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-The Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Lebenswende
-
-Author: Walter von Molo
-
-Release Date: May 6, 2017 [EBook #54671]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
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-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Antiqua-Schrift |
- | als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
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- ~KRONEN
- BÜCHER~
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- [Illustration]
-
- Romane erster Schriftsteller
-
-
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- Lebenswende
-
- Roman
- von
- Walter v. Molo
-
- [Illustration]
-
- ~RUDOLF MOSSE~
- (~KRONEN-VERLAG~)
- ~BERLIN SW 68~
-
-
- Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung, vorbehalten
- Nachdruck verboten
- ~Copyright 1918 by Rudolf Mosse, Berlin SW 19~
-
-
-Lebenswende
-
- erschien im Jahre 1908 unter dem Titel »Klaus Tiedemann, der
- Kaufmann«; vorliegende Ausgabe ist vom Autor neu durchgesehen und
- in mancher Hinsicht verändert worden.
-
-
-
-
-»Willst du noch ein Butterbrot?« fragte zum zweitenmal Hilde Tiedemann
-ihren jüngeren Bruder Leo und sah über den Frühstückstisch.
-
-Als wieder keine Antwort kam, stellte sie klirrend die Tasse nieder,
-die sie in der Hand gehalten hatte, und trat zu dem Knaben, der mit
-starren Augen vor sich niedersah. »Leo!« Sie rüttelte die schwächliche
-Gestalt, daß die beinahe vornüber fiel, und strich ihm das seidenweiche
-Haar aus der Stirn. »Was ist mit dir?«
-
-Langsam richtete sich der kränkliche Achtzehnjährige auf; er kniff
-mißmutig die Brauen zusammen: »Ich mag nichts, hab' ich gesagt!« Es
-klang verhaltener Aerger aus der lügenden Stimme.
-
-»Du hast _nichts_ gesagt,« antwortete sie und sah zu der Uhr, die über
-dem Kamin in bedächtigem Gang ihr Pendel schwang. »Du solltest schon
-lange in der Schule sein!«
-
-Leo zog ärgerlich die Schultern: »Laß das _meine_ Sorge sein und
-kümmer' dich um andere!« Seine Augen gewannen an Glanz, weil er eine
-Waffe gegen seine Schwester gefunden zu haben meinte: »Zum Beispiel um
-deinen Hansen, der ist gewiß jetzt noch im Bett.« Er lachte, und die
-Schadenfreude saß um seinen blassen Mund.
-
-Hilde war rot geworden und gab keine Antwort, nur mit dem Löffel
-stocherte sie in der Tasse, trotzdem der Zucker schon lange vergangen
-war. Dann stand sie jäh auf, mit plötzlichem Entschluß. »Stichle,
-solange du willst, es ist mir gleich,« sagte sie, hochatmend holte sie
-Luft, »aber das eine muß ich dir sagen, wenn du so weiter machst, Leo,
-dann nimmt es ein schlechtes Ende mit dir!«
-
-Leo hatte sich im Sessel zurückgelehnt und sah mit einem Blick,
-der unbefangen sein sollte, aber doch widerwilliges, ängstliches
-Eingestehen zeigte, auf seine Schwester. Er versuchte ein verlegenes
-Lächeln: »_Was_ wird ein schlechtes Ende nehmen, bei mir oder bei dir?«
-sagte er.
-
-»_Du!_« ihr Fuß stampfte entrüstet auf, »du weißt ganz gut, was ich
-meine! Sei nicht so häßlich mit mir!« Unwillig warf er die Serviette
-auf den Tisch:
-
-»Ich bin kein kleiner Bub, der dir über alles Rechenschaft geben muß.«
-
-»Das will ich auch nicht, aber schonen sollst du dich und deine
-Gesundheit; mußt du denn _jetzt_ schon alles mitmachen, immer dein
-Erwachsenen-Spielen! Du hast doch das _ganze_ Leben vor dir? Wenn Papa
-wüßte, wann du _heute_ nacht wieder nach Hause gekommen bist!«
-
-Erschreckt blickte er sie an. »Du wirst es doch nicht sagen?« fragte er
-hastig.
-
-»Nein, gewiß nicht, aber du solltest Vernunft annehmen.«
-
-»Was heißt Vernunft annehmen! -- Das ist ein blödes Wort für euch
-Mädels, für uns kann das Leben nicht früh genug anfangen.« Seine
-bleichen Wangen bekamen Farbe; er erhob sich. »Erzählte Papa nicht
-selbst, wie er schon als kleiner Bub alles mitgemacht hat, wie er mit
-achtzehn Jahren allein in die Welt hinauszog? Und ich soll immer hinter
-dem Ofen hocken?«
-
-»Das war ein anderes Leben, Leo, von dem Papa spricht! Das war Arbeit,
-und nicht Vergnügen wie bei dir.«
-
-Er ließ die Hand heftig auf den Tisch fallen »Herrgott ja, aber soll
-ich mich plagen, wenn ich es nicht notwendig habe? Papa war arm und
-mußte arbeiten, wir aber sind, Gott sei Dank, reich.«
-
-»Wie du daherredest,« ihre Stimme zitterte in Erregung: »Arbeiten muß
-jeder Mensch.«
-
-»Ja, tu' ich ja auch! Ich habe Kopfweh!«
-
-Sie faßte seine schmale Hand: »Wenn dir nicht gut ist, lege dich ins
-Bett, aber geh nicht so viel lumpen, du bist noch zu jung!«
-
-Er fuhr zornig auf: »Kommst du schon wieder mit dem Alter, als ob alles
-davon abhinge! Der eine ist eben früher reif, der andere später -- das
-verstehst du nicht!« Er drehte ihr den Rücken zu und begann vor sich
-hin zu pfeifen. Dann sagte er leichthin über die Schulter: »Görnemann
-war vorhin da und suchte Fred.«
-
-»Wo ist Fred?«
-
-»Weiß ich's?«
-
-Sie sah wieder zur Uhr und schüttelte den Kopf: »Neun, und er ist noch
-nicht auf!«
-
-»Aufgestanden ist er schon lange, aber er ist gleich weggefahren.
-Sie probieren heute bei der Morgenarbeit den ‚Franklin’,« sagte Leo
-wichtig, dessen älterer Bruder einen Rennstall hielt, und unterdrückte
-ein Gähnen.
-
-Als Hilde keine Antwort gab, sondern den Tisch abzuräumen begann,
-setzte er sich auf den Diwan und sah ihr zu: Hilde Tiedemann war
-mit ihren zwanzig Jahren ein hübsches Mädchen, das gestand sich ihr
-Bruder jetzt, wie schon oft, wohlgefällig zu, und sein Blick, der ihre
-schlanken Formen und flinken Bewegungen verfolgte, wurde freundlicher.
-»Du solltest, Hilde, nicht alles selbst tun! Wozu haben wir denn unsere
-Dienstboten?«
-
-Hilde hielt in der Arbeit inne:
-
-»Warum soll ich das nicht tun? Das schadet doch nichts?«
-
-»Schadet nicht, aber die Leute bekommen eine falsche Meinung von uns.
-Sie müssen sehen und spüren, daß wir die Herren sind.«
-
-»Das merken sie viel eher, wenn man aus freien Stücken mitarbeitet, als
-wenn man sie, wie ihr es liebt, allein schalten und walten läßt und
-dabei alles verkommt.«
-
-»Du bist köstlich, als ob bei uns so etwas vorkommen würde!«
-
-Hilde strich die letzten Brotkrumen vom Tisch und erwiderte: »Ich
-kann's als Mädel nicht ändern.«
-
-Leo rückte unruhig herum: »Lächerlich, einfach lächerlich! Wenn es nach
-dir ginge, dürfte man sich überhaupt keine Freude gönnen! Du siehst in
-einem fort Gespenster! Papa, Fred und ich sind lustig und guter Dinge,
-du predigst immer Gefahr. Ich möchte nur wissen, woher eine solche für
-uns kommen sollte?«
-
-Hilde Tiedemann schüttelte den Kopf; sie sagte: »Das ist es ja, Leo,
-daß ihr alle so sicher seid und mich mit meinen Sorgen auslacht! Ihr
-glaubt, weil wir Geld haben, kann uns nichts geschehen. Schau, Leo,«
-sie trat ganz nahe zu ihm und dämpfte, in eindringlicher Liebe, ihre
-Stimme: »Du arbeitest viel zu wenig für deine Schlußprüfung, du verläßt
-dich ganz auf das Schwindeln mit dem Schuldiener -- wenn's nun nicht
-gelingt?«
-
-Er lachte selbstsicher: »Er bekommt genug Geld, es _wird_ gelingen.«
-
-»Du _kannst_ es nicht wissen. Und selbst, wenn es gelingt; schämst du
-dich denn nicht vor deinen Mitschülern, die sich ehrlich plagen müssen?
-Weißt du, ich verstehe ja nichts davon, aber ich -- wenn ich an deiner
-Stelle wäre -- ich würde lieber durchfallen, aber ehrlich arbeiten, als
-durch Betrug Erfolg haben zu wollen.«
-
-Leo bekam vor Aerger wieder rote Wangen: »Du redest so gut, wie du es
-verstehst -- du bist furchtbar unpraktisch,« er nahm einen überlegenen
-Ton an: »merk' dir, Hilde, was man erreichen kann, soll man erreichen,
-die Mittel dazu sind gleich -- wenn man es sich bequemer machen kann,
-dann soll man's erst recht tun -- alles andere ist Unsinn ...« Er hielt
-inne und sah mit plötzlich belebtem Blick auf das Stubenmädchen, das
-eingetreten war und meldete: »Herr Görnemann ist da!«
-
-Hilde ging lebhaft zur Tür; sie fragte: »Warum kommt er denn nicht
-herein?« Sie rief: »Herr Görnemann! Herr Görnemann, kommen Sie doch zu
-uns herein!«
-
-Die magere, peinlich gekleidete, lange Gestalt des Prokuristen, mit
-weißem Kopf und rosigen Wangen, schob sich in die Türöffnung; sie sagte
-bescheiden:
-
-»Guten Morgen, Fräulein Hilde, ich wollte nicht stören. Ist Herr Fred
-schon da?«
-
-Belustigt reichte ihm Hilde die Hand. »Wie formell Sie geworden sind!
-Sie wollten nicht ‚stören’? Wen denn?«
-
-Er hüstelte und sah hinter den weißen Wimpern scharf auf sie. »Der
-junge Herr hat dem Personal verboten, in die Privatwohnung zu kommen.«
-
-»Das gilt aber doch nicht für _Sie_!«
-
-»Mein liebes Fräulein, die Zeiten ändern sich. Es ist besser, man
-gewöhnt sich daran.« Er bemerkte Leo und nickte ihm freundlich zu.
-»Guten Morgen, Herr Leo!« Der gab keine Antwort, so daß dem alten Mann
-das Blut ins Gesicht stieg.
-
-»Brauchen Sie meinen Bruder notwendig, Herr Görnemann?« fragte Hilde
-und nestelte mit nervösen Fingern an ihrer Bluse.
-
-»Ja -- es sind Briefe zu unterschreiben und Wechsel für Frau von Lecart
-zu unterfertigen.« Seine Stimme war unsicher.
-
-»Für Clo?«
-
-»Ja, Ihre Frau Schwester hat schon zweimal hergeschickt, ich kann die
-Wechsel aber nicht allein hinausgeben, weil die Summe zu hoch ist.« Er
-machte eine rasche Wendung, als brenne plötzlich der Boden unter seinen
-Füßen: »Ich werde eben noch warten und dann wieder heraufsehen,« sagte
-er hastig. »Guten Morgen, Fräulein Hilde!«
-
-Hilde wollte den alten Mann versöhnen, darum fragte sie noch rasch.
-»Wie geht es Ihnen immer, Herr Görnemann?«
-
-Der stand schon auf der Schwelle. »Gut, ich danke.«
-
-Als der Prokurist die Tür lautlos hinter sich zugezogen hatte, fragte
-Hilde vorwurfsvoll ihren Bruder: »Warum hast du ihm nicht gedankt, als
-er dich grüßte?«
-
-»Laß mich in Ruhe! Er könnt' sich 'mal auch schon angewöhnen, zu mir
-_Herr Tiedemann_ zu sagen, statt mich, wie ein Kind, ewig mit dem
-Vornamen anzusprechen!«
-
-»Gegen ihn bist du doch auch ein Kind! Du solltest ihn überhaupt zuerst
-grüßen.«
-
-»Er ist doch nur ein Angestellter von Papa?!«
-
-»Seit mehr als vierzig Jahren! Er hat Papa gekannt, als der noch arm
-war und hat ihm geholfen, sein Geld zu verdienen.«
-
-»Dafür hat er sein Gehalt bekommen.«
-
-Sie wollte heftig widersprechen, doch sie schwieg und horchte auf den
-festen Tritt, der von dem Schlafzimmer ihres Vaters herüberkam und vor
-der Tür zögerte. Dann klang die Türschnalle. »Guten Morgen, Kinder!«
-
-Klaus Tiedemann küßte seine Tochter auf den Mund und trat zu Leo, der
-langsam aufgestanden war und lässig sagte: »Morgen, Pa!« Leo schloß
-für einen Augenblick die Lider und beugte sich herab, damit ihn seines
-Vaters Mund erreichen konnte. Der küßte ihn auf die Stirn:
-
-»Frisch beisammen und ausgeschlafen, mein Junge?« fragte Klaus
-Tiedemann.
-
-»Ja, Pa!« Leo suchte seiner Stimme Klang zu geben. »Mir ist wieder ganz
-gut.«
-
-»Kein Kopfweh mehr?«
-
-»Nein, ganz wenig.«
-
-»So ist's recht, und nun Hilde: meinen Tee!« Er trat zum Fenster
-und sah aufs Thermometer, während Leo sich an Hilde heranmachte und
-flüsterte:
-
-»Nichts sagen, du hast es mir versprochen!«
-
-Sie schüttelte unwillig den Kopf.
-
-Klaus Tiedemann ließ sich schwer in den gepolsterten Sessel fallen und
-sah seinen Jüngsten an. »Ein wenig blaß bist du doch noch! Gehe heute
-lieber nicht in die Schule!« sagte er.
-
-»Meinst du, Papa?«
-
-»Was du da drinnen versäumst, kannst du noch hundertmal einholen,
-bleib' daheim!«
-
-»Danke, Pa!« Leo schaute triumphierend zu seiner Schwester hinüber.
-»Dann lege ich mich aber noch ein wenig hin, denn ich bin recht müde;
-jetzt kann ich's ja sagen!«
-
-»Tue das!«
-
-»Servus! Kommst du ein bißchen zu mir hinauf, damit wir plaudern
-können?«
-
-»Gewiß, mein Kind!«
-
-Es lag väterlicher Stolz und Liebe in dem Ton der Worte und dem Blick,
-den Klaus Tiedemann der hoch aufgeschossenen Gestalt seines Sohnes
-nachsandte, bis sie verschwunden war. Dann meinte er zu Hilde mit
-einer entschuldigenden Färbung in der Stimme: »Die Schulmeister täten
-mir den Buben ganz ruinieren, wenn ich nicht hier und da einen Riegel
-vorschieben würde.«
-
-»Ja,« antwortete sie; und ihr kamen die Worte nur schwer aus der Kehle,
-weil sie an den ewigen Irrtum und die allzu große Nachsicht ihres
-Vaters denken mußte, »aber Leo sollte sich auch _selbst_ mehr schonen!«
-
-»Das tut er so Hilde; sieh darauf, daß er immer Wein trinkt!«
-
-Er faltete die Zeitung auseinander; aus alter Gewohnheit begann er
-zuerst mit dem rückwärtigen, volkswirtschaftlichen Teil. Dadurch schien
-er an das Geschäft und mit diesem an Fred erinnert zu werden. »Ist Fred
-schon dagewesen?« fragte er.
-
-»Nein, Papa!« Hilde wartete vergeblich auf Antwort. Nur die Zeitung
-knisterte.
-
-Sie schüttelte den Kopf: daß er Fred so blind vertraute! Er hatte doch
-eigentlich keinen Grund dazu! Der Aelteste hatte nie viel Lust für das
-Werk seines Vaters empfunden und ging oft nur ins Kontor, weil ihn
-sein Vater dazu zwang. Als Fred vom Militär zurückgekommen war -- am
-liebsten wäre er dabei geblieben --, hatte sein Vater darauf bestanden,
-daß er in die Firma eintrat. Es war ein harter Kampf gewesen, doch
-Klaus Tiedemann hatte gesiegt! Da es die Sicherung seines Lebenswerkes,
-seines Hauses galt, war er ein anderer als sonst: er gab nicht nach!
-Fred fügte sich seufzend in sein Schicksal, um das ihn Millionen
-Aufstrebender beneidet hätten. Doch von der Zeit an schien sein Vater
-jede Lust zum Geschäfte verloren zu haben; er sehnte sich plötzlich
-nach Ruhe: Wenn Fred schon Kaufmann sein mußte, so sollte er auch
-_Chef_ sein. Als Fred Lust am Geschäft zu finden schien, trat sein
-Vater zurück. Er war schließlich 70 Jahre alt, da kam die Jugend ins
-Recht!
-
-Hilde saß mit hängenden Armen und wartete, ob der Vater etwas benötigen
-sollte.
-
-Es vergingen stille Minuten.
-
-In der Ruhe, die sie umgab, schlichen ihre Gedanken wieder in die
-Ferne. Sie dachte: ihre Mutter -- vor Jahresfrist war sie gestorben! --
-sie trugen noch die Trauergewänder für sie -- war eine Frau gewesen,
-die sich nicht viel um die Kinder bekümmerte, die ihr halbes Leben auf
-der Chaiselongue verbrachte, mit Kopfweh und Nervenzuständen. Klaus
-Tiedemann mochte nicht der richtige Mann für sie gewesen sein, etwas zu
-selbstherrlich und zu gewaltsam, wenigstens die ersten Jahre der Ehe.
-Das schien mit der Zeit von ihm gefallen zu sein. Hilde erinnerte sich
-mancher garstiger Szene zwischen den Eltern in früheren Jahren. Mama
-sprach stets mit gewisser Rückhaltung von Papa, der eben aus _anderen_
-Kreisen stammte als sie, die Tochter des Konsuls. Das hörte ihr Vater
-nicht gern, denn er versuchte seine Vergangenheit zu vergessen,
-obgleich sie ihm aus eigener Kraft zu Ansehen und Reichtum verholfen
-hatte. Schon seiner Kinder wegen wollte er nicht daran erinnert werden;
-sie hatten ihn stets nur als einen reichen und -- nach Klaus Tiedemanns
-Meinung -- daher vornehmen Mann gekannt, und er war ängstlich bemüht,
-sie dabei zu lassen.
-
-Der Kinder wegen war ihm nichts zu viel, an denen hing er mit rührender
-Liebe: weniger an den Töchtern, über die Frauen hatte er überhaupt
-seine eigene Meinung, die auch zu seiner Ehe geführt und seine ältere
-Tochter Clotilde, heute Clo Baronin Lecart, zu ihrer Wahl geleitet
-hatte. Aber seine Söhne waren ihm alles; diese eleganten jungen Leute,
-denen jeder Salon offen stand, konnten alles von ihm haben. Willig
-ordnete er sich ihnen unter. Hilde fuhr zusammen und sah auf: Vater
-hatte mit hastigem Ruck ein Blatt der Zeitung umgeschlagen. Ohne daß
-sie hinblickte, wußte sie, daß es die Kunst- und Theaternachrichten
-waren. Ihr Denken erhielt eine neue Richtung: Warum spielte Leo
-stets auf Hansen, seinen früheren Lehrer, an, wenn er sie kränken
-oder in Verlegenheit bringen wollte? Glaubte er, daß sie für den
-Karikaturenzeichner Sympathie empfände? Und wenn, was ging das ihn an?
-Sie bewegte trotzig den Kopf: was ging das ihn an? Vater merkte nichts,
-sonst hätte er gesprochen, der hatte andere Pläne mit ihr, das wußte
-Hilde! Klaus Tiedemanns Schwiegersöhne mußten Namen von Klang haben und
-in der Gesellschaft etwas gelten; das war beides bei J. A. Hansen nicht
-der Fall. Der hatte nur eine alte Mutter und seine freche Hand, die den
-Menschen an der schwächsten Seite zu packen wußte -- an der Eitelkeit.
-Das vergab ihm niemand. Hilde seufzte: Es mußte wohl so im Leben sein,
-daß manchem sein Können schadete und ihm Feinde schuf! War nicht auch
-Gerhard unbeliebt, trotzdem er, wie Vater selbst zugab, dem Geschäft in
-einem kurzen Jahr unentbehrlich geworden war? Gerhard stammte aus ihres
-Vaters _erster_ Ehe.
-
-Es mußten unangenehme Erinnerungen sein, die Klaus Tiedemann an diese
-Zeit im Herzen trug, denn nie sprach er davon. Seine erste Frau war
-früh gestorben und Gerhard war in fremden Händen aufgewachsen. Erst
-nach dem Tode seiner zweiten Frau hatte sich der Vater an seinen Sohn
-aus erster Ehe erinnert. Des Konsuls Tochter hätte es nicht zugegeben,
-und Klaus Tiedemann hatte durch seiner Frau Widerstand einen ihm lieben
-Entschuldigungsgrund gefunden, sein Kind nicht wiederzusehen. So war
-Gerhard spät in seines Vaters fremdes Haus gekommen.
-
-Draußen schellte die Glocke und tönten Stimmen, Säbelklirren und
-Sporenklang.
-
-Hastig faltete Klaus Tiedemann die Zeitung zusammen. »Es ist Fred,«
-sagte er hochachtungsvoll. »Er bringt jemanden mit,« in sorgender Eile
-überflog sein Blick den gedeckten Tisch, »nimm die Eierschalen weg
-und gib die Zuckerzange her.« Er fuhr herum: die Tür ging auf, Freds
-Hand wurde sichtbar, die den Flügel hielt, um dem Gast den Vortritt zu
-lassen: ein Offizier; er schlug die Sporen zusammen, verneigte sich und
-sagte: »Die Herrschaften verzeihen meinen Ueberfall!«
-
-Klaus Tiedemann hob devot die Hand. »Bitte, bitte recht sehr, doch
-einzutreten.«
-
-»Freiherr von Olthoff« stellte sich der Gast vor und verneigte sich.
-Hilde sah einen tadellosen Scheitel, der sich nach hinten im spärlichen
-Haar verlor, das schwarz und fett auf dem Kopfe haftete; leises
-Unbehagen beschlich sie, als er ihre Hand zum Munde führte. Sein langer
-Blick überflog sie.
-
-»Servus, Fred,« im Vorübergehen klopfte der alte Tiedemann seinem
-Sohne liebkosend auf den Arm, dann riß er die Portiere zur Seite:
-»Bitte hier in den Salon!«
-
-»Der Dame den Vortritt.« Olthoff ließ Hilde vorangehen und musterte in
-Eile die schweren eichenen Möbelstücke, die von dem sezessionistischen
-Tand der übrigen Einrichtung sonderbar abstachen. »Ich sehe, man liebt
-hier das Neue.« Klaus Tiedemann hörte gern das Lob seiner Bemühungen,
-er war angenehm berührt von des anderen Art.
-
-»Man geht mit dem Fortschritt! Uebrigens das ist Freds Verdienst.«
-
-»Also _du_ bist der Künstler?« Olthoff wendete sich für einen
-Augenblick zu Fred, der sich eine Zigarette anzündete, dann
-entschuldigte er sich neuerlich: »Ich mache mir wirklich Vorwürfe, daß
-ich so ohne weiteres die Herrschaften inkommodiere, aber wir waren so
-lustig zusammen, weil ‚Franklin’ so gut bestanden hatte, daß ich mich
-leicht überreden ließ.«
-
-»Mache doch keine Umstände,« Fred Tiedemann sprach mit hoher, gesucht
-vertraulicher Stimme, »meine Leute freuen sich, dich kennenzulernen,
-nachdem ich ihnen schon viel von dir erzählt habe!«
-
-»Gewiß, Herr Baron, wir sind Fred sehr verbunden, daß er uns Ihre werte
-Bekanntschaft vermittelte,« sagte Klaus Tiedemann schnell.
-
-Olthoff verneigte sich, daß die Sporen klangen. »Sehr angenehm.«
-
-»Wollen Herr Baron nicht eine Erfrischung zu sich nehmen?«
-
-»Nein, danke, wir haben reichlich gefrühstückt.«
-
-»Vielleicht könntest du, Hilde, ein Glas Wein an ...« Hilde war langsam
-aufgestanden, doch schon versperrte ihr Olthoff den Weg:
-
-»Sehr liebenswürdig, aber ich danke wirklich! Bitte doch Platz zu
-behalten. Bitte!« Als sie wieder saßen, nickte er Hilde zu: »Gnädiges
-Fräulein müssen die Stelle der Hausfrau vertreten?«
-
-Seine Reden klangen konventionell und gezwungen, ein leichter Hauch von
-der Ueberlegenheit des Mannes war darin und: Oberflächlichkeit. Hilde
-merkte mit scharfen Sinnen: das war einer, der ihr gegenüber die Art
-ihrer Leute hatte, nun begriff sie Freds Sympathie!
-
-Der suchte stets Bekanntschaften, die ihm in der Gesellschaft durch
-Namen oder Aehnliches nützen konnten! Sie zuckte die Achseln und sagte:
-»Natürlich!«
-
-»Gnädiges Fräulein haben noch einen zweiten Bruder?«
-
-»Ja!« Klaus Tiedemann, der mit Zigarrenkistchen im Arm vorüberging,
-streichelte ihr die Wangen; seine Worte kamen oft verspätet:
-
-»Nur nicht zu bescheiden sein, Mädel!« Hilde zuckte zusammen, ihr tat
-die gutgemeinte Berührung in Gegenwart des Fremden weh. Der wendete
-sich zu Klaus Tiedemann:
-
-»Ein herber Verlust, wenn den Kindern die Mutter entrissen wird; auch
-meine Mama starb früh.«
-
-Klaus Tiedemann nickte. »Es ist übermorgen ein Jahr; meine arme Frau;
-sie war eine Geborene _von_ Wesenheim.«
-
-Olthoffs verwittertes Gesicht überflog für eine Zehntelsekunde ein
-Lächeln, das sein gelbes Antlitz unter dem schwarzen Schnurrbart
-häßlich verzog. »Sie haben einen guten Ersatz,« er sah mit kecken Augen
-auf Hilde, die befangen vor sich niederblickte.
-
-»Darüber ließe sich streiten,« warf Fred Tiedemann ein.
-
-»Nicht doch, Hilde hilft uns in vielem.«
-
-Fred lenkte ab, ihm mochte die Wendung des Gespräches nicht behagen:
-»Also, Olthoff, sage mal, du als Kavallerist, ob ‚Franklin’ nicht
-wirklich Chancen hat? -- Papa glaubt's nämlich nicht.«
-
-Wie elektrisiert fuhr der Angesprochene herum. »Ich sage Ihnen, nur
-der, der _ihn_ schlägt, gewinnt das Rennen.«
-
-»Na also,« lachte Fred Tiedemann wegwerfend.
-
-»Mich soll es freuen, wenn du mit deinen Rennfarben gleich von Anfang
-an Glück hast,« sprach bedächtig Klaus Tiedemann.
-
-»Uebrigens, Papa: wir haben außerdem einen anderen famosen Gaul in
-Aussicht!«
-
-»Du willst schon wieder ein Pferd kaufen?« Des alten Tiedemanns Stimme
-erhielt etwas Kleinlich-nörgelndes. »Du mußt ja schon ein Dutzend
-beisammen haben?«
-
-»Sogar mehr!«
-
-Olthoff mischte sich ins Gespräch: »Ihr Herr Sohn fängt die Sache mit
-Geschick an: man würde gar nicht glauben, daß er der erste ist, der in
-der Familie diese Passion hat.«
-
-»Ich habe nie besonders dafür geschwärmt,« beeilte sich der Alte zu
-sagen und faltete nervös die Hände zusammen, »doch ihr Jungen seid uns
-ja heute in allem über.«
-
-»Du hattest keine Zeit dazu!« Hildes Stimme klang heiser und
-kampfbereit: glaubte Papa wirklich, daß seine Söhne höher stünden? Fred
-winkte ihr mißbilligend ab: »Warum hätte Papa keine Zeit haben sollen?«
-sagte er. »Wir Kinder haben ihn nicht gehindert: und das Geschäft läuft
-von selbst weiter.«
-
-Es klopfte jemand an die Tür. Fred rief: »Herein.«
-
-Eine breite, muskelkräftige Gestalt, mittelgroß, die unverkennbare
-Aehnlichkeit mit dem alten Tiedemann trug, trat über die Schwelle;
-eine sichere Stimme sagte kurz: »Guten Morgen.« Die Aussprache hatte
-englischen Akzent. Gerhard Tiedemann ging mit schweren Schritten auf
-seinen Stiefbruder zu und sagte sachlich:
-
-»Wir brauchen dich drunten im Kontor, zum Unterschreiben, wir können
-die Sachen nicht länger liegen lassen.«
-
-Unwillig hatte sich Fred im Sessel herumgeworfen. Nun galt es, den Chef
-zu zeigen. Er zog die Stirn in Falten. »Ich komme; so lange wird es
-wohl noch Zeit haben!?«
-
-Gerhards energisches Gesicht blieb ruhig. »Ich habe die Sachen
-mitgebracht; sie liegen nebenan.«
-
-Klaus Tiedemann wackelte vergeblich mit dem Kopfe, um der peinlichen
-Szene -- doppelt unangenehm, weil sie vor einem Fremden stattfand --
-ein Ende zu machen. Auch in ihm war Aerger über Gerhards eigenwilliges
-Benehmen. Was mußte sich Olthoff denken?
-
-Als Fred keine Antwort gab, klang abermals Gerhards Stimme: »Es handelt
-sich vor allem um die Wechsel für Lecart, deren dieser dringend
-benötigt.«
-
-Fred war aufgesprungen und maß den Sprecher von Kopf bis zu den Füßen,
-dann ging er voraus ins Herrenzimmer.
-
-Klaus Tiedemann sah seinen Kindern nach, von denen er das, welches die
-Art seiner eigenen Jugend trug, nicht liebte. Wie derb und gewöhnlich
-war dessen Gestalt gegen die elegante Figur Freds!
-
-Es vergingen verlegene Minuten.
-
-Schnell und unvermittelt, um der Situation Herr zu werden, frug
-Tiedemann:
-
-»Sind Herr Baron schon lange hier in Garnison?«
-
-Olthoff lächelte, daß kleine Fältchen um seine Augen aufsprangen: »Erst
-wenige Monate; ich bin Jahre in der Provinz gewesen.«
-
-»Ich denke mir das Leben dort nicht so unangenehm?«
-
-»Es ist fad.«
-
-»Dafür gilt aber der Offizier dortselbst mehr als hier in der
-Großstadt. Besonders bei der Damenwelt. Nicht?«
-
-Olthoffs Stimme wurde interessiert: »In der Provinz sind meist nur
-verheiratete Damen. Die sind gewiß für uns Junggesellen _sehr_
-angenehm; aber in einer Kleinstadt läßt sich so etwas nicht ausnutzen.«
-
-»Ich verstehe.« Klaus Tiedemann lachte in der ihm eigenen bedächtigen
-Art und sah fragend nach Hilde hinüber: ob die zimperlich sei?
-
-Olthoff bemerkte den Blick und sagte: »Gnädiges Fräulein verzeihen, daß
-ich so sprach?«
-
-»Bitte!« Sie erhob sich jäh; auch er stand. »Nun habe ich lange genug
-gestört.«
-
-»Nicht im geringsten,« sagte Klaus Tiedemann, vor Hilde tretend, »ich
-werde sofort Fred rufen lassen. Ich weiß nicht, warum er so lange
-fortbleibt.«
-
-Olthoff legte Klaus Tiedemann die Hand auf den Arm; er sagte
-verbindlich »Bitte, ihn herzlich von mir zu grüßen, und nochmals
-Verzeihung für mein Stören!«
-
-»Aber ich bitte!«
-
-»Sie müssen es auf Kosten Ihrer Liebenswürdigkeit setzen.«
-
-Klaus Tiedemann verneigte sich: »Kommen Sie recht oft und recht bald
-wieder, Herr Baron!«
-
-»Wenn Sie gestatten, mit größtem Vergnügen!« Olthoff schlug die Hacken
-zusammen. »Bitte Fred zu sagen, er soll mich antelephonieren. Er will
-ein Auto kaufen, und da möchte ich ihm gern fachmännisch raten,« fügte
-er erläuternd hinzu.
-
-»Herr Baron sind sehr liebenswürdig!«
-
-Olthoff sandte noch einen Blick zu Hilde, die unmerklich den Kopf
-neigte. Dann ging er. Der alte Tiedemann begleitete ihn.
-
-Hilde stand auf und seufzte:
-
-Ein Tag war begonnen in alter Art.
-
-
-Nach Tisch gab es eine erregte Szene: Fred aß nicht mit den Seinen, weil
-er sich nicht, wie er sagte, bei seinen mannigfaltigen Obliegenheiten
-an eine feste Eßstunde binden konnte. Heute war er jedoch auf ein paar
-Minuten gekommen, um seinem Vater die letzten Abmachungen für die
-morgige Eröffnung des Industriehauses mitzuteilen. Darüber war Klaus
-Tiedemann in Aerger und Aufregung geraten. Er sollte den Minister mit
-einer kurzen Ansprache begrüßen. Solange zu arbeiten gewesen und zu
-raten, hatte man auf ihn bauen können, jetzt sollte man ihm seine Ruhe
-lassen.
-
-»Ich tu's nicht,« sagte er mißmutig und sah ärgerlich zu Boden.
-
-»Du mußt; es bleibt dir nichts anderes übrig, willst du uns nicht alle
-bloßstellen.«
-
-»Wen? Alle?«
-
-»Du bist Obmann des Aktionskomitees und hast als solcher die Pflicht,
-zu sprechen.«
-
-Klaus Tiedemann gab voll Grimm keine Antwort.
-
-Hätte man ihn nicht hineingejagt in das Ganze, wäre alles gut; die
-Geschichte mit dem Industriehaus ging jetzt schon über vier Jahre! Die
-Vereinigung der Großindustriellen hatte sich nach langem Herumstreiten
-zum Bau eines Vereinshauses entschlossen, und Tiedemanns verstorbene
-Frau hatte es verstanden, dafür zu sorgen, daß ihr Mann dem Werke
-in leitender Stelle gegenüberstand. Er hatte sich gefügt, in einer
-Anwandlung befriedigten Stolzes, daß man zu ihm gekommen war.
-
-Die anderen Mitglieder des Ausschusses waren damit zufrieden,
-ihre Namen so oft als möglich in die Zeitungen, anläßlich der
-Sitzungsberichte, zu lancieren. Klaus Tiedemann hatte gestützt
-auf seine reichen Erfahrungen, sich voll in den Dienst der Sache
-gestellt und gearbeitet. Sein Aerger, über die Aufforderung und seine
-Unfähigkeit, ihr zu entsprechen, waren desto größer, als er wußte, daß
-es ihm eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes zustand, das Haus zu
-eröffnen.
-
-Aber er war zu befangen! Woher auch in der Geschwindigkeit eine Rede
-nehmen? Er war keiner von denen, die für das, was sie empfanden, gleich
-die richtigen Worte fanden.
-
-Das sagte er Fred.
-
-Doch der lachte: »Sei nicht so schwerfällig -- so ein paar leere Worte
-sind doch bald beisammen.«
-
-»Meinst du?«
-
-Ueber den alten Mann kam ein leises Zittern der Freude; es würde
-ihn doch eigentlich freuen, wenn er den Minister begrüßen könnte.
-Unverwischbar waren die Vorurteile des niederen Standes, in dem er
-geboren. »Du könntest mir eigentlich ein paar Worte aufsetzen,« sagte
-er gepreßt zu Fred und sah angelegentlich auf seine Fingernägel, die
-breit und gewölbt waren. »Ja?«
-
-»Ich?« Fred Tiedemann fuhr ärgerlich auf, »was fällt dir denn ein? Ich
-kann doch nicht stumm daneben stehen, wenn du _meine_ Worte redest!«
-
-Klaus Tiedemann hing den Kopf.
-
-»Fred! _Den_ Gefallen mußt du Papa tun!« sagte Hilde.
-
-»Was weißt denn du! Wenn Papa spricht, soll er sich die Sätze auch
-selbst zusammenstellen.«
-
-»Du bist häßlich.«
-
-»Laß nur, Hilde,« ihr Vater drückte sie auf den Sessel nieder, »ich
-werde es schon allein machen.« Er atmete schwer; es war ihm nicht
-leicht gefallen, seinen Sohn darum zu ersuchen; er ging zur Tür hinaus.
-
-»Du hast Papa weh getan,« sagte Hilde vorwurfsvoll.
-
-Schnell war Leo in die Höhe:
-
-»_Ich_ werde Papas Rede aufsetzen,« rief er und lief zur Tür, »du bist
-ein Esel, Fred.«
-
-»Wird hübsch werden«, rief ihm Fred nach. Er trommelte auf die
-Tischplatte: »So ein Frechling!«
-
-»Ich versteh' dich nicht.« Hilde schüttelte den Kopf. »Du mußt doch
-gesehen haben, Fred, wie viel Papa daran lag, daß du ihm behilflich
-bist. Was hat er für dich getan!«
-
-»Wär' ich der Vater, so hätt' ich's auch getan.«
-
-Sie sah ihn mit langem Blicke bittend an[.] »Setze ihm die Rede auf,
-Fred! Nachmittags lernt er sie auswendig, und alles ist recht.«
-
-»Nein! Ich seh' nicht ein, warum man ihn in seiner Schwäche
-unterstützen soll. Er hat oft genug davon gesprochen, was er für ein
-tüchtiger Kaufmann gewesen ist; er wird das auch zusammenbringen.«
-
-Sie gab keine Antwort.
-
-
-In reichem Schmucke prangte das Industriehausvestibül. Die Herren im
-Frack streckten die Hälse, vorsichtig balancierten sie die Zylinder.
-Draußen, nur durch Glas und Eisen getrennt, klatschte der Regen auf die
-breiten Granitstufen, welche das Vestibül gegen die Straße abschlossen.
-Jeden Augenblick mußte der Minister vorfahren.
-
-Klaus Tiedemann stand mit leise murmelnden Lippen neben der gleißenden
-Statue Merkurs. »... festhalten in Treue am zünftigen Beruf ...« Er
-konnte sich Leos Worte nicht merken, es war zuviel jugendlicher Schwung
-darin. Der Schweiß war auf seiner Stirn, polternd fiel der Zylinder
-zu Boden. Er hob ihn auf und ließ das Konzept fallen. Die Umstehenden
-sahen ihn an: »Das konnte gut werden!« Es waren meist Altersgenossen
-Freds, mit deren Vätern er gearbeitet hatte. Sie empfanden keinen
-Zusammenhang mit dem alten Mann.
-
-»Er kommt.«
-
-Ein Wagen fuhr vor, die mächtigen Torflügel öffneten sich, brausend
-sprang der Wind von der Straße in die Topfpflanzen, welche des
-Landesherrn Büste schmückten.
-
-Alles verneigte sich vor dem Minister und drängte vorwärts.
-
-Klaus Tiedemann fühlte sich gestoßen, in den Vordergrund geschoben;
-unordentlich saß der Frack auf seiner vierschrötigen Gestalt. Jedes
-Wort war ihm entfallen; die Knie zitterten. Er sah gebeugte Rücken.
-Lackschuhe schliffen auf den Fließen.
-
-Die Vorstellung der Herren war schon im besten Gang.
-
-Instinktiv suchte Klaus Tiedemann einen Ausweg aus der Menge; er
-drängte der Tür zu. Sein Herz hob an, in schweren Schlägen zu pochen.
-
-Er sah, wie sich die Köpfe nach ihm wendeten. Plötzlich war Fred an
-seiner Seite. Wie ein Ertrinkender griff Klaus Tiedemann nach dessen
-Arm:
-
-»Ich kann nicht reden.«
-
-»Warum?«
-
-Klaus Tiedemann rang nach Luft. »Mir ist nicht gut; ich glaube, mich
-trifft der Schlag«, er zwängte die weißbehandschuhte Rechte in seinen
-Hemdkragen. »Hilf mir!«
-
-»Ich will dich vertreten.«
-
-Die Worte waren rasch hin und her geflogen; vor beiden öffnete sich
-eine Gasse. Die Herren sahen erwartungsvoll auf Klaus Tiedemann.
-
-Mit schnellem Schritt trat Fred vor und verneigte den wohlfrisierten
-Kopf; seine Gestalt deckte die seines Vaters. »Eure Exzellenz.
-Hochbeglückt sieht der Verein der Großindustriellen unseres geliebten
-Heimatlandes seit langem dem heutigen Tage entgegen, der uns ein Heim
-geben soll für dauernde Zeiten ...«
-
-In leichtem Tone flossen wohlgesetzte Worte an Klaus Tiedemanns Ohren
-vorbei, daß er freudig den Kopf hob und zur Seite trat, um in Freds
-Gesicht Ausblick zu gewinnen.
-
-»... Euerer Exzellenz Gegenwart gibt uns die frohe Zuversicht, daß
-unser Bestreben von maßgebender Seite gewürdigt und unterstützt wird
-...«
-
-Er war stolz auf seinen Sohn!
-
-Der sprach zu Ende:
-
-Er pries den Kaufmannsstand, dem die ganze Welt offen stünde, er
-sprach davon, wie verfehlt es sei, wenn die Gewerbetreibenden ihre
-Söhne die Mittelschule nur zu dem Zwecke besuchen ließen, um sie die
-Beamtenkarriere oder einen der gelehrten Berufe ergreifen zu lassen:
-»... Der Kaufmannsstand selbst bedarf tüchtiger, gebildeter Kräfte, die
-ins Leben hinausziehen, den Ruhm unseres Vaterlandes zu mehren.«
-
-Er schloß unter allgemeinem Beifall mit einem Hoch auf die Person des
-hohen Gastes ...
-
-Sie umdrängten Fred Tiedemann, dem der Minister die Hand schüttelte.
-Dann sprach auch der ein paar Worte; seine Rede klang aus in ein Hoch
-auf den Landesherrn.
-
-Dann begann der Rundgang.
-
-Klaus Tiedemann wollte seinem Sohne danken, doch er konnte ihn nicht
-erreichen; vergebens sah er sich nach ihm um. Fred ging ganz vorn, an
-der Spitze des Zuges.
-
-Tafeln hingen an den Wänden und zeigten die Zunahme des Exportes.
-Steile Kurven klommen an den Mauern hinan; sie wiesen die enorme
-Entwicklung einzelner Branchen.
-
-Durch den Festsaal und das Stenographenzimmer ging es zu den
-Fremdenappartements. Dann kamen die ausgedehnten Bureaus, die Schreib-
-und Lesezimmer, die ausgewählte Fachwerke enthielten über sämtliche
-Handelsgebiete. Klaus Tiedemann drängte sich vor. -- Sie waren in das
-Informationszimmer getreten, eine Neueinrichtung, zu der er geraten
-hatte. Die Nächststehenden wehrten ihm den Ausblick; dunkle Röte stieg
-in sein Gesicht.
-
-Er hörte, wie sein Sohn die Erklärung gab, wie er die Schemas zeigte,
-nach denen die einschlägigen Adressen und sonstigen Informationen
-schnell zu finden waren. Klaus Tiedemann hatte hier die Erfahrungen
-seines arbeitsreichen Lebens niedergelegt. Jeder Interessent konnte
-sich hier über alles Wissenswerte unterrichten; sämtliche Länder der
-Erde waren vertreten. Klaus Tiedemann hörte lobende Stimmen, die seinem
-Werke galten; ihn selbst beachtete niemand. Er drehte sich um; hinter
-ihm stand der Architekt, der das Gebäude geschaffen hatte, der Wochen
-und Monate mit ihm gearbeitet hatte, derweil die anderen sich um
-nichts bekümmerten. Auch der lächelte bitter. Sie verstanden sich ...
