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-The Project Gutenberg EBook of Sewastopol, by Leo N. Tolstoj
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Sewastopol
-
-Author: Leo N. Tolstoj
-
-Editor: Raphael Löwenfeld
-
-Illustrator: J. V. Cissarz
-
-Release Date: April 17, 2017 [EBook #54560]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEWASTOPOL ***
-
-
-
-
-Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
-Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an,
-Umschließungen mit _ Text, der im Original in einer anderen Schriftart
-dargestellt war.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden
-Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter
-belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des
-Buchs.
-
-Im Original beginnt jeder Abschnitt mit einem Ornament, und jede
-Geschichte endet so. Diese sind für die reine Textfassung entfernt
-worden.
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-
- Leo N. Tolstoj
- Novellen Band _III_
-
-
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-
- Leo N. Tolstoj
-
- Sämtliche Werke
-
- Von dem Verfasser genehmigte
- Ausgabe von
- Raphael Löwenfeld
-
- III. Serie
-
- Dichterische Schriften
-
- Band
- 5
-
- Mit Buchausstattung von J. B. Cissarz
-
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-
-
- Leo N. Tolstoj
-
- Sewastopol
-
- im Dezember * Sewastopol im Mai * Sewastopol im August *
- Der Holzschlag * Begegnung im Felde * Der Überfall
-
- 3. Auflage
-
- Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig 1901
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Sewastopol im Dezember 1
-
- Sewastopol im Mai 34
-
- Sewastopol im August 105
-
-
- *Kaukasische Erzählungen*
-
- Ein Überfall 217
-
- Der Holzschlag 267
-
- Begegnung im Felde 339
-
-
-
-
-Sewastopol
-
-im Dezember 1854, im Mai und
-August 1855
-
-
-Leo Tolstoj war aus dem Kaukasus in die Heimat zurückgekehrt. Er
-war Soldat und konnte sich -- nach den kleinen Scharmützeln mit den
-ungebändigten Gebirgsstämmen, -- auch dem gewaltigen Völkerkriege
-nicht entziehen, dessen Schauplatz die Krim ward. Vor Sewastopol fiel
-die Entscheidung in diesem ungleichen Kampfe, den Rußland gegen zwei
-Großmächte des Westens zu führen hatte.
-
-Am 23. September hatten die Russen ihre ganze Flotte in das Schwarze
-Meer versenkt, um den Angriff von der Seeseite her zu vereiteln, und
-Totlebens Kunst hatte die Festung durch Aufführung von Forts und
-Bastionen zu einer fast uneinnehmbaren gemacht. Die fortgesetzte
-Beschießung aber mit ihren Opfern an Menschenleben, die Abschneidung
-der Zufuhr von Lebensmitteln und die gänzliche Ermattung des russischen
-Heeres führten endlich am 27. August 1855 nach einem furchtbaren
-Sturmangriff zur Uebergabe Sewastopols.
-
-Alle Leiden des russischen Heeres hatte der junge Offizier in der
-vierten Bastion, an einer der gefährlichsten Stellen der belagerten
-Festung, mitgemacht. Und gewohnt, das Erlebte im dichterischen
-Spiegelbilde festzuhalten, bannte Leo Tolstoj auch die Leidenstage von
-Sewastopol in drei gewaltige Schilderungen, die das entzückte Rußland
-mit steigender Bewunderung las, während noch der Heldenmut seiner
-Söhne vergeblich um den Sieg rang. Kaiser Nikolaus selbst, der Urheber
-des großen Völkerunglücks, war von dem Werke des jungen Offiziers
-begeistert. Er gab den Befehl, ihn von dem gefährlichen Orte zu
-entfernen, damit das Leben eines zukunftsreichen Talents geschont werde.
-
-Tolstoj wählte für seine Schilderungen den Anfang, den Höhepunkt und
-das Ende der Kämpfe vor Sewastopol, und benennt sie äußerlich nach der
-Zeit: Sewastopol im Dezember, Sewastopol im Mai, Sewastopol im August.
-
-Aus diesen drei Augenblicksbildern sprechen mit beredten Worten das
-tiefe Mitgefühl mit den Leiden des Volks, die Bewunderung für seine
-unwandelbare Tapferkeit und Leidensfähigkeit, der große Schmerz um den
-Völkerwahn des Krieges, die Geringschätzung für Eigenschaften, die eine
-hergebrachte Anschauung Tugenden nennt -- genug, all die Grundideen
-Tolstojscher Ethik, die auch in seinen anderen dichterischen Werken zum
-Ausdruck kommen, und die erst im sechsten Jahrzehnt seines Lebens sich
-zu einer systematischen Weltanschauung verdichten sollten.
-
-Aber trotz des scheinbar auf sittliche Ziele gerichteten Inhalts ist
-die Schilderung von ruhigster Sachlichkeit. Dem Dichter ist nichts
-gut, nichts böse; nicht zur Nachahmung aneifern will er in seinen
-Schilderungen der Tapferkeit, nicht abschrecken vom Bösen durch
-grausige Darstellung des Entsetzlichen, nicht einmal in den einzelnen
-Personen, die er handeln läßt, Muster kriegerischer Tugenden oder
-abschreckende Beispiele des Gegenteils vorführen. Die Menschen alle
-»können nicht die Uebelthäter, noch die Helden der Erzählung sein«.
-
-»Der Held meiner Erzählung -- sagt Tolstoj -- den ich mit der ganzen
-Kraft meiner Seele liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht
-war, und der immer schön gewesen ist und immer schön sein wird -- ist
-die Wahrheit.«
-
-Erscheinen in dieser Hinsicht die Schilderungen der Sewastopoler Kämpfe
-gewissermaßen als eine kunstlose Wiedergabe der Wirklichkeit, so zeigt
-sich die berechnende Kunst des Dichters deutlich in der Steigerung, die
-in der Wahl der drei Momente liegt, die von entscheidender Bedeutung
-für den Krieg waren: die Zeit der Entwicklung, der Wendung und des
-tragischen Abschlusses.
-
-Alle drei Skizzen sind unter den Eindrücken der Sewastopoler
-Leidenstage selbst geschrieben, in den Jahren 1854 und 1855. Zwischen
-ihnen liegt nur die Abfassung der kurzen Erzählung: »Der Holzschlag«.
-
-Die Kritik nahm die Sewastopoler Skizzen mit Bewunderung auf. Sie waren
-das erste Werk Leo Tolstojs, das einen allgemeinen, unbestrittenen
-Erfolg hatte. Das lesende Rußland sah in den poetischen Schilderungen
-des Grafen Tolstoj nicht bloß interessante Thatsachen in der Wiedergabe
-eines Augenzeugen, nicht bloß begeisterte Erzählungen von Heldenthaten,
-die auch den Leidenschaftslosesten hätten fortreißen können; jeder
-Leser erblickte darin die Verherrlichung der nationalen Tapferkeit und
-die Verewigung ihres Andenkens.
-
-Nie vorher hatte Rußland Soldatenschilderungen solcher Art gekannt.
-Skobelews vielgelesene Erzählungen waren unter den Vorurteilen einer
-schönfärberischen Vaterlandsliebe entstanden und sind die Schöpfungen
-einer mittelmäßigen Dichtergabe. Tolstoj strebte nach einer treuen
-Wirklichkeitsschilderung und besaß zugleich die Kraft, dem Alltäglichen
-den Charakter des Erhabenen zu geben.
-
- R. L.
-
-
-
-
-*Sewastopol* im December 1854
-
-
-Eben beginnt die Morgenröte den Horizont über dem Ssapunberg zu
-färben; die dunkelblaue Meeresfläche hat bereits das nächtliche Dunkel
-abgestreift und erwartet den ersten Sonnenstrahl, um in glänzenden
-Farben zu spielen; von der Bucht her weht es kalt und neblig; es
-liegt kein Schnee, alles ist schwarz, aber der scharfe Morgenfrost
-greift das Gesicht an und macht die Erde unter den Füßen knirschen;
-nur das entfernte, unaufhörliche, bisweilen von rollenden Schüssen in
-Sewastopol übertönte Brausen des Meeres unterbricht die Stille des
-Morgens. Auf den Schiffen ist es still; die achte Stunde schlägt.
-
-Auf der Nordseite beginnt allmählich die Ruhe der Nacht der Thätigkeit
-des Tages zu weichen: hier marschiert eine Wachablösung, mit den
-Gewehren klirrend, vorbei; dort eilt ein Arzt schon ins Lazarett;
-hier kriecht ein Soldat aus einer Erdhütte, wäscht sich mit eisigem
-Wasser das sonnenverbrannte Gesicht und betet, nach dem sich rötenden
-Osten gewendet und sich schnell bekreuzigend, zu Gott; hier
-schleppt knarrend eine hohe, schwere, mit Kamelen bespannte Madshara
-(tatarischer Bauernwagen) blutige Leichen, mit denen sie fast bis an
-den Rand beladen ist, zur Beerdigung auf den Kirchhof ... Wir gehen
-auf den Hafen zu, -- hier schlägt uns ein eigentümlicher Geruch von
-Steinkohlen, Dünger, Feuchtigkeit und Fleisch entgegen; tausend
-verschiedenartige Gegenstände -- Brennholz, Fleisch, Schanzkörbe, Mehl,
-Eisen u. s. w. -- liegen haufenweis am Hafen; Soldaten verschiedener
-Regimenter, mit Säcken und Gewehren, ohne Säcke und ohne Gewehre,
-drängen sich hier, rauchen, zanken sich, schleppen Lasten auf den
-Dampfer, der rauchend an der Landungsbrücke liegt; Privatkähne, voll
-von allerlei Volk, -- von Soldaten, Seeleuten, Kaufleuten, Weibern, --
-legen an oder stoßen ab.
-
-Nach der Grafßkaja, Euer Wohlgeboren, wenn's gefällig ist! bieten uns
-zwei oder drei verabschiedete Matrosen ihre Dienste an, indem sie in
-ihren Böten aufstehen.
-
-Wir wählen den, der uns am nächsten ist, schreiten über den
-halbverfaulten Kadaver eines braunen Pferdes, der hier im Schmutz in
-der Nähe des Bootes liegt, und gehen an's Steuerruder. Wir stoßen vom
-Ufer ab. Rings um uns haben wir das schon in der Morgensonne glänzende
-Meer, vor uns den alten Matrosen, in einem Überrock aus Kamelhaar, und
-einen blonden Knaben, die unter Schweigen emsig die Ruder führen.
-Wir sehen die vielen segelfertigen Schiffe, die nah und fern in der
-Bucht zerstreut sind, die kleinen, schwarzen Punkte der auf dem
-glänzenden Azur des Meeres sich bewegenden Schaluppen und die auf der
-andern Seite der Bucht befindlichen, durch die hellroten Strahlen der
-Morgensonne gefärbten, schönen und hellen Häuser der Stadt; wir sehen
-die schaumbespritzte Linie des Molo und der versenkten Schiffe, deren
-schwarze Mastenspitzen hie und da düster aus dem Wasser ragen; unserm
-Blicke begegnet die entfernte feindliche Flotte, die am kristallenen
-Horizont des Meeres unthätig daliegt, endlich sehen wir die durch
-unsere Ruder in den schäumenden Wellen in die Höhe geworfenen und
-springenden Tropfen der Salzflut; wir hören den einförmigen Laut von
-Stimmen, die über das Wasser her zu uns dringen, und die majestätischen
-Töne der Kanonade, die, wie uns scheint, immer stärker wird in
-Sewastopol.
-
-Es ist unmöglich, daß bei dem Gedanken: auch wir sind in Sewastopol,
-unsere Seele nicht das Gefühl eines gewissen Mutes und Stolzes
-durchdringe, und das Blut nicht schneller in unsern Adern fließe.
-
-Euer Wohlgeboren! Steuern Sie direkt auf den Kistentin (das Schiff
-»Konstantin«), sagt zu uns der alte Matrose, indem er sich rückwärts
-wendet, um die Richtung, die wir dem Boote geben, zu berichtigen, das
-Steuerruder rechts!
-
-Und er hat noch all seine Kanonen! bemerkt der blonde Bursche, während
-er am Schiffe vorbeirudert und es betrachtet.
-
-Freilich. Er ist neu, Kornilow hat ihn befehligt, bemerkt der Alte,
-indem er ebenfalls das Schiff betrachtet.
-
-Sieh, wie sie geplatzt ist! sagt der Knabe nach einem längeren
-Schweigen, indem er auf ein weißes Wölkchen zerfließenden Rauches
-sieht, das sich plötzlich hoch über der südlichen Bucht erhebt und von
-dem lauten Krachen einer platzenden Bombe begleitet ist.
-
-Er feuert heut aus einer neuen Batterie, fügt der Alte hinzu, indem
-er sich gleichmütig in die Hände spuckt. Nun, Mischka, zugerudert,
-wir wollen die Barkasse überholen! ... Und unser Boot eilt schneller
-vorwärts über die weite, wogende Bucht, überholt wirklich die schwere
-Barkasse, die mit Säcken beladen ist und von ungeschickten Soldaten
-ungleich gerudert wird, und landet, zwischen einer Menge am Ufer
-befestigter Böte, im Grafßkaja-Hafen.
-
-Auf dem Uferdamm bewegen sich lärmend Scharen von Soldaten in
-grauen Mänteln, von Matrosen in schwarzen Winterröcken und von
-buntgekleideten Frauen. Alte Weiber verkaufen Semmeln, Bauern mit
-Theemaschinen schreien: »Heißer Sbitjen!«[A] und dort auf den ersten
-Stufen der nach dem Landungsplatz führenden Treppe liegen verrostete
-Kanonenkugeln, Bomben, Kartätschen und gußeiserne Kanonen verschiedenen
-Kalibers; etwas weiter ist ein großer Platz, auf dem mächtige Balken,
-Kanonenlafetten, schlafende Soldaten liegen, und Pferde, Fuhrwerke,
-grüne Pulverkasten mit Geschützen, und Sturmgeräte der Infanterie
-stehen; Soldaten, Matrosen, Offiziere, Weiber, Kinder und Kaufleute
-bewegen sich durcheinander; Bauernwagen mit Heu, mit Säcken und Fässern
-kommen angefahren; hier reitet ein Kosak und ein Offizier, dort fährt
-ein General in einer Droschke. Rechts ist die Straße durch eine
-Barrikade gesperrt, auf der in Schießscharten kleine Kanonen stehen;
-neben diesen sitzt, seine Pfeife rauchend, ein Matrose. Links erhebt
-sich ein hübsches Haus mit römischen Ziffern an der Stirnseite, vor
-dem Soldaten neben blutigen Tragbahren stehen, -- überall sehen wir
-die häßlichen Spuren des Lagerlebens im Kriege. Der erste Eindruck,
-den wir empfinden, ist jedenfalls der unangenehmste; die eigentümliche
-Vermischung des Lagerlebens mit städtischem Leben und Treiben, der
-schönen Stadt mit dem schmutzigen Biwak ist nicht nur unschön, sondern
-kommt uns wie ein widerwärtiges Durcheinander vor; es scheinen uns
-sogar alle bestürzt und unruhig, und nicht zu wissen, was sie thun
-sollen. Aber wenn wir den Menschen, die sich um uns herum bewegen,
-näher ins Gesicht sehen, kommen wir zu einer ganz andern Ansicht.
-Betrachten wir nur diesen Train-Soldaten, der seine drei Braunen zur
-Tränke führt, und so ruhig vor sich hinsummt, daß man ihm anmerkt, er
-wird sich in dieser bunten Menge, die für ihn nicht existiert, nicht
-verirren, er verrichtet seine Arbeit, welche es immer sei, ob Pferde
-zu tränken, oder am Geschütz zu ziehen, ebenso ruhig, selbstvertrauend
-und gleichgültig, als wenn das alles irgendwo in Tula oder Saransk
-geschehe. Denselben Ausdruck lesen wir auch auf dem Gesicht des jungen
-Offiziers, der in tadellosen weißen Handschuhen vorbeigeht, auf dem
-Gesicht des Matrosen, der rauchend auf der Barrikade sitzt, auf den
-Gesichtern der als Träger verwendeten Soldaten, die mit Bahren auf der
-Außentreppe des ehemaligen Kasinos warten, und auf dem Gesicht des
-Mädchens, das, in der Furcht, sein rosafarbenes Kleid naß zu machen,
-von Stein zu Stein über die Straße hüpft.
-
- [A] Getränk aus Wasser, Honig und Lorbeerblättern oder Salbei, das von
- den Aermeren als Thee getrunken wird. Anm. d. Herausg.
-
-Wenn wir zum erstenmal in Sewastopol ankommen, sind wir unbedingt
-enttäuscht. Wir suchen vergebens, auch nur auf einem Gesicht, Spuren
-von Unruhe und Kopflosigkeit, oder auch von Begeisterung, Todesmut
-und Entschlossenheit, -- nichts von alledem: wir sehen ruhig mit
-ihrer Alltagsarbeit beschäftigte Alltagsmenschen, so daß wir uns
-vielleicht selbst ein Übermaß von Enthusiasmus vorwerfen, daß wir leise
-Zweifel hegen an der Richtigkeit der Vorstellung von dem Heldenmut
-der Verteidiger Sewastopols, die wir uns nach den Erzählungen, den
-Beschreibungen gebildet haben und dem, was wir auf der Nordseite
-gesehen und gehört. Aber ehe wir zweifeln, gehen wir auf die Bastionen,
-betrachten wir Sewastopols Verteidiger auf dem Schauplatz der
-Verteidigung selber, -- oder noch besser, gehen wir direkt in das Haus
-gegenüber, das früher das Sewastopoler Kasinogebäude gewesen und auf
-dessen Außentreppe Soldaten mit Tragbahren stehen, -- da werden wir die
-Verteidiger Sewastopols sehen, da werden wir schreckliche, traurige,
-große, Erstaunen erregende und herzerhebende Szenen sehen.
-
-Wir wollen in den großen Saal des Kasinos gehen. Kaum haben wir die
-Thür geöffnet, da erschreckt uns plötzlich der Anblick und der Geruch
-von vierzig oder fünfzig amputierten, sehr schwer verwundeten Kranken,
-die einen auf Pritschen, die meisten auf der Diele liegend. Wir dürfen
-dem Gefühl, das uns an der Schwelle zurückhält, nicht nachgeben -- es
-ist kein schönes Gefühl; gehen wir nur vorwärts, schämen wir uns nicht,
-daß wir gekommen, von den quälendsten Schmerzen Gepeinigte zu *sehen*
--- schämen wir uns nicht, zu ihnen zu gehen und mit ihnen zu sprechen:
-die Unglücklichen sehen gern ein mitfühlendes Menschenantlitz, sprechen
-gern von ihren Qualen und hören gern Worte der Liebe und Teilnahme ...
-Wir wollen in der Mitte der Lagerstätten entlang gehen und ein weniger
-düsteres und schmerzdurchfurchtes Gesicht suchen, zu dem wir hingehen
-können, um zu sprechen.
-
-Wo bist du verwundet? -- fragen wir unentschlossen und zaghaft einen
-alten, abgemagerten Soldaten, der auf einer Pritsche sitzt, uns mit
-einem treuherzigen Blicke verfolgt und uns aufzufordern scheint, an
-ihn heranzukommen. Ich sage: zaghaft fragen wir, weil Leiden nicht nur
-tiefes Mitgefühl, sondern auch Scheu vor der Möglichkeit zu beleidigen
-und Hochachtung vor dem, der sie erträgt, einflößen.
-
-Am Bein, antwortet der Soldat, aber zugleich bemerken wir selber an den
-Falten der Decke, daß ihm ein Bein bis zum Knie fehlt. Gott sei Dank,
-fügt er hinzu: ich werde jetzt aus dem Lazarett entlassen werden.
-
-Und ist es schon lange her, daß du verwundet worden bist?
-
-Ja, vor sechs Wochen, Euer Wohlgeboren.
-
-Schmerzt es dich jetzt?
-
-Nein, jetzt schmerzt es nicht, -- gar nicht; nur die Wade scheint mir
-weh zu thun, wenn schlechtes Wetter ist, das ist alles.
-
-Wie und wo bist du verwundet worden?
-
-Auf der fünften Bastion, Euer Wohlgeboren, wie das erste Bombardement
-war, ich hatte das Geschütz hergerichtet, wollte nach einer anderen
-Schießscharte gehen, und da traf er mich ins Bein, es war mir, als ob
-ich in eine Grube stürzte, -- fort war das Bein.
-
-Empfandest du nicht Schmerz in diesem ersten Augenblick?
-
-Nein, nur ein Gefühl, als wenn ich mit etwas Heißem ans Bein gestoßen
-würde.
-
-Nun, aber dann?
-
-Und dann war weiter nichts; nur als man mir die Haut straff zog, war
-mir, als ob sie wund gerieben würde. Das Erste, Euer Wohlgeboren, ist,
-*an nichts denken*; wenn man nichts denkt, dann ist auch weiter nichts.
-Alles kommt daher, daß der Mensch denkt.
-
-Da tritt an uns eine Frau heran, in einem grauen gestreiften Kleide,
-mit einem um den Kopf gebundenen schwarzen Tuch, sie mischt sich in
-unser Gespräch mit dem Matrosen und beginnt von ihm zu erzählen, von
-seinen Leiden, dem verzweifelten Zustande, in dem er sich vier Wochen
-lang befunden, -- wie er, verwundet, die Tragbahre hatte anhalten
-lassen, um die Salve unserer Batterie zu sehen, wie die Großfürsten mit
-ihm gesprochen und ihm 25 Rubel geschenkt, und wie er ihnen gesagt, daß
-er wieder auf die Bastion wolle, um die jungen Leute zu unterweisen,
-wenn er selber nicht mehr arbeiten könnte. Während die Frau dies in
-einem Atem hersagt, sieht sie bald uns, bald den Matrosen an, der,
-abgewandt und als wenn er nicht auf sie hörte, auf seinem Kopfkissen
-Charpie zupft, -- und ihre Augen leuchten dabei von einem besonderen
-Entzücken.
-
-Das ist meine Hausfrau, Euer Wohlgeboren! bemerkt uns der Matrose, mit
-einem Ausdrucke, als wenn er spräche: Sie müssen ihr schon verzeihen,
-es ist einmal so, Weiber müssen dummes Zeug schwatzen.
-
-Wir beginnen die Verteidiger Sewastopols zu verstehen, wir schämen
-uns förmlich vor diesem Menschen. Wir möchten ihm gar viel sagen, um
-ihm unser Mitgefühl und unsere Bewunderung auszudrücken, aber wir
-finden keine Worte oder sind nicht zufrieden mit denen, die uns gerade
-einfallen, und beugen uns schweigend vor dieser schweigsamen und
-unbewußten Größe und Stärke des Geistes, dieser Scham vor dem eigenen
-Werte.
-
-Nun möge Gott dich bald gesund werden lassen, sagen wir zu ihm und
-bleiben vor einem anderen Kranken stehen, der auf der Diele liegt und
-in unerträglichen Schmerzen den Tod zu erwarten scheint.
-
-Es ist ein blonder Mensch mit einem geschwollenen und bleichen Gesicht.
-Er liegt auf dem Rücken, den linken Arm hinten unter gelegt, in
-einer Lage, die fürchterliche Schmerzen ausdrückt. Der vertrocknete,
-geöffnete Mund stößt mit Mühe röchelnden Atem aus; die blauen,
-glanzlosen Augen rollen nach oben gerichtet, und aus der umgeschlagenen
-Decke ragt der mit Binden umwundene Stumpf des rechten Arms hervor. Der
-dumpfige Geruch, den der leblose Körper ausströmt, fällt uns stark auf
-die Brust, und die verzehrende, innerliche Hitze, die alle Glieder des
-Dulders durchdringt, bemächtigt sich auch unser.
-
-Wie, ist er besinnungslos? fragen wir die Frau, die hinter uns geht und
-uns, wie Verwandte, freundlich ansieht.
-
-Noch nicht, er hört, befindet sich aber sehr schlecht, fügt sie
-flüsternd hinzu, ich habe ihm heute Thee zu trinken gegeben; obwohl
-er mir fremd ist, so muß man doch Mitleiden haben, -- er hat fast gar
-nicht mehr getrunken.
-
-Wie fühlst du dich? fragen wir ihn.
-
-Der Verwundete bewegt auf unsere Frage die Pupillen, aber er sieht und
-versteht uns nicht.
-
-Im Herzen brennt's.
-
-Ein wenig weiter sehen wir einen alten Soldaten, der die Wäsche
-wechselt. Sein Gesicht und Körper sind ziegelfarbig und mager wie bei
-einem Skelett. Der eine Arm fehlt ihm gänzlich, er ist ihm an der
-Schulter abgenommen worden. Er sitzt gefaßt da, -- er befindet sich
-auf dem Wege der Besserung; aber an dem toten, trüben Auge, an der
-schrecklichen Magerkeit und den Runzeln des Gesichts erkennen wir, daß
-dieses Wesen schon den größeren Teil seines Lebens durchlitten hat.
-
-Auf der anderen Seite sehen wir auf einer Pritsche ein leidendes,
-bleiches und zartes Frauengesicht, auf dessen Wangen flammende Röte
-spielt.
-
-Das ist unsere Matrosenfrau, am 5. hat sie eine Bombe am Bein
-getroffen, sagt uns unsere Führerin, sie brachte ihrem Manne Essen auf
-die Bastion.
-
-Hat man sie amputiert?
-
-Sie ist über'm Knie amputiert worden.
-
-Jetzt gehen wir durch eine Thür links, wenn unsere Nerven stark sind;
-in diesem Zimmer werden die Verwundeten verbunden und operiert. Wir
-sehen hier die Ärzte mit Blut an den Armen bis zu den Ellbogen und mit
-blassen, finsteren Gesichtern um eine Pritsche beschäftigt, auf der
-mit geöffneten Augen und wie im Fieber sinnlose, bisweilen einfache
-und rührende Worte sprechend, ein Verwundeter chloroformiert liegt.
-Die Ärzte sind mit einer widerwärtigen, aber wohlthätigen Arbeit
-beschäftigt. Wir sehen, wie ein scharfes krummes Messer in den weißen,
-gesunden Körper einschneidet; -- wir sehen, wie der Verwundete mit
-einem schrecklichen, herzzerreißenden Schrei und mit Verwünschungen
-plötzlich zur Besinnung kommt; -- wir sehen, wie der Feldscher den
-abgeschnittenen Arm in eine Ecke wirft; -- wir sehen in demselben
-Zimmer, auf einer Tragbahre, einen anderen Verwundeten liegen, der
-beim Anblick der Operation des Kameraden sich windet und stöhnt, nicht
-so sehr aus körperlichem Schmerz, wie aus Qual und Erwartung; -- wir
-sehen schreckliche, herzerschütternde Szenen, wir sehen den Krieg
-nicht in dem üblichen schönen und glänzenden Gewande, mit Musik und
-Trommelklang, mit wehenden Fahnen und Generalen hoch zu Rosse, wir
-sehen den Krieg in seinem wahren Wesen -- in Blut, in Leiden, in Tod ...
-
-Treten wir aus diesem Hause der Qualen heraus, so empfinden wir
-unfehlbar ein tröstliches Gefühl, atmen voller die frische Luft ein,
-empfinden Vergnügen im Bewußtsein unserer Gesundheit, schöpfen aber
-zugleich aus der Anschauung dieser Leiden das Bewußtsein unserer
-eigenen Nichtigkeit und gehen ruhig und entschlossen auf die Bastionen
-...
-
-»Was bedeutet der Tod und die Leiden eines so nichtigen Wurmes,
-wie ich, im Vergleich zu dem Tode und dem Leiden so vieler?« Aber
-der Anblick des klaren Himmels, der strahlenden Sonne, der schönen
-Stadt, der geöffneten Kirche und des Kriegsvolks, das sich nach allen
-Richtungen hin bewegt, versetzt unsern Geist schnell in den normalen
-Zustand des Leichtsinns, der Alltagssorgen und des Genusses der
-Gegenwart.
-
-Vielleicht begegnen wir einem aus der Kirche kommenden Begräbnis eines
-Offiziers, mit einem rosafarbenen Sarge, mit Musik und fliegenden
-Fahnen; an unser Ohr dringen vielleicht die Töne der Kanonade von den
-Bastionen, aber das versetzt uns nicht in die frühere Stimmung zurück:
-das Leichenbegängnis erscheint uns als ein wunderschönes militärisches
-Schauspiel, die Töne als ein minder schönes Kriegsgetön, und wir
-verknüpfen weder mit diesem Schauspiel, noch mit diesen Tönen den
-klaren, uns selbst betreffenden Gedanken an Leiden und Tod, wie wir das
-an dem Verbandort gethan haben.
-
-An der Kirche und Barrikade vorüber kommen wir nach dem belebtesten
-Stadtteil. Auf beiden Seiten befinden sich Aushängeschilder von
-Verkaufsläden und Gastwirtschaften. Kaufleute, Frauen in Hüten
-und Tüchern, stutzerhafte Offiziere, -- alles spricht uns von der
-Standhaftigkeit, dem Selbstvertrauen und der Sicherheit der Einwohner.
-
-Wir müssen in ein Gasthaus rechter Hand gehen, wenn wir ein Gespräch
-von Seeleuten und Offizieren hören wollen; hier werden jedenfalls
-Gespräche über die verflossene Nacht, über Fenjka, über den 24.
-geführt, darüber, wie schlecht und teuer man die Koteletts bekommt, und
-wie der und jener Kamerad gefallen ist.
-
-Hol's der Teufel, wie arg es heut bei uns ist! spricht mit Baßstimme
-ein bartloser Marineoffizier mit blonden Augenbrauen und Wimpern, der
-eine grüne, gestrickte Schärpe trägt.
-
-Wo ist das -- bei uns? fragt ihn ein anderer.
-
-Auf der vierten Bastion, antwortet der junge Offizier, und wir
-betrachten unfehlbar mit großer Aufmerksamkeit und sogar mit einer
-gewissen Achtung den blonden Offizier bei den Worten: »auf der vierten
-Bastion«. Seine übermäßige Ausführlichkeit, sein Herumfuchteln mit den
-Händen, sein lautes Lachen und Sprechen, die uns erst keck erscheinen,
-erweisen sich als jene besondere prahlerische Stimmung, die leicht nach
-einer Gefahr über junge Leute kommt; wir denken, daß er anfangen wird,
-uns zu erzählen, wie arg es auf der vierten Bastion ist der Bomben und
-Gewehrkugeln wegen -- weit gefehlt! arg ist es dort, weil es schmutzig
-ist. -- »Man kann nicht nach der Batterie gehen, spricht er, indem er
-auf seine bis über die Waden mit Schmutz bedeckten Stiefel zeigt. Und
-heut habe ich meinen besten Kommandeur verloren, direkt in die Stirn
-ist er getroffen worden,« sagt ein anderer. -- »Wer war es? Mitjuchin?«
-»Nein ... Nun, wird man mir endlich den Kalbsbraten geben ... Seid ihr
-Kanaillen!« fügt er hinzu, zu der Bedienung des Gasthauses gewandt.
-»Nicht Mitjuchin, sondern Abramow. Es war ein braver Kamerad -- sechs
-Ausfälle hat er mitgemacht!«
-
-Am andern Ende des Tisches sitzen bei Koteletts mit Schoten und einer
-Flasche sauren Krimweins, sogenannten Bordeaux, zwei Offiziere von der
-Infanterie: der eine mit rotem Kragen und zwei Sternen auf dem Mantel,
-ein junger Mann, erzählt dem andern, mit schwarzem Kragen und ohne
-Sterne, von dem Treffen an der Alma. Der erstere hat schon ein wenig
-getrunken, und man merkt es an den Pausen, die er in seiner Erzählung
-macht, an dem unentschlossenen Blick, der zweifelnd zu fragen scheint,
-ob man ihm auch glaube, hauptsächlich aber an der allzu großen Rolle,
-die er in allem spielt, und weil alles zu furchtbar klingt, daß er
-stark von der strengen Wiedergabe der Wahrheit abweicht. Aber wir sind
-nicht in der Stimmung, diese Erzählungen mit anzuhören, die wir noch
-lange an allen Enden Rußlands werden zu hören bekommen; wir wollen
-so schnell als möglich auf die Bastionen, besonders auf die vierte,
-von der man uns so vieles und so verschiedenartiges erzählt hat. Wenn
-jemand sagt, er sei auf der vierten Bastion gewesen, so sagt er das
-mit besonderer Befriedigung und mit Stolz; sagt jemand: ich gehe auf
-die vierte Bastion, so sieht man ihm sicher eine kleine Erregung oder
-allzugroßen Gleichmut an; will man jemanden necken, so sagt man: dich
-sollte man in die vierte Bastion schicken; begegnet man Tragbahren und
-fragt: woher? -- so bekommt man meist die Antwort: von der vierten
-Bastion. Es giebt überhaupt zwei völlig verschiedene Meinungen über
-diese schreckliche Bastion: die Meinung solcher, die nie dort waren und
-die überzeugt sind, daß die vierte Bastion das sichere Grab für jeden
-ist, der dorthin geht -- und solcher, die dort hausen, wie der blonde
-Midshipman, und die, wenn sie von der vierten Bastion sprechen, uns
-sagen, ob es in der Erdhütte trocken oder schmutzig, warm oder kalt ist
-u. s. w.
-
-In der halben Stunde, die wir im Gasthaus zugebracht haben, hat sich
-das Wetter geändert: der Nebel, der über das Meer gebreitet lag, hat
-sich zu grauen, düsteren, feuchten Wetterwolken geballt und verhüllt
-die Sonne; ein trauriger Staubregen sprüht vom Himmel und netzt die
-Dächer, die Straßen und die Soldatenmäntel ...
-
-Wir gehen noch durch eine Barrikade hindurch, dann treten wir zur Thür
-heraus, wenden uns rechts und steigen auf einer langen Straße bergauf.
-Hinter dieser Barrikade sind die Häuser zu beiden Seiten unbewohnt,
-Schilder fehlen, die Thüren sind mit Brettern vernagelt, die Fenster
-eingeschlagen, hier ist eine Mauerecke fortgeschossen, dort ein Dach
-durchgeschlagen. Die Gebäude gleichen Veteranen, die alle Not und
-Sturm erfahren haben, und scheinen stolz und geringschätzig auf uns
-herabzusehen. Unterwegs stolpern wir über herumliegende Kanonenkugeln
-und fallen in Löcher voll Wasser, welche die Bomben auf dem steinigen
-Grunde gerissen. Auf der Straße treffen wir Soldatendetachements,
-Grenzkosaken, Offiziere. Bisweilen begegnen wir einer Frau oder einem
-Kinde, aber die Frau geht nicht in Weiberkleidung; sie ist eine
-Matrosenfrau und trägt einen alten Pelz und Soldatenstiefel. Wenn wir
-auf der Straße weitergehen und unter eine kleine Anhöhe gelangt sind,
-bemerken wir um uns nicht mehr Häuser, sondern sonderbare Trümmerhaufen
--- Steine, Bretter, Lehm, Balken; vor uns sehen wir auf einer steilen
-Anhöhe eine schwarze, schmutzige, von Gräben durchzogene Fläche,
-und dies vor uns ist die vierte Bastion ... Hier begegnen wir noch
-weniger Menschen, Frauen sind gar nicht zu sehen, die Soldaten gehen
-schnell, auf dem Wege zeigen sich Blutstropfen, und unfehlbar treffen
-wir hier vier Soldaten mit einer Tragbahre, und auf der Bahre ein
-fahlgelbes Gesicht und einen blutigen Mantel. Wenn wir fragen: »Wo ist
-er verwundet?« sagen die Träger ärgerlich, ohne sich zu uns zu wenden,
-am Bein oder am Arm, wenn der Kranke leicht verwundet ist; oder sie
-schweigen mürrisch, wenn auf der Bahre der Kopf nicht sichtbar und der
-Getragene bereits tot oder schwer verwundet ist.
-
-Das nahe Pfeifen einer Kanonenkugel oder Bombe, gerade da wir den
-Berg zu besteigen beginnen, überrascht uns in unangenehmer Weise. Wir
-begreifen plötzlich, und ganz anders, als wir es vorher begriffen
-haben, die Bedeutung der Kanonentöne, die wir in der Stadt gehört
-haben. Ein friedlich tröstliches Erinnern blitzt in unsern Gedanken
-auf; unser eigenes Ich beginnt uns mehr zu beschäftigen, als die
-Beobachtungen: die Aufmerksamkeit für alles, was uns umgiebt, nimmt
-ab, und ein unangenehmes Gefühl der Unentschlossenheit überkommt uns
-plötzlich. Wir achten dieser kleinlichen Stimme nicht, die bei dem
-Anblick der Gefahr plötzlich in unserm Innern sich vernehmen läßt,
-und bringen, -- besonders da wir den Soldaten betrachten, der mit
-ausgebreiteten Händen über den flüssigen Kot schnell lachend an uns
-vorbei den Berg hinanklimmt, -- diese Stimme zum Schweigen, strecken
-unwillkürlich die Brust vor, heben den Kopf empor und klettern den
-schlüpfrigen, lehmigen Berg hinauf. Kaum haben wir uns etwas auf den
-Berg hinaufgearbeitet, so beginnen rechts und links Kugeln aus Stutzen
-zu pfeifen, und wir denken vielleicht, ob wir nicht besser thäten, den
-Laufgraben entlang zu gehen, der mit dem Wege parallel läuft; aber
-der Laufgraben ist *so* voll von flüssigem, gelbem, übelriechendem,
-bis über die Knie reichendem Schmutz, daß wir unbedingt den Weg auf
-dem Berge wählen, umsomehr, als wir alle ihn gehen sehen. Zweihundert
-Schritt weiter gelangen wir zu einer aufgerissenen, schmutzigen Fläche,
-die auf allen Seiten von Schanzkörben und von Erdaufschüttungen
-umgeben ist, in denen sich Pulverkeller und Erdwohnungen befinden,
-und auf denen große gußeiserne Kanonen, mit regelmäßigen Haufen von
-Kugeln daneben, stehen. Das alles scheint uns ohne Zweck und Ordnung
-aufgetürmt zu sein. Da in der Batterie sitzt eine Schar Matrosen,
-dort in der Mitte des Platzes liegt eine halb in Schmutz versunkene,
-zerschossene Kanone; da geht ein Infanterist mit seinem Gewehr durch
-die Batterien und zieht mit Mühe seine Füße aus dem Schmutz. Aber
-überall, auf allen Seiten und allen Punkten, sehen wir Sprengstücke,
-nichtgeplatzte Bomben, Kanonenkugeln, Spuren des Lagerlebens, und
-das alles ist in flüssigen, morastigen Schmutz versunken; wir hören
-das Aufschlagen einer Kanonenkugel, hören die verschiedenen Töne der
-Gewehrkugeln, die wie Bienen summen, schnell pfeifen oder wie eine
-Darmsaite klingen, wir hören furchtbaren Geschützdonner, der uns alle
-erschüttert und mit furchtbarem Entsetzen erfüllt.
-
-»Das ist also die vierte Bastion, das ist also der schreckliche,
-wirklich furchtbare Ort!« denken wir und empfinden ein kleines Gefühl
-des Stolzes und ein großes Gefühl unterdrückter Angst. Aber wir
-sind enttäuscht, das ist noch nicht die vierte Bastion. Das ist die
-Jasonow-Redoute, ein verhältnismäßig sehr gefahrloser und durchaus
-nicht schrecklicher Platz. Um nach der vierten Bastion zu gelangen,
-müssen wir rechts einen engen Laufgraben verfolgen, in dem ein
-Infanterist gebückt einhergeht. In diesem Graben treffen wir vielleicht
-wieder Tragbahren, Matrosen, Soldaten mit Schaufeln, sehen Leitungen
-zu Minen, Erdhütten voll Schmutz, in denen nur zwei Menschen gebückt
-herumkriechen können, wir sehen die hier wohnenden Plastuns[B] der
-Bataillone vom Schwarzen Meer, die sich dort umkleiden, essen, Tabak
-rauchen, wohnen, und sehen wiederum überall denselben übelriechenden
-Schmutz, die Spuren des Lagerlebens und in jedweder Gestalt
-umherliegendes Gußeisen. Nach dreihundert Schritten kommen wir wieder
-zu einer Batterie, -- zu einem kleinen mit Löchern bedeckten Platze,
-der von Schanzkörben voll Erde, von Geschützen auf Plattformen und von
-Erdwällen umgeben ist. Hier sehen wir nun fünf Mann Matrosen, die unter
-der Brustwehr Karten spielen, und einen Marineoffizier, der uns, als
-neugierigen Neulingen, seine Wirtschaft und alles uns Interessierende
-zeigt. Dieser Offizier dreht sich so ruhig, auf dem Geschütz sitzend,
-eine Cigarette aus gelbem Papier, geht so ruhig von einer Schießscharte
-zur andern, spricht so ruhig mit uns, so gänzlich ungezwungen, daß
-wir ungeachtet der Gewehrkugeln, die häufiger als früher über uns
-pfeifen, kaltblütig bleiben, aufmerksam fragen und den Erzählungen
-des Offiziers lauschen. Dieser Offizier wird uns, aber nur, wenn wir
-ihn fragen, von dem Bombardement am 5. erzählen; er wird erzählen,
-wie in seiner Batterie nur ein einziges Geschütz thätig sein konnte,
-und von der ganzen Bedienungsmannschaft nur acht Mann übrig geblieben
-waren, und wie er dennoch am folgenden Morgen, am 6., aus allen
-Geschützen gefeuert; er wird uns erzählen, wie am 5. eine Bombe in
-eine Matrosen-Erdhütte eingeschlagen und elf Mann niedergestreckt hat;
-er wird uns von der Schießscharte aus die nicht mehr als dreißig bis
-vierzig Faden entfernten Batterien und Laufgräben des Feindes zeigen.
-Nur das eine fürchte ich, daß wir, zur Schießscharte hinausgelehnt, um
-zu dem Feinde hinüberzuschauen, unter dem Einflusse des Sausens der
-Kugeln nichts sehen, und wenn wir etwas sehen, uns sehr wundern werden,
-daß dieser uns so nahe weiße Steinwall, über dem weiße Rauchwölkchen
-emporsteigen, der Feind ist -- »er«, wie die Soldaten und Matrosen
-sagen.
-
- [B] Plastuns hießen die am östlichen Ufer des Schwarzen Meeres und am
- Kuban lebenden Kosaken.
-
-Es ist sogar leicht möglich, daß der Marineoffizier aus Eitelkeit oder
-nur so, um sich ein Vergnügen zu machen, in unserer Gegenwart ein wenig
-schießen lassen will. »Den Kommandor herschicken, Bedienungsmannschaft
-ans Geschütz!« -- und an vierzehn Mann Matrosen, der eine seine Pfeife
-in die Tasche steckend, der andere Zwieback kauend, gehen frisch
-und munter, mit den beschlagenen Stiefeln auf der Plattform laut
-auftretend, an die Kanone und laden sie. Wir betrachten die Züge,
-die Haltung und die Bewegung dieser Leute: in jeder Falte dieses
-verbrannten Gesichts mit den starken Backenknochen, in jeder Muskel, in
-diesen breiten Schultern, in diesen kräftigen Beinen, die in gewaltigen
-Stiefeln stecken, in jeder dieser ruhigen, sicheren, langsamen
-Bewegungen erkennt man die Hauptcharakterzüge, die die Kraft des Russen
-ausmachen -- Schlichtheit und Festigkeit; aber hier, dünkt uns, hat
-die Gefahr, der Zorn und die Leiden des Krieges jedem Gesicht außer
-diesen Hauptzügen noch die Spuren des Bewußtseins des eigenen Wertes,
-erhabenen Denkens und Empfindens eingeprägt.
-
-Plötzlich überrascht uns ein schrecklicher, nicht nur unser Gehör,
-sondern unseren ganzen Organismus erschütternder Knall, so daß wir am
-ganzen Leibe erzittern. Gleich darauf hören wir, wie das Geschoß sich
-pfeifend entfernt, und dichter Pulverdampf hüllt uns, die Plattform
-und die schwarzen Gestalten der hin- und hergehenden Matrosen ein.
-Wir hören verschiedene Gespräche der Matrosen über diesen Schuß. Wir
-sehen, wie sie lebhaft werden und ein Gefühl offenbaren, das wir kaum
-erwartet hätten -- das Gefühl der Wut, der Rache am Feinde, das in
-der Seele eines jeden verborgen ruht. »Gerade in die Schießscharte
-hat es getroffen; wie es scheint, sind zwei gefallen ... dort trägt
-man sie heraus,« hören wir freudig ausrufen. »Sieh, er ärgert sich,
--- gleich wird er hierher schießen,« sagt jemand, und wirklich sehen
-wir bald darauf Blitz und Rauch vor uns; der auf der Brustwehr
-stehende Posten schreit: »Kano--one!« und gleich darauf kommt eine
-Kanonenkugel an uns vorbeigeflogen, schlägt auf die Erde auf und wirft,
-sich trichterförmig einbohrend, Steine und Erdstücke um sich. Der
-Batteriechef, ärgerlich wegen dieser Kugel, befiehlt ein zweites und
-drittes Geschütz zu laden, -- der Feind beginnt uns zu antworten, und
-wir durchleben interessante Empfindungen, hören und sehen interessante
-Dinge. Der Posten schreit wiederum: »Kanone!« und wir hören denselben
-Ton und Schlag, sehen dieselben Erdstücke; oder er schreit: »Mörser!«
--- und wir hören ein gleichmäßiges, ziemlich angenehmes Pfeifen der
-Bombe, mit dem man nur mühsam den Gedanken an etwas Furchtbares in
-Verbindung bringt, wir hören das Pfeifen, das sich uns nähert und sich
-beschleunigt, dann sehen wir eine schwarze Kugel, ihr Aufschlagen
-auf die Erde und das von einem starken Krach begleitete Platzen der
-Bombe. Mit Pfeifen und Zischen fliegen dann die Splitter umher,
-schwirren Steine durch die Luft und wir werden mit Schmutz beworfen.
-Bei diesen Tönen empfinden wir ein sonderbares Gefühl, gemischt aus
-Angst und Genuß. In dem Augenblicke, wo das Geschoß auf uns zufliegt,
-schießt uns unbedingt der Gedanke durch den Kopf, daß es uns tötet;
-aber das Gefühl der Eigenliebe stachelt uns, und niemand bemerkt das
-Messer, das uns ins Fleisch schneidet. Dafür aber leben wir, wenn
-das Geschoß vorübergeflogen ist, ohne uns zu streifen, wieder auf,
-und ein erquickendes, unsagbar angenehmes Gefühl kommt, wenn auch
-nur einen Augenblick, über uns, so daß wir an der Gefahr, an diesem
-Spiel um Leben und Tod einen besonderen Genuß finden; wir wünschen, es
-möchten noch näher und näher bei uns Kugeln oder Bomben niederfallen.
-Da schreit der Posten noch einmal mit seiner lauten, tiefen Stimme:
-»Mörser!« -- wiederum ertönt das Pfeifen, Aufschlagen und Platzen der
-Bombe, aber zugleich mit diesem Ton erschreckt uns das Stöhnen eines
-Menschen. Wir gehen zu gleicher Zeit mit den Trägern zu dem Verwundeten
-heran, der blutig und beschmutzt ein seltsames, nicht menschliches
-Aussehen hat. Einem Matrosen ist ein Teil der Brust fortgerissen
-worden. In dem ersten Augenblick ist in seinem mit Schmutz bespritzten
-Gesicht nur Schreck und ein unechter, vorzeitiger Ausdruck von Leiden
-zu lesen, wie er einem Menschen in solcher Lage eigen ist; aber in dem
-Augenblick, wo man ihm die Tragbahre bringt, und er sich selbst mit
-seiner gesunden Seite darauf legt, bemerken wir, daß dieser Ausdruck
-sich in den Ausdruck einer gewissen Begeisterung und eines erhabenen,
-unausgesprochenen Gedankens verwandelt: die Augen leuchten heller, die
-Zähne pressen sich aufeinander, der Kopf richtet sich mit Anstrengung
-in die Höhe und in dem Augenblick, wo man ihn aufhebt, hält er die
-Bahre an und spricht mühsam mit zitternder Stimme zu den Kameraden:
-»Lebt wohl, Brüder!« -- er will noch etwas sagen, man sieht, er will
-etwas Rührendes sagen, aber er wiederholt noch einmal: »Lebt wohl,
-Brüder!« Da geht ein Kamerad, ein Matrose, zu ihm, setzt ihm die
-Mütze auf den Kopf, den ihm der Verwundete hinhält, und kehrt ruhig,
-gleichmäßig die Arme schwenkend, zu seinem Geschütz zurück. »So ist es
-jeden Tag -- sieben oder acht Mann,« sagt uns der Marineoffizier, indem
-er uns antwortet auf den Ausdruck des Entsetzens, das aus unsern Zügen
-spricht, und dabei gähnt und aus gelbem Papier eine Cigarette dreht.
-
- * * * * *
-
-So haben wir die Verteidiger Sewastopols an dem Orte der Verteidigung
-selber gesehen und gehen zurück, ohne den Kanonen- und Gewehrkugeln,
-die den ganzen Weg entlang bis zu dem niedergeschossenen Theater hin
-pfeifen, Beachtung zu schenken, -- wir gehen mit ruhiger, erhobener
-Seele. Die hauptsächliche, tröstliche Überzeugung, die wir davontragen,
-ist die Überzeugung von der Unmöglichkeit, die Kraft des russischen
-Volkes an irgend einem Punkte zu erschüttern. Und diese Unmöglichkeit
-haben wir nicht in der Menge der Quergänge, der Brustwehren, der
-kunstvoll gezogenen Laufgräben, der Minengänge und Geschosse, die
-übereinander getürmt sind, gesehen, wovon wir nichts verstanden haben,
-nein, wir haben sie in dem Blick, in der Rede, in dem Gebahren gesehen,
-in dem, was man den Geist der Verteidiger Sewastopols nennt. Was sie
-thun, thun sie so schlicht, so ohne Anspannung und Anstrengung, daß
-wir die Überzeugung gewinnen, sie können noch hundertmal mehr -- sie
-können alles. Wir begreifen, daß das Gefühl, das sie schaffen heißt,
-nicht das Gefühl der Kleinlichkeit, der Eitelkeit, der Unbedachtsamkeit
-ist, das wir selbst empfunden haben, sondern ein anderes Gefühl,
-ein gewaltigeres, das sie zu Menschen gemacht hat, die ebenso ruhig
-unter dem Regen der Kugeln leben, unter hundert Möglichkeiten des
-Todes anstatt der einen, der diese Menschen alle unterworfen sind,
-und die unter diesen Bedingungen leben mitten in ununterbrochener
-Arbeit, in Wachen und Schmutz. Um eines Ordens willen, um eines Titels
-willen, um des Zwanges willen können Menschen sich so entsetzlichen
-Lebensbedingungen nicht fügen: es muß eine andere, eine erhabenere
-Triebfeder sein. Und diese Triebfeder ist ein Gefühl, das selten,
-verschämt bei dem Russen in die Erscheinung tritt, das aber auf dem
-Grunde der Seele eines jeden ruht -- die Liebe zum Vaterland. Erst
-jetzt sind uns die Erzählungen von den ersten Zeiten der Belagerung
-Sewastopols, da es noch keine Befestigungen, keine Armee hatte,
-da es physisch unmöglich war, es zu halten, und doch nicht der
-mindeste Zweifel bestand, daß es sich dem Feinde nicht ergeben würde,
-glaubhaft geworden, -- die Erzählungen von den Zeiten, da Kornilow,
-dieser des alten Griechenlands würdige Held, bei einer Musterung der
-Truppen sprach: »Wir wollen sterben, Kinder, aber Sewastopol nicht
-übergeben,« und unsere Russen, die kein Talent zur Phrasenmacherei
-haben, antworteten: »Wir wollen sterben! Urra!« -- erst jetzt haben
-die Erzählungen aus jener Zeit aufgehört, für uns eine schöne
-geschichtliche Überlieferung zu sein, und sind zur Wahrheit, zur
-Thatsache geworden. Wir verstehen klar und würdigen die Menschen, die
-wir soeben gesehen, als die Helden, die in jener schweren Zeit den Mut
-nicht sinken ließen, sondern steigerten, und die freudig in den Tod
-gegangen sind, nicht für die Stadt, sondern für das Vaterland. Lange
-wird in Rußland diese Epopöe von Sewastopol, deren Held das russische
-Volk war, tiefe Spuren zurücklassen ...
-
-Der Tag neigt sich schon. Die Sonne ist vor ihrem Untergange aus den
-grauen Wolken hervorgetreten, die den Himmel bedecken, und beleuchtet
-plötzlich mit purpurnem Licht: lilafarbene Wolken, das mit Schiffen und
-Böten bedeckte, gleichmäßig wogende grünliche Meer, die weißen Häuser
-der Stadt und die in den Straßen wogenden Menschen. Über das Wasser
-tönen die Klänge eines alten Walzers, den die Regimentsmusik auf dem
-Boulevard spielt, und der Schall der Geschosse von den Bastionen, der
-sie seltsam begleitet.
-
-*Sewastopol*, den 25. April 1885.
-
-
-
-
-*Sewastopol* im Mai 1855
-
-
-I
-
-Schon sind sechs Monate vergangen seit der Zeit, da die erste
-Kanonenkugel von den Bastionen Sewastopols pfiff und die Erde in
-den feindlichen Werken aufriß, und seit der Zeit sind unaufhörlich
-Tausende von Bomben, Kanonen- und Gewehrkugeln von den Bastionen in
-die Laufgräben und aus den Laufgräben nach den Bastionen geflogen, und
-unaufhörlich hat der Engel des Todes über ihnen geschwebt.
-
-Tausendfach ist hier menschliche Eigenliebe gekränkt, tausendfach
-befriedigt und genährt, tausendfach in den Umarmungen des Todes zum
-Schweigen gebracht worden. Wie viel blumengeschmückte Särge, wie viel
-linnene Leichentücher! Und noch immer erschallen dieselben Töne von den
-Bastionen, noch immer sehen, mit unwillkürlichem Schrecken und Zittern,
-die Franzosen an einem klaren Abende aus ihrem Lager auf die gelbliche,
-aufgerissene Erde der Bastionen Sewastopols und die schwarzen,
-auf ihnen umherwogenden Gestalten unserer Matrosen und zählen die
-Schießscharten, aus welchen gußeiserne Kanonen trutzig hervorragen;
-noch immer beobachtet ein Unteroffizier vom Steuer vom Telegraphenhügel
-aus durch ein Fernrohr die bunten Gestalten der Franzosen, ihre
-Batterien, ihre Zelte, die Truppenmassen, die sich auf der grünen
-Höhe bewegen, und die in den Laufgräben aufsteigenden Rauchwölkchen,
--- und immer noch streben von allen Enden der Welt verschiedene
-Menschenscharen mit derselben Glut und mit noch verschiedenartigeren
-Wünschen nach dieser schicksalsreichen Stätte. Und immer noch ist die
-Frage, die die Diplomaten nicht gelöst haben, nicht gelöst durch Pulver
-und Blut.
-
-
-II
-
-In der belagerten Stadt Sewastopol spielte auf dem Boulevard bei einem
-Pavillon eine Regimentskapelle, und Scharen von Soldaten und Frauen
-bewegten sich müßig in den Gängen. Die helle Frühlingssonne, die am
-Morgen über den englischen Verschanzungen aufgegangen war, hatte ihren
-Weg über die Bastionen, dann über die Stadt, über die Nikolai-Kaserne
-zurückgelegt und allen mit gleicher Freude geleuchtet; jetzt senkte
-sie sich zu dem fernen, blauen Meer hinab, dessen gleichmäßig wogende
-Wellen im Silberglanze funkelten.
-
-Ein hochgewachsener, etwas gebückter Infanterieoffizier, der einen
-nicht ganz weißen, aber sauberen Handschuh über die Hand zog, trat
-aus dem Pförtchen eines der kleinen Matrosenhäuschen heraus, die
-auf der linken Seite der Seestraße standen, und ging, nachdenklich
-seine Füße besehend, über eine Anhöhe zum Boulevard. Der Ausdruck
-des unschönen Gesichts dieses Offiziers verriet nicht gerade große
-Geistesanlagen, wohl aber Geradheit, Besonnenheit, Ehrenhaftigkeit
-und Ordnungsliebe. Er war nicht schön gebaut, ein wenig linkisch,
-gewissermaßen verschämt in seinen Bewegungen. Er trug eine noch wenig
-gebrauchte Mütze, einen dünnen Mantel von etwas eigentümlicher,
-veilchenblauer Farbe, unter dem eine goldene Uhrkette, Hosen mit
-Strippen und reine, glänzende Kalblederstiefeln sichtbar waren. Man
-hätte ihn für einen Deutschen halten können, wenn seine Gesichtszüge
-nicht seine rein russische Abkunft verraten hätten, oder für einen
-Adjutanten oder Regiments-Quartiermeister (aber dann hätte er Sporen
-tragen müssen), oder für einen Offizier, der für die Zeit des Feldzugs
-von der Kavallerie, vielleicht auch von der Garde übergetreten war. Es
-war wirklich ein Offizier, der aus der Kavallerie übergetreten war,
-und in diesem Augenblick, wo er zum Boulevard hinaufschritt, dachte
-er an einen Brief, den er eben von einem ehemaligen Kameraden, der
-jetzt außer Dienst war, einem Gutsbesitzer im Gouvernement T. und
-seiner Gattin, der blassen, blauäugigen Natascha, seiner Busenfreundin,
-erhalten hatte. Ihm war eine Stelle des Briefes eingefallen, in dem
-der Kamerad schreibt:
-
-»Wenn der *Invalide* bei uns eintrifft, stürzt *Pupka* (so pflegte
-der frühere Ulan seine Gattin zu nennen) kopfüber in das Vorzimmer,
-greift nach der Zeitung und rennt damit nach der *Plauderecke*, in das
-*Empfangszimmer* (in dem wir so schön die Winterabende zusammen verlebt
-haben, weißt du noch, als das Regiment bei uns in der Stadt lag) und
-liest mit solchem Feuereifer *Euere* Heldenthaten, daß Du Dir's kaum
-vorstellen kannst. Sie spricht oft von Dir. >Nicht wahr, Michajlow --
-sagt sie -- ist doch eine *Seele von Mensch*. Ich könnte ihn abküssen,
-wenn ich ihn sehe. *Er kämpft auf den Bastionen* und bekommt gewiß das
-Georgskreuz, und die Zeitungen werden über ihn schreiben ...< u. s.
-w. u. s. w., so daß ich entschieden anfange, auf Dich eifersüchtig zu
-werden.« An einer anderen Stelle schreibt er: »Die Zeitungen bekommen
-wir schrecklich spät, und wenn es auch viele mündliche Nachrichten
-giebt, so kann man doch nicht allen Glauben schenken. Gestern z. B.
-haben die Dir bekannten *jungen Damen mit der Musik* erzählt, Napoleon
-sei schon von unseren Kosaken gefangen genommen und nach Petersburg
-transportiert; aber Du kannst Dir denken, wie wenig ich das glaube.
-Ein Fremder aus Petersburg hat uns erzählt (er ist im Ministerium
-für besondere Aufträge, ein reizender Mensch, und jetzt, wo niemand
-in der Stadt ist, eine solche *Ressource* für uns, daß Du Dir's kaum
-vorstellen kannst ...), er sagt bestimmt, die Unsrigen hätten Eupatoria
-genommen, *so daß die Franzosen von Balaklava abgeschnitten* sind, und
-wir hätten dabei 200 Mann, die Franzosen aber 15000 Mann verloren.
-Meine Frau war so entzückt davon, daß sie die ganze Nacht *gezecht*
-hat, sie meint, Du bist sicher bei diesem Treffen gewesen, sie ahne
-das, und hättest Dich ausgezeichnet.«
-
-Trotz der Worte und Ausdrücke, die ich absichtlich durch die Schrift
-ausgezeichnet habe, und trotz des ganzen Tons dieses Briefes dachte der
-Stabskapitän Michajlow mit unsagbar trauriger Wonne an seine blasse
-Freundin in der Provinz, und wie er mit ihr die Abende in dem Erker
-gesessen und über »das Gefühl« gesprochen hatte, er dachte an den
-guten Kameraden, den Ulan, wie er böse war und brummte, wenn sie in
-seinem Arbeitszimmer um eine Kopeke spielten, wie seine Gattin über ihn
-lachte -- dachte an die Freundschaft, die diese Menschen für ihn hatten
-(vielleicht glaubte er auch, es sei etwas mehr von seiten der blassen
-Freundin); alle diese Personen mit ihrer Umgebung huschten durch seine
-Phantasie in einem wunderbar süßen, beseligend-rosigen Lichte und,
-lächelnd bei seinen Erinnerungen, legte er die Hand an die Tasche, in
-der dieser ihm so liebe Brief steckte.
-
-Von Erinnerungen ging der Stabskapitän Michajlow unwillkürlich zu
-Träumen und Hoffnungen über. »Wie groß wird Nataschas Verwunderung
-und Freude sein -- dachte er, während er durch das schmale Gäßchen
-dahinschritt, -- wenn sie auf einmal im *Invaliden* die Schilderung
-lesen wird, wie ich zuerst die Kanone erklettert und das Georgskreuz
-bekommen habe! Kapitän muß ich nach altem Brauch werden. Dann kann
-ich leicht noch in demselben Jahre Major in der Linie werden, denn es
-sind viele von unseren Leuten gefallen und werden gewiß noch viele in
-diesem Feldzug fallen. Und dann wird es wieder eine Schlacht geben, und
-ich als ein berühmter Mann bekomme ein Regiment ... Oberstleutnant ...
-den Annenorden um den Hals ... Oberst ...« und er war schon General,
-und würdig, Natascha zu besuchen, die Witwe des Kameraden, der, wie
-er es sich ausmalte, bis dahin gestorben war -- als die Töne der
-Boulevard-Musik deutlicher an sein Ohr schlugen, das drängende Volk ihm
-in die Augen fiel und er auf dem Boulevard erwachte -- als der alte
-Stabskapitän von der Infanterie.
-
-
-III
-
-Er ging zuerst nach dem Pavillon, neben dem die Musikanten standen,
-denen statt der Pulte andere Soldaten desselben Regiments die Noten
-hielten und umblätterten, und um die, mehr als Zuschauer, denn
-als Zuhörer, Schreiber, Junker und Wärterinnen mit Kindern einen
-Kreis gebildet hatten. Rings um den Pavillon standen, saßen und
-gingen meistenteils Seeleute, Adjutanten und Offiziere in weißen
-Handschuhen. In der großen Allee des Boulevards spazierten Offiziere
-aller Art und Frauen aller Art, hin und wieder in Hüten, meist aber
-in Kopftüchern (es gab auch welche ohne Tücher und ohne Hüte), aber
-nicht eine von ihnen war alt, ja, merkwürdig, alle waren jung. Unten
-in den schattigen, duftenden Alleen weißer Akazien gingen und saßen
-abgesonderte Gruppen.
-
-Niemand war sonderlich erfreut, auf dem Boulevard dem Stabskapitän
-Michajlow zu begegnen, ausgenommen vielleicht Kapitän Obshogow
-und Kapitän Ssuslikow von seinem Regiment, die ihm herzlich die
-Hand schüttelten, aber der erstere war in Kamelhaar-Beinkleidern,
-hatte keine Handschuhe an, einen abgetragenen Mantel und ein so
-rotes, schweißtriefendes Gesicht, und der zweite schrie so laut und
-ausgelassen, daß es eine Schande war, mit ihnen zu gehen, besonders vor
-den Offizieren in weißen Handschuhen (von diesen begrüßte Stabskapitän
-Michajlow den einen Adjutanten, einen zweiten Stabsoffizier hätte er
-begrüßen können, denn er war mit ihm zweimal bei einem gemeinsamen
-Bekannten zusammengetroffen). Im übrigen aber, welches Vergnügen hätte
-es für ihn sein können, mit diesen Herren Obshogow und Ssuslikow
-spazieren zu gehen, da er auch so sechsmal am Tage mit ihnen
-zusammentraf und ihnen die Hand drückte? Nicht darum war er *zur Musik*
-gekommen.
-
-Er wäre gern zu dem Adjutanten herangetreten, den er begrüßt hatte,
-und hätte gern mit diesen Herren geplaudert, keineswegs etwa, damit
-die Kapitäne Obshogow und Ssuslikow und der Leutnant Paschtezki und
-die anderen sähen, daß er mit ihnen spricht, sondern einfach, weil sie
-nette Menschen waren und zudem alle Neuigkeiten wissen und sie erzählt
-hätten.
-
-Warum aber scheut sich der Stabskapitän Michajlow, warum entschließt
-er sich nicht, zu ihnen heranzutreten? »Wie, wenn sie mich auf einmal
-nicht wiedergrüßen -- denkt er -- oder wenn sie mich grüßen und in
-ihrem Gespräch fortfahren, als ob ich nicht da wäre, oder sich ganz von
-mir entfernen und ich allein dort bleibe unter den *Aristokraten*?«
-Das Wort Aristokraten (im Sinne eines höheren, auserwählten Kreises,
-gleichviel in welchem Stande) hat bei uns in Rußland, wo es, wie
-man glauben müßte, gar nicht existieren sollte, seit einiger Zeit
-eine große Popularität bekommen und ist in alle Gegenden und in
-alle Schichten der Gesellschaft eingedrungen, wo nur der Dünkel
-eingedrungen ist (und in welche Zeit und in welche Verhältnisse dringt
-diese klägliche Sucht nicht ein?): in die Kreise der Kaufleute, der
-Beamten, der Schreiber, der Offiziere, in Ssaratow, in Mamadysch, in
-Winniza -- überall, wo es Menschen giebt. Und da es in der belagerten
-Stadt Sewastopol viel Menschen giebt, giebt es auch viel Dünkel, d. h.
-auch viel *Aristokraten*, obgleich jede Minute der Tod schwebt über dem
-Haupte jedes *Aristokraten* und *Nicht-Aristokraten*.
-
-Für den Kapitän Obshogow ist der Stabskapitän Michajlow ein Aristokrat,
-für den Stabskapitän Michajlow ist der Adjutant Kalugin ein Aristokrat,
-weil er Adjutant ist und mit dem andern Adjutanten auf du und du steht.
-Für den Adjutanten Kalugin ist Graf Norden ein Aristokrat, weil er
-Flügeladjutant ist.
-
-Dünkel, Dünkel, Dünkel überall, selbst am Rande des Grabes und unter
-Menschen, die bereit sind, aus einer edlen Überzeugung in den Tod zu
-gehen, überall Dünkel. Er ist also wohl ein charakteristischer Zug und
-eine besondere Krankheit unseres Zeitalters. Warum hat man unter den
-Menschen vergangener Zeit nichts gehört von dieser Leidenschaft, wie
-von den Pocken oder der Cholera? Warum giebt es in unserer Zeit nur
-drei Arten von Menschen: Solche, die die Quelle des Dünkels als eine
-notwendigerweise existierende, darum berechtigte Thatsache hinnehmen
-und sich ihr freiwillig unterwerfen; eine zweite, die sie wie einen
-unheilvollen, aber unüberwindlichen Umstand hinnehmen, und eine dritte,
-die unbewußt sklavisch unter ihrem Einflusse handeln? Warum haben Homer
-und Shakespeare von Liebe, von Ruhm, von Leiden gesprochen, und das
-Schrifttum unseres Jahrhunderts ist nichts als eine endlose Erzählung
-von Snobs und Dünkel?
-
-Der Stabskapitän ging zweimal an der Gruppe *seiner Aristokraten*
-vorüber, beim drittenmal überwand er sich und trat zu ihnen heran.
-Diese Gruppe bildeten vier Offiziere: der Adjutant Kalugin, Michajlows
-Bekannter, der Adjutant Fürst Galzin, der sogar für Kalugin selbst ein
-wenig Aristokrat war, der Oberst Neferdow, einer von den sogenannten
-*Hundertzweiundzwanzig* Bürgerlichen (Verabschiedete, die für diesen
-Feldzug wieder in den Dienst getreten waren) und der Rittmeister
-Praßkuchin, auch einer von den Hundertzweiundzwanzig. Zu Michajlows
-Glück war Kalugin in vortrefflicher Stimmung (der General hatte soeben
-erst mit ihm höchst vertraulich gesprochen, und Fürst Galzin, der eben
-aus Petersburg gekommen, war bei ihm abgestiegen), er hielt es nicht
-für erniedrigend, dem Stabskapitän Michajlow die Hand zu reichen, was
-Praßkuchin jedoch sich nicht entschließen konnte zu thun, obgleich
-er sehr häufig mit Michajlow auf der Bastion zusammengetroffen war,
-mehr als einmal seinen Wein und Schnaps getrunken hatte und ihm sogar
-vom Préférence her zwölf und einen halben Rubel schuldete. Da er
-den Fürsten Galzin noch nicht näher kannte, wollte er vor ihm seine
-Bekanntschaft mit einem einfachen Stabskapitän der Infanterie nicht
-zeigen. Er grüßte ihn mit einem leichten Kopfnicken.
-
-Wie, Kapitän, sagte Kalugin, wann geht's wieder auf die Bastion? ...
-Erinnern Sie sich, wie wir uns auf der Schwarzow-Redoute trafen, es
-ging heiß her?
-
-Ja, es ging heiß her, sagte Michajlow, indem er sich erinnerte, wie er
-in jener Nacht im Laufgraben der Bastion Kalugin getroffen, der kühn
-und mutig mit dem Säbel klirrend, vorwärts ging.
-
-Eigentlich sollte ich erst morgen gehen, da aber bei uns ein Offizier
-krank ist, fuhr Michajlow fort, so ...
-
-Er wollte sagen, daß die Reihe nicht an ihm sei; da aber der Kommandeur
-der achten Kompagnie krank und in der Kompagnie nur der Fähnrich übrig
-sei, hätte er es für seine Pflicht gehalten, sich für die Stelle des
-Leutnants Nepschißezki zu melden und ginge daher heut auf die Bastion.
-Kalugin ließ ihn nicht aussprechen.
-
-Ich fühle, daß es dieser Tage etwas geben wird, sagte er zum Fürsten
-Galzin.
-
-Wie, wird es heut nichts geben? fragte schüchtern Michajlow, indem er
-bald Kalugin, bald Galzin ansah.
-
-Niemand antwortete ihm. Fürst Galzin runzelte nur eigentümlich die
-Stirn, ließ seinen Blick an seiner Mütze vorbeischweifen und sagte nach
-einer kurzen Pause:
-
-Ein prächtiges Mädchen, die in dem roten Tuche. Kennen Sie sie nicht,
-Kapitän?
-
-Nicht weit von meiner Wohnung, die Tochter eines Matrosen, antwortete
-der Stabskapitän.
-
-Gehen wir, sehen wir sie uns an.
-
-Und Fürst Galzin nahm auf der einen Seite Kalugin, auf der anderen --
-den Stabskapitän unter den Arm; er war im voraus überzeugt, daß dies
-dem letzteren ein großes Vergnügen bereiten müsse, was in der That
-zutreffend war.
-
-Der Stabskapitän war abergläubisch und hielt es für eine große Sünde,
-sich vor einem Kampfe mit Weibern abzugeben; aber in diesem Falle
-spielte er den Schwerenöter, was ihm Fürst Galzin und Kalugin offenbar
-nicht glaubten, und was das Mädchen in dem roten Tuch außerordentlich
-verwunderte, da sie öfter bemerkt hatte, wie der Stabskapitän errötet
-war, wenn er an ihrem Fenster vorüberging. Praßkuchin ging hinterdrein,
-stieß den Fürsten Galzin am Arm und machte allerlei Bemerkungen in
-französischer Sprache; da es aber nicht möglich war, zu Vieren den
-schmalen Weg zu gehen, war er gezwungen, allein zu gehen und nahm
-nur in der zweiten Gruppe den berühmten, tapferen Marineoffizier
-Sserwjagin unter den Arm, der herangekommen war und ein Gespräch mit
-ihm begonnen hatte, und der auch den Wunsch hatte, sich der Gruppe der
-*Aristokraten* anzuschließen. Und der berühmte Held schob mit Freuden
-seine nervige, ehrenfeste Hand unter den Arm Praßkuchins, der allen,
-auch Sserwjagin selbst, gut bekannt war, als ein nicht besonders guter
-Mensch. Als Praßkuchin dem Fürsten Galzin seine Bekanntschaft mit
-*diesem* Marineoffizier erklärte und ihm zuraunte, er sei ein berühmter
-Held, schenkte Fürst Galzin Sserwjagin doch gar keine Aufmerksamkeit;
-er war gestern auf der vierten Bastion gewesen, hatte dort in einer
-Entfernung von zwanzig Schritt eine Bombe krepieren sehen, hielt sich
-daher für keinen geringeren Helden, als dieser Herr war und meinte, so
-mancher Ruhm werde für nichts gewonnen.
-
-Dem Stabskapitän Michajlow machte es so viel Vergnügen, in dieser
-Gesellschaft umherzuschlendern, daß er den *lieben* Brief aus T.
-und die düsteren Gedanken, die ihm bei dem bevorstehenden Abgange
-auf die Bastion überkommen hatten, vergaß. Er blieb so lange in
-ihrer Gesellschaft, bis sie ausschließlich untereinander zu plaudern
-begannen und seinen Blicken auswichen und ihm so zu verstehen gaben,
-daß er gehen könne, und sich schließlich ganz von ihm entfernten. Der
-Stabskapitän war trotzdem zufrieden und kränkte sich nicht im mindesten
-über die verdächtig-hoffärtige Art, in der der Junker Baron Pest sich
-brüstete und die Mütze vor ihm zog, als er an ihm vorüberging; der
-Junker war nämlich seit der gestrigen Nacht, -- die er zum ersten Male
-in der Blindage der fünften Bastion zugebracht hatte, weshalb er sich
-für einen Helden hielt, -- besonders stolz und selbstbewußt.
