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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 08:37:20 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Faust - Ein Gedicht - -Author: Woldemar Nürnberger - -Release Date: May 15, 2017 [EBook #54730] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST *** - - - - -Produced by Geoff Carver - - - - -Faust. -— -Ein Gedicht -von -Woldemar Nürnberger - -(M. Solitar.) - - — — — — — — — — — — — — — — et omnis -Subinitur natura, dolor quam consequitor rem. -Lucret. - -Berlin 1842. -Bei Wilhelm Logier. - -Inhalt -1. Im Giebelhaus -2. Die schönen Bützerinnen -3. Calvari -4. Dolores -5. Lucretia -6. Die letzte Manto -7. Die heimath -8. Zu Sankt Maria -9. Diana von San Pietra -10. Am Ocean -11. Schön Hertha -12. Die alten Zechner -13. Paraklet -14. Das Elixir des Mönches -15. Beim Schwanenwirth -16. Die Klosterchronik -17. Am finstern See -18. Grinnus -19. Gebrochener Leib - - -Sa personnalité remplissait la nature; -On eut dit qu’avant lui aucune créature - N’avait soupiré, aimé, perdu, gémi! -Qu’il était a lui seul le mot du grand mystère, -Et que tonte pitié du ciel et de la terre - Dût rayonner sur sa fourni. - – Lamartine. - -Im Giebelhaus - -Im Giebelhaus am Platz Ambrosius -Wohnt Faust, ein Anatom und Medicus, -Ein tief gelehrter und gescheidter Mann, -Der manchen Griff, und manchen Schnitt ersann. — -Das Haus ist weit, mit viel verschlung’nen Bogen, -Durchkreuz’t von finstern Gängen mannichfach, -Am Frontispiz mit Schnörkeleien umzogen, -Ein alter Thurm ragt aus dem dunkeln Dach. — -Jetzt blickt zur nächt’gen todtenstillen Zeit, -Durch eines hohen Fensters runde Scheiben, -Ein Lämpchen noch mit düstrer Wachsamkeit, -Bei welchem Faustus sitzet um zu schreiben. — -Er kam unlängst von der Anatomie, -Ihn hüllet noch das Schwarze Tafft Gewand, -Das er bis Abends von des Morgens Früh’ -Vom Leib nicht zog, am Leichnam festgebannt. -Auf seinem Antlitz ist viel Ernst zu lesen, -Und von Gedanken ohne Maaß und Zahl -Scheint jeder Zug durchstürmt gewesen, -Tief liegt sein Aug’ voll Gluth und Strahl, -Schwarz seine Bärte niederhingen -Von Lipp’ und Kinn, und schwarz ist auch sein Haar. -Wie war er bleich in dem Gedankenringen, -Dem er so lange heut ergeben war. — -Er legt den Griffel hin, stützt in die Hand -Das Haupt, und murmelnd ordnet er den Gang -Der Meditation, der ihm entschwand: -Als laut ein Ach! Aus seinem Busen klang. -Empor vom Sessel sprang er bald hernach -Und also lautete sein Monolog, -Wie deren oft in stiller Nacht er sprach, -Wenn Weh durch seine Seele flog. -Ruft er aus, es wäre Zeit, -Daß sich der stolze Geist, der in dem Hirne -Wühlet in überspannter Eitelkeit, -Hinabließ zu der gattenlosen Dirne -Natur, die uns das Blut im Herzen kocht, -Geheimnißvoll und launenhaft verschwiegen -Den rothen Saft durch alle Rinnen pocht, -Und wie sie will gebietet unsern Zügen. -O wir sind blind! Die zähen Nervenstränge, -Die von dem Hirne zu dem Gliedern führen, -Wir halten sie für herrschaftlich Gepränge — -Das Weib hat uns an ihren Gängelschnüren! -O daß ich stürzen dürft’ mich in den Brand, -Aus welchem sie das glühn’de Leben siedet, -Daß mir versänke die verfluchte Wand, -An der ich schon zum Wahnsinn mich ermüdet! -Dahin die bübische Glückseligkeit, -Wo ich in meinem Gott zufrieden war, -Hatt’ ich halbweg mit flinker Fertigkeit, -Muskel und Nerv geleget bloß und baar! -Wenn ich am Finger die lateinschen Namen -Hermurmelte wie an dem Rosenkranz -Gebete, die sich alle schließen Amen, -Beruhigung des grübelnden Verstands!” -Nicht mehr vermag ich’ jetzt, wie an dem Scapulier, -Das Schandlatein am Leichnam abzubeten; -Mich zehrt es auf mit glühender Begier, -Und nieder bin ich in den Staub getreten! -Für mein Verlangen giebt es keine Gnade, -Für meinen Kummer kein Madonnenbild, -Und für mein Weh entträufet keinem Bade, -Ein Tropfen Heilung kühl und mild! -So hab’ ich als ein Mörder mehr gethan, -Und kränker bin ich denn ein gichtisch Weib -In meines Busens ungestümen Wahn -Der mir zernagt die Seele mit dem Leib! -Den Tag trieb ich mich unter Leichenfratzen -Im Saale der Anatomie umher; -Bei ihren Muskeln die Studenten schwatzen, -Ein lauter, lebenslustiger Verkehr! -Und geh’n sie dann die kecklichen Gefellen, -Zum Mädel oder zu dem Glase Bier, -Laß ich die frische Leiche vor mich stellen, -Und weil’ daran mit brennender Begier, -Bis blind das Auge, bis die Finger beben, -Und so verstreicht die stumme Nacht; -Wer möcht’ nur eine so wie ich durchleben, -Und o! Wie viele hab’ ich schon durchwacht!” -So redet Faust, und setzt sich wieder hin, -Und legt den Kopf auf seine Schreiberei; -Die Lampe flimmert bänglich her und hin; -Bei jeder Regung zitternd, matt und scheu: -Als sie erlischt bis auf den rothen Funken, -Der mälig schwindend allgemach verglimmt -Und nun die Nacht, im Mondglanz schwärmend, trunken, -Des düftern Schatten Bildung übernimmt. — -——— -Da klopft es an die Thür, verstohlen leis’, -Sie öffnet sich und einer blickt herein, -Zu dem ein anderer sagt, “Du Naseweis, -Laß dir doch Zeit, du gierig Höllenschwein! -Mach zu! Mach zu! Man drückt die Thüre zu, -Fort flüstert’s auf dem wirren, finstern Gange, -“Zu diesem einen Traum laß ihm noch Ruh, -Und er ist endlich reif für deine Zange!” -Sei sie doch nicht so altklug liebe Tante, -Ich bin wahrhaftig just kein Junge mehr! -Wie lang’ nach dem mir schon der Gaumen brannte, -Und lange wart’ ich nun und nimmermehr!”“ — -Und Faust, von stillem Mondenschein umglüht, -Am hohen Fenster stumm und einsam kniet. -Die schwarze Locke schweift im kühlen Wind, -Der, wo die Scheiben eingeknicket sind, -Hineinweht zu dem blassen, ernsten Mann, -Den einem Büßer man vergleichen kann. -So in die Knieen beugt er sein Gebein, -Sein Haupt ruht auf dem Fensterrand von Stein, -Wie auf des Betgestühles dunkler Bank; -So fliegt die Locke frei und frank, -Als träfe sie die öde Kirchenluft; -Als stünd’ sein Haar, wie es von oben ruft, -Vom Orgelchor, wie’s von dem Alter schellt, -Ihm starr zu Berg: steigt diese ird’sche Welt, -Dem Menschenkind in wüster Nichtigkeit -Zum innern Aug’ ob solcher Heiligkeit; -Will es sein schlecht elendiglich Bemühn -Auf Ewiges, Unendliches beziehn. -So liegt er da, ein simpel Büßerkind, -Doch murmelt er kein Sprüchlein süß und lind, -Wie in dem Dom der unermüdlich thut, -Daß nicht die Hand er leg’ ans eigene Blut: -In starrem, ödem Schlafe, wie entseelt, -Kniet Faustus da, und was sein Traum erzählt, -Das hat noch keine Menschenbrust vermessen; -Wie er erwacht, da ist es fast vergessen, -Versunken in unendlich blaue Ferne, -Zerronnen gleich dem schnell verglomm’nen Sterne. -Schwarz ausgezackt flieht ein Gewölk am Mond, -In dessen Schein sich still die Scheibe sonnt; -Schwarz ausgezackt, erzählt die Chronika, -Wie man am Mond die Wolke nimmer sah. — -Wer mit geweihtem Auge hingeschaut, -Erblickt ein Bild des Schreckens, drob ihm graut; -Dem Drachen gleich, vergleichbar den Hyänen, -Das trug ein dunkles Kreuz in seinen Zähnen -Zerrollt, zerknickt wie morsches Fensterblei, -So fliegt es an dem glimmen Mond vorbei. -Wie knirscht es im Metalle mit dem Zahne, -Wie drehet sich des Domes Wetterfahne! -Der ist erwacht: sein Aug blickt stier und scheu, -Rings auf das wüste, gothische Gebäu, -Und einsam eine Thräne drinnen zittert — -Nicht solche, wie gerühret und erschüttert -Selbst starke Männer nicht verschmähn zu weinen; -Es war das Naß, das demuthsvolle Greinen, -Das eines Menschen blödes Aug’ durchbricht, -Schaut’s in ein sengendes unsterblich Licht, -Ein Nebelhauch, in den die Seel’ sich kleidet, -Die winz’ge Göttin, wenn beschämt sie leidet: -Und er beginnt: “den kürzsten Augenblick -O laßt mich noch an diesem Wahn mich weiden! -Es ist ein hohes, unerträglich Glück, -Dann wie ihr wollt, murr’ ich mein altes Leiden! -O dies Erwachen war so leer und gräßlich, -Als wenn der Nonne, die im Burgverließ -Fest eingesargt, an Gnaden unermeßlich -Der Schlaf die Scherbe kühlen Tranks verhieß. -Sie beugt sich nach dem Wonnetrank, -Der, wie sie trinkt, in ödes Nichts zersank. -Und wie sie öffnet nun das Augenlied -Die blut’ge Geißel drohend niedersteht.” -Wie er so murrend mit sich selber spricht, -Sieht unten er im falben Mondenlicht, -Zween närr’sche, menschliche Gestalten hüpfen, -Die um die Eck’ am Dom Ambrosii schlüpfen. — -Rasch sind sie fort: und nur ein rother Schein -Flirrt ihm im Aug’ von einem Mäntelein. -Das andre hat ihm einem Weib geglichen -Im gelben Rock mit blutig rothen Strichen. -Dürr wie die Spindel, dünner als die Mücke, -Rasch wie der Wind, trägt sie doch eine Krücke. -Ihm graute fast: er starret durch die Scheiben, -Als ob sie noch vor seinen Blicken stünden; -Dann wieder setzt er sich zu schreiben, -Wo ihn am Tisch noch die Patienten finden. -——— -Faust steht auf seinem Astrologium, -Dem hochgemauerten, uralten Thurme, -Die Nacht ist klar, und er schaut ernst und stumm -Zur Stadt hinab, dem finstern Erdenwurme. — -“So sah ich”, redet er nach langem Schweigen, -“Auf dieser Welt das Mondlicht nimmer ruhn, -Ich sah es nur in der Planeten Reigen: -Nichts macht ich ihm mit dieser Welt zu thun. -Ja! Ich begreif’s! Der durch den Aether weht, -Der Strahl vom Hauch der Götter angefacht, -So himmelsklar voll Majestät, -Er kann begeistern in der ird’schen Nacht! -Er, der des Raumes Unermeßlichkeit -Durchflog, in diesem miserablen Herz, -Zünd’t er Verlangen, banges, wildes Leid, -Und tiefer Sehnsucht bodenlosen Schmerz. -In diesem Auge malt er seinen Brand, -Von dieser schwanken, menschlichen Gestalt -Wirft er den Schatten auf der Erde Sand! -So fesselt sich mit höhnender Gewalt -Das irdische den Unermeßlichkeiten -Und eben so stürzt uns der bleiche Tod -In unbegriffene Unbändigkeiten! -Nur hier verschmachten wir in enger Noth! -Verflucht der Morgen, welcher angegraut -Mir in das übernächt’ge Aug’ geblickt, -Wenn ich den Kopf, als säß ich bei der Braut, -Dem Leichnam auf die faule Brust gebückt! -Verflucht der dumpfen Nacht Alleinsamkeit -Da das Scalpell mir in der Hand geblitzt, -Fluch meiner Brust mit ihrem wüsten Leid, -Das noch um keinen Schritt mir hat genützt! -Ich weiß nicht mehr als der elende Fant, -Der Ader läßt mit prahlender Lanzette, -Und wenn mir fast die Augen ausgebrannt, -Bei seinem Weibe schmort im warmen Bette. — -Du dumpfer, ernster Gott! Bist du noch wach? -Und siehst mich hier im alten, öden Thurme, -Mit bangem Herzen auf dem Trümmerdach, -Umweht von meiner Leiden Flammensturme! -Du kannst mich erhören, bin ich dein Sohn, -O mir genügt das kleinste, was du giebst, -Doch, ich erliege diesem kalten Hohn, -Den du so stumm verachtend an mir übst! -Ich trag’ es nicht, im abgetretnen Schmerz -Der Menschenbrust verzehr’ auch ich mein Sein, -Thorheit im Kopf und Sehnsucht in dem Herz, -So geh ich fort, und so trat hier ich ein!” -So redet er in stummer Mondesnacht, -Stumm wandeln sich die schwärzlichen Gestalten, -Hier wird was breit, dort etwas spitz gemacht, -Und also fort in melanchol’schem Walten. -Da gellt es schrill mit einem Mal -Empor zu ihm: “salve mi Faustule!” -Dem schwindelt auf des Thurmes Höh’, -Er schaut entsetzt hinab ins dunkle Thal. -Und bald gar klopft es an die Thür, -Er ruft: “herein!” mit todtenbleichem Munde. -Da tritt mit Anstand und mit Hofmanier -Ein Mann aus der Fallthüre Grunde. -Und grüßt noch einmal gar bescheidentlich: -Ein blutroth Mänt’lein weht ihm um die Glieder, -Den Sporn am Fuße trägt er ritterlich, -Von gelber Mütze schwankt die Feder nieder; -Sein aufgedunsen Angesicht -Sieht zwar gar gelb und etwas abgelebt; -Doch liest man d’rauf des Herren Alter nicht, -Die Spur der Zeit sich nicht darin begräbt. -Am Kinne prangt der rothe Bart, -Und was vom Haupthaar ist zu sehen, -Ist röthlich auch; und nach moderner Art -Zween große Locken auf den Schläfen stehen. — -Wie Faustus diesen Herrn erblickt, -Und ihm in sein Gesichte sieht, -Ins wilde Aug’, das fest auf ihn gezückt -Seltsamen Glanzes, so begehrlich glüht: — -Erräth er bald, wer der Besucher sei, -Schlägt’s kreuz und rufet: “Satan heb dich weg!” -“Ha!” hohnlacht der, “und nun bei meiner Treu, -Die abgenutzte Phrase laßt doch weg; -Die ward bereits von Millionen Zungen -Gar laut und barsch entgegen mir gebrüllt; -Und bald darauf hat man mich freundschaftlich umschlungen, -Von meiner Dienste Nutzbarkeit erfüllt!” -Faust -Doch einer war’s, der warf damit dich nieder! -Mephisto -‘Sist lange her, das hat nicht mehr Gewicht, -Doch laß mich erst zu Athem wieder, -Die Stieg’ ist jäh, und machte mich zu nicht. -Wie sich der Teufel nun verschnaubt, -Sich räuspert und sich in den Haaren klaubt, -Stützt Faust den Kopf in seine heiße Hand, -Und lehnt sich auf den Mauerrand. -So starrt er nieder in die Mondesgluth, -In finsterm, fieberhaftem Brüten: -Sein herbes Leid ist wach in aller Wuth: -“ murmelt er, “wer möchte mich behüten!” -Mephisto beugt sich traulich zu ihm vor, -Und um den Hals er seinen Arm ihm legt, -Dann flüstert er gar leif’ ihm in das Ohr -So rasch, so rasch, daß kaum den Mund er regt. -Kein einzig Wort ist dem entgangen, -Wie überflog der Wechsel der Gefühle -Ihm seine Stirn, ihm seine kranken Wangen, -In aufgeregtem, geisterhaften Spiele. -Das dauert lang’, schon war der Mond verschwunden, -Des Morgens düstrer Nebelflor flog auf, -Noch immer hat kein Ende der gefunden, -Da ächzet Faust: “ich bitte dich, hör’ auf! — -Es ist genug für dreimal! Sei nun still!” -“Und willst du, fragte der, auf Tod und Leben? -“Nimm meine Hand, sprich ernsthaft Faust, ich will, -“Und bin dir nun und immerdar ergeben!” - -Die schönen Büßerinnen - -Am Weidenbusch im stillen Dämmerthal -Geht Faust am schwülen Abend ganz alleine -Verfunken ernst in seiner Leiden Qual, -Verdumpfet und erstarret wie zum Steine. -Am Felsengipfel flammen stumme Blitze, -Aus schwarzen, schweren Wolken angefacht, -Der Gießbach fällt aus wild geborstner Ritze, -Und murmelnd schwätzt die Weide in die Nacht. -Im Grase drüben weiden dunkle Pferde, -Ihr Hirte streicht den Hund beim Laubwerkfeur. -“Ach wie!” spricht Faust und stampfet auf die Erde, -“Wie graut mir vor dem Höllenungeheuer! -Wie lockt er mich! Verflucht sei diese Gluth, -Die er in meiner Brust zu zünden wußte, -Der list’ge Bube kannte mich zu gut, -Und war’s gewiß, daß ich ihm folgen mußte -Wie war die Nacht so wild verführerisch -Und reizend lag im Mondenschein die Welt, -Ein Wollufthauch umfing mich köstlich frisch: -Mein einsam Leben war mir gleich vergällt — -Verflucht sei mir die ungeheure Nacht, -Verflucht der träumerisch milde Mondenschein, -Der Sünde Fluch, des Teufels Macht, -Verflucht dies schwanke menschliche Gebein! -Mir pocht das Herz, es wird mir dumpf zu Sinnen, -Und meine thränenlosen Augen glühn, -Ich muß der schauderhaften That entrinnen, -Ich muß in dieser Nacht entfliehen! -Er sprichts und deckt die Augen mit der Hand, -Da flammt blitzhell ein Bündel Laub empor, -Sein wüster Schatten färbt sich auf dem Land, -Und rings der schwanken Bäume nächt’ger Chor. -Sein wildes Denken treibt ihn ab und auf, -Er athmet rasch, da scheint’s ihn wild zu fassen, -Zur Wiese nimmt er seinen Lauf, -Wo um den Hirten her die Pferde fraßen. -Er schwingt sich auf ein Roß mit Sturmesschnell -Ob sich’s auch bäumt, fest hält er in den Mähnen: -Den großen Hund hetzt nun der Hirte schnell, -Das schwarze Thier mit blendend weißen Zähnen, -Der heult und hascht, das Pferd jagt wild davon, -Der Hund ist auf dem Tritte hinterdran. -Von ferne rauscht des Donners dumpfer Ton, -Doch nichts erschrekt den Reitersmann. -Die Mähne wirbelt, seine Haare fliegen -Jetzt sprengt er wild den Fels hinan, -Den kaum ein kund’ger Ziegenhirt erstiegen, -Er spornet blutig, und es ist gethan. — -Fort saust es auf dem steilen Felsenrücken, -An dessen Fuß der Gießbach wild entbrennt, — -Der Hund verschwand — da fühlt er ihn umdrücken -Zween magre Arme, welche wohl er kennt. -Er kennt die Finger, die ihn so umkrallen, -“Weh mir!” ruft er: “er ist’s der grause Wicht, -“Hinfort! Hinfort!” und seine Sporen fallen -Dem Gaul ins Fleisch mit eisernem Gewicht, -Die Wolke fliegt, die Mähre stürzt dahin. -Allein Mephisto weiß so fest zu sitzen, -Das rothe Mäntlein sieht man glühn, -Es schwirrt die Feder auf der gelben Mützen; -Da fehlt das Roß, geblendet von den Blitzen. -Es fällt und stürzt hinab die Felsenwand, -Es überschlägt sich und die Wellen sprützen -Hoch über Faustus und den Höllenbrand. — -Die Fluth reißt wild das Pferd von Fall zu Fall, -Die beiden stehn geborgen auf dem Stein. -“Ihr wilder Doktor, Teufel noch einmal, -Wohin so toll? Kaum holt’ ich euch noch ein! -Dankt mir’s, daß ich en croupe bin aufgestiegen, -Sonst würd’t zerschmettert ihr im Trümmergrunde liegen.” -Faust seufzet tief in Traurigkeit -Und ringet aus das schwer durchnäßte Kleid. -Der Sturm tos’t fort, die Blitze werden dichter, -Vielfält’ger Donner tönt den Blitzen nach; -“Schneid’ mir nur nicht so gräßliche Gesichter,” -Spricht der: “und suchen wir ein heimlich Dach!” - - Sie kam’n zu einer Hütte, die im Grunde -Am einem dunklen Röhrichtteiche liegt; -Im kleinen Fenster glänzt um diese Stunde -Ein matter Strahl, der sich im Teiche wiegt, -Mit grasser Blitze hohem Widerscheine — -Der Donner brüllt, und wie sie näher treten, -Gewahren sie bei einer Lampe Scheine -Zwei junge Mädchen, welche innig beten. -Das bunte Heiligenbild klebt an der Thür, -Marias Bild mit goldner Gloria, -Bestaubt, geschwärzt vom Rauch, ohn’ alle Zier, -Die beiden liegen tiefer Andacht da. -Und wenn die Blitze sengend niederglühen, -Dann zucken sie entsetzlich zum Erbarmen, -Und heben sich empor auf ihren Knieen, -Als wollten sie das heilige Weib umarmen. — -Wie eifrig murmelte ihr süßer Mund; -Wie fieb’risch greift zum Küglein ihre Hand, -Wie seufzen innig sie aus Herzens Grund, -Daß im Gebet der Athem schier entschwand. — -Zerrollet ist der Locken reiche Fluth, -Zum holden Busen wallt sie frei hernieder, -Ihr Aug’ blickt wirr in ihrer Andacht Gluth, -Die jeder Donner neu erreget wieder. — -“Sieh!” flüstert Faust, der unverwandt geblicket -Ins Fensterlein, “das wäre meine Wahl! -diese hier, wie hat sie mich berücket, -Die hierher kniet, am Lid das dunkle Maal! -Wie schwärmt der holde Blick in lichten Flammen, -Und senkt sich dann so still bescheidentlich. -Die Wimpern schließen friedlich sich zusammen, -Sie übergiebt der milden Göttin sich! — -Ja! Die ist schön! Ich fühl’s, daß ich sie ehre, -O schau! Wie sie die weiße Hand zerringt; -Nun komm! Nun komm! Daß ich nicht mehr begehre, -Und mir der tolle Busen nicht zerspringt!” -“Wollt ihr sie Doktor, ‘s ist zwar nicht Kleinigkeit, -Ich scheue das Gepinsel an der Thür; -Doch bin zu allem euch ich gern bereit, -Sobald’s nur thunlich ist und mit Manier!” -Faust schweigt; sein Herz pocht laut und ungestüm, -Er schaut das Mädchen starren Blickes an, -Und seufzet tief; nun lacht das Ungethüm, -“Nur nicht so toll: sollt ja die Dirne ha’n! -Da gehe drüben auf die Felsenplatte, -Und warte bis ich komme mit dem Mädel; -Doch daß dich nicht die Langweil’ ermatte, -Nimm mit dir diesen schönen frischen Schädel! -Er ist der mein’ nach aller forma juris, -Ich schlepp, ihn eine Weile schon herum, -Ihr präparirt den nervus facialis, -Dazu meintwegen den Trigeminum! -“Nein,” redet Faust, “heut laß den Schädel sein, -“Im Herzen lebet mir das holde Bild -Der schönen Betenden: von Lust und Pein -Ist meiner Seele tiefster Grund erfüllt! -O könnt’ ich wie das holde Mädchen büßen!” -Er spricht’s und steigt zum Felsgeröll, -Die Hütte liegt zu seinen Füßen, -Und drum herum hinkt nun der Teufel schnell — -Faust senkt den Kopf und spielt in seinen Träumen, -Ihm hats die schöne Büß’rinn angethan, -Er weilt mit ihr in lieblich klaren Räumen, -Ihr Athem wehet seine Wangen an. -Da tönt ein wüst Geräusch im Felsenthal, -Er schaut hinab: die Hütte steht in Brand; -Im finstern Teiche spiegelt sich der Strahl -Der Flamme, die hoch auf gewandt. -Dann beugt sie sich des Sturmes wilder Last, -Der schwer und ungeheuer auf ihr wieget; -Bald an der glüh’nden Wurzel sie erfaßt, -Bald rechts und links von oben sie zerbieget — -Die Ziegen blöken und ein bänglich Schrei’n -Von Menschenstimmen hört er matt erklingen; -Er schauert: angstvoll zittert sein Gebein; -Nicht all das kann er niederringen; -Unmächtig seiner Sinne sinkt er nieder, -Wenn auch noch lohe Blitze schießen, -Die Flammen fast bis an den Fuß ihm sprießen, -Und wilder Donner hallt von