summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 08:37:20 -0800
committernfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-07 08:37:20 -0800
commit39fcc3b2d4df8a100a45ad39a9088a6764edb553 (patch)
treed7d93db2986d578352424dab9373cfe3dc606ffa
parent903dab79a1e6c554a182c7d7b33062772e5678db (diff)
NormalizeHEADmain
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/54730-0.txt4739
-rw-r--r--old/54730-0.zipbin83878 -> 0 bytes
5 files changed, 17 insertions, 4739 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..507a00f
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #54730 (https://www.gutenberg.org/ebooks/54730)
diff --git a/old/54730-0.txt b/old/54730-0.txt
deleted file mode 100644
index 096a8e2..0000000
--- a/old/54730-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,4739 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Faust, by Woldemar Nürnberger
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Faust
- Ein Gedicht
-
-Author: Woldemar Nürnberger
-
-Release Date: May 15, 2017 [EBook #54730]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST ***
-
-
-
-
-Produced by Geoff Carver
-
-
-
-
-Faust.
-—
-Ein Gedicht
-von
-Woldemar Nürnberger
-
-(M. Solitar.)
-
- — — — — — — — — — — — — — — et omnis
-Subinitur natura, dolor quam consequitor rem.
-Lucret.
-
-Berlin 1842.
-Bei Wilhelm Logier.
-
-Inhalt
-1. Im Giebelhaus
-2. Die schönen Bützerinnen
-3. Calvari
-4. Dolores
-5. Lucretia
-6. Die letzte Manto
-7. Die heimath
-8. Zu Sankt Maria
-9. Diana von San Pietra
-10. Am Ocean
-11. Schön Hertha
-12. Die alten Zechner
-13. Paraklet
-14. Das Elixir des Mönches
-15. Beim Schwanenwirth
-16. Die Klosterchronik
-17. Am finstern See
-18. Grinnus
-19. Gebrochener Leib
-
-
-Sa personnalité remplissait la nature;
-On eut dit qu’avant lui aucune créature
-      N’avait soupiré, aimé, perdu, gémi!
-Qu’il était a lui seul le mot du grand mystère,
-Et que tonte pitié du ciel et de la terre
-      Dût rayonner sur sa fourni.
-                  – Lamartine.
-Im Giebelhaus
-Im Giebelhaus am Platz Ambrosius
-Wohnt Faust, ein Anatom und Medicus,
-Ein tief gelehrter und gescheidter Mann,
-Der manchen Griff, und manchen Schnitt ersann. —
-Das Haus ist weit, mit viel verschlung’nen Bogen,
-Durchkreuz’t von finstern Gängen mannichfach,
-Am Frontispiz mit Schnörkeleien umzogen,
-Ein alter Thurm ragt aus dem dunkeln Dach. —
-Jetzt blickt zur nächt’gen todtenstillen Zeit,
-Durch eines hohen Fensters runde Scheiben,
-Ein Lämpchen noch mit düstrer Wachsamkeit,
-Bei welchem Faustus sitzet um zu schreiben. —
-Er kam unlängst von der Anatomie,
-Ihn hüllet noch das Schwarze Tafft Gewand,
-Das er bis Abends von des Morgens Früh’
-Vom Leib nicht zog, am Leichnam festgebannt.
-Auf seinem Antlitz ist viel Ernst zu lesen,
-Und von Gedanken ohne Maaß und Zahl
-Scheint jeder Zug durchstürmt gewesen,
-Tief liegt sein Aug’ voll Gluth und Strahl,
-Schwarz seine Bärte niederhingen
-Von Lipp’ und Kinn, und schwarz ist auch sein Haar.
-Wie war er bleich in dem Gedankenringen,
-Dem er so lange heut ergeben war. —
-Er legt den Griffel hin, stützt in die Hand
-Das Haupt, und murmelnd ordnet er den Gang
-Der Meditation, der ihm entschwand:
-Als laut ein Ach! Aus seinem Busen klang.
-Empor vom Sessel sprang er bald hernach
-Und also lautete sein Monolog,
-Wie deren oft in stiller Nacht er sprach,
-Wenn Weh durch seine Seele flog.
-Ruft er aus, es wäre Zeit,
-Daß sich der stolze Geist, der in dem Hirne
-Wühlet in überspannter Eitelkeit,
-Hinabließ zu der gattenlosen Dirne
-Natur, die uns das Blut im Herzen kocht,
-Geheimnißvoll und launenhaft verschwiegen
-Den rothen Saft durch alle Rinnen pocht,
-Und wie sie will gebietet unsern Zügen.
-O wir sind blind! Die zähen Nervenstränge,
-Die von dem Hirne zu dem Gliedern führen,
-Wir halten sie für herrschaftlich Gepränge —
-Das Weib hat uns an ihren Gängelschnüren!
-O daß ich stürzen dürft’ mich in den Brand,
-Aus welchem sie das glühn’de Leben siedet,
-Daß mir versänke die verfluchte Wand,
-An der ich schon zum Wahnsinn mich ermüdet!
-Dahin die bübische Glückseligkeit,
-Wo ich in meinem Gott zufrieden war,
-Hatt’ ich halbweg mit flinker Fertigkeit,
-Muskel und Nerv geleget bloß und baar!
-Wenn ich am Finger die lateinschen Namen
-Hermurmelte wie an dem Rosenkranz
-Gebete, die sich alle schließen Amen,
-Beruhigung des grübelnden Verstands!”
-Nicht mehr vermag ich’ jetzt, wie an dem Scapulier,
-Das Schandlatein am Leichnam abzubeten;
-Mich zehrt es auf mit glühender Begier,
-Und nieder bin ich in den Staub getreten!
-Für mein Verlangen giebt es keine Gnade,
-Für meinen Kummer kein Madonnenbild,
-Und für mein Weh entträufet keinem Bade,
-Ein Tropfen Heilung kühl und mild!
-So hab’ ich als ein Mörder mehr gethan,
-Und kränker bin ich denn ein gichtisch Weib
-In meines Busens ungestümen Wahn
-Der mir zernagt die Seele mit dem Leib!
-Den Tag trieb ich mich unter Leichenfratzen
-Im Saale der Anatomie umher;
-Bei ihren Muskeln die Studenten schwatzen,
-Ein lauter, lebenslustiger Verkehr!
-Und geh’n sie dann die kecklichen Gefellen,
-Zum Mädel oder zu dem Glase Bier,
-Laß ich die frische Leiche vor mich stellen,
-Und weil’ daran mit brennender Begier,
-Bis blind das Auge, bis die Finger beben,
-Und so verstreicht die stumme Nacht;
-Wer möcht’ nur eine so wie ich durchleben,
-Und o! Wie viele hab’ ich schon durchwacht!”
-So redet Faust, und setzt sich wieder hin,
-Und legt den Kopf auf seine Schreiberei;
-Die Lampe flimmert bänglich her und hin;
-Bei jeder Regung zitternd, matt und scheu:
-Als sie erlischt bis auf den rothen Funken,
-Der mälig schwindend allgemach verglimmt
-Und nun die Nacht, im Mondglanz schwärmend, trunken,
-Des düftern Schatten Bildung übernimmt. —
-———
-Da klopft es an die Thür, verstohlen leis’,
-Sie öffnet sich und einer blickt herein,
-Zu dem ein anderer sagt, “Du Naseweis,
-Laß dir doch Zeit, du gierig Höllenschwein!
-Mach zu! Mach zu! Man drückt die Thüre zu,
-Fort flüstert’s auf dem wirren, finstern Gange,
-“Zu diesem einen Traum laß ihm noch Ruh,
-Und er ist endlich reif für deine Zange!”
-Sei sie doch nicht so altklug liebe Tante,
-Ich bin wahrhaftig just kein Junge mehr!
-Wie lang’ nach dem mir schon der Gaumen brannte,
-Und lange wart’ ich nun und nimmermehr!”“ —
-Und Faust, von stillem Mondenschein umglüht,
-Am hohen Fenster stumm und einsam kniet.
-Die schwarze Locke schweift im kühlen Wind,
-Der, wo die Scheiben eingeknicket sind,
-Hineinweht zu dem blassen, ernsten Mann,
-Den einem Büßer man vergleichen kann.
-So in die Knieen beugt er sein Gebein,
-Sein Haupt ruht auf dem Fensterrand von Stein,
-Wie auf des Betgestühles dunkler Bank;
-So fliegt die Locke frei und frank,
-Als träfe sie die öde Kirchenluft;
-Als stünd’ sein Haar, wie es von oben ruft,
-Vom Orgelchor, wie’s von dem Alter schellt,
-Ihm starr zu Berg: steigt diese ird’sche Welt,
-Dem Menschenkind in wüster Nichtigkeit
-Zum innern Aug’ ob solcher Heiligkeit;
-Will es sein schlecht elendiglich Bemühn
-Auf Ewiges, Unendliches beziehn.
-So liegt er da, ein simpel Büßerkind,
-Doch murmelt er kein Sprüchlein süß und lind,
-Wie in dem Dom der unermüdlich thut,
-Daß nicht die Hand er leg’ ans eigene Blut:
-In starrem, ödem Schlafe, wie entseelt,
-Kniet Faustus da, und was sein Traum erzählt,
-Das hat noch keine Menschenbrust vermessen;
-Wie er erwacht, da ist es fast vergessen,
-Versunken in unendlich blaue Ferne,
-Zerronnen gleich dem schnell verglomm’nen Sterne.
-Schwarz ausgezackt flieht ein Gewölk am Mond,
-In dessen Schein sich still die Scheibe sonnt;
-Schwarz ausgezackt, erzählt die Chronika,
-Wie man am Mond die Wolke nimmer sah. —
-Wer mit geweihtem Auge hingeschaut,
-Erblickt ein Bild des Schreckens, drob ihm graut;
-Dem Drachen gleich, vergleichbar den Hyänen,
-Das trug ein dunkles Kreuz in seinen Zähnen
-Zerrollt, zerknickt wie morsches Fensterblei,
-So fliegt es an dem glimmen Mond vorbei.
-Wie knirscht es im Metalle mit dem Zahne,
-Wie drehet sich des Domes Wetterfahne!
-Der ist erwacht: sein Aug blickt stier und scheu,
-Rings auf das wüste, gothische Gebäu,
-Und einsam eine Thräne drinnen zittert —
-Nicht solche, wie gerühret und erschüttert
-Selbst starke Männer nicht verschmähn zu weinen;
-Es war das Naß, das demuthsvolle Greinen,
-Das eines Menschen blödes Aug’ durchbricht,
-Schaut’s in ein sengendes unsterblich Licht,
-Ein Nebelhauch, in den die Seel’ sich kleidet,
-Die winz’ge Göttin, wenn beschämt sie leidet:
-Und er beginnt: “den kürzsten Augenblick
-O laßt mich noch an diesem Wahn mich weiden!
-Es ist ein hohes, unerträglich Glück,
-Dann wie ihr wollt, murr’ ich mein altes Leiden!
-O dies Erwachen war so leer und gräßlich,
-Als wenn der Nonne, die im Burgverließ
-Fest eingesargt, an Gnaden unermeßlich
-Der Schlaf die Scherbe kühlen Tranks verhieß.
-Sie beugt sich nach dem Wonnetrank,
-Der, wie sie trinkt, in ödes Nichts zersank.
-Und wie sie öffnet nun das Augenlied
-Die blut’ge Geißel drohend niedersteht.”
-Wie er so murrend mit sich selber spricht,
-Sieht unten er im falben Mondenlicht,
-Zween närr’sche, menschliche Gestalten hüpfen,
-Die um die Eck’ am Dom Ambrosii schlüpfen. —
-Rasch sind sie fort: und nur ein rother Schein
-Flirrt ihm im Aug’ von einem Mäntelein.
-Das andre hat ihm einem Weib geglichen
-Im gelben Rock mit blutig rothen Strichen.
-Dürr wie die Spindel, dünner als die Mücke,
-Rasch wie der Wind, trägt sie doch eine Krücke.
-Ihm graute fast: er starret durch die Scheiben,
-Als ob sie noch vor seinen Blicken stünden;
-Dann wieder setzt er sich zu schreiben,
-Wo ihn am Tisch noch die Patienten finden.
-———
-Faust steht auf seinem Astrologium,
-Dem hochgemauerten, uralten Thurme,
-Die Nacht ist klar, und er schaut ernst und stumm
-Zur Stadt hinab, dem finstern Erdenwurme. —
-“So sah ich”, redet er nach langem Schweigen,
-“Auf dieser Welt das Mondlicht nimmer ruhn,
-Ich sah es nur in der Planeten Reigen:
-Nichts macht ich ihm mit dieser Welt zu thun.
-Ja! Ich begreif’s! Der durch den Aether weht,
-Der Strahl vom Hauch der Götter angefacht,
-So himmelsklar voll Majestät,
-Er kann begeistern in der ird’schen Nacht!
-Er, der des Raumes Unermeßlichkeit
-Durchflog, in diesem miserablen Herz,
-Zünd’t er Verlangen, banges, wildes Leid,
-Und tiefer Sehnsucht bodenlosen Schmerz.
-In diesem Auge malt er seinen Brand,
-Von dieser schwanken, menschlichen Gestalt
-Wirft er den Schatten auf der Erde Sand!
-So fesselt sich mit höhnender Gewalt
-Das irdische den Unermeßlichkeiten
-Und eben so stürzt uns der bleiche Tod
-In unbegriffene Unbändigkeiten!
-Nur hier verschmachten wir in enger Noth!
-Verflucht der Morgen, welcher angegraut
-Mir in das übernächt’ge Aug’ geblickt,
-Wenn ich den Kopf, als säß ich bei der Braut,
-Dem Leichnam auf die faule Brust gebückt!
-Verflucht der dumpfen Nacht Alleinsamkeit
-Da das Scalpell mir in der Hand geblitzt,
-Fluch meiner Brust mit ihrem wüsten Leid,
-Das noch um keinen Schritt mir hat genützt!
-Ich weiß nicht mehr als der elende Fant,
-Der Ader läßt mit prahlender Lanzette,
-Und wenn mir fast die Augen ausgebrannt,
-Bei seinem Weibe schmort im warmen Bette. —
-Du dumpfer, ernster Gott! Bist du noch wach?
-Und siehst mich hier im alten, öden Thurme,
-Mit bangem Herzen auf dem Trümmerdach,
-Umweht von meiner Leiden Flammensturme!
-Du kannst mich erhören, bin ich dein Sohn,
-O mir genügt das kleinste, was du giebst,
-Doch, ich erliege diesem kalten Hohn,
-Den du so stumm verachtend an mir übst!
-Ich trag’ es nicht, im abgetretnen Schmerz
-Der Menschenbrust verzehr’ auch ich mein Sein,
-Thorheit im Kopf und Sehnsucht in dem Herz,
-So geh ich fort, und so trat hier ich ein!”
-So redet er in stummer Mondesnacht,
-Stumm wandeln sich die schwärzlichen Gestalten,
-Hier wird was breit, dort etwas spitz gemacht,
-Und also fort in melanchol’schem Walten.
-Da gellt es schrill mit einem Mal
-Empor zu ihm: “salve mi Faustule!”
-Dem schwindelt auf des Thurmes Höh’,
-Er schaut entsetzt hinab ins dunkle Thal.
-Und bald gar klopft es an die Thür,
-Er ruft: “herein!” mit todtenbleichem Munde.
-Da tritt mit Anstand und mit Hofmanier
-Ein Mann aus der Fallthüre Grunde.
-Und grüßt noch einmal gar bescheidentlich:
-Ein blutroth Mänt’lein weht ihm um die Glieder,
-Den Sporn am Fuße trägt er ritterlich,
-Von gelber Mütze schwankt die Feder nieder;
-Sein aufgedunsen Angesicht
-Sieht zwar gar gelb und etwas abgelebt;
-Doch liest man d’rauf des Herren Alter nicht,
-Die Spur der Zeit sich nicht darin begräbt.
-Am Kinne prangt der rothe Bart,
-Und was vom Haupthaar ist zu sehen,
-Ist röthlich auch; und nach moderner Art
-Zween große Locken auf den Schläfen stehen. —
-Wie Faustus diesen Herrn erblickt,
-Und ihm in sein Gesichte sieht,
-Ins wilde Aug’, das fest auf ihn gezückt
-Seltsamen Glanzes, so begehrlich glüht: —
-Erräth er bald, wer der Besucher sei,
-Schlägt’s kreuz und rufet: “Satan heb dich weg!”
-“Ha!” hohnlacht der, “und nun bei meiner Treu,
-Die abgenutzte Phrase laßt doch weg;
-Die ward bereits von Millionen Zungen
-Gar laut und barsch entgegen mir gebrüllt;
-Und bald darauf hat man mich freundschaftlich umschlungen,
-Von meiner Dienste Nutzbarkeit erfüllt!”
-Faust
-Doch einer war’s, der warf damit dich nieder!
-Mephisto
-‘Sist lange her, das hat nicht mehr Gewicht,
-Doch laß mich erst zu Athem wieder,
-Die Stieg’ ist jäh, und machte mich zu nicht.
-Wie sich der Teufel nun verschnaubt,
-Sich räuspert und sich in den Haaren klaubt,
-Stützt Faust den Kopf in seine heiße Hand,
-Und lehnt sich auf den Mauerrand.
-So starrt er nieder in die Mondesgluth,
-In finsterm, fieberhaftem Brüten:
-Sein herbes Leid ist wach in aller Wuth:
-“ murmelt er, “wer möchte mich behüten!”
-Mephisto beugt sich traulich zu ihm vor,
-Und um den Hals er seinen Arm ihm legt,
-Dann flüstert er gar leif’ ihm in das Ohr
-So rasch, so rasch, daß kaum den Mund er regt.
-Kein einzig Wort ist dem entgangen,
-Wie überflog der Wechsel der Gefühle
-Ihm seine Stirn, ihm seine kranken Wangen,
-In aufgeregtem, geisterhaften Spiele.
-Das dauert lang’, schon war der Mond verschwunden,
-Des Morgens düstrer Nebelflor flog auf,
-Noch immer hat kein Ende der gefunden,
-Da ächzet Faust: “ich bitte dich, hör’ auf! —
-Es ist genug für dreimal! Sei nun still!”
-“Und willst du, fragte der, auf Tod und Leben?
-“Nimm meine Hand, sprich ernsthaft Faust, ich will,
-“Und bin dir nun und immerdar ergeben!”
-Die schönen Büßerinnen
-Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal
-Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine
-Verfunken ernst in seiner Leiden Qual,
-Verdumpfet und erstarret wie zum Steine.
-Am Felsengipfel flammen stumme Blitze,
-Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht,
-Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze,
-Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht.
-Im Grase drüben weiden dunkle Pferde,
-Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur.
-“Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde,
-“Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer!
-Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth,
-Die er in meiner Brust zu zünden wußte,
-Der list’ge Bube kannte mich zu gut,
-Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte
-Wie war die Nacht so wild verführerisch
-Und reizend lag im Mondenschein die Welt,
-Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch:
-Mein einsam Leben war mir gleich vergällt —
-Verflucht sei mir die ungeheure Nacht,
-Verflucht der träumerisch milde Mondenschein,
-Der Sünde Fluch, des Teufels Macht,
-Verflucht dies schwanke menschliche Gebein!
-Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen,
-Und meine thränenlosen Augen glühn,
-Ich muß der schauderhaften That entrinnen,
-Ich muß in dieser Nacht entfliehen!
-Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand,
-Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor,
-Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land,
-Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor.
-Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf,
-Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen,
-Zur Wiese nimmt er seinen Lauf,
-Wo um den Hirten her die Pferde fraßen.
-Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell
-Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen:
-Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell,
-Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen,
-Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon,
-Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran.
-Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton,
-Doch nichts erschrekt den Reitersmann.
-Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen
-Jetzt sprengt er wild den Fels hinan,
-Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen,
-Er spornet blutig, und es ist gethan. —
-Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken,
-An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, —
-Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken
-Zween magre Arme, welche wohl er kennt.
-Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen,
-“Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht,
-“Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen
-Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht,
-Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin.
-Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen,
-Das rothe Mäntlein sieht man glühn,
-Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen;
-Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen.
-Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand,
-Es überschlägt sich und die Wellen sprützen
-Hoch über Faustus und den Höllenbrand. —
-Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall,
-Die beiden stehn geborgen auf dem Stein.
-“Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal,
-Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein!
-Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen,
-Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.”
-Faust seufzet tief in Traurigkeit
-Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid.
-Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter,
-Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach;
-“Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,”
-Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!”
-      Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde
-Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt;
-Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde
-Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt,
-Mit grasser Blitze hohem Widerscheine —
-Der Donner brüllt, und wie sie näher treten,
-Gewahren sie bei einer Lampe Scheine
-Zwei junge Mädchen, welche innig beten.
-Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür,
-Marias Bild mit goldner Gloria,
-Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier,
-Die beiden liegen tiefer Andacht da.
-Und wenn die Blitze sengend niederglühen,
-Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen,
-Und heben sich empor auf ihren Knieen,
-Als wollten sie das heilige Weib umarmen. —
-Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund;
-Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand,
-Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund,
-Daß im Gebet der Athem schier entschwand. —
-Zerrollet ist der Locken reiche Fluth,
-Zum holden Busen wallt sie frei hernieder,
-Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth,
-Die jeder Donner neu erreget wieder. —
-“Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket
-Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl!
-diese hier, wie hat sie mich berücket,
-Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal!
-Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen,
-Und senkt sich dann so still bescheidentlich.
-Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen,
-Sie übergiebt der milden Göttin sich! —
-Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre,
-O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt;
-Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre,
-Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!”
-“Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit,
-Ich scheue das Gepinsel an der Thür;
-Doch bin zu allem euch ich gern bereit,
-Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!”
-Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm,
-Er schaut das Mädchen starren Blickes an,
-Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm,
-“Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n!
-Da gehe drüben auf die Felsenplatte,
-Und warte bis ich komme mit dem Mädel;
-Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte,
-Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel!
-Er ist der mein’ nach aller forma juris,
-Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum,
-Ihr präparirt den nervus facialis,
-Dazu meintwegen den Trigeminum!
-“Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein,
-“Im Herzen lebet mir das holde Bild
-Der schönen Betenden: von Lust und Pein
-Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt!
-O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!”
-Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll,
-Die Hütte liegt zu seinen Füßen,
-Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell —
-Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen,
-Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan,
-Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen,
-Ihr Athem wehet seine Wangen an.
-Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal,
-Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand;
-Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl
-Der Flamme, die hoch auf gewandt.
-Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last,
-Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget;
-Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt,
-Bald rechts und links von oben sie zerbieget —
-Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n
-Von Menschenstimmen hört er matt erklingen;
-Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein;
-Nicht all das kann er niederringen;
-Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder,
-Wenn auch noch lohe Blitze schießen,
-Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen,
-Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. —
-      Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt,
-Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte,
-Er ist in einem wilden Fichtenwald,
-Den er noch nie zuvor gesehen hatte.
-Mephisto kauert wachend dicht daneben,
-Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. —
-Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben
-Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus.
-Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht
-“Und nun, wo ist die schöne Magd?
-Was du versprachst, du hältst es nicht,
-Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!”
-“O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß
-“Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, —
-Zum wenigsten ward mir doch der Genuß,
-Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! —
-Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne,
-Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’:
-Drauf trink den Becher hier von edler Firne
-S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!”
-Calvari
-Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See,
-Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’:
-Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen:
-Es sind zerspaltne Marmorsteine;
-Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen,
-Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. —
-Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen
-Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, —
-Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen
-Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen,
-Die mit den Spitzen in dem Boden stecken;
-Und von hier oben war zu überschau’n
-Der düstre See mit seinen Tannenhecken; —
-Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun
-Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand,
-Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand;
-Und über See und Wald sein Schimmer strich,
-Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich,
-Faust und Mephisto: dieser unverdrossen
-Doch jener matt und unentschlossen
-Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein
-Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein
-Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick,
-Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie,
-Er flucht in seinem Barte dem Geschick,
-Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh
-Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen,
-Gelangen wir noch immer allzufrüh:
-Ich dächte besser blieben hier wir stehen;
-Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt
-Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke,
-Oft hast du unter deines Bettes Decke
-In heimlich stillen Räumen ganz entzückt
-Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese,
-Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet,
-Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe,
-Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!”
-Der hatte schon sich in das Gras gedehnet,
-Er war zu müd’, der arme wilde Knabe,
-Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen
-Einsog des Schlafes Wunder: Labe! —
-— Der Teufel, ließ ihn dorten liegen,
-Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain,
-Und setzte sich auf einem Trümmerstein.
-— Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille:
-Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen
-Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille;
-Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. —
-Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten,
-Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar,
-Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten
-Zahlloser Menge, Paar auf Paar. —
-Schon ist der Teufel mitten unter ihnen,
-Er führet das gespenst’ge, wilde Heer;
-Sie rauschen nieder von den Bergruinen,
-Und jagen ob dem See wild umher.
-Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen!
-Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten,
-Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen
-Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf.
-Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten,
-Der müden Hand entrollte sich ein Zopf,
-Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen,
-Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. —
-Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer,
-Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder,
-Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr,
-Wie er sich mag begeben nimmer wieder;
-So viele Paare, so unendlich viel;
-Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben:
-Und immer steigt das schaurige Gewühl,
-Von nah’ und fern, von hüben und von drüben
-Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt:
-Die mittelste von den drei Trümmersäulen
-Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt
-Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen
-Flugs zu den beiden seitlichen Basalten
-Noch zween andre nächtige Gestalten.
-So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar
-Die Schädelstätte von Calvar’,
-Und höhnt mit schauderhaftem Spott
-Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott.
-So raset rastlos fort das wilde Spiel,
-Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne.
-Noch immer wächst das schreckliche Gewühl,
-Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne;
-Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus,
-Er strecket sich, als läg er still zu Haus.
-Dolores
-Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse
-Selbander in dem nächtigen Florenz.
-Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse,
-Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz.
-Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken,
-Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken.
-Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann,
-Doch ich hab’ da recht meine Freude dran!
-Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise
-Das Höllennest gefügt auf seine Weise:
-Wie es sich klüglich in einander windet,
-Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt,
-Sich in sich selber schließlich wieder mündet!
-Seht jenes Haus, es gleichet allermeist
-Dem platten, breitgedrückten Schwanze,
-Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze,
-Ist recht zu Jedermanns Erbauen
-Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun.
-Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise,
-Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise.
-Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern,
-“Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!”
-Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt,
-Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält!
-Faust
-O siehst du dort den hübschen jungen Knaben?
-Sein Antliß ist besond’rer Weise schön!
-Mephisto
-Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben,
-und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn,
-Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten.
-Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen,
-Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten.
-Faust
-Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen,
-Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken,
-Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken!
-Mephisto
-Doch denket auch, der hat als Ideal
-Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal.
-Faust
-So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren,
-O Eros! Eros!
-Mephisto
-      Laßt’s euch nur nicht rühren:
-Auch so ist er charmant in seiner Art,
-Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. —
-Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann
-Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe,
-Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran,
-Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge:
-Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt,
-So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! —
-Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding,
-Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering.
-Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle,
-Erzählt sie ihre rührende Geschichte
-Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle;
-Es gleichet einem euerer Gedichte;
-Wie sie in dieses kleine Haus gekommen;
-Sie hat euch gleich mit Sturm genommen.
-Doch denkt zur Vorsicht noch daran,
-Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann.
-Faust
-Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon,
-Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören
-Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn,
-Sie so gewißlich werde mich bethören.
-Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten
-Und an den Eingangsformeln nicht zu reich,
-Um mir Verlegenheiten zu verhüten,
-Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich.
-Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort
-Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment,
-Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort,
-In der ihr oft mich schrecklich fade nennt.
-Mephisto
-Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren,
-Sie wird euch selbst die Frage danach sparen.
-Auf ihren schönen Namen hält sie sehr,
-Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen,
-Zu Tode quält sie einen mit der Begehr,
-Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen.
-Sie find’t ihn gar so hübsch so weich,
-Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich.
-Hier klopft —
-      sie klopfen an ein niedres Haus:
-Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus,
-Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren,
-Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren.
-Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer,
-Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende,
-Den Lockentopf gestützt in beide Hände,
-Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer.
-Faustus tritt ein: indeß im Corridor
-Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor.
-Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid
-Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit,
-Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen,
-Der Busen halb entblößt, und üppig weich,
-Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen.
-Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich.
-Faust neiget sich gar höflich und galant,
-Und weiß, mit schönen Damen unbekannt,
-Im Anfang sich nicht gleich zu fassen,
-Den tölpisch langen Arm zu lassen. —
-Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt
-Die Züge, die die Schwermuth so besiegt,
-Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid,
-Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit.
-Doch nöthigt sie mit vieler Gratie
-Den guten Doctor auf das Kanapee
-Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht:
-Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht,
-Weil ihr in diesem Raum mich findet,
-Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet?
-Errathet ihr nicht meines Namens Laut?
-Ich bin die ewig kummervolle Braut.
-Faust
-O sicherlich, daß ich’s errathe,
-Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe!
-Madonna
-Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang
-Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt.
-Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank,
-Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt.
-Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande,
-Daran Granadas schönes Meer zerrann,
-Erstand, sein Name war La stella grande,
-Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann,
-Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel
-Von vielen Meistern, die verband kein Plan. —
-Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel
-Mit halben Mond, und welche ragten hier
-Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel.
-Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr,
-Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen:
-Hättet gerufen ihr in das Gewirr:
-Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen.
-Dort liegen Türken still und reuevoll
-Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen.
-In diesem wundersamen, reichen Baue,
-Welches nach vorn das Mittelmeer umfing,
-Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue
-Des Horizonts im Hintergrund umging,
-Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue
-In stiller Wehmuth auf den schönen Ring
-Der Augenblicke, die mir dort verstrichen.
-Ich war so schön und froh, und an mir hing
-Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen!
-Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet,
-Ist mir der Faden aus der Hand gewichen!
-Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt
-Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände
-Wie sich das stolze Löwenauge hebt,
-Es nagt der Zahn die väterliche Lende —
-O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus
-Kam als ich eben überschritt, die Wende
-Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus
-Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet,
-Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus
-Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet,
-Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt!
-Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet,
-Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt
-Von mädchenhaften, simpelen Gedanken,
-Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt.
-Die Augensterne sind es diese blanken,
-In die ich an des Meeres Felsenstrand
-Geschauet lange Stunden: bis sie sanken
-Zu stillem Traum: o! er war zu galant!
-Und bald verband uns innig süße Liebe.
-Wenn ich mich so in seinen Armen wand,
-Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe!
-      Mein Vater sorgte wenig nur für mich.
-Es war ein hoher, ernster, stummer Mann.
-Sein düstres Auge war oft fürchterlich,
-Die langen Tage saß er still und sann,
-In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt.
-Das Fenster, das vom Boden schon begann,
-War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt,
-Und dennoch wußt’ er alles was geschah
-Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt,
-Daß ich mit Saïd mich verrathen sah.
-      O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche
-Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren
-Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche
-Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren
-Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten.
-Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren
-Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten
-Gestades: es ist Saïd, der die Pinne
-Des Steuerruders lenkte, und mir neigten
-Sich die Antennen: in der glatten Rinne
-Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache
-Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne;
-Denn unter afrikan’schem Palmendache
-Gedachten wir als Mann und Frau zu leben,
-Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache.
-Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben
-Und Senken: voll das Segel, und ich hatte
-Zum Steuer neben Saïd mich begeben,
-Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte
-Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget,
-Und da! — — o unterstütze mich die matte,
-Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget,
-O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen,
-Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget —
-Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen,
-Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet,
-Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. —
-Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet.
-Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket,
-War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet,
-Am hohen Bogenfenster sich gerücket
-Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen
-Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket
-Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen
-Der immer kühlern, abendlichen Brise
-Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen
-Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe
-Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche
-Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese
-Verhielt: es war als ob der purpurreiche
-Blutstrom in seiner königlichen Fülle
-Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche.
-Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille
-In wilderregter, schaumgekrönter Welle
-Gedankenleerem, träumerischen Spiele
-Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle
-Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt;
-Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle
-Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt,
-Es ist der Tod Dolores! der dich führet;
-Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt,
-Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt!
-      Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken,
-Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt
-Verwebte sich vor meinen trüben Blicken.
-Und als der Morgen frisch heraufgewallt,
-Da ich erhob die schweren Augenliede,
-Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt,
-Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde
-Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell,
-Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe!
-Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell.
-Das Ufer war gar seltsam anzuschauen,
-Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell,
-Das riesige Gebirg sich auf der grauen
-Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht;
-Die Wogen rollten sich in langen, blauen
-Streifen zur Küste. So im Morgenlicht
-Saß einsam ich auf afrikanschem Strande,
-Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht.
-Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande
-Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr
-Gezeugt in diesem afrikanschen Lande.
-Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr
-Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten.
-Ich sitze schaudernd: wage kaum empor
-Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. —
-So war von Tod und Schatten ich umringt;
-Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten,
-Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt,
-Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade,
-Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt
-Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade
-Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. —
-Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade,
-Wo eine halb verdorrte Tanne stand.
-Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben,
-Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand.
-Da träumte mir wie nimmer noch im Leben!
-Die Sonne stand im glühenden Zenith:
-Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben,
-Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht;
-Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde
-So lang und schwank; da trat zu mir Saïd:
-Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde,
-Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an,
-Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde:
-“Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann
-La stella grande meinem Blick zu zeigen
-Die wüsten Formen: o und was ersann
-Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen
-Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn,
-Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen;
-Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn
-Umhergeworfen, und mein Vater nickte,
-Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn.
-Darauf erwach ich: als ich um mich blickte
-Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche,
-Wie der im Traum: ich seh das unverrückte
-Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche;
-Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge.
-Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche,
-Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge
-Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, —
-Und seufze tief aus schwer beengter Lunge:
-Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende
-Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse
-Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende!
-Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! —
- — So sprach ich zu dem königlichen Thier,
-Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder.
-Mit solch inbrünstig lodernder Begier
-Nach der Erhörung sank noch niemand nieder.
-Und auch kein Büßer den Triumph errang,
-Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. —
-Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang,
-Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen,
-Und reckte sich und machte sich so lang,
-Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen
-Verschwendet’ ich belohnter meine Zier.
-Ich sehe noch die hohe Mähne wallen.
-Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir.
- — — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten
-Meinen Saïd in dem Vaterlande hier;
-Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten,
-Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort
-Landeinwärtts tragen, aber meine matten
-Glieder gehorchen nicht: und als ich dort
-Zu Boden sink’, und mir die Hände beben
-Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort:
-Steht wiederum der Löwe dicht daneben,
-Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt;
-Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben
-Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt,
-Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren:
-Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt,
-So hell war’s in den Oeden: um uns kauern
-Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht
-Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern
-Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht
-Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle
-Der dürren Bäume neben mir: als steht
-Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle
-Des finstern Domes, und es folgt zuletzt
-Der Löwe mit dem theueren Gemahle. —
-Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt
-Voll Majestät im stillen Mondenscheine
-Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt
-Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine
-Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu
-Steht still der Löw, ich löse die Gebeine
-Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh.
-Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren,
-Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu:
-Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren
-Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt:
-Der Löwe starrt als in sich selbst verloren,
-Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — —
-      — Monde verstrichen, und ich lebte dort
-Genährt von Muscheln und von Vogeleiern:
-Des Löwen Treu währt unverändert fort,
-Und einsam so gedenkend an den theuren
-Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde
-Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren,
-Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde.
-Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen
-Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! —
-Kein Ungewitter war seit jenen Wochen
-Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet
-Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen,
-Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. —
-Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht,
-Als über mir ihr Sterne flammend standet!
-Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt,
-Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde,
-Der sich im lauen Süden aufgemacht. —
-Nun tret ich in die Barke; und geschwinde
-Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange
-Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde
-Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange.
-Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande,
-Und in das flammende Geleise, lange
-Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand
-Den Löwen der zu meiner Seite stand.
- — Und wieder ist es Abend und ich sitze
-Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse
-Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze.
-Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse
-Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde,
-Der dastand wie ein König in dem Trosse
-Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. —
-Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren
-Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde.
-Wie Kinder thun, die in der Fremde waren,
-Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen,
-Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren.
-Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen.
-Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze
-Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen
-Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze,
-Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür
-Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze
-Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier
-Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen
-Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier
-Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. —
-Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche
-Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen
-Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche
-Vater im Sarge liegt, sein starres Blut
-Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche,
-Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. —
-Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen,
-Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut,
-Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen.
-Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten
-Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod:
-Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten,
-Und in Florenz ergriff ich was sich bot!
-Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten,
-Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit,
-Ich denke nur an Saïd den galanten,
-Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid!
-Ihr habt mir so aufrichtig zugehört,
-Ich las es wohl in euren offnen Mienen;
-Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret,
-Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. —
-Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken
-Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand,
-Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken:
-Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand,
-Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — —
-Und eine lange selige Minute
-Ward diesem armen Träumer nun zu Gute —
-Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n
-Der tief im Herzen heiße Liebeswunde
-Gedienet so gehorsam und so rein.
-Er leb’ der starke Wächter dieser Holden.
-Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz
-Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden
-Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz!
-Die Heiligsprechnung, die Apotheose
-Verlang ich fürs das wundersame Thier,
-Das diese welke, schmachtend weiße — Rose
-Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr;
-Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien.
-Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn,
-Des Mädchenthumes aphroditengleich
-Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien,
-Die auf der marmornen Balkone Zinn’
-In milder Nacht erblühen himmlisch bleich!
-Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren
-Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand
-Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren.
-In schwarzer Nebel flatterndem Gewand.
-Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen
-Führt zu dem Fenster den entzückten Mann
-Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen,
-Zieht sie nach rechts und links zu sich heran.
-Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget:
-“O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt,
-Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget
-Sich wie der zarte Faden, der erbebt!”
-Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise:
-“O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise
-Du kämest auf der Mimik Deutung nie!
-Ich lehr’ dich andere Astronomie.
-Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht.
-Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten,
-Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht
-Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten,
-Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge?
-Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!”
-Lucretia
-Später Abend. Faust und Mephisto
- am Fenster einer Klosterkirche.
-Faust
-O sieh Mephisto, sieh dort wandelt sie,
-Lucretia Frangimani,
-Und traurig ist sie: Wesen hochgeliebt
-Sag’ mir; wer hat so tödtlich dich betrübt?
-Vor jedem Heil’gen kniet sie betend nieder,
-Und lispelt reuig die latein’schen Lieder.
-Lucretia! höre! Dein Geliebter sieht,
-Wie du dich Gott zu sühnen bist bemüht!
-Jetzt nimmt die trauernde das heilige Mahl!
-Den langen Schatten, der sich zu mir stahl,
-Möcht’ ich an meinen heißen Busen legen,
-Gleicht er auch einem häßlichen Phantom,
-Verzerrt und schwarz; erhörte milder Seegen
-Das fromme Kind im düstern Klosterdom!
-Mephisto
-Du phantasirst. Doch ich als echter Teufel
-Ich hasse diese Magd mit ihrem Zweifel. —
-Was hat sie dir gar Großes denn gewährt,
-Daß sie also nach reu’ger Sühne lechzet,
-Die eklen feuchten Keller spät durchstört
-So jämmerlich geberdet sich, und krächzet?
-Faust
-Schweig höhn’scher Spötter! Diese Büßerin
-Ist schön! Mir rauscht es wild durch Herz und Sinn!
-O ich bereu! — mich faßt ein fiebernd Sehnen
-Nach ihren reinen göttergleichen Thränen!
-O eine jed’ ist ein Strom der Himmelsgnade
-Näßt ich doch meine Lippen in dem Bade!
-Lucretia, ich habe dich gekränkt, mein Leben,
-Mein ist die Schuld! dir ist schon lang’ vergeben!
-Mephisto
-Du armer Schwärmer! — sie gleicht einem Kind,
-Das wurd’s nur ein klein wenig kastigirt,
-Erbärmlich schreit und heult und toll und blind
-Unsinnig jämmerlichen Lärm vollführet.
-Dann spricht der Vater: hör! du ringst danach,
-Ich geb dir was zu weinen Schlag auf Schlag!
-Um das, was du ihr thatst, solche Lamente
-Ein Kuß ein Blick; sie braucht wohl noch die Sakramente.
-Faust
-Weh! Weh! Jetzt langt sie das Flagell hervor,
-Nein, dies ertrag ich nicht!
-Mephisto
-                  So geh’ zu ihr
-Dort hinten an dem kleinen Gitter Chor
-Steht halb geöffnet der Sakristei Thür. —
-      Mephisto sagt’s; Faust folgt dem guten Rath,
-Eilt in den Dom, kniet vor Lukretien nieder,
-Und spricht: vergieb, daß ich so zu Dir trat,
-Doch nimmer treff die Geißel deine Glieder!
-Lucretia
-Ich soll nicht sühnen, was ich schwer gefehlt,
-Mir hast du’s bös im Sinn, in stiller Stunde
-Stört weltlich mich das Wort aus deinem Munde!
-Laß mich, bis ich zur Tugend mich gestählt,
-Und rein mich ring in meiner Schwestern Bunde,
-Die sich mit mir dem Himmelsfürst vermählt. —
-Faust
-Hier öffne meiner Adern glüh’nde Rinnen,
-Laß mich zu Tode bluten: dich verschone
-Dir, Dir gebührt die Himmelskrone!
-Und dich zu geißeln — schreckliches Beginnen!
-Hier meine Hand und hier mein bloßer Arm!
-Hier lösche sich dein wilder, heißer Harm! — —
-      So redet dieser, und noch immer sieht
-Mephistos häßlich Antlitz durch die Scheiben
-Er höhnt und lacht, wie sich das ziert und zieht,
-Und trotz dem allerliebsten, närrschen Sträuben
-Spielt in dem Aug’ der roth: Wiederglanz
-Der Luft, die in des Herzens Gründen sprüht!
-Hier meine Hand — hier mein entblößter Arm —
-Ja! hättst du nicht ein Herzchen roth und warm!
-Er sagt’s und reibet sich die gelben Hände,
-Ich kenn’ den Anfang und ich kenn’ das Ende. —
-Die bleiche Büßerin hält Faustens Hand,
-“Nein geh!” spricht sie und lasse mich alleine
-Ich liebte dich und hab’ es dir bekannt.
-Doch jetzt — doch jetzt, bin ich nur noch die Seine!
-Faust
-Ich geh’, gehorch dir: doch dies eine
-Mußt du gewähren, heil’ge, himmlisch reine!
-Gieb mir das Lämpchen dort: und laß mich gehn,
-Und jene Laub’ im Klostergarten sehn,
-In der ich dich erblickte und dich liebte,
-Und dir die ernste Himmelsandacht trübte!
-Ich seh den stillen, wundersüßen Ort,
-Häng’ drin das Lämpchen an, und schleich mich fort.
-Lucretia
-Dein frommes, kindlich reines Resigniren
-Hat mich gar tief gerührt, nein laß mich mit Dir gehen,
-Ich will dich zu der stillen Laube führen,
-In der du mich zum ersten Mal gesehn.
-Ich fühl mich stark! was kann mir dann geschehn?
-      Sie langt das Lämpchen von der Säulenblende,
-Nimmt Faustum an die Hand; in ernster Majestät
-Durchwandelt sie die Gänge die ohn’ Ende,
-Und in einander wunderlich gedreht.
-Wie war sie schön im dunklen Kleid der Nonne:
-So bleich: doch diese klare Blässe glich,
-Des Todten nicht, und auch nicht der Madonna,
-Der Schmerzensmutter, als der Sohn verblichen
-Nicht Marmors Blaß: es war erblaßte Gluth,
-Zu streng gefacht vom rothen Herzens-Flügel.
-Und ihrer Augen aufgeregte Fluth,
-Durchflimmerte ein Wolkenheer ohn’ Zügel,
-Der wilde Zug der wogenden Gedanken.
-Der Schwärmer Faustus schreitet still daher;
-In der Ergebung fromm bescheidnen Schranken
-Nun dreht die Thür sich auf der Angel schwer. —
-Bald decket sie der Laube dunkles Dach.
-Aus des Jasmines schwanenweißer Blüthe
-Strömt dumpfig süßer Hauch in das Gemach.
-Erbauet war die lieblich stille Hütte,
-Aus dieser Blume, die im Ost gezeuget
-Im weichen Orient, und seltner Bau!
-Von ihr umranket, ernst und düster steiget
-Die trauernde Cypress’ ins nächt’ge Grau.
-An einen Zweig hängt sie die düstre Leuchte:
-So traulich schwebt am finstern Grün ihr Schein!
-Sie schweigen, matter Zug des Nachtwinds scheuchte
-Die Blätter, Faust fährt auf: “hier warst Du mein!
-Ich danke dir, ich habe sie gesehen,
-Die Laube meiner selig stillen Träume.
-Leb’ wohl! ich geh! jetzt will und muß ich gehn,
-Lebt wohl, ihr heil’gen vielgeliebten Bäume! —
-Ich fliehe: sinkt der Tag in deiner Zelle,
-Gedenk in dämmerlicher Einsamkeit
-Des düstern Freund’s: er irrt auf finstrer Welle
-Des öden Schicksals: unbegrenztes Leid
-Verschleiert seiner Phantasie Gestalten:
-Du lebe fort in deinem keuschen Walten!
-Bet’ nie für mich: Bet’ nie für mich; es schreit,
-Und krächzt ein Höhner das Gebet für mich.
-Leb’ wohl! Leb wohl! ich denk gar oft an Dich.
-Lucretia deckt die Augen mit der Hand,
-Von ihren Fingern fließen heiße Zähren.
-Faust wollte gehn; schon hat er sich gewandt:
-Sie sagt nicht: bleib! möcht doch zu gehn ihm wehren.
-“Nicht Lebewohl! Ich hab’ dich so geliebt.
-Ohn’ Lebewohl soll ich verlassner scheiden!
-Lucretie! Was hab’ ich denn verübt? —
-Sie schweigt in übermäßgem, stummen Leiden
-Seufzt tief; Faust greift nach ihren Händen.
-Sie spricht nicht, wankt nicht; als mit wilden Küssen
-Er sie bedeckt in flammendem Genießen.
-Sie ächzt, und ihre Thränen woll’n nicht enden,
-Doch spricht sie nicht; sie weint: und wanket nicht,
-Tritt nicht zurück, und eilt zum Kloster nicht.
-Als er sie wie unbändig an sich ziehet,
-Weint sie: Doch tritt sie nicht zurück und schweigt, —
-Als Kuß auf Kuß auf ihre Lippen glühet,
-Weint sie, doch wankt sie nicht; flieht nicht und schweigt.
-Plötzlich vergeht am Zweig die kleine Leuchte,
-Gelöscht mit einem pfeifend scharfen Hauch;
-Kein Fünkchen mehr, daß es gebrannt, bezeugte;
-Auf einmal todt, und schwarz ohn’ Dampf und Rauch.
-Die Zweige schütteln duftig schaudernd sich;
-Indeß am Tannen-Busch einfältiglich
-Die Arm’ auf seiner dürren Brust verschränket
-Geht still vergnügt Mephisto ein und aus,
-Lächelt behaglich für sich hin und denket:
-Er ist der Herrgott bei dem Apfelschmauß.
-———
-Faust und Mephisto auf einer Hochebene.
-Morgendämmerung.
-Mephisto
-Siehst du, ich habs gesagt! Sie ringt danach,
-Nun hat sie was zu weinen Schlag auf Schlag!
-Faust
-O nicht doch! wiß! mir ist es eine Schmach
-Und ärgert mich und dauert mich herzinnig:
-Dar arme Kind so schön, so zart, so sinnig!
-O wo mag jetzo sie alleinsam weilen
-Und beten, jammern und verzweifelt heulen.
-Mephisto! hör! Ich fürcht’ es gar zu sehr:
-Das überlebt sie nun und nimmermehr.
-Noch tönt der grasse Schrei zu meinen Ohren,
-Als sie zu spät sich meinem Arm entwand:
-Weh’ mir! ich bin auf immerdar verloren,
-Es bleibt nur Tod, so sagt sie und verschwand. —
-Mephisto
-Es kömmt anders als du denkst — doch weißt du wohl
-Bei Wasser ist leicht zu verzagen:
-So nun, daß dich kein Vorwurf treffen soll,
-Rath ich dir diesen Krug ihr hinzutragen.
-Der Wein ist schön, und es wird mir gar schwer
-Daß ich ihn geb’! alt ist er wie das Feuer
-Und stammt mit jenem von der Schöpfung her:
-Doch weißt du ja: Du bist mir gar zu theuer!
-Ein Trunk: sie ist gerettet, ist befreit:
-Das Blut mit lohem Flügel durch die Ader
-Gehetzt, erfrischt der Seel’ Lebendigkeit,
-Von Nerv’ zu Hirn mit üpp’ger Kraft; der Hader
-Verdampft: und reuemüthige Moral
-Setzt nimmermehr auf’s warme Herz den Stahl.
-Faust
-Ich bring’s ihr gern: wie komm ich jetzt hinein?
-Mephisto
-An ihrem Fenster baumelt eine Leiter:
-Sie harrt auf dich, und hält sich ganz allein;
-Doch sei auch du zum Morgengruße heiter,
-Und schau nicht gar so kummervoll darein
-Nun geh! sei klug und laß dich Niemand sehn,
-Sonst ist es um das arme Ding geschehn.
-      Faust geht und nimmt den Krug im Arm in Acht,
-Rings um ihn liegt noch tiefe Dämmernacht.
-Jetzt steigt empor aus düstrem Nebelgrunde
-Bleich und gigantisch, seltsam anzuschaun,
-Der Klosterbau, die leuchtende Rotunde.
-Laut tönt sein Schritt durch’s nächt’ge Graun.
-Im nahen Garten rauscht belebter Zug
-Des Dämmerwindes — sonst ist tiefe Stille.
-Schwarz sind die Fenster all’, und keinen Flug
-Von Schatten bringt die Nacht: denn düstre Hülle
-Umflatterte des Himmels Lichtgestalten.
-Hier hängt das Seil: Faust stieget keck hinan,
-Sein Fuß ist sicher und die Schnüre halten.
-Jetzt langt er dem Fenster oben an.
-Es ist geöffnet, doch kein Licht erhellt
-Den dunklen Raum: Faust ruft Lucretia!
-Lucretia um Alles in der Welt
-Erwach! dein armer Freund ist wieder da,
-Lucretia schweigt, als wenn sie ruhig schliefe.
-Faust bebet vor dem hohl erklungnen Laut
-Des eignen Rufs, und vor der dumpfen Tiefe
-Der bodenlosen Nacht ihm schrecklich graut.
-Da seufzt’ es vor ihm: schrecklich seufzt es da,
-Wie fährt er auf, als stäch ihn eine Natter
-Tief in sein Herz; vernichtend seufzt es da,
-Noch einmal und noch einmal todtenmatter;
-Ihm schweigt der Puls, und eh’ er sichs versah,
-Ist ihm der schwere Krug hinabgeschossen,
-Zerspringt am Stein, und eine Flamme schnellt
-Sich gelb empor: ersteigt die schwanken Sprossen
-Der Leiter und die Zelle wird erhellt.
-Er sieht Lucretian auf den nackten Dielen
-Dicht an dem Fenster, rothe Tropfen stocken
-Am Busentuch, die weißen Hände wühlen
-Unmerklich noch in ihren braunen Locken.
-Es nagt blitzschnell die Flamm von Sproß zu Sprosse
-Und leckt an seinen Sohlen, er erbebt,
-Ruft Hülfe, daß es klingt durch die Geschosse
-Des stummen Hauses, Glockenruf belebt
-Die öde Nacht herab vom Wächterthurm.
-Bald läuten näh und ferne Glocken Sturm.
-Faust sieht ringsum — er fühlt sich ohn’ Besinnen —
-Halbnacktes Volk, mit klagender Gebehrde, —
-Gewalt’ge Ströme Wassers rinnen
-Aus Haar und Bart ihm und er fällt zur Erde.
-———
-       In eines Kerkers dumpfigen Gemäuer,
-Liegt einsam Faust in stiller Mondesnacht;
-Er sieht verstört und blaß, ein Ungeheuer
-Von Traum umschwebt ihn, und er weint und lacht. —
-Im Hof vollendet sich ein großer Bau,
-Ein dürrer Scheiterhaufen ist errichtet,
-Die Hölzer sind gezimmert, und genau
-Und kunstgemäß ist Alles aufgeschichtet.
-Nicht in der Mitte fehlt der lange Pfahl.
-Der Mond, der volle, seltsam aufgeregte,
-Blickt in des Fensters längliches Oval,
-Und wie sich der Gefangene bewegte,
-Im Traum die Arme senket und erhebt,
-Ein tiefgefärbter Schatten macht’s ihm nach,
-Und jeder Laut, den seine Stimme belebt,
-Sich vielfach an dem Kreuzgewölbe brach.
-Oft seufzt er schwer und ruft “Lucretia,
-Du vielgeliebte! bleibe nur da!
-Komm nicht zu mir, ich werd dich künftig brauchen,
-Bleib still, bleib still und spar dein süßes Blut,
-Und wenn ich in der Hölle werde rauchen,
-Koch mir davon ein Tränklein kühl und gut!
-Siehst du den hagern Greis mit dürrem Arm,
-Der harrt auf mich und wird schon ungeduldig,
-Leb woht! leb wohl! du meine Lust, mein Harm,
-Faustus muß fort, er ist’s dem Alten schuldig!
-Hu! wie du blaß wirst, und dein Lockenhaar
-Lucretia! Ist eine Wolkenschaar!”
-— So faselt Faust, da klopft es an die Thür,
-Mit streng gebieterischem Ungestüm
-Ernst und gesetzt mit sittsammer Manier
-Tritt Freund Mephisto ein, in dem Kostüm
-Welches die Herrn Großinquisitoren tragen,
-Es fehlt ihm nichts zu dem vollkommnen Staat,
-Auch nicht ein Fältchen und nicht Knopf nicht Kragen,
-Und die Perück’ vollendet den Ornat.
-Faust läßt nicht ab vom wilden Deliriren,
-Und spricht so rasch und so veränderlich,
-Wie eine Flamme sich im Sturme dreht,
-“O Doktor höret auf zu phantasiren”!
-Beginnet der: wär nicht Mephisto ich,
-Ich selber würd’ von diesem Zeug verdreht!
-Du armer Knab’ sitzst erst zehn Tag gefangen,
-Dein Bart ist armlang wie mein Pferdeschweif,
-Läss’st immer du sobald die Flügel hangen,
-Bist du zur Hölle lang noch nicht reif!”
-Faust schlägt die trüben Augen auf, erblickt
-Die seltsame possierliche Figur,
-Die große Kraus’ in Falten fein geknickt
-Und der Perücke ungeheure Schur.