-
-
-IV
-
-Kaum aber hatte der Stabskapitän die Schwelle seiner Wohnung
-überschritten, als ihm völlig andere Gedanken in den Sinn kamen. Er sah
-sein kleines Zimmerchen mit dem unebnen Lehmboden und den schiefen,
-mit Papier beklebten Fenstern, sein altes Bett mit dem darüber
-befestigten Teppich, auf dem eine Reiterin abgebildet war und über dem
-zwei Pistolen aus Tula hingen, die schmutzige, mit einer Kattundecke
-versehene Lagerstätte des Junkers, der mit ihm zusammenwohnte; er sah
-seinen Nikita, der, mit verwirrtem, fettigem Haar, sich kratzend, von
-der Diele aufstand; er sah seinen alten Mantel, seine umgestülpten
-Stiefel und ein Bündel, aus dem das Ende eines Käses und der Hals einer
-großen Flasche mit Branntwein, den er sich für den Aufenthalt auf der
-Bastion besorgt, hervorragten; und plötzlich fiel ihm ein, daß er heut
-auf die ganze Nacht mit der Kompagnie in die Schützengräben gehen müsse.
-
-»Gewiß, ich werde heut sterben müssen, -- dachte der Stabskapitän --
-ich fühle es. Die Hauptsache ist, daß ich nicht zu gehen brauchte,
-aber mich selbst angeboten habe. Immer fällt der, der sich selber
-anbietet. Und was fehlt denn diesem verfluchten Nepschißezki? Er ist
-vielleicht gar nicht krank, und es soll ein anderer für ihn fallen, ja,
-gewiß fallen. Übrigens aber, wenn ich nicht falle, werde ich sicher
-vorgeschlagen. Ich habe wohl gemerkt, wie es dem Regimentskommandeur
-gefiel, als ich sagte: »Gestatten Sie, daß ich gehe, wenn Leutnant
-Nepschißezki krank ist.« Setzt es nicht den Major, so ist mir der
-Wladimir gewiß. Gehe ich doch schon das dreizehnte Mal auf die Bastion.
-Ach, dreizehn ist eine böse Zahl. Ich werde bestimmt fallen -- ich
-fühle es, daß ich fallen werde. Aber Einer muß doch gehen, ein Fähnrich
-kann doch nicht die Kompagnie führen. Und wenn sich etwas ereignen
-sollte? ... die Ehre des Regiments, die Ehre der Armee hängt ja davon
-ab. Meine *Pflicht* war es, ja, meine heilige Pflicht. Aber ich habe
-Vorahnungen.« Der Stabskapitän vergaß, daß er derartige Vorahnungen
-mehr oder minder stark schon oft gehabt hatte, wenn er auf die Bastion
-gehen sollte, und wußte nicht, daß dieselbe Vorahnung mehr oder
-minder stark jeder empfindet, der ins Feuer geht. Beruhigt durch das
-Pflichtbewußtsein, das bei dem Stabskapitän besonders entwickelt und
-stark war, setzte er sich an den Tisch und begann einen Abschiedsbrief
-an seinen Vater zu schreiben. Als er nach zehn Minuten den Brief
-beendet, stand er mit thränenfeuchten Augen vom Tische auf und begann,
-im Geiste alle ihm bekannten Gebete wiederholend, sich umzukleiden.
-Sein angetrunkener und grober Diener reichte ihm träge seinen neuen
-Rock (der alte, den der Stabskapitän gewöhnlich anzog, wenn er auf die
-Bastion ging, war nicht gereinigt).
-
-Weshalb ist der Rock nicht gereinigt? Du willst nur immer schlafen, du!
-du! rief Michajlow zornig.
-
-Was schlafen? brummte Nikita; den ganzen geschlagenen Tag läuft man
-umher wie ein Hund, da wird man wohl müde; und dann heißt es: schlaf'
-nicht mal ein!
-
-Du bist wieder betrunken, sehe ich.
-
-Nicht für Ihr Geld habe ich getrunken, was machen Sie mir Vorwürfe?
-
-Schweig', Tölpel, schrie der Stabskapitän und wollte seinem Diener
-einen Schlag versetzen. Er war schon vorher erregt gewesen, jetzt war
-er vollends außer sich und erbittert über die Grobheit Nikitas, den
-er gern hatte, sogar verwöhnte, und mit dem er bereits zwölf Jahre
-zusammen lebte.
-
-Tölpel? Tölpel ... wiederholte der Diener, und weshalb schimpfen Sie
-mich Tölpel, Herr? In solcher Zeit, wie jetzt, ist es nicht recht, zu
-schimpfen.
-
-Michajlow erinnerte sich, wohin er zu gehen hatte und schämte sich.
-
-Du bringst einen wirklich um alle Geduld, Nikita, sprach er mit sanfter
-Stimme, diesen Brief an meinen Vater laß auf dem Tische liegen, rühr'
-ihn nicht an, fügte er errötend hinzu.
-
-Zu Befehl, Herr, sprach Nikita, den unter dem Einflusse des Weines, den
-er, wie er sagte, für *sein eigenes Geld* getrunken hatte, ein Gefühl
-der Rührung überkam, und der mit dem ersichtlichen Wunsche, in Thränen
-auszubrechen, mit den Augen zwinkerte.
-
-Als der Stabskapitän auf der Außentreppe sagte: lebe wohl, Nikita!
-brach Nikita plötzlich in Schluchzen aus und stürzte auf seinen Herrn
-zu, um ihm die Hände zu küssen. Leben Sie wohl, Herr, sprach er
-schluchzend. Eine alte Matrosenfrau, die auf der Außentreppe stand,
-konnte als Weib dieser Gefühlsszene nicht unbeteiligt zuschauen, sie
-wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel die Augen und sprach ihre
-Verwunderung darüber aus, warum sich denn die Herren solchen Qualen
-aussetzten; sie sagte, sie sei eine arme Witwe, und erzählte zum
-hundertsten Male dem betrunkenen Nikita von ihrem Kummer: wie ihr
-Mann schon beim ersten »Bandirement« getötet und ihr Häuschen total
-zerstört worden (das, in dem sie jetzt wohnte, gehörte nicht ihr) u.
-s. w. Nachdem der Herr gegangen war, zündete Nikita sein Pfeifchen
-an, bat das Haustöchterchen, Schnaps zu holen und hörte sehr bald auf
-zu weinen. Ja, er begann sogar mit der Alten einen Zank wegen eines
-kleinen Eimers, den sie ihm zerschlagen haben sollte.
-
-»Vielleicht werde ich nur verwundet, dachte der Stabskapitän, als er
-bereits in der Dämmerung mit der Kompagnie auf die Bastion ging. --
-Aber wo, wie: hier oder dort? er hatte den Leib und die Brust im Sinn.
--- Wenn hier (er dachte an den Oberschenkel), würde der Knochen ganz
-bleiben ... Wenn aber hier, besonders von einem Bombensplitter, dann
-ist es aus!«
-
-Der Stabskapitän gelangte glücklich durch die Laufgräben bis zu den
-Schützengräben, stellte mit Hilfe eines Sappeuroffiziers bereits in
-vollständiger Dunkelheit die Leute zur Arbeit an und setzte sich in
-eine kleine Grube unter der Brustwehr. Es wurde wenig geschossen,
-nur bisweilen flammten bald bei uns, bald bei »ihm« Blitze auf und
-beschrieb eine leuchtende Bombenröhre einen feurigen Bogen am dunklen,
-gestirnten Himmel. Aber alle Bomben fielen weit hinten und rechts
-von dem Schützengraben nieder, in dessen Grube der Stabskapitän saß.
-Er trank seinen Schnaps, aß seinen Käse, rauchte seine Cigarette
-und versuchte, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, ein wenig zu
-schlafen.
-
-
-V
-
-Fürst Galzin, Oberstleutnant Neferdow und Praßkuchin, den niemand
-gerufen hatte, mit dem niemand sprach, der sich aber immer zu ihnen
-hielt, verließen alle drei den Boulevard, um bei Kalugin Thee zu
-trinken.
-
-Nun, du hast mir noch nicht zu Ende erzählt von Wasjka Mendel,
-sprach Kalugin; er hatte den Mantel abgelegt, saß am Fenster auf
-einem weichen, bequemen Sessel und knöpfte den Kragen seines weißen,
-gestärkten Oberhemdes auf, -- wie hat er sich verheiratet?
-
-Zum Kranklachen, Kamerad! ... _Je vous dis, il y avait un temps, on
-ne parlait que de ça à Pétersbourg_, sagte Fürst Galzin lachend,
-erhob sich von dem Klavier, vor dem er saß, und setzte sich auf das
-Fenster neben Kalugins Fenster, einfach zum Kranklachen. Ich kenne die
-Geschichte schon ganz genau ...
-
-Und er begann lustig, witzig und lebendig eine Liebesgeschichte zu
-erzählen, die wir hier übergehen, weil sie für uns nicht interessant
-ist. Aber merkwürdig war's, daß nicht bloß Fürst Galzin, sondern alle
-diese Herren, die sich's hier bequem gemacht hatten, der eine im
-Fenster, der andere mit übergeschlagenen Beinen, der dritte am Klavier,
-ganz andere Menschen zu sein schienen, als auf dem Boulevard: frei von
-der lächerlichen Aufgeblasenheit und Dünkelhaftigkeit, die sie den
-Infanterie-Offizieren gegenüber hatten; hier waren sie unter sich,
-gaben sich natürlich und waren, besonders Kalugin und Fürst Galzin,
-höchst liebenswürdige, heitere und gute Jungen. Es war die Rede von
-Petersburger Kameraden und Bekannten.
-
-Was macht Maslowski?
-
-Welcher: der von den Leib-Ulanen oder von der Garde-Kavallerie?
-
-Ich kenne sie beide. Den Gardisten habe ich noch als Knaben gekannt,
-wie er eben aus der Schule kam. Nicht wahr, der ältere ist Rittmeister?
-
-O, schon lange!
-
-Geht er noch immer mit seinem Zigeunermädel?
-
-Nein, die hat er laufen lassen ... oder so ähnlich.
-
-Dann setzte sich Fürst Galzin an das Klavier und sang prächtig ein
-Zigeunerlied. Praßkuchin, obwohl von niemand gebeten, begann ihn zu
-begleiten, und so gut, daß man ihn bat, in der Begleitung fortzufahren,
-was er auch sehr gern that.
-
-Ein Diener trat ins Zimmer; er brachte Thee, Sahne und Bretzeln auf
-einem silbernen Präsentierteller.
-
-Reiche dem Fürsten! sagte Kalugin.
-
-Es ist doch eigentümlich, daran zu denken, sagte Galzin, indem er ein
-Glas nahm und ans Fenster ging, daß wir hier in der belagerten Stadt,
-... »Klaviergesang«, Thee mit Sahne und eine solche Wohnung haben, wie
-ich sie wirklich in Petersburg haben möchte.
-
-Ja, wenn auch das noch fehlte, entgegnete der mit allem unzufriedene
-alte Oberstleutnant, so wäre diese beständige Erwartung einfach
-unerträglich, -- zu sehen, wie jeden Tag die Menschen fallen und
-fallen, ohne daß man ein Ende absieht, -- wenn man dabei noch im
-Schmutz leben müßte und keine Bequemlichkeit hätte! ...
-
-Und was sollen unsere Infanterieoffiziere sagen, rief Kalugin, die
-auf den Bastionen mit den Soldaten in den Blindagen liegen und
-Soldatensuppe essen? -- was sollen die sagen?
-
-Die? Die wechseln allerdings acht Tage lang nicht die Wäsche, aber das
-sind auch Helden, bewunderungswürdige Menschen.
-
-In diesem Augenblick kam ein Infanterieoffizier ins Zimmer.
-
-Ich ... ich habe Befehl ... kann ich als Bote des Generals N. den
-Gen... Seine Excellenz sprechen? fragte er schüchtern und grüßte.
-
-Kalugin erhob sich; aber ohne den Gruß des Offiziers zu erwidern,
-fragte er ihn mit beleidigender Höflichkeit und einem erzwungenen
-offiziellen Lächeln, ob es »Ihnen« nicht beliebte zu warten, dann
-wandte er sich, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu schenken,
-an Galzin, sprach mit ihm französisch, so daß der arme Offizier, der
-mitten im Zimmer stehen geblieben war, absolut nicht wußte, was er mit
-seiner Person machen sollte.
-
-In einer äußerst dringenden Angelegenheit, sagte der Offizier nach
-einem minutenlangen Schweigen.
-
-Ich bitte Sie, mit mir zu kommen, sagte Kalugin, zog den Mantel an und
-begleitete den Offizier zur Thür.
-
-_Oh bien, messieurs, je crois, que cela chauffera cette nuit!_ sagte
-Kalugin, als er vom General zurückgekommen war.
-
-Wie? Was? Ein Ausfall? begannen alle zu fragen.
-
-Ich weiß nicht, Sie werden selber sehen, antwortete Kalugin mit einem
-geheimnisvollen Lächeln.
-
-Mein Kommandeur ist auf der Bastion, darum muß ich wohl auch hingehen,
-sagte Praßkuchin und legte den Säbel an.
-
-Aber niemand antwortete ihm, er mußte selber wissen, ob er zu gehen
-habe oder nicht.
-
-Praßkuchin und Neferdow gingen hinaus, um sich auf ihre Plätze zu
-begeben.
-
-Leben Sie wohl, meine Herren! Auf Wiedersehen, meine Herren! Wir werden
-uns heute Nacht noch wiedersehen! schrie Kalugin aus dem Fenster,
-als Praßkuchin und Neferdow über ihre Kosakensättel gebeugt, den Weg
-entlang trabten. Das Getrabe der Kosakenpferde verklang bald in der
-dunklen Straße.
-
-_Non, dites moi, est-ce qu'il y aura véritablement quelque chose cette
-nuit?_ sagte Galzin, während er mit Kalugin im Fenster lag und die
-Bomben betrachtete, die über den Bastionen aufstiegen.
-
-Dir kann ich's erzählen. Siehst du, ... du bist ja auf den Bastionen
-gewesen? -- (Galzin machte ein Zeichen der Zustimmung, obgleich er nur
-einmal auf der vierten Bastion gewesen war.) -- Dort, unserer Lunette
-gegenüber war ein Laufgraben ... und Kalugin, der kein Fachmann war,
-trotzdem aber seine strategischen Ansichten für sehr richtig hielt,
-begann, ein wenig verwirrt und die technischen Ausdrücke verdrehend,
-den Stand unserer und der feindlichen Werke und den Plan des
-beabsichtigten Unternehmens zu schildern.
-
-Aber um die Schützengräben beginnt es zu knallen. Oho! Ist das eine von
-uns oder von »ihm«? Da platzt sie, riefen sie, indem sie vom Fenster
-aus, die feurigen, in der Luft sich kreuzenden Linien der Bomben, die
-den dunkelblauen Himmel auf einen Augenblick erleuchtenden Blitze der
-Schüsse und den weißen Pulverrauch betrachteten und den Tönen des immer
-stärker werdenden Schießens lauschten.
-
-_Quel charmant coup d'oeil, a?_ sagte Kalugin, indem er die
-Aufmerksamkeit seines Gastes auf dies wirklich schöne Schauspiel
-lenkte. Weißt du, bisweilen kann man einen Stern nicht von einer Bombe
-unterscheiden.
-
-Ja, ich dachte soeben, daß das ein Stern sei; aber er fällt ... sieh,
-sie ist geplatzt. Und dieser große Stern ... wie heißt er? -- sieht
-ganz wie eine Bombe aus.
-
-Weißt du, ich habe mich so an diese Bomben gewöhnt, daß mir in Rußland,
-ich bin davon überzeugt, in einer Sternennacht alles als Bomben
-erscheinen wird, -- so gewöhnt man sich daran.
-
-Soll ich aber nicht lieber diesen Ausfall mitmachen? sagte Fürst Galzin
-nach einem minutenlangen Schweigen.
-
-Laß nur gut sein, Kamerad, und denk' nicht daran; ich lasse dich auch
-nicht fort, antwortete Kalugin, du kommst schon noch zurecht, Kamerad!
-
-Im Ernst? ... Du meinst also, ich brauche nicht zu gehen -- wie?
-
-In diesem Augenblicke ließ sich in der Richtung, nach der die Herren
-sahen, auf das Kanonengebrüll, schreckliches Gewehrgeknatter hören, und
-Tausende von kleinen Feuern, die ununterbrochen aufflammten, blitzten
-auf der ganzen Linie.
-
-So ist's, wenn's richtig losgeht! sagte Kalugin. Solches Gewehrfeuer
-kann ich nicht kaltblütig anhören: weißt du, es erschüttert einem
-gewissermaßen die Seele. Horch, das Urra! fügte er hinzu, indem er auf
-den entfernten, gedehnten Ton von Hunderten von Stimmen: »a--a, aa,«
-die von der Bastion her zu ihm drangen, horchte.
-
-Wessen Urra ist das -- das ihrige oder das unsere?
-
-Ich weiß nicht; aber das Handgemenge ist schon losgegangen, denn das
-Feuer schweigt.
-
-In diesem Augenblick kam ein Offizier, von einem Kosaken begleitet,
-unter das Fenster an die Außentreppe gesprengt und stieg vom Pferde.
-
-Woher?
-
-Von der Bastion. Ich muß zum General!
-
-Gehen wir. Nun, was giebt's?
-
-Wir haben die Schützengräben angegriffen ... genommen ... die Franzosen
-haben zahllose Reserven herangeführt ... haben die Unsrigen angegriffen
-... wir hatten nur zwei Bataillone, sprach atemlos und nach Worten
-ringend, nach der Thür gewandt, derselbe Offizier, der am Abend
-dagewesen war.
-
-Haben wir die Schützengräben geräumt? fragte Galzin.
-
-Nein, antwortete ärgerlich der Offizier, ein Bataillon kam noch
-zur rechten Zeit, -- wir haben sie zurückgeschlagen; aber der
-Regimentskommandeur ist tot, viele Offiziere, -- es ist Befehl
-gegeben, um Verstärkung zu bitten.
-
-Mit diesen Worten ging er, von Kalugin begleitet, zum General, wohin
-wir ihm nicht mehr folgen wollen.
-
-Schon nach fünf Minuten saß Kalugin auf einem Kosakenpferde und wieder
-in der eigentümlichen _quasi_-kosakischen Weise, in der, wie ich
-beobachtet habe, alle Adjutanten etwas Besonderes, Anmutiges sehen,
-und ritt im Trabe nach der Bastion, um einige Befehle zu überbringen
-und Nachrichten über das endgültige Resultat des Treffens abzuwarten;
-Fürst Galzin begab sich unter dem Eindruck der peinigenden Erregung,
-welche die nahen Anzeichen eines Treffens auf einen Zuschauer zu machen
-pflegen, der nicht daran teilnimmt, auf die Straße, um hier ziellos
-hin- und herzugehen.
-
-
-VI
-
-Soldaten brachten Verwundete auf Tragbahren oder führten sie unterm
-Arme. Auf der Straße war es vollständig dunkel; nur selten glänzte
-Licht in einem Hospitale oder bei zusammensitzenden Offizieren. Von
-den Bastionen her drang der frühere Geschütz- und Gewehrdonner,
-und die früheren Feuer flammten unter dem schwarzen Himmel auf.
-Bisweilen hörte man den Hufschlag des Pferdes eines fortgesprengten
-Ordonnanz-Offiziers, das Stöhnen eines Verwundeten, die Schritte und
-das Gemurmel von Krankenträgern und die Reden bestürzter Einwohner, die
-auf die Außentreppe gegangen waren und sich die Kanonade mit ansahen.
-
-Unter den letzteren befand sich auch der uns bekannte Nikita, die
-alte Matrosenfrau, mit der er sich schon versöhnt hatte, und deren
-zehnjährige Tochter. »Herr Gott, heil'ge Mutter Gottes!« sprach
-seufzend die Alte vor sich hin, als sie die Bomben sah, die wie
-Feuerbälle unaufhörlich von einer Seite nach der anderen flogen;
-schrecklich, wie schrecklich! ... i--i--hi--hi ... So schlimm war's
-nicht beim ersten »Bandirement«. Sieh, wo die Verfluchte geplatzt ist!
-gerade über unserm Hause in der Vorstadt.
-
-Nein, weiter, zur Tante Arinka fallen alle in den Garten, sprach das
-Mädchen.
-
-Und wo, wo ist jetzt mein Herr? sagte Nikita mit etwas singender Stimme
-und noch ein wenig betrunken. Wie ich diesen Herrn liebe, das kann ich
-gar nicht sagen, -- ich liebe ihn so, wenn man ihn, was Gott verhüte,
-sündhaft töten sollte, dann, glauben Sie mir, liebe Tante, weiß ich
-selber nicht, was ich mit mir anfangen soll, -- bei Gott! Ein solcher
-Herr ist er, daß ... mit einem Worte! Soll ich ihn denn mit denen
-vertauschen, die da Karten spielen? ... Was? -- pfui, mit einem Worte!
-schloß Nikita und zeigte dabei auf das erleuchtete Fenster im Zimmer
-seines Herrn, wohin Junker Shwadtschewskij, während der Abwesenheit
-des Stabskapitäns, zur Feier seiner Dekoration den Oberstleutnant
-Ugrowitsch und den Oberstleutnant Nepschißezki, der an Reißen litt, zu
-einem Festmahl geladen hatte ...
-
-Wie die Sternchen, die Sternchen fliegen! unterbrach, nach dem Himmel
-sehend, das Mädchen das Nikitas Worten folgende Schweigen: sieh, sieh,
-dort springt es noch! Weshalb ist das so, liebe Mutter?
-
-Sie werden unser Häuschen ganz und gar vernichten, sprach seufzend und
-ohne auf die Frage des Mädchens zu antworten, die Alte.
-
-Und wie ich heut mit der Tante dorthin ging, Mütterchen, fuhr das im
-singenden Tone sprechende Mädchen fort, da lag eine große Kanonenkugel
-in der Stube neben dem Schranke, sie hatte, wie man sah, den Vorraum
-durchgeschlagen und war in die Stube geflogen ... So groß, daß man sie
-nicht aufheben konnte!
-
-Wer einen Mann hatte und Geld, der ist fortgezogen, -- hier haben sie
-auch das letzte Häuschen zu Schanden geschossen, sagte die Alte. Sieh,
-sieh, wie er feuert, der Bösewicht! Herr Gott! Herr Gott!
-
-Und wie wir gerade fortgehen, kommt eine Bombe geflogen, sie platzt und
-überschüttet uns mit Erde, fast hätte mich und die Tante ein Stück
-getroffen.
-
-
-VII
-
-Immer mehr und mehr Verwundete auf Tragbahren und zu Fuß, die einen von
-den andern gestützt und laut untereinander sprechend, kamen dem Fürsten
-Galzin entgegen.
-
-Wie sie herangestürzt kamen, Kameraden, sprach mit Baßstimme ein großer
-Soldat, der zwei Gewehre auf dem Rücken trug, wie sie herangestürzt
-kamen und losschrien: »Allah, Allah!«[C] so klettert einer über den
-andern weg. Schlägt man die einen tot, gleich kommen andere hinterdrein
-geklettert -- da ist nichts zu machen. Kopf an Kopf ...
-
- [C] Unsere Soldaten waren aus den Türkenkriegen so an diesen
- Schlachtruf gewöhnt, daß sie jetzt immer erzählen, die Franzosen
- schreien auch Allah.
-
-An dieser Stelle seiner Erzählung unterbrach ihn Galzin.
-
-Kommst du von der Bastion?
-
-Jawohl, Euer Wohlgeboren.
-
-Nun, was gab's dort? Erzähle.
-
-Was es dort gab? Ihre »Macht« rückte heran, Euer Wohlgeboren, sie
-klettern auf den Wall und aus war's. Sie haben vollständig gesiegt,
-Euer Wohlgeboren!
-
-Was? gesiegt? ... Ihr habt sie ja doch zurückgeschlagen?
-
-Wie soll man »ihn« zurückschlagen, wenn »seine« ganze »Macht«
-heranrückt! Er hat alle Unsrigen getötet, und Hilfe kommt nicht.
-
-Der Soldat hatte sich geirrt, denn der Laufgraben war in unserem
-Besitz; aber das ist eine Eigentümlichkeit, die jeder beobachten kann:
-ein Soldat, der in einer Schlacht verwundet worden ist, hält sie stets
-für verloren und für schrecklich blutig.
-
-Wie hat man mir da sagen können, daß Ihr den Feind zurückgeschlagen
-habt? sagte Galzin unwillig. Vielleicht ist er, nachdem du fort warst,
-zurückgeschlagen worden? Bist du schon lange von dort fort?
-
-Diesen Augenblick, Euer Wohlgeboren! antwortete der Soldat, er ist
-schwerlich zurückgeschlagen; der Laufgraben ist jedenfalls in seinen
-Händen. -- Er hat vollständig gesiegt.
-
-Nun, und ihr schämt euch nicht, den Laufgraben geräumt zu haben? Das
-ist schrecklich! sagte Galzin, empört über diese Gleichgültigkeit.
-
-Was soll man thun gegen die »Macht«? brummte der Soldat.
-
-Euer Wohlgeboren, sprach in diesem Augenblick neben ihnen ein Soldat
-von einer Tragbahre herab, wie soll man nicht weichen, wenn er beinahe
-alle getötet hat. Wäre unsere Macht dagewesen, wir würden lebend nicht
-zurückgegangen sein. Was will man aber machen? Den einen habe ich
-niedergestoßen, da bekam ich auch sogleich einen Hieb ... O -- ach,
-ruhiger, Brüderchen, gleichmäßiger, geh langsamer ... O--o--o! stöhnte
-der Verwundete.
-
-Hier geht in der That, glaub' ich, viel überflüssig Volk, sagte Galzin,
-indem er den langen Soldaten mit den zwei Gewehren wieder zurückhielt.
-Warum gehst du fort? He, du, still gestanden!
-
-Der Soldat blieb stehen und nahm mit der linken Hand die Mütze ab.
-
-Wohin gehst du und weshalb? schrie er ihn barsch an. Verf...
-
-Aber in diesem Augenblick war er ganz nah herangekommen, und bemerkte,
-daß sein rechter Arm über dem Aufschlag bis über den Ellbogen hinaus
-blutig war.
-
-Bin verwundet, Euer Wohlgeboren.
-
-Wodurch verwundet?
-
-Hier, wohl durch eine Gewehrkugel, sagte der Soldat, auf seinen Arm
-zeigend, und hier, aber ich kann nicht sagen, was mich hier an den
-Kopf getroffen hat, er beugte den Kopf vor und zeigte die blutigen,
-zusammenklebenden Haare am Hinterkopf.
-
-Und wem gehört das zweite Gewehr?
-
-Ein französischer Stutzen, Euer Wohlgeboren, ich habe es einem
-fortgenommen. Ja, ich wäre auch nicht fortgegangen, wenn ich nicht
-diesen Soldaten hätte führen wollen, sonst fällt er, fügte er hinzu,
-indem er auf einen Soldaten wies, der ein wenig vor ihm ging, sich auf
-das Gewehr stützte und mit Mühe das linke Bein schleppend vorwärts
-bewegte.
-
-Fürst Galzin schämte sich auf einmal sehr wegen seines ungerechten
-Verdachts. Er fühlte, wie er rot wurde, wandte sich ab und ging,
-ohne die Verwundeten weiter auszufragen oder zu beobachten, nach dem
-Verbandplatz.
-
-Mit Mühe wand sich Galzin auf der Außentreppe durch die zu Fuß gehenden
-Verwundeten und durch die Krankenträger, die Verwundete brachten und
-Tote forttrugen, hindurch; dann ging er in das erste Zimmer, warf einen
-Blick hinein, wandte sich sogleich unwillkürlich zurück und eilte
-hinaus ins Freie -- das war zu schrecklich!
-
-
-VIII
-
-Der große, hohe, dunkle Saal, nur von vier oder fünf Kerzen
-erleuchtet, bei deren Licht die Ärzte die Verwundeten besichtigten,
-war buchstäblich voll. Die Krankenträger brachten fortwährend
-Verwundete, legten sie nebeneinander auf die Diele, auf der es
-schon so eng war, daß die Unglücklichen sich stießen und einer in
-des andern Blute lag, und holten neue. Die auf den nicht besetzten
-Stellen der Diele sichtbaren Blutlachen, der fieberheiße Atem von
-einigen Hunderten Menschen und die Ausdünstungen der Träger erzeugten
-einen eigentümlichen, drückenden, dicken, übelriechenden Dunst, in
-dem die Lichte an den verschiedenen Enden des Saales trübe brannten.
-Stöhnen, Seufzen, Röcheln, bisweilen durch einen durchdringenden
-Schrei unterbrochen, erfüllte den ganzen Saal. Die »Schwestern«
-schritten mit ruhigen Gesichtern und mit dem Ausdruck thätiger,
-praktischer Teilnahme, nicht mit dem des wertlosen, frauenhaften,
-krankhaft-thränenreichen Mitleids, bald hierhin, bald dorthin durch
-die Reihen der Verwundeten mit Arznei, mit Wasser, mit Binden, mit
-Charpie, und tauchten zwischen blutigen Mänteln und Hemden auf. Die
-Ärzte knieten mit aufgestreiften Ärmeln vor den Verwundeten, in deren
-Nähe die Feldscher Lichte hielten, und untersuchten, befühlten, und
-sondierten die Wunden, ohne auf das schreckliche Stöhnen der Dulder zu
-achten. Einer der Ärzte saß in der Nähe der Thür an einem kleinen Tisch
-und trug in dem Augenblick, da Galzin ins Zimmer trat, bereits den
-532ten Verwundeten in die Liste ein.
-
-Iwan Bogajew, Gemeiner der dritten Kompagnie des S..-Regiments,
-_fractura femuris complicata_, rief ein anderer vom Ende des Saales
-her, indem er das zerschossene Bein befühlte. Dreh' ihn um.
-
-O weh, Väterchen, mein liebes Väterchen! schrie der Soldat und flehte,
-man möchte ihn nicht anrühren.
-
-_Perforatio capitis!_
-
-Ssemjon Neferdow, Oberstleutnant im N..-Infanterieregiment. Sie müssen
-ein wenig Geduld haben, Oberst, sonst geht es nicht: ich lasse Sie
-sonst liegen, sprach ein dritter, indem er mit einem Häkchen in dem
-Kopfe des Oberstleutnants hin- und hertastete.
-
-Ach, nicht doch! O, um Gotteswillen, schneller, schneller, um ...
-A--a--a--a--a!
-
-_Perforatio pectoris!_ ... Sewastjan Ssereda, Gemeiner ... von welchem
-Regiment? ... Lassen Sie das Schreiben: _moritur_. Tragt ihn weg, sagte
-der Arzt, und ging von dem Soldaten fort, der mit brechenden Augen
-dalag und schon röchelte.
-
-Vierzig Mann, als Träger verwendete Soldaten, standen an der Thür, um
-die Verbundenen ins Lazarett, die Toten in die Kapelle zu tragen, und
-betrachteten von Zeit zu Zeit schwer seufzend dieses Bild ...
-
-
-IX
-
-Auf dem Wege zur Bastion traf Kalugin viele Verwundete; da er aber aus
-Erfahrung wußte, wie schlecht in der Schlacht ein solches Schauspiel
-auf den Geist eines Menschen wirkt, so blieb er nicht nur nicht stehen,
-um sie zu befragen, sondern suchte vielmehr sie gar nicht zu beachten.
-Unten am Berge begegnete ihm ein Ordonnanz-Offizier, der in gestrecktem
-Galopp von der Bastion gesprengt kam.
-
-Sobkin! Sobkin! ... halten Sie einen Augenblick.
-
-Nun, was giebt's?
-
-Wo kommen Sie her?
-
-Aus den Schützengräben.
-
-Nun, wie geht's dort zu, heiß?
-
-Ach, entsetzlich!
-
-In der That hatte, obwohl das Gewehrfeuer schwächer geworden, die
-Kanonade mit neuer Heftigkeit und Wut begonnen.
-
-»Ach, gräßlich!« dachte Kalugin, indem er ein unangenehmes Gefühl
-empfand, und ihn auch eine Vorahnung, ein sehr natürlicher Gedanke --
-der Gedanke an den Tod überkam. Aber Kalugin war ehrgeizig und mit
-stählernen Nerven begabt, mit einem Wort, was man tapfer nennt. Er gab
-sich nicht der ersten Empfindung hin und suchte sich Mut zu machen,
-er erinnerte sich eines Adjutanten, ich glaube Napoleons, der in dem
-Augenblick, wo er den Befehl zum Galopp weiter gab, mit blutendem Kopfe
-zu Napoleon herangesprengt kam.
-
-_Vous êtes blessé?_ sagte Napoleon zu ihm. -- »_Je vous demande pardon,
-Sire, je suis mort._« Und der Adjutant sank vom Pferde und war auf der
-Stelle tot.
-
-Das erschien ihm sehr schön, und in seiner Einbildung kam er sich
-selbst ein wenig wie dieser Adjutant vor, er schlug sein Pferd mit der
-Peitsche, und gab sich noch mehr die kecke »Kosakenpose«, warf einen
-Blick zurück auf den Kosaken, der in den Steigbügeln aufrecht stehend
-hinter ihm her trabte, und kam als ein ganzer Held an der Stelle an,
-wo er vom Pferde steigen sollte. Hier traf er vier Soldaten, die auf
-Steinen saßen und ihre Pfeifen rauchten.
-
-Was macht ihr hier? schrie er sie an.
-
-Wir haben einen Verwundeten fortgebracht, Euer Wohlgeboren, und haben
-uns hingesetzt, um auszuruhen, antwortete der eine von ihnen, indem er
-seine Pfeife hinter dem Rücken verbarg und die Mütze abnahm.
-
-Ja, ausruhen ... Marsch, an eure Plätze!
-
-Er ging mit ihnen zusammen den Laufgraben entlang den Berg hinauf,
-wobei er auf Schritt und Tritt Verwundeten begegnete. Auf der Höhe des
-Berges wandte er sich links und befand sich, nachdem er einige Schritte
-gegangen war, ganz allein. Ein Bombensplitter sauste ganz nahe an ihm
-vorbei und schlug in den Laufgraben ein. Eine andere Bombe stieg vor
-ihm auf und kam, wie ihm schien, gerade auf ihn zu geflogen. Plötzlich
-wurde ihm schrecklich zu Mute: er lief trabend fünf Schritte weit
-und legte sich auf die Erde nieder. Als die Bombe platzte, und zwar
-entfernt von ihm, war er auf sich selber sehr böse, er stand auf und
-sah sich um, ob jemand sein Niederlegen bemerkt hätte; aber niemand war
-da.
-
-Wenn die Furcht sich einmal der Seele bemächtigt hat, weicht sie nicht
-bald einem anderen Gefühle. Er, der sich immer gebrüstet hatte, daß
-er sich niemals bücke, ging jetzt mit beschleunigten Schritten und
-fast kriechend den Laufgraben entlang. »Ach, schlimm! dachte er, als
-er stolperte, ich werde unfehlbar getötet,« er fühlte, wie schwer
-es ihm wurde, zu atmen, und wie der Schweiß an seinem ganzen Körper
-hervortrat, und wunderte sich über sich selber, versuchte aber nicht
-mehr, seiner Empfindung Herr zu werden.
-
-Plötzlich ließen sich Schritte vor ihm hören. Schnell richtete er sich
-auf, hob den Kopf in die Höhe und ging, munter mit dem Säbel klirrend,
-nicht mehr mit den früheren schnellen Schritten einher. Er erkannte
-sich selbst nicht wieder. Als er einem Sappeuroffizier und einem
-Matrosen begegnete und der erstere ihm zurief: »Duck dich!« indem er
-auf den leuchtenden Punkt einer Bombe zeigte, die immer heller und
-heller, immer schneller und schneller sich näherte und in der Nähe des
-Laufgrabens platzte, -- bog er nur ein wenig und unwillkürlich, unter
-dem Einfluß des warnenden Schreies, den Kopf und ging weiter.
-
-Sieh da, der ist tapfer! sagte der Matrose, der ruhig die fallende
-Bombe betrachtet und mit erfahrenem Blick sofort berechnet hatte, daß
-ihre Splitter in den Laufgraben nicht einschlagen konnten, er duckt
-sich nicht einmal!
-
-Nur noch einige Schritte hatte Kalugin über einen kleinen Platz bis
-zur Blindage des Kommandeurs der Bastion zu gehen, als ihn wieder das
-dumpfe Gefühl und die thörichte Furcht von vorhin überkam; sein Herz
-schlug stärker, das Blut strömte ihm nach dem Kopfe, und er mußte sich
-zusammennehmen, um nach der Blindage zu laufen.
-
-Warum sind Sie so außer Atem? sagte der General, als er ihm die Befehle
-überbrachte.
-
-Ich bin sehr schnell gegangen, Excellenz!
-
-Wollen Sie nicht ein Glas Wein?
-
-Kalugin trank ein Glas Wein und rauchte eine Cigarette an. Das Gefecht
-hatte bereits aufgehört, nur die starke Kanonade dauerte auf beiden
-Seiten fort. In der Blindage saß der General N., der Kommandeur der
-Bastion und sechs Offiziere, unter ihnen auch Praßkuchin, und sprachen
-über verschiedene Einzelheiten des Gefechts. Als Kalugin in diesem
-behaglichen Zimmer saß, das mit hellblauen Tapeten ausgeschlagen war,
-das ein Sofa, einen Tisch, auf dem Papiere lagen, ein Bett, eine
-Wanduhr und ein Heiligenbild, vor dem eine Lampe brannte, enthielt,
--- als er diese Zeichen der Wohnlichkeit und die fast drei Fuß dicken
-Balken der Decke sah und die in der Blindage nur schwach tönenden
-Schüsse hörte, -- konnte er gar nicht begreifen, wie er sich zweimal
-von einer so unverzeihlichen Schwäche hatte können übermannen lassen.
-Er war über sich selber erzürnt und sehnte sich nach der Gefahr, um
-sich von neuem zu prüfen.
-
-Ich freue mich, daß auch Sie hier sind, Kapitän, sagte er zu einem
-Marineoffizier im Stabsoffiziersmantel mit einem starken Schnurrbart
-und dem Georgskreuz, der inzwischen in die Blindage gekommen war
-und den General bat, ihm Arbeiter zu geben, um zwei auf seiner
-Batterie verschüttete Schießscharten wieder herzustellen. Der General
-hat mir befohlen, mich zu informieren, fuhr Kalugin fort, als der
-Batteriekommandeur aufgehört hatte, mit dem General zu sprechen, ob
-Ihre Geschütze den Laufgraben mit Kartätschen beschießen können.
-
-Nur ein Geschütz kann es, antwortete mürrisch der Kapitän.
-
-Jedenfalls wollen wir hingehen und nachsehen.
-
-Der Kapitän runzelte die Stirn und schrie zornig:
-
-Schon die ganze Nacht habe ich dort gestanden und bin hierher gekommen,
-um nur ein wenig auszuruhen, können Sie nicht allein hinuntergehen?
-Mein Stellvertreter, der Leutnant Karz, ist dort, er wird Ihnen alles
-zeigen.
-
-Der Kapitän kommandierte schon seit sechs Monaten diese Batterie, eine
-der gefährlichsten, wohnte sogar schon seit Anfang der Belagerung,
-da es noch keine Blindagen gab, ununterbrochen auf der Bastion und
-hatte unter den Seeleuten den Ruf der Tapferkeit. Daher setzte seine
-Weigerung Kalugin nicht wenig in Erstaunen und Verwunderung. »Was
-bedeutet der Ruf!« dachte er.
-
-Nun, so werde ich allein gehen, wenn Sie gestatten, entgegnete er in
-etwas spöttischem Tone dem Kapitän, der jedoch seine Worte nicht weiter
-beachtete.
-
-Kalugin bedachte aber nicht, daß er zu verschiedenen Zeiten alles in
-allem nur an fünfzig Stunden auf den Bastionen zugebracht, während
-der Kapitän sechs Monate dort gewohnt hatte. Kalugin trieb noch die
-Eitelkeit, der Wunsch zu glänzen, die Hoffnung auf Auszeichnungen,
-auf Ruhm und der Reiz der Gefahr; der Kapitän hatte all das schon
-durchgemacht: auch er hatte der Eitelkeit, der Tapferkeit, der Gefahr
-nachgestrebt, der Hoffnung auf Auszeichnungen und Ruhm, und hatte auch
-beide errungen, jetzt aber hatten alle diese Reizmittel ihre Macht
-über ihn verloren, und er betrachtete den Krieg mit anderen Augen: er
-erfüllte aufs pünktlichste seine Pflicht, war sich aber dessen wohl
-bewußt, wie wenig Aussichten ihm für das Leben blieben, und setzte
-darum nach einem Aufenthalte von sechs Monaten auf der Bastion diese
-Aussichten nicht ohne die dringendste Not aufs Spiel, so daß der junge
-Leutnant, der vor acht Tagen bei der Batterie eingetreten war, der sie
-jetzt Kalugin zeigte, sich mit ihm unnützerweise zur Schießscharte
-hinauslehnte und auf die Banketts kletterte, ihm zehnmal tapferer
-erschien, als der Kapitän.
-
-Als Kalugin die Batterie besichtigt hatte und nach der Blindage
-zurückging, stieß er in der Finsternis auf den General, der sich mit
-seinen Ordonnanzoffizieren auf die Höhe begab.
-
-Rittmeister Praßkuchin! sagte der General, gehen Sie gefälligst in den
-rechten Schützengraben hinunter und sagen Sie dem zweiten Bataillon des
-M.-Regiments, das dort auf Arbeit ist, daß es die Arbeit abbrechen,
-ohne Lärm abmarschieren und sich mit seinem Regiment vereinigen soll,
-das unten am Berge in Reserve steht ... Verstehen Sie? Sie werden es
-selbst zum Regiment führen.
-
-Zu Befehl.
-
-Und Praßkuchin lief im Trabe zum Schützengraben.
-
-Das Feuer wurde stärker.
-
-
-X
-
-Ist dies das zweite Bataillon des M.-Regiments? fragte Praßkuchin,
-als er, an Ort und Stelle gekommen war und auf Soldaten stieß, die in
-Säcken Erde trugen.
-
-Jawohl, Herr.
-
-Wo ist der Kommandeur?
-
-Michajlow war in dem Glauben, daß nach dem Kompagniekommandeur
-gefragt würde, kam aus seiner Grube herauf und ging, mit der Hand am
-Mützenschirm, an Praßkuchin heran, den er für einen Vorgesetzten hielt.
-
-Der General hat befohlen, schnell ... und vor allem still zurückzugehen
-... nein, nicht zurück, sondern zur Reserve, sprach Praßkuchin, indem
-er nach dem feindlichen Feuer schielte.
-
-Als Michajlow Praßkuchin erkannt hatte, ließ er die Hand sinken und
-gab, nachdem er erfahren, worum es sich handelte, den Befehl weiter;
-das Bataillon hörte auf zu arbeiten, ergriff die Gewehre, zog die
-Mäntel an und setzte sich in Bewegung.
-
-Wer es nicht kennen gelernt hat, kann sich die Freude nicht vorstellen,
-die ein Mensch empfindet, der nach einem dreistündigen Bombardement
-einen so gefährlichen Platz, wie ein Schützengraben ist, verläßt.
-Michajlow, der während dieser drei Stunden mehr als einmal nicht ohne
-Grund geglaubt, daß sein *Ende* gekommen, hatte sich schon mit dem
-Gedanken vertraut gemacht, daß er unzweifelhaft fallen müsse und daß
-er nicht mehr dieser Welt angehöre. Aber trotzdem kostete es ihm große
-Mühe, seine Beine vom Laufen zurückzuhalten, als er neben Praßkuchin an
-der Spitze der Kompagnie aus dem Schützengraben ging.
-
-Auf Wiedersehen! rief ihm ein Major zu, der Kommandeur eines anderen
-Bataillons, das in den Schützengräben zurückblieb, und mit dem er in
-der Grube an der Brustwehr gesessen und Käse gegessen hatte. Glück auf
-den Weg!
-
-Und Ihnen wünsche ich, glücklich Ihre Position zu halten. Jetzt ist es,
-wie mir scheint, ruhig geworden.
-
-Kaum aber hatte er dies gesagt, als der Feind, der jedenfalls die
-Bewegung in den Gräben bemerkt hatte, immer stärker und stärker zu
-feuern begann. Die Unsrigen antworteten ihm, und wiederum erhob sich
-eine starke Kanonade. Die Sterne standen hoch am Himmel, glänzten
-aber nicht hell. Die Nacht war so dunkel, daß man die Hand vor
-den Augen nicht sah, nur die Feuer der Schüsse und die platzenden
-Bomben erhellten auf einen Augenblick die Gegenstände. Die Soldaten
-gingen schnell und schweigend und suchten unwillkürlich einander
-zuvorzukommen; nach dem unaufhörlichen Rollen der Schüsse wurden
-nur die gemessenen Schritte der Soldaten auf dem trockenen Wege,
-das Klirren der Bajonette oder das Seufzen und das Gebet eines
-Soldaten: »Herr, Herr! Was ist das?« gehört. Bisweilen ließ sich
-das Stöhnen eines Verwundeten und der Ruf: »Tragbahre!« vernehmen.
-(In der Kompagnie, die Michajlow befehligte, wurden allein durch
-Artilleriefeuer in der Nacht 26 Mann getötet.) Ein Blitz flammte am
-dunklen, fernen Horizonte auf, die Schildwache auf der Bastion schrie:
-»Kano--o--ne!« und die Kugel sauste über die Kompagnie hin, riß die
-Erde auf und warf Steine in die Höhe.
-
-»Hol's der Teufel! wie langsam sie gehen, dachte Praßkuchin, indem
-er neben Michajlow einherschritt und fortwährend zurückblickte.
-Wahrhaftig, ich laufe lieber voraus; den Befehl habe ich ja überbracht
-... Übrigens, nein: man könnte ja sagen, daß ich ein Feigling bin. Mag
-geschehen, was will, -- ich gehe mit den übrigen.«
-
-»Und weshalb folgt er mir? dachte seinerseits Michajlow. -- Soviel
-ich bemerkt habe, bringt er immer Unglück. Da kommt eine geflogen,
-schnurstracks hierher, wie mir scheint.«
-
-Als sie einige hundert Schritt gegangen waren, stießen sie auf
-Kalugin, der, mit dem Säbel klirrend, gemessenen Schrittes nach den
-Schützengräben ging, um auf Befehl des Generals sich zu erkundigen,
-wie weit die Arbeiten dort gediehen seien. Als er aber Michajlow
-traf, fiel ihm ein, er könne, anstatt selbst in diesem schrecklichen
-Feuer dorthin zu gehen, was ihm auch nicht befohlen worden war, einen
-Offizier, der dort gewesen, nach allem ausfragen. Und wirklich erzählte
-ihm Michajlow ausführlich von dem Stand der Arbeiten. Dann ging Kalugin
-noch einige Schritte mit ihm und bog in den zur Blindage führenden
-Laufgraben ein.
-
-Nun, was giebt's Neues? fragte ein Offizier, der allein im Zimmer saß
-und Abendbrot aß.
-
-Nichts, es scheint, daß es kein Gefecht mehr geben wird.
-
-Wie, kein Gefecht mehr? ... Im Gegenteil, der General ist soeben wieder
-auf den Wachtturm gegangen. Noch ein Regiment ist gekommen. Da geht's
-ja los ... hören Sie das Gewehrfeuer? Sie werden doch nicht gehen?
-Wozu das? fügte der Offizier hinzu, als er die Bewegung bemerkte, die
-Kalugin machte.
-
-»Eigentlich müßte ich jedenfalls dabei sein, dachte Kalugin, aber ich
-habe mich in dieser Nacht schon vielen Gefahren ausgesetzt; das Feuer
-ist schrecklich.«
-
-Ich werde sie in der That lieber hier erwarten, sagte er.
-
-Wirklich kehrten nach zwanzig Minuten der General und die bei ihm
-befindlichen Offiziere zurück; unter ihnen befand sich der Junker
-Baron Pest, aber Praßkuchin fehlte. Die Schützengräben waren von den
-Unsrigen genommen und besetzt worden.
-
-Nachdem Kalugin ausführliche Nachrichten über das Gefecht erhalten,
-verließ er mit Pest die Blindage.
-
-
-XI
-
-Ihr Mantel ist blutig, sind Sie denn im Handgemenge gewesen? fragte ihn
-Kalugin.
-
-Ach, schrecklich! Sie können sich vorstellen ...
-
-Und Pest begann zu erzählen, wie er seine Kompagnie geführt, wie
-der Kompagniekommandeur getötet worden, wie er einen Franzosen
-niedergestochen und wie ... wäre er nicht gewesen, das Gefecht verloren
-wäre.
-
-Das Wesentliche dieser Erzählung, daß der Kommandeur getötet war
-und daß Pest einen Franzosen getötet hatte, war richtig; aber in
-der Schilderung der Einzelheiten war der Junker erfinderisch und
-prahlsüchtig.
-
-Er prahlte unwillkürlich, da er sich während des ganzen Gefechts in
-einer Art Rausch und Besinnungslosigkeit befunden hatte, so daß alles,
-was geschah, ihm so vorkam, als wäre es irgendwo, irgendwann und mit
-irgend jemandem geschehen; und es war natürlich, daß er sich Mühe gab,
-diese Einzelheiten in einer für ihn vorteilhaften Weise darzustellen.
-Wie aber war es in Wirklichkeit gewesen?
-
-Das Bataillon, dem der Junker während des Ausfalls zugeteilt war,
-stand zwei Stunden im Feuer, in der Nähe einer Wand, dann gab der
-Bataillonskommandeur vor der Front einen Befehl, die Hauptleute trugen
-ihn weiter, das Bataillon setzte sich in Bewegung, marschierte vor
-die Brustwehr und machte nach hundert Schritten Halt, um sich in
-Kompagniekolonnen zu formieren. Pest wurde beordert, sich auf den
-rechten Flügel der zweiten Kompagnie zu stellen.
-
-Ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, wo er sich befinde und
-weshalb er da sei, stellte sich der Junker an seinen Platz und sah
-mit unwillkürlich verhaltenem Atem und mit kaltem, über den Rücken
-laufendem Zittern bewußtlos vor sich hin, in die dunkle Ferne hinaus,
-etwas Schreckliches erwartend. Übrigens war ihm nicht so schrecklich
-zu Mute, denn es wurde nicht geschossen, vielmehr war ihm der Gedanke
-eigentümlich, seltsam, sich außerhalb der Festung, auf freiem Felde zu
-befinden. Wiederum gab der Bataillonskommandeur einen Befehl vor der
-Front, wiederum überbrachten ihn flüsternd die Offiziere, und plötzlich
-senkte sich die schwarze Wand der ersten Kompagnie, -- es war befohlen
-worden, sich niederzulegen. Die zweite Kompagnie legte sich ebenfalls,
-wobei sich Pest die Hand an einem Dornstrauch verletzte. Nur der
-Hauptmann der zweiten Kompagnie legte sich nicht. Seine kleine Gestalt,
-mit dem gezogenen Degen, den er unter fortwährendem Sprechen hin- und
-herschwang, bewegte sich vor der Kompagnie.
-
-Kinder! Das sag' ich euch, haltet euch brav! Aus dem Gewehr keinen
-Schuß, mit den Bajonetten auf die Kanaillen! Wenn ich »Urra« schreie,
-dann mir nach und nicht zurückgeblieben! ... Frisch drauf los ist die
-Hauptsache ... Wir wollen uns sehen lassen, nicht mit der Nase in den
-Staub! Nicht wahr, Kinder? Für den Zaren, den Vater! ...
-
-Wie heißt unser Kompagniekommandeur? fragte Pest den Junker, der neben
-ihm lag, er ist wirklich tapfer!
-
-Ja, er ist's immer, wenn es zum Kampfe kommt, antwortete der Junker,
-Lißinkowski heißt er.
-
-Da blitzte dicht vor der Kompagnie eine Flamme auf, ein Krach ertönte,
-der die ganze Kompagnie betäubte, hoch in die Luft schwirrten Steine
-und Sprengstücke (wenigstens fiel nach fünfzig Sekunden ein Stein
-nieder und zerschmetterte einem Soldaten das Bein). Das war eine Bombe
-aus der Elevationslafette, und ihr Einfallen in die Kompagnie bewies,
-daß die Franzosen die Kolonne bemerkt hatten.
-
-Mit Bomben schießt er! ... Laß uns nur erst an dich heran sein, dann
-sollst du, Verfluchter, das dreikantige russische Bajonett kosten!
-rief der Hauptmann so laut, daß der Bataillonskommandeur ihm befehlen
-mußte zu schweigen und nicht so viel zu lärmen.
-
-Bald darauf erhob sich die erste Kompagnie, nach ihr die zweite. Es
-wurde befohlen, das Gewehr zum Angriff in die rechte Hand zu nehmen,
-und das Bataillon ging vorwärts. Pest hatte vor Furcht das Bewußtsein
-verloren, wie betrunken ging er mit. Aber plötzlich blitzte von allen
-Seiten eine Million von Feuern auf, pfiff und krachte es. Er schrie und
-lief vorwärts, weil alle liefen und schrien. Dann stolperte er und fiel
-auf etwas. Das war der Kompagnieführer, ... er war vor der Kompagnie
-verwundet worden, er hielt den Junker für einen Franzosen und packte
-ihn am Bein. Als er sein Bein befreit und sich erhoben hatte, stieß
-in der Finsternis ein Mensch mit dem Rücken ihn an und hätte ihn fast
-wieder zu Boden geworfen; da schrie ein anderer: »Stich ihn nieder! Was
-gaffst du?« Er nahm das Gewehr und stieß das Bajonett in etwas Weiches.
-»_Ah Dieu!_« schrie jemand mit schrecklicher, durchdringender Stimme,
-und erst da begriff Pest, daß er einen Franzosen erstochen hatte. --
-Kalter Schweiß trat an seinem ganzen Körper hervor, er schüttelte sich
-wie im Fieber und warf das Gewehr fort. Aber nur einen Augenblick
-dauerte dies: sogleich kam ihm der Gedanke in den Kopf, daß er ein
-Held sei. Er hob das Gewehr und lief »Urra« schreiend mit der Menge
-von dem getöteten Franzosen fort. Nachdem er zwanzig Schritte gelaufen
-war, kam er in einen Laufgraben. Dort waren die Unsrigen und der
-Bataillonskommandeur.
-
-Ich habe einen erstochen! sagte er zu dem Bataillonskommandeur.
-
-Brav, Baron!
-
-
-XII
-
-Und wissen Sie, Praßkuchin ist tot! sagte Pest, als er Kalugin, der
-nach Hause ging, begleitete.
-
-Nicht möglich!
-
-Warum? Ich habe es selbst gesehen.
-
-Leben Sie wohl, ich habe Eile!
-
-Ich bin sehr zufrieden, dachte Kalugin auf dem Heimwege, zum erstenmal
-habe ich während meines Tagdienstes Glück gehabt. Es ist mir
-vortrefflich gegangen: ich bin am Leben und unverletzt, Auszeichnungen
-wird es auch geben und jedenfalls einen goldenen Säbel. Übrigens habe
-ich es verdient.
-
-Nachdem er dem General alles Notwendige gemeldet hatte, ging er in sein
-Zimmer.
-
-Mit außerordentlichem Behagen fühlte sich Kalugin zu Hause außer
-Gefahr; nachdem er ein Nachthemd angezogen und sich ins Bett gelegt,
-erzählte er Galzin die Einzelheiten des Gefechts; er schilderte sie
-sehr natürlich von dem Gesichtspunkte aus, von dem die Einzelheiten
-bewiesen, daß er, Kalugin, ein sehr tüchtiger und tapferer Offizier
-sei, was, wie ich meine, gar nicht nötig war zu betonen, da alle
-Welt das wußte und niemand ein Recht oder einen Grund hatte, daran
-zu zweifeln, außer dem seligen Rittmeister Praßkuchin vielleicht,
-der, obgleich er es oft später als ein Glück betrachtete, Arm in Arm
-mit Kalugin zu gehen, gestern einem Freunde unter Diskretion erzählt
-hatte, Kalugin sei ein trefflicher Mensch, gehe aber, unter uns gesagt,
-furchtbar ungern auf die Bastion.
-
-Kaum hatte sich Praßkuchin, neben Michajlow gehend, von Kalugin
-getrennt und schon angefangen, etwas aufzuleben, weil er nach einem
-weniger gefährlichen Platz ging, als er einen hellstrahlenden Blitz
-hinter sich sah, und den Schrei der Schildwache: »Mörser!« sowie die
-Worte eines hinter ihm gehenden Soldaten: »Direkt nach der Bastion
-fliegt sie!« hörte.
-
-Michajlow sah sich um. Der glänzende Punkt der Bombe schien in seinem
-Zenith stehen zu bleiben, in einer Stellung, daß es entschieden
-unmöglich war, seine Richtung zu bestimmen. Aber das dauerte nur einen
-Augenblick: die Bombe kam immer schneller und näher, so daß schon
-die Funken der Röhre sichtbar waren und das verhängnisvolle Pfeifen
-hörbar, -- gerade mitten unter das Bataillon fiel sie nieder.
-
-Legt euch! rief eine Stimme.
-
-Michajlow und Praßkuchin legten sich auf die Erde. Praßkuchin kniff
-die Augen zu und hörte nur, wie die Bombe ganz in seiner Nähe auf die
-feste Erde aufschlug. Es verging eine Sekunde, die ihm wie eine Stunde
-erschien, -- die Bombe platzte nicht. Praßkuchin erschrak: sollte
-er unnötig feig gewesen sein? War vielleicht die Bombe weit von ihm
-niedergefallen, und war es ihm nur so vorgekommen, als ob ihre Röhre
-in seiner Nähe gezischt? Er öffnete die Augen und sah mit Befriedigung
-Michajlow dicht an seinen Füßen unbeweglich liegen. Aber da begegnete
-seinen Augen auf einen Moment die leuchtende Röhre der nur eine Elle
-entfernt von ihm sich drehenden Bombe.
-
-Ein Schreck -- ein kalter, alles Denken und Fühlen lähmender Schreck --
-ergriff sein ganzes Wesen. Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
-
-Noch eine Sekunde verging -- eine Sekunde, in der eine ganze Welt
-von Gefühlen, Gedanken, Hoffnungen, Erinnerungen an seinem Geiste
-vorüberblitzte.
-
-»Wen wird sie treffen, mich oder Michajlow, oder beide zusammen? Und
-wenn mich, dann wo? Am Kopf, dann ist alles vorbei; am Bein, dann
-wird es abgeschnitten -- und dann werde ich bitten, daß man mich
-chloroformiert und kann noch am Leben bleiben. Vielleicht aber tötet
-sie nur Michajlow, dann werde ich erzählen, wie wir zusammen gegangen,
-wie er getroffen worden, und sein Blut mich bespritzt hat. Nein, mir
-ist sie näher ... mich tötet sie!«
-
-Da fielen ihm die zwölf Rubel ein, die er Michajlow schuldig war, und
-noch eine Schuld in Petersburg, die er längst hätte bezahlen müssen;
-ein Zigeunermotiv, das er gestern abend gesungen hatte, huschte ihm
-durch den Kopf. Das Weib, das er liebte, stand vor seiner Phantasie
-in einer Haube mit lila Bändern; der Mensch, der ihn vor fünf Jahren
-beleidigt und dem er diese Beleidigung nicht heimgezahlt hatte,
-fiel ihm ein, obgleich, untrennbar von dieser und tausend anderen
-Erinnerungen, das Gefühl der Gegenwart -- die Erwartung des Todes
--- ihn nicht einen Augenblick verließ. »Übrigens, vielleicht platzt
-sie nicht«, dachte er und wollte mit verzweifelter Entschlossenheit
-die Augen öffnen. Aber in diesem Augenblick traf ihn durch die
-geschlossenen Lider ein roter Feuerschein, und mit entsetzlichem
-Krachen schlug ihm etwas mitten in die Brust; er stürzte vorwärts,
-stolperte über den Säbel, der ihm zwischen die Beine geraten war, und
-fiel auf die Seite.
-
-»Gott sei Dank, es ist nur ein Streifschuß!« war sein erster Gedanke,
-und er wollte mit den Händen seine Brust befühlen; aber seine Hände
-waren wie gelähmt und sein Kopf wie in einen Schraubstock eingeklemmt.
-Vor seinen Augen huschten die Soldaten vorüber, und bewußtlos zählte
-er sie: »Eins, zwei, drei Mann; da einer in den Mantel gehüllt, ein
-Offizier,« dachte er. Dann flammte ein Blitz vor seinen Augen auf,
-und er dachte darüber nach, woher der Schuß wohl kommt: aus einem
-Mörser oder aus einer Kanone? Wahrscheinlich aus einer Kanone. Da
-neue Schüsse; da noch Soldaten: fünf, sechs, sieben Mann, alle gehen
-vorüber. Plötzlich wurde ihm furchtbar zu Mut, als ob ihn jemand
-würgte. Er wollte schreien, er habe einen Streifschuß bekommen, aber
-sein Mund war so vertrocknet, daß ihm die Zunge am Gaumen klebte, und
-ein schrecklicher Durst ihn quälte. Er fühlte, wie naß er um die Brust
-war: dieses Gefühl der Nässe rief ihm das Wasser in Erinnerung, und er
-hätte auch das trinken mögen, wovon seine Brust naß war.
-
-»Wahrscheinlich habe ich mich blutig geschlagen, als ich fiel,« dachte
-er. Er überließ sich immer mehr und mehr der Furcht, daß die Soldaten,
-die an ihm vorüberhuschten, ihn erwürgen würden. Er nahm alle Kräfte
-zusammen und wollte schreien: »Nehmt mich mit!« Aber anstatt dessen
-stöhnte er so schrecklich, daß es ihm fürchterlich war, sich zu
-hören. Dann hüpften rote Flämmchen vor seinen Augen, und es war ihm,
-als legten Soldaten Steine über ihn; die Flämmchen hüpften immer
-schneller und schneller, die Steine, die man über ihn legte, drückten
-immer schwerer und schwerer. Er machte eine Anstrengung, um die Steine
-abzuwälzen, streckte sich aus, und dann sah, hörte, dachte und fühlte
-er nichts mehr. Er war durch einen Bombensplitter mitten in die Brust
-getroffen und auf der Stelle getötet worden.
-
-
-XIII
-
-Michajlow war, als er die Bombe sah, auf die Erde niedergefallen;
-während der zwei Sekunden, in welchen die Bombe ungeborsten dalag,
-dachte und fühlte er ebenso viel, wie Praßkuchin. Er betete in Gedanken
-zu Gott und wiederholte fortwährend: »Dein Wille geschehe! Und wozu
-bin ich in den Dienst getreten -- dachte er gleichzeitig -- und noch
-dazu in die Infanterie, um an dem Feldzuge teilzunehmen? Wäre es nicht
-besser gewesen, im Ulanenregiment zu bleiben in T. und meine Zeit bei
-meiner lieben Natascha zuzubringen? Jetzt ...« Und er begann zu zählen:
-eins, zwei, drei, vier und sagte sich, gerade heißt lebendig bleiben,
-ungerade tot: »Nun ist alles zu Ende, ich bin tödlich getroffen!«
-dachte er, als die Bombe platzte, und er einen Schlag an den Kopf
-bekam und einen rasenden Schmerz empfand. »Herr, verzeih' mir meine
-Sünden,« rief er mit gefalteten Händen, wollte sich erheben, fiel aber
-besinnungslos auf den Rücken.
-
-Das erste, was er fühlte, als er wieder zu sich kam, war das Blut,
-das ihm über die Nase strömte, und der bei weitem schwächer gewordene
-Schmerz am Kopf. »Die Seele entflieht, dachte er. -- Wie wird es »dort«
-sein? ... Herr, nimm meine Seele in Frieden auf. Nur das Eine ist
-sonderbar, dachte er, daß ich sterbend so deutlich die Schritte der
-Soldaten und die Schüsse höre.«
-
-Eine Bahre her ... he ... unser Hauptmann ist tot! schrie über seinem
-Kopfe eine Stimme, die er unwillkürlich als die des Trommlers Ignatjew
-erkannte.
-
-Da faßte ihn jemand bei den Schultern. Er versuchte, die Augen zu
-öffnen und sah über seinem Kopf den dunkelblauen Himmel, Sterngruppen
-und zwei über ihn hinfliegende Bomben, die um die Wette weitereilten
--- er sah Ignatjew, Soldaten mit Tragbahren und Gewehren, den Wall
-des Laufgrabens, und überzeugte sich plötzlich, daß er noch nicht im
-Jenseits sei.
-
-Er war leicht von einem Stein am Kopf verwundet. Seine allererste
-Empfindung war etwas wie Bedauern: er hatte sich so gut und ruhig
-auf den Übergang »dorthin« vorbereitet, daß ihn die Rückkehr in
-die Wirklichkeit mit ihren Bomben, Laufgräben und Blute unangenehm
-berührte; seine zweite Empfindung war die unbewußte Freude darüber,
-daß er lebendig war; die dritte -- der Wunsch, so bald als möglich die
-Bastion zu verlassen. Der Trommler verband seinem Hauptmann den Kopf
-mit einem Tuche, nahm den Verwundeten unter den Arm und wollte ihn nach
-dem Verbandort führen.
-
-»Wohin und weshalb ich aber gehe? dachte der Stabskapitän, als er etwas
-zu sich gekommen war. Meine Pflicht ist, bei der Kompagnie zu bleiben
-und nicht vorzeitig fortzugehen, umsomehr, als sie bald aus dem Feuer
-herauskommen wird,« flüsterte eine innere Stimme ihm zu.
-
-Es ist nicht nötig, Bruder, sagte er, indem er seinen Arm dem
-dienstfertigen Trommler entzog, ich werde nicht nach dem Verbandort
-gehen, sondern bei der Kompagnie bleiben.
-
-Und er wandte sich zurück.
-
-Sie thäten besser, sich ordentlich verbinden zu lassen, Euer
-Wohlgeboren, sagte Ignatjew, -- nur in der ersten Hitze scheint das
-nichts zu sein; Sie machen es bloß schlimmer; hier giebt's ein ganz
-gehöriges Feuer ... gewiß, Euer Wohlgeboren!
-
-Michajlow blieb einen Augenblick unentschlossen stehen und würde
-wahrscheinlich Ignatjews Rat befolgt haben, wenn er nicht bedacht
-hätte, wieviel Schwerverwundete am Verbandort sein würden.
-
-»Vielleicht werden die Doktoren über meine Schramme nur lächeln,«
-dachte der Stabskapitän und ging, trotz der Gründe des Trommlers,
-entschlossen zur Kompagnie zurück.
-
-Wo ist der Ordonnanzoffizier Praßkuchin, der mit mir gegangen war?
-fragte er den Fähnrich, der die Kompagnie führte.
-
-Ich weiß nicht ... tot, glaube ich, antwortete mürrisch der Fähnrich,
-tot oder verwundet.
-
-Wie können Sie das nicht wissen, er ist ja mit uns gegangen? Und
-weshalb haben Sie ihn nicht mitgenommen?
-
-Wie soll man ihn mitnehmen, wenn's ein solches Feuer giebt!
-
-Ach! so sind Sie, Michail Iwanytsch, rief zornig Michajlow, wie konnten
-Sie ihn liegen lassen, wenn er noch lebt; ja, wenn er auch tot ist,
-mußten Sie doch den Leichnam mitnehmen.
-
-Wie kann er leben, wenn ich Ihnen sage, ich selber habe ihn gesehen!
-sagte der Fähnrich. Ich bitte Sie! wenn wir nur erst unsere eigenen
-Leute fortgeschafft hätten! ... Sieh' da, jetzt schießt die Kanaille
-mit Kanonenkugeln! fügte er hinzu.
-
-Michajlow setzte sich und faßte sich an den Kopf, der ihm von der
-Bewegung aufs heftigste schmerzte.
-
-Nein, wir müssen jedenfalls hin und ihn mitnehmen; vielleicht lebt
-er noch, sagte Michajlow. -- Das ist unsere *Schuldigkeit*, Michail
-Iwanytsch!
-
-Michail Iwanytsch antwortete nicht.
-
-»Der hat ihn vorhin nicht mitgenommen, und jetzt muß ich die Soldaten
-allein schicken; aber darf ich sie schicken? -- Bei solch einem
-schrecklichen Feuer können sie zwecklos getötet werden,« dachte
-Michajlow.
-
-Kinder! wir müssen zurückgehen, um einen Offizier mitzunehmen, der dort
-im Graben verwundet worden ist, rief er nicht allzu laut und befehlend,
-da er fühlte, wie unangenehm den Soldaten die Erfüllung dieses Befehls
-sein würde, -- und wirklich, da er niemand mit Namen bezeichnet hatte,
-trat keiner vor, dem Geheiß nachzukommen.
-
-»Es ist wahr: vielleicht ist er schon tot und es *lohnt* sich nicht,
-die Leute einer unnötigen Gefahr auszusetzen; nur an mir liegt die
-Schuld, weshalb habe ich mich um ihn nicht bekümmert. Ich werde
-selber gehen, mich zu überzeugen, ob er noch lebt. Das ist meine
-*Schuldigkeit*,« sprach Michajlow zu sich selbst.
-
-Michail Iwanytsch! führen Sie die Kompagnie, ich werde nachkommen,
-sagte er und lief, mit der einen Hand den Mantel aufhebend, mit der
-andern das Bild des heiligen Mitrophan, zu dem er ein besonderes
-Vertrauen hatte, fortwährend berührend, im Trabe den Laufgraben entlang.
-
-Nachdem sich Michajlow überzeugt, daß Praßkuchin tot war, schleppte
-er sich, keuchend und mit der Hand den locker gewordenen Verband und
-den heftig schmerzenden Kopf haltend, zurück. Als er sein Bataillon
-erreichte, stand es bereits unten am Berge an Ort und Stelle und fast
-außerhalb Schußweite. Ich sage: *fast*, nicht außerhalb Schußweite,
-weil bisweilen auch bis dahin sich Bomben verirrten.
-
-»Aber morgen muß ich mich am Verbandort als verwundet einschreiben
-lassen,« dachte der Stabskapitän, als der herbeigekommene Feldscher ihn
-verband.
-
-
-XIV
-
-Hunderte von frischen, blutigen Menschenkörpern, die vor zwei Stunden
-noch von den mannigfaltigsten, erhabenen und kleinlichen Hoffnungen und
-Wünschen erfüllt waren, lagen mit erstarrten Gliedern in dem betauten,
-blumenreichen Thale, das die Bastion vom Laufgraben trennte, und auf
-dem ebenen Fußboden der Totenkapelle in Sewastopol; Hunderte von
-Menschen, mit Verwünschungen und Gebeten auf den vertrockneten Lippen,
-krochen, wanden sich und stöhnten: die einen zwischen den Leichnamen
-im blumenreichen Thal, die anderen auf Tragbahren, Pritschen und der
-blutigen Diele des Verbandortes; und gerade so, wie an früheren Tagen,
-stand Wetterleuchten über dem Ssapunberg, erbleichten die glänzenden
-Sterne, kam ein weißer Nebel vom brausenden, dunkeln Meere daher
-gezogen, flammte die helle Morgenröte im Osten auf, zerstreuten sich
-die dunklen Gewitterwölkchen am hellblauen Horizont, und gerade so wie
-an den früheren Tagen tauchte, der ganzen erwachenden Welt Freude,
-Liebe und Glück verheißend, das mächtige, schöne Tagesgestirn empor.
-
-
-XV
-
-Am folgenden Tage, gegen Abend, spielte wieder eine Jägerkapelle auf
-dem Boulevard, und wieder spazierten Offiziere, Junker, Soldaten
-und junge Frauenzimmer müßig in der Nähe des Pavillons und in den
-niedrigen, von blühenden, wohlriechenden, weißen Akazien gebildeten
-Alleen.
-
-Kalugin, Fürst Galzin und ein Oberst gingen Arm in Arm um den Pavillon
-und sprachen von dem Gefecht des vergangenen Tages.
-
-Der leitende Faden ihres Gesprächs war, wie es immer in ähnlichen
-Fällen zu sein pflegt, nicht das Gefecht selbst, sondern der Anteil,
-den der Erzählende an dem Gefecht genommen hatte. Ihr Aussehen und der
-Klang ihrer Stimme war ernst, beinahe traurig, als ob die Verluste
-des gestrigen Tages jeden von ihnen berührten und schmerzten; in
-Wahrheit aber war dieser Ausdruck der Trauer, da niemand von ihnen
-einen nahestehenden Menschen verloren hatte, der offizielle Ausdruck,
-den sie für ihre Pflicht hielten zur Schau zu tragen. Kalugin und der
-Oberst wären jeden Tag bereit gewesen, ein solches Gefecht mitzumachen,
-wenn sie nur jedesmal einen goldenen Säbel oder den Generalmajor
-bekommen hätten, obgleich sie sehr nette Menschen waren. Ich höre es
-gern, wenn man einen Eroberer wegen seines Ehrgeizes, der Millionen zu
-Grunde richtet, einen Unmenschen nennt. Man frage aber den Fähnrich
-Petruschow und den Unterleutnant Antonow und andere aufs Gewissen,
-dann ist jeder von uns ein kleiner Napoleon, ein kleiner Unmensch, und
-jeden Augenblick bereit, einen Kampf aufzunehmen und hunderte Menschen
-zu töten, nur um einen unnützen Orden oder ein Drittel seiner Gage zu
-bekommen.
-
-Nein, entschuldigen Sie, sagte der Oberst, erst ist es auf dem linken
-Flügel losgegangen, *ich bin ja dort gewesen*.
-
-Vielleicht, antwortete Kalugin. *Ich war mehr auf dem rechten; ich bin
-zweimal hingekommen: Einmal suchte ich den General und das andere Mal
-ging ich so hin -- die Verschanzung anzusehen. Da ging es heiß her.*
-
-Ja, gewiß, so ist es, Kalugin weiß es, sagte Fürst Galzin zu dem
-Oberst. Weißt du, heute hat mir W... von dir gesagt, du seist ein
-tapfrer ...
