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-The Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Lebenswende
-
-Author: Walter von Molo
-
-Release Date: May 6, 2017 [EBook #54671]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
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- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
- ~KRONEN
- BÜCHER~
-
- [Illustration]
-
- Romane erster Schriftsteller
-
-
-
-
- Lebenswende
-
- Roman
- von
- Walter v. Molo
-
- [Illustration]
-
- ~RUDOLF MOSSE~
- (~KRONEN-VERLAG~)
- ~BERLIN SW 68~
-
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten
- Nachdruck verboten
- ~Copyright 1918 by Rudolf Mosse, Berlin SW 19~
-
-
-Lebenswende
-
- erschien im Jahre 1908 unter dem Titel »Klaus Tiedemann, der
- Kaufmann«; vorliegende Ausgabe ist vom Autor neu durchgesehen und
- in mancher Hinsicht verändert worden.
-
-
-
-
-»Willst du noch ein Butterbrot?« fragte zum zweitenmal Hilde Tiedemann
-ihren jüngeren Bruder Leo und sah über den Frühstückstisch.
-
-Als wieder keine Antwort kam, stellte sie klirrend die Tasse nieder,
-die sie in der Hand gehalten hatte, und trat zu dem Knaben, der mit
-starren Augen vor sich niedersah. »Leo!« Sie rüttelte die schwächliche
-Gestalt, daß die beinahe vornüber fiel, und strich ihm das seidenweiche
-Haar aus der Stirn. »Was ist mit dir?«
-
-Langsam richtete sich der kränkliche Achtzehnjährige auf; er kniff
-mißmutig die Brauen zusammen: »Ich mag nichts, hab' ich gesagt!« Es
-klang verhaltener Aerger aus der lügenden Stimme.
-
-»Du hast _nichts_ gesagt,« antwortete sie und sah zu der Uhr, die über
-dem Kamin in bedächtigem Gang ihr Pendel schwang. »Du solltest schon
-lange in der Schule sein!«
-
-Leo zog ärgerlich die Schultern: »Laß das _meine_ Sorge sein und
-kümmer' dich um andere!« Seine Augen gewannen an Glanz, weil er eine
-Waffe gegen seine Schwester gefunden zu haben meinte: »Zum Beispiel um
-deinen Hansen, der ist gewiß jetzt noch im Bett.« Er lachte, und die
-Schadenfreude saß um seinen blassen Mund.
-
-Hilde war rot geworden und gab keine Antwort, nur mit dem Löffel
-stocherte sie in der Tasse, trotzdem der Zucker schon lange vergangen
-war. Dann stand sie jäh auf, mit plötzlichem Entschluß. »Stichle,
-solange du willst, es ist mir gleich,« sagte sie, hochatmend holte sie
-Luft, »aber das eine muß ich dir sagen, wenn du so weiter machst, Leo,
-dann nimmt es ein schlechtes Ende mit dir!«
-
-Leo hatte sich im Sessel zurückgelehnt und sah mit einem Blick,
-der unbefangen sein sollte, aber doch widerwilliges, ängstliches
-Eingestehen zeigte, auf seine Schwester. Er versuchte ein verlegenes
-Lächeln: »_Was_ wird ein schlechtes Ende nehmen, bei mir oder bei dir?«
-sagte er.
-
-»_Du!_« ihr Fuß stampfte entrüstet auf, »du weißt ganz gut, was ich
-meine! Sei nicht so häßlich mit mir!« Unwillig warf er die Serviette
-auf den Tisch:
-
-»Ich bin kein kleiner Bub, der dir über alles Rechenschaft geben muß.«
-
-»Das will ich auch nicht, aber schonen sollst du dich und deine
-Gesundheit; mußt du denn _jetzt_ schon alles mitmachen, immer dein
-Erwachsenen-Spielen! Du hast doch das _ganze_ Leben vor dir? Wenn Papa
-wüßte, wann du _heute_ nacht wieder nach Hause gekommen bist!«
-
-Erschreckt blickte er sie an. »Du wirst es doch nicht sagen?« fragte er
-hastig.
-
-»Nein, gewiß nicht, aber du solltest Vernunft annehmen.«
-
-»Was heißt Vernunft annehmen! -- Das ist ein blödes Wort für euch
-Mädels, für uns kann das Leben nicht früh genug anfangen.« Seine
-bleichen Wangen bekamen Farbe; er erhob sich. »Erzählte Papa nicht
-selbst, wie er schon als kleiner Bub alles mitgemacht hat, wie er mit
-achtzehn Jahren allein in die Welt hinauszog? Und ich soll immer hinter
-dem Ofen hocken?«
-
-»Das war ein anderes Leben, Leo, von dem Papa spricht! Das war Arbeit,
-und nicht Vergnügen wie bei dir.«
-
-Er ließ die Hand heftig auf den Tisch fallen »Herrgott ja, aber soll
-ich mich plagen, wenn ich es nicht notwendig habe? Papa war arm und
-mußte arbeiten, wir aber sind, Gott sei Dank, reich.«
-
-»Wie du daherredest,« ihre Stimme zitterte in Erregung: »Arbeiten muß
-jeder Mensch.«
-
-»Ja, tu' ich ja auch! Ich habe Kopfweh!«
-
-Sie faßte seine schmale Hand: »Wenn dir nicht gut ist, lege dich ins
-Bett, aber geh nicht so viel lumpen, du bist noch zu jung!«
-
-Er fuhr zornig auf: »Kommst du schon wieder mit dem Alter, als ob alles
-davon abhinge! Der eine ist eben früher reif, der andere später -- das
-verstehst du nicht!« Er drehte ihr den Rücken zu und begann vor sich
-hin zu pfeifen. Dann sagte er leichthin über die Schulter: »Görnemann
-war vorhin da und suchte Fred.«
-
-»Wo ist Fred?«
-
-»Weiß ich's?«
-
-Sie sah wieder zur Uhr und schüttelte den Kopf: »Neun, und er ist noch
-nicht auf!«
-
-»Aufgestanden ist er schon lange, aber er ist gleich weggefahren.
-Sie probieren heute bei der Morgenarbeit den ‚Franklin’,« sagte Leo
-wichtig, dessen älterer Bruder einen Rennstall hielt, und unterdrückte
-ein Gähnen.
-
-Als Hilde keine Antwort gab, sondern den Tisch abzuräumen begann,
-setzte er sich auf den Diwan und sah ihr zu: Hilde Tiedemann war
-mit ihren zwanzig Jahren ein hübsches Mädchen, das gestand sich ihr
-Bruder jetzt, wie schon oft, wohlgefällig zu, und sein Blick, der ihre
-schlanken Formen und flinken Bewegungen verfolgte, wurde freundlicher.
-»Du solltest, Hilde, nicht alles selbst tun! Wozu haben wir denn unsere
-Dienstboten?«
-
-Hilde hielt in der Arbeit inne:
-
-»Warum soll ich das nicht tun? Das schadet doch nichts?«
-
-»Schadet nicht, aber die Leute bekommen eine falsche Meinung von uns.
-Sie müssen sehen und spüren, daß wir die Herren sind.«
-
-»Das merken sie viel eher, wenn man aus freien Stücken mitarbeitet, als
-wenn man sie, wie ihr es liebt, allein schalten und walten läßt und
-dabei alles verkommt.«
-
-»Du bist köstlich, als ob bei uns so etwas vorkommen würde!«
-
-Hilde strich die letzten Brotkrumen vom Tisch und erwiderte: »Ich
-kann's als Mädel nicht ändern.«
-
-Leo rückte unruhig herum: »Lächerlich, einfach lächerlich! Wenn es nach
-dir ginge, dürfte man sich überhaupt keine Freude gönnen! Du siehst in
-einem fort Gespenster! Papa, Fred und ich sind lustig und guter Dinge,
-du predigst immer Gefahr. Ich möchte nur wissen, woher eine solche für
-uns kommen sollte?«
-
-Hilde Tiedemann schüttelte den Kopf; sie sagte: »Das ist es ja, Leo,
-daß ihr alle so sicher seid und mich mit meinen Sorgen auslacht! Ihr
-glaubt, weil wir Geld haben, kann uns nichts geschehen. Schau, Leo,«
-sie trat ganz nahe zu ihm und dämpfte, in eindringlicher Liebe, ihre
-Stimme: »Du arbeitest viel zu wenig für deine Schlußprüfung, du verläßt
-dich ganz auf das Schwindeln mit dem Schuldiener -- wenn's nun nicht
-gelingt?«
-
-Er lachte selbstsicher: »Er bekommt genug Geld, es _wird_ gelingen.«
-
-»Du _kannst_ es nicht wissen. Und selbst, wenn es gelingt; schämst du
-dich denn nicht vor deinen Mitschülern, die sich ehrlich plagen müssen?
-Weißt du, ich verstehe ja nichts davon, aber ich -- wenn ich an deiner
-Stelle wäre -- ich würde lieber durchfallen, aber ehrlich arbeiten, als
-durch Betrug Erfolg haben zu wollen.«
-
-Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du redest so gut, wie du es
-verstehst -- du bist furchtbar unpraktisch,« er nahm einen überlegenen
-Ton an: »merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man erreichen,
-die Mittel dazu sind gleich -- wenn man es sich bequemer machen kann,
-dann soll man's erst recht tun -- alles andere ist Unsinn ...« Er hielt
-inne und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen, das
-eingetreten war und meldete: »Herr Görnemann ist da!«
-
-Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum kommt er denn nicht
-herein?« Sie rief: »Herr Görnemann! Herr Görnemann, kommen Sie doch zu
-uns herein!«
-
-Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit
-weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte
-bescheiden:
-
-»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred
-schon da?«
-
-Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind!
-Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?«
-
-Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der
-junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.«
-
-»Das gilt aber doch nicht für _Sie_!«
-
-»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man
-gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu.
-»Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann
-das Blut ins Gesicht stieg.
-
-»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr Görnemann?« fragte Hilde
-und nestelte mit nervösen Fingern an ihrer Bluse.
-
-»Ja -- es sind Briefe zu unterschreiben und Wechsel für Frau von Lecart
-zu unterfertigen.« Seine Stimme war unsicher.
-
-»Für Clo?«
-
-»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt, ich kann die
-Wechsel aber nicht allein hinausgeben, weil die Summe zu hoch ist.« Er
-machte eine rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter seinen
-Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann wieder heraufsehen,« sagte
-er hastig. »Guten Morgen, Fräulein Hilde!«
-
-Hilde wollte den alten Mann versöhnen, darum fragte sie noch rasch.
-»Wie geht es Ihnen immer, Herr Görnemann?«
-
-Der stand schon auf der Schwelle. »Gut, ich danke.«
-
-Als der Prokurist die Tür lautlos hinter sich zugezogen hatte, fragte
-Hilde vorwurfsvoll ihren Bruder: »Warum hast du ihm nicht gedankt, als
-er dich grüßte?«
-
-»Laß mich in Ruhe! Er könnt' sich 'mal auch schon angewöhnen, zu mir
-_Herr Tiedemann_ zu sagen, statt mich, wie ein Kind, ewig mit dem
-Vornamen anzusprechen!«
-
-»Gegen ihn bist du doch auch ein Kind! Du solltest ihn überhaupt zuerst
-grüßen.«
-
-»Er ist doch nur ein Angestellter von Papa?!«
-
-»Seit mehr als vierzig Jahren! Er hat Papa gekannt, als der noch arm
-war und hat ihm geholfen, sein Geld zu verdienen.«
-
-»Dafür hat er sein Gehalt bekommen.«
-
-Sie wollte heftig widersprechen, doch sie schwieg und horchte auf den
-festen Tritt, der von dem Schlafzimmer ihres Vaters herüberkam und vor
-der Tür zögerte. Dann klang die Türschnalle. »Guten Morgen, Kinder!«
-
-Klaus Tiedemann küßte seine Tochter auf den Mund und trat zu Leo, der
-langsam aufgestanden war und lässig sagte: »Morgen, Pa!« Leo schloß
-für einen Augenblick die Lider und beugte sich herab, damit ihn seines
-Vaters Mund erreichen konnte. Der küßte ihn auf die Stirn:
-
-»Frisch beisammen und ausgeschlafen, mein Junge?« fragte Klaus
-Tiedemann.
-
-»Ja, Pa!« Leo suchte seiner Stimme Klang zu geben. »Mir ist wieder ganz
-gut.«
-
-»Kein Kopfweh mehr?«
-
-»Nein, ganz wenig.«
-
-»So ist's recht, und nun Hilde: meinen Tee!« Er trat zum Fenster
-und sah aufs Thermometer, während Leo sich an Hilde heranmachte und
-flüsterte:
-
-»Nichts sagen, du hast es mir versprochen!«
-
-Sie schüttelte unwillig den Kopf.
-
-Klaus Tiedemann ließ sich schwer in den gepolsterten Sessel fallen und
-sah seinen Jüngsten an. »Ein wenig blaß bist du doch noch! Gehe heute
-lieber nicht in die Schule!« sagte er.
-
-»Meinst du, Papa?«
-
-»Was du da drinnen versäumst, kannst du noch hundertmal einholen,
-bleib' daheim!«
-
-»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner Schwester hinüber.
-»Dann lege ich mich aber noch ein wenig hin, denn ich bin recht müde;
-jetzt kann ich's ja sagen!«
-
-»Tue das!«
-
-»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf, damit wir plaudern
-können?«
-
-»Gewiß, mein Kind!«
-
-Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton der Worte und dem Blick,
-den Klaus Tiedemann der hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes
-nachsandte, bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde mit
-einer entschuldigenden Färbung in der Stimme: »Die Schulmeister täten
-mir den Buben ganz ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel
-vorschieben würde.«
-
-»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte nur schwer aus der Kehle,
-weil sie an den ewigen Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres
-Vaters denken mußte, »aber Leo sollte sich auch _selbst_ mehr schonen!«
-
-»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer Wein trinkt!«
-
-Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit begann er
-zuerst mit dem rückwärtigen, volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien
-er an das Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden. »Ist Fred
-schon dagewesen?« fragte er.
-
-»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort. Nur die Zeitung
-knisterte.
-
-Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute! Er hatte doch
-eigentlich keinen Grund dazu! Der Aelteste hatte nie viel Lust für das
-Werk seines Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil ihn
-sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär zurückgekommen war -- am
-liebsten wäre er dabei geblieben --, hatte sein Vater darauf bestanden,
-daß er in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen, doch
-Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es die Sicherung seines Lebenswerkes,
-seines Hauses galt, war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach!
-Fred fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen
-Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der Zeit an schien sein Vater
-jede Lust zum Geschäfte verloren zu haben; er sehnte sich plötzlich
-nach Ruhe: Wenn Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch
-_Chef_ sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden schien, trat sein
-Vater zurück. Er war schließlich 70 Jahre alt, da kam die Jugend ins
-Recht!
-
-Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob der Vater etwas benötigen
-sollte.
-
-Es vergingen stille Minuten.
-
-In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken wieder in die
-Ferne. Sie dachte: ihre Mutter -- vor Jahresfrist war sie gestorben! --
-sie trugen noch die Trauergewänder für sie -- war eine Frau gewesen,
-die sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr halbes Leben auf
-der Chaiselongue verbrachte, mit Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus
-Tiedemann mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein, etwas zu
-selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens die ersten Jahre der Ehe.
-Das schien mit der Zeit von ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich
-mancher garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren Jahren. Mama
-sprach stets mit gewisser Rückhaltung von Papa, der eben aus _anderen_
-Kreisen stammte als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater
-nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu vergessen,
-obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen und Reichtum verholfen
-hatte. Schon seiner Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden;
-sie hatten ihn stets nur als einen reichen und -- nach Klaus Tiedemanns
-Meinung -- daher vornehmen Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht,
-sie dabei zu lassen.
-
-Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen hing er mit rührender
-Liebe: weniger an den Töchtern, über die Frauen hatte er überhaupt
-seine eigene Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine ältere
-Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu ihrer Wahl geleitet
-hatte. Aber seine Söhne waren ihm alles; diese eleganten jungen Leute,
-denen jeder Salon offen stand, konnten alles von ihm haben. Willig
-ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen und sah auf: Vater
-hatte mit hastigem Ruck ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß
-sie hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten
-waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung: Warum spielte Leo
-stets auf Hansen, seinen früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken
-oder in Verlegenheit bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den
-Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn, was ging das ihn an?
-Sie bewegte trotzig den Kopf: was ging das ihn an? Vater merkte nichts,
-sonst hätte er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das wußte
-Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne mußten Namen von Klang haben und
-in der Gesellschaft etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen nicht
-der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und seine freche Hand, die den
-Menschen an der schwächsten Seite zu packen wußte -- an der Eitelkeit.
-Das vergab ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im Leben sein,
-daß manchem sein Können schadete und ihm Feinde schuf! War nicht auch
-Gerhard unbeliebt, trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in
-einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard stammte aus ihres
-Vaters _erster_ Ehe.
-
-Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die Klaus Tiedemann an diese
-Zeit im Herzen trug, denn nie sprach er davon. Seine erste Frau war
-früh gestorben und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen. Erst
-nach dem Tode seiner zweiten Frau hatte sich der Vater an seinen Sohn
-aus erster Ehe erinnert. Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben,
-und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand einen ihm lieben
-Entschuldigungsgrund gefunden, sein Kind nicht wiederzusehen. So war
-Gerhard spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen.
-
-Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen, Säbelklirren und
-Sporenklang.
-
-Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen. »Es ist Fred,«
-sagte er hochachtungsvoll. »Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile
-überflog sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen weg
-und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum: die Tür ging auf, Freds
-Hand wurde sichtbar, die den Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu
-lassen: ein Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich und
-sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!«
-
-Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte, bitte recht sehr, doch
-einzutreten.«
-
-»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und verneigte sich.
-Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der sich nach hinten im spärlichen
-Haar verlor, das schwarz und fett auf dem Kopfe haftete; leises
-Unbehagen beschlich sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein langer
-Blick überflog sie.
-
-»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte Tiedemann seinem
-Sohne liebkosend auf den Arm, dann riß er die Portiere zur Seite:
-»Bitte hier in den Salon!«
-
-»Der Dame den Vortritt.« Olthoff ließ Hilde vorangehen und musterte in
-Eile die schweren eichenen Möbelstücke, die von dem sezessionistischen
-Tand der übrigen Einrichtung sonderbar abstachen. »Ich sehe, man liebt
-hier das Neue.« Klaus Tiedemann hörte gern das Lob seiner Bemühungen,
-er war angenehm berührt von des anderen Art.
-
-»Man geht mit dem Fortschritt! Uebrigens das ist Freds Verdienst.«
-
-»Also _du_ bist der Künstler?« Olthoff wendete sich für einen
-Augenblick zu Fred, der sich eine Zigarette anzündete, dann
-entschuldigte er sich neuerlich: »Ich mache mir wirklich Vorwürfe, daß
-ich so ohne weiteres die Herrschaften inkommodiere, aber wir waren so
-lustig zusammen, weil ‚Franklin’ so gut bestanden hatte, daß ich mich
-leicht überreden ließ.«
-
-»Mache doch keine Umstände,« Fred Tiedemann sprach mit hoher, gesucht
-vertraulicher Stimme, »meine Leute freuen sich, dich kennenzulernen,
-nachdem ich ihnen schon viel von dir erzählt habe!«
-
-»Gewiß, Herr Baron, wir sind Fred sehr verbunden, daß er uns Ihre werte
-Bekanntschaft vermittelte,« sagte Klaus Tiedemann schnell.
-
-Olthoff verneigte sich, daß die Sporen klangen. »Sehr angenehm.«
-
-»Wollen Herr Baron nicht eine Erfrischung zu sich nehmen?«
-
-»Nein, danke, wir haben reichlich gefrühstückt.«
-
-»Vielleicht könntest du, Hilde, ein Glas Wein an ...« Hilde war langsam
-aufgestanden, doch schon versperrte ihr Olthoff den Weg:
-
-»Sehr liebenswürdig, aber ich danke wirklich! Bitte doch Platz zu
-behalten. Bitte!« Als sie wieder saßen, nickte er Hilde zu: »Gnädiges
-Fräulein müssen die Stelle der Hausfrau vertreten?«
-
-Seine Reden klangen konventionell und gezwungen, ein leichter Hauch von
-der Ueberlegenheit des Mannes war darin und: Oberflächlichkeit. Hilde
-merkte mit scharfen Sinnen: das war einer, der ihr gegenüber die Art
-ihrer Leute hatte, nun begriff sie Freds Sympathie!
-
-Der suchte stets Bekanntschaften, die ihm in der Gesellschaft durch
-Namen oder Aehnliches nützen konnten! Sie zuckte die Achseln und sagte:
-»Natürlich!«
-
-»Gnädiges Fräulein haben noch einen zweiten Bruder?«
-
-»Ja!« Klaus Tiedemann, der mit Zigarrenkistchen im Arm vorüberging,
-streichelte ihr die Wangen; seine Worte kamen oft verspätet:
-
-»Nur nicht zu bescheiden sein, Mädel!« Hilde zuckte zusammen, ihr tat
-die gutgemeinte Berührung in Gegenwart des Fremden weh. Der wendete
-sich zu Klaus Tiedemann:
-
-»Ein herber Verlust, wenn den Kindern die Mutter entrissen wird; auch
-meine Mama starb früh.«
-
-Klaus Tiedemann nickte. »Es ist übermorgen ein Jahr; meine arme Frau;
-sie war eine Geborene _von_ Wesenheim.«
-
-Olthoffs verwittertes Gesicht überflog für eine Zehntelsekunde ein
-Lächeln, das sein gelbes Antlitz unter dem schwarzen Schnurrbart
-häßlich verzog. »Sie haben einen guten Ersatz,« er sah mit kecken Augen
-auf Hilde, die befangen vor sich niederblickte.
-
-»Darüber ließe sich streiten,« warf Fred Tiedemann ein.
-
-»Nicht doch, Hilde hilft uns in vielem.«
-
-Fred lenkte ab, ihm mochte die Wendung des Gespräches nicht behagen:
-»Also, Olthoff, sage mal, du als Kavallerist, ob ‚Franklin’ nicht
-wirklich Chancen hat? -- Papa glaubt's nämlich nicht.«
-
-Wie elektrisiert fuhr der Angesprochene herum. »Ich sage Ihnen, nur
-der, der _ihn_ schlägt, gewinnt das Rennen.«
-
-»Na also,« lachte Fred Tiedemann wegwerfend.
-
-»Mich soll es freuen, wenn du mit deinen Rennfarben gleich von Anfang
-an Glück hast,« sprach bedächtig Klaus Tiedemann.
-
-»Uebrigens, Papa: wir haben außerdem einen anderen famosen Gaul in
-Aussicht!«
-
-»Du willst schon wieder ein Pferd kaufen?« Des alten Tiedemanns Stimme
-erhielt etwas Kleinlich-nörgelndes. »Du mußt ja schon ein Dutzend
-beisammen haben?«
-
-»Sogar mehr!«
-
-Olthoff mischte sich ins Gespräch: »Ihr Herr Sohn fängt die Sache mit
-Geschick an: man würde gar nicht glauben, daß er der erste ist, der in
-der Familie diese Passion hat.«
-
-»Ich habe nie besonders dafür geschwärmt,« beeilte sich der Alte zu
-sagen und faltete nervös die Hände zusammen, »doch ihr Jungen seid uns
-ja heute in allem über.«
-
-»Du hattest keine Zeit dazu!« Hildes Stimme klang heiser und
-kampfbereit: glaubte Papa wirklich, daß seine Söhne höher stünden? Fred
-winkte ihr mißbilligend ab: »Warum hätte Papa keine Zeit haben sollen?«
-sagte er. »Wir Kinder haben ihn nicht gehindert: und das Geschäft läuft
-von selbst weiter.«
-
-Es klopfte jemand an die Tür. Fred rief: »Herein.«
-
-Eine breite, muskelkräftige Gestalt, mittelgroß, die unverkennbare
-Aehnlichkeit mit dem alten Tiedemann trug, trat über die Schwelle;
-eine sichere Stimme sagte kurz: »Guten Morgen.« Die Aussprache hatte
-englischen Akzent. Gerhard Tiedemann ging mit schweren Schritten auf
-seinen Stiefbruder zu und sagte sachlich:
-
-»Wir brauchen dich drunten im Kontor, zum Unterschreiben, wir können
-die Sachen nicht länger liegen lassen.«
-
-Unwillig hatte sich Fred im Sessel herumgeworfen. Nun galt es, den Chef
-zu zeigen. Er zog die Stirn in Falten. »Ich komme; so lange wird es
-wohl noch Zeit haben!?«
-
-Gerhards energisches Gesicht blieb ruhig. »Ich habe die Sachen
-mitgebracht; sie liegen nebenan.«
-
-Klaus Tiedemann wackelte vergeblich mit dem Kopfe, um der peinlichen
-Szene -- doppelt unangenehm, weil sie vor einem Fremden stattfand --
-ein Ende zu machen. Auch in ihm war Aerger über Gerhards eigenwilliges
-Benehmen. Was mußte sich Olthoff denken?
-
-Als Fred keine Antwort gab, klang abermals Gerhards Stimme: »Es handelt
-sich vor allem um die Wechsel für Lecart, deren dieser dringend
-benötigt.«
-
-Fred war aufgesprungen und maß den Sprecher von Kopf bis zu den Füßen,
-dann ging er voraus ins Herrenzimmer.
-
-Klaus Tiedemann sah seinen Kindern nach, von denen er das, welches die
-Art seiner eigenen Jugend trug, nicht liebte. Wie derb und gewöhnlich
-war dessen Gestalt gegen die elegante Figur Freds!
-
-Es vergingen verlegene Minuten.
-
-Schnell und unvermittelt, um der Situation Herr zu werden, frug
-Tiedemann:
-
-»Sind Herr Baron schon lange hier in Garnison?«
-
-Olthoff lächelte, daß kleine Fältchen um seine Augen aufsprangen: »Erst
-wenige Monate; ich bin Jahre in der Provinz gewesen.«
-
-»Ich denke mir das Leben dort nicht so unangenehm?«
-
-»Es ist fad.«
-
-»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als hier in der
-Großstadt. Besonders bei der Damenwelt. Nicht?«
-
-Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz sind meist nur
-verheiratete Damen. Die sind gewiß für uns Junggesellen _sehr_
-angenehm; aber in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.«
-
-»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der ihm eigenen bedächtigen
-Art und sah fragend nach Hilde hinüber: ob die zimperlich sei?
-
-Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges Fräulein verzeihen, daß
-ich so sprach?«
-
-»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun habe ich lange genug
-gestört.«
-
-»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor Hilde tretend, »ich
-werde sofort Fred rufen lassen. Ich weiß nicht, warum er so lange
-fortbleibt.«
-
-Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den Arm; er sagte
-verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen, und nochmals
-Verzeihung für mein Stören!«
-
-»Aber ich bitte!«
-
-»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit setzen.«
-
-Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie recht oft und recht bald
-wieder, Herr Baron!«
-
-»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!« Olthoff schlug die Hacken
-zusammen. »Bitte Fred zu sagen, er soll mich antelephonieren. Er will
-ein Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch raten,« fügte
-er erläuternd hinzu.
-
-»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!«
-
-Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich den Kopf
-neigte. Dann ging er. Der alte Tiedemann begleitete ihn.
-
-Hilde stand auf und seufzte:
-
-Ein Tag war begonnen in alter Art.
-
-
-Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß nicht mit den Seinen, weil
-er sich nicht, wie er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten
-an eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er jedoch auf ein paar
-Minuten gekommen, um seinem Vater die letzten Abmachungen für die
-morgige Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber war Klaus
-Tiedemann in Aerger und Aufregung geraten. Er sollte den Minister mit
-einer kurzen Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen und zu
-raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt sollte man ihm seine Ruhe
-lassen.
-
-»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich zu Boden.
-
-»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig, willst du uns nicht alle
-bloßstellen.«
-
-»Wen? Alle?«
-
-»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast als solcher die Pflicht,
-zu sprechen.«
-
-Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort.
-
-Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze, wäre alles gut; die
-Geschichte mit dem Industriehaus ging jetzt schon über vier Jahre! Die
-Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach langem Herumstreiten
-zum Bau eines Vereinshauses entschlossen, und Tiedemanns verstorbene
-Frau hatte es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem Werke
-in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte sich gefügt, in einer
-Anwandlung befriedigten Stolzes, daß man zu ihm gekommen war.
-
-Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren damit zufrieden,
-ihre Namen so oft als möglich in die Zeitungen, anläßlich der
-Sitzungsberichte, zu lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt
-auf seine reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache
-gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung und seine
-Unfähigkeit, ihr zu entsprechen, waren desto größer, als er wußte, daß
-es ihm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus zu
-eröffnen.
-
-Aber er war zu befangen! Woher auch in der Geschwindigkeit eine Rede
-nehmen? Er war keiner von denen, die für das, was sie empfanden, gleich
-die richtigen Worte fanden.
-
-Das sagte er Fred.
-
-Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig -- so ein paar leere Worte
-sind doch bald beisammen.«
-
-»Meinst du?«
-
-Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der Freude; es würde
-ihn doch eigentlich freuen, wenn er den Minister begrüßen könnte.
-Unverwischbar waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem er
-geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar Worte aufsetzen,« sagte
-er gepreßt zu Fred und sah angelegentlich auf seine Fingernägel, die
-breit und gewölbt waren. »Ja?«
-
-»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was fällt dir denn ein? Ich
-kann doch nicht stumm daneben stehen, wenn du _meine_ Worte redest!«
-
-Klaus Tiedemann hing den Kopf.
-
-»Fred! _Den_ Gefallen mußt du Papa tun!« sagte Hilde.
-
-»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll er sich die Sätze auch
-selbst zusammenstellen.«
-
-»Du bist häßlich.«
-
-»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den Sessel nieder, »ich
-werde es schon allein machen.« Er atmete schwer; es war ihm nicht
-leicht gefallen, seinen Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus.
-
-»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll.
-
-Schnell war Leo in die Höhe:
-
-»_Ich_ werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und lief zur Tür, »du bist
-ein Esel, Fred.«
-
-»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er trommelte auf die
-Tischplatte: »So ein Frechling!«
-
-»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf. »Du mußt doch
-gesehen haben, Fred, wie viel Papa daran lag, daß du ihm behilflich
-bist. Was hat er für dich getan!«
-
-»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.«
-
-Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze ihm die Rede auf,
-Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig, und alles ist recht.«
-
-»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in seiner Schwäche
-unterstützen soll. Er hat oft genug davon gesprochen, was er für ein
-tüchtiger Kaufmann gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-
-In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül. Die Herren im
-Frack streckten die Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder.
-Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte der Regen auf die
-breiten Granitstufen, welche das Vestibül gegen die Straße abschlossen.
-Jeden Augenblick mußte der Minister vorfahren.
-
-Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden Lippen neben der gleißenden
-Statue Merkurs. »... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...« Er
-konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel jugendlicher Schwung
-darin. Der Schweiß war auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder
-zu Boden. Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die Umstehenden
-sahen ihn an: »Das konnte gut werden!« Es waren meist Altersgenossen
-Freds, mit deren Vätern er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen
-Zusammenhang mit dem alten Mann.
-
-»Er kommt.«
-
-Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten sich, brausend
-sprang der Wind von der Straße in die Topfpflanzen, welche des
-Landesherrn Büste schmückten.
-
-Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte vorwärts.
-
-Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den Vordergrund geschoben;
-unordentlich saß der Frack auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes
-Wort war ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte Rücken.
-Lackschuhe schliffen auf den Fließen.
-
-Die Vorstellung der Herren war schon im besten Gang.
-
-Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg aus der Menge; er
-drängte der Tür zu. Sein Herz hob an, in schweren Schlägen zu pochen.
-
-Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten. Plötzlich war Fred an
-seiner Seite. Wie ein Ertrinkender griff Klaus Tiedemann nach dessen
-Arm:
-
-»Ich kann nicht reden.«
-
-»Warum?«
-
-Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht gut; ich glaube, mich
-trifft der Schlag«, er zwängte die weißbehandschuhte Rechte in seinen
-Hemdkragen. »Hilf mir!«
-
-»Ich will dich vertreten.«
-
-Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor beiden öffnete sich
-eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll auf Klaus Tiedemann.
-
-Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte den wohlfrisierten
-Kopf; seine Gestalt deckte die seines Vaters. »Eure Exzellenz.
-Hochbeglückt sieht der Verein der Großindustriellen unseres geliebten
-Heimatlandes seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein Heim
-geben soll für dauernde Zeiten ...«
-
-In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an Klaus Tiedemanns Ohren
-vorbei, daß er freudig den Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds
-Gesicht Ausblick zu gewinnen.
-
-»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die frohe Zuversicht, daß
-unser Bestreben von maßgebender Seite gewürdigt und unterstützt wird
-...«
-
-Er war stolz auf seinen Sohn!
-
-Der sprach zu Ende:
-
-Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt offen stünde, er
-sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn die Gewerbetreibenden ihre
-Söhne die Mittelschule nur zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die
-Beamtenkarriere oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu lassen:
-»... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger, gebildeter Kräfte, die
-ins Leben hinausziehen, den Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.«
-
-Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem Hoch auf die Person des
-hohen Gastes ...
-
-Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister die Hand schüttelte.
-Dann sprach auch der ein paar Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch
-auf den Landesherrn.
-
-Dann begann der Rundgang.
-
-Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken, doch er konnte ihn nicht
-erreichen; vergebens sah er sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an
-der Spitze des Zuges.
-
-Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme des Exportes.
-Steile Kurven klommen an den Mauern hinan; sie wiesen die enorme
-Entwicklung einzelner Branchen.
-
-Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer ging es zu den
-Fremdenappartements. Dann kamen die ausgedehnten Bureaus, die Schreib-
-und Lesezimmer, die ausgewählte Fachwerke enthielten über sämtliche
-Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte sich vor. -- Sie waren in das
-Informationszimmer getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten
-hatte. Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle Röte stieg
-in sein Gesicht.
-
-Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er die Schemas zeigte,
-nach denen die einschlägigen Adressen und sonstigen Informationen
-schnell zu finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen
-seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder Interessent konnte
-sich hier über alles Wissenswerte unterrichten; sämtliche Länder der
-Erde waren vertreten. Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen, die seinem
-Werke galten; ihn selbst beachtete niemand. Er drehte sich um; hinter
-ihm stand der Architekt, der das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen
-und Monate mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um
-nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden sich ...
-
-Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu; wie eine lange Schlange
-wand er sich durch die Räume.
-
-Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als letzter.
-
-
-Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen beisammen. Klaus
-Tiedemann hatte einen großen Bogen weißen Papiers vor sich liegen.
-
-»Ich bin auf jeden Fall _dagegen_!« sagte Fred und streifte die Asche
-von seiner Zigarre.
-
-»Ich auch.«
-
-»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?« Hilde sah erstaunt von
-ihrer Stickerei in die Höhe. »Warum denn?«
-
-Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort. Er sah ihn erwartungsvoll
-und ermunternd an. Fred sprach:
-
-»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal gebrochen werden. Jetzt,
-wo wir nach Mamas Tod das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit
-dazu. Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis ist,
-Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer geworden. Einen Fürsten Solt
-und eine Baronin Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann
-zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts zu reden, und auch Olthoff
-würde sich für eine solche Bekanntschaft bedanken.«
-
-Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand und zog einen dicken
-Strich durch den Namen seines ersten Angestellten.
-
-»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging. Hilde schwieg und
-beugte sich tief über ihre Arbeit.
-
-»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der alte Tiedemann eine
-Regung in seinem Innern. Dann atmete er gleich wieder schwer: »Das ist
-bei Gerhard etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.«
-
-»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds Frage klang Ueberraschung
-und Ungeduld. »Ja, sage mir nur, aus welchem Grunde?«
-
-»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute sagen, wenn ich es nicht
-täte; sie tratschen ohnehin genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist
-doch mein Sohn.«
-
-»Nun ja; aber eben -- aus deiner ersten Ehe!«
-
-Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und herannahender Unwille
-kämpften in ihm. Er spreizte die Daumen gegeneinander und sah mit
-schiefem Kopf zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an gestern:
-»Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß er mein Kind ist. Er hat das
-Recht, dasselbe zu verlangen wie ihr.«
-
-»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?«
-
-Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum.
-
-»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme gewann Schärfe, »laß das
-Räsonieren! Er ist mein Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu
-viel Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen.
-~Bon!~ Mutter hat er nicht gekannt ...« des alten Mannes Rede begann
-zu hasten, »sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich bin
-herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er hat von mir nur gewußt,
-daß ich sein Vater sein muß, weil ich denselben Namen habe und ihm Geld
-schicke. Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er bleibt
-mein Kind.«
-
-»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand auf den Tisch. »Gut,
-daß Mama tot ist.«
-
-Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn.
-
-»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der von seinem üblichen
-Halbschlummer aufgewacht war, winkte dem Bruder ab. Doch der war viel
-zu zornig, um es zu bemerken:
-
-»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die Firma aufnehmen, ihn
-vielleicht gar zu meinem Mitchef machen?« fragte er herausfordernd.
-
-»Und wen würde das kümmern?«
-
-Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort: er kannte den Vater
-von dieser Seite nicht; dann brach er los: »Nun, hörst du, Papa, das
-übersteigt alles Erdenkliche! Das hätten Mama oder ihre Verwandten
-erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß Gerhard zu uns kommt;
-das sind die Folgen ...«
-
-Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns Mund. »Wer hat
-die Firma Klaus Tiedemann gegründet und hochgebracht?« fragte er.
-»Deine Mutter oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims
-vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt! Wie ein Hund hätte
-ich zugrunde gehen können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als
-ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte und der Bankerott
-unausbleiblich war, dann waren sie umgestimmt. _Dann_ durfte ich sogar
-die Tochter heiraten ...« Fred stand auf.
-
-»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau, am wenigsten vor
-seinen Kindern. Wenn du so zu sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer
-verlassen.«
-
-Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War er zu weit gegangen?
-Die Unsicherheit seiner niederen Geburt nahm ihn oft gefangen seinem
-eigenen Kinde gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus! Gewiß
-war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er wollte ja niemandem unrecht
-tun; gerade darum hatte er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur
-Hälfte seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte, aber es
-war durch Freds Widerspruch etwas in ihm aufgerührt worden, das von
-seiner hart durchlebten Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes
-Geschwür. Er suchte einzulenken:
-
-»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen. Wer weiß, ob er kommt,
-und wegen dem anderen, Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an,
-»laß dir keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht zu kurz;
-meinst du nicht selber?«
-
-Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes Lächeln verbergen:
-
-»Machen wir weiter!«
-
-Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte:
-
-»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern, Fred.«
-
-»Ich treffe ihn heute im Klub.«
-
-»Gut.«
-
-»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen. Ich fahre vormittags
-zu ihr, vielleicht könnte man auch bei uns am gleichen Abend über das
-Wohltätigkeitsfest einig werden -- so eine kleine Komiteesitzung ~entre
-nous~ wäre nicht schlecht!«
-
-»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht wird das ein
-Verkehr für Leo!«
-
-»Für mich?« fragte der erstaunt.
-
-»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein hochmütiger,
-überspannter Bursche. Kaum zu glauben, daß eine so natürliche Mutter
-einen solchen Sohn hat.«
-
-Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin gewesen? Der
-Gesandte, ihr verstorbener Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als
-er sie heiratete?«
-
-»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres Wort ist daran; sie ist
-eine riesig gebildete, feine Frau, die in den ersten Kreisen der Stadt
-verkehrt.«
-
-»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,« lachte Leo, »und bei dem
-muß man immer nur die Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.«
-
-»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester die Lippen
-zusammen, »du weißt wohl wieder nicht recht, was du daher redest?«
-
-»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit die Antwort, »es
-ist so.«
-
-»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen erwähnt wurde: den müssen
-wir diesmal entschieden einladen!«
-
-»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann schien dem
-Karikaturenzeichner wenig Sympathie entgegenzubringen, »den kann man
-doch nicht mit Solt zusammenbringen.«
-
-»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest! Laden wir ihn nicht ein,
-macht er uns dann nicht den Narren -- und wir haben keinen anderen, der
-so schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.«
-
-»Aber die Geschichte mit den Solts!«
-
-»Welche denn?«
-
-»Na hörst du!«
-
-»Ich weiß wirklich nicht.«
-
-»Daß du das vergessen hast!«
-
-»Was ist denn?«
-
-»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt erscheinen ließ,
-rückten die Solt-Hansen doch in die Zeitung die Notiz ein ...«
-
-»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner T. A. Hansen weder
-verwandt noch irgendwie in Beziehung wären? Das meinst du Papa?« Fred
-mußte lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich allerdings
-in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt, aber: Fürst Solt verkehrt
-mit den Solt-Hansen nicht, weil sie bürgerliche Frauen haben, und
-er lachte über Hansens Erwiderung am nächsten Tage: ‚Der Zeichner
-T. A. Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen, deren
-jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer Wechselschulden verurteilt
-wurde, weder verwandt ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.’«
-
-»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte Leo nachdenklich, »der
-schert sich um niemanden als um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit
-den Augen zu seiner Schwester hinüber.
-
-Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während der Vater langsam,
-widerwillig sagte: »Also den auch.« Und dann hörte sie, wie der
-Bleistift bei Hansens Namen den Haken machte, der seine Einladung
-sicherte. Sie mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der
-ihn wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am wenigsten
-verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten bekämpfte.
-
-Fred sah auf die Uhr und sagte:
-
-»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe ich Lecart nicht
-mehr im Klub.« Er griff nach der Adressenliste und durchflog die Namen.
-»Der Karsten hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich
-nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers und las
-flüchtig weiter ..., »die junge Büdener nicht, die hat einen armen
-Teufel geheiratet, man sagt aus Liebe. Die kann sich kein ordentliches
-Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte der Bleistift und schied
-eine junge Frau vom Hause Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen
-stimmen so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch sagen
-wollte: du mußt dir den Schneider kommen lassen, Papa, du brauchst
-einen neuen Frackanzug.« Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein
-Sohn ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für dich.«
-
-»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann runzelte die
-Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst voriges Jahr einen machen lassen.«
-
-Fred wurde ungeduldig:
-
-»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß an der Weste. Ich habe
-mich gestern im Industriehaus geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst
-als Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich nicht, Papa,
-wie du in derart primitiven Anstandssachen anders denken kannst.«
-Wieder sah er auf die Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster
-schicken lassen.«
-
-Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen.
-
-»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«, sagte er.
-
-Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon lange wieder einen
-Tennisanzug, Pa.«
-
-Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu:
-
-»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen. Ich habe morgen
-vormittag keine Zeit fürs Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa,
-gehe morgen 'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von drüben
-gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns zu tun. Sei so gut und
-besprich dich mit Görnemann; aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den
-geht die Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt sich dir
-empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein so hübsches Mädchen als
-dich gesehen zu haben, aber du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was
-Wahres dran; na, das gibt sich! Addio.«
-
-Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen, als
-schmerzten sie ihn.
-
-»Gehen wir schlafen!« sagte er.
-
-
-Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch.
-
-Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der
-eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der
-Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm
-Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen.
-
-Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen
-galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe
-und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!«
-Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen ~Henry quatre~ und sah
-hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr
-er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit
-seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment,
-in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.«
-
-»Wenn man das sicher wüßte!«
-
-»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das
-Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!«
-
-»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen,
-da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam
-sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit
-seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte,
-mit welchen er sie morgen einladen wollte.
-
-»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit
-an!«
-
-»Ist das sicher?«
-
-Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:
-
-»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen
-Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf
-sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er
-griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits
-gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von
-7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen
-zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken
-übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß'
-ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den
-hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.«
-
-»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch
-forcierte Abgaben!«
-
-»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer
-eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir
-doch einleuchten, daß an der ~chose~ keine Gefahr, sondern nur Gewinn
-zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen
-Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten
-schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir
-haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen
-spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen
-ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden
-Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«
-
-Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot
-war er im Gesicht geworden.
-
-»Kennst du ihn?« war seine Frage.
-
-»Selbstverständlich: intim.«
-
-»Du mußt mich vorstellen!«
-
-»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«
-
-Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an
-keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred
-Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters
-Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines
-Lackschuhes:
-
-»Jawohl, aber ich verlasse mich _ganz_ auf dich! Ich habe keine Zeit,
-mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.«
-
-Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im
-Geschäft?«
-
-»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus
-seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das
-durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«
-
-Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er
-das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf
-der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu
-unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen
-darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher
-gehen!« sagte er.
-
-»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«
-
-Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und
-seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann:
-
-»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?«
-
-Solt neigte den Kopf.
-
-»Bitte!«
-
-Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager
-in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig
-verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit
-schuf.
-
-Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat
-zugesagt, das Fest ist gesichert.«
-
-»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?«
-
-»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.«
-
-»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm
-in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«
-
-»Teuerer als du kann er nicht sein.«
-
-In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann
-deiner Schwester.«
-
-»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«
-
-Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit
-seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und
-sann auf Geschäfte.
-
-Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche
-nach Abenteuern.
-
-
-Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und
-war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es
-Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom
-Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm
-nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern,
-wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es
-müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal
-vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern
-sähe.
-
-Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in
-tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.
-
-Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln.
-
-Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu
-vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah -- es
-war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen
-Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie
-stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben.
-
-Mit raschen Schritten trat er ein.
-
-Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er
-die Tür nach links hin auf.
-
-Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete
-tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag
-vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen.
-
-Hier saßen die Buchhalter.
-
-Er sah unter den bekannten Gesichtern neue -- wie stets, wenn er kam --
-die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen
-sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe
-die Ehre, Herr von Tiedemann.«
-
-Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das
-Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick
-die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte.
-Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte
-einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen.
-
-Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war
-stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine
-Beruhigung.
-
-Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult
-arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn
-jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen.
-
-Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte:
-
-»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst:
-
-»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß
-Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb
-seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine
-Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht
-gleich den richtigen Ton fand.
-
-»Viel neue Leute darunter?«
-
-»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.
-
-»Hat sich viel geändert?«
-
-»Oh, sehr.«
-
-Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang
-gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.
-
-»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.«
-
-»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann,
-um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet
-habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte
-verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm
-die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein
-Ehrgefühl nicht.
-
-»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«
-
-»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.«
-
-»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?«
-
-Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr
-wenig.«
-
-»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.«
-
-Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer
-Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht,
-mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat
-doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten
-manchmal schwer.«
-
-»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die
-Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's
-jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen
-seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was
-soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's _mir_ nicht leicht gefallen,
-das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst _Sie_ anfangen?«
-
-»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage
-oft nimmer mit.«
-
-»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.«
-
-Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht,
-als er seinen Herrn so reden hörte.
-
-»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den
-Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu:
-»Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen
-Sie es _mich_ wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach
-rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe
-Gerhard noch nicht gesehen.«
-
-»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der
-junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte
-Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen
-...«
-
-Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins
-Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?«
-
-»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf:
-»Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.«
-
-»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir
-werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer
-aus in eurem neuen Kram.«
-
-»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus,
-»dort, am Ende vom Gang.«
-
-»Was ist _das_?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah
-in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das
-sieht ja riesig mollig aus!«
-
-Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn
-Privatempfangszimmer.«
-
-»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von
-der Türschnalle und ging weiter.
-
-»Guten Morgen, Vater!«
-
-Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen
-hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher
-Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?«
-
-»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«
-
-»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur
-Hand.
-
-Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den
-Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der
-nach seiner Erfahrung kommen mußte.
-
-Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:
-
-»Von wem sind die Berichte?«
-
-»Von Smithers Sons ...«
-
-Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel
-Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann
-trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an:
-»Ich brauch' keine Erklärung.«
-
-Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred
-mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre _dieser_ Verlust
-hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann
-_nie_ unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause
-bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ...
-
-Er horchte auf, eben sagte Gerhard:
-
-»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus
-regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben,
-wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann
-zwang sich zum Gegenteil:
-
-»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon
-besser sein.«
-
-Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die
-Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters
-Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück.
-Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man
-wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein
-Fortkommen nicht bange.
-
-Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern
-nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte
-er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber,
-untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein:
-
-»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart
-auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich
-in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen,
-die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.«
-
-»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich
-besorgen!« Görnemann eilte davon.
-
-Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich
-wohl, mich hier zu sehen?«
-
-Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste
-hier unten.«
-
-»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.«
-Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen
-Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm:
-
-»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie
-eine Bescheinigung des Chefs.«
-
-»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in
-überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann
-geben.«
-
-Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas
-vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte.
-
-In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.
-
-Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge
-zu liegen schien.
-
-»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn
-und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit
-gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus,
-Papa!«
-
-»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.«
-
-»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!«
-
-Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander,
-daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur
-nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere
-einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in
-die Höhe.
-
-Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die
-über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden
-verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am
-besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und
-steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig
-Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der
-sie vor vielerlei schützte.
-
-Lecart rieb die Hände:
-
-»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die
-Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben
-steht seit einer Woche still.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine
-Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«
-
-»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes
-Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum
-soll man ihnen das _zugeben_, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«
-
-»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der
-andere bedächtig.
-
-»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im
-ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der _einen_ Woche
-mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind
-nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange
-ich wieder mit vollem Betrieb an.«
-
-»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«
-
-»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig
-sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.«
-
-»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld
-verliert.«
-
-»Hm, das weiß ich nicht.«
-
-»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon
-meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben
-will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel
-mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu
-haben. Unsicher sah der Alte auf:
-
-»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten
-kommen?«
-
-»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo
-denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es
-klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf.
-»Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu
-bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.«
-
-»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf.
-
-»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte
-Lecart so nebenbei.
-
-Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage
-den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der
-amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.«
-
-»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick
-nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde
-mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu
-besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?«
-
-»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als
-Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.«
-
-»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich
-hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner
-Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe
-ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit
-hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug.
-»Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt,
-wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber,
-besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein.
-
-Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden
-nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie
-nun nicht froh werden konnten.
-
-Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm
-um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«
-
-»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die
-klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so
-viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen.
-
-»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?«
-
-»O nein!«
-
-»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«
-
-»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.
-
-»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf
-zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie
-schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«
-
-»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.«
-
-Wieder saßen beide schweigend.
-
-Dann fragte sie lebhaft:
-
-»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten
-gesprochen?«
-
-»Warum, Kind?«
-
-»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«
-
-»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu
-sehr an mir, um einen wichtigen Schritt -- wenn es eben einer wäre --
-zu verschweigen.«
-
-»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt
-Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?«
-
-»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im
-Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer
-Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues
-Haus eingeladen wird! -- Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er
-wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine
-neueste Errungenschaft ist die Wolny.«
-
-»Die? So?«
-
-»Kennst du sie?«
-
-»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die
-Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit
-der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?«
-
-Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich
-geworden: »Wer hat das gesagt?«
-
-»Ich habe es bei Behrens gehört.«
-
-»Dummes Geschwätz.«
-
-Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken
-und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten.
-
-»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen
-sie.«
-
-Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute
-daherreden.«
-
-»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen
-warst.«
-
-»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,«
-unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,«
-er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte
-den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten
-Augen an.
-
-»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich
-so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort.
-»Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred
-überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und
-dein Erbe gutwillig antrat?«
-
-Er sah sie erstaunt an.
-
-»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«
-
-»Das wird jede Frau.«
-
-»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er
-lachte bitter.
-
-»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu
-können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war
-ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig
-ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht.
-
-»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu
-imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte
-gesagt.
-
-»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm
-die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.«
-
-»Hast recht -- übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.«
-
-»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?«
-
-»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist
-eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen.
-Er will die Wolny zur Präsidentin haben.«
-
-»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr
-war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.«
-
-»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die
-Hauptsache. _Ich_ habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die
-Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.
-
-»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch
-schon an.«
-
-»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«
-
-»Das muß _er_ wissen, Kind.«
-
-»Aber das ist Unsinn!«
-
-»Das sagt Hilde auch.«
-
-»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.«
-
-»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand
-auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.«
-
-Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir
-bekommen keine Kinder.«
-
-»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«
-
-Sie stand auf in jäher Bewegung:
-
-»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr
-gesehen.«
-
-»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«
-
-
-Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer
-kamen.
-
-Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf
-schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt
-mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem,
-was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was
-rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die
-Schwester auf, die sein Bestes wollte.
-
-Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend.
-
-Die Tür war geöffnet worden.
-
-Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht.
-
-Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben.
-Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun
-warten würde, bis er aufwachte.
-
-Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich
-verschlafen in die Höhe.
-
-»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden
-Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn.
-
-»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete
-hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.«
-
-»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause
-gekommen bist!«
-
-»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch
-nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.«
-
-»Ist das wahr?«
-
-»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.
-
-»Du lügst mich nicht an?«
-
-»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.
-
-»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«
-
-Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß
-er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und
-doch sah er keinen anderen Ausweg.
-
-»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause
-gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit
-verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben
-und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu
-jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt
-deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«
-
-»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.
-
-»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit
-einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm
-dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:
-
-»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt
-du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? _Das Leben!_ Es ist
-so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt
-man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er
-ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig
-anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«
-
-»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den
-zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem
-noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du
-mir recht geben.«
-
-»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.
-
-»Gewiß, mein Kind.«
-
-»Hast du _auch_ mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so
-ungeschickt, Papa?«
-
-»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken
-versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder
-Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen.
-Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts
-dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat
-jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte;
-aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur
-eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«
-
-Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber
-ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch
-keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!«
-
-»Wird noch genug kommen.«
-
-»Aber _wann_, Papa? _Jetzt_ möcht' ich sie haben, damit ich etwas
-bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald
-neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden:
-
-»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...«
-
-Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme
-seines Vaters.
-
-»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen
-haben, und nur _ich_ weiß nicht, was aus mir wird -- _ich_ steh' ganz
-allein.«
-
-»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.«
-
-»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«
-
-»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir
-haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir
-gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt,
-und _wenn_, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel _mehr_, als es
-dir gegeben hat.«
-
-Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand,
-sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es
-ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte
-seine trockenen Lippen und fragte hastig:
-
-»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst
-würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als
-es Mama so schlecht ging -- wenige Stunden vor ihrem Tode -- wie hat
-sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben
-nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die
-Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:
-
-»Der Mensch ist _feig_, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar
-aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er
-stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt,
-ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner
-Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle
-lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden
-Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, --
-und es ist noch immer keines gekommen -- und das Geschäft geht ruhig
-und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte
-den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort:
-»Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie
-gern ich euch alle habe -- aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner
-Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben
-meinte -- sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte
-Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem _Kinde_ redete.
-
-»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich
-wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre
-es nach mir gegangen, ihr wäret _nie_ in dem Gedanken aufgewachsen,
-daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich
-gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich
-stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht -- und kannst es
-auch nicht verstehen.’ Und sie hat _recht_ gehabt -- ich stand ja den
-ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos,
-ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«
-
-»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts
-Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«
-
-»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem
-Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade
-darüber reden: heirate -- wenn du mal so weit bist -- nicht in eine
-andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren
-bist.«
-
-Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.
-
-»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du
-hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du
-hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst _doch_ immer
-der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und
-sehen dich als weniger an -- selbst wenn sie selber Lumpen sind, du
-scheinst ihnen doch minder.«
-
-»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«
-
-»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht
-bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin
-von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte!
-Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause
-und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von
-Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn
-sie vielleicht auch heute noch anders denkt.«
-
-»Sie hat Hansen gern.«
-
-»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie
-interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.«
-
-»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«
-
-»Das ist gut, auch Lecart ist es!«
-
-»Du denkst niedrig von der Frau.«
-
-»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich
-das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter,
-wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie
-nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu
-fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte,
-der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er
-atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als
-meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.«
-
-»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?«
-
-Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen.
-»Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,«
-sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war,
-»du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das
-Leben!«
-
-»Das will ich tun, Papa.«
-
-»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine
-Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid
-begehrenswert.«
-
-»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred
-macht es auch so.«
-
-»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit
-starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!«
-
-Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein
-Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?«
-
-»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht
-getan.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und
-Wut darüber, daß er keines hatte.«
-
-»Was war Großvater?«
-
-»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche -- er war arm --
-und ging am Trunk zugrunde.«
-
-»Da war er nicht gut mit dir?«
-
-»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht
-nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.«
-
-»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er
-dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine
-richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?«
-
-»Das ist wahr.«
-
-»Siehst du ...«
-
-Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter
-durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des
-Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die
-äußeren Bezirke ergoß ...
-
-Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und
-du bist noch nicht einmal angezogen!«
-
-»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn,
-»wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell
-vergangen.« Leo kam in Bewegung:
-
-»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.«
-
-Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte
-gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen
-Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und
-nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ...
-
-»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung
-angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man _jedesmal_ zu spät
-kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein.
-Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus
-und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen.
-»Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die
-Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm
-diesen Fehler offenbarte.
-
-»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«
-
-Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du
-_schon_ einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist,
-das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ
-ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine
-prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater
-eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und
-fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug.
-Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder
-oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so
-gehört sich das nicht mehr!«
-
-»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf
-den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich
-dir sagte?«
-
-»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt
-der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.
-
-Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den
-Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim
-Ausgang!«
-
-Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien.
-Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte
-von Armen waren in lebhafter Bewegung.
-
-Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand
-da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine
-beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter,
-über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.
-
-Rechts und links grüßten Bekannte:
-
-»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter,
-die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte
-erforderte und man so über Kunst sprach ...
-
-Der erste Bogenstrich!
-
-Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius
-die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen.
-
-Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen
-feindliche Gewalten und ließ sie zittern.
-
-Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen.
-In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem
-Sehnen.
-
-Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges
-Vermächtnis ...
-
-Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf
-Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine
-sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher,
-weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er
-lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:
-
-Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht
-geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe,
-in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es
-keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz
-dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es
-schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück
-zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter.
-Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, _wofür_ er stritt ... Seine Kraft
-verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch.
-
-Hornruf riß ihn empor.
-
-Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen:
-
-Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung
-schlugen und damit Beifall zeugten.
-
-Lange dröhnte der Applaus.
-
-Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der
-Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«
-
-»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner
-Schwester zu, »nur etwas zu langsam.«
-
-Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen
-schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester
-setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen,
-alles versank hinter ihr.
-
-Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es,
-was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie
-waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und
-Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner
-Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden.
-
-Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang:
-
-Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens
-geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er
-damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds
-Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem
-Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des
-Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die _Familie_! Familie?
-Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig
-ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch
-nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen,
-kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden
-Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr
-der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen
-Familie.
-
-Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum?
-
-Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt.
-Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort:
-
-Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!
-
-Freude war ihm nie beschieden gewesen.
-
-Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in _seinen_ Kräften stand, gab er
-hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!
-
-Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber
-binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«
-
-Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer
-Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft,
-die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender
-Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen,
-einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und
-flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei
-ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus
-Tiedemann ergangen:
-
-Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus
-dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und
-gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner
-gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und
-wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da
-er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor
-ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er
-dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu
-sein? ...
-
-»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«
-
-Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als
-das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal.
-Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die
-Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte.
-Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn
-nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«,
-hatte er einmal zu ihr gesagt.
-
-»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau
-grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin,
-hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier
-leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen
-kommen Sie doch in mein Konzert?«
-
-»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein
-Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt
-dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch
-welche.«
-
-»Ich denke schon!«
-
-Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem
-er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch
-verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum
-Ausgang sah:
-
-»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«
-
-
-Hilde und Leo empfingen in den vorderen Räumlichkeiten die letzten
-Gäste. Dann geleiteten sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie
-interessiert, wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest schlüssig
-werden.« Leise Verbeugungen, diskretes Lächeln und Händedrücke ließen
-die Wissenden erkennen.
-
-Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite, wo sich die Herren
-drängten. Frau Baronin Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall
-begrüßt. Sie lächelte dankend und sprach geziert:
-
-»Meine Herrschaften!«
-
-Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus, welche knarrende Stiefel
-unangenehm unterbrachen, die auf dem spiegelnden Parkett hin und her
-gingen. »Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem Fächer, leise
-Antwort:
-
-»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.«
-
-Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard Tiedemann hatten zwei
-Damen der Gesellschaft den Stab gebrochen.
-
-»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen für ihr Vertrauen«,
-sprach die Wolny. »Ich weiß nicht, ob ich es verdiene,« die rotblonde
-Frau lächelte verbindlich, »aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben
-werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert sein, daß
-ich zu dessen Gelingen alles tun will, was in meinen schwachen Kräften
-steht.«
-
-T. A. Hansen zog die Unterlippe ein, während ein Beifallssturm den
-Worten der begehrenswerten Frau folgte; dann klatschte auch er in die
-Hände: »Bravo!« Seine Stimme hatte sonderbare Färbung.
-
-»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen. Mit
-Rücksicht auf den praktischen und humanitären Zweck müssen wir
-möglichst _billig_ arbeiten. Wollen die Herrschaften also im Laufe des
-heutigen Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen wird, sich
-zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen und es dann mich oder
-Herrn Fred Tiedemann wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in
-das engere Komitee einzutreten ...«
-
-Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber, daß er den
-warmen Hauch ihres Körpers atmete: »Bitte Frau Baronin, das Wort für
-mich.«
-
-»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.«
-
-»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade Fred lächelte
-rundum, »wir brauchen einen gewissen Betriebsfonds, um arbeiten zu
-können! Die Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin in
-selbstlosester Weise gefördert.«
-
-»_Sie_ doch _auch!_« Frau Majas volle Lippen lächelten.
-
-»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und gut,« er warf den Kopf
-humoristisch hin und her, »wir brauchen Geld, wie überall auf der Welt!«
-
-»Der Weisheit Schluß!«
-
-»Kollekte veranstalten!«
-
-»Absammeln!«
-
-»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau Maja Wolny und trat
-mit einer Verbeugung zurück. Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte
-sich: es war mehr, als er hatte zeichnen wollen.
-
-Er sah fragend zu seinem Vater hinüber:
-
-Der hatte die Situation und den Befehl begriffen. Mit hastigen
-Schritten und vor Erregung rotem Kopf, daß er nun vor so vielen
-Menschen sprechen müßte, die er alle als über sich stehend ansah, trat
-er vor und gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von unserem
-Hause.«
-
-»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.«
-
-Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem Fürsten gesehen
-hatte. »Das soll nur der Anfang sein.«
-
-Fürst Solt trat in die Fensternische.
-
-Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und Behrens. Klaus
-Tiedemann sah mit scharfen Augen zu: Behrens mußte viel geben, der zog
-den armen Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden Männer nickten
-sich steif zu; sie konnten es noch immer nicht vergessen, daß sie in
-der Jugend Konkurrenten gewesen waren. Und dann -- die Behrens hatten
-wohl auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich nicht
-verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang, da Heinz Behrens
-am Getreideeck als kleiner Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu
-Tiedemann:
-
-»Wie soll der Schwindel heißen?«
-
-»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich wollten wir ein
-orientalisches Fest, aber die Kostüme kommen zu teuer; das drückt den
-Reingewinn.«
-
-»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das ist wahr.«
-
-»Nennen Sie's doch ‚ein Wohltätigkeitsfest auf dem Mond’, meine
-Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme in das Gewisper und Geflüster,
-das die rotblonde Präsidentin ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm
-brauchen.«
-
-Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten den Boden.
-
-Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte im Scherz oder im Ernst
-gesprochen waren.
-
-»Das ist eine Idee.«
-
-Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis, in solchen Dingen,
-unbedingtes Vertrauen:
-
-»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand etwas dagegen hat, so
-feiern wir ein Fest auf dem Mond?«
-
-»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen; nur Heinz Behrens
-schüttelte den struppigen Kopf, er fand sich nicht gleich zurecht in
-solchen Dingen: was sollte er auf dem Monde machen?
-
-»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«, sagte Olthoff und zog
-sich ein Taburett zu Hildes Füßen. »Ist es erlaubt?«
-
-»Bitte.«
-
-Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an Sie, gnädiges
-Fräulein?«
-
-»Die wäre?«
-
-Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr große und
-unverschämte Bitte.«
-
-»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo Hansen sein mußte. Er
-folgte der Richtung; fragend sah er sie an:
-
-»Befehlen?«
-
-»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?«
-
-»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.«
-
-»Und? ...«
-
-»Bitte, machen Sie mit!«
-
-»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.«
-
-»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand und sprach eifrig
-weiter: »Wir denken uns so eine nette, intime Gruppe, lauter Leute, die
-sich gegenseitig sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den
-ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab. »Bis jetzt wäre
-es Ihre werte Familie, die Wolnys und meine Wenigkeit -- viele werden
-nimmer dazukommen, höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für
-Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein Behrens gedacht.«
-
-Hilde gab einsilbige Antworten.
-
-Hansen ging vorüber, im Gespräch mit Leo; sein Blick streifte sie,
-flüchtig und zufällig; es tat ihr weh. Abseits stand Fürst Solt und
-redete mit Jan Wolny. Die schmale Gestalt Wolnys hing vornüber, der
-kleingestutzte, schwarze Schnurrbart gab dem Gesicht einen älteren
-Ausdruck.
-
-»Sie wollen sich jedenfalls, wie Ihr seliger Herr Papa, dem
-öffentlichen Dienste widmen?«
-
-»Vielleicht, Durchlaucht, -- einstweilen studiere ich
-Rechtswissenschaft.«
-
-»Und interessiert Sie Ihr Fach?«
-
-Jan Wolny zog die dunklen Brauen zusammen. Er antwortete langsam:
-
-»Gewiß, Durchlaucht, es hat für mich etwas sehr Ansprechendes, aus
-erster Quelle das kennenzulernen, nach dem die gesamte Menschheit
-sich richten muß. Sie fügt sich seit Jahrtausenden, und doch ist es
-auch nur menschlicher Wille, vor dem sie sich beugt. Man schuf sich
-eine Richtschnur, weil man sich der eigenen Schwäche bewußt war. Wer
-heutzutage stärker wäre und nach eigenem Gesetz handelte, er wäre der
-erste, der nach dem Mittel der Schwäche seiner Vorfahren gerichtet
-würde. Das ist das Rätselhafte am menschlichen Recht und Gesetz.«
-
-Mit langem Blick sah ihn Fürst Solt an.
-
-Olthoff segelte steuerlos hin und her, um ein Gespräch dauernd im Gange
-zu halten:
-
-»Sagen Sie, Fräulein Hilde, zu wessen Gunsten wird eigentlich das
-Reinerträgnis verwendet?«
-
-»Für Angehörige von Säufern und für die Erziehung ihrer Kinder.«
-
-»Da wird Ihr Herr Schwager eifrig beisteuern müssen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Jetzt, wo die Spiritus- und Schnapsbrennereien ihm gehören, ist er ja
-einer, der am meisten mit solchen Leuten zu tun hat.«
-
-Sie lächelte gezwungen: »Ach so ...«
-
-Fred kam auf sie zu und sagte befehlend: »Olthoff führt dich zu Tisch;
-neben dir ist Fürst Solt mit Clo.«
-
-Sie nickte gehorsam und stand auf. Sie legte ihren Arm in den Olthoffs
-...
-
-In scharf überlegter und abgezirkelter Tischordnung saßen sie:
-
-Ganz unten Gerhard und Hansen; auch der alte Behrens hatte es
-verstanden, sich dahin zu schmuggeln; da aß man ungenierter! Seine Frau
-und Tochter sollten ruhig oben bleiben. Heinz Behrens erwog in seinem
-geschäftigen Sinn eine endgültige Versöhnung der Häuser Behrens und
-Tiedemann, durch Heirat ihrer Kinder. Leo war seiner Tochter Tischherr.
-Dann konnte man die überseeische Filiale auflassen, die nur Geld
-kostete, die, der Tiedemanns wegen, einstweilen notwendig war ...
-
-Frauenrecht und Kinderschutz waren das Gesprächsthema. Frau Baronin
-Wolny hob ihr Glas Liebfrauenmilch und lächelte Fred Tiedemann zu:
-»Mein treuer Adjutant.« Dann fragte sie nach links, seinen Vater,
-der sofort mit dem Essen innehielt: »Sagen Sie, wird nicht stark
-übertrieben, wenn man immer von der traurigen Lage der Arbeiterschaft
-spricht?«
-
-»Durchaus nicht, Frau Baronin --« Tiedemann wischte sich mit der
-Serviette eifrig den Mund. »Durchaus nicht, die Leute sind wirklich
-gezwungen, ein Leben wie die Hunde zu führen.«
-
-»Also doch, das ist mir interessant zu hören!«
-
-Klaus Tiedemann kam in Hitze:
-
-»Das ist das fürchterliche, daß die meisten gar nicht wissen, wie
-schlecht es ihren Arbeitern geht!« Lecart hob den Kopf. »Nicht genug
-daß die Eltern verkommen und sich dem Trunk ergeben, die Kinder, für
-die sonst jeder alles tut, werden krank und leiden daran ihr Leben lang
-...« Er rückte zur Seite, um »Sole d'Ostende à la Joinville« servieren
-zu lassen, dann fuhr er fort, die eigene Kindheit ward in ihm rege:
-
-»Man muß wissen, wie die Kinder untergebracht sind: mit den Eltern oft
-zu fünft und noch mehr in einem kleinen, schlecht gelüfteten Raum,
-der auf einen engen Lichthof mündet, in den nicht mal die elende
-Großstadtluft dringen kann.« Er nickte aufgeregt mit dem Kopfe.
-»Was sie da sehen und hören, wenn sie älter werden und der Vater
-betrunken nach Hause kommt!! Dann wundert man sich über die moralische
-Verkommenheit. Mein Gott, was man von klein auf gesehen und mitgemacht
-hat, wird einem zur Gewohnheit. Ich kann darüber sprechen, denn ich
-...« Fred Tiedemann sah seinen Vater fest an, dem ging stets das Herz
-in solchen Dingen über, »... denn ich«, fuhr Tiedemann unsicher fort
-... »habe mich stets um meine Arbeiter gekümmert.«
-
-Er schwieg, Lecart sagte zu Brunn-Bennigsen, seiner Nachbarin: »So arg
-ist's nicht, mein Schwiegerpapa übertreibt gern.«
-
-Jan Wolny, der neben Clo saß, schüttelte den Kopf. »Wenn es wirklich so
-ist, dann sollten wir uns schämen und, statt ein Fest zu veranstalten,
-das ganze Geld den Armen geben.«
-
-»Es kommt ohnehin auf eins heraus.« Clo wendete ihm den Kopf zu, daß
-die Brillanten farbige Pfeile schossen. »Wenn wir eine Unterhaltung
-geben, so haben wir _und_ die Armen etwas davon und sonst nur die
-allein.«
-
-Jan gab keine Antwort.
-
-Das Mahl ging weiter, Gang folgte auf Gang. Beim Champagner, Lecart
-hatte mit Vergnügen zu seinem Gegenüber »G. H. Mumm extra dry« bemerkt,
-erhob sich Fred, zu kurzer Rede:
-
-Er sprach auf die Präsidentin und auf das Gelingen des Festes und
-fand den üblichen Beifall des Gastgebers. »Ein reizender Mensch, Ihr
-Herr Sohn«, hatte Baronin Wolny zu Klaus Tiedemann gesagt; der nickte
-vor sich hin. Er konnte das Lächeln des Vaterstolzes nicht verbergen.
-In solchen Momenten vergaß er alles, aus Freude darüber, daß seinem
-Sohne gelang, was er Zeit seines Lebens nicht erreicht hatte -- das
-Wohlgefallen der Gesellschaft.
-
-Nach dem »Crème à la Glace« warf Olthoff, der bereits sämtliche
-Manövergeschichten erschöpft hatte, abermals die Frage auf, was die
-Gruppe darstellen sollte. Er dachte an Mondkavallerie in exotischem
-Kostüm, die Frau Luna umschwärmt. Hilde sollte Frau Luna sein!
-
-»Recht verrückte Adjustierung, Löffel und Gabel in Riesendimensionen
-als Waffen -- Hände und Gesicht dunkel gefärbt; das wird ein
-Hauptspaß.« Er lachte. »Doch die Damen werden mit dem Färben, des
-Teints wegen, nicht einverstanden sein?«
-
-»Das ist mir gleich, wenn es die anderen tun, mache ich es auch.«
-
-»Sehr liebenswürdig, wenn nur alle Damen so uneigennützig sind.«
-
-Fürst Solt mischte sich ins Gespräch: »Da wüßte ich ein Mittel, das
-großartig wirkt.« Er legte den Handrücken nachdenklich an die Stirn.
-»Nun ist mir der Name entfallen. Ich habe seinerzeit in Indien gesehen,
-wie sich die Eingeborenen bei ihren Festen damit färben.« Wieder hielt
-er inne. »Daß ich aber auch den Namen vergessen habe! Es war die Frucht
-einer Akazienart, glaube ich.«
-
-»Es wird Bablah gewesen sein.«
-
-»Ganz richtig, gewiß.« Fürst Solt neigte dankend den Kopf nach dem
-Tischende. Er schien sich mit Freuden früherer Zeiten zu erinnern.