-
-Der Zug ging weiter, dem nächsten Stockwerk zu; wie eine lange Schlange
-wand er sich durch die Räume.
-
-Klaus Tiedemann senkte den Kopf; er ging als letzter.
-
-
-Sie saßen am nächsten Tage, nach dem Abendessen beisammen. Klaus
-Tiedemann hatte einen großen Bogen weißen Papiers vor sich liegen.
-
-»Ich bin auf jeden Fall _dagegen_!« sagte Fred und streifte die Asche
-von seiner Zigarre.
-
-»Ich auch.«
-
-»Ihr wollt Görnemann diesmal nicht einladen?« Hilde sah erstaunt von
-ihrer Stickerei in die Höhe. »Warum denn?«
-
-Klaus Tiedemann ließ seinem Sohn das Wort. Er sah ihn erwartungsvoll
-und ermunternd an. Fred sprach:
-
-»Mit den alten Gewohnheiten muß endlich einmal gebrochen werden. Jetzt,
-wo wir nach Mamas Tod das erste Souper geben, ist die beste Gelegenheit
-dazu. Was soll Görnemann in dieser Umgebung? Unser Bekanntenkreis ist,
-Gott sei Dank, mit der Zeit ein anderer geworden. Einen Fürsten Solt
-und eine Baronin Wolny können wir nicht mit Herrn Sebastian Görnemann
-zusammenbringen. Da gibt es doch gar nichts zu reden, und auch Olthoff
-würde sich für eine solche Bekanntschaft bedanken.«
-
-Er nahm seinem Vater den Bleistift aus der Hand und zog einen dicken
-Strich durch den Namen seines ersten Angestellten.
-
-»Ganz richtig«, sagte Leo, den es gar nichts anging. Hilde schwieg und
-beugte sich tief über ihre Arbeit.
-
-»Es wird ihm selbst so lieber sein«, tröstete der alte Tiedemann eine
-Regung in seinem Innern. Dann atmete er gleich wieder schwer: »Das ist
-bei Gerhard etwas ganz anderes, der trägt unseren Namen.«
-
-»Du willst Gerhard bei uns haben?« Aus Freds Frage klang Ueberraschung
-und Ungeduld. »Ja, sage mir nur, aus welchem Grunde?«
-
-»Ich denke wohl? Was würden denn die Leute sagen, wenn ich es nicht
-täte; sie tratschen ohnehin genug, daß er nicht bei uns wohnt! Er ist
-doch mein Sohn.«
-
-»Nun ja; aber eben -- aus deiner ersten Ehe!«
-
-Unsicher blickte der Alte um sich. Scheue und herannahender Unwille
-kämpften in ihm. Er spreizte die Daumen gegeneinander und sah mit
-schiefem Kopf zu Fred hinüber; in ihm war die Erinnerung an gestern:
-»Laß das«, grollte es aus ihm. »Genug, daß er mein Kind ist. Er hat das
-Recht, dasselbe zu verlangen wie ihr.«
-
-»Du sprichst doch nicht im Ernst, Papa?«
-
-Fred lief mit langen Schritten im Zimmer herum.
-
-»Setze dich her!« des alten Tiedemanns Stimme gewann Schärfe, »laß das
-Räsonieren! Er ist mein Sohn und hat bis heute bei Gott noch nicht zu
-viel Anspruch darauf erhoben! Ich habe ihn zwanzig Jahre nicht gesehen.
-~Bon!~ Mutter hat er nicht gekannt ...« des alten Mannes Rede begann
-zu hasten, »sie ist gleich nach seiner Geburt gestorben, und ich bin
-herüber nach Europa und bin hier geblieben. Er hat von mir nur gewußt,
-daß ich sein Vater sein muß, weil ich denselben Namen habe und ihm Geld
-schicke. Er ist mir fremd, ich hab' euch lieber als ihn, aber er bleibt
-mein Kind.«
-
-»Gut!« Fred schlug mit zynischem Lächeln die Hand auf den Tisch. »Gut,
-daß Mama tot ist.«
-
-Die Zornesader schwoll auf des Alten Stirn.
-
-»Fred«, sagte Hilde mahnend, und auch Leo, der von seinem üblichen
-Halbschlummer aufgewacht war, winkte dem Bruder ab. Doch der war viel
-zu zornig, um es zu bemerken:
-
-»Da willst du Gerhard wohl auch einmal in die Firma aufnehmen, ihn
-vielleicht gar zu meinem Mitchef machen?« fragte er herausfordernd.
-
-»Und wen würde das kümmern?«
-
-Für einen Augenblick zögerte Fred mit der Antwort: er kannte den Vater
-von dieser Seite nicht; dann brach er los: »Nun, hörst du, Papa, das
-übersteigt alles Erdenkliche! Das hätten Mama oder ihre Verwandten
-erfahren sollen! Sie hätten nie eingewilligt, daß Gerhard zu uns kommt;
-das sind die Folgen ...«
-
-Eine tiefe Falte zog sich um des alten Tiedemanns Mund. »Wer hat
-die Firma Klaus Tiedemann gegründet und hochgebracht?« fragte er.
-»Deine Mutter oder ich? Wer hat mir dabei geholfen? Die Wesenheims
-vielleicht? Die haben mir nicht das Leben vergönnt! Wie ein Hund hätte
-ich zugrunde gehen können, sie hätten nicht die Hand gerührt. Erst als
-ich ihnen Stück für Stück ihren Boden entrissen hatte und der Bankerott
-unausbleiblich war, dann waren sie umgestimmt. _Dann_ durfte ich sogar
-die Tochter heiraten ...« Fred stand auf.
-
-»Papa! Kein Ehrenmann spricht so über seine Frau, am wenigsten vor
-seinen Kindern. Wenn du so zu sprechen fortfährst, muß ich das Zimmer
-verlassen.«
-
-Erschreckt und verlegen hielt sein Vater inne. War er zu weit gegangen?
-Die Unsicherheit seiner niederen Geburt nahm ihn oft gefangen seinem
-eigenen Kinde gegenüber. Fred kannte sich in solchen Sachen aus! Gewiß
-war ihm wieder der Zorn durchgegangen; er wollte ja niemandem unrecht
-tun; gerade darum hatte er ja so gesprochen! Es war ja auch nur zur
-Hälfte seine Ueberzeugung, was er über Gerhard gesagt hatte, aber es
-war durch Freds Widerspruch etwas in ihm aufgerührt worden, das von
-seiner hart durchlebten Jugend in ihm zurückgeblieben war als eiterndes
-Geschwür. Er suchte einzulenken:
-
-»Für diesmal müssen wir Gerhard wohl einladen. Wer weiß, ob er kommt,
-und wegen dem anderen, Fred,« er blickte seinen Sohn begütigend an,
-»laß dir keine grauen Haare wachsen, du kommst gewiß nicht zu kurz;
-meinst du nicht selber?«
-
-Fred nickte, er konnte nur schwer ein befriedigtes Lächeln verbergen:
-
-»Machen wir weiter!«
-
-Schnell griff der Alte nach der Liste; er sagte:
-
-»Fürst Solt, den mußt du persönlich auffordern, Fred.«
-
-»Ich treffe ihn heute im Klub.«
-
-»Gut.«
-
-»Baronin Wolny werde ich selbst morgen einladen. Ich fahre vormittags
-zu ihr, vielleicht könnte man auch bei uns am gleichen Abend über das
-Wohltätigkeitsfest einig werden -- so eine kleine Komiteesitzung ~entre
-nous~ wäre nicht schlecht!«
-
-»Und ihren Sohn soll sie auch mitbringen; vielleicht wird das ein
-Verkehr für Leo!«
-
-»Für mich?« fragte der erstaunt.
-
-»Ich glaube nicht, Papa,« sagte Fred, »er ist ein hochmütiger,
-überspannter Bursche. Kaum zu glauben, daß eine so natürliche Mutter
-einen solchen Sohn hat.«
-
-Hilde mischte sich ins Gespräch: »Sie ist Kunstreiterin gewesen? Der
-Gesandte, ihr verstorbener Mann, mußte mit seiner Familie brechen, als
-er sie heiratete?«
-
-»Dummes Geschwätz,« fuhr Fred auf, »kein wahres Wort ist daran; sie ist
-eine riesig gebildete, feine Frau, die in den ersten Kreisen der Stadt
-verkehrt.«
-
-»Hilde hat's ja auch nur von Hansen gehört,« lachte Leo, »und bei dem
-muß man immer nur die Hälfte glauben mit seinem frechen Maul.«
-
-»Leo,« in bitterer Verlegenheit preßte die Schwester die Lippen
-zusammen, »du weißt wohl wieder nicht recht, was du daher redest?«
-
-»Oh, ganz genau,« kam in streitseliger Behaglichkeit die Antwort, »es
-ist so.«
-
-»Apropos,« sagte Fred Tiedemann, »weil Hansen erwähnt wurde: den müssen
-wir diesmal entschieden einladen!«
-
-»Hansen? Nein! Warum den?« Der alte Tiedemann schien dem
-Karikaturenzeichner wenig Sympathie entgegenzubringen, »den kann man
-doch nicht mit Solt zusammenbringen.«
-
-»Wir brauchen ihn für das Wohltätigkeitsfest! Laden wir ihn nicht ein,
-macht er uns dann nicht den Narren -- und wir haben keinen anderen, der
-so schnell arbeitet und uns die Sachen umsonst überläßt.«
-
-»Aber die Geschichte mit den Solts!«
-
-»Welche denn?«
-
-»Na hörst du!«
-
-»Ich weiß wirklich nicht.«
-
-»Daß du das vergessen hast!«
-
-»Was ist denn?«
-
-»Als Hansen seine Karikaturen zum erstenmal gesammelt erscheinen ließ,
-rückten die Solt-Hansen doch in die Zeitung die Notiz ein ...«
-
-»Jetzt erinnere ich mich: daß sie mit dem Zeichner T. A. Hansen weder
-verwandt noch irgendwie in Beziehung wären? Das meinst du Papa?« Fred
-mußte lachen. »Grob war schon seine Antwort! Ich hätte mich allerdings
-in ähnlichem Fall tödlich beleidigt gefühlt, aber: Fürst Solt verkehrt
-mit den Solt-Hansen nicht, weil sie bürgerliche Frauen haben, und
-er lachte über Hansens Erwiderung am nächsten Tage: ‚Der Zeichner
-T. A. Hansen teilt mit, daß er mit der Familie Solt-Hansen, deren
-jüngster Sohn kürzlich wegen betrügerischer Wechselschulden verurteilt
-wurde, weder verwandt ist noch in irgendwelchen Beziehungen steht.’«
-
-»Ein ganz famoser Bursche, der Hansen,« meinte Leo nachdenklich, »der
-schert sich um niemanden als um sich selbst und ...«, er zwinkerte mit
-den Augen zu seiner Schwester hinüber.
-
-Die senkte den Kopf tief auf ihre Arbeit, während der Vater langsam,
-widerwillig sagte: »Also den auch.« Und dann hörte sie, wie der
-Bleistift bei Hansens Namen den Haken machte, der seine Einladung
-sicherte. Sie mußte bitter lächeln, daß es gerade Fred war, der
-ihn wieder zu ihnen ins Haus zog. Gerade der, der ihn am wenigsten
-verstand, und dessen Art Hansen am heftigsten bekämpfte.
-
-Fred sah auf die Uhr und sagte:
-
-»In einer Viertelstunde muß ich fort, sonst treffe ich Lecart nicht
-mehr im Klub.« Er griff nach der Adressenliste und durchflog die Namen.
-»Der Karsten hat quittiert und ist Agent geworden, den natürlich
-nicht«, er strich den Namen des ehemaligen Gardeoffiziers und las
-flüchtig weiter ..., »die junge Büdener nicht, die hat einen armen
-Teufel geheiratet, man sagt aus Liebe. Die kann sich kein ordentliches
-Gesellschaftskleid kaufen.« Wieder kratzte der Bleistift und schied
-eine junge Frau vom Hause Tiedemann ... Er las rasch: »Die anderen
-stimmen so.« Er ließ das Papier fallen. »Richtig, was ich noch sagen
-wollte: du mußt dir den Schneider kommen lassen, Papa, du brauchst
-einen neuen Frackanzug.« Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf; doch sein
-Sohn ließ ihm nicht das Wort: »Es ist die höchste Zeit für dich.«
-
-»Schon wieder einen neuen Frack?« Der alte Tiedemann runzelte die
-Stirn. »Ich habe nur ohnehin erst voriges Jahr einen machen lassen.«
-
-Fred wurde ungeduldig:
-
-»Man hat jetzt anderen Schnitt und einen Vorstoß an der Weste. Ich habe
-mich gestern im Industriehaus geschämt, wie dein Gilet saß. Du kannst
-als Hausherr nicht so aussehen! Ich versteh' dich wirklich nicht, Papa,
-wie du in derart primitiven Anstandssachen anders denken kannst.«
-Wieder sah er auf die Uhr: »Ich werde dir morgen die neuen Muster
-schicken lassen.«
-
-Der alte Mann fuhr sich müde über die Augen.
-
-»Dann soll sich Leo aber auch etwas bestellen«, sagte er.
-
-Der sah mit flinkem Blick auf: »Ich brauche schon lange wieder einen
-Tennisanzug, Pa.«
-
-Fred Tiedemann knöpfte eilig den Rock zu:
-
-»Gute Nacht! Ich gehe. Bald hätte ich vergessen. Ich habe morgen
-vormittag keine Zeit fürs Geschäft, muß zur Wolny usw. Bitte, Papa,
-gehe morgen 'mal wieder hinunter. Es werden Berichte von drüben
-gekommen sein, und auch Lecart hat bei uns zu tun. Sei so gut und
-besprich dich mit Görnemann; aber den Gerhard laß aus dem Spiele, den
-geht die Sache nichts an.« Fred schritt zur Tür. »Olthoff läßt sich dir
-empfehlen, Hilde, er behauptet, noch nie ein so hübsches Mädchen als
-dich gesehen zu haben, aber du seiest herb.« Er lachte. »Ist schon 'was
-Wahres dran; na, das gibt sich! Addio.«
-
-Klaus Tiedemann erhob sich, er hielt die Lider geschlossen, als
-schmerzten sie ihn.
-
-»Gehen wir schlafen!« sagte er.
-
-
-Ueber den Spieltischen des Klubs hing dichter Rauch.
-
-Fred Tiedemann hörte mit halbem Ohr seinem Schwager zu, der
-eindringlich in ihn hineinredete. Seine Augen wanderten die Reihen der
-Sitzenden entlang, ob er nicht einen Bekannten darunter fände, der ihm
-Grund gab, sich der Umklammerung Lecarts zu entziehen.
-
-Er hatte nicht Lust, jetzt von Geschäften zu sprechen; doch dem anderen
-galt das heute alles: »Wenn ich meine Geschäftsinteressen euch gebe
-und dafür schweres Geld zahle, so könnt ihr mir doch entgegenkommen!«
-Lecart strich aufgeregt seinen pechschwarzen ~Henry quatre~ und sah
-hochmütig nachdenkend vor sich nieder. »Das Bankhaus Tiedemann«, fuhr
-er mit heiserer Stimme fort, »wird wohl nicht auf den Verdienst mit
-seinen Verwandten angewiesen sein, und jetzt ist der richtigste Moment,
-in dem ich mich rangieren und schweres Geld dabei verdienen kann.«
-
-»Wenn man das sicher wüßte!«
-
-»Erlaube,« Lecart machte eine hastige Bewegung, »ich hoffe, für das
-Reelle der Unternehmung bürgt mein Name!«
-
-»Natürlich, selbstverständlich; aber es handelt sich um große Summen,
-da habe ich die Verpflichtung, vorsichtig ans Werk zu gehen!« Fred kam
-sich unendlich wichtig vor, als er so sprach, trotzdem er gerade mit
-seinen Gedanken bei Frau Maja Wolny war und sich die Worte überlegte,
-mit welchen er sie morgen einladen wollte.
-
-»Das ist mir klar. Aber die Hausse in Spiritus hält noch längere Zeit
-an!«
-
-»Ist das sicher?«
-
-Lecart erwiderte mit lebhaften Worten:
-
-»Daran ist doch nicht zu zweifeln. Die disponible Ware ist in festen
-Händen und wird nicht abgegeben, weil die Eigner sich den Sommerbedarf
-sichern wollen, die Zufuhr mangelt. Nach der letzten Notierung ist«, er
-griff nach dem Börsenblatt und klemmte das Monokel ein, »jetzt bereits
-gegen den niedrigsten Preisstand des Vorjahres eine Steigerung von
-7,80 zu verzeichnen.« Auf Lecarts bleichem hageren Gesichte begannen
-zwei rote Flecken zu brennen: »Wenn ich die Mansbergschen Fabriken
-übernähme; in zwei Tagen habe ich sie in vollem Betrieb, dann schmeiß'
-ich in kurzer Zeit so viel Ware auf den Markt, daß sie mir, bei den
-hohen Preisen, enormen Gewinn bringen muß.«
-
-»Du drückst dir aber dann doch selbst die Preise herunter durch
-forcierte Abgaben!«
-
-»Bis es so weit ist, habe ich meine Sache im Trocknen.« Immer
-eindringlicher und überredender wurden Lecarts Worte: »Es muß dir
-doch einleuchten, daß an der ~chose~ keine Gefahr, sondern nur Gewinn
-zu finden ist!« Wieder stand der abweisende Zug um seinen schmalen
-Mund, während sich seine hagere Gestalt weit vorneigte und die kalten
-schmalen Finger nach Freds fleischiger Hand griffen: »Schlag ein, wir
-haben beide Nutzen und die anderen haben das Nachsehen; sie sollen
-spüren, daß mit den Lecarts und Tiedemanns nicht leicht zu kämpfen
-ist ...« Er fuhr halb in die Höhe und grüßte einen vorübergehenden
-Offizier: »Mein Kompliment Durchlaucht.«
-
-Auch Fred war instinktiv aufgefahren und hatte sich verneigt. Dunkelrot
-war er im Gesicht geworden.
-
-»Kennst du ihn?« war seine Frage.
-
-»Selbstverständlich: intim.«
-
-»Du mußt mich vorstellen!«
-
-»Gern! Schwager was ist's? Einverstanden?«
-
-Freds Widerstand war gebrochen, Lecart hätte ihn für seine Pläne an
-keiner Stelle so leicht gewinnen können wie hier im Klub, wo Fred
-Tiedemann um Gleichberechtigung rang, die ihm nur schwer seines Vaters
-Geld verschaffte. Er nickte und besah die spiegelnde Spitze seines
-Lackschuhes:
-
-»Jawohl, aber ich verlasse mich _ganz_ auf dich! Ich habe keine Zeit,
-mich näher zu informieren. Du hast die Verantwortung.«
-
-Fred stand auf, Lecart hielt ihn fest: »Treffe ich dich morgen im
-Geschäft?«
-
-»Nein!« Fred Tiedemann strebte den Spieltischen zu. Lecart riß aus
-seinem Notizbuch einen Zettel und kratzte im flirrenden Licht, das
-durch den Rauchnebel schien, ein paar Worte darauf: »Da unterschreib!«
-
-Mit gleichgültigen Augen überflog Fred die zwei Zeilen, durch die er
-das Bankhaus Klaus Tiedemann anwies, Herrn Baron Lecart beim Ankauf
-der nachgelassenen Mansbergschen Spiritusfabriken bedingungslos zu
-unterstützen. Mit seiner steilen Schrift setzte er seinen Namen
-darunter. »Wir müssen aber die erste Hypothek haben, damit wir sicher
-gehen!« sagte er.
-
-»Ich bin der letzte, der euch schädigen will.«
-
-Fürst Solt ging vorüber mit seinen langsamen, steifen Schritten und
-seinem tadellos sitzenden Salonrock. Tief bückte sich Fred Tiedemann:
-
-»Durchlaucht, dürfte ich um wenige Augenblicke Gehör ersuchen?«
-
-Solt neigte den Kopf.
-
-»Bitte!«
-
-Fürst Solt trat näher, er übersah Lecart, der, während sein Schwager
-in wohlgesetzter Rede die Einladung vorbrachte, den Zettel hastig
-verwahrte, der ihm wieder für ein paar Monate Luft machte und Kredit
-schuf.
-
-Mit freudestrahlenden Augen sah Fred dem Fürsten nach: »Er hat
-zugesagt, das Fest ist gesichert.«
-
-»Hm,« Lecart schien müde und abgespannt, »was machst du jetzt?«
-
-»Ich suche Olthoff und werde ein kleines Spielchen probieren.«
-
-»Dort ist er!« Lecart wies auf den Näherkommenden. »Nimm dich vor ihm
-in acht, er steht windschief und kann eine teuere Bekanntschaft werden.«
-
-»Teuerer als du kann er nicht sein.«
-
-In Lecarts Emigrantenaugen blitzte es feindselig auf. »Ich bin der Mann
-deiner Schwester.«
-
-»Weiß ich. Grüß' sie mir schön!«
-
-Fred Tiedemann eilte seinem neuesten Freunde entgegen. Lecart, mit
-seinen dreißig Ahnen, lehnte sich unwillig in dem Fauteuil zurück und
-sann auf Geschäfte.
-
-Drunten schlich durch den fallenden Regen Leo Tiedemann auf der Suche
-nach Abenteuern.
-
-
-Am nächsten Tage hatte sich der alte Tiedemann rasch angekleidet und
-war mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen, bis es
-Frühstückszeit war. Mehr als ein Jahr hatte er sich geflissentlich vom
-Geschäft zurückgehalten, um Fred nicht zu beeinflussen. Es war ihm
-nicht leicht gefallen; doch er konnte sich recht gut zurückerinnern,
-wie er eine Kontrolle vertragen hätte, daher glaubte er auch, es
-müßte bei seinem Sohne das gleiche sein. Wohl war es ihm manchmal
-vorgekommen, als ob Fred eine Einmischung seinerseits gar nicht ungern
-sähe.
-
-Langsam stieg er die Stufen hinunter, die er jahrelang gegangen war, in
-tiefen Sorgen und Gedanken. Ein weihevolles Gefühl umfing ihn.
-
-Er lächelte darüber und vermochte doch nicht, es abzuschütteln.
-
-Er ging auf die große, eiserne Türe zu, die er versucht hatte zu
-vergessen und die doch stets alte Wunden aufriß, wenn er sie sah -- es
-war selten genug. Sie war vor dreißig Jahren, als er das Haus in seinen
-Besitz gebracht hatte, rostig und zerschlagen gewesen. Er hatte sie
-stets so gelassen. Nun glänzte sie in neuen Farben.
-
-Mit raschen Schritten trat er ein.
-
-Ein Diener kam geschäftig auf ihn zu; doch als er ihn erkannte, riß er
-die Tür nach links hin auf.
-
-Sein Blick flog über die langen Reihen der Schreibtische; er atmete
-tief. Wieder einmal lag sein Leben vor ihm, das ihm hier Tag für Tag
-vorübergeschlichen war in unablässigem Mühen und Sinnen.
-
-Hier saßen die Buchhalter.
-
-Er sah unter den bekannten Gesichtern neue -- wie stets, wenn er kam --
-die erst der Nachbar aufmerksam machen mußte, wer er sei. Dann flogen
-sie von den Drehstühlen in die Höhe und verneigten sich tief: »Ich habe
-die Ehre, Herr von Tiedemann.«
-
-Er kam sich fremd vor in dem langgestreckten Bureau, das um das
-Doppelte vergrößert worden war. Sein Auge musterte mit schnellem Blick
-die neue Einrichtung, von der Fred so viel zu ihm gesprochen hatte.
-Alles war getäfelt, mit leichten, sanften Farben bedeckt. Es machte
-einen vornehmen Eindruck und stach ihm doch unangenehm in die Augen.
-
-Das Leben war fortgeschritten und verlangte andere Formen. Das war
-stets so gewesen, und Fred stand voll in seiner Zeit: das war seine
-Beruhigung.
-
-Nun sah er den alten Görnemann, welcher gebeugt an seinem Stehpult
-arbeitete, den weißen Kopf auf die linke Hand gestützt. So hatte er ihn
-jahrzehntelang gesehen; nur die Haare waren damals noch braun gewesen.
-
-Der Ton, mit dem er ihn anredete, war wärmer, als er eigentlich wollte:
-
-»Grüß Gott, Görnemann!« Der fuhr herum, als hörte er ein Gespenst:
-
-»Der Herr!« Er lief nach einem Sessel. »Das ist aber schön, daß
-Sie wieder einmal nach uns sehen. Das ist sehr schön.« Er rieb
-seine mageren Hände, daß sie knackten. Klaus Tiedemann machte eine
-Kopfbewegung nach den Arbeitenden; er war verlegen, weil er nicht
-gleich den richtigen Ton fand.
-
-»Viel neue Leute darunter?«
-
-»Viele«, der alte Prokurist räusperte sich.
-
-»Hat sich viel geändert?«
-
-»Oh, sehr.«
-
-Etwas Fremdes lag zwischen den beiden Männern, die sich ein Leben lang
-gekannt hatten. Der Ton des Salons ließ sich nicht hierher verpflanzen.
-
-»Auf dem Platze vom Pfeiffer sitzt jetzt auch ein Junger.«
-
-»Der Pfeiffer ist in Pension gegangen.« Wieder hüstelte Görnemann,
-um nicht sagen zu müssen, daß es den alten Mann viel Tränen gekostet
-habe, bis er seinen Sessel, den er dreißig Jahre gedrückt, hatte
-verlassen müssen; aber mit dem jungen Chef ging es nimmer! Der nahm ihm
-die Handkasse weg und degradierte ihn zum Schreiber. Das ertrug sein
-Ehrgefühl nicht.
-
-»Hat mein Sohn die Pensionsfrage gelöst?«
-
-»Nein, es wird noch immer fallweise bestimmt, was jeder bekommt.«
-
-»Aber er gibt jedem von meinen alten Mitarbeitern Pension?«
-
-Leise Angst und Besorgnis klang in der Frage. »Ja, aber es ist sehr
-wenig.«
-
-»Das will ich nicht; da muß ich heute gleich mit Fred sprechen.«
-
-Görnemann trat von einem Fuß auf den anderen; er schien in großer
-Aufregung; dann sagte er stockend: »Ich habe schon oft daran gedacht,
-mich zurückzuziehen,« wieder ließ er seine Gelenke krachen; »man hat
-doch seine 68 Jahre auf dem Rücken, und da wird einem das Arbeiten
-manchmal schwer.«
-
-»Nichts da,« Klaus Tiedemann legte seinem ehemaligen Angestellten die
-Hand auf die Schulter, »davon reden wir in ein paar Jahren, das gibt's
-jetzt noch nicht.« Mit gutmütiger Barschheit suchte er dem anderen
-seine Gedanken auszureden. »Ein Mann wie Sie, ohne Frau und Kind, was
-soll denn der machen ohne Geschäft? Ist's _mir_ nicht leicht gefallen,
-das Auf-der-faulen-Haut-liegen, was wollen denn erst _Sie_ anfangen?«
-
-»Ist schon wahr, Herr Tiedemann, aber ein alter Kopf kann heutzutage
-oft nimmer mit.«
-
-»Papperlapapp, ein Kaufmann wie Sie! Wäre nicht übel.«
-
-Hunderte von frohen Fältchen erschienen auf des Alten faltigem Gesicht,
-als er seinen Herrn so reden hörte.
-
-»Nein, da wird einstweilen nichts daraus!« Tiedemann schüttelte den
-Kopf. Dann aber, als käme ihm ein anderer Gedanke, fügte er hinzu:
-»Wenn Sie's aber einmal wirklich satt haben, Görnemann, dann lassen
-Sie es _mich_ wissen. Ihre Pension soll meine Sache sein.« Er sprach
-rasch weiter, um des anderen Dank zu entgehen. »Uebrigens, ich habe
-Gerhard noch nicht gesehen.«
-
-»Der ist im Chefzimmer; er studiert die überseeischen Berichte; der
-junge Herr erlaubt nicht, daß sie heraus ins Kontor kommen,« sagte
-Görnemann rasch ... »und für ihr Versprechen, sich meiner anzunehmen
-...«
-
-Er kam in seiner Dankrede nicht weiter, denn sein Herr fiel ihm ins
-Wort: »Der Berichte wegen bin ich hier. Wie sind sie ausgefallen?«
-
-»Schlecht, sehr schlecht.« Görnemann schüttelte bedauernd den Kopf:
-»Ich kann mich nicht erinnern, je so schlechte gesehen zu haben.«
-
-»So?« Tiedemanns Stimme klang, aus alter Gewohnheit, streng. »Wir
-werden ja sehen. Wo geht es ins Privatbureau? Man kennt sich ja nimmer
-aus in eurem neuen Kram.«
-
-»Dort, gleich die nächste Tür,« Görnemann lief dienstbeflissen voraus,
-»dort, am Ende vom Gang.«
-
-»Was ist _das_?« Klaus Tiedemann hatte eine andere Tür geöffnet und sah
-in ein Zimmer, das ebensogut als Damenboudoir hätte gelten können. »Das
-sieht ja riesig mollig aus!«
-
-Verlegen meinte Görnemann: »Das ist des jungen Herrn
-Privatempfangszimmer.«
-
-»So?« Der alte Tiedemann sagte weiter kein Wort, er nahm die Hand von
-der Türschnalle und ging weiter.
-
-»Guten Morgen, Vater!«
-
-Gerhard Tiedemann stand hinter dem Tische auf, vor dem er gesessen
-hatte, und schlug in seines Vaters Hand ein, die der ihm in plötzlicher
-Wallung entgegenstreckte: »Fleißig bei der Arbeit?«
-
-»Solche Arbeit macht nicht viel Freude.«
-
-»Laß sehen!« Tiedemann schob ihn zur Seite und nahm die Papiere zur
-Hand.
-
-Gerhard zuckte die Achseln und blickte zu Görnemann hinüber, der den
-Kopf in die Schultern zog, vor dem unaufhaltsamen Entrüstungssturm, der
-nach seiner Erfahrung kommen mußte.
-
-Mit unsicherer Stimme fragte der Alte:
-
-»Von wem sind die Berichte?«
-
-»Von Smithers Sons ...«
-
-Nach einer Weile fragte Tiedemann: »Warum haben wir so unsinnig viel
-Baumwolle abgegeben? Nun leiden wir selber Mangel daran.« Görnemann
-trat einen Schritt näher, um zu antworten, doch der Alte fuhr ihn an:
-»Ich brauch' keine Erklärung.«
-
-Tief beugte er den Kopf herab, um seines Unwillens Herr zu werden. Fred
-mußte da nicht viel nachgedacht haben, sonst wäre _dieser_ Verlust
-hintanzuhalten gewesen. So ein grobes Versehen war Klaus Tiedemann
-_nie_ unterlaufen. Das kam davon, wenn die jungen Leute stets zu Hause
-bei Mama saßen und sich nicht in der Welt umsahen ...
-
-Er horchte auf, eben sagte Gerhard:
-
-»Das ist der Fehler bei uns; man will alles vom grünen Tische aus
-regeln, ohne Erfahrung. Das muß man an Ort und Stelle beobachtet haben,
-wenn man bei den Yankees nicht hineinfallen will.« Klaus Tiedemann
-zwang sich zum Gegenteil:
-
-»Das konnte niemand voraussehen. Das nächste Mal wird die Bilanz schon
-besser sein.«
-
-Der alte Görnemann hörte mit offenem Munde zu, Gerhard preßte die
-Lippen aufeinander. Er merkte nur allzudeutlich, daß seines Vaters
-Widerspruch seiner Person galt. Er warf trotzig den Kopf zurück.
-Wenn die Stimmung gegen ihn anhielt, blieb er nicht länger hier. Man
-wußte seine Arbeitskraft anderswo besser zu schätzen, ihm war um sein
-Fortkommen nicht bange.
-
-Klaus Tiedemann sah noch eine Weile auf die Buchstaben und Ziffern
-nieder, ohne sie zu lesen. Ihm waren seine Worte leid, und doch glaubte
-er nicht anders sprechen zu dürfen, wenn er Gerhard, Fred gegenüber,
-untergeordnet halten wollte. Jemand trat ein:
-
-»Hallo, du selbst, Schwiegerpapa?« Mit hastigen Schritten kam Lecart
-auf Klaus Tiedemann zu. »Das trifft sich ja prächtig.« Sie sahen sich
-in die Augen und schüttelten sich die Hände. »Clo ist draußen im Wagen,
-die wird sich freuen; ich werde sie gleich holen.«
-
-»Aber ich bitte, Herr Baron, sich nicht zu bemühen; das werde ich
-besorgen!« Görnemann eilte davon.
-
-Wieder wendete sich Lecart an seinen Schwiegervater: »Du wunderst dich
-wohl, mich hier zu sehen?«
-
-Klaus Tiedemann lächelte: »Ich glaube, wir sind beide seltene Gäste
-hier unten.«
-
-»Das wird sich bei mir ändern! Du mußt wissen, ich habe Großes vor.«
-Lecart blickte zu Gerhard hinüber, unschlüssig, ob er in dessen
-Gegenwart weitersprechen sollte. Er sagte zu ihm:
-
-»Bitte, bereiten Sie mir einstweilen mein Konto vor; hier haben Sie
-eine Bescheinigung des Chefs.«
-
-»Ich hätte Sie ohnehin allein gelassen.« Gerhards Stimme klang in
-überlegener Mißachtung: »Die Bescheinigung kann ich Herrn Görnemann
-geben.«
-
-Er ging mit gleichgültigen Schritten ab, den Kopf etwas
-vornübergeneigt, wie es auch sein Vater zu tun pflegte.
-
-In der Tür traf er mit Frau Clo zusammen.
-
-Er trat zur Seite und sah in ihr feines, blasses Gesicht, auf dem Sorge
-zu liegen schien.
-
-»Grüß Gott, Papa!« Tiedemann drückte ihr einen Kuß auf die Stirn
-und betrachtete sein schönes Kind vom Kopf bis zu den Füßen. Mit
-gezwungenem Lächeln klopfte sie ihm auf die Wange: »Gut siehst du aus,
-Papa!«
-
-»Nicht wahr?« sagte Lecart, »man sieht, er hat keine Sorgen.«
-
-»Gott sei dank, nein; ihr doch wohl auch nicht? Nun setzt euch aber!«
-
-Frau Clo setzte sich auf den Diwan und schlug die Füße übereinander,
-daß der feine Knöchel ihres Fußes sichtbar wurde. »Laßt euch nur
-nicht aufhalten, wenn ihr Geschäftliches zu tun habt! Ich blättere
-einstweilen in der Zeitung,« sagte sie. Dann schob sie den Schleier in
-die Höhe.
-
-Sie tat alles mit einer langsamen, eleganten Ruhe der Bewegung, die
-über ihrem ganzen Wesen lag und alles Leben und unmittelbare Empfinden
-verschleierte. So hatte es ihre Mutter gewollt, und so kam sie am
-besten mit ihrem Manne aus. Der hatte ein fahriges Temperament und
-steckte immer tief in eigenen Angelegenheiten, die ihm für sie wenig
-Zeit ließen. Sie hatte sich einen Wall aus Ruhe und Takt gebildet, der
-sie vor vielerlei schützte.
-
-Lecart rieb die Hände:
-
-»Ich habe jetzt furchtbar viel zu tun. Ueberall Unannehmlichkeiten. Die
-Kerls streiken mir wieder zur Abwechslung. Der Betrieb in den Gruben
-steht seit einer Woche still.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf. »Immer nur Forderungen und keine
-Gegenleistung, das ist so recht neumodisch.«
-
-»Nun, nein; die Leute haben ein Stück recht, aber,« Lecarts markiertes
-Gesicht belebte sich, die eingefallenen Wangen bekamen Farbe, »warum
-soll man ihnen das _zugeben_, wenn man selbst nur Schaden davon hat?«
-
-»Wenn sie im Rechte sind, werden sie ihr Ziel erreichen«, sagte der
-andere bedächtig.
-
-»Wir werden sehen. Einstweilen haben wir uns organisiert und sie im
-ganzen Bezirk ausgesperrt; es sind schon viele in der _einen_ Woche
-mürbe geworden; mehr als ich brauchen kann. Wenn sie für Weib und Kind
-nichts zu fressen haben, dann kriechen sie zu Kreuze. Am Montag fange
-ich wieder mit vollem Betrieb an.«
-
-»Du sagst doch, daß ihr sie ausgesperrt habt?«
-
-»Ja, aber ich brauch' doch nur so lange mitzumachen, als ich will.«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte unwillig den Kopf: »Ihr müßt doch einig
-sein, wenn ihr 'was erreichen wollt. Die anderen sind's auch.«
-
-»Hat sich was mit der Einigkeit! Die Hauptsache ist, daß man kein Geld
-verliert.«
-
-»Hm, das weiß ich nicht.«
-
-»Aber ich. Bitt' dich, wohin soll denn das führen? Ich muß jetzt schon
-meine ganzen Akzepte hergeben und teuer verzinsen, wenn ich Geld haben
-will. Das ist ein starker Verlust für mich, wo ich so immer sehr viel
-mit Rimessen arbeite.« Er schwieg, als fürchte er, zuviel gesagt zu
-haben. Unsicher sah der Alte auf:
-
-»Gehen denn die Gruben schlecht? Du wirst doch nicht in Schwierigkeiten
-kommen?«
-
-»Davon ist keine Rede.« Lecart nahm einen leichtfertigen Ton an. »Wo
-denkst du hin: Charles Lecart in Geldverlegenheiten?« Er lachte. Es
-klang häßlich und gepreßt, daß Clo einen schnellen Blick herüberwarf.
-»Im Gegenteil, ich denke jetzt die Mansbergschen Fabriken an mich zu
-bringen und viel Nutzen daraus zu schlagen.«
-
-»Das ist etwas anderes.« Erleichtert atmete Klaus Tiedemann auf.
-
-»Jetzt werdet ihr auch bald den Zinsfuß herabsetzen müssen?« sagte
-Lecart so nebenbei.
-
-Der Alte schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau, da frage
-den Görnemann, aber ich glaube nicht, denn das Geld hat nach der
-amerikanischen Erdbebenkatastrophe wieder reichliche Verwendung.«
-
-»Das kann doch nicht so viel ausmachen.« Lecart hielt einen Augenblick
-nachdenklich inne, dann fuhr er lebhaft fort: »Uebrigens, ich werde
-mich gleich erkundigen, ich habe so eine Menge mit Görnemann zu
-besprechen. Du bist, wie ich sehe, nicht mehr auf dem Laufenden?«
-
-»Ich habe mir zum Prinzip gemacht, mich von dem Augenblicke an, als
-Fred an meine Stelle trat, um nichts mehr zu bekümmern.«
-
-»Sehr klug. Ich glaube, Fred wäre auch nicht der Mann, der sich
-hineinreden ließe.« Lecart trat in gemachter Zärtlichkeit zu seiner
-Frau: »Servus, Clo; dein armer Mann muß jetzt arbeiten ... Dich sehe
-ich noch, Papa,« fügte er in einer Art herablassender Höflichkeit
-hinzu, die er seinem Schwiegervater gegenüber öfters zur Schau trug.
-»Lecart ist ein Kavalier in jeder Bewegung,« hatte Clos Mutter gesagt,
-wenn sie das Widerstreben der Tochter, ihrem jetzigen Manne gegenüber,
-besiegen wollte. Lecart ging; Tiedemann und Clo waren allein.
-
-Es blieb für einige Augenblicke still im Zimmer, als wollten die beiden
-nicht an das Leben rühren, das sie selbst gezimmert hatten, dessen sie
-nun nicht froh werden konnten.
-
-Klaus Tiedemann setzte sich an seines Kindes Seite und schlang den Arm
-um sie. »Nun, wie geht es, Clo?«
-
-»Gut, Papa,« sie legte ihre mit Ringen bedeckte schmale Hand in die
-klobige Rechte ihres Vaters und sah ihm unsicher in die Augen, die so
-viel von Milde und ehemaliger Tatkraft sprachen.
-
-»Dann ist's recht.« Er seufzte. »Du kamst mir vorhin verstimmt vor?«
-
-»O nein!«
-
-»Doch! Jeder Mensch hat etwas zu tragen.«
-
-»Ich nicht.« Allzuschnell kam die Antwort.
-
-»Doch Kind,« er wiegte den Kopf, daß das straffe, weiße Haar darauf
-zu schwanken anhub; »ist es dies oder jenes, eines ist es gewiß.« Sie
-schwieg; so redete er weiter: »Mutter ist schon ein Jahr tot.«
-
-»Wirklich, ich bin schon bald zwei Jahre mit Charles verheiratet.«
-
-Wieder saßen beide schweigend.
-
-Dann fragte sie lebhaft:
-
-»Sag', Papa, hat Fred eigentlich mit dir über Charles' Absichten
-gesprochen?«
-
-»Warum, Kind?«
-
-»Es wäre mir eine Beruhigung gewesen!«
-
-»Wenn es Wichtiges ist, so kommt Fred schon selbst. Er hängt viel zu
-sehr an mir, um einen wichtigen Schritt -- wenn es eben einer wäre --
-zu verschweigen.«
-
-»Wirklich, Papa?« Ihre Stimme klang freier. »Wie geht es überhaupt
-Fred? Hat er die neue Würde noch nicht satt?«
-
-»Wo denkst du hin? Gut geht es ihm in jeder Beziehung, auch im
-Geschäft. Ich glaube, vor allem hilft ihm dabei sein großer
-Bekanntenkreis. Keine Woche vergeht, ohne daß er nicht in ein neues
-Haus eingeladen wird! -- Er ist auch ein fescher Bursch«, fügte er
-wohlgefällig hinzu und lachte in befriedigtem Vaterstolz. »Seine
-neueste Errungenschaft ist die Wolny.«
-
-»Die? So?«
-
-»Kennst du sie?«
-
-»Freilich, wir treffen sie öfters bei Behrens. Du,« sie legte die
-Zeitung beiseite, »ist es wahr, daß Fred sich ankaufen und die Bank mit
-der Zeit in eine Aktiengesellschaft umwandeln will?«
-
-Ueber Klaus Tiedemanns Gesicht lief ein Schatten; er war bleich
-geworden: »Wer hat das gesagt?«
-
-»Ich habe es bei Behrens gehört.«
-
-»Dummes Geschwätz.«
-
-Es litt ihn nicht länger beim Sitzen; er legte die Hände auf den Rücken
-und begann hin und her zu gehen mit hastigen Schritten.
-
-»Sogar von einem Tiedemannschen Fideikommiß oder Aehnlichem sprachen
-sie.«
-
-Er blieb stehen und stampfte mit dem Fuße: »Da sieht man, wie die Leute
-daherreden.«
-
-»Das habe ich mir auch gedacht. Ich weiß doch, daß du stets dagegen
-warst.«
-
-»Deine Mutter hätte es schon gern durchgesetzt! Lassen wir das,«
-unterbrach er sich; »es geschah ja auch von ihrer Seite nur aus Liebe,«
-er hustete, »wenn sie auch manchmal die Mittel vergriff.« Er senkte
-den Kopf und schwieg; sein Kind blickte ihn mit großen geängstigten
-Augen an.
-
-»Sag, Papa,« fuhr sie fort, »war das nicht der Grund, daß du dich
-so schnell vom Geschäft zurückgezogen hast?« Er gab keine Antwort.
-»Du wolltest nicht in der Arbeit überrumpelt werden und selbst Fred
-überwachen, bis er aus Gewohnheit an nichts anderes mehr dachte und
-dein Erbe gutwillig antrat?«
-
-Er sah sie erstaunt an.
-
-»Du bist eine gute Beobachterin geworden.«
-
-»Das wird jede Frau.«
-
-»Mag sein, deine Mutter war es gewiß. Das hab' ich merken müssen.« Er
-lachte bitter.