jedem Berge wieder. — - - Als Faust erwacht am Morgen trüb und kalt, -Find’t er nicht mehr sich auf der Felsenplatte, -Er ist in einem wilden Fichtenwald, -Den er noch nie zuvor gesehen hatte. -Mephisto kauert wachend dicht daneben, -Noch häßlicher sieht er heut Morgen aus. — -Er ist verdrüßlich: ungeheuer heben -Die schwell’nden Lippen sich in Hohn und Graus. -Der, ob vor Kälte schaudernd, spricht -“Und nun, wo ist die schöne Magd? -Was du versprachst, du hältst es nicht, -Und warst doch gar so eifrig auf der Jagd!” -“O frag mich nicht,” sagt jener mit Verdruß -“Für diesmal ist das Wildpret mir entgangen, — -Zum wenigsten ward mir doch der Genuß, -Daß sie im Teich ersoffen, diese Rangen! — -Doch laß nur das, laß die verfluchte Dirne, -Mein Wort, daß ich dich reichlich schadlos halt’: -Drauf trink den Becher hier von edler Firne -S’ist diesen Morgen gar so höllisch kalt!” - -Calvari - -Aus finsterm Wald, am schwarzen dumpfen See, -Erhebt’s sich nackt zu eines Berges Höh’: -Dort oben bleichen alte Kloster-Ruinen: -Es sind zerspaltne Marmorsteine; -Zerfetzt Gebild von Himmelsköniginnen, -Und halb verkohlte, schwarze Heiligenschreine. — -Von Allem, blieben noch drei dunkle Säulen -Auf hon’n basaltnen Fußgestellen, — -Doch oben abgebrochen, dreien Pfeilen -Vergleichbar, die das ferne Ziel verfehlen, -Die mit den Spitzen in dem Boden stecken; -Und von hier oben war zu überschau’n -Der düstre See mit seinen Tannenhecken; — -Als nun gradüber aus dem nächt’gen Graun -Der Mond sich hob ob schwarzer Wolken Rand, -Ein Todtenkopf auf düsterm Grabessand; -Und über See und Wald sein Schimmer strich, -Am Fuß des Bergs ein einsam Pärchen schlich, -Faust und Mephisto: dieser unverdrossen -Doch jener matt und unentschlossen -Der Teufel geht vorauf, sein Mäntelein -Fliegt in dem Wind, und stolpernd hinterdrein -Gesenkten Hauptes mit getrübtem Blick, -Kommt Doctor Faust: ihm brechen fast die Knie, -Er flucht in seinem Barte dem Geschick, -Gott und dem Teufel: “o Mephisto sieh -Das schöne Moos,” spricht er, wohin wir gehen, -Gelangen wir noch immer allzufrüh: -Ich dächte besser blieben hier wir stehen; -Und ruhten uns im Moos: Mephisto blickt -Sich lachend um und spricht: “Du armer Gecke, -Oft hast du unter deines Bettes Decke -In heimlich stillen Räumen ganz entzückt -Von solcher Nacht gesprochen, als wie diese, -Hast Raum und Schlaf verfluchtet: Dich gesehnet, -Daß rege Welt sich deinem Blick erschließe, -Mit solcher Inbrunst, daß dein Aug’ gethränet!” -Der hatte schon sich in das Gras gedehnet, -Er war zu müd’, der arme wilde Knabe, -Wie so er lag’: und in begier’gen Zügen -Einsog des Schlafes Wunder: Labe! — -— Der Teufel, ließ ihn dorten liegen, -Auf zu dem Berge stieg er aus dem Hain, -Und setzte sich auf einem Trümmerstein. -— Weithin erstrahlt im Mondlicht die Mantille: -Und wie er mit den scharfen, blanken Sporen -Am Steine hämmert, schwirrt es durch die Stille; -Ein Rauschen tönt zu seinen Ohren. — -Ein dunkler Ring von flatternden Gestalten, -Umweht von langem, wirren, schwarzen Haar, -Wind’t sich empor aus der Ruine Spalten -Zahlloser Menge, Paar auf Paar. — -Schon ist der Teufel mitten unter ihnen, -Er führet das gespenst’ge, wilde Heer; -Sie rauschen nieder von den Bergruinen, -Und jagen ob dem See wild umher. -Wie sich nun da entspinnt ein seltsam Regen! -Im schwarzen Spiegel des Gewässers flechten, -Sie sich das wirre Haar, und zierlich legen -Die reichen Zöpf’ sie an den magern Kopf. -Wenn nun aus den unzähligen, Geflechten, -Der müden Hand entrollte sich ein Zopf, -Da ring’n sich in des Waldsee’s dumpfen Wellen, -Zahllose Kreise die am Strand zerschellen. — -Zurück zum Berge rauscht das wilde Heer, -Zum Boden lassen sie vom Flug sich nieder, -Ein ungestümer Tanz beginnt nunmehr, -Wie er sich mag begeben nimmer wieder; -So viele Paare, so unendlich viel; -Als Flocken Schnee der Nordwind je getrieben: -Und immer steigt das schaurige Gewühl, -Von nah’ und fern, von hüben und von drüben -Mephisto ist von ganzer Seel’ vergnügt: -Die mittelste von den drei Trümmersäulen -Steigt er hinan; wie er sich äffisch schmiegt -Um das Gestein, gleich einem Jesus, eilen -Flugs zu den beiden seitlichen Basalten -Noch zween andre nächtige Gestalten. -So stellt das grasse Teufelskleeblatt dar -Die Schädelstätte von Calvar’, -Und höhnt mit schauderhaftem Spott -Den Menschensohn, den schmerzensreichen Gott. -So raset rastlos fort das wilde Spiel, -Wer es gesehn, dem wirbelten die Sinne. -Noch immer wächst das schreckliche Gewühl, -Im hellsten Mondlicht flimmt des Berges Zinne; -Und Faust verträumet all’ den Saus und Braus, -Er strecket sich, als läg er still zu Haus. - -Dolores - -Im Mondenschein gehen sie durch eine Gasse -Selbander in dem nächtigen Florenz. -Hier steht in wirrem Kreis die Häusermasse, -Ohn’ Plan gesetzt, und ohn’ Intelligenz. -Schaut, sagt Mephisto, der ein wenig trunken, -Schaut diese wüsten, nächtigen Spelunken. -Die kennt ihr nicht, mein grundgelehrter Mann, -Doch ich hab’ da recht meine Freude dran! -Wie kunstgemäß in langem, schlanken Kreise -Das Höllennest gefügt auf seine Weise: -Wie es sich klüglich in einander windet, -Und eine Schlange, die den Schwanz sich beißt, -Sich in sich selber schließlich wieder mündet! -Seht jenes Haus, es gleichet allermeist -Dem platten, breitgedrückten Schwanze, -Und dieses hier, die ganz vulgäre Pflanze, -Ist recht zu Jedermanns Erbauen -Als wie ein kluger Schlangenkopf zu schaun. -Lobsinget, wem ihr wollt, in salbungsreicher Weise, -Daß wir hierher gelangt auf uns’rer Reise. -Ihr schweigt verächtlich, o! Ich hör’ euch flüstern, -“Nach solchem Oertlein war ich lange lüstern!” -Florenz! Florenz! Du kleine Höllenwelt, -Ich bitt’ den Teufel, daß er dich erhält! -Faust -O siehst du dort den hübschen jungen Knaben? -Sein Antliß ist besond’rer Weise schön! -Mephisto -Gar schön und liebenswürdig; doch sie haben, -und kannst noch selbst die grassen Spuren sehn, -Das süße Herz ihm aus der Brust geschnitten. -Er hat nichts mehr als nur ein feines Leibchen, -Priap’sche Lüsternheit und freche Sitten. -Faust -Die Augen sind zwar sanft als wie die Täubchen, -Doch soll’n sie mich wahrhaftig nicht berücken, -Mir ekelt schier vor diesen Bettlerblicken! -Mephisto -Doch denket auch, der hat als Ideal -Als Prosopopoeie all’ Fehler auf einmal. -Faust -So find ich dich ein Schild an Kneipenthüren, -O Eros! Eros! -Mephisto - Laßt’s euch nur nicht rühren: -Auch so ist er charmant in seiner Art, -Und zupft und zaust euch kecklich euren Bart. — -Doch wohl merkt auf, mein tiefgelehrter Mann -Ich führ’ euch jetzt, die Gunst ist nicht geringe, -Und bitt’ ich, daß ihr öfters denkt daran, -Zu ‘nem erotischen, besondern Dinge: -Wenn die eur Herzlein nicht bestrickt, -So saget dreist, mir sei noch nichts geglückt! — -Wißt, daß sie ein grundaus verdorben Ding, -Wenn ich das sag’, so scheints euch nicht gering. -Doch wett’ ich, mein erfahrener Geselle, -Erzählt sie ihre rührende Geschichte -Die wunderbaren, seltnen Schicksalsfälle; -Es gleichet einem euerer Gedichte; -Wie sie in dieses kleine Haus gekommen; -Sie hat euch gleich mit Sturm genommen. -Doch denkt zur Vorsicht noch daran, -Wie sie es euch erzählt, erzählt sie’s Jedermann. -Faust -Ich leugn’ es nicht, sie interessirt mich schon, -Und mich verlangt’s den Lebenslauf zu hören -Durch den, wie ihr es meint mit keckem Hohn, -Sie so gewißlich werde mich bethören. -Doch wißt ihr, wie so blöd ich auf Visiten -Und an den Eingangsformeln nicht zu reich, -Um mir Verlegenheiten zu verhüten, -Sagt mir des Kindleins Namen allsogleich. -Daran schließt sich für mich vielleicht ein Wort -Von hoher Ahnung, kurz ein Kompliment, -Leicht spinnt sich dann die Unterhaltung fort, -In der ihr oft mich schrecklich fade nennt. -Mephisto -Den Namen werd’t ihr früh genug erfahren, -Sie wird euch selbst die Frage danach sparen. -Auf ihren schönen Namen hält sie sehr, -Und treibt damit ein ungeheu’res Wesen, -Zu Tode quält sie einen mit der Begehr, -Man soll ihn gar auf ihrer Stirne lesen. -Sie find’t ihn gar so hübsch so weich, -Und wie sich selbst vor Weh und Schwermuth bleich. -Hier klopft — - sie klopfen an ein niedres Haus: -Zum Guckloch blinzt ein altes Weib heraus, -Sie weiß die Herr’n und ihren Wunsch zu ehren, -Und öffnet ihnen schleunigst nach Begehren. -Zween Thüren fliegen auf: im blauen Zimmer, -Sitzt schöne Donna auf dem Sophaende, -Den Lockentopf gestützt in beide Hände, -Umglänzt von heimlich matten Kerzenschimmer. -Faustus tritt ein: indeß im Corridor -Im Haus verwandt, Mephisto sich verlor. -Das Weib ist schön: ein orientalisch Kleid -Verhüllt des Leibes schlanke Zierlichkeit, -Das Auge schwimmend wie in ew’gen Thränen, -Der Busen halb entblößt, und üppig weich, -Erklingend oft vom Ach! In tiefem Sehnen. -Die Stirne rein, die Wange schmachtend bleich. -Faust neiget sich gar höflich und galant, -Und weiß, mit schönen Damen unbekannt, -Im Anfang sich nicht gleich zu fassen, -Den tölpisch langen Arm zu lassen. — -Die Donna dankt: ein Lächeln überfliegt -Die Züge, die die Schwermuth so besiegt, -Als träumt sie ewiglich von düsterm Leid, -Entbehrend jeder Luft und Freudigkeit. -Doch nöthigt sie mit vieler Gratie -Den guten Doctor auf das Kanapee -Sie schaut ihm lang’ in Aug’ und Angesicht: -Sennor, sagt sie: verdammt mich nicht, -Weil ihr in diesem Raum mich findet, -Habt ihr mein Leid mein Weh’ ergründet? -Errathet ihr nicht meines Namens Laut? -Ich bin die ewig kummervolle Braut. -Faust -O sicherlich, daß ich’s errathe, -Du himmlisch schönes Weib! Du heißt Agathe! -Madonna -Agath’ ist gar ein schwermuthssüßer klang -Ein schöner Name, den ihr wohl gewählt. -Ich denk’ Agathen bleich und liebeskrank, -Doch ist’s nicht der, den Ahnung mir vermählt. -Ich heiß’ Dolores — — an dem Felsenstrande, -Daran Granadas schönes Meer zerrann, -Erstand, sein Name war La stella grande, -Des Vaters Schloß, in dem mein Sein begann, -Ein weiter Bau, gefüget sonder Regel -Von vielen Meistern, die verband kein Plan. — -Hier hob ein Thurm sich ründlich wie ein Kegel -Mit halben Mond, und welche ragten hier -Mit einer Spitz’ geschliffen scharf wie Nägel. -Saht von dem fernen Berg das Bauwerk ihr, -Mit all’ den Monden und den Kreuzeszeichen: -Hättet gerufen ihr in das Gewirr: -Dort unten auf dem Meeressand, dem bleichen. -Dort liegen Türken still und reuevoll -Vor Kreuzen aus des Heilands heil’gen Reichen. -In diesem wundersamen, reichen Baue, -Welches nach vorn das Mittelmeer umfing, -Und das die Sierra bis zum fernsten Blaue -Des Horizonts im Hintergrund umging, -Verlebt’ ich meine Jugend: und ich schaue -In stiller Wehmuth auf den schönen Ring -Der Augenblicke, die mir dort verstrichen. -Ich war so schön und froh, und an mir hing -Ein Mutterherz, o wär’s es nie verblichen! -Und Saïd! Schöner Maure — doch vergebet, -Ist mir der Faden aus der Hand gewichen! -Und du mein Vater! wehe, weh! vergräbt -Denn nimmer Erde diese blut’gen Hände -Wie sich das stolze Löwenauge hebt, -Es nagt der Zahn die väterliche Lende — -O Gott! Verleih mir Kraft — in unser Haus -Kam als ich eben überschritt, die Wende -Des Mädchenthumes: und in Grabesgraus -Schon längst der Mutter Busen sich gekühlet, -Ein schöner Sklave, Saïd — — seht hinaus -Schaut hin, wo an der Scheib’ der Vorhang spielet, -Es ist sein Antlitz, o! So bleich entstellt! -Und seine dunkeln Bärte sind zerwühlet, -Ich schwärme, träum!, ach! diese kleine Welt -Von mädchenhaften, simpelen Gedanken, -Vor diesem Angesicht in Trümmern fällt. -Die Augensterne sind es diese blanken, -In die ich an des Meeres Felsenstrand -Geschauet lange Stunden: bis sie sanken -Zu stillem Traum: o! er war zu galant! -Und bald verband uns innig süße Liebe. -Wenn ich mich so in seinen Armen wand, -Von Himmel strahlt der Stern der zarten Triebe! - Mein Vater sorgte wenig nur für mich. -Es war ein hoher, ernster, stummer Mann. -Sein düstres Auge war oft fürchterlich, -Die langen Tage saß er still und sann, -In einem Zimmer, zu dem Meer gekehrt. -Das Fenster, das vom Boden schon begann, -War schwarz verhängt, vom Lichte abgesperrt, -Und dennoch wußt’ er alles was geschah -Im weiten Schloß: auch hat’s nicht lang gewährt, -Daß ich mit Saïd mich verrathen sah. - O wenn die Worte sich in wahnsinnsbleiche -Weibsbilder mit zerfleischten wilden Haaren -Verwandelten: und mit bachant’scem Streiche -Die Brüste geißelten! Seht ihr sie fahren -Die Jungfrau in dem Kahn dem flügelleichten. -Ein Jüngling sitzt am Ruder: und sie waren -Schon außerhalb der Brandung: schwer umkeuchten -Gestades: es ist Saïd, der die Pinne -Des Steuerruders lenkte, und mir neigten -Sich die Antennen: in der glatten Rinne -Lief flink das Seil, so flohen wir die Rache -Des Vaters, und die mondumstrahlte Zinne; -Denn unter afrikan’schem Palmendache -Gedachten wir als Mann und Frau zu leben, -Und freuten uns zum sel’gen Laubgemache. -Die Gondel flog in mächtig wall’ndem Heben -Und Senken: voll das Segel, und ich hatte -Zum Steuer neben Saïd mich begeben, -Umschlang den Hals ihm: und mein treuer Gatte -Hielt sanft das Haupt auf meine Bruste geneiget, -Und da! — — o unterstütze mich die matte, -Daß meine Zung’ dem werthen Herrn nicht schweiget, -O gnäd’ger Allah, der du’s so beschlossen, -Allmächtiger Gott! Dem sich der Maure beuget — -Ein Strom von Blut kömmt gluthenheiß geflossen, -Auf meine Brust ein harscher Knall erdröhnet, -Und Saïd war tief in die Stirn geschossen. — -Am dunkeln Fels das Echo heiser stöhnet. -Und als ich rückwärts zu dem Schloß geblicket, -War mir’s, als wenn der Vorhang, der erwähnet, -Am hohen Bogenfenster sich gerücket -Aus seinen Falten; und ich hab’ gesehen -Den letzten Streif des Antlitz’s — — und genicket -Hat mir das schwarze Aug: — — indeß im Blähen -Der immer kühlern, abendlichen Brise -Flog jäh der Kahn: und bald darauf vergehen -Des Schlosses letzte Schatten: o nun fließe -Du Thräne, die die kalte Hand der Leiche -Mir frei nicht gab, die mir der Schmerzens-Riese -Verhielt: es war als ob der purpurreiche -Blutstrom in seiner königlichen Fülle -Beschämt’ die Thrän, die schwesterliche bleiche. -Weh diese Nacht, da in der dumpfen Stille -In wilderregter, schaumgekrönter Welle -Gedankenleerem, träumerischen Spiele -Die Leich’ im schwanken Arm mit Geisterschnelle -Ich durch das afrikan’sche Meer gejagt; -Und seine Hand hielt fest noch an der Stelle -Des Steuergriffs da hab ich mir gesagt, -Es ist der Tod Dolores! der dich führet; -Habt ihr ein Herz von solchem Weh zernagt, -Und eine Brust, drin solche Gluth geschürt! - Am Segel hatt’ ich wenig nur zu rücken, -Ein schwerer Traum in tödtlicher Gestalt -Verwebte sich vor meinen trüben Blicken. -Und als der Morgen frisch heraufgewallt, -Da ich erhob die schweren Augenliede, -Machte mein Kahn schon auf dem Strande Halt, -Im Arme ruht’ mir noch der todesmüde -Saïd: Saïd, wir sind an Ort und Stell, -Am flachen Strand spielt Schwesterchen Zaïbe! -Doch Saïd schwieg, und ich besann mich schnell. -Das Ufer war gar seltsam anzuschauen, -Als wenn das Thier dort mit dem schwarzen Fell, -Das riesige Gebirg sich auf der grauen -Düne gewälzt — denn Brandung war hier nicht; -Die Wogen rollten sich in langen, blauen -Streifen zur Küste. So im Morgenlicht -Saß einsam ich auf afrikanschem Strande, -Und hielt aus Leid die Hand mir vor’s Gesicht. -Die Sonne ruht schon auf dem höchsten Rande -Der Zacken des Gebirges: wie ein Mohr -Gezeugt in diesem afrikanschen Lande. -Ein tiefgefärbter, unterthän’ger Mohr -Eilet herab zu mir sein finstrer Schatten. -Ich sitze schaudernd: wage kaum empor -Zu schaun und dränge fest mich an den Gatten. — -So war von Tod und Schatten ich umringt; -Doch als die Dunkel sich zerstreuet hatten, -Lös’ ich die Hand, die ihn noch fest umschlingt, -Vom Steuergriff, und glaubet ihr’s, ich lade, -Wenn tausendmal auch in die Knie sinkt -Mein schwanker Leib, den Todten auf und bade -Ihn in den Armen durch den feuchten Sand. — -Und laß ihn nieder landwärts vom Gestade, -Wo eine halb verdorrte Tanne stand. -Es war gluthheiß, ich sinke hin daneben, -Und mein Bewußtsein bald im Schlummer schwand. -Da träumte mir wie nimmer noch im Leben! -Die Sonne stand im glühenden Zenith: -Und nach ihr sah den rothen Mond ich schweben, -Die schönste Blum’ in ihrem Strahl verglüht; -Der Stengel wurzelt in dem Meeresgrunde -So lang und schwank; da trat zu mir Saïd: -Einen Löwen führt er an dem Turbanbunde, -Dem blutbesprützten: sah mich liebreich an, -Und sprach zu mir aus seinem schönen Munde: -“Mein Bruder und mein Rächer!” drauf begann -La stella grande meinem Blick zu zeigen -Die wüsten Formen: o und was ersann -Mein Traum! vielfältiglich sah ich den Löwen steigen -Auf jeden Thurm, am Hals das Tuch, ein Drehn, -Ein Tanz begann, ein ungestümer Reigen; -Als wie ein Wetterhahn im Sturmeswehn -Umhergeworfen, und mein Vater nickte, -Am Fenster stehnd den Takt in das Gedröhn. -Darauf erwach ich: als ich um mich blickte -Da kauert sich ein Löwe bei der Leiche, -Wie der im Traum: ich seh das unverrückte -Gluthaug’ geheftet auf mich starre, bleiche; -Und aus dem Hals hing ihm die Flammenzunge. -Ich fasse Muth, und als ich ihn erreiche, -Mit einem wild verzweiflungsvollen Sprunge -Schling um den Hals ich ihm die beiden Hände, — -Und seufze tief aus schwer beengter Lunge: -Mein Trost! Mein Traum! Der du für mich elende -Von ihm gesandt zum Rächer bist: verlasse -Mich arme nicht: gnadenvoll dich wende! -Hier trink aus meinem Mund von meinem Hasse! — - — So sprach ich zu dem königlichen Thier, -Und jammervoll geberdet’ ich die Glieder. -Mit solch inbrünstig lodernder Begier -Nach der Erhörung sank noch niemand nieder. -Und auch kein Büßer den Triumph errang, -Daß solche Gnad’ ihm dafür wurde wieder. — -Als ihn mein Arm so eng und fest umschlang, -Schloß er das Aug’ in schweigendem Gefallen, -Und reckte sich und machte sich so lang, -Ich ließ nicht nach: an niemand wohl von Allen -Verschwendet’ ich belohnter meine Zier. -Ich sehe noch die hohe Mähne wallen. -Und wie auf Knien den hehren Fürst vor mir. - — — Drauf dacht ich, daß wohl Zeit es zu bestatten -Meinen Saïd in dem Vaterlande hier; -Und nähert’ also trauernd mich dem Gatten, -Und hob ihn auf und will ihn mühsam fort -Landeinwärtts tragen, aber meine matten -Glieder gehorchen nicht: und als ich dort -Zu Boden sink’, und mir die Hände beben -Und ich zu Gott mich wend’ der Gläubigen Hort: -Steht wiederum der Löwe dicht daneben, -Und beugt den schlanken Leib, als wenn er sagt; -Mir kannst Du ja die Leich’ zu tragen geben -Ich heb sie nun und wo die Mähne ragt, -Da, bind ich fest den Kopf des theuren Mauren: -Mit seinem Turbantuch: als wenn es tagt, -So hell war’s in den Oeden: um uns kauern -Sich tausend Schatten: doch bedächtig geht -Der wüste Leichenzug: erblaßt von Schauern -Gedenk’ ich sein: ich geh’ voran, im Winde weht -Mein aufgelöstes Haar: die Schatten alle -Der dürren Bäume neben mir: als steht -Ein Chor von Nonnen um mich aus der Halle -Des finstern Domes, und es folgt zuletzt -Der Löwe mit dem theueren Gemahle. — -Graut Euch vor diesem Zug: wie er gesetzt -Voll Majestät im stillen Mondenscheine -Dahin gewallet: sehet vor uns jetzt -Höhlt sichs in einem dunklen Felsensteine -Als wie zur Nisch’: ich winke und im Nu -Steht still der Löw, ich löse die Gebeine -Und bring sie sorglich in dem Stein zur Ruh. -Nach Osten blickt das Angesicht des Mohren, -Wo seine Kaaba steigt dem Himmel zu: -Die Schatten schwanden; und vor meinen Ohren -Lispelt der Wind, der dürres Laub durchregt: -Der Löwe starrt als in sich selbst verloren, -Und an die Dün’ die lange Woge schlägt — — - — Monde verstrichen, und ich lebte dort -Genährt von Muscheln und von Vogeleiern: -Des Löwen Treu währt unverändert fort, -Und einsam so gedenkend an den theuren -Gemahl am Strand in düstrer Abendstunde -Web ich den Rachetraum den ungeheu’ren, -Zur Seit’ den Löwen, in dem Herzensgrunde. -Wie hab’ ich oft in’s wilde Meer gesprochen -Bald gellend laut und bald mit leisem Munde! — -Kein Ungewitter war seit jenen Wochen -Wo ich mit Saïds Leiche hier gelandet -Ob Libyas dürren Oeden ausgebrochen, -Es war mein Kahn mir unzerschellt gestrandet. — -Einst steh’ ich auf in stiller Mitternacht, -Als über mir ihr Sterne flammend standet! -Ich seh’ mich um: des Kahnes Segel flaggt, -Ein weiß Gespenst, erregt von einem Winde, -Der sich im lauen Süden aufgemacht. — -Nun tret ich in die Barke; und geschwinde -Folgt mir der Löw’: mit einer