurden nicht unterwegs gebraucht, -und so blieb das Resultat auf allen Schiffen -dasselbe, so daß Zacharias, am Abend des zweiten -Tages, den er auf solche Weise verwandt, mit in die -Stirn gezogenem Hut – so keck er ihn auch noch an -dem Morgen auf dem einen Ohr getragen, in sein -Wirthshaus nahe am Hafen zurückkehrte, und sich -mürrisch und der ganzen See grollend hinter ein Glas -etwas dünnes Bier setzte.</p> - -<p>Es war das eine der sogenannten Matrosenkneipen, -in der fast nur Seeleute, oder mit der Schiffahrt zusammenhängende -Personen, wie Segelmacher, Reepschläger -etc. einkehrten, und es läßt sich denken, daß ein -Handwerksbursch mit Tornister und Knotenstock und -einer richtigen »Landschraube« auf dem Kopf nicht unbemerkt -passiren konnte. Es war etwa gerade so, als -ob ein ausgespannter Stier hinaus in den Wald ging, -und sich einem Rudel Hirsche beigesellte, und die Matrosen -steckten dann auch bald die Köpfe zusammen, -<a class="pagenum" id="page_233" title="233"> </a> -und flüsterten und lachten über den wunderlichen -Gesellen. Nachdem sie indeß ihren Spaß eine Weile -gehabt, ohne daß er weiter Notiz von ihnen genommen, -wollten sie ihn auch aufziehen, aber Zacharias war -nicht auf den Kopf gefallen, und antwortete ihnen bald -so scharf und treffend, daß sie jetzt selber Vergnügen -daran fanden, sich mit ihm zu unterhalten – doch -freilich nicht bei einem Glas Dünnbier, dem sich ihre -ganze Lebensweise nicht zuneigte.</p> - -<p>Grog wurde bestellt, und da Zacharias nicht den -geringsten Grund sah, seine Absichten, die ihn hierher -geführt, zu verheimlichen, so erfuhr die Gesellschaft -bald, daß er aus dem inneren Land käme und auswandern -wolle, aber kein Schiff finden könne, weil es -ihm gerade am Besten fehle.</p> - -<p>Die Matrosen, meist immer gutmüthig gegen -Fremde, sobald sie keine Gelegenheit mehr finden sich -über sie lustig zu machen, schlugen jetzt bald das, bald -jenes Schiff vor, das knapp an Mannschaft, vielleicht -doch hätte bewogen werden können, ihn mitzunehmen -– Zacharias schüttelte aber immer mit dem Kopf, -denn auf fast allen war er schon selber gewesen, und -wenn auch noch ein oder das andere da lag, auf dem -er noch nicht nachgefragt, so konnte er sich doch ziemlich -genau denken, welche Antwort er dort bekommen -<a class="pagenum" id="page_234" title="234"> </a> -würde. – Es war nicht der Mühe werth, es auch nur -zu versuchen.</p> - -<p>»Sag' einmal Landsmann,« frug der Wirth, ein -breitschultriger, blatternarbiger Gesell, mit einer -blauen, goldgestickten, aber entsetzlich schmutzigen Mütze -auf den scharf gekräußten braunen Haaren und dabei -mit ein paar kleinen verschmitzten Augen – »wo willst -Du denn eigentlich hin?«</p> - -<p>»Fort – hinaus in die Welt,« erwiederte der -wasserdichte Hutmacher – »wohin, ist mir vollkommen -gleich, zu den Menschenfressern oder Kannibalen – -nur die Welt möcht ich sehen, und die verfluchten -Eisenbahnen los werden.«</p> - -<p>»So?« sagte der Wirth, »na, hast Du es denn da -schon auf einem Wallfischfänger versucht?«</p> - -<p>»Auf einem Wallfischfänger?« frug Zacharias erstaunt, -»was ist das?«</p> - -<p>»Nun ein Schiff, das hinaus in die Südsee fährt -und Fische fängt, und dabei an allen Inseln anlegt, -die es erreichen kann.«</p> - -<p>»<i>Damn it!</i>« rief da Einer der Matrosen, »da liegt -gerade die »Seeschlange« draußen im Fahrwasser, vor -einem Anker und will morgen früh mit der Ebbe in -See gehen – die braucht noch Leute, und nimmt was -sie kriegen kann.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_235" title="235"> </a> -»Aber ich kann gar nicht angeln,« sagte Zacharias.</p> - -<p>»Angeln – <i>hell</i>!« rief der Wirth, »zu angeln -brauchst Du auch nicht, und die nehmen Dich mit -Kußhand, denn an Bord von einem Wallfischfänger -brauchen sie Leute zu allerhand und wenn's auch nur -wäre, um einen Schleifstein oder Schiemannsgarn zu -drehen und Feuer unter den Kesseln zu halten.«</p> - -<p>Die anderen Matrosen stimmten dem Wirth bei. -Wallfischfänger waren in der That die einzigen Schiffe, -die Jeden annahmen, der sich auf ihnen verdingen -wollte, und dabei am Weitesten in der Welt herumkamen. -An alle Inseln, die sie nur erreichen konnten, -fuhren sie hinan und segelten jetzt an der Japanischen -Küste – dann wieder im Eismeer, und vier, fünf -Monate später zwischen den Corallen-Inseln der Südsee -herum. Das aber war gerade was Zacharias -wollte, denn hätte er sich an <em class="ge">einer</em> bestimmten Stelle -niedergelassen, so wäre ihm doch zuletzt nichts Anderes -übrig geblieben, als wieder zu arbeiten, und zu diesem -<em class="ge">letzten</em> verzweifelten Mittel, sich eine Existenz zu -sichern, wurde er noch immer zeitig genug getrieben.</p> - -<p>Einer oder der andere von den Leuten am Tisch -hatte aber auch schon eine Fahrt mit einem Wallfischfänger -gemacht, und erzählte dann Wunderdinge, was -er da draußen gesehen: von den Meerweibchen und -<a class="pagenum" id="page_236" title="236"> </a> -See-Greisen und den Corallenhäusern, die sie in der -See hätten, von fliegenden Fischen und Palmen, die -mit den langen Blättern in der Luft herum föchten, -von Schildkrötenjagd und dann dem lustigen Wallfischfahrerleben -selber, wie sie in Booten hinter den großen -Fischen herruderten, ihnen die Harpune in den Leib -warfen und sie dann endlich todtstachen und einkochten, -und den ausgekochten Speck für ein enormes Geld -verkauften.</p> - -<p>Zacharias saß mit offenem Mund daneben, und so -gut wie ihm der Grog mundete, gerade so gefielen ihm -auch die wunderbaren Schilderungen dieses fabelhaften -Lebens, das die Matrosen – einer solchen -Landratte gegenüber – denn auch noch tüchtig auszumalen -wußten. Einer erzählte immer tollere Geschichten -als der andere, und als sie endlich fort wollten, ließ -sie Zacharias nicht und bestellte frischen Grog, nur um -noch immer mehr zu hören, und jetzt konnte er schon -die Zeit nicht erwarten, daß es wieder Tag würde, -um sich auf einem solchen merkwürdigen Fahrzeug -einzuschiffen, und all das Wunderbare selbst mit zu -erleben.</p> - -<p>Ein alter Segelmacher, der den tollen Erzählungen -gelauscht, schüttelte zwar mit dem Kopf, denn es that -ihm leid, daß sie den armen Teufel mit seinen verworrenen -<a class="pagenum" id="page_237" title="237"> </a> -Ideen nur noch verrückter machten, und er -meinte einmal:</p> - -<p>»Kamerad, nimm Dich in Acht. Wenn das wahr -ist, was <em class="ge">ich</em> von Wallfischfängern gehört habe, so ist -verdammt wenig Vergnügen und heidenmäßige Arbeit -dabei, und kriegst Du Einen von den Burschen zum -Kapitän, wie sie hie und da auf den Schiffen stecken, -so wollte ich lieber an Land irgendwo als Kettenhund -in Condition treten, ehe ich mich an Bord eines solchen -Schiffes verdingte.«</p> - -<p>»Ach Unsinn, Mate,« lachte aber ein Anderer, -»wenn das bischen Arbeit nicht wäre, machte Einen ja -die Langeweile auf der langen Reise todt.«</p> - -<p>»Na, wenn ihn weiter nichts todt macht, als die -Langeweile,« nickte der Segelmacher vor sich hin, »so -kann er zufrieden sein – mit Deckwaschen, Garnspinnen, -Theerstreichen, Kettenklopfen, Thran einschneiden -und auskochen und wie die angenehmen Beschäftigungen -alle heißen, wird ihn die nicht viel plagen. -Aber meinetwegen Kinder,« sagte er, von seinem -Stuhl aufstehend und sein Glas zurückschiebend, -»wer nicht hören will, muß fühlen, und wenn er's -denn nicht anders haben mag, wird ihm eine dreijährige -Lehrzeit auf einem solchen blutigen Kasten -auch gerade Nichts schaden – viel Glück Mate und -<a class="pagenum" id="page_238" title="238"> </a> -einen guten Fang –« und damit stieg er langsam zur -Thüre hinaus.</p> - -<p>Zacharias war wirklich ein wenig stutzig geworden, -aber das Lachen und Erzählen der Anderen trieb bald -jeden solchen Gedanken aus seinem Hirn. <em class="ge">Das</em> war -eine Landratte, die überhaupt nicht mehr auf's Wasser -hinaus mochte, und von dem lustigen Leben draußen -wenig wußte. Nur <em class="ge">ein</em> Bedenken kam ihm noch – -er konnte nicht schwimmen, und wenn er nun einmal -aus dem Schiff herausfiel! Er theilte es dem neben -ihm Sitzenden, der sich überhaupt am Meisten seiner -angenommen hatte, mit, der aber lachte gerade hinaus: -»Schwimmen?« rief er, »glaubst Du, Kamerad, daß -Einer von uns Allen, die wir zur See gehen, schwimmen -kann? fällt uns gar nicht ein. Daß wir uns etwa -lange quälen müßten, wenn die Geschichte einmal schief -geht, nicht wahr? – denken gar nicht daran. Fällt -Einer über Bord, dann geht der Steuermann in seine -Cajüte und schreibt's in's Logbuch, und damit ist's zu -Ende – lustig gelebt und fröhlich gestorben, das hat -dem Teufel die Rechnung verdorben,« und jubelnd -stießen die wilden Burschen wieder mit ihren Gläsern -an, und immer neuen Stoff mußte der Wirth herbeischaffen.</p> - -<p>Endlich fingen sie an zu singen – ganz schrecklich -<a class="pagenum" id="page_239" title="239"> </a> -lange Balladen, die mit ihren zahllosen Versen gar -kein Ende nehmen wollten, und Zacharias wurde -schläfrig und wäre richtig eingenickt, wenn sich nicht -eines der Schenkmädchen, die bis dahin mit den -Matrosen gelacht und getrunken, zu ihm gesetzt und -mit ihm geplaudert hätte. Die erzählte ihm jetzt aber -auch, daß der eine Wallfischfänger, der im Hafen läge -– und es war in der That nicht der einzige – nur -auf Tageslicht und Ebbe warte, um die Elbe hinunter -und hinaus in See zu fahren, und wenn er die -Zeit verpasse, könne er nicht mit und müsse hier bleiben.</p> - -<p>Das machte ihn geschwind wieder munter, denn -die Gelegenheit durfte er nicht ungenutzt vorüber lassen; -sie bot sich vielleicht so bald nicht wieder. Das -Mädchen wollte ihm noch einmal zu trinken geben, -aber er fühlte, daß er genug hatte, denn da draußen -dämmerte schon wieder der Tag – so lange geschwärmt -zu haben erinnerte er sich gar nicht, verlangte -aber jetzt noch eine Tasse Kaffee, nahm sich -dann ein reines Hemd aus dem Tornister, um anständig -vor dem Kapitän zu erscheinen, und ging, als es -vollständig hell geworden war, mit einem der Matrosen, -der ihn begleitete, zu dem bezeichneten Schiff.</p> - - - - -<h3><a class="pagenum" id="page_240" title="240"> </a> -<span class="subheader"><span class="ge">Zweites Kapitel.</span></span><br /> - -Zacharias Hasenmeier hält es nicht an Bord aus.</h3> - - -<p>Hatte er aber früher Angst gehabt, daß es ihm -hier wie auf den anderen Fahrzeugen gehen und der -Kapitän ihn abweisen würde, so fand er sich angenehm -getäuscht, denn der brauchte allerdings Leute, und -wenn er zuerst auch genau so ein Gesicht schnitt, wie -die Uebrigen, als er den Handwerksburschen mit seinem -Tornister und Knotenstock sah, so schien er es -doch wenigstens für möglich zu halten, einen Matrosen -aus ihm zu machen. Er sagte, er wolle es jedenfalls -versuchen. Zacharias wurde sein Platz angewiesen, -wo er schlafen konnte, und mit dem Bewußtsein, -jetzt endlich sein Ziel erreicht zu haben, und einem -neuen Leben entgegen zu gehen, hing er dort seinen -Rock an einen Nagel, hakte den Tornister darüber und -– war eingezogen.</p> - -<p>Aber es schien auch die höchste Zeit für ihn gewesen -zu sein, an Bord zu kommen, denn in demselben -Augenblick schon fast wurden die Segel ausgespannt, -und das Schiff fuhr den Strom hinunter und in die -See hinaus. – Wie das aber tanzte und schwankte -und der arme Hutmachergesell, der schon so viel von -der Seekrankheit gehört, sich aber noch nie eine richtige -<a class="pagenum" id="page_241" title="241"> </a> -Idee davon gemacht hatte, sollte jetzt erfahren, wie -das thue.</p> - -<p>Die ganze Welt schien sich mit ihm zu drehen; -Alles wirbelte im Kreis herum – er wußte nicht -mehr was oben oder unten war, ob er auf dem Kopf -oder auf den Füßen stand. – Er warf sich auf Deck -nieder und breitete die Arme und Beine aus, um nicht -noch tiefer zu fallen, kurz, er befand sich in einem Zustand, -der sich wohl bedauern, aber nie im Leben beschreiben -läßt.</p> - -<p>Wie lange er so gelegen, wußte er gar nicht, und -nur das einzige Bewußtsein war ihm dabei geblieben: -der Wunsch zu sterben, um dieser Höllenpein, diesem -qualvollen und unerträglichen Zustand ein Ende zu -machen. – – Aber auch das ging zuletzt vorüber, das -Schiff lag ruhiger, oder er fühlte vielleicht auch die -Bewegung nicht mehr so stark, und als er eigentlich -erst wieder ordentlich zu sich kam, befanden sie sich -schon so weit draußen in See, daß er, wohin er auch -blickte, kein Land mehr erkennen konnte. Er hatte -seine Reise angetreten und ein Rückschritt war nicht -mehr möglich.</p> - -<p>Aber ob er sich eine Seefahrt anders gedacht haben -mochte; er fühlte sich keineswegs behaglich und -sehnte sich fortwährend danach, das ewig schwankende -<a class="pagenum" id="page_242" title="242"> </a> -Schiff nur erst einmal wieder unter den Füßen los zu -werden, und festen, sicheren Boden zu betreten. Reisen -– war <em class="ge">das</em> Reisen, wo man in einemfort, wie ein Sack, -hin- und hergeworfen wurde, und den einen Fuß nie vom -Boden heben konnte, ohne der Gefahr ausgesetzt zu sein, -auf die Nase zu fallen? Da marschirte sich's anders in -seinen festen soliden Pappelalleen und er bekam wieder -das alte Heimweh nach seinem früheren Leben.</p> - -<p>Und wenn sie ihn jetzt noch wenigstens zufrieden -gelassen hätten, daß er sich ordentlich ausruhen und -das häßliche schwindliche Gefühl überwinden konnte -– aber Gott bewahre; kaum machte er die Augen -wieder auf, so kam auch schon der Steuermann und -stellte ihn an die Arbeit, und keine Entschuldigung -half, daß er noch hundeelend sei.</p> - -<p>Jetzt erfuhr er, daß der alte Segelmacher Recht -gehabt, der ihm ganz genau prophezeiht hatte, was -ihn hier erwartete. Wo er schon außerdem schwindlich -war, mußte er noch eine große Schiemannsgarn-Winde -oder gar einen schweren Schleifstein drehen, -daß ihm der Kopf immer mit dabei herum ging – -und dazu sollte er fetten Speck essen und harten -Schiffszwieback kauen – so ein Leben – der Böse -hätt's holen können, wenn es ihm recht gewesen wäre, -aber es war ihm nicht recht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_243" title="243"> </a> -<em class="ge">Arbeiten</em> – nun ja, er hatte in seinem Leben -schon oft gearbeitet, und einen Hut zu walken und zu -bügeln thaten ihm vielleicht Wenige gleich, aber was -half ihm das <em class="ge">hier</em>? Statt des Bügeleisens bekam er -einen alten schmutzigen Sandstein in die Hände und -mußte damit das Verdeck abschleifen, und wenn das -Deck nur wenigstens ruhig gelegen hätte, aber Gott -bewahre; auf und nieder gings und im Kreis herum -mit ihm und dann kam auch noch der Steuermann -und hieb ihm mit einem Ende Tau eins hinten über, -wenn er nicht rasch genug kratzte, daß er die dicken -Striemen fühlen konnte.</p> - -<p>O wie sehnsüchtig sah er jetzt über Bord, ob er -nicht irgendwo Land erkennen und aussteigen könne, -denn <em class="ge">die</em> Vergnügungstour hatte er schon bis oben -hin satt; aber nichts war zu entdecken als Himmel und -Wasser und immer weiter fuhren sie dabei in den großen -Ocean hinein.</p> - -<p>Wenn er dabei auch geglaubt hatte, er würde sich -mit der Zeit an die Seereise gewöhnen, so fand er -doch bald, daß er sich da schmählich geirrt. Je länger -er fuhr, je schlechter wurde es ihm zu Muthe, der -Kopf brannte ihm, als ob Feuer drinnen wäre, sein -Magen revoltirte gänzlich gegen den ekelhaften Speck -und er hielt sich um so mehr für schlecht und nichtswürdig -<a class="pagenum" id="page_244" title="244"> </a> -behandelt, als es ausdrücklich in seinem Paß -stand, daß alle Civil- und Militärbehörden unterwegs -ersucht wurden, ihn frei und ungehindert passiren, -auch ihm nöthigenfalls Schutz angedeihen zu lassen – -und hier sollte er sich behandeln lassen wie einen -Hund?</p> - -<p>Er ging jetzt direkt zum Kapitän und verlangte -wieder an Land gesetzt zu werden, aber der sagte -weiter nichts als: »geh zum Teufel!« und drehte ihm -den Rücken, und die Matrosen verhöhnten ihn und -lachten ihn aus.</p> - -<p>Und jetzt begann der Sturm wieder zu toben; die -Segel mußten eingenommen werden, und das Schiff -fing an zu tanzen, daß Zacharias manchmal meinte, -es müsse sich überschlagen, so hoch hob es sich vorn -in die Höhe und fuhr dann wieder in die Tiefe hinab, -bis ihm ordentlich der Athem ausging und er Luft -schnappen mußte.</p> - -<p>Er wollte sich jetzt in sein Bett legen, denn auf -den Füßen konnte er sich doch nicht mehr halten, aber -was half es ihm? Kaum war er hineingekrochen und -machte die Augen zu, so schlenkerte das Schiff nach -der andern Seite hinüber, und warf ihn wie ein -Bündel alte Kleider an die andere Wand, daß ihn -alle Rippen im Leibe schmerzten. Wieder kletterte er -<a class="pagenum" id="page_245" title="245"> </a> -hinein, hatte sich aber noch nicht einmal ordentlich fest -gelegt, als er noch unsanfter als vorher hinaus geschleudert -wurde, und jetzt bekam er's satt.</p> - -<p>»Nein,« schrie er, »so ein Hundeleben soll ja der -Teufel holen – ich thu' nicht mehr mit,« und zugleich -fuhr er in seine Kleider, zog sich fertig an und nahm -dann auch seinen Tornister vom Nagel, um ihn zu -packen.</p> - -<p>Die alten Matrosen, die ganz gemüthlich in ihrer -Hängematte schaukelten, lachten, und frugen ihn, ob -er an Land wolle und auch tüchtig lange Wasserstiefeln -habe – aber er antwortete ihnen gar nicht, schnallte -seinen Tornister, mit den noch unbenutzten hellglänzenden -Stiefelsohlen oben, fest, knöpfte sich seinen Rock -bis oben hin zu, setzte seinen Hut auf und zog ihn sich -vorn tief in die Stirn, holte seinen Knotenstock vor -und hing ihn sich mit dem Lederriemen an's rechte -Handgelenk, sagte »adjes miteinander« und stieg an -Deck.</p> - -<p>Gegen Alles, was ihn nach Außen umgab, schien -er völlig blind geworden, nur an sich selber dachte er -und die ihm hier gewordene nichtswürdige Behandlung, -und so schritt er denn auch fest und entschlossen -auf den Kapitän zu, der in seinen wasserdichten Kleidern -auf dem Quarterdeck auf- und abging, und die -<a class="pagenum" id="page_246" title="246"> </a> -Augen auf das kleine Segel gerichtet hielt, das sie in -dem Wetter noch führen konnten.</p> - -<p>»Herr Kapitän, ich wollte Ihnen man blos Adjes -sagen,« bemerkte hier Zacharias, indem er seinen Hut -abnahm und eine Verbeugung machte.</p> - -<p>»Junge,« rief der Kapitän, »wie siehst Du denn -aus? Bist Du verrückt geworden?«</p> - -<p>»Bitte,« sagte Zacharias, »wollte nur fragen, ob -Sie sonst noch etwas zu bestellen hätten.«</p> - -<p>»Aber wo willst Du denn hin? – gehst Du etwa -so schlafen?« lachte der Seemann.</p> - -<p>»Auf die Wanderschaft will ich,« erwiederte aber -Zacharias Hasenmeier, indem er seinen Hut jetzt wieder -keck auf ein Ohr stülpte, »also Adjes Kapitain, leben -Sie recht wohl, denn <em class="ge">die</em> Wirthschaft hier hätt' -ich satt,« und damit drehte er sich um, der See zu, wo -gerade eine riesige Woge heraufgestiegen kam, daß sie -mit dem hohen Hinterdeck vollkommen gleich lief. -Dort trat er auch ganz ruhig, als ob er ein festes -Stück Grund und Boden unter sich gehabt, auf das -Wasser hinaus, und sank natürlich in demselben Augenblick, -wo er die Welle nur berührte, mit ihr in die -Tiefe.