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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Hurdy-Gurdy - Bilder aus einem Landgängerdorfe - -Author: Ottokar Schupp - -Release Date: May 3, 2017 [EBook #54656] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text - ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - - Hurdy-Gurdy. - - Bilder aus einem Landgängerdorfe - - von - - Ottokar Schupp. - - [Illustration] - - Bielefeld und Leipzig. - - Verlag von Velhagen & Klasing. - - 1867. - - - - -I. - -Das exercirende Ehepaar. - - -Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war somit in -den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte ich mich von -dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen kleinen Umblick zu halten. -Denn die Aussicht von dort in die gesegneten Fluren der Wetterau, die -einem weit und breit, umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu -Füßen liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine so -reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn man sie auch -schon hundert und tausendmal betrachtet hat. - -Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich von einer -ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne mit ihren heißen -Glutblicken mir an dem langen Sommertage gehörig zugesetzt hatte. -Ich suchte mir deshalb ein bequemes, schattiges Plätzchen im nahen -Buchengehölz, und nachdem ich mir eine Cigarre angesteckt und meine -müden Glieder behaglich auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, -genoß ich mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das Land -hereinsandte. - -Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. Der kräftige -Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab neuen Lebensmuth. Zu -meinem besonderen Ohrenschmause schienen Finken und Drosseln einen -kleinen Sängerkrieg veranstaltet zu haben. Das Auge hingegen ruhte -vergnüglich auf der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' -dieser beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, -daß nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen -träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig bedurfte, um -in festen Schlaf überzugehen. - -Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen auf der Landstraße -aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein militärisches Commando, -was ich hörte. Ich glaubte anfangs noch zu träumen. Denn wie kam hier -Militär her? hier auf die einsame Gränze? -- Sollte eine Räuberbande -entdeckt worden sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung -gewonnen haben, daß man Militär requirirt hatte? -- daß sich dieselben -Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig Jahren, wo auf der nämlichen -Stelle ein furchtbares Gemetzel mit den Schmugglern stattfand? Ich -verwarf bald diese Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, -als zu abenteuerlich. Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch -den Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« -- -Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das Rasseln der -Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon Achtung! Gewehr -auf! Vorwärts marsch!« - -Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, um -besser die Straße überblicken zu können und sah dann zu meinem -Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und eine Frau in der üblichen -Landestracht, die jetzt ganz in meine Nähe gekommen waren. - -Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war es auch. Ich -bemerkte es nun ganz deutlich. -- Der Mann, obwohl er nur im Kittel -war, wußte sich eine Würde zu geben, wie sie nur ein Unteroffizier zu -haben vermag. Wie warf er sich in die Brust -- wie legte er das Gesicht -in gemessene, gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach! -Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und strack, -wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, die eine Hand -fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der andern eine lange -Stange mit eisernem Haken statt des Gewehrs haltend, den Kopf hoch -aufgerichtet, aber nur mit einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt -mit einem Czako oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch -war das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir so leid. - -Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. Es war ein -verdorbener Schneider, Namens +Heimerdinger+ und seine Frau. - -Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen -Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. Um seiner -finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit Weib und Kind in's Ausland -gezogen und hatte sich besonders im Oestreichischen umhergetrieben, -Alles angreifend und probirend, aber ohne Geduld und Erfolg. -Abwechselnd wirkte er bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als -Schornsteinfeger, bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst -bei einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer -umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. Aber Eins -hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt aus dem Fundamente: -das Schnapstrinken. Und so war bald der Rest des Vermögens durch die -Gurgel gejagt: zuerst ein Acker nach dem andern und zuletzt wurde das -Häuschen, worin sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich -das Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig -ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem Dorfe, daß -er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen Haken versehen, um -die Aeste herunterzureißen, täglich in die weiten Gebirgswaldungen zog, -eine tüchtige Partie dürren Holzes zusammenstahl und dieses in der eine -Stunde entfernten Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was -Frau und Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten. - -Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. Sie war -durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche Erscheinung -bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen Gestalt und ihrem -schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer Kleidung und in anderen -Verhältnissen, wenn auch nicht gerade Aufsehen erregt, doch imponirt -und wäre nicht unbeachtet geblieben. Aber wie ihr Auftreten nicht -harmoniren wollte mit ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache -nicht dazu. Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit, -so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei kein -Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz außerordentliche -Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. Ich dachte anfangs, es -sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, angelerntes Wesen. Inwendig -sei sie so gemein und niedrig gesinnt, wie die Andern. Denn ein -gebildetes Weib kann sich selbst in der größten Noth kaum an solcher -elenden und schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber -absolut einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so -excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die es selbst -der Lächerlichkeit preisgeben. - -Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche -Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und sich abschloß; ihre -Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln eine ganz schöne -Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, denn ihr Gärtchen war stets am -zierlichsten und in ihrem Zimmerchen sah es immer nett und behaglich -aus; die Weise, wie sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos -ständig reinlich und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas -Vornehmes in ihrem ganzen Wesen hatten, -- eine ganz andere Art zu -denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder. - -Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte Fügsamkeit und -dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen sei nichts Anderes, -als strenge Buße, welche sie sich für ein vergangenes sündiges Leben -auferlegt hatte. Wenn es aber wirklich Buße war, so fehlte ihr -jedenfalls die rechte Weihe des Glaubens. Denn es war dabei etwas so -Verbittertes, Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer -Nähe wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft -zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in -weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage mißglückt -war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich war noch liegen -geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile fort war. Als ich mich -aber endlich von meinem königlichen Lager erhob, traf ich gerade mit -einer Schaar Leute zusammen, die ich alsbald für lauter heimkehrende -Holzhändler der eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen -der Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses -»+der Maulwurf+«, ein alter verwetterter Gesell, der schon von Jugend -auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu jedem andern -als untauglich erfunden worden war. Ich weiß nicht, ob er diesen -ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, weil er eine besondere -Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher aufzusuchen und sich darin -zu vergraben und den nachstellenden Förstern und Holzschlägern zu -entgehen, oder weil er die Gewohnheit hatte, Alles, was er verdiente, -in Speise umzuwandeln, um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit -zu füttern, oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das -ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte -verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten -Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer Liebhaber von -Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und Kartoffelsalat mit Speck. - -Da war weiter »+das Käschen+«, ein spitzer, kleiner Geselle, die dürre -Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er gab gewiß in der Klugheit -dem vielgewanderten Odysseus nichts nach, denn er hatte aus lauter -Klugheit sein schönes Vermögen verloren. Aus lauter Klugheit ging er -nie die offene Straße, sondern stets die Schleichwege, er kam nie die -Vorder-, sondern stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war -ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte Geschichten -der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber auch meistens den -Schaden zu tragen. Und während alle Welt glaubte, er müsse im Geld -sitzen bis über die Ohren, machte er plötzlich Bankerott. Natürlich -war es ein betrügerischer, aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte -er hauptsächlich seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der -eine leidenschaftliche Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des -Amtsgefängnisses zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim Amte -große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren Holzhändler die -verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt worden waren. -Im Amtsgefängniß war aber besonders »das Rauchen und Kartenspielen« -verboten und der Wächter wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus -wußte Pfeife, Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine -brennende Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, daß -er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak hatte er in einem -Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet waren und die Karten waren in -das Futter seiner Mütze eingenäht. -- Eigentlich die hervorragendste -Gestalt unter den Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um -eines Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »+Der Herr -Baron+«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler gewesen, -der bald die Rolle eines russischen Grafen, bald die eines englischen -Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. In einem amerikanischen -Gefängniß hatte er »+die Rothe+« kennen gelernt, und war er schlau, sie -war noch schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt -war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch. - -Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, darf ich auch Deiner -nicht vergessen, edler »+Heckenkonrad+!« Denn wenn Du auch nicht gerade -der Reinste in Gesicht, Händen und Kleidung warst, so warst Du doch -der Unschuldigste von ihnen. -- Der dicke Kopf und der stiere Blick -des Heckenkonrad verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst -der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als er sich -die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf dem Amt geholt -hatte und er sie triumphirend unter seiner Kappe heimtrug, kam ein -großer Wind und jagte Kappe und Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er -wieder, aber die Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn -jetzt noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist seine -ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« Aber noch immer -sammelt er für seine künftige Heirath und nähet jeden Kreuzer, den er -verdient, in das Futter seiner Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen -den Leser ein wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz -zu übergehen. Zumal darf »+die Florentine+« oder auch sonst »+die -Speckdine+« genannt, nicht übergangen werden. Dazu wäre sie auch etwas -zu groß, (denn sie mißt wohl eher etwas über als unter sechs Fuß) und -die wasserblauen Augen zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. -Freilich thut die Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr -Fuß ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal, -ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, und nun -hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind treibt es hin und -her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme neben einer Orgel ertönen -lassen und in ihre süßen Flötentöne mischte sich melodisch der dumpfe -Baß ihres Geliebten. Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte -einsam wandern mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter -und alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte -andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. Aber -die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete und die Einnahmen -versiegten. Sie mußte Holzhändlerin werden. Aber noch immer sind ihre -Augen schmachtend, und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe. - -Neben ihr ging »+das Schnuckeschen+«, eine alte Flamme »des Maulwurfs«. -Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr nur noch einen Zahn gelassen. -Dafür hatte sie ihr in den alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, -zum Theil um das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf -der Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, kleinen -Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter vermehrten -nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als »der Maulwurf« sie -»Schnuckeschen« nannte, etwas reizender gewesen sein. - -Etwas zurückgeblieben war »+die Rothe+«, nach Zigeunerart ein Kind auf -dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. Sie war, wie ihr geduldiger -Eheherr sagte, »etwas rasch mit dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte -er, doch »etwas gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was -der ungerechte Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott -nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham hatte -sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und sah auch jetzt -noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, ja Störendes an. -Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir einst: »Ich verkaufe schon -dreißig Jahre Uhren und bin in aller Herren Länder gekommen und habe in -viele Haushaltungen geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen -gelernt. Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die -Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte die klein -beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, vor der müßte der -Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« -- Neben her trabte »+der -junge Maulwurf+«, baarhäuptig und baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie -weiland der Spiegelschwab, die verrätherische Warze auf der Nase und -den Wurstlippen. - -Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. Aber -in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, ein Bild -von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft. Mit ihren -hellen blauen Augen, ihren langen, blonden Zöpfen, ihrem hohen -zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen Wesen, was über ihre ganze -Erscheinung ausgegossen war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen -diese unsauberen, verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie -ist nicht in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, eine -andere Sonne sie beschienen. - -Es war +Babette+, die Tochter des versoffenen Schneiders Heimerdinger. -Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, sondern auch edel und hoch -begabt und von einer kindlichen Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus -der Schule und der Confirmandenstunde her. - -Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige gleichgültige -Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus eilen, als -Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die an einer Waldecke auf -uns gewartet hatten. Er spielte jetzt nicht mehr den Unteroffizier, -sondern den stolzen Spanier, der mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll -ein Cavalier, auf uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und -wollte sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern trat -auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem er seinen -Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr Pfarrer? Hm -- Bin früher -auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. Man wird alt, Herr Pfarrer, man -wird alt. Denke jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier -nur Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern die -zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie Paulus sprach: Habe -Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.« - -»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott läßt sich -nicht spotten.« - -»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. Mein Weib -verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie verkennen mich auch. -Ich habe ein butterweiches Herz und kann durchaus die Sünde nicht -leiden. Wie oft sprach ich zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich -Gottes ist nicht Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst -erhöhen, werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor dem Fall.« -Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den Branntwein, Herr Pfarrer! Ich -weiß es. Sehen Sie, das hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine -zwei Seiten, nur die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber -das Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, das ist -wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt unser Herr Gott für -jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, hat mir einmal ein alter -Mönch in Ungarn gesagt. Ich bekomme aber meinen Wein nicht. Und der -Mensch hat doch Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der -Andere mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und das -von Rechtswegen. -- Doch nun muß ich eins singen: Sie erlauben es, Herr -Pfarrer! -- - - Der Branntewein, der Branntewein! - Das ist so mein Vergnügen. - Da saug' ich frisches Leben ein - In langen, langen Zügen. - Gluck, Gluck, Gluck, - Gluck, Gluck. - Des Morgens, wenn ich früh aufsteh', - Thu ich mein Gläschen trinken, - Und wo ich bin und wo ich geh' -- - -Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom Leib und stört -meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten durchaus nicht eingedenk. -Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung geben müssen. Vor einem grauen -Haupte sollst du aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, -auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast du -Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun zieht die -Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren sollte und nicht -ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und damit liefen ihm wirklich die -hellen Thränen die Backen herunter, zum lauten Gelächter seiner ganzen -Umgebung. Ich aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen -waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung zu. - - - - -II. - -Der verhängnißvolle Brief. - - -Des andern Morgens kam die alte +Balzerswäs+ zu mir, beiläufig bemerkt: -die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn -sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller -voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung -über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich -heraus. - -Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um -ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer -in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer -ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme. - -Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie -sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt. -Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon -wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell -herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu -thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber -einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch -alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern -vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles -wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine -Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in -dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid -gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte -sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen -lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt -und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht. -Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst -sonderbar: +Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger+. -Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des -versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht -klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr -jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie -meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis -ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, -sie hätte es ihm tüchtig gesagt. -- - -»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an -Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« -- - -»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch -kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg -gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals -hintereinander: »Nein, er gab sich nicht -- nein, er gab sich nicht. -Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn -enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.« - -Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen -Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte. - -Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen -sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie -sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn -Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.« - -Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete -aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener -jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre -die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn -man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß -ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und -mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte. -Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen -gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld, -Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich: -»Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses -und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch -einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« -- -und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als -könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief -sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie -desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen -Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben -den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so -übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand -haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von -den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel -das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht -gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an -das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es -uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel -mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart -hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier -erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben -und die feine Montur und das Weißzeug -- es macht ja ein Heidengeld -zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig -einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz -und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß -er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte -ein Unglück gegeben! -- Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld -daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding -hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer, -und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine -Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt. -Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!« - -Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht -thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger -mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei -jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr -Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse -bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. -Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer -könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es -wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige -zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde -auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur -noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand -ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne -sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja -nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig -wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus -unchristlich. - -Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie -sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht -hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen -war. - -Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa -folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann: - - Theurer Ernst! - - Vielgeliebter Schatz! - - Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu - antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße - siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist - so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich - bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir - Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst - einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar - nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. -- - Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst, - ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht - besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette - und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben. - Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander - geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander - gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden - könnten, in alle Ewigkeit nicht. - - Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.! - Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem - scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn - Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt, - Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns - auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles - denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends - sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten - Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest - und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn - dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das - Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann - wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß - es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann. - - Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein - Vater -- mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich - fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir - auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel - besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns - dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen - Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer - gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und - Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt - machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und - Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und - dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch - Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst - Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir - zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon - fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist - mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich - will's nicht machen, wie die Andern -- Du sollst auch meine - Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine - Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin - heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern - zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse - Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« -- Damals habe - ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden, - ich lebte im Himmel. -- Doch ich bin recht einfältig, daß ich - lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich - muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß - immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht - nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, - was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so - glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so - unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag. - - Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So - ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du - wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und - wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen, - die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat - und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. -- Weißt Du auch - schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe - ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen - das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat - erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit - waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß - wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht. - - Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht - auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. -- Ich - glaube, ich würde es nicht erleben. - - Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit - oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück - geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich - vieltausendmal, Du herzlieber Schatz. - - Deine Dich bis in den Tod liebende - - Babette Heimerdinger. - - - - -III. - -Der alte Fink. - - -Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus nicht unbegründet. -Es war nicht die eitle Besorgniß eines liebenden Herzens, das im -Bewußtsein der Wandelbarkeit des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte -die Dorfverhältnisse, kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und -ehe sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits -der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf ihrer herrlichen -Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß der alte Fink da sei, war -Babette schon für ihn verloren. Denn da hatte der alte Seelenverkäufer -bereits den festen Entschluß gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden -müsse für Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote -ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig. - -Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch einen Blick -in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner hat er zwar schon -kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, die Invaliden, die -Ruinen. Die Landgänger, die dem Dorf seinen eigenthümlichen Charakter -verleihen, kennt er noch nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte -kein deutsches Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht -überflösse vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung -des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig und anmuthig -auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, mit einem weiten Ausblick -bis in die Gegend von Gießen und Marburg. Rings ist es umgeben von -einem grünen Kranz von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar -lieblich ausnimmt zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten -Häusern, etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen -einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, hier von -Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und Jungfräulichkeit -in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen ist. Aber es hat ihn -doch einst verdient und kann ihn vielleicht wieder verdienen. -- -Wer heutzutage kommt, um Land und Leute zu beobachten, der muß im -Spätherbst oder Winter kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die -Schwalben heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im Sommer -sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und Läden geschlossen. -Man trifft nur hier und da einen Ackersmann im Feld. Alles ist so -still und leer, wie ausgestorben. In der Umgegend heißt es: »Nur die -alten Weiber und Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im -Feld und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. Hier -rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame Violine; hier -orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, dort übt sich ein ganzes -Orchester. Dazwischen tönen dann die gellenden Stimmen keifernder -Weiber, schreiender Kinder, das Fluchen der Männer, das Singen und -Juchzen der Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei Karten, -Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes Lärmen und -Gedränge, und englische und französische und ganz fremdtönende Flüche -schallen durcheinander. ~Goddam~ und ~sacré Dieu~ heißt es herüber -und hinüber; denn im Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen -gesprochen, vorzugsweise aber englisch und französisch. Mancher Junge -und manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen lernen. -Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause. Kochen und alle -weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, dem sie sich nur im -Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu allen Tageszeiten in größeren -und kleineren Gruppen schwatzend zusammenstehen sehen. Am liebsten -sammeln sie sich jedoch zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und -feines Gebäck geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird. -Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch Viele ein -gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. Ihre Kleidung -ist, wenn sie die übliche Landestracht abgelegt haben, oft sehr reich, -aber geschmacklos und ungeordnet. Man merkt eben, daß sie auf dem -Trödelmarkt gekauft oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen -wollen nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich auch -Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, wo Niemand -eine Autorität geltend machen kann und will und gar keine Aufsicht -herrscht. Hier wird denn getanzt und gespielt. Auch fehlt es nicht an -berauschenden Getränken. Und ungescheut und ungestraft geben sie sich -allen möglichen Zügellosigkeiten hin. - -Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die wälzen und balgen -sich ungebändigt auf den Straßen umher -- ein hoffnungsvolles, -heranwachsendes Geschlecht! So geht es den ganzen Winter in Saus und -Braus. Da wird geschlachtet, gebacken, gesotten und gebraten; da wird -getrunken, gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden -aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe mehr unter -dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge und die Harmonika's. -Und wenn der Kukuck schreit, und die erste Schwalbe kommt, ist Niemand -mehr da von diesen Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist -der Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich nicht -gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen Theile -der Erde. Doch beehren sie am liebsten den Westen: England, Frankreich, -Amerika, Californien. Indessen ist Australien auch recht beliebt unter -ihnen. Der alte Fink hat sogar bereits China und Japan bereist. - -Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. Doch ist man -darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer treiben hauptsächlich -Handel und Musik. Die Kinder betteln. Weiber und Mädchen leben vom Tanz -oder von noch schlimmeren Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen -sein, daß nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch -öfters hausiren gingen und Musik machten. - -Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. Die -Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. Kindliche -Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe werden geschändet -und gemordet. Aber noch schändlicher -- weil hier die Bettelei und die -Prostitution gewerbsmäßig betrieben wird -- ist die Seelenverkäuferei. -Sie wird aber nur von den kühneren Naturen und solchen, die über ein -Kapital zu verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt. - -Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln zusammengemiethet -werden, wofür die Eltern sehr anständige Summen erhalten. Hierbei -werden die Reisen nicht besonders weit ausgedehnt. Der Norden -Deutschlands, Schweden und Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der -Unternehmung. Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen -und Stehlen professionsmäßig angelernt -- ein schöner Same für die -Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und Willkür roher -gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches erdulden. Jedes -kann Gott danken, wenn es wohlbehalten die Heimat wieder erreicht. - -Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer nur ein -Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus -verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an so einem -blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses Wohlgefallen -aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die Verpflegungskosten -einer langwierigen Krankheit und endlich das Geld zum Begräbniß -abschwindelte. Und während die Prinzessin ihre Dukaten hergab und -Thränen über die Leiden und den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe -frisch und gesund. Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere -Art von Seelenverkäuferei: das Miethen von +Tanzmädchen+, oder wie die -Amerikaner sie nennen: +Hurdy-Gurdy's+. Es sind dabei reichlichere -Auslagen und mehr List, Muth und Geschick nöthig. Es werden aber auch -ganz enorme Summen verdient -- zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben -Etliche schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt es -nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter geben ihre Kinder -her und die Armen helfen sich dadurch aus ihren Schulden. Es handelt -sich fast nur um den Preis. Die Mädchen wissen es nicht besser. Sie -werden in die Seehäfen Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz -vorzüglich aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern -dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als Lockvögel, -um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und Bergleuten die vollen -Taschen auszuleeren. Und aller Humbug der neuen Welt und alle Gaunerei -der alten Welt wird dabei angewendet. - -Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige Getränke die -letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und die meisten dieser -leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem Herzen dem zuchtlosen -Leben hin. Es muß übrigens ein schmähliches Gewerbe sein, denn keine -Nation der Erde -- auch die gesunkenste nicht -- liefert Contingent -dazu. Die Hurdy-Gurdy sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. - -Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden, aber entsetzlich -traurigen Erscheinung und ist es zum Theil noch jetzt. -- Man hat sich -gewöhnt, die Armuth von einer gewissen idyllischen Seite anzusehen. -Wer sie aber so ansieht, den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und -hohlen Wangen noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger -noch nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit -- ist -schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht gut, was er that, als -er sich keine Armuth erbat. Vor hundert Jahren war noch Arbeit im -Dorf: Bergmannsarbeit und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war -keine Arbeit mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends. -Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern, auf, -um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem Holz geschnitzten, -faserigen kleinen Besen einen Handel zu treiben. Er brachte viel -Geld heim. Und er zog weiter und weiter den Rhein hinab bis zu den -Mynheers, wo man sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte -er viel Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor -dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber zu -segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land. Zuerst kam er nach -England. Und John Ball bezahlte das unbekannte Fabrikat generös. Da -war es, wie er heimkam, als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun -zogen seine Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So -ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne, dann das -ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst lernten sie die Straßen -der großen Weltstädte kennen und die großen Häuser, dann die leichten -Sitten und die Verderbniß, und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der -schlechteste Auswurf derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln, -dann mit andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei, dann -zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und so kommen -wir denn auch wieder auf den +alten Fink+. Er war durch den kühnen -Unternehmungsgeist, mit dem er alle Schwierigkeiten, die diesem elenden -Gewerbe entgegenstanden, leicht und schnell beseitigte und durch den -Erfolg, der ihn bisher begleitet hatte, unstreitig das Haupt der -Seelenverkäufer in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes -Ansehen und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das Geld -ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was halfen ihm die -Tausende von Dollars, die er heimbrachte? Ein reicher Mann ist er doch -nie geworden. Es war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen -Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er hatte -einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne. Der ließ -die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater fort war und machte -Schulden auf Schulden. Und wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das -Vieh aus den Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles fort -war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und die Fenster und die -Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten Fink sah es in der Regel am -häuslichen Herd ziemlich unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief -in den Geldbeutel steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu -bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal flog sogar -dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe vorbei und schlug in die -Wand. Aber das nächste Mal war es doch wieder so. Ebenso brauchte aber -auch der alte Fink für seine eigene Person schon ganz ansehnliche -Summen. Er aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern -den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel. Im Wirthshause -waren die, die an seinem Tische saßen, stets seine Gäste. Bei -Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte drauf. Als es ihm einmal eines -Morgens an Gesellschaft fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen, -rief er diese herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und -bewirthete sie bis spät in die Nacht hinein. -- Diesmal war er zu -seinem besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und hatte sich -von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während Frau und Mädchen -bereits nach Hause waren. Bald war er dem allgemeinen Strome zur -Spielbank gefolgt. Er hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage -herrlich und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel und er -verlor Alles -- Alles, so daß er nicht einmal den Wirth bezahlen konnte -und zu Fuß heim wandern mußte. Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd -von seiner Frau empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als -Geizdrache allgemein bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen -schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den alten Fink, -von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er lebte bereits in zweiter -Ehe. Seine erste Frau war auf eine schauerliche Weise in Australien -um's Leben gekommen. Er war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber -er war immer unternehmend. So war er von Adelaide aus mit seiner Frau -zu verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine Frau -hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt und -trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen mit Harmonika -und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun einen Lagerplatz der Eingebornen -erreicht hatten, wurde der Branntwein ausgetheilt, und während sich -dieselben berauschten, ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine -Frau sang, tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen waren -außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein erhielten. -Aber als einmal der Golddurst erwacht war, waren sie hiermit nicht -mehr zufrieden. Ihnen glänzten die Goldklumpen, die die Eingebornen -in Nase und Ohren trugen, zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den -Branntwein, und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten -sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen auch ein-, zweimal. -Aber sie hatten dadurch die Eingebornen in Wuth gebracht, und als sie -es zum dritten Mal versuchten, wurden sie überfallen und nur mit Mühe -entkam er allein. Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück. -Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten Leichnam. -- Die -mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner wurden das Kapital zu -seinem Seelenhandel. - -Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war fast zärtlicher -Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde. Eine Leidenschaft und ein -Streben vereinigte sie. Wenn sie nicht Freunde waren, mußten sie -Nebenbuhler sein, denn sie waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel -und in ihrer Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige -Band der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig wie -ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es war sogar noch -inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig nöthig hatten. Der -Bürgermeister brauchte Geld für seine kostspieligen Liebhabereien und -der alte Fink brauchte obrigkeitlichen Schutz. - -Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein ausgesuchtes -Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt mit einem Körper von -Stahl. Denn alle Klimate der Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben -hatten an ihm gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein -Jüngling. Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen -Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar etwas -Ehrwürdiges. - -Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und schwank und trug -eine Nase im Gesicht von einer überraschenden Größe, Schwere und Röthe. -Es war, als hätten sich alle Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten -zu +einer+ Nase vereinigt und diese spielte nun in allen Farben des -Regenbogens. Ueber dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille -mit dicken, großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner -bürgermeisterlichen Würde verborgen lag. Denn wenn er redete, schob er -sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf diese Weise erhielt -sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen schnorrenden Nasentöne, -die nun hervorkamen, ihre Wirkung nicht verfehlen konnten. Er war -gewöhnlich schweigsam, denn so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte -nicht wohlfeil werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas -und kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen -Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends im Wirthshaus -- -wahrscheinlich um Ordnung zu halten; machte auch dort seine Geschäfte -ab. So sagte man in der Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen -will, muß ihn durch ein Schnapsglas betrachten. - -Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer lag er oft brach -und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit Scheerenschleifern und -allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf der Grenze umherspukte, begnügen. - -Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei Helden näher -betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus aufsuchen. - - - - -IV. - -Im Wirthshaus. - - -Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, daß ich -bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die Hand nehmen müßte -und daß mein nächstes Studium -- »Henriette Davidis« sein würde. Aber -es war so. Mein Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus, -wo man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu halten, -erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich nicht. Es blieb -mir also, wenn ich warme Speisen haben wollte, nichts Anderes übrig, -als selbst zu kochen. Freilich kostete es einige Ueberwindung und -Bedenken. Aber ich dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei -sein und machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! -- es ging. Es -kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da war es denn -gut, daß ich meinen alten, treuen +Anton Scheppler+ hatte. Der aß die -mißglückten Produkte meiner Kochkunst mit einer Selbstverleugnung -und einem Appetit, der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre. -Im Augenblick bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine -Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch theilte ich seine -Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. Denn er bekleidete noch -das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners und eines Nachtwächters. -Wenn er außerdem noch einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den -auch noch mit. Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich -starke Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten -wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim bleiben -können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie war eigentlich schon -sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes Ehegespons, die schön und -sauber war, »daß man sie auf jeden Markt führen konnte«, wie er sich -ausdrückte, war ihm bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen, -den man in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit der -zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit den Weibern, -der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu seinen Kindern zeigte, seine -Ehrlichkeit und Anhänglichkeit machten ihn mir wirklich theuer. Auch -besaß er ein ganz ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon -manchen Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach den -schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute mit beiden -Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens etwas zu steif gekocht -hatte. Ich hatte, scheint es, ein wenig zu viel Mehl daran gethan, denn -es wurde allmählich so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe -herausbrachte. Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle -vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies sich als -vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte so nachdrücklich, -daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich um das Rezept von dem -kostbaren Ragout angehen. Das Bier sparte er sich auf zu der Pfeife, -die er sich jetzt stopfen durfte. Und nachdem diese brannte und er -einen herzhaften Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn -der Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas für sie thun?« - -»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete ich. »So -denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem Mädchen einen wahren Narren -gefressen. Sie ist die Schönste und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich -und tugendhaft. Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als -wenn die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet und sagt so -freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine ich, könnte mir den -ganzen Tag kein Unglück passiren.« - -»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie wissen. Darin ist -sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: Das ist ein Goldmädchen; -dem wünschte ich einmal einen ordentlichen Mann und keinen solchen -Dreidrath. Damit meint sie mich.« - -»Das merke ich«, sagte ich lachend. - -»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie an unsern -Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen Etwas zu schenken, -oder das kleinste auf den Arm zu nehmen und zu küssen. Es wäre mir -leid, wenn der alte Fink das Mädchen bekäme.« - -»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken. - -»Ei freilich. -- Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht besser -scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land und habe an zehn -Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit den Mädchen, das ist einmal -unrecht. Sie wollen es zwar Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich -es sagen. Und es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette -auch so eine verdorbene Person geben sollte.« - -»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn doch einmal.« - -»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. -- Die Wirthsleut' mußten heut -all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: Anton, sagte sie, der -Schnapskrug steht auf dem Schrank und das Bierfäßchen liegt angesteckt -im Keller. Wenn Jemand kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler -nicht; der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon gut. -Ich that's ja nicht zum ersten Mal. - -Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte mich unter den -Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen Schatten. In der Wirthsstube -waren der alte Fink und der Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und -von Zeit zu Zeit riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser -wieder füllte. Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort -verstehen, ohne daß ich horchte. - -»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink. - -»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte selbstgefällig -dazu. -- »Hast ihn bestellt?« - -»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde hielten ihn heut -nicht aus dem Wirthshaus.« - -»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht so wichtig zu -thun mit deiner Klugheit -- wir kennen uns.« - -»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh im Vorbeigehen -gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung von seinem Haus und -wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken und den Brast, den ihm das -macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. Wirst sehen. Aber hast Du -auch die Verschreibung?« - -»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier kostet mich -fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch einmal wieder verrechnet mit -dem »Krämerheimbuk«, -- alter Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein -Mensch. Als ich so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die -der Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn ich Alles -beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken könnte, wußte er -gar nicht, was ihn das anging. Und als ich ihm geradezu sagte, ich -wüßte, daß der Heimerdinger ihm sein Haus verschrieben habe, gab er -lauter ausweichende Antworten. Und je mehr ich drängte, desto zäher -wurde er. Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter -mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er rief mich -zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich mußte dem Halunken die -rückständigen Zinsen und noch fünfzig Gulden extra bezahlen. Der -Heimerdinger will auch noch etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen -kostet mich sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte -meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! Ich habe auch -mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die »Anne-Mile« war die theuerste -und die kostete vierhundert Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle -die Umstände nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht -anders zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist merkwürdig -stolz.« - -»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es sind Weiber. -Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.« - -»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da der alte Fink, -»wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett nicht bekomme. Ich muß -sie haben und wenn ich einen Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir -steht. Ich muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch schon -das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise sein und da will -ich Etwas für meine alten Tage haben. Zehntausend Dollars muß sie mir -wenigstens einbringen.« - -»Bist Du denn der anderen sicher?« - -»Die habe ich sicher und schon bezahlt.« - -Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte kleinlaut und setzte -sich an einen Tisch, den ich von außen recht gut überschauen konnte. -Die zwei Anderen belauerten ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich -aber, als kümmerten sie sich gar nicht um ihn. - -Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das ich ihm hingestellt -hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, stieß er das Glas so -heftig auf den Tisch, daß es fast ganz verschüttet ging und auf dem -ganzen Tisch herumlief. - -Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende Stille. Mir war -so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken am Himmel hängen und -kein Blatt sich regt in der schwülen Luft. - -Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, frecher wie -die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein nahe gekommen. Aber -der starke Duft hatte sie betäubt. Sie war hineingefallen. Ihre Flügel -wurden naß, und nur mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter. -Endlich ganz betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger -hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen. Jetzt sprang -er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, als wenn er unsinnig -geworden wäre: »Mein Bild -- mein Bild! -- Verflucht will ich sein, -wenn noch einmal so ein gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.« - -»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie aufführen. -Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, sagte der alte Fink so kalt -und spöttisch, daß ich ordentlich grimmig wurde über ihn. - -Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten Traum. Einen -Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er auf seinen Stuhl -zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser. - -Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das Stillschweigen: -»Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit seiner tiefen und starken -Stimme, daß es ordentlich schallte. Dem aber schoß auf einmal alles -Blut in's Gesicht. Ganz rasend sprang er auf und faßte den alten Fink -an der Gurgel, aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein -Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, sage ich, -ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und sagte: »Da trink! -- Und -nun sage ich noch einmal: Du bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst -und thust es nicht! Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger? -Ich kenne Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe leicht -nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. Jetzt -thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir Mathäi am Letzten. Lustig, -sag' ich, immer lustig! So trink doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du -kein Geld hast und der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute -Freunde. Hier hast Du ein paar Thaler.« - -Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen. Er hatte das -Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den Blick nicht von ihm -wenden konnte. Als ihm aber der alte Fink die Thaler aus seinem Beutel -hinschüttete, hatte er plötzlich aufgeschaut und ihn mit großen Augen -angesehen. Er nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als -wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und -sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, warum Du die -Verschreibung an Dich gebracht hast und nun das Geld einforderst? Du -willst meine Babett. Aber die ist viel zu gut für Deine versoffenen -Matrosen und Deine californischen Goldgräber. Ich verkaufe mein -frommes, schönes Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. -Behalte Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.« - -»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im Gesicht -vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast Weib und Kind an den -Bettelstab gebracht und willst mir so etwas bieten.« Dabei nahm er -einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, daß die Splitter in alle -Ecken flogen. Mit diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien -sich derselbe auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie -nachrollender Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen, -Du verfluchter Lump!« - -»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal ein. Mach' auch -dem Heimerdinger sein Glas voll und stell es hierher auf unsern Tisch. -Und Du, Heimerdinger, setz Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du? -Nun, willst Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst nicht? -Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine Gesundheit, Heimerdinger! -So, das war einmal ein herzhafter Zug!« - -Heimerdinger hat auf +einen+ Zug sein Glas ausgeleert. - -»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst den Krug hier -stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist Allerhand zum Ausschellen -zurechtgelegt. Das kannst Du jetzt thun.« - -Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der alte Fink in -seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise bringen wollte und -gab dem Heimerdinger einen heimlichen Rippenstoß, er solle mitgehen. -Er hat mich auch verstanden. Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch -mitgehen, aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. Ich -habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die Vögel bannen -könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, wenn sie auch -wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger da. Er wußte, daß -ihm der Hals zugeschnürt würde, aber der Schnapskrug hielt ihn fest. -Als ich ihn heute Abend aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich, -er war doch ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft. - -Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun können, thun Sie es -schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.« - - - - -V. - -An der Guntramseiche. - - -Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes Handwerk -aufgegeben, weil er reich genug war und war ein gewaltiger Nimrod -geworden zum großen Aerger aller Hasen und Füchse in den nahen -Waldgebirgen, die durch das fortwährende Knallen seiner Flinte auf -ihren einsamen Streifereien und Vergnügungen jetzt immerfort gestört -wurden. Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland keine -Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht nicht so lange -ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger; kurze Beine, kurzen Athem -und kurzen Blick, und im Grunde hatten die Hasen und Füchse gar wenig -Respekt vor seinem dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber -wenn er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase Apfelwein -und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen, daß die Andern -nur mit offenem Munde und stehendem Haare zuhören konnten. - -Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille Größe -anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte, kaufe er -alles beim Förster in Cransberg. Und selbst in seinem Apfelweinklub, -wo man ihm stets die aufrichtigste Bewunderung gezollt hatte und -keinen Augenblick an seiner Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde -Bedenken ein. Zuerst waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner -Erzählung ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm -sogar. Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre verloren, -Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich. »Heute gehe ich nicht -heim, bis ich etwas geschossen habe.« -- Da hatte der Cransberger -Förster zu ihm gesagt: »Wenn Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie -nicht warten, bis Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie -den Schatten sehen, dann drauf los.« - -Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt nicht ein -Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber klang das nicht wie -menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber da liegt ja auch kein Rehbock. -Da liegt die alte Krexline, die sich dürren Reisig sammeln wollte für -ihren Kaffee. Sie verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust -und ist mausetodt. -- Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen -ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein gegangen. Aber dort -an der Eiche, wo die Krexline erschossen lag, mitten im dichten Wald, -wo die prächtigen Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat -er sich eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da gesessen -und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben und begraben, -aber das Voll nennt es dort noch immer »+an der Guntramseiche+«. - -An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend an den -Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen und Singen. Dagegen -an den Werktagen war es still dort und einsam. Und in der lieblichen -Waldeinsamkeit habe ich gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft -und mein Pfeifchen schmauchend. - -So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte die herrliche -Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, denn das Thermometer -zeigte im Schatten 25 Grad Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war -bereits besetzt. Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten -Krexline, Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt. -Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei ihrem Anblick. -Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem sonst das frische, gesunde -Leben lachte; die sinnigen, blauen Augen blickten starr und glanzlos in -das Weite; das blonde, reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung -um ihre Schultern; die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem -Schoos. Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, die -abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch ihre Stimme eintönig -und hohl. So war auch ihre Rede fast die einer Geistesabwesenden. - -Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war in ihrer -halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen Zug in ihrem -Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie mich an: - -»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß Sie kommen möchten. -Es mußte Jemand kommen, sonst wäre ich verzweifelt.« Sie schwieg -hierauf eine Weile, dann begann sie wieder: »Ich bin arm -- arm -- -entsetzlich arm. Ich habe Niemand -- Nichts mehr in der Welt. Alles -ist todt -- leer -- fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht Vater -- -nicht Mutter, keine Heimat -- keine Liebe. Alles -- Alles ist fort. -Das Haus ist schuld -- der Fink, der Erzbösewicht!« -- Hier war wieder -eine Pause, dann rief sie: »Ernst! Du lieber, lieber Bub! -- Dich -haben sie mir genommen! Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie -beschmutzen und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf und immer -lauter -- »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, mit den Händen -in der Luft umhergefahren, war eine Weile hin und her geschwankt und -dann leblos auf den Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich -tüchtig erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich gar -nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und breit Niemand -entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber Niemand antwortete. Da -fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig sein könnte. Ich eilte rasch -mit meinem Glase an den Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit -Wasser. Aber es half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich, -nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen auf -und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei Dank!« Sie aber -war ganz verwundert. Endlich begann sie sich über ihre Lage klar zu -werden und brach nun in einen Strom von Thränen aus, der allmählich in -krampfhaftes Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig -erachtete, ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich satt -geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung der -Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: »Wenn Sie Alles -wissen, Herr Pfarrer, werden Sie nicht erstaunen, daß mir schwach -geworden ist. Ich habe es schon lange kommen sehen. Seit etlichen -Tagen aber wußte ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war. -Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und so lange mit -dem Bürgermeister und dem alten Fink im Wirthshaus und hatte nicht -umsonst mit meiner Mutter so viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt -noch vorgestern Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt -Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, Fuchse Greth, -Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und Treppe Dorth. In drei Wochen -geht es nach Californien. Sie freuen sich schon Alle über den Staat und -die Herrlichkeit. -- Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie -nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf geheult. Doch, -ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich verloren!« Damit war sie -auch schon fort. Ich aber war ganz starr vor Schrecken, daß ich gar -nichts sagen konnte. Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte -immer denken: Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer zu. -Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei meinem Vater auch -durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst gegen ihn ist; was uns -Kinder angeht, hat sie immer ihren Willen behauptet. Aber sie hatten es -zu pfiffig angefangen. Sie wollten ihr das Haus nehmen -- ihr letztes -Eigenthum -- und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie viel zu -stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte Fink -- das sind -zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! Die kennt Niemand aus. Früher -hatten wir als allerhand Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der -Vater hat auch noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es -dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen -waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk hat es uns vorgerechnet -bis auf den letzten Pfennig. Und es wäre schon damals Alles zur -Versteigerung gekommen, wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und -sich meines Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte -Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und der will -nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes will er sich nicht -einlassen. Das Alles habe ich nicht so gewußt. Gestern Abend hat es mir -meine Mutter erst gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl -fügen müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr, -daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und meine Mutter -ihm beistimmte. - -»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht thun! Nicht -wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du weißt, ich wäre verloren -hier und dort, wenn Du mich diesem Manne übergibst. Ebensogut könntest -Du mich, Dein eigen Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die -Hölle hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?« -Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte schon, ich hätte -gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck machten. Aber es kam -anders. Sie sagte: »Wie redest Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die -Worte her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht, -daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach nicht, sonst -würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz ist todt und leer. Sie haben -es draußen getödtet. Ich weiß von keinem Erbarmen, denn man hat kein -Erbarmen mit mir gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene -Jugend, denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern die -Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. Aber es sollte -nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? Es ist so, wie -ich es schon oft gedacht habe. Die Tugend ist recht schön, aber sie -ist einmal für uns arme Leute nicht. Ich habe es nicht anders gefunden -in der weiten Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und -Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter den Reichen -und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch Brave und Gute. Dagegen der -Arme kämpft vergebens gegen sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an -seine Tugend. Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, -feile Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem alles -Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden. - -Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben thun lassen. Du -sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen gesagt habe. - -Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön -- wie alle Leute -sagten -- da hat mich auch Einer mitgenommen nach Amerika. Es ist -schwer, wenn man so allein und schutzlos ist, sich der Frechheit -der wilden Männer zu erwehren, aber ich wehrte mich. Eines Tages -verfolgten mich zwei: ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden -unseres Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch -die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig nach, wie zwei -wilde Bestien. Es war schon Alles öde und vereinsamt und nirgends Hülfe -zu erwarten. Meine Kräfte fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick -und ich war rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme -nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. Und noch -schrie ich -- da kam es plötzlich wie eine Windsbraut über die beiden -Kerle. Der eine flog in diese -- der andere in jene Ecke der Straße. -Ein Jüngling, hoch und gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten -mit dem Rufe: »Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen -schreit um Hülfe!« - -Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. Es war -eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken und -blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, wie ein -Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm genommen und nun stand -er da, hochaufgerichtet, mit einem einfachen Stock bewaffnet, um seine -Gegner zu empfangen. Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen -wüthend auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er die -Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet war, nahm -er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ mir eine Tasse -Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang unverwandt, ging -dann mehrmals durch die Stube, in der außer uns Niemand war. Dann fing -er auf einmal an und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte -flüchten, weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause -sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen um mich. Ich -werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim zu lebenslänglichem Kerker -verurtheilt. Da draußen, in den Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. -Aber es ist mir zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und -meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich suchte Menschen. -Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes Mädchen, meiner Braut: -dieselben treuen, braunen Augen, derselbe süße Mund und Deine Stimme -ist meiner Mutter Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika -freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein Weib werden?« -Dann blieb er vor mir stehen -- die Arme gekreuzt -- und schaute mich -an so ernst und so liebreich. - -Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich wagte ich die -Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, wie mein Herz und -meine Seele zu ihm hinübergezogen wurden. Auf einmal lagen wir uns in -den Armen und er drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So -mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten Augenblicke -meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die Stirn und sagte: »Da -habe ich mich wieder einmal schön vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du -denn? Was bist Du? Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, -wie mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so angst, -so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort mein ganzes Glück -vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich konnte nicht. Ich nannte meinen -Namen und sagte: ich sei eine Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der -Tod. Er schaute mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so -grenzenlos traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten. - -»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich wehe Du mir -gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche Täuschung -- nicht -blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich und so stark in mir -entstanden war, unterdrücken muß, -- es ist die Schmach, die meinem -lieben deutschen Vaterlande angethan wird durch solche deutsche -Mädchen.« Und damit wankte der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre -hinaus. Ich wollte rufen -- ich streckte die Arme nach ihm aus -- da -wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig zusammen. -Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm sagen wollen, daß ich -rein und tugendhaft geblieben wäre mitten in diesem wüsten Treiben. -Ich suchte ihn auch überall und forschte nach ihm, um es ihm noch zu -sagen. Aber ich fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach -seinen Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch sagst --- wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt Jemand glauben? Ein -furchtbarer Zorn gegen das Schicksal bemächtigte sich meiner. Warum -sollte ich denn besser sein als die Welt mich machte? Warum sollte ich -unnöthigerweise die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten -hinein in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten. - -So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es war ein großer Saal -und ein blendender Lichterglanz von den vielen Kronleuchtern. Mein Blut -war wie Feuer durch vielen Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich -da mit fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber -hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen Wangen. Da -sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht und diese -blauen Augen mit so unendlich traurigem und doch so strafendem Blick -auf mich gerichtet. Ich hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und -bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, -war er verschwunden. Aber die Augen -- die Augen habe ich nicht los -werden können, bis heute noch nicht -- sie haben mich weggetrieben von -Amerika. Als ich heimkam, trug man eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. -Der Meister Guntram von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes -todtgeschossen. Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst -todt. Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner -Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz einsam. Es war -mir lieb, daß das Haus fast völlig im Walde stand. Er hatte ja auch -ein Haus im Walde. -- Es war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. -Den ganzen Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges. -Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch immer und -baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. So hätte ich -noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und ererbtes Geld ging zur -Neige. Heirathen wollte ich nicht, obwohl ich viele Gelegenheit dazu -hatte. Ich mußte darum auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen -Dingen leichte und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte -Barb. Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. Aber -bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan hatte. Mein -Herr ging mir überall zu Gefallen, und als ich seine Zumuthungen stolz -zurückwies, lachte er mich aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen -aus unserm Dorfe genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte -ich machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war ausgezeichnet; -die Arbeit war kaum zu nennen und --« »Mutter! Mutter!« rief ich -- -das Herz wollte mir zerspringen -- »schweig still! Soll ich denn gar -Nichts mehr von Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren? -Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du mir immer -Vorbild und Muster und jetzt -- jetzt!« »Du mußt Alles hören. Es ist -Zeit, daß Du es hörst. Das war das Schlimmste nicht, es ging immer -mehr abwärts. In Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in -Ueberfluß. Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten -Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich viel. Es -wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche bei mir geführt -und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, aber ich weiß nicht --- ich hatte doch keine Befriedigung. Inwendig kam ich mir so hohl, so -leer vor. Dein Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir -ein ständiger Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben ganz -dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht mehr nüchtern. -Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. Damals sah ich in einer Nacht -in einem halbwachenden Zustande wieder »die Augen!« Und nun ging es -gerade wie in Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. -Aus jeder Ecke schauten sie mich an -- so unendlich traurig und doch -so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten Ballsaal, -im Theater -- überall waren sie. Ich konnte es nicht mehr aushalten. -So habe ich das glänzende Leben aufgegeben und bin mit Deinem Vater -heimgereist. Wir hatten uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt -hätten. Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn dazu -gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt thun. Und wenn seine -Launen noch so toll wurden -- ich habe immer nachgegeben -- ich hatte -es ja um ihn verdient. Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du -thust mir auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn es -mit dem Hause nicht gekommen wäre -- es wäre auch niemals geschehen. -Aber hier -- in mein Herz -- hat sich eine Verbitterung und ein Haß -eingefressen, von dem Du Dir gar keinen Begriff machen kannst. Es steht -mir immer vor Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus -dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein das Schicksal -und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem sicheren Glück. Du bekommst -nie Deinen Ernst! Wenn nur die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du -nicht nach Californien! Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn -Du selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste -Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber da ja doch gar kein -Gedanke daran ist -- was soll ich mir mein Haus nehmen lassen? Ich -habe Demüthigungen und Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie -sollen es nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle -nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus ihrem Hause -hinausgeworfen wird! -- Doch genug, ergib Dich in Dein Schicksal! Es -ist bereits Alles abgemacht.« - -»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist ein Messer, -stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als hörte sie mich gar -nicht. »Mutter, ich will ja das, was das Haus kostet, mit meiner -Arbeit verdienen; ich will arbeiten, daß mir das Blut zu den Nägeln -herausläuft und Gott, der in den Schwachen mächtig ist, wird mir -helfen«. - -»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, jetzt sehe ich, -was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht an Gott!« - -»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon spreche ich -nicht mit Dir.« - -»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die Augen«, die Dir -erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes an Dich, und als Du dem -Leichenzug Deiner Mutter begegnet bist, das war die zweite Mahnung. Sie -ist so gräßlich um's Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein -Blutgeld und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, wenn Du -mich verkaufst.