-
-»Sie war krank, Papa, und glaubte niemandem als uns Kindern trauen zu
-können, sie hat uns in ihrer blinden Liebe alle überschätzt. Darum war
-ja auch für uns Mädchen kein Mann recht! Wie das Leben so merkwürdig
-ist.« Mit zitternden Fingern schob sie ihr Kleid zurecht.
-
-»Ob Fred nicht nur so daherredet bei Behrens, um den Weibern zu
-imponieren?« Langsam, schier unbewußt, hatte Klaus Tiedemann die Worte
-gesagt.
-
-»Aber, Papa, darüber sollst du gar nicht nachdenken,« sie streckte ihm
-die Hand hin und lächelte, »das wird gesprochen und vergessen.«
-
-»Hast recht -- übrigens kommen Behrens Sonnabend zu uns.«
-
-»Es soll über das Wohltätigkeitsfest gesprochen werden?«
-
-»Gewiß! Fred hat sich die Sache ganz gut ausgedacht. Vor dem Souper ist
-eine kleine Komiteesitzung, in der sich die Leute besser kennenlernen.
-Er will die Wolny zur Präsidentin haben.«
-
-»Fred hat wirklich Geschick zu solchen Veranstaltungen: voriges Jahr
-war es ein hübsches Reinerträgnis, das er erzielte.«
-
-»Er hat eben Glück bei den Weibern, und die sind in solchen Dingen die
-Hauptsache. _Ich_ habe es nie gehabt.« Der Siebzigjährige furchte die
-Brauen, als grollte er heute noch dem Schicksal seiner Jugend.
-
-»Uebrigens,« er lächelte schon wieder, »Leo fängt, glaube ich, auch
-schon an.«
-
-»Aber, Papa, das ist doch viel zu früh?«
-
-»Das muß _er_ wissen, Kind.«
-
-»Aber das ist Unsinn!«
-
-»Das sagt Hilde auch.«
-
-»Aber, Papa, wirklich, da solltest du besser auf ihn achtgeben.«
-
-»Du sprichst wie eine kleine Mutter.« Er legte ihr liebkosend die Hand
-auf die blasse Wange. »Dein Sohn möchte ich einmal nicht sein.«
-
-Brennendes Rot lief wie Hauch über ihr Gesicht: »Ich glaube, Papa, wir
-bekommen keine Kinder.«
-
-»Na,« er lachte gutmütig, »abwarten ...«
-
-Sie stand auf in jäher Bewegung:
-
-»Jetzt möchte ich zu Hilde; ich habe sie eine Ewigkeit nicht mehr
-gesehen.«
-
-»Komm, Kind, sie wird sich gewiß freuen ...«
-
-
-Leo lag auf dem Diwan und horchte den Stimmen, die aus dem Nebenzimmer
-kamen.
-
-Er hatte die Augen geschlossen in schwerer Mattigkeit. Der Kopf
-schmerzte, und sein Puls ging schwer. Man gab ihm keine Ruhe: jetzt
-mußte ihn auch Hilde bei Papa anschwärzen. Was wußte die von all dem,
-was in ihm vorging? Für sie war er der Bub, der lernen sollte. Was
-rechnete die mit seiner Eigenart? Schwerer Groll stieg in ihm gegen die
-Schwester auf, die sein Bestes wollte.
-
-Er fuhr wider Willen zusammen und stellte sich schlafend.
-
-Die Tür war geöffnet worden.
-
-Er fühlte den Blick seines Vaters auf sich ruhen und regte sich nicht.
-
-Ein Stuhl wurde gerückt; nun mochte er sich wohl zu ihm gesetzt haben.
-Da war einer Aussprache nicht mehr zu entgehen! Er wußte, daß Papa nun
-warten würde, bis er aufwachte.
-
-Langsam, blinzelnd schlug er die Augen auf und richtete sich
-verschlafen in die Höhe.
-
-»Bleib nur liegen, Bub!« Tiedemann betrachtete ihn mit forschenden
-Blicken. »Du siehst elend aus, Leo.« Er furchte die Stirn.
-
-»Aber Papa, das ist nur, weil ich Kopfweh habe, und die Tapete
-hierinnen macht jeden grün! Du siehst auch schlecht aus.«
-
-»Laß die Tapete in Ruhe und sag' mir lieber, wann du heute nach Hause
-gekommen bist!«
-
-»Nicht spät,« Leo brachte schnell zwei Stunden in Abzug, »es wird noch
-nicht zwölf gewesen sein. Ich bin von Jan Wolny direkt hierher.«
-
-»Ist das wahr?«
-
-»Ja.« Aus gepreßter Brust kam die Antwort.
-
-»Du lügst mich nicht an?«
-
-»Aber Papa!« Wieder richtete er sich heftig auf.
-
-»Bleib nur ruhig! Ich glaub' dir ja ...«
-
-Mit unsicherem Blick sah Leo auf seinen Vater. Es war Scham in ihm, daß
-er die Unwahrheit gesprochen, trotzdem ihm sein Vater vertraute, und
-doch sah er keinen anderen Ausweg.
-
-»... Es ist mir gleich, ob du gestern früh oder spät nach Hause
-gekommen bist. Aber jedenfalls lumpst du zu viel. Deine Gesundheit
-verträgt das nicht.« Tiedemann suchte seiner Stimme Strenge zu geben
-und sich an Hildes und Clos Worte zu erinnern. »Du bist doch noch zu
-jung und hast genug Zeit, später alles mitzumachen; wenn du aber jetzt
-deine Nerven ruinierst, so leidest du dein ganzes Leben daran.«
-
-»Ja, Papa, aber ...« Leo biß sich auf die Lippen und schwieg.
-
-»Was ist denn? Rede, Leo; mit mir kannst du alles sprechen, wie mit
-einem alten Freund!« Tiedemann drückte ihm die Hand. Leo lächelte ihm
-dankbar zu. Dann sagte er mit schwerer Stimme:
-
-»Du mußt mich für keinen Lumpen halten! Es ist etwas anderes ... Weißt
-du,« brach er mit stockendem Atem los, »was es ist? _Das Leben!_ Es ist
-so groß und so reich, daß man immer nur wenig davon haben kann, wie alt
-man auch wird. Papa, wenn ich so denke, bekomme ich Riesenangst,« er
-ballte die Faust, »daß ich zu kurz komme und daß ich es nicht richtig
-anwende, und dann weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht.«
-
-»Du lieber Bub.« Der alte Mann war aufgestanden und küßte ihn auf den
-zuckenden Mund. »Das soll dir keine Sorge machen; das Leben wird einem
-noch mehr als genug. Wenn du einmal so alt bist wie ich, dann wirst du
-mir recht geben.«
-
-»Wirklich, Papa?« Es klang wie freudige Angst aus den Worten.
-
-»Gewiß, mein Kind.«
-
-»Hast du _auch_ mal so empfunden, wie ich? Warst du auch so
-ungeschickt, Papa?«
-
-»Ja«, mit einem Seufzer kam die Antwort. Tiedemann nickte in Gedanken
-versunken mit dem Kopfe vor sich hin. »Ich hab' auch geglaubt, jeder
-Tag müßte mir ein Wunder bringen, und doch habe ich nie eines gesehen.
-Die Menschen können nicht anders als gemein sein; sie können nichts
-dafür. Wir sind es selber auch.« Er raffte sich zusammen ... »Das hat
-jeder mehr oder weniger mitgemacht, der im Leben 'was erreichen wollte;
-aber glaube mir, es gibt nur eines, was dagegen hilft, und auch nur
-eines, was wirkliche Freude und Befriedigung gibt: die Arbeit.«
-
-Leos Augen leuchteten auf, »Das hab' ich mir auch schon gedacht, aber
-ich habe ja keine,« seine Stimme schlug um; »die Schule, das ist doch
-keine Arbeit, wie du sie meinst, und sonst hab' ich keine!«
-
-»Wird noch genug kommen.«
-
-»Aber _wann_, Papa? _Jetzt_ möcht' ich sie haben, damit ich etwas
-bin. Ich weiß nicht einmal, was ich werden soll und bin schon bald
-neunzehn.« Tiedemann sah zu Boden:
-
-»Ich weiß heute noch nicht, was ich geworden bin ...«
-
-Leo überhörte in seiner Erregung den traurigen Klang in der Stimme
-seines Vaters.
-
-»Fred hat das Geschäft, Clo hat ihren Mann, Hilde wird auch bald einen
-haben, und nur _ich_ weiß nicht, was aus mir wird -- _ich_ steh' ganz
-allein.«
-
-»Mancher Mensch ist am glücklichsten, wenn er allein ist.«
-
-»Ihr anderen seid aber doch alle zufrieden?«
-
-»Gewiß,« der alte Mann sah auf; er beeilte sich zu antworten, »aber wir
-haben dabei jeder doch auch unsere Sorgen und unsere Wünsche, die wir
-gern erfüllt sehen würden. Das Leben ist mal so, daß es nie alles gibt,
-und _wenn_, dann nimmt es dir gleich darauf wieder, viel _mehr_, als es
-dir gegeben hat.«
-
-Mit großen Augen, in denen die Furcht vor dem Rätsel des Lebens stand,
-sah der Knabe seinen Vater an, der als Resultat eines langen, wie es
-ihn dünkte glücklichen Lebens keine anderen Worte fand. Leo benetzte
-seine trockenen Lippen und fragte hastig:
-
-»Es muß aber doch etwas geben, das uns an der Erde festhält, sonst
-würden wir uns nicht so vorm Sterben fürchten? Erinnere dich nur, als
-es Mama so schlecht ging -- wenige Stunden vor ihrem Tode -- wie hat
-sie da geweint, daß sie fort müßte von uns allen und daß sie ihr Leben
-nicht besser genützt hätte.« Tiedemann erhob sich; er legte Leo die
-Hand auf die Schulter und sah ihm tief in die Augen:
-
-»Der Mensch ist _feig_, Leo, das ist's.« Tiedemann strich ihm das Haar
-aus der Stirn. »Darum glaubt er immer, es sei schade um ihn, wenn er
-stirbt, und es sind doch so viele bessere da. Ich habe auch geglaubt,
-ich sei fürs Geschäft unentbehrlich und habe manche Szene mit deiner
-Mutter deswegen gehabt, weil sie wollte, daß ich Fred an meine Stelle
-lasse; und schau, als ich es endlich getan hatte, da habe ich jeden
-Tag auf das Unglück gewartet, das nun über unser Haus kommen würde, --
-und es ist noch immer keines gekommen -- und das Geschäft geht ruhig
-und gut weiter, gerade als ob ich es noch leiten würde.« Er senkte
-den Kopf, als schämte er sich seines Eingeständnisses und fuhr fort:
-»Nicht, daß ich es Fred gewünscht hätte, gewiß nicht; du weißt, wie
-gern ich euch alle habe -- aber,« seine Stimme wurde heiser, »deiner
-Mutter hätte ich es vergönnt, weil sie stets gegen mich recht zu haben
-meinte -- sie hat es bisher noch immer gehabt.« Er legte die geballte
-Faust auf das Knie und vergaß, daß er zu seinem _Kinde_ redete.
-
-»Ich habe mich gegen eure Erziehung gesträubt, aus Leibeskräften. Ich
-wollte euch einfacher haben; mehr Kinder, als »Söhne und Töchter«! Wäre
-es nach mir gegangen, ihr wäret _nie_ in dem Gedanken aufgewachsen,
-daß ihr reich seid. Eure Mutter hat es anders gewollt. Ich habe mich
-gebangt und gesorgt um euch und ihr Vorstellungen gemacht. Sie hat mich
-stets ausgelacht und gesagt: ‚Das verstehst du nicht -- und kannst es
-auch nicht verstehen.’ Und sie hat _recht_ gehabt -- ich stand ja den
-ganzen Tag im Geschäft.« Er schwieg und lächelte seinem Kinde hilflos,
-ermunternd zu: »So ist's mal im Leben.«
-
-»Papa,« Leo umfing seinen Vater und küßte ihn, »es ist ja nichts
-Schlechtes aus uns geworden. Es ist eben jetzt eine andere Zeit.«
-
-»Ja, schon recht,« hastig nahm Tiedemann seines Kindes Arm von seinem
-Hals, »nur eines noch, und das merk' dir fürs Leben, weil wir gerade
-darüber reden: heirate -- wenn du mal so weit bist -- nicht in eine
-andere Gesellschaftsschicht hinein als in die, in welcher du geboren
-bist.«
-
-Mit fragenden Augen sah Leo ihn an.
-
-»Alles läßt sich überbrücken und verwischen, nur das eine nicht! Du
-hast es dann stets vor Augen, daß du ein anderer bist. Und wenn du
-hundertmal das Haus erhältst und alles tust, du bleibst _doch_ immer
-der Mindere. Da kommen die Verwandten und die Freunde deiner Frau und
-sehen dich als weniger an -- selbst wenn sie selber Lumpen sind, du
-scheinst ihnen doch minder.«
-
-»Clo hat doch auch in eine andere Gesellschaftsklasse geheiratet?«
-
-»O nein,« fuhr Tiedemann auf, »du verstehst mich falsch. Nicht
-bürgerlich und adelig habe ich gemeint, sondern arm und reich. Ich bin
-von armen Leuten, während deine Mutter aus vermögendem Hause stammte!
-Darum paßten wir nicht zueinander. Lecart kommt aus vermögendem Hause
-und Clo auch, darum werden sie nie viel Streit haben, sie haben von
-Geburt dieselben Bedürfnisse. Darum muß Hilde auch so heiraten, wenn
-sie vielleicht auch heute noch anders denkt.«
-
-»Sie hat Hansen gern.«
-
-»Das wird vorübergehen. Fred sagt, daß sich Olthoff für sie
-interessierte; siehst du, Leo, der wäre mir als Schwiegersohn recht.«
-
-»Er ist aber doch ganz anders als du, Papa.«
-
-»Das ist gut, auch Lecart ist es!«
-
-»Du denkst niedrig von der Frau.«
-
-»Wie sie es verdient. Ich kann nicht anders reden, als wie es mich
-das Leben gelehrt hat. Deine Mutter war eine feine Frau, eine Mutter,
-wenigstens wollte sie stets das Beste mit euch, aber mir war sie
-nichts. Oft, am Anfang unserer Ehe, kam ich zu ihr, um dies oder das zu
-fragen, sie sollte mir einen Rat geben; wenn ich einen Freund brauchte,
-der hätte sie mir sein sollen. Ich bin stets umsonst gekommen.« Er
-atmete schwer. »Ihr war Toilette und Theater, kurz: alles wichtiger als
-meine Sorgen; die sollte ich mit mir allein ausmachen.«
-
-»Armer Papa,« Leo streichelte seine Wange, »und Gerhards Mutter?«
-
-Die Brust des alten Mannes hob und senkte sich in stockenden Wellen.
-»Die war anders ...« Er stand auf. »Ueber Tote rede ich nicht gern,«
-sagte er barsch und vergaß im eigenen Kummer, weshalb er gekommen war,
-»du,« er griff nach Leos Hand, »laß dir's gesagt sein, genieße das
-Leben!«
-
-»Das will ich tun, Papa.«
-
-»Nehmt euch die Frauen, wo ihr sie findet, und macht euch keine
-Gedanken, dann seid ihr glücklich; dann habt ihr keine Sorgen und seid
-begehrenswert.«
-
-»Ja,« mit leuchtenden Augen sah Leo auf, »das will ich tun, und Fred
-macht es auch so.«
-
-»Recht habt ihr.« Klaus Tiedemann nickte mit dem Kopfe und lachte. Mit
-starren Augen stierte er auf den Boden. »Rächt mich!«
-
-Leo blickte nachdenklich zu ihm, dann fragte er langsam: »Hat dein
-Vater auch so zu dir gesprochen, Papa?«
-
-»Mein Vater?« wieder lachte Klaus Tiedemann, »nein, der hat es nicht
-getan.«
-
-»Warum nicht?«
-
-»Mein Vater? Der dachte nicht an so etwas. Für den gab es nur Geld und
-Wut darüber, daß er keines hatte.«
-
-»Was war Großvater?«
-
-»Das ist's ja, Leo, von dem ich die ganze Zeit spreche -- er war arm --
-und ging am Trunk zugrunde.«
-
-»Da war er nicht gut mit dir?«
-
-»Nein, Junge, aber darum bin ich es mit euch; ein Vater kann gar nicht
-nachsichtig und lieb genug mit seinen Kindern sein.«
-
-»Du Guter,« Leo küßte ihn auf den Mund, »aber schau, Papa,« sagte er
-dann erinnernd, »wenn man nicht heiratet, dann hat man doch keine
-richtigen Kinder, und du hast uns doch so gern?«
-
-»Das ist wahr.«
-
-»Siehst du ...«
-
-Es war dunkel geworden, und die Laternen warfen flackernde Lichter
-durch die Fenster. Von der Straße klang gedämpft der Lärm des
-Menschenstromes herauf, der sich von dem Geschäftsviertel in die
-äußeren Bezirke ergoß ...
-
-Fred öffnete die Tür. »Aber, Papa, der Wagen steht bereits unten, und
-du bist noch nicht einmal angezogen!«
-
-»Ich habe ganz vergessen.« Tiedemann fuhr sich über die Stirn,
-»wir haben ernst zusammen gesprochen und da ist die Zeit schnell
-vergangen.« Leo kam in Bewegung:
-
-»Mach rasch, Pa, damit wir nicht zu spät kommen, ich bin gleich fertig.«
-
-Er sprang davon; sein Vater drehte sich schwerfällig um, er hätte
-gern noch etwas gesagt, das seinem Kinde Halt geben sollte in seinen
-Kämpfen. Doch die richtigen Worte hatte er nicht gleich gefunden, und
-nun war es zu spät. Daß aber auch Leo das Konzert wichtiger war! ...
-
-»So mach' doch weiter!« Freds Stimme hatte eine unwillige Färbung
-angenommen. »Es sieht unangenehm aus, wenn man _jedesmal_ zu spät
-kommt, gerade als ob man es sich so aussuchen würde, um fein zu sein.
-Das haben wir nicht notwendig.« Er schob seinen Vater zur Tür hinaus
-und fand nicht eher seine Ruhe wieder, als bis sie alle im Wagen saßen.
-»Warum hast du keinen Schmuck genommen?« fragte er Hilde, als die
-Pferde anzogen und ein vorüberfahrender Omnibus mit seinem Lichte ihm
-diesen Fehler offenbarte.
-
-»Du weißt, daß ich Schmuck nicht gern trage.«
-
-Er sah unwillig zum Fenster hinaus und sagte: »Heute hättest du
-_schon_ einen nehmen können, wo wir uns, seit mehr als Jahresfrist,
-das erstemal wieder zeigen. Solange wir Trauer um Mama trugen, ließ
-ich mir's gefallen, jetzt ist's Kaprize von dir!« Er ließ seine
-prüfenden Blicke weiter wandern, die gleich darauf bei seinem Vater
-eine schiefsitzende Krawatte entdeckten. Er richtete sie zurecht und
-fand dabei, daß Papa noch immer das schwarze Band als Uhrkette trug.
-Er griff hastig danach. »Das hättest du auch ablegen sollen; entweder
-oder: wenn wir von heute ab offiziell keine Trauer mehr tragen, so
-gehört sich das nicht mehr!«
-
-»Ich werde es morgen weg tun, laß!« Klaus Tiedemann legte die Hand auf
-den Wagenschlag und blickte zu Leo: »Nicht wahr, du beherzigst, was ich
-dir sagte?«
-
-»Ja,« mit verlorenen Augen sah Leo ihn einen Augenblick an, dann hielt
-der Wagen. Ein Strom geschwätziger Menschen umgab sie.
-
-Mit nonchalanter Geberde nahm Fred Tiedemann seiner Schwester den
-Mantel ab und warf ihn dem Diener auf den Arm: »Sie warten beim
-Ausgang!«
-
-Der Riesensaal war voll Menschen, bis hinauf zu den schwarzen Galerien.
-Auf dem Podium, das den Saal abschloß, stimmte das Orchester. Hunderte
-von Armen waren in lebhafter Bewegung.
-
-Hilde neigte den Kopf, wie mit Blut übergossen: T. A. Hansen stand
-da und hatte sie gegrüßt. Für einen kurzen Augenblick hatten seine
-beweglichen Augen ruhig in den ihren geruht, dann wanderten sie weiter,
-über ihre Brüder hin, mit leichtem Spott.
-
-Rechts und links grüßten Bekannte:
-
-»Ich habe die Ehre, guten Abend,« und dazu lächelten alle Gesichter,
-die in wenigen Sekunden sich in ernste Falten legten, weil es die Sitte
-erforderte und man so über Kunst sprach ...
-
-Der erste Bogenstrich!
-
-Ruhe überflog den Saal, mit den ersten Tönen brach Beethovens Genius
-die Kleinlichkeit der Menschen und nahm sie gefangen.
-
-Mit eiserner Hand pochte an aller Herz der Kampf der Seele gegen
-feindliche Gewalten und ließ sie zittern.
-
-Das Glück lächelt und winkt, und das Schicksal wirft sich dazwischen.
-In wilder Gewalt brüllten die Töne und flehten und baten in heißem
-Sehnen.
-
-Aufrichten, Hoffen, Verschwinden und Suchen waren des Menschen ewiges
-Vermächtnis ...
-
-Klaus Tiedemann verstand nichts von Kunst und hatte auch nie darauf
-Anspruch erhoben, aber als die Töne auf ihn eindrangen, kam eine
-sonderbare Stimmung über ihn: Vielleicht war er heute zugänglicher,
-weil er in dem Gespräche mit Leo alte Erinnerungen geweckt, die er
-lange schon tot gemeint hatte! Seine Kindheit stand plötzlich vor ihm:
-
-Der trunkene Vater schalt sein abgehärmtes Weib, weil er das Geld nicht
-geben wollte, das sie fürs Leben brauchten. Und daneben saß der Knabe,
-in Lumpen, und träumte von Geld und Glück, denn ohne Geld konnte es
-keines geben. Der Vater starb, der Sohn stemmte sich im wilden Trotz
-dem Leben entgegen, in offenem Kampfe wollte er es bestehen; doch es
-schlug ihm Wunden auf Wunden. Bald stand er allein. Dann schien Glück
-zu lächeln, er fand ein Weib. Gemeinsam trugen sie die Mühen leichter.
-Gerhard wurde geboren. Nun wußte er, _wofür_ er stritt ... Seine Kraft
-verdoppelte sich. Erfolg kam auf Erfolg. Klaus Tiedemann stieg hoch.
-
-Hornruf riß ihn empor.
-
-Die Welt stand freudlos vor ihm, und die Instrumente schwiegen:
-
-Er fuhr zusammen, als täten ihm all die Hände weh, die in die Stimmung
-schlugen und damit Beifall zeugten.
-
-Lange dröhnte der Applaus.
-
-Mit matter Handbewegung klatschte Fred: »Die Behrens sind vorn in der
-Loge«, sagte er nachlässig zu seinem Vater. »Du mußt sie grüßen.«
-
-»Der erste Satz war prächtig,« Leo winkte mit dem Programm seiner
-Schwester zu, »nur etwas zu langsam.«
-
-Hilde nickte, kaum bewußt, daß man zu ihr gesprochen. Die Stimmen
-schwirrten um sie und banden sie an die Wirklichkeit. Das Orchester
-setzte ein. In wildem Rasen nahm das Kunstwerk sie weiter gefangen,
-alles versank hinter ihr.
-
-Der Taumel konnte betäuben, nicht täuschen über den Ernst! Das war es,
-was sie oft empfand, daheim, wenn sich die Ihren anders gaben, als sie
-waren. Bequem war es, doch es mußte sich rächen! Derbes Behagen und
-Selbstzufriedenheit gaben nimmer Erfolg. Vater mußte die Fehler seiner
-Söhne sehen und sich ihrer bewußt werden.
-
-Ihre Blicke flogen zu ihm. Seine Gedanken gingen ähnlichen Gang:
-
-Sollte das rastlose Suchen und Mühen nach dem Glück, das ihn zeitlebens
-geleitet hatte, sein Ende finden in enger Begrenzung? So dachte er
-damals, als er, zurückgekehrt auf Heimaterde, sein Werk, jetzt Freds
-Werk, geschaffen hatte. Sollte er einsam bleiben, zufrieden mit dem
-Besitz? Er sehnte sich wieder nach Heimat im wirbelnden Trubel des
-Lebens, sein Herz verlangte Liebe, und die gab die _Familie_! Familie?
-Er brauchte zu wählen. Wie klein waren die Menschen, die ihm nun ruhig
-ihr Kind gaben, weil er reich geworden war! Die Kinder kamen, doch
-nicht das erhoffte Glück. Als er es besessen hatte, in den wenigen,
-kurzen Jahren seiner ersten Ehe, da hatte er sich nach dem lärmenden
-Erfolg gesehnt; da war das Glück zerbrochen. Nun verließ ihn nicht mehr
-der Erfolg, doch das Glück kam nimmer! Er wurde einsam in seiner großen
-Familie.
-
-Mit starren Augen blickte Tiedemann vor sich nieder. Warum? ... Warum?
-
-Beifall hatte zweimal um ihn geklungen, er hatte sich nicht gerührt.
-Seine Kinder sprachen, er gab keine Antwort:
-
-Freude klang aus Instrumenten und Stimmen!
-
-Freude war ihm nie beschieden gewesen.
-
-Ob sie wohl seine Kinder fanden? Was in _seinen_ Kräften stand, gab er
-hinzu. Sie sollten haben, was ihm das Leben verwehrte!
-
-Die Instrumente jubelten, die Stimmen jauchzten. »... Deine Zauber
-binden wieder, was die Mode streng geteilt ...«
-
-Ein Riß ging durchs menschliche Sein, den nichts überbrückte. Wer
-Großes wollte, wuchs aus seinem Kreis und nahm sich so die Kraft,
-die ihm bestimmt war, die stets zu wenig wurde. Tiedemanns suchender
-Blick blieb auf dem hageren, bleichen Gesicht eines Geigers hängen,
-einer kleinen, verkrüppelten Gestalt, an der nur die Augen lebten und
-flackerten. Er war glücklich in den Tönen, um, wenn das graue Einerlei
-ihn wieder umfing, noch unglücklicher zu sein. So war es auch Klaus
-Tiedemann ergangen:
-
-Das Leben hatte ihn gehoben und ihm den Boden des Volkes geraubt, aus
-dem er gewachsen war. Und nun stand er zwischen zwei Schichten und
-gehörte keiner an: Sein Streben galt dem, was sein erbittertster Gegner
-gewesen, solange er jung war. Er stand vor verschlossenen Türen und
-wollte den Weg zurück nicht mehr gehen, weil er allzu steinig war, da
-er ihn wanderte, den Blick nach der Höhe gerichtet. Und die Türen vor
-ihm blieben verschlossen. Sein Leben ging zu Ende. Noch immer suchte er
-dessen Rätsel zu lösen. Gab Gott den Menschen die Erde, um glücklich zu
-sein? ...
-
-»Komm Papa! Ich möchte dich noch der Baronin Wolny vorstellen.«
-
-Fred Tiedemann rüttelte seinen Vater, der bewegungslos geblieben, als
-das Konzert zu Ende war, der noch immer so saß im halbleeren Saal.
-Tiedemann seufzte und stand auf. Eine alte Dame trocknete sich die
-Augen, in welche die Erinnerung ihres Lebens Tränen getrieben hatte.
-Sie gingen dem Ausgang zu. Hansen mußte schon weg sein. Hilde sah ihn
-nicht mehr. »Jedes Wort, das man nachher spricht, ist Entweihung«,
-hatte er einmal zu ihr gesagt.
-
-»Oh, die Herrschaften gehen wieder in Gesellschaft?« Eine schöne Frau
-grüßte mit bezauberndem Lächeln: Brunn-Bennigsen, die Klaviervirtuosin,
-hatte der Tiedemanns Fernbleiben von ihren Veranstaltungen, durch vier
-leere Plätze in der ersten Reihe gut im Gedächtnis. »Aber übermorgen
-kommen Sie doch in mein Konzert?«
-
-»Selbstverständlich.« Klaus Tiedemann verneigte sich, trotzdem sein
-Inneres anders sprach. Er wendete sich an seinen Sohn: »Fred, du mußt
-dich morgen gleich um Karten umsehen. Hoffentlich bekommen wir noch
-welche.«
-
-»Ich denke schon!«
-
-Ein öder Abend, der ihm nichts gab, stieg vor Tiedemann auf, in dem
-er Beifall klatschen mußte, weil es die anderen taten. Mechanisch
-verbeugte er sich bei der Verabschiedung, während Fred mißmutig zum
-Ausgang sah:
-
-»Nun haben wir die Wolny verpaßt.«
-
-
-Hilde und Leo empfingen in den vorderen Räumlichkeiten die letzten
-Gäste. Dann geleiteten sie diese in den Musiksalon. »Wenn es Sie
-interessiert, wir wollen eben über das Wohltätigkeitsfest schlüssig
-werden.« Leise Verbeugungen, diskretes Lächeln und Händedrücke ließen
-die Wissenden erkennen.
-
-Lachen und Bravorufe klangen von der Schmalseite, wo sich die Herren
-drängten. Frau Baronin Wolny stand auf, von neuerlichem Beifall
-begrüßt. Sie lächelte dankend und sprach geziert:
-
-»Meine Herrschaften!«
-
-Sesselrücken ging der allgemeinen Ruhe voraus, welche knarrende Stiefel
-unangenehm unterbrachen, die auf dem spiegelnden Parkett hin und her
-gingen. »Wer ist das?« Ein fragendes Lächeln hinter dem Fächer, leise
-Antwort:
-
-»Ueberbleibsel aus alter Zeit, man sagt, ein Verwandter.«
-
-Zwei Augenpaare nickten sich zu, über Gerhard Tiedemann hatten zwei
-Damen der Gesellschaft den Stab gebrochen.
-
-»Meine Herrschaften! Vor allem danke ich Ihnen für ihr Vertrauen«,
-sprach die Wolny. »Ich weiß nicht, ob ich es verdiene,« die rotblonde
-Frau lächelte verbindlich, »aber wenn ich tatsächlich die Ehre haben
-werde, dem Feste zu präsidieren, so können Sie versichert sein, daß
-ich zu dessen Gelingen alles tun will, was in meinen schwachen Kräften
-steht.«
-
-T. A. Hansen zog die Unterlippe ein, während ein Beifallssturm den
-Worten der begehrenswerten Frau folgte; dann klatschte auch er in die
-Hände: »Bravo!« Seine Stimme hatte sonderbare Färbung.
-
-»... Und noch eines möchte ich bitten, heute zu besprechen. Mit
-Rücksicht auf den praktischen und humanitären Zweck müssen wir
-möglichst _billig_ arbeiten. Wollen die Herrschaften also im Laufe des
-heutigen Abends, der uns gewiß allen recht angenehm vergehen wird, sich
-zwanglos über Gruppen, Kostüme usw. besprechen und es dann mich oder
-Herrn Fred Tiedemann wissen lassen, der die Freundlichkeit hatte, in
-das engere Komitee einzutreten ...«
-
-Sie setzte sich; Fred beugte sich leicht zu ihr hinüber, daß er den
-warmen Hauch ihres Körpers atmete: »Bitte Frau Baronin, das Wort für
-mich.«
-
-»Herr Fred Tiedemann hat das Wort.«
-
-»Ich möchte nur auf eines hinweisen,« der kerzengerade Fred lächelte
-rundum, »wir brauchen einen gewissen Betriebsfonds, um arbeiten zu
-können! Die Vorbereitungen hat wohl die gnädige Frau Baronin in
-selbstlosester Weise gefördert.«
-
-»_Sie_ doch _auch!_« Frau Majas volle Lippen lächelten.
-
-»Es müssen Einladungen besorgt werden, kurz und gut,« er warf den Kopf
-humoristisch hin und her, »wir brauchen Geld, wie überall auf der Welt!«
-
-»Der Weisheit Schluß!«
-
-»Kollekte veranstalten!«
-
-»Absammeln!«
-
-»Bitte,« Fürst Solt legte eine Riesennote vor Frau Maja Wolny und trat
-mit einer Verbeugung zurück. Fred Tiedemann sah darauf hin und ärgerte
-sich: es war mehr, als er hatte zeichnen wollen.
-
-Er sah fragend zu seinem Vater hinüber:
-
-Der hatte die Situation und den Befehl begriffen. Mit hastigen
-Schritten und vor Erregung rotem Kopf, daß er nun vor so vielen
-Menschen sprechen müßte, die er alle als über sich stehend ansah, trat
-er vor und gab die doppelte Summe in Frau Majas Hände: »Von unserem
-Hause.«
-
-»Meinen herzlichsten Dank, im Namen der Sache.«
-
-Klaus Tiedemann verneigte sich, wie er es bei dem Fürsten gesehen
-hatte. »Das soll nur der Anfang sein.«
-
-Fürst Solt trat in die Fensternische.
-
-Nun kamen alle anderen, an der Spitze Lecart und Behrens. Klaus
-Tiedemann sah mit scharfen Augen zu: Behrens mußte viel geben, der zog
-den armen Leuten die Haut über die Ohren ... Die beiden Männer nickten
-sich steif zu; sie konnten es noch immer nicht vergessen, daß sie in
-der Jugend Konkurrenten gewesen waren. Und dann -- die Behrens hatten
-wohl auch reichlich Geld erworben, aber ihre Art hatte sich nicht
-verfeinert und war derb geblieben, wie am Anfang, da Heinz Behrens
-am Getreideeck als kleiner Makler begonnen hatte! Behrens sagte zu
-Tiedemann:
-
-»Wie soll der Schwindel heißen?«
-
-»Das wissen wir selbst noch nicht; ursprünglich wollten wir ein
-orientalisches Fest, aber die Kostüme kommen zu teuer; das drückt den
-Reingewinn.«
-
-»Mhm,« Heinz Behrens zog den Mund breit, »das ist wahr.«
-
-»Nennen Sie's doch ‚ein Wohltätigkeitsfest auf dem Mond’, meine
-Herrschaften,« rief Hansens helle Stimme in das Gewisper und Geflüster,
-das die rotblonde Präsidentin ratend umgab, »da kann man jedes Kostüm
-brauchen.«
-
-Sie wandten alle die Köpfe; Hildes Augen suchten den Boden.
-
-Klaus Tiedemann wußte nicht recht, ob die Worte im Scherz oder im Ernst
-gesprochen waren.
-
-»Das ist eine Idee.«
-
-Fred Tiedemann hatte zu Hansens Verständnis, in solchen Dingen,
-unbedingtes Vertrauen:
-
-»Ausgezeichnet, meine Herrschaften, wenn niemand etwas dagegen hat, so
-feiern wir ein Fest auf dem Mond?«
-
-»Bravo, famos!«, es hatte niemand etwas dagegen; nur Heinz Behrens
-schüttelte den struppigen Kopf, er fand sich nicht gleich zurecht in
-solchen Dingen: was sollte er auf dem Monde machen?
-
-»Ein großartiger Gedanke, gnädiges Fräulein«, sagte Olthoff und zog
-sich ein Taburett zu Hildes Füßen. »Ist es erlaubt?«
-
-»Bitte.«
-
-Er ließ sich nieder. »Ich hätte eine große Bitte an Sie, gnädiges
-Fräulein?«
-
-»Die wäre?«
-
-Er seufzte und sah sie lächelnd an: »Eine sehr, sehr große und
-unverschämte Bitte.«
-
-»Nun?« Nervös blickte sie nach der Stelle, wo Hansen sein mußte. Er
-folgte der Richtung; fragend sah er sie an:
-
-»Befehlen?«
-
-»Nichts,« sie wendete den Kopf, »Ihre Bitte?«
-
-»Fred und ich wollen eine Gruppe bilden.«
-
-»Und? ...«
-
-»Bitte, machen Sie mit!«
-
-»Wenn Papa dadurch nicht allein ist, gern.«
-
-»Das ist lieb von Ihnen.« Er küßte ihr die Hand und sprach eifrig
-weiter: »Wir denken uns so eine nette, intime Gruppe, lauter Leute, die
-sich gegenseitig sympathisch sind.« Sein Blick tauchte fragend in den
-ihren, ohne daß ihm dieser die gewünschte Antwort gab. »Bis jetzt wäre
-es Ihre werte Familie, die Wolnys und meine Wenigkeit -- viele werden
-nimmer dazukommen, höchstens noch eine junge Dame für Jan Wolny; für
-Ihren jüngeren Herrn Bruder haben wir an Fräulein Behrens gedacht.«
-
-Hilde gab einsilbige Antworten.
-
-Hansen ging vorüber, im Gespräch mit Leo; sein Blick streifte sie,
-flüchtig und zufällig; es tat ihr weh. Abseits stand Fürst Solt und
-redete mit Jan Wolny. Die schmale Gestalt Wolnys hing vornüber, der
-kleingestutzte, schwarze Schnurrbart gab dem Gesicht einen älteren
-Ausdruck.
-
-»Sie wollen sich jedenfalls, wie Ihr seliger Herr Papa, dem
-öffentlichen Dienste widmen?«
-
-»Vielleicht, Durchlaucht, -- einstweilen studiere ich
-Rechtswissenschaft.«
-
-»Und interessiert Sie Ihr Fach?«
-
-Jan Wolny zog die dunklen Brauen zusammen. Er antwortete langsam:
-
-»Gewiß, Durchlaucht, es hat für mich etwas sehr Ansprechendes, aus
-erster Quelle das kennenzulernen, nach dem die gesamte Menschheit
-sich richten muß. Sie fügt sich seit Jahrtausenden, und doch ist es
-auch nur menschlicher Wille, vor dem sie sich beugt. Man schuf sich
-eine Richtschnur, weil man sich der eigenen Schwäche bewußt war. Wer
-heutzutage stärker wäre und nach eigenem Gesetz handelte, er wäre der
-erste, der nach dem Mittel der Schwäche seiner Vorfahren gerichtet
-würde. Das ist das Rätselhafte am menschlichen Recht und Gesetz.«
-
-Mit langem Blick sah ihn Fürst Solt an.
-
-Olthoff segelte steuerlos hin und her, um ein Gespräch dauernd im Gange
-zu halten:
-
-»Sagen Sie, Fräulein Hilde, zu wessen Gunsten wird eigentlich das
-Reinerträgnis verwendet?«
-
-»Für Angehörige von Säufern und für die Erziehung ihrer Kinder.«
-
-»Da wird Ihr Herr Schwager eifrig beisteuern müssen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Jetzt, wo die Spiritus- und Schnapsbrennereien ihm gehören, ist er ja
-einer, der am meisten mit solchen Leuten zu tun hat.«
-
-Sie lächelte gezwungen: »Ach so ...«
-
-Fred kam auf sie zu und sagte befehlend: »Olthoff führt dich zu Tisch;
-neben dir ist Fürst Solt mit Clo.«
-
-Sie nickte gehorsam und stand auf. Sie legte ihren Arm in den Olthoffs
-...
-
-In scharf überlegter und abgezirkelter Tischordnung saßen sie:
-
-Ganz unten Gerhard und Hansen; auch der alte Behrens hatte es
-verstanden, sich dahin zu schmuggeln; da aß man ungenierter! Seine Frau
-und Tochter sollten ruhig oben bleiben. Heinz Behrens erwog in seinem
-geschäftigen Sinn eine endgültige Versöhnung der Häuser Behrens und
-Tiedemann, durch Heirat ihrer Kinder. Leo war seiner Tochter Tischherr.
-Dann konnte man die überseeische Filiale auflassen, die nur Geld
-kostete, die, der Tiedemanns wegen, einstweilen notwendig war ...
-
-Frauenrecht und Kinderschutz waren das Gesprächsthema. Frau Baronin
-Wolny hob ihr Glas Liebfrauenmilch und lächelte Fred Tiedemann zu:
-»Mein treuer Adjutant.« Dann fragte sie nach links, seinen Vater,
-der sofort mit dem Essen innehielt: »Sagen Sie, wird nicht stark
-übertrieben, wenn man immer von der traurigen Lage der Arbeiterschaft
-spricht?«
-
-»Durchaus nicht, Frau Baronin --« Tiedemann wischte sich mit der
-Serviette eifrig den Mund. »Durchaus nicht, die Leute sind wirklich
-gezwungen, ein Leben wie die Hunde zu führen.«
-
-»Also doch, das ist mir interessant zu hören!«
-
-Klaus Tiedemann kam in Hitze:
-
-»Das ist das fürchterliche, daß die meisten gar nicht wissen, wie
-schlecht es ihren Arbeitern geht!« Lecart hob den Kopf. »Nicht genug
-daß die Eltern verkommen und sich dem Trunk ergeben, die Kinder, für
-die sonst jeder alles tut, werden krank und leiden daran ihr Leben lang
-...« Er rückte zur Seite, um »Sole d'Ostende à la Joinville« servieren
-zu lassen, dann fuhr er fort, die eigene Kindheit ward in ihm rege:
-
-»Man muß wissen, wie die Kinder untergebracht sind: mit den Eltern oft
-zu fünft und noch mehr in einem kleinen, schlecht gelüfteten Raum,
-der auf einen engen Lichthof mündet, in den nicht mal die elende
-Großstadtluft dringen kann.« Er nickte aufgeregt mit dem Kopfe.
-»Was sie da sehen und hören, wenn sie älter werden und der Vater
-betrunken nach Hause kommt!! Dann wundert man sich über die moralische
-Verkommenheit. Mein Gott, was man von klein auf gesehen und mitgemacht
-hat, wird einem zur Gewohnheit. Ich kann darüber sprechen, denn ich
-...« Fred Tiedemann sah seinen Vater fest an, dem ging stets das Herz
-in solchen Dingen über, »... denn ich«, fuhr Tiedemann unsicher fort
-... »habe mich stets um meine Arbeiter gekümmert.«
-
-Er schwieg, Lecart sagte zu Brunn-Bennigsen, seiner Nachbarin: »So arg
-ist's nicht, mein Schwiegerpapa übertreibt gern.«
-
-Jan Wolny, der neben Clo saß, schüttelte den Kopf. »Wenn es wirklich so
-ist, dann sollten wir uns schämen und, statt ein Fest zu veranstalten,
-das ganze Geld den Armen geben.«
-
-»Es kommt ohnehin auf eins heraus.« Clo wendete ihm den Kopf zu, daß
-die Brillanten farbige Pfeile schossen. »Wenn wir eine Unterhaltung
-geben, so haben wir _und_ die Armen etwas davon und sonst nur die
-allein.«
-
-Jan gab keine Antwort.
-
-Das Mahl ging weiter, Gang folgte auf Gang. Beim Champagner, Lecart
-hatte mit Vergnügen zu seinem Gegenüber »G. H. Mumm extra dry« bemerkt,
-erhob sich Fred, zu kurzer Rede:
-
-Er sprach auf die Präsidentin und auf das Gelingen des Festes und
-fand den üblichen Beifall des Gastgebers. »Ein reizender Mensch, Ihr
-Herr Sohn«, hatte Baronin Wolny zu Klaus Tiedemann gesagt; der nickte
-vor sich hin. Er konnte das Lächeln des Vaterstolzes nicht verbergen.
-In solchen Momenten vergaß er alles, aus Freude darüber, daß seinem
-Sohne gelang, was er Zeit seines Lebens nicht erreicht hatte -- das
-Wohlgefallen der Gesellschaft.
-
-Nach dem »Crème à la Glace« warf Olthoff, der bereits sämtliche
-Manövergeschichten erschöpft hatte, abermals die Frage auf, was die
-Gruppe darstellen sollte. Er dachte an Mondkavallerie in exotischem
-Kostüm, die Frau Luna umschwärmt. Hilde sollte Frau Luna sein!