-Ihm schwand zum andern Mal der schwache Sinn.
-Und wieder spricht er wilde Phantasie’n;
-Mephisto zupft ihn bei dem welken Kinn;
-“Nun, steh nur auf, ich bin ja nur der Teufel,
-Nimm hier dies Kleid, drin kannst du leicht entfliehn,
-Und überlaß mir alle fern’ren Zweifel!”
-Faust seufzet sich besinnend, steht vom Lager,
-Und ziehet aus das arme Sünderkleid,
-“Verdammt! speicht der, “wie bist du schon so hager;
-Wie ruinirt dich noch die Traurigkeit!
-Also verwechseln ihre Kleider beide,
-Mephisto soll den armen Sünder machen,
-Faust sieht sich an, trotz allem seinem Leide,
-Muß er als Inquisitor sich belachen.
-Und in dem braunen, här’nen Büßerkleide
-Des Teufels niederträchtiges Gesicht.
-“Nun geh’ spricht der, du ausgedorrter Wicht,
-Erwart du auf dein Hügel mich da drüben,
-Da kannst du ruhig schlafen nach Belieben!
-So geht dir Jedermann gern aus dem Wege
-Du hübscher Kerl von der Justizpflege!”
-      Faust schleicht davon mit frohem Angesicht:
-Im schaurig stummen, dumpfen Frohngelaß,
-Spaziert Mephisto ruhig hin und wieder.
-Am Fenster steht er in dem Mondenlicht,
-Sieht zu dem dürren Scheiterhaufen nieder,
-Und schwatzt und lacht und treibet tausend Spaß.
-Die Spindelmütz von weißer Leinewand,
-Zieht grüßend er, als nickten ihm Bekannte,
-Er wirft Kußhände mit der langen Hand,
-Als recommandirt’ er sich ‘ner alten Tante.
-
- So wie es dämmert wird’s im Kloster helle,
-Ein Lämpchen zündet sich in jeder Zelle
-Man wickelt Fackeln in der Morgenfrüh
-Und zupfet Werg, als wäre es Charpie. —
-      Und Faustus steht allein,
-Auf des einsamen Berges sand’gem Gipfel.
-An eines Grabes frisch aufgeworf’nem Rain.
-Schwarz ist der Himmel, Sturm durchbraust die Wipfel
-Er sieht den Hügel ohne Schmuck und Zier,
-“O!” ruft er aus: “Die Ahnung sagt es mir,
-Hier ruht Lucretia, mein theures Leben!
-Seh’ ich dies arme Grab sich nicht erheben,
-So sorglos aufgeworfen und geründet,
-Als wie der Wandersack dem ungeliebten Kind,
-Geschnüret und gepacket ist geschwind!
-Ja hier ruhst Du, für die mein Herz entzündet!
-Ich möchte Dich umarmen noch als Leiche!
-Vergöttert Dich so ewig meine Liebe?
-Wie oft wenn ich beschaut das starre, bleiche
-Reliquium der wunderbar’n Getriebe
-Im stillen Saale der Anatomie,
-O so entgöttert, so entblättert waren sie!
-Und nimmer Schauer ich empfand,
-Wenn ich erfasset ihre kalte Hand!
-Dort hab’ ich viele Nächte zugebracht,
-Ohn’ daß die Wimpern zuckten: unvergessen
-Blieb mir der Zweck der stillen Forschungsnacht.
-Ich bebte nie und war frivol, vermessen!
-Und sah nur träge, dumme, dumpfe Masse.
-Ein wild Gewirr von Nerven und Gefäßen,
-Und nicht entsinn’ ich mich, daß ich zum Hasse
-Zu Abscheu, Liebe wär’ geneigt gewesen!
-Doch Dich Lucretie! Dir möcht’ auch so ich sehen,
-In Dein geliebtes Angesicht das bleiche:
-Umlispelt mich nicht Deines Athems Wehen,
-Wär’ es genug, daß ich die Hand Dir reiche!
-— — Doch weh mir! Daß der kalten fünfe Zahl,
-Die Flamme noch in meinen Pulsen zündet,
-Aus Grabesnacht ein geisterheller Strahl,
-Der Lieb’ den Weg in meinen Busen findet.
-Soll ich Dich ewig lieben! wird Dein Leib
-Mir nie zur Leiche und bleibt ewig Weib?”
-———
-      Da tönt ein ungeheueres Geheule,
-Empor zu Faustus aus dem Klosterthal,
-Und eine riesenmäß’ge Feuersäule,
-Flammt hoch empor mit blendend hellem Strahl.
-Wie jauchzten unten die im Henkermuth!
-Doch sieh! Da wächst ein ries’ger Priapus
-Ein glühender Colossus aus der Gluth
-Bis an die Wolken fast in schnellem Schuß.
-Die Klosterfrauen fliehen durcheinander,
-Und jammern schrecklich ob der Zauberei; —
-Da steht so frisch als wie ein Salamander,
-Mephisto neben Faustus frank und frei.
-Er will zerbersten schier vor tollem Lachen;
-“Sahst du,” sprach er: “sahst du den Priapus,
-O den verkohl’n sie nie, wie sie’s auch machen,
-Und was war’s mir für höllischer Genuß,
-Wie sie so schuldbewußt die Augen wandten,
-Und in einander floh’n in Angst und Graun,
-All’ dieses Volk, und viele Vettern, Tanten
-Der Klerisei, die hier, sich zu erbaun
-An deines Leibes süßem Fettgeruch
-Versammelt waren mit dem Singebuch. —
-Der Lärm tos’t fort, die Flamme jagt im Sturm,
-Die Asche sinket, man beginnt zu läuten
-Die Glocke zum Gebet vom alten Thurm,
-Den bösen Spuk zu ban’n für ew’ge Zeiten.
-
-      Halb wach liegt Faustus in der nächsten Nacht,
-Den Rücken an den Eichenstamm gelehnet;
-Mephisto schwatzet für sich hin und lacht,
-Und lauter Sturm im dürren Blatte stöhnet;
-Und Faust verstehet folgende Zwiesprach
-Die jener hält mit einem Unsichtbaren:
-“Nun geh!” sagt er: “mach mir nicht Ungemach,
-Verdammter Sturm zu deinen Wolkenschaaren,
-Was quälst du mich? für dies Auto da Fè,
-Das deinem Gaum’n ich diese Nacht entzogen,
-Mußt du aus seinen Aug’ noch eine See
-Von Thränen trocknen? hab’ ich dich betrogen?
-Und dieses Stöhnen seiner bangen Lunge,
-Du kannst es ja mir nie genug beloben.
-Dies Alles halte schadlos deine Zunge,
-Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!”
-Da brüllts daß sich die alten Eichen biegen;
-Faust schauert, und ihm stockt des Herzens Schlag,
-Doch bald wird’s still auf seinen bleichen Zügen;
-Süß schläft er ein, ob es auch tosen mag.
-Wie wogt der Flug von Wolken und von Geiern,
-Von düstern Raben durch den Eichenhain,
-Wie krächzt der wilde Zug von Ungeheuern,
-Und zornig jagt der Sturmwind hinterdrein.
-———
-      Es scheint kein Mond: im schwarzen Tannenhain
-Ging Faustus auf und ab, still und allein.
-Die Nacht sie schwieg so wie die Nächte schweigen,
-Ein dumpfig Flüstern: ein wahnsinnig Spiel,
-Von schwärzlichen Gestalten, dieses Neigen
-Der Gipfel und der Nadeln an dem Stiel.
-Und Fausto schaudert nicht: tief in Gedanken,
-Die Arm’ auf seinem Rücken eng verschränkt,
-Durchschweifet er der wirren Schatten Schwanken,
-Redt mit sich selber, meditirt und denkt
-Das Mäntlein und die dunklen Locken wehen
-Im mitternächtig aufgeregten Wind,
-Fest auf dem Boden bleibt sein Auge stehen,
-Wie er sich der Vergangenheit besinnt.
-Das war ein Strom von Denken und von Fühlen
-Der ihn zu stiller Stunde so umrauscht!
-In so viel Blättern kann der Wind nicht spielen,
-Als er der flüsternden Gestalten lauscht:
-So viele Wolken nicht den Mond umjagen,
-Als da Gesicht ihm auf Gesicht enttaucht:
-Und sind nicht Blätter, dran die Winde nagen,
-Nicht todte Wolke die den Mond umraucht.
-Es sind Gestalten frisch an Glut und Licht.
-Hell wie der Stern, der durch die Wolke bricht. —
-Und wie er geht im düsteren Gehäg’,
-Das Nadelhölzer jeder Art durchwinden
-Wird plötzlich in der Fern’ ein Schimmer reg,
-D’ran tausend Schatten eifrig Leben zünden.
-Er geht drauf zu, bei einer Fackel Lichte
-Dem halb verglommenen, ein Jüngling kniet,
-An einem Bild, das an die schlanke Fichte
-Genagelt, ähnlich einem Weibe sieht.
-Es ist zerlumpt, verwittert und zerrissen,
-Und eben nur siehts noch dem Weibe gleich.
-Doch fromm liegt ihm der junge Mann zu Füßen,
-Er ist so hübsch, und doch auch gar so bleich. —
-Wild fliegt sein Lockenhaar in dunkeln Wirren,
-Und schwärmend ist des blauen Auges Sinn!
-Der Wamms zerrissen: und wie einem Irren,
-Tönt ihm das Wort von seiner Lippe hin.
-Er kniet gebeugten Haupts, und in der Hand,
-Hält er ein rostig Messer, das er schwenket
-Und aufwärts wendet wo das Bildniß stand:
-“O wenn sie mein, o wenn sie mein gedenket,
-Als ihres Mörders herz’ges Mütterlein
-Des hohen Sohnes, o verschone mein!
-Misericordia! Misericordia!
-Ich war’s, ich war’s, barmmüthige Dolorosa,
-Ich war es allerheiligste Madonne
-Der Dir erstach die wunderschöne Nonne,
-Lucretia: ich hab nicht Ruh, nicht Rast
-Eh’ also ich entbürdet mich der Last;
-Gebüßet Dir und Deinem hohen Kinde
-Den Mord der Eifersucht, die schmutz’ge Sünde;
-O sie schwur mir, daß sie so treu mich liebte,
-Ich sprach sie an des Klostergartens Zaun,
-Und bracht’ ihr Rosen, die ihr vielgeliebte
-Lilie, in offnem, herzlichen Vertrau’n.
-Noch öfter sprach ich sie in ihrer Zelle,
-In stummer und alleinsam tiefer Nacht.
-Ihr Flammenkuß — weh’ ich vergaß der Stelle
-Vor deinem Bild — du keusche Himmelsmacht! —
-So hielt sie lange mich an ihrer Kette
-Doch als ich einstens Abends ganz allein
-Für sie die Saiten stimmte, und Sonnette
-Auf ihren Namen machte, fiel’s mir ein
-Zu zweifeln an der schönen Nonne Treue,
-Das kam mir angeweht als wie ein Zug,
-Und ob ich gleich mich vor dem Dunkel scheue,
-Eil ich in’s Thal zum Garten: o genug
-Weißt Du, Du Heilige! Ich sah
-Mit einem Mann deine Lucretia!
-Wie wogte diese Brust, als ich’s erblickt,
-Wie schnürte sich zusammen diese Kehle,
-In eines andern Arm, was mich beglückt:
-Und was entzücket meine arme Seele!
-Ja heil’ge Mutter, ja ich hab’s gethan,
-O ich armseliger elender Mann!
-Und du hast keinen Segen mehr für mich!
-Du schweigst! Du gehst mit mir in das Gericht!
-Nicht Gratia! Gratia! Es ist fürchterlich!
-Vergieb mir Mutter und verstoß mich nicht!”
-Da überfliegt ein gelber, greller Schein
-Das nächt’ge Laub in diesem düstern Hain,
-Das heil’ge Bild, das Schmerzensangesicht,
-Des Fackelbrands schwermüthig Licht.
-„Ich bin erhört! o! bin erhört durch dich
-Du Holde, himmlisch Hochgebenedeite!
-Der helle Tag der Gnade strahlt für mich,
-Der meines Kummers öde Nacht zerstreute.
-Es war ein Leuchten deines goldnen Blickes!
-Es war ein Winken deiner weißen Hände,
-O was es war! Ein Zeichen meines Glückes
-Daß es sich wieder zu mir Armen wende!
-Triumph! Triumph! der Sieg ist nun erstritten,
-Und stiller fiebert mir dies kranke Herz!
-O heil’ges Licht ich habe ausgelitten,
-In Wonne wandelt sich der Schmerz!
-Verflogen war der wilde, gelbe Schein,
-Die stille, düstre Fackel glimmt allein.
-Der Büßer sprach’s: und drauf als im Entzücken
-Jauchzt er empor, und stürzet fort mit Hast
-Himmelhoch warf er das Messer, das zu Stücken
-Zerschlug den dürren Zacken an dem Ast. —
-Ein alter Rabe flattert schwer empor,
-Schlaftrunken kreis’t er über diesen Bäumen,
-Und krächzt zerreißend für ein menschlich Ohr,
-Ein Schauerlied aus seinen wüsten Träumen.
-Wie klang das! so sind zu besingen
-Die Galgen und die Sünder auf den Rädern.
-Verschlafen regte der die alten Schwingen
-Und zupfte mürrisch in den dunklen Federn.
-Und nun war’s still, das Messer lag am Boden,
-Nachdem’s hinabgetanzt von Ast zu Ast.
-Der Rabe schwieg, der Jüngling außer Oden,
-War weithin in den tiefen Wald gerast.
-Faust steht in sich verloren, wie im Traum,
-Die Stirn gelehnt an einen Fichtenbaum
-Den Blick gewendet wo das Bildniß hing
-In düstrer Gluth der Fackelbrand zerging.
-“So also liebte mich Lucretia!”
-Da rauscht’s im Zweig, der schrickt empor und da
-Kommt langsam Freund Mephisto herspazirt!
-“Was stehst du hier, du gar zu stiller Thor?
-Ich hab’ mich eben köstlich amüsirt:
-Ich war verschnupft, es summte mir vor’m Ohr
-Und gar zu gräßlich brannte mir die Nase:
-Da hab’ ich solchen nächt’gen ungezognen Rangen
-Den man ‘nen Irrwisch heißt mir eingefangen:
-Wie spiel’nde Knaben eine Seifenblase,
-Ihn vor mir hergejagt durch Stock und Stein.
-Gewahrtest du des Buben gelben Schein?
-Im Waldbach drüben hab’ ich ihn ertränkt,
-Die Jagd hat mich mir wieder eingerenkt!”
-———
-      Nach ein’gen Tagen wandern jene beide
-Im milden, frommen Abendsonnelicht,
-Einen Berg entlang nicht fern von jener Haide,
-An dessen Fuß die Wog’ sich brandend bricht.
-Des Mittelmeeres Woge lang gewallt,
-Die unermüdlich am Gestad zerfällt;
-Wie es im Meer am stillen Abend schallt
-Und drüben aus der Nacht der Nebel schwellt!
-Es schwebt der Sonne glühend rothes Licht
-Auf weißen langen unendlichen Wogen,
-Hier drüben des Mondes stilles Gesicht
-Von dumpfen Nebeln schattenhaft umflogen:
-Unausgedachter, unausdenkbar hoher
-Melancholie, wie drüben in dem Thal,
-Er ob dem Kirchthurm wandelt, und dann loher
-Im Bogenfenster brennt den Silberstrahl!
-Des Herzens Schmachten und des Busens Sehnen,
-Der ird’schen Lyrik Tand, der vielgestalte,
-Der Pulse Fiebern und die wehen Thränen
-Dies all’s strahlt aus seines Antlitz’s Falte.
-Da waren sie an eine Schlucht getreten,
-An eine wüste Tiefe, daß ohn Graun
-Mephisto selbst kaum kann hinunterschaun
-Und für den Augenblick erscheint betreten.
-Da unten schäumt das Meer an tausend Spitzen,
-Der starren Felsen weiß und wild empor,
-Und jeder Wellenschlag, es ist ein Sprützen
-Der jähen Brandung, die verdröhnt das Ohr.
-Es war schon Nacht, und Faustus schaut hinab
-Als er gewahret auf der Felsen Zacken
-Ein Leiche die gefunden hier ihr Grab.
-Er kennt den Leib und kennt den Locken-Nacken
-Der hier sich brach, er sieht es und erschrickt,
-“O du,” begann er; “liegest hier zertrümmert,
-Dem, wie du meinst, die Göttin zugeblicke
-Dem himmlischer Erhörung Strahl geschimmert,
-Du liegst am Fels zerschmettert und zerstückt,
-Hier hast du die Entzückung ausgewimmert! —
-O! so verwirrt das himmlische Erhören
-Ist’s auch nur Lug und Trug und Teufelschein
-Wir tragens nicht; wir müssen uns zerstören,
-Und in den Abgrund stürzen wir hinein!
-Es macht uns trunken, o! es macht verrückt,
-Und es verführet uns in Nacht und Tod,
-Da liegt er an dem Felsen, liegt zerstückt,
-Der arme Knab’, der Meeresraben Brot.
-Und so verstummt sein göttliches Entzücken,
-So schweiget der Begeist’rung Flammengluth:
-Wie jauchzt er hin! da liegt auf dem Rücken,
-Und aus dem Mund wäscht ihm das Meer sein Blut.
-Verfluchter Teufel! deine nächt’ge Jagd,
-Hat mir das arme Kind zu nicht gemacht!”
-Mephisto lacht: doch Faust blickt wild und stier,
-Und drauf faßt’s ihm mit rasender Begier,
-Er greift den dürren Teufel bei dem Schooß
-Und schleudert nieder ihn zum Meerestoß. —
-Drauf steht er einen Augenblick allein;
-Doch bald stellt sich Mephisto wieder ein,
-“Ich danke dir,” spricht er mit höhn’schem Munde:
-“Ein Bad bekömmt gar gut zur Abendstunde.”
-Sie schwiegen beid’, als Faustus drauf begann,
-“Du sage mir! wie hat es sich gebühret,
-Daß in der Nacht als ich Lucretien gewann,
-Und sie zu schlimmer Sünde mir verführet;
-Der da geahndet, was sich würd’ begeben,
-Zum Garten kam und mich mit ihr entdeckte.”
-Mephisto gähnte, daß sich Faust erschreckte
-Und sprach: “das hat der Teufel ihm eingegeben.”
-———
-      So schwiegen sie, und stierten in die Nacht,
-Und in das finstre Meer, als wie man schauet
-In ein hinsterbend Feuer ohn’ Bedacht,
-Und so gedankenlos daß einem grauet. —
-Im Abgrund drunten, in dem Trümmergrabe
-Kämpft um des Jünglings starre, düstre Leiche
-Mit weißer Wog der schwarze Rabe.
-Dazu erstrahlt mit geisterhafter Bleiche
-Das kranke, sieche Mondes Angesicht.
-Ein so wahnsinnig Zucken in den Zügen,
-Als trüg’ er seine Phantasieen nicht
-Und müßte schier dem irren Wahn erliegen.
-Die beiden schwiegen, stierten in die Nacht,
-Es wird jetzt lauter: wilder wird der Hauch
-Der Brise, daß die schäum’ge Woge kracht,
-Und ungeberdig flieht der Wolke Rauch.
-Die letzte Manto
-Und wieder dämmerts Abend — Faustus ruht
-Am Fuße eines Schlosses, eines alten
-Und wüsten Baus, der zu nichts mehr gut,
-Die tiefste Nacht lugt aus des ungestalten
-Gefensters goth’schem Rund — der Abendwind
-Spielt mit den ries’gen, dunk’len Spinngeweben
-Die vor dasselbe hingesponnen sind,
-Als in des Vorhangs heimischen Geweben. —
-Wie sich nun drüben fern der Mond entzündet
-So einsam auf dem tiefen, dunkeln Blau,
-Wie sich in ird’scher Ebene dieser Bau,
-Von allem Leben fern schwermüthig ründet;
-Beginnt er so: “wie oft hab’ ich geblickt
-Empor zu dir, o du allträumend Licht,
-In mancher Nacht, die still und unverrückt,
-Gestarrt ich in des Leichnams Angesicht
-O dann ist seelenvoll, ja! Seelenvoll
-Dein Blick: hab’ ich nach dir mich umgewandt
-Vom Todten-Aug, das leer und starr und hohl
-Benetzte mein Skalpell und meine Hand
-O Nacht! Dein Blick ist so gedankenreich
-so schwärm’risch, überschwenglich, unermeßlich,
-Des Todes Blick, so finster, stier und bleich,
-Und für den Laien schauderhaft und gräßlich.
-Ich lieb dich Nacht! Dir schlägt das Herz im Busen,
-Das prahlrisch auf der Zunge trägt der Tag,
-Und voll Entzücken zähl’ ich jeden Schlag!
-— Mein Fluch traf noch nicht Alles, und ich kann,
-Nach Bildern und Gedanken zahllos greifen,
-In diese Brust, und hab’ nie Mangel dran
-Und ewig so in ungemessnem Schweifen! —
-Er schlummert ein den Kopf zurück gelehnt,
-An einer Säule Trümmer-Piedestal. —
-Fort schauerte die Nacht, die Brise stöhnt,
-Und Sterne jagen wechselnd sich ohn’ Zahl.
-Da über ihm erscheint auf dem Balkone,
-Ein junges Weib in alter, griech’scher Tracht.
-Ein schmales Band von Gold gleich einer Krone,
-Durchflicht der düstern Locken wirre Pracht.
-In ihren Händen hält sie eine Leuchte
-Vom Erz Korinths mit hohem Postament.
-Als sie die auf die moosig feuchte
-Brüstung gesetzt, zieht sie ein Pergament
-Aus ihrem Busen, läßt sich auf die Knie’n,
-Schaut auf zum Himmel, und mit kund’gem Styl,
-Wie hell die Sterne dort vorüberglüh’n,
-Verzeichnet sie das flammende Gewühl;
-Und Stern an Stern, Gedanken an Gedanken,
-Ein nächt’ges, stummes, unermessnes Spiel! —
-Wie ihre schwarzen Augen traurend sanken;
-Und drauf in der Erkenntniß Hochgefühl,
-Den Sternen droben ähnlich flammend stiegen,
-Und Siegesglanz strahlt in der Seherin Zügen. —
-Es war so still, im dürren, stäub’gen Blatt,
-Der krüppelhaften, trocknen Sycomore,
-Raschelt kaum noch der leise Nachthauch matt,
-Und tönet zu der schönen Schwärmrin Ohre.
-Und Faustus schläft, in seines Traumes Walten
-Im Riesenflug der ernstlichsten Gedanken,
-Ersteigen lieblich und verführerisch Gestalten
-Von Schönen, die auf dieser Erde wanken.
-So blinket durch der Nächte Wolkenflug,
-Den dumpfen, rauchigen und nebeldüstern,
-Des blanken Sterngebilds lasciver Zug,
-So reizende Figuren und so lüstern. —
-Als drauf in des Gesichts Lebendigkeit,
-Die Seherin rhetorisch schwenkt die Hand,
-Fällt plötzlich nieder von der Brüstung Rand
-Das gelbe Blatt, das sie so hoch erfreut.
-Es trifft den Schläfer Faustus ins Gesicht,
-Der schaut empor und sieht die bleiche Dirne:
-Sie merket den Verlust des Blattes nicht,
-Ihr Aug’ steht ruhig auf des Himmels Firne,
-Er liest nun in des Pergamentes Zügen,
-Die wunderlich und seltsam sich verschlingen
-Ein Punkt, ein Kreuz, ein Ineinanderfügen,
-Von tausend Kreisen und so vielen Ringen:
-Und er steht auf, da wird sie ihn gewahr,
-Und sieht das Wunderblatt in seinen Händen:
-“O stolzer, übermüthiger Barbar,”
-Spricht sie zu ihm: “das willst du mir entwenden!
-O gieb mir wieder, was ich schwer errungen
-Du hast ein ernstes, sinniges Gesicht:
-Ich hab’s den stummen Göttern abgedrungen,
-Beraube du des theuren Blatts mich nicht!
-Du ehre meinen ernstlichen Beruf! —
-Ehr’ blos das Weib in mir, nur mein Geschlecht,
-O gieb mir, gieb mir, was ich mir erschuf,
-Der Sterne, der Gedanken Sinn Geflecht.
-Faust ritterlich, wies nimmer er vergaß,
-Wenn auch erstaunt und seltsam aufgeregt,
-Springt auf den Marmorfels, auf dem er saß,
-Und wie den Arm er um die Brüstung schlägt,
-Schwingt er sich auf das Astrologium.
-Sie stehn sich beide gegenüber stumm,
-Der Schläfer Faust mit dem verworrnen Haar,
-Mit dem verschobenen Barett von Sammt
-Die Seh’rin mit dem glüh’nden Augenpaar,
-Die Wange bleich, als wie dem Tod entstammt.
-“Hier hast Du Weib Dein wunderlich Papier!
-Beginnet Faust, “ und wohl bekomm’ es Dir!”
-“Doch sprich! wer bist du, schön wie eine Braut,
-Und angeputzt wie eine Königin,
-Schwärmst Du umher in Räumen, wo mir graut,
-Und seltne Träume führest du im Sinn?
-Weib
-Wir sind in Rom, ein wunderbar Geschick
-Macht diese Stadt zur ersten Stadt von allen!
-Was noch so hoch erhoben hat das Glück
-Bis zur Anbetung, hier ist es gefallen!
-Hier sanken jene Götter in den Staub,
-Die wandelnden in freundlichen Gestalten
-O Alles wurde hier der Zeit zum Raub,
-Und alle Hoheit wurde hier zerspalten!
-So bin auch ich der hochberühmten Frauen,
-Von Delphi Sprosse, die ein schleichend Sein
-In diesen Trümmern fristet, diesen grauen
-— — Umstrahlet mich der alten Größe Schein?
-Ich bin die Manto! — — jenem Mittelpunkte
-Der Erd’ entsprossen, da des Weltalls Gab’
-Im stolzen Tempeln aufgerichtet prunkte,
-Die goldnen Becher und der goldne Stab! —
-Vier Schwäne, wie vier Adler, die geflogen,[1]
-Nach den vier Winden von den Weltenenden,
-Zu gleicher Stund’, begegnen sich am Bogen,
-Der Tempelhallen, an den heiligen Blenden!
-— — In dieser Trümmerstadt, der Stadt des Falls,
-Fällt nun das herrliche Geschlecht in mir —
-Die Manto fällt, die Königin des Alls,
-Der Zukunft geben ihren Schleier wir!
-Faust
-O hochgelobt sein mir die nächt’gen Stunden,
-Da ich Dich wunderbares Weib gefunden,
-Ich frage nicht nach Deinem Alter, Namen,
-Noch wie Dir diese Trümmern überkamen.
-Sei mir gegrüßt in aller Herrlichkeit,
-Du schöner Sprosse jener mächt’gen Zeit!
-Glücksel’ger du als ich! — du hast erkämpfet,
-Der düstern, heiligen Geheimniß eins,
-Die droben Er mit stummer Nacht umdämpfet,
-Und davon mir, ach — offenbart sich keins!
-O du bist glücklich! hochgebenedeiet,
-Sei meine Schwester, Herrin, sei mein Weib’.