-
-Aber Verluste, schreckliche Verluste, sagte der Oberst. *Von meinem
-Regiment* sind 400 Mann gefallen. Ein Wunder, *daß ich lebendig
-davongekommen bin*.
-
-Da zeigte sich am andern Ende des Boulevards die Gestalt Michajlows mit
-verbundenem Kopfe; er ging auf sie zu.
-
-Wie, Sie sind verwundet, Kapitän? sagte Kalugin.
-
-Ja, ein wenig, durch einen Stein, antwortete Michajlow.
-
-_Est ce que pavillon est baissé déjà?_ fragte Fürst Galzin und sah
-dabei nach der Mütze des Stabskapitäns, ohne sich an eine bestimmte
-Person zu wenden.
-
-_Non, pas encore_, antwortete Michajlow, der gern zeigen wollte, daß er
-französisch verstehe und spreche.
-
-Dauert denn der Waffenstillstand noch fort? sagte Galzin russisch,
-und wandte sich an den Kapitän, um dadurch, wie dem Stabskapitän
-schien, auszudrücken, es muß Ihnen wohl schwer fallen, französisch zu
-sprechen und ist doch wohl besser geradezu ... Und damit entfernten
-sich die Adjutanten von ihm. Der Stabskapitän fühlte sich, wie gestern,
-außerordentlich vereinsamt, begrüßte mehrere, und da er sich zu den
-einen nicht gesellen wollte und zu den andern heranzutreten sich nicht
-entschließen konnte, setzte er sich in der Nähe des Kasarskij-Denkmals
-nieder und rauchte eine Cigarette an.
-
-Baron Pest kam ebenfalls auf den Boulevard. Er erzählte, er habe
-den Verhandlungen über den Waffenstillstand beigewohnt und mit
-französischen Offizieren gesprochen; ein Offizier habe ihm gesagt:
-_S'il n'avait pas fait clair encore pendant une demi-heure, les
-embuscades auraient été reprises_, und er habe ihm geantwortet:
-_Monsieur, je ne dis pas non, pour ne pas vous donnez un démenti_, so
-vortrefflich habe er ihm geantwortet u. s. w.
-
-In Wirklichkeit aber hatte er, obwohl er bei den Verhandlungen gewesen
-war, gar keine Gelegenheit gehabt, dort etwas besonderes zu sagen,
-obwohl er große Lust hatte, mit den Franzosen zu sprechen. (Es ist doch
-ein ungeheures Vergnügen, mit Franzosen zu sprechen.) Der Junker Baron
-Pest war lange die Linie entlang gegangen und hatte alle Franzosen,
-die in seiner Nähe waren, gefragt: _De quel régiment êtes-vous?_ Sie
-antworteten ihm -- und das war alles. Als er sich aber zu weit über
-die Linie hinauswagte, schimpfte der französische Wachtposten, der
-nicht vermutete, daß dieser Soldat französisch verstehen könnte, ihn
-in der dritten Person aus: »_Il vient regarder nos travaux ce sacré
-..._« sagte er. Und da der Junker Baron Pest infolgedessen kein
-Vergnügen mehr fand an den Verhandlungen, war er nach Hause geritten
-und hatte unterwegs über die französischen Sätze nachgedacht, die
-er jetzt vorbrachte. Auf dem Boulevard stand auch Kapitän Sobow in
-lautem Gespräch und Kapitän Obshogow, der ganz erregt aussah, und der
-Artilleriekapitän, der keines Menschen Gunst suchte, und der in seiner
-Liebe glückliche Junker und alle die Personen von gestern, immer noch
-mit denselben Wünschen und Trieben. Nur Praßkuchin, Neferdow und noch
-einer fehlten, und es wurde ihrer jetzt, wo ihre Körper noch nicht
-gewaschen, geschmückt und in die Erde verscharrt waren, kaum gedacht
-oder erwähnt.
-
-
-XVI
-
-Auf unserer Bastion und dem französischen Laufgraben sind weiße
-Flaggen aufgesteckt, und zwischen ihnen, im blumenreichen Thale,
-liegen haufenweis, ohne Stiefel, in grauen und blauen Uniformen,
-verstümmelte Leichen, die Arbeiter zusammentragen und auf Wagen legen.
-Der Geruch der toten Körper erfüllt die Luft. Aus Sewastopol und aus
-dem französischen Lager strömen Menschenscharen herbei, um dieses
-Schauspiel anzusehen, und mit brennender, wohlwollender Neugierde eilt
-die eine Schar zur andern.
-
-Hören wir, was diese Leute untereinander sprechen.
-
-Dort, in einem Kreise von Russen und Franzosen, betrachtet ein junger
-Offizier, der zwar schlecht, aber hinreichend französisch spricht, um
-verstanden zu werden, eine Gardepatrontasche.
-
-Eh seßi purkua se uaso lië? sagt er.
-
-_Par ce que c'est un giberne d'un régiment de la garde, Monsieur, qui
-porte l'aigle impérial._
-
-Eh wu de la gard?
-
-_Pardon, Monsieur, du 6^{ème} de ligne._
-
-Eh seßi u aschte? fragt der Offizier, indem er auf eine hölzerne gelbe
-Cigarrenspitze zeigt, aus der der Franzose eine Cigarette raucht.
-
-_A Balaclava, Monsieur! C'est tout simple en bois de palme._
-
-Sholi, sagt der Offizier, der sich in seinem Gespräch weniger von
-seinem Willen leiten läßt, als von den Worten, die er kennt.
-
-_Si vous voulez bien garder cela comme souvenir de cette rencontre,
-vous m'obligerez._
-
-Und der höfliche Franzose bläst die Cigarette heraus und überreicht dem
-Offizier mit einer leichten Verbeugung die Spitze. Der Offizier giebt
-ihm die seinige, und alle Leute in der Gruppe, sowohl Franzosen, wie
-Russen, scheinen sehr vergnügt darüber zu sein und zu lächeln.
-
-Dort ist ein kecker Infanterist, in einem rosa Hemd und mit
-umgeworfenem Mantel, in Begleitung anderer Soldaten, die, die Hände
-auf dem Rücken, mit frohen, neugierigen Gesichtern hinter ihm stehen,
-an einen Franzosen herangegangen und bittet ihn um Feuer für seine
-Pfeife. Der Franzose bläst seine Pfeife stärker an, stochert den Tabak
-auf und schüttet Feuer in des Russen Pfeife.
-
-Tabak bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Zuschauer lächeln.
-
-_Oui, bon tabac, tabac turc_, sagt der Franzose, _et chez vous autres,
-tabac -- russe? bon?_
-
-Ruß -- bun, sagt der Soldat im rosa Hemd, und die Anwesenden schütteln
-sich vor Lachen. Franße nicht bun, bonshur mussje! sagt der Soldat im
-rosa Hemd, indem er seinen ganzen Vorrat von Sprachkenntnissen auf
-einmal erschöpft, und klopft lachend dem Franzosen auf den Bauch.
-
-_Ils ne sont pas jolis ces b... de Russes_, sagt ein Zuave mitten aus
-dem Franzosenhaufen.
-
-_De quoi de ce qu'ils rient donc?_ sagt ein anderer, ein dunkelbrauner
-Geselle mit italienischer Aussprache, und kommt auf die Unsrigen zu.
-
-Kaftan bun, sagt der kecke Soldat, indem er die gestickten Schöße des
-Zuaven betrachtet -- und wieder lachen alle.
-
-_Ne sors pas de la ligne, à vos places, sacré nom!_ schreit der
-französische Korporal, und die Soldaten gehen mit sichtlicher
-Unzufriedenheit auseinander.
-
-Da drüben, im Kreise französischer Offiziere, steht ein junger
-Kavallerieoffizier von uns und löst sich in Liebenswürdigkeiten auf.
-Es ist die Rede von einem gewissen _comte Sazonoff, que j'ai beaucoup
-connu, M._, sagt ein französischer Offizier, dem eine Achselklappe
-fehlt; _c'est un de ces vrais comtes russes, comme nous les aimons_.
-
-_Il y a un Sazonoff, que j'ai connu_, sagt der Kavallerist, _mais il
-n'est pas comte, à moins, que je sache; un petit brun de votre âge à
-peu près_.
-
-_C'est ça, M. c'est lui. Oh, que je voudrais le voir ce cher comte.
-Si vous le voyez, je vous prie bien de lui faire mes compliments. --
-Capitaine Latour_, sagt er mit einer Verbeugung.
-
-_N'est-ce pas terrible la triste besogne, que nous faisons? Ça
-chauffait cette nuit, n'est-ce pas?_ sagt der Kavallerist, der die
-Unterhaltung fortzusetzen wünscht, und zeigt auf die Leichen.
-
-_Oh, M. c'est affreux! Mais quels gaillards vos soldats, quels
-gaillards! C'est un plaisir, que de se battre avec des gaillards comme
-eux._
-
-_Il faut avouer que les votres ne se mouchent pas du pied non plus_ --
-sagt der Kavallerist, verbeugt sich und glaubt sehr liebenswürdig zu
-sein.
-
-Aber genug.
-
-Betrachten wir lieber den zehnjährigen Knaben, der in einer alten,
-jedenfalls von seinem Vater stammenden Mütze, mit Schuhen an den
-nackten Füßen und in Nankinghosen, die nur durch einen Riemen gehalten
-werden, gleich nach Beginn des Waffenstillstandes über den Wall
-gekommen ist, sich lange in der Schlucht aufgehalten, mit stumpfer
-Neugierde die Franzosen und die auf der Erde liegenden Leichname
-betrachtet und blaue Feldblumen gepflückt hat, von denen dieses Thal
-übersät ist. Da er mit dem großen Blumenstrauß nach Hause zurückgeht,
-hält er die Nase zu vor dem Geruch, den ihm der Wind zuträgt, bleibt
-bei einem Haufen zusammengetragener Körper stehen und betrachtet lange
-einen schrecklichen, kopflosen Leichnam, der in seiner Nähe liegt.
-Nachdem er ziemlich lange gestanden, tritt er näher heran und berührt
-mit dem Fuß den ausgestreckten erstarrten Arm des Leichnams, -- der
-Arm bewegt sich ein wenig. Er berührt ihn noch einmal, stärker, --
-der Arm bewegt sich und kehrt wieder in seine Lage zurück. Der Knabe
-schreit plötzlich auf, verbirgt das Gesicht in den Blumen und läuft
-spornstreichs fort nach der Festung.
-
-Ja, auf der Bastion und im Laufgraben sind weiße Flaggen aufgesteckt,
-das blumenreiche Thal ist voll von toten Körpern, die schöne Sonne
-sinkt ins blaue Meer, und das blaue Meer wogt und glänzt in den
-Strahlen der Sonne. Tausende von Menschen drängen sich, schauen,
-sprechen und lächeln einander zu. Und diese Menschen sind Christen,
-die das eine große Gebot der Liebe und Selbstverleugnung bekennen, und
-fallen beim Anblick dessen, was sie gethan, nicht voll Reue mit einem
-Schlage auf die Knie vor Dem, der, als er ihnen das Leben gab, in die
-Seele eines jeden, zugleich mit der Todesfurcht, die Liebe zum Guten
-und Schönen gelegt hat, und umarmen sich nicht mit Thränen der Freude
-und des Glücks als Brüder? ... Die weißen Flaggen sind entfernt, und
-von neuem pfeifen die Geschosse, Tod und Verderben bringend, von neuem
-wird unschuldiges Blut vergossen und Stöhnen und Fluchen laut.
-
-[Illustration: Gedankenwechsel]
-
-So hätte ich denn gesagt, was ich für dieses Mal zu sagen hatte. Aber
-ein drückender Zweifel überkommt mich. Vielleicht hätte ich das nicht
-aussprechen sollen, vielleicht gehört das, was ich gesagt habe, zu
-jenen schlimmen Wahrheiten, die unbewußt in der Seele eines jeden
-schlummern und nicht ausgesprochen werden dürfen, um nicht schädlich zu
-werden, wie der Bodensatz des Weines, den man nicht aufschütteln darf,
-um den Wein nicht zu zerstören.
-
-Wo ist in dieser Erzählung das Abbild des Bösen, das wir vermeiden
-sollen? Wo das Abbild des Guten, dem wir nachahmen sollen? Wer ist ihr
-Bösewicht, wer ihr Held? -- Alle sind gut und alle sind schlecht.
-
-Weder Kalugin mit seiner glänzenden Tapferkeit -- _bravoure de
-gentilhomme_ -- und Ruhmsucht, der Urheber in Aller Handlungen, noch
-Praßkuchin, der eitle, harmlose Mensch, obgleich er im Kampfe für den
-Glauben und für Thron und Vaterland gefallen ist, noch Michajlow mit
-seiner Schüchternheit, noch Pest, dieses Kind ohne feste Überzeugung
-und Grundsätze -- sie alle können nicht die Bösewichter, noch die
-Helden der Erzählung sein.
-
-Der Held meiner Erzählung, den ich mit der ganzen Kraft meiner Seele
-liebe, den ich in ganzer Schöne zu schildern bemüht war, und der immer
-schön gewesen ist und immer schön sein wird, -- ist die Wahrheit.
-
-
-
-
-*Sewastopol* im August 1855
-
-
-I
-
-Gegen Ende August fuhr auf der zerklüfteten Sewastopoler
-Heerstraße zwischen Duwanka (der letzten Station vor Sewastopol)
-und Bachtschißaraj, in dichtem und heißem Staube, langsam ein
-Offizierswägelchen (von jener besondern Art, die man sonst nirgends
-sieht und die die Mitte hält zwischen einer Judenbritschke, einem
-russischen Wagen und einem Korb).
-
-Vorn im Fuhrwerk hockte ein Offiziersbursche in einem Nankingrock und
-einer vollständig abgetragenen alten Offiziersmütze und führte die
-Zügel; hinten saß auf Bündeln und Ballen, die mit einem Soldatenmantel
-bedeckt waren, ein Infanterieoffizier in einem Sommermantel. Der
-Offizier war, so weit man das bei seiner sitzenden Stellung beurteilen
-konnte, von mittlerer Gestalt, aber nicht so sehr in den Schultern,
-als über Brust und Rücken breit und stämmig; Hals und Nacken waren
-bei ihm sehr entwickelt und hervorstehend. Eine sogenannte Taille --
-den Einschnitt in der Mitte des Rückens -- hatte er nicht, er hatte
-aber auch keinen Bauch; im Gegenteil, er war eher mager, besonders
-im Gesicht, das von einem ungesunden gelblichen Braun bedeckt war.
-Sein Gesicht hätte man schön nennen können, wäre es nicht aufgedunsen
-gewesen, und hätte es nicht große, wenn auch nicht greisenhafte Runzeln
-gehabt, die die Züge verwischten und vergrößerten und dem ganzen
-Gesicht den allgemeinen Ausdruck mangelnder Frische und Zartheit gaben.
-Seine Augen waren klein, grau, ungewöhnlich lebhaft, sogar stechend;
-der Schnurrbart sehr dicht, aber nicht breit und abgebissen, das Kinn,
-besonders die Kinnbacken, von einem außerordentlich starken, üppigen,
-schwarzen, zwei Tage alten Barte bedeckt. Der Offizier war am 10. Mai
-durch einen Bombensplitter am Kopfe verwundet worden und trug ihn
-noch immer verbunden. Jetzt, da er sich seit acht Tagen vollständig
-gesund fühlte, fuhr er aus dem Lazarett von Ssimferopol nach seinem
-Regiment, das dort irgendwo lag, woher die Schüsse kamen; ob in
-Sewastopol selbst, oder auf der Nordseite, hatte er noch von niemand
-genau erfahren können. Die Schüsse hörte man, besonders wenn keine
-Berge dazwischen lagen und der Wind sie weitertrug, außerordentlich
-deutlich, häufig und, wie es schien, nahe: bald erschütterte eine
-Explosion die Luft und machte ihn unwillkürlich erzittern, bald folgten
-aufeinander schwächere Töne, wie Trommelschlag, der bisweilen durch
-ein erschütterndes Getöse unterbrochen wird; bald verschmolz alles in
-ein rollendes Krachen, Donnerschlägen ähnlich, wenn das Gewitter am
-stärksten ist und sich der Platzregen ergießt. Alle sprachen von einem
-fürchterlichen Bombardement, das auch wirklich hörbar war. Der Offizier
-trieb den Burschen an, er wollte, wie es schien, so schnell als möglich
-an Ort und Stelle sein. Ein langer Wagenzug, den Bauern führten, die
-Proviant nach Sewastopol geschafft hatten, kam ihm entgegen; die Wagen
-kehrten jetzt von dort zurück und waren von kranken und verwundeten
-Soldaten in grauen Mänteln, Matrosen in schwarzen Überröcken,
-Freiwilligen in rotem Fez und bärtigen Landwehrleuten angefüllt. Das
-Offiziersfuhrwerk mußte in einer dicken, unbeweglichen, durch den
-Wagenzug aufgewirbelten Staubwolke halten, und der Offizier blinzelte
-und verzog das Gesicht von dem Staub, der ihm in Augen und Mund
-eindrang, und betrachtete die Gesichter der an ihm vorüberziehenden
-Kranken und Verwundeten.
-
-Ah, das ist ein kranker Soldat unserer Kompagnie, rief der Bursche zu
-seinem Herrn gewandt und zeigte auf ein mit Verwundeten angefülltes
-Fuhrwerk, das eben ganz nahe herangekommen war.
-
-Vorn auf dem Fuhrwerk saß seitwärts ein echtrussischer Breitbart in
-einem Filzhut und band die Peitsche zusammen, deren Stiel er im
-Arme hielt. Hinter ihm im Wagen wurden fünf Mann, in verschiedenen
-Stellungen, tüchtig gerüttelt. Der eine, mit verbundenem Arm, in Hemd
-und umgeworfenem Mantel, saß, obwohl blaß und mager, doch gefaßt in
-der Mitte des Bauernwagens und wollte, als er den Offizier sah, nach
-der Mütze greifen; aber er erinnerte sich wohl, daß er verwundet war
-und that, als ob er sich nur den Kopf kratzen wollte. Ein anderer lag
-neben ihm auf dem Boden des Fuhrwerks: man sah nur seine beiden Hände,
-mit denen er sich an den Wagenrändern festhielt, und die in die Höhe
-gestreckten Knie, die wie Lindenbast nach allen Seiten schwankten. Ein
-dritter, mit geschwollenem Gesicht und verbundenem Kopfe, auf dem eine
-Soldatenmütze in die Höhe ragte, saß an der Seite, die Beine hielt er
-baumelnd nach außen; er schien, die Ellbogen auf die Knie gestützt, zu
-schlummern. An diesen wandte sich der ankommende Offizier.
-
-Dolshnikow! schrie er.
-
-Ich -- o! antwortete der Soldat, indem er die Augen öffnete und die
-Mütze abnahm, mit einem so tiefen und lauten Baß, als wenn zwanzig Mann
-Soldaten zusammen schrien.
-
-Wann bist du verwundet worden, Brüderchen?
-
-Die bleiernen, verschwommenen Augen des Soldaten belebten sich: er
-erkannte augenscheinlich seinen Offizier wieder.
-
-Wir wünschen Euer Wohlgeboren Gesundheit! sagte er in demselben
-schwerfälligen Baß.
-
-Wo steht jetzt das Regiment?
-
-Hat in Sewastopol gestanden, wollte am Mittwoch abmarschieren, Euer
-Wohlgeboren.
-
-Wohin?
-
-Unbekannt ... jedenfalls nach der Nordseite, Euer Wohlgeboren!
-Jetzt, Euer Wohlgeboren, fügte er mit gedehnter Stimme und die Mütze
-aufsetzend hinzu, hat er bereits überall zu feuern angefangen, am
-meisten aus Bomben, sogar die Bucht beschießt er; jetzt trifft er so,
-daß es ein wahres Unglück ist, sogar ...
-
-Was der Soldat weiter sprach, war nicht zu hören, aber aus dem
-Ausdrucke seines Gesichts und aus seiner Haltung war ersichtlich, daß
-er mit der einem leidenden Menschen eigenen Gereiztheit trostlose Dinge
-erzählte.
-
-Der reisende Offizier, Leutnant Koselzow, war kein Dutzend-Offizier. Er
-gehörte nicht zu denen, die so leben und so handeln, weil die anderen
-so leben und so handeln: er that alles, wozu er Lust hatte, und die
-anderen thaten dasselbe, und waren überzeugt, daß es gut war. Er war
-von Natur reich ausgestattet mit kleinen Gaben: er sang schön, er
-spielte die Guitarre, er sprach sehr lebhaft, er schrieb sehr leicht,
-besonders amtliche Schriftstücke, in deren Abfassung er sich eine große
-Leichtigkeit angeeignet hatte, als er Bataillons-Adjutant war; vor
-allem aber war sein Wesen bemerkenswert durch eine ichsüchtige Energie,
-die, obgleich sie vor allem auf dieser kleinen Begabung beruhte, an
-sich ein entscheidender und überraschender Charakterzug war. Er besaß
-einen Ehrgeiz, der in so hohem Grade mit dem Leben in eins verschmolzen
-war und der sich am häufigsten in Kreisen von Männern, besonders von
-Militärs, entwickelt, daß er etwas anderes, als der erste zu sein oder
-nichts zu sein, gar nicht verstand, und daß sein Ehrgeiz auch der Hebel
-seiner inneren Triebe war: er in eigener Person war gern der erste
-unter den Menschen, die er sich gleichstellte.
-
-Wie? ich werde mich gerade um das kümmern, was *Moskau*[D] schwatzt!
-... brummte er, und er empfand einen gewissen Druck von Apathie auf
-dem Herzen und Verschwommenheit im Denken; der Anblick der Verwundeten
-und die Worte des Soldaten, deren Bedeutung durch die Töne des
-Bombardement verstärkt und bestätigt wurde, hatten diese Gefühle in ihm
-zurückgelassen. *Dies Moskau ist lächerlich!* ... Vorwärts, Nikolajew!
-Rühr' dich ... Was, du bist eingeschlafen? ... fuhr er den Burschen an,
-indem er die Schöße seines Mantels in Ordnung brachte.
-
- [D] In vielen Linienregimentern nennen die Offiziere halb verächtlich,
- halb schmeichelhaft die Soldaten »Moskau« oder auch »Eid«.
-
-Nikolajew zog die Zügel an, schnalzte mit der Zunge, und das Fuhrwerk
-rollte im Trabe weiter.
-
-Nur einen Augenblick füttern -- und sogleich, heute noch, weiter, sagte
-der Offizier.
-
-
-II
-
-Als Leutnant Koselzow bereits in eine Straße von Duwanka eingebogen
-war, an deren Seiten die Trümmerhaufen der steinernen Mauern von
-Tartarenhäusern standen, wurde er durch einen Wagenzug mit Bomben
-und Kanonenkugeln, der nach Sewastopol ging und sich auf dem Wege
-zusammendrängte, aufgehalten.
-
-Zwei Infanteristen saßen im dichtesten Staube auf den Steinen eines
-zertrümmerten Zaunes am Wege und aßen eine Wassermelone und Brot.
-
-Weit her, Landsmann? sagte der eine von ihnen, während er sein Brot
-kaute, zu einem Soldaten, der mit einem kleinen Sack auf dem Rücken bei
-ihnen stehen geblieben war.
-
-Wir gehen zur Kompagnie, kommen aus dem Gouvernement, antwortete
-der Soldat, indem er von der Wassermelone fortsah und den Sack auf
-seinem Rücken zurechtschob. Wir waren dort drei Wochen bei dem Heu der
-Kompagnie, aber jetzt, siehst du, hat man alle wieder zurückberufen;
-es ist uns aber unbekannt, wo das Regiment gegenwärtig steht. Es
-heißt, die Unsrigen sind in vergangener Woche nach der Korabelnaja
-abmarschiert. Haben Sie nichts gehört, meine Herren?
-
-In der Stadt, Brüderchen, steht es, in der Stadt! sprach der andere,
-ein alter Trainsoldat, der mit einem Taschenmesser in der unreifen,
-weißlichen Wassermelone wühlte. Wir sind erst seit Mittag von dort
-fort. Es ist wirklich schrecklich, mein Brüderchen!
-
-Weshalb denn, meine Herren?
-
-Hörst du denn nicht, wie *er* jetzt ringsumher feuert? Es giebt keinen
-unversehrten Platz. Wieviel er von unsern Leuten getötet hat -- das
-läßt sich gar nicht sagen.
-
-Und der Sprechende machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und
-setzte sich die Mütze zurecht.
-
-Der wandernde Soldat schüttelte nachdenklich den Kopf, schnalzte mit
-der Zunge, nahm dann aus dem Stiefelschaft eine Pfeife, stocherte, ohne
-sie frisch zu stopfen, den angebrannten Tabak in ihr auf, zündete ein
-Stück Feuerschwamm bei einem rauchenden Soldaten an und lüftete die
-Mütze.
-
-Niemand wie Gott, meine Herren! Bitte um Verzeihung! sagte er und ging,
-den Sack auf dem Rücken, weiter.
-
-Ei, thätest besser zu warten! rief zuredend der Soldat, der in der
-Melone stocherte.
-
-Alles eins! brummte der Wanderer, indem er sich zwischen den Rädern
-der zusammengedrängten Fuhrwerke hindurchwand.
-
-
-III
-
-Die Station war voll von Menschen, als Koselzow sie erreichte. Die
-erste Person, die ihm schon auf der Außentreppe begegnete, war
-ein magerer, sehr junger Mensch, der Vorsteher, der sich mit zwei
-nachfolgenden Offizieren stritt.
-
-Nicht dreimal vierundzwanzig Stunden, sondern zehnmal vierundzwanzig
-Stunden werden Sie warten müssen! ... Auch Generale warten, mein
-Lieber! rief der Vorsteher. Ich werde mich für Sie nicht einspannen
-lassen.
-
-Niemand kann Pferde bekommen, wenn es keine giebt! ... Aber weshalb
-hat der Bediente da welche bekommen? schrie der ältere von den beiden
-Offizieren, der mit einem Glas Thee in der Hand dastand; er vermied
-absichtlich das Fürwort und wollte damit andeuten, daß man zum
-Vorsteher ohne weiteres auch *du* sagen könnte.
-
-Sie werden doch selber einsehen, Herr Vorsteher, entgegnete stockend
-der andere, jüngere Offizier, daß wir nicht zu unserm eigenen Vergnügen
-reisen. Wir sind ja doch jedenfalls notwendig, da man nach uns verlangt
-hat. Sonst werde ich es wahrhaftig dem General sagen. Was ist denn das
-eigentlich? ... Sie achten den Offiziersstand nicht.
-
-Sie verderben immer alles! unterbrach ihn unwillig der ältere: Sie
-hindern mich nur; man muß mit ihm zu reden verstehen. Er hat alle
-Achtung vor uns verloren ... Pferde, diesen Augenblick, sag' ich.
-
-Würde sie gern geben, Väterchen, aber woher nehmen? ...
-
-Der Vorsteher schwieg eine Weile, dann begann er sich plötzlich zu
-ereifern und sprach, mit den Händen fuchtelnd:
-
-Ich selbst, Väterchen, verstehe das und weiß alles, aber was will man
-thun? Lassen Sie mich nur ... (auf den Gesichtern der Offiziere malte
-sich Hoffnung) lassen Sie mich nur das Ende des Monats abwarten, dann
-werde ich nicht mehr hier sein. Lieber will ich auf den Malachow-Hügel
-gehen, als hier bleiben, bei Gott! Mögen Sie machen, was Sie wollen.
-Auf der ganzen Station giebt es jetzt kein einziges festes Fuhrwerk,
-und ein Büschel Heu haben die Pferde schon seit drei Tagen nicht
-gesehen.
-
-Und der Vorsteher verschwand durch die Hausthür.
-
-Koselzow ging mit den Offizieren ins Zimmer.
-
-Was ist da weiter, sagte vollständig ruhig der ältere Offizier zum
-jüngeren, obgleich er eine Minute vorher wütend gewesen war, drei
-Monate sind wir schon unterwegs, -- warten wir noch. 's ist kein
-Unglück, wir kommen schon noch zurecht.
-
-Das verräucherte, schmutzige Zimmer war so voll von Offizieren und
-Koffern, daß Koselzow nur mit Mühe einen Platz am Fenster fand, wo er
-sich niedersetzte; er betrachtete die Gesichter, hörte die Gespräche an
-und begann sich eine Cigarette zu drehen.
-
-Rechts von der Thür, um einen schiefen, schmutzigen Tisch, auf dem
-zwei kupferne Ssamoware standen, die hie und da schon grün geworden
-waren, und Zucker in verschiedenen Papieren lag, saß die Hauptgruppe:
-ein junger, bartloser Offizier in einem neuen gesteppten Rock aus
-buntem Baumwollenzeug; vier gleichfalls junge Offiziere befanden sich
-in verschiedenen Ecken des Zimmers: der eine schlief, mit einem Pelz
-unter dem Kopf, auf dem Sofa; ein anderer stand am Tisch und schnitt
-Hammelbraten für einen an dem Tische sitzenden Offizier, dem ein Arm
-fehlte. Zwei Offiziere, der eine im Adjutantenmantel, der andere
-mit einem Infanteriemantel, der aber sehr fein war, und mit einer
-Tasche über der Schulter, saßen in der Nähe der Ofenbank; und schon
-daran, wie sie die anderen ansahen, und wie der mit der Tasche seine
-Cigaretten rauchte, konnte man sehen, daß sie nicht Offiziere von der
-Linien-Infanterie waren, und daß dies ihnen Selbstbewußtsein gab. Nicht
-etwa, als ob in ihren Manieren Geringschätzung gelegen hätte, wohl
-aber eine gewisse selbstzufriedene Sicherheit, die sich zum Teil auf
-ihr Geld, zum Teil auf ihre nahen Beziehungen zu dem General stützten
--- ein Bewußtsein der Vornehmheit, das sogar bis zu dem Wunsche ging,
-sie zu verbergen. Ein noch junger Arzt, mit dicken Lippen, und ein
-Artillerist mit deutscher Physiognomie saßen fast auf den Beinen des
-auf dem Sofa schlafenden jungen Offiziers. Von den Offiziersburschen
-schlummerten die einen, während die anderen mit Koffern und Bündeln an
-der Thür hantierten. Koselzow fand unter allen Gesichtern kein einziges
-bekanntes; aber er begann neugierig den Gesprächen zu lauschen. Die
-jungen Offiziere, die, wie er auf den ersten Blick erkannte, soeben
-erst von der Kriegsschule gekommen waren, gefielen ihm, und, was die
-Hauptsache war, sie erinnerten ihn daran, daß sein Bruder ebenfalls in
-diesen Tagen aus der Kriegsschule nach einer der Batterien Sewastopols
-kommen sollte. An dem Offizier aber mit der Tasche, dessen Gesicht er
-irgendwo gesehen hatten, erschien ihm alles widerwärtig und frech.
-Er ging sogar mit dem Gedanken, ihm heimzuleuchten, wenn ihm etwa
-einfallen sollte, ein Wort zu sagen, von dem Fenster zur Ofenbank und
-setzte sich dorthin. Als reiner Liniensoldat und guter Offizier hatte
-er überhaupt die »Stabsleute« nicht gern, und als solche hatte er auf
-den ersten Blick diese beiden Offiziere anerkannt.
-
-
-IV
-
-Das ist aber schrecklich ärgerlich! sagte einer der jungen Offiziere,
-schon so nahe, und nicht hinkommen können. Vielleicht giebt's heute
-etwas, und wir sind nicht dabei.
-
-Aus der kreischenden Stimme und den roten Flecken, die das Gesicht des
-Offiziers belebten, während er das sagte, sprach die liebenswürdige,
-jugendliche Schüchternheit eines Menschen, der beständig in der Furcht
-ist, es könnte ihm ein Wort mißglücken.
-
-Der Offizier ohne Arm sah ihn lächelnd an.
-
-Sie werden schon noch zur rechten Zeit hinkommen, glauben Sie nur,
-sagte er.
-
-Der junge Offizier sah dem Kameraden ohne Arm mit Achtung in das
-abgemagerte Gesicht, in dem plötzlich ein Lächeln aufleuchtete,
-verstummte und beschäftigte sich wieder mit dem Thee. In der That
-sprach aus den Zügen des Offiziers ohne Arm, aus seiner Haltung und
-besonders aus seinem leeren Ärmel jener ruhige Gleichmut, den man so
-erklären kann, als ob er bei jeder Handlung, die er mit ansah, oder bei
-jedem Gespräch, das er anhörte, sagte: »Das ist alles schön, das weiß
-ich alles, ich kann auch all das thun, wenn ich nur wollte.«
-
-Wie machen wir's also, sagte jetzt der junge Offizier zu seinem
-Kameraden im baumwollenen Rock: wollen wir hier übernachten oder mit
-unserm eigenen Pferde fahren?
-
-Der Kamerad wollte nicht fahren.
-
-Sie können sich vorstellen, Kapitän, fuhr er fort, nachdem er Thee
-eingegossen; dabei wandte er sich zu dem Offizier ohne Arm und hob das
-Messer auf, das dieser hatte fallen lassen, man hat uns gesagt, daß
-die Pferde in Sewastopol sehr teuer sind, -- daher haben wir beide
-gemeinsam ein Pferd in Ssimferopol gekauft.
-
-Man wird Sie wohl gehörig gerupft haben?
-
-Ich weiß wirklich nicht, Kapitän; wir haben für Pferd und Fuhrwerk
-neunzig Rubel bezahlt. Ist das sehr teuer? fuhr er fort, zu allen und
-zu Koselzow, der ihn ansah, gewandt.
-
-Nicht teuer, wenn das Pferd jung ist, sagte Koselzow.
-
-Nicht wahr? ... Und uns hat man gesagt, daß es teuer ist. Nur lahmt es
-ein wenig, das wird aber vorübergehen. Man hat uns gesagt, es ist recht
-stark.
-
-Aus welcher Kriegsschule sind Sie? fragte Koselzow, der sich nach
-seinem Bruder erkundigen wollte.
-
-Wir kommen jetzt aus dem adligen Regiment; wir sind unser sechs und
-gehen alle auf unsern eigenen Wunsch nach Sewastopol, antwortete der
-redselige junge Offizier; nur wissen wir nicht, wo unsere Batterien
-stehen: die einen sagen in Sewastopol, und andere meinen in Odessa.
-
-Und konnten Sie's denn in Ssimferopol nicht erfahren? fragte Koselzow
-weiter.
-
-Man weiß es nicht ... Können Sie sich vorstellen, mein Kamerad ist in
-die Kanzlei gegangen: Grobheiten hat man ihm da gesagt ... Sie können
-sich denken, wie unangenehm uns das war! ... Ist Ihnen eine fertige
-Cigarette gefällig? fragte er zugleich den Offizier ohne Arm, der seine
-Cigarettentasche hervorholen wollte.
-
-Er war ihm mit einem gewissen leidenschaftlichen Entzücken gefällig.
-
-Und Sie sind auch aus Sewastopol? fuhr er fort. Ach, mein Gott, wie
-erstaunlich! Wie oft haben wir alle, in Petersburg, an Sie, an all die
-Helden gedacht! rief er, mit Achtung und treuherziger Schmeichelei zu
-Koselzow gewandt.
-
-Wenn Sie nun aber zurückreisen müßten? fragte der Leutnant.
-
-Sehen Sie, das fürchten wir auch. Können Sie sich vorstellen,
-nachdem wir das Pferd gekauft und uns mit dem Notwendigen -- einer
-Spiritus-Kaffeemaschine und noch verschiedenen Kleinigkeiten versehen
-haben, ist uns gar kein Geld übrig geblieben, sagte er mit leiser
-Stimme und nach seinen Kameraden sich umsehend: wenn wir zurückreisen
-müßten, wissen wir nicht, was wir thun sollen.
-
-Haben Sie denn keine Reisegelder erhalten? fragte Koselzow.
-
-Nein, antwortete er flüsternd, man hat uns nur versprochen, daß wir sie
-hier bekommen.
-
-Und haben Sie eine Bescheinigung?
-
-Ich weiß, die Hauptsache ist eine Bescheinigung; aber in Moskau hat mir
-ein Senator, mein Onkel, gesagt, als ich bei ihm war, man würde es uns
-hier geben; sonst hätte er selbst es mir gegeben ... So wird man es uns
-hier geben?
-
-Ganz bestimmt.
-
-Auch ich glaube, wir werden es hier erhalten, sagte er in einem Tone,
-der bewies, daß er jetzt, wo er auf dreißig Stationen ein und dasselbe
-gefragt und überall eine andere Antwort erhalten hatte, niemandem mehr
-recht glaubte.
-
-
-V
-
-Wer hat die Kohlsuppe verlangt? rief die ziemlich schmutzige Wirtin,
-ein dickes Weib von etwa vierzig Jahren, die mit einer Schüssel Suppe
-ins Zimmer trat.
-
-Das Gespräch verstummte im Augenblick, und alle Anwesenden hefteten
-ihre Blicke auf die Schenkwirtin. Einer der Offiziere blinzelte sogar,
-mit einem Blick nach ihr, einem Kameraden zu.
-
-Ach, Koselzow hat sie verlangt! antwortete der junge Offizier: man muß
-ihn wecken. Steh auf, um zu essen! rief er, ging zu dem auf dem Sofa
-Schlafenden und rüttelte ihn an der Schulter.
-
-Ein junger Mensch von siebzehn Jahren, mit muntern schwarzen Augen und
-roten Wangen, sprang vom Sofa auf und blieb, sich die Augen reibend,
-mitten im Zimmer stehen.
-
-Ach, entschuldigen Sie gefälligst, sagte er zum Doktor, den er beim
-Aufstehen angestoßen hatte.
-
-Leutnant Koselzow hatte sogleich seinen Bruder erkannt und ging auf ihn
-zu.
-
-Erkennst du mich nicht? fragte er lächelnd.
-
-Ah--ah--ah! rief der jüngere Bruder, das ist ja wunderbar! und küßte
-den Bruder.
-
-Sie küßten sich dreimal, beim dritten Male aber stockten sie, als wäre
-beiden der Gedanke gekommen: warum muß es durchaus dreimal sein?
-
-Wie freue ich mich! sagte der ältere, indem er den Bruder betrachtete.
-Gehen wir auf die Außentreppe, -- um uns auszusprechen.
-
-Gehen wir, gehen wir. Ich will keine Suppe ... Iß du sie, Federson!
-sagte er zu einem Kameraden.
-
-Du wolltest ja doch essen?
-
-Ich will nichts.
-
-Auf der Außentreppe fragte der jüngere den älteren immer wieder: »Sag',
-wie geht's, wie steht's? Erzähle,« und wiederholte unaufhörlich, wie er
-sich freue, ihn wiederzusehen, erzählte aber selbst nichts.
-
-Nach fünf Minuten, in denen sie beide geschwiegen hatten, fragte der
-ältere Bruder den jüngeren, weshalb er nicht bei der Garde eingetreten
-wäre, wie dies alle erwartet haben.
-
-Ich wollte schnell nach Sewastopol kommen: geht es hier gut, so kann
-man noch besser vorwärts kommen, als bei der Garde, da kann man zehn
-Jahre auf den Hauptmann warten; hier aber hat's Totleben in zwei Jahren
-vom Oberstleutnant zum General gebracht. Nun, und falle ich auch, was
-ist da weiter ...
-
-Ei, wie du bist, meinte der Bruder lächelnd.
-
-Aber hauptsächlich, weißt du, Bruder, fuhr der Jüngere lächelnd und
-errötend fort, als hätte er etwas sehr Verschämtes zu sagen: das ist
-alles Unsinn; hauptsächlich habe ich deshalb drum gebeten, weil man
-sich doch schämt, in Petersburg zu leben, wenn hier die Menschen fürs
-Vaterland sterben. Und dann, es verlangte mich auch, mit dir zusammen
-zu sein, fügte er noch schüchterner hinzu.
-
-Wie komisch du bist! rief der ältere Bruder, indem er seine
-Cigarrentasche hervorholte, ohne ihn anzusehen. Es ist nur schade, daß
-wir nicht zusammen sein werden.
-
-Aber sage mir die Wahrheit, ist es so schrecklich auf den Bastionen?
-fragte plötzlich der Jüngere.
-
-Anfangs ist's schrecklich, dann gewöhnt man sich daran, und es ist
-weiter nichts. Du wirst selber sehen.
-
-Aber sag' mir noch das Eine: was glaubst du, wird man Sewastopol
-nehmen? Ich glaube, es wird niemals genommen.
-
-Gott weiß.
-
-Nur das Eine ist ärgerlich ... Stelle dir vor, welches Unglück ich
-gehabt habe: unterwegs ist uns ein ganzes Bündel gestohlen worden,
-darin war auch mein Tschako, so daß ich jetzt in einer fatalen Lage bin
-und nicht weiß, wie ich mich melden soll.
-
-Koselzow der Zweite, Wladimir, war seinem Bruder Michail sehr ähnlich,
-aber die Ähnlichkeit war die einer blühenden Rose mit einer abgeblühten
-Heckenrose. Er hatte auch blondes Haar, aber es war dicht und an den
-Schläfen gelockt. Auf seinem weißen zarten Nacken hatte er ein blondes
-Zöpfchen -- ein Zeichen des Glücks, wie die Ammen sagen. Auf seiner
-zarten weißen Gesichtsfarbe lag nicht immer, sondern loderte nur von
-Zeit zu Zeit ein vollblütiges jugendliches Rot auf, das jede Regung der
-Seele verriet. Er hatte dieselben Augen wie sein Bruder, aber seine
-waren offener und heller, und das kam hauptsächlich daher, weil sie
-häufig von einer leichten Feuchtigkeit bedeckt waren. Ein blonder Flaum
-sproßte auf den Wangen und über den roten Lippen, die sich sehr häufig
-zu einem schüchternen Lächeln falteten und die weißen glänzenden Zähne
-sehen ließen. Wie er so in seiner hohen Gestalt mit seinem breiten
-Rücken, in dem offenen Mantel, unter dem ein rotes Hemd mit einem
-schrägen Kragen hervorschimmerte, mit der Cigarette in der Hand an das
-Geländer der Treppe gelehnt, mit der naiven Freude in den Zügen und im
-Gebaren, vor seinem Bruder stand, war er ein so angenehmer, hübscher
-junger Mann, daß man ihn immer hätte anschauen mögen. Er freute sich
-außerordentlich mit dem Bruder, betrachtete ihn mit Achtung und Stolz
-und sah in ihm einen Helden; aber in mancher Beziehung, z. B. in
-Hinsicht der weltlichen Bildung, des Französischsprechens, des Verkehrs
-mit gesellschaftlich hochstehenden Leuten, des Tanzens u. s. w. schämte
-er sich ein wenig für ihn, sah von oben auf ihn herab und hatte sogar
-die Hoffnung, ihn womöglich fortzubilden. Alle seine Eindrücke waren
-noch petersburgisch, sie stammten aus dem Hause einer Dame, die hübsche
-junge Leute gern hatte und ihn an den Feiertagen zu sich zu laden
-pflegte, und aus dem Hause eines Senators in Moskau, wo er einmal auf
-einem großen Balle getanzt hatte.
-
-
-VI
-
-Die Brüder hatten sich nahezu ausgeplaudert und waren endlich bei dem
-Gefühl angelangt, das man oft empfindet, wenn man wenig Gemeinsames
-hat, obwohl man einander liebt; sie schwiegen nun ziemlich lange.
-
-So nimm deine Sachen, wir wollen sogleich fortfahren, entgegnete der
-Ältere.
-
-Der Jüngere errötete plötzlich und schwieg.
-
-Direkt nach Sewastopol fahren? fragte er nach einem minutenlangen
-Schweigen.
-
-Nun ja. Du hast ja nicht viel Sachen, ich glaube, wir können sie
-unterbringen.
-
-Schön! ... Wir wollen sogleich fahren, rief der Jüngere mit einem
-Seufzer und wandte sich nach dem Zimmer.
-
-Aber ohne die Thür zu öffnen, blieb er auf dem Flur stehen, ließ
-traurig den Kopf hängen und dachte:
-
-»Sogleich direkt nach Sewastopol, unter die Bomben; schrecklich! Aber
-gleichviel, einmal muß es doch geschehen. Jetzt geschieht's wenigstens
-mit dem Bruder zusammen ...«
-
-Die Sache war die. Jetzt erst, bei dem Gedanken, daß er das Fuhrwerk
-bestieg, um es nie wieder zu verlassen, ehe er in Sewastopol ankomme,
-und daß kein Zufall ihn jetzt noch zurückhalten könne, stand die
-Gefahr, die er gesucht hatte, deutlich vor seiner Seele, und er
-war betrübt bei dem bloßen Gedanken an ihre Nähe. Als er sich ein
-wenig beruhigt hatte, ging er in das Zimmer; aber es war schon eine
-Viertelstunde vergangen, und er kam noch immer nicht zu dem Bruder
-heraus, so daß dieser endlich die Thür öffnete, um ihn zu rufen. Der
-jüngere Koselzow sprach in der Stellung eines Schülers, der etwas
-verschuldet hat, mit dem Offizier P. Als der Bruder die Thür öffnete,
-verlor er vollständig die Fassung.
-
-Ich komme, ich komme gleich! begann er und wehrte den Bruder mit der
-Hand ab, erwarte mich dort drin.
-
-Eine Minute später kam er wirklich heraus und trat mit einem tiefen
-Seufzer auf seinen Bruder zu.
-
-Denke dir, ich kann nicht mit dir fahren, Bruder, sagte er.
-
-Wie? ... Was ist das für Unsinn!
-
-Ich will dir die ganze Wahrheit sagen, Mischa ... Von uns hat keiner
-mehr Geld, und wir alle sind in der Schuld bei dem Stabskapitän, den du
-da gesehen hast. Ich schäme mich schrecklich!
-
-Der ältere Bruder runzelte die Stirn und brach lange Zeit das Schweigen
-nicht.
-
-Bist du viel schuldig? fragte er und sah von unten herauf den Bruder an.
-
-Ja, viel ... Nein, nicht sehr viel; aber ich schäme mich schrecklich.
-Auf drei Stationen hat er für mich bezahlt. Sein ganzer Zucker ist
-drauf gegangen, so daß ich nicht weiß ... Auch Préférence haben wir
-gespielt -- ich blieb ihm etwas schuldig ...
-
-Das ist häßlich, Wolodja! Was hättest du denn angefangen, wenn du mich
-nicht getroffen hättest? sagte streng der ältere Bruder, ohne den
-jüngeren anzusehen.
-
-Ich glaubte, Bruder, ich würde in Sewastopol das Zehrgeld bekommen.
-Dann hätte ich es ihm wiedergegeben. Das kann man doch machen? ... So
-ist's besser, ich komme morgen mit ihm nach.
-
-Der ältere Bruder zog seinen Geldbeutel und nahm mit zitternden Fingern
-zwei Zehnrubel- und einen Dreirubelschein heraus.
-
-Das ist mein Geld! sagte er, wieviel bist du schuldig?
-
-Wenn Koselzow sagte, dies sei all sein Geld, sprach er nicht die volle
-Wahrheit: er hatte noch vier Goldstücke, die er für alle Fälle in
-seinem Ärmelaufschlag eingenäht hatte, er hatte sich aber das Wort
-gegeben, sie nicht anzurühren.
-
-Es zeigte sich, daß Koselzow vom Préférence und für den Zucker im
-ganzen acht Rubel schuldig war. Der ältere Bruder gab sie ihm und
-bemerkte nur, daß man, wenn man kein Geld habe, nicht noch Préférence
-spielen dürfe.
-
-Worauf hast du gespielt?
-
-Der jüngere Bruder sagte kein Wort. Die Frage seines Bruders erschien
-ihm wie ein Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit ... Der Ärger, den er
-gegen sich selbst empfand, die Scham wegen einer Handlung, die seinem
-Bruder, den er so liebte, solche Verdächtigungen und Beleidigungen
-abringen konnten, riefen bei seiner eindrucksfähigen Natur ein so
-schmerzliches Gefühl in ihm hervor, daß er nichts antwortete. Da er
-empfand, daß er nicht imstande sein würde, die vor Thränen zitternden
-Laute zu unterdrücken, die ihm die Kehle würgten, nahm er, ohne
-hinzusehen, das Geld und ging zu den Kameraden.
-
-
-VII
-
-Nikolajew, der sich in Duwanka durch zwei Kannen Branntwein gestärkt
-hatte, die er bei einem Soldaten auf der Brücke gekauft, führte die
-Zügel, das Fuhrwerk holperte auf der steinigen, stellenweis schattigen
-Straße dahin, die den Belbek entlang nach Sewastopol führte; die Brüder
-stießen mit den Beinen aneinander, schwiegen aber hartnäckig, obwohl
-sie beständig einer an den andern dachten.
-
-»Warum hat er mich gekränkt? dachte der Jüngere, konnte er nicht
-darüber hinweggehen, ohne ein Wort zu sprechen? Gerade als ob er
-glaubte, ich sei ein Dieb, und auch jetzt noch scheint er böse zu
-sein, so daß wir für immer auseinander sind. Und wie prächtig wäre es
-für uns gewesen, zusammen in Sewastopol! Zwei Brüder, die sich innig
-lieben, beide im Kampfe gegen den Feind: der eine, der Ältere, zwar
-nicht übermäßig gebildet, aber ein tapferer Krieger, und der andere,
-der Jüngere ... doch auch ein braver Soldat ... In der ersten Woche
-hätte ich allen bewiesen, daß ich gar nicht mehr so sehr jung bin!
-Ich werde dann nicht mehr erröten, in meinen Zügen wird Männlichkeit
-liegen, und bis dahin wird mein Schnurrbart zwar nicht groß, aber
-doch tüchtig gewachsen sein.« Und er zwickte an dem Flaum, der an
-den Rändern seines Mundes sproßte. »Vielleicht komme ich heute hin
-und sofort in das Gefecht zusammen mit dem Bruder. Und er ist sicher
-ausdauernd und höchst tapfer, so ein Mann, der nicht viel spricht,
-aber mehr als die anderen thut. Ich möchte gern wissen -- fuhr er
-fort -- ob er mich absichtlich oder unabsichtlich an den äußersten
-Rand des Wagens drängt. Er fühlt doch gewiß, daß ich unbequem sitze,
-und thut so, als ob er mich nicht bemerkte. Wir kommen also heute an
--- fuhr er in seinen Gedanken fort und drückte sich an den Rand des
-Wagens; er scheute sich, sich zu rühren, um den Bruder nicht merken
-zu lassen, daß er unbequem sitze -- und auf einmal schnurstracks auf
-die Bastion: ich mit Geschützen, mein Bruder mit der Kompagnie, und
-wir ziehen zusammen. Plötzlich stürzen sich die Franzosen auf uns.
-Ich schieße: ich töte furchtbar viele; aber sie kommen gerade auf
-mich losgestürzt. Da hilft kein Schießen mehr, ich bin rettungslos
-verloren; plötzlich aber stürzt der Bruder hervor, mit dem Säbel in der
-Hand, die Franzosen stürzen sich auf meinen Bruder. Ich renne hin und
-töte einen Franzosen, noch einen, und rette den Bruder. Ich werde an
-einem Arm verwundet. Ich fasse die Flinte mit der andern Hand und renne
-vorwärts. Da wird mein Bruder neben mir von einer Kugel hingestreckt,
-ich stehe einen Augenblick still, sehe ihn an, so traurig, dann fasse
-ich mich und rufe: >Mir nach! Rache! ... Ich habe meinen Bruder über
-alles in der Welt geliebt< -- sage ich -- >und ich habe ihn verloren.
-Rächen wir ihn, vernichten wir den Feind oder bleiben wir alle auf
-dem Platze!< Alle schreien und stürzen mir nach. Das ganze Heer der
-Franzosen kommt heran. Pelissier selbst. Wir machen alle nieder; aber
-am Ende werde ich zum zweiten Male verwundet, zum dritten Male, und
-sinke tödlich getroffen zu Boden. Da kommen alle zu mir herangestürzt,
-Gortschakow kommt heran und fragt, was ich will. Ich sage, ich will
-nichts, ich wünsche nur, daß man mich neben meinen Bruder lege, daß
-ich mit ihm sterben will. Man nimmt mich auf und legt mich neben den
-blutbespritzten Leichnam meines Bruders. Ich richte mich auf und sage
-nur: >O ja, -- ihr habt zwei Menschen, die ihr Vaterland wahrhaft
-geliebt haben, nicht zu schätzen gewußt; nun sind sie beide gefallen;
-Gott möge euch verzeihen!< -- und ich sterbe. Wer weiß, wie viele von
-diesen Gedanken wahr werden!«
-
-Sag', bist du schon einmal im Handgemenge gewesen? fragte er plötzlich
-seinen Bruder; er hatte ganz vergessen, daß er nicht mit ihm sprechen
-wollte.
-
-Nein, kein einziges Mal, antwortete der Ältere. Von unserm Regiment
-sind zweitausend Mann gefallen, und alle nur bei den Arbeiten, und
-auch ich bin bei der Arbeit verwundet worden. Krieg wird ganz anders
-geführt, als du glaubst, Wolodja!
-
-Das Wort Wolodja rührte den jüngeren Bruder: er hatte den Wunsch, sich
-mit seinem Bruder auseinanderzusetzen, der auch nicht im entferntesten
-daran dachte, daß er Wolodja gekränkt hätte.
-
-Du bist mir nicht böse, Mischa, sagte er nach einem langen Schweigen.
-
-Weshalb?
-
-Ich, ich meinte so ... von vorhin, so ... das ist gut.
-
-Nicht im mindesten, antwortete der Ältere, wandte sich zu ihm und
-klopfte ihm auf das Bein.
-
-So vergieb mir, Mischa, wenn ich dich gekränkt habe.
-
-Und der jüngere Bruder wandte sich ab, um die Thränen zu verbergen, die
-ihm plötzlich in die Augen traten.
-
-
-VIII
-
-Ist dies schon Sewastopol? fragte der jüngere Bruder, als sie oben
-angekommen waren.
-
-Und vor ihnen lag die Bucht mit den Masten der Schiffe, das Meer
-mit der entfernten feindlichen Flotte, die weißen Strandbatterien,
-die Kasernen, Wasserleitungen, die Docks, die Gebäude der Stadt
-und weißblaue Rauchwolken, die ununterbrochen auf den gelben Höhen
-aufstiegen, die die Stadt umgaben; der Himmel war blau, und die Sonne,
-deren Glanz sich im Westen abspiegelte, senkte sich mit rosafarbenen
-Strahlen zum Horizont des dunklen Meeres nieder.
-
-Wolodja sah ohne das geringste Schaudern diesen Ort der Schrecken,
-an den er so viel gedacht hatte; er betrachtete vielmehr mit
-ästhetischem Genuß und dem heroischen Gefühl des Selbstbewußtseins,
-daß ja auch er in einer halben Stunde dort sein würde, dieses wahrhaft
-reizvoll-originelle Schauspiel, und betrachtete es mit gespannter
-Aufmerksamkeit bis zu dem Augenblick, wo sie auf die Nordseite zu dem
-Train des Regiment seines Bruders gekommen waren; hier mußten sie genau
-den Standort des Regiments und der Batterie erfahren.
-
-Der Offizier, der den Train kommandierte, wohnte in der Nähe des
-sogenannten neuen Städtchens -- hölzerner, durch Matrosenfamilien
-errichteter Baracken -- in einem Zelt, das mit einer ziemlich großen,
-aus grünen, noch nicht ganz vertrockneten Eichenzweigen errichteten
-Hütte verbunden war.
-
-Die Brüder trafen den Offizier vor einem schmutzigen Tische, auf dem
-ein Glas kalten Thees, ein Brett mit Schnaps, mit Kaviarkörnchen
-und Brotkrümel stand, bloß mit einem gelblich-schmutzigen Hemde
-bekleidet; er zählte an einem großen Rechenbrett einen ungeheuren
-Haufen Banknoten. Ehe wir aber von der Persönlichkeit des Offiziers
-und seiner Unterhaltung etwas sagen, müssen wir uns genauer das
-Innere seiner Hütte ansehen und uns ein wenig mit seiner Lebensweise
-und seiner Beschäftigung bekannt machen. Die neue Hütte war so
-groß, so dicht geflochten und so gut gebaut, mit Tischen und Bänken
-versehen, die mit Rasen bedeckt waren, wie man sie nur für Generale
-und Regimentskommandeure macht; die Seitenwände und die Decke waren,
-damit die Blätter nicht herunterfallen, mit drei Teppichen behängt,
-die zwar sehr häßlich, aber neu und jedenfalls teuer waren. Auf dem
-eisernen Bett, das unter dem Hauptteppich stand, auf dem eine Reiterin
-abgebildet war, lag eine hellrote Plüschdecke, ein schmutziges,
-zerrissenes Kissen und ein Schuppenpelz. Auf dem Tisch stand ein
-Spiegel in einem Silberrahmen; eine silberne, schrecklich schmutzige
-Bürste, ein zerbrochener, mit öligen Haaren besetzter Hornkamm, ein
-silberner Leuchter, eine Likörflasche mit einer riesigen goldenen
-roten Marke, eine goldene Uhr mit dem Bilde Peters des Großen,
-zwei goldene Federn, ein Körbchen mit Kapseln, eine Brotrinde, ein
-auseinandergeworfenes altes Kartenspiel und unter dem Bett allerlei
-leere und volle Flaschen. Dieser Offizier hatte den Train des Regiment
-und die Verpflegung der Pferde unter sich. Mit ihm zusammen wohnte sein
-Busenfreund, der Kommissionär, der sich mit den Geschäften befaßte.
-Er schlief in dem Augenblick, wo die Brüder eintraten, in der Hütte,
-der Train-Offizier aber zählte Kronsgelder, da das Ende des Monats
-vor der Thür stand. Die Erscheinung des Train-Offiziers war sehr
-schön und kriegerisch: eine hohe Gestalt, ein tüchtiger Schnauzbart,
-adelige Stattlichkeit. Unangenehm war an ihm nur sein schweißiges,
-aufgedunsenes Gesicht, das kaum die kleinen grauen Augen sehen ließ
-(als ob es ganz mit Porter begossen wäre), und die außerordentliche
-Unsauberkeit, von dem dünnen, öligen Haar bis zu den großen nackten
-Füßen, die er in Hermelinpantoffeln trug.
-
-Ist das Geld! Ist das Geld! sagte Koselzow _I._, als er in die Hütte
-trat und mit unwillkürlicher Gier die Augen auf den Haufen Banknoten
-richtete. Wenn Sie mir nur die Hälfte borgen wollten, Wassilij
-Michajlytsch!
-
-Der Train-Offizier machte beim Anblick der Gäste einen krummen Rücken
-und grüßte sie, ohne aufzustehen, indem er das Geld zusammenstrich.
-
-Ach, wenn das mein wäre! ... Es ist Kronsgeld, mein Lieber! Wen bringen
-Sie mit? fragte er, indem er das Geld in eine neben ihm stehende
-Schatulle legte und Wolodja ansah.
-
-Das ist mein Bruder, er ist von der Kriegsschule hierher gekommen. Wir
-wollten von Ihnen erfahren, wo das Regiment steht.
-
-Setzen Sie sich, meine Herren, sagte er, erhob sich und ging, ohne den
-Gästen Aufmerksamkeit zu schenken, ins Zelt. Wollen Sie nicht etwas
-trinken? vielleicht Porter? fragte er im Zelt.
-
-Kann nicht schaden, Wassilij Michajlytsch!
-
-Wolodja war überrascht von der Würde des Train-Offiziers, seinem
-ungezwungenen Wesen und von der Achtung, die sein Bruder ihm
-entgegenbrachte.
-
-»Das muß ein vortrefflicher Offizier sein, den alle hochschätzen:
-gewiß einfach, aber gastfrei und tapfer,« dachte er und setzte sich
-bescheiden und schüchtern auf das Sofa.
-
-Wo steht denn unser Regiment? fragte von neuem der ältere Bruder.
-
-Wie?
-
-Er wiederholte die Frage.
-
-Heut ist Seifer bei mir gewesen: er sagte, es ist auf die fünfte
-Bastion gezogen.
-
-Bestimmt?
-
-Wenn ich es sage, ist es jedenfalls bestimmt; übrigens, der Teufel
-weiß! es kommt ihm auf eine Lüge nicht an. Wie ist's, werden Sie Porter
-trinken? sagte der Train-Offizier, immer aus dem Zelte heraus.
-
-Ich trinke, sagte Koselzow.
-
-Trinken Sie mit, Ossip Ignatjewitsch? fuhr die Stimme im Zelt fort,
-jedenfalls zu dem schlafenden Kommissionär gewandt. Sie haben genug
-geschlafen, -- es ist bald fünf Uhr.
-
-Was lassen Sie mich nicht in Ruh! ... Ich schlafe nicht, antwortete
-eine faule, dünne Stimme.
-
-Nun, so stehen Sie auf! Ich langweile mich ohne Sie.
-
-Und der Train-Offizier ging zu den Gästen.
-
-Gieb von dem Porter von Ssimferopol! schrie er.
-
-Der Bursche kam, wie es Wolodja schien, mit Stolz in die Hütte, holte
-den Porter unter der Bank hervor, und stieß dabei Wolodja.
-
-Die Flasche Porter war bereits ausgetrunken, und das Gespräch
-dauerte noch in der früheren Weise fort, als die Vorhänge des Zeltes
-auseinandergeschlagen wurden, und ein kleiner, frischer Mann in einem
-blauen Schlafrock mit Quasten und in einer Dienstmütze mit rotem Rand
-und Kokarde aus ihm hervortrat. Er drehte sich beim Eintreten seinen
-kleinen schwarzen Schnurrbart und beantwortete, indem er immer nach
-einem Punkt des Teppichs starrte, mit einer kaum bemerklichen Bewegung
-der Schulter den Gruß der Offiziere.
-
-Laßt mich auch ein Gläschen trinken! sagte er, indem er sich an den
-Tisch setzte. Sie kommen wohl aus Petersburg, junger Mann? sagte er,
-sich freundlich zu Wolodja wendend.
-
-Ja, ich gehe nach Sewastopol.
-
-Haben Sie selber darum gebeten?
-
-Ja.
-
-Ich begreife nicht, was Sie davon haben, meine Herren! fuhr der
-Kommissionär fort. Ich würde jetzt, glaube ich, gern zu Fuß nach
-Petersburg gehen, wenn man mich fortließe. Ich habe, bei Gott, dies
-verfluchte Leben satt!
-
-Was fehlt Ihnen hier? fragte der ältere Koselzow, sich zu ihm wendend:
-wenn *Sie* hier kein gutes Leben führen!
-
-Der Kommissionär sah ihn an und wandte sich ab.
-
-Diese Gefahren, Entbehrungen, man kann nichts bekommen ... fuhr er
-fort, zu Wolodja gewandt. Und was Sie davon haben, begreife ich
-entschieden nicht, meine Herren! Wenn Sie noch irgend welche Vorteile
-davon hätten, aber so! Ist es etwa gut, in Ihren Jahren, plötzlich fürs
-ganze Leben zum Krüppel zu werden?
-
-Der eine macht Geschäfte, der andere dient der Ehre halber ... mischte
-sich im Tone des Unwillens der ältere Koselzow wieder ein.
-
-Schöne Ehre, wenn man nichts zu essen hat, sagte der Kommissionär mit
-verächtlichem Lachen, zu dem Train-Offizier gewandt, der auch darüber
-lachte.
-
-Stell' sie auf »Lucia«, wir hören zu, sagte er und zeigte auf eine
-Spieldose. Ich höre sie gern.
-
-Ist er ein guter Mensch, dieser Wassilij Michajlytsch? fragte Wolodja
-seinen Bruder, als sie, bereits in der Dämmerung, die Hütte verließen
-und nach Sewastopol weiter fuhren.
-
-Es geht an, aber er ist ein schrecklicher Geizhals! Und diesen
-Kommissionär kann ich nicht ausstehen ... Den prügele ich noch einmal
-durch.
-
-
-IX
-
-Wolodja war zwar nicht in schlechter Stimmung, als er, bereits bei
-Anbruch der Nacht, zu der großen, über die Bucht führenden Brücke kam,
-fühlte aber eine gewisse Beklommenheit im Herzen. Alles, was er sah und
-hörte, wich sehr ab von den früheren, eben erst verlassenen Eindrücken:
-dem hellen, getäfelten Prüfungssaal, dem lustigen, harmlosen Lachen der
-Kameraden, der neuen Uniform, dem geliebten Zaren, den er sieben Jahre
-hindurch gesehen und der sie Kinder genannt, als er mit Thränen in den
-Augen von ihnen Abschied nahm -- so wenig glich alles seinen schönen,
-buntschillernden, hochherzigen Träumen.
-
-Nun, sieh, wir sind an Ort und Stelle! sagte der ältere Bruder, als sie
-zur Michajlow-Batterie kamen und aus dem Fuhrwerk stiegen. Wenn man uns
-über die Brücke läßt, gehen wir sogleich in die Nikolajew-Kaserne. Dort
-bleibst du bis morgen früh; und ich werde zum Regiment gehen, um zu
-erfahren, wo deine Batterie steht; morgen werde ich dich abholen.
-
-Warum denn? gehen wir lieber zusammen, meinte Wolodja. Ich werde mit
-dir auf die Bastion gehen. Es ist ja jetzt ganz gleich: ich muß mich
-daran gewöhnen. Wenn *du* gehst, kann ich es auch.
-
-Besser ist es, du gehst nicht.
-
-Aber ich bitte dich! So werde ich wenigstens kennen lernen, wie ...
-
-Ich rate dir, geh nicht; aber willst du ...
-
-Der Himmel war wolkenfrei und dunkel; die Sterne und die unaufhörlich
-leuchtenden Feuer der Bomben und Schüsse glänzten hell in der
-Finsternis. Das große, weiße Gebäude der Batterie und der Anfang der
-Brücke traten aus der Dunkelheit hervor. Buchstäblich jede Sekunde
-erschütterten einige Gewehrschüsse und Explosionen, entweder schnell
-aufeinander folgend oder zusammen, lauter und deutlicher die Luft.
-Diesem Getöse folgte, wie eine Begleitung, das dumpfe Brausen der
-Bucht. Vom Meere her wehte ein schwacher Wind und trug Feuchtigkeit
-daher. Die Brüder gingen an die Brücke. Ein Landwehrmann schlug
-schwerfällig mit dem Gewehr auf und rief:
-
-Wer da?
-
-Soldat.
-
-Ist verboten, durchzulassen.
-
-Was? wir müssen ...
-
-Fragen Sie den Offizier.
-
-Der Offizier, der auf einem Ackerfeld sitzend geschlummert hatte, erhob
-sich und befahl, sie durchzulassen.
-
-Dorthin ist es erlaubt, aber nicht von dorther. Wo wollt ihr
-hin? Alle auf einmal! schrie er den mit Schanzkörben beladenen
-Regimentsfuhrwerken zu, die sich vor der Brücke zusammengedrängt hatten.
-
-Die Brüder stiegen zum ersten Ponton nieder und stießen auf Soldaten,
-die in lauter Unterhaltung von der anderen Seite her kamen.
-
-Wenn er das Geld zur Ausrüstung bekommen hat, dann hat er nichts mehr
-zu fordern.
-
-Ach Brüderchen! sagte eine andere Stimme, wenn man auf die Nordseite
-hinübergeht, da sieht man die Welt, bei Gott! Eine ganz andere Luft!
-
-Schwatz' nur immer zu! ... sagte der erste, vor kurzem kam so eine
-Verfluchte herübergeflogen; zwei Matrosen hat sie die Beine weggerissen
-...
-
-Die Brüder gingen über das erste Ponton und blieben, ihr Fuhrwerk
-erwartend, auf dem zweiten stehen, das stellenweise bereits
-überschwemmt war. Der Wind, der landeinwärts schwach erschien, war hier
-sehr stark und reißend; die Brücke schaukelte, und die Wellen, die
-mit Geräusch an die Balken schlugen und an den Ankern und Tauen sich
-brachen, überschwemmten die Bretter des Pontons. Rechts rauschte und
-dunkelte in verräterischen Nebel gehüllt die See und hob sich durch
-einen schweren Streif von dem gestirnten lichtgrau strahlenden Horizont
-ab; in der Ferne glänzten Lichter auf der feindlichen Flotte. Links
-zeigten sich die schwarzen Maste eines unserer Schiffe, und man hörte
-die Wellen an seinen Bord anschlagen. Ein Dampfer ward sichtbar, der
-geräuschvoll und schnell von der Nordseite herankam. Das Feuer einer
-in seiner Nähe platzenden Bombe erhellte auf einen Augenblick die auf
-dem Verdeck hoch aufgeschichteten Schanzkörbe, die beiden Leute, die
-oben standen, und den weißen Schaum und den Sprühregen der von dem
-Dampfer durchschnittenen grünlichen Wellen. Am Rande der Brücke saß,
-mit den Füßen im Wasser, ein Mann im bloßen Hemd und machte etwas auf
-dem Ponton. Vor ihnen, über Sewastopol, ließ sich das frühere Feuer
-hören, und immer lauter drangen von da schreckliche Töne herüber. Eine
-hoch aufspritzende Welle ergoß sich über die rechte Brückenseite und
-machte Wolodjas Füße naß; zwei Soldaten gingen, im Wasser watend, an
-ihm vorbei. Plötzlich beleuchtete etwas unter Krachen die Brücke, das
-vorn auf ihr fahrende Fuhrwerk und einen Reiter, und die Bombensplitter
-fielen, mit Pfeifen Schaum aufwerfend, ins Wasser.
-
-Ah, Michajlo Ssemjonytsch! sagte der Reiter, indem er sein Pferd
-vor dem älteren Koselzow hielt: sind Sie schon vollständig wieder
-hergestellt?
-
-Wie Sie sehen. Wohin führt Sie Gott?
-
-Auf die Nordseite, nach Patronen: ich vertrete ja jetzt den
-Regimentsadjutanten ... Sturm erwarten wir von Stunde zu Stunde.
-
-Und wo ist Marzow?
-
-Gestern ist ihm ein Fuß fortgerissen worden ... Er schlief in der Stadt
-im Zimmer ... Sie kennen ihn wohl?
-
-Das Regiment steht auf der Fünften, nicht wahr?
-
-Ja, es ist an Stelle des M.-Regimentes dorthin gekommen. Gehen Sie nach
-dem Verbandort: dort finden Sie welche von uns, die werden Sie führen.
-
-Nun, und mein Quartier auf der Seestraße, ist das unbeschädigt?
-
-I, mein Lieber! Schon längst ganz von Bomben zertrümmert ... Sie
-erkennen jetzt Sewastopol nicht mehr wieder: keine Seele von einem
-Frauenzimmer, keinen Gastwirt, keine Musik giebt es mehr. Gestern ist
-der letzte Ausschank fortgezogen. Jetzt ist es schrecklich öde ...
-Leben Sie wohl!
-
-Und der Offizier ritt im Trabe weiter.
-
-Wolodja wurde plötzlich ganz trübselig zu Mut: es schien ihm immer, als
-ob augenblicklich eine Kanonenkugel oder ein Bombensplitter geflogen
-kommen und ihn gerade an den Kopf treffen müßte.
-
-Dieser feuchte Nebel, alle diese Stimmen, besonders das grollende
-Plätschern der Wellen, schienen ihm zu sagen, er solle nicht weiter
-gehen, es harre seiner hier nichts Gutes, sein Fuß würde nie wieder den
-Boden jenseits der Bucht betreten, er möchte auf der Stelle umkehren
-und fliehen -- weit, weit von diesem furchtbaren Orte des Todes.
-»Aber vielleicht ist es schon zu spät, vielleicht ist es schon so
-beschlossen,« dachte er und erbebte, teils über diesen Gedanken, teils,
-weil ihm das Wasser durch die Stiefel drang und seine Füße feucht
-machte.
-
-»Herr! werde ich wirklich fallen, -- gerade ich? Herr, erbarme dich
-meiner!« murmelte er flüsternd und bekreuzte sich.
-
-Nun, gehen wir, Wolodja! sagte der ältere Bruder, als ihr Fuhrwerk auf
-die Brücke gekommen war. Hast du die Bombe gesehen?
-
-Auf der Brücke begegneten den Brüdern Wagen mit Verwundeten, mit
-Schanzkörben, und einer mit Möbeln, den eine Frau führte. Auf der
-andern Seite der Bucht wurden sie von niemand zurückgehalten.
-
-Die Brüder hielten sich instinktiv dicht an die Wand der
-Nikolajew-Batterie und kamen, indem sie schweigend auf die Töne
-der hier über ihren Köpfen platzenden Bomben und das Brausen der
-niederfallenden Sprengstücke hörten, zu dem Platz der Batterie, wo
-das Heiligenbild stand. Hier erfuhren sie, daß die fünfte leichte,
-der Wolodja zugeteilt war, in der Korabelnaja stand, und beschlossen,
-trotz der Gefahr, zum ältern Bruder auf die fünfte Bastion übernachten
-zu gehen und von dort, am folgenden Tage, nach der Batterie. Sie bogen
-in den Flur ein, schritten über die Beine schlafender Soldaten, die
-längs der ganzen Batteriewand lagen, hinweg und kamen endlich zum
-Verbandplatz.
-
-
-X
-
-Sie traten in das erste Zimmer, das voll von Pritschen war, auf denen
-Verwundete lagen, und das von einem beklemmenden, widerwärtigen
-Lazarettgeruch erfüllt war, und trafen zwei barmherzige Schwestern, die
-ihnen entgegenkamen.
-
-Die eine, eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, mit dunklen Augen und
-strengen Gesichtszügen, trug Binden und Charpie, und erteilte einem
-jungen Burschen, einem Feldscher, der hinter ihr ging, ihre Befehle;
-die andere, ein sehr hübsches Mädchen von ungefähr zwanzig Jahren, mit
-einem zarten, blonden Gesichtchen, das außerordentlich reizvoll in
-seiner Hilflosigkeit unter dem weißen Häubchen hervorsah, ging, die
-Hände in den Schürzentaschen, neben der Alten und schien zu fürchten,
-sie könnte hinter ihr zurückbleiben.