-»Sehr richtig, ich meinte Bablah; aber woher kennen Sie den Namen, wenn
-ich fragen darf?«
-
-Gerhard Tiedemann gab kurz die Antwort: »Ich war einige Jahre im
-Lande.«
-
-»Das trifft sich herrlich.« Der sonst so schweigsame Fürst wurde
-lebhaft. »Da müssen wir darüber sprechen, alte Erinnerungen
-auffrischen; da bitte ich dann um eine Plauderviertelstunde.«
-
-»Bitte.«
-
-Er wendete sich lächelnd zu Klaus Tiedemann: »Nun bin ich Ihnen für
-Ihre liebenswürdige Einladung noch mehr verbunden. Ich hätte mir nie
-träumen lassen, bei Ihnen heute über Indien, das Land meiner Sehnsucht,
-sprechen zu können.«
-
-In Klaus Tiedemann regte sich abermals Vaterstolz; doch seine Umgebung
-ließ ihn dessen nicht froh werden, etwas wie beleidigte Eitelkeit klang
-in seiner Antwort: »Auch ich, Durchlaucht, kenne das Land, doch bin ich
-nur auf kürzere Zeit hingekommen.«
-
-»Köstlich.« Mit leisen Worten wendete sich Fürst Solt an Hilde: »Wer
-ist der Herr, der mir vorhin zu Hilfe kam?«
-
-Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort; sie schien auch von der
-allgemeinen Scheu ihrer Familie, Gerhard zu ihnen rechnen zu müssen,
-ergriffen; dann warf sie den Kopf unwillig zurück: »Es ist mein
-Stiefbruder, Durchlaucht, meines Vaters Sohn aus erster Ehe«, sagte sie.
-
-»Ihr Herr Vater war zweimal verheiratet? Das wußte ich nicht.«
-Interessiert sah Solt auf Gerhard. »Es ist große Aehnlichkeit zwischen
-ihm und seinem Vater, viel mehr, als Sie alle mit ihm haben.«
-
-»Ich weiß.«
-
-Klaus Tiedemann hatte mit scharfen Ohren das leise geführte Gespräch
-vernommen; er senkte den Kopf. Es kränkte ihn, daß seine Kinder aus
-zweiter Ehe ihm so wenig ähnlich waren; das Wesenheimsche Blut war
-stärker gewesen als sein eigenes. Er preßte die Zähne aufeinander;
-sie hatten ihm seine Art zerbrochen und ihn zu ihrem willfährigen
-Diener gemacht, der Geld verdiente. Das vergaß er ihnen nicht! Er
-zwang sich zu anderem Denken: Wozu holte er dies alles wieder aus der
-Vergessenheit hervor, wo ihn seine Kinder doch liebten und an ihm
-hingen in Treue? Nun war doch alles gut.
-
-Leo strich an Hilde vorüber und flüsterte:
-
-»Fred läßt dir sagen, du solltest endlich die Tafel aufheben.« Fred
-Tiedemann taugte das Gespräch nicht; wenn Papa und dieser Plebejer, der
-sich sein Bruder nennen durfte, zu sprechen anfingen, war es besser,
-Schluß zu machen; sonst konnten unangenehme Enthüllungen vorkommen. Was
-ging die Leute die Geschichte Tiedemanns an?
-
-Hilde stand jäh auf.
-
-»Mahlzeit!«
-
-Olthoff wich nicht von ihrer Seite. Ungezwungene Gruppen bildeten sich,
-Brunn-Bennigsen trat ans Klavier. Wieder legten die Gesichter sich in
-ernste Falten.
-
-Die ersten Töne erklangen.
-
-In der Stille hallte Gerhards Stimme desto lauter, alle Blicke wendeten
-sich zu ihm: er störte die Kunst, das war Sakrileg. Fred Tiedemann
-knirschte mit den Zähnen, das hatte Papa davon! Brunn-Bennigsen tat
-einen bösen Seitenblick.
-
-»... Bombay ist stark zurückgegangen, durch Cholera und andauernde
-Mißernten ...«
-
-Elektrische Spannung lag in der Luft und mußte sich über Gerhard
-entladen. Doch als Fürst Solt nun, von den Erinnerungen seiner Jugend
-getrieben, ebenfalls laut antwortete, zerfloß alles in Wohlgefallen:
-dem konnte niemand Taktlosigkeit vorwerfen!
-
-»... Ich glaube, auch die Bevölkerung ist stark dezimiert.«
-
-»Gewiß.«
-
-»Wo hatten Sie eigentlich Ihren Sitz?«
-
-»Auf Old Womans Island; im letzten Jahre gleich daneben, auf Kolaba.«
-
-»Das ist die Halbinsel? Nicht? ...«
-
-Das Fortissimo übertönte die Stimmen.
-
-Reicher Beifall erklang, Fred überreichte ein Rosenbukett. Dann
-geleitete er die Künstlerin zu ihrem Sitz:
-
-»Ich war machtlos, die beiden Herren müssen sich rein vergessen haben.
-Fürst Solt war dabei!«
-
-Sie lächelte ihm zu: »Das hat nichts auf sich ...«
-
-Nun durften die Herren rauchen.
-
-Bei den Zigarrenkistchen, in denen die Spezialitäten mit den breiten
-Bauchbinden lagen, traf man sich.
-
-Lecart wählte mit Kennermiene; sein Blick kreuzte sich mit dem
-Olthoffs. Sie verstanden sich.
-
-»~C'est la guerre~«, lächelte Olthoff.
-
-Roller, der Modemaler, nahm gleich von mehreren Sorten; er kam stets,
-wenn wenig Leute bei den Rauchsachen waren, auf seine Kosten.
-
-Auch Leo holte sich eine schwere Havanna ...
-
-»Wollen wir nicht ein wenig plaudern?« fragte Hilde Tiedemann.
-
-»Wenn ich Ihnen nicht zu langweilig bin? ...« Hilde ließ sich in einer
-lauschigen Ecke nieder; T. A. Hansen saß ihr gegenüber und sperrte ihr
-den Ausblick. »Es ist lange, daß wir uns das letztemal sprachen.«
-
-Sie nickte: »Wie geht es Ihrer Mutter?«
-
-»Gut, wie es eben einer alten Frau gehen kann, die mich zum Sohn hat.«
-
-Hilde wurde verlegen:
-
-»Sie machen sich noch immer gern schlecht.«
-
-Er lächelte:
-
-»Ich bin kein Heiliger; fragen Sie nur die da hinten,« er machte eine
-geringschätzige Kopfbewegung nach der übrigen Gesellschaft, »wofür mich
-die halten!« Hansens überlegene Ruhe, die er sonst stets zur Schau
-trug, war einer bitteren Stimmung gewichen.
-
-»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.«
-
-»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft. Es gehört
-eine verflucht gute Laune dazu, stets als das ausgestoßene Schaf
-herumzulaufen.«
-
-»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn mit forschenden Augen
-an. »Sie sagten doch immer: ‚nie hat die Menge recht’.«
-
-Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde, und doch tut es mir von
-mancher Seite weh, so behandelt zu werden; ich bin für viele nur der
-Lump. Ich gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger
-Charakter, weil ich mein Vergnügen daran finde, den Leuten ihre
-schlechte Seite vorzuhalten, und doch hat alles andere weniger Wert.«
-Er senkte den Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren?
-Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben wieder vereinigen,
-zu einem Gesamtbild. Wenn man das tut, so ist's Karikatur, und als
-solche minderwertig; wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne
-Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge unterscheiden
-sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich es eben und bleib' drinnen
-stecken.« Er lächelte bitter. »Mit der Zeit werden Sie schon auch noch
-anders von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's tun.«
-
-»Warum ich?«
-
-»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer derselbe bin, als
-der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus kam: der Vielversprechende, der
-nichts hält.«
-
-»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in meiner Gegenwart.« Er
-sah auf und erschrak. In Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte
-sie diese zurück.
-
-»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, in die
-sie ihre eiskalten Finger legte. »Ich habe mich gehen lassen, weil ich
-mich vorhin über Leo ärgerte.«
-
-»Was war's?«
-
-»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war heute anders mit mir
-als sonst. Geschraubt und hochmütig, als wäre es eine Auszeichnung,
-wenn er überhaupt mit mir spricht.«
-
-»Da kann Leo nichts dafür ...« Sie schwieg in heißer Verlegenheit.
-
-»Ich weiß,« er suchte ihr die unangenehme Antwort abzunehmen, »ich
-weiß, daß er nichts dafür kann, aber trotzdem: er war einer, der
-an mich glaubte, wenn er auch noch ein Kind war; es tut immer weh,
-Anhänger zu verlieren, wenn man wenige hat.« Er sah ihr fest in die
-Augen. »Ueberhaupt, es ist so vieles bei Ihnen anders geworden.«
-
-»Sie dürfen von Papa nicht schlecht denken.«
-
-»Das tue ich nicht, Fräulein Hilde; sonst würde ich nicht darüber
-sprechen; aber leid ist mir um ihn, daß er sich so beeinflussen
-läßt und nicht sieht, wohin das führt. Warum zieht er solche Leute
-ins Haus,« seine Stimme klang aufgeregt, »wie den Olthoff, dem die
-Spekulation auf Sie ins Gesicht geschrieben steht, die Wolny, die
-stadtbekannt ist wegen ihres Lebens, und noch viele andere?«
-
-Sie war blutrot geworden: »Was sollen die Leute schaden, wenn nur wir
-stark bleiben?«
-
-Er sah sie mit forschenden Blicken an: »Wenn! Wir? Wer sagt, daß Sie's
-bleiben? Ihre Schwester hat Lecart geheiratet, trotzdem ich jemanden
-kenne, der heute noch für sie stirbt.« Sie lenkte ab.
-
-»Sie verkehren noch mit Gröden?«
-
-»Wir sind jeden Tag beisammen; er hat Karriere gemacht und hat es noch
-immer nicht vergessen, daß er Klaus Tiedemanns Schwiegersohn nicht
-werden konnte, weil er ein armer Architekt war.«
-
-Hilde seufzte. »Daran war Mama schuld.«
-
-Sie schwiegen.
-
-Ihre Blicke hingen ineinander.
-
-Dann sagte Hilde: »Was macht Ihre große Arbeit?« Er senkte den Kopf
-und gab keine Antwort. Sie sprach weiter: »Sie haben mir versprochen,
-damals, als wir das erstemal uns näher traten: Sie wollten ein Werk
-schaffen, das zeigen sollte, daß Sie mehr könnten als die anderen.«
-In herber Enttäuschung schüttelte sie den Kopf. »Ich habe so darauf
-gewartet, von Tag zu Tag, und nun? ...« Ihre Stimme verhallte.
-
-T. A. Hansen saß regungslos; dann sah er auf. In seinen grauen Augen
-glimmte ein Funke. »Ich hab' nicht gewußt, daß _Sie_ darauf warten.«
-Seine Stimme gewann an Festigkeit. »Sie dürfen nicht schlecht von mir
-denken, Hilde, nur das nicht. Ich kann eben kein Beamter der Kunst
-sein. Es wird so viel geschaffen, um das sich niemand kümmert, daß
-es einem um sein Werk leid sein kann. Die Handwerker in meinem Fach
-sind im Vorteil. Sie malen Porträts von reichen Leuten und leiten
-davon ihr Selbstvertrauen her; sie werden dadurch »bekannt«. Ich habe
-durchgekämpfte Stunden künstlerischen Zweifels, die anderen haben Geld
-und Konnexionen. Was gilt in den Augen der Welt mehr?«
-
-»In meinen Augen -- das Ihre.«
-
-Er atmete aus voller Brust und bohrte den Blick in ihr erregtes
-Gesicht, als müsse er sich dort Mut holen.
-
-Dann sagte er: »So will ich's wagen -- aber Sie dürfen mir nichts
-verschweigen, Hilde, ja, nichts? Sonst ist's Verrat an mir selbst.«
-
-»Ich habe nichts zu verschweigen. Ich habe nur den Willen, daß Sie mit
-Ihren reichen Mitteln den anderen zeigen, was Sie können, dann bin ich
-belohnt.«
-
-Seine Hand umspannte krampfhaft die ihre; mit fester Stimme sagte er:
-»Sie sollen nicht getäuscht werden, aber ich muß voll an Sie glauben
-und muß von Ihnen das Recht haben, zu jeder Stunde meiner Arbeit an Sie
-denken zu dürfen. Darf ich das, Hilde?«
-
-Sie nickte mit feuchtem Blick: »Ja, Hansen, das dürfen Sie, und ich
-will's auch tun.«
-
-»Nun hab' ich Riesenkraft ...«
-
-Er sah sich um: mit unsicherem Schritt kam Roller auf sie zu; er trug
-auf einer Tablette mehrere gefüllte Kognakgläser.
-
-»Gefällig?«
-
-»Danke.«
-
-»Ich danke«, sagte auch Hilde.
-
-»Bleibt mir mehr!«
-
-Er goß hintereinander den Inhalt mehrerer Gläser hinunter, mit stieren
-Augen klopfte er wohlwollend Hansen auf die Schulter; er fühlte sich
-dem Karikaturenzeichner weit überlegen: »Junger Mann, Sie haben kein
-Ideal, suchen Sie sich eines, ein Künstler muß ein Ideal haben ...«
-
-»... Und wenig saufen«, es war Hansens unverschämtester Blick, der
-dem verblüfften Modemaler ins Gesicht lächelte, »sonst wird die Hand
-unsicher ...«
-
-»... Na Kinders, wie geht's,« Heinz Behrens klopfte sein Töchterchen
-derb auf die Wange, »macht der junge Herr seine Sache gut?«
-
-Leo Tiedemann war wütend: daß nette Mädchen stets solche Väter haben
-mußten! Er hustete und sah mißvergnügt gegen das Klavier, wo Lecart
-eben Frau Brunn-Bennigsen auf den vollen Arm küßte. Klaus Tiedemann saß
-müde in einer Ecke und lächelte verbindlich, wenn er angesprochen wurde.
-
-Er war schläfrig und sehnte sich nach Ruhe.
-
-Jan Wolny strich an der Nische vorüber, in der sich seine Mutter mit
-Fred Tiedemann unterhielt:
-
-Er kannte das hungrige Lachen, er hatte es schon einmal gehört, kurz
-bevor sein Vater in den Tod gegangen war.
-
-
-Die nächsten Tage eilten vorüber. Fred Tiedemann hatte eine Unmasse zu
-tun. Wenn die Wohltätigkeitsveranstaltung gelingen sollte, benötigte
-sie viel Arbeit. Drei Herren im Bureau hatten die beiden letzten
-Wochen nur für sie zu arbeiten, zum unaussprechlichen Aerger des alten
-Görnemann. Gerhard zuckte die Achseln und dachte der Worte, die Fürst
-Solt zu ihm gesprochen hatte:
-
-»Ich glaube, unseren meisten reichen Kaufherrensöhnen fehlt
-die Erfahrung harter Arbeit. Darum sind sie nur Nutznießer des
-väterlichen Erbes. Sie gehen in unseren Kreisen auf. Statt in die Welt
-hinauszuziehen und sich dort ihre eigene Erfahrung zu sammeln ...«
-
-Klaus Tiedemann war schwer verstimmt. Er saß Stunden allein zu Hause
-und grübelte vor sich hin.
-
-Er hatte Angst um Leo.
-
-Fast täglich kam der Arzt.
-
-Hilde war nach der Gesellschaft, die bis in den frühen Morgen gedauert
-hatte, hinübergegangen in das Zimmer ihres jüngeren Bruders um ihm, wie
-es ihre Art war, neue Wäsche für Sonntag herzurichten.
-
-Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend gefunden.
-
-Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und hatte sie gebeten, Papa
-und den anderen nichts zu sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und
-darauf bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen würde.
-
-Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann, welcher mit
-ängstlichem Gesicht neben ihm stand: »Der Bursche ist rasch gewachsen
-und frühreif. Von Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist
-Vorsicht am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause, und sehen Sie
-darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich glaube, er hat schon zu viel an die
-Weiber gedacht.«
-
-Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße, auf der gerade Gerhard
-in strotzender Gesundheit daherkam, und ging mit einem leichten Gefühl
-des Hasses zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen.
-
-Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu ihm offen, damit er
-alles hörte, was neben ihm vorging; darauf hatte ihn Hilde gebracht!
-Zweitens durfte Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein
-Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das Fest nächsten
-Sonnabend mit inbegriffen! Drittens: bat er ihn mit innigen Worten,
-verläßlich zu sein und sich zu schonen, auch nichts hinter seinem
-Rücken anzufangen, was seiner Gesundheit schaden könnte; dann gab er
-ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der Stadt eine Ueberraschung zu
-kaufen.
-
-Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos Art besser kannte
-und seinen wilden Trotz, der gerade das unternahm, was ihm am meisten
-widerraten wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon öfter
-solche Schwächeanfälle gehabt hatte.
-
-Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er sah, daß diesmal sein
-Vater fest blieb und das Fest unwiderruflich für ihn verloren sei, gab
-er zu, bereits seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er hatte
-es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst zu berauben,
-und anderseits hatte er geglaubt, es würde von selbst vorübergehen.
-Sein Vater saß Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner
-Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein erfuhr
-häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis kam; es war mehr als
-schlecht und stellte überhaupt in Frage, ob Leo zur Schulprüfung
-zugelassen würde. In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich
-nicht mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe
-bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein Jahr war lang und
-Klaus Tiedemann war schwer in seinem Sohne getroffen. Auch Fred war
-nicht glatt durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen, aber
-Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte man den Leuten sagen
-als Entschuldigung?
-
-Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker. Er wußte, daß
-Vater auf die Schulmeister, wie er sie nannte, nicht gut zu sprechen
-war; so erzählte er denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie
-an der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen hatte sich
-einer seiner Mitschüler.
-
-Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit nur die
-allernotwendigste Schulbildung genossen hatte; alles andere hatte er
-sich selbst im Leben angeeignet. So trug er begreifliche Mißachtung
-gegen zünftiges Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf und gab
-seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr, was war das; wenn ihm der
-Bursche nur wieder gesund wurde!
-
-Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten Mittel, das
-er für sich selbst nie und nimmer angewendet hätte: er stellte ihm vor,
-daß er reich sei, einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich
-keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen.
-
-
-Es war wenige Stunden vor Beginn des Festes. Fred Tiedemann stand in
-seinem Zimmer und ordnete seine Maskerade. Leo saß rittlings auf einem
-Sessel und sah mißmutig auf einen Haufen in die Mitte des Zimmers
-geworfener Kleider. »Zu blöde,« er schüttelte den Kopf, »daß ich nicht
-mit kann!« Als Fred, der vor dem Spiegel in die Betrachtung seines
-Selbst versunken war, keine Antwort gab, stieß er ihn unsanft an: »Du,
-hörst du?«
-
-Aergerlich fuhr Fred, Kamm und Bürste in Händen, herum: »Jetzt schau'
-meinen Scheitel an; nun kann ich nochmals anfangen.«
-
-»Du hast doch Zeit.«
-
-»Wieso denn?« Fred sah rasch nach der Uhr. »Ich muß auch noch Papa und
-Hilde antreiben, daß sie fertig werden ...«
-
-»Glaubst du, daß sie Olthoff mag?«
-
-»Einstweilen ist's noch zum Aushalten, aber er wird sie schon kirre
-machen. Er versteht, mit Weibern umzugehen.«
-
-Nachdenklich sah Leo zur halbdunklen Zimmerecke: »Ob sie nicht zu fest
-an Hansen hängt?«
-
-»Der wäre der Richtige!« Fred Tiedemann lachte. »Damit wir noch so
-einen in die Familie bekommen wie den Gerhard! Na,« er zog die Krawatte
-zu, »das Geld würde dem schon passen, das haben ‚Künstler’ gern.« Er
-lachte geringschätzig.
-
-Lebhaft widersprach Leo: »Nein, Fred, wenn ich alles von Hansen glaube,
-darauf gibt er nichts.«
-
-»Na, nichts Gewisses weiß man nicht.« Fred strich den Schnurrbart. »Ich
-habe gegen solche biederen Gestalten Mißtrauen ...«
-
-Leo schüttelte den Kopf und schwieg. -- Nach einer Weile sagte er: »Du,
-Fred, beinahe hätte ich es vergessen: Gerhard war vor einer Stunde
-hier, um mit Papa zu sprechen.«
-
-»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der andere hielt in seiner Toilette
-inne und wartete gespannt auf Antwort.
-
-»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag kommen.«
-
-»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!« vor sich hin, er
-mußte es ja kennen als Reserveoffizier der Husaren, dann meinte er
-nachdenklich: »Hoffentlich schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.«
-
-»Was hat es denn gegeben?«
-
-»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo es ihn nichts angeht!
-Lecart nimmt unsere Firma jetzt stark in Anspruch, weil er in größere
-Unternehmungen verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht. Immer ist
-er derjenige, der warnt und lieber fremden Leuten als unseren eigenen
-Verwandten borgen möchte. Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er
-hielt inne und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter ihm
-steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts zu unternehmen
-getraut; der hetzt ihn und schickt ihn ins Vordertreffen.«
-
-»Warum läßt du dir's gefallen?«
-
-»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden haben, auf den ich mich
-verlassen kann: ich werde mich doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft
-setzen, dazu bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf die
-zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere auf die Marmorplatte
-des Waschtisches fallen. »Ueberdies, ich kenne auch niemanden von den
-Angestellten, ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den Alten
-zumindest noch ein Jahr brauche.«
-
-»Wenn er es nicht merkt?«
-
-»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er der einzige mit
-überseeischen Erfahrungen ist: denn Görnemann kann man heute darin
-nicht mehr rechnen. Darum nimmt er sich so viel heraus.«
-
-»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich und gähnte. »Was habt
-ihr denn mitsammen gehabt?«
-
-Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen Auftritts lauter
-als sonst: »Er will mir vorschreiben, wem ich Pensionen zahlen soll.
-Da ist so ein Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt
-tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott, wenn ich's nicht
-habe, dann kann ich's halt nicht machen! Ich habe ihm einen Monat
-Urlaub geben wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er auch
-kein Gehalt, das ist doch klar -- das ist überall so; dann könnte er
-nicht gehen, hat er gesagt, also soll er dableiben. Kommt der Gerhard
-herein und stellt mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte,
-was ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind hat, daß er
-in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht schonen kann, redet von
-Zusammengehörigkeitsgefühl, das Chef und Personal verbinden muß, und so
-weiter,« Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz, putzt
-mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis wäre.«
-
-»Nun, und du? ...«
-
-»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter Miene
-den Kopf, »so schnell kommt mir der nimmer.« Wieder übermannte ihn
-der Aerger der letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat?
-Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im kleinen sparen, ich
-hätte keine Ahnung von modernem Geschäftsgeist; es sei besser, einem
-Skontisten, der sich für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das
-Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem so niemand was
-habe.«
-
-»Das mußt du Papa erzählen.«
-
-»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart werden ...«
-
-Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung. »Na, wie bin ich?« Er
-pflanzte sich breit vor seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau
-Luna werben kam. Baronin Wolny war die Luna!
-
-Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos, warte,« er richtete
-ihm eine silberne Schnalle zurecht, »nun bist du fertig.«
-
-»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?«
-
-»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen Gesicht des Gefragten.
-»Was hätte es mir schaden sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß
-schon,« Leo ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!«
-
-»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt auf die Wolny.«
-
-Leo atmete schwer; er bekam rote Wangen: »Sie ist rassig.«
-
-»Was weißt denn du von ihr? Das kann ein anderer als ich gar nicht
-beurteilen.«
-
-»Du hast ein Mohrenglück.«
-
-»Stimmt, morgen nach dem Rennen bin ich zu ihr geladen, da soll ich mir
-ihre Directoire-Toilette ansehen; sie möchte sich darin photographieren
-lassen, aber ihr Sohn erlaubt es nicht, weil sie zu stark dekolletiert
-sein soll.«
-
-Leo Tiedemann schluckte: »Das ist ein fader Kerl, der Jan.«
-
-»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt den ganzen Tag über
-den Büchern.«
-
-»Ich mag ihn nicht.«
-
-»Warum? Er ist ganz unschädlich.«
-
-»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter überrascht? Er ist zu
-allem fähig.«
-
-Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den Burschen wie einen
-Hasen zusammen.« Leo atmete schwer; ein Schauer überlief ihn.
-
-»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend abzusagen, hat er
-mich von oben herab behandelt, als wäre ich ein kleines Kind«, sagte er.
-
-»Das sieht ihm ähnlich.«
-
-»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit Hochachtung auf sein
-Geschwätz hören sollen, weil er um ein paar Jahre älter und nicht mehr
-im Gymnasium ist wie ich; da kann er lange warten.«
-
-»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.«
-
-»Er ist mehr als stolz.«
-
-»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so gestellt, daß er ein
-Recht hätte, auf dich herunterzuschauen. Er soll froh sein, wenn die
-Tiedemanns mit ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen; dann
-wird er dich anders behandeln.«
-
-»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht ebenbürtig an. Weißt
-du, was er zu mir sagte? Er verstünde uns nicht, vor allem dich und
-mich, daß wir nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas ernste
-Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir sollten die Kunst,
-geistige und menschliche Interessen fördern, und nicht in Schichten
-eindringen wollen, die uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er
-meinte dich damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu
-bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den Armen viel Gutes
-erweisen könnte. Aber er wüßte schon, warum wir es täten. Es sei die
-Angst des Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns kein
-Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben Passionen hätten
-wie sie ...«
-
-»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden, »ich habe keine Lust,
-das dumme Geschwätz von dem unreifen Laffen, der uns um unser Geld
-neidisch ist, anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte
-Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm, um das Leben
-richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit aufgerissenen Augen auf seinen
-ärgerlichen Bruder und schüttelte nachdenklich den Kopf:
-
-»Es hat doch etwas für sich.«
-
-Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl verrückt? Auf dich
-macht alles, was du noch nicht gehört hast, einen Eindruck.«
-
-»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand im
-allgemeinen sagte, ist nicht so dumm. Er meinte, er stellte sich
-deinen Beruf so schön und edel vor; in seinen Augen gäbe es nichts
-Größeres, als internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten und
-Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den rechten Zeigefinger an
-die Unterlippe. Nach einer Weile, die Fred mit Räuspern und Husten
-gefüllt hatte, fuhr er leise fort:
-
-»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren und sich seiner Mission
-bewußt zu sein, die man in der modernen Kultur zu erfüllen hat. Das
-habe ich mir oft selber gedacht.«
-
-Fred Tiedemann lachte:
-
-»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir wünschen, dich mit
-Gerhard herumstreiten zu müssen und auf die Börsenberichte wie auf
-eine Offenbarung Gottes zu warten, du würdest bald anders von der
-‚Kulturmission’ denken, wie du es nennst.«
-
-»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen. »Glaubst du, ich
-hab' unrecht?«
-
-»Darüber gibt es doch nichts zu reden.«
-
-Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein.
-
-»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?«
-
-»Da zweifelst du noch?«
-
-Nun lachten beide.
-
-»Was willst du denn den ganzen Abend allein machen?«
-
-Leo sah den Fragenden prüfend an: »Verrätst du mich nicht?«
-
-»Bin ich Hilde?«
-
-»Ich will auch weg.«
-
-Fred Tiedemann lachte von Herzen: »Das habe ich mir gedacht, du wärst
-sonst nicht mein Bruder.«
-
-»Ja,« Leo dämpfte seine Stimme und sah scheu gegen die Tür, »ich will
-auch was vom Leben haben: weiße Frauenleiber, die ein Bacchanal feiern,
-aber Papa darf nichts wissen; er ist so gut mit mir!«
-
-»Ich verrate dich nicht, schau nur, daß du zu Hause bist, wenn wir
-heimkommen.«
-
-»Wann glaubst du denn, daß das sein wird?«
-
-»Sehr spät, wahrscheinlich erst in der Frühe.«
-
-»Da lieg' ich schon im Bett.« Leo fuhr mit der schmalen Hand über die
-weiße Stirn. »Vielleicht wird mein Kopfweh besser, wenn ich mich ein
-wenig zerstreue.« Er stand matt auf und ging zur Tür. »Jetzt müssen wir
-aber hinuntersehen zu den anderen.«
-
-»Jawohl,« antwortete Fred Tiedemann und folgte mit Sporenklirren seinem
-Bruder.
-
-
-»Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften, in die gute Stube.«
-T. A. Hansen ließ die Schellen klingen, seine Stimme war von Stunde zu
-Stunde lustiger geworden. »Wer zahlt, wird gemalt, wer nicht zahlt,
-wird angemalt.«
-
-Lachende Menschen wogten vorüber und riefen zu ihm in der
-Schalksnarrentracht Scherzworte hinauf. Jeder kannte ihn und
-seine Zeichnungen, die allwöchentlich beim Erscheinen Lach- und
-Aergernisausbrüche nach sich zogen. Lohgeruch war in der Luft und ließ
-das Licht, das sich in tausendfältigen Strahlen brach, trübrötlich
-erscheinen.
-
-Beim Riesenportal fuhren noch immer Wagen vor: Gäste, die erst in
-Gesellschaft gewesen und nun kamen, trotzdem es draußen bereits zu
-dämmern begann.
-
-Jan Wolny, der sich unfreiwillig komisch mit seinen ernsten Bewegungen
-im Phantasiekostüm eines »Milchstraßenkehrers« ausnahm, ließ sich müde
-auf einen Sessel vor Hansens Bude fallen: »Jetzt hätt' ich den Unsinn
-bald genug.«
-
-Hansen sah prüfend über die kauflustige Menge, die sich noch immer
-zwischen dem Musikpavillon und den Verkaufsständen drängte und schob.
-Er schüttelte den Kopf. »Bevor die nicht alles gesehen und betastet
-haben, ist an ein Ende nicht zu denken.« Er zuckte die Achseln. »Ein
-Händedruck von einer Dame der Gesellschaft um teueres Geld kommt den
-Leuten als überirdisch vor, das müssen Sie bedenken Herr Baron.«
-
-Jan Wolny seufzte. »Mir ist das alles ekelhaft.«
-
-Hansen sah den Sprechenden scharf an:
-
-»Wirklich? Dann müssen Sie mir die Hand geben ...« Hansen fuhr herum;
-seine Schulter war berührt worden. Es war Hilde Tiedemann.
-
-»Wie geht es?« Aufrichtige Freude über die paar Minuten, die sie nun
-beisammen sein konnten, sprach aus ihrem schönen Gesicht. »Was macht
-Ihre Arbeit?«
-
-Hansen drückte die kleine Hand, welche in sein Leben eingegriffen
-hatte: »Es geht vorwärts!«
-
-Ihre leuchtenden Blicke trafen sich ...
-
-Jan Wolny hatte sich diskret entfernt und war die Avenue
-hinuntergebummelt, an seiner Mutter vorüber, die hier mit Fred
-Tiedemann die Honneurs machte. Seitwärts stand das Mondschifflein,
-auf dem Frau Luna am Festzug teilgenommen hatte. Fred Tiedemann war
-der Anführer der reisigen Schar gewesen, die sie beschützte. Mit
-forschendem Blicke hinter den gesenkten Wimpern beobachtete Jan seine
-Mutter und den anderen, der so selbstverständlich tat. Er preßte die
-Zähne aufeinander und ging weiter. Wenige Schritte später traf er Fürst
-Solt. Der war im Frack, mit einem Riesenorden, welcher die ganze Brust
-bedeckte, als Monddiplomat. Sie grüßten sich und sprachen ein paar
-verbindliche Worte.
-
-Klaus Tiedemann sah Clo zu, wie sie die wenigen noch durstigen Herren
-bediente; in den Zwischenräumen, wenn der Champagnerpavillon leer war,
-plauderten sie. Jetzt, als sie Jan Wolny anrief, schloß er die vom
-Staube entzündeten Augen, die ihn schmerzten, und lehnte sich bequem
-in den Rohrsessel zurück: All die entblößten Frauenschultern, die
-runden Arme und zierlichen Füßchen in durchbrochenen Strümpfen und
-verschwiegenem Spitzengeräusch waren eingetreten für die Armut des
-Nächsten. Gab es größere Aufopferung? Brunn-Bennigsens Mann saß zu
-Hause bei den drei Kindern; den Tag über plagte er sich im Bureau. Er
-war klein und häßlich; sie gingen nie gemeinsam in Gesellschaft. Klaus
-Tiedemann hatte ähnliches ertragen. In ohnmächtigem Aerger hatten oft
-seine Zähne aufeinandergeknirscht, wenn sein jähes Temperament Liebe
-verlangte. Nicht umsonst trugen die Kinder sein heißes Blut in ihren
-Adern. Es waren lange Kämpfe gewesen, bis er mit sich ins reine kam und
-durch _Arbeit_ zur Ruhe zu kommen suchte. Davon war der Haß geblieben
-gegen das Weib. Die Jahre ebbten alles, und die Männlichkeit schwand.
-Er seufzte und hatte Sehnsucht nach Ruhe.
-
-Leo hatte vielleicht das beste Los unfreiwillig gezogen, der hatte
-jetzt schon bald ausgeschlafen.
-
-Klaus Tiedemann dachte an ihn. Er lachte in Gedanken: wie warm die
-kleine Behrens sich um ihn erkundigt hatte, und _die_ Enttäuschung,
-als sie hörte, daß er überhaupt nicht kam! In dem alten Manne war ein
-eigentümliches Gefühl gewesen, als er so sein jüngstes Kind auch schon
-vollwertig eingetreten fand in die Arena der menschlichen Instinkte. Es
-freute als Vater und kränkte als Mann.
-
-Als Hilde Tiedemann von Hansens Bude zu ihrer Schwester herübereilen
-wollte, stand plötzlich Olthoff vor ihr.
-
-Er schien auf sie gewartet zu haben.
-
-Sie gingen zusammen der Fontäne zu, die in tausend Farben schillerte,
--- es war mit der Zeit leer um sie geworden.
-
-In Hildes Seele war noch der Widerschein des anderen.
-
-Ihre Stimme klang freier als sonst, und ihre Augen sahen lebhafter.
-
-Das dünkte Olthoff ein gutes Zeichen.
-
-Leise zog er ihren Arm fester an sich.
-
-Sie widerstrebte; er sah sie an:
-
-»Jetzt sagen sie, Fräulein Hilde, ist das Leben nicht schön?«
-
-»O ja,« lächelte sie.
-
-»Vor wenigen Wochen haben wir uns noch gar nicht gekannt -- und nun
-...«, er beugte sich herab und sah ihr tief in die Augen.
-
-Sie suchte den Arm zu lösen:
-
-»Mir ist schwül, ich möchte hinaus ins Freie,« stammelte sie und
-blickte sich suchend um. Doch sie sah nur Lecart, der mit einer
-Bretteldiva plänkelte. Er fragte eben, wie teuer ein Kuß sei zu so
-vorgerückter Stunde, und aus Barmherzigkeit für die Armen, so konnte er
-Hildes Blicke nicht sehen!
-
-Die laue Nachtluft strich herein und kühlte ihre heißen Schläfen.
-
-Olthoff preßte die Lippen zusammen.
-
-Sein ganzes Leben war ein Kampf gewesen, um sich über Wasser zu halten.
-Er hatte stets nur verschämte Armut und diesen verwischenden Hochmut
-sein eigen genannt.
-
-Nun winkte ihm Rettung, er fand die Gedanken seiner Erziehung: In
-diesem Bürgerhause war alles, was er ersehnte -- Geld.
-
-Alles andere würde sich schon finden.
-
-An Liebe glaubte er nicht; er hatte sie selbst von klein auf vergebens
-gesucht. Hilde wich seinen Blicken aus. Leise sagte er:
-
-»Hilde!« Sie gab keine Antwort. Die ganze Verzweiflung seiner Lage
-und der Aerger über die lächerliche Komödie, die er hier zu spielen
-gezwungen war, überkamen ihn. »Sagen Sie, Fräulein Hilde, merken Sie
-nicht meine ehrliche Sympathie?«
-
-Sie schüttelte den Kopf und fand keine Antwort, nur ihr Arm schmerzte,
-den Olthoff nicht freigab.
-
-»Nun?« Mit funkelnden Augen sah er sie an. Den ganzen Abend hatte er
-auf diesen Augenblick gewartet, er mußte bald zum Ende kommen, sonst
-hieß es den bunten Rock ausziehen, der ekligen Gläubiger wegen. Er war
-nicht der Mann, der mit sich spaßen ließ; die anderen Tiedemanns wußte
-er hinter sich. Sein Name wog viel auf. Dies schwache Geschöpf sollte
-seine Pläne nicht mutwillig kreuzen.
-
-»Antworten Sie mir doch!« seine Stimme, wider Willen, klang roh, sein
-verlebtes Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck. »Können Sie mich denn
-nicht ein wenig gern haben?« Der Inhalt der Worte stach hart ab von dem
-drohenden Ton, in dem er zu ihr sprach.
-
-Hilde warf den Kopf zurück; sie war bleich bis in die Lippen geworden:
-»Nun haben Sie ihre Art gezeigt«, sagte sie stolz.
-
-»Verzeihung, ich bin überreizt, und Sie taten mir bitter unrecht.«
-Seine Stimme klang hastig, als wollte er kein Mittel unversucht lassen.
-
-Sie gab nimmer Antwort.
-
-»Fräulein Hilde!« Wut und Verzweiflung klangen zusammen. Sie wandte
-sich ab, Jan Wolny zu: »Bitte, führen Sie mich zu meiner Schwester,
-Herr Baron!« Jan Wolny verneigte sich und bot ihr wortlos den Arm.
-
-Olthoff blieb stehen.
-
-Nun war die Schlacht verloren.
-
-Er knirschte mit den Zähnen.
-
-Er hatte zu rasch geschlagen; doch seine Reserven waren erschöpft
-gewesen, und Wein und Stimmung hatten den Rest verdorben.
-
-Er sah zu Behrens hinüber, die sich zum Aufbruch rüsteten. Vielleicht
-dort?! ...
-
-Fahles Morgenlicht fiel durch offene Türen.
-
-Sie waren eben vom Feste nach Hause gekommen.
-
-Als Klaus Tiedemann, vor Leos Tür, keine Antwort bekam, überfiel ihn
-plötzlich harte Angst -- er wußte nicht warum. Er riß die Tür auf und
-blieb starr stehen:
-
-Leos Bett war unberührt, das Zimmer leer. Leo hatte sein Vertrauen
-mißbraucht, war heimlich weg, trotzdem er wußte, wie schlecht es
-ihm bekommen konnte. Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Die Füße
-versagten dem alten Manne den Dienst. Er ließ sich auf den Sessel neben
-der Tür fallen.
-
-So saß er eine Weile und wartete, daß seine Gedanken ruhigere Formen
-annahmen.
-
-Er hörte Hildes Stimme nicht, die aus dem Gang zweimal seinen Namen
-rief, er sah ihr Erschrecken beim Eintritt und ließ den Kopf auf die
-Brust sinken. Wo war sein Kind?
-
-Mit zitternder Hand drängte ihn Hilde zur Tür: »Er wird schon
-ausgegangen sein, Papa.«
-
-Hoffnungslos sah er sie an und schüttelte den Kopf: »Er hat ja gar
-nicht geschlafen.«
-
-Sie gab keine Antwort, und dunkle Vorahnung ließ sie schaudern.
-
-Fred saß im Speisezimmer und aß kaltes Fleisch. »Wo steckt ihr denn so
-lange?« rief er ihnen zu. »Eßt mit, und dann legen wir uns schlafen.«
-
-»Leo ist nicht zu Hause!«
-
-»So?« Er kaute den Bissen zu Ende. »Er wird nachts ausgewesen sein; er
-wird gleich kommen.«
-
-Mit scheuem Blick, der sich noch nicht zu hoffen getraute, sah ihn sein
-Vater an:
-
-»Meinst du?«
-
-»Natürlich, was soll denn sonst sein?«
-
-»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist?«
-
-»Laß dich nicht auslachen!«
-
-Fred wollte dem Mädchen läuten; doch der alte Mann legte abwehrend die
-Hand auf den elektrischen Taster:
-
-»Nicht,« bat er, »ich kann jetzt niemanden sehen.«
-
-Hilde zündete die Flamme unter dem Teekessel an.
-
-Sie warteten.
-
-Die Sonne stieg höher. In den Parkanlagen vor dem Hause stimmten Amseln
-ihre Stimmen.
-
-Leute im Sonntagsstaat gingen vorüber.
-
-Glockengeläute schwamm über die vielen Dächer; sie läuteten die
-Wandlung ein.
-
-»Ich werde zur Polizei fahren, meint ihr nicht?« Klaus Tiedemann war
-halb aufgestanden und sah forschend auf Fred.
-
-»Aber laß dich nicht auslachen, Papa, daß es die Leute gleich an die
-große Glocke hängen: Dem Klaus Tiedemann sein Jüngster ist heute nacht
-nicht nach Hause gekommen. Warte nur ruhig; er wird schon kommen, und
-dann schimpf' ihn zusammen!« Er gähnte. »Ich leg' mich jetzt schlafen.«
-
-Die beiden anderen blieben.
-
-In dem festlichen Aufzug, die verwelkten Blumen vor der Brust,
-fröstelte sie.
-
-Jeder Laut, der von der Straße heraufklang, tat ihnen weh.
-
-So verging die Zeit.
-
-Es läutete.
-
-Sie fuhren zusammen und horchten.
-
-In scheuer Erwartung sahen sie sich nicht an.
-
-Es war Gerhard Tiedemann, der kam, von seinem Vater den Abschied zu
-verlangen.
-
-Die beiden Männer standen sich gegenüber, wortlos und stumm.
-
-Dann brach der Jüngere das Schweigen:
-
-»Du weißt, Vater, warum ich hier bin?« Klaus Tiedemann nickte. »Es geht
-nicht länger zusammen mit Fred. Du hast ihm die Macht gegeben. Was soll
-ich? Du hast andere Kinder, die du liebst. Ich bin dir nur Pflicht. Du
-schämst dich meiner. Darum laß mich gehen; man kann brieflich leichter
-Vater und Sohn sein als im Leben nebeneinander.«
-
-Klaus Tiedemann hörte mit halben Ohren.
-
-Gestern hätte er noch die Antwort gewußt, jetzt schwieg er.
-
-»... Fred ist kein Kaufmann und schämt sich seines Berufes. Er tut
-mehr für seine teuren Verwandten als für die Firma; er stärkt das
-ökonomisch, was er bekämpfen sollte ...«
-
-Gerhard schwieg und sah auf seinen Vater, der totenblaß geworden war:
-
-Drunten fuhr ein Wagen vor. Er stürzte zum Fenster. »Sie bringen ihn«,
-keuchte er. Er wankte zur Tür.
-
-Gerhard warf den Kopf zurück; er sah durchs Fenster:
-
-Von einer Schar Neugieriger umgeben, stand unten ein Rettungswagen.
-
-Sie hatten Leo auf sein Zimmer gebracht. Er war bei Bewußtsein.
-
-Klaus Tiedemann reichte dem Ambulanzarzt, der von der Hilfsstation
-mitgekommen war, die Hand.
-
-»Ich danke Ihnen!« Scheu senkte er den Blick, unsicher mit sich selbst,
-ob er nicht unrecht gehandelt, daß er ihm nichts anderes als seinen
-Dank geboten. Er war ja gewöhnt, jeden Schritt, der für ihn geschah, zu
-bezahlen!
-
-»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben nicht schon in der
-Jugend einen Blutsturz gehabt und sind heute die stärksten Leute?«
-Der Arzt, der erst vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer
-Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine Praxis holen zu
-dürfen, nickte ihm freundlich zu. »Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie
-meine Beobachtungen.« Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung
-ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem alten
-Manne zu sagen, bei wem und in was für einem Hause er seinen Sohn
-aufgefunden hatte.
-
-Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus seinem Zimmer und fragte
-ungehalten: »Was gibt's?«
-
-Sein Vater gab keine Antwort.
-
-Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der Hausarzt kam.
-
-Der untersuchte lange und gründlich, dann schüttelte er dem Vater, der
-in tausend Aengsten vor der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch,
-Herr Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge hätte nicht lumpen
-sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt. Er schläft jetzt, lassen Sie ihn
-ruhig. Ich sehe gegen Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde:
-»Na, Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester, wird
-Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle lachte. »Nur nicht
-so verzagte Augen -- ein Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!«
-Bei der Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins Zimmer lassen!
-Ja? Er muß ganz ruhig liegen bleiben, eine zweite Blutung verträgt er
-nicht.«
-
-Hilde umfing ihren Vater.
-
-»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann schluckte die Tränen
-hinunter und sah zu Leos Zimmer, »sieh nur, daß alles in Ordnung ist!«
-
-»Ja, Papa ...«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der Bub mir hat das antun
-müssen!« Er stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Er kam aus den
-Sorgen nicht heraus:
-
-Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen, wollte er nicht
-sprechen! Nun Leo, alles in einem kurzen Jahre!
-
-Gerhard kam ihm wieder in den Sinn. Man hatte ihn nicht richtig
-behandelt. Es war zu viel für seinen alten Kopf. Er konnte die
-Unterschiede seiner Kinder nicht versöhnen, die er selbst geschaffen
-hatte ...
-
-Er seufzte. Von unten klang das Rasseln eines Automobils herauf. Hastig
-schloß er die Fenster; wie leicht konnte Leo aufwachen!
-
-Fred trat über die Schwelle in tadellosem Salonanzug. Er zog die
-Handschuhe über:
-
-»Gott sei Dank, Papa; Hilde erzählte mir, der Arzt sagte, es hätte
-keine unmittelbare Gefahr; nur äußerste Ruhe sei notwendig?« Er sah
-seinen Vater fragend an: »Ich habe doch recht verstanden?«
-
-Klaus Tiedemann nickte mit schiefem Kopfe:
-
-»Ja, wir wollen es hoffen.«
-
-»Adieu, Papa, ich muß weg, weil ich Roller versprochen habe, ihn
-abzuholen; dafür malt er mir den ‚Franklin’, wenn er heute gewinnt.«
-
-»Du fährst zum Rennen,« Klaus Tiedemann sah seinem Sohne ernst in die
-Augen, »wo Leo so krank ist?«
-
-»Du bist komisch, Papa; soll ich mich auch vor ihn hin setzen und
-ihn anschauen? Reden dürfen wir mit ihm so nichts. Was soll ich also
-daheim?«
-
-»Du hast recht.« Beinahe eilig reichte Klaus Tiedemann ihm die Hand.
-»Geh und unterhalte dich gut!«
-
-Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß.
-
-Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein festes Ganzes zu bilden;
-nun, das erstemal, da er die Probe machte, stand er allein.
-
-Bitterkeit überkam ihn.
-
-Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband. Es war alles Trug! Die
-Ehe, die Liebe, die Freundschaft. Sie hielten nur zusammen, solange
-alles glatt ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ das
-andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer trug die Schuld? Die
-Eltern, die es ins Leben gesetzt? Er, der er zu schwach gewesen mit
-ihm? Oder niemand, und war alles nur blinder Zufall?
-
-Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren wurde. Vielleicht hatte
-er ihm zu wenig Kraft gegeben? Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch
-Klaus Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht. Er hatte
-Individualitäten in ihnen gefunden, gleich, ob sie vorhanden gewesen
-waren oder nicht. Sie ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe
-hatte er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie zu haben:
-Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen Stunden ...
-
-Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf das kurze, schnelle Atmen
-Leos, das durch die angelehnte Tür drang.
-
-Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann legte sie ihm die kühle
-Hand auf und streifte mit ihren heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe
-sie nachsehen ging.
-
-Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und lang; noch immer war
-Leo nicht aufgewacht.
-
-In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter:
-
-»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere Zeit, Papa! Mit dir;
-das wird dir auch gut tun.«
-
-»Ich kann von hier nicht weg! Du mußt mit ihm gehen, Hilde.«
-
-»Aber Papa, was hast du denn hier zu tun?«
-
-Klaus Tiedemann lächelte traurig:
-
-»Nichts.« Er näherte seinen Mund ihrem Ohr. »Ich kann Fred nicht allein
-lassen.«
-
-»Warum?«
-
-»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Mir ist angst, Hilde.«
-Er legte seinen Kopf am ihre Schulter. »Ich glaube immer, nun fängt das
-Unglück an. Das Leben ist auf unsere Ruhe eifersüchtig geworden -- nun
-müssen wir es büßen.«
-
-»Was du dir für trübe Gedanken machst!« Hilde hatte für ihren Vater
-noch nie einen so herzlichen Ton gefunden. »Im Gegenteil, das ist jetzt
-nur eine vorübergehende Trübung, damit wir uns nachher desto mehr
-freuen können.«
-
-»Worauf denn?«
-
-»Na, hörst du, Papa, auf viel! Jetzt wird Fred und später Leo dir eine
-liebe Tochter ins Haus bringen, dann wirst du Großpapa und hast ganz
-kleine, süße, winzige Enkelkinder.« Hilde schmiegte sich an ihren
-Vater; von ihrer Rede, die sie begonnen hatte, um ihn zu zerstreuen,
-floß langsam der Inhalt auf sie über und nahm sie gefangen in
-ungeahnter Seligkeit. Sie legte den Kopf an ihn; er streichelte sie.
-
-»Du bist gut, Hilde!« Klaus Tiedemann empfand die Weihe dieser Stunde,
-die ihm ein Kind zu eigen gab.
-
-Sie saßen eng aneinandergelehnt und schwiegen.
-
-Dann, als schämten sie sich ihrer Stimmung, begannen sie vom Feste zu
-reden, von diesem und jenem, das ihnen aufgefallen war. Als Hansens
-Name fiel, wurde sie schweigsam. Immer wieder kam Klaus Tiedemann auf
-Olthoff zurück. Er erhielt nur spärliche Antworten.
-
-Schon dunkelte es, da klang eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer:
-»Papa?« Etwas Fremdes griff Klaus Tiedemann nach dem Herzen. Sein Kind
-verlangte nach ihm, mit dem ersten Laute des wiedererlangten Lebens. Er
-ging auf den Zehenspitzen zur Tür. »Vorsicht, Papa!« Hilde hielt den
-Finger auf den Mund. Er nickte und trat ein.
-
-Die Dämmerung lag in den Ecken des Zimmers und ließ Leos Gestalt in den
-weißen Kissen undeutlich erkennen.
-
-»Verzeih! mir, Pa!«
-
-»Kind, bleib ruhig und sprich nicht viel.«
-
-Er küßte den Sohn auf die eiskalte Stirn, auf der Schweißtropfen
-standen.
-
-»Nicht fortgehen, Pa!«
-
-»Nein, Kind, ich bleib' bei dir.«
-
-Er ließ sich am Fußende des Bettes nieder und nahm Leos schmale Hand.
-Sie saßen minutenlang schweigend, und aus dem dunklen Fleck, den Leos
-Gesicht in der beginnenden Dunkelheit gab, leuchteten in fremder Kraft
-seine Augen. Dann begann er wieder: »Verzeih' mir; ich weiß, ich hab'
-dich betrogen.«
-
-Ein Zittern lief durch seine Gestalt.
-
-»Laß doch, Kind!«
-
-»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast mir immer zu viel
-nachgegeben, drum bin ich auf solche Gedanken gekommen. Du hast immer
-auf mich Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du bist
-zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht über alles reden
-sollen. Ich habe bis heute nacht«, ein Schauer schüttelte ihn, »an
-gar nichts geglaubt, vor gar nichts Achtung gehabt, -- nun«, seine
-Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das Leben.« Er suchte sich
-aufzurichten: »Nur das Leben in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt
-zu haben.«
-
-Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte sich nicht. In seinem
-Kopfe hämmerten die Pulse. Sein Kind sprach Worte, die er vergebens
-gesucht hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens, Reichtum und
-Stellung waren Ereignisse untergeordneter Wichtigkeit gegen das, was
-im Menschen lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das _innere_
-Glück!
-
-Klaus Tiedemann stand langsam auf:
-
-Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen. Klaus Tiedemann
-horchte: Unruhig ging Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine
-Lippen. Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur Tür:
-»Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht, er fängt zu phantasieren
-an!«
-
-Schon war Hilde in die Höhe.
-
-Klaus Tiedemann horchte wieder:
-
-Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken.
-
-Hatte er sich getäuscht?
-
-Hatte Leo geröchelt?
-
-Er zwängte seinen Kopf in die Türspalte. Er hörte nichts.
-
-Hatte er zu atmen aufgehört?
-
-Er machte ein paar leise Schritte vorwärts und brach in die Knie:
-
-Leos Gestalt hing vornüber aus dem Bette, vor dem das Blut mit dunklem
-Flecke stand. Leos Augen waren glasig aufgerissen -- er war tot.
-
-Von unten klang die Hupe eines Automobils; Fred Tiedemann kam mißmutig
-vom Rennen zurück; »Franklin« war geschlagen worden.
-
-
-Gleich nach Leos Begräbnis hatte Klaus Tiedemann sein Landhaus bezogen.
-
-Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Die vielen Menschen taten ihm
-weh.
-
-Stundenlang saß er allein am Waldrand, von dem der Blick
-hinüberschweifen konnte über Täler und Höhen nach der Stelle, wo sein
-Kind ruhte.
-
-Ein starrer Zug stand auf seinem Gesichte, und die Augen sahen einwärts
-in verzehrendem Feuer.
-
-Nie sprach er das in Worten aus, was in ihm vorging. Nur hier und da
-nickte er aus solchen Stimmungen heraus Hilde zu. Es war ein stummes
-Trostsprechen, daß er wieder anders werden wollte; man sollte ihm nur
-Zeit lassen, sich zurechtzufinden.
-
-Dann gingen sie stumm nebeneinander durch den träumenden Wald nach
-Hause.
-
-Das Zimmer, das Leo in den Ferien stets bewohnt hatte, betrat er nicht.
-
-Zu lebhaft standen noch die Erinnerungen der letzten Wochen im
-Vordergrund.
-
-Oft preßte er die Hände an die Ohren, damit endlich daraus der Klang
-der polternden Schollen weiche, die auf Leos Sarg hämmerten und seine
-Ruhe störten. Noch immer hörte er Heinz Behrens' ungeschlachte Stimme:
-
-»Du tust mir leid, Tiedemann, du hast Unglück in deiner Familie; er
-war ein lieber Mensch, und meine Kleine kann sich kaum trösten.« Dann
-hatte er mit seiner groben Hand die Tränen aus den buschigen Wimpern
-gewischt und war gegangen.
-
-Jan Wolny hatte stumm daneben gestanden mit zusammengepreßten
-Lippen, den Kopf gesenkt. Nur als Hilde aufschluchzte in bitterem
-Schmerze, hatte er aufgesehen, und sein Blick war zu Fred Tiedemann
-hinübergeflogen, fragend und mahnend.
-
-Fürst Solt hatte ein paar Worte gesprochen, eckig und schlicht, wie der
-Mensch so schwach sei und einen nach dem anderen fallen sehen müßte,
-bis er selbst daran käme. Er war der letzte seiner Familie und ihm
-traten die Tränen in die Augen.
-
-Ueber den Zinskasernen stand rot die untergehende Sonne, als sie
-zurückfuhren in ihr stillgewordenes Heim ...
-
-Immer wieder zogen die Bilder an Klaus Tiedemann vorbei.
-
-Tief gebeugt trug er den Kopf.
-
-Wenn der Mond aufstieg, saß er bis in die Nacht hinein und horchte
-dem Lispeln der Birken, die mit ihren langsam wandelnden Schatten
-Zwiesprache hielten.
-
-Sternschnuppen fielen durch die Nacht.
-
-Wohl blieben ihm noch drei Kinder. Gerhard hatte nach Leos Tod nicht
-mehr vom Weggehen gesprochen; doch die Schuld blieb auch.
-
-Immer wieder grübelte Klaus Tiedemann nach, ob es Bestimmung sei, die
-Leo so früh abberufen, oder ob, in anderer Umgebung aufgewachsen, er zu
-halten gewesen wäre.
-
-Hatte Hilde recht gehabt mit ihren Warnungen?
-
-Nichts gab Antwort!
-
-Hilde war ihm nähergetreten seit jenem stillen Nachmittag, an dem sie
-sich in Angst um Leo fanden.
-
-Sie war die einzige, deren Gegenwart er ertrug.
-
-Sie ging stundenlang stumm neben ihm her und spann ihre eigenen
-Gedanken, die von denen ihres Vaters nicht allzusehr verschieden waren.
-
-Sie folgte seiner gebeugten Gestalt; er schritt mit den Händen auf dem
-Rücken querfeldein über die Ackerschollen; sein weißes Haar flog im
-Abendwinde.
-
-Um sie war die Ruhe des sinkenden Tages.
-
-Schon saßen die Schatten in den Waldecken und färbten sie bläulich.
-Langsam zog der Rauch von den Bauerngehöften.
-
-Er blieb stehen.
-
-Dann fragte er mit schweren Worten ganz unvermittelt:
-
-»Glaubst du, daß es Hansen ehrlich meint?«
-
-Ehe sie noch Antwort geben konnte, ging er weiter, den Kopf gesenkt,
-als sei er sich nicht bewußt, gesprochen zu haben.
-
-Als sie die Höhe erreicht hatten, sah er sie fragend an:
-
-»Nun?«
-
-In seinem zermarterten Gesicht war die Sorge, die ihn zerfraß.
-
-»Ja, du kannst ihm vertrauen.«
-
-Er wiegte den Kopf hin und her:
-
-»Er hat so aufrichtig darein gesehen an Leos Grab. ‚Wer weiß, ob das
-Leben nicht nur Vorbereitung ist auf den Tod, das wahre menschenwürdige
-Sein, das dann erst beginnt; darum wollen wir ihm die Ruhe gönnen’, so
-hat er gesagt, Hilde, damals. Ich weiß es Wort für Wort!«
-
-Er hielt inne, um seines Schmerzes Herr zu werden, der bei der
-Erinnerung vorbrach. Dann begann er wieder in ferner Gedankenqual:
-»Es ist so schwer, das Rechte im Leben zu treffen, jedes Wort ist
-so verantwortungsvoll; ich hab' immer das Beste gewollt ...« Ein
-stockender Seufzer schwellte seine Brust: »Leo ist tot, Clo muß auch
-nicht glücklich sein: sie hat so geweint am Grabe und mich gebeten, ihr
-beizustehen, wenn's mal so weit mit ihr ist.« Er nickte ein-, zweimal:
-»So hat es kommen müssen.«
-
-Ueber das Wolkengrau im Westen lief ein fahler Schein. Ferner Donner
-grollte über die Felder, auf denen die Grillen sangen.
-
-Hilde legte sich tröstend an den Mann, dem sein Lebensabend so unfroh
-geworden war.
-
-»Hab' Vertrauen, Vater, es kommen wieder fröhliche Tage.«
-
-Er machte sich los und sah ihr tief in die Augen; dann fragte er:
-»Liebst du Hansen?«
-
-Sie zuckte zusammen.
-
-Wie mußte es Vater aufnehmen, wenn sie ihn auch verlassen wollte?
-Doch vielleicht war jetzt die richtige Stunde, seinen Widerstand zu
-besiegen. Seine Augen ruhten ernst auf ihr, beinahe ängstlich, als
-hoffte er auf ein Wort, das ihm wieder Glauben leihen sollte fürs
-Leben. Sie sah nach dem roten Fleck jenseits der Berge, wo die Sonne
-gestorben war, und richtete sich auf:
-
-»Ja«, sagte sie mit festem Wort.
-
-Eine Weile stand er regungslos. Dann sagte er heiser: »Hilde, so ein
-Wort bindet auf ewig und ist doch zu leicht gesprochen. Du mußt ihn
-lieber haben als dein eigenes Leben, mußt es freudig für ihn geben!
-Kannst du das?« Angst redete aus seinen Worten.
-
-Sie nickte.
-
-»Du mußt nur an ihn denken! Jede seiner Sorgen ist eine doppelte für
-dich. Du mußt auf alles verzichten können für ihn.«
-
-»Das kann ich.«
-
-Er sah sie an mit flackernden Blicken. In seinen Augen kämpften fremde
-Gewalten. Sie gewannen die Oberhand. »Das hat noch jede gesagt,« seine
-Finger griffen erregt durch die Luft, die heiß wie Brodem über die
-Felder strich, »noch jede!« Er lachte, daß die Laute schneidend Hilde
-ins Ohr gellten, »in Schwüren gelobt und nie gehalten. Das Weib ist
-schwach und elend!« Er richtete sich auf: »Daß du mir nimmer davon
-sprichst! Du bist ein töricht Kind. Das einzige, was Bestand hat, ist
-Geld, und das hat Hansen nicht.«
-
-»Vater!« In heißer Entrüstung flammten Hildes Augen.
-
-»Schweig!« Klaus Tiedemann wendete den Schritt: »Das Wetter zieht
-näher; wir wollen nach Hause gehen.«
-
-
-Als der Hochsommer kam, war Klaus Tiedemann ein anderer geworden.
-
-Er dachte ruhiger über Leos Tod.
-
-Die zähe Lebenskraft hielt ihn am Leben fest.
-
-Fred Tiedemann kam selten; er konnte die Großstadt nicht missen mit
-ihren Vergnügungen und Zerstreuungen. Oder wenn: Vor wenigen Tagen
-hatte er sich verabschiedet; er gedachte zu seiner Erholung eine
-längere Automobiltour zu unternehmen. Baronin Wolny würde ihn dabei
-begleiten.
-
-Als Klaus Tiedemann darüber den Kopf schüttelte, lachte er überlegen:
-
-»Papa, du bist ein Philister. Das ist heute allgemein üblich, daß man
-gemeinsam Reisen macht.«
-
-»Sie hat doch einen erwachsenen Sohn?«
-
-»Eben deswegen, -- der braucht sie gewiß nicht mehr. Weißt du,« fuhr
-Fred fort, »wenn ein Mann den Weibern gefällt, so kann er alles mit
-ihnen machen, gleich wer die Frau ist; natürlich« -- sein Blick umfaßte
-seines Vaters Konturen -- »muß er tadellos gebaut sein und ruhende
-Kräfte in sich tragen, sonst ist's besser, er läßt es bleiben.«
-
-Der Alte preßte die Lippen zusammen und gab keine Antwort.
-
-Fred wußte wenig Neues zu berichten:
-
-Klagen über Gerhard und Görnemann, die zu ängstlich wären und keinen
-Geschäftsgeist besäßen.
-
-Es ergaben sich oft lange Pausen in der Unterhaltung.
-
-Fred war zweiter Vizepräsident des Automobilklubs geworden; auch in das
-Renndirektorium war er gewählt worden.
-
-Das gab mannigfache Arbeit und viele Verpflichtungen, von denen Vater
-und Schwester keine Ahnung hatten.
-
-Beim Fortgehen kramte er noch eine Neuigkeit aus:
-
-Olthoff hatte sich mit Heinz Behrens' Jüngster verlobt. Klaus Tiedemann
-sah rasch und ängstlich nach Hildes Gesicht. Doch das blieb ruhig, sie
-sagte:
-
-»Da ist mir das Mädchen leid.«
-
-»Mir höchstens um die Wechsel leid, die ich für ihn giriert habe! Na,
-die wird sein Schwiegervater einlösen, und schließlich bin ich durch
-ihn in den Rennklub gekommen.« Fred wendete sich zu seinem Vater. »Was
-sagst du zu Behrens? Der alte Lümmel sucht es uns nachzumachen.«
-
-Klaus Tiedemann seufzte.
-
-Dann küßten und umarmten sie sich. Fred bat den Vater, während seiner
-Abwesenheit ein wenig auf das Geschäft zu achten. Man könnte dem Alten
-und Gerhard doch nicht ganz trauen.
-
-Nun fuhr Klaus Tiedemann jede Woche einmal zur Stadt.
-
-Wenn er zurückkam, war er in aufgeräumter Stimmung.
-
-Es drängte ihn zu sprechen.
-
-Er erzählte Hilde von seiner Jugendzeit, von den überseeischen Ländern,
-die er kennengelernt hatte, von den Sitten der Leute. Er suchte die
-alten Erinnerungen hervor, als wollte er sich die Vergangenheit wieder
-ins Leben rufen, um damit die Gegenwart zu füllen.
-
-Er sprach davon, wie er zwei Tage nichts zu essen gehabt hatte und
-an Selbstmord dachte, wie er auf der Kaimauer zu New York über den
-gurgelnden Wassern gestanden, während das Schiff wieder auslief,
-das ihn gebracht hatte und das nun andere holte, die auch das Glück
-suchten. Schwer lag die Rußfahne des Rauchfanges auf der hochgehenden
-See.
-
-Er wurde Kellner, um sein Leben zu fristen. Durch einen Zufall fand er
-eine Stelle.
-
-Vom ersten Tage an legte er zurück; lieber darbte er, um die Summe
-sparen zu können, die er sich vorgenommen hatte.
-
-Wenn die Firma sich mit Hunderttausenden beteiligte, tat er es mit
-seinem Hungergeld: so waren beider Interessen eng verknüpft.
-
-Man wurde aufmerksam auf ihn; er verlor nie, sein scharfer Blick
-behielt stets recht; seinem Wort nicht folgen war gleichbedeutend mit
-Verlust.
-
-Er gewann schnell Einfluß; sein Name wurde bekannt. Einmal folgten sie
-ihm nicht; die Firma geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Es war der
-große Tabakkrach, der ihn auf eigene Füße stellte.
-
-Nun ging es auf _seine_ Gefahr!
-
-Stets kam er den anderen zuvor. Oft war es ein wildes Wagen. Die Wangen
-röteten sich, wenn er so sprach.
-
-So hatte Hilde ihren Vater nie gesehen.
-
-Von Görnemann erzählte er, und daß er selbst nie Autorität besessen
-hätte; der letzte Lehrjunge war ihm so viel wie seine besten Kunden.
-Damals hatte sich in ihm der Glaube befestigt, daß nur die Jugend
-Fortschritt gäbe; das hob ihn über die anderen.
-
-Mit leisen Worten redete er davon, wie man die Mühen schnell vergesse,
-wie hinter jedem Tage der vergangenen Zeit unsägliche Qual gewesen.
-
-Hilde sann nach, wie Schwäche und Kraft in ihrem Vater eng beisammen
-standen.
-
-Auch an Hansen dachte sie, an dem sie Aehnliches bemerkte.
-
-Was mochte der treiben? Ging sein Werk vorwärts?
-
-Nur hier und da schrieb sie ihm ein paar Zeilen.
-
-Antwort erhielt sie nie: es war ihres Vaters wegen, der die Post immer
-zuerst in die Hand bekam, nicht möglich.
-
-Auf das Gespräch an jenem Gewitterabend waren beide nicht mehr
-zurückgekommen.
-
-Es war am Morgen eines schwülen Sommertages.
-
-Hilde Tiedemann ordnete den Frühstückstisch, der auf der Terrasse
-stand, vor welcher der Wald lag, in dichten, grünen Beständen.
-
-Sie horchte dem Kuckucksruf und zählte in lächelndem Widerwillen den
-Laut.
-
-Achtmal war er erklungen. Wenn der Volksmund recht behielt!
-
-Sie fuhr sich über die Augen und seufzte.
-
-Der Sommer ging in wenigen Wochen zu Ende, und das alte Leben begann
-vom neuen.
-
-Ihr Vater hatte sich geändert; er war ruhiger und gerechter geworden,
-wie stets, wenn er allein war, ohne fremden Einfluß.
-
-Hilde war sich bewußt, in der Stadt den Verlust Leos mehr zu empfinden
-als hier draußen. Sie sah keinen Ausweg, ihre Familie von dem
-eingeschlagenen Wege abzubringen. Dazu gehörte eine starke Hand, und
-die hatte von allen nur Gerhard, der nicht zu Worte kam.
-
-Mit ihrem Stiefbruder mußte sich die Sache klären. Des öfteren sprach
-ihr Vater nun von dessen großen Fähigkeiten. Wie würde das Fred
-aufnehmen?
-
-So spann sie im Warten ihre Gedanken. Ihre Blicke folgten unabsichtlich
-den Fliegen, die auf der weißen Wand herumeilten und dann als schwarze
-Punkte unverrückbar in der Sonne festhielten, daß ihre Flügel seidig
-glänzten.
-
-Wieder hob der Kuckuck an.
-
-Sie warf den Kopf herum. Die Gartenpforte hatte geklungen.
-
-Noch verdeckten die Büsche den Kommenden.
-
-Nun wurde er frei. Es war ein Mann, hager und gebeugt; mit großen,
-stolpernden Schritten kam er durch den Garten direkt auf das Haus zu.
-
-Sie erschrak, ohne sich bewußt zu werden, warum.
-
-Er sah auf; es war Görnemann. An der Art, wie er den Hut zog, erkannte
-sie ihn.
-
-Sie ging ihm über die Stufen entgegen.
-
-Sein faltiges Gesicht war heftig gerötet, und seine Augen sahen
-unsicher; sie suchten den Boden in Aufregung und Verwirrung.
-
-»Wo ist ihr Herr Vater?«
-
-»Er ist noch im Hause; er muß jeden Augenblick kommen. Aber was ...?«
-
-»Ich muß ihn sofort sprechen.« Er zog ein blaugeblümtes Taschentuch und
-wischte sich die Stirn. Dann stieg er rasch die Stufen hinan.
-
-»Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« Hilde legte in Angst die
-Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie doch!«
-
-»Nein, nichts Schlechtes.« Er suchte sich frei zu machen. »Aber Ihren
-Herrn Vater muß ich sprechen!« Er trat eilig ein, im selben Augenblick,
-als Klaus Tiedemann von der anderen Seite kam:
-
-»Sie hier?« Tiedemann zögerte und blieb betreten stehen.
-
-»Ja,« Sebastian Görnemann schien in großer Verwirrung, »ich bin gleich
-herausgefahren, Sie müssen es wissen.« Er sah mit halber Wendung nach
-Hilde, dann sagte er mit plötzlichem Entschluß und hob den Kopf: »Herr
-Tiedemann, ich muß Sie unter vier Augen sprechen.«
-
-»Kommen Sie,« der Angeredete öffnete die Tür ins Schlafzimmer, dessen
-Fenster auf die Terrasse gingen, »hier sind wir allein.« Er wendete
-sich. »Und du, Hilde, richte das Frühstück auch für Herrn Görnemann« --
-der hob abwehrend die Hand -- »wir kommen gleich.«
-
-Er schob dem anderen einen Sessel zurecht:
-
-»Was gibt es?«
-
-Der alte Mann keuchte, und seine Hand zitterte, als sie nach der Tasche
-fuhr. Er legte ein Telegramm auf den Tisch: »Es ist ein großes Unglück
-auf Herrn Lecarts Freundschaftszeche geschehen. Mehr als hundert Leute
-sind verunglückt. Die Arbeiter revoltieren; Frau Clo ist in Gefahr.«
-
-Klaus Tiedemann riß den Zettel an sich und las mit gierigen Augen.
-
-Es blieb still um die beiden Männer; nur von draußen rief der Kuckuck.
-
-Klaus Tiedemann preßte die Lippen zusammen: auf der Stirn lag Falte an
-Falte.
-
-Die Augen belebten sich. Er stand auf.
-
-»Ich fahre!« Er sah auf die Uhr. »In wenigen Minuten geht mein Zug; Sie
-schicken mir sofort Gerhard nach; ich muß jemanden um mich haben, auf
-den ich mich verlassen kann!« Er setzte den Hut auf. »Sie bleiben in
-der Stadt, Görnemann, das Weitere telegraphiere ich.«
-
-Görnemann sah auf: Es war die Stimme und die Art zu sprechen, wie sie
-sein Herr geübt -- vor langen Jahren.
-
-Klaus Tiedemann tat einen Blick durchs Fenster:
-
-Hilde hatte auf der Terrasse die Zeitung entfaltet und las mit
-lachenden Augen. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. Sie las vom Bilde
-T. A. Hansens, das so viel Aufsehen erregte, und das ihn in die erste
-Reihe stellte; er hatte sein Wort gehalten. Es waren nur wenige Zeilen,
-die ihr neues Leben gaben. »Erdgeist« hatte er sein Werk genannt. -- --
---
-
-... Als der Zug in der Bergwerksstation hielt, stand Klaus Tiedemann
-bereits auf dem Trittbrett des Waggons.
-
-Der kleine Perron war voll von Menschen, die schrien und gestikulierten.
-
-Es wollte Abend werden. Schon brannten die rußigen Lampen auf dem
-Bahnsteig.
-
-Feuerwehrmänner und Knappen von anderen Gewerkschaften umgaben ihn.
-
-Mit starkem Arm trennte er die Menge.
-
-Der leichte Jagdwagen wartete.
-
-Neben dem Kutscher saß der Jäger, das Gewehr auf den Knien.
-
-»Damit die Hunde Respekt haben; die Gendarmenverstärkung kommt erst in
-der Frühe.«
-
-Klaus Tiedemann drängte zwei halbnackte Buben auseinander, die ihm
-pfeifend den Weg verstellten; der eine spuckte nach seinen Stiefeln.
-
-»Vorwärts!«
-
-Die Pferde zogen an.
-
-Klaus Tiedemann war im Wagen aufrecht stehen geblieben und hörte der
-beiden Männer Bericht.
-
-Heute früh, bald nachdem die Tagschicht eingefahren, war das Unglück
-geschehen. Es mußten sich giftige Gase entzündet haben. Bis vor kurzem
-war an ein Einfahren der Rettungsmannschaft noch nicht zu denken
-gewesen.
-
-Klaus Tiedemann hob den Kopf nach rechts, wo sich in der abendlichen
-Dämmerung über den Getreidefeldern mächtige Rauchwolken schoben.
-
-»Dort?«
-
-»Nein, das ist die Maximilianszeche, die brennt seit 30 Jahren. Die
-Zeche 2 liegt da links drüben!«
-
-Sie bogen in die Dorfstraße ein.
