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-The Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-
-Title: Hurdy-Gurdy
- Bilder aus einem Landgängerdorfe
-
-Author: Ottokar Schupp
-
-Release Date: May 3, 2017 [EBook #54656]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist +so ausgezeichnet+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
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-
- Hurdy-Gurdy.
-
- Bilder aus einem Landgängerdorfe
-
- von
-
- Ottokar Schupp.
-
- [Illustration]
-
- Bielefeld und Leipzig.
-
- Verlag von Velhagen & Klasing.
-
- 1867.
-
-
-
-
-I.
-
-Das exercirende Ehepaar.
-
-
-Ich hatte den Gipfel des Dachsbergs wieder erreicht und war somit in
-den Bezirk meines Kirchspiels eingetreten. Hier pflegte ich mich von
-dem ermüdenden Steigen zu erholen und einen kleinen Umblick zu halten.
-Denn die Aussicht von dort in die gesegneten Fluren der Wetterau, die
-einem weit und breit, umgränzt von den blauen Höhen des Vogelbergs, zu
-Füßen liegt, und in die vielen Dörfer, Städte und Burgen ist eine so
-reizende, daß man sich immer wieder gefesselt fühlt, wenn man sie auch
-schon hundert und tausendmal betrachtet hat.
-
-Heute bedurfte ich der Ruhe mehr, als gewöhnlich, da ich von einer
-ziemlich weiten Fußtour zurückkehrte und die Sonne mit ihren heißen
-Glutblicken mir an dem langen Sommertage gehörig zugesetzt hatte.
-Ich suchte mir deshalb ein bequemes, schattiges Plätzchen im nahen
-Buchengehölz, und nachdem ich mir eine Cigarre angesteckt und meine
-müden Glieder behaglich auf dem schwellenden Moose ausgestreckt hatte,
-genoß ich mit allen Sinnen den herrlichen Abend, den Gott über das Land
-hereinsandte.
-
-Die Cigarre schmeckte besser, als heute den ganzen Tag. Der kräftige
-Waldesduft stärkte die erhitzten Lungen und gab neuen Lebensmuth. Zu
-meinem besonderen Ohrenschmause schienen Finken und Drosseln einen
-kleinen Sängerkrieg veranstaltet zu haben. Das Auge hingegen ruhte
-vergnüglich auf der mit Schönheiten gesättigten Landschaft. Aber all'
-dieser beneidenswerthe Genuß konnte mich nicht der Art erfassen,
-daß nicht der müde Leib, durch die bequeme Lage verführt, in jenen
-träumerischen Halbschlummer gefallen wäre, der nur wenig bedurfte, um
-in festen Schlaf überzugehen.
-
-Aus diesem süßen Hindämmern wurde ich durch Stimmen auf der Landstraße
-aufgeschreckt. Es war sonderbarer Weise ein militärisches Commando,
-was ich hörte. Ich glaubte anfangs noch zu träumen. Denn wie kam hier
-Militär her? hier auf die einsame Gränze? -- Sollte eine Räuberbande
-entdeckt worden sein? Sollte der Schmuggel eine solche Ausdehnung
-gewonnen haben, daß man Militär requirirt hatte? -- daß sich dieselben
-Scenen wiederholten, wie etwa vor vierzig Jahren, wo auf der nämlichen
-Stelle ein furchtbares Gemetzel mit den Schmugglern stattfand? Ich
-verwarf bald diese Gedanken, die mir nur so durch den Kopf schossen,
-als zu abenteuerlich. Und doch hörte ich jetzt ganz deutlich durch
-den Wald hin: »Bataillon halt! Gewehr ab! Auf der Stelle ruht!« --
-Freilich vernahm ich nicht das Aufstampfen der Füße, das Rasseln der
-Gewehrkolben. Aber jetzt hieß es wieder: »Bataillon Achtung! Gewehr
-auf! Vorwärts marsch!«
-
-Ich war neugierig geworden und schob die Zweige auseinander, um
-besser die Straße überblicken zu können und sah dann zu meinem
-Erstaunen nichts weiter, als einen Mann und eine Frau in der üblichen
-Landestracht, die jetzt ganz in meine Nähe gekommen waren.
-
-Von ihnen mußten die Stimmen herrühren. Und so war es auch. Ich
-bemerkte es nun ganz deutlich. -- Der Mann, obwohl er nur im Kittel
-war, wußte sich eine Würde zu geben, wie sie nur ein Unteroffizier zu
-haben vermag. Wie warf er sich in die Brust -- wie legte er das Gesicht
-in gemessene, gewichtige Falten, wenn er das Commandowort aussprach!
-Leicht voltigirte er neben der Frau her, die groß, stramm und strack,
-wie Frankreichs erster Grenadier dahergeschritten kam, die eine Hand
-fest angepreßt an den kurzen Unterrock, in der andern eine lange
-Stange mit eisernem Haken statt des Gewehrs haltend, den Kopf hoch
-aufgerichtet, aber nur mit einem kleinen Hessenhäubchen bedeckt, statt
-mit einem Czako oder Helm. Ich hätte herzlich lachen mögen, so komisch
-war das Alles. Und doch lachte ich nicht. Die Frau that mir so leid.
-
-Ich kannte die Leute. Sie waren aus meinem Kirchspielsdorf. Es war ein
-verdorbener Schneider, Namens +Heimerdinger+ und seine Frau.
-
-Das Sitzfleisch hatte ihm gefehlt, wie so vielen dieser beweglichen
-Naturen, und er hatte deshalb sein Handwerk aufgegeben. Um seiner
-finanziellen Lage aufzuhelfen, war er mit Weib und Kind in's Ausland
-gezogen und hatte sich besonders im Oestreichischen umhergetrieben,
-Alles angreifend und probirend, aber ohne Geduld und Erfolg.
-Abwechselnd wirkte er bald als Hausknecht, bald als Gärtner, bald als
-Schornsteinfeger, bald als Bretzeljunge; zuletzt wurde er Hanswurst
-bei einer Seiltänzerbande und dann noch gar Schauspieler bei einer
-umherziehenden Truppe. Viel heimgebracht hatte er nicht. Aber Eins
-hatte er draußen gelernt und das verstand er jetzt aus dem Fundamente:
-das Schnapstrinken. Und so war bald der Rest des Vermögens durch die
-Gurgel gejagt: zuerst ein Acker nach dem andern und zuletzt wurde das
-Häuschen, worin sie noch wohnten, über und über verpfändet. Um sich
-das Nöthigste zu erwerben, hatte er jenen leidigen Ernährungszweig
-ergriffen, wie so viele Arme und Heruntergekommene aus dem Dorfe, daß
-er mit Frau und Tochter, jedes mit einem eisernen Haken versehen, um
-die Aeste herunterzureißen, täglich in die weiten Gebirgswaldungen zog,
-eine tüchtige Partie dürren Holzes zusammenstahl und dieses in der eine
-Stunde entfernten Stadt verkaufte. Was er erlöste, vertrank er. Was
-Frau und Tochter verdienten, davon wurde die Haushaltung bestritten.
-
-Die Frau dagegen war mir in jeder Hinsicht ein Räthsel. Sie war
-durchaus kein gewöhnliches Weib. Schon ihre körperliche Erscheinung
-bekundete dieses. Mit ihrer hohen, majestätischen Gestalt und ihrem
-schönen feinen Gesicht hätte sie in andrer Kleidung und in anderen
-Verhältnissen, wenn auch nicht gerade Aufsehen erregt, doch imponirt
-und wäre nicht unbeachtet geblieben. Aber wie ihr Auftreten nicht
-harmoniren wollte mit ihrer Beschäftigung, so paßte auch ihre Sprache
-nicht dazu. Denn diese war edel und verrieth Bildung und Belesenheit,
-so daß man leicht zu der Vermuthung kommen konnte, sie sei kein
-Dorfkind, sondern eine Dame von Stand wäre durch ganz außerordentliche
-Begebenheiten in diese Verhältnisse gekommen. Ich dachte anfangs, es
-sei Alles nur äußerer, glänzender Firniß, angelerntes Wesen. Inwendig
-sei sie so gemein und niedrig gesinnt, wie die Andern. Denn ein
-gebildetes Weib kann sich selbst in der größten Noth kaum an solcher
-elenden und schmachvollen Ernährungsart betheiligen. Es kann aber
-absolut einen solchen Mann nicht achten und noch weniger sich den so
-excentrisch tollen Launen seines trunkenen Muthes fügen, die es selbst
-der Lächerlichkeit preisgeben.
-
-Doch dagegen sprach gar Mancherlei. Ihre stille und nachdenkliche
-Art, womit sie dem Treiben des Dorfs auswich und sich abschloß; ihre
-Klugheit, da sie mit den beschränktesten Mitteln eine ganz schöne
-Haushaltung führte; ihr Schönheitssinn, denn ihr Gärtchen war stets am
-zierlichsten und in ihrem Zimmerchen sah es immer nett und behaglich
-aus; die Weise, wie sie ihre Kinder erzog, indem diese nicht blos
-ständig reinlich und hübsch gekleidet gingen, sondern auch so etwas
-Vornehmes in ihrem ganzen Wesen hatten, -- eine ganz andere Art zu
-denken und zu fühlen, als die übrigen Dorfkinder.
-
-Und so war es mir wie eine Ahnung, diese unbedingte Fügsamkeit und
-dieses Hergeben zu den niedrigsten Beschäftigungen sei nichts Anderes,
-als strenge Buße, welche sie sich für ein vergangenes sündiges Leben
-auferlegt hatte. Wenn es aber wirklich Buße war, so fehlte ihr
-jedenfalls die rechte Weihe des Glaubens. Denn es war dabei etwas so
-Verbittertes, Stolzes, Abstoßendes in ihr, daß Niemand sich in ihrer
-Nähe wohl fühlte. Und seit sie den Plan gehabt hatte, ein Geschäft
-zu gründen und sich durch ihre nicht geringe Geschicklichkeit in
-weiblichen Handarbeiten zu ernähren und die ganze Anlage mißglückt
-war, war sie noch stolzer und herber geworden. Ich war noch liegen
-geblieben, bis das seltsame Paar eine Weile fort war. Als ich mich
-aber endlich von meinem königlichen Lager erhob, traf ich gerade mit
-einer Schaar Leute zusammen, die ich alsbald für lauter heimkehrende
-Holzhändler der eben beschriebenen Sorte erkannte. Da war vor Allen
-der Nestor dieser Helden des Holzfrevels und des Amtsgefängnisses
-»+der Maulwurf+«, ein alter verwetterter Gesell, der schon von Jugend
-auf unverdrossen dieses Geschäft trieb, weil er zu jedem andern
-als untauglich erfunden worden war. Ich weiß nicht, ob er diesen
-ehrenden Beinamen deshalb erhalten hatte, weil er eine besondere
-Geschicklichkeit besaß, Höhlen und Löcher aufzusuchen und sich darin
-zu vergraben und den nachstellenden Förstern und Holzschlägern zu
-entgehen, oder weil er die Gewohnheit hatte, Alles, was er verdiente,
-in Speise umzuwandeln, um seinen breiten, liebenswürdigen Mund damit
-zu füttern, oder gar wegen der wulstigen, aufgeworfenen Lippen. Das
-ist aber gewiß, wenn er über einen gefüllteren Geldbeutel hätte
-verfügen können, er wäre einer der ausgemachtesten und renommirtesten
-Feinschmecker geworden; so blieb er nur ein besonderer Liebhaber von
-Weißbrod, Kuchen, frischer Leberwurst und Kartoffelsalat mit Speck.
-
-Da war weiter »+das Käschen+«, ein spitzer, kleiner Geselle, die dürre
-Gestalt ganz in englisches Leder gehüllt. Er gab gewiß in der Klugheit
-dem vielgewanderten Odysseus nichts nach, denn er hatte aus lauter
-Klugheit sein schönes Vermögen verloren. Aus lauter Klugheit ging er
-nie die offene Straße, sondern stets die Schleichwege, er kam nie die
-Vorder-, sondern stets die Hinterthüre herein. Ein ehrlicher Handel war
-ihm ein Gräuel. Dagegen in alle Stänkereien und schlechte Geschichten
-der ganzen Gegend war er verwickelt, hatte aber auch meistens den
-Schaden zu tragen. Und während alle Welt glaubte, er müsse im Geld
-sitzen bis über die Ohren, machte er plötzlich Bankerott. Natürlich
-war es ein betrügerischer, aber es half ihm doch nichts. Jetzt wandte
-er hauptsächlich seine Klugheit dazu an, um Käse zu erlangen, der
-eine leidenschaftliche Liebhaberei von ihm war, und den Wächter des
-Amtsgefängnisses zu betrügen. Denn jedes Vierteljahr wurde beim Amte
-große Abrechnung gehalten und da mußten die Herren Holzhändler die
-verschiedenen Holzfrevel absitzen, wobei sie erwischt worden waren.
-Im Amtsgefängniß war aber besonders »das Rauchen und Kartenspielen«
-verboten und der Wächter wachte mit Argusaugen. Aber Käschen-Odysseus
-wußte Pfeife, Tabak und Karten dennoch hinein zu schmuggeln. Eine
-brennende Pfeife gab er ab, sagte aber dem arglosen Wächter nicht, daß
-er eine andere im Strumpfe bei sich führe. Den Tabak hatte er in einem
-Töpfchen, worüber Käsematten gebreitet waren und die Karten waren in
-das Futter seiner Mütze eingenäht. -- Eigentlich die hervorragendste
-Gestalt unter den Männern war der schwarzbärtige, große Mann, der um
-eines Hauptes Länge über die ganze Gesellschaft hinaussah: »+Der Herr
-Baron+«. Er war in seiner Blüthenzeit ein Hauptschwindler gewesen,
-der bald die Rolle eines russischen Grafen, bald die eines englischen
-Lords spielte und sich Tausende erschwindelte. In einem amerikanischen
-Gefängniß hatte er »+die Rothe+« kennen gelernt, und war er schlau, sie
-war noch schlauer, und war er stolz, sie hat ihn klein gekriegt. Jetzt
-war er nur noch eine Ruine, ein gebrochner, blöder Mensch.
-
-Doch wo der Ruhm so manches Anderen gemeldet wird, darf ich auch Deiner
-nicht vergessen, edler »+Heckenkonrad+!« Denn wenn Du auch nicht gerade
-der Reinste in Gesicht, Händen und Kleidung warst, so warst Du doch
-der Unschuldigste von ihnen. -- Der dicke Kopf und der stiere Blick
-des Heckenkonrad verrieth sofort den Cretin. Und doch hatte ihm einst
-der Gemeindevorstand die Heirathserlaubniß ertheilt. Aber, als er sich
-die nöthigen Papiere und den Proklamationsschein auf dem Amt geholt
-hatte und er sie triumphirend unter seiner Kappe heimtrug, kam ein
-großer Wind und jagte Kappe und Papiere in den Bach. Die Kappe bekam er
-wieder, aber die Papiere rissen die Wellen mit sich fort. Wenn man ihn
-jetzt noch fragt: »Konrad, warum hast Du nicht geheirathet?« ist seine
-ständige Antwort: »das Glück ist mir fortgeflogen.« Aber noch immer
-sammelt er für seine künftige Heirath und nähet jeden Kreuzer, den er
-verdient, in das Futter seiner Hosen. Es mögen zwar diese Schilderungen
-den Leser ein wenig ermüden, aber es wäre doch unartig, die Damen ganz
-zu übergehen. Zumal darf »+die Florentine+« oder auch sonst »+die
-Speckdine+« genannt, nicht übergangen werden. Dazu wäre sie auch etwas
-zu groß, (denn sie mißt wohl eher etwas über als unter sechs Fuß) und
-die wasserblauen Augen zu schmachtend und der spitze Mund zu süß.
-Freilich thut die Magerkeit ihrer Liebenswürdigkeit etwas Eintrag. Ihr
-Fuß ist etwas sehr groß und breit, ihre Schultern etwas sehr schmal,
-ihr Hals etwas sehr lang und ihr Köpfchen etwas sehr klein, und nun
-hat sich auch ein Zöpfchen losgemacht, und der Wind treibt es hin und
-her. Sie hat früher ihre Nachtigallenstimme neben einer Orgel ertönen
-lassen und in ihre süßen Flötentöne mischte sich melodisch der dumpfe
-Baß ihres Geliebten. Aber der Geliebte verließ sie, und sie mußte
-einsam wandern mit der Harfe. Sie legte nun allen Schmerz getäuschter
-und alle Sehnsucht hoffnungsloser Liebe in ihre Lieder und stimmte
-andere schöne Seelen zu gleichem Schmerz, zu gleicher Sehnsucht. Aber
-die Harfe ward verstimmt und der Schmerz vertrocknete und die Einnahmen
-versiegten. Sie mußte Holzhändlerin werden. Aber noch immer sind ihre
-Augen schmachtend, und Abends in der Dämmerung singt sie zur Harfe.
-
-Neben ihr ging »+das Schnuckeschen+«, eine alte Flamme »des Maulwurfs«.
-Die Zeit, die Alles verzehrt, hatte ihr nur noch einen Zahn gelassen.
-Dafür hatte sie ihr in den alten Tagen einen üppigen Bartwuchs gegeben,
-zum Theil um das Kinn, aber auch zum Schrecken der Menschheit auf
-der Nase, um eine breite rothe Warze herum. Ihre tückischen, kleinen
-Augen, ihr verschrumpftes Gesicht und ihre hohe Schulter vermehrten
-nicht grade die Schönheit, doch soll sie, als »der Maulwurf« sie
-»Schnuckeschen« nannte, etwas reizender gewesen sein.
-
-Etwas zurückgeblieben war »+die Rothe+«, nach Zigeunerart ein Kind auf
-dem Rücken und einen Rothkopf an der Hand. Sie war, wie ihr geduldiger
-Eheherr sagte, »etwas rasch mit dem Maul« und manchmal wäre sie, meinte
-er, doch »etwas gar scharf«. In Wirklichkeit galt aber von ihr, was
-der ungerechte Richter im Evangelio von sich rühmt: sie fürchtete Gott
-nicht und scheute sich vor keinem Menschen. Zucht und Scham hatte
-sie schon als Tanzmädchen in Californien gelassen und sah auch jetzt
-noch dieselben als etwas höchst Ueberflüssiges, ja Störendes an.
-Ein Schwarzwälder Uhrenhändler sagte mir einst: »Ich verkaufe schon
-dreißig Jahre Uhren und bin in aller Herren Länder gekommen und habe in
-viele Haushaltungen geblickt und weiß der Himmel! viel Frauen kennen
-gelernt. Lange habe ich die Lügengreth' von Niederallendorf für die
-Schlimmste gehalten, aber fürwahr, vor »der Rothen« müßte die klein
-beigeben. Das ist ja ein wahrer Satan. Ich glaube, vor der müßte der
-Gottseibeiuns selber die Segel streichen.« -- Neben her trabte »+der
-junge Maulwurf+«, baarhäuptig und baarfüßig, mit Aermeln so blank, wie
-weiland der Spiegelschwab, die verrätherische Warze auf der Nase und
-den Wurstlippen.
-
-Das war die ehrenwerthe Gesellschaft, zu der ich jetzt trat. Aber
-in ihrer Mitte schritt ein wirklich liebliches Mädchen, ein Bild
-von Schönheit, Gesundheit und unverdorbener Jugendkraft. Mit ihren
-hellen blauen Augen, ihren langen, blonden Zöpfen, ihrem hohen
-zierlichen Wuchs und dem ächt jungfräulichen Wesen, was über ihre ganze
-Erscheinung ausgegossen war, bildete sie einen solchen Gegensatz gegen
-diese unsauberen, verkommenen Gestalten, daß man denken mußte: »Sie
-ist nicht in dem Thal geboren«, ein andrer Boden hat sie erzeugt, eine
-andere Sonne sie beschienen.
-
-Es war +Babette+, die Tochter des versoffenen Schneiders Heimerdinger.
-Aber es war nicht blos ein schönes Mädchen, sondern auch edel und hoch
-begabt und von einer kindlichen Frömmigkeit. Ich kannte sie noch aus
-der Schule und der Confirmandenstunde her.
-
-Ich war ein Stück Wegs mit ihnen gegangen, hatte einige gleichgültige
-Worte mit ihnen gewechselt und wollte eben voraus eilen, als
-Heimerdinger und seine Frau zu uns stießen, die an einer Waldecke auf
-uns gewartet hatten. Er spielte jetzt nicht mehr den Unteroffizier,
-sondern den stolzen Spanier, der mit seiner Sennora am Arm, jeder Zoll
-ein Cavalier, auf uns zugeschritten kam. Seine Frau schämte sich und
-wollte sich losmachen. Aber er duldete es durchaus nicht, sondern trat
-auf mich zu und redete mich leicht und vornehm an, indem er seinen
-Schnurrbart drehte: »Eine Reise gemacht, Herr Pfarrer? Hm -- Bin früher
-auch gereist. Hab's jetzt aufgegeben. Man wird alt, Herr Pfarrer, man
-wird alt. Denke jetzt oft an die Reise in die Ewigkeit. Sind ja hier
-nur Fremdlinge und Pilgrime. Haben keine bleibende Stätte, sondern die
-zukünftige suchen wir. Spreche als manchmal, wie Paulus sprach: Habe
-Lust abzuscheiden und bei Christo zu sein.«
-
-»Lästert nicht, Heimerdinger«, entgegnete ich ernst, »Gott läßt sich
-nicht spotten.«
-
-»Herr Pfarrer! Ich werde verkannt. Alles verkennt mich. Mein Weib
-verkennt mich, meine Kinder verkennen mich. Sie verkennen mich auch.
-Ich habe ein butterweiches Herz und kann durchaus die Sünde nicht
-leiden. Wie oft sprach ich zu dem Maulwurf: »Alter! Alter! Das Reich
-Gottes ist nicht Essen und Trinken« und zu dem Baron: »Die sich selbst
-erhöhen, werden erniedrigt werden, und Hochmuth kommt vor dem Fall.«
-Sie meinen mit Ihrem Schelten gewiß den Branntwein, Herr Pfarrer! Ich
-weiß es. Sehen Sie, das hat seine eigene Bewandtniß. Alles hat seine
-zwei Seiten, nur die Buchecker hat ihrer drei. Und prüfet Alles; aber
-das Gute behaltet, spricht Paulus. Ich trinke gern Branntwein, das ist
-wahr; aber ich trinke auch gern Wein. Nun läßt unser Herr Gott für
-jeden Menschen seinen Theil Wein wachsen, hat mir einmal ein alter
-Mönch in Ungarn gesagt. Ich bekomme aber meinen Wein nicht. Und der
-Mensch hat doch Durst. So trinke ich als Branntwein. Und weil der
-Andere mir meinen Wein trinkt, so trinke ich seinen Branntwein und das
-von Rechtswegen. -- Doch nun muß ich eins singen: Sie erlauben es, Herr
-Pfarrer! --
-
- Der Branntewein, der Branntewein!
- Das ist so mein Vergnügen.
- Da saug' ich frisches Leben ein
- In langen, langen Zügen.
- Gluck, Gluck, Gluck,
- Gluck, Gluck.
- Des Morgens, wenn ich früh aufsteh',
- Thu ich mein Gläschen trinken,
- Und wo ich bin und wo ich geh' --
-
-Herr Pfarrer! die Babette zupft mir fast den Kittel vom Leib und stört
-meinen Gesang. Sie ist ihrer Kindespflichten durchaus nicht eingedenk.
-Ich werde ihr wohl eine kleine Ermahnung geben müssen. Vor einem grauen
-Haupte sollst du aufstehen, heißt es, und: Ehre Vater und Mutter,
-auf daß dir es wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Jetzt hast du
-Deines alten Vaters ganze Gesangesfreude vernichtet. Nun zieht die
-Sorge wieder in meine Brust, wie ich Euch ernähren sollte und nicht
-ernähren kann. O, ich möchte weinen!« Und damit liefen ihm wirklich die
-hellen Thränen die Backen herunter, zum lauten Gelächter seiner ganzen
-Umgebung. Ich aber war froh, daß wir in den Bereich des Dorfes gekommen
-waren und eilte auf einem näheren Pfade meiner Wohnung zu.
-
-
-
-
-II.
-
-Der verhängnißvolle Brief.
-
-
-Des andern Morgens kam die alte +Balzerswäs+ zu mir, beiläufig bemerkt:
-die reichste Bauersfrau aus dem Dorfe. Sie hatte etwas Wichtiges, denn
-sie hatte die Sonntagsnachmittagsschürze an und machte mir einen Teller
-voll rother Herzkirschen zum Geschenk. Nach einer langen Einleitung
-über das Wetter und über Dorfverhältnisse rückte sie denn auch endlich
-heraus.
-
-Sie war die Woche, wie sie sagte, »auf dem Seminario« in J. gewesen, um
-ihren Sohn zu besuchen. Denn sie hatte so lange Jahre immer die Lehrer
-in Kost und Logis gehabt, daß sie mit Recht verlangen konnte, daß Einer
-ihrer Söhne sich auch dem Lehrerstande widme.
-
-Es war schon spät Abends, als sie in J. ankam und sehr ermüdet, wie
-sie war, hatte sie auch nicht lange mit dem Schlafengehen gesäumt.