-
-»Recht verrückte Adjustierung, Löffel und Gabel in Riesendimensionen
-als Waffen -- Hände und Gesicht dunkel gefärbt; das wird ein
-Hauptspaß.« Er lachte. »Doch die Damen werden mit dem Färben, des
-Teints wegen, nicht einverstanden sein?«
-
-»Das ist mir gleich, wenn es die anderen tun, mache ich es auch.«
-
-»Sehr liebenswürdig, wenn nur alle Damen so uneigennützig sind.«
-
-Fürst Solt mischte sich ins Gespräch: »Da wüßte ich ein Mittel, das
-großartig wirkt.« Er legte den Handrücken nachdenklich an die Stirn.
-»Nun ist mir der Name entfallen. Ich habe seinerzeit in Indien gesehen,
-wie sich die Eingeborenen bei ihren Festen damit färben.« Wieder hielt
-er inne. »Daß ich aber auch den Namen vergessen habe! Es war die Frucht
-einer Akazienart, glaube ich.«
-
-»Es wird Bablah gewesen sein.«
-
-»Ganz richtig, gewiß.« Fürst Solt neigte dankend den Kopf nach dem
-Tischende. Er schien sich mit Freuden früherer Zeiten zu erinnern.
-»Sehr richtig, ich meinte Bablah; aber woher kennen Sie den Namen, wenn
-ich fragen darf?«
-
-Gerhard Tiedemann gab kurz die Antwort: »Ich war einige Jahre im
-Lande.«
-
-»Das trifft sich herrlich.« Der sonst so schweigsame Fürst wurde
-lebhaft. »Da müssen wir darüber sprechen, alte Erinnerungen
-auffrischen; da bitte ich dann um eine Plauderviertelstunde.«
-
-»Bitte.«
-
-Er wendete sich lächelnd zu Klaus Tiedemann: »Nun bin ich Ihnen für
-Ihre liebenswürdige Einladung noch mehr verbunden. Ich hätte mir nie
-träumen lassen, bei Ihnen heute über Indien, das Land meiner Sehnsucht,
-sprechen zu können.«
-
-In Klaus Tiedemann regte sich abermals Vaterstolz; doch seine Umgebung
-ließ ihn dessen nicht froh werden, etwas wie beleidigte Eitelkeit klang
-in seiner Antwort: »Auch ich, Durchlaucht, kenne das Land, doch bin ich
-nur auf kürzere Zeit hingekommen.«
-
-»Köstlich.« Mit leisen Worten wendete sich Fürst Solt an Hilde: »Wer
-ist der Herr, der mir vorhin zu Hilfe kam?«
-
-Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort; sie schien auch von der
-allgemeinen Scheu ihrer Familie, Gerhard zu ihnen rechnen zu müssen,
-ergriffen; dann warf sie den Kopf unwillig zurück: »Es ist mein
-Stiefbruder, Durchlaucht, meines Vaters Sohn aus erster Ehe«, sagte sie.
-
-»Ihr Herr Vater war zweimal verheiratet? Das wußte ich nicht.«
-Interessiert sah Solt auf Gerhard. »Es ist große Aehnlichkeit zwischen
-ihm und seinem Vater, viel mehr, als Sie alle mit ihm haben.«
-
-»Ich weiß.«
-
-Klaus Tiedemann hatte mit scharfen Ohren das leise geführte Gespräch
-vernommen; er senkte den Kopf. Es kränkte ihn, daß seine Kinder aus
-zweiter Ehe ihm so wenig ähnlich waren; das Wesenheimsche Blut war
-stärker gewesen als sein eigenes. Er preßte die Zähne aufeinander;
-sie hatten ihm seine Art zerbrochen und ihn zu ihrem willfährigen
-Diener gemacht, der Geld verdiente. Das vergaß er ihnen nicht! Er
-zwang sich zu anderem Denken: Wozu holte er dies alles wieder aus der
-Vergessenheit hervor, wo ihn seine Kinder doch liebten und an ihm
-hingen in Treue? Nun war doch alles gut.
-
-Leo strich an Hilde vorüber und flüsterte:
-
-»Fred läßt dir sagen, du solltest endlich die Tafel aufheben.« Fred
-Tiedemann taugte das Gespräch nicht; wenn Papa und dieser Plebejer, der
-sich sein Bruder nennen durfte, zu sprechen anfingen, war es besser,
-Schluß zu machen; sonst konnten unangenehme Enthüllungen vorkommen. Was
-ging die Leute die Geschichte Tiedemanns an?
-
-Hilde stand jäh auf.
-
-»Mahlzeit!«
-
-Olthoff wich nicht von ihrer Seite. Ungezwungene Gruppen bildeten sich,
-Brunn-Bennigsen trat ans Klavier. Wieder legten die Gesichter sich in
-ernste Falten.
-
-Die ersten Töne erklangen.
-
-In der Stille hallte Gerhards Stimme desto lauter, alle Blicke wendeten
-sich zu ihm: er störte die Kunst, das war Sakrileg. Fred Tiedemann
-knirschte mit den Zähnen, das hatte Papa davon! Brunn-Bennigsen tat
-einen bösen Seitenblick.
-
-»... Bombay ist stark zurückgegangen, durch Cholera und andauernde
-Mißernten ...«
-
-Elektrische Spannung lag in der Luft und mußte sich über Gerhard
-entladen. Doch als Fürst Solt nun, von den Erinnerungen seiner Jugend
-getrieben, ebenfalls laut antwortete, zerfloß alles in Wohlgefallen:
-dem konnte niemand Taktlosigkeit vorwerfen!
-
-»... Ich glaube, auch die Bevölkerung ist stark dezimiert.«
-
-»Gewiß.«
-
-»Wo hatten Sie eigentlich Ihren Sitz?«
-
-»Auf Old Womans Island; im letzten Jahre gleich daneben, auf Kolaba.«
-
-»Das ist die Halbinsel? Nicht? ...«
-
-Das Fortissimo übertönte die Stimmen.
-
-Reicher Beifall erklang, Fred überreichte ein Rosenbukett. Dann
-geleitete er die Künstlerin zu ihrem Sitz:
-
-»Ich war machtlos, die beiden Herren müssen sich rein vergessen haben.
-Fürst Solt war dabei!«
-
-Sie lächelte ihm zu: »Das hat nichts auf sich ...«
-
-Nun durften die Herren rauchen.
-
-Bei den Zigarrenkistchen, in denen die Spezialitäten mit den breiten
-Bauchbinden lagen, traf man sich.
-
-Lecart wählte mit Kennermiene; sein Blick kreuzte sich mit dem
-Olthoffs. Sie verstanden sich.
-
-»~C'est la guerre~«, lächelte Olthoff.
-
-Roller, der Modemaler, nahm gleich von mehreren Sorten; er kam stets,
-wenn wenig Leute bei den Rauchsachen waren, auf seine Kosten.
-
-Auch Leo holte sich eine schwere Havanna ...
-
-»Wollen wir nicht ein wenig plaudern?« fragte Hilde Tiedemann.
-
-»Wenn ich Ihnen nicht zu langweilig bin? ...« Hilde ließ sich in einer
-lauschigen Ecke nieder; T. A. Hansen saß ihr gegenüber und sperrte ihr
-den Ausblick. »Es ist lange, daß wir uns das letztemal sprachen.«
-
-Sie nickte: »Wie geht es Ihrer Mutter?«
-
-»Gut, wie es eben einer alten Frau gehen kann, die mich zum Sohn hat.«
-
-Hilde wurde verlegen:
-
-»Sie machen sich noch immer gern schlecht.«
-
-Er lächelte:
-
-»Ich bin kein Heiliger; fragen Sie nur die da hinten,« er machte eine
-geringschätzige Kopfbewegung nach der übrigen Gesellschaft, »wofür mich
-die halten!« Hansens überlegene Ruhe, die er sonst stets zur Schau
-trug, war einer bitteren Stimmung gewichen.
-
-»Das kann Ihnen doch ganz gleich sein.«
-
-»Ja und nein; auf die Dauer wird es einem ekelhaft. Es gehört
-eine verflucht gute Laune dazu, stets als das ausgestoßene Schaf
-herumzulaufen.«
-
-»Das muß Ihnen gleichgültig sein.« Sie sah ihn mit forschenden Augen
-an. »Sie sagten doch immer: ‚nie hat die Menge recht’.«
-
-Sein Blick wurde wärmer. »Ja, Fräulein Hilde, und doch tut es mir von
-mancher Seite weh, so behandelt zu werden; ich bin für viele nur der
-Lump. Ich gelte bei so manchen nur als Spötter, als minderwertiger
-Charakter, weil ich mein Vergnügen daran finde, den Leuten ihre
-schlechte Seite vorzuhalten, und doch hat alles andere weniger Wert.«
-Er senkte den Kopf im Weitersprechen. »Was heißt charakterisieren?
-Die Züge des Betreffenden sammeln und dieselben wieder vereinigen,
-zu einem Gesamtbild. Wenn man das tut, so ist's Karikatur, und als
-solche minderwertig; wenn man's nicht tut, wird es ein Bild ohne
-Fleisch und Blut, denn nur durch karikaturenhafte Züge unterscheiden
-sich gegenseitig die Menschen; so seh' ich es eben und bleib' drinnen
-stecken.« Er lächelte bitter. »Mit der Zeit werden Sie schon auch noch
-anders von mir denken, und Sie haben recht, wenn Sie's tun.«
-
-»Warum ich?«
-
-»Weil ich nichts leiste, weil ich heute noch immer derselbe bin, als
-der ich vor fünf Jahren in Ihr Haus kam: der Vielversprechende, der
-nichts hält.«
-
-»So dürfen Sie nicht sprechen, Hansen, nicht in meiner Gegenwart.« Er
-sah auf und erschrak. In Hildes Augen standen Tränen. Gewaltsam drängte
-sie diese zurück.
-
-»Verzeihen Sie nur!«, sagte er und streckte ihr die Hand hin, in die
-sie ihre eiskalten Finger legte. »Ich habe mich gehen lassen, weil ich
-mich vorhin über Leo ärgerte.«
-
-»Was war's?«
-
-»Nichts! Eigentlich nicht der Rede wert: er war heute anders mit mir
-als sonst. Geschraubt und hochmütig, als wäre es eine Auszeichnung,
-wenn er überhaupt mit mir spricht.«
-
-»Da kann Leo nichts dafür ...« Sie schwieg in heißer Verlegenheit.
-
-»Ich weiß,« er suchte ihr die unangenehme Antwort abzunehmen, »ich
-weiß, daß er nichts dafür kann, aber trotzdem: er war einer, der
-an mich glaubte, wenn er auch noch ein Kind war; es tut immer weh,
-Anhänger zu verlieren, wenn man wenige hat.« Er sah ihr fest in die
-Augen. »Ueberhaupt, es ist so vieles bei Ihnen anders geworden.«
-
-»Sie dürfen von Papa nicht schlecht denken.«
-
-»Das tue ich nicht, Fräulein Hilde; sonst würde ich nicht darüber
-sprechen; aber leid ist mir um ihn, daß er sich so beeinflussen
-läßt und nicht sieht, wohin das führt. Warum zieht er solche Leute
-ins Haus,« seine Stimme klang aufgeregt, »wie den Olthoff, dem die
-Spekulation auf Sie ins Gesicht geschrieben steht, die Wolny, die
-stadtbekannt ist wegen ihres Lebens, und noch viele andere?«
-
-Sie war blutrot geworden: »Was sollen die Leute schaden, wenn nur wir
-stark bleiben?«
-
-Er sah sie mit forschenden Blicken an: »Wenn! Wir? Wer sagt, daß Sie's
-bleiben? Ihre Schwester hat Lecart geheiratet, trotzdem ich jemanden
-kenne, der heute noch für sie stirbt.« Sie lenkte ab.
-
-»Sie verkehren noch mit Gröden?«
-
-»Wir sind jeden Tag beisammen; er hat Karriere gemacht und hat es noch
-immer nicht vergessen, daß er Klaus Tiedemanns Schwiegersohn nicht
-werden konnte, weil er ein armer Architekt war.«
-
-Hilde seufzte. »Daran war Mama schuld.«
-
-Sie schwiegen.
-
-Ihre Blicke hingen ineinander.
-
-Dann sagte Hilde: »Was macht Ihre große Arbeit?« Er senkte den Kopf
-und gab keine Antwort. Sie sprach weiter: »Sie haben mir versprochen,
-damals, als wir das erstemal uns näher traten: Sie wollten ein Werk
-schaffen, das zeigen sollte, daß Sie mehr könnten als die anderen.«
-In herber Enttäuschung schüttelte sie den Kopf. »Ich habe so darauf
-gewartet, von Tag zu Tag, und nun? ...« Ihre Stimme verhallte.
-
-T. A. Hansen saß regungslos; dann sah er auf. In seinen grauen Augen
-glimmte ein Funke. »Ich hab' nicht gewußt, daß _Sie_ darauf warten.«
-Seine Stimme gewann an Festigkeit. »Sie dürfen nicht schlecht von mir
-denken, Hilde, nur das nicht. Ich kann eben kein Beamter der Kunst
-sein. Es wird so viel geschaffen, um das sich niemand kümmert, daß
-es einem um sein Werk leid sein kann. Die Handwerker in meinem Fach
-sind im Vorteil. Sie malen Porträts von reichen Leuten und leiten
-davon ihr Selbstvertrauen her; sie werden dadurch »bekannt«. Ich habe
-durchgekämpfte Stunden künstlerischen Zweifels, die anderen haben Geld
-und Konnexionen. Was gilt in den Augen der Welt mehr?«
-
-»In meinen Augen -- das Ihre.«
-
-Er atmete aus voller Brust und bohrte den Blick in ihr erregtes
-Gesicht, als müsse er sich dort Mut holen.
-
-Dann sagte er: »So will ich's wagen -- aber Sie dürfen mir nichts
-verschweigen, Hilde, ja, nichts? Sonst ist's Verrat an mir selbst.«
-
-»Ich habe nichts zu verschweigen. Ich habe nur den Willen, daß Sie mit
-Ihren reichen Mitteln den anderen zeigen, was Sie können, dann bin ich
-belohnt.«
-
-Seine Hand umspannte krampfhaft die ihre; mit fester Stimme sagte er:
-»Sie sollen nicht getäuscht werden, aber ich muß voll an Sie glauben
-und muß von Ihnen das Recht haben, zu jeder Stunde meiner Arbeit an Sie
-denken zu dürfen. Darf ich das, Hilde?«
-
-Sie nickte mit feuchtem Blick: »Ja, Hansen, das dürfen Sie, und ich
-will's auch tun.«
-
-»Nun hab' ich Riesenkraft ...«
-
-Er sah sich um: mit unsicherem Schritt kam Roller auf sie zu; er trug
-auf einer Tablette mehrere gefüllte Kognakgläser.
-
-»Gefällig?«
-
-»Danke.«
-
-»Ich danke«, sagte auch Hilde.
-
-»Bleibt mir mehr!«
-
-Er goß hintereinander den Inhalt mehrerer Gläser hinunter, mit stieren
-Augen klopfte er wohlwollend Hansen auf die Schulter; er fühlte sich
-dem Karikaturenzeichner weit überlegen: »Junger Mann, Sie haben kein
-Ideal, suchen Sie sich eines, ein Künstler muß ein Ideal haben ...«
-
-»... Und wenig saufen«, es war Hansens unverschämtester Blick, der
-dem verblüfften Modemaler ins Gesicht lächelte, »sonst wird die Hand
-unsicher ...«
-
-»... Na Kinders, wie geht's,« Heinz Behrens klopfte sein Töchterchen
-derb auf die Wange, »macht der junge Herr seine Sache gut?«
-
-Leo Tiedemann war wütend: daß nette Mädchen stets solche Väter haben
-mußten! Er hustete und sah mißvergnügt gegen das Klavier, wo Lecart
-eben Frau Brunn-Bennigsen auf den vollen Arm küßte. Klaus Tiedemann saß
-müde in einer Ecke und lächelte verbindlich, wenn er angesprochen wurde.
-
-Er war schläfrig und sehnte sich nach Ruhe.
-
-Jan Wolny strich an der Nische vorüber, in der sich seine Mutter mit
-Fred Tiedemann unterhielt:
-
-Er kannte das hungrige Lachen, er hatte es schon einmal gehört, kurz
-bevor sein Vater in den Tod gegangen war.
-
-
-Die nächsten Tage eilten vorüber. Fred Tiedemann hatte eine Unmasse zu
-tun. Wenn die Wohltätigkeitsveranstaltung gelingen sollte, benötigte
-sie viel Arbeit. Drei Herren im Bureau hatten die beiden letzten
-Wochen nur für sie zu arbeiten, zum unaussprechlichen Aerger des alten
-Görnemann. Gerhard zuckte die Achseln und dachte der Worte, die Fürst
-Solt zu ihm gesprochen hatte:
-
-»Ich glaube, unseren meisten reichen Kaufherrensöhnen fehlt
-die Erfahrung harter Arbeit. Darum sind sie nur Nutznießer des
-väterlichen Erbes. Sie gehen in unseren Kreisen auf. Statt in die Welt
-hinauszuziehen und sich dort ihre eigene Erfahrung zu sammeln ...«
-
-Klaus Tiedemann war schwer verstimmt. Er saß Stunden allein zu Hause
-und grübelte vor sich hin.
-
-Er hatte Angst um Leo.
-
-Fast täglich kam der Arzt.
-
-Hilde war nach der Gesellschaft, die bis in den frühen Morgen gedauert
-hatte, hinübergegangen in das Zimmer ihres jüngeren Bruders um ihm, wie
-es ihre Art war, neue Wäsche für Sonntag herzurichten.
-
-Sie hatte ihn wie leblos auf dem Boden liegend gefunden.
-
-Wohl war er bald wieder zu sich gekommen und hatte sie gebeten, Papa
-und den anderen nichts zu sagen. Doch Hilde hatte nicht nachgegeben und
-darauf bestanden, daß der Arzt zu Rate gezogen würde.
-
-Der schüttelte den Kopf und sagte zu Klaus Tiedemann, welcher mit
-ängstlichem Gesicht neben ihm stand: »Der Bursche ist rasch gewachsen
-und frühreif. Von Geburt aus ist er auch nicht der Stärkste, also ist
-Vorsicht am Platze. Vor allem halten Sie ihn zu Hause, und sehen Sie
-darauf, daß er genug Ruhe hat. Ich glaube, er hat schon zu viel an die
-Weiber gedacht.«
-
-Klaus Tiedemann tat einen Blick auf die Straße, auf der gerade Gerhard
-in strotzender Gesundheit daherkam, und ging mit einem leichten Gefühl
-des Hasses zu Leo hinüber, um ihm seine Entschlüsse mitzuteilen.
-
-Erstens: blieb von jetzt ab die Schlafzimmertür zu ihm offen, damit er
-alles hörte, was neben ihm vorging; darauf hatte ihn Hilde gebracht!
-Zweitens durfte Leo heuer nicht mehr abends ausgehen, weder in ein
-Theater noch in ein Konzert; natürlich war auch das Fest nächsten
-Sonnabend mit inbegriffen! Drittens: bat er ihn mit innigen Worten,
-verläßlich zu sein und sich zu schonen, auch nichts hinter seinem
-Rücken anzufangen, was seiner Gesundheit schaden könnte; dann gab er
-ihm einen Kuß und ging, um für ihn in der Stadt eine Ueberraschung zu
-kaufen.
-
-Hilde war nicht so schnell beruhigt, weil sie Leos Art besser kannte
-und seinen wilden Trotz, der gerade das unternahm, was ihm am meisten
-widerraten wurde. Vor allem suchte sie zu erfahren, ob Leo schon öfter
-solche Schwächeanfälle gehabt hatte.
-
-Erst hatte er lebhaft widersprochen; doch als er sah, daß diesmal sein
-Vater fest blieb und das Fest unwiderruflich für ihn verloren sei, gab
-er zu, bereits seit Monaten ähnliche Anfälle gehabt zu haben. Er hatte
-es verschwiegen, um sich seiner Freiheit nicht selbst zu berauben,
-und anderseits hatte er geglaubt, es würde von selbst vorübergehen.
-Sein Vater saß Stunden bei ihm, während er im Halbschlummer seiner
-Nervenschwäche vor sich hin stierte. Dieses Beisammensein erfuhr
-häßliche Unterbrechung, als das Schulzeugnis kam; es war mehr als
-schlecht und stellte überhaupt in Frage, ob Leo zur Schulprüfung
-zugelassen würde. In der kurzen Zeit bis zum Schulschluß ließ sich
-nicht mehr alles einholen, und jetzt, wo Leo wirklich der Ruhe
-bedurfte, war überhaupt nicht daran zu denken. Ein Jahr war lang und
-Klaus Tiedemann war schwer in seinem Sohne getroffen. Auch Fred war
-nicht glatt durch die Klippen des Mittelschulstudiums gekommen, aber
-Leo verlor nun schon das zweite Jahr. Was sollte man den Leuten sagen
-als Entschuldigung?
-
-Die Professoren! Leo griff nach diesem Rettungsanker. Er wußte, daß
-Vater auf die Schulmeister, wie er sie nannte, nicht gut zu sprechen
-war; so erzählte er denn von Scheußlichkeiten und Verbrechen, die sie
-an der Jugend begangen haben sollten. Sogar erschossen hatte sich
-einer seiner Mitschüler.
-
-Mit starren Augen hörte sein Vater zu, der seinerzeit nur die
-allernotwendigste Schulbildung genossen hatte; alles andere hatte er
-sich selbst im Leben angeeignet. So trug er begreifliche Mißachtung
-gegen zünftiges Lehrertum. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf und gab
-seinem Sohne recht. Mein Gott, ein Jahr, was war das; wenn ihm der
-Bursche nur wieder gesund wurde!
-
-Er griff, um sein Kind zu beruhigen, zu dem gefährlichsten Mittel, das
-er für sich selbst nie und nimmer angewendet hätte: er stellte ihm vor,
-daß er reich sei, einmal soundso viel Vermögen bekäme, also wirklich
-keinen Grund hätte, sich zu kränken und zu härmen.
-
-
-Es war wenige Stunden vor Beginn des Festes. Fred Tiedemann stand in
-seinem Zimmer und ordnete seine Maskerade. Leo saß rittlings auf einem
-Sessel und sah mißmutig auf einen Haufen in die Mitte des Zimmers
-geworfener Kleider. »Zu blöde,« er schüttelte den Kopf, »daß ich nicht
-mit kann!« Als Fred, der vor dem Spiegel in die Betrachtung seines
-Selbst versunken war, keine Antwort gab, stieß er ihn unsanft an: »Du,
-hörst du?«
-
-Aergerlich fuhr Fred, Kamm und Bürste in Händen, herum: »Jetzt schau'
-meinen Scheitel an; nun kann ich nochmals anfangen.«
-
-»Du hast doch Zeit.«
-
-»Wieso denn?« Fred sah rasch nach der Uhr. »Ich muß auch noch Papa und
-Hilde antreiben, daß sie fertig werden ...«
-
-»Glaubst du, daß sie Olthoff mag?«
-
-»Einstweilen ist's noch zum Aushalten, aber er wird sie schon kirre
-machen. Er versteht, mit Weibern umzugehen.«
-
-Nachdenklich sah Leo zur halbdunklen Zimmerecke: »Ob sie nicht zu fest
-an Hansen hängt?«
-
-»Der wäre der Richtige!« Fred Tiedemann lachte. »Damit wir noch so
-einen in die Familie bekommen wie den Gerhard! Na,« er zog die Krawatte
-zu, »das Geld würde dem schon passen, das haben ‚Künstler’ gern.« Er
-lachte geringschätzig.
-
-Lebhaft widersprach Leo: »Nein, Fred, wenn ich alles von Hansen glaube,
-darauf gibt er nichts.«
-
-»Na, nichts Gewisses weiß man nicht.« Fred strich den Schnurrbart. »Ich
-habe gegen solche biederen Gestalten Mißtrauen ...«
-
-Leo schüttelte den Kopf und schwieg. -- Nach einer Weile sagte er: »Du,
-Fred, beinahe hätte ich es vergessen: Gerhard war vor einer Stunde
-hier, um mit Papa zu sprechen.«
-
-»So? Worüber? Was hat Papa gesagt?« Der andere hielt in seiner Toilette
-inne und wartete gespannt auf Antwort.
-
-»Er hätte jetzt keine Zeit, er sollte morgen vormittag kommen.«
-
-»Aha,« Fred pfiff das Signal: »das Ganze halt!« vor sich hin, er
-mußte es ja kennen als Reserveoffizier der Husaren, dann meinte er
-nachdenklich: »Hoffentlich schmeißt ihn Papa jetzt endlich 'raus.«
-
-»Was hat es denn gegeben?«
-
-»Frech war er wieder: er redet überall hinein, wo es ihn nichts angeht!
-Lecart nimmt unsere Firma jetzt stark in Anspruch, weil er in größere
-Unternehmungen verwickelt ist, und das paßt dem Kerl nicht. Immer ist
-er derjenige, der warnt und lieber fremden Leuten als unseren eigenen
-Verwandten borgen möchte. Und es geht ihn doch wirklich nichts an!« Er
-hielt inne und polierte die Nägel. »Aber ich weiß schon, hinter ihm
-steckt der Görnemann, das alte Weib, das sich nichts zu unternehmen
-getraut; der hetzt ihn und schickt ihn ins Vordertreffen.«
-
-»Warum läßt du dir's gefallen?«
-
-»Du hast leicht reden. Ich muß doch jemanden haben, auf den ich mich
-verlassen kann: ich werde mich doch nicht selbst jeden Tag ins Geschäft
-setzen, dazu bin ich mir zu gut, und verlassen kann man sich auf die
-zwei, das ist ja wahr!« Fred ließ die Nagelschere auf die Marmorplatte
-des Waschtisches fallen. »Ueberdies, ich kenne auch niemanden von den
-Angestellten, ich bin dazu zu wenig im Bureau, so daß ich den Alten
-zumindest noch ein Jahr brauche.«
-
-»Wenn er es nicht merkt?«
-
-»Das ist's eben. Auch der andere spürt, daß er der einzige mit
-überseeischen Erfahrungen ist: denn Görnemann kann man heute darin
-nicht mehr rechnen. Darum nimmt er sich so viel heraus.«
-
-»Ist er wirklich so unverschämt?« Leo dehnte sich und gähnte. »Was habt
-ihr denn mitsammen gehabt?«
-
-Freds Stimme klang in der Erinnerung des vormittägigen Auftritts lauter
-als sonst: »Er will mir vorschreiben, wem ich Pensionen zahlen soll.
-Da ist so ein Skontist bei uns, seit zirka zehn Jahren; der ist jetzt
-tuberkulös und soll nach dem Süden. Ja, mein Gott, wenn ich's nicht
-habe, dann kann ich's halt nicht machen! Ich habe ihm einen Monat
-Urlaub geben wollen. Natürlich, wenn er nicht arbeitet, bekommt er auch
-kein Gehalt, das ist doch klar -- das ist überall so; dann könnte er
-nicht gehen, hat er gesagt, also soll er dableiben. Kommt der Gerhard
-herein und stellt mich wie ein kleines Kind zur Rede, ob ich wüßte,
-was ich tue; zählt mir auf, daß der andere Weib und Kind hat, daß er
-in kurzem tot ist, wenn er sich jetzt nicht schonen kann, redet von
-Zusammengehörigkeitsgefühl, das Chef und Personal verbinden muß, und so
-weiter,« Fred ließ die Hand schwer auf den Tisch fallen, »kurz, putzt
-mich zusammen, als ob ich sein letzter Kommis wäre.«
-
-»Nun, und du? ...«
-
-»Na, ich hab's ihm gegeben,« Fred schüttelte mit befriedigter Miene
-den Kopf, »so schnell kommt mir der nimmer.« Wieder übermannte ihn
-der Aerger der letzten Stunden. »Weißt du, was er noch gesagt hat?
-Ich würfe das Geld im großen hinaus und wolle im kleinen sparen, ich
-hätte keine Ahnung von modernem Geschäftsgeist; es sei besser, einem
-Skontisten, der sich für mich geplagt habe, etwas zu schenken, als das
-Geld für Wohltätigkeitsschwindel auszugeben, von dem so niemand was
-habe.«
-
-»Das mußt du Papa erzählen.«
-
-»Wird geschehen: es soll ihm nichts erspart werden ...«
-
-Fred Tiedemann machte eine rasche Wendung. »Na, wie bin ich?« Er
-pflanzte sich breit vor seinem Bruder auf, als Marsritter, der zu Frau
-Luna werben kam. Baronin Wolny war die Luna!
-
-Leo verschlang ihn mit neidischen Blicken: »Famos, warte,« er richtete
-ihm eine silberne Schnalle zurecht, »nun bist du fertig.«
-
-»Ist es dir leid, daß du nicht mit kannst?«
-
-»Zu dumm.« Ernster Aerger war in dem bleichen Gesicht des Gefragten.
-»Was hätte es mir schaden sollen? Papa ist kindisch, aber ich weiß
-schon,« Leo ballte die Fäuste, »daran ist die Hilde schuld!«
-
-»Es wird heute fesch werden; ich bin sehr gespannt auf die Wolny.«
-
-Leo atmete schwer; er bekam rote Wangen: »Sie ist rassig.«
-
-»Was weißt denn du von ihr? Das kann ein anderer als ich gar nicht
-beurteilen.«
-
-»Du hast ein Mohrenglück.«
-
-»Stimmt, morgen nach dem Rennen bin ich zu ihr geladen, da soll ich mir
-ihre Directoire-Toilette ansehen; sie möchte sich darin photographieren
-lassen, aber ihr Sohn erlaubt es nicht, weil sie zu stark dekolletiert
-sein soll.«
-
-Leo Tiedemann schluckte: »Das ist ein fader Kerl, der Jan.«
-
-»Uns geniert er nicht viel.« Fred lachte; »er hockt den ganzen Tag über
-den Büchern.«
-
-»Ich mag ihn nicht.«
-
-»Warum? Er ist ganz unschädlich.«
-
-»Und was tust du, wenn er dich mit seiner Mutter überrascht? Er ist zu
-allem fähig.«
-
-Fred Tiedemann reckte sich: »Dann schieß' ich den Burschen wie einen
-Hasen zusammen.« Leo atmete schwer; ein Schauer überlief ihn.
-
-»Als ich das letztemal dort war, um für heute abend abzusagen, hat er
-mich von oben herab behandelt, als wäre ich ein kleines Kind«, sagte er.
-
-»Das sieht ihm ähnlich.«
-
-»Ich hätte wahrscheinlich immer still sein und mit Hochachtung auf sein
-Geschwätz hören sollen, weil er um ein paar Jahre älter und nicht mehr
-im Gymnasium ist wie ich; da kann er lange warten.«
-
-»Hast recht, er wird schon anders denken lernen.«
-
-»Er ist mehr als stolz.«
-
-»Worauf denn? Die Wolnys sind materiell nicht so gestellt, daß er ein
-Recht hätte, auf dich herunterzuschauen. Er soll froh sein, wenn die
-Tiedemanns mit ihm verkehren. Das laß ihn das nächstemal fühlen; dann
-wird er dich anders behandeln.«
-
-»Da irrst du dich, Fred. Er sieht uns als nicht ebenbürtig an. Weißt
-du, was er zu mir sagte? Er verstünde uns nicht, vor allem dich und
-mich, daß wir nicht einsähen, daß wir als Söhne unseres Papas ernste
-Pflichten der Gesamtheit gegenüber hätten. Wir sollten die Kunst,
-geistige und menschliche Interessen fördern, und nicht in Schichten
-eindringen wollen, die uns fremd sind. Einen Rennstall halten, er
-meinte dich damit, sei keine soziale Tat: höchstens trage es dazu
-bei, sein Geld zu verlieren, mit dem man anders den Armen viel Gutes
-erweisen könnte. Aber er wüßte schon, warum wir es täten. Es sei die
-Angst des Proletariers, voll genommen zu werden, darum sei uns kein
-Opfer zu groß, um zeigen zu können, daß wir dieselben Passionen hätten
-wie sie ...«
-
-»Hör' auf«, Fred Tiedemann stampfte den Boden, »ich habe keine Lust,
-das dumme Geschwätz von dem unreifen Laffen, der uns um unser Geld
-neidisch ist, anzuhören.« In großer Wut warf er die halbgerauchte
-Zigarette in die Zimmerecke. »Er ist viel zu dumm, um das Leben
-richtig zu verstehen.« Leo sah mit weit aufgerissenen Augen auf seinen
-ärgerlichen Bruder und schüttelte nachdenklich den Kopf:
-
-»Es hat doch etwas für sich.«
-
-Fred Tiedemann fuhr schnell herum: »Du bist wohl verrückt? Auf dich
-macht alles, was du noch nicht gehört hast, einen Eindruck.«
-
-»O nein, aber weißt du, das, was er über den Kaufmannsstand im
-allgemeinen sagte, ist nicht so dumm. Er meinte, er stellte sich
-deinen Beruf so schön und edel vor; in seinen Augen gäbe es nichts
-Größeres, als internationaler Mittler zu sein zwischen Konsumenten und
-Produzenten.« Leo legte in Sinnen verloren den rechten Zeigefinger an
-die Unterlippe. Nach einer Weile, die Fred mit Räuspern und Husten
-gefüllt hatte, fuhr er leise fort:
-
-»Es muß schon schön sein, das Ererbte zu mehren und sich seiner Mission
-bewußt zu sein, die man in der modernen Kultur zu erfüllen hat. Das
-habe ich mir oft selber gedacht.«
-
-Fred Tiedemann lachte:
-
-»Du bist ein überspannter Kerl. Ich möchte dir wünschen, dich mit
-Gerhard herumstreiten zu müssen und auf die Börsenberichte wie auf
-eine Offenbarung Gottes zu warten, du würdest bald anders von der
-‚Kulturmission’ denken, wie du es nennst.«
-
-»Wirklich?« Es schien eine Last von Leo zu fallen. »Glaubst du, ich
-hab' unrecht?«
-
-»Darüber gibt es doch nichts zu reden.«
-
-Aus Fred Tiedemanns Worten klang starkes Selbstbewußtsein.
-
-»Dann ist der Jan ein dummer Kerl?«
-
-»Da zweifelst du noch?«
-
-Nun lachten beide.
-
-»Was willst du denn den ganzen Abend allein machen?«
-
-Leo sah den Fragenden prüfend an: »Verrätst du mich nicht?«
-
-»Bin ich Hilde?«
-
-»Ich will auch weg.«
-
-Fred Tiedemann lachte von Herzen: »Das habe ich mir gedacht, du wärst
-sonst nicht mein Bruder.«
-
-»Ja,« Leo dämpfte seine Stimme und sah scheu gegen die Tür, »ich will
-auch was vom Leben haben: weiße Frauenleiber, die ein Bacchanal feiern,
-aber Papa darf nichts wissen; er ist so gut mit mir!«
-
-»Ich verrate dich nicht, schau nur, daß du zu Hause bist, wenn wir
-heimkommen.«
-
-»Wann glaubst du denn, daß das sein wird?«
-
-»Sehr spät, wahrscheinlich erst in der Frühe.«
-
-»Da lieg' ich schon im Bett.« Leo fuhr mit der schmalen Hand über die
-weiße Stirn. »Vielleicht wird mein Kopfweh besser, wenn ich mich ein
-wenig zerstreue.« Er stand matt auf und ging zur Tür. »Jetzt müssen wir
-aber hinuntersehen zu den anderen.«
-
-»Jawohl,« antwortete Fred Tiedemann und folgte mit Sporenklirren seinem
-Bruder.
-
-
-»Immer nur hereinspaziert, meine Herrschaften, in die gute Stube.«
-T. A. Hansen ließ die Schellen klingen, seine Stimme war von Stunde zu
-Stunde lustiger geworden. »Wer zahlt, wird gemalt, wer nicht zahlt,
-wird angemalt.«
-
-Lachende Menschen wogten vorüber und riefen zu ihm in der
-Schalksnarrentracht Scherzworte hinauf. Jeder kannte ihn und
-seine Zeichnungen, die allwöchentlich beim Erscheinen Lach- und
-Aergernisausbrüche nach sich zogen. Lohgeruch war in der Luft und ließ
-das Licht, das sich in tausendfältigen Strahlen brach, trübrötlich
-erscheinen.
-
-Beim Riesenportal fuhren noch immer Wagen vor: Gäste, die erst in
-Gesellschaft gewesen und nun kamen, trotzdem es draußen bereits zu
-dämmern begann.
-
-Jan Wolny, der sich unfreiwillig komisch mit seinen ernsten Bewegungen
-im Phantasiekostüm eines »Milchstraßenkehrers« ausnahm, ließ sich müde
-auf einen Sessel vor Hansens Bude fallen: »Jetzt hätt' ich den Unsinn
-bald genug.«
-
-Hansen sah prüfend über die kauflustige Menge, die sich noch immer
-zwischen dem Musikpavillon und den Verkaufsständen drängte und schob.
-Er schüttelte den Kopf. »Bevor die nicht alles gesehen und betastet
-haben, ist an ein Ende nicht zu denken.« Er zuckte die Achseln. »Ein
-Händedruck von einer Dame der Gesellschaft um teueres Geld kommt den
-Leuten als überirdisch vor, das müssen Sie bedenken Herr Baron.«
-
-Jan Wolny seufzte. »Mir ist das alles ekelhaft.«
-
-Hansen sah den Sprechenden scharf an:
-
-»Wirklich? Dann müssen Sie mir die Hand geben ...« Hansen fuhr herum;
-seine Schulter war berührt worden. Es war Hilde Tiedemann.
-
-»Wie geht es?« Aufrichtige Freude über die paar Minuten, die sie nun
-beisammen sein konnten, sprach aus ihrem schönen Gesicht. »Was macht
-Ihre Arbeit?«
-
-Hansen drückte die kleine Hand, welche in sein Leben eingegriffen
-hatte: »Es geht vorwärts!«
-
-Ihre leuchtenden Blicke trafen sich ...
-
-Jan Wolny hatte sich diskret entfernt und war die Avenue
-hinuntergebummelt, an seiner Mutter vorüber, die hier mit Fred
-Tiedemann die Honneurs machte. Seitwärts stand das Mondschifflein,
-auf dem Frau Luna am Festzug teilgenommen hatte. Fred Tiedemann war
-der Anführer der reisigen Schar gewesen, die sie beschützte. Mit
-forschendem Blicke hinter den gesenkten Wimpern beobachtete Jan seine
-Mutter und den anderen, der so selbstverständlich tat. Er preßte die
-Zähne aufeinander und ging weiter. Wenige Schritte später traf er Fürst
-Solt. Der war im Frack, mit einem Riesenorden, welcher die ganze Brust
-bedeckte, als Monddiplomat. Sie grüßten sich und sprachen ein paar
-verbindliche Worte.
-
-Klaus Tiedemann sah Clo zu, wie sie die wenigen noch durstigen Herren
-bediente; in den Zwischenräumen, wenn der Champagnerpavillon leer war,
-plauderten sie. Jetzt, als sie Jan Wolny anrief, schloß er die vom
-Staube entzündeten Augen, die ihn schmerzten, und lehnte sich bequem
-in den Rohrsessel zurück: All die entblößten Frauenschultern, die
-runden Arme und zierlichen Füßchen in durchbrochenen Strümpfen und
-verschwiegenem Spitzengeräusch waren eingetreten für die Armut des
-Nächsten. Gab es größere Aufopferung? Brunn-Bennigsens Mann saß zu
-Hause bei den drei Kindern; den Tag über plagte er sich im Bureau. Er
-war klein und häßlich; sie gingen nie gemeinsam in Gesellschaft. Klaus
-Tiedemann hatte ähnliches ertragen. In ohnmächtigem Aerger hatten oft
-seine Zähne aufeinandergeknirscht, wenn sein jähes Temperament Liebe
-verlangte. Nicht umsonst trugen die Kinder sein heißes Blut in ihren
-Adern. Es waren lange Kämpfe gewesen, bis er mit sich ins reine kam und
-durch _Arbeit_ zur Ruhe zu kommen suchte. Davon war der Haß geblieben
-gegen das Weib. Die Jahre ebbten alles, und die Männlichkeit schwand.
-Er seufzte und hatte Sehnsucht nach Ruhe.
-
-Leo hatte vielleicht das beste Los unfreiwillig gezogen, der hatte
-jetzt schon bald ausgeschlafen.
-
-Klaus Tiedemann dachte an ihn. Er lachte in Gedanken: wie warm die
-kleine Behrens sich um ihn erkundigt hatte, und _die_ Enttäuschung,
-als sie hörte, daß er überhaupt nicht kam! In dem alten Manne war ein
-eigentümliches Gefühl gewesen, als er so sein jüngstes Kind auch schon
-vollwertig eingetreten fand in die Arena der menschlichen Instinkte. Es
-freute als Vater und kränkte als Mann.
-
-Als Hilde Tiedemann von Hansens Bude zu ihrer Schwester herübereilen
-wollte, stand plötzlich Olthoff vor ihr.
-
-Er schien auf sie gewartet zu haben.
-
-Sie gingen zusammen der Fontäne zu, die in tausend Farben schillerte,
--- es war mit der Zeit leer um sie geworden.
-
-In Hildes Seele war noch der Widerschein des anderen.
-
-Ihre Stimme klang freier als sonst, und ihre Augen sahen lebhafter.
-
-Das dünkte Olthoff ein gutes Zeichen.
-
-Leise zog er ihren Arm fester an sich.
-
-Sie widerstrebte; er sah sie an:
-
-»Jetzt sagen sie, Fräulein Hilde, ist das Leben nicht schön?«
-
-»O ja,« lächelte sie.
-
-»Vor wenigen Wochen haben wir uns noch gar nicht gekannt -- und nun
-...«, er beugte sich herab und sah ihr tief in die Augen.
-
-Sie suchte den Arm zu lösen:
-
-»Mir ist schwül, ich möchte hinaus ins Freie,« stammelte sie und
-blickte sich suchend um. Doch sie sah nur Lecart, der mit einer
-Bretteldiva plänkelte. Er fragte eben, wie teuer ein Kuß sei zu so
-vorgerückter Stunde, und aus Barmherzigkeit für die Armen, so konnte er
-Hildes Blicke nicht sehen!
-
-Die laue Nachtluft strich herein und kühlte ihre heißen Schläfen.
-
-Olthoff preßte die Lippen zusammen.
-
-Sein ganzes Leben war ein Kampf gewesen, um sich über Wasser zu halten.
-Er hatte stets nur verschämte Armut und diesen verwischenden Hochmut
-sein eigen genannt.
-
-Nun winkte ihm Rettung, er fand die Gedanken seiner Erziehung: In
-diesem Bürgerhause war alles, was er ersehnte -- Geld.
-
-Alles andere würde sich schon finden.
-
-An Liebe glaubte er nicht; er hatte sie selbst von klein auf vergebens
-gesucht. Hilde wich seinen Blicken aus. Leise sagte er:
-
-»Hilde!« Sie gab keine Antwort. Die ganze Verzweiflung seiner Lage
-und der Aerger über die lächerliche Komödie, die er hier zu spielen
-gezwungen war, überkamen ihn. »Sagen Sie, Fräulein Hilde, merken Sie
-nicht meine ehrliche Sympathie?«
-
-Sie schüttelte den Kopf und fand keine Antwort, nur ihr Arm schmerzte,
-den Olthoff nicht freigab.
-
-»Nun?« Mit funkelnden Augen sah er sie an. Den ganzen Abend hatte er
-auf diesen Augenblick gewartet, er mußte bald zum Ende kommen, sonst
-hieß es den bunten Rock ausziehen, der ekligen Gläubiger wegen. Er war
-nicht der Mann, der mit sich spaßen ließ; die anderen Tiedemanns wußte
-er hinter sich. Sein Name wog viel auf. Dies schwache Geschöpf sollte
-seine Pläne nicht mutwillig kreuzen.