Ruderstange -Lös’ ich den Kiel vom Sand’ dreh’ an der Winde -Des Seegeltau’s, daß sich der Zug mir fange. -Fort rauscht der Kahn, ich schau zum weißen Strande, -Und in das flammende Geleise, lange -Verschwand er schon; ich streichle mit der Hand -Den Löwen der zu meiner Seite stand. - — Und wieder ist es Abend und ich sitze -Mit meinem Freund, dem väterlichen Schlosse -Zur Rechten, auf der hohen Felsenspitze. -Drin war kein Licht und nur im Erdgeschosse -Des mächtigsten aus dieser Thürme Runde, -Der dastand wie ein König in dem Trosse -Des Vaters Schlafgemach, brennt Licht um diese Stunde. — -Ich flechte rasch’ an meinen wirren Haaren -Und schmücke mich mit Saïds Türkenbunde. -Wie Kinder thun, die in der Fremde waren, -Und nun eh’ sie den letzten Weg durcheilen, -Zu seiner Zier die lichten Locken schaaren. -Und drauf verlass’ den Felsen ich den steilen. -Der Löwe wandelt stumm; doch mit dem Schwanze -Schlägt er gar wunderlichen Ring; und Pfeilen -Gleich ich den Blick: jetzt sind wir in dem Glanze, -Der hellen Scheib’: jetzt an der hohen Thür -Und jetzt o Gott! — — — in einem lichten Kranze -Von goldnen Leuchtern steht in heil’ger Zier -Ein offner schwarz umflorter Sarg: und drinnen -Da liegt mein Vater — — o Saïd! — — ich wink dem Thier -Fast unwillkührlich, und wie ohne Sinnen. — -Es stürzt drauf hin! Die matte, schlaffe Leiche -Packt’s in die Kehl: — — ich seh’ es und von hinnen -Stürz’ ich, und flieh, und flieh von wo der bleiche -Vater im Sarge liegt, sein starres Blut -Den Löwen netzt! Wie ich den Strand erreiche, -Werf’ ich hinab mich in die Meeres Fluth. — -Doch da ich wieder zu mir selbst gekommen, -Lieg’ ich auf einem Lager, warm und gut, -Ein kreuzend Schiff hatt’ mich an Bord genommen. -Wie konnt’ ich, Herr, noch wider’s Schicksal streiten -Ich war entnervt, geschwächt bis in den Tod: -Für meinen Gram mußt ich mir Ruh’ bereiten, -Und in Florenz ergriff ich was sich bot! -Ihr find’t mich hier als wie bei Anverwandten, -Im Schmerzenstraum von schwerer Sorg’ befreit, -Ich denke nur an Saïd den galanten, -Obgleich auch Ihr mir gar willkommen seid! -Ihr habt mir so aufrichtig zugehört, -Ich las es wohl in euren offnen Mienen; -Wißt denn daß meine Gunst euch ganz gehöret, -Ihr seid ein lieber — lieber Fremdling mir erschienen. — -Sie schwieg verschämt: in loderndem Entzücken -Greift Faust nach ihrer marmorweißen Hand, -Er darf sie, wie er mag, mit Feuer drücken: -Auch einem Kuß findt er nicht Widerstand, -Auf ihrem holden, himmlisch süßen Munde — — -Und eine lange selige Minute -Ward diesem armen Träumer nun zu Gute — -Er schwatzte schwärmend von dem stolzen Leu’n -Der tief im Herzen heiße Liebeswunde -Gedienet so gehorsam und so rein. -Er leb’ der starke Wächter dieser Holden. -Wo ist das Kloster, das den Nimbuskranz -Um’s stolze Haupt ihm flechte rein und golden -Und schmücke seiner Mähnen dunkeln Glanz! -Die Heiligsprechnung, die Apotheose -Verlang ich fürs das wundersame Thier, -Das diese welke, schmachtend weiße — Rose -Mit Treu bewahrt ein frommer Diener ihr; -Ja dieses Aug’ so glimmt es in Kastilien. -Ein Flammenmeer, aus dem der reine Sinn, -Des Mädchenthumes aphroditengleich -Empor sich schwingt: der Busen wie die Lilien, -Die auf der marmornen Balkone Zinn’ -In milder Nacht erblühen himmlisch bleich! -Also der Doktor in extat’schem Courtoisiren -Bis fast die Nacht verdampfet, und es stand -Der Mond schon in des Westens dunkeln Thüren. -In schwarzer Nebel flatterndem Gewand. -Da steht Dolores von den seidnen Pfühlen -Führt zu dem Fenster den entzückten Mann -Den Vorhang, drin die lauen Lüfte spielen, -Zieht sie nach rechts und links zu sich heran. -Und zu dem Mond sie mit dem Finger zeiget: -“O Schwärmerin,” spricht Faustus: “ja sie schwebt, -Die weiße Taub’ an deiner Hand und neiget -Sich wie der zarte Faden, der erbebt!” -Mephisto plötzlich neben ihm sagt leise: -“O Thor, das ist hier nicht die rechte Weise -Du kämest auf der Mimik Deutung nie! -Ich lehr’ dich andere Astronomie. -Die Dein’ge der Sennora nicht entspricht. -Jetzt gilt der Mond ihr nur einen Dukaten, -Und ähnelt, sag’, das Nebelangesicht -Nicht ganz dem Brustbild eines Potentaten, -Wenn auch schon abgegriffen das Gepräge? -Sieb du dein Gold und gehn wir unserer Wege!” - -Lucretia - -Später Abend. Faust und Mephisto - am Fenster einer Klosterkirche. - -Faust -O sieh Mephisto, sieh dort wandelt sie, -Lucretia Frangimani, -Und traurig ist sie: Wesen hochgeliebt -Sag’ mir; wer hat so tödtlich dich betrübt? -Vor jedem Heil’gen kniet sie betend nieder, -Und lispelt reuig die latein’schen Lieder. -Lucretia! höre! Dein Geliebter sieht, -Wie du dich Gott zu sühnen bist bemüht! -Jetzt nimmt die trauernde das heilige Mahl! -Den langen Schatten, der sich zu mir stahl, -Möcht’ ich an meinen heißen Busen legen, -Gleicht er auch einem häßlichen Phantom, -Verzerrt und schwarz; erhörte milder Seegen -Das fromme Kind im düstern Klosterdom! -Mephisto -Du phantasirst. Doch ich als echter Teufel -Ich hasse diese Magd mit ihrem Zweifel. — -Was hat sie dir gar Großes denn gewährt, -Daß sie also nach reu’ger Sühne lechzet, -Die eklen feuchten Keller spät durchstört -So jämmerlich geberdet sich, und krächzet? -Faust -Schweig höhn’scher Spötter! Diese Büßerin -Ist schön! Mir rauscht es wild durch Herz und Sinn! -O ich bereu! — mich faßt ein fiebernd Sehnen -Nach ihren reinen göttergleichen Thränen! -O eine jed’ ist ein Strom der Himmelsgnade -Näßt ich doch meine Lippen in dem Bade! -Lucretia, ich habe dich gekränkt, mein Leben, -Mein ist die Schuld! dir ist schon lang’ vergeben! -Mephisto -Du armer Schwärmer! — sie gleicht einem Kind, -Das wurd’s nur ein klein wenig kastigirt, -Erbärmlich schreit und heult und toll und blind -Unsinnig jämmerlichen Lärm vollführet. -Dann spricht der Vater: hör! du ringst danach, -Ich geb dir was zu weinen Schlag auf Schlag! -Um das, was du ihr thatst, solche Lamente -Ein Kuß ein Blick; sie braucht wohl noch die Sakramente. -Faust -Weh! Weh! Jetzt langt sie das Flagell hervor, -Nein, dies ertrag ich nicht! -Mephisto - So geh’ zu ihr -Dort hinten an dem kleinen Gitter Chor -Steht halb geöffnet der Sakristei Thür. — - Mephisto sagt’s; Faust folgt dem guten Rath, -Eilt in den Dom, kniet vor Lukretien nieder, -Und spricht: vergieb, daß ich so zu Dir trat, -Doch nimmer treff die Geißel deine Glieder! -Lucretia -Ich soll nicht sühnen, was ich schwer gefehlt, -Mir hast du’s bös im Sinn, in stiller Stunde -Stört weltlich mich das Wort aus deinem Munde! -Laß mich, bis ich zur Tugend mich gestählt, -Und rein mich ring in meiner Schwestern Bunde, -Die sich mit mir dem Himmelsfürst vermählt. — -Faust -Hier öffne meiner Adern glüh’nde Rinnen, -Laß mich zu Tode bluten: dich verschone -Dir, Dir gebührt die Himmelskrone! -Und dich zu geißeln — schreckliches Beginnen! -Hier meine Hand und hier mein bloßer Arm! -Hier lösche sich dein wilder, heißer Harm! — — - So redet dieser, und noch immer sieht -Mephistos häßlich Antlitz durch die Scheiben -Er höhnt und lacht, wie sich das ziert und zieht, -Und trotz dem allerliebsten, närrschen Sträuben -Spielt in dem Aug’ der roth: Wiederglanz -Der Luft, die in des Herzens Gründen sprüht! -Hier meine Hand — hier mein entblößter Arm — -Ja! hättst du nicht ein Herzchen roth und warm! -Er sagt’s und reibet sich die gelben Hände, -Ich kenn’ den Anfang und ich kenn’ das Ende. — -Die bleiche Büßerin hält Faustens Hand, -“Nein geh!” spricht sie und lasse mich alleine -Ich liebte dich und hab’ es dir bekannt. -Doch jetzt — doch jetzt, bin ich nur noch die Seine! -Faust -Ich geh’, gehorch dir: doch dies eine -Mußt du gewähren, heil’ge, himmlisch reine! -Gieb mir das Lämpchen dort: und laß mich gehn, -Und jene Laub’ im Klostergarten sehn, -In der ich dich erblickte und dich liebte, -Und dir die ernste Himmelsandacht trübte! -Ich seh den stillen, wundersüßen Ort, -Häng’ drin das Lämpchen an, und schleich mich fort. -Lucretia -Dein frommes, kindlich reines Resigniren -Hat mich gar tief gerührt, nein laß mich mit Dir gehen, -Ich will dich zu der stillen Laube führen, -In der du mich zum ersten Mal gesehn. -Ich fühl mich stark! was kann mir dann geschehn? - Sie langt das Lämpchen von der Säulenblende, -Nimmt Faustum an die Hand; in ernster Majestät -Durchwandelt sie die Gänge die ohn’ Ende, -Und in einander wunderlich gedreht. -Wie war sie schön im dunklen Kleid der Nonne: -So bleich: doch diese klare Blässe glich, -Des Todten nicht, und auch nicht der Madonna, -Der Schmerzensmutter, als der Sohn verblichen -Nicht Marmors Blaß: es war erblaßte Gluth, -Zu streng gefacht vom rothen Herzens-Flügel. -Und ihrer Augen aufgeregte Fluth, -Durchflimmerte ein Wolkenheer ohn’ Zügel, -Der wilde Zug der wogenden Gedanken. -Der Schwärmer Faustus schreitet still daher; -In der Ergebung fromm bescheidnen Schranken -Nun dreht die Thür sich auf der Angel schwer. — -Bald decket sie der Laube dunkles Dach. -Aus des Jasmines schwanenweißer Blüthe -Strömt dumpfig süßer Hauch in das Gemach. -Erbauet war die lieblich stille Hütte, -Aus dieser Blume, die im Ost gezeuget -Im weichen Orient, und seltner Bau! -Von ihr umranket, ernst und düster steiget -Die trauernde Cypress’ ins nächt’ge Grau. -An einen Zweig hängt sie die düstre Leuchte: -So traulich schwebt am finstern Grün ihr Schein! -Sie schweigen, matter Zug des Nachtwinds scheuchte -Die Blätter, Faust fährt auf: “hier warst Du mein! -Ich danke dir, ich habe sie gesehen, -Die Laube meiner selig stillen Träume. -Leb’ wohl! ich geh! jetzt will und muß ich gehn, -Lebt wohl, ihr heil’gen vielgeliebten Bäume! — -Ich fliehe: sinkt der Tag in deiner Zelle, -Gedenk in dämmerlicher Einsamkeit -Des düstern Freund’s: er irrt auf finstrer Welle -Des öden Schicksals: unbegrenztes Leid -Verschleiert seiner Phantasie Gestalten: -Du lebe fort in deinem keuschen Walten! -Bet’ nie für mich: Bet’ nie für mich; es schreit, -Und krächzt ein Höhner das Gebet für mich. -Leb’ wohl! Leb wohl! ich denk gar oft an Dich. -Lucretia deckt die Augen mit der Hand, -Von ihren Fingern fließen heiße Zähren. -Faust wollte gehn; schon hat er sich gewandt: -Sie sagt nicht: bleib! möcht doch zu gehn ihm wehren. -“Nicht Lebewohl! Ich hab’ dich so geliebt. -Ohn’ Lebewohl soll ich verlassner scheiden! -Lucretie! Was hab’ ich denn verübt? — -Sie schweigt in übermäßgem, stummen Leiden -Seufzt tief; Faust greift nach ihren Händen. -Sie spricht nicht, wankt nicht; als mit wilden Küssen -Er sie bedeckt in flammendem Genießen. -Sie ächzt, und ihre Thränen woll’n nicht enden, -Doch spricht sie nicht; sie weint: und wanket nicht, -Tritt nicht zurück, und eilt zum Kloster nicht. -Als er sie wie unbändig an sich ziehet, -Weint sie: Doch tritt sie nicht zurück und schweigt, — -Als Kuß auf Kuß auf ihre Lippen glühet, -Weint sie, doch wankt sie nicht; flieht nicht und schweigt. -Plötzlich vergeht am Zweig die kleine Leuchte, -Gelöscht mit einem pfeifend scharfen Hauch; -Kein Fünkchen mehr, daß es gebrannt, bezeugte; -Auf einmal todt, und schwarz ohn’ Dampf und Rauch. -Die Zweige schütteln duftig schaudernd sich; -Indeß am Tannen-Busch einfältiglich -Die Arm’ auf seiner dürren Brust verschränket -Geht still vergnügt Mephisto ein und aus, -Lächelt behaglich für sich hin und denket: -Er ist der Herrgott bei dem Apfelschmauß. -——— -Faust und Mephisto auf einer Hochebene. -Morgendämmerung. -Mephisto -Siehst du, ich habs gesagt! Sie ringt danach, -Nun hat sie was zu weinen Schlag auf Schlag! -Faust -O nicht doch! wiß! mir ist es eine Schmach -Und ärgert mich und dauert mich herzinnig: -Dar arme Kind so schön, so zart, so sinnig! -O wo mag jetzo sie alleinsam weilen -Und beten, jammern und verzweifelt heulen. -Mephisto! hör! Ich fürcht’ es gar zu sehr: -Das überlebt sie nun und nimmermehr. -Noch tönt der grasse Schrei zu meinen Ohren, -Als sie zu spät sich meinem Arm entwand: -Weh’ mir! ich bin auf immerdar verloren, -Es bleibt nur Tod, so sagt sie und verschwand. — -Mephisto -Es kömmt anders als du denkst — doch weißt du wohl -Bei Wasser ist leicht zu verzagen: -So nun, daß dich kein Vorwurf treffen soll, -Rath ich dir diesen Krug ihr hinzutragen. -Der Wein ist schön, und es wird mir gar schwer -Daß ich ihn geb’! alt ist er wie das Feuer -Und stammt mit jenem von der Schöpfung her: -Doch weißt du ja: Du bist mir gar zu theuer! -Ein Trunk: sie ist gerettet, ist befreit: -Das Blut mit lohem Flügel durch die Ader -Gehetzt, erfrischt der Seel’ Lebendigkeit, -Von Nerv’ zu Hirn mit üpp’ger Kraft; der Hader -Verdampft: und reuemüthige Moral -Setzt nimmermehr auf’s warme Herz den Stahl. -Faust -Ich bring’s ihr gern: wie komm ich jetzt hinein? -Mephisto -An ihrem Fenster baumelt eine Leiter: -Sie harrt auf dich, und hält sich ganz allein; -Doch sei auch du zum Morgengruße heiter, -Und schau nicht gar so kummervoll darein -Nun geh! sei klug und laß dich Niemand sehn, -Sonst ist es um das arme Ding geschehn. - - Faust geht und nimmt den Krug im Arm in Acht, -Rings um ihn liegt noch tiefe Dämmernacht. -Jetzt steigt empor aus düstrem Nebelgrunde -Bleich und gigantisch, seltsam anzuschaun, -Der Klosterbau, die leuchtende Rotunde. -Laut tönt sein Schritt durch’s nächt’ge Graun. -Im nahen Garten rauscht belebter Zug -Des Dämmerwindes — sonst ist tiefe Stille. -Schwarz sind die Fenster all’, und keinen Flug -Von Schatten bringt die Nacht: denn düstre Hülle -Umflatterte des Himmels Lichtgestalten. -Hier hängt das Seil: Faust stieget keck hinan, -Sein Fuß ist sicher und die Schnüre halten. -Jetzt langt er dem Fenster oben an. -Es ist geöffnet, doch kein Licht erhellt -Den dunklen Raum: Faust ruft Lucretia! -Lucretia um Alles in der Welt -Erwach! dein armer Freund ist wieder da, -Lucretia schweigt, als wenn sie ruhig schliefe. -Faust bebet vor dem hohl erklungnen Laut -Des eignen Rufs, und vor der dumpfen Tiefe -Der bodenlosen Nacht ihm schrecklich graut. -Da seufzt’ es vor ihm: schrecklich seufzt es da, -Wie fährt er auf, als stäch ihn eine Natter -Tief in sein Herz; vernichtend seufzt es da, -Noch einmal und noch einmal todtenmatter; -Ihm schweigt der Puls, und eh’ er sichs versah, -Ist ihm der schwere Krug hinabgeschossen, -Zerspringt am Stein, und eine Flamme schnellt -Sich gelb empor: ersteigt die schwanken Sprossen -Der Leiter und die Zelle wird erhellt. -Er sieht Lucretian auf den nackten Dielen -Dicht an dem Fenster, rothe Tropfen stocken -Am Busentuch, die weißen Hände wühlen -Unmerklich noch in ihren braunen Locken. -Es nagt blitzschnell die Flamm von Sproß zu Sprosse -Und leckt an seinen Sohlen, er erbebt, -Ruft Hülfe, daß es klingt durch die Geschosse -Des stummen Hauses, Glockenruf belebt -Die öde Nacht herab vom Wächterthurm. -Bald läuten näh und ferne Glocken Sturm. -Faust sieht ringsum — er fühlt sich ohn’ Besinnen — -Halbnacktes Volk, mit klagender Gebehrde, — -Gewalt’ge Ströme Wassers rinnen -Aus Haar und Bart ihm und er fällt zur Erde. -——— - In eines Kerkers dumpfigen Gemäuer, -Liegt einsam Faust in stiller Mondesnacht; -Er sieht verstört und blaß, ein Ungeheuer -Von Traum umschwebt ihn, und er weint und lacht. — -Im Hof vollendet sich ein großer Bau, -Ein dürrer Scheiterhaufen ist errichtet, -Die Hölzer sind gezimmert, und genau -Und kunstgemäß ist Alles aufgeschichtet. -Nicht in der Mitte fehlt der lange Pfahl. -Der Mond, der volle, seltsam aufgeregte, -Blickt in des Fensters längliches Oval, -Und wie sich der Gefangene bewegte, -Im Traum die Arme senket und erhebt, -Ein tiefgefärbter Schatten macht’s ihm nach, -Und jeder Laut, den seine Stimme belebt, -Sich vielfach an dem Kreuzgewölbe brach. -Oft seufzt er schwer und ruft “Lucretia, -Du vielgeliebte! bleibe nur da! -Komm nicht zu mir, ich werd dich künftig brauchen, -Bleib still, bleib still und spar dein süßes Blut, -Und wenn ich in der Hölle werde rauchen, -Koch mir davon ein Tränklein kühl und gut! -Siehst du den hagern Greis mit dürrem Arm, -Der harrt auf mich und wird schon ungeduldig, -Leb woht! leb wohl! du meine Lust, mein Harm, -Faustus muß fort, er ist’s dem Alten schuldig! -Hu! wie du blaß wirst, und dein Lockenhaar -Lucretia! Ist eine Wolkenschaar!” -— So faselt Faust, da klopft es an die Thür, -Mit streng gebieterischem Ungestüm -Ernst und gesetzt mit sittsammer Manier -Tritt Freund Mephisto ein, in dem Kostüm -Welches die Herrn Großinquisitoren tragen, -Es fehlt ihm nichts zu dem vollkommnen Staat, -Auch nicht ein Fältchen und nicht Knopf nicht Kragen, -Und die Perück’ vollendet den Ornat. -Faust läßt nicht ab vom wilden Deliriren, -Und spricht so rasch und so veränderlich, -Wie eine Flamme sich im Sturme dreht, -“O Doktor höret auf zu phantasiren”! -Beginnet der: wär nicht Mephisto ich, -Ich selber würd’ von diesem Zeug verdreht! -Du armer Knab’ sitzst erst zehn Tag gefangen, -Dein Bart ist armlang wie mein Pferdeschweif, -Läss’st immer du sobald die Flügel hangen, -Bist du zur Hölle lang noch nicht reif!” -Faust schlägt die trüben Augen auf, erblickt -Die seltsame possierliche Figur, -Die große Kraus’ in Falten fein geknickt -Und der Perücke ungeheure Schur. -Ihm schwand zum andern Mal der schwache Sinn. -Und wieder spricht er wilde Phantasie’n; -Mephisto zupft ihn bei dem welken Kinn; -“Nun, steh nur auf, ich bin ja nur der Teufel, -Nimm hier dies Kleid, drin kannst du leicht entfliehn, -Und überlaß mir alle fern’ren Zweifel!” -Faust seufzet sich besinnend, steht vom Lager, -Und ziehet aus das arme Sünderkleid, -“Verdammt! speicht der, “wie bist du schon so hager; -Wie ruinirt dich noch die Traurigkeit! -Also verwechseln ihre Kleider beide, -Mephisto soll den armen Sünder machen, -Faust sieht sich an, trotz allem seinem Leide, -Muß er als Inquisitor sich belachen. -Und in dem braunen, här’nen Büßerkleide -Des Teufels niederträchtiges Gesicht. -“Nun geh’ spricht der, du ausgedorrter Wicht, -Erwart du auf dein Hügel mich da drüben, -Da kannst du ruhig schlafen nach Belieben! -So geht dir Jedermann gern aus dem Wege -Du hübscher Kerl von der Justizpflege!” - Faust schleicht davon mit frohem Angesicht: -Im schaurig stummen, dumpfen Frohngelaß, -Spaziert Mephisto ruhig hin und wieder. -Am Fenster steht er in dem Mondenlicht, -Sieht zu dem dürren Scheiterhaufen nieder, -Und schwatzt und lacht und treibet tausend Spaß. -Die Spindelmütz von weißer Leinewand, -Zieht grüßend er, als nickten ihm Bekannte, -Er wirft Kußhände mit der langen Hand, -Als recommandirt’ er sich ‘ner alten Tante. - - So wie es dämmert wird’s im Kloster helle, -Ein Lämpchen zündet sich in jeder Zelle -Man wickelt Fackeln in der Morgenfrüh -Und zupfet Werg, als wäre es Charpie. — - Und Faustus steht allein, -Auf des einsamen Berges sand’gem Gipfel. -An eines Grabes frisch aufgeworf’nem Rain. -Schwarz ist der Himmel, Sturm durchbraust die Wipfel -Er sieht den Hügel ohne Schmuck und Zier, -“O!” ruft er aus: “Die Ahnung sagt es mir, -Hier ruht Lucretia, mein theures Leben! -Seh’ ich dies arme Grab sich nicht erheben, -So sorglos aufgeworfen und geründet, -Als wie der Wandersack dem ungeliebten Kind, -Geschnüret und gepacket ist geschwind! -Ja hier ruhst Du, für die mein Herz entzündet! -Ich möchte Dich umarmen noch als Leiche! -Vergöttert Dich so ewig meine Liebe? -Wie oft wenn ich beschaut das starre, bleiche -Reliquium der wunderbar’n Getriebe -Im stillen Saale der Anatomie, -O so entgöttert, so entblättert waren sie! -Und nimmer Schauer ich empfand, -Wenn ich erfasset ihre kalte Hand! -Dort hab’ ich viele Nächte zugebracht, -Ohn’ daß die Wimpern zuckten: unvergessen -Blieb mir der Zweck der stillen Forschungsnacht. -Ich bebte nie und war frivol, vermessen! -Und sah nur träge, dumme, dumpfe Masse. -Ein wild Gewirr von Nerven und Gefäßen, -Und nicht entsinn’ ich mich, daß ich zum Hasse -Zu Abscheu, Liebe wär’ geneigt gewesen! -Doch Dich Lucretie! Dir möcht’ auch so ich sehen, -In Dein geliebtes Angesicht das bleiche: -Umlispelt mich nicht Deines Athems Wehen, -Wär’ es genug, daß ich die Hand Dir reiche! -— — Doch weh mir! Daß der kalten fünfe Zahl, -Die Flamme noch in meinen Pulsen zündet, -Aus Grabesnacht ein geisterheller Strahl, -Der Lieb’ den Weg in meinen Busen findet. -Soll ich Dich ewig lieben! wird Dein Leib -Mir nie zur Leiche und bleibt ewig Weib?” -——— - Da tönt ein ungeheueres Geheule, -Empor zu Faustus aus dem Klosterthal, -Und eine riesenmäß’ge Feuersäule, -Flammt hoch empor mit blendend hellem Strahl. -Wie jauchzten unten die im Henkermuth! -Doch sieh! Da wächst ein ries’ger