« - -Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich zu schelten. -Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, von was die Rede war, hat -er mich getreten und geschlagen und mit den Haaren durch das Zimmer -geschleift. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch -nicht klar denken. Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff -mich eine Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich -herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. Ich habe -immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine Betäubung über mir. -Ich wußte Alles, aber ich konnte mich nicht rühren. Alles, was meine -Mutter gesagt hat und ich gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder -eingefallen. Dann habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie -gekommen, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich war wie -gebannt.« - -»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der über Dich -gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte ich, »der ist -nun überstanden. Wäre auch das Andere ebenso glücklich überstanden! -Dein Vater hat wie ein Unmensch an Dir gehandelt. Deine Mutter hast -Du richtig erkannt. Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, -sie hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die Welt und -das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges Herz hat sie -in das Verderben gejagt. Aber wie Du Deiner Mutter den Namen Gottes -zugerufen hast, als sie über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe -ich Dir in diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur des -Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle bedrohen, daß es -stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. Und unter den schwierigen -Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, kann nur seine Hand Dich -führen und seine Rechte Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich -nicht über Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel wird -Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater und meine Mutter -verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« heißt es, und: »Harre -des Herrn, sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!« - -Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein Einfluß auf diese -verhärteten Gemüther ist gering und mit ihrer List und Verschlagenheit -kann ich es nicht aufnehmen. Doch was ich zu thun vermag, will ich -thun. Auf Etwas kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du -brauchst hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt hier -der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen als den -Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, -gibst Du Dich zum wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig -ihre Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil -von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott ihnen anvertraut hat.« - -»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen in die -weite Welt und dort für mich allein mein Glück zu suchen, aber ich kann -nicht. Ich bleibe und gehorche. Und wenn es noch schwerer wäre, ich -bliebe doch! Ich will es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch -meinem Gott nicht untreu zu werden.« - -»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette und ich will -Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des Herrn Rath ist wunderbar! -Vielleicht soll es so sein. Und hier war es, als ob mich ein Geist der -Weissagung ergriff. Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf -einer frommen deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen -gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und Nacheiferung. -Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission als Rüstzeug auserwählt -hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt hat, der weiß, daß Du die -Kraft dazu hast und führet Alles herrlich hinaus!« - -Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark zu dunkeln -begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche gesagt. Auch das noch, -daß Gott dem zarten und schwachen weiblichen Geschlecht gerade in der -Unschuld einen mächtigen Schild geschenkt habe, den selbst die größte -Rohheit nicht anzutasten wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit -bewahrt bliebe. - -Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und schaute ihr -wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt und -schickte ein leises Gebet zum Himmel empor für ihr Wohlergehen. - -»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben mir eine -Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, in der ich die -»Anne-Mile«, eine der verdorbensten Frauen des Dorfes erkannte. - - - - -VI. - -Die Balzerswäs. - - -Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter am Himmel. -Die Wolken hingen schwarz und schwer über dem Dörfchen. Die Luft -war wie ein Feuermeer und wenn der Donner krachte, zitterten die -Fensterscheiben und wackelte mein alter Tisch an der Wand. Jetzt -fuhr wieder ein Blitz hernieder, so blendend, daß ich die Augen -zumachen mußte, und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das -verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum, -etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten Flammen. Damit -hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht. Nun öffneten -sich die Schleusen des Himmels. Bald grollten nur noch die Donner in -der Ferne und langgezogene Blitze erleuchteten das Firmament. - -Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues Abbild, wie es des -Abends in meinem Gemüthe stürmte und wetterte. Man hatte mich auf das -schmählichste beschimpft. Man hatte das Interesse, welches ich an dem -Schicksal Babettens nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das ich -offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten es die Leute -gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen Bauernstand und -die altväterliche Sitte repräsentirten und zu denen ich mich noch am -meisten hingezogen fühlte. - -Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin erlebt hatte. -Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer umher. Alles war in mir -in fessellosem Aufruhr und Empörung. Die Finger habe ich öfters in das -Fleisch meiner Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: -»Demüthige Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß Dir an -meiner Gnade genügen!« - -Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten mich zu mir selber. -Wie aber dann die Schleusen des Himmels sich öffneten, so stürzte auch -eine Thränenfluth aus meinen Augen. Hernach habe ich noch lange am -offnen Fenster gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne -Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen. - -Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das unglückliche -Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, am leichtesten könnten -alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn die alte Balzerwäs die -Einwilligung zu der Verbindung mit ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht -die Frau Heimerdinger gesagt: »Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, -so solltest Du nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der -leiseste Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein? - -Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der Sache, denn in -einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die Balzerische war, steckt -ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die jeder Einwirkung trotzt. Dabei -herrscht eine Nüchternheit und trockne Verständigkeit der Auffassung, -daß eine Begeisterung oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu -unmöglich erscheint. Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle -verknöchert hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht die -geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt und die -Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und die Weiber, bei denen -man gern einen idealeren Zug und ein lebhafteres Gefühl voraussetzen -möchte, sind die schlimmsten. Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas -von der alten Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel -ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht auch -schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes Gewicht auf die -freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der Familie stand, in der ich -regelmäßig meine Winterabende zuzubringen pflegte. Die Balzerswäs hatte -sogar meinem Vater, der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht -so viel nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner -hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen Stande Etwas zu -bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem Apostel Jakobus die Zunge eine -solche Macht zum Bösen, ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt -voll Ungerechtigkeit, so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein, -wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig durfte ich auch -auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen. - -Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner Meinung nach -sehr fein und klug ausgedacht und mußte von Erfolg sein. Er wäre es -vielleicht auch gewesen, wenn er überhaupt zur Ausführung gekommen -wäre. Aber ich konnte ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich -in Gottes Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging, -merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht Alles stand, wie -sonst. -- Sonst sagte die ganze Familie feierlich »guten Abend!« -Der achtzigjährige Großvater oder Eller erhob sich hinter dem Ofen, -that die Pelzmütze ab, das kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und -sagte besonders »guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder -herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke Adam. -Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. Während der Zeit putzte -die Balzerswäs einen Stuhl ab und stellte ihn oben an den Tisch. Der -Friedrich, der unverheirathete Sohn, holte ein Glas frisches Wasser -am Brunnen und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein -Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange Pfeife von der -Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag von J. mitgebracht hatte -und auf deren Kopf die ganze Stadt abgemalt war und lieh sich vom -Eller den Tabaksbeutel; denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die -Schwiegertochter und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren -Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. Recht gemüthlich -aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen vom Ofensims nahm. -»Denn den Kaffee trinke ich für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. -»Morgens wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst -wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein Tröpfchen -auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, gleich nach dem -Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen der Verdauung. Um vier Uhr -trinke ich mit den Andern und da schmeckt er mir am besten. Abends, -sehen Sie, da kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da -machen sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich auch -gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.« - -Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr Mundwerk besonders -gut, das ganz gewiß auch sonst nicht stille stand. Es wurden -meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. Ich machte meine Bemerkungen -dazu und betheiligte mich sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der -eine merkwürdige Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen -Erfahrungen zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden -Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen wurde. - -Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich wurde so -kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft an, daß ich merkte, -man hatte eben noch über mich gesprochen und zwar nichts Gutes. Es -bot mir sogar Niemand einen Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen -und wollte eben fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als -der dicke Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise die -Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von dem Stühlchen auf, -auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe ab und das Reis, an dem er -rauchte, aus dem Mund und sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten -Abend, Herr Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die -Schwiegertochter hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und -der Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis die -alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß nicht, Dorth, -ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch ein Töpfchen mit Kaffee -stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!« - -Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink und die Mädchen, -die er für Californien gemiethet hatte. »Es ist ein Schimpf und eine -Schande für unser Dorf und unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche -Zustände walten! In allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: -keine Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her -- es -seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten es ihnen noch -besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes Mal, wann ich so Etwas -lese, preßt sich mein Herz zusammen und Flammenröthe bedeckt mein -Gesicht. Ich meine immer, auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß -doch Nichts anzufangen, um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte -und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, verstockte -Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt noch von »Herz« -die Rede sein, wo Väter und Mütter ihre eigenen Kinder für Geld -dahingeben? Man wundert sich über die Unmenschlichkeit der Neger an der -Westküste Afrikas, wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und -die Väter ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will -das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen werden! -Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, unwissenden -Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur zu Sklaven, aber hier verkaufen -christliche Eltern ihre Kinder zu H... Wenn irgendwo das Wehe, das der -Herr über die Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine -Anwendung findet, dann ist es hier.« - -»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen Pause, »die -Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach Brod schreien, dann -thut man Manches, was man vor seinem Gewissen nicht verantworten kann.« - -»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot Gottes -darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und im Vertrauen auf Gottes -Hülfe sich redlich mühet, dem hat es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. -Nur muß mit dem Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten -verbunden sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem -Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand fehlen könnte, wenn er -nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte und die Sorgen und den -Segen dem Herrn überlassen würde. Was gibt es öde und wüste Gegenden -in der Welt, wo kaum noch die naschende Ziege einen Grashalm findet -in dem Steingeklüft, nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft -zu unseren Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich -gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren sich redlich und -ernähren sich reichlich. Denket nur an die Schwarzwälder Uhrmacher -und an die Tyroler Geigenmacher, von denen Ihr in der letzten -Spinnstube gelesen habt. Und wenn man solche Kunst nicht versteht und -erlernen kann, warum ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und -Handlangerarbeit? Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die -Wetterau gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche -Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen hinunterwandern, -als um gestohlenes Holz zu verkaufen und um zu betteln. -- Wenn jedoch -selbst die Noth nahezu unerträglich wäre, so dürfte immerhin nicht -aller Sitte Hohn gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der -Menschennatur unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und -nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem Treiben -hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht die Triebfedern, -als die Armuth.« - -»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« murmelte Hanjost vor -sich hin und die Mädchen fingen an zu kichern. - -»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu halten. Und -es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, würden die Steine -schreien, so auffallend sind die Beispiele, die Ihr ständig vor Augen -habt. Nehmet die alte Justine! Was treibt diese greise Frau mit ihren -schlottrichten Knien, ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? -Kann sie nicht längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und -wird es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem einsamen -Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat denn solch ein Herz gar -kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem sie ihren Mann so früh begraben -hat und ihr ein Kind nach dem andern dahingesunken ist, sollte man -nicht meinen, sie hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat -ihr Gott darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit -geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld seine -Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein Hoffen auf -das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein himmelschreiender -Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl zu ersticken, -weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende Noth sie zwang? Hat -sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, Aecker und Wiesen, ja sogar -Geld ausgeliehen und war nicht die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, -sehr mit ihm zufrieden und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt -Ihr noch, es war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche -Vorstellungen machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan -verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da wüthend -ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater hinter dem Ofen -aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie ein Prophet weissagte, sie -würde elend in die Grube fahren und wie sie bleich wurde, als hätte sie -ein Gesicht gesehen, aber dennoch ihr Kind verkaufte?« - -Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der immer nach seiner -Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben Recht, Herr Pfarrer, -ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels und treue Gesellen -im Schlechtmachen sind Fleischeslust und hoffärtiges Wesen. Wann -aber der Teufel einmal Herberge gemacht hat in so einem lüsternen -Menschenherzen, dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich -auf und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. Die -Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; denn der Tod -ist nahe und das Gericht!« - -»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis nach dem -Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus dem Kinderhandel. Oder -könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, das nicht zum mindesten von seinen -Kindern Vernachlässigung und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? -Da ist noch jüngst der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde -gegangen. Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo -ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet und -im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige Hand geregt, um ihm -sein letztes Leiden zu erleichtern? Warum mußten fremde Leute ihm -die nothdürftigsten Handreichungen thun? Warum mußte er auf seiner -öden Kammer einsam und verlassen den letzten schrecklichen Kampf -auskämpfen? -- - -Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich auf seinem -Karren krank heimgebracht wurde. Was haben ihm seine Kinder für einen -Empfang bereitet! In den Kuhstall haben sie ihn gebettet! Und da er -jetzt wieder auf sein kann, darf er um keinen Preis in die Stube. -Sein Kaffeetöpfchen hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, -daß die Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich -eingeschritten wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. Aber -es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft gesäet. Was gibt -das Gatten! Was gibt das wieder für Eltern! Die Sünden der Väter werden -heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen -auch die Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt, -daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei Malter Weizen -verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr bei Kaffee und Kuchen -und Wein und Bier freuen, daß sie endlich von ihrem Manne erlöst sei, -der sich doch nur für sie in den englischen Fabriken das schmerzliche -Rückenmarksleiden zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit -ihrem Buhlen hervortreten. - -Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose Verderbtheit -bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen Sonntag mit dem braven -Leonhard copulirt habe. Was hatte sie Gott mit reichen Gaben des -Leibes und des Geistes ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es -kann mich immer unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im -Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete Flur, eine -vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so trauriger Anblick, als -solch ein durch und durch vergiftetes Menschenleben. -- - -Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in New-Orleans -entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken etwas zu derb mit dem -spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch machte sie kein Geheimniß aus -der traurigen Weise, wie sie die reichen Putzgegenstände und das -blitzende Gold, das sie mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich -noch recht wohl ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches -sie allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger war sie -Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie verrückt mit ihren -seidenen Kleidern und der Straußenfeder auf dem Hut; die Burschen -und Männer verlockte sie durch ihre schwarzen frechen Augen und ihre -Buhlerkünste. Ihre fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen -hatte, waren der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. -- Als sie -einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater draußen -auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte der aus und sagte ganz laut: -»Pfui Teufel!« Selbst aus der Stadt kamen die sauberen Herren und -umschwärmten sie, und sie trug ein Kapital nach dem andern auf die -Landesbank. Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und -die Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag ihr alter -Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem Schmerzenslager und -ernährte sich von dem Bettelbrod, was ihr achtjähriger Bruder in der -Wetterau zusammenbettelte. Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr -Vater auch diese dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder -das Kind halten. -- Der Vater ist gestorben -- ob an der Gicht oder an -Hunger -- das wird wohl einst entschieden werden. -- Da war es denn -eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr Bruder bei fremden Leuten -untergebracht wurde; denn nun mußte sie selbst für ihr Kind sorgen -und das wurde ihr nach gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines -Morgens ihr schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm -sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: nun könne -er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was mich am meisten bei -ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche triumphirende Blick, den -sie mir am Altare zuwarf; nicht daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein -Spottlied sangen, sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« -zu dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu gerathen -und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als ich ihm die ganze -Geschichte leid machen wollte. Er hat sich darauf berufen!« - -»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie auch jetzt noch -gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist fleißig und sparsam. -Sie ist gut für das Land, gut für die Haushaltung und versteht alle -Feldarbeit. Was will der Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm -wie eine Kirchenmaus.« - -»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie ist die -abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. -- Das ist es gerade, -was mich so empört, daß man Nichts hierin findet. Man ist so tief -gesunken, daß man über die gemeinste Gesinnung und die schamlosesten -Handlungen keine Entrüstung mehr hat. Man hat sich so sehr an das -Laster gewöhnt, daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht -und es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde schätzt. --- Und was enthält der Begriff »brauchbar für's Land« für entsetzliche -Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen darf! und was ist das für -sauberes Geld! Mancher würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange -anzurühren. -- Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens -äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! Darum -ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende Versunkenheit -so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. Wenn noch ächte, -unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet Ihr entschieden auf meine -Seite treten und mich mit Rath und That unterstützen! Euer Ansehen und -Einfluß mit in die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz -anderes Gewicht verleihen.« - -Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen erfolgte, glaubte -ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der Zeitpunkt gekommen, meinen -Antrag anzubringen. Ich sagte also: »Ich will Euch noch diesen -Augenblick eine Gelegenheit bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch -besseres Gefühl in Euren Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein -Opfer zu bringen vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! -Frau Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele vom -Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele retten! Denn wer einer -Seele vom Tode hilft, der wird die Menge der Sünden bedecken. Bedenket -die Nähe Eures Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat -erklärt: wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst -zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr diese Hoffnung! -Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, die Euch der Herr durch -mich anbietet, und ladet Euch nicht den Fluch der Versäumniß auf!« - -Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, die Gesichter -hätten nicht verblüffter aussehen können, als durch diese meine -Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich nach Athem. Endlich hatte -sie die Sprache wiedergefunden. Sie war aufgesprungen und trippelte vor -mir auf und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen Sie, Herr -Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, wir sollen das schlechte -Mensch, die Lumpenbagage, in unsere Familie aufnehmen! Dazu haben Sie -die lange Einleitung gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten -Sie den Athem sparen können!« - -Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner gewiß guten -Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen wohl, aber wenn Sie es -»schlecht« nennen, versündigen Sie sich! Wer weiß, ob nicht ein -besseres Herz unter ihren Lumpen schlägt, als unter Ihrem feinen -Tuchmieder.« - -»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten wir nicht, -warum er so warmen Antheil an der Babett nimmt, warum er ihr immer -die Hand gibt und so freundlich zunickt und oft stundenlang mit ihr -spricht! Man ist endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind -gestern mit ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's -eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen Pfarrer und -für so einen frommen Mann, wie Sie sein wollen! Doch was ich sagen -wollte, mit einem Wort: Mein Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu -heirathen.« - -Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und fühlte nur -instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen mich aussprach. -Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, wurde ich ganz -betäubt und fing an schwindelig zu werden, so daß ich mich durch -einen starken Willensakt wieder aufraffen mußte. Da wollte sich nun -meiner ein entsetzlicher Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich -und sagte kalt und stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn -beweisen müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man -ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck nicht; -denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie das Feuer. -- Ich -wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, daß ich mit der Drohung, sie -vor Gericht zu belangen, als Geistlicher nicht gut scheiden konnte und -sagte: »Ich meine, ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige -Weise beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem Stand und -meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche Aufklärung zu geben. -Ich habe allerdings gestern zufällig die Babette Heimerdinger an der -Guntramseiche getroffen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. -Auch habe ich ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn -kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen ihrer -Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit machte, an den -alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht gesunken und ich habe sie erst -nach langen vergeblichen Bemühungen in's Leben zurückrufen können. -Wenn ich der Babette freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so -hatte das darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich -verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu entdecken. -Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man eine Palme in der Wüste -oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen findet. Und nun, wer mir -solche Schlechtigkeiten zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich -sagen: von Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den -Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang kennt und -der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß zu Verdacht gegeben hat, -Glauben schenkt, ist durchaus kein gutes Zeichen für Euch selbst. Doch -ehe ich gehe, möchte ich doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in -Umlauf gesetzt hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?« - -»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. -- »Nun da wußtet Ihr -ja schon, was Ihr von der Sache zu halten hattet. Leben Sie wohl, Frau -Balzer! Dieser Stunde werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!« - - - - -VII. - -Ein Kirchenvorstand. - - -Die Aufregung vom vorigen Abend lag mir in allen Nerven. Ich hätte -weinen mögen. Hinaus in's Freie wagte ich anfangs nicht zu gehen. Ich -dachte, man würde mit Fingern auf mich deuten. Auch die Unterredung -mit den Eltern Babettens, die ich mir auf diesen Morgen festgesetzt -hatte, gab ich auf. Wäre mir noch einmal so Etwas gesagt worden, wie -die Balzerswäs mir gesagt hatte, ich hätte nicht gewußt, ob ich so -gleichmüthig geblieben wäre. Es wogte noch gar jugendliches Blut in -meinen Adern. Ich war noch nicht lange von der Universität heimgekommen. - -So war es Mittag geworden. Ich konnte es nicht mehr in den engen Wänden -aushalten. Ich mußte hinaus. Man hätte mich anders ja am Ende gar noch -für schuldig halten können. Auch schämte ich mich meiner Feigheit. - -Als ich kaum aus der Hausthüre getreten war, kam der Schneider -Heimerdinger mit seinem Hunde daher. Ich hielt es für eine passende -Gelegenheit, um über Babette mit ihm zu reden und rief ihn deshalb -an. Er kam auch eiligst herbei. Aber nun merkte ich, daß er total -betrunken war. Er legte mir ganz vertraulich die Hand auf die Schulter -und fragte: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie einen Spaziergang machen?« -Ich schüttelte ihn von mir ab und sagte ihm, ich liebte solche -Vertraulichkeiten nicht. Ob er sich denn gar nicht schäme, am hellen -Tage betrunken durch die Straße zu wanken. Er solle heimgehen und -seinen Rausch ausschlafen. Da wandte er sich hinweg und sagte zu -seinem Hund: »Bello, beiße einmal den Hochwürden! Er hat deinen Herrn -beleidigt.« - -Das war diesen Tag mein erster Empfang auf der Straße. Als ich -weiter das Dorf entlang ging, sah ich, wie Alles stehen blieb, was -mir begegnete, und mir nachsah. Niemand grüßte. Am Wirthshaus fuhren -plötzlich eine Menge Gesichter zum Fenster heraus und glotzten mich -an. Als ich vorüber war, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus -und Etliche riefen: »Vivat! unser Pfarrer lebe hoch!« und die Andern -wieherten Beifall über den äußerst gelungenen Witz. -- Als ich heimkam, -war mein erster Gedanke: ich kann hier nicht mehr bleiben. Mein zweiter -Gedanke: Du mußt bleiben. Du bist nicht umsonst an diesen schwierigen -Posten berufen worden. Willst Du schon beim ersten Anstoß fliehen, wie -ein Miethling? Wer glaubt, fleucht nicht. Aber Du mußt ernster und -entschiedener werden! Du mußt einmal die Seelenverkäuferei geradezu -zum Gegenstand Deiner Predigt machen und statt einzelner Hindeutungen -auf dieses gottwidrige Treiben der Gemeinde unverhüllt das Verderben -zeigen, wohin sie schon gerathen ist und wohin sie noch gerathen -wird. Das kann nächsten Sonntag schon geschehen. Und so geschah es. -Ich predigte mit glühendem Herzen und glühenden Worten über den Text: -Matth. 24. V. 12: »Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhand nehmen, -wird die Liebe in Vielen erkalten.« -- Obgleich es durchaus keine -Musterpredigt war und sein sollte, so muß ich doch einige der stärksten -Stellen ausziehen, um sie so am besten in der Kürze zu charakterisiren: - - »O wie selig sind die Seelen, - Die mit Jesu sich vermählen, - Die sein Lebenshauch durchweht; - Daß ihr Herz mit heißem Triebe - Stündlich nur auf seine Liebe - Und auf seine Nähe geht.« - -»Solche Seligkeit liegt hinter Euch, wie das verlorene Paradies. -Nicht einmal die Ahnung derselben lebt in Eurer Brust. Es will Nacht -in Euch werden, volle Nacht. Viel eher als den Lebensweg werdet Ihr -den Verzweiflungsweg wandeln, den Judas ging, als er das Blutgeld -den Hohenpriestern vor die Füße geworfen hatte. Denn Judasväter -und Judasmütter seid Ihr, die Ihr Eure Kinder für elenden Mammon -verschachert und verkauft! Wenn der Geiz die Liebe tödtete in des -Judas Brust, daß er seinen Meister und Heiland für dreißig Silberlinge -verrathen konnte -- steht Ihr vielleicht höher? Ist nicht auch Eure -Liebe todt? Auch Eure Liebe zu Gott und Christus? Vernichtet und -veranstaltet Ihr nicht in Folge dieses schamlosen Handels das Ebenbild -Gottes in Euren Kindern? Werfet Ihr sie nicht dem Satan in den Rachen, -statt der rührenden Bitte des göttlichen Kinderfreundes zu gehorchen? -»Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht!« Gibt es -irgend Heiden in der Welt, die so unnatürlich wie Ihr die angebornen -Gefühle eines Vater- und Mutterherzens unterdrückten? -- - -Abels Blut schrie zum Himmel hinauf. Kains Fuß war unstät und flüchtig -auf Erden; auf seiner Stirne brannte das Brandmal des Mörders. - -Auch auf Eurer Stirn ist das Kainszeichen eingebrannt. Die gemordete -Unschuld Eurer Kinder schreiet zum Himmel hinauf. Wenn sie aus dem -Ausland zurückkehren, ist ihr Leib zerrüttet und ihre Seele gemordet. -Ihr seid die Mörder! Und das Feuer, das nicht erlischt, brennt auch -Euch, und der Wurm, der nicht stirbt, nagt auch an Euch, daß Ihr nicht -Ruhe findet, hier nicht und dort nicht. Euch wäre besser, Ihr wäret nie -geboren! - -Und könnte es nicht auch hier schön und sonnig sein, wie draußen der -helle Sommermorgen? Könnte nicht auch hier der Geist der Liebe und des -Friedens walten? Ist es nicht Gottes Himmel, der sich über uns wölbt? -Ist es nicht Gottes Erde, auf der unser Dorf steht, und wohnet nicht -auch bei uns die Fülle seiner Liebe und Gnade? Ist des Sohnes Blut -nicht auch für Euch geflossen? Hat es nicht Kraft, selbst Euch von -Euren Sünden zu waschen? Ruft er nicht dort auf Golgatha mit seinen -ausgebreiteten Armen auch Euch: »Kommet her zu mir Alle, die Ihr -mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken!«« -- - -Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war scharf und -schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks eingegeben. Und -mußte sie nicht schneidend und scharf sein, wenn die Eiterbeule, die an -dem Leben der Gemeinde fraß, aufbrechen sollte? - -Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen lassen, nicht -etwa in der Absicht, große Berathungen mit den Kirchenvorstehern -zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen; sie sollten blos -unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben und Jasagen beschränkte -sich nach ihrer eigenen Wahl lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte -diesmal ihre Unterschriften nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an -das Amt wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche -Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige Abhülfe bat, da -dadurch vielleicht noch manchem schwebenden Unheil vorgebeugt werden -könne. - -Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen. Man sollte -denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere Erfahrungen hatten -mich nicht besonders ermuthigt und auch der Erfolg des vorliegenden -Schriftstücks widerlegte meine Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit -kamen die »Kirchenherrn«, wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet. -Voran schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte ich, daß -er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher, als er in das -Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln, daß ich alle Augenblicke -glaubte, er würde hinstürzen, und es wäre auch geschehen, wenn er sich -nicht krampfhaft an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum -diesen sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken. -Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er auch sofort -seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem er die große -Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht setzte, die dünnen -Haare an den Schläfen glatt strich und den Hemdkragen hervorzupfte. - -»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es in diese Sitzung -zu kommen?« sagte ich. - -»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!« - -»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte hervor und das -ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.« - -»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So was lasse ich mir -nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.« - -»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich werde über Ihr -Betragen berichten.« - -»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister von -F. hinausthut!« - -»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten faßte ich ihn am Arm -und führte ihn trotz seines Sträubens zur Thüre hinaus, die ich hinter -ihm zuschloß. Eine Weile murmelte es draußen und man verstand deutlich -Worte wie: »Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!« - -Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der Herr Bürgermeister -war die Treppe hinuntergefallen. Wir liefen schnell herbei, um zu -sehen, ob er sich keinen Schaden gethan habe; aber er hatte sich schon -wieder erhoben und spazierte nun die Straße hinauf, indem er von einer -Seite derselben auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer -traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine Schande, Herr -Pfarrer! Ich sage weiter Nichts -- es ist eine Schande. -- Ich bin -vierzehn Tage vor Johanni sechzig Jahre alt geworden, aber ich muß -sagen, So etwas habe ich noch nicht erlebt.« - -Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen. Er besaß -die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken, wenn sie kaum ausgesprochen -waren, zu seinen eigenen zu machen und sie weiter auszuspinnen. Er -war desto erpichter darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu -gelten, je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war. -»Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der Herr will, -werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung Anerkennung findet. Die -Lieb' und die Freundschaft, die ich im Herzen trage, ist gar nicht zu -sagen. So bin ich auch gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern -gar gut gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That, er -war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann. Er war bei allen -Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen, Taufen und -Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch und seine beruhigenden Worte geschah -Nichts. Das Volk liebt es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu -haben, der das nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt, -um die Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen, den -allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen und, wenn -das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen oder, wie man sich -ausdrückt -- »Jemanden für die Ansprache.« Dafür war nun unser Mauser -wie geschaffen. Er that hierin den kühnsten Anforderungen Genüge. -Aber auch sich vergaß er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein -war eine selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch -fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen; denn seine -Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer mit sich führte, hielt -ihn äußerst knapp. So mußte er sich denn bei andern Gelegenheiten -entschädigen und es war fast als hätte er dabei noch eine feinere -Witterung, als ein Jagdhund, so sicher war er dabei, wo Branntwein -umsonst gegeben wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und -hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man wollte -den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister, denn man -fürchtete für das Gemeindevermögen. - -Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen -aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter Zeit Alles -zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer zu beleidigen und zu -kränken.