</p> - -<p>Er wollte jetzt schreien, aber das ging nicht mehr -– oben hörte er nur noch den wildverstörten Ruf: -<a class="pagenum" id="page_247" title="247"> </a> -Mann über Bord, und wußte jetzt, daß der Steuermann -nun in seine Coje gehen und in sein Tagebuch -schreiben werde: Mittwoch den 13. August Nachmittags -halb vier – soviel Grad Länge, soviel Grad -Breite, Mann über Bord gegangen – Zacharias -Hasenmeier – das war seine Grabschrift und damit -fuhr er ab – tiefer und immer tiefer.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Drittes Capitel.</span></span><br /> - -Wie Hasenmeier den ersten Seegreis trifft.</h3> - - -<p>Eigentlich war er selber sehr überrascht worden, -als er hinaus aus dem Schiff trat, dort erst merkte, -daß er auf gar nichts mehr stand und zu gleicher Zeit -fühlte, wie ihm das Wasser nicht allein in die Stiefeln, -nein auch schon in die Halsbinde lief, und gleich -darauf über seinem Kopf zusammenschlug.</p> - -<p>»Du meine Güte,« dachte er, »das ist doch hier -eine verzweifelte Einrichtung mit den Chausseen, und -wenn ich nach Hause komme« – weiter dachte er aber -nichts, denn so rasch schoß er in die Tiefe, daß ihm -Luft und Gedanken ausgingen, während er umsonst -versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Nicht einmal -der bekannte Strohhalm war bei der Hand, nach welchem -<a class="pagenum" id="page_248" title="248"> </a> -sonst ein Ertrinkender gewöhnlich greifen soll, und -er kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als er -sich gar nicht mehr besinnen konnte, wo er sei und was -mit ihm vorging.</p> - -<p>Da er aber keinen festliegenden Gegenstand mehr -um sich her erkennen konnte, fühlte er auch nicht mehr, -daß er sank, und die ganze Welt kam ihm nur in dem -Augenblick wie eine riesige, grüne Glasflasche vor, in -welcher er eingestöpselt herumschwamm. – Er wollte -dabei Athem holen, aber das ging nicht, denn sobald -er den Mund aufmachte, lief ihm das Salzwasser -hinein, und trotzdem befand er sich wohl dabei, und es -beschlich ihn eine Empfindung, als ob er kaum so -viel wiegen könne, wie ein Schneidergeselle gleichen -Alters.</p> - -<p>Wenn ihn aber während dieser Zeit nicht eine – -wie bisher irrthümlich berichtete – purpurfarbene, -sondern weit eher Bouteillenglasfarbene Finsterniß -umgeben hatte, so bemerkte er jetzt zu seinem Erstaunen, -daß sich die Dämmerung augenscheinlich lichtete, -Gegenstände umher wurden sichtbar – hie und da -begegnete er einem riesigen Seeungeheuer, das sich -faul in seinem Element herumwälzte, und keine Ahnung -von der Nähe eines fremden Hutmachergesellen zu -haben schien – unangenehme Quallen und Blasen trieben -<a class="pagenum" id="page_249" title="249"> </a> -sich dort umher, und Fische sah er hier und dorthin -schießen – ob <em class="ge">die</em> aber <em class="ge">aufwärts</em> fuhren, -oder er <em class="ge">ab</em>wärts, war er nicht im Stand zu sagen, -denn seine ganze Aufmerksamkeit blieb in diesem Augenblick -auf den, unter ihm befindlichen Raum gerichtet, -der mit jeder Secunde mehr aus der dichten -Finsterniß heraustrat, und mit einem ganz eigenthümlichen -Licht übergossen schien.</p> - -<p>So mußte es einem Menschen zu Muthe sein, -der aus hoher Luft in einem Ballon zur Erde niedersank, -so daß unter ihm, je tiefer er kam, das weite -Land heller und klarer sichtbar wurde, bis sich endlich -die einzelnen Baumgruppen und Ortschaften und -zuletzt Häuser und Menschen klar und genau erkennen -ließen.</p> - -<p>Dort lagen weiße, zackige Flächen, aus denen er -nicht klug werden konnte, denn sie sahen aus wie beschneit -– dort breiteten sich weite grüne Ebenen, -mit Thieren auf der Weide, dort standen Häuser, die -in jenem wunderbaren Licht funkelten und blitzten -und in rasender Schnelle zu wachsen schienen. Ehe -Zacharias aber nur einen Ueberblick über das Ganze -gewinnen konnte, fuhr er plötzlich bis über die Kniee -in weichen Sand hinein, blieb aber nicht darin sitzen, -sondern wurde wie von selber wieder herausgehoben. -<a class="pagenum" id="page_250" title="250"> </a> -– Und was das für eine curiose Gegend war, in der -er sich befand!</p> - -<p>»Jetzt – wenn ich nicht auf Reisen wäre,« -brummte er leise vor sich hin, »sollt' ich meiner Seel' -denken, <em class="ge">die</em> Pappelallee führte nach Halle hinein – -aber puh, wo liegt Halle!«</p> - -<p>Er befand sich in der That in einer langen, schnurgeraden -Allee, die freilich aus den wunderbarsten -Bäumen bestand. Sie sahen wohl so aus wie Pappeln, -hatten aber gar keine Blätter, sondern nur dünne -elastische und sich fortwährend bewegende Zweige. -Gar nicht weit voraus aber lag ein Haus – er -konnte das Dach im Lichte blitzen sehen und ohne sich -lange zu besinnen, marschirte er darauf zu. – Aber -sein Blick fiel dabei unwillkürlich auf den Weg, in -dem er auch nicht die Spur von einem Wagengleis -bemerkte – mit den Extraposten sah es jedenfalls -windig aus.</p> - -<p>Zu solchen Betrachtungen blieb ihm jedoch keine -lange Zeit, denn viel rascher als er gedacht, erreichte -er das Haus. Und wie sonderbar leicht sich das -hier ging; den Tornister fühlte er fast nicht auf den -Schultern, die Füße nicht auf dem Boden, und der -schwere Knotenstock hob sich bei jedem Schritt immer -ganz von selber wieder.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_251" title="251"> </a> -Und da lag das Haus: es war aus rauhen Korallenblöcken -aufgeführt, aber mit den herrlichsten -Perlmutterschalen gedeckt, und hatte Thüren und -Fenster, wie die Häuser an der Oberwelt – die -Fenster bestanden aber nicht aus Glas, sondern aus -Hausenblase und der Thürgriff war aus Bernstein, -wie der Thürklingelgriff aus einem Zahn des Spermacetiwals -gemacht.</p> - -<p>Aber nur einen Blick warf er auf diese äußeren -Baulichkeiten, denn zu seinem Erstaunen bemerkte er -jetzt, daß vor dem Haus, auf einer dort angebrachten -Austerbank, ganz gemüthlich ein menschenähnliches Individuum -saß, das ihn, anscheinend eben so überrascht, -betrachtete.</p> - -<p>Es war eine kleine dicke Gestalt mit einer runden -Schuppenmütze auf, aber sonst wohl ganz kahlem -Kopf und einem Gesicht, das weit eher einem Karpfen, -als einem menschlichen Wesen glich. Uebrigens hatte -es Arme und Beine, nur daß der untere Theil derselben -an den Seiten Flossen zeigte, auch trug es eine -Art Schlafrock aus irgend einer Seegrasart geflochten, -der um den Leib mit einem Korallengürtel festgebunden -war.</p> - -<p>»Gu'n Morgen,« sagte der Fischschwänzige ruhig, -und Zacharias erschrak ordentlich über die deutsche -<a class="pagenum" id="page_252" title="252"> </a> -Anrede, aber alte Gewohnheit ließ vor der Hand -kein anderes Gefühl in ihm aufkommen, und seinen -Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:</p> - -<p>»Armer reisender Handwerksbursch; seit drei Tagen -keinen warmen Löffel im Leibe gehabt.«</p> - -<p>»Jemine Junge,« lachte da der kleine Dicke vergnügt, -ohne aber in die Tasche zu greifen, »das ist eine -lange Zeit, seit ich keinen Handwerksburschen hier gesehen -habe. Wo kommst Du denn her? Bist Du erst -kürzlich ersoffen?«</p> - -<p>»Bitte,« sagte Zacharias, »so viel ich mich erinnere, -noch gar nicht – ich habe meinen ordentlichen -Paß bei mir, und wollte nur einmal sehen wie's hier -unten ausschaut – sehr hübsche Gegend.«</p> - -<p>»So?« sagte der Kleine, aber dabei ungläubig mit -dem Kopf schüttelnd, »also Du bist <em class="ge">nicht</em> ersoffen – -das ist doch eigentlich merkwürdig. Woher kannst denn -Du das Wasser vertragen?«</p> - -<p>»Entschuldigen Sie,« sagte Zacharias, der die -Möglichkeit eines Geschenkes noch nicht aufgab, und -deshalb seine Höflichkeit bewahrte, »ich bin wasserdichter -Hutmachergesell und da –«</p> - -<p>»Ja so, das ist was Anderes,« nickte der Kleine, -»aber Du bist noch nicht lang hier, wie? – gefällt's -Dir hier bei uns?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_253" title="253"> </a> -»Muß schon sagen, daß mir's gefällt,« meinte der -Hutmacher, »nur ein Bischen feucht kommt mir die -Gegend vor.«</p> - -<p>»Aber man gewöhnt's,« meinte der Kleine wieder, -»ich wohne nun jetzt schon etwas über zweitausend -Jahr hier und befinde mich ganz wohl –«</p> - -<p>»Donnerwetter, das ist eine schöne Zeit,« rief -Zacharias, »und darf man fragen, was Sie eigentlich -für ein Geschäft hier treiben, und wo Sie so gut deutsch -gelernt haben?«</p> - -<p>»Geschäft,« sagte der Kleine, »gar keins, ich bin -Seegreis und beziehe meine jährliche Pension, und -Deutsch hab ich von meinen neuen Nachbarn gelernt, -die gar nicht weit von hier wohnen.«</p> - -<p>»Deutsche?« rief Zacharias erstaunt aus.</p> - -<p>»Ja wohl,« nickte Jener, »vor etwa fünfzig Jahren -versank grad' über uns ein großes Schiff mit lauter -Deutschen, die nach Amerika hinüber wollten, und die -kamen denn grad herunter und siedelten sich da an. -Wollen wir einmal hinüber gehen?«</p> - -<p>Zacharias hätte gar nichts Erwünschteres angeboten -werden können, denn der kleine komische Kauz -hatte ihm noch nicht einmal einen Schluck Branntwein -angeboten und er wußte, daß er bei Landsleuten jedenfalls -besser behandelt würde. Der Kleine stand -<a class="pagenum" id="page_254" title="254"> </a> -aber indessen auf, schwamm in's Haus hinein, kam -aber gleich darauf wieder heraus und hatte, zu Zacharias' -unbegrenztem Erstaunen einen <em class="ge">Regenschirm</em> -unter der einen Flosse, den er dann aufspannte und -sagte:</p> - -<p>»So, nun kann's losgehen.«</p> - -<p>»Aber entschuldigen Sie,« meinte der Hutmacher, -»brauchen Sie denn hier im Wasser einen Regenschirm?«</p> - -<p>»<em class="ge">Regenschirm?</em>« sagte sein Begleiter, »einen -<em class="ge">Schirm</em> gewiß. Es fahren hier jetzt in letzter Zeit -so eine Menge Schiffe drüber weg und die Leute -darauf kehren sich den Henker darum, was sie über -Bord werfen, so daß man nie sicher ist einmal unterwegs -einen zerbrochenen Teller, oder sonstige Porzellan- -und Glasscherben, alte Nägel und Gott weiß -was, auf den Kopf zu bekommen. Ich gehe deshalb -nie ohne Schirm aus.« Und damit schwamm er ganz -behaglich die Allee entlang.</p> - -<p>»Was sind denn das nur für komische Bäume,« -sagte Zacharias, der nebenherkeuchte und kaum mitkommen -konnte, »solche hab ich doch mein Lebtag noch -nicht gesehen.«</p> - -<p>»Bäume?« sagte der Seegreis, »da drüben stehen -Bäume – Korallenbäume – andere haben wir hier -<a class="pagenum" id="page_255" title="255"> </a> -unten nicht. Das hier sind Polypen, die in Reihen -gepflanzt werden, weil's hübscher aussieht.«</p> - -<p>»Polypen – 's ist die Möglichkeit,« rief Zacharias -erstaunt aus, »wenn ich wieder nach Hause komme, -glauben sie mir's gar nicht.«</p> - -<p>»Nach Hause kommen,« sagte der Seegreis mit -dem Kopf schüttelnd, »ich lebe nun hier unten über -zweitausend Jahr, kann mich aber nicht besinnen, daß -jemals irgend wer, der uns hier besuchte, wieder nach -Hause gekommen wäre.«</p> - -<p>»Das ist bei uns gerade so,« rief Hasenmeier, »die -ältesten Leute in einem Orte wissen sich nie auf etwas -zu besinnen – aber entschuldigen Sie, verehrter Seegreis, -was ist denn das da drüben – das sind ja -komische Thiere.«</p> - -<p>Rechts, wohin er zeigte, dehnte sich eine weite -grüne Seegraswiese aus und Hasenmeier bemerkte -jetzt zu seinem Erstaunen, daß dort ein paar Hundert -große Schildkröten auf der Weide herumgingen, während -der Hirt, oder die Hirtin vielmehr, ein junges -allerliebstes Seenixchen, wie er sie schon oft hatte abgemalt -gesehen, mit einem Seehund neben sich, sie -überwachte.</p> - -<p>»Das ist ja ein allerliebstes Mädel,« fuhr der -galante Hutmachergesell fort, der sie schmunzelnd betrachtete, -<a class="pagenum" id="page_256" title="256"> </a> -denn sie gefiel ihm ausnehmend, »können wir -nicht einmal dort vorüber gehen.«</p> - -<p>»Warum nicht?« erwiederte der Seegreis gefällig, -»wenn wir nachher schräg durch den Korallenwald -halten, schneiden wir sogar ein tüchtiges Stück Weges -ab, denn die Colonie liegt gerade dort hinüber,« und -ohne Weiteres bog er rechts durch die Grasebene -ein und hielt auf die kleine Nixe zu, die neugierig aufschaute, -als sie den komischen, wunderlichen Fremden -bemerkte.</p> - -<p>Es läßt sich nicht leugnen, sie war eigentlich unanständig -einfach gekleidet, und trug nichts als ihre -langen grünen mit Meerrosen durchflochtenen Haare, -aber die klugen großen Augen funkelten wie ein paar -Sterne, und der Arm, den sie ihnen entgegenstreckte, -war weiß und zart wie Elfenbein. Zacharias Hasenmeier -fühlte auch, daß er hier die Gesetze der Höflichkeit -nicht außer Acht lassen dürfe. Er nahm also den -Hut ab, und das ihm schon aus alter Gewohnheit und -mit der Bewegung zusammenhängende und auf den -Lippen schwebende »Armer reisender Handwerksbursch« -gewaltsam hinunter schluckend, sagte er mit größter -Artigkeit:</p> - -<p>»Mein schönes Fräulein, äußerst angenehm ihre -werthe Bekanntschaft zu machen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_257" title="257"> </a> -Die kleine Nixe sah ihn lächelnd an, was ihm -Muth zu einer größeren Freiheit machte: er hob also -den Arm und wollte ihr mit dem Finger unter das -Kinn greifen, zog aber die Hand blitzschnell zurück, -denn das kleine Hirtennixchen, dessen Augen plötzlich -einen grünen Schein annahmen, schnappte danach mit -den Zähnen und der Seehund knurrte und fuhr ihm -auch zu gleicher Zeit nach den Beinen.</p> - -<p>»Donnerwetter,« rief Hasenmeier zurückspringend, -und hatte eben noch Zeit, seinen Stock vorzuhalten, -um wenigstens von dem Hund frei zu kommen.</p> - -<p>»Ja, die beißt,« lachte der Seegreis, »Du darfst -ihr nicht zu nahe kommen.«</p> - -<p>»Das ist aber doch hier ganz anders als bei uns,« -sagte Hasenmeier bestürzt, »bei uns beißen die Mädels -nicht.«</p> - -<p>»Ländlich, sittlich,« bemerkte der Seegreis, »aber -laß uns weiter gehen, siehst Du, dort fängt schon der -Wald an.«</p> - -<p>Zacharias war nicht böse darüber, denn die kleine -Nixe hatte auf einmal alle Reize für ihn verloren, -und er warf nur noch einen Blick auf die wunderliche -Heerde von Schildkröten, die auf ihren platten -Bäuchen im Seegras herumkrochen und unter Obhut -der kleinen bissigen Hexe standen. Vergebens sah er -<a class="pagenum" id="page_258" title="258"> </a> -sich aber nach einem Wald um, denn das, worauf sie -jetzt zuschritten, glich weit eher einer überzuckerten -Hecke, als was er sich bis jetzt unter einem Wald gedacht. -Als er aber hinein kam, sah er doch, daß es -große stämmige Korallenbäume waren, die ihre -zackigen laublosen Aeste nach allen Seiten hinausstreckten, -so daß man kaum seine Bahn hindurch finden -konnte.</p> - -<p>Da blieb der Alte plötzlich unter einem der Bäume -halten und zankte hinauf und als Zacharias erstaunt -dorthin sah, bemerkte er oben in den Zweigen ein -paar kleine Jungen, die sehr verdutzt zu sein schienen -und sich hinter den Aesten zu verstecken suchten.</p> - -<p>»Nichtsnutziges Gesindel,« schimpfte aber der -Seegreis, »Ihr glaubt wohl, ich seh Euch nicht? Wollt -Ihr machen, daß Ihr herunter kommt, und wenn ich -Euch noch einmal dabei erwische, häng ich Euch bei -den Flossen auf und laß Euch eine Woche zappeln,« – -und rechts und links glitten die scheuen Bengel jetzt, -wie blitzende Fische, durch die Wipfel hinaus, in deren -Gewirr sie bald verschwanden.</p> - -<p>»Aber was haben denn die da oben gemacht?« -sagte Zacharias erstaunt.</p> - -<p>»Was sie gemacht haben?« rief der Alte, »die -Nester der fliegenden Fische nehmen sie aus und saufen -<a class="pagenum" id="page_259" title="259"> </a> -die Eier aus – aber wartet, ich passe Euch auf -den Dienst, darauf könnt Ihr Euch verlassen. Jetzt -sind wir übrigens gleich durch den Wald, – siehst -Du, dort drüben stehen schon die Häuser Deiner -Landsleute, und denen wollen wir nun einmal einen -Besuch abstatten. – Die werden sich freuen, wenn sie -Einen aus ihrem Lande zu sehen bekommen.«</p> - -<p>Der kleine Korallenwald wurde hier schon lichter -und bald betraten sie wieder eine offene Ebene, in der -auf einem flachen Hügel, ganz nahe bei dem Wald, -die Ansiedelung der damals gescheiterten deutschen -Auswanderer lag. Daß sie aber zu Deutschen kamen -sah Zacharias augenblicklich, denn die Wege waren -hier nicht allein vortrefflich in Ordnung gehalten, -sondern er kam auch bald darauf zu einem weiß und -grün angestrichenen Wegweiser, dessen Arm gerade -nach dem Dorf hinüberdeutete, und auf dem die Worte -standen:</p> - -<p class="ce">»Nach Seeburg, eine halbe Pfeife Tabak«</p> - -<p class="in0">was die Entfernung andeutete, in welcher sie sich von -dem Ort noch befanden. Hasenmeier mußte freilich -die Beine tüchtig unter den Arm nehmen, um mit -dem Seegreis Schritt zu halten, der trotz seiner zweitausend -Jahre noch vortrefflich auf den Füßen schien, -sie rückten dadurch aber auch rasch näher, und nach -<a class="pagenum" id="page_260" title="260"> </a> -kaum einer halben Stunde, nachdem sie den Wald -verlassen, erreichten sie die äußeren Einfriedigungen -des Dorfes, das mit seinen reinlichen Straßen -vor ihnen lag.</p> - -<p>Allerdings hatten sie unterwegs noch ein paar -Heerden von Seekühen mit ihren Kälbern und auch -Schildkröten getroffen, die ebenfalls von kleinen allerliebsten -Nixen gehütet wurden; der Hutmachergesell -schien aber jede Lust verloren zu haben mit ihnen anzubinden, -und es drängte ihn jetzt selber, wieder in -»gesittete Gesellschaft« zu kommen.</p> - - - - -<h3><span class="subheader"><span class="ge">Viertes Kapitel.</span></span><br /> - -Der Kampf mit der Seeschlange.</h3> - - -<p>Was unseren Handwerksburschen wunderte, war, -daß er noch gar keinen Menschen auf der Straße -sehen konnte, und er wollte sich eben deßhalb gegen -seinen Begleiter aussprechen, als hinter einer Korallenhecke, -die hier zum Einfassen der Gärten benutzt -zu werden schien, plötzlich ein Gendarm hervortrat, -und den Handwerksburschen mit barscher Stimme -nach seinem Wanderbuch frug.</p> - -<p>»Herr, du meine Güte,« rief Hasenmeier überrascht -<a class="pagenum" id="page_261" title="261"> </a> -aus, »haben sie denn hier unten auch Gendarmen?«</p> - -<p>»Hast Du schon ein deutsches Dorf gesehen, mein -Bursche,« rief aber der Mann des Gesetzes trotzig, -»wo <em class="ge">keine</em> gewesen wären?« – und in der That -konnten sich weder der zweitausendjährige Seegreis -noch der Hutmachergesell auf eins in der Geschwindigkeit -besinnen – »also mach' rasch, denn ich habe keine -lange Zeit.«</p> - -<p>»Das ist merkwürdig,« murmelte der Handwerksbursch -erstaunt vor sich hin; aber nicht gewohnt einer -solchen Persönlichkeit gegenüber irgend eine Widersetzlichkeit -zu zeigen, warf er seinen Tornister ab, schnallte -ihn auf und suchte das Buch.</p> - -<p>»Ei du mein Herrgottchen,« rief er dabei, »Alles -klatsche naß – wenn hier nur ein Platz wäre, wo -man sein Zeug ein Bischen trocknen könnte.«</p> - -<p>»Trocknen?