-
-In dichten Wolken wehte der Staub.
-
-Die niederen, aus Lehm gebauten Häuser schienen verlassen.
-
-Alt und jung mochte an der Unglücksstelle weilen.
-
-Ein paar Steine flogen den Pferden zwischen die Beine.
-
-Sie stiegen, daß sie der Kutscher kaum halten konnte.
-
-In rasender Eile ging es an dem Parkgitter vorbei.
-
-Der Mond stand bleich mit seiner Scheibe auf dem Himmel.
-
-Der Wagen hielt vor der Freitreppe.
-
-Klaus Tiedemann eilte die Stufen hinan.
-
-Niemand öffnete ihm; er hastete von Zimmer zu Zimmer; die Angst
-beflügelte seine Schritte.
-
-»Mein Kind.« Er riß Clo an sich und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit
-Küssen. »Mein armes Kind.«
-
-Ein krampfartiges Zucken überlief sie, dann hing sie wie leblos in
-seinen Armen.
-
-Er bettete sie vor das Fenster, durch das der kühle Abendwind strich.
-
-Sie gab seine Hand nicht frei.
-
-So saßen sie schweigend, nur der Herzschlag hämmerte durch die Stille.
-
-Hier und da klang vom Schacht ein Klingelsignal oder halbverwehtes
-Rufen herüber.
-
-Mit milden Worten sprach Klaus Tiedemann seinem Kinde Mut zu. Daß sich
-alles im Leben gäbe -- ganz von selbst --, was vordem unerträglich
-geschienen! Man wisse nicht, wie das Unglück entstanden sei. Niemand
-trage die Schuld. Es seien ja alles bisher nur Mutmaßungen.
-
-Mit irren Blicken sah sie im Zimmer herum; bei jedem Laut schauerte sie
-zusammen:
-
-»Er hat seine Arbeiter betrogen, ich hab' drum gewußt.« Sie bedeckte
-mit den zuckenden Händen das Gesicht und warf sich in krampfhaftem
-Schluchzen in die Kissen.
-
-Klaus Tiedemann griff eine kalte Faust an den Rücken:
-
-»Weißt du, was du redest?« Er dämpfte die Stimme. »Du kannst deinen
-Mann ins Zuchthaus bringen mit solchen Worten.«
-
-»Sei's drum.« Leidenschaftlich richtete sie sich in die Höhe. »Er hat
-es hundertfach verdient; ich hasse ihn und alle seinesgleichen. Oh, wie
-ich ihn hasse!« Sie glitt zu Boden und schlug schwer mit dem Kopfe auf
-die Dielen.
-
-Mit zitternden Händen hob er sie auf.
-
-Nun lag sie ruhig; nur von Zeit zu Zeit erschütterte ihr Körper in
-tränenlosem Schluchzen.
-
-Mit dem Nachtzuge kam Gerhard.
-
-Er sprach wenige Worte und begab sich an die Unfallstelle.
-
-Die paar Beamten, die Lecart hielt, durften sich nicht blicken lassen.
-
-Ihr Leben war in Gefahr.
-
-Lecart war vor wenigen Tagen zu einem seiner Freunde auf die Jagd
-gereist. Der Streik war ja beendet gewesen!
-
-Die Arbeiter hatten wegen angeblich schlechter Ventilation der Gruben
-die Einfahrt verweigert.
-
-Hielt dies noch ein paar Tage an, versiegten ihm die letzten
-Hilfsquellen. Er wendete sich an die Bergbehörde. Er legte Pläne
-und Karten vor; es war alles in Ordnung, das hätte die Untersuchung
-gezeigt, sagte man den Leuten.
-
-Was blieb ihnen übrig? Die Ihren verlangten Brot.
-
-Nun war das Unglück geschehen!
-
-Weiber und Kinder umgaben den Schachteingang.
-
-Der Mond goß sein kaltes Licht über die vielköpfige Menge.
-
-Drohendes Murmeln lief durch die Reihen, als verlangten sie ihre Männer
-von der Erde zurück, der sie so lange ungestraft ihre Kinder entrissen
-hatten.
-
-Hier und da klang scharf eine Explosion herauf.
-
-Leute, die unten gewesen, erzählten, daß man helle Flammen sähe.
-
-Der Brand dauerte an, und damit sank die letzte Hoffnung.
-
-Die Rettungsmannschaft war endlich eingefahren. Man hatte auf den
-Zechen Lecarts nur ungenügende Schutzapparate.
-
-So waren Stunden vergangen, bis sie von fremden Zechen kamen.
-
-Und jede Sekunde konnte über das Leben entscheiden.
-
-Neuer Haß war dadurch entstanden, der sich in häßlichen Ausrufen Luft
-machte.
-
-Nur die Hoffnung, noch Lebende da unten zu finden, dämmte die
-Erbitterung, welche in den Augen der Leute glimmte.
-
-Ein Funken konnte zünden und die Massen zu blindwütigem Vorgehen
-veranlassen.
-
-Ein Klingelzeichen aus der Tiefe!
-
-Atemlos lauschen die zerlumpten Gestalten.
-
-Die bleichen Gesichter drängen sich an das rostige Schachtgitter.
-
-Es öffnete sich mit schütterndem Klirren:
-
-»Glück auf!«
-
-Zwei Leichen, verunstaltet und halb verkohlt, werden aus den Karren
-gehoben.
-
-Tote!
-
-Kein Wort wird laut.
-
-Der Fahrstuhl verschwindet; die Grubenlichter versinken:
-
-»Glück auf!«
-
-Schluchzen erschüttert die Luft, leidenschaftliche Anklagen werden laut
-und machen sich in gellenden Schreien Luft.
-
-Wieder kommen Tote.
-
-Eine reiche Ernte! Lauter stille Gestalten, oft unkenntlich, mit
-verzerrten Gliedern.
-
-Warum ist das Schicksal so erbarmungslos?
-
-Warum?
-
-Die Menge findet die Antwort. In Haß leuchten die Augen dem Herrenhause
-zu, von dem nur wenige Fenster licht scheinen.
-
-Schlafen sie schon, während sie hier ihre Toten beweinen?
-
-Ein Ton grenzenlosen Schmerzes klingt über die Fläche.
-
-Ein Wortführer stellt sich an die Spitze.
-
-Lange Zungen über das Blachfeld vorausschickend, wälzt sich die wütende
-Menge gegen Lecarts festes Haus.
-
-Weiber und Kinder voran.
-
-Prügel werden geschwungen; hier und da blitzt ein Messer.
-
-Das Mondlicht zeichnet bleiche Schatten.
-
-Klaus Tiedemann hört das Toben der Menge; ein zäher Widerstand
-bemächtigt sich seiner: er wird ausharren bis zum Ende.
-
-Mit Augen, in denen der Wahnwitz flackert, sieht sein Kind zu ihm auf:
-
-»Was wollen sie, Vater?«
-
-»Ich weiß nicht.«
-
-Er läßt das Haus schließen, das Parkgitter bietet Widerstand.
-
-Es wird zum Aeußersten kommen!
-
-Knurrend schnuppern die zwei riesigen Neufundländer an dem Gitter.
-
-»Vater!«
-
-»Was ist?« Er beugt sich zu ihr nieder und küßt sie auf die Stirn. »Was
-willst du?«
-
-»Nimm mich weg,« stammeln ihre weißen Lippen, »nimm mich weg; wenn du
-mich hier läßt, geh' ich zugrunde.«
-
-In tiefer Bewegung preßt er sie an sich:
-
-»Ich bin ja bei dir, Kind, es kann dir nichts geschehen.«
-
-Sie schüttelte den Kopf:
-
-»Nicht jetzt, -- die fürcht' ich nicht. Dann, wenn er wieder da ist ...«
-
-»Du meinst deinen Mann?«
-
-Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh; seinen Blick ertrag'
-ich nicht, Vater!« schreit sie auf und wirft sich ihm an die Brust.
-»Dort hat er gesessen und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.«
-
-Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er kann's nicht glauben. Das
-Leben kann nicht alles stürzen, was er gebaut hat.
-
-»Du siehst schwarz, Kind, -- deine Nerven sind übermüdet. -- Lecart hat
-dich gern wie ich.«
-
-»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus. »Gern, das habt ihr
-mir damals gesagt, als ich eurem Willen widerstrebte. Lieber in Armut
-gestorben, als noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich,
-den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte, kein Vermögen
-und keinen Namen, -- und Lecart hatte beides in euren Augen.«
-
-In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun habt ihr euren
-Willen, habt eure Familie rein gehalten, so rein, daß der Schlechteste
-da draußen zu gut für euch ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl
-durch das Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das Haupt,
-als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu Worte kommen lassen
-wollte, aus verfehlter Liebe zu seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist
-es Berechnung eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde greift,
-ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die Sonne kein ärgeres
-bescheint, wenn wir dem Herzen nicht seine Stimme lassen, sondern
-schachern, noch immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt
-ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten können, hättest
-mir mein Recht wahren sollen, das einzige, das schönste, das wir
-besitzen. Du hast dich gebeugt und hast geschwiegen, als meine Mutter
-ihren Plänen folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit
-eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom Krankenbett und in den
-engen Grenzen ihrer einseitigen Erziehung. Du aber hast dich selbst
-durchgerungen, bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und hast
-doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt! Vater, Vater, du
-weißt nicht, was ich gelitten!! Vom ersten Tage der Ehe an war es ein
-Kampf! Ich ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets
-keine Verantwortung übernehmen, das war euch das Wichtigste. Ich
-glaubte eueren Vorstellungen, ihr spieltet ja so breit euere Erfahrung
-auf, und ich war ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei.
-So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets nur ein Mittel
-seiner Leidenschaft und seiner Berechnung. Deinem Schwiegersohne
-öffneten sich viele Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft
-hab' ich innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen
-herausdrehte und du es dir bieten ließest in deiner Schwäche. Vater,
-weißt du, was es heißt, an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?«
-Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich neben ihm gelegen und
-habe geflucht: ihm und mir. Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband,
-hat der Priester Gottes Worte gesprochen: ‚Wenn mich zwei Menschen
-in der Liebe um etwas bitten, es soll ihnen gewährt sein.’« Wieder
-schüttert ihr schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet -- aber nicht um
-ein Kind, nein, um unser beider Tod!«
-
-Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre Worte:
-
-»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen! Es ist die letzte
-Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu spät ist. Leo ist tot. Wer wird der
-Nächste sein? Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem Sinn
-ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör' auf niemanden, hör' nur
-auf dich allein!« Sie faßt mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte.
-»Laß Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!«
-
-Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung.
-
-Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen Stimmen zerreißen die
-Stille der Nacht.
-
-Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann horcht, sein Kind in
-den Armen.
-
-Wüste Rufe kommen näher.
-
-Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren Höhlen liegen. Sein
-Kopf ist dumpf, ein eiserner Druck hält ihn gefangen.
-
-Das ist die Frucht seines Lebens!
-
-Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander. Nicht Vater
-und Kind sind es, die nun rechten, es ist Mann und Weib.
-
-»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns Stimme aus der Brust.
-»Ich bin aus niederem Stande und hab' vieles erst im späten Leben
-kennengelernt, was euch als Kinder schon geläufig war. Ich hab' lange
-Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld zu verdienen und dadurch etwas in
-der Welt zu werden.«
-
-Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe lösen ihm die Zunge;
-sie prallen an die Wände und hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er
-überhaupt in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das Geheimnis
-seines Lebens!
-
-Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich werfend, keucht er:
-»Ich war auch ein Mensch von Fleisch und Blut und hab' geglaubt an
-den Inhalt der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus niederem
-Stande, wie ich es selbst war, drüben über dem Wasser. Sie sollte mir
-beistehen, sollte mir die trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach
-Hause kam. Und sie hat es getan -- ein paar Jahre lang. Da hab' ich
-den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte gehabt. Dann haben wir
-ein Kind bekommen -- Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür
-ich arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken gehabt als
-Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht, nein; für meine Familie! Ich
-hab' wenig Zeit gehabt: Da hab' ich's nicht merken können -- in meinem
-eigenen Haus!«
-
-Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die Hunde gegen das Gitter.
-
-»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon, hat mich allein
-gelassen mit meinem Kinde. Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich,
-»hab' ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir getan. Keine
-Plage war mir zu viel gewesen; jede Erniedrigung hab' ich ertragen für
-mein Weib, das war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten,
-ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen und alles andere. Vom
-Anfang hab' ich wieder begonnen. War es früher Ehrgeiz, der mich trieb,
-so war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie sollte von mir
-hören da draußen irgendwo in der Welt, sollte sich eingestehen müssen,
-daß sie einen schlechten Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben
-lange Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt, ich wollte
-Frau und Kind haben. Doch nun wollte ich der Herr sein, darum hab' ich
-mir ein Weib gekauft -- deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber Wahnsinn
-aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts mehr, sie gab mir nichts.
-Ich wollte nur euch, auf euch hab' ich alles übertragen, was die andern
-von mir nicht nehmen wollten -- meine Liebe. Ich war stets unscheinbar,
-meine Geburt hing an mir mit eisernen Ketten, -- so wollte ich mir
-in euch jemanden ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter
-unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da hab' ich zum Schluß in
-alles gewilligt; mein Leben war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren
-Augen sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt, da ward' ich
-betrogen; da ich anders dachte, erst recht!« Er bricht jäh ab; die Tür
-fliegt auf: Gerhard steht auf der Schwelle. »Sie sind da!«
-
-Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster. Dumpfes Geheul, das
-durch die zerbrochenen Scheiben sich doppelt und dreifach verstärkt,
-übertäubt das Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde.
-
-Ein Schuß fällt aus dem unteren Stockwerk.
-
-»Der Jäger.« Clo Lecart zerrauft sich das Haar; ihre schrillen Schreie
-erschüttern Vater und Sohn, ihre bebenden Lippen stammeln irre Laute.
-
-Scheiben klirren, Steine fliegen.
-
-»Hilfe!« Clo krallt sich in ihres Vaters Kleider. »Hilf, Vater! Dein
-ist die Macht, und dein ist die Herrlichkeit, dein Wille geschehe auf
-Erden, vergib uns unsere Schulden.« Ihre Augen flackern.
-
-Klaus Tiedemann steht regungslos und horcht dem donnernden Toben der
-Menge, das näher dringt und näher.
-
-»Da!« Mit zitternden Händen preßt ihm sein Kind die Waffe in die
-Hand. »Ich hab' sie lange getragen, ich war zu feig dazu; rette mich
-Vater, rette mich! Das Leben ist so schön, und ich bin noch so jung.«
-Wimmernd kriecht sie auf dem Boden und schlägt sich die Brust. »Zu uns
-komme dein Reich. Unser täglich Brot gib uns heute.«
-
-Klaus Tiedemann hebt den Kopf. Die Waffe klirrt zu Boden.
-
-Gerhard reißt sie an sich. Wieder steht er regungslos.
-
-Sein Vater hat die Tür geöffnet und ist auf den Balkon getreten.
-
-Tobendes Brüllen und Geschrei empfangen ihn; Steine prasseln.
-
-Der Garten wimmelt von Menschen.
-
-»Leute!« ...
-
-Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er den Ruf.
-
-Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit über die Fläche.
-
-Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester den Stein.
-
-»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere? Seid ihr Vater und
-Mutter, habt ihr Weib und Kind, oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all
-eure Vernunft vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt? Wollt ihr ein
-Leben lang im Kerker sitzen? Seid ihr Mörder oder Arbeiter? ...«
-
-Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über die Menge.
-
-»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr? Lecart ist nicht
-hier! Ein großes Unglück ist geschehen; doch wir sind alle Menschen,
-und jeder Augenblick kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld
-trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart wird seiner
-Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch, Klaus Tiedemann, der so
-arm war wie ihr, der sich aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne
-deswegen glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise, jeder, der
-Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich entschädigt werden.
-Dafür habt ihr mein Wort! Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten
-begraben. Was kann der Mensch anderes tun? Was wollt ihr sonst? Wollt
-ihr das Weib, das weinend drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft
-mit ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn morden, der mit euch
-die Toten bergen half, der denkt wie ihr, der mit demselben glühenden
-Haß gegen mich ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns Stimme
-wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es, mir ist nicht leid um
-mein Leben; ich hab' Schweres erlitten und meine Kinder nicht glücklich
-gemacht.« Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen auf sich
-gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber _eines_ müßt ihr bedenken!
-Ich zahle das Geld, das euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart
-tut es nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen? Was bleibt
-euch? In wenigen Stunden werden die Gendarmen hier sein; schon sind sie
-unterwegs. Sie werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch
-mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe zurück, so soll
-keinem ein Haar gekrümmt werden, ich selbst will Fürbitte einlegen. Der
-Lohn soll erhöht werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut
-ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr Menschen seid!
-Seht nach eueren Toten! Ich komme zu euch. Ich werd' euch helfen, die
-schwere Last zu tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt
-hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer Stille stehen;
-polternd fallen ein paar Steine zu Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld
-macht glücklich; ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte wie
-ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben liegen die Toten! Wer weiß,
-wie die jetzt reden würden ...«
-
-Er schweigt.
-
-Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren vieler Füße.
-
-Die Gruppen lösen sich.
-
-Klaus Tiedemann tritt zurück.
-
-Durch das ungewisse Mondlicht glänzen ihm Gerhards Augen entgegen.
-
-
-Gleich am nächsten Tage war Clo Lecart zu ihrer Schwester gereist. Nur
-weg vom Besitze Lecarts!
-
-Es war ein stummes Wiedersehen.
-
-Sie sprachen wenig.
-
-Hilde war erst besorgt gewesen, ihre Schwester die schrecklichen
-Stunden, die sie mitgemacht hatte, vergessen zu lassen. Doch zu allen
-Versuchen schüttelte Clo traurig den Kopf:
-
-»Laß gut sein, Hilde, das wird für mich nimmer anders.«
-
-Nach solchen Worten sah sie wieder mit starren Augen in das Grün des
-Waldes, der sich mit herbstlichen Farben zu schmücken begann.
-
-In Hilde war frohe Zuversicht, seitdem sie von Hansens Werk wußte.
-
-Sie hoffte auf die Zukunft mit allen Nerven des liebenden Weibes.
-
-Auch Vater mußte nun einsehen, daß er sich in ihm getäuscht hatte, daß
-seine Ansichten irrige gewesen.
-
-Klaus Tiedemann hatte wenig Zeit für seine Kinder.
-
-Es gab viel zu tun durch Lecarts Zusammenbruch.
-
-Als sie sich das erstemal wieder gegenüberstanden, hatte Lecart den
-alten Ton versucht. Doch Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
-
-»Jetzt reden wir anders.«
-
-Lecart wollte nicht einsehen, daß er seine Rolle ausgespielt hatte.
-Mein Gott, dachte er, die Zeche, die ließ sich wieder in Betrieb
-setzen, die Geldgeber warteten schon, wenn Klaus Tiedemann hinter ihm
-stand. Der würde doch nicht den Skandal vor aller Augen wollen, und
-überhaupt was sagte Clo zu all diesem?
-
-Als er Tiedemanns Antwort erhielt, senkte er den Kopf, um eine Nuance
-bleicher:
-
-»Das sind Ausgeburten kranker Nerven; ich verstehe dich nicht, wie du,
-ein klar und nüchtern denkender Mensch, so etwas glauben kannst.«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
-
-»Sie ist ein armes, durch uns beide ruiniertes Geschöpf.«
-
-Lecart kannte seinen Schwiegervater nur mehr in wenigen Zügen. Er war
-ein anderer geworden seit jener Schreckensnacht.
-
-Es schien, als sei er sich seines Menschenwertes erst klar geworden,
-als er allein gegen die Masse stand, und doch obsiegte.
-
-Nun trug er den Kopf aufrecht und brach mit manchem, das er früher
-geduldet hatte.
-
-Ein neuer Hauch war in sein Haus eingezogen.
-
-Gerhard und er saßen oft bis in die Nacht hinein: sie besprachen die
-Zukunft des Lecartschen Besitzes.
-
-Auch die Mansbergschen Fabriken standen still.
-
-Bei der zuständigen Bergbehörde war Anzeige gegen Lecart
-erstattet worden wegen Fahrlässigkeit in den Ventilations- und
-Sicherheitseinrichtungen. Es hieß, er hätte alle Vorschriften außer
-acht gelassen, um nur möglichst viel aus seinen Gruben herausschlagen
-zu können.
-
-Mehr als neunzig Menschen hatten bei dem Raubbau ihr Leben gelassen.
-
-Lecart lachte über die Anklagen. Gegen welchen Herrn waren die Arbeiter
-nicht? Doch es war ein häßliches, gezwungenes Lachen.
-
-Auch über die Spiritusfabriken wußte er keine rechte Auskunft zu geben.
-
-Es war eben eine verunglückte Spekulation. Die Baisse war allzuschnell
-gekommen; da war es klüger, man ließ den Betrieb ruhen.
-
-Fred Tiedemann hätte mit ein paar Worten Aufklärung geben können,
-doch er kam erst in zwei Wochen zurück. Er schrieb begeisterte
-Ansichtskarten von seiner Tour. Auch zum Dichten hatte er sich
-aufgeschwungen:
-
-»Man wird ein anderer Mensch in der freien Natur, das sieht man an
-jedem Bauernbua ...«
-
-Die Karte trug der Wolny Unterschrift.
-
-Fred beteiligte sich noch an einer Tourenkonkurrenz, bevor er
-heimkehrte:
-
-Der Automobilklub des Nachbarstaates unternahm einen Besuch in die
-befreundete Hauptstadt.
-
-Mehr als hundert Herren der ersten Gesellschaftskreise galten als
-Teilnehmer. Auch ein Prinz des kaiserlichen Hauses hatte gemeldet. Da
-durfte Fred Tiedemann nicht fehlen.
-
-In einer Nachschrift schrieb er, daß er von Lecarts Mißgeschick in
-einer Zeitung gelesen hätte und daß er hoffte, daß dies Unglück weiter
-keine unangenehmen Folgen haben würde.
-
-Mit lauten Worten sprach Hilde ihren Aerger über Freds Art aus, doch
-Klaus Tiedemann riet zur Mäßigung.
-
-Er begann sich wieder ins Geschäft einzuleben. Keiner hielt strenger
-die Arbeitsstunden ein als er.
-
-Vieles war zu erledigen und zu besprechen.
-
-Die Gläubiger Lecarts drängten auf Klärung seiner Lage, sie wollten
-ihre Schritte danach einrichten. Wenn ihn sein Schwiegervater nicht
-hielt, war er verloren.
-
-Klaus Tiedemann wollte alles möglichst rasch zu Ende bringen, schon um
-Clos willen, die von Tag zu Tag nervöser wurde.
-
-Die Ehegatten hatten sich seit Lecarts unfreiwilliger Rückkehr nicht
-gesprochen.
-
-Keiner der beiden Teile verlangte danach. Die Abrechnung kam ...
-
-
-Klaus Tiedemann sah abermals zur Tür und horchte.
-
-»Lecart ist noch immer nicht da.«
-
-Gerhard saß ihm gegenüber und nickte.
-
-Görnemann hatte eine zweistündige Besprechung mit seinem alten Chef
-gehabt.
-
-Es war ihm nun leichter ums Herz, er hatte sich alles Drückende von der
-Seele geredet.
-
-Klaus Tiedemann grübelte und blätterte in den Papieren, die den Tisch
-in hohem Stoß bedeckten.
-
-Große Summen standen auf dem Spiel:
-
-»Ich verstehe nicht, wieso Fred die Fabriken so stark belehnen konnte;
-es ist ja mehr, als sie überhaupt wert sind!«
-
-»Das war stets unser Streit, Vater; ich hätte keinen Heller gegeben.«
-
-Klaus Tiedemann seufzte:
-
-»Wenn wir sie übernehmen, ist der Verdienst von ein paar Jahren hin.«
-
-»Und doch werden wir es tun müssen.«
-
-Wieder schwiegen beide.
-
-Gerhard hatte einen Bleistift ergriffen und rechnete auf einem Blatt
-Papier herum.
-
-Es war ganz still; nur vom Vorraum hörte man das Klingeln des Telephons.
-
-Dann hob Gerhard den Blick:
-
-»Wir sind die Hauptgläubiger; wenn wir alles aufgeben, verlieren wir
-zuviel! In ein paar Jahren kann man wieder anfangen zu verdienen; wir
-haben ja manches Etablissement, das passiv ist.«
-
-Nachdenklich sagte sein Vater:
-
-»Nur sehe ich kein Mittel, wie man das Ganze wieder hoch bringen kann.«
-
-»Doch, Vater, du mußt bedenken, daß er alles hat verkommen lassen, daß
-er von der Fabrikation nichts versteht. Er hat die Fabriken doch nur
-gekauft, um seinen Gläubigern damit die Augen auszuwischen -- alles
-andere war ihm gleich. Wenn man geschickt arbeitet und die Schnaps- und
-Branntweinproduktion auf ein bescheidenes Maß einschränkt, so läßt sich
-viel erreichen. Ich würde das Hauptgewicht auf die Spiritusfabrikation
-legen. Spiritus kann heutzutage die Konkurrenz mit allen flüssigen
-Brennstoffen aufnehmen. Der Nutzeffekt ist glänzend, die Herstellung
-nicht allzu teuer und die Preise nicht schlecht. Da läßt sich schon
-etwas machen. Als Ersatz für Benzin und Petroleum hat er große Vorzüge.
-Bei unserer ausgedehnten Landwirtschaft können Spiritusmotoren als
-Lokomobilen ausgezeichnete Verwendung finden. Natürlich müßte man
-die Kartoffeln soviel als möglich selbst bauen. Zum Beispiel in den
-Kohlenrevieren; statt daß man Getreide baut oder Wiesenland läßt,
-müßte man alles in Kartoffeläcker umwandeln. Das Klima und der Boden
-sind günstig die Fracht ist billig -- auf die Art könnte man beide
-Unternehmungen gewissermaßen vereinigen.«
-
-Klaus Tiedemann nickte:
-
-»Hätte man das vor Jahresfrist getan, so stünde die Sache anders.« Er
-trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch und seufzte. »Na, wer weiß,
-wozu die Sache gut ist! ...«
-
-Er sprach nicht weiter, denn Lecart trat ein:
-
-»Guten Tag!«
-
-Er sah schlechter aus als sonst.
-
-Als ob nichts geschehen wäre, bot er Tiedemann die Hand; Gerhard
-ignorierte er in alter Gewohnheit.
-
-Er reichte seinem Schwiegervater das Tabatiere, das voll von Zigaretten
-war:
-
-»Willst du dir nicht nehmen? Ich habe sie erst heute frisch bekommen!«
-
-Als er keine Antwort erhielt, zündete er sich selbst eine Zigarette an
-und legte die Beine übereinander, daß das magere Bein im schottischen
-Strumpfe sichtbar wurde. Den Rauch vor sich hin blasend, sagte er dann:
-
-»Also machen wir die Sache rasch ab!«
-
-Klaus Tiedemann nickte.
-
-»Ich würde am liebsten _allein_ mit dir sprechen«, sagte Lecart.
-
-»Gerhard bleibt!«
-
-»Bitte«, mit nachlässiger Bewegung warf sich Lecart in den Sessel
-zurück und sah nach dem Plafond.
-
-Das hatte er denn doch nicht notwendig, sich von den Pfeffersäcken
-etwas gefallen zu lassen!
-
-Es war gerade genug, daß er ihnen Rede stand!
-
-Tiedemann wich Gerhards Blicken aus.
-
-Er ordnete die Papiere und legte sie vor Lecart:
-
-»Hier hast du die Schuldverschreibungen und alles bezüglich der
-Mansbergischen Liegenschaften.«
-
-Lecart tat einen kurzen Blick:
-
-»Das kenn' ich. Was weiter?« Er warf die Lippen auf und schob die Hand
-in die Tasche.
-
-Aerger überkam Klaus Tiedemann über des anderen Art, doch er zwang sich
-zur Ruhe:
-
-»Du mußt dich jedenfalls äußern, wie du dir die Zukunft denkst.«
-
-Lecart lachte spöttisch. »Das ist gerade so, als wenn die Henker des
-Delinquenten Pläne für sein späteres Leben anhören. Die Vorschläge mußt
-wohl du machen.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf:
-
-»Es ist dein Besitz, um den es sich handelt.«
-
-»Auf dem Papier!«
-
-»Da hast du leider recht.« Tiedemanns Stimme ward lauter. »Wäre es nach
-mir gegangen, wir hätten diesen traurigen Ruhm nicht. Du mußt großen
-Einfluß auf meinen Sohn ausgeübt haben, daß er dich so unterstützte.«
-
-Lecart lachte höhnisch: »Einfluß? -- Ich bin schließlich sein Schwager,
-und«, er sah verächtlich auf die beiden vor ihm Sitzenden, »der einzige
-in der Familie, der ihn versteht und ihn unterstützt, in bessere
-Kreise zu kommen.«
-
-»Mit meinem Geld!«
-
-Drohend sah ihn der Alte an; überrascht wendete Lecart den Kopf: Was
-war das für ein Ton? »Du sprichst, so gut du es eben verstehst,« sagte
-er hochtrabend, »das entschuldigt dich.«
-
-Des Alten Stirn färbte sich dunkelrot: »So wirst du bei mir nichts
-ausrichten; entweder du redest vernünftig mit mir, oder ich übergebe
-alles deinen Gläubigern; die sollen dann machen, was sie wollen.«
-
-»Parbleu, das wäre das Rechte,« die Zigarette entfiel des anderen
-Hand, »das ist dein Ernst doch nicht?« Er sah erschreckt auf seinen
-Schwiegervater.
-
-»Mein _voller_ Ernst!«
-
-Lecart litt es nicht länger auf dem Sessel; mit langen Schritten
-durchmaß er das Zimmer; sein Blick blieb auf Gerhard haften. In Haß
-blitzten seine dunklen Augen:
-
-»Ich habe dir schon vorhin gesagt, ich spreche nur mit dir allein!«
-schrie er.
-
-Als keine Antwort kam, wiederholte er die Worte:
-
-»... Hast du verstanden?«
-
-»Gerhard bleibt!«
-
-Charles Lecart stampfte den Boden:
-
-»Dann bringst du kein Wort aus mir heraus.«
-
-»Es ist nur dein Schade.«
-
-Sie saßen schweigend.
-
-Nach geraumer Weile fragte Klaus Tiedemann:
-
-»Kannst du nicht Clos Mitgift zur Deckung verwenden?«
-
-»Clos Mitgift? Die ist lange hin.«
-
-Klaus Tiedemann legte den Kopf in die eiskalte Hand. Jeder Nerv zuckte
-an ihm; doch es galt diesen Kampf mit starkem Willen zu Ende zu führen
--- seines Kindes wegen.
-
-Clos Mitgift war eine hohe Summe gewesen, mit deren Zinsen beide in
-Ruhe hätten ihr Leben verbringen können.
-
-»Wie ist das zugegangen?« fragte er.
-
-»Wie das zugegangen ist? Sehr einfach: Wir haben vom Kapital gelebt.
-Meine Frau ist nicht die billigste; sie ist mit merkwürdig hohen
-Ansprüchen in die Ehe getreten. Woher sie das hat, weiß ich nicht, von
-dir gewiß nicht!«
-
-»Alles zugegeben.« Klaus Tiedemann überhörte geflissentlich des anderen
-Ausfälle. »Aber in so kurzer Zeit?«
-
-»Ich hab' Schulden zu bezahlen gehabt, dann die Reisen und die
-Repräsentationspflichten. Sah Clo einen Schmuck, so mußte sie ihn
-haben. Oft mußten wir dreifache Wohnung bezahlen; hier in der Stadt, in
-irgendeiner Pension und auf dem Lande. Clo hat nichts vom Wirtschaften
-verstanden; sie ist wie eine Prinzessin aufgewachsen.«
-
-»Clo hat gewiß nicht die Hauptschuld, du hast hoch gespielt.«
-
-»Wer sagt das?«
-
-»Ich weiß es!«
-
-»Hat es meine Frau gesagt?« Er bekam keine Antwort. »Natürlich weißt
-du es von ihr! Ich sollte wahrscheinlich wie ein Hund leben, wenn ihr
-die Herren spieltet? Bitter genug, daß ich von euch das Almosen nehmen
-mußte.«
-
-»Vielleicht wäre es für beide Teile besser, du hättest es nicht getan.«
-Klaus Tiedemann warf die Papiere durcheinander. »Lassen wir das
-Streiten, wir kommen damit zu keinem Ende. Wir werden die Mansbergschen
-Fabriken übernehmen und die übrigen Gläubiger befriedigen.«
-
-Lecart schöpfte neue Hoffnung: »Das ist gar nicht nötig«, sagte er
-schnell.
-
-»Es ist besser so.«
-
-»Bitte.«
-
-Klaus Tiedemann neigte sich vor; er sah ihn erwartungsvoll an: »Und was
-ist mit den Gruben?«
-
-Lecart war erstaunt: »Ja, wollt ihr mir denn alles abnehmen?«
-
-»Das wird sich erst zeigen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Du weißt, daß gegen dich Anzeige erstattet ist.«
-
-»Was weiter?«
-
-Klaus Tiedemann blickte ernst: »Du mußt wissen, ob 'was Wahres daran
-ist. Davon hängt alles ab.«
-
-Ueber Lecarts hageres Gesicht lief ein nervöses Zucken: »Was meinst du?«
-
-Durchdringend ruhten des alten Mannes Augen auf ihm: »Du verstehst
-mich ganz gut. Ob eine Schuld deinerseits vorliegt oder nicht?«
-
-»Das fehlte gerade noch.« Lecart ließ die Hand auf den Tisch fallen.
-»Woher hast du den Unsinn? Was soll ich für eine Schuld haben?«
-
-»Clo hat davon gesprochen.«
-
-»Clo?« Lecart lachte trocken und netzte die Lippen. »Wovon?«
-
-»Du sollst die Vorschriften außer acht gelassen haben.«
-
-»Albern; die hält nicht einer von uns genau ein.«
-
-»Darum handelt es sich jetzt nicht; ich muß wissen, ob ich mit
-ehrlichem Gewissen für dich, das heißt für Clo, eintreten kann oder
-nicht.« Klaus Tiedemann sah sinnend vor sich nieder. »Ich habe
-Beziehungen, welche dir eventuell nützen könnten, um das Gerede zum
-Schweigen zu bringen.«
-
-»Das wäre mir sehr recht.« Lecarts Stimme wurde geschmeidig. »Dafür
-wäre ich dir sehr dankbar. Wer sind die Herren, die mir behilflich sein
-können?«
-
-»Das wird sich finden.« Nachdenklich strich sich Klaus Tiedemann die
-faltige Wange; die Hand, die auf der Tischplatte lag, zitterte: »Also,
-ich kann dir glauben?«
-
-»Ja.«
-
-»Laß, Vater!« Gerhard Tiedemann machte eine jähe Bewegung; er hatte
-bisher regungslos gesessen. Sein Blick traf Lecart: »Sie lügen!« sagte
-er ruhig.
-
-Lecarts Augen wurden klein; sie funkelten wie die eines Raubtieres.
-Auch Klaus Tiedemann war zusammengefahren, in seiner erkünstelten Ruhe
-jäh gestört. Hastig, fragend flogen seine Blicke von einem zum anderen.
-
-»Sie werden das zu beweisen haben«, kreischte Lecart und trat einen
-Schritt näher.
-
-»Ich spreche nichts, das ich nicht schwarz auf weiß vor mir habe.«
-
-Gerhard wich dem Blick des anderen nicht aus; seine grauen Augensterne
-hielten ihn im Schach. Mit unsicherer Stimme, aus der verhaltene Wut
-klang, fragte Lecart: »Wo sind die Beweise?«
-
-»Sie werden Ihnen nicht unbekannt sein.« Ein roter Fleck begann auf
-Lecarts gelber Wange zu brennen. »Waren die Ventilationsschächte in
-Ordnung?«
-
-Lecart preßte die schmalen Lippen zusammen: »Ja.«
-
-»Sind Sie dessen sicher?«
-
-»Die Kommission hat es bestätigt.«
-
-»Das heißt gar nichts. Sie haben als Grubenbesitzer allzuviel Einfluß
-auf deren Zusammensetzung, und überdies kann sich die Kommission
-getäuscht haben.«
-
-Lecart war bleich geworden: »Das kommt nicht vor.«
-
-»So sagen wir, sie ist getäuscht worden!«
-
-Lecart streckte den Kopf weit vor, seine Augen waren drohend
-aufgerissen, die Adern am mageren Hals schwollen an unter dem
-stürmischen Herzschlag:
-
-»Wer gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen?« keuchte er.
-
-Gerhard stand auf und faltete ein Papier auseinander; er sah zu seinem
-Vater hinüber: »Die Kommission hat richtig entschieden. Sie haben
-recht. Auf den ihr vorgelegten Plänen und Rissen sind die Luftschächte
-vollkommen entsprechend eingezeichnet, aber«, er hob die Stimme, »die
-Kommission konnte nicht wissen, daß in Wirklichkeit seit Monaten der
-wichtigste Luftweg verschüttet sei; so hat man sie und die Arbeiter,
-die gehorchen mußten, betrogen!«
-
-Mit kreidebleichem Gesicht fuhr Lecart an des anderen Gurgel. »Du
-sollst es büßen, mir so etwas gesagt zu haben.«
-
-Mit starken Händen fing Gerhard die schlagenden Arme. Er warf Lecart
-zurück. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Hier hast du, Vater, deine
-Familie!«
-
-Der alte Mann regte kein Glied; er starrte vor sich nieder.
-
-Minuten vergingen.
-
-Lecart ordnete seine Kleider; sein hastiges Atmen klang laut durch die
-Stille. Wie die Augen einer Katze, die auf der Lauer liegt, glimmten
-seine Pupillen. So standen sie eine Weile sich gegenüber.
-
-Dann klang ein stöhnender Laut -- sie sahen nach dem alten Mann.
-
-Klaus Tiedemann richtete sich auf.
-
-Ein harter, erbarmungsloser Zug war um seinen Mund.
-
-»Die Gruben gehen in unseren Besitz über,« sagte er, »du hast mit allem
-nichts mehr zu schaffen. Was du getan hast, trennt dich auf ewig von
-mir. Einen Betrüger beherbergt meine Familie nicht.«
-
-Lecart wollte auffahren. Drohend trat der alte Mann vor ihn; seine
-kleine Gestalt schien zu wachsen:
-
-»Clo wird mit sich ins reine kommen müssen. Ebenso du! Nur drängt für
-dich die Zeit, du kannst nach alldem nicht verlangen, daß ich für dich
-aussage. Gerhard und Clo haben von dem furchtbaren Betrug gesprochen.
-Ich hab' es nicht geglaubt, trotzdem die Beweise nur allzu klar lagen.
-Ich habe noch immer an einen Irrtum gedacht.« Er schüttelte den Kopf
-und ballte die Faust. »Ich hätte dich gehalten, so schwer mir's
-auch gewesen wäre, hättest du dein Unrecht eingestanden; du hast es
-nicht getan.« Er maß Lecart von Kopf zu Füßen. »Ich bin zwar nur ein
-Kaufmann, der schlichte Manieren hat; so kann ich weiter nicht raten,
-aber Sie werden, Baron Lecart, Mittel und Wege finden müssen, sich vor
-dem Kerker zu schützen, in den Sie gehören. Das wird Ihnen ja nicht
-so schwer fallen, Sie sind stets findig gewesen.« Er wandte ihm den
-Rücken. »Ich glaube, wir sind fertig.«
-
-Mit festen Schritten ging Klaus Tiedemann zur Tür; die Tränen standen
-in seinen Augen.
-
-
-Schon am nächsten Tage schrieb Lecart. Das Kuvert trug seiner Familie
-Wappen. Er schrieb in knappen Worten, daß er nach dem, was vorgefallen
-sei, es als selbstverständlich ansähe, das Haus nicht mehr zu betreten,
-in welchen er derartigen Invektiven ausgesetzt sei. Er bedauerte
-nur, daß ihm keine anderen Mittel als seine Verachtung zur Verfügung
-stünden. Den Rechtsweg wolle er mit Rücksicht auf seine arme Frau
-und die Gesellschaft nicht betreten. Zum geschäftlichen Teile seines
-Briefes übergehend, teile er mit, daß er alle Angelegenheiten seinem
-Rechtsfreund übergeben hätte, da der gestrige rohe Auftritt seinen
-ohnehin alterierten Nerven den Rest gegeben hätte. Er zöge sich
-auf unbestimmte Zeit in ein Sanatorium zurück, um seine Gesundheit
-womöglich wiederherzustellen, deren schlechter Zustand ihn auch bewogen
-hätte, sich auf einige Zeit seines freien Verfügungsrechtes zu begeben.
-Er habe seinen Advokaten zu seinem Kurator bestellt und ersuche, sich
-in allen Dingen an diesen allein zu wenden, da er nunmehr vollkommen
-ausgeschaltet sei. Mit Rücksicht darauf werde auch die gegen ihn
-schwebende Klage hinfällig.
-
-Noch am selben Nachmittag fuhr Klaus Tiedemann zu seiner Tochter.
-
-Es war ein schwerer Weg, und doch ging er aufrechten Hauptes durch den
-hochstämmigen Laubwald, durch welchen der Weg von der Bahnstation aus
-führte.
-
-Die Buchen rauschten um ihn, und er atmete in tiefen Zügen, als wolle
-er all den Dunst und die Häßlichkeit der Stadt aus seinem Innern
-vertreiben.
-
-Ruhe lag über dem herbstlichen Grün und senkte sich über sein Wesen mit
-lindem Hauch.
-
-Ein alter Bauer, das Gewehr auf der Schulter, kam ihm entgegen. Ein
-großer Hund trottete hinter ihm drein, sie sahen beide zufrieden aus.
-
-Kinderstimmen hallten zwischen den hohen Stämmen des Waldes. Sie
-gehörten Ausflüglern an, die für wenige Stunden der lärmenden Großstadt
-entflohen waren.
-
-In schwerem Fluge schwang eine Krähe sich über die Lichtung; noch lange
-klang ihr rostiger Schrei.
-
-Bald war Tiedemann am Ziel.
-
-Er öffnete die Gartenpforte.
-
-Auf dem Vorplatz war ein Ruhesessel in die Sonne gerückt. Clo ruhte
-darauf; Hilde saß daneben und las aus einem Buche vor.
-
-Als sie seinen Schritt auf dem Kies hörte, stand sie rasch auf; auch
-Clo hob den Kopf.
-
-»Bleibt sitzen!« Er winkte ihnen zu und kam näher.
-
-Clo war bleich, ihr Gesicht trug einen leidenden Zug; trotz der warmen
-Herbstsonne hatte sie eine Decke über die Knie gezogen.
-
-Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von den wenigen Neuigkeiten,
-die sich in den letzten Tagen zugetragen hatten:
-
-Gestern nachmittag hatte es gewittert; darauf war die Temperatur
-plötzlich stark gefallen. Heute früh war es kühl gewesen. Die Schwalben
-sammelten sich bereits zum Flug.
-
-Sie sprachen mit leiser Stimme und sahen aneinander vorbei.
-
-Klaus Tiedemann hatte auf seinem Wege gefällte Stämme bemerkt; nun
-redete er davon.
-
-Clo gab rasche Antwort: man baute einen Fahrweg durch den Wald zur
-neuen Anstalt.
-
-Klaus Tiedemann fragte, welchem Zweck der Neubau dienen werde. Hilde
-gab keine Antwort; sie machte hinter seinem Rücken ihrer Schwester
-Zeichen, zu schweigen. Die bemerkte es nicht.
-
-»Für Lungenkranke im ersten Stadium.«
-
-Besorgt sah Hilde auf ihren Vater, sie mied jedes Wort, das ihn an Leos
-frühes Ende erinnern konnte.
-
-Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Mit ruhigen Worten sprach er
-weiter.
-
-Dann legte er die schwere Hand auf die Armstütze von Clos Sessel:
-
-»Hat dir Lecart geschrieben?«
-
-»Nein«, ihre Lippen wurden schmal.
-
-»Da lies«, er reichte ihr den Brief und sah zu Boden, auf dem Ameisen
-hin und her krochen.
-
-Mit leisen Schritten ging Hilde davon.
-
-Er nickte ihr zu, dann sah er in scheuer Erwartung zu Clo.
-
-Sie hatte den Mund halb geöffnet. Röte erschien auf ihren schlaffen
-Wangen.
-
-Noch einmal überflog sie die wenigen Zeilen, dann ließ sie das Blatt
-sinken:
-
-»Siehst du Papa? ...«
-
-»Ja Kind!« Er stützte den Kopf in die Hand: »Was soll nun werden?«
-
-Sie zuckte die Achseln.
-
-Ein leiser Hauch ging über die Bäume, ein paar dürre Blätter wehten
-über ihre schmale Hand.
-
-Dann trat ein trotziger Zug um den feinen Mund:
-
-»Ich laufe ihm nicht nach.«
-
-»Nicht so!« Klaus Tiedemann rückte näher, sein eigenes Leben stand ihm
-vor Augen: das ließ ihn milde Worte finden: »Du mußt gerecht sein; es
-ist so viel zu gleicher Zeit auf ihn eingestürmt, daß er Nachsicht
-verdient.«
-
-»An mich hätte er denken können.«
-
-»Gewiß, Kind, aber ...«
-
-Sie warf den Kopf zurück:
-
-»Nichts, Papa, glaube mir, nichts, er war stets so.«
-
-Wieder schwiegen beide.
-
-»Und sage mir, Papa: er hat nicht zu widersprechen versucht, hat nicht
-den Willen gehabt, aus eigener Kraft das Unglück gutzumachen?«
-
-»Nein!«
-
-Sie richtete sich auf: »So sind wir fertig!«
-
-»Nicht so,« bat er mit sich selbst im Widerstreit.
-
-Heftig widersprach sie:
-
-»Was soll sonst werden? Soll ich an seiner Seite weiter leben, da er
-sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit gezeigt hat? Das kann ich nicht!«
-
-»Das verlangt auch niemand von dir.«
-
-»Und auch später nicht, nie mehr!« Ein nervöses Zucken lief über
-ihr Antlitz: »Hätte er alles eingestanden und mich gebeten,
-ihm beizustehen, ich hätte es getan. Nichts hätte mich davon
-zurückgehalten. Aber so, da er sich feige allem entzieht, nein das kann
-ich nicht! ...«
-
-Klaus Tiedemann senkte den Kopf. Er fand keine Widerrede. Es war sein
-eigenes Denken.
-
-Sein Fuß zeichnete Kreise auf Kreise in den Kies.
-
-Tiefe Stille war um die beiden.
-
-Mit fliegendem Atem begann sie wieder:
-
-»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken; du weißt
-nicht, was es mich für eine Ueberwindung kostete, ihn nicht schon
-früher zu verlassen. Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen
-ist es mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich alles
-an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir seine hochtrabende Art, mit
-der er jedermann behandelte, Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an:
-warum weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein. Doch bald
-kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal mir selbst gestand ich sie zu.
-Warum sollten zwei Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben
-können!«
-
-Klaus Tiedemann nickte.
-
-»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen in Gesellschaften
-und aßen vom selben Tisch.« Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es
-nicht so, ihr ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich. Das
-hielt ich mir stets vor Augen -- warum sollte es bei mir nicht auch so
-gehen? Manchmal wollte ich ihn verlassen, nach irgendeiner Szene, von
-denen es so viele gab -- doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der
-Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf eingeimpft worden.«
-Sie hob die Hand und betrachtete die Ringe, die feine Rillen in die
-Haut zogen: »Erst im Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe
-ich anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in ihren Augen
-war wieder das nervöse Zucken, »steh nicht wider Hilde auf, sie liebt
-aus vollem Herzen, zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie
-noch hat ...«
-
-Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden Armen.
-
-Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes Leben waren seine
-Gedanken anderen Weg gegangen. Zu weit lag die Jugend zurück:
-
-»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir reden«, sagte er
-ausweichend.
-
-»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn. »Wie denkst du dir
-meine Zukunft?«
-
-Er seufzte:
-
-»Du wirst vielleicht anders denken lernen -- milder ...«
-
-»Glaubst du daran?«
-
-Er gab keine Antwort.
-
-»Du glaubst es selbst nicht.« Frei sahen ihre Augen. »Warum sollen wir
-nicht einmal nur an uns denken und nicht an die anderen? Er hat mir die
-Jugend gestohlen und dir schwere Verlegenheit bereitet. Warum sollen
-wir das nicht ändern, wenn es in unserer Kraft ist?«
-
-Erstaunt sah er auf sein Kind.
-
-Sie empfand seinen Blick:
-
-»Ja, Papa, ich bin eine andere geworden -- Gott sei Dank! -- in letzter
-Stunde. Der Mensch hat nur kurze Zeit auf Erden, jeder Tag ist ein
-unersetzlicher Verlust, den er nicht lebt nach eigenem Gutdünken, und
-ich soll mein ganzes Leben verlieren? Nein,« sie stand auf, »Lecart ist
-für mich tot!«
-
-»Kind,« stammelte er, »Kind, überlege es dir gut!«
-
-»Da ist nichts zu überlegen! Schau, Papa!« sie faßte seine Hand.
-»Was kann ein Mädchen einem Manne mehr geben, als ich getan? Freudig
-hätte ich alles gelitten, hätte er nur an mich geglaubt. Du bist ja
-selbst meiner Meinung,« sie legte ihren Kopf an den ihres Vaters, »du
-glaubst nur, du hättest die Pflicht, mich zurückzuhalten, doch du bist
-im Irrtum. Er hat unseren ehrlichen Namen gebrandmarkt, er ist nicht
-besser als ein Dieb, da er dich um dein Geld betrog.«
-
-In schwerem Groll schloß Klaus Tiedemann die Faust: »Da hast du recht.«
-
-»Siehst du, Papa, willst du weiter mit ihm verkehren?«
-
-Verwundert sah er auf, seine Augenlider waren rot gerändert. »Ich? Ich
-bin mit ihm fertig!«
-
-»Und ich soll mit ihm weiterleben?«
-
-Die alte Hilflosigkeit überkam ihn:
-
-»Ich wollte nur alles versuchen, weil ich eben keinen anderen Ausweg
-sehe.«
-
-Sie küßte seine faltige Stirn. »Der Ausweg«, sie hob die Hand zu dem
-blauen Himmel, auf dem weiße Wölkchen segelten, »dort ist er -- die
-Freiheit!«
-
-Mit ängstlichen Augen sah er sie an. Eine Art Schwindel befiel ihn.
-Die Ahnung fremder Welten, die er noch nicht kannte. Doch er stand am
-Eingang. Er ließ den Blick rundumgehen, von einem Baum zum anderen,
-vom Efeu, der sich eigenwillig emporrankte, zum Springbrunnen, dessen
-Wasser in schimmernde Tropfen zerfiel: »Eine geschiedene Frau ist
-Freiwild -- ihr Leben ist unstet, von den Reden der Leute vergiftet.«
-
-»Besser als eine morsche Ehe.« Sie faßte seinen Arm, lebhaft wurde ihr
-Blick. »Heute hab' ich Gröden getroffen.«
-
-»Hat er dich erkannt?«
-
-Sie lachte: »Wir sprachen fast eine Stunde. Er fand mich sehr
-verändert.«
-
-Klaus Tiedemann stand auf und ging der Terrasse zu. Er schüttelte den
-Kopf.
-
-Clo war an seiner Seite; sie sprach weiter von Gröden:
-
-»Denk' dir, Papa, er baut hier die neue Anstalt! Ist das nicht ein
-Zufall?«
-
-Er nickte, dann sah er sich scheu um:
-
-»Du hast zu Hilde nicht gesprochen?«
-
-Verständnislos blickte sie ihn an:
-
-»Wovon?«
-
-Er schluckte und sah zu Boden:
-
-»Von dem, was ich dir von meiner ersten Ehe erzählt habe, damals ...«
-
-»Nein; wenn du willst, sag' ich's auch niemandem.«
-
-»Ich bitte dich drum,« er atmete auf, »es ist mir zwar ganz gleich,
-aber lieber ist's mir doch so ...«
-
-»Gewiß, Papa.«
-
-Er nickte: »Sprich weiter -- ich hätte es nur sonst vergessen!«
-
-»Armer Papa!«
-
-Er wich ihrer Hand aus. »Da ist Gröden wohl öfters hier?« sagte er.
-
-»Jeden dritten Tag! Das nächste Mal will er mir die Pläne zeigen; er
-war ganz Feuer und Flamme darüber. Er hat die notwendigen Studien in
-England gemacht.«
-
-»Von mir sprach er nichts?«
-
-»Nein, aber von Lecarts Unglück wußte er.«
-
-Sie standen vor dem Haus.
-
-Er ließ sie über die Stufen vorangehen und sah sich noch einmal um.
-
-Dürre Blätter fielen zu Boden, Herbstzeitlosen sproßten daraus empor.
-
-
-Wenige Tage später kam Fred. Er hatte die Tourenfahrt vorzeitig
-abbrechen müssen und war mißmutig nach Hause gefahren, da ihm kein
-Preis mehr winkte: Gleich nach dem Start hatte er ein Bauernfuhrwerk
-überfahren und war, einige Stunden später, derart bei einer
-Straßenkrümmung an einen Baum gerannt, daß er mit Achsen- und
-Federbruch ~en panne~ saß.
-
-Auch Baronin Wolny war mit ihm zurückgekehrt.
-
-Mit Clo sprach er ein paar verbindliche Worte, wie man es mit jedem
-Fremden tut. Der Name Lecart war ebensoschnell aus seinem Gedächtnis
-geschwunden wie der Olthoffs und vieler anderer vordem. Man lernte sich
-kennen, schloß Freundschaft und vergaß sich, wenn die beiderseitigen
-Interessen erschöpft waren.
-
-Klaus Tiedemann wußte nicht zu entscheiden, ob Fred stets so gewesen
-war oder ob ihm sein Wesen jetzt nur mehr auffiel. Nie war ihm seines
-Sohnes hochfahrende Art so zum Bewußtsein gekommen als nun, da er
-Familie und Geschäft vernachlässigte, um seiner Liebhaberei willen, zu
-denen in erster Linie Frau Wolnys üppige Gestalt zählte.
-
-Fast jeden Abend weilte er bei ihr. Es drohte ein offener Skandal zu
-werden.
-
-Hatte früher Klaus Tiedemann sich über derartige Eroberungen seiner
-Söhne -- wie er es nannte -- gefreut, so waren sie ihm nun unangenehm,
-weil das Schicksal seinen Sinn wieder auf die ernste Seite des Lebens
-geleitet hatte.
-
-Er sah jetzt nur Kraft- und Zeitverschwendung, worin er früher
-Anerkennung seiner Kinder erblickt hatte.
-
-Zwischen Klaus Tiedemann und seinem Sohne war noch nicht viel über
-Lecarts Geldoperationen gesprochen worden, jeder mied das Thema. Klaus
-Tiedemann wollte nicht gern erinnert werden, daß er es gewesen war, der
-als erster, bei Clos Heirat, Lecarts teurer Verwandtschaft Vorschub
-geleistet hatte. Als Fred erfuhr, daß die Ordnung der Angelegenheit in
-Gerhards Händen läge, da lachte er spöttisch:
-
-»Gib ihm doch gleich das ganze Geschäft, dann hat die arme Seele ihre
-Ruhe.« Freds Aerger hielt nicht lange an; in dem Augenblicke, da er der
-Wolny weiche Arme wieder an seinem Halse spürte, versank alles für ihn.
-Er lag hilflos in ihren Banden, und die routinierte Frau freute sich
-ihres vollkommenen Sieges: er war Naturbursche in der Liebe, und das
-naive Zugreifen und Genießen schuf dem Weibe, das durch vieler Männer
-Hände gegangen war, neue Abwechslung.
-
-Sie lebte noch einmal die Genüsse ihrer Jugend und vergaß so alles
-andere.
-
-Jan Wolny stand zähneknirschend vor dem Zimmer seiner Mutter; doch
-nie fand er den Mut, sie zu einer Aussprache zu zwingen. Er verstand
-seinen Vater, der aus dem Leben gegangen war, weil die feine Art des
-Edelmannes sich auflehnte gegen die Mißachtung der eigenen Frau.
-
-Doch Jan Wolny trug beider Blut in seinen Adern: das verwegene
-Zirkusreiterblut und das der polnischen Könige. Noch ging er mit
-geballten Händen und fand nicht den Entschluß des Handelns ...
-
-Leos Geburtstag war herangekommen.
-
-Hilde wollte ihrem Vater die Aufregung ersparen, und bat Fred, einen
-Kranz auf dem Grabe seines Bruders niederzulegen.
-
-Es waren die ersten Worte, welche die beiden, seit Freds Rückkehr,
-mitsammen sprachen.
-
-Er zeigte auf die farbige Weste, die er trug, und sah in unverhohlenem
-Erstaunen drein:
-
-»Ich? Was geht denn das mich an?«
-
-Sie maß ihn von Kopf zu Füßen.
-
-»Es ist Leo! Dein Bruder!«
-
-»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich hab' keine Zeit. Ich
-weiß nicht einmal genau, wo das Grab liegt: ich glaube, ich würde es
-gar nicht finden.«
-
-»Das sind Ausreden.«
-
-»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht. Mein Gott, was hat er
-denn von dem Kranz? Hätt' ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht
-so viel Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben -- mich
-laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« --
-
-Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und Hilde zu Leos frühem Grab.
-
-Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden hatten dürres Laub.
-
-Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den Efeu, der sich im
-Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller Hand strich er über den
-Rasen. In den Gruftlaternen flackerten die Lichter.
-
-Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits und wartete auf sein
-Trinkgeld; man gab an solcher Stätte gern. Als er es erhalten hatte,
-schlenderte er davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter dem
-Ohr. Leise pfiff er vor sich hin -- er war jung und dachte nicht ans
-Sterben.
-
-Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und sah mit starrem Blick
-die eingemeißelten Buchstaben: »Da liegt der arme Bub.«
-
-Die fallende Ruhe des Herbstes umgab sie: ein leises Singen war in der
-Luft, wenn der Wind durch die Zypressen und um die Grabkreuze strich.
-
-Sie schmiegten sich eng aneinander.
-
-Ein paar Fuß unter der Erde, ganz nahe bei ihnen, lag alles, was noch
-von Leo übrig war.
-
-Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den Tod nicht.
-
-Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige Jugend und
-verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit und werdende Eigenart -- all das
-lag still da drunten und zerfiel in nichts.
-
-Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß. Mächtig kam die
-Erinnerung über ihn.
-
-Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende war? Wenn er selbst in
-seinen Kindern starb und nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk?
-Ein Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen, verlangte
-man allzuviel von ihm. Er dachte Freds.
-
-Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo mochte Gerhards Mutter
-ausruhen von ihrer Irrfahrt? Lebte sie noch -- wie kam es, daß zwei
-Menschen überhaupt sich fremd sein konnten?
-
-Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte der Kampf nie.
-
-Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte den Arm um Hilde.
-»Hätt' ich dir doch gefolgt!«
-
-Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie schüttelte den Kopf.
-»Nicht daran denken, Vater!«
-
-Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?«
-
-Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf stahlharten Schienen
-jagte ein Zug vorbei.
-
-Dann begann er wieder:
-
-»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal gelebt und wäre
-gestorben gewesen, lange Zeit. So manchen Gedanken, der mir jetzt
-kommt, hab' ich schon einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er
-damals richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für etwas zu
-entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes Ding hat zwei Seiten.
-Ich war Leo ein zu schwacher Vater, vielleicht kann ich für Fred ein
-zu harter werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du mußt mir
-beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich zu mir hält --
-willst du?«
-
-»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen fanden sich; mit
-tastenden Fingern richtete er ihren Kopf in die Höhe; forschend sah er
-in ihre Augen: »Bin ich jetzt auf rechtem Weg?«
-
-Sie nickte.
-
-Noch einmal zog er sie an sich:
-
-»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten müssen.«
-
-Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der Tasche.
-
-Dann winkte er dem Hügel zu:
-
-»Leb' wohl!«
-
-Langsam näherten sie sich dem Ausgang.
-
-Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer hoffte der Vater auf
-Besserung. Er wartete auf irgendein Ereignis, das ihn zum Handeln
-zwingen würde; das Schicksal mußte eingreifen -- allein fand er nicht
-die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so weiter blieb?
-
-Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er Hildes Hand. »Ich danke
-dir ...«
-
-Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine Rede floß wirr und
-krumm weiter. Er redete vom Erfolg, und wie man sich im Menschen
-täuschen könnte. Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann auf
-Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten wolle.
-
-Sie verstand ihn nicht.
-
-Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz unvermittelt:
-
-»Würde dich Hansens Bild interessieren?«
-
-Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr die Stimme.
-
-»So gehen wir!«
-
-Er öffnete eilig den Schlag des Wagens.
-
-
-Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung hatten sie Hansen getroffen.
-
-Es war ein glücklicher Zufall.
-
-In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch die ersten Säle,
-durch die dichten Gruppen der Besucher, welche sich vor einzelnen
-Bildern stauten.
-
-Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand. Sein Blick ging
-fragend zu ihrem Vater.
-
-Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich.
-
-Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch lüftete Klaus
-Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht, wem der Gruß galt.
-
-Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus weiter.
-
-»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und blieb eingehängt.
-
-In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens Werk, die schmale
-Wand allein einnehmend.
-
-In ruhigem Lichte sieht es ernst herab.
-
-Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine kleine, alte Frau,
-sie macht einen Knicks und hält krampfhaft die Enden ihrer Mantille
-übereinander.
-
-Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den Vordergrund und stellt
-vor:
-
-»Meine Mutter!«
-
-Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den Namen der beiden
-hört, an Hilde hängen. Aengstlich, forschend und flehend! Hansen mag
-wohl zu Hause gesprochen haben. Sie nickt ihr zu.
-
-Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht.
-
-Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem Bild.
-
-»Erdgeist.«
-
-Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt sich zurück; er ist
-im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte Blume zierte das Knopfloch.
-Mattigkeit und Erschöpfung liegen über der sitzenden Gestalt, ein
-Schauder scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt
-in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem Gesicht der üppigen
-Frauengestalt, die, tief dekolletiert, sich über ihn neigt. Die Sphinx,
-die die weibliche Form des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist
-in dem Weibe konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen
-Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt, in brennendem Rot
-schimmern ihre vollen Lippen. Wie ein leichter Hauch scheinen Linien
-durch, wie eine Silhouette aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter
-den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels.
-
-Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen, verallgemeinert, doch
-unverkennbar.
-
-Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen.
-
-Der steht abseits mit gesenktem Kopf.
-
-Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt:
-
-»Du!«
-
-Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes Augen.
-
-»Sie sind ein großer Künstler!«
-
-Hand in Hand stehen die beiden.
-
-Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust gekreuzt. In ihm ist ein
-Singen und Klingen: er sieht zwei Gestalten, deren intime Details er
-mit seinen stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt, und doch
-packt ihn unbewußt des Bildes Kraft; schnell verfliegt der Gedanke, ob
-Hansen wohl einen Käufer hat.
-
-Er sieht den Mann, den das Weib quält und der doch nicht von ihm
-lassen kann. Das ist sein Leben, und das versteht er! Das ist auch
-das Leben Leos gewesen und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder
-flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend empor. Er ist wieder
-der arme Kontorschreiber, der mit scheuem Blick am Sonntag die breiten
-Hauptstraßen durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er sieht
-die eleganten Damen der Gesellschaft, hört Spitzen rascheln und sieht
-Formen, wie sie die Weiber des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt,
-nur selten haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick
-haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen Kleidern, die
-abseits steht und mit brennenden Augen der strahlenden Menge folgt.
-Ist sein Aeußeres unausgeglichen und inkonsequent, so reihen sich doch
-die Gedanken in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend kehrt
-er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück und setzt sich zur Arbeit;
-er will sie durch Kraft und Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein.
-Ein bitteres Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der
-Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß er nun der zwei
-unglücklichen Ehen gedenkt, die sein Leben vergifteten.
-
-Schwer holt er Atem.
-
-Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen Erfolg liebten und
-nicht ihn.
-
-Er starrt in Leos Züge.
-
-Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen.
-
-Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand an, und Fred sitzt auf dem
-Sessel.
-
-Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem Fuße auf, daß er seine
-Art den Kindern vererben mußte! Was will er tun, wenn sie dafür
-Rechenschaft fordern? ...
-
-Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er Hansen nachdenklich und
-ernst: »Sie meinen das ganz allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?«
-Er zeigt nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?«
-
-Unsicher sieht Hansens Mutter drein.
-
-Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden; dann streckt er
-Hansen die Hand hin:
-
-»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu. »Er versteht das Leben.«
-
-Sie macht einen eiligen Knicks.
-
-»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und denkt an ihren Mann,
-der ihr elterliches Erbteil verspielt hat und den sie erhalten mußte
-die letzten Jahre durch ihrer Hände Arbeit.
-
-Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume. Hilde weiß nicht recht,
-warum; doch Klaus Tiedemann will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens
-wegen gekommen sind.
-
-Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an den Wänden.
-
-Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die Hand und sagt: »Besuchen
-Sie uns doch wieder einmal; wir sind seit Leos Tod fast immer zu
-Hause.« Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin und her, als
-beengte ihn der Kragen; dann fügt er in alter Art hinzu: »Wir werden
-uns freuen, Sie begrüßen zu können.«
-
-Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit; mit sicherer
-Bewegung faßt sie ihr Sohn beim Arm: »Ich werde es mir demnächst
-erlauben.« Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb' wohl!«
-
-Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt sich zu der alten Frau
-hinab:
-
-»Nun, Mutter?«
-
-»Sie hat dich gern.«
-
-Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun ihr Kind wird teilen
-müssen mit einer anderen.
-
-
-Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im Herrenzimmer auf den Vater.
-Mit großen Schritten geht er hin und her.
-
-Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen.
-
-»Was gibt es?«
-
-»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.«
-
-»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann hat in seines Sohnes Hand
-ein Zeitungsblatt entdeckt, hastig greift er danach:
-
-»Gib her!«
-
-Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit
-forschenden Blicken.
-
-Der liest mit zusammengezogenen Brauen:
-
-Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das
-sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die
-Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der
-»Freundschaftszechen« -- wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist
-aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt
-gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht
-genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch
-sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um
-das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub
-geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen
-Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid
-mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so
-verstanden!
-
-Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr.
-
-Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß
-Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des
-Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl
-genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in
-Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen.
-Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen
-solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht
-verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der
-Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als
-solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten
-Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu
-benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu
-unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen
-zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt
-einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt
-bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei
-der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein
-Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu
-verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an
-den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem
-vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu
-unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus
-ihren eigenen Reihen wäre.
-
-Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut,
-daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt
-Gerhard.
-
-Tiedemann gibt keine Antwort.
-
-Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an!
-
-Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen:
-
-»Es kann nicht sein!«
-
-Gerhard zuckt die Achseln.
-
-Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten Mann, sein Aerger sucht
-Ableitung. Daß Gerhard über Fred schlecht denkt, ist nur natürlich,
-aber er als Vater muß gerecht sein.
-
-Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit:
-
-»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!«
-
-»Dann ist's gut, Vater.«
-
-»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der Angst seines Herzens,
-»ich, dein Vater!«
-
-Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus Tiedemann senkt den
-Blick.
-
-Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner Stimme: »Bezüglich
-des geschäftlichen Angriffes werde ich heute noch eine Berichtigung
-einrücken lassen.«
-
-Er geht.
-
-Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen; er weint wie ein Kind.
-
-Nun greifen sie an sein Lebenswerk.
-
-Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den Schmutz gezogen. Er hat
-von jeher Angst vor der Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das
-er gründete, drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der Lecartschen
-Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds teure Lebensführung ist
-nicht dazu angetan, der Tiedemanns Besitz zu mehren. Wenn er wirklich
-so ungeheure Summen dem Phantom, adelig zu werden, geopfert hat, bedarf
-es nur eines größeren Verlustes, wie er oft in Kauf genommen werden
-muß, um die Firma in Schwierigkeiten zu bringen!
-
-Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die Aktiengesellschaft, dann
-verschwindet der individuelle Zug, die Kunde wird zur Nummer.
-
-Er knirscht mit den Zähnen.
-
-Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme sinkt? Damit
-fällt des Hauses Macht. Unreelle Firmen und Betrüger hatten das
-Publikum in den letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen
-waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf die alarmierende
-Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus Tiedemann zweifelt als erfahrener
-Kaufmann nicht daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu sondern
-wußten, was dann? Schon lange bestand Argwohn gegen den Stand der
-Privatbankiers: die Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem
-Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten schien. Ein
-hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den kleinen Mann und förderte den
-großen, trotzdem man es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die
-Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens an mit reichen
-Geldmitteln in die Konkurrenz. In langen Jahren bittersten Kampfes
-hatte Klaus Tiedemann sein Kapital errungen. Seine Person war den
-Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf ihm zu seinem
-Erfolg.
-
-Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat!
-
-Stunden vergehen in grübelndem Sinnen.
-
-Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt keine Antwort.
-Krampfhaft die Tränen zurückhaltend, geht sie wieder.
-
-Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt.
-
-Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde sagt ein paar Worte.
-
-Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«.
-
-Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute noch. Er muß die
-Gewißheit haben, daß alles erlogen ist.
-
-In stummer Verzweiflung wartet er.
-
-Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu Hause gewesen!
-
-Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt.
-
-Die Zeit verstreicht.
-
-Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist eingeleitet.
-
-Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden?
-
-Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen?
-
--- -- -- Nun ist er einundsiebzig; noch immer findet er keine Ruhe!
-
-Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib Frau Wolnys Züge. --
--- -- »Wo ist Fred?«
-
-Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das Dunkel.
-
--- -- -- Er fährt auf. Er muß geschlafen haben. Es ist dunkel um ihn
-geworden.
-
-Er hört Schritte.
-
-Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm.
-
-In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der Straße kommt, sieht er
-totenblaß aus.
-
-Als er seinen Vater erkennt, fährt er zusammen. »Was tust du hier?«
-
-Sie stehen sich gegenüber.
-
-Schwer hebt sich Klaus Tiedemanns Brust; der scheue Blick seines Sohnes
-scheint ihm schreckliche Gewißheit zu geben: »Hast du's getan?« keucht
-er.
-
-Der andere tritt einen Schritt zurück, die Schultern zieht er ein:
-»Was?«
-
-In übereilenden Worten, die Rechte in seines Sohnes Rock gekrampft, daß
-er ihm nicht entkommen kann, schildert Klaus Tiedemann, was vorgefallen
-ist. Mit bebender Stimme bittet er um Gewißheit. In seinen unruhigen
-Augen flackern Angst und Wut.
-
-Fred Tiedemann hält die Faust geballt, scheu läuft sein Blick im Zimmer
-rundum: Nun muß auch das kommen!
-
-»Rede!« Sein Vater schüttelt ihn. Er hat ihn vorn an der Brust gefaßt
-und knirscht mit den Zähnen, sinnlos vor Wut. Mit hastigem Ruck befreit
-sich Fred. Er findet seine Art wieder:
-
-»Hast du zu viel getrunken?« Sein Blick sticht dem alten Mann in die
-blutgeröteten Augen. »Du mußt doch einsehen, daß du mir unrecht tust,
-schon die ganze letzte Zeit, mit deinem ewigen Mißtrauen! Alles, was du
-hörst, hat nur einen Grund: sie sind uns neidisch, sonst nichts. Das
-ist auch jetzt wieder so. Ich werde morgen beim Minister vorsprechen,
-ihn informieren: es ist der ganzen Sache damit die Spitze abgebrochen.«
-Klaus Tiedemann scheint seinen Worten Glauben zu schenken. »Doch jetzt
-laß uns schlafen gehen, ich bin redlich müde« fügt Fred hinzu.
-
-»Es ist also nichts?« Zitternd vor Freude, die tiefster Seelenangst
-entsprungen ist, kommt Klaus Tiedemann seinem Kinde näher.
-
-»Nichts.«
-
-»Verzeih!« Wieder schlägt Klaus Tiedemann um, er sieht nicht des
-anderen verstörtes Wesen, nicht den sonst so glatten Scheitel, der
-unordentlich unter den Haaren verschwindet. Sein Sohn kann nicht unwahr
-sprechen, mag er auch sonst Fehler haben, er ist doch ein guter Mensch.
-Er drückt den Widerstrebenden an sich: »Ich habe solche Angst gehabt.«
-
-Mit leerem Blick, in dem Unruhe lauert, sieht Fred Tiedemann über
-seines Vaters schneeigen Kopf, der an seiner Brust ruht.
-
-Er scheint unangenehmen Gedanken nachzuhängen.
-
-Er preßt die Lippen zusammen und klopft dem alten Mann mechanisch auf
-die Schulter: »Laß gut sein, es ist alles recht.«
-
-Er macht eine schnelle Wendung, damit sein Vater den blutroten Streifen
-nicht sieht, der quer über die linke Wange läuft in hochgeschwollenem
-Zuge.
-
-Er gähnt.
-
-Noch viel will Klaus Tiedemann wissen, doch Fred gibt nur einsilbige
-Antworten.
-
-Mitternacht ist vorbei, als sie zur Ruhe gehen.
-
-Mit langem Blick sieht Klaus Tiedemann seinem Sohn über den Gang nach.