« Dabei wischte er mit seinem Schnupftuch in den Augenwinkeln, -als wenn er ein paar Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß -ich und mein Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt -haben, daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O, es sind -gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir haben es gleich -gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort wäre. Es war -am Donnerstag Abend, da saß ich und las in der Bibel. Ich lese jeden -Abend in der Bibel und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein -als sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat eben elf -geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet so genug Oel; man -kann es gar nicht mehr aufbringen. Kathrein, sage ich dann: was hier -an irdischem Oel verloren geht, das gewinne ich an himmlischem Oel -für meine Seele. So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel, -da kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller Hast die -Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon. Da ging ich hin, -ohne ein Wort zu sprechen, und gab ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. -So, sagte ich, wenn schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann -mußt Du so viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du -so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein Bett und -legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit meiner Kathrein Rath -gehalten. Kathrein, habe ich gesagt, Weißt Du, wer schuld ist an dem -Allen? Das ist der Bürgermeister, habe ich gesagt. Es muß ein anderes -Oberhaupt in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei zu -unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That zur Hand geht, -und wenn wir keinen andern Bürgermeister bekommen, geht noch Alles zu -Grunde.« - -»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am Bürgermeister liegt; -aber es muß Jeder seine Schuldigkeit thun nach dem Maß seiner Kräfte -und Gaben. Ich habe hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um -strenge Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige -Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von ganzem Herzen, Herr -Pfarrer! Es ist dieses der einzige Weg, der noch helfen kann. Das habe -ich schon lange gesagt.« - -Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher, Namens Schwalb, der -ein redlicher Mann war, aber zum Unglück fast ganz taub. Er saß während -der Sitzung gewöhnlich so da, daß er die hohle Hand an das am besten -hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen in die -Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte er freundlich mit dem -Kopf und machte eine Bemerkung über den jedesmaligen Wetterstand, oder -sagte: »Sie haben heute gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht -verstehen konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab ihm -stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete, -ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit entließ ich die -würdigen Kirchenherrn. - -Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe. Der eine -trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel. - -Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde ich denn ersucht, -erst spezielle Thatsachen aufzuführen und Zeugen zu nennen, dann wolle -man sich bewogen finden, die Zeugen abzuhören und, je nachdem der -Thatbestand sich ergebe, einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich -unbefriedigt bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein -zweites Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete: »Sie -empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes, worüber ich Sie -ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die Anklage war folgende: - - Hochwürdiger Herr Decan! - - Wenn es erlaubt ist mit Ihne zu rede, bitte wir Ihne um - Entschuldigung, daß wir Ihne lästig falle müsse, aber mit uns - Herrn Pfarrer ist gar kein Auskomme meh. Er ist mit eim Wort - wüthend und gleicht gar keim Mensch meh. Am Sonntag kam er in - die Kirch und hat so die Thür hinter sich zugeschlage, daß - nervenschwache Weiber und Greise fast ohnmächtig geworde wärn - und hat sich geberdt auf der Kanzel, als wenn er besoff wär und - geschimft und räsonnirt, daß uns Gemein ein ganz schlechte Nam - kriegt von dene fremde Leut, die auch drin warn. Er kümmert - sich um alle Angelegenheiten, die ihn nix angehn und stift - Streit unter die Familien und hetzt die Leut hintereinander. - Wenn er einmal ein Buckel voll Schläg bekäm, dafür könnt mir - nix. Wenn uns Dorf in Unzucht und Schlechtigkeit fällt, daran - ist er allein schuld. Im ganze Dorf schwätzt man davon, daß - ers mit eim schlechte Mädche hätt. Wie soll denn nun die - Jugend sein, wenn der Pfarrer so ist. Uns ganz Dorf kömmt noch - durch so ein Pfarrer in Verruf. Wir möchte Herrn hochwürdigste - Decan unterthänigst gebeten habe, ihn gerad wegzusetze. Es - könnt möglich sein, daß er sich in einer andern Gemeine besser - aufführt. Wir wolle an seim Unglück nicht schuld sein, darum - solle Sie ihn nicht absetze. In großer Unterthänigkeit grüßt - - der Kirchenvorstand: - - +Adam Koch+, Bürgermeister, - +Jakob Mauser+, Kirchenvorsteher, - +Philipp Schwalb+, " - -Ich hatte kaum das Schreiben gelesen, da kam der Anton Scheppler zur -Thüre hereingestürzt: - -»Sie sind fort, Herr Pfarrer!« -- - -»Wer ist fort?« - -»Der alte Fink und die Mädchen.« - -»Auch die Babette Heimerdinger?« - -»Auch die Babette Heimerdinger.« - - - - -VIII. - -Eine Predigt Gottes. - - -Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und in den Feldern und -Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie ein Wintersturm war es auch -über meine Jugend dahingegangen. All' mein Hoffen und Sehnen und -meine Begeisterung war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt -und gebrochen. Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar äußerlich -beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach und nach selbst -verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche in Ohnmacht fiel und -ich um Hülfe rief, war sie ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles -mit angesehen und zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu -empfinden, war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, -Babette und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der Anton -Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei tausendmal -schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. Das hatte sie schon -lange genug geärgert; die sollte nicht länger mit ihrer Unschuld groß -thun. Nun hatte sie auch soviel verstanden und sich zusammengereimt, -daß ich der Babette helfen wolle und war den Abend gleich zum alten -Fink gelaufen und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken -und versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der -geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort mache und so -meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler freilich bekam sie nicht und -der Aerger darüber war auch der Anlaß ihres Plauderns. - -Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage in Händen -habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, war gekommen, um mich -um Verzeihung zu bitten, jedoch jeder Kirchenvorsteher allein. Der -Bürgermeister meinte, der alte Fink und der Mauser wären an Allem -schuld. Der alte Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der -Mauser hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der -Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen keinen -Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister hätten. Der -Schwalb sprach vielleicht allein die Wahrheit, denn er gestand, er habe -nicht gewußt, was er unterschrieben habe. - -Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur Eintracht -und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht und Frieden zwischen -mir und meiner Gemeinde sein? Wäre es nicht ein trauriges Zeichen für -+mich+ gewesen? - -Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit -schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille eines jugendlichen -Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit und Verlassenheit unter -diesen Leuten. Mir war es oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem -»ausgewanderten Dichter«: - - »Allein? Allein? und so willst du genesen? - Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen? - Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen! - Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.« - -Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es ist nicht gut, daß -der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja eine geliebte Braut; aber -bei dem dürftigen Einkommen der Stelle konnte ich nicht an Heirathen -denken. Ich konnte stundenlang im trüben Sinnen am Fenster sitzen und -hinunterblicken zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und zu -den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft war -ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom Blitz getroffenen Baumes -saß. Er nickte mir zu und ich nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es -schneite dabei immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern -und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem Kamin zurück -in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen wurde ich geweckt durch eine -Nachricht, die laut predigte von der Unbegreiflichkeit der Gerichte -Gottes und von der Unerforschlichkeit seiner Wege. Es hieß: der -Schneider Heimerdinger hat seine Frau erschlagen. - -Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als habe er ihr -mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, er habe ihr ein -Schnitzmesser in den Hals geworfen. Endlich gelangte eine bestimmtere -Nachricht an mich, daß die Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, -aber nicht todt, und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig -wäre; nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, seine -Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, auf jeden -Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so leicht nicht abweisen -zu lassen. Ich fand die Hausthüre von innen verriegelt. Aber als ich -ein wenig Lärm mit dem Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster -und bald darauf wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn -des Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu Hause. Er -war vor einer Stunde in den Wald gegangen, um Holz zu holen, weil sie -keinen Vorrath mehr im Hause hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich -trat in ein freundliches, nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen -Dorf zu finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete -bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht -und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand eine ganze -Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, Fuchsia's und Cactus. In -dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte und durch eine einfache Gardine -geschützt war, lag die Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht -todtenbleich und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr -Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, während -die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und mich gar verlegen und -mißtrauisch anblickte. - -»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen zu sein«, begann -ich die Unterredung. - -»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.« - -»Was ist denn eigentlich geschehen?« - -»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und über das -Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen Nagel, der -herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, einen Darm verletzt.« - -Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so im Tone der -Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken gekommen wäre, wenn ich -nicht in ihren Augen etwas Lauerndes meinte wahrgenommen zu haben. Doch -ich konnte mich auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich -rasch: »Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.« - -Aber sie wußte es schon. - -»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische -Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten und die nicht wissen, -was sie thun.« - -»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht mit einer Lüge -aus der Welt gehen wollen?« - -»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.« - -Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und wendete sich ein -wenig nach der andern Seite. Es war also nicht Alles richtig. Sie hatte -Etwas zu verbergen. - -»Gebrauchen Sie einen Arzt?« - -»Nein.« - -»Warum nicht?« - -»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum Doctor und in -die Apotheke, wir können schon einen Stoß vertragen. Doch wenn mein -Mann heimkommt, soll er gleich nach einem gehen. Die Schmerzen sind -nicht gut zu ertragen und es ist Alles geschwollen.« - -»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange gewartet. Sie -können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.« - -Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen furchtbar -zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten ihr das Geheimniß nicht -auspressen. Sie hatte sogar noch Geistesgegenwart genug, sich nicht -durch ein einziges Wort zu verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt -hatte, bemerkte ich darum, um sie noch stärker anzugreifen: - -»Denken Sie auch an Babette?« - -»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine Wunde. Wir haben -gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. Sie schreibt nicht gut.« - -»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?« - -»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.« - -»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.« - -»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.« - -»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht etwas -daraus mittheilen.« - -»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden sie nach -Californien absegeln. Sie macht uns schwere Vorwürfe und was mich am -meisten ängstigt, ist: daß sie schreibt, sie blicke oft in das Meer und -dann denke sie: wenn sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie -Ruhe und Frieden. Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.« - -Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht weiter -in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn sterben sollte, -ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle Gottes zu -erscheinen. Da antwortete sie auf einmal in einem ganz umgeänderten -Tone: »Sie müssen wieder kommen, Herr Pfarrer, Sie müssen wieder -kommen!« und schwere Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch -viel mit Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach, -zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe aufrecht -erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr unglückliches Kind -schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, geschmolzen zu haben. -- Ich -lag die Nacht im ernsten, tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider -meinen Fensterladen geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in -Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief es draußen. - -Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein Uhr. Ich warf -mich schnell in meine Kleider und war bereit, dem Manne, der noch -draußen mit der Laterne stand, zu folgen. Der Sturm heulte, Schnee -und Regen schmetterten wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, -die zwei alten Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. -Ich schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu -solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte mir -mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, er und seine -Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. Die Frau Heimerdinger -hätte bereits seit Stunden nach mir verlangt, aber der Heimerdinger -habe immer Entschuldigungen und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als -sie immer schwächer geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu -mir gelaufen und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein -Geständniß machen. -- Als wir eintraten, lag sie ebenso da wie am -Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. Er warf mir einen wilden, -verwirrten Blick zu, als ich so plötzlich und unvermuthet hereintrat, -wandte sich aber gleich wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die -Hände und streckte sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick -auf mich und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden. -Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend über die -Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der Nachbarin Arm. Ich sank auf -die Knie und betete um Gnade für die arme Seele. Ich hätte gern eine -gerichtliche Untersuchung der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf -derselben Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß -reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau Heimerdinger die -Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn sie ein solches Geheimniß -hätte mit in's Grab nehmen wollen, sie es auch gekonnt habe. Aber -der Arzt, der sie noch den Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte -und den ich darüber sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier -gerichtlich einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht -zu zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen. - -Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm hatte sich noch nicht -gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen Haus des Schneiders -Heimerdinger, als wollte er es vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit -ihm alles Verbrechen und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht -mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem Ofen, -hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war kalt. Ihn fror -es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, das auf dem Tische stand, -war am Ausgehen und flackerte auf und nieder. Bei seinem ungewissen -Schein glaubte er zu sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem -Leintuch verhüllt auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte. -Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, der -lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen Stubenboden -lag. So war er hingefallen, als er spät in der Nacht betrunken in -die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben und eingeschlafen. In -demselben Augenblicke, als der Knabe seinen Vater erblickte, erlosch -das Licht. Da wurde es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei -seiner Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim -Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem lauten -Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt vor seinen -eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus in die wilde Nacht hinein, um -sich eine andere Heimat zu suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken -und fuhr eiskalt durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt -brach er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie das -gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort -- fort -- aber -wohin du armer Knabe, in der dunkeln Nacht, in Wind und Wetter, im -tiefen Schnee? In die Heimat? Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist -ein Mörder -- Deine Mutter ist ermordet -- Deine geliebte Schwester ist -verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du hättest sie wohl auch -noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott nicht seinen Engeln befohlen -hätte: »dies Kind soll wohl behütet sein!« - -Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden mehr unter den -Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, dann lag er so weich, so weich -und wäre gern eingeschlafen, aber das Bein that ihm so weh, daß er in -einem fort aufschreien mußte. - -»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof seine Frau, die -Babett, und strich ihm mit der Hand über's Gesicht, um ihn aufzuwecken: -»ich weiß nicht, die Hunde rasen ordentlich an ihren Ketten; es muß -Etwas im Hof sein. Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und -nachsähest: ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen -hier herumstrich. -- Und horch! -- wenn der Sturm nicht so heult --- hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein Gott, wenn so ein -Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand hinabgestürzt wäre!« Mit -gleichen Füßen fuhr sie aus dem Bette und in fünf Minuten stand sie -schon mit ihrem Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein -Bein gebrochen hatte. - -Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom Hauserhof da: -ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre etwas Wichtiges. - -Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; aber der Hof -war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, kaum zu erreichen vor dem -ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich trat ich wie ein Schneemann mit -Schnee beladen in's Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich -handelte, da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte und -die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über die nächtlichen -Geschichten berichtete und andeutete, daß der Knabe Alles wisse und -auch sagen würde, worüber man bis jetzt nur noch Vermuthungen hatte. - -»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer von -Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er war noch keine -fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen will er wieder kommen und -nachsehen. Aber was das Konrädchen zu sagen hat, da sollten Sie dabei -sein! Sie wissen doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. -Und wenn der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn -es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die Kinder ist -gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und ich wollte, die Babett, -mein Göthchen, das herzige Mädchen wäre auch wieder da! Es würde sich -noch Manches machen lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser -Augenmerk auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da uns -Gott diesen Segen versagt hat.« - -Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine Weile -fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und fing an, den -Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten Versicherungen des -Schutzes, den er genießen sollte, begann er seine Erzählung, die oft -durch Weinen unterbrochen wurde und worüber ich mir in manchen Stücken -erst durch langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte -durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem Hause ruhte, -gedeckt und auch noch etliches baare Geld in die Finger bekommen. Aber -sein Durst war diesem und noch mehrerem gewachsen; er schien sich sogar -noch von Tag zu Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet -und er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das war -nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum Voraus berechnen -konnte, wann der Preis, für den sie ihr herrliches Mädchen dahingegeben -hatte, durch den Leichtsinn und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes -bis auf den letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und -Zuredungen halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen können, -er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle nicht mehr brennen, -wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr trinken. -- Ueber die neuen -Tapeten, welche sie gekauft und über die neuen Einrichtungen im Haus -und Garten, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie -sich gar nicht freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz. -Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen müssen vor -furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren Kämpfe ihres armen -verstoßenen Kindes erkannte und seine gerechten Vorwürfe fielen wie -Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges Herz. -- Selbst der Mann wurde -soweit gerührt, daß er sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte -sich beim Holzfällen betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger -im Dorfe spielen und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen -lassen. Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte: -er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein zu -schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad hatte schon -mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las wieder Babettens Brief, -da taumelte Heimerdinger völlig berauscht zur Thüre herein, in der -einen Hand die volle Branntweinflasche, in der andern seine Axt und -sein Schlachtmesser. Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an -den Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte jetzt die -Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto grimmiger wurde -sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand und rief: »Du Nimmersatt, du -verfluchter Saufaus, o daß Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den -Du trinkst! Du säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!« - -Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und schrei nicht -so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« »Gib die Flasche her oder -es gibt ein Unglück!« - -»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!« - -»Gib die Flasche her oder --!« - -»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor die Füße, -daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben Augenblicke griff -er nach seinem Schlachtmesser und rannte es ihr in den Leib. Sie -stieß einen fürchterlichen Schrei aus und fiel für todt in die -Stube. Heimerdinger war plötzlich nüchtern geworden, als er das Blut -am Boden rinnen und seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. -Er schlug sich mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! -Mörder!« verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den -Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte er auf -einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie deshalb auf ihr -Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen zu können, riegelte er die -Hausthüre zu und machte allerhand Wiederbelebungsversuche. Und wirklich -erholte sie sich rasch wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen -besonderen Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue des -leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die Spuren seiner -Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte ihm viele Arbeit, zumal da -er nicht überflüssig Wasser im Hause hatte. Das Messer vergrub er im -Holzschoppen. Dann sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, -was da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. Wenn -Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das schwöre ich Dir bei -Gott dem Allmächtigen! - -Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen kommt, schlage ich Dir -die Axt auf den Kopf, so gewiß ich Heimerdinger heiße!« -- - -Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges Fragen so ermüdet, -daß er dringend der Ruhe bedurfte und da auch alles Weitere von keinem -besonderen Belange war, überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette. - -Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten zu einem -Bericht zusammen und schickte damit direkt einen Knecht an's Amt. Schon -gegen Abend desselben Tages kam eine Untersuchungscommission in's Dorf, -von zwei Gensdarmen begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch -verschlossen. Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht mehr -nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen der -Umgegend umher und erst spät in der Nacht kehrte er in fast bewustlosem -Zustande heim. So wurde die Hausthüre erbrochen. Die Section ergab, -daß die Wunde nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes, -schneidiges Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand -sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand auch noch -im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger mit Axt, -Messer und Flasche hatte heimgehen sehen und den Schrei der Frau und -den Ruf »Mörder! Mörder!« gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt, -als er aber die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der -Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es wurden -noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die zwei Gensdarmen saßen -während dessen in dem dunklen Haus und warteten auf die Heimkehr des -trunkenen Schneiders. Sie mußten lange vergeblich warten. Endlich kam -er. Er hatte so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch -Branntwein hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch mag -er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich verhaftet und -gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er in Fesseln neben der -Leiche sitzen. Auch des andern Morgens wurde er nicht gleich abgeführt, -da das Zeugenverhör noch immer andauerte, und so traf es sich, daß er -gerade von den zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde, -als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie mag ihm das -Grablied, das er noch hörte, in den Ohren geklungen haben. - - - - -IX. - -Das Ende. - - -Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört in mein Zimmer. - -»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie schwer wird man -heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist fort, ist der Babett nach, dem -verfluchten Mensch!« - -»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« rief ich -ganz verwundert. - -»Ach Gott, das viele, viele Geld!« - -»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für -seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?« - -»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die -Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und -ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter -das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht -wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr -mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug, -sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom -Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben -lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch -nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze -Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte, -wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte -- ich oder -der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost -mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer -- der Vogel -war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er -durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor. - -Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will -am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was -hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre -vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber -wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was -ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann -man ihn denn nicht mehr erreichen?« -- »O ja, Sie müssen nach Hamburg -oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.« - -»Kostet das aber nicht wieder Geld?« - -»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem -Fall nicht kümmern!« - -»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch -machen, was man will.« - -»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut -die größte Eile noth.« - -Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist -er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von -Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die -einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte -ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben -hierhersetzen. - - Theuerste Eltern! - - Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode, - seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen - auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut - getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf - dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die - Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und - meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde - anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft. - Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig - war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber - jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht - gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich - aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und - Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft - mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer. - -- Artig sind sie -- das ist wahr -- und können einem ganz - anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm - Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die - Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon - viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit. - - Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet. - Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie - denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich - wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel - zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf - dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine - Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie - auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder - hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du - ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. - Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie - hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu - bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein - und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen - gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die - Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen - haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das - hat sie selbst gemacht: - - Ich steh' am Schiffsgeländer - Und blicke in die See; - Ich möcht' so gern hinunter, - Begraben alles Weh! - - Es ist so tief da drunten, - So tief bis auf den Grund, - Mein Schmerz ist noch viel tiefer; - Ich werd nicht mehr gesund. - - Mein Ernst, du lieber Bube, - Dein Schatz sagt dir: Ade! - Du siehst Dein Mädchen nimmer; - Es liegt in tiefer See. - - Im Meer ist gar viel Wasser, - Wo man mit säubern mag; - Ich möcht' mich drunten waschen - Von aller meiner Schmach! - - Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die - Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang, - und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie - und betete laut: - - Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut! - Mach's nur mit meinem Ende gut. - - Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört. - - Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte, - als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und - weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre. - Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da - leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. -- In - Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht - geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der - Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten - lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr - auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist - sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch - schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm - genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In - die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief - und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten - als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal - that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's - Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und - doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten - Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle - hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von - Orleans.« Da war aber Einer -- sie nannten ihn den »schwarzen - Tom«, -- das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich - konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten - wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein. - Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der - machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal - vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer - so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen - Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn - es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch - wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die - Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich - retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er - nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. - Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch - der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die - Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang - warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde - schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, - sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel - Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar - Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen - zusammen. - - Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen! - Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er - sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand - er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost. - Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod - ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus - wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist - sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert. - Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die - Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich - sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh, - so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an - meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und - Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!« - - Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von - - Eurer treuen Tochter - - Anna Klein. - - +Nachschrift+: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig - Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles zu - wissen. - - * * * * * - -Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden in -Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche Monate darauf in eine -der schönsten Gegenden des Lahnthals versetzt worden wäre. - - - - -Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Der Schmutztitel wurde entfernt. - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Korrekturen: - - S. 94: Hangost → Hanjost - Der {Hanjost} hat's aus dem Mund - - S. 95: war → wahr - Artig sind sie -- das ist {wahr} - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - -***** This file should be named 54656-0.txt or 54656-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/6/5/54656/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Hurdy-Gurdy - Bilder aus einem Landgängerdorfe - -Author: Ottokar Schupp - -Release Date: May 3, 2017 [EBook #54656] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text -ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. Im Original in Antiqua gesetzter Text -ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Hurdy-Gurdy.</h1> -<p class="center"> -Bilder aus einem Landgängerdorfe</p> -<p class="center smaller"> -von</p> -<p class="h2"> -Ottokar Schupp.</p> -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.jpg" alt="Signet" /> -</div> -<p class="center"> -<span class="larger">Bielefeld</span> und <span class="larger">Leipzig</span>.<br /> -Verlag von Velhagen & Klasing.<br /> -1867. -</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="I">I.<br /> -Das exercirende Ehepaar.</h2> -</div> - -<p class="drop">Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war -somit in den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte -ich mich von dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen -kleinen Umblick zu halten. Denn die Aussicht von dort in die -gesegneten Fluren der Wetterau, die einem weit und breit, -umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu Füßen -liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine -so reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn -man sie auch schon hundert und tausendmal betrachtet hat.</p> - -<p>Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich -von einer ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne -mit ihren heißen Glutblicken mir an dem langen Sommertage -gehörig zugesetzt hatte. Ich suchte mir deshalb ein bequemes, -schattiges Plätzchen im nahen Buchengehölz, und nachdem ich -mir eine Cigarre angesteckt und meine müden Glieder behaglich -auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte, genoß ich -mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das -Land hereinsandte.</p> - -<p>Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. -Der kräftige Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab -neuen Lebensmuth. Zu meinem besonderen Ohrenschmause<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -schienen Finken und Drosseln einen kleinen Sängerkrieg veranstaltet -zu haben. Das Auge hingegen ruhte vergnüglich auf -der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all' dieser -beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen, daß -nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen -träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig -bedurfte, um in festen Schlaf überzugehen.</p> - -<p>Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen -auf der Landstraße aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein -militärisches Commando, was ich hörte. Ich glaubte anfangs -noch zu träumen. Denn wie kam hier Militär her? hier auf -die einsame Gränze? – Sollte eine Räuberbande entdeckt worden -sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung gewonnen -haben, daß man Militär requirirt hatte? – daß -sich dieselben Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig -Jahren, wo auf der nämlichen Stelle ein furchtbares Gemetzel -mit den Schmugglern stattfand? Ich verwarf bald diese -Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen, als zu abenteuerlich. -Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch den -Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« -– Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das -Rasseln der Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon -Achtung! Gewehr auf! Vorwärts marsch!«</p> - -<p>Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, -um besser die Straße überblicken zu können und sah -dann zu meinem Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und -eine Frau in der üblichen Landestracht, die jetzt ganz in meine -Nähe gekommen waren.</p> - -<p>Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war -es auch. Ich bemerkte es nun ganz deutlich. – Der Mann,<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -obwohl er nur im Kittel war, wußte sich eine Würde zu geben, -wie sie nur ein Unteroffizier zu haben vermag. Wie warf er -sich in die Brust – wie legte er das Gesicht in gemessene, -gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach! -Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und -strack, wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, -die eine Hand fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der -andern eine lange Stange mit eisernem Haken statt des -Gewehrs haltend, den Kopf hoch aufgerichtet, aber nur mit -einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt mit einem Czako -oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch war -das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir -so leid.</p> - -<p>Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. -Es war ein verdorbener Schneider, Namens <em class="gesperrt">Heimerdinger</em> -und seine Frau.