-
-Koselzow wandte sich an sie mit der Frage, ob sie nicht wüßten, wo
-Marzow liege, der gestern ein Bein verloren habe.
-
-Er ist wohl vom P.-Regiment? fragte die Alte, ist er ein Verwandter von
-Ihnen?
-
-Nein, ein Kamerad.
-
-Führen Sie die Herren, sagte sie zu der jungen Schwester französisch,
-... hierherum, und sie ging selbst mit dem Feldscher auf den
-Verwundeten zu.
-
-Gehen wir nur ... was zauderst du? rief Koselzow zu Wolodja, der die
-Augenbrauen mit einem Ausdruck des Schmerzes in die Höhe zog und nicht
-die Kraft hatte, seinen Blick von den Verwundeten abzuwenden. Gehen wir
-nur!
-
-Wolodja ging mit dem Bruder, sah sich aber immer um und wiederholte
-unbewußt:
-
-Ach, mein Gott! Ach, mein Gott!
-
-Sie sind gewiß noch nicht lange hier? fragte die Schwester Koselzow,
-indem sie auf Wolodja wies, der Ach! rufend und seufzend im
-Zwischengange hinter ihnen schritt.
-
-Er ist soeben erst angekommen.
-
-Die hübsche Schwester sah Wolodja an und brach plötzlich in Thränen
-aus. »Mein Gott, mein Gott! wann wird das alles ein Ende haben,« sagte
-sie in verzweifelndem Tone. Sie kamen in den Krankensaal der Offiziere.
-Marzow lag auf dem Rücken, die sehnigen, bis zu den Ellbogen entblößten
-Arme über den Kopf lang ausgestreckt, in seinem gelben Gesicht malte
-sich der Ausdruck eines Menschen, der die Zähne zusammenpreßt, um
-vor Schmerz nicht zu schreien. Das gesunde Bein, mit einem Strumpfe
-bekleidet, war unter der Decke hervorgestreckt, und man sah, wie er
-krampfhaft die Zehen hin- und herbewegte.
-
-Nun, wie geht es Ihnen? fragte die Schwester, indem sie mit ihren
-dünnen zarten Fingern -- an dem einen bemerkte Wolodja einen Ring --
-seinen etwas kahlen Kopf in die Höhe hob und das Kissen zurechtrückte.
-Kameraden von Ihnen sind gekommen, Sie zu besuchen.
-
-Natürlich habe ich Schmerzen! sagte er ärgerlich. Lassen Sie's nur,
-so ist's gut! ... Die Zehen im Strumpfe bewegten sich noch schneller.
-Guten Tag! Wie heißen Sie? Entschuldigen Sie, sprach er zu Koselzow
-gewandt ... Ach, ja, Sie müssen verzeihen, -- hier vergißt man alles,
-fuhr er fort, als dieser ihm seinen Namen gesagt hatte. Habe ich nicht
-mit dir zusammen gewohnt? fügte er hinzu, indem er, ohne jeglichen
-Ausdruck der Freude, Wolodja fragend ansah.
-
-Das ist mein Bruder, er ist heute von Petersburg gekommen.
-
-Hm! ... Ich habe mir die volle Pension verdient ... sagte er mit
-gerunzelter Stirn. Ach, was für Schmerzen! ... Ja, es wäre am besten,
-wenn's bald zu Ende wäre ...
-
-Er zog die Beine in die Höhe, bewegte die Zehen mit vermehrter
-Schnelligkeit hin und her und bedeckte das Gesicht mit beiden Händen.
-
-Wir müssen ihn verlassen, sagte flüsternd die Schwester, mit Thränen in
-den Augen, er befindet sich schon sehr schlecht.
-
-Noch auf der Nordseite hatten die Brüder beschlossen, auf die fünfte
-Bastion zu gehen; als sie aber die Nikolajew-Batterie verließen,
-beschlossen sie, -- als ob sie sich verabredet hätten, sich keiner
-unnützen Gefahr anzusetzen, ohne daß sie nur ein Wort miteinander
-darüber gesprochen hatten, -- jeder einzeln zu gehen.
-
-Aber ... wie wirst du dich zurechtfinden, Wolodja? sagte der Ältere.
-Übrigens kann dich Nikolajew nach der Korabelnaja begleiten, ich werde
-allein gehen und morgen bei dir sein.
-
-Weiter wurde kein Wort gesprochen bei diesem letzten Abschied der
-beiden Brüder.
-
-
-XI
-
-Der Kanonendonner dauerte mit der früheren Stärke fort, aber die
-Katharinenstraße, durch die Wolodja mit dem ihm schweigend folgenden
-Nikolajew ging, war still und öde. In der Dunkelheit sah er nur die
-breite Straße, mit den weißen, an vielen Stellen zertrümmerten Mauern
-großer Häuser, und das Steintrottoir, auf dem er ging; bisweilen
-trafen sie Soldaten und Offiziere. Er ging auf der linken Seite der
-Straße und sah bei dem Schein eines hellen Feuers, das hinter einer
-Mauer brannte, die längs des Trottoirs gepflanzten Akazien mit ihren
-grünen Pfählen und ihren verkümmerten, bestaubten Blättern. Deutlich
-hörte er seine Schritte und die Nikolajews, der hinter ihm ging und
-schwer atmete. Er dachte an nichts. Die hübsche Schwester, Marzows
-Bein mit den beweglichen Zehen unter dem Strumpf, die Dunkelheit und
-die mannigfachen Formen des Todes zogen traurig an seinem Geiste
-vorüber. Seine ganze junge, eindrucksfähige Seele krampfte und preßte
-sich zusammen unter dem Einflusse des Gefühls der Verlassenheit und
-der allgemeinen Gleichgültigkeit gegen sein Schicksal in der Gefahr!
-»Ich kann getötet werden, Qualen erdulden, leiden, und niemand weint
-um mich.« Und all das statt des thatenreichen und bewunderten Lebens
-eines Helden, das er sich so herrlich ausgemalt hatte. Näher und näher
-platzten und pfiffen die Bomben. Nikolajew seufzte noch häufiger,
-ohne jedoch das Schweigen zu unterbrechen. Als er über die Brücke
-ging, die nach der Korabelnaja führte, sah Wolodja, wie unweit von ihm
-etwas pfeifend in die Bucht flog, auf eine Sekunde die blauen Wellen
-purpurrot beleuchtete und dann mit Schaum wieder in die Höhe flog.
-
-Sieh, sie ist nicht erstickt! ... rief heiser Nikolajew.
-
-Ja, antwortete er ganz unwillkürlich und sich selbst unerwartet mit
-dünner, piepsender Stimme.
-
-Sie begegneten Tragbahren mit Verwundeten und wiederum Regimentswagen
-mit Schanzkörben. Auf der Korabelnaja trafen sie ein Regiment, und
-Reiter ritten vorüber. Einer von ihnen war ein Offizier in Begleitung
-eines Kosaken. Er ritt im Trab, als er aber Wolodja bemerkte, hielt er
-neben ihm, sah ihm ins Gesicht, wandte um, gab dem Pferde einen Schlag
-und ritt davon. »Allein, allein; es ist allen ganz gleichgültig, ob ich
-da bin oder nicht,« dachte der Jüngling und hatte ernstlich Lust zu
-weinen.
-
-Er schritt bergauf, an einer weißen Mauer vorüber, und kam in eine
-Straße zerstörter, unaufhörlich von Bomben beleuchteter Häuschen. Da
-stieß er auf ein betrunkenes, zerlumptes Weib, das mit einem Matrosen
-aus einem Pförtchen herauskam.
-
-Denn, w--w--wenn er ein Ehrenm--m--mann w--wäre, -- lallte sie --
-_pardon_, Ew. Wohlgeboren, Herr Offizier!
-
-Dem armen Jüngling ward das Herz immer mehr und mehr bedrückt; und
-am schwarzen Horizont flammten immer häufiger Blitze auf, und immer
-häufiger pfiffen und krachten Bomben in seiner Nähe. Nikolajew seufzte
-auf und begann plötzlich, wie es Wolodja schien, mit bestürzter,
-gepreßter Stimme:
-
-Und da haben sie sich beeilt, das Gouvernement zu verlassen! Hierher,
-nur hierher! ... Das verlohnt sich gerade!
-
-Warum nicht, der Bruder ist ja jetzt wieder gesund, antwortete Wolodja,
-in der Hoffnung, wenigstens durch ein Gespräch das schreckliche Gefühl,
-das ihn beherrschte, zu verscheuchen.
-
-Gesund ... Schöne Gesundheit, wenn er ganz und gar krank ist!? Auch wer
-wirklich gesund ist, thäte am besten, in solcher Zeit im Lazarett zu
-leben. Giebt's hier etwa viel Freude? Entweder wird einem das Bein oder
-der Arm abgerissen -- das ist alles! Ein Unglück ist schnell geschehen!
-Hier, in der Stadt, ist es noch nicht so wie auf der Bastion, dort geht
-es wahrhaft schrecklich zu. Wenn man geht, thut man weiter nichts,
-als beten. Sieh, die Bestie, wie sie an einem vorbeihuscht! fügte er
-hinzu, und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen nahe vorbeisausenden
-Bombensplitter. Jetzt hat man mir befohlen, fuhr Nikolajew fort, Ew.
-Wohlgeboren zu führen. Wie's unsereinem geht, das weiß man ja: was
-befohlen wird, muß man ausführen; da überläßt man dem ersten besten
-Soldaten den Wagen, und das Bündel ist offen. Aber du geh, geh mit; und
-was an Sachen verloren geht -- Nikolajew, steh dafür ein!
-
-Noch einige Schritte weiter, und sie kamen auf einen Platz. Nikolajew
-schwieg und seufzte.
-
-Da steht Ihre Artillerie, Ew. Wohlgeboren! sagte er plötzlich, fragen
-Sie den Posten, er wird Ihnen den Weg zeigen.
-
-Als Wolodja einige Schritte weiter gegangen war, hörte er die
-Seufzertöne Nikolajews nicht mehr hinter sich.
-
-Er fühlte sich plötzlich vollständig, ganz und gar allein. Dieses
-Bewußtsein der Vereinsamung in der Gefahr vor dem Tode, wie er glaubte,
-lag ihm wie ein entsetzlich schwerer, kalter Stein auf der Brust. Er
-blieb mitten auf dem Platze stehen und schaute sich um, ob ihn nicht
-jemand sehe, griff sich an den Kopf, sprach vor sich hin und dachte
-mit Entsetzen: »Herr Gott! Bin ich denn ein Feigling, ein elender,
-abscheulicher, niedriger Feigling -- gilt es nicht das Vaterland, den
-Zaren, für den ich gestern noch mit Wonne zu sterben wähnte? Nein,
-ich bin ein unglückliches, bejammernswertes Geschöpf!« Und mit einem
-wahren Gefühl der Verzweiflung und der Enttäuschung über sich selbst,
-fragte Wolodja den Posten nach dem Hause des Batteriekommandeurs und
-ging in der Richtung, die er ihm wies.
-
-
-XII
-
-Die Wohnung des Batteriekommandeurs, die ihm der Posten gezeigt hatte,
-war ein kleines, zweistöckige Haus, mit dem Eingange vom Hofe her.
-Durch das mit Papier verklebte Fenster schimmerte das schwache Licht
-einer Kerze. Der Bursche saß auf der Außentreppe und rauchte seine
-Pfeife. Er ging dem Batteriekommandeur Meldung zu machen und führte
-Wolodja ins Zimmer. Im Zimmer standen, zwischen zwei Fenstern, unter
-einem zerbrochenen Spiegel, ein mit amtlichen Papieren über und über
-bedeckter Tisch, einige Stühle und eine eiserne Bettstelle mit reiner
-Bettwäsche und einem kleinen Teppich davor.
-
-Dicht an der Thür stand ein hübscher Mann mit starkem Schnurrbart --
-der Feldwebel, mit dem Seitengewehr und einem Mantel, auf dem ein Kreuz
-und die Medaille für den ungarischen Feldzug hingen. In der Mitte des
-Zimmers ging ein kleiner, etwa vierzigjähriger Stabsoffizier, mit einer
-verbundenen, geschwollenen Backe, in einem dünnen, alten Mantel hin und
-her.
-
-Ich habe die Ehre, mich zu melden, zur fünften Leichten kommandiert,
-Fähnrich Koselzow II! sagte Wolodja seine eingelernte Phrase her, als
-er ins Zimmer trat.
-
-Der Batteriekommandeur beantwortete kühl seinen Gruß und forderte
-Wolodja, ohne ihm die Hand zu geben, auf, sich zu setzen.
-
-Wolodja ließ sich schüchtern auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch
-nieder und spielte mit einer Schere, die ihm in die Hand fiel. Der
-Batteriekommandeur ging, mit gesenktem Kopf, die Hände auf dem Rücken,
-unaufhörlich, ohne ein Wort zu sprechen, im Zimmer auf und nieder, mit
-dem Aussehen eines Menschen, der sich etwas in Erinnerung rufen will,
-und warf nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die Hände, die mit der
-Schere spielten.
-
-Der Batteriekommandeur war ein ziemlich beleibter Mann mit einer
-großen Glatze auf dem Wirbel, einem dichten Schnauzer, der gerade
-heruntergekämmt war und den Mund bedeckte, und mit freundlichen grauen
-Augen; er hatte schöne, reine, rundliche Hände, seine Beine waren
-stark nach außen gekehrt, er trat mit Zuversicht und einer gewissen
-Stutzerhaftigkeit auf, die andeutete, daß der Batteriekommandeur nicht
-gerade schüchtern war.
-
-Ja, sagte er und blieb vor dem Feldwebel stehen, der Geschützmannschaft
-wird man von morgen ab noch einen Topf zugeben müssen, sie werden zu
-schlecht behandelt. Was meinst du?
-
-Gewiß, man kann ihnen noch was geben, Euer Hochwohlgeboren! Jetzt ist
-der Hafer billiger geworden, antwortete der Feldwebel und bewegte dabei
-die Finger an den Händen, die er an den Nähten hielt, die aber offenbar
-gern seine Rede mit ihrer Gebärde unterstützten. Gestern hat mir auch
-unser Fourageur Frantschuk vom Train ein Schreiben geschickt, Euer
-Hochwohlgeboren, wir müßten unbedingt dort Ochsen kaufen, meint er. Es
-heißt, sie sollen billig sein. Wenn Sie befehlen?
-
-Nun ja, kaufen wir: er hat das Geld. Und der Batteriekommandeur begann
-wieder im Zimmer auf und nieder zu gehen. -- Und wo sind Ihre Sachen?
-fragte er plötzlich Wolodja und blieb vor ihm stehen.
-
-Den armen Wolodja hatte der Gedanke, daß er ein Feigling sei, so
-niedergedrückt, daß er in jedem Augenblick, in jedem Wort Verachtung
-gegen sich, als einen kläglichen Feigling, sah. Es war ihm, als hätte
-der Batteriekommandeur schon sein Geheimnis durchschaut und spotte
-seiner. Er antwortete verlegen, die Sachen seien auf der Grafßkaja und
-der Bruder hätte versprochen, sie ihm morgen zu schicken.
-
-Der Oberst aber hörte kaum auf ihn und fragte, zu dem Feldwebel gewandt:
-
-Wo werden wir den Fähnrich unterbringen?
-
-Den Fähnrich? sagte der Feldwebel, und machte Wolodja noch mehr
-verlegen durch den flüchtigen Blick, den er ihm zuwarf und der
-gewissermaßen die Frage ausdrückte: »Was ist das für ein Fähnrich?«
--- Ja, unten, Euer Hochwohlgeboren, beim Stabskapitän können Seine
-Wohlgeboren sich einquartieren, fuhr er fort, nachdem er ein wenig
-nachgedacht hatte; der Stabskapitän sind jetzt auf der Bastion, so daß
-seine Pritsche leer steht.
-
-Beliebt es Ihnen einstweilen so? fragte der Batteriekommandeur. Sie
-müssen, denk' ich, müde sein; morgen werden wir es besser einrichten.
-
-Wolodja stand auf und verbeugte sich.
-
-Ist Ihnen nicht Thee gefällig? fragte der Batteriekommandeur, als
-er bereits bis zur Thür gegangen war. Man kann eine Theemaschine
-aufstellen.
-
-Wolodja verbeugte sich und ging hinaus. Der Bursche des Obersten
-begleitete ihn nach unten und führte ihn in ein kahles, schmutziges
-Zimmer, in dem allerlei Gerümpel umherlag und ein eisernes Bett
-ohne Wäsche und Decke stand. Auf dem Bett, mit einem dicken Mantel
-zugedeckt, schlief jemand in einem rosa Hemd.
-
-Wolodja hielt ihn für einen gemeinen Soldaten.
-
-Peter Nikolajewitsch! rief der Offiziersbursche, indem er den Schläfer
-an der Schulter rüttelte. Hier werden sich der Fähnrich hinlegen ...
-Das ist unser Junker, fügte er, zum Fähnrich gewandt, hinzu.
-
-Ach, lassen Sie sich nicht stören, bitte! sagte Wolodja; aber der
-Junker, ein hochgewachsener, stattlicher junger Mann mit hübschen, aber
-sehr dummen Zügen, stand vom Bett auf, warf sich den Mantel um und
-ging, augenscheinlich noch halb im Schlafe, aus dem Zimmer.
-
-Schadet nichts, ich werde mich draußen hinlegen, brummte er.
-
-
-XIII
-
-Als Wolodja mit seinen Gedanken allein geblieben war, war sein erstes
-Gefühl die Angst vor dem wirren, trostlosen Zustand, in dem sich sein
-Gemüt befand. Er hatte den Wunsch, einzuschlafen und alles ringsumher,
-vor allem aber sich selbst, zu vergessen. Er löschte das Licht, legte
-sich auf das Bett und zog seinen Mantel über den Kopf, um sich zu
-schützen gegen die Angst vor der Dunkelheit, die ihm seit frühester
-Jugend anhaftete. Plötzlich aber fiel ihm ein, es könnte eine Bombe
-geflogen kommen, das Dach durchschlagen und ihn töten ... Er horchte
-auf; gerade über ihm erklangen die Schritte des Batteriekommandeurs.
-
-Ȇbrigens, wenn eine geflogen kommt -- dachte er -- trifft sie erst
-oben und dann mich -- also wenigstens nicht mich allein.« Dieser
-Gedanke beruhigte ihn ein wenig, er war im Begriff, einzuschlummern.
-»Wie aber, wenn plötzlich in der Nacht Sewastopol genommen wird, und
-die Franzosen hier eindringen? Womit werde ich mich verteidigen?« Er
-stand wieder auf und ging im Zimmer auf und nieder. Die Angst vor der
-wirklichen Gefahr hatte die geheimnisvolle Angst vor der Finsternis
-verschlungen. Außer einem Sattel und einem Ssamowar war im Zimmer
-nichts Festes. »Ich bin ein Elender, ein Feigling, ein abscheulicher
-Feigling,« dachte er plötzlich, und wieder überkam ihn das drückende
-Gefühl der Verachtung, des Abscheus sogar vor sich selbst. Er legte
-sich wieder hin und gab sich Mühe, nichts zu denken. Da tauchten
-unwillkürlich die Eindrücke des Tages in seiner Phantasie wieder
-auf, begleitet von ununterbrochenen Tönen, die die Scheiben in dem
-einzigen Fenster klirren machten, und erinnerten ihn wieder an die
-Gefahr. Bald phantasierte er von Verwundeten und von Blut, bald von
-Bomben und Splittern, die ins Zimmer fliegen, bald von der hübschen,
-barmherzigen Schwester, die ihm, dem Sterbenden, einen Verband anlegt
-und über ihn weint, bald von seiner Mutter, die in der Kreisstadt an
-seiner Seite geht und inbrünstig unter Thränen vor dem wunderthätigen
-Bilde betet, und wieder scheint ihm der Schlaf unmöglich. Plötzlich
-trat der Gedanke an Gott, den Allmächtigen, der alles wirken und jedes
-Gebet erhören kann, klar vor seine Seele. Er kniete nieder, bekreuzte
-sich und faltete die Hände, ganz so, wie man ihn in der Kindheit beten
-gelehrt hatte. Diese Gebärde versetzte ihn mit einem Schlage in eine
-längst vergangene, tröstliche Stimmung.
-
-»Wenn ich sterben muß, wenn es sein muß, daß ich vergehe, laß es
-geschehen, Herr -- dachte er -- laß es schnell geschehen! ... Bedarf es
-aber der Tapferkeit, bedarf es der Standhaftigkeit, die ich nicht habe,
-so gieb sie mir, schütze mich vor Schmach und Schande, die ich nicht
-ertragen kann, lehre mich, was ich zu thun habe, um Deinen Willen zu
-erfüllen.«
-
-Seine kindliche, eingeschüchterte, geängstigte Seele ward plötzlich
-von Mannesmut erfüllt. Sie wurde heller und sah neue, weite, lichte
-Horizonte. Noch vieles dachte und empfand er in diesem kurzen
-Augenblick, den diese Stimmung währte; er schlief bald ruhig und
-furchtlos ein, mitten unter den Tönen des fortdauernden Getöses des
-Bombardements und des Klirrens der Scheiben.
-
-Großer Gott! Nur du allein hast gehört und kennst die einfältigen, aber
-inbrünstigen und verzweifelten Gebete der Unwissenheit und irrenden
-Reue, die Bitten um Heilung des Körpers und Erleuchtung der Seele, die
-zu dir von diesem schrecklichen Orte des Todes emporgestiegen sind,
-aus dem Herzen des Generals, der eben an das Georgskreuz gedacht hat
-und mit Bangen Deine Nähe ahnt, wie des einfachen Soldaten, der sich
-auf dem nackten Boden der Nikolajew-Batterie wälzt und Dich bittet, ihm
-im Jenseits Belohnung zu gewähren für alle Leiden! ...
-
-
-XIV
-
-Der ältere Koselzow hatte auf der Straße einen Soldaten seines
-Regiments getroffen und ging zusammen mit ihm geradewegs nach der
-fünften Bastion.
-
-Halten Sie sich an die Mauer, Euer Wohlgeboren! sagte der Soldat.
-
-Weshalb?
-
-Es ist gefährlich, Euer Wohlgeboren: sehen Sie, da fliegt sie schon
-hinüber! sagte der Soldat, indem er auf den pfeifenden Ton einer
-Kanonenkugel horchte, die auf dem trockenen Weg auf der anderen Seite
-der Straße einschlug.
-
-Koselzow ging, ohne auf den Soldaten zu hören, kühn in der Mitte der
-Straße.
-
-Es waren dieselben Straßen, dasselbe sogar noch häufigere Feuern,
-dasselbe Stöhnen, Vorübertragen von Verwundeten und dieselben
-Batterien, Brustwehren und Laufgräben, wie im Frühjahr, da er in
-Sewastopol gewesen; aber das alles war jetzt noch trauriger und
-zugleich energischer: es gab noch mehr durchgeschlagene Dächer, Licht
-in den Fenstern war gar nicht mehr sichtbar, außer in Kuschtschins
-Hause (dem Lazarett), Frauen sah man gar nicht mehr auf der Straße, auf
-allem lag nicht mehr der frühere Charakter des Alltäglichen und der
-Sorglosigkeit, sondern der Stempel einer bangen Erwartung und Müdigkeit.
-
-Aber da ist schon der letzte Laufgraben, da tönt auch die Stimme eines
-Soldaten vom P.-Regiment, der seinen früheren Hauptmann erkannt hat; da
-steht auch das dritte Bataillon in der Dunkelheit, an die Wand gelehnt,
-bisweilen auf einen Augenblick durch Schüsse beleuchtet und seine
-Gegenwart nur durch gedämpftes Murmeln und das Klirren der Gewehre
-verratend.
-
-Wo ist der Regimentskommandeur? fragte Koselzow.
-
-In der Blindage, Euer Wohlgeboren, bei den Seeleuten, antwortete ein
-dienstfertiger Soldat. Bitte, ich werde Sie führen.
-
-Von Laufgraben zu Laufgraben führte der Soldat Koselzow zu einem
-kleinen Graben in einem Laufgraben. Im Graben saß ein Matrose, der
-seine Pfeife rauchte; hinter ihm war eine Thür sichtbar, durch deren
-Spalt Licht schimmerte.
-
-Darf man eintreten?
-
-Werde Sie sogleich melden! und der Soldat trat zur Thür ein.
-
-Drinnen sprachen zwei Stimmen.
-
-Wenn Preußen die Neutralität bewahrt, sagte die eine Stimme, so wird
-auch Österreich ...
-
-Ach was, Österreich, sagte die andere, wenn die slavischen Völker ...
-Laß eintreten.
-
-Koselzow war nie in dieser Blindage gewesen. Sie frappierte ihn
-durch ihren Luxus. Der Fußboden war getäfelt, an der Thür hielt
-eine spanische Wand den Wind ab. Zwei Betten waren an den Wänden
-aufgestellt; in einer Ecke stand ein großes Bild der Gottesmutter
-in goldenen Gewändern, und vor ihm brannte eine rosa Lampe. Auf dem
-einen Bett schlief ein Marineoffizier, vollständig angekleidet; auf
-dem andern saßen vor einem Tisch, auf dem zwei halbvolle Flaschen
-Wein standen, der neue Regimentskommandeur im Gespräch mit seinem
-Adjutanten. Obgleich Koselzow durchaus kein Feigling war und sich
-weder der Behörde, noch dem Regimentskommandeur gegenüber einer Schuld
-bewußt war, wurde er doch zaghaft bei dem Anblick des Hauptmanns, der
-vor kurzem noch sein Kamerad gewesen war; so stolz erhob sich dieser
-Hauptmann, um ihn auszufragen. »Sonderbar, dachte Koselzow, während
-er seinen Kommandeur ansah, sieben Wochen sind es erst, daß er das
-Regiment bekommen hat, und wie deutlich spricht schon aus allem, was
-ihn umgiebt, aus seiner Kleidung, aus seinem Gebahren, aus seinem
-Blick, die Würde des Regimentskommandeurs. Vor kurzem -- dachte er
--- hat dieser Batteriechef noch mit uns gezecht, an Wochentagen ein
-dunkles Zitzhemd getragen, das länger rein hält, nie jemand zu sich
-eingeladen, und immer und ewig Klops und Quarkpiroggen gegessen, und
-jetzt? ... Und im Blick dieser Ausdruck kalten Hochmuts, der zu sagen
-scheint: wenn ich auch dein Kamerad bin, weil ich Regimentskommandeur
-neuer Schule bin, glaube nur, ich weiß, wie gern du dein halbes Leben
-hingäbest, um an meiner Stelle zu sein!«
-
-Sie haben sich recht lange kurieren lassen, sagte der Oberst zu
-Koselzow und sah ihn kühl an.
-
-Ich bin krank gewesen, Oberst! Die Wunde ist jetzt noch nicht ganz
-geschlossen.
-
-So sind Sie unnütz gekommen, sagte der Oberst und betrachtete
-mißtrauisch die volle Gestalt des Offiziers. Sie können aber doch den
-Dienst versehen?
-
-Gewiß kann ich das!
-
-Nun, ich freue mich sehr. So übernehmen Sie vom Fähnrich Sajzow die
-neunte Kompagnie -- Ihre frühere; sogleich werden Sie die Ordre
-erhalten.
-
-Zu Befehl!
-
-Wollen Sie die Güte haben, wenn Sie fortgehen, den Regimentsadjutanten
-zu mir zu schicken, schloß der Regimentskommandeur, und gab durch eine
-leichte Verbeugung zu verstehen, daß die Audienz beendet sei.
-
-Während Koselzow aus der Blindage herausging, brummte er etwas vor
-sich hin und zog die Schultern hoch, als bereite ihm etwas Schmerz,
-Unbehagen oder Ärger -- Ärger nicht über den Regimentskommandeur (der
-hatte ihm keinen Grund gegeben); er war mit sich selbst, mit allem, was
-um ihn her vorging, unzufrieden.
-
-
-XV
-
-Bevor Koselzow sich zu seinen Regimentskameraden begab, ging er,
-seine Kompagnie zu begrüßen und zu sehen, wo sie stand. Die aus
-Schanzkörben gebildeten Brustwehren, die Anlage der Laufgräben, die
-Kanonen, an denen er vorbeikam, sogar die Splitter der Bomben, über
-die er unterwegs stolperte, -- das alles, unaufhörlich durch das
-Feuer der Schüsse erhellt, war ihm bekannt; das alles hatte sich vor
-drei Monaten, im Verlauf der vierzehn Tage, die er ununterbrochen auf
-derselben Bastion zugebracht, seinem Gedächtnisse lebhaft eingeprägt.
-Obwohl viel Schreckliches in der Erinnerung lag, hatte sie doch auch
-den großen Zauber des Vergangenen, und er sah mit Vergnügen, als
-wären die hier zugebrachten vierzehn Tage angenehme gewesen, die
-bekannten Orte und Gegenstände wieder. Die Kompagnie lag an der
-Verteidigungswand, bei der sechsten Bastion.
-
-Koselzow ging in eine lange, vom Eingange her vollständig offene
-Blindage, in der, wie man ihm sagte, die neunte Kompagnie stand. In der
-ganzen Blindage war buchstäblich kein Fuß breit Platz: so voll war sie
-vom Eingang ab von Soldaten. Auf der einen Seite brannte ein kurzes
-Talglicht. Das Licht hielt, liegend, ein Soldat und beleuchtete ein
-Buch, das ein anderer buchstabierend las. Um das Licht waren in dem
-trüben Halbdunkel der Blindage erhobene Köpfe sichtbar, die gespannt
-dem Leser zuhörten. Das Buch war ein ABC-Buch. Als Koselzow in die
-Blindage eintrat, hörte er folgendes:
-
-»Ge--bet nach Be--en--di--gung des Un--terrichts. Ich dan--ke Dir
-Schöp--fer ...«
-
-Putzt doch das Licht! rief eine Stimme. Das Buch ist prächtig ... »Mein
-... Gott ...« fuhr der Vorleser fort.
-
-Als Koselzow nach dem Feldwebel fragte, verstummte der Vorleser, die
-Soldaten gerieten in Bewegung, husteten, schnäuzten sich, wie stets
-nach einem anhaltenden Schweigen. Der Feldwebel erhob sich, seinen
-Mantel zuknöpfend, von seinem Platz in der Nähe des Vorlesers und kam,
-über die Füße und auf den Füßen derer, die nicht Zeit hatten, sie
-wegzuziehen, schreitend, an den Offizier heran.
-
-Guten Tag, Brüderchen! Ist das alles unsere Kompagnie?
-
-Wir wünschen Gesundheit! Wir gratulieren zur Ankunft, antwortete der
-Feldwebel, indem er heiter und freundlich Koselzow ansah. -- Hat sich
-Ihr Befinden gebessert? Nun Gott sei Dank. Wir haben uns sehr nach
-Ihnen gesehnt.
-
-Man sah gleich, daß Koselzow bei der Kompagnie beliebt war.
-
-Im Hintergrunde der Blindage ließen sich Stimmen hören: der frühere
-Kompagniekommandeur ist wieder da, der verwundet war, Koselzow, Michail
-Ssemjonytsch ist wieder da u. dgl.; einige gingen sogar auf ihn zu, der
-Trommler begrüßte ihn.
-
-Guten Tag, Obantschuck? sagte Koselzow. Unversehrt? ... Wünsch' euch
-Gesundheit, Kinder, rief er darauf mit erhobener Stimme.
-
-Wir wünschen Ihnen Gesundheit! tönte es tosend in der Blindage.
-
-Wie geht's euch, Kinder?
-
-Schlecht, Euer Wohlgeboren; der Franzose hat die Oberhand, -- er
-schießt so bös von den Schanzen her -- und damit basta, ins Feld wagt
-er sich nicht.
-
-Vielleicht giebt's Gott, zu meinem Glück, daß sie auch ins Feld kommen,
-Kinder! erwiderte Koselzow. Ich bin ja nicht das erstemal bei euch: wir
-werden sie wieder ausklopfen.
-
-An uns soll's nicht fehlen, Euer Wohlgeboren! antworteten einige
-Stimmen.
-
-Na, aber sie sind tapfer! sagte eine Stimme.
-
-Furchtbar tapfer! sagte der Trommler nicht laut, aber so, daß es hörbar
-war, zu einem anderen Soldaten gewandt, als wenn er vor diesem die
-Worte des Kompagnieführers rechtfertigen und ihn überzeugen wollte, daß
-in diesen Worten nichts Prahlerisches und Unwahrscheinliches liege.
-
-Von den Soldaten ging Koselzow in die Kaserne der Verteidigungstruppen
-zu den Offizieren, seinen Kameraden.
-
-
-XVI
-
-In dem großen Zimmer der Kaserne waren eine Menge Leute: Marine-,
-Artillerie- und Infanterieoffiziere. Die einen schliefen, andere
-unterhielten sich, auf dem Pulverkasten und der Lafette einer
-Festungskanone sitzend; die dritten bildeten im Alkoven eine große
-und laute Gruppe, sie saßen auf der Diele auf zwei ausbreiteten
-Filzmänteln, tranken Porter und spielten Karten.
-
-Ah, Koselzow, Koselzow ... Gut, daß du gekommen bist. Brav! ... Was
-macht die Wunde? ließ sich von verschiedenen Seiten hören. Auch hier
-konnte man sehen, daß man ihn gern hatte und sich über seine Ankunft
-freute.
-
-Koselzow schüttelte seinen Bekannten die Hand und gesellte sich zu
-der lauten Gruppe, die aus mehreren Offizieren bestand, die Karten
-spielten. Es waren auch Bekannte von ihm darunter. Ein hübscher,
-magerer, brünetter Mann mit einer langen, hageren Nase und einem
-starken Schnauzbart, der lang von den Wangen herabhing, hielt die
-Bank mit seinen weißen, hageren Fingern, auf einem der Finger trug er
-einen großen goldenen Siegelring mit einem Wappen. Er legte die Karten
-gerade vor sich hin, ohne Sorgfalt, er war offenbar erregt und wollte
-nur sorglos erscheinen. Neben ihm zur Rechten war, auf den Ellbogen
-gestützt, ein grauköpfiger Major hingestreckt, setzte mit erheuchelter
-Kaltblütigkeit immer einen halben Rubel und zahlte sofort aus. Zur
-linken Hand saß kauernd ein hübscher junger Offizier mit schweißigem
-Gesicht, lächelte gezwungen und scherzte. Wenn seine Karte dran war,
-bewegte er unaufhörlich die eine Hand in seiner leeren Hosentasche. Er
-spielte um hohen Einsatz, aber offenbar nicht mehr um Tausende, was
-den hübschen, brünetten Herrn wurmte. Ein kahlköpfiger Offizier mit
-riesiger Nase und großem Mund, ein hagerer und blasser Mann, ging im
-Zimmer auf und nieder, hielt einen großen Haufen Banknoten in der Hand,
-spielte immer mit barem Gelde _va banque_ und gewann immer.
-
-Koselzow trank einen Schnaps und setzte sich zu den Spielern.
-
-Setzen Sie doch, Michail Ssemjonytsch! sagte der Bankhalter zu ihm.
-Geld, meine ich, müssen Sie die Menge mitgebracht haben.
-
-Wie soll ich zu Geld kommen? Im Gegenteil, ich habe das letzte in der
-Stadt gelassen.
-
-Wie? Sie haben doch gewiß jemanden in Ssimferopol aufsitzen lassen.
-
-Wahrhaftig, ich habe nicht viel, sagte Koselzow, aber er wünschte
-offenbar nicht, daß man ihm glaube, knöpfte den Rock auf und nahm die
-alten Karten zur Hand.
-
-Ein Versuch kann nicht schaden. Man muß das Schicksal versuchen! Jedes
-Tierchen hat sein Plaisierchen! ... Sie müssen nur eins trinken, sich
-Mut zu machen.
-
-Er trank ein zweites Gläschen Schnaps und etwas Porter, und hatte in
-kurzer Zeit seine letzten drei Rubel verspielt.
-
-Der kleine schweißige Offizier war mit hundertfünfzig Rubel in der
-Kreide.
-
-Nein, es will nicht glücken, sagte er und griff nachlässig nach einer
-neuen Karte.
-
-Wollen Sie einsetzen, sagte der Bankhalter zu ihm, hielt einen
-Augenblick inne und sah ihn an.
-
-Gestatten Sie mir, morgen zu setzen, antwortete der schweißige
-Offizier, erhob sich und bewegte noch lebhafter seine Hand in der
-leeren Tasche.
-
-Hm ... brummte der Bankhalter, warf sich ärgerlich nach rechts und nach
-links und führte die Taille zu Ende. -- Aber nein, so geht's nicht,
-sagte er und legte die Karten hin. Ich passe. So geht's nicht, Sachar
-Iwanytsch, fügte er hinzu. Wir haben auf bar gespielt und nicht auf
-Kreide.
-
-Wie, zweifeln Sie an mir? ... Merkwürdig, wahrhaftig!
-
-Von wem wünschen Sie Geld? brummte der Major, der etwa acht Rubel
-gewonnen hatte. Ich habe schon mehr als zwanzig Rubel gesetzt, und habe
-gewonnen, aber ich bekomme nichts.
-
-Woher soll ich denn zahlen, sagte der Bankhalter, wenn kein Geld auf
-dem Tische ist.
-
-Was kümmert das mich? schrie der Major und erhob sich, ich spiele mit
-Ihnen und nicht mit dem da.
-
-Der schweißige Offizier wurde plötzlich hitzig.
-
-Ich sage, ich bezahle morgen -- wie können Sie es wagen, mir Grobheiten
-zu sagen.
-
-Ich sage, was ich will! So handelt man nicht, wissen Sie's nun? schrie
-der Major.
-
-Lassen Sie gut sein, Fjodor Fjodorytsch, begannen alle und hielten den
-Major zurück.
-
-Aber senken wir schnell den Vorhang über dieses Schauspiel. Morgen,
-heute schon wird vielleicht jeder dieser Menschen heiter und stolz
-dem Tode entgegengehen und standhaft und ruhig sterben; aber der
-einzige Lebenstrost in diesen, auch die kühlste Einbildungskraft
-entsetzenden Verhältnissen des Mangels alles Menschlichen und der
-Aussichtslosigkeit einer Besserung, der einzige Trost ist Vergessen,
-Vernichtung des Bewußtseins. Auf dem Grunde der Seele eines jeden ruht
-der edle Funke, der einen Helden aus ihm macht; aber dieser Funke hört
-auf hell zu glimmen -- kommt die entscheidende Stunde, dann lodert er
-flammend auf und beleuchtet große Thaten.
-
-
-XVII
-
-Am folgenden Tage dauerte das Bombardement mit gleicher Stärke
-fort. Gegen elf Uhr morgens saß Wolodja Koselzow in dem Kreise der
-Batterieoffiziere; er hatte sich schon ein wenig an sie gewöhnt und
-betrachtete die neuen Gesichter, beobachtete, fragte und erzählte. Das
-bescheidene, in gewissem Sinne auf Gelehrsamkeit Anspruch machende
-Gespräch der Artillerieoffiziere flößte ihm Achtung ein und gefiel ihm.
-Das schamhafte, unschuldige und hübsche Äußere Wolodjas machte ihm die
-Offiziere geneigt. Der älteste Offizier in der Batterie, ein Kapitän,
-ein Mann von kleiner Gestalt und rötlichem Haar mit einem Schopf und
-glattgekämmten Schläfen, in den alten Überlieferungen der Artillerie
-aufgewachsen, ein Ritter der Damen und sozusagen ein Gelehrter, fragte
-Wolodja nach seinen Kenntnissen in der Artillerie und nach neuen
-Erfindungen, spöttelte liebenswürdig über sein hübsches Gesichtchen
-und ging mit ihm im allgemeinen wie ein Vater mit seinem Sohne um,
-was Wolodja sehr wohl that. Der Unterleutnant Djadjenko, ein junger
-Offizier, der mit kleinrussischem Accent sprach, in einem zerrissenen
-Mantel und mit zerzaustem Haar, sprach zwar sehr laut, suchte immer
-eine Gelegenheit, giftig zu sein und hatte eckige Bewegungen, gefiel
-aber trotzdem Wolodja, der unter dieser herben Außenseite natürlich
-einen sehr prächtigen und guten Menschen sah. Djadjenko bot Wolodja
-fortwährend seine Dienste an und setzte ihm auseinander, daß alle
-Geschütze in Sewastopol nicht regelrecht aufgestellt seien. Leutnant
-Tschernowizkij mit den hochgezogenen Brauen gefiel Wolodja nicht, er
-war zwar höflicher als die anderen und trug einen ziemlich sauberen,
-wenn auch nicht neuen, doch aber sorgfältig geflickten Rock und ließ
-auf seiner Atlasweste eine goldene Kette sehen. Er wurde nicht müde
-zu fragen, was der Kaiser und der Kriegsminister machen, und erzählte
-ihm unaufhörlich mit erkünstelter Begeisterung von den Heldenthaten
-vor Sewastopol, klagte darüber, daß es so wenig Patrioten gebe und
-ließ überhaupt viel Wissen, Geist und edles Empfinden durchblicken;
-aber es berührte doch alles Wolodja unangenehm und unnatürlich. Vor
-allem bemerkte er, daß die übrigen Offiziere mit Tschernowizkij
-fast gar nicht sprachen. Der Junker Wlang, den er gestern geweckt
-hatte, war ebenfalls da. Er sprach nichts, sondern saß bescheiden in
-einer Ecke und lachte, wenn etwas Spaßhaftes erzählt und dabei etwas
-vergessen wurde, dessen er sich erinnerte, reichte Branntwein herum
-und machte für alle Offiziere Cigaretten. Mochte das bescheidene,
-höfliche Betragen Wolodjas, der mit ihm gerade so verkehrte, wie
-mit den Offizieren, und ihn nicht wie einen Knaben behandelte, oder
-sein angenehmes Äußere »Wlanga«, wie ihn die Soldaten nannten, indem
-sie seinen Namen zu einem Femininum umbildeten, fesseln, er konnte
-seine gutmütigen, großen Augen von dem Gesicht des neuen Offiziers
-nicht abwenden, indem er alle seine Wünsche zu erraten und ihnen
-zuvorzukommen suchte, und sich ununterbrochen in einer Extase der
-Verliebtheit befand, die natürlich von den Offizieren bemerkt und
-verspottet wurde.
-
-Vor dem Mittagessen wurde ein Stabskapitän von der Bastion abgelöst und
-schloß sich ihrer Gesellschaft an. Stabskapitän Kraut war ein blonder,
-hübscher, fescher Offizier mit großem rötlichen Schnurrbart und
-Backenbart; er sprach das Russische vortrefflich, aber zu regelrecht
-und schön für einen Russen. Im Dienst und im Leben war er ganz wie in
-seiner Sprache: im Dienst ausgezeichnet, ein vortrefflicher Kamerad,
-der zuverlässigste Mann in Geldangelegenheiten, aber einfach als
-Mensch, und gerade deshalb, weil alles in einem gewissen Sinne gut an
-ihm war, fehlte ihm etwas. Wie alle russischen Deutschen war er, ein
-sonderbarer Gegensatz zu den »idealen« Deutschen, im höchsten Grade
-»praktisch«.
-
-Da erscheint unser Held! rief der Kapitän, als Kraut, die Arme
-schwenkend und mit den Sporen klirrend, ins Zimmer kam.
-
-Was wünschen Sie, Thee oder Schnaps?
-
-Ich habe schon befohlen, den Ssamowar aufzustellen, antwortete er. Aber
-einen Schnaps kann man inzwischen schon genehmigen, denn der erfreut
-des Menschen Herz. Freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; ich
-bitte Sie, uns Freund und Gönner zu sein, sagte er zu Wolodja, der
-aufgestanden war und sich vor ihm verneigte. Stabskapitän Kraut ...
-Der Feuerwerker hat mir auf der Bastion gesagt, daß Sie schon gestern
-angekommen sind.
-
-Ich danke Ihnen sehr für Ihr Bett; ich habe die Nacht darauf geschlafen.
-
-Aber auch gut? ... Ein Fuß ist abgebrochen, und beim
-Belagerungszustande findet sich niemand, ihn auszubessern, -- man muß
-was unterlegen.
-
-Nun, wie war's, haben Sie glücklichen Tagesdienst gehabt? fragte
-Djadjenko.
-
-Ja, es war weiter nichts; nur Skworzow hat was abbekommen, auch eine
-Lafette mußte ausgebessert werden: ihre Wand ist in tausend Stücke
-geschossen worden.
-
-Er erhob sich von seinem Platz und begann hin- und herzugehen: es war
-ihm anzumerken, daß er sich unter dem Einflusse der angenehmen Stimmung
-eines Menschen befand, der soeben einer Gefahr entronnen ist.
-
-Na, Dmitrij Gawrilytsch, sagte er und klopfte dem Kapitän auf die
-Knie. Wie geht's, Väterchen? Noch keine Antwort auf den Vorschlag zur
-Beförderung?
-
-Noch nichts.
-
-Es kommt auch nichts, begann Djadjenko, ich habe es Ihnen vorher klar
-gemacht.
-
-Warum denn nicht?
-
-Warum? weil die Relation nicht so abgefaßt ist.
-
-Ach Sie, Sie sind ein Streithahn, ein rechter Streithahn! sagte Kraut
-und lächelte fröhlich. Ein echter, hartnäckiger Chacholl (Spitzname für
-die Kleinrussen), aber Ihnen zum Possen wird der Leutnant herauskommen.
-
-Nein, er wird nicht herauskommen.
-
-Wlang! bringen Sie mir doch meine Pfeife her und stopfen Sie sie mir,
-sagte er zu dem Junker gewandt, der sofort bereitwillig nach der Pfeife
-lief.
-
-Kraut brachte Leben in die Gesellschaft. Er erzählte vom Bombardement,
-fragte, was in seiner Abwesenheit geschehen war und plauderte mit
-allen.
-
-
-XVIII
-
-Na, wie haben Sie sich bei uns schon eingerichtet? fragte Kraut
-Wolodja. Verzeihen Sie, wie ist Ihr Vor- und Vatersname? Bei uns in der
-Artillerie ist es einmal so Sitte ... Haben Sie schon ein Reitpferd
-angeschafft?
-
-Nein, sagte Wolodja, ich weiß nicht, was werden wird. Ich habe dem
-Kapitän gesagt ... ich habe kein Pferd, ich habe aber auch kein Geld,
-so lange ich nicht Zehr- und Reisegelder bekomme.
-
-Apollon Sergjeitsch? -- er brachte mit den Lippen einen Laut hervor,
-der starken Zweifel ausdrückte und sah den Kapitän an, -- kaum!
-
-Je nun, schlägt er's ab, ist's auch kein Unglück, sagte der Kapitän,
-hier braucht man eigentlich kein Pferd, aber man kann's immerhin
-versuchen, ich will heute fragen.
-
-Wie, kennen Sie ihn nicht? mischte sich Djadjenko ein, etwas anderes
-kann er abschlagen, aber Ihnen wird er keineswegs ... Wollen Sie wetten?
-
-Na ja, Sie müssen natürlich immer widersprechen.
-
-Ich widerspreche, weil ich weiß: in anderen Dingen ist er geizig, aber
-ein Pferd giebt er, er hat ja auch keinen Vorteil von der Ablehnung.
-
-Gewiß hat er Vorteil davon, wenn ihm hier der Hafer acht Rubel
-zu stehen kommt, sagte Kraut. Man hat Vorteil, wenn man keine
-überflüssigen Pferde hält.
-
-Bitten Sie um den Staar, Wladimir Ssemjonytsch, sagte Wlang, der mit
-Krauts Pfeifchen zurückkam, ein ausgezeichnetes Pferd!
-
-Mit dem Sie in Ssoroki in den Graben gefallen sind, Wlanga, hm?
-bemerkte der Stabskapitän.
-
-Nein, aber was sprechen Sie da, acht Rubel der Hafer, fuhr Djadjenko
-fort im Streit, wo er seine Rechnung mit zehneinhalb macht? ...
-Natürlich, hat er keinen Vorteil davon.
-
-Das wäre schön, wenn ihm nicht noch was übrig bliebe! Wenn Sie, so Gott
-will, Batteriekommandeur sind, so geben Sie kein Pferd, nach der Stadt
-zu reiten.
-
-Wenn ich Batteriekommandeur bin, Väterchen, soll jedes Pferd vier Maß
-Futter haben, ich werde keine Gelder zusammenscharren, haben Sie keine
-Sorge.
-
-Wer's erlebt, wird's sehen ... sagte der Stabskapitän. Und Sie werden
-ebenso handeln, und Sie auch, wenn Sie eine Batterie kommandieren
-werden, fügte er hinzu und zeigte auf Wolodja.
-
-Warum glauben Sie, Friedrich Christianytsch, daß auch Sie Profit machen
-wollen? mischte sich Tschernowizkij ein. Vielleicht haben Sie Vermögen,
-wozu sollten Sie Vorteil suchen?
-
-Nicht doch, ich halte ... Verzeihen Sie mir, Kapitän, sagte Wolodja und
-wurde bis über die Ohren rot, ich halte das für unehrenhaft.
-
-Aha, wie heikel er ist! sagte Kraut.
-
-Das ist ganz gleich: ich meine nur, wenn es nicht mein Geld ist, darf
-ich's auch nicht nehmen.
-
-Und ich sage Ihnen nur so viel, junger Mann, begann der Stabskapitän in
-ernsterem Ton, Sie müssen wissen, wenn Sie eine Batterie kommandieren,
-wenn Sie da Ihre Sache gut machen, dann ist alles in Ordnung; in
-die Ernährung der Truppen mischt sich der Batteriekommandeur nicht:
-das wird in der Artillerie von altersher so gehalten. Sind Sie ein
-schlechter Wirt, so behalten Sie nichts übrig. Hier müssen Sie Ausgaben
-machen, im Widerspruch mit Ihren Verhältnissen, für Hufbeschlag --
-das ist eins (er bog einen Finger ein), für die Apotheke -- das ist
-zwei (er bog einen zweiten Finger ein), für die Kanzlei, drei, für
-Handpferde an die fünfhundert zahlen, Väterchen -- das ist vier, Sie
-müssen den Soldaten neue Kragen geben, Kohlen brauchen Sie viel, Tisch
-für die Offiziere müssen Sie halten. Sind Sie Batteriekommandeur, so
-müssen Sie anständig leben, Sie müssen einen Wagen haben, einen Pelz
-und noch zwei, drei, zehn andere Dinge ... Was ist da viel zu reden!
-
-Die Hauptsache aber, fiel der Kapitän ein, der die ganze Zeit
-geschwiegen hatte, die Hauptsache, Wladimir Ssemjonytsch, ist die:
-stellen Sie sich vor, ein Mensch, wie ich zum Beispiel, dient zwanzig
-Jahre, erst für zwei-, dann für dreihundert Rubel Gehalt; soll man ihm
-für seinen Dienst nicht wenigstens ein Stück Brot im Alter geben?
-
-Ach, was soll das! begann wieder der Stabskapitän, urteilen Sie nicht
-voreilig, kommt Zeit, kommt Rat, leisten Sie nur Ihren Dienst.
-
-Wolodja überkam eine schreckliche Scham, weil er so unüberlegt
-gesprochen hatte, er brummte etwas in den Bart und dann hörte er weiter
-schweigend zu, wie Djadjenko im höchsten Eifer wieder zu streiten
-begann und das Entgegengesetzte behauptete.
-
-Der Streit wurde durch den Eintritt des Hauptmannsburschen
-unterbrochen, der zum Essen rief.
-
-Aber sagen Sie heute Appollon Sergjeewitsch, er solle Wein geben, sagte
-Tschernowizkij zum Kapitän und knöpfte sich den Rock zu. Was knausert
-er? Sind wir erst tot, kriegt keiner was!
-
-Sagen Sie's ihm selbst.
-
-Das geht nicht. Sie sind der älteste Offizier. Alles muß seine Ordnung
-haben.
-
-
-XIX
-
-In dem Zimmer, in dem sich Tags zuvor Wolodja beim Obersten gemeldet
-hatte, war der Tisch von der Wand abgerückt und mit einem schmutzigen
-Tischtuch bedeckt. Diesmal gab ihm der Batteriekommandeur die Hand und
-fragte ihn über Petersburg und seine Reise aus.
-
-Nun, meine Herren, wer Branntwein trinkt, den bitte ich zuzugreifen.
-Die Fähnriche trinken keinen, fügte er lächelnd hinzu.
-
-Überhaupt zeigte sich der Batteriekommandeur heute durchaus nicht
-so mürrisch, wie Tags zuvor: er hatte im Gegenteil das Benehmen
-eines guten, gastfreien Wirts und eines älteren Kameraden unter den
-Offizieren. Aber trotzdem bezeigten ihm alle Offiziere die größte
-Achtung, vom alten Kapitän an bis zum Fähnrich Djadjenko, die sich
-darin kundgab, wie sie mit einem höflichen Blick auf den Kommandeur
-sprachen und wie sie einer nach dem andern zögernd herantraten und den
-Schnaps tranken.
-
-Das Mittagessen bestand aus einer großen Schüssel Kohlsuppe, in der
-fette Stücke Rindfleisch schwammen, und die mit einer ungeheuren Menge
-von Pfeffer und Lorbeerblättern gewürzt war, aus polnischen Zrazy mit
-Senf und aus Kaldaunen mit nicht ganz frischer Butter. Servietten gab
-es nicht, die Löffel waren aus Blech und Holz, Gläser gab es zwei,
-und auf dem Tische stand eine Karaffe Wasser mit abgebrochenem Halse;
-aber das Mittagmahl war recht heiter: die Unterhaltung verstummte
-keinen Augenblick. Zuerst war von dem Treffen bei Inkermann die Rede,
-an dem die Batterie teilgenommen hatte, und jeder erzählte seine
-Eindrücke und sprach seine Meinung über die Ursache des Mißerfolges
-aus und verstummte, sobald der Batteriekommandeur selbst zu sprechen
-begann; dann ging das Gespräch ungezwungen auf die Unzulänglichkeit des
-Kalibers der leichten Geschütze über, zu den neuen leichteren Kanonen,
-und Wolodja hatte dabei Gelegenheit, seine Kenntnisse in der Artillerie
-zu zeigen. Aber bei der gegenwärtigen, entsetzlichen Lage Sewastopols
-blieb das Gespräch nicht stehen, als ob jeder viel zu sehr an diesen
-Gegenstand dachte, als daß er noch darüber sprechen sollte. Auch von
-den Pflichten des Dienstes, die Wolodja auf sich nehmen sollte, war
-zu seinem Erstaunen und Verdruß gar nicht die Rede, als ob er nach
-Sewastopol gekommen wäre, nur um über die leichteren Geschütze zu
-plaudern und bei dem Batteriekommandeur Mittag zu speisen. Während des
-Essens fiel unweit des Hauses, in dem sie saßen, eine Bombe nieder.
-Der Fußboden und die Wände zitterten, wie von einem Erdbeben, und die
-Fenster wurden vom Pulverdampf verdunkelt.
-
-Das haben Sie wohl in Petersburg nicht gesehen, hier sind solche
-Überraschungen häufig, sagte der Batteriekommandeur. Wlang, sehen Sie
-nach, wo sie geplatzt ist.
-
-Wlang sah nach und meldete: auf dem Platze, und weiter war von der
-Bombe nicht mehr die Rede.
-
-Kurz vor Ende des Mittagessens kam ein alter Batterieschreiber
-ins Zimmer mit drei versiegelten Briefen und übergab sie dem
-Batteriekommandeur.
-
-Das hier ist sehr dringlich, soeben hat es ein Kosak vom
-Oberbefehlshaber der Artillerie überbracht.
-
-Alle Offiziere blickten mit ungeduldiger Erwartung auf die in solchen
-Dingen geübten Finger des Batteriekommandeurs, die das Siegel erbrachen
-und das »sehr dringliche« Schriftstück herauszogen. »Was kann das wohl
-sein?« stellte sich jeder die Frage. Es konnte der Befehl zum Ausmarsch
-aus Sewastopol sein, um auszuruhen, es konnte aber auch die Beorderung
-der ganzen Batterie auf die Bastionen sein.
-
-Wieder! sprach der Batteriekommandeur und warf zornig das Papier auf
-den Tisch.
-
-Was enthält es, Apollon Ssergjeewitsch? fragte der älteste Offizier.
-
-Man verlangt einen Offizier mit Bedienungsmannschaft für eine
-Mörserbatterie ... Ich habe im ganzen nicht mehr als vier Offiziere,
-und meine Bedienungsmannschaft ist nicht vollzählig, brummte der
-Batteriekommandeur, und da verlangt man noch das! Aber einer muß gehen,
-meine Herren, rief er nach einem kurzen Schweigen. Der Befehl lautet,
-um sieben Uhr auf der Schanze sein ... Den Feldwebel herschicken! Wer
-geht, meine Herren? entscheiden Sie, wiederholte er.
-
-Nun, Sie sind ja noch nirgends gewesen, sagte Tschernowizkij auf
-Wolodja zeigend.
-
-Der Batteriekommandeur antwortete nichts.
-
-Ja, ich gehe gern, sagte Wolodja und fühlte, wie ihm kalter Schweiß auf
-dem Rücken und am Halse hervortrat.
-
-Nein, weshalb! fiel der Kapitän ein. Natürlich wird sich niemand
-weigern, aber es ist kein Grund, sich selbst anzubieten; da es uns
-Apollon Ssergjeewitsch freistellt, so wollen wir losen, wie wir es
-damals gethan haben.
-
-Alle waren einverstanden. Kraut schnitt Papierstreifen, rollte sie
-zusammen und warf sie in eine Mütze. Der Kapitän scherzte dabei und
-entschloß sich sogar bei dieser Gelegenheit, den Oberst um Branntwein
-zu bitten, »um tapfer zu bleiben«, wie er sich ausdrückte. Djadjenko
-saß finster da, Wolodja lächelte, Tschernowizkij behauptete, es werde
-bestimmt ihn treffen. Kraut war vollständig ruhig.
-
-Wolodja ließ man zuerst wählen. Er nahm einen Papierstreifen, der war
-sehr lang; da fiel es ihm ein, einen andern zu wählen, -- er zog einen
-zweiten, kleineren und dünneren, entfaltete ihn und las: »gehen«.
-
-Ich! sagte er seufzend.
-
-Nun, mit Gott. So bekommen Sie bald Ihre Feuertaufe, sagte der
-Kommandeur, indem er mit einem gutmütigen Lächeln dem Fähnrich in das
-verlegene Gesicht sah, machen Sie sich nur bald fertig. Und damit Sie
-sich nicht langweilen, wird Wlang als Feuerwerker mit Ihnen gehen.
-
-
-XX
-
-Wlang war mit diesem Befehl außerordentlich zufrieden, er machte
-sich schnell fertig, um Wolodja zu helfen, und redete ihm zu, das
-Bett, den Pelz, eine alte Nummer der »Vaterländischen Annalen«,
-die Spiritusmaschine zum Kaffeekochen und andere unwichtige Dinge
-mitzunehmen. Der Kapitän riet Wolodja, zunächst im »Handbuch«[E]
-den Abschnitt über das Schießen aus Mörsern zu lesen und sich die
-Schießtabellen herauszuschreiben. Wolodja ging sofort ans Werk und
-bemerkte zu seiner Verwunderung und Freude, daß, obwohl das Gefühl
-der Furcht vor der Gefahr und noch mehr davor, sich feig zu erweisen,
-ihn noch immer ein wenig beunruhigte, dies doch nicht in dem Grade
-der Fall war, wie am Abend vorher. Zum Teil lag das an den Eindrücken
-des Tages und seiner Thätigkeit, zum Teil, und zwar zum größeren Teil
-daran, daß die Furcht, wie jedes starke Gefühl, nicht lange in gleichem
-Grade dauern kann. Mit einem Worte, er war schon so weit, daß er den
-Furchthöhepunkt hinter sich hatte. In der siebenten Stunde, da sich
-eben die Sonne hinter der Nikolajewkaserne verbarg, kam der Feldwebel
-zu ihm mit der Meldung, die Leute seien bereit und warten.
-
- [E] »Handbuch für die Offiziere der Artillerie« von Bezaque.
-
-Ich habe »Wlanga« die Namensliste übergeben. Belieben Sie, ihn zu
-fragen, Euer Wohlgeboren! sagte er.
-
-Zwanzig Artilleristen mit Seitengewehren, ohne Lederzeug, standen an
-einer Ecke des Hauses. Wolodja ging mit dem Junker an sie heran. Ob man
-ihnen eine kleine Rede hält oder einfach sagt: Wünsch' euch Gesundheit,
-Kinder! -- oder sagt man gar nichts? dachte er. Aber warum soll man
-nicht einfach sagen: Wünsch' euch Gesundheit! Das ist sogar das
-Richtige. Und er rief keck mit seiner klangvollen, jugendlichen Stimme:
-Wünsch' euch Gesundheit, Kinder!
-
-Die Soldaten antworteten munter; die jugendliche, frische Stimme
-tönte angenehm in dem Ohr eines jeden. Wolodja ging den Soldaten kühn
-voran, und, obwohl sein Herz so klopfte, als wenn er einige Werst aus
-Leibeskräften gelaufen wäre, war sein Gang doch leicht und sein Gesicht
-heiter. Bereits dicht an dem Malachowhügel und die Höhe hinaufsteigend,
-bemerkte er, wie Wlang, der keinen Schritt von ihm wich und sich zu
-Hause so tapfer gezeigt hatte, beständig auf die Seite ging und den
-Kopf beugte, als wenn all die Bomben und Kanonenkugeln, die hier schon
-sehr häufig pfiffen, gerade auf ihn zugeflogen kämen. Einige Soldaten
-thaten dasselbe, überhaupt drückte sich auf den meisten ihrer Gesichter
-wenn auch nicht Furcht, so doch Unruhe aus. Diese Umstände beruhigten
-und ermutigten Wolodja vollständig.
-
-»So bin denn auch ich auf dem Malachowhügel, den ich mir tausendmal
-schrecklicher vorgestellt habe! Und ich gehe auf ihm, ohne mich vor
-Kanonenkugeln zu bücken und bin weit mutiger als andere ... Also bin
-ich kein Feigling?« dachte er mit Vergnügen, ja mit einem gewissen
-Entzücken des Selbstbewußtseins.
-
-Aber dieses Gefühl wurde bald erschüttert durch das Schauspiel, das
-ihm entgegentrat, als er in der Dämmerung auf der Kornilowbatterie
-den Befehlshaber der Bastion aufsuchte. Vier Mann Matrosen standen an
-der Brustwehr und hielten einen blutigen Leichnam ohne Stiefel und
-Mantel an Füßen und Händen und schwenkten ihn hin und her, um ihn über
-die Brustwehr zu werfen. (Am zweiten Tage des Bombardement hatte man
-nicht überall die Körper auf den Bastionen sammeln können und warf sie
-in den Graben, damit sie auf den Batterien nicht hinderten.) Wolodja
-erstarrte einen Augenblick, als er sah, wie der Leichnam auf der Höhe
-der Brustwehr aufschlug und dann von dort in den Graben kollerte;
-aber hier traf ihn zum Glück der Befehlshaber der Bastion, erteilte
-ihm Befehle und gab ihm einen Führer nach der Batterie und der für
-die Bedienungsmannschaft bestimmten Blindage mit. Wir wollen nicht
-erzählen, wie viel Gefahren, Enttäuschungen unser Held an diesem Abend
-noch erlebt hat: wie er, statt den Schießübungen auf dem Wolkowofeld
-unter allen Bedingungen der Pünktlichkeit und Ordnung, die er hier zu
-finden erwartete, zwei außer Stand gesetzte Mörser fand; die Mündung
-des einen war durch eine Kanonenkugel platt geschlagen, der andere
-stand nur auf den Splittern einer zerschossenen Plattform, und vor dem
-Morgen waren keine Arbeiter zu erlangen, um die Plattform ausbessern.
-Nicht ein Geschoß hatte das Gewicht, das das Handbuch vorschrieb. Hier
-wurden zwei Soldaten seines Kommandos verwundet, und er selbst war
-zwanzigmal während dieses Abends um ein Haar dem Tode nahe. Zum Glück
-war zu seiner Hilfe ein Kommandor von hünenhafter Gestalt bestimmt
-worden, ein Seemann, der von Anfang der Belagerung bei den Mörsern
-diente; dieser überzeugte ihn von der Möglichkeit, aus ihnen zu
-schießen, führte ihn nachts mit einer Laterne auf der ganzen Bastion,
-wie in seinem Garten, herum, und versprach, bis zum Morgen alles in
-Stand zu setzen. Die Blindage, zu der ihn sein Führer geleitete, war
-eine in steinigem Boden ausgegrabene, zwei Klafter lange und mit
-ellendicken Eichenbalken bedeckte längliche Grube. Hier quartierte er
-sich mit seinen sämtlichen Soldaten ein. Kaum hatte Wlang die niedrige,
-eine Elle hohe Thür der Blindage gesehen, als er kopfüber allen voran
-auf sie zulief, stark an die eiserne Decke anrannte und sich in einem
-Winkel versteckte, aus dem er nicht mehr hervorkam. Wolodja dagegen
-schlug, als alle Soldaten sich längs der Wände auf den Boden gelagert
-und einige ihre Pfeifen angezündet hatten, sein Bett in einer Ecke auf,
-zündete Licht an und legte sich, eine Cigarette rauchend, auf seine
-Pritsche. Über der Blindage hörte man ununterbrochen Schüsse, die aber
-nicht sehr laut tönten, ausgenommen die einer in der nächsten Nähe
-stehenden Kanone, die mit ihrem Donner die Blindage erschütterte. In
-der Blindage selber war's still; die Soldaten, die sich vor dem neuen
-Offizier noch scheuten, sprachen nur bisweilen miteinander, indem
-der eine den andern bat, etwas Platz zu machen oder ihm Feuer für
-die Pfeife zu geben. Eine Ratte nagte irgendwo zwischen den Steinen.
-Wlang, der noch nicht zu sich gekommen war und sich noch scheu umsah,
-seufzte auf einmal laut. Wolodja, auf seinem Bette in dem stillen,
-dichtbevölkerten, nur von einer Kerze erhellten Winkelchen, empfand
-dasselbe Gefühl des Glückes, das er damals gehabt hatte, wo er als Kind
-beim Versteckenspiel in den Schrank oder unter Mamas Kleid gekrochen
-war, und horchte mit verhaltenem Atem auf, ängstigte sich in der
-Finsternis und war zugleich voll freudiger Erwartung. Es war ihm schwer
-und heiter zugleich zu Mute.
-
-
-XXI
-
-Im Laufe einer Viertelstunde fühlten sich die Soldaten heimisch und
-wurden gesprächig. Dem Licht und dem Bette des Offiziers am nächsten
-hatten sich die bedeutenderen Leute gelagert: zwei Feuerwerker,
-der eine ein grauhaariger Alter mit allen Medaillen und Kreuzen,
-ausgenommen das Georgskreuz; der andere, ein junger Mensch und
-Soldatenkind, der gedrehte Cigaretten rauchte. Der Trommler hatte, wie
-überall, die Obliegenheit auf sich genommen, den Offizier zu bedienen.
-Die Bombardiere und die Reiter saßen in der Mitte; und dort im Schatten
-am Eingange hatten sich die »Gehorsamen«[F] untergebracht. Unter diesen
-begann auch das Gespräch. Die Veranlassung dazu gab der Lärm, den ein
-in die Blindage stürzender Mensch verursachte.
-
- [F] S. »Der Holzschlag« II. Anm. d. Herausg.
-
-Weshalb bist du nicht auf der Straße geblieben, Brüderchen? ... Singen
-denn die Mädchen nicht lustig? fragte man ihn.
-
-Sie singen so wunderbare Lieder, wie man sie auf dem Lande niemals
-gehört hat ... entgegnete lachend der Mann, der in die Blindage
-gekommen war.
-
-Ah, Waßin hat die Bomben nicht gern, sagte einer aus der
-Aristokratenecke, -- ach, er hat sie nicht gern!
-
-Wie so? Wenn es sein muß, ist es eine ganz andere Sache, entgegnete
-langsam Waßin, bei dessen Worten alle übrigen zu schweigen pflegten.
-Am 24. haben wir ordentlich im Feuer gestanden, da ging's nicht
-anders; aber weshalb soll man es zwecklos thun? ... Man wird unnütz
-totgeschossen, und die Vorgesetzten sagen einem nicht einmal dank'
-schön dafür.
-
-Bei diesen Worten Waßins lachten alle.
-
-Mjelnikow sitzt vielleicht noch draußen, sagte jemand.
-
-Schicken Sie ihn hierher, den Mjelnikow, fügte der alte Feuerwerker
-hinzu, er wird sonst wirklich zwecklos totgeschossen.
-
-Wer ist dieser Mjelnikow? fragte Wolodja.
-
-Wir haben hier einen einfältigen Soldaten, Euer Wohlgeboren. Er
-fürchtet sich vor nichts in der Welt und geht jetzt immer draußen
-umher. Belieben Sie, ihn sich anzusehen: der Kerl sieht wie ein Bär aus.
-
-Er kann besprechen, sagte Waßins träge Stimme.
-
-Mjelnikow trat in die Blindage. Er war ein dicker Mann (eine
-außerordentliche Seltenheit bei Soldaten) mit rotem Haar und Gesicht,
-ungemein vorstehender Stirn und hervortretenden hellblauen Augen.
-
-Wie, fürchtest du dich vor den Bomben? fragte ihn Wolodja.
-
-Weshalb soll ich mich vor den Bomben fürchten? antwortete Mjelnikow,
-indem er einen krummen Rücken machte und sich kratzte; durch eine Bombe
-sterbe ich nicht, das weiß ich.
-
-So möchtest du hier wohnen?
-
-Gewiß, ich möchte schon. Hier ist's heiter! entgegnete er, indem er
-plötzlich in Lachen ausbrach.
-
-O, da muß man dich zu einem Ausfall mitnehmen. Wenn du willst, sage ich
-es dem General, sagte Wolodja, obgleich er hier nicht einen General
-kannte.
-
-Warum soll ich's nicht wollen, -- ich will's.
-
-Und Mjelnikow verbarg sich hinter den anderen.
-
-Laßt uns »Nase« spielen, Kinder! Wer hat Karten? ließ sich seine
-hastige Stimme vernehmen.
-
-Wirklich begann bald in der hintern Ecke das Spiel, -- man hörte die
-Schläge auf die Nase, Lachen und Trumpfen. Wolodja goß sich Thee aus
-dem Ssamowar ein, den ihm der Trommler aufgestellt hatte, lud die
-Feuerwerker ein, scherzte und sprach mit ihnen; er hatte den Wunsch,
-sich populär zu machen und war sehr befriedigt von der Achtung, die
-ihm entgegengebracht wurde. Als die Soldaten bemerkten, daß er ein
-leutseliger Herr war, fingen auch sie an, gesprächig zu werden.
-
-Einer erzählte, die Belagerung Sewastopols werde bald ein Ende
-haben, denn ein zuverlässiger Mann von der Marine habe erzählt, wie
-Konstantin, der Bruder des Zaren, mit der amerikanischen Flotte uns zu
-Hilfe komme, ferner, daß bald ein Vertrag kommen würde, zwei Wochen
-lang nicht zu feuern und Ruhe zu halten, wenn aber einer feuern sollte,
-müßte er für jeden Schuß 75 Kopeken zahlen.
-
-Waßin war, wie Wolodja Gelegenheit hatte zu sehen, ein kleiner,
-bärtiger Mann mit großen, gutmütigen Augen, er erzählte, erst unter
-allgemeinem Schweigen, dann unter Gelächter, wie sie sich, als er auf
-Urlaub nach Hause kam, anfangs mit ihm gefreut hätten, wie ihn der
-Vater dann auf Arbeit geschickt und der Forstmeister ihm seinen Wagen
-gestellt hätte, um seine Frau abzuholen.
-
-Alles das vergnügte Wolodja außerordentlich. Er fühlte nicht nur
-nicht die mindeste Furcht oder Unbehaglichkeit vor der Enge und dem
-auf die Brust fallenden Geruch in der Blindage, es war ihm sogar
-außerordentlich heiter und angenehm zu Mut.
-
-Viele Soldaten schnarchten schon. Wlang hatte sich ebenfalls auf
-dem Boden ausgestreckt, und der alte Feuerwerker murmelte, nachdem
-er seinen Mantel ausgebreitet und sich bekreuzigt hatte, vor dem
-Einschlafen Gebete, als Wolodja auf einmal den Wunsch empfand, aus der
-Blindage zu gehen, um zu sehen, was draußen vorging.
-
-Zieh' die Füße weg! schrieen, kaum daß er aufgestanden war, die
-Soldaten einander zu; sie zogen die Füße an sich und ließen ihm den Weg
-frei.
-
-Wlang, der sich schlafend gestellt, erhob plötzlich den Kopf und faßte
-Wolodja an den Schößen des Mantels.
-
-Lassen Sie das, gehen Sie nicht, -- wie kann man nur! sagte er in
-weinerlichem, überredendem Tone. Sie kennen das noch nicht. Dort
-schlagen unaufhörlich die Kugeln ein. Bleiben Sie lieber hier.
-
-Aber ohne Wlangs Bitten zu beachten, drängte sich Wolodja aus der
-Blindage und setzte sich auf die Schwelle, auf der Mjelnikow saß.