-Dein Sieg! Dein Sieg, der seine Macht entzweiet, —
-O rasend tost mein Blut durch meinen Leib.
-Nun flammt mein Herz himmelhoch in Entzücken,
-Im Busen rauscht ein Quell von Seligkeit!
-Noch einmal freu dich Faust der Jugend Sonnenblicken.
-Und dann sei wieder deinem Gram geweiht!”
-So sprechen mit einander jene Beiden,
-Da tanzt noch einmal auf dem Trümmerdach
-Die Eul’ von ihren nächt’gen Leiden,
-Die Hallen tönen’s schaurig nach,
-Die Fledermaus, die in der Rinne
-Vom Flug sich ruhet, schnarret auf,
-Und stößt sich am Geweb der Spinne,
-Die eilt geschäftig nieder, ‘naus,
-Und flickt besorgt an den Geweben. —
-So regt im alten Wald der neuen Welt,
-Wenn kaum die nächt’gen Gipfel beben,
-Der Thau vom Blatte träufelnd fällt,
-Urplötzlich sich ein wildes Leben,
-Den Tapir hetzt der Jaguar;
-Er fliehend rüttelt die Bananen,
-Auf denen schnarcht die Affenschaar,
-Die höhnet, schimpft den unhumanen’
-Und weckt der Papageien Chor,
-Der wilde Lermen toset hin und wieder,
-Dem Wanderer zerreißt’s das Ohr,
-Im Hamak wirst er schlaflos seine Glieder. —
-———
-      Ein grüner Vorhang scheidet in zwei Theile
-Den hohen Saal wo jetzo Faustus steht,
-Er ist allein in stummer nächt’ger Weile. —
-Und wie er sinnend auf und niedergeht,
-Und in dem Dämmerschimmer um sich blickt, —
-Indessen Manto wie er sie gebeten,
-Sich ihm die Zukunft zu enthüll’n beschickt,
-Jenseits des Vorhangs stell’nd an den Geräthen:
-Spricht er also; O! und sie wagt zu klagen,
-Daß sie des hohen Stamm’s verlorne Tochter sei,
-Verachtet einsam, deren Ahn’ zu fragen,
-Geeilt aus Nord und Süden man herbei;
-Glich ich einem lahmen, dummen Ungeheuer
-Einem Hunde, einem schrecklichen Scheusal
-Gehört ich einem Stamme, der das Feuer
-Das heiligste der neid’schan Götter Saal
-Dem ihr’gen gleich enttrug! — weh mir! ich habe,
-Auch gar nichts übrig als ein wildes Herz
-Voll glühn’den Blutes, — Bettler an dem Stabe
-Schwank ich dahin und schlepp’ an meinem Schmerz. —
-Ich hab’ ihm Schlaf, ihm meine Ruh geschlachtet,
-Und mich mich selbst! — o! denk ich nicht daran
-Und dieses Hirn und dieses Auge schmachtet,
-Noch nach wie vor nach der ersehnten Bahn!”
-Faustus also: die bleichen Cariatiden
-Die matten, seufzenden an ihrer Last,
-Sehn stieren Auges auf den lebensmüden,
-Dem alle Welt wie er sich selbst verhaßt.
-Ein dumpfes Schattenspiel: entlang den grünen Schleier,
-Rauscht’s geisterhaft im kühlen Zug der Nacht,
-Da steht Mephisto da, das Ungeheuer
-Sieht Fausto in sein trübes Aug’ und lacht!
-“Du geh mir jetzt,” spricht Faust, als er ihn sieht:
-“Ich mag dich nicht in dieser heiligen Stunde,
-Da in Erwartung mir der Busen glüht,
-Anekelt mich das Wort aus deinem Munde!
-Ein Weib kann mir mehr als Du selbst gewähren
-Geh! ich erwürge Dich Du lahmer Wicht,
-Willst Du mir diese Mitternacht zerstören
-Da wenig mir zu meinem Glück gebricht!”
-Mephisto
-Herr Anatom sind gar gebieterisch,
-Ich wollte nur nach Dero Wünschen fragen,
-Die Nacht ist heute köstlich kühl und frisch,
-Zur Reise gut, doch hat das nichts zu sagen!
-Mag’s euch nach Wunsche gehn, ich will nicht stören,
-Und morgen werden wir das Weitre hören.”
-Er lacht und geht: Faust höret ihn noch kaum,
-Und misst mit ungeduld’gem Schritt den Raum.
-———
-      Noch hallt Mephistos schleichend lahmer Gang
-Im öden Trümmerhaufe: nächt’ger Sturm,
-Saust an das Fenster ungestüm und bang,
-Die Sycomore krümmt sich wie ein Wurm.
-Da rauscht in schweres, dunkeles Gefalt
-Der grüne Vorhang und ein trübes Licht,
-Von süßer Wolke düstrem Dunst umwallt,
-Umstrahlt der Manto blasses Angesicht;
-Wie sitzt sie auf dem mysteriösen Fuß
-Im Seelenkampf, doch lieblich zum Entzücken,
-Wie sie die Locke schüttelt, die den Rücken
-Herniederfließt im rabenschwarzen Guß.
-Im Auge glüht die Unermeßlichkeit
-Es steht verrückt und schwärmet: fest verbissen
-Sind ihre Lippen wie in stumm bekämpften Leid,
-Von schweren Falten ist die Stirn zerrissen. —
-Sie springt empor: schon öffnet sich der Mund,
-Zum Wort — sie schweigt — verdreht die weißen Hände
-Und sinkt bestürzt zurück auf ihres Sitzes Rund.
-Das alte Spiel — im Auge glüh’n die Brände
-Des Geist’s von Neuem auf zu wilder Gluth.
-Die blaue Wolke fliegt in duft’gem Tanze,
-Ihr Busen wogt: sie schöpft nach Luft und Muth;
-Die Ampel glüht in stierem, düstren Glanze
-Jetzt springt sie auf — Da reißt es Faustum fort;
-Das Weib entzückt ihn; sein entfesselt Blut,
-Durchwühlt sein Hirn; wie sie zum Zukunftswort,
-Die Lippe regt, erliegt er seiner Wuth:
-Umschlinget sie in bodenloser Luft
-Mit heißem Arm; die aufgeregte sinket
-Betaubt, hingebend an des Mannes Brust,
-Und seufzt und weint wie ihren Kuß er trinket.
-Die Myrrhenwolke wirbelt wilde Ringe
-Gescheucht von solcher Athem Sturmesschwinge.
-———
-      Es war ein wüstes ganz verdorrtes Feld,
-Vielfach gespalten von der Sonne Gluth;
-Hier weilte Faust da sich der Morgen hellt,
-Vom Himmel gießt die Regenfluth; —
-Ein eisiger, durchdring’der feiner Schauer,
-Durch den blutroth die Morgensonne glüht,
-Die kaum erstanden ob der Trümmer Mauer,
-So man von hier nicht allzufern sieht —
-So bleich, so dumpf, so traurig und zerrissen
-Sah nimmer noch sein Angesicht,
-Die Haare starr und träufelnd niederfließen,
-Und wie gebrochen ist der Augen Licht,
-Als könnt’ nie wieder sie der Geist durchbeben,
-So hohl und ohne Glanz, so starr und stier,
-Sie die der Flammenzug des reichsten Leben
-Gefacht, und der Erkenntniß Gluthbegier.
-Der arme schleichet ruhlos hin und wieder,
-Gesenkten Haupts mit wankem Gang,
-Dann wirft er auf dem feuchten Feld sich nieder,
-Auf das Gesicht und liegt minutenlang:
-“Du hast gesiegt!” so ruft er endlich aus:
-“Ja! Und auch diesmal darfst Du triumphiren!
-Maaßlos ist dein Triumph, gleicht er dem Graus,
-Den meine Qual’n in diesem Busen schüren.
-— So sei von nun ein jedes Band zerrissen,
-Wenn eines, ein letztes noch, mich dir verkettet:
-In niedrer Sinnlichkeit taumelnden Genüssen
-Sanken wir hin! — o bittre Schmach! — wer rettet?
-Du hast dir dein Geheimniß so umwallt,
-Mit list’ger Schlang und schöner Weibsgestalt!
-Was lässst du michs nun gar so schwer empfinden,
-Wenn ich erlag! ich sollte ja verblinden!
-Schon der Gedanke daß ich dich begriffe
-Er schleuderte mein Schifflein an die Riffe! — —
-— Kam nur Mephisto nicht: ich muß mich schämen,
-Ich möcht umarmen diesen Höllensohn,
-Ihn um Verzeihung flehn’d für mein Benehmen,
-Daß er mein schont mit seinem Hohn!”
-—— Und so und anders tönen seine Klagen
-Im alleinsamen Monolog,
-Es saust des Regenschauers wildes Schlagen,
-Noch düstrer Flor das Tagsgestirn umzog.
-———
-      Mephisto hinkt voran, Faust schleichet nach,
-Hehr liegt vor ihnen Roma ausgebreitet
-Sie schwiegen beide, doch wie Faustus schreitet,
-Er also mit sich in Gedanken sprach:
-“Froh könnt’ ich diesen Teufel jetzt umarmen,
-Und möcht’ ihn gar auf meinen Händen tragen,
-Auch nicht ein Wort sprach er um mich zu harmen.
-Ernst und gesetzet hat er sich betragen;
-Er ist ein Kamerad viel edler denn ich meint,
-Ich lieb’ ihn nun als einen werthen Freund.”
-———
-      Da Faust bis auf das Hemde naß durchaus,
-Und ihn ein Schauerfrost durchbebte,
-So traten sie am Wege in ein Haus,
-Ob dessen Thür ein Wirthshauszeichen klebt. —
-Sie setzten sich zum glimmenden Kamin,
-Und tranken Wein, wie ihn der Wirth gegeben,
-Faust stierend in der Kohle Glüh’n,
-Dacht trüb an sein verflossen Leben.
-Sein Auge sank in schmerzlich tiefem Traume
-Und Todesblässe färbt sein Angesicht:
-So saßen die im dumpfen Raume,
-Des wüsten Saals im Dämmerlicht
-Mephisto ernst und feierlich:
-Gar seltsam stund es seinen Zügen: ——
-Als eine Weile so verstrich,
-Trat ein viel Volk mit lärmendem Vergnügen.
-Verwilderte Physiognomien
-In weitem Hut: man rief nach Krügen
-Voll rothen Wein’s, fing an zu zechen,
-Der wildste Lärm durchbraust den Saal,
-Man sang, man pfiff, man disputirte,
-Daß einem die Ohren scholl’n von dem Scandal,
-Und man verwünscht’ das Volk das ungenirte. —
-Auf’ einmal schaut ein junger Fant.
-Seitwärts dorthin wo jene saßen,
-Noch stumm, dem Feuer zugewandt.
-Der Bursch lacht laut und ohne Maaßen,
-Da er den fremden Mann erblickt,
-Der wüsten Haars das Kleid verrückt
-Im Antlitz tiefe Traurigkeit,
-Als wie verschroben und vernarrt
-Nun schon die ganze, lange Zeit
-So seltsam in die Kohlen starrt —
-Er wies mit seinem Finger hin,
-Den ganzen Raum durchschallet Lachen
-Sie standen auf, umstellten ihn
-Um zum Gelächter ihn zu machen.
-Mephisto saß als wie vorher,
-Und deß verwunderte sich keiner,
-Es war ganz als gehörte der hierher.
-Doch diesen schont’ von Allen auch nicht einer
-Der eine sprach: “Schlecht ging’s ihm auf der Serenade
-Sie haben ihn da weidlich durchgedrescht,
-Die Schöne selbst, sie hat mit einem Bade
-Von kühlem Wasser seine Gluth gelöscht.
-Hier schmort er nun der niederträcht’ge Hund,
-Gern würf ich ihn hinaus zur Stund!”
-Der Andere: “Hinter dem Thorweg hat der Fuchs gestanden,
-Und auf die blonde Magd geharrt,
-Der kühle Zugwind blies ihn ganz zu Schanden,
-Dieweil im Ziegenstall sie mit ‘nem andern narrt.”
-Ein Dickwanst sprach: den Burschen kenn ich lange!
-Schon wiedermal ist er dem Irrenhaus entlaufen
-Der tolle Jakob ist’s, mir wird ganz bange,
-Wenn ihm sein Stündchen kömmt, rennt er uns über’n Haufen.
-“Hoho,” ein anderer, “die ordinaire Range,
-Tobt er nur los, wir wollen ihn schon packen,
-Nur frisch darauf, es giebt ja Narrenjacken!”
-Da schreckt Faust auf aus seinem Traum
-Er starrt empor mit wilden Blicken,
-Und sieht das Volk, den scheußlichen Abschaum,
-Häßlich und lüderlich sich um ihn drücken:
-Was er empfand, wie ihn verhöhnt,
-Das wüste Volk mit Henkermienen,
-Zum Teufel kehrt er sich und stöhnt.
-“O du! o du! befreie mich von ihnen!”
-Da schleicht ein häßlich, gelber Junge,
-Hervor, tritt auf die Zehn’ ihm hart,
-Und blökt ihn an, weist ihm die Zunge,
-Und huscht ihm an dem Knebelbart.
-Faust wüthend, greift ihm um den Nacken,
-Und drückt ihn daß er ihn erstickt;
-Der stürzt zur Erde; aber packen
-Will ihn nun selbst das Volk, das groß erschrickt.
-Viel Knüppel sieht er schon geschwungen,
-Viel Kling’n, Stilett und Fackelstange;
-Als ihn Mephisto schnell umschlungen,
-Und ihn enthoben diesem Drange. —
-      Draußen in der Nacht, da stehen sie nun wieder
-“Verfluchtes Volk,” sagt Faust: ich danke dir!
-Doch aus dem Wamms tropft noch das Naß mir nieder
-Wie kommen nun zu einem Feuer wir?
-Es ist so kalt, ich bebe wie im Fieber,
-Ich werd’ verrückt, o! ich bin schrecklich krank!
-Mephisto
-Siehst du den Felsen dort jenseits der Tiber,
-Den ungeheuern, riesig jähen Hang
-Da brennen Feuer meine Kameraden,
-Komm mit dahin, du wärmst dich herrlich dort,
-Sträube dich nicht! es thut dir keinen Schaden!
-Sie thun dir nichts, bald gehn wir wieder fort,
-Doch muß ich noch einmal zur Schenke hin!
-Wir ließen dort den Krug mit Weine,
-Ich hol ihn, da ich durstig bin,
-Wart hier indeß im Maulbeerhaine!”
-———
-      Bescheiden tritt Mephisto in die Thür
-Der Schenke, grüßt die Herr’n einfältiglich,
-Die um den Tisch gereiht, mit ekler Gier
-An einer Schüssel Nudeln laben sich:
-Die sind mit Oel gekocht, wie es in Welschland Brauch,
-Und duftig dampft der süße Rauch.
-“Ihr esset Herren schöne Makaronen,”
-Beginnt der Teufel: “und mich hungert sehr,
-Ich bin so arm, und Gott er wirds euch lohnen,
-Stellt ihr mir meine Kräfte her!”
-Die rücken dichter auf der Bank zusammen:
-“So setzt euch her Rothmantel in des Teufels Namen!” —
-Der nimmt den Löffel in die Hand,
-Und wie er wühlt im duft’gen Schmauß,
-Sieht man ein Haupt, halb angebrannt,
-Mitten darin, o Schreck! o Graus!
-Des Knaben Haupt, den Faust erstickt’,
-Weil er ihm so am Bart gezwickt.
-Die stieren Augen blicken scheußlich drein,
-Und aus dem Mund leckt ihm das Fett;
-Mephisto sprach: “das wird euch schon gedeihn’
-Prosit ihr Herrn! zum köstlichen Bankett!”
-Die sind wie angedonnert, und entsetzt,
-Schau’n sie sich an und sinken von der Bank,
-Laut heulend: weidlich hat Mephisto sich ergößt,
-Und macht den Krug im Arm sich auf den Gang.
-———
- Am Maulbeerbusche trinken sie den Wein,
-Die beiden, stärkend sich zum Flug,
-Dann schmettern sie an einem schwarzen Stein,
-In tausend Stücke den geleerten Krug.
-Mephisto drauf sich um den Doctor schlingt,
-Und mit ihm auf zu hohen Lüften dringt. —
-— Die Nacht wird wild, unbänd’ge Wolkenschaaren
-In schwülstigen, wahnsinnigen Gestalten,
-Umrauschen diese, wie sie aufwärts fahren,
-Manch’ Scheusal wird von ihrem Flug zerspalten,
-Mit dumpfen Angstgekäuz die Eule flieht,
-Wenn sie den rothen Mantel flattern sieht;
-Der Berg ist fern, so fern, ganz unermeßlich,
-Doch sturmesschnell ist auch ihr luft’ger Flug:
-Jetzt sind sie da; ein schwarzer Felsen gräßlich,
-Zertreten von den Füßen, die er trug
-Blutfarbig glimmt ein riesengroßes Feuer,
-Auf einem Felsensturz zur Nacht empor,
-Teufel ringsum, häßlich und ungeheuer,
-Ein wüster, wilder, mitternächt’ger Chor. —
-Der ärmste nun auf warmem Lager ruht,
-Das ihm aus rothen Mänteln aufgeschichtet,
-Aus zahllos vielen, unfern von der Gluth,
-Die immer ries’ger sich zum Himmel richtet.
-Ringsum die wüsten, finstern Gestalten,
-Mephisto mitten unter ihnen.
-Eifrig Gespräch sie durch die Flammen halten,
-Den rothen Wiederschein auf ihren Mienen.
-Die Nacht rauscht fort in mysteriösem Treiben
-Weithin erglänzt der teuflische Kamin.
-Der Doktor schläft; es ist nicht zu beschreiben
-Wie diese ganze Grupp’ erschien.
-
-[1] Aetus tinas chai chuchnous mythogoysin acho ton achnoon
-tes echi to meson phenomenous eis tauto sumpesein Puthoi
-chenoi ton chaloumenon omphalon.
-- Plutarch, De Pythia.
-
-Die Heimath
-Bei seiner Lampe finsterm Trauerscheine,
-Sitzt Faust in seinem Zimmer heut alleine;
-Wie schwoll die Brust ihm als er es betrat,
-Das er seit manchem Jahr verlassen hat. —
-      Hier schwand der Tag’ und Nachte lange Kette,
-Ohn’ daß ein einz’ger Menschentritt erklang:
-Die Schatten nur der mageren Skelette
-Mal’n sich in düster’n Reih’n die Wand entlang.
-Wie wilde Nächte wurden hier gefeiert
-Als Faustus der Bewohner dieser Räume
-In Näh und Ferne wild geabentheuert,
-Des Weib’s genoß und aller Erdenträume.
-So wüst und graß, war es hier hergegangen,
-So toll wie’s keine Menschenbrust begreift.
-Wie wild auch in unbändigem Verlangen
-In mancher Nacht hier Faustus ausgeschweift;
-Wenn übermächt’gen Sinns sein Aug’ gestieret,
-Und in der tollen Unersättlichkeit
-Nach der Erkenntniß er malediciret
-Den starren Schellen seiner Menschlichkeit.
-Zu dem gespenst’gen, geisterhaften Treiben,
-Das in den Räumen, seit er war geschieden,
-Lugte die Nacht durch all’ die runden Scheiben,
-Glich das im Menschenbusen mildem Frieden.
-Das bleichende Gebein in dunkler Nische,
-Der alte Mond von Hirngespinnsten trunken,
-Verzerrten Blicks: die Schädel auf dem Tische:
-Und aus dem feuchten Bogengang die Unken:
-Betrieben ein gar schauderhaftes Spiel
-Im Raum, da kein Gedank’ mehr kam zur Sprache,
-Und nicht pulsirt ein menschliches Gefühl;
-Wenn so der Mond, der alte Flammendrache
-Die Unken quälte, die am Fenster kauern,
-Und die nun schrecklich schrei’n und lamentiren,
-Die dürren Knochen wecken an den Mauern,
-Dem Mond, dem Feind, entgegen sie zu führen.
-Manch’ wüster Wurm, der in dem Holze pickt,
-Die in den Knochen bohret die Monade,
-Und manche Spinn’ die ihr Gewebe strickt,
-Nimmt Theil an dem gespenstigen Blutbade.
-Dazu der tolle Wandel noch der Schatten
-Die einem Menschen schier das Hirn verdreht:
-So tost es ohne Rasten, ohn’ Ermatten,
-Bis an dem Dom der Mond herniedergeht.
-      In dieses Zimmer kehrte Faustus heut,
-Aus weiten Fernen und auf kurze Zeit,
-Das Herz schlägt wild an seines Busens Wand,
-Als er im alten Raume plötzlich stand. —
-Die Schreiberei liegt noch auf ihrem Platz,
-Wie er’s verließ, da ihn der Teufel lockte.
-Und unbeendet ist der letzte Satz,
-Wo ungeduldig ihm die Feder stockte.
-Ja! unbeendet ist das letzte Wort,
-Der letzte Buchstab’ ist ihm halb geblieben,
-Da warf er seine müde Feder fort,
-Und stürzte hin zu leben und zu lieben!
-Rings an den Wänden steh’n noch die Krystalle
-Mit theuren, edlen Säften angefüllt:
-Farblos’ und farbige; er find’t sie alle
-Damit er manchen Menschen-Schmerz gestillt:
-Damit er übergoß des Fiebers Gluth,
-Damit des Herzens Flammensturm er beugte,
-Den sich die Seele in wahnsinn’ger Wuth
-Der Selbstzertrümm’rung spielend tollkühn zeugte.
-Entfesselt ras’t der wilde Feuersturm
-Von seinem Königssitz den Geist zu heben,
-Daß der sich krümmt als wie ein blöder Wurm
-Und bang’ und schwächlich zaget für sein Leben. —
-Die armen Kinder seiner Phantasieen
-Die wüste, tolle mißgezeugte Brut,
-Wirft er zerschmetternd in die Fluth
-Schiffbrüchiger so rettend sich, zu fliehen.
-“O! rufet Faust, als er so alles fand,
-Wie er’s verlassen in dem dunklen Raume,
-Als selbst der Salamander an der Wand
-Noch immer ruht im seel’gen Flammentraume;
-Der seltsamliche, räthselhafte Mohr,
-Lang hingestreckt die dunkelfarbnen Glieder
-Im klaren Glas auf leuchtendem Phosphor,
-Gleich wie auf bleichem Meeressand die Hyder.
-“O! rufet der: “Skelette ihr bliebt treu,
-“Die wie ich mit dem Finger euch berühr’,
-In Staub zerfliegt, des Todes lustge Spreu,
-Auf dieser Welt ergeben einzig mir. —
-Denn so zerfiel in meiner finstern Brust
-Die Sehnsucht nach dem rasch bewegten Leben,
-Die Sehnsucht, diese stürmisch wilde Luft,
-Die wie in mir, in keinem mochte beben!
-O ich war glücklich als ich nicht mehr Blut,
-In meinem kind’schen Herzen konnte spüren,
-Als eure Carotiden pulsen Fluth,
-Gewiß euch nimmermehr zu extasiren!
-Da war ich glücklich als in dem Erkennen,
-Das tausende vor mir beglückt;
-Ich noch verstand in Hochmuth zu entbrennen,
-Und wie ein Irrer Fühlte mich entzückt!
-Wie regte sich allmählig die Begier,
-An diesen immer höher schwell’nden Rippen
-Und brannte lodernd aus den Augen mir,
-Aus der Erkenntniß Born, allein zu nippen!
-Die Kenntniß, die sich mir einmal entzündet
-Nachdem sie freud’ge Klarheit mir verkündet,
-Gleich einem licht gefachten Feuerbrand,
-Sollt’ immerdar aus meiner Hand,
-In tiefer Fluth zu dunkler Nacht vergehen,
-Daß niemand säh, was ich allein gesehen!
-Aus diesen ausgezischten todten Bränden,
-Geschaut von aller Menschheit mit stupider
-Bewunderung sollt sich ein Thron vollenden
-Ein hehrer Thron für meine Königsglieder!
-Aus diesen Kohlen, wie aus Ebenholz,
-Zu unausdenklichem Triumph und Stolz.
-Doch gleich verhungerten und magern Hunden,
-An einem Bein mit anderen zu nagen,
-Das wir auf irgend einem Weg gefunden;
-Verflucht ich! wenn das länger ich ertragen!
-Mit Ihm wollt’ ich in hoher Eintracht leben,
-Mit Ihm dem Hehren, Unermeßlichen
-Mir sollt Er sein Geheimniß übergeben
-Mir, mir allein von den Verweslichen!
-Dem Priester steht auf heil’gem Hochaltare
-Des Hehren klarer, ernster Schmerzenssohn,
-Das Zauberbildniß der Religion,
-Mir unverkündet bleibt das theure Wahre,
-In keinem Bild von Erze oder Thon. —
-Dazu der Sinne herzzuschnürend Sehnen,
-Welches in schlangengleichem Zerrn und Dehnen,
-Hinauf sich an des Lebens Stamm gewunden
-Und mich zerrissen, mich zerschunden!” —
-Das Klagewort von Faustens ew’ger Pein,
-Rauscht in der ew’gen Nacht gigant’sche Flucht,
-Bis endlich die um Morgenrothes Schein
-Ein Todtengeier ihre Felsen sucht. —
-Zu Sankt Maria
-Am wilden Strom stand die Anatomie,
-Des alten Klosters graues, dunkles Haus,
-Ehmals benannt zur weinenden Marie.
-      Wie schaut der melanchol’sche Bau hinab,
-In dieses düstern Stromes Sturmeswelle,
-Ein Mönch, der dumpfem Grame sich ergab!
-      Und in dem Wald am Felsenstrande drüben,
-Wie rauscht’s in seinen ewig düstern Wipfeln
-Schwermuth und Tod, Verlangen so wie Lieben.
-      Es sind Cypressen, Tannen, Trauerweiden,
-Dazu die starre, wüste Riesenfichte
-Sinnbilder aller Menschenherzen-Leiden.
-      So steht das Klosterhaus am dunkeln Strome,
-Und es war schön, wenn schwere Schauernacht,
-Darüber schwebte mit dem Mondphantome.
-      Wo ernste Mönche weilten in den Zellen,
-Mit nassen Augen und mit blut’gem Herzen,
-Gemartert von den schrecklichen Flagellen.
-      Wo sie dem eingebornen Kreuze knieten
-Und klagend ihre Hände sich zerrangen,
-Wenn stumme Sterne durch die Scheiben glühten:
-      Wo Martyrkronen, der Apotheosen
-Ringscheine glänzten und am Hochaltare
-Zum Frohnleichnam die jungfräulichen Rosen.
-      Da lagern jetzt die ewig stummen Leichen,
-Gebrochnen Auges mit zerrissner Stirne,
-Und als geknickt von einer Geissel Streichen.
-      Ja unermess’ner Andacht hingesunken
-Liegen sie da verstummet und erstarret,
-Von heil’ger Entzückung himmlisch trunken.