-
-Für einen Augenblick beschleicht ihn ein unangenehmes Gefühl; des
-anderen Haltung ist gebeugt; fast vorsichtig ängstlich klingt sein
-Schritt gegen die sonst geübte selbstsichere Art. Doch Klaus Tiedemann
-lächelt: Gewiß kommt er von der Wolny.
-
-»Ich hab' ihm unrecht getan«, sagt er leise vor sich hin, und
-ohnmächtige Wut gegen die Verleumder beschleicht ihn.
-
-
-Zwei Tage später. -- Es ist in der Reitschule der Husaren, bei denen
-Fred Tiedemann in der Reserve steht.
-
-Ein kalter Herbstwind wirft dürre Blätter an die schmutzigen
-Fensterscheiben.
-
-Jan Wolny sitzt auf der Fensterbrüstung mit übereinandergeschlagenen
-Beinen. Weste und Kragen hat er abgelegt, den Rock nachlässig über die
-Schultern geworfen.
-
-Man sieht ihm nicht an, daß er auf den Tod wartet.
-
-Seine Augen blicken starr in stählerner Härte gegen die Tür, durch die
-Fred Tiedemann kommen muß.
-
-Fürst Solt zieht langsam die Uhr und schüttelt den Kopf. »Fünf Minuten
-über die Zeit.« Ein feines Lächeln kräuselt für einen Augenblick seine
-Lippen. Die Blicke des alten Aristokraten und des jungen Mannes treffen
-sich verständnisvoll -- es muß im Blute liegen! In solchen Augenblicken
-drängt sich alte Ueberlieferung der Nerven in den Vordergrund.
-
-Die beiden Aerzte stehen bei ihren Instrumenten; sie sind in lebhafter
-Debatte, ob ein Schuß in die Lunge, bei der soundsovielten Rippe,
-tödlich sein muß oder nicht?
-
-Laut tönen ihre Stimmen.
-
-Jan Wolny zündet sich eine Zigarette nach der anderen an; kaum daß er
-ein paar Züge getan hat, läßt er sie wieder in die Lohe fallen.
-
-Drüben, auf der anderen Seite, geht sporenklingend der Husar auf und
-ab, den das Regiment bestimmte, Fred Tiedemann zu sekundieren. Ungern
-hat er dem Befehl Folge geleistet: das waren die Kehrseiten, wenn man
-derlei Einjährige hatte. Doch das Regiment hielt dadurch seinen Ruf als
-erstes der großen Garnison. Die Reserveoffiziere von reichen Eltern
-fanden manchmal Spaß daran, ritterliche Tugenden zu üben.
-
-Jan Wolnys Blick geht nach dem Pistolenkasten, auf dem hier und da die
-Herbstsonne spielt, wenn sie durch die dichten Wolken dringt:
-
-Wieder sieht er seine Mutter in des anderen Arm, als er die Tür
-aufreißt.
-
-»Du hast gehorcht?« fährt sie auf.
-
-»Ja!« stöhnt er und reißt den Riemen von der Wand. »Da hast du, Hund«,
-er schlägt ihn Fred Tiedemann ins Gesicht.
-
-Dann stehen sie Aug' in Auge.
-
-Alles, was die heutige Ordnung zum Glück verlangt, ist auf des anderen
-Seite, auf seiner nur tote Ueberlieferung und entwürdigtes Andenken.
-Warum muß der andere ihm das letzte rauben, die Illusion, daß seine
-Mutter ehrlich sei?
-
-Ihr Leib hat Unglück über die Wolnys gebracht von dem Tage an, da
-Wladimir Wolny sie aus der Manege an seine Seite zog.
-
-Sie schlägt die Tür zu und läßt sie allein.
-
-Mit stoßender Hand hält er Fred Tiedemann zurück; er soll es teuer
-zahlen, das Spiel mit der Ebenbürtigkeit!
-
-Er ist ja Kavalier, nun soll er ihm Rechenschaft geben!
-
-Fürst Solt muß ihm helfen; der alte Edelmann ist noch keinen Strich
-gewichen von alter Art. Er fragt nicht viel, er hat schon so viel
-Aehnliches gesehen. Er verneigt sich und nimmt an.
-
-Dunkle Flecken brennen um Jan Wolnys flackernde Augen; die zwei letzten
-Tage haben ihn alt gemacht.
-
-Er hält die schmale Hand wagerecht vor sich hin, sie ist ruhig und
-zittert nicht.
-
-Wieder repetiert Fürst Solt seinen Chronometer.
-
-Er schüttelt den Kopf:
-
-Vor fünfundzwanzig Jahren erschoß sich Fürst Grobow, weil die
-Sekundanten ihn vom Zweikampf ausschlossen, da er um wenige Minuten zu
-spät kam. Und damals handelte es sich um weniger! Das Weib eines jeden
-ist vogelfrei, kann es der Mann nicht hüten, aber schweigend muß er sie
-besitzen und sich dem anderen stellen Aug' in Auge, das ist uraltes
-Herrenrecht!
-
-Eine Viertelstunde ist vorüber.
-
-Es ist Zeit zum Handeln:
-
-Er tritt zu Jan Wolny, der gibt ihm freie Hand. Seine Augen erlöschen,
-müde Resignation legt sich über die Lider. Ein dumpfes Leben steht vor
-ihm, in zerrissenen Fesseln, die desto fester binden.
-
-Blutrot ist der Husar:
-
-»Ich werde sofort meinen Mandanten aufsuchen, es muß ihm etwas
-zugestoßen sein ...«
-
-Fürst Solt verneigt sich. »Wenn Sie ihn treffen; ich lege Wert darauf,
-daß er darüber nicht im Zweifel ist: wir sind trotz allem jederzeit zur
-Austragung bereit.«
-
-Der andere grüßt: »Gewiß,« er macht rasch eine Wendung, doch der Fürst
-hält ihn zurück, »erst wollen wir ein Protokoll aufnehmen, wenn es
-angenehm ist, es kann später wertvolle Dienste leisten.«
-
-
-Unruhig ging Hilde Tiedemann umher, von einem Zimmer ins andere. Die
-Angst vor etwas Ungewissem war in ihr.
-
-Bald mußte ihr Vater heimkommen von der Sitzung, in der sie seinen
-Namen an den Pranger stellten.
-
-Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Parlamentseröffnung
-beizuwohnen.
-
-Unerkannt wollte er auf der Galerie sitzen und das hören, was sie gegen
-ihn vorbrachten.
-
-Mittag war vorbei.
-
-Mit gesenktem Kopfe war er die letzten Tage herumgegangen; einsilbig im
-Gespräch, murmelte er halblaut vor sich hin.
-
-Er glaubte Freds Worten, daß alles nur von der Konkurrenz aufgegriffen
-worden sei, um ihnen zu schaden, und doch fand er keine Ruhe.
-
-Der belastende Artikel hatte seine Schuldigkeit getan. Die Einleger
-drängten sich stündlich vor den Schaltern; sie verlangten ihr Geld
-zurück.
-
-Das war ein schwerer Schaden, und nur mit Seufzern und zögernden Händen
-folgte Görnemann die Depots aus. Mit feindseligem Blick streifte er die
-Menschenreihen, die vor ihm standen.
-
-Nach schlafloser Nacht hatte sich Klaus Tiedemann angekleidet und war
-frühzeitig vom Hause weggegangen. Er mußte allein sein mit seinen
-Gedanken.
-
-Bis zum Sitzungsbeginn war er in den hallenden Gängen auf und ab
-geschlichen, scheu an die Mauer gedrückt, als müßte jedermann ihn
-erkennen, ihn, der sich ein langes Leben vergebens gemüht hat.
-
-Wenn er ihm das getan hätte!
-
-Sie wußten ja alle nicht, was für ihn auf dem Spiele stand; sie kannten
-nicht seinen Gedankenkreis, der in strenger Ehrlichkeit die schreiende
-Oeffentlichkeit mied. Und nun war alles dahin.
-
-Er hatte gestern die Bücher einer genauen Revision unterzogen. So gut
-es in der Eile ging, hatte er das Fehlen großer Beträge konstatiert.
-Aber Fred war tagsüber nicht zu Hause gewesen -- wie oft in letzter
-Zeit -- und bei dem ausgedehnten Geschäft durfte man nicht gleich
-Schlechtes denken. Noch immer wollte er sein Kind nicht fallen lassen,
-wenn er auch in schwerer Sorge an die Zukunft dachte.
-
--- -- -- Hilde Tiedemann geht an die Tür ihrer Schwester und horcht.
-Als sie Stimmen hört, drückt sie auf die Klinke. Die Tür ist gesperrt.
-
-»Was ist?« ruft Clo.
-
-»Nichts.« Hilde Tiedemann erinnert sich, daß bei ihrer Schwester die
-Friseurin ist; sie geht wieder zurück in den Salon.
-
-Es läutet.
-
-Sie läuft zur Tür und horcht.
-
-Verständnislos sieht sie auf die Visitenkarte, die ihr das Mädchen
-reicht. Sie kennt den Namen nicht:
-
-»Ich lasse bitten!«
-
-Ihres Bruders Sekundant steht in der Tür.
-
-Er verneigt sich.
-
-Hilde erkennt die Farbe des Regiments: »Papa ist nicht zu Hause«, sagt
-sie zitternd.
-
-Der andere bleibt bei der Tür.
-
-Für einen Augenblick fallen in seinem Gesicht die konventionellen
-Falten, als er Hildes Erscheinung sieht, doch gleich wieder preßt
-er den Säbelkorb an die Brust: »Könnte ich Herrn Fred Tiedemann
-sprechen?« Seine Stimme ist aufgeregt.
-
-Hilde zuckt zusammen, dunkle Vorahnung bemächtigt sich ihrer. »Mein
-Bruder ist auch nicht hier.«
-
-»Nicht zu Hause?« wiederholt der Husar und fängt die Unterlippe mit den
-Zähnen. »Dürfte ich mir die Frage erlauben, wann Ihr Herr Bruder von
-hier wegging?«
-
-»Das weiß ich nicht, ich habe ihn seit gestern mittag nicht mehr
-gesehen, er hat oft auswärts zu tun.« In schweren Schlägen klopft
-dem Mädchen das Herz. Nervös zuckt die Hand und preßt krampfhaft das
-Taschentuch zusammen, um Ruhe zu finden.
-
-Unschlüssig steht der Husar: »Gnädiges Fräulein wissen also nicht, wo
-Ihr Herr Bruder sich befindet?«
-
-»Nein.« Sie legt die zitternde Hand auf die Stirn. »Vielleicht ist er
-mit Papa im Abgeordnetenhaus.«
-
-Er schüttelt verneinend den Kopf: »Dort ist er nicht!« Er rafft sich
-zusammen; seine Augen sehen starr und abweisend. »Dann ist meine
-Mission erfüllt.«
-
-Er schlägt die Füße zusammen, daß die Sporen klingen. »Bitte zu
-entschuldigen!«
-
-Mit schnellen Schritten kommt Hilde näher, flehend sehen ihre Augen,
-ihr Mund ist geöffnet. »Was ist mit Fred? Es ist ihm doch nichts
-zugestoßen?«
-
-»Nein, gnädiges Fräulein können beruhigt sein.« Eiserne Disziplin ist
-in seinen Augen. »Es ist ihm nichts geschehen.«
-
-Er neigt den Kopf und zieht die Tür hinter sich zu.
-
-Hilde Tiedemann preßt die Handflächen gegeneinander. Nun weiß sie, daß
-sich wieder Unheil vorbereitet, vielleicht bereits vollzogen hat.
-
-Sie lehnt die heiße Stirn an die eiskalten Fensterscheiben.
-
-Ein rauher Sturm fegt durch die Straßen.
-
-Nun sieht sie Freds scheues Wesen in den letzten Tagen mit anderen
-Augen; nun gewinnt sein unruhiges Kommen und Gehen unheilvolle
-Bedeutung.
-
-Kam das Haus wirklich in Schwierigkeiten? Stand der Bankerott vor der
-Tür? Sie hatte es vorausgesehen und vergebens gewarnt.
-
-Doch sie will jetzt nicht daran denken, sie will arbeiten und ihrem
-Vater zur Seite stehen.
-
-Doch das kann es nicht sein, da wäre der Offizier nicht hier gewesen.
-
-Sie läuft in Freds Zimmer, es ist bereits aufgeräumt; sie weiß nicht,
-daß das Bett die letzte Nacht leer geblieben ist.
-
-Sie fragt das Stubenmädchen; doch Fred Tiedemann ist oft Nächte außer
-Hause gewesen. Das ist kein Beweis!
-
-Wieder steht sie beim Fenster.
-
-Der Himmel hat sich mit einförmigem Grau überzogen.
-
-Die Fensterscheibe bläht sich im anprallenden Wind. Im Kreise tanzen
-unten auf dem Platz die dürren Blätter.
-
-Sie ist einsam, und ihre Gedanken flattern ohne Ordnung.
-
-An die Scheiben schlägt es mit leisem Ton; kleine weiße Nadeln bringt
-der Sturm vom Meer herüber -- den ersten Schnee.
-
-Sie schaudert und sieht auf die verlassenen Parkanlagen vor dem
-Fenster, wo sich zwei Krähen streiten.
-
-Die Leute schlagen die Kragen hoch, der Schnee überzieht sie mit weißen
-Strichen.
-
-Quer über den Platz kommt T. A. Hansen, schon von weitem zieht er den
-Hut.
-
-Sie preßt die Rechte ans Herz und atmet schwer.
-
-Nun kommt die Entscheidung.
-
-In banger Stunde muß sie sich ihm geben ...
-
-Schon hört sie seinen Schritt.
-
-Er drückt ihre Hand; in seinem Gesicht ist große, leuchtende Freude.
-
-Scheue liegt über ihr und heißt sie schweigen.
-
-Er spricht von seinem Werte, von froher Hoffnung auf die Zukunft.
-
-Eine blutrote Rose steckt er ihr an die Brust, von seiner Mutter.
-
-Sie bebt im schwarzen Kleide und horcht mit todtraurigen Augen.
-
-Er will arbeiten und schaffen, Gedanken und Pläne wirft er hin mit
-wenigen Worten für ein ganzes Leben. Er spricht von den letzten
-Monaten, in denen er sein Werk den Augen der anderen preisgab; fast
-schien es ihm Entweihung. Sie hätte es als erste sehen sollen! Und dann
-die Urteile: Erst glaubten sie etwas zum Aussetzen finden zu müssen,
-war er doch ein Neuer, ein Junger. Dann aber verstummten diese Stimmen
-immer mehr. Anerkennung wurde ihm zuteil, daß er sich manchmal selbst
-fragte, ob er sie denn auch wirklich verdiente, ob er die anderen
-wirklich so viel überragte.
-
-Nur mit halbem Ohr hört Hilde; jedes Geräusch von der Straße läßt sie
-zusammenfahren.
-
-In seiner frohen Erregung hat es Hansen nicht bemerkt; doch jetzt
-stutzt er und tritt näher: »Was ist?«
-
-»Nichts.« In dem Mädchen kämpft Willenskraft und Sorge mit der Liebe
-des sich unterwerfenden Weibes. »Wirklich nichts!« Sie versucht ein
-Lächeln.
-
-Er legt den Arm um sie; Schauer rieseln über ihren Leib: »Nicht«, wehrt
-sie mit schwachem Widerstreben.
-
-Er sieht ihr in die Augen: kleine, braune Punkte, die ängstlich auf
-ihn starren. Sie legt den Kopf zurück und atmet schwer. Seine Lippen
-berühren ihre Stirn.
-
-»Nicht!« haucht sie noch einmal; dann wirft sie sich ihm an die Brust
-in zitterndem Schluchzen.
-
-»Ich hab' dich so lieb!«
-
-Er hebt ihren Kopf und küßt sie auf beide Augen.
-
-Sie klammert sich fest; nun verläßt sie die Kraft, da sie sich geborgen
-weiß. Mit hastigen Worten redet sie von ihrer Angst, nun muß sie nicht
-mehr schweigen. Sie will kein Geheimnis vor ihm haben.
-
-Mit milden Worten beruhigt er sie; er läßt sie an seiner Brust sich
-ausweinen, und wilder Haß gegen Fred befällt ihn. Unter Tränen lächelnd
-sieht sie zu ihm auf: »Nun lassen wir uns nimmer!«
-
-»Nein, mein Lieb!«
-
-»Es ist doch nichts Schlechtes,« fragt sie in rührender Hilflosigkeit,
-»daß ich es dir jetzt gesagt habe?«
-
-»Aber, Kind!«
-
-»Nun ja!« Sie legte den Kopf an seine Schulter und schmiegt ihre Wange
-mit glücklichem Lächeln fest an die seine. »Ich hab's auch nicht länger
-verschweigen können.«
-
-Er preßt seinen Mund auf ihre roten Lippen; ein Zittern geht durch ihre
-Gestalt.
-
-Dann reißt sie sich aus seinen Armen. Klaus Tiedemann steht in der Tür.
-
-Auch T. A. Hansen ist zurückgewichen.
-
-Der da vor ihm scheint kein Lebender! Der Kopf ist ihm auf die Brust
-gesunken, schlaff hängen die Arme.
-
-Mit irrem Blick sieht er um sich: »Ist Alfred hier?«
-
-Hilde will antworten, doch wie gelähmt hält sie inne.
-
-Mit hastigem Ruck hat ihr Vater den Kopf gehoben; seine Augen schießen
-Blitze, er steht vor Hansen:
-
-»Nun malen Sie das Bild: ein Tiedemann als Betrüger. Sie treffen derlei
-Sachen, Herr!« Er lacht schneidend und wirft sich in einen Fauteuil,
-den Kopf in den Händen vergraben.
-
-Der beiden Blicke finden sich, über des alten Mannes gebeugter Gestalt
-halten sie schweigende Zwiesprache.
-
-Dann greift Hansen nach dem Hut, einen stummen Gruß winkt er Hilde zu
-und geht.
-
-Die sitzt regungslos neben ihrem Vater und horcht auf dessen keuchenden
-Atem.
-
-Mitten im Glück!
-
-Doch nur Mitleid findet sie als Antwort; sie fährt mit leichter Hand
-über des alten Mannes Scheitel.
-
-Stöhnend steht er auf: »Was wollte Hansen?« fragt er.
-
-»Ich weiß nicht,« im Sprechen findet sie Mut; »er hat mich gern, Vater!«
-
-Er sieht sie verständnislos an und murmelt: »Betrüger sind alle, die
-um solches wissen und schweigen.« Dann legt er wieder den Kopf in die
-zuckenden Finger.
-
-So sitzt er stundenlang, nur hier und da fragt er nach Fred.
-
-Sein Denken macht Sprung auf Sprung.
-
-Er hört den Beifall, welcher den Worten gilt, die ihn und Fred treffen;
-aus dem Klatschen der Hände springt ihn die Feindschaft der Masse an.
-Keiner steht für ihn ein, keiner tritt an seine Seite; die einen
-schweigen, die anderen hassen!
-
-Draußen fällt der Schnee, die Kälte kriecht aus den Ecken hervor und
-greift nach der beiden einsamen Menschen Herz.
-
-Vergebens spricht Hilde, er gibt keine Antwort.
-
-Als es dunkelt, geht er hinunter; er muß Görnemann fragen, ob er um
-Freds Ausbleiben weiß.
-
-Er _muß_ ihn haben, muß Aug' in Auge stehen mit ihm ...
-
-Schon ist es Sperrstundenzeit, noch immer stehen Leute vor den Kassen.
-
-Sie wollen ihr Geld zurück.
-
-Morgen ist Sonntag, und wer weiß, was übermorgen ist!
-
-Klaus Tiedemann ist nicht mehr sicher! Die Zeitungen haben's
-geschrieben, die Konkurrenz hat's gesagt.
-
-Ein irres Lächeln spielt um des alten Mannes Züge:
-
-Des Lebens Wertung!
-
-Er sieht Gerhard bei den Kassen; er hantiert mit ruhigen, gleichmäßigen
-Bewegungen.
-
-Das gibt Klaus Tiedemann wieder Kraft.
-
-Er muß Görnemann haben.
-
-Quer durch die Schreibzimmer eilt er; gedrückte Stimmung liegt auf den
-Gesichtern der Leute: es geht ums tägliche Brot.
-
-Die Tür des Privatkontors ist offen, er tritt ein.
-
-Görnemann steht vor dem eisernen Tresor; als er ihn sieht, läßt er die
-Papiere fallen, die er hält.
-
-Er stürzt auf Klaus Tiedemann zu, die Knie versagen ihm den Dienst, er
-faltet die zitternden Hände und schreit: »Herr, ich kann nichts dafür,
-ich bin unschuldig!«
-
-Wie eine giftige Schlange zucken die Worte an Tiedemanns Ohr. »Was?«
-
-»Es fehlt Geld!« Görnemann reißt die Bücher auf den Tisch; mit
-zitternden Händen weist er die langen Kolonnen. Starr steht Klaus
-Tiedemann; für einen Augenblick schließt er die Augen, um zu vergessen.
-
-»Es hat alles gestimmt auf Heller und Pfennig,« beteuert Görnemann,
-»noch gestern; jetzt fehlt eine Menge, aber die Kasse ist in Ordnung.«
-Er fährt mit unruhigen Händen in seinen grauen Haaren herum. »Wir
-müssen seit zwei Stunden die Reserven angreifen.«
-
-Klaus Tiedemann wirft die Anweisungen und Schecks durcheinander mit
-bebenden Fingern; er hält inne und tritt zum Tisch, er schlägt eine
-Seite des Buches auf, dann sagt er: »Rechnen Sie hier noch einmal nach!«
-
-Görnemann gehorcht, trotzdem er es schon ein halbes dutzendmal getan
-hat und weiß, daß _hier_ kein Fehler sein kann; mit langem Bleistift
-folgt er den einzelnen Posten. Einen scheuen Blick wirft Klaus
-Tiedemann auf den Arbeitenden und macht einen lautlosen Schritt zur
-Kasse.
-
-Er reißt das Kuvert an sich, das er vorhin hat liegen sehen; es trägt
-Freds Schrift.
-
-Er verbirgt das Schreiben über dem klopfenden Herzen.
-
-Görnemann hat nichts gefunden. --
-
-Noch ein paar Worte wechseln sie; es ist draußen leer geworden. Es ist
-Feierabend.
-
-Gerhard kommt herein: »Es wird sich alles aufklären,« sagt er in seiner
-ruhigen Art.
-
-Görnemann läuft verzweifelt von einem Regal zum anderen. Planlos
-schlägt er Skonti auf und wieder zu.
-
-»Lassen Sie's, Görnemann,« sagt Gerhard, »so kommen Sie nicht darauf.
-Unsere Aufzeichnungen sind richtig.« Sein Blick geht zu seinem Vater
-hinüber. »Wo ist Fred?«
-
-»Er muß bald kommen.« Klaus Tiedemann verträgt seines Sohnes Blick
-nicht.
-
-»Bevor er nicht hier ist, läßt sich überhaupt nichts machen!«
-
-»Es muß heute nacht geschehen sein,« sagt Görnemann mit großen Augen.
-
-Klaus Tiedemann drängt zur Ruhe: »Man muß warten, bis Fred hier ist.«
-Er stellt sich, als wüßte er um dessen Ausbleiben.
-
-Er wird auf ihn warten.
-
-Die beiden anderen sollen ruhig nach Hause gehen, morgen früh wird sich
-alles geklärt haben.
-
-Sie folgen mit leisem Widerstreben, weil sie merken, daß er allein sein
-will.
-
-Mit traurigen Augen mißt ihn Görnemann.
-
-»Soll ich nicht doch bei dir bleiben?« fragt Gerhard.
-
-»Nein!« Er drückte beiden die Hände. »Geht nach Hause, es ist besser
-so!«
-
-Die Tür fällt zu, die Schritte verhallen: Gerhard geht hinauf zu Hilde.
-Er wird die Nacht über aufbleiben; wenn sie jemandes benötigt, soll sie
-nach ihm schicken.
-
-Zum erstenmal sprechen Bruder und Schwester.
-
-Als er geht, kommt Hansen.
-
-
-Es ist dunkel um Klaus Tiedemann geworden. Stunden sind vorüber. -- Der
-Lärm der Straße ist verstummt. Straßenbahn und Stellwagen verkehren
-nicht mehr.
-
-Nur hier und da hallen Schritte; sie klingen gedämpft durch die
-herabgelassenen Rollbalken.
-
-Er sitzt in den Sessel zurückgelehnt, den Kopf gesenkt.
-
-Der Schnee, der draußen fällt, wirft einen weißen Reflex durch die
-Oberlichte.
-
-Er hat die Augen geschlossen; ihn fröstelt.
-
-So saß er in vergangenen Nächten, wenn die Frau in Gesellschaft war und
-oben die Kinder schliefen.
-
-Die anderen lernten solche Stunden fürchten.
-
-Mit müdem Lächeln sah er seine Erfolge.
-
-Er wurde ihrer nicht froh.
-
-Nur die Schultern hingen tiefer und plumper wurde sein Gang. Das war's,
-was seine Frau von seiner Arbeit merkte.
-
-Er griff hart zu in allzu großer Liebe und seine Lippen waren rauh.
-
-Ein qualvolles Lachen stößt er aus.
-
-Nun hat er ihre Liebe errungen!
-
-Die suchenden Finger zucken; ein Blatt knistert unter ihnen auf; als
-wäre es Gift, fährt er zurück.
-
-Der Abschiedsbrief seines Sohnes!
-
-Er hat ihn gelesen, Wort für Wort; er will ganz sicher gehen, wenn er
-sein Kind von sich stößt.
-
-Er sieht Lecarts spöttische Augen; nun ist's ein Tiedemann selbst!
-
-Sein Erbteil hat er sich aus Eigenem genommen und ist in die Fremde
-geflohen, ohne Wort, ohne Abschied! Ein Tiedemann feig!
-
-Nun hat Klaus Tiedemann die Antwort, warum er in jener Nacht so scheu
-vor ihm zurückgewichen, warum sein Auge den Boden gesucht.
-
-Er billigt nicht die konstruierten Ehrbegriffe der Gesellschaft, aber
-er haßt die Feigheit. Nun werden sie mit Fingern auf ihn weisen, den
-Verkehr abbrechen, um den er Jahre gekämpft hat.
-
-Das Regiment muß Fred Tiedemann ausstoßen als Ehrlosen; in den
-Zeitungen steht morgen sein Name als der eines kindisch eitlen
-Bestechers.
-
-Unsummen hat er geopfert, mit denen er Tausende von Tränen hätte
-stillen können. Klaus Tiedemann zweifelt nicht mehr, daß er es getan
-hat. Nicht genug war ihm der ehrliche Name seines Vaters.
-
-Er mußte etwas Häßliches bergen, daß alle von ihm abfielen!
-
-Fred hatte keine Lust mehr am Geschäft. Seine Stellung ist nach der
-Interpellation -- so schreibt er -- ohnehin im öffentlichen Leben
-geschädigt; so legt er alles zurück, er will fortan nur seinen
-Passionen leben -- das sei die erste Pflicht des Menschen! In der
-Hauptstadt des Nachbarreiches gedenke er sich niederzulassen, da sei
-ein Wiedersehen leicht.
-
-Kein Wort der Reue und keines der Liebe, sonst keine Silbe! Wie ein
-Fremder ist er von ihm gegangen.
-
-Klaus Tiedemann stöhnt auf, die Wände rücken näher.
-
-Als Leo starb, da war ihm leichter; er gab ein Kind der Erde zurück,
-das allzu schwach gewesen war, sie länger zu ertragen. Wäre Fred
-gefallen, wäre er ermordet worden vom beleidigten Sohn, er hätte
-geweint und die Gesellschaft angeklagt, so aber fällt alles auf seines
-Kindes eigenes Haupt. Er weiß nicht Bescheid in den Ehrbegriffen
-Jan Wolnys, aber er kennt trotzdem die Ehre, die er sein Leben lang
-besessen hat. Er kennt nicht den Mut, den Fred zeigen sollte, aber er
-kennt den Mut, einstehen zu müssen für seine Handlungen. Immer wieder
-legt sich Klaus Tiedemann die Lage klar:
-
-Fred hat Geld genommen, große Summen, die jetzt nötig wären. Heimlich
-hat sein Kind sie entwendet, daß andere nicht um sein Handeln wußten.
-Das ist nicht besser als ein Dieb! Wohl ist sein Erbteil, das er mal
-erhalten wird, größer, aber das Geld steht ihm jetzt noch nicht zu,
-solange sein Vater lebt.
-
-Feig hat er alles im Stiche gelassen und die Firma auf schlechte Wege
-geführt. Seine Flucht wird bekannt werden, die Gegner werden sie für
-ihre Zwecke ausnützen.
-
-Schwer ringt Klaus Tiedemann mit seinen Gedanken, die ihn fesseln und
-umstricken.
-
-Er sieht keinen Ausweg.
-
-Immer wieder kommt er zum selben Punkt zurück.
-
-Streng war er mit sich Zeit seines Lebens gewesen, allzu streng. Er hat
-seine Gedanken stets gezwungen, darum sah er nicht der anderen Fehler.
-
-Wie Schuppen ist's ihm nun von den Augen gefallen, da er Fred nicht
-mehr hier weiß. Nun erst ist seine zweite Frau wirklich gestorben.
-Klaus Tiedemann findet die Gedanken seiner Jugend.
-
-Er steht auf, dumpf klingen seine Schritte durch den schweigenden Raum.
-
-Abgeschieden von den anderen, muß er sich entscheiden: nun gibt es
-keine andere Lösung mehr.
-
-Er hört den schweren Schritt des Wächters vorüberstampfen, von Stunde
-zu Stunde leiser; der fallende Schnee dämpft den Hall.
-
-Dann wieder ist's Ruhe.
-
-Fred kommt nicht mehr, die Firma braucht eine starke Hand, besonders
-jetzt!
-
-Clo und Hilde sehen auf ihn, sie wollen Rat und Hilfe.
-
-Er muß sich entscheiden!
-
-Starrsinn ist in ihm, mit allem zu brechen, was er für richtig gehalten
-hat.
-
-Er legt den Kopf auf die Tischplatte in bleierner Müdigkeit, doch er
-darf nicht ruhen.
-
-Er dreht das Licht auf und geht zur Kasse.
-
-Aus einem geheimen Fach nimmt er seine Schatulle; sie ist alt und
-abgegriffen.
-
-Er hält inne und horcht:
-
-Leichte, schnelle Schritte gehen ganz nahe am Fenster vorbei, sie
-machen halt und gehen hartklingend wieder zurück.
-
-Ein bitteres Lächeln ist auf seinen Lippen: es mag wohl eine sein, die
-auch um Liebe geht.
-
-Kalt scheint das Licht der Glühlampe auf sein zermartertes Gesicht, als
-er nun den Deckel hebt. Briefe fallen ihm entgegen.
-
-Es ist die Schrift von Gerhards Mutter: alte, vergilbte, eckige
-Federzüge.
-
-Sie floh und brach die Liebe um anderer Liebe willen!
-
-Dürre Blätter liegen, halb zerrieben, zwischen den Papieren; Klaus
-Tiedemann weiß nicht, woher sie stammen. Er mag sie wohl von einem
-Spaziergang nach Hause gebracht haben, derweil die Frau an einen
-anderen dachte.
-
-Zeitungsausschnitte mit rot und blau unterstrichenen Stellen
-zeigen Klaus Tiedemanns Erfolge; mit gierigem Blick liest er die
-nebensächlichen Berichte, daß ein Klaus Tiedemann in der Union-Street
-sein Geschäft vergrößert, daß er die Vertretung der European Company
-übernommen hat. Es sind Anzeigen, die er einst selbst bezahlte. Heute,
-in der schweren Stunde, müssen sie ihm Zeuge sein, daß ihn die Welt
-anerkannt hat. Daran klammert er sich fest ....
-
-Ein schweres Kuvert mit dem Monogramm auf pergamentartigem Papier zeigt
-die Vermählung des Bankiers Klaus Tiedemann mit Fräulein von Wesenheim,
-Tochter des Konsuls Ernst von Wesenheim, Kammerrat, Börsenrat usw., in
-würdevollen Worten an.
-
-Dann kommen mannigfaltige Erinnerungen an die Zeit der Kinder:
-
-Hilde und Clo haben einen Wunsch aufgesagt; in zierlichen Worten
-ist er hier niedergeschrieben; man merkt nicht die vielen Püffe der
-Erzieherin, bis endlich die kleinen Köpfe die Worte faßten. Klaus
-Tiedemann war stets tief gerührt und hatte in seiner bescheidenen,
-scheuen Art die Leistungen weit überschätzt.
-
-Unbeholfene Zeichnungen aus Fetzen Papieres finden seine tastenden
-Hände: Indianer zu Pferde und Engel mit schlagenden Flügeln! Der kleine
-Fred hat sie gezeichnet. Ein weher Laut zittert von seinen Lippen.
-Klaus Tiedemann legt den Kopf auf die Tischplatte; endlich kommen die
-erlösenden Tränen:
-
-Warum ist das Leben so hart?
-
-Sie waren alle so liebe, so herzige Kinder, die von den Häßlichkeiten
-der Welt nichts wußten. Und nun ein Betrüger!
-
-»Er ist es.« Laut ruft Klaus Tiedemann die Worte, daß er selbst scheu
-zusammenfährt.
-
-Warum wäre er sonst geflohen? Warum hat er Geld unterschlagen? Warum
-hat er nicht seiner Geschwister gedacht?
-
-Das Kind seiner Zeit!
-
-Rücksichtslos, Altes verachtend, nur dem Genuß lebend, das Leben
-sich leicht machend, das Geld als Hauptmittel ansehend, um etwas zu
-erreichen. Schwer stöhnt Klaus Tiedemann auf:
-
-Er selbst hat ihm den Weg gewiesen, hat aus Liebe und Nachgiebigkeit
-die häßlichen Züge nicht im Keime erstickt. Das Geld hat höhere Werte
-als die der Bequemlichkeit. Es legt Verpflichtungen auf, die schwer
-zu erfüllen sind. Nur der Erwerb bringt Freude, nicht der Besitz. Der
-Mensch muß weiter streben, darf nicht halten und nicht rasten! _Ganz_
-soll er leben! Nicht scheu nach anderen fragen; aufrechten Blickes
-gehen; soll das aussprechen, was er denkt, nicht das, was andere wollen!
-
-So war er als Kaufmann gewesen, nicht so als Mensch! Klaus Tiedemann
-hat sich nach der Meinung der Leute gerichtet, um deren Liebe zu
-erwerben.
-
-Das ist der schwere Irrtum seines Lebens.
-
-Er läßt sich auf den Sessel fallen; seine Augen stieren durch das
-Dunkel. Ihm kommen schwere Gedanken.
-
-Wenn Fred recht hätte? Wenn es die erste Pflicht des Menschen wäre, nur
-sich zuliebe zu leben? Vielleicht ist seines Sohnes Art die richtige?
-
-Sorgenlos ging dann die Zeit an einem vorbei. Aber das war nur möglich,
-wenn andere nicht so dachten? Das konnte das Rechte nicht sein. Doch
-alles ist in der Welt; sie schreitet fort nach oben -- in harter
-Selbstsucht.
-
-Warum sollte das Leben nicht doch darin bestehen?
-
-Er hatte anders gedacht und war unglücklich gewesen. In froher Laune
-floß das Leben Freds.
-
-Aus tiefer Qual stöhnt er auf. Zu spät kommt ihm die Erkenntnis: er hat
-seine Zeit verlebt.
-
-Ein Zittern befällt ihn, eine furchtbare Angst vor dem Ungewissen,
-Ungenützten, vor dem Zuspät!
-
-Totenstille ist um ihn.
-
-Dann hätten die recht, die von selber gingen?
-
-Dann wäre es Pflicht, das Kind zu tilgen, ehe es geboren?
-
-Wofür die langen Qualen, wenn ein Fingerdruck Ruhe gab auf ewig?
-
-Ein paar Schritte, und es ist getan!
-
-Klaus Tiedemann weiß die Waffe im Kasten, die er als junger Mann bei
-sich getragen hat; er braucht nur einige Schritte zu machen, dann
-starrt ihn die schwarze Mündung an: ein Druck, und es ist vorbei.
-Während er stürzt, dreht sich die Kammer weiter, zum nächsten Schuß.
-
-Wie leicht findet der Mensch seine Ruhe!
-
-Schon einmal hat Klaus Tiedemann an den Selbstmord gedacht, als er
-hungerte; doch nur Schwäche glaubte er damals darin zu sehen.
-
-Nun dünkt er ihm Erlösung.
-
-Fahrige Eile kommt über ihn: wie wohlig muß es sein, ausruhen zu dürfen
-nach langer Qual!
-
-Wilder Haß ist in ihm; er knirscht mit den Zähnen. Niemand liebt ihn,
-er war einsam, und einsam will er sterben. Sie sollen machen, was sie
-wollen, ihm ist alles gleich, er will endlich Ruhe finden. Er tastet
-sich in die Höhe und geht dem Kasten zu; ein irres Lachen ist auf
-seinen Lippen. Des Lebens Krone!
-
-Die Faust schlägt an die kalte Mauer; ohnmächtige Anklagen wirft die
-lallende Zunge durch die ruhende Nacht. Schwarze Hände streifen seine
-Stirn, ein Fallen ist um ihn, ein Drehen und Winden. Er glaubt Arme zu
-spüren, die sich nach ihm strecken, ihn festhalten wollen. In rasenden
-Schlägen teilt er die Luft, er will sterben! Er will Leo folgen, dem
-einzigen, der ihn geliebt hat.
-
-Sein Kind wird ihn verstehen.
-
-Aus dem Dunkel leuchten ihm gespenstige Augen entgegen: er hört des
-Toten Stimme:
-
-»Das Leben hat keinen Wert.«
-
-Hansens Bild zerfließt mit dem Gebilde seiner erregten Phantasie zu
-einem Ganzen.
-
-Er tut einen wilden Schrei. Ein furchtbarer Druck raubt ihm plötzlich
-den Atem. Er bäumt sich auf; schwarz wie ein Grab umgeben ihn die
-finsteren Wände.
-
-Ist das der Tod?
-
-Sein Herz macht schwere, unregelmäßige Schläge. Er merkt, wie ihm das
-Blut durch die Adern schnellt; er sinkt nach rückwärts. Kraftlos fallen
-die Glieder herab; weit treten die Augen hervor und starren entsetzt in
-das Dunkel.
-
-Schwerer Druck lastet auf seiner Brust; in seinen Ohren ist ein
-heulendes Sausen und Brausen. Wie gelähmt liegt die Zunge im Munde.
-Kein Glied kann er rühren. Kalter Schweiß rinnt über sein Gesicht.
-
-Der Kopf fällt vornüber.
-
-Hart, erbarmungslos starr stehen die Wände.
-
-Regungslos liegt Klaus Tiedemann; nur die Uhr in seiner Tasche tickt
-weiter. -- -- --
-
-Fred Tiedemann, auf seiner Flucht, in dem Hotelzimmer, wacht auf und
-wirft sich von einer Seite auf die andere; doch den Schlaf findet er
-nimmer.
-
-Nach langen Sekunden tut Klaus Tiedemann einen tiefen Atemzug und zieht
-die eiskalten Beine an sich.
-
-Er will nicht sterben!
-
-Langsam kriecht das Blut wieder durch die Adern; schwer und
-ungleichmäßig fängt der Puls zu arbeiten an. Er hebt den Kopf mit
-fieberheißen Augen.
-
-Nun ist er neben ihm gestanden. Der Segenspender!
-
-Mühsam richtet er sich auf und atmet schwer.
-
-Die erste Mahnung.
-
-Er schauert zusammen.
-
-Sie hätten ihn finden müssen, in wenigen Stunden; schon hebt leise der
-Verkehr auf den Straßen an.
-
-Er hat sein Haus nicht bestellt.
-
-Zitternd läßt er sich in den Sessel fallen.
-
-Sein Herz hat ihn aufgerüttelt, geschwächt durch die furchtbaren
-Erregungen der letzten Tage.
-
-Es können noch Jahre sein, die er als alter Mann zu leben hat, es
-können vielleicht aber auch nur Stunden sein.
-
-Nun weiß er, daß er alt ist, was seine Pflicht ist!
-
-Die Hand auf die Brust gepreßt, geht er hin und wider.
-
-Hier und da bleibt er stehen und horcht den Schritten, die leise vom
-oberen Stockwerk durch die Decke klingen.
-
-Es mag wohl Hilde sein, die wacht.
-
-Manch Fenster in Tiedemanns Haus war hell erleuchtet geblieben; die
-Sorge fuhr durch das Dunkel und schlug mit ihren Gewändern.
-
-Klaus Tiedemann streckt mit glücklichem Lächeln die Arme; unendliche
-Liebe zu den Menschen erfaßt ihn. Noch lebt er!
-
-Er will die Tage nützen, seinen Kindern lang entbehrte Gerechtigkeit
-geben.
-
-Kein Baum ist so gut, daß er nicht schlechte Zweige hätte.
-
-Von selbst ist Fred gegangen.
-
-Doch andere warten im Vertrauen; bei ihnen muß Glück wohnen.
-
-Er will zur Tür; auf halbem Wege kehrt er wieder um.
-
-Noch ist er mit sich nicht im reinen.
-
-Er hört den Lärm auf der Straße. Fahl fällt das Winterlicht durch die
-Fenster.
-
-Zu neuem Leben drängt die Welt.
-
-In tiefen Gedanken steht Klaus Tiedemann, die Augen sehen einwärts,
-mechanisch fahren die Hände den Sessel entlang.
-
-Er hört eine Tür gehen und eilige Schritte, dann drückt eine Hand auf
-die versperrte Schnalle: »Herr Tiedemann!«
-
-»Ich komme.«
-
-In dem Türrahmen steht Görnemann, hektische Röte auf den Wangen: »Gott
-sei Dank!«
-
-Die beiden Greise sehen sich lange in die Augen.
-
-»Und nun holen Sie mir meine Kinder!«
-
-»Ja!« Görnemann rafft sich auf, noch immer zucken ihm die Knie: nicht
-lebend glaubte er seinen Herrn wieder zu finden. »Auch Gerhard?« fragt
-er unsicher.
-
-Klaus Tiedemann nickt ernst:
-
-»Auch Gerhard; der ist der wichtigsten einer.«
-
-Er bleibt beim Tische stehen, aufrecht und fest.
-
-Hilde stürzt auf ihn zu.
-
-In tränenlosem Schluchzen liegt sie an seiner Brust. Klaus Tiedemann
-preßt sein Kind an sich; seine Lippen streifen ihre Stirn:
-
-»Und dann laß Hansen holen!«
-
-Durch Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Du Lieber, du Guter!«
-
-Mit schmerzlichem Zucken um den Mund sagt er:
-
-»Er gehört nun auch zu uns, Hilde; er muß mich glauben machen, daß das
-Leben noch Glück für uns hat.«
-
-Er hebt den Kopf, er hört der anderen Schritte; schon steht Gerhard in
-der Tür.
-
-Er streckt ihm die Hände entgegen.
-
-»Laß gut sein, Vater,« sagt der, »ich will's den anderen schon
-auswischen, du sollst nicht umsonst gelebt haben!«
-
-Es ist der Blick des alten Tiedemann, der ihm aus den jungen Augen
-seines Sohnes entgegenkommt, in Liebe und Kraft.
-
-
- Buchdruckerei
- Rudolf Mosse
- Berlin SW
-
-
-
-
- +--------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | ausnützen -- ausnutzen |
- | euere -- eure |
- | heut -- heute |
- | Mansbergischen -- Mansbergschen |
- | Papieres -- Papiers |
- | teuere -- teure |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 29 »mußtt« in »mußt« geändert. |
- | S. 32 »zitteten« in »zitterten« geändert. |
- | S. 40 »Ist treffe« in »Ich treffe« geändert. |
- | S. 57 »vorübergeneigt« in »vornübergeneigt« geändert. |
- | S. 65 »Pulz« in »Puls« geändert. |
- | S. 70 »ermuntend« in »ermunternd« geändert. |
- | S. 83 »Lipppen« in »Lippen« geändert. |
- | S. 89 »Crême« in »Crème« geändert. |
- | S. 104 »Betrachttung« in »Betrachtung« geändert. |
- | S. 108 »Directoir-Toilette« in »Directoire-Toilette« |
- | geändert. |
- | S. 110 »hat« in »hast« geändert. |
- | S. 117 »Bamherzigkeit« in »Barmherzigkeit« geändert. |
- | S. 141 »Kukuck« in »Kuckuck« geändert. |
- | S. 153 »schrille« in »schrillen« geändert. |
- | S. 153 »horscht« in »horcht« geändert. |
- | S. 158 »Schwiegevater« in »Schwiegervater« geändert. |
- | S. 161 »Beistift« in »Bleistift« geändert. |
- | S. 179 »Gröben« in »Gröden« geändert. |
- | S. 188 »Kontor« in »Kontur« geändert. |
- | S. 197 »Fred Tiedemann scheint ...« in |
- | »Klaus Tiedemann scheint ...« geändert. |
- | S. 204 »Bite« in »Bitte« geändert. |
- | S. 214 »daß« in »das« geändert. |
- | S. 215 »Gerhardts« in »Gerhards« geändert. |
- +--------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Lebenswende, by Walter v. Molo.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Lebenswende
-
-Author: Walter von Molo
-
-Release Date: May 6, 2017 [EBook #54671]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-<p class="center big240 p2"><span class="antiqua">KRONEN<br />
-BÜCHER</span></p>
-
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-</div>
-
-<p class="center big140 p6">Romane erster Schriftsteller
-</p>
-
-
-
-
-<h1>Lebenswende</h1>
-
-<p class="center p2 big120">Roman</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="center big160">Walter v. Molo</p>
-
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-</div>
-
-
-<p class="center p4 big120"><span class="antiqua">RUDOLF MOSSE<br />
-(KRONEN-VERLAG)<br />
-BERLIN SW 68<br /></span>
-</p>
-
-
-
-<p class="center p6 pagebreak">Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten<br />
-Nachdruck verboten<br />
-<span class="antiqua">Copyright 1918 by Rudolf Mosse, Berlin SW 19</span>
-</p>
-
-
-
-<p class="center p6 big140 pagebreak">Lebenswende</p>
-
-<blockquote>
-
-<p class="noindent">erschien im Jahre 1908 unter dem Titel »Klaus
-Tiedemann, der Kaufmann«; vorliegende Ausgabe
-ist vom Autor neu durchgesehen und in mancher
-Hinsicht verändert worden.</p></blockquote>
-
-<hr class="chap" />
-
-
-
-
-<h2 title="Lebenswende"></h2>
-
-<h3 title="Abschnitt 1"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></h3>
-
-<p class="begin noindent">
-
-»Willst du noch ein Butterbrot?« fragte zum
-zweitenmal Hilde Tiedemann ihren jüngeren Bruder
-Leo und sah über den Frühstückstisch.</p>
-
-<p>Als wieder keine Antwort kam, stellte sie klirrend
-die Tasse nieder, die sie in der Hand gehalten hatte,
-und trat zu dem Knaben, der mit starren Augen vor
-sich niedersah. »Leo!« Sie rüttelte die schwächliche
-Gestalt, daß die beinahe vornüber fiel, und strich ihm
-das seidenweiche Haar aus der Stirn. »Was ist
-mit dir?«</p>
-
-<p>Langsam richtete sich der kränkliche Achtzehnjährige
-auf; er kniff mißmutig die Brauen zusammen: »Ich
-mag nichts, hab' ich gesagt!« Es klang verhaltener
-Aerger aus der lügenden Stimme.</p>
-
-<p>»Du hast <em class="gesperrt">nichts</em> gesagt,« antwortete sie und sah
-zu der Uhr, die über dem Kamin in bedächtigem Gang
-ihr Pendel schwang. »Du solltest schon lange in der
-Schule sein!«</p>
-
-<p>Leo zog ärgerlich die Schultern: »Laß das <em class="gesperrt">meine</em>
-Sorge sein und kümmer' dich um andere!« Seine
-Augen gewannen an Glanz, weil er eine Waffe gegen
-seine Schwester gefunden zu haben meinte: »Zum<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-Beispiel um deinen Hansen, der ist gewiß jetzt noch im
-Bett.« Er lachte, und die Schadenfreude saß um
-seinen blassen Mund.</p>
-
-<p>Hilde war rot geworden und gab keine Antwort,
-nur mit dem Löffel stocherte sie in der Tasse, trotzdem
-der Zucker schon lange vergangen war. Dann stand
-sie jäh auf, mit plötzlichem Entschluß. »Stichle, solange
-du willst, es ist mir gleich,« sagte sie, hochatmend holte
-sie Luft, »aber das eine muß ich dir sagen, wenn du
-so weiter machst, Leo, dann nimmt es ein schlechtes
-Ende mit dir!«</p>
-
-<p>Leo hatte sich im Sessel zurückgelehnt und sah mit
-einem Blick, der unbefangen sein sollte, aber doch
-widerwilliges, ängstliches Eingestehen zeigte, auf seine
-Schwester. Er versuchte ein verlegenes Lächeln:
-»<em class="gesperrt">Was</em> wird ein schlechtes Ende nehmen, bei mir oder
-bei dir?« sagte er.</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Du!</em>« ihr Fuß stampfte entrüstet auf, »du weißt
-ganz gut, was ich meine! Sei nicht so häßlich mit
-mir!« Unwillig warf er die Serviette auf den Tisch:</p>
-
-<p>»Ich bin kein kleiner Bub, der dir über alles
-Rechenschaft geben muß.«</p>
-
-<p>»Das will ich auch nicht, aber schonen sollst du
-dich und deine Gesundheit; mußt du denn <em class="gesperrt">jetzt</em> schon
-alles mitmachen, immer dein Erwachsenen-Spielen!
-Du hast doch das <em class="gesperrt">ganze</em> Leben vor dir? Wenn Papa
-wüßte, wann du <em class="gesperrt">heute</em> nacht wieder nach Hause gekommen
-bist!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span>
-
-Erschreckt blickte er sie an. »Du wirst es doch nicht
-sagen?« fragte er hastig.</p>
-
-<p>»Nein, gewiß nicht, aber du solltest Vernunft annehmen.«</p>
-
-<p>»Was heißt Vernunft annehmen! &mdash; Das ist ein
-blödes Wort für euch Mädels, für uns kann das Leben
-nicht früh genug anfangen.« Seine bleichen Wangen
-bekamen Farbe; er erhob sich. »Erzählte Papa nicht
-selbst, wie er schon als kleiner Bub alles mitgemacht
-hat, wie er mit achtzehn Jahren allein in die Welt
-hinauszog? Und ich soll immer hinter dem Ofen
-hocken?«</p>
-
-<p>»Das war ein anderes Leben, Leo, von dem Papa
-spricht! Das war Arbeit, und nicht Vergnügen wie
-bei dir.«</p>
-
-<p>Er ließ die Hand heftig auf den Tisch fallen
-»Herrgott ja, aber soll ich mich plagen, wenn ich es
-nicht notwendig habe? Papa war arm und mußte
-arbeiten, wir aber sind, Gott sei Dank, reich.«</p>
-
-<p>»Wie du daherredest,« ihre Stimme zitterte in
-Erregung: »Arbeiten muß jeder Mensch.«</p>
-
-<p>»Ja, tu' ich ja auch! Ich habe Kopfweh!«</p>
-
-<p>Sie faßte seine schmale Hand: »Wenn dir nicht
-gut ist, lege dich ins Bett, aber geh nicht so viel
-lumpen, du bist noch zu jung!«</p>
-
-<p>Er fuhr zornig auf: »Kommst du schon wieder
-mit dem Alter, als ob alles davon abhinge! Der eine
-ist eben früher reif, der andere später &mdash; das verstehst
-du nicht!« Er drehte ihr den Rücken zu und begann<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-vor sich hin zu pfeifen. Dann sagte er leichthin über
-die Schulter: »Görnemann war vorhin da und suchte
-Fred.«</p>
-
-<p>»Wo ist Fred?«</p>
-
-<p>»Weiß ich's?«</p>
-
-<p>Sie sah wieder zur Uhr und schüttelte den Kopf:
-»Neun, und er ist noch nicht auf!«</p>
-
-<p>»Aufgestanden ist er schon lange, aber er ist gleich
-weggefahren. Sie probieren heute bei der Morgenarbeit
-den &#8218;Franklin&#8217;,« sagte Leo wichtig, dessen älterer
-Bruder einen Rennstall hielt, und unterdrückte ein
-Gähnen.</p>
-
-<p>Als Hilde keine Antwort gab, sondern den Tisch
-abzuräumen begann, setzte er sich auf den Diwan und
-sah ihr zu: Hilde Tiedemann war mit ihren zwanzig
-Jahren ein hübsches Mädchen, das gestand sich ihr
-Bruder jetzt, wie schon oft, wohlgefällig zu, und sein
-Blick, der ihre schlanken Formen und flinken Bewegungen
-verfolgte, wurde freundlicher. »Du solltest,
-Hilde, nicht alles selbst tun! Wozu haben wir denn
-unsere Dienstboten?«</p>
-
-<p>Hilde hielt in der Arbeit inne:</p>
-
-<p>»Warum soll ich das nicht tun? Das schadet doch
-nichts?«</p>
-
-<p>»Schadet nicht, aber die Leute bekommen eine
-falsche Meinung von uns. Sie müssen sehen und
-spüren, daß wir die Herren sind.«</p>
-
-<p>»Das merken sie viel eher, wenn man aus freien
-Stücken mitarbeitet, als wenn man sie, wie ihr es<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>
-liebt, allein schalten und walten läßt und dabei alles
-verkommt.«</p>
-
-<p>»Du bist köstlich, als ob bei uns so etwas vorkommen
-würde!«</p>
-
-<p>Hilde strich die letzten Brotkrumen vom Tisch und
-erwiderte: »Ich kann's als Mädel nicht ändern.«</p>
-
-<p>Leo rückte unruhig herum: »Lächerlich, einfach
-lächerlich! Wenn es nach dir ginge, dürfte man sich
-überhaupt keine Freude gönnen! Du siehst in einem
-fort Gespenster! Papa, Fred und ich sind lustig und
-guter Dinge, du predigst immer Gefahr. Ich möchte
-nur wissen, woher eine solche für uns kommen sollte?«</p>
-
-<p>Hilde Tiedemann schüttelte den Kopf; sie sagte:
-»Das ist es ja, Leo, daß ihr alle so sicher seid und mich
-mit meinen Sorgen auslacht! Ihr glaubt, weil wir
-Geld haben, kann uns nichts geschehen. Schau, Leo,«
-sie trat ganz nahe zu ihm und dämpfte, in eindringlicher
-Liebe, ihre Stimme: »Du arbeitest viel zu wenig
-für deine Schlußprüfung, du verläßt dich ganz auf
-das Schwindeln mit dem Schuldiener &mdash; wenn's nun
-nicht gelingt?«</p>
-
-<p>Er lachte selbstsicher: »Er bekommt genug Geld,
-es <em class="gesperrt">wird</em> gelingen.«</p>
-
-<p>»Du <em class="gesperrt">kannst</em> es nicht wissen. Und selbst, wenn es
-gelingt; schämst du dich denn nicht vor deinen Mitschülern,
-die sich ehrlich plagen müssen? Weißt du,
-ich verstehe ja nichts davon, aber ich &mdash; wenn ich an
-deiner Stelle wäre &mdash; ich würde lieber durchfallen,
-aber ehrlich arbeiten, als durch Betrug Erfolg haben
-zu wollen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span>
-
-Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du
-redest so gut, wie du es verstehst &mdash; du bist furchtbar
-unpraktisch,« er nahm einen überlegenen Ton an:
-»merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man
-erreichen, die Mittel dazu sind gleich &mdash; wenn man es
-sich bequemer machen kann, dann soll man's erst recht
-tun &mdash; alles andere ist Unsinn ...« Er hielt inne
-und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen,
-das eingetreten war und meldete: »Herr
-Görnemann ist da!«</p>
-
-<p>Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum
-kommt er denn nicht herein?« Sie rief: »Herr Görnemann!
-Herr Görnemann, kommen Sie doch zu uns
-herein!«</p>
-
-<p>Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des
-Prokuristen, mit weißem Kopf und rosigen Wangen,
-schob sich in die Türöffnung; sie sagte bescheiden:</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht
-stören. Ist Herr Fred schon da?«</p>
-
-<p>Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell
-Sie geworden sind! Sie wollten nicht &#8218;stören&#8217;? Wen
-denn?«</p>
-
-<p>Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern
-scharf auf sie. »Der junge Herr hat dem Personal
-verboten, in die Privatwohnung zu kommen.«</p>
-
-<p>»Das gilt aber doch nicht für <em class="gesperrt">Sie</em>!«</p>
-
-<p>»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es
-ist besser, man gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span>
-und nickte ihm freundlich zu. »Guten Morgen, Herr
-Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann
-das Blut ins Gesicht stieg.</p>
-
-<p>»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr
-Görnemann?« fragte Hilde und nestelte mit nervösen
-Fingern an ihrer Bluse.</p>
-
-<p>»Ja &mdash; es sind Briefe zu unterschreiben und
-Wechsel für Frau von Lecart zu unterfertigen.« Seine
-Stimme war unsicher.</p>
-
-<p>»Für Clo?«</p>
-
-<p>»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt,
-ich kann die Wechsel aber nicht allein hinausgeben,
-weil die Summe zu hoch ist.« Er machte eine
-rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter
-seinen Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann
-wieder heraufsehen,« sagte er hastig. »Guten Morgen,
-Fräulein Hilde!«</p>
-
-<p>Hilde wollte den alten Mann versöhnen, darum
-fragte sie noch rasch. »Wie geht es Ihnen immer, Herr
-Görnemann?«</p>
-
-<p>Der stand schon auf der Schwelle. »Gut, ich danke.«</p>
-
-<p>Als der Prokurist die Tür lautlos hinter sich zugezogen
-hatte, fragte Hilde vorwurfsvoll ihren Bruder:
-»Warum hast du ihm nicht gedankt, als er dich
-grüßte?«</p>
-
-<p>»Laß mich in Ruhe! Er könnt' sich 'mal auch schon
-angewöhnen, zu mir <em class="gesperrt">Herr Tiedemann</em> zu sagen,
-statt mich, wie ein Kind, ewig mit dem Vornamen anzusprechen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-
-»Gegen ihn bist du doch auch ein Kind! Du solltest
-ihn überhaupt zuerst grüßen.«</p>
-
-<p>»Er ist doch nur ein Angestellter von Papa?!«</p>
-
-<p>»Seit mehr als vierzig Jahren! Er hat Papa gekannt,
-als der noch arm war und hat ihm geholfen,
-sein Geld zu verdienen.«</p>
-
-<p>»Dafür hat er sein Gehalt bekommen.«</p>
-
-<p>Sie wollte heftig widersprechen, doch sie schwieg
-und horchte auf den festen Tritt, der von dem Schlafzimmer
-ihres Vaters herüberkam und vor der Tür
-zögerte. Dann klang die Türschnalle. »Guten Morgen,
-Kinder!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann küßte seine Tochter auf den
-Mund und trat zu Leo, der langsam aufgestanden war
-und lässig sagte: »Morgen, Pa!« Leo schloß für einen
-Augenblick die Lider und beugte sich herab, damit ihn
-seines Vaters Mund erreichen konnte. Der küßte ihn
-auf die Stirn:</p>
-
-<p>»Frisch beisammen und ausgeschlafen, mein
-Junge?« fragte Klaus Tiedemann.</p>
-
-<p>»Ja, Pa!« Leo suchte seiner Stimme Klang zu
-geben. »Mir ist wieder ganz gut.«</p>
-
-<p>»Kein Kopfweh mehr?«</p>
-
-<p>»Nein, ganz wenig.«</p>
-
-<p>»So ist's recht, und nun Hilde: meinen Tee!« Er
-trat zum Fenster und sah aufs Thermometer, während
-Leo sich an Hilde heranmachte und flüsterte:</p>
-
-<p>»Nichts sagen, du hast es mir versprochen!«</p>
-
-<p>Sie schüttelte unwillig den Kopf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann ließ sich schwer in den gepolsterten
-Sessel fallen und sah seinen Jüngsten an. »Ein
-wenig blaß bist du doch noch! Gehe heute lieber nicht
-in die Schule!« sagte er.</p>
-
-<p>»Meinst du, Papa?«</p>
-
-<p>»Was du da drinnen versäumst, kannst du noch
-hundertmal einholen, bleib' daheim!«</p>
-
-<p>»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner
-Schwester hinüber. »Dann lege ich mich aber noch
-ein wenig hin, denn ich bin recht müde; jetzt kann
-ich's ja sagen!«</p>
-
-<p>»Tue das!«</p>
-
-<p>»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf,
-damit wir plaudern können?«</p>
-
-<p>»Gewiß, mein Kind!«</p>
-
-<p>Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton
-der Worte und dem Blick, den Klaus Tiedemann der
-hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes nachsandte,
-bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde
-mit einer entschuldigenden Färbung in der Stimme:
-»Die Schulmeister täten mir den Buben ganz
-ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel vorschieben
-würde.«</p>
-
-<p>»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte
-nur schwer aus der Kehle, weil sie an den ewigen
-Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres Vaters
-denken mußte, »aber Leo sollte sich auch <em class="gesperrt">selbst</em> mehr
-schonen!«</p>
-
-<p>»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer
-Wein trinkt!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-
-Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit
-begann er zuerst mit dem rückwärtigen,
-volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien er an das
-Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden.
-»Ist Fred schon dagewesen?« fragte er.</p>
-
-<p>»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort.
-Nur die Zeitung knisterte.</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute!
-Er hatte doch eigentlich keinen Grund dazu!
-Der Aelteste hatte nie viel Lust für das Werk seines
-Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil
-ihn sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär
-zurückgekommen war &mdash; am liebsten wäre er dabei geblieben
-&mdash;, hatte sein Vater darauf bestanden, daß er
-in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen,
-doch Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es
-die Sicherung seines Lebenswerkes, seines Hauses galt,
-war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach! Fred
-fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen
-Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der
-Zeit an schien sein Vater jede Lust zum Geschäfte verloren
-zu haben; er sehnte sich plötzlich nach Ruhe: Wenn
-Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch
-<em class="gesperrt">Chef</em> sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden
-schien, trat sein Vater zurück. Er war schließlich
-70 Jahre alt, da kam die Jugend ins Recht!</p>
-
-<p>Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob
-der Vater etwas benötigen sollte.</p>
-
-<p>Es vergingen stille Minuten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-
-In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken
-wieder in die Ferne. Sie dachte: ihre Mutter &mdash; vor
-Jahresfrist war sie gestorben! &mdash; sie trugen noch die
-Trauergewänder für sie &mdash; war eine Frau gewesen, die
-sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr
-halbes Leben auf der Chaiselongue verbrachte, mit
-Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus Tiedemann
-mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein,
-etwas zu selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens
-die ersten Jahre der Ehe. Das schien mit der Zeit von
-ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich mancher
-garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren
-Jahren. Mama sprach stets mit gewisser Rückhaltung
-von Papa, der eben aus <em class="gesperrt">anderen</em> Kreisen stammte
-als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater
-nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu
-vergessen, obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen
-und Reichtum verholfen hatte. Schon seiner
-Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden;
-sie hatten ihn stets nur als einen reichen und &mdash; nach
-Klaus Tiedemanns Meinung &mdash; daher vornehmen
-Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht, sie dabei
-zu lassen.</p>
-
-<p>Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen
-hing er mit rührender Liebe: weniger an den Töchtern,
-über die Frauen hatte er überhaupt seine eigene
-Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine
-ältere Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu
-ihrer Wahl geleitet hatte. Aber seine Söhne waren<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>
-ihm alles; diese eleganten jungen Leute, denen jeder
-Salon offen stand, konnten alles von ihm haben.
-Willig ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen
-und sah auf: Vater hatte mit hastigem Ruck
-ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß sie
-hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten
-waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung:
-Warum spielte Leo stets auf Hansen, seinen
-früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken oder in Verlegenheit
-bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den
-Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn,
-was ging das ihn an? Sie bewegte trotzig den Kopf:
-was ging das ihn an? Vater merkte nichts, sonst hätte
-er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das
-wußte Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne
-mußten Namen von Klang haben und in der Gesellschaft
-etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen
-nicht der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und
-seine freche Hand, die den Menschen an der schwächsten
-Seite zu packen wußte &mdash; an der Eitelkeit. Das vergab
-ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im
-Leben sein, daß manchem sein Können schadete und
-ihm Feinde schuf! War nicht auch Gerhard unbeliebt,
-trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in
-einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard
-stammte aus ihres Vaters <em class="gesperrt">erster</em> Ehe.</p>
-
-<p>Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die
-Klaus Tiedemann an diese Zeit im Herzen trug, denn
-nie sprach er davon. Seine erste Frau war früh gestorben<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen.
-Erst nach dem Tode seiner zweiten Frau
-hatte sich der Vater an seinen Sohn aus erster Ehe erinnert.
-Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben,
-und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand
-einen ihm lieben Entschuldigungsgrund gefunden,
-sein Kind nicht wiederzusehen. So war Gerhard
-spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen.</p>
-
-<p>Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen,
-Säbelklirren und Sporenklang.</p>
-
-<p>Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen.
-»Es ist Fred,« sagte er hochachtungsvoll.
-»Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile überflog
-sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen
-weg und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum:
-die Tür ging auf, Freds Hand wurde sichtbar, die den
-Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu lassen: ein
-Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich
-und sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte,
-bitte recht sehr, doch einzutreten.«</p>
-
-<p>»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und
-verneigte sich. Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der
-sich nach hinten im spärlichen Haar verlor, das schwarz
-und fett auf dem Kopfe haftete; leises Unbehagen beschlich
-sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein
-langer Blick überflog sie.</p>
-
-<p>»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-Tiedemann seinem Sohne liebkosend auf den Arm,
-dann riß er die Portiere zur Seite: »Bitte hier in den
-Salon!«</p>
-
-<p>»Der Dame den Vortritt.« Olthoff ließ Hilde
-vorangehen und musterte in Eile die schweren eichenen
-Möbelstücke, die von dem sezessionistischen Tand der
-übrigen Einrichtung sonderbar abstachen. »Ich sehe,
-man liebt hier das Neue.« Klaus Tiedemann hörte gern
-das Lob seiner Bemühungen, er war angenehm berührt
-von des anderen Art.</p>
-
-<p>»Man geht mit dem Fortschritt! Uebrigens das ist
-Freds Verdienst.«</p>
-
-<p>»Also <em class="gesperrt">du</em> bist der Künstler?« Olthoff wendete sich
-für einen Augenblick zu Fred, der sich eine Zigarette
-anzündete, dann entschuldigte er sich neuerlich: »Ich
-mache mir wirklich Vorwürfe, daß ich so ohne weiteres
-die Herrschaften inkommodiere, aber wir waren so
-lustig zusammen, weil &#8218;Franklin&#8217; so gut bestanden
-hatte, daß ich mich leicht überreden ließ.«</p>
-
-<p>»Mache doch keine Umstände,« Fred Tiedemann
-sprach mit hoher, gesucht vertraulicher Stimme, »meine
-Leute freuen sich, dich kennenzulernen, nachdem ich
-ihnen schon viel von dir erzählt habe!«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Baron, wir sind Fred sehr verbunden,
-daß er uns Ihre werte Bekanntschaft vermittelte,«
-sagte Klaus Tiedemann schnell.</p>
-
-<p>Olthoff verneigte sich, daß die Sporen klangen.
-»Sehr angenehm.«</p>
-
-<p>»Wollen Herr Baron nicht eine Erfrischung zu sich
-nehmen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-
-»Nein, danke, wir haben reichlich gefrühstückt.«</p>
-
-<p>»Vielleicht könntest du, Hilde, ein Glas Wein
-an ...« Hilde war langsam aufgestanden, doch schon
-versperrte ihr Olthoff den Weg:</p>
-
-<p>»Sehr liebenswürdig, aber ich danke wirklich! Bitte
-doch Platz zu behalten. Bitte!« Als sie wieder saßen,
-nickte er Hilde zu: »Gnädiges Fräulein müssen die
-Stelle der Hausfrau vertreten?«</p>
-
-<p>Seine Reden klangen konventionell und gezwungen,
-ein leichter Hauch von der Ueberlegenheit des Mannes
-war darin und: Oberflächlichkeit. Hilde merkte mit
-scharfen Sinnen: das war einer, der ihr gegenüber
-die Art ihrer Leute hatte, nun begriff sie Freds Sympathie!</p>
-
-<p>Der suchte stets Bekanntschaften, die ihm in der
-Gesellschaft durch Namen oder Aehnliches nützen
-konnten! Sie zuckte die Achseln und sagte: »Natürlich!«</p>
-
-<p>»Gnädiges Fräulein haben noch einen zweiten
-Bruder?«</p>
-
-<p>»Ja!« Klaus Tiedemann, der mit Zigarrenkistchen
-im Arm vorüberging, streichelte ihr die Wangen; seine
-Worte kamen oft verspätet:</p>
-
-<p>»Nur nicht zu bescheiden sein, Mädel!« Hilde zuckte
-zusammen, ihr tat die gutgemeinte Berührung in
-Gegenwart des Fremden weh. Der wendete sich zu
-Klaus Tiedemann:</p>
-
-<p>»Ein herber Verlust, wenn den Kindern die Mutter
-entrissen wird; auch meine Mama starb früh.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickte. »Es ist übermorgen ein<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-Jahr; meine arme Frau; sie war eine Geborene
-<em class="gesperrt">von</em> Wesenheim.«</p>
-
-<p>Olthoffs verwittertes Gesicht überflog für eine
-Zehntelsekunde ein Lächeln, das sein gelbes Antlitz
-unter dem schwarzen Schnurrbart häßlich verzog.
-»Sie haben einen guten Ersatz,« er sah mit kecken
-Augen auf Hilde, die befangen vor sich niederblickte.</p>
-
-<p>»Darüber ließe sich streiten,« warf Fred Tiedemann
-ein.</p>
-
-<p>»Nicht doch, Hilde hilft uns in vielem.«</p>
-
-<p>Fred lenkte ab, ihm mochte die Wendung des Gespräches
-nicht behagen: »Also, Olthoff, sage mal, du
-als Kavallerist, ob &#8218;Franklin&#8217; nicht wirklich Chancen
-hat? &mdash; Papa glaubt's nämlich nicht.«</p>
-
-<p>Wie elektrisiert fuhr der Angesprochene herum.
-»Ich sage Ihnen, nur der, der <em class="gesperrt">ihn</em> schlägt, gewinnt
-das Rennen.«</p>
-
-<p>»Na also,« lachte Fred Tiedemann wegwerfend.</p>
-
-<p>»Mich soll es freuen, wenn du mit deinen Rennfarben
-gleich von Anfang an Glück hast,« sprach bedächtig
-Klaus Tiedemann.</p>
-
-<p>»Uebrigens, Papa: wir haben außerdem einen anderen
-famosen Gaul in Aussicht!«</p>
-
-<p>»Du willst schon wieder ein Pferd kaufen?«
-Des alten Tiedemanns Stimme erhielt etwas Kleinlich-nörgelndes.
-»Du mußt ja schon ein Dutzend beisammen
-haben?«</p>
-
-<p>»Sogar mehr!«</p>
-
-<p>Olthoff mischte sich ins Gespräch: »Ihr Herr Sohn<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-fängt die Sache mit Geschick an: man würde gar nicht
-glauben, daß er der erste ist, der in der Familie diese
-Passion hat.«</p>
-
-<p>»Ich habe nie besonders dafür geschwärmt,« beeilte
-sich der Alte zu sagen und faltete nervös die
-Hände zusammen, »doch ihr Jungen seid uns ja heute
-in allem über.«</p>
-
-<p>»Du hattest keine Zeit dazu!« Hildes Stimme
-klang heiser und kampfbereit: glaubte Papa wirklich,
-daß seine Söhne höher stünden? Fred winkte ihr
-mißbilligend ab: »Warum hätte Papa keine Zeit
-haben sollen?« sagte er. »Wir Kinder haben ihn nicht
-gehindert: und das Geschäft läuft von selbst weiter.«</p>
-
-<p>Es klopfte jemand an die Tür. Fred rief: »Herein.«</p>
-
-<p>Eine breite, muskelkräftige Gestalt, mittelgroß, die
-unverkennbare Aehnlichkeit mit dem alten Tiedemann
-trug, trat über die Schwelle; eine sichere Stimme
-sagte kurz: »Guten Morgen.« Die Aussprache hatte
-englischen Akzent. Gerhard Tiedemann ging mit
-schweren Schritten auf seinen Stiefbruder zu und
-sagte sachlich:</p>
-
-<p>»Wir brauchen dich drunten im Kontor, zum
-Unterschreiben, wir können die Sachen nicht länger
-liegen lassen.«</p>
-
-<p>Unwillig hatte sich Fred im Sessel herumgeworfen.