-
-Die Luft war rein und frisch, besonders nach der Luft in der Blindage;
-die Nacht war hell und ruhig. Nach dem Getöse der Schüsse hörte man
-das Geräusch der Fuhrwerke, die Schanzkörbe herbeibrachten, und das
-Geplauder der Leute, die an einem Pulverkeller arbeiteten. Droben
-wölbte sich der hohe, gestirnte Himmel, an dem die feurigen Streifen
-der Bomben ununterbrochen dahinflogen. Links führte eine kleine, eine
-Elle hohe Öffnung in eine andere Blindage, in dem die Füße und Rücken
-der dort wohnenden Matrosen sichtbar und ihre Stimmen hörbar waren;
-vor sich sah Wolodja die Erhöhung eines Pulverkellers, neben dem die
-Gestalten gebückter Leute auftauchten, und auf dem, gerade in die
-Höhe, unter den Gewehrkugeln und Bomben, die unaufhörlich an diesem
-Platze pfiffen, eine hohe Gestalt in einem schwarzen Überrock stand,
-die Hände in den Taschen und mit den Füßen die Erde festtretend, die
-andere Leute in Säcken dorthin trugen. Bomben kamen häufig dorthin
-geflogen und platzten ganz nahe bei dem Keller. Die Soldaten, die die
-Erde schleppten, beugten sich nieder und wichen zur Seite; die schwarze
-Gestalt bewegte sich nicht fort, trat ruhig mit den Füßen die Erde fest
-und blieb immer in derselben Stellung an Ort und Stelle.
-
-Wer ist dieser Schwarze? fragte Wolodja Mjelnikow.
-
-Ich weiß es nicht; ich werde hingehen, nachsehen.
-
-Geh nicht! Es ist nicht nötig.
-
-Mjelnikow aber hörte nicht und stand auf, ging an die schwarze Gestalt
-heran und stand sehr lange, ebenso gleichmütig und unbeweglich neben
-ihr.
-
-Das ist der Kellermeister, Euer Wohlgeboren! sagte er, zurückgekehrt,
-eine Bombe hat den Pulverkeller beschädigt, darum tragen Infanteristen
-Erde dorthin.
-
-Bisweilen flogen, wie es schien, Bomben direkt nach der Thür der
-Blindage. Da drückte sich Wolodja in eine Ecke und kam von neuem
-hervor, um in die Höhe zu sehen, ob nicht noch eine geflogen käme.
-
-Obwohl Wlang einigemal aus der Blindage heraus Wolodja bat,
-zurückzukehren, saß dieser doch an drei Stunden auf der Schwelle,
-er fand ein gewisses Vergnügen daran, das Geschick zu versuchen und
-den Flug der Bomben zu beobachten. Gegen Ende des Abends wußte er
-bereits, woher so viele Geschütze feuerten und wo ihre Geschosse sich
-niedersenkten.
-
-
-XXII
-
-Am andern Tage, dem 27. August, ging Wolodja, nach einem zehnstündigen
-Schlaf, frisch und munter frühmorgens über die Schwelle der Blindage.
-Wlang war mit ihm zusammen hinausgekrochen, aber beim ersten
-Kanonenschusse stürzte er spornstreichs, indem er sich mit dem Kopf
-den Weg bahnte, nach der Öffnung der Blindage zurück, unter dem
-allgemeinen Gelächter der zum größten Teil ebenfalls an die Luft
-gekommenen Soldaten. Nur Wlang, der alte Feuerwerker und einige andere
-gingen selten in den Laufgraben hinaus, die übrigen aber ließen sich
-nicht abhalten: sie traten alle aus der übelriechenden Blindage an die
-frische Morgenluft, lagerten sich, trotzdem das Bombardement ebenso
-heftig war wie tags zuvor, teils an der Schwelle, teils unter der
-Brustwehr. Mjelnikow ging bereits seit der Morgendämmerung auf den
-Batterien spazieren, indem er gleichgültig in die Luft sah.
-
-An der Schwelle saßen zwei alte Soldaten und ein junger, kraushaariger,
-jüdischer Soldat, der von der Infanterie abkommandiert war. Dieser
-Soldat hatte eine der herumliegenden Gewehrkugeln aufgehoben, sie mit
-einem Sprengstück an einem Steine plattgeschlagen und schnitt nun aus
-ihr mit einem Messer ein Kreuz in der Art des Georgskreuzes; die andern
-sahen plaudernd seiner Arbeit zu. Wirklich kam ein sehr hübsches Kreuz
-heraus.
-
-Wenn wir hier noch einige Zeit stehen, sagte der eine von ihnen, wird
-man dann uns allen nach dem Friedensschlusse den Abschied geben?
-
-Wo denkst du hin! ich hatte im ganzen vier Jahre bis zu meiner
-Verabschiedung zu dienen, und stehe jetzt fünf Monate in Sewastopol.
-
-Wir werden also nicht den Abschied erhalten? fragte ein anderer.
-
-Da pfiff eine Kanonenkugel über den Köpfen der Sprechenden und schlug
-eine Elle weit von Mjelnikow ein, der im Laufgraben auf sie zukam.
-
-Sie hätte bald Mjelnikow getötet! rief der eine.
-
-Mich tötet sie nicht, antwortete Mjelnikow.
-
-Da hast du das Kreuz für deine Tapferkeit! sagte der junge Soldat, der
-das Kreuz gemacht hatte, und gab es Mjelnikow.
-
-Nein, Brüderchen, der Monat wird für ein ganzes Jahr gerechnet, so
-ist's befohlen, ging das Gespräch fort.
-
-In jedem Falle wird nach dem Friedensschlusse eine Kaiserparade in
-Warschau abgehalten, und werden wir nicht verabschiedet, so werden wir
-doch auf unbestimmte Zeit beurlaubt.
-
-Da flog eine Gewehrkugel mit Zischen über die Köpfe der Sprechenden hin
-und schlug an einen Stein an.
-
-Seht, noch vor Abend kann's mit einem »aus« sein, Soldaten.
-
-Alle lachten. Und nicht erst vor Abend, sondern schon nach zwei Stunden
-war es mit zweien von ihnen »aus« und fünf waren verwundet; aber die
-übrigen scherzten wie früher.
-
-Wirklich waren am Morgen die beiden Mörser wieder soweit ausgebessert,
-daß aus ihnen geschossen werden konnte. Gegen zehn Uhr rief Wolodja,
-auf Befehl des Kommandeurs der Bastion, sein Kommando zusammen und
-begab sich mit ihm nach der Batterie.
-
-An den Leuten war auch nicht eine Spur des Furchtgefühls zu entdecken,
-das sich tags zuvor gezeigt hatte, sobald sie an die Arbeit gingen.
-Nur Wlang konnte sich nicht überwinden: er versteckte und bückte
-sich noch immer, ja, auch Waßin hatte ein wenig seine Ruhe verloren,
-er war unruhig und duckte sich fortwährend nieder. Wolodja war in
-außerordentlicher Begeisterung: nicht der geringste Gedanke an Gefahr
-beunruhigte ihn. Die Freude, daß er seine Pflicht erfülle, daß er nicht
-nur nicht feig, sondern sogar tapfer sei, das Gefühl des Kommandierens
-und die Gegenwart von zwanzig Mann, die, wie er wußte, mit Neugierde
-auf ihn sahen, machten aus ihm einen vollkommen mutigen Menschen. Er
-prahlte sogar mit seiner Tapferkeit, kletterte auf die Brustwehrbank
-hinaus und knöpfte absichtlich den Mantel auf, um besser bemerkbar zu
-sein. Der Kommandeur der Bastion, der zu dieser Zeit seine Wirtschaft,
-wie er es nannte, musterte, konnte, wie sehr er auch im Verlauf von
-acht Monaten daran gewöhnt war, alle Arten von Tapferkeit zu sehen,
-nicht umhin, mit Wohlgefallen diesen hübschen jungen Menschen zu
-betrachten, mit dem aufgeknöpften Mantel, unter dem ein, einen weißen
-zarten Hals umschließendes, rotes Hemd sichtbar war, wie er mit
-flammendem Gesicht und Augen in die Hände klatschte und mit tönender
-Stimme kommandierte: »das erste, das zweite!« und heiter auf die
-Brustwehr lief, um zu sehen, wohin seine Bomben gefallen waren. Um
-halb zwölf hörte das Schießen auf beiden Seiten auf, und punkt zwölf
-Uhr begann der Sturm auf den Malachow-Hügel -- die zweite, dritte und
-fünfte Bastion.
-
-
-XXIII
-
-Diesseit der Bucht, zwischen Inkermann und den Befestigungen der
-Nordseite, auf dem Telegraphenhügel, standen um die Mittagszeit
-zwei Seeleute: ein Offizier, der durch ein Fernrohr nach Sewastopol
-hinübersah, und ein zweiter, der soeben zu Pferde mit einem Kosaken zu
-der hohen Signalstange gekommen war.
-
-Die Sonne stand hell und hoch über der Bucht, die im heitern und
-warmen Glanz mit den Böten und den Schiffen und ihren bewegten
-Segeln spielte. Ein schwacher Wind trieb leicht die Blätter der
-vertrockneten Eichensträucher um den Telegraphen, blähte die Segel
-der Böte und erregte die Wellen des Meeres. Sewastopol, noch immer
-dasselbe, mit seiner unvollendeten Kirche, seiner Säule, seinem
-Hafendamm, dem grünen Boulevard auf der Höhe, dem schönen Bau der
-Bibliothek, mit seinen kleinen, azurblauen, von Masten angefüllten
-Buchten, den malerischen Bögen der Wasserleitung und mit den Wolken
-blauen Pulverdampfes, bisweilen von der roten Flamme der Schüsse
-beleuchtet -- noch immer schön, feiertäglich, stolz, umgeben auf der
-einen Seite von gelben, rauchenden Bergen, auf der andern von dem
-hellblauen, in der Sonne schillernden Meer -- Sewastopol war jenseits
-der Bucht sichtbar. Wo das Meer dem Gesichtskreis entschwand, war ein
-Streifen dichten Rauches sichtbar, den ein Dampfer verursachte; zogen
-langgestreckte weiße Wolken hin, die Wind ankündigten. Auf der ganzen
-Linie der Befestigungen, besonders auf den Höhen der linken Seite,
-bildeten sich unaufhörlich, unter Blitzen, die bisweilen sogar in der
-Mittagssonne leuchteten, dichte, zusammengeballte, weiße Rauchmassen,
-die sich ausbreiteten, in mannigfachen Formen in die Höhe stiegen und
-sich am Himmel dunkler färbten. Diese Rauchwolken zeigten sich bald
-hier, bald dort, auf den Höhen, in den feindlichen Batterien, in der
-Stadt und hoch oben am Himmel. Die Explosionen verstummten nicht und
-erschütterten, ineinander fließend, die Luft. ...
-
-Um zwölf Uhr begannen die Rauchwolken sich seltener zu zeigen, die Luft
-wurde weniger von Getöse erschüttert.
-
-Aber die zweite Bastion antwortet gar nicht mehr, rief der zu Pferde
-sitzende Husarenoffizier, sie ist ganz zusammengeschossen. ...
-Schrecklich.
-
-Ja, auch der Malachow schickt ihnen auf drei Schüsse nur einen zur
-Antwort, entgegnete der mit dem Fernrohr. Das macht mich rasend, daß er
-schweigt. Der Feind trifft ganz direkt in die Kornilow-Batterie, und
-man antwortet ihm nicht.
-
-Aber sieh, um zwölf Uhr hört er immer mit dem Bombardement auf, wie
-ich gesagt habe. So ist's auch heute. Gehen wir lieber frühstücken, --
-man erwartet uns jetzt schon. ... Es ist nichts zu sehen.
-
-Wart', stör' mich nicht! antwortete der mit dem Fernrohr, indem er mit
-besonderer Gespanntheit nach Sewastopol hinübersah.
-
-Was ist da, was?
-
-Bewegung in den Laufgräben. Dichte Kolonnen rücken vor.
-
-Das sieht man auch so. Sie rücken in Kolonnen an.
-
-Wir müssen das Signal geben. ...
-
-Sieh, sieh! sie sind aus den Laufgräben herausgekommen!
-
-In der That konnte man mit bloßem Auge sehen, wie sich dunkle
-Flecken bergab von den französischen Batterien durch das Thal nach
-den Bastionen bewegten. Vor diesen Flecken sah man dunkle Streifen
-schon in der Nähe unserer Gefechtslinie. Auf den Bastionen flammten
-an verschiedenen Stellen, wie vorübergehend, weiße Rauchwolken von
-Schüssen auf. Der Wind trug die Töne des beiderseitigen Gewehrfeuers,
-das so häufig war, wie wenn Hagel an die Fenster schlägt, hinüber.
-Die schwarzen Streifen bewegten sich in dichtem Rauch immer näher und
-näher. Die immer stärker werdenden Töne des Gewehrfeuers schmolzen in
-ein ununterbrochenes, rollendes Krachen zusammen. Der immer häufiger
-emporsteigende Rauch verbreitete sich schnell über die ganze Linie und
-verschmolz endlich in eine dunkelblaue Wolke, die auf- und abwogte,
-und durch die Feuer und schwarze Punkte hindurchschimmerten; alle Töne
-vereinigten sich zu einem einzigen rollenden Donner.
-
-Sturm! sagte der Offizier und gab mit bleichem Gesicht dem Seemann das
-Fernrohr zurück.
-
-Kosaken sprengten den Weg entlang; der Höchstkommandierende kam
-in einer Kalesche vorbeigefahren, die Offiziere seines Gefolges
-begleiteten ihn zu Pferde. Auf allen Gesichtern lag sorgenvolle Unruhe
-und Erwartung.
-
-Es ist unmöglich, daß sie ihn genommen haben! sagte der Offizier zu
-Pferde.
-
-Bei Gott, die Fahne! ... Sieh, sieh! entgegnete der andere, indem er
-seufzte und vom Fernrohr fortging: die französische Fahne weht auf dem
-Malachow.
-
-Es ist unmöglich!
-
-
-XXIV
-
-Der ältere Koselzow, der in der Nacht noch tüchtig gespielt und erst
-gewonnen, dann wieder alles verloren hatte, sogar die in den Ärmel
-eingenähten Goldstücke, schlief noch am Morgen einen ungesunden,
-schweren, aber festen Schlaf in der Verteidigungskaserne der fünften
-Bastion, als von verschiedenen Stimmen wiederholt der verhängnisvolle
-Schrei ertönte:
-
-Alarm!
-
-Was schlafen Sie, Michajlo Ssemjonytsch! Sturm! schrie ihm plötzlich
-eine Stimme zu.
-
-Gewiß ein Schulbube ... murmelte er, die Augen öffnend, er glaubte es
-nicht.
-
-Plötzlich aber sah er einen Offizier ohne jeden ersichtlichen Zweck mit
-einem so bleichen Gesicht aus einer Ecke nach der andern laufen, daß
-er alles begriff. Der Gedanke, daß man ihn für einen Feigling halten
-könnte, der in so kritischer Stunde nicht zur Kompagnie gehen wolle,
-machte ihn ganz bestürzt. Er lief aus Leibeskräften zur Kompagnie.
-Das Geschützfeuer hatte aufgehört, das Gewehrgeknatter dagegen seinen
-Höhepunkt erreicht. Die Kugeln pfiffen nicht einzeln, wie aus Stutzen,
-sondern flogen, wie Scharen von Herbstvögeln, in Schwärmen über die
-Köpfe. Der ganze Platz, auf dem gestern sein Bataillon gestanden, war
-in Rauch gehüllt. Wirres Schreien und Rufen ließ sich hören. Verwundete
-und nicht verwundete Soldaten begegneten ihm in Scharen. Dreißig
-Schritte weiter sah er seine Kompagnie, die sich an eine Wand gestellt
-hatte.
-
-Sie haben die Schwarz-Redoute genommen, rief ein junger Offizier. Alles
-ist verloren!
-
-Unsinn! sagte er zornig, faßte seinen kleinen, eisernen, stumpfen Säbel
-und schrie:
-
-Vorwärts, Kinder! Urra--a!
-
-Die Stimme war klangvoll und kräftig, und regte Koselzow selber an. Er
-stürzte vorwärts den Querwall entlang; fünfzig Mann Soldaten eilten mit
-Geschrei hinter ihm her. Er lief hinter dem Querwall hervor auf einen
-offenen Platz. Die Kugeln flogen hageldicht.
-
-Zwei trafen ihn, aber wo und was sie ihm gethan, ob sie ihn gestreift
-oder verwundet, hatte er keine Zeit zu untersuchen. Vor ihm im
-Pulverdampf waren bereits blaue Waffenröcke und rote Hosen zu sehen und
-Geschrei zu hören, das nicht russisch war; ein Franzose stand auf der
-Brustwehr, schwenkte den Degen und schrie. Koselzow war überzeugt, daß
-er fallen werde: das verlieh ihm Tapferkeit. Er lief immer vorwärts
-und vorwärts. Einige Soldaten überholten ihn; andere zeigten sich von
-der Seite her und liefen ebenfalls mit. Die blauen Uniformen blieben
-in derselben Entfernung, indem sie vor ihm nach ihren Laufgräben
-zurückliefen; aber seine Füße stießen an Verwundete und Tote.
-
-Als Koselzow bereits den Außengraben laufend erreicht hatte, wurde es
-ihm schwarz vor den Augen, und er fühlte einen Schmerz in der Brust.
-
-Eine halbe Stunde darauf lag er auf einer Tragbahre bei der
-Nikolajew-Kaserne und wußte, daß er verwundet war, fühlte aber fast
-keinen Schmerz; er wollte nur etwas Kaltes trinken und ruhig liegen.
-
-Ein kleiner dicker Doktor mit schwarzem Vollbart kam zu ihm und knöpfte
-ihm den Mantel auf. Koselzow sah über das Kinn auf das, was der Doktor
-mit seiner Wunde machte, und auf das Gesicht des Doktors, empfand aber
-keinen Schmerz. Der Doktor bedeckte die Wunde mit dem Hemd, wischte
-sich die Finger an den Schößen seines Überrocks ab und ging schweigend,
-ohne den Verwundeten anzusehen, zu einem andern. Koselzow verfolgte
-unbewußt mit den Augen, was um ihn vorging, und da er sich erinnerte,
-was auf der fünften Bastion geschehen war, dachte er mit einem ungemein
-tröstenden Gefühl daran, wie er seine Pflicht brav erfüllt, wie er zum
-erstenmal während seiner ganzen Dienstzeit sich so gut als möglich
-benommen, und ihm niemand einen Vorwurf machen könne. Der Doktor, der
-einen andern verwundeten Offizier verband, sagte, auf Koselzow zeigend,
-etwas zu einem Geistlichen mit einem großen roten Barte, der mit einem
-Kreuze in der Hand dastand.
-
-Werde ich sterben? fragte Koselzow den Geistlichen, als dieser zu ihm
-herangekommen war.
-
-Der Geistliche sprach, ohne zu antworten, ein Gebet und reichte dem
-Verwundeten das Kreuz zum Kuß.
-
-Der Tod erschreckte Koselzow nicht. Er nahm mit schwachen Händen das
-Kreuz, drückte es an seine Lippen und begann zu weinen.
-
-Sind die Franzosen zurückgeworfen? fragte er mit fester Stimme den
-Geistlichen.
-
-Der Sieg ist überall den Unsrigen geblieben, antwortete der
-Geistliche, um den Verwundeten zu trösten. Er verbarg ihm, daß auf dem
-Malachow-Hügel bereits die französische Fahne wehte.
-
-Gott sei gelobt! rief der Verwundete und fühlte nicht, wie ihm die
-Thränen über die Wangen rannen.
-
-Der Gedanke an den Bruder blitzte einen Augenblick in seinem Kopfe auf.
-»Gott gebe ihm ein ebensolches Glück!« dachte er.
-
-
-XXV
-
-Aber ein solches Geschick erwartete Wolodja nicht. Er lauschte gerade
-einem Märchen, das ihm Waßin erzählte, als man plötzlich schrie: »Die
-Franzosen kommen!« Das Blut strömte ihm augenblicklich nach dem Herzen,
-er fühlte, wie seine Wangen kalt und bleich wurden. Eine Sekunde
-blieb er unbeweglich; als er sich aber umsah, beobachtete er, wie die
-Soldaten ziemlich ruhig ihre Mäntel zuknöpften und einer nach dem
-andern herauskrochen, -- der eine, wie es schien, war es Mjelnikow,
-sagte sogar scherzend:
-
-Bringt ihm Salz und Brot entgegen, Kinder!
-
-Wolodja kroch mit Wlang, der keinen Schritt von ihm wich, aus der
-Blindage heraus und lief zur Batterie. Das Artilleriefeuer war weder
-diesseits noch jenseits zu hören. Nicht so sehr das ruhige Aussehen
-der Soldaten, als vielmehr die klägliche, unverhohlene Feigheit des
-Junkers ermutigte ihn. »Darf ich denn wie dieser sein?« dachte er und
-lief frohen Muts zur Brustwehr, an der seine Mörser standen. Er konnte
-deutlich erkennen, wie die Franzosen über einen freien Platz gerade
-auf ihn zuliefen, und wie sich ihre Scharen, mit den in der Sonne
-blitzenden Bajonetten, in den nächsten Laufgräben bewegten. Ein kleiner
-breitschultriger Mann in Zuavenuniform, mit einem Degen, lief voran und
-sprang über die Gruben.
-
-Mit Kartätschen schießen! schrie Wolodja und stieg eilig von der
-Brustwehrbank herab; aber die Soldaten waren ihm zuvorgekommen, und der
-metallene Ton einer abgeschossenen Kartätsche pfiff über seinen Kopf
-hin, zuerst aus einem, dann aus einem zweiten Mörser. »Das erste! das
-zweite!« kommandierte Wolodja, indem er die Linie entlang von einem
-Mörser zum andern lief und vollständig die Gefahr vergaß. Von der Seite
-her ließ sich das nahe Gewehrfeuer unserer Bedeckungsmannschaft und
-unruhiges Geschrei hören.
-
-Plötzlich ertönte links, von einigen Stimmen wiederholt, ein
-erschütternder Schrei der Verzweiflung: »Wir sind umzingelt,
-umzingelt!« Wolodja sah sich auf den Schrei um. Zwanzig Mann Franzosen
-zeigten sich im Rücken. Einer von ihnen, ein hübscher Mann mit
-schwarzem Bart, war allen voran bis auf zehn Schritt an die Batterie
-herangekommen, hier blieb er stehen, feuerte direkt auf Wolodja und
-lief dann wieder auf ihn zu. Eine Sekunde stand Wolodja wie versteinert
-da und glaubte seinen Augen nicht. Als er wieder zu sich kam und sich
-umsah, befanden sich vor ihm auf der Brustwehr bereits blaue Uniformen;
-zehn Schritte von ihm vernagelten sogar zwei Franzosen eine Kanone. In
-seiner Nähe war außer Mjelnikow, der neben ihm von einer Gewehrkugel
-gefallen, und Wlang, der einen Geschützhebel erfaßt und mit wütendem
-Gesichtsausdruck und gesenkten Augen vorwärts stürzte, niemand mehr.
-»Mir nach, Wladimir Ssemjonytsch, mir nach!« schrie die verzweifelte
-Stimme Wlangs, der mit dem Hebel gegen die Franzosen ausholte, die von
-hinten gekommen waren. Des Junkers wütende Gestalt machte ihn stutzig.
-Einem der vordersten schlug er über den Kopf, und die anderen blieben
-unwillkürlich stehen. Wlang, der sich immer noch umsah und schrie: »Mir
-nach, Wladimir Ssemjonytsch! Was bleiben Sie stehen! Fliehen Sie!« --
-lief zum Laufgraben, in dem unsere Infanterie lag und auf die Franzosen
-schoß. Er sprang in den Laufgraben, dann streckte er den Kopf wieder
-hervor, um zu sehen, was sein vergötterter Fähnrich mache.
-
-Auf dem Platze, wo Wolodja gestanden hatte, lag, mit dem Gesicht zur
-Erde, etwas im Mantel, und dieser ganze Platz war voll von Franzosen,
-die auf die Unsrigen schossen.
-
-
-XXVI
-
-Wlang fand seine Batterie in der zweiten Verteidigungslinie. Von den
-zwanzig Soldaten, die bei der Mörserbatterie gewesen, hatten sich nur
-acht gerettet.
-
-In der neunten Abendstunde setzte Wlang mit der Batterie auf einem mit
-Soldaten, Kanonen, Pferden und Verwundeten angefüllten Dampfer nach
-der Nordseite über. Die Schüsse hatten überall aufgehört. Die Sterne
-glänzten, wie in der vergangenen Nacht, hell am Himmel; aber ein
-heftiger Wind peitschte das Meer. Auf der ersten und zweiten Bastion
-flammten längs der Erde Blitze auf; Explosionen erschütterten die Luft
-und erhellten ringsumher schwarze, seltsame Gegenstände und in die Luft
-fliegende Steine. In der Nähe der Docks war ein Brand, und die rote
-Flamme spiegelte sich im Wasser. Die von Menschen überfüllte Brücke
-war durch ein auf der Nikolaj-Batterie brennendes Feuer erleuchtet.
-Die große Flamme schien über dem Wasser auf der fernen Landzunge
-der Alexander-Batterie zu stehen und erhellte den unteren Teil einer
-Rauchwolke, die über ihr lag, und wie gestern schimmerten die ruhigen,
-herausfordernden, fernen Lichter im Meer auf der feindlichen Flotte.
-Eine frische Brise bewegte die Bucht. Bei dem Scheine der Brände waren
-die Masten unserer immer tiefer und tiefer ins Wasser versenkten
-Schiffe sichtbar. Gespräch ließ sich auf dem Verdeck nicht hören; nur
-hörte man durch das gleichmäßige Geräusch der zerteilten Wellen und des
-Dampfes auf der Fähre die Pferde schnauben und mit den Füßen stampfen,
-die Kommandoworte des Kapitäns und das Stöhnen der Verwundeten. Wlang,
-der den ganzen Tag nichts gegessen hatte, holte sich ein Stück Brot aus
-der Tasche und begann es zu kauen; plötzlich aber erinnerte er sich
-Wolodjas und begann so laut zu weinen, daß die Soldaten in seiner Nähe
-es hörten.
-
-Sieh, unser Wlanga ißt Brot und weint dabei! sagte Waßin.
-
-'s ist wunderbar! entgegnete ein anderer.
-
-Sieh, auch unsere Kasernen haben sie angezündet ... fuhr er seufzend
-fort. Daran, daß von unsereinem so viele dort gefallen, hat der
-Franzose noch nicht genug!
-
-Mit knapper Not sind wir lebend von dort fortgekommen, und dafür sei
-dem Herrn Dank! sagte Waßin.
-
-Aber doch ist es kränkend ...
-
-Ach was, kränkend? Wird »er« denn dort herumspazieren? Wo denkst
-du hin? ... Gieb' acht, die Unsrigen werden ihm schon alles wieder
-abnehmen. Wieviel von unsereinem auch dort zu Grunde gegangen, aber,
-so wahr Gott heilig ist, wenn der Kaiser befiehlt -- wird's ihm
-abgenommen! Werden's ihm denn die Unsrigen so lassen? Gewiß nicht! ...
-Behalt dir nur die nackten Wände, die Schanzen sind sämtlich in die
-Luft gesprengt ... Auf dem Hügel hat er sein Fähnchen aufgesteckt, aber
-in die Stadt wagt er sich nicht.
-
-Wart' nur, mit dir wird schon noch abgerechnet werden ... Laß uns nur
-Zeit! schloß er, zu den Franzosen gewandt.
-
-Gewiß wird das geschehen! sagte der andere mit Überzeugung.
-
-Auf der ganzen Linie der Sewastopoler Bastionen, die viele Monate
-hindurch der Schauplatz strotzenden, energischen Lebens gewesen war,
-die so viele Monate hindurch mit angesehen hatten, wie die Soldaten,
-einer nach dem andern, hinstarben, die so viele Monate die Furcht,
-den Haß und endlich das Entzücken der Feinde erregt hatten, auf
-den Bastionen von Sewastopol war niemand mehr zu sehen. Alles war
-tot, öde, schrecklich, aber nicht still, -- noch immer wurde das
-Werk der Zerstörung fortgesetzt. Auf der durch frische Explosionen
-aufgerissenen und eingestürzten Erde lagen überall zerbogene Lafetten
-auf russischen und feindlichen Leichen, -- schwere gußeiserne, für
-immer verstummte Kanonen, die durch eine fürchterliche Gewalt in
-Gruben geworfen und halb mit Erde überschüttet waren, -- Bomben,
-Kanonenkugeln, wiederum Leichen, Gruben, Bruchstücke von Balken aus den
-Blindagen, und wieder stumme Leichen in grauen und blauen Mänteln. Das
-alles zitterte noch häufig nach und wurde durch die Purpurflamme der
-Explosion beleuchtet, die fortgesetzt die Luft erschütterte.
-
-Die Feinde sahen, daß etwas Unbegreifliches in dem schrecklichen
-Sewastopol geschehen war. Diese Explosionen und das Schweigen des
-Todes auf den Bastionen machten sie erzittern; sie wagten aber unter
-dem Eindruck des kräftigen, mutigen Widerstands des Tages noch nicht
-zu glauben, daß ihr unerschütterlicher Feind verschwunden sei, und
-erwarteten, ohne sich zu rühren, mit Beben das Ende der finstern Nacht.
-
-Wie das Meer in stürmischer, finstrer Nacht auf- und abschwillt und
-ängstlich erbebt in seiner ganzen Fülle und am Ufer brandet, so bewegte
-sich das Heer von Sewastopol langsam in undurchdringlicher Finsternis
-über die Brücke auf der Nordseite -- fort von dem Ort, auf dem es
-so viel tapfere Brüder gelassen, von dem Ort, der von seinem Blute
-getränkt war, von dem Ort, den es elf Monate lang gegen einen doppelt
-stärkeren Feind verteidigt und jetzt auf Befehl ohne Kampf verlassen
-mußte.
-
-Unbegreiflich und schwer war für jeden Russen der erste Eindruck dieses
-Befehls. Das zweite Gefühl war die Furcht vor Verfolgung. Die Leute
-fühlten sich widerstandsunfähig, sobald sie die Orte verlassen hatten,
-an denen sie zu kämpfen gewohnt waren, und drängten sich unruhig in
-der Finsternis am Anfang der Brücke zusammen, die von einem starken
-Wind hin- und hergeschaukelt wurde. Die Infanterie staute sich, ihre
-Bajonette stießen aneinander, die Regimenter, Wagen und Milizen
-drängten sich zusammen; berittene Offiziere mit Befehlen brachen sich
-Bahn; es weinten und baten die Einwohner und Offiziersburschen, deren
-beladene Wagen nicht durchgelassen wurden; mit Rädergerassel arbeitete
-sich die Artillerie zur Bucht durch, um so schnell als möglich
-davonzukommen. Obgleich alle von den verschiedensten unwichtigen Dingen
-in Anspruch genommen waren, war doch das Gefühl der Selbsterhaltung
-und der Wunsch, so schnell als möglich von diesem furchtbaren Orte des
-Todes hinwegzukommen, in der Seele eines jeden. Dieses Gefühl hatte der
-tödlich verwundete Gemeine, der unter fünfhunderten solcher Verwundeter
-auf dem Pflaster des Pauldammes lag und Gott um seinen Tod bat, der
-Landwehrmann, der sich mit äußerster Kraftanstrengung in die dichte
-Menge drängte, um dem vorüberreitenden General den Weg freizumachen,
-der General, der standhaft den Übergang leitete und gegen die Hast der
-Soldaten ankämpfte, der Matrose, der in ein marschierendes Bataillon
-geraten war und von der wogenden Menge so zusammengepreßt wurde, daß
-ihm der Atem verging, der verwundete Offizier, den vier Gemeine auf
-einer Bahre trugen und bei der Nikolai-Batterie niederließen, weil die
-gestaute Menschenmasse ihnen den Weg verstellte, der Artillerist, der
-sechzehn Jahre sein Geschütz bedient hatte und der es auf den Befehl
-der Führung, der ihm unverständlich war, mit Hilfe der Kameraden
-den steilen Abhang der Bucht hinabgestürzt hatte, die Seeleute, die
-eben das Wasser in die Schiffe einließen und in ihren Barkassen mit
-schnellem Ruderschlag davonfuhren. Fast jeder Soldat, der an das
-jenseitige Ufer gelangt war, nahm die Mütze ab und bekreuzte sich.
-Aber diesem Gefühl folgte ein anderes, schweres, nagendes und tieferes
-Gefühl: es war ein Gefühl der Reue, der Scham und der Wut. Fast jeder
-Soldat, der von der Nordseite aus nach dem verlassenen Sewastopol
-hinüberblickte, seufzte mit unsagbarer Trübsal im Herzen und drohte den
-Feinden.
-
-
-
-
-Kaukasische Erzählungen
-
-
-Ein Ueberfall -- Der Holzschlag
-
-Begegnung im Felde
-
-
-Vom Sommer 1851 bis zum Herbst 1853 war Leo Tolstoj als Offizier im
-Kaukasus. Die neue Welt, die ihn hier umgab, wirkte auf den Dichter mit
-solcher Macht ein, daß auch die kurze Zeit seines Aufenthalts ungemein
-reiche Früchte trug.
-
-Der Kaukasus lebte in der Vorstellung des gebildeten Russen als ein
-fernes Paradies, in dem der seelenkranke Westeuropäer Gesundung
-findet. Diese romantische Vorstellung von den Gebirgsländern, die an
-der Scheide Europas und Asiens liegen, hatten die Lyrik Puschkins,
-die Erzählerkunst Lermontows und die Romanschilderungen Marlinskijs
-erzeugt. Leo Tolstoj tritt an die neue Welt, die sich ihm aufthut, mit
-unverschleiertem Blick heran und entkleidet sie ihres erborgten Reizes.
-Nicht geringer ist für ihn die Majestät der Natur, nicht schwächer die
-Eindrücke, die der Mensch der Unkultur und der unter ihrem Einflusse
-veränderte russische Mann aus den niederen Schichten des Volks auf
-ihn machen. Aber anders *geartet* ist alles. Es ist der Unterschied
-des Wirklichkeitsbildes und der idealisierenden, absichtsvollen
-Selbsttäuschung.
-
-Die Werke, die dieser Zeit ihre Anregung verdanken, sind: »Ein
-Ueberfall«, »Der Holzschlag«, »Eine Begegnung im Felde mit einem
-Moskauer Bekannten« und »Die Kosaken«. Ich habe alle vier (in meiner
-Biographie Leo Tolstojs) unter dem gemeinsamen Titel »*Kaukasische
-Erzählungen*« zusammengefaßt. Nicht alle vier sind im Kaukasus selbst
-niedergeschrieben: »Ein Ueberfall« ist aus dem Jahre 1852, »Der
-Holzschlag« ist in den Jahren 1854/55 zu Papier gebracht, mitten unter
-den Stürmen der Sewastopoler Kämpfe, »Eine Begegnung im Felde« stammt
-aus dem Jahre 1856, und »Die Kosaken« sind gar erst ein Jahrzehnt
-später (1861) zum Abschluß gediehen und im Jahre 1863 veröffentlicht.
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-Alle diese Erzählungen durchzieht als leitender Gedanke: die Abneigung
-gegen die Kultur und *die* Gesellschaftsschicht, die sich als ihre
-ausschließliche Eigentümerin fühlt, und die Liebe zu dem schlichten
-Volk, das unbewußt Tugenden bewahrt hat, die dem Gebildeten fehlen.
-Hie und da bricht auch schon ernster die Verabscheuung des Krieges
-hindurch, eine Idee, die später, gestützt auf den Satz des Evangeliums:
-»daß ihr nicht widerstreben sollt dem Uebel« zu einer der wichtigsten
-Grundsätze Tolstojscher Weltanschauung geworden ist.
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- R. L.
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-Ein Ueberfall
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-Erzählung eines Freiwilligen
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-I
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-Es war am 12. Juli, Kapitän Chlopow trat in Epauletten und Säbel --
-einer Uniform, in der ich ihn seit meiner Ankunft im Kaukasus noch nie
-gesehen hatte -- durch die niedrige Thür meiner Erdhütte ein.
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-Ich komme direkt vom Obersten, antwortete er auf den fragenden Blick,
-mit dem ich ihm entgegenkam. Morgen rückt unser Bataillon aus.
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-Wohin? fragte ich.
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-Nach N. N., dort sollen sich die Truppen sammeln.
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-Und von da wird es gewiß einen Marsch geben.
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-Wahrscheinlich.
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-Wohin aber, was glauben Sie?
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-Was ich glaube? Ich sage Ihnen, was ich weiß. Gestern Nacht kam ein
-Tatar vom General hergesprengt und brachte den Befehl, das Bataillon
-solle ausrücken und für zwei Tage Zwieback mitnehmen; wohin es geht,
-weshalb und wie lange, danach, Freundchen, fragt man nicht; der Befehl
-ist da, und das genügt.
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-Wenn aber nur für zwei Tage Zwieback mitgenommen werden soll, so
-werden wohl auch die Mannschaften nicht länger unterwegs bleiben?
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-Nun, das will noch gar nichts sagen ...
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-Wie denn aber? fragte ich verwundert.
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-Das ist einmal so! Wir marschierten nach Dargi, für acht Tage nahmen
-wir Zwieback mit und blieben fast einen Monat dort.
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-Werde ich mit Ihnen mitgehen dürfen? fragte ich nach einer kurzen Pause.
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-Dürfen werden Sie schon, aber ich rate Ihnen, gehen Sie lieber nicht
-mit. Warum sollen Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen? ...
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-Nein, Sie müssen mir schon gestatten, Ihrem Rate nicht zu folgen. Ich
-habe hier einen ganzen Monat ausgehalten, um endlich die Gelegenheit
-abzuwarten, ein Gefecht mit anzusehen, und nun wollen Sie, daß ich sie
-vorübergehen lasse.
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-Bitte, kommen Sie mit; aber, wahrhaftig, ist es nicht gescheiter, Sie
-bleiben hier? Sie könnten hier abwarten, bis wir wiederkommen, Sie
-könnten jagen, und wir werden mit Gott ausrücken. Das wäre prächtig!
--- sagte er in so überzeugendem Tone, daß es mir im ersten Augenblick
-wirklich so vorkam, als wäre das herrlich; dann sagte ich entschlossen,
-daß ich um keinen Preis zurückbleibe.
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-Und was wollen Sie denn dort sehen? fuhr der Kapitän fort mir
-zuzureden. Sie möchten gern wissen, wie es in einer Schlacht zugeht?
-Lesen Sie Michajlowskij-Danilewskijs »Beschreibung des Kriegs«,
-ein wundervolles Buch! Da ist alles ausführlich beschrieben: wo die
-einzelnen Korps gestanden haben, wie die Schlachten vor sich gehen.
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-O nein, das interessiert mich nicht, antwortete ich.
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-Nun was denn: Sie wollen also, wie es scheint, einfach mit ansehen,
-wie man Menschen totschlägt? ... Da war hier im Jahre 32 auch so ein
-Civilist, ein Spanier war es, glaube ich. Zwei Feldzüge hat er mit
-uns mitgemacht, in seinem blauen Mäntelchen -- schließlich haben sie
-den Burschen abgemurkst. Hier, Väterchen, wird kein Mensch dich viel
-bewundern ...
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-So peinlich es mir auch war, daß der Kapitän meine Absicht in so
-häßlichem Sinne auslegte, gab ich mir doch keine Mühe, ihm eine andere
-Überzeugung beizubringen.
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-War er tapfer? fragte ich ihn.
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-Das weiß Gott: er war immer in den ersten Reihen; wo man Gewehrknattern
-hörte, sah man ihn.
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-Er muß also wohl tapfer gewesen sein, sagte ich.
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-Nein, das nennt man nicht tapfer, wenn einer überall herumrennt, wo man
-ihn nicht braucht ...
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-Was nennen Sie also tapfer?
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-Tapfer? ... Tapfer? wiederholte der Kapitän, mit der Miene eines
-Menschen, dem eine solche Frage zum erstenmal vorgelegt wird: *Tapfer*
-ist, *wer sich so benimmt, wie sich's gehört*, sagte er nach einigem
-Nachdenken.
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-Mir fiel ein, daß Plato die Tapferkeit definiert als »die Kenntnis
-dessen, was man zu fürchten hat und was man nicht zu fürchten hat«, und
-trotz der Allgemeinheit und Unklarheit des Ausdrucks in der Definition
-des Kapitäns, meinte ich, der Grundgedanke beider sei gar nicht so
-schlecht, wie es scheinen mochte, ja die Definition des Kapitäns sei
-sogar richtiger, als die Definition des griechischen Philosophen; denn
-hätte er sich so auszudrücken verstanden, wie Plato, so würde er sicher
-gesagt haben: Tapfer ist, wer nur das fürchtet, *was man fürchten muß*,
-und nicht das, *was man nicht zu fürchten braucht*.
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-Ich hatte Lust, dem Kapitän meinen Gedanken klarzumachen.
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-Ja, sagte ich, in jeder Gefahr, glaube ich, haben wir eine Wahl, und
-eine Wahl, die z. B. unter dem Einfluß des Pflichtgefühls getroffen
-ist, ist Tapferkeit, und eine Wahl, die unter dem Einfluß eines
-niedrigen Gefühls getroffen ist, ist Feigheit; darum kann man einen
-Menschen, der aus Eitelkeit, aus Neugier oder aus Habsucht sein Leben
-aufs Spiel setzt, nicht tapfer nennen, und umgekehrt einen Menschen,
-der unter dem Einfluß des ehrenwerten Gefühls von Familienpflicht oder
-einfach der Überzeugung -- einer Gefahr aus dem Wege geht, nicht einen
-Feigling nennen.
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-Der Kapitän sah mich, während ich sprach, mit einem sonderbaren Blick
-an.
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-Ja, das verstehe ich nicht mehr, sagte er und stopfte dabei sein
-Pfeifchen; aber wir haben hier einen Junker, der philosophiert euch
-gern. Mit dem müssen Sie sprechen. Er macht auch Verse.
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-Ich hatte den Kapitän erst im Kaukasus kennen gelernt, aber gekannt
-hatte ich ihn schon in Rußland. Seine Mutter, Maria Iwanowna Chlopowa,
-war Besitzerin eines kleinen Gütchens, zwei Werst von meiner Besitzung.
-Vor meiner Abreise nach dem Kaukasus war ich bei ihr gewesen; die Alte
-war sehr erfreut, daß ich ihren Paschenka (wie sie den alten, grauen
-Kapitän nannte) aufsuchen wollte und -- ein lebendiger Brief -- ihm von
-ihrem Leben und Treiben erzählen und ein Päckchen überbringen konnte.
-Sie hatte mir einen vorzüglichen Pirogg und Spickgans vorgesetzt,
-dann ging sie in ihr Schlafzimmer und kam von da mit einem schwarzen,
-ziemlich großen Heiligenbilde zurück, an dem ein Seidenbändchen
-befestigt war.
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-Das ist das Bild unserer Mutter Gottes, der Fürsprecherin, vom
-brennenden Dornbusch, sagte sie, bekreuzte sich, küßte das Bild
-der Gottesmutter und überreichte es mir: überbringen Sie ihm das,
-Väterchen. Sehen Sie, als er nach dem Kaukasus ging, habe ich eine
-Messe lesen lassen und ein Gelübde gethan, wenn er gesund und
-unversehrt bleibt, dieses Mutter-Gottesbild zu bestellen. Nun sind
-es schon achtzehn Jahre, daß die barmherzige Fürsprecherin und die
-Heiligen ihn schützen; nicht ein einziges Mal war er verwundet, und
-in wieviel Schlachten ist er schon gewesen! ... Wie mir Michajlo, der
-mit ihm war, zu erzählen anfing, glauben Sie mir, die Haare stehen
-einem zu Berge; sehen Sie, was ich von ihm weiß, weiß ich alles nur von
-fremden Leuten, er selbst, mein Täubchen, schreibt nichts von seinen
-Kriegszügen -- er fürchtet mich zu ängstigen.
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-(Schon im Kaukasus hatte ich erfahren, und zwar nicht von dem Kapitän
-selbst, daß er viermal schwer verwundet gewesen, und es versteht sich
-von selbst, daß er über die Verwundungen wie über die Feldzüge nie
-seiner Mutter ein Wort geschrieben hatte.)
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-Dieses Heiligenbild soll er nun auf seiner Brust tragen, fuhr sie fort,
-ich segne ihn damit.
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-Die heilige Fürsprecherin wird ihn beschützen! Besonders in der
-Schlacht soll er es immer tragen. Sag's ihm, Väterchen, das läßt dir
-deine Mutter sagen.
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-Ich versprach ihren Auftrag pünktlich auszuführen.
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-Ich weiß, Sie werden ihn liebgewinnen, meinen Paschenka, fuhr die Alte
-fort, er ist ein so prächtiger Mensch! Wollen Sie glauben, kein Jahr
-geht vorüber, in dem er mir nicht Geld schickt, und meine Tochter, die
-Annuschka, unterstützt er auch sehr; und alles nur von seinem Gehalt!
-Mein ganzes Leben werde ich Gott danken, schloß sie mit Thränen in den
-Augen, daß er mir ein solches Kind geschenkt hat.
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-Schreibt er Ihnen oft? fragte ich.
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-Selten, Väterchen, so einmal im Jahre, wenn er Geld schickt, schreibt
-er wohl ein Wörtchen, sonst nicht. Wenn ich dir nicht schreibe
-Mütterchen, sagt er, dann bin ich gesund und munter, und wenn, was Gott
-verhüte, etwas passiert, so wirst du es auch so erfahren.
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-Als ich dem Kapitän das Geschenk der Mutter überreichte (es war in
-meinem Zimmer), bat er mich um Umschlagpapier, hüllte es sorgfältig ein
-und steckte es in die Tasche. Ich erzählte ihm viel und ausführlich
-über das Leben seiner Mutter -- der Kapitän schwieg. Als ich mit meiner
-Erzählung zu Ende war, ging er in die Ecke und stopfte auffallend lange
-sein Pfeifchen.
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-Ja, eine prächtige Frau! sagte er von dort her mit etwas dumpfer
-Stimme. Ob's mir Gott noch vergönnt, sie wiederzusehen? In diesen
-einfachen Worten lag sehr viel Liebe und Sehnsucht.
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-Warum dienen Sie hier? sagte ich.
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-Man muß doch dienen, antwortete er mit Überzeugung, für einen armen
-Teufel wie unsereins will das doppelte Gehalt viel sagen.
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-Der Kapitän lebte sparsam: Karten spielte er nicht, Wein trank er
-selten und rauchte einen einfachen Tabak, den er, ich weiß nicht
-warum, nicht Rauchtabak, sondern sambrotalischen Tabak nannte. Der
-Kapitän hatte mir schon früher gefallen: er hatte eine von den
-schlichten, ruhigen, russischen Physiognomien, denen man mit Vergnügen
-und leicht gerade in die Augen sieht; nach dieser Unterhaltung aber
-empfand ich vor ihm wahre Hochachtung.
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-
-II
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-Am folgenden Tage, um vier Uhr morgens, kam der Kapitän, mich
-abzuholen. Er trug einen alten, abgetragenen Rock ohne Epauletten,
-breite Hosen, eine weiße Fellmütze, mit ausgegangenem, gelbgewordenem
-Schafpelz und einen unansehnlichen, asiatischen Säbel über die Schulter.
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-Der kleine Schimmel, den er ritt, ging mit gesenktem Kopfe in ruhigem
-Schritt und schlug beständig mit seinem dünnen Schweife um sich.
-Obgleich in der Erscheinung des guten Kapitäns nicht nur wenig
-Kriegerisches, sondern auch wenig Schönes lag, sprach aus ihr doch so
-viel Gleichgültigkeit gegen alles, was ihn umgab, daß sie unwillkürlich
-Achtung einflößte.
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-Ich ließ ihn nicht einen Augenblick warten, bestieg sofort mein Pferd,
-und wir ritten zusammen zum Festungsthore hinaus.
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-Das Bataillon war uns schon 200 Faden voraus und sah wie eine
-schwarze, kompakte, schwankende Masse aus. Nur *daran* konnte man
-erkennen, daß es Infanterie war, daß die Bajonette wie dichte, lange
-Nadeln zu sehen waren; von Zeit zu Zeit schlugen die Töne eines
-Soldatenliedes, einer Trommel oder eines prächtigen Tenors aus der
-sechsten Kompagnie, den ich schon oft in der Festung mit Entzücken
-gehört hatte, an unser Ohr. Der Weg ging mitten durch einen tiefen und
-breiten Engpaß am Ufer eines kleinen Flüßchens entlang, der gerade um
-diese Zeit »spielte«, d. h. über die Ufer trat. Scharen wilder Tauben
-flatterten um den Fluß: bald setzten sie sich auf das steinige Ufer,
-bald beschrieben sie in der Luft schnelle Kreise und entschwanden
-unsern Blicken.
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-Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber der Gipfel der rechten Seite
-des Engpasses wurde heller und heller. Die grauen und weißlichen
-Steine, das gelbgrüne Moos, die taubedeckten Sträucher des Kreuzdorns,
-der Mispel und der Korkulme traten mit außerordentlicher Deutlichkeit
-und Plastik in dem durchsichtigen, goldigen Licht der aufgehenden Sonne
-hervor; dagegen war die andere Seite und der Hohlweg in dichten Nebel
-gehüllt, der in rauchartigen ungleichen Schichten wogte, feucht und
-düster, und boten ein unbestimmbares Gemisch von Farben: blaßlila, fast
-schwarz, dunkelgrün und weiß.
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-Dicht vor uns an dem dunklen Azur des Horizonts schimmerten in
-überraschender Helligkeit die hellweißen, matten Massen der Schneeberge
-mit ihren wunderlichen, bis in die kleinsten Einzelheiten schönen
-Schatten und Umrissen. Grillen, Heuschrecken und tausend andere
-Insekten erwachten im hohen Grase und erfüllten die Luft mit ihrem
-hellen, ununterbrochenen Klingen: es war, als ob eine zahllose Menge
-winziger Glöckchen in unsern eigenen Ohren tönte. Die Luft duftete nach
-Wasser, Gras und Nebel, mit einem Wort, sie duftete nach einem schönen
-Sommermorgen. Der Kapitän schlug Feuer und zündete sein Pfeifchen
-an, der Geruch des sambrotalischen Tabaks und des Zunders kam mir
-außerordentlich angenehm vor.
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-Wir ritten neben dem Weg einher, um die Infanterie schneller
-einzuholen. Der Kapitän schien nachdenklicher als gewöhnlich, ließ
-sein daghestanisches Pfeifchen nicht aus dem Munde und stieß bei
-jedem Schritt mit den Fersen sein Pferd an, das, von einer Seite
-auf die andere schwankend, eine kaum merkliche, dunkelgrüne Spur in
-dem feuchten, hohen Grase zurückließ. Unter seinen Füßen flog mit
-Gackern und mit dem Flügelschlage, bei dem der Jäger unwillkürlich
-zusammenzuckt, ein Fasan auf und stieg langsam in die Höhe. Der Kapitän
-schenkte ihm nicht die geringste Aufmerksamkeit.
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-Wir hatten das Bataillon beinahe schon eingeholt, als hinter uns
-der Hufschlag eines heransprengenden Pferdes hörbar wurde, und in
-demselben Augenblick sprengte ein sehr hübscher, junger Bursche in
-Offiziersuniform und in einer hohen, weißen Fellmütze vorüber. Als er
-uns erreicht hatte, lächelte er, nickte dem Kapitän zu und schwang
-sein Peitschchen ... Ich hatte Zeit zu bemerken, daß er mit besonderer
-Anmut im Sattel saß und die Zügel hielt, und daß er schöne, schwarze
-Augen, eine feine Nase und ein eben sprossendes Schnurrbärtchen hatte.
-Besonders hatte mir an ihm gefallen, daß er das Lächeln nicht hatte
-unterdrücken können, nachdem er gesehen, daß wir Freude an seinem
-Anblick hatten. Aus diesem Lächeln allein hätte man schon schließen
-können, daß er noch sehr jung war.
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-Wohin eilt er? brummte der Kapitän mit mürrischer Miene, ohne den
-Tschibuck aus dem Munde zu nehmen.
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-Wer ist das? fragte ich.
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-Der Fähnrich Alanin, ein Subaltern-Offizier meiner Kompagnie ... Er ist
-erst im vorigen Monat aus dem Kadettenkorps hierher gekommen.
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-Er geht gewiß zum erstenmal in eine Schlacht? sagte ich.
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-Darum ist er auch so glücklich ... -- antwortete der Kapitän,
-tiefsinnig den Kopf wiegend. O, die Jugend!
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-Warum sollte er denn nicht froh sein? Ich kann mir wohl denken, daß
-das für einen jungen Mann sehr interessant sein muß.
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-Der Kapitän schwieg einige Minuten.
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-Ja, ja, ich sage: die Jugend! fuhr er in tiefem Tone fort, wie kann
-man sich freuen, ehe man noch etwas gesehen hat? Wenn du erst öfter
-ins Feld gezogen bist, wirst du dich nicht mehr freuen. Wir sind
-jetzt, sagen wir, zwanzig Offiziere, einer oder der andere fällt oder
-wird verwundet, das ist gewiß. Heut gilt es mir, morgen gilt es dir,
-übermorgen einem dritten: was giebt es da für einen Grund zur Freude?
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-III
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-Die helle Sonne war kaum hinter dem Berge hervorgekommen und ergoß
-ihr Licht in das Thal, durch das wir zogen, die wogenden Nebelwolken
-zerstreuten sich, und es wurde heiß. Die Soldaten marschierten mit
-ihren Gewehren und Säbeln auf dem Rücken langsam die staubige Straße
-dahin, in den Reihen hörte man von Zeit zu Zeit ein Gespräch in
-kleinrussischer Mundart und Gelächter. Einige alte Soldaten in weißen
-Kitteln, -- meist Unteroffiziere --, gingen neben dem Wege, mit dem
-Pfeifchen im Munde, und plauderten ruhig. Vollgepackte, dreispännige
-Fuhren bewegten sich Schritt für Schritt vorwärts und wirbelten den
-dichten, schwerfälligen Staub auf. Die Offiziere ritten voran: die
-einen dshigitierten, wie man im Kaukasus sagt, d. h. sie schlugen das
-Pferd mit der Peitsche und ließen es vier, fünf Sprünge machen, dann
-parierten sie es auf der Stelle und schwenkten den Kopf nach rückwärts.
-Die anderen schenkten den Spielleuten ihre Aufmerksamkeit, die trotz
-Glut und Stickluft unermüdlich ein Lied nach dem andern spielten.
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-Gegen 100 Faden vor der Infanterie ritt auf einem großen Schimmel
-neben den berittenen Tataren ein schlanker und schöner Offizier in
-asiatischer Tracht; er war im ganzen Regiment wegen seiner tollkühnen
-Tapferkeit bekannt und als ein Mann, »der jedem die Wahrheit in
-die Augen wirft«. Er trug ein schwarzes Beschmet mit Silberborte,
-ebensolche Beinkleider, neue, eng an den Füßen anliegende Stiefel
-mit Tschirasen (Galons), einen gelben Tscherkessenrock und eine hohe
-nach hinten eingedrückte Fellmütze. Über Brust und Rücken liefen
-silberne Borten, daran hingen auf dem Rücken Pulverhorn und Pistole;
-eine zweite Pistole und ein Dolchmesser in silberner Scheide hingen
-am Gürtel. Über der Kleidung war sein Säbel in schöner Saffianscheide
-mit Silberbesatz umgürtet, über die Schultern hing die Windbüchse in
-schwarzem Überzug. Aus seiner Tracht, seiner Haltung und aus seinem
-ganzen Gebahren, überhaupt an allen seinen Bewegungen war ersichtlich,
-daß er sich Mühe gab, wie ein Tatar auszusehen. Er sprach auch mit den
-Tataren, die neben ihm ritten, in einer mir unbekannten Sprache; aber
-an den verwunderten, spöttischen Blicken, die diese letzteren einander
-zuwarfen, glaubte ich zu erkennen, daß sie ihn nicht verstanden. Es
-war einer von unseren jungen Offizieren, einer der kühnen Ritter und
-Dshigiten, die sich an dem Muster von Marlinskij und Lermontow schulen.
-Diese Leute sehen den Kaukasus nur durch das Prisma der Helden unserer
-Zeit, eines Mulla Nur und ähnlicher und lassen sich in allen ihren
-Handlungen nicht von den eigenen Neigungen leiten, sondern von dem
-Beispiel dieser Vorbilder.
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-Der Leutnant z. B. war vielleicht gern in Gesellschaft anständiger
-Frauen und ernster Männer: Generale, Obersten, Adjutanten -- ja, ich
-bin überzeugt, daß er sehr gern in solcher Gesellschaft war, denn er
-war im höchsten Grade eitel; aber er hielt es für seine unbedingte
-Pflicht, allen ernsten Männern seine rauhe Seite zuzukehren, wenn er
-auch in seiner Derbheit sehr maßvoll war; und ließ sich eine Dame
-in der Festung sehen, so hielt er es für seine Pflicht, mit seinen
-Kameraden bloß in einem roten Hemd und mit Fußlappen an den nackten
-Beinen an ihrem Fenster vorüberzugehen und so laut als möglich zu
-schreien und zu schelten, weniger in der Absicht, sie zu kränken, als
-in der Absicht, zu zeigen, was er für schöne weiße Füße habe, und
-wie man sich in ihn verlieben könnte, wenn er das nur wollte. Oder
-er zog häufig mit zwei, drei russenfreundlichen Tataren ganze Nächte
-in die Berge und lagerte am Wege, um den feindlichen Tataren, die
-vorüberkamen, aufzulauern und sie zu töten; und obgleich ihm sein Herz
-oft genug sagte, daß darin nichts Heldenhaftes liege, hielt er sich
-für verpflichtet, den Menschen Leid zuzufügen, die ihm, wie er meinte,
-Enttäuschungen bereitet, und die er verachtete und haßte. Zwei Dinge
-legte er nie ab: ein ungeheueres Heiligenbild, das er um den Hals trug,
-und das Dolchmesser, das über dem Hemd hing, und mit dem er sich auch
-zu Bette legte. Er war aufrichtig davon überzeugt, daß er Feinde habe.
-Sich selbst zu überzeugen, daß er an jemandem Rache zu nehmen und mit
-Blut eine Beleidigung zu sühnen habe, war für ihn der höchste Genuß. Er
-war überzeugt, daß die Gefühle des Hasses, der Rache und der Verachtung
-des Menschengeschlechts die erhebendsten poetischen Gefühle seien.
-Seine Geliebte aber, -- natürlich eine Tscherkessin -- mit der ich
-später zufällig zusammentraf, erzählte, er sei der beste und sanfteste
-Mensch, und er schreibe jeden Abend seine düsteren Aufzeichnungen
-nieder, trage auf Rechnungspapier seine Ausgaben und Einnahmen ein und
-knie jeden Abend zum Gebete nieder. Und wieviel hatte er gelitten, nur
-um vor sich selbst als das zu erscheinen, was er sein wollte, weil
-seine Kameraden und die Soldaten ihn nicht verstehen konnten, wie
-er gern verstanden sein mochte! Einst auf einem seiner nächtlichen
-Straßenstreifzüge mit den Genossen, verwundete er mit einer Kugel
-einen feindlichen Tschetschenzen am Fuß und nahm ihn gefangen. Dieser
-Tschetschenze lebte dann sieben Wochen bei dem Leutnant, er behandelte
-ihn, pflegte ihn wie seinen besten Freund, und als er geheilt war,
-entließ er ihn mit Geschenken. Später einmal, während eines Kriegszugs,
-als der Leutnant mit der Vorpostenkette zurückwich und sich gegen den
-Feind durch Schießen verteidigte, hörte er aus den Reihen der Feinde
-seinen Namen rufen, und sein verwundeter Freund kam hervorgeritten
-und forderte den Leutnant durch Geberden auf, dasselbe zu thun. Der
-Leutnant ritt zu seinem Kunak (Freunde) heran und drückte ihm die Hand.
-Die Bergbewohner standen in der Nähe und schossen nicht; als aber der
-Leutnant sein Pferd umwandte, schossen mehrere Mann auf ihn, und eine
-Kugel streifte ihn unterhalb des Rückens. Ein andermal habe ich selbst
-gesehen, wie in der Festung zur Nacht Feuer ausbrach. Zwei Kompagnien
-Soldaten waren mit dem Löschen beschäftigt, plötzlich erschien mitten
-in der Menge, beleuchtet von dem Purpurschein des Brandes, die hohe
-Gestalt eines Mannes auf einem Rappen. Die Gestalt drängte die Menge
-auseinander und ritt mitten auf das Feuer zu. Als der Leutnant ganz
-nahe herangekommen war, sprang er vom Pferde und stürzte in das Haus,
-das von einer Seite lichterloh brannte. Fünf Minuten später kam der
-Leutnant mit versengten Haaren und mit angebranntem Ellbogen zurück
-und trug zwei Tauben unter der Achsel, die er aus den Flammen gerettet
-hatte.
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-Er hieß Rosenkranz; er sprach aber oft von seiner Herkunft, leitete
-sie von den Warägern ab und suchte klar zu beweisen, daß er und seine
-Vorfahren echte Russen waren.
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-
-IV
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-Die Sonne hatte die Hälfte ihres Wegs zurückgelegt und sandte ihre
-glühenden Strahlen durch die erhitzte Luft auf die trockene Erde
-herab. Der dunkelblaue Himmel war vollkommen klar, nur der Fuß der
-Schneeberge begann sich in ein weißes, leichtes Wolkengewand zu
-hüllen. Die regungslose Luft schien von einem durchsichtigen Staub
-erfüllt zu sein, es war unerträglich heiß geworden. Als die Truppen an
-einen kleinen Bach gekommen waren, der auf der Hälfte unseres Weges
-floß, hielten sie Rast. Die Soldaten stellten die Gewehre zusammen
-und rannten an den Bach; der Bataillons-Kommandeur setzte sich im
-Schatten auf eine Trommel nieder, gab seinem vollen Gesicht die ganze
-Würde seiner Stellung und machte sich mit einigen Offizieren zum
-Imbiß bereit; der Kapitän legte sich im Grase unter einem Fouragewagen
-nieder; der tapfere Leutnant Rosenkranz und noch einige andere junge
-Offiziere lagerten sich auf ihre ausgebreiteten Filzmäntel und trafen
-Anstalten zum Zechen, wie man aus den herumstehenden Flaschen sehen
-konnte, besonders aber aus der angeregten Stimmung der Spielleute,
-die im Halbkreise um sie herumstanden und mit Pfeifenbegleitung ein
-kaukasisches Tanzlied nach der Weise der Lesginka spielten:
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- Schamyl wollte revoltiren
- In vergangnen Jahren,
- Traj--raj, ra--ta--taj ...
- In vergangenen Jahren.
-
-Unter diesen Offizieren war auch der blutjunge Fähnrich, der uns
-am Morgen vorausgeritten war. Er war sehr drollig: seine Augen
-leuchteten, seine Zunge lallte; er wollte alle Leute küssen und ihnen
-seine Liebe gestehen ... Armer Junge! er wußte noch nicht, daß man
-in diesem Zustande lächerlich sein kann, daß seine Offenheit und die
-Zärtlichkeit, die er allen aufdrängte, die anderen nicht zu der Liebe
-stimmte, nach der er sich sehnte, sondern zum Spott. -- Er wußte auch
-nicht, daß er nachher, als er sich in glühender Erregung endlich auf
-seinen Filzmantel warf, sich in die Hand stützte und sein schwarzes,
-dichtes Haar zurückwarf, außerordentlich hübsch war.
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-Zwei Offiziere saßen unter dem Fouragewagen und spielten auf ihren
-Reisekästchen Karten.
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-Neugierig lauschte ich auf die Gespräche der Soldaten und Offiziere
-und betrachtete aufmerksam ihren Gesichtsausdruck; aber ich konnte
-bei niemandem auch nur einen Schatten der Unruhe bemerken, die ich
-empfand: Scherze, Gelächter, Erzählungen deuteten auf eine allgemeine
-Sorglosigkeit und Gleichgültigkeit gegen die bevorstehende Gefahr hin.
-Als könnte man gar nicht vermuten, daß vielen von ihnen bestimmt sein
-sollte, nicht wieder auf diesem Wege zurückzukommen.
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-
-V
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-Um 7 Uhr abends zogen wir staubbedeckt und müde durch das breite,
-befestigte Thor der Festung N. N. ein. Die Sonne hatte sich gesenkt und
-warf ihre schrägen, rosigen Strahlen auf die malerischen Geschützstände
-und die Gärten mit den hohen Pappeln, die die Festung umgaben, auf die
-bestellten, gelblich schimmernden Felder und auf die weißen Wolken,
-die sich auf den Schneebergen türmten, als ob sie es ihnen nachthun
-wollten, und eine nicht minder wunderliche und schöne Kette bildeten.
-Der junge Halbmond schimmerte wie ein durchsichtiges Wölkchen am
-Horizont. Im Aul, der vor dem Thore lag, rief ein Tatar, der auf
-dem Dach einer Erdhütte stand, die Rechtgläubigen zum Gebet; die
-Spielleute setzten mit neuem Mut und mit frischer Kraft ein.
-
-Nachdem ich ein wenig ausgeruht und mich zurechtgemacht hatte, ging ich
-zu einem mir bekannten Adjutanten. Ich wollte ihn bitten, dem General
-von meiner Absicht Meldung zu machen. Auf dem Wege von der Vorstadt,
-wo ich Quartier genommen hatte, hatte ich Gelegenheit, in der Festung
-N. N. manches zu beobachten, was ich keineswegs erwartet hatte. Eine
-hübsche, zweisitzige Kutsche, in der ein neumodisches Hütchen zu sehen
-und französische Unterhaltung zu hören war, fuhr an mir vorüber. Aus
-dem geöffneten Fenster des Kommandanturgebäudes drangen die Klänge
-einer »Lieschen«- oder »Käthchenpolka«, die auf einem schlechten,
-verstimmten Klavier gespielt wurden. In dem Gasthaus, an dem ich
-vorüberkam, saßen, die Cigaretten in den Händen, einige Schreiber beim
-Glase Wein, und ich hörte, wie der eine zum andern sagte: »Ich muß
-sehr bitten, was die Politik betrifft, war Maria Grigorjewna bei uns
-die erste Dame.« Ein buckliger Jude in einem abgetragenen Rock und von
-kränklichem Aussehen schleppte mühsam einen krächzenden, zerbrochenen
-Leierkasten, und über die ganze Vorstadt erklangen die Töne des
-Finales aus Lucia. Zwei Frauen in rauschenden Kleidern und seidenen
-Halstüchern mit hellfarbigen Sonnenschirmen in den Händen gingen auf
-dem Fußsteig von Holz leichten Schritts an mir vorüber. Zwei junge
-Mädchen, eine in einem rosa, die andere in einem blauen Kleide, standen
-unbedeckten Hauptes an dem Erdaufwurf eines niedrigen Häuschens
-und lachten mit einem unnatürlichen, hellen Lachen; sie wünschten
-offenbar die Aufmerksamkeit der vorübergehenden Offiziere auf sich zu
-lenken. Offiziere in neuen Röcken, weißen Handschuhen und glänzenden
-Achselbändern stolzierten durch die Straße und über den Boulevard.
-
-Ich traf meinen Bekannten im Erdgeschoß des Generalsgebäudes. Kaum
-hatte ich ihm meinen Wunsch klar gemacht, und er mir gesagt, daß er
-sehr leicht erfüllt werden könne, als an dem Fenster, an dem wir saßen,
-die hübsche Kutsche vorübergerollt kam, die ich auf dem Wege bemerkt
-hatte. Aus der Kutsche stieg ein schlanker, sehr stattlicher Mann in
-Infanterie-Uniform mit Majorsepauletten und ging zum General.
-
-Ach, verzeihen Sie, bitte, sagte der Adjutant und erhob sich von seinem
-Platze, ich muß unbedingt dem General Meldung machen.
-
-Wer ist denn angekommen? fragte ich.
-
-Die Gräfin, antwortete er, knöpfte die Uniform zu und eilte hinauf.
-
-Nach wenigen Minuten kam ein untersetzter, sehr hübscher Mann in einem
-Rock ohne Epauletten mit einem weißen Kreuz im Knopfloch auf die
-Freitreppe hinaus. Ihm folgte der Major, der Adjutant und noch zwei
-andere Offiziere. Aus dem Gange, aus der Stimme, aus allen Bewegungen
-des Generals sprach ein Mensch, der sich seines hohen Wertes wohl
-bewußt ist.
-
-_Bon soir, madame la comtesse_, sagte er und reichte ihr durch das
-Wagenfenster die Hand.
-
-Eine kleine Hand in einem Handschuh aus feinem Hundeleder drückte seine
-Hand, und ein hübsches, lächelndes Gesichtchen in gelbem Hut erschien
-an dem Fenster des Wagens.
-
-Von dem ganzen Gespräch, das nur wenige Minuten dauerte, hörte ich nur
-im Vorübergehen, wie der General lächelnd sagte:
-
-_Vous savez, que je fait v[oe]u de combattre les infidèles, prenez donc
-garde de le devenir._
-
-Im Wagen erklang ein Lachen.
-
-_Adieu donc, cher général._
-
-_Non, au revoir_, sagte der General, indem er die Stufen der Treppe
-hinausging, _n'oubliez pas, que je m'invite pour la soirée de demain_.
-
-Der Wagen rollte weiter.
-
-»Das ist doch noch ein Mensch, dachte ich auf dem Heimwege, der alles
-hat, was man in Rußland erreichen kann: Stellung, Reichtum, Ansehen;
-und dieser Mensch scherzt vor einer Schlacht, deren Ausgang Gott
-allein kennt, mit einer hübschen Dame, verspricht ihr, am nächsten
-Tage zum Thee zu kommen, gerade so, als ob er mit ihr auf einem Balle
-zusammengetroffen wäre.«
-
-Hier bei dem Adjutanten traf ich auch noch einen andern Menschen,
-der mich noch mehr in Erstaunen setzte, ein junger Leutnant vom
-K. Regiment, der sich durch seine fast frauenhafte Sanftmut und
-Schüchternheit anzeichnete.
-
-Er war zu dem Adjutanten gekommen, um seinem Ärger und seinem
-Unwillen über die Leute Luft zu machen, die, wie er meinte, gegen ihn
-intriguieren, damit er nicht an dem bevorstehenden Kampfe teilnehme. Es
-sei häßlich, so zu handeln, sagt er, es sei nicht kameradschaftlich, er
-werde es ihnen schon gedenken u. s. w. So scharf ich auch seine Züge
-beobachtete, so aufmerksam ich auf den Klang seiner Stimme lauschte,
-ich mußte die Überzeugung gewinnen, daß er sich keineswegs verstellte,
-daß er vielmehr tief erregt und erbittert darüber war, daß man ihm
-nicht gestatten wollte, auf die Tscherkessen zu schießen und sich ihren
-Geschossen auszusetzen; er war so erbittert, wie ein Kind erbittert zu
-sein pflegt, das man eben unverdient gezüchtigt hat ... Mir war das
-alles gänzlich unverständlich.
-
-
-VI
-
-Um 10 Uhr abends sollten die Truppen ausrücken. Um halb neun stieg ich
-zu Pferde und ritt zum General. Da ich aber annahm, daß er und sein
-Adjutant beschäftigt seien, hielt ich an der Straße, band mein Pferd
-an den Zaun und setzte mich auf den Erdaufwurf, in der Absicht, dem
-General nachzueilen, wenn er ausreiten würde.
-
-Die Glut und der helle Glanz der Sonne waren schon der Kühle der Nacht
-und dem matten Lichte des jungen Monds gewichen, der rings um sich
-her einen blassen, leuchtenden Halbkreis auf dem dunklen Blau des
-Sternenhimmels bildete und niederzugehen begann; durch die Fenster
-der Häuser und durch die Ritzen der Läden der Erdhütten schimmerten
-Lichter. Die schlanken Pappeln der Gärten, die sich am Horizont hinter
-den weißgetünchten, vom Mondlicht bestrahlten Erdhütten mit den
-Schilddächern abhoben, erschienen noch höher und dunkler.
-
-Die langen Schatten der Häuser, der Bäume, der Zäune breiteten sich
-schön über den hellen staubigen Weg ... Vom Fluß her tönte ohne
-Unterlaß das Quarren der Frösche.[G] Auf den Straßen hörte man bald
-eilige Schritte und Gespräche, bald den Hufschlag von Pferden. Aus der
-Vorstadt klangen von Zeit zu Zeit die Klänge einer Drehorgel herüber:
-bald »Es wehen die Winde«, bald so was wie ein »Aurora-Walzer«.
-
- [G] Die Frösche im Kaukasus bringen einen Laut hervor, der nichts
- gemein hat mit dem Quaken unserer Frösche.
-
-Ich werde nicht sagen, was mich in Gedanken versunken beschäftigte:
-erstens weil ich mich schämen würde zu gestehen, daß es düstere
-Gedanken waren, die mich in unabweisbaren Scharen beschlichen, während
-ich rings um mich her nur Heiterkeit und Frohsinn beobachtete; zweitens
-aber, weil das nicht zu meiner Erzählung gehört. Ich war so in Gedanken
-versunken, daß ich nicht einmal bemerkte, daß die Glocke elf schlug und
-der General mit seinem Gefolge an mir vorüberritt.