-
-»Antworten Sie mir doch!« seine Stimme, wider Willen, klang roh, sein
-verlebtes Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck. »Können Sie mich denn
-nicht ein wenig gern haben?« Der Inhalt der Worte stach hart ab von dem
-drohenden Ton, in dem er zu ihr sprach.
-
-Hilde warf den Kopf zurück; sie war bleich bis in die Lippen geworden:
-»Nun haben Sie ihre Art gezeigt«, sagte sie stolz.
-
-»Verzeihung, ich bin überreizt, und Sie taten mir bitter unrecht.«
-Seine Stimme klang hastig, als wollte er kein Mittel unversucht lassen.
-
-Sie gab nimmer Antwort.
-
-»Fräulein Hilde!« Wut und Verzweiflung klangen zusammen. Sie wandte
-sich ab, Jan Wolny zu: »Bitte, führen Sie mich zu meiner Schwester,
-Herr Baron!« Jan Wolny verneigte sich und bot ihr wortlos den Arm.
-
-Olthoff blieb stehen.
-
-Nun war die Schlacht verloren.
-
-Er knirschte mit den Zähnen.
-
-Er hatte zu rasch geschlagen; doch seine Reserven waren erschöpft
-gewesen, und Wein und Stimmung hatten den Rest verdorben.
-
-Er sah zu Behrens hinüber, die sich zum Aufbruch rüsteten. Vielleicht
-dort?! ...
-
-Fahles Morgenlicht fiel durch offene Türen.
-
-Sie waren eben vom Feste nach Hause gekommen.
-
-Als Klaus Tiedemann, vor Leos Tür, keine Antwort bekam, überfiel ihn
-plötzlich harte Angst -- er wußte nicht warum. Er riß die Tür auf und
-blieb starr stehen:
-
-Leos Bett war unberührt, das Zimmer leer. Leo hatte sein Vertrauen
-mißbraucht, war heimlich weg, trotzdem er wußte, wie schlecht es
-ihm bekommen konnte. Vielleicht war ihm etwas zugestoßen? Die Füße
-versagten dem alten Manne den Dienst. Er ließ sich auf den Sessel neben
-der Tür fallen.
-
-So saß er eine Weile und wartete, daß seine Gedanken ruhigere Formen
-annahmen.
-
-Er hörte Hildes Stimme nicht, die aus dem Gang zweimal seinen Namen
-rief, er sah ihr Erschrecken beim Eintritt und ließ den Kopf auf die
-Brust sinken. Wo war sein Kind?
-
-Mit zitternder Hand drängte ihn Hilde zur Tür: »Er wird schon
-ausgegangen sein, Papa.«
-
-Hoffnungslos sah er sie an und schüttelte den Kopf: »Er hat ja gar
-nicht geschlafen.«
-
-Sie gab keine Antwort, und dunkle Vorahnung ließ sie schaudern.
-
-Fred saß im Speisezimmer und aß kaltes Fleisch. »Wo steckt ihr denn so
-lange?« rief er ihnen zu. »Eßt mit, und dann legen wir uns schlafen.«
-
-»Leo ist nicht zu Hause!«
-
-»So?« Er kaute den Bissen zu Ende. »Er wird nachts ausgewesen sein; er
-wird gleich kommen.«
-
-Mit scheuem Blick, der sich noch nicht zu hoffen getraute, sah ihn sein
-Vater an:
-
-»Meinst du?«
-
-»Natürlich, was soll denn sonst sein?«
-
-»Wenn ihm nur nichts zugestoßen ist?«
-
-»Laß dich nicht auslachen!«
-
-Fred wollte dem Mädchen läuten; doch der alte Mann legte abwehrend die
-Hand auf den elektrischen Taster:
-
-»Nicht,« bat er, »ich kann jetzt niemanden sehen.«
-
-Hilde zündete die Flamme unter dem Teekessel an.
-
-Sie warteten.
-
-Die Sonne stieg höher. In den Parkanlagen vor dem Hause stimmten Amseln
-ihre Stimmen.
-
-Leute im Sonntagsstaat gingen vorüber.
-
-Glockengeläute schwamm über die vielen Dächer; sie läuteten die
-Wandlung ein.
-
-»Ich werde zur Polizei fahren, meint ihr nicht?« Klaus Tiedemann war
-halb aufgestanden und sah forschend auf Fred.
-
-»Aber laß dich nicht auslachen, Papa, daß es die Leute gleich an die
-große Glocke hängen: Dem Klaus Tiedemann sein Jüngster ist heute nacht
-nicht nach Hause gekommen. Warte nur ruhig; er wird schon kommen, und
-dann schimpf' ihn zusammen!« Er gähnte. »Ich leg' mich jetzt schlafen.«
-
-Die beiden anderen blieben.
-
-In dem festlichen Aufzug, die verwelkten Blumen vor der Brust,
-fröstelte sie.
-
-Jeder Laut, der von der Straße heraufklang, tat ihnen weh.
-
-So verging die Zeit.
-
-Es läutete.
-
-Sie fuhren zusammen und horchten.
-
-In scheuer Erwartung sahen sie sich nicht an.
-
-Es war Gerhard Tiedemann, der kam, von seinem Vater den Abschied zu
-verlangen.
-
-Die beiden Männer standen sich gegenüber, wortlos und stumm.
-
-Dann brach der Jüngere das Schweigen:
-
-»Du weißt, Vater, warum ich hier bin?« Klaus Tiedemann nickte. »Es geht
-nicht länger zusammen mit Fred. Du hast ihm die Macht gegeben. Was soll
-ich? Du hast andere Kinder, die du liebst. Ich bin dir nur Pflicht. Du
-schämst dich meiner. Darum laß mich gehen; man kann brieflich leichter
-Vater und Sohn sein als im Leben nebeneinander.«
-
-Klaus Tiedemann hörte mit halben Ohren.
-
-Gestern hätte er noch die Antwort gewußt, jetzt schwieg er.
-
-»... Fred ist kein Kaufmann und schämt sich seines Berufes. Er tut
-mehr für seine teuren Verwandten als für die Firma; er stärkt das
-ökonomisch, was er bekämpfen sollte ...«
-
-Gerhard schwieg und sah auf seinen Vater, der totenblaß geworden war:
-
-Drunten fuhr ein Wagen vor. Er stürzte zum Fenster. »Sie bringen ihn«,
-keuchte er. Er wankte zur Tür.
-
-Gerhard warf den Kopf zurück; er sah durchs Fenster:
-
-Von einer Schar Neugieriger umgeben, stand unten ein Rettungswagen.
-
-Sie hatten Leo auf sein Zimmer gebracht. Er war bei Bewußtsein.
-
-Klaus Tiedemann reichte dem Ambulanzarzt, der von der Hilfsstation
-mitgekommen war, die Hand.
-
-»Ich danke Ihnen!« Scheu senkte er den Blick, unsicher mit sich selbst,
-ob er nicht unrecht gehandelt, daß er ihm nichts anderes als seinen
-Dank geboten. Er war ja gewöhnt, jeden Schritt, der für ihn geschah, zu
-bezahlen!
-
-»Die Sache wird vorübergehen. Wie viele haben nicht schon in der
-Jugend einen Blutsturz gehabt und sind heute die stärksten Leute?«
-Der Arzt, der erst vor wenigen Monaten absolviert hatte und als armer
-Bauernsohn froh war, sich beim Rettungskorps seine Praxis holen zu
-dürfen, nickte ihm freundlich zu. »Dem Hausarzt, bitte, sagen Sie
-meine Beobachtungen.« Er verbeugte sich linkisch, der reichen Umgebung
-ungewohnt, und ging. Er hatte es nicht über sich gebracht, dem alten
-Manne zu sagen, bei wem und in was für einem Hause er seinen Sohn
-aufgefunden hatte.
-
-Fred Tiedemann kam mit verschlafenen Augen aus seinem Zimmer und fragte
-ungehalten: »Was gibt's?«
-
-Sein Vater gab keine Antwort.
-
-Er sah an ihm vorbei zur Stiege, über welche der Hausarzt kam.
-
-Der untersuchte lange und gründlich, dann schüttelte er dem Vater, der
-in tausend Aengsten vor der Tür gewartet hatte, die Hand: »Kopf hoch,
-Herr Tiedemann, es wird wieder werden! Der Junge hätte nicht lumpen
-sollen, ich habe es Ihnen ja gesagt. Er schläft jetzt, lassen Sie ihn
-ruhig. Ich sehe gegen Abend wieder her.« Er wendete sich zu Hilde:
-»Na, Fräulein, jetzt spielen Sie ein wenig Krankenschwester, wird
-Ihnen verflucht gut stehen.« Der alte Junggeselle lachte. »Nur nicht
-so verzagte Augen -- ein Lump ist er halt, der Herr Bruder. Adieu!«
-Bei der Tür wendete er sich nochmals um: »Niemanden ins Zimmer lassen!
-Ja? Er muß ganz ruhig liegen bleiben, eine zweite Blutung verträgt er
-nicht.«
-
-Hilde umfing ihren Vater.
-
-»Ich nehme mich schon zusammen,« Tiedemann schluckte die Tränen
-hinunter und sah zu Leos Zimmer, »sieh nur, daß alles in Ordnung ist!«
-
-»Ja, Papa ...«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. »Daß der Bub mir hat das antun
-müssen!« Er stützte den Kopf in die Hand und grübelte. Er kam aus den
-Sorgen nicht heraus:
-
-Die Frau gestorben! Von dem, was vorausgegangen, wollte er nicht
-sprechen! Nun Leo, alles in einem kurzen Jahre!
-
-Gerhard kam ihm wieder in den Sinn. Man hatte ihn nicht richtig
-behandelt. Es war zu viel für seinen alten Kopf. Er konnte die
-Unterschiede seiner Kinder nicht versöhnen, die er selbst geschaffen
-hatte ...
-
-Er seufzte. Von unten klang das Rasseln eines Automobils herauf. Hastig
-schloß er die Fenster; wie leicht konnte Leo aufwachen!
-
-Fred trat über die Schwelle in tadellosem Salonanzug. Er zog die
-Handschuhe über:
-
-»Gott sei Dank, Papa; Hilde erzählte mir, der Arzt sagte, es hätte
-keine unmittelbare Gefahr; nur äußerste Ruhe sei notwendig?« Er sah
-seinen Vater fragend an: »Ich habe doch recht verstanden?«
-
-Klaus Tiedemann nickte mit schiefem Kopfe:
-
-»Ja, wir wollen es hoffen.«
-
-»Adieu, Papa, ich muß weg, weil ich Roller versprochen habe, ihn
-abzuholen; dafür malt er mir den ‚Franklin’, wenn er heute gewinnt.«
-
-»Du fährst zum Rennen,« Klaus Tiedemann sah seinem Sohne ernst in die
-Augen, »wo Leo so krank ist?«
-
-»Du bist komisch, Papa; soll ich mich auch vor ihn hin setzen und
-ihn anschauen? Reden dürfen wir mit ihm so nichts. Was soll ich also
-daheim?«
-
-»Du hast recht.« Beinahe eilig reichte Klaus Tiedemann ihm die Hand.
-»Geh und unterhalte dich gut!«
-
-Er schien froh, als sich die Tür hinter Fred schloß.
-
-Er hatte immer geglaubt, mit den Seinen ein festes Ganzes zu bilden;
-nun, das erstemal, da er die Probe machte, stand er allein.
-
-Bitterkeit überkam ihn.
-
-Es gab nichts, was Menschen auf ewig verband. Es war alles Trug! Die
-Ehe, die Liebe, die Freundschaft. Sie hielten nur zusammen, solange
-alles glatt ging; beim leisesten Windhauch floh das eine und ließ das
-andere allein. Wenn ihm sein Kind starb? Wer trug die Schuld? Die
-Eltern, die es ins Leben gesetzt? Er, der er zu schwach gewesen mit
-ihm? Oder niemand, und war alles nur blinder Zufall?
-
-Er war schon über die Fünfzig, als Leo geboren wurde. Vielleicht hatte
-er ihm zu wenig Kraft gegeben? Ein hartes Leben lag hinter ihm; doch
-Klaus Tiedemann hatte stets seine Kinder zu stärken gesucht. Er hatte
-Individualitäten in ihnen gefunden, gleich, ob sie vorhanden gewesen
-waren oder nicht. Sie ließen sich nicht künstlich züchten. Dem Weibe
-hatte er die Eigenart geleugnet und gerade das schien sie zu haben:
-Hilde blieb bei ihm als Gefährte der ängstlichen Stunden ...
-
-Sie saß ihm zur Seite und horchte mit ihm auf das kurze, schnelle Atmen
-Leos, das durch die angelehnte Tür drang.
-
-Und wenn der Kranke sich drin bewegte, dann legte sie ihm die kühle
-Hand auf und streifte mit ihren heißen Lippen seine faltige Stirn, ehe
-sie nachsehen ging.
-
-Der Sonntagnachmittag strich vorüber, still und lang; noch immer war
-Leo nicht aufgewacht.
-
-In leisem Gespräche saßen Vater und Tochter:
-
-»Dann muß er gleich nach dem Süden, auf längere Zeit, Papa! Mit dir;
-das wird dir auch gut tun.«
-
-»Ich kann von hier nicht weg! Du mußt mit ihm gehen, Hilde.«
-
-»Aber Papa, was hast du denn hier zu tun?«
-
-Klaus Tiedemann lächelte traurig:
-
-»Nichts.« Er näherte seinen Mund ihrem Ohr. »Ich kann Fred nicht allein
-lassen.«
-
-»Warum?«
-
-»Das weiß ich nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Mir ist angst, Hilde.«
-Er legte seinen Kopf am ihre Schulter. »Ich glaube immer, nun fängt das
-Unglück an. Das Leben ist auf unsere Ruhe eifersüchtig geworden -- nun
-müssen wir es büßen.«
-
-»Was du dir für trübe Gedanken machst!« Hilde hatte für ihren Vater
-noch nie einen so herzlichen Ton gefunden. »Im Gegenteil, das ist jetzt
-nur eine vorübergehende Trübung, damit wir uns nachher desto mehr
-freuen können.«
-
-»Worauf denn?«
-
-»Na, hörst du, Papa, auf viel! Jetzt wird Fred und später Leo dir eine
-liebe Tochter ins Haus bringen, dann wirst du Großpapa und hast ganz
-kleine, süße, winzige Enkelkinder.« Hilde schmiegte sich an ihren
-Vater; von ihrer Rede, die sie begonnen hatte, um ihn zu zerstreuen,
-floß langsam der Inhalt auf sie über und nahm sie gefangen in
-ungeahnter Seligkeit. Sie legte den Kopf an ihn; er streichelte sie.
-
-»Du bist gut, Hilde!« Klaus Tiedemann empfand die Weihe dieser Stunde,
-die ihm ein Kind zu eigen gab.
-
-Sie saßen eng aneinandergelehnt und schwiegen.
-
-Dann, als schämten sie sich ihrer Stimmung, begannen sie vom Feste zu
-reden, von diesem und jenem, das ihnen aufgefallen war. Als Hansens
-Name fiel, wurde sie schweigsam. Immer wieder kam Klaus Tiedemann auf
-Olthoff zurück. Er erhielt nur spärliche Antworten.
-
-Schon dunkelte es, da klang eine schwache Stimme aus dem Nebenzimmer:
-»Papa?« Etwas Fremdes griff Klaus Tiedemann nach dem Herzen. Sein Kind
-verlangte nach ihm, mit dem ersten Laute des wiedererlangten Lebens. Er
-ging auf den Zehenspitzen zur Tür. »Vorsicht, Papa!« Hilde hielt den
-Finger auf den Mund. Er nickte und trat ein.
-
-Die Dämmerung lag in den Ecken des Zimmers und ließ Leos Gestalt in den
-weißen Kissen undeutlich erkennen.
-
-»Verzeih! mir, Pa!«
-
-»Kind, bleib ruhig und sprich nicht viel.«
-
-Er küßte den Sohn auf die eiskalte Stirn, auf der Schweißtropfen
-standen.
-
-»Nicht fortgehen, Pa!«
-
-»Nein, Kind, ich bleib' bei dir.«
-
-Er ließ sich am Fußende des Bettes nieder und nahm Leos schmale Hand.
-Sie saßen minutenlang schweigend, und aus dem dunklen Fleck, den Leos
-Gesicht in der beginnenden Dunkelheit gab, leuchteten in fremder Kraft
-seine Augen. Dann begann er wieder: »Verzeih' mir; ich weiß, ich hab'
-dich betrogen.«
-
-Ein Zittern lief durch seine Gestalt.
-
-»Laß doch, Kind!«
-
-»Nein, Pa, ich muß dir das noch sagen: du hast mir immer zu viel
-nachgegeben, drum bin ich auf solche Gedanken gekommen. Du hast immer
-auf mich Rücksicht genommen und ich gar nicht auf dich! Du bist
-zu gut zu mir gewesen, du hättest mit mir nicht über alles reden
-sollen. Ich habe bis heute nacht«, ein Schauer schüttelte ihn, »an
-gar nichts geglaubt, vor gar nichts Achtung gehabt, -- nun«, seine
-Stimme nahm hohle Färbung an, »verstehe ich das Leben.« Er suchte sich
-aufzurichten: »Nur das Leben in uns hat Wert, nicht das Gefühl, gelebt
-zu haben.«
-
-Erschöpft hielt er inne, Klaus Tiedemann regte sich nicht. In seinem
-Kopfe hämmerten die Pulse. Sein Kind sprach Worte, die er vergebens
-gesucht hatte ein Leben lang: Aeußerlichkeiten des Lebens, Reichtum und
-Stellung waren Ereignisse untergeordneter Wichtigkeit gegen das, was
-im Menschen lebte und ihn führen konnte zu innerem Glück. Das _innere_
-Glück!
-
-Klaus Tiedemann stand langsam auf:
-
-Leo war aus Ermattung wieder in Schlaf gefallen. Klaus Tiedemann
-horchte: Unruhig ging Leos Atem; abgerissene Worte kamen auf seine
-Lippen. Herbe Angst befiel den alten Mann; er tastete sich zur Tür:
-»Man muß zum Arzt, Leo gefällt mir gar nicht, er fängt zu phantasieren
-an!«
-
-Schon war Hilde in die Höhe.
-
-Klaus Tiedemann horchte wieder:
-
-Ein kalter Hauch lief ihm über den Rücken.
-
-Hatte er sich getäuscht?
-
-Hatte Leo geröchelt?
-
-Er zwängte seinen Kopf in die Türspalte. Er hörte nichts.
-
-Hatte er zu atmen aufgehört?
-
-Er machte ein paar leise Schritte vorwärts und brach in die Knie:
-
-Leos Gestalt hing vornüber aus dem Bette, vor dem das Blut mit dunklem
-Flecke stand. Leos Augen waren glasig aufgerissen -- er war tot.
-
-Von unten klang die Hupe eines Automobils; Fred Tiedemann kam mißmutig
-vom Rennen zurück; »Franklin« war geschlagen worden.
-
-
-Gleich nach Leos Begräbnis hatte Klaus Tiedemann sein Landhaus bezogen.
-
-Es litt ihn nicht länger in der Stadt. Die vielen Menschen taten ihm
-weh.
-
-Stundenlang saß er allein am Waldrand, von dem der Blick
-hinüberschweifen konnte über Täler und Höhen nach der Stelle, wo sein
-Kind ruhte.
-
-Ein starrer Zug stand auf seinem Gesichte, und die Augen sahen einwärts
-in verzehrendem Feuer.
-
-Nie sprach er das in Worten aus, was in ihm vorging. Nur hier und da
-nickte er aus solchen Stimmungen heraus Hilde zu. Es war ein stummes
-Trostsprechen, daß er wieder anders werden wollte; man sollte ihm nur
-Zeit lassen, sich zurechtzufinden.
-
-Dann gingen sie stumm nebeneinander durch den träumenden Wald nach
-Hause.
-
-Das Zimmer, das Leo in den Ferien stets bewohnt hatte, betrat er nicht.
-
-Zu lebhaft standen noch die Erinnerungen der letzten Wochen im
-Vordergrund.
-
-Oft preßte er die Hände an die Ohren, damit endlich daraus der Klang
-der polternden Schollen weiche, die auf Leos Sarg hämmerten und seine
-Ruhe störten. Noch immer hörte er Heinz Behrens' ungeschlachte Stimme:
-
-»Du tust mir leid, Tiedemann, du hast Unglück in deiner Familie; er
-war ein lieber Mensch, und meine Kleine kann sich kaum trösten.« Dann
-hatte er mit seiner groben Hand die Tränen aus den buschigen Wimpern
-gewischt und war gegangen.
-
-Jan Wolny hatte stumm daneben gestanden mit zusammengepreßten
-Lippen, den Kopf gesenkt. Nur als Hilde aufschluchzte in bitterem
-Schmerze, hatte er aufgesehen, und sein Blick war zu Fred Tiedemann
-hinübergeflogen, fragend und mahnend.
-
-Fürst Solt hatte ein paar Worte gesprochen, eckig und schlicht, wie der
-Mensch so schwach sei und einen nach dem anderen fallen sehen müßte,
-bis er selbst daran käme. Er war der letzte seiner Familie und ihm
-traten die Tränen in die Augen.
-
-Ueber den Zinskasernen stand rot die untergehende Sonne, als sie
-zurückfuhren in ihr stillgewordenes Heim ...
-
-Immer wieder zogen die Bilder an Klaus Tiedemann vorbei.
-
-Tief gebeugt trug er den Kopf.
-
-Wenn der Mond aufstieg, saß er bis in die Nacht hinein und horchte
-dem Lispeln der Birken, die mit ihren langsam wandelnden Schatten
-Zwiesprache hielten.
-
-Sternschnuppen fielen durch die Nacht.
-
-Wohl blieben ihm noch drei Kinder. Gerhard hatte nach Leos Tod nicht
-mehr vom Weggehen gesprochen; doch die Schuld blieb auch.
-
-Immer wieder grübelte Klaus Tiedemann nach, ob es Bestimmung sei, die
-Leo so früh abberufen, oder ob, in anderer Umgebung aufgewachsen, er zu
-halten gewesen wäre.
-
-Hatte Hilde recht gehabt mit ihren Warnungen?
-
-Nichts gab Antwort!
-
-Hilde war ihm nähergetreten seit jenem stillen Nachmittag, an dem sie
-sich in Angst um Leo fanden.
-
-Sie war die einzige, deren Gegenwart er ertrug.
-
-Sie ging stundenlang stumm neben ihm her und spann ihre eigenen
-Gedanken, die von denen ihres Vaters nicht allzusehr verschieden waren.
-
-Sie folgte seiner gebeugten Gestalt; er schritt mit den Händen auf dem
-Rücken querfeldein über die Ackerschollen; sein weißes Haar flog im
-Abendwinde.
-
-Um sie war die Ruhe des sinkenden Tages.
-
-Schon saßen die Schatten in den Waldecken und färbten sie bläulich.
-Langsam zog der Rauch von den Bauerngehöften.
-
-Er blieb stehen.
-
-Dann fragte er mit schweren Worten ganz unvermittelt:
-
-»Glaubst du, daß es Hansen ehrlich meint?«
-
-Ehe sie noch Antwort geben konnte, ging er weiter, den Kopf gesenkt,
-als sei er sich nicht bewußt, gesprochen zu haben.
-
-Als sie die Höhe erreicht hatten, sah er sie fragend an:
-
-»Nun?«
-
-In seinem zermarterten Gesicht war die Sorge, die ihn zerfraß.
-
-»Ja, du kannst ihm vertrauen.«
-
-Er wiegte den Kopf hin und her:
-
-»Er hat so aufrichtig darein gesehen an Leos Grab. ‚Wer weiß, ob das
-Leben nicht nur Vorbereitung ist auf den Tod, das wahre menschenwürdige
-Sein, das dann erst beginnt; darum wollen wir ihm die Ruhe gönnen’, so
-hat er gesagt, Hilde, damals. Ich weiß es Wort für Wort!«
-
-Er hielt inne, um seines Schmerzes Herr zu werden, der bei der
-Erinnerung vorbrach. Dann begann er wieder in ferner Gedankenqual:
-»Es ist so schwer, das Rechte im Leben zu treffen, jedes Wort ist
-so verantwortungsvoll; ich hab' immer das Beste gewollt ...« Ein
-stockender Seufzer schwellte seine Brust: »Leo ist tot, Clo muß auch
-nicht glücklich sein: sie hat so geweint am Grabe und mich gebeten, ihr
-beizustehen, wenn's mal so weit mit ihr ist.« Er nickte ein-, zweimal:
-»So hat es kommen müssen.«
-
-Ueber das Wolkengrau im Westen lief ein fahler Schein. Ferner Donner
-grollte über die Felder, auf denen die Grillen sangen.
-
-Hilde legte sich tröstend an den Mann, dem sein Lebensabend so unfroh
-geworden war.
-
-»Hab' Vertrauen, Vater, es kommen wieder fröhliche Tage.«
-
-Er machte sich los und sah ihr tief in die Augen; dann fragte er:
-»Liebst du Hansen?«
-
-Sie zuckte zusammen.
-
-Wie mußte es Vater aufnehmen, wenn sie ihn auch verlassen wollte?
-Doch vielleicht war jetzt die richtige Stunde, seinen Widerstand zu
-besiegen. Seine Augen ruhten ernst auf ihr, beinahe ängstlich, als
-hoffte er auf ein Wort, das ihm wieder Glauben leihen sollte fürs
-Leben. Sie sah nach dem roten Fleck jenseits der Berge, wo die Sonne
-gestorben war, und richtete sich auf:
-
-»Ja«, sagte sie mit festem Wort.
-
-Eine Weile stand er regungslos. Dann sagte er heiser: »Hilde, so ein
-Wort bindet auf ewig und ist doch zu leicht gesprochen. Du mußt ihn
-lieber haben als dein eigenes Leben, mußt es freudig für ihn geben!
-Kannst du das?« Angst redete aus seinen Worten.
-
-Sie nickte.
-
-»Du mußt nur an ihn denken! Jede seiner Sorgen ist eine doppelte für
-dich. Du mußt auf alles verzichten können für ihn.«
-
-»Das kann ich.«
-
-Er sah sie an mit flackernden Blicken. In seinen Augen kämpften fremde
-Gewalten. Sie gewannen die Oberhand. »Das hat noch jede gesagt,« seine
-Finger griffen erregt durch die Luft, die heiß wie Brodem über die
-Felder strich, »noch jede!« Er lachte, daß die Laute schneidend Hilde
-ins Ohr gellten, »in Schwüren gelobt und nie gehalten. Das Weib ist
-schwach und elend!« Er richtete sich auf: »Daß du mir nimmer davon
-sprichst! Du bist ein töricht Kind. Das einzige, was Bestand hat, ist
-Geld, und das hat Hansen nicht.«
-
-»Vater!« In heißer Entrüstung flammten Hildes Augen.
-
-»Schweig!« Klaus Tiedemann wendete den Schritt: »Das Wetter zieht
-näher; wir wollen nach Hause gehen.«
-
-
-Als der Hochsommer kam, war Klaus Tiedemann ein anderer geworden.
-
-Er dachte ruhiger über Leos Tod.
-
-Die zähe Lebenskraft hielt ihn am Leben fest.
-
-Fred Tiedemann kam selten; er konnte die Großstadt nicht missen mit
-ihren Vergnügungen und Zerstreuungen. Oder wenn: Vor wenigen Tagen
-hatte er sich verabschiedet; er gedachte zu seiner Erholung eine
-längere Automobiltour zu unternehmen. Baronin Wolny würde ihn dabei
-begleiten.
-
-Als Klaus Tiedemann darüber den Kopf schüttelte, lachte er überlegen:
-
-»Papa, du bist ein Philister. Das ist heute allgemein üblich, daß man
-gemeinsam Reisen macht.«
-
-»Sie hat doch einen erwachsenen Sohn?«
-
-»Eben deswegen, -- der braucht sie gewiß nicht mehr. Weißt du,« fuhr
-Fred fort, »wenn ein Mann den Weibern gefällt, so kann er alles mit
-ihnen machen, gleich wer die Frau ist; natürlich« -- sein Blick umfaßte
-seines Vaters Konturen -- »muß er tadellos gebaut sein und ruhende
-Kräfte in sich tragen, sonst ist's besser, er läßt es bleiben.«
-
-Der Alte preßte die Lippen zusammen und gab keine Antwort.
-
-Fred wußte wenig Neues zu berichten:
-
-Klagen über Gerhard und Görnemann, die zu ängstlich wären und keinen
-Geschäftsgeist besäßen.
-
-Es ergaben sich oft lange Pausen in der Unterhaltung.
-
-Fred war zweiter Vizepräsident des Automobilklubs geworden; auch in das
-Renndirektorium war er gewählt worden.
-
-Das gab mannigfache Arbeit und viele Verpflichtungen, von denen Vater
-und Schwester keine Ahnung hatten.
-
-Beim Fortgehen kramte er noch eine Neuigkeit aus:
-
-Olthoff hatte sich mit Heinz Behrens' Jüngster verlobt. Klaus Tiedemann
-sah rasch und ängstlich nach Hildes Gesicht. Doch das blieb ruhig, sie
-sagte:
-
-»Da ist mir das Mädchen leid.«
-
-»Mir höchstens um die Wechsel leid, die ich für ihn giriert habe! Na,
-die wird sein Schwiegervater einlösen, und schließlich bin ich durch
-ihn in den Rennklub gekommen.« Fred wendete sich zu seinem Vater. »Was
-sagst du zu Behrens? Der alte Lümmel sucht es uns nachzumachen.«
-
-Klaus Tiedemann seufzte.
-
-Dann küßten und umarmten sie sich. Fred bat den Vater, während seiner
-Abwesenheit ein wenig auf das Geschäft zu achten. Man könnte dem Alten
-und Gerhard doch nicht ganz trauen.
-
-Nun fuhr Klaus Tiedemann jede Woche einmal zur Stadt.
-
-Wenn er zurückkam, war er in aufgeräumter Stimmung.
-
-Es drängte ihn zu sprechen.
-
-Er erzählte Hilde von seiner Jugendzeit, von den überseeischen Ländern,
-die er kennengelernt hatte, von den Sitten der Leute. Er suchte die
-alten Erinnerungen hervor, als wollte er sich die Vergangenheit wieder
-ins Leben rufen, um damit die Gegenwart zu füllen.
-
-Er sprach davon, wie er zwei Tage nichts zu essen gehabt hatte und
-an Selbstmord dachte, wie er auf der Kaimauer zu New York über den
-gurgelnden Wassern gestanden, während das Schiff wieder auslief,
-das ihn gebracht hatte und das nun andere holte, die auch das Glück
-suchten. Schwer lag die Rußfahne des Rauchfanges auf der hochgehenden
-See.
-
-Er wurde Kellner, um sein Leben zu fristen. Durch einen Zufall fand er
-eine Stelle.
-
-Vom ersten Tage an legte er zurück; lieber darbte er, um die Summe
-sparen zu können, die er sich vorgenommen hatte.
-
-Wenn die Firma sich mit Hunderttausenden beteiligte, tat er es mit
-seinem Hungergeld: so waren beider Interessen eng verknüpft.
-
-Man wurde aufmerksam auf ihn; er verlor nie, sein scharfer Blick
-behielt stets recht; seinem Wort nicht folgen war gleichbedeutend mit
-Verlust.
-
-Er gewann schnell Einfluß; sein Name wurde bekannt. Einmal folgten sie
-ihm nicht; die Firma geriet in Zahlungsschwierigkeiten. Es war der
-große Tabakkrach, der ihn auf eigene Füße stellte.
-
-Nun ging es auf _seine_ Gefahr!
-
-Stets kam er den anderen zuvor. Oft war es ein wildes Wagen. Die Wangen
-röteten sich, wenn er so sprach.
-
-So hatte Hilde ihren Vater nie gesehen.
-
-Von Görnemann erzählte er, und daß er selbst nie Autorität besessen
-hätte; der letzte Lehrjunge war ihm so viel wie seine besten Kunden.
-Damals hatte sich in ihm der Glaube befestigt, daß nur die Jugend
-Fortschritt gäbe; das hob ihn über die anderen.
-
-Mit leisen Worten redete er davon, wie man die Mühen schnell vergesse,
-wie hinter jedem Tage der vergangenen Zeit unsägliche Qual gewesen.
-
-Hilde sann nach, wie Schwäche und Kraft in ihrem Vater eng beisammen
-standen.
-
-Auch an Hansen dachte sie, an dem sie Aehnliches bemerkte.
-
-Was mochte der treiben? Ging sein Werk vorwärts?
-
-Nur hier und da schrieb sie ihm ein paar Zeilen.
-
-Antwort erhielt sie nie: es war ihres Vaters wegen, der die Post immer
-zuerst in die Hand bekam, nicht möglich.
-
-Auf das Gespräch an jenem Gewitterabend waren beide nicht mehr
-zurückgekommen.
-
-Es war am Morgen eines schwülen Sommertages.
-
-Hilde Tiedemann ordnete den Frühstückstisch, der auf der Terrasse
-stand, vor welcher der Wald lag, in dichten, grünen Beständen.
-
-Sie horchte dem Kuckucksruf und zählte in lächelndem Widerwillen den
-Laut.
-
-Achtmal war er erklungen. Wenn der Volksmund recht behielt!
-
-Sie fuhr sich über die Augen und seufzte.
-
-Der Sommer ging in wenigen Wochen zu Ende, und das alte Leben begann
-vom neuen.
-
-Ihr Vater hatte sich geändert; er war ruhiger und gerechter geworden,
-wie stets, wenn er allein war, ohne fremden Einfluß.
-
-Hilde war sich bewußt, in der Stadt den Verlust Leos mehr zu empfinden
-als hier draußen. Sie sah keinen Ausweg, ihre Familie von dem
-eingeschlagenen Wege abzubringen. Dazu gehörte eine starke Hand, und
-die hatte von allen nur Gerhard, der nicht zu Worte kam.
-
-Mit ihrem Stiefbruder mußte sich die Sache klären. Des öfteren sprach
-ihr Vater nun von dessen großen Fähigkeiten. Wie würde das Fred
-aufnehmen?
-
-So spann sie im Warten ihre Gedanken. Ihre Blicke folgten unabsichtlich
-den Fliegen, die auf der weißen Wand herumeilten und dann als schwarze
-Punkte unverrückbar in der Sonne festhielten, daß ihre Flügel seidig
-glänzten.
-
-Wieder hob der Kuckuck an.
-
-Sie warf den Kopf herum. Die Gartenpforte hatte geklungen.
-
-Noch verdeckten die Büsche den Kommenden.
-
-Nun wurde er frei. Es war ein Mann, hager und gebeugt; mit großen,
-stolpernden Schritten kam er durch den Garten direkt auf das Haus zu.
-
-Sie erschrak, ohne sich bewußt zu werden, warum.
-
-Er sah auf; es war Görnemann. An der Art, wie er den Hut zog, erkannte
-sie ihn.
-
-Sie ging ihm über die Stufen entgegen.
-
-Sein faltiges Gesicht war heftig gerötet, und seine Augen sahen
-unsicher; sie suchten den Boden in Aufregung und Verwirrung.
-
-»Wo ist ihr Herr Vater?«
-
-»Er ist noch im Hause; er muß jeden Augenblick kommen. Aber was ...?«
-
-»Ich muß ihn sofort sprechen.« Er zog ein blaugeblümtes Taschentuch und
-wischte sich die Stirn. Dann stieg er rasch die Stufen hinan.
-
-»Es ist doch nichts Schlimmes vorgefallen?« Hilde legte in Angst die
-Hand auf seinen Arm. »Sagen Sie doch!«
-
-»Nein, nichts Schlechtes.« Er suchte sich frei zu machen. »Aber Ihren
-Herrn Vater muß ich sprechen!« Er trat eilig ein, im selben Augenblick,
-als Klaus Tiedemann von der anderen Seite kam:
-
-»Sie hier?« Tiedemann zögerte und blieb betreten stehen.
-
-»Ja,« Sebastian Görnemann schien in großer Verwirrung, »ich bin gleich
-herausgefahren, Sie müssen es wissen.« Er sah mit halber Wendung nach
-Hilde, dann sagte er mit plötzlichem Entschluß und hob den Kopf: »Herr
-Tiedemann, ich muß Sie unter vier Augen sprechen.«
-
-»Kommen Sie,« der Angeredete öffnete die Tür ins Schlafzimmer, dessen
-Fenster auf die Terrasse gingen, »hier sind wir allein.« Er wendete
-sich. »Und du, Hilde, richte das Frühstück auch für Herrn Görnemann« --
-der hob abwehrend die Hand -- »wir kommen gleich.«
-
-Er schob dem anderen einen Sessel zurecht:
-
-»Was gibt es?«
-
-Der alte Mann keuchte, und seine Hand zitterte, als sie nach der Tasche
-fuhr. Er legte ein Telegramm auf den Tisch: »Es ist ein großes Unglück
-auf Herrn Lecarts Freundschaftszeche geschehen. Mehr als hundert Leute
-sind verunglückt. Die Arbeiter revoltieren; Frau Clo ist in Gefahr.«
-
-Klaus Tiedemann riß den Zettel an sich und las mit gierigen Augen.
-
-Es blieb still um die beiden Männer; nur von draußen rief der Kuckuck.
-
-Klaus Tiedemann preßte die Lippen zusammen: auf der Stirn lag Falte an
-Falte.
-
-Die Augen belebten sich. Er stand auf.
-
-»Ich fahre!« Er sah auf die Uhr. »In wenigen Minuten geht mein Zug; Sie
-schicken mir sofort Gerhard nach; ich muß jemanden um mich haben, auf
-den ich mich verlassen kann!« Er setzte den Hut auf. »Sie bleiben in
-der Stadt, Görnemann, das Weitere telegraphiere ich.«
-
-Görnemann sah auf: Es war die Stimme und die Art zu sprechen, wie sie
-sein Herr geübt -- vor langen Jahren.
-
-Klaus Tiedemann tat einen Blick durchs Fenster:
-
-Hilde hatte auf der Terrasse die Zeitung entfaltet und las mit
-lachenden Augen. Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf. Sie las vom Bilde
-T. A. Hansens, das so viel Aufsehen erregte, und das ihn in die erste
-Reihe stellte; er hatte sein Wort gehalten. Es waren nur wenige Zeilen,
-die ihr neues Leben gaben. »Erdgeist« hatte er sein Werk genannt. -- --
---
-
-... Als der Zug in der Bergwerksstation hielt, stand Klaus Tiedemann
-bereits auf dem Trittbrett des Waggons.
-
-Der kleine Perron war voll von Menschen, die schrien und gestikulierten.
-
-Es wollte Abend werden. Schon brannten die rußigen Lampen auf dem
-Bahnsteig.
-
-Feuerwehrmänner und Knappen von anderen Gewerkschaften umgaben ihn.
-
-Mit starkem Arm trennte er die Menge.
-
-Der leichte Jagdwagen wartete.
-
-Neben dem Kutscher saß der Jäger, das Gewehr auf den Knien.
-
-»Damit die Hunde Respekt haben; die Gendarmenverstärkung kommt erst in
-der Frühe.«
-
-Klaus Tiedemann drängte zwei halbnackte Buben auseinander, die ihm
-pfeifend den Weg verstellten; der eine spuckte nach seinen Stiefeln.
-
-»Vorwärts!«
-
-Die Pferde zogen an.
-
-Klaus Tiedemann war im Wagen aufrecht stehen geblieben und hörte der
-beiden Männer Bericht.
-
-Heute früh, bald nachdem die Tagschicht eingefahren, war das Unglück
-geschehen. Es mußten sich giftige Gase entzündet haben. Bis vor kurzem
-war an ein Einfahren der Rettungsmannschaft noch nicht zu denken
-gewesen.
-
-Klaus Tiedemann hob den Kopf nach rechts, wo sich in der abendlichen
-Dämmerung über den Getreidefeldern mächtige Rauchwolken schoben.
-
-»Dort?«
-
-»Nein, das ist die Maximilianszeche, die brennt seit 30 Jahren. Die
-Zeche 2 liegt da links drüben!«
-
-Sie bogen in die Dorfstraße ein.
-
-In dichten Wolken wehte der Staub.
-
-Die niederen, aus Lehm gebauten Häuser schienen verlassen.
-
-Alt und jung mochte an der Unglücksstelle weilen.
-
-Ein paar Steine flogen den Pferden zwischen die Beine.
-
-Sie stiegen, daß sie der Kutscher kaum halten konnte.
-
-In rasender Eile ging es an dem Parkgitter vorbei.
-
-Der Mond stand bleich mit seiner Scheibe auf dem Himmel.
-
-Der Wagen hielt vor der Freitreppe.
-
-Klaus Tiedemann eilte die Stufen hinan.
-
-Niemand öffnete ihm; er hastete von Zimmer zu Zimmer; die Angst
-beflügelte seine Schritte.
-
-»Mein Kind.« Er riß Clo an sich und bedeckte ihr bleiches Gesicht mit
-Küssen. »Mein armes Kind.«
-
-Ein krampfartiges Zucken überlief sie, dann hing sie wie leblos in
-seinen Armen.
-
-Er bettete sie vor das Fenster, durch das der kühle Abendwind strich.
-
-Sie gab seine Hand nicht frei.
-
-So saßen sie schweigend, nur der Herzschlag hämmerte durch die Stille.
-
-Hier und da klang vom Schacht ein Klingelsignal oder halbverwehtes
-Rufen herüber.
-
-Mit milden Worten sprach Klaus Tiedemann seinem Kinde Mut zu. Daß sich
-alles im Leben gäbe -- ganz von selbst --, was vordem unerträglich
-geschienen! Man wisse nicht, wie das Unglück entstanden sei. Niemand
-trage die Schuld. Es seien ja alles bisher nur Mutmaßungen.
-
-Mit irren Blicken sah sie im Zimmer herum; bei jedem Laut schauerte sie
-zusammen:
-
-»Er hat seine Arbeiter betrogen, ich hab' drum gewußt.« Sie bedeckte
-mit den zuckenden Händen das Gesicht und warf sich in krampfhaftem
-Schluchzen in die Kissen.
-
-Klaus Tiedemann griff eine kalte Faust an den Rücken:
-
-»Weißt du, was du redest?« Er dämpfte die Stimme. »Du kannst deinen
-Mann ins Zuchthaus bringen mit solchen Worten.«
-
-»Sei's drum.« Leidenschaftlich richtete sie sich in die Höhe. »Er hat
-es hundertfach verdient; ich hasse ihn und alle seinesgleichen. Oh, wie
-ich ihn hasse!« Sie glitt zu Boden und schlug schwer mit dem Kopfe auf
-die Dielen.
-
-Mit zitternden Händen hob er sie auf.
-
-Nun lag sie ruhig; nur von Zeit zu Zeit erschütterte ihr Körper in
-tränenlosem Schluchzen.
-
-Mit dem Nachtzuge kam Gerhard.
-
-Er sprach wenige Worte und begab sich an die Unfallstelle.
-
-Die paar Beamten, die Lecart hielt, durften sich nicht blicken lassen.
-
-Ihr Leben war in Gefahr.
-
-Lecart war vor wenigen Tagen zu einem seiner Freunde auf die Jagd
-gereist. Der Streik war ja beendet gewesen!
-
-Die Arbeiter hatten wegen angeblich schlechter Ventilation der Gruben
-die Einfahrt verweigert.
-
-Hielt dies noch ein paar Tage an, versiegten ihm die letzten
-Hilfsquellen. Er wendete sich an die Bergbehörde. Er legte Pläne
-und Karten vor; es war alles in Ordnung, das hätte die Untersuchung
-gezeigt, sagte man den Leuten.
-
-Was blieb ihnen übrig? Die Ihren verlangten Brot.
-
-Nun war das Unglück geschehen!
-
-Weiber und Kinder umgaben den Schachteingang.
-
-Der Mond goß sein kaltes Licht über die vielköpfige Menge.