« sagte der Seegreis erstaunt, während -der Gendarm es unter seiner Würde hielt, mit dem -reisenden Handwerksburschen ein Gespräch anzuknüpfen, -ehe sich dieser nicht vollständig legitimirt hatte – -»was ist denn das?«</p> - -<p>»Was trocknen ist?« rief Zacharias, »das nehmen -Sie mir aber nicht übel –«</p> - -<p>»Na wird's bald!« rief der Gendarm.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_262" title="262"> </a> -»Entschuldigen Sie gütigst,« meinte der Handwerksbursch, -»hat ihm schon – hier verehrter Herr -Gerichtsbehörde ist mein Paß – Alles in Ordnung -– Civil- und Militärbehörden werden ersucht, mich -gefälligst –«</p> - -<p>»Schon gut,« unterbrach ihn der Mann des Gesetzes, -indem er das Papier wieder zusammenfaltete -und seinem Eigenthümer zurückgab, »können sich hier -aufhalten, müssen den Paß aber beim Bürgermeister -vorher visiren lassen.«</p> - -<p>»Beim Herrn Bürgermeister, haben Sie denn -hier auch einen Bürgermeister?«</p> - -<p>»Ist das wieder eine dumme Frage,« brummte -der Gendarm, »wo sechs Deutsche zusammen wohnen, -brauchen sie doch auch eine Obrigkeit; wofür sollte -man denn sonst nur Steuern erheben? – Alles hier -wie oben – Alles genau so!«</p> - -<p>»O du lieber Himmel,« seufzte Hasenmeier, aber -ganz im Stillen, denn was er <em class="ge">jetzt</em> dachte, durfte er -nicht laut werden lassen, »und deshalb die schreckliche -Seereise gemacht.«</p> - -<p>»Hutmachergesell?« frug der Gendarm lakonisch.</p> - -<p>»Wasserdichter,« bestätigte Hasenmeier ebenso.</p> - -<p>»Gut – können einmal meinen alten Filz wieder -aufbügeln – ist ein wenig lappig geworden hier unten.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_263" title="263"> </a> -Zacharias warf einen prüfenden Blick auf den -besagten Toilette-Gegenstand und bemerkte allerdings, -daß die Krempen des alten dreieckigen Filzhutes, der -einmal mit silbernen Borden besetzt gewesen, eine -sehr trübselige Form angenommen hatten.</p> - -<p>»Wird mir eine Ehre sein,« erwiederte er höflich, -»aber wo finde ich den Herrn Bürgermeister?«</p> - -<p>»Ist gerade auf der Jagd,« sagte der Gendarm, -»können so lange in's Wirthshaus gehen – zum goldenen -Haifisch.«</p> - -<p>»Wirthshaus?« rief Hasenmeier rasch, »alle Wetter, -ist hier auch ein Wirthshaus im Ort?«</p> - -<p>»Na, wenn ein Bürgermeister da ist, wird doch -auch ein Wirthshaus da sein,« sagte der Gendarm, -»gleich dort neben der Kirche – dem Haus mit dem -kleinen Thurm.«</p> - -<p>Hasenmeier schulterte vergnügt seinen Ranzen -wieder und faßte seinen Knotenstock fester, denn jetzt -fing ihn sein Leben an zu freuen. Das Eine nur -genirte ihn, daß der Seegreis fortwährend um ihn -herum schwamm, und ihn dabei immer über die Achsel -ansah. Was sollte denn das eigentlich heißen? ob -er sich vielleicht über ihn lustig machte, weil er sich -hatte von dem Gendarmen so anfahren lassen? Bah, -was verstand so ein Seegreis davon; wie Gendarmen -<a class="pagenum" id="page_264" title="264"> </a> -behandelt sein wollten, das wußte <em class="ge">er</em> besser, und sich -an den Alten gar nicht mehr kehrend, wanderte er -vergnügt der bezeichneten Stelle zu.</p> - -<p>Rechts und links standen Häuser, alle aus Korallenblöcken -aufgebaut, und mit breiten Muscheln, -wie mit Schindeln gedeckt. Auch Trottoirs hatte das -Dorf, gar künstlich von Austernschalen gelegt, und an -einer großen Oekonomie kam er ebenfalls vorüber, wo -in einem mächtig breiten Stall eine Menge Seekühe -mit ihren Kälbern standen, aber keinen einzigen Menschen -konnte er entdecken – nirgends die Spur von -Leben oder Thätigkeit, und das Ganze fing schon -an ihm unheimlich vorzukommen. War das Dorf -ausgestorben, und der Gendarm ganz allein zurückgeblieben?</p> - -<p>Jetzt hatte er das Wirthshaus erreicht – fehlen -konnte er's nicht, denn ein großes Schild mit einem -goldenen Haifisch verrieth den Platz schon von Weitem, -und rasch schritt er darauf zu, blieb aber ganz erstaunt -in der Thür stehen, als er das ganze Gebäude, -das etwa noch einmal so groß wie die gegenüberliegende -Kirche sein mochte, gedrängt voll fröhlicher -zechender Menschen sah.</p> - -<p>»Ja, alle Wetter!« rief er erstaunt aus, »da wundert's -mich freilich nicht mehr, daß ich Niemanden in -<a class="pagenum" id="page_265" title="265"> </a> -den Häusern gesehen habe, wenn sie Alle im Wirthshaus -sitzen.«</p> - -<p>»Mach' die Thür zu!« rief ihn aber der Wirth -an – eine große breitschultrige Gestalt mit Pockennarben, -dessen Gesicht ihm merkwürdig bekannt vorkam -– »Donnerwetter das ganze Wasser läuft ja -herein.«</p> - -<p>Hasenmeier zog rasch die Thür hinter sich zu und -den Hut vom Kopf.</p> - -<p>»Armer reisender Handwerksbursch,« sagte er dabei -mit kläglicher Stimme, »bittet allerseits um ein kleines -Geschenk.«</p> - -<p>»Hurrah, ein Handwerksbursch!« lachten und -schrien aber die Gäste durcheinander, und ein Toben -entstand jetzt, wie es auf der Oberfläche der Erde nicht -natürlicher hätte aufgeführt werden können.</p> - -<p>Hasenmeier sah auch hier zu seinem Erstaunen, -wie reichlich mit Getränken und Speisewaaren versehen -die Bewohner dieser unterseeischen Station sein -mußten, denn rings an den Wänden waren Massen -von Fässern, mit allen nur denkbaren köstlichen Weinen -und Spirituosen aufgeschichtet, während neben an, -ein anderes weites Lokal die Speisekammer zu sein -schien. Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht -zum Umschauen, denn von allen Seiten wurden ihm -<a class="pagenum" id="page_266" title="266"> </a> -Krüge und Gläser entgegengehalten, und Hasenmeier -wußte gar nicht, wo er zuerst zulangen sollte.</p> - -<p>»Wo habt Ihr nur alle die guten Sachen her?« -rief er dabei, »Ihr lebt ja hier wahrhaftig, wie der -liebe Gott in Frankreich.«</p> - -<p>»Woher?« lachte der Wirth, »glaubst Du denn -mein Bursch, daß alle die guten Sachen verloren -gehen, die uns die Schiffe herunter schütteln – -Ladungsweise bekommen wir sie, daß wir manchmal -gar nicht wissen wohin damit – aber jetzt trink aus, -denn wir müssen fort.«</p> - -<p>»Fort? wohin?« frug der Handwerksbursch, der -gar nicht daran dachte, sobald wieder fortzugehen, -»hier ist's doch hübsch genug.«</p> - -<p>»Ja es wird Zeit,« riefen aber auch die Anderen -und holten jetzt aus Ecken und Winkeln alle nur erdenkbare -Arten von Mordwaffen, Lanzen, Spieße, -Flinten, Säbel, Pistolen und wer weiß was hervor.</p> - -<p>»Aber was ist denn nur los?« rief Hasenmeier, -»wollt Ihr in den Krieg? – Donnerwetter, halten Sie -mir die Flinte nicht so auf den Leib; das Ding kann -losgehen.«</p> - -<p>»Was los ist, Kamerad,« sagte der Wirth, »das -sollst Du gleich wissen. Hier ganz in der Nähe läßt -sich nämlich seit einigen Monaten die <em class="ge">Seeschlange</em> -<a class="pagenum" id="page_267" title="267"> </a> -blicken, und holt uns unsere Kühe und Kälber von der -Weide, ja, hat neulich sogar ein kleines Nixchen, das -mit einer Muschel nach ihr warf, mit Haut und -Haaren aufgefressen.«</p> - -<p>»Und hat denn das der Gendarm gelitten?« frug -Hasenmeier.</p> - -<p>»Ja, <em class="ge">die</em> kehrt sich wohl an einen Gendarm,« -lachte der Wirth, »nein, wo wirklich etwas los ist, da -müssen wir immer selber hinaus und uns Ruhe schaffen, -denn solche Bestien giebt's leider nur zu häufig -in unserer Gegend. Der Bürgermeister ist auch schon -heut Morgen in aller Früh mit seinen Hunden ausgegangen, -um einmal abzuspüren und wenn wir dann -wissen, wo sie sich versteckt hält, wollen wir sie nachher -schon kriegen.«</p> - -<p>»Na, dann will ich derweile ein Bischen hier -bleiben und mich ausruhen,« sagte Hasenmeier, dem -Nichts ferner lag, als hier unten mit einer Seeschlange -anzubinden, da diese allen früher gelesenen -Beschreibungen nach ja ein ganz entsetzliches Beest -sein sollte.</p> - -<p>»Möchtest Du wohl,« meinte der Wirth lachend, -»ne mein Bursche, wenn Du hier unten bei uns leben -willst, gehörst Du auch mit zur Landwehr und mußt -ausrücken.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_268" title="268"> </a> -»Aber ich bin militärfrei,« rief Zacharias, »der -Doctor hat mich untersucht und erklärt, ich hielte die -dreijährige Dienstzeit nicht aus – und dann bin ich -auch auf dem linken Ohr taub.«</p> - -<p>»Papperlapapp!« riefen aber die Anderen, »das -macht hier Alles Nichts – gebt ihm einmal eine Lanze -oder sonst was und nun vorwärts, sonst schimpft der -Herr Bürgermeister.«</p> - -<p>Alle weiteren Gegenvorstellungen, daß er sich eine -Blase unter den rechten Fuß gelaufen, und den Rheumatismus -im Knie hätte, halfen ihm in der That -Nichts. Sie schnallten ihm einen furchtbar großen -Säbel um, der wohl einen Fuß hinten nach schleifte -und ihm, wenn er sich umdrehen wollte, zwischen die -Beine kam, und dann brach die ganze Gesellschaft auf, -sammelte sich draußen auf der Straße und marschirte -nun in Reih und Glied, während ein paar Jungen -vorneweg auf Muscheln bließen, zum Dorf hinaus.</p> - -<p>Hasenmeier war bei der Sache nicht recht wohl.</p> - -<p>»Wenn ich <em class="ge">das</em> gewußt hätte,« dachte er bei sich, -»so wäre ich lieber noch einen Tag an Bord geblieben,« -aber es nützte ihm Nichts. Als Vaterlandsvertheidiger -mußte er mit in Reih und Glied marschiren, -und dabei auch noch vergnügt aussehen, wenn -er nicht von seinen Nebenmännern verhöhnt sein wollte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_269" title="269"> </a> -So zog der kleine Trupp, etwa vierzig Mann -stark, durch die stillen Straßen der Stadt, und Hasenmeier -bemerkte wohl, daß hie und da verstohlen ein -Frauenkopf an die Fenster kam, um nach einem oder -dem anderen der jungen Lieutenants hinunter zu -schielen; aber es blieb ihm auch nicht viel Zeit zu solchen -Betrachtungen, denn schon öffnete sich vor ihnen das -weite Feld, eine mit hohem Seegras bewachsene Wiese, -in der ihnen jeden Augenblick die gefürchtete Seeschlange -unter den Füßen herausfahren konnte.</p> - -<p>Dort draußen bewegte sich jetzt eine menschliche -Gestalt, die ihnen zuzuwinken schien – das mußte -der Bürgermeister sein und die Muschelbläser vorn -wurden bedeutet, ruhig zu sein, denn man konnte ja -nicht wissen, wie nahe die Bestie versteckt lag.</p> - -<p>So rückten sie leise und geräuschlos vor, aber das -Seegras war hier so tief und verwachsen, daß Hasenmeier -kaum darin fortkonnte und immer ärger stöhnte -und schwitzte.</p> - -<p>Der Herr Bürgermeister, der seine Flinte in der -Hand hielt, suchte indessen das nächste Feld ab und hielt -plötzlich still und sah vorsichtig voraus. Zacharias bemerkte -jetzt, daß er ein paar große Seehunde bei sich -hatte, und der eine stand – der Bürgermeister winkte, -daß sie sich ruhig verhalten sollten, und schritt leise vor. -<a class="pagenum" id="page_270" title="270"> </a> -Der eine Seehund zog vortrefflich an – plötzlich fuhr -ein Volk fliegender Fische aus dem Gras heraus und -der Bürgermeister machte eine famose Doublette nach -rechts und links, während die beiden Seehunde vorsprangen -und jeder seinen Fisch apportirte.</p> - -<p>Hasenmeier, von dem ermüdenden Marsch durch -das Seegras vollständig erschöpft, war froh genug, -einen, wenn auch nur kurzen Ruhepunkt zu gewinnen, -wischte sich den Schweiß von der Stirn und setzte sich -dann auf einen der nahebei befindlichen Korallenblöcke, -die hier überall aus dem Gras hervorschauten. Mit -einem lauten Aufschrei sprang er aber auch schon in -demselben Moment wieder in die Höh', denn er hatte -sich den Platz, auf den er sich niederlassen wollte, vorher -nicht genau angesehen, und sich dabei mitten auf -einen Meerigel gesetzt, der dort zusammengerollt lag.</p> - -<p>Die Anderen lachten, aber es war jetzt doch keine -Zeit zur Kurzweil mehr, denn der Bürgermeister kam -heran und theilte den Leuten mit, daß er das Versteck -des Meerungeheuers aufgespürt habe. Es sollte zusammengeknäult -in einem kleinen Dickicht von Algen -und Korallenbäumen liegen, die etwa tausend Schritt -von dort entfernt standen und deutlich von hier aus zu -erkennen waren.</p> - -<p>»Wer ist der Neue da,« sagte der Bürgermeister -<a class="pagenum" id="page_271" title="271"> </a> -plötzlich und streng, als sein Blick auf Hasenmeier fiel, -»wo kommt er her?«</p> - -<p>»Bitte um Entschuldigung, Herr Bürgermeister, -ich wollte nur –« stammelte der Handwerksbursch.</p> - -<p>»Paß in Ordnung?« fragte der Beamte.</p> - -<p>»Alles – wenn Sie erlauben –«</p> - -<p>»Nachher – jetzt ist keine Zeit dazu,« wehrte aber -der Bürgermeister ab, der übrigens wie ein ganz gewöhnlicher -Mensch aussah, nur daß er Schwimmhäute -zwischen den Fingern trug – und Hasenmeier überzeugte -sich jetzt, daß dies bei allen Uebrigen ebenso der -Fall war. Der Bürgermeister aber fuhr fort: »Wir -müssen das Dickicht umzingeln und dann zwei Mann -hineinschicken – denn meine Hunde wollen nicht dran -und ich mag sie auch nicht riskiren. – Zwei Mann, -die das Beest aufstören und hinaus in's Freie treiben -– und nun vorwärts marsch, damit wir nicht zu spät -zum Essen kommen.«</p> - -<p>Er hatte dabei sein Gewehr wieder auf eine ganz -eigenthümlich rasche Art geladen und fort ging's auf's -Neue, gerade auf das furchtbare Dickicht zu, dem Hasenmeier -viel lieber, so weit er nur irgend gekonnt -hätte, ausgewichen wäre. Es lag ihm auch jetzt gar -Nichts daran, daß sie so rasch vorrückten, aber all diese -verzweifelten Seemenschen schienen auf einmal eine -<a class="pagenum" id="page_272" title="272"> </a> -ganz entsetzliche Eile zu haben, und ehe eine Viertelstunde -verging, befanden sie sich dicht vor der Dickung, -in welcher das Ungeheuer seinen Mittagsschlaf halten -sollte.</p> - -<p>Da winkte der Bürgermeister mit der Hand, -denn die Seehunde drückten sich scheu zwischen seine -Füße – ein sicheres Zeichen, daß die Bestie in der -Nähe sei.</p> - -<p>»Kameraden,« redete er die kleine Schaar an, -»wir sind am Ziel. Da drinnen liegt das Ungeheuer, -das unsere Heerden und Hirten frißt, und nächstens -auch vielleicht einmal nach Seeburg hinein kommt, um -Einen von uns zu holen. Das müssen wir verhüten, -denn ein solcher Satan respektirt nicht einmal die -Obrigkeit, also zieht Euch jetzt um das Dickicht herum -und thut Eure Pflicht, wenn der richtige Moment -naht. – Vorher aber zwei Freiwillige vor, die kühn -in das Dickicht hineinbrechen und den tückischen Feind -zum Weichen bringen – dann läuft er uns nachher -von selber in die Hände. – Also habt Ihr mich verstanden? -– <em class="ge">zwei Freiwillige</em> vor!«</p> - -<p>Niemand rührte sich.</p> - -<p>»Na?« rief da Bürgermeister entrüstet, und -fuhr Hasenmeier an, »Hast Du es nicht gehört, Du -<a class="pagenum" id="page_273" title="273"> </a> -Lump! Freiwillige vor! warum kommst Du nicht? soll -ich Dir etwa erst Beine machen?«</p> - -<p>»Aber bester Herr Bürgermeister,« rief Hasenmeier -erschrocken, »als wasserdichter Hutmachergeselle –«</p> - -<p>»Wirst Du Dein Maul halten und freiwillig vortreten -oder nicht!« schnauzte ihn da noch einmal der -Schreckliche an und Hasenmeier sah eben keinen anderen -Ausweg als sich für das allgemeine Wohl zu -opfern. Nur erst einmal im Dickicht drin, wollte er -aber schon Sorge tragen, daß er dem Seeungethüm -nicht zu nahe käme, denn es muthwillig aufzustören -und böse zu machen, daran dachte seine Seele nicht. -– Aber auch hierin sollte er sich getäuscht sehen, da -sich der Wirth selber als <em class="ge">zweiter</em> Freiwilliger meldete, -und jetzt, dem Hutmacher auf die Schultern -klopfend rief:</p> - -<p>»Und nun komm, Kamerad – es ist Zeit. -Donnerwetter, Du hast Dich doch jetzt genug ausgeruht -und die Seeschlange geht Dir sonst meiner -Seel' durch!«</p> - -<p>»Das wär' ein Unglück,« dachte Hasenmeier, aber -was half's, vorwärts mußte er, und sich den Hut verzweifelnd -in die Stirn rückend, sagte er:</p> - -<p>»Na denn man zu, aber wenn das eine Behandlung -<a class="pagenum" id="page_274" title="274"> </a> -ist für eine Civil- und Militärbehörde, so will -ich Schulze heißen« – und mit den Worten sprang -er so rasch in das Dickicht hinein, daß ihm der Wirth -kaum folgen konnte. – Am meisten störte ihn aber -dabei der lange Schleppsäbel, der bald in den Algen -hängen blieb, bald zwischen seine Füße hineinkam, daß -er darüber hinstürzen mußte. Aber er achtete das -Alles nicht – vorwärts – weiter hatte er in diesem -Augenblick gar keinen Gedanken, und ehe er nur recht -wußte, wie er dahin gekommen, stak er mitten im -Dickicht drin und in einem wahren Gewirr von Korallen -und ekelhaften Seegewächsen.</p> - -<p>Da raschelte etwas vor ihm, deutlich konnte er -sehen, wie sich die langen grünen schleimigen Blätter -bewegten, und in den Korallenästen krachte und brach -es, daß die bröcklichen Zweige herumstoben. Der -Wirth, der dicht hinter ihm war, faßte ihn jetzt an der -Schulter und schrie ihm in's Ohr:</p> - -<p>»Auf! auf! Hutmacher. Zieh den Degen! sie -kommt!«</p> - -<p>Hasenmeier wollte seinen Degen aus der Scheide -reißen, aber es ging nicht – die verwünschte Klinge -war in dem Seewasser fest eingerostet.</p> - -<p>»Herr, du meine Güte!« schrie er, »das hat noch -gefehlt.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_275" title="275"> </a> -Vor ihm hob sich ein furchtbares Ungethüm aus -dem Gebüsch und sperrte gierig den weiten, mit ganz -entsetzlichen Zähnen bewehrten Rachen gegen ihn auf -– heißer Dampf schoß daraus hervor, die kleinen grünen -Augen blitzten ihn mit funkelnder Wuth an, und schienen -das ausersehene Opfer schon voraus zu durchbohren.</p> - -<p>Nur den Säbel jetzt heraus, daß er sich gegen das -Scheusal wehren konnte – mit der Linken hatte er -die Scheide gefaßt, mit der Rechten riß er an dem -Griff, daß es ihm die Stirnader zu sprengen drohte -– der Säbel saß fest – noch einmal – jetzt brach der -Griff ab, als ob er von Glas gewesen wäre, und mit -einem jähen Sprung warf sich das Ungeheuer auf ihn -und faßte ihn mit den Zähnen.</p> - -<p>»Hülfe! Hülfe!« brüllte Hasenmeier und hörte nur -noch wie der Wirth ganz ruhig sagte:</p> - -<p>»Aber was schreist Du denn so, Hutmacher – -Donnerwetter, Mensch, Du alarmirst mir ja das -ganze Haus.«</p> - -<p>»Ja – ja – wo ist – wo ist denn die Seeschlange?« -rief Hasenmeier und richtete sich erschreckt -empor.</p> - -<p>»Die Seeschlange?« lachte der Wirth, »die soll -wohl auf <em class="ge">Dich</em> warten, die ist mit der Ebbe ausgesegelt -und schon aus Sicht.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_276" title="276"> </a> -»Die Seeschlange? – aber Du meine Güte – -wo bin ich denn?« rief der arme Teufel sich erschreckt -die Augen reibend, »wo ist denn der Bürgermeister -und – ich war doch? –«</p> - -<p>»Der Bürgermeister?« sagte der Wirth schmunzelnd, -»von Civil- und Militärbehörden hast Du -genug gefaselt, aber jetzt wach' einmal ordentlich auf -– es ist bald Mittag und das Mädchen will die -Stube rein machen.«</p> - -<p>Hasenmeier saß in seinem Bett, aber im Kopf -ging's ihm wie ein Mühlrad herum – da stand der -Wirth aus dem goldenen Haifisch, und hier lag er in -einer fremden Stube im Bett, und von Seeschlangen, -Algen und Korallen keine Spur – nicht einmal den -Säbel hatte er umgeschnallt.</p> - -<p>»Aber wo bin ich denn, Herr Wirth,« rief er mit -kläglicher Stimme, »was ist denn nur mit mir vorgegangen?