-Und des andern Morgens lag sie noch in guter Ruhe, als ihr Sohn schon
-wieder »auf das Seminario« mußte. Da hatte sie sich aber auch schnell
-herausgemacht. Und weil sie nichts Anderes in seiner Abwesenheit zu
-thun wußte, fing sie an, in seinen Sachen zu kramen. Als sie aber
-einmal in's Kramen, Mustern und Ordnen gekommen war, wurden auch
-alle seine Siebensachen durchstöbert und ein Stück nach dem andern
-vorgenommen. Denn als liebende und sorgliche Mutter mußte sie Alles
-wissen und kennen, was ihren Sohn anging. So hatte sie auch eine
-Weste in die Hand bekommen und einen schadhaften Sack entdeckt und in
-dem schadhaften Sack einen Brief gefunden. Da war ihr denn sehr leid
-gewesen, daß sie ihre Brille zu Hause gelassen, denn ohne Brille konnte
-sie nicht mehr gut sehen. Aber die Neugier hatte sie doch nicht ruhen
-lassen. Sie hatte den Brief entfaltet und sich an's Fenster gestellt
-und endlich nach langem Buchstabiren die Unterschrift herausgebracht.
-Sie wollte aber ihren Augen nicht trauen, denn die lautete höchst
-sonderbar: +Deine Dich bis in den Tod liebende Babette Heimerdinger+.
-Da war just in aller Welt an niemand Anderes zu denken, als an des
-versoffenen Schneiders Töchterlein. Als ihr das aber erst so recht
-klar wurde und sie sich an Dieses und Jenes erinnerte, über das ihr
-jetzt erst ein Licht aufging, wurde es ihr bald heiß, bald kalt und sie
-meinte, sie bekäme das Gallenfieber. Sie konnte es kaum erwarten, bis
-ihr Sohn heimkam. Dann aber hatte sie es ihm gesagt. Sie meinte denn,
-sie hätte es ihm tüchtig gesagt. --
-
-»Allen Respekt davor, Frau Balzer«, sagte ich, »ich hätte nicht an
-Ihres Sohnes Stelle sein mögen.« --
-
-»Aber denken Sie an! Herr Pfarrer, er gab sich nicht.« Und um es noch
-kräftiger zu betonen, daß ihre so eindringliche Rede keinen Erfolg
-gehabt hatte, schüttelte sie ihr graues Haupt und sprach mehrmals
-hintereinander: »Nein, er gab sich nicht -- nein, er gab sich nicht.
-Er sagte, er würde nicht von dem Mädchen lassen und wenn wir ihn
-enterbten. Nur der Tod könne sie scheiden.«
-
-Und nun brach sie im Gefühle ihrer beleidigten Mutterwürde in einen
-Strom von Thränen aus, die sie mit der neuen Schürze abwischte.
-
-Dann aber sich plötzlich emporrichtend, gab sie mir den Brief, dessen
-sie sich bemächtigt hatte. »Lesen Sie nur einmal! Da können Sie
-sehen, was das heilige Babettchen für ein sauberes Mensch ist! Wenn
-Gerechtigkeit wäre, müßte solch' eine Verführerin in das Zuchthaus.«
-
-Ich las den Brief, während sie still fort weinte. Es leuchtete
-aus demselben eine zarte, innige Zuneigung zweier unverdorbener
-jugendlicher Herzen, die unbewußt mit ihnen aufgewachsen war. Es wäre
-die größte Grausamkeit gewesen, hier störend einzugreifen, selbst wenn
-man ein Feind von solchen Liebeleien war. Ich muß eben gestehen, daß
-ich sogar eine starke Sympathie für dieses Liebesverhältniß fühlte und
-mir die Nachricht davon eine Art Genugthuung und Freude erregt hatte.
-Denn sie waren Beide meine Lieblinge und ich hatte schon oft im Stillen
-gedacht, was das ein herrliches Paar gäbe, wenn das leidige Geld,
-Stand und Verwandtschaftsverhältnisse nicht wären. Darum sagte ich:
-»Aber liebe Frau Balzer, der Brief enthält ja durchaus nichts Böses
-und Schlechtes.« »Ei, Ei, Herr Pfarrer,« rief sie, »überlegen Sie doch
-einmal! Sie hat ja gar Nichts, auf der ganzen Gottes Welt Nichts« --
-und immer mehr sich meinem Ohre nähernd und immer lauter schreiend, als
-könnte sie mir das schreckliche Verbrechen desto klarer machen, rief
-sie: »Sie hat ja gar kein' Sach' und kein Vermögen!« »Dafür haben Sie
-desto mehr,« erwiderte ich ganz ruhig. Nun gerieth sie aber in vollen
-Eifer und Zorn. »Sie sind freilich noch jung und unerfahren und haben
-den Verstand nicht wie unser eins. Darum kann man's Ihnen nicht so
-übel nehmen. Ei, das ist es ja gerade, daß wir einen schönen Wohlstand
-haben. Glauben Sie, man hätte sich den Rücken krumm und die Nägel von
-den Fingern gearbeitet, um diesem faulen, liederlichen Lumpengesindel
-das Maul zu schmieren? Glauben Sie, wir hätten alle die Unkosten nicht
-gescheut und unsern Ernst Schullehrer werden lassen, um ihn hernach an
-das Bettelmensch wegzuwerfen? Ich darf gar nicht daran denken, was es
-uns schon gekostet hat, sonst wird es mir schwindelig. Der ganze Beutel
-mit Kronenthalern, den ich und mein Balzer selig dafür zusammengespart
-hatten, ist fort. Wenn man die Schinken, die Wurst, die Butter und Eier
-erst rechnen wollte, die ich oder der Hanjost hinübergeschleppt haben
-und die feine Montur und das Weißzeug -- es macht ja ein Heidengeld
-zusammen. Aber man thut es ja gern. Jedesmal, wenn mein Balzer selig
-einen Kronenthaler in den Beutel that, dann lachte er schon ganz stolz
-und sagte: »das ist für den Herrn Lehrer.« Es ist wahrhaftig gut, daß
-er diese Geschichte mit dem Ernst nicht mehr erlebt hat. Es hätte
-ein Unglück gegeben! -- Aber ich sage es immer: er ist nicht schuld
-daran; er war ja sonst immer ein braver, gehorsamer Bub. Das Satansding
-hat ihn verhext. Sie müssen mir den Gefallen thun, Herr Pfarrer,
-und es kommen lassen und ihm gehörig die Leviten lesen über seine
-Schlechtigkeit und ihm in's Gewissen reden, daß es den Ernst aufgibt.
-Es kriegt ihn doch nicht, so gewiß ich Balzern heiße!«
-
-Ich entgegnete ihr hierauf mit ganzem Ernst, daß ich das durchaus nicht
-thun würde. Ueberhaupt bäte ich sie, von der Babette Heimerdinger
-mit mehr Achtung zu reden, denn diese verdiene es. Wenn die zwei
-jungen Leute ein Vorwurf träfe, so wäre es der, daß sie mit mehr
-Ueberlegung hätten zu Werk gehen, die Schwierigkeit der Verhältnisse
-bedenken und bei Zeiten die aufkeimende Neigung unterdrücken sollen.
-Sie hätten sich jedenfalls viel Kampf und Kummer erspart. Aber wer
-könnte solche Bedachtsamkeit von solcher Jugend erwarten? Nun sei es
-wahrscheinlich zu spät. Ich wolle sie zwar nicht hindern, das Ihrige
-zu thun, würde aber selbst ihr in Nichts die Hand reichen. Sie würde
-auch wahrscheinlich durch alle ihre Einwirkungen das Liebesfeuer nur
-noch stärker anblasen. Ich rieth ihr vielmehr, der Sache vor der Hand
-ihren Lauf zu lassen und nur ein wachsames Auge zu haben. Es könne
-sich ja noch ohne ihr Zuthun Alles anders gestalten. Sie solle auch ja
-nicht wähnen, das ihre Ansichten und Worte Gott besonders wohlgefällig
-wären. Ihr Geldstolz und ihr liebloses Urtheil seien vielmehr durchaus
-unchristlich.
-
-Die Balzerswäs war mit diesem Bescheid gar nicht einverstanden. Sie
-sagte zwar nichts mehr, aber sie ging mit so unbefriedigtem Gesicht
-hinweg, daß durchaus nichts Günstiges für die Liebenden darin zu lesen
-war.
-
-Der Brief, den ich leider sogleich wieder zurückgeben mußte, war etwa
-folgenden Inhalts, soweit ich mich auf mein Gedächtniß verlassen kann:
-
- Theurer Ernst!
-
- Vielgeliebter Schatz!
-
- Ich ergreife die Feder, um auf Deinen schönen Brief zu
- antworten. Ich muß mich recht schämen, wenn Du die Kratzfüße
- siehst und die vielen Fehler, die ich mache. Ach, Du bist
- so hochstudirt und kannst gar so gelehrt schreiben und ich
- bin doch gar zu dumm. Ich weiß gar nicht, wie Du nur an mir
- Gefallen finden kannst. Aber, Du herzlieber Bub Du, Du kannst
- einem so herzig sagen, daß Du einen gern hast, daß man gar
- nicht mehr zweifelt. Und ich glaube Dir auch gar zu gern. --
- Weißt Du auch, daß ich Dir recht böse war, daß Du fragst,
- ob ich Dich noch gern hätte und mir die andern Buben nicht
- besser gefielen. Siehst Du, ich wäre gar nicht mehr Babette
- und Du nicht Ernst, wenn ich aufhören könnte, Dich zu lieben.
- Ich meine immer, der liebe Gott hätte uns direkt für einander
- geschaffen und deswegen wären unsere Herzen so ineinander
- gewachsen, daß sie gar nicht auseinander gerissen werden
- könnten, in alle Ewigkeit nicht.
-
- Ach, wie war ich so traurig, als Du nun fortgingest nach J.!
- Ich glaubte, mein Herz würde mitten durchgeschnitten mit einem
- scharfen kalten Messer. Ich wäre auch damals gestorben, wenn
- Du nicht noch einmal gekommen wärst und hättest mir gelobt,
- Du wollest nicht von mir lassen, es müßte denn Gott uns
- auseinander reißen. Ich mußte in der letzten Zeit so Vieles
- denken. Und meine Gedanken waren so anders, als früher. Abends
- sitze ich oft in dem Hüttchen, weißt drunten unter dem alten
- Birnbaum an den Weiden am Bach, daß Du heimlich gemacht hattest
- und mit Moos gepolstert. Und Niemand hat es entdeckt. Aber wenn
- dann der Abendwind so durch den Wald hinrauscht und über das
- Gras fährt und die Unken rufen und die Eulen schreien, dann
- wird mir's so grausig und ich muß an's Sterben denken und daß
- es uns noch schlimm, recht schlimm gehen kann.
-
- Ach, Deine Mutter und Deine Brüder sind so stolz und mein
- Vater -- mein Vater hat sich noch gar nicht gebessert. Ich
- fürchte immer, wenn Du einmal Herr Lehrer bist, bin ich Dir
- auch zu gering und Du schämst Dich meiner. Es war doch viel
- besser und schöner, als wir noch Kinder waren, wenn wir uns
- dort im Hüttchen über Alles besprachen und Du immer die schönen
- Geschichten wußtest aus den Büchern, die Dir die Schullehrer
- gaben. Ich mußte immer die verwunschene Prinzessin sein und
- Du warst dann der Prinz, der die Zauberer und Ungeheuer todt
- machte. Ein andermal wolltest Du Dir ein Schloß kaufen und
- Ritter werden und dann mußte ich irgendwo gefangen sitzen und
- dann hast Du mich befreit. Dann dachten wir, es könnte auch
- Alles so werden und es wäre dann so schön, so schön! Und denkst
- Du noch an jenen Sonntagabend, an der Guntramseiche, als wir
- zurückgeblieben waren und alle Burschen und Mädchen waren schon
- fort, und wie Du mich bei der Hand nahmst und sagtest: »Du bist
- mein Schulschatz gewesen und bist jetzt mein Schatz, aber ich
- will's nicht machen, wie die Andern -- Du sollst auch meine
- Frau werden.« Und als ich Dir sagte: »das geht nicht, Deine
- Eltern leiden's nicht und Du kannst als Lehrer keine Holzdiebin
- heirathen;« da sagtest Du: »Du bist ja unschuldig, Deine Eltern
- zwingen Dich dazu, und meine Eltern müssen nachgeben. Ich lasse
- Dich nicht. Lieber werde ich gar kein Lehrer.« -- Damals habe
- ich Wochen lang geglaubt, ich wäre gar nicht mehr auf Erden,
- ich lebte im Himmel. -- Doch ich bin recht einfältig, daß ich
- lauter solche Dinge schreibe, die Du schon lange weißt. Ich
- muß Dir recht kindisch vorkommen. Aber siehst Du, ich muß
- immer an diese Zeiten denken. Und manchmal denke ich: es geht
- nicht, es kann gar nicht gehen. Und dann denke ich wieder,
- was Du für ein guter, treuer Mensch bist. Und dann bin ich so
- glücklich, so selig. Aber manchmal bin ich auch so traurig, so
- unglücklich, daß ich Dir's gar nicht sagen mag.
-
- Du wirst lachen über die Strümpfe, die ich Dir mitschicke. So
- ein Paar dicke Strümpfe mitten im Sommer. Aber ich denke, Du
- wirst ein Einsehens haben. Ich armes Mädchen habe ja Nichts und
- wollte doch Etwas mitschicken. Da habe ich die Wolle genommen,
- die mir meine Goth' vom Hauserhof zu Weihnachten geschenkt hat
- und habe sie Abends im Hüttchen gestrickt. -- Weißt Du auch
- schon, daß der alte Fink, der Seelenverkäufer, wieder im Dorfe
- ist. Es wundert mich nur, daß so einen schlechten Menschen
- das Meer nicht verschlingt. Er war in Californien und hat
- erstaunlich viel Geld mitgebracht. Und die Mädchen, die mit
- waren, haben alle seidene Kleider und goldene Ringe, wer weiß
- wie! Und sie tragen's alle Sonntage und schämen sich nicht.
-
- Ach, Du lieber himmlischer Gott, wenn doch meine Eltern nicht
- auf den Gedanken kommen, mich auch zu verschachern. -- Ich
- glaube, ich würde es nicht erleben.
-
- Schreibe bald einmal wieder. Es ist mir in letzter Zeit
- oft so ängstlich und so bang, als müßte bald ein Unglück
- geschehen. Nun Gott wird helfen! Ich grüße Dich und küsse Dich
- vieltausendmal, Du herzlieber Schatz.
-
- Deine Dich bis in den Tod liebende
-
- Babette Heimerdinger.
-
-
-
-
-III.
-
-Der alte Fink.
-
-
-Die Furcht Babettens vor dem alten Fink war durchaus nicht unbegründet.
-Es war nicht die eitle Besorgniß eines liebenden Herzens, das im
-Bewußtsein der Wandelbarkeit des Glücks Alles schwarz sieht. Sie kannte
-die Dorfverhältnisse, kannte ihre Eltern und kannte den alten Fink. Und
-ehe sie noch diese Unglück ahnenden Zeilen niederschrieb, hatte bereits
-der kundige Blick des alten Fink mit Wohlgefallen auf ihrer herrlichen
-Gestalt geruht. Und ehe Ernst erfuhr, daß der alte Fink da sei, war
-Babette schon für ihn verloren. Denn da hatte der alte Seelenverkäufer
-bereits den festen Entschluß gefaßt, daß sie um jeden Preis sein werden
-müsse für Californien und erwog schon die Mittel, die ihm zu Gebote
-ständen und war im Geheimen außerordentlich thätig.
-
-Um dieses jedoch recht zu verstehen, muß der Leser noch einen Blick
-in das Dorf thun. Einen Theil der Ortsbewohner hat er zwar schon
-kennen gelernt, aber nur den unwichtigeren, die Invaliden, die
-Ruinen. Die Landgänger, die dem Dorf seinen eigenthümlichen Charakter
-verleihen, kennt er noch nicht. Aber wenn er sie kennt, dann müßte
-kein deutsches Christenherz in seiner Brust schlagen, wenn es nicht
-überflösse vor Zorn und Ingrimm über diese Schmach und diese Schändung
-des deutschen Namens. Das Landgängerdorf liegt sonnig und anmuthig
-auf den nordwestlichen Abhängen des Taunus, mit einem weiten Ausblick
-bis in die Gegend von Gießen und Marburg. Rings ist es umgeben von
-einem grünen Kranz von Buchen- und Eichenwäldern, der sich gar
-lieblich ausnimmt zu den rothen Ziegeldächern und den schön bemalten
-Häusern, etwa wie ein grüner Brautkranz zu den erröthenden Wangen
-einer geschmückten Braut. Freilich ist es eine gewagte Sache, hier von
-Brautkranz zu reden, wo längst alle Bräutlichkeit und Jungfräulichkeit
-in wüstem, schändlichem Treiben untergegangen ist. Aber es hat ihn
-doch einst verdient und kann ihn vielleicht wieder verdienen. --
-Wer heutzutage kommt, um Land und Leute zu beobachten, der muß im
-Spätherbst oder Winter kommen. Erst wenn die Blätter fallen und die
-Schwalben heimwärts ziehn, kehrt auch der Landgänger heim. Im Sommer
-sind die meisten Häuser unbewohnt und Thüren und Läden geschlossen.
-Man trifft nur hier und da einen Ackersmann im Feld. Alles ist so
-still und leer, wie ausgestorben. In der Umgegend heißt es: »Nur die
-alten Weiber und Schulkinder sind daheim.« Erst wenn es draußen im
-Feld und Wald stille wird, wird es im Dorfe laut und lebendig. Hier
-rauscht ein rasselndes Tambourin, dort klagt eine einsame Violine; hier
-orgelt eine Harmonika die neuesten Lieder, dort übt sich ein ganzes
-Orchester. Dazwischen tönen dann die gellenden Stimmen keifernder
-Weiber, schreiender Kinder, das Fluchen der Männer, das Singen und
-Juchzen der Jugend. Die Männer sind meistens im Wirthshaus bei Karten,
-Würfeln und starken Getränken. Es ist, da ein wildes Lärmen und
-Gedränge, und englische und französische und ganz fremdtönende Flüche
-schallen durcheinander. ~Goddam~ und ~sacré Dieu~ heißt es herüber
-und hinüber; denn im Dorfe werden fast alle europäischen Sprachen
-gesprochen, vorzugsweise aber englisch und französisch. Mancher Junge
-und manches Mädchen müssen erst in Deutschland deutsch sprechen lernen.
-Aber auch die Weiber bleiben hier nicht im Hause. Kochen und alle
-weiblichen Handarbeiten sind ihnen ein Gräuel, dem sie sich nur im
-Nothfall unterwerfen. Man kann sie zu allen Tageszeiten in größeren
-und kleineren Gruppen schwatzend zusammenstehen sehen. Am liebsten
-sammeln sie sich jedoch zu Kaffee- und Theekränzchen, wo Mürbes und
-feines Gebäck geschmaust und sehr oft süßer Branntwein getrunken wird.
-Es sind meistens große, üppige Gestalten. Doch haben auch Viele ein
-gar krankes, armes Aussehen in Folge ihres Lasterlebens. Ihre Kleidung
-ist, wenn sie die übliche Landestracht abgelegt haben, oft sehr reich,
-aber geschmacklos und ungeordnet. Man merkt eben, daß sie auf dem
-Trödelmarkt gekauft oder durch Bettel zusammengebracht ist. Die Jungen
-wollen nicht hinter den Alten zurückbleiben. Darum versammeln sich auch
-Burschen und Mädchen, aber besonders in solchen Häusern, wo Niemand
-eine Autorität geltend machen kann und will und gar keine Aufsicht
-herrscht. Hier wird denn getanzt und gespielt. Auch fehlt es nicht an
-berauschenden Getränken. Und ungescheut und ungestraft geben sie sich
-allen möglichen Zügellosigkeiten hin.
-
-Um die zahlreichen Kinder kümmert sich Niemand. Die wälzen und balgen
-sich ungebändigt auf den Straßen umher -- ein hoffnungsvolles,
-heranwachsendes Geschlecht! So geht es den ganzen Winter in Saus und
-Braus. Da wird geschlachtet, gebacken, gesotten und gebraten; da wird
-getrunken, gesungen und getanzt, bis der Schnee schmilzt und der Boden
-aufthaut und die erste Lerche trillert. Dann ist keine Ruhe mehr unter
-dem Wandervölkchen. Dann verstummen die Gesänge und die Harmonika's.
-Und wenn der Kukuck schreit, und die erste Schwalbe kommt, ist Niemand
-mehr da von diesen Zugvögeln. Aber was treiben sie draußen? und wo ist
-der Schauplatz ihrer Thätigkeit? Ihre Thätigkeit lassen sie sich nicht
-gerne beschränken. Sie besuchen alle bekannten und zugänglichen Theile
-der Erde. Doch beehren sie am liebsten den Westen: England, Frankreich,
-Amerika, Californien. Indessen ist Australien auch recht beliebt unter
-ihnen. Der alte Fink hat sogar bereits China und Japan bereist.
-
-Ueber ihre Beschäftigung sprechen sie sich nicht gern aus. Doch ist man
-darüber durchaus nicht im Unklaren. Die Männer treiben hauptsächlich
-Handel und Musik. Die Kinder betteln. Weiber und Mädchen leben vom Tanz
-oder von noch schlimmeren Dingen. Damit soll nun nicht ausgeschlossen
-sein, daß nicht auch die Männer betteln und die Weiber nicht auch
-öfters hausiren gingen und Musik machten.
-
-Da wird bereits aller Sitte und Zucht Hohn gesprochen. Die
-Familienbande sind gelöst. Eheliche Liebe ist nicht da. Kindliche
-Pietät muß zu Grunde gehen. Die heiligsten Triebe werden geschändet
-und gemordet. Aber noch schändlicher -- weil hier die Bettelei und die
-Prostitution gewerbsmäßig betrieben wird -- ist die Seelenverkäuferei.
-Sie wird aber nur von den kühneren Naturen und solchen, die über ein
-Kapital zu verfügen haben und zwar auf eine doppelte Weise ausgeführt.
-
-Die unbedeutenden Art ist die, daß Kinder zum Betteln zusammengemiethet
-werden, wofür die Eltern sehr anständige Summen erhalten. Hierbei
-werden die Reisen nicht besonders weit ausgedehnt. Der Norden
-Deutschlands, Schweden und Rußland sind gewöhnlich die Zielpunkte der
-Unternehmung. Die Kinder werden natürlich zur Verstellung, zum Lügen
-und Stehlen professionsmäßig angelernt -- ein schöner Same für die
-Zukunft! Sie sind dabei vollständig in die Gewalt und Willkür roher
-gewissenloser Menschen gegeben und müssen Unsägliches erdulden. Jedes
-kann Gott danken, wenn es wohlbehalten die Heimat wieder erreicht.
-
-Von dem Raffinement und der Frechheit dieser Bettelfahrer nur ein
-Beispiel: Eine deutsche Prinzessin, in's russische Czarenhaus
-verheirathet, hatte einst besonderes Wohlgefallen an so einem
-blondlockigen rothbackigen Mädchen gefunden. Dieses Wohlgefallen
-aber mußte sie büßen, indem man ihr dafür die Verpflegungskosten
-einer langwierigen Krankheit und endlich das Geld zum Begräbniß
-abschwindelte. Und während die Prinzessin ihre Dukaten hergab und
-Thränen über die Leiden und den Tod ihres Liebling weinte, war derselbe
-frisch und gesund. Von größerer Bedeutung und Ausdehnung ist die andere
-Art von Seelenverkäuferei: das Miethen von +Tanzmädchen+, oder wie die
-Amerikaner sie nennen: +Hurdy-Gurdy's+. Es sind dabei reichlichere
-Auslagen und mehr List, Muth und Geschick nöthig. Es werden aber auch
-ganz enorme Summen verdient -- zwanzig- bis dreißigtausend Thaler haben
-Etliche schon nach wenigen Jahren mit heimgebracht. An Mädchen fehlt es
-nur selten. Denn auch vermögendere Bauern und Pächter geben ihre Kinder
-her und die Armen helfen sich dadurch aus ihren Schulden. Es handelt
-sich fast nur um den Preis. Die Mädchen wissen es nicht besser. Sie
-werden in die Seehäfen Nord- und Südamerika's, nach Australien, ganz
-vorzüglich aber nach Californien gebracht. In den dortigen Tanzhäusern
-dienen sie den spitzbübischen Wirthen und Dienstherren als Lockvögel,
-um den leichtsinnigen Matrosen, Goldgräbern und Bergleuten die vollen
-Taschen auszuleeren. Und aller Humbug der neuen Welt und alle Gaunerei
-der alten Welt wird dabei angewendet.
-
-Aus den Mädchen haben bald Mißhandlungen und hitzige Getränke die
-letzten Reste von Scham hinausgetrieben. Und die meisten dieser
-leichtfertigen Geschöpfe geben sich von ganzem Herzen dem zuchtlosen
-Leben hin. Es muß übrigens ein schmähliches Gewerbe sein, denn keine
-Nation der Erde -- auch die gesunkenste nicht -- liefert Contingent
-dazu. Die Hurdy-Gurdy sind nur Deutsche, nur Rheinländerinnen.
-
-Die Armuth war die Grundursache dieser auffallenden, aber entsetzlich
-traurigen Erscheinung und ist es zum Theil noch jetzt. -- Man hat sich
-gewöhnt, die Armuth von einer gewissen idyllischen Seite anzusehen.