-Nun galt es, den Chef zu zeigen. Er zog die Stirn
-in Falten. »Ich komme; so lange wird es wohl noch
-Zeit haben!?«</p>
-
-<p>Gerhards energisches Gesicht blieb ruhig. »Ich
-habe die Sachen mitgebracht; sie liegen nebenan.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann wackelte vergeblich mit dem
-Kopfe, um der peinlichen Szene &mdash; doppelt unangenehm,
-weil sie vor einem Fremden stattfand &mdash; ein
-Ende zu machen. Auch in ihm war Aerger über Gerhards
-eigenwilliges Benehmen. Was mußte sich
-Olthoff denken?</p>
-
-<p>Als Fred keine Antwort gab, klang abermals Gerhards
-Stimme: »Es handelt sich vor allem um die
-Wechsel für Lecart, deren dieser dringend benötigt.«</p>
-
-<p>Fred war aufgesprungen und maß den Sprecher
-von Kopf bis zu den Füßen, dann ging er voraus ins
-Herrenzimmer.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann sah seinen Kindern nach, von
-denen er das, welches die Art seiner eigenen Jugend
-trug, nicht liebte. Wie derb und gewöhnlich war
-dessen Gestalt gegen die elegante Figur Freds!</p>
-
-<p>Es vergingen verlegene Minuten.</p>
-
-<p>Schnell und unvermittelt, um der Situation Herr
-zu werden, frug Tiedemann:</p>
-
-<p>»Sind Herr Baron schon lange hier in Garnison?«</p>
-
-<p>Olthoff lächelte, daß kleine Fältchen um seine
-Augen aufsprangen: »Erst wenige Monate; ich bin
-Jahre in der Provinz gewesen.«</p>
-
-<p>»Ich denke mir das Leben dort nicht so unangenehm?«</p>
-
-<p>»Es ist fad.«</p>
-
-<p>»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als
-hier in der Großstadt. Besonders bei der Damenwelt.
-Nicht?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span>
-
-Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz
-sind meist nur verheiratete Damen. Die sind
-gewiß für uns Junggesellen <em class="gesperrt">sehr</em> angenehm; aber
-in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der
-ihm eigenen bedächtigen Art und sah fragend nach
-Hilde hinüber: ob die zimperlich sei?</p>
-
-<p>Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges
-Fräulein verzeihen, daß ich so sprach?«</p>
-
-<p>»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun
-habe ich lange genug gestört.«</p>
-
-<p>»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor
-Hilde tretend, »ich werde sofort Fred rufen lassen.
-Ich weiß nicht, warum er so lange fortbleibt.«</p>
-
-<p>Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den
-Arm; er sagte verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir
-zu grüßen, und nochmals Verzeihung für mein
-Stören!«</p>
-
-<p>»Aber ich bitte!«</p>
-
-<p>»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit
-setzen.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie
-recht oft und recht bald wieder, Herr Baron!«</p>
-
-<p>»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!«
-Olthoff schlug die Hacken zusammen. »Bitte Fred zu
-sagen, er soll mich antelephonieren. Er will ein
-Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch
-raten,« fügte er erläuternd hinzu.</p>
-
-<p>»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-
-Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich
-den Kopf neigte. Dann ging er. Der alte
-Tiedemann begleitete ihn.</p>
-
-<p>Hilde stand auf und seufzte:</p>
-
-<p>Ein Tag war begonnen in alter Art.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-
-<h3 title="Abschnitt 2">
-<span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></h3>
-
-<p class="begin">Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß
-nicht mit den Seinen, weil er sich nicht, wie
-er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten an
-eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er
-jedoch auf ein paar Minuten gekommen, um seinem
-Vater die letzten Abmachungen für die morgige
-Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber
-war Klaus Tiedemann in Aerger und Aufregung
-geraten. Er sollte den Minister mit einer kurzen
-Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen
-und zu raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt
-sollte man ihm seine Ruhe lassen.</p>
-
-<p>»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich
-zu Boden.</p>
-
-<p>»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig,
-willst du uns nicht alle bloßstellen.«</p>
-
-<p>»Wen? Alle?«</p>
-
-<p>»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast
-als solcher die Pflicht, zu sprechen.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort.</p>
-
-<p>Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze,
-wäre alles gut; die Geschichte mit dem Industriehaus
-ging jetzt schon über vier Jahre! Die<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>
-Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach
-langem Herumstreiten zum Bau eines Vereinshauses
-entschlossen, und Tiedemanns verstorbene Frau hatte
-es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem
-Werke in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte
-sich gefügt, in einer Anwandlung befriedigten Stolzes,
-daß man zu ihm gekommen war.</p>
-
-<p>Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren
-damit zufrieden, ihre Namen so oft als möglich in
-die Zeitungen, anläßlich der Sitzungsberichte, zu
-lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt auf seine
-reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache
-gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung
-und seine Unfähigkeit, ihr zu entsprechen,
-waren desto größer, als er wußte, daß es ihm eigentlich
-im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus
-zu eröffnen.</p>
-
-<p>Aber er war zu befangen! Woher auch in der
-Geschwindigkeit eine Rede nehmen? Er war keiner
-von denen, die für das, was sie empfanden, gleich
-die richtigen Worte fanden.</p>
-
-<p>Das sagte er Fred.</p>
-
-<p>Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig &mdash; so
-ein paar leere Worte sind doch bald beisammen.«</p>
-
-<p>»Meinst du?«</p>
-
-<p>Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der
-Freude; es würde ihn doch eigentlich freuen, wenn
-er den Minister begrüßen könnte. Unverwischbar<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem
-er geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar
-Worte aufsetzen,« sagte er gepreßt zu Fred und sah
-angelegentlich auf seine Fingernägel, die breit und gewölbt
-waren. »Ja?«</p>
-
-<p>»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was
-fällt dir denn ein? Ich kann doch nicht stumm daneben
-stehen, wenn du <em class="gesperrt">meine</em> Worte redest!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hing den Kopf.</p>
-
-<p>»Fred! <em class="gesperrt">Den</em> Gefallen mußt du Papa tun!« sagte
-Hilde.</p>
-
-<p>»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll
-er sich die Sätze auch selbst zusammenstellen.«</p>
-
-<p>»Du bist häßlich.«</p>
-
-<p>»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den
-Sessel nieder, »ich werde es schon allein machen.« Er
-atmete schwer; es war ihm nicht leicht gefallen, seinen
-Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus.</p>
-
-<p>»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll.</p>
-
-<p>Schnell war Leo in die Höhe:</p>
-
-<p>»<em class="gesperrt">Ich</em> werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und
-lief zur Tür, »du bist ein Esel, Fred.«</p>
-
-<p>»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er
-trommelte auf die Tischplatte: »So ein Frechling!«</p>
-
-<p>»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf.
-»Du mußt doch gesehen haben, Fred, wie viel Papa
-daran lag, daß du ihm behilflich bist. Was hat er
-für dich getan!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span>
-
-»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze
-ihm die Rede auf, Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig,
-und alles ist recht.«</p>
-
-<p>»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in
-seiner Schwäche unterstützen soll. Er hat oft genug
-davon gesprochen, was er für ein tüchtiger Kaufmann
-gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.«</p>
-
-<p>Sie gab keine Antwort.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 3"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül.
-Die Herren im Frack streckten die
-Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder.
-Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte
-der Regen auf die breiten Granitstufen, welche das
-Vestibül gegen die Straße abschlossen. Jeden Augenblick
-mußte der Minister vorfahren.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden
-Lippen neben der gleißenden Statue Merkurs.
-»... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...«
-Er konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel
-jugendlicher Schwung darin. Der Schweiß war
-auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder zu Boden.
-Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die
-Umstehenden sahen ihn an: »Das konnte gut werden!«
-Es waren meist Altersgenossen Freds, mit deren Vätern
-er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen Zusammenhang
-mit dem alten Mann.</p>
-
-<p>»Er kommt.«</p>
-
-<p>Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten
-sich, brausend sprang der Wind von der Straße<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span>
-in die Topfpflanzen, welche des Landesherrn Büste
-schmückten.</p>
-
-<p>Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte
-vorwärts.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den
-Vordergrund geschoben; unordentlich saß der Frack
-auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes Wort war
-ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte
-Rücken. Lackschuhe schliffen auf den Fließen.</p>
-
-<p>Die Vorstellung der Herren war schon im besten
-Gang.</p>
-
-<p>Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg
-aus der Menge; er drängte der Tür zu. Sein Herz
-hob an, in schweren Schlägen zu pochen.</p>
-
-<p>Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten.
-Plötzlich war Fred an seiner Seite. Wie ein Ertrinkender
-griff Klaus Tiedemann nach dessen Arm:</p>
-
-<p>»Ich kann nicht reden.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht
-gut; ich glaube, mich trifft der Schlag«, er zwängte die
-weißbehandschuhte Rechte in seinen Hemdkragen.
-»Hilf mir!«</p>
-
-<p>»Ich will dich vertreten.«</p>
-
-<p>Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor
-beiden öffnete sich eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll
-auf Klaus Tiedemann.</p>
-
-<p>Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte
-den wohlfrisierten Kopf; seine Gestalt deckte die seines<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>
-Vaters. »Eure Exzellenz. Hochbeglückt sieht der Verein
-der Großindustriellen unseres geliebten Heimatlandes
-seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein
-Heim geben soll für dauernde Zeiten ...«</p>
-
-<p>In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an
-Klaus Tiedemanns Ohren vorbei, daß er freudig den
-Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds Gesicht
-Ausblick zu gewinnen.</p>
-
-<p>»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die
-frohe Zuversicht, daß unser Bestreben von maßgebender
-Seite gewürdigt und unterstützt wird ...«</p>
-
-<p>Er war stolz auf seinen Sohn!</p>
-
-<p>Der sprach zu Ende:</p>
-
-<p>Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt
-offen stünde, er sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn
-die Gewerbetreibenden ihre Söhne die Mittelschule nur
-zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die Beamtenkarriere
-oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu
-lassen: »... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger,
-gebildeter Kräfte, die ins Leben hinausziehen, den
-Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.«</p>
-
-<p>Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem
-Hoch auf die Person des hohen Gastes ...</p>
-
-<p>Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister
-die Hand schüttelte. Dann sprach auch der ein paar
-Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch auf den
-Landesherrn.</p>
-
-<p>Dann begann der Rundgang.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken,<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-doch er konnte ihn nicht erreichen; vergebens sah er
-sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an der Spitze
-des Zuges.</p>
-
-<p>Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme
-des Exportes. Steile Kurven klommen an den
-Mauern hinan; sie wiesen die enorme Entwicklung einzelner
-Branchen.</p>
-
-<p>Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer
-ging es zu den Fremdenappartements. Dann kamen
-die ausgedehnten Bureaus, die Schreib- und Lesezimmer,
-die ausgewählte Fachwerke enthielten über
-sämtliche Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte
-sich vor. &mdash; Sie waren in das Informationszimmer
-getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten hatte.
-Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle
-Röte stieg in sein Gesicht.</p>
-
-<p>Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er
-die Schemas zeigte, nach denen die einschlägigen
-Adressen und sonstigen Informationen schnell zu
-finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen
-seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder
-Interessent konnte sich hier über alles Wissenswerte
-unterrichten; sämtliche Länder der Erde waren vertreten.
-Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen,
-die seinem Werke galten; ihn selbst beachtete niemand.
-Er drehte sich um; hinter ihm stand der Architekt, der
-das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen und Monate
-mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>
-nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden
-sich ...</p>
-
-<p>Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu;
-wie eine lange Schlange wand er sich durch die Räume.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als
-letzter.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 4"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen
-beisammen. Klaus Tiedemann hatte einen großen
-Bogen weißen Papiers vor sich liegen.</p>
-
-<p>»Ich bin auf jeden Fall <em class="gesperrt">dagegen</em>!« sagte Fred
-und streifte die Asche von seiner Zigarre.</p>
-
-<p>»Ich auch.«</p>
-
-<p>»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?«
-Hilde sah erstaunt von ihrer Stickerei in
-die Höhe. »Warum denn?«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort.
-Er sah ihn erwartungsvoll und ermunternd an.
-Fred sprach:</p>
-
-<p>»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal
-gebrochen werden. Jetzt, wo wir nach Mamas Tod
-das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit dazu.
-Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis
-ist, Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer
-geworden. Einen Fürsten Solt und eine Baronin
-Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann
-zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts
-zu reden, und auch Olthoff würde sich für eine solche
-Bekanntschaft bedanken.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-
-Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand
-und zog einen dicken Strich durch den Namen seines
-ersten Angestellten.</p>
-
-<p>»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging.
-Hilde schwieg und beugte sich tief über ihre
-Arbeit.</p>
-
-<p>»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der
-alte Tiedemann eine Regung in seinem Innern. Dann
-atmete er gleich wieder schwer: »Das ist bei Gerhard
-etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.«</p>
-
-<p>»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds
-Frage klang Ueberraschung und Ungeduld. »Ja, sage
-mir nur, aus welchem Grunde?«</p>
-
-<p>»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute
-sagen, wenn ich es nicht täte; sie tratschen ohnehin
-genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist doch mein
-Sohn.«</p>
-
-<p>»Nun ja; aber eben &mdash; aus deiner ersten Ehe!«</p>
-
-<p>Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und
-herannahender Unwille kämpften in ihm. Er spreizte
-die Daumen gegeneinander und sah mit schiefem Kopf
-zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an
-gestern: »Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß
-er mein Kind ist. Er hat das Recht, dasselbe zu verlangen
-wie ihr.«</p>
-
-<p>»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?«</p>
-
-<p>Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum.</p>
-
-<p>»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme
-gewann Schärfe, »laß das Räsonieren! Er ist mein<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>
-Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu viel
-Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig
-Jahre nicht gesehen. <span class="antiqua">Bon!</span> Mutter hat er nicht gekannt
-...« des alten Mannes Rede begann zu hasten,
-»sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich
-bin herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er
-hat von mir nur gewußt, daß ich sein Vater sein muß,
-weil ich denselben Namen habe und ihm Geld schicke.
-Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er
-bleibt mein Kind.«</p>
-
-<p>»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand
-auf den Tisch. »Gut, daß Mama tot ist.«</p>
-
-<p>Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn.</p>
-
-<p>»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der
-von seinem üblichen Halbschlummer aufgewacht war,
-winkte dem Bruder ab. Doch der war viel zu zornig,
-um es zu bemerken:</p>
-
-<p>»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die
-Firma aufnehmen, ihn vielleicht gar zu meinem Mitchef
-machen?« fragte er herausfordernd.</p>
-
-<p>»Und wen würde das kümmern?«</p>
-
-<p>Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort:
-er kannte den Vater von dieser Seite nicht; dann brach
-er los: »Nun, hörst du, Papa, das übersteigt alles Erdenkliche!
-Das hätten Mama oder ihre Verwandten
-erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß
-Gerhard zu uns kommt; das sind die Folgen ...«</p>
-
-<p>Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns
-Mund. »Wer hat die Firma Klaus Tiedemann gegründet<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>
-und hochgebracht?« fragte er. »Deine Mutter
-oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims
-vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt!
-Wie ein Hund hätte ich zugrunde gehen
-können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als
-ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte
-und der Bankerott unausbleiblich war, dann waren
-sie umgestimmt. <em class="gesperrt">Dann</em> durfte ich sogar die Tochter
-heiraten ...« Fred stand auf.</p>
-
-<p>»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau,
-am wenigsten vor seinen Kindern. Wenn du so zu
-sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer verlassen.«</p>
-
-<p>Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War
-er zu weit gegangen? Die Unsicherheit seiner niederen
-Geburt nahm ihn oft gefangen seinem eigenen Kinde
-gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus!
-Gewiß war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er
-wollte ja niemandem unrecht tun; gerade darum hatte
-er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur Hälfte
-seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte,
-aber es war durch Freds Widerspruch etwas in ihm
-aufgerührt worden, das von seiner hart durchlebten
-Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes Geschwür.
-Er suchte einzulenken:</p>
-
-<p>»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen.
-Wer weiß, ob er kommt, und wegen dem anderen,
-Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an, »laß dir
-keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht
-zu kurz; meinst du nicht selber?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-
-Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes
-Lächeln verbergen:</p>
-
-<p>»Machen wir weiter!«</p>
-
-<p>Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte:</p>
-
-<p>»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern,
-Fred.«</p>
-
-<p>»Ich treffe ihn heute im Klub.«</p>
-
-<p>»Gut.«</p>
-
-<p>»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen.
-Ich fahre vormittags zu ihr, vielleicht könnte
-man auch bei uns am gleichen Abend über das Wohltätigkeitsfest
-einig werden &mdash; so eine kleine Komiteesitzung
-<span class="antiqua">entre nous</span> wäre nicht schlecht!«</p>
-
-<p>»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht
-wird das ein Verkehr für Leo!«</p>
-
-<p>»Für mich?« fragte der erstaunt.</p>
-
-<p>»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein
-hochmütiger, überspannter Bursche. Kaum zu glauben,
-daß eine so natürliche Mutter einen solchen Sohn hat.«</p>
-
-<p>Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin
-gewesen? Der Gesandte, ihr verstorbener
-Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als er sie
-heiratete?«</p>
-
-<p>»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres
-Wort ist daran; sie ist eine riesig gebildete, feine Frau,
-die in den ersten Kreisen der Stadt verkehrt.«</p>
-
-<p>»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,«
-lachte Leo, »und bei dem muß man immer nur die
-Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-
-»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester
-die Lippen zusammen, »du weißt wohl wieder nicht
-recht, was du daher redest?«</p>
-
-<p>»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit
-die Antwort, »es ist so.«</p>
-
-<p>»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen
-erwähnt wurde: den müssen wir diesmal entschieden
-einladen!«</p>
-
-<p>»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann
-schien dem Karikaturenzeichner wenig Sympathie
-entgegenzubringen, »den kann man doch nicht mit Solt
-zusammenbringen.«</p>
-
-<p>»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest!
-Laden wir ihn nicht ein, macht er uns dann nicht den
-Narren &mdash; und wir haben keinen anderen, der so
-schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.«</p>
-
-<p>»Aber die Geschichte mit den Solts!«</p>
-
-<p>»Welche denn?«</p>
-
-<p>»Na hörst du!«</p>
-
-<p>»Ich weiß wirklich nicht.«</p>
-
-<p>»Daß du das vergessen hast!«</p>
-
-<p>»Was ist denn?«</p>
-
-<p>»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt
-erscheinen ließ, rückten die Solt-Hansen doch
-in die Zeitung die Notiz ein ...«</p>
-
-<p>»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner
-T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen weder verwandt noch irgendwie in Beziehung
-wären? Das meinst du Papa?« Fred mußte
-lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>
-allerdings in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt,
-aber: Fürst Solt verkehrt mit den Solt-Hansen nicht,
-weil sie bürgerliche Frauen haben, und er lachte über
-Hansens Erwiderung am nächsten Tage: &#8218;Der Zeichner
-T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen,
-deren jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer
-Wechselschulden verurteilt wurde, weder verwandt
-ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.&#8217;«</p>
-
-<p>»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte
-Leo nachdenklich, »der schert sich um niemanden als
-um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit den Augen
-zu seiner Schwester hinüber.</p>
-
-<p>Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während
-der Vater langsam, widerwillig sagte: »Also den auch.«
-Und dann hörte sie, wie der Bleistift bei Hansens Namen
-den Haken machte, der seine Einladung sicherte. Sie
-mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der ihn
-wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am
-wenigsten verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten
-bekämpfte.</p>
-
-<p>Fred sah auf die Uhr und sagte:</p>
-
-<p>»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe
-ich Lecart nicht mehr im Klub.« Er griff nach der
-Adressenliste und durchflog die Namen. »Der Karsten
-hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich
-nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers
-und las flüchtig weiter ..., »die junge
-Büdener nicht, die hat einen armen Teufel geheiratet,
-man sagt aus Liebe. Die kann sich kein<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-ordentliches Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte
-der Bleistift und schied eine junge Frau vom Hause
-Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen stimmen
-so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch
-sagen wollte: du mußt dir den Schneider kommen
-lassen, Papa, du brauchst einen neuen Frackanzug.«
-Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein Sohn
-ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für
-dich.«</p>
-
-<p>»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann
-runzelte die Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst
-voriges Jahr einen machen lassen.«</p>
-
-<p>Fred wurde ungeduldig:</p>
-
-<p>»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß
-an der Weste. Ich habe mich gestern im Industriehaus
-geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst als
-Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich
-nicht, Papa, wie du in derart primitiven Anstandssachen
-anders denken kannst.« Wieder sah er auf die
-Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster schicken
-lassen.«</p>
-
-<p>Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen.</p>
-
-<p>»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«,
-sagte er.</p>
-
-<p>Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon
-lange wieder einen Tennisanzug, Pa.«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu:</p>
-
-<p>»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen.
-Ich habe morgen vormittag keine Zeit fürs<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa, gehe morgen
-'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von
-drüben gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns
-zu tun. Sei so gut und besprich dich mit Görnemann;
-aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den geht die
-Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt
-sich dir empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein
-so hübsches Mädchen als dich gesehen zu haben, aber
-du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was Wahres
-dran; na, das gibt sich! Addio.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen,
-als schmerzten sie ihn.</p>
-
-<p>»Gehen wir schlafen!« sagte er.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 5"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter
-Rauch.</p>
-
-<p>Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem
-Schwager zu, der eindringlich in ihn hineinredete.
-Seine Augen wanderten die Reihen der Sitzenden
-entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände,
-der ihm Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts
-zu entziehen.</p>
-
-<p>Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen;
-doch dem anderen galt das heute alles: »Wenn ich
-meine Geschäftsinteressen euch gebe und dafür schweres
-Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!«
-Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen <span class="antiqua">Henry
-quatre</span> und sah hochmütig nachdenkend vor sich nieder.
-»Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr er mit heiserer
-Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst
-mit seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist
-der richtigste Moment, in dem ich mich rangieren und
-schweres Geld dabei verdienen kann.«</p>
-
-<p>»Wenn man das sicher wüßte!«</p>
-
-<p>»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung,
-»ich hoffe, für das Reelle der Unternehmung bürgt
-mein Name!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-
-»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich
-um große Summen, da habe ich die Verpflichtung,
-vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam sich unendlich
-wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade
-mit seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und
-sich die Worte überlegte, mit welchen er sie morgen einladen
-wollte.</p>
-
-<p>»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus
-hält noch längere Zeit an!«</p>
-
-<p>»Ist das sicher?«</p>
-
-<p>Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:</p>
-
-<p>»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible
-Ware ist in festen Händen und wird nicht abgegeben,
-weil die Eigner sich den Sommerbedarf sichern wollen,
-die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«,
-er griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel
-ein, »jetzt bereits gegen den niedrigsten Preisstand
-des Vorjahres eine Steigerung von 7,80 zu
-verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte
-begannen zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die
-Mansbergschen Fabriken übernähme; in zwei Tagen
-habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß' ich in
-kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir,
-bei den hohen Preisen, enormen Gewinn bringen
-muß.«</p>
-
-<p>»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise
-herunter durch forcierte Abgaben!«</p>
-
-<p>»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im
-Trocknen.« Immer eindringlicher und überredender<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-wurden Lecarts Worte: »Es muß dir doch einleuchten,
-daß an der <span class="antiqua">chose</span> keine Gefahr, sondern nur Gewinn
-zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um
-seinen schmalen Mund, während sich seine hagere Gestalt
-weit vorneigte und die kalten schmalen Finger
-nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir
-haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen;
-sie sollen spüren, daß mit den Lecarts und
-Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen ist ...« Er fuhr
-halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden
-Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«</p>
-
-<p>Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte
-sich verneigt. Dunkelrot war er im Gesicht geworden.</p>
-
-<p>»Kennst du ihn?« war seine Frage.</p>
-
-<p>»Selbstverständlich: intim.«</p>
-
-<p>»Du mußt mich vorstellen!«</p>
-
-<p>»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«</p>
-
-<p>Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte
-ihn für seine Pläne an keiner Stelle so leicht gewinnen
-können wie hier im Klub, wo Fred Tiedemann
-um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines
-Vaters Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde
-Spitze seines Lackschuhes:</p>
-
-<p>»Jawohl, aber ich verlasse mich <em class="gesperrt">ganz</em> auf dich!
-Ich habe keine Zeit, mich näher zu informieren. Du
-hast die Verantwortung.«</p>
-
-<p>Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich
-dich morgen im Geschäft?«</p>
-
-<p>»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>
-zu. Lecart riß aus seinem Notizbuch einen Zettel und
-kratzte im flirrenden Licht, das durch den Rauchnebel
-schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«</p>
-
-<p>Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei
-Zeilen, durch die er das Bankhaus Klaus Tiedemann
-anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf der nachgelassenen
-Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos
-zu unterstützen. Mit seiner steilen Schrift
-setzte er seinen Namen darunter. »Wir müssen aber
-die erste Hypothek haben, damit wir sicher gehen!«
-sagte er.</p>
-
-<p>»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«</p>
-
-<p>Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen,
-steifen Schritten und seinem tadellos sitzenden Salonrock.
-Tief bückte sich Fred Tiedemann:</p>
-
-<p>»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke
-Gehör ersuchen?«</p>
-
-<p>Solt neigte den Kopf.</p>
-
-<p>»Bitte!«</p>
-
-<p>Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während
-sein Schwager in wohlgesetzter Rede die Einladung
-vorbrachte, den Zettel hastig verwahrte, der
-ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und
-Kredit schuf.</p>
-
-<p>Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten
-nach: »Er hat zugesagt, das Fest ist gesichert.«</p>
-
-<p>»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was
-machst du jetzt?«</p>
-
-<p>»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen
-probieren.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-
-»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden.
-»Nimm dich vor ihm in acht, er steht windschief
-und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«</p>
-
-<p>»Teuerer als du kann er nicht sein.«</p>
-
-<p>In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig
-auf. »Ich bin der Mann deiner Schwester.«</p>
-
-<p>»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde
-entgegen. Lecart, mit seinen dreißig Ahnen, lehnte
-sich unwillig in dem Fauteuil zurück und sann auf
-Geschäfte.</p>
-
-<p>Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo
-Tiedemann auf der Suche nach Abenteuern.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 6"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann
-rasch angekleidet und war mit unruhigen Schritten
-im Zimmer auf und ab gegangen, bis es
-Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich
-geflissentlich vom Geschäft zurückgehalten, um Fred
-nicht zu beeinflussen. Es war ihm nicht leicht gefallen;
-doch er konnte sich recht gut zurückerinnern, wie er
-eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch,
-es müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl
-war es ihm manchmal vorgekommen, als ob Fred eine
-Einmischung seinerseits gar nicht ungern sähe.</p>
-
-<p>Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang
-gegangen war, in tiefen Sorgen und Gedanken.
-Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.</p>
-
-<p>Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es
-abzuschütteln.</p>
-
-<p>Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er
-versucht hatte zu vergessen und die doch stets alte
-Wunden aufriß, wenn er sie sah &mdash; es war selten genug.
-Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus
-in seinen Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen
-gewesen. Er hatte sie stets so gelassen. Nun glänzte
-sie in neuen Farben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span>
-
-Mit raschen Schritten trat er ein.</p>
-
-<p>Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er
-ihn erkannte, riß er die Tür nach links hin auf.</p>
-
-<p>Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische;
-er atmete tief. Wieder einmal lag sein Leben
-vor ihm, das ihm hier Tag für Tag vorübergeschlichen
-war in unablässigem Mühen und Sinnen.</p>
-
-<p>Hier saßen die Buchhalter.</p>
-
-<p>Er sah unter den bekannten Gesichtern neue &mdash; wie
-stets, wenn er kam &mdash; die erst der Nachbar aufmerksam
-machen mußte, wer er sei. Dann flogen sie von den
-Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich
-habe die Ehre, Herr von Tiedemann.«</p>
-
-<p>Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten
-Bureau, das um das Doppelte vergrößert worden
-war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick die neue
-Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen
-hatte. Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben
-bedeckt. Es machte einen vornehmen Eindruck und
-stach ihm doch unangenehm in die Augen.</p>
-
-<p>Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere
-Formen. Das war stets so gewesen, und Fred
-stand voll in seiner Zeit: das war seine Beruhigung.</p>
-
-<p>Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt
-an seinem Stehpult arbeitete, den weißen Kopf auf
-die linke Hand gestützt. So hatte er ihn jahrzehntelang
-gesehen; nur die Haare waren damals noch
-braun gewesen.</p>
-
-<p>Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer,
-als er eigentlich wollte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-
-»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als
-hörte er ein Gespenst:</p>
-
-<p>»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist
-aber schön, daß Sie wieder einmal nach uns sehen.
-Das ist sehr schön.« Er rieb seine mageren Hände,
-daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine Kopfbewegung
-nach den Arbeitenden; er war verlegen,
-weil er nicht gleich den richtigen Ton fand.</p>
-
-<p>»Viel neue Leute darunter?«</p>
-
-<p>»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.</p>
-
-<p>»Hat sich viel geändert?«</p>
-
-<p>»Oh, sehr.«</p>
-
-<p>Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern,
-die sich ein Leben lang gekannt hatten. Der Ton des
-Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.</p>
-
-<p>»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein
-Junger.«</p>
-
-<p>»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder
-hüstelte Görnemann, um nicht sagen zu müssen, daß
-es den alten Mann viel Tränen gekostet habe, bis er
-seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte verlassen
-müssen; aber mit dem jungen Chef ging es
-nimmer! Der nahm ihm die Handkasse weg und degradierte
-ihn zum Schreiber. Das ertrug sein Ehrgefühl
-nicht.</p>
-
-<p>»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«</p>
-
-<p>»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt,
-was jeder bekommt.«</p>
-
-<p>»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern
-Pension?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-
-Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage.
-»Ja, aber es ist sehr wenig.«</p>
-
-<p>»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit
-Fred sprechen.«</p>
-
-<p>Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen;
-er schien in großer Aufregung; dann sagte er stockend:
-»Ich habe schon oft daran gedacht, mich zurückzuziehen,«
-wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat
-doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird
-einem das Arbeiten manchmal schwer.«</p>
-
-<p>»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen
-Angestellten die Hand auf die Schulter, »davon
-reden wir in ein paar Jahren, das gibt's jetzt noch
-nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen
-seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie
-Sie, ohne Frau und Kind, was soll denn der machen
-ohne Geschäft? Ist's <em class="gesperrt">mir</em> nicht leicht gefallen, das
-Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst
-<em class="gesperrt">Sie</em> anfangen?«</p>
-
-<p>»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter
-Kopf kann heutzutage oft nimmer mit.«</p>
-
-<p>»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre
-nicht übel.«</p>
-
-<p>Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des
-Alten faltigem Gesicht, als er seinen Herrn so reden
-hörte.</p>
-
-<p>»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann
-schüttelte den Kopf. Dann aber, als käme ihm
-ein anderer Gedanke, fügte er hinzu: »Wenn Sie's<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann
-lassen Sie es <em class="gesperrt">mich</em> wissen. Ihre Pension soll meine
-Sache sein.« Er sprach rasch weiter, um des anderen
-Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe Gerhard noch
-nicht gesehen.«</p>
-
-<p>»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen
-Berichte; der junge Herr erlaubt nicht, daß sie
-heraus ins Kontor kommen,« sagte Görnemann rasch
-... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen ...«</p>
-
-<p>Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein
-Herr fiel ihm ins Wort: »Der Berichte wegen bin ich
-hier. Wie sind sie ausgefallen?«</p>
-
-<p>»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd
-den Kopf: »Ich kann mich nicht erinnern, je
-so schlechte gesehen zu haben.«</p>
-
-<p>»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit,
-streng. »Wir werden ja sehen. Wo geht
-es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer aus
-in eurem neuen Kram.«</p>
-
-<p>»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief
-dienstbeflissen voraus, »dort, am Ende vom Gang.«</p>
-
-<p>»Was ist <em class="gesperrt">das</em>?« Klaus Tiedemann hatte eine
-andere Tür geöffnet und sah in ein Zimmer, das
-ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können.
-»Das sieht ja riesig mollig aus!«</p>
-
-<p>Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen
-Herrn Privatempfangszimmer.«</p>
-
-<p>»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort,<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-er nahm die Hand von der Türschnalle und ging
-weiter.</p>
-
-<p>»Guten Morgen, Vater!«</p>
-
-<p>Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf,
-vor dem er gesessen hatte, und schlug in seines Vaters
-Hand ein, die der ihm in plötzlicher Wallung entgegenstreckte:
-»Fleißig bei der Arbeit?«</p>
-
-<p>»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«</p>
-
-<p>»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und
-nahm die Papiere zur Hand.</p>
-
-<p>Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann
-hinüber, der den Kopf in die Schultern zog, vor dem
-unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der nach seiner Erfahrung
-kommen mußte.</p>
-
-<p>Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:</p>
-
-<p>»Von wem sind die Berichte?«</p>
-
-<p>»Von Smithers Sons ...«</p>
-
-<p>Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum
-haben wir so unsinnig viel Baumwolle abgegeben?
-Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann
-trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der
-Alte fuhr ihn an: »Ich brauch' keine Erklärung.«</p>
-
-<p>Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens
-Herr zu werden. Fred mußte da nicht viel nachgedacht
-haben, sonst wäre <em class="gesperrt">dieser</em> Verlust hintanzuhalten gewesen.
-So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann
-<em class="gesperrt">nie</em> unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen
-Leute stets zu Hause bei Mama saßen und sich nicht in
-der Welt umsahen ...</p>
-
-<p>Er horchte auf, eben sagte Gerhard:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-
-»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom
-grünen Tische aus regeln, ohne Erfahrung. Das muß
-man an Ort und Stelle beobachtet haben, wenn man
-bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann
-zwang sich zum Gegenteil:</p>
-
-<p>»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste
-Mal wird die Bilanz schon besser sein.«</p>
-
-<p>Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde
-zu, Gerhard preßte die Lippen aufeinander. Er merkte
-nur allzudeutlich, daß seines Vaters Widerspruch seiner
-Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück. Wenn
-die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger
-hier. Man wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu
-schätzen, ihm war um sein Fortkommen nicht bange.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die
-Buchstaben und Ziffern nieder, ohne sie zu lesen.
-Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte er
-nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard,
-Fred gegenüber, untergeordnet halten wollte. Jemand
-trat ein:</p>
-
-<p>»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen
-Schritten kam Lecart auf Klaus Tiedemann
-zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich in
-die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist
-draußen im Wagen, die wird sich freuen; ich werde
-sie gleich holen.«</p>
-
-<p>»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen;
-das werde ich besorgen!« Görnemann eilte davon.</p>
-
-<p>Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater:
-»Du wunderst dich wohl, mich hier zu sehen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind
-beide seltene Gäste hier unten.«</p>
-
-<p>»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen,
-ich habe Großes vor.« Lecart blickte zu Gerhard hinüber,
-unschlüssig, ob er in dessen Gegenwart weitersprechen
-sollte. Er sagte zu ihm:</p>
-
-<p>»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto
-vor; hier haben Sie eine Bescheinigung des Chefs.«</p>
-
-<p>»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards
-Stimme klang in überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung
-kann ich Herrn Görnemann geben.«</p>
-
-<p>Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf
-etwas vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun
-pflegte.</p>
-
-<p>In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.</p>
-
-<p>Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses
-Gesicht, auf dem Sorge zu liegen schien.</p>
-
-<p>»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß
-auf die Stirn und betrachtete sein schönes Kind vom
-Kopf bis zu den Füßen. Mit gezwungenem Lächeln klopfte
-sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus, Papa!«</p>
-
-<p>»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine
-Sorgen.«</p>
-
-<p>»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht?
-Nun setzt euch aber!«</p>
-
-<p>Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die
-Füße übereinander, daß der feine Knöchel ihres Fußes
-sichtbar wurde. »Laßt euch nur nicht aufhalten, wenn
-ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere einstweilen<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier
-in die Höhe.</p>
-
-<p>Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe
-der Bewegung, die über ihrem ganzen Wesen lag und
-alles Leben und unmittelbare Empfinden verschleierte.
-So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am
-besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges
-Temperament und steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten,
-die ihm für sie wenig Zeit ließen. Sie
-hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der
-sie vor vielerlei schützte.</p>
-
-<p>Lecart rieb die Hände:</p>
-
-<p>»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten.
-Die Kerls streiken mir wieder zur
-Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben steht seit
-einer Woche still.«</p>
-
-<p>Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen
-und keine Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«</p>
-
-<p>»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,«
-Lecarts markiertes Gesicht belebte sich, die eingefallenen
-Wangen bekamen Farbe, »warum soll man ihnen das
-<em class="gesperrt">zugeben</em>, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«</p>
-
-<p>»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«,
-sagte der andere bedächtig.</p>
-
-<p>»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns
-organisiert und sie im ganzen Bezirk ausgesperrt; es
-sind schon viele in der <em class="gesperrt">einen</em> Woche mürbe geworden;
-mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-Kind nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze.
-Am Montag fange ich wieder mit vollem Betrieb an.«</p>
-
-<p>»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«</p>
-
-<p>»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen,
-als ich will.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf:
-»Ihr müßt doch einig sein, wenn ihr 'was erreichen
-wollt. Die anderen sind's auch.«</p>
-
-<p>»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache
-ist, daß man kein Geld verliert.«</p>
-
-<p>»Hm, das weiß ich nicht.«</p>
-
-<p>»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen?
-Ich muß jetzt schon meine ganzen Akzepte hergeben und
-teuer verzinsen, wenn ich Geld haben will. Das ist ein
-starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel mit
-Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel
-gesagt zu haben. Unsicher sah der Alte auf:</p>
-
-<p>»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch
-nicht in Schwierigkeiten kommen?«</p>
-
-<p>»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen
-Ton an. »Wo denkst du hin: Charles Lecart
-in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es klang häßlich
-und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf.
-»Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken
-an mich zu bringen und viel Nutzen daraus zu
-schlagen.«</p>
-
-<p>»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus
-Tiedemann auf.</p>
-
-<p>»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen
-müssen?« sagte Lecart so nebenbei.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-
-Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht
-genau, da frage den Görnemann, aber ich glaube nicht,
-denn das Geld hat nach der amerikanischen Erdbebenkatastrophe
-wieder reichliche Verwendung.«</p>
-
-<p>»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart
-hielt einen Augenblick nachdenklich inne, dann fuhr
-er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde mich gleich erkundigen,
-ich habe so eine Menge mit Görnemann zu
-besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem
-Laufenden?«</p>
-
-<p>»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem
-Augenblicke an, als Fred an meine Stelle trat, um
-nichts mehr zu bekümmern.«</p>
-
-<p>»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der
-Mann, der sich hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter
-Zärtlichkeit zu seiner Frau: »Servus, Clo;
-dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe
-ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender
-Höflichkeit hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber
-öfters zur Schau trug. »Lecart ist ein Kavalier
-in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt, wenn
-sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne
-gegenüber, besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann
-und Clo waren allein.</p>
-
-<p>Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer,
-als wollten die beiden nicht an das Leben rühren,
-das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie nun nicht
-froh werden konnten.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite
-und schlang den Arm um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
-
-»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte
-schmale Hand in die klobige Rechte ihres Vaters und
-sah ihm unsicher in die Augen, die so viel von Milde und
-ehemaliger Tatkraft sprachen.</p>
-
-<p>»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir
-vorhin verstimmt vor?«</p>
-
-<p>»O nein!«</p>
-
-<p>»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«</p>
-
-<p>»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.</p>
-
-<p>»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe,
-weiße Haar darauf zu schwanken anhub; »ist es dies
-oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie schwieg; so redete
-er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«</p>
-
-<p>»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles
-verheiratet.«</p>
-
-<p>Wieder saßen beide schweigend.</p>
-
-<p>Dann fragte sie lebhaft:</p>
-
-<p>»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über
-Charles' Absichten gesprochen?«</p>
-
-<p>»Warum, Kind?«</p>
-
-<p>»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«</p>
-
-<p>»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst.
-Er hängt viel zu sehr an mir, um einen wichtigen
-Schritt &mdash; wenn es eben einer wäre &mdash; zu verschweigen.«</p>
-
-<p>»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier.
-»Wie geht es überhaupt Fred? Hat er die neue Würde
-noch nicht satt?«</p>
-
-<p>»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung,
-auch im Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-ihm dabei sein großer Bekanntenkreis. Keine Woche
-vergeht, ohne daß er nicht in ein neues Haus eingeladen
-wird! &mdash; Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte
-er wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem
-Vaterstolz. »Seine neueste Errungenschaft ist die
-Wolny.«</p>
-
-<p>»Die? So?«</p>
-
-<p>»Kennst du sie?«</p>
-
-<p>»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,«
-sie legte die Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred
-sich ankaufen und die Bank mit der Zeit in eine Aktiengesellschaft
-umwandeln will?«</p>
-
-<p>Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten;
-er war bleich geworden: »Wer hat das gesagt?«</p>
-
-<p>»Ich habe es bei Behrens gehört.«</p>
-
-<p>»Dummes Geschwätz.«</p>
-
-<p>Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die
-Hände auf den Rücken und begann hin und her zu
-gehen mit hastigen Schritten.</p>
-
-<p>»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß
-oder Aehnlichem sprachen sie.«</p>
-
-<p>Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da
-sieht man, wie die Leute daherreden.«</p>
-
-<p>»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch,
-daß du stets dagegen warst.«</p>
-
-<p>»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt!
-Lassen wir das,« unterbrach er sich; »es geschah ja
-auch von ihrer Seite nur aus Liebe,« er hustete, »wenn
-sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte den<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten
-Augen an.</p>
-
-<p>»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der
-Grund, daß du dich so schnell vom Geschäft zurückgezogen
-hast?« Er gab keine Antwort. »Du wolltest
-nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst
-Fred überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts
-anderes mehr dachte und dein Erbe gutwillig
-antrat?«</p>
-
-<p>Er sah sie erstaunt an.</p>
-
-<p>»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«</p>
-
-<p>»Das wird jede Frau.«</p>
-
-<p>»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab'
-ich merken müssen.« Er lachte bitter.</p>
-
-<p>»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem
-als uns Kindern trauen zu können, sie hat uns in
-ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war ja
-auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das
-Leben so merkwürdig ist.« Mit zitternden Fingern
-schob sie ihr Kleid zurecht.</p>
-
-<p>»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens,
-um den Weibern zu imponieren?« Langsam, schier
-unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte gesagt.</p>
-
-<p>»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,«
-sie streckte ihm die Hand hin und lächelte,
-»das wird gesprochen und vergessen.«</p>
-
-<p>»Hast recht &mdash; übrigens kommen Behrens Sonnabend
-zu uns.«</p>
-
-<p>»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen
-werden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-
-»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht.
-Vor dem Souper ist eine kleine Komiteesitzung,
-in der sich die Leute besser kennenlernen. Er
-will die Wolny zur Präsidentin haben.«</p>
-
-<p>»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen:
-voriges Jahr war es ein hübsches Reinerträgnis,
-das er erzielte.«</p>
-
-<p>»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind
-in solchen Dingen die Hauptsache. <em class="gesperrt">Ich</em> habe es nie
-gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die Brauen, als
-grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.</p>
-
-<p>»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt,
-glaube ich, auch schon an.«</p>
-
-<p>»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«</p>
-
-<p>»Das muß <em class="gesperrt">er</em> wissen, Kind.«</p>
-
-<p>»Aber das ist Unsinn!«</p>
-
-<p>»Das sagt Hilde auch.«</p>
-
-<p>»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn
-achtgeben.«</p>
-
-<p>»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte
-ihr liebkosend die Hand auf die blasse Wange. »Dein
-Sohn möchte ich einmal nicht sein.«</p>
-
-<p>Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht:
-»Ich glaube, Papa, wir bekommen keine Kinder.«</p>
-
-<p>»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«</p>
-
-<p>Sie stand auf in jäher Bewegung:</p>
-
-<p>»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit
-nicht mehr gesehen.«</p>
-
-<p>»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-
-<h3 title="Abschnitt 7"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Leo lag auf dem Diwan und horchte den
-Stimmen, die aus dem Nebenzimmer kamen.</p>
-
-<p>Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit.
-Der Kopf schmerzte, und sein Puls ging schwer.
-Man gab ihm keine Ruhe: jetzt mußte ihn auch Hilde
-bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem,
-was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der
-lernen sollte. Was rechnete die mit seiner Eigenart?
-Schwerer Groll stieg in ihm gegen die Schwester auf,
-die sein Bestes wollte.</p>
-
-<p>Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich
-schlafend.</p>
-
-<p>Die Tür war geöffnet worden.</p>
-
-<p>Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen
-und regte sich nicht.</p>
-
-<p>Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl
-zu ihm gesetzt haben. Da war einer Aussprache nicht
-mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun warten
-würde, bis er aufwachte.</p>
-
-<p>Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und
-richtete sich verschlafen in die Höhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-
-»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete
-ihn mit forschenden Blicken. »Du siehst elend aus,
-Leo.« Er furchte die Stirn.</p>
-
-<p>»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe,
-und die Tapete hierinnen macht jeden grün! Du siehst
-auch schlecht aus.«</p>
-
-<p>»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber,
-wann du heute nach Hause gekommen bist!«</p>
-
-<p>»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in
-Abzug, »es wird noch nicht zwölf gewesen sein. Ich
-bin von Jan Wolny direkt hierher.«</p>
-
-<p>»Ist das wahr?«</p>
-
-<p>»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.</p>
-
-<p>»Du lügst mich nicht an?«</p>
-
-<p>»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.</p>
-
-<p>»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«</p>
-
-<p>Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater.
-Es war Scham in ihm, daß er die Unwahrheit gesprochen,
-trotzdem ihm sein Vater vertraute, und
-doch sah er keinen anderen Ausweg.</p>
-
-<p>»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder
-spät nach Hause gekommen bist. Aber jedenfalls
-lumpst du zu viel. Deine Gesundheit verträgt das
-nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu
-geben und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern.
-»Du bist doch noch zu jung und hast genug
-Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt
-deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben
-daran.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-
-»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen
-und schwieg.</p>
-
-<p>»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du
-alles sprechen, wie mit einem alten Freund!« Tiedemann
-drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm dankbar
-zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:</p>
-
-<p>»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es
-ist etwas anderes ... Weißt du,« brach er mit stockendem
-Atem los, »was es ist? <em class="gesperrt">Das Leben!</em> Es ist
-so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon
-haben kann, wie alt man auch wird. Papa, wenn ich
-so denke, bekomme ich Riesenangst,« er ballte die Faust,
-»daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig anwende,
-und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«</p>
-
-<p>»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden
-und küßte ihn auf den zuckenden Mund. »Das
-soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem noch
-mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich,
-dann wirst du mir recht geben.«</p>
-
-<p>»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst
-aus den Worten.</p>
-
-<p>»Gewiß, mein Kind.«</p>
-
-<p>»Hast du <em class="gesperrt">auch</em> mal so empfunden, wie ich? Warst
-du auch so ungeschickt, Papa?«</p>
-
-<p>»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann
-nickte in Gedanken versunken mit dem Kopfe vor
-sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder Tag müßte
-mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-gesehen. Die Menschen können nicht anders als gemein
-sein; sie können nichts dafür. Wir sind es selber
-auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat jeder
-mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen
-wollte; aber glaube mir, es gibt nur eines, was
-dagegen hilft, und auch nur eines, was wirkliche
-Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«</p>
-
-<p>Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch
-schon gedacht, aber ich habe ja keine,« seine Stimme
-schlug um; »die Schule, das ist doch keine Arbeit, wie du
-sie meinst, und sonst hab' ich keine!«</p>
-
-<p>»Wird noch genug kommen.«</p>
-
-<p>»Aber <em class="gesperrt">wann</em>, Papa? <em class="gesperrt">Jetzt</em> möcht' ich sie haben,
-damit ich etwas bin. Ich weiß nicht einmal, was ich
-werden soll und bin schon bald neunzehn.« Tiedemann
-sah zu Boden:</p>
-
-<p>»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden
-bin ...«</p>
-
-<p>Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen
-Klang in der Stimme seines Vaters.</p>
-
-<p>»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann,
-Hilde wird auch bald einen haben, und nur <em class="gesperrt">ich</em> weiß
-nicht, was aus mir wird &mdash; <em class="gesperrt">ich</em> steh' ganz allein.«</p>
-
-<p>»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er
-allein ist.«</p>
-
-<p>»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«</p>
-
-<p>»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu
-antworten, »aber wir haben dabei jeder doch auch<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir gern
-erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es
-nie alles gibt, und <em class="gesperrt">wenn</em>, dann nimmt es dir gleich
-darauf wieder, viel <em class="gesperrt">mehr</em>, als es dir gegeben hat.«</p>
-
-<p>Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem
-Rätsel des Lebens stand, sah der Knabe seinen Vater
-an, der als Resultat eines langen, wie es ihn dünkte
-glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte
-seine trockenen Lippen und fragte hastig:</p>
-
-<p>»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der
-Erde festhält, sonst würden wir uns nicht so vorm
-Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als es Mama so
-schlecht ging &mdash; wenige Stunden vor ihrem Tode &mdash;
-wie hat sie da geweint, daß sie fort müßte von uns
-allen und daß sie ihr Leben nicht besser genützt hätte.«
-Tiedemann erhob sich; er legte Leo die Hand auf die
-Schulter und sah ihm tief in die Augen:</p>
-
-<p>»Der Mensch ist <em class="gesperrt">feig</em>, Leo, das ist's.« Tiedemann
-strich ihm das Haar aus der Stirn. »Darum glaubt
-er immer, es sei schade um ihn, wenn er stirbt, und
-es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt,
-ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe
-manche Szene mit deiner Mutter deswegen gehabt,
-weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle lasse;
-und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich
-jeden Tag auf das Unglück gewartet, das nun über
-unser Haus kommen würde, &mdash; und es ist noch immer
-keines gekommen &mdash; und das Geschäft geht ruhig und
-gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.«<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-Er senkte den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses
-und fuhr fort: »Nicht, daß ich es Fred gewünscht
-hätte, gewiß nicht; du weißt, wie gern ich
-euch alle habe &mdash; aber,« seine Stimme wurde heiser,
-»deiner Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets
-gegen mich recht zu haben meinte &mdash; sie hat es bisher
-noch immer gehabt.« Er legte die geballte Faust auf
-das Knie und vergaß, daß er zu seinem <em class="gesperrt">Kinde</em> redete.</p>
-
-<p>»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt,
-aus Leibeskräften. Ich wollte euch einfacher haben;
-mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre es
-nach mir gegangen, ihr wäret <em class="gesperrt">nie</em> in dem Gedanken
-aufgewachsen, daß ihr reich seid. Eure Mutter hat
-es anders gewollt. Ich habe mich gebangt und gesorgt
-um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich
-stets ausgelacht und gesagt: &#8218;Das verstehst du nicht
-&mdash; und kannst es auch nicht verstehen.&#8217; Und sie hat
-<em class="gesperrt">recht</em> gehabt &mdash; ich stand ja den ganzen Tag im
-Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos,
-ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«</p>
-
-<p>»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn,
-»es ist ja nichts Schlechtes aus uns geworden. Es
-ist eben jetzt eine andere Zeit.«</p>
-
-<p>»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines
-Kindes Arm von seinem Hals, »nur eines noch, und
-das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade darüber
-reden: heirate &mdash; wenn du mal so weit bist &mdash; nicht in
-eine andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in
-welcher du geboren bist.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-
-Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.</p>
-
-<p>»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur
-das eine nicht! Du hast es dann stets vor Augen, daß
-du ein anderer bist. Und wenn du hundertmal das
-Haus erhältst und alles tust, du bleibst <em class="gesperrt">doch</em> immer
-der Mindere. Da kommen die Verwandten und die
-Freunde deiner Frau und sehen dich als weniger an
-&mdash; selbst wenn sie selber Lumpen sind, du scheinst ihnen
-doch minder.«</p>
-
-<p>»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse
-geheiratet?«</p>
-
-<p>»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich
-falsch. Nicht bürgerlich und adelig habe ich gemeint,
-sondern arm und reich. Ich bin von armen Leuten,
-während deine Mutter aus vermögendem Hause
-stammte! Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart
-kommt aus vermögendem Hause und Clo auch, darum
-werden sie nie viel Streit haben, sie haben von Geburt
-dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so
-heiraten, wenn sie vielleicht auch heute noch anders
-denkt.«</p>
-
-<p>»Sie hat Hansen gern.«</p>
-
-<p>»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich
-Olthoff für sie interessierte; siehst du, Leo, der wäre
-mir als Schwiegersohn recht.«</p>
-
-<p>»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«</p>
-
-<p>»Das ist gut, auch Lecart ist es!«</p>
-
-<p>»Du denkst niedrig von der Frau.«</p>
-
-<p>»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden,<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-als wie es mich das Leben gelehrt hat. Deine Mutter
-war eine feine Frau, eine Mutter, wenigstens wollte
-sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie nichts.
-Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies
-oder das zu fragen, sie sollte mir einen Rat geben;
-wenn ich einen Freund brauchte, der hätte sie mir sein
-sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er atmete
-schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles
-wichtiger als meine Sorgen; die sollte ich mit mir
-allein ausmachen.«</p>
-
-<p>»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und
-Gerhards Mutter?«</p>
-
-<p>Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich
-in stockenden Wellen. »Die war anders ...« Er
-stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,« sagte er
-barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er
-gekommen war, »du,« er griff nach Leos Hand, »laß
-dir's gesagt sein, genieße das Leben!«</p>
-
-<p>»Das will ich tun, Papa.«</p>
-
-<p>»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und
-macht euch keine Gedanken, dann seid ihr glücklich;
-dann habt ihr keine Sorgen und seid begehrenswert.«</p>
-
-<p>»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das
-will ich tun, und Fred macht es auch so.«</p>
-
-<p>»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem
-Kopfe und lachte. Mit starren Augen stierte er auf
-den Boden. »Rächt mich!«</p>
-
-<p>Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er
-langsam: »Hat dein Vater auch so zu dir gesprochen,
-Papa?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-
-»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann,
-»nein, der hat es nicht getan.«</p>
-
-<p>»Warum nicht?«</p>
-
-<p>»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für
-den gab es nur Geld und Wut darüber, daß er
-keines hatte.«</p>
-
-<p>»Was war Großvater?«</p>
-
-<p>»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit
-spreche &mdash; er war arm &mdash; und ging am Trunk zugrunde.«</p>
-
-<p>»Da war er nicht gut mit dir?«</p>
-
-<p>»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch;
-ein Vater kann gar nicht nachsichtig und lieb genug
-mit seinen Kindern sein.«</p>
-
-<p>»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber
-schau, Papa,« sagte er dann erinnernd, »wenn man
-nicht heiratet, dann hat man doch keine richtigen
-Kinder, und du hast uns doch so gern?«</p>
-
-<p>»Das ist wahr.«</p>
-
-<p>»Siehst du ...«</p>
-
-<p>Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen
-flackernde Lichter durch die Fenster. Von der Straße
-klang gedämpft der Lärm des Menschenstromes herauf,
-der sich von dem Geschäftsviertel in die äußeren
-Bezirke ergoß ...</p>
-
-<p>Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht
-bereits unten, und du bist noch nicht einmal angezogen!«</p>
-
-<p>»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich
-über die Stirn, »wir haben ernst zusammen gesprochen<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-und da ist die Zeit schnell vergangen.« Leo kam in Bewegung:</p>
-
-<p>»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen,
-ich bin gleich fertig.«</p>
-
-<p>Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig
-um, er hätte gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde
-Halt geben sollte in seinen Kämpfen. Doch die richtigen
-Worte hatte er nicht gleich gefunden, und nun war
-es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger
-war! ...</p>
-
-<p>»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine
-unwillige Färbung angenommen. »Es sieht unangenehm
-aus, wenn man <em class="gesperrt">jedesmal</em> zu spät kommt,
-gerade als ob man es sich so aussuchen würde,
-um fein zu sein. Das haben wir nicht notwendig.«
-Er schob seinen Vater zur Tür hinaus
-und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle
-im Wagen saßen. »Warum hast du keinen Schmuck
-genommen?« fragte er Hilde, als die Pferde anzogen
-und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte
-ihm diesen Fehler offenbarte.</p>
-
-<p>»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«</p>
-
-<p>Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte:
-»Heute hättest du <em class="gesperrt">schon</em> einen nehmen können, wo
-wir uns, seit mehr als Jahresfrist, das erstemal wieder
-zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ
-ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ
-seine prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf
-bei seinem Vater eine schiefsitzende Krawatte entdeckten.<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-Er richtete sie zurecht und fand dabei, daß
-Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette
-trug. Er griff hastig danach. »Das hättest du auch
-ablegen sollen; entweder oder: wenn wir von heute ab
-offiziell keine Trauer mehr tragen, so gehört sich das
-nicht mehr!«</p>
-
-<p>»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus
-Tiedemann legte die Hand auf den Wagenschlag und
-blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich dir
-sagte?«</p>
-
-<p>»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen
-Augenblick an, dann hielt der Wagen. Ein Strom
-geschwätziger Menschen umgab sie.</p>
-
-<p>Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann
-seiner Schwester den Mantel ab und warf ihn dem
-Diener auf den Arm: »Sie warten beim Ausgang!«</p>
-
-<p>Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu
-den schwarzen Galerien. Auf dem Podium, das den
-Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte von
-Armen waren in lebhafter Bewegung.</p>
-
-<p>Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen:
-T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen stand da und hatte sie gegrüßt. Für
-einen kurzen Augenblick hatten seine beweglichen Augen
-ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter,
-über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.</p>
-
-<p>Rechts und links grüßten Bekannte:</p>
-
-<p>»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten
-alle Gesichter, die in wenigen Sekunden sich in
-ernste Falten legten, weil es die Sitte erforderte und
-man so über Kunst sprach ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
-
-Der erste Bogenstrich!</p>
-
-<p>Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen
-brach Beethovens Genius die Kleinlichkeit der
-Menschen und nahm sie gefangen.</p>
-
-<p>Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf
-der Seele gegen feindliche Gewalten und ließ sie
-zittern.</p>
-
-<p>Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal
-wirft sich dazwischen. In wilder Gewalt brüllten die
-Töne und flehten und baten in heißem Sehnen.</p>
-
-<p>Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen
-waren des Menschen ewiges Vermächtnis ...</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und
-hatte auch nie darauf Anspruch erhoben, aber als
-die Töne auf ihn eindrangen, kam eine sonderbare
-Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher,
-weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen
-geweckt, die er lange schon tot gemeint hatte!
-Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:</p>
-
-<p>Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib,
-weil er das Geld nicht geben wollte, das sie fürs Leben
-brauchten. Und daneben saß der Knabe, in Lumpen,
-und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld
-konnte es keines geben. Der Vater starb, der Sohn
-stemmte sich im wilden Trotz dem Leben entgegen, in
-offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es schlug
-ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann
-schien Glück zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam
-trugen sie die Mühen leichter. Gerhard wurde geboren.<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span>
-Nun wußte er, <em class="gesperrt">wofür</em> er stritt ... Seine Kraft verdoppelte
-sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann
-stieg hoch.</p>
-
-<p>Hornruf riß ihn empor.</p>
-
-<p>Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente
-schwiegen:</p>
-
-<p>Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände
-weh, die in die Stimmung schlugen und damit Beifall
-zeugten.</p>
-
-<p>Lange dröhnte der Applaus.</p>
-
-<p>Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die
-Behrens sind vorn in der Loge«, sagte er nachlässig zu
-seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«</p>
-
-<p>»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem
-Programm seiner Schwester zu, »nur etwas zu
-langsam.«</p>
-
-<p>Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen.
-Die Stimmen schwirrten um sie und banden
-sie an die Wirklichkeit. Das Orchester setzte ein. In
-wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen,
-alles versank hinter ihr.</p>
-
-<p>Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über
-den Ernst! Das war es, was sie oft empfand, daheim,
-wenn sich die Ihren anders gaben, als sie waren. Bequem
-war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen
-und Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg.
-Vater mußte die Fehler seiner Söhne sehen und sich
-ihrer bewußt werden.</p>
-
-<p>Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen
-ähnlichen Gang:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-
-Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem
-Glück, das ihn zeitlebens geleitet hatte, sein Ende
-finden in enger Begrenzung? So dachte er damals,
-als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt
-Freds Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben,
-zufrieden mit dem Besitz? Er sehnte sich wieder nach
-Heimat im wirbelnden Trubel des Lebens, sein Herz
-verlangte Liebe, und die gab die <em class="gesperrt">Familie</em>! Familie?
-Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen,
-die ihm nun ruhig ihr Kind gaben, weil er reich geworden
-war! Die Kinder kamen, doch nicht das erhoffte
-Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen,
-kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach
-dem lärmenden Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen.
-Nun verließ ihn nicht mehr der Erfolg, doch
-das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner
-großen Familie.</p>
-
-<p>Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich
-nieder. Warum? ... Warum?</p>
-
-<p>Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte
-sich nicht gerührt. Seine Kinder sprachen, er gab keine
-Antwort:</p>
-
-<p>Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!</p>
-
-<p>Freude war ihm nie beschieden gewesen.</p>
-
-<p>Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in
-<em class="gesperrt">seinen</em> Kräften stand, gab er hinzu. Sie sollten
-haben, was ihm das Leben verwehrte!</p>
-
-<p>Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten.
-»... Deine Zauber binden wieder, was die Mode
-streng geteilt ...«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span>
-
-Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts
-überbrückte. Wer Großes wollte, wuchs aus seinem
-Kreis und nahm sich so die Kraft, die ihm bestimmt
-war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender
-Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines
-Geigers hängen, einer kleinen, verkrüppelten Gestalt,
-an der nur die Augen lebten und flackerten. Er war
-glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei
-ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war
-es auch Klaus Tiedemann ergangen:</p>
-
-<p>Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden
-des Volkes geraubt, aus dem er gewachsen war. Und
-nun stand er zwischen zwei Schichten und gehörte keiner
-an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner
-gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen
-Türen und wollte den Weg zurück nicht
-mehr gehen, weil er allzu steinig war, da er ihn wanderte,
-den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die
-Türen vor ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging
-zu Ende. Noch immer suchte er dessen Rätsel zu lösen.
-Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu
-sein? ...</p>
-
-<p>»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin
-Wolny vorstellen.«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos
-geblieben, als das Konzert zu Ende war,
-der noch immer so saß im halbleeren Saal. Tiedemann
-seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete
-sich die Augen, in welche die Erinnerung ihres<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>
-Lebens Tränen getrieben hatte. Sie gingen dem Ausgang
-zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah
-ihn nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher
-spricht, ist Entweihung«, hatte er einmal zu ihr gesagt.</p>
-
-<p>»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?«
-Eine schöne Frau grüßte mit bezauberndem Lächeln:
-Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin, hatte der
-Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen,
-durch vier leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis.
-»Aber übermorgen kommen Sie doch in mein
-Konzert?«</p>
-
-<p>»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte
-sich, trotzdem sein Inneres anders sprach. Er wendete
-sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt dich morgen
-gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir
-noch welche.«</p>
-
-<p>»Ich denke schon!«</p>
-
-<p>Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor
-Tiedemann auf, in dem er Beifall klatschen mußte,
-weil es die anderen taten. Mechanisch verbeugte er
-sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig
-zum Ausgang sah:</p>
-
-<p>»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 8"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Hilde und Leo empfingen in den vorderen
-Räumlichkeiten die letzten Gäste. Dann geleiteten
-sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie interessiert,
-wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest
-schlüssig werden.« Leise Verbeugungen, diskretes
-Lächeln und Händedrücke ließen die Wissenden erkennen.</p>
-
-<p>Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite,
-wo sich die Herren drängten. Frau Baronin
-Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall begrüßt.
-Sie lächelte dankend und sprach geziert:</p>
-
-<p>»Meine Herrschaften!«</p>
-
-<p>Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus,
-welche knarrende Stiefel unangenehm unterbrachen,
-die auf dem spiegelnden Parkett hin und her gingen.
-»Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem
-Fächer, leise Antwort:</p>
-
-<p>»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.«</p>
-
-<p>Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard
-Tiedemann hatten zwei Damen der Gesellschaft den
-Stab gebrochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-
-»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen
-für ihr Vertrauen«, sprach die Wolny. »Ich weiß nicht,
-ob ich es verdiene,« die rotblonde Frau lächelte verbindlich,
-»aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben
-werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert
-sein, daß ich zu dessen Gelingen alles tun will,
-was in meinen schwachen Kräften steht.«</p>
-
-<p>T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen zog die Unterlippe ein, während ein
-Beifallssturm den Worten der begehrenswerten Frau
-folgte; dann klatschte auch er in die Hände: »Bravo!«
-Seine Stimme hatte sonderbare Färbung.</p>
-
-<p>»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen.
-Mit Rücksicht auf den praktischen und humanitären
-Zweck müssen wir möglichst <em class="gesperrt">billig</em> arbeiten.
-Wollen die Herrschaften also im Laufe des heutigen
-Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen
-wird, sich zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen
-und es dann mich oder Herrn Fred Tiedemann
-wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in das
-engere Komitee einzutreten ...«</p>
-
-<p>Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber,
-daß er den warmen Hauch ihres Körpers atmete:
-»Bitte Frau Baronin, das Wort für mich.«</p>
-
-<p>»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.«</p>
-
-<p>»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade
-Fred lächelte rundum, »wir brauchen einen gewissen
-Betriebsfonds, um arbeiten zu können! Die
-Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin
-in selbstlosester Weise gefördert.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span>
-
-»<em class="gesperrt">Sie</em> doch <em class="gesperrt">auch!</em>« Frau Majas volle Lippen
-lächelten.</p>
-
-<p>»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und
-gut,« er warf den Kopf humoristisch hin und her, »wir
-brauchen Geld, wie überall auf der Welt!«</p>
-
-<p>»Der Weisheit Schluß!«</p>
-
-<p>»Kollekte veranstalten!«</p>
-
-<p>»Absammeln!«</p>
-
-<p>»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau
-Maja Wolny und trat mit einer Verbeugung zurück.
-Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte sich: es
-war mehr, als er hatte zeichnen wollen.</p>
-
-<p>Er sah fragend zu seinem Vater hinüber:</p>
-
-<p>Der hatte die Situation und den Befehl begriffen.
-Mit hastigen Schritten und vor Erregung rotem Kopf,
-daß er nun vor so vielen Menschen sprechen müßte,
-die er alle als über sich stehend ansah, trat er vor und
-gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von
-unserem Hause.«</p>
-
-<p>»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem
-Fürsten gesehen hatte. »Das soll nur der Anfang
-sein.«</p>
-
-<p>Fürst Solt trat in die Fensternische.</p>
-
-<p>Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und
-Behrens. Klaus Tiedemann sah mit scharfen Augen
-zu: Behrens mußte viel geben, der zog den armen
-Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden
-Männer nickten sich steif zu; sie konnten es noch immer<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-nicht vergessen, daß sie in der Jugend Konkurrenten gewesen
-waren. Und dann &mdash; die Behrens hatten wohl
-auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich
-nicht verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang,
-da Heinz Behrens am Getreideeck als kleiner
-Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu Tiedemann:</p>
-
-<p>»Wie soll der Schwindel heißen?«</p>
-
-<p>»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich
-wollten wir ein orientalisches Fest, aber die Kostüme
-kommen zu teuer; das drückt den Reingewinn.«</p>
-
-<p>»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das
-ist wahr.«</p>
-
-<p>»Nennen Sie's doch &#8218;ein Wohltätigkeitsfest auf dem
-Mond&#8217;, meine Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme
-in das Gewisper und Geflüster, das die rotblonde Präsidentin
-ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm
-brauchen.«</p>
-
-<p>Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten
-den Boden.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte
-im Scherz oder im Ernst gesprochen waren.</p>
-
-<p>»Das ist eine Idee.«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis,
-in solchen Dingen, unbedingtes Vertrauen:</p>
-
-<p>»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand
-etwas dagegen hat, so feiern wir ein Fest auf dem
-Mond?«</p>
-
-<p>»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen;
-nur Heinz Behrens schüttelte den struppigen Kopf, er<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-fand sich nicht gleich zurecht in solchen Dingen: was
-sollte er auf dem Monde machen?</p>
-
-<p>»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«,
-sagte Olthoff und zog sich ein Taburett zu Hildes
-Füßen. »Ist es erlaubt?«</p>
-
-<p>»Bitte.«</p>
-
-<p>Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an
-Sie, gnädiges Fräulein?«</p>
-
-<p>»Die wäre?«</p>
-
-<p>Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr
-große und unverschämte Bitte.«</p>
-
-<p>»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo
-Hansen sein mußte. Er folgte der Richtung; fragend
-sah er sie an:</p>
-
-<p>»Befehlen?«</p>
-
-<p>»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?«</p>
-
-<p>»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.«</p>
-
-<p>»Und? ...«</p>
-
-<p>»Bitte, machen Sie mit!«</p>
-
-<p>»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.«</p>
-
-<p>»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand
-und sprach eifrig weiter: »Wir denken uns so eine
-nette, intime Gruppe, lauter Leute, die sich gegenseitig
-sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den
-ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab.
-»Bis jetzt wäre es Ihre werte Familie, die Wolnys und
-meine Wenigkeit &mdash; viele werden nimmer dazukommen,
-höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für
-Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein
-Behrens gedacht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span>
-
-Hilde gab einsilbige Antworten.</p>
-
-<p>Hansen ging vorüber, im Gespräch mit Leo; sein
-Blick streifte sie, flüchtig und zufällig; es tat ihr weh.
-Abseits stand Fürst Solt und redete mit Jan Wolny.
-Die schmale Gestalt Wolnys hing vornüber, der kleingestutzte,
-schwarze Schnurrbart gab dem Gesicht einen
-älteren Ausdruck.</p>
-
-<p>»Sie wollen sich jedenfalls, wie Ihr seliger Herr
-Papa, dem öffentlichen Dienste widmen?«</p>
-
-<p>»Vielleicht, Durchlaucht, &mdash; einstweilen studiere ich
-Rechtswissenschaft.«</p>
-
-<p>»Und interessiert Sie Ihr Fach?«</p>
-
-<p>Jan Wolny zog die dunklen Brauen zusammen.
-Er antwortete langsam:</p>
-
-<p>»Gewiß, Durchlaucht, es hat für mich etwas sehr
-Ansprechendes, aus erster Quelle das kennenzulernen,
-nach dem die gesamte Menschheit sich richten muß. Sie
-fügt sich seit Jahrtausenden, und doch ist es auch nur
-menschlicher Wille, vor dem sie sich beugt. Man schuf
-sich eine Richtschnur, weil man sich der eigenen
-Schwäche bewußt war. Wer heutzutage stärker wäre
-und nach eigenem Gesetz handelte, er wäre der erste,
-der nach dem Mittel der Schwäche seiner Vorfahren
-gerichtet würde. Das ist das Rätselhafte am menschlichen
-Recht und Gesetz.«</p>
-
-<p>Mit langem Blick sah ihn Fürst Solt an.</p>
-
-<p>Olthoff segelte steuerlos hin und her, um ein Gespräch
-dauernd im Gange zu halten:</p>
-
-<p>»Sagen Sie, Fräulein Hilde, zu wessen Gunsten
-wird eigentlich das Reinerträgnis verwendet?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>
-
-»Für Angehörige von Säufern und für die Erziehung
-ihrer Kinder.«</p>
-
-<p>»Da wird Ihr Herr Schwager eifrig beisteuern
-müssen.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Jetzt, wo die Spiritus- und Schnapsbrennereien
-ihm gehören, ist er ja einer, der am meisten mit solchen
-Leuten zu tun hat.«</p>
-
-<p>Sie lächelte gezwungen: »Ach so ...«</p>
-
-<p>Fred kam auf sie zu und sagte befehlend: »Olthoff
-führt dich zu Tisch; neben dir ist Fürst Solt mit Clo.«</p>
-
-<p>Sie nickte gehorsam und stand auf. Sie legte ihren
-Arm in den Olthoffs ...</p>
-
-<p>In scharf überlegter und abgezirkelter Tischordnung
-saßen sie:</p>
-
-<p>Ganz unten Gerhard und Hansen; auch der alte
-Behrens hatte es verstanden, sich dahin zu schmuggeln;
-da aß man ungenierter! Seine Frau und Tochter
-sollten ruhig oben bleiben. Heinz Behrens erwog in
-seinem geschäftigen Sinn eine endgültige Versöhnung
-der Häuser Behrens und Tiedemann, durch Heirat
-ihrer Kinder. Leo war seiner Tochter Tischherr. Dann
-konnte man die überseeische Filiale auflassen, die nur
-Geld kostete, die, der Tiedemanns wegen, einstweilen
-notwendig war ...</p>
-
-<p>Frauenrecht und Kinderschutz waren das Gesprächsthema.
-Frau Baronin Wolny hob ihr Glas Liebfrauenmilch
-und lächelte Fred Tiedemann zu: »Mein
-treuer Adjutant.« Dann fragte sie nach links, seinen
-Vater, der sofort mit dem Essen innehielt: »Sagen<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-Sie, wird nicht stark übertrieben, wenn man immer
-von der traurigen Lage der Arbeiterschaft spricht?«</p>
-
-<p>»Durchaus nicht, Frau Baronin &mdash;« Tiedemann
-wischte sich mit der Serviette eifrig den Mund. »Durchaus
-nicht, die Leute sind wirklich gezwungen, ein Leben
-wie die Hunde zu führen.«</p>
-
-<p>»Also doch, das ist mir interessant zu hören!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann kam in Hitze:</p>
-
-<p>»Das ist das fürchterliche, daß die meisten gar nicht
-wissen, wie schlecht es ihren Arbeitern geht!« Lecart
-hob den Kopf. »Nicht genug daß die Eltern verkommen
-und sich dem Trunk ergeben, die Kinder, für
-die sonst jeder alles tut, werden krank und leiden daran
-ihr Leben lang ...« Er rückte zur Seite, um »Sole
-d'Ostende à la Joinville« servieren zu lassen, dann fuhr
-er fort, die eigene Kindheit ward in ihm rege:</p>
-
-<p>»Man muß wissen, wie die Kinder untergebracht
-sind: mit den Eltern oft zu fünft und noch mehr in
-einem kleinen, schlecht gelüfteten Raum, der auf einen
-engen Lichthof mündet, in den nicht mal die elende
-Großstadtluft dringen kann.« Er nickte aufgeregt mit
-dem Kopfe. »Was sie da sehen und hören, wenn sie
-älter werden und der Vater betrunken nach Hause
-kommt!! Dann wundert man sich über die moralische
-Verkommenheit. Mein Gott, was man von klein auf
-gesehen und mitgemacht hat, wird einem zur Gewohnheit.