-
-Drohendes Murmeln lief durch die Reihen, als verlangten sie ihre Männer
-von der Erde zurück, der sie so lange ungestraft ihre Kinder entrissen
-hatten.
-
-Hier und da klang scharf eine Explosion herauf.
-
-Leute, die unten gewesen, erzählten, daß man helle Flammen sähe.
-
-Der Brand dauerte an, und damit sank die letzte Hoffnung.
-
-Die Rettungsmannschaft war endlich eingefahren. Man hatte auf den
-Zechen Lecarts nur ungenügende Schutzapparate.
-
-So waren Stunden vergangen, bis sie von fremden Zechen kamen.
-
-Und jede Sekunde konnte über das Leben entscheiden.
-
-Neuer Haß war dadurch entstanden, der sich in häßlichen Ausrufen Luft
-machte.
-
-Nur die Hoffnung, noch Lebende da unten zu finden, dämmte die
-Erbitterung, welche in den Augen der Leute glimmte.
-
-Ein Funken konnte zünden und die Massen zu blindwütigem Vorgehen
-veranlassen.
-
-Ein Klingelzeichen aus der Tiefe!
-
-Atemlos lauschen die zerlumpten Gestalten.
-
-Die bleichen Gesichter drängen sich an das rostige Schachtgitter.
-
-Es öffnete sich mit schütterndem Klirren:
-
-»Glück auf!«
-
-Zwei Leichen, verunstaltet und halb verkohlt, werden aus den Karren
-gehoben.
-
-Tote!
-
-Kein Wort wird laut.
-
-Der Fahrstuhl verschwindet; die Grubenlichter versinken:
-
-»Glück auf!«
-
-Schluchzen erschüttert die Luft, leidenschaftliche Anklagen werden laut
-und machen sich in gellenden Schreien Luft.
-
-Wieder kommen Tote.
-
-Eine reiche Ernte! Lauter stille Gestalten, oft unkenntlich, mit
-verzerrten Gliedern.
-
-Warum ist das Schicksal so erbarmungslos?
-
-Warum?
-
-Die Menge findet die Antwort. In Haß leuchten die Augen dem Herrenhause
-zu, von dem nur wenige Fenster licht scheinen.
-
-Schlafen sie schon, während sie hier ihre Toten beweinen?
-
-Ein Ton grenzenlosen Schmerzes klingt über die Fläche.
-
-Ein Wortführer stellt sich an die Spitze.
-
-Lange Zungen über das Blachfeld vorausschickend, wälzt sich die wütende
-Menge gegen Lecarts festes Haus.
-
-Weiber und Kinder voran.
-
-Prügel werden geschwungen; hier und da blitzt ein Messer.
-
-Das Mondlicht zeichnet bleiche Schatten.
-
-Klaus Tiedemann hört das Toben der Menge; ein zäher Widerstand
-bemächtigt sich seiner: er wird ausharren bis zum Ende.
-
-Mit Augen, in denen der Wahnwitz flackert, sieht sein Kind zu ihm auf:
-
-»Was wollen sie, Vater?«
-
-»Ich weiß nicht.«
-
-Er läßt das Haus schließen, das Parkgitter bietet Widerstand.
-
-Es wird zum Aeußersten kommen!
-
-Knurrend schnuppern die zwei riesigen Neufundländer an dem Gitter.
-
-»Vater!«
-
-»Was ist?« Er beugt sich zu ihr nieder und küßt sie auf die Stirn. »Was
-willst du?«
-
-»Nimm mich weg,« stammeln ihre weißen Lippen, »nimm mich weg; wenn du
-mich hier läßt, geh' ich zugrunde.«
-
-In tiefer Bewegung preßt er sie an sich:
-
-»Ich bin ja bei dir, Kind, es kann dir nichts geschehen.«
-
-Sie schüttelte den Kopf:
-
-»Nicht jetzt, -- die fürcht' ich nicht. Dann, wenn er wieder da ist ...«
-
-»Du meinst deinen Mann?«
-
-Ihre Finger beben. »Nimm mich fort, er ist so roh; seinen Blick ertrag'
-ich nicht, Vater!« schreit sie auf und wirft sich ihm an die Brust.
-»Dort hat er gesessen und vor sich hin gestiert, dann hat er's getan.«
-
-Der alte Mann beißt die Zähne zusammen; er kann's nicht glauben. Das
-Leben kann nicht alles stürzen, was er gebaut hat.
-
-»Du siehst schwarz, Kind, -- deine Nerven sind übermüdet. -- Lecart hat
-dich gern wie ich.«
-
-»Meinst du?« Sie bricht in gellendes Lachen aus. »Gern, das habt ihr
-mir damals gesagt, als ich eurem Willen widerstrebte. Lieber in Armut
-gestorben, als noch einmal so ein Leben! Gröden war nichts für mich,
-den habe ich nicht haben dürfen, weil er nichts hatte, kein Vermögen
-und keinen Namen, -- und Lecart hatte beides in euren Augen.«
-
-In bitterer Verzweiflung klingt ihre Stimme: »Nun habt ihr euren
-Willen, habt eure Familie rein gehalten, so rein, daß der Schlechteste
-da draußen zu gut für euch ist.« Ihre Worte fallen wie klingender Stahl
-durch das Halbdunkel der Mondnacht, und ihr Vater beugt das Haupt,
-als nun die Anklage laut wird, die er nicht zu Worte kommen lassen
-wollte, aus verfehlter Liebe zu seinen Kindern. »Bei den Armen, da ist
-es Berechnung eines verfehlten Lebens, wenn er nach dem Gelde greift,
-ohne Liebe, bei uns ist es ein Verbrechen, wie die Sonne kein ärgeres
-bescheint, wenn wir dem Herzen nicht seine Stimme lassen, sondern
-schachern, noch immer nicht froh unseres Besitzes.« Ihre Hand klagt
-ihren Vater an. »Du, du ganz allein hättest auftreten können, hättest
-mir mein Recht wahren sollen, das einzige, das schönste, das wir
-besitzen. Du hast dich gebeugt und hast geschwiegen, als meine Mutter
-ihren Plänen folgte. Schritt für Schritt mit der Unermüdlichkeit
-eines kranken Willens. Sie sah die Welt vom Krankenbett und in den
-engen Grenzen ihrer einseitigen Erziehung. Du aber hast dich selbst
-durchgerungen, bist in der Welt herumgekommen wie kaum einer, und hast
-doch nicht den Mut der eigenen Ueberzeugung gehabt! Vater, Vater, du
-weißt nicht, was ich gelitten!! Vom ersten Tage der Ehe an war es ein
-Kampf! Ich ließ mich betören von euren Reden, ihr wolltet ja stets
-keine Verantwortung übernehmen, das war euch das Wichtigste. Ich
-glaubte eueren Vorstellungen, ihr spieltet ja so breit euere Erfahrung
-auf, und ich war ein unerfahrenes Kind, das kaum wußte, was Liebe sei.
-So bin ich euch gefolgt! Ich war meinem Manne stets nur ein Mittel
-seiner Leidenschaft und seiner Berechnung. Deinem Schwiegersohne
-öffneten sich viele Türen, die vordem verschlossen gewesen! Oft
-hab' ich innerlich geschäumt, wenn er gegen dich den Hochgeborenen
-herausdrehte und du es dir bieten ließest in deiner Schwäche. Vater,
-weißt du, was es heißt, an einen Menschen gekettet sein, den man haßt?«
-Ihre Augen sprühen Blitze. »Nächtelang bin ich neben ihm gelegen und
-habe geflucht: ihm und mir. Vor dem Altar, als er uns auf ewig verband,
-hat der Priester Gottes Worte gesprochen: ‚Wenn mich zwei Menschen
-in der Liebe um etwas bitten, es soll ihnen gewährt sein.’« Wieder
-schüttert ihr schrilles Lachen. »Ja, ich habe gebetet -- aber nicht um
-ein Kind, nein, um unser beider Tod!«
-
-Sie tritt näher. Wie eine Mahnung klingen ihre Worte:
-
-»Du bist auf falschen Wegen mit all den Deinen! Es ist die letzte
-Stunde, Vater, kehr' um, ehe es zu spät ist. Leo ist tot. Wer wird der
-Nächste sein? Willst du die ungeheure Schuld tragen, mit starrem Sinn
-ins Unglück rennen? Hör' nicht auf Fred, hör' auf niemanden, hör' nur
-auf dich allein!« Sie faßt mit schlagenden Armen ihres Vaters Rechte.
-»Laß Hilde mir nicht nachfolgen, laß es genug sein an mir!«
-
-Sie hebt den Kopf in atemloser Spannung.
-
-Die Hunde vor dem Hause schlagen an; die rauhen Stimmen zerreißen die
-Stille der Nacht.
-
-Ihr fällt der Kopf nach rückwärts. Klaus Tiedemann horcht, sein Kind in
-den Armen.
-
-Wüste Rufe kommen näher.
-
-Er sieht in Clos starre Augen, die tief in ihren Höhlen liegen. Sein
-Kopf ist dumpf, ein eiserner Druck hält ihn gefangen.
-
-Das ist die Frucht seines Lebens!
-
-Tief beugt er sich herab: ihre Blicke hängen ineinander. Nicht Vater
-und Kind sind es, die nun rechten, es ist Mann und Weib.
-
-»Höre mich!« Schwer kämpft sich Tiedemanns Stimme aus der Brust.
-»Ich bin aus niederem Stande und hab' vieles erst im späten Leben
-kennengelernt, was euch als Kinder schon geläufig war. Ich hab' lange
-Jahre nur den Gedanken gehabt, Geld zu verdienen und dadurch etwas in
-der Welt zu werden.«
-
-Er stockt und will schweigen, doch die lauten Rufe lösen ihm die Zunge;
-sie prallen an die Wände und hallen in langen Wellen. Wer weiß, ob er
-überhaupt in wenigen Minuten es noch wird sagen können? Das Geheimnis
-seines Lebens!
-
-Mit heiserer Stimme, den Blick scheu um sich werfend, keucht er:
-»Ich war auch ein Mensch von Fleisch und Blut und hab' geglaubt an
-den Inhalt der Welt! Ich hab' mir ein Weib genommen aus niederem
-Stande, wie ich es selbst war, drüben über dem Wasser. Sie sollte mir
-beistehen, sollte mir die trüben Gedanken scheuchen, wenn ich müde nach
-Hause kam. Und sie hat es getan -- ein paar Jahre lang. Da hab' ich
-den Grundstein gelegt. Da hab' ich Riesenkräfte gehabt. Dann haben wir
-ein Kind bekommen -- Gerhard. Nun hab' ich erst recht gewußt, wofür
-ich arbeite. Wochenlang hab' ich keinen anderen Gedanken gehabt als
-Geschäft und Geld! Nicht aus Habsucht, nein; für meine Familie! Ich
-hab' wenig Zeit gehabt: Da hab' ich's nicht merken können -- in meinem
-eigenen Haus!«
-
-Die Stimme überschlägt sich. Unten heulen die Hunde gegen das Gitter.
-
-»Sie hat mich betrogen, ist mit einem anderen davon, hat mich allein
-gelassen mit meinem Kinde. Damals«, Klaus Tiedemanns Stimme hob sich,
-»hab' ich den Glauben abgeschworen, hab' ich alles von mir getan. Keine
-Plage war mir zu viel gewesen; jede Erniedrigung hab' ich ertragen für
-mein Weib, das war mein Lohn! Mich hat es drüben nicht mehr gelitten,
-ich bin herüber, hab' mein Kind im Stich gelassen und alles andere. Vom
-Anfang hab' ich wieder begonnen. War es früher Ehrgeiz, der mich trieb,
-so war es nun Haß! Ich bin schwindelnd gestiegen; sie sollte von mir
-hören da draußen irgendwo in der Welt, sollte sich eingestehen müssen,
-daß sie einen schlechten Tausch getan ... So bin ich einsam geblieben
-lange Jahre; dann hat mich wieder die alte Sehnsucht gefaßt, ich wollte
-Frau und Kind haben. Doch nun wollte ich der Herr sein, darum hab' ich
-mir ein Weib gekauft -- deine Mutter! Es war Wahnsinn, aber Wahnsinn
-aus bitterer Seelennot. Ich erwartete nichts mehr, sie gab mir nichts.
-Ich wollte nur euch, auf euch hab' ich alles übertragen, was die andern
-von mir nicht nehmen wollten -- meine Liebe. Ich war stets unscheinbar,
-meine Geburt hing an mir mit eisernen Ketten, -- so wollte ich mir
-in euch jemanden ziehen, der an mich glaubte. Ich hab' eure Mutter
-unterschätzt. Sie entriß mir Stück um Stück. Da hab' ich zum Schluß in
-alles gewilligt; mein Leben war im unnützen Kampfe vertan.« Mit starren
-Augen sah er zur Erde. »Einst hab' ich an Liebe geglaubt, da ward' ich
-betrogen; da ich anders dachte, erst recht!« Er bricht jäh ab; die Tür
-fliegt auf: Gerhard steht auf der Schwelle. »Sie sind da!«
-
-Ein Hagel von Steinen zerschellt die Fenster. Dumpfes Geheul, das
-durch die zerbrochenen Scheiben sich doppelt und dreifach verstärkt,
-übertäubt das Todesgewinsel der niedergeschlagenen Hunde.
-
-Ein Schuß fällt aus dem unteren Stockwerk.
-
-»Der Jäger.« Clo Lecart zerrauft sich das Haar; ihre schrillen Schreie
-erschüttern Vater und Sohn, ihre bebenden Lippen stammeln irre Laute.
-
-Scheiben klirren, Steine fliegen.
-
-»Hilfe!« Clo krallt sich in ihres Vaters Kleider. »Hilf, Vater! Dein
-ist die Macht, und dein ist die Herrlichkeit, dein Wille geschehe auf
-Erden, vergib uns unsere Schulden.« Ihre Augen flackern.
-
-Klaus Tiedemann steht regungslos und horcht dem donnernden Toben der
-Menge, das näher dringt und näher.
-
-»Da!« Mit zitternden Händen preßt ihm sein Kind die Waffe in die
-Hand. »Ich hab' sie lange getragen, ich war zu feig dazu; rette mich
-Vater, rette mich! Das Leben ist so schön, und ich bin noch so jung.«
-Wimmernd kriecht sie auf dem Boden und schlägt sich die Brust. »Zu uns
-komme dein Reich. Unser täglich Brot gib uns heute.«
-
-Klaus Tiedemann hebt den Kopf. Die Waffe klirrt zu Boden.
-
-Gerhard reißt sie an sich. Wieder steht er regungslos.
-
-Sein Vater hat die Tür geöffnet und ist auf den Balkon getreten.
-
-Tobendes Brüllen und Geschrei empfangen ihn; Steine prasseln.
-
-Der Garten wimmelt von Menschen.
-
-»Leute!« ...
-
-Sie heben die Köpfe; noch zweimal wiederholt er den Ruf.
-
-Seine Stimme übertönt die Menge und hallt weit über die Fläche.
-
-Sie stoßen sich an; murrend faßt die Hand fester den Stein.
-
-»... Seid ihr Menschen oder seid ihr wilde Tiere? Seid ihr Vater und
-Mutter, habt ihr Weib und Kind, oder seid ihr tolle Hunde? Habt ihr all
-eure Vernunft vergessen, daß ihr nicht des Morgens denkt? Wollt ihr ein
-Leben lang im Kerker sitzen? Seid ihr Mörder oder Arbeiter? ...«
-
-Mit donnerndem Prall fährt seine Stimme über die Menge.
-
-»... Ihr seid betrogen und belogen. Wen sucht ihr? Lecart ist nicht
-hier! Ein großes Unglück ist geschehen; doch wir sind alle Menschen,
-und jeder Augenblick kann uns den Tod bringen. Wenn jemand die Schuld
-trägt an eurem Unglück, es soll gesühnt werden. Lecart wird seiner
-Strafe nicht entgehen. Das sage ich euch, Klaus Tiedemann, der so
-arm war wie ihr, der sich aus eigener Kraft herausgerungen hat, ohne
-deswegen glücklicher zu werden. Jede Witwe und jede Waise, jeder, der
-Einbuße an seiner Gesundheit litt, soll reichlich entschädigt werden.
-Dafür habt ihr mein Wort! Wir wollen gemeinsam trauern und die Toten
-begraben. Was kann der Mensch anderes tun? Was wollt ihr sonst? Wollt
-ihr das Weib, das weinend drin auf dem Boden liegt und die Gemeinschaft
-mit ihrem Manne verflucht? Wollt ihr meinen Sohn morden, der mit euch
-die Toten bergen half, der denkt wie ihr, der mit demselben glühenden
-Haß gegen mich ausgerüstet ist wie ihr? Mich?« Klaus Tiedemanns Stimme
-wird leise. »Mich? Wenn ihr wollt, so tut es, mir ist nicht leid um
-mein Leben; ich hab' Schweres erlitten und meine Kinder nicht glücklich
-gemacht.« Wieder hebt er den Kopf; er sieht Hunderte von Augen auf sich
-gerichtet, sie geben ihm alte Kraft. »Aber _eines_ müßt ihr bedenken!
-Ich zahle das Geld, das euere Witwen und Waisen erhalten soll, Lecart
-tut es nicht, kann es nicht! Wollt ihr die Eueren bestehlen? Was bleibt
-euch? In wenigen Stunden werden die Gendarmen hier sein; schon sind sie
-unterwegs. Sie werden schrecklich Gericht halten, und ihr werdet noch
-mehr zu beweinen haben als jetzt. Kehrt ihr in Ruhe zurück, so soll
-keinem ein Haar gekrümmt werden, ich selbst will Fürbitte einlegen. Der
-Lohn soll erhöht werden. Ihr könnt euere Bitten vorbringen, von heut
-ab bin ich euer Herr! Nicht vergessen will ich, daß ihr Menschen seid!
-Seht nach eueren Toten! Ich komme zu euch. Ich werd' euch helfen, die
-schwere Last zu tragen.« Klaus Tiedemann beugt das schneeige Haupt
-hinab; sein Blick überfliegt die Reihen, die in tiefer Stille stehen;
-polternd fallen ein paar Steine zu Boden. »Und glaubt mir, nicht Geld
-macht glücklich; ich war es mehr, als ich arm war und als ich lebte wie
-ihr. Laßt Haß und Neid beiseite, da drüben liegen die Toten! Wer weiß,
-wie die jetzt reden würden ...«
-
-Er schweigt.
-
-Von unter klingt gedämpftes Flüstern und Scharren vieler Füße.
-
-Die Gruppen lösen sich.
-
-Klaus Tiedemann tritt zurück.
-
-Durch das ungewisse Mondlicht glänzen ihm Gerhards Augen entgegen.
-
-
-Gleich am nächsten Tage war Clo Lecart zu ihrer Schwester gereist. Nur
-weg vom Besitze Lecarts!
-
-Es war ein stummes Wiedersehen.
-
-Sie sprachen wenig.
-
-Hilde war erst besorgt gewesen, ihre Schwester die schrecklichen
-Stunden, die sie mitgemacht hatte, vergessen zu lassen. Doch zu allen
-Versuchen schüttelte Clo traurig den Kopf:
-
-»Laß gut sein, Hilde, das wird für mich nimmer anders.«
-
-Nach solchen Worten sah sie wieder mit starren Augen in das Grün des
-Waldes, der sich mit herbstlichen Farben zu schmücken begann.
-
-In Hilde war frohe Zuversicht, seitdem sie von Hansens Werk wußte.
-
-Sie hoffte auf die Zukunft mit allen Nerven des liebenden Weibes.
-
-Auch Vater mußte nun einsehen, daß er sich in ihm getäuscht hatte, daß
-seine Ansichten irrige gewesen.
-
-Klaus Tiedemann hatte wenig Zeit für seine Kinder.
-
-Es gab viel zu tun durch Lecarts Zusammenbruch.
-
-Als sie sich das erstemal wieder gegenüberstanden, hatte Lecart den
-alten Ton versucht. Doch Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
-
-»Jetzt reden wir anders.«
-
-Lecart wollte nicht einsehen, daß er seine Rolle ausgespielt hatte.
-Mein Gott, dachte er, die Zeche, die ließ sich wieder in Betrieb
-setzen, die Geldgeber warteten schon, wenn Klaus Tiedemann hinter ihm
-stand. Der würde doch nicht den Skandal vor aller Augen wollen, und
-überhaupt was sagte Clo zu all diesem?
-
-Als er Tiedemanns Antwort erhielt, senkte er den Kopf, um eine Nuance
-bleicher:
-
-»Das sind Ausgeburten kranker Nerven; ich verstehe dich nicht, wie du,
-ein klar und nüchtern denkender Mensch, so etwas glauben kannst.«
-
-Klaus Tiedemann schüttelte den Kopf:
-
-»Sie ist ein armes, durch uns beide ruiniertes Geschöpf.«
-
-Lecart kannte seinen Schwiegervater nur mehr in wenigen Zügen. Er war
-ein anderer geworden seit jener Schreckensnacht.
-
-Es schien, als sei er sich seines Menschenwertes erst klar geworden,
-als er allein gegen die Masse stand, und doch obsiegte.
-
-Nun trug er den Kopf aufrecht und brach mit manchem, das er früher
-geduldet hatte.
-
-Ein neuer Hauch war in sein Haus eingezogen.
-
-Gerhard und er saßen oft bis in die Nacht hinein: sie besprachen die
-Zukunft des Lecartschen Besitzes.
-
-Auch die Mansbergschen Fabriken standen still.
-
-Bei der zuständigen Bergbehörde war Anzeige gegen Lecart
-erstattet worden wegen Fahrlässigkeit in den Ventilations- und
-Sicherheitseinrichtungen. Es hieß, er hätte alle Vorschriften außer
-acht gelassen, um nur möglichst viel aus seinen Gruben herausschlagen
-zu können.
-
-Mehr als neunzig Menschen hatten bei dem Raubbau ihr Leben gelassen.
-
-Lecart lachte über die Anklagen. Gegen welchen Herrn waren die Arbeiter
-nicht? Doch es war ein häßliches, gezwungenes Lachen.
-
-Auch über die Spiritusfabriken wußte er keine rechte Auskunft zu geben.
-
-Es war eben eine verunglückte Spekulation. Die Baisse war allzuschnell
-gekommen; da war es klüger, man ließ den Betrieb ruhen.
-
-Fred Tiedemann hätte mit ein paar Worten Aufklärung geben können,
-doch er kam erst in zwei Wochen zurück. Er schrieb begeisterte
-Ansichtskarten von seiner Tour. Auch zum Dichten hatte er sich
-aufgeschwungen:
-
-»Man wird ein anderer Mensch in der freien Natur, das sieht man an
-jedem Bauernbua ...«
-
-Die Karte trug der Wolny Unterschrift.
-
-Fred beteiligte sich noch an einer Tourenkonkurrenz, bevor er
-heimkehrte:
-
-Der Automobilklub des Nachbarstaates unternahm einen Besuch in die
-befreundete Hauptstadt.
-
-Mehr als hundert Herren der ersten Gesellschaftskreise galten als
-Teilnehmer. Auch ein Prinz des kaiserlichen Hauses hatte gemeldet. Da
-durfte Fred Tiedemann nicht fehlen.
-
-In einer Nachschrift schrieb er, daß er von Lecarts Mißgeschick in
-einer Zeitung gelesen hätte und daß er hoffte, daß dies Unglück weiter
-keine unangenehmen Folgen haben würde.
-
-Mit lauten Worten sprach Hilde ihren Aerger über Freds Art aus, doch
-Klaus Tiedemann riet zur Mäßigung.
-
-Er begann sich wieder ins Geschäft einzuleben. Keiner hielt strenger
-die Arbeitsstunden ein als er.
-
-Vieles war zu erledigen und zu besprechen.
-
-Die Gläubiger Lecarts drängten auf Klärung seiner Lage, sie wollten
-ihre Schritte danach einrichten. Wenn ihn sein Schwiegervater nicht
-hielt, war er verloren.
-
-Klaus Tiedemann wollte alles möglichst rasch zu Ende bringen, schon um
-Clos willen, die von Tag zu Tag nervöser wurde.
-
-Die Ehegatten hatten sich seit Lecarts unfreiwilliger Rückkehr nicht
-gesprochen.
-
-Keiner der beiden Teile verlangte danach. Die Abrechnung kam ...
-
-
-Klaus Tiedemann sah abermals zur Tür und horchte.
-
-»Lecart ist noch immer nicht da.«
-
-Gerhard saß ihm gegenüber und nickte.
-
-Görnemann hatte eine zweistündige Besprechung mit seinem alten Chef
-gehabt.
-
-Es war ihm nun leichter ums Herz, er hatte sich alles Drückende von der
-Seele geredet.
-
-Klaus Tiedemann grübelte und blätterte in den Papieren, die den Tisch
-in hohem Stoß bedeckten.
-
-Große Summen standen auf dem Spiel:
-
-»Ich verstehe nicht, wieso Fred die Fabriken so stark belehnen konnte;
-es ist ja mehr, als sie überhaupt wert sind!«
-
-»Das war stets unser Streit, Vater; ich hätte keinen Heller gegeben.«
-
-Klaus Tiedemann seufzte:
-
-»Wenn wir sie übernehmen, ist der Verdienst von ein paar Jahren hin.«
-
-»Und doch werden wir es tun müssen.«
-
-Wieder schwiegen beide.
-
-Gerhard hatte einen Bleistift ergriffen und rechnete auf einem Blatt
-Papier herum.
-
-Es war ganz still; nur vom Vorraum hörte man das Klingeln des Telephons.
-
-Dann hob Gerhard den Blick:
-
-»Wir sind die Hauptgläubiger; wenn wir alles aufgeben, verlieren wir
-zuviel! In ein paar Jahren kann man wieder anfangen zu verdienen; wir
-haben ja manches Etablissement, das passiv ist.«
-
-Nachdenklich sagte sein Vater:
-
-»Nur sehe ich kein Mittel, wie man das Ganze wieder hoch bringen kann.«
-
-»Doch, Vater, du mußt bedenken, daß er alles hat verkommen lassen, daß
-er von der Fabrikation nichts versteht. Er hat die Fabriken doch nur
-gekauft, um seinen Gläubigern damit die Augen auszuwischen -- alles
-andere war ihm gleich. Wenn man geschickt arbeitet und die Schnaps- und
-Branntweinproduktion auf ein bescheidenes Maß einschränkt, so läßt sich
-viel erreichen. Ich würde das Hauptgewicht auf die Spiritusfabrikation
-legen. Spiritus kann heutzutage die Konkurrenz mit allen flüssigen
-Brennstoffen aufnehmen. Der Nutzeffekt ist glänzend, die Herstellung
-nicht allzu teuer und die Preise nicht schlecht. Da läßt sich schon
-etwas machen. Als Ersatz für Benzin und Petroleum hat er große Vorzüge.
-Bei unserer ausgedehnten Landwirtschaft können Spiritusmotoren als
-Lokomobilen ausgezeichnete Verwendung finden. Natürlich müßte man
-die Kartoffeln soviel als möglich selbst bauen. Zum Beispiel in den
-Kohlenrevieren; statt daß man Getreide baut oder Wiesenland läßt,
-müßte man alles in Kartoffeläcker umwandeln. Das Klima und der Boden
-sind günstig die Fracht ist billig -- auf die Art könnte man beide
-Unternehmungen gewissermaßen vereinigen.«
-
-Klaus Tiedemann nickte:
-
-»Hätte man das vor Jahresfrist getan, so stünde die Sache anders.« Er
-trommelte mit seinen Fingern auf den Tisch und seufzte. »Na, wer weiß,
-wozu die Sache gut ist! ...«
-
-Er sprach nicht weiter, denn Lecart trat ein:
-
-»Guten Tag!«
-
-Er sah schlechter aus als sonst.
-
-Als ob nichts geschehen wäre, bot er Tiedemann die Hand; Gerhard
-ignorierte er in alter Gewohnheit.
-
-Er reichte seinem Schwiegervater das Tabatiere, das voll von Zigaretten
-war:
-
-»Willst du dir nicht nehmen? Ich habe sie erst heute frisch bekommen!«
-
-Als er keine Antwort erhielt, zündete er sich selbst eine Zigarette an
-und legte die Beine übereinander, daß das magere Bein im schottischen
-Strumpfe sichtbar wurde. Den Rauch vor sich hin blasend, sagte er dann:
-
-»Also machen wir die Sache rasch ab!«
-
-Klaus Tiedemann nickte.
-
-»Ich würde am liebsten _allein_ mit dir sprechen«, sagte Lecart.
-
-»Gerhard bleibt!«
-
-»Bitte«, mit nachlässiger Bewegung warf sich Lecart in den Sessel
-zurück und sah nach dem Plafond.
-
-Das hatte er denn doch nicht notwendig, sich von den Pfeffersäcken
-etwas gefallen zu lassen!
-
-Es war gerade genug, daß er ihnen Rede stand!
-
-Tiedemann wich Gerhards Blicken aus.
-
-Er ordnete die Papiere und legte sie vor Lecart:
-
-»Hier hast du die Schuldverschreibungen und alles bezüglich der
-Mansbergischen Liegenschaften.«
-
-Lecart tat einen kurzen Blick:
-
-»Das kenn' ich. Was weiter?« Er warf die Lippen auf und schob die Hand
-in die Tasche.
-
-Aerger überkam Klaus Tiedemann über des anderen Art, doch er zwang sich
-zur Ruhe:
-
-»Du mußt dich jedenfalls äußern, wie du dir die Zukunft denkst.«
-
-Lecart lachte spöttisch. »Das ist gerade so, als wenn die Henker des
-Delinquenten Pläne für sein späteres Leben anhören. Die Vorschläge mußt
-wohl du machen.«
-
-Der Alte schüttelte den Kopf:
-
-»Es ist dein Besitz, um den es sich handelt.«
-
-»Auf dem Papier!«
-
-»Da hast du leider recht.« Tiedemanns Stimme ward lauter. »Wäre es nach
-mir gegangen, wir hätten diesen traurigen Ruhm nicht. Du mußt großen
-Einfluß auf meinen Sohn ausgeübt haben, daß er dich so unterstützte.«
-
-Lecart lachte höhnisch: »Einfluß? -- Ich bin schließlich sein Schwager,
-und«, er sah verächtlich auf die beiden vor ihm Sitzenden, »der einzige
-in der Familie, der ihn versteht und ihn unterstützt, in bessere
-Kreise zu kommen.«
-
-»Mit meinem Geld!«
-
-Drohend sah ihn der Alte an; überrascht wendete Lecart den Kopf: Was
-war das für ein Ton? »Du sprichst, so gut du es eben verstehst,« sagte
-er hochtrabend, »das entschuldigt dich.«
-
-Des Alten Stirn färbte sich dunkelrot: »So wirst du bei mir nichts
-ausrichten; entweder du redest vernünftig mit mir, oder ich übergebe
-alles deinen Gläubigern; die sollen dann machen, was sie wollen.«
-
-»Parbleu, das wäre das Rechte,« die Zigarette entfiel des anderen
-Hand, »das ist dein Ernst doch nicht?« Er sah erschreckt auf seinen
-Schwiegervater.
-
-»Mein _voller_ Ernst!«
-
-Lecart litt es nicht länger auf dem Sessel; mit langen Schritten
-durchmaß er das Zimmer; sein Blick blieb auf Gerhard haften. In Haß
-blitzten seine dunklen Augen:
-
-»Ich habe dir schon vorhin gesagt, ich spreche nur mit dir allein!«
-schrie er.
-
-Als keine Antwort kam, wiederholte er die Worte:
-
-»... Hast du verstanden?«
-
-»Gerhard bleibt!«
-
-Charles Lecart stampfte den Boden:
-
-»Dann bringst du kein Wort aus mir heraus.«
-
-»Es ist nur dein Schade.«
-
-Sie saßen schweigend.
-
-Nach geraumer Weile fragte Klaus Tiedemann:
-
-»Kannst du nicht Clos Mitgift zur Deckung verwenden?«
-
-»Clos Mitgift? Die ist lange hin.«
-
-Klaus Tiedemann legte den Kopf in die eiskalte Hand. Jeder Nerv zuckte
-an ihm; doch es galt diesen Kampf mit starkem Willen zu Ende zu führen
--- seines Kindes wegen.
-
-Clos Mitgift war eine hohe Summe gewesen, mit deren Zinsen beide in
-Ruhe hätten ihr Leben verbringen können.
-
-»Wie ist das zugegangen?« fragte er.
-
-»Wie das zugegangen ist? Sehr einfach: Wir haben vom Kapital gelebt.
-Meine Frau ist nicht die billigste; sie ist mit merkwürdig hohen
-Ansprüchen in die Ehe getreten. Woher sie das hat, weiß ich nicht, von
-dir gewiß nicht!«
-
-»Alles zugegeben.« Klaus Tiedemann überhörte geflissentlich des anderen
-Ausfälle. »Aber in so kurzer Zeit?«
-
-»Ich hab' Schulden zu bezahlen gehabt, dann die Reisen und die
-Repräsentationspflichten. Sah Clo einen Schmuck, so mußte sie ihn
-haben. Oft mußten wir dreifache Wohnung bezahlen; hier in der Stadt, in
-irgendeiner Pension und auf dem Lande. Clo hat nichts vom Wirtschaften
-verstanden; sie ist wie eine Prinzessin aufgewachsen.«
-
-»Clo hat gewiß nicht die Hauptschuld, du hast hoch gespielt.«
-
-»Wer sagt das?«
-
-»Ich weiß es!«
-
-»Hat es meine Frau gesagt?« Er bekam keine Antwort. »Natürlich weißt
-du es von ihr! Ich sollte wahrscheinlich wie ein Hund leben, wenn ihr
-die Herren spieltet? Bitter genug, daß ich von euch das Almosen nehmen
-mußte.«
-
-»Vielleicht wäre es für beide Teile besser, du hättest es nicht getan.«
-Klaus Tiedemann warf die Papiere durcheinander. »Lassen wir das
-Streiten, wir kommen damit zu keinem Ende. Wir werden die Mansbergschen
-Fabriken übernehmen und die übrigen Gläubiger befriedigen.«
-
-Lecart schöpfte neue Hoffnung: »Das ist gar nicht nötig«, sagte er
-schnell.
-
-»Es ist besser so.«
-
-»Bitte.«
-
-Klaus Tiedemann neigte sich vor; er sah ihn erwartungsvoll an: »Und was
-ist mit den Gruben?«
-
-Lecart war erstaunt: »Ja, wollt ihr mir denn alles abnehmen?«
-
-»Das wird sich erst zeigen.«
-
-»Wieso?«
-
-»Du weißt, daß gegen dich Anzeige erstattet ist.«
-
-»Was weiter?«
-
-Klaus Tiedemann blickte ernst: »Du mußt wissen, ob 'was Wahres daran
-ist. Davon hängt alles ab.«
-
-Ueber Lecarts hageres Gesicht lief ein nervöses Zucken: »Was meinst du?«
-
-Durchdringend ruhten des alten Mannes Augen auf ihm: »Du verstehst
-mich ganz gut. Ob eine Schuld deinerseits vorliegt oder nicht?«
-
-»Das fehlte gerade noch.« Lecart ließ die Hand auf den Tisch fallen.
-»Woher hast du den Unsinn? Was soll ich für eine Schuld haben?«
-
-»Clo hat davon gesprochen.«
-
-»Clo?« Lecart lachte trocken und netzte die Lippen. »Wovon?«
-
-»Du sollst die Vorschriften außer acht gelassen haben.«
-
-»Albern; die hält nicht einer von uns genau ein.«
-
-»Darum handelt es sich jetzt nicht; ich muß wissen, ob ich mit
-ehrlichem Gewissen für dich, das heißt für Clo, eintreten kann oder
-nicht.« Klaus Tiedemann sah sinnend vor sich nieder. »Ich habe
-Beziehungen, welche dir eventuell nützen könnten, um das Gerede zum
-Schweigen zu bringen.«
-
-»Das wäre mir sehr recht.« Lecarts Stimme wurde geschmeidig. »Dafür
-wäre ich dir sehr dankbar. Wer sind die Herren, die mir behilflich sein
-können?«
-
-»Das wird sich finden.« Nachdenklich strich sich Klaus Tiedemann die
-faltige Wange; die Hand, die auf der Tischplatte lag, zitterte: »Also,
-ich kann dir glauben?«
-
-»Ja.«
-
-»Laß, Vater!« Gerhard Tiedemann machte eine jähe Bewegung; er hatte
-bisher regungslos gesessen. Sein Blick traf Lecart: »Sie lügen!« sagte
-er ruhig.
-
-Lecarts Augen wurden klein; sie funkelten wie die eines Raubtieres.
-Auch Klaus Tiedemann war zusammengefahren, in seiner erkünstelten Ruhe
-jäh gestört. Hastig, fragend flogen seine Blicke von einem zum anderen.
-
-»Sie werden das zu beweisen haben«, kreischte Lecart und trat einen
-Schritt näher.
-
-»Ich spreche nichts, das ich nicht schwarz auf weiß vor mir habe.«
-
-Gerhard wich dem Blick des anderen nicht aus; seine grauen Augensterne
-hielten ihn im Schach. Mit unsicherer Stimme, aus der verhaltene Wut
-klang, fragte Lecart: »Wo sind die Beweise?«
-
-»Sie werden Ihnen nicht unbekannt sein.« Ein roter Fleck begann auf
-Lecarts gelber Wange zu brennen. »Waren die Ventilationsschächte in
-Ordnung?«
-
-Lecart preßte die schmalen Lippen zusammen: »Ja.«
-
-»Sind Sie dessen sicher?«
-
-»Die Kommission hat es bestätigt.«
-
-»Das heißt gar nichts. Sie haben als Grubenbesitzer allzuviel Einfluß
-auf deren Zusammensetzung, und überdies kann sich die Kommission
-getäuscht haben.«
-
-Lecart war bleich geworden: »Das kommt nicht vor.«
-
-»So sagen wir, sie ist getäuscht worden!«
-
-Lecart streckte den Kopf weit vor, seine Augen waren drohend
-aufgerissen, die Adern am mageren Hals schwollen an unter dem
-stürmischen Herzschlag:
-
-»Wer gibt Ihnen das Recht, so mit mir zu sprechen?« keuchte er.
-
-Gerhard stand auf und faltete ein Papier auseinander; er sah zu seinem
-Vater hinüber: »Die Kommission hat richtig entschieden. Sie haben
-recht. Auf den ihr vorgelegten Plänen und Rissen sind die Luftschächte
-vollkommen entsprechend eingezeichnet, aber«, er hob die Stimme, »die
-Kommission konnte nicht wissen, daß in Wirklichkeit seit Monaten der
-wichtigste Luftweg verschüttet sei; so hat man sie und die Arbeiter,
-die gehorchen mußten, betrogen!«
-
-Mit kreidebleichem Gesicht fuhr Lecart an des anderen Gurgel. »Du
-sollst es büßen, mir so etwas gesagt zu haben.«
-
-Mit starken Händen fing Gerhard die schlagenden Arme. Er warf Lecart
-zurück. Mit zuckenden Lippen sagte er: »Hier hast du, Vater, deine
-Familie!«
-
-Der alte Mann regte kein Glied; er starrte vor sich nieder.
-
-Minuten vergingen.
-
-Lecart ordnete seine Kleider; sein hastiges Atmen klang laut durch die
-Stille. Wie die Augen einer Katze, die auf der Lauer liegt, glimmten
-seine Pupillen. So standen sie eine Weile sich gegenüber.
-
-Dann klang ein stöhnender Laut -- sie sahen nach dem alten Mann.
-
-Klaus Tiedemann richtete sich auf.
-
-Ein harter, erbarmungsloser Zug war um seinen Mund.
-
-»Die Gruben gehen in unseren Besitz über,« sagte er, »du hast mit allem
-nichts mehr zu schaffen. Was du getan hast, trennt dich auf ewig von
-mir. Einen Betrüger beherbergt meine Familie nicht.«
-
-Lecart wollte auffahren. Drohend trat der alte Mann vor ihn; seine
-kleine Gestalt schien zu wachsen:
-
-»Clo wird mit sich ins reine kommen müssen. Ebenso du! Nur drängt für
-dich die Zeit, du kannst nach alldem nicht verlangen, daß ich für dich
-aussage. Gerhard und Clo haben von dem furchtbaren Betrug gesprochen.
-Ich hab' es nicht geglaubt, trotzdem die Beweise nur allzu klar lagen.
-Ich habe noch immer an einen Irrtum gedacht.« Er schüttelte den Kopf
-und ballte die Faust. »Ich hätte dich gehalten, so schwer mir's
-auch gewesen wäre, hättest du dein Unrecht eingestanden; du hast es
-nicht getan.« Er maß Lecart von Kopf zu Füßen. »Ich bin zwar nur ein
-Kaufmann, der schlichte Manieren hat; so kann ich weiter nicht raten,
-aber Sie werden, Baron Lecart, Mittel und Wege finden müssen, sich vor
-dem Kerker zu schützen, in den Sie gehören. Das wird Ihnen ja nicht
-so schwer fallen, Sie sind stets findig gewesen.« Er wandte ihm den
-Rücken. »Ich glaube, wir sind fertig.«
-
-Mit festen Schritten ging Klaus Tiedemann zur Tür; die Tränen standen
-in seinen Augen.
-
-
-Schon am nächsten Tage schrieb Lecart. Das Kuvert trug seiner Familie
-Wappen. Er schrieb in knappen Worten, daß er nach dem, was vorgefallen
-sei, es als selbstverständlich ansähe, das Haus nicht mehr zu betreten,
-in welchen er derartigen Invektiven ausgesetzt sei. Er bedauerte
-nur, daß ihm keine anderen Mittel als seine Verachtung zur Verfügung
-stünden. Den Rechtsweg wolle er mit Rücksicht auf seine arme Frau
-und die Gesellschaft nicht betreten. Zum geschäftlichen Teile seines
-Briefes übergehend, teile er mit, daß er alle Angelegenheiten seinem
-Rechtsfreund übergeben hätte, da der gestrige rohe Auftritt seinen
-ohnehin alterierten Nerven den Rest gegeben hätte. Er zöge sich
-auf unbestimmte Zeit in ein Sanatorium zurück, um seine Gesundheit
-womöglich wiederherzustellen, deren schlechter Zustand ihn auch bewogen
-hätte, sich auf einige Zeit seines freien Verfügungsrechtes zu begeben.
-Er habe seinen Advokaten zu seinem Kurator bestellt und ersuche, sich
-in allen Dingen an diesen allein zu wenden, da er nunmehr vollkommen
-ausgeschaltet sei. Mit Rücksicht darauf werde auch die gegen ihn
-schwebende Klage hinfällig.
-
-Noch am selben Nachmittag fuhr Klaus Tiedemann zu seiner Tochter.
-
-Es war ein schwerer Weg, und doch ging er aufrechten Hauptes durch den
-hochstämmigen Laubwald, durch welchen der Weg von der Bahnstation aus
-führte.
-
-Die Buchen rauschten um ihn, und er atmete in tiefen Zügen, als wolle
-er all den Dunst und die Häßlichkeit der Stadt aus seinem Innern
-vertreiben.
-
-Ruhe lag über dem herbstlichen Grün und senkte sich über sein Wesen mit
-lindem Hauch.
-
-Ein alter Bauer, das Gewehr auf der Schulter, kam ihm entgegen. Ein
-großer Hund trottete hinter ihm drein, sie sahen beide zufrieden aus.
-
-Kinderstimmen hallten zwischen den hohen Stämmen des Waldes. Sie
-gehörten Ausflüglern an, die für wenige Stunden der lärmenden Großstadt
-entflohen waren.
-
-In schwerem Fluge schwang eine Krähe sich über die Lichtung; noch lange
-klang ihr rostiger Schrei.
-
-Bald war Tiedemann am Ziel.
-
-Er öffnete die Gartenpforte.