-Wer sie aber so ansieht, den hat die Noth mit ihren hohlen Augen und
-hohlen Wangen noch nicht ernstlich angeblickt; dem hat der Hunger
-noch nicht in den Gedärmen gewühlt. Kein Brod und keine Arbeit -- ist
-schrecklich! Und der weise Salomo wußte recht gut, was er that, als
-er sich keine Armuth erbat. Vor hundert Jahren war noch Arbeit im
-Dorf: Bergmannsarbeit und Wollspinnen. Aber es kam eine Zeit, da war
-keine Arbeit mehr da. Und es war eine Zeit unbeschreiblichen Elends.
-Da machte sich ein Mann, kühner und energischer als die Andern, auf,
-um mit Fliegenwedeln, jenen bekannten, aus weichem Holz geschnitzten,
-faserigen kleinen Besen einen Handel zu treiben. Er brachte viel
-Geld heim. Und er zog weiter und weiter den Rhein hinab bis zu den
-Mynheers, wo man sein Deutsch nicht mehr verstand. Und wieder brachte
-er viel Geld heim. Plötzlich stand er als ein zweiter Columbus vor
-dem atlantischen Ocean, denn er war fest entschlossen, hinüber zu
-segeln und drüben war ihm lauter unbekanntes Land. Zuerst kam er nach
-England. Und John Ball bezahlte das unbekannte Fabrikat generös. Da
-war es, wie er heimkam, als hätte er das Goldland entdeckt. Und nun
-zogen seine Schwiegersöhne und deren Verwandte und Freunde mit. So
-ging es weiter und weiter. Erst gingen die Schwiegersöhne, dann das
-ganze Dorf und zuletzt die ganze Umgegend. Erst lernten sie die Straßen
-der großen Weltstädte kennen und die großen Häuser, dann die leichten
-Sitten und die Verderbniß, und zuletzt wurden sie so schlecht, wie der
-schlechteste Auswurf derselben. Erst handelten sie mit Fliegenwedeln,
-dann mit andern Waaren, dann kamen sie zur Musik und Bettelei, dann
-zur Prostitution und zuletzt zur Seelenverkäuferei. Und so kommen
-wir denn auch wieder auf den +alten Fink+. Er war durch den kühnen
-Unternehmungsgeist, mit dem er alle Schwierigkeiten, die diesem elenden
-Gewerbe entgegenstanden, leicht und schnell beseitigte und durch den
-Erfolg, der ihn bisher begleitet hatte, unstreitig das Haupt der
-Seelenverkäufer in der Gegend. Und als solcher genoß er bedeutendes
-Ansehen und Einfluß, statt Verachtung und Abscheu. Denn das Geld
-ist in diesen armen Walddörfern allmächtig. Aber was halfen ihm die
-Tausende von Dollars, die er heimbrachte? Ein reicher Mann ist er doch
-nie geworden. Es war kein Segen in dem Geld. Er hatte sich zwar einen
-Landsitz gekauft, ein schönes Haus und schöne Aecker, aber er hatte
-einen etwas nachlässigen Verwalter an seinem Schwiegersohne. Der ließ
-die Aecker brach liegen, wenn der Schwiegervater fort war und machte
-Schulden auf Schulden. Und wenn Niemand mehr borgte, verkaufte er das
-Vieh aus den Ställen und das Gras von den Wiesen. Wenn aber Alles fort
-war, was beweglich war, mußten die Oefen dran und die Fenster und die
-Stallthüren. Bei der Heimkehr des alten Fink sah es in der Regel am
-häuslichen Herd ziemlich unfreundlich aus und er mußte jedesmal tief
-in den Geldbeutel steigen, um Alles wieder einigermaßen in Ordnung zu
-bringen. Es setzte dann auch scharfe Auftritte ab. Einmal flog sogar
-dem Schwiegersohn eine Kugel hart am Kopfe vorbei und schlug in die
-Wand. Aber das nächste Mal war es doch wieder so. Ebenso brauchte aber
-auch der alte Fink für seine eigene Person schon ganz ansehnliche
-Summen. Er aß und trank gern gut, war sehr gesellig und spielte gern
-den großen Herrn. In seinem Hause hielt er offene Tafel. Im Wirthshause
-waren die, die an seinem Tische saßen, stets seine Gäste. Bei
-Kirchweihen und Märkten gingen Hunderte drauf. Als es ihm einmal eines
-Morgens an Gesellschaft fehlte und eine Anzahl Holzhauer vorübergingen,
-rief er diese herein, bezahlte Jedem einen Gulden Taglohn und
-bewirthete sie bis spät in die Nacht hinein. -- Diesmal war er zu
-seinem besonderen Malheur zur Sommerszeit heimgekehrt und hatte sich
-von einem heimischen Badeorte fesseln lassen, während Frau und Mädchen
-bereits nach Hause waren. Bald war er dem allgemeinen Strome zur
-Spielbank gefolgt. Er hatte anfangs viel Glück und lebte ein paar Tage
-herrlich und in Freuden. Aber auf einmal wandte sich das Spiel und er
-verlor Alles -- Alles, so daß er nicht einmal den Wirth bezahlen konnte
-und zu Fuß heim wandern mußte. Zu Hause wurde er nicht sehr aufmunternd
-von seiner Frau empfangen, die, von Geburt eine Schottin, als
-Geizdrache allgemein bekannt war. Sie hatte zwar schon bei Zeiten einen
-schönen Nothpfennig zurückgelegt, aber es war hart für den alten Fink,
-von ihrer Barmherzigkeit leben zu müssen. Er lebte bereits in zweiter
-Ehe. Seine erste Frau war auf eine schauerliche Weise in Australien
-um's Leben gekommen. Er war damals noch kein Seelenverkäufer. Aber
-er war immer unternehmend. So war er von Adelaide aus mit seiner Frau
-zu verschiedenen Malen unter die Eingebornen gegangen. Seine Frau
-hatte sich in einen phantastischen verlockenden Anzug gehüllt und
-trug ein Branntweinfäßchen auf dem Kopf. Er war dagegen mit Harmonika
-und Revolver bewaffnet. Wenn sie nun einen Lagerplatz der Eingebornen
-erreicht hatten, wurde der Branntwein ausgetheilt, und während sich
-dieselben berauschten, ließ er Lieder und Tänze erschallen und seine
-Frau sang, tanzte und machte allerhand Gaukeleien. Ihre Einnahmen waren
-außerordentlich, weil sie Goldkörner für den Branntwein erhielten.
-Aber als einmal der Golddurst erwacht war, waren sie hiermit nicht
-mehr zufrieden. Ihnen glänzten die Goldklumpen, die die Eingebornen
-in Nase und Ohren trugen, zu sehr. Sie thaten betäubende Dinge in den
-Branntwein, und als nun Alles berauscht und betäubt da lag, schnitten
-sie die Ohren- und Nasenzierden ab. Es gelang ihnen auch ein-, zweimal.
-Aber sie hatten dadurch die Eingebornen in Wuth gebracht, und als sie
-es zum dritten Mal versuchten, wurden sie überfallen und nur mit Mühe
-entkam er allein. Seine Frau blieb in den Händen der Kannibalen zurück.
-Den nächsten Tag fand er ihren furchtbar verstümmelten Leichnam. -- Die
-mit dem Blut seiner Frau erkauften Goldkörner wurden das Kapital zu
-seinem Seelenhandel.
-
-Sein Verhältniß zu dem Bürgermeister des Dorfes war fast zärtlicher
-Natur. Sie waren Schul- und Jugendfreunde. Eine Leidenschaft und ein
-Streben vereinigte sie. Wenn sie nicht Freunde waren, mußten sie
-Nebenbuhler sein, denn sie waren gleich groß im Trunk und Kartenspiel
-und in ihrer Begeisterung für das schöne Geschlecht. Dieses innige
-Band der Freundschaft hatte sich im Alter nicht gelöst, so wenig wie
-ihr Bestreben und ihre Begeisterung aufgehört hatte. Es war sogar noch
-inniger geworden, je mehr sie sich gegenseitig nöthig hatten. Der
-Bürgermeister brauchte Geld für seine kostspieligen Liebhabereien und
-der alte Fink brauchte obrigkeitlichen Schutz.
-
-Sie standen jetzt Beide in den Sechzigen und waren ein ausgesuchtes
-Paar. Der alte Fink, eine kurze gedrungene Gestalt mit einem Körper von
-Stahl. Denn alle Klimate der Erde und ein wüstes, ausschweifendes Leben
-hatten an ihm gerüttelt, aber er schritt noch so fest einher, wie ein
-Jüngling. Er glich in seinem Auftreten einem behäbigen, gemüthlichen
-Bürgersmann, und seit sein Haar schneeweiß war, hatte er sogar etwas
-Ehrwürdiges.
-
-Der Bürgermeister dagegen war ungewöhnlich lang und schwank und trug
-eine Nase im Gesicht von einer überraschenden Größe, Schwere und Röthe.
-Es war, als hätten sich alle Nasen seiner ungnädigen Vorgesetzten
-zu +einer+ Nase vereinigt und diese spielte nun in allen Farben des
-Regenbogens. Ueber dieser Urgroßmutter aller Nasen thronte eine Brille
-mit dicken, großen Gläsern, in der eigentlich der Zauber seiner
-bürgermeisterlichen Würde verborgen lag. Denn wenn er redete, schob er
-sie auf die Stirne und zog die Nase herunter. Auf diese Weise erhielt
-sein Gesicht eine Wichtigkeit, daß die hohen schnorrenden Nasentöne,
-die nun hervorkamen, ihre Wirkung nicht verfehlen konnten. Er war
-gewöhnlich schweigsam, denn so kostbare Waare, wie seine Worte, durfte
-nicht wohlfeil werden. Sein Gewissen lag in einem Branntweinsglas
-und kam nur dann wieder zum Vorschein, wenn man nicht frischen
-Branntwein darüber goß. Er war von Morgens bis Abends im Wirthshaus --
-wahrscheinlich um Ordnung zu halten; machte auch dort seine Geschäfte
-ab. So sagte man in der Umgegend: Wer den Bürgermeister von F. sehen
-will, muß ihn durch ein Schnapsglas betrachten.
-
-Im Winter war eigentlich seine fette Zeit; im Sommer lag er oft brach
-und mußte sich mit Holzfuhrknechten, mit Scheerenschleifern und
-allerhand Gesindel, was gewöhnlich auf der Grenze umherspukte, begnügen.
-
-Wenn wir übrigens das Rathen und Thaten dieser zwei Helden näher
-betrachten wollen, müssen auch wir sie im Wirthshaus aufsuchen.
-
-
-
-
-IV.
-
-Im Wirthshaus.
-
-
-Als ich mich der Theologie widmete, dachte ich auch nicht, daß ich
-bald nach meinem Amtsantritt den Kochlöffel in die Hand nehmen müßte
-und daß mein nächstes Studium -- »Henriette Davidis« sein würde. Aber
-es war so. Mein Kosthaus wurde mir aufgekündigt; ein anderes Haus,
-wo man mit Appetit essen konnte, war nicht da; einen Koch zu halten,
-erlaubte meine Besoldung nicht; verheirathet war ich nicht. Es blieb
-mir also, wenn ich warme Speisen haben wollte, nichts Anderes übrig,
-als selbst zu kochen. Freilich kostete es einige Ueberwindung und
-Bedenken. Aber ich dachte: das Kochen wird wohl auch keine Hexerei
-sein und machte mich frisch an's Werk. Und siehe da! -- es ging. Es
-kamen natürlich vorerst eine Menge Fehlversuche vor. Da war es denn
-gut, daß ich meinen alten, treuen +Anton Scheppler+ hatte. Der aß die
-mißglückten Produkte meiner Kochkunst mit einer Selbstverleugnung
-und einem Appetit, der wohl besserer Leckerbissen werth gewesen wäre.
-Im Augenblick bildete er mein ganzes Dienstpersonal. Er war meine
-Magd, mein Kammerdiener und mein Auslaufejunge. Doch theilte ich seine
-Thätigkeit mit der Kirche und der Gemeinde. Denn er bekleidete noch
-das Amt eines Küsters, eines Ortsdieners und eines Nachtwächters.
-Wenn er außerdem noch einen Verdienst bekommen konnte, nahm er den
-auch noch mit. Denn er hatte allein die Obliegenheit, eine ziemlich
-starke Familie zu ernähren. Seine Frau sagte: wenn sie arbeiten
-wollte, hätte sie ihn nicht genommen; da hätte sie auch daheim bleiben
-können, da hätten sie Arbeit genug gehabt. Sie war eigentlich schon
-sein zweiter Heirathsversuch. Sein erstes Ehegespons, die schön und
-sauber war, »daß man sie auf jeden Markt führen konnte«, wie er sich
-ausdrückte, war ihm bei einem Ausflug nach England mit einem Riesen,
-den man in einem Marktflecken für Geld zeigte, durchgebrannt. Mit der
-zweiten ging es auch nicht recht. Er hatte Unglück mit den Weibern,
-der gute Anton. Aber die Liebe, die er zu seinen Kindern zeigte, seine
-Ehrlichkeit und Anhänglichkeit machten ihn mir wirklich theuer. Auch
-besaß er ein ganz ungewöhnliches Erzählertalent, womit er mir schon
-manchen Abend erheitert hatte. So saß er wieder einige Tage nach den
-schon erzählten Auftritten eines Abends bei mir und kaute mit beiden
-Backen an einem Kalbsragout, was ich des Morgens etwas zu steif gekocht
-hatte. Ich hatte, scheint es, ein wenig zu viel Mehl daran gethan, denn
-es wurde allmählich so dick, daß ich es nur mit Mühe aus dem Topfe
-herausbrachte. Ich hatte ihm in der Angst, es könnten Stickanfälle
-vorkommen, ein Glas Dünnbier dabeigestellt. Aber es erwies sich als
-vollständig unnöthig, denn er schnalzte und schmatzte so nachdrücklich,
-daß ich alle Minuten glaubte, er würde mich um das Rezept von dem
-kostbaren Ragout angehen. Das Bier sparte er sich auf zu der Pfeife,
-die er sich jetzt stopfen durfte. Und nachdem diese brannte und er
-einen herzhaften Schluck genommen hatte, sagte er: »Herr Pfarrer, wenn
-der Babette Heimerdinger Gefahr drohete, würden Sie Etwas für sie thun?«
-
-»Ich würde alle Kräfte aufbieten, sie zu retten,« antwortete ich. »So
-denke ich auch. Weiß Gott, ich habe an dem Mädchen einen wahren Narren
-gefressen. Sie ist die Schönste und die Beste im Ort. Sie ist hülfreich
-und tugendhaft. Wenn ich in ihr Gesicht sehe, dann ist mir es, als
-wenn die Sonne aufging. Und wenn sie mir Morgens begegnet und sagt so
-freundlich: »Guten Morgen, Anton«, dann, meine ich, könnte mir den
-ganzen Tag kein Unglück passiren.«
-
-»Wenn das Eure Frau wüßte, Anton!« »Das darf sie wissen. Darin ist
-sie mit mir einig. Sie sagt oft selbst: Das ist ein Goldmädchen;
-dem wünschte ich einmal einen ordentlichen Mann und keinen solchen
-Dreidrath. Damit meint sie mich.«
-
-»Das merke ich«, sagte ich lachend.
-
-»Sie ist so gut auf die Babette zu sprechen, weil sie nie an unsern
-Kindern vorbeigeht, ohne sie zu streicheln und ihnen Etwas zu schenken,
-oder das kleinste auf den Arm zu nehmen und zu küssen. Es wäre mir
-leid, wenn der alte Fink das Mädchen bekäme.«
-
-»Ist denn Etwas im Gang?« fragte ich ganz erschrocken.
-
-»Ei freilich. -- Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich will nicht besser
-scheinen als ich bin. Ich war auch draußen im Land und habe an zehn
-Jahre lang die Orgel gedreht. Aber mit den Mädchen, das ist einmal
-unrecht. Sie wollen es zwar Alle nicht gesagt haben, aber hier darf ich
-es sagen. Und es ginge mir ein Stück vom Herzen weg, wenn die Babette
-auch so eine verdorbene Person geben sollte.«
-
-»Was ist denn eigentlich geschehen? So redet denn doch einmal.«
-
-»Etwas ganz Besonderes ist es nicht. -- Die Wirthsleut' mußten heut
-all' in's Feld, drum sagte die Annelies zu mir: Anton, sagte sie, der
-Schnapskrug steht auf dem Schrank und das Bierfäßchen liegt angesteckt
-im Keller. Wenn Jemand kommt, dann gib ihm, nur dem Förster Köhler
-nicht; der borgt alle Welt aus und bezahlt nicht. Ich sagte: Schon gut.
-Ich that's ja nicht zum ersten Mal.
-
-Es war des Morgens schon früh heiß und ich setzte mich unter den
-Lindenbaum vor dem Haus in den kühlen Schatten. In der Wirthsstube
-waren der alte Fink und der Bürgermeister gar eifrig im Gespräch, und
-von Zeit zu Zeit riefen sie mich hinein, daß ich die Schnapsgläser
-wieder füllte. Das Fenster stand auf und ich konnte jedes Wort
-verstehen, ohne daß ich horchte.
-
-»Kommt der Heimerdinger?« fragte der alte Fink.
-
-»Er kommt!« antwortete der Bürgermeister und lachte selbstgefällig
-dazu. -- »Hast ihn bestellt?«
-
-»Nein, aber du wirst sehen: er kommt. Zehn Pferde hielten ihn heut
-nicht aus dem Wirthshaus.«
-
-»Nun, so sprich, alter Sünder! Brauchst bei mir nicht so wichtig zu
-thun mit deiner Klugheit -- wir kennen uns.«
-
-»Es ist ja weiter nichts. Ich habe ihm nur heute früh im Vorbeigehen
-gesagt, Du hättest die Schuldverschreibung von seinem Haus und
-wolltest sie aufkündigen. Den Schrecken und den Brast, den ihm das
-macht, kann er nicht ohne Schnaps bewältigen. Wirst sehen. Aber hast Du
-auch die Verschreibung?«
-
-»Freilich habe ich sie und theuer genug. Das Lumpenpapier kostet mich
-fünfhundert Gulden. Du hast Dich auch einmal wieder verrechnet mit
-dem »Krämerheimbuk«, -- alter Schlaukopf. Der ist so gescheut wie ein
-Mensch. Als ich so zu flankiren anfing und von der Schuld sprach, die
-der Heimerdinger bei mir hätte und wie mir es lieb wäre, wenn ich Alles
-beisammen hätte, damit ich ihm besser zu Leib rücken könnte, wußte er
-gar nicht, was ihn das anging. Und als ich ihm geradezu sagte, ich
-wüßte, daß der Heimerdinger ihm sein Haus verschrieben habe, gab er
-lauter ausweichende Antworten. Und je mehr ich drängte, desto zäher
-wurde er. Endlich als ich zornig ward und fortging und die Thür hinter
-mir zuwarf, daß das Haus zitterte, ward er manierlich. Er rief mich
-zurück und wir wurden handelseinig. Aber ich mußte dem Halunken die
-rückständigen Zinsen und noch fünfzig Gulden extra bezahlen. Der
-Heimerdinger will auch noch etwas Baar in die Finger haben. Das Mädchen
-kostet mich sechshundert Gulden, so gut wie einen Kreuzer. Was machte
-meine »Alte« Augen, als sie so viel herausrücken mußte! Ich habe auch
-mein Lebtag noch nie soviel gegeben. Die »Anne-Mile« war die theuerste
-und die kostete vierhundert Gulden. Mit dem Heimerdinger hätte es alle
-die Umstände nicht gebraucht, aber die Frau, die Frau! Die ist nicht
-anders zu ködern. Aber das Haus läßt sie nicht, denn sie ist merkwürdig
-stolz.«
-
-»Baue nicht zu sicher d'rauf, sagte der Bürgermeister. Es sind Weiber.
-Und die Babett bringst Du gar nicht in Rechnung.«
-
-»Ein Gewitter soll Dich und Alle verzehren«, schrie da der alte Fink,
-»wenn der Anschlag mißlingt und ich die Babett nicht bekomme. Ich muß
-sie haben und wenn ich einen Mord thun müßte! Du weißt, wie es mit mir
-steht. Ich muß Geld haben, sonst bin ich verloren. Ich spüre auch schon
-das Alter in den Knochen. Es wird meine letzte Reise sein und da will
-ich Etwas für meine alten Tage haben. Zehntausend Dollars muß sie mir
-wenigstens einbringen.«
-
-»Bist Du denn der anderen sicher?«
-
-»Die habe ich sicher und schon bezahlt.«
-
-Ueberdem trat Heimerdinger in die Stube. Er grüßte kleinlaut und setzte
-sich an einen Tisch, den ich von außen recht gut überschauen konnte.
-Die zwei Anderen belauerten ihn wie zwei Raubthiere, stellten sich
-aber, als kümmerten sie sich gar nicht um ihn.
-
-Er that einen tiefen Zug Schnaps aus dem Glas, das ich ihm hingestellt
-hatte. Dann aber, als hätte er Gift getrunken, stieß er das Glas so
-heftig auf den Tisch, daß es fast ganz verschüttet ging und auf dem
-ganzen Tisch herumlief.
-
-Es war still im Zimmer, aber es war keine wohlthuende Stille. Mir war
-so unheimlich, wie wenn schwere Gewitterwolken am Himmel hängen und
-kein Blatt sich regt in der schwülen Luft.
-
-Heimerdinger stierte auf den Tisch. Dort war eine Mücke, frecher wie
-die andern, dem auf dem Tische liegenden Branntwein nahe gekommen. Aber
-der starke Duft hatte sie betäubt. Sie war hineingefallen. Ihre Flügel
-wurden naß, und nur mit Mühe schleppte sie sich eine Weile weiter.
-Endlich ganz betäubt und ermüdet sank sie hin und ersoff. Heimerdinger
-hatte mit großer Aufmerksamkeit und Aufregung zugesehen. Jetzt sprang
-er auf, schlug sich wider die Stirn und rief, als wenn er unsinnig
-geworden wäre: »Mein Bild -- mein Bild! -- Verflucht will ich sein,
-wenn noch einmal so ein gottverdammtes Glas an meine Lippen kommt.«
-
-»Man meint, Du wolltest schon in aller Frühe eine Comödie aufführen.
-Bist und bleibst der lustige Heimerdinger«, sagte der alte Fink so kalt
-und spöttisch, daß ich ordentlich grimmig wurde über ihn.
-
-Heimerdinger fuhr auf, als erwachte er aus einem wüsten Traum. Einen
-Augenblick starrte er auf die Beiden, dann sank er auf seinen Stuhl
-zusammen wie ein zugeklapptes Taschenmesser.
-
-Nach einer Weile unterbrach wieder der alte Fink das Stillschweigen:
-»Heimerdinger, Du bist ein Esel!« rief er mit seiner tiefen und starken
-Stimme, daß es ordentlich schallte. Dem aber schoß auf einmal alles
-Blut in's Gesicht. Ganz rasend sprang er auf und faßte den alten Fink
-an der Gurgel, aber der baumstarke Fink drückte ihn zusammen, wie ein
-Kind, schüttelte den vor Wuth Zitternden und schrie: »Ruhig, sage ich,
-ruhig!« Dann schob er ihm sein Glas zu und sagte: »Da trink! -- Und
-nun sage ich noch einmal: Du bist ein Esel, weil Du Dir helfen kannst
-und thust es nicht! Bist Du denn noch der alte, fidele Heimerdinger?
-Ich kenne Dich nicht wieder. Ich dachte, wenn es Einer im Dorfe leicht
-nimmt, daß Alles d'rauf geht, so ist es gewiß der Heimerdinger. Jetzt
-thust Du aber gerade, als wäre es mit Dir Mathäi am Letzten. Lustig,
-sag' ich, immer lustig! So trink doch, Du Schwerenöther! Und wenn Du
-kein Geld hast und der Wirth nicht mehr borgt, so hast Du noch gute
-Freunde. Hier hast Du ein paar Thaler.«
-
-Heimerdinger war wieder in seinen Trübsinn verfallen. Er hatte das
-Schnapsglas nicht angerührt, obgleich er den Blick nicht von ihm
-wenden konnte. Als ihm aber der alte Fink die Thaler aus seinem Beutel
-hinschüttete, hatte er plötzlich aufgeschaut und ihn mit großen Augen
-angesehen. Er nahm jeden Thaler in die Hand und wog ihn. Es war, als
-wolle er es nehmen. Plötzlich schob er es aber wieder zurück und
-sagte: »Glaubst Du, ich wüßte nicht, wo Du hinauswillst, warum Du die
-Verschreibung an Dich gebracht hast und nun das Geld einforderst? Du
-willst meine Babett. Aber die ist viel zu gut für Deine versoffenen
-Matrosen und Deine californischen Goldgräber. Ich verkaufe mein
-frommes, schönes Kind nicht. Ich kann nicht, wenn ich auch wollte.