-
-Die Nachhut war noch in dem Festungsthore. Mit Mühe gelang es
-mir, über die Brücke zwischen den zusammengedrängten Geschützen,
-Pulverkasten, Kompagniewagen und der geräuschvoll kommandierenden
-Offiziere hindurchzukommen. Als ich durch das Thor hindurchgekommen
-war, setzte ich mein Pferd in Trab, ritt an den Truppen entlang, die
-sich nahezu eine Werst hinzogen und sich schweigend in der Dunkelheit
-vorwärts bewegten, und erreichte den General. Als ich an der Artillerie
-vorüberkam, die sich in gerader Linie hinzog, und an den Offizieren,
-die zwischen den Geschützen ritten, traf mich wie ein beleidigender
-Mißklang mitten durch die Stille und feierliche Harmonie die Stimme
-eines Deutschen. Er schrie: »Achtillechist, gieb mir die Lunte«, und
-die Stimme eines Soldaten schrie eilfertig: »Schewtschenko, der Herr
-Leutnant wünscht Feuer.«
-
-Der größte Teil des Himmels hatte sich mit langen, dunklen, grauen
-Wolken bedeckt; hie und da nur schimmerten zwischen ihnen matte Sterne
-hindurch. Der Mond hatte sich schon hinter dem nahen Horizont der
-dunklen Berge verborgen, die zur Rechten sichtbar waren, und warf über
-ihren Gipfel ein schwaches, zitterndes Dämmerlicht, das sich scharf
-von dem undurchdringlichen Dunkel abhob, das über ihren Fuß gebreitet
-lag. Die Luft war warm und so still, daß sich nicht ein Gräschen, nicht
-ein Wölkchen regte. Es war so finster, daß man selbst in nächster Nähe
-die Gegenstände nicht unterscheiden konnte. Rechts und links vom Wege
-sah ich bald Felsen, bald Tiere, bald Menschen von sonderbarem Wesen
--- und ich erkannte erst dann, daß es Sträucher waren, wenn ich ihr
-Rascheln hörte und die Frische des Taus empfand, der an ihren Blättern
-hing. Vor mir sah ich eine dichte, wogende, schwarze Wand, hinter
-der einige bewegliche Punkte waren. Das war die Infanterie. In der
-ganzen Abteilung herrschte eine solche Stille, daß man deutlich all
-die verschwimmenden, von geheimnisvollem Zauber erfüllten Stimmen der
-Nacht hörte: das ferne, klagende Geheul der Schakale, das bald wie
-verzweifeltes Weinen, bald wie Lachen klang, das helle, einförmige
-Zirpen der Grillen, das Quaken der Frösche, den Schlag der Wachtel,
-einen herankommenden dumpfen Ton, dessen Ursprung ich mir nicht
-erklären konnte; und all die nächtlichen, kaum vernehmbaren Regungen
-der Natur, die man weder begreifen, noch näher erklären kann, flossen
-zusammen in den vollen Wohlklang, den wir Stille der Nacht nennen.
-Diese Stille der Nacht wurde unterbrochen oder, richtiger gesagt, floß
-zusammen mit dem dumpfen Hufschlag und dem Rascheln des hohen Grases,
-das die langsam vorwärtsgehende Abteilung hervorrief.
-
-Von Zeit zu Zeit nur hörte man in den Reihen das Getöse eines schweren
-Geschützes, das Klirren aneinanderschlagender Bajonette, unterdrücktes
-Plaudern und das Schnauben der Pferde.
-
-Die Natur atmete seelenbeschwichtigend Schönheit und Kraft.
-
-Ist den Menschen wirklich das Leben zu eng in dieser schönen Welt,
-unter diesem unermeßlichen Sternenhimmel? Kann inmitten dieser
-bezaubernden Natur in der Seele des Menschen das Gefühl der Bosheit,
-der Rache oder der leidenschaftliche Trieb der Vernichtung von
-Seinesgleichen fortbestehen? Alles Ungute im Herzen des Menschen müßte,
-meine ich, sich verflüchtigen bei der Berührung mit der Natur -- diesem
-unmittelbaren Ausdruck des Schönen und Guten.
-
-
-VII
-
-Wir waren schon mehr als zwei Stunden zu Pferde, mich durchrieselte
-ein Frostschauer und ich hatte Neigung zum Schlafen. In der Finsternis
-sah ich dieselben dunklen Gegenstände unklar vor mir: in geringer
-Entfernung die schwarze Wand, schwarze bewegliche Flecke; ganz nahe
-neben mir die Kruppe eines Schimmels, der mit dem Schweife wedelte
-und die Hinterfüße breit auseinander setzte, einen Rücken in weißer
-Tscherkeska, über dem eine Flinte in schwarzem Futteral zu sehen war
-und der weiße Griff einer Pistole in einem gestickten Pistolenschuh
-schimmerte; das Feuer einer Cigarette, das einen blonden Schnurrbart,
-einen Biberkragen und eine Hand in einem Lederhandschuh beleuchtete.
-Ich neigte mich zu dem Halse meines Pferdes, schloß die Augen und
-versank einige Augenblicke in Träume; da plötzlich traf bekannter
-Hufschlag und Rauschen mein Ohr: ich sah mich um, und mir war's, ich
-stünde fest auf einem Platz und die schwarze Wand, die vor mir lag,
-komme auf mich zu, oder diese Wand stünde fest, und ich ritt gerade auf
-sie zu. In einem dieser Augenblicke überraschte mich das herannahende,
-dumpfe Getöse, dessen Ursache ich nicht zu erraten vermochte, noch
-stärker -- es war das Rauschen des Wassers. Wir gelangten in eine tiefe
-Schlucht und näherten uns einem Bergfluß, dessen Überschwemmungszeit
-gerade den Höhepunkt erreicht hatte.[H] Das Getöse wuchs, das feuchte
-Gras wurde dichter und höher, die Sträucher wurden seltener, der
-Horizont wurde enger und enger. Von Zeit zu Zeit leuchteten auf dem
-dunklen Hintergrunde der Berge an verschiedenen Stellen helle Feuer
-auf und erloschen sofort wieder.
-
- [H] Die Ueberschwemmungszeit der Flüsse im Kaukasus ist der Juli.
-
-Sagen Sie mir, bitte, was sind das für Feuer? fragte ich flüsternd den
-Tataren, der neben mir ritt.
-
-Ei, weißt du das nicht? antwortete er.
-
-Nein.
-
-Da haben die Bergleute Stroh an die Stange gebunden und werden den
-Feuerbrand werfen.
-
-Warum denn?
-
-Damit jedermann wisse, der Russe ist da. Jetzt, fügte er lachend hinzu,
-herrscht in den Auls Tomascha.[I] Ei, ei, alle Churda-Murda[J] wird er
-in die Schlucht schleppen.
-
- [I] Tomascha bedeutet Unfrieden in der eigentümlichen Mundart, die
- die Russen und Tataren in ihrem gegenseitigen Verkehr erfunden
- haben. Diese Mundart kennt viele Worte, deren Wurzel weder aus dem
- Russischen, noch aus den tatarischen Sprachen zu erklären sind.
-
- [J] Churda-Murda bedeutet in demselben Mundart Hab und Gut.
-
-Wissen sie denn in den Bergen schon, daß eine Abteilung herankommt?
-fragte ich.
-
-Ja, wie soll er das nicht wissen, er weiß es immer, die Unseren sind
-solch ein Volk!
-
-So rüstet sich jetzt auch Schamyl zum Kriegszug? fragte ich.
-
-Jok,[K] antwortete er und schüttelte den Kopf zum Zeichen der
-Verneinung. Schamyl wird nicht ins Feld ziehen; Schamyl wird die
-Naïbs[L] schicken und wird selbst durch ein Glas sehen, vom Berg
-herunter.
-
- [K] Jok ist das tatarische »Nein«.
-
- [L] Naïbs sind Leute, welchen Schamyl irgend einen Teil der Verwaltung
- anvertraut hat.
-
-Wohnt er weit von hier?
-
-Weit nicht, hier links, zehn Werst können's sein.
-
-Woher weißt du? ... fragte ich, warst du denn dort?
-
-O ja, unsere Leute sind alle in den Bergen gewesen.
-
-Und hast du Schamyl gesehen?
-
-Pah, Schamyl bekommt unsereiner nicht zu sehen. Hundert, dreihundert,
-tausend Muriden[M] sind um ihn. Schamyl ist in der Mitte! sagte er mit
-dem Ausdruck unterwürfigster Hochachtung.
-
- [M] Das Wort Muriden hat viele Bedeutungen, aber in dem Sinne, in dem
- es hier gebraucht ist, bezeichnet es ein Mittelding zwischen einem
- Adjutanten und einem Mitglied der Leibwache.
-
-Wenn man emporsah, konnte man bemerken, daß der lichter werdende Himmel
-im Osten zu leuchten begann und der kleine Bär sich zum Horizont
-herabsenkte; aber in der Schlucht, durch die wir zogen, war es feucht
-und dunkel.
-
-Plötzlich flammten nicht weit vor uns in der Dunkelheit einige
-Lichter auf; in diesem Augenblick schwirrten Kugeln pfeifend durch die
-Luft, und mitten durch die Stille, die uns umgab, erklangen weither
-Schüsse und lautes, durchdringendes Geschrei. Es war das Vorhutpikett
-des Feindes. Die Tataren, die es bildeten, erhoben ein Feldgeschrei,
-schossen aufs Geratewohl und stoben aneinander.
-
-Rings wurde es still. Der General rief den Dolmetsch heran. Ein Tatar
-in weißer Tscherkeska kam auf ihn zugeritten und sprach mit ihm
-flüsternd mit lebhafter Gebärde eine lange Zeit.
-
-Oberst Chassanow, lassen Sie die Schützenkette ausschwärmen! sagte der
-General mit leiser, gedehnter, aber eindringlicher Stimme.
-
-Die Abteilung näherte sich dem Flusse; die schwarzen Berge,
-die Schluchten blieben im Rücken; es begann Tag zu werden. Der
-Himmelsbogen, an dem die blassen, matten Sterne kaum zu sehen waren,
-erschien höher; die Morgenröte begann im Osten hell aufzuleuchten, ein
-frischer, durchdringender Wind kam vom Westen her und ein heller Nebel
-stieg wie Dampf über dem rauschenden Flusse auf.
-
-
-VIII
-
-Der Führer brachte uns an eine Furth, und die Vorhut der Reiterei, ihr
-nach auch der General mit seinem Gefolge, überschritt den Fluß. Das
-Wasser ging den Pferden bis an die Brust. Mit außerordentlicher Kraft
-stürzte es zwischen den weißen Steinen dahin, die hie und da aus der
-Wasserfläche hervorschimmerten, und bildete um die Beine der Pferde
-schäumende, rauschende Strudel. Die Pferde stutzten bei dem Rauschen
-des Wassers, richteten die Köpfe empor, spitzten die Ohren, gingen
-aber langsamen und vorsichtigen Schrittes gegen die Strömung über den
-unebenen Grund. Die Reiterei zog die Beine und die Waffen in die Höhe,
-die Fußsoldaten, die buchstäblich nur mit einem Hemd bekleidet waren,
-hielten die Gewehre, an denen sie die Kleiderbündel befestigt hatten,
-über dem Wasser, faßten sich je zwanzig Hand an Hand und kämpften mit
-einer Anstrengung, die auf ihren angespannten Gesichtern ausgeprägt
-war, gegen die Strömung an. Die berittenen Artilleristen trieben ihre
-Pferde im Trab mit großem Geschrei in das Wasser. Die Geschütze und
-die Pulverkasten, über die von Zeit zu Zeit das Wasser hinspritzte,
-klirrten auf dem steinigen Boden; aber die guten Kosakenpferde zogen
-wacker die Stränge, teilten die schäumende Flut und erklommen mit
-feuchtem Schweif und feuchter Mähne das andere Ufer.
-
-Sobald der Übergang vollzogen war, lag plötzlich auf dem Antlitz des
-Generals eine gewisse ernste Nachdenklichkeit, er wandte sein Pferd
-und ritt im Trab mit der Reiterei über die von dem Walde umsäumte Wiese
-dahin, die sich vor den Unsrigen aufthat. Berittene Kosaken-Vorposten
-schwärmten am Waldesrand entlang.
-
-Im Walde taucht ein Mann im Tscherkessenrock und Schafspelzmütze, ein
-Fußgänger, auf, ein zweiter, ein dritter ... einer von den Offizieren
-sagt: »Das sind die Tataren.« Da wird auch ein leichter Rauch hinter
-dem Baum sichtbar ... Ein Schuß, ein zweiter ... Unser rasches Schießen
-übertönt das feindliche Feuer. Selten nur sagt uns eine Kugel, die
-mit gedehntem Klang, ähnlich dem Summen der Bienen, vorüberfliegt,
-daß nicht alle Schüsse von den Unsrigen kommen. Im Laufschritt ist
-das Fußvolk, im Trab die Geschütze in die Schlachtlinie eingerückt;
-man hört den dröhnenden Kanonendonner, den metallischen Klang der
-fliegenden Kartätschen, das Zischen der Raketen, das Knattern der
-Gewehre. Die Reiterei, das Fußvolk und die Geschützmannschaft tauchen
-von allen Seiten auf der weiten Wiese auf. Die Rauchwölkchen der
-Gewehre, der Raketen und Kanonen fließen mit dem taubedeckten Grün und
-dem Nebel in eins zusammen. Oberst Chassanow sprengt an den General
-heran und hält sein Pferd in vollem Ritt plötzlich an.
-
-Euer Excellenz! sagt er, die Hand an die Mütze gelegt, befehlen Sie,
-daß die Kavallerie vorrückt? Es sind Zeichen[N] aufgetaucht ... und er
-zeigt mit der Peitsche auf die berittenen Tataren, denen zwei Mann mit
-roten und blauen Fähnchen an den Lanzen, auf weißen Rossen vorausreiten.
-
- [N] Die Zeichen haben bei den Bergvölkern beinahe die Bedeutung von
- Fahnen, nur mit dem Unterschied, daß jeder Dshigit sich seine eigenen
- Zeichen machen und führen kann.
-
-Mit Gott, Iwan Chassanow! sagt der General.
-
-Der Oberst wendet auf der Stelle sein Pferd, zieht seinen Säbel und
-ruft: »Urrah!«
-
-Urrah, urrah, urrah, ... tönt es durch die Reihen, und die Reiterei
-stürmt ihm nach.
-
-Alle schauen mit Teilnahme hin: da ist ein Zeichen, ein zweites, ein
-drittes, ein viertes ... Der Feind verschwindet, ohne den Angriff
-abzuwarten, im Walde und eröffnet von hier aus ein Gewehrfeuer. Die
-Kugeln kommen dichter geflogen.
-
-_Quel charmant coup d'[oe]il!_ sagt der General, indem er seinen
-dünnbeinigen Rappen auf englische Art leichte Sprünge machen läßt.
-
-_Charmant!_ antwortet der Major mit schnarrendem R, giebt seinem Pferd
-einen Hieb mit der Gerte und reitet zu dem General heran. _C'est un
-vrai plaisir, la guerre dans un aussi beau pays_, sagt er.
-
-_Et surtout en bonne compagnie_, fügt der General mit anmutigem Lächeln
-hinzu.
-
-Der Major verneigte sich.
-
-In diesem Augenblick fliegt mit raschem, häßlichem Zischen eine
-feindliche Kugel vorbei und schlägt irgendwo ein; hinter uns hört
-man das Stöhnen eines Verwundeten. Dieses Stöhnen ergreift mich so
-sonderbar, daß das kriegerische Bild im Augenblick all seinen Zauber
-für mich verliert; aber niemand außer mir scheint das zu bemerken: der
-Major lacht, wie ich glaube, aus vollem Halse; ein anderer Offizier
-wiederholt vollkommen ruhig die Anfangsworte seiner Rede; der General
-sieht auf die entgegengesetzte Seite hinüber und sagt mit dem ruhigsten
-Lächeln etwas auf französisch.
-
-Befehlen Sie ihre Schüsse zu erwidern? fragt heransprengend der
-Befehlshaber der Artillerie.
-
-Ja, jagen Sie ihnen einen Schrecken ein, sagt der General nachlässig
-und raucht eine Cigarette an.
-
-Die Batterie formiert sich, und das Feuer beginnt. Die Erde stöhnt
-unter dem Geschützdonner, ununterbrochen blitzen die Feuer auf, und ein
-Rauch, durch den man kaum die hin- und hergehende Bedienungsmannschaft
-der Geschütze unterscheiden kann, lagert sich vor unserem Blick.
-
-Der Aul wird beschossen. Wieder kommt Oberst Chassanow herangeritten
-und fliegt auf Befehl des Generals nach dem Aul. Das Kriegsgeschrei
-erschallt von neuem, und die Reiterei verschwindet in der Staubwolke,
-die sie selbst aufwirbelt.
-
-Das Schauspiel war wahrhaft großartig. Eines nur störte mir, als einem
-Menschen, der an dem Kampf nicht teilnahm und dem all das neu war,
-den Eindruck, weil es überflüssig erschien -- diese Lebhaftigkeit,
-diese Begeisterung, dies Geschrei. Unwillkürlich drängte sich mir der
-Vergleich auf mit einem Menschen, der mit aller Wucht ausholt, um mit
-einem Beile die Luft zu spalten.
-
-
-IX
-
-Unsere Truppen hatten schon den Aul besetzt, und nicht eine Seele war
-vom Feinde zurückgeblieben, als der General mit seinem Gefolge, in das
-auch ich mich gemischt hatte, herangeritten kam.
-
-Die langen, reinlichen Hütten mit den flachen Lehmdächern und den
-hübschen Schornsteinen lagen auf unebenen, steinigen Hügeln zerstreut,
-zwischen denen ein kleines Flüßchen hinfloß. Auf der einen Seite
-schimmerten im hellen Sonnenlicht die grünen Gärten mit den ungeheuren
-Birnen- und Pflaumenbäumen; auf der andern ragten sonderbare Schatten
-empor, senkrechtstehende hohe Steine eines Kirchhofs und lange hölzerne
-Stangen, an deren Enden Kugeln und buntfarbige Fähnlein befestigt
-waren. (Das waren die Gräber der Dshigiten.)
-
-Die Truppen standen in Reih und Glied vor dem Thore.
-
-Eine Minute später zerstreuten sich die Dragoner, Kosaken, Fußgänger
-mit sichtlicher Freude durch die schiefen Gassen, und der öde Aul war
-im Augenblick belebt. Da wird ein Dach niedergerissen, schlägt eine
-Axt gegen das starke Holz, und die Bretterthür wird erbrochen; hier
-wird ein Heuschober, ein Zaun, eine Hütte in Brand gesteckt, und dichte
-Rauchwolken steigen in Säulen in die klare Luft empor. Da schleppt
-ein Kosak einen Sack Mehl und einen Teppich; ein Soldat trägt mit
-freudestrahlendem Gesicht aus der Hütte ein blechernes Waschbecken und
-einen Fetzen Tuch heraus; ein anderer müht sich mit ausgebreiteten
-Armen zwei Hennen einzufangen, die gackernd um den Zaun herumflattern;
-ein dritter hat irgendwo einen ungeheuren Topf mit Milch entdeckt, er
-trinkt daraus, und wirft ihn dann mit schallendem Lachen zu Boden.
-
-Das Bataillon, mit dem ich die Festung N. verlassen hatte, war auch
-im Aul. Der Kapitän saß auf dem Dach einer Hütte und blies aus seinem
-kurzen Pfeifchen die Rauchwölkchen seines *sambrotalischen* Tabaks mit
-so gleichgültiger Miene in die Luft, daß ich bei seinem Anblick vergaß,
-daß ich mich in einem feindlichen Aul befinde und das Gefühl hatte, als
-sei ich hier völlig zu Hause.
-
-Ach, auch Sie hier? sagte er, als er mich bemerkte.
-
-Die hohe Gestalt des Leutnants Rosenkranz tauchte bald hier, bald
-dort im Aul auf: er war ununterbrochen in Thätigkeit und hatte das
-Aussehen eines Menschen, der von einer Sorge sehr in Anspruch genommen
-ist. Ich sah, wie er mit feierlicher Miene aus einer Hütte herauskam;
-ihm folgten zwei Soldaten, die einen alten Tataren gebunden führten.
-Der Alte, dessen ganze Kleidung ein buntes Beschmet, das in Lumpen
-herabhing, und zerfetzte Beinkleider bildeten, war so gebrechlich,
-daß seine fest auf dem Rücken zusammengeschnürten knochigen Arme sich
-kaum an den Schultern zu halten schienen, und seine krummen, nackten
-Beine sich nur mit Mühe vorwärts bewegten. Sein Gesicht, ja sogar
-ein Teil seines rasierten Kopfes war von tiefen Furchen durchzogen.
-Der schiefgezogene, zahnlose Mund, den ein grauer, kurzgeschnittener
-Schnurrbart und Backenbart umgab, bewegte sich unaufhörlich, als ob er
-etwas kaute; aber aus den roten, wimperlosen Augen leuchtete noch das
-Feuer und prägte sich deutlich des Alters Gleichgültigkeit gegen das
-Leben aus.
-
-Rosenkranz fragte ihn mit Hilfe des Dolmetschs, warum er nicht mit den
-andern geflohen sei.
-
-Wohin soll ich fliehen? sagte er und blickte ruhig nach der Seite.
-
-Wo die andern hingeflohen sind, bemerkte jemand.
-
-Die Dshigiten sind mit den Russen in den Kampf gezogen, aber ich bin
-ein alter Mann.
-
-Fürchtest du dich denn nicht vor den Russen?
-
-Was können mir die Russen thun? Ich bin ein alter Mann, sagte er wieder
-und sah teilnahmslos in dem Kreise umher, der sich um ihn gebildet
-hatte.
-
-Als ich wieder zurückkehrte, sah ich, wie dieser alte Mann ohne Mütze
-mit gebundenen Händen zitternd hinter dem Sattel eines Linienkosaken
-saß und mit demselben leidenschaftslosen Ausdruck um sich sah. Er war
-zum Austausch der Gefangenen unentbehrlich.
-
-Ich kletterte auf das Dach und ließ mich neben dem Kapitän nieder.
-
-Der Feind scheint nicht stark an Zahl gewesen zu sein, sagte ich zu
-ihm, denn ich wollte seine Meinung hören über den eben beendeten Kampf.
-
-Der Feind? wiederholte er verwundert. Es hat ja gar keinen Feind
-gegeben. Nennt man das etwa einen Feind? ... Abends werden Sie sehen,
-wenn wir den Rückzug antreten, dann sollen Sie sehen, wie sie uns
-begleiten werden: wie sie da hervorkommen werden! fügte er hinzu und
-zeigte mit dem Glase nach dem Waldwege, den wir des Morgens gegangen
-waren.
-
-Was ist dort? fragte ich beunruhigt und unterbrach den Kapitän, indem
-ich auf die Don'schen Kosaken hinzeigte, die sich unweit von uns
-gesammelt hatten.
-
-Aus ihrer Schar klang etwas wie das Weinen eines Kindes herüber und die
-Worte: eh, schlagt nicht ... halt ... man könnte es sehen ... hast du
-ein Messer, Ewstignjeïtsch? ... Gieb das Messer her ...
-
-Sie teilen etwas, die verfluchten Kerle, sagte der Kapitän ruhig.
-
-Aber in demselben Augenblick kam plötzlich mit glühendem, erregtem
-Gesicht der hübsche Fähnrich um die Ecke gestürmt und stürzte, mit den
-Armen durch die Luft fahrend, auf die Kosaken zu.
-
-Rührt ihn nicht an, schlagt ihn nicht! rief er mit kindlicher Stimme.
-
-Als die Kosaken den Offizier erblickten, gingen sie auseinander und
-ließen einen weißen Ziegenbock los. Der junge Fähnrich wurde äußerst
-verlegen, murmelte etwas vor sich hin und blieb mit verlegener Miene
-vor ihnen stehen. Als er mich und den Kapitän auf dem Dache erblickte,
-errötete er noch mehr und kam in hüpfenden Schritten zu uns heran.
-
-Ich glaubte, sie wollten ein Kind töten, sagte er mit schüchternem
-Lächeln.
-
-
-X
-
-Der General ritt mit der Reiterei voraus. Das Bataillon, mit dem ich
-die Festung N. verlassen hatte, blieb in der Nachhut. Die Kompagnie des
-Kapitäns Chlopow und des Leutnants Rosenkranz rückten gleichzeitig aus.
-
-Die Prophezeiung des Kapitäns ging vollständig in Erfüllung. Wir hatten
-kaum den schmalen Waldweg betreten, von dem er gesprochen hatte, als
-von beiden Seiten unaufhörlich Bergbewohner zu Pferde und zu Fuß
-vorüberhuschten, und in solcher Nähe, daß ich ganz deutlich sah, wie
-einige zusammengekauert, die Büchse in der Hand, von einem Baum zum
-andern hinüberrannten.
-
-Der Kapitän entblößte sein Haupt und bekreuzte sich andächtig;
-einige alte Soldaten thaten das Gleiche. Im Walde hörte man wildes
-Kriegsgeschrei und die Worte: »Iaj, giaur! uruß iaj!« Knatternde kurze
-Büchsenschüsse folgten einer dem andern, und die Kugeln pfiffen von
-beiden Seiten. Die Unseren erwiderten schweigend im Lauffeuer. Nur
-selten hörte man in ihren Reihen Bemerkungen wie die: »*Er*[O] feuert von
-da, *er* hat es leicht, hinter den Bäumen versteckt, *Kanonen* müßten wir
-haben ...« u. s. w.
-
- [O] *Er* ist ein Sammelname, unter dem die kaukasischen Soldaten den
- Feind im Allgemeinen zu verstehen pflegen.
-
-Die Geschütze rückten in die Schlachtlinie ein. Nach einigen
-Kartätschensalven schien der Feind zu ermatten, aber nach einem kurzen
-Augenblick und mit jedem Schritt, den die Truppen machten, wurde das
-Feuer, das Geschrei und das Kriegsgeheul wieder stärker.
-
-Wir hatten uns kaum 300 Faden von dem Aul zurückgezogen, als die
-feindlichen Kugeln pfeifend über unsern Häuptern zu schwirren begannen.
-Ich sah, wie ein Soldat von einer Kugel hingestreckt wurde ... Aber
-wozu die Einzelheiten dieses schrecklichen Bildes wiedererzählen, da
-ich doch selbst viel dafür gäbe, wenn ich es vergessen könnte.
-
-Leutnant Rosenkranz selbst schoß, ohne auch nur einen Augenblick
-zu unterbrechen, aus seiner Büchse, schrie mit heiserer Stimme die
-Soldaten an und sprengte im vollen Lauf von einem Flügel zum andern. Er
-war ein wenig blaß, und das stand seinem kriegerischen Gesicht sehr gut.
-
-Der hübsche Fähnrich war entzückt. Seine schönen schwarzen Augen
-strahlten vor Kühnheit, seinen Mund umspielte ein leichtes Lächeln;
-immer wieder kam er zu dem Kapitän herangeritten und bat um die
-Erlaubnis, mit Urrah im Sturme vorzugehen.
-
-Wir werfen sie zurück, sagte er mit innerer Überzeugung. Wahrhaftig,
-wir werfen sie zurück.
-
-Nicht nötig, erwiderte der Hauptmann ruhig, wir müssen zurückgehen.
-
-Die Kompagnie des Kapitäns hielt den Waldesrand besetzt und erwiderte
-das feindliche Feuer liegend. Der Kapitän, in seinem abgetragenen
-Überrock und in seiner zerzausten Mütze, hatte seinem Paßgänger,
-einem Schimmel, die Zügel hängen lassen und seine Beine in dem kurzen
-Steigbügel zusammengezogen; so stand er schweigend an einer und
-derselben Stelle. (Die Soldaten wußten so gut, was sie zu thun hatten,
-und führten es so gut aus, daß man ihnen nicht zu befehlen brauchte.)
-Von Zeit zu Zeit nur erhob er seine Stimme lauter und schrie die
-an, die die Köpfe emporhoben. Die Gestalt des Kapitäns hatte wenig
-Kriegerisches an sich, dafür aber lag in ihr soviel Aufrichtigkeit
-und Schlichtheit, daß sie mich außerordentlich berührte. »Das heißt
-wahrhaft tapfer«, sprach es unwillkürlich in mir.
-
-Er war *ganz so, wie ich ihn immer sah*. Dieselben sicheren Bewegungen,
-dieselbe ruhige Stimme, derselbe Ausdruck von Gradheit in seinem
-unschönen, aber schlichten Gesicht. Nur in dem Blick, der leuchtender
-war, als gewöhnlich, konnte man an ihm die Aufmerksamkeit eines
-Menschen beobachten, der ruhig seiner Sache hingegeben ist. Es sagt
-sich leicht: *ganz so wie immer*; aber wie mannigfache Abstufungen habe
-ich bei andern wahrnehmen können: der eine will ruhiger, der andere
-ernster erscheinen, ein dritter heiterer als gewöhnlich; an dem Gesicht
-des Kapitäns aber konnte man merken, daß er gar nicht begreifen konnte,
-warum man etwas scheinen sollte.
-
-Der Franzose, der bei Waterloo sagte: »_La garde meurt, mais ne se
-rend pas_« und andere, besonders französische Helden, die denkwürdige
-Worte gesprochen haben, waren tapfer und haben wirklich denkwürdige
-Worte gesprochen; aber zwischen ihrer Tapferkeit und der Tapferkeit des
-Kapitäns ist der Unterschied, daß er, wenn sich auch ein großes Wort,
-gleichviel bei welcher Gelegenheit, in der Seele meines Helden geregt
-hätte, er es -- davon bin ich überzeugt -- nicht ausgesprochen hätte:
-erstens, weil er gefürchtet hätte, durch das große Wort selbst, wenn
-er es aussprach, das große Werk zu zerstören; zweitens, weil, wenn
-ein Mensch die Kraft in sich fühlt, ein großes Werk zu vollbringen,
-jedes Wort überflüssig ist. Dies ist nach meiner Meinung das besondere
-und große Merkmal der russischen Tapferkeit; und wie soll demnach ein
-russisches Herz nicht bluten, wenn man unter unseren jungen Kriegern
-fade französische Phrasen hört, die es dem veralteten französischen
-Rittertum gleich zu thun streben? ...
-
-Plötzlich erklang von der Seite, wo der hübsche Fähnrich mit seinem
-Zuge stand, ein vereinzeltes und schwaches Urrah. Ich sah mich um bei
-dem Rufe und erblickte etwa 30 Mann, die mit dem Gewehr in der Hand und
-dem Sack auf dem Rücken mit Mühe und Not über ein bebautes Ackerfeld
-liefen. Sie stolperten, kamen aber doch alle mit lautem Geschrei
-vorwärts. Ihnen voraus sprengte mit gezücktem Säbel der junge Fähnrich.
-
-Alles verschwand im Walde.
-
-Nach einem Kriegsgeschrei und Gewehrknattern von mehreren Minuten kam
-aus dem Walde ein scheues Pferd hervorgestürzt, und am Saum erschienen
-Soldaten, die die Gefallenen und Verwundeten heraustrugen; unter den
-Letzteren war der junge Fähnrich. Zwei Soldaten hielten ihn unter den
-Arm gestützt. Er war bleich wie ein Tuch, und sein hübsches Köpfchen,
-auf dem nur ein Schatten jener kriegerischen Begeisterung sichtbar war,
-die es eine Minute vorher beseelt hatte, war schrecklich zwischen den
-Schultern eingesunken und hing auf die Brust herab. Auf dem weißen Hemd
-unter dem aufgeknöpften Rock sah man einen kleinen blutigen Fleck.
-
-Ach, welch ein Jammer, sagte ich unwillkürlich und wandte mich von
-diesem traurigen Schauspiel ab.
-
-Oh ja, es ist bejammernswert, sagte der alte Soldat, der mit düsterer
-Miene, den Ellbogen auf das Gewehr gestützt, neben mir stand. Er
-fürchtet sich vor nichts, wie kann man nur so sein! fügte er hinzu
-und blickte unverwandt zu dem Verwundeten hinüber. Er ist noch nicht
-gescheit und hat es büßen müssen.
-
-Fürchtest du dich denn? fragte ich.
-
-Etwa nicht?
-
-
-XI
-
-Vier Soldaten trugen den Fähnrich auf einer Tragbahre; hinter ihm
-führte ein Trainsoldat ein hageres, abgetriebenes Pferd, dem zwei
-grüne Kasten aufgeladen waren, in denen die Werkzeuge des Feldschers
-aufbewahrt lagen. Man erwartete den Arzt. Die Offiziere kamen zu
-der Tragbahre herangeritten und gaben sich Mühe, den Verwundeten zu
-ermuntern, aufzurichten und zu trösten.
-
-Nun, Bruder Alanin, du wirst nicht so bald wieder mit den Castagnetten
-tanzen können, sagte lächelnd heranreitend Leutnant Rosenkranz.
-
-Er glaubte wahrscheinlich, diese Worte würden den Mut des hübschen
-Fähnrichs aufrichten; aber soviel man aus dem kalt-traurigen Ausdruck
-des Blicks des Letzteren sehen konnte, hatten diese Worte die erwartete
-Wirkung nicht.
-
-Auch der Kapitän kam herangeritten. Er betrachtete den Verwundeten
-unverwandt, und in seinen stets gleichmütig-kühlen Zügen prägte sich
-aufrichtiges Mitleid aus.
-
-Nun, mein teurer Anatolij Iwanytsch, sagte er mit einer Stimme, die von
-so zärtlicher Teilnahme erfüllt war, wie ich es nie von ihm erwartet
-hätte. Gott hat es offenbar so gewollt.
-
-Der Verwundete sah sich um; sein bleiches Gesicht belebte ein trauriges
-Lächeln.
-
-Ja, ich habe Ihnen nicht gefolgt.
-
-Sagen Sie lieber, Gott hat es so gewollt, wiederholte der Kapitän.
-
-Der Arzt war gekommen, er nahm von dem Feldscher die Binden, die Sonde
-und was er sonst noch brauchte, streifte die Ärmel auf und trat mit
-einem ermunternden Lächeln an den Verwundeten heran.
-
-Nun, auch Ihnen haben sie, wie es scheint, ein Loch an einer heilen
-Stelle gemacht? sagte er in scherzhaft-leichtem Ton. Zeigen Sie mal her.
-
-Der Fähnrich gehorchte; aber in dem Ausdruck, mit dem er den lustigen
-Arzt ansah, lag Verwunderung und Vorwurf. Der Arzt bemerkte das nicht.
-Er sondierte die Wunde und besah sie von allen Seiten; der Verwundete
-aber wurde ungeduldig und schob die Hand des Arztes mit schwerem
-Stöhnen zurück.
-
-Lassen Sie mich, sagte er mit kaum vernehmbarer Stimme. Es ist ganz
-gleich, ich sterbe.
-
-Mit diesen Worten fiel er zurück, und fünf Minuten später, als ich
-an die Gruppe, die sich um ihn gebildet hatte, herantrat und einen
-Soldaten fragte: »Wie steht's mit dem Fähnrich?« antwortete man mir:
-»Er geht hinüber.«
-
-
-XII
-
-Es war schon spät, als die Abteilung, in Reih und Glied, mit
-klingendem Spiel sich der Festung näherte. Die Sonne war hinter dem
-schneebedeckten Bergrücken versunken und warf ihre letzten rosigen
-Strahlen auf eine lange, zarte Wolke, die an dem hellen, lichten
-Horizont stand. Die Schneeberge begannen sich in bläulichen Nebel zu
-hüllen; nur ihre höchsten Umrisse hoben sich mit außerordentlicher
-Klarheit von dem Purpurlicht des Sonnenunterganges ab. Der längst
-aufgegangene, durchsichtige Mond begann das dunkle Blau mit seinem
-hellen Schimmer zu beleuchten. Das Grün des Grases und der Bäume
-wurde schwärzlich und bedeckte sich mit Tau. Die dunklen Heeresmassen
-bewegten sich mit gleichmäßigem Laut über die duftigen Wiesen; von
-allen Seiten tönten Glockenspiel, Trommel und lustige Lieder. Der
-Stimmführer der sechsten Kompagnie ließ seine Stimme mit voller Kraft
-erschallen, die Töne seines reinen vollen Tenors, voll Empfindung und
-Kraft, erklangen weithin durch die klare Abendluft.
-
-
-
-
-Der Holzschlag
-
-Erzählung eines Junkers
-
-
-I
-
-Es war um die Mitte des Winters 185., eine Division unserer Batterie
-stand im Felde in der großen Tschetschnja. Am Abend des 14. Februar
-hatte ich erfahren, daß der Zug, den ich in Abwesenheit des
-Offiziers kommandierte, zu der Kolonne befehligt war, die morgen zum
-Waldausholzen gehen sollte. Ich hatte schon am Abend die nötigen
-Befehle empfangen und weitergegeben und mich früher als gewöhnlich in
-mein Zelt begeben, und da ich nicht die schlechte Gewohnheit hatte, es
-mit glühenden Kohlen zu heizen, legte ich mich bekleidet, wie ich war,
-auf mein Bett, das auf Pflöcken hergerichtet war, zog die Fellmütze
-über die Augen, wickelte mich in meinen Pelz ein und versank in den
-eigentümlichen, festen und schweren Schlaf, den man im Augenblick
-der Erregung und Unruhe vor der Gefahr schläft. Die Erwartung des
-Unternehmen von morgen hatte mich in diesen Zustand versetzt.
-
-Um drei Uhr morgens, als es noch ganz dunkel war, riß mir jemand den
-warm gewordenen Schafpelz herunter, und die rötliche Farbe der Kerzen
-traf meine verschlafenen Augen schmerzhaft.
-
-Belieben Sie aufzustehen, sagte eine Stimme. Ich schloß die Augen,
-zog unbewußt den Schafpelz wieder herauf und schlief ein. Belieben
-Sie aufzustehen, wiederholte Dmitrij von neuem und rüttelte mich
-erbarmungslos an der Schulter, die Infanterie rückt aus. Da wurde
-mir auf einmal die Wirklichkeit klar, ich schüttelte mich und sprang
-auf die Beine. Schnell trank ich mein Glas Thee, wusch mich mit dem
-eiskalten Wasser, kroch aus meinem Zelt und ging in den Park (der
-Ort, wo die Geschütze stehen). Es war dunkel, neblig und kalt. Die
-nächtlichen Wachtfeuer beleuchteten die Soldaten, die um sie herum
-gelagert waren, und verstärkten die Dunkelheit durch ihren matten
-Purpurschein. In der Nähe war ein gleichmäßiges ruhiges Schnarchen zu
-hören, in der Ferne die Bewegungen, das Gespräch und das Waffengeklirr
-des Fußvolks, das sich zum Aufbruch rüstete; es roch nach Rauch, Lunte
-und Nebel; der Schauer der Morgenkühle lief mir über den Rücken und
-meine Zähne schlugen unwillkürlich gegeneinander.
-
-Nur an dem Schnauben und von Zeit zu Zeit erklingendem Hufschlag
-konnte man in dieser undurchdringlichen Dunkelheit erkennen, wo die
-bespannten Protzwagen und Pulverkästen, und an den leuchtenden Punkten
-der Lunten, wo die Geschütze standen. Mit den Worten: »Mit Gott!«
-erklirrte das erste Geschütz, hinterdrein rasselte der Pulverkasten,
-und der Zug setzte sich in Bewegung. Wir nahmen alle unsere Mützen
-ab und bekreuzten uns. Als der Zug den freien Raum zwischen den
-Infanterie-Abteilungen eingenommen hatte, machte er Halt und wartete
-etwa eine Viertelstunde, bis die ganze Kolonne sich gesammelt und der
-Befehlshaber gekommen war.
-
-Bei uns fehlt ein Soldat, Nikolaj Petrowitsch, sagte eine dunkle
-Gestalt, die auf mich zuschritt, und die ich nur an der Stimme als den
-Zugfeuerwerker Maksimow erkannte.
-
-Wer?
-
-Welentschuk fehlt. Als angespannt wurde, war er da, -- ich habe ihn
-gesehen --, jetzt fehlt er.
-
-Da nicht anzunehmen war, daß die Kolonne sich sofort in Bewegung setzen
-würde, beschlossen wir, den Liniengefreiten Antonow auszuschicken, um
-Welentschuk zu suchen. Gleich darauf trabten an uns in der Dunkelheit
-zwei Reiter vorüber: es war der Befehlshaber mit seinem Gefolge, und in
-diesem Augenblick rührte sich die Spitze der Kolonne und setzte sich in
-Bewegung, endlich auch wir; Antonow aber und Welentschuk waren nicht
-da. Wir waren aber kaum hundert Schritt vorwärts gekommen, als beide
-Soldaten uns einholten.
-
-Wo war er? fragte ich Antonow.
-
-Er hat im Park geschlafen!
-
-Wie, hat er denn einen Rausch?
-
-Ei, Gott bewahre.
-
-Warum ist er denn aber eingeschlafen?
-
-Das weiß ich nicht.
-
-Drei Stunden lang bewegten wir uns langsam ohne einen Laut durch den
-Nebel über unbeackerte, schneelose Felder und niedriges Gesträuch
-dahin, das unter den Rädern der Geschütze knirschte. Endlich, als
-wir den flachen, aber außerordentlich reißenden Bach überschritten
-hatten, wurde Halt befohlen, und in der Vorhut ertönten abgerissene
-Büchsenschüsse. Diese Laute wirkten wie immer besonders erregend auf
-alle. Die Abteilung schien aus dem Schlaf zu erwachen. In den Reihen
-ertönte Geplauder, Bewegung und Lachen. Von den Soldaten rang der eine
-mit dem Kameraden, der eine hüpfte von einem Bein auf das andere,
-ein dritter kaute Zwieback oder übte zum Zeitvertreib: Präsentiert
-das Gewehr, oder: Gewehr bei Fuß. Dabei begann der Nebel im Osten
-sichtlich heller zu werden, die Feuchtigkeit wurde fühlbarer, und die
-Gegenstände rings um uns her traten aus dem Dunkel hervor. Ich konnte
-schon die grünen Lafetten und Pulverkästen unterscheiden, das von der
-Nebelfeuchtigkeit bedeckte Erz der Geschütze, die bekannten, ohne
-meinen Willen bis in die kleinste Einzelheit mir vertraut gewordenen
-Gestalten meiner Soldaten, die braunen Pferde und die Reihen der
-Infanterie mit ihren blitzenden Bajonetten, Brotsäcken, Kugelausziehern
-und Kesseln auf dem Rücken.
-
-Bald wurde uns befohlen, vorwärts zu gehen, und nachdem wir
-einige hundert Schritt ohne bestimmtes Ziel gemacht hatten, wurde
-uns ein Platz angewiesen. Rechts schimmerte das steile Ufer des
-schlangenartigen Flüßchens und die hohen hölzernen Säulen eines
-tatarischen Kirchhofs; links und vor uns blinkte durch den Nebel ein
-dunkler Streifen hindurch. Der Zug protzte ab. Die achte Kompagnie,
-die uns Deckung bot, stellte die Gewehre zusammen, und ein Bataillon
-Soldaten ging mit Gewehren und Äxten in den Wald.
-
-Es waren kaum fünf Minuten vergangen, als von allen Seiten die
-Wachtfeuer zu knistern und zu qualmen begannen. Die Soldaten hatten
-sich zerstreut, fachten die Feuer mit den Händen und Füßen an,
-schleppten Reisig und Holz heran, und unaufhörlich schallte durch den
-Wald der Klang von hundert Äxten und gefällten Bäumen.
-
-Die Artilleristen hatten in einem gewissen Wetteifer mit der
-Infanterie ihr eigenes Wachtfeuer angezündet, und obgleich es schon in
-solcher Glut loderte, daß man ihm nicht auf zwei Schritt nahe kommen
-konnte, und der dichte, schwarze Rauch durch die eisbehängten Zweige
-emporstieg, von welchen die Tropfen herabfielen und im Feuer zischten,
-und welche die Soldaten in die Flamme hineinlegten, sich unten Kohlen
-und absterbendes weißes Gras rings um das Feuer bildete, schien doch
-alles den Soldaten noch zu wenig. Sie schleppten ganze Stämme heran,
-legten Gras unter und fachten das Feuer immer mehr und mehr an.
-
-Als ich an das Wachtfeuer herantrat, um eine Cigarette anzuzünden,
-holte Welentschuk, der stets eifrig war, jetzt aber in seinem
-Schuldbewußtsein, sich mehr als andere beim Feuer zu schaffen machte,
-in einem Anfall von Übereifer ganz aus der Mitte mit bloßer Hand eine
-Kohle, indem er sie ein- und zweimal von einer Hand auf die andere und
-dann auf die Erde warf.
-
-Zünde doch ein Reis an und reiche es hin, sagte ein anderer.
-
-Die Lunte, Kameraden, reicht hin, sagte ein dritter. Als ich
-endlich ohne die Hilfe Welentschuks, der wieder mit den Händen eine
-Kohle nehmen wollte, eine Cigarette angeraucht hatte, rieb er die
-verbrannten Finger an den hinteren Schößen seines Schafpelzes und hob,
-wahrscheinlich, um irgend etwas zu thun, einen großen Cedernklotz auf
-und schleuderte ihn aus voller Kraft in das Feuer. Als er endlich
-glaubte, ausruhen zu dürfen, ging er ganz nahe an die Glut heran,
-faltete den Mantel, den er wie einen Dolman auf dem Hinterkopf trug,
-aneinander, spreizte die Beine, streckte seine großen schwarzen Hände
-vor, verzog leicht seinen Mund und kniff die Augen zusammen.
-
-Ei der Tausend! Ich habe mein Pfeifchen vergessen. Ach, das ist
-schlimm, Kameraden, sagte er, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte,
-ohne sich an einen Bestimmten unter ihnen zu wenden.
-
-
-II
-
-In Rußland giebt es drei hervorstechende Soldatentypen, unter die
-man die Mannschaften aller Truppengattungen einordnen kann: der
-kaukasischen, armenischen, der Garde, der Infanterie, der Kavallerie,
-der Artillerie u. s. w.
-
-Diese Haupttypen, die wiederum viele Unterabteilungen und viel
-Gemeinschaftliches haben, sind:
-
-1. die Gehorsamen,
-
-2. die Befehlerischen und
-
-3. die Tollkühnen.
-
-Die Gehorsamen zerfallen in a) die kaltblütig Gehorsame und b) in die
-eifrig Gehorsame.
-
-Die Befehlerischen zerfallen in a) Schroffbefehlerische und b)
-Höflichbefehlerische.
-
-Die Tollkühnen zerfallen in a) in die lustigen Tollkühnen und b) in die
-ausschweifenden Tollkühnen.
-
-Der Typus, der am häufigsten vorkommt -- der liebenswürdigste,
-sympathischste und meist mit den besten christlichen Tugenden, mit
-Sanftmut, Frömmigkeit, Geduld und Ergebenheit in den Willen Gottes
-verbundene Typus -- ist der Typus der Gehorsamen schlechtweg. Der
-hervorstechende Zug des kaltblütig Gehorsamen ist die durch nichts
-zu erschütternde Ruhe und Verachtung aller Schicksalsschläge, die
-ihn treffen können. Das hervorstechende Merkmal des gehorsamen
-Trunkenbolds ist eine stille Neigung zum Poetischen und Empfindsamkeit;
-das hervorstechende Merkmal der Eifrigen -- die Beschränktheit der
-Geistesgaben, verbunden mit zwecklosem Fleiß und Geschäftigkeit.
-
-Der Typus der Befehlerischen schlechtweg kommt vornehmlich in
-den höheren Soldatenkreisen vor: bei Gefreiten, Unteroffizieren,
-Feldwebeln u. s. w. und ist, in der ersten Unterabteilung der schroff
-Befehlerischen, ein sehr edler, energischer, vornehmlich kriegerischer
-Typus, der auch einen hohen poetischen Schwung nicht ausschließt.
-(Zu diesem Typus gehörte der Gefreite Antonow, mit dem ich den Leser
-bekannt machen will.) Die zweite Unterabteilung bilden die höflich
-Befehlerischen, die seit einiger Zeit stark an Zahl zu wachsen
-beginnen. Der höflich Befehlerische ist stets bereit, kann lesen
-und schreiben, trägt ein rosa Hemd, ißt nicht aus dem gemeinsamen
-Kessel, raucht zuweilen feingeriebenen Tabak, hält sich für etwas
-unvergleichlich Höheres als den gewöhnlichen Soldaten und pflegt selbst
-selten ein so guter Soldat zu sein, wie die Befehlerischen der ersten
-Klasse.
-
-Der Typus der Tollkühnen ist ganz wie der Typus der Befehlshaberischen
-in seiner ersten Abteilung gut: in der Abteilung der lustigen
-Tollkühnen, deren unterscheidendes Merkmal eine unerschütternde
-Heiterkeit, außerordentliche Fähigkeit zu allem, reiche Naturanlagen
-und Kühnheit sind -- und ebenso entsetzlich schlecht in der zweiten
-Abteilung: der der ausschweifenden Tollkühnen, die indessen, wie zur
-Ehre des russischen Heeres gesagt werden muß, höchst selten vorkommen,
-und wenn sie vorkommen, von der Soldatengemeinschaft selbst aus der
-Kameradschaft ausgeschlossen werden. Unglaube und eine gewisse Kühnheit
-im Laster sind die Hauptcharakterzüge dieser Abteilung.
-
-Welentschuk gehörte zu der Kategorie der eifrig Gehorsamen. Er war
-Kleinrusse von Geburt, diente schon 15 Jahre und war ein unansehnlicher
-und ungewandter Soldat, aber treuherzig, gut, außerordentlich
-eifrig, wenn auch meist an unpassender Stelle, und außerordentlich
-ehrenhaft. Ich sage: außerordentlich ehrenhaft, weil er im vorigen
-Jahre, bei einer bestimmten Gelegenheit, höchst augenscheinlich diese
-charakteristische Eigenschaft hervortreten ließ. Ich muß bemerken, daß
-fast jeder von den Soldaten ein Handwerk versteht. Die verbreitetsten
-Handwerke sind die Schneiderei und die Schuhmacherei. Welentschuk
-selbst hatte das erstere Handwerk gelernt und, wenn man danach urteilt,
-daß Michail Dorofeïtsch, der Feldwebel selbst, ihm seine eigenen
-Kleider zu machen gab, einen gewissen Grad der Vollkommenheit erreicht.
-Im vergangenen Jahre hatte Welentschuk im Lager einen feinen Mantel
-für Michail Dorofeïtsch zu machen übernommen; aber in der Nacht, in
-der er das Tuch zerschnitten und das Futter angemessen und beides im
-Zelt unter sein Kopfkissen gelegt hatte, geschah ihm ein Unglück. Das
-Tuch, das *sieben Rubel* kostete, war in der Nacht verloren gegangen!
-Welentschuk machte dem Feldwebel, mit Thränen in den Augen, mit
-zitternden, bleichen Lippen und verhaltenem Schluchzen Meldung. Michail
-Dorofeïtsch wurde wütend. Im ersten Augenblick seines Zornes drohte
-er dem Schneider, dann ließ er die Sache, als ein Mann von Wohlstand
-und Güte, sein und forderte von Welentschuk nicht, daß er ihm den
-Wert des Mantels ersetze. So eifrig auch der eifrige Welentschuk war,
-soviel er auch weinte und den Leuten von seinem Unglück vorerzählte,
-der Dieb war nicht zu finden. Obgleich man starken Verdacht auf einen
-ausschweifenden, tollkühnen Soldaten, Tschernow, hatte, der mit ihm
-in einem Zelte schlief, hatte man doch keine positiven Beweise. Der
-höflichbefehlerische Michail Dorofeïtsch hatte, als ein Mann von
-Wohlhabenheit, der mit dem Kapitän _d'armes_ und dem Leiter der Artel,
-den Aristokraten der Batterie, Geschäfte hatte, bald den Verlust seines
-Privatmantels vergessen; Welentschuk dagegen hatte sein Unglück nicht
-vergessen. Die Soldaten sagten, sie hätten damals für ihn gefürchtet,
-ob er nicht etwa Hand an sich legen oder in die Berge laufen werde, --
-so stark hatte dies Unglück auf ihn eingewirkt. Er trank nicht, er aß
-nicht, selbst zur Arbeit war er unfähig und weinte beständig. Nach drei
-Tagen kam er zu Michail Dorofeïtsch, ganz bleich, zog mit zitternder
-Hand einen Gulden aus dem Ärmelaufschlag und reichte ihn ihm. Bei
-Gott, es ist mein letztes, Michail Dorofeïtsch, und auch das habe ich
-von Shdanow borgen müssen, sagte er und schluchzte wieder; und noch
-zwei Rubel bringe ich, bei Gott, sobald ich sie verdient habe. Er (wer
-»er« war, wußte Welentschuk selbst nicht) hat mich vor ihren Augen zu
-einem Schurken gemacht. Er -- die giftige, gemeine Seele! -- hat seinem
-Bruder und Kameraden das letzte Hemd vom Leibe genommen; fünfzehn Jahre
-diene ich und ...« Zu Michail Dorofeïtschs Ehre muß ich sagen, daß er
-von Welentschuk die fehlenden zwei Rubel nicht nahm, obgleich sie ihm
-Welentschuk zwei Monate später brachte.
-
-
-III
-
-Außer Welentschuk wärmten sich am Wachtfeuer noch fünf Mann meines
-Zuges.
-
-An der besten Stelle, wo man gegen den Wind geschützt war, saß auf
-einem Holzfäßchen der Feuerwerker des Zuges Maksimow und rauchte sein
-Pfeifchen. In der Haltung, in dem Blick, in allen Bewegungen dieses
-Mannes konnte man die Gewohnheit zu befehlen, und das Bewußtsein des
-eignen Wertes lesen, abgesehen sogar von dem Holzfäßchen, auf dem er
-saß, das in der Raststätte das Abzeichen der Macht bildete, und den
-Nanking-überzogenen Pelzrock.
-
-Als ich herankam, wandte er mir sein Gesicht zu; seine Augen aber
-blieben auf das Feuer gerichtet, und erst viel später wandte sich sein
-Blick, der Richtung des Gesichts folgend, mir zu. Maksimow war ein
-Einhöfer. Er besaß Vermögen, er hatte in der Lehrbrigade Unterricht
-erhalten und sich Gelehrsamkeit angeeignet. Er war ungeheuer reich
-und ungeheuer gelehrt, wie die Soldaten sagten. Ich erinnere mich,
-wie er einmal bei einer Übung im Scheibenschießen mit dem Quadranten
-den Soldaten, die sich um ihn gesammelt hatten, erklärte, daß die
-Wasserwage »nichts anderes sei, als das atmosphärische Quecksilber
-seine Bewegung hat«. In Wirklichkeit war Maksimow keineswegs dumm und
-verstand seine Sache vortrefflich; aber er hatte die unglückselige
-Eigentümlichkeit, bisweilen mit Absicht so zu sprechen, daß man ihn
-unmöglich verstehen konnte, und daß er selbst, wie ich überzeugt bin,
-seine eigenen Worte nicht verstand. Besonders gebrauchte er gern die
-Worte: »hervorgehen« und »fortfahren« und wenn er anfing: daraus
-geht hervor oder fortfahrend, dann wußte ich schon vorher, daß ich
-von allem, was dann kam, nichts verstehen würde. Die Soldaten aber
-hörten, wie ich bemerken konnte, sein »fortfahrend« mit Vergnügen und
-vermuteten dahinter einen tiefen Sinn, obgleich sie, ganz wie ich,
-kein Wort verstanden. Aber diesen Mangel des Verständnisse setzten
-sie auf Rechnung ihrer eigenen Dummheit, und ihre Achtung vor Fjodor
-Maksimytsch war nur um so größer. Mit einem Worte, Maksimow war einer
-von den Höflichbefehlerischen.
-
-Der zweite Soldat, der in der Nähe des Feuers die Stiefel auf seine
-sehnigen, roten Beine zog, war Antonow, der Bombardier Antonow, der
-schon im Jahre 37, als er mit zwei Kameraden bei einem Geschütz ohne
-Deckung zurückgeblieben war, den starken Feind abgeschlagen und mit
-zwei Kugeln im Schenkel das Geschütz weiter bedient und geladen hatte.
-»Er hätte längst Feuerwerker sein müssen, wenn er einen anderen
-Charakter hätte,« sagten die Soldaten von ihm. Und er hatte in der
-That einen sonderbaren Charakter. War er nüchtern, so gab es keinen
-ruhigeren, friedlicheren und ordentlicheren Menschen, hatte er aber
-getrunken, so wurde er ein ganz anderer Mensch. Er erkannte keine
-Obrigkeit an, raufte sich, trieb allerlei Unfug und wurde ein ganz
-unbrauchbarer Soldat. Erst vor acht Tagen hatte er in der Butterwoche
-tüchtig getrunken, und trotz aller Drohungen, Mahnungen, trotzdem er
-ans Geschütz gebunden wurde, hörte er nicht auf zu saufen und Unfug
-zu treiben bis zum Fastenmontag. Die ganze Fastenzeit hindurch aber
-nährte er sich, trotz des Befehls, daß die ganze Mannschaft keine
-Fastenspeise essen solle, nur von Zwieback, nahm sogar in der ersten
-Woche nicht einmal die ihm zukommende Ration Branntwein. Übrigens mußte
-man diese gedrungene, eisenfeste Gestalt mit den kurzen, nach auswärts
-gebogenen Beinen und der glänzenden, bärtigen Fratze sehen, wenn er
-im Rausch die Balalajka in die sehnige Hand nahm, geringschätzig nach
-allen Seiten umhersah und die »Herrin« zu spielen begann, oder wenn er
-den Mantel, an dem die Orden baumelten, kühn umwarf und, die Hände in
-die Tasche der blauen Nankinghosen gesteckt, über die Straße ging --
-man mußte den Ausdruck soldatischen Stolzes und der Geringschätzung
-alles Nicht-Soldatischen sehen, der dann um seine Züge spielte, um
-zu begreifen, daß es für ihn ganz unmöglich war, in einem solchen
-Augenblick nicht mit einem grobwerdenden oder einfach zufällig in den
-Weg kommenden Burschen, Kosaken, Infanteristen oder Kolonisten, kurz
-Nicht-Artilleristen, zu raufen. Er raufte und trieb seinen Unfug nicht
-so sehr zum eigenen Vergnügen als zur Aufrechterhaltung des Geistes und
-des gesamten Soldatentums, als dessen Vertreter er sich fühlte.
-
-Der dritte Soldat, der zusammengekauert an dem Wachtfeuer saß, war
-der Fahrer Tschikin. Er trug einen Ring im Ohr, hatte ein borstiges
-Schnurrbärtchen, ein Vogelgesicht und hielt eine Porzellanpfeife
-im Munde. Tschikin, der liebe, gute Tschikin, wie ihn die Soldaten
-zu nennen pflegten, war ein *Spaßmacher*. Im furchtbarsten Frost,
-im tiefsten Schmutz, zwei Tage ohne Essen auf dem Marsche, bei der
-Musterung, bei der Übung, immer und überall schnitt der gute, liebe
-Tschikin Gesichter, trieb mit seinen Beinen allerlei Späße und trieb
-solche Scherze, daß der ganze Zug sich vor Lachen schüttelte. Auf der
-Raststätte oder im Lager bildete sich um Tschikin immer ein Kreis
-junger Soldaten. Er begann mit ihnen ein Kartenspiel oder erzählte
-Geschichten von dem schlauen Soldaten und dem englischen Mylord,
-oder er spielte einen Tataren, einen Deutschen oder er machte auch
-einfach seine Bemerkungen, über die sich alle zu Tode lachen konnten.
-Allerdings war sein Ruf als eines Spaßmachers in der Batterie schon so
-gefestigt, daß er nur den Mund zu öffnen und mit den Augen zu blinzeln
-brauchte, um ein allgemeines Gelächter hervorzurufen, aber er hatte
-wirklich viel echt Komisches und Überraschendes an sich. Er verstand
-in jedem Dinge etwas Besonderes zu sehen, etwas, was anderen gar nicht
-in den Sinn kam, und was die Hauptsache war, diese Fähigkeit, in allem
-etwas Komisches zu sehen, widerstand keiner Versuchung.
-
-Der vierte Soldat war ein junger, unansehnlicher Bursche, ein Rekrut
-der vorjährigen Aushebung, der zum erstenmal an einem Feldzuge
-teilnahm. Er stand mitten im Rauch und so nahe am Feuer, daß man
-glauben konnte, sein fadenscheiniger Pelzrock müsse jeden Augenblick
-Feuer fangen, trotzdem aber konnte man an seinen zurückgeschlagenen
-Schößen, an seiner ruhigen, selbstzufriedenen Haltung und den
-hervortretenden Waden erkennen, daß er ein großes Behagen empfand.
-
-Der fünfte Soldat endlich, der ein wenig entfernt von dem Wachtfeuer
-saß und ein Stäbchen schnitzte, war Onkelchen Shdanow. Shdanow war an
-Dienstjahren der älteste von allen Soldaten in der Batterie. Er hatte
-sie alle als Rekruten gekannt, und alle nannten ihn nach einer alten
-Gewohnheit Onkelchen. Er trank nie, wie die Leute sagten, er rauchte
-nie, er spielte nie Karten (nicht einmal »Nase«), er brauchte nie ein
-häßliches Schimpfwort. Die ganze dienstfreie Zeit beschäftigte er sich
-mit Schuhmacherei. An den Feiertagen besuchte er die Kirche, wo es
-möglich war, oder er stellte eine Kopekenkerze vor das Heiligenbild
-und schlug den Psalter auf, das einzige Buch, in dem er lesen konnte.
-Mit den Soldaten ließ er sich wenig ein. Mit denen, die im Rang höher
-standen, wenn sie auch jünger an Jahren waren, war er von kühler
-Ehrerbietung, mit Gleichgestellten hatte er als Nichttrinker wenig
-Gelegenheit zusammenzukommen; besonders aber hatte er die Rekruten und
-die jungen Soldaten gern: die nahm er stets unter seine Obhut, las
-ihnen die Instruktionen vor und half ihnen häufig. Alle Leute in der
-Batterie hielten ihn für einen reichen Mann, weil er 25 Rubel besaß,
-die er gern einem Soldaten lieh, der wirklich in Not war. Maksimow,
-derselbe Maksimow, der jetzt Feuerwerker war, erzählte mir, als er
-einst vor zehn Jahren als Rekrut eingetreten war, und die alten,
-trinklustigen Kameraden mit ihm sein Geld vertrunken hatten, habe
-Shdanow, der seine unglückliche Lage bemerkte, ihn zu sich gerufen,
-ihm einen strengen Verweis wegen seiner Aufführung erteilt, ihn sogar
-geschlagen, ihm die Instruktionen vorgelesen, wie der Soldat sich zu
-führen habe, dann habe er ihm ein Hemd gegeben, da Maksimow keines mehr
-hatte, und einen halben Rubel, und ihn fortgeschickt. »Er hat einen
-Menschen aus mir gemacht,« pflegte Maksimow stets von ihm mit Achtung
-und Dankbarkeit zu sagen. Er war es auch, der Welentschuk, der sich
-stets seines Schutzes erfreute, schon von der Rekrutenzeit her bei dem
-Unglück wie bei dem Verluste des Mantels geholfen hatte, und so vielen
-anderen während seiner 25jährigen Dienstzeit.
-
-Was den Dienst betrifft, so konnte man keinen Soldaten finden, der
-seine Sache besser verstand, der tapferer und ordentlicher war als
-er; aber er war zu ruhig und unansehnlich, um zum Feuerwerker ernannt
-zu werden, obwohl er schon fünfzehn Jahre Bombardier war. Shdanows
-einzige Freude, ja seine Leidenschaft, war der Gesang. Einige Lieder
-besonders hatte er sehr gern, er suchte sich immer einen Kreis von
-Sängern unter den jüngeren Soldaten und stand mitten unter ihnen,
-obgleich er selbst nicht singen konnte, hielt die Hände in den Taschen
-des Pelzrocks, kniff die Augen zusammen und drückte durch Bewegungen
-des Kopfes und der Kiefern seine Teilnahme aus. Ich weiß nicht, warum
-ich in dieser gleichmäßigen Bewegung der Kiefern unter dem Ohre, die
-ich nur bei ihm beobachtet habe, außerordentlich viel Ausdruck fand.
-Der schneeweiße Kopf, der gewichste, schwarze Schnauzbart und das
-gebräunte, faltenreiche Gesicht gaben ihm auf den ersten Blick ein
-strenges, rauhes Aussehen; aber sah man tiefer in seine großen runden
-Augen, besonders wenn sie lachten (mit den Lippen lachte er nie), so
-wurde man plötzlich durch etwas außerordentlich Mildes, fast Kindliches
-überrascht.
-
-
-IV
-
-Ach, da habe ich meine Pfeife vergessen. Das ist schlimm, Kameraden!
-sagte Welentschuk immer wieder.
-
-Du solltest Cigarren rauchen, lieber Freund, begann Tschikin; dabei
-verzog er den Mund und blinzelte mit den Augen -- ich rauche zu Hause
-auch immer Cigarren, die schmecken süßer.
-
-Selbstverständlich schüttelten sich alle vor Lachen.
-
-Da hat er die Pfeife vergessen, fiel Maksimow ein, ohne das allgemeine
-Gelächter zu beachten, und klopfte mit der Miene eines Vorgesetzten
-stolz seine Pfeife auf der Fläche der linken Hand aus. Wo bist du denn
-eigentlich gewesen, Welentschuk, he?
-
-Welentschuk kehrte sich halb zu ihm um, erhob die Hand zur Mütze, ließ
-sie aber bald wieder sinken.
-
-Man sieht's, hast von gestern noch nicht ausgeschlafen, daß du im
-Stehen einnickst. Dafür wird man euresgleichen keinen Dank sagen.
-
-Zerreißt mich hier auf der Stelle, Fjodor Maksimowitsch, wenn ich nur
-ein Tröpfchen im Munde gehabt habe; ich weiß selbst nicht, was mit mir
-geschehen ist, antwortete Welentschuk. Was hat's denn so Gutes gegeben,
-daß ich mich hätte betrinken sollen? brummte er vor sich hin.
-
-Das ist's ja eben, da ist man für euresgleichen seinem Vorgesetzten
-verantwortlich, und ihr bleibt immer dabei ... Das hat keine Art!
-schloß der beredte Maksimow schon in viel ruhigerem Tone.
-
-Ist's nicht ein Wunder, Kameraden, fuhr Welentschuk nach einem
-minutenlangen Schweigen fort, dabei kratzte er sich im Nacken und
-wandte sich an niemanden insbesondere, wahrhaftig, ein Wunder ist's!
-Kameraden. Sechzehn Jahre bin ich im Dienst, aber so etwas ist mir
-noch nie passiert. Als es hieß zum Appell antreten, da war ich zur
-Stelle, wie sich's gehört -- ganz in der Ordnung -- da plötzlich beim
-Park packt es mich ... packt mich und wirft mich zu Boden, und fertig.
-Und wie ich eingeschlafen bin, weiß ich nicht, Kameraden! Es muß die
-Schlafsucht selbst gewesen sein, schloß er.
-
-Ich habe dich ja kaum wach kriegen können, sagte Antonow, während er
-sich den Stiefel aufzog. Ich rüttelte und rüttelte dich ... wie ein
-Stück Holz.
-
-Siehst du, bemerkte Welentschuk, ich muß tüchtig betrunken gewesen sein
-...
-
-So gab's bei uns zu Hause ein Weib, begann Tschikin, die lag euch
-zwei Jahre, zwei Jahre, sag' ich, auf dem Ofen. Man weckte sie -- sie
-schläft, denken die Leute -- und sie liegt euch tot da; sie bekam auch
-immer die Schlafsucht. Ja so, lieber Freund.
-
-Aber erzähl' doch, Tschikin, wie du während des Urlaubs den Ton
-angegeben hast, sagte Maksimow lächelnd und sah mich an, als wollte er
-sagen: »Beliebt es Ihnen nicht auch, einem dummen Menschen zuzuhören?«
-
-Was für einen Ton, Fjodor Maksimytsch? sagte Tschikin und warf mir
-schielend einen Blick zu. Das weiß ja jeder. Ich habe erzählt, wie es
-im Kaukasus aussieht.
-
-Nun ja, wie denn, wie denn? Verstell dich nur nicht, erzähle, wie du
-sie »angeführt« hast.
-
-Das ist bekannt, wie ich sie angeführt habe ... Sie fragten, wie wir
-leben -- begann Tschikin in überstürzter Rede mit der Miene eines
-Menschen, der schon oft dasselbe erzählt hat. -- Wir leben gut, lieber
-Freund, sage ich, unsern Proviant empfangen wir reichlich. Morgens und
-abends kommt eine Tasse Schickolaten auf den Soldaten, zu Mittag giebt
-es herrschaftliche Suppe aus Perlgraupen und statt des Branntweins
-bekommt jeder ein Gläschen Modera -- Modera Divirje, der ohne Flasche
-zweiundvierzig Kopeken kostet.
-
-Feiner Modera, fiel Welentschuk ein und schüttelte sich mehr als die
-anderen vor Lachen, das nenne ich einen Modera!
-
-Na und was hast du von den Asiaten erzählt? fuhr Maksimow fort zu
-fragen, als das allgemeine Lachen ein wenig zu verstummen begann.
-
-Tschikin beugte sich zu dem Feuer vor, nahm mit einem Stäbchen eine
-kleine Kohle, legte sie auf sein Pfeifchen und setzte schweigend, als
-bemerkte er die sprachlose Neugier, die er in seinen Hörern erregt
-hatte, nicht, langsam sein Tabakstengelchen in Brand. Als er endlich
-Rauch genug bekommen hatte, warf er die Kohle fort, schob seine Mütze
-noch tiefer in den Nacken und fuhr mit einem Achselzucken und einem
-leichten Lächeln fort:
-
-Sie fragen mich auch, was das da für ein kleiner Tscherkeß ist, oder,
-sagt er, schlägt man bei euch im Kaukasus den Türken? Bei uns, sag'
-ich, lieber Freund, giebt's nicht *einen* Tscherkessen, sondern viele.
-Es giebt solche Tawlinzen, die in Felsbergen wohnen und Steine statt
-Brot essen. Die sind so groß, sag' ich, wie ein tüchtiger Klotz, haben
-ein Auge auf der Stirn und tragen rote Mützen, die brennen nur so, ganz
-wie deine, lieber Freund! fügte er hinzu, zu einem jungen Rekruten
-gewandt, der wirklich eine hochkomische Mütze mit rotem Deckel trug.
-
-Der junge Rekrut setzte sich bei dieser unerwarteten Ansprache
-plötzlich auf die Erde, schlug sich die Knie und brach in ein solches
-Lachen und Husten aus, daß er nur mit tonloser Stimme hervorbringen
-konnte: »Das sind die Tawlinzen!«
-
-Und dann, sage ich, giebt es noch die Mumren -- fuhr Tschikin fort und
-rückte mit einer Kopfbewegung seine Mütze in die Stirn, -- das sind
-wieder andere, kleine Zwillinge ... Immer zu Paaren, sage ich, halten
-sie sich bei den Händen und rennen, sag' ich, so wie der Wind, daß man
-sie zu Pferde nicht einholen kann. -- Wie, sagt er, wie ist das bei
-den Mumren, kommen sie so auf die Welt, Hand in Hand, oder wie? sagte
-er mit kehlartiger Baßstimme und glaubte einem Bauern nachzuahmen.
-Ja, sag' ich, lieber Freund, so ist er von Natura. Versucht nur, die
-Hände auseinanderzureißen, dann kommt Blut, grad wie bei den Chinesen,
-nimm ihm die Mütze ab, gleich kommt Blut. -- Aber sag' uns, Kleiner,
-wie schlagen sie sich, sagt er. -- Ei so, sag' ich: Sie packen dich,
-schlitzen dir den Bauch auf und wickeln sich deine Gedärme um den Arm
-und wickeln und wickeln ... sie wickeln, und du lachst, bis dir die
-Seele aus dem Leibe ...
-
-Ei wie, haben sie dir denn Glauben geschenkt? sagte Maksimow mit
-leichtem Lächeln, während die anderen sich halb tot lachten.
-
-Das sonderbare Volk glaubt wahrhaftig alles, Fjodor Maksimytsch -- bei
-Gott, sie glauben alles! ... Dann erzählte ich ihnen vom Berge Kasbek,
-daß da den ganzen Sommer über der Schnee nicht schmilzt, da lachten
-sie mich tüchtig aus, guter Freund! -- Was faselst du, Kleiner? Hat
-man so etwas gesehen, ein großer Berg und darauf soll der Schnee nicht
-schmelzen? Bei uns, Kleiner, schmilzt im Tauwetter der kleinste Hügel
--- und der taut zuerst auf, und im Hohlweg bleibt der Schnee noch
-liegen. -- Da hast du's! -- schloß Tschikin und blinzelte mit den Augen.
-
-
-V
-
-Der leuchtende Sonnenball, dessen Strahlen durch den milchweißen Nebel
-hindurchdrangen, war schon ziemlich hoch emporgestiegen; der graublaue
-Horizont erweiterte sich allmählich und war, wenn auch bedeutend
-weiter, aber doch ebenso scharf von der täuschenden weißen Nebelwand
-begrenzt.
-
-Vor uns that sich jenseits des ausgeholzten Waldes ein ziemlich
-weites Feld auf. Über das Feld breitete sich von allen Seiten her ein
-schwarzer, dort ein milchweißer oder violetter Rauch von Wachtfeuern,
-und die weißen Schichten des Nebels wogten in wunderlichen Gestalten.
-Weit vorn erschienen von Zeit zu Zeit Gruppen berittener Tataren, hörte
-man in Zwischenräumen die Schüsse aus unsern Stutzen, aus ihren Büchsen
-und Geschützen.
-
-»Das war noch kein Gefecht, sondern nur ein Scherz,« wie der gute
-Kapitän Chlopow sagt.
-
-Der Kommandeur der neunten Jägerkompagnie, der sich bei uns in der
-Deckung befand, trat zu seinen Geschützen heran, zeigte auf drei
-berittene Tataren, die in diesem Augenblick am Walde vorüberkamen,
-mehr als sechshundert Faden von uns entfernt, und bat, nach der allen
-Infanterieoffizieren eigenen Vorliebe für Artilleriefeuer, eine Kugel
-oder Granate auf sie zu schleudern.
-
-Sehen Sie, sagte er mit einem guten und überzeugenden Lächeln und
-streckte die Hand über meine Schulter, dort, wo die zwei großen
-Bäume stehen, vorn ... Einer auf einem weißen Pferd und im schwarzen
-Tscherkessenrock, und dort hinten noch zwei, sehen Sie, könnte man
-nicht, bitte ...