-
-Auf dem Vorplatz war ein Ruhesessel in die Sonne gerückt. Clo ruhte
-darauf; Hilde saß daneben und las aus einem Buche vor.
-
-Als sie seinen Schritt auf dem Kies hörte, stand sie rasch auf; auch
-Clo hob den Kopf.
-
-»Bleibt sitzen!« Er winkte ihnen zu und kam näher.
-
-Clo war bleich, ihr Gesicht trug einen leidenden Zug; trotz der warmen
-Herbstsonne hatte sie eine Decke über die Knie gezogen.
-
-Sie sprachen von gleichgültigen Dingen, von den wenigen Neuigkeiten,
-die sich in den letzten Tagen zugetragen hatten:
-
-Gestern nachmittag hatte es gewittert; darauf war die Temperatur
-plötzlich stark gefallen. Heute früh war es kühl gewesen. Die Schwalben
-sammelten sich bereits zum Flug.
-
-Sie sprachen mit leiser Stimme und sahen aneinander vorbei.
-
-Klaus Tiedemann hatte auf seinem Wege gefällte Stämme bemerkt; nun
-redete er davon.
-
-Clo gab rasche Antwort: man baute einen Fahrweg durch den Wald zur
-neuen Anstalt.
-
-Klaus Tiedemann fragte, welchem Zweck der Neubau dienen werde. Hilde
-gab keine Antwort; sie machte hinter seinem Rücken ihrer Schwester
-Zeichen, zu schweigen. Die bemerkte es nicht.
-
-»Für Lungenkranke im ersten Stadium.«
-
-Besorgt sah Hilde auf ihren Vater, sie mied jedes Wort, das ihn an Leos
-frühes Ende erinnern konnte.
-
-Doch sie schien sich getäuscht zu haben. Mit ruhigen Worten sprach er
-weiter.
-
-Dann legte er die schwere Hand auf die Armstütze von Clos Sessel:
-
-»Hat dir Lecart geschrieben?«
-
-»Nein«, ihre Lippen wurden schmal.
-
-»Da lies«, er reichte ihr den Brief und sah zu Boden, auf dem Ameisen
-hin und her krochen.
-
-Mit leisen Schritten ging Hilde davon.
-
-Er nickte ihr zu, dann sah er in scheuer Erwartung zu Clo.
-
-Sie hatte den Mund halb geöffnet. Röte erschien auf ihren schlaffen
-Wangen.
-
-Noch einmal überflog sie die wenigen Zeilen, dann ließ sie das Blatt
-sinken:
-
-»Siehst du Papa? ...«
-
-»Ja Kind!« Er stützte den Kopf in die Hand: »Was soll nun werden?«
-
-Sie zuckte die Achseln.
-
-Ein leiser Hauch ging über die Bäume, ein paar dürre Blätter wehten
-über ihre schmale Hand.
-
-Dann trat ein trotziger Zug um den feinen Mund:
-
-»Ich laufe ihm nicht nach.«
-
-»Nicht so!« Klaus Tiedemann rückte näher, sein eigenes Leben stand ihm
-vor Augen: das ließ ihn milde Worte finden: »Du mußt gerecht sein; es
-ist so viel zu gleicher Zeit auf ihn eingestürmt, daß er Nachsicht
-verdient.«
-
-»An mich hätte er denken können.«
-
-»Gewiß, Kind, aber ...«
-
-Sie warf den Kopf zurück:
-
-»Nichts, Papa, glaube mir, nichts, er war stets so.«
-
-Wieder schwiegen beide.
-
-»Und sage mir, Papa: er hat nicht zu widersprechen versucht, hat nicht
-den Willen gehabt, aus eigener Kraft das Unglück gutzumachen?«
-
-»Nein!«
-
-Sie richtete sich auf: »So sind wir fertig!«
-
-»Nicht so,« bat er mit sich selbst im Widerstreit.
-
-Heftig widersprach sie:
-
-»Was soll sonst werden? Soll ich an seiner Seite weiter leben, da er
-sich in seiner ganzen Erbärmlichkeit gezeigt hat? Das kann ich nicht!«
-
-»Das verlangt auch niemand von dir.«
-
-»Und auch später nicht, nie mehr!« Ein nervöses Zucken lief über
-ihr Antlitz: »Hätte er alles eingestanden und mich gebeten,
-ihm beizustehen, ich hätte es getan. Nichts hätte mich davon
-zurückgehalten. Aber so, da er sich feige allem entzieht, nein das kann
-ich nicht! ...«
-
-Klaus Tiedemann senkte den Kopf. Er fand keine Widerrede. Es war sein
-eigenes Denken.
-
-Sein Fuß zeichnete Kreise auf Kreise in den Kies.
-
-Tiefe Stille war um die beiden.
-
-Mit fliegendem Atem begann sie wieder:
-
-»Du kannst dich, Papa, in meine Lage nicht hineindenken; du weißt
-nicht, was es mich für eine Ueberwindung kostete, ihn nicht schon
-früher zu verlassen. Doch ich war feig und dachte eng. Hier draußen
-ist es mir klar geworden, wie nichtig und lächerlich eigentlich alles
-an ihm war, vom Anfang an. Erst flößte mir seine hochtrabende Art, mit
-der er jedermann behandelte, Achtung ein, dann nahm ich sie selbst an:
-warum weiß ich nicht. Es mag wohl unser Blut gewesen sein. Doch bald
-kam die Ernüchterung. Aber nicht einmal mir selbst gestand ich sie zu.
-Warum sollten zwei Menschen nicht auch gleichgültig nebeneinander leben
-können!«
-
-Klaus Tiedemann nickte.
-
-»Wir ritten gemeinsam spazieren, wir gingen zusammen in Gesellschaften
-und aßen vom selben Tisch.« Sie lachte gepreßt. »Wie viele machen es
-nicht so, ihr ganzes Leben lang! Auch du und Mama lebtet ähnlich. Das
-hielt ich mir stets vor Augen -- warum sollte es bei mir nicht auch so
-gehen? Manchmal wollte ich ihn verlassen, nach irgendeiner Szene, von
-denen es so viele gab -- doch ich schreckte zurück, aus Angst vor der
-Meinung der anderen; es war mir ja so von klein auf eingeimpft worden.«
-Sie hob die Hand und betrachtete die Ringe, die feine Rillen in die
-Haut zogen: »Erst im Gespräch mit Hilde, erst in den letzten Tagen habe
-ich anders denken gelernt. Vater,« sie neigte sich vor, in ihren Augen
-war wieder das nervöse Zucken, »steh nicht wider Hilde auf, sie liebt
-aus vollem Herzen, zertritt das bißchen Glück nicht, das unsere Familie
-noch hat ...«
-
-Er gab keine Antwort, er saß mit hängenden Armen.
-
-Noch immer haftete Vorurteil an ihm. Ein langes Leben waren seine
-Gedanken anderen Weg gegangen. Zu weit lag die Jugend zurück:
-
-»Wir wollen nicht von Hilde, wir wollen von dir reden«, sagte er
-ausweichend.
-
-»Nun gut.« Sie sah mit forschenden Blicken auf ihn. »Wie denkst du dir
-meine Zukunft?«
-
-Er seufzte:
-
-»Du wirst vielleicht anders denken lernen -- milder ...«
-
-»Glaubst du daran?«
-
-Er gab keine Antwort.
-
-»Du glaubst es selbst nicht.« Frei sahen ihre Augen. »Warum sollen wir
-nicht einmal nur an uns denken und nicht an die anderen? Er hat mir die
-Jugend gestohlen und dir schwere Verlegenheit bereitet. Warum sollen
-wir das nicht ändern, wenn es in unserer Kraft ist?«
-
-Erstaunt sah er auf sein Kind.
-
-Sie empfand seinen Blick:
-
-»Ja, Papa, ich bin eine andere geworden -- Gott sei Dank! -- in letzter
-Stunde. Der Mensch hat nur kurze Zeit auf Erden, jeder Tag ist ein
-unersetzlicher Verlust, den er nicht lebt nach eigenem Gutdünken, und
-ich soll mein ganzes Leben verlieren? Nein,« sie stand auf, »Lecart ist
-für mich tot!«
-
-»Kind,« stammelte er, »Kind, überlege es dir gut!«
-
-»Da ist nichts zu überlegen! Schau, Papa!« sie faßte seine Hand.
-»Was kann ein Mädchen einem Manne mehr geben, als ich getan? Freudig
-hätte ich alles gelitten, hätte er nur an mich geglaubt. Du bist ja
-selbst meiner Meinung,« sie legte ihren Kopf an den ihres Vaters, »du
-glaubst nur, du hättest die Pflicht, mich zurückzuhalten, doch du bist
-im Irrtum. Er hat unseren ehrlichen Namen gebrandmarkt, er ist nicht
-besser als ein Dieb, da er dich um dein Geld betrog.«
-
-In schwerem Groll schloß Klaus Tiedemann die Faust: »Da hast du recht.«
-
-»Siehst du, Papa, willst du weiter mit ihm verkehren?«
-
-Verwundert sah er auf, seine Augenlider waren rot gerändert. »Ich? Ich
-bin mit ihm fertig!«
-
-»Und ich soll mit ihm weiterleben?«
-
-Die alte Hilflosigkeit überkam ihn:
-
-»Ich wollte nur alles versuchen, weil ich eben keinen anderen Ausweg
-sehe.«
-
-Sie küßte seine faltige Stirn. »Der Ausweg«, sie hob die Hand zu dem
-blauen Himmel, auf dem weiße Wölkchen segelten, »dort ist er -- die
-Freiheit!«
-
-Mit ängstlichen Augen sah er sie an. Eine Art Schwindel befiel ihn.
-Die Ahnung fremder Welten, die er noch nicht kannte. Doch er stand am
-Eingang. Er ließ den Blick rundumgehen, von einem Baum zum anderen,
-vom Efeu, der sich eigenwillig emporrankte, zum Springbrunnen, dessen
-Wasser in schimmernde Tropfen zerfiel: »Eine geschiedene Frau ist
-Freiwild -- ihr Leben ist unstet, von den Reden der Leute vergiftet.«
-
-»Besser als eine morsche Ehe.« Sie faßte seinen Arm, lebhaft wurde ihr
-Blick. »Heute hab' ich Gröden getroffen.«
-
-»Hat er dich erkannt?«
-
-Sie lachte: »Wir sprachen fast eine Stunde. Er fand mich sehr
-verändert.«
-
-Klaus Tiedemann stand auf und ging der Terrasse zu. Er schüttelte den
-Kopf.
-
-Clo war an seiner Seite; sie sprach weiter von Gröden:
-
-»Denk' dir, Papa, er baut hier die neue Anstalt! Ist das nicht ein
-Zufall?«
-
-Er nickte, dann sah er sich scheu um:
-
-»Du hast zu Hilde nicht gesprochen?«
-
-Verständnislos blickte sie ihn an:
-
-»Wovon?«
-
-Er schluckte und sah zu Boden:
-
-»Von dem, was ich dir von meiner ersten Ehe erzählt habe, damals ...«
-
-»Nein; wenn du willst, sag' ich's auch niemandem.«
-
-»Ich bitte dich drum,« er atmete auf, »es ist mir zwar ganz gleich,
-aber lieber ist's mir doch so ...«
-
-»Gewiß, Papa.«
-
-Er nickte: »Sprich weiter -- ich hätte es nur sonst vergessen!«
-
-»Armer Papa!«
-
-Er wich ihrer Hand aus. »Da ist Gröden wohl öfters hier?« sagte er.
-
-»Jeden dritten Tag! Das nächste Mal will er mir die Pläne zeigen; er
-war ganz Feuer und Flamme darüber. Er hat die notwendigen Studien in
-England gemacht.«
-
-»Von mir sprach er nichts?«
-
-»Nein, aber von Lecarts Unglück wußte er.«
-
-Sie standen vor dem Haus.
-
-Er ließ sie über die Stufen vorangehen und sah sich noch einmal um.
-
-Dürre Blätter fielen zu Boden, Herbstzeitlosen sproßten daraus empor.
-
-
-Wenige Tage später kam Fred. Er hatte die Tourenfahrt vorzeitig
-abbrechen müssen und war mißmutig nach Hause gefahren, da ihm kein
-Preis mehr winkte: Gleich nach dem Start hatte er ein Bauernfuhrwerk
-überfahren und war, einige Stunden später, derart bei einer
-Straßenkrümmung an einen Baum gerannt, daß er mit Achsen- und
-Federbruch ~en panne~ saß.
-
-Auch Baronin Wolny war mit ihm zurückgekehrt.
-
-Mit Clo sprach er ein paar verbindliche Worte, wie man es mit jedem
-Fremden tut. Der Name Lecart war ebensoschnell aus seinem Gedächtnis
-geschwunden wie der Olthoffs und vieler anderer vordem. Man lernte sich
-kennen, schloß Freundschaft und vergaß sich, wenn die beiderseitigen
-Interessen erschöpft waren.
-
-Klaus Tiedemann wußte nicht zu entscheiden, ob Fred stets so gewesen
-war oder ob ihm sein Wesen jetzt nur mehr auffiel. Nie war ihm seines
-Sohnes hochfahrende Art so zum Bewußtsein gekommen als nun, da er
-Familie und Geschäft vernachlässigte, um seiner Liebhaberei willen, zu
-denen in erster Linie Frau Wolnys üppige Gestalt zählte.
-
-Fast jeden Abend weilte er bei ihr. Es drohte ein offener Skandal zu
-werden.
-
-Hatte früher Klaus Tiedemann sich über derartige Eroberungen seiner
-Söhne -- wie er es nannte -- gefreut, so waren sie ihm nun unangenehm,
-weil das Schicksal seinen Sinn wieder auf die ernste Seite des Lebens
-geleitet hatte.
-
-Er sah jetzt nur Kraft- und Zeitverschwendung, worin er früher
-Anerkennung seiner Kinder erblickt hatte.
-
-Zwischen Klaus Tiedemann und seinem Sohne war noch nicht viel über
-Lecarts Geldoperationen gesprochen worden, jeder mied das Thema. Klaus
-Tiedemann wollte nicht gern erinnert werden, daß er es gewesen war, der
-als erster, bei Clos Heirat, Lecarts teurer Verwandtschaft Vorschub
-geleistet hatte. Als Fred erfuhr, daß die Ordnung der Angelegenheit in
-Gerhards Händen läge, da lachte er spöttisch:
-
-»Gib ihm doch gleich das ganze Geschäft, dann hat die arme Seele ihre
-Ruhe.« Freds Aerger hielt nicht lange an; in dem Augenblicke, da er der
-Wolny weiche Arme wieder an seinem Halse spürte, versank alles für ihn.
-Er lag hilflos in ihren Banden, und die routinierte Frau freute sich
-ihres vollkommenen Sieges: er war Naturbursche in der Liebe, und das
-naive Zugreifen und Genießen schuf dem Weibe, das durch vieler Männer
-Hände gegangen war, neue Abwechslung.
-
-Sie lebte noch einmal die Genüsse ihrer Jugend und vergaß so alles
-andere.
-
-Jan Wolny stand zähneknirschend vor dem Zimmer seiner Mutter; doch
-nie fand er den Mut, sie zu einer Aussprache zu zwingen. Er verstand
-seinen Vater, der aus dem Leben gegangen war, weil die feine Art des
-Edelmannes sich auflehnte gegen die Mißachtung der eigenen Frau.
-
-Doch Jan Wolny trug beider Blut in seinen Adern: das verwegene
-Zirkusreiterblut und das der polnischen Könige. Noch ging er mit
-geballten Händen und fand nicht den Entschluß des Handelns ...
-
-Leos Geburtstag war herangekommen.
-
-Hilde wollte ihrem Vater die Aufregung ersparen, und bat Fred, einen
-Kranz auf dem Grabe seines Bruders niederzulegen.
-
-Es waren die ersten Worte, welche die beiden, seit Freds Rückkehr,
-mitsammen sprachen.
-
-Er zeigte auf die farbige Weste, die er trug, und sah in unverhohlenem
-Erstaunen drein:
-
-»Ich? Was geht denn das mich an?«
-
-Sie maß ihn von Kopf zu Füßen.
-
-»Es ist Leo! Dein Bruder!«
-
-»Das weiß ich ohnehin, mein Fräulein! Aber ich hab' keine Zeit. Ich
-weiß nicht einmal genau, wo das Grab liegt: ich glaube, ich würde es
-gar nicht finden.«
-
-»Das sind Ausreden.«
-
-»Also, so sind's Ausreden! Ich mag einfach nicht. Mein Gott, was hat er
-denn von dem Kranz? Hätt' ihn Papa vernünftiger erzogen und ihm nicht
-so viel Freiheit gelassen, so wär' er vielleicht noch am Leben -- mich
-laßt mit solchen Dingen in Ruhe.« --
-
-Am Nachmittag fuhren Klaus Tiedemann und Hilde zu Leos frühem Grab.
-
-Ein Riesenobelisk krönte dasselbe; die Trauerweiden hatten dürres Laub.
-
-Mit starren Fingern richtete Klaus Tiedemann den Efeu, der sich im
-Gitter verflochten hatte. Mit liebevoller Hand strich er über den
-Rasen. In den Gruftlaternen flackerten die Lichter.
-
-Der Gärtner hatte sie angezündet, er stand abseits und wartete auf sein
-Trinkgeld; man gab an solcher Stätte gern. Als er es erhalten hatte,
-schlenderte er davon, die langen Reihen hinunter, eine Blume hinter dem
-Ohr. Leise pfiff er vor sich hin -- er war jung und dachte nicht ans
-Sterben.
-
-Klaus Tiedemann hielt die Hände verschlungen und sah mit starrem Blick
-die eingemeißelten Buchstaben: »Da liegt der arme Bub.«
-
-Die fallende Ruhe des Herbstes umgab sie: ein leises Singen war in der
-Luft, wenn der Wind durch die Zypressen und um die Grabkreuze strich.
-
-Sie schmiegten sich eng aneinander.
-
-Ein paar Fuß unter der Erde, ganz nahe bei ihnen, lag alles, was noch
-von Leo übrig war.
-
-Alles ließ sich erzwingen, der Widerstand gegen den Tod nicht.
-
-Die heißeste Sehnsucht nach Liebe und Genuß, halbfertige Jugend und
-verfehlte Leidenschaft, Kindlichkeit und werdende Eigenart -- all das
-lag still da drunten und zerfiel in nichts.
-
-Klaus Tiedemann seufzte, seine Augen waren naß. Mächtig kam die
-Erinnerung über ihn.
-
-Wofür hatte er gerungen, wenn das das Ende war? Wenn er selbst in
-seinen Kindern starb und nicht weiterlebte? Was blieb als Lebenswerk?
-Ein Quell des Verdienstes! Und auch der konnte versiegen, verlangte
-man allzuviel von ihm. Er dachte Freds.
-
-Gleich da, rechts drüben, lag seine Frau. Wo mochte Gerhards Mutter
-ausruhen von ihrer Irrfahrt? Lebte sie noch -- wie kam es, daß zwei
-Menschen überhaupt sich fremd sein konnten?
-
-Im Grabe mußte alles verstummen, und doch ruhte der Kampf nie.
-
-Schwere Zweifel faßten den alten Mann, er legte den Arm um Hilde.
-»Hätt' ich dir doch gefolgt!«
-
-Aus großen, erschreckten Augen sah sie auf. Sie schüttelte den Kopf.
-»Nicht daran denken, Vater!«
-
-Er seufzte. »Wie wird die Zukunft werden?«
-
-Ihre Blicke glitten über die Friedhofsmauer, auf stahlharten Schienen
-jagte ein Zug vorbei.
-
-Dann begann er wieder:
-
-»Mir ist es manchmal, als hätt' ich schon einmal gelebt und wäre
-gestorben gewesen, lange Zeit. So manchen Gedanken, der mir jetzt
-kommt, hab' ich schon einmal gedacht, vor vielen Jahren. Ist er
-damals richtig gewesen? Ist er es heut? Es ist so schwer für etwas zu
-entscheiden, noch schwerer gegen etwas. Jedes Ding hat zwei Seiten.
-Ich war Leo ein zu schwacher Vater, vielleicht kann ich für Fred ein
-zu harter werden?« In inniger Liebe sah er sein Kind an. »Du mußt mir
-beistehen, Hilde; du bist die einzige, die wirklich zu mir hält --
-willst du?«
-
-»Vater!« Sie warf sich an seinen Hals, ihre Lippen fanden sich; mit
-tastenden Fingern richtete er ihren Kopf in die Höhe; forschend sah er
-in ihre Augen: »Bin ich jetzt auf rechtem Weg?«
-
-Sie nickte.
-
-Noch einmal zog er sie an sich:
-
-»Leo wird nicht allzu lange auf mich warten müssen.«
-
-Er brach eine Ranke und verwahrte sie in der Tasche.
-
-Dann winkte er dem Hügel zu:
-
-»Leb' wohl!«
-
-Langsam näherten sie sich dem Ausgang.
-
-Im Heimfahren sprachen sie von Fred. Noch immer hoffte der Vater auf
-Besserung. Er wartete auf irgendein Ereignis, das ihn zum Handeln
-zwingen würde; das Schicksal mußte eingreifen -- allein fand er nicht
-die Kraft dazu! Was sollte auch werden, wenn es so weiter blieb?
-
-Als sie in bekannte Straßen bogen, drückte er Hildes Hand. »Ich danke
-dir ...«
-
-Sie merkte, daß er noch etwas sagen wollte, seine Rede floß wirr und
-krumm weiter. Er redete vom Erfolg, und wie man sich im Menschen
-täuschen könnte. Dann kam er auf Clo und Gröden zu sprechen. Dann auf
-Hildes freudlose Zeit, die er so gern ihr besser gestalten wolle.
-
-Sie verstand ihn nicht.
-
-Der Umschweife überdrüssig, fragte er plötzlich ganz unvermittelt:
-
-»Würde dich Hansens Bild interessieren?«
-
-Das war es! Sie nickte; die Aufregung benahm ihr die Stimme.
-
-»So gehen wir!«
-
-Er öffnete eilig den Schlag des Wagens.
-
-
-Gleich beim Eingang der Gemäldeausstellung hatten sie Hansen getroffen.
-
-Es war ein glücklicher Zufall.
-
-In freudiger Erregung geleitete er die beiden durch die ersten Säle,
-durch die dichten Gruppen der Besucher, welche sich vor einzelnen
-Bildern stauten.
-
-Für einen kurzen Augenblick fand er Hildes Hand. Sein Blick ging
-fragend zu ihrem Vater.
-
-Sie zuckte mit den Achseln und lächelte glücklich.
-
-Einzelne erkannten Hansen und grüßten; mechanisch lüftete Klaus
-Tiedemann den Hut, er wußte nicht recht, wem der Gruß galt.
-
-Hansen lenkte rechts; Klaus Tiedemann ging geradeaus weiter.
-
-»Hier, Papa!« Hilde nahm ihn beim Arm und blieb eingehängt.
-
-In einem zurückspringenden Seitensaal ist Hansens Werk, die schmale
-Wand allein einnehmend.
-
-In ruhigem Lichte sieht es ernst herab.
-
-Seitwärts von seinem Fauteuil erhebt sich eine kleine, alte Frau,
-sie macht einen Knicks und hält krampfhaft die Enden ihrer Mantille
-übereinander.
-
-Mit ruhiger Bewegung schiebt Hansen sie in den Vordergrund und stellt
-vor:
-
-»Meine Mutter!«
-
-Ihre kleinen, zittrigen Augen bleiben, als sie den Namen der beiden
-hört, an Hilde hängen. Aengstlich, forschend und flehend! Hansen mag
-wohl zu Hause gesprochen haben. Sie nickt ihr zu.
-
-Fliegende Röte jagt über Hildes Gesicht.
-
-Ihr Blick geht über die Köpfe der Leute zu dem Bild.
-
-»Erdgeist.«
-
-Ein blasser Bursch, halb Knabe, halb Mann, beugt sich zurück; er ist
-im Gesellschaftsanzug, eine verwelkte Blume zierte das Knopfloch.
-Mattigkeit und Erschöpfung liegen über der sitzenden Gestalt, ein
-Schauder scheint ihn zu fassen. Die Augen sehen müde, verträumt
-in fiebrigem Schimmer in die Höhe nach dem Gesicht der üppigen
-Frauengestalt, die, tief dekolletiert, sich über ihn neigt. Die Sphinx,
-die die weibliche Form des Welträtsels birgt! Alle Sinnlichkeit ist
-in dem Weibe konzentriert; beklemmender Geruch scheint ihren dünnen
-Gewändern zu entsteigen. Ihre Augen sind untermalt, in brennendem Rot
-schimmern ihre vollen Lippen. Wie ein leichter Hauch scheinen Linien
-durch, wie eine Silhouette aus einer anderen Welt zeichnet sich hinter
-den vollen Wangen die Kontur des Totenschädels.
-
-Hilde tritt zurück; Leos Züge sehen ihr entgegen, verallgemeinert, doch
-unverkennbar.
-
-Sie atmet tief und streckt die Hand nach Hansen.
-
-Der steht abseits mit gesenktem Kopf.
-
-Seine Mutter hat Hildes Bewegung bemerkt:
-
-»Du!«
-
-Er fährt zusammen und sieht Tränen in Hildes Augen.
-
-»Sie sind ein großer Künstler!«
-
-Hand in Hand stehen die beiden.
-
-Klaus Tiedemann hat die Arme über der Brust gekreuzt. In ihm ist ein
-Singen und Klingen: er sieht zwei Gestalten, deren intime Details er
-mit seinen stumpfen Nerven nur zum Teil erkennt und bemerkt, und doch
-packt ihn unbewußt des Bildes Kraft; schnell verfliegt der Gedanke, ob
-Hansen wohl einen Käufer hat.
-
-Er sieht den Mann, den das Weib quält und der doch nicht von ihm
-lassen kann. Das ist sein Leben, und das versteht er! Das ist auch
-das Leben Leos gewesen und ist auch vielleicht jenes von Fred. Wieder
-flattert die Erinnerung seiner ungestümen Jugend empor. Er ist wieder
-der arme Kontorschreiber, der mit scheuem Blick am Sonntag die breiten
-Hauptstraßen durchquert, in die er unter der Woche nie kommt. Er sieht
-die eleganten Damen der Gesellschaft, hört Spitzen rascheln und sieht
-Formen, wie sie die Weiber des Volkes, durch schwere Arbeit gedrückt,
-nur selten haben. Die Gier, reich zu sein, kettet ihn; kein Blick
-haftet auf seiner unschönen Gestalt in den dürftigen Kleidern, die
-abseits steht und mit brennenden Augen der strahlenden Menge folgt.
-Ist sein Aeußeres unausgeglichen und inkonsequent, so reihen sich doch
-die Gedanken in spiegelnder Kette aneinander. Zähneknirschend kehrt
-er in die schmutzigen Hafenstraßen zurück und setzt sich zur Arbeit;
-er will sie durch Kraft und Zähigkeit zwingen, ihm zu Willen zu sein.
-Ein bitteres Lächeln geht über Klaus Tiedemanns Züge. Keiner der
-Umstehenden, auch sein eigenes Kind nicht, wissen, daß er nun der zwei
-unglücklichen Ehen gedenkt, die sein Leben vergifteten.
-
-Schwer holt er Atem.
-
-Er kann es nicht überwinden, daß sie nur seinen Erfolg liebten und
-nicht ihn.
-
-Er starrt in Leos Züge.
-
-Auch der ist unterlegen, er konnte ihn nicht schützen.
-
-Der Wolny Züge nimmt das Weib an der Wand an, und Fred sitzt auf dem
-Sessel.
-
-Seine Umgebung vergessend, stampft er mit dem Fuße auf, daß er seine
-Art den Kindern vererben mußte! Was will er tun, wenn sie dafür
-Rechenschaft fordern? ...
-
-Er wendet sich; mit gesenktem Kopfe fragt er Hansen nachdenklich und
-ernst: »Sie meinen das ganz allgemein, das Weib dem Manne gegenüber?«
-Er zeigt nach dem Bilde. »Der dort kann jeder von uns sein?«
-
-Unsicher sieht Hansens Mutter drein.
-
-Als er die Antwort erhält, blickt er ernst zu Boden; dann streckt er
-Hansen die Hand hin:
-
-»Sie haben recht.« Er nickt der alten Frau zu. »Er versteht das Leben.«
-
-Sie macht einen eiligen Knicks.
-
-»Gewiß, Herr Kommerzienrat, gewiß,« sagt sie und denkt an ihren Mann,
-der ihr elterliches Erbteil verspielt hat und den sie erhalten mußte
-die letzten Jahre durch ihrer Hände Arbeit.
-
-Dann gehen sie weiter durch die übrigen Räume. Hilde weiß nicht recht,
-warum; doch Klaus Tiedemann will wohl nicht zeigen, daß sie nur Hansens
-wegen gekommen sind.
-
-Er sieht gleichgültig über die farbigen Flecken an den Wänden.
-
-Beim Ausgang schüttelt er Hansen nochmals die Hand und sagt: »Besuchen
-Sie uns doch wieder einmal; wir sind seit Leos Tod fast immer zu
-Hause.« Er bewegt den Kopf auf dem gedrungenen Halse hin und her, als
-beengte ihn der Kragen; dann fügt er in alter Art hinzu: »Wir werden
-uns freuen, Sie begrüßen zu können.«
-
-Die alte Frau nickt ununterbrochen in ihrer Verlegenheit; mit sicherer
-Bewegung faßt sie ihr Sohn beim Arm: »Ich werde es mir demnächst
-erlauben.« Er verneigt sich und grüßt Hilde mit den Augen: »Leb' wohl!«
-
-Er sieht dem davoneilenden Wagen nach und beugt sich zu der alten Frau
-hinab:
-
-»Nun, Mutter?«
-
-»Sie hat dich gern.«
-
-Sie lächelt glücklich und denkt nicht, daß sie nun ihr Kind wird teilen
-müssen mit einer anderen.
-
-
-Als sie nach Hause kamen, wartet Gerhard im Herrenzimmer auf den Vater.
-Mit großen Schritten geht er hin und her.
-
-Als Klaus Tiedemann eintritt, bleibt er stehen.
-
-»Was gibt es?«
-
-»Ich weiß nicht, Vater, ob ich es dir sagen soll.«
-
-»Wieder was Unangenehmes?« Klaus Tiedemann hat in seines Sohnes Hand
-ein Zeitungsblatt entdeckt, hastig greift er danach:
-
-»Gib her!«
-
-Nur widerwillig läßt es Gerhard, er beobachtet seinen Vater mit
-forschenden Blicken.
-
-Der liest mit zusammengezogenen Brauen:
-
-Es ist ein Artikel, »Moderne Industrie« überschrieben, in dem das
-sozialistische Organ sich in heftigen Ausdrücken Luft macht über die
-Einstellung der Untersuchung gegen Charles Lecart, den Bluthund der
-»Freundschaftszechen« -- wie sie ihn nennen. Sein Privatleben ist
-aufgedeckt, entstellt geschildert; niemand kann nach den bestimmt
-gegebenen Daten an der Richtigkeit der Angaben zweifeln. Doch nicht
-genug damit! ... Klaus Tiedemann spürt einen Stich im Herzen: auch
-sein Name ist genannt, mit heftigen Anklagen überschüttet: er soll um
-das schwindelhafte Unternehmen gewußt, wissentlich dem Betrug Vorschub
-geleistet haben. Warum wären sonst die Liegenschaften in den alleinigen
-Besitz der Firma übergegangen? Es ist abgekartetes Spiel! Sein Mitleid
-mit den Arbeitern und die schweren Opfer seines Kindes wegen werden so
-verstanden!
-
-Fester faßt er das dünne Blatt, die Augen werden groß und starr.
-
-Hier steht mit erbarmungslosen Buchstaben die Beschuldigung, daß
-Fred Tiedemann, der jetzige Chef der Firma, der nur in Kreisen des
-Hochadels verkehrt, bedeutende Summen, es ist eine enorm hohe Zahl
-genannt, angeblich zu Wohltätigkeitszwecken, gespendet hätte, die in
-Wirklichkeit nur dazu dienen sollten, ihm den Adel zu verschaffen.
-Heftige Anklagen gegen die Regierung sind eingeflochten, die einen
-solchen Kuhhandel förderte; in flammenden Worten ist das Unrecht
-verwiesen, das den Armen angetan würde durch solche Schädlinge der
-Industrie, die eigentlich in den Kerker gehörten. Auch die Firma als
-solche ist beschuldigt. Wie könnte man von einem derartig geleiteten
-Institut Garantien verlangen, wenn das »Hungergeld der Armen« dazu
-benutzt würde, Hochstapler in ihrem strafwürdigen Beginnen zu
-unterstützen? Jedermann wird aufgefordert, sich die Depots ausfolgen
-zu lassen und diese in sicheren Instituten anzulegen. Der Prospekt
-einer Firma, deren Chef der Bruder eines Parteimannes ist, liegt
-bei. Auch ist auf eine Interpellation verwiesen, welche jener bei
-der übermorgigen Parlamentssitzung einbringen wird. Man wird kein
-Mittel unversucht lassen, um dem arbeitenden Manne zu seinem Rechte zu
-verhelfen, die Machinationen der Lecart-Tiedemannschen Sippschaft an
-den Pranger zu stellen! Es folgen längere Erörterungen, daß man aus dem
-vorstehend gekennzeichneten Spezialfall schließen könnte, wie geradezu
-unerläßlich das Verlangen der Bergarbeiter nach Grubeninspektoren aus
-ihren eigenen Reihen wäre.
-
-Klaus Tiedemann läßt das Blatt mit zitternder Hand sinken. »Nur gut,
-daß sie weit übers Ziel schießen und sich so ins Unrecht setzen«, sagt
-Gerhard.
-
-Tiedemann gibt keine Antwort.
-
-Nun fassen sie sein letztes, seinen ehrlichen Namen, sein Geschäft an!
-
-Sinnlos vor Wut zerreißt er den Fetzen Papier und tritt ihn mit Füßen:
-
-»Es kann nicht sein!«
-
-Gerhard zuckt die Achseln.
-
-Dieser schweigende Widerspruch reizt den alten Mann, sein Aerger sucht
-Ableitung. Daß Gerhard über Fred schlecht denkt, ist nur natürlich,
-aber er als Vater muß gerecht sein.
-
-Er pflanzt sich vor Gerhard hin und schreit:
-
-»Daß du es weißt! Daran ist kein wahres Wort!«
-
-»Dann ist's gut, Vater.«
-
-»Ich sag' es dir,« schreit Klaus Tiedemann in der Angst seines Herzens,
-»ich, dein Vater!«
-
-Schweigend sieht ihm Gerhard in die Augen; Klaus Tiedemann senkt den
-Blick.
-
-Gerhard wendet sich zur Tür; Mitleid in seiner Stimme: »Bezüglich
-des geschäftlichen Angriffes werde ich heute noch eine Berichtigung
-einrücken lassen.«
-
-Er geht.
-
-Klaus Tiedemann läßt den Kopf nach vorn fallen; er weint wie ein Kind.
-
-Nun greifen sie an sein Lebenswerk.
-
-Sein ehrlicher Name ist gebrandmarkt, in den Schmutz gezogen. Er hat
-von jeher Angst vor der Oeffentlichkeit empfunden. Dem Hause, das
-er gründete, drohen schwere Krisen. Die Uebernahme der Lecartschen
-Verpflichtungen hat Opfer gefordert; Freds teure Lebensführung ist
-nicht dazu angetan, der Tiedemanns Besitz zu mehren. Wenn er wirklich
-so ungeheure Summen dem Phantom, adelig zu werden, geopfert hat, bedarf
-es nur eines größeren Verlustes, wie er oft in Kauf genommen werden
-muß, um die Firma in Schwierigkeiten zu bringen!
-
-Klaus Tiedemann stöhnt auf; dann kommt die Aktiengesellschaft, dann
-verschwindet der individuelle Zug, die Kunde wird zur Nummer.
-
-Er knirscht mit den Zähnen.
-
-Was bleibt ihm anderes übrig, wenn die Depositensumme sinkt? Damit
-fällt des Hauses Macht. Unreelle Firmen und Betrüger hatten das
-Publikum in den letzten Jahren nervös gemacht, altangesehene Firmen
-waren zusammengebrochen. Wenn die Einleger, auf die alarmierende
-Nachricht hin, Sturm liefen? Klaus Tiedemann zweifelt als erfahrener
-Kaufmann nicht daran. Wenn sie die Spreu nicht vom Weizen zu sondern
-wußten, was dann? Schon lange bestand Argwohn gegen den Stand der
-Privatbankiers: die Kunden gingen lieber zu den großen Banken mit ihrem
-Riesenaktienkapital, das ihnen mehr Garantie zu bieten schien. Ein
-hartes Gesetz stand seit Jahren gegen den kleinen Mann und förderte den
-großen, trotzdem man es geschaffen hatte gegen das Großkapital. Die
-Aktiengesellschaft griff vom Anfang ihres Entstehens an mit reichen
-Geldmitteln in die Konkurrenz. In langen Jahren bittersten Kampfes
-hatte Klaus Tiedemann sein Kapital errungen. Seine Person war den
-Kunden Bürgschaft, seine offene Geschäftsführung verhalf ihm zu seinem
-Erfolg.
-
-Er ballt die Faust. Wenn es Fred wirklich getan hat!
-
-Stunden vergehen in grübelndem Sinnen.
-
-Hilde kommt, ihn zum Abendessen zu holen; er gibt keine Antwort.
-Krampfhaft die Tränen zurückhaltend, geht sie wieder.
-
-Schatten fallen ein, kaum daß die Sonne gelächelt.
-
-Er hört Clo im Nebenzimmer sprechen; auch Hilde sagt ein paar Worte.
-
-Sie wünschen sich gegenseitig »Gute Nacht«.
-
-Er rührt sich nicht. Er muß Fred sprechen, heute noch. Er muß die
-Gewißheit haben, daß alles erlogen ist.
-
-In stummer Verzweiflung wartet er.
-
-Wo er so lange weilt? Er ist seit früh nicht zu Hause gewesen!
-
-Auf jeden Ton hört er, der durch die Nacht dringt.
-
-Die Zeit verstreicht.
-
-Er denkt an Leo und an Lecart: die Scheidung ist eingeleitet.
-
-Was wird Clo tun? Oft spricht sie von Gröden?
-
-Was will Fred gegen die Angriffe unternehmen?
-
--- -- -- Nun ist er einundsiebzig; noch immer findet er keine Ruhe!
-
-Hansens Bild steht vor ihm, wieder trägt das Weib Frau Wolnys Züge. --
--- -- »Wo ist Fred?«
-
-Er sieht Jan Wolnys Augen, sie leuchten durch das Dunkel.
-
--- -- -- Er fährt auf. Er muß geschlafen haben. Es ist dunkel um ihn
-geworden.
-
-Er hört Schritte.
-
-Die Tür geht auf. Fred steht vor ihm.
-
-In dem ungewissen Dämmerlicht, das von der Straße kommt, sieht er
-totenblaß aus.
-
-Als er seinen Vater erkennt, fährt er zusammen. »Was tust du hier?«
-
-Sie stehen sich gegenüber.
-
-Schwer hebt sich Klaus Tiedemanns Brust; der scheue Blick seines Sohnes
-scheint ihm schreckliche Gewißheit zu geben: »Hast du's getan?« keucht
-er.
-
-Der andere tritt einen Schritt zurück, die Schultern zieht er ein:
-»Was?«
-
-In übereilenden Worten, die Rechte in seines Sohnes Rock gekrampft, daß
-er ihm nicht entkommen kann, schildert Klaus Tiedemann, was vorgefallen
-ist. Mit bebender Stimme bittet er um Gewißheit. In seinen unruhigen
-Augen flackern Angst und Wut.
-
-Fred Tiedemann hält die Faust geballt, scheu läuft sein Blick im Zimmer
-rundum: Nun muß auch das kommen!
-
-»Rede!« Sein Vater schüttelt ihn. Er hat ihn vorn an der Brust gefaßt
-und knirscht mit den Zähnen, sinnlos vor Wut. Mit hastigem Ruck befreit
-sich Fred. Er findet seine Art wieder:
-
-»Hast du zu viel getrunken?« Sein Blick sticht dem alten Mann in die
-blutgeröteten Augen. »Du mußt doch einsehen, daß du mir unrecht tust,
-schon die ganze letzte Zeit, mit deinem ewigen Mißtrauen! Alles, was du
-hörst, hat nur einen Grund: sie sind uns neidisch, sonst nichts. Das
-ist auch jetzt wieder so. Ich werde morgen beim Minister vorsprechen,
-ihn informieren: es ist der ganzen Sache damit die Spitze abgebrochen.«
-Klaus Tiedemann scheint seinen Worten Glauben zu schenken. »Doch jetzt
-laß uns schlafen gehen, ich bin redlich müde« fügt Fred hinzu.
-
-»Es ist also nichts?« Zitternd vor Freude, die tiefster Seelenangst
-entsprungen ist, kommt Klaus Tiedemann seinem Kinde näher.
-
-»Nichts.«
-
-»Verzeih!« Wieder schlägt Klaus Tiedemann um, er sieht nicht des
-anderen verstörtes Wesen, nicht den sonst so glatten Scheitel, der
-unordentlich unter den Haaren verschwindet. Sein Sohn kann nicht unwahr
-sprechen, mag er auch sonst Fehler haben, er ist doch ein guter Mensch.
-Er drückt den Widerstrebenden an sich: »Ich habe solche Angst gehabt.«
-
-Mit leerem Blick, in dem Unruhe lauert, sieht Fred Tiedemann über
-seines Vaters schneeigen Kopf, der an seiner Brust ruht.
-
-Er scheint unangenehmen Gedanken nachzuhängen.
-
-Er preßt die Lippen zusammen und klopft dem alten Mann mechanisch auf
-die Schulter: »Laß gut sein, es ist alles recht.«
-
-Er macht eine schnelle Wendung, damit sein Vater den blutroten Streifen
-nicht sieht, der quer über die linke Wange läuft in hochgeschwollenem
-Zuge.
-
-Er gähnt.
-
-Noch viel will Klaus Tiedemann wissen, doch Fred gibt nur einsilbige
-Antworten.
-
-Mitternacht ist vorbei, als sie zur Ruhe gehen.
-
-Mit langem Blick sieht Klaus Tiedemann seinem Sohn über den Gang nach.
-
-Für einen Augenblick beschleicht ihn ein unangenehmes Gefühl; des
-anderen Haltung ist gebeugt; fast vorsichtig ängstlich klingt sein
-Schritt gegen die sonst geübte selbstsichere Art. Doch Klaus Tiedemann
-lächelt: Gewiß kommt er von der Wolny.
-
-»Ich hab' ihm unrecht getan«, sagt er leise vor sich hin, und
-ohnmächtige Wut gegen die Verleumder beschleicht ihn.
-
-
-Zwei Tage später. -- Es ist in der Reitschule der Husaren, bei denen
-Fred Tiedemann in der Reserve steht.
-
-Ein kalter Herbstwind wirft dürre Blätter an die schmutzigen
-Fensterscheiben.
-
-Jan Wolny sitzt auf der Fensterbrüstung mit übereinandergeschlagenen
-Beinen. Weste und Kragen hat er abgelegt, den Rock nachlässig über die
-Schultern geworfen.
-
-Man sieht ihm nicht an, daß er auf den Tod wartet.
-
-Seine Augen blicken starr in stählerner Härte gegen die Tür, durch die
-Fred Tiedemann kommen muß.
-
-Fürst Solt zieht langsam die Uhr und schüttelt den Kopf. »Fünf Minuten
-über die Zeit.« Ein feines Lächeln kräuselt für einen Augenblick seine
-Lippen. Die Blicke des alten Aristokraten und des jungen Mannes treffen
-sich verständnisvoll -- es muß im Blute liegen! In solchen Augenblicken
-drängt sich alte Ueberlieferung der Nerven in den Vordergrund.