«</p> - -<p>»Was mit Dir vorgegangen ist, mein Bursche?« -meinte der Blatternarbige, »nichts Besonderes – -einen höllischen Rausch hast Du Dir gestern Abend -angetrunken und geschlafen wie ein Ratz und das -tollste Zeug dabei geschwatzt. – Jetzt mach aber, daß -Du heraus kommst, denn das Zimmer soll gelüftet -werden.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_277" title="277"> </a> -Zacharias Hasenmeier war wie vor den Kopf geschlagen. -Die Erinnerung an den gestrigen Abend -stieg wohl dämmernd in ihm auf, aber Seegreise, -Nixen, Schildkröten und Seeschlangen schwammen -dazwischen herum, und seine Reise selbst – war denn -das Alles nur ein Traum gewesen? – Angezogen -wie er gestern in das Wirthshaus gekommen, lag er -überdieß im Bett – nur die Stiefeln hatten sie ihm -ausgezogen – nicht etwa <em class="ge">seiner</em> Bequemlichkeit, -sondern des Bettes wegen und fast mechanisch griff -er in die Tasche nach seinem Geld. – Herr du -meine Güte, das war fort und – das machte ihn -munter.</p> - -<p>Wie der Blitz sprang er auf und visitirte bestürzt -alle Taschen – nicht die Spur davon war mehr zu -finden.</p> - -<p>»Na was suchst Du Schatz?« sagte der Wirth, der -ihn kopfschüttelnd betrachtet hatte, »Deine Brieftasche?«</p> - -<p>»Nein, die ist da,« rief der Hutmachergesell – -»aber mein Geld – zehn Thaler 17½ Silbergroschen.«</p> - -<p>»So?« lachte der Blatternarbige, »einen ganzen -Abend zechen und die Gesellschaft traktiren und den -Mädels Geld schenken und dann soll am anderen -<a class="pagenum" id="page_278" title="278"> </a> -Morgen auch noch die Baarschaft vollständig beisammen -sein – wäre nicht übel. Einen solchen Geldbeutel -wünschte ich mir auch.«</p> - -<p>»Ja aber,« stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn -Alles bezahlt?«</p> - -<p>»Soweit es reichte, ja,« lautete die Antwort, »drei -Mark zehn Schilling bist Du aber noch schuldig, mein -Bursch, und wenn Du die nicht zahlen kannst, werde -ich indessen Deine neuen Stiefeln als Pfand behalten.«</p> - -<p>Zacharias Hasenmeier saß, die Hände gefaltet, auf -dem Bettrand und starrte wie verloren vor sich hin. -Fortwährend schüttelte er dazu mit dem Kopf, und so -wenig er im Anfang begriffen haben mochte, wie Alles -zusammenhing, kam er doch jetzt endlich zu der Ueberzeugung, -daß er der unglückseligste wasserdichte Hutmachergesell -wäre, der je einer Pappelallee Fährten -eingedrückt. Er machte allerdings einen Versuch seinen -Unwillen und sogar einen Verdacht zu äußern, daß -vielleicht nicht Alles mit rechten Dingen zugegangen -sei, aber der Wirth wurde, nur bei der geringsten -Andeutung dahin, so furchtbar grob, daß er das bald -in Verzweiflung aufgab.</p> - -<p>Und jetzt? – der Wallfischfänger, die »Seeschlange« -war allerdings schon an dem Morgen ausgesegelt; -wäre er aber auch noch vor Anker gelegen, -<a class="pagenum" id="page_279" title="279"> </a> -Hasenmeier hatte, mit der Erinnerung an das Ausgestandene, -alle Lust zur Seefahrt und zu fremden -Ländern verloren und dankte sogar noch Gott, als er -später in Hamburg selber Arbeit fand, um zuerst seine -Stiefeln wieder auszulösen und dann neues Reisegeld -zu verdienen. Von Schiffen wollte er aber Nichts -mehr wissen und hütete sich von da an ganz besonders -keiner Matrosenkneipe wieder zu nahe zu kommen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_280" title="280"> </a> -<span class="ge">Das Hospital auf der Mission Dolores.</span><br /> - -<span class="subheader">Californische Skizze.</span></h2> - - -<p>Es ist eine allbekannte Thatsache, daß viele Kirchen -und Klöster, die nur gebaut wurden, um Gott darin -anzubeten, ihrem ersten, frommen Zweck nicht immer -erhalten werden konnten und die verschiedenste, oft -nichts weniger als heilige Verwendung fanden. Besonders -in Kriegszeiten geschah das häufig, wo die -festen Mauern der Gotteshäuser wie die steinernen -Einfassungen der Kirchhöfe als Festungen und Verschanzungen -benutzt wurden; aber auch selbst im vollen -Frieden trifft man hier und da Tempel und Kapellen, -zu denen kein Küster oder Sakristan mehr die Schlüssel -führt, sondern ein Markthelfer, weil man sie eben in -Lagerhäuser oder Keller umwandelte.</p> - -<p>Bei Buenos-Ayres besuchte ich einst, noch zu -<em class="ge">Rosa's</em> Zeiten, ein in der unmittelbaren Nähe der -Stadt gelegenes altes Kloster, das der Dictator einem -<a class="pagenum" id="page_281" title="281"> </a> -Stamm der Pampas-Indianer zum Wohnort und zugleich -zu einem halben Gefängniß angewiesen hatte, -und in der Kapelle selbst lagerten die wilden, halbnackten -Gestalten der braunen Krieger, während der -Altar noch die Ueberreste einer, wohl zerrissenen und -in Fetzen niederhängenden, aber reich gestickten Decke -trug. Das Außerordentlichste in dieser Art fand aber -doch wohl mit der dicht bei San-Francisco gelegenen -californischen Mission Dolores statt; denn so urplötzlich -wurde nach der Entdeckung des Goldes das Land von -Einwanderern überschwemmt, und so rasend schnell -folgte Schiff auf Schiff, daß die Anlangenden gar -nicht gleich untergebracht werden konnten und alle -Winkel und Räume schon vorhandener Gebäude füllten.</p> - -<p>Das alte Missionsgebäude, das bis dahin still und -einsam in wenig mehr als einer Wüste, und etwa drei -englische Meilen von San-Francisco, der Hauptstadt -des Landes, ab gelegen, entging denn auch dieser Umwandlung -nicht.</p> - -<p>Es war ein mächtiges Gebäude, aus ungebrannten -Backsteinen aufgebaut und mehrere Stockwerke hoch, -einen großen geräumigen Hof umschließend, während -in der Front nach der Bai zu die Kirche selber lag. -Das ganze übrige kasernenartige Haus hatten aber -bis dahin nur eigentlich drei Menschen bewohnt: der -<a class="pagenum" id="page_282" title="282"> </a> -Geistliche, dessen alte Haushälterin, und eine Art Factotum -des katholischen Pfarrers, ein Deutscher – und -welche Veränderung brachten da wenige Monate zu -Stande!</p> - -<p>Kaum war das Gold entdeckt und die Nachricht -von jenen fabelhaften Schätzen zu gleicher Zeit fast -über alle Welttheile verbreitet worden, als die Einwanderung -begann, und das benachbarte Mexico und -die Vereinigten Staaten zuerst ihre Schaaren hinüber -sandten. Dann folgten die Bewohner der Westküste -und Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, -und selbst die Chinesen schwärmten herüber, um -ihren Theil von dem Gold zu holen, und reiche Leute -zu werden.</p> - -<p>In San-Francisco sammelte sich natürlich Alles, -aber nicht Jeder führte Zelt oder Wohnung mit, und -nun mußte die Nachbarschaft ebenfalls unterbringen, -was sie unterbringen konnte, da die einsetzenden Regen -ein Lagern im Freien nicht mehr gestatteten. – Was -wurde da aus dem alten Missionsgebäude!</p> - -<p>Unten in einem der Flügel errichtete ein Deutscher -eine Brauerei, mauerte einen Kessel ein und fing an -zu kochen. In der vorderen Flanke, zunächst der Kirche, -setzte sich ein Amerikaner fest und etablirte eine Restauration, -wobei er es bald zweckmäßig fand, eines -<a class="pagenum" id="page_283" title="283"> </a> -der alten, großen und öden Zimmer zu einem Tanzsalon -umzuwandeln, in dem dann allwöchentlich ein -paar Fandangos gehalten wurden.</p> - -<p>Hierauf folgte ein Sohn der »grünen Insel« – -ein Ire, der an die andere Seite noch eine gewöhnliche -Branntweinkneipe setzte, und der Priester mußte es -sogar geschehen sehen, daß eine chilenische alte Señora -mit fünf jungen Damen, aber keinen Nonnen, in das -alte Kloster einzog und nicht wieder zu vertreiben war.</p> - -<p>Aber <em class="ge">noch</em> nicht genug. Von Buenos-Ayres war -ein portugiesischer Arzt nach Californien gekommen, -der in San-Francisco ein Hospital gründen wollte, -dort aber keinen Platz fand und sich nun ebenfalls auf -die Mission angewiesen sah.</p> - -<p>Er ritt hinaus, um mit dem Priester eine Verabredung -zu treffen, fand ihn aber nicht mehr, denn dem -würdigen Herrn war der Lärm doch zu bunt geworden, -da sich in den letzten Tagen auf der einen Seite ein -Schwarm Indianer, und dicht unter seiner eigenen -Wohnung auch noch eine Rotte von Mexikanern eingenistet, -die des draußen niederstürzenden Regens -wegen gar nicht mehr fortzubringen waren.</p> - -<p>Anfangs hatte er, um sich die Lästigen aus seinem -eigenen Hause zu halten, und nicht im Stande Gewalt -anzuwenden, eine Anzahl Processe angestrengt, aber -<a class="pagenum" id="page_284" title="284"> </a> -nur zu bald sollte er die traurigen Folgen derselben -kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schaar -von Geiern in die Hände, die alle Zahlung von <em class="ge">ihm</em> -wollten, ohne daß sie das Geringste für ihn ausgerichtet -hätten. Da wurde ihm der alte Platz zu warm, -und eines Morgens war er spurlos verschwunden.</p> - -<p>Der portugiesische Doctor aber sah das als kein -Hinderniß an. Da er Niemanden fand, der ihm ein -Quartier <em class="ge">vermiethen</em> konnte, nahm er das Gebäude -selber in Augenschein, fand die Bodenräume zu einer -Aufstellung von Betten passend und quartierte sich -dabei ganz ungenirt in der verlassenen Priesterwohnung -ein. Er war ein praktischer Mann, der recht -gut wußte, daß das Recht des <em class="ge">Besitzenden</em> in diesem -Land schwer anzutasten blieb. Schon am nächsten -Tag trafen auch eine Anzahl von Maulthieren mit -Matratzen und wollenen Decken ein, während mit -höchster Fluth ein paar Wallfischboote, mit einer Anzahl -eiserner Bettgestelle befrachtet, den schmalen -Canal, der die Mission mit der Bai von San-Francisco -verband, hinauf fuhren. Als Aushülfe hatte sich -der Doctor dabei die müßig im Haus liegenden Mexikaner -und Indianer gemiethet, und noch vor Sonnenuntergang -standen zwanzig Betten dort oben, unmittelbar -unter dem schrägen, an vielen Stellen defecten -<a class="pagenum" id="page_285" title="285"> </a> -Ziegeldach auf dem offenen Boden, durch den der oft -stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen -Durchzug hatte. – Das war das <em class="ge">Hospital</em>, das jetzt -seiner unglücklichen Bewohner harrte.</p> - -<p>Die bisherigen Insassen des alten Gebäudes sahen -allerdings mit nicht geringem Erstaunen diese Vorbereitungen -und schüttelten auch wohl den Kopf, wenn -die Vermuthung ausgesprochen wurde, daß dort hinauf -<em class="ge">Kranke</em> geschafft werden sollten – noch dazu mitten -in der Regenzeit, wo man da oben und in dem kalten -Wetter nicht einmal ein Feuer anzünden konnte. Aber -was war in damaliger Zeit in Californien nicht -möglich, noch dazu mit armen Teufeln, die sich selber -nicht mehr helfen konnten!</p> - -<p>Schon am zweiten Tag traf der erste Kranke ein, -– ein junger Matrose, bewußtlos und todtenbleich, -der von vier Leuten die steilen Treppen hinaufgeschafft -und in ein Bett gelegt wurde, Nr. 1. An dem nämlichen -Abend langte noch ein kranker Portugiese an -und wurde in No. 2 des Amerikaners Nachbar, und -ehe eine Woche verging, waren von den zwanzig Betten -schon siebenzehn mit solchen Unglücklichen gefüllt, die -in diesem »Hospital« kaum besser als auf offener -Straße lagen.</p> - -<p>Die Bewohner des Missionsgebäudes wollten jetzt -<a class="pagenum" id="page_286" title="286"> </a> -allerdings gegen eine solche Einquartierung protestiren, -denn sie fürchteten nicht mit Unrecht durch irgend eine -gefährliche und ansteckende Krankheit selber bedroht zu -werden; aber es half ihnen Nichts. Das nämliche -Recht, in dem alten Gebäude zu wohnen, das die Gesunden -für sich geltend machten, mußte auch den -Kranken werden, und welchen Ausgang gerichtliche -Klagen in Californien nahmen, hatten sie nur zu -deutlich an dem eigentlichen Besitzer der Mission, an -dem katholischen Priester, gesehen, der durch die <em class="ge">Gerechtigkeit</em> -des Landes von Haus und Hof getrieben -worden war.</p> - -<p>Welch ein entsetzlicher Aufenthalt war es aber für -die unglücklichen Kranken selber, wenn der Regen auf -die unmittelbar über ihren Köpfen befindlichen Ziegel -schlug und oft sogar auf ihre Kissen tropfte, und der -Wind dann durch all die tausend Ritzen und Spalten -heulte und pfiff, denn nirgends war der Ort, an dem -sie sich befanden, auch nur durch eine Bretterwand abgegrenzt, -ja selber nach unten, zu der Brauerei führte -nur die vollkommen offene Bodentreppe, und von dort -her stieg, wenn da unten gebraut wurde und Feuer -unter dem Kessel brannte, der dicke Qualm empor, -und sammelte sich da oben zu solchen Schwaden, daß -man kaum seine Hand vor Augen sehen konnte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_287" title="287"> </a> -Der Doctor wollte diesem Uebelstand allerdings -abgeholfen haben und beschwerte sich darüber bei den -Brauern; aber was nützte ihm das? Die Brauerei -hatte dort früher bestanden als das Hospital, und -Niemand ihn gezwungen, seine Patienten dort unterzubringen. -Allerdings schien sich die Brauerei verpflichtet -zu haben, ihre Abtheilung des Bodens, wenn -es je verlangt werden sollte, von der andern abzutrennen, -aber es war nicht bestimmt, durch was, und -so zogen die Eigenthümer, da eine feste Wand gar -nicht zu bezahlen gewesen wäre, einfach dünnen Kattun -querüber, und durch den ließ sich der Qualm natürlich -nicht abhalten; er drang überall hindurch.</p> - -<p>So vergingen Monate. Viele, viele Unglückliche -waren in diesen entsetzlichen Aufenthalt geliefert, und -nur sehr wenige gesund daraus entlassen worden; oft -und oft aber kletterten Morgens mit Tagesanbruch -vier oder sechs Männer, einen in eine Decke gewickelten -Leichnam zwischen sich tragend, die steile und -schmale Holztreppe hinab und legten den Verstorbenen -unten auf dem kleinen Kirchhof, den die darüber -hängende Dachtraufe in der Regenzeit zu kaum mehr -als einem Sumpf wandelte, in sein kaltes, feuchtes -Grab – nicht einmal einen Sarg bekam er mit; der -hätte zu viel Geld gekostet.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_288" title="288"> </a> -Und immer wilderes Leben füllte die weiten, trostlosen -Räume des alten Klosters, dessen Zimmer mehr -Ställen und Kellern, als menschlichen Wohnungen -glichen. Die Brauerei war allerdings indessen aufgegeben, -aber an einen anderen Brauer verkauft, der -nur noch nicht Besitz davon ergriffen hatte, und noch -zwei neue Schenkstände wurden, der eine von einem -Mexikaner, der andere von einem Amerikaner, eröffnet.</p> - -<p>Zu dem Amerikaner hatten sich die chilenischen -Mädchen gezogen, und hielten dort wilde Fandangos, -zu welchen nicht selten das rohe Männervolk aus der -Umgegend gezogen kam, während die dort in der Nachbarschaft -ansässigen Californier mit ihren Frauen und -Töchtern das Lokal des Mexikaners benutzten; denn -sie haßten die Amerikaner, die ihnen ihr Land genommen -und verkehrten nur wenig mit ihnen. Ohne -Tanz konnten sie aber ebensowenig bestehen, denn auf -der Mission wohnten doch wenigstens zehn oder zwölf -californische Familien mit einer Anzahl erwachsener -Töchter, und ganz allerliebste Mädchen unter ihnen, -denen die kleinen Füße schon zuckten, wenn sie nur -Musik hörten.</p> - -<p>Eine der hübschesten unter ihnen, und dabei unstreitig -die beste, zierlichste Tänzerin, war aber die -Señorita Marequita, die Tochter eines dort ansässigen -<a class="pagenum" id="page_289" title="289"> </a> -und ziemlich wohlhabenden Viehzüchters, und -sobald sie bei einem der Fandangos zum Tanze antrat, -wurden ihr nicht nur jubelnde Bravos zugerufen, -sondern es flog sogar, nach californischer Sitte, mancher -Silberdollar, ja manches Goldstück zu ihren Füßen -nieder.</p> - -<p>Es konnte auch in der That nichts Lieblicheres -geben, als dies junge, bildhübsche Wesen den Fandango -oder einen jener anderen spanischen Tänze auszuführen -zu sehen. Da bemerkte man freilich Nichts von dem -unanständigen Beinewerfen nachgemachter Spanierinnen, -die sich bei uns produciren – jede Bewegung -war züchtig, aber auch eben so graciös, und wie eine -Elfe glitt sie herüber und hinüber. Die Schönheit -und Liebenswürdigkeit der jungen Californierin war -auch schon bis nach San-Francisco gedrungen, und -häufig kamen die Amerikaner heraus, um sie zu bewundern, -ja selbst von den in der Bai ankernden -amerikanischen Kriegsschiffen trafen zu Zeiten einzelne -Officiere ein, und man erzählte sich, daß Einer von -Diesen schon sogar um ihre Hand angehalten habe. -Aber er mußte mit einem Korb abgezogen sein, denn -er ließ sich seit jener Zeit nicht mehr auf der Mission -blicken, und die Californier selber zeigten sich danach -nur noch soviel stolzer auf ihre Landsmännin, daß sie -<a class="pagenum" id="page_290" title="290"> </a> -in keine Verbindung mit dem verhaßten amerikanischen -Stamm gewilligt hatte.</p> - -<p>Marequita wußte aber auch noch einen anderen -Grund, weßhalb sie den freundlichen Worten des -jungen Officiers nicht gelauscht, denn ihr Herz war -schon seit Monden nicht mehr frei, und sie erröthete -tiefer und tanzte befangener, wenn ein junger Franzose, -Jerome – wie er von den Kameraden genannt wurde, -den Tanzsaal betrat, und ihr in der ersten Zeit nur -mit schüchterner Zurückhaltung die Hand zum Gruße -bot. Nach und nach schien er aber doch dreister -geworden zu sein, denn er besuchte die Mission häufiger, -und jetzt auch sogar das Haus in dem Marequita's -Vater wohnte, und faßte zuletzt sogar Muth -genug, Diesen um die Hand seiner Tochter zu bitten, -was der Californier vor allen Dingen mit einer Frage -nach seinen Vermögensverhältnissen beantwortete.</p> - -<p>Mit diesen stand es freilich nicht – wenigstens -nach californischen Ansprüchen so, daß beide Theile -hätten damit zufrieden sein können. Der junge Franzose -besaß allerdings ein paar hundert Thaler Geld, -aber Du lieber Gott! was wollte das in einem Lande -sagen, wo man manchmal ebensoviel zu einem Souper -verbrauchte, und das Resultat lautete denn auch demzufolge: -der Vater würde gegen eine Verbindung des -<a class="pagenum" id="page_291" title="291"> </a> -jungen Mannes mit seiner Tochter nicht das Geringste -einzuwenden haben, wenn – Don Jerome nur erst -einmal nachzuweisen vermöge, daß er im Stande wäre -einen eigenen Hausstand zu beginnen und eine Frau -zu ernähren. Das sah Don Jerome denn auch ein, -nahm zärtlichen Abschied von dem lieben, unter -Thränen zu ihm auflächelnden Kind, kaufte sich Handwerkszeug -und schiffte sich frohen Herzens nach Sacramento -ein, um oben in den nördlichen Minen sein -Glück zu versuchen und so rasch als irgend möglich ein -reicher Mann zu werden. Aehnliche Beispiele kamen -ja alle Tage vor, und weßhalb sollte <em class="ge">ihm</em> das Glück -nicht ebenso günstig sein als tausend Anderen, die es -noch dazu nicht einmal verdienten oder zu benutzen -verstanden, weil sie fast regelmäßig auch das Gewonnene -gleich wieder an Ort und Stelle vertranken oder -verspielten.