-Behalte Dein Blutgeld; ich bin kein Judas.«
-
-»Himmelsakramenter!« schrie der alte Fink, fast blau im Gesicht
-vor Zorn. »Du miserabler Hund, Du Lump! hast Weib und Kind an den
-Bettelstab gebracht und willst mir so etwas bieten.« Dabei nahm er
-einen Stuhl und stieß ihn auf den Boden, daß die Splitter in alle
-Ecken flogen. Mit diesem furchtbaren Ausdruck seines Zornes schien
-sich derselbe auch schon wieder verkühlt zu haben und nur noch wie
-nachrollender Donner hieß es: »Ei, Dich soll ein Gewitter verschlagen,
-Du verfluchter Lump!«
-
-»Anton,« rief mir der Bürgermeister, »schenk' einmal ein. Mach' auch
-dem Heimerdinger sein Glas voll und stell es hierher auf unsern Tisch.
-Und Du, Heimerdinger, setz Dich hier auf den Stuhl zu uns! Hörst Du?
-Nun, willst Du gehorchen? So. Und nun trinkst Du mit uns. Willst nicht?
-Bist Du etwa zu vornehm geworden? Auf Deine Gesundheit, Heimerdinger!
-So, das war einmal ein herzhafter Zug!«
-
-Heimerdinger hat auf +einen+ Zug sein Glas ausgeleert.
-
-»Anton,« sagte jetzt der Bürgermeister zu mir, »kannst den Krug hier
-stehen lassen. Auf meinem Pult daheim ist Allerhand zum Ausschellen
-zurechtgelegt. Das kannst Du jetzt thun.«
-
-Ich merkte, daß der Bürgermeister den Karren, den der alte Fink in
-seiner Hitze verfahren, wieder in das rechte Geleise bringen wollte und
-gab dem Heimerdinger einen heimlichen Rippenstoß, er solle mitgehen.
-Er hat mich auch verstanden. Ich habe es ihm angesehen. Er wollte auch
-mitgehen, aber er konnte nicht. Der Schnapskrug hielt ihn fest. Ich
-habe einmal gehört von der Klapperschlange, daß die die Vögel bannen
-könnte mit ihrem Blick, daß sie nicht fortkönnten, wenn sie auch
-wollten. Wie so ein Vogel saß auch der Heimerdinger da. Er wußte, daß
-ihm der Hals zugeschnürt würde, aber der Schnapskrug hielt ihn fest.
-Als ich ihn heute Abend aus dem Wirthshaus taumeln sah, da wußte ich,
-er war doch ein Judas geworden und hatte seine Tochter verkauft.
-
-Herr Pfarrer, wenn Sie etwas thun wollen und thun können, thun Sie es
-schnell. Doch ich muß zehn blasen gehn.«
-
-
-
-
-V.
-
-An der Guntramseiche.
-
-
-Der Sattler Guntram von Friedberg hatte sein nährendes Handwerk
-aufgegeben, weil er reich genug war und war ein gewaltiger Nimrod
-geworden zum großen Aerger aller Hasen und Füchse in den nahen
-Waldgebirgen, die durch das fortwährende Knallen seiner Flinte auf
-ihren einsamen Streifereien und Vergnügungen jetzt immerfort gestört
-wurden. Zu seinem besonderen Glück gab es damals in Deutschland keine
-Auerochsen und Bären mehr. Die hätten sich vielleicht nicht so lange
-ärgern lassen. Er war ein seltsamer Jäger; kurze Beine, kurzen Athem
-und kurzen Blick, und im Grunde hatten die Hasen und Füchse gar wenig
-Respekt vor seinem dicken Bauch und seinen dicken Brillengläsern. Aber
-wenn er Abends heimkam vom Anstand, da wußte er beim Glase Apfelwein
-und langer Pfeife so grausige Geschichten zu erzählen, daß die Andern
-nur mit offenem Munde und stehendem Haare zuhören konnten.
-
-Doch die böse Welt wagte in letzter Zeit auch seine stille Größe
-anzutasten. Man sagte, das viele Wild, was er heimbrächte, kaufe er
-alles beim Förster in Cransberg. Und selbst in seinem Apfelweinklub,
-wo man ihm stets die aufrichtigste Bewunderung gezollt hatte und
-keinen Augenblick an seiner Fertigkeit zweifelte, drangen gelinde
-Bedenken ein. Zuerst waren Etliche so kühn, bei den Kraftstellen seiner
-Erzählung ein feines Lächeln sehen zu lassen. Dann widersprach man ihm
-sogar. Zuletzt utzte und hänselte man ihn ungescheut. »Ehre verloren,
-Alles verloren,« sagte Meister Guntram zu sich. »Heute gehe ich nicht
-heim, bis ich etwas geschossen habe.« -- Da hatte der Cransberger
-Förster zu ihm gesagt: »Wenn Sie ein Reh schießen wollen, dürfen Sie
-nicht warten, bis Sie es sehen. Wann es im Gebüsche raschelt, wann Sie
-den Schatten sehen, dann drauf los.«
-
-Und horch! Raschelt es jetzt nicht im Gebüsch, fällt jetzt nicht ein
-Schatten auf die Wiese? Er schießt los. Aber klang das nicht wie
-menschlicher Schrei? Er läuft hin. Aber da liegt ja auch kein Rehbock.
-Da liegt die alte Krexline, die sich dürren Reisig sammeln wollte für
-ihren Kaffee. Sie verwendet noch einmal die Augen, macht eine Faust
-und ist mausetodt. -- Meister Guntram weiß nicht, wie er heimgekommen
-ist. Ist auch nimmer auf die Jagd und zum Apfelwein gegangen. Aber dort
-an der Eiche, wo die Krexline erschossen lag, mitten im dichten Wald,
-wo die prächtigen Waldwiesen liegen und das Sauerbrünnlein quillt, hat
-er sich eine Bank gepolstert aus Rasen und Moos und hat oft da gesessen
-und heiße Thränen geweint. Jetzt ist er längst gestorben und begraben,
-aber das Voll nennt es dort noch immer »+an der Guntramseiche+«.
-
-An der Guntramseiche war der Tummelplatz der Jugend an den
-Sonntagnachmittagen zum lustigen Tanzen, Spielen und Singen. Dagegen
-an den Werktagen war es still dort und einsam. Und in der lieblichen
-Waldeinsamkeit habe ich gar manchmal gesessen, in mein Buch vertieft
-und mein Pfeifchen schmauchend.
-
-So war ich wieder einmal hinausgewandert. Ich suchte die herrliche
-Kühle und einen frischen Trunk ans dem Sauerborn, denn das Thermometer
-zeigte im Schatten 25 Grad Réaumur. Aber siehe, mein Plätzchen war
-bereits besetzt. Es saß auf der Moosbank die Enkelin der alten
-Krexline, Babette Heimerdinger. Ich hatte sie schon von Weitem erkannt.
-Doch als ich nun näher trat, erschrak ich heftig bei ihrem Anblick.
-Bleich wie der Tod war ihr Antlitz, aus dem sonst das frische, gesunde
-Leben lachte; die sinnigen, blauen Augen blickten starr und glanzlos in
-das Weite; das blonde, reiche Haar ringelte sich in wilder Unordnung
-um ihre Schultern; die kräftigen Arme ruheten wie gelähmt in ihrem
-Schoos. Es war die Erscheinung einer an Leib und Seele Gebrochenen, die
-abgestorben ist für die Außendinge. So klang auch ihre Stimme eintönig
-und hohl. So war auch ihre Rede fast die einer Geistesabwesenden.
-
-Ich dachte nicht, daß sie mich bemerkt hätte, denn sie war in ihrer
-halbliegenden Stellung verblieben und hatte keinen Zug in ihrem
-Gesichte verändert; aber plötzlich redete sie mich an:
-
-»Es ist gut, daß Sie kommen. Ich habe gebetet, daß Sie kommen möchten.
-Es mußte Jemand kommen, sonst wäre ich verzweifelt.« Sie schwieg
-hierauf eine Weile, dann begann sie wieder: »Ich bin arm -- arm --
-entsetzlich arm. Ich habe Niemand -- Nichts mehr in der Welt. Alles
-ist todt -- leer -- fort. Ich habe keine Eltern mehr, nicht Vater --
-nicht Mutter, keine Heimat -- keine Liebe. Alles -- Alles ist fort.
-Das Haus ist schuld -- der Fink, der Erzbösewicht!« -- Hier war wieder
-eine Pause, dann rief sie: »Ernst! Du lieber, lieber Bub! -- Dich
-haben sie mir genommen! Wir sind geschieden auf immer und ewig! Sie
-beschmutzen und besudeln mich! Ernst!« schrie sie laut auf und immer
-lauter -- »Ernst! Ernst!« Zuletzt war sie aufgesprungen, mit den Händen
-in der Luft umhergefahren, war eine Weile hin und her geschwankt und
-dann leblos auf den Rasen hingesunken. Man kann mir glauben, daß ich
-tüchtig erschrak. Ich glaubte anfangs, sie wäre todt. Und da ich gar
-nicht wußte, was ich beginnen sollte und auch weit und breit Niemand
-entdecken konnte, rief ich um Hülfe. Aber Niemand antwortete. Da
-fiel mir erst ein, daß sie ohnmächtig sein könnte. Ich eilte rasch
-mit meinem Glase an den Sauerborn und besprengte sie tüchtig mit
-Wasser. Aber es half Nichts. Ich wiederholte das Manöver. Da endlich,
-nachdem ich schon zu verzweifeln begann, schlug sie die Augen auf
-und kam nach und nach zu sich. Ich sagte: »Gott sei Dank!« Sie aber
-war ganz verwundert. Endlich begann sie sich über ihre Lage klar zu
-werden und brach nun in einen Strom von Thränen aus, der allmählich in
-krampfhaftes Schluchzen überging. Da ich dieses für sehr wohlthätig
-erachtete, ließ ich sie ruhig gewähren. Und als sie sich herzlich satt
-geweint hatte, begann sie von selbst gleichsam zur Rechtfertigung der
-Scene, die ich eben angesehen hatte, ihre Erzählung: »Wenn Sie Alles
-wissen, Herr Pfarrer, werden Sie nicht erstaunen, daß mir schwach
-geworden ist. Ich habe es schon lange kommen sehen. Seit etlichen
-Tagen aber wußte ich es ganz gewiß, daß Etwas wegen mir im Werk war.
-Denn mein Vater saß nicht umsonst die Tage her so oft und so lange mit
-dem Bürgermeister und dem alten Fink im Wirthshaus und hatte nicht
-umsonst mit meiner Mutter so viel heimlich zu verkehren. Dazu kommt
-noch vorgestern Abend Försters Anna zu mir geschlichen und sagt: »Weißt
-Du auch etwas Neues? Wir sind veraccordirt: ich, Du, Fuchse Greth,
-Schulheimbuk's Lisbeth, Zimmers Dine und Treppe Dorth. In drei Wochen
-geht es nach Californien. Sie freuen sich schon Alle über den Staat und
-die Herrlichkeit. -- Die schlechten Dinger! An das Andere denken sie
-nicht. Ich habe mir schon fast die Augen aus dem Kopf geheult. Doch,
-ich muß heim. Verrath' nichts, sonst bin ich verloren!« Damit war sie
-auch schon fort. Ich aber war ganz starr vor Schrecken, daß ich gar
-nichts sagen konnte. Doch war ich bald wieder ruhig, denn ich mußte
-immer denken: Deine Mutter hilft Dir! Deine Mutter läßt es nimmer zu.
-Sie hätte es auch nicht zugelassen und hätte es bei meinem Vater auch
-durchgesetzt; denn so nachgiebig sie sonst gegen ihn ist; was uns
-Kinder angeht, hat sie immer ihren Willen behauptet. Aber sie hatten es
-zu pfiffig angefangen. Sie wollten ihr das Haus nehmen -- ihr letztes
-Eigenthum -- und das läßt sie sich nicht nehmen. Dazu ist sie viel zu
-stolz. Ach, die Zwei: der Bürgermeister und der alte Fink -- das sind
-zwei Bösewichte, so schlecht und schlau! Die kennt Niemand aus. Früher
-hatten wir als allerhand Waaren beim Krämerheimbuk geborgt und der
-Vater hat auch noch als baar Geld bei ihm gelehnt. Auf einmal waren es
-dreihundert Gulden und wir wußten gar nicht, wie sie zusammengekommen
-waren. Aber sie waren da. Der Krämerheimbuk hat es uns vorgerechnet
-bis auf den letzten Pfennig. Und es wäre schon damals Alles zur
-Versteigerung gekommen, wenn wir ihm nicht das Haus verschrieben und
-sich meines Vaters Bruder für uns verbürgt hätte. Jetzt hat der alte
-Fink dem Krämerheimbuk die Schuldforderung abgekauft. Und der will
-nun entweder mich oder das Haus. Auf etwas Anderes will er sich nicht
-einlassen. Das Alles habe ich nicht so gewußt. Gestern Abend hat es mir
-meine Mutter erst gesagt und dabei bemerkt: »Du wirst Dich doch wohl
-fügen müssen.« Ach, ich bin gar so sehr erschrocken, als ich erfuhr,
-daß wir in der Gewalt des schrecklichen Menschen wären und meine Mutter
-ihm beistimmte.
-
-»Lieb Mutterchen,« habe ich gesagt, »Du wirst es nicht thun! Nicht
-wahr, Du hast mich lieber als das Haus? Du weißt, ich wäre verloren
-hier und dort, wenn Du mich diesem Manne übergibst. Ebensogut könntest
-Du mich, Dein eigen Fleisch und Blut, mit diesen Deinen Händen in die
-Hölle hineinstoßen, wie Du mich zu Schmach und Verbrechen verkaufst?«
-Da wurde sie feuerroth im Gesicht und ich dachte schon, ich hätte
-gewonnen Spiel, da meine Worte solchen Eindruck machten. Aber es kam
-anders. Sie sagte: »Wie redest Du doch, mein Kind? Wo nimmst Du nur die
-Worte her, die einen ja ordentlich ergreifen? Doch, denke ja nicht,
-daß Du mich erschüttern könntest. Du kennst mich einfach nicht, sonst
-würdest Du Dich gar nicht mühen. Mein Herz ist todt und leer. Sie haben
-es draußen getödtet. Ich weiß von keinem Erbarmen, denn man hat kein
-Erbarmen mit mir gehabt. Sieh' ich habe Dich lieb, wie meine eigene
-Jugend, denn Du bist das Bild derselben. Ich hätte Dir auch gern die
-Leiden und Kämpfe erspart, die ich durchzumachen hatte. Aber es sollte
-nicht sein. Und wer kann seinem Schicksal entfliehen? Es ist so, wie
-ich es schon oft gedacht habe. Die Tugend ist recht schön, aber sie
-ist einmal für uns arme Leute nicht. Ich habe es nicht anders gefunden
-in der weiten Welt. Wo Armuth war, war auch Schlechtigkeit, Laster und
-Verbrechen. Es herrscht wohl auch viel Verdorbenheit unter den Reichen
-und Wohlhabenden. Aber es gibt immer noch Brave und Gute. Dagegen der
-Arme kämpft vergebens gegen sein Schicksal. Man glaubt gar nicht an
-seine Tugend. Wir heißen nur Spitzbuben, Strauchdiebe, Vagabonden,
-feile Dirnen, Bettelpack und Lumpengesindel. Und weil man einem alles
-Schlechte zutraut, so muß man auch schlecht werden.
-
-Doch ich muß Dich einmal einen Blick in mein Leben thun lassen. Du
-sollst erfahren, was ich noch keinem Menschen gesagt habe.
-
-Ich war ein junges, unschuldiges Ding und schön -- wie alle Leute
-sagten -- da hat mich auch Einer mitgenommen nach Amerika. Es ist
-schwer, wenn man so allein und schutzlos ist, sich der Frechheit
-der wilden Männer zu erwehren, aber ich wehrte mich. Eines Tages
-verfolgten mich zwei: ein Irländer und ein Italiener, die Haupthelden
-unseres Tanzlokals, auf die Straße. Ich jagte flüchtigen Fußes durch
-die Straßen von New-York. Aber die Beiden mir ständig nach, wie zwei
-wilde Bestien. Es war schon Alles öde und vereinsamt und nirgends Hülfe
-zu erwarten. Meine Kräfte fingen an nachzulassen. Noch einen Augenblick
-und ich war rettunglos in ihrer Gewalt. Schon streckten sie ihre Arme
-nach mir aus, da schrie ich Hülfe! Hülfe! so laut ich konnte. Und noch
-schrie ich -- da kam es plötzlich wie eine Windsbraut über die beiden
-Kerle. Der eine flog in diese -- der andere in jene Ecke der Straße.
-Ein Jüngling, hoch und gewaltig, war plötzlich zwischen sie getreten
-mit dem Rufe: »Weg, ihr amerikanischen Schurken! Ein deutsches Mädchen
-schreit um Hülfe!«
-
-Nie werde ich seinen Anblick und seine Worte vergessen. Es war
-eine große, kräftige Gestalt mit langen, blonden Locken und
-blauen, blitzenden Augen und einem Gesicht, so fein, wie ein
-Mädchenangesicht. Er hatte mich an seinen Arm genommen und nun stand
-er da, hochaufgerichtet, mit einem einfachen Stock bewaffnet, um seine
-Gegner zu empfangen. Denn diese hatten ihre Messer gezogen und drangen
-wüthend auf ihn ein. Mit etlichen wohlgezielten Streichen trieb er die
-Feiglinge in die Flucht. Und da ich noch sehr entkräftet war, nahm
-er mich mit in ein naheliegendes Kaffeehaus und ließ mir eine Tasse
-Kaffee reichen. Er betrachtete mich eine Zeitlang unverwandt, ging
-dann mehrmals durch die Stube, in der außer uns Niemand war. Dann fing
-er auf einmal an und sagte: »Ich bin ein deutscher Student. Ich mußte
-flüchten, weil ich mein Vaterland zu heiß geliebt habe. Zu Hause
-sitzt eine alte Mutter und eine bleiche Braut. Die weinen um mich. Ich
-werde sie nie wiedersehen. Ich bin daheim zu lebenslänglichem Kerker
-verurtheilt. Da draußen, in den Wäldern, habe ich mir ein Haus gebaut.
-Aber es ist mir zu einsam dort, wo ich nur den Schall meiner Stimme und
-meiner Büchse höre. Darum kam ich in die Stadt. Ich suchte Menschen.
-Hier fand ich Dich. Du gleichest, liebes Mädchen, meiner Braut:
-dieselben treuen, braunen Augen, derselbe süße Mund und Deine Stimme
-ist meiner Mutter Stimme. Ich habe einen Entschluß gefaßt. In Amerika
-freit man schnell. Kannst Du mich lieben? Willst Du mein Weib werden?«
-Dann blieb er vor mir stehen -- die Arme gekreuzt -- und schaute mich
-an so ernst und so liebreich.
-
-Ich war erst ganz erschrocken und verschüchtert. Endlich wagte ich die
-Augen aufzuschlagen. Ich spürte aber ordentlich, wie mein Herz und
-meine Seele zu ihm hinübergezogen wurden. Auf einmal lagen wir uns in
-den Armen und er drückte einen langen, heißen Kuß auf meinen Mund. So
-mag eine Zeitlang vergangen sein. Es waren die seligsten Augenblicke
-meines Lebens. Plötzlich schlug er sich wider die Stirn und sagte: »Da
-habe ich mich wieder einmal schön vergallopirt. Mädchen, wie heißt Du
-denn? Was bist Du? Und kannst Du auch über Dich verfügen?« Ich fühlte,
-wie mir alles Blut aus dem Gesichte zurücktrat. Mir war so angst,
-so angst. Ich wußte, daß ich mit dem einen Wort mein ganzes Glück
-vernichtete. Ich wollte lügen, aber ich konnte nicht. Ich nannte meinen
-Namen und sagte: ich sei eine Hurdy-Gurdy. Da wurde er bleich wie der
-Tod. Er schaute mich mit einer furchtbaren Verachtung an; dann aber so
-grenzenlos traurig, daß mir schon die Thränen aus den Augen stürzten.
-
-»Mädchen,« sagte er, »Du weißt nicht, wie entsetzlich wehe Du mir
-gethan hast! Es ist nicht blos die schreckliche Täuschung -- nicht
-blos, daß ich meine Liebe, die so plötzlich und so stark in mir
-entstanden war, unterdrücken muß, -- es ist die Schmach, die meinem
-lieben deutschen Vaterlande angethan wird durch solche deutsche
-Mädchen.« Und damit wankte der starke Mann wie ein Trunkener zur Thüre
-hinaus. Ich wollte rufen -- ich streckte die Arme nach ihm aus -- da
-wurde es dunkel vor meinen Augen und ich stürzte ohnmächtig zusammen.
-Ich verlebte schreckliche Tage. Ich hatte ihm sagen wollen, daß ich
-rein und tugendhaft geblieben wäre mitten in diesem wüsten Treiben.
-Ich suchte ihn auch überall und forschte nach ihm, um es ihm noch zu
-sagen. Aber ich fand ihn nicht. Er war wahrscheinlich wieder nach
-seinen Wäldern. Ich dachte zuletzt: Und wenn du es ihm nun auch sagst
--- wird er dir auch glauben? Wird dir es überhaupt Jemand glauben? Ein
-furchtbarer Zorn gegen das Schicksal bemächtigte sich meiner. Warum
-sollte ich denn besser sein als die Welt mich machte? Warum sollte ich
-unnöthigerweise die Mißhandlungen erdulden? Ich stürzte mich mitten
-hinein in das wüste Leben und war bald eine der Schlimmsten.
-
-So kam ich nach Californien, nach San Franzisco. Es war ein großer Saal
-und ein blendender Lichterglanz von den vielen Kronleuchtern. Mein Blut
-war wie Feuer durch vielen Punsch und das wilde Tanzen. Da stand ich
-da mit fliegendem Athem und klopfender Brust; ein bärtiger Goldgräber
-hielt mich um die Taille und streichelte meine heißen Wangen. Da
-sah ich ganz in meiner Nähe wieder das Jünglingsangesicht und diese
-blauen Augen mit so unendlich traurigem und doch so strafendem Blick
-auf mich gerichtet. Ich hätte vor Scham in die Erde sinken mögen und
-bedeckte mein Gesicht mit beiden Händen. Als ich wieder aufblickte,
-war er verschwunden. Aber die Augen -- die Augen habe ich nicht los
-werden können, bis heute noch nicht -- sie haben mich weggetrieben von
-Amerika. Als ich heimkam, trug man eben meine Mutter zum Dorfe hinaus.
-Der Meister Guntram von Friedberg hatte sie wie ein Wild des Waldes
-todtgeschossen. Ich war nun ganz allein. Mein Vater war schon längst
-todt. Ich hatte ein paar Aecker und unser jetziges Haus von meiner
-Mutter schuldenfrei geerbt. Dort wohnte ich nun ganz einsam. Es war
-mir lieb, daß das Haus fast völlig im Walde stand. Er hatte ja auch
-ein Haus im Walde. -- Es war eine Zeit voll Träumens und Schwärmens.
-Den ganzen Tag konnte ich sinnen über Vergangenes und Zukünftiges.
-Die Hoffnung, mit ihm vereinigt zu werden, hatte ich noch immer und
-baute Luftschlösser, wie es ermöglicht werden könne. So hätte ich
-noch lange fortgelebt, aber mein erspartes und ererbtes Geld ging zur
-Neige. Heirathen wollte ich nicht, obwohl ich viele Gelegenheit dazu
-hatte. Ich mußte darum auf einen Erwerb denken. Es sollte vor allen
-Dingen leichte und bequeme Arbeit sein. Ich wandte mich an die alte
-Barb. Sie verschaffte mir auch einen guten Dienst in der Stadt. Aber
-bald sollte ich erfahren, warum sie so geheimnißvoll gethan hatte. Mein
-Herr ging mir überall zu Gefallen, und als ich seine Zumuthungen stolz
-zurückwies, lachte er mich aus: »Er hätte nicht umsonst ein Mädchen
-aus unserm Dorfe genommen.« Er drohte mich fortzujagen. Was sollte
-ich machen? Der Winter war vor der Thür; das Essen war ausgezeichnet;
-die Arbeit war kaum zu nennen und --« »Mutter! Mutter!« rief ich --
-das Herz wollte mir zerspringen -- »schweig still! Soll ich denn gar
-Nichts mehr von Dir halten? Soll ich denn meine Mutter ganz verlieren?
-Ach, wie dachte ich mir Dich immer so rein! Wie warst Du mir immer
-Vorbild und Muster und jetzt -- jetzt!« »Du mußt Alles hören. Es ist
-Zeit, daß Du es hörst. Das war das Schlimmste nicht, es ging immer
-mehr abwärts. In Wien lebte ich in Saus und Braus. Ich hatte Geld in
-Ueberfluß. Ich besuchte Theater, Concerte und Bälle. Die schönsten
-Bücher standen mir zu Gebote. Ich lernte außerordentlich viel. Es
-wurden oft die witzigsten und geistreichsten Gespräche bei mir geführt
-und ich konnte mitreden, mitlachen und mitspotten, aber ich weiß nicht
--- ich hatte doch keine Befriedigung. Inwendig kam ich mir so hohl, so
-leer vor. Dein Vater, den ich kurz vorher geheirathet hatte, war mir
-ein ständiger Vorwurf. Er hatte sich aus Aerger über mein Leben ganz
-dem Trunke geweiht und wurde bei Tag und Nacht nicht mehr nüchtern.
-Ich kümmerte mich gar nicht mehr um ihn. Damals sah ich in einer Nacht
-in einem halbwachenden Zustande wieder »die Augen!« Und nun ging es
-gerade wie in Californien. »Die Augen« verließen mich nicht mehr.