-      Der stille Mond der manchen Schmerz gefacht,
-Der mancher Sehnsucht Pulse hier entzündet,
-Keinen Herzschlag weckt er dieser Todesnacht. —
-      Das frömmste Kloster ist dies nun geworden,
-Es ist das Kloster der Abstraction,
-Niemals entzweite Sinnlichkeit den Orden.
-      Die Glocke ruft zur heiligen Vesperfeier,
-Und ihre Schläge sind fast ausgeklungen,
-Ein wilder Sturm ertobt, ein Ungeheuer.
-      Es schäumt im Strom, es wüthet in den Forsten,
-Die Wolken flattern um den Glockenthurm,
-Wie Raubgevögel aus den wildsten Horsten.
-      Da schwanket Doktor Faust zu diesem Haus,
-Der ernste Lehrer der Anatomie,
-Der hier manch’ Jahr gegangen ein und aus.
-      Als er in einer engen, dumpfen Zelle
-Vor einer Leiche steht, o!” ruft er aus:
-“Wie wird mir doch so wohl an dieser Stelle!
-      Der unbekannte, dieser bleiche, trübe,
-Der hingestreckt auf dunklem Brette liegt
-Ich weihe nicht ihm Haß und auch nicht Liebe!
-      Ich weih’ ihm nicht Triumph, weih’ ihm nicht Thräne.
-Gleichgültig schau ich seine blassen Wangen,
-Such’ trocknen Aug’s nach Nerve und nach Sehne!
-      Gesegnet sei mir die Verlassenheit,
-Die so uns allen Schrecknissen entfremdet,
-Und Hohn dem Tode wie dem Unglück beut!
-      Man wage nicht zu hassen noch zu lieben,
-Geliebter stirbt, Gehasster triumphirt.
-O wär ich ewig so abstrakt geblieben.
-      Jetzt laßt genießen mich die Seeligkeit,
-Ich fühl mich wohl in den verschwiegnen Räumen,
-Wie auch der Sturmwind durch die Föhren schreit;
-      Wie auch er durch des Hauses Gänge krächzt
-Und an der Fenster ries’ge Kreuze klopft,
-Vom alten Thurm die tolle Eule ächzt.
-      Ein schwacher Hauch als wie aus Todtenmunde,
-Ein Hauch der Stille weht durch meine Seele,
-So schwermuthsvoll aus tiefem Herzensgrunde,
-      An dieser Leiche ruh ich heute aus,
-Von dem bewegten, teuflisch wilden Leben,
-Von meines Neigens, meines Hassens Graus;
-      So wie ein Wandrer, der die Schlange fliehet,
-Die riesige, baumstarke Abgottsschlange
-Und die Savane schreckensvoll durchziehet:
-      Dann todesmüde von der jähen Flucht
-Kreisend zur selben endlich wiederkehret,
-Und in dem Schlafe, den er eifrig sucht,
-      Zum Kopffühl wählt die gift’ge Mißgestalt,
-Daß er erwacht zu neuer Flucht erschrecket,
-Und flieht zum andern Mal ohn’ Rast noch Halt.”
-      So redet Faustus zu der nackten Leiche,
-Die vor ihm auf dem schwarzen Tische liegt,
-Der Sturm tost fort, der grasse, schreckensreiche
-Wie sich die schwarzen Wipfel drüben neigen,
-Als wenn sein Wort sie feierlich bejahten,
-In wortelosem, ehrfurchtsvollen Beugen.
-      Da tönt’s im Hof von raschen Rosseshufen,
-Von ungebändigten, und ungestümen,
-Schon klingt’s zur Zell’ herauf die schwarzen Stufen.
-      Faust schaut hinaus; es sind zwei gelbe Mähren,
-Ein lust’ger Handbub’ reitet auf der einen,
-Die Ausgeburt der närrischsten Chimären.
-
-      Da klopft es an die Bogenthür der Zelle,
-Mephisto tritt herein in bester Laune,
-O sag mir was verziehst du deine Braune
-So sonderlich du düsterer Geselle!
-      Ein Mägdlein hab ich dir ausspioniret,
-Ein Himmelskindlein voller Sitt’ und Zieren
-Will nun auch ich einmal so ekstasiren,
-Wie du es schrecklich oft an mir probiret.
- O sei doch nicht so fürchterlich blasiret
-Und schau dem Balg da in die Augenlöcher;
-Komm trink’ hier eins aus diesem Kummerbrecher,
-Der Flasch’ die an der Hüft’ mir balanciret.
-      Sie ist der Schönheit treue Märtyrin,
-Vernimmst du dies, und macht’s dich nicht zum Narren?
-Zween Gaule hab’ ich unten: hör’ sie scharren,
-O komm Kind schwachen Will’ns und wilder Sinn’!
-      Eh’ noch der Mond von Himmel ist verschwunden
-Ha’n wir sie in Venetia angebunden
-Am Marcusplatz Tavern zum rothen Thurm
-O komm, o komm du alter Leichenwurm!
-———
-      Im öden widerhalln’den Hofesraume,
-Besteigen sie die beiden scharr’nden Gäule,
-Die ungeduldig spiel’n mit weißem Schaume.
-      Der Bube, der die Pferde hält am Zügel,
-Ein loser Bursch’ mit einem blinden Auge,
-Hilft beiden gar manierlich in die Bügel.
-      Und wie sie schallnder wilder Flucht enteilen,
-Wie brausend sie, mit mir sturmgeschwellter Mähne,
-Des aufgeregten Flusses Welle theilen.
-      Winket der Handbub’ einem alten Raben,
-Der niedersaß auf einem Cruzifixe
-In den Basalt der Klosterwand gegraben.
-      Den sattelt sich der wilde Teufelsknabe,
-Schwingt sich darauf mit troz’gem Ungestüme,
-Hoch überflattert schon den Thurm der Rabe;
-      Hoch überflattert er die Riesenfichte,
-Wie ihn der Bube mit dem Sporne stachelt
-Zum Monde fort dem fiebrischen Gesichte!
-      Wie kriecht der Schatten als ein schwarzer Wurm,
-So klein und krüpplig über Berg und Thal
-Ein dürres Blatt gehetzt von einem Sturm!
-      Die sprengen durch den echolauten Wald.
-Um Mitternacht bei einem Hochgerichte,
-Auf dürrem Hügel schickt man sich zum Halt.
-      Und wie sie zügeln ihrer Gäule Hufe,
-Harrt ihrer schon der flinke Rabenreiter,
-Halb eingenickt auf des Suppliciums Stufe,
-      Der alte Rabe kauert stumm verdrossen,
-Mit mürr’schen Blicken bei den abgenagten,
-Gebleichten Beinen auf des Rades Sprossen.
-      Wie beide nah’n, erwacht der Bub’ geschwinde,
-Er nimmt die schäum’gen Rosse von den Reitern
-Und führt sie auf und ab im kühlen Winde.
-      Faust und Mephisto sitzen auf dem Sand
-Und sprechen schnell und eifrig aber leise,
-Daß es der Teufelsbube nicht verstand.
-———
-Wie schon der Mond in das Gebirge geht.
-Farbt sich Venetias vielgestalter Schatten
-Auf stummem Meer, in stummer Majestät.
-      Ein schart’ger Felsen ragt er in die Welle
-Ein leis’ gehobnes düstres Geisterschiff:
-Allnächtig festgeankert an der Stelle. —
-      In phantasienreichem, schwanken Gange,
-Geht Faustus auf und ab am schönen Meere,
-Das ihm die Brust erfüllt mit heißem Drange.
-      Am schönen Meer, deß Steigen und deß Neigen
-Des Menschen Blick in stierem Schauen fesselt,
-Wie in dem Wald das Spiel von Laub und Zweigen.
-      Wie wenn man Aug’ in Auge sich besiehet,
-Die Seel’ in Seel gedankenlos versinket,
-Und in bewustlos dumpfem Traum entfliehet.
-      Gefährlich ist’s in solchem wüsten Stieren
-Sich unermessne Wünsche zu entzünden,
-Und bänglich sich den Busen zu umschnüren.
-      Wir schrecken aus dem selbstvergess’nen Traume,
-Wir wissen diese Sehnsucht nicht zu nennen,
-Wie gleichet uns’re Seel so einem Baume; —
-      Deß Zweig’ im Nachthauch schwanken, beben, wehen,
-Er dauert uns, als hätt’ auch er Gedanken,
-Als könnten sein Verlangen wir verstehen.
-      Fort rauscht es in den leis’ erregten Zweigen,
-Die düster sich bis an den Boden senken,
-Doch ohn’ Erwiedern bleibt das stumme Neigen,
-      Nicht tauchet aus des Mond’s geschwelltem See
-Ein lichtes Weib, die um den Stamm sich schlänge,
-Um zu genügen dem sprachlosen Weh.
-      Dies dachte Faust am Meer um diese Stunde,
-Am sand’gen Lido von Venetia
-Der Mond entschwand lang’ zu der Alpen Grunde.
- Da wandelt über einer Brücke Bogen,
-Die zween Palläste mit einander einigt,
-Hoch hingewölbet ob der Brenta Wogen,
- Wohl sah es Faust, ein Mensch in schwarzem Kleide,
-Zerrung’nen Haars, todtbleichen Angesichts,
-Und wie zerknickt von einem Riesenleide.
- Dann schien es ihm, als wär’s ein leerer Schatte,
-Von irgend einer närr’schen Nachtgestalt,
-O toller Stern! der ihn geworfen hatte.
-Diana von San Pietra
-Der Morgen graut, es regt sich in dem Meere
-Das in der stummen Nacht so dumpf geschwiegen.
-Am Strand zerrol’n der Wellen weiße Heere.
- Als hätt’ ein Zauber ihm die Brust versiegelt,
-In der gewalt’gen finstern Schattennacht,
-So freudig rauscht’s am Morgen nun entzügelt.
- Wie hier noch Faustus auf und ab spazieret,
-Tritt zu ihm an Mephisto, der indessen
-Zum rothen Thurm, vergnüglich poculiret.
- Er stolpert ein klein wenig in dem Sande,
-Doch unverrückt sind seine gelben Züge,
-Die Trunkenheit bringt dem nicht Schimpf noch Schande.
- “Willst du sie seh’n?” spricht er zum düstern Träumer
-“Die schönste Magd, die ich dir je erkoren,
-“Wenn sie’s nicht ist, so geb’ ich ein Paar Eimer:
- “Die dorten segelt in dem schwarzen Kahne,
-Das blasse Kind, bei ihr der kleine Mohr,
-“Das ist die wunderniedliche Diane.
- “Sie fährt auf’s Land nach ihrer Inselville,
-“So wie du willst, kannst ihr dahin du folgen,
-“Gekleidet als venetischer Nobile.
- “Ja dies ist schön,” spricht Faustus ganz versunken,
-“In dieser schwarzen Gondel Wellentanz,
-“Die macht zum letztenmal mich liebetrunken!
- “Noch einmal Liebe, und noch einmal lieben!
-“Dann stürmisch zu den anderen Genüssen,
-“Im Höllenboden wuchernd aufgetrieben!
- “Noch einmal Liebe! — die ist zum Entzücken —
-“Ich liebe dieses Schmachten auf den Wangen,
-“Und diese Gluth in wunderschönen Blicken!
- “Die Bleiche, die ein jegliches Empfinden,
-“Als träufelt Blut auf’s Blatt der Myrthenblüthe,
-“In wunderschönen Gluthen kann entzünden.”
- “Ich liebe diese tiefen Augensterne,
-“Bei Angst und Schreck von dunklem Ring umfurchet,
-“O schönes Weib in lichter Meeresferne!”
- Verschwunden ist der dunkle Segelkahn,
-Es rauscht empor die hehre Morgensonne,
-Da fängt Mephisto so zu reden an:
- “Ich weiß noch nicht,” sagt er: “wird’ es gelingen,
-“Sie ist an Tugend, an Erziehung reich,
-“Und matt regt noch ihr Herzchen seine Schwingen;
- “Doch bis du gut! wenn wir sie nur erst kennen,
-“Oft schafft uns ein zerbrochen Lieblingsglas
-“Mit einem Mal, wonach wir lange brennen!
- “Der schrille, harsche Klang, die armen Scherben:
-“Das hallt im Herzchen gar so seltsam wieder,
-“Der Wehmuth folgt so treulich das Verderben.
- “Die soll dir nicht entgehn im dunklen Kahne,
-“Sie unverzagt, Mephisto ist dein Freund,
-“Und auch ein Weibername ist Diane!”
- Er schwätzt ins Meer, das ihm die Füße netzet,
-Er hinkt und taumelt auf und ab im Sande,
-Von seinen Frevelplänen still ergötzet.
-———
- Die beiden schleichen um die Inselville,
-Auf San Pietras Strand, dort schäumen Strudel,
-So wirbelnd und gefräßig wie die Scylle.
- Auf wogenüberwölbendem Altane,
-Sitzt in der abendlichen Meereskühle,
-Im Mondenschein die schmachtende Diane.
- Und wie die Wog’ sich träumend hebt und senket,
-Singt sie ein sehnsuchtsvolles, süßes Lied:
-“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket!”
- “Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket,
-Wie, redet Faust, so hast du mich betrogen,
-Und um die schöne Hoffnung mich gekränket,
- “Du hast das reinste Wesen mir versprochen,
-Das noch nicht Neigung und nicht Sehnsucht fühlte,
-Ist nicht recht schurkenhaft dein Wort gebrochen?”
- “Ha!” lachte jener, muß dich ich es lehren,
-Hochedelster Schatzmeister der Gefühle
-Die euer Herz zernagen und verzehren?
- Begreifst du nicht die Unermeßlichkeiten,
-Des Nichts, in die solch üppig Abendlied
-Das Mädchen lockt, das weißt du nicht zu deuten!
- Noch keinem Mann hat sie ins Aug gesehen,
-Um keines Jünglings Brust den Arm geschlungen,
-Und will vor Lieb’ und Zärtlichkeit vergehen!
- Du Thor! um solche närrische Gefühle,
-Die fern und fern, verhallen und zerschellen,
-Als du’s gesehn im Meer beim Wellenspiele:
- Plagst du dich schon mit eifersücht’gen Grillen,
-O wisse diese nicht’gen Gaukeleien,
-Die machten schon gar manchen mir zu Willen!
- Da selbst — du selbst!” o schweig beredter Schuft
-Ruft Faust, ich hab’s nun völlig eingesehen,
-Wenn du so sprichst, benimmt’s mir Muth und Luft!
- Ich weiß, ich habe wenig widerstanden,
-Da’s mich verlockt in der Unendlichkeiten
-Grundlose Wirbel, die nun schon versanden.
- Was mahnst du mich an dieses dunkle Ringen,
-Fluch der Gedanken tollen Wolkenjagd,
-Umdüsternd mich mit ihren finstern Schwingen!”
- Mephisto lacht: “sag’ nur, was sprichst du wieder,
-Das hört ich öfters als das Lied der Raben,
-Die an dem Galgen hüpfen auf und nieder.
- “Doch nun zu ihr, ich schwör’s zum letzten Male,
-“Singt sie wie heut: ob er wohl mein gedenkt,
-“So sittsamlich bei dieses Mondes Strahle”!
-———
- Es war zur Zeit der dumpfen Mitternacht,
-Im tiefen Vollmond schauert’s geisterhaft,
-Und Wog’ und Strudel brüllt und tobt mit Macht.
- Der weiße Schaum tanzt auf den Wellenhügeln,
-Er wogt und wallet blinkend auf und nieder,
-Als wär’s ein Schwan mit blüthenweißen Flügeln!
- Ein Kahn rauscht durch der Insel wilde Strudel,
-Kein Segel glänzt vom dürren, kahlen Maste,
-Danebenher schwimmt ein kohlschwarzer Pudel.
- Im Kahn sitzt Faust, zu Seiten ihm Diane:
-Wild stürmt es fort, als heult in tausend Segel,
-Der aufgeregt’ste tollste der Orcane.
- Dian’ ist bleich, ihr Auge roth geweinet,
-Zur Welle hangt die aufgelöste Locke,
-Von keiner Kunst geebnet und geeinet.
- Die Blicke Faustus leuchten wild entzündet,
-Und wie er redet, zittert seine Stimme,
-Daß er zuerst fast keine Worte findet.
- Als käm er von dem üppigsten Bankette,
-So pocht es in den Adern seiner Stirne,
-Hoch weht die dunkle Feder vom Barette.
- Er schwatzt von seiner heißen Brust Verlangen,
-Von Furcht und Sehnsucht, und von Tod und Thränen
-Wie allgewaltig ist sein zärtlich Bangen!
- Wie rauscht die Barke durch der Woge Schaum,
-Sturmrasch schwimmt nebenher der tolle Pudel.
-Faust ist beglückt im Meer, im Liebestraum.
- Doch wie er aufblickt zu dem Vollmondhimmel
-Gewahrt er vieler höllischen Gestalten,
-Verrücktes, schwarzes, teuflisches Gewimmel.
- Den Mast umtanzt ein scheußliches Gelichter
-Von schwarzen Buben, die die Barke treiben,
-Verzerrte, grasse, höhnende Gesichter.
- Das war ein wirres, ekelhaftes Regen,
-Wie sie unzählig an dem Holze klammern,
-Gleich Fledermäusen an der Kirchthür Schlägen.
- Schon dämmert immer näher von dem Strande
-Des riesigen Gebirges starr Gewinde,
-Die finstern Bäume auf dem Felsenrande.
-———
-      Wie sie’s gemacht, die Magd sich zu gewinnen,
-Deß kann die Kund sich nicht besinnen,
-Ihr Aug’ ist trüb, ihr Blick ist weich,
-Das Haar gelöst, die Wange bleich,
-Faust ist entflammet, extasiret,
-Sein Blick ist wild, sein Blut pulsiret.
-Auf dem Altan, da Diana saß
-Liegt um der Tisch mit vielem Glas.
-Manch schön Geräth ins Meer versank,
-Ein Schleier fliegt den Strand entlang.
-Die Laute liegt zerschellt am Boden,
-Der Mohr dabei ohn’ Hauch und Oden;
-Es war ‘ne wüste, nächt’ge Stunde,
-Doch was geschah, verschweigt die Kunde.
-———
-      Auf Lotterbetten sitzen sie beim Mahl,
-Im dämmerlichen, wunderschönen Saal,
-Wie strahlet von Dianens holder Wange,
-Das milde Roth im Sonnenniedergange.
-Noch röther glänzt’s, wo Faustus sie geküßt
-Der Liebe ganz und ganz Entzücken ist.
-Schön ist die Dämmerung, schön der Felsentrümmer
-Dran niedersteigt der letzte lichte Schimmer.
-Leis’ weht der Abend in der Trauerweide
-Im stillen See und in der Tannenhaide.
-Da schwirrt es an die Glasthür vom Balkon,
-Ein schauriger, gespensterhafter Ton.
-Es zerret an den blanken, goldnen Ringeln,
-Es dränget an die Scheiben wie mit Flügeln,
-Dian’ erbleicht, doch Faust eilt keck hinaus,
-Zu schaun, was ihm bedroht der Liebe Haus.
-Als einen großen Geier er erblickt,
-Der gar verständig an den Riegeln rückt.
-Ein Blatt Papier halt er im Klauenfange,
-Faust nimmt’s und liest’s, es bleichet seine Wange.
-Mit Ungestüm schwingt er sich auf den Geier,
-Und aufwärts steigt mit ihm das Ungeheuer;
-Wie schweben die im bleichen Sternenlichte,
-Wie ächzt des Thiers bleischwerer Flügelschlag.
-Verzweiflung wühlt auf seinem Angesichte,
-Er blickt zur Erde, wo der Pallast lag,
-Und länger kann er’s nicht ertragen,
-Wie er der Liebsten fernen Schatten sieht.
-Er sieht sie weinen, sich die Brust zerschlagen;
-Er flucht und wild sein Auge glüht.
-Aus seinem Busen zieht er eine Schneide,
-Durchsticht des Unthiers Hals mit rascher Wuth,
-Das sinket flatternd in die dunkle Heide,
-Und wälzt sich sterbend in dem heißen Blut.
-— Doch Faustus eilt mit sturmesschneller Hast
-Zu seinem Weib im leuchtenden Pallast.
-“O komm,” spricht er mit gramumwölkter Stirne,
-Zu der in Aengsten hingesunknen Dirne:
-“O komm,” spricht er: “o komm laß uns entfliehn,
-“Du süßes Kind, wo sie uns nicht mehr finden.”
-“Mein Lebenslicht, o weine nicht, sei kühn!
-“Fort! fort! aus diesem Höllenhaus der Sünden!”
-Er schlingt ums Mädchin seinen Arm mit Macht,
-Und stürzt hinaus in Wald und Nacht.
-———
-      Als sie gegangen, trat Mephisto ein:
-Er lacht und zecht von dem Burgunderwein,
-Bespiegelt in dem Kerzenglanz,
-Den Ziegenbart, den schwarzen Schwanz.
-“Nein;” höhnet er: “das ist zu toll.
-“Wie ist der Geckenwicht befangen,
-“Er kennt mich lang, er kennt mich wohl,
-“Entgeht mir nicht, und ist mir nie entgangen.
-“Nun stürzt er mit der Dirne fort,
-“Die ich, ich selbst, ihn lehrt verführen
-“Mit tollem Abscheu gegen diesen Ort,
-“Voll Teufelshaß, voll sittlicher Begieren,
-“Der Geier kam zum falschen Augenblick:
-“Es ward ihm wohl an ihrem Munde:
-“Er träumt sich schuldlos, wohl verdient sein Glück,
-“Und fluchet unserm freundschaftlichen Bunde.
-“Ich kenn’ dies schlechte Tugendwähnen,
-“Die Exaltation der Dämmerstunde:
-“Die Wehmuth und das Himmelssehnen
-“Ich kenn’ dies wirrste, menschliche Gefühl
-“Die ganze Leerheit in dem Höllenspiel:
-“Ich schuf’s — der kluge Mann ließ sich bethören,
-“In Teufelsangst rennt er durch Feld und Wald,
-“Ich lass’ ihn unbesorgt gewähren:
-“Es ruft mich doch sein holdes Liebchen bald.
-“Und wär’ ich auf viel tausend Stunde,
-“Es zöge mich unwiderstehlich hin,
-“Er küsset mich von ihrem Munde,
-“In jedem Pulsschlag fühlt er mich erglühn.”
-Er sprach in seinem Höllengrimme
-Die Worte mit erhobner Stimme.
-Und wie er auf und nieder keucht,
-Flackert die Kerz’ vom Zug gescheucht.
-———
-Im dämmerlichen, wilden Eichenwald,
-Sitzt Faustus bei der schlafenden Diane,
-Und wie’s im Baume mächtig rauscht und hallt,
-So rauscht’s und hallt’s im nahen Oceane.
- Tiefstummen Schlafes schläft das schöne Kind,
-Kein Traum pulsirt das Blut in ihre Wangen,
-Des Lides Schleier, der ihr Aug’ umspinnt,
-Zuckt nicht verrathend Hassen oder Hangen.
- Und wie vom Schlafe so entseelt sie ruht,
-Ganz regungslos und ohne Lebenszeichen,
-So scheint auch Faust ein Mann ohn Hauch und Blut
-Und er wie sie, sie ähneln zween Leichen.
-      So starr blickt er ihr in das Angesicht,
-So hält er fest umspannet ihre Hände,
-Lebendig wankt im schwanken Dämmerlicht,
-Um sie ihr Schatten hurtig und behende.
-
-Mephisto kommt, der Höllenbrand,
-Ein lohes Fackelstümpflein in der Hand,
-Naht er sich aus des Waldes tiefstem Grunde,
-Und Hohn und Spott verzerret seinen Mund.
-Als wenn man trocknes Reiserholz zerbricht,
-So knackt sein Schritt: “o du wortbrüch’ger Wicht,
-Was kommst du nicht, wenn ich dich mahne;
-Verdammt das schnöde Weibsgebild Diane!
-Um was erstachest du mein Leiblingsthier,
-Das ich zum Ritt gesendet dir!
-Jetzt eile nur, sie werden ungeduldig,
-Du bist es mir, bist es den andern schuldig!
-Ich habe viel, gar viel bei dir zu gut;
-Quält’ ich dich je um einen Tropfen Blut?
-Nicht einen Buchstab und kein Blatt Papier,
-Verlangt’ ich je zur Sicherheit von dir!
-Um all’ den amüsanten Zeitvertreib,
-Ist dir kein Haar gekränkt an deinem Leib!
-Jetzt aber brauch ich dies, und brauch noch mehr,
-Du zögre nicht, sie peinigen mich sehr!
-Bald bring ich wieder auf die Erde dich;
-Du bist wie sonst, verliebt und liederlich.
-Faust hört ihn an in glüh’nder Herzensqual,
-Wie schläft die Dirn’, sein schönes Bettgemahl!
-“Bis sie erwacht, laß mich, ein Abschiedswort
-Von ihr, dann will ich, wie du forderst fort!”
-“Du ruhest nicht, als bis ich zornig werde,”
-Sagt der mit einer häßlichen Geberde,
-“Küss’ sie ins Teufelsnamen noch einmal,
-Dann komm’, und sei mir nicht zu Hohn und Qual!”
-      Wie sie nun gehn, erwacht Diane,
-Und sieht den Teufel mit dem glimmen Spahne,
-An seinem Arme den geliebten Mann,
-Um den sie so viel Sündliches begann.
-Sie zweifelt noch, ihr Aug vom Schlaf verwirret
-Beredt sie nicht, daß sie sich nicht geirret;
-Sie sammelt sich, dann springt sie plötzlich auf,
-Und stürzet hin in wahnsinnsraschem Lauf.
-Wie ihr es dünkt, so eilen nicht die beiden,
-Gemess’nen Schritts durchwandeln sie die Haiden,
-Doch mag Diane jagen, daß sie sinkt,
-Nicht naht sie dem, der ruhig vor ihr hinkt. —
-Ihr Busen klopft, und ihre Pulse tosen,
-Dem Kranz im Haar entrollen Band und Rosen,
-Der Athem keucht, vertrocknet ist ihr Mond,
-Oft fällt sie hin und schlägt die Stirne wund.
- Gekommen sind sie zu den tiefsten Gründen,
-Des finstern Waldes, in häßlichen Gewinden,
-Verfaulet hier ein ungeheurer Moor,
-Darin sich schon manch Menschenkind verlor.
-Hier war es grausenhaft und fürchterlich,
-Daß Sterblichen der Lebensmuth entwich,
-Wie auf des Oceanes Abgrund-Riffen
-Die Schreckniß wohnt, von Menschen unbegriffen.
-Der Schauderhaufen von geschwollnen Leichen,
-Verfall’n den Mächtigsten in diesen Reichen,
-Noch namenloser Ungeheuer Spiel,
-Ein zauberhaftes, schreckliches Gewühl:
-So starren hier in greller Irrlicht Scheine,
-Viel weiße, dürre, menschliche Gebeine,
-Zerrupft Gefieder treibt im nächt’gen Wind,
-Im Moor verwest der Balg von Schaaf und Rind.
-Wie bieget sich als unter Steingewicht
-Der Eichenast, der fast zu Boden bricht;
-So sitzt auf ihm in schwarzen, finstern Schaaren
-Der wüste Hauf von Geiern und von Aaren.