</p> - -<p>So vergingen wieder mehrere Monate. Der -Sommer war vorüber, und die Regenzeit setzte aufs -Neue ein, ohne daß Briefe von Jerome gekommen -wären, und er hatte doch so fest versprochen dann und -wann zu schreiben und Nachricht über sich und seine -Erfolge zu geben. Aber das junge Mädchen fühlte -sich dadurch eben nicht sehr beunruhigt, denn die Postverbindung -zwischen San-Francisco und den Minen -<a class="pagenum" id="page_292" title="292"> </a> -war eine noch so unvollkommene, und ruhte außerdem -fast ganz in Privathänden, daß man auf den richtigen -Empfang eines abgesandten Briefes nie rechnen konnte. -Es kam sogar grade in dieser Zeit sehr häufig vor, -daß derartige Leute, die übernommen hatten Briefe -und Geldsendungen zu besorgen, entweder unterwegs -überfallen und todtgeschlagen oder beraubt wurden, -oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern -zu Schiff und durchgingen.</p> - -<p>Ja sogar in San-Francisco lag das Postwesen -noch derart im Argen, daß irgend ein Fremder, wenn -er vorgab beauftragt zu sein, Briefe abzuholen, auf -dem Bureau sich aussuchen und mitnehmen durfte, -was er wollte, – waren doch die Beamten nur froh, -dadurch wieder ein Packet unbestellbarer und ihnen -lästig werdender Briefe aus ihren Fächern zu bekommen. -Ob die Briefe je an ihre Adressen befördert -wurden, was kümmerte es sie, sobald sie nur das Porto -dafür erhielten.</p> - -<p>Auf der Mission hatte sich indessen Manches in -sofern geändert, als die Verbindung mit San-Francisco -eine weit bessere und leichtere geworden war. -Früher mußte man die drei Meilen durch knöcheltiefen -Sand Hügel auf und ab waten oder reiten, während -Fuhrwerke nur mit Mühe und Noth ihren Weg durch -<a class="pagenum" id="page_293" title="293"> </a> -den schweren Boden verfolgen konnten, und jetzt hatten -die unternehmenden, thätigen Yankees eine breite, -ebene, mit Planken durchaus belegte Straße gebaut, -auf der das Fuhrwerk dahinrollte, wie auf einer Eisenbahn. -Ueberall auf dem Weg ließen sich dabei Ansiedler -nieder, theils auf den späteren Werth der -Grundstücke speculirend, theils um gleich jetzt Wirthshäuser -und Branntweinschenken zu errichten.</p> - -<p>Auch mit der Mission selber war eine Veränderung -vorgegangen, indem sich dort einige amerikanische -Ackerbauer niedergelassen hatten und zum erstenmale -den Pflug in den Boden brachten. Das Land erwies -sich auch in der That viel fruchtbarer als man geglaubt, -und es zeigte sich später als eine ganz vortreffliche -Speculation, das Getreide, das man bis dahin -mit schwerem Geld hatte in weit entfernten Hafenplätzen -kaufen müssen, hier gleich an Ort und Stelle -selbst zu bauen.</p> - -<p>Dabei waren auch, um die Mission herum eine -Menge von neuen Häusern theils schon entstanden, -theils noch im Bau begriffen und ein reges Leben -herrschte auf dem sonst so stillen und einsamen Platz. -Nur das alte Missionsgebäude mit seiner buntgemischten, -wunderlichen Bevölkerung lag noch wie -früher träumend unter seinem defecten Ziegeldach, -<a class="pagenum" id="page_294" title="294"> </a> -und wenn es auch seine Bewohner zeitweilig wechselte, -blieb die <em class="ge">Art</em> des Verkehrs darin doch noch für lange -Zeit die nämliche.</p> - -<p>Der Besuch des Hospitals war allerdings ein -geringerer geworden, weil man indessen in der unmittelbaren -Nähe der Hauptstadt ein anderes und besseres -gebaut hatte. Da übrigens der Doktor von seinen -bis dahin enormen Preisen herunterging und billigere -Bedingungen stellte, so wurden ihm doch noch von Zeit -zu Zeit einzelne Patienten ausgeliefert, deren Mittel -entweder nicht ausreichten, oder für welche Andere zu -sorgen hatten, wobei sie die Vorsicht nicht versäumten, -so wenig als möglich Auslagen zu haben.</p> - -<p>In den Minen waren auch grade außergewöhnlich -viel Krankheiten vorgekommen, denn so gesund das -californische Klima an und für sich sein mochte, so trug -doch die wilde, unregelmäßige Lebensart, wie die -schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit viel dazu -bei, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen, -die für die davon Betroffenen nur zu häufig aus -Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung einen -schlimmen und tödtlichen Ausgang nahmen.</p> - -<p>Wie mancher arme Teufel, der mit goldenen -Hoffnungen und Träumen in das Land gekommen, -erhielt dort oben Nichts als sechs Fuß Erde und einen -<a class="pagenum" id="page_295" title="295"> </a> -Steinring um das enge Grab, auch wohl noch ein -rohes Kreuz mit dem Beil in den nächsten Baum eingehauen -– das war Alles. Und daheim seine Lieben -sorgten und ängstigten sich vielleicht noch Jahre lang -um den Geschiedenen, mit sehnenden Herzen seiner -Rückkehr harrend, und schrieben und frugen an bei -Behörden und Regierung. Umsonst – wer kannte -die Namen der Todten, die überall zerstreut unter den -Eichbäumen des weiten Landes lagen – wer hatte -je nach ihnen gefragt!</p> - -<p>Glücklich waren noch Solche zu schätzen, welche -Krankheit nicht allein und einsam in der Wildniß traf, -und welche Freunde fanden, um sie aus den Bergen und -Schluchten hinaus wieder in den Bereich der Civilisation -und ordentlicher Pflege zu bringen. Allen aber -half das freilich auch nicht; Viele starben schon unterwegs, -Andere lebten gerade lange genug, um den Hospitalkirchhof -zu erreichen, und Wenige, o wie entsetzlich -Wenige von alle den armen hülflosen und gebrochenen -Menschen konnten wieder soweit gebracht werden, mit -gekräftigtem Körper ihre Arbeit auf's Neue zu beginnen!</p> - -<p>Eins aber büßten <em class="ge">Alle</em> ein: das mitgebrachte Gold -– denn eben nur mit Gold wurden in damaliger -Zeit Arzneien aufgewogen und ein tüchtiger Arzt hatte -<a class="pagenum" id="page_296" title="296"> </a> -seine beste und einträglichste Mine in den Krankheiten -seiner Patienten. Was lag den Kranken auch an dem -ausgewaschenen und erbeuteten Gold? – wo sie das -gefunden, gab es mehr, und wenn ihr Körper nur seine -alte Kraft wieder erlangte, alles Andere war nicht der -Rede werth.</p> - -<p>Draußen am langen Werft hatte auch heute -wieder das von Sacramento kommende Dampfboot angelegt, -und nachdem die Passagiere das Schiff verlassen, -schafften die Matrosen noch ein paar schwer -kranke Miner an's Land, oder vielmehr auf die Spitze -des über eine halbe Meile langen Werftes hinaus, -legten sie dort, in eine wollene Decke gewickelt, auf die -Planken und kehrten dann an Bord zu ihrer Arbeit -zurück. Die Freunde oder Kameraden der Leidenden -mochten jetzt sehen, wie sie allein mit ihnen fertig -wurden.</p> - -<p>Zwei der Unglücklichen waren Amerikaner und ihr -Kamerad lief das Werft entlang, um irgendwo eine -Karre aufzutreiben, auf der er sie in ein Kosthaus, -oder auch vielleicht in das Hospital schaffen konnte. -Der Dritte schien ein Fremder, – sein Begleiter, der -sich zu ihm überbog und einige Fragen an den halb -Bewußtlosen richtete, sprach französisch mit ihm. Ein -paar Yankee's, die auf dem Werft herumschlenderten, -<a class="pagenum" id="page_297" title="297"> </a> -blieben neben den Beiden stehen und frugen endlich -theilnehmend, was dem Armen fehle.</p> - -<p>»O Gentlemen,« sagte der Franzose in sehr gebrochenem -Englisch, »Fieber – schweres Fieber – -Phantasieen, viel Phantasieen. Hab' ihn gefragt – -Landsmann von mir – wohin er gebracht sein will -– bin selber fremd hier – vor einem Jahr nur -zwei Stunden in San-Francisco gewesen – Er sagt -Nichts – nur Mission Dolores – weiter kein Wort.«</p> - -<p>»Ist es Dein Kamerad?«</p> - -<p>»Nein – habe ihn gefunden auf Dampfboot -krank – sehr krank – weiß nicht, wie er heißt – -aber Landsmann –«</p> - -<p>»Also Mission Dolores sagt er?« frug der andere -Amerikaner.</p> - -<p>»<i>Toujours</i> – <i>ever</i> – kein anderes Wort.«</p> - -<p>»Dann will er auch in das Hospital auf der -Mission geschafft sein,« sagt der Andere – »dort ist -ein Hospital, das ein Fremder hält, ich weiß nicht, -ein Spanier oder Franzose – er spricht jedenfalls -französisch und hat Viele von Euren Landsleuten -oben.«</p> - -<p>»Und wo liegt die Mission?«</p> - -<p>»Gleich dort drüben, um die Landspitze herum – -rechts hinein geht ein schmaler Kanal, in den Ihr bei -<a class="pagenum" id="page_298" title="298"> </a> -Fluthzeit einfahren könnt. Wenn ihr ein Boot -miethet, bringt Euch das ganz bequem bis ziemlich -dicht an's Missionsgebäude, und dort fragt nur nach -dem Hospital – jedes Kind zeigt Euch den Weg -dahin.«</p> - -<p>»Dank' Euch – dank' Euch vielmals,« nickte der -Franzose, der sich des armen todtkranken Landsmanns -in der That erst unterwegs angenommen hatte, weil -er sah, daß sich Niemand sonst um ihn bekümmerte. -Keine Seele an Bord wußte auch, wie es schien, etwas -von ihm. Er war allein und allerdings schon krank -auf den Dampfer gekommen und hatte sich, nachdem -er seine Passage bezahlt, in seinen Mantel gewickelt, -auf Deck niedergeworfen; dort mußte das hitzige Fieber -erst in ihm ausgebrochen sein, und von da ab war er -auch nicht recht wieder zur Besinnung gekommen, um -Rechenschaft über sich zu geben.</p> - -<p>Sein Landsmann aber ließ ihn nicht im Stich, wie -denn überhaupt die Franzosen in fremden Welttheilen -besonders treu zu einander halten und uns Deutschen -dabei mit einem – freilich selten beherzigten – guten -Beispiel vorangehen. Er miethete ohne Weiteres eines -der dort am Werft liegenden Boote, und da es gerade -die günstige Zeit war, um die Mission Dolores zu -Wasser zu erreichen – fast die höchste Fluth, – so -<a class="pagenum" id="page_299" title="299"> </a> -hoben sie den Kranken in das Boot hinab und ruderten -ihn, von der Strömung noch außerdem begünstigt, -rasch die Bai hinauf, um Rincons Point hinum und -in den schmalen Kanal hinein, dessen Landungsplatz -kaum mehr als zweihundert Schritt von der Mission -selber entfernt lag.</p> - -<p>Der Franzose wußte sich hier, da er keine Seele -am Ufer fand, auch nicht anders zu helfen, als daß er -den Kranken noch unten im Boot ließ und indessen -selber hinauf zum Arzt ging, um mit Diesem Rücksprache -zu nehmen.</p> - -<p>»Konnte der Kranke für seine Pflege und ärztliche -Behandlung zahlen?« war die erste, vorsichtige Frage -Desselben, die der Franzose dahin beantwortete, daß er -an dem Gürtel seines Landsmannes, unter der Blouse, -einen Lederbeutel mit Gold gefühlt habe. Der Mann -kam aus den Minen und führte jedenfalls das dort -Erworbene bei sich. Das genügte. Der fremde Arzt -wußte recht gut, daß er sich im Fall einer mißlungenen -Kur selbst bezahlt machen konnte, und hatte in solchen -Fällen schon die Erbschaft von verschiedenen Kranken -angetreten, deren Familien nicht ausfindig gemacht -werden konnten – wenigstens nicht ausfindig gemacht -<em class="ge">wurden</em>. Er sandte auch augenblicklich seine Krankenwärter -hinunter, die den Patienten herauf holen mußten, -<a class="pagenum" id="page_300" title="300"> </a> -und der junge Franzose begleitete den Armen dann -noch die Treppe hinauf bis an sein Bett und schauderte -freilich, als er den elenden Aufenthalt entdeckte, -der dem Armen von jetzt ab Heilung geben sollte.</p> - -<p>Das Hospital hatte sich auch in der That nicht – -seit der Errichtung desselben – zu seinem Vortheil -verändert, denn damals waren die Betten doch noch -wenigstens neu und reinlich gewesen – und wie sahen -die jetzt aus!</p> - -<p>Es war vorgekommen, daß einzelne Kranke, die -noch die Kräfte besaßen, wieder die Treppe hinunter -schwankten und dann erklärten, lieber wollten sie auf -Gottes freiem Erdboden, als dort oben in jenem entsetzlichen -Aufenthaltsort liegen bleiben – aber das -geschah doch nur im Verhältniß sehr selten und da Eines -von diesen verwöhnten Subjekten eines Abends wirklich -den Platz verließ und noch ein Stück den Hang hinan -unter einen einzeln stehenden Baum kroch und dort in -der Nacht starb, so wurde dieses Beispiel später etwa Widerspenstigen -immer mit dem besten Erfolg vorgehalten.</p> - -<p>Der junge kranke Franzose sah Nichts von seiner -ganzen Umgebung; er wurde bewußtlos die Treppe -hinan- und auf ein Bett getragen, dort genau von dem -Doktor untersucht und dann zugedeckt. Der oben auf -Wache befindliche Wärter bekam hierauf die Ordre, -<a class="pagenum" id="page_301" title="301"> </a> -den Doktor augenblicklich zu rufen, sobald der letztgekommene -Patient – Nr. 14, wie er nach seinem -Bette genannt wurde – erwache; aber der Doktor -brauchte nicht wieder an dem Tage gestört zu werden, -denn Nr. 14 kam nicht zur Besinnung, phantasirte -nur stark und schwatzte eine Menge tollen Zeuges, rief -auch ein paarmal einen spanischen Frauennamen, und -lag dann Stunden lang regungslos mit geschlossenen -Augen da. Ein furchtbares Fieber schüttelte seine -Glieder, und der Kopf glühte ihm, daß es fast seine -Stirnadern zu sprengen drohte.</p> - -<p>Am nächsten Tag erwachte er allerdings, zeigte -sich aber als ein sehr unruhiger und auch unbequemer -Gast, denn sein Geist schien zu wandern und er wollte -auf und davon. Die Wärter hielten ihn zurück und -der Doktor wurde gerufen; er verordnete, daß man -den Patienten an sein Bett festbinden und ihm kalte -Umschläge machen solle. Er wehrte sich dabei wie rasend, -aber es half ihm Nichts; es wurde weitere Hülfe herbeigeholt, -und kaum eine Viertelstunde später lag er, -an Händen und Füßen festgeschnürt, auf seinem -Schmerzenslager, während ihm einer der Wärter, -mit einem Stalleimer voll Wasser neben sich, nach -der Verordnung des Arztes nasse Tücher um den -Kopf legte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_302" title="302"> </a> -Der Gebundene lag eine Zeitlang still; die kühlen -Umschläge schienen ihm gut zu thun – aber das -dauerte nicht lange. Sobald er sich nur wieder einmal -regte und die ihn haltenden Bande fühlte, so -brach auch seine Wuth von Neuem aus. Er tobte und -wand sich umher und schrie dabei, daß man es weit -über die ganze Mission hören konnte, und die Frauen -und Kinder sich davor fürchteten. Dieser Zustand -dauerte viele Tage und Wochen und Jedermann dort -wußte und erzählte sich, daß ein sehr bösartiger -Geisteskranker oben im Hospital untergebracht sei und -dem Doktor viel zu schaffen mache. Wo er herstamme -und wer er sei, darum kümmerte sich Niemand; wer -hätte auch all die Leute kennen wollen, die von Ost -und West und Süd und Nord nach Californien geströmt -waren, um dem Boden seine Schätze zu entreißen? -Es war eben ein »Fremder«, und das Wort -entsprach in damaliger Zeit allen Bedürfnissen, die -man sonst vielleicht empfunden hätte, nach Namen -und Stand zu forschen.</p> - -<p>Auf das eigentliche tolle Leben in der Mission -hatte dieser unheimliche Gast jedoch nicht den geringsten -Einfluß. In beiden Flügeln des großen Gebäudes -wurde ruhig fort musicirt und getanzt, und -wenn auch einmal in einen ihrer Fandangos ein wilder, -<a class="pagenum" id="page_303" title="303"> </a> -gellender Schrei hineintönte, so schraken die jungen -Mädchen wohl zusammen und sahen sich scheu -einander an, aber die Instrumente fielen dann nur -um so rauschender und tönender ein und der Tanz -verlangte sein Recht. Was hätte es auch dem armen -Kranken da oben geholfen, wenn sie ihre Lust unterbrechen -wollten? Dort wo er lag, konnte er nicht einmal -die Musik hören, keinenfalls aber dadurch gestört -werden.</p> - -<p>Marequita hatte sich indessen in der ersten Zeit, -nachdem Jerome sie verlassen, ziemlich fern von den -sonst so häufig besuchten Fandangos gehalten. Sie -kam wohl dann und wann hinüber und tanzte ein- -oder zweimal, ließ sich aber nie verleiten länger zu -bleiben, und verließ selbst ihr Haus nur selten. – -Aber wie monoton war das Leben auf der Mission, -wenn man sich auch noch die so spärlichen Vergnügungen -versagen wollte, die von Zeit zu Zeit ein unschuldiger -Tanz bot. Jerome ließ gar Nichts von sich -hören; er hätte doch gewiß einmal schreiben können, -wie es ihm ging, und ob er Hoffnung habe, bald zurückzukehren. -Von allen Minen trafen außerdem -Händler oder Goldwäscher in San Francisco ein, und -wie leicht wäre es ihm gewesen, Einen von Diesen zu -bewegen, ihnen Nachricht zu bringen. Aber Niemand -<a class="pagenum" id="page_304" title="304"> </a> -ließ sich sehen – Niemand, und der Vater Marequita's -frug <em class="ge">viele</em> Menschen aus den verschiedensten -Distrikten; Keiner von alle Diesen wußte freilich etwas -von einem Franzosen Jerome, oder hatte je von ihm -gehört; war es denn ein Wunder, daß ihr zuletzt die -Zeit lang wurde und sie den Bitten ihrer Freunde -und besonders des jungen tanzlustigen Volkes nicht -mehr so hartnäckig widerstand? Und wie jubelten ihre -Landsleute nicht allein, nein, auch die Fremden, wenn -sie sich wieder im »Saale« zeigte! Welche Triumphe -feierte sie! und manchen Abend mußte sie die ihr -geworfenen Dollarstücke sogar in der Mantille nach -Hause tragen, weil sie das viele Geld gar nicht mehr -in den Händen halten konnte.</p> - -<p>Heute war der Vater wieder in San-Francisco -gewesen und hatte dort, zum ersten Mal, so oft er sich -auch schon erkundigt, einen Franzosen gesprochen, der -Jerome genau kannte und sogar mit ihm gearbeitet -hatte. Der aber behauptete, Jerome sei glücklich in -den Minen gewesen und schon vor langen Wochen -nach San-Francisco zurückgekehrt, wo er, wie er ihm -erzählt, heirathen und ein kleines Hotel gründen wollte. -Seit dem Tage aber habe er ihn natürlich nicht mehr -gesehen, und wenn er sich jetzt nicht in der Stadt befinde, -müsse ihm doch am Ende ein Unglück zugestoßen sein.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_305" title="305"> </a> -»Aber welches?«</p> - -<p>Du lieber Gott! aus den Minen zurückkehrende -Goldwäscher wurden aber gar nicht etwa so selten von -nichtsnutzigem Gesindel angefallen, todtgeschlagen und -beraubt; Dampfbootkessel waren außerdem geplatzt, -Boote zusammengerannt und gesunken. Er konnte -auch San-Francisco glücklich erreicht und dort sein -ganzes gewonnenes Gold am ersten Abend verspielt -haben – wie oft geschah das! – und dann stak er -jetzt vielleicht schon wieder oben in den Bergen, um -sein Glück von Neuem zu erzwingen. Das Letztere -schien auch in der That das Wahrscheinlichste, denn -leicht gewonnenes Geld wird selten geachtet, und verschwindet -oft rascher als es erlangt wurde, und die -also Betrogenen schämen sich dann stets, ihren Leichtsinn -einzugestehen.</p> - -<p>Marequita weinte, als ihr der Vater die Kunde -brachte – also das wäre die Liebe gewesen, die ihr -Jerome geschworen, daß er das schon in den Händen -gehaltene Glück auf trügerische Karten setzte, und ihr -nicht einmal Kunde von seiner Rückkehr gab? Dann -aber brauchte sie sich auch nicht mehr um den leichtsinnigen -Menschen zu grämen, oder ihm gar ihre -Jugend zum Opfer zu bringen. – Heute Abend war -großer Fandango – die Offiziere eines in der Bai -<a class="pagenum" id="page_306" title="306"> </a> -ankernden spanischen Kriegsschiffes hatten zugesagt, -die Mission zu besuchen – lag es doch auch gerade -dem Kanal gegenüber, und das junge Mädchen beschloß, -sich heute Abend dem Tanz wieder mit der -alten, unermüdeten Lust hinzugeben wie vordem.