-Ich kann darüber sprechen, denn ich ...« Fred
-Tiedemann sah seinen Vater fest an, dem ging stets
-das Herz in solchen Dingen über, »... denn ich«,<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-fuhr Tiedemann unsicher fort ... »habe mich stets
-um meine Arbeiter gekümmert.«</p>
-
-<p>Er schwieg, Lecart sagte zu Brunn-Bennigsen, seiner
-Nachbarin: »So arg ist's nicht, mein Schwiegerpapa
-übertreibt gern.«</p>
-
-<p>Jan Wolny, der neben Clo saß, schüttelte den Kopf.
-»Wenn es wirklich so ist, dann sollten wir uns schämen
-und, statt ein Fest zu veranstalten, das ganze Geld den
-Armen geben.«</p>
-
-<p>»Es kommt ohnehin auf eins heraus.« Clo wendete
-ihm den Kopf zu, daß die Brillanten farbige Pfeile
-schossen. »Wenn wir eine Unterhaltung geben, so haben
-wir <em class="gesperrt">und</em> die Armen etwas davon und sonst nur die
-allein.«</p>
-
-<p>Jan gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Das Mahl ging weiter, Gang folgte auf Gang.
-Beim Champagner, Lecart hatte mit Vergnügen zu
-seinem Gegenüber »G. H. Mumm extra dry« bemerkt,
-erhob sich Fred, zu kurzer Rede:</p>
-
-<p>Er sprach auf die Präsidentin und auf das Gelingen
-des Festes und fand den üblichen Beifall des Gastgebers.
-»Ein reizender Mensch, Ihr Herr Sohn«, hatte
-Baronin Wolny zu Klaus Tiedemann gesagt; der nickte
-vor sich hin. Er konnte das Lächeln des Vaterstolzes
-nicht verbergen. In solchen Momenten vergaß er alles,
-aus Freude darüber, daß seinem Sohne gelang, was er
-Zeit seines Lebens nicht erreicht hatte &mdash; das Wohlgefallen
-der Gesellschaft.</p>
-
-<p>Nach dem »Crème à la Glace« warf Olthoff, der<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>
-bereits sämtliche Manövergeschichten erschöpft hatte,
-abermals die Frage auf, was die Gruppe darstellen
-sollte. Er dachte an Mondkavallerie in exotischem
-Kostüm, die Frau Luna umschwärmt. Hilde sollte
-Frau Luna sein!</p>
-
-<p>»Recht verrückte Adjustierung, Löffel und Gabel in
-Riesendimensionen als Waffen &mdash; Hände und Gesicht
-dunkel gefärbt; das wird ein Hauptspaß.« Er lachte.
-»Doch die Damen werden mit dem Färben, des
-Teints wegen, nicht einverstanden sein?«</p>
-
-<p>»Das ist mir gleich, wenn es die anderen tun,
-mache ich es auch.«</p>
-
-<p>»Sehr liebenswürdig, wenn nur alle Damen so uneigennützig
-sind.«</p>
-
-<p>Fürst Solt mischte sich ins Gespräch: »Da wüßte
-ich ein Mittel, das großartig wirkt.« Er legte den Handrücken
-nachdenklich an die Stirn. »Nun ist mir der
-Name entfallen. Ich habe seinerzeit in Indien gesehen,
-wie sich die Eingeborenen bei ihren Festen damit
-färben.« Wieder hielt er inne. »Daß ich aber auch den
-Namen vergessen habe! Es war die Frucht einer Akazienart,
-glaube ich.«</p>
-
-<p>»Es wird Bablah gewesen sein.«</p>
-
-<p>»Ganz richtig, gewiß.« Fürst Solt neigte dankend
-den Kopf nach dem Tischende. Er schien sich mit
-Freuden früherer Zeiten zu erinnern. »Sehr richtig,
-ich meinte Bablah; aber woher kennen Sie den Namen,
-wenn ich fragen darf?«</p>
-
-<p>Gerhard Tiedemann gab kurz die Antwort: »Ich
-war einige Jahre im Lande.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>
-
-»Das trifft sich herrlich.« Der sonst so schweigsame
-Fürst wurde lebhaft. »Da müssen wir darüber sprechen,
-alte Erinnerungen auffrischen; da bitte ich dann um
-eine Plauderviertelstunde.«</p>
-
-<p>»Bitte.«</p>
-
-<p>Er wendete sich lächelnd zu Klaus Tiedemann:
-»Nun bin ich Ihnen für Ihre liebenswürdige Einladung
-noch mehr verbunden. Ich hätte mir nie
-träumen lassen, bei Ihnen heute über Indien, das
-Land meiner Sehnsucht, sprechen zu können.«</p>
-
-<p>In Klaus Tiedemann regte sich abermals Vaterstolz;
-doch seine Umgebung ließ ihn dessen nicht froh
-werden, etwas wie beleidigte Eitelkeit klang in seiner
-Antwort: »Auch ich, Durchlaucht, kenne das Land, doch
-bin ich nur auf kürzere Zeit hingekommen.«</p>
-
-<p>»Köstlich.« Mit leisen Worten wendete sich Fürst
-Solt an Hilde: »Wer ist der Herr, der mir vorhin zu
-Hilfe kam?«</p>
-
-<p>Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort; sie
-schien auch von der allgemeinen Scheu ihrer Familie,
-Gerhard zu ihnen rechnen zu müssen, ergriffen; dann
-warf sie den Kopf unwillig zurück: »Es ist mein Stiefbruder,
-Durchlaucht, meines Vaters Sohn aus erster
-Ehe«, sagte sie.</p>
-
-<p>»Ihr Herr Vater war zweimal verheiratet? Das
-wußte ich nicht.« Interessiert sah Solt auf Gerhard.
-»Es ist große Aehnlichkeit zwischen ihm und seinem
-Vater, viel mehr, als Sie alle mit ihm haben.«</p>
-
-<p>»Ich weiß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann hatte mit scharfen Ohren das
-leise geführte Gespräch vernommen; er senkte den
-Kopf. Es kränkte ihn, daß seine Kinder aus zweiter
-Ehe ihm so wenig ähnlich waren; das Wesenheimsche
-Blut war stärker gewesen als sein eigenes. Er preßte
-die Zähne aufeinander; sie hatten ihm seine Art zerbrochen
-und ihn zu ihrem willfährigen Diener gemacht,
-der Geld verdiente. Das vergaß er ihnen nicht! Er
-zwang sich zu anderem Denken: Wozu holte er dies alles
-wieder aus der Vergessenheit hervor, wo ihn seine
-Kinder doch liebten und an ihm hingen in Treue?
-Nun war doch alles gut.</p>
-
-<p>Leo strich an Hilde vorüber und flüsterte:</p>
-
-<p>»Fred läßt dir sagen, du solltest endlich die Tafel
-aufheben.« Fred Tiedemann taugte das Gespräch nicht;
-wenn Papa und dieser Plebejer, der sich sein Bruder
-nennen durfte, zu sprechen anfingen, war es besser,
-Schluß zu machen; sonst konnten unangenehme Enthüllungen
-vorkommen. Was ging die Leute die Geschichte
-Tiedemanns an?</p>
-
-<p>Hilde stand jäh auf.</p>
-
-<p>»Mahlzeit!«</p>
-
-<p>Olthoff wich nicht von ihrer Seite. Ungezwungene
-Gruppen bildeten sich, Brunn-Bennigsen trat ans
-Klavier. Wieder legten die Gesichter sich in ernste
-Falten.</p>
-
-<p>Die ersten Töne erklangen.</p>
-
-<p>In der Stille hallte Gerhards Stimme desto lauter,
-alle Blicke wendeten sich zu ihm: er störte die Kunst,<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>
-das war Sakrileg. Fred Tiedemann knirschte mit den
-Zähnen, das hatte Papa davon! Brunn-Bennigsen
-tat einen bösen Seitenblick.</p>
-
-<p>»... Bombay ist stark zurückgegangen, durch
-Cholera und andauernde Mißernten ...«</p>
-
-<p>Elektrische Spannung lag in der Luft und mußte sich
-über Gerhard entladen. Doch als Fürst Solt nun, von
-den Erinnerungen seiner Jugend getrieben, ebenfalls
-laut antwortete, zerfloß alles in Wohlgefallen: dem
-konnte niemand Taktlosigkeit vorwerfen!</p>
-
-<p>»... Ich glaube, auch die Bevölkerung ist stark
-dezimiert.«</p>
-
-<p>»Gewiß.«</p>
-
-<p>»Wo hatten Sie eigentlich Ihren Sitz?«</p>
-
-<p>»Auf Old Womans Island; im letzten Jahre gleich
-daneben, auf Kolaba.«</p>
-
-<p>»Das ist die Halbinsel? Nicht? ...«</p>
-
-<p>Das Fortissimo übertönte die Stimmen.</p>
-
-<p>Reicher Beifall erklang, Fred überreichte ein Rosenbukett.
-Dann geleitete er die Künstlerin zu ihrem Sitz:</p>
-
-<p>»Ich war machtlos, die beiden Herren müssen sich
-rein vergessen haben. Fürst Solt war dabei!«</p>
-
-<p>Sie lächelte ihm zu: »Das hat nichts auf sich ...«</p>
-
-<p>Nun durften die Herren rauchen.</p>
-
-<p>Bei den Zigarrenkistchen, in denen die Spezialitäten
-mit den breiten Bauchbinden lagen, traf man sich.</p>
-
-<p>Lecart wählte mit Kennermiene; sein Blick kreuzte
-sich mit dem Olthoffs. Sie verstanden sich.</p>
-
-<p>»<span class="antiqua">C'est la guerre</span>«, lächelte Olthoff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
-
-Roller, der Modemaler, nahm gleich von mehreren
-Sorten; er kam stets, wenn wenig Leute bei den Rauchsachen
-waren, auf seine Kosten.</p>
-
-<p>Auch Leo holte sich eine schwere Havanna ...</p>
-
-<p>»Wollen wir nicht ein wenig plaudern?« fragte
-Hilde Tiedemann.</p>
-
-<p>»Wenn ich Ihnen nicht zu langweilig bin? ...«
-Hilde ließ sich in einer lauschigen Ecke nieder;
-T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen saß ihr gegenüber und sperrte ihr den
-Ausblick. »Es ist lange, daß wir uns das letztemal
-sprachen.«</p>
-
-<p>Sie nickte: »Wie geht es Ihrer Mutter?«</p>
-
-<p>»Gut, wie es eben einer alten Frau gehen kann,
-die mich zum Sohn hat.«</p>
-
-<p>Hilde wurde verlegen:</p>
-
-<p>»Sie machen sich noch immer gern schlecht.«</p>
-
-<p>Er lächelte:</p>
-
-<p>»Ich bin kein Heiliger; fragen Sie nur die da
-hinten,« er machte eine geringschätzige Kopfbewegung
-nach der übrigen Gesellschaft, »wofür mich die halten!«
-Hansens überlegene Ruhe, die er sonst stets zur Schau
-trug, war einer bitteren Stimmung gewichen.</p>
-
-<p>»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.«</p>
-
-<p>»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft.
-Es gehört eine verflucht gute Laune dazu, stets
-als das ausgestoßene Schaf herumzulaufen.«</p>
-
-<p>»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn
-mit forschenden Augen an. »Sie sagten doch immer:
-&#8218;nie hat die Menge recht&#8217;.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
-
-Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde,
-und doch tut es mir von mancher Seite weh, so behandelt
-zu werden; ich bin für viele nur der Lump. Ich
-gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger
-Charakter, weil ich mein Vergnügen daran
-finde, den Leuten ihre schlechte Seite vorzuhalten, und
-doch hat alles andere weniger Wert.« Er senkte den
-Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren?
-Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben
-wieder vereinigen, zu einem Gesamtbild. Wenn man
-das tut, so ist's Karikatur, und als solche minderwertig;
-wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne
-Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge
-unterscheiden sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich
-es eben und bleib' drinnen stecken.« Er lächelte bitter.
-»Mit der Zeit werden Sie schon auch noch anders
-von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's
-tun.«</p>
-
-<p>»Warum ich?«</p>
-
-<p>»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer
-derselbe bin, als der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus
-kam: der Vielversprechende, der nichts hält.«</p>
-
-<p>»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in
-meiner Gegenwart.« Er sah auf und erschrak. In
-Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte
-sie diese zurück.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr
-die Hand hin, in die sie ihre eiskalten Finger legte.
-»Ich habe mich gehen lassen, weil ich mich vorhin
-über Leo ärgerte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-
-»Was war's?«</p>
-
-<p>»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war
-heute anders mit mir als sonst. Geschraubt und hochmütig,
-als wäre es eine Auszeichnung, wenn er überhaupt
-mit mir spricht.«</p>
-
-<p>»Da kann Leo nichts dafür ...« Sie schwieg in
-heißer Verlegenheit.</p>
-
-<p>»Ich weiß,« er suchte ihr die unangenehme Antwort
-abzunehmen, »ich weiß, daß er nichts dafür kann,
-aber trotzdem: er war einer, der an mich glaubte,
-wenn er auch noch ein Kind war; es tut immer weh,
-Anhänger zu verlieren, wenn man wenige hat.« Er
-sah ihr fest in die Augen. »Ueberhaupt, es ist so vieles
-bei Ihnen anders geworden.«</p>
-
-<p>»Sie dürfen von Papa nicht schlecht denken.«</p>
-
-<p>»Das tue ich nicht, Fräulein Hilde; sonst würde
-ich nicht darüber sprechen; aber leid ist mir um ihn,
-daß er sich so beeinflussen läßt und nicht sieht, wohin
-das führt. Warum zieht er solche Leute ins Haus,«
-seine Stimme klang aufgeregt, »wie den Olthoff, dem
-die Spekulation auf Sie ins Gesicht geschrieben steht,
-die Wolny, die stadtbekannt ist wegen ihres Lebens,
-und noch viele andere?«</p>
-
-<p>Sie war blutrot geworden: »Was sollen die Leute
-schaden, wenn nur wir stark bleiben?«</p>
-
-<p>Er sah sie mit forschenden Blicken an: »Wenn!
-Wir? Wer sagt, daß Sie's bleiben? Ihre Schwester
-hat Lecart geheiratet, trotzdem ich jemanden kenne,
-der heute noch für sie stirbt.« Sie lenkte ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-
-»Sie verkehren noch mit Gröden?«</p>
-
-<p>»Wir sind jeden Tag beisammen; er hat Karriere
-gemacht und hat es noch immer nicht vergessen, daß
-er Klaus Tiedemanns Schwiegersohn nicht werden
-konnte, weil er ein armer Architekt war.«</p>
-
-<p>Hilde seufzte. »Daran war Mama schuld.«</p>
-
-<p>Sie schwiegen.</p>
-
-<p>Ihre Blicke hingen ineinander.</p>
-
-<p>Dann sagte Hilde: »Was macht Ihre große Arbeit?«
-Er senkte den Kopf und gab keine Antwort. Sie sprach
-weiter: »Sie haben mir versprochen, damals, als wir
-das erstemal uns näher traten: Sie wollten ein Werk
-schaffen, das zeigen sollte, daß Sie mehr könnten als
-die anderen.« In herber Enttäuschung schüttelte sie
-den Kopf. »Ich habe so darauf gewartet, von Tag
-zu Tag, und nun? ...« Ihre Stimme verhallte.</p>
-
-<p>T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen saß regungslos; dann sah er auf.
-In seinen grauen Augen glimmte ein Funke. »Ich
-hab' nicht gewußt, daß <em class="gesperrt">Sie</em> darauf warten.« Seine
-Stimme gewann an Festigkeit. »Sie dürfen nicht
-schlecht von mir denken, Hilde, nur das nicht. Ich
-kann eben kein Beamter der Kunst sein. Es wird
-so viel geschaffen, um das sich niemand kümmert, daß
-es einem um sein Werk leid sein kann. Die Handwerker
-in meinem Fach sind im Vorteil. Sie malen
-Porträts von reichen Leuten und leiten davon ihr
-Selbstvertrauen her; sie werden dadurch »bekannt«.
-Ich habe durchgekämpfte Stunden künstlerischen
-Zweifels, die anderen haben Geld und Konnexionen.
-Was gilt in den Augen der Welt mehr?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-
-»In meinen Augen &mdash; das Ihre.«</p>
-
-<p>Er atmete aus voller Brust und bohrte den Blick
-in ihr erregtes Gesicht, als müsse er sich dort Mut
-holen.</p>
-
-<p>Dann sagte er: »So will ich's wagen &mdash; aber Sie
-dürfen mir nichts verschweigen, Hilde, ja, nichts? Sonst
-ist's Verrat an mir selbst.«</p>
-
-<p>»Ich habe nichts zu verschweigen. Ich habe nur
-den Willen, daß Sie mit Ihren reichen Mitteln den
-anderen zeigen, was Sie können, dann bin ich belohnt.«</p>
-
-<p>Seine Hand umspannte krampfhaft die ihre; mit
-fester Stimme sagte er: »Sie sollen nicht getäuscht
-werden, aber ich muß voll an Sie glauben und muß
-von Ihnen das Recht haben, zu jeder Stunde meiner
-Arbeit an Sie denken zu dürfen. Darf ich das, Hilde?«</p>
-
-<p>Sie nickte mit feuchtem Blick: »Ja, Hansen, das
-dürfen Sie, und ich will's auch tun.«</p>
-
-<p>»Nun hab' ich Riesenkraft ...«</p>
-
-<p>Er sah sich um: mit unsicherem Schritt kam Roller
-auf sie zu; er trug auf einer Tablette mehrere gefüllte
-Kognakgläser.</p>
-
-<p>»Gefällig?«</p>
-
-<p>»Danke.«</p>
-
-<p>»Ich danke«, sagte auch Hilde.</p>
-
-<p>»Bleibt mir mehr!«</p>
-
-<p>Er goß hintereinander den Inhalt mehrerer Gläser
-hinunter, mit stieren Augen klopfte er wohlwollend
-Hansen auf die Schulter; er fühlte sich dem Karikaturenzeichner<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
-weit überlegen: »Junger Mann, Sie
-haben kein Ideal, suchen Sie sich eines, ein Künstler
-muß ein Ideal haben ...«</p>
-
-<p>»... Und wenig saufen«, es war Hansens unverschämtester
-Blick, der dem verblüfften Modemaler ins
-Gesicht lächelte, »sonst wird die Hand unsicher ...«</p>
-
-<p>»... Na Kinders, wie geht's,« Heinz Behrens klopfte
-sein Töchterchen derb auf die Wange, »macht der
-junge Herr seine Sache gut?«</p>
-
-<p>Leo Tiedemann war wütend: daß nette Mädchen
-stets solche Väter haben mußten! Er hustete und sah
-mißvergnügt gegen das Klavier, wo Lecart eben Frau
-Brunn-Bennigsen auf den vollen Arm küßte. Klaus
-Tiedemann saß müde in einer Ecke und lächelte verbindlich,
-wenn er angesprochen wurde.</p>
-
-<p>Er war schläfrig und sehnte sich nach Ruhe.</p>
-
-<p>Jan Wolny strich an der Nische vorüber, in der
-sich seine Mutter mit Fred Tiedemann unterhielt:</p>
-
-<p>Er kannte das hungrige Lachen, er hatte es schon
-einmal gehört, kurz bevor sein Vater in den Tod gegangen
-war.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 9"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Die nächsten Tage eilten vorüber. Fred
-Tiedemann hatte eine Unmasse zu tun. Wenn
-die Wohltätigkeitsveranstaltung gelingen sollte, benötigte
-sie viel Arbeit. Drei Herren im Bureau
-hatten die beiden letzten Wochen nur für sie
-zu arbeiten, zum unaussprechlichen Aerger des alten
-Görnemann. Gerhard zuckte die Achseln und dachte
-der Worte, die Fürst Solt zu ihm gesprochen hatte:</p>
-
-<p>»Ich glaube, unseren meisten reichen Kaufherrensöhnen
-fehlt die Erfahrung harter Arbeit. Darum sind
-sie nur Nutznießer des väterlichen Erbes. Sie gehen in
-unseren Kreisen auf. Statt in die Welt hinauszuziehen
-und sich dort ihre eigene Erfahrung zu sammeln ...«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann war schwer verstimmt. Er saß
-Stunden allein zu Hause und grübelte vor sich hin.</p>
-
-<p>Er hatte Angst um Leo.</p>
-
-<p>Fast täglich kam der Arzt.</p>
-
-<p>Hilde war nach der Gesellschaft, die bis in den
-frühen Morgen gedauert hatte, hinübergegangen in
-das Zimmer ihres jüngeren Bruders um ihm, wie
-es ihre Art war, neue Wäsche für Sonntag herzurichten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>
-
-Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend
-gefunden.</p>
-
-<p>Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und
-hatte sie gebeten, Papa und den anderen nichts zu
-sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und darauf
-bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen
-würde.</p>
-
-<p>Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann,
-welcher mit ängstlichem Gesicht neben ihm stand:
-»Der Bursche ist rasch gewachsen und frühreif. Von
-Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist Vorsicht
-am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause,
-und sehen Sie darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich
-glaube, er hat schon zu viel an die Weiber gedacht.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße,
-auf der gerade Gerhard in strotzender Gesundheit daherkam,
-und ging mit einem leichten Gefühl des Hasses
-zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen.</p>
-
-<p>Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu
-ihm offen, damit er alles hörte, was neben ihm vorging;
-darauf hatte ihn Hilde gebracht! Zweitens durfte
-Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein
-Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das
-Fest nächsten Sonnabend mit inbegriffen! Drittens:
-bat er ihn mit innigen Worten, verläßlich zu sein und
-sich zu schonen, auch nichts hinter seinem Rücken anzufangen,
-was seiner Gesundheit schaden könnte; dann
-gab er ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der
-Stadt eine Ueberraschung zu kaufen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-
-Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos
-Art besser kannte und seinen wilden Trotz, der gerade
-das unternahm, was ihm am meisten widerraten
-wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon
-öfter solche Schwächeanfälle gehabt hatte.</p>
-
-<p>Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er
-sah, daß diesmal sein Vater fest blieb und das Fest
-unwiderruflich für ihn verloren sei, gab er zu, bereits
-seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er
-hatte es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst
-zu berauben, und anderseits hatte er geglaubt, es
-würde von selbst vorübergehen. Sein Vater saß
-Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner
-Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein
-erfuhr häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis
-kam; es war mehr als schlecht und stellte überhaupt
-in Frage, ob Leo zur Schulprüfung zugelassen würde.
-In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich nicht
-mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe
-bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein
-Jahr war lang und Klaus Tiedemann war schwer in
-seinem Sohne getroffen. Auch Fred war nicht glatt
-durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen,
-aber Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte
-man den Leuten sagen als Entschuldigung?</p>
-
-<p>Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker.
-Er wußte, daß Vater auf die Schulmeister, wie
-er sie nannte, nicht gut zu sprechen war; so erzählte er
-denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie an<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>
-der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen
-hatte sich einer seiner Mitschüler.</p>
-
-<p>Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit
-nur die allernotwendigste Schulbildung genossen
-hatte; alles andere hatte er sich selbst im Leben angeeignet.
-So trug er begreifliche Mißachtung gegen zünftiges
-Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf
-und gab seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr,
-was war das; wenn ihm der Bursche nur wieder gesund
-wurde!</p>
-
-<p>Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten
-Mittel, das er für sich selbst nie und nimmer
-angewendet hätte: er stellte ihm vor, daß er reich sei,
-einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich
-keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 10"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Es war wenige Stunden vor Beginn des Festes.
-Fred Tiedemann stand in seinem Zimmer und
-ordnete seine Maskerade. Leo saß rittlings auf
-einem Sessel und sah mißmutig auf einen Haufen
-in die Mitte des Zimmers geworfener Kleider.
-»Zu blöde,« er schüttelte den Kopf, »daß ich nicht mit
-kann!« Als Fred, der vor dem Spiegel in die Betrachtung
-seines Selbst versunken war, keine Antwort gab,
-stieß er ihn unsanft an: »Du, hörst du?«</p>
-
-<p>Aergerlich fuhr Fred, Kamm und Bürste in Händen,
-herum: »Jetzt schau' meinen Scheitel an; nun kann ich
-nochmals anfangen.«</p>
-
-<p>»Du hast doch Zeit.«</p>
-
-<p>»Wieso denn?« Fred sah rasch nach der Uhr. »Ich
-muß auch noch Papa und Hilde antreiben, daß sie
-fertig werden ...«</p>
-
-<p>»Glaubst du, daß sie Olthoff mag?«</p>
-
-<p>»Einstweilen ist's noch zum Aushalten, aber er wird
-sie schon kirre machen. Er versteht, mit Weibern umzugehen.«</p>
-
-<p>Nachdenklich sah Leo zur halbdunklen Zimmerecke:
-»Ob sie nicht zu fest an Hansen hängt?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>
-
-»Der wäre der Richtige!« Fred Tiedemann lachte.
-»Damit wir noch so einen in die Familie bekommen wie
-den Gerhard! Na,« er zog die Krawatte zu, »das Geld
-würde dem schon passen, das haben &#8218;Künstler&#8217; gern.« Er
-lachte geringschätzig.</p>
-
-<p>Lebhaft widersprach Leo: »Nein, Fred, wenn ich
-alles von Hansen glaube, darauf gibt er nichts.«</p>
-
-<p>»Na, nichts Gewisses weiß man nicht.« Fred strich
-den Schnurrbart. »Ich habe gegen solche biederen Gestalten
-Mißtrauen ...«</p>
-
-<p>Leo schüttelte den Kopf und schwieg. &mdash; Nach einer
-Weile sagte er: »Du, Fred, beinahe hätte ich es vergessen:
-Gerhard war vor einer Stunde hier, um mit
-Papa zu sprechen.«</p>
-
-<p>»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der
-andere hielt in seiner Toilette inne und wartete gespannt
-auf Antwort.</p>
-
-<p>»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag
-kommen.«</p>
-
-<p>»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!«
-vor sich hin, er mußte es ja kennen als Reserveoffizier
-der Husaren, dann meinte er nachdenklich: »Hoffentlich
-schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.«</p>
-
-<p>»Was hat es denn gegeben?«</p>
-
-<p>»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo
-es ihn nichts angeht! Lecart nimmt unsere Firma
-jetzt stark in Anspruch, weil er in größere Unternehmungen
-verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht.
-Immer ist er derjenige, der warnt und lieber fremden<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-Leuten als unseren eigenen Verwandten borgen möchte.
-Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er hielt inne
-und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter
-ihm steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts
-zu unternehmen getraut; der hetzt ihn und schickt ihn
-ins Vordertreffen.«</p>
-
-<p>»Warum läßt du dir's gefallen?«</p>
-
-<p>»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden
-haben, auf den ich mich verlassen kann: ich werde mich
-doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft setzen, dazu
-bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf
-die zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere
-auf die Marmorplatte des Waschtisches fallen. »Ueberdies,
-ich kenne auch niemanden von den Angestellten,
-ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den
-Alten zumindest noch ein Jahr brauche.«</p>
-
-<p>»Wenn er es nicht merkt?«</p>
-
-<p>»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er
-der einzige mit überseeischen Erfahrungen ist: denn
-Görnemann kann man heute darin nicht mehr rechnen.
-Darum nimmt er sich so viel heraus.«</p>
-
-<p>»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich
-und gähnte. »Was habt ihr denn mitsammen gehabt?«</p>
-
-<p>Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen
-Auftritts lauter als sonst: »Er will mir vorschreiben,
-wem ich Pensionen zahlen soll. Da ist so ein
-Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt
-tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott,
-wenn ich's nicht habe, dann kann ich's halt nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-machen! Ich habe ihm einen Monat Urlaub geben
-wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er
-auch kein Gehalt, das ist doch klar &mdash; das ist überall
-so; dann könnte er nicht gehen, hat er gesagt, also soll
-er dableiben. Kommt der Gerhard herein und stellt
-mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte, was
-ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind
-hat, daß er in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht
-schonen kann, redet von Zusammengehörigkeitsgefühl,
-das Chef und Personal verbinden muß, und so weiter,«
-Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz,
-putzt mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis
-wäre.«</p>
-
-<p>»Nun, und du? ...«</p>
-
-<p>»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter
-Miene den Kopf, »so schnell kommt mir der
-nimmer.« Wieder übermannte ihn der Aerger der
-letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat?
-Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im
-kleinen sparen, ich hätte keine Ahnung von modernem
-Geschäftsgeist; es sei besser, einem Skontisten, der sich
-für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das
-Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem
-so niemand was habe.«</p>
-
-<p>»Das mußt du Papa erzählen.«</p>
-
-<p>»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart
-werden ...«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung.
-»Na, wie bin ich?« Er pflanzte sich breit vor<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>
-seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau Luna
-werben kam. Baronin Wolny war die Luna!</p>
-
-<p>Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos,
-warte,« er richtete ihm eine silberne Schnalle zurecht,
-»nun bist du fertig.«</p>
-
-<p>»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?«</p>
-
-<p>»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen
-Gesicht des Gefragten. »Was hätte es mir schaden
-sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß schon,« Leo
-ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!«</p>
-
-<p>»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt
-auf die Wolny.«</p>
-
-<p>Leo atmete schwer; er bekam rote Wangen: »Sie ist
-rassig.«</p>
-
-<p>»Was weißt denn du von ihr? Das kann ein anderer
-als ich gar nicht beurteilen.«</p>
-
-<p>»Du hast ein Mohrenglück.«</p>
-
-<p>»Stimmt, morgen nach dem Rennen bin ich zu ihr
-geladen, da soll ich mir ihre Directoire-Toilette ansehen;
-sie möchte sich darin photographieren lassen, aber ihr
-Sohn erlaubt es nicht, weil sie zu stark dekolletiert sein
-soll.«</p>
-
-<p>Leo Tiedemann schluckte: »Das ist ein fader Kerl,
-der Jan.«</p>
-
-<p>»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt
-den ganzen Tag über den Büchern.«</p>
-
-<p>»Ich mag ihn nicht.«</p>
-
-<p>»Warum? Er ist ganz unschädlich.«</p>
-
-<p>»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter
-überrascht? Er ist zu allem fähig.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-
-Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den
-Burschen wie einen Hasen zusammen.« Leo atmete
-schwer; ein Schauer überlief ihn.</p>
-
-<p>»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend
-abzusagen, hat er mich von oben herab behandelt, als
-wäre ich ein kleines Kind«, sagte er.</p>
-
-<p>»Das sieht ihm ähnlich.«</p>
-
-<p>»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit
-Hochachtung auf sein Geschwätz hören sollen, weil er
-um ein paar Jahre älter und nicht mehr im Gymnasium
-ist wie ich; da kann er lange warten.«</p>
-
-<p>»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.«</p>
-
-<p>»Er ist mehr als stolz.«</p>
-
-<p>»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so
-gestellt, daß er ein Recht hätte, auf dich herunterzuschauen.
-Er soll froh sein, wenn die Tiedemanns mit
-ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen;
-dann wird er dich anders behandeln.«</p>
-
-<p>»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht
-ebenbürtig an. Weißt du, was er zu mir sagte? Er
-verstünde uns nicht, vor allem dich und mich, daß wir
-nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas
-ernste Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir
-sollten die Kunst, geistige und menschliche Interessen
-fördern, und nicht in Schichten eindringen wollen, die
-uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er meinte dich
-damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu
-bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den
-Armen viel Gutes erweisen könnte. Aber er wüßte<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-schon, warum wir es täten. Es sei die Angst des
-Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns
-kein Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben
-Passionen hätten wie sie ...«</p>
-
-<p>»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden,
-»ich habe keine Lust, das dumme Geschwätz von dem
-unreifen Laffen, der uns um unser Geld neidisch ist,
-anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte
-Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm,
-um das Leben richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit
-aufgerissenen Augen auf seinen ärgerlichen Bruder und
-schüttelte nachdenklich den Kopf:</p>
-
-<p>»Es hat doch etwas für sich.«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl
-verrückt? Auf dich macht alles, was du noch nicht gehört
-hast, einen Eindruck.«</p>
-
-<p>»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand
-im allgemeinen sagte, ist nicht so dumm.
-Er meinte, er stellte sich deinen Beruf so schön und edel
-vor; in seinen Augen gäbe es nichts Größeres, als
-internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten
-und Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den
-rechten Zeigefinger an die Unterlippe. Nach einer
-Weile, die Fred mit Räuspern und Husten gefüllt hatte,
-fuhr er leise fort:</p>
-
-<p>»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren
-und sich seiner Mission bewußt zu sein, die man in der
-modernen Kultur zu erfüllen hat. Das habe ich mir
-oft selber gedacht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-
-Fred Tiedemann lachte:</p>
-
-<p>»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir
-wünschen, dich mit Gerhard herumstreiten zu müssen
-und auf die Börsenberichte wie auf eine Offenbarung
-Gottes zu warten, du würdest bald anders von der
-&#8218;Kulturmission&#8217; denken, wie du es nennst.«</p>
-
-<p>»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen.
-»Glaubst du, ich hab' unrecht?«</p>
-
-<p>»Darüber gibt es doch nichts zu reden.«</p>
-
-<p>Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein.</p>
-
-<p>»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?«</p>
-
-<p>»Da zweifelst du noch?«</p>
-
-<p>Nun lachten beide.</p>
-
-<p>»Was willst du denn den ganzen Abend allein
-machen?«</p>
-
-<p>Leo sah den Fragenden prüfend an: »Verrätst du
-mich nicht?«</p>
-
-<p>»Bin ich Hilde?«</p>
-
-<p>»Ich will auch weg.«</p>
-
-<p>Fred Tiedemann lachte von Herzen: »Das habe
-ich mir gedacht, du wärst sonst nicht mein Bruder.«</p>
-
-<p>»Ja,« Leo dämpfte seine Stimme und sah scheu
-gegen die Tür, »ich will auch was vom Leben haben:
-weiße Frauenleiber, die ein Bacchanal feiern, aber
-Papa darf nichts wissen; er ist so gut mit mir!«</p>
-
-<p>»Ich verrate dich nicht, schau nur, daß du zu Hause
-bist, wenn wir heimkommen.«</p>
-
-<p>»Wann glaubst du denn, daß das sein wird?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-
-»Sehr spät, wahrscheinlich erst in der Frühe.«</p>
-
-<p>»Da lieg' ich schon im Bett.« Leo fuhr mit der
-schmalen Hand über die weiße Stirn. »Vielleicht
-wird mein Kopfweh besser, wenn ich mich ein wenig
-zerstreue.« Er stand matt auf und ging zur Tür.
-»Jetzt müssen wir aber hinuntersehen zu den anderen.«</p>
-
-<p>»Jawohl,« antwortete Fred Tiedemann und folgte
-mit Sporenklirren seinem Bruder.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 11"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">»Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften,
-in die gute Stube.« T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen ließ die Schellen
-klingen, seine Stimme war von Stunde zu Stunde
-lustiger geworden. »Wer zahlt, wird gemalt, wer nicht
-zahlt, wird angemalt.«</p>
-
-<p>Lachende Menschen wogten vorüber und riefen zu
-ihm in der Schalksnarrentracht Scherzworte hinauf.
-Jeder kannte ihn und seine Zeichnungen, die allwöchentlich
-beim Erscheinen Lach- und Aergernisausbrüche
-nach sich zogen. Lohgeruch war in der Luft
-und ließ das Licht, das sich in tausendfältigen Strahlen
-brach, trübrötlich erscheinen.</p>
-
-<p>Beim Riesenportal fuhren noch immer Wagen vor:
-Gäste, die erst in Gesellschaft gewesen und nun kamen,
-trotzdem es draußen bereits zu dämmern begann.</p>
-
-<p>Jan Wolny, der sich unfreiwillig komisch mit
-seinen ernsten Bewegungen im Phantasiekostüm eines
-»Milchstraßenkehrers« ausnahm, ließ sich müde auf
-einen Sessel vor Hansens Bude fallen: »Jetzt hätt' ich
-den Unsinn bald genug.«</p>
-
-<p>Hansen sah prüfend über die kauflustige Menge,
-die sich noch immer zwischen dem Musikpavillon und<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-den Verkaufsständen drängte und schob. Er schüttelte
-den Kopf. »Bevor die nicht alles gesehen und betastet
-haben, ist an ein Ende nicht zu denken.« Er
-zuckte die Achseln. »Ein Händedruck von einer Dame
-der Gesellschaft um teueres Geld kommt den Leuten
-als überirdisch vor, das müssen Sie bedenken Herr
-Baron.«</p>
-
-<p>Jan Wolny seufzte. »Mir ist das alles ekelhaft.«</p>
-
-<p>Hansen sah den Sprechenden scharf an:</p>
-
-<p>»Wirklich? Dann müssen Sie mir die Hand
-geben ...« Hansen fuhr herum; seine Schulter war
-berührt worden. Es war Hilde Tiedemann.</p>
-
-<p>»Wie geht es?« Aufrichtige Freude über die paar
-Minuten, die sie nun beisammen sein konnten, sprach
-aus ihrem schönen Gesicht. »Was macht Ihre Arbeit?«</p>
-
-<p>Hansen drückte die kleine Hand, welche in sein
-Leben eingegriffen hatte: »Es geht vorwärts!«</p>
-
-<p>Ihre leuchtenden Blicke trafen sich ...</p>
-
-<p>Jan Wolny hatte sich diskret entfernt und war die
-Avenue hinuntergebummelt, an seiner Mutter vorüber,
-die hier mit Fred Tiedemann die Honneurs
-machte. Seitwärts stand das Mondschifflein, auf dem
-Frau Luna am Festzug teilgenommen hatte. Fred
-Tiedemann war der Anführer der reisigen Schar gewesen,
-die sie beschützte. Mit forschendem Blicke hinter
-den gesenkten Wimpern beobachtete Jan seine Mutter
-und den anderen, der so selbstverständlich tat. Er
-preßte die Zähne aufeinander und ging weiter. Wenige
-Schritte später traf er Fürst Solt. Der war im Frack,<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-mit einem Riesenorden, welcher die ganze Brust bedeckte,
-als Monddiplomat. Sie grüßten sich und sprachen ein
-paar verbindliche Worte.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann sah Clo zu, wie sie die wenigen
-noch durstigen Herren bediente; in den Zwischenräumen,
-wenn der Champagnerpavillon leer war,
-plauderten sie. Jetzt, als sie Jan Wolny anrief,
-schloß er die vom Staube entzündeten Augen, die ihn
-schmerzten, und lehnte sich bequem in den Rohrsessel
-zurück: All die entblößten Frauenschultern, die runden
-Arme und zierlichen Füßchen in durchbrochenen
-Strümpfen und verschwiegenem Spitzengeräusch waren
-eingetreten für die Armut des Nächsten. Gab es größere
-Aufopferung? Brunn-Bennigsens Mann saß zu
-Hause bei den drei Kindern; den Tag über plagte er
-sich im Bureau. Er war klein und häßlich; sie gingen
-nie gemeinsam in Gesellschaft. Klaus Tiedemann hatte
-ähnliches ertragen. In ohnmächtigem Aerger hatten
-oft seine Zähne aufeinandergeknirscht, wenn sein jähes
-Temperament Liebe verlangte. Nicht umsonst trugen
-die Kinder sein heißes Blut in ihren Adern. Es waren
-lange Kämpfe gewesen, bis er mit sich ins reine kam und
-durch <em class="gesperrt">Arbeit</em> zur Ruhe zu kommen suchte. Davon
-war der Haß geblieben gegen das Weib. Die Jahre
-ebbten alles, und die Männlichkeit schwand. Er seufzte
-und hatte Sehnsucht nach Ruhe.</p>
-
-<p>Leo hatte vielleicht das beste Los unfreiwillig gezogen,
-der hatte jetzt schon bald ausgeschlafen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann dachte an ihn. Er lachte in<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-Gedanken: wie warm die kleine Behrens sich um ihn
-erkundigt hatte, und <em class="gesperrt">die</em> Enttäuschung, als sie hörte,
-daß er überhaupt nicht kam! In dem alten Manne
-war ein eigentümliches Gefühl gewesen, als er so sein
-jüngstes Kind auch schon vollwertig eingetreten fand
-in die Arena der menschlichen Instinkte. Es freute als
-Vater und kränkte als Mann.</p>
-
-<p>Als Hilde Tiedemann von Hansens Bude zu ihrer
-Schwester herübereilen wollte, stand plötzlich Olthoff
-vor ihr.</p>
-
-<p>Er schien auf sie gewartet zu haben.</p>
-
-<p>Sie gingen zusammen der Fontäne zu, die in
-tausend Farben schillerte, &mdash; es war mit der Zeit leer
-um sie geworden.</p>
-
-<p>In Hildes Seele war noch der Widerschein des
-anderen.</p>
-
-<p>Ihre Stimme klang freier als sonst, und ihre
-Augen sahen lebhafter.</p>
-
-<p>Das dünkte Olthoff ein gutes Zeichen.</p>
-
-<p>Leise zog er ihren Arm fester an sich.</p>
-
-<p>Sie widerstrebte; er sah sie an:</p>
-
-<p>»Jetzt sagen sie, Fräulein Hilde, ist das Leben nicht
-schön?«</p>
-
-<p>»O ja,« lächelte sie.</p>
-
-<p>»Vor wenigen Wochen haben wir uns noch gar
-nicht gekannt &mdash; und nun ...«, er beugte sich herab
-und sah ihr tief in die Augen.</p>
-
-<p>Sie suchte den Arm zu lösen:</p>
-
-<p>»Mir ist schwül, ich möchte hinaus ins Freie,«<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
-stammelte sie und blickte sich suchend um. Doch sie sah
-nur Lecart, der mit einer Bretteldiva plänkelte. Er
-fragte eben, wie teuer ein Kuß sei zu so vorgerückter
-Stunde, und aus Barmherzigkeit für die Armen, so
-konnte er Hildes Blicke nicht sehen!</p>
-
-<p>Die laue Nachtluft strich herein und kühlte ihre
-heißen Schläfen.</p>
-
-<p>Olthoff preßte die Lippen zusammen.</p>
-
-<p>Sein ganzes Leben war ein Kampf gewesen, um
-sich über Wasser zu halten. Er hatte stets nur verschämte
-Armut und diesen verwischenden Hochmut sein
-eigen genannt.</p>
-
-<p>Nun winkte ihm Rettung, er fand die Gedanken
-seiner Erziehung: In diesem Bürgerhause war alles,
-was er ersehnte &mdash; Geld.</p>
-
-<p>Alles andere würde sich schon finden.</p>
-
-<p>An Liebe glaubte er nicht; er hatte sie selbst von
-klein auf vergebens gesucht. Hilde wich seinen Blicken
-aus. Leise sagte er:</p>
-
-<p>»Hilde!« Sie gab keine Antwort. Die ganze Verzweiflung
-seiner Lage und der Aerger über die lächerliche
-Komödie, die er hier zu spielen gezwungen war,
-überkamen ihn. »Sagen Sie, Fräulein Hilde, merken
-Sie nicht meine ehrliche Sympathie?«</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf und fand keine Antwort,
-nur ihr Arm schmerzte, den Olthoff nicht freigab.</p>
-
-<p>»Nun?« Mit funkelnden Augen sah er sie an. Den
-ganzen Abend hatte er auf diesen Augenblick gewartet,
-er mußte bald zum Ende kommen, sonst hieß es den<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-bunten Rock ausziehen, der ekligen Gläubiger wegen.
-Er war nicht der Mann, der mit sich spaßen ließ; die
-anderen Tiedemanns wußte er hinter sich. Sein Name
-wog viel auf. Dies schwache Geschöpf sollte seine
-Pläne nicht mutwillig kreuzen.</p>
-
-<p>»Antworten Sie mir doch!« seine Stimme, wider
-Willen, klang roh, sein verlebtes Gesicht bekam einen
-brutalen Ausdruck. »Können Sie mich denn nicht ein
-wenig gern haben?« Der Inhalt der Worte stach hart
-ab von dem drohenden Ton, in dem er zu ihr sprach.</p>
-
-<p>Hilde warf den Kopf zurück; sie war bleich bis in
-die Lippen geworden: »Nun haben Sie ihre Art gezeigt«,
-sagte sie stolz.</p>
-
-<p>»Verzeihung, ich bin überreizt, und Sie taten mir
-bitter unrecht.« Seine Stimme klang hastig, als wollte
-er kein Mittel unversucht lassen.</p>
-
-<p>Sie gab nimmer Antwort.</p>
-
-<p>»Fräulein Hilde!« Wut und Verzweiflung klangen
-zusammen. Sie wandte sich ab, Jan Wolny zu:
-»Bitte, führen Sie mich zu meiner Schwester, Herr
-Baron!« Jan Wolny verneigte sich und bot ihr wortlos
-den Arm.</p>
-
-<p>Olthoff blieb stehen.</p>
-
-<p>Nun war die Schlacht verloren.</p>
-
-<p>Er knirschte mit den Zähnen.</p>
-
-<p>Er hatte zu rasch geschlagen; doch seine Reserven
-waren erschöpft gewesen, und Wein und Stimmung
-hatten den Rest verdorben.</p>
-
-<p>Er sah zu Behrens hinüber, die sich zum Aufbruch
-rüsteten. Vielleicht dort?! ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-
-Fahles Morgenlicht fiel durch offene Türen.</p>
-
-<p>Sie waren eben vom Feste nach Hause gekommen.</p>
-
-<p>Als Klaus Tiedemann, vor Leos Tür, keine Antwort
-bekam, überfiel ihn plötzlich harte Angst &mdash; er wußte
-nicht warum. Er riß die Tür auf und blieb starr
-stehen:</p>
-
-<p>Leos Bett war unberührt, das Zimmer leer. Leo
-hatte sein Vertrauen mißbraucht, war heimlich weg,
-trotzdem er wußte, wie schlecht es ihm bekommen konnte.
-Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Die Füße versagten
-dem alten Manne den Dienst. Er ließ sich auf
-den Sessel neben der Tür fallen.</p>
-
-<p>So saß er eine Weile und wartete, daß seine Gedanken
-ruhigere Formen annahmen.</p>
-
-<p>Er hörte Hildes Stimme nicht, die aus dem Gang
-zweimal seinen Namen rief, er sah ihr Erschrecken beim
-Eintritt und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Wo
-war sein Kind?</p>
-
-<p>Mit zitternder Hand drängte ihn Hilde zur Tür:
-»Er wird schon ausgegangen sein, Papa.«</p>
-
-<p>Hoffnungslos sah er sie an und schüttelte den Kopf:
-»Er hat ja gar nicht geschlafen.«</p>
-
-<p>Sie gab keine Antwort, und dunkle Vorahnung ließ
-sie schaudern.</p>
-
-<p>Fred saß im Speisezimmer und aß kaltes Fleisch.
-»Wo steckt ihr denn so lange?« rief er ihnen zu. »Eßt
-mit, und dann legen wir uns schlafen.«</p>
-
-<p>»Leo ist nicht zu Hause!«</p>
-
-<p>»So?« Er kaute den Bissen zu Ende. »Er wird
-nachts ausgewesen sein; er wird gleich kommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>
-
-Mit scheuem Blick, der sich noch nicht zu hoffen getraute,
-sah ihn sein Vater an:</p>
-
-<p>»Meinst du?«</p>
-
-<p>»Natürlich, was soll denn sonst sein?«</p>
-
-<p>»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist?«</p>
-
-<p>»Laß dich nicht auslachen!«</p>
-
-<p>Fred wollte dem Mädchen läuten; doch der alte
-Mann legte abwehrend die Hand auf den elektrischen
-Taster:</p>
-
-<p>»Nicht,« bat er, »ich kann jetzt niemanden sehen.«</p>
-
-<p>Hilde zündete die Flamme unter dem Teekessel an.</p>
-
-<p>Sie warteten.</p>
-
-<p>Die Sonne stieg höher. In den Parkanlagen vor
-dem Hause stimmten Amseln ihre Stimmen.</p>
-
-<p>Leute im Sonntagsstaat gingen vorüber.</p>
-
-<p>Glockengeläute schwamm über die vielen Dächer;
-sie läuteten die Wandlung ein.</p>
-
-<p>»Ich werde zur Polizei fahren, meint ihr nicht?«
-Klaus Tiedemann war halb aufgestanden und sah forschend
-auf Fred.</p>
-
-<p>»Aber laß dich nicht auslachen, Papa, daß es die
-Leute gleich an die große Glocke hängen: Dem Klaus
-Tiedemann sein Jüngster ist heute nacht nicht nach
-Hause gekommen. Warte nur ruhig; er wird schon
-kommen, und dann schimpf' ihn zusammen!« Er
-gähnte. »Ich leg' mich jetzt schlafen.«</p>
-
-<p>Die beiden anderen blieben.</p>
-
-<p>In dem festlichen Aufzug, die verwelkten Blumen
-vor der Brust, fröstelte sie.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>
-
-Jeder Laut, der von der Straße heraufklang, tat
-ihnen weh.</p>
-
-<p>So verging die Zeit.</p>
-
-<p>Es läutete.</p>
-
-<p>Sie fuhren zusammen und horchten.</p>
-
-<p>In scheuer Erwartung sahen sie sich nicht an.</p>
-
-<p>Es war Gerhard Tiedemann, der kam, von seinem
-Vater den Abschied zu verlangen.</p>
-
-<p>Die beiden Männer standen sich gegenüber, wortlos
-und stumm.</p>
-
-<p>Dann brach der Jüngere das Schweigen:</p>
-
-<p>»Du weißt, Vater, warum ich hier bin?« Klaus
-Tiedemann nickte. »Es geht nicht länger zusammen mit
-Fred. Du hast ihm die Macht gegeben. Was soll ich?
-Du hast andere Kinder, die du liebst. Ich bin dir nur
-Pflicht. Du schämst dich meiner. Darum laß mich
-gehen; man kann brieflich leichter Vater und Sohn sein
-als im Leben nebeneinander.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hörte mit halben Ohren.</p>
-
-<p>Gestern hätte er noch die Antwort gewußt, jetzt
-schwieg er.</p>
-
-<p>»... Fred ist kein Kaufmann und schämt sich seines
-Berufes. Er tut mehr für seine teuren Verwandten als
-für die Firma; er stärkt das ökonomisch, was er bekämpfen
-sollte ...«</p>
-
-<p>Gerhard schwieg und sah auf seinen Vater, der
-totenblaß geworden war:</p>
-
-<p>Drunten fuhr ein Wagen vor. Er stürzte zum
-Fenster. »Sie bringen ihn«, keuchte er. Er wankte zur
-Tür.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-
-Gerhard warf den Kopf zurück; er sah durchs
-Fenster:</p>
-
-<p>Von einer Schar Neugieriger umgeben, stand unten
-ein Rettungswagen.</p>
-
-<p>Sie hatten Leo auf sein Zimmer gebracht. Er war
-bei Bewußtsein.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann reichte dem Ambulanzarzt, der
-von der Hilfsstation mitgekommen war, die Hand.</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen!« Scheu senkte er den Blick,
-unsicher mit sich selbst, ob er nicht unrecht gehandelt,
-daß er ihm nichts anderes als seinen Dank geboten.
-Er war ja gewöhnt, jeden Schritt, der für ihn geschah,
-zu bezahlen!</p>
-
-<p>»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben
-nicht schon in der Jugend einen Blutsturz gehabt und
-sind heute die stärksten Leute?« Der Arzt, der erst
-vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer
-Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine
-Praxis holen zu dürfen, nickte ihm freundlich zu.
-»Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie meine Beobachtungen.«
-Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung
-ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich
-gebracht, dem alten Manne zu sagen, bei wem und in
-was für einem Hause er seinen Sohn aufgefunden
-hatte.</p>
-
-<p>Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus
-seinem Zimmer und fragte ungehalten: »Was gibt's?«</p>
-
-<p>Sein Vater gab keine Antwort.</p>
-
-<p>Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der
-Hausarzt kam.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>
-
-Der untersuchte lange und gründlich, dann
-schüttelte er dem Vater, der in tausend Aengsten vor
-der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch, Herr
-Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge
-hätte nicht lumpen sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt.
-Er schläft jetzt, lassen Sie ihn ruhig. Ich sehe gegen
-Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde: »Na,
-Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester,
-wird Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle
-lachte. »Nur nicht so verzagte Augen &mdash; ein
-Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!« Bei der
-Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins
-Zimmer lassen! Ja? Er muß ganz ruhig liegen
-bleiben, eine zweite Blutung verträgt er nicht.«</p>
-
-<p>Hilde umfing ihren Vater.</p>
-
-<p>»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann
-schluckte die Tränen hinunter und sah zu Leos Zimmer,
-»sieh nur, daß alles in Ordnung ist!«</p>
-
-<p>»Ja, Papa ...«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der
-Bub mir hat das antun müssen!« Er stützte den Kopf
-in die Hand und grübelte. Er kam aus den Sorgen
-nicht heraus:</p>
-
-<p>Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen,
-wollte er nicht sprechen! Nun Leo, alles in
-einem kurzen Jahre!</p>
-
-<p>Gerhard kam ihm wieder in den Sinn. Man
-hatte ihn nicht richtig behandelt. Es war zu viel
-für seinen alten Kopf. Er konnte die Unterschiede<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-seiner Kinder nicht versöhnen, die er selbst geschaffen
-hatte ...</p>
-
-<p>Er seufzte. Von unten klang das Rasseln eines
-Automobils herauf. Hastig schloß er die Fenster; wie
-leicht konnte Leo aufwachen!</p>
-
-<p>Fred trat über die Schwelle in tadellosem Salonanzug.
-Er zog die Handschuhe über:</p>
-
-<p>»Gott sei Dank, Papa; Hilde erzählte mir, der
-Arzt sagte, es hätte keine unmittelbare Gefahr; nur
-äußerste Ruhe sei notwendig?« Er sah seinen Vater
-fragend an: »Ich habe doch recht verstanden?«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickte mit schiefem Kopfe:</p>
-
-<p>»Ja, wir wollen es hoffen.«</p>
-
-<p>»Adieu, Papa, ich muß weg, weil ich Roller versprochen
-habe, ihn abzuholen; dafür malt er mir den
-&#8218;Franklin&#8217;, wenn er heute gewinnt.«</p>
-
-<p>»Du fährst zum Rennen,« Klaus Tiedemann sah
-seinem Sohne ernst in die Augen, »wo Leo so
-krank ist?«</p>
-
-<p>»Du bist komisch, Papa; soll ich mich auch vor ihn
-hin setzen und ihn anschauen? Reden dürfen wir mit
-ihm so nichts. Was soll ich also daheim?«</p>
-
-<p>»Du hast recht.« Beinahe eilig reichte Klaus
-Tiedemann ihm die Hand. »Geh und unterhalte
-dich gut!«</p>
-
-<p>Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß.</p>
-
-<p>Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein
-festes Ganzes zu bilden; nun, das erstemal, da er die
-Probe machte, stand er allein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-
-Bitterkeit überkam ihn.</p>
-
-<p>Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband.
-Es war alles Trug! Die Ehe, die Liebe, die Freundschaft.
-Sie hielten nur zusammen, solange alles glatt
-ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ
-das andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer
-trug die Schuld? Die Eltern, die es ins Leben gesetzt?
-Er, der er zu schwach gewesen mit ihm? Oder niemand,
-und war alles nur blinder Zufall?</p>
-
-<p>Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren
-wurde. Vielleicht hatte er ihm zu wenig Kraft gegeben?
-Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch Klaus
-Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht.
-Er hatte Individualitäten in ihnen gefunden, gleich,
-ob sie vorhanden gewesen waren oder nicht. Sie
-ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe hatte
-er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie
-zu haben: Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen
-Stunden ...</p>
-
-<p>Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf
-das kurze, schnelle Atmen Leos, das durch die angelehnte
-Tür drang.</p>
-
-<p>Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann
-legte sie ihm die kühle Hand auf und streifte mit ihren
-heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe sie nachsehen
-ging.</p>
-
-<p>Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und
-lang; noch immer war Leo nicht aufgewacht.</p>
-
-<p>In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-
-»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere
-Zeit, Papa! Mit dir; das wird dir auch gut tun.«</p>
-
-<p>»Ich kann von hier nicht weg! Du mußt mit ihm
-gehen, Hilde.«</p>
-
-<p>»Aber Papa, was hast du denn hier zu tun?«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann lächelte traurig:</p>
-
-<p>»Nichts.« Er näherte seinen Mund ihrem Ohr.
-»Ich kann Fred nicht allein lassen.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf.
-»Mir ist angst, Hilde.« Er legte seinen Kopf am ihre
-Schulter. »Ich glaube immer, nun fängt das Unglück
-an. Das Leben ist auf unsere Ruhe eifersüchtig geworden
-&mdash; nun müssen wir es büßen.«</p>
-
-<p>»Was du dir für trübe Gedanken machst!« Hilde
-hatte für ihren Vater noch nie einen so herzlichen Ton
-gefunden. »Im Gegenteil, das ist jetzt nur eine vorübergehende
-Trübung, damit wir uns nachher desto
-mehr freuen können.«</p>
-
-<p>»Worauf denn?«</p>
-
-<p>»Na, hörst du, Papa, auf viel! Jetzt wird Fred
-und später Leo dir eine liebe Tochter ins Haus
-bringen, dann wirst du Großpapa und hast ganz
-kleine, süße, winzige Enkelkinder.« Hilde schmiegte
-sich an ihren Vater; von ihrer Rede, die sie begonnen
-hatte, um ihn zu zerstreuen, floß langsam der Inhalt
-auf sie über und nahm sie gefangen in ungeahnter
-Seligkeit. Sie legte den Kopf an ihn; er streichelte sie.</p>
-
-<p>»Du bist gut, Hilde!« Klaus Tiedemann empfand<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-die Weihe dieser Stunde, die ihm ein Kind zu
-eigen gab.</p>
-
-<p>Sie saßen eng aneinandergelehnt und schwiegen.</p>
-
-<p>Dann, als schämten sie sich ihrer Stimmung, begannen
-sie vom Feste zu reden, von diesem und jenem,
-das ihnen aufgefallen war. Als Hansens Name fiel,
-wurde sie schweigsam. Immer wieder kam Klaus
-Tiedemann auf Olthoff zurück. Er erhielt nur spärliche
-Antworten.</p>
-
-<p>Schon dunkelte es, da klang eine schwache Stimme
-aus dem Nebenzimmer: »Papa?« Etwas Fremdes
-griff Klaus Tiedemann nach dem Herzen. Sein Kind
-verlangte nach ihm, mit dem ersten Laute des wiedererlangten
-Lebens. Er ging auf den Zehenspitzen zur
-Tür. »Vorsicht, Papa!« Hilde hielt den Finger auf
-den Mund. Er nickte und trat ein.</p>
-
-<p>Die Dämmerung lag in den Ecken des Zimmers
-und ließ Leos Gestalt in den weißen Kissen undeutlich
-erkennen.</p>
-
-<p>»Verzeih! mir, Pa!«</p>
-
-<p>»Kind, bleib ruhig und sprich nicht viel.«</p>
-
-<p>Er küßte den Sohn auf die eiskalte Stirn, auf der
-Schweißtropfen standen.</p>
-
-<p>»Nicht fortgehen, Pa!«</p>
-
-<p>»Nein, Kind, ich bleib' bei dir.«</p>
-
-<p>Er ließ sich am Fußende des Bettes nieder und
-nahm Leos schmale Hand. Sie saßen minutenlang
-schweigend, und aus dem dunklen Fleck, den Leos
-Gesicht in der beginnenden Dunkelheit gab, leuchteten<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-in fremder Kraft seine Augen. Dann begann er
-wieder: »Verzeih' mir; ich weiß, ich hab' dich betrogen.«</p>
-
-<p>Ein Zittern lief durch seine Gestalt.</p>
-
-<p>»Laß doch, Kind!«</p>
-
-<p>»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast
-mir immer zu viel nachgegeben, drum bin ich auf
-solche Gedanken gekommen. Du hast immer auf mich
-Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du
-bist zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht
-über alles reden sollen. Ich habe bis heute nacht«,
-ein Schauer schüttelte ihn, »an gar nichts geglaubt,
-vor gar nichts Achtung gehabt, &mdash; nun«, seine
-Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das
-Leben.« Er suchte sich aufzurichten: »Nur das Leben
-in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt zu haben.«</p>
-
-<p>Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte
-sich nicht. In seinem Kopfe hämmerten die Pulse.
-Sein Kind sprach Worte, die er vergebens gesucht
-hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens,
-Reichtum und Stellung waren Ereignisse untergeordneter
-Wichtigkeit gegen das, was im Menschen
-lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das
-<em class="gesperrt">innere</em> Glück!</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann stand langsam auf:</p>
-
-<p>Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen.
-Klaus Tiedemann horchte: Unruhig ging
-Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine Lippen.
-Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur
-Tür: »Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht,
-er fängt zu phantasieren an!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-
-Schon war Hilde in die Höhe.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann horchte wieder:</p>
-
-<p>Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken.</p>
-
-<p>Hatte er sich getäuscht?</p>
-
-<p>Hatte Leo geröchelt?</p>
-
-<p>Er zwängte seinen Kopf in die Türspalte. Er
-hörte nichts.</p>
-
-<p>Hatte er zu atmen aufgehört?</p>
-
-<p>Er machte ein paar leise Schritte vorwärts und
-brach in die Knie:</p>
-
-<p>Leos Gestalt hing vornüber aus dem Bette, vor
-dem das Blut mit dunklem Flecke stand. Leos Augen
-waren glasig aufgerissen &mdash; er war tot.</p>
-
-<p>Von unten klang die Hupe eines Automobils; Fred
-Tiedemann kam mißmutig vom Rennen zurück;
-»Franklin« war geschlagen worden.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 12"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Gleich nach Leos Begräbnis hatte Klaus Tiedemann
-sein Landhaus bezogen.</p>
-
-<p>Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Die vielen
-Menschen taten ihm weh.</p>
-
-<p>Stundenlang saß er allein am Waldrand, von dem
-der Blick hinüberschweifen konnte über Täler und
-Höhen nach der Stelle, wo sein Kind ruhte.</p>
-
-<p>Ein starrer Zug stand auf seinem Gesichte, und die
-Augen sahen einwärts in verzehrendem Feuer.</p>
-
-<p>Nie sprach er das in Worten aus, was in ihm
-vorging. Nur hier und da nickte er aus solchen
-Stimmungen heraus Hilde zu. Es war ein stummes
-Trostsprechen, daß er wieder anders werden wollte;
-man sollte ihm nur Zeit lassen, sich zurechtzufinden.</p>
-
-<p>Dann gingen sie stumm nebeneinander durch den
-träumenden Wald nach Hause.</p>
-
-<p>Das Zimmer, das Leo in den Ferien stets bewohnt
-hatte, betrat er nicht.</p>
-
-<p>Zu lebhaft standen noch die Erinnerungen der
-letzten Wochen im Vordergrund.</p>
-
-<p>Oft preßte er die Hände an die Ohren, damit
-endlich daraus der Klang der polternden Schollen
-weiche, die auf Leos Sarg hämmerten und seine Ruhe
-störten. Noch immer hörte er Heinz Behrens' ungeschlachte
-Stimme:</p>
-
-<p>»Du tust mir leid, Tiedemann, du hast Unglück in
-deiner Familie; er war ein lieber Mensch, und meine<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
-Kleine kann sich kaum trösten.« Dann hatte er mit
-seiner groben Hand die Tränen aus den buschigen
-Wimpern gewischt und war gegangen.</p>
-
-<p>Jan Wolny hatte stumm daneben gestanden mit
-zusammengepreßten Lippen, den Kopf gesenkt. Nur als
-Hilde aufschluchzte in bitterem Schmerze, hatte er aufgesehen,
-und sein Blick war zu Fred Tiedemann hinübergeflogen,
-fragend und mahnend.</p>
-
-<p>Fürst Solt hatte ein paar Worte gesprochen, eckig
-und schlicht, wie der Mensch so schwach sei und einen
-nach dem anderen fallen sehen müßte, bis er selbst
-daran käme. Er war der letzte seiner Familie und ihm
-traten die Tränen in die Augen.</p>
-
-<p>Ueber den Zinskasernen stand rot die untergehende
-Sonne, als sie zurückfuhren in ihr stillgewordenes
-Heim ...</p>
-
-<p>Immer wieder zogen die Bilder an Klaus Tiedemann
-vorbei.</p>
-
-<p>Tief gebeugt trug er den Kopf.</p>
-
-<p>Wenn der Mond aufstieg, saß er bis in die Nacht
-hinein und horchte dem Lispeln der Birken, die mit
-ihren langsam wandelnden Schatten Zwiesprache
-hielten.</p>
-
-<p>Sternschnuppen fielen durch die Nacht.</p>
-
-<p>Wohl blieben ihm noch drei Kinder. Gerhard hatte
-nach Leos Tod nicht mehr vom Weggehen gesprochen;
-doch die Schuld blieb auch.</p>
-
-<p>Immer wieder grübelte Klaus Tiedemann nach, ob
-es Bestimmung sei, die Leo so früh abberufen, oder ob,
-in anderer Umgebung aufgewachsen, er zu halten gewesen
-wäre.</p>
-
-<p>Hatte Hilde recht gehabt mit ihren Warnungen?</p>
-
-<p>Nichts gab Antwort!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span>
-
-Hilde war ihm nähergetreten seit jenem stillen
-Nachmittag, an dem sie sich in Angst um Leo fanden.</p>
-
-<p>Sie war die einzige, deren Gegenwart er ertrug.</p>
-
-<p>Sie ging stundenlang stumm neben ihm her und
-spann ihre eigenen Gedanken, die von denen ihres
-Vaters nicht allzusehr verschieden waren.</p>
-
-<p>Sie folgte seiner gebeugten Gestalt; er schritt mit den
-Händen auf dem Rücken querfeldein über die Ackerschollen;
-sein weißes Haar flog im Abendwinde.</p>
-
-<p>Um sie war die Ruhe des sinkenden Tages.</p>
-
-<p>Schon saßen die Schatten in den Waldecken und
-färbten sie bläulich. Langsam zog der Rauch von den
-Bauerngehöften.</p>
-
-<p>Er blieb stehen.</p>
-
-<p>Dann fragte er mit schweren Worten ganz unvermittelt:</p>
-
-<p>»Glaubst du, daß es Hansen ehrlich meint?«</p>
-
-<p>Ehe sie noch Antwort geben konnte, ging er weiter,
-den Kopf gesenkt, als sei er sich nicht bewußt, gesprochen
-zu haben.</p>
-
-<p>Als sie die Höhe erreicht hatten, sah er sie fragend
-an:</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>In seinem zermarterten Gesicht war die Sorge, die
-ihn zerfraß.</p>
-
-<p>»Ja, du kannst ihm vertrauen.«</p>
-
-<p>Er wiegte den Kopf hin und her:</p>
-
-<p>»Er hat so aufrichtig darein gesehen an Leos Grab.
-&#8218;Wer weiß, ob das Leben nicht nur Vorbereitung ist auf
-den Tod, das wahre menschenwürdige Sein, das dann
-erst beginnt; darum wollen wir ihm die Ruhe gönnen&#8217;,
-so hat er gesagt, Hilde, damals. Ich weiß es Wort für
-Wort!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-
-Er hielt inne, um seines Schmerzes Herr zu werden,
-der bei der Erinnerung vorbrach. Dann begann er
-wieder in ferner Gedankenqual: »Es ist so schwer, das
-Rechte im Leben zu treffen, jedes Wort ist so verantwortungsvoll;
-ich hab' immer das Beste gewollt ...«
-Ein stockender Seufzer schwellte seine Brust: »Leo ist tot,
-Clo muß auch nicht glücklich sein: sie hat so geweint
-am Grabe und mich gebeten, ihr beizustehen, wenn's
-mal so weit mit ihr ist.« Er nickte ein-, zweimal: »So
-hat es kommen müssen.«</p>
-
-<p>Ueber das Wolkengrau im Westen lief ein fahler
-Schein. Ferner Donner grollte über die Felder, auf
-denen die Grillen sangen.</p>
-
-<p>Hilde legte sich tröstend an den Mann, dem sein
-Lebensabend so unfroh geworden war.</p>
-
-<p>»Hab' Vertrauen, Vater, es kommen wieder fröhliche
-Tage.«</p>
-
-<p>Er machte sich los und sah ihr tief in die Augen;
-dann fragte er: »Liebst du Hansen?«</p>
-
-<p>Sie zuckte zusammen.</p>
-
-<p>Wie mußte es Vater aufnehmen, wenn sie ihn auch
-verlassen wollte? Doch vielleicht war jetzt die richtige
-Stunde, seinen Widerstand zu besiegen. Seine
-Augen ruhten ernst auf ihr, beinahe ängstlich,
-als hoffte er auf ein Wort, das ihm wieder Glauben
-leihen sollte fürs Leben. Sie sah nach dem roten Fleck
-jenseits der Berge, wo die Sonne gestorben war, und
-richtete sich auf:</p>
-
-<p>»Ja«, sagte sie mit festem Wort.</p>
-
-<p>Eine Weile stand er regungslos. Dann sagte er
-heiser: »Hilde, so ein Wort bindet auf ewig und ist doch
-zu leicht gesprochen. Du mußt ihn lieber haben als<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-dein eigenes Leben, mußt es freudig für ihn geben!
-Kannst du das?« Angst redete aus seinen Worten.</p>
-
-<p>Sie nickte.</p>
-
-<p>»Du mußt nur an ihn denken! Jede seiner Sorgen
-ist eine doppelte für dich. Du mußt auf alles verzichten
-können für ihn.«</p>
-
-<p>»Das kann ich.«</p>
-
-<p>Er sah sie an mit flackernden Blicken. In seinen
-Augen kämpften fremde Gewalten. Sie gewannen die
-Oberhand. »Das hat noch jede gesagt,« seine Finger
-griffen erregt durch die Luft, die heiß wie Brodem über
-die Felder strich, »noch jede!« Er lachte, daß die Laute
-schneidend Hilde ins Ohr gellten, »in Schwüren gelobt
-und nie gehalten. Das Weib ist schwach und elend!«
-Er richtete sich auf: »Daß du mir nimmer davon
-sprichst! Du bist ein töricht Kind. Das einzige, was
-Bestand hat, ist Geld, und das hat Hansen nicht.«</p>
-
-<p>»Vater!« In heißer Entrüstung flammten Hildes
-Augen.</p>
-
-<p>»Schweig!« Klaus Tiedemann wendete den Schritt:
-»Das Wetter zieht näher; wir wollen nach Hause
-gehen.«</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 13"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Als der Hochsommer kam, war Klaus Tiedemann
-ein anderer geworden.</p>
-
-<p>Er dachte ruhiger über Leos Tod.</p>
-
-<p>Die zähe Lebenskraft hielt ihn am Leben fest.</p>
-
-<p>Fred Tiedemann kam selten; er konnte die Großstadt
-nicht missen mit ihren Vergnügungen und Zerstreuungen.
-Oder wenn: Vor wenigen Tagen hatte
-er sich verabschiedet; er gedachte zu seiner Erholung eine
-längere Automobiltour zu unternehmen. Baronin
-Wolny würde ihn dabei begleiten.</p>
-
-<p>Als Klaus Tiedemann darüber den Kopf schüttelte,
-lachte er überlegen:</p>
-
-<p>»Papa, du bist ein Philister. Das ist heute allgemein
-üblich, daß man gemeinsam Reisen macht.«</p>
-
-<p>»Sie hat doch einen erwachsenen Sohn?«</p>
-
-<p>»Eben deswegen, &mdash; der braucht sie gewiß nicht
-mehr. Weißt du,« fuhr Fred fort, »wenn ein Mann den
-Weibern gefällt, so kann er alles mit ihnen machen,
-gleich wer die Frau ist; natürlich« &mdash; sein Blick umfaßte
-seines Vaters Konturen &mdash; »muß er tadellos gebaut
-sein und ruhende Kräfte in sich tragen, sonst ist's besser,
-er läßt es bleiben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-
-Der Alte preßte die Lippen zusammen und gab
-keine Antwort.</p>
-
-<p>Fred wußte wenig Neues zu berichten:</p>
-
-<p>Klagen über Gerhard und Görnemann, die zu
-ängstlich wären und keinen Geschäftsgeist besäßen.</p>
-
-<p>Es ergaben sich oft lange Pausen in der Unterhaltung.</p>
-
-<p>Fred war zweiter Vizepräsident des Automobilklubs
-geworden; auch in das Renndirektorium war er
-gewählt worden.</p>
-
-<p>Das gab mannigfache Arbeit und viele Verpflichtungen,
-von denen Vater und Schwester keine Ahnung
-hatten.</p>
-
-<p>Beim Fortgehen kramte er noch eine Neuigkeit aus:</p>
-
-<p>Olthoff hatte sich mit Heinz Behrens' Jüngster
-verlobt. Klaus Tiedemann sah rasch und ängstlich
-nach Hildes Gesicht. Doch das blieb ruhig, sie sagte:</p>
-
-<p>»Da ist mir das Mädchen leid.«</p>
-
-<p>»Mir höchstens um die Wechsel leid, die ich für ihn
-giriert habe! Na, die wird sein Schwiegervater
-einlösen, und schließlich bin ich durch ihn in den Rennklub
-gekommen.« Fred wendete sich zu seinem Vater.