</p> - -<p>Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen -Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. -Um seiner finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit -Weib und Kind in's Ausland gezogen und hatte sich besonders -im Oestreichischen umhergetrieben, Alles angreifend und probirend, -aber ohne Geduld und Erfolg. Abwechselnd wirkte er -bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als Schornsteinfeger, -bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst bei -einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer -umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. -Aber Eins hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt -aus dem Fundamente: das Schnapstrinken. Und so war bald -der Rest des Vermögens durch die Gurgel gejagt: zuerst ein -Acker nach dem andern und zuletzt wurde das Häuschen, worin<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich das -Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig -ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem -Dorfe, daß er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen -Haken versehen, um die Aeste herunterzureißen, täglich in die -weiten Gebirgswaldungen zog, eine tüchtige Partie dürren Holzes -zusammenstahl und dieses in der eine Stunde entfernten -Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was Frau und -Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.</p> - -<p>Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. -Sie war durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche -Erscheinung bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen -Gestalt und ihrem schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer -Kleidung und in anderen Verhältnissen, wenn auch nicht gerade -Aufsehen erregt, doch imponirt und wäre nicht unbeachtet geblieben. -Aber wie ihr Auftreten nicht harmoniren wollte mit -ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache nicht dazu. -Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit, -so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei -kein Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz -außerordentliche Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. -Ich dachte anfangs, es sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, -angelerntes Wesen. Inwendig sei sie so gemein und niedrig -gesinnt, wie die Andern. Denn ein gebildetes Weib kann -sich selbst in der größten Noth kaum an solcher elenden und -schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber absolut -einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so -excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die -es selbst der Lächerlichkeit preisgeben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<p>Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche -Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und -sich abschloß; ihre Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln -eine ganz schöne Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, -denn ihr Gärtchen war stets am zierlichsten und in ihrem Zimmerchen -sah es immer nett und behaglich aus; die Weise, wie -sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos ständig reinlich -und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas Vornehmes -in ihrem ganzen Wesen hatten, – eine ganz andere Art zu -denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.</p> - -<p>Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte -Fügsamkeit und dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen -sei nichts Anderes, als strenge Buße, welche sie sich -für ein vergangenes sündiges Leben auferlegt hatte. Wenn es -aber wirklich Buße war, so fehlte ihr jedenfalls die rechte Weihe -des Glaubens. Denn es war dabei etwas so Verbittertes, -Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer Nähe -wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft -zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in -weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage -mißglückt war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich -war noch liegen geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile -fort war. Als ich mich aber endlich von meinem königlichen -Lager erhob, traf ich gerade mit einer Schaar Leute zusammen, -die ich alsbald für lauter heimkehrende Holzhändler der -eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen der -Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses -»<em class="gesperrt">der Maulwurf</em>«, ein alter verwetterter Gesell, der schon -von Jugend auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu -jedem andern als untauglich erfunden worden war. Ich weiß<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -nicht, ob er diesen ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, -weil er eine besondere Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher -aufzusuchen und sich darin zu vergraben und den nachstellenden -Förstern und Holzschlägern zu entgehen, oder weil er die Gewohnheit -hatte, Alles, was er verdiente, in Speise umzuwandeln, -um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit zu füttern, -oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das -ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte -verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten -Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer -Liebhaber von Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und -Kartoffelsalat mit Speck.</p> - -<p>Da war weiter »<em class="gesperrt">das Käschen</em>«, ein spitzer, kleiner Geselle, -die dürre Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er -gab gewiß in der Klugheit dem vielgewanderten Odysseus nichts -nach, denn er hatte aus lauter Klugheit sein schönes Vermögen -verloren. Aus lauter Klugheit ging er nie die offene Straße, -sondern stets die Schleichwege, er kam nie die Vorder-, sondern -stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war -ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte -Geschichten der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber -auch meistens den Schaden zu tragen. Und während alle Welt -glaubte, er müsse im Geld sitzen bis über die Ohren, machte -er plötzlich Bankerott. Natürlich war es ein betrügerischer, -aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte er hauptsächlich -seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der eine leidenschaftliche -Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des Amtsgefängnisses -zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim -Amte große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren -Holzhändler die verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -worden waren. Im Amtsgefängniß war aber besonders -»das Rauchen und Kartenspielen« verboten und der Wächter -wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus wußte Pfeife, -Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine brennende -Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, -daß er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak -hatte er in einem Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet -waren und die Karten waren in das Futter seiner Mütze -eingenäht. – Eigentlich die hervorragendste Gestalt unter den -Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um eines -Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »<em class="gesperrt">Der -Herr Baron</em>«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler -gewesen, der bald die Rolle eines russischen Grafen, -bald die eines englischen Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. -In einem amerikanischen Gefängniß hatte er »<em class="gesperrt">die -Rothe</em>« kennen gelernt, und war er schlau, sie war noch -schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt -war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.</p> - -<p>Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, -darf ich auch Deiner nicht vergessen, edler »<em class="gesperrt">Heckenkonrad</em>!« -Denn wenn Du auch nicht gerade der Reinste in Gesicht, Händen -und Kleidung warst, so warst Du doch der Unschuldigste -von ihnen. – Der dicke Kopf und der stiere Blick des Heckenkonrad -verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst -der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als -er sich die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf -dem Amt geholt hatte und er sie triumphirend unter seiner -Kappe heimtrug, kam ein großer Wind und jagte Kappe und -Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er wieder, aber die -Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn jetzt<span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span> -noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist -seine ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« -Aber noch immer sammelt er für seine künftige Heirath und -nähet jeden Kreuzer, den er verdient, in das Futter seiner -Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen den Leser ein -wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz -zu übergehen. Zumal darf »<em class="gesperrt">die Florentine</em>« oder auch -sonst »<em class="gesperrt">die Speckdine</em>« genannt, nicht übergangen werden. -Dazu wäre sie auch etwas zu groß, (denn sie mißt wohl eher -etwas über als unter sechs Fuß) und die wasserblauen Augen -zu schmachtend und der spitze Mund zu süß. Freilich thut die -Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr Fuß -ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal, -ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, -und nun hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind -treibt es hin und her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme -neben einer Orgel ertönen lassen und in ihre süßen Flötentöne -mischte sich melodisch der dumpfe Baß ihres Geliebten. -Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte einsam wandern -mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter und -alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte -andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. -Aber die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete -und die Einnahmen versiegten. Sie mußte Holzhändlerin -werden. Aber noch immer sind ihre Augen schmachtend, -und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.</p> - -<p>Neben ihr ging »<em class="gesperrt">das Schnuckeschen</em>«, eine alte Flamme -»des Maulwurfs«. Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr -nur noch einen Zahn gelassen. Dafür hatte sie ihr in den -alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben, zum Theil um<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf der -Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, -kleinen Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter -vermehrten nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als -»der Maulwurf« sie »Schnuckeschen« nannte, etwas reizender -gewesen sein.</p> - -<p>Etwas zurückgeblieben war »<em class="gesperrt">die Rothe</em>«, nach Zigeunerart -ein Kind auf dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. -Sie war, wie ihr geduldiger Eheherr sagte, »etwas rasch mit -dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte er, doch »etwas -gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was der ungerechte -Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott -nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham -hatte sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und -sah auch jetzt noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, -ja Störendes an. Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir -einst: »Ich verkaufe schon dreißig Jahre Uhren und bin in -aller Herren Länder gekommen und habe in viele Haushaltungen -geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen gelernt. -Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die -Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte -die klein beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, -vor der müßte der Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« – -Neben her trabte »<em class="gesperrt">der junge Maulwurf</em>«, baarhäuptig und -baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie weiland der Spiegelschwab, -die verrätherische Warze auf der Nase und den -Wurstlippen.</p> - -<p>Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. -Aber in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, -ein Bild von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft.<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Mit ihren hellen blauen Augen, ihren langen, blonden -Zöpfen, ihrem hohen zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen -Wesen, was über ihre ganze Erscheinung ausgegossen -war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen diese unsauberen, -verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie ist nicht -in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, -eine andere Sonne sie beschienen.</p> - -<p>Es war <em class="gesperrt">Babette</em>, die Tochter des versoffenen Schneiders -Heimerdinger. Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, -sondern auch edel und hoch begabt und von einer kindlichen -Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus der Schule und der -Confirmandenstunde her.</p> - -<p>Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige -gleichgültige Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus -eilen, als Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die -an einer Waldecke auf uns gewartet hatten. Er spielte jetzt -nicht mehr den Unteroffizier, sondern den stolzen Spanier, der -mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll ein Cavalier, auf -uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und wollte -sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern -trat auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem -er seinen Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr -Pfarrer? Hm – Bin früher auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. -Man wird alt, Herr Pfarrer, man wird alt. Denke -jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier nur -Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern -die zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie -Paulus sprach: Habe Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«</p> - -<p>»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott -läßt sich nicht spotten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. -Mein Weib verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie -verkennen mich auch. Ich habe ein butterweiches Herz und -kann durchaus die Sünde nicht leiden. Wie oft sprach ich -zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich Gottes ist nicht -Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst erhöhen, -werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor -dem Fall.« Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den -Branntwein, Herr Pfarrer! Ich weiß es. Sehen Sie, das -hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine zwei Seiten, nur -die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber das -Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, -das ist wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt -unser Herr Gott für jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, -hat mir einmal ein alter Mönch in Ungarn gesagt. Ich -bekomme aber meinen Wein nicht. Und der Mensch hat doch -Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der Andere -mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und -das von Rechtswegen. – Doch nun muß ich eins singen: -Sie erlauben es, Herr Pfarrer! –</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Branntewein, der Branntewein!<br /></span> -<span class="i0">Das ist so mein Vergnügen.<br /></span> -<span class="i0">Da saug' ich frisches Leben ein<br /></span> -<span class="i0">In langen, langen Zügen.<br /></span> -<span class="i2">Gluck, Gluck, Gluck,<br /></span> -<span class="i4">Gluck, Gluck.<br /></span> -<span class="i0">Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',<br /></span> -<span class="i0">Thu ich mein Gläschen trinken,<br /></span> -<span class="i0">Und wo ich bin und wo ich geh' –<br /></span> -</div></div> - -<p>Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom -Leib und stört meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -durchaus nicht eingedenk. Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung -geben müssen. Vor einem grauen Haupte sollst du -aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter, auf daß -dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast -du Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun -zieht die Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren -sollte und nicht ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und -damit liefen ihm wirklich die hellen Thränen die Backen herunter, -zum lauten Gelächter seiner ganzen Umgebung. Ich -aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen -waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung -zu.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="II">II.<br /> -Der verhängnißvolle Brief.</h2> -</div> - -<p>Des andern Morgens kam die alte <em class="gesperrt">Balzerswäs</em> zu mir, -beiläufig bemerkt: die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. -Sie hatte etwas Wichtiges, denn sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze -an und machte mir einen Teller voll rother -Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung über -das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich -heraus.</p> - -<p>Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« -in J. gewesen, um ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte -so lange Jahre immer die Lehrer in Kost und Logis gehabt, -daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer ihrer Söhne -sich auch dem Lehrerstande widme.</p> - -<p>Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr -ermüdet, wie sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -gesäumt. Und des andern Morgens lag sie noch in -guter Ruhe, als ihr Sohn schon wieder »auf das Seminario« -mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell herausgemacht. -Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu thun -wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber -einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, -wurden auch alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück -nach dem andern vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche -Mutter mußte sie Alles wissen und kennen, was ihren -Sohn anging. So hatte sie auch eine Weste in die Hand -bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in dem -schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr -leid gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne -Brille konnte sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte -sie doch nicht ruhen lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und -sich an's Fenster gestellt und endlich nach langem Buchstabiren -die Unterschrift herausgebracht. Sie wollte aber ihren Augen -nicht trauen, denn die lautete höchst sonderbar: <em class="gesperrt">Deine Dich -bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger</em>. Da -war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als -an des versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber -erst so recht klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes -erinnerte, über das ihr jetzt erst ein Licht aufging, wurde es -ihr bald heiß, bald kalt und sie meinte, sie bekäme das Gallenfieber. -Sie konnte es kaum erwarten, bis ihr Sohn heimkam. -Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn, sie -hätte es ihm tüchtig gesagt. –</p> - -<p>»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte -nicht an Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« –</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span></p> - -<p>»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und -um es noch kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche -Rede keinen Erfolg gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues -Haupt und sprach mehrmals hintereinander: »Nein, er gab sich -nicht – nein, er gab sich nicht. Er sagte, er würde nicht von -dem Mädchen lassen und wenn wir ihn enterbten. Nur der -Tod könne sie scheiden.«</p> - -<p>Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde -in einen Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen -Schürze abwischte.</p> - -<p>Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den -Brief, dessen sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! -Da können Sie sehen, was das heilige Babettchen für ein -sauberes Mensch ist! Wenn Gerechtigkeit wäre, müßte solch' -eine Verführerin in das Zuchthaus.«</p> - -<p>Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete -aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener -jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen -war. Es wäre die größte Grausamkeit gewesen, hier -störend einzugreifen, selbst wenn man ein Feind von solchen -Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß ich sogar eine -starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und mir -die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt -hatte. Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte -schon oft im Stillen gedacht, was das ein herrliches Paar -gäbe, wenn das leidige Geld, Stand und Verwandtschaftsverhältnisse -nicht wären. Darum sagte ich: »Aber liebe Frau -Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses und Schlechtes.« -»Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch einmal! -Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -Nichts« – und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und -immer lauter schreiend, als könnte sie mir das schreckliche Verbrechen -desto klarer machen, rief sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' -und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie desto mehr,« erwiderte -ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen Eifer -und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und -haben den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann -man's Ihnen nicht so übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, -daß wir einen schönen Wohlstand haben. Glauben Sie, man -hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von den Fingern -gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel das -Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten -nicht gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden -lassen, um ihn hernach an das Bettelmensch wegzuwerfen? -Ich darf gar nicht daran denken, was es uns schon gekostet -hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel mit -Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart -hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die -Wurst, die Butter und Eier erst rechnen wollte, die ich oder -der Hanjost hinübergeschleppt haben und die feine Montur und -das Weißzeug – es macht ja ein Heidengeld zusammen. Aber -man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig -einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon -ganz stolz und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist -wahrhaftig gut, daß er diese Geschichte mit dem Ernst nicht -mehr erlebt hat. Es hätte ein Unglück gegeben! – Aber ich -sage es immer: er ist nicht schuld daran; er war ja sonst -immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding hat ihn -verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer, -und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -seine Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den -Ernst aufgibt. Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern -heiße!«</p> - -<p>Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das -durchaus nicht thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der -Babette Heimerdinger mit mehr Achtung zu reden, denn diese -verdiene es. Wenn die zwei jungen Leute ein Vorwurf träfe, -so wäre es der, daß sie mit mehr Ueberlegung hätten zu Werk -gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse bedenken und bei -Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen. Sie hätten -sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer -könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? -Nun sei es wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht -hindern, das Ihrige zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts -die Hand reichen. Sie würde auch wahrscheinlich durch alle -ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur noch stärker anblasen. -Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand ihren Lauf -zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne -sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle -auch ja nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders -wohlgefällig wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses -Urtheil seien vielmehr durchaus unchristlich.</p> - -<p>Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. -Sie sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so -unbefriedigtem Gesicht hinweg, daß durchaus nichts Günstiges -für die Liebenden darin zu lesen war.</p> - -<p>Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, -war etwa folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß -verlassen kann:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Theurer Ernst!<br /> -Vielgeliebter Schatz! -</p> - -<p>Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu -antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße -siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist -so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich bin -doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir -Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du -kannst einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß -man gar nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar -zu gern. – Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß -Du fragst, ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern -Buben nicht besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr -Babette und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu -lieben. Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für -einander geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander -gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen -werden könnten, in alle Ewigkeit nicht.</p> - -<p>Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach -J.! Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit -einem scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, -wenn Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest -mir gelobt, Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn -Gott uns auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit -so Vieles denken. Und meine Gedanken waren so anders, als -früher. Abends sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter -dem alten Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich -gemacht hattest und mit Moos gepolstert. Und Niemand -hat es entdeckt. Aber wenn dann der Abendwind so durch den -Wald hinrauscht und über das Gras fährt und die Unken<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -rufen und die Eulen schreien, dann wird mir's so grausig -und ich muß an's Sterben denken und daß es uns noch schlimm, -recht schlimm gehen kann.</p> - -<p>Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und -mein Vater – mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. -Ich fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich -Dir auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war -doch viel besser und schöner, als wir noch Kinder waren, -wenn wir uns dort im Hüttchen über Alles besprachen und -Du immer die schönen Geschichten wußtest aus den Büchern, -die Dir die Schullehrer gaben. Ich mußte immer die verwunschene -Prinzessin sein und Du warst dann der Prinz, der -die Zauberer und Ungeheuer todt machte. Ein andermal -wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und Ritter werden und -dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und dann hast Du -mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch Alles so werden -und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst Du -noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir -zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren -schon fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: -»Du bist mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein -Schatz, aber ich will's nicht machen, wie die Andern – Du -sollst auch meine Frau werden.« Und als ich Dir sagte: -»das geht nicht, Deine Eltern leiden's nicht und Du kannst -als Lehrer keine Holzdiebin heirathen;« da sagtest Du: »Du -bist ja unschuldig, Deine Eltern zwingen Dich dazu, und meine -Eltern müssen nachgeben. Ich lasse Dich nicht. Lieber werde -ich gar kein Lehrer.« – Damals habe ich Wochen lang geglaubt, -ich wäre gar nicht mehr auf Erden, ich lebte im Himmel. -– Doch ich bin recht einfältig, daß ich lauter solche<span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span> -Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich muß Dir recht -kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß immer an diese -Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht nicht, es -kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder, was Du -für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so glücklich, -so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so unglücklich, -daß ich Dir's gar nicht sagen mag.</p> - -<p>Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. -So ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich -denke, Du wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen -habe ja Nichts und wollte doch Etwas mitschicken. Da habe -ich die Wolle genommen, die mir meine Goth' vom Hauserhof -zu Weihnachten geschenkt hat und habe sie Abends im -Hüttchen gestrickt. – Weißt Du auch schon, daß der alte Fink, -der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe ist. Es wundert mich -nur, daß so einen schlechten Menschen das Meer nicht verschlingt. -Er war in Californien und hat erstaunlich viel Geld -mitgebracht. Und die Mädchen, die mit waren, haben alle -seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß wie! Und sie -tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.</p> - -<p>Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern -nicht auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. – -Ich glaube, ich würde es nicht erleben.</p> - -<p>Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit -oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück geschehen. -Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse -Dich vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.</p> - -<p class="center"> -Deine Dich bis in den Tod liebende</p> -<p class="right"> -Babette Heimerdinger. -</p> -</div> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<h2 id="III">III.<br /> -Der alte Fink.</h2> -</div> - -<p>Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus -nicht unbegründet. Es war nicht die eitle Besorgniß eines -liebenden Herzens, das im Bewußtsein der Wandelbarkeit -des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte die Dorfverhältnisse, -kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und ehe -sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits -der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf -ihrer herrlichen Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß -der alte Fink da sei, war Babette schon für ihn verloren. -Denn da hatte der alte Seelenverkäufer bereits den festen Entschluß -gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden müsse für -Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote -ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.</p> - -<p>Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch -einen Blick in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner -hat er zwar schon kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, -die Invaliden, die Ruinen. Die Landgänger, die dem -Dorf seinen eigenthümlichen Charakter verleihen, kennt er noch -nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte kein deutsches -Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht überflösse -vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung -des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig -und anmuthig auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, -mit einem weiten Ausblick bis in die Gegend von Gießen -und Marburg. Rings ist es umgeben von einem grünen Kranz -von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar lieblich ausnimmt<span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span> -zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten Häusern, -etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen -einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, -hier von Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und -Jungfräulichkeit in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen -ist. Aber es hat ihn doch einst verdient und kann ihn vielleicht -wieder verdienen. – Wer heutzutage kommt, um Land -und Leute zu beobachten, der muß im Spätherbst oder Winter -kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die Schwalben -heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im -Sommer sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und -Läden geschlossen. Man trifft nur hier und da einen Ackersmann -im Feld. Alles ist so still und leer, wie ausgestorben. -In der Umgegend heißt es: »Nur die alten Weiber und -Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im Feld -und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. -Hier rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame -Violine; hier orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, -dort übt sich ein ganzes Orchester. Dazwischen tönen dann -die gellenden Stimmen keifernder Weiber, schreiender Kinder, -das Fluchen der Männer, das Singen und Juchzen der -Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei -Karten, Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes -Lärmen und Gedränge, und englische und französische und -ganz fremdtönende Flüche schallen durcheinander. <em class="antiqua">Goddam</em> -und <em class="antiqua">sacré Dieu</em> heißt es herüber und hinüber; denn im -Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen gesprochen, vorzugsweise -aber englisch und französisch. Mancher Junge und -manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen -lernen. Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause.<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -Kochen und alle weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, -dem sie sich nur im Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu -allen Tageszeiten in größeren und kleineren Gruppen schwatzend -zusammenstehen sehen. Am liebsten sammeln sie sich jedoch -zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und feines Gebäck -geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird. -Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch -Viele ein gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. -Ihre Kleidung ist, wenn sie die übliche Landestracht -abgelegt haben, oft sehr reich, aber geschmacklos und ungeordnet. -Man merkt eben, daß sie auf dem Trödelmarkt gekauft -oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen wollen -nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich -auch Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, -wo Niemand eine Autorität geltend machen kann und -will und gar keine Aufsicht herrscht. Hier wird denn getanzt -und gespielt. Auch fehlt es nicht an berauschenden Getränken. -Und ungescheut und ungestraft geben sie sich allen möglichen -Zügellosigkeiten hin.</p> - -<p>Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die -wälzen und balgen sich ungebändigt auf den Straßen umher -– ein hoffnungsvolles, heranwachsendes Geschlecht! So geht -es den ganzen Winter in Saus und Braus. Da wird geschlachtet, -gebacken, gesotten und gebraten; da wird getrunken, -gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden -aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe -mehr unter dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge -und die Harmonika's. Und wenn der Kukuck schreit, und -die erste Schwalbe kommt, ist Niemand mehr da von diesen -Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist der<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich -nicht gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen -Theile der Erde. Doch beehren sie am liebsten -den Westen: England, Frankreich, Amerika, Californien. Indessen -ist Australien auch recht beliebt unter ihnen. Der alte -Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.</p> - -<p>Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. -Doch ist man darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer -treiben hauptsächlich Handel und Musik. Die Kinder betteln. -Weiber und Mädchen leben vom Tanz oder von noch schlimmeren -Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen sein, daß -nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch -öfters hausiren gingen und Musik machten.</p> - -<p>Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. -Die Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. -Kindliche Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe -werden geschändet und gemordet. Aber noch schändlicher – -weil hier die Bettelei und die Prostitution gewerbsmäßig betrieben -wird – ist die Seelenverkäuferei. Sie wird aber nur von -den kühneren Naturen und solchen, die über ein Kapital zu -verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.</p> - -<p>Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln -zusammengemiethet werden, wofür die Eltern sehr anständige -Summen erhalten. Hierbei werden die Reisen nicht besonders -weit ausgedehnt. Der Norden Deutschlands, Schweden und -Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der Unternehmung. -Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen und -Stehlen professionsmäßig angelernt – ein schöner Same für -die Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und -Willkür roher gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -erdulden. Jedes kann Gott danken, wenn es wohlbehalten -die Heimat wieder erreicht.</p> - -<p>Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer -nur ein Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus -verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an -so einem blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses -Wohlgefallen aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die -Verpflegungskosten einer langwierigen Krankheit und endlich das -Geld zum Begräbniß abschwindelte. Und während die Prinzessin -ihre Dukaten hergab und Thränen über die Leiden und -den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe frisch und gesund. -Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere Art -von Seelenverkäuferei: das Miethen von <em class="gesperrt">Tanzmädchen</em>, -oder wie die Amerikaner sie nennen: <em class="gesperrt">Hurdy-Gurdy's</em>. Es -sind dabei reichlichere Auslagen und mehr List, Muth und -Geschick nöthig. Es werden aber auch ganz enorme Summen -verdient – zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben Etliche -schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt -es nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter -geben ihre Kinder her und die Armen helfen sich dadurch aus -ihren Schulden. Es handelt sich fast nur um den Preis. Die -Mädchen wissen es nicht besser. Sie werden in die Seehäfen -Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz vorzüglich -aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern -dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als -Lockvögel, um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und -Bergleuten die vollen Taschen auszuleeren. Und aller Humbug -der neuen Welt und alle Gaunerei der alten Welt wird dabei -angewendet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige -Getränke die letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und -die meisten dieser leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem -Herzen dem zuchtlosen Leben hin. Es muß übrigens ein -schmähliches Gewerbe sein, denn keine Nation der Erde – auch -die gesunkenste nicht – liefert Contingent dazu. Die Hurdy-Gurdy -sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.</p> - -<p>Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden, -aber entsetzlich traurigen Erscheinung und ist es zum Theil -noch jetzt. – Man hat sich gewöhnt, die Armuth von einer -gewissen idyllischen Seite anzusehen. Wer sie aber so ansieht, -den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und hohlen Wangen -noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger noch -nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit -– ist schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht -gut, was er that, als er sich keine Armuth erbat. Vor hundert -Jahren war noch Arbeit im Dorf: Bergmannsarbeit -und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war keine Arbeit -mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends. -Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern, -auf, um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem -Holz geschnitzten, faserigen kleinen Besen einen Handel -zu treiben. Er brachte viel Geld heim. Und er zog weiter -und weiter den Rhein hinab bis zu den Mynheers, wo man -sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte er viel -Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor -dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber -zu segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land. -Zuerst kam er nach England. Und John Ball bezahlte das -unbekannte Fabrikat generös. Da war es, wie er heimkam,<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun zogen seine -Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So -ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne, -dann das ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst -lernten sie die Straßen der großen Weltstädte kennen und die -großen Häuser, dann die leichten Sitten und die Verderbniß, -und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der schlechteste Auswurf -derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln, dann mit -andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei, -dann zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und -so kommen wir denn auch wieder auf den <em class="gesperrt">alten Fink</em>. Er -war durch den kühnen Unternehmungsgeist, mit dem er alle -Schwierigkeiten, die diesem elenden Gewerbe entgegenstanden, -leicht und schnell beseitigte und durch den Erfolg, der ihn bisher -begleitet hatte, unstreitig das Haupt der Seelenverkäufer -in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes Ansehen -und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das -Geld ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was -halfen ihm die Tausende von Dollars, die er heimbrachte? -Ein reicher Mann ist er doch nie geworden. Es -war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen -Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er -hatte einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne. -Der ließ die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater -fort war und machte Schulden auf Schulden. Und -wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das Vieh aus den -Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles -fort war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und -die Fenster und die Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten -Fink sah es in der Regel am häuslichen Herd ziemlich<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief in den Geldbeutel -steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu -bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal -flog sogar dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe -vorbei und schlug in die Wand. Aber das nächste Mal war -es doch wieder so. Ebenso brauchte aber auch der alte Fink -für seine eigene Person schon ganz ansehnliche Summen. Er -aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern -den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel. -Im Wirthshause waren die, die an seinem Tische saßen, stets -seine Gäste. Bei Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte -drauf. Als es ihm einmal eines Morgens an Gesellschaft -fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen, rief er diese -herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und bewirthete -sie bis spät in die Nacht hinein. – Diesmal war er zu seinem -besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und -hatte sich von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während -Frau und Mädchen bereits nach Hause waren. Bald -war er dem allgemeinen Strome zur Spielbank gefolgt. Er -hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage herrlich -und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel -und er verlor Alles – Alles, so daß er nicht einmal den -Wirth bezahlen konnte und zu Fuß heim wandern mußte. -Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd von seiner Frau -empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als Geizdrache allgemein -bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen -schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den -alten Fink, von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er -lebte bereits in zweiter Ehe. Seine erste Frau war auf eine -schauerliche Weise in Australien um's Leben gekommen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber er war immer unternehmend. -So war er von Adelaide aus mit seiner Frau zu -verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine -Frau hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt -und trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen -mit Harmonika und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun -einen Lagerplatz der Eingebornen erreicht hatten, wurde der -Branntwein ausgetheilt, und während sich dieselben berauschten, -ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine Frau sang, -tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen -waren außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein -erhielten. Aber als einmal der Golddurst erwacht war, -waren sie hiermit nicht mehr zufrieden. Ihnen glänzten die -Goldklumpen, die die Eingebornen in Nase und Ohren trugen, -zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den Branntwein, -und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten -sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen -auch ein-, zweimal. Aber sie hatten dadurch die Eingebornen -in Wuth gebracht, und als sie es zum dritten Mal versuchten, -wurden sie überfallen und nur mit Mühe entkam er allein. -Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück. -Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten -Leichnam. – Die mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner -wurden das Kapital zu seinem Seelenhandel.