Priapus -Ein glühender Colossus aus der Gluth -Bis an die Wolken fast in schnellem Schuß. -Die Klosterfrauen fliehen durcheinander, -Und jammern schrecklich ob der Zauberei; — -Da steht so frisch als wie ein Salamander, -Mephisto neben Faustus frank und frei. -Er will zerbersten schier vor tollem Lachen; -“Sahst du,” sprach er: “sahst du den Priapus, -O den verkohl’n sie nie, wie sie’s auch machen, -Und was war’s mir für höllischer Genuß, -Wie sie so schuldbewußt die Augen wandten, -Und in einander floh’n in Angst und Graun, -All’ dieses Volk, und viele Vettern, Tanten -Der Klerisei, die hier, sich zu erbaun -An deines Leibes süßem Fettgeruch -Versammelt waren mit dem Singebuch. — -Der Lärm tos’t fort, die Flamme jagt im Sturm, -Die Asche sinket, man beginnt zu läuten -Die Glocke zum Gebet vom alten Thurm, -Den bösen Spuk zu ban’n für ew’ge Zeiten. - - Halb wach liegt Faustus in der nächsten Nacht, -Den Rücken an den Eichenstamm gelehnet; -Mephisto schwatzet für sich hin und lacht, -Und lauter Sturm im dürren Blatte stöhnet; -Und Faust verstehet folgende Zwiesprach -Die jener hält mit einem Unsichtbaren: -“Nun geh!” sagt er: “mach mir nicht Ungemach, -Verdammter Sturm zu deinen Wolkenschaaren, -Was quälst du mich? für dies Auto da Fè, -Das deinem Gaum’n ich diese Nacht entzogen, -Mußt du aus seinen Aug’ noch eine See -Von Thränen trocknen? hab’ ich dich betrogen? -Und dieses Stöhnen seiner bangen Lunge, -Du kannst es ja mir nie genug beloben. -Dies Alles halte schadlos deine Zunge, -Und aufgeschoben ist nicht aufgehoben!” -Da brüllts daß sich die alten Eichen biegen; -Faust schauert, und ihm stockt des Herzens Schlag, -Doch bald wird’s still auf seinen bleichen Zügen; -Süß schläft er ein, ob es auch tosen mag. -Wie wogt der Flug von Wolken und von Geiern, -Von düstern Raben durch den Eichenhain, -Wie krächzt der wilde Zug von Ungeheuern, -Und zornig jagt der Sturmwind hinterdrein. -——— - Es scheint kein Mond: im schwarzen Tannenhain -Ging Faustus auf und ab, still und allein. -Die Nacht sie schwieg so wie die Nächte schweigen, -Ein dumpfig Flüstern: ein wahnsinnig Spiel, -Von schwärzlichen Gestalten, dieses Neigen -Der Gipfel und der Nadeln an dem Stiel. -Und Fausto schaudert nicht: tief in Gedanken, -Die Arm’ auf seinem Rücken eng verschränkt, -Durchschweifet er der wirren Schatten Schwanken, -Redt mit sich selber, meditirt und denkt -Das Mäntlein und die dunklen Locken wehen -Im mitternächtig aufgeregten Wind, -Fest auf dem Boden bleibt sein Auge stehen, -Wie er sich der Vergangenheit besinnt. -Das war ein Strom von Denken und von Fühlen -Der ihn zu stiller Stunde so umrauscht! -In so viel Blättern kann der Wind nicht spielen, -Als er der flüsternden Gestalten lauscht: -So viele Wolken nicht den Mond umjagen, -Als da Gesicht ihm auf Gesicht enttaucht: -Und sind nicht Blätter, dran die Winde nagen, -Nicht todte Wolke die den Mond umraucht. -Es sind Gestalten frisch an Glut und Licht. -Hell wie der Stern, der durch die Wolke bricht. — -Und wie er geht im düsteren Gehäg’, -Das Nadelhölzer jeder Art durchwinden -Wird plötzlich in der Fern’ ein Schimmer reg, -D’ran tausend Schatten eifrig Leben zünden. -Er geht drauf zu, bei einer Fackel Lichte -Dem halb verglommenen, ein Jüngling kniet, -An einem Bild, das an die schlanke Fichte -Genagelt, ähnlich einem Weibe sieht. -Es ist zerlumpt, verwittert und zerrissen, -Und eben nur siehts noch dem Weibe gleich. -Doch fromm liegt ihm der junge Mann zu Füßen, -Er ist so hübsch, und doch auch gar so bleich. — -Wild fliegt sein Lockenhaar in dunkeln Wirren, -Und schwärmend ist des blauen Auges Sinn! -Der Wamms zerrissen: und wie einem Irren, -Tönt ihm das Wort von seiner Lippe hin. -Er kniet gebeugten Haupts, und in der Hand, -Hält er ein rostig Messer, das er schwenket -Und aufwärts wendet wo das Bildniß stand: -“O wenn sie mein, o wenn sie mein gedenket, -Als ihres Mörders herz’ges Mütterlein -Des hohen Sohnes, o verschone mein! -Misericordia! Misericordia! -Ich war’s, ich war’s, barmmüthige Dolorosa, -Ich war es allerheiligste Madonne -Der Dir erstach die wunderschöne Nonne, -Lucretia: ich hab nicht Ruh, nicht Rast -Eh’ also ich entbürdet mich der Last; -Gebüßet Dir und Deinem hohen Kinde -Den Mord der Eifersucht, die schmutz’ge Sünde; -O sie schwur mir, daß sie so treu mich liebte, -Ich sprach sie an des Klostergartens Zaun, -Und bracht’ ihr Rosen, die ihr vielgeliebte -Lilie, in offnem, herzlichen Vertrau’n. -Noch öfter sprach ich sie in ihrer Zelle, -In stummer und alleinsam tiefer Nacht. -Ihr Flammenkuß — weh’ ich vergaß der Stelle -Vor deinem Bild — du keusche Himmelsmacht! — -So hielt sie lange mich an ihrer Kette -Doch als ich einstens Abends ganz allein -Für sie die Saiten stimmte, und Sonnette -Auf ihren Namen machte, fiel’s mir ein -Zu zweifeln an der schönen Nonne Treue, -Das kam mir angeweht als wie ein Zug, -Und ob ich gleich mich vor dem Dunkel scheue, -Eil ich in’s Thal zum Garten: o genug -Weißt Du, Du Heilige! Ich sah -Mit einem Mann deine Lucretia! -Wie wogte diese Brust, als ich’s erblickt, -Wie schnürte sich zusammen diese Kehle, -In eines andern Arm, was mich beglückt: -Und was entzücket meine arme Seele! -Ja heil’ge Mutter, ja ich hab’s gethan, -O ich armseliger elender Mann! -Und du hast keinen Segen mehr für mich! -Du schweigst! Du gehst mit mir in das Gericht! -Nicht Gratia! Gratia! Es ist fürchterlich! -Vergieb mir Mutter und verstoß mich nicht!” -Da überfliegt ein gelber, greller Schein -Das nächt’ge Laub in diesem düstern Hain, -Das heil’ge Bild, das Schmerzensangesicht, -Des Fackelbrands schwermüthig Licht. -„Ich bin erhört! o! bin erhört durch dich -Du Holde, himmlisch Hochgebenedeite! -Der helle Tag der Gnade strahlt für mich, -Der meines Kummers öde Nacht zerstreute. -Es war ein Leuchten deines goldnen Blickes! -Es war ein Winken deiner weißen Hände, -O was es war! Ein Zeichen meines Glückes -Daß es sich wieder zu mir Armen wende! -Triumph! Triumph! der Sieg ist nun erstritten, -Und stiller fiebert mir dies kranke Herz! -O heil’ges Licht ich habe ausgelitten, -In Wonne wandelt sich der Schmerz! -Verflogen war der wilde, gelbe Schein, -Die stille, düstre Fackel glimmt allein. -Der Büßer sprach’s: und drauf als im Entzücken -Jauchzt er empor, und stürzet fort mit Hast -Himmelhoch warf er das Messer, das zu Stücken -Zerschlug den dürren Zacken an dem Ast. — -Ein alter Rabe flattert schwer empor, -Schlaftrunken kreis’t er über diesen Bäumen, -Und krächzt zerreißend für ein menschlich Ohr, -Ein Schauerlied aus seinen wüsten Träumen. -Wie klang das! so sind zu besingen -Die Galgen und die Sünder auf den Rädern. -Verschlafen regte der die alten Schwingen -Und zupfte mürrisch in den dunklen Federn. -Und nun war’s still, das Messer lag am Boden, -Nachdem’s hinabgetanzt von Ast zu Ast. -Der Rabe schwieg, der Jüngling außer Oden, -War weithin in den tiefen Wald gerast. -Faust steht in sich verloren, wie im Traum, -Die Stirn gelehnt an einen Fichtenbaum -Den Blick gewendet wo das Bildniß hing -In düstrer Gluth der Fackelbrand zerging. -“So also liebte mich Lucretia!” -Da rauscht’s im Zweig, der schrickt empor und da -Kommt langsam Freund Mephisto herspazirt! -“Was stehst du hier, du gar zu stiller Thor? -Ich hab’ mich eben köstlich amüsirt: -Ich war verschnupft, es summte mir vor’m Ohr -Und gar zu gräßlich brannte mir die Nase: -Da hab’ ich solchen nächt’gen ungezognen Rangen -Den man ‘nen Irrwisch heißt mir eingefangen: -Wie spiel’nde Knaben eine Seifenblase, -Ihn vor mir hergejagt durch Stock und Stein. -Gewahrtest du des Buben gelben Schein? -Im Waldbach drüben hab’ ich ihn ertränkt, -Die Jagd hat mich mir wieder eingerenkt!” -——— - Nach ein’gen Tagen wandern jene beide -Im milden, frommen Abendsonnelicht, -Einen Berg entlang nicht fern von jener Haide, -An dessen Fuß die Wog’ sich brandend bricht. -Des Mittelmeeres Woge lang gewallt, -Die unermüdlich am Gestad zerfällt; -Wie es im Meer am stillen Abend schallt -Und drüben aus der Nacht der Nebel schwellt! -Es schwebt der Sonne glühend rothes Licht -Auf weißen langen unendlichen Wogen, -Hier drüben des Mondes stilles Gesicht -Von dumpfen Nebeln schattenhaft umflogen: -Unausgedachter, unausdenkbar hoher -Melancholie, wie drüben in dem Thal, -Er ob dem Kirchthurm wandelt, und dann loher -Im Bogenfenster brennt den Silberstrahl! -Des Herzens Schmachten und des Busens Sehnen, -Der ird’schen Lyrik Tand, der vielgestalte, -Der Pulse Fiebern und die wehen Thränen -Dies all’s strahlt aus seines Antlitz’s Falte. -Da waren sie an eine Schlucht getreten, -An eine wüste Tiefe, daß ohn Graun -Mephisto selbst kaum kann hinunterschaun -Und für den Augenblick erscheint betreten. -Da unten schäumt das Meer an tausend Spitzen, -Der starren Felsen weiß und wild empor, -Und jeder Wellenschlag, es ist ein Sprützen -Der jähen Brandung, die verdröhnt das Ohr. -Es war schon Nacht, und Faustus schaut hinab -Als er gewahret auf der Felsen Zacken -Ein Leiche die gefunden hier ihr Grab. -Er kennt den Leib und kennt den Locken-Nacken -Der hier sich brach, er sieht es und erschrickt, -“O du,” begann er; “liegest hier zertrümmert, -Dem, wie du meinst, die Göttin zugeblicke -Dem himmlischer Erhörung Strahl geschimmert, -Du liegst am Fels zerschmettert und zerstückt, -Hier hast du die Entzückung ausgewimmert! — -O! so verwirrt das himmlische Erhören -Ist’s auch nur Lug und Trug und Teufelschein -Wir tragens nicht; wir müssen uns zerstören, -Und in den Abgrund stürzen wir hinein! -Es macht uns trunken, o! es macht verrückt, -Und es verführet uns in Nacht und Tod, -Da liegt er an dem Felsen, liegt zerstückt, -Der arme Knab’, der Meeresraben Brot. -Und so verstummt sein göttliches Entzücken, -So schweiget der Begeist’rung Flammengluth: -Wie jauchzt er hin! da liegt auf dem Rücken, -Und aus dem Mund wäscht ihm das Meer sein Blut. -Verfluchter Teufel! deine nächt’ge Jagd, -Hat mir das arme Kind zu nicht gemacht!” -Mephisto lacht: doch Faust blickt wild und stier, -Und drauf faßt’s ihm mit rasender Begier, -Er greift den dürren Teufel bei dem Schooß -Und schleudert nieder ihn zum Meerestoß. — -Drauf steht er einen Augenblick allein; -Doch bald stellt sich Mephisto wieder ein, -“Ich danke dir,” spricht er mit höhn’schem Munde: -“Ein Bad bekömmt gar gut zur Abendstunde.” -Sie schwiegen beid’, als Faustus drauf begann, -“Du sage mir! wie hat es sich gebühret, -Daß in der Nacht als ich Lucretien gewann, -Und sie zu schlimmer Sünde mir verführet; -Der da geahndet, was sich würd’ begeben, -Zum Garten kam und mich mit ihr entdeckte.” -Mephisto gähnte, daß sich Faust erschreckte -Und sprach: “das hat der Teufel ihm eingegeben.” -——— - So schwiegen sie, und stierten in die Nacht, -Und in das finstre Meer, als wie man schauet -In ein hinsterbend Feuer ohn’ Bedacht, -Und so gedankenlos daß einem grauet. — -Im Abgrund drunten, in dem Trümmergrabe -Kämpft um des Jünglings starre, düstre Leiche -Mit weißer Wog der schwarze Rabe. -Dazu erstrahlt mit geisterhafter Bleiche -Das kranke, sieche Mondes Angesicht. -Ein so wahnsinnig Zucken in den Zügen, -Als trüg’ er seine Phantasieen nicht -Und müßte schier dem irren Wahn erliegen. -Die beiden schwiegen, stierten in die Nacht, -Es wird jetzt lauter: wilder wird der Hauch -Der Brise, daß die schäum’ge Woge kracht, -Und ungeberdig flieht der Wolke Rauch. - -Die letzte Manto - -Und wieder dämmerts Abend — Faustus ruht -Am Fuße eines Schlosses, eines alten -Und wüsten Baus, der zu nichts mehr gut, -Die tiefste Nacht lugt aus des ungestalten -Gefensters goth’schem Rund — der Abendwind -Spielt mit den ries’gen, dunk’len Spinngeweben -Die vor dasselbe hingesponnen sind, -Als in des Vorhangs heimischen Geweben. — -Wie sich nun drüben fern der Mond entzündet -So einsam auf dem tiefen, dunkeln Blau, -Wie sich in ird’scher Ebene dieser Bau, -Von allem Leben fern schwermüthig ründet; -Beginnt er so: “wie oft hab’ ich geblickt -Empor zu dir, o du allträumend Licht, -In mancher Nacht, die still und unverrückt, -Gestarrt ich in des Leichnams Angesicht -O dann ist seelenvoll, ja! Seelenvoll -Dein Blick: hab’ ich nach dir mich umgewandt -Vom Todten-Aug, das leer und starr und hohl -Benetzte mein Skalpell und meine Hand -O Nacht! Dein Blick ist so gedankenreich -so schwärm’risch, überschwenglich, unermeßlich, -Des Todes Blick, so finster, stier und bleich, -Und für den Laien schauderhaft und gräßlich. -Ich lieb dich Nacht! Dir schlägt das Herz im Busen, -Das prahlrisch auf der Zunge trägt der Tag, -Und voll Entzücken zähl’ ich jeden Schlag! -— Mein Fluch traf noch nicht Alles, und ich kann, -Nach Bildern und Gedanken zahllos greifen, -In diese Brust, und hab’ nie Mangel dran -Und ewig so in ungemessnem Schweifen! — -Er schlummert ein den Kopf zurück gelehnt, -An einer Säule Trümmer-Piedestal. — -Fort schauerte die Nacht, die Brise stöhnt, -Und Sterne jagen wechselnd sich ohn’ Zahl. -Da über ihm erscheint auf dem Balkone, -Ein junges Weib in alter, griech’scher Tracht. -Ein schmales Band von Gold gleich einer Krone, -Durchflicht der düstern Locken wirre Pracht. -In ihren Händen hält sie eine Leuchte -Vom Erz Korinths mit hohem Postament. -Als sie die auf die moosig feuchte -Brüstung gesetzt, zieht sie ein Pergament -Aus ihrem Busen, läßt sich auf die Knie’n, -Schaut auf zum Himmel, und mit kund’gem Styl, -Wie hell die Sterne dort vorüberglüh’n, -Verzeichnet sie das flammende Gewühl; -Und Stern an Stern, Gedanken an Gedanken, -Ein nächt’ges, stummes, unermessnes Spiel! — -Wie ihre schwarzen Augen traurend sanken; -Und drauf in der Erkenntniß Hochgefühl, -Den Sternen droben ähnlich flammend stiegen, -Und Siegesglanz strahlt in der Seherin Zügen. — -Es war so still, im dürren, stäub’gen Blatt, -Der krüppelhaften, trocknen Sycomore, -Raschelt kaum noch der leise Nachthauch matt, -Und tönet zu der schönen Schwärmrin Ohre. -Und Faustus schläft, in seines Traumes Walten -Im Riesenflug der ernstlichsten Gedanken, -Ersteigen lieblich und verführerisch Gestalten -Von Schönen, die auf dieser Erde wanken. -So blinket durch der Nächte Wolkenflug, -Den dumpfen, rauchigen und nebeldüstern, -Des blanken Sterngebilds lasciver Zug, -So reizende Figuren und so lüstern. — -Als drauf in des Gesichts Lebendigkeit, -Die Seherin rhetorisch schwenkt die Hand, -Fällt plötzlich nieder von der Brüstung Rand -Das gelbe Blatt, das sie so hoch erfreut. -Es trifft den Schläfer Faustus ins Gesicht, -Der schaut empor und sieht die bleiche Dirne: -Sie merket den Verlust des Blattes nicht, -Ihr Aug’ steht ruhig auf des Himmels Firne, -Er liest nun in des Pergamentes Zügen, -Die wunderlich und seltsam sich verschlingen -Ein Punkt, ein Kreuz, ein Ineinanderfügen, -Von tausend Kreisen und so vielen Ringen: -Und er steht auf, da wird sie ihn gewahr, -Und sieht das Wunderblatt in seinen Händen: -“O stolzer, übermüthiger Barbar,” -Spricht sie zu ihm: “das willst du mir entwenden! -O gieb mir wieder, was ich schwer errungen -Du hast ein ernstes, sinniges Gesicht: -Ich hab’s den stummen Göttern abgedrungen, -Beraube du des theuren Blatts mich nicht! -Du ehre meinen ernstlichen Beruf! — -Ehr’ blos das Weib in mir, nur mein Geschlecht, -O gieb mir, gieb mir, was ich mir erschuf, -Der Sterne, der Gedanken Sinn Geflecht. -Faust ritterlich, wies nimmer er vergaß, -Wenn auch erstaunt und seltsam aufgeregt, -Springt auf den Marmorfels, auf dem er saß, -Und wie den Arm er um die Brüstung schlägt, -Schwingt er sich auf das Astrologium. -Sie stehn sich beide gegenüber stumm, -Der Schläfer Faust mit dem verworrnen Haar, -Mit dem verschobenen Barett von Sammt -Die Seh’rin mit dem glüh’nden Augenpaar, -Die Wange bleich, als wie dem Tod entstammt. -“Hier hast Du Weib Dein wunderlich Papier! -Beginnet Faust, “ und wohl bekomm’ es Dir!” -“Doch sprich! wer bist du, schön wie eine Braut, -Und angeputzt wie eine Königin, -Schwärmst Du umher in Räumen, wo mir graut, -Und seltne Träume führest du im Sinn? -Weib -Wir sind in Rom, ein wunderbar Geschick -Macht diese Stadt zur ersten Stadt von allen! -Was noch so hoch erhoben hat das Glück -Bis zur Anbetung, hier ist es gefallen! -Hier sanken jene Götter in den Staub, -Die wandelnden in freundlichen Gestalten -O Alles wurde hier der Zeit zum Raub, -Und alle Hoheit wurde hier zerspalten! -So bin auch ich der hochberühmten Frauen, -Von Delphi Sprosse, die ein schleichend Sein -In diesen Trümmern fristet, diesen grauen -— — Umstrahlet mich der alten Größe Schein? -Ich bin die Manto! — — jenem Mittelpunkte -Der Erd’ entsprossen, da des Weltalls Gab’ -Im stolzen Tempeln aufgerichtet prunkte, -Die goldnen Becher und der goldne Stab! — -Vier Schwäne, wie vier Adler, die geflogen,[1] -Nach den vier Winden von den Weltenenden, -Zu gleicher Stund’, begegnen sich am Bogen, -Der Tempelhallen, an den heiligen Blenden! -— — In dieser Trümmerstadt, der Stadt des Falls, -Fällt nun das herrliche Geschlecht in mir — -Die Manto fällt, die Königin des Alls, -Der Zukunft geben ihren Schleier wir! -Faust -O hochgelobt sein mir die nächt’gen Stunden, -Da ich Dich wunderbares Weib gefunden, -Ich frage nicht nach Deinem Alter, Namen, -Noch wie Dir diese Trümmern überkamen. -Sei mir gegrüßt in aller Herrlichkeit, -Du schöner Sprosse jener mächt’gen Zeit! -Glücksel’ger du als ich! — du hast erkämpfet, -Der düstern, heiligen Geheimniß eins, -Die droben Er mit stummer Nacht umdämpfet, -Und davon mir, ach — offenbart sich keins! -O du bist glücklich! hochgebenedeiet, -Sei meine Schwester, Herrin, sei mein Weib’. -Dein Sieg! Dein Sieg, der seine Macht entzweiet, — -O rasend tost mein Blut durch meinen Leib. -Nun flammt mein Herz himmelhoch in Entzücken, -Im Busen rauscht ein Quell von Seligkeit! -Noch einmal freu dich Faust der Jugend Sonnenblicken. -Und dann sei wieder deinem Gram geweiht!” -So sprechen mit einander jene Beiden, -Da tanzt noch einmal auf dem Trümmerdach -Die Eul’ von ihren nächt’gen Leiden, -Die Hallen tönen’s schaurig nach, -Die Fledermaus, die in der Rinne -Vom Flug sich ruhet, schnarret auf, -Und stößt sich am Geweb der Spinne, -Die eilt geschäftig nieder, ‘naus, -Und flickt besorgt an den Geweben. — -So regt im alten Wald der neuen Welt, -Wenn kaum die nächt’gen Gipfel beben, -Der Thau vom Blatte träufelnd fällt, -Urplötzlich sich ein wildes Leben, -Den Tapir hetzt der Jaguar; -Er fliehend rüttelt die Bananen, -Auf denen schnarcht die Affenschaar, -Die höhnet, schimpft den unhumanen’ -Und weckt der Papageien Chor, -Der wilde Lermen toset hin und wieder, -Dem Wanderer zerreißt’s das Ohr, -Im Hamak wirst er schlaflos seine Glieder. — -——— - Ein grüner Vorhang scheidet in zwei Theile -Den hohen Saal wo jetzo Faustus steht, -Er ist allein in stummer nächt’ger Weile. — -Und wie er sinnend auf und niedergeht, -Und in dem Dämmerschimmer um sich blickt, — -Indessen Manto wie er sie gebeten, -Sich ihm die Zukunft zu enthüll’n beschickt, -Jenseits des Vorhangs stell’nd an den Geräthen: -Spricht er also; O! und sie wagt zu klagen, -Daß sie des hohen Stamm’s verlorne Tochter sei, -Verachtet einsam, deren Ahn’ zu fragen, -Geeilt aus Nord und Süden man herbei; -Glich ich einem lahmen, dummen Ungeheuer -Einem Hunde, einem schrecklichen Scheusal -Gehört ich einem Stamme, der das Feuer -Das heiligste der neid’schan Götter Saal -Dem ihr’gen gleich enttrug! — weh mir! ich habe, -Auch gar nichts übrig als ein wildes Herz -Voll glühn’den Blutes, — Bettler an dem Stabe -Schwank ich dahin und schlepp’ an meinem Schmerz. — -Ich hab’ ihm Schlaf, ihm meine Ruh geschlachtet, -Und mich mich selbst! — o! denk ich nicht daran -Und dieses Hirn und dieses Auge schmachtet, -Noch nach wie vor nach der ersehnten Bahn!” -Faustus also: die bleichen Cariatiden -Die matten, seufzenden an ihrer Last, -Sehn stieren Auges auf den lebensmüden, -Dem alle Welt wie er sich selbst verhaßt. -Ein dumpfes Schattenspiel: entlang den grünen Schleier, -Rauscht’s geisterhaft im kühlen Zug der Nacht, -Da steht Mephisto da, das Ungeheuer -Sieht Fausto in sein trübes Aug’ und lacht! -“Du geh mir jetzt,” spricht Faust, als er ihn sieht: -“Ich mag dich nicht in dieser heiligen Stunde, -Da in Erwartung mir der Busen glüht, -Anekelt mich das Wort aus deinem Munde! -Ein Weib kann mir mehr als Du selbst gewähren -Geh! ich erwürge Dich Du lahmer Wicht, -Willst Du mir diese Mitternacht zerstören -Da wenig mir zu meinem Glück gebricht!” -Mephisto -Herr Anatom sind gar gebieterisch, -Ich wollte