-»Was sagst du zu Behrens? Der alte Lümmel sucht
-es uns nachzumachen.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann seufzte.</p>
-
-<p>Dann küßten und umarmten sie sich. Fred bat den
-Vater, während seiner Abwesenheit ein wenig auf das
-Geschäft zu achten. Man könnte dem Alten und Gerhard
-doch nicht ganz trauen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-
-Nun fuhr Klaus Tiedemann jede Woche einmal zur
-Stadt.</p>
-
-<p>Wenn er zurückkam, war er in aufgeräumter
-Stimmung.</p>
-
-<p>Es drängte ihn zu sprechen.</p>
-
-<p>Er erzählte Hilde von seiner Jugendzeit, von den
-überseeischen Ländern, die er kennengelernt hatte, von
-den Sitten der Leute. Er suchte die alten Erinnerungen
-hervor, als wollte er sich die Vergangenheit
-wieder ins Leben rufen, um damit die Gegenwart zu
-füllen.</p>
-
-<p>Er sprach davon, wie er zwei Tage nichts zu essen
-gehabt hatte und an Selbstmord dachte, wie er auf
-der Kaimauer zu New York über den gurgelnden
-Wassern gestanden, während das Schiff wieder auslief,
-das ihn gebracht hatte und das nun andere holte, die
-auch das Glück suchten. Schwer lag die Rußfahne des
-Rauchfanges auf der hochgehenden See.</p>
-
-<p>Er wurde Kellner, um sein Leben zu fristen. Durch
-einen Zufall fand er eine Stelle.</p>
-
-<p>Vom ersten Tage an legte er zurück; lieber darbte er,
-um die Summe sparen zu können, die er sich vorgenommen
-hatte.</p>
-
-<p>Wenn die Firma sich mit Hunderttausenden beteiligte,
-tat er es mit seinem Hungergeld: so waren
-beider Interessen eng verknüpft.</p>
-
-<p>Man wurde aufmerksam auf ihn; er verlor nie,
-sein scharfer Blick behielt stets recht; seinem Wort nicht
-folgen war gleichbedeutend mit Verlust.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>
-
-Er gewann schnell Einfluß; sein Name wurde bekannt.
-Einmal folgten sie ihm nicht; die Firma geriet
-in Zahlungsschwierigkeiten. Es war der große Tabakkrach,
-der ihn auf eigene Füße stellte.</p>
-
-<p>Nun ging es auf <em class="gesperrt">seine</em> Gefahr!</p>
-
-<p>Stets kam er den anderen zuvor. Oft war es ein
-wildes Wagen. Die Wangen röteten sich, wenn er so
-sprach.</p>
-
-<p>So hatte Hilde ihren Vater nie gesehen.</p>
-
-<p>Von Görnemann erzählte er, und daß er selbst nie
-Autorität besessen hätte; der letzte Lehrjunge war ihm
-so viel wie seine besten Kunden. Damals hatte sich in
-ihm der Glaube befestigt, daß nur die Jugend Fortschritt
-gäbe; das hob ihn über die anderen.</p>
-
-<p>Mit leisen Worten redete er davon, wie man die
-Mühen schnell vergesse, wie hinter jedem Tage der vergangenen
-Zeit unsägliche Qual gewesen.</p>
-
-<p>Hilde sann nach, wie Schwäche und Kraft in ihrem
-Vater eng beisammen standen.</p>
-
-<p>Auch an Hansen dachte sie, an dem sie Aehnliches
-bemerkte.</p>
-
-<p>Was mochte der treiben? Ging sein Werk vorwärts?</p>
-
-<p>Nur hier und da schrieb sie ihm ein paar Zeilen.</p>
-
-<p>Antwort erhielt sie nie: es war ihres Vaters wegen,
-der die Post immer zuerst in die Hand bekam, nicht
-möglich.</p>
-
-<p>Auf das Gespräch an jenem Gewitterabend waren
-beide nicht mehr zurückgekommen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-
-Es war am Morgen eines schwülen Sommertages.</p>
-
-<p>Hilde Tiedemann ordnete den Frühstückstisch, der
-auf der Terrasse stand, vor welcher der Wald lag, in
-dichten, grünen Beständen.</p>
-
-<p>Sie horchte dem Kuckucksruf und zählte in lächelndem
-Widerwillen den Laut.</p>
-
-<p>Achtmal war er erklungen. Wenn der Volksmund
-recht behielt!</p>
-
-<p>Sie fuhr sich über die Augen und seufzte.</p>
-
-<p>Der Sommer ging in wenigen Wochen zu Ende, und
-das alte Leben begann vom neuen.</p>
-
-<p>Ihr Vater hatte sich geändert; er war ruhiger und
-gerechter geworden, wie stets, wenn er allein war, ohne
-fremden Einfluß.</p>
-
-<p>Hilde war sich bewußt, in der Stadt den Verlust
-Leos mehr zu empfinden als hier draußen. Sie sah
-keinen Ausweg, ihre Familie von dem eingeschlagenen
-Wege abzubringen. Dazu gehörte eine starke Hand,
-und die hatte von allen nur Gerhard, der nicht zu
-Worte kam.</p>
-
-<p>Mit ihrem Stiefbruder mußte sich die Sache klären.
-Des öfteren sprach ihr Vater nun von dessen großen
-Fähigkeiten. Wie würde das Fred aufnehmen?</p>
-
-<p>So spann sie im Warten ihre Gedanken. Ihre
-Blicke folgten unabsichtlich den Fliegen, die auf der
-weißen Wand herumeilten und dann als schwarze
-Punkte unverrückbar in der Sonne festhielten, daß ihre
-Flügel seidig glänzten.</p>
-
-<p>Wieder hob der Kuckuck an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>
-
-Sie warf den Kopf herum. Die Gartenpforte hatte
-geklungen.</p>
-
-<p>Noch verdeckten die Büsche den Kommenden.</p>
-
-<p>Nun wurde er frei. Es war ein Mann, hager und
-gebeugt; mit großen, stolpernden Schritten kam er
-durch den Garten direkt auf das Haus zu.</p>
-
-<p>Sie erschrak, ohne sich bewußt zu werden, warum.</p>
-
-<p>Er sah auf; es war Görnemann. An der Art, wie er
-den Hut zog, erkannte sie ihn.</p>
-
-<p>Sie ging ihm über die Stufen entgegen.</p>
-
-<p>Sein faltiges Gesicht war heftig gerötet, und seine
-Augen sahen unsicher; sie suchten den Boden in Aufregung
-und Verwirrung.</p>
-
-<p>»Wo ist ihr Herr Vater?«</p>
-
-<p>»Er ist noch im Hause; er muß jeden Augenblick
-kommen. Aber was ...?«</p>
-
-<p>»Ich muß ihn sofort sprechen.« Er zog ein blaugeblümtes
-Taschentuch und wischte sich die Stirn.
-Dann stieg er rasch die Stufen hinan.</p>
-
-<p>»Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« Hilde
-legte in Angst die Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie
-doch!«</p>
-
-<p>»Nein, nichts Schlechtes.« Er suchte sich frei zu
-machen. »Aber Ihren Herrn Vater muß ich sprechen!«
-Er trat eilig ein, im selben Augenblick, als Klaus Tiedemann
-von der anderen Seite kam:</p>
-
-<p>»Sie hier?« Tiedemann zögerte und blieb betreten
-stehen.</p>
-
-<p>»Ja,« Sebastian Görnemann schien in großer Verwirrung,<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-»ich bin gleich herausgefahren, Sie müssen es
-wissen.« Er sah mit halber Wendung nach Hilde, dann
-sagte er mit plötzlichem Entschluß und hob den Kopf:
-»Herr Tiedemann, ich muß Sie unter vier Augen
-sprechen.«</p>
-
-<p>»Kommen Sie,« der Angeredete öffnete die Tür ins
-Schlafzimmer, dessen Fenster auf die Terrasse gingen,
-»hier sind wir allein.« Er wendete sich. »Und du, Hilde,
-richte das Frühstück auch für Herrn Görnemann« &mdash; der
-hob abwehrend die Hand &mdash; »wir kommen gleich.«</p>
-
-<p>Er schob dem anderen einen Sessel zurecht:</p>
-
-<p>»Was gibt es?«</p>
-
-<p>Der alte Mann keuchte, und seine Hand zitterte,
-als sie nach der Tasche fuhr. Er legte ein Telegramm
-auf den Tisch: »Es ist ein großes Unglück auf Herrn
-Lecarts Freundschaftszeche geschehen. Mehr als
-hundert Leute sind verunglückt. Die Arbeiter revoltieren;
-Frau Clo ist in Gefahr.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann riß den Zettel an sich und las
-mit gierigen Augen.</p>
-
-<p>Es blieb still um die beiden Männer; nur von
-draußen rief der Kuckuck.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann preßte die Lippen zusammen: auf
-der Stirn lag Falte an Falte.</p>
-
-<p>Die Augen belebten sich. Er stand auf.</p>
-
-<p>»Ich fahre!« Er sah auf die Uhr. »In wenigen
-Minuten geht mein Zug; Sie schicken mir sofort
-Gerhard nach; ich muß jemanden um mich haben, auf
-den ich mich verlassen kann!« Er setzte den Hut<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-auf. »Sie bleiben in der Stadt, Görnemann, das
-Weitere telegraphiere ich.«</p>
-
-<p>Görnemann sah auf: Es war die Stimme und
-die Art zu sprechen, wie sie sein Herr geübt &mdash; vor
-langen Jahren.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann tat einen Blick durchs Fenster:</p>
-
-<p>Hilde hatte auf der Terrasse die Zeitung entfaltet
-und las mit lachenden Augen. Klaus Tiedemann
-schüttelte den Kopf. Sie las vom Bilde T.&nbsp;A.&nbsp;Hansens,
-das so viel Aufsehen erregte, und das ihn in die erste
-Reihe stellte; er hatte sein Wort gehalten. Es waren nur
-wenige Zeilen, die ihr neues Leben gaben. »Erdgeist«
-hatte er sein Werk genannt. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>... Als der Zug in der Bergwerksstation hielt, stand
-Klaus Tiedemann bereits auf dem Trittbrett des
-Waggons.</p>
-
-<p>Der kleine Perron war voll von Menschen, die
-schrien und gestikulierten.</p>
-
-<p>Es wollte Abend werden. Schon brannten die
-rußigen Lampen auf dem Bahnsteig.</p>
-
-<p>Feuerwehrmänner und Knappen von anderen Gewerkschaften
-umgaben ihn.</p>
-
-<p>Mit starkem Arm trennte er die Menge.</p>
-
-<p>Der leichte Jagdwagen wartete.</p>
-
-<p>Neben dem Kutscher saß der Jäger, das Gewehr
-auf den Knien.</p>
-
-<p>»Damit die Hunde Respekt haben; die Gendarmenverstärkung
-kommt erst in der Frühe.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann drängte zwei halbnackte Buben<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-auseinander, die ihm pfeifend den Weg verstellten; der
-eine spuckte nach seinen Stiefeln.</p>
-
-<p>»Vorwärts!«</p>
-
-<p>Die Pferde zogen an.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann war im Wagen aufrecht stehen
-geblieben und hörte der beiden Männer Bericht.</p>
-
-<p>Heute früh, bald nachdem die Tagschicht eingefahren,
-war das Unglück geschehen. Es mußten sich giftige
-Gase entzündet haben. Bis vor kurzem war an ein Einfahren
-der Rettungsmannschaft noch nicht zu denken
-gewesen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hob den Kopf nach rechts, wo sich
-in der abendlichen Dämmerung über den Getreidefeldern
-mächtige Rauchwolken schoben.</p>
-
-<p>»Dort?«</p>
-
-<p>»Nein, das ist die Maximilianszeche, die brennt seit
-30 Jahren. Die Zeche 2 liegt da links drüben!«</p>
-
-<p>Sie bogen in die Dorfstraße ein.</p>
-
-<p>In dichten Wolken wehte der Staub.</p>
-
-<p>Die niederen, aus Lehm gebauten Häuser schienen
-verlassen.</p>
-
-<p>Alt und jung mochte an der Unglücksstelle weilen.</p>
-
-<p>Ein paar Steine flogen den Pferden zwischen die
-Beine.</p>
-
-<p>Sie stiegen, daß sie der Kutscher kaum halten konnte.</p>
-
-<p>In rasender Eile ging es an dem Parkgitter vorbei.</p>
-
-<p>Der Mond stand bleich mit seiner Scheibe auf dem
-Himmel.</p>
-
-<p>Der Wagen hielt vor der Freitreppe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann eilte die Stufen hinan.</p>
-
-<p>Niemand öffnete ihm; er hastete von Zimmer zu
-Zimmer; die Angst beflügelte seine Schritte.</p>
-
-<p>»Mein Kind.« Er riß Clo an sich und bedeckte ihr
-bleiches Gesicht mit Küssen. »Mein armes Kind.«</p>
-
-<p>Ein krampfartiges Zucken überlief sie, dann hing sie
-wie leblos in seinen Armen.</p>
-
-<p>Er bettete sie vor das Fenster, durch das der kühle
-Abendwind strich.</p>
-
-<p>Sie gab seine Hand nicht frei.</p>
-
-<p>So saßen sie schweigend, nur der Herzschlag
-hämmerte durch die Stille.</p>
-
-<p>Hier und da klang vom Schacht ein Klingelsignal
-oder halbverwehtes Rufen herüber.</p>
-
-<p>Mit milden Worten sprach Klaus Tiedemann
-seinem Kinde Mut zu. Daß sich alles im Leben gäbe
-&mdash; ganz von selbst &mdash;, was vordem unerträglich geschienen!
-Man wisse nicht, wie das Unglück entstanden
-sei. Niemand trage die Schuld. Es seien ja alles bisher
-nur Mutmaßungen.</p>
-
-<p>Mit irren Blicken sah sie im Zimmer herum; bei
-jedem Laut schauerte sie zusammen:</p>
-
-<p>»Er hat seine Arbeiter betrogen, ich hab' drum
-gewußt.« Sie bedeckte mit den zuckenden Händen das
-Gesicht und warf sich in krampfhaftem Schluchzen in
-die Kissen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann griff eine kalte Faust an den
-Rücken:</p>
-
-<p>»Weißt du, was du redest?« Er dämpfte die<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>
-Stimme. »Du kannst deinen Mann ins Zuchthaus
-bringen mit solchen Worten.«</p>
-
-<p>»Sei's drum.« Leidenschaftlich richtete sie sich in
-die Höhe. »Er hat es hundertfach verdient; ich hasse ihn
-und alle seinesgleichen. Oh, wie ich ihn hasse!« Sie
-glitt zu Boden und schlug schwer mit dem Kopfe auf
-die Dielen.</p>
-
-<p>Mit zitternden Händen hob er sie auf.</p>
-
-<p>Nun lag sie ruhig; nur von Zeit zu Zeit erschütterte
-ihr Körper in tränenlosem Schluchzen.</p>
-
-<p>Mit dem Nachtzuge kam Gerhard.</p>
-
-<p>Er sprach wenige Worte und begab sich an die
-Unfallstelle.</p>
-
-<p>Die paar Beamten, die Lecart hielt, durften sich
-nicht blicken lassen.</p>
-
-<p>Ihr Leben war in Gefahr.</p>
-
-<p>Lecart war vor wenigen Tagen zu einem seiner
-Freunde auf die Jagd gereist. Der Streik war ja
-beendet gewesen!</p>
-
-<p>Die Arbeiter hatten wegen angeblich schlechter Ventilation
-der Gruben die Einfahrt verweigert.</p>
-
-<p>Hielt dies noch ein paar Tage an, versiegten ihm
-die letzten Hilfsquellen. Er wendete sich an die Bergbehörde.
-Er legte Pläne und Karten vor; es war
-alles in Ordnung, das hätte die Untersuchung gezeigt,
-sagte man den Leuten.</p>
-
-<p>Was blieb ihnen übrig? Die Ihren verlangten
-Brot.</p>
-
-<p>Nun war das Unglück geschehen!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>
-
-Weiber und Kinder umgaben den Schachteingang.</p>
-
-<p>Der Mond goß sein kaltes Licht über die vielköpfige
-Menge.</p>
-
-<p>Drohendes Murmeln lief durch die Reihen, als verlangten
-sie ihre Männer von der Erde zurück, der sie
-so lange ungestraft ihre Kinder entrissen hatten.</p>
-
-<p>Hier und da klang scharf eine Explosion herauf.</p>
-
-<p>Leute, die unten gewesen, erzählten, daß man helle
-Flammen sähe.</p>
-
-<p>Der Brand dauerte an, und damit sank die letzte
-Hoffnung.</p>
-
-<p>Die Rettungsmannschaft war endlich eingefahren.
-Man hatte auf den Zechen Lecarts nur ungenügende
-Schutzapparate.</p>
-
-<p>So waren Stunden vergangen, bis sie von fremden
-Zechen kamen.</p>
-
-<p>Und jede Sekunde konnte über das Leben entscheiden.</p>
-
-<p>Neuer Haß war dadurch entstanden, der sich in häßlichen
-Ausrufen Luft machte.</p>
-
-<p>Nur die Hoffnung, noch Lebende da unten zu finden,
-dämmte die Erbitterung, welche in den Augen der
-Leute glimmte.</p>
-
-<p>Ein Funken konnte zünden und die Massen zu blindwütigem
-Vorgehen veranlassen.</p>
-
-<p>Ein Klingelzeichen aus der Tiefe!</p>
-
-<p>Atemlos lauschen die zerlumpten Gestalten.</p>
-
-<p>Die bleichen Gesichter drängen sich an das rostige
-Schachtgitter.</p>
-
-<p>Es öffnete sich mit schütterndem Klirren:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-
-»Glück auf!«</p>
-
-<p>Zwei Leichen, verunstaltet und halb verkohlt,
-werden aus den Karren gehoben.</p>
-
-<p>Tote!</p>
-
-<p>Kein Wort wird laut.</p>
-
-<p>Der Fahrstuhl verschwindet; die Grubenlichter versinken:</p>
-
-<p>»Glück auf!«</p>
-
-<p>Schluchzen erschüttert die Luft, leidenschaftliche Anklagen
-werden laut und machen sich in gellenden
-Schreien Luft.</p>
-
-<p>Wieder kommen Tote.</p>
-
-<p>Eine reiche Ernte! Lauter stille Gestalten, oft unkenntlich,
-mit verzerrten Gliedern.</p>
-
-<p>Warum ist das Schicksal so erbarmungslos?</p>
-
-<p>Warum?</p>
-
-<p>Die Menge findet die Antwort. In Haß leuchten die
-Augen dem Herrenhause zu, von dem nur wenige
-Fenster licht scheinen.</p>
-
-<p>Schlafen sie schon, während sie hier ihre Toten beweinen?</p>
-
-<p>Ein Ton grenzenlosen Schmerzes klingt über die
-Fläche.</p>
-
-<p>Ein Wortführer stellt sich an die Spitze.</p>
-
-<p>Lange Zungen über das Blachfeld vorausschickend,
-wälzt sich die wütende Menge gegen Lecarts festes Haus.</p>
-
-<p>Weiber und Kinder voran.</p>
-
-<p>Prügel werden geschwungen; hier und da blitzt
-ein Messer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-
-Das Mondlicht zeichnet bleiche Schatten.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hört das Toben der Menge; ein
-zäher Widerstand bemächtigt sich seiner: er wird ausharren
-bis zum Ende.</p>
-
-<p>Mit Augen, in denen der Wahnwitz flackert, sieht
-sein Kind zu ihm auf:</p>
-
-<p>»Was wollen sie, Vater?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht.«</p>
-
-<p>Er läßt das Haus schließen, das Parkgitter bietet
-Widerstand.</p>
-
-<p>Es wird zum Aeußersten kommen!</p>
-
-<p>Knurrend schnuppern die zwei riesigen Neufundländer
-an dem Gitter.</p>
-
-<p>»Vater!«</p>
-
-<p>»Was ist?« Er beugt sich zu ihr nieder und küßt sie
-auf die Stirn. »Was willst du?«</p>
-
-<p>»Nimm mich weg,« stammeln ihre weißen Lippen,
-»nimm mich weg; wenn du mich hier läßt, geh' ich
-zugrunde.«</p>
-
-<p>In tiefer Bewegung preßt er sie an sich:</p>
-
-<p>»Ich bin ja bei dir, Kind, es kann dir nichts geschehen.«</p>
-
-<p>Sie schüttelte den Kopf:</p>
-
-<p>»Nicht jetzt, &mdash; die fürcht' ich nicht. Dann, wenn
-er wieder da ist ...«</p>
-
-<p>»Du meinst deinen Mann?«</p>
-
-<p>Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh;
-seinen Blick ertrag' ich nicht, Vater!« schreit sie auf
-und wirft sich ihm an die Brust. »Dort hat er gesessen
-und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>
-
-Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er
-kann's nicht glauben. Das Leben kann nicht alles
-stürzen, was er gebaut hat.</p>
-
-<p>»Du siehst schwarz, Kind, &mdash; deine Nerven sind übermüdet.
-&mdash; Lecart hat dich gern wie ich.«</p>
-
-<p>»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus.
-»Gern, das habt ihr mir damals gesagt, als ich eurem
-Willen widerstrebte. Lieber in Armut gestorben, als
-noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich,
-den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte,
-kein Vermögen und keinen Namen, &mdash; und Lecart hatte
-beides in euren Augen.«</p>
-
-<p>In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun
-habt ihr euren Willen, habt eure Familie rein gehalten,
-so rein, daß der Schlechteste da draußen zu gut für euch
-ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl durch das
-Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das
-Haupt, als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu
-Worte kommen lassen wollte, aus verfehlter Liebe zu
-seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist es Berechnung
-eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde
-greift, ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die
-Sonne kein ärgeres bescheint, wenn wir dem Herzen
-nicht seine Stimme lassen, sondern schachern, noch
-immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt
-ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten
-können, hättest mir mein Recht wahren sollen, das einzige,
-das schönste, das wir besitzen. Du hast dich gebeugt
-und hast geschwiegen, als meine Mutter ihren Plänen
-folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom
-Krankenbett und in den engen Grenzen ihrer einseitigen
-Erziehung. Du aber hast dich selbst durchgerungen,
-bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und
-hast doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt!
-Vater, Vater, du weißt nicht, was ich gelitten!!
-Vom ersten Tage der Ehe an war es ein Kampf! Ich
-ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets
-keine Verantwortung übernehmen, das war euch das
-Wichtigste. Ich glaubte eueren Vorstellungen, ihr
-spieltet ja so breit euere Erfahrung auf, und ich war
-ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei.
-So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets
-nur ein Mittel seiner Leidenschaft und seiner Berechnung.
-Deinem Schwiegersohne öffneten sich viele
-Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft hab' ich
-innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen
-herausdrehte und du es dir bieten ließest
-in deiner Schwäche. Vater, weißt du, was es heißt,
-an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?«
-Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich
-neben ihm gelegen und habe geflucht: ihm und mir.
-Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband, hat
-der Priester Gottes Worte gesprochen: &#8218;Wenn
-mich zwei Menschen in der Liebe um etwas bitten,
-es soll ihnen gewährt sein.&#8217;« Wieder schüttert ihr
-schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet &mdash; aber nicht
-um ein Kind, nein, um unser beider Tod!«</p>
-
-<p>Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre
-Worte:</p>
-
-<p>»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen!
-Es ist die letzte Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu
-spät ist. Leo ist tot. Wer wird der Nächste sein?<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem
-Sinn ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör'
-auf niemanden, hör' nur auf dich allein!« Sie faßt
-mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte. »Laß
-Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!«</p>
-
-<p>Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung.</p>
-
-<p>Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen
-Stimmen zerreißen die Stille der Nacht.</p>
-
-<p>Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann
-horcht, sein Kind in den Armen.</p>
-
-<p>Wüste Rufe kommen näher.</p>
-
-<p>Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren
-Höhlen liegen. Sein Kopf ist dumpf, ein eiserner
-Druck hält ihn gefangen.</p>
-
-<p>Das ist die Frucht seines Lebens!</p>
-
-<p>Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander.
-Nicht Vater und Kind sind es, die nun
-rechten, es ist Mann und Weib.</p>
-
-<p>»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns
-Stimme aus der Brust. »Ich bin aus niederem
-Stande und hab' vieles erst im späten Leben kennengelernt,
-was euch als Kinder schon geläufig war. Ich
-hab' lange Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld
-zu verdienen und dadurch etwas in der Welt zu
-werden.«</p>
-
-<p>Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe
-lösen ihm die Zunge; sie prallen an die Wände und
-hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er überhaupt
-in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das
-Geheimnis seines Lebens!</p>
-
-<p>Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich
-werfend, keucht er: »Ich war auch ein Mensch von
-Fleisch und Blut und hab' geglaubt an den Inhalt<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>
-der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus
-niederem Stande, wie ich es selbst war, drüben über
-dem Wasser. Sie sollte mir beistehen, sollte mir die
-trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach Hause
-kam. Und sie hat es getan &mdash; ein paar Jahre lang.
-Da hab' ich den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte
-gehabt. Dann haben wir ein Kind bekommen
-&mdash; Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür ich
-arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken
-gehabt als Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht,
-nein; für meine Familie! Ich hab' wenig Zeit
-gehabt: Da hab' ich's nicht merken können &mdash; in
-meinem eigenen Haus!«</p>
-
-<p>Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die
-Hunde gegen das Gitter.</p>
-
-<p>»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon,
-hat mich allein gelassen mit meinem Kinde.
-Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich, »hab'
-ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir
-getan. Keine Plage war mir zu viel gewesen; jede
-Erniedrigung hab' ich ertragen für mein Weib, das
-war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten,
-ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen
-und alles andere. Vom Anfang hab' ich wieder begonnen.
-War es früher Ehrgeiz, der mich trieb, so
-war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie
-sollte von mir hören da draußen irgendwo in der Welt,
-sollte sich eingestehen müssen, daß sie einen schlechten
-Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben lange
-Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt,
-ich wollte Frau und Kind haben. Doch nun
-wollte ich der Herr sein, darum hab' ich mir ein Weib
-gekauft &mdash; deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-Wahnsinn aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts
-mehr, sie gab mir nichts. Ich wollte nur euch, auf
-euch hab' ich alles übertragen, was die andern von
-mir nicht nehmen wollten &mdash; meine Liebe. Ich war
-stets unscheinbar, meine Geburt hing an mir mit
-eisernen Ketten, &mdash; so wollte ich mir in euch jemanden
-ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter
-unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da
-hab' ich zum Schluß in alles gewilligt; mein Leben
-war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren Augen
-sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt,
-da ward' ich betrogen; da ich anders dachte, erst
-recht!« Er bricht jäh ab; die Tür fliegt auf: Gerhard
-steht auf der Schwelle. »Sie sind da!«</p>
-
-<p>Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster.
-Dumpfes Geheul, das durch die zerbrochenen Scheiben
-sich doppelt und dreifach verstärkt, übertäubt das
-Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde.</p>
-
-<p>Ein Schuß fällt aus dem unteren Stockwerk.</p>
-
-<p>»Der Jäger.« Clo Lecart zerrauft sich das Haar;
-ihre schrillen Schreie erschüttern Vater und Sohn, ihre
-bebenden Lippen stammeln irre Laute.</p>
-
-<p>Scheiben klirren, Steine fliegen.</p>
-
-<p>»Hilfe!« Clo krallt sich in ihres Vaters Kleider.
-»Hilf, Vater! Dein ist die Macht, und dein ist die
-Herrlichkeit, dein Wille geschehe auf Erden, vergib uns
-unsere Schulden.« Ihre Augen flackern.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann steht regungslos und horcht
-dem donnernden Toben der Menge, das näher dringt
-und näher.</p>
-
-<p>»Da!« Mit zitternden Händen preßt ihm sein Kind
-die Waffe in die Hand. »Ich hab' sie lange getragen,
-ich war zu feig dazu; rette mich Vater, rette mich! Das<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>
-Leben ist so schön, und ich bin noch so jung.« Wimmernd
-kriecht sie auf dem Boden und schlägt sich die
-Brust. »Zu uns komme dein Reich. Unser täglich Brot
-gib uns heute.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hebt den Kopf. Die Waffe klirrt
-zu Boden.</p>
-
-<p>Gerhard reißt sie an sich. Wieder steht er
-regungslos.</p>
-
-<p>Sein Vater hat die Tür geöffnet und ist auf den
-Balkon getreten.</p>
-
-<p>Tobendes Brüllen und Geschrei empfangen ihn;
-Steine prasseln.</p>
-
-<p>Der Garten wimmelt von Menschen.</p>
-
-<p>»Leute!« ...</p>
-
-<p>Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er
-den Ruf.</p>
-
-<p>Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit
-über die Fläche.</p>
-
-<p>Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester
-den Stein.</p>
-
-<p>»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere?
-Seid ihr Vater und Mutter, habt ihr Weib und Kind,
-oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all eure Vernunft
-vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt?
-Wollt ihr ein Leben lang im Kerker sitzen? Seid
-ihr Mörder oder Arbeiter? ...«</p>
-
-<p>Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über
-die Menge.</p>
-
-<p>»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr?
-Lecart ist nicht hier! Ein großes Unglück ist geschehen;
-doch wir sind alle Menschen, und jeder Augenblick
-kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld
-trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-wird seiner Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch,
-Klaus Tiedemann, der so arm war wie ihr, der sich
-aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne deswegen
-glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise,
-jeder, der Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich
-entschädigt werden. Dafür habt ihr mein Wort!
-Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten begraben.
-Was kann der Mensch anderes tun? Was
-wollt ihr sonst? Wollt ihr das Weib, das weinend
-drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft mit
-ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn
-morden, der mit euch die Toten bergen half, der denkt
-wie ihr, der mit demselben glühenden Haß gegen mich
-ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns
-Stimme wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es,
-mir ist nicht leid um mein Leben; ich hab' Schweres erlitten
-und meine Kinder nicht glücklich gemacht.«
-Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen
-auf sich gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber
-<em class="gesperrt">eines</em> müßt ihr bedenken! Ich zahle das Geld, das
-euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart tut es
-nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen?
-Was bleibt euch? In wenigen Stunden werden die
-Gendarmen hier sein; schon sind sie unterwegs. Sie
-werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch
-mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe
-zurück, so soll keinem ein Haar gekrümmt werden, ich
-selbst will Fürbitte einlegen. Der Lohn soll erhöht
-werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut
-ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr
-Menschen seid! Seht nach eueren Toten! Ich komme<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>
-zu euch. Ich werd' euch helfen, die schwere Last zu
-tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt
-hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer
-Stille stehen; polternd fallen ein paar Steine zu
-Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld macht glücklich;
-ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte
-wie ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben
-liegen die Toten! Wer weiß, wie die jetzt reden
-würden ...«</p>
-
-<p>Er schweigt.</p>
-
-<p>Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren
-vieler Füße.</p>
-
-<p>Die Gruppen lösen sich.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann tritt zurück.</p>
-
-<p>Durch das ungewisse Mondlicht glänzen ihm Gerhards
-Augen entgegen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 14"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Gleich am nächsten Tage war Clo Lecart zu ihrer
-Schwester gereist. Nur weg vom Besitze Lecarts!</p>
-
-<p>Es war ein stummes Wiedersehen.</p>
-
-<p>Sie sprachen wenig.</p>
-
-<p>Hilde war erst besorgt gewesen, ihre Schwester die
-schrecklichen Stunden, die sie mitgemacht hatte, vergessen
-zu lassen. Doch zu allen Versuchen schüttelte
-Clo traurig den Kopf:</p>
-
-<p>»Laß gut sein, Hilde, das wird für mich nimmer
-anders.«</p>
-
-<p>Nach solchen Worten sah sie wieder mit starren
-Augen in das Grün des Waldes, der sich mit herbstlichen
-Farben zu schmücken begann.</p>
-
-<p>In Hilde war frohe Zuversicht, seitdem sie von
-Hansens Werk wußte.</p>
-
-<p>Sie hoffte auf die Zukunft mit allen Nerven des
-liebenden Weibes.</p>
-
-<p>Auch Vater mußte nun einsehen, daß er sich in ihm
-getäuscht hatte, daß seine Ansichten irrige gewesen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hatte wenig Zeit für seine
-Kinder.</p>
-
-<p>Es gab viel zu tun durch Lecarts Zusammenbruch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-
-Als sie sich das erstemal wieder gegenüberstanden,
-hatte Lecart den alten Ton versucht. Doch Klaus
-Tiedemann schüttelte den Kopf:</p>
-
-<p>»Jetzt reden wir anders.«</p>
-
-<p>Lecart wollte nicht einsehen, daß er seine Rolle ausgespielt
-hatte. Mein Gott, dachte er, die Zeche, die ließ
-sich wieder in Betrieb setzen, die Geldgeber warteten
-schon, wenn Klaus Tiedemann hinter ihm stand. Der
-würde doch nicht den Skandal vor aller Augen wollen,
-und überhaupt was sagte Clo zu all diesem?</p>
-
-<p>Als er Tiedemanns Antwort erhielt, senkte er den
-Kopf, um eine Nuance bleicher:</p>
-
-<p>»Das sind Ausgeburten kranker Nerven; ich verstehe
-dich nicht, wie du, ein klar und nüchtern denkender
-Mensch, so etwas glauben kannst.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:</p>
-
-<p>»Sie ist ein armes, durch uns beide ruiniertes Geschöpf.«</p>
-
-<p>Lecart kannte seinen Schwiegervater nur mehr in
-wenigen Zügen. Er war ein anderer geworden seit
-jener Schreckensnacht.</p>
-
-<p>Es schien, als sei er sich seines Menschenwertes erst
-klar geworden, als er allein gegen die Masse stand, und
-doch obsiegte.</p>
-
-<p>Nun trug er den Kopf aufrecht und brach mit
-manchem, das er früher geduldet hatte.</p>
-
-<p>Ein neuer Hauch war in sein Haus eingezogen.</p>
-
-<p>Gerhard und er saßen oft bis in die Nacht hinein:
-sie besprachen die Zukunft des Lecartschen Besitzes.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>
-
-Auch die Mansbergschen Fabriken standen still.</p>
-
-<p>Bei der zuständigen Bergbehörde war Anzeige gegen
-Lecart erstattet worden wegen Fahrlässigkeit in den
-Ventilations- und Sicherheitseinrichtungen. Es hieß,
-er hätte alle Vorschriften außer acht gelassen, um nur
-möglichst viel aus seinen Gruben herausschlagen zu
-können.</p>
-
-<p>Mehr als neunzig Menschen hatten bei dem Raubbau
-ihr Leben gelassen.</p>
-
-<p>Lecart lachte über die Anklagen. Gegen welchen
-Herrn waren die Arbeiter nicht? Doch es war ein
-häßliches, gezwungenes Lachen.</p>
-
-<p>Auch über die Spiritusfabriken wußte er keine
-rechte Auskunft zu geben.</p>
-
-<p>Es war eben eine verunglückte Spekulation. Die
-Baisse war allzuschnell gekommen; da war es klüger,
-man ließ den Betrieb ruhen.</p>
-
-<p>Fred Tiedemann hätte mit ein paar Worten Aufklärung
-geben können, doch er kam erst in zwei Wochen
-zurück. Er schrieb begeisterte Ansichtskarten von seiner
-Tour. Auch zum Dichten hatte er sich aufgeschwungen:</p>
-
-<p>»Man wird ein anderer Mensch in der freien
-Natur, das sieht man an jedem Bauernbua ...«</p>
-
-<p>Die Karte trug der Wolny Unterschrift.</p>
-
-<p>Fred beteiligte sich noch an einer Tourenkonkurrenz,
-bevor er heimkehrte:</p>
-
-<p>Der Automobilklub des Nachbarstaates unternahm
-einen Besuch in die befreundete Hauptstadt.</p>
-
-<p>Mehr als hundert Herren der ersten Gesellschaftskreise<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-galten als Teilnehmer. Auch ein Prinz des
-kaiserlichen Hauses hatte gemeldet. Da durfte Fred
-Tiedemann nicht fehlen.</p>
-
-<p>In einer Nachschrift schrieb er, daß er von Lecarts
-Mißgeschick in einer Zeitung gelesen hätte und daß er
-hoffte, daß dies Unglück weiter keine unangenehmen
-Folgen haben würde.</p>
-
-<p>Mit lauten Worten sprach Hilde ihren Aerger über
-Freds Art aus, doch Klaus Tiedemann riet zur Mäßigung.</p>
-
-<p>Er begann sich wieder ins Geschäft einzuleben.
-Keiner hielt strenger die Arbeitsstunden ein als er.</p>
-
-<p>Vieles war zu erledigen und zu besprechen.</p>
-
-<p>Die Gläubiger Lecarts drängten auf Klärung seiner
-Lage, sie wollten ihre Schritte danach einrichten. Wenn
-ihn sein Schwiegervater nicht hielt, war er verloren.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann wollte alles möglichst rasch zu
-Ende bringen, schon um Clos willen, die von Tag zu
-Tag nervöser wurde.</p>
-
-<p>Die Ehegatten hatten sich seit Lecarts unfreiwilliger
-Rückkehr nicht gesprochen.</p>
-
-<p>Keiner der beiden Teile verlangte danach. Die Abrechnung
-kam ...</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 15"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Klaus Tiedemann sah abermals zur Tür und
-horchte.</p>
-
-<p>»Lecart ist noch immer nicht da.«</p>
-
-<p>Gerhard saß ihm gegenüber und nickte.</p>
-
-<p>Görnemann hatte eine zweistündige Besprechung
-mit seinem alten Chef gehabt.</p>
-
-<p>Es war ihm nun leichter ums Herz, er hatte sich
-alles Drückende von der Seele geredet.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann grübelte und blätterte in den
-Papieren, die den Tisch in hohem Stoß bedeckten.</p>
-
-<p>Große Summen standen auf dem Spiel:</p>
-
-<p>»Ich verstehe nicht, wieso Fred die Fabriken so stark
-belehnen konnte; es ist ja mehr, als sie überhaupt wert
-sind!«</p>
-
-<p>»Das war stets unser Streit, Vater; ich hätte keinen
-Heller gegeben.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann seufzte:</p>
-
-<p>»Wenn wir sie übernehmen, ist der Verdienst von
-ein paar Jahren hin.«</p>
-
-<p>»Und doch werden wir es tun müssen.«</p>
-
-<p>Wieder schwiegen beide.</p>
-
-<p>Gerhard hatte einen Bleistift ergriffen und rechnete
-auf einem Blatt Papier herum.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>
-
-Es war ganz still; nur vom Vorraum hörte man
-das Klingeln des Telephons.</p>
-
-<p>Dann hob Gerhard den Blick:</p>
-
-<p>»Wir sind die Hauptgläubiger; wenn wir alles aufgeben,
-verlieren wir zuviel! In ein paar Jahren kann
-man wieder anfangen zu verdienen; wir haben ja
-manches Etablissement, das passiv ist.«</p>
-
-<p>Nachdenklich sagte sein Vater:</p>
-
-<p>»Nur sehe ich kein Mittel, wie man das Ganze
-wieder hoch bringen kann.«</p>
-
-<p>»Doch, Vater, du mußt bedenken, daß er alles hat
-verkommen lassen, daß er von der Fabrikation nichts
-versteht. Er hat die Fabriken doch nur gekauft, um
-seinen Gläubigern damit die Augen auszuwischen &mdash;
-alles andere war ihm gleich. Wenn man geschickt arbeitet
-und die Schnaps- und Branntweinproduktion
-auf ein bescheidenes Maß einschränkt, so läßt sich viel
-erreichen. Ich würde das Hauptgewicht auf die
-Spiritusfabrikation legen. Spiritus kann heutzutage
-die Konkurrenz mit allen flüssigen Brennstoffen aufnehmen.
-Der Nutzeffekt ist glänzend, die Herstellung
-nicht allzu teuer und die Preise nicht
-schlecht. Da läßt sich schon etwas machen. Als
-Ersatz für Benzin und Petroleum hat er große Vorzüge.
-Bei unserer ausgedehnten Landwirtschaft können
-Spiritusmotoren als Lokomobilen ausgezeichnete Verwendung
-finden. Natürlich müßte man die Kartoffeln
-soviel als möglich selbst bauen. Zum Beispiel in den
-Kohlenrevieren; statt daß man Getreide baut oder<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-Wiesenland läßt, müßte man alles in Kartoffeläcker
-umwandeln. Das Klima und der Boden sind günstig
-die Fracht ist billig &mdash; auf die Art könnte man beide
-Unternehmungen gewissermaßen vereinigen.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickte:</p>
-
-<p>»Hätte man das vor Jahresfrist getan, so stünde die
-Sache anders.« Er trommelte mit seinen Fingern auf
-den Tisch und seufzte. »Na, wer weiß, wozu die Sache
-gut ist! ...«</p>
-
-<p>Er sprach nicht weiter, denn Lecart trat ein:</p>
-
-<p>»Guten Tag!«</p>
-
-<p>Er sah schlechter aus als sonst.</p>
-
-<p>Als ob nichts geschehen wäre, bot er Tiedemann die
-Hand; Gerhard ignorierte er in alter Gewohnheit.</p>
-
-<p>Er reichte seinem Schwiegervater das Tabatiere,
-das voll von Zigaretten war:</p>
-
-<p>»Willst du dir nicht nehmen? Ich habe sie erst
-heute frisch bekommen!«</p>
-
-<p>Als er keine Antwort erhielt, zündete er sich selbst
-eine Zigarette an und legte die Beine übereinander,
-daß das magere Bein im schottischen Strumpfe sichtbar
-wurde. Den Rauch vor sich hin blasend, sagte er dann:</p>
-
-<p>»Also machen wir die Sache rasch ab!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickte.</p>
-
-<p>»Ich würde am liebsten <em class="gesperrt">allein</em> mit dir sprechen«,
-sagte Lecart.</p>
-
-<p>»Gerhard bleibt!«</p>
-
-<p>»Bitte«, mit nachlässiger Bewegung warf sich Lecart
-in den Sessel zurück und sah nach dem Plafond.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-
-Das hatte er denn doch nicht notwendig, sich von den
-Pfeffersäcken etwas gefallen zu lassen!</p>
-
-<p>Es war gerade genug, daß er ihnen Rede stand!</p>
-
-<p>Tiedemann wich Gerhards Blicken aus.</p>
-
-<p>Er ordnete die Papiere und legte sie vor Lecart:</p>
-
-<p>»Hier hast du die Schuldverschreibungen und alles
-bezüglich der Mansbergischen Liegenschaften.«</p>
-
-<p>Lecart tat einen kurzen Blick:</p>
-
-<p>»Das kenn' ich. Was weiter?« Er warf die Lippen
-auf und schob die Hand in die Tasche.</p>
-
-<p>Aerger überkam Klaus Tiedemann über des anderen
-Art, doch er zwang sich zur Ruhe:</p>
-
-<p>»Du mußt dich jedenfalls äußern, wie du dir die
-Zukunft denkst.«</p>
-
-<p>Lecart lachte spöttisch. »Das ist gerade so, als
-wenn die Henker des Delinquenten Pläne für sein
-späteres Leben anhören. Die Vorschläge mußt wohl du
-machen.«</p>
-
-<p>Der Alte schüttelte den Kopf:</p>
-
-<p>»Es ist dein Besitz, um den es sich handelt.«</p>
-
-<p>»Auf dem Papier!«</p>
-
-<p>»Da hast du leider recht.« Tiedemanns Stimme
-ward lauter. »Wäre es nach mir gegangen, wir hätten
-diesen traurigen Ruhm nicht. Du mußt großen Einfluß
-auf meinen Sohn ausgeübt haben, daß er dich so unterstützte.«</p>
-
-<p>Lecart lachte höhnisch: »Einfluß? &mdash; Ich bin schließlich
-sein Schwager, und«, er sah verächtlich auf die
-beiden vor ihm Sitzenden, »der einzige in der Familie,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-der ihn versteht und ihn unterstützt, in bessere Kreise
-zu kommen.«</p>
-
-<p>»Mit meinem Geld!«</p>
-
-<p>Drohend sah ihn der Alte an; überrascht wendete
-Lecart den Kopf: Was war das für ein Ton? »Du
-sprichst, so gut du es eben verstehst,« sagte er hochtrabend,
-»das entschuldigt dich.«</p>
-
-<p>Des Alten Stirn färbte sich dunkelrot: »So wirst
-du bei mir nichts ausrichten; entweder du redest vernünftig
-mit mir, oder ich übergebe alles deinen Gläubigern;
-die sollen dann machen, was sie wollen.«</p>
-
-<p>»Parbleu, das wäre das Rechte,« die Zigarette entfiel
-des anderen Hand, »das ist dein Ernst doch nicht?«
-Er sah erschreckt auf seinen Schwiegervater.</p>
-
-<p>»Mein <em class="gesperrt">voller</em> Ernst!«</p>
-
-<p>Lecart litt es nicht länger auf dem Sessel; mit langen
-Schritten durchmaß er das Zimmer; sein Blick blieb
-auf Gerhard haften. In Haß blitzten seine dunklen
-Augen:</p>
-
-<p>»Ich habe dir schon vorhin gesagt, ich spreche nur
-mit dir allein!« schrie er.</p>
-
-<p>Als keine Antwort kam, wiederholte er die Worte:</p>
-
-<p>»... Hast du verstanden?«</p>
-
-<p>»Gerhard bleibt!«</p>
-
-<p>Charles Lecart stampfte den Boden:</p>
-
-<p>»Dann bringst du kein Wort aus mir heraus.«</p>
-
-<p>»Es ist nur dein Schade.«</p>
-
-<p>Sie saßen schweigend.</p>
-
-<p>Nach geraumer Weile fragte Klaus Tiedemann:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>
-
-»Kannst du nicht Clos Mitgift zur Deckung verwenden?«</p>
-
-<p>»Clos Mitgift? Die ist lange hin.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann legte den Kopf in die eiskalte
-Hand. Jeder Nerv zuckte an ihm; doch es galt diesen
-Kampf mit starkem Willen zu Ende zu führen &mdash;
-seines Kindes wegen.</p>
-
-<p>Clos Mitgift war eine hohe Summe gewesen, mit
-deren Zinsen beide in Ruhe hätten ihr Leben verbringen
-können.</p>
-
-<p>»Wie ist das zugegangen?« fragte er.</p>
-
-<p>»Wie das zugegangen ist? Sehr einfach: Wir haben
-vom Kapital gelebt. Meine Frau ist nicht die billigste;
-sie ist mit merkwürdig hohen Ansprüchen in die Ehe getreten.
-Woher sie das hat, weiß ich nicht, von dir gewiß
-nicht!«</p>
-
-<p>»Alles zugegeben.« Klaus Tiedemann überhörte geflissentlich
-des anderen Ausfälle. »Aber in so kurzer
-Zeit?«</p>
-
-<p>»Ich hab' Schulden zu bezahlen gehabt, dann die
-Reisen und die Repräsentationspflichten. Sah Clo
-einen Schmuck, so mußte sie ihn haben. Oft mußten
-wir dreifache Wohnung bezahlen; hier in der Stadt,
-in irgendeiner Pension und auf dem Lande. Clo hat
-nichts vom Wirtschaften verstanden; sie ist wie eine
-Prinzessin aufgewachsen.«</p>
-
-<p>»Clo hat gewiß nicht die Hauptschuld, du hast hoch
-gespielt.«</p>
-
-<p>»Wer sagt das?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>
-
-»Ich weiß es!«</p>
-
-<p>»Hat es meine Frau gesagt?« Er bekam keine Antwort.
-»Natürlich weißt du es von ihr! Ich sollte
-wahrscheinlich wie ein Hund leben, wenn ihr die Herren
-spieltet? Bitter genug, daß ich von euch das Almosen
-nehmen mußte.«</p>
-
-<p>»Vielleicht wäre es für beide Teile besser, du hättest
-es nicht getan.« Klaus Tiedemann warf die Papiere
-durcheinander. »Lassen wir das Streiten, wir kommen
-damit zu keinem Ende. Wir werden die Mansbergschen
-Fabriken übernehmen und die übrigen Gläubiger befriedigen.«</p>
-
-<p>Lecart schöpfte neue Hoffnung: »Das ist gar nicht
-nötig«, sagte er schnell.</p>
-
-<p>»Es ist besser so.«</p>
-
-<p>»Bitte.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann neigte sich vor; er sah ihn erwartungsvoll
-an: »Und was ist mit den Gruben?«</p>
-
-<p>Lecart war erstaunt: »Ja, wollt ihr mir denn alles
-abnehmen?«</p>
-
-<p>»Das wird sich erst zeigen.«</p>
-
-<p>»Wieso?«</p>
-
-<p>»Du weißt, daß gegen dich Anzeige erstattet ist.«</p>
-
-<p>»Was weiter?«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann blickte ernst: »Du mußt wissen,
-ob 'was Wahres daran ist. Davon hängt alles ab.«</p>
-
-<p>Ueber Lecarts hageres Gesicht lief ein nervöses
-Zucken: »Was meinst du?«</p>
-
-<p>Durchdringend ruhten des alten Mannes Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>
-auf ihm: »Du verstehst mich ganz gut. Ob eine Schuld
-deinerseits vorliegt oder nicht?«</p>
-
-<p>»Das fehlte gerade noch.« Lecart ließ die Hand
-auf den Tisch fallen. »Woher hast du den Unsinn?
-Was soll ich für eine Schuld haben?«</p>
-
-<p>»Clo hat davon gesprochen.«</p>
-
-<p>»Clo?« Lecart lachte trocken und netzte die Lippen.
-»Wovon?«</p>
-
-<p>»Du sollst die Vorschriften außer acht gelassen
-haben.«</p>
-
-<p>»Albern; die hält nicht einer von uns genau ein.«</p>
-
-<p>»Darum handelt es sich jetzt nicht; ich muß wissen,
-ob ich mit ehrlichem Gewissen für dich, das heißt für
-Clo, eintreten kann oder nicht.« Klaus Tiedemann sah
-sinnend vor sich nieder. »Ich habe Beziehungen, welche
-dir eventuell nützen könnten, um das Gerede zum
-Schweigen zu bringen.«</p>
-
-<p>»Das wäre mir sehr recht.« Lecarts Stimme wurde
-geschmeidig. »Dafür wäre ich dir sehr dankbar. Wer
-sind die Herren, die mir behilflich sein können?«</p>
-
-<p>»Das wird sich finden.« Nachdenklich strich sich
-Klaus Tiedemann die faltige Wange; die Hand, die auf
-der Tischplatte lag, zitterte: »Also, ich kann dir
-glauben?«</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Laß, Vater!« Gerhard Tiedemann machte eine
-jähe Bewegung; er hatte bisher regungslos gesessen.
-Sein Blick traf Lecart: »Sie lügen!« sagte er ruhig.</p>
-
-<p>Lecarts Augen wurden klein; sie funkelten wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>
-eines Raubtieres. Auch Klaus Tiedemann war zusammengefahren,
-in seiner erkünstelten Ruhe jäh gestört.
-Hastig, fragend flogen seine Blicke von einem
-zum anderen.</p>
-
-<p>»Sie werden das zu beweisen haben«, kreischte
-Lecart und trat einen Schritt näher.</p>
-
-<p>»Ich spreche nichts, das ich nicht schwarz auf weiß
-vor mir habe.«</p>
-
-<p>Gerhard wich dem Blick des anderen nicht aus;
-seine grauen Augensterne hielten ihn im Schach.
-Mit unsicherer Stimme, aus der verhaltene Wut klang,
-fragte Lecart: »Wo sind die Beweise?«</p>
-
-<p>»Sie werden Ihnen nicht unbekannt sein.« Ein
-roter Fleck begann auf Lecarts gelber Wange zu
-brennen. »Waren die Ventilationsschächte in Ordnung?«</p>
-
-<p>Lecart preßte die schmalen Lippen zusammen: »Ja.«</p>
-
-<p>»Sind Sie dessen sicher?«</p>
-
-<p>»Die Kommission hat es bestätigt.«</p>
-
-<p>»Das heißt gar nichts. Sie haben als Grubenbesitzer
-allzuviel Einfluß auf deren Zusammensetzung,
-und überdies kann sich die Kommission getäuscht
-haben.«</p>
-
-<p>Lecart war bleich geworden: »Das kommt nicht vor.«</p>
-
-<p>»So sagen wir, sie ist getäuscht worden!«</p>
-
-<p>Lecart streckte den Kopf weit vor, seine Augen
-waren drohend aufgerissen, die Adern am mageren
-Hals schwollen an unter dem stürmischen Herzschlag:</p>
-
-<p>»Wer gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen?«
-keuchte er.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-
-Gerhard stand auf und faltete ein Papier auseinander;
-er sah zu seinem Vater hinüber: »Die
-Kommission hat richtig entschieden. Sie haben recht.
-Auf den ihr vorgelegten Plänen und Rissen sind die
-Luftschächte vollkommen entsprechend eingezeichnet,
-aber«, er hob die Stimme, »die Kommission konnte
-nicht wissen, daß in Wirklichkeit seit Monaten der
-wichtigste Luftweg verschüttet sei; so hat man sie und die
-Arbeiter, die gehorchen mußten, betrogen!«</p>
-
-<p>Mit kreidebleichem Gesicht fuhr Lecart an des
-anderen Gurgel. »Du sollst es büßen, mir so etwas
-gesagt zu haben.«</p>
-
-<p>Mit starken Händen fing Gerhard die schlagenden
-Arme. Er warf Lecart zurück. Mit zuckenden Lippen
-sagte er: »Hier hast du, Vater, deine Familie!«</p>
-
-<p>Der alte Mann regte kein Glied; er starrte vor sich
-nieder.</p>
-
-<p>Minuten vergingen.</p>
-
-<p>Lecart ordnete seine Kleider; sein hastiges Atmen
-klang laut durch die Stille. Wie die Augen einer
-Katze, die auf der Lauer liegt, glimmten seine Pupillen.
-So standen sie eine Weile sich gegenüber.</p>
-
-<p>Dann klang ein stöhnender Laut &mdash; sie sahen nach
-dem alten Mann.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann richtete sich auf.</p>
-
-<p>Ein harter, erbarmungsloser Zug war um seinen
-Mund.</p>
-
-<p>»Die Gruben gehen in unseren Besitz über,«
-sagte er, »du hast mit allem nichts mehr zu schaffen.<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>
-Was du getan hast, trennt dich auf ewig von mir.
-Einen Betrüger beherbergt meine Familie nicht.«</p>
-
-<p>Lecart wollte auffahren. Drohend trat der alte
-Mann vor ihn; seine kleine Gestalt schien zu wachsen:</p>
-
-<p>»Clo wird mit sich ins reine kommen müssen. Ebenso
-du! Nur drängt für dich die Zeit, du kannst nach alldem
-nicht verlangen, daß ich für dich aussage. Gerhard
-und Clo haben von dem furchtbaren Betrug gesprochen.
-Ich hab' es nicht geglaubt, trotzdem die Beweise nur
-allzu klar lagen. Ich habe noch immer an einen Irrtum
-gedacht.« Er schüttelte den Kopf und ballte die
-Faust. »Ich hätte dich gehalten, so schwer mir's auch
-gewesen wäre, hättest du dein Unrecht eingestanden;
-du hast es nicht getan.« Er maß Lecart von Kopf zu
-Füßen. »Ich bin zwar nur ein Kaufmann, der schlichte
-Manieren hat; so kann ich weiter nicht raten, aber
-Sie werden, Baron Lecart, Mittel und Wege finden
-müssen, sich vor dem Kerker zu schützen, in den Sie
-gehören. Das wird Ihnen ja nicht so schwer fallen,
-Sie sind stets findig gewesen.« Er wandte ihm den
-Rücken. »Ich glaube, wir sind fertig.«</p>
-
-<p>Mit festen Schritten ging Klaus Tiedemann zur
-Tür; die Tränen standen in seinen Augen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 16"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Schon am nächsten Tage schrieb Lecart. Das
-Kuvert trug seiner Familie Wappen. Er schrieb
-in knappen Worten, daß er nach dem, was vorgefallen
-sei, es als selbstverständlich ansähe, das
-Haus nicht mehr zu betreten, in welchen er derartigen
-Invektiven ausgesetzt sei. Er bedauerte nur, daß
-ihm keine anderen Mittel als seine Verachtung zur
-Verfügung stünden. Den Rechtsweg wolle er mit
-Rücksicht auf seine arme Frau und die Gesellschaft
-nicht betreten. Zum geschäftlichen Teile seines Briefes
-übergehend, teile er mit, daß er alle Angelegenheiten
-seinem Rechtsfreund übergeben hätte, da der gestrige
-rohe Auftritt seinen ohnehin alterierten Nerven den Rest
-gegeben hätte. Er zöge sich auf unbestimmte Zeit in
-ein Sanatorium zurück, um seine Gesundheit womöglich
-wiederherzustellen, deren schlechter Zustand ihn
-auch bewogen hätte, sich auf einige Zeit seines freien
-Verfügungsrechtes zu begeben. Er habe seinen Advokaten
-zu seinem Kurator bestellt und ersuche, sich in
-allen Dingen an diesen allein zu wenden, da er nunmehr
-vollkommen ausgeschaltet sei. Mit Rücksicht darauf
-werde auch die gegen ihn schwebende Klage hinfällig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>
-
-Noch am selben Nachmittag fuhr Klaus Tiedemann
-zu seiner Tochter.</p>
-
-<p>Es war ein schwerer Weg, und doch ging er aufrechten
-Hauptes durch den hochstämmigen Laubwald,
-durch welchen der Weg von der Bahnstation aus
-führte.</p>
-
-<p>Die Buchen rauschten um ihn, und er atmete in
-tiefen Zügen, als wolle er all den Dunst und die Häßlichkeit
-der Stadt aus seinem Innern vertreiben.</p>
-
-<p>Ruhe lag über dem herbstlichen Grün und senkte sich
-über sein Wesen mit lindem Hauch.</p>
-
-<p>Ein alter Bauer, das Gewehr auf der Schulter, kam
-ihm entgegen. Ein großer Hund trottete hinter ihm
-drein, sie sahen beide zufrieden aus.</p>
-
-<p>Kinderstimmen hallten zwischen den hohen
-Stämmen des Waldes. Sie gehörten Ausflüglern an,
-die für wenige Stunden der lärmenden Großstadt entflohen
-waren.</p>
-
-<p>In schwerem Fluge schwang eine Krähe sich über
-die Lichtung; noch lange klang ihr rostiger Schrei.</p>
-
-<p>Bald war Tiedemann am Ziel.</p>
-
-<p>Er öffnete die Gartenpforte.</p>
-
-<p>Auf dem Vorplatz war ein Ruhesessel in die Sonne
-gerückt. Clo ruhte darauf; Hilde saß daneben und las
-aus einem Buche vor.</p>
-
-<p>Als sie seinen Schritt auf dem Kies hörte, stand sie
-rasch auf; auch Clo hob den Kopf.</p>
-
-<p>»Bleibt sitzen!« Er winkte ihnen zu und kam
-näher.</p>
-
-<p>Clo war bleich, ihr Gesicht trug einen leidenden Zug;<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-trotz der warmen Herbstsonne hatte sie eine Decke über
-die Knie gezogen.</p>
-
-<p>Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von den
-wenigen Neuigkeiten, die sich in den letzten Tagen zugetragen
-hatten:</p>
-
-<p>Gestern nachmittag hatte es gewittert; darauf war
-die Temperatur plötzlich stark gefallen. Heute früh war
-es kühl gewesen. Die Schwalben sammelten sich bereits
-zum Flug.</p>
-
-<p>Sie sprachen mit leiser Stimme und sahen aneinander
-vorbei.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hatte auf seinem Wege gefällte
-Stämme bemerkt; nun redete er davon.</p>
-
-<p>Clo gab rasche Antwort: man baute einen Fahrweg
-durch den Wald zur neuen Anstalt.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann fragte, welchem Zweck der Neubau
-dienen werde. Hilde gab keine Antwort; sie machte
-hinter seinem Rücken ihrer Schwester Zeichen, zu
-schweigen. Die bemerkte es nicht.</p>
-
-<p>»Für Lungenkranke im ersten Stadium.«</p>
-
-<p>Besorgt sah Hilde auf ihren Vater, sie mied jedes
-Wort, das ihn an Leos frühes Ende erinnern konnte.</p>
-
-<p>Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Mit ruhigen
-Worten sprach er weiter.</p>
-
-<p>Dann legte er die schwere Hand auf die Armstütze
-von Clos Sessel:</p>
-
-<p>»Hat dir Lecart geschrieben?«</p>
-
-<p>»Nein«, ihre Lippen wurden schmal.</p>
-
-<p>»Da lies«, er reichte ihr den Brief und sah zu Boden,
-auf dem Ameisen hin und her krochen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-
-Mit leisen Schritten ging Hilde davon.</p>
-
-<p>Er nickte ihr zu, dann sah er in scheuer Erwartung
-zu Clo.</p>
-
-<p>Sie hatte den Mund halb geöffnet. Röte erschien
-auf ihren schlaffen Wangen.</p>
-
-<p>Noch einmal überflog sie die wenigen Zeilen, dann
-ließ sie das Blatt sinken:</p>
-
-<p>»Siehst du Papa? ...«</p>
-
-<p>»Ja Kind!« Er stützte den Kopf in die Hand:
-»Was soll nun werden?«</p>
-
-<p>Sie zuckte die Achseln.</p>
-
-<p>Ein leiser Hauch ging über die Bäume, ein paar
-dürre Blätter wehten über ihre schmale Hand.</p>
-
-<p>Dann trat ein trotziger Zug um den feinen Mund:</p>
-
-<p>»Ich laufe ihm nicht nach.«</p>
-
-<p>»Nicht so!« Klaus Tiedemann rückte näher, sein
-eigenes Leben stand ihm vor Augen: das ließ ihn
-milde Worte finden: »Du mußt gerecht sein; es ist
-so viel zu gleicher Zeit auf ihn eingestürmt, daß er
-Nachsicht verdient.«</p>
-
-<p>»An mich hätte er denken können.«</p>
-
-<p>»Gewiß, Kind, aber ...«</p>
-
-<p>Sie warf den Kopf zurück:</p>
-
-<p>»Nichts, Papa, glaube mir, nichts, er war stets so.«</p>
-
-<p>Wieder schwiegen beide.</p>
-
-<p>»Und sage mir, Papa: er hat nicht zu widersprechen
-versucht, hat nicht den Willen gehabt, aus eigener Kraft
-das Unglück gutzumachen?«</p>
-
-<p>»Nein!«</p>
-
-<p>Sie richtete sich auf: »So sind wir fertig!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-
-»Nicht so,« bat er mit sich selbst im Widerstreit.</p>
-
-<p>Heftig widersprach sie:</p>
-
-<p>»Was soll sonst werden? Soll ich an seiner Seite
-weiter leben, da er sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit
-gezeigt hat? Das kann ich nicht!«</p>
-
-<p>»Das verlangt auch niemand von dir.«</p>
-
-<p>»Und auch später nicht, nie mehr!« Ein nervöses
-Zucken lief über ihr Antlitz: »Hätte er alles eingestanden
-und mich gebeten, ihm beizustehen, ich hätte es getan.
-Nichts hätte mich davon zurückgehalten. Aber so, da
-er sich feige allem entzieht, nein das kann ich nicht! ...«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann senkte den Kopf. Er fand keine
-Widerrede. Es war sein eigenes Denken.</p>
-
-<p>Sein Fuß zeichnete Kreise auf Kreise in den Kies.</p>
-
-<p>Tiefe Stille war um die beiden.</p>
-
-<p>Mit fliegendem Atem begann sie wieder:</p>
-
-<p>»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken;
-du weißt nicht, was es mich für eine Ueberwindung
-kostete, ihn nicht schon früher zu verlassen.
-Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen ist es
-mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich
-alles an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir
-seine hochtrabende Art, mit der er jedermann behandelte,
-Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an: warum
-weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein.
-Doch bald kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal
-mir selbst gestand ich sie zu. Warum sollten zwei
-Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben
-können!«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>
-
-»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen
-in Gesellschaften und aßen vom selben Tisch.«
-Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es nicht so, ihr
-ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich.
-Das hielt ich mir stets vor Augen &mdash; warum sollte es
-bei mir nicht auch so gehen? Manchmal wollte ich ihn
-verlassen, nach irgendeiner Szene, von denen es so
-viele gab &mdash; doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der
-Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf
-eingeimpft worden.« Sie hob die Hand und betrachtete
-die Ringe, die feine Rillen in die Haut zogen: »Erst im
-Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe ich
-anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in
-ihren Augen war wieder das nervöse Zucken, »steh
-nicht wider Hilde auf, sie liebt aus vollem Herzen,
-zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie noch
-hat ...«</p>
-
-<p>Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden
-Armen.</p>
-
-<p>Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes
-Leben waren seine Gedanken anderen Weg gegangen.
-Zu weit lag die Jugend zurück:</p>
-
-<p>»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir
-reden«, sagte er ausweichend.</p>
-
-<p>»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn.
-»Wie denkst du dir meine Zukunft?«</p>
-
-<p>Er seufzte:</p>
-
-<p>»Du wirst vielleicht anders denken lernen &mdash;
-milder ...«</p>
-
-<p>»Glaubst du daran?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-
-Er gab keine Antwort.</p>
-
-<p>»Du glaubst es selbst nicht.« Frei sahen ihre Augen.
-»Warum sollen wir nicht einmal nur an uns denken
-und nicht an die anderen? Er hat mir die Jugend gestohlen
-und dir schwere Verlegenheit bereitet. Warum
-sollen wir das nicht ändern, wenn es in unserer Kraft
-ist?«</p>
-
-<p>Erstaunt sah er auf sein Kind.</p>
-
-<p>Sie empfand seinen Blick:</p>
-
-<p>»Ja, Papa, ich bin eine andere geworden &mdash; Gott
-sei Dank! &mdash; in letzter Stunde. Der Mensch hat nur
-kurze Zeit auf Erden, jeder Tag ist ein unersetzlicher
-Verlust, den er nicht lebt nach eigenem Gutdünken,
-und ich soll mein ganzes Leben verlieren? Nein,« sie
-stand auf, »Lecart ist für mich tot!«</p>
-
-<p>»Kind,« stammelte er, »Kind, überlege es dir gut!«</p>
-
-<p>»Da ist nichts zu überlegen! Schau, Papa!« sie faßte
-seine Hand. »Was kann ein Mädchen einem Manne
-mehr geben, als ich getan? Freudig hätte ich alles gelitten,
-hätte er nur an mich geglaubt. Du bist ja selbst
-meiner Meinung,« sie legte ihren Kopf an den ihres
-Vaters, »du glaubst nur, du hättest die Pflicht, mich
-zurückzuhalten, doch du bist im Irrtum. Er hat unseren
-ehrlichen Namen gebrandmarkt, er ist nicht besser als
-ein Dieb, da er dich um dein Geld betrog.«</p>
-
-<p>In schwerem Groll schloß Klaus Tiedemann die
-Faust: »Da hast du recht.«</p>
-
-<p>»Siehst du, Papa, willst du weiter mit ihm verkehren?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>
-
-Verwundert sah er auf, seine Augenlider waren
-rot gerändert. »Ich? Ich bin mit ihm fertig!«</p>
-
-<p>»Und ich soll mit ihm weiterleben?«</p>
-
-<p>Die alte Hilflosigkeit überkam ihn:</p>
-
-<p>»Ich wollte nur alles versuchen, weil ich eben keinen
-anderen Ausweg sehe.«</p>
-
-<p>Sie küßte seine faltige Stirn. »Der Ausweg«, sie
-hob die Hand zu dem blauen Himmel, auf dem weiße
-Wölkchen segelten, »dort ist er &mdash; die Freiheit!«</p>
-
-<p>Mit ängstlichen Augen sah er sie an. Eine Art
-Schwindel befiel ihn. Die Ahnung fremder Welten,
-die er noch nicht kannte. Doch er stand am Eingang.
-Er ließ den Blick rundumgehen, von einem Baum zum
-anderen, vom Efeu, der sich eigenwillig emporrankte,
-zum Springbrunnen, dessen Wasser in schimmernde
-Tropfen zerfiel: »Eine geschiedene Frau ist Freiwild &mdash;
-ihr Leben ist unstet, von den Reden der Leute vergiftet.«</p>
-
-<p>»Besser als eine morsche Ehe.« Sie faßte seinen
-Arm, lebhaft wurde ihr Blick. »Heute hab' ich Gröden
-getroffen.«</p>
-
-<p>»Hat er dich erkannt?«</p>
-
-<p>Sie lachte: »Wir sprachen fast eine Stunde. Er
-fand mich sehr verändert.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann stand auf und ging der Terrasse
-zu. Er schüttelte den Kopf.</p>
-
-<p>Clo war an seiner Seite; sie sprach weiter von
-Gröden:</p>
-
-<p>»Denk' dir, Papa, er baut hier die neue Anstalt! Ist
-das nicht ein Zufall?«</p>
-
-<p>Er nickte, dann sah er sich scheu um:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-
-»Du hast zu Hilde nicht gesprochen?«</p>
-
-<p>Verständnislos blickte sie ihn an:</p>
-
-<p>»Wovon?«</p>
-
-<p>Er schluckte und sah zu Boden:</p>
-
-<p>»Von dem, was ich dir von meiner ersten Ehe
-erzählt habe, damals ...«</p>
-
-<p>»Nein; wenn du willst, sag' ich's auch niemandem.«</p>
-
-<p>»Ich bitte dich drum,« er atmete auf, »es ist mir
-zwar ganz gleich, aber lieber ist's mir doch so ...«</p>
-
-<p>»Gewiß, Papa.«</p>
-
-<p>Er nickte: »Sprich weiter &mdash; ich hätte es nur sonst
-vergessen!«</p>
-
-<p>»Armer Papa!«</p>
-
-<p>Er wich ihrer Hand aus. »Da ist Gröden wohl
-öfters hier?« sagte er.</p>
-
-<p>»Jeden dritten Tag! Das nächste Mal will er mir
-die Pläne zeigen; er war ganz Feuer und Flamme darüber.