</p> - -<p>Allerdings machte der Wirth auch die größten -und ganz außergewöhnliche Anstalten, um die einst -weiß gewesenen, trostlos nackten Wände seines Lokals -für das Fest so freundlich als möglich zu decoriren, -und ein Dutzend Indianer waren schon seit Tagesanbruch -beschäftigt gewesen, grüne Büsche jenes lorbeerartigen -Baumes, der in Masse an den nächsten Hängen -wuchs, herbeizuschleppen, und den ganzen Raum in -eine Laube zu verwandeln. Ueberall wurde gehämmert -und gebohrt und recht unheimlich drang zu diesen -Vorbereitungen einer frohen Lust manchmal das Geheul -des Wahnsinnigen herunter, so daß sich der Wirth -noch für den Abend eine große Trommel und zwei -Trompeter extra bestellte, um mit der rauschenden -Musik die unglückseligen Laute zu übertäuben. Er -hätte das aber nicht nöthig gehabt, denn schon gegen -elf Uhr schwiegen die Aufschreie – kein Ton wurde -mehr gehört und bald brachte auch ein Krankenwärter -die Nachricht herunter, der Unglückliche, der ihnen die -letzten Wochen so viel zu schaffen gemacht, sei vor etwa -<a class="pagenum" id="page_307" title="307"> </a> -einer halben Stunde plötzlich auf sein Lager zurückgefallen -und gestorben.</p> - -<p>»<i>Grazias a Dios!</i>« rief der Wirth, »Gott sei -seiner armen Seele gnädig und gebe ihr den ewigen -Frieden, aber ich bin froh, daß wir ihn los sind, -<i>amigo</i>, denn das Geschrei war kaum noch zum Aushalten -und ich selber schon im Begriff, den sonst so -bequemen Platz zu verlassen, um mich wo anders anzusiedeln. -Jetzt stört er uns auch heute Abend die -fremden Gäste nicht, und die jungen Damen besonders -werden dem Himmel danken, daß sie sich nicht -mehr vor dem Tollen zu fürchten brauchen.«</p> - -<p>Das war auch in der That ein reges Leben heute -auf der Mission, und noch dazu Sonntag und prachtvolles -Wetter, so daß ganze Schwärme von Lustwandelnden -und Reitern und Wagen aus San-Francisco -herüber kamen, um den Nachmittag hier draußen zuzubringen.</p> - -<p>Und wie stolz betrachtete sich indessen der Wirth -seinen so stattlich herausgeputzten Ballsaal, in welchem -höchstens die Mittel zur Beleuchtung etwas zu -wünschen übrig ließen. Aber Gas gab es freilich -nicht, und Stearinkerzen, auf Leuchter mit Reflectoren -von weißem Blech gesetzt, mußten da aushelfen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_308" title="308"> </a> -Uebrigens dachte das tanzlustige Volk gar nicht -daran, den Abend zu erwarten, um die Lustbarkeit zu -beginnen; wozu sollten sie den ganzen schönen Tag -versäumen? und der Wirth hatte wirklich Mühe, sie -nur so lange zurückzuhalten, bis er seine nöthigsten -Arbeiten im Innern beendet hatte, denn daß er nachher -keinen Moment Zeit dafür behielt, wußte er gut genug.</p> - -<p>Es war vier Uhr Nachmittags, als zwei Jöllen -mit Offizieren von dem spanischen Kriegsschiffe abstießen -und dem Lande zuruderten, und zugleich -begannen auch die Musici als Introduction einen -lustigen Marsch zu spielen, um die willkommenen -Gäste damit zu empfangen. – In derselben Zeit -drückte der Arzt da oben dem Todten die Augen zu -und die Krankenwärter lösten ihm die bis jetzt noch -immer gefesselten Arme und falteten ihm die Hände -auf der stillen Brust, wuschen ihn auch und kämmten -sein volles, lockiges Haar, das ihm bis jetzt -wirr und wild um die Schläfe gehangen hatte. -Dann wurden die Wärter hinunter auf den Kirchhof -gesandt, um ein Grab für den Unglücklichen -auszuwerfen. Heute war es schon zu spät geworden, -aber morgen mit dem Frühesten sollte er beerdigt -werden, denn länger konnte man ihn unmöglich dort -oben zwischen den Lebenden lassen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_309" title="309"> </a> -Draußen schaufelten, unmittelbar neben dem alten -Missionsgebäude, die Männer das schmale Grab aus, -und inwendig spielten mit Trommeln und Trompeten -die Musici den lustigen Marsch und plauderten und -lachten die jungen Mädchen mit einander, sich des -schönen Tages freuend. Auch zu ihnen war wohl die -Kunde gedrungen, daß der Wahnsinnige gestorben sei, -aber auch sie freuten sich darüber, denn lange genug -hatte er sie fürchten gemacht und auch wohl bös erschreckt, -wenn manchmal mitten in der Nacht sein -gellender Aufschrei zu ihnen herübertönte. Das war -jetzt vorbei – aber es dachte Keine von ihnen länger -als einen flüchtigen Augenblick an den Unglücklichen; -andere Dinge gingen ihnen im Kopf herum, denn dort -kamen die fremden Offiziere in ihren prächtigen Uniformen -schon über den niederen Küstenhang vom Ufer -herauf, und der Tanz nahm ihre ganze Aufmerksamkeit -vollständig in Anspruch.</p> - -<p>Indessen sammelte sich das »Volk« vor dem alten -Missionsgebäude, und es war in der That wunderlich -anzusehen, welche bunte Mischung von Stämmen und -Trachten sich hier zusammen gefunden hatte. Das -schienen auch nicht die Bewohner einer einzigen Stadt, -die sich hier an einem Sonntag Nachmittag versammelten, -das glich weit eher einem Carneval, der die -<a class="pagenum" id="page_310" title="310"> </a> -Repräsentanten aller Zonen und Welttheile für kurze -Zeit vereinigte, und <em class="ge">alle</em> Zonen, – mit Ausnahme -vielleicht der kalten – waren wirklich vertreten.</p> - -<p>Hier stand eine Gruppe von Yankees, in dem unvermeidlichen -schwarzen Frack, den hohen Cylinderhut -weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in -den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, -Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen -drängte sich ein kleiner Schwarm von Chinesen herum, -in ihren blauen Kattunjacken und weiten weißen -Hosen, die langen Zöpfe wohl geflochten und gepflegt. -Südsee-Insulaner waren da, die scheu und verwundert -auf dem fremden Boden umhergingen, und oft nur in -ihrer eigenen Sprache zusammen plauderten und -lachten, wenn ihnen etwas gar zu Absonderliches in -die Augen sprang – Mexikaner mit den, an der -Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen -Knöpfen besetzten Sammethosen und den kurzen, ebenfalls -so garnirten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut -auf dem Kopf; Californier mit ihrem langen, -in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die -ihnen fast bis auf die Knöchel hinabreichten und die -ganze Gestalt verhüllten. Deutsche, Engländer, Franzosen, -Irländer, Backwoodsmen in ihren ledernen -Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, -<a class="pagenum" id="page_311" title="311"> </a> -wie sie gerade über die Felsengebirge gekommen waren; -Chilenen in den kurzen Ponchos, Neger und -Mulatten in allen Schattirungen, und dazwischen die -aus den Minen oft mit schweren Beuteln voll Gold -zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten -Costümen, die sich nur denken lassen – abgerissen in -ihren Kleidern auf das Entsetzlichste, mit geflickten -Hosen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, und -Hüten, die Monate lang am Tag der Sonne und dem -Regen getrotzt und Nachts dann als Kopfkissen gedient -hatten. Und in kleinen Gruppen standen dabei die -Eingebornen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen -Herren des Bodens, und doch vielleicht die einzigen, -vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr -Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.</p> - -<p>Welch bunte Völkermischung trieb sich auf dem -engen Platz umher, und dieser schlossen sich nun auch -noch die spanischen Marine-Offiziere in ihren blitzenden, -goldgestickten Uniformen an und vollendeten -eigentlich erst das bunte, wunderliche Bild. Aber die -rauschende Musik zog sich auch bald zu dem eigentlichen -Knotenpunkt des Vergnügens hin, und so öde der Platz -da drinnen sonst gewöhnlich aussah, so freundlich -schien er ihnen heute nicht allein durch das frische -Grün der Zweige, das die Wände deckte, nein auch -<a class="pagenum" id="page_312" title="312"> </a> -durch die vielen, lieben Mädchengestalten, die sich hier -versammelt hatten und jetzt nun verschämt und doch -auch wieder mit vor Vergnügen blitzenden Augen des -Tanzes harrten.</p> - -<p>Wo alle Theile so willig waren, dauerte es aber -auch nicht lange, bis er begann, und wie nur die -kriegerischen Töne des Marsches schwiegen und in -die allbeliebte muntere Weise des Fandango übergingen, -hatten sich rasch einige gleichgesinnte Paare gefunden, -die zusammen antraten – und Marequita -war unter ihnen und ihr Tänzer einer der jungen -Offiziere.</p> - -<p>Es gab allerdings damals noch wenig Frauen in -Californien, denn das wilde Leben im ganzen Lande -bot noch keinen rechten Grund und Boden für eine -Familie. Was deshalb von Amerika oder Europa -an weiblichen Wesen herüber gekommen war, gehörte -nur den Klassen an, die sich darin wohl fühlen konnten, -und dazu hatte Chile die größte Zahl gestellt. -Die Fremden, wenn sie wirklich anständige Damengesellschaft -suchten, blieben deshalb allein auf die hier -ansässigen Californierinnen angewiesen.</p> - -<p>Zu <em class="ge">diesem</em> Fandango hatte übrigens auch die -weite Nachbarschaft ihre schönen Gesandtinnen hergeschickt. -Die Mission selber stellte fünf allerliebste -<a class="pagenum" id="page_313" title="313"> </a> -Mädchen, und nicht allein befand sich gerade ein -Besuch von Pueblo San-José hier, der drei reizende -junge Damen aufweisen konnte, es waren auch noch -flinke und hübsche Tänzerinnen theils vom Präsidio, -theils von Sanchez Rancho angekommen. Ja selbst -von der Mission San-Rafael hatten sich zwei junge -Damen eingefunden.</p> - -<p>Allerdings wären wohl noch immer am heutigen -Tage auf eine Tänzerin mehr als zwanzig Tänzer -gekommen, wenn sich Alle hätten dabei betheiligen -können, aber die »Fremden« verstanden ja nicht den -Fandango und seine verwickelten und doch so graziösen -Touren, und nur die Chilenen, deren Sambacueca -die größte Aehnlichkeit damit hat, durften es wagen, -Theil daran zu nehmen. Sonst blieb der Boden, mit -Ausnahme einiger Franzosen, die sich rasch hineingefunden, -den Spaniern, Californiern und Mexikanern, -und da stellte sich denn doch kein so bedeutendes Mißverhältniß -in der Zahl heraus.</p> - -<p>Kopf an Kopf gedrängt standen aber die Zuschauer -wenigstens auf der einen Seite des Saals und im -hinteren Theil desselben, nur eben genügend Raum -für die Paare lassend, während die andere Seite, an -welcher sich auch die Musici befanden, der einen Thür -wegen, frei bleiben mußte, da der Wirth nur durch -<a class="pagenum" id="page_314" title="314"> </a> -diese aus- und eingehen konnte. Seine durstigen -Gäste verlangten Erfrischungen, denn die Hitze im -Saal war fast erstickend. Wie aber die Nacht einbrach, -änderte sich das, denn die meisten heutigen -Besucher der Mission kehrten in ihre Wohnungen -nach San-Francisco zurück, und die Yankees besonders -bekamen es auch satt, allein ruhige Zuschauer bei -einem Tanz abzugeben, den sie nicht einmal verstanden -und deshalb auch nicht schön finden konnten. Dies -ruhige Herüber- und Hinüberschweben gefiel ihnen -nicht; es war, so anmuthig die Damen es auch ausführen -mochten, doch viel zu monoton für sie und sie -vermochten nicht einmal dem Takt zu folgen – ja -wenn es ein tüchtiger »Reel« oder eine »Hornpipe« -gewesen wäre, der hätten sie mit Hacken und Fußspitze -schon Nachdruck geben wollen!</p> - -<p>Die Miner und das übrige Volk hielten ebenfalls -nicht viel länger aus, denn es gab keine Spielzelte auf -der Mission, keinen Platz, auf dem sie ihr Glück versuchen, -und das mühsam ausgegrabene Gold in leichter -Weise verdoppeln – oder auch verlieren konnten, -und sie verließen einzeln oder in Trupps die Mission -wieder, um zu den Spielhöllen der Plaza zurückzukehren -und sich der Aufregung des Monte hinzugeben. -Viele Mexikaner thaten das Nämliche, aber die -<a class="pagenum" id="page_315" title="315"> </a> -Chilenen, obschon dem Hazardspiel ebenso ergeben, -hielten aus, auch die Offiziere der spanischen Fregatte -wichen nicht vom Platze, ebensowenig die dort ansässigen -oder benachbarten Californier, und der Raum -blieb immer noch gefüllt, wenn er auch nicht mehr -wie den Nachmittag über, gedrängt war.</p> - -<p>Je mehr dabei die spanischen Gäste mit den jungen -californischen Damen bekannt wurden, desto lebendiger -gestaltete sich der Tanz, und Alles schien zu wetteifern, -um neue und piquante Touren zu erfinden. Die -Königin des Festes blieb aber, trotz vieler bildhübschen -Rivalinnen, Marequita, der ihr Tänzer fast nicht -mehr von der Seite wich, und bald war sie die Ausgelassenste -und Lebendigste von Allen, und übertraf -sich selber. Aber die spanischen Offiziere sollten sie -heute Abend nicht blos tanzen sehen, sie sollten auch -noch einige von den californischen Sitten und Gebräuchen -kennen lernen, und Marequita flüsterte deshalb -ihrem Bruder zu, rasch nach Hause zu springen -und eine Anzahl von ausgeblasenen Eiern, die zu dem -Zweck schon immer vorräthig gehalten wurden, in der -bekannten Art zu füllen – galt es doch eine Ueberraschung.</p> - -<hr /> - -<p><a class="pagenum" id="page_316" title="316"> </a> -Oben im Hospital des Missionsgebäudes herrschte -tiefe Dunkelheit. Das Wetter war den ganzen Tag -über schön und klar gewesen, und noch jetzt funkelten -die Sterne in heller Pracht vom Himmel nieder, aber -der Wind hatte sich erhoben, der über die niederen -Küstenberge fast unablässig mit solcher Gewalt herüberweht, -daß die dort einzeln wachsenden Bäume -ihr Laub alle nach der entgegengesetzten Seite hinüber -gedrückt tragen, und auch selber dorthin neigen, als -ob sie den steten Stürmen entfliehen wollten und sich -von ihnen abwendeten.</p> - -<p>Wie das da oben auf dem dunklen Boden pfiff -und zog! Die alten, moosbewachsenen Ziegel klapperten -ordentlich dumpf und klanglos zusammen, -und nur das Stöhnen und Aechzen der unglücklichen -Fieberkranken mischte sich mit dem unheimlichen -Laut.</p> - -<p>Und dazwischen lag der Tod. Kalt und starr auf -seinem Schmerzenslager ausgestreckt, ruhte der »Wahnsinnige«, -wie er überhaupt seit den letzten Monaten -von den Krankenwärtern nur genannt worden. Man -hatte ihm eins von seinen neuen rothen Hemden -und ein paar weiße Beinkleider angezogen – -denn die Decke war augenblicklich zum Waschen -gegeben, um wieder verwandt zu werden – und -<a class="pagenum" id="page_317" title="317"> </a> -mit gefalteten Händen träumte er der Ewigkeit entgegen.</p> - -<p>Träumte er? – die Betten rechts von ihm (denn -man hatte ihn zunächst der Treppe gelegt, um ihn so -fern als möglich von den übrigen Kranken zu halten, -die er bis jetzt durch sein wildes Schreien nur zu oft -gestört und erschreckt) standen leer. Das Hospital barg -jetzt nicht so viele Patienten, um nicht Raum genug für -die Anwesenden zu finden. Der arme Doktor hatte -in dem Stadthospital Concurrenz bekommen, und sich -doch so viele Mühe gegeben, <em class="ge">seine</em> Kranken behaglich -unterzubringen.</p> - -<p>Und wie still das heute Abend dort oben war! -Ein paar Leidende wimmerten allerdings leise vor sich -hin, aber sonst hörte man Nichts, als das dumpfe -Rauschen und Pfeifen des Windes und gelegentlich -mit dem Luftzug, die von unten herauf schallenden -munteren Weisen der Trompeten und Violinen, wie -zuweilen das dumpfe Hämmern der großen Trommel, -die ein Mulatte mit unendlicher Ausdauer bearbeitete. -Da unten herrschte Jubel und frische Lebenshoffnung -– hier oben kauerte der <em class="ge">Tod</em> und zählte die ihm -verfallenen Opfer.</p> - -<p>Die alte Missionsglocke schlug die zehnte Stunde, -und kein Wärter ließ sich sehen, obgleich der eine Fieberkranke -<a class="pagenum" id="page_318" title="318"> </a> -schon lange nach einem Trunk Wasser gewimmert -hatte. Wer konnte es ihnen auch verdenken, -daß sie nicht da oben zwischen Jammer und Elend -blieben, wo nur ein paar hölzerne Stufen sie mitten -unter Lust und Freude brachten? Es war Fandango -auf der Mission und ein paar Gläser <i>agua ardiente</i> -(Branntwein) konnten ihnen gewiß nicht schaden, um -den Körper zu erwärmen, und die lange mühselige -Nachtwache nachher auszuhalten. Außerdem war der -»Doctor« gerade heute nach der Stadt geritten, und -sie brauchten deshalb nicht zu fürchten, daß er sie bei -einer Vernachlässigung ihrer Pflicht ertappe, über -welche sie sich selber wenig genug Gewissensbisse -machten. Hatten sie doch seit Wochen fast den oberen -Raum nicht verlassen dürfen, so lange der »Wahnsinnige« -dort tobte und an seinen Banden riß. Heute -war der <em class="ge">erste</em> freie Abend, den sie bekamen, und den -wollten sie denn auch nach besten Kräften nutzen.</p> - -<p>Hei, wie das durch die Ziegel pfiff! und drüben -in der Lorbeerwaldung, die in der Richtung nach -San-Francisco zu lag, hatten dazu die Wölfe ihr -Abendconcert begonnen, die großen, braunen californischen -Wölfe, und die Cayotas, das kleine Steppengesindel, -das mit seinen feinen Stimmen den Diskant -zu dem Grundbaß der ersteren heulte. Und wie deutlich -<a class="pagenum" id="page_319" title="319"> </a> -konnte man das hier oben hören, da der Luftzug -die Laute gerade herübertrug, und wie sonderbar das -zu der Musik und dem Pfeifen des Sturmwinds -klang!</p> - -<p>Die Glocke draußen hatte eben ausgeschlagen, als -ein heftiges Zittern den Körper des »Todten« überflog. -Der Nachtwind wehte auch kalt genug, und dem -von Krankheit abgeschwächten Körper fehlte die -schützende Decke, die ihn sonst wenigstens warm gehalten.</p> - -<p>Der Kranke hob staunend den Kopf und horchte -den fremden, wunderlichen Lauten, die zu ihm herüberdrangen. -Hatte er in einem Starrkrampf gelegen, -der bis dahin seine Glieder gefesselt hielt? Er -fuhr sich mit der Hand nach der Stirne – auch die -Hand war nicht mehr gebunden – er hob sich vom -Lager und fühlte seinen Körper frei und unbehindert -– aber dunkle Nacht umgab ihn – er war nicht im -Stande zu <em class="ge">sehen</em>, wo er sich befand, noch hatte -er eine Ahnung, an welcher Stelle das sein -könnte.</p> - -<p>Wie schwach er auch geworden war! – als er -zum ersten Mal wieder auf den Füßen stand, vermochten -ihn seine Kniee kaum zu tragen, und er -mußte sich zurück auf das Bett setzen, um nicht umzusinken. -<a class="pagenum" id="page_320" title="320"> </a> -– Und wie das in seinem Kopfe hämmerte, -und pochte, und mit wilden, unheimlichen Gedanken -herüber- und hinüberzuckte! Aber die Musik da unten? -– er horchte hoch auf – was war das? wohin -hatte ihn das Schicksal geführt?</p> - -<p>Er versuchte noch einmal aufzustehen, und als er -herumtappte, trafen seine Finger auf einen dünnen -Kattunvorhang, hinter welchem er ein festes Geländer -fühlte. Er hob den Vorhang auf und glitt darunter -durch; wie er aber vorsichtig weiter tappte, trat sein -Fuß ins Leere und er merkte bald, daß er an einer -Treppe stand. Einen Augenblick überlegte er, aber -munterer als vorher ertönten in diesem Moment -wieder die Instrumente von unten herauf, und ohne -sich länger zu besinnen, stieg er hinab.</p> - -<hr /> - -<p>Wie das da unten lachte und jubelte und seiner -unschuldigen Lust und Freude folgte! Die Eier waren -angekommen, und Marequita's Tänzer erschrak nicht -wenig, als ihm seine Tänzerin plötzlich, mitten im -Fandango, die Mütze ein wenig zurückschob, und er -gleich darauf einen wahren Schauer von Eau de Cologne -an sich niederrieseln fühlte.</p> - -<p>»<i>Caramba, Señorita</i>« rief er aus, indem er erschreckt -<a class="pagenum" id="page_321" title="321"> </a> -zurücksprang, »was ist das?