-Aus jeder Ecke schauten sie mich an -- so unendlich traurig und doch
-so strafend; im dunklen Zimmer daheim, im hellerleuchteten Ballsaal,
-im Theater -- überall waren sie. Ich konnte es nicht mehr aushalten.
-So habe ich das glänzende Leben aufgegeben und bin mit Deinem Vater
-heimgereist. Wir hatten uns gar Nichts gespart, obwohl wir es gekonnt
-hätten. Dazu war Dein Vater ein Trinker geworden. Ich hatte ihn dazu
-gemacht und konnte ihm deshalb auch keinen Vorhalt thun. Und wenn seine
-Launen noch so toll wurden -- ich habe immer nachgegeben -- ich hatte
-es ja um ihn verdient. Euch, Kinder, habe ich immer gern gehabt. Du
-thust mir auch gewissermaßen leid, daß ich Dich hergeben muß. Wenn es
-mit dem Hause nicht gekommen wäre -- es wäre auch niemals geschehen.
-Aber hier -- in mein Herz -- hat sich eine Verbitterung und ein Haß
-eingefressen, von dem Du Dir gar keinen Begriff machen kannst. Es steht
-mir immer vor Augen: was hätte aus dir werden können und was ist aus
-dir geworden! Und wer ist schuld an Allem? Doch allein das Schicksal
-und die Welt. Wer arm ist, kommt zu keinem sicheren Glück. Du bekommst
-nie Deinen Ernst! Wenn nur die geringste Hoffnung wäre, so solltest Du
-nicht nach Californien! Du entgehst auch Deinem Schicksal nicht, wenn
-Du selbst diesmal noch nicht mitgingest! Wenn dazu nur die geringste
-Hoffnung wäre, so wollte ich Dich bewahren! Aber da ja doch gar kein
-Gedanke daran ist -- was soll ich mir mein Haus nehmen lassen? Ich
-habe Demüthigungen und Spott und Lästerung genug erfahren müssen! Sie
-sollen es nicht erleben, daß die stolze Frau Heimerdinger, die sie Alle
-nicht leiden können und der sie alles Böse gönnen, noch aus ihrem Hause
-hinausgeworfen wird! -- Doch genug, ergib Dich in Dein Schicksal! Es
-ist bereits Alles abgemacht.«
-
-»Mutter! Mutter!« schrie ich, »morde mich lieber! Hier ist ein Messer,
-stoße es mir in die Brust!« Aber sie that als hörte sie mich gar
-nicht. »Mutter, ich will ja das, was das Haus kostet, mit meiner
-Arbeit verdienen; ich will arbeiten, daß mir das Blut zu den Nägeln
-herausläuft und Gott, der in den Schwachen mächtig ist, wird mir
-helfen«.
-
-»Kind, du redest Unsinn! Das kannst du nicht.« »Mutter, jetzt sehe ich,
-was Dir immer gefehlt hat, Du glaubst nicht an Gott!«
-
-»Nein in der Art nicht, wie Du gelernt hast. Doch davon spreche ich
-nicht mit Dir.«
-
-»Aber ich will mit Dir davon sprechen. Siehst Du, »die Augen«, die Dir
-erschienen sind, das war der erste Ruf Gottes an Dich, und als Du dem
-Leichenzug Deiner Mutter begegnet bist, das war die zweite Mahnung. Sie
-ist so gräßlich um's Leben gekommen, weil sie Dich verkauft hat für ein
-Blutgeld und Du wirst ebenso schrecklich um's Leben kommen, wenn Du
-mich verkaufst.«
-
-Da wurde aber meine Mutter zornig und fing an mich zu schelten.
-Ueberdem kam mein Vater, und als er hörte, von was die Rede war, hat
-er mich getreten und geschlagen und mit den Haaren durch das Zimmer
-geschleift. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, aber auch
-nicht klar denken. Dunkle Träume quälten mich. Und zuletzt ergriff
-mich eine Angst, daß ich es nicht mehr aushalten konnte. Da bin ich
-herausgelaufen in den Wald und habe mich hierher gesetzt. Ich habe
-immer dagesessen. Es lag wie ein Alp, wie eine Betäubung über mir.
-Ich wußte Alles, aber ich konnte mich nicht rühren. Alles, was meine
-Mutter gesagt hat und ich gesagt habe, ist mir Wort für Wort wieder
-eingefallen. Dann habe ich heiß und lange gebetet. Und so sind auch Sie
-gekommen, aber ich konnte mich immer noch nicht bewegen. Ich war wie
-gebannt.«
-
-»Das war irgend ein mir unbekannter Nervenzustand, der über Dich
-gekommen ist in Folge der starken Aufregung,« erwiderte ich, »der ist
-nun überstanden. Wäre auch das Andere ebenso glücklich überstanden!
-Dein Vater hat wie ein Unmensch an Dir gehandelt. Deine Mutter hast
-Du richtig erkannt. Hätte sie Gott vor Augen und im Herzen gehabt,
-sie hätte gewiß ein glücklicheres Loos gezogen. Nicht die Welt und
-das Schicksal, sondern ihr stolzes, vergnügungssüchtiges Herz hat sie
-in das Verderben gejagt. Aber wie Du Deiner Mutter den Namen Gottes
-zugerufen hast, als sie über Dich und Deine Zukunft entschied, so rufe
-ich Dir in diesen schweren Stunden den Namen Gottes zu. Denn nur des
-Herrn mächtiges Wort kann den Sturm Deiner Gefühle bedrohen, daß es
-stille in Deinem Herzen wird, ganz stille. Und unter den schwierigen
-Verhältnissen, denen Du jetzt entgegengehst, kann nur seine Hand Dich
-führen und seine Rechte Dich halten. »Gott ist getreu und lässet Dich
-nicht über Vermögen versucht werden.« »Der gute Gott im Himmel wird
-Dich nicht verlassen, noch versäumen.« »Mein Vater und meine Mutter
-verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf!« heißt es, und: »Harre
-des Herrn, sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!«
-
-Was ich für Dich thun kann, ist unbedeutend. Mein Einfluß auf diese
-verhärteten Gemüther ist gering und mit ihrer List und Verschlagenheit
-kann ich es nicht aufnehmen. Doch was ich zu thun vermag, will ich
-thun. Auf Etwas kann ich Dich übrigens noch aufmerksam machen: Du
-brauchst hier Deinen Eltern keinen Gehorsam zu leisten. Es tritt hier
-der Fall ein, wo es heißt: »Du sollst Gott mehr gehorchen als den
-Menschen!« Sie haben Dich zur Sünde verkauft. Und wenn Du ihnen folgst,
-gibst Du Dich zum wenigsten in große Gefahr. Auch haben sie vollständig
-ihre Elternrechte an Dich aufgegeben, indem sie offenbar das Gegentheil
-von dem in Dir pflanzen wollen, wozu Dich Gott ihnen anvertraut hat.«
-
-»Ich habe auch schon daran gedacht,« sagte sie, »fortzulaufen in die
-weite Welt und dort für mich allein mein Glück zu suchen, aber ich kann
-nicht. Ich bleibe und gehorche. Und wenn es noch schwerer wäre, ich
-bliebe doch! Ich will es versuchen, meinen Eltern treu zu sein und auch
-meinem Gott nicht untreu zu werden.«
-
-»Du unternimmst fürwahr Großes und Schweres, Babette und ich will
-Gott danken, wenn es Dir gelingt. Doch des Herrn Rath ist wunderbar!
-Vielleicht soll es so sein. Und hier war es, als ob mich ein Geist der
-Weissagung ergriff. Vielleicht sollst Du drüben in Amerika den Ruf
-einer frommen deutschen Jungfrau wieder zur Ehre bringen und Deinen
-gesunkenen Kamerädinnen ein Stachel werden zur Reue und Nacheiferung.
-Wenn Dich aber Gott zu dieser hohen Mission als Rüstzeug auserwählt
-hat, dann sei getrost; der Dich auserwählt hat, der weiß, daß Du die
-Kraft dazu hast und führet Alles herrlich hinaus!«
-
-Wir hatten uns auf den Heimweg gemacht, weil es stark zu dunkeln
-begann. Ich hatte ihr noch manches Tröstliche gesagt. Auch das noch,
-daß Gott dem zarten und schwachen weiblichen Geschlecht gerade in der
-Unschuld einen mächtigen Schild geschenkt habe, den selbst die größte
-Rohheit nicht anzutasten wage, wenn sie in ihrer kindlichen Reinheit
-bewahrt bliebe.
-
-Am Rande des Waldes hatte ich sie verabschiedet und schaute ihr
-wohlgefällig nach, wie sie so rüstig und strack dahinschritt und
-schickte ein leises Gebet zum Himmel empor für ihr Wohlergehen.
-
-»Ein Rendezvous gehabt, Herr Pfarrer?« zischelte neben mir eine
-Stimme, und eine Gestalt eilte flüchtig an mir vorüber, in der ich die
-»Anne-Mile«, eine der verdorbensten Frauen des Dorfes erkannte.
-
-
-
-
-VI.
-
-Die Balzerswäs.
-
-
-Es war des andern Abends spät ein mächtiges Gewitter am Himmel.
-Die Wolken hingen schwarz und schwer über dem Dörfchen. Die Luft
-war wie ein Feuermeer und wenn der Donner krachte, zitterten die
-Fensterscheiben und wackelte mein alter Tisch an der Wand. Jetzt
-fuhr wieder ein Blitz hernieder, so blendend, daß ich die Augen
-zumachen mußte, und dann wogte und prasselte es über mir, als wenn das
-verwetterte Ziegeldach auf mich gefallen käme. Ein alter Eichbaum,
-etliche Schritte vom Hause entfernt, stand in lichten Flammen. Damit
-hatte aber auch das Gewitter seinen Höhepunkt erreicht. Nun öffneten
-sich die Schleusen des Himmels. Bald grollten nur noch die Donner in
-der Ferne und langgezogene Blitze erleuchteten das Firmament.
-
-Der Wettersturm draußen in der Natur war ein treues Abbild, wie es des
-Abends in meinem Gemüthe stürmte und wetterte. Man hatte mich auf das
-schmählichste beschimpft. Man hatte das Interesse, welches ich an dem
-Schicksal Babettens nahm, und das Wohlgefallen an dem Mädchen, das ich
-offen zeigte, auf das gemeinste gedeutet und zwar hatten es die Leute
-gethan, die noch am ersten im Dorfe den ehrenwerthen Bauernstand und
-die altväterliche Sitte repräsentirten und zu denen ich mich noch am
-meisten hingezogen fühlte.
-
-Es waren die schwersten Augenblicke, die ich bis dahin erlebt hatte.
-Mit großen Schritten wandelte ich im Zimmer umher. Alles war in mir
-in fessellosem Aufruhr und Empörung. Die Finger habe ich öfters in das
-Fleisch meiner Brust eingekrallt und ein- über das anderemal gerufen:
-»Demüthige Dich unter die gewaltige Hand Gottes!« und: »Laß Dir an
-meiner Gnade genügen!«
-
-Der blendende Blitz und der brennende Baum brachten mich zu mir selber.
-Wie aber dann die Schleusen des Himmels sich öffneten, so stürzte auch
-eine Thränenfluth aus meinen Augen. Hernach habe ich noch lange am
-offnen Fenster gesessen und in den dunklen Nachthimmel und in das ferne
-Blitzen hineingeschaut und mit meinem Gott gesprochen.
-
-Den ganzen Tag vorher hatten mich die Sorgen für das unglückliche
-Mädchen nicht verlassen. Ich hatte mir gedacht, am leichtesten könnten
-alle Schwierigkeiten gelöst werden, wenn die alte Balzerwäs die
-Einwilligung zu der Verbindung mit ihrem Sohne gäbe. Denn hatte nicht
-die Frau Heimerdinger gesagt: »Wenn nur die geringste Hoffnung da wäre,
-so solltest Du nicht nach Californien!« Und sollte denn auch nicht der
-leiseste Hoffnungsschimmer für diese Verbindung zu entdecken sein?
-
-Ich verhehlte mir durchaus nicht das Bedenkliche der Sache, denn in
-einer so wohlhabenden Bauernfamilie, wie die Balzerische war, steckt
-ein Hochmuth und eine Zähigkeit, die jeder Einwirkung trotzt. Dabei
-herrscht eine Nüchternheit und trockne Verständigkeit der Auffassung,
-daß eine Begeisterung oder irgend ein höherer Aufschwung geradezu
-unmöglich erscheint. Es ist, als ob der kalte Eigennutz alle Gefühle
-verknöchert hätte. Bei Heirathen gesteht man dem Herzen nicht die
-geringste Berechtigung zu. Nur die Aecker werden gezählt und die
-Viehställe und Weißzeugschränke besichtigt. Und die Weiber, bei denen
-man gern einen idealeren Zug und ein lebhafteres Gefühl voraussetzen
-möchte, sind die schlimmsten. Am wenigsten hatte ich in der Art Etwas
-von der alten Balzerswäs zu erwarten, die mit straffer Hand die Zügel
-ihres Hauswesens führte, seit ihr Mann todt war, vielleicht auch
-schon früher. Auf der andern Seite legte ich großes Gewicht auf die
-freundlichen Beziehungen, in denen ich zu der Familie stand, in der ich
-regelmäßig meine Winterabende zuzubringen pflegte. Die Balzerswäs hatte
-sogar meinem Vater, der mich besuchte, versichert, er brauche gar nicht
-so viel nach mir zu sehen, sie sorge für mich wie eine Mutter. Ferner
-hatte in dieser Gegend die Achtung vor dem geistlichen Stande Etwas zu
-bedeuten. Denn, dachte ich, ist nach dem Apostel Jakobus die Zunge eine
-solche Macht zum Bösen, ein Feuer, das den Wald anzündet, eine Welt
-voll Ungerechtigkeit, so muß sie wohl auch eine Macht zum Guten sein,
-wenn man sie dazu verwenden will, und ein klein wenig durfte ich auch
-auf meine Fertigkeit im Reden vertrauen.
-
-Der Plan, den ich mir zurecht gelegt hatte, war meiner Meinung nach
-sehr fein und klug ausgedacht und mußte von Erfolg sein. Er wäre es
-vielleicht auch gewesen, wenn er überhaupt zur Ausführung gekommen
-wäre. Aber ich konnte ihn nur bruchstückweise gebrauchen; denn als ich
-in Gottes Namen und im Vertrauen auf meine gute Sache hinüberging,
-merkte ich schon gleich beim Empfang, daß nicht Alles stand, wie
-sonst. -- Sonst sagte die ganze Familie feierlich »guten Abend!«
-Der achtzigjährige Großvater oder Eller erhob sich hinter dem Ofen,
-that die Pelzmütze ab, das kurze irdene Pfeifchen aus dem Munde und
-sagte besonders »guten Abend, Herr Pfarrer!« Dann wurden die Kinder
-herbeigeholt, der lustige Fritz, die vorlaute Dine und der dicke Adam.
-Sie mußten mir alle hübsch die Händchen geben. Während der Zeit putzte
-die Balzerswäs einen Stuhl ab und stellte ihn oben an den Tisch. Der
-Friedrich, der unverheirathete Sohn, holte ein Glas frisches Wasser
-am Brunnen und stellte es an meinen Platz, weil ich gern Abends ein
-Glas Wasser trank. Der Hanjost dagegen nahm seine lange Pfeife von der
-Wand, die ihm der Ernst zu seinem Geburtstag von J. mitgebracht hatte
-und auf deren Kopf die ganze Stadt abgemalt war und lieh sich vom
-Eller den Tabaksbeutel; denn er war nur ein Gelegenheitsraucher. Die
-Schwiegertochter und die Töchter des Hauses gruppirten sich mit ihren
-Spinnrädern und sonstigen Arbeiten um die Hängelampe. Recht gemüthlich
-aber wurde es, wann die Alte ihr Kaffeetöpfchen vom Ofensims nahm.
-»Denn den Kaffee trinke ich für mein Leben gern,« sagte die Balzerswäs.
-»Morgens wann ich aufstehe, muß ich gleich meinen Kaffee haben, sonst
-wird mir leicht schwach. Für zehn Uhr hebe ich mir als ein Tröpfchen
-auf, denn dann erquickt er mich am meisten. Mittags, gleich nach dem
-Essen, trinke ich als ein Schälchen wegen der Verdauung. Um vier Uhr
-trinke ich mit den Andern und da schmeckt er mir am besten. Abends,
-sehen Sie, da kann ich das schwere Essen nicht mehr vertragen, da
-machen sie mir als Kaffee. Und vor dem Schlafengehen trinke ich auch
-gern noch eine Tasse. Man schläft besser, denken Sie.«
-
-Wann sie nun Kaffee getrunken hatte, dann ging ihr Mundwerk besonders
-gut, das ganz gewiß auch sonst nicht stille stand. Es wurden
-meistentheils Ortsverhältnisse besprochen. Ich machte meine Bemerkungen
-dazu und betheiligte mich sonst an der Unterhaltung. Der Eller, der
-eine merkwürdige Frische des Geistes bewahrt hatte, gab von seinen
-Erfahrungen zum Besten, und der Hanjost warf oft einen sehr treffenden
-Witz dazwischen, der jedesmal mit großem Lachen aufgenommen wurde.
-
-Das war nun den Abend, wie gesagt, Alles anders. Ich wurde so
-kleinlaut gegrüßt und man sah mich so verblüfft an, daß ich merkte,
-man hatte eben noch über mich gesprochen und zwar nichts Gutes. Es
-bot mir sogar Niemand einen Stuhl an. Ich wurde selbst ganz verlegen
-und wollte eben fragen, was nur in aller Welt geschehen wäre, als
-der dicke Adam den Zauberbann brach, indem er auf drollige Weise die
-Begrüßung des Großvaters nachahmte. Er stand von dem Stühlchen auf,
-auf dem er gesessen hatte, that seine Kappe ab und das Reis, an dem er
-rauchte, aus dem Mund und sagte mit lauter feierlicher Stimme: »Guten
-Abend, Herr Pfarrer!« Alles lachte und ich lachte herzlich mit. Die
-Schwiegertochter hatte mir jetzt auch einen Stuhl zurechtgestellt und
-der Hanjost reichte nach der Pfeife. Aber es dauerte lange, bis die
-alte Balzerswäs zu einer ihrer Töchter sagte: »Ich weiß nicht, Dorth,
-ich meine, draußen in den Kohlen müßte noch ein Töpfchen mit Kaffee
-stehen, geh' hin und sieh' einmal nach!«
-
-Ich lenkte allmählich das Gespräch auf den alten Fink und die Mädchen,
-die er für Californien gemiethet hatte. »Es ist ein Schimpf und eine
-Schande für unser Dorf und unsere Gegend, sagte ich, daß hier solche
-Zustände walten! In allen Zeitungen wird darüber geschrieben. Es heißt:
-keine Nation der Erde gäbe sich zu diesem schlechten Gewerbe her -- es
-seien nur Deutsche, nur Rheinländerinnen. Wir könnten es ihnen noch
-besser sagen, wer es ist! Nicht wahr? Jedes Mal, wann ich so Etwas
-lese, preßt sich mein Herz zusammen und Flammenröthe bedeckt mein
-Gesicht. Ich meine immer, auch ich trüge einen Theil Schuld und weiß
-doch Nichts anzufangen, um der Sache Einhalt zu thun. Alle meine Worte
-und Zusprache verhallen wie der Wind. Es sind gar harte, verstockte
-Herzen hier. Und muß es nicht so sein? Kann überhaupt noch von »Herz«
-die Rede sein, wo Väter und Mütter ihre eigenen Kinder für Geld
-dahingeben? Man wundert sich über die Unmenschlichkeit der Neger an der
-Westküste Afrikas, wo die Häuptlinge ihre eigenen Stammsgenossen und
-die Väter ihre Kinder an die Sklavenhändler verkaufen. Aber was will
-das heißen gegen die Schändlichkeiten, welche hier begangen werden!
-Dort sind Heiden, hier sind Christen. Und die verblendeten, unwissenden
-Heiden verkaufen ihre Kinder doch nur zu Sklaven, aber hier verkaufen
-christliche Eltern ihre Kinder zu H... Wenn irgendwo das Wehe, das der
-Herr über die Menschen ausspricht, durch welche Aergerniß kommt, seine
-Anwendung findet, dann ist es hier.«
-
-»Herr Pfarrer«, sagte die Balzerswäs nach einer kleinen Pause, »die
-Menschen wollen leben, und wenn die Kinder nach Brod schreien, dann
-thut man Manches, was man vor seinem Gewissen nicht verantworten kann.«
-
-»Ach was,« sagte ich, »die Noth bricht Eisen, aber ein Gebot Gottes
-darf sie nicht brechen. Wer arbeiten will und im Vertrauen auf Gottes
-Hülfe sich redlich mühet, dem hat es noch nie an Gottes Hülfe gefehlt.
-Nur muß mit dem Arbeiten das Beten und mit dem Beten das Arbeiten
-verbunden sein. Die Vögel unter dem Himmel und die Lilien auf dem
-Felde sind mahnende Zeugnisse, daß es Niemand fehlen könnte, wenn er
-nur seine Pflicht treulich erfüllen wollte und die Sorgen und den
-Segen dem Herrn überlassen würde. Was gibt es öde und wüste Gegenden
-in der Welt, wo kaum noch die naschende Ziege einen Grashalm findet
-in dem Steingeklüft, nicht wie hier, wo die reichste Fruchtlandschaft
-zu unseren Füßen liegt und wo selbst noch Korn und Weizen herrlich
-gedeihen, und die Menschen, die dort wohnen, ernähren sich redlich und
-ernähren sich reichlich. Denket nur an die Schwarzwälder Uhrmacher
-und an die Tyroler Geigenmacher, von denen Ihr in der letzten
-Spinnstube gelesen habt. Und wenn man solche Kunst nicht versteht und
-erlernen kann, warum ernährt man sich nicht durch Tagelöhner- und
-Handlangerarbeit? Die Fulder sehe ich jeden Sommer in Schaaren in die
-Wetterau gezogen kommen, um sich Geld zu verdienen durch redliche
-Arbeit. Dagegen von unseren Dorfleuten sehe ich keinen hinunterwandern,
-als um gestohlenes Holz zu verkaufen und um zu betteln. -- Wenn jedoch
-selbst die Noth nahezu unerträglich wäre, so dürfte immerhin nicht
-aller Sitte Hohn gesprochen und das Heiligste und Göttlichste in der
-Menschennatur unter die Füße getreten werden. Aber es geschieht und
-nicht aus Noth. Sie war es nur anfänglich, die zu diesem Treiben
-hinführte. Jetzt sind viel mehr Geiz und Genußsucht die Triebfedern,
-als die Armuth.«
-
-»Das hört sich zu, als ob man in der Kirche wäre,« murmelte Hanjost vor
-sich hin und die Mädchen fingen an zu kichern.
-
-»Es ist durchaus meine Absicht nicht, Euch eine Predigt zu halten. Und
-es braucht's auch wahrlich nicht. Wenn ich schwiege, würden die Steine
-schreien, so auffallend sind die Beispiele, die Ihr ständig vor Augen
-habt. Nehmet die alte Justine! Was treibt diese greise Frau mit ihren
-schlottrichten Knien, ihr einzig Kind in die weite Welt zu schicken?
-Kann sie nicht längst der grüne Rasen decken, ehe es wiederkehrt? Und
-wird es überhaupt wiederkehren? Wer wacht denn nun an ihrem einsamen
-Lager? Wer drückt ihr die müden Augen zu? Hat denn solch ein Herz gar
-kein Bedürfniß nach Liebe? Nachdem sie ihren Mann so früh begraben
-hat und ihr ein Kind nach dem andern dahingesunken ist, sollte man
-nicht meinen, sie hätte nun alle Liebe auf dieses Eine übertragen? Hat
-ihr Gott darum dieses Eine gelassen und ihm die blühende Schönheit
-geschenkt, daß es auf mütterliches Geheiß für schnödes Geld seine
-Ehre und seinen Seelenfrieden hier auf Erden und sein Hoffen auf
-das Jenseits so dahingeben soll? Ist es nicht ein himmelschreiender
-Frevel? Und hat sie es nöthig, jegliches Muttergefühl zu ersticken,
-weil rasender Hunger sie quälte oder schreiende Noth sie zwang? Hat
-sie nicht ein zweistöckiges Wohnhaus, Aecker und Wiesen, ja sogar
-Geld ausgeliehen und war nicht die Herrschaft, wo ihr Mädchen diente,
-sehr mit ihm zufrieden und wollte es auf keine Weise losgeben? Wißt
-Ihr noch, es war ja hier im Zimmer, als ich ihr so eindringliche
-Vorstellungen machte und zuletzt rief: »Weib, Dich hat der Satan
-verblendet, Du bist vom Geizteufel besessen!« und wie sie da wüthend
-ward und die Fäuste ballte und wie der Großvater hinter dem Ofen
-aufstand und ihr »wehe!« zurief und wie ein Prophet weissagte, sie
-würde elend in die Grube fahren und wie sie bleich wurde, als hätte sie
-ein Gesicht gesehen, aber dennoch ihr Kind verkaufte?«
-
-Da räusperte sich hinter dem Ofen der Großvater, der immer nach seiner
-Weise sich Alles zurecht legte. »Sie haben Recht, Herr Pfarrer,
-ganz Recht. Der Geiz ist die Wurzel alles Uebels und treue Gesellen
-im Schlechtmachen sind Fleischeslust und hoffärtiges Wesen. Wann
-aber der Teufel einmal Herberge gemacht hat in so einem lüsternen
-Menschenherzen, dann wird es ärger und ärger und der Mensch lädt sich
-auf und lädt sich auf und denkt nicht an die Zeit des Abladens. Die
-Jugend ist thorhaft, aber das Alter sollte bedächtig sein; denn der Tod
-ist nahe und das Gericht!«
-
-»Großvater,« sagte ich, »das Gericht wartet oft nicht bis nach dem
-Tod. Es ist noch Niemanden Segen erwachsen aus dem Kinderhandel. Oder
-könnt ihr mir ein Elternpaar nennen, das nicht zum mindesten von seinen
-Kindern Vernachlässigung und Mißhandlung im Alter geerntet hätte?