-Er hat die notwendigen Studien in England
-gemacht.«</p>
-
-<p>»Von mir sprach er nichts?«</p>
-
-<p>»Nein, aber von Lecarts Unglück wußte er.«</p>
-
-<p>Sie standen vor dem Haus.</p>
-
-<p>Er ließ sie über die Stufen vorangehen und sah sich
-noch einmal um.</p>
-
-<p>Dürre Blätter fielen zu Boden, Herbstzeitlosen
-sproßten daraus empor.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 17"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Wenige Tage später kam Fred. Er hatte die
-Tourenfahrt vorzeitig abbrechen müssen und war
-mißmutig nach Hause gefahren, da ihm kein Preis
-mehr winkte: Gleich nach dem Start hatte er ein
-Bauernfuhrwerk überfahren und war, einige Stunden
-später, derart bei einer Straßenkrümmung an einen
-Baum gerannt, daß er mit Achsen- und Federbruch
-<span class="antiqua">en panne</span> saß.</p>
-
-<p>Auch Baronin Wolny war mit ihm zurückgekehrt.</p>
-
-<p>Mit Clo sprach er ein paar verbindliche Worte, wie
-man es mit jedem Fremden tut. Der Name Lecart
-war ebensoschnell aus seinem Gedächtnis geschwunden
-wie der Olthoffs und vieler anderer vordem. Man
-lernte sich kennen, schloß Freundschaft und vergaß sich,
-wenn die beiderseitigen Interessen erschöpft waren.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann wußte nicht zu entscheiden, ob
-Fred stets so gewesen war oder ob ihm sein Wesen jetzt
-nur mehr auffiel. Nie war ihm seines Sohnes hochfahrende
-Art so zum Bewußtsein gekommen als nun,
-da er Familie und Geschäft vernachlässigte, um seiner
-Liebhaberei willen, zu denen in erster Linie Frau
-Wolnys üppige Gestalt zählte.</p>
-
-<p>Fast jeden Abend weilte er bei ihr. Es drohte ein
-offener Skandal zu werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>
-
-Hatte früher Klaus Tiedemann sich über derartige
-Eroberungen seiner Söhne &mdash; wie er es nannte &mdash; gefreut,
-so waren sie ihm nun unangenehm, weil das
-Schicksal seinen Sinn wieder auf die ernste Seite des
-Lebens geleitet hatte.</p>
-
-<p>Er sah jetzt nur Kraft- und Zeitverschwendung,
-worin er früher Anerkennung seiner Kinder erblickt
-hatte.</p>
-
-<p>Zwischen Klaus Tiedemann und seinem Sohne war
-noch nicht viel über Lecarts Geldoperationen gesprochen
-worden, jeder mied das Thema. Klaus Tiedemann
-wollte nicht gern erinnert werden, daß er es gewesen
-war, der als erster, bei Clos Heirat, Lecarts teurer Verwandtschaft
-Vorschub geleistet hatte. Als Fred erfuhr,
-daß die Ordnung der Angelegenheit in Gerhards
-Händen läge, da lachte er spöttisch:</p>
-
-<p>»Gib ihm doch gleich das ganze Geschäft, dann
-hat die arme Seele ihre Ruhe.« Freds Aerger hielt nicht
-lange an; in dem Augenblicke, da er der Wolny weiche
-Arme wieder an seinem Halse spürte, versank alles
-für ihn. Er lag hilflos in ihren Banden, und die
-routinierte Frau freute sich ihres vollkommenen Sieges:
-er war Naturbursche in der Liebe, und das naive Zugreifen
-und Genießen schuf dem Weibe, das durch vieler
-Männer Hände gegangen war, neue Abwechslung.</p>
-
-<p>Sie lebte noch einmal die Genüsse ihrer Jugend
-und vergaß so alles andere.</p>
-
-<p>Jan Wolny stand zähneknirschend vor dem Zimmer
-seiner Mutter; doch nie fand er den Mut, sie zu einer
-Aussprache zu zwingen. Er verstand seinen Vater, der<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>
-aus dem Leben gegangen war, weil die feine Art des
-Edelmannes sich auflehnte gegen die Mißachtung der
-eigenen Frau.</p>
-
-<p>Doch Jan Wolny trug beider Blut in seinen Adern:
-das verwegene Zirkusreiterblut und das der polnischen
-Könige. Noch ging er mit geballten Händen und fand
-nicht den Entschluß des Handelns ...</p>
-
-<p>Leos Geburtstag war herangekommen.</p>
-
-<p>Hilde wollte ihrem Vater die Aufregung ersparen,
-und bat Fred, einen Kranz auf dem Grabe seines
-Bruders niederzulegen.</p>
-
-<p>Es waren die ersten Worte, welche die beiden, seit
-Freds Rückkehr, mitsammen sprachen.</p>
-
-<p>Er zeigte auf die farbige Weste, die er trug, und sah
-in unverhohlenem Erstaunen drein:</p>
-
-<p>»Ich? Was geht denn das mich an?«</p>
-
-<p>Sie maß ihn von Kopf zu Füßen.</p>
-
-<p>»Es ist Leo! Dein Bruder!«</p>
-
-<p>»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich
-hab' keine Zeit. Ich weiß nicht einmal genau, wo das
-Grab liegt: ich glaube, ich würde es gar nicht finden.«</p>
-
-<p>»Das sind Ausreden.«</p>
-
-<p>»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht.
-Mein Gott, was hat er denn von dem Kranz? Hätt'
-ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht so viel
-Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben &mdash;
-mich laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« &mdash;</p>
-
-<p>Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und
-Hilde zu Leos frühem Grab.</p>
-
-<p>Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden
-hatten dürres Laub.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-
-Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den
-Efeu, der sich im Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller
-Hand strich er über den Rasen. In den Gruftlaternen
-flackerten die Lichter.</p>
-
-<p>Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits
-und wartete auf sein Trinkgeld; man gab an solcher
-Stätte gern. Als er es erhalten hatte, schlenderte er
-davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter
-dem Ohr. Leise pfiff er vor sich hin &mdash; er war jung und
-dachte nicht ans Sterben.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und
-sah mit starrem Blick die eingemeißelten Buchstaben:
-»Da liegt der arme Bub.«</p>
-
-<p>Die fallende Ruhe des Herbstes umgab sie: ein leises
-Singen war in der Luft, wenn der Wind durch die
-Zypressen und um die Grabkreuze strich.</p>
-
-<p>Sie schmiegten sich eng aneinander.</p>
-
-<p>Ein paar Fuß unter der Erde, ganz nahe bei ihnen,
-lag alles, was noch von Leo übrig war.</p>
-
-<p>Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den
-Tod nicht.</p>
-
-<p>Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige
-Jugend und verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit
-und werdende Eigenart &mdash; all das lag still da drunten
-und zerfiel in nichts.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß.
-Mächtig kam die Erinnerung über ihn.</p>
-
-<p>Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende
-war? Wenn er selbst in seinen Kindern starb und
-nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk? Ein
-Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen,<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-verlangte man allzuviel von ihm. Er dachte
-Freds.</p>
-
-<p>Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo
-mochte Gerhards Mutter ausruhen von ihrer Irrfahrt?
-Lebte sie noch &mdash; wie kam es, daß zwei Menschen
-überhaupt sich fremd sein konnten?</p>
-
-<p>Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte
-der Kampf nie.</p>
-
-<p>Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte
-den Arm um Hilde. »Hätt' ich dir doch gefolgt!«</p>
-
-<p>Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie
-schüttelte den Kopf. »Nicht daran denken, Vater!«</p>
-
-<p>Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?«</p>
-
-<p>Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf
-stahlharten Schienen jagte ein Zug vorbei.</p>
-
-<p>Dann begann er wieder:</p>
-
-<p>»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal
-gelebt und wäre gestorben gewesen, lange Zeit. So
-manchen Gedanken, der mir jetzt kommt, hab' ich schon
-einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er damals
-richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für
-etwas zu entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes
-Ding hat zwei Seiten. Ich war Leo ein zu schwacher
-Vater, vielleicht kann ich für Fred ein zu harter
-werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du
-mußt mir beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich
-zu mir hält &mdash; willst du?«</p>
-
-<p>»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen
-fanden sich; mit tastenden Fingern richtete er ihren
-Kopf in die Höhe; forschend sah er in ihre Augen: »Bin
-ich jetzt auf rechtem Weg?«</p>
-
-<p>Sie nickte.</p>
-
-<p>Noch einmal zog er sie an sich:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>
-
-»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten
-müssen.«</p>
-
-<p>Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der
-Tasche.</p>
-
-<p>Dann winkte er dem Hügel zu:</p>
-
-<p>»Leb' wohl!«</p>
-
-<p>Langsam näherten sie sich dem Ausgang.</p>
-
-<p>Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer
-hoffte der Vater auf Besserung. Er wartete auf irgendein
-Ereignis, das ihn zum Handeln zwingen würde;
-das Schicksal mußte eingreifen &mdash; allein fand er nicht
-die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so
-weiter blieb?</p>
-
-<p>Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er
-Hildes Hand. »Ich danke dir ...«</p>
-
-<p>Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine
-Rede floß wirr und krumm weiter. Er redete vom
-Erfolg, und wie man sich im Menschen täuschen könnte.
-Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann
-auf Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten
-wolle.</p>
-
-<p>Sie verstand ihn nicht.</p>
-
-<p>Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz
-unvermittelt:</p>
-
-<p>»Würde dich Hansens Bild interessieren?«</p>
-
-<p>Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr
-die Stimme.</p>
-
-<p>»So gehen wir!«</p>
-
-<p>Er öffnete eilig den Schlag des Wagens.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 18"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung
-hatten sie Hansen getroffen.</p>
-
-<p>Es war ein glücklicher Zufall.</p>
-
-<p>In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch
-die ersten Säle, durch die dichten Gruppen der Besucher,
-welche sich vor einzelnen Bildern stauten.</p>
-
-<p>Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand.
-Sein Blick ging fragend zu ihrem Vater.</p>
-
-<p>Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich.</p>
-
-<p>Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch
-lüftete Klaus Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht,
-wem der Gruß galt.</p>
-
-<p>Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus
-weiter.</p>
-
-<p>»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und
-blieb eingehängt.</p>
-
-<p>In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens
-Werk, die schmale Wand allein einnehmend.</p>
-
-<p>In ruhigem Lichte sieht es ernst herab.</p>
-
-<p>Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine
-kleine, alte Frau, sie macht einen Knicks und hält
-krampfhaft die Enden ihrer Mantille übereinander.</p>
-
-<p>Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den
-Vordergrund und stellt vor:</p>
-
-<p>»Meine Mutter!«</p>
-
-<p>Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den
-Namen der beiden hört, an Hilde hängen. Aengstlich,
-forschend und flehend! Hansen mag wohl zu Hause
-gesprochen haben. Sie nickt ihr zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>
-
-Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht.</p>
-
-<p>Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem
-Bild.</p>
-
-<p>»Erdgeist.«</p>
-
-<p>Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt
-sich zurück; er ist im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte
-Blume zierte das Knopfloch. Mattigkeit und Erschöpfung
-liegen über der sitzenden Gestalt, ein Schauder
-scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt
-in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem
-Gesicht der üppigen Frauengestalt, die, tief dekolletiert,
-sich über ihn neigt. Die Sphinx, die die weibliche Form
-des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist in dem Weibe
-konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen
-Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt,
-in brennendem Rot schimmern ihre vollen Lippen. Wie
-ein leichter Hauch scheinen Linien durch, wie eine Silhouette
-aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter
-den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels.</p>
-
-<p>Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen,
-verallgemeinert, doch unverkennbar.</p>
-
-<p>Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen.</p>
-
-<p>Der steht abseits mit gesenktem Kopf.</p>
-
-<p>Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt:</p>
-
-<p>»Du!«</p>
-
-<p>Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes
-Augen.</p>
-
-<p>»Sie sind ein großer Künstler!«</p>
-
-<p>Hand in Hand stehen die beiden.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust
-gekreuzt. In ihm ist ein Singen und Klingen: er sieht
-zwei Gestalten, deren intime Details er mit seinen<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt,
-und doch packt ihn unbewußt des Bildes Kraft;
-schnell verfliegt der Gedanke, ob Hansen wohl einen
-Käufer hat.</p>
-
-<p>Er sieht den Mann, den das Weib quält und der
-doch nicht von ihm lassen kann. Das ist sein Leben,
-und das versteht er! Das ist auch das Leben Leos gewesen
-und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder
-flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend
-empor. Er ist wieder der arme Kontorschreiber, der mit
-scheuem Blick am Sonntag die breiten Hauptstraßen
-durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er
-sieht die eleganten Damen der Gesellschaft, hört
-Spitzen rascheln und sieht Formen, wie sie die Weiber
-des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt, nur selten
-haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick
-haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen
-Kleidern, die abseits steht und mit brennenden Augen
-der strahlenden Menge folgt. Ist sein Aeußeres unausgeglichen
-und inkonsequent, so reihen sich doch die Gedanken
-in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend
-kehrt er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück
-und setzt sich zur Arbeit; er will sie durch Kraft und
-Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein. Ein bitteres
-Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der
-Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß
-er nun der zwei unglücklichen Ehen gedenkt, die sein
-Leben vergifteten.</p>
-
-<p>Schwer holt er Atem.</p>
-
-<p>Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen
-Erfolg liebten und nicht ihn.</p>
-
-<p>Er starrt in Leos Züge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-
-Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen.</p>
-
-<p>Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand
-an, und Fred sitzt auf dem Sessel.</p>
-
-<p>Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem
-Fuße auf, daß er seine Art den Kindern vererben
-mußte! Was will er tun, wenn sie dafür Rechenschaft
-fordern? ...</p>
-
-<p>Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er
-Hansen nachdenklich und ernst: »Sie meinen das ganz
-allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?« Er zeigt
-nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?«</p>
-
-<p>Unsicher sieht Hansens Mutter drein.</p>
-
-<p>Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden;
-dann streckt er Hansen die Hand hin:</p>
-
-<p>»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu.
-»Er versteht das Leben.«</p>
-
-<p>Sie macht einen eiligen Knicks.</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und
-denkt an ihren Mann, der ihr elterliches Erbteil verspielt
-hat und den sie erhalten mußte die letzten Jahre
-durch ihrer Hände Arbeit.</p>
-
-<p>Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume.
-Hilde weiß nicht recht, warum; doch Klaus Tiedemann
-will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens wegen gekommen
-sind.</p>
-
-<p>Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an
-den Wänden.</p>
-
-<p>Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die
-Hand und sagt: »Besuchen Sie uns doch wieder einmal;
-wir sind seit Leos Tod fast immer zu Hause.«
-Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-und her, als beengte ihn der Kragen; dann fügt er in
-alter Art hinzu: »Wir werden uns freuen, Sie begrüßen
-zu können.«</p>
-
-<p>Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit;
-mit sicherer Bewegung faßt sie ihr Sohn
-beim Arm: »Ich werde es mir demnächst erlauben.«
-Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb'
-wohl!«</p>
-
-<p>Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt
-sich zu der alten Frau hinab:</p>
-
-<p>»Nun, Mutter?«</p>
-
-<p>»Sie hat dich gern.«</p>
-
-<p>Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun
-ihr Kind wird teilen müssen mit einer anderen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 19"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im
-Herrenzimmer auf den Vater. Mit großen Schritten
-geht er hin und her.</p>
-
-<p>Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen.</p>
-
-<p>»Was gibt es?«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.«</p>
-
-<p>»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann
-hat in seines Sohnes Hand ein Zeitungsblatt entdeckt,
-hastig greift er danach:</p>
-
-<p>»Gib her!«</p>
-
-<p>Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet
-seinen Vater mit forschenden Blicken.</p>
-
-<p>Der liest mit zusammengezogenen Brauen:</p>
-
-<p>Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben,
-in dem das sozialistische Organ sich in heftigen
-Ausdrücken Luft macht über die Einstellung der
-Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der
-»Freundschaftszechen« &mdash; wie sie ihn nennen. Sein
-Privatleben ist aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand
-kann nach den bestimmt gegebenen Daten an der Richtigkeit
-der Angaben zweifeln. Doch nicht genug
-damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im
-Herzen: auch sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen
-überschüttet: er soll um das schwindelhafte Unternehmen
-gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub geleistet
-haben. Warum wären sonst die Liegenschaften
-in den alleinigen Besitz der Firma übergegangen? Es
-ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid mit den Arbeitern<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden
-so verstanden!</p>
-
-<p>Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden
-groß und starr.</p>
-
-<p>Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung,
-daß Fred Tiedemann, der jetzige Chef der
-Firma, der nur in Kreisen des Hochadels verkehrt, bedeutende
-Summen, es ist eine enorm hohe Zahl genannt,
-angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die
-in Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel
-zu verschaffen. Heftige Anklagen gegen die Regierung
-sind eingeflochten, die einen solchen Kuhhandel förderte;
-in flammenden Worten ist das Unrecht verwiesen, das
-den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der
-Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch
-die Firma als solche ist beschuldigt. Wie könnte man
-von einem derartig geleiteten Institut Garantien verlangen,
-wenn das »Hungergeld der Armen« dazu benutzt
-würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen
-zu unterstützen? Jedermann wird aufgefordert,
-sich die Depots ausfolgen zu lassen und diese in sicheren
-Instituten anzulegen. Der Prospekt einer Firma, deren
-Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt bei.
-Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener
-bei der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen
-wird. Man wird kein Mittel unversucht lassen, um dem
-arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu verhelfen, die
-Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft
-an den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen,
-daß man aus dem vorstehend gekennzeichneten
-Spezialfall schließen könnte, wie geradezu unerläßlich
-das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren
-aus ihren eigenen Reihen wäre.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>
-
-Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder
-Hand sinken. »Nur gut, daß sie weit übers Ziel
-schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt Gerhard.</p>
-
-<p>Tiedemann gibt keine Antwort.</p>
-
-<p>Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen,
-sein Geschäft an!</p>
-
-<p>Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und
-tritt ihn mit Füßen:</p>
-
-<p>»Es kann nicht sein!«</p>
-
-<p>Gerhard zuckt die Achseln.</p>
-
-<p>Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten
-Mann, sein Aerger sucht Ableitung. Daß Gerhard über
-Fred schlecht denkt, ist nur natürlich, aber er als Vater
-muß gerecht sein.</p>
-
-<p>Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit:</p>
-
-<p>»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!«</p>
-
-<p>»Dann ist's gut, Vater.«</p>
-
-<p>»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der
-Angst seines Herzens, »ich, dein Vater!«</p>
-
-<p>Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus
-Tiedemann senkt den Blick.</p>
-
-<p>Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner
-Stimme: »Bezüglich des geschäftlichen Angriffes werde
-ich heute noch eine Berichtigung einrücken lassen.«</p>
-
-<p>Er geht.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen;
-er weint wie ein Kind.</p>
-
-<p>Nun greifen sie an sein Lebenswerk.</p>
-
-<p>Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den
-Schmutz gezogen. Er hat von jeher Angst vor der
-Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das er gründete,
-drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der
-Lecartschen Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>
-teure Lebensführung ist nicht dazu angetan, der Tiedemanns
-Besitz zu mehren. Wenn er wirklich so ungeheure
-Summen dem Phantom, adelig zu werden,
-geopfert hat, bedarf es nur eines größeren Verlustes,
-wie er oft in Kauf genommen werden muß, um die
-Firma in Schwierigkeiten zu bringen!</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die
-Aktiengesellschaft, dann verschwindet der individuelle
-Zug, die Kunde wird zur Nummer.</p>
-
-<p>Er knirscht mit den Zähnen.</p>
-
-<p>Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme
-sinkt? Damit fällt des Hauses Macht. Unreelle
-Firmen und Betrüger hatten das Publikum in den
-letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen
-waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf
-die alarmierende Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus
-Tiedemann zweifelt als erfahrener Kaufmann nicht
-daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu
-sondern wußten, was dann? Schon lange bestand
-Argwohn gegen den Stand der Privatbankiers: die
-Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem
-Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten
-schien. Ein hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den
-kleinen Mann und förderte den großen, trotzdem man
-es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die
-Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens
-an mit reichen Geldmitteln in die Konkurrenz. In
-langen Jahren bittersten Kampfes hatte Klaus Tiedemann
-sein Kapital errungen. Seine Person war den
-Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf
-ihm zu seinem Erfolg.</p>
-
-<p>Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>
-
-Stunden vergehen in grübelndem Sinnen.</p>
-
-<p>Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt
-keine Antwort. Krampfhaft die Tränen zurückhaltend,
-geht sie wieder.</p>
-
-<p>Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt.</p>
-
-<p>Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde
-sagt ein paar Worte.</p>
-
-<p>Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«.</p>
-
-<p>Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute
-noch. Er muß die Gewißheit haben, daß alles erlogen
-ist.</p>
-
-<p>In stummer Verzweiflung wartet er.</p>
-
-<p>Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu
-Hause gewesen!</p>
-
-<p>Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt.</p>
-
-<p>Die Zeit verstreicht.</p>
-
-<p>Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist
-eingeleitet.</p>
-
-<p>Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden?</p>
-
-<p>Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen?</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Nun ist er einundsiebzig; noch immer
-findet er keine Ruhe!</p>
-
-<p>Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib
-Frau Wolnys Züge. &mdash; &mdash; &mdash; »Wo ist Fred?«</p>
-
-<p>Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das
-Dunkel.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Er fährt auf. Er muß geschlafen haben.
-Es ist dunkel um ihn geworden.</p>
-
-<p>Er hört Schritte.</p>
-
-<p>Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm.</p>
-
-<p>In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der
-Straße kommt, sieht er totenblaß aus.</p>
-
-<p>Als er seinen Vater erkennt, fährt er zusammen.
-»Was tust du hier?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span>
-
-Sie stehen sich gegenüber.</p>
-
-<p>Schwer hebt sich Klaus Tiedemanns Brust; der
-scheue Blick seines Sohnes scheint ihm schreckliche Gewißheit
-zu geben: »Hast du's getan?« keucht er.</p>
-
-<p>Der andere tritt einen Schritt zurück, die Schultern
-zieht er ein: »Was?«</p>
-
-<p>In übereilenden Worten, die Rechte in seines
-Sohnes Rock gekrampft, daß er ihm nicht entkommen
-kann, schildert Klaus Tiedemann, was vorgefallen ist.
-Mit bebender Stimme bittet er um Gewißheit. In
-seinen unruhigen Augen flackern Angst und Wut.</p>
-
-<p>Fred Tiedemann hält die Faust geballt, scheu läuft
-sein Blick im Zimmer rundum: Nun muß auch das
-kommen!</p>
-
-<p>»Rede!« Sein Vater schüttelt ihn. Er hat ihn vorn
-an der Brust gefaßt und knirscht mit den Zähnen, sinnlos
-vor Wut. Mit hastigem Ruck befreit sich Fred. Er
-findet seine Art wieder:</p>
-
-<p>»Hast du zu viel getrunken?« Sein Blick sticht dem
-alten Mann in die blutgeröteten Augen. »Du mußt
-doch einsehen, daß du mir unrecht tust, schon die ganze
-letzte Zeit, mit deinem ewigen Mißtrauen! Alles, was
-du hörst, hat nur einen Grund: sie sind uns neidisch,
-sonst nichts. Das ist auch jetzt wieder so. Ich werde
-morgen beim Minister vorsprechen, ihn informieren:
-es ist der ganzen Sache damit die Spitze abgebrochen.«
-Klaus Tiedemann scheint seinen Worten Glauben zu
-schenken. »Doch jetzt laß uns schlafen gehen, ich bin
-redlich müde« fügt Fred hinzu.</p>
-
-<p>»Es ist also nichts?« Zitternd vor Freude, die tiefster
-Seelenangst entsprungen ist, kommt Klaus Tiedemann
-seinem Kinde näher.</p>
-
-<p>»Nichts.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>
-
-»Verzeih!« Wieder schlägt Klaus Tiedemann um, er
-sieht nicht des anderen verstörtes Wesen, nicht den sonst
-so glatten Scheitel, der unordentlich unter den Haaren
-verschwindet. Sein Sohn kann nicht unwahr sprechen,
-mag er auch sonst Fehler haben, er ist doch ein guter
-Mensch. Er drückt den Widerstrebenden an sich: »Ich
-habe solche Angst gehabt.«</p>
-
-<p>Mit leerem Blick, in dem Unruhe lauert, sieht Fred
-Tiedemann über seines Vaters schneeigen Kopf, der an
-seiner Brust ruht.</p>
-
-<p>Er scheint unangenehmen Gedanken nachzuhängen.</p>
-
-<p>Er preßt die Lippen zusammen und klopft dem
-alten Mann mechanisch auf die Schulter: »Laß gut
-sein, es ist alles recht.«</p>
-
-<p>Er macht eine schnelle Wendung, damit sein Vater
-den blutroten Streifen nicht sieht, der quer über die
-linke Wange läuft in hochgeschwollenem Zuge.</p>
-
-<p>Er gähnt.</p>
-
-<p>Noch viel will Klaus Tiedemann wissen, doch Fred
-gibt nur einsilbige Antworten.</p>
-
-<p>Mitternacht ist vorbei, als sie zur Ruhe gehen.</p>
-
-<p>Mit langem Blick sieht Klaus Tiedemann seinem
-Sohn über den Gang nach.</p>
-
-<p>Für einen Augenblick beschleicht ihn ein unangenehmes
-Gefühl; des anderen Haltung ist gebeugt;
-fast vorsichtig ängstlich klingt sein Schritt gegen die
-sonst geübte selbstsichere Art. Doch Klaus Tiedemann
-lächelt: Gewiß kommt er von der Wolny.</p>
-
-<p>»Ich hab' ihm unrecht getan«, sagt er leise vor sich
-hin, und ohnmächtige Wut gegen die Verleumder beschleicht
-ihn.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 20"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Zwei Tage später. &mdash; Es ist in der Reitschule der
-Husaren, bei denen Fred Tiedemann in der
-Reserve steht.</p>
-
-<p>Ein kalter Herbstwind wirft dürre Blätter an die
-schmutzigen Fensterscheiben.</p>
-
-<p>Jan Wolny sitzt auf der Fensterbrüstung mit übereinandergeschlagenen
-Beinen. Weste und Kragen hat
-er abgelegt, den Rock nachlässig über die Schultern geworfen.</p>
-
-<p>Man sieht ihm nicht an, daß er auf den Tod wartet.</p>
-
-<p>Seine Augen blicken starr in stählerner Härte gegen
-die Tür, durch die Fred Tiedemann kommen muß.</p>
-
-<p>Fürst Solt zieht langsam die Uhr und schüttelt den
-Kopf. »Fünf Minuten über die Zeit.« Ein feines
-Lächeln kräuselt für einen Augenblick seine Lippen.
-Die Blicke des alten Aristokraten und des jungen
-Mannes treffen sich verständnisvoll &mdash; es muß im
-Blute liegen! In solchen Augenblicken drängt sich alte
-Ueberlieferung der Nerven in den Vordergrund.</p>
-
-<p>Die beiden Aerzte stehen bei ihren Instrumenten;
-sie sind in lebhafter Debatte, ob ein Schuß in die Lunge,
-bei der soundsovielten Rippe, tödlich sein muß oder
-nicht?</p>
-
-<p>Laut tönen ihre Stimmen.</p>
-
-<p>Jan Wolny zündet sich eine Zigarette nach der
-anderen an; kaum daß er ein paar Züge getan hat,
-läßt er sie wieder in die Lohe fallen.</p>
-
-<p>Drüben, auf der anderen Seite, geht sporenklingend
-der Husar auf und ab, den das Regiment bestimmte,<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span>
-Fred Tiedemann zu sekundieren. Ungern hat er dem
-Befehl Folge geleistet: das waren die Kehrseiten, wenn
-man derlei Einjährige hatte. Doch das Regiment hielt
-dadurch seinen Ruf als erstes der großen Garnison.
-Die Reserveoffiziere von reichen Eltern fanden manchmal
-Spaß daran, ritterliche Tugenden zu üben.</p>
-
-<p>Jan Wolnys Blick geht nach dem Pistolenkasten,
-auf dem hier und da die Herbstsonne spielt, wenn sie
-durch die dichten Wolken dringt:</p>
-
-<p>Wieder sieht er seine Mutter in des anderen Arm,
-als er die Tür aufreißt.</p>
-
-<p>»Du hast gehorcht?« fährt sie auf.</p>
-
-<p>»Ja!« stöhnt er und reißt den Riemen von der
-Wand. »Da hast du, Hund«, er schlägt ihn Fred Tiedemann
-ins Gesicht.</p>
-
-<p>Dann stehen sie Aug' in Auge.</p>
-
-<p>Alles, was die heutige Ordnung zum Glück verlangt,
-ist auf des anderen Seite, auf seiner nur tote Ueberlieferung
-und entwürdigtes Andenken. Warum muß
-der andere ihm das letzte rauben, die Illusion, daß
-seine Mutter ehrlich sei?</p>
-
-<p>Ihr Leib hat Unglück über die Wolnys gebracht von
-dem Tage an, da Wladimir Wolny sie aus der Manege
-an seine Seite zog.</p>
-
-<p>Sie schlägt die Tür zu und läßt sie allein.</p>
-
-<p>Mit stoßender Hand hält er Fred Tiedemann zurück;
-er soll es teuer zahlen, das Spiel mit der Ebenbürtigkeit!</p>
-
-<p>Er ist ja Kavalier, nun soll er ihm Rechenschaft
-geben!</p>
-
-<p>Fürst Solt muß ihm helfen; der alte Edelmann ist
-noch keinen Strich gewichen von alter Art. Er fragt
-nicht viel, er hat schon so viel Aehnliches gesehen. Er
-verneigt sich und nimmt an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-
-Dunkle Flecken brennen um Jan Wolnys flackernde
-Augen; die zwei letzten Tage haben ihn alt gemacht.</p>
-
-<p>Er hält die schmale Hand wagerecht vor sich hin,
-sie ist ruhig und zittert nicht.</p>
-
-<p>Wieder repetiert Fürst Solt seinen Chronometer.</p>
-
-<p>Er schüttelt den Kopf:</p>
-
-<p>Vor fünfundzwanzig Jahren erschoß sich Fürst
-Grobow, weil die Sekundanten ihn vom Zweikampf
-ausschlossen, da er um wenige Minuten zu spät kam.
-Und damals handelte es sich um weniger! Das Weib
-eines jeden ist vogelfrei, kann es der Mann nicht hüten,
-aber schweigend muß er sie besitzen und sich dem anderen
-stellen Aug' in Auge, das ist uraltes Herrenrecht!</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde ist vorüber.</p>
-
-<p>Es ist Zeit zum Handeln:</p>
-
-<p>Er tritt zu Jan Wolny, der gibt ihm freie Hand.
-Seine Augen erlöschen, müde Resignation legt sich über
-die Lider. Ein dumpfes Leben steht vor ihm, in zerrissenen
-Fesseln, die desto fester binden.</p>
-
-<p>Blutrot ist der Husar:</p>
-
-<p>»Ich werde sofort meinen Mandanten aufsuchen,
-es muß ihm etwas zugestoßen sein ...«</p>
-
-<p>Fürst Solt verneigt sich. »Wenn Sie ihn treffen;
-ich lege Wert darauf, daß er darüber nicht im Zweifel
-ist: wir sind trotz allem jederzeit zur Austragung
-bereit.«</p>
-
-<p>Der andere grüßt: »Gewiß,« er macht rasch eine
-Wendung, doch der Fürst hält ihn zurück, »erst wollen
-wir ein Protokoll aufnehmen, wenn es angenehm ist,
-es kann später wertvolle Dienste leisten.«</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 21"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Unruhig ging Hilde Tiedemann umher, von
-einem Zimmer ins andere. Die Angst vor etwas Ungewissem
-war in ihr.</p>
-
-<p>Bald mußte ihr Vater heimkommen von der
-Sitzung, in der sie seinen Namen an den Pranger
-stellten.</p>
-
-<p>Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Parlamentseröffnung
-beizuwohnen.</p>
-
-<p>Unerkannt wollte er auf der Galerie sitzen und das
-hören, was sie gegen ihn vorbrachten.</p>
-
-<p>Mittag war vorbei.</p>
-
-<p>Mit gesenktem Kopfe war er die letzten Tage herumgegangen;
-einsilbig im Gespräch, murmelte er halblaut
-vor sich hin.</p>
-
-<p>Er glaubte Freds Worten, daß alles nur von der
-Konkurrenz aufgegriffen worden sei, um ihnen zu
-schaden, und doch fand er keine Ruhe.</p>
-
-<p>Der belastende Artikel hatte seine Schuldigkeit getan.
-Die Einleger drängten sich stündlich vor den Schaltern;
-sie verlangten ihr Geld zurück.</p>
-
-<p>Das war ein schwerer Schaden, und nur mit Seufzern
-und zögernden Händen folgte Görnemann die
-Depots aus. Mit feindseligem Blick streifte er die
-Menschenreihen, die vor ihm standen.</p>
-
-<p>Nach schlafloser Nacht hatte sich Klaus Tiedemann
-angekleidet und war frühzeitig vom Hause weggegangen.
-Er mußte allein sein mit seinen Gedanken.</p>
-
-<p>Bis zum Sitzungsbeginn war er in den hallenden
-Gängen auf und ab geschlichen, scheu an die Mauer<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>
-gedrückt, als müßte jedermann ihn erkennen, ihn, der
-sich ein langes Leben vergebens gemüht hat.</p>
-
-<p>Wenn er ihm das getan hätte!</p>
-
-<p>Sie wußten ja alle nicht, was für ihn auf dem
-Spiele stand; sie kannten nicht seinen Gedankenkreis,
-der in strenger Ehrlichkeit die schreiende Oeffentlichkeit
-mied. Und nun war alles dahin.</p>
-
-<p>Er hatte gestern die Bücher einer genauen Revision
-unterzogen. So gut es in der Eile ging, hatte er das
-Fehlen großer Beträge konstatiert. Aber Fred war
-tagsüber nicht zu Hause gewesen &mdash; wie oft in letzter
-Zeit &mdash; und bei dem ausgedehnten Geschäft durfte man
-nicht gleich Schlechtes denken. Noch immer wollte er
-sein Kind nicht fallen lassen, wenn er auch in schwerer
-Sorge an die Zukunft dachte.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Hilde Tiedemann geht an die Tür ihrer
-Schwester und horcht. Als sie Stimmen hört, drückt
-sie auf die Klinke. Die Tür ist gesperrt.</p>
-
-<p>»Was ist?« ruft Clo.</p>
-
-<p>»Nichts.« Hilde Tiedemann erinnert sich, daß bei
-ihrer Schwester die Friseurin ist; sie geht wieder zurück
-in den Salon.</p>
-
-<p>Es läutet.</p>
-
-<p>Sie läuft zur Tür und horcht.</p>
-
-<p>Verständnislos sieht sie auf die Visitenkarte, die ihr
-das Mädchen reicht. Sie kennt den Namen nicht:</p>
-
-<p>»Ich lasse bitten!«</p>
-
-<p>Ihres Bruders Sekundant steht in der Tür.</p>
-
-<p>Er verneigt sich.</p>
-
-<p>Hilde erkennt die Farbe des Regiments: »Papa ist
-nicht zu Hause«, sagt sie zitternd.</p>
-
-<p>Der andere bleibt bei der Tür.</p>
-
-<p>Für einen Augenblick fallen in seinem Gesicht die
-konventionellen Falten, als er Hildes Erscheinung sieht,
-doch gleich wieder preßt er den Säbelkorb an die Brust:<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-»Könnte ich Herrn Fred Tiedemann sprechen?« Seine
-Stimme ist aufgeregt.</p>
-
-<p>Hilde zuckt zusammen, dunkle Vorahnung bemächtigt
-sich ihrer. »Mein Bruder ist auch nicht hier.«</p>
-
-<p>»Nicht zu Hause?« wiederholt der Husar und fängt
-die Unterlippe mit den Zähnen. »Dürfte ich mir die
-Frage erlauben, wann Ihr Herr Bruder von hier wegging?«</p>
-
-<p>»Das weiß ich nicht, ich habe ihn seit gestern mittag
-nicht mehr gesehen, er hat oft auswärts zu tun.« In
-schweren Schlägen klopft dem Mädchen das Herz.
-Nervös zuckt die Hand und preßt krampfhaft das
-Taschentuch zusammen, um Ruhe zu finden.</p>
-
-<p>Unschlüssig steht der Husar: »Gnädiges Fräulein
-wissen also nicht, wo Ihr Herr Bruder sich befindet?«</p>
-
-<p>»Nein.« Sie legt die zitternde Hand auf die Stirn.
-»Vielleicht ist er mit Papa im Abgeordnetenhaus.«</p>
-
-<p>Er schüttelt verneinend den Kopf: »Dort ist er
-nicht!« Er rafft sich zusammen; seine Augen sehen
-starr und abweisend. »Dann ist meine Mission erfüllt.«</p>
-
-<p>Er schlägt die Füße zusammen, daß die Sporen
-klingen. »Bitte zu entschuldigen!«</p>
-
-<p>Mit schnellen Schritten kommt Hilde näher, flehend
-sehen ihre Augen, ihr Mund ist geöffnet. »Was ist
-mit Fred? Es ist ihm doch nichts zugestoßen?«</p>
-
-<p>»Nein, gnädiges Fräulein können beruhigt sein.«
-Eiserne Disziplin ist in seinen Augen. »Es ist ihm
-nichts geschehen.«</p>
-
-<p>Er neigt den Kopf und zieht die Tür hinter sich zu.</p>
-
-<p>Hilde Tiedemann preßt die Handflächen gegeneinander.
-Nun weiß sie, daß sich wieder Unheil vorbereitet,
-vielleicht bereits vollzogen hat.</p>
-
-<p>Sie lehnt die heiße Stirn an die eiskalten Fensterscheiben.</p>
-
-<p>Ein rauher Sturm fegt durch die Straßen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-
-Nun sieht sie Freds scheues Wesen in den letzten
-Tagen mit anderen Augen; nun gewinnt sein unruhiges
-Kommen und Gehen unheilvolle Bedeutung.</p>
-
-<p>Kam das Haus wirklich in Schwierigkeiten? Stand
-der Bankerott vor der Tür? Sie hatte es vorausgesehen
-und vergebens gewarnt.</p>
-
-<p>Doch sie will jetzt nicht daran denken, sie will arbeiten
-und ihrem Vater zur Seite stehen.</p>
-
-<p>Doch das kann es nicht sein, da wäre der Offizier
-nicht hier gewesen.</p>
-
-<p>Sie läuft in Freds Zimmer, es ist bereits aufgeräumt;
-sie weiß nicht, daß das Bett die letzte Nacht
-leer geblieben ist.</p>
-
-<p>Sie fragt das Stubenmädchen; doch Fred Tiedemann
-ist oft Nächte außer Hause gewesen. Das ist
-kein Beweis!</p>
-
-<p>Wieder steht sie beim Fenster.</p>
-
-<p>Der Himmel hat sich mit einförmigem Grau überzogen.</p>
-
-<p>Die Fensterscheibe bläht sich im anprallenden
-Wind. Im Kreise tanzen unten auf dem Platz die
-dürren Blätter.</p>
-
-<p>Sie ist einsam, und ihre Gedanken flattern ohne
-Ordnung.</p>
-
-<p>An die Scheiben schlägt es mit leisem Ton; kleine
-weiße Nadeln bringt der Sturm vom Meer herüber
-&mdash; den ersten Schnee.</p>
-
-<p>Sie schaudert und sieht auf die verlassenen Parkanlagen
-vor dem Fenster, wo sich zwei Krähen streiten.</p>
-
-<p>Die Leute schlagen die Kragen hoch, der Schnee
-überzieht sie mit weißen Strichen.</p>
-
-<p>Quer über den Platz kommt T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen, schon
-von weitem zieht er den Hut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>
-
-Sie preßt die Rechte ans Herz und atmet
-schwer.</p>
-
-<p>Nun kommt die Entscheidung.</p>
-
-<p>In banger Stunde muß sie sich ihm geben ...</p>
-
-<p>Schon hört sie seinen Schritt.</p>
-
-<p>Er drückt ihre Hand; in seinem Gesicht ist große,
-leuchtende Freude.</p>
-
-<p>Scheue liegt über ihr und heißt sie schweigen.</p>
-
-<p>Er spricht von seinem Werte, von froher Hoffnung
-auf die Zukunft.</p>
-
-<p>Eine blutrote Rose steckt er ihr an die Brust,
-von seiner Mutter.</p>
-
-<p>Sie bebt im schwarzen Kleide und horcht mit todtraurigen
-Augen.</p>
-
-<p>Er will arbeiten und schaffen, Gedanken und
-Pläne wirft er hin mit wenigen Worten für ein
-ganzes Leben. Er spricht von den letzten Monaten,
-in denen er sein Werk den Augen der anderen preisgab;
-fast schien es ihm Entweihung. Sie hätte es
-als erste sehen sollen! Und dann die Urteile: Erst
-glaubten sie etwas zum Aussetzen finden zu müssen,
-war er doch ein Neuer, ein Junger. Dann aber verstummten
-diese Stimmen immer mehr. Anerkennung
-wurde ihm zuteil, daß er sich manchmal selbst fragte,
-ob er sie denn auch wirklich verdiente, ob er die
-anderen wirklich so viel überragte.</p>
-
-<p>Nur mit halbem Ohr hört Hilde; jedes Geräusch
-von der Straße läßt sie zusammenfahren.</p>
-
-<p>In seiner frohen Erregung hat es Hansen nicht
-bemerkt; doch jetzt stutzt er und tritt näher:
-»Was ist?«</p>
-
-<p>»Nichts.« In dem Mädchen kämpft Willenskraft
-und Sorge mit der Liebe des sich unterwerfenden
-Weibes. »Wirklich nichts!« Sie versucht ein
-Lächeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-
-Er legt den Arm um sie; Schauer rieseln über
-ihren Leib: »Nicht«, wehrt sie mit schwachem Widerstreben.</p>
-
-<p>Er sieht ihr in die Augen: kleine, braune Punkte,
-die ängstlich auf ihn starren. Sie legt den Kopf zurück
-und atmet schwer. Seine Lippen berühren ihre
-Stirn.</p>
-
-<p>»Nicht!« haucht sie noch einmal; dann wirft sie
-sich ihm an die Brust in zitterndem Schluchzen.</p>
-
-<p>»Ich hab' dich so lieb!«</p>
-
-<p>Er hebt ihren Kopf und küßt sie auf beide Augen.</p>
-
-<p>Sie klammert sich fest; nun verläßt sie die Kraft,
-da sie sich geborgen weiß. Mit hastigen Worten redet
-sie von ihrer Angst, nun muß sie nicht mehr schweigen.
-Sie will kein Geheimnis vor ihm haben.</p>
-
-<p>Mit milden Worten beruhigt er sie; er läßt sie an
-seiner Brust sich ausweinen, und wilder Haß gegen
-Fred befällt ihn. Unter Tränen lächelnd sieht sie zu
-ihm auf: »Nun lassen wir uns nimmer!«</p>
-
-<p>»Nein, mein Lieb!«</p>
-
-<p>»Es ist doch nichts Schlechtes,« fragt sie in rührender
-Hilflosigkeit, »daß ich es dir jetzt gesagt habe?«</p>
-
-<p>»Aber, Kind!«</p>
-
-<p>»Nun ja!« Sie legte den Kopf an seine Schulter
-und schmiegt ihre Wange mit glücklichem Lächeln fest
-an die seine. »Ich hab's auch nicht länger verschweigen
-können.«</p>
-
-<p>Er preßt seinen Mund auf ihre roten Lippen; ein
-Zittern geht durch ihre Gestalt.</p>
-
-<p>Dann reißt sie sich aus seinen Armen. Klaus
-Tiedemann steht in der Tür.</p>
-
-<p>Auch T.&nbsp;A.&nbsp;Hansen ist zurückgewichen.</p>
-
-<p>Der da vor ihm scheint kein Lebender! Der Kopf
-ist ihm auf die Brust gesunken, schlaff hängen die
-Arme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span>
-
-Mit irrem Blick sieht er um sich: »Ist Alfred
-hier?«</p>
-
-<p>Hilde will antworten, doch wie gelähmt hält
-sie inne.</p>
-
-<p>Mit hastigem Ruck hat ihr Vater den Kopf gehoben;
-seine Augen schießen Blitze, er steht vor
-Hansen:</p>
-
-<p>»Nun malen Sie das Bild: ein Tiedemann als
-Betrüger. Sie treffen derlei Sachen, Herr!« Er
-lacht schneidend und wirft sich in einen Fauteuil, den
-Kopf in den Händen vergraben.</p>
-
-<p>Der beiden Blicke finden sich, über des alten
-Mannes gebeugter Gestalt halten sie schweigende
-Zwiesprache.</p>
-
-<p>Dann greift Hansen nach dem Hut, einen stummen
-Gruß winkt er Hilde zu und geht.</p>
-
-<p>Die sitzt regungslos neben ihrem Vater und horcht
-auf dessen keuchenden Atem.</p>
-
-<p>Mitten im Glück!</p>
-
-<p>Doch nur Mitleid findet sie als Antwort; sie fährt
-mit leichter Hand über des alten Mannes Scheitel.</p>
-
-<p>Stöhnend steht er auf: »Was wollte Hansen?«
-fragt er.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht,« im Sprechen findet sie Mut;
-»er hat mich gern, Vater!«</p>
-
-<p>Er sieht sie verständnislos an und murmelt: »Betrüger
-sind alle, die um solches wissen und schweigen.«
-Dann legt er wieder den Kopf in die zuckenden Finger.</p>
-
-<p>So sitzt er stundenlang, nur hier und da fragt er
-nach Fred.</p>
-
-<p>Sein Denken macht Sprung auf Sprung.</p>
-
-<p>Er hört den Beifall, welcher den Worten gilt, die
-ihn und Fred treffen; aus dem Klatschen der Hände
-springt ihn die Feindschaft der Masse an. Keiner steht<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-für ihn ein, keiner tritt an seine Seite; die einen
-schweigen, die anderen hassen!</p>
-
-<p>Draußen fällt der Schnee, die Kälte kriecht aus
-den Ecken hervor und greift nach der beiden einsamen
-Menschen Herz.</p>
-
-<p>Vergebens spricht Hilde, er gibt keine Antwort.</p>
-
-<p>Als es dunkelt, geht er hinunter; er muß Görnemann
-fragen, ob er um Freds Ausbleiben weiß.</p>
-
-<p>Er <em class="gesperrt">muß</em> ihn haben, muß Aug' in Auge stehen
-mit ihm ...</p>
-
-<p>Schon ist es Sperrstundenzeit, noch immer stehen
-Leute vor den Kassen.</p>
-
-<p>Sie wollen ihr Geld zurück.</p>
-
-<p>Morgen ist Sonntag, und wer weiß, was übermorgen
-ist!</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann ist nicht mehr sicher! Die
-Zeitungen haben's geschrieben, die Konkurrenz hat's
-gesagt.</p>
-
-<p>Ein irres Lächeln spielt um des alten Mannes
-Züge:</p>
-
-<p>Des Lebens Wertung!</p>
-
-<p>Er sieht Gerhard bei den Kassen; er hantiert mit
-ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen.</p>
-
-<p>Das gibt Klaus Tiedemann wieder Kraft.</p>
-
-<p>Er muß Görnemann haben.</p>
-
-<p>Quer durch die Schreibzimmer eilt er; gedrückte
-Stimmung liegt auf den Gesichtern der Leute: es geht
-ums tägliche Brot.</p>
-
-<p>Die Tür des Privatkontors ist offen, er tritt ein.</p>
-
-<p>Görnemann steht vor dem eisernen Tresor; als
-er ihn sieht, läßt er die Papiere fallen, die er hält.</p>
-
-<p>Er stürzt auf Klaus Tiedemann zu, die Knie versagen
-ihm den Dienst, er faltet die zitternden Hände
-und schreit: »Herr, ich kann nichts dafür, ich bin
-unschuldig!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span>
-
-Wie eine giftige Schlange zucken die Worte an
-Tiedemanns Ohr. »Was?«</p>
-
-<p>»Es fehlt Geld!« Görnemann reißt die Bücher
-auf den Tisch; mit zitternden Händen weist er die
-langen Kolonnen. Starr steht Klaus Tiedemann;
-für einen Augenblick schließt er die Augen, um zu
-vergessen.</p>
-
-<p>»Es hat alles gestimmt auf Heller und Pfennig,«
-beteuert Görnemann, »noch gestern; jetzt fehlt eine
-Menge, aber die Kasse ist in Ordnung.« Er fährt
-mit unruhigen Händen in seinen grauen Haaren
-herum. »Wir müssen seit zwei Stunden die Reserven
-angreifen.«</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann wirft die Anweisungen und
-Schecks durcheinander mit bebenden Fingern; er hält
-inne und tritt zum Tisch, er schlägt eine Seite des
-Buches auf, dann sagt er: »Rechnen Sie hier noch einmal
-nach!«</p>
-
-<p>Görnemann gehorcht, trotzdem er es schon ein
-halbes dutzendmal getan hat und weiß, daß <em class="gesperrt">hier</em>
-kein Fehler sein kann; mit langem Bleistift folgt er
-den einzelnen Posten. Einen scheuen Blick wirft Klaus
-Tiedemann auf den Arbeitenden und macht einen
-lautlosen Schritt zur Kasse.</p>
-
-<p>Er reißt das Kuvert an sich, das er vorhin hat
-liegen sehen; es trägt Freds Schrift.</p>
-
-<p>Er verbirgt das Schreiben über dem klopfenden
-Herzen.</p>
-
-<p>Görnemann hat nichts gefunden. &mdash;</p>
-
-<p>Noch ein paar Worte wechseln sie; es ist draußen
-leer geworden. Es ist Feierabend.</p>
-
-<p>Gerhard kommt herein: »Es wird sich alles aufklären,«
-sagt er in seiner ruhigen Art.</p>
-
-<p>Görnemann läuft verzweifelt von einem Regal<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>
-zum anderen. Planlos schlägt er Skonti auf und
-wieder zu.</p>
-
-<p>»Lassen Sie's, Görnemann,« sagt Gerhard, »so
-kommen Sie nicht darauf. Unsere Aufzeichnungen
-sind richtig.« Sein Blick geht zu seinem Vater hinüber.
-»Wo ist Fred?«</p>
-
-<p>»Er muß bald kommen.« Klaus Tiedemann verträgt
-seines Sohnes Blick nicht.</p>
-
-<p>»Bevor er nicht hier ist, läßt sich überhaupt nichts
-machen!«</p>
-
-<p>»Es muß heute nacht geschehen sein,« sagt Görnemann
-mit großen Augen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann drängt zur Ruhe: »Man muß
-warten, bis Fred hier ist.« Er stellt sich, als wüßte
-er um dessen Ausbleiben.</p>
-
-<p>Er wird auf ihn warten.</p>
-
-<p>Die beiden anderen sollen ruhig nach Hause gehen,
-morgen früh wird sich alles geklärt haben.</p>
-
-<p>Sie folgen mit leisem Widerstreben, weil sie merken,
-daß er allein sein will.</p>
-
-<p>Mit traurigen Augen mißt ihn Görnemann.</p>
-
-<p>»Soll ich nicht doch bei dir bleiben?« fragt
-Gerhard.</p>
-
-<p>»Nein!« Er drückte beiden die Hände. »Geht nach
-Hause, es ist besser so!«</p>
-
-<p>Die Tür fällt zu, die Schritte verhallen: Gerhard
-geht hinauf zu Hilde. Er wird die Nacht über aufbleiben;
-wenn sie jemandes benötigt, soll sie nach
-ihm schicken.</p>
-
-<p>Zum erstenmal sprechen Bruder und Schwester.</p>
-
-<p>Als er geht, kommt Hansen.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<h3 title="Abschnitt 22"><span class="pagenum pagenumh3"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span></h3>
-
-
-<p class="begin">Es ist dunkel um Klaus Tiedemann geworden.
-Stunden sind vorüber. &mdash; Der Lärm der Straße ist
-verstummt. Straßenbahn und Stellwagen verkehren
-nicht mehr.</p>
-
-<p>Nur hier und da hallen Schritte; sie klingen gedämpft
-durch die herabgelassenen Rollbalken.</p>
-
-<p>Er sitzt in den Sessel zurückgelehnt, den Kopf
-gesenkt.</p>
-
-<p>Der Schnee, der draußen fällt, wirft einen weißen
-Reflex durch die Oberlichte.</p>
-
-<p>Er hat die Augen geschlossen; ihn fröstelt.</p>
-
-<p>So saß er in vergangenen Nächten, wenn die
-Frau in Gesellschaft war und oben die Kinder
-schliefen.</p>
-
-<p>Die anderen lernten solche Stunden fürchten.</p>
-
-<p>Mit müdem Lächeln sah er seine Erfolge.</p>
-
-<p>Er wurde ihrer nicht froh.</p>
-
-<p>Nur die Schultern hingen tiefer und plumper
-wurde sein Gang. Das war's, was seine Frau von
-seiner Arbeit merkte.</p>
-
-<p>Er griff hart zu in allzu großer Liebe und
-seine Lippen waren rauh.</p>
-
-<p>Ein qualvolles Lachen stößt er aus.</p>
-
-<p>Nun hat er ihre Liebe errungen!</p>
-
-<p>Die suchenden Finger zucken; ein Blatt knistert
-unter ihnen auf; als wäre es Gift, fährt er zurück.</p>
-
-<p>Der Abschiedsbrief seines Sohnes!</p>
-
-<p>Er hat ihn gelesen, Wort für Wort; er will ganz
-sicher gehen, wenn er sein Kind von sich stößt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-
-Er sieht Lecarts spöttische Augen; nun ist's ein
-Tiedemann selbst!</p>
-
-<p>Sein Erbteil hat er sich aus Eigenem genommen
-und ist in die Fremde geflohen, ohne Wort, ohne
-Abschied! Ein Tiedemann feig!</p>
-
-<p>Nun hat Klaus Tiedemann die Antwort, warum
-er in jener Nacht so scheu vor ihm zurückgewichen,
-warum sein Auge den Boden gesucht.</p>
-
-<p>Er billigt nicht die konstruierten Ehrbegriffe der
-Gesellschaft, aber er haßt die Feigheit. Nun werden
-sie mit Fingern auf ihn weisen, den Verkehr abbrechen,
-um den er Jahre gekämpft hat.</p>
-
-<p>Das Regiment muß Fred Tiedemann ausstoßen
-als Ehrlosen; in den Zeitungen steht morgen sein
-Name als der eines kindisch eitlen Bestechers.</p>
-
-<p>Unsummen hat er geopfert, mit denen er Tausende
-von Tränen hätte stillen können. Klaus Tiedemann
-zweifelt nicht mehr, daß er es getan hat. Nicht genug
-war ihm der ehrliche Name seines Vaters.</p>
-
-<p>Er mußte etwas Häßliches bergen, daß alle von
-ihm abfielen!</p>
-
-<p>Fred hatte keine Lust mehr am Geschäft. Seine
-Stellung ist nach der Interpellation &mdash; so schreibt
-er &mdash; ohnehin im öffentlichen Leben geschädigt; so
-legt er alles zurück, er will fortan nur seinen Passionen
-leben &mdash; das sei die erste Pflicht des Menschen!
-In der Hauptstadt des Nachbarreiches gedenke er sich
-niederzulassen, da sei ein Wiedersehen leicht.</p>
-
-<p>Kein Wort der Reue und keines der Liebe, sonst
-keine Silbe! Wie ein Fremder ist er von ihm gegangen.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann stöhnt auf, die Wände rücken
-näher.</p>
-
-<p>Als Leo starb, da war ihm leichter; er gab ein<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-Kind der Erde zurück, das allzu schwach gewesen war,
-sie länger zu ertragen. Wäre Fred gefallen, wäre er
-ermordet worden vom beleidigten Sohn, er hätte
-geweint und die Gesellschaft angeklagt, so aber fällt
-alles auf seines Kindes eigenes Haupt. Er weiß nicht
-Bescheid in den Ehrbegriffen Jan Wolnys, aber er
-kennt trotzdem die Ehre, die er sein Leben lang besessen
-hat. Er kennt nicht den Mut, den Fred zeigen
-sollte, aber er kennt den Mut, einstehen zu müssen
-für seine Handlungen. Immer wieder legt sich Klaus
-Tiedemann die Lage klar:</p>
-
-<p>Fred hat Geld genommen, große Summen, die
-jetzt nötig wären. Heimlich hat sein Kind sie entwendet,
-daß andere nicht um sein Handeln wußten.
-Das ist nicht besser als ein Dieb! Wohl ist sein Erbteil,
-das er mal erhalten wird, größer, aber das
-Geld steht ihm jetzt noch nicht zu, solange sein
-Vater lebt.</p>
-
-<p>Feig hat er alles im Stiche gelassen und die
-Firma auf schlechte Wege geführt. Seine Flucht wird
-bekannt werden, die Gegner werden sie für ihre
-Zwecke ausnützen.</p>
-
-<p>Schwer ringt Klaus Tiedemann mit seinen Gedanken,
-die ihn fesseln und umstricken.</p>
-
-<p>Er sieht keinen Ausweg.</p>
-
-<p>Immer wieder kommt er zum selben Punkt
-zurück.</p>
-
-<p>Streng war er mit sich Zeit seines Lebens gewesen,
-allzu streng. Er hat seine Gedanken stets gezwungen,
-darum sah er nicht der anderen Fehler.</p>
-
-<p>Wie Schuppen ist's ihm nun von den Augen
-gefallen, da er Fred nicht mehr hier weiß. Nun erst
-ist seine zweite Frau wirklich gestorben. Klaus Tiedemann
-findet die Gedanken seiner Jugend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-
-Er steht auf, dumpf klingen seine Schritte durch
-den schweigenden Raum.</p>
-
-<p>Abgeschieden von den anderen, muß er sich entscheiden:
-nun gibt es keine andere Lösung mehr.</p>
-
-<p>Er hört den schweren Schritt des Wächters vorüberstampfen,
-von Stunde zu Stunde leiser; der
-fallende Schnee dämpft den Hall.</p>
-
-<p>Dann wieder ist's Ruhe.</p>
-
-<p>Fred kommt nicht mehr, die Firma braucht eine
-starke Hand, besonders jetzt!</p>
-
-<p>Clo und Hilde sehen auf ihn, sie wollen Rat
-und Hilfe.</p>
-
-<p>Er muß sich entscheiden!</p>
-
-<p>Starrsinn ist in ihm, mit allem zu brechen, was
-er für richtig gehalten hat.</p>
-
-<p>Er legt den Kopf auf die Tischplatte in bleierner
-Müdigkeit, doch er darf nicht ruhen.</p>
-
-<p>Er dreht das Licht auf und geht zur Kasse.</p>
-
-<p>Aus einem geheimen Fach nimmt er seine Schatulle;
-sie ist alt und abgegriffen.</p>
-
-<p>Er hält inne und horcht:</p>
-
-<p>Leichte, schnelle Schritte gehen ganz nahe am
-Fenster vorbei, sie machen halt und gehen hartklingend
-wieder zurück.</p>
-
-<p>Ein bitteres Lächeln ist auf seinen Lippen: es mag
-wohl eine sein, die auch um Liebe geht.</p>
-
-<p>Kalt scheint das Licht der Glühlampe auf sein
-zermartertes Gesicht, als er nun den Deckel hebt.
-Briefe fallen ihm entgegen.</p>
-
-<p>Es ist die Schrift von Gerhards Mutter: alte,
-vergilbte, eckige Federzüge.</p>
-
-<p>Sie floh und brach die Liebe um anderer Liebe
-willen!</p>
-
-<p>Dürre Blätter liegen, halb zerrieben, zwischen den
-Papieren; Klaus Tiedemann weiß nicht, woher sie<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-stammen. Er mag sie wohl von einem Spaziergang
-nach Hause gebracht haben, derweil die Frau an einen
-anderen dachte.</p>
-
-<p>Zeitungsausschnitte mit rot und blau unterstrichenen
-Stellen zeigen Klaus Tiedemanns Erfolge;
-mit gierigem Blick liest er die nebensächlichen
-Berichte, daß ein Klaus Tiedemann in der Union-Street
-sein Geschäft vergrößert, daß er die Vertretung
-der European Company übernommen hat.
-Es sind Anzeigen, die er einst selbst bezahlte. Heute,
-in der schweren Stunde, müssen sie ihm Zeuge sein,
-daß ihn die Welt anerkannt hat. Daran klammert
-er sich fest ....</p>
-
-<p>Ein schweres Kuvert mit dem Monogramm auf
-pergamentartigem Papier zeigt die Vermählung des
-Bankiers Klaus Tiedemann mit Fräulein von
-Wesenheim, Tochter des Konsuls Ernst von Wesenheim,
-Kammerrat, Börsenrat usw., in würdevollen
-Worten an.</p>
-
-<p>Dann kommen mannigfaltige Erinnerungen an
-die Zeit der Kinder:</p>
-
-<p>Hilde und Clo haben einen Wunsch aufgesagt;
-in zierlichen Worten ist er hier niedergeschrieben;
-man merkt nicht die vielen Püffe der Erzieherin, bis
-endlich die kleinen Köpfe die Worte faßten. Klaus
-Tiedemann war stets tief gerührt und hatte in seiner
-bescheidenen, scheuen Art die Leistungen weit überschätzt.</p>
-
-<p>Unbeholfene Zeichnungen aus Fetzen Papieres finden
-seine tastenden Hände: Indianer zu Pferde und
-Engel mit schlagenden Flügeln! Der kleine Fred hat
-sie gezeichnet. Ein weher Laut zittert von seinen
-Lippen. Klaus Tiedemann legt den Kopf auf die Tischplatte;
-endlich kommen die erlösenden Tränen:</p>
-
-<p>Warum ist das Leben so hart?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span>
-
-Sie waren alle so liebe, so herzige Kinder, die
-von den Häßlichkeiten der Welt nichts wußten. Und
-nun ein Betrüger!</p>
-
-<p>»Er ist es.« Laut ruft Klaus Tiedemann die
-Worte, daß er selbst scheu zusammenfährt.</p>
-
-<p>Warum wäre er sonst geflohen? Warum hat er
-Geld unterschlagen? Warum hat er nicht seiner Geschwister
-gedacht?</p>
-
-<p>Das Kind seiner Zeit!</p>
-
-<p>Rücksichtslos, Altes verachtend, nur dem Genuß
-lebend, das Leben sich leicht machend, das Geld als
-Hauptmittel ansehend, um etwas zu erreichen. Schwer
-stöhnt Klaus Tiedemann auf:</p>
-
-<p>Er selbst hat ihm den Weg gewiesen, hat aus
-Liebe und Nachgiebigkeit die häßlichen Züge nicht im
-Keime erstickt. Das Geld hat höhere Werte als die
-der Bequemlichkeit. Es legt Verpflichtungen auf, die
-schwer zu erfüllen sind. Nur der Erwerb bringt
-Freude, nicht der Besitz. Der Mensch muß weiter
-streben, darf nicht halten und nicht rasten! <em class="gesperrt">Ganz</em>
-soll er leben! Nicht scheu nach anderen fragen; aufrechten
-Blickes gehen; soll das aussprechen, was er
-denkt, nicht das, was andere wollen!</p>
-
-<p>So war er als Kaufmann gewesen, nicht so als
-Mensch! Klaus Tiedemann hat sich nach der Meinung
-der Leute gerichtet, um deren Liebe zu erwerben.</p>
-
-<p>Das ist der schwere Irrtum seines Lebens.</p>
-
-<p>Er läßt sich auf den Sessel fallen; seine Augen
-stieren durch das Dunkel. Ihm kommen schwere Gedanken.</p>
-
-<p>Wenn Fred recht hätte? Wenn es die erste
-Pflicht des Menschen wäre, nur sich zuliebe zu
-leben? Vielleicht ist seines Sohnes Art die richtige?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-
-Sorgenlos ging dann die Zeit an einem vorbei.
-Aber das war nur möglich, wenn andere nicht so
-dachten? Das konnte das Rechte nicht sein. Doch
-alles ist in der Welt; sie schreitet fort nach oben &mdash;
-in harter Selbstsucht.</p>
-
-<p>Warum sollte das Leben nicht doch darin bestehen?</p>
-
-<p>Er hatte anders gedacht und war unglücklich gewesen.
-In froher Laune floß das Leben Freds.</p>
-
-<p>Aus tiefer Qual stöhnt er auf. Zu spät kommt
-ihm die Erkenntnis: er hat seine Zeit verlebt.</p>
-
-<p>Ein Zittern befällt ihn, eine furchtbare Angst vor
-dem Ungewissen, Ungenützten, vor dem Zuspät!</p>
-
-<p>Totenstille ist um ihn.</p>
-
-<p>Dann hätten die recht, die von selber gingen?</p>
-
-<p>Dann wäre es Pflicht, das Kind zu tilgen, ehe
-es geboren?</p>
-
-<p>Wofür die langen Qualen, wenn ein Fingerdruck
-Ruhe gab auf ewig?</p>
-
-<p>Ein paar Schritte, und es ist getan!</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann weiß die Waffe im Kasten, die
-er als junger Mann bei sich getragen hat; er braucht
-nur einige Schritte zu machen, dann starrt ihn die
-schwarze Mündung an: ein Druck, und es ist vorbei.
-Während er stürzt, dreht sich die Kammer weiter,
-zum nächsten Schuß.</p>
-
-<p>Wie leicht findet der Mensch seine Ruhe!</p>
-
-<p>Schon einmal hat Klaus Tiedemann an den
-Selbstmord gedacht, als er hungerte; doch nur
-Schwäche glaubte er damals darin zu sehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-
-Nun dünkt er ihm Erlösung.</p>
-
-<p>Fahrige Eile kommt über ihn: wie wohlig muß
-es sein, ausruhen zu dürfen nach langer Qual!</p>
-
-<p>Wilder Haß ist in ihm; er knirscht mit den
-Zähnen. Niemand liebt ihn, er war einsam, und
-einsam will er sterben. Sie sollen machen, was sie
-wollen, ihm ist alles gleich, er will endlich Ruhe
-finden. Er tastet sich in die Höhe und geht dem
-Kasten zu; ein irres Lachen ist auf seinen Lippen.
-Des Lebens Krone!</p>
-
-<p>Die Faust schlägt an die kalte Mauer; ohnmächtige
-Anklagen wirft die lallende Zunge durch
-die ruhende Nacht. Schwarze Hände streifen seine
-Stirn, ein Fallen ist um ihn, ein Drehen und
-Winden. Er glaubt Arme zu spüren, die sich nach
-ihm strecken, ihn festhalten wollen. In rasenden
-Schlägen teilt er die Luft, er will sterben! Er will
-Leo folgen, dem einzigen, der ihn geliebt hat.</p>
-
-<p>Sein Kind wird ihn verstehen.</p>
-
-<p>Aus dem Dunkel leuchten ihm gespenstige Augen
-entgegen: er hört des Toten Stimme:</p>
-
-<p>»Das Leben hat keinen Wert.«</p>
-
-<p>Hansens Bild zerfließt mit dem Gebilde seiner erregten
-Phantasie zu einem Ganzen.</p>
-
-<p>Er tut einen wilden Schrei. Ein furchtbarer
-Druck raubt ihm plötzlich den Atem. Er bäumt sich
-auf; schwarz wie ein Grab umgeben ihn die finsteren
-Wände.</p>
-
-<p>Ist das der Tod?</p>
-
-<p>Sein Herz macht schwere, unregelmäßige Schläge.<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>
-Er merkt, wie ihm das Blut durch die Adern schnellt;
-er sinkt nach rückwärts. Kraftlos fallen die Glieder
-herab; weit treten die Augen hervor und starren entsetzt
-in das Dunkel.</p>
-
-<p>Schwerer Druck lastet auf seiner Brust; in seinen
-Ohren ist ein heulendes Sausen und Brausen. Wie
-gelähmt liegt die Zunge im Munde. Kein Glied kann
-er rühren. Kalter Schweiß rinnt über sein Gesicht.</p>
-
-<p>Der Kopf fällt vornüber.</p>
-
-<p>Hart, erbarmungslos starr stehen die Wände.</p>
-
-<p>Regungslos liegt Klaus Tiedemann; nur die Uhr
-in seiner Tasche tickt weiter. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Fred Tiedemann, auf seiner Flucht, in dem Hotelzimmer,
-wacht auf und wirft sich von einer Seite auf
-die andere; doch den Schlaf findet er nimmer.</p>
-
-<p>Nach langen Sekunden tut Klaus Tiedemann einen
-tiefen Atemzug und zieht die eiskalten Beine an sich.</p>
-
-<p>Er will nicht sterben!</p>
-
-<p>Langsam kriecht das Blut wieder durch die Adern;
-schwer und ungleichmäßig fängt der Puls zu arbeiten
-an. Er hebt den Kopf mit fieberheißen Augen.</p>
-
-<p>Nun ist er neben ihm gestanden. Der Segenspender!</p>
-
-<p>Mühsam richtet er sich auf und atmet schwer.</p>
-
-<p>Die erste Mahnung.</p>
-
-<p>Er schauert zusammen.</p>
-
-<p>Sie hätten ihn finden müssen, in wenigen Stunden;
-schon hebt leise der Verkehr auf den Straßen an.</p>
-
-<p>Er hat sein Haus nicht bestellt.</p>
-
-<p>Zitternd läßt er sich in den Sessel fallen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-
-Sein Herz hat ihn aufgerüttelt, geschwächt durch
-die furchtbaren Erregungen der letzten Tage.</p>
-
-<p>Es können noch Jahre sein, die er als alter Mann
-zu leben hat, es können vielleicht aber auch nur
-Stunden sein.</p>
-
-<p>Nun weiß er, daß er alt ist, was seine Pflicht ist!</p>
-
-<p>Die Hand auf die Brust gepreßt, geht er hin und
-wider.</p>
-
-<p>Hier und da bleibt er stehen und horcht den
-Schritten, die leise vom oberen Stockwerk durch die
-Decke klingen.</p>
-
-<p>Es mag wohl Hilde sein, die wacht.</p>
-
-<p>Manch Fenster in Tiedemanns Haus war hell erleuchtet
-geblieben; die Sorge fuhr durch das Dunkel
-und schlug mit ihren Gewändern.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann streckt mit glücklichem Lächeln
-die Arme; unendliche Liebe zu den Menschen erfaßt
-ihn. Noch lebt er!</p>
-
-<p>Er will die Tage nützen, seinen Kindern lang entbehrte
-Gerechtigkeit geben.</p>
-
-<p>Kein Baum ist so gut, daß er nicht schlechte
-Zweige hätte.</p>
-
-<p>Von selbst ist Fred gegangen.</p>
-
-<p>Doch andere warten im Vertrauen; bei ihnen muß
-Glück wohnen.</p>
-
-<p>Er will zur Tür; auf halbem Wege kehrt er
-wieder um.</p>
-
-<p>Noch ist er mit sich nicht im reinen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>
-
-Er hört den Lärm auf der Straße. Fahl fällt
-das Winterlicht durch die Fenster.</p>
-
-<p>Zu neuem Leben drängt die Welt.</p>
-
-<p>In tiefen Gedanken steht Klaus Tiedemann, die
-Augen sehen einwärts, mechanisch fahren die Hände
-den Sessel entlang.</p>
-
-<p>Er hört eine Tür gehen und eilige Schritte,
-dann drückt eine Hand auf die versperrte Schnalle:
-»Herr Tiedemann!«</p>
-
-<p>»Ich komme.«</p>
-
-<p>In dem Türrahmen steht Görnemann, hektische
-Röte auf den Wangen: »Gott sei Dank!«</p>
-
-<p>Die beiden Greise sehen sich lange in die Augen.</p>
-
-<p>»Und nun holen Sie mir meine Kinder!«</p>
-
-<p>»Ja!« Görnemann rafft sich auf, noch immer
-zucken ihm die Knie: nicht lebend glaubte er seinen
-Herrn wieder zu finden. »Auch Gerhard?« fragt er
-unsicher.</p>
-
-<p>Klaus Tiedemann nickt ernst:</p>
-
-<p>»Auch Gerhard; der ist der wichtigsten einer.«</p>
-
-<p>Er bleibt beim Tische stehen, aufrecht und fest.</p>
-
-<p>Hilde stürzt auf ihn zu.</p>
-
-<p>In tränenlosem Schluchzen liegt sie an seiner
-Brust. Klaus Tiedemann preßt sein Kind an sich;
-seine Lippen streifen ihre Stirn:</p>
-
-<p>»Und dann laß Hansen holen!«</p>
-
-<p>Durch Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Du
-Lieber, du Guter!«</p>
-
-<p>Mit schmerzlichem Zucken um den Mund sagt er:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-
-»Er gehört nun auch zu uns, Hilde; er muß
-mich glauben machen, daß das Leben noch Glück für
-uns hat.«</p>
-
-<p>Er hebt den Kopf, er hört der anderen Schritte;
-schon steht Gerhard in der Tür.</p>
-
-<p>Er streckt ihm die Hände entgegen.</p>
-
-<p>»Laß gut sein, Vater,« sagt der, »ich will's den
-anderen schon auswischen, du sollst nicht umsonst
-gelebt haben!«</p>
-
-<p>Es ist der Blick des alten Tiedemann, der ihm aus
-den jungen Augen seines Sohnes entgegenkommt, in
-Liebe und Kraft.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 100px;">
-<img src="images/tb_chapter.png" width="100" height="39" alt="" />
-</div>
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span></p>
-
-
-<p class="center p4">
-<span class="gesperrt">Buchdruckerei<br />
-Rudolf Mosse<br />
-Berlin</span> SW<br />
-</p>
-
-<div class="transnote pagebreak p4">
-<h2 class="nopagebreak">Anmerkungen zur Transkription</h2>
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebräuchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>anderen -- andern</li>
-<li>ausnützen -- ausnutzen</li>
-<li>euere -- eure</li>
-<li>heut -- heute</li>
-<li>Mansbergischen -- Mansbergschen</li>
-<li>Papieres -- Papiers</li>
-<li>teuere -- teure</li>
-</ul>
-
-Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>S. 29 »mußtt« in »mußt« geändert.</li>
-<li>S. 32 »zitteten« in »zitterten« geändert.</li>
-<li>S. 40 »Ist treffe« in »Ich treffe« geändert.</li>
-<li>S. 57 »vorübergeneigt« in »vornübergeneigt« geändert.</li>
-<li>S. 65 »Pulz« in »Puls« geändert.</li>
-<li>S. 70 »ermuntend« in »ermunternd« geändert.</li>
-<li>S. 83 »Lipppen« in »Lippen« geändert.</li>
-<li>S. 89 »Crême« in »Crème« geändert.</li>
-<li>S. 104 »Betrachttung« in »Betrachtung« geändert.</li>
-<li>S. 108 »Directoir-Toilette« in »Directoire-Toilette« geändert.</li>
-<li>S. 110 »hat« in »hast« geändert.</li>
-<li>S. 117 »Bamherzigkeit« in »Barmherzigkeit« geändert.</li>
-<li>S. 141 »Kukuck« in »Kuckuck« geändert.</li>
-<li>S. 153 »schrille« in »schrillen« geändert.</li>
-<li>S. 153 »horscht« in »horcht« geändert.</li>
-<li>S. 158 »Schwiegevater« in »Schwiegervater« geändert.</li>
-<li>S. 161 »Beistift« in »Bleistift« geändert.</li>
-<li>S. 179 »Gröben« in »Gröden« geändert.</li>
-<li>S. 188 »Kontor« in »Kontur« geändert.</li>
-<li>S. 197 »Fred Tiedemann scheint ...« in »Klaus Tiedemann scheint ...« geändert.</li>
-<li>S. 204 »Bite« in »Bitte« geändert.</li>
-<li>S. 214 »daß« in »das« geändert.</li>
-<li>S. 215 »Gerhardts« in »Gerhards« geändert.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
-
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