-      Die beiden gehn gelassnen Schrittes hin,
-Noch siehet man Mephistos Fackel glühn.
-Um diesen Brand viel Irrwisch fliegen
-In unabsehbar langen Feuerzügen;
-Um ihre Kön’gin schwärmen so die Bienen,
-Ergötzend sich am Sonnenschein im Grünen.
-Diana schauert, wilder Wahnsinn sprüht
-Aus ihrem Aug’ die Stirne klopft und glüht.
-Noch stürzt sie fort, den Boden kaum sie streift,
-Von ihrem Haare schauerlich umschweift.
-Mit hoch erhobnem Arm am Meeresrand
-Sinkt sie hin und stirbt, laut lacht der Höllenbrand
-Mephisto, daß es durch die Eichen gellt,
-Drauf er mit Faust sich in die Wolken schnellt.
-———
-      Und wie sie schweben, brauset hinterdran
-Der alte Sturm, der zornesmüth’ge Mann,
-Emporgetauchet aus dem Grund der Eichen,
-Die düster bebend von einander weichen.
-Wie schüttelt er das ries’ge Wolkenheer,
-Und jagt sie närrisch in die Kreuz und Queer,
-Zerraufend sie, wie man ein Tuch zerreißt,
-Der arme Faustus und sein böser Geist,
-Sind ganz in dumpfe Nebel eingehüllet,
-Und dunkler Thau aus ihren Haaren quillet.
-“Mephisto” braust der Sturm: “geh nicht so schnell
-“Du weißt, heut komm’ ich mit an Ort und Stell.”
-“So komm nur, komm!” entgegnet der: “und eil,
-“Wie ichs gesagt, heut kriegst du auch dein Theil.”
-Wie tostt’s im Meer, ob dem sie grade schweben,
-Als solche Antwort er dem Sturm gegeben;
-Wie brandet’s weiß am Strand, dem klippenreichen,
-Als wär’ es Schimmer von viel tausend Leichen.
-———
-      In dumpfer, melanchol’scher Regennacht,
-Steht schauerlich das Haus Sanktae Marie,
-In seiner Schwermuth mitternächtger Pracht,
-Am Waldesstrome die Anatomie. —
-Wie rauscht es zum Entsetzen öd’ und bang
-Hinauf, hinab, den langen Bogengang:
-Und was da wirbelt, in des Zuges Spiel
-Hinauf, hinab, ein schwirrendes Gewühl!
-Der schöne Engel, der geglänzt im Bilde,
-Der hehren Weihnacht süßer Himmelsmilde
-Der sich geneigt dem schönen Jesuskinde
-Als wüster Fetzen flattert er im Winde,
-Wie ein lichtscheuer Schmetterling der Nacht
-Sich hurtig wirbelnd in der wilden Jagd.
-Und an der Säule hängt der leere Rahmen,
-Erwünscht den Fledermäusen, die erlahmen.
-———
-      Wie nun in dieser Nacht vom schwarzen Thurme
-Der zwölften Stunde hohler Klang verschollen
-Ferne verhallend in dem Waldessturme.
- Was schleicht da durch die Wolken ob der Eichen,
-So matt und sacht, als wie ein Zug von Todten,
-Die aus dem Grab um diese Stund’ entweichen!
- Faust ist es, welcher wallet in der Mitte
-Zur Zeit geneigt das bleiche Angesicht,
-Verloschnen Aug’s mit todtenmattem Schritte.
- Geführt von zween häßlichen Gesellen
-Welche den schwachen an der Achsel stützen.
-Sie haben Mäntel um aus rothen Fellen.
- So nähern sie sich in trübseel’gem Schleichen
-Hoch wandelnd in dem Sturme in den Wolken,
-Und wie sie wandeln, beugen sich die Eichen.
- Zum Klosterhofe steigen sie hernieder
-Und in der weißen Nische am Gewölbe,
-Da lassen sie den armen Faustum nieder,
- Und aufwärts steigen wieder sie geschwinde
-Und Hand in Hand sind sie im Sturm entschwunden,
-Die grasse, wilde Bettelbrut der Sünde.
- Allein sitzt Faust im dumpfen Hofesraume.
-In schweren Schlaf ist seine Seel’ versunken,
-Ersinnend kein Gebild zum Schauertraume.
- Also verrauschet eine finstre Stunde
-Der bleiche Mensch schläft in der Bogennische
-Der Regensturmwind braust im Waldesgrunde.
- Da naht Mephisto aus der dunklen Weite,
-Er lacht dem Schläfer spöttisch ins Gesichte.
-“Das also, spricht er, war zu viel Dir heute!
- Und doch hab’ ich noch wohl für Dich gestritten,
-Manch lüstern Höllenweib schlng ich zu Boden,
-Doch bei dem alten Sturmwind half kein Bitten.
- Doch nun vergiß das Galgennest die Hölle,
-Deine Natur ist gut, dein Puls ist stark,
-Bald wird’s vor Hirn und Augen wieder helle.
- Ich weiß für Dich die herrlichste Blondine,
-So was ist Dir noch nicht zu Theil geworden,
-Fern an des deutschen Meeres rauher Düne.
- Du freutest Dich bisher an schwarzen Dirnen.
-An Welschlands dunkelfarbigem Geschlechte,
-Versuch’ es nun einmal mit schnee’gen Stirnen.
- O die ist schön! so recht für Dich mein Junge!”
-Mephisto beugt zu seinem Ohr sich nieder,
-Und schwatzt und schwatzt mit sturmgeschwinder Zunge.
- Daß Fausti todtenbleiche Mange glühet.
-Der Busen tönt in wildem Herzenschlage,
-Zu üppigem Lächeln sich der Mund verziehet
- Und wie der Sturm enthüllt das Mondgesichte.
-Da wandeln schon sie in der weiten Ferne
-Im lauten Wald, im Schatten und im Lichte.
-Am Ocean
-Sie stehn am Meer dem sturmzerrissnen wilden,
-Dess’ Wogen sich zu gräulichen Gebilden
-Verzerrn, zu schwermuthsvollen finstern Fratzen,
-Ein wildes Heer von brunstentflammten Katzen. —
-Und wieder strahlt der Mond in falbem Licht,
-Ein abgezehrtes kränkelndes Gesicht,
-Der gern erscheint die Nacht da Faustus irrt,
-durch Wald und Dün’ mit seinem Seelenhirt.
-Der wilde Sturm hat endlich ausgebraus’t,
-Die krampfig fesgeballte Riesenfaust,
-Von Wog’ und Wolke löst sich allgemach.
-Unheil die Schlang’ die ihren Nerven stach,
-Enteilt zur finstern Fern’ in langen Ringen,
-Die weit sich mit der Nebelnacht verschlingen.
-      Faust athmet kaum, er stiert ins Element,
-Darin er seines Lebens Bild erkennt.
-Wie Unheil der gewaltge Drach
-Die Spiegelfluth der See durchbrach,
-Daß sie am Fels verspritzt, verschäumt,
-Hyänenhaft emporgebäumt,
-Sich selbst zerriß, die klar und licht
-Des Himmels Gluth, des Mondes Licht
-Im Schoß empfing: nun wild zertrümmert,
-Laut heulend ihren Schmerz verwimmert:
-So war durch seines Herzens helle Fluth,
-Unheil gerast in Bachanal’scher Wuth,
-Und hat an ödem Strande sie verspritzt,
-Des Himmels Bild zerworfen und zerritzt.
-      Im Mondenlicht das glüh’nder jetzt erstrahlt,
-Des Faustus Bildung in der See sich malt,
-Zu ihr gepaart die von dem Seelenhirt
-Der dumpf und schläfrig auf den Boden stiert.
-Und auf der Düne liegt ihr finstrer Schatte,
-So lang als wie von Tod gestreckt: der matte
-Nachtwind weht durch ihr Mäntelein
-Und zerrt und zieht am schwarzen Wiederschein.
-Faust ist so bleich: die Stirne hochgewölbt,
-So klar und hell ist nun verwelkt, vergelbt,
-Von einer tiefen Falte schwer durchzogen
-Hoch über seiner Augenbraunen Bogen.
-Die hat das Ansehn ganz, die hat die Farbe
-Als ob sie eine wüste, tiefe Narbe.
-“Was sagtest Du, spricht er nach langem Schweigen
-Da er geblickt zum wüsten Wellenreigen:
-Was sagtest Du, schieb ich in diesen Sand,
-Zur Ebbezeit: “hier Doctor Faustus stand,
-Der sich mit seiner Seele Seeligkeit
-Dem allerbesten Teufel hat geweiht;”
-Oder gleich in dem sonderen Idiom
-Das mit Gewicht der Prister spricht zu Rom,
-Der heil’gen Sprache der vier Fakultäten
-Die wie gemacht zum Richten, Heilen, Beten,
-Zum andern Irrsal menschlichen Verstandes
-Im süßen Gaue dieses deutschen Landes.
-“Hoc stetit Doctor Faustus littore
-Qui sese pro aeterno tempore
-Addicavit malo diabolo
-Cum corpore divino animo.”
-Was sagtest Du, braust nun heran die Fluth
-Und läßt mir stehn das Stücklein Uebermuth,
-Und steh’ts so ewig, weckt wie ein Gerippe
-Ein Stoßgebet auf jedes Schiffers Lippe; —
-Wenn hier die Wog’ als schwebt sie über Gründen
-Deren Boden unermessen nicht zu finden
-In ew’gem, wahnsinnsraschen Kreis sich dreht,
-So daß mir nie die grasse Schrift verweht.
-Hier steht im Sonnen: steht im Mondenschein
-Was ich gezeichnet in den Flugsand ein.
-Die Striche flöh’ das Meergevögel
-Und mehr als Fels verscheuchten sie ein Segel!”
-“O Thor” sagt der “hörst Du nur meine Lehren
-Sie mir im Mund willkührlich umzukehren.
-Ihr tolles Volk begehet keinen Mord
-Ohn daß ihr meint, es tob’ dazu der Nord
-Ihr möget nicht erröthen, nicht erbleichen,
-Ohn’ daß der Wang’ die Himmel sich euch gleichen. —
-Nicht schreib Du’s in den trocknen flücht’gen Sand,
-Daß seinen Freund im Teufel Faustus fand
-Actz’ Du’s in einen Eichenstamm auf’s Mark,
-Natur bedeckt’s: sie ist so gut und stark:
-Umspülend es mit frischem, kräft’gem Saft,
-Der Narben bald der scharfen Wunde schafft.
-Nicht schreib Dus in den irren, losen Sand,
-Hier wußt’ dem Bösen Faust nicht Widerstand
-Schreib’s mit dem Meissel in den Felsen dort,
-Und Regen, Wog’ verlöschen Dir das Wort.
-Und klingt’s auch der Philisterinn
-Wie Grabesschrift in seinem Frevelsinn,
-Sie schont es drum nicht mehr als die Millionen
-So sie verlöscht im Laufe der Aeonen.
-Ihr Moos hüpft gern auf einen Leichenstein
-Und ranket sich wie an dem Holzspalier,
-An solche Schrift: voll edeler Begier
-Zernagt mit Luft der Wurm das Todtenbein.
-An euers Leibes schmerzlicher Verkohlung
-Sich sättigend, in eigensinn’gem Hohn,
-Ersteht sie jung in ew’ger Wiederholung,
-Streng fesselnd euch in sklavenhafter Frohn;
-Verflucht dies eigennütz’ge schlechte Weib,
-Das eurer Seel geboten solchen Leib.
-Ich aber ruf’ ins Meer, ruf’ himmelan,
-Erlöser ist, und bleibet euch Satan!
-Der tollen Rausch durch dies Geäder hetzt:
-Und euch belehrt wie ihr euch widersetzt.”
-Faust hört das Wort: doch weiß er nicht,
-Sprach er dies selbst, sprachs sein Begleiter,
-Der seelenlose Höllenwicht.
-Die Woge klingt es fort und fort und weiter
-      Es tropft der Mond ins Meer um diese Stunde:
-So roth und schwer wie Blut aus einer Wunde:
-Geschmolzen Gold, das in der Menschen Sinn
-Den unersättlichen, Gebieterinn
-Die siegesreiche Königinn Schwermuth träuft,
-Den nimmer satten in den Tod ersäuft.
-Mephisto schweigt: auf glimmer Wog’ im West.
-Hintreibt ein Wrack: ein dunkler, kleiner Rest
-Dem dürren Blatt vergleichbar, das zernagt,
-In wüstem Wind auf öden Fluren jagt.
-Schön Hertha
-Faust wandelt auf und ab im Corridor:
-In prachtvoll mondeslichter Abendstunde:
-Des Nordmeers Stimme schlägt zu seinem Ohr
-Und still und zärtlich seufzt’s aus seinem Munde,
-Sein Blick ist friedlich, seine Stirne rein,
-Das Haar geregelt, neu sein Mäntelein;
-Die blankste Feder wallt vom sammtbarette,
-Und um das Wamms hangt eine goldne Kette.
-Die felsumgränzte helle Meeresbay
-Strahlt ihm in wunderhellem Wiederscheine
-Das Trümmerschloß erhöht so keck und frei,
-Auf starrer Felsen schwarz bemoostem Steine.
-Und wie der volle Mond dann höher wallt,
-Und statt der zarten goldnen Lichtgestalt,
-Die in dem Meeresgrund sich sanft gewiegt,
-Der wüste Schatten trübe niederkriecht!
-Faust schauert in der Einsamkeit
-Da hoch und höher sich sein Busen hebet.
-Er hört ihr Klingen das ihn oft erfreut
-Dies ernste Säuseln, wies sein Ohr umbebet.
-Was tönet dieser Laut der trüben Nacht,
-Dies Fächeln wie von vielen, vielen Zweigen,
-O unbegriffen und unausgedacht,
-Dies schwirre Plaudern in dem tiefsten Schweigen.
-Es ist kein stürmisch Herze das so schlägt
-Nicht Meer nicht Baum vom Nachtwind aufgeregt.
-Es ist kein Lispeln einer scheuen Lippe,
-Kein schrecklich Zittern wachender Gerippe.
-Allein den Geist versetzt dies dunkle Schwirren,
-In eben solche räthselhafte Wirren
-Und es versenkt in bängliche Gefühle,
-Gleich wie der Wellen und der Zweige Spiele.
-      Da winkt’s ihm durch der Scheiben rundes Glas,
-Mephisto steht auf einem spitzen Stein
-Der dürre Wicht so häßlich und so graß
-Und murmelt heiser: “jetzo geh’ hinein!”
-Faust sieht der zween Finger dürre Knochen
-Die ihm so altverständig lüstern winken:
-Er fühlet bänglich seinen Busen pochen,
-Und seine Keckheit scheint ihm zu entsinken.
-Doch schreitet er mit Fassung Sitt’ und Ziere
-Gesetzten Schrittes auf die nächste Thüre.
-Drin sitzt am rauhen Tische von Basalt,
-Bei dumpfen Lämplein eine Weibsgestalt
-Ein bleiches Wesen, hager, knochendürr
-So still und starr, als hätt’ es keine Seele,
-Das blonde Haar zerrupft und schrecklich wirr,
-Das blöde Aug’ in tiefer, finstrer Höhle.
-Die Wang’ ist dürr und blässer als der Tod,
-Die blut’ge Lippe färbt den Busen roth.
-Und wie sie in das trübe Flämmchen schauet,
-Und an den trocknen Spindelfingern kauet,
-Murrt sie in kläglich jammervollem Laut
-Schwer aus dem tiefsten Busen: “Braut!”
-Dann küßt sie heftig die verdorrte Hand,
-Und zuckt es in der Leuchte trübem Brand,
-Vor ihrem Hauch, dann schreckt sie wild zusammen,
-Und wirft sich wüthend auf den kalten Boden,
-Flucht grasse Flüche, die der Höll’ entstammen,
-Und reißt und fetzt vom Leib’ die schwarzen Loden.
-      Und als verlosch das Lämpelein
-Traf sie wie Blitz der Vollmondschein.
-Da tobt sie noch unmenschlicher, und wilder,
-Was sah in diesem Licht ihr Geist für Bilder
-Die noch vor Menschenauge nicht geschwebt,
-Bis sie erstarrt zur grausen Leich entstellt,
-Ganz wie man auf dem Kirchhof sie begräbt,
-Ein schrecklich Unding auf den Boden fällt.
-Faust sah mit starrem Blick das wilde Spiel.
-Es fesselt ihn, einschläfernd sein Gefühl,
-Und sein Besinnen, doch wie er erwacht,
-Erfaßt’s ihn selber mit des Wahnsinns Macht,
-Er stürzt hinaus als Hertha eben,
-Der arme, bleiche, nackte Wurm,
-Gepeitscht von ihres Wahnes Sturm
-Emporstieg an des Fensters Eisenstäben.
-Hin zu Mephisto, der an weicher Düne sitzt
-Und seinen Kopf im Arme schläfrig stützt.
-“Verfluchtes Thier, ruft er zum Feinde Gottes
-Was machst Du mich zum Spielwerk deines Spottes?
-Was machst Du mich zu dem wahnsinn’gen Kinde
-Verheitzend mir des Himmels Seeligkeit
-Da ich ein arm, unglücklich Scheusal finde
-Zerknickt Gott weiß! von welchem Herzeleid!
-      “Ihr hattet ich so baar und kahl gemacht,
-Ich war so todtenmatt und dumpf befangen!
-Du Teufel hast Dir’s wieder angefacht
-Das dir gehorchet dieses Gluthverlangen.
-Was ließt du’s nicht als eine Leiche,
-Wie es in meinem Busen lag begraben,
-Nun wars nicht klug, da ich die Hand dir reiche
-Also mich jetzt zum Narrn zu haben!
-Einen kurzen Sonnenblick von Illusion,
-Ein Blumenbett an dem Abgrunde,
-Wohl noch einmal verdient ich schon,
-Von Dir dem widerspenst’gen Hunde!”
-Wie so er sprach, steigt an dem Eisenstab
-Die arme bleiche Hertha auf und ab.
-Sie regt sich sacht’ als ob im süßen Traume
-Sie schweb’ am Zweig vom Lebensbaume,
-Daran die schönsten Früchte lächeln,
-Deß’ Blätter seelig sie umfacheln.
-Wem der Gedank’ in stillem Kreis sich regt,
-Wem Tag auf Tag gleichsinnig sich bewegt
-Von keinem Leid und Gram gerührt,
-Von keinen Wonnen exaltirt
-Der ahnet nichts von solchen unermess’nen
-Abgründen, in dem felsenfesten Herzen:
-In welche die zerrung’nen und zerfreßnen,
-Gefühle, schneidend wilde, bange Schmerzen,
-Herniederzieh’n in ihre Todtenhöhle
-Das Ich, den heil’gen Götterhauch der Seele.
-Ein dumpfes Echo nur darf noch erklingen
-Im Grunde liegt es mit gebrochnen Schwingen. —
-      Mephisto der sich kurz besinnt,
-Zu dem erzürnten Doktor so beginnt:
-“Thu mir’s zur Liebe, sei nicht böse!
-Von solchen Kleinigkeiten kein Getöse.
-Es thut mir leid ich habe Dich gequält!
-Mich trifft nicht Schuld, wenn das Gedächtniß fehlt.
-Ich irrte mich blos um ein halbes Jahr
-Da war beim Teufel Alles wahr,
-Was gestern ich Dir an der Magd gelobt,
-Die dorten so gar unverständig tobt!
-Der Satan hol’s, vergaß ich’s eben
-Zween Prinzen hatt’ ich sie zum Bräutlein schon gegeben.
-Dem Prinz von Wales, und dem von Turindur,
-Zween Herrn wie sie zu wünschen nur!
-Doch bis nur still — schau nicht so kummervoll
-Wir finden wohl noch eine die nicht toll!
-Ein holdes Täubchen soll Dir nicht entgehn.
-Ich weiß schon was, — — doch laß mich’s noch bedenken,
-Und sollt ein Fürstenkind zum Teufel gehn,
-Glück auf! Dir Faust und Deinen Liebesschwänken!”
-Die alten Zecher
-Wie sie vorübergehn am Meeresschlosse,
-Schaun sie ins Fenster in dem Erdgeschosse.
-Es ist erhellt, vom gothischen Oval
-Liegt schwanken Lichts der helle Wiederstrahl,
-Auf schönen, langgestreckten Wellen,
-Die brüllend an dem Felsenrand zerschellen.
-Von drinnen braust ein gleich gewaltig Lärmen,
-Als wie von Zechern, die beim Glase schwärmen
-Ihr Singsang tobt so brüllend laut
-Als wie die tolle Sturmesbraut,
-Wie Wellen wild entsetzlich klingt,
-Wenn in den Händen ein Pokal zerspringt.
-Die übernächt’gen, wüsten Schlemmer waren
-Drei dürre Greise mit schneeweißen Haaren!
-Sie füll’n das Glas aus hohem schwarzem Krug,
-Und zechen frisch und wacker Zug um Zug.
-Die Stirne schwillt, das Auge glüht und stieret.
-Und bubenhaft die Zung extravagiret.
-Der Teufel spricht: hörst du, so hab’ ichs gern
-Das sind Gesellen von meinem Schlag und Kern,
-Die so versaufen ihren Herzensgram,
-Die bittre Reu’ die tiefgefühlte Schaam.
-Solchen allein kann ich’s nach Wunsche machen,
-Sie würden mich verhöhnen und verlachen,
-Wenn ich sie nicht nach bester Möglichkeit
-Bedacht mit Sorg’ und schwerem Herzeleid!
-Für sie ist das nur Anlaß zur Erquickung,
-Bei eines Bechers toll erschall’ndem Lärm,
-“O Himmel! Himmel! welche finstre Schickung!
-Schrein sie: o Trost! gießt Wein mir ins Gedärm!
-Was thäten sie die lange, lange Zeit,
-Hetzt’ ich sie nicht zu Luft und Heiterkeit.
-Die Welt wünscht drum sie noch nicht zu den Teufeln.
-Sie thun: so heißt’s damit sie nicht verzweifeln.
-Sich, jene schmale, trockene Gestalt,
-Die an die graue Säule sich gesetzt!
-Horch, wie die schwere Zunge säuisch lallt,
-Schau, wie er sich am süßen Safte letzt!
-Sieh die verdorrte, gelbe Runzelwange!
-Sein Schloß lag rechts dort an dem Felsenhange,
-Es ist verbrannt und liegt in Asch’ und Staub,
-Sein Sohn durchschweist Gebirg’ und Moer auf Raub!
-Sein Weib ist Kupplerin, die Tochter Hur’!
-Bewunderst du die himmlische Natur?
-Und jener mit dem ausgezackten Bart,
-Der in das Glas mit stierer Wonne starrt:
-Dem auf der Stirn der Ader fast zerspringt.
-Und dessen Lippe tolle Rede klingt:
-Dem ward unlängst bei Hof das Schwerdt zerbrochen,
-Der Herzog hat kein Wort mit ihm gesprochen.
-Auf ewig ist befleckt sein alter Adel
-Vom alten Gothen stammend ohne Tadel!”
-Mephisto schweigt: er hat sich fast erhitzt
-Und sondern Glanz sein fahles Auge blitzt.
-Faust, der ihn gar gespannt gehört,
-Mit solchem Wort sich wieder zu ihm kehrt:
-“Nicht hast du mir erzählet von dem dritten
-Der zwischen beiden sitzet in der Mitten?”
-“Der, sagt Mephisto, mit der strupp’gen Stirn,
-Der sich die Hand zerschlug am scharfen Splitter,
-Der kleine Kerl ist Vater von der Dirn’
-Die dorten balancirt am Eisengitter,
-Wie ist das Thier von ganzer Seel’ vergnügt,
-Da ihn die Wuth des Rausches toll durchfliegt.
-Was schaust du mich so gar verzweifelt an?
-Ich geh hinein zu dem charmanten Mann!
-Du willst nicht mit! So bleib’ indeß hier draußen,
-Du hörst so gern das Sturm: und Wellenbrausen.
-Und find’st die Nacht am Meer so intressant,
-So warte hier ein wenig an dem Strand.
-Beschau des Mondes tief ergreifend Sinken
-Ich gehe blos hinein, um mal zu trinken.
-Sie leeren da ein Gläslein alt und gut,
-Und die Gesellschaft hat mein muntres Blut!”
-Er schlüpft sturmrasch durchs dunkele Portal,
-Unmenschlich wilder Lärm erdröhnt im Saal:
-“Auf du und du, auf ewiglich der deine!”
-Das leere Glas zerklirrt am Säulensteine.
-Gewalt’ger braus’t die Nacht, die Fluth,
-Der Mond versinkt in voller blut’ger Gluth,
-Faust nässt die Stirn in dunk’ler Welle
-Da ihm vor Aug’ und Sinne nicht gar helle.
-
-Paraklet
-
-Die Nacht ruht auf dem Tannenwald,
-Und schauerlich Gewölke wallt
-Wie flügellahme Raben todtenmatt,
-Dem Monde nach, der sich erhoben hat.
-Die schwarze Brut schleicht traurig, müd’ und schwer
-Ein unabsehbar langes, düstres Heer:
-Als müßten sie mit blutigem Gefieder,
-Von Zweig zu Zweige hüpfend sinken nieder:
-      Und Faustus liegt das Haupt in seiner Hand,
-An eines tiefen Waldsees moos’gem Rand:
-In dessen Wog’ die volle Mondesgluth
-Entzückend schönen Schimmers ruht:
-In dessen Wog’ der finstre Tannenbaum
-Den Schatten wirft in seinem wanken Traum.
-— — Und er erglüht in seinen Phantasien,
-Die ihm allmächtig durch den Busen fliehen,
-Der lindste Laut der geistervollen Nacht
-Gedanken in der regen Seele facht.
-— “Ich seh’ dich Schwermuth! ruft er ganz entzückt:
-Ans Herz der wunderschönen Nacht gedrückt.
-O himmlisch seid ihr liebliche Geschwister
-Die ihr bei dieser Bäum’ Geflüster
-In dieses See’s tiefdunkler Fluth
-Im Wiederglanz des Mondes schlummernd ruht.
-Von mir laßt Schläferinnen euch begrüßen,
-Laßt diesen Anblick meine Seel’ genießen:
-Ich sprach zu Euch so oft als nie,
-Ein Mensch in seiner Leiden Phantasie!”
-Die Woge wallt, die Tanne flüstert,
-Der Mond bald hell und bald verdüstert,
-Das wirre Spiel der Schattenschaar,
-So zahllos wie die Sterne war. — —
-      Wie kein verfinsternd Wolkenbild,
-Den blendend glimmen Mond verhüllt,
-Der als ein sinnverwirr’nder Zauberspiegel
-Hoch fluthet über Waldesgrund und Hügel,
-Als stumm die dürre Tanne steht
-Im starren See die Well’ nicht geht,
-Gleich war die Nacht so schweigend, so entbrannt,
-Auf immerdar und ewig festgebannt:
-Der hohe Mond so ewig klar,
-Ohn’ Regung und unwandelbar:
-“Nein, ruft er in den dunkeln, stummen See,
-Zu sanft schaut ihr für meinen kranken Busen,
-Für meines Herzens tief empfunden Weh,
-O Nacht! o Schwermuth! glichet ihr Medusen,
-Die mich erstarr’nd zu kaltem, wüsten Stein
-Vertrockneten die Adern im Gebein:
-Nicht wie ihr dorten so beseeligt ruht,
-In dieses Himmels nächt’ger Wiedergluth,
-Das schwarze Haar so schwesterlich verschlungen,
-Von euren Armen liebevoll umdrungen,
-Zartinnig Lipp’ an Lippe festgesaugt,
-Vom Athemzug die Stirne mild umhaucht,
-Nein! stürzt von Felsen blutig nieder,
-Verwachs’nes Zwillingspaar, das hassend ringt,
-Und seinen Arm so glatt als Schlang und Hyder
-Erstickend um der Schwester Nacken schlingt!