-Da ist noch jüngst der alte Knoth im Elend und Ungeziefer zu Grunde
-gegangen. Was haben ihm seine fünf Töchter ein Geld eingebracht! Wo
-ist es hingekommen? Seine Töchter sind sämmtlich gut verheirathet und
-im Wohlstand. Warum hat sich nicht eine einzige Hand geregt, um ihm
-sein letztes Leiden zu erleichtern? Warum mußten fremde Leute ihm
-die nothdürftigsten Handreichungen thun? Warum mußte er auf seiner
-öden Kammer einsam und verlassen den letzten schrecklichen Kampf
-auskämpfen? --
-
-Es sind ja erst ein paar Tage her, daß der alte Hanfriedrich auf seinem
-Karren krank heimgebracht wurde. Was haben ihm seine Kinder für einen
-Empfang bereitet! In den Kuhstall haben sie ihn gebettet! Und da er
-jetzt wieder auf sein kann, darf er um keinen Preis in die Stube.
-Sein Kaffeetöpfchen hat ihm seine Schwiegertochter vom Herd gestoßen,
-daß die Scherben in die Ecken flogen. Wenn ich nicht ernstlich
-eingeschritten wäre, wer weiß, was noch hätte geschehen können. Aber
-es wird auch noch Saat des Verderbens in die Zukunft gesäet. Was gibt
-das Gatten! Was gibt das wieder für Eltern! Die Sünden der Väter werden
-heimgesucht bis in's dritte und vierte Glied. Auf welchem Boden sollen
-auch die Gattentreue und die Elternliebe wachsen! Es ist ja bekannt,
-daß Hofmann's Lisbeth bei dem Tode ihres Mannes zwei Malter Weizen
-verbacken ließ. Alle Welt sollte sich mit ihr bei Kaffee und Kuchen
-und Wein und Bier freuen, daß sie endlich von ihrem Manne erlöst sei,
-der sich doch nur für sie in den englischen Fabriken das schmerzliche
-Rückenmarksleiden zugezogen hatte. Sie konnte doch jetzt offen mit
-ihrem Buhlen hervortreten.
-
-Doch am ergreifendsten spiegelt sich gewiß die grenzenlose Verderbtheit
-bei der berühmten Anne-Mile, die ich am vorigen Sonntag mit dem braven
-Leonhard copulirt habe. Was hatte sie Gott mit reichen Gaben des
-Leibes und des Geistes ausgestattet und wie benutzte sie dieselben! Es
-kann mich immer unendlich jammern, wenn so ein herrliches Geschöpf im
-Lasterleben zu Grunde geht. Eine vom Hagelschlag verwüstete Flur, eine
-vom Feuer zerstörte Stadt ist fürwahr kein so trauriger Anblick, als
-solch ein durch und durch vergiftetes Menschenleben. --
-
-Man weiß es ja allgemein, daß sie dem alten Fink in New-Orleans
-entfloh, als die Schottin ihr einst den Rücken etwas zu derb mit dem
-spanischen Rohr bearbeitet hatte. Auch machte sie kein Geheimniß aus
-der traurigen Weise, wie sie die reichen Putzgegenstände und das
-blitzende Gold, das sie mitbrachte, verdient hat. Ich erinnere mich
-noch recht wohl ihres ersten Auftretens hier und des Aufsehens, welches
-sie allgemein erregte. Fast ein halbes Jahr und noch länger war sie
-Gegenstand aller Gespräche. Die Weiber machte sie verrückt mit ihren
-seidenen Kleidern und der Straußenfeder auf dem Hut; die Burschen
-und Männer verlockte sie durch ihre schwarzen frechen Augen und ihre
-Buhlerkünste. Ihre fünfhundert Dollars, die sie sofort ausgeliehen
-hatte, waren der Gegenstand der Habgier und der Intriguen. -- Als sie
-einmal so mit ihrem Troß vorüberzog und ich mit dem Großvater draußen
-auf dem Bauholz in der Sonne saß, spuckte der aus und sagte ganz laut:
-»Pfui Teufel!« Selbst aus der Stadt kamen die sauberen Herren und
-umschwärmten sie, und sie trug ein Kapital nach dem andern auf die
-Landesbank. Aber während sie Kapitalien machte, die Weiber reizte und
-die Männer verführte und herrlich und in Freuden lebte, lag ihr alter
-Vater von der Gicht geplagt, gliederlahm auf dem Schmerzenslager und
-ernährte sich von dem Bettelbrod, was ihr achtjähriger Bruder in der
-Wetterau zusammenbettelte. Als sie jedoch ein Kind gebar, bekam ihr
-Vater auch diese dürftige Nahrung nicht mehr; denn da mußte ihr Bruder
-das Kind halten. -- Der Vater ist gestorben -- ob an der Gicht oder an
-Hunger -- das wird wohl einst entschieden werden. -- Da war es denn
-eine unbequeme Geschichte für sie, daß ihr Bruder bei fremden Leuten
-untergebracht wurde; denn nun mußte sie selbst für ihr Kind sorgen
-und das wurde ihr nach gerade so lästig, daß der Bürgermeister eines
-Morgens ihr schreiendes Kind vor der Thür liegend fand und sie ihm
-sagen ließ: er hätte ihr den Bruder aus dem Haus genommen: nun könne
-er auch für ihr Kind sorgen. Wißt Ihr auch, was mich am meisten bei
-ihrer Heirath empört hat? Nicht der freche triumphirende Blick, den
-sie mir am Altare zuwarf; nicht daß mir die Hochzeitgäste am Abend ein
-Spottlied sangen, sondern daß die ganze Gemeinde ihr »Ja und Amen«
-zu dieser Verbindung gab. Frau Balzer, Sie haben auch dazu gerathen
-und geholfen! Der Leonhard hat mir's gesagt, als ich ihm die ganze
-Geschichte leid machen wollte. Er hat sich darauf berufen!«
-
-»Ich habe auch zu der Heirath gerathen und heiße sie auch jetzt noch
-gut. Das Mädchen hat eine schöne Sach', ist fleißig und sparsam.
-Sie ist gut für das Land, gut für die Haushaltung und versteht alle
-Feldarbeit. Was will der Lumpenkerl, der Leonhard, mehr? Der ist arm
-wie eine Kirchenmaus.«
-
-»Aber brav und unbescholten,« entgegnete ich, »und sie ist die
-abgefeimteste, frechste Dirne, die ich kenne. -- Das ist es gerade,
-was mich so empört, daß man Nichts hierin findet. Man ist so tief
-gesunken, daß man über die gemeinste Gesinnung und die schamlosesten
-Handlungen keine Entrüstung mehr hat. Man hat sich so sehr an das
-Laster gewöhnt, daß man ganz und gar vom Ruf eines Mädchens absieht
-und es nur nach seiner äußeren Brauchbarkeit und seinem Gelde schätzt.
--- Und was enthält der Begriff »brauchbar für's Land« für entsetzliche
-Nebenbegriffe, die man gar nicht nennen darf! und was ist das für
-sauberes Geld! Mancher würde sich bedenken, es nur mit der Feuerzange
-anzurühren. -- Ich hätte fürwahr bei Euch, die Ihr Euch wenigstens
-äußerlich vor jedem Makel hütet, andere Gesinnungen gesucht! Darum
-ist auch mein Kampf gegen die täglich zunehmende Versunkenheit
-so vergeblich, weil ich ihn allein kämpfen muß. Wenn noch ächte,
-unverdorbene Art in Euch wäre, so würdet Ihr entschieden auf meine
-Seite treten und mich mit Rath und That unterstützen! Euer Ansehen und
-Einfluß mit in die Wagschale geworfen, würde meinen Worten ein ganz
-anderes Gewicht verleihen.«
-
-Da nun auf diese Worte ein verlegenes Stillschweigen erfolgte, glaubte
-ich, das Feld wäre genug bearbeitet und der Zeitpunkt gekommen, meinen
-Antrag anzubringen. Ich sagte also: »Ich will Euch noch diesen
-Augenblick eine Gelegenheit bieten, wo Ihr zeigen könnt, ob noch
-besseres Gefühl in Euren Herzen schlummert, ob Ihr noch irgend ein
-Opfer zu bringen vermöget, ob Ihr noch einer edlen That fähig seid!
-Frau Balzer und Ihr, alter Großvater, Ihr könnt eine Menschenseele vom
-Verderben retten! Ihr könnt Eure eigene Seele retten! Denn wer einer
-Seele vom Tode hilft, der wird die Menge der Sünden bedecken. Bedenket
-die Nähe Eures Todes und des Gerichts! Die Frau Heimerdinger hat
-erklärt: wenn die Babette nur die geringste Hoffnung hätte, den Ernst
-zu bekommen, solle sie nicht nach Californien. Gebt Ihr diese Hoffnung!
-Benutzet die Gelegenheit zu einer edlen That, die Euch der Herr durch
-mich anbietet, und ladet Euch nicht den Fluch der Versäumniß auf!«
-
-Wenn eine Bombe plötzlich in das Zimmer gefallen wäre, die Gesichter
-hätten nicht verblüffter aussehen können, als durch diese meine
-Aufforderung. Die Balzerswäs rang sichtlich nach Athem. Endlich hatte
-sie die Sprache wiedergefunden. Sie war aufgesprungen und trippelte vor
-mir auf und ab, während sie sprach: »Was sagen Sie, was sagen Sie, Herr
-Pfarrer? Ich kann's gar nicht glauben. Wir, wir sollen das schlechte
-Mensch, die Lumpenbagage, in unsere Familie aufnehmen! Dazu haben Sie
-die lange Einleitung gemacht und uns die Predigt gehalten! Da hätten
-Sie den Athem sparen können!«
-
-Ganz niedergeschlagen über den schlechten Erfolg meiner gewiß guten
-Absicht erwiderte ich: »Arm ist das Mädchen wohl, aber wenn Sie es
-»schlecht« nennen, versündigen Sie sich! Wer weiß, ob nicht ein
-besseres Herz unter ihren Lumpen schlägt, als unter Ihrem feinen
-Tuchmieder.«
-
-»Ach, der Herr Pfarrer soll ja nicht glauben, als wüßten wir nicht,
-warum er so warmen Antheil an der Babett nimmt, warum er ihr immer
-die Hand gibt und so freundlich zunickt und oft stundenlang mit ihr
-spricht! Man ist endlich hinter Ihre Schliche gekommen. Sie sind
-gestern mit ihr gesehen worden an der Guntramseich'. Die Dorth hat's
-eben mit heimgebracht. Pfui, schämen Sie sich für einen Pfarrer und
-für so einen frommen Mann, wie Sie sein wollen! Doch was ich sagen
-wollte, mit einem Wort: Mein Ernst ist viel zu gut, um Ihre Liebste zu
-heirathen.«
-
-Ich wußte anfangs gar nicht, was die Frau wollte und fühlte nur
-instinktmäßig, daß sie einen schweren Verdacht gegen mich aussprach.
-Aber als ich endlich merkte, wo sie hinauswollte, wurde ich ganz
-betäubt und fing an schwindelig zu werden, so daß ich mich durch
-einen starken Willensakt wieder aufraffen mußte. Da wollte sich nun
-meiner ein entsetzlicher Zorn bemeistern, aber ich beherrschte mich
-und sagte kalt und stolz: »Sie werden es wohl beweisen können, denn
-beweisen müssen Sie es! Solche schwere Verdächtigungen spricht man
-ungestraft nicht aus.« Meine Worte verfehlten ihren Eindruck nicht;
-denn ein rechter Bauer scheut die Amtsstube, wie das Feuer. -- Ich
-wäre nun gern gegangen, aber ich fühlte, daß ich mit der Drohung, sie
-vor Gericht zu belangen, als Geistlicher nicht gut scheiden konnte und
-sagte: »Ich meine, ich könnte hier, wo man mich auf so niederträchtige
-Weise beleidigt hat, keine Minute mehr verweilen, aber meinem Stand und
-meiner Stellung bin ich es schuldig, Euch etliche Aufklärung zu geben.
-Ich habe allerdings gestern zufällig die Babette Heimerdinger an der
-Guntramseiche getroffen und habe eine lange Unterredung mit ihr gehabt.
-Auch habe ich ein Werk der Barmherzigkeit an ihr ausüben müssen, denn
-kurz nach meiner Ankunft ist sie in Folge der Mißhandlungen ihrer
-Eltern und des Seelenschmerzes, den ihr die Gewißheit machte, an den
-alten Fink verkauft zu sein, in Ohnmacht gesunken und ich habe sie erst
-nach langen vergeblichen Bemühungen in's Leben zurückrufen können.
-Wenn ich der Babette freundlich zunickte und gern mit ihr sprach, so
-hatte das darin seinen Grund, daß ich mich freute in dieser gänzlich
-verkommenen Gemeinde ein reines, unverdorbenes Gemüth zu entdecken.
-Das ist etwa die Freude, die man hat, wenn man eine Palme in der Wüste
-oder eine Rose mitten unter Giftgewächsen findet. Und nun, wer mir
-solche Schlechtigkeiten zutrauen mag, der soll es thun! Das muß ich
-sagen: von Euch hätte ich es nicht erwartet, und daß Ihr so leicht den
-Verdächtigungen über einen Mann, den Ihr nun schon jahrelang kennt und
-der Euch gewiß nicht den geringsten Anlaß zu Verdacht gegeben hat,
-Glauben schenkt, ist durchaus kein gutes Zeichen für Euch selbst. Doch
-ehe ich gehe, möchte ich doch noch wissen, wer dieses schöne Gerücht in
-Umlauf gesetzt hat. Sage, Dorth, wer hat mich gesehen?«
-
-»Ei, die Anne-Mile,« sagte diese ganz kleinlaut. -- »Nun da wußtet Ihr
-ja schon, was Ihr von der Sache zu halten hattet. Leben Sie wohl, Frau
-Balzer! Dieser Stunde werden Sie noch auf dem Todesbette gedenken!«
-
-
-
-
-VII.
-
-Ein Kirchenvorstand.
-
-
-Die Aufregung vom vorigen Abend lag mir in allen Nerven. Ich hätte
-weinen mögen. Hinaus in's Freie wagte ich anfangs nicht zu gehen. Ich
-dachte, man würde mit Fingern auf mich deuten. Auch die Unterredung
-mit den Eltern Babettens, die ich mir auf diesen Morgen festgesetzt
-hatte, gab ich auf. Wäre mir noch einmal so Etwas gesagt worden, wie
-die Balzerswäs mir gesagt hatte, ich hätte nicht gewußt, ob ich so
-gleichmüthig geblieben wäre. Es wogte noch gar jugendliches Blut in
-meinen Adern. Ich war noch nicht lange von der Universität heimgekommen.
-
-So war es Mittag geworden. Ich konnte es nicht mehr in den engen Wänden
-aushalten. Ich mußte hinaus. Man hätte mich anders ja am Ende gar noch
-für schuldig halten können. Auch schämte ich mich meiner Feigheit.
-
-Als ich kaum aus der Hausthüre getreten war, kam der Schneider
-Heimerdinger mit seinem Hunde daher. Ich hielt es für eine passende
-Gelegenheit, um über Babette mit ihm zu reden und rief ihn deshalb
-an. Er kam auch eiligst herbei. Aber nun merkte ich, daß er total
-betrunken war. Er legte mir ganz vertraulich die Hand auf die Schulter
-und fragte: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie einen Spaziergang machen?«
-Ich schüttelte ihn von mir ab und sagte ihm, ich liebte solche
-Vertraulichkeiten nicht. Ob er sich denn gar nicht schäme, am hellen
-Tage betrunken durch die Straße zu wanken. Er solle heimgehen und
-seinen Rausch ausschlafen. Da wandte er sich hinweg und sagte zu
-seinem Hund: »Bello, beiße einmal den Hochwürden! Er hat deinen Herrn
-beleidigt.«
-
-Das war diesen Tag mein erster Empfang auf der Straße. Als ich
-weiter das Dorf entlang ging, sah ich, wie Alles stehen blieb, was
-mir begegnete, und mir nachsah. Niemand grüßte. Am Wirthshaus fuhren
-plötzlich eine Menge Gesichter zum Fenster heraus und glotzten mich
-an. Als ich vorüber war, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus
-und Etliche riefen: »Vivat! unser Pfarrer lebe hoch!« und die Andern
-wieherten Beifall über den äußerst gelungenen Witz. -- Als ich heimkam,
-war mein erster Gedanke: ich kann hier nicht mehr bleiben. Mein zweiter
-Gedanke: Du mußt bleiben. Du bist nicht umsonst an diesen schwierigen
-Posten berufen worden. Willst Du schon beim ersten Anstoß fliehen, wie
-ein Miethling? Wer glaubt, fleucht nicht. Aber Du mußt ernster und
-entschiedener werden! Du mußt einmal die Seelenverkäuferei geradezu
-zum Gegenstand Deiner Predigt machen und statt einzelner Hindeutungen
-auf dieses gottwidrige Treiben der Gemeinde unverhüllt das Verderben
-zeigen, wohin sie schon gerathen ist und wohin sie noch gerathen
-wird. Das kann nächsten Sonntag schon geschehen. Und so geschah es.
-Ich predigte mit glühendem Herzen und glühenden Worten über den Text:
-Matth. 24. V. 12: »Dieweil die Ungerechtigkeit wird überhand nehmen,
-wird die Liebe in Vielen erkalten.« -- Obgleich es durchaus keine
-Musterpredigt war und sein sollte, so muß ich doch einige der stärksten
-Stellen ausziehen, um sie so am besten in der Kürze zu charakterisiren:
-
- »O wie selig sind die Seelen,
- Die mit Jesu sich vermählen,
- Die sein Lebenshauch durchweht;
- Daß ihr Herz mit heißem Triebe
- Stündlich nur auf seine Liebe
- Und auf seine Nähe geht.«
-
-»Solche Seligkeit liegt hinter Euch, wie das verlorene Paradies.
-Nicht einmal die Ahnung derselben lebt in Eurer Brust. Es will Nacht
-in Euch werden, volle Nacht. Viel eher als den Lebensweg werdet Ihr
-den Verzweiflungsweg wandeln, den Judas ging, als er das Blutgeld
-den Hohenpriestern vor die Füße geworfen hatte. Denn Judasväter
-und Judasmütter seid Ihr, die Ihr Eure Kinder für elenden Mammon
-verschachert und verkauft! Wenn der Geiz die Liebe tödtete in des
-Judas Brust, daß er seinen Meister und Heiland für dreißig Silberlinge
-verrathen konnte -- steht Ihr vielleicht höher? Ist nicht auch Eure
-Liebe todt? Auch Eure Liebe zu Gott und Christus? Vernichtet und
-veranstaltet Ihr nicht in Folge dieses schamlosen Handels das Ebenbild
-Gottes in Euren Kindern? Werfet Ihr sie nicht dem Satan in den Rachen,
-statt der rührenden Bitte des göttlichen Kinderfreundes zu gehorchen?
-»Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht!« Gibt es
-irgend Heiden in der Welt, die so unnatürlich wie Ihr die angebornen
-Gefühle eines Vater- und Mutterherzens unterdrückten? --
-
-Abels Blut schrie zum Himmel hinauf. Kains Fuß war unstät und flüchtig
-auf Erden; auf seiner Stirne brannte das Brandmal des Mörders.
-
-Auch auf Eurer Stirn ist das Kainszeichen eingebrannt. Die gemordete
-Unschuld Eurer Kinder schreiet zum Himmel hinauf. Wenn sie aus dem
-Ausland zurückkehren, ist ihr Leib zerrüttet und ihre Seele gemordet.
-Ihr seid die Mörder! Und das Feuer, das nicht erlischt, brennt auch
-Euch, und der Wurm, der nicht stirbt, nagt auch an Euch, daß Ihr nicht
-Ruhe findet, hier nicht und dort nicht. Euch wäre besser, Ihr wäret nie
-geboren!
-
-Und könnte es nicht auch hier schön und sonnig sein, wie draußen der
-helle Sommermorgen? Könnte nicht auch hier der Geist der Liebe und des
-Friedens walten? Ist es nicht Gottes Himmel, der sich über uns wölbt?
-Ist es nicht Gottes Erde, auf der unser Dorf steht, und wohnet nicht
-auch bei uns die Fülle seiner Liebe und Gnade? Ist des Sohnes Blut
-nicht auch für Euch geflossen? Hat es nicht Kraft, selbst Euch von
-Euren Sünden zu waschen? Ruft er nicht dort auf Golgatha mit seinen
-ausgebreiteten Armen auch Euch: »Kommet her zu mir Alle, die Ihr
-mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken!«« --
-
-Das sind so etliche Stellen aus dieser Predigt. Sie war scharf und
-schneidend, aber von dem heiligen Zorn des Augenblicks eingegeben. Und
-mußte sie nicht schneidend und scharf sein, wenn die Eiterbeule, die an
-dem Leben der Gemeinde fraß, aufbrechen sollte?
-
-Den Nachmittag hatte ich Kirchenvorstandssitzung ansagen lassen, nicht
-etwa in der Absicht, große Berathungen mit den Kirchenvorstehern
-zu pflegen, oder ihre Unterstützung zu verlangen; sie sollten blos
-unterschreiben. Denn auf das Unterschreiben und Jasagen beschränkte
-sich nach ihrer eigenen Wahl lediglich ihre Amtsthätigkeit. Ich hatte
-diesmal ihre Unterschriften nöthig, weil ich ein gewichtiges Gesuch an
-das Amt wollte abgehen lassen, worin ich um gründliche und ernstliche
-Untersuchung der obwaltenden Zustände und um schleunige Abhülfe bat, da
-dadurch vielleicht noch manchem schwebenden Unheil vorgebeugt werden
-könne.
-
-Das war mein letztes Rettungsmittel für die Mädchen. Man sollte
-denken, es sei mein erstes gewesen; aber frühere Erfahrungen hatten
-mich nicht besonders ermuthigt und auch der Erfolg des vorliegenden
-Schriftstücks widerlegte meine Ahnungen nicht. Um die bestimmte Zeit
-kamen die »Kirchenherrn«, wie man dort den Kirchenvorstand bezeichnet.
-Voran schritt der Bürgermeister. Schon an seinem Gruße merkte ich, daß
-er betrunken war. Dieses wurde aber noch deutlicher, als er in das
-Zimmer trat; denn da fing er so an zu taumeln, daß ich alle Augenblicke
-glaubte, er würde hinstürzen, und es wäre auch geschehen, wenn er sich
-nicht krampfhaft an meinem Kanapee festgehalten hätte. Als er kaum
-diesen sicheren Hafen erreicht hatte, ließ er sich auch hineinsinken.
-Wie er aber nun festen Grund unter sich spürte, holte er auch sofort
-seine bürgermeisterliche Würde wieder hervor, indem er die große
-Brille, die sich etwas verschoben hatte, zurecht setzte, die dünnen
-Haare an den Schläfen glatt strich und den Hemdkragen hervorzupfte.
-
-»Herr Bürgermeister, Sie sind betrunken und wagen es in diese Sitzung
-zu kommen?« sagte ich.
-
-»Das will ich erst bewiesen haben, daß ich betrunken bin!«
-
-»Sie können ja nicht gehen und stammeln nur die Worte hervor und das
-ganze Zimmer ist voll Schnapsgeruch.«
-
-»Ich will's bewiesen haben, daß ich betrunken bin. So was lasse ich mir
-nicht sagen, dafür bin ich Bürgermeister.«
-
-»Sie verlassen jetzt augenblicklich die Sitzung und ich werde über Ihr
-Betragen berichten.«
-
-»Ich bleibe hier und will den einmal sehen, der den Bürgermeister von
-F. hinausthut!«
-
-»Den werden Sie gleich sehen.« Mit diesen Worten faßte ich ihn am Arm
-und führte ihn trotz seines Sträubens zur Thüre hinaus, die ich hinter
-ihm zuschloß. Eine Weile murmelte es draußen und man verstand deutlich
-Worte wie: »Schlechter Pfaff, ich komme Dir auch!«
-
-Dann auf einmal gab es ein furchtbares Gepolter. Der Herr Bürgermeister
-war die Treppe hinuntergefallen. Wir liefen schnell herbei, um zu
-sehen, ob er sich keinen Schaden gethan habe; aber er hatte sich schon
-wieder erhoben und spazierte nun die Straße hinauf, indem er von einer
-Seite derselben auf die andere taumelte. Als wir wieder in das Zimmer
-traten, sagte der Kirchenvorsteher Mauser: »Es ist eine Schande, Herr
-Pfarrer! Ich sage weiter Nichts -- es ist eine Schande. -- Ich bin
-vierzehn Tage vor Johanni sechzig Jahre alt geworden, aber ich muß
-sagen, So etwas habe ich noch nicht erlebt.«
-
-Mauser war der Wortführer in den Kirchenvorstandssitzungen. Er besaß
-die eigenthümliche Gabe, meine Gedanken, wenn sie kaum ausgesprochen
-waren, zu seinen eigenen zu machen und sie weiter auszuspinnen. Er
-war desto erpichter darauf, für einen Ehrenmann und guten Christen zu
-gelten, je deutlicher er fühlte, daß er eigentlich ein Schurke war.