</p> - -<p>Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war -fast zärtlicher Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde. -Eine Leidenschaft und ein Streben vereinigte sie. Wenn sie -nicht Freunde waren, mußten sie Nebenbuhler sein, denn sie -waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel und in ihrer -Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige Band<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig -wie ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es -war sogar noch inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig -nöthig hatten. Der Bürgermeister brauchte Geld für seine -kostspieligen Liebhabereien und der alte Fink brauchte obrigkeitlichen -Schutz.</p> - -<p>Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein -ausgesuchtes Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt -mit einem Körper von Stahl. Denn alle Klimate der -Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben hatten an ihm -gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein Jüngling. -Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen -Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar -etwas Ehrwürdiges.</p> - -<p>Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und -schwank und trug eine Nase im Gesicht von einer überraschenden -Größe, Schwere und Röthe. Es war, als hätten sich alle -Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten zu <em class="gesperrt">einer</em> Nase vereinigt -und diese spielte nun in allen Farben des Regenbogens. Ueber -dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille mit dicken, -großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner bürgermeisterlichen -Würde verborgen lag. Denn wenn er redete, -schob er sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf -diese Weise erhielt sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen -schnorrenden Nasentöne, die nun hervorkamen, ihre Wirkung -nicht verfehlen konnten. Er war gewöhnlich schweigsam, denn -so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte nicht wohlfeil -werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas und -kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen -Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -im Wirthshaus – wahrscheinlich um Ordnung zu halten; -machte auch dort seine Geschäfte ab. So sagte man in der -Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen will, muß -ihn durch ein Schnapsglas betrachten.</p> - -<p>Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer -lag er oft brach und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit -Scheerenschleifern und allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf -der Grenze umherspukte, begnügen.</p> - -<p>Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei -Helden näher betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus -aufsuchen.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="IV">IV.<br /> -Im Wirthshaus.</h2> -</div> - -<p>Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, -daß ich bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die -Hand nehmen müßte und daß mein nächstes Studium – -»Henriette Davidis« sein würde. Aber es war so. Mein -Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus, wo -man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu -halten, erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich -nicht. Es blieb mir also, wenn ich warme Speisen haben -wollte, nichts Anderes übrig, als selbst zu kochen. Freilich -kostete es einige Ueberwindung und Bedenken. Aber ich -dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei sein und -machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! – es ging. -Es kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da -war es denn gut, daß ich meinen alten, treuen <em class="gesperrt">Anton -Scheppler</em> hatte. Der aß die mißglückten Produkte meiner<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -Kochkunst mit einer Selbstverleugnung und einem Appetit, -der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre. Im Augenblick -bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine -Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch -theilte ich seine Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. -Denn er bekleidete noch das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners -und eines Nachtwächters. Wenn er außerdem noch -einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den auch noch mit. -Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich starke -Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten -wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim -bleiben können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie -war eigentlich schon sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes -Ehegespons, die schön und sauber war, »daß man sie auf -jeden Markt führen konnte«, wie er sich ausdrückte, war ihm -bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen, den man -in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit -der zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit -den Weibern, der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu -seinen Kindern zeigte, seine Ehrlichkeit und Anhänglichkeit -machten ihn mir wirklich theuer. Auch besaß er ein ganz -ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon manchen -Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach -den schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute -mit beiden Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens -etwas zu steif gekocht hatte. Ich hatte, scheint es, ein -wenig zu viel Mehl daran gethan, denn es wurde allmählich -so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe herausbrachte. -Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle -vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -sich als vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte -so nachdrücklich, daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich -um das Rezept von dem kostbaren Ragout angehen. Das -Bier sparte er sich auf zu der Pfeife, die er sich jetzt stopfen -durfte. Und nachdem diese brannte und er einen herzhaften -Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn der -Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas -für sie thun?«</p> - -<p>»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete -ich. »So denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem -Mädchen einen wahren Narren gefressen. Sie ist die Schönste -und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich und tugendhaft. -Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als wenn -die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet -und sagt so freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine -ich, könnte mir den ganzen Tag kein Unglück passiren.«</p> - -<p>»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie -wissen. Darin ist sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: -Das ist ein Goldmädchen; dem wünschte ich einmal einen -ordentlichen Mann und keinen solchen Dreidrath. Damit -meint sie mich.«</p> - -<p>»Das merke ich«, sagte ich lachend.</p> - -<p>»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie -an unsern Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen -Etwas zu schenken, oder das kleinste auf den Arm zu nehmen -und zu küssen. Es wäre mir leid, wenn der alte Fink -das Mädchen bekäme.«</p> - -<p>»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.</p> - -<p>»Ei freilich. – Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht -besser scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -und habe an zehn Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit -den Mädchen, das ist einmal unrecht. Sie wollen es zwar -Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich es sagen. Und -es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette -auch so eine verdorbene Person geben sollte.«</p> - -<p>»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn -doch einmal.«</p> - -<p>»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. – Die Wirthsleut' -mußten heut all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: -Anton, sagte sie, der Schnapskrug steht auf dem Schrank -und das Bierfäßchen liegt angesteckt im Keller. Wenn Jemand -kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler nicht; -der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon -gut. Ich that's ja nicht zum ersten Mal.</p> - -<p>Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte -mich unter den Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen -Schatten. In der Wirthsstube waren der alte Fink und der -Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und von Zeit zu Zeit -riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser wieder füllte. -Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort verstehen, -ohne daß ich horchte.</p> - -<p>»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.</p> - -<p>»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte -selbstgefällig dazu. – »Hast ihn bestellt?«</p> - -<p>»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde -hielten ihn heut nicht aus dem Wirthshaus.«</p> - -<p>»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht -so wichtig zu thun mit deiner Klugheit – wir kennen uns.«</p> - -<p>»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh -im Vorbeigehen gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -von seinem Haus und wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken -und den Brast, den ihm das macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. -Wirst sehen. Aber hast Du auch die Verschreibung?«</p> - -<p>»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier -kostet mich fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch -einmal wieder verrechnet mit dem »Krämerheimbuk«, – alter -Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein Mensch. Als ich -so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die der -Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn -ich Alles beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken -könnte, wußte er gar nicht, was ihn das anging. Und als -ich ihm geradezu sagte, ich wüßte, daß der Heimerdinger ihm -sein Haus verschrieben habe, gab er lauter ausweichende Antworten. -Und je mehr ich drängte, desto zäher wurde er. -Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter -mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er -rief mich zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich -mußte dem Halunken die rückständigen Zinsen und noch fünfzig -Gulden extra bezahlen. Der Heimerdinger will auch noch -etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen kostet mich -sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte -meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! -Ich habe auch mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die -»Anne-Mile« war die theuerste und die kostete vierhundert -Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle die Umstände -nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht anders -zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist -merkwürdig stolz.«</p> - -<p>»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es -sind Weiber. Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da -der alte Fink, »wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett -nicht bekomme. Ich muß sie haben und wenn ich einen -Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir steht. Ich -muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch -schon das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise -sein und da will ich Etwas für meine alten Tage haben. -Zehntausend Dollars muß sie mir wenigstens einbringen.«</p> - -<p>»Bist Du denn der anderen sicher?«</p> - -<p>»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«</p> - -<p>Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte -kleinlaut und setzte sich an einen Tisch, den ich von außen -recht gut überschauen konnte. Die zwei Anderen belauerten -ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich aber, als kümmerten -sie sich gar nicht um ihn.</p> - -<p>Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das -ich ihm hingestellt hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, -stieß er das Glas so heftig auf den Tisch, daß es -fast ganz verschüttet ging und auf dem ganzen Tisch herumlief.</p> - -<p>Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende -Stille. Mir war so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken -am Himmel hängen und kein Blatt sich regt in der -schwülen Luft.</p> - -<p>Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, -frecher wie die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein -nahe gekommen. Aber der starke Duft hatte sie betäubt. -Sie war hineingefallen. Ihre Flügel wurden naß, und nur -mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter. Endlich ganz -betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger -hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen.<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -Jetzt sprang er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, -als wenn er unsinnig geworden wäre: »Mein Bild – mein -Bild! – Verflucht will ich sein, wenn noch einmal so ein -gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«</p> - -<p>»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie -aufführen. Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, -sagte der alte Fink so kalt und spöttisch, daß ich ordentlich -grimmig wurde über ihn.</p> - -<p>Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten -Traum. Einen Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er -auf seinen Stuhl zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.</p> - -<p>Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das -Stillschweigen: »Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit -seiner tiefen und starken Stimme, daß es ordentlich schallte. -Dem aber schoß auf einmal alles Blut in's Gesicht. Ganz -rasend sprang er auf und faßte den alten Fink an der Gurgel, -aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein -Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, -sage ich, ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und -sagte: »Da trink! – Und nun sage ich noch einmal: Du -bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst und thust es nicht! -Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger? Ich kenne -Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe -leicht nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. -Jetzt thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir -Mathäi am Letzten. Lustig, sag' ich, immer lustig! So trink -doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du kein Geld hast und -der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute Freunde. -Hier hast Du ein paar Thaler.«</p> - -<p>Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen.<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -Er hatte das Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den -Blick nicht von ihm wenden konnte. Als ihm aber der alte -Fink die Thaler aus seinem Beutel hinschüttete, hatte er plötzlich -aufgeschaut und ihn mit großen Augen angesehen. Er -nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als -wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und -sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, -warum Du die Verschreibung an Dich gebracht hast und nun -das Geld einforderst? Du willst meine Babett. Aber die ist -viel zu gut für Deine versoffenen Matrosen und Deine californischen -Goldgräber. Ich verkaufe mein frommes, schönes -Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte. Behalte -Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«</p> - -<p>»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im -Gesicht vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast -Weib und Kind an den Bettelstab gebracht und willst mir so -etwas bieten.« Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn -auf den Boden, daß die Splitter in alle Ecken flogen. Mit -diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien sich derselbe -auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie nachrollender -Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen, -Du verfluchter Lump!«</p> - -<p>»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal -ein. Mach' auch dem Heimerdinger sein Glas voll und stell -es hierher auf unsern Tisch. Und Du, Heimerdinger, setz -Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du? Nun, willst -Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst -nicht? Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine -Gesundheit, Heimerdinger! So, das war einmal ein herzhafter -Zug!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span></p> - -<p>Heimerdinger hat auf <em class="gesperrt">einen</em> Zug sein Glas ausgeleert.</p> - -<p>»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst -den Krug hier stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist -Allerhand zum Ausschellen zurechtgelegt. Das kannst Du -jetzt thun.«</p> - -<p>Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der -alte Fink in seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise -bringen wollte und gab dem Heimerdinger einen heimlichen -Rippenstoß, er solle mitgehen. Er hat mich auch verstanden. -Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch mitgehen, -aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. -Ich habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die -Vögel bannen könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, -wenn sie auch wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger -da. Er wußte, daß ihm der Hals zugeschnürt würde, -aber der Schnapskrug hielt ihn fest. Als ich ihn heute Abend -aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich, er war doch -ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.</p> - -<p>Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun -können, thun Sie es schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="V">V.<br /> -An der Guntramseiche.</h2> -</div> - -<p>Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes -Handwerk aufgegeben, weil er reich genug war und war -ein gewaltiger Nimrod geworden zum großen Aerger aller -Hasen und Füchse in den nahen Waldgebirgen, die durch das -fortwährende Knallen seiner Flinte auf ihren einsamen Streifereien -und Vergnügungen jetzt immerfort gestört wurden.<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland -keine Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht -nicht so lange ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger; -kurze Beine, kurzen Athem und kurzen Blick, und im Grunde -hatten die Hasen und Füchse gar wenig Respekt vor seinem -dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber wenn -er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase -Apfelwein und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen, -daß die Andern nur mit offenem Munde und stehendem -Haare zuhören konnten.</p> - -<p>Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille -Größe anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte, -kaufe er alles beim Förster in Cransberg. Und selbst -in seinem Apfelweinklub, wo man ihm stets die aufrichtigste -Bewunderung gezollt hatte und keinen Augenblick an seiner -Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde Bedenken ein. Zuerst -waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner Erzählung -ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm sogar. -Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre -verloren, Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich. -»Heute gehe ich nicht heim, bis ich etwas geschossen habe.« – -Da hatte der Cransberger Förster zu ihm gesagt: »Wenn -Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie nicht warten, bis -Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie -den Schatten sehen, dann drauf los.«</p> - -<p>Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt -nicht ein Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber -klang das nicht wie menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber -da liegt ja auch kein Rehbock. Da liegt die alte Krexline, -die sich dürren Reisig sammeln wollte für ihren Kaffee. Sie<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust und ist -mausetodt. – Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen -ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein -gegangen. Aber dort an der Eiche, wo die Krexline -erschossen lag, mitten im dichten Wald, wo die prächtigen -Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat er sich -eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da -gesessen und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben -und begraben, aber das Voll nennt es dort noch immer -»<em class="gesperrt">an der Guntramseiche</em>«.</p> - -<p>An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend -an den Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen -und Singen. Dagegen an den Werktagen war es still dort -und einsam. Und in der lieblichen Waldeinsamkeit habe ich -gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft und mein Pfeifchen -schmauchend.</p> - -<p>So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte -die herrliche Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, -denn das Thermometer zeigte im Schatten 25 Grad -Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war bereits besetzt. -Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten Krexline, -Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt. -Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei -ihrem Anblick. Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem -sonst das frische, gesunde Leben lachte; die sinnigen, blauen -Augen blickten starr und glanzlos in das Weite; das blonde, -reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung um ihre Schultern; -die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem Schoos. -Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, -die abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -ihre Stimme eintönig und hohl. So war auch ihre Rede fast -die einer Geistesabwesenden.</p> - -<p>Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war -in ihrer halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen -Zug in ihrem Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie -mich an:</p> - -<p>»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß -Sie kommen möchten. Es mußte Jemand kommen, sonst wäre -ich verzweifelt.« Sie schwieg hierauf eine Weile, dann begann -sie wieder: »Ich bin arm – arm – entsetzlich arm. -Ich habe Niemand – Nichts mehr in der Welt. Alles ist -todt – leer – fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht -Vater – nicht Mutter, keine Heimat – keine Liebe. Alles – -Alles ist fort. Das Haus ist schuld – der Fink, der Erzbösewicht!« -– Hier war wieder eine Pause, dann rief sie: -»Ernst! Du lieber, lieber Bub! – Dich haben sie mir genommen! -Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie beschmutzen -und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf -und immer lauter – »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, -mit den Händen in der Luft umhergefahren, war -eine Weile hin und her geschwankt und dann leblos auf den -Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich tüchtig -erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich -gar nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und -breit Niemand entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber -Niemand antwortete. Da fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig -sein könnte. Ich eilte rasch mit meinem Glase an den -Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit Wasser. Aber es -half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich, -nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span> -auf und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei -Dank!« Sie aber war ganz verwundert. Endlich begann -sie sich über ihre Lage klar zu werden und brach nun in einen -Strom von Thränen aus, der allmählich in krampfhaftes -Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig erachtete, -ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich -satt geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung -der Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: -»Wenn Sie Alles wissen, Herr Pfarrer, werden Sie -nicht erstaunen, daß mir schwach geworden ist. Ich habe es -schon lange kommen sehen. Seit etlichen Tagen aber wußte -ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war. -Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und -so lange mit dem Bürgermeister und dem alten Fink im -Wirthshaus und hatte nicht umsonst mit meiner Mutter so -viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt noch vorgestern -Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt -Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, -Fuchse Greth, Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und -Treppe Dorth. In drei Wochen geht es nach Californien. -Sie freuen sich schon Alle über den Staat und die Herrlichkeit. -– Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie -nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf -geheult. Doch, ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich -verloren!« Damit war sie auch schon fort. Ich aber war -ganz starr vor Schrecken, daß ich gar nichts sagen konnte. -Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte immer denken: -Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer -zu. Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei -meinem Vater auch durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -gegen ihn ist; was uns Kinder angeht, hat sie immer ihren -Willen behauptet. Aber sie hatten es zu pfiffig angefangen. -Sie wollten ihr das Haus nehmen – ihr letztes Eigenthum -– und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie -viel zu stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte -Fink – das sind zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! -Die kennt Niemand aus. Früher hatten wir als allerhand -Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der Vater hat auch -noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es -dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen -waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk -hat es uns vorgerechnet bis auf den letzten Pfennig. -Und es wäre schon damals Alles zur Versteigerung gekommen, -wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und sich meines -Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte -Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und -der will nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes -will er sich nicht einlassen. Das Alles habe ich nicht -so gewußt. Gestern Abend hat es mir meine Mutter erst -gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl fügen -müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr, -daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und -meine Mutter ihm beistimmte.</p> - -<p>»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht -thun! Nicht wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du -weißt, ich wäre verloren hier und dort, wenn Du mich diesem -Manne übergibst. Ebensogut könntest Du mich, Dein eigen -Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die Hölle -hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?« -Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -schon, ich hätte gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck -machten. Aber es kam anders. Sie sagte: »Wie redest -Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die Worte -her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht, -daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach -nicht, sonst würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz -ist todt und leer. Sie haben es draußen getödtet. Ich weiß -von keinem Erbarmen, denn man hat kein Erbarmen mit mir -gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene Jugend, -denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern -die Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. -Aber es sollte nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? -Es ist so, wie ich es schon oft gedacht habe. Die -Tugend ist recht schön, aber sie ist einmal für uns arme Leute -nicht. Ich habe es nicht anders gefunden in der weiten -Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und -Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter -den Reichen und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch -Brave und Gute. Dagegen der Arme kämpft vergebens gegen -sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an seine Tugend. -Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden, feile -Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem -alles Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.</p> - -<p>Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben -thun lassen. Du sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen -gesagt habe.</p> - -<p>Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön – wie -alle Leute sagten – da hat mich auch Einer mitgenommen -nach Amerika. Es ist schwer, wenn man so allein und schutzlos -ist, sich der Frechheit der wilden Männer zu erwehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span> -aber ich wehrte mich. Eines Tages verfolgten mich zwei: -ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden unseres -Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch -die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig -nach, wie zwei wilde Bestien. Es war schon Alles öde und -vereinsamt und nirgends Hülfe zu erwarten. Meine Kräfte -fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick und ich war -rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme -nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. -Und noch schrie ich – da kam es plötzlich wie eine Windsbraut -über die beiden Kerle. Der eine flog in diese – der -andere in jene Ecke der Straße. Ein Jüngling, hoch und -gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten mit dem Rufe: -»Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen -schreit um Hülfe!«</p> - -<p>Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. -Es war eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken -und blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, -wie ein Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm -genommen und nun stand er da, hochaufgerichtet, mit einem -einfachen Stock bewaffnet, um seine Gegner zu empfangen. -Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen wüthend -auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er -die Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet -war, nahm er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ -mir eine Tasse Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang -unverwandt, ging dann mehrmals durch die Stube, in -der außer uns Niemand war. Dann fing er auf einmal an -und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte flüchten, -weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen -um mich. Ich werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim -zu lebenslänglichem Kerker verurtheilt. Da draußen, in den -Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut. Aber es ist mir -zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und -meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich -suchte Menschen. Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes -Mädchen, meiner Braut: dieselben treuen, braunen Augen, -derselbe süße Mund und Deine Stimme ist meiner Mutter -Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika -freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein -Weib werden?« Dann blieb er vor mir stehen – die Arme -gekreuzt – und schaute mich an so ernst und so liebreich.</p> - -<p>Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich -wagte ich die Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, -wie mein Herz und meine Seele zu ihm hinübergezogen -wurden. Auf einmal lagen wir uns in den Armen und er -drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So -mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten -Augenblicke meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die -Stirn und sagte: »Da habe ich mich wieder einmal schön -vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du denn? Was bist Du? -Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte, wie -mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so -angst, so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort -mein ganzes Glück vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich -konnte nicht. Ich nannte meinen Namen und sagte: ich sei eine -Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der Tod. Er schaute -mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so grenzenlos -traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich -wehe Du mir gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche -Täuschung – nicht blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich -und so stark in mir entstanden war, unterdrücken muß, – es -ist die Schmach, die meinem lieben deutschen Vaterlande angethan -wird durch solche deutsche Mädchen.« Und damit wankte -der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre hinaus. Ich -wollte rufen – ich streckte die Arme nach ihm aus – da -wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig -zusammen. Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm -sagen wollen, daß ich rein und tugendhaft geblieben wäre mitten -in diesem wüsten Treiben. Ich suchte ihn auch überall -und forschte nach ihm, um es ihm noch zu sagen. Aber ich -fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach seinen -Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch -sagst – wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt -Jemand glauben? Ein furchtbarer Zorn gegen das Schicksal -bemächtigte sich meiner. Warum sollte ich denn besser sein -als die Welt mich machte? Warum sollte ich unnöthigerweise -die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten hinein -in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.</p> - -<p>So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es -war ein großer Saal und ein blendender Lichterglanz von den -vielen Kronleuchtern. Mein Blut war wie Feuer durch vielen -Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich da mit -fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber -hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen -Wangen. Da sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht -und diese blauen Augen mit so unendlich traurigem -und doch so strafendem Blick auf mich gerichtet. Ich<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und bedeckte mein -Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte, war -er verschwunden. Aber die Augen – die Augen habe ich -nicht los werden können, bis heute noch nicht – sie haben -mich weggetrieben von Amerika. Als ich heimkam, trug man -eben meine Mutter zum Dorfe hinaus. Der Meister Guntram -von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes todtgeschossen. -Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst todt. -Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner -Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz -einsam. Es war mir lieb, daß das Haus fast völlig im -Walde stand. Er hatte ja auch ein Haus im Walde. – Es -war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens. Den ganzen -Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges. -Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch -immer und baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. -So hätte ich noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und -ererbtes Geld ging zur Neige. Heirathen wollte ich nicht, -obwohl ich viele Gelegenheit dazu hatte. Ich mußte darum -auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen Dingen leichte -und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte Barb. -Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. -Aber bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan -hatte. Mein Herr ging mir überall zu Gefallen, und -als ich seine Zumuthungen stolz zurückwies, lachte er mich -aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen aus unserm Dorfe -genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte ich -machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war -ausgezeichnet; die Arbeit war kaum zu nennen und –« -»Mutter! Mutter!« rief ich – das Herz wollte mir zerspringen<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -– »schweig still! Soll ich denn gar Nichts mehr von -Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren? -Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du -mir immer Vorbild und Muster und jetzt – jetzt!« »Du -mußt Alles hören. Es ist Zeit, daß Du es hörst. Das war -das Schlimmste nicht, es ging immer mehr abwärts. In -Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in Ueberfluß. -Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten -Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich -viel. Es wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche -bei mir geführt und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, -aber ich weiß nicht – ich hatte doch keine Befriedigung. -Inwendig kam ich mir so hohl, so leer vor. Dein -Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir ein ständiger -Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben -ganz dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht -mehr nüchtern. Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. -Damals sah ich in einer Nacht in einem halbwachenden Zustande -wieder »die Augen!« Und nun ging es gerade wie in -Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr. Aus -jeder Ecke schauten sie mich an – so unendlich traurig und -doch so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten -Ballsaal, im Theater – überall waren sie. Ich konnte -es nicht mehr aushalten. So habe ich das glänzende Leben -aufgegeben und bin mit Deinem Vater heimgereist. Wir hatten -uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt hätten. -Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn -dazu gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt -thun. Und wenn seine Launen noch so toll wurden – ich -habe immer nachgegeben – ich hatte es ja um ihn verdient.<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du thust mir -auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn -es mit dem Hause nicht gekommen wäre – es wäre auch -niemals geschehen. Aber hier – in mein Herz – hat sich -eine Verbitterung und ein Haß eingefressen, von dem Du Dir -gar keinen Begriff machen kannst. Es steht mir immer vor -Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus -dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein -das Schicksal und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem -sicheren Glück. Du bekommst nie Deinen Ernst! Wenn nur -die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du nicht nach Californien! -Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn Du -selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste -Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber -da ja doch gar kein Gedanke daran ist – was soll ich mir -mein Haus nehmen lassen? Ich habe Demüthigungen und -Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie sollen es -nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle -nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus -ihrem Hause hinausgeworfen wird! – Doch genug, ergib -Dich in Dein Schicksal! Es ist bereits Alles abgemacht.«</p> - -<p>»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist -ein Messer, stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als -hörte sie mich gar nicht. »Mutter, ich will ja das, was das -Haus kostet, mit meiner Arbeit verdienen; ich will arbeiten, -daß mir das Blut zu den Nägeln herausläuft und Gott, der -in den Schwachen mächtig ist, wird mir helfen«.</p> - -<p>»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, -jetzt sehe ich, was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht -an Gott!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<p>»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon -spreche ich nicht mit Dir.«</p> - -<p>»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die -Augen«, die Dir erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes -an Dich, und als Du dem Leichenzug Deiner Mutter begegnet -bist, das war die zweite Mahnung. Sie ist so gräßlich um's -Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein Blutgeld -und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, -wenn Du mich verkaufst.