-Ich trag’ euch nicht in dieser Engelsmilde,
-Erscheinet mir in einem finstern Bilde!”
-      Und er springt auf, und in dem Mondesschein,
-Dringt in den Wald noch tiefer er hinein
-Durch wilden Busch, durch dorniges Geheg’,
-Bahnt ohne Rast er seinen finstern Weg.
-Sein Sinn verwildert und sein Haar wird wirre
-In dieser unermess’nen Waldesirre.
-Und wie er nun so lange fortgestürmt,
-Da Abends sich die rothe Wolke thürmt,
-Gelangt er an des Schauerwaldes Rand,
-In ein geöffnet wunderschönes Land:
-Ein Kloster steht auf milder Au,
-Ein Haus, zernagt vom Altersgrau:
-Am Wald ringsum nicht mehr die finstern Bäume,
-Die bebenden der dumpfsten Schwermuth Träume,
-Die in dem Sturm so herzerstickend wehn,
-In Windesstill’ so todtenschweigend stehn.
-Ein junger Wald von Weiden, Sycomoren,
-Umsäuselt sanft des Klosters Bau:
-Wie betend zu dem Herren, und der Frau
-Der Allbarmherzigen, die ihn geboren. —
-Wie neigen sie in stiller Andacht Feier,
-Des Gipfels Laub, als wär’s ein schwarzer Schleier,
-Wie sind sie von der Abendgluth umwallt,
-Als trüge Kerzen eine Bußgestalt:
-So steht der junge, milde Baum,
-Am wüsten, öden Waldessaum.
-Und dieses Kloster in der Abendsonne
-Erschimmerte wie in extat’scher Wonne:
-Es gleicht so weiß, und engelgleich
-Der Märtyrin, die welk und bleich
-Erblickt das grasse Opferfeuer,
-Entflammt vom Heidenungeheuer.
-Schon walln die Flammen immer gelber,
-“Bist du die Tochter Christi, hilf dir selber!”
-Und wie die Sonne, tiefer, dunkler Gluth
-Schon auf des fernsten Berges Gipfel ruht,
-Da ist sie wie der hehre Hochaltar,
-Umstellt von einer flamm’nden Rosenschaar:
-Hier spricht man heilig diese Märtyrin,
-Der bittern Leiden milde Dulderin:
-In Mondslicht, das drüben sich erhebt
-So weiß und bleich ihr Geist vorüberschwebt. —
-      Im Garten unter einer schlanken Weide
-Da saß ein Abt, im ersten, schwarzen Kleide.
-Ein wundermilder, hoher, greiser Mann,
-Der über einem alten Buche sann.
-— Faust war ergriffen, diese stille Milde
-Des schönen Greisen freut ihn.
-Nicht so las er, wenn er zum Steingebilde,
-Dem Götzen Flamm’n im Busen glühn,
-Bei seinem Buch erstarrend sich vergaß,
-Daß er wie Hyacinthus an der Quelle,
-Sein eigen Bild anstierend in der Welle
-Der Geisterfluth als eine Leiche saß.
-Gebietend den Gedanken, den Gestalten,
-Ein Engel Gottes schwebt der Geist des Alten.
-Die Mönche sang’n ein sanftes heiliges Lied,
-Den süßen Gruß: o salve Paraclete!
-Verglommen ist die Abendröthe
-In ferner Bäume dunkelem Gebiet. —
-———
- O salve sancte Paraclete
-O lux beata trinitas,
-Miraculosa unitas!
-Vos dulces angeli salvete!
-      Et o viri mysteriosi,
-Qui conspexistis gloriosi,
-Aeternum et sanctissimum
-In facie nostrum dominum.
-      Lux ecce cadit aurea,
-Portamus lilia nitida!
-Cantamus dulcia cantica,
-Dum surgit nox mirifica!
-      Plasmator! des, ut resistamus
-Malefico, et ut vincamus
-In tuam ipsam gloriam!
-Plasmator misericordiam!
-      O salve sancte Paraclete!
-O lux beata trinitas,
-Miraculosa unitas!
-Vos dulces angeli salvete!
-———
-      An diesem Abend zu der schönen Stunde
-Stehn Faustus und Mephisto hier beisammen,
-Und solch Gespräch ertönt aus ihrem Munde,
-Da dunkle Wolken um das Mondbild schwammen,
-Da in dem Schein des Klosters Fenster glühten,
-Als wären’s Blätter eines Buchs voll Mythen,
-Das für die Nacht in ernster Andacht Trieben
-Mit goldner Schrift der fromme Mond geschrieben.
-So redet Faust, sein Auge glüht begeistert,
-Und süße Wehmuth hat sich sein bemeistert.
-“O sage mir, hast du ihn je gesehn?
-Ihn, weicher jetzt mit seines Geistes Wehn,
-Als hört ich nie die Hölle und ihr Lied,
-Allmächtig, unabwendbar mich umflieht!
-— Die Wehmuth ist es, die mich so errettet,
-Und mich an ihn auf Augenblicke kettet! —
-Wie sahst du ihn, als welch elender Wurm,
-Verkrochst du dich vor seiner Stimme Sturm,
-In banger Dumpfheit, sie nicht zu verstehn?
-In welches Thal versenget und entblättert
-Verbargst du dich, von seinem Blick zerschmettert?
-Mephisto
-Wie schwatzest du gleich einem irren Pater
-So wenig als wie du sah ich des Weltalls Vater,
-Und wie bei euch auf der verdrehten Welt,
-Ist es damit im Höllenreich bestellt!
-Es geht von ihm, auch solche frost’ge Sag,
-Doch fragen gar zu wenig wir danach,
-Und ohne Macht ist der verschollne Klang,
-Der ausgesungne, echolose Sang.
-Faust
-Du sahst ihn nie! nie hat er seine Hand,
-Zerknickend dir um deinen Hals geschlungen,
-Sein Fuß trat nie dich in des Kraters Sand!
-Am Abgrund hat er nie mit dir gerungen?
-Mephisto
-Ich krieche kecklich durch die Erd’ und Hölle,
-Und hab’ mich nie an ihn gekehrt,
-So wenig als an eine Kirchenschwelle,
-Und niemals hat er meiner auch begehrt.
-Die alte gute Mutter Natur,
-Ich brauche sie gar oft als meine Hur’,
-Das wirst du wohl an ihren Gaben,
-Ohn’ sondre Müh’ empfunden haben. —
-      Er sprach’s und schwieg, darauf hub er wieder an:
-“Doch eins drängts mich dir noch zu sagen
-Von dem, was ich dir offenbaren kann,
-Der Rolle, die mir übertragen,
-Des ganzen Spiels bin ich oft herzlich müde,
-Und sehn’ mit Schmerzen mich nach Tod und Friede!
-Schwer ists verdammt, stets Humorist zu sein!
-Voll Tück und List und lust’gen Teufelei’n.
-Auch wird der Weinkrug einem leer zuweilen,
-Dann möcht’ ich gar wie alle schrein und heulen!
-— — Hätt ich die Macht, als der, der es erschuf,
-Hätt’ seines Armes Kraft mein Pferdehuf,
-Mich trieb es nicht blos zu zernagen,
-Als blöder Wurm, nein zu zerschlagen
-Die schlechte Welt mit einem Mal,
-Und zu vernichten Luft wie Qual.
-Jed’ Leben, jed’ Bewußtsein zu zerstören,
-Zuletzt Ihn und mich selbst wär mein Begehren!
-— So gut wie ihr hab ich oft meine Stunden,
-Wo ich die ganze Leerheit schwer empfunden!
-Was ist das nun sich mit ‘nem armen Herrn,
-Von Doktor, als wie Ihr, herumzuzerrn!
-Ich ließ euch gern in Gottes Namen gehn,
-Es ist mir Pflicht! mir Drang! ich kann nicht widerstehn!
-O sei verflucht! erbärmlich Hundeleben!
-Ich kann nicht mal wie ihr, dem Teufel mich ergeben!
-— Nennt mich ‘nen Hurensohn nennt mich ‘nen schlechten Affen,
-Ich sei nun, wer ich will, ich habe nicht geschaffen!
-Doch still, damit ich nicht aus dem Charakter falle!
-Und vorwärts, frisch in meiner Rolle!
-Eins nach dem andern, so erliegen Alle!
-Ist diesmal doch ein Faustus die Parole!”
-Das Elixir des Mönches
-Und der entschlummert an dem Waldesrand,
-Daran vorher er mit dem Bösen stand:
-Sein mattes Haupt lehnt an der Hangeweide,
-Allmächtig weht es in der tiefen Haide,
-Verklingend in die dumpfe, schwarze Ferne,
-Allmächtig strahlt der Mond, so wie die Sterne.
-Das Kloster liegt im sonnenhaften Schein,
-Gleich eines Engels heilig Fleisch und Bein.
-Da naht dem Schläfer an der schönen Weide
-Der ernste Greis im dunklen Klosterkleide.
-Wie Faust ihn in dem Garten heut erblickt,
-Der ihn im Buche lesend so entzückt.
-Gleich einem Geist mit himmlischem Gefieder,
-Schwebt er dahin, und beugt sich zu ihm nieder:
-“Nimm,” flüstert er, du armer, müder Knabe,
-Ich gebe dir das Beste, das ich habe
-Erlösen wird es dich, wird dich befrein,
-Und du wirst glücklich, dauert dein Bereun!
-Das, was du dir aus heißer Brust begehrt:
-Du hast’s! Triumph! es ist gewährt.
-Dein glühend Sehnen, dein allmächtig Bangen
-Dein Feuerwunsch, dein loderndes Verlangen!
-Von Stern zu Sterne mögen sie es hören:
-Faust ist ein Mensch! gestillt ist sein Begehren.
-Triumph! mein Sohn! ich legs in deine Hand,
-Leb wohl! es sprach der Alte und entschwand.
-Und jener hielt ein kleines dunkles Glas,
-Durchstrahlt von einem feuerfarbnem Naß.
-Er schaut es an verwundert und entzückt,
-Da ist er seinem Lager schnell entrückt.
-Und als ihm wiederkehret das Besinnen,
-Von seiner Stirn fühlt heißen Schweiß er rinnen.
-In öder Wildniß sieht er sich gebettet,
-Rings dürren Sand und Felsen starr verkettet.
-Hier war nicht Nacht, hier schimmerte kein Tag,
-Bleischwere Dämmrung auf der Oede lag.
-Es rauscht kein Laut von Woge, Baum und Strauch,
-Die Wolke scheint der wildsten Flamme Rauch,
-Und Faustus heißer Mund vertrocknet schier,
-Die Pulse pochen und sein Aug’ ist stier.
-Die Zunge gleicht dem dürren Blatt,
-Sein Athem keucht und röchelt todtenmatt.
-Da naht Mephisto schleppend mühsam schwer
-Die Centnerlast von einem Krug daher.
-Gebückter Brust, als trüg er tausend Ohm,
-Im Kruge gleich an einem ganzen Strom.
-Er lagert sich in einer Felsenspalt,
-Und löst den Pfropf, der gar ergötzlich knallt.
-Er zecht vergnügt, und trinkt sich satt und schwer,
-Und singt ein Lied, und tanzt im Kreis’ umher.
-“Gieb mir,” ächzt Faust in seiner Todesqual,
-“Du schlimmer Wicht, o gieb mir auch einmal!”
-“Dir,” sagt Mephisto “ich zu trinken dir,
-“Du lechzest noch nach einem Trunk von mir!
-“Und drückst ein Himmelskleinod an dein Herz;
-“Zu trinken dir! o treibe keinen Scherz!”
-Und wieder tanzt er lustig rings umher,
-Sein tolles Haupt wankt wüst und schwer.
-Und Faust verkommt in Todespein,
-Die Flamme wühlt zernagend durchs Gebein:
-Das Kleinod selbst glüht als ein Feuerbrand,
-In seiner welken und versengten Hand.
-“O! röchelt er in ärgster Qual und Angst:
-Mephisto nimm, o nimm, was du verlangst.”
-Rasch langt die dürre, scharfe Teufelstatz,
-Das Fläschen ihm von seinem Busenlatz.
-En reicht ihm den gewalt’gen schweren Krug,
-Der trinkt und trinkt in tiefem, tiefen Zug.
-Drauf schleudert er, in wilder Wuth entbrannt,
-Den großen Krug an eine Felsenwand.
-Hoch sprüßt empor der rothe dunkle Wein,
-Verzischend auf dem glühenden Gestein.
-Der Teufel stürmt von dannen wie besessen,
-Im Schlaf hat wieder Faustus sich vergessen.
-———
-      Wild schäumt in schwarzer Mitternacht das Meer,
-Die Wog zerollt am Strande lang und schwer,
-Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab,
-Gewaltig nahend schwankend auf und ab.
-Der Sturmwind keucht im dünnen, dürren Rohr,
-Und wiegt der müden Vögel schwarzen Chor.
-Mephisto aber wandelt an dem Strand,
-Des Mönches Fläschlein haltend in der Hand:
-Und wie die Well’ an öder Dün zerfließt,
-Ein Tröpflein er aufs schäum’ge Haupt ihr gießt.
-So lange, lange hat das Spiel gewährt,
-Bis langsam er das Gläslein ausgeleert. —
-Die Welle mächtig endlos rollt,
-Das Röhricht rauscht, der Sturmwind tollt.
-Drauf knieet er an einem schwarzen Stein,
-Zermalmt das Glas zu einem Pulver fein,
-Und bläst dann rasch mit seines Athems Braus
-In alle Welt den trocknen Staub hinaus. —
-Er triumphirt, er schwatzet laut und lacht;
-Entsetzlich wild ist solche Teufelsnacht. —
-Hoch schäumt das aufgeregte schwarze Meer,
-Die Wog’ zerrollt am Strande lang und schwer,
-Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab,
-Gewaltig nahend, schwankend auf und ab.
-———
-      Faust steht so traurig in der Nacht allein,
-Wo er entschlief, am dunkeln Waldesrain;
-Mephisto ist nicht bei ihm, doch er spricht,
-Als säh er wohl das grinsende Gesicht;
-Sei’s in dem Mond, der in den Zweigen ruht,
-Sei’s in des Irrwisch’s feurigrother Gluth:
-“O höre! sagt er: “ich verdamme dich!
-Treff’ dich mein Fluch auf ewig, fürchterlich!
-Ich rief dich nicht, du kamst von selbst gegangen,
-Um mich, den irren Zweifeler, zu fangen!
-Ich gab mich dir! doch was gabst du dafür
-Nicht einer schönen Blume holde Zier!
-— Ein wild Gewühl von frevelnden Gestalten,
-Sah ich mir Aug’ und Sinn berückend walten!
-Ich stürzte hin in zehrendem Genießen,
-Da mich die Himmel spöttisch von sich stießen!
-Nicht drücktest du die Rose weiß wie Schwäne
-Mit ihrem Dorn, im bleichen Kelch die Thräne,
-Der Liebe Ros’, mir an die welke Brust,
-Daß mich’s entflammt zu menschlich reiner Luft,
-Daß ich verging in Sehnen und in Schmachten,
-Ein Sklav’ mich bückt gekränket im Verachten,
-Ein König mich erhob und triumphirt,
-Von der Erhörung Zauberrei; verführt. —
-Kein Tropfen Blut in solchen Liebeshadern
-Von solchem Dorn versprützt, entquoll den Adern!
-Um was allein war denn ich dir ergeben,
-So manches Jahr im wüsten Bubenleben?
-Um einen Wurm, den mit bemalten Flügeln
-Du ausgeschmückt, das Blut mir aufzuwiegeln,
-Um jenen Wurm bin ich dir nachgejagt,
-Der mir so lang das eigene Herz zernagt!
-Wie oft hat er in öder Mitternacht,
-Wenn ich das stille Lämplein angefacht,
-Durchstört der Kerze süßen, matten Schein,
-Der glüh’nden Seele lichte Träumerein:
-Mit seines halb zerrissnen Fittichs Trümmer,
-Vernichtet in und um mich jeden Schimmer!
-      Wie du mich bübisch so verlockt,
-Wovor in Luft und Lieb erglüht,
-Daß mir das Blut im Busen stockt,
-In Andacht still ich hingekniet;
-Wonach ich rang von Herzen inniglich,
-War ich erhört, ich fand’s so schlecht als mich!”
-So spricht er zu den närrischen Gesichtern
-Der wirren Nacht, den Schatten und den Lichtern
-Im finstern Busch, da rauscht’s wie im Triumphe
-“Noch nicht enttäuscht der arme, dumme, dumpfe!
-Noch schwebt vor seinen halb verloschn’n Blichen
-Der Sehnsucht Land, ein leuchtendes Entzücken!”
-Doch starren Blickes Faustus sieht,
-In das Gesicht: das durch die Fichten glüht,
-“Vergißt du,” flüsterts: “unsere Königsmaid,
-Schwarz Haar, blau Aug’ im goldgewebten Kleid!
-So was hast du noch nie erschaut,
-O Thor zur vielgeliebten Braut,
-Komm, eh’ der Morgen graut!”
-Die Stimm’ verklinget zischelnd im Gebüsch,
-Der Nachtwind wehet unbehaglich frisch.
-Das dürre Blatt reißt sich vom Zweige los,
-Und schwirret raschelnd in dem finstern Moos.
-Gleich solchem Blatt, durchschwirrt die Brust, die kranke
-Der liebeleere, düstere Gedanke,
-Die Menschenbrust, sich sehnend nach dem Tod.
-Nur lebend noch, weil Gott es ihr gebot:
-Wie fallen diese Blätter ohne Zahl,
-Von solcher Seele Baum, der trüb und fahl,
-Ohn’ seines Gleichen in der Welt zu haben,
-Dasteht ein Stamm, besat von finstern Raben!
-Wild weht der Sturm der öden Leidenschaft,
-Verschmähte Liebe trinkt den Herzenssaft!
-Wie schaut der Mann, der solche Seele hat,
-So gern, so stumm auf jedes gelbe Blatt,
-Das in dem Wald, im kalten Winde weht,
-Bis ihm die Thrän’ im finstern Aug’ zergeht.
-O süße Schwermuth, wie verlockst du mich,
-O dürres Blatt, wie schwirrst du wonniglich!
-Beim Schwanenwirth
-Drin in der Schenk’, d’ran sie vorübergehn,
-Braust frech und toll ein rasend Lustgedröhn.
-Es rauschet von der weinverstimmten Zunge,
-Ein wüstes Lied in fieberhaftem Schwunge.
-Beim flotten Wirth am Schwanengraben,
-Da dröhnt Musik, da wirbelt Tanz,
-Da greifen die heißen Mädel die Knaben,
-Beim Schwanenwirth am Unkengraben
-Da raschelt’s dürr im Jungfernkranz.
-Es heult der Sturm, der Regen fallt,
-An’s Fenster scharf, daß er ergellt.
-Und wie erschütternder der Wald erbraust,
-Da drinnen es gewaltiger ersaust.
-Wie hart die Schlossen an die Fenster schnalzen,
-Dreht frischer, in dem Saale sich das Walzen.
-“Siehst du” spricht der: das Volk da auf der Flur
-Wie’s gern zusammenklingt mit der Natur.
-Sie treiben gern solch’ fesselloses Schweifen
-Stößt sie in ihre tollsten, schrillsten Pfeifen.
-Trägt in die weite Ferne solche Rede
-Der Sturm ankeuchend aus der Waldesöde.
-Du glaubst es nicht, wie sehr es mir geneigt,
-Das Völkchen, das da drinnen wogt und reigt
-Was wetten wir, Doctoren nicht allein,
-Verschreiben sich den ew’gen Teufelein.
-Was wetten wir, in einer halben Stunde
-Sind insgesammt die drin mit mir im Bunde!
-Die roh’ste Leidenschaft nur brauch ich zu entzügeln,
-Daß gleich den ew’gen Packt sie untersiegeln.
-Nicht so viel Umschweif macht’s als mit Doctoren
-Davon für mich nur der und der geboren:
-Nicht kümmert hier das Wogen weißer Brüste,
-Nicht eines Mund’s versengendes Gelüste,
-Nicht rothe Rosen, süßes Gluthverlangen,
-Die in der Unschuld kühlem Schnee entsprangen.
-Mit diesen Kuben ohne Wiederhall
-Stürzt in den Arm mir gleich der ganze Schwall.
-Die Hoffnung auf Besitz das allgewalt’ge Locken,
-Macht diesem rohen Volk die tollen Pulse stocken.
-Vivat der Doktor der um den Genuß
-Verzücket schwimmt im raschen Höllenfluß!
-Mit diesen Kuben die man Würfel nennt,
-Die ganze Schaar mir in den Rachen rennt.
-Sie saugen fest und tief sich in mein Bein,
-Als hielt ich’s Egeln in den Teich hinein” —
-Faust höret ihn und auf der Schenke Bank,
-Gleich an der Thür in tiefen Schlaf er sank.
-In seinem Haar der nasse Sturmwind weht,
-Auf seiner Stirn der Regentropfe steht,
-Fern braust’s im Wald, die gelle Fidel leiert,
-Die Volke jagt von Ost nach West gesteuert,
-Wie’s in des Schläfers Traum so unerquicklich schwirrt,
-So hat’s die wilde Nacht entsetzensreich durchirrt.
-In seines Traumes Geist scheint sich der Sturm zu zeugen,
-Dess’ Wehn erdrückend schwer wiegt auf den Tannenzweigen.
-      Ein schreiend Volk stürzt aus des Hauses Thür
-Mit fahler Wang’ im Blicke stiere Gier:
-Die Augenhöhl’ so tief: Die wilden gelben Züge
-Krampfig verzerrt, Gefild zum Teufelssiege. —
-Der hält die Faust an die zerrissne Stirn,
-Der schlägt verzweifelt sich ans trunk’ne Hirn,
-Der nagt in stillem Ingrimm an dem Daume,
-Dem bleicht der Mund von weißem gift’gen Schaume.
-So ras’t das Volk; Mephisto hinterdran,
-Den Fußsteg lang, die sumpf’ge Wiesenbahn.
-Der Wald brüllt dumpf, das schwarze Ungeheuer.
-Noch tönt das alten Fiedelers Geleier,
-Des blinden Mann’s, der in dem wüsten Saal,
-Still sitzen blieb, bei diesem Mordscandal.
-Er geiget fort und fort die alte Melodei,
-Ohn’ Sorge wo die Schaar der Tänzer sei.
-In diesen mißgepaarten, üblen Tönen
-In dieser Klänge wild zerrung’ner Fluth,
-Ersteh’n ihm Ideale; alles Schönen,
-Urbild, wie es in seiner Seele ruht,
-Er spielet fort und fort, was ihn erhebt, erwärmt,
-Vergaß den Buben-Tert, der rings gelärmt
-Sein Seufzer ist es, seinem Schmerz enthoben,
-Nicht wie’s zum frechen Bubenwort verschoben.
-Jetzt lauscht er länger nicht der Heller Klang,
-Darauf gehorcht er ängstiglich und bang’;
-Wieviel des Volkes Generosität
-Ihm in den wettergelben Filz geweht,
-Er geiget fort, er denket nach und sinnt,
-Bis dem geschloss’nen Aug’ die Thrän’ entrinnt,
-Die sich darinn wie in aparter Welt
-Von eignem Jammer, schmerzlicher Idee
-Erzeugt, und auf die Wange niederfällt,
-Gelockt von dieser Töne stillem Weh.
-So tönt die ew’ge, melancholsche Klage,
-Die er verkauft zum frechen Festgelage,
-Noch lange fort an diesem wüsten Orte,
-Dieweil der Wind braust in die ofine Pforte.
-Dieweil der Staub in dicker schwarzer Schicht,
-Sich ringelt um der Ampel düstres Licht.
-      Und mit Mephiston kämpft um Hab’ und Gut,
-Im Grund das Volk mit der Verzweiflung Muth:
-Der steht und krächzt: “es ist verspielt verloren,
-Keck wie ein Fürst den reines Blut geboren.
-Es ist verspielt, so spricht er zu den Bauern,
-Die voll Betrübniß seh’n die üpp’gen Schauern,
-Es ist verspielt, so spricht er zu den Weibern,
-Verworren hingekniet mit nackten Leibern;
-Das harsche Wort, er spricht es zu den Kleinen,
-Die voller Schlaf ihm heiße Thränen weinen.
-Und wie die Bauern drauf mit harter Faust,
-Ihn schwer umsteh’n, daß ihm das Ohr ersaust:
-Da geht das Dorf in hellem Feuer auf,
-Mit lautem Jammer schauet es der Hauf.
-      Faust steht erschrocken von der Schenke Bank,
-Der Wirth, die Wirthin liegt im Schlaf schon lang,
-Um jener Leute Schicksal unbekümmert,
-Was ihr’s ist, in dem schweren Kasten schimmert:
-Drum steht das Wirthshaus immer so allein,
-Daß ihm kein Theil von seinen Teufelein.
-Laut heult des Volkes vielgemischter Chor,
-Hoch steht die Flamme in die Luft empor,
-Mephisto jauchzt, und Teufel, Nacht und Flamme,
-Umarmen sich, entsprossen einem Stamme.
-Faust blickt hinab in diesen Flammensee,
-Den Wogensturz von Armuth, Elend, Weh,
-Wie er heran sich wälzt ein Siegessturm,
-Wie er sich krümmt als ein zertretner Wurm.
-Das Wolkenbild in schleppendem Gewand
-Vorüberzieh’nd versengt sich in dem Brand.
-Es fliegt zur wilden Waldeseinsamkeit
-Mit tiefdurchglühtem, angebrannten Kleid.
-Und wen der Sturm der mächtig schürt,
-Den blutig rothen Brand entführt,
-Und ihn auf eine hag’re Fichte jagt,
-Da ist es rings so hell als wenn es tagt.
-Die Eule flattert knarrend schwer empor,
-Das Käuzlein mit dem scharfgespitzten Ohr
-Dem Teufel gleicht es in dem gelben Lichte,
-Das sich genistet auf der trocknen Fichte.
-Dann wie sie wild entsetzet höher fliegt,
-Daß um den Leib die Flammenwolke liegt,
-Der purpurröth’re, matt’re Wiederschein,
-Schaut sie wie ein verklärtes Engelein.
-So schwebt von Baum zu Baum der tolle Brand,
-So fliegt’s Gewölk im schimmernden Gewand:
-Und um sie Myriaden von Gestalten,
-Von dunkeln Vögeln finstern Hirngespinnsten,
-Ob diesen Bäumen die wie Wogen wallten,
-Ein toll Gemisch von Leben und von Dünsten.