-
-Und da reiten noch drei am Waldessaum, fügte Antonow, der sich durch
-ein wunderbares Auge auszeichnete, hinzu, indem er auf uns zukam und
-die Pfeife, die er gerade rauchte, hinter seinem Rücken verbarg. Der
-Vordere nimmt eben seine Büchse aus dem Futteral. Man sieht's ganz
-deutlich, Euer Wohl'boren!
-
-Ei sieh, er hat losgedrückt, Kameraden! da steigt ein weißes
-Rauchwölkchen auf, sagte Welentschuk zu einer Gruppe von Soldaten, die
-ein wenig hinter uns standen.
-
-Gewiß auf unsere Vorpostenkette, der Dreckfink, bemerkte ein anderer.
-
-Sieh nur, wie viele da hinter dem Walde hervorkommen! Sie besichtigen
-gewiß den Ort -- wollen ein Geschütz aufstellen, fügte ein dritter
-hinzu. -- Wenn man ihnen eine Granate mitten in den Haufen
-hinüberschickte, die würden euch spucken ...
-
-Was denkst du, wird sie bis dahin tragen? fragte Tschikin.
-
-Fünfhundert oder fünfhundertundzwanzig Faden, mehr sind's nicht, sagte
-Maksimow kaltblütig, als ob er mit sich selbst spräche, obgleich man
-ihm anmerkte, daß er nicht weniger Lust hatte, loszufeuern, als die
-anderen, wenn man fünfundvierzig Linien aus dem Einhorn giebt, so muß
-man ganz genau treffen, d. h. ganz vollständig.
-
-Wissen Sie, wenn man jetzt auf dieses Häufchen zielt, so muß man
-unbedingt jemanden treffen. Da, da, jetzt, wie eng sie mit den Pferden
-zusammenstehen, befehlen Sie doch jetzt, so schnell als möglich zu
-schießen, bat mich der Kompagniekommandeur unaufhörlich.
-
-Befehlen Sie das Geschütz zu richten? fragte plötzlich Antonow mit
-seiner schwerfälligen Baßstimme und mit einer Miene finsteren Zornes.
-
-Ich gestehe, ich hatte selbst große Lust dazu, und ich befahl, das
-zweite Geschütz zu richten.
-
-Kaum hatte ich das Wort ausgesprochen, so war auch schon die Granate
-mit Pulver bestreut und eingeführt, und Antonow kommandierte schon, an
-die Lafettenwand gelehnt und seine dicken Finger auf das Hinterteil des
-Geschützes stützend: Protzstock rechts und links.
-
-Ein ganz klein wenig nach links ... Eine Spur nach rechts ... noch,
-noch ein wenig ... So ist's recht, sagte er und trat mit stolzer Miene
-von dem Geschütz zurück.
-
-Der Infanterieoffizier, ich und Maksimow legten uns einer nach dem
-andern an das Visir, und jeder sprach seine abweichende Meinung aus.
-
-Bei Gott, es trägt hinüber, bemerkte Welentschuk und schnalzte mit
-der Zunge, obgleich er nur über Antonows Schulter hinweggeblickt und
-daher gar keinen Grund hatte, das anzunehmen. Bei Gott, sie trägt
-schnurstracks hinüber, in den Baum dort muß sie einschlagen, Kameraden!
-
-Zweites Geschütz, kommandierte ich.
-
-Die Bedienungsmannschaft trat auseinander. Antonow lief nach der Seite,
-um den Flug des Geschosses zu verfolgen; das Zündrohr flammte auf,
-das Erz erdröhnte. In diesem Augenblick hüllte uns Pulverdampf ein,
-und von den erschütternden, dumpfen Tönen des Schusses löste sich der
-metallische, summende Klang der mit Blitzesschnelle dahinfliegenden
-Kugel, der inmitten des gemeinen Schweigens in der Ferne erstarb.
-
-Ein wenig hinter der Gruppe der Reiter wurde ein weißer Rauch sichtbar,
-die Tataren sprengten nach allen Seiten aneinander und der Klang der
-krepierten Granate klang zu uns herüber.
-
-Das war schön! Wie sie fortmachen! Die Teufelskerle, das haben
-sie nicht gern! ließen sich Beifall und Scherze in den Reihen der
-Artilleristen und der Infanteristen hören.
-
-Hätte man's ein bißchen niedriger gerichtet, so hätte sie ganz genau
-getroffen, bemerkte Welentschuk. Ich habe gesagt, es trifft den Baum,
-und so war's auch -- nach rechts ist sie gegangen.
-
-
-VI
-
-Ich verließ die Soldaten, während sie darüber sprachen, wie die Tataren
-davongesprengt waren, als sie die Granate erblickt, und weshalb sie
-hier herumritten, und ob wohl ihrer viele im Walde wären, ging mit
-dem Kompagnieführer wenige Schritte davon, setzte mich unter einen
-Baum, und erwartete die aufgewärmten Klopse, die er mir angeboten
-hatte. Der Kompagnieführer Bolchow war einer von den Offizieren,
-die man im Regiment die »Bonjours« nannte. Er besaß Vermögen, hatte
-früher in der Garde gedient und sprach französisch. Aber trotzdem
-hatten ihn die Kameraden gern. Er war recht gescheit und besaß Takt
-genug, um einen Petersburger Rock zu tragen, gut zu Mittag zu speisen
-und französisch zu sprechen, ohne das Offizierskorps übermäßig zu
-beleidigen. Wir sprachen über das Wetter, über die Kriegsereignisse und
-die gemeinsamen Bekannten unter den Offizieren und gewannen aus den
-Fragen und Antworten und aus der Auffassung der Dinge die Überzeugung,
-daß wir in unseren Ansichten ziemlich übereinstimmten, und so gingen
-wir unwillkürlich zu einem vertraulicheren Gespräch über. Im Kaukasus
-pflegt, wenn Menschen einer Gesellschaftsklasse sich begegnen, wenn
-auch unausgesprochen, so doch ziemlich klar, die Frage aufzutauchen:
-weshalb sind Sie hier? und auf diese meine unausgesprochene Frage
-schien mein Genosse die Antwort geben zu wollen.
-
-Wann wird dieser Feldzug ein Ende nehmen! sagte er träge -- langweilig!
-
-Ich langweile mich nicht, sagte ich. Im Stabe ist's ja noch
-langweiliger.
-
-Ach, im Stabe ist es zehntausendmal schlimmer, sagte er wütend. Aber
-nein, wann wird das alles ein Ende nehmen?
-
-Aber was soll denn, nach Ihrer Meinung, ein Ende nehmen? fragte ich.
-
-Alles, ganz und gar! ... He, Nikolajew, sind die Klopse fertig? fragte
-er.
-
-Warum haben Sie eigentlich im Kaukasus Dienste gesucht, sagte ich, wenn
-Ihnen hier so wenig gefällt?
-
-Wissen Sie warum? antwortete er mit entschlossener Offenheit, weil es
-so hergebracht ist. In Rußland giebt es doch eine besondere Tradition
-vom Kaukasus, als sei hier das gelobte Land für unglückliche Menschen
-jeder Art.
-
-Ja, das hat etwas Wahres, sagte ich, die meisten von uns ...
-
-Was aber das Beste ist, unterbrach er mich, wir alle, die wir dieser
-Tradition gemäß nach dem Kaukasus gehen, verrechnen uns entsetzlich,
-und ich kann ganz und gar nicht einsehen, warum wir nach einer
-unglücklichen Liebe oder bei zerrütteten Verhältnissen lieber in
-den Kaukasus gehen, um Dienste zu nehmen, als nach Kasanj oder nach
-Kaluga. In Rußland stellt man sich den Kaukasus als etwas Erhabenes
-vor, mit ewig jungfräulichen Gletschern, mit reißenden Strömen, mit
-Dolchen, Filzmänteln, Tscherkessenmädchen -- alles das hat etwas
-Grauenerregendes, in Wirklichkeit aber liegt darin nichts Lustiges.
-Wenn sie wenigstens wüßten, daß wir nie zu dem jungfräulichen Eise
-gelangen, ja, daß es gar kein Vergnügen ist, dahin zu kommen, und daß
-der Kaukasus in Provinzen geteilt ist: in Stawropol, in Tiflis u. s. w.
-...
-
-Ja, sagte ich lachend, wir sehen in Rußland den Kaukasus mit ganz
-anderen Augen an als hier. Haben Sie das schon einmal an sich erfahren?
-Wenn man Verse liest in einer Sprache, die man nicht gut versteht,
-stellt man sie sich viel hübscher vor, als sie sind.
-
-Ich weiß wahrhaftig nicht. Aber mir mißfällt der Kaukasus im höchsten
-Grade, unterbrach er mich.
-
-Oh nein, der Kaukasus ist für mich auch jetzt schön, nur in anderem
-Sinne.
-
-Er mag vielleicht auch schön sein, fuhr er mit einer gewissen
-Gereiztheit fort. Ich weiß nur, daß ich mir im Kaukasus nicht gefalle.
-
-Aber warum das? sagte ich, um doch etwas zu sagen.
-
-Nun, erstens, weil *er* mich getäuscht hat. Alles das, wovon ich
-Heilung hoffte im Kaukasus nach der Tradition, alles hat mich hierher
-begleitet, nur mit dem Unterschied, daß all dies früher auf der großen
-Vordertreppe war und jetzt auf einer kleinen, schmutzigen Hintertreppe
-ist, auf deren einzelnen Stufen ich Millionen kleiner Aufregungen,
-Gemeinheiten, Kränkungen finde; zweitens, weil ich fühle, wie ich mit
-jedem Tage moralisch sinke, tiefer und tiefer, und vor allem, weil
-ich mich für den Dienst in diesem Lande unfähig fühle: ich kann keine
-Gefahren ertragen -- kurz, ich bin nicht tapfer ...
-
-Obgleich dies unerbetene Bekenntnis mich außerordentlich in Erstaunen
-setzte, widersprach ich nicht, wie mein Genosse offenbar wünschte,
-sondern erwartete von ihm selbst die Widerlegung seiner Worte, wie das
-immer in solchen Fällen zu sein pflegt.
-
-Sie müssen wissen, ich bin bei dem jetzigen Feldzuge zum erstenmal
-im Feuer, fuhr er fort, und Sie können sich nicht vorstellen, was
-mir gestern begegnet ist. Als der Feldwebel den Befehl brachte, daß
-meine Kompagnie für die Abteilung bestimmt sei, wurde ich bleich wie
-Leinewand und konnte vor Erregung kein Wort hervorbringen. Und wüßten
-Sie, wie ich die Nacht zugebracht habe! Wenn es wahr ist, daß Menschen
-vor Angst grau werden, so müßte ich heute ganz weiß sein, denn
-sicherlich hat noch kein zum Tode Verurteilter in einer Nacht so viel
-gelitten, wie ich; sogar jetzt fühle ich noch etwas hier drinnen, wenn
-mir auch ein wenig leichter ist, als heute Nacht! fügte er hinzu und
-bewegte die Faust vor seiner Brust hin und her. Das Lächerlichste ist,
-fuhr er fort, daß sich hier das schrecklichste Drama abspielt, und man
-selbst Klopse mit Lauch ißt und sich einredet, es sei sehr lustig ...
-Giebt's Wein, Nikolajew? fügte er gähnend hinzu.
-
-Das ist *er*, Kameraden, erklang in diesem Augenblick die erregte
-Stimme eines Soldaten. Alle Augen richteten sich auf den Saum des
-fernen Waldes.
-
-Eine bläuliche Rauchwolke erhob sich vom Winde getrieben in der Ferne
-und wurde größer und größer. Als ich begriffen hatte, daß es ein Schuß
-des Feindes gewesen, nahm plötzlich alles, was in diesem Augenblick
-vor meinen Augen stand, einen neuen, erhabenen Charakter an. Die
-zusammengestellten Gewehre, der Rauch der Wachtfeuer, der blaue Himmel,
-die grünen Geschützgestelle, Nikolajews verbranntes Gesicht mit dem
-großen Schnauzbart -- all dies schien mir zu sagen, daß die Kugel, die
-schon aus dem Rauch herausgeflogen war und in diesem Augenblick in der
-freien Luft schwebte, vielleicht geradewegs auf meine Brust gerichtet
-sein könnte.
-
-Wo haben Sie den Wein hergenommen? fragte ich Bolchow nachlässig,
-während im Innersten meiner Seele zwei Stimmen gleich vernehmlich
-sprachen: die eine »Herr, nimm meine Seele in Frieden auf«, die
-andere »Ich hoffe mich nicht zu bücken, sondern zu lächeln, wenn die
-Kugel vorüberkommt«, -- und in diesem Augenblick pfiff etwas wirklich
-Unangenehmes über unsere Köpfe hin, und zwei Schritt von uns schlug die
-Kugel ein.
-
-Sehen Sie, wenn ich Napoleon oder Friedrich wäre, sagte Bolchow in
-diesem Augenblick und wandte sich vollkommen kaltblütig zu mir, hätte
-ich unbedingt irgend eine Liebenswürdigkeit gesagt.
-
-Sie haben sie ja auch jetzt gesagt, antwortete ich und konnte nur
-mit Mühe die Unruhe verbergen, die die überstandene Gefahr in mir
-hervorgerufen hatte.
-
-Nun ja, gesagt schon, aber niederschreiben wird es niemand.
-
-So werde ich es niederschreiben.
-
-Wenn Sie es auch niederschreiben, so geschieht es doch nur zur Kritik,
-wie Mischtschenkow sagt, fügte er lächelnd hinzu.
-
-Pfui, du Verfluchte! sagte in diesem Augenblick hinter uns Antonow und
-spie ärgerlich zur Seite aus, um ein Haar hätte sie meine Beine gepackt.
-
-Alle meine Bemühungen, kaltblütig zu erscheinen und alle unsere
-künstlichen Phrasen erschienen mir plötzlich unerträglich dumm nach
-diesem gutherzigen Ausruf.
-
-
-VII
-
-Der Feind hatte wirklich zwei Geschütze an der Stelle aufgepflanzt,
-wo die Tataren patrouilliert hatten, und gab alle 20 oder 30 Minuten
-Schüsse auf unsere Holzfäller ab. Mein Zug wurde nach der Wiese
-vorausgeschickt und erhielt den Befehl, das Feuer zu erwidern. Am
-Waldessaum stieg leichter Rauch auf, man hörte einen Schuß, ein
-Pfeifen, und eine Kugel fiel hinter uns oder vor uns nieder. Die
-feindlichen Geschosse fielen glücklich, und wir hatten keinen Verlust.
-
-Die Artilleristen hielten sich, wie immer, vortrefflich: sie luden
-rasch, richteten sorgfältig nach dem aufsteigenden Rauch und scherzten
-ruhig untereinander. Die Infanteriedeckung lag in schweigsamer
-Unthätigkeit in unserer Nähe und wartete, bis sie an die Reihe kam.
-
-Die Holzfäller machten ihre Arbeit: die Äxte erklangen schneller und
-häufiger im Walde, nur in dem Augenblick, wo sich das Pfeifen eines
-Geschosses hören ließ, verstummte plötzlich alles, und durch die
-Totenstille erklangen ein wenig erregte Stimmen: »Bückt euch, Kinder!«
--- und alle Augen richteten sich auf die Kugel, die an die Wachtfeuer
-und an die abgehauenen Äste anschlug.
-
-Der Nebel hatte sich ganz gehoben, nahm immer mehr die Gestalt von
-Wolken an und verschwand allmählich in dem tiefdunklen Blau des
-Himmels; die hervortretende Sonne leuchtete hell und warf ihren
-heiteren Schimmer auf den Stahl der Bajonette, das Erz der Geschütze,
-auf die auftauchende Erde und den glänzenden Reif. In der Luft
-fühlte man die Frische des Morgenfrostes zugleich mit der Wärme der
-Frühlingssonne; tausend verschiedene Schatten und Farben flossen in
-dem trockenen Laub der Bäume zusammen, und auf den ausgefahrenen,
-glänzenden Wegen wurden die Spuren der Räder und der Hufeisendornen
-deutlich sichtbar.
-
-Die Bewegung unter den Truppen wurde immer stärker und deutlicher.
-Von allen Seiten sah man immer häufiger die bläulichen Rauchwolken
-der Schüsse. Die Dragoner mit den flatternden Fähnlein an den Lanzen
-ritten an der Spitze; in den Reihen der Infanterie ertönten Lieder,
-und der Wagenzug mit dem Holz formierte sich in der Nachhut. Da kam zu
-unserem Zuge der General herangeritten und befahl, sich zum Rückzuge
-zu rüsten. Der Feind hatte sich in den Gebüschen unserem linken Flügel
-gegenüber festgesetzt und begann uns durch ein Gewehrfeuer stark zu
-beunruhigen. Von links aus dem Walde her kam eine Kugel vorübergesaust
-und schlug in das Geschützgestell, dann eine zweite, eine dritte ...
-die Infanteriedeckung, die in unserer Nähe lag, sprang lärmend auf die
-Beine, griff zu den Gewehren und nahm Stellung in der Vorpostenkette.
-Das Gewehrfeuer wurde stärker, die Kugeln kamen häufiger geflogen.
-Der Rückzug begann, folglich auch das eigentliche Gefecht, wie es im
-Kaukasus immer zu sein pflegt.
-
-Aus allem konnte man erkennen, daß den Artilleristen die Gewehrkugeln
-unbehaglicher waren, als vorhin den Infanteristen die Kanonen. Antonow
-machte ein verdrießliches Gesicht. Tschikin äffte das Summen der Kugeln
-nach und trieb seinen Spaß mit ihnen; aber man sah wohl, daß sie ihm
-nicht behagten. Bei einer sagte er: »Wie eilig sie's hat,« eine andere
-nannte er »Bienchen«, eine dritte, die mit einem seltsam trägen und
-klagenden Laut über uns hinflog, nannte er eine »Waise« und rief damit
-allgemeines Gelächter hervor.
-
-Der junge Rekrut bog, da er es noch nicht gewohnt war, bei jeder
-Kugel den Kopf beiseite und reckte den Hals, und auch das rief bei
-den Soldaten Gelächter hervor. »Wie, ist das eine Bekannte von
-dir, daß du sie grüßest?« sagten sie zu ihm. Auch Welentschuk, der
-immer außerordentlich gleichmütig war in Gefahren, befand sich
-jetzt in erregtem Zustand: es kränkte ihn offenbar, daß wir nicht
-mit Kartätschen nach der Richtung schossen, wo die Gewehrkugeln
-hergeflogen kamen. Er wiederholte mehrere Male mit verdrießlicher
-Stimme: »Soll *er* uns so ungestraft schlagen? Wenn man dorthin ein
-Geschütz richten wollte und eine Kartätsche hinüberblasen, dann würde
-er schon stumm werden.«
-
-In der That, es war Zeit, das zu thun: ich gab Befehl, die letzte
-Granate zu werfen und Kartätschen zu laden.
-
-Kartätschen! rief Antonow und trat munter im Rauch mit dem Stückputzer
-an das Geschütz heran, kaum daß die Ladung heraus war.
-
-In diesem Augenblick hörte ich ein wenig hinter mir den raschen
-summenden Laut einer Gewehrkugel, der plötzlich mit einem trockenen
-Schlag abriß. Mein Herz krampfte sich zusammen. »Es scheint jemand
-von den Unsrigen getroffen zu haben,« dachte ich, scheute mich
-indessen zurückzublicken, unter dem Eindruck einer beängstigenden
-Ahnung. Wirklich hörte man nach diesem Laut das schwere Fallen eines
-Körpers und »oh--oh oh oh--oi!« -- das herzzerreißende Stöhnen eines
-Verwundeten. »Getroffen, Kameraden!« sagte mühsam eine Stimme, die
-ich erkannte. Es war Welentschuk. Er lag auf dem Rücken zwischen dem
-Protzkasten und dem Geschütz. Der Ranzen, den er getragen hatte, war
-nach der Seite geschleudert. Seine Stirn war ganz blutig, und über das
-rechte Auge und die Nase floß ein dichter roter Strom. Er hatte eine
-Wunde im Leibe, aber es war fast kein Blut daran; die Stirn hatte er
-sich beim Fallen an einen Baumstumpf zerschlagen.
-
-Alles das ward mir viel später erst klar; im ersten Augenblick sah ich
-nur eine deutliche Masse und, wie mir schien, furchtbar viel Blut.
-
-Keiner von den Soldaten, die das Geschütz geladen hatten, sprach ein
-Wort. Nur der junge Rekrut brummte etwas vor sich hin wie: »Sieh mal
-dieses Blut,« und Antonow ächzte mit düsterer Miene ärgerlich; aber
-an allem war zu erkennen, daß der Gedanke an den Tod allen durch die
-Seele zog. Alle gingen mit noch größerer Geschäftigkeit ans Werk. Das
-Geschütz war in einem Augenblick geladen, und der Wagenführer, der die
-Kartätschen brachte, ging zwei, drei Schritte um die Stelle herum, an
-der der Verwundete lag und fort und fort stöhnte.
-
-
-VIII
-
-Jeder, der einmal in einer Schlacht gewesen ist, hat gewiß das
-seltsame, wenn auch nicht logische und doch starke Gefühl des Abscheus
-vor einer Stelle empfunden, an der ein Mensch getötet oder verwundet
-wurde. Diesem Gefühl erlagen sichtlich im ersten Augenblick meine
-Soldaten, als es galt, Welentschuk aufzuheben und ihn auf den Wagen
-zu laden, der herangekommen war. Tschikin näherte sich ärgerlich dem
-Verwundeten, faßte ihn, ohne auf sein stärker werdendes Geschrei zu
-achten, unter der Achsel und hob ihn auf. -- »Was steht ihr da, greift
-an,« schrie er, und schnell umringten den Verwundeten an die zehn Mann,
-Helfer, die kaum noch nötig waren. Aber sie hatten ihn kaum von der
-Stelle gebracht, als Welentschuk entsetzlich zu schreien und um sich zu
-schlagen begann.
-
-Was schreist du wie ein Hase? sagte Antonow und packte ihn derb am
-Bein, willst du nicht, lassen wir dich liegen.
-
-Und der Verwundete verstummte wirklich und sagte nur von Zeit zu Zeit:
-»Ach, das ist mein Tod! Ah -- ach Kameraden!«
-
-Als sie ihn aber auf den Wagen gelegt hatten, hörte er sogar auf zu
-ächzen, und ich hörte, daß er mit leiser, aber deutlicher Stimme zu den
-Kameraden sprach -- wahrscheinlich nahm er Abschied von ihnen.
-
-Im Gefecht sieht niemand gern einen Verwundeten, und instinktiv
-beeilte ich mich, von diesem Schauspiel fortzukommen, befahl, ihn
-so schnell als möglich auf den Verbandplatz zu bringen, und ging zu
-den Geschützen; nach einigen Minuten aber sagte man mir, Welentschuk
-wünsche mich zu sprechen, und ich ging auf den Wagen zu.
-
-Der Verwundete lag auf dem Boden des Wagens und hielt sich mit beiden
-Händen am Rand. Sein gesundes, breites Gesicht hatte sich in wenigen
-Sekunden vollständig verändert. Es war, als ob er abgemagert und um
-einige Jahre älter geworden wäre; seine Lippen waren dünn, blaß und mit
-sichtbarer Anstrengung zusammengepreßt; an die Stelle des unstäten und
-stumpfen Ausdrucks seiner Augen war ein heller, ruhiger Glanz getreten,
-und auf der blutbefleckten Stirn und Nase lagen schon die Züge des
-Todes.
-
-Obgleich ihm auch die kleinste Bewegung unbeschreibliche Schmerzen
-verursachte, bat er, man möchte von seinem linken Bein sein
-Geldtscheres[P] abnehmen.
-
- [P] Tscheres ist ein Beutelchen in der Form eines kleinen Gürtels, den
- die Soldaten gewöhnlich unterhalb des Knies tragen.
-
-Ein entsetzlich niederdrückendes Gefühl rief der Anblick seines
-nackten, weißen und gesunden Beines in mir hervor, als man ihm den
-Stiefel abzog und den Tscheres losband.
-
-Drei Moneten sind drin und ein halber Rubel, sagte er mir in dem
-Augenblick, wo ich den Tscheres in die Hand nahm. Sie werden schon so
-gut sein, sie aufzubewahren.
-
-Der Wagen hatte sich in Bewegung gesetzt, aber er ließ ihn halten.
-
-Ich habe dem Leutnant Sulimowskij einen Mantel gearbeitet, und Sie
-haben mir zwei Moneten gegeben. Für anderthalb habe ich Knöpfe gekauft,
-und den halben Rubel habe ich im Beutel liegen mitsamt den Knöpfen.
-Geben Sie sie zurück.
-
-Schön, schön, sagte ich, werde nur gesund, Kamerad.
-
-Er antwortete mir nicht, der Wagen setzte sich in Bewegung, und er
-begann wieder mit entsetzlichster, herzzerreißender Stimme zu stöhnen
-und zu ächzen. Als hätte er nun, nachdem die weltlichen Dinge geordnet
-waren, keine Ursache mehr, sich zu überwinden, hielt er jetzt diese
-Erleichterung, die er sich schaffte, für erlaubt.
-
-
-IX
-
-Ei, wohin? ... Zurück! Wo willst du hin? rief ich den Rekruten an, der
-seine Reservelunte unter den Arm genommen hatte und mit einem Stöckchen
-in der Hand mit größter Kaltblütigkeit dem Wagen folgte, auf dem der
-Verwundete fortgeführt wurde.
-
-Der Rekrut aber warf mir nur einen trägen Blick zu, brummte etwas
-vor sich hin und ging weiter, so daß ich einen Soldaten hinschicken
-mußte, um ihn zurückzubringen. Er nahm sein rotes Mützchen ab, lächelte
-tölpelhaft und sah mich an.
-
-Wo hast du hinwollen? fragte ich.
-
-Ins Lager.
-
-Warum das?
-
-Wie? ... Welentschuk ist verwundet, sagte er wieder lächelnd.
-
-Was geht das dich an? Du hast hierzubleiben.
-
-Er sah mich erstaunt an, dann drehte er sich kaltblütig um, setzte
-seine Mütze auf und ging auf seinen Platz.
-
- [Illustration: Gedankenwechsel]
-
-Der Kampf war im allgemeinen ein glücklicher. Die Kosaken hatten,
-wie es hieß, einen vortrefflichen Angriff gemacht und drei Tataren
-eingebracht; die Infanterie hatte sich mit Holz versorgt und zählte im
-ganzen sechs Verwundete; bei der Artillerie war der Mannschaft nur der
-eine, Welentschuk, und zwei Pferde verloren gegangen. Dafür hatte man
-etwa drei Werst Waldes ausgeholzt und den Platz so gesäubert, daß man
-ihn nicht wieder erkannte; an der Stelle des dichten Waldsaums, den man
-früher dort gesehen hatte, öffnete sich eine ungeheure Wiesenfläche,
-bedeckt von rauchenden Wachtfeuern, von Kavallerie und Infanterie, die
-sich auf das Lager zu bewegte. Obgleich der Feind nicht aufhörte, uns
-mit Geschütz- und Gewehrfeuer zu verfolgen, bis an das Flüßchen und den
-Kirchhof, den wir des Morgens durchschritten hatten, vollzog sich der
-Rückzug glücklich. Meine Gedanken waren schon bei der Kohlsuppe und der
-Hammelrippe mit Grütze, die meiner im Lager harrten, als die Nachricht
-kam, der General habe befohlen, am Flüßchen eine Schanze aufzuschütten
-und bis morgen das dritte Bataillon des K.-Regiments und den Zug der
-vierten Batterie dort lagern zu lassen. Die Wagen mit dem Holz und den
-Verwundeten, die Kosaken, die Artillerie, das Fußvolk mit den Gewehren
-und dem Holz über den Schultern -- alles zog mit Lärmen und Gesang an
-uns vorüber. Auf allen Gesichtern lag Begeisterung und Freude, wie
-sie die überstandene Gefahr und die Erwartung der Ruhe hervorgerufen
-hatten. Nur wir und das dritte Bataillon mußten auf diese angenehmen
-Gefühle noch bis morgen warten.
-
-
-X
-
-Während wir, die Artilleristen, um die Geschütze beschäftigt waren,
-während wir die Protzkasten, die Pulverkasten aufstellten und den
-Pferden die Fußstricke lösten, hatte die Infanterie schon die Gewehre
-zusammengestellt, die Wachtfeuer hergerichtet, aus Ästen und Maisstroh
-Hütten gebaut und angefangen die Grütze zu kochen.
-
-Es begann zu dämmern. Am Himmel zogen blauweiße Wolken hin. Die
-Dunkelheit hatte sich in einen feinen feuchten Nebel verwandelt und
-netzte den Boden und die Mäntel der Soldaten; der Gesichtskreis wurde
-enger, und die ganze Umgegend hüllte sich in düstere Schatten. Die
-Feuchtigkeit, die ich durch die Stiefel hindurch und im Nacken fühlte,
-die ununterbrochene Bewegung und das nie verstummende Gespräch, an
-dem ich keinen Anteil nahm, der lehmige Boden, auf dem meine Füße
-ausglitten und der leere Magen brachten mich in die drückendste,
-unangenehmste Stimmung, nach einem Tage physischer und moralischer
-Ermattung. Welentschuk wollte mir nicht aus dem Sinn. Die ganze
-einfache Geschichte eines Soldatenlebens drängte sich unabweislich
-meiner Phantasie auf.
-
-Seine letzten Augenblicke waren ebenso klar und ruhig gewesen wie
-sein ganzes Leben. Er hatte zu ehrlich und einfach gelebt, als daß
-sein einfältiger Glaube an ein zukünftiges, himmlisches Dasein in dem
-entscheidenden Augenblicke hätte schwanken können.
-
-Grüß Gott, sagte Nikolajew, indem er auf mich zutrat, wollen Sie sich
-gefälligst zum Kapitän bemühen, er bittet Sie, mit ihm Thee zu trinken.
-
-Ich drängte mich, so gut es ging, zwischen den zusammengestellten
-Gewehren und Wachtfeuern hindurch, ging, Nikolajew folgend, zu Bolchow
-und dachte mit Vergnügen an das Glas heißen Thees und an die fröhliche
-Unterhaltung, die meine düsteren Gedanken vertreiben würden.
-
-Gefunden? ertönte Bolchows Stimme aus der Maishütte, in der ein
-Flämmchen schimmerte.
-
-Ich habe ihn hergebracht, Euer Wohlgeboren, antwortete Nikolajew in
-tiefem Baß.
-
-Bolchow saß im Zelt auf einem trockenen Filzmantel mit aufgeknöpftem
-Rock und ohne seine Pelzmütze. Neben ihm brodelte ein Ssamowar und
-stand eine Trommel mit allerlei Imbiß. In dem Fußboden steckte ein
-Bajonett mit einem Licht.
-
-Wie? sagte er mit Stolz und ließ seinen Blick über seinen gemütlichen
-Haushalt schweifen. In der That war es in dem Zelt so hübsch, daß
-ich beim Thee der Feuchtigkeit, der Dunkelheit und des verwundeten
-Welentschuk ganz vergaß. Wir kamen in ein Gespräch über Moskau, über
-Dinge, die in gar keiner Beziehung zum Kriege und zum Kaukasus standen.
-
-Nach einem jener Augenblicke des Schweigens, die bisweilen selbst die
-belebtesten Unterhaltungen unterbrechen, sah mich Bolchow lächelnd an.
-
-Ich muß glauben, unser Gespräch von heute morgen ist Ihnen sehr
-sonderbar vorgekommen? sagte er.
-
-Oh nein, warum das? Es schien mir nur, als seien Sie allzu offenherzig.
-Es giebt eben Dinge, die wir alle wissen, von denen man aber nie
-sprechen darf.
-
-Warum nicht? Wenn es irgend eine Möglichkeit gäbe, dieses Leben selbst
-mit dem abgeschmacktesten und ärmlichsten Leben, nur ohne Gefahr und
-ohne den Dienst, zu vertauschen, ich würde mir's keinen Augenblick
-überlegen.
-
-Warum gehen Sie nicht nach Rußland? sagte ich.
-
-Warum? wiederholte er. O, wie lange habe ich schon daran gedacht.
-Ich kann jetzt nicht eher nach Rußland zurück, als bis ich den
-Wladimirorden, den Annenorden um den Hals und den Majorsrang bekommen,
-wie ich es erwartete, als ich herging.
-
-Warum aber, wenn Sie sich, wie Sie sagen, für den hiesigen Dienst
-untauglich fühlen?
-
-Wenn ich mich aber noch weniger fähig fühlte, nach Rußland so
-zurückzukehren, wie ich hergekommen bin? Das ist auch eine von den
-Überlieferungen, die in Rußland von Mund zu Mund gehen, denen Passek,
-Sljepzow und Andere Dauer gegeben haben, daß man nur nach dem Kaukasus
-zu gehen braucht, um mit Belohnungen überschüttet zu werden. Und von
-uns erwarten und verlangen das alle; und ich bin nun zwei Jahre hier,
-habe zwei Expeditionen mitgemacht und habe nichts bekommen. Aber ich
-besitze doch soviel Eigenliebe, daß ich um keinen Preis von hier
-fortgehe, ehe ich Major bin, den Wladimir- und den Annenorden um den
-Hals bekomme. Ich habe mich schon so in diesen Gedanken hineingelebt,
-daß es mich wurmt, wenn Gnilokischkin eine Auszeichnung bekommt, und
-ich nicht. Und dann, wie soll ich in Rußland meinem Starosten, dem
-Kaufmann Kotjelnikow, dem ich mein Getreide verkaufe, meiner Tante
-in Moskau und all den Herren vor die Augen treten, wenn ich nach
-zweijährigem Dienste im Kaukasus ohne jede Auszeichnung zurückkomme?
-Freilich mag ich von diesen Herrschaften nichts wissen, und sie werden
-sich gewiß auch sehr wenig um mich kümmern; aber der Mensch ist nun
-einmal so beschaffen, daß ich von ihnen nichts wissen mag, und doch um
-ihretwillen meine schönsten Jahre vergeude, all mein Lebensglück, all
-meine Zukunft zerstöre.
-
-
-XI
-
-In diesem Augenblick klang von draußen die Stimme des
-Bataillonskommandeurs herein:
-
-Mit wem plaudern Sie, Nikolaj Fjodorowitsch?
-
-Bolchow nannte meinen Namen, und gleich darauf kamen drei Offiziere
-in die Hütte gekrochen: der Major Kirssanow, der Adjutant seines
-Bataillons und der Kompagniekommandeur Trossenko.
-
-Kirssanow war ein kleiner, wohlbeleibter Mann mit einem kleinen
-Schnurrbart, roten Wangen und verschwommenen kleinen Augen. Diese
-kleinen Augen waren der hervorstechendste Zug in seiner Physiognomie.
-Wenn er lachte, so sah man nur zwei feuchte, glänzende Sternchen, und
-diese Sternchen nahmen zugleich mit den gespannten Lippen und dem
-langgereckten Halse einen höchst sonderbaren Ausdruck von Blödigkeit
-an. Kirssanow hatte im Regiment die beste Aufführung und Haltung.
-Die Untergebenen schalten ihn nicht, die Vorgesetzten achteten ihn,
-obgleich die allgemeine Meinung über ihn war, er sei nicht weit her. Er
-verstand seinen Dienst, war pünktlich und eifrig, war immer bei Gelde,
-besaß eine Kalesche und einen Koch und verstand auf sehr natürliche
-Weise den Stolzen zu spielen.
-
-Wovon sprechen Sie, Nikolaj Fjodorowitsch? sagte er beim Eintreten.
-
-Wir sprechen von den Annehmlichkeiten des hiesigen Dienstes.
-
-Aber in diesem Augenblick hatte Kirssanow mich -- einen Junker --
-bemerkt, darum fragte er, um mich seine Bedeutung fühlen zu lassen,
-als hätte er Bolchows Antwort nicht gehört, mit einem Blicke auf die
-Trommel:
-
-Wie, sind Sie müde, Nikolaj Fjodorowitsch?
-
-Nein, wir waren ja ... wollte Bolchow beginnen.
-
-Aber die Würde des Bataillonskommandeurs erforderte wahrscheinlich, daß
-er wieder unterbreche und eine neue Frage stellte:
-
-Es war doch ein prächtiges Gefecht heute?
-
-Der Bataillonsadjutant war ein junger Fähnrich, der vor kurzem
-noch Junker gewesen war, ein bescheidener und stiller junger Mann
-mit einem verschämten und gutmütig freundlichen Gesicht. Ich hatte
-ihn früher schon bei Bolchow gesehen. Der junge Mann besuchte ihn
-häufig, er machte seine Verbeugung, setzte sich in die Ecke, schwieg
-stundenlang, drehte sich Cigaretten und rauchte sie, dann erhob er
-sich wieder, verbeugte sich und ging. Es war der Typus eines armen,
-russischen jungen Edelmanns, der die militärische Laufbahn als
-die einzige seiner Bildung entsprechende gewählt hatte und seinen
-Offiziersberuf höher stellte als alles in der Welt -- ein gutmütiger
-und liebenswürdiger Typus, trotz der von ihm unzertrennlichen
-lächerlichen Eigentümlichkeiten: des Tabaksbeutels, des Schlafrocks,
-der Guitarre, des Schnurrbartbürstchens, ohne die wir uns ihn nicht
-vorstellen können. Im Regiment erzählte man von ihm, er prahle damit,
-daß er gegen seinen Burschen gerecht, aber streng sei. -- »Ich strafe
-selten, pflegte er zu sagen, aber wenn's dazu kommt, dann wehe.« Und
-als sein betrunkener Bursche ihm einmal alles gestohlen hatte und noch
-seinen Herrn zu schimpfen begonnen, habe er ihn auf die Hauptwache
-gebracht und Befehl gegeben, alles zu seiner Bestrafung vorzubereiten,
-sei aber bei dem Anblick der Vorbereitungen so verlegen geworden, daß
-er nur die Worte hervorbringen konnte: »Na, siehst du ... ich könnte
-doch ...« dann sei er ganz fassungslos nach Hause gerannt, und scheue
-sich von dieser Stunde an, seinem Tschernow in die Augen zu sehen. Die
-Kameraden ließen ihm keine Ruhe und neckten ihn damit, und ich habe
-oftmals gehört, wie der gute Junge sich verteidigte und, bis über die
-Ohren errötend, versicherte, das gerade Gegenteil sei wahr.
-
-Die dritte Person, Kapitän Trossenko, war ein alter Kaukasier in
-der ganzen Bedeutung dieses Wortes, d. h. ein Mensch, für den die
-Kompagnie, die er kommandierte, zur Familie, die Festung, in der der
-Stab lag, zur Heimat und die Spielleute zur einzigen Freude seines
-Lebens geworden sind -- ein Mensch, für den alles, was nicht der
-Kaukasus ist, unbeachtenswert, ja kaum glaubwürdig ist; alles aber,
-was Kaukasus war, zerfiel in zwei Hälften, unsere und nicht unsere:
-die eine liebte er, die andere haßte er mit aller Kraft seiner Seele,
-und was die Hauptsache war, er war ein Mensch von erprobter, ruhiger
-Tapferkeit, von seltener Güte im Umgang mit seinen Kameraden und
-Untergebenen und von verzweifelter Gradheit, ja sogar Keckheit im
-Verkehr mit den ihm aus irgend einem Grunde verhaßten Adjutanten und
-Bonjours. Als er in die Hütte trat, stieß er beinahe mit dem Kopf das
-Dach durch, dann ließ er sich schnell nieder und setzte sich auf die
-Erde.
-
-Nun, wie? sagte er; da bemerkte er plötzlich mein ihm unbekanntes
-Gesicht, stockte und heftete seinen trüben Blick unverwandt auf mich.
-
-Worüber also haben Sie geplaudert? fragte der Major, zog seine Uhr und
-sah nach ihr, obgleich er, wie ich fest überzeugt bin, gar nicht das
-Bedürfnis hatte, das zu thun.
-
-Ja, er hat mich gefragt, weshalb ich hier diene ...
-
-Selbstverständlich will sich Nikolaj Fjodorowitsch hier auszeichnen,
-und dann geht's nach Haus.
-
-Und Sie, Abram Iljitsch, sagen Sie mir, weshalb dienen Sie im Kaukasus?
-
-Ich, wissen Sie, weil wir erstens alle die Pflicht haben zu dienen. Hm?
-fügte er hinzu, obgleich alle schwiegen. -- Gestern bekam ich einen
-Brief aus Rußland, fuhr er fort. Er hatte offenbar den Wunsch, den
-Gesprächsgegenstand zu wechseln. Man schreibt mir ... man stellt mir so
-sonderbare Fragen.
-
-Was für Fragen denn? fragte Bolchow.
-
-Er lachte.
-
-Wahrhaftig, sonderbare Fragen ... Man schreibt mir, ob es Eifersucht
-geben kann ohne Liebe? ... Hm? fragte er und ließ seine Blicke über uns
-hinschweifen.
-
-Ei was, sagte Bolchow lächelnd.
-
-In Rußland, müssen Sie wissen, da ist es schön, fuhr er fort, als ob
-seine Phrasen ganz natürlich eine aus der anderen folgten. -- Als ich
-im Jahre 52 in Tambow war, wurde ich überall wie ein Flügeladjutant
-aufgenommen. Wollen Sie mir glauben, auf dem Ball beim Gouverneur,
-wie ich eintrat, wissen Sie ... ich wurde sehr gut aufgenommen. Die
-Frau Gouverneurin selber, müssen Sie wissen, unterhielt sich mit mir
-und fragte mich aus über den Kaukasus und alle ... was ich nicht
-alles wußte! ... Meinen goldenen Säbel besah man, wie eine Rarität,
-dann fragte man mich: wofür ich den Säbel bekommen habe, wofür den
-Annen-, wofür den Wladimirorden, -- und ich erzählte ihnen alles
-Mögliche ... Hm? ... Sehen Sie, das ist das Schöne am Kaukasus, Nikolaj
-Fjodorowitsch, fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. Dort sieht
-man uns Kaukasier hoch an. Ein junger Mann, müssen Sie wissen, der
-Stabsoffizier ist, der den Annen- und Wladimirorden hat -- das will
-viel heißen in Rußland ... Hm?
-
-Und Sie haben auch ein bißchen aufgeschnitten, meine ich, Abram
-Iljitsch? sagte Bolchow.
-
-Hi--hi--hi, lachte er mit seinem dummen Lachen. Ja wissen Sie, das
-gehört dazu. Und wie vortrefflich habe ich die zwei Monate gegessen und
-getrunken.
-
-Ei was, schön ist's dort in Rußland? sagte Trossenko; er fragte nach
-Rußland, wie man nach China oder Japan fragt.
-
-Das will ich meinen, was wir dort in zwei Monaten Champagner getrunken
-haben, furchtbar!
-
-Was Sie sagen! Sie haben gewiß Limonade getrunken. Ich würde schon
-loslegen, damit die Leute wüßten, wie die Kaukasier trinken! Ich würde
-den Ruf schon wahr machen. Ich würde zeigen, wie man trinkt ... Was,
-Bolchow? fügte er hinzu.
-
-Du bist ja doch schon zehn Jahre im Kaukasus, Onkelchen, sagte Bolchow,
-denkst du noch, was Jermolow gesagt hat? ... Abram Iljitsch aber ist
-erst sechs ...
-
-Warum nicht gar! zehn? ... Es werden bald sechzehn.
-
-Laß doch Salvai bringen, Bolchow, es ist feucht, brr ... Was? fügte er
-lächelnd hinzu. Wir trinken, Major!
-
-Der Major aber war schon das erste Mal, als der alte Kapitän sich an
-ihn wandte, ärgerlich gewesen. Jetzt wurde er sichtlich böse und suchte
-in seiner eignen Würde Zuflucht. Er summte ein Liedchen vor sich hin
-und sah wieder nach der Uhr.
-
-Ich komme sowieso niemals wieder hin, fuhr Trossenko fort, ohne dem
-schmollenden Major Aufmerksamkeit zu schenken. Ich hab's verlernt,
-russisch zu gehen und zu sprechen. Was für ein Wundertier ist da
-gekommen? werden die Leute sagen. Asien wird es heißen. Nicht wahr,
-Nikolaj Fjodorowitsch? Was sollte ich auch in Rußland? Mir ist's
-gleich, einmal wird man doch totgeschossen. Dann werden die Leute
-fragen: Wo ist Trossenko? Totgeschossen. Was werden Sie dann mit der
-achten Kompagnie anfangen, he? fügte er hinzu, immer zu dem Major
-gewandt.
-
-Man schicke den Dienstthuenden vom Bataillon! schrie Kirssanow, ohne
-dem Kapitän zu antworten, obwohl er, wie ich auch diesmal überzeugt
-war, gar nicht nötig hatte, irgend einen Befehl zu erteilen.
-
-Und Sie, junger Mann, meine ich, sind jetzt froh, daß Sie doppeltes
-Gehalt haben? sagte der Major nach einigen Minuten des Schweigens zu
-dem Bataillonsadjutanten.
-
-Gewiß, sehr.
-
-Ich finde, unser Gehalt ist jetzt sehr groß, Nikolaj Fjodorowitsch,
-fuhr er fort. Ein junger Mann kann dabei sehr anständig leben und sich
-sogar manchen Luxus gestatten.
-
-Nein, wahrhaftig, Abram Iljitsch, sagte schüchtern der Adjutant, wenn's
-auch das Doppelte ist, es ist doch nur so ... man muß doch ein Pferd
-halten ...
-
-Was sagen Sie mir da, junger Mann! Ich war selbst Fähnrich und weiß
-das. Glauben Sie, wenn man haushälterisch lebt, geht's sehr gut. Lassen
-Sie uns rechnen, fügte er hinzu und bog den kleinen Finger der linken
-Hand ein.
-
-Wir nehmen das Gehalt immer voraus, da haben Sie die Rechnung! sagte
-Trossenko und leerte dabei ein Glas Schnaps.
-
-Nun, was wollen Sie damit sagen ... wie?
-
-In diesem Augenblick schob sich ein weißer Kopf mit einer
-plattgedrückten Nase durch die Öffnung der Hütte, und eine scharfe
-Stimme sagte mit deutscher Betonung:
-
-Sind Sie da, Abram Iljitsch? Der Dienstthuende sucht Sie.
-
-Treten Sie ein, Kraft! sagte Bolchow.
-
-Eine lange Gestalt in Generalstabsuniform kam durch die Thür gekrochen
-und drückte allen mit besonderer Herzlichkeit die Hand.
-
-Ei, lieber Kapitän, auch Sie hier? sagte er zu Trossenko gewandt.
-
-Der neue Gast kroch trotz der Dunkelheit zu ihm hin und küßte ihn, wie
-mir schien, zu seiner größten Verwunderung und Unzufriedenheit, auf den
-Mund.
-
-»Das ist ein Deutscher, der ein guter Kamerad sein will,« dachte ich.
-
-
-XII
-
-Meine Vermutung bestätigte sich bald. Kapitän Kraft bat um Schnaps,
-nannte ihn »Branntwein«, krächzte furchtbar und warf den Kopf zurück,
-während er das Glas leerte.
-
-Nun, meine Herren, was sind wir heute in den Ebnen der Tschetschnja
-herumkutschiert ... hatte er eben begonnen; als er aber den
-dienstthuenden Offizier erblickte, wurde er sofort still und ließ den
-Major erst seine Befehle geben.
-
-Haben Sie die Vorpostenkette besichtigt?
-
-Zu Befehl, Herr Major.
-
-Sind die gedeckten Posten ausgesandt?
-
-Zu Befehl, Herr Major.
-
-So geben Sie dem Kompagniekommandeur den Befehl, so vorsichtig als
-möglich zu sein.
-
-Zu Befehl, Herr Major.
-
-Der Major kniff die Augen zusammen und versank in ein tiefes Nachsinnen.
-
-Und sagen Sie den Leuten, daß sie jetzt ihre Grütze kochen können.
-
-Sie kochen sie schon.
-
-Schön, Sie können gehen.
-
-Nun, wir waren dabei, zu berechnen, was ein Offizier braucht, fuhr
-der Major fort und wandte sich mit einem leutseligen Lächeln zu uns.
-Rechnen wir.
-
-Sie brauchen einen Waffenrock und eine Hose, richtig?
-
-Richtig, nehmen wir an: fünfzig Rubel auf zwei Jahre, im Jahr also
-fünfundzwanzig Rubel für die Kleidung; dann kommt Essen, täglich zwei
-Abas ... richtig?
-
-Richtig, das ist sogar viel.
-
-Nun, ich will es ansetzen ... Dann kommt das Pferd mit Sattel zur
-Remonte 30 Rubel -- das ist alles. Das macht im ganzen 25 und 120 und
-30 = 175, bleibt Ihnen immer noch für Luxusausgaben, für Thee und
-Zucker, für Tabak 20 Rubel. -- Sehen Sie nun? ... Habe ich recht,
-Nikolaj Fjodorowitsch?
-
-Nein, Abram Iljitsch, verzeihen Sie! sagte schüchtern der Adjutant.
-Nichts bleibt für Thee und Zucker übrig. Sie setzen ein Paar auf zwei
-Jahre an. Aber hier auf unseren Kriegszügen kann man ja gar nicht genug
-Beinkleider haben ... Und Stiefel? ... Ich brauche ja fast jeden Monat
-ein Paar auf. Dann erst Wäsche, Hemden, Handtücher, Fußlappen, das muß
-man doch alles bezahlen. Und wenn man's zusammenrechnet, bleibt nichts
-übrig. Das ist bei Gott so, Abram Iljitsch.
-
-Ja, Fußlappen sind ein vorzügliches Tragen, sagte plötzlich Kraft
-nach einer minutenlangen Pause, und sprach das Wort »Fußlappen« mit
-besonders liebevollem Ton. Sehen Sie, das ist einfach, russisch.
-
-Ich will Ihnen was sagen, bemerkte Trossenko. Rechnen Sie, wie Sie
-wollen, es kommt immer darauf hinaus, daß unsereiner die Zähne in den
-Kasten legen muß. In Wirklichkeit aber leben wir alle, trinken unseren
-Thee, rauchen unseren Tabak und trinken unseren Schnaps. Dient so
-lange wie ich, fuhr er fort, an den Fähnrich gewandt, dann lernt Ihr
-auch, wie man leben muß. Wissen Sie denn, meine Herren, wie er mit dem
-Burschen umgeht?
-
-Und Trossenko erzählte uns die ganze Geschichte von dem Fähnrich und
-seinem Burschen, obgleich wir sie alle schon tausendmal gehört hatten,
-und lachte sich halb tot dabei.
-
-Warum schaust du denn wie eine Rose aus, Bruderherz? fuhr er fort zum
-Fähnrich gewandt, der ganz rot geworden war und schwitzte und lächelte,
-daß es ein Erbarmen war, ihn anzusehen. -- Thut nichts, Bruderherz, ich
-war ebenso wie du, und jetzt siehst du, was ich für ein Kerl geworden
-bin. Laß doch mal so einen Jüngling aus Rußland herkommen -- wir haben
-ja viele gesehen -- Krämpfe kriegt er und Reißen; ich aber habe mich
-hier eingesessen -- ich habe hier mein Häuschen, mein Bett, alles.
-Siehst du ...
-
-Dabei trank er noch ein Gläschen Schnaps.
-
-He? fügte er hinzu und sah Kraft unverwandt in die Augen.
-
-Sehen Sie, das acht' ich hoch! Das ist ein echter, alter Kaukasier!
-Geben Sie mir Ihre Hand!
-
-Und Kraft stieß uns alle fort, drängte sich zu Trossenko durch, ergriff
-seine Hand und schüttelte sie mit besonderer Liebe.
-
-Ja, wir können sagen, wir haben hier alles kennen gelernt, fuhr er
-fort. -- Im Jahre 45 ... Sie waren ja auch dabei, Kapitän? Denken Sie
-noch, die Nacht vom 12. auf den 13., wie wir bis an die Knie im Schmutz
-Nachtlager hielten, und den Tag darauf die Verschanzung stürmten? Ich
-war damals beim Höchstkommandierenden, und wir nahmen an einem Tage 15
-Schanzen. Erinnern Sie sich noch, Kapitän?
-
-Trossenko machte mit dem Kopf ein Zeichen der Zustimmung, streckte die
-Unterlippe vor und kniff die Augen zusammen.
-
-Sehen Sie doch ... begann Kraft mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit zum
-Major gewandt und machte mit den Händen ungeschickte Bewegungen ...
-
-Der Major aber, der diese Erzählung wohl schon öfter gehört hatte, sah
-plötzlich seinen Nachbar mit so matten, stumpfen Augen an, daß Kraft
-sich von ihm abwandte und sich mir zukehrte, indem er abwechselnd
-bald den einen, bald den anderen von uns ansah. Trossenko aber sah er
-während der ganzen Erzählung nicht mit einem Blicke an.
-
-Sehen Sie also, wie wir des Morgens auszogen, sagt der
-Höchstkommandierende zu mir: »Kraft, nimm diese Schanze.« Sie wissen,
-wie's im Dienst ist, da giebt's keine Erörterungen -- Hand an die
-Mütze: »Zu Befehl, Euer Erlaucht!« und marsch! Wie wir zu der ersten
-Schanze kamen, wandte ich mich um und sagte zu den Soldaten: »Kinder,
-ohne Furcht, Augen offen! Wer zurückbleibt, den haue ich mit eigner
-Hand in Stücke.« Mit dem russischen Soldaten, wissen Sie, muß man
-geradezu reden. Plötzlich kommt eine Granate ... Ich sehe -- ein Mann,
-ein zweiter, ein dritter ... Dann kommen Gewehrkugeln ... sch, sch,
-sch! ... »Vorwärts, Kinder, sage ich, mir nach!« Wie wir herangekommen
-waren, wissen Sie, und hinsehen, bemerke ich, wie nennt man das ...
-wissen Sie ... wie heißt das? -- und der Erzähler fuchtelte mit den
-Händen durch die Luft und suchte nach dem Wort.
-
-Ein Graben, sagte Bolchow vor.
-
-Nein, ach, wie heißt es doch? Du lieber Gott, wie heißt es doch? ...
-Ein Graben! sagte er schnell. Also ... Gewehr in die Balance ... urra!
-ta--ra--ta--ta--ta! Keine Spur vom Feind ... Wissen Sie, alles war
-überrascht. Also ... schön. Wir gehen weiter -- zweite Schanze. Das
-war ein ganz ander Ding. Uns war schon das Herz heiß geworden, wissen
-Sie. Wir kommen heran, schauen, ich sehe -- eine zweite Schanze: weiter
-geht's nicht. Da -- wie nennt man das -- nun wie heißt das ... Ach! wie
-...
-
-Wieder ein Graben, sagte ich vor.
-
-Keineswegs, fuhr er beherzt fort, kein Graben, sondern ... Nun Gott,
-wie heißt denn das? -- und er machte mit der Hand eine linkische
-Bewegung. -- Ach, du lieber Gott, wie ...
-
-Er quälte sich offenbar so sehr, daß man unwillkürlich den Wunsch
-hatte, ihm vorzusagen.
-
-Ein Fluß vielleicht? sagte Bolchow.
-
-Nein, einfach ein Graben. Aber kaum sind wir da, wollen Sie's glauben,
-geht ein solches Feuer los, ein Höllenfeuer ...
-
-In diesem Augenblick fragte draußen jemand nach mir. Es war Maksimow.
-Und da mir, nachdem ich die abwechselungsreiche Geschichte von den zwei
-Schanzen gehört hatte, noch dreizehn geblieben waren, war ich froh,
-diese Gelegenheit ergreifen zu können, um zu meinem Zuge zurückzugehen.
-Trossenko ging mit mir zusammen hinaus.
-
-Alles erlogen, sagte er mir, als wir einige Schritte von der Hütte
-entfernt waren. Er ist gar nicht auf den Schanzen gewesen ... -- Und
-Trossenko lachte so herzlich, daß auch mich das Lachen überkam.
-
-
-XIII
-
-Es war schon dunkle Nacht, und nur die Wachtfeuer beleuchteten mit
-mattem Schein das Lager, als ich, nach der Stallzeit, zu meinen
-Soldaten herankam. Ein großer Baumstamm lag glimmend auf den Kohlen. Um
-ihn herum saßen drei Mann: Antonow, der über dem Feuer einen kleinen
-Kessel drehte, in dem aufgeweichter Zwieback mit Fett kochte, Shdanow,
-der nachdenklich mit einem Zweige die Asche aufscharrte, und Tschikin
-mit seinem ewig feuerlosen Pfeifchen. Die anderen hatten sich schon zur
-Ruhe gelagert: die einen unter dem Pulverkasten, die anderen auf Heu,
-noch andere um die Wachtfeuer herum. Bei dem matten Lichte der Kohlen
-unterschied ich die mir bekannten Rücken, Füße und Köpfe; unter den
-letzten war auch der kleine Rekrut, er lag dicht am Feuer und schien
-schon zu schlafen. Antonow machte mir Platz. Ich setzte mich neben ihn
-und rauchte eine Cigarette an. Der Geruch des Nebels und des qualmenden
-feuchten Holzes erfüllte ringsum die Luft und biß in die Augen, und
-noch immer tröpfelte feuchter Nebel von dem tiefdunklen Himmel.
-
-Neben uns hörten wir das gleichmäßige Schnarchen, das Knistern der
-Reiser im Feuer, flüchtiges Gespräch und von Zeit zu Zeit das Klirren
-der Gewehre der Infanterie. Ringsumher loderten die Wachtfeuer und
-beleuchteten im nahen Umkreis die schwarzen Schatten der Soldaten. Bei
-den nächstgelegenen Wachtfeuern unterschied ich an hellbeleuchteten
-Stellen die Gestalten nackter Soldaten, die ihre Hemden über der Flamme
-hin- und herschwenkten. Viele von den Leuten schliefen noch nicht und
-bewegten sich in einem Umkreis von fünfzehn Quadratfaden plaudernd hin
-und her; aber die düstere, dumpfe Nacht gab dieser ganzen Bewegung
-ihren eignen, geheimnisvollen Klang, als fühlte jeder die düstere
-Stille und scheute sich, ihre friedliche Harmonie anzutasten. Wenn
-ich ein Wort sprach, fühlte ich, daß meine Stimme anders klinge. In
-den Gesichtern der Soldaten, die um das Feuer herumlagen, las ich
-dieselbe Stimmung. Ich dachte, sie hätten bis zu meiner Ankunft von
-dem verwundeten Kameraden gesprochen; aber keineswegs. Tschikin hatte
-von dem Eintreffen seiner Sachen in Tiflis und von den Schulknaben der
-Stadt erzählt.
-
-Ich habe immer und überall, besonders im Kaukasus, bei unseren Soldaten
-einen besonderen Takt beobachtet -- in der Zeit der Gefahr alles zu
-unterdrücken und zu vermeiden, was unvorteilhaft auf den Geist der
-Kameraden einwirken könnte. Der Geist des russischen Soldaten beruht
-nicht, wie die Tapferkeit der südlichen Völker, auf einer schnell
-entflammten und erkaltenden Begeisterung: er ist ebenso schwer zu
-entflammen, wie geneigt den Mut sinken zu lassen. Er bedarf keiner
-Effekte, keiner Reden, keines Kriegsgeschreis, keiner Lieder und
-Trommelwirbel; er bedarf vielmehr der Ruhe, der Ordnung, der Vermeidung
-alles Erkünstelten. Bei dem russischen, bei dem echt russischen
-Soldaten wird man nie Prahlerei, Bravour, den Wunsch, sich im
-Augenblick der Gefahr zu betäuben, zu erregen wahrnehmen. Im Gegenteil.
-Bescheidenheit, Schlichtheit und die Fähigkeit, in der Gefahr etwas
-ganz anderes zu sehen als die Gefahr, bilden die unterscheidenden
-Merkmale seines Charakters. Ich habe einen Soldaten gesehen, der am
-Bein verwundet war und dem im ersten Augenblick nur der zerfetzte neue
-Pelz leid that; einen Reiter, der unter dem Pferde hervorkroch, das ihm
-unter dem Leibe erschossen worden war, und der den Gurt abschnallte,
-um den Sattel herunterzunehmen. Wer erinnert sich nicht des Vorfalls
-bei der Belagerung von Gergebel, wo im Laboratorium das Zündrohr einer
-gefüllten Bombe Feuer fing, und der Feuerwerker zwei Soldaten befahl,
-die Bombe zu ergreifen, mit ihr davonzurennen und sie in den Graben zu
-werfen, und die Soldaten sie nicht in nächster Nähe bei dem Zelt des
-Obersten niederwarfen, das am Rande des Grabens stand, sondern weiter
-forttrugen, um die Herren nicht zu wecken, die im Zelte schliefen, und
-beide in Stücke zerrissen wurden? Ich erinnere mich noch, es war im
-Feldzuge 1852, wie einer der jungen Soldaten zu einem anderen während
-des Kampfes sagte, der Zug würde wohl kaum hier wieder fortkommen, und
-wie der ganze Zug wütend über ihn herfiel wegen der dummen Redensarten,
-die sie nicht einmal wiederholen wollten. Und so hörten jetzt, wo jedem
-Welentschuk hätte im Sinne liegen müssen, und wo jeden Augenblick die
-heranschleichenden Tataren auf uns hätten feuern können, alle der
-lebendigen Erzählung Tschikins zu, und niemand gedachte mit einem
-Worte des heutigen Gefechts, noch der bevorstehenden Gefahr, noch des
-Verwundeten. Als ob das weiß Gott wie lange hinter uns läge, oder
-gar nie gewesen wäre. Mir aber schien es, als wären ihre Gesichter
-nur finsterer als gewöhnlich. Sie hörten nicht allzu aufmerksam auf
-Tschikins Erzählung hin, und Tschikin fühlte sogar, daß man ihm nicht
-zuhörte, sprach aber immer ruhig weiter.
-
-Da trat Maksimow an das Wachtfeuer heran und setzte sich neben mir
-nieder. Tschikin machte ihm Platz, hörte auf zu sprechen und begann
-wieder sein Pfeifchen zu schmauchen.
-
-Die Infanteristen haben nach Schnaps ins Lager geschickt, sagte
-Maksimow nach ziemlich langem Schweigen, sie sind eben zurückgekommen.
--- Er spie ins Feuer. -- Ein Unteroffizier hat erzählt, sie haben
-unsern Verwundeten gesehen.
-
-Wie, lebt er noch? fragte Antonow und drehte das Kesselchen herum.
-
-Nein, er ist tot.
-
-Der junge Rekrut erhob plötzlich seinen kleinen Kopf mit dem roten
-Mützchen über das Feuer empor, sah einen Augenblick Maksimow und mich
-aufmerksam an, dann ließ er ihn schnell sinken und hüllte sich in
-seinen Mantel.
-
-Siehst du, nicht umsonst ist der Tod heut früh zu ihm gekommen, wie ich
-ihn im Park wecken wollte, sagte Antonow.
-
-Leeres Geschwätz, sagte Shdanow und drehte den glimmenden Baumstamm um;
-alle verstummten.
-
-Mitten durch die allgemeine Stille ertönte hinter uns im Lager ein
-Schuß. Unsere Trommler meldeten sich und schlugen den Zapfenstreich.
-Als der letzte Wirbel verklungen war, erhob sich zuerst Shdanow und zog
-seine Mütze. Wir alle folgten seinem Beispiel.
-
-Durch die tiefe Stille der Nacht erklang der harmonische Chor der
-Männerstimmen:
-
-»Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget sei dein Name, zu uns
-komme dein Reich, dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf
-Erden; unser täglich Brot gieb uns heut, und vergieb uns unsere Schuld,
-wie wir vergeben unsern Schuldigern; führe uns nicht in Versuchung und
-erlöse uns von dem Übel.«
-
-So ist auch einer von uns im Jahre 45 an derselben Stelle verwundet
-worden ... sagte Antonow, als wir die Mütze aufgesetzt und uns wieder
-um das Feuer gelagert hatten. Zwei Tage haben wir ihn auf dem Geschütz
-herumgefahren, weißt du noch, Shdanow, den Schewtschenko? Dann haben
-wir ihn unter einem Baum niedergelassen.
-
-In diesem Augenblick kam ein Gemeiner von der Infanterie mit mächtigem
-Backen- und Schnauzbart, mit Gewehr und Lanze auf unser Wachtfeuer zu.
-
-Gebt mir doch Feuer, Landsleute, das Pfeifchen anzurauchen, sagte er.
-
-Ei nun, rauchen Sie's nur an, an Feuer fehlt's nicht, bemerkte
-Tschikin.
-
-Ihr sprecht gewiß von Dargi, Landsmann, wandte sich der Infanterist an
-Antonow.
-
-Vom Jahre 45, von Dargi, antwortete Antonow.
-
-Der Infanterist schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen und
-hockte neben uns nieder.
-
-Ja, da ging es hoch her! bemerkte er.
-
-Warum aber habt ihr ihn liegen lassen? fragte ihn Antonow.
-
-Er hatte furchtbare Schmerzen im Leib. Wenn wir stille standen, ging's,
-wenn wir uns aber vom Fleck rührten, da schrie er furchtbar auf. Er
-beschwor uns bei Gott, wir sollten ihn liegen lassen, aber es war doch
-ein Jammer. Na, als *er* uns dann auf den Leib rückte, drei von unserer
-Geschützmannschaft tötete, und wir unsere Batterie mit Mühe hielten ...
-'s war eine Not, wir glaubten kaum mit dem Geschütz davonzukommen. Es
-war ein Schmutz.
-
-Das Schlimmste war, daß es am Fuß des Indierbergs schmutzig war,
-bemerkte einer der Soldaten.
-
-Ja, da wurde ihm auch noch viel schlimmer! Anoschenka, -- es war ein
-alter Feuerwerker -- Anoschenka und ich dachten: was sollen wir thun,
-leben kann er nicht, und beschwört uns bei Gott -- lassen wir ihn also
-hier liegen. Und so thaten wir auch. Ein Baum wuchs da mit großen
-breiten Ästen. Wir nahmen ihn, legten ihm geweichten Zwieback hin --
-Shdanow hatte welche mit -- lehnten ihn an den Baum, zogen ihm ein
-reines Hemd an, nahmen Abschied von ihm, wie sich's gehört, und ließen
-ihn so liegen.
-
-Und war's ein tüchtiger Soldat?
-
-Je nun, ein guter Soldat, bemerkte Shdanow.
-
-Und was mit ihm geschehen sein mag, weiß Gott, fuhr Antonow fort. Dort
-sind gar viele von den Kameraden geblieben!
-
-In Dargi? fragte der Infanterist, dabei erhob er sich, kratzte seine
-Pfeife aus, kniff wieder die Augen zusammen und wiegte den Kopf hin und
-her. Da ging es hoch her!
-
-Damit ging er von uns.
-
-Giebt's in unserer Batterie noch viele Soldaten, die bei Dargi gewesen
-sind? fragte ich.
-
-Viele? Shdanow, ich, Pazan, der jetzt auf Urlaub ist, und etwa noch
-sechs Mann. Mehr werden's nicht sein.
-
-Ei was, unser Pazan bummelt auf Urlaub? sagte Tschikin, streckte die
-Beine und legte sich mit dem Kopf auf einen Klotz. Es muß bald ein Jahr
-sein, daß er fort ist.
-
-Hast du Jahresurlaub genommen? fragte ich Shdanow.
-
-Nein, ich habe keinen genommen, antwortete er unwillig.
-
-Es ist schön, Urlaub nehmen, sagte Antonow, wenn man aus reichem Hause
-ist, oder wenn man selbst die Kraft hat zu arbeiten; da ist es ja
-angenehm, und zu Hause freut man sich mit dir.
-
-Was soll man gehen, wenn man zwei Brüder hat? fuhr Shdanow fort. Sie
-haben Mühe, sich selbst zu ernähren, nicht noch unsereinen zu füttern.
-Man ist eine schlechte Hilfe, wenn man schon 25 Jahre gedient hat. Und
-wer weiß, ob sie noch leben?
-
-Hast du denn nicht geschrieben? fragte ich.
-
-Ei gewiß! Zwei Briefe habe ich fortgeschickt, aber Antworten schicken
-sie nicht! Ob sie gestorben sind, ob sie so nicht schreiben, weil sie
-nämlich selbst in Armut leben -- wie soll ich da hin?
-
-Ist es lange her, daß du geschrieben hast?
-
-Als ich von Dargi kam, das war der letzte Brief.
-
-Du solltest uns das Lied von der Birke singen, sagte Shdanow zu
-Antonow, der in diesem Augenblick, die Ellbogen auf die Knie gestützt,
-ein Liedchen vor sich hinsummte.
-
-Antonow stimmte »Die Birke« an.
-
-Siehst du, das ist das Lieblingslied von Onkel Shdanow, sagte mir
-Tschikin leise und zog mich am Mantel. Manchmal, wenn Philipp
-Antonytsch es spielt, da weint er wohl gar.
-
-Shdanow saß zuerst ganz unbeweglich da, die Augen auf die glimmenden
-Kohlen geheftet, und sein Gesicht sah im Schimmer des rötlichen Lichts
-außerordentlich düster aus; dann begannen seine Kinnbacken unter den
-Ohren sich immer schneller und schneller zu bewegen und endlich erhob
-er sich, breitete seinen Mantel aus und legte sich im Schatten hinter
-dem Wachtfeuer nieder.
-
-War es, weil er sich hin- und herwälzte und ächzte, während er sich
-schlafen legte, war es Welentschuks Tod und dieses traurige Wetter, das
-mich so stimmte, genug, ich glaubte wirklich, daß er weine.
-
-Der untere Teil des Baumstamms, der sich in Kohle verwandelt hatte,
-flackerte von Zeit zu Zeit auf, beleuchtete die Gestalt Antonows mit
-seinem grauen Schnurrbart, mit der roten Fratze und dem Orden auf dem
-umgehängten Mantel, und Stiefel, Kopf und Rücken eines anderen. Von
-oben fiel noch immer der trübe Nebel herab, die Luft war noch immer
-von dem Duft der Feuchtigkeit und des Rauchs erfüllt, ringsumher waren
-noch immer die hellen Punkte der verlöschenden Wachtfeuer zu sehen und
-durch die allgemeine Stille die Klänge des schwermütigen Liedes zu
-hören, das Antonow sang; und wenn es auf einen Augenblick verstummte,
-antworteten ihm die Klänge der schwachen nächtlichen Bewegung des
-Lagers, des Schnarchens und Waffengeklirrs der Wachtposten und des
-leisen Gesprächs.
-
-Zweite Ablösung vor, Makatjuk und Shdanow! kommandierte Maksimow.
-
-Antonow hörte auf zu singen, Shdanow erhob sich, seufzte, schritt über
-den Baum hinweg und ging zu den Geschützen.
-
-15. Juni 1855.
-
-
-
-
-Eine Begegnung im Felde
-
-mit
-
-einem Moskauer Bekannten
-
-(Aus den kaukasischen Aufzeichnungen des Fürsten Nechljudow)
-
-
-Wir standen im Felde. Die Kämpfe gingen schon ihrem Ende entgegen,
-wir hatten die Waldrodung hergestellt und erwarteten jeden Tag vom
-Stabe den Befehl zum Rückzuge in die Festung. Unsere Division der
-Batteriegeschütze stand am Abhang eines steilen Bergrückens, der von
-dem reißenden Gebirgsbach Metschik begrenzt war, und hatte die Aufgabe,
-die vor uns ausgebreitete Ebene zu beschießen. Auf dieser malerischen
-Ebene zeigten sich außer Schußweite von Zeit zu Zeit, besonders vor
-Abend, hie und da, nicht in feindseliger Absicht, Gruppen berittener
-Bergbewohner, die aus Neugier herbeigeströmt waren, um das russische
-Lager zu betrachten. Es war ein klarer, stiller und frischer Abend,
-wie die Dezemberabende im Kaukasus zu sein pflegen; die Sonne war
-hinter den steilen Gebirgsausläufern zur Linken versunken und warf
-ihre rosigen Strahlen auf die Zelthütten, die über den Berg zerstreut
-lagen, auf die Soldatengruppen, die sich hin- und herbewegten und auf
-unsere beiden Geschütze, die schwerfällig, wie mit ausgereckten Hälsen,
-unbeweglich zwei Schritt vor uns auf einer Erdbatterie standen. Ein
-Infanteriepiket, das auf dem Hügel zur Linken zerstreut lag, war mit
-seinen zusammengestellten Gewehren, mit der Gestalt des Wachtpostens,
-einer Gruppe Soldaten und dem Rauch des aufgeschichteten Wachtfeuers
-in dem durchsichtigen Licht des Sonnenuntergang deutlich zu erkennen.
-Rechts und links auf der halben Höhe des Berges schimmerten auf dem
-schwarzen, ausgetretenen Boden die weißen Zelte, und hinter den
-Zelten die dunklen, entblätterten Stämme des Platanenwaldes, in dem
-unaufhörlich Äxte klangen, Wachtfeuer knisterten und gefällte Bäume
-krachend niederstürzten. Bläulicher Dampf stieg von allen Seiten in
-Säulen zu dem hellblauen Winterhimmel empor. An dem Zelte und in der
-Niederung am Rande des Baches zogen mit Pferdegetrappel und Gewieher
-die Kosaken, die Dragoner und die Artillerie dahin, die von der Tränke
-zurückkamen. Es begann zu frieren; jeder Laut war ganz deutlich zu
-hören, und das Auge sah in der reinen, klaren Luft weithin über die
-Ebene. Die Häuflein der Feinde, die nun nicht mehr die Neugierde der
-Soldaten erregten, ritten ruhig über die hellgelben Stoppeln der
-Maisfelder hin; hie und da schimmerten hinter den Bäumen die hohen
-Säulen der Kirchhöfe und die rauchenden Auls herüber.
-
-Unser Zelt stand unweit der Geschütze an einem trocknen und
-hochgelegenen Ort, von dem die Aussicht besonders weit war. Neben dem
-Zelt, ganz in der Nähe der Batterie, hatten wir auf einem gesäuberten
-Plätzchen ein Holzklötzchenspiel hergerichtet. Dienstfertige Soldaten
-hatten uns hier geflochtene Bänke und einen kleinen Tisch hergesetzt.