nur nach Dero Wünschen fragen, -Die Nacht ist heute köstlich kühl und frisch, -Zur Reise gut, doch hat das nichts zu sagen! -Mag’s euch nach Wunsche gehn, ich will nicht stören, -Und morgen werden wir das Weitre hören.” -Er lacht und geht: Faust höret ihn noch kaum, -Und misst mit ungeduld’gem Schritt den Raum. -——— - Noch hallt Mephistos schleichend lahmer Gang -Im öden Trümmerhaufe: nächt’ger Sturm, -Saust an das Fenster ungestüm und bang, -Die Sycomore krümmt sich wie ein Wurm. -Da rauscht in schweres, dunkeles Gefalt -Der grüne Vorhang und ein trübes Licht, -Von süßer Wolke düstrem Dunst umwallt, -Umstrahlt der Manto blasses Angesicht; -Wie sitzt sie auf dem mysteriösen Fuß -Im Seelenkampf, doch lieblich zum Entzücken, -Wie sie die Locke schüttelt, die den Rücken -Herniederfließt im rabenschwarzen Guß. -Im Auge glüht die Unermeßlichkeit -Es steht verrückt und schwärmet: fest verbissen -Sind ihre Lippen wie in stumm bekämpften Leid, -Von schweren Falten ist die Stirn zerrissen. — -Sie springt empor: schon öffnet sich der Mund, -Zum Wort — sie schweigt — verdreht die weißen Hände -Und sinkt bestürzt zurück auf ihres Sitzes Rund. -Das alte Spiel — im Auge glüh’n die Brände -Des Geist’s von Neuem auf zu wilder Gluth. -Die blaue Wolke fliegt in duft’gem Tanze, -Ihr Busen wogt: sie schöpft nach Luft und Muth; -Die Ampel glüht in stierem, düstren Glanze -Jetzt springt sie auf — Da reißt es Faustum fort; -Das Weib entzückt ihn; sein entfesselt Blut, -Durchwühlt sein Hirn; wie sie zum Zukunftswort, -Die Lippe regt, erliegt er seiner Wuth: -Umschlinget sie in bodenloser Luft -Mit heißem Arm; die aufgeregte sinket -Betaubt, hingebend an des Mannes Brust, -Und seufzt und weint wie ihren Kuß er trinket. -Die Myrrhenwolke wirbelt wilde Ringe -Gescheucht von solcher Athem Sturmesschwinge. -——— - Es war ein wüstes ganz verdorrtes Feld, -Vielfach gespalten von der Sonne Gluth; -Hier weilte Faust da sich der Morgen hellt, -Vom Himmel gießt die Regenfluth; — -Ein eisiger, durchdring’der feiner Schauer, -Durch den blutroth die Morgensonne glüht, -Die kaum erstanden ob der Trümmer Mauer, -So man von hier nicht allzufern sieht — -So bleich, so dumpf, so traurig und zerrissen -Sah nimmer noch sein Angesicht, -Die Haare starr und träufelnd niederfließen, -Und wie gebrochen ist der Augen Licht, -Als könnt’ nie wieder sie der Geist durchbeben, -So hohl und ohne Glanz, so starr und stier, -Sie die der Flammenzug des reichsten Leben -Gefacht, und der Erkenntniß Gluthbegier. -Der arme schleichet ruhlos hin und wieder, -Gesenkten Haupts mit wankem Gang, -Dann wirft er auf dem feuchten Feld sich nieder, -Auf das Gesicht und liegt minutenlang: -“Du hast gesiegt!” so ruft er endlich aus: -“Ja! Und auch diesmal darfst Du triumphiren! -Maaßlos ist dein Triumph, gleicht er dem Graus, -Den meine Qual’n in diesem Busen schüren. -— So sei von nun ein jedes Band zerrissen, -Wenn eines, ein letztes noch, mich dir verkettet: -In niedrer Sinnlichkeit taumelnden Genüssen -Sanken wir hin! — o bittre Schmach! — wer rettet? -Du hast dir dein Geheimniß so umwallt, -Mit list’ger Schlang und schöner Weibsgestalt! -Was lässst du michs nun gar so schwer empfinden, -Wenn ich erlag! ich sollte ja verblinden! -Schon der Gedanke daß ich dich begriffe -Er schleuderte mein Schifflein an die Riffe! — — -— Kam nur Mephisto nicht: ich muß mich schämen, -Ich möcht umarmen diesen Höllensohn, -Ihn um Verzeihung flehn’d für mein Benehmen, -Daß er mein schont mit seinem Hohn!” -—— Und so und anders tönen seine Klagen -Im alleinsamen Monolog, -Es saust des Regenschauers wildes Schlagen, -Noch düstrer Flor das Tagsgestirn umzog. -——— - Mephisto hinkt voran, Faust schleichet nach, -Hehr liegt vor ihnen Roma ausgebreitet -Sie schwiegen beide, doch wie Faustus schreitet, -Er also mit sich in Gedanken sprach: -“Froh könnt’ ich diesen Teufel jetzt umarmen, -Und möcht’ ihn gar auf meinen Händen tragen, -Auch nicht ein Wort sprach er um mich zu harmen. -Ernst und gesetzet hat er sich betragen; -Er ist ein Kamerad viel edler denn ich meint, -Ich lieb’ ihn nun als einen werthen Freund.” -——— - Da Faust bis auf das Hemde naß durchaus, -Und ihn ein Schauerfrost durchbebte, -So traten sie am Wege in ein Haus, -Ob dessen Thür ein Wirthshauszeichen klebt. — -Sie setzten sich zum glimmenden Kamin, -Und tranken Wein, wie ihn der Wirth gegeben, -Faust stierend in der Kohle Glüh’n, -Dacht trüb an sein verflossen Leben. -Sein Auge sank in schmerzlich tiefem Traume -Und Todesblässe färbt sein Angesicht: -So saßen die im dumpfen Raume, -Des wüsten Saals im Dämmerlicht -Mephisto ernst und feierlich: -Gar seltsam stund es seinen Zügen: —— -Als eine Weile so verstrich, -Trat ein viel Volk mit lärmendem Vergnügen. -Verwilderte Physiognomien -In weitem Hut: man rief nach Krügen -Voll rothen Wein’s, fing an zu zechen, -Der wildste Lärm durchbraust den Saal, -Man sang, man pfiff, man disputirte, -Daß einem die Ohren scholl’n von dem Scandal, -Und man verwünscht’ das Volk das ungenirte. — -Auf’ einmal schaut ein junger Fant. -Seitwärts dorthin wo jene saßen, -Noch stumm, dem Feuer zugewandt. -Der Bursch lacht laut und ohne Maaßen, -Da er den fremden Mann erblickt, -Der wüsten Haars das Kleid verrückt -Im Antlitz tiefe Traurigkeit, -Als wie verschroben und vernarrt -Nun schon die ganze, lange Zeit -So seltsam in die Kohlen starrt — -Er wies mit seinem Finger hin, -Den ganzen Raum durchschallet Lachen -Sie standen auf, umstellten ihn -Um zum Gelächter ihn zu machen. -Mephisto saß als wie vorher, -Und deß verwunderte sich keiner, -Es war ganz als gehörte der hierher. -Doch diesen schont’ von Allen auch nicht einer -Der eine sprach: “Schlecht ging’s ihm auf der Serenade -Sie haben ihn da weidlich durchgedrescht, -Die Schöne selbst, sie hat mit einem Bade -Von kühlem Wasser seine Gluth gelöscht. -Hier schmort er nun der niederträcht’ge Hund, -Gern würf ich ihn hinaus zur Stund!” -Der Andere: “Hinter dem Thorweg hat der Fuchs gestanden, -Und auf die blonde Magd geharrt, -Der kühle Zugwind blies ihn ganz zu Schanden, -Dieweil im Ziegenstall sie mit ‘nem andern narrt.” -Ein Dickwanst sprach: den Burschen kenn ich lange! -Schon wiedermal ist er dem Irrenhaus entlaufen -Der tolle Jakob ist’s, mir wird ganz bange, -Wenn ihm sein Stündchen kömmt, rennt er uns über’n Haufen. -“Hoho,” ein anderer, “die ordinaire Range, -Tobt er nur los, wir wollen ihn schon packen, -Nur frisch darauf, es giebt ja Narrenjacken!” -Da schreckt Faust auf aus seinem Traum -Er starrt empor mit wilden Blicken, -Und sieht das Volk, den scheußlichen Abschaum, -Häßlich und lüderlich sich um ihn drücken: -Was er empfand, wie ihn verhöhnt, -Das wüste Volk mit Henkermienen, -Zum Teufel kehrt er sich und stöhnt. -“O du! o du! befreie mich von ihnen!” -Da schleicht ein häßlich, gelber Junge, -Hervor, tritt auf die Zehn’ ihm hart, -Und blökt ihn an, weist ihm die Zunge, -Und huscht ihm an dem Knebelbart. -Faust wüthend, greift ihm um den Nacken, -Und drückt ihn daß er ihn erstickt; -Der stürzt zur Erde; aber packen -Will ihn nun selbst das Volk, das groß erschrickt. -Viel Knüppel sieht er schon geschwungen, -Viel Kling’n, Stilett und Fackelstange; -Als ihn Mephisto schnell umschlungen, -Und ihn enthoben diesem Drange. — - - Draußen in der Nacht, da stehen sie nun wieder -“Verfluchtes Volk,” sagt Faust: ich danke dir! -Doch aus dem Wamms tropft noch das Naß mir nieder -Wie kommen nun zu einem Feuer wir? -Es ist so kalt, ich bebe wie im Fieber, -Ich werd’ verrückt, o! ich bin schrecklich krank! -Mephisto -Siehst du den Felsen dort jenseits der Tiber, -Den ungeheuern, riesig jähen Hang -Da brennen Feuer meine Kameraden, -Komm mit dahin, du wärmst dich herrlich dort, -Sträube dich nicht! es thut dir keinen Schaden! -Sie thun dir nichts, bald gehn wir wieder fort, -Doch muß ich noch einmal zur Schenke hin! -Wir ließen dort den Krug mit Weine, -Ich hol ihn, da ich durstig bin, -Wart hier indeß im Maulbeerhaine!” -——— - Bescheiden tritt Mephisto in die Thür -Der Schenke, grüßt die Herr’n einfältiglich, -Die um den Tisch gereiht, mit ekler Gier -An einer Schüssel Nudeln laben sich: -Die sind mit Oel gekocht, wie es in Welschland Brauch, -Und duftig dampft der süße Rauch. -“Ihr esset Herren schöne Makaronen,” -Beginnt der Teufel: “und mich hungert sehr, -Ich bin so arm, und Gott er wirds euch lohnen, -Stellt ihr mir meine Kräfte her!” -Die rücken dichter auf der Bank zusammen: -“So setzt euch her Rothmantel in des Teufels Namen!” — -Der nimmt den Löffel in die Hand, -Und wie er wühlt im duft’gen Schmauß, -Sieht man ein Haupt, halb angebrannt, -Mitten darin, o Schreck! o Graus! -Des Knaben Haupt, den Faust erstickt’, -Weil er ihm so am Bart gezwickt. -Die stieren Augen blicken scheußlich drein, -Und aus dem Mund leckt ihm das Fett; -Mephisto sprach: “das wird euch schon gedeihn’ -Prosit ihr Herrn! zum köstlichen Bankett!” -Die sind wie angedonnert, und entsetzt, -Schau’n sie sich an und sinken von der Bank, -Laut heulend: weidlich hat Mephisto sich ergößt, -Und macht den Krug im Arm sich auf den Gang. -——— - Am Maulbeerbusche trinken sie den Wein, -Die beiden, stärkend sich zum Flug, -Dann schmettern sie an einem schwarzen Stein, -In tausend Stücke den geleerten Krug. -Mephisto drauf sich um den Doctor schlingt, -Und mit ihm auf zu hohen Lüften dringt. — -— Die Nacht wird wild, unbänd’ge Wolkenschaaren -In schwülstigen, wahnsinnigen Gestalten, -Umrauschen diese, wie sie aufwärts fahren, -Manch’ Scheusal wird von ihrem Flug zerspalten, -Mit dumpfen Angstgekäuz die Eule flieht, -Wenn sie den rothen Mantel flattern sieht; -Der Berg ist fern, so fern, ganz unermeßlich, -Doch sturmesschnell ist auch ihr luft’ger Flug: -Jetzt sind sie da; ein schwarzer Felsen gräßlich, -Zertreten von den Füßen, die er trug -Blutfarbig glimmt ein riesengroßes Feuer, -Auf einem Felsensturz zur Nacht empor, -Teufel ringsum, häßlich und ungeheuer, -Ein wüster, wilder, mitternächt’ger Chor. — -Der ärmste nun auf warmem Lager ruht, -Das ihm aus rothen Mänteln aufgeschichtet, -Aus zahllos vielen, unfern von der Gluth, -Die immer ries’ger sich zum Himmel richtet. -Ringsum die wüsten, finstern Gestalten, -Mephisto mitten unter ihnen. -Eifrig Gespräch sie durch die Flammen halten, -Den rothen Wiederschein auf ihren Mienen. -Die Nacht rauscht fort in mysteriösem Treiben -Weithin erglänzt der teuflische Kamin. -Der Doktor schläft; es ist nicht zu beschreiben -Wie diese ganze Grupp’ erschien. - -[1] Aetus tinas chai chuchnous mythogoysin acho ton achnoon -tes echi to meson phenomenous eis tauto sumpesein Puthoi -chenoi ton chaloumenon omphalon. -- Plutarch, De Pythia. - -Die Heimath - -Bei seiner Lampe finsterm Trauerscheine, -Sitzt Faust in seinem Zimmer heut alleine; -Wie schwoll die Brust ihm als er es betrat, -Das er seit manchem Jahr verlassen hat. — - Hier schwand der Tag’ und Nachte lange Kette, -Ohn’ daß ein einz’ger Menschentritt erklang: -Die Schatten nur der mageren Skelette -Mal’n sich in düster’n Reih’n die Wand entlang. -Wie wilde Nächte wurden hier gefeiert -Als Faustus der Bewohner dieser Räume -In Näh und Ferne wild geabentheuert, -Des Weib’s genoß und aller Erdenträume. -So wüst und graß, war es hier hergegangen, -So toll wie’s keine Menschenbrust begreift. -Wie wild auch in unbändigem Verlangen -In mancher Nacht hier Faustus ausgeschweift; -Wenn übermächt’gen Sinns sein Aug’ gestieret, -Und in der tollen Unersättlichkeit -Nach der Erkenntniß er malediciret -Den starren Schellen seiner Menschlichkeit. -Zu dem gespenst’gen, geisterhaften Treiben, -Das in den Räumen, seit er war geschieden, -Lugte die Nacht durch all’ die runden Scheiben, -Glich das im Menschenbusen mildem Frieden. -Das bleichende Gebein in dunkler Nische, -Der alte Mond von Hirngespinnsten trunken, -Verzerrten Blicks: die Schädel auf dem Tische: -Und aus dem feuchten Bogengang die Unken: -Betrieben ein gar schauderhaftes Spiel -Im Raum, da kein Gedank’ mehr kam zur Sprache, -Und nicht pulsirt ein menschliches Gefühl; -Wenn so der Mond, der alte Flammendrache -Die Unken quälte, die am Fenster kauern, -Und die nun schrecklich schrei’n und lamentiren, -Die dürren Knochen wecken an den Mauern, -Dem Mond, dem Feind, entgegen sie zu führen. -Manch’ wüster Wurm, der in dem Holze pickt, -Die in den Knochen bohret die Monade, -Und manche Spinn’ die ihr Gewebe strickt, -Nimmt Theil an dem gespenstigen Blutbade. -Dazu der tolle Wandel noch der Schatten -Die einem Menschen schier das Hirn verdreht: -So tost es ohne Rasten, ohn’ Ermatten, -Bis an dem Dom der Mond herniedergeht. - In dieses Zimmer kehrte Faustus heut, -Aus weiten Fernen und auf kurze Zeit, -Das Herz schlägt wild an seines Busens Wand, -Als er im alten Raume plötzlich stand. — -Die Schreiberei liegt noch auf ihrem Platz, -Wie er’s verließ, da ihn der Teufel lockte. -Und unbeendet ist der letzte Satz, -Wo ungeduldig ihm die Feder stockte. -Ja! unbeendet ist das letzte Wort, -Der letzte Buchstab’ ist ihm halb geblieben, -Da warf er seine müde Feder fort, -Und stürzte hin zu leben und zu lieben! -Rings an den Wänden steh’n noch die Krystalle -Mit theuren, edlen Säften angefüllt: -Farblos’ und farbige; er find’t sie alle -Damit er manchen Menschen-Schmerz gestillt: -Damit er übergoß des Fiebers Gluth, -Damit des Herzens Flammensturm er beugte, -Den sich die Seele in wahnsinn’ger Wuth -Der Selbstzertrümm’rung spielend tollkühn zeugte. -Entfesselt ras’t der wilde Feuersturm -Von seinem Königssitz den Geist zu heben, -Daß der sich krümmt als wie ein blöder Wurm -Und bang’ und schwächlich zaget für sein Leben. — -Die armen Kinder seiner Phantasieen -Die wüste, tolle mißgezeugte Brut, -Wirft er zerschmetternd in die Fluth -Schiffbrüchiger so rettend sich, zu fliehen. -“O! rufet Faust, als er so alles fand, -Wie er’s verlassen in dem dunklen Raume, -Als selbst der Salamander an der Wand -Noch immer ruht im seel’gen Flammentraume; -Der seltsamliche, räthselhafte Mohr, -Lang hingestreckt die dunkelfarbnen Glieder -Im klaren Glas auf leuchtendem Phosphor, -Gleich wie auf bleichem Meeressand die Hyder. -“O! rufet der: “Skelette ihr bliebt treu, -“Die wie ich mit dem Finger euch berühr’, -In Staub zerfliegt, des Todes lustge Spreu, -Auf dieser Welt ergeben einzig mir. — -Denn so zerfiel in meiner finstern Brust -Die Sehnsucht nach dem rasch bewegten Leben, -Die Sehnsucht, diese stürmisch wilde Luft, -Die wie in mir, in keinem mochte beben! -O ich war glücklich als ich nicht mehr Blut, -In meinem kind’schen Herzen konnte spüren, -Als eure Carotiden pulsen Fluth, -Gewiß euch nimmermehr zu extasiren! -Da war ich glücklich als in dem Erkennen, -Das tausende vor mir beglückt; -Ich noch verstand in Hochmuth zu entbrennen, -Und wie ein Irrer Fühlte mich entzückt! -Wie regte sich allmählig die Begier, -An diesen immer höher schwell’nden Rippen -Und brannte lodernd aus den Augen mir, -Aus der Erkenntniß Born, allein zu nippen! -Die Kenntniß, die sich mir einmal entzündet -Nachdem sie freud’ge Klarheit mir verkündet, -Gleich einem licht gefachten Feuerbrand, -Sollt’ immerdar aus meiner Hand, -In tiefer Fluth zu dunkler Nacht vergehen, -Daß niemand säh, was ich allein gesehen! -Aus diesen ausgezischten todten Bränden, -Geschaut von aller Menschheit mit stupider -Bewunderung sollt sich ein Thron vollenden -Ein hehrer Thron für meine Königsglieder! -Aus diesen Kohlen, wie aus Ebenholz, -Zu unausdenklichem Triumph und Stolz. -Doch gleich verhungerten und magern Hunden, -An einem Bein mit anderen zu nagen, -Das wir auf irgend einem Weg gefunden; -Verflucht ich! wenn das länger ich ertragen! -Mit Ihm wollt’ ich in hoher Eintracht leben, -Mit Ihm dem Hehren, Unermeßlichen -Mir sollt Er sein Geheimniß übergeben -Mir, mir allein von den Verweslichen! -Dem Priester steht auf heil’gem Hochaltare -Des Hehren klarer, ernster Schmerzenssohn, -Das Zauberbildniß der Religion, -Mir unverkündet bleibt das theure Wahre, -In keinem Bild von Erze oder Thon. — -Dazu der Sinne herzzuschnürend Sehnen, -Welches in schlangengleichem Zerrn und Dehnen, -Hinauf sich an des Lebens Stamm gewunden -Und mich zerrissen, mich zerschunden!” — -Das Klagewort von Faustens ew’ger Pein, -Rauscht in der ew’gen Nacht gigant’sche Flucht, -Bis endlich die um Morgenrothes Schein -Ein Todtengeier ihre Felsen sucht. — - -Zu Sankt Maria - -Am wilden Strom stand die Anatomie, -Des alten Klosters graues, dunkles Haus, -Ehmals benannt zur weinenden Marie. - Wie schaut der melanchol’sche Bau hinab, -In dieses düstern Stromes Sturmeswelle, -Ein Mönch, der dumpfem Grame sich ergab! - Und in dem Wald am Felsenstrande drüben, -Wie rauscht’s in seinen ewig düstern Wipfeln -Schwermuth und Tod, Verlangen so wie Lieben. - Es sind Cypressen, Tannen, Trauerweiden, -Dazu die starre, wüste Riesenfichte -Sinnbilder aller Menschenherzen-Leiden. - So steht das Klosterhaus am dunkeln Strome, -Und es war schön, wenn schwere Schauernacht, -Darüber schwebte mit dem Mondphantome. - Wo ernste Mönche weilten in den Zellen, -Mit nassen Augen und mit blut’gem Herzen, -Gemartert von den schrecklichen Flagellen. - Wo sie dem eingebornen Kreuze knieten -Und klagend ihre Hände sich zerrangen, -Wenn stumme Sterne durch die Scheiben glühten: - Wo Martyrkronen, der Apotheosen -Ringscheine glänzten und am Hochaltare -Zum Frohnleichnam die jungfräulichen Rosen. - Da lagern jetzt die ewig stummen Leichen, -Gebrochnen Auges mit zerrissner Stirne, -Und als geknickt von einer Geissel Streichen. - Ja unermess’ner Andacht hingesunken -Liegen sie da verstummet und erstarret, -Von heil’ger Entzückung himmlisch trunken. - Der stille Mond der manchen Schmerz gefacht, -Der mancher Sehnsucht Pulse hier entzündet, -Keinen Herzschlag weckt er dieser Todesnacht. — - Das frömmste Kloster ist dies nun geworden, -Es ist das Kloster der Abstraction, -Niemals entzweite Sinnlichkeit den Orden. - Die Glocke ruft zur heiligen Vesperfeier, -Und ihre Schläge sind fast ausgeklungen, -Ein wilder Sturm ertobt, ein Ungeheuer. - Es schäumt im Strom, es wüthet in den Forsten, -Die Wolken flattern um den Glockenthurm, -Wie Raubgevögel aus den wildsten Horsten. - Da schwanket Doktor Faust zu diesem Haus, -Der ernste Lehrer der Anatomie, -Der hier manch’ Jahr gegangen ein und aus. - Als er in einer engen, dumpfen Zelle -Vor einer Leiche steht, o!” ruft er aus: -“Wie wird mir doch so wohl an dieser Stelle! - Der unbekannte, dieser bleiche, trübe, -Der hingestreckt auf dunklem Brette liegt -Ich weihe nicht ihm Haß und auch nicht Liebe! - Ich weih’ ihm nicht Triumph, weih’ ihm nicht Thräne. -Gleichgültig schau ich seine blassen Wangen, -Such’ trocknen Aug’s nach Nerve und nach Sehne! - Gesegnet sei mir die Verlassenheit, -Die so uns allen Schrecknissen entfremdet, -Und Hohn dem Tode wie dem Unglück beut! - Man wage nicht zu hassen noch zu lieben, -Geliebter stirbt, Gehasster triumphirt. -O wär ich ewig so abstrakt geblieben. - Jetzt laßt genießen mich die Seeligkeit, -Ich fühl mich wohl in den verschwiegnen Räumen, -Wie auch der Sturmwind durch die Föhren schreit; - Wie auch er durch des Hauses Gänge krächzt -Und an der Fenster ries’ge Kreuze klopft, -Vom alten Thurm die tolle Eule ächzt. - Ein schwacher Hauch als wie aus Todtenmunde, -Ein Hauch der Stille weht durch meine Seele, -So schwermuthsvoll aus tiefem Herzensgrunde, - An dieser Leiche ruh ich heute aus, -Von dem bewegten, teuflisch wilden Leben, -Von meines Neigens, meines Hassens Graus; - So wie ein Wandrer, der die Schlange fliehet, -Die riesige, baumstarke Abgottsschlange -Und die Savane schreckensvoll durchziehet: - Dann todesmüde von der jähen Flucht -Kreisend zur selben endlich wiederkehret, -Und in dem Schlafe, den er eifrig sucht, - Zum Kopffühl wählt die gift’ge Mißgestalt, -Daß er erwacht zu neuer Flucht erschrecket, -Und flieht zum andern Mal ohn’ Rast noch Halt.” - So redet Faustus zu der nackten Leiche, -Die vor ihm auf dem schwarzen Tische liegt, -Der Sturm tost fort, der grasse, schreckensreiche -Wie sich die schwarzen Wipfel drüben neigen, -Als wenn sein Wort sie feierlich bejahten, -In wortelosem, ehrfurchtsvollen Beugen. - Da tönt’s im Hof von raschen Rosseshufen, -Von ungebändigten, und ungestümen, -Schon klingt’s zur Zell’ herauf die schwarzen Stufen. - Faust schaut hinaus; es sind zwei gelbe Mähren, -Ein lust’ger Handbub’ reitet auf der einen, -Die Ausgeburt der närrischsten Chimären. - - Da