« – Aber lautes -Jubeln und Lachen beantwortete seine bestürzte Frage -und Marequita's Bruder hatte jetzt wirklich Mühe, -nur noch einen Theil seiner sorgfältig präparirten -Eier für die Schwester zurückzubehalten, denn von -allen Seiten stürmten die jungen Mädchen auf ihn -ein, um ihm ein paar abzubetteln, oder auch, wenn das -nicht ging, durch List oder Gewalt zu entreißen, und -jetzt brach der Muthwillen der jungen Damen voll -und entfesselt los.</p> - -<p>Und wie schön Marequita in dieser ungezwungenen -Fröhlichkeit war – wie bildschön! Der arme Marineoffizier, -der Jahre lang draußen auf öder See -herumgeschwommen, und hier zum ersten Mal wieder -dem Reiz weiblicher Liebenswürdigkeit begegnete und -von dessen Zauber umsponnen wurde, war ganz hingerissen.</p> - -<p>Der Tanz hatte einen Moment aufgehört, und -jetzt begann ein neuer Fandango, noch lebendiger als -der vorige.</p> - -<p>»Marequita,« flüsterte er, indem er seinen Arm -um ihre Taille legte, und sie leise an sich zog, – »Du -bist eine Sirene, Mädchen, und ich könnte verrückt -werden, wenn ich mir nur die Möglichkeit denken -müßte, Dich je wieder zu verlieren – von Dir vergessen -<a class="pagenum" id="page_322" title="322"> </a> -zu sein. Sei mein, Marequita – in kurzer -Zeit kehre ich zurück, und dann folgst Du mir in mein -schönes Vaterland!«</p> - -<p>Marequita sah zu ihm auf, ihre Blicke begegneten -sich, aber in dem ihrigen lag vielmehr Schelmerei als -Liebe – sie hob ihre Hand, und im nächsten Moment -fühlte er, wie sie sich aus seinen Armen wand, zugleich -aber auch seine Mütze ergriff, sich aufsetzte, und -damit einem andern Tänzer entgegenhuschte, mit dem -sie im nächsten Augenblick den Fandango begann. Der -junge Offizier wollte ihr nach, ein alter Californier -aber, der schon den ganzen Abend die rauschende Musik -mit seiner kaum hörbaren Guitarre begleitet hatte, -hielt ihn zurück und rief aus:</p> - -<p>»<i>Caramba, Señor</i>, das geht nicht – das ist ein -Recht der californischen Señioritas beim Fandango, -und wenn Ihr die Mütze wieder haben wollt, müßt Ihr -sie auslösen.«</p> - -<p>»O, wie gern!« rief der junge Mann, indem er -einen Ring vom Finger zog und jetzt die Zeit nicht -erwarten konnte, wo die Geliebte einen Augenblick -vom Tanz zurücktrat.</p> - -<p>Marequita hatte aber nur das Zeichen zu dem -neuen Scherz gegeben, denn die andern jungen Damen -folgten bald ihrem Beispiel, und allerliebst -<a class="pagenum" id="page_323" title="323"> </a> -sahen sie in der That in den kecken Seemannsmützen -aus.</p> - -<p>Jetzt hielt Marequita dicht an der Thür, die in -das Innere des Hauses führte, und der junge Galan -war im Nu an ihrer Seite.</p> - -<p>»Meine theure Marequita,« flüsterte er ihr zu, -»wie glücklich machen Sie mich, daß Sie mir Gelegenheit -geben, Ihnen ein Andenken zurücklassen zu dürfen -– wollen Sie es tragen?« – Und dabei schob -er ihr leise den kleinen goldenen, mit einem Brillant -gezierten Reif an den Finger; »darf ich, Marequita?«</p> - -<p>Hinter Marequita trat ein Mann in einem rothwollenen -Hemd in die Thür. Das braungelockte -Haar hing ihm aber über eine alabasterweiße Stirn -– sein Antlitz selber sah todtenfahl aus, und nur die -großen dunklen Augen überflogen erstaunt den sich -vor ihm öffnenden, buntgeschmückten und hellerleuchteten -Raum. Da traf der letzt geflüsterte Name sein -Ohr, und rasch und wie erschreckt schaute er auf das -vor ihm stehende junge Paar.</p> - -<p>Marequita erröthete tief, als sie den Ring an -ihrem Finger führte, und flüsterte leise:</p> - -<p>»Tausend Dank, Señor, – ich – werde ihn -tragen,« und der junge Mann, in der Erregung des -<a class="pagenum" id="page_324" title="324"> </a> -Augenblicks selbst die Umgebung vergessend, zog -sie an sich und preßte einen heißen Kuß auf ihren -Nacken.</p> - -<p>»Marequita,« sagte eine hohle, tonlose Stimme, -und das junge Mädchen wandte bestürzt den Kopf. -Da fiel ihr Blick auf die bleiche Gestalt und begegnete -den stieren, entsetzlichen Augen, die glühend und -wie verzehrend auf ihr hafteten.</p> - -<p>»<i>Ave Maria Purisima!</i>« schrie da eine entsetzliche -Stimme; es war einer der Krankenwärter, der -sich in den Saal geschlichen, um hier zuzusehen: »der -Wahnsinnige – der todte Wahnsinnige!«</p> - -<p>»Jerome!« stöhnte Marequita und schlug, ehe der -Offizier nur zuspringen konnte, um sie aufzufangen, -schwerfällig und bewußtlos zu Boden nieder.</p> - -<p>»Der Wahnsinnige!« von Mund zu Mund lief -der Schreckensschrei, und entsetzt drängten die Mädchen -von der Stelle hinweg, dem hinteren Theil des -Zimmers zu.</p> - -<p>Ob Jerome begriff, was hier geschah? Einen -Moment stand er selber regungslos, und wie scheu -und erstaunt flog sein Blick über den inneren Raum -– über die wild vor ihm fliehenden Gestalten der -Mädchen. Da schrie der Wärter wieder:</p> - -<p>»Haltet ihn, um der Mutter Gottes willen laßt -<a class="pagenum" id="page_325" title="325"> </a> -ihn nicht fort!« und als ob nur der Ton dieser Stimme -ihn zum Leben zurückgerufen hätte, so zuckte der -Unglückliche empor. Sein Auge glühte, seine ganze -Gestalt hob sich – fast unwillkürlich öffnete er dabei -den Mund und zeigte seine beiden Reihen blinkender -Zähne, daß selbst die ihm nächsten Offiziere scheu -davor zurückwichen.</p> - -<p>»Haltet ihn! haltet ihn!« schrieen jetzt auch Andere, -und drängten vor – nur der junge Offizier -kniete, gar nicht auf den unheimlichen Fremden -achtend, an der Seite der ohnmächtigen Geliebten und -suchte sie zum Leben zu erwecken.</p> - -<p>»Haltet ihn?« kreischte da Jerome, dessen ganze -Wildheit bei dem Rufen auf's Neue erwachte – -»haltet ihn?« und ehe ihn Jemand daran verhindern -konnte, riß er den kurzen Schiffsdolch, den der spanische -Seeoffizier an der Seite trug, aus seiner Scheide; -»haltet ihn?« gellte er noch einmal, die Waffe mit -einem entsetzlichen Lachen schwingend – »Raum da -vorn!« und zum Stoß ausholend, warf er sich mit -wildem Muth mitten auf den dichtesten Schwarm, -der kaum so rasch zur Seite konnte, um ihm Bahn zu -machen.</p> - -<p>Wohl streckten sich hie und da Arme nach ihm -aus, um ihn zu halten, aber nach rechts und links -<a class="pagenum" id="page_326" title="326"> </a> -hinüber – unbekümmert, wen er traf, stieß der scharfe -Stahl – nach rechts und links stürzten die Männer -übereinander, zwei oder drei von ihnen schwer verwundet -– wer hätte sich ihm entgegenwerfen wollen? -und jetzt war er draußen im Freien, in der dunkelen -Nacht.</p> - -<p>»Marequita!« schrie seine gellende Stimme – -»Marequita!« und sein Fuß berührte kaum den Boden, -als er, die blutige Waffe noch immer in der -Faust, an der Mission hin dem Ufer der Bai entgegenflog.</p> - -<p>Einzelne der Tänzer und Zuschauer folgten ihm -allerdings, oder thaten wenigstens so, als ob sie ihm -folgen wollten, aber es holte ihn Niemand ein, und -wenige Minuten später war er in der da draußen -lagernden Finsterniß verschwunden.</p> - -<p>Die Verwirrung, die jetzt in dem bis dahin noch so -belebten Raum entstand, war nicht zu beschreiben, und -an eine Fortsetzung des Tanzes kein Gedanke mehr. -Zitternd und nur unter hinreichender Begleitung -suchten die Mädchen ihre Wohnungen zu erreichen, -und Fackeln wurden dann angezündet, um den entflohenen -Kranken, bei dem es ein Räthsel blieb, wie er -wieder vom Tode erwacht sei, doch noch vielleicht aufzufinden -– aber vergebens. Der Boden war zu sehr -<a class="pagenum" id="page_327" title="327"> </a> -von Menschen zertreten, um irgend einer bestimmten -Spur folgen zu können, und unverrichteter Dinge -kehrten die Männer erst spät in der Nacht zu der -Mission zurück. Auch die Offiziere der spanischen -Fregatte waren indessen wieder an Bord gerudert.</p> - -<p>Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch begannen -die Bewohner der Mission alle ihre Nachforschungen -von Neuem und jetzt mit besserem Muth, denn es -blieb immer ein unbehagliches Gefühl, in Nacht und -Nebel einem bewaffneten Wahnsinnigen hinaus in -die Dunkelheit zu folgen – war auch wohl Keinem -von ihnen am letzten Abend rechter Ernst gewesen. -Jetzt aber gestaltete sich die Sache anders; mit Sonnenlicht -war wenigstens die Gefahr beseitigt, daß der -entsetzliche Mensch im Finstern auf sie einspringen -könne, und auf und ab durchsuchten sie die Nachbarschaft -und selbst den sandigen Waldrand, wo sich die -Fährten leicht erkennen ließen. Sogar nach San-Francisco -wurden Boten gesandt, um das Geschehene -zu melden und dort nach dem Flüchtling zu -forschen.</p> - -<p>Sie hätten nicht nöthig gehabt, so weit nach ihm -zu suchen. Als die Fluth ablief, fanden Fischer seinen -Leichnam auf dem Schlamm unmittelbar am Ufer in -<a class="pagenum" id="page_328" title="328"> </a> -der See und zwar genau in der Richtung, die er -gestern Abend auf seiner Flucht genommen, als er -aus der Thüre des Missionsgebäudes sprang. Es -war auch damals gerade Fluth gewesen und ob er im -Dunkeln von dem steilen Ufer hinab in die See gestürzt, -ob er absichtlich den Tod dort gesucht – wer -hätte es sagen können?</p> - -<p>Er wurde still in das schon für ihn ausgeworfene -Grab gelegt, und drei Tage später verließ auch die -spanische Fregatte die Bai von San-Francisco wieder, -um einer nur ihrem Kapitän bekannten Richtung zuzusteuern.</p> - -<p>Der junge Lieutenant war allerdings noch zweimal -an Land und in dem Hause von Marequita's Eltern -gewesen, wo er das arme Mädchen bleich und in -Thränen fand.</p> - -<p>Und wann kehrte er wieder? – Wer konnte -es sagen; denn sein Weg ging durch eine weite -Strecke – aber mit den heißesten Schwüren betheuerte -er der Jungfrau seine Liebe, und als er -sie endlich verlassen mußte, barg sie laut schluchzend -ihr Antlitz an der Brust des Vaters. – Es -war zu viel für das arme Kind gewesen; zu rasch -war Schlag auf Schlag gefolgt. Von dem Tage -an – tanzte sie nicht mehr, vier volle Wochen -<a class="pagenum" id="page_329" title="329"> </a> -lang. Als ich aber – etwas nach dieser Zeit – -Californien verließ, blüheten ihre Wangen wieder -wie vordem, und sie war unstreitig das schönste -Mädchen und die beste Tänzerin auf der Mission -Dolores.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_330" title="330"> </a> -<span class="ge">Eine Polizeistreife in Cincinnati.</span></h2> - - -<p>Eine so friedliche und geschäftige Stadt das halb -von Deutschen bewohnte Cincinnati ist, so hat sie doch -trotzdem ihr »schlechtes Viertel,« und da sich mir die -Gelegenheit bot, es eines Abends zu besuchen, so versäumte -ich sie nicht.</p> - -<p>In den Hauptstraßen der Stadt und im ganzen -übrigen Theil derselben herrscht nämlich volle -Sicherheit und man kann dort zu jeder Stunde der -Nacht ungefährdet passiren; dieses Viertel aber dürfte -von einem anständig gekleideten Menschen doch lieber -zu vermeiden sein, denn der Auswurf der Bevölkerung -hat dort seinen Wohnsitz aufgeschlagen, und wer sich -dahinein mischt, hat sich die Folgen selber zuzuschreiben. -Ermordungen fallen dort wenigstens gar nicht so selten -vor, und noch am letzten Abend war ein Bootsmann -in einer dieser Winkelgassen erstochen worden, ohne -<a class="pagenum" id="page_331" title="331"> </a> -daß man bis jetzt im Stande gewesen wäre, den Thäter -zu ermitteln.</p> - -<p>Ein Fremder, der sich dort allein hineinwagte, -würde außerdem nichts weiter zu sehen bekommen, als -die der Straße zunächst gelegenen Trinklokale, und -man ihm nie gestatten, weiter in diese Höhlenwirthschaft -einzudringen. Dazu aber hat die Polizei das -volle Recht und macht denn auch davon zu unregelmäßigen -Zeiten Gebrauch, um hie und da einmal -einem dort vielleicht versteckten Verbrecher auf die -Spur zu kommen, oder die Insassen der verschiedenen, -ihnen wohlbekannten Cabachen zu revidiren.</p> - -<p>Einem solchen Streifzug, den zwei Polizeilieutenants -(der Eine von ihnen ein Deutscher) unternahmen, -schloß ich mich mit einem Freunde an, und -etwa um acht Uhr Abends trafen wir uns auf der -einen Polizeistation, die an sich schon manches Interessante -bot.</p> - -<p>Es sind das nämlich die Plätze, wo aufgegriffene -Vagabonden oder auch Verbrecher festgehalten werden, -bis ihre Untersuchung eingeleitet und ihre Strafe -bestimmt werden kann, und die Art, wie man sie dort -unterbringt, ist so eigenthümlich wie praktisch. Man -sperrt sie nämlich keineswegs in kleine, aus dicken -Mauern bestehende Zellen, mit eisenbeschlagenen -<a class="pagenum" id="page_332" title="332"> </a> -Thüren und Schlössern und sorgfältig verwahrten -Oefen, durch welche sie aber noch trotzdem manchmal -ihren Weg zur Flucht suchen, sondern in einem großen -Saal, am Tag durch Fenster, Nachts durch Gas erleuchtet, -stehen vier oder fünf große viereckige, eiserne -Käfige, aus starken Eisenblechbändern zusammengenietet -und ebenfalls mit einem eisernen Boden versehen, -zerstreut, und in ihnen befinden sich die verschiedenen -Gefangenen. Die Zwischenräume zwischen -den Eisenblechstreifen sind aber so weit, daß man -überall leicht einen Arm durchstrecken kann, und gewähren -dadurch über das Innere einen durch nichts -gehemmten Blick. Polizeileute gehen außerdem fortwährend -zwischen den verschiedenen Käfigen hin und -her, und keiner der Insassen kann sich auch nur bewegen, -ohne daß es bemerkt wird. An ein Ausbrechen -ist deßhalb nicht zu denken, und ebensowenig können sie -durch Feuer Unheil anrichten – das Eisen brennt -nicht.</p> - -<p>Eines der Zimmer übrigens mit eben solchen, -aber nicht verschlossenen Käfigen ist für Obdachlose -bestimmt, die selber bei der Polizei Schutz gesucht -haben, und gerade an dem Abend hatten sich zwei -Frauen mit kleinen Kindern da eingefunden, um hier -die Nacht zuzubringen – ja vielleicht auch den andern -<a class="pagenum" id="page_333" title="333"> </a> -Tag. Du lieber Gott, es war doch immer ein Schutz -gegen Wind und Wetter und wer weiß, welches unsagbare -Leid die armen Frauen erst durchgemacht, ehe -sie diese letzte Hülfe in der Noth benützten.</p> - -<p>Wir hielten uns übrigens nicht sehr lange bei der -Besichtigung dieser verschiedenen Gruppen auf, sondern -traten unseren Marsch an, der uns in die östlich gelegenen -Distrikte der Stadt, oder in das sogenannte -Negerviertel führte.</p> - -<p>Zuerst besuchten wir hier eine Negerkirche, die sich, -wenn auch an einem Wochentage, ziemlich stark besucht -zeigte. Besonders ragten die »farbigen« Ladies durch -bunten Putz und Schmuck hervor, und es sollte -mich gar nicht wundern, wenn sie es schon den »weißen« -Ladies abgesehen hätten, nur deßhalb nämlich das -Gotteshaus zu besuchen, um dort ihren bunten Plunder -zur Schau zu tragen.</p> - -<p>Der Geistliche – ein dunkler Mulatte, hielt eine -schale, nichtssagende Predigt voll lauter Phrasen und -dabei ohne jede Begeisterung oder Wärme und etwa -mit einer Betonung auf jedem Wort, als ob er immer -hätte sagen wollen: »Nun, hab' ich nicht recht? – ist -die ganze Sache nicht sonnenklar, und kann irgend ein -vernünftiger Mensch irgend etwas dagegen einzuwenden -haben?« – Er blieb dabei auf der sehr breiten -<a class="pagenum" id="page_334" title="334"> </a> -Kanzel auch nicht etwa stehen, sondern lief darauf hin -und her, sich bald an diesen, bald an jenen Theil seiner -Zuhörer wendend. Große Ruhe schien aber nicht beobachtet -zu werden, denn fortwährend kamen und -gingen Leute, und machten oft Lärmen genug dabei.</p> - -<p>Uebrigens stand diese Kirche genau an der Grenze -des berüchtigten Viertels, und von dort an begannen -schon die einzelnen Buden und Trinklokale, aus denen -hie und da der Ton einer einsamen Violine heraustönte. -Es herrschte auch jetzt gerade kein rechtes Leben -zwischen dieser Menschenklasse, denn der Fluß war zu -niedrig, die Dampfboote konnten nicht fahren, und -gerade die farbigen Dampfbootleute sind es, die hier -ihre Orgien feiern und den schmutzigen Strudel in -Bewegung halten.</p> - -<p>Wir betraten jetzt einige der Plätze, in denen -unten, bei der Beleuchtung eines einzelnen Talglichts, -oder einer Petroleumlampe, schnöder Whisky und -grauenvolle Cigarren feil gehalten wurden, und nicht -einmal mehr geschminkte weiße und schwarze Dirnen, -durcheinander gemischt, ihr Glas tranken und ihre -Cigarre rauchten. Die Herren von der Polizei hielten -sich aber nicht lange in diesen vorderen Räumen auf, -denn was hier weilte, brauchte das Licht – wenigstens -dieser Nachbarschaft – nicht zu scheuen. Sie wußten -<a class="pagenum" id="page_335" title="335"> </a> -auch überall schon genau Bescheid, wohin sie sich zu -wenden hatten; bald krochen sie, unmittelbar hinter -dem Schenkstand, eine steile Treppe empor, die eher -einer Leiter glich, bald wandten sie sich der Hinterthür -zu, schritten über einen engen, stockfinsteren Hofraum -und überraschten dadurch die Bewohner eines baufälligen, -halbverfallenen Hinterhauses.</p> - -<p>Wir folgten ihnen natürlich auf dem Fuß und: -»Jammer, von keiner Menschenseele zu fassen!« hätte -ich manchmal ausrufen mögen, wenn wir einzelne -dieser höhlenartigen Wohnungen betraten.</p> - -<p>Dort, unter Lumpen, lag auf einer schmutzigen -Strohmatratze eine menschliche Gestalt zusammengekauert.</p> - -<p>»Wer ist das?«</p> - -<p>»Meine Schwester,« sagte eine alte, in der Ecke -kauernde Frau, die man natürlich keines Grußes gewürdigt -hatte, »sie ist krank.«</p> - -<p>Auf dem Tisch flackerte ein fast niedergebranntes -Talglicht seinen düsteren, unbestimmten Schein durch -das Gemach, blies doch der kalte Nachtwind durch drei -oder vier losgefaulte Planken in der Wand, aber der -amerikanische Polizeilieutenant begnügte sich nicht mit -der Antwort – war es doch ein zu gewöhnlicher Kniff -dieser Art Leute, irgend Jemanden, den sie verstecken -<a class="pagenum" id="page_336" title="336"> </a> -wollten, für einen Kranken auszugeben. Er zog -ziemlich unsanft die Decke fort, und scheu und erschreckt -schaute ein hohläugiges, bleiches Antlitz zu ihm auf. -Es war in der That die kranke Schwester.</p> - -<p>»Holla, Betsy, seit wann seid Ihr wieder nach -Cincinnati gekommen?«</p> - -<p>Die Kranke konnte nicht antworten und zog die -Glieder fröstelnd zusammen, so daß der Lieutenant ihr -die Decke wieder überwarf. Die Schwester antwortete -für sie.</p> - -<p>»Ihr Mann hat sie so mißhandelt und die wenigen -Cents, die sie verdient, auch noch vertrunken, ohne ihr -je nur einen Laib Brod in's Haus zu tragen. Da hat -sie sich hier herunter geschleppt, um hier zu sterben.«</p> - -<p>Es war ein Bild des Jammers, nicht des Verbrechens -und doch lehnte daneben auf einer alten -Schiffskiste ein halbtrunkenes schwarzes Mädchen, -das nur noch genug Besinnung hatte, um die zerfetzten -Oberkleider ein wenig zusammen zu raffen.</p> - -<p>Wir gingen weiter. Aus diesem Hintergebäude -gleich in ein anderes hinübersteigend – und der Weg -war nicht angenehm, denn man sah gar nicht, wohin -man den Fuß setzte, – erreichten wir ein niederes, -schmales Haus, in welchem oben, in zwei verschiedenen -Fenstern Licht brannte. Ohne Zögern stiegen wir die -<a class="pagenum" id="page_337" title="337"> </a> -eine, durch die offenstehende, obere Thür matt beleuchtete -Treppe hinan und fanden oben in dem Gemach Gesellschaft. -Zwei junge, weiße Damen lebten hier in -dem ärmlichen Raum, und auf einem dreibeinigen -Stuhl saß ein Neger-Elegant, seinen Filzhut etwas -verlegen in der Hand herumdrehend.