-»Ich habe keinen Feind,« pflegte er zu sagen »und wenn der Herr will,
-werde ich es noch erleben, daß meine Gesinnung Anerkennung findet. Die
-Lieb' und die Freundschaft, die ich im Herzen trage, ist gar nicht zu
-sagen. So bin ich auch gegen Sie gesinnt. Ich habe mit allen Pfarrern
-gar gut gestanden. Wir waren immer wie Brüder.« Und in der That, er
-war der Allerweltsfreund und Allerweltsgevattersmann. Er war bei allen
-Viehhändeln, bei allen Krankenbetten, Leichenschmäusen, Taufen und
-Hochzeiten. Ohne seinen Zuspruch und seine beruhigenden Worte geschah
-Nichts. Das Volk liebt es, bei seinen Festlichkeiten einen Mann zu
-haben, der das nöthige Ansehen und genügende Redegewandtheit besitzt,
-um die Mittelsperson bei vornehmen und fremden Gästen zu machen, den
-allgemeinen Gefühlen einen würdigen Ausdruck zu verleihen und, wenn
-das Gespräch stockt, wieder ein neues anzuspinnen oder, wie man sich
-ausdrückt -- »Jemanden für die Ansprache.« Dafür war nun unser Mauser
-wie geschaffen. Er that hierin den kühnsten Anforderungen Genüge.
-Aber auch sich vergaß er nicht. Seine Leidenschaft für den Branntwein
-war eine selbst in dem Landgängerdorfe nicht ganz gewöhnliche. Doch
-fehlte es ihm an Mitteln, dieselbe nach Lust zu befriedigen; denn seine
-Frau, die den Schlüssel zum Geldschrank immer mit sich führte, hielt
-ihn äußerst knapp. So mußte er sich denn bei andern Gelegenheiten
-entschädigen und es war fast als hätte er dabei noch eine feinere
-Witterung, als ein Jagdhund, so sicher war er dabei, wo Branntwein
-umsonst gegeben wurde. Gar zu gern wäre er Bürgermeister geworden und
-hatte es wahrhaftig nicht an Umtrieben fehlen lassen, aber man wollte
-den Freund und Gevatter Mauser nicht zum Bürgermeister, denn man
-fürchtete für das Gemeindevermögen.
-
-Als ich Nichts erwiderte, sondern vielleicht sehr niedergeschlagen
-aussah, fuhr er fort: »Es muß aber auch in letzter Zeit Alles
-zusammenkommen, um unsern lieben Herrn Pfarrer zu beleidigen und zu
-kränken.« Dabei wischte er mit seinem Schnupftuch in den Augenwinkeln,
-als wenn er ein paar Thränen wegzuwischen hätte. »Wissen Sie, daß
-ich und mein Kathrein in der letzten Zeit als ein Stückchen geflennt
-haben, daß sie es unserm Herrn Pfarrer so machen im Ort. O, es sind
-gar boshafte, neidische Menschen hier im Ort. Wir haben es gleich
-gesagt, daß an der ganzen Geschichte kein wahres Wort wäre. Es war
-am Donnerstag Abend, da saß ich und las in der Bibel. Ich lese jeden
-Abend in der Bibel und da kann ich mich so vergessen, daß mein Kathrein
-als sagt: Jakob, weißt Du auch, wie viel Uhr es ist? Es hat eben elf
-geschlagen. So leg' Dich doch in's Bett! Es kostet so genug Oel; man
-kann es gar nicht mehr aufbringen. Kathrein, sage ich dann: was hier
-an irdischem Oel verloren geht, das gewinne ich an himmlischem Oel
-für meine Seele. So saß ich am Donnerstag Abend und las in der Bibel,
-da kömmt mein Hannesche hereingestürmt und erzählt in aller Hast die
-Geschichte von Ihnen. Das ganze Dorf spräche davon. Da ging ich hin,
-ohne ein Wort zu sprechen, und gab ihm eine Ohrfeige, daß es klatschte.
-So, sagte ich, wenn schlechte Menschen solche Sachen erzählen, dann
-mußt Du so viel Respekt vor unserm lieben Herrn Pfarrer haben, daß Du
-so etwas gar nicht nacherzählst. Und nun gehst Du in Dein Bett und
-legst Dich schlafen. Ich habe aber noch lange mit meiner Kathrein Rath
-gehalten. Kathrein, habe ich gesagt, Weißt Du, wer schuld ist an dem
-Allen? Das ist der Bürgermeister, habe ich gesagt. Es muß ein anderes
-Oberhaupt in's Dorf, der alle Strenge anwendet, um die Landgängerei zu
-unterdrücken und nicht überall noch mit Rath und That zur Hand geht,
-und wenn wir keinen andern Bürgermeister bekommen, geht noch Alles zu
-Grunde.«
-
-»Sie mögen Recht haben, Mauser, daß viel Schuld am Bürgermeister liegt;
-aber es muß Jeder seine Schuldigkeit thun nach dem Maß seiner Kräfte
-und Gaben. Ich habe hier eine Schrift an's Amt aufgesetzt, worin ich um
-strenge Untersuchung des Treibens der Seelenverkäuferei und um baldige
-Abhülfe bitte. Das mögen Sie unterschreiben.« »Von ganzem Herzen, Herr
-Pfarrer! Es ist dieses der einzige Weg, der noch helfen kann. Das habe
-ich schon lange gesagt.«
-
-Nun wandte ich mich an den andern Kirchenvorsteher, Namens Schwalb, der
-ein redlicher Mann war, aber zum Unglück fast ganz taub. Er saß während
-der Sitzung gewöhnlich so da, daß er die hohle Hand an das am besten
-hörende Ohr legte, den Mund weit aufsperrte und die Augenbrauen in die
-Höhe zog. Sobald ich nach ihm hinsah, nickte er freundlich mit dem
-Kopf und machte eine Bemerkung über den jedesmaligen Wetterstand, oder
-sagte: »Sie haben heute gar schön gepredigt,« obwohl er kein Wort recht
-verstehen konnte. Auch jetzt machte er mir das Compliment. Ich gab ihm
-stillschweigend die Schrift zum Durchlesen, aber er unterzeichnete,
-ohne einen Blick hineingeworfen zu haben. Damit entließ ich die
-würdigen Kirchenherrn.
-
-Am folgenden Mittwoch Morgen erhielt ich zwei Dienstbriefe. Der eine
-trug das Amtssiegel, der andere das Decanatssiegel.
-
-Ich öffnete zuerst das Schreiben vom Amt. Da wurde ich denn ersucht,
-erst spezielle Thatsachen aufzuführen und Zeugen zu nennen, dann wolle
-man sich bewogen finden, die Zeugen abzuhören und, je nachdem der
-Thatbestand sich ergebe, einzuschreiten. Ich legte den Brief ziemlich
-unbefriedigt bei Seite und öffnete den andern, in welchem noch ein
-zweites Schriftstück lag. Das Schreiben des Decans lautete: »Sie
-empfangen hier eine Anklage Ihres Kirchenvorstandes, worüber ich Sie
-ersuche, sich alsbald zu verantworten.« Die Anklage war folgende:
-
- Hochwürdiger Herr Decan!
-
- Wenn es erlaubt ist mit Ihne zu rede, bitte wir Ihne um
- Entschuldigung, daß wir Ihne lästig falle müsse, aber mit uns
- Herrn Pfarrer ist gar kein Auskomme meh. Er ist mit eim Wort
- wüthend und gleicht gar keim Mensch meh. Am Sonntag kam er in
- die Kirch und hat so die Thür hinter sich zugeschlage, daß
- nervenschwache Weiber und Greise fast ohnmächtig geworde wärn
- und hat sich geberdt auf der Kanzel, als wenn er besoff wär und
- geschimft und räsonnirt, daß uns Gemein ein ganz schlechte Nam
- kriegt von dene fremde Leut, die auch drin warn. Er kümmert
- sich um alle Angelegenheiten, die ihn nix angehn und stift
- Streit unter die Familien und hetzt die Leut hintereinander.
- Wenn er einmal ein Buckel voll Schläg bekäm, dafür könnt mir
- nix. Wenn uns Dorf in Unzucht und Schlechtigkeit fällt, daran
- ist er allein schuld. Im ganze Dorf schwätzt man davon, daß
- ers mit eim schlechte Mädche hätt. Wie soll denn nun die
- Jugend sein, wenn der Pfarrer so ist. Uns ganz Dorf kömmt noch
- durch so ein Pfarrer in Verruf. Wir möchte Herrn hochwürdigste
- Decan unterthänigst gebeten habe, ihn gerad wegzusetze. Es
- könnt möglich sein, daß er sich in einer andern Gemeine besser
- aufführt. Wir wolle an seim Unglück nicht schuld sein, darum
- solle Sie ihn nicht absetze. In großer Unterthänigkeit grüßt
-
- der Kirchenvorstand:
-
- +Adam Koch+, Bürgermeister,
- +Jakob Mauser+, Kirchenvorsteher,
- +Philipp Schwalb+, "
-
-Ich hatte kaum das Schreiben gelesen, da kam der Anton Scheppler zur
-Thüre hereingestürzt:
-
-»Sie sind fort, Herr Pfarrer!« --
-
-»Wer ist fort?«
-
-»Der alte Fink und die Mädchen.«
-
-»Auch die Babette Heimerdinger?«
-
-»Auch die Babette Heimerdinger.«
-
-
-
-
-VIII.
-
-Eine Predigt Gottes.
-
-
-Es war Winter geworden. Der Schneesturm tobte und in den Feldern und
-Wiesen lag er fast zwei Fuß hoch. Wie ein Wintersturm war es auch
-über meine Jugend dahingegangen. All' mein Hoffen und Sehnen und
-meine Begeisterung war dahin. Ich fühlte mich innerlich geknickt
-und gebrochen. Mein Zerwürfniß mit der Gemeinde war zwar äußerlich
-beigelegt: Anne-Mile hatte geplaudert und sich nach und nach selbst
-verrathen. Als die Babette an der Guntramseiche in Ohnmacht fiel und
-ich um Hülfe rief, war sie ganz in der Nähe gewesen und hatte Alles
-mit angesehen und zum Theil mit angehört. Doch statt Mitgefühl zu
-empfinden, war der teuflische Plan in ihrer Seele wach geworden,
-Babette und mich in geschehener Weise zu verdächtigen. Der Anton
-Scheppler hatte einmal zu ihr gesagt, die Babette sei tausendmal
-schöner als sie, weil sie züchtig und rein wäre. Das hatte sie schon
-lange genug geärgert; die sollte nicht länger mit ihrer Unschuld groß
-thun. Nun hatte sie auch soviel verstanden und sich zusammengereimt,
-daß ich der Babette helfen wolle und war den Abend gleich zum alten
-Fink gelaufen und hatte ihm Alles erzählt. Der war heftig erschrocken
-und versprach ihr zehn Thaler, wenn sie Babette und mich in der
-geschehenen Weise verdächtige, einen rechten Lärm im Ort mache und so
-meinen Einfluß vernichte. Die zehn Thaler freilich bekam sie nicht und
-der Aerger darüber war auch der Anlaß ihres Plauderns.
-
-Der Kirchenvorstand, als er hörte, daß ich ihre Anklage in Händen
-habe und es mit meiner Versetzung Nichts würde, war gekommen, um mich
-um Verzeihung zu bitten, jedoch jeder Kirchenvorsteher allein. Der
-Bürgermeister meinte, der alte Fink und der Mauser wären an Allem
-schuld. Der alte Fink hätte gehetzt und Branntwein bezahlt und der
-Mauser hätte die Schrift gemacht. Der Mauser dagegen sagte, der
-Bürgermeister wäre der Urgrund alles Unheils und wir bekämen keinen
-Frieden in das Dorf, bis wir einen andern Bürgermeister hätten. Der
-Schwalb sprach vielleicht allein die Wahrheit, denn er gestand, er habe
-nicht gewußt, was er unterschrieben habe.
-
-Als der Decan Kirchenvisitation hielt, hatte er sehr zur Eintracht
-und zum Frieden gerathen. Konnte aber Eintracht und Frieden zwischen
-mir und meiner Gemeinde sein? Wäre es nicht ein trauriges Zeichen für
-+mich+ gewesen?
-
-Jetzt im Winter, und da ich Alles in seiner nackten Wirklichkeit
-schaute und nicht mehr mit der idealisirenden Brille eines jugendlichen
-Herzens, fühlte ich doppelt meine Einsamkeit und Verlassenheit unter
-diesen Leuten. Mir war es oft mit meinem wunden Gemüthe, wie dem
-»ausgewanderten Dichter«:
-
- »Allein? Allein? und so willst du genesen?
- Allein? Allein? ist das der Wildniß Seegen?
- Allein? Allein? o Gott, ein einzig Wesen!
- Um dieses Haupt an seine Brust zu legen.«
-
-Ich verstand es, wenn es in der Schrift heißt: »Es ist nicht gut, daß
-der Mensch allein sei.« Und ich hatte ja eine geliebte Braut; aber
-bei dem dürftigen Einkommen der Stelle konnte ich nicht an Heirathen
-denken. Ich konnte stundenlang im trüben Sinnen am Fenster sitzen und
-hinunterblicken zu den fernen Burgen und Städten der Wetterau und zu
-den finsteren Höhen des Vogelberges. Meine einzige Gesellschaft war
-ein Rabe, der stets auf dem Stumpfe des vom Blitz getroffenen Baumes
-saß. Er nickte mir zu und ich nickte ihm zu, als verständen wir uns. Es
-schneite dabei immer zu und der Nordweststurm rüttelte an den Fenstern
-und wirbelte den Schnee auf und jagte den Rauch aus dem Kamin zurück
-in mein Zimmer. Aus diesem trüben Sinnen wurde ich geweckt durch eine
-Nachricht, die laut predigte von der Unbegreiflichkeit der Gerichte
-Gottes und von der Unerforschlichkeit seiner Wege. Es hieß: der
-Schneider Heimerdinger hat seine Frau erschlagen.
-
-Anfangs hörte ich nur dunkle, abenteuerliche Gerüchte, als habe er ihr
-mit einer Axt den Leib aufgeschlitzt. Andere sagten, er habe ihr ein
-Schnitzmesser in den Hals geworfen. Endlich gelangte eine bestimmtere
-Nachricht an mich, daß die Frau Heimerdinger zwar stark verwundet sei,
-aber nicht todt, und man auch gar nicht wisse, ob ihr Mann schuldig
-wäre; nur lasse er keinen Menschen in's Haus, indem er vorgäbe, seine
-Frau sei zu schwach, um Besuch anzunehmen. Ich beschloß, auf jeden
-Fall die Sache näher zu untersuchen und mich so leicht nicht abweisen
-zu lassen. Ich fand die Hausthüre von innen verriegelt. Aber als ich
-ein wenig Lärm mit dem Drücker machte, erschien ein Kopf am Fenster
-und bald darauf wurde geöffnet. Es war Konrad, der achtjährige Sohn
-des Heimerdinger, der mir öffnete. Sein Vater war nicht zu Hause. Er
-war vor einer Stunde in den Wald gegangen, um Holz zu holen, weil sie
-keinen Vorrath mehr im Hause hatten, um zu kochen und einzuheizen. Ich
-trat in ein freundliches, nettes Zimmer, wie kein zweites im ganzen
-Dorf zu finden war. Die Wände waren mit einer neuen, hellen Tapete
-bekleidet; an den Fenstern waren schneeweiße Halbvorhänge angebracht
-und auf einem selbstverfertigten Blumentischchen stand eine ganze
-Auswahl von Monatsrosen, Nelken, Geranien, Fuchsia's und Cactus. In
-dem Bett, das die Ofenecke ausfüllte und durch eine einfache Gardine
-geschützt war, lag die Frau Heimerdinger, das immer noch schöne Gesicht
-todtenbleich und von Schmerz entstellt. Der kleine Konrad war an ihr
-Bett getreten und hatte sein Gesicht in dem Kissen vergraben, während
-die Mutter krampfhaft in seinen Locken wühlte und mich gar verlegen und
-mißtrauisch anblickte.
-
-»Es scheint Ungewöhnliches in diesem Hause vorgegangen zu sein«, begann
-ich die Unterredung.
-
-»Ja, Herr Pfarrer, es wird mein Tod sein.«
-
-»Was ist denn eigentlich geschehen?«
-
-»Gestern Abend bin ich dunkel in den Keller gegangen und über das
-Sauerkrautfaß gefallen und habe mir an einem großen Nagel, der
-herausstand, den Leib aufgeritzt und ich glaube, einen Darm verletzt.«
-
-Die Geschichte war so einfach und wahrscheinlich und so im Tone der
-Wahrheit erzählt, daß mir gar kein Bedenken gekommen wäre, wenn ich
-nicht in ihren Augen etwas Lauerndes meinte wahrgenommen zu haben. Doch
-ich konnte mich auch täuschen. Um sie weiter zu beobachten, sagte ich
-rasch: »Es wird im Dorfe ganz anders erzählt, Frau Heimerdinger.«
-
-Aber sie wußte es schon.
-
-»Ich weiß es, der Konrad hat mir's gesagt. Es sind verleumderische
-Menschen, die einem gern etwas anhängen möchten und die nicht wissen,
-was sie thun.«
-
-»Sie werden es wohl am besten wissen und werden nicht mit einer Lüge
-aus der Welt gehen wollen?«
-
-»Nein, wenn man so nahe der Ewigkeit steht, lügt man nicht.«
-
-Sie war aber feuerroth bei diesen Worten geworden und wendete sich ein
-wenig nach der andern Seite. Es war also nicht Alles richtig. Sie hatte
-Etwas zu verbergen.
-
-»Gebrauchen Sie einen Arzt?«
-
-»Nein.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Sie wissen, wir armen Leute schicken nicht gleich zum Doctor und in
-die Apotheke, wir können schon einen Stoß vertragen. Doch wenn mein
-Mann heimkommt, soll er gleich nach einem gehen. Die Schmerzen sind
-nicht gut zu ertragen und es ist Alles geschwollen.«
-
-»Versäumen Sie es ja nicht! Sie haben schon zu lange gewartet. Sie
-können dadurch an Ihrem Tode schuldig sein.«
-
-Sie war noch bleicher geworden. Ihre Schmerzen schienen furchtbar
-zu sein. Aber die größten Schmerzen konnten ihr das Geheimniß nicht
-auspressen. Sie hatte sogar noch Geistesgegenwart genug, sich nicht
-durch ein einziges Wort zu verrathen. Als sie sich wieder etwas erholt
-hatte, bemerkte ich darum, um sie noch stärker anzugreifen:
-
-»Denken Sie auch an Babette?«
-
-»Herr Pfarrer, die macht mir mehr Schmerzen, als meine Wunde. Wir haben
-gestern Morgen einen Brief von ihr bekommen. Sie schreibt nicht gut.«
-
-»Dürfte ich den Brief vielleicht einmal sehen?«
-
-»Ich glaube, mein Mann muß ihn mit haben.«
-
-»Mutter,« sagte Konrad, »er liegt ja unter Deinem Kopfkissen.«
-
-»Nein, Konrad, Dein Vater hat ihn mit.«
-
-»Lassen Sie nur, Frau Heimerdinger, Sie können mir vielleicht etwas
-daraus mittheilen.«
-
-»Sie schreibt von New-York aus, des andern Tages würden sie nach
-Californien absegeln. Sie macht uns schwere Vorwürfe und was mich am
-meisten ängstigt, ist: daß sie schreibt, sie blicke oft in das Meer und
-dann denke sie: wenn sie tief, tief dort unten liege, dann hätte sie
-Ruhe und Frieden. Balzer's Ernst hat auch einen Brief von ihr erhalten.«
-
-Als sie mir nichts weiter mittheilte, wollte ich auch nicht weiter
-in sie dringen und fragte nur noch, wenn Sie denn sterben sollte,
-ob Sie sich auch gerüstet glaube, vor dem Richterstuhle Gottes zu
-erscheinen. Da antwortete sie auf einmal in einem ganz umgeänderten
-Tone: »Sie müssen wieder kommen, Herr Pfarrer, Sie müssen wieder
-kommen!« und schwere Thränen perlten in ihren Augen. »Ich habe noch
-viel mit Ihnen zu reden, ehe ich sterbe, aber jetzt bin ich zu schwach,
-zu angegriffen.« Ich sah ihr an, wie sie sich nur mit Mühe aufrecht
-erhielt und entfernte mich. Die Erinnerung an ihr unglückliches Kind
-schien den Panzer, der ihr Herz umschloß, geschmolzen zu haben. -- Ich
-lag die Nacht im ernsten, tiefen Schlaf; da wurde mit der Faust wider
-meinen Fensterladen geschlagen. »Herr Pfarrer, Sie sollen gleich in
-Heimerdinger's kommen: Die Frau Heimerdinger stirbt!« rief es draußen.
-
-Ich zündete Licht an. Es war eben drei Viertel auf ein Uhr. Ich warf
-mich schnell in meine Kleider und war bereit, dem Manne, der noch
-draußen mit der Laterne stand, zu folgen. Der Sturm heulte, Schnee
-und Regen schmetterten wider die Fenster, die Dachziegel klapperten,
-die zwei alten Pappelbäume vor meinem Hause ächzten und stöhnten.
-Ich schauderte, in die schwarze, schreckliche Nacht hinauszugehen zu
-solchem Sterbelager. Aber die Pflicht rief. Unterwegs erzählte mir
-mein Begleiter, der ein Nachbar von Heimerdingers war, er und seine
-Frau seien schon den ganzen Abend im Hause. Die Frau Heimerdinger
-hätte bereits seit Stunden nach mir verlangt, aber der Heimerdinger
-habe immer Entschuldigungen und Ausreden vorgebracht. Zuletzt als
-sie immer schwächer geworden, sei er auf eigene Verantwortung zu
-mir gelaufen und hätte mich gerufen. Er glaube, sie wolle mir ein
-Geständniß machen. -- Als wir eintraten, lag sie ebenso da wie am
-Morgen; nur saß ihr Mann neben ihr am Bett. Er warf mir einen wilden,
-verwirrten Blick zu, als ich so plötzlich und unvermuthet hereintrat,
-wandte sich aber gleich wieder zu der Sterbenden. Diese faltete die
-Hände und streckte sie hoch in die Luft, warf einen verzweifelten Blick
-auf mich und ihren Mann, that noch einen Schrei und war verschieden.
-Ich war zu spät gekommen. Der Mann warf sich schluchzend über die
-Leiche. Der Konrad lag ohnmächtig in der Nachbarin Arm. Ich sank auf
-die Knie und betete um Gnade für die arme Seele. Ich hätte gern eine
-gerichtliche Untersuchung der Leiche gehabt, zumal da das ganze Dorf
-derselben Ansicht war, wie ich, daß der Fall über das Sauerkrautfaß
-reine Erfindung sei. Man traute allgemein der Frau Heimerdinger die
-Festigkeit und Charakterstärke zu, daß wenn sie ein solches Geheimniß
-hätte mit in's Grab nehmen wollen, sie es auch gekonnt habe. Aber
-der Arzt, der sie noch den Nachmittag vor ihrem Tode besucht hatte
-und den ich darüber sprach, sagte: es sei kein Grund vorhanden, hier
-gerichtlich einzuschreiten, indem an der Angabe der Kranken gar nicht
-zu zweifeln sei: Ich solle sie in Gottes Namen beerdigen.
-
-Es war in der folgenden Nacht. Der Nordweststurm hatte sich noch nicht
-gelegt und rüttelte besonders an dem einsamen Haus des Schneiders
-Heimerdinger, als wollte er es vom Erdboden mit hinwegnehmen und mit
-ihm alles Verbrechen und Weh, welches es in sich verbarg. Mitternacht
-mochte vorüber sein, da erwachte der kleine Konrad hinter dem Ofen,
-hinter dem er sitzend eingeschlafen war. Der Ofen war kalt. Ihn fror
-es, daß die Zähne klapperten. Das Licht, das auf dem Tische stand,
-war am Ausgehen und flackerte auf und nieder. Bei seinem ungewissen
-Schein glaubte er zu sehen, wie seine Mutter, deren Leiche mit einem
-Leintuch verhüllt auf dem Bette lag, ihre Hände nach ihm ausstreckte.