klopft es an die Bogenthür der Zelle, -Mephisto tritt herein in bester Laune, -O sag mir was verziehst du deine Braune -So sonderlich du düsterer Geselle! - Ein Mägdlein hab ich dir ausspioniret, -Ein Himmelskindlein voller Sitt’ und Zieren -Will nun auch ich einmal so ekstasiren, -Wie du es schrecklich oft an mir probiret. - O sei doch nicht so fürchterlich blasiret -Und schau dem Balg da in die Augenlöcher; -Komm trink’ hier eins aus diesem Kummerbrecher, -Der Flasch’ die an der Hüft’ mir balanciret. - Sie ist der Schönheit treue Märtyrin, -Vernimmst du dies, und macht’s dich nicht zum Narren? -Zween Gaule hab’ ich unten: hör’ sie scharren, -O komm Kind schwachen Will’ns und wilder Sinn’! - Eh’ noch der Mond von Himmel ist verschwunden -Ha’n wir sie in Venetia angebunden -Am Marcusplatz Tavern zum rothen Thurm -O komm, o komm du alter Leichenwurm! -——— - Im öden widerhalln’den Hofesraume, -Besteigen sie die beiden scharr’nden Gäule, -Die ungeduldig spiel’n mit weißem Schaume. - Der Bube, der die Pferde hält am Zügel, -Ein loser Bursch’ mit einem blinden Auge, -Hilft beiden gar manierlich in die Bügel. - Und wie sie schallnder wilder Flucht enteilen, -Wie brausend sie, mit mir sturmgeschwellter Mähne, -Des aufgeregten Flusses Welle theilen. - Winket der Handbub’ einem alten Raben, -Der niedersaß auf einem Cruzifixe -In den Basalt der Klosterwand gegraben. - Den sattelt sich der wilde Teufelsknabe, -Schwingt sich darauf mit troz’gem Ungestüme, -Hoch überflattert schon den Thurm der Rabe; - Hoch überflattert er die Riesenfichte, -Wie ihn der Bube mit dem Sporne stachelt -Zum Monde fort dem fiebrischen Gesichte! - Wie kriecht der Schatten als ein schwarzer Wurm, -So klein und krüpplig über Berg und Thal -Ein dürres Blatt gehetzt von einem Sturm! - Die sprengen durch den echolauten Wald. -Um Mitternacht bei einem Hochgerichte, -Auf dürrem Hügel schickt man sich zum Halt. - Und wie sie zügeln ihrer Gäule Hufe, -Harrt ihrer schon der flinke Rabenreiter, -Halb eingenickt auf des Suppliciums Stufe, - Der alte Rabe kauert stumm verdrossen, -Mit mürr’schen Blicken bei den abgenagten, -Gebleichten Beinen auf des Rades Sprossen. - Wie beide nah’n, erwacht der Bub’ geschwinde, -Er nimmt die schäum’gen Rosse von den Reitern -Und führt sie auf und ab im kühlen Winde. - Faust und Mephisto sitzen auf dem Sand -Und sprechen schnell und eifrig aber leise, -Daß es der Teufelsbube nicht verstand. -——— -Wie schon der Mond in das Gebirge geht. -Farbt sich Venetias vielgestalter Schatten -Auf stummem Meer, in stummer Majestät. - Ein schart’ger Felsen ragt er in die Welle -Ein leis’ gehobnes düstres Geisterschiff: -Allnächtig festgeankert an der Stelle. — - In phantasienreichem, schwanken Gange, -Geht Faustus auf und ab am schönen Meere, -Das ihm die Brust erfüllt mit heißem Drange. - Am schönen Meer, deß Steigen und deß Neigen -Des Menschen Blick in stierem Schauen fesselt, -Wie in dem Wald das Spiel von Laub und Zweigen. - Wie wenn man Aug’ in Auge sich besiehet, -Die Seel’ in Seel gedankenlos versinket, -Und in bewustlos dumpfem Traum entfliehet. - Gefährlich ist’s in solchem wüsten Stieren -Sich unermessne Wünsche zu entzünden, -Und bänglich sich den Busen zu umschnüren. - Wir schrecken aus dem selbstvergess’nen Traume, -Wir wissen diese Sehnsucht nicht zu nennen, -Wie gleichet uns’re Seel so einem Baume; — - Deß Zweig’ im Nachthauch schwanken, beben, wehen, -Er dauert uns, als hätt’ auch er Gedanken, -Als könnten sein Verlangen wir verstehen. - Fort rauscht es in den leis’ erregten Zweigen, -Die düster sich bis an den Boden senken, -Doch ohn’ Erwiedern bleibt das stumme Neigen, - Nicht tauchet aus des Mond’s geschwelltem See -Ein lichtes Weib, die um den Stamm sich schlänge, -Um zu genügen dem sprachlosen Weh. - Dies dachte Faust am Meer um diese Stunde, -Am sand’gen Lido von Venetia -Der Mond entschwand lang’ zu der Alpen Grunde. - Da wandelt über einer Brücke Bogen, -Die zween Palläste mit einander einigt, -Hoch hingewölbet ob der Brenta Wogen, - Wohl sah es Faust, ein Mensch in schwarzem Kleide, -Zerrung’nen Haars, todtbleichen Angesichts, -Und wie zerknickt von einem Riesenleide. - Dann schien es ihm, als wär’s ein leerer Schatte, -Von irgend einer närr’schen Nachtgestalt, -O toller Stern! der ihn geworfen hatte. - -Diana von San Pietra - -Der Morgen graut, es regt sich in dem Meere -Das in der stummen Nacht so dumpf geschwiegen. -Am Strand zerrol’n der Wellen weiße Heere. - Als hätt’ ein Zauber ihm die Brust versiegelt, -In der gewalt’gen finstern Schattennacht, -So freudig rauscht’s am Morgen nun entzügelt. - Wie hier noch Faustus auf und ab spazieret, -Tritt zu ihm an Mephisto, der indessen -Zum rothen Thurm, vergnüglich poculiret. - Er stolpert ein klein wenig in dem Sande, -Doch unverrückt sind seine gelben Züge, -Die Trunkenheit bringt dem nicht Schimpf noch Schande. - “Willst du sie seh’n?” spricht er zum düstern Träumer -“Die schönste Magd, die ich dir je erkoren, -“Wenn sie’s nicht ist, so geb’ ich ein Paar Eimer: - “Die dorten segelt in dem schwarzen Kahne, -Das blasse Kind, bei ihr der kleine Mohr, -“Das ist die wunderniedliche Diane. - “Sie fährt auf’s Land nach ihrer Inselville, -“So wie du willst, kannst ihr dahin du folgen, -“Gekleidet als venetischer Nobile. - “Ja dies ist schön,” spricht Faustus ganz versunken, -“In dieser schwarzen Gondel Wellentanz, -“Die macht zum letztenmal mich liebetrunken! - “Noch einmal Liebe, und noch einmal lieben! -“Dann stürmisch zu den anderen Genüssen, -“Im Höllenboden wuchernd aufgetrieben! - “Noch einmal Liebe! — die ist zum Entzücken — -“Ich liebe dieses Schmachten auf den Wangen, -“Und diese Gluth in wunderschönen Blicken! - “Die Bleiche, die ein jegliches Empfinden, -“Als träufelt Blut auf’s Blatt der Myrthenblüthe, -“In wunderschönen Gluthen kann entzünden.” - “Ich liebe diese tiefen Augensterne, -“Bei Angst und Schreck von dunklem Ring umfurchet, -“O schönes Weib in lichter Meeresferne!” - Verschwunden ist der dunkle Segelkahn, -Es rauscht empor die hehre Morgensonne, -Da fängt Mephisto so zu reden an: - “Ich weiß noch nicht,” sagt er: “wird’ es gelingen, -“Sie ist an Tugend, an Erziehung reich, -“Und matt regt noch ihr Herzchen seine Schwingen; - “Doch bis du gut! wenn wir sie nur erst kennen, -“Oft schafft uns ein zerbrochen Lieblingsglas -“Mit einem Mal, wonach wir lange brennen! - “Der schrille, harsche Klang, die armen Scherben: -“Das hallt im Herzchen gar so seltsam wieder, -“Der Wehmuth folgt so treulich das Verderben. - “Die soll dir nicht entgehn im dunklen Kahne, -“Sie unverzagt, Mephisto ist dein Freund, -“Und auch ein Weibername ist Diane!” - Er schwätzt ins Meer, das ihm die Füße netzet, -Er hinkt und taumelt auf und ab im Sande, -Von seinen Frevelplänen still ergötzet. -——— - Die beiden schleichen um die Inselville, -Auf San Pietras Strand, dort schäumen Strudel, -So wirbelnd und gefräßig wie die Scylle. - Auf wogenüberwölbendem Altane, -Sitzt in der abendlichen Meereskühle, -Im Mondenschein die schmachtende Diane. - Und wie die Wog’ sich träumend hebt und senket, -Singt sie ein sehnsuchtsvolles, süßes Lied: -“Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket!” - “Ob er wohl meiner, meiner noch gedenket, -Wie, redet Faust, so hast du mich betrogen, -Und um die schöne Hoffnung mich gekränket, - “Du hast das reinste Wesen mir versprochen, -Das noch nicht Neigung und nicht Sehnsucht fühlte, -Ist nicht recht schurkenhaft dein Wort gebrochen?” - “Ha!” lachte jener, muß dich ich es lehren, -Hochedelster Schatzmeister der Gefühle -Die euer Herz zernagen und verzehren? - Begreifst du nicht die Unermeßlichkeiten, -Des Nichts, in die solch üppig Abendlied -Das Mädchen lockt, das weißt du nicht zu deuten! - Noch keinem Mann hat sie ins Aug gesehen, -Um keines Jünglings Brust den Arm geschlungen, -Und will vor Lieb’ und Zärtlichkeit vergehen! - Du Thor! um solche närrische Gefühle, -Die fern und fern, verhallen und zerschellen, -Als du’s gesehn im Meer beim Wellenspiele: - Plagst du dich schon mit eifersücht’gen Grillen, -O wisse diese nicht’gen Gaukeleien, -Die machten schon gar manchen mir zu Willen! - Da selbst — du selbst!” o schweig beredter Schuft -Ruft Faust, ich hab’s nun völlig eingesehen, -Wenn du so sprichst, benimmt’s mir Muth und Luft! - Ich weiß, ich habe wenig widerstanden, -Da’s mich verlockt in der Unendlichkeiten -Grundlose Wirbel, die nun schon versanden. - Was mahnst du mich an dieses dunkle Ringen, -Fluch der Gedanken tollen Wolkenjagd, -Umdüsternd mich mit ihren finstern Schwingen!” - Mephisto lacht: “sag’ nur, was sprichst du wieder, -Das hört ich öfters als das Lied der Raben, -Die an dem Galgen hüpfen auf und nieder. - “Doch nun zu ihr, ich schwör’s zum letzten Male, -“Singt sie wie heut: ob er wohl mein gedenkt, -“So sittsamlich bei dieses Mondes Strahle”! -——— - Es war zur Zeit der dumpfen Mitternacht, -Im tiefen Vollmond schauert’s geisterhaft, -Und Wog’ und Strudel brüllt und tobt mit Macht. - Der weiße Schaum tanzt auf den Wellenhügeln, -Er wogt und wallet blinkend auf und nieder, -Als wär’s ein Schwan mit blüthenweißen Flügeln! - Ein Kahn rauscht durch der Insel wilde Strudel, -Kein Segel glänzt vom dürren, kahlen Maste, -Danebenher schwimmt ein kohlschwarzer Pudel. - Im Kahn sitzt Faust, zu Seiten ihm Diane: -Wild stürmt es fort, als heult in tausend Segel, -Der aufgeregt’ste tollste der Orcane. - Dian’ ist bleich, ihr Auge roth geweinet, -Zur Welle hangt die aufgelöste Locke, -Von keiner Kunst geebnet und geeinet. - Die Blicke Faustus leuchten wild entzündet, -Und wie er redet, zittert seine Stimme, -Daß er zuerst fast keine Worte findet. - Als käm er von dem üppigsten Bankette, -So pocht es in den Adern seiner Stirne, -Hoch weht die dunkle Feder vom Barette. - Er schwatzt von seiner heißen Brust Verlangen, -Von Furcht und Sehnsucht, und von Tod und Thränen -Wie allgewaltig ist sein zärtlich Bangen! - Wie rauscht die Barke durch der Woge Schaum, -Sturmrasch schwimmt nebenher der tolle Pudel. -Faust ist beglückt im Meer, im Liebestraum. - Doch wie er aufblickt zu dem Vollmondhimmel -Gewahrt er vieler höllischen Gestalten, -Verrücktes, schwarzes, teuflisches Gewimmel. - Den Mast umtanzt ein scheußliches Gelichter -Von schwarzen Buben, die die Barke treiben, -Verzerrte, grasse, höhnende Gesichter. - Das war ein wirres, ekelhaftes Regen, -Wie sie unzählig an dem Holze klammern, -Gleich Fledermäusen an der Kirchthür Schlägen. - Schon dämmert immer näher von dem Strande -Des riesigen Gebirges starr Gewinde, -Die finstern Bäume auf dem Felsenrande. -——— - Wie sie’s gemacht, die Magd sich zu gewinnen, -Deß kann die Kund sich nicht besinnen, -Ihr Aug’ ist trüb, ihr Blick ist weich, -Das Haar gelöst, die Wange bleich, -Faust ist entflammet, extasiret, -Sein Blick ist wild, sein Blut pulsiret. -Auf dem Altan, da Diana saß -Liegt um der Tisch mit vielem Glas. -Manch schön Geräth ins Meer versank, -Ein Schleier fliegt den Strand entlang. -Die Laute liegt zerschellt am Boden, -Der Mohr dabei ohn’ Hauch und Oden; -Es war ‘ne wüste, nächt’ge Stunde, -Doch was geschah, verschweigt die Kunde. -——— - Auf Lotterbetten sitzen sie beim Mahl, -Im dämmerlichen, wunderschönen Saal, -Wie strahlet von Dianens holder Wange, -Das milde Roth im Sonnenniedergange. -Noch röther glänzt’s, wo Faustus sie geküßt -Der Liebe ganz und ganz Entzücken ist. -Schön ist die Dämmerung, schön der Felsentrümmer -Dran niedersteigt der letzte lichte Schimmer. -Leis’ weht der Abend in der Trauerweide -Im stillen See und in der Tannenhaide. -Da schwirrt es an die Glasthür vom Balkon, -Ein schauriger, gespensterhafter Ton. -Es zerret an den blanken, goldnen Ringeln, -Es dränget an die Scheiben wie mit Flügeln, -Dian’ erbleicht, doch Faust eilt keck hinaus, -Zu schaun, was ihm bedroht der Liebe Haus. -Als einen großen Geier er erblickt, -Der gar verständig an den Riegeln rückt. -Ein Blatt Papier halt er im Klauenfange, -Faust nimmt’s und liest’s, es bleichet seine Wange. -Mit Ungestüm schwingt er sich auf den Geier, -Und aufwärts steigt mit ihm das Ungeheuer; -Wie schweben die im bleichen Sternenlichte, -Wie ächzt des Thiers bleischwerer Flügelschlag. -Verzweiflung wühlt auf seinem Angesichte, -Er blickt zur Erde, wo der Pallast lag, -Und länger kann er’s nicht ertragen, -Wie er der Liebsten fernen Schatten sieht. -Er sieht sie weinen, sich die Brust zerschlagen; -Er flucht und wild sein Auge glüht. -Aus seinem Busen zieht er eine Schneide, -Durchsticht des Unthiers Hals mit rascher Wuth, -Das sinket flatternd in die dunkle Heide, -Und wälzt sich sterbend in dem heißen Blut. -— Doch Faustus eilt mit sturmesschneller Hast -Zu seinem Weib im leuchtenden Pallast. -“O komm,” spricht er mit gramumwölkter Stirne, -Zu der in Aengsten hingesunknen Dirne: -“O komm,” spricht er: “o komm laß uns entfliehn, -“Du süßes Kind, wo sie uns nicht mehr finden.” -“Mein Lebenslicht, o weine nicht, sei kühn! -“Fort! fort! aus diesem Höllenhaus der Sünden!” -Er schlingt ums Mädchin seinen Arm mit Macht, -Und stürzt hinaus in Wald und Nacht. -——— - Als sie gegangen, trat Mephisto ein: -Er lacht und zecht von dem Burgunderwein, -Bespiegelt in dem Kerzenglanz, -Den Ziegenbart, den schwarzen Schwanz. -“Nein;” höhnet er: “das ist zu toll. -“Wie ist der Geckenwicht befangen, -“Er kennt mich lang, er kennt mich wohl, -“Entgeht mir nicht, und ist mir nie entgangen. -“Nun stürzt er mit der Dirne fort, -“Die ich, ich selbst, ihn lehrt verführen -“Mit tollem Abscheu gegen diesen Ort, -“Voll Teufelshaß, voll sittlicher Begieren, -“Der Geier kam zum falschen Augenblick: -“Es ward ihm wohl an ihrem Munde: -“Er träumt sich schuldlos, wohl verdient sein Glück, -“Und fluchet unserm freundschaftlichen Bunde. -“Ich kenn’ dies schlechte Tugendwähnen, -“Die Exaltation der Dämmerstunde: -“Die Wehmuth und das Himmelssehnen -“Ich kenn’ dies wirrste, menschliche Gefühl -“Die ganze Leerheit in dem Höllenspiel: -“Ich schuf’s — der kluge Mann ließ sich bethören, -“In Teufelsangst rennt er durch Feld und Wald, -“Ich lass’ ihn unbesorgt gewähren: -“Es ruft mich doch sein holdes Liebchen bald. -“Und wär’ ich auf viel tausend Stunde, -“Es zöge mich unwiderstehlich hin, -“Er küsset mich von ihrem Munde, -“In jedem Pulsschlag fühlt er mich erglühn.” -Er sprach in seinem Höllengrimme -Die Worte mit erhobner Stimme. -Und wie er auf und nieder keucht, -Flackert die Kerz’ vom Zug gescheucht. -——— -Im dämmerlichen, wilden Eichenwald, -Sitzt Faustus bei der schlafenden Diane, -Und wie’s im Baume mächtig rauscht und hallt, -So rauscht’s und hallt’s im nahen Oceane. - Tiefstummen Schlafes schläft das schöne Kind, -Kein Traum pulsirt das Blut in ihre Wangen, -Des Lides Schleier, der ihr Aug’ umspinnt, -Zuckt nicht verrathend Hassen oder Hangen. - Und wie vom Schlafe so entseelt sie ruht, -Ganz regungslos und ohne Lebenszeichen, -So scheint auch Faust ein Mann ohn Hauch und Blut -Und er wie sie, sie ähneln zween Leichen. - So starr blickt er ihr in das Angesicht, -So hält er fest umspannet ihre Hände, -Lebendig wankt im schwanken Dämmerlicht, -Um sie ihr Schatten hurtig und behende. - -Mephisto kommt, der Höllenbrand, -Ein lohes Fackelstümpflein in der Hand, -Naht er sich aus des Waldes tiefstem Grunde, -Und Hohn und Spott verzerret seinen Mund. -Als wenn man trocknes Reiserholz zerbricht, -So knackt sein Schritt: “o du wortbrüch’ger Wicht, -Was kommst du nicht, wenn ich dich mahne; -Verdammt das schnöde Weibsgebild Diane! -Um was erstachest du mein Leiblingsthier, -Das ich zum Ritt gesendet dir! -Jetzt eile nur, sie werden ungeduldig, -Du bist es mir, bist es den andern schuldig! -Ich habe viel, gar viel bei dir zu gut; -Quält’ ich dich je um einen Tropfen Blut? -Nicht einen Buchstab und kein Blatt Papier, -Verlangt’ ich je zur Sicherheit von dir! -Um all’ den amüsanten Zeitvertreib, -Ist dir kein Haar gekränkt an deinem Leib! -Jetzt aber brauch ich dies, und brauch noch mehr, -Du zögre nicht, sie peinigen mich sehr! -Bald bring ich wieder auf die Erde dich; -Du bist wie sonst, verliebt und liederlich. -Faust hört ihn an in glüh’nder Herzensqual, -Wie schläft die Dirn’, sein schönes Bettgemahl! -“Bis sie erwacht, laß mich, ein Abschiedswort -Von ihr, dann will ich, wie du forderst fort!” -“Du ruhest nicht, als bis ich zornig werde,” -Sagt der mit einer häßlichen Geberde, -“Küss’ sie ins Teufelsnamen noch einmal, -Dann komm’, und sei mir nicht zu Hohn und Qual!” - Wie sie nun gehn, erwacht Diane, -Und sieht den Teufel mit dem glimmen Spahne, -An seinem Arme den geliebten Mann, -Um den sie so viel Sündliches begann. -Sie zweifelt noch, ihr Aug vom Schlaf verwirret -Beredt sie nicht, daß sie sich nicht geirret; -Sie sammelt sich, dann springt sie plötzlich auf, -Und stürzet hin in wahnsinnsraschem Lauf. -Wie ihr es dünkt, so eilen nicht die beiden, -Gemess’nen Schritts durchwandeln sie die Haiden, -Doch mag Diane jagen, daß sie sinkt, -Nicht naht sie dem, der ruhig vor ihr hinkt. — -Ihr Busen klopft, und ihre Pulse tosen, -Dem Kranz im Haar entrollen Band und Rosen, -Der Athem keucht, vertrocknet ist ihr Mond, -Oft fällt sie hin und schlägt die Stirne wund. - Gekommen sind sie zu den tiefsten Gründen, -Des finstern Waldes, in häßlichen Gewinden, -Verfaulet hier ein ungeheurer Moor, -Darin sich schon manch Menschenkind verlor. -Hier war es grausenhaft und fürchterlich, -Daß Sterblichen der Lebensmuth entwich, -Wie auf des Oceanes Abgrund-Riffen -Die Schreckniß wohnt, von Menschen unbegriffen. -Der Schauderhaufen von geschwollnen Leichen, -Verfall’n den Mächtigsten in diesen Reichen, -Noch namenloser Ungeheuer Spiel, -Ein zauberhaftes, schreckliches Gewühl: -So starren hier in greller Irrlicht Scheine, -Viel weiße, dürre, menschliche Gebeine, -Zerrupft Gefieder treibt im nächt’gen Wind, -Im Moor verwest der Balg von Schaaf und Rind. -Wie bieget sich als unter Steingewicht -Der Eichenast, der fast zu Boden bricht; -So sitzt auf ihm in schwarzen, finstern Schaaren -Der wüste Hauf von Geiern und von Aaren. - Die beiden gehn gelassnen Schrittes hin, -Noch siehet man Mephistos Fackel glühn. -Um diesen Brand viel Irrwisch fliegen -In unabsehbar langen Feuerzügen; -Um ihre Kön’gin schwärmen so die Bienen, -Ergötzend sich am Sonnenschein im Grünen. -Diana schauert, wilder Wahnsinn sprüht -Aus ihrem Aug’ die Stirne klopft und glüht. -Noch stürzt sie fort, den Boden kaum sie streift, -Von ihrem Haare schauerlich umschweift. -Mit hoch erhobnem Arm am Meeresrand -Sinkt sie hin und stirbt, laut lacht der Höllenbrand -Mephisto, daß es durch die Eichen gellt, -Drauf er mit Faust sich in die Wolken schnellt. -——— - Und wie sie schweben, brauset hinterdran -Der alte Sturm, der zornesmüth’ge Mann, -Emporgetauchet aus dem Grund der Eichen, -Die düster bebend von einander weichen. -Wie schüttelt er das ries’ge Wolkenheer, -Und jagt sie närrisch in die Kreuz und Queer, -Zerraufend sie, wie man ein Tuch zerreißt, -Der arme Faustus und sein böser Geist, -Sind ganz in dumpfe Nebel eingehüllet, -Und dunkler Thau aus ihren Haaren quillet. -“Mephisto” braust der Sturm: “geh nicht so schnell -“Du weißt, heut komm’ ich mit an Ort und Stell.” -“So komm nur, komm!” entgegnet der: “und eil, -“Wie ichs gesagt, heut kriegst du auch dein Theil.” -Wie tostt’s im Meer, ob dem sie grade schweben, -Als solche Antwort er dem Sturm gegeben; -Wie brandet’s weiß am Strand, dem klippenreichen, -Als wär’ es Schimmer von viel tausend Leichen. -——— - In dumpfer, melanchol’scher Regennacht, -Steht schauerlich das Haus Sanktae Marie, -In seiner Schwermuth mitternächtger Pracht, -Am Waldesstrome die Anatomie. — -Wie rauscht es zum Entsetzen öd’ und bang -Hinauf, hinab, den langen Bogengang: -Und was da wirbelt, in des Zuges Spiel -Hinauf, hinab, ein schwirrendes Gewühl! -Der schöne Engel, der geglänzt im Bilde, -Der hehren Weihnacht süßer Himmelsmilde -Der sich geneigt dem schönen Jesuskinde -Als wüster Fetzen flattert er im Winde, -Wie ein lichtscheuer Schmetterling der Nacht -Sich hurtig wirbelnd in der wilden Jagd. -Und an der Säule hängt der leere Rahmen, -Erwünscht den Fledermäusen, die erlahmen. -——— - Wie nun in dieser Nacht vom schwarzen Thurme -Der zwölften Stunde hohler Klang verschollen -Ferne verhallend in dem Waldessturme. - Was schleicht da durch die Wolken ob der Eichen, -So matt und sacht, als wie ein Zug von Todten, -Die aus dem Grab um diese Stund’ entweichen! - Faust ist es, welcher wallet in der Mitte -Zur Zeit geneigt das bleiche Angesicht, -Verloschnen Aug’s mit todtenmattem Schritte. - Geführt von zween häßlichen Gesellen -Welche den schwachen an der Achsel stützen. -Sie haben Mäntel um aus rothen Fellen. - So nähern sie sich in trübseel’gem Schleichen -Hoch wandelnd in dem Sturme in den Wolken, -Und wie sie wandeln, beugen sich die Eichen. - Zum Klosterhofe steigen sie hernieder -Und in der weißen Nische am Gewölbe, -Da lassen sie den armen Faustum nieder, - Und aufwärts steigen wieder sie geschwinde -Und Hand in Hand sind sie im Sturm entschwunden, -Die grasse, wilde Bettelbrut der Sünde. - Allein sitzt Faust im dumpfen Hofesraume. -In schweren Schlaf ist seine Seel’ versunken, -Ersinnend kein Gebild zum Schauertraume. - Also verrauschet eine finstre Stunde -Der bleiche Mensch schläft in der Bogennische -Der Regensturmwind braust im Waldesgrunde. - Da naht Mephisto aus der dunklen Weite, -Er lacht dem Schläfer spöttisch ins Gesichte. -“Das also, spricht er, war zu viel Dir heute! - Und doch hab’ ich noch wohl für Dich gestritten, -Manch lüstern Höllenweib schlng ich zu Boden, -Doch bei dem alten Sturmwind half kein Bitten. - Doch nun vergiß das Galgennest die Hölle, -Deine Natur ist gut, dein Puls ist stark, -Bald wird’s vor Hirn und Augen wieder helle. - Ich weiß für Dich die herrlichste Blondine, -So was ist Dir noch nicht zu Theil geworden, -Fern an des deutschen Meeres rauher Düne. - Du freutest Dich bisher an schwarzen Dirnen. -An Welschlands dunkelfarbigem Geschlechte, -Versuch’ es nun einmal mit schnee’gen Stirnen. - O die ist schön! so recht für Dich mein Junge!” -Mephisto beugt zu seinem Ohr sich nieder, -Und schwatzt und schwatzt mit sturmgeschwinder Zunge. - Daß Fausti todtenbleiche Mange glühet. -Der Busen tönt in wildem Herzenschlage, -Zu üppigem Lächeln sich der Mund verziehet - Und wie der Sturm enthüllt das Mondgesichte. -Da wandeln schon sie in der weiten Ferne -Im lauten Wald, im Schatten und im Lichte. - -Am Ocean - -Sie stehn am Meer dem sturmzerrissnen wilden, -Dess’ Wogen sich zu gräulichen Gebilden -Verzerrn, zu schwermuthsvollen finstern Fratzen, -Ein wildes Heer von brunstentflammten Katzen. — -Und wieder strahlt der Mond in falbem Licht, -Ein abgezehrtes kränkelndes Gesicht, -Der gern erscheint die Nacht da Faustus irrt, -durch Wald und Dün’ mit seinem Seelenhirt. -Der wilde Sturm hat endlich ausgebraus’t, -Die krampfig fesgeballte Riesenfaust, -Von Wog’ und Wolke löst sich allgemach. -Unheil die Schlang’ die ihren Nerven stach, -Enteilt zur finstern Fern’ in langen Ringen, -Die weit sich mit der Nebelnacht verschlingen. - Faust athmet kaum, er stiert ins Element, -Darin er seines Lebens Bild erkennt. -Wie Unheil der gewaltge Drach -Die Spiegelfluth der See durchbrach, -Daß sie am Fels verspritzt, verschäumt, -Hyänenhaft emporgebäumt, -Sich selbst zerriß, die klar und licht -Des Himmels Gluth, des Mondes Licht -Im Schoß empfing: nun wild zertrümmert, -Laut heulend ihren Schmerz verwimmert: -So war durch seines Herzens helle Fluth, -Unheil gerast in Bachanal’scher Wuth, -Und hat an ödem Strande sie verspritzt, -Des Himmels Bild zerworfen und zerritzt. - Im Mondenlicht das glüh’nder jetzt erstrahlt, -Des Faustus Bildung in der See sich malt, -Zu ihr gepaart die von dem Seelenhirt -Der dumpf und schläfrig auf den Boden stiert. -Und auf der Düne liegt ihr finstrer Schatte, -So lang als wie von Tod gestreckt: der matte -Nachtwind weht durch ihr Mäntelein -Und zerrt und zieht am schwarzen Wiederschein. -Faust ist so bleich: die Stirne hochgewölbt, -So klar und hell ist nun verwelkt, vergelbt, -Von einer tiefen Falte schwer durchzogen -Hoch über seiner Augenbraunen Bogen. -Die hat das Ansehn ganz, die hat die Farbe -Als ob sie eine wüste, tiefe Narbe. -“Was sagtest Du, spricht er nach langem Schweigen -Da er geblickt zum wüsten Wellenreigen: -Was sagtest Du, schieb ich in diesen Sand, -Zur Ebbezeit: “hier Doctor Faustus stand, -Der sich mit seiner Seele Seeligkeit -Dem allerbesten Teufel hat geweiht;” -Oder gleich in dem sonderen Idiom -Das mit Gewicht der Prister spricht zu Rom, -Der heil’gen Sprache der vier Fakultäten -Die wie gemacht zum Richten, Heilen, Beten, -Zum andern Irrsal menschlichen Verstandes -Im süßen Gaue dieses deutschen Landes. -“Hoc stetit Doctor Faustus littore -Qui sese pro aeterno tempore -Addicavit malo diabolo -Cum corpore divino animo.” -Was sagtest Du, braust nun heran die Fluth -Und läßt mir stehn das Stücklein Uebermuth, -Und steh’ts so ewig, weckt wie ein Gerippe -Ein Stoßgebet auf jedes Schiffers Lippe; — -Wenn hier die Wog’ als schwebt sie über Gründen -Deren Boden unermessen nicht zu finden -In ew’gem, wahnsinnsraschen Kreis sich dreht, -So daß mir nie die grasse Schrift verweht. -Hier steht im Sonnen: steht im Mondenschein -Was ich gezeichnet in den Flugsand ein. -Die Striche flöh’ das Meergevögel -Und mehr als Fels verscheuchten sie ein Segel!” -“O Thor” sagt der “hörst Du nur meine Lehren -Sie mir im Mund willkührlich umzukehren. -Ihr tolles Volk begehet keinen Mord -Ohn daß ihr meint, es tob’ dazu der Nord -Ihr möget nicht erröthen, nicht erbleichen, -Ohn’ daß der Wang’ die Himmel sich euch gleichen. — -Nicht schreib Du’s in den trocknen flücht’gen Sand, -Daß seinen Freund im Teufel Faustus fand -Actz’ Du’s in einen Eichenstamm auf’s Mark, -Natur bedeckt’s: sie ist so gut und stark: -Umspülend es mit frischem, kräft’gem Saft, -Der Narben bald der scharfen Wunde schafft. -Nicht schreib Dus in den irren, losen Sand, -Hier wußt’ dem Bösen Faust nicht Widerstand -Schreib’s mit dem Meissel in den Felsen dort, -Und Regen, Wog’ verlöschen Dir das Wort. -Und klingt’s auch der Philisterinn -Wie Grabesschrift in seinem Frevelsinn, -Sie schont es drum nicht mehr als die Millionen -So sie verlöscht im Laufe der Aeonen. -Ihr Moos hüpft gern auf einen Leichenstein -Und ranket sich wie an dem Holzspalier, -An solche Schrift: voll edeler Begier -Zernagt mit Luft der Wurm das Todtenbein. -An euers Leibes schmerzlicher Verkohlung -Sich sättigend, in eigensinn’gem Hohn, -Ersteht sie jung in ew’ger Wiederholung, -Streng fesselnd euch in sklavenhafter Frohn; -Verflucht dies eigennütz’ge schlechte Weib, -Das eurer Seel geboten solchen Leib. -Ich aber ruf’ ins Meer, ruf’ himmelan, -Erlöser ist, und bleibet euch Satan! -Der tollen Rausch durch dies Geäder hetzt: -Und euch belehrt wie ihr euch widersetzt.” -Faust hört das Wort: doch weiß er nicht, -Sprach er dies selbst, sprachs sein Begleiter, -Der seelenlose Höllenwicht. -Die Woge klingt es fort und fort und weiter - Es tropft der Mond ins Meer um diese Stunde: -So roth und schwer wie Blut aus einer Wunde: -Geschmolzen Gold, das in der Menschen Sinn -Den unersättlichen, Gebieterinn -Die siegesreiche Königinn Schwermuth träuft, -Den nimmer satten in den Tod ersäuft. -Mephisto schweigt: auf glimmer Wog’ im West. -Hintreibt ein Wrack: ein dunkler, kleiner Rest -Dem dürren Blatt vergleichbar, das zernagt, -In wüstem Wind auf öden Fluren jagt. - -Schön Hertha - -Faust wandelt auf und ab im Corridor: -In prachtvoll mondeslichter Abendstunde: -Des Nordmeers Stimme schlägt zu seinem Ohr -Und still und zärtlich seufzt’s aus seinem Munde, -Sein Blick ist friedlich, seine Stirne rein, -Das Haar geregelt, neu sein Mäntelein; -Die blankste Feder wallt vom sammtbarette, -Und um das Wamms hangt eine goldne Kette. -Die felsumgränzte helle Meeresbay -Strahlt ihm in wunderhellem Wiederscheine -Das Trümmerschloß erhöht so keck und frei, -Auf starrer Felsen schwarz bemoostem Steine. -Und wie der volle Mond dann höher wallt, -Und statt der zarten goldnen Lichtgestalt, -Die in dem Meeresgrund sich sanft gewiegt, -Der wüste Schatten trübe niederkriecht! -Faust schauert in der Einsamkeit -Da hoch und höher sich sein Busen hebet. -Er hört ihr Klingen das ihn oft erfreut -Dies ernste Säuseln, wies sein Ohr umbebet. -Was tönet dieser Laut der trüben Nacht, -Dies Fächeln wie von vielen, vielen Zweigen, -O unbegriffen und unausgedacht, -Dies schwirre Plaudern in dem tiefsten Schweigen. -Es ist kein stürmisch Herze das so schlägt -Nicht Meer nicht Baum vom Nachtwind aufgeregt. -Es ist kein Lispeln einer scheuen Lippe, -Kein schrecklich Zittern wachender Gerippe. -Allein den Geist versetzt dies dunkle Schwirren, -In eben solche räthselhafte Wirren -Und es versenkt in bängliche Gefühle, -Gleich wie der Wellen und der Zweige Spiele. - Da winkt’s ihm durch der Scheiben rundes Glas, -Mephisto steht auf einem spitzen Stein -Der dürre Wicht so häßlich und so graß -Und murmelt heiser: “jetzo geh’ hinein!” -Faust sieht der zween Finger dürre Knochen -Die ihm so altverständig lüstern winken: -Er fühlet bänglich seinen Busen pochen, -Und seine Keckheit scheint ihm zu entsinken. -Doch schreitet er mit Fassung Sitt’ und Ziere -Gesetzten Schrittes auf die nächste Thüre. -Drin sitzt am rauhen Tische von Basalt, -Bei dumpfen Lämplein eine Weibsgestalt -Ein bleiches Wesen, hager, knochendürr -So still und starr, als hätt’ es keine Seele, -Das blonde Haar zerrupft und schrecklich wirr, -Das blöde Aug’ in tiefer, finstrer Höhle. -Die Wang’ ist dürr und blässer als der Tod, -Die blut’ge Lippe färbt den Busen roth. -Und wie sie in das trübe Flämmchen schauet, -Und an den trocknen Spindelfingern kauet, -Murrt sie in kläglich jammervollem Laut -Schwer aus dem tiefsten Busen: “Braut!” -Dann küßt sie heftig die verdorrte Hand, -Und zuckt es in der Leuchte trübem Brand, -Vor ihrem Hauch, dann schreckt sie wild zusammen, -Und wirft sich wüthend auf den kalten Boden, -Flucht grasse Flüche, die der Höll’ entstammen, -Und reißt und fetzt vom Leib’ die schwarzen Loden. - Und als verlosch das Lämpelein -Traf sie wie Blitz der Vollmondschein. -Da tobt sie noch unmenschlicher, und wilder, -Was sah in diesem Licht ihr Geist für Bilder -Die noch vor Menschenauge nicht geschwebt, -Bis sie erstarrt zur grausen Leich entstellt, -Ganz wie man auf dem Kirchhof sie begräbt, -Ein schrecklich Unding auf den Boden fällt. -Faust sah mit starrem Blick das wilde Spiel. -Es fesselt ihn, einschläfernd sein Gefühl, -Und sein Besinnen, doch wie er erwacht, -Erfaßt’s ihn selber mit des Wahnsinns Macht, -Er stürzt hinaus als Hertha eben, -Der arme, bleiche, nackte Wurm, -Gepeitscht von ihres Wahnes Sturm -Emporstieg an des Fensters Eisenstäben. -Hin zu Mephisto, der an weicher Düne sitzt -Und seinen Kopf im Arme schläfrig stützt. -“Verfluchtes Thier, ruft er zum Feinde Gottes -Was machst Du mich zum Spielwerk deines Spottes? -Was machst Du mich zu dem wahnsinn’gen Kinde -Verheitzend mir des Himmels Seeligkeit -Da ich ein arm, unglücklich Scheusal finde -Zerknickt Gott weiß! von welchem Herzeleid! - “Ihr hattet ich so baar und kahl gemacht, -Ich war so todtenmatt und dumpf befangen! -Du Teufel hast Dir’s wieder angefacht -Das dir gehorchet dieses Gluthverlangen. -Was ließt du’s nicht als eine Leiche, -Wie es in meinem Busen lag begraben, -Nun wars nicht klug, da ich die Hand dir reiche -Also mich jetzt zum Narrn zu haben! -Einen kurzen Sonnenblick von Illusion, -Ein Blumenbett an dem Abgrunde, -Wohl noch einmal verdient ich schon, -Von Dir dem widerspenst’gen Hunde!” -Wie so er sprach, steigt an dem Eisenstab -Die arme bleiche Hertha auf und ab. -Sie regt sich sacht’ als ob im süßen Traume -Sie schweb’ am Zweig vom Lebensbaume, -Daran die schönsten Früchte lächeln, -Deß’ Blätter seelig sie umfacheln. -Wem der Gedank’ in stillem Kreis sich regt, -Wem Tag auf Tag gleichsinnig sich bewegt -Von keinem Leid und Gram gerührt, -Von keinen Wonnen exaltirt -Der ahnet nichts von solchen unermess’nen -Abgründen, in dem felsenfesten Herzen: -In welche die zerrung’nen und zerfreßnen, -Gefühle, schneidend wilde, bange Schmerzen, -Herniederzieh’n in ihre Todtenhöhle -Das Ich, den heil’gen Götterhauch der Seele. -Ein dumpfes Echo nur darf noch erklingen -Im Grunde liegt es mit gebrochnen Schwingen. — - Mephisto der sich kurz besinnt, -Zu dem erzürnten Doktor so beginnt: -“Thu mir’s zur Liebe, sei nicht böse! -Von solchen Kleinigkeiten kein Getöse. -Es thut mir leid ich habe Dich gequält! -Mich trifft nicht Schuld, wenn das Gedächtniß fehlt. -Ich irrte mich blos um ein halbes Jahr -Da war beim Teufel Alles wahr, -Was gestern ich Dir an der Magd gelobt, -Die dorten so gar unverständig tobt! -Der Satan hol’s, vergaß ich’s eben -Zween Prinzen hatt’ ich sie zum Bräutlein schon gegeben. -Dem Prinz von Wales, und dem von Turindur, -Zween Herrn wie sie zu wünschen nur! -Doch bis nur still — schau nicht so kummervoll -Wir finden wohl noch eine die nicht toll! -Ein holdes Täubchen soll Dir nicht entgehn. -Ich weiß schon was, — — doch laß mich’s noch bedenken, -Und sollt ein Fürstenkind zum Teufel gehn, -Glück auf! Dir Faust und Deinen Liebesschwänken!” - -Die alten Zecher - -Wie sie vorübergehn am Meeresschlosse, -Schaun sie ins Fenster in dem Erdgeschosse. -Es ist erhellt, vom gothischen Oval -Liegt schwanken Lichts der helle Wiederstrahl, -Auf schönen, langgestreckten Wellen, -Die brüllend an dem Felsenrand zerschellen. -Von drinnen braust ein gleich gewaltig Lärmen, -Als wie von Zechern, die beim Glase schwärmen -Ihr Singsang tobt so brüllend laut -Als wie die tolle Sturmesbraut, -Wie Wellen wild entsetzlich klingt, -Wenn in den Händen ein Pokal zerspringt. -Die übernächt’gen, wüsten Schlemmer waren -Drei dürre Greise mit schneeweißen Haaren! -Sie füll’n das Glas aus hohem schwarzem Krug, -Und zechen frisch und wacker Zug um Zug. -Die Stirne schwillt, das Auge glüht und stieret. -Und bubenhaft die Zung extravagiret. -Der Teufel spricht: hörst du, so hab’ ichs gern -Das sind Gesellen von meinem Schlag und Kern, -Die so versaufen ihren Herzensgram, -Die bittre Reu’ die tiefgefühlte Schaam. -Solchen allein kann ich’s nach Wunsche machen, -Sie würden mich verhöhnen und verlachen, -Wenn ich sie nicht nach bester Möglichkeit -Bedacht mit Sorg’ und schwerem Herzeleid! -Für sie ist das nur Anlaß zur Erquickung, -Bei eines Bechers toll erschall’ndem Lärm, -“O Himmel! Himmel! welche finstre Schickung! -Schrein sie: o Trost! gießt Wein mir ins Gedärm! -Was thäten sie die lange, lange Zeit, -Hetzt’ ich sie nicht zu Luft und Heiterkeit. -Die Welt wünscht drum sie noch nicht zu den Teufeln. -Sie thun: so heißt’s damit sie nicht verzweifeln. -Sich, jene schmale, trockene Gestalt, -Die an die graue Säule sich gesetzt! -Horch, wie die schwere Zunge säuisch lallt, -Schau, wie er sich am süßen Safte letzt! -Sieh die verdorrte, gelbe Runzelwange! -Sein Schloß lag rechts dort an dem Felsenhange, -Es ist verbrannt und liegt in Asch’ und Staub, -Sein Sohn durchschweist Gebirg’ und Moer auf Raub! -Sein Weib ist Kupplerin, die Tochter Hur’! -Bewunderst du die himmlische Natur? -Und jener mit dem ausgezackten Bart, -Der in das Glas mit stierer Wonne starrt: -Dem auf der Stirn der Ader fast zerspringt. -Und dessen Lippe tolle Rede klingt: -Dem ward unlängst bei Hof das Schwerdt zerbrochen, -Der Herzog hat kein Wort mit ihm gesprochen. -Auf ewig ist befleckt sein alter Adel -Vom alten Gothen stammend ohne Tadel!” -Mephisto schweigt: er hat sich fast erhitzt -Und sondern Glanz sein fahles Auge blitzt. -Faust, der ihn gar gespannt gehört, -Mit solchem Wort sich wieder zu ihm kehrt: -“Nicht hast du mir erzählet von dem dritten -Der zwischen beiden sitzet in der Mitten?” -“Der, sagt Mephisto, mit der strupp’gen Stirn, -Der sich die Hand zerschlug am scharfen Splitter, -Der kleine Kerl ist Vater von der Dirn’ -Die dorten balancirt am Eisengitter, -Wie ist das Thier von ganzer Seel’ vergnügt, -Da ihn die Wuth des Rausches toll durchfliegt. -Was schaust du mich so gar verzweifelt an? -Ich geh hinein zu dem charmanten Mann! -Du willst nicht mit! So bleib’ indeß hier draußen, -Du hörst so gern das Sturm: und Wellenbrausen. -Und find’st die Nacht am Meer so intressant, -So warte hier ein wenig an dem Strand. -Beschau des Mondes tief ergreifend Sinken -Ich gehe blos hinein, um mal zu trinken. -Sie leeren da ein Gläslein alt und gut, -Und die Gesellschaft hat mein muntres Blut!” -Er schlüpft sturmrasch durchs dunkele Portal, -Unmenschlich wilder Lärm erdröhnt im Saal: -“Auf du und du, auf ewiglich der deine!” -Das leere Glas zerklirrt am Säulensteine. -Gewalt’ger braus’t die Nacht, die Fluth, -Der Mond versinkt in voller blut’ger Gluth, -Faust nässt die Stirn in dunk’ler Welle -Da ihm vor Aug’ und Sinne nicht gar helle. - -Paraklet - -Die Nacht ruht auf dem Tannenwald, -Und schauerlich Gewölke wallt -Wie flügellahme Raben todtenmatt, -Dem Monde nach, der sich erhoben hat. -Die schwarze Brut schleicht traurig, müd’ und schwer -Ein unabsehbar langes, düstres Heer: -Als müßten sie mit blutigem Gefieder, -Von Zweig zu Zweige hüpfend sinken nieder: - Und Faustus liegt das Haupt in seiner Hand, -An eines tiefen Waldsees moos’gem Rand: -In dessen Wog’ die volle Mondesgluth -Entzückend schönen Schimmers ruht: -In dessen Wog’ der finstre Tannenbaum -Den Schatten wirft in seinem wanken Traum. -— — Und er erglüht in seinen Phantasien, -Die ihm allmächtig durch den Busen fliehen, -Der lindste Laut der geistervollen Nacht -Gedanken in der regen Seele facht. -— “Ich seh’ dich Schwermuth! ruft er ganz entzückt: -Ans Herz der wunderschönen Nacht gedrückt. -O himmlisch seid ihr liebliche Geschwister -Die ihr bei dieser Bäum’ Geflüster -In dieses See’s tiefdunkler Fluth -Im Wiederglanz des Mondes schlummernd ruht. -Von mir laßt Schläferinnen euch begrüßen, -Laßt diesen Anblick meine Seel’ genießen: -Ich sprach zu Euch so oft als nie, -Ein Mensch in seiner Leiden Phantasie!” -Die Woge wallt, die Tanne flüstert, -Der Mond bald hell und bald verdüstert, -Das wirre Spiel der Schattenschaar, -So zahllos wie die Sterne war. — — - Wie kein verfinsternd Wolkenbild, -Den blendend glimmen Mond verhüllt, -Der als ein sinnverwirr’nder Zauberspiegel -Hoch fluthet über Waldesgrund und Hügel, -Als stumm die dürre Tanne steht -Im starren See die Well’ nicht geht, -Gleich war die Nacht so schweigend, so entbrannt, -Auf immerdar und ewig festgebannt: -Der hohe Mond so ewig klar, -Ohn’ Regung und unwandelbar: -“Nein, ruft er in den dunkeln, stummen See, -Zu sanft schaut ihr für meinen kranken Busen, -Für meines Herzens tief empfunden Weh, -O Nacht! o Schwermuth! glichet ihr Medusen, -Die mich erstarr’nd zu kaltem, wüsten Stein -Vertrockneten die Adern im Gebein: -Nicht wie ihr dorten so beseeligt ruht, -In dieses Himmels nächt’ger Wiedergluth, -Das schwarze Haar so schwesterlich verschlungen, -Von euren Armen liebevoll umdrungen, -Zartinnig Lipp’ an Lippe festgesaugt, -Vom Athemzug die Stirne mild umhaucht, -Nein! stürzt von Felsen blutig nieder, -Verwachs’nes Zwillingspaar, das hassend ringt, -Und seinen Arm so glatt als Schlang und Hyder -Erstickend um der Schwester Nacken schlingt! -Ich trag’ euch nicht in dieser Engelsmilde, -Erscheinet mir in einem finstern Bilde!” - Und er springt auf, und in dem Mondesschein, -Dringt in den Wald noch tiefer er hinein -Durch wilden Busch, durch dorniges Geheg’, -Bahnt ohne Rast er seinen finstern Weg. -Sein Sinn verwildert und sein Haar wird wirre -In dieser unermess’nen Waldesirre. -Und wie er nun so lange fortgestürmt, -Da Abends sich die rothe Wolke thürmt, -Gelangt er an des Schauerwaldes Rand, -In ein geöffnet wunderschönes Land: -Ein Kloster steht auf milder Au, -Ein Haus, zernagt vom Altersgrau: -Am Wald ringsum nicht mehr die finstern Bäume, -Die bebenden der dumpfsten Schwermuth Träume, -Die in dem Sturm so herzerstickend wehn, -In Windesstill’ so todtenschweigend stehn. -Ein junger Wald von Weiden, Sycomoren, -Umsäuselt sanft des Klosters Bau: -Wie betend zu dem Herren, und der Frau -Der Allbarmherzigen, die ihn geboren. — -Wie neigen sie in stiller Andacht Feier, -Des Gipfels Laub, als wär’s ein schwarzer Schleier, -Wie sind sie von der Abendgluth umwallt, -Als trüge Kerzen eine Bußgestalt: -So steht der junge, milde Baum, -Am wüsten, öden Waldessaum. -Und dieses Kloster in der Abendsonne -Erschimmerte wie in extat’scher Wonne: -Es gleicht so weiß, und engelgleich -Der Märtyrin, die welk und bleich -Erblickt das grasse Opferfeuer, -Entflammt vom Heidenungeheuer. -Schon walln die Flammen immer gelber, -“Bist du die Tochter Christi, hilf dir selber!” -Und wie die Sonne, tiefer, dunkler Gluth -Schon auf des fernsten Berges Gipfel ruht, -Da ist sie wie der hehre Hochaltar, -Umstellt