«</p> - -<p>Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich -zu schelten. Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, -von was die Rede war, hat er mich getreten und geschlagen -und mit den Haaren durch das Zimmer geschleift. Ich konnte -die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch nicht klar denken. -Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff mich eine -Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich -herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. -Ich habe immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine -Betäubung über mir. Ich wußte Alles, aber ich konnte mich -nicht rühren. Alles, was meine Mutter gesagt hat und ich -gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder eingefallen. Dann -habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie gekommen, -aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich -war wie gebannt.«</p> - -<p>»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der -über Dich gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte -ich, »der ist nun überstanden. Wäre auch das Andere -ebenso glücklich überstanden! Dein Vater hat wie ein Unmensch -an Dir gehandelt. Deine Mutter hast Du richtig erkannt. -Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt, sie<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die -Welt und das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges -Herz hat sie in das Verderben gejagt. Aber wie Du -Deiner Mutter den Namen Gottes zugerufen hast, als sie -über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe ich Dir in -diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur -des Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle -bedrohen, daß es stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. -Und unter den schwierigen Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, -kann nur seine Hand Dich führen und seine Rechte -Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich nicht über -Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel -wird Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater -und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich -auf!« heißt es, und: »Harre des Herrn, sei getrost und unverzagt -und harre des Herrn!«</p> - -<p>Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein -Einfluß auf diese verhärteten Gemüther ist gering und mit -ihrer List und Verschlagenheit kann ich es nicht aufnehmen. -Doch was ich zu thun vermag, will ich thun. Auf Etwas -kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du brauchst -hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt -hier der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen -als den Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde -verkauft. Und wenn Du ihnen folgst, gibst Du Dich zum -wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig ihre -Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil -von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott -ihnen anvertraut hat.«</p> - -<p>»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -in die weite Welt und dort für mich allein mein Glück -zu suchen, aber ich kann nicht. Ich bleibe und gehorche. -Und wenn es noch schwerer wäre, ich bliebe doch! Ich will -es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch meinem -Gott nicht untreu zu werden.«</p> - -<p>»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette -und ich will Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des -Herrn Rath ist wunderbar! Vielleicht soll es so sein. Und -hier war es, als ob mich ein Geist der Weissagung ergriff. -Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf einer frommen -deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen -gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und -Nacheiferung. Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission -als Rüstzeug auserwählt hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt -hat, der weiß, daß Du die Kraft dazu hast und führet -Alles herrlich hinaus!«</p> - -<p>Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark -zu dunkeln begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche -gesagt. Auch das noch, daß Gott dem zarten und schwachen -weiblichen Geschlecht gerade in der Unschuld einen mächtigen -Schild geschenkt habe, den selbst die größte Rohheit nicht anzutasten -wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit bewahrt bliebe.</p> - -<p>Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und -schaute ihr wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt -und schickte ein leises Gebet zum Himmel empor -für ihr Wohlergehen.</p> - -<p>»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben -mir eine Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, -in der ich die »Anne-Mile«, eine der verdorbensten -Frauen des Dorfes erkannte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<h2 id="VI">VI.<br /> -Die Balzerswäs.</h2> -</div> - -<p>Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter -am Himmel. Die Wolken hingen schwarz und schwer über -dem Dörfchen. Die Luft war wie ein Feuermeer und wenn -der Donner krachte, zitterten die Fensterscheiben und wackelte -mein alter Tisch an der Wand. Jetzt fuhr wieder ein Blitz -hernieder, so blendend, daß ich die Augen zumachen mußte, -und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das -verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum, -etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten -Flammen. Damit hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt -erreicht. Nun öffneten sich die Schleusen des Himmels. -Bald grollten nur noch die Donner in der Ferne und langgezogene -Blitze erleuchteten das Firmament.</p> - -<p>Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues -Abbild, wie es des Abends in meinem Gemüthe stürmte und -wetterte. Man hatte mich auf das schmählichste beschimpft. -Man hatte das Interesse, welches ich an dem Schicksal Babettens -nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das -ich offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten -es die Leute gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen -Bauernstand und die altväterliche Sitte repräsentirten -und zu denen ich mich noch am meisten hingezogen fühlte.</p> - -<p>Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin -erlebt hatte. Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -umher. Alles war in mir in fessellosem Aufruhr und Empörung. -Die Finger habe ich öfters in das Fleisch meiner -Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen: »Demüthige -Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß -Dir an meiner Gnade genügen!«</p> - -<p>Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten -mich zu mir selber. Wie aber dann die Schleusen des Himmels -sich öffneten, so stürzte auch eine Thränenfluth aus meinen -Augen. Hernach habe ich noch lange am offnen Fenster -gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne -Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.</p> - -<p>Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das -unglückliche Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, -am leichtesten könnten alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn -die alte Balzerwäs die Einwilligung zu der Verbindung mit -ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht die Frau Heimerdinger gesagt: -»Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre, so solltest Du -nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der leiseste -Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?</p> - -<p>Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der -Sache, denn in einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die -Balzerische war, steckt ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die -jeder Einwirkung trotzt. Dabei herrscht eine Nüchternheit und -trockne Verständigkeit der Auffassung, daß eine Begeisterung -oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu unmöglich erscheint. -Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle verknöchert -hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht -die geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt -und die Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und -die Weiber, bei denen man gern einen idealeren Zug und ein<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -lebhafteres Gefühl voraussetzen möchte, sind die schlimmsten. -Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas von der alten -Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel -ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht -auch schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes -Gewicht auf die freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der -Familie stand, in der ich regelmäßig meine Winterabende zuzubringen -pflegte. Die Balzerswäs hatte sogar meinem Vater, -der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht so viel -nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner -hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen -Stande Etwas zu bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem -Apostel Jakobus die Zunge eine solche Macht zum Bösen, -ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt voll Ungerechtigkeit, -so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein, -wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig -durfte ich auch auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.</p> - -<p>Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner -Meinung nach sehr fein und klug ausgedacht und mußte von -Erfolg sein. Er wäre es vielleicht auch gewesen, wenn er -überhaupt zur Ausführung gekommen wäre. Aber ich konnte -ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich in Gottes -Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging, -merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht -Alles stand, wie sonst. – Sonst sagte die ganze Familie -feierlich »guten Abend!« Der achtzigjährige Großvater oder -Eller erhob sich hinter dem Ofen, that die Pelzmütze ab, das -kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und sagte besonders -»guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder -herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -Adam. Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. -Während der Zeit putzte die Balzerswäs einen Stuhl ab und -stellte ihn oben an den Tisch. Der Friedrich, der unverheirathete -Sohn, holte ein Glas frisches Wasser am Brunnen -und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein -Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange -Pfeife von der Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag -von J. mitgebracht hatte und auf deren Kopf die ganze -Stadt abgemalt war und lieh sich vom Eller den Tabaksbeutel; -denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die Schwiegertochter -und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren -Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. -Recht gemüthlich aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen -vom Ofensims nahm. »Denn den Kaffee trinke ich -für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs. »Morgens -wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst -wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein -Tröpfchen auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, -gleich nach dem Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen -der Verdauung. Um vier Uhr trinke ich mit den Andern -und da schmeckt er mir am besten. Abends, sehen Sie, da -kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da machen -sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich -auch gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«</p> - -<p>Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr -Mundwerk besonders gut, das ganz gewiß auch sonst nicht -stille stand. Es wurden meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. -Ich machte meine Bemerkungen dazu und betheiligte mich -sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der eine merkwürdige -Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen Erfahrungen<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden -Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen -wurde.</p> - -<p>Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich -wurde so kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft -an, daß ich merkte, man hatte eben noch über mich gesprochen -und zwar nichts Gutes. Es bot mir sogar Niemand einen -Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen und wollte eben -fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als der dicke -Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise -die Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von -dem Stühlchen auf, auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe -ab und das Reis, an dem er rauchte, aus dem Mund und -sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten Abend, Herr -Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die Schwiegertochter -hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und der -Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis -die alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß -nicht, Dorth, ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch -ein Töpfchen mit Kaffee stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«</p> - -<p>Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink -und die Mädchen, die er für Californien gemiethet hatte. -»Es ist ein Schimpf und eine Schande für unser Dorf und -unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche Zustände walten! In -allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt: keine -Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her – -es seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten -es ihnen noch besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes -Mal, wann ich so Etwas lese, preßt sich mein Herz zusammen -und Flammenröthe bedeckt mein Gesicht. Ich meine immer,<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß doch Nichts anzufangen, -um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte -und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, -verstockte Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt -noch von »Herz« die Rede sein, wo Väter und Mütter -ihre eigenen Kinder für Geld dahingeben? Man wundert sich -über die Unmenschlichkeit der Neger an der Westküste Afrikas, -wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und die Väter -ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will -das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen -werden! Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, -unwissenden Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur -zu Sklaven, aber hier verkaufen christliche Eltern ihre Kinder -zu H… Wenn irgendwo das Wehe, das der Herr über die -Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine Anwendung -findet, dann ist es hier.«</p> - -<p>»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen -Pause, »die Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach -Brod schreien, dann thut man Manches, was man vor seinem -Gewissen nicht verantworten kann.«</p> - -<p>»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot -Gottes darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und -im Vertrauen auf Gottes Hülfe sich redlich mühet, dem hat -es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt. Nur muß mit dem -Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten verbunden -sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien -auf dem Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand -fehlen könnte, wenn er nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte -und die Sorgen und den Segen dem Herrn überlassen würde. -Was gibt es öde und wüste Gegenden in der Welt, wo kaum<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -noch die naschende Ziege einen Grashalm findet in dem Steingeklüft, -nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft zu unseren -Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich -gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren -sich redlich und ernähren sich reichlich. Denket nur an die -Schwarzwälder Uhrmacher und an die Tyroler Geigenmacher, -von denen Ihr in der letzten Spinnstube gelesen habt. Und -wenn man solche Kunst nicht versteht und erlernen kann, warum -ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und Handlangerarbeit? -Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die Wetterau -gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche -Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen -hinunterwandern, als um gestohlenes Holz zu verkaufen und -um zu betteln. – Wenn jedoch selbst die Noth nahezu unerträglich -wäre, so dürfte immerhin nicht aller Sitte Hohn -gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der Menschennatur -unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und -nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem -Treiben hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht -die Triebfedern, als die Armuth.«</p> - -<p>»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« -murmelte Hanjost vor sich hin und die Mädchen fingen an -zu kichern.</p> - -<p>»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu -halten. Und es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, -würden die Steine schreien, so auffallend sind die Beispiele, -die Ihr ständig vor Augen habt. Nehmet die alte Justine! -Was treibt diese greise Frau mit ihren schlottrichten Knien, -ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken? Kann sie nicht -längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und wird<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem -einsamen Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat -denn solch ein Herz gar kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem -sie ihren Mann so früh begraben hat und ihr ein Kind nach -dem andern dahingesunken ist, sollte man nicht meinen, sie -hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat ihr Gott -darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit -geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld -seine Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein -Hoffen auf das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein -himmelschreiender Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl -zu ersticken, weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende -Noth sie zwang? Hat sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, -Aecker und Wiesen, ja sogar Geld ausgeliehen und war nicht -die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente, sehr mit ihm zufrieden -und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt Ihr noch, es -war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche Vorstellungen -machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan -verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da -wüthend ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater -hinter dem Ofen aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie -ein Prophet weissagte, sie würde elend in die Grube fahren -und wie sie bleich wurde, als hätte sie ein Gesicht gesehen, -aber dennoch ihr Kind verkaufte?«</p> - -<p>Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der -immer nach seiner Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben -Recht, Herr Pfarrer, ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel -alles Uebels und treue Gesellen im Schlechtmachen sind Fleischeslust -und hoffärtiges Wesen. Wann aber der Teufel einmal -Herberge gemacht hat in so einem lüsternen Menschenherzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich auf -und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. -Die Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; -denn der Tod ist nahe und das Gericht!«</p> - -<p>»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis -nach dem Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus -dem Kinderhandel. Oder könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, -das nicht zum mindesten von seinen Kindern Vernachlässigung -und Mißhandlung im Alter geerntet hätte? Da ist noch jüngst -der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde gegangen. -Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo -ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet -und im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige -Hand geregt, um ihm sein letztes Leiden zu erleichtern? -Warum mußten fremde Leute ihm die nothdürftigsten Handreichungen -thun? Warum mußte er auf seiner öden Kammer einsam -und verlassen den letzten schrecklichen Kampf auskämpfen? –</p> - -<p>Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich -auf seinem Karren krank heimgebracht wurde. Was haben -ihm seine Kinder für einen Empfang bereitet! In den Kuhstall -haben sie ihn gebettet! Und da er jetzt wieder auf sein kann, -darf er um keinen Preis in die Stube. Sein Kaffeetöpfchen -hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen, daß die -Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich eingeschritten -wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. -Aber es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft -gesäet. Was gibt das Gatten! Was gibt das wieder für -Eltern! Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis in's -dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen auch die -Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt,<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei -Malter Weizen verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr -bei Kaffee und Kuchen und Wein und Bier freuen, daß sie -endlich von ihrem Manne erlöst sei, der sich doch nur für sie -in den englischen Fabriken das schmerzliche Rückenmarksleiden -zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit ihrem Buhlen -hervortreten.</p> - -<p>Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose -Verderbtheit bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen -Sonntag mit dem braven Leonhard copulirt habe. Was -hatte sie Gott mit reichen Gaben des Leibes und des Geistes -ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es kann mich immer -unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im -Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete -Flur, eine vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so -trauriger Anblick, als solch ein durch und durch vergiftetes -Menschenleben. –</p> - -<p>Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in -New-Orleans entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken -etwas zu derb mit dem spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch -machte sie kein Geheimniß aus der traurigen Weise, wie sie -die reichen Putzgegenstände und das blitzende Gold, das sie -mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich noch recht wohl -ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches sie -allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger -war sie Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie -verrückt mit ihren seidenen Kleidern und der Straußenfeder -auf dem Hut; die Burschen und Männer verlockte sie durch -ihre schwarzen frechen Augen und ihre Buhlerkünste. Ihre -fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen hatte, waren<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. – Als sie -einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater -draußen auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte -der aus und sagte ganz laut: »Pfui Teufel!« Selbst aus der -Stadt kamen die sauberen Herren und umschwärmten sie, und -sie trug ein Kapital nach dem andern auf die Landesbank. -Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und die -Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag -ihr alter Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem -Schmerzenslager und ernährte sich von dem Bettelbrod, was -ihr achtjähriger Bruder in der Wetterau zusammenbettelte. -Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr Vater auch diese -dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder das -Kind halten. – Der Vater ist gestorben – ob an der Gicht -oder an Hunger – das wird wohl einst entschieden werden. – -Da war es denn eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr -Bruder bei fremden Leuten untergebracht wurde; denn nun -mußte sie selbst für ihr Kind sorgen und das wurde ihr nach -gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines Morgens ihr -schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm -sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: -nun könne er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was -mich am meisten bei ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche -triumphirende Blick, den sie mir am Altare zuwarf; nicht -daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein Spottlied sangen, -sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen« zu -dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu -gerathen und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als -ich ihm die ganze Geschichte leid machen wollte. Er hat sich -darauf berufen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie -auch jetzt noch gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist -fleißig und sparsam. Sie ist gut für das Land, gut für die -Haushaltung und versteht alle Feldarbeit. Was will der -Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm wie eine -Kirchenmaus.«</p> - -<p>»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie -ist die abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. – Das -ist es gerade, was mich so empört, daß man Nichts hierin -findet. Man ist so tief gesunken, daß man über die gemeinste -Gesinnung und die schamlosesten Handlungen keine Entrüstung -mehr hat. Man hat sich so sehr an das Laster gewöhnt, -daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht und -es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde -schätzt. – Und was enthält der Begriff »brauchbar für's -Land« für entsetzliche Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen -darf! und was ist das für sauberes Geld! Mancher -würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange anzurühren. -– Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens -äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! -Darum ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende -Versunkenheit so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. -Wenn noch ächte, unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet -Ihr entschieden auf meine Seite treten und mich mit Rath -und That unterstützen! Euer Ansehen und Einfluß mit in -die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz anderes -Gewicht verleihen.«</p> - -<p>Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen -erfolgte, glaubte ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der -Zeitpunkt gekommen, meinen Antrag anzubringen. Ich sagte<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -also: »Ich will Euch noch diesen Augenblick eine Gelegenheit -bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch besseres Gefühl in Euren -Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein Opfer zu bringen -vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid! Frau -Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele -vom Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele -retten! Denn wer einer Seele vom Tode hilft, der wird -die Menge der Sünden bedecken. Bedenket die Nähe Eures -Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat erklärt: -wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst -zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr -diese Hoffnung! Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, -die Euch der Herr durch mich anbietet, und ladet Euch nicht -den Fluch der Versäumniß auf!«</p> - -<p>Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, -die Gesichter hätten nicht verblüffter aussehen können, als -durch diese meine Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich -nach Athem. Endlich hatte sie die Sprache wiedergefunden. -Sie war aufgesprungen und trippelte vor mir auf -und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen -Sie, Herr Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, -wir sollen das schlechte Mensch, die Lumpenbagage, in unsere -Familie aufnehmen! Dazu haben Sie die lange Einleitung -gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten Sie den -Athem sparen können!«</p> - -<p>Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner -gewiß guten Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen -wohl, aber wenn Sie es »schlecht« nennen, versündigen Sie -sich! Wer weiß, ob nicht ein besseres Herz unter ihren Lumpen -schlägt, als unter Ihrem feinen Tuchmieder.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten -wir nicht, warum er so warmen Antheil an der Babett -nimmt, warum er ihr immer die Hand gibt und so freundlich -zunickt und oft stundenlang mit ihr spricht! Man ist -endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind gestern mit -ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's -eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen -Pfarrer und für so einen frommen Mann, wie Sie sein -wollen! Doch was ich sagen wollte, mit einem Wort: Mein -Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu heirathen.«</p> - -<p>Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und -fühlte nur instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen -mich aussprach. Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, -wurde ich ganz betäubt und fing an schwindelig zu -werden, so daß ich mich durch einen starken Willensakt wieder -aufraffen mußte. Da wollte sich nun meiner ein entsetzlicher -Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich und sagte kalt und -stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn beweisen -müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man -ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck -nicht; denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie -das Feuer. – Ich wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, -daß ich mit der Drohung, sie vor Gericht zu belangen, als -Geistlicher nicht gut scheiden konnte und sagte: »Ich meine, -ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige Weise -beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem -Stand und meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche -Aufklärung zu geben. Ich habe allerdings gestern zufällig -die Babette Heimerdinger an der Guntramseiche getroffen und -habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt. Auch habe ich<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn -kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen -ihrer Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit -machte, an den alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht -gesunken und ich habe sie erst nach langen vergeblichen Bemühungen -in's Leben zurückrufen können. Wenn ich der Babette -freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so hatte das -darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich -verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu -entdecken. Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man -eine Palme in der Wüste oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen -findet. Und nun, wer mir solche Schlechtigkeiten -zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich sagen: von -Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den -Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang -kennt und der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß -zu Verdacht gegeben hat, Glauben schenkt, ist durchaus kein -gutes Zeichen für Euch selbst. Doch ehe ich gehe, möchte ich -doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in Umlauf gesetzt -hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«</p> - -<p>»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. – »Nun -da wußtet Ihr ja schon, was Ihr von der Sache zu halten -hattet. Leben Sie wohl, Frau Balzer! Dieser Stunde -werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span></p> - -<h2 id="VII">VII.<br /> -Ein Kirchenvorstand.</h2> -</div> - -<p>Die Aufregung vom vorigen Abend lag mir in allen -Nerven. Ich hätte weinen mögen. Hinaus in's Freie wagte -ich anfangs nicht zu gehen. Ich dachte, man würde mit -Fingern auf mich deuten. Auch die Unterredung mit den -Eltern Babettens, die ich mir auf diesen Morgen festgesetzt -hatte, gab ich auf. Wäre mir noch einmal so Etwas gesagt -worden, wie die Balzerswäs mir gesagt hatte, ich hätte nicht -gewußt, ob ich so gleichmüthig geblieben wäre. Es wogte -noch gar jugendliches Blut in meinen Adern. Ich war noch -nicht lange von der Universität heimgekommen.</p> - -<p>So war es Mittag geworden. Ich konnte es nicht mehr -in den engen Wänden aushalten. Ich mußte hinaus. Man -hätte mich anders ja am Ende gar noch für schuldig halten -können. Auch schämte ich mich meiner Feigheit.</p> - -<p>Als ich kaum aus der Hausthüre getreten war, kam der -Schneider Heimerdinger mit seinem Hunde daher. Ich hielt -es für eine passende Gelegenheit, um über Babette mit ihm -zu reden und rief ihn deshalb an. Er kam auch eiligst herbei. -Aber nun merkte ich, daß er total betrunken war. Er -legte mir ganz vertraulich die Hand auf die Schulter und -fragte: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie einen Spaziergang -machen?« Ich schüttelte ihn von mir ab und sagte ihm, ich -liebte solche Vertraulichkeiten nicht. Ob er sich denn gar -nicht schäme, am hellen Tage betrunken durch die Straße zu -wanken. Er solle heimgehen und seinen Rausch ausschlafen. -Da wandte er sich hinweg und sagte zu seinem Hund: »Bello,<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -beiße einmal den Hochwürden! Er hat deinen Herrn beleidigt.«</p> - -<p>Das war diesen Tag mein erster Empfang auf der Straße. -Als ich weiter das Dorf entlang ging, sah ich, wie Alles -stehen blieb, was mir begegnete, und mir nachsah. Niemand -grüßte. Am Wirthshaus fuhren plötzlich eine Menge Gesichter -zum Fenster heraus und glotzten mich an. Als ich vorüber -war, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus und Etliche -riefen: »Vivat! unser Pfarrer lebe hoch!« und die Andern -wieherten Beifall über den äußerst gelungenen Witz. – Als -ich heimkam, war mein erster Gedanke: ich kann hier nicht -mehr bleiben. Mein zweiter Gedanke: Du mußt bleiben. Du -bist nicht umsonst an diesen schwierigen Posten berufen worden. -Willst Du schon beim ersten Anstoß fliehen, wie ein -Miethling? Wer glaubt, fleucht nicht. Aber Du mußt ernster -und entschiedener werden! Du mußt einmal die Seelenverkäuferei -geradezu zum Gegenstand Deiner Predigt machen -und statt einzelner Hindeutungen auf dieses gottwidrige Treiben -der Gemeinde unverhüllt das Verderben zeigen, wohin -sie schon gerathen ist und wohin sie noch gerathen wird. Das -kann nächsten Sonntag schon geschehen. Und so geschah es. -Ich predigte mit glühendem Herzen und glühenden Worten -über den Text: Matth. 24. V. 12: »Dieweil die Ungerechtigkeit -wird überhand nehmen, wird die Liebe in Vielen erkalten.« -– Obgleich es durchaus keine Musterpredigt war -und sein sollte, so muß ich doch einige der stärksten Stellen -ausziehen, um sie so am besten in der Kürze zu charakterisiren:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»O wie selig sind die Seelen,<br /></span> -<span class="i0">Die mit Jesu sich vermählen,<br /></span> -<span class="i0">Die sein Lebenshauch durchweht;<br /></span><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -<span class="i0">Daß ihr Herz mit heißem Triebe<br /></span> -<span class="i0">Stündlich nur auf seine Liebe<br /></span> -<span class="i0">Und auf seine Nähe geht.«<br /></span> -</div></div> - -<p>»Solche Seligkeit liegt hinter Euch, wie das verlorene -Paradies. Nicht einmal die Ahnung derselben lebt in Eurer -Brust. Es will Nacht in Euch werden, volle Nacht. Viel -eher als den Lebensweg werdet Ihr den Verzweiflungsweg -wandeln, den Judas ging, als er das Blutgeld den Hohenpriestern -vor die Füße geworfen hatte. Denn Judasväter -und Judasmütter seid Ihr, die Ihr Eure Kinder für elenden -Mammon verschachert und verkauft! Wenn der Geiz die -Liebe tödtete in des Judas Brust, daß er seinen Meister und -Heiland für dreißig Silberlinge verrathen konnte – steht Ihr -vielleicht höher? Ist nicht auch Eure Liebe todt? Auch Eure -Liebe zu Gott und Christus? Vernichtet und veranstaltet Ihr -nicht in Folge dieses schamlosen Handels das Ebenbild Gottes -in Euren Kindern? Werfet Ihr sie nicht dem Satan in -den Rachen, statt der rührenden Bitte des göttlichen Kinderfreundes -zu gehorchen? »Lasset die Kindlein zu mir kommen -und wehret ihnen nicht!« Gibt es irgend Heiden in der Welt, -die so unnatürlich wie Ihr die angebornen Gefühle eines -Vater- und Mutterherzens unterdrückten? –</p> - -<p>Abels Blut schrie zum Himmel hinauf. Kains Fuß war -unstät und flüchtig auf Erden; auf seiner Stirne brannte das -Brandmal des Mörders.</p> - -<p>Auch auf Eurer Stirn ist das Kainszeichen eingebrannt. -Die gemordete Unschuld Eurer Kinder schreiet zum Himmel -hinauf. Wenn sie aus dem Ausland zurückkehren, ist ihr Leib -zerrüttet und ihre Seele gemordet. Ihr seid die Mörder! -Und das Feuer, das nicht erlischt, brennt auch Euch, und der<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Wurm, der nicht stirbt, nagt auch an Euch, daß Ihr nicht -Ruhe findet, hier nicht und dort nicht. Euch wäre besser, -Ihr wäret nie geboren!</p> - -<p>Und könnte es nicht auch hier schön und sonnig sein, wie -draußen der helle Sommermorgen? Könnte nicht auch hier -der Geist der Liebe und des Friedens walten? Ist es nicht -Gottes Himmel, der sich über uns wölbt? Ist es nicht Gottes -Erde, auf der unser Dorf steht, und wohnet nicht auch -bei uns die Fülle seiner Liebe und Gnade? Ist des Sohnes -Blut nicht auch für Euch geflossen? Hat es nicht Kraft, -selbst Euch von Euren Sünden zu waschen? Ruft er nicht -dort auf Golgatha mit seinen ausgebreiteten Armen auch Euch: -»Kommet her zu mir Alle, die Ihr mühselig und beladen -seid, ich will Euch erquicken!«« –</p> - -<p>Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war -scharf und schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks -eingegeben. Und mußte sie nicht schneidend und scharf -sein, wenn die Eiterbeule, die an dem Leben der Gemeinde -fraß, aufbrechen sollte?</p> - -<p>Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen -lassen, nicht etwa in der Absicht, große Berathungen mit den -Kirchenvorstehern zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen; -sie sollten blos unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben -und Jasagen beschränkte sich nach ihrer eigenen Wahl -lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte diesmal ihre Unterschriften -nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an das Amt -wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche -Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige -Abhülfe bat, da dadurch vielleicht noch manchem schwebenden -Unheil vorgebeugt werden könne.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen. -Man sollte denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere -Erfahrungen hatten mich nicht besonders ermuthigt und auch -der Erfolg des vorliegenden Schriftstücks widerlegte meine -Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit kamen die »Kirchenherrn«, -wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet. Voran -schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte -ich, daß er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher, -als er in das Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln, -daß ich alle Augenblicke glaubte, er würde hinstürzen, -und es wäre auch geschehen, wenn er sich nicht krampfhaft -an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum diesen -sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken. -Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er -auch sofort seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem -er die große Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht -setzte, die dünnen Haare an den Schläfen glatt strich -und den Hemdkragen hervorzupfte.</p> - -<p>»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es -in diese Sitzung zu kommen?« sagte ich.</p> - -<p>»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!«</p> - -<p>»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte -hervor und das ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.«</p> - -<p>»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So -was lasse ich mir nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.«</p> - -<p>»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich -werde über Ihr Betragen berichten.«</p> - -<p>»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister -von F. hinausthut!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span></p> - -<p>»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten -faßte ich ihn am Arm und führte ihn trotz seines Sträubens -zur Thüre hinaus, die ich hinter ihm zuschloß. Eine Weile -murmelte es draußen und man verstand deutlich Worte wie: -»Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!«</p> - -<p>Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der -Herr Bürgermeister war die Treppe hinuntergefallen. Wir -liefen schnell herbei, um zu sehen, ob er sich keinen Schaden -gethan habe; aber er hatte sich schon wieder erhoben und spazierte -nun die Straße hinauf, indem er von einer Seite derselben -auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer -traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine -Schande, Herr Pfarrer! Ich sage weiter Nichts – es ist -eine Schande. – Ich bin vierzehn Tage vor Johanni sechzig -Jahre alt geworden, aber ich muß sagen, So etwas habe ich -noch nicht erlebt.«</p> - -<p>Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen. -Er besaß die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken, -wenn sie kaum ausgesprochen waren, zu seinen eigenen zu -machen und sie weiter auszuspinnen. Er war desto erpichter -darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu gelten, -je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war. -»Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der -Herr will, werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung -Anerkennung findet. Die Lieb' und die Freundschaft, die ich -im Herzen trage, ist gar nicht zu sagen. So bin ich auch -gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern gar gut -gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That, -er war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann. -Er war bei allen Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen,<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -Taufen und Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch -und seine beruhigenden Worte geschah Nichts. Das Volk liebt -es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu haben, der das -nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt, um die -Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen, -den allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen -und, wenn das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen -oder, wie man sich ausdrückt – »Jemanden für die Ansprache.