</p> - -<p>Der eine Polizeilieutenant trat, ohne die Gruppe -mehr als eines flüchtigen Blickes zu würdigen, in das -nächste Zimmer und leuchtete hinein – aber es war -leer. Eines der beiden Mädchen wohnte wahrscheinlich -darin, und war hier auch wohl weiter nichts Verdächtiges -zu finden – nichts wenigstens, gegen was die -Gesetze des Staates hätten einschreiten können.</p> - -<p>Als wir die Straße wieder erreichten, hörten wir -in einer der nächsten Negerspelunken Musik und fanden -den Raum gedrängt voll Menschen. Ein paar von -diesen drückten sich nun wohl ab, als sie die Polizeiuniformen -erkannten, denn es giebt Konstitutionen, -denen dieselben antipathisch sind; die meisten hielten -aber wacker Stand, und wir fanden jetzt im Inneren -einen alten Neger, beide Hände auf das Widerlichste -verkrüppelt, der mit den Stumpfen eine Art von -Banjo spielte und mit dicker, schwerer Stimme ein -paar amerikanische Gassenhauer in seinem Negerdialekt -sang.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_338" title="338"> </a> -Der eine Polizeilieutenant wünschte mir gern den -Genuß eines Negertanzes zu machen, aber die Damen -schienen sich zu geniren; es wollte keine den Anfang -machen, bis er sich eine aus dem Schwarm herausfing -und ihr ein Stück Papiergeld vorhielt, das sie haben -sollte, wenn sie eine Jig tanzte. Sie schien allerdings, -trotz dem Geld, keine besondere Lust dazu zu haben, -sah aber auch, daß sie nicht wieder fortkonnte, denn er -hielt sie fest, und griff deßhalb nach dem Gelde. Es -war eine kleine dicke, wie es schien, unbehülfliche Gestalt, -warf aber jetzt die Füße nach dem Takt der von -dem alten Neger gespielten Musik mit außerordentlicher -Geschicklichkeit um sich, daß sie mit Hacken und -Zehen selbst die Zweiunddreißigstel zu den Achtelnoten -schlug. Wie wir aber nun glaubten, daß sie -jetzt selber warm in dem Tanz geworden wäre, machte -sie plötzlich einen Seitensprung und tauchte mitten -zwischen die laut auflachende Zuschauermasse unter, -aus der sie natürlich nicht wieder herausgefischt werden -konnte.</p> - -<p>Das genügte übrigens auch vollständig für eine -Probe, und wir schritten über die Straße nach einem -anderen Gebäude hinüber, dem die Polizisten nicht -recht zu trauen schienen. Dort fanden wir in einem -Raum, den ein einzelner Mann fast beanspruchen -<a class="pagenum" id="page_339" title="339"> </a> -würde, wenn er bequem leben sollte, eine ganze Kolonie -von Familien, und zwar zwei Negerfamilien und -– eine deutsche in Schmutz und Unrath dabei, den es -nicht möglich wäre zu beschreiben. Ich konnte mir -auch nicht helfen und frug den Deutschen, wie er nur -im Stande sei, es in einer solchen Pesthöhle mit den -Seinen auszuhalten, aber er zuckte die Achseln und -meinte: »es wäre ihm hier in Amerika nicht besonders -gut gegangen, und die Neger seien nicht so schlimm, als sie -gemacht würden; es ließe sich recht gut mit ihnen leben.«</p> - -<p>Der deutsche Polizeilieutenant sagte mir übrigens -nachher, daß nicht etwa die Noth deutsche Familien in -einen solchen Zufluchtsort dränge, sondern daß sich -derartiges Volk wahrscheinlich schon daheim in ähnlicher -Umgebung herumgetrieben habe, oder hier durch -lüderliches Leben dazu gebracht sei. Uebrigens wären -die Fälle gar nicht etwa so selten, und ich könnte verschiedene -»deutsche Familien« in »ähnlicher Art« gehaust -finden.</p> - -<p>Wieder in die Straße hinüberkreuzend, betraten -wir ein anderes Schenklokal, in welchem drei Neger -Karten mitsammen spielten.</p> - -<p>»Wo habt ihr denn den Einsatz?« frug sie der -Polizeimann, und sie wußten recht gut, daß sie nicht -um Geld spielen durften.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_340" title="340"> </a> -»O, Mister,« sagte der eine Neger grinsend, »wissen -wohl, wir sind viel zu arm, als daß wir um Geld -spielen könnten – spielen nur darum, wer von uns -nächstes Jahr Präsident wird.«</p> - -<p>Der Polizeilieutenant lachte und ging der Hinterthür -zu.</p> - -<p>»<i>For Gods sake Massa!</i>« sagte der eine Neger -aufspringend, und mit ziemlich lauter Stimme: -»Nehmen Sie sich in Acht, ist ein großes Loch im -Hof.«</p> - -<p>»Schon gut, mein Bursch,« rief aber der Polizeimann -ärgerlich, »kümmere Du Dich um Dich; ich -kenne den Platz vielleicht so gut wie Du« – und ohne -sich weiter irre machen zu lassen, stieg er im Hof rasch -einige in den Grund gestochene Stufen – die bei -Regenwetter völlig unpassirbar sein mußten – hinauf -und verschwand dann in dem oberen Haus oder vielmehr -in der Dunkelheit. Ich muß jedoch gestehen, -daß wir Anderen ihm viel vorsichtiger folgten, denn -die Warnung mit dem tiefen Loch war an uns nicht so -spurlos vorübergegangen. Wir erreichten jedoch glücklich -das obere Gebäude, ohne freilich etwas Verdächtiges -dort zu finden. Hatte sich irgend Jemand da -versteckt gehabt, so war es ihm auch ein Leichtes gewesen, -sich aus dem Staub zu machen, denn er brauchte -<a class="pagenum" id="page_341" title="341"> </a> -nur über eine der nächsten, niederen Planken zu steigen, -um damit schon vollständig aus Sicht und Bereich zu -kommen.</p> - -<p>In der nächsten Bude fanden wir, neben anderen -weiblichen Gästen, eine junge, aber sehr leidend aussehende -Frau, die nichtsdestoweniger ein Glas mit -Whisky vor sich stehen hatte.</p> - -<p>»Und bist Du wirklich hier wieder zurück in das -Viertel gekommen, Margot?« sagte der Amerikaner, -»hast Du nicht fest versprochen, daß wir Dich hier -nicht wieder finden sollten?«</p> - -<p>»Ich halte auch mein Versprechen,« sagte die junge -Frau finster und leerte dabei das Glas auf einen Zug; -»habt keine Furcht, daß Ihr mich hier wieder trefft, -denn zum zweiten Mal möchte ich das nicht durchmachen. -Nur hereingekommen bin ich, um meine -Kiste abzuholen, aber vor einer Viertelstunde kam der -Mann erst mit seinem Pferd nach Haus, und jetzt -muß ich hier schon noch einmal die Nacht schlafen. -Heute bringt er sie mir nicht mehr fort, und wenn ich -ihm einen Dollar dafür böte.«</p> - -<p>Es war überall das Nämliche: Jammer und -Elend, aber nirgends Rauferei oder wüster Lärm, -eine sichere Folge der schweren Zeiten. Bei nur geringem -Verdienst konnten die Leute die fabelhaft hohen Whiskypreise -<a class="pagenum" id="page_342" title="342"> </a> -nicht mehr erschwingen, denn wo sie sonst die -Flasche um zehn Cents gehabt, sollten sie jetzt einen -Dollar dafür bezahlen – deßhalb auch dieser anscheinend -moralische Frieden in dem »schlechten -Viertel.«</p> - -<p>Auf dem Rückweg nach dem bessern Theil der -Stadt sprachen wir noch, der Merkwürdigkeit wegen, -in einem echten Negerbillardsaal vor, denn die schwarzen, -neugebackenen »Gentlemen« haben sich jetzt eifrig -diesem Spiele zugewendet. Der Besitzer desselben -schien indessen ebenfalls unter den »schlechten Zeiten« -zu leiden, denn wir fanden keinen einzigen Gast mehr -in dem elegant genug ausgestatteten Raum, der, eine -Treppe hoch gelegen, ein großes, hübsches Billard und -einen reich ausgestatteten Schenkstand zeigte. Wir -tranken auch dort einmal und ließen uns einige Cigarren -geben und fanden beides, Getränk und Tabak, -gut und preiswürdig.</p> - -<p>Am nächsten Morgen wohnte ich auch einer Gerichtssitzung -bei, wo die über Nacht aufgebrachten Vagabonden -abgeurtheilt und verschiedene andere Dinge -verhandelt wurden. Es war aber die alte, sich ewig -wiederholende Geschichte: Trunkene, die in ihrem -Rausch Prügeleien angefangen, Frauen, die von ihren -Männern mißhandelt worden, und in ihrer Verzweiflung -<a class="pagenum" id="page_343" title="343"> </a> -bei den Gerichten Schutz suchten, nichtsnutzige -Dirnen, die einander in die Haare gerathen, und -würdige dicke Damen, die Hüte mit allen möglichen -seidenen Bändern und Blumen besteckt, die bezüchtigt -waren, ein lüderliches Haus zu halten, das durch -seinen ewigen Lärm die Nachbarschaft ununterbrochen -störte. Es that Einem dann ordentlich in der Seele -wohl, die gerechte Entrüstung zu sehen, mit welcher sie -eine solche Verdächtigung von sich wiesen, und die Resignation -zugleich, mit der sie sich zu fünfzig Dollars -Strafe oder auch sechs Monat Gefängniß verurtheilen -ließen. Ueberhaupt fiel mir auf, daß die Strafen -von einem alten, sehr ruhigen Herrn, besonders für -Straßenunfug, außerordentlich streng und unerbittlich -diktirt wurden. Sechs bis zehn Monat Arbeitshaus -kamen in den paar Stunden für gewöhnlichen Unfug -mehrere Male vor, aber es mag auch unumgänglich -nöthig sein, denn wenn man nur in die von Verbrechen -und allen bösen Leidenschaften gefurchten Züge dieser -Menschenklasse schaut, so kann man sich nicht verhehlen, -daß sie eine leichte Strafe nur verspotten würden. -Selbst diese kann sie nicht heilen, sondern entzieht sie -nur für kurze Zeit ihrem lüderlichen und wüsten -Leben, das sie, wenn wieder freigegeben, doch augenblicklich -von Neuem beginnen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_344" title="344"> </a> -Ein höchst interessanter Fall kam an dem Morgen -vor, leider aber nicht zur Entscheidung, und zwar ein -junges, der Brandstiftung beschuldigtes Mädchen. -In der Nachbarschaft waren, bald hintereinander -in unerklärlicher Weise, mehrere Brände ausgebrochen, -und das halbe Kind, denn sie konnte kaum -dreizehn Jahre zählen, wurde beschuldigt, das Feuer -an allen diesen Stellen angelegt, ja es sogar gegen -Einen der Zeugen gestanden zu haben. Aber keiner -von Allen klagte sie an, die That böswillig verübt zu -haben, denn dazu lag nicht der geringste Grund vor, -der dagegen in einer Art von Wahnsinn, in einer -Krankheit, gesucht werden sollte, die sie zwang, überall -Feuer anzulegen, um sich nachher an der Gluth zu -freuen.</p> - -<p>Sie selber saß gebückt auf der Anklagebank, und -das große Bonnet, das sie trug, beschattete ihre, nur -selten sichtbaren Züge. Ihr Advokat saß an ihrer -Seite, flüsterte nur manchmal mit ihr, und behauptete -ihre Unschuld. Sie selber sprach fast gar nicht, -nur wenn er sich mit einer Frage leise an sie wandte, -schien sie mit ein paar ganz kurzen Worten zu erwiedern. -Die gegen sie vorgebrachten Verdachtgründe -reichten indessen noch lange nicht hin, sie zu verurtheilen -– wirkliche Beweise waren gar nicht vorhanden, -<a class="pagenum" id="page_345" title="345"> </a> -und der Fall mußte deshalb auf einige Zeit hinausgeschoben -werden, um beiden Theilen Gelegenheit -zu geben, sich zu Anklage wie Vertheidigung zu -rüsten.</p> - -<p>Leider verließ ich schon vor der Zeit Cincinnati.</p> - - -<p class="ce mt2"><a class="pagenum" id="page_346" title="346"> </a> -<span class="fss ge">Leipzig,</span><br /> -<span class="fsxs">Druck von Giesecke & Devrient.</span></p> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">In "Den Teufel an die Wand malen" fehlen Kennzeichnung und Überschrift des siebten Kapitels.</p> - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription -werden <em class="ge">gesperrt</em> gesetzte Schrift sowie Textanteile in <i>Antiqua-Schrift</i> -hervorgehoben.</p> - -<p class="in0">Fehlende und falsch gesetzte Anführungszeichen wurden korrigiert, -sowie gegebenenfalls "«," geändert in ",«".</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie -beispielsweise -"Billette" – "Billete", "Cajüte" – "Kajüte", -"Compaß" – "Kompaß", -"erwiderte" – "erwiederte", "Hôtel" – "Hotel", -"müssig" – "müßig", "Paar" – "paar", -"weshalb" – "weßhalb",</p> - -<p class="in0">mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br /> -"hiel" geändert in "hielt"<br /> -(in der Hand ein großes Herz hielt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br /> -"," entfernt hinter "sie"<br /> -(wie man sie wohl von Pfefferkuchen macht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_001">1</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(ohne vorheriges Anklopfen, die der Wand gegenüber)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(einen guten und väterlichen Rath zu ertheilen.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"grünbebewachsenen" geändert in "grünbewachsenen"<br /> -(einem grünbewachsenen, ziemlich schräg abfallenden)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_005">5</a>:<br /> -"irgend wo" geändert in "irgendwo"<br /> -(noch irgendwo einen Räuberhauptmann anbringen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_013">13</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(»Und woher willst Du das wissen?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_025">25</a>:<br /> -"So bald" geändert in "Sobald"<br /> -(Sobald er aber hinter die Aehnlichkeit kommt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_028">28</a>:<br /> -"meist" geändert in "meinst"<br /> -(daß Du es wirklich gut mit mir meinst)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_030">30</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(und fürchte fast, daß ich morgen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_033">33</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(aber er fing an, die Sache in einem anderen Licht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_033">33</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(und beschloß deshalb, langsam und in aller Ruhe)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br /> -"ab" geändert in "ob"<br /> -(sondern als ob sein eigenes Schicksal)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"ein" geändert in "eine"<br /> -(Also eine Mademoiselle war die Dame)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Papa,« sagte Clemence)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Unsinn,« rief lachend der alte Herr)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"." geändert in ","<br /> -(»Nichts daran auszusetzen,« wiederholte der Vater)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_047">47</a>:<br /> -"Wären" geändert in "Waren"<br /> -(Waren Sie jener junge Fremde?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_053">53</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(fand ihn entschlossen, heute sich durch Nichts)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br /> -"Sie" geändert in "sie"<br /> -(»Nein,« sagte sie)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br /> -"Sie" geändert in "sie"<br /> -(setzte sie freundlicher hinzu)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(»Und wo hält er sich jetzt auf?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br /> -"du" geändert in "Du"<br /> -(Bleibst Du hier in M–?)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_118">118</a>:<br /> -"Biberich" geändert in "Bieberich"<br /> -(»Und wohin wenden wir uns von Bieberich?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_122">122</a>:<br /> -"hatt" geändert in "hatte"<br /> -(und sie hatte nicht viel Zeit)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_123">123</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(»Ich habe einen Begleiter gefunden,« sagte Clemence)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_136">136</a>:<br /> -"vorrigen" geändert in "vorigen"<br /> -(ganz das nämliche im vorigen Jahr)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_140">140</a>:<br /> -vertauschte "," und "." korrigiert<br /> -(setzte, denn von dem Augenblick an hielt sie sich für sicher.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_144">144</a>:<br /> -"so bald" geändert in "sobald"<br /> -(denn sobald er die lieben)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_159">159</a>:<br /> -"Trautena" geändert in "Trautenau"<br /> -(Aber Trautenau war nicht in der Stimmung)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_160">160</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(»Wir sind die Ersten,« begann der Officier)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_165">165</a>:<br /> -"Hauskecht" geändert in "Hausknecht"<br /> -(was ich eben von dem Hausknecht gehört)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_182">182</a>:<br /> -"den" geändert in "denn"<br /> -(denn auf den anderen Inseln waren die Früchte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_184">184</a>:<br /> -"Kapitan" geändert in "Kapitän"<br /> -(Der Kapitän hoffte noch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_186">186</a>:<br /> -"ihre" geändert in "Ihre"<br /> -(Rufen Sie Ihre Wacht an Deck.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_189">189</a>:<br /> -"," hinter "dem" entfernt<br /> -(fühlten sie mit dem ausgeworfenen Loth)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_201">201</a>:<br /> -"?" geändert in "!"<br /> -(Die Schwarzen haben Booby-island besetzt!)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_214">214</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Steuermann – Ihr, Bill)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_222">222</a>:<br /> -"Zimmermannn" geändert in "Zimmermann"<br /> -(Der Zimmermann that dies mit Vergnügen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_227">227</a>:<br /> -"ihm" geändert in "im"<br /> -(Tabaksbeutel vorn im Knopfloch baumelnd)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_238">238</a>:<br /> -"mußte" geändert in "wußte"<br /> -(von dem lustigen Leben draußen wenig wußte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_252">252</a>:<br /> -";" geändert in ":"<br /> -(seinen Hut schnell herunterreißend, erwiederte er höflich:)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_263">263</a>:<br /> -"keinen" geändert in "kleinen"<br /> -(dem Haus mit dem kleinen Thurm)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_265">265</a>:<br /> -"ihn" geändert in "ihm"<br /> -(Lange Zeit ließen ihm aber die Insassen nicht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_273">273</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(Und nun komm, Kamerad – es ist Zeit.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_276">276</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(von Seeschlangen, Algen und Korallen keine Spur)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_278">278</a>:<br /> -"." geändert in "?"<br /> -(stammelte Hasenmeier, »hab' ich denn Alles bezahlt?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_278">278</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(bist Du aber noch schuldig, mein Bursch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_300">300</a>:<br /> -"Aufenthalsort" geändert in "Aufenthaltsort"<br /> -(in jenem entsetzlichen Aufenthaltsort liegen bleiben)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Kreuz und Quer, Erster Band, by -Friedrich Gerstäcker - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KREUZ UND QUER, ERSTER BAND *** - -***** This file should be named 54555-h.htm or 54555-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/5/5/54555/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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