-
-Die beiden Aerzte stehen bei ihren Instrumenten; sie sind in lebhafter
-Debatte, ob ein Schuß in die Lunge, bei der soundsovielten Rippe,
-tödlich sein muß oder nicht?
-
-Laut tönen ihre Stimmen.
-
-Jan Wolny zündet sich eine Zigarette nach der anderen an; kaum daß er
-ein paar Züge getan hat, läßt er sie wieder in die Lohe fallen.
-
-Drüben, auf der anderen Seite, geht sporenklingend der Husar auf und
-ab, den das Regiment bestimmte, Fred Tiedemann zu sekundieren. Ungern
-hat er dem Befehl Folge geleistet: das waren die Kehrseiten, wenn man
-derlei Einjährige hatte. Doch das Regiment hielt dadurch seinen Ruf als
-erstes der großen Garnison. Die Reserveoffiziere von reichen Eltern
-fanden manchmal Spaß daran, ritterliche Tugenden zu üben.
-
-Jan Wolnys Blick geht nach dem Pistolenkasten, auf dem hier und da die
-Herbstsonne spielt, wenn sie durch die dichten Wolken dringt:
-
-Wieder sieht er seine Mutter in des anderen Arm, als er die Tür
-aufreißt.
-
-»Du hast gehorcht?« fährt sie auf.
-
-»Ja!« stöhnt er und reißt den Riemen von der Wand. »Da hast du, Hund«,
-er schlägt ihn Fred Tiedemann ins Gesicht.
-
-Dann stehen sie Aug' in Auge.
-
-Alles, was die heutige Ordnung zum Glück verlangt, ist auf des anderen
-Seite, auf seiner nur tote Ueberlieferung und entwürdigtes Andenken.
-Warum muß der andere ihm das letzte rauben, die Illusion, daß seine
-Mutter ehrlich sei?
-
-Ihr Leib hat Unglück über die Wolnys gebracht von dem Tage an, da
-Wladimir Wolny sie aus der Manege an seine Seite zog.
-
-Sie schlägt die Tür zu und läßt sie allein.
-
-Mit stoßender Hand hält er Fred Tiedemann zurück; er soll es teuer
-zahlen, das Spiel mit der Ebenbürtigkeit!
-
-Er ist ja Kavalier, nun soll er ihm Rechenschaft geben!
-
-Fürst Solt muß ihm helfen; der alte Edelmann ist noch keinen Strich
-gewichen von alter Art. Er fragt nicht viel, er hat schon so viel
-Aehnliches gesehen. Er verneigt sich und nimmt an.
-
-Dunkle Flecken brennen um Jan Wolnys flackernde Augen; die zwei letzten
-Tage haben ihn alt gemacht.
-
-Er hält die schmale Hand wagerecht vor sich hin, sie ist ruhig und
-zittert nicht.
-
-Wieder repetiert Fürst Solt seinen Chronometer.
-
-Er schüttelt den Kopf:
-
-Vor fünfundzwanzig Jahren erschoß sich Fürst Grobow, weil die
-Sekundanten ihn vom Zweikampf ausschlossen, da er um wenige Minuten zu
-spät kam. Und damals handelte es sich um weniger! Das Weib eines jeden
-ist vogelfrei, kann es der Mann nicht hüten, aber schweigend muß er sie
-besitzen und sich dem anderen stellen Aug' in Auge, das ist uraltes
-Herrenrecht!
-
-Eine Viertelstunde ist vorüber.
-
-Es ist Zeit zum Handeln:
-
-Er tritt zu Jan Wolny, der gibt ihm freie Hand. Seine Augen erlöschen,
-müde Resignation legt sich über die Lider. Ein dumpfes Leben steht vor
-ihm, in zerrissenen Fesseln, die desto fester binden.
-
-Blutrot ist der Husar:
-
-»Ich werde sofort meinen Mandanten aufsuchen, es muß ihm etwas
-zugestoßen sein ...«
-
-Fürst Solt verneigt sich. »Wenn Sie ihn treffen; ich lege Wert darauf,
-daß er darüber nicht im Zweifel ist: wir sind trotz allem jederzeit zur
-Austragung bereit.«
-
-Der andere grüßt: »Gewiß,« er macht rasch eine Wendung, doch der Fürst
-hält ihn zurück, »erst wollen wir ein Protokoll aufnehmen, wenn es
-angenehm ist, es kann später wertvolle Dienste leisten.«
-
-
-Unruhig ging Hilde Tiedemann umher, von einem Zimmer ins andere. Die
-Angst vor etwas Ungewissem war in ihr.
-
-Bald mußte ihr Vater heimkommen von der Sitzung, in der sie seinen
-Namen an den Pranger stellten.
-
-Er hatte es sich nicht nehmen lassen, der Parlamentseröffnung
-beizuwohnen.
-
-Unerkannt wollte er auf der Galerie sitzen und das hören, was sie gegen
-ihn vorbrachten.
-
-Mittag war vorbei.
-
-Mit gesenktem Kopfe war er die letzten Tage herumgegangen; einsilbig im
-Gespräch, murmelte er halblaut vor sich hin.
-
-Er glaubte Freds Worten, daß alles nur von der Konkurrenz aufgegriffen
-worden sei, um ihnen zu schaden, und doch fand er keine Ruhe.
-
-Der belastende Artikel hatte seine Schuldigkeit getan. Die Einleger
-drängten sich stündlich vor den Schaltern; sie verlangten ihr Geld
-zurück.
-
-Das war ein schwerer Schaden, und nur mit Seufzern und zögernden Händen
-folgte Görnemann die Depots aus. Mit feindseligem Blick streifte er die
-Menschenreihen, die vor ihm standen.
-
-Nach schlafloser Nacht hatte sich Klaus Tiedemann angekleidet und war
-frühzeitig vom Hause weggegangen. Er mußte allein sein mit seinen
-Gedanken.
-
-Bis zum Sitzungsbeginn war er in den hallenden Gängen auf und ab
-geschlichen, scheu an die Mauer gedrückt, als müßte jedermann ihn
-erkennen, ihn, der sich ein langes Leben vergebens gemüht hat.
-
-Wenn er ihm das getan hätte!
-
-Sie wußten ja alle nicht, was für ihn auf dem Spiele stand; sie kannten
-nicht seinen Gedankenkreis, der in strenger Ehrlichkeit die schreiende
-Oeffentlichkeit mied. Und nun war alles dahin.
-
-Er hatte gestern die Bücher einer genauen Revision unterzogen. So gut
-es in der Eile ging, hatte er das Fehlen großer Beträge konstatiert.
-Aber Fred war tagsüber nicht zu Hause gewesen -- wie oft in letzter
-Zeit -- und bei dem ausgedehnten Geschäft durfte man nicht gleich
-Schlechtes denken. Noch immer wollte er sein Kind nicht fallen lassen,
-wenn er auch in schwerer Sorge an die Zukunft dachte.
-
--- -- -- Hilde Tiedemann geht an die Tür ihrer Schwester und horcht.
-Als sie Stimmen hört, drückt sie auf die Klinke. Die Tür ist gesperrt.
-
-»Was ist?« ruft Clo.
-
-»Nichts.« Hilde Tiedemann erinnert sich, daß bei ihrer Schwester die
-Friseurin ist; sie geht wieder zurück in den Salon.
-
-Es läutet.
-
-Sie läuft zur Tür und horcht.
-
-Verständnislos sieht sie auf die Visitenkarte, die ihr das Mädchen
-reicht. Sie kennt den Namen nicht:
-
-»Ich lasse bitten!«
-
-Ihres Bruders Sekundant steht in der Tür.
-
-Er verneigt sich.
-
-Hilde erkennt die Farbe des Regiments: »Papa ist nicht zu Hause«, sagt
-sie zitternd.
-
-Der andere bleibt bei der Tür.
-
-Für einen Augenblick fallen in seinem Gesicht die konventionellen
-Falten, als er Hildes Erscheinung sieht, doch gleich wieder preßt
-er den Säbelkorb an die Brust: »Könnte ich Herrn Fred Tiedemann
-sprechen?« Seine Stimme ist aufgeregt.
-
-Hilde zuckt zusammen, dunkle Vorahnung bemächtigt sich ihrer. »Mein
-Bruder ist auch nicht hier.«
-
-»Nicht zu Hause?« wiederholt der Husar und fängt die Unterlippe mit den
-Zähnen. »Dürfte ich mir die Frage erlauben, wann Ihr Herr Bruder von
-hier wegging?«
-
-»Das weiß ich nicht, ich habe ihn seit gestern mittag nicht mehr
-gesehen, er hat oft auswärts zu tun.« In schweren Schlägen klopft
-dem Mädchen das Herz. Nervös zuckt die Hand und preßt krampfhaft das
-Taschentuch zusammen, um Ruhe zu finden.
-
-Unschlüssig steht der Husar: »Gnädiges Fräulein wissen also nicht, wo
-Ihr Herr Bruder sich befindet?«
-
-»Nein.« Sie legt die zitternde Hand auf die Stirn. »Vielleicht ist er
-mit Papa im Abgeordnetenhaus.«
-
-Er schüttelt verneinend den Kopf: »Dort ist er nicht!« Er rafft sich
-zusammen; seine Augen sehen starr und abweisend. »Dann ist meine
-Mission erfüllt.«
-
-Er schlägt die Füße zusammen, daß die Sporen klingen. »Bitte zu
-entschuldigen!«
-
-Mit schnellen Schritten kommt Hilde näher, flehend sehen ihre Augen,
-ihr Mund ist geöffnet. »Was ist mit Fred? Es ist ihm doch nichts
-zugestoßen?«
-
-»Nein, gnädiges Fräulein können beruhigt sein.« Eiserne Disziplin ist
-in seinen Augen. »Es ist ihm nichts geschehen.«
-
-Er neigt den Kopf und zieht die Tür hinter sich zu.
-
-Hilde Tiedemann preßt die Handflächen gegeneinander. Nun weiß sie, daß
-sich wieder Unheil vorbereitet, vielleicht bereits vollzogen hat.
-
-Sie lehnt die heiße Stirn an die eiskalten Fensterscheiben.
-
-Ein rauher Sturm fegt durch die Straßen.
-
-Nun sieht sie Freds scheues Wesen in den letzten Tagen mit anderen
-Augen; nun gewinnt sein unruhiges Kommen und Gehen unheilvolle
-Bedeutung.
-
-Kam das Haus wirklich in Schwierigkeiten? Stand der Bankerott vor der
-Tür? Sie hatte es vorausgesehen und vergebens gewarnt.
-
-Doch sie will jetzt nicht daran denken, sie will arbeiten und ihrem
-Vater zur Seite stehen.
-
-Doch das kann es nicht sein, da wäre der Offizier nicht hier gewesen.
-
-Sie läuft in Freds Zimmer, es ist bereits aufgeräumt; sie weiß nicht,
-daß das Bett die letzte Nacht leer geblieben ist.
-
-Sie fragt das Stubenmädchen; doch Fred Tiedemann ist oft Nächte außer
-Hause gewesen. Das ist kein Beweis!
-
-Wieder steht sie beim Fenster.
-
-Der Himmel hat sich mit einförmigem Grau überzogen.
-
-Die Fensterscheibe bläht sich im anprallenden Wind. Im Kreise tanzen
-unten auf dem Platz die dürren Blätter.
-
-Sie ist einsam, und ihre Gedanken flattern ohne Ordnung.
-
-An die Scheiben schlägt es mit leisem Ton; kleine weiße Nadeln bringt
-der Sturm vom Meer herüber -- den ersten Schnee.
-
-Sie schaudert und sieht auf die verlassenen Parkanlagen vor dem
-Fenster, wo sich zwei Krähen streiten.
-
-Die Leute schlagen die Kragen hoch, der Schnee überzieht sie mit weißen
-Strichen.
-
-Quer über den Platz kommt T. A. Hansen, schon von weitem zieht er den
-Hut.
-
-Sie preßt die Rechte ans Herz und atmet schwer.
-
-Nun kommt die Entscheidung.
-
-In banger Stunde muß sie sich ihm geben ...
-
-Schon hört sie seinen Schritt.
-
-Er drückt ihre Hand; in seinem Gesicht ist große, leuchtende Freude.
-
-Scheue liegt über ihr und heißt sie schweigen.
-
-Er spricht von seinem Werte, von froher Hoffnung auf die Zukunft.
-
-Eine blutrote Rose steckt er ihr an die Brust, von seiner Mutter.
-
-Sie bebt im schwarzen Kleide und horcht mit todtraurigen Augen.
-
-Er will arbeiten und schaffen, Gedanken und Pläne wirft er hin mit
-wenigen Worten für ein ganzes Leben. Er spricht von den letzten
-Monaten, in denen er sein Werk den Augen der anderen preisgab; fast
-schien es ihm Entweihung. Sie hätte es als erste sehen sollen! Und dann
-die Urteile: Erst glaubten sie etwas zum Aussetzen finden zu müssen,
-war er doch ein Neuer, ein Junger. Dann aber verstummten diese Stimmen
-immer mehr. Anerkennung wurde ihm zuteil, daß er sich manchmal selbst
-fragte, ob er sie denn auch wirklich verdiente, ob er die anderen
-wirklich so viel überragte.
-
-Nur mit halbem Ohr hört Hilde; jedes Geräusch von der Straße läßt sie
-zusammenfahren.
-
-In seiner frohen Erregung hat es Hansen nicht bemerkt; doch jetzt
-stutzt er und tritt näher: »Was ist?«
-
-»Nichts.« In dem Mädchen kämpft Willenskraft und Sorge mit der Liebe
-des sich unterwerfenden Weibes. »Wirklich nichts!« Sie versucht ein
-Lächeln.
-
-Er legt den Arm um sie; Schauer rieseln über ihren Leib: »Nicht«, wehrt
-sie mit schwachem Widerstreben.
-
-Er sieht ihr in die Augen: kleine, braune Punkte, die ängstlich auf
-ihn starren. Sie legt den Kopf zurück und atmet schwer. Seine Lippen
-berühren ihre Stirn.
-
-»Nicht!« haucht sie noch einmal; dann wirft sie sich ihm an die Brust
-in zitterndem Schluchzen.
-
-»Ich hab' dich so lieb!«
-
-Er hebt ihren Kopf und küßt sie auf beide Augen.
-
-Sie klammert sich fest; nun verläßt sie die Kraft, da sie sich geborgen
-weiß. Mit hastigen Worten redet sie von ihrer Angst, nun muß sie nicht
-mehr schweigen. Sie will kein Geheimnis vor ihm haben.
-
-Mit milden Worten beruhigt er sie; er läßt sie an seiner Brust sich
-ausweinen, und wilder Haß gegen Fred befällt ihn. Unter Tränen lächelnd
-sieht sie zu ihm auf: »Nun lassen wir uns nimmer!«
-
-»Nein, mein Lieb!«
-
-»Es ist doch nichts Schlechtes,« fragt sie in rührender Hilflosigkeit,
-»daß ich es dir jetzt gesagt habe?«
-
-»Aber, Kind!«
-
-»Nun ja!« Sie legte den Kopf an seine Schulter und schmiegt ihre Wange
-mit glücklichem Lächeln fest an die seine. »Ich hab's auch nicht länger
-verschweigen können.«
-
-Er preßt seinen Mund auf ihre roten Lippen; ein Zittern geht durch ihre
-Gestalt.
-
-Dann reißt sie sich aus seinen Armen. Klaus Tiedemann steht in der Tür.
-
-Auch T. A. Hansen ist zurückgewichen.
-
-Der da vor ihm scheint kein Lebender! Der Kopf ist ihm auf die Brust
-gesunken, schlaff hängen die Arme.
-
-Mit irrem Blick sieht er um sich: »Ist Alfred hier?«
-
-Hilde will antworten, doch wie gelähmt hält sie inne.
-
-Mit hastigem Ruck hat ihr Vater den Kopf gehoben; seine Augen schießen
-Blitze, er steht vor Hansen:
-
-»Nun malen Sie das Bild: ein Tiedemann als Betrüger. Sie treffen derlei
-Sachen, Herr!« Er lacht schneidend und wirft sich in einen Fauteuil,
-den Kopf in den Händen vergraben.
-
-Der beiden Blicke finden sich, über des alten Mannes gebeugter Gestalt
-halten sie schweigende Zwiesprache.
-
-Dann greift Hansen nach dem Hut, einen stummen Gruß winkt er Hilde zu
-und geht.
-
-Die sitzt regungslos neben ihrem Vater und horcht auf dessen keuchenden
-Atem.
-
-Mitten im Glück!
-
-Doch nur Mitleid findet sie als Antwort; sie fährt mit leichter Hand
-über des alten Mannes Scheitel.
-
-Stöhnend steht er auf: »Was wollte Hansen?« fragt er.
-
-»Ich weiß nicht,« im Sprechen findet sie Mut; »er hat mich gern, Vater!«
-
-Er sieht sie verständnislos an und murmelt: »Betrüger sind alle, die
-um solches wissen und schweigen.« Dann legt er wieder den Kopf in die
-zuckenden Finger.
-
-So sitzt er stundenlang, nur hier und da fragt er nach Fred.
-
-Sein Denken macht Sprung auf Sprung.
-
-Er hört den Beifall, welcher den Worten gilt, die ihn und Fred treffen;
-aus dem Klatschen der Hände springt ihn die Feindschaft der Masse an.
-Keiner steht für ihn ein, keiner tritt an seine Seite; die einen
-schweigen, die anderen hassen!
-
-Draußen fällt der Schnee, die Kälte kriecht aus den Ecken hervor und
-greift nach der beiden einsamen Menschen Herz.
-
-Vergebens spricht Hilde, er gibt keine Antwort.
-
-Als es dunkelt, geht er hinunter; er muß Görnemann fragen, ob er um
-Freds Ausbleiben weiß.
-
-Er _muß_ ihn haben, muß Aug' in Auge stehen mit ihm ...
-
-Schon ist es Sperrstundenzeit, noch immer stehen Leute vor den Kassen.
-
-Sie wollen ihr Geld zurück.
-
-Morgen ist Sonntag, und wer weiß, was übermorgen ist!
-
-Klaus Tiedemann ist nicht mehr sicher! Die Zeitungen haben's
-geschrieben, die Konkurrenz hat's gesagt.
-
-Ein irres Lächeln spielt um des alten Mannes Züge:
-
-Des Lebens Wertung!
-
-Er sieht Gerhard bei den Kassen; er hantiert mit ruhigen, gleichmäßigen
-Bewegungen.
-
-Das gibt Klaus Tiedemann wieder Kraft.
-
-Er muß Görnemann haben.
-
-Quer durch die Schreibzimmer eilt er; gedrückte Stimmung liegt auf den
-Gesichtern der Leute: es geht ums tägliche Brot.
-
-Die Tür des Privatkontors ist offen, er tritt ein.
-
-Görnemann steht vor dem eisernen Tresor; als er ihn sieht, läßt er die
-Papiere fallen, die er hält.
-
-Er stürzt auf Klaus Tiedemann zu, die Knie versagen ihm den Dienst, er
-faltet die zitternden Hände und schreit: »Herr, ich kann nichts dafür,
-ich bin unschuldig!«
-
-Wie eine giftige Schlange zucken die Worte an Tiedemanns Ohr. »Was?«
-
-»Es fehlt Geld!« Görnemann reißt die Bücher auf den Tisch; mit
-zitternden Händen weist er die langen Kolonnen. Starr steht Klaus
-Tiedemann; für einen Augenblick schließt er die Augen, um zu vergessen.
-
-»Es hat alles gestimmt auf Heller und Pfennig,« beteuert Görnemann,
-»noch gestern; jetzt fehlt eine Menge, aber die Kasse ist in Ordnung.«
-Er fährt mit unruhigen Händen in seinen grauen Haaren herum. »Wir
-müssen seit zwei Stunden die Reserven angreifen.«
-
-Klaus Tiedemann wirft die Anweisungen und Schecks durcheinander mit
-bebenden Fingern; er hält inne und tritt zum Tisch, er schlägt eine
-Seite des Buches auf, dann sagt er: »Rechnen Sie hier noch einmal nach!«
-
-Görnemann gehorcht, trotzdem er es schon ein halbes dutzendmal getan
-hat und weiß, daß _hier_ kein Fehler sein kann; mit langem Bleistift
-folgt er den einzelnen Posten. Einen scheuen Blick wirft Klaus
-Tiedemann auf den Arbeitenden und macht einen lautlosen Schritt zur
-Kasse.
-
-Er reißt das Kuvert an sich, das er vorhin hat liegen sehen; es trägt
-Freds Schrift.
-
-Er verbirgt das Schreiben über dem klopfenden Herzen.
-
-Görnemann hat nichts gefunden. --
-
-Noch ein paar Worte wechseln sie; es ist draußen leer geworden. Es ist
-Feierabend.
-
-Gerhard kommt herein: »Es wird sich alles aufklären,« sagt er in seiner
-ruhigen Art.
-
-Görnemann läuft verzweifelt von einem Regal zum anderen. Planlos
-schlägt er Skonti auf und wieder zu.
-
-»Lassen Sie's, Görnemann,« sagt Gerhard, »so kommen Sie nicht darauf.
-Unsere Aufzeichnungen sind richtig.« Sein Blick geht zu seinem Vater
-hinüber. »Wo ist Fred?«
-
-»Er muß bald kommen.« Klaus Tiedemann verträgt seines Sohnes Blick
-nicht.
-
-»Bevor er nicht hier ist, läßt sich überhaupt nichts machen!«
-
-»Es muß heute nacht geschehen sein,« sagt Görnemann mit großen Augen.
-
-Klaus Tiedemann drängt zur Ruhe: »Man muß warten, bis Fred hier ist.«
-Er stellt sich, als wüßte er um dessen Ausbleiben.
-
-Er wird auf ihn warten.
-
-Die beiden anderen sollen ruhig nach Hause gehen, morgen früh wird sich
-alles geklärt haben.
-
-Sie folgen mit leisem Widerstreben, weil sie merken, daß er allein sein
-will.
-
-Mit traurigen Augen mißt ihn Görnemann.
-
-»Soll ich nicht doch bei dir bleiben?« fragt Gerhard.
-
-»Nein!« Er drückte beiden die Hände. »Geht nach Hause, es ist besser
-so!«
-
-Die Tür fällt zu, die Schritte verhallen: Gerhard geht hinauf zu Hilde.
-Er wird die Nacht über aufbleiben; wenn sie jemandes benötigt, soll sie
-nach ihm schicken.
-
-Zum erstenmal sprechen Bruder und Schwester.
-
-Als er geht, kommt Hansen.
-
-
-Es ist dunkel um Klaus Tiedemann geworden. Stunden sind vorüber. -- Der
-Lärm der Straße ist verstummt. Straßenbahn und Stellwagen verkehren
-nicht mehr.
-
-Nur hier und da hallen Schritte; sie klingen gedämpft durch die
-herabgelassenen Rollbalken.
-
-Er sitzt in den Sessel zurückgelehnt, den Kopf gesenkt.
-
-Der Schnee, der draußen fällt, wirft einen weißen Reflex durch die
-Oberlichte.
-
-Er hat die Augen geschlossen; ihn fröstelt.
-
-So saß er in vergangenen Nächten, wenn die Frau in Gesellschaft war und
-oben die Kinder schliefen.
-
-Die anderen lernten solche Stunden fürchten.
-
-Mit müdem Lächeln sah er seine Erfolge.
-
-Er wurde ihrer nicht froh.
-
-Nur die Schultern hingen tiefer und plumper wurde sein Gang. Das war's,
-was seine Frau von seiner Arbeit merkte.
-
-Er griff hart zu in allzu großer Liebe und seine Lippen waren rauh.
-
-Ein qualvolles Lachen stößt er aus.
-
-Nun hat er ihre Liebe errungen!
-
-Die suchenden Finger zucken; ein Blatt knistert unter ihnen auf; als
-wäre es Gift, fährt er zurück.
-
-Der Abschiedsbrief seines Sohnes!
-
-Er hat ihn gelesen, Wort für Wort; er will ganz sicher gehen, wenn er
-sein Kind von sich stößt.
-
-Er sieht Lecarts spöttische Augen; nun ist's ein Tiedemann selbst!
-
-Sein Erbteil hat er sich aus Eigenem genommen und ist in die Fremde
-geflohen, ohne Wort, ohne Abschied! Ein Tiedemann feig!
-
-Nun hat Klaus Tiedemann die Antwort, warum er in jener Nacht so scheu
-vor ihm zurückgewichen, warum sein Auge den Boden gesucht.
-
-Er billigt nicht die konstruierten Ehrbegriffe der Gesellschaft, aber
-er haßt die Feigheit. Nun werden sie mit Fingern auf ihn weisen, den
-Verkehr abbrechen, um den er Jahre gekämpft hat.
-
-Das Regiment muß Fred Tiedemann ausstoßen als Ehrlosen; in den
-Zeitungen steht morgen sein Name als der eines kindisch eitlen
-Bestechers.
-
-Unsummen hat er geopfert, mit denen er Tausende von Tränen hätte
-stillen können. Klaus Tiedemann zweifelt nicht mehr, daß er es getan
-hat. Nicht genug war ihm der ehrliche Name seines Vaters.
-
-Er mußte etwas Häßliches bergen, daß alle von ihm abfielen!
-
-Fred hatte keine Lust mehr am Geschäft. Seine Stellung ist nach der
-Interpellation -- so schreibt er -- ohnehin im öffentlichen Leben
-geschädigt; so legt er alles zurück, er will fortan nur seinen
-Passionen leben -- das sei die erste Pflicht des Menschen! In der
-Hauptstadt des Nachbarreiches gedenke er sich niederzulassen, da sei
-ein Wiedersehen leicht.
-
-Kein Wort der Reue und keines der Liebe, sonst keine Silbe! Wie ein
-Fremder ist er von ihm gegangen.
-
-Klaus Tiedemann stöhnt auf, die Wände rücken näher.
-
-Als Leo starb, da war ihm leichter; er gab ein Kind der Erde zurück,
-das allzu schwach gewesen war, sie länger zu ertragen. Wäre Fred
-gefallen, wäre er ermordet worden vom beleidigten Sohn, er hätte
-geweint und die Gesellschaft angeklagt, so aber fällt alles auf seines
-Kindes eigenes Haupt. Er weiß nicht Bescheid in den Ehrbegriffen
-Jan Wolnys, aber er kennt trotzdem die Ehre, die er sein Leben lang
-besessen hat. Er kennt nicht den Mut, den Fred zeigen sollte, aber er
-kennt den Mut, einstehen zu müssen für seine Handlungen. Immer wieder
-legt sich Klaus Tiedemann die Lage klar:
-
-Fred hat Geld genommen, große Summen, die jetzt nötig wären. Heimlich
-hat sein Kind sie entwendet, daß andere nicht um sein Handeln wußten.
-Das ist nicht besser als ein Dieb! Wohl ist sein Erbteil, das er mal
-erhalten wird, größer, aber das Geld steht ihm jetzt noch nicht zu,
-solange sein Vater lebt.
-
-Feig hat er alles im Stiche gelassen und die Firma auf schlechte Wege
-geführt. Seine Flucht wird bekannt werden, die Gegner werden sie für
-ihre Zwecke ausnützen.
-
-Schwer ringt Klaus Tiedemann mit seinen Gedanken, die ihn fesseln und
-umstricken.
-
-Er sieht keinen Ausweg.
-
-Immer wieder kommt er zum selben Punkt zurück.
-
-Streng war er mit sich Zeit seines Lebens gewesen, allzu streng. Er hat
-seine Gedanken stets gezwungen, darum sah er nicht der anderen Fehler.
-
-Wie Schuppen ist's ihm nun von den Augen gefallen, da er Fred nicht
-mehr hier weiß. Nun erst ist seine zweite Frau wirklich gestorben.
-Klaus Tiedemann findet die Gedanken seiner Jugend.
-
-Er steht auf, dumpf klingen seine Schritte durch den schweigenden Raum.
-
-Abgeschieden von den anderen, muß er sich entscheiden: nun gibt es
-keine andere Lösung mehr.
-
-Er hört den schweren Schritt des Wächters vorüberstampfen, von Stunde
-zu Stunde leiser; der fallende Schnee dämpft den Hall.
-
-Dann wieder ist's Ruhe.
-
-Fred kommt nicht mehr, die Firma braucht eine starke Hand, besonders
-jetzt!
-
-Clo und Hilde sehen auf ihn, sie wollen Rat und Hilfe.
-
-Er muß sich entscheiden!
-
-Starrsinn ist in ihm, mit allem zu brechen, was er für richtig gehalten
-hat.
-
-Er legt den Kopf auf die Tischplatte in bleierner Müdigkeit, doch er
-darf nicht ruhen.
-
-Er dreht das Licht auf und geht zur Kasse.
-
-Aus einem geheimen Fach nimmt er seine Schatulle; sie ist alt und
-abgegriffen.
-
-Er hält inne und horcht:
-
-Leichte, schnelle Schritte gehen ganz nahe am Fenster vorbei, sie
-machen halt und gehen hartklingend wieder zurück.
-
-Ein bitteres Lächeln ist auf seinen Lippen: es mag wohl eine sein, die
-auch um Liebe geht.
-
-Kalt scheint das Licht der Glühlampe auf sein zermartertes Gesicht, als
-er nun den Deckel hebt. Briefe fallen ihm entgegen.
-
-Es ist die Schrift von Gerhards Mutter: alte, vergilbte, eckige
-Federzüge.
-
-Sie floh und brach die Liebe um anderer Liebe willen!
-
-Dürre Blätter liegen, halb zerrieben, zwischen den Papieren; Klaus
-Tiedemann weiß nicht, woher sie stammen. Er mag sie wohl von einem
-Spaziergang nach Hause gebracht haben, derweil die Frau an einen
-anderen dachte.
-
-Zeitungsausschnitte mit rot und blau unterstrichenen Stellen
-zeigen Klaus Tiedemanns Erfolge; mit gierigem Blick liest er die
-nebensächlichen Berichte, daß ein Klaus Tiedemann in der Union-Street
-sein Geschäft vergrößert, daß er die Vertretung der European Company
-übernommen hat. Es sind Anzeigen, die er einst selbst bezahlte. Heute,
-in der schweren Stunde, müssen sie ihm Zeuge sein, daß ihn die Welt
-anerkannt hat. Daran klammert er sich fest ....
-
-Ein schweres Kuvert mit dem Monogramm auf pergamentartigem Papier zeigt
-die Vermählung des Bankiers Klaus Tiedemann mit Fräulein von Wesenheim,
-Tochter des Konsuls Ernst von Wesenheim, Kammerrat, Börsenrat usw., in
-würdevollen Worten an.
-
-Dann kommen mannigfaltige Erinnerungen an die Zeit der Kinder:
-
-Hilde und Clo haben einen Wunsch aufgesagt; in zierlichen Worten
-ist er hier niedergeschrieben; man merkt nicht die vielen Püffe der
-Erzieherin, bis endlich die kleinen Köpfe die Worte faßten. Klaus
-Tiedemann war stets tief gerührt und hatte in seiner bescheidenen,
-scheuen Art die Leistungen weit überschätzt.
-
-Unbeholfene Zeichnungen aus Fetzen Papieres finden seine tastenden
-Hände: Indianer zu Pferde und Engel mit schlagenden Flügeln! Der kleine
-Fred hat sie gezeichnet. Ein weher Laut zittert von seinen Lippen.
-Klaus Tiedemann legt den Kopf auf die Tischplatte; endlich kommen die
-erlösenden Tränen:
-
-Warum ist das Leben so hart?
-
-Sie waren alle so liebe, so herzige Kinder, die von den Häßlichkeiten
-der Welt nichts wußten. Und nun ein Betrüger!
-
-»Er ist es.« Laut ruft Klaus Tiedemann die Worte, daß er selbst scheu
-zusammenfährt.
-
-Warum wäre er sonst geflohen? Warum hat er Geld unterschlagen? Warum
-hat er nicht seiner Geschwister gedacht?
-
-Das Kind seiner Zeit!
-
-Rücksichtslos, Altes verachtend, nur dem Genuß lebend, das Leben
-sich leicht machend, das Geld als Hauptmittel ansehend, um etwas zu
-erreichen. Schwer stöhnt Klaus Tiedemann auf:
-
-Er selbst hat ihm den Weg gewiesen, hat aus Liebe und Nachgiebigkeit
-die häßlichen Züge nicht im Keime erstickt. Das Geld hat höhere Werte
-als die der Bequemlichkeit. Es legt Verpflichtungen auf, die schwer
-zu erfüllen sind. Nur der Erwerb bringt Freude, nicht der Besitz. Der
-Mensch muß weiter streben, darf nicht halten und nicht rasten! _Ganz_
-soll er leben! Nicht scheu nach anderen fragen; aufrechten Blickes
-gehen; soll das aussprechen, was er denkt, nicht das, was andere wollen!
-
-So war er als Kaufmann gewesen, nicht so als Mensch! Klaus Tiedemann
-hat sich nach der Meinung der Leute gerichtet, um deren Liebe zu
-erwerben.
-
-Das ist der schwere Irrtum seines Lebens.
-
-Er läßt sich auf den Sessel fallen; seine Augen stieren durch das
-Dunkel. Ihm kommen schwere Gedanken.
-
-Wenn Fred recht hätte? Wenn es die erste Pflicht des Menschen wäre, nur
-sich zuliebe zu leben? Vielleicht ist seines Sohnes Art die richtige?
-
-Sorgenlos ging dann die Zeit an einem vorbei. Aber das war nur möglich,
-wenn andere nicht so dachten? Das konnte das Rechte nicht sein. Doch
-alles ist in der Welt; sie schreitet fort nach oben -- in harter
-Selbstsucht.
-
-Warum sollte das Leben nicht doch darin bestehen?
-
-Er hatte anders gedacht und war unglücklich gewesen. In froher Laune
-floß das Leben Freds.
-
-Aus tiefer Qual stöhnt er auf. Zu spät kommt ihm die Erkenntnis: er hat
-seine Zeit verlebt.
-
-Ein Zittern befällt ihn, eine furchtbare Angst vor dem Ungewissen,
-Ungenützten, vor dem Zuspät!
-
-Totenstille ist um ihn.
-
-Dann hätten die recht, die von selber gingen?
-
-Dann wäre es Pflicht, das Kind zu tilgen, ehe es geboren?
-
-Wofür die langen Qualen, wenn ein Fingerdruck Ruhe gab auf ewig?
-
-Ein paar Schritte, und es ist getan!
-
-Klaus Tiedemann weiß die Waffe im Kasten, die er als junger Mann bei
-sich getragen hat; er braucht nur einige Schritte zu machen, dann
-starrt ihn die schwarze Mündung an: ein Druck, und es ist vorbei.
-Während er stürzt, dreht sich die Kammer weiter, zum nächsten Schuß.
-
-Wie leicht findet der Mensch seine Ruhe!
-
-Schon einmal hat Klaus Tiedemann an den Selbstmord gedacht, als er
-hungerte; doch nur Schwäche glaubte er damals darin zu sehen.
-
-Nun dünkt er ihm Erlösung.
-
-Fahrige Eile kommt über ihn: wie wohlig muß es sein, ausruhen zu dürfen
-nach langer Qual!
-
-Wilder Haß ist in ihm; er knirscht mit den Zähnen. Niemand liebt ihn,
-er war einsam, und einsam will er sterben. Sie sollen machen, was sie
-wollen, ihm ist alles gleich, er will endlich Ruhe finden. Er tastet
-sich in die Höhe und geht dem Kasten zu; ein irres Lachen ist auf
-seinen Lippen. Des Lebens Krone!
-
-Die Faust schlägt an die kalte Mauer; ohnmächtige Anklagen wirft die
-lallende Zunge durch die ruhende Nacht. Schwarze Hände streifen seine
-Stirn, ein Fallen ist um ihn, ein Drehen und Winden. Er glaubt Arme zu
-spüren, die sich nach ihm strecken, ihn festhalten wollen. In rasenden
-Schlägen teilt er die Luft, er will sterben! Er will Leo folgen, dem
-einzigen, der ihn geliebt hat.
-
-Sein Kind wird ihn verstehen.
-
-Aus dem Dunkel leuchten ihm gespenstige Augen entgegen: er hört des
-Toten Stimme:
-
-»Das Leben hat keinen Wert.«
-
-Hansens Bild zerfließt mit dem Gebilde seiner erregten Phantasie zu
-einem Ganzen.
-
-Er tut einen wilden Schrei. Ein furchtbarer Druck raubt ihm plötzlich
-den Atem. Er bäumt sich auf; schwarz wie ein Grab umgeben ihn die
-finsteren Wände.
-
-Ist das der Tod?
-
-Sein Herz macht schwere, unregelmäßige Schläge. Er merkt, wie ihm das
-Blut durch die Adern schnellt; er sinkt nach rückwärts. Kraftlos fallen
-die Glieder herab; weit treten die Augen hervor und starren entsetzt in
-das Dunkel.
-
-Schwerer Druck lastet auf seiner Brust; in seinen Ohren ist ein
-heulendes Sausen und Brausen. Wie gelähmt liegt die Zunge im Munde.
-Kein Glied kann er rühren. Kalter Schweiß rinnt über sein Gesicht.
-
-Der Kopf fällt vornüber.
-
-Hart, erbarmungslos starr stehen die Wände.
-
-Regungslos liegt Klaus Tiedemann; nur die Uhr in seiner Tasche tickt
-weiter. -- -- --
-
-Fred Tiedemann, auf seiner Flucht, in dem Hotelzimmer, wacht auf und
-wirft sich von einer Seite auf die andere; doch den Schlaf findet er
-nimmer.
-
-Nach langen Sekunden tut Klaus Tiedemann einen tiefen Atemzug und zieht
-die eiskalten Beine an sich.
-
-Er will nicht sterben!
-
-Langsam kriecht das Blut wieder durch die Adern; schwer und
-ungleichmäßig fängt der Puls zu arbeiten an. Er hebt den Kopf mit
-fieberheißen Augen.
-
-Nun ist er neben ihm gestanden. Der Segenspender!
-
-Mühsam richtet er sich auf und atmet schwer.
-
-Die erste Mahnung.
-
-Er schauert zusammen.
-
-Sie hätten ihn finden müssen, in wenigen Stunden; schon hebt leise der
-Verkehr auf den Straßen an.
-
-Er hat sein Haus nicht bestellt.
-
-Zitternd läßt er sich in den Sessel fallen.
-
-Sein Herz hat ihn aufgerüttelt, geschwächt durch die furchtbaren
-Erregungen der letzten Tage.
-
-Es können noch Jahre sein, die er als alter Mann zu leben hat, es
-können vielleicht aber auch nur Stunden sein.
-
-Nun weiß er, daß er alt ist, was seine Pflicht ist!
-
-Die Hand auf die Brust gepreßt, geht er hin und wider.
-
-Hier und da bleibt er stehen und horcht den Schritten, die leise vom
-oberen Stockwerk durch die Decke klingen.
-
-Es mag wohl Hilde sein, die wacht.
-
-Manch Fenster in Tiedemanns Haus war hell erleuchtet geblieben; die
-Sorge fuhr durch das Dunkel und schlug mit ihren Gewändern.
-
-Klaus Tiedemann streckt mit glücklichem Lächeln die Arme; unendliche
-Liebe zu den Menschen erfaßt ihn. Noch lebt er!
-
-Er will die Tage nützen, seinen Kindern lang entbehrte Gerechtigkeit
-geben.
-
-Kein Baum ist so gut, daß er nicht schlechte Zweige hätte.
-
-Von selbst ist Fred gegangen.
-
-Doch andere warten im Vertrauen; bei ihnen muß Glück wohnen.
-
-Er will zur Tür; auf halbem Wege kehrt er wieder um.
-
-Noch ist er mit sich nicht im reinen.
-
-Er hört den Lärm auf der Straße. Fahl fällt das Winterlicht durch die
-Fenster.
-
-Zu neuem Leben drängt die Welt.
-
-In tiefen Gedanken steht Klaus Tiedemann, die Augen sehen einwärts,
-mechanisch fahren die Hände den Sessel entlang.
-
-Er hört eine Tür gehen und eilige Schritte, dann drückt eine Hand auf
-die versperrte Schnalle: »Herr Tiedemann!«
-
-»Ich komme.«
-
-In dem Türrahmen steht Görnemann, hektische Röte auf den Wangen: »Gott
-sei Dank!«
-
-Die beiden Greise sehen sich lange in die Augen.
-
-»Und nun holen Sie mir meine Kinder!«
-
-»Ja!« Görnemann rafft sich auf, noch immer zucken ihm die Knie: nicht
-lebend glaubte er seinen Herrn wieder zu finden. »Auch Gerhard?« fragt
-er unsicher.
-
-Klaus Tiedemann nickt ernst:
-
-»Auch Gerhard; der ist der wichtigsten einer.«
-
-Er bleibt beim Tische stehen, aufrecht und fest.
-
-Hilde stürzt auf ihn zu.
-
-In tränenlosem Schluchzen liegt sie an seiner Brust. Klaus Tiedemann
-preßt sein Kind an sich; seine Lippen streifen ihre Stirn:
-
-»Und dann laß Hansen holen!«
-
-Durch Tränen lächelnd sieht sie zu ihm auf: »Du Lieber, du Guter!«
-
-Mit schmerzlichem Zucken um den Mund sagt er:
-
-»Er gehört nun auch zu uns, Hilde; er muß mich glauben machen, daß das
-Leben noch Glück für uns hat.«
-
-Er hebt den Kopf, er hört der anderen Schritte; schon steht Gerhard in
-der Tür.
-
-Er streckt ihm die Hände entgegen.
-
-»Laß gut sein, Vater,« sagt der, »ich will's den anderen schon
-auswischen, du sollst nicht umsonst gelebt haben!«
-
-Es ist der Blick des alten Tiedemann, der ihm aus den jungen Augen
-seines Sohnes entgegenkommt, in Liebe und Kraft.
-
-
- Buchdruckerei
- Rudolf Mosse
- Berlin SW
-
-
-
-
- +--------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | anderen -- andern |
- | ausnützen -- ausnutzen |
- | euere -- eure |
- | heut -- heute |
- | Mansbergischen -- Mansbergschen |
- | Papieres -- Papiers |
- | teuere -- teure |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | S. 29 »mußtt« in »mußt« geändert. |
- | S. 32 »zitteten« in »zitterten« geändert. |
- | S. 40 »Ist treffe« in »Ich treffe« geändert. |
- | S. 57 »vorübergeneigt« in »vornübergeneigt« geändert. |
- | S. 65 »Pulz« in »Puls« geändert. |
- | S. 70 »ermuntend« in »ermunternd« geändert. |
- | S. 83 »Lipppen« in »Lippen« geändert. |
- | S. 89 »Crême« in »Crème« geändert. |
- | S. 104 »Betrachttung« in »Betrachtung« geändert. |
- | S. 108 »Directoir-Toilette« in »Directoire-Toilette« |
- | geändert. |
- | S. 110 »hat« in »hast« geändert. |
- | S. 117 »Bamherzigkeit« in »Barmherzigkeit« geändert. |
- | S. 141 »Kukuck« in »Kuckuck« geändert. |
- | S. 153 »schrille« in »schrillen« geändert. |
- | S. 153 »horscht« in »horcht« geändert. |
- | S. 158 »Schwiegevater« in »Schwiegervater« geändert. |
- | S. 161 »Beistift« in »Bleistift« geändert. |
- | S. 179 »Gröben« in »Gröden« geändert. |
- | S. 188 »Kontor« in »Kontur« geändert. |
- | S. 197 »Fred Tiedemann scheint ...« in |
- | »Klaus Tiedemann scheint ...« geändert. |
- | S. 204 »Bite« in »Bitte« geändert. |
- | S. 214 »daß« in »das« geändert. |
- | S. 215 »Gerhardts« in »Gerhards« geändert. |
- +--------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Lebenswende, by Walter von Molo
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEBENSWENDE ***
-
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