-Wie er sich entsetzt abwandte, fiel sein Blick auf seinen Vater, der
-lang ausgestreckt, bleich wie seine Mutter, auf dem flachen Stubenboden
-lag. So war er hingefallen, als er spät in der Nacht betrunken in
-die Stube hereintaumelte, und liegen geblieben und eingeschlafen. In
-demselben Augenblicke, als der Knabe seinen Vater erblickte, erlosch
-das Licht. Da wurde es wirr in seinem Sinn; er meinte den Sterbeschrei
-seiner Mutter wieder zu hören; er glaubte, eine Faust fasse ihn beim
-Genick, sein Haar sträubte sich in die Höhe und mit einem lauten
-Schrei stürzte das unglückliche Kind, vom Entsetzen gepackt vor seinen
-eigenen Eltern, hinaus aus dem Vaterhaus in die wilde Nacht hinein, um
-sich eine andere Heimat zu suchen. Der Wind spielte mit seinen Locken
-und fuhr eiskalt durch seine dünnen Kleider und bei jedem Schritt
-brach er bis über die Knie in den Schnee. Aber fort ging's, wie das
-gehetzte Wild vor einer Meute Hunde dahinläuft. Fort -- fort -- aber
-wohin du armer Knabe, in der dunkeln Nacht, in Wind und Wetter, im
-tiefen Schnee? In die Heimat? Du hast ja keine Heimat! Dein Vater ist
-ein Mörder -- Deine Mutter ist ermordet -- Deine geliebte Schwester ist
-verkauft! Oder willst du in die andere Heimat? Du hättest sie wohl auch
-noch erreicht in dieser Nacht, wenn Gott nicht seinen Engeln befohlen
-hätte: »dies Kind soll wohl behütet sein!«
-
-Auf einmal war es dem Konrad, als hätte er keinen Boden mehr unter den
-Füßen; dann meinte er, er könne fliegen, dann lag er so weich, so weich
-und wäre gern eingeschlafen, aber das Bein that ihm so weh, daß er in
-einem fort aufschreien mußte.
-
-»Hanjörg, Hanjörg«, sagte zum Bauern auf dem Hauserhof seine Frau, die
-Babett, und strich ihm mit der Hand über's Gesicht, um ihn aufzuwecken:
-»ich weiß nicht, die Hunde rasen ordentlich an ihren Ketten; es muß
-Etwas im Hof sein. Es wäre gut, wenn Du einmal hinausgingst und
-nachsähest: ich traue dem Heidenvolk nicht, das in den letzten Tagen
-hier herumstrich. -- Und horch! -- wenn der Sturm nicht so heult
--- hörst Du es nicht jammern und jispern? Mein Gott, wenn so ein
-Unglücklicher in der Dunkelheit die Felswand hinabgestürzt wäre!« Mit
-gleichen Füßen fuhr sie aus dem Bette und in fünf Minuten stand sie
-schon mit ihrem Manne im Hof und fanden dort den armen Konrad, der ein
-Bein gebrochen hatte.
-
-Ich hatte noch nicht gefrühstückt, da war ein Knecht vom Hauserhof da:
-ich solle gleich einmal hinauskommen, es wäre etwas Wichtiges.
-
-Ich beeilte mein Frühstück und machte mich auf den Weg; aber der Hof
-war, obwohl nur eine Viertelstunde entfernt, kaum zu erreichen vor dem
-ungewöhnlich tiefen Schnee. Endlich trat ich wie ein Schneemann mit
-Schnee beladen in's Zimmer und merkte nun alsbald auch, um was es sich
-handelte, da ich den Konrad im breiten Familienbette entdeckte und
-die geschwätzige Hoffrau mir fast in einem Athem über die nächtlichen
-Geschichten berichtete und andeutete, daß der Knabe Alles wisse und
-auch sagen würde, worüber man bis jetzt nur noch Vermuthungen hatte.
-
-»Das Bein ist wieder kunstgerecht eingerichtet vom Schäfer von
-Langenbuch: der versteht's besser als ein Doctor. Er war noch keine
-fünf Minuten fort, als Sie kamen und morgen will er wieder kommen und
-nachsehen. Aber was das Konrädchen zu sagen hat, da sollten Sie dabei
-sein! Sie wissen doch besser mit solchen Dingen umzugehen, als wir.
-Und wenn der schlechte Mensch schuldig ist, so muß er d'ran und wenn
-es tausendmal noch ein Verwandter von uns ist. Für die Kinder ist
-gesorgt. Der Konrad bleibt gerade bei uns und ich wollte, die Babett,
-mein Göthchen, das herzige Mädchen wäre auch wieder da! Es würde sich
-noch Manches machen lassen. Ich und mein Alter haben schon lange unser
-Augenmerk auf die herrlichen Kinder des Heimerdinger geworfen, da uns
-Gott diesen Segen versagt hat.«
-
-Um den Strom der Rede, der wahrscheinlich noch so eine Weile
-fortgeflossen wäre, abzuschneiden, trat ich an's Bett und fing an, den
-Knaben zu verhören. Jedoch nur auf die heiligsten Versicherungen des
-Schutzes, den er genießen sollte, begann er seine Erzählung, die oft
-durch Weinen unterbrochen wurde und worüber ich mir in manchen Stücken
-erst durch langes Examiniren Aufklärung verschaffte. Heimerdinger hatte
-durch den Verkauf seines Mädchens die Schuld, die auf dem Hause ruhte,
-gedeckt und auch noch etliches baare Geld in die Finger bekommen. Aber
-sein Durst war diesem und noch mehrerem gewachsen; er schien sich sogar
-noch von Tag zu Tag zu steigern. Die Arbeit war ihm gänzlich verleidet
-und er begehrte Nichts als zu trinken und wieder zu trinken. Das war
-nun ein großes Leidwesen für die Frau, die schon zum Voraus berechnen
-konnte, wann der Preis, für den sie ihr herrliches Mädchen dahingegeben
-hatte, durch den Leichtsinn und die Trunksucht ihres verkommenen Mannes
-bis auf den letzten Heller verzehrt sein würde! Alle Vorstellungen und
-Zuredungen halfen Nichts; ebensogut hätte sie dem Winde sagen können,
-er solle nicht mehr wehen oder dem Feuer, es solle nicht mehr brennen,
-wie dem Heimerdinger, er solle nicht mehr trinken. -- Ueber die neuen
-Tapeten, welche sie gekauft und über die neuen Einrichtungen im Haus
-und Garten, wonach sie sich schon so lange gesehnt hatte, konnte sie
-sich gar nicht freuen; sie gereichten ihr nur noch zu größerem Schmerz.
-Nun kam der Brief von Babette. Sie hatte laut aufweinen müssen vor
-furchtbarem Weh und Herzeleid, als sie die schweren Kämpfe ihres armen
-verstoßenen Kindes erkannte und seine gerechten Vorwürfe fielen wie
-Hammerschläge auf ihr selbstsüchtiges Herz. -- Selbst der Mann wurde
-soweit gerührt, daß er sich vornahm, wieder zu arbeiten. Er wollte
-sich beim Holzfällen betheiligen und wie sonst den Schweinemetzger
-im Dorfe spielen und sich auch diese wenigen Kreuzer nicht entgehen
-lassen. Deshalb nahm er seine Axt und sein Schlachtmesser und sagte:
-er wolle zur Schmiede, um sie sich dort auf dem Schleifstein zu
-schleifen. Aber er kam den ganzen Tag nicht heim. Konrad hatte schon
-mit seiner Mutter zu Nacht gegessen und sie las wieder Babettens Brief,
-da taumelte Heimerdinger völlig berauscht zur Thüre herein, in der
-einen Hand die volle Branntweinflasche, in der andern seine Axt und
-sein Schlachtmesser. Er war sehr guten Humors und setzte die Flasche an
-den Mund, um seiner Frau zuzutrinken. Aber in dieser hatte jetzt die
-Geduld ihr Ende erreicht und je lustiger er war, desto grimmiger wurde
-sie. Sie riß ihm die Flasche aus der Hand und rief: »Du Nimmersatt, du
-verfluchter Saufaus, o daß Du ersticktest an dem nächsten Tropfen, den
-Du trinkst! Du säufst unsere Thränen und unser Blut, Du Wütherich!«
-
-Ganz kaltblütig erwiderte er: »Gib die Flasche her und schrei nicht
-so!« »Die Flasche bekommst Du nicht wieder!« »Gib die Flasche her oder
-es gibt ein Unglück!«
-
-»Ich fürchte Dich nicht und Du bekommst sie nicht!«
-
-»Gib die Flasche her oder --!«
-
-»Da hast Du sie!« rief seine Frau und warf sie ihm vor die Füße,
-daß die Splitter umherflogen. Aber in demselben Augenblicke griff
-er nach seinem Schlachtmesser und rannte es ihr in den Leib. Sie
-stieß einen fürchterlichen Schrei aus und fiel für todt in die
-Stube. Heimerdinger war plötzlich nüchtern geworden, als er das Blut
-am Boden rinnen und seine Frau als Leiche im Zimmer liegen sah.
-Er schlug sich mit der Faust wider die Stirn und schrie: »Mörder!
-Mörder!« verfluchte sich und den Branntwein und warf sich über den
-Leichnam und weinte bitterlich. Als er so über ihr lag, meinte er auf
-einmal noch Leben in ihr zu verspüren und legte sie deshalb auf ihr
-Bett. Um die Wunde ungestört untersuchen zu können, riegelte er die
-Hausthüre zu und machte allerhand Wiederbelebungsversuche. Und wirklich
-erholte sie sich rasch wieder und fühlte sogar im Augenblick keinen
-besonderen Schmerz. Da war es denn auch mit der ernstlichen Reue des
-leichtsinnigen Trinkers schon vorbei und er fing an, die Spuren seiner
-Unthat zu vertilgen. Die Blutlache machte ihm viele Arbeit, zumal da
-er nicht überflüssig Wasser im Hause hatte. Das Messer vergrub er im
-Holzschoppen. Dann sagte er zu seiner Frau: »Nun mag daraus entstehen,
-was da will; du bist über das Sauerkrautfaß im Keller gefallen. Wenn
-Du anders sagst, schneide ich mir den Hals ab, das schwöre ich Dir bei
-Gott dem Allmächtigen!
-
-Und Du, Konrad, wenn ein Wort über Deine Lippen kommt, schlage ich Dir
-die Axt auf den Kopf, so gewiß ich Heimerdinger heiße!« --
-
-Der Knabe war durch sein Erzählen und mein ständiges Fragen so ermüdet,
-daß er dringend der Ruhe bedurfte und da auch alles Weitere von keinem
-besonderen Belange war, überließ ich ihn ganz seinem weiten Federbette.
-
-Ich aber setzte sofort die Hauptsache des eben Gehörten zu einem
-Bericht zusammen und schickte damit direkt einen Knecht an's Amt. Schon
-gegen Abend desselben Tages kam eine Untersuchungscommission in's Dorf,
-von zwei Gensdarmen begleitet. Des Mörders Haus fanden sie jedoch
-verschlossen. Dieser war seit der Todesstunde seiner Frau nicht mehr
-nüchtern geworden; bei Tage trieb er sich in den Branntweinkneipen der
-Umgegend umher und erst spät in der Nacht kehrte er in fast bewustlosem
-Zustande heim. So wurde die Hausthüre erbrochen. Die Section ergab,
-daß die Wunde nicht durch einen Nagel, sondern nur durch ein scharfes,
-schneidiges Instrument könne bewerkstelligt sein. Das Messer fand
-sich nach kurzem Suchen im Holzschoppen. Und nun erstand auch noch
-im Nachbar ein wesentlicher Zeuge, da er den Heimerdinger mit Axt,
-Messer und Flasche hatte heimgehen sehen und den Schrei der Frau und
-den Ruf »Mörder! Mörder!« gehört hatte. Er war auch an's Haus geeilt,
-als er aber die Thüre verschlossen fand und er seinen Nachbar in der
-Trunkenheit fürchtete, hatte er sich wieder zurückgezogen. Es wurden
-noch außerdem die halbe Nacht Zeugen verhört. Die zwei Gensdarmen saßen
-während dessen in dem dunklen Haus und warteten auf die Heimkehr des
-trunkenen Schneiders. Sie mußten lange vergeblich warten. Endlich kam
-er. Er hatte so weit die Erinnerung an seine ganze Situation durch
-Branntwein hinuntergespült, daß er mit lauter Stimme sang. Doch mag
-er etwas überrascht gewesen sein, als er nun plötzlich verhaftet und
-gefesselt wurde. Den Rest der Nacht mußte er in Fesseln neben der
-Leiche sitzen. Auch des andern Morgens wurde er nicht gleich abgeführt,
-da das Zeugenverhör noch immer andauerte, und so traf es sich, daß er
-gerade von den zwei Gensdarmen aus dem Dorfe hinaustransportirt wurde,
-als man seine gemordete Frau im Sarge hinaustrug. Wie mag ihm das
-Grablied, das er noch hörte, in den Ohren geklungen haben.
-
-
-
-
-IX.
-
-Das Ende.
-
-
-Eines Nachmittags kam die alte Balzerswäs ganz verstört in mein Zimmer.
-
-»Der Himmel erbarme sich einer alten Wittfrau! Wie schwer wird man
-heimgesucht! Denken Sie, mein Ernst ist fort, ist der Babett nach, dem
-verfluchten Mensch!«
-
-»Was sagen Sie, der Ernst ist fort! ist nach Californien?« rief ich
-ganz verwundert.
-
-»Ach Gott, das viele, viele Geld!«
-
-»Es ist allerdings ein leichtsinniger Streich, der schlimme Folgen für
-seine Zukunft haben kann. Doch wie ist es denn zugegangen?«
-
-»Nun wie wird's zugegangen sein! Der Bub ist ganz verhext in die
-Babett, sie hat ihm auch, glaube ich, von Amerika aus geschrieben und
-ihn dazu verleitet. Es kann ja nicht anders gehen, wenn man sich unter
-das Bettelpack mischt. Als er die Weihnachten hier war, ist er nicht
-wieder auf's Seminario. Ich hatte ihm das Kostgeld für ein halbes Jahr
-mitgegeben, das hat er nicht bezahlt. Seine Bücher, sein Weißzeug,
-sein Bett und sein Clavier hat er für ein Lumpengeld verkauft und vom
-Izik aus der Stadt hat er sich auf Handschein zweihundert Gulden geben
-lassen. Denken Sie, der stille, brave Ernst! Die Gedanken kann ihm doch
-nur das Satans Ding eingegeben haben. Wir sind erst hinter die ganze
-Geschichte gekommen, als der Izik mich vorgestern anrief und fragte,
-wer denn die Zinsen von den zweihundert Gulden bezahlte -- ich oder
-der Ernst. Ich weiß gar nicht, wie ich heimgekommen bin. Der Hanjost
-mußte gleich hinüber nach J., aber das Nest war leer -- der Vogel
-war fort. Er wird auch nicht mehr aufgenommen in's Seminario, weil er
-durchgegangen ist. Der Hanjost hat's aus dem Mund vom Direktor.
-
-Denken Sie, jetzt muß ich das Kostgeld noch bezahlen und der Izik will
-am Ende auch noch sein Geld haben. Ach Gott, das viele, viele Geld! Was
-hat das Studium nicht Alles gekostet und nun ist Alles umsonst! Es wäre
-vielleicht doch am besten gewesen, wenn wir Ihnen gefolgt hätten, aber
-wer hätte denken können, daß Alles so käme! Ja, ich vergesse ganz, was
-ich eigentlich fragen wollte. Ist denn gar nichts mehr zu machen? Kann
-man ihn denn nicht mehr erreichen?« -- »O ja, Sie müssen nach Hamburg
-oder Bremen telegraphiren und ihn dort festnehmen lassen.«
-
-»Kostet das aber nicht wieder Geld?«
-
-»Gewiß wird es Geld kosten, doch ich meine, das könnte Sie in diesem
-Fall nicht kümmern!«
-
-»Nun ich könnte einmal in die Stadt gehen. Hernach kann man immer noch
-machen, was man will.«
-
-»Aber wenn Ihre Bemühungen Erfolg haben sollen, Frau Balzer, so thut
-die größte Eile noth.«
-
-Ob sie hat telegraphiren lassen, weiß ich nicht. Zurückgekommen ist
-er wenigstens nicht. Dagegen kam im Mai des Jahres ein Brief von
-Försters Anna, der von ihm Nachricht gab. Weil dieser Brief auch die
-einzige Nachricht vom ferneren Schicksal Babettens enthielt, suchte
-ich mir denselben zu verschaffen und will den Hauptinhalt desselben
-hierhersetzen.
-
- Theuerste Eltern!
-
- Ihr empfanget hiermit meine Photographie. Es ist jetzt Mode,
- seinen Eltern die Photographie zu schicken. Alle Herrn wollen
- auch meine Photographie haben. Sie sagen: ich wäre sehr gut
- getroffen und nähme mich reizend aus. Das Kleid, was ich auf
- dem Bilde anhabe, ist von Seide und die gelben Streifen um die
- Finger sind goldene Ringe. Ich wollte auch meinen neuen Hut und
- meine seidene Mantille anthun, aber der Maler sagte, ich würde
- anders viel schöner aussehen. Alle Herrn sind in mich vergafft.
- Mir gefällt's sehr gut hier. Anfangs, als ich noch einfältig
- war, habe ich als viel gegreint und mich heim gewünscht, aber
- jetzt habe ich mich schon recht gefunden. Es wäre Alles recht
- gut hier, wenn die Männer nur nicht so wild wären und gleich
- aufeinander schössen und sich todtstächen. Aber Mord und
- Todtschlag ist hier überall und Alle haben Pistolen, wo man oft
- mit schießen kann, die sie »Revolver« nennen und lange Messer.
- -- Artig sind sie -- das ist wahr -- und können einem ganz
- anders die Cour schneiden, als unsere Bursche daheim. In unserm
- Tanzhôtel heiße ich allgemein »die Königin«, besonders seit die
- Babett todt ist und auch als sie noch lebte, hatte ich schon
- viel den Vorzug wegen meiner Munterkeit und Anstelligkeit.
-
- Doch ich habe Euch noch gar nicht den Tod der Babett berichtet.
- Ach, das arme, arme Ding! Ich muß gerad weinen, wenn ich an sie
- denke. Wir waren immer so gute Kamerädinnen. Ich wollte, ich
- wäre nur einmal ein paar Stunden bei Euch! Es ist gar zu viel
- zu erzählen. Die Babett war schon ganz merkwürdig, als wir auf
- dem Meer waren, gar nicht wie wir Andern. Sie hatte gar keine
- Furcht, bekam auch nicht die Seekrankheit. Meistens saß sie
- auf dem Deck und guckte oft stundenlang nach dem Himmel oder
- hinunter in die See. Ich sagte einmal zu ihr: Nun willst Du
- ein Sterngucker werden? Da hat sie laut angefangen zu weinen.
- Hernach habe ich sie nie mehr gestört. Aber ich glaube, sie
- hat damals viel daran gedacht, sich selbst um's Leben zu
- bringen. Ich mußte bei ihr sitzen bis spät in die Nacht hinein
- und wenn ich fort wollte gehen, hat sie mich um Gotteswillen
- gebeten, ich solle bei ihr bleiben. Dann sang sie all' die
- Lieder, die wir als Sonntags an der Guntramseiche gesungen
- haben. Aber auch Ein's hat sie oft gesungen; ich glaube, das
- hat sie selbst gemacht:
-
- Ich steh' am Schiffsgeländer
- Und blicke in die See;
- Ich möcht' so gern hinunter,
- Begraben alles Weh!
-
- Es ist so tief da drunten,
- So tief bis auf den Grund,
- Mein Schmerz ist noch viel tiefer;
- Ich werd nicht mehr gesund.
-
- Mein Ernst, du lieber Bube,
- Dein Schatz sagt dir: Ade!
- Du siehst Dein Mädchen nimmer;
- Es liegt in tiefer See.
-
- Im Meer ist gar viel Wasser,
- Wo man mit säubern mag;
- Ich möcht' mich drunten waschen
- Von aller meiner Schmach!
-
- Einmal hatte sie es wieder gesungen, da sprang sie wild in die
- Höhe und schaute ganz verwirrt um sich. Mir war angst und bang,
- und ich wollte schon um Hülfe rufen, da fiel sie auf die Knie
- und betete laut:
-
- Mein Gott, ich bitt' durch Christi Blut!
- Mach's nur mit meinem Ende gut.
-
- Von der Zeit an habe ich das Lied nicht mehr von ihr gehört.
-
- Wir haben auch einen Sturm mitgemacht. Das brüllte und tobte,
- als ginge die Welt unter. Aber als wir Alle schrien und
- weinten, war die Babett ganz ruhig, als wenn Nichts wäre.
- Und als das Schiff krachte, als wollte Alles kaput gehen, da
- leuchteten ihre Augen zum ersten Mal wieder wie daheim. -- In
- Californien wollte sie ganz apart sein. Sie hat uns als recht
- geärgert mit ihren Ermahnungen, wir sollten beten und in der
- Bibel lesen. Wir sagten ihr, wenn wir uns predigen wollten
- lassen, gingen wir in die Kirche. All' ihr Heiligthun hat ihr
- auch Nichts geholfen. Sie mußte mit wie wir Andern. Was ist
- sie geschlagen und gepeinigt worden! Die Schottin ist noch
- schlimmer als der alte Fink und der ist wahrhaftig schlimm
- genug. Sie hat jedoch nie geklagt und auch nie geschrien. In
- die Lippen hat sie sich gebissen, daß das Blut herunterlief
- und die Thränen sind ihr aus den Augen gestürzt. Wir mußten
- als laut weinen, wenn sie so mißhandelt wurde. Im Tanzsaal
- that sie gar stolz. Sie hat mit Niemandem getanzt und wenn's
- Einer fertig bringen wollte, mußte er sie mitschleppen. Und
- doch waren die Herrn gleich in sie vernarrt, als sie zum ersten
- Mal mit mußte. Es war, als wenn sie allein im Saal wäre. Alle
- hatten Respekt vor ihr. Sie nannten sie »die Jungfrau von
- Orleans.« Da war aber Einer -- sie nannten ihn den »schwarzen
- Tom«, -- das war der Haupthahn und der Schönste von Allen. Ich
- konnte ihn ganz gut leiden. Seine kohlschwarzen Augen brannten
- wie lauter Feuer und seine Zähne waren so weiß wie Elfenbein.
- Er führte Alles an und sie mußten ihm Alle gehorchen. Der
- machte eine Wette: er wollte die Babett küssen mitten im Saal
- vor den Leuten. Und er that's auch; aber die Babett, die immer
- so riesig stark war, gab ihm eine Ohrfeige, daß er den langen
- Weg in den Saal fiel. Alle lachten, spotteten und uzten; denn
- es waren Viele, die ihn nicht leiden mochten. Er wurde dadurch
- wüthend, nahm seinen Revolver und schoß der Babett durch die
- Brust. Es war ein furchtbares Durcheinander. Der Tom hätte sich
- retten können, aber ein alter Herr hielt ihn so fest, daß er
- nur zappelte. Der ließ auch die Babett in sein Haus schaffen.
- Man erfuhr hernach, daß er ein Deutscher sei; er hätte auch
- der Babett ihre Mutter schon gekannt und hätte vorgehabt, die
- Babett zu sich zu nehmen und hätte nur noch eine Zeitlang
- warten wollen, um ihre Beständigkeit zu prüfen. Der Tom wurde
- schon den andern Tag gehenkt. Die Babett war nicht gleich todt,
- sondern hat noch vierzehn Tage gelegen und nicht besonders viel
- Schmerzen gehabt. Um den Jammer voll zumachen, kam vor ein paar
- Tagen plötzlich der Ernst und traf mit einem von unsern Mädchen
- zusammen.
-
- Das war ein Wiedersehn: Die Steine hätten sich erbarmen mögen!
- Er hatte die halbe Welt durchreist, um sie zu retten, wie er
- sagte. Er hatte sein Studium und Alles aufgegeben und nun fand
- er sie am Sterben. Die Babett war wunderbar ruhig und getrost.
- Als sie den Ernst sah, sagte sie: Nun ist Alles gut! Der Tod
- ihrer Mutter durfte ihr nicht gesagt werden. Sie sah fast aus
- wie ein Engel und Alle hat sie getröstet. Und wie ein Engel ist
- sie hinübergegangen. Der Ernst ist ganz niedergeschmettert.
- Er ist vorläufig noch bei dem alten Herrn. Ich habe ihm die
- Geschichte von unserer Reise so oft erzählen müssen, daß ich
- sie fast auswendig kann. Doch jetzt thun mir die Finger weh,
- so viel habe ich geschrieben und es ist auch Zeit, daß ich an
- meine Toilette denke. Heute Abend ist großer Maskenball und
- Alle haben gesagt: »Die Königin darf nicht fehlen!«
-
- Haltet Euch gesund und seid gegrüßt von
-
- Eurer treuen Tochter
-
- Anna Klein.
-
- +Nachschrift+: Ihr findet auch ein Bankbillet von fünfzig
- Dollars in dem Brief; der alte Fink braucht nicht Alles zu
- wissen.
-
- * * * * *
-
-Ich hätte vielleicht noch Ausführlicheres von den Heimkehrenden in
-Erfahrung bringen können, wenn ich nicht etliche Monate darauf in eine
-der schönsten Gegenden des Lahnthals versetzt worden wäre.
-
-
-
-
-Druck von Velhagen & Klasing in Bielefeld.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Der Schmutztitel wurde entfernt.
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen:
-
- S. 94: Hangost → Hanjost
- Der {Hanjost} hat's aus dem Mund
-
- S. 95: war → wahr
- Artig sind sie -- das ist {wahr}
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Hurdy-Gurdy, by Ottokar Schupp
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HURDY-GURDY ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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