-Wo nun zuletzt der Sturm die Brunst verhallt,
-Da machen die gespenst’gen Schaaren Halt.
-Und in des tiefsten Waldesthales Schweigen,
-Darin die schwarzen Aeste träumend beben,
-Erwecken sie zum Hassen und zum Neigen,
-Ein allgewaltig, mächtig, lautes Leben.
-Die Wolk’ verraucht, der Brand verlischt im Sumpf,
-Nicht mehr getragen von der Windesbraut.
-Die Eul’ verfällt in Schlaf so schwer und dumpf,
-Und wieder liegt der Wald ohn’ Ton noch Laut.
-Die Klosterchronik
-Auf jenes Buch in dem die Kunde steht
-Vom Doctor Faust und seinem Seelenhirten,
-Entschwebte von den Lippen manch’ Gebet:
- Geist Gottes auf den blitzzerriss’nen Wogen.
-Manch’ Kreuz in bangen Aengsten ward geschlagen,
-Auf die vergelbten und zerles’nen Bogen.
- Das las der Mönch in öder Dämmerstunde,
-Verstohlen hingekniet am Betaltare,
-Ein leiser Wind weht aus dem Eichengrunde.
- Die unermess’ne, wilde Sehnsuchts-Klage,
-Schwebt ungehört vor seinem todten Ohre,
-Dieweil sein Geist durchirrt des Buches Frage.
- Doch wie an seinem Trauen tief gekränket,
-In seiner Seel’ erstarrt, vor kaltem Schauer,
-Vom Buch den Blick zu seinem Gott er lenket:
- Zu seinem Gott, deß stummes Schmerzensbild,
-Bei dem er sich in Ewigkeit verschworen,
-Mit bleichem Arm die Bogennische füllt:
- Da öffnet sich sein abgestorben Ohr,
-Das ihm des Teufels wilder Fluch vergellte,
-Und er vernimmt den allgewalt’gen Chor.
- Und zu sich wall’n sieht er die finstern Schatten,
-Die langgedehnten, Alles was die Welt,
-Und die Natur ihm zu gewähren hatten:
- Von Bäumen, die die ew’ge Klage wimmern,
-Von Bäumen, so die schwanken Blätter zeugen,
-Um sie zu Staub und Asche zu zertrümmern.
- Und drüben steigt das lockende Gesicht,
-Der volle Mond auf des Gebirges Wipfel
-Ein Frauensbild in engelsklarem Licht.
- Das Zauberbild schmachtender Sinnlichkeit,
-Von Fels zu Felsen fliegt’s triumphend höher,
-Medusenkopf erstarr’nd zu süßem Leid.
- Wie spielen auf des Mönches blassen Zügen,
-Die schwärmerischen Lichter, dunkeln Schatten,
-Dazu die Thränen, die sich niederschmiegen. —
- Am Buch ist auch der schwarze Band verletzt,
-Als wie an einem harten Ding zerstoßen,
-Das glatte Leder mannigfach zerfetzt;
- Vielleicht, daß in dem Schädel er’s geborgen,
-Der in dem Mondschein liegt am runden Fenster,
-Wenn in den Chor er schritt am frühen Morgen.
- Vielleicht daß er’s im finstern Bogengange,
-Der sich Trepp’ auf Trepp’ ab verworren windet
-Hineilend zu der Brüder Nachtgesange
- Dem erz’nen Seraph in den Kelch geschoben,
-Dem riesenhaften, der den stillen Dulder
-Am Marterpfahl zur Labung aufgehoben. —
- Bei solchen Lesern, ist es leicht zu denken,
-Daß manches Blatt zerkniffen und zerrissen,
-Wie abgesung’ne Lieder in den Schenken.
- Doch wie bis hier es mit dem Faust gekommen,
-Da schon sein Flammenstern beginnt zu sinken,
-Hat sehr es mit den Kreuzen zugenommen.
- Manch’ halbes Blatt ist davon weggerieben,
-Als wär’ es angesengt mit rothem Eisen,
-Hier hat, so scheints, er’s gar zu toll getrieben,
- Hier stehen öft’re Spuren großer Thränen,
-Hier ist das Blatt zerpflückt mit krampf’gem Finger
-So hat den Mönch erschreckt sein trotzend Wähnen,
- Holzschnitte nur sind hier uns noch erhalten,
-Verzweifelt keck erfunden und gezeichnet,
-Und wimmelnd von entsetzlichen Gestalten.
- Noch lüsterner als auf den andern Seiten,
-Mit voll’rem Busen und mit wüst’rem Haare
-Die schönen Weiber um den Doctor schreiten.
- So die im Hemdchen, jene mit der Krone,
-Die blonde, wundersüße Königstochter
-Entschlafen auf dem goldenen Balkone.
-Am finstern See
-Als wie durch nächt’gen Zauber festgebannt,
-Steht regungslos und ohne Lebenszeichen
-Hier Faust an eines schwarzen See’s Rand.
- Der rings von finstern Felsen starr umwunden:
-An diese stoßen schwere, schwarze Wolken,
-In solcher düstern Nacht gewalt’gen Stunden.
- Doch mögen sich die grausen Schatten spalten
-An dieser Felsen frechen, festen Stirne,
-Mag über Haid’ und Flur der Sturmwind walten:
- Nicht trifft’s den See im schwarzen Felsengrunde,
-Ihn jagt kein Sturm, daß ihm die Wogen rollen,
-Er scheint nur mit der Unterwelt im Bunde. —
- Denn oftmals, da das Mondlicht freundlich lacht
-Und ihn durchglühet in die tiefsten Gründe,
-Wenn stumm der Sturm in milder Liebesnacht:
- Dann, dann beginnt’s sich in dem See zu regen,
-Dann schäumt die Wog’ in schreckenhafter Bildung:
-Ein einsam nächt’ges tobendes Bewegen!
- Und wie sie sich bis in die Wolken bäumt,
-Die wilde Fluth in trunkener Entzündung,
-Wie Berg und Thal toll durch einander schäumt,
- Ist sie auch schnell in wenigen Sekunden,
-Gleich einem Becher, der jäh ausgeleert,
-Bis auf den Grund in wildem Braus entschwunden.
- Und wie wenn sie zum Himmel aufgeschwollen
-Die Wellen gräßliche Gebilde zeugen,
-Die weißen Spitzen in einander rollen.
- So zeigt der Fluthen wunderlich Verschwinden
-Ein grass’ Gewimmel schrecklicher Gestalten,
-In diesen unermessnen Felsengründen.
- Der Schlangenproteus diese Räthselform;
-In wunderbar bizarrer Zwiegestaltung,
-Ganz abgewichen von der Schöpfung Form.
- Und andre viele seltene Gestalten,
-Die durch einander auf dem schwarzen Grunde
-Sich freundlich wirren, und sich feindlich spalten.
- Erstiegest du der Felsen steile Höh’
-Das hochgereckte, schwärzliche Gerüste,
-Daß dir zu Füßen liegt der dunkle See.
- Dann sahst du nichts, so weit dein Auge reichte,
-Als dürren Sand bis in die Wolkensterne,
-Der deinem Blick auch keinen Halmen zeigte.
- Nicht einer Fichte trauernde Figur,
-Nicht eines Schilfes winddurchsäuselt Rohr
-Kein armes Moos auf dieser todten Flur.
- Der Sturm, der hier entfesselt seine Zügel,
-Kein trocknes Blatt und keine dürre Nadel
-Trägt er auf seinem ungeduld’gen Flügel.
- Der trockne Staub ist hier der Blüthenschnee
-Die blüh’nden Bäume jene Felsensäulen;
-Getränket von dem schwarzen todten See.
- Und Wolken sind die Vögel die hier fliegen,
-Die schwarzen finstern geisterhaften Schaaren,
-Die sich in dieser Bäume Laub vergnügen.
- Versank dir, da du irrst auf solchem Raum,
-Allein in öder mitternächt’ger Stunde,
-Die bange Seel’ in einen stummen Traum:
- Dann scheint dir wohl im Phantasien-Tanze
-Wenn auf den Grund der See just ausgeflossen,
-In solchem Bild das schauerliche Ganze:
- Es ist die Hand die einem Becher hält,
-Der dem die Hand, er hat ihn ausgeleert,
-Daß er auch keinen Tropfen mehr enthält.
- Nun schleichet er, ein schmachtendes Gerippe,
-Noch immer schleppend jenen leeren Becher,
-doch wie auch dürstet seine dürre Lippe,
- Er kann ihn nicht mit einem Tropfen füllen:
-Ihn zu dem heißen gier’gen Mund zu führen
-Um den gewalt’gen Fieberdurst zu stillen.
- Schau hier, wie die fünf Furchen meilenlang
-Verlaufen diesen Felsensee umklammernd,
-Fünf krampf’ger Finger zuckend wilder Drang:
- Solch Gleichniß hätte Faustus wohl erkannt,
-Doch starr stand der am gräulichen Gestade,
-Als wie durch Höllenschwüre festgebannt. —
- Wie ob des todten Meers schwermüth’gen Wogen,
-Kein Vogel fliegt ohn’ daß er niedersinke,
-Vom giftgen Hauch erstickend angezogen:
- So stirbt in Faustus Seele jedes Bild,
-Das sonst verklärend seinem Gram erstanden,
-Durchstürmt er Fluren noch so öd’ und wild:
- Wär’s ihm vergönnt an Träumen sich zu weiden,
-Die angeglüht von flamm’ger Phantasie
-Umflatterten die Schwärme seiner Leiden.
- Er stehet auf des schroffen Vorsprungs Rand,
-Als einer der etwas hinabgeschleudert,
-Tief in den See vom schwarzen Felsenstrand.
- Noch ringelt sich ein riesenhafter Ring,
-Rings nach den Ufern wohl die einz’ge Regung,
-So diese Fluth von Menschenhand empfing.
- Und wie die ersten Ringe fast verwallt,
-Da bilden sich noch einmal klein’re Ringe,
-Hinrollend nach dem starren Strandbasalt.
- Und jedesmal durchschimmert es die Fluth,
-Als wie vom Roth der Gluthenabendsonne,
-Und jedesmal war es von Menschenblut:
- Das erstemal war es ein Mädchenleib
-Den er hinabgerollet in den See,
-Auf ihren Knieen lag das arme Weib:
- Die Hände streckt sie flehend ihm entgegen,
-Die bitten starr gefaltet um das Leben,
-Denn ihre Lippen kann sie nicht bewegen.
- Bleich ragen in die stumme, trübe Nacht,
-Von Fleisch und Beine die fünf Krucifixe,
-So starr als wie aus weißem Stein gemacht:
- Doch er ergriff die Schneide, die Satan,
-Sorgsamer Bursch’, ihm in den Gürtel steckte:
-Wild rollt sein Aug’, laut knirscht er mit dem Zahn:
- Laut pocht sein Herz, als donnert es Triumph,
-Daß dieser Geist begehe blut’gen Frevel,
-Wie schlägt es an die Rippen höhnisch dumpf:
- Als ob es spräch’ nun hab’ ich’s bald errungen,
-Daß ich der dunkle Sklave mich befreie,
-In dieses Geistes schweren Dienst gezwungen.
- Daß ich erhole mich von solchem Werke,
-Drin ich gehorcht so viele Stunden, Tage,
-Arbeitend bald mit Schwäche, bald mit Stärke.
- So spricht das Herz: und als ein Hochverräther
-Zieht strammer es die rothen wirren Schnüre,
-Die seinem Herrn gelegt der Uebelthäter.
- Das Aug’ steht still: auf einen Punkt gerichtet,
-Schaut’s unverwendlich fest und starr hernieder,
-Durchzuckt von einem Strahle der vernichtet;
- Und wie in ihm die finstre Gluth sich facht:
-So schwell’n auf seiner Stirn die dunklen Adern
-So wird’s in seiner Seele stumme Nacht;
- Das Mägdlein sinket auf den schwarzen Stein,
-Kein weh, kein Ach ertönt aus ihrem Munde
-Es dehnet sich und reckt sich das Gebein:
- Das Blut still rieselnd fließet aus der Munde,
-Die sich am Halse weit und klaffend öffnet,
-Schwer ist und schaurig diese nächt’ge Stunde:
- Dann schleudert er noch in des Zornes Gluth
-Das arme rasch verblutende Geschöpf
-Zuerst hinnieder in die schwarze Fluth.
- Und dann wie schon der Busen sich ihm engt,
-Von schreckenhafter wilder Qual bestürmet,
-Die Lippe von dem Athem schier versengt.
- Da schleudert er das Messer in die Fluth,
-Und beidemal glimmt’s wie vom Sonnenroth
-Und beidemal war es vom Menschenblut.
- “Ich morde dich, so rufet der Verruchte
-Weil ich dich liebe, wie ich nie noch liebte
-Und mehr als lieben sollte der Verfluchte,
- Und da ich meinen Wankelmuth wohl kenne,
-Daß ich so irr’ von der zu jener schwanke,
-Weil ich im Teufel für euch alle brenne,
- Und weil ich wahr geliebt dich, dir gelebt,
-Ein sanft’rer Klang aus meinen reinen Tagen,
-In deiner Brust mein tiefstes Herz durchbebt.
- Und weil wenn ich vom Satan angetrieben,
-Mich stürzend in der andern Dirnen Arme
-Zuerst dich würde schmerzlich tief betrüben:
- Und du darauf um dich an mir zu rächen,
-Auch einem andern Manne würdest fröhnen,
-Mußt’ diese Schneide deine Brust zerbrechen,
- Ich mochte nicht, noch konnt’ ich von dir lassen:
-Unwiderstehlich werd’ ich fortgetrieben.
-Doch durfte dich kein andrer Mann umfassen,
- Mocht’ ich zuhöchtst von allem Weib dich leiden,
-So treibt es mich bis in die tiefste Seele
-Um dich die Männer alle zu beneiden!”
- So redet er, erkaltend von dem Grimme,
-So lautete sein klügelnd Raisonniren;
-Und endlich stirbt ihm zitternd seine Stimme.
- Er blickt mit Schaudern in den Höllenteich,
-Der fest und starr als ein Gestorbner ruht,
-Die Wolk’ umbraust den Stern so weiß und bleich.
-Grinnus
-Sie sitzen auf zerfallenem Altane
-An der Ruine, deren Modersteine
-Verworfen liegen auf dem dürren Plane,
-Bis dort zu des Gebirges schwankem Haine.
-Starr ragen mit den abgeschlagenen Jochen
-Die Riesensäulen in die Finsterniß:
-Der rothe Mond ist durch den Dunst gebrochen,
-Durch schwerer Wolken jäh geborstnen Riß.
-Wer sich dem mondesnächtigen Entzücken
-Hingab, da diese Flur er überschauet,
-Dem schienen die gebrochnen Brücken
-Zu stillen Geisterwelten fortgebauet.
-Der füget Stein an Stein der schwarzen Trümmer,
-Fort und empor in die Unendlichkeit,
-Bis ihm der Bau versank im Mondesschimmer,
-In seines Träumens Unermeßlichkeit.
-So bau’n der Seele schweifende Gefühle.
-Das Aug’ schaut stier zum Schutt zur dumpfen Nacht.
-Die Wogen rollen in dem ew’gen Spiele
-Vom Hauch der wilden Finsterniß gefacht.
-Die schwarzen Fichten neigen ihre Wipfel
-Der wilde, düstre, mitternächt’ge Chor,
-Daß durch die Schluchten brausend durch die Gipfel
-Und durch die Trümmer wüst’ der Lärmen gohr.
-Den Stolzen im Gebirg, die in dem Grimme,
-Der sie erzürnt, die Gegend rings durchbrausen,
-Antwortet der Gestrüppe heisere Stimme,
-So in den Trümmern, an den Steinen hausen.
-Das kleine, lump’ge, dürre Zwerggesindel:
-Der schwarze Dorn, der auf den Steinen kriecht,
-Die Atropa mit ihrer Wurzelspindel,
-Die krötengleich in finst’rer Nische siecht.
-Die Palma auch, die fremde, hagre, kranke
-Von bösem Stern auf jenen Achitraven
-Gepflanzt: es neigt sich matt der Stamm der schwanke;
-Ein Emir, der im Sterben winkt den Sclaven.
-Also verhallt, was die gewaltig zürnen,
-Bis in des dürren Hafers schwatzend Blatt,
-Tief in den Schutt, murrt’s nach was auf den Firnen
-Des Berg’s, der Riesenstamm gemurmelt hat.
-Und jene sitzen stumm auf den Altan:
-Ein Krug mit Wein steht auf dem Trümmerschafte,
-Sie schau’n einander fest und düster an
-Und trinken rasch vom starken Flammen-Safte.
-“Könnt’st du, so redet Faust nach langem Schweigen,
-Gesenkten Blickes dumpf und monoton,
-Könnt’st du mir nur noch einen Dienst erzeigen,
-Du strupp’ger, harrzerzaus’ter Höllensohn!
-Schaue die Unzahl Stein hier auf der Flur,
-Dort bis zum Berg verstreut, hier bis zum Meere:
-Der Macht, des Ruhmes letzte schlechte Spur,
-Und dann vernimm, was ich von dir begehre!
-Du kennst die Mähr’ aus lang entschwunden Jahren [2]
-Im braunen Band steht sie in meinem Schrank,
-Wie, da voll sünd’gen Trotz die Menschen waren,
-In wilder Fluth der ganze Stamm versank.
-Und wie es dann dem Einen ward gewährt,
-Dem bess’ren, der gelebet unbescholten,
-Der sich nicht widersetzet, nicht empört:
-Damit die Gotteseinheit würd’ vergolten:
-Daß, warf er Steine hinter seinen Rücken,
-Die Menschheit aus dem Tod ihm auferstand;
-So will auch ich mich zu den Steinen bücken,
-Vom Berge drüben bis hierher zum Strand.
-Wie jener Götterfreund ins Leben rief,
-Was in die Nacht entsunken und verschwunden,
-Was im Vergehen dumpf und qualvoll schlief,
-Emporrief in des Daseins freie Stunden:
-So wandle mein Gedank’, der Gott verblieb,
-Die Trümmern, so ich heb’, in all’ die Jahre,
-Da ich mit dir dies wilde Leben trieb.
-Und nehm’ sie nach einander von der Bahre.
-Daß ich mein Sein auf’s Neue mir erschaffe
-Durch dieses Schutt’s beseligend Verwandeln,
-Wo ich nicht mehr verzage, nicht erschlaffe,
-Wo ich als Mann mag leben und mag handeln.”
-Er schweigt und harrt, daß der erwidernd spricht,
-Doch der sieht starr hinab und redet nicht.
-Faust greift mit Hast zum schwarzen, vollen Krug
-Und trinkt in einem langen, gieren Zug.
-Und drauf, als er lechzend sich satt getrunken,
-Ist wieder trüb’ er in sich selbst versunken.
-Der Mond schwoll hoch, er steht ob der Ruine
-Mit seines Antlitz’s Grabesmiene. —
-Auf dem verwitterten kopflosen Bild
-Der Cariatide, die zerstäubt, zerspillt,
-Am Eingang steht, erhoben noch den Arm
-Nach jener Last, die ihr zu Hohn und Harm:
-Ein Rabe schläft, und lüftet matt die Flügel,
-Es saust im Baum, es schäumt im Vogenhügel.
-Da springet Faustus wild entsetzt empor,
-“That ich nicht recht, schreit dem er in das Ohr
-That ich nicht recht? Du mußt es mir bezeugen:
-So ward sie mir auf immerdar zu eigen!
-Sie sitzt auf meinem Schooß, trinkt meinen Wein
-Sie denkt mit mir, sie ward mein Fleisch und Bein.
-Am See, am See drin keine Woge wallt,
-Verband ich ewig mir die blasse Weibsgestalt!”
-Und wie er’s sagt, aus Meeresgrunde bricht
-Das Morgenroth in glühndem Strahlenlicht:
-Aus farb’ger Wog’ der goldne Tag ersteigt
-Und seinem Blick sich eine Insel zeigt,
-Die in der nächt’gen Fern verborgen,
-Dem Meer enttaucht am lichten Morgen;
-Auf ihr ein Hain aus Schlanken Pappelbäumen,
-Die weben, beben in den Dämm’rungsträumen:
-Im schwanken Laub erglänzt von Marmorstein:
-Die hohe Säul im Morgensonnenschein,
-Ein plattes Dach mit einem Götterbilde:
-Hell schimmerts von dem Fittich, von dem Schilde.
-Schön liegt der Tempel, üppig wallt der Hain
-Im blauen Meer, im Morgensonnenschein:
-Vergleichbar jenem Haine von Kolon
-Zu dem der Theber blinder Fürst geflohn.
-
-[2] Ovid. Metamorph. Lib. I. 245. sqq.
-
-Gebrochner Leib
-Die Vesper klingt der Glocken Feierlauten
-Vom Dom, der rechts am Platz Ambrosius war,
-Zur Winterszeit: rings aus den dicht beschneiten
-Gebäuden fließt der Beter dunkle Schaar.
-Das reine Haus, das sich der Jesu: Glaube
-In hehren, ernsten Wölbungen verträumt,
-Dem Falken gleicht es mit der bunten Haube,
-Wie ihm die Zinn das Dämmrungsroth umsäumt:
-Er steht so kühn als höb’ er schon die Schwingen,
-Doch er erblindet von der goldnen Blende. –
-Drin in dem Tempel hebt es an zu klingen,
-Des Weihrauchs Ring umflieht die Nischenwände.
-Es klingt des Priesters ernst Rezitativ,
-Wie rauscht’s, da all’ in ihre Kniee fallen,
-Wenn sie des rothen Knaben Schelle rief:
-“Der Herre hab’ Erbarmen mit euch allen!”
-      Bei der Kirchthür steht eine hölzerne Bank,
-An einem Pfahl, so ‘n Kästlein trägt,
-Wer nun dem Herrn bezeugen will den Dank,
-Thut wohl daß drin er einen Pfennig legt.
-Darum, daß drüber es ist angeschrieben:
-“Wer mich recht aus des Herzens Grund mag’ lieben,
-Wer will einen Schatz im Himmel erwerben
-In dieses Kästlein leg’ er einen Scherben,
-Sei’s auch wohl gering, und sei’s wohl klein,
-Mir wird es lieb und euch nützlich sein.
-Geht zu wie ich sprech’ im Evangelisten,
-So thut nach meinem Wort ihr lieben Christen!”
-Besetzt das Bänklein ist von Krüppeln, Alten
-Mit greisem Haar, mit langen schwarzen Krücken,
-Die wohl mit Andacht ihre Hände falten
-Und sich in Demuth vor dem Herren bücken.
-Und einer kauert an des Bänkleins Ende,
-Der sitzet stumm und ernst für sich allein.
-Der faltet nicht die magern, gelben Hände,
-Und in kein euge mater! Stimmt er ein.
-Sein Aug’ ist blöd’, Gicht frißt in feinen Gliedern,
-Die Brust geknickt: ein gar zu kranker Mann;
-Er sitzt entfernt von seinen Leidensbrüdern,
-Und blickt von ihnen keinen einz’gen an. –
-Es ist ein fressender, unbänd’ger Schmerz
-Der ihm das Mark durchwühlet und durchbraust;
-Er betet nicht, er schlägt sich nicht ans Herz,
-Der blöde Krüppel ist der wilde Faust. –
-Die Orgel schweigt und ite missa est!
-Erklingt’s beschwicht’gend aus des Priesters Munde:
-Beendet ist der Andacht stilles Fest,
-Und weithin schallt der Thurm es in die Runde.
-Der fromme Beter steht vom kalten Boden,
-Drei Ave’s noch spricht er in einem Odem,
-Auf Herz und Stirn des Kreuzes reines Zeichen,
-Verbeugend sich vor all dem stummen bleichen
-Gebild an jedem leuchtenden Altar,
-Dann taucht er in des Beckens heil’ge Fluth,
-Unfern der Säul, wo’s Armenbänkchen war
-Drei Finger, und empfiehlt sich Gottes Huth.
-So wall’n sie rauschend aus des Domes Halle
-Im Herzen, in dem Antlitz milden Frieden:
-Und auch die Krüppel, Kranken gehen alle,
-Hinaus zur Thür, die armen Lebensmüden
-Da draußen stürmt es durch die schwarze Nacht,
-Der Schnee treibt lange, hochgethürmte Wogen.
-Es donnert an die Pforten, daß es kracht,
-Und an der Fenster steile Riesenbogen.
-Nur Faustus bleibt, der arme finstre Kranke
-Er überschauet blöden Aug’s den Dom;
-Verfolgt bewußtlos, was der matte schwanke
-Schatten hinmalt vom nächtigen Phantom:
-Des Lämpchens Schatten, dess’ umwölkter Schein,
-Am Weihebecken flimmert noch allein.
-      Und später noch, es war nach Mitternacht,
-Da hinkt der Krüppel durch die Straßen sacht;
-Hoch liegt der Schnee: harsch fegt der Sturm,
-Es schau’rt den armen Menschenwurm.
-Todt liegt der Biebelhäuses Gang,
-Kein Licht erstrahlt die Reih’ entlang:
-Die Nacht ist Herrin, und sein Lämpelein
-Stört sie mit seines Irrlichts schwankem Schein.
-Sie blickt durch der Scheiben schwarzen Kreis,
-Tanzt auf dem Thurm in sonderer Weis’
-Hat ihre Luft am Wolkenzug,
-Und an des Sturms gewalt’gem Spruch.
-      Drei trockne Fichten stehn dort oben,
-Wo man das Hochgericht erhoben.
-Von Rabennestern schwarz umwunden
-Vom Sturm zerpeitschet und zerschunden.
-So raget es ein Bild voll Schauer
-Hoch ob der dumpfen Reichsstadt Mauer.
-Faust keucht hinan den Babelthurm der Sünder,
-“Hier find’ ich ihn, hier wohnen seine Kinder!”
-Und drauf: “o meine Brust! Mein krankes Bein!”
-Er setzet sich auf einen schwarzen Stein
-Von dem der Sturm gefegt den Schnee,
-Er ruhet sich, das Herz schlägt ihm so weh;
-“Mephisto!” ruft er drauf gewaltig laut,
-Den Ruf entführt die Windesbraut,
-Doch Niemand kömmt, er bleibt allein,
-Auf seinem schwarzen Ruhestein.
-“Mephisto!” ruft er oft und zahllos oft,
-Daß ihm die Ader pocht und klopft.
-Er stehet auf, er ruft was oft er rief. – –
-Der Sturm fegt gleichen Tons die dunkeln Fichten
-Er sinkt zurück zum Stein und ächzet tief,
-Und als er sucht sich wieder aufzurichten,
-Ist seine Krück’ ihm in den Schnee geschlüpft.
-Da schallt es, wo die Fichtengruppe stand:
-Der Rabe krächzt, es kommt was angehüpft,
-Und drückt die Krück’ ihm in die welke Hand.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Faust, by Woldemar Nürnberger
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST ***
-
-***** This file should be named 54730-0.txt or 54730-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/4/7/3/54730/
-
-Produced by Geoff Carver
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
-
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/54730-0.zip b/old/54730-0.zip
deleted file mode 100644
index d51ee46..0000000
--- a/old/54730-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