von einer flamm’nden Rosenschaar: -Hier spricht man heilig diese Märtyrin, -Der bittern Leiden milde Dulderin: -In Mondslicht, das drüben sich erhebt -So weiß und bleich ihr Geist vorüberschwebt. — - Im Garten unter einer schlanken Weide -Da saß ein Abt, im ersten, schwarzen Kleide. -Ein wundermilder, hoher, greiser Mann, -Der über einem alten Buche sann. -— Faust war ergriffen, diese stille Milde -Des schönen Greisen freut ihn. -Nicht so las er, wenn er zum Steingebilde, -Dem Götzen Flamm’n im Busen glühn, -Bei seinem Buch erstarrend sich vergaß, -Daß er wie Hyacinthus an der Quelle, -Sein eigen Bild anstierend in der Welle -Der Geisterfluth als eine Leiche saß. -Gebietend den Gedanken, den Gestalten, -Ein Engel Gottes schwebt der Geist des Alten. -Die Mönche sang’n ein sanftes heiliges Lied, -Den süßen Gruß: o salve Paraclete! -Verglommen ist die Abendröthe -In ferner Bäume dunkelem Gebiet. — -——— - O salve sancte Paraclete -O lux beata trinitas, -Miraculosa unitas! -Vos dulces angeli salvete! - Et o viri mysteriosi, -Qui conspexistis gloriosi, -Aeternum et sanctissimum -In facie nostrum dominum. - Lux ecce cadit aurea, -Portamus lilia nitida! -Cantamus dulcia cantica, -Dum surgit nox mirifica! - Plasmator! des, ut resistamus -Malefico, et ut vincamus -In tuam ipsam gloriam! -Plasmator misericordiam! - O salve sancte Paraclete! -O lux beata trinitas, -Miraculosa unitas! -Vos dulces angeli salvete! -——— - An diesem Abend zu der schönen Stunde -Stehn Faustus und Mephisto hier beisammen, -Und solch Gespräch ertönt aus ihrem Munde, -Da dunkle Wolken um das Mondbild schwammen, -Da in dem Schein des Klosters Fenster glühten, -Als wären’s Blätter eines Buchs voll Mythen, -Das für die Nacht in ernster Andacht Trieben -Mit goldner Schrift der fromme Mond geschrieben. -So redet Faust, sein Auge glüht begeistert, -Und süße Wehmuth hat sich sein bemeistert. -“O sage mir, hast du ihn je gesehn? -Ihn, weicher jetzt mit seines Geistes Wehn, -Als hört ich nie die Hölle und ihr Lied, -Allmächtig, unabwendbar mich umflieht! -— Die Wehmuth ist es, die mich so errettet, -Und mich an ihn auf Augenblicke kettet! — -Wie sahst du ihn, als welch elender Wurm, -Verkrochst du dich vor seiner Stimme Sturm, -In banger Dumpfheit, sie nicht zu verstehn? -In welches Thal versenget und entblättert -Verbargst du dich, von seinem Blick zerschmettert? -Mephisto -Wie schwatzest du gleich einem irren Pater -So wenig als wie du sah ich des Weltalls Vater, -Und wie bei euch auf der verdrehten Welt, -Ist es damit im Höllenreich bestellt! -Es geht von ihm, auch solche frost’ge Sag, -Doch fragen gar zu wenig wir danach, -Und ohne Macht ist der verschollne Klang, -Der ausgesungne, echolose Sang. -Faust -Du sahst ihn nie! nie hat er seine Hand, -Zerknickend dir um deinen Hals geschlungen, -Sein Fuß trat nie dich in des Kraters Sand! -Am Abgrund hat er nie mit dir gerungen? -Mephisto -Ich krieche kecklich durch die Erd’ und Hölle, -Und hab’ mich nie an ihn gekehrt, -So wenig als an eine Kirchenschwelle, -Und niemals hat er meiner auch begehrt. -Die alte gute Mutter Natur, -Ich brauche sie gar oft als meine Hur’, -Das wirst du wohl an ihren Gaben, -Ohn’ sondre Müh’ empfunden haben. — - Er sprach’s und schwieg, darauf hub er wieder an: -“Doch eins drängts mich dir noch zu sagen -Von dem, was ich dir offenbaren kann, -Der Rolle, die mir übertragen, -Des ganzen Spiels bin ich oft herzlich müde, -Und sehn’ mit Schmerzen mich nach Tod und Friede! -Schwer ists verdammt, stets Humorist zu sein! -Voll Tück und List und lust’gen Teufelei’n. -Auch wird der Weinkrug einem leer zuweilen, -Dann möcht’ ich gar wie alle schrein und heulen! -— — Hätt ich die Macht, als der, der es erschuf, -Hätt’ seines Armes Kraft mein Pferdehuf, -Mich trieb es nicht blos zu zernagen, -Als blöder Wurm, nein zu zerschlagen -Die schlechte Welt mit einem Mal, -Und zu vernichten Luft wie Qual. -Jed’ Leben, jed’ Bewußtsein zu zerstören, -Zuletzt Ihn und mich selbst wär mein Begehren! -— So gut wie ihr hab ich oft meine Stunden, -Wo ich die ganze Leerheit schwer empfunden! -Was ist das nun sich mit ‘nem armen Herrn, -Von Doktor, als wie Ihr, herumzuzerrn! -Ich ließ euch gern in Gottes Namen gehn, -Es ist mir Pflicht! mir Drang! ich kann nicht widerstehn! -O sei verflucht! erbärmlich Hundeleben! -Ich kann nicht mal wie ihr, dem Teufel mich ergeben! -— Nennt mich ‘nen Hurensohn nennt mich ‘nen schlechten Affen, -Ich sei nun, wer ich will, ich habe nicht geschaffen! -Doch still, damit ich nicht aus dem Charakter falle! -Und vorwärts, frisch in meiner Rolle! -Eins nach dem andern, so erliegen Alle! -Ist diesmal doch ein Faustus die Parole!” - -Das Elixir des Mönches - -Und der entschlummert an dem Waldesrand, -Daran vorher er mit dem Bösen stand: -Sein mattes Haupt lehnt an der Hangeweide, -Allmächtig weht es in der tiefen Haide, -Verklingend in die dumpfe, schwarze Ferne, -Allmächtig strahlt der Mond, so wie die Sterne. -Das Kloster liegt im sonnenhaften Schein, -Gleich eines Engels heilig Fleisch und Bein. -Da naht dem Schläfer an der schönen Weide -Der ernste Greis im dunklen Klosterkleide. -Wie Faust ihn in dem Garten heut erblickt, -Der ihn im Buche lesend so entzückt. -Gleich einem Geist mit himmlischem Gefieder, -Schwebt er dahin, und beugt sich zu ihm nieder: -“Nimm,” flüstert er, du armer, müder Knabe, -Ich gebe dir das Beste, das ich habe -Erlösen wird es dich, wird dich befrein, -Und du wirst glücklich, dauert dein Bereun! -Das, was du dir aus heißer Brust begehrt: -Du hast’s! Triumph! es ist gewährt. -Dein glühend Sehnen, dein allmächtig Bangen -Dein Feuerwunsch, dein loderndes Verlangen! -Von Stern zu Sterne mögen sie es hören: -Faust ist ein Mensch! gestillt ist sein Begehren. -Triumph! mein Sohn! ich legs in deine Hand, -Leb wohl! es sprach der Alte und entschwand. -Und jener hielt ein kleines dunkles Glas, -Durchstrahlt von einem feuerfarbnem Naß. -Er schaut es an verwundert und entzückt, -Da ist er seinem Lager schnell entrückt. -Und als ihm wiederkehret das Besinnen, -Von seiner Stirn fühlt heißen Schweiß er rinnen. -In öder Wildniß sieht er sich gebettet, -Rings dürren Sand und Felsen starr verkettet. -Hier war nicht Nacht, hier schimmerte kein Tag, -Bleischwere Dämmrung auf der Oede lag. -Es rauscht kein Laut von Woge, Baum und Strauch, -Die Wolke scheint der wildsten Flamme Rauch, -Und Faustus heißer Mund vertrocknet schier, -Die Pulse pochen und sein Aug’ ist stier. -Die Zunge gleicht dem dürren Blatt, -Sein Athem keucht und röchelt todtenmatt. -Da naht Mephisto schleppend mühsam schwer -Die Centnerlast von einem Krug daher. -Gebückter Brust, als trüg er tausend Ohm, -Im Kruge gleich an einem ganzen Strom. -Er lagert sich in einer Felsenspalt, -Und löst den Pfropf, der gar ergötzlich knallt. -Er zecht vergnügt, und trinkt sich satt und schwer, -Und singt ein Lied, und tanzt im Kreis’ umher. -“Gieb mir,” ächzt Faust in seiner Todesqual, -“Du schlimmer Wicht, o gieb mir auch einmal!” -“Dir,” sagt Mephisto “ich zu trinken dir, -“Du lechzest noch nach einem Trunk von mir! -“Und drückst ein Himmelskleinod an dein Herz; -“Zu trinken dir! o treibe keinen Scherz!” -Und wieder tanzt er lustig rings umher, -Sein tolles Haupt wankt wüst und schwer. -Und Faust verkommt in Todespein, -Die Flamme wühlt zernagend durchs Gebein: -Das Kleinod selbst glüht als ein Feuerbrand, -In seiner welken und versengten Hand. -“O! röchelt er in ärgster Qual und Angst: -Mephisto nimm, o nimm, was du verlangst.” -Rasch langt die dürre, scharfe Teufelstatz, -Das Fläschen ihm von seinem Busenlatz. -En reicht ihm den gewalt’gen schweren Krug, -Der trinkt und trinkt in tiefem, tiefen Zug. -Drauf schleudert er, in wilder Wuth entbrannt, -Den großen Krug an eine Felsenwand. -Hoch sprüßt empor der rothe dunkle Wein, -Verzischend auf dem glühenden Gestein. -Der Teufel stürmt von dannen wie besessen, -Im Schlaf hat wieder Faustus sich vergessen. -——— - Wild schäumt in schwarzer Mitternacht das Meer, -Die Wog zerollt am Strande lang und schwer, -Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab, -Gewaltig nahend schwankend auf und ab. -Der Sturmwind keucht im dünnen, dürren Rohr, -Und wiegt der müden Vögel schwarzen Chor. -Mephisto aber wandelt an dem Strand, -Des Mönches Fläschlein haltend in der Hand: -Und wie die Well’ an öder Dün zerfließt, -Ein Tröpflein er aufs schäum’ge Haupt ihr gießt. -So lange, lange hat das Spiel gewährt, -Bis langsam er das Gläslein ausgeleert. — -Die Welle mächtig endlos rollt, -Das Röhricht rauscht, der Sturmwind tollt. -Drauf knieet er an einem schwarzen Stein, -Zermalmt das Glas zu einem Pulver fein, -Und bläst dann rasch mit seines Athems Braus -In alle Welt den trocknen Staub hinaus. — -Er triumphirt, er schwatzet laut und lacht; -Entsetzlich wild ist solche Teufelsnacht. — -Hoch schäumt das aufgeregte schwarze Meer, -Die Wog’ zerrollt am Strande lang und schwer, -Anstürmend aus der dumpfen Ferne Grab, -Gewaltig nahend, schwankend auf und ab. -——— - Faust steht so traurig in der Nacht allein, -Wo er entschlief, am dunkeln Waldesrain; -Mephisto ist nicht bei ihm, doch er spricht, -Als säh er wohl das grinsende Gesicht; -Sei’s in dem Mond, der in den Zweigen ruht, -Sei’s in des Irrwisch’s feurigrother Gluth: -“O höre! sagt er: “ich verdamme dich! -Treff’ dich mein Fluch auf ewig, fürchterlich! -Ich rief dich nicht, du kamst von selbst gegangen, -Um mich, den irren Zweifeler, zu fangen! -Ich gab mich dir! doch was gabst du dafür -Nicht einer schönen Blume holde Zier! -— Ein wild Gewühl von frevelnden Gestalten, -Sah ich mir Aug’ und Sinn berückend walten! -Ich stürzte hin in zehrendem Genießen, -Da mich die Himmel spöttisch von sich stießen! -Nicht drücktest du die Rose weiß wie Schwäne -Mit ihrem Dorn, im bleichen Kelch die Thräne, -Der Liebe Ros’, mir an die welke Brust, -Daß mich’s entflammt zu menschlich reiner Luft, -Daß ich verging in Sehnen und in Schmachten, -Ein Sklav’ mich bückt gekränket im Verachten, -Ein König mich erhob und triumphirt, -Von der Erhörung Zauberrei; verführt. — -Kein Tropfen Blut in solchen Liebeshadern -Von solchem Dorn versprützt, entquoll den Adern! -Um was allein war denn ich dir ergeben, -So manches Jahr im wüsten Bubenleben? -Um einen Wurm, den mit bemalten Flügeln -Du ausgeschmückt, das Blut mir aufzuwiegeln, -Um jenen Wurm bin ich dir nachgejagt, -Der mir so lang das eigene Herz zernagt! -Wie oft hat er in öder Mitternacht, -Wenn ich das stille Lämplein angefacht, -Durchstört der Kerze süßen, matten Schein, -Der glüh’nden Seele lichte Träumerein: -Mit seines halb zerrissnen Fittichs Trümmer, -Vernichtet in und um mich jeden Schimmer! - Wie du mich bübisch so verlockt, -Wovor in Luft und Lieb erglüht, -Daß mir das Blut im Busen stockt, -In Andacht still ich hingekniet; -Wonach ich rang von Herzen inniglich, -War ich erhört, ich fand’s so schlecht als mich!” -So spricht er zu den närrischen Gesichtern -Der wirren Nacht, den Schatten und den Lichtern -Im finstern Busch, da rauscht’s wie im Triumphe -“Noch nicht enttäuscht der arme, dumme, dumpfe! -Noch schwebt vor seinen halb verloschn’n Blichen -Der Sehnsucht Land, ein leuchtendes Entzücken!” -Doch starren Blickes Faustus sieht, -In das Gesicht: das durch die Fichten glüht, -“Vergißt du,” flüsterts: “unsere Königsmaid, -Schwarz Haar, blau Aug’ im goldgewebten Kleid! -So was hast du noch nie erschaut, -O Thor zur vielgeliebten Braut, -Komm, eh’ der Morgen graut!” -Die Stimm’ verklinget zischelnd im Gebüsch, -Der Nachtwind wehet unbehaglich frisch. -Das dürre Blatt reißt sich vom Zweige los, -Und schwirret raschelnd in dem finstern Moos. -Gleich solchem Blatt, durchschwirrt die Brust, die kranke -Der liebeleere, düstere Gedanke, -Die Menschenbrust, sich sehnend nach dem Tod. -Nur lebend noch, weil Gott es ihr gebot: -Wie fallen diese Blätter ohne Zahl, -Von solcher Seele Baum, der trüb und fahl, -Ohn’ seines Gleichen in der Welt zu haben, -Dasteht ein Stamm, besat von finstern Raben! -Wild weht der Sturm der öden Leidenschaft, -Verschmähte Liebe trinkt den Herzenssaft! -Wie schaut der Mann, der solche Seele hat, -So gern, so stumm auf jedes gelbe Blatt, -Das in dem Wald, im kalten Winde weht, -Bis ihm die Thrän’ im finstern Aug’ zergeht. -O süße Schwermuth, wie verlockst du mich, -O dürres Blatt, wie schwirrst du wonniglich! - -Beim Schwanenwirth - -Drin in der Schenk’, d’ran sie vorübergehn, -Braust frech und toll ein rasend Lustgedröhn. -Es rauschet von der weinverstimmten Zunge, -Ein wüstes Lied in fieberhaftem Schwunge. -Beim flotten Wirth am Schwanengraben, -Da dröhnt Musik, da wirbelt Tanz, -Da greifen die heißen Mädel die Knaben, -Beim Schwanenwirth am Unkengraben -Da raschelt’s dürr im Jungfernkranz. -Es heult der Sturm, der Regen fallt, -An’s Fenster scharf, daß er ergellt. -Und wie erschütternder der Wald erbraust, -Da drinnen es gewaltiger ersaust. -Wie hart die Schlossen an die Fenster schnalzen, -Dreht frischer, in dem Saale sich das Walzen. -“Siehst du” spricht der: das Volk da auf der Flur -Wie’s gern zusammenklingt mit der Natur. -Sie treiben gern solch’ fesselloses Schweifen -Stößt sie in ihre tollsten, schrillsten Pfeifen. -Trägt in die weite Ferne solche Rede -Der Sturm ankeuchend aus der Waldesöde. -Du glaubst es nicht, wie sehr es mir geneigt, -Das Völkchen, das da drinnen wogt und reigt -Was wetten wir, Doctoren nicht allein, -Verschreiben sich den ew’gen Teufelein. -Was wetten wir, in einer halben Stunde -Sind insgesammt die drin mit mir im Bunde! -Die roh’ste Leidenschaft nur brauch ich zu entzügeln, -Daß gleich den ew’gen Packt sie untersiegeln. -Nicht so viel Umschweif macht’s als mit Doctoren -Davon für mich nur der und der geboren: -Nicht kümmert hier das Wogen weißer Brüste, -Nicht eines Mund’s versengendes Gelüste, -Nicht rothe Rosen, süßes Gluthverlangen, -Die in der Unschuld kühlem Schnee entsprangen. -Mit diesen Kuben ohne Wiederhall -Stürzt in den Arm mir gleich der ganze Schwall. -Die Hoffnung auf Besitz das allgewalt’ge Locken, -Macht diesem rohen Volk die tollen Pulse stocken. -Vivat der Doktor der um den Genuß -Verzücket schwimmt im raschen Höllenfluß! -Mit diesen Kuben die man Würfel nennt, -Die ganze Schaar mir in den Rachen rennt. -Sie saugen fest und tief sich in mein Bein, -Als hielt ich’s Egeln in den Teich hinein” — -Faust höret ihn und auf der Schenke Bank, -Gleich an der Thür in tiefen Schlaf er sank. -In seinem Haar der nasse Sturmwind weht, -Auf seiner Stirn der Regentropfe steht, -Fern braust’s im Wald, die gelle Fidel leiert, -Die Volke jagt von Ost nach West gesteuert, -Wie’s in des Schläfers Traum so unerquicklich schwirrt, -So hat’s die wilde Nacht entsetzensreich durchirrt. -In seines Traumes Geist scheint sich der Sturm zu zeugen, -Dess’ Wehn erdrückend schwer wiegt auf den Tannenzweigen. - Ein schreiend Volk stürzt aus des Hauses Thür -Mit fahler Wang’ im Blicke stiere Gier: -Die Augenhöhl’ so tief: Die wilden gelben Züge -Krampfig verzerrt, Gefild zum Teufelssiege. — -Der hält die Faust an die zerrissne Stirn, -Der schlägt verzweifelt sich ans trunk’ne Hirn, -Der nagt in stillem Ingrimm an dem Daume, -Dem bleicht der Mund von weißem gift’gen Schaume. -So ras’t das Volk; Mephisto hinterdran, -Den Fußsteg lang, die sumpf’ge Wiesenbahn. -Der Wald brüllt dumpf, das schwarze Ungeheuer. -Noch tönt das alten Fiedelers Geleier, -Des blinden Mann’s, der in dem wüsten Saal, -Still sitzen blieb, bei diesem Mordscandal. -Er geiget fort und fort die alte Melodei, -Ohn’ Sorge wo die Schaar der Tänzer sei. -In diesen mißgepaarten, üblen Tönen -In dieser Klänge wild zerrung’ner Fluth, -Ersteh’n ihm Ideale; alles Schönen, -Urbild, wie es in seiner Seele ruht, -Er spielet fort und fort, was ihn erhebt, erwärmt, -Vergaß den Buben-Tert, der rings gelärmt -Sein Seufzer ist es, seinem Schmerz enthoben, -Nicht wie’s zum frechen Bubenwort verschoben. -Jetzt lauscht er länger nicht der Heller Klang, -Darauf gehorcht er ängstiglich und bang’; -Wieviel des Volkes Generosität -Ihm in den wettergelben Filz geweht, -Er geiget fort, er denket nach und sinnt, -Bis dem geschloss’nen Aug’ die Thrän’ entrinnt, -Die sich darinn wie in aparter Welt -Von eignem Jammer, schmerzlicher Idee -Erzeugt, und auf die Wange niederfällt, -Gelockt von dieser Töne stillem Weh. -So tönt die ew’ge, melancholsche Klage, -Die er verkauft zum frechen Festgelage, -Noch lange fort an diesem wüsten Orte, -Dieweil der Wind braust in die ofine Pforte. -Dieweil der Staub in dicker schwarzer Schicht, -Sich ringelt um der Ampel düstres Licht. - Und mit Mephiston kämpft um Hab’ und Gut, -Im Grund das Volk mit der Verzweiflung Muth: -Der steht und krächzt: “es ist verspielt verloren, -Keck wie ein Fürst den reines Blut geboren. -Es ist verspielt, so spricht er zu den Bauern, -Die voll Betrübniß seh’n die üpp’gen Schauern, -Es ist verspielt, so spricht er zu den Weibern, -Verworren hingekniet mit nackten Leibern; -Das harsche Wort, er spricht es zu den Kleinen, -Die voller Schlaf ihm heiße Thränen weinen. -Und wie die Bauern drauf mit harter Faust, -Ihn schwer umsteh’n, daß ihm das Ohr ersaust: -Da geht das Dorf in hellem Feuer auf, -Mit lautem Jammer schauet es der Hauf. - Faust steht erschrocken von der Schenke Bank, -Der Wirth, die Wirthin liegt im Schlaf schon lang, -Um jener Leute Schicksal unbekümmert, -Was ihr’s ist, in dem schweren Kasten schimmert: -Drum steht das Wirthshaus immer so allein, -Daß ihm kein Theil von seinen Teufelein. -Laut heult des Volkes vielgemischter Chor, -Hoch steht die Flamme in die Luft empor, -Mephisto jauchzt, und Teufel, Nacht und Flamme, -Umarmen sich, entsprossen einem Stamme. -Faust blickt hinab in diesen Flammensee, -Den Wogensturz von Armuth, Elend, Weh, -Wie er heran sich wälzt ein Siegessturm, -Wie er sich krümmt als ein zertretner Wurm. -Das Wolkenbild in schleppendem Gewand -Vorüberzieh’nd versengt sich in dem Brand. -Es fliegt zur wilden Waldeseinsamkeit -Mit tiefdurchglühtem, angebrannten Kleid. -Und wen der Sturm der mächtig schürt, -Den blutig rothen Brand entführt, -Und ihn auf eine hag’re Fichte jagt, -Da ist es rings so hell als wenn es tagt. -Die Eule flattert knarrend schwer empor, -Das Käuzlein mit dem scharfgespitzten Ohr -Dem Teufel gleicht es in dem gelben Lichte, -Das sich genistet auf der trocknen Fichte. -Dann wie sie wild entsetzet höher fliegt, -Daß um den Leib die Flammenwolke liegt, -Der purpurröth’re, matt’re Wiederschein, -Schaut sie wie ein verklärtes Engelein. -So schwebt von Baum zu Baum der tolle Brand, -So fliegt’s Gewölk im schimmernden Gewand: -Und um sie Myriaden von Gestalten, -Von dunkeln Vögeln finstern Hirngespinnsten, -Ob diesen Bäumen die wie Wogen wallten, -Ein toll Gemisch von Leben und von Dünsten. -Wo nun zuletzt der Sturm die Brunst verhallt, -Da machen die gespenst’gen Schaaren Halt. -Und in des tiefsten Waldesthales Schweigen, -Darin die schwarzen Aeste träumend beben, -Erwecken sie zum Hassen und zum Neigen, -Ein allgewaltig, mächtig, lautes Leben. -Die Wolk’ verraucht, der Brand verlischt im Sumpf, -Nicht mehr getragen von der Windesbraut. -Die Eul’ verfällt in Schlaf so schwer und dumpf, -Und wieder liegt der Wald ohn’ Ton noch Laut. - -Die Klosterchronik - -Auf jenes Buch in dem die Kunde steht -Vom Doctor Faust und seinem Seelenhirten, -Entschwebte von den Lippen manch’ Gebet: - Geist Gottes auf den blitzzerriss’nen Wogen. -Manch’ Kreuz in bangen Aengsten ward geschlagen, -Auf die vergelbten und zerles’nen Bogen. - Das las der Mönch in öder Dämmerstunde, -Verstohlen hingekniet am Betaltare, -Ein leiser Wind weht aus dem Eichengrunde. - Die unermess’ne, wilde Sehnsuchts-Klage, -Schwebt ungehört vor seinem todten Ohre, -Dieweil sein Geist durchirrt des Buches Frage. - Doch wie an seinem Trauen tief gekränket, -In seiner Seel’ erstarrt, vor kaltem Schauer, -Vom Buch den Blick zu seinem Gott er lenket: - Zu seinem Gott, deß stummes Schmerzensbild, -Bei dem er sich in Ewigkeit verschworen, -Mit bleichem Arm die Bogennische füllt: - Da öffnet sich sein abgestorben Ohr, -Das ihm des Teufels wilder Fluch vergellte, -Und er vernimmt den allgewalt’gen Chor. - Und zu sich wall’n sieht er die finstern Schatten, -Die langgedehnten, Alles was die Welt, -Und die Natur ihm zu gewähren hatten: - Von Bäumen, die die ew’ge Klage wimmern, -Von Bäumen, so die schwanken Blätter zeugen, -Um sie zu Staub und