-Wegen aller dieser Bequemlichkeiten kamen Artillerieoffiziere, unsere
-Kameraden, und einige Herren von der Infanterie abends gern zu unserer
-Batterie und nannten den Ort den Klub.
-
-Es war ein prächtiger Abend. Die besten Spieler waren versammelt, und
-wir spielten Klötzchen. Ich, der Fähnrich D. und der Leutnant O. hatten
-hintereinander zwei Partien verspielt und zum allgemeinen Vergnügen
-und Gelächter der zuschauenden Offiziere, der Soldaten und Burschen,
-die uns aus ihren Zelten zusahen, zweimal die Gewinner auf unserem
-Rücken von einem Ende bis zum anderen getragen. Besonders drollig war
-die Stellung des kolossalen dicken Stabskapitäns Sch., der keuchend
-und gutmütig lächelnd und die Beine am Boden nachschleppend, auf
-dem kleinen, schwächlichen Leutnant O. ritt. Es war aber schon spät
-geworden. Die Burschen brachten für sechs Mann, die wir waren, drei
-Glas Thee ohne Untersätze. Wir brachen das Spiel ab und gingen zu den
-geflochtenen Bänken. Da stand ein uns unbekannter mittelgroßer Mann mit
-krummen Beinen in einem Pelz ohne Überzug und in einer Fellmütze mit
-langem, herabhängendem weißen Haar. Als wir nahe an ihn herangekommen
-waren, zog er einige Mal zögernd die Mütze und setzte sie wieder auf,
-dann schickte er sich immer wieder an, zu uns heranzukommen und machte
-immer wieder Halt. Da der unbekannte Mann aber wohl glauben mußte, daß
-er nicht mehr unbemerkt bleiben könne, zog er die Mütze, ging im Bogen
-um uns herum und trat auf den Stabskapitän Sch. zu.
-
-Ah, Guscantini! Wie geht's, Väterchen? sagte Sch. zu ihm und lächelte
-gutmütig, immer noch unter dem Eindruck seines Rittes.
-
-Guscantini, wie er ihn genannt hatte, setzte sofort seine Mütze auf und
-machte eine Bewegung, als ob er die Hände in die Taschen seines Pelzes
-stecken wollte; auf der Seite aber, die er mir zukehrte, hatte der Pelz
-keine Taschen, und seine kleine rote Hand blieb in einer ungeschickten
-Lage. Ich hätte gern erraten, was dieser Mensch wohl sei (ein Junker
-oder ein Degradierter), und ohne zu bemerken, daß mein Blick (d. h. der
-Blick eines unbekannten Offiziers) ihn verlegen machte, betrachtete
-ich aufmerksam seine Kleidung und sein Äußeres. Er mochte dreißig
-Jahre zählen. Seine kleinen, grauen, runden Augen schauten wie
-schläfrig und doch gleichzeitig unruhig unter dem schmutzigen, weißen
-Schafpelz der Mütze hervor, der ihm in die Stirn hineinhing. Die dicke,
-unregelmäßige Nase zwischen den eingefallenen Wangen verriet eine
-krankhafte, unnatürliche Magerkeit, die Lippen, die sehr spärlich von
-einem dünnen, weichen, häßlichen Schnurrbart bedeckt waren, befanden
-sich unaufhörlich in einem unruhigen Zustand, als wollten sie bald
-diesen, bald jenen Ausdruck annehmen. Aber jedem Ausdruck haftete etwas
-Unfertiges an -- in seinen Zügen blieb beständig der eine Ausdruck der
-Angst und der Hast vorherrschend. Sein hagerer, von Adern durchzogener
-Hals war mit einem grünseidenen Tuch umbunden, das unter dem Pelz
-verborgen war. Der Pelz war abgenutzt und kurz, am Kragen und an den
-falschen Taschen mit Hundsfell besetzt, die Beinkleider waren karriert,
-aschgrau, die Stiefel hatten kurze, ungeschwärzte Soldatenschäfte.
-
-Machen Sie keine Umstände, bitte, sagte ich ihm, als er wieder, mit
-einem scheuen Blick auf mich, die Mütze gezogen hatte.
-
-Er verneigte sich mit einem Ausdruck der Dankbarkeit, setzte die Mütze
-auf, zog einen schmutzigen, kattunenen Beutel mit Schnüren aus der
-Tasche und begann eine Cigarette zu drehen.
-
-Ich war selbst vor kurzem Junker gewesen, ein alter Junker, der nicht
-mehr dazu taugte, jüngeren Kameraden gutmütig Gefälligkeiten zu
-erweisen, und ein Junker ohne Vermögen. Ich kannte daher sehr gut den
-ganzen moralischen Druck einer solchen Lage für einen nicht mehr jungen
-und von Eigenliebe beherrschten Mann, hatte Teilnahme für jeden, der
-sich in ähnlicher Lage befand, und gab mir Mühe, mir seinen Charakter,
-den Grad und die Richtung seiner geistigen Fähigkeiten zu erklären,
-um darnach den Grad seiner moralischen Leiden zu beurteilen. Dieser
-Junker oder Degradierte schien mir nach seinem unruhigen Blick und dem
-absichtlichen, unaufhörlichen Wechsel des Gesichtsausdrucks, den ich an
-ihm beobachtet hatte, ein sehr kluger, höchst selbstbewußter und darum
-höchst bedauernswerter Mensch zu sein.
-
-Der Stabskapitän Sch. machte uns den Vorschlag, noch eine Partie
-Klötzchen zu spielen; die verlierende Partei sollte außer dem Umritt
-einige Flaschen Rotwein, Rum, Zucker, Zimmt und Nelken zu Glühwein
-stellen, der in diesem Winter wegen der großen Kälte auf unserem
-Feldzuge in Mode war. Guscantini, wie ihn Sch. wieder nannte, wurde
-auch zur Partie aufgefordert; ehe jedoch das Spiel begann, führte er,
-offenbar in einem Kampf zwischen der Freude, die ihm diese Einladung
-machte, und einer gewissen Angst, den Stabskapitän Sch. auf die Seite
-und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der gutmütige Stabskapitän klopfte ihm
-mit seiner fleischigen, großen Hand auf die Schulter und antwortete
-laut: »Thut nichts, Väterchen, ich traue Ihnen.«
-
-Als das Spiel zu Ende war und die Partei, zu der der unbekannte
-Subalterne gehörte, gewonnen hatte, und er nun auf einem von unseren
-Offizieren, dem Fähnrich D., reiten sollte, wurde der Fähnrich rot,
-ging zu dem Bänkchen hin und bot dem Subalternen eine Cigarette als
-Lösegeld an. Während der Glühwein besorgt wurde und in dem Burschenzelt
-das emsige Wirtschaften Nikitas zu hören war, der einen Boten nach
-Zimmt und Nelken geschickt hatte und dessen Rücken die schmutzige
-Zeltdecke bald hierhin, bald dorthin zog, nahmen wir sieben Mann bei
-dem Bänkchen Platz, tranken abwechselnd Thee aus den drei Gläsern,
-betrachteten die Ebene vor uns, die sich gerade in Dämmerung hüllen
-wollte, und plauderten und lachten über die verschiedenen Wechselfälle
-des Spiels. Der unbekannte Mann im Pelzrock nahm nicht Teil an dem
-Gespräch, lehnte hartnäckig den Thee ab, den ich ihm mehrere Male
-angeboten hatte, drehte, in tatarischer Weise auf dem Boden sitzend,
-aus feingeschnittenem Tabak eine Cigarette nach der anderen und rauchte
-sie, wie man leicht sehen konnte, nicht so sehr zu seinem Vergnügen,
-als um sich den Anschein eines mit etwas beschäftigten Menschen zu
-geben. Als man davon sprach, daß morgen der Rückzug vielleicht auch
-ohne Gefecht stattfinden könnte, richtete er sich auf die Knie auf
-und sagte, nur zu dem Stabskapitän Sch. gewandt, er sei jetzt bei dem
-Adjutanten zu Hause und habe selbst den Befehl zum Rückzuge für morgen
-geschrieben. Wir schwiegen alle, während er sprach, und obgleich er
-deutlich seine Schüchternheit verriet, veranlaßten wir ihn, diese
-für uns außerordentliche Mitteilung zu wiederholen. Er wiederholte,
-was er gesagt hatte, fügte jedoch hinzu, er *sei* bei dem Adjutanten
-*gewesen*, mit dem er *zusammen wohne*, und habe dort *gesessen*,
-gerade als man den Befehl brachte.
-
-Sehen Sie, wenn Sie nicht lügen, Väterchen, so muß ich zu meiner
-Kompagnie gehen und zu morgen einen Befehl geben, sagte der Kapitän Sch.
-
-Nein ... Weshalb auch ... Wie kann man! Ich habe gewiß ... begann
-der Subalterne, aber er verstummte bald, schien entschlossen, den
-Beleidigten zu spielen, verzog unnatürlich die Stirn, brummte etwas in
-den Bart und begann wieder eine Cigarette zu drehen. Aber der feine
-Tabak in seinem kattunenen Beutel reichte nicht mehr und er bat Sch.,
-ihm eine *Cigarette zu leihen*. Wir setzten dieses einförmige Gespräch
-über den Krieg, das jeder kennt, der einmal an Feldzügen teilgenommen
-hat, ziemlich lange fort, beklagten uns alle mit denselben Worten über
-die Langeweile und die Länge des Feldzugs, urteilten alle in gleicher
-Weise über die Vorgesetzten, lobten alle, wie schon oft vorher, den
-einen Kameraden, bedauerten den anderen, sprachen unsere Verwunderung
-darüber aus, wieviel dieser gewonnen, wieviel jener verloren hatte u.
-s. w. u. s. w.
-
-Siehst du, Väterchen, unser Adjutant, der ist 'reingefallen, tüchtig
-'reingefallen! sagte der Stabskapitän Sch. Beim Stabe war er immer
-im Gewinn. Mit wem er auch setzte, immer legte er ihn 'rein und
-jetzt verliert er seit zwei Monaten beständig. Dieser Feldzug hat ihm
-wenig Glück gebracht. Ich glaube, er ist 2000 Moneten losgeworden und
-Sachen für 500 Moneten, den Teppich, den er Muchin abgewonnen hat,
-die Pistolen von Nikita, die goldene Uhr von Ssada, die ihm Worinzew
-geschenkt hat -- alles ist er losgeworden.
-
-Geschieht ihm recht, sagte Leutnant O., er hat die anderen alle tüchtig
-gerupft. Es war gar nicht zu spielen mit ihm.
-
-Erst hat er alle gerupft, und nun ist er in die Luft geflogen -- dabei
-schlug der Stabskapitän Sch. ein gutmütiges Lachen an. Der Guskow wohnt
-bei ihm, den hätte er beinahe auch verspielt, wahrhaftig, ist's nicht
-wahr, Väterchen? wandte er sich an Guskow.
-
-Guskow lachte. Sein Lachen war traurig und schmerzlich und veränderte
-seine Züge vollkommen. Bei dieser Veränderung war es mir, als müßte ich
-diesen Menschen früher einmal gekannt und gesehen haben, zudem war mir
-sein eigentlicher Name, Guskow, nicht fremd. Aber wie und wann ich ihn
-gekannt, und wo ich ihm begegnet war, dessen konnte ich mich durchaus
-nicht erinnern.
-
-Ja, sagte Guskow und hob dabei unaufhörlich die Finger zu seinem
-Schnurrbart, ließ sie aber wieder sinken, ohne ihn zu berühren.
-Pavel Dmitrijewitsch hat in diesem Feldzuge kein Glück gehabt, eine
-solche _veine de malheur_ -- fügte er mit etwas mühsamer, aber reiner
-französischer Aussprache hinzu, und dabei war es mir wieder, als hätte
-ich ihn schon irgendwo gesehen. -- Ich kenne Pavel Dmitrijewitsch
-genau, er vertraut mir alles an, fuhr er fort.
-
-Wir sind alte Bekannte, d. h. er hat mich gern, fügte er hinzu,
-offenbar erschrocken über die allzu kühne Behauptung, daß er ein alter
-Bekannter des Adjutanten sei. Pavel Dmitrijewitsch spielt vortrefflich,
-jetzt -- merkwürdig, was mit ihm vorgeht -- jetzt ist er ganz außer
-sich, _la chance a tourné_, fügte er hinzu, vornehmlich zu mir gewandt.
-
-Wir hatten Guskow anfangs mit höflicher Aufmerksamkeit zugehört, sobald
-er aber noch diese französische Redensart ausgesprochen hatte, wandten
-wir uns unwillkürlich von ihm ab.
-
-Ich habe tausendmal mit ihm gespielt, und Sie werden mir doch
-zugeben, es ist sonderbar, sagte der Leutnant mit besonderer Betonung
-des Wörtchens *sonderbar*: ich habe nicht ein einziges Mal mit ihm
-gewonnen, nicht einen Abas. Warum gewinne ich mit anderen?
-
-Pavel Dmitrijewitsch spielt vorzüglich, ich kenne ihn schon lange,
-sagte ich. Wirklich kannte ich den Adjutanten schon mehrere Jahre,
-hatte ihm schon oft zugesehen bei seinem Spiel, das für die
-Verhältnisse der Offiziere hoch zu nennen war, und war immer entzückt
-gewesen von seinen schönen, ein wenig düsteren und stets unveränderten
-Zügen, seiner gedehnten, kleinrussischen Aussprache, seinen schönen
-Sachen und Pferden, seiner gemessenen südrussischen Ritterlichkeit und
-besonders von seiner Kunst, das Spiel so schön, klar, verständlich und
-anmutig zu führen. Manchmal -- ich bekenne es reuig -- wenn ich seine
-vollen weißen Hände mit dem Brillantring am Zeigefinger betrachtete,
-die mir eine Karte nach der anderen schlugen, wurde ich wütend über
-diesen Ring, über die weißen Hände, über die ganze Persönlichkeit des
-Adjutanten, und es tauchten schlimme Gedanken gegen ihn in mir auf;
-wenn ich aber dann mit ruhigem Blute überlegte, überzeugte ich mich,
-daß er einfach ein gewandterer Spieler war als alle die, mit denen er
-gerade spielte. Wenn man seine allgemeinen Betrachtungen über das Spiel
-hörte, darüber, wie man kein Paroli biegen dürfe, wie man von einem
-kleinen Einsatz zu einem größeren fortschreiten, wie man in gewissen
-Fällen passen müsse, wie es eine erste Spielregel sei, nur mit Barem zu
-spielen u. s. w., wurde es einem immer klarer, daß er nur darum stets
-im Gewinnen war, weil er geschickter und kaltblütiger war, als wir
-alle. Und jetzt zeigte sich, daß dieser zurückhaltende, selbstsichere
-Spieler während des Feldzugs alles bis auf den letzten Heller verloren
-hatte, und nicht nur Geld, sondern auch Sachen, was für einen Offizier
-den äußersten Grad des Spielverlusts bedeutet.
-
-Mit mir geht es ihm immer verteufelt, fuhr der Leutnant O. fort, ich
-habe mir schon das Wort gegeben, nicht mehr mit ihm zu spielen.
-
-Was sind Sie für ein komischer Kauz, Väterchen, sagte Sch., zwinkerte
-mir mit dem ganzen Kopfe nickend zu und wandte sich an O. Sie haben 300
-Moneten an ihn verloren, nicht wahr, soviel haben Sie verloren?
-
-Mehr, sagte der Leutnant ärgerlich.
-
-Und jetzt ist Ihnen ein Licht aufgegangen, zu spät, Väterchen! Das
-weiß alle Welt längst, daß er unser Regimentsfalschspieler ist, sagte
-Sch., er konnte sich kaum halten vor Lachen und war äußerst befriedigt
-von seinem Einfall. Da sehen Sie Guskow vor sich, der richtet ihm
-die Karten her. Darum sind Sie auch so befreundet, liebes Väterchen.
-Und der Stabskapitän Sch. brach in ein so gutmütiges Lachen aus und
-schüttelte sich so mit dem ganzen Körper, daß er das Glas Glühwein
-verschüttete, das er gerade in der Hand hielt. Auf Guskows gelbem,
-abgemagertem Gesicht zeigte sich eine Röte; er versuchte mehrere Male
-den Mund zu öffnen, hob die Finger zum Schnurrbart und ließ sie wieder
-zu der Stelle herabsinken, wo andere Leute Taschen haben, erhob sich
-und setzte sich wieder und sagte endlich wie mit fremder Stimme zu
-Sch.: Das ist kein Scherz, Nikolaj Iwanytsch. Sie sprechen hier solche
-Dinge und vor Leuten, die mich nicht kennen, und die mich in einem
-fadenscheinigen Pelzrock sehen, weil ... seine Stimme stockte, und
-wieder gingen seine kleinen roten Händchen mit den schmutzigen Nägeln
-von dem Pelz zum Gesicht und fuhren über den Schnurrbart, das Haar
-und die Nase, oder wischten die Augen klar, oder kratzten ohne alles
-Bedürfnis die Backen.
-
-Was ist da viel zu reden, das wissen ja alle, Väterchen! fuhr Sch.
-fort, aufs innerste befriedigt von seinem Scherz und ohne im geringsten
-Guskows Erregung zu bemerken. Guskow flüsterte noch ein paar Worte,
-stützte den Ellbogen des rechten Arms auf das Knie des linken Beins,
-betrachtete in der unnatürlichsten Stellung Sch. und nahm eine Miene
-an, als ob er verächtlich lächelte.
-
-»Nein, -- sagte ich innerlich überzeugt, während ich dieses Lachen
-beobachtete -- ich habe ihn nicht nur irgendwo gesehen, sondern auch
-mit ihm gesprochen.«
-
-Wir sind uns schon einmal begegnet, sagte ich zu ihm, als Sch.s Lachen
-unter dem Eindruck des allgemeinen Schweigens sich zu legen begann.
-Guskows veränderliches Gesicht leuchtete plötzlich auf, und seine Augen
-hefteten sich zum erstenmal mit einem herzensfrohen Ausdruck auf mich.
-
-Gewiß, ich habe Sie sogleich erkannt, begann er französisch. Im Jahre
-48 hatte ich ziemlich oft das Vergnügen, Sie in Moskau bei meiner
-Schwester Iwaschina zu treffen.
-
-Ich entschuldigte mich, daß ich ihn in dieser Tracht und in dieser
-neuen Kleidung nicht sofort erkannt hätte. Er erhob sich, trat auf
-mich zu, drückte mir mit seiner feuchten Hand zögernd, schwach die
-meinige und setzte sich neben mich. Anstatt mich anzusehen, den er so
-froh zu sein schien wiederzufinden, blickte er mit dem Ausdruck einer
-unbehaglichen Prahlsucht im Kreise der Offiziere umher. Geschah es,
-weil ich in ihm einen Mann erkannt, dem ich vor einigen Jahren im Frack
-im Salon begegnet war, oder weil er bei dieser Erinnerung plötzlich
-in seiner eigenen Meinung gestiegen war, genug mir schien, als hätte
-sich sein Gesicht, ja sogar seine Bewegungen, plötzlich verändert: sie
-zeigten jetzt einen lebhaften Geist, kindliche Selbstzufriedenheit
-im Bewußtsein dieses Geistes und eine gewisse geringschätzige
-Nachlässigkeit, so daß mein alter Bekannter -- ich gestehe es -- trotz
-seiner bedauernswerten Lage mir nicht mehr Mitleid einflößte, sondern
-ein gewisses Gefühl der Feindseligkeit.
-
-Ich erinnerte mich lebhaft zurück an unsere erste Begegnung. Im
-Jahre 48 besuchte ich, während meines Aufenthaltes in Moskau, häufig
-Iwaschin, mit dem ich aufgewachsen war und mit dem mich eine alte
-Freundschaft verband. Seine Gattin war eine angenehme Wirtin, eine
-liebenswürdige Frau, wie man zu sagen pflegt, mir aber hat sie nie
-gefallen ... In dem Winter, in dem ich bei ihnen verkehrte, sprach sie
-oft mit schlecht verhehltem Stolz von ihrem Bruder, der vor kurzem
-seine Studien abgeschlossen und, wie sie sagte, einer der gebildetsten
-und in der guten Gesellschaft Petersburgs beliebtesten jungen Leute
-sei. Da ich vom Hörensagen Guskows Vater kannte, der sehr reich war
-und eine angesehene Stellung einnahm, und da ich die Anschauungsweise
-der Schwester kannte, kam ich dem jungen Guskow mit einem Vorurteil
-entgegen. Eines Abends, als ich Iwaschin besuchte, traf ich bei ihm
-einen mittelgroßen, nach seiner äußeren Erscheinung sehr angenehmen
-jungen Mann in schwarzem Frack, in weißer Weste und heller Binde,
-mit dem der Hausherr mich bekannt zu machen vergaß. Der junge Mann,
-der sich offenbar anschickte, auf einen Ball zu gehen, stand mit dem
-Hute in der Hand vor Iwaschin und disputierte hitzig, aber höflich
-mit ihm über einen unserer gemeinsamen Bekannten, der sich damals im
-ungarischen Feldzuge ausgezeichnet hatte. Er meinte, dieser Bekannte
-sei durchaus kein Held und nicht für den Krieg geschaffen, wie
-man von ihm sage, sondern nur ein kluger und gebildeter Mann. Ich
-erinnere mich, ich nahm in dem Streit gegen Guskow Partei, und ließ
-mich fortreißen, ihm sogar zu beweisen, daß Klugheit und Bildung
-stets im umgekehrten Verhältnisse zur Tapferkeit ständen, und ich
-erinnere mich, wie Guskow in liebenswürdiger und kluger Weise mir
-auseinandersetzte, daß Tapferkeit die notwendige Folge der Klugheit
-und eines gewissen Grades geistiger Entwicklung sei, und daß ich dem,
-da ich mich selbst für einen klugen und gebildeten Mann hielt, nicht
-anders als zustimmen konnte! Ich erinnere mich, daß mich Frau Iwaschina
-am Schlusse unseres Gesprächs mit ihrem Bruder bekannt machte, und
-er mir mit einem herablassenden Lächeln seine kleine Hand reichte,
-auf die er den weißen Handschuh erst halb gezogen hatte, und daß er
-mir ebenso schwach und zögernd wie jetzt die Hand gedrückt hatte.
-Obgleich ich gegen ihn voreingenommen war, mußte ich damals Guskow
-Gerechtigkeit widerfahren lassen und seiner Schwester darin beistimmen,
-daß er wirklich ein kluger und liebenswürdiger junger Mann war, der
-in der Gesellschaft Erfolge haben müsse. Er war außerordentlich
-sauber und gut gekleidet, jugendfrisch, hatte sichere, bescheidene
-Manieren und ein ungemein jugendliches, fast kindliches Aussehen, um
-dessentwillen man ihm unwillkürlich den Ausdruck der Selbstgefälligkeit
-und den Wunsch, anderen seine Überlegenheit empfinden zu lassen, den
-sein kluges Gesicht und besonders sein Lächeln beständig zur Schau
-trug, gern verzeihen mochte. Man erzählte sich, er habe in diesem
-Winter große Erfolge bei den Moskauer Damen gehabt. Da ich ihn bei
-seiner Schwester sah, konnte ich nur aus dem Ausdruck von Glück und
-Zufriedenheit, den sein jugendliches Äußeres beständig zeigte, und aus
-seinen bisweilen unbescheidenen Erzählungen schließen, bis zu welchem
-Grade das berechtigt war. Wir begegneten einander wohl sechsmal und
-sprachen ziemlich viel miteinander, oder genauer gesagt, er sprach
-meist französisch in vorzüglicher Ausdrucksweise, sehr gewählt
-und bilderreich, und verstand es, anderen in der Unterhaltung in
-gefälliger, höflicher Weise ins Wort zu fallen. Er verkehrte überhaupt
-mit allen, auch mit mir, ziemlich von oben herab; und, wie es mir immer
-geht im Umgange mit Menschen, die mit der festen Überzeugung auftreten,
-daß man mit mir von oben herab verkehren könne und mit denen ich nicht
-genauer bekannt bin, fühlte ich auch hier, daß er in diesem Punkte ganz
-im Rechte war.
-
-Jetzt, da er sich zu mir setzte und mir selbst die Hand reichte,
-erkannte ich in ihm den früheren hochmütigen Ausdruck lebhaft wieder,
-und es schien mir, als nütze er in nicht ganz ehrenhafter Weise den
-Vorteil seiner Lage als eines Subalternen dem Offizier gegenüber aus,
-indem er mich so leichthin fragte, was ich die ganze Zeit hindurch
-gemacht habe und wie ich hierher gekommen sei. Obgleich ich auf jede
-Frage russisch antwortete, begann er immer wieder französisch; aber
-er drückte sich offenbar nicht mehr so geläufig in dieser Sprache aus
-wie früher. Von sich erzählte er mir so nebenbei, er habe nach seiner
-unglückseligen, dummen Geschichte (was das für eine Geschichte war,
-weiß ich nicht und hat er mir auch nicht erzählt) drei Monate im Arrest
-gesessen, dann sei er in den Kaukasus in das N.-Regiment geschickt
-worden und diene jetzt schon drei Jahre als Gemeiner in diesem
-Regimente.
-
-Sie werden es nicht glauben, sagte er zu mir französisch, was ich alles
-in diesen Regimentern von den Offizieren habe leiden müssen! Ein Glück
-für mich, daß ich von früher her den Adjutanten gekannt habe, von dem
-wir eben gesprochen haben; er ist ein guter Mensch, wirklich, bemerkte
-er in höflichem Tone -- ich wohne bei ihm und für mich ist das immer
-eine kleine Erleichterung. _Oui, mon cher, les jours se suivent, mais
-ne se ressemblent pas_, fügte er hinzu, aber er stockte, wurde rot und
-erhob sich, denn er hatte bemerkt, daß eben der Adjutant, von dem wir
-sprachen, auf uns zukam.
-
-Welch eine Freude, einem Menschen zu begegnen, wie Sie! sagte Guskow zu
-mir im Flüstertone, während er sich von mir entfernte, ich hätte viel,
-viel mit Ihnen zu sprechen.
-
-Ich sagte, ich sei sehr erfreut, in Wirklichkeit aber, muß ich
-bekennen, flößte mir Guskow ein unsympathisches, drückendes Mitgefühl
-ein.
-
-Ich hatte eine Ahnung, daß ich mich mit ihm unter vier Augen
-unbehaglich fühlen würde, aber ich hätte gern mancherlei von ihm
-gehört, besonders wie es komme, daß er bei dem Reichtum seines Vaters
-in Armut lebe, wie man seiner Kleidung und seinem Auftreten anmerkte.
-
-Der Adjutant begrüßte uns alle, nur Guskow nicht, und setzte sich neben
-mich an die Stelle, die der Degradierte eingenommen hatte. Stets ein
-ruhiger und langsamer, gleichmütiger Spieler und ein vermögender Mann,
-war Pavel Dmitrijewitsch jetzt ein ganz anderer geworden, als ich ihn
-in der Blütezeit seines Spielens gekannt hatte -- er schien immer Eile
-zu haben und ließ seine Blicke umherschweifen, und es waren nicht fünf
-Minuten vergangen, als er, der sonst immer das Spiel ablehnte, dem
-Leutnant O. den Vorschlag machte, ein Bänkchen aufzulegen. Leutnant O.
-lehnte unter dem Vorwande ab, daß er vom Dienst in Anspruch genommen
-sei, in Wirklichkeit aber, weil er wußte, wie wenig Geld und Gut Pavel
-Dmitrijewitsch geblieben war, und weil er es für unvernünftig hielt,
-seine dreihundert Rubel aufs Spiel zu setzen gegen die hundert und
-vielleicht auch weniger, die er gewinnen konnte.
-
-Sagen Sie, Pavel Dmitrijewitsch, begann der Leutnant, der offenbar den
-Wunsch hatte, einer Wiederholung der Bitte aus dem Wege zu gehen, ist
-es wahr, es heißt, wir sollen morgen ausrücken?
-
-Ich weiß nicht, bemerkte Pavel Dmitrijewitsch, es ist nur der Befehl
-gekommen, daß wir uns bereit halten sollen. -- Aber wirklich, es ist
-besser, wir machen ein Spielchen, ich verpfände euch meinen Kabardiner.
-
-Nein, es ist heute schon ...
-
-Den Grauen, wenn es nicht anders ist, oder wenn Sie wollen, um Geld.
-Nun? ...
-
-Nun ja ... Ich wäre schon bereit, Sie dürfen nicht glauben, ... begann
-Leutnant O., indem er seine eignen Zweifel beantwortete. Aber morgen
-giebt es vielleicht einen Überfall oder einen Marsch, da muß man
-ausschlafen.
-
-Der Adjutant erhob sich und ging, die Hände in den Taschen, auf dem
-gereinigten Platze hin und her. Sein Gesicht nahm den gewohnten
-Ausdruck der Kühle und eines gewissen Stolzes an, den ich gern an ihm
-sah.
-
-Wollen Sie nicht ein Gläschen Glühwein? sagte ich zu ihm.
-
-Gern! -- Und er kam auf mich zu. Guskow aber nahm mir schnell das Glas
-aus der Hand und brachte es dem Adjutanten entgegen; dabei gab er
-sich Mühe, ihn nicht anzusehen. Er übersah den Strick, der das Zelt
-zusammenhielt, stolperte darüber, ließ das Glas fallen und stürzte
-vornüber.
-
-So ein Hanswurst! sagte der Adjutant, der schon seine Hand nach
-dem Glase ausgestreckt hatte. Alle lachten laut auf, Guskow nicht
-ausgenommen; dabei rieb er sein hageres Knie, das er bei dem Falle
-nicht im geringsten verletzt haben konnte, mit der einen Hand.
-
-Wie der Bär den Einsiedler bedient hat, fuhr der Adjutant fort.
-So bedient er mich jeden Tag! Alle Pflöcke im Zelt hat er schon
-umgerissen, -- immer stolpert er.
-
-Guskow entschuldigte sich vor uns, ohne auf ihn zu hören, und sah
-mich mit einem kaum merklichen traurigen Lächeln an, mit dem er sagen
-zu wollen schien, ich allein wäre imstande, ihn zu verstehen. Er war
-beklagenswert, und der Adjutant, sein Beschützer, schien aus irgend
-einem Grunde erzürnt auf seinen Zeltgenossen zu sein und wollte ihn
-durchaus nicht in Ruhe lassen.
-
-Nun, Sie geschickter Jüngling, wo fallen Sie denn nicht?
-
-Wer stolpert nicht über diese Pflöcke, Pavel Dmitrijewitsch, sagte
-Guskow, Sie sind selbst vorgestern gestolpert.
-
-Ich, Väterchen, bin kein Subalterner, von mir verlangt man keine
-Geschicklichkeit.
-
-Er darf schwere Beine haben, fiel der Stabskapitän ein, aber ein
-Subalterner muß springen können ...
-
-Merkwürdige Scherze! ... sagte Guskow beinahe flüsternd und schlug die
-Augen nieder. Der Adjutant war offenbar nicht gut gelaunt gegen seinen
-Zeltgenossen. Er horchte begierig auf jedes seiner Worte.
-
-Man wird ihn wieder auf einen gedeckten Posten schicken müssen, sagte
-er zu Sch. gewandt, mit Zwinkern auf den Degradierten weisend.
-
-Da wird's wieder Thränen geben, sagte Sch. lächelnd. Guskows Augen
-waren nicht mehr auf mich gerichtet, er that, als ob er Tabak aus dem
-Beutel nähme, in dem längst nichts mehr war.
-
-Machen Sie sich bereit, auf gedeckten Posten zu ziehen, sagte Sch.
-unter Lachen. Die Kundschafter haben heute gemeldet, es würde einen
-Angriff auf das Lager geben, da heißt es sichere Leute bestimmen.
-
-Guskow lächelte unentschlossen, als bereitete er sich vor, etwas zu
-sagen, und richtete mehrere Male flehentliche Blicke auf Sch.
-
-Nun ja, ich bin ja schon manchmal gegangen, und ich werde wieder gehen,
-wenn man mich schickt, stammelte er hervor.
-
-Man wird Sie schicken.
-
-So werde ich gehen. Was soll ich thun?
-
-Ja, wie in Argun: wo Sie vom Posten weggelaufen sind und das Gewehr
-fortgeworfen haben ... sagte der Adjutant, dann wandte er sich von ihm
-ab und begann, uns die Befehle für morgen auseinanderzusetzen.
-
-In der That erwartete man in der Nacht eine Beschießung des Lagers von
-Seiten des Feindes und am folgenden Tage irgend eine Bewegung. Der
-Adjutant sprach noch von allerlei allgemeinen Dingen, plötzlich schlug
-er, wie zufällig, als ob es ihm eben eingefallen wäre, dem Leutnant O.
-vor, ein kleines Spielchen zu machen. Leutnant O. war wider Erwarten
-vollständig einverstanden, und sie gingen mit Sch. und dem Fähnrich
-in das Zelt des Adjutanten, der einen grünen Spieltisch und Karten
-hatte. Der Kapitän, der Kommandeur unserer Abteilung, ging in sein Zelt
-schlafen, auch die anderen Herren gingen auseinander und ich blieb
-mit Guskow allein. Ich hatte mich nicht getäuscht -- ich fühlte mich
-wirklich unbehaglich unter vier Augen mit ihm. Unwillkürlich stand ich
-auf und begann auf der Batterie auf- und niederzugehen. Guskow ging
-schweigend neben mir her und machte hastige und unruhige Bewegungen, um
-nicht hinter mir zurückzubleiben und mir nicht vorauszueilen.
-
-Ich störe Sie doch nicht? sagte er mit sanfter, klagender Stimme.
-
-So viel ich in der Dunkelheit sein Gesicht sehen konnte, schien es mir
-tief nachdenklich und traurig.
-
-Nicht im mindesten, antwortete ich; da er aber nicht zu sprechen
-begann, und ich nicht wußte, was ich ihm sagen sollte, gingen wir
-ziemlich lange schweigend hin und her.
-
-Die Dämmerung war schon vollständig dem Dunkel der Nacht gewichen, über
-dem schwarzen Umriß des Gebirgs flammte helles Abendwetterleuchten,
-über unseren Häuptern funkelten am hellblauen Winterhimmel kleine
-Sterne, von allen Seiten loderten in rotem Schein die Flammen der
-rauchenden Wachtfeuer, nah vor uns schimmerten die grauen Zelte und der
-düstere, schwarze Erdwall unserer Batterie durch den Nebel. Vor dem
-nächsten Wachtfeuer, um das unsere Burschen sich zum Wärmen gelagert
-hatten und leise plauderten, glänzte von Zeit zu Zeit auf der Batterie
-das Erz unserer schweren Geschütze und erschien in ihrem umgehängten
-Mantel die Gestalt des Wachtpostens, die sich gemessenen Schrittes
-unterhalb des Erdwalls hin- und herbewegte.
-
-Sie können sich nicht vorstellen, welche Freude es für mich ist, mit
-einem Menschen wie Sie zu sprechen! sagte Guskow zu mir, obgleich er
-mit mir noch nichts gesprochen hatte. Das kann nur der begreifen, der
-einmal in meiner Lage gewesen ist.
-
-Ich wußte nicht, was ich ihm antworten sollte, und wir schwiegen wieder
-beide, obgleich er offenbar Lust hatte sich auszusprechen, und ich ihn
-anzuhören.
-
-Wofür sind Sie ... Wofür haben Sie leiden müssen? fragte ich ihn
-endlich, da mir nichts Besseres einfiel, um das Gespräch zu beginnen.
-
-Haben Sie nichts gehört von der unglückseligen Geschichte mit Metenin?
-
-Ja, ein Duell, glaube ich, war es; ich habe flüchtig davon gehört,
-antwortete ich, ich bin ja schon lange im Kaukasus.
-
-Nein, kein Duell; es ist diese dumme, schreckliche Geschichte! Ich
-will Ihnen alles erzählen, wenn Sie es nicht wissen. Es war in
-demselben Jahre, als ich Sie bei meiner Schwester traf, ich lebte
-damals in Petersburg. Sie müssen wissen, ich hatte damals, was man
-_une position dans le monde_ nennt, und eine recht gute, um nicht
-zu sagen glänzende. _Mon père me donnait 10000 par an._ Im Jahre 49
-wurde mir Aussicht auf eine Stellung bei der Gesandtschaft in Turin
-gemacht: mein Onkel mütterlicherseits konnte sehr viel für mich thun
-und war stets gern dazu bereit. Es ist jetzt schon lange her, _j'étais
-reçu dans la meilleure société de Pétersbourg, je pouvais prétendre_
-auf eine vortreffliche Partie. Ich hatte gelernt, was wir alle in
-der Schule lernen, so daß ich eine besondere Bildung nicht hatte;
-ich habe zwar später viel gelesen, _mais j'avais surtout ce jargon
-du monde_, Sie wissen schon; und wie dem auch war, ich galt, Gott
-weiß warum, für einen der ersten jungen Leute Petersburgs. Was mir in
-der öffentlichen Meinung eine besondere Stellung gab, _c'est cette
-liaison avec Mme. D._, über die in Petersburg viel gesprochen wurde;
-aber ich war schrecklich jung und schätzte damals alle diese Vorteile
-gering. Ich war einfach jung und dumm. Was brauchte ich mehr? Damals
-hatte in Petersburg dieser Metenin Ruf ... -- und Guskow fuhr immer
-weiter so fort und erzählte mir die Geschichte seines Unglücks, die
-ich aber hier übergehen will, weil sie ganz uninteressant ist. --
-Zwei Monate saß ich im Gefängnis, fuhr er fort, ganz allein, und was
-habe ich in dieser Zeit nicht alles durchdacht! Aber wissen Sie, als
-alles vorüber war, als sozusagen schon endgültig jede Verbindung mit
-der Vergangenheit gelöst war, da war mir leichter zu Mute. _Mon père,
-vous en avez entendu parler_, sicherlich, er ist ein Mann von eisernem
-Charakter und mit festen Überzeugungen, _il m'a deshérité_ und hat alle
-Beziehungen mit mir abgebrochen. Nach seiner Überzeugung hat er so
-handeln müssen, und ich will ihm keineswegs Vorwürfe machen: _il a été
-conséquent_. Dafür habe auch ich keinen Schritt gethan, um ihn seinem
-Entschluß untreu zu machen. Meine Schwester war im Auslande. Mme. D.
-war die Einzige, die mir schrieb, als man es ihr erlaubte, und mir
-ihre Hilfe anbot; aber Sie werden begreifen, daß ich ablehnte, und daß
-ich Mangel hatte an all den Kleinigkeiten, die in einer solchen Lage
-ein wenig Erleichterung gewähren: ich hatte weder Bücher, noch Wäsche,
-noch Kost -- nichts. Ich habe viel, sehr viel damals nachgedacht. Ich
-begann alles mit andern Augen anzusehen: der Lärm z. B., das Gerede
-der Gesellschaft über mich in Petersburg kümmerte mich nicht --
-schmeichelte mir nicht im geringsten -- alles das kam mir lächerlich
-vor. Ich fühlte, daß ich selbst schuld war, daß ich unvorsichtig, jung
-gewesen war, daß ich meine Laufbahn zerstört hatte, und dachte nur
-darüber nach, wie ich es wieder gut machen könnte. Ich fühlte die Kraft
-und die Energie dazu in mir. Aus dem Gefängnis wurde ich, wie ich Ihnen
-sagte, hierher in den Kaukasus zum N.-Regiment geschickt. Ich hatte
-geglaubt -- fuhr er fort und wurde immer lebhafter -- hier im Kaukasus
-sei _la vie de camp_, seien schlichte und brave Menschen, mit denen ich
-verkehren werde, gäbe es Kriegsgefahren -- alles das würde zu meiner
-Gemütsstimmung gerade passen, und ich würde ein neues Leben beginnen.
-_On me verra au feu_ -- man wird mich lieb gewinnen, mich schätzen
-lernen, nicht bloß meines Namens wegen -- mir Orden geben, mich zum
-Unteroffizier machen, die Strafe aufheben, und ich werde wieder in
-die Heimat zurückkehren, _et vous savez avec ce prestige du malheur_.
-Aber _quel désenchantement_! Sie können sich nicht vorstellen, wie
-ich mich getäuscht habe! ... Sie kennen das Offizierkorps unseres
-Regiments? -- Er schwieg ziemlich lange und schien zu erwarten, daß ich
-ihm sagte, ich wüßte, wie schlecht die hiesigen Offiziere seien. Aber
-ich antwortete ihm nicht. Es widerte mich an, daß er, wahrscheinlich,
-weil ich französisch verstand, voraussetzte, ich müßte gegen das
-Offizierskorps eingenommen sein, während ich im Gegenteil durch meinen
-längern Aufenthalt im Kaukasus dahin gekommen war, es nach seinem Werte
-zu beurteilen und tausendmal höher zu schätzen, als den Kreis, aus dem
-Herr Guskow hervorgegangen war. Ich wollte ihm das sagen, aber seine
-Lage fesselte mir die Zunge. -- Im N.-Regiment ist das Offizierskorps
-tausendmal schlimmer als im hiesigen, fuhr er fort. _J'espère, que
-c'est beaucoup dire_, d. h. Sie können sich nicht vorstellen, wie es
-ist! Ich will gar nicht von den Junkern und den Gemeinen sprechen. Das
-ist eine entsetzliche Gesellschaft! Sie nahmen mich anfangs gut auf,
-das ist wahr, aber später, als sie sahen, daß sie mir verächtlich sein
-mußten, an den unmerklichen, kleinen Beziehungen sahen sie das, Sie
-wissen schon, daß ich ein ganz anderer Mensch sei, der weit über ihnen
-stand, da wurden sie böse auf mich und fingen an, mir mit allerlei
-kleinen Demütigungen heimzuzahlen. _Ce que j'ai eu à souffrir, vous
-ne vous faites pas une idée._ Dann der unwillkürliche Verkehr mit den
-Junkern, besonders _avec les petits moyens, que j'avais, je manquais
-de tout_, ich hatte nur, was meine Schwester mir schickte. Ein Beweis
-für das, was ich zu leiden hatte, ich, bei meinem Charakter, _avec ma
-fierté, j'ai écris à mon père_, ich flehte ihn an, mir wenigstem etwas
-zu schicken ... Ich begreife wohl, wenn man fünf Jahre ein solches
-Leben geführt hat, kann man so werden, wie unser Degradierter Dromow,
-der mit den Gemeinen trinkt und allen Offizieren Briefe schreibt, in
-denen er bittet, ihm drei Rubel zu »leihen«, und die er _tout à vous_
-Dromow unterschreibt. Man muß einen Charakter wie meinen haben, um
-in dieser schrecklichen Lage nicht ganz zu versumpfen. -- Er ging
-lange schweigend neben mir her. -- _Avez vous un papiros?_ sagte er.
--- Ja, wo bin ich stehen geblieben? ... Ja. Ich konnte das nicht
-aushalten, nicht körperlich; denn war es auch schrecklich, plagte
-mich auch Kälte und Hunger, führte ich auch das Leben eines gemeinen
-Soldaten, so hatten doch die Offiziere eine gewisse Achtung vor mir
--- auch besaß ich noch für sie ein gewisses _prestige_. Sie schickten
-mich nicht auf Wachtposten, auf Übung. Ich hätte das nicht ertragen.
-Aber seelisch litt ich entsetzlich. Und vor allem -- ich sah keinen
-Ausweg aus dieser Lage. Ich schrieb an meinen Onkel, ich flehte ihn
-an, mich in das hiesige Regiment zu versetzen, das wenigstens die
-Feldzüge mitmacht, und dachte, hier ist Pavel Dmitrijewitsch, _qui est
-le fils de l'intendant de mon père_, der wird mir wenigstens nützlich
-sein können. Mein Onkel that das für mich -- ich wurde versetzt. Nach
-jenem Regiment kam mir dieses wie eine Versammlung von Kammerherren
-vor. Dann war Pavel Dmitrijewitsch da, er wußte, wer ich war, und
-ich wurde vortrefflich aufgenommen. Auf die Bitte meines Onkels ...
-Guskow, _vous savez_? ... Aber ich machte die Beobachtung, daß mit
-diesen Menschen ohne Bildung und Intelligenz -- sie können einen
-Menschen nicht achten und ihm ihre Achtung bezeigen, wenn er nicht
-den Strahlenkranz des Reichtums, des Ansehens hat. Ich machte die
-Beobachtung, wie allmählich, als sie erkannt hatten, daß ich arm war,
-ihr Verkehr mit mir immer nachlässiger und nachlässiger und endlich
-nahezu geringschätzig wurde. Das ist entsetzlich, aber es ist die volle
-Wahrheit.
-
-Hier habe ich an den Feldzügen teilgenommen, ich habe mich geschlagen,
-_on m'a vu au feu_, fuhr er fort -- aber wann wird das ein Ende haben?
-Ich glaube, nie; und meine Kräfte und meine Energie fangen an sich zu
-erschöpfen. Dann habe ich mir _la guerre, la vie de camp_ ausgemalt,
-aber ich sehe, es ist alles ganz anders: in der Pelzjacke, ungewaschen,
-in Soldatenstiefeln geht man auf verdeckten Posten und liegt die ganze
-Nacht hindurch in einem Hohlweg mit dem ersten besten Antonow, der
-wegen Trunksucht unter die Soldaten gesteckt ist, und jeden Augenblick
-kann man vom Gebüsch her totgeschossen werden -- ich oder Antonow, das
-ist ganz gleich ... Da thut's keine Tapferkeit, das ist entsetzlich,
-_c'est affreux, ça tue_.
-
-Nun ja, Sie können aber jetzt für den Feldzug Unteroffizier und im
-nächsten Jahr Fähnrich werden, sagte ich.
-
-Ja, ich kann es, man hat es mir versprochen, aber es sind noch zwei
-Jahre hin, und vielleicht auch dann nicht, und was das heißt, solche
-zwei Jahre, wenn das einer wüßte! Stellen Sie sich ein Leben mit diesem
-Pavel Dmitrijewitsch vor: Kartenspiel, grobe Späße, Saufgelage ...
-Sie wollen etwas sagen, was Ihnen das Herz abdrückt, es versteht Sie
-niemand, oder Sie werden gar noch ausgelacht. Man spricht mit Ihnen
-nicht, um Ihnen einen Gedanken mitzuteilen, sondern um aus Ihnen
-womöglich noch einen Narren zu machen. Und das alles ist so gemein,
-so grob, so häßlich, und Sie fühlen immer, daß Sie zu den niederen
-Chargen gehören -- man läßt Sie das immer fühlen. Darum können Sie auch
-nicht verstehen, welch ein Genuß es ist, _à c[oe]ur ouvert_ mit einem
-Menschen zu sprechen, wie Sie sind! ...
-
-Ich verstand nicht im mindesten, was für ein Mensch ich sein sollte,
-und darum wußte ich auch nicht, was ich ihm antworten sollte.
-
-Werden Sie etwas essen? sagte in diesem Augenblick Nikita zu mir,
-der unbemerkt in der Dunkelheit zu mir herangeschlichen und, wie ich
-wahrnahm, über die Anwesenheit des Gastes ungehalten war. -- Es giebt
-nur Quark-Piroggen, und etwas Fleischklops ist noch übrig geblieben.
-
-Hat der Kapitän schon gegessen?
-
-Sie schlafen schon lange, antwortete Nikita mürrisch. Auf meinen
-Befehl, uns hierher etwas Essen und Schnaps zu bringen, brummte er
-unwillig etwas in den Bart und ging schleppend in seine Hütte. Er
-brummte auch dort noch weiter, brachte uns aber ein Kästchen; auf das
-Kästchen stellte er ein Licht, das er vorher gegen den Wind mit Papier
-umwickelt hatte, eine kleine Kasserolle, Mostrich und eine Büchse,
-einen Blechbecher mit einem Henkel und eine Flasche Wermut. Nachdem
-Nikita alles das hergerichtet hatte, blieb er noch eine Weile in der
-Nähe stehen und sah zu, wie Guskow und ich Schnaps tranken, was ihm
-offenbar sehr unangenehm war. Bei dem matten Schein, den die Kerze
-durch das Papier warf, und bei der Dunkelheit, die uns umgab, sah
-man nur das Seehundsleder des Kästchens, das Abendbrot, das darauf
-stand, Guskows Gesicht, seine Pelzjacke und seine kleinen roten Hände,
-mit denen er die Piroggen aus der Kasserolle herausnahm. Ringsumher
-war alles schwarz, und nur, wenn man scharf ausspähte, konnte man
-die schwarze Batterie, die ebenso schwarze Gestalt des Wachtpostens,
-der über die Brustwehr zu sehen war, an den Seiten die brennenden
-Wachtfeuer und über uns die rot schimmernden Sterne unterscheiden.
-Guskow lächelte kaum merklich, traurig und verschämt, als wäre es ihm
-unbehaglich, mir nach seinem Geständnis in die Augen zu sehen, er
-trank noch ein Gläschen Schnaps und aß gierig, indem er die Kasserolle
-auskratzte.
-
-Ja, für Sie ist es doch immerhin eine Erleichterung, sagte ich, um
-etwas zu sagen, daß Sie mit dem Adjutanten bekannt sind; ich habe
-gehört, er ist ein guter Mensch.
-
-Ja, antwortete der Degradierte, er ist ein lieber Mensch; aber er
-kann kein anderer sein, er kann kein Mensch sein -- bei seiner
-Bildung kann man's auch nicht verlangen. Plötzlich schien er zu
-erröten. -- Sie haben seine groben Scherze mit dem verdeckten Posten
-gehört? -- und obgleich ich zu wiederholten Malen das Gespräch zu
-unterbrechen suchte, begann Guskow sich vor mir zu rechtfertigen und
-mir auseinanderzusetzen, daß er nicht von seinem Posten weggelaufen
-war, und daß er kein Feigling sei, wie das der Adjutant und Sch. hätten
-durchblicken lassen.
-
-Wie ich Ihnen gesagt habe -- fuhr er fort und wischte seine Hände an
-seiner Pelzjacke ab -- solche Leute verstehen nicht zart mit einem
-Menschen umzugehen, mit einem gemeinen Soldaten, der kein Geld hat;
-das geht über Ihre Kräfte. Und in der letzten Zeit, wo ich seit fünf
-Monaten, ich weiß nicht warum, von meiner Schwester nichts bekomme,
-habe ich beobachtet, wie verändert ihr Benehmen gegen mich ist. Dieser
-Pelzrock, den ich von einem Gemeinen gekauft habe und der nicht wärmt,
-weil er ganz abgeschabt ist (dabei zeigte er mir den kahlen Schoß)
-flößt ihnen nicht Mitleid oder Achtung mit dem Unglück, sondern
-Verachtung ein, die sie nicht zu verbergen imstande sind. Meine Not
-mag noch so groß sein, wie jetzt, wo ich nichts zu essen habe, als
-Soldatengrütze, und nichts anzuziehen, fuhr er mit niedergeschlagenen
-Augen fort und goß sich noch ein Gläschen Schnaps ein -- es fällt ihm
-nicht ein, mir Geld anzubieten, und er weiß, daß ich es ihm wiedergebe.
-Er wartet, bis ich, in meiner Lage, mich an ihn wende. Und Sie werden
-begreifen, wie schwer mir das wird, und noch bei ihm! Ihnen zum
-Beispiel würde ich gerade heraussagen: _vous êtes au dessus de cela,
-mon cher, je n'ai pas le sou_. Und wissen Sie, sagte er und sah mir
-plötzlich mit verzweifeltem Blick in die Augen -- Ihnen sage ich es
-gerade heraus, ich bin jetzt in einer entsetzlichen Lage: _pouvez-vous
-me prêter 10 roubles argent_? Meine Schwester muß mir mit der nächsten
-Post schicken, _et mon père_ ...
-
-Oh, ich bin sehr erfreut! sagte ich, während es mir im Gegenteil
-sehr unangenehm und kränkend war, besonders weil ich tags zuvor im
-Kartenspiel Verluste gehabt und selbst nicht mehr als fünf Rubel und
-einige Kopeken bei Nikita hatte. -- Gleich, sagte ich, und stand auf,
-ich will in das Zelt gehen, um es zu holen.
-
-Nein, später, _ne vous dérangez pas_.
-
-Ich hörte aber nicht auf ihn und kroch in das zugeknöpfte Zelt, wo mein
-Bett stand und der Kapitän schlief.
-
-Aleksej Iwanytsch, geben Sie mir, bitte, zehn Rubel bis zum
-Gehaltstage, sagte ich zu dem Kapitän, während ich ihn aufrüttelte.
-
-Was, wieder abgebrannt? Und gestern erst haben Sie erklärt, daß Sie
-nicht mehr spielen wollen? sagte der Kapitän, halb im Schlafe.
-
-Nein, ich habe nicht gespielt, ich brauche es so, geben Sie mir's,
-bitte.
-
-Makatjuk! schrie der Kapitän seinem Burschen zu, hole das Geldkästchen
-und gieb es her.
-
-Leiser, leiser, sagte ich. Ich hörte in der Nähe des Zeltes die
-gleichmäßigen Schritte Guskows.
-
-Was? ... warum leiser?
-
-Der Degradierte hat mich um ein Darlehn gebeten. Er ist da.
-
-Hätte ich das gewußt, dann hätte ich es nicht gegeben, bemerkte der
-Kapitän. Ich habe von ihm gehört: der Bursche ist einer der schlimmsten
-Wüstlinge! -- Der Kapitän gab mir aber doch das Geld, befahl die
-Schatulle wegzusetzen, das Zelt gut zu verschließen, wiederholte noch
-einmal: »Wenn ich gewußt hätte wozu, hätte ich es nicht gegeben«
-und zog sich die Decke über den Kopf. -- Nun schulden Sie mir 32,
-vergessen Sie nicht! rief er mir nach. Als ich aus dem Zelte trat,
-ging Guskow um die Bänkchen herum, und seine kleine Gestalt mit den
-krummen Beinen und der scheußlichen Fellmütze mit den langen weißen
-Haaren tauchte in der Dunkelheit auf und nieder, wenn er an der Kerze
-vorüberkam. Er that, als bemerkte er mich nicht. Ich gab ihm das Geld.
-Er sagte _merci_, knitterte den Schein zusammen und steckte ihn in die
-Hosentasche.
-
-Jetzt muß das Spiel bei Pavel Dmitrijewitsch, denke ich, im vollsten
-Gange sein! begann er gleich darauf.
-
-Ja, das denke ich auch.
-
-Er spielt merkwürdig, immer _à rebours_ und biegt nie ein Paroli,
-glückt's, dann ist es gut, wenn es aber nicht gelingt, kann man
-furchtbar viel Geld verspielen. Er hat das auch bewiesen. In
-diesem Feldzuge hat er, wenn man die Sache berechnet, mehr als
-anderthalbtausend verloren. Und mit welcher Mäßigung hat er früher
-gespielt, so daß Ihr Offizier da an seiner Ehrenhaftigkeit zu zweifeln
-schien.
-
-Ja, er hat das so ... Nikita, haben wir keinen Most mehr, sagte ich
-und fühlte mich sehr erleichtert durch Guskows Redseligkeit. Nikita
-brummte immer noch, er brachte uns aber den Wein und sah wieder wütend
-zu, wie Guskow sein Glas leerte. In Guskows Benehmen machte sich wieder
-die frühere Ungezwungenheit bemerkbar. Ich hätte gewünscht, er wäre
-so schnell als möglich gegangen, und es schien mir, als thäte er das
-nur deshalb nicht, weil er sich schämte, gleich nachdem er das Geld
-bekommen hatte, fortzugehen. Ich sprach kein Wort.
-
-Wie ist es möglich, daß Sie bei Ihren Mitteln ohne jede Notwendigkeit,
-_de gaieté de c[oe]ur_ sich entschlossen haben, im Kaukasus Dienste zu
-nehmen? Sehen Sie, das verstehe ich nicht, sagte er zu mir.
-
-Ich gab mir Mühe, mich wegen dieses für ihn so auffälligen Schrittes zu
-rechtfertigen.
-
-Ich kann mir denken, wie schwer auch für Sie der Verkehr mit diesen
-Offizieren ist, mit diesen Menschen, die gar keine Vorstellung von
-Bildung haben. Es ist nicht möglich, daß sie für Sie Verständnis haben.
-Sie können zehn Jahre hier leben und werden nichts anderes sehen
-und hören als Karten, Wein und Unterhaltung über Auszeichnungen und
-Feldzüge.
-
-Es berührte mich unangenehm, daß er verlangte, ich sollte durchaus
-seine Behauptung teilen, und ich beteuerte ihm mit voller
-Aufrichtigkeit, daß ich Karten, Wein und Gespräche über Feldzüge sehr
-gern hätte. Aber er wollte mir nicht glauben.
-
-Ach, Sie sagen das so, fuhr er fort. Und der Mangel an Frauen, d. h.
-ich meine _femmes comme il faut_, ist das nicht eine schreckliche
-Entbehrung? Ich weiß nicht, was ich jetzt drum gäbe, wenn ich mich nur
-auf einen Augenblick in einen Salon versetzen und auch nur durch ein
-Thürspältchen ein reizendes Weib sehen könnte.
-
-Er schwieg eine Weile und trank noch ein Glas Wein.
-
-Ach, Gott! Ach, Gott! Vielleicht haben wir noch einmal das Glück, uns
-in Petersburg bei Menschen zu begegnen, mit Menschen, mit Frauen zu
-verkehren und zu leben. -- Er trank den letzten Rest Wein aus, der
-noch in der Flasche geblieben war, dann sagte er: Oh, pardon, Sie
-hätten vielleicht auch noch getrunken, ich bin schrecklich zerstreut.
-Ich habe, glaube ich, zu viel getrunken, _et je n'ai pas la tête
-forte_. Es gab eine Zeit, wo ich auf der Morskaja (in Petersburg) _au
-rez de chaussée_ wohnte, ich hatte eine wundervolle kleine Wohnung,
-eigene Möbel, müssen Sie wissen, ich habe es verstanden, alles reizend
-einzurichten, wenn auch nicht übermäßig teuer. Allerdings, _mon père_
-gab mir Porzellan, Blumen, wundervolles Silber. _Le matin je sortais_,
-Besuche machen; _à 5 heures régulièrement_ fuhr ich zu ihr zu Mittag,
-oft war sie allein. _Il faut avouer que c'était une femme ravissante!_
-Sie haben sie nicht gekannt, gar nicht?
-
-Nein.
-
-Wissen Sie, Weiblichkeit besaß sie im höchsten Maße, Zärtlichkeit,
-und erst ihre Liebe! ... Du lieber Gott! Ich habe damals dieses Glück
-nicht zu schätzen gewußt. Oder nach dem Theater kehrten wir häufig zu
-zweien nach Hause zurück und speisten zu Abend. Nie habe ich bei ihr
-Langeweile empfunden, _toujours gaie, toujours aimante_. Ja, ich ahnte
-gar nicht, was für ein seltenes Glück das war. _Et j'ai beaucoup à me
-reprocher_ ihr gegenüber. _Je l'ai fais souffrir et souvent_, ich war
-grausam. Ach, es war eine köstliche Zeit! Langweilt Sie das?
-
-Nein, keineswegs.
-
-Dann will ich Ihnen von unseren Abenden erzählen. Ich komme: diese
-Treppe, jeden Blumentopf kannte ich, die Thürklinke -- alles so lieb,
-so bekannt, dann das Vorzimmer, ihr Zimmer ... Nein, das kommt niemals,
-niemals wieder! Sie schreibt mir auch jetzt noch; ich will Ihnen gern
-ihre Briefe zeigen. Aber ich bin nicht mehr derselbe -- ich bin ein
-Verlorner, ich bin ihrer nicht mehr würdig ... Ja, ich bin für ewig
-verloren! _Je suis cassé._ Ich habe keine Energie, keinen Stolz, nichts
-mehr. Auch mein Adel ist hin ..., ja, ich bin ein Verlorner! Und kein
-Mensch wird je mein Leiden begreifen -- niemand fühlt mit mir. Ich bin
-ein gefallener Mensch! Nie kann ich mich wieder erheben, denn ich bin
-moralisch gesunken -- in Schmutz gesunken ... In diesem Augenblicke
-klang aus seinen Worten aufrichtige, tiefe Verzweiflung; er sah mich
-nicht an und saß unbeweglich da.
-
-Warum so verzweifeln? sagte ich.
-
-Weil ich abscheulich bin, dies Leben hat mich zu Grunde gerichtet,
-was in mir war, alles ist ertötet ... Ich leide nicht mehr mit Stolz,
-sondern mit Würdelosigkeit -- die _dignité dans le malheur_ habe ich
-nicht mehr. Jeden Augenblick erdulde ich Demütigungen, alles ertrage
-ich, ich suche selbst den Weg zur Demütigung. Dieser Schmutz _a déteint
-sur moi_, ich bin selbst roh geworden, ich habe vergessen, was ich
-gewußt habe, ich kann nicht mehr französisch sprechen, ich fühle, daß
-ich gemein und niedrig bin. An Kämpfen kann ich in dieser Umgebung
-nicht teilnehmen, um nichts in der Welt; ich wäre vielleicht ein
-Held: geben Sie mir ein Regiment, goldene Achselklappen, Trompeter;
-aber in Reih und Glied mit dem ersten besten rohen Antonow Bondarenko
-und dem und dem zu gehen, und zu denken, daß zwischen ihm und mir
-nicht der geringste Unterschied ist, daß es ganz gleich ist, ob er
-erschossen wird oder ich -- dieser Gedanke tötet mich. Begreifen Sie,
-wie entsetzlich es ist, zu denken, daß der erste beste Lumpenkerl
-mich töten soll, einen Menschen, der denkt und fühlt, und daß es ganz
-dasselbe ist, ob er den Antonow neben mir tötet, ein Geschöpf, das
-sich durch nichts von einem Tiere unterscheidet, und daß es leicht
-geschehen kann, daß man gerade mich tötet und nicht Antonow, wie es
-immer vorkommt, _une fatalité_ für alles Hohe und Gute. Ich weiß, daß
-sie mich einen Feigling nennen: schön, ich mag ein Feigling sein --
-ich bin eben ein Feigling und kann nicht anders sein. Aber nicht genug,
-daß ich ein Feigling bin, ich bin nach Ihrer Meinung -- ein Bettler und
-ein verachteter Mensch. Sehen Sie, ich habe Sie eben um Geld gebeten,
-und Sie haben ein Recht, mich zu verachten. Nein, nehmen Sie Ihr Geld
-zurück -- und er streckte mir den zerknitterten Schein entgegen. -- Ich
-will, daß Sie mich achten. Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen und
-brach in Thränen aus; ich wußte nicht, was ich sagen und thun sollte.
-
-Beruhigen Sie sich, sprach ich zu ihm, Sie sind zu empfindlich, nehmen
-Sie sich nicht alles zu Herzen, grübeln Sie nicht, sehen Sie die Dinge
-einfacher an. Sie sagen selbst, Sie haben Charakter. Tragen Sie es, Sie
-haben nicht mehr lange zu leiden -- sprach ich zu ihm, aber in sehr
-unklaren Worten, denn ich war erregt durch ein Gefühl des Mitleids und
-ein Gefühl der Reue darüber, daß ich gewagt hatte, in Gedanken einen
-wahrhaft und tief unglücklichen Menschen zu verdammen.
-
-Ja, begann er, wenn ich auch nur einmal seit der Stunde, wo ich in
-dieser Hölle bin, auch nur ein einziges Wort der Teilnahme, des Rates,
-der Freundschaft gehört hätte -- ein menschliches Wort, ein Wort, wie
-ich es von Ihnen höre -- vielleicht könnte ich alles ruhig ertragen,
-vielleicht könnte ich es auch auf mich nehmen und sogar ein gemeiner
-Soldat sein, aber jetzt ist es entsetzlich ... Wenn ich mit gesundem
-Sinne überlege, wünsche ich mir den Tod; warum sollte ich aber auch
-dieses schmachvolle Leben und mich selbst lieben, da ich für alles Gute
-in der Welt verloren bin? und bei der geringsten Gefahr unwillkürlich
-wieder anfange, dieses niederträchtige Leben zu vergöttern und es zu
-schonen wie etwas Kostbares? Und ich kann mich nicht überwinden, _je ne
-puis pas_ ..., d. h. ich kann es -- fuhr er nach einem minutenlangen
-Schweigen wieder fort -- aber es kostet mich zu große Mühe, ungeheure
-Mühe, wenn ich allein bin. Mit den anderen, unter den gewöhnlichen
-Bedingungen, wie man in den Kampf geht, bin ich tapfer, _j'ai fait mes
-preuves_, denn ich bin voll Eigenliebe und Stolz: das ist mein Fehler,
-und in Gegenwart anderer ... Wissen Sie, gestatten Sie mir, bei Ihnen
-zu übernachten, bei uns wird die ganze Nacht gespielt werden. Mir ist's
-gleich, wo, auf dem Fußboden.
-
-Während Nikita das Bett herrichtete, erhoben wir uns und gingen in der
-Dunkelheit wieder auf der Batterie hin und her. Guskow muß wirklich
-einen sehr schwachen Kopf gehabt haben, denn er schwankte von den zwei
-Gläschen Schnaps und den zwei Glas Wein. Als wir aufstanden und uns
-von der Kerze entfernten, beobachtete ich, daß er den Zehnrubelschein,
-den er während des ganzen vorangegangenen Gespräches in der Hand
-gehalten hatte, wieder in die Tasche schob, aber so, daß ich es nicht
-sehen sollte. Er sprach immer weiter, er fühlte, er könnte sich noch
-aufrichten, wenn er einen Menschen hätte wie ich, der Mitgefühl mit ihm
-habe.
-
-Wir wollten schon in das Zelt gehen, um uns schlafen zu legen, als
-plötzlich über uns eine Kugel dahinpfiff und nicht weit von uns in den
-Boden schlug. Es war so sonderbar: dieses stille, in Schlaf versunkene
-Lager, unser Gespräch und ... plötzlich die feindliche Kugel, die, Gott
-weiß woher, mitten unter unsere Zelte geflogen kam -- so sonderbar, daß
-ich mir lange nicht Rechenschaft darüber geben konnte, was eigentlich
-vorging. Einer unserer Soldaten, Andrejew, der auf der Batterie Wache
-stand, kam auf mich zu.
-
-Ei, das hat sich herangeschlichen! Hier hat man das Feuer gesehen,
-sagte er.
-
-Wir müssen den Kapitän wecken, sagte ich und sah zu Guskow hinüber.
-
-Er stand, ganz zu Boden geduckt, da und stammelte, als ob er etwas
-sagen wollte: Das ... das ... Feind ... das ... komisch! Weiter sagte
-er nichts, und ich hatte nicht bemerkt, wie und wohin er plötzlich
-verschwunden war.
-
-In der Hütte des Kapitäns wurde ein Licht angezündet, sein gewöhnlicher
-Husten vor dem Erwachen ließ sich vernehmen, und er kam bald selbst
-heraus und forderte eine Lunte, um sein kleines Pfeifchen anzustecken.
-
-Was ist das heute, Väterchen? sagte er lächelnd, man will mich gar
-nicht schlafen lassen, bald Sie mit Ihrem Degradierten, bald Schamyl!
-Was ist zu thun, erwidern oder nicht? War darüber nichts gesagt im
-Befehl?
-
-Nein, nichts. Da, wieder, sagte ich, und jetzt aus zweien.
-
-In der That leuchteten durch die Dunkelheit, rechts vor uns, zwei
-Flammen wie zwei Augen auf, und bald flog über unsern Häuptern eine
-Kugel und mit lautem, durchdringendem Pfeifen eine leere Granate dahin;
-sie war wohl von uns. Aus dem Zelte in der Nachbarschaft kamen die
-Soldaten herausgekrochen, man hörte ihr Hüsteln, Recken und Plaudern.
-
-Schau, er pfeift vor deinen Augen wie eine Nachtigall, bemerkte ein
-Artillerist.
-
-Ruft Nikita! sagte der Kapitän mit seinem gewohnten guten Lächeln. --
-Nikita! Verstecke dich nicht, höre, wie die Bergnachtigallen pfeifen.
-
-Ach, Euer Hochwohlgeboren, sprach Nikita, der neben dem Kapitän stand,
-ich habe sie schon gesehen, die Nachtigallen, ich fürchte mich nicht,
-aber der Gast, der eben hier war und Ihren Wein getrunken hat, wie der
-sie gehört hat, da hat er schnell Reißaus genommen, an unserem Zelt
-vorüber, wie eine Kugel ist er davongerollt, wie ein Tier hat er sich
-zusammengeduckt!
-
-Aber es wird doch nötig sein, zum Oberbefehlshaber der Artillerie
-hinunterzureiten, sagte der Kapitän zu mir in ernstem, befehlerischem
-Tone, um ihn zu fragen, ob wir das Feuer erwidern sollen oder nicht; es
-kann kaum davon die Rede sein, aber man kann doch immerhin hinunter.
-Bemühen Sie sich, bitte, hin und fragen Sie ihn. Lassen Sie ein Pferd
-satteln, damit es schneller geht, nehmen Sie, wenn nicht anders, meinen
-Polkan.
-
-In fünf Minuten brachte man mir das Pferd, und ich ritt zu dem
-Befehlshaber der Artillerie.
-
-Achten Sie darauf, die Losung ist »Deichsel«, flüsterte mir der
-fürsorgliche Kapitän zu, sonst kommen Sie nicht durch die Postenkette.
-
-Zum Befehlshaber der Artillerie war es eine halbe Werst; der ganze
-Weg führte zwischen Zelten hindurch. Sobald ich mich aber von unserem
-Wachtfeuer entfernt hatte, wurde es so schwarz, daß ich nicht einmal
-die Ohren des Pferdes sah, nur das Flackern der Wachtfeuer, die mir
-bald ganz nahe, bald ganz fern erschienen, flimmerten vor meinen
-Augen. Ein kleines Stück ritt ich ganz wie mein Pferd wollte, dem ich
-die Zügel hängen ließ. Ich konnte nun die weißen, viereckigen Zelte
-unterscheiden, dann auch die schwarzen Spuren des Weges; in einer
-halben Stunde kam ich bei dem Befehlshaber der Artillerie an. Dreimal
-hatte ich nach dem Wege fragen müssen, und viermal war ich über die
-Pflöcke der Zelte gestolpert, wofür ich jedesmal Scheltworte aus dem
-Zelte zu hören bekam, und zweimal wurde ich von dem Posten angehalten.
-Während des Rittes hatte ich noch zwei Schüsse in unserem Lager gehört,
-aber die Geschosse hatten nicht bis zu dem Ort getragen, wo der Stab
-lag. Der Befehlshaber der Artillerie gab nicht den Befehl, die Schüsse
-zu erwidern, umsoweniger, als der Feind aufhörte, und ich machte mich
-auf den Heimweg, indem ich mein Pferd am Zügel hielt und mich zu Fuß
-zwischen den Zelten der Infanterie durcharbeitete. Oft verlangsamte
-ich meinen Schritt, wenn ich an einem Soldatenzelt vorüberkam, in dem
-ein Feuerschein leuchtete, oder lauschte auf eine Erzählung, die ein
-Spaßvogel vortrug, oder auf ein Buch, das ein Schriftkundiger vorlas,
-dem die ganze Abteilung, den Vorleser von Zeit zu Zeit durch allerlei
-Bemerkungen unterbrechend, in dichtem Haufen im Zelt und um das Zelt
-zusammengedrängt, zuhörte, oder auch nur auf die Gespräche über den
-Feldzug, über die Heimat, über die Vorgesetzten.
-
-Als ich an einem der Bataillonszelte vorüberritt, hörte ich die laute
-Stimme Guskows, der sehr angeheitert und lebhaft sprach. Junge,
-ebenfalls lustige Stimmen, von vornehmen Herren, nicht von gemeinen
-Soldaten, antworteten. Es war offenbar das Zelt der Junker oder der
-Feldwebel. Ich blieb stehen.
-
-Ich kenne ihn schon lange, sprach Guskow. Als ich in Petersburg lebte,
-hat er mich häufig besucht, und ich war oft bei ihm. Er hat in der
-besten Gesellschaft verkehrt.
-
-Von wem sprichst du? fragte die Stimme eines Betrunkenen.
-
-Von dem Fürsten, sagte Guskow. Ich bin ja doch mit ihm verwandt, und
-was die Hauptsache ist, wir sind alte Freunde. Es ist gut, meine
-Herren, einen solchen Bekannten zu haben, müssen Sie wissen. Er ist ja
-schrecklich reich. Hundert Rubel sind nichts bei ihm. Ich habe mir auch
-eine Kleinigkeit von ihm geben lassen, bis mir meine Schwester schickt.
-
-Nun, so laß doch schon holen! ...
-
-Sofort. Sawjelitsch, Täubchen! erklang die Stimme Guskows, immer mehr
-dem Zelteingang sich nähernd. Hier hast du zehn Moneten, geh' zum
-Marketender und bringe zwei Flaschen Kachetischen und ... was noch,
-meine Herren? Na! -- Und Guskow trat schwankend, mit zerzaustem Haar,
-ohne Mütze, aus dem Zelt. Er schlug die Schöße seines Pelzrocks zurück,
-steckte die Hände in die Taschen seiner grauen Hose und blieb am
-Eingang stehen. Obgleich er im Lichte stand und ich in der Dunkelheit,
-zitterte ich doch vor Angst, er könnte mich bemerken, bemühte mich,
-jedes Geräusch zu vermeiden und ging weiter.
-
-Wer da? schrie mich Guskow mit völlig trunkener Stimme an. Die Kälte
-hatte ihn offenbar ganz aus Rand und Band gebracht. Was für ein Teufel
-schleicht hier mit seinem Pferd herum?
-
-Ich antwortete nicht und suchte schweigend den Weg.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Sewastopol, by Leo N. Tolstoj
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SEWASTOPOL ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-For additional contact information:
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-increasing the number of public domain and licensed works that can be
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-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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