« -Dafür war nun unser Mauser wie geschaffen. Er that hierin -den kühnsten Anforderungen Genüge. Aber auch sich vergaß -er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein war eine -selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch -fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen; -denn seine Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer -mit sich führte, hielt ihn äußerst knapp. So mußte er sich -denn bei andern Gelegenheiten entschädigen und es war fast -als hätte er dabei noch eine feinere Witterung, als ein Jagdhund, -so sicher war er dabei, wo Branntwein umsonst gegeben -wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und -hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man -wollte den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister, -denn man fürchtete für das Gemeindevermögen.</p> - -<p>Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen -aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter -Zeit Alles zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer -zu beleidigen und zu kränken.« Dabei wischte er mit seinem -Schnupftuch in den Augenwinkeln, als wenn er ein paar -Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß ich und mein -Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt haben, -daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O,<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -es sind gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir -haben es gleich gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein -wahres Wort wäre. Es war am Donnerstag Abend, da saß -ich und las in der Bibel. Ich lese jeden Abend in der Bibel -und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein als -sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat -eben elf geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet -so genug Oel; man kann es gar nicht mehr aufbringen. -Kathrein, sage ich dann: was hier an irdischem Oel verloren -geht, das gewinne ich an himmlischem Oel für meine Seele. -So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel, da -kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller -Hast die Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon. -Da ging ich hin, ohne ein Wort zu sprechen, und gab -ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte. So, sagte ich, wenn -schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann mußt Du so -viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du -so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein -Bett und legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit -meiner Kathrein Rath gehalten. Kathrein, habe ich gesagt, -Weißt Du, wer schuld ist an dem Allen? Das ist der Bürgermeister, -habe ich gesagt. Es muß ein anderes Oberhaupt -in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei -zu unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That -zur Hand geht, und wenn wir keinen andern Bürgermeister -bekommen, geht noch Alles zu Grunde.«</p> - -<p>»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am -Bürgermeister liegt; aber es muß Jeder seine Schuldigkeit -thun nach dem Maß seiner Kräfte und Gaben. Ich habe -hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um strenge<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige -Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von -ganzem Herzen, Herr Pfarrer! Es ist dieses der einzige -Weg, der noch helfen kann. Das habe ich schon lange gesagt.«</p> - -<p>Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher, -Namens Schwalb, der ein redlicher Mann war, aber zum -Unglück fast ganz taub. Er saß während der Sitzung gewöhnlich -so da, daß er die hohle Hand an das am besten -hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen -in die Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte -er freundlich mit dem Kopf und machte eine Bemerkung über -den jedesmaligen Wetterstand, oder sagte: »Sie haben heute -gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht verstehen -konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab -ihm stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete, -ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit -entließ ich die würdigen Kirchenherrn.</p> - -<p>Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe. -Der eine trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel.</p> - -<p>Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde -ich denn ersucht, erst spezielle Thatsachen aufzuführen und -Zeugen zu nennen, dann wolle man sich bewogen finden, die -Zeugen abzuhören und, je nachdem der Thatbestand sich ergebe, -einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich unbefriedigt -bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein zweites -Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete: -»Sie empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes, -worüber ich Sie ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die -Anklage war folgende:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Hochwürdiger Herr Decan! -</p> - -<p>Wenn es erlaubt ist mit Ihne zu rede, bitte wir Ihne -um Entschuldigung, daß wir Ihne lästig falle müsse, aber -mit uns Herrn Pfarrer ist gar kein Auskomme meh. Er -ist mit eim Wort wüthend und gleicht gar keim Mensch -meh. Am Sonntag kam er in die Kirch und hat so die -Thür hinter sich zugeschlage, daß nervenschwache Weiber -und Greise fast ohnmächtig geworde wärn und hat sich -geberdt auf der Kanzel, als wenn er besoff wär und geschimft -und räsonnirt, daß uns Gemein ein ganz schlechte -Nam kriegt von dene fremde Leut, die auch drin warn. -Er kümmert sich um alle Angelegenheiten, die ihn nix angehn -und stift Streit unter die Familien und hetzt die Leut -hintereinander. Wenn er einmal ein Buckel voll Schläg -bekäm, dafür könnt mir nix. Wenn uns Dorf in Unzucht -und Schlechtigkeit fällt, daran ist er allein schuld. Im -ganze Dorf schwätzt man davon, daß ers mit eim schlechte -Mädche hätt. Wie soll denn nun die Jugend sein, wenn -der Pfarrer so ist. Uns ganz Dorf kömmt noch durch so -ein Pfarrer in Verruf. Wir möchte Herrn hochwürdigste -Decan unterthänigst gebeten habe, ihn gerad wegzusetze. Es -könnt möglich sein, daß er sich in einer andern Gemeine -besser aufführt. Wir wolle an seim Unglück nicht schuld -sein, darum solle Sie ihn nicht absetze. In großer Unterthänigkeit -grüßt</p> - -<p class="center"> -der Kirchenvorstand:</p> -<p class="cblock"> -<em class="gesperrt">Adam Koch</em>, Bürgermeister,<br /> -<em class="gesperrt">Jakob Mauser</em>, Kirchenvorsteher,<br /> -<em class="gesperrt">Philipp Schwalb</em>, " -</p></div> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Ich hatte kaum das Schreiben gelesen, da kam der Anton -Scheppler zur Thüre hereingestürzt:</p> - -<p>»Sie sind fort, Herr Pfarrer!« –</p> - -<p>»Wer ist fort?«</p> - -<p>»Der alte Fink und die Mädchen.«</p> - -<p>»Auch die Babette Heimerdinger?«</p> - -<p>»Auch die Babette Heimerdinger.«</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="VIII">VIII.<br /> -Eine Predigt Gottes.</h2> -</div> - -<p>Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und -in den Feldern und Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie -ein Wintersturm war es auch über meine Jugend dahingegangen. -All' mein Hoffen und Sehnen und meine Begeisterung -war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt und gebrochen. -Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar -äußerlich beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach -und nach selbst verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche -in Ohnmacht fiel und ich um Hülfe rief, war sie -ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles mit angesehen und -zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu empfinden, -war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden, Babette -und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der -Anton Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei -tausendmal schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. -Das hatte sie schon lange genug geärgert; die sollte nicht länger -mit ihrer Unschuld groß thun. Nun hatte sie auch soviel<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -verstanden und sich zusammengereimt, daß ich der Babette helfen -wolle und war den Abend gleich zum alten Fink gelaufen -und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken und -versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der -geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort -mache und so meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler -freilich bekam sie nicht und der Aerger darüber war auch der -Anlaß ihres Plauderns.</p> - -<p>Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage -in Händen habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, -war gekommen, um mich um Verzeihung zu bitten, jedoch -jeder Kirchenvorsteher allein. Der Bürgermeister meinte, der -alte Fink und der Mauser wären an Allem schuld. Der alte -Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der Mauser -hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der -Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen -keinen Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister -hätten. Der Schwalb sprach vielleicht allein die -Wahrheit, denn er gestand, er habe nicht gewußt, was er unterschrieben -habe.</p> - -<p>Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur -Eintracht und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht -und Frieden zwischen mir und meiner Gemeinde sein? Wäre -es nicht ein trauriges Zeichen für <em class="gesperrt">mich</em> gewesen?</p> - -<p>Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit -schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille -eines jugendlichen Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit -und Verlassenheit unter diesen Leuten. Mir war es -oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem »ausgewanderten -Dichter«:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Allein? Allein? und so willst du genesen?<br /></span> -<span class="i0">Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?<br /></span> -<span class="i0">Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!<br /></span> -<span class="i0">Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es -ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja -eine geliebte Braut; aber bei dem dürftigen Einkommen der -Stelle konnte ich nicht an Heirathen denken. Ich konnte stundenlang -im trüben Sinnen am Fenster sitzen und hinunterblicken -zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und -zu den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft -war ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom -Blitz getroffenen Baumes saß. Er nickte mir zu und ich -nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es schneite dabei -immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern -und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem -Kamin zurück in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen -wurde ich geweckt durch eine Nachricht, die laut predigte von -der Unbegreiflichkeit der Gerichte Gottes und von der Unerforschlichkeit -seiner Wege. Es hieß: der Schneider Heimerdinger -hat seine Frau erschlagen.</p> - -<p>Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als -habe er ihr mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, -er habe ihr ein Schnitzmesser in den Hals geworfen. -Endlich gelangte eine bestimmtere Nachricht an mich, daß die -Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei, aber nicht todt, -und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig wäre; -nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, -seine Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, -auf jeden Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -leicht nicht abweisen zu lassen. Ich fand die Hausthüre von -innen verriegelt. Aber als ich ein wenig Lärm mit dem -Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster und bald darauf -wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn des -Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu -Hause. Er war vor einer Stunde in den Wald gegangen, -um Holz zu holen, weil sie keinen Vorrath mehr im Hause -hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich trat in ein freundliches, -nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen Dorf zu -finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete -bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht -und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand -eine ganze Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, -Fuchsia's und Cactus. In dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte -und durch eine einfache Gardine geschützt war, lag die -Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht todtenbleich -und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr -Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, -während die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und -mich gar verlegen und mißtrauisch anblickte.</p> - -<p>»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen -zu sein«, begann ich die Unterredung.</p> - -<p>»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«</p> - -<p>»Was ist denn eigentlich geschehen?«</p> - -<p>»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und -über das Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen -Nagel, der herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, -einen Darm verletzt.«</p> - -<p>Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so -im Tone der Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -gekommen wäre, wenn ich nicht in ihren Augen etwas Lauerndes -meinte wahrgenommen zu haben. Doch ich konnte mich -auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich rasch: -»Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«</p> - -<p>Aber sie wußte es schon.</p> - -<p>»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische -Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten -und die nicht wissen, was sie thun.«</p> - -<p>»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht -mit einer Lüge aus der Welt gehen wollen?«</p> - -<p>»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«</p> - -<p>Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und -wendete sich ein wenig nach der andern Seite. Es war also -nicht Alles richtig. Sie hatte Etwas zu verbergen.</p> - -<p>»Gebrauchen Sie einen Arzt?«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>»Warum nicht?«</p> - -<p>»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum -Doctor und in die Apotheke, wir können schon einen Stoß -vertragen. Doch wenn mein Mann heimkommt, soll er gleich -nach einem gehen. Die Schmerzen sind nicht gut zu ertragen -und es ist Alles geschwollen.«</p> - -<p>»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange -gewartet. Sie können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«</p> - -<p>Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen -furchtbar zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten -ihr das Geheimniß nicht auspressen. Sie hatte sogar noch -Geistesgegenwart genug, sich nicht durch ein einziges Wort zu -verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt hatte, bemerkte -ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>»Denken Sie auch an Babette?«</p> - -<p>»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine -Wunde. Wir haben gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. -Sie schreibt nicht gut.«</p> - -<p>»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«</p> - -<p>»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«</p> - -<p>»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«</p> - -<p>»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«</p> - -<p>»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht -etwas daraus mittheilen.«</p> - -<p>»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden -sie nach Californien absegeln. Sie macht uns schwere -Vorwürfe und was mich am meisten ängstigt, ist: daß sie -schreibt, sie blicke oft in das Meer und dann denke sie: wenn -sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie Ruhe und Frieden. -Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«</p> - -<p>Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht -weiter in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn -sterben sollte, ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle -Gottes zu erscheinen. Da antwortete sie auf einmal -in einem ganz umgeänderten Tone: »Sie müssen wieder kommen, -Herr Pfarrer, Sie müssen wieder kommen!« und schwere -Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch viel mit -Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach, -zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe -aufrecht erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr -unglückliches Kind schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, -geschmolzen zu haben. – Ich lag die Nacht im ernsten, -tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider meinen Fensterladen<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in -Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief -es draußen.</p> - -<p>Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein -Uhr. Ich warf mich schnell in meine Kleider und war bereit, -dem Manne, der noch draußen mit der Laterne stand, zu folgen. -Der Sturm heulte, Schnee und Regen schmetterten -wider die Fenster, die Dachziegel klapperten, die zwei alten -Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten. Ich -schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu -solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte -mir mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, -er und seine Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. -Die Frau Heimerdinger hätte bereits seit Stunden nach mir -verlangt, aber der Heimerdinger habe immer Entschuldigungen -und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als sie immer schwächer -geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu mir gelaufen -und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein Geständniß -machen. – Als wir eintraten, lag sie ebenso da -wie am Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. -Er warf mir einen wilden, verwirrten Blick zu, als ich so -plötzlich und unvermuthet hereintrat, wandte sich aber gleich -wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die Hände und streckte -sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick auf mich -und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden. -Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend -über die Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der -Nachbarin Arm. Ich sank auf die Knie und betete um Gnade -für die arme Seele. Ich hätte gern eine gerichtliche Untersuchung -der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf derselben<span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span> -Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß -reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau -Heimerdinger die Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn -sie ein solches Geheimniß hätte mit in's Grab nehmen wollen, -sie es auch gekonnt habe. Aber der Arzt, der sie noch den -Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte und den ich darüber -sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier gerichtlich -einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht zu -zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.</p> - -<p>Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm -hatte sich noch nicht gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen -Haus des Schneiders Heimerdinger, als wollte er es -vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit ihm alles Verbrechen -und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht -mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem -Ofen, hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war -kalt. Ihn fror es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, -das auf dem Tische stand, war am Ausgehen und flackerte -auf und nieder. Bei seinem ungewissen Schein glaubte er zu -sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem Leintuch verhüllt -auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte. -Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, -der lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen -Stubenboden lag. So war er hingefallen, als er spät in der -Nacht betrunken in die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben -und eingeschlafen. In demselben Augenblicke, als der -Knabe seinen Vater erblickte, erlosch das Licht. Da wurde -es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei seiner -Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim -Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -lauten Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt -vor seinen eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus -in die wilde Nacht hinein, um sich eine andere Heimat zu -suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken und fuhr eiskalt -durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt brach -er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie -das gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort -– fort – aber wohin du armer Knabe, in der dunkeln -Nacht, in Wind und Wetter, im tiefen Schnee? In die Heimat? -Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist ein Mörder -– Deine Mutter ist ermordet – Deine geliebte Schwester -ist verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du -hättest sie wohl auch noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott -nicht seinen Engeln befohlen hätte: »dies Kind soll wohl behütet -sein!«</p> - -<p>Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden -mehr unter den Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, -dann lag er so weich, so weich und wäre gern eingeschlafen, -aber das Bein that ihm so weh, daß er in einem fort aufschreien -mußte.</p> - -<p>»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof -seine Frau, die Babett, und strich ihm mit der Hand über's -Gesicht, um ihn aufzuwecken: »ich weiß nicht, die Hunde rasen -ordentlich an ihren Ketten; es muß Etwas im Hof sein. -Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und nachsähest: -ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen hier -herumstrich. – Und horch! – wenn der Sturm nicht so -heult – hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein -Gott, wenn so ein Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand -hinabgestürzt wäre!« Mit gleichen Füßen fuhr sie aus<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -dem Bette und in fünf Minuten stand sie schon mit ihrem -Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein -Bein gebrochen hatte.</p> - -<p>Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom -Hauserhof da: ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre -etwas Wichtiges.</p> - -<p>Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; -aber der Hof war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, -kaum zu erreichen vor dem ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich -trat ich wie ein Schneemann mit Schnee beladen in's -Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich handelte, -da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte -und die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über -die nächtlichen Geschichten berichtete und andeutete, daß der -Knabe Alles wisse und auch sagen würde, worüber man bis -jetzt nur noch Vermuthungen hatte.</p> - -<p>»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer -von Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er -war noch keine fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen -will er wieder kommen und nachsehen. Aber was das Konrädchen -zu sagen hat, da sollten Sie dabei sein! Sie wissen -doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir. Und wenn -der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn -es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die -Kinder ist gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und -ich wollte, die Babett, mein Göthchen, das herzige Mädchen -wäre auch wieder da! Es würde sich noch Manches machen -lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser Augenmerk -auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da -uns Gott diesen Segen versagt hat.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span></p> - -<p>Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine -Weile fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und -fing an, den Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten -Versicherungen des Schutzes, den er genießen sollte, -begann er seine Erzählung, die oft durch Weinen unterbrochen -wurde und worüber ich mir in manchen Stücken erst durch -langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte -durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem -Hause ruhte, gedeckt und auch noch etliches baare Geld in -die Finger bekommen. Aber sein Durst war diesem und noch -mehrerem gewachsen; er schien sich sogar noch von Tag zu -Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet und -er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das -war nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum -Voraus berechnen konnte, wann der Preis, für den sie ihr -herrliches Mädchen dahingegeben hatte, durch den Leichtsinn -und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes bis auf den -letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und Zuredungen -halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen -können, er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle -nicht mehr brennen, wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr -trinken. – Ueber die neuen Tapeten, welche sie gekauft und -über die neuen Einrichtungen im Haus und Garten, wonach -sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie sich gar nicht -freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz. -Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen -müssen vor furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren -Kämpfe ihres armen verstoßenen Kindes erkannte und seine -gerechten Vorwürfe fielen wie Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges -Herz. – Selbst der Mann wurde soweit gerührt, daß er<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte sich beim Holzfällen -betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger im Dorfe spielen -und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen lassen. -Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte: -er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein -zu schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad -hatte schon mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las -wieder Babettens Brief, da taumelte Heimerdinger völlig berauscht -zur Thüre herein, in der einen Hand die volle Branntweinflasche, -in der andern seine Axt und sein Schlachtmesser. -Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an den -Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte -jetzt die Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto -grimmiger wurde sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand -und rief: »Du Nimmersatt, du verfluchter Saufaus, o daß -Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den Du trinkst! Du -säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«</p> - -<p>Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und -schrei nicht so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« -»Gib die Flasche her oder es gibt ein Unglück!«</p> - -<p>»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«</p> - -<p>»Gib die Flasche her oder –!«</p> - -<p>»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor -die Füße, daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben -Augenblicke griff er nach seinem Schlachtmesser und rannte es -ihr in den Leib. Sie stieß einen fürchterlichen Schrei aus -und fiel für todt in die Stube. Heimerdinger war plötzlich -nüchtern geworden, als er das Blut am Boden rinnen und -seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah. Er schlug sich -mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder! Mörder!«<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den -Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte -er auf einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie -deshalb auf ihr Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen -zu können, riegelte er die Hausthüre zu und machte allerhand -Wiederbelebungsversuche. Und wirklich erholte sie sich rasch -wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen besonderen -Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue -des leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die -Spuren seiner Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte -ihm viele Arbeit, zumal da er nicht überflüssig Wasser im -Hause hatte. Das Messer vergrub er im Holzschoppen. Dann -sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen, was -da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. -Wenn Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das -schwöre ich Dir bei Gott dem Allmächtigen!</p> - -<p>Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen -kommt, schlage ich Dir die Axt auf den Kopf, so gewiß ich -Heimerdinger heiße!« –</p> - -<p>Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges -Fragen so ermüdet, daß er dringend der Ruhe bedurfte und -da auch alles Weitere von keinem besonderen Belange war, -überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.</p> - -<p>Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten -zu einem Bericht zusammen und schickte damit direkt einen -Knecht an's Amt. Schon gegen Abend desselben Tages kam -eine Untersuchungscommission in's Dorf, von zwei Gensdarmen -begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch verschlossen. -Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht -mehr nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -der Umgegend umher und erst spät in der Nacht -kehrte er in fast bewustlosem Zustande heim. So wurde die -Hausthüre erbrochen. Die Section ergab, daß die Wunde -nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes, schneidiges -Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand -sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand -auch noch im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger -mit Axt, Messer und Flasche hatte heimgehen sehen -und den Schrei der Frau und den Ruf »Mörder! Mörder!« -gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt, als er aber -die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der -Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es -wurden noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die -zwei Gensdarmen saßen während dessen in dem dunklen Haus -und warteten auf die Heimkehr des trunkenen Schneiders. Sie -mußten lange vergeblich warten. Endlich kam er. Er hatte -so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch Branntwein -hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch -mag er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich -verhaftet und gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er -in Fesseln neben der Leiche sitzen. Auch des andern Morgens -wurde er nicht gleich abgeführt, da das Zeugenverhör noch -immer andauerte, und so traf es sich, daß er gerade von den -zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde, -als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie -mag ihm das Grablied, das er noch hörte, in den Ohren -geklungen haben.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span></p> - -<h2 id="IX">IX.<br /> -Das Ende.</h2> -</div> - -<p>Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört -in mein Zimmer.</p> - -<p>»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie -schwer wird man heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist -fort, ist der Babett nach, dem verfluchten Mensch!«</p> - -<p>»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« -rief ich ganz verwundert.</p> - -<p>»Ach Gott, das viele, viele Geld!«</p> - -<p>»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme -Folgen für seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn -zugegangen?«</p> - -<p>»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext -in die Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika -aus geschrieben und ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders -gehen, wenn man sich unter das Bettelpack mischt. Als er -die Weihnachten hier war, ist er nicht wieder auf's Seminario. -Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr mitgegeben, -das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug, -sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld -verkauft und vom Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein -zweihundert Gulden geben lassen. Denken Sie, der -stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch nur das -Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die -ganze Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief -und fragte, wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden -bezahlte – ich oder der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie -ich heimgekommen bin. Der Hanjost mußte gleich hinüber nach<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -J., aber das Nest war leer – der Vogel war fort. Er wird -auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er durchgegangen -ist. Der <span id="corr094">Hanjost</span> hat's aus dem Mund vom Direktor.</p> - -<p>Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und -der Izik will am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, -das viele, viele Geld! Was hat das Studium nicht Alles gekostet -und nun ist Alles umsonst! Es wäre vielleicht doch am -besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber wer hätte -denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was -ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu -machen? Kann man ihn denn nicht mehr erreichen?« – »O ja, -Sie müssen nach Hamburg oder Bremen telegraphiren und ihn -dort festnehmen lassen.«</p> - -<p>»Kostet das aber nicht wieder Geld?«</p> - -<p>»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte -Sie in diesem Fall nicht kümmern!«</p> - -<p>»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach -kann man immer noch machen, was man will.«</p> - -<p>»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau -Balzer, so thut die größte Eile noth.«</p> - -<p>Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen -ist er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des -Jahres ein Brief von Försters Anna, der von ihm Nachricht -gab. Weil dieser Brief auch die einzige Nachricht vom ferneren -Schicksal Babettens enthielt, suchte ich mir denselben zu -verschaffen und will den Hauptinhalt desselben hierhersetzen.</p> - -<div class="letter"> -<p class="center"> -Theuerste Eltern! -</p> - -<p>Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt -Mode, seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -wollen auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre -sehr gut getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, -was ich auf dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben -Streifen um die Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch -meinen neuen Hut und meine seidene Mantille anthun, aber -der Maler sagte, ich würde anders viel schöner aussehen. -Alle Herrn sind in mich vergafft. Mir gefällt's sehr gut hier. -Anfangs, als ich noch einfältig war, habe ich als viel gegreint -und mich heim gewünscht, aber jetzt habe ich mich schon recht -gefunden. Es wäre Alles recht gut hier, wenn die Männer -nur nicht so wild wären und gleich aufeinander schössen und -sich todtstächen. Aber Mord und Todtschlag ist hier überall -und Alle haben Pistolen, wo man oft mit schießen kann, die -sie »Revolver« nennen und lange Messer. – Artig sind sie – -das ist <span id="corr095">wahr</span> – und können einem ganz anders die Cour -schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm Tanzhôtel -heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die -Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon viel -den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.</p> - -<p>Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett -berichtet. Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, -wenn ich an sie denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. -Ich wollte, ich wäre nur einmal ein paar Stunden -bei Euch! Es ist gar zu viel zu erzählen. Die Babett war -schon ganz merkwürdig, als wir auf dem Meer waren, gar -nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine Furcht, bekam auch -nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie auf dem Deck und -guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder hinunter in die -See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du ein Sterngucker -werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen. Hernach<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie hat -damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu bringen. -Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein und wenn -ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen gebeten, -ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die Lieder, die -wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen haben. -Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das hat -sie selbst gemacht:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i2">Ich steh' am Schiffsgeländer<br /></span> -<span class="i0">Und blicke in die See;<br /></span> -<span class="i0">Ich möcht' so gern hinunter,<br /></span> -<span class="i0">Begraben alles Weh!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Es ist so tief da drunten,<br /></span> -<span class="i0">So tief bis auf den Grund,<br /></span> -<span class="i0">Mein Schmerz ist noch viel tiefer;<br /></span> -<span class="i0">Ich werd nicht mehr gesund.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Mein Ernst, du lieber Bube,<br /></span> -<span class="i0">Dein Schatz sagt dir: Ade!<br /></span> -<span class="i0">Du siehst Dein Mädchen nimmer;<br /></span> -<span class="i0">Es liegt in tiefer See.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i2">Im Meer ist gar viel Wasser,<br /></span> -<span class="i0">Wo man mit säubern mag;<br /></span> -<span class="i0">Ich möcht' mich drunten waschen<br /></span> -<span class="i0">Von aller meiner Schmach!<br /></span> -</div></div> - -<p>Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild -in die Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war -angst und bang, und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel -sie auf die Knie und betete laut:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!<br /></span> -<span class="i0">Mach's nur mit meinem Ende gut.<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> -<p>Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.</p> - -<p>Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte -und tobte, als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien -und weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts -wäre. Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput -gehen, da leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie -daheim. – In Californien wollte sie ganz apart sein. Sie -hat uns als recht geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten -beten und in der Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir -uns predigen wollten lassen, gingen wir in die Kirche. All' -ihr Heiligthun hat ihr auch Nichts geholfen. Sie mußte mit -wie wir Andern. Was ist sie geschlagen und gepeinigt worden! -Die Schottin ist noch schlimmer als der alte Fink und -der ist wahrhaftig schlimm genug. Sie hat jedoch nie geklagt -und auch nie geschrien. In die Lippen hat sie sich gebissen, daß -das Blut herunterlief und die Thränen sind ihr aus den Augen -gestürzt. Wir mußten als laut weinen, wenn sie so mißhandelt -wurde. Im Tanzsaal that sie gar stolz. Sie hat mit -Niemandem getanzt und wenn's Einer fertig bringen wollte, -mußte er sie mitschleppen. Und doch waren die Herrn gleich -in sie vernarrt, als sie zum ersten Mal mit mußte. Es war, -als wenn sie allein im Saal wäre. Alle hatten Respekt vor -ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von Orleans.« Da -war aber Einer – sie nannten ihn den »schwarzen Tom«, – -das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich -konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen -brannten wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß -wie Elfenbein. Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle -gehorchen. Der machte eine Wette: er wollte die Babett küssen -mitten im Saal vor den Leuten. Und er that's auch; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -die Babett, die immer so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, -daß er den langen Weg in den Saal fiel. Alle lachten, -spotteten und uzten; denn es waren Viele, die ihn nicht -leiden mochten. Er wurde dadurch wüthend, nahm seinen -Revolver und schoß der Babett durch die Brust. Es war ein -furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich retten können, -aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er nur zappelte. -Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen. Man erfuhr -hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch der Babett -ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die Babett zu -sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang warten wollen, -um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde schon den -andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt, sondern -hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel -Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam -vor ein paar Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem -von unsern Mädchen zusammen.</p> - -<p>Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen -mögen! Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, -wie er sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben -und nun fand er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar -ruhig und getrost. Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist -Alles gut! Der Tod ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt -werden. Sie sah fast aus wie ein Engel und Alle hat sie -getröstet. Und wie ein Engel ist sie hinübergegangen. Der -Ernst ist ganz niedergeschmettert. Er ist vorläufig noch bei -dem alten Herrn. Ich habe ihm die Geschichte von unserer -Reise so oft erzählen müssen, daß ich sie fast auswendig kann. -Doch jetzt thun mir die Finger weh, so viel habe ich geschrieben -und es ist auch Zeit, daß ich an meine Toilette denke.<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Heute Abend ist großer Maskenball und Alle haben gesagt: -»Die Königin darf nicht fehlen!«</p> - -<p>Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von</p> - -<p class="center"> -Eurer treuen Tochter</p> -<p class="right"> -Anna Klein. -</p> - -<p><em class="gesperrt">Nachschrift</em>: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig -Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles -zu wissen.</p></div> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden -in Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche -Monate darauf in eine der schönsten Gegenden des Lahnthals -versetzt worden wäre.</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span></p> - -<p class="center">Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Der Schmutztitel wurde entfernt.</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 94: Hangost → Hanjost<br /> -Der <a href="#corr094">Hanjost</a> hat's aus dem Mund</p> -<p> -S. 95: war → wahr<br /> -Artig sind sie – das ist <a href="#corr095">wahr</a></p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY *** - -***** This file should be named 54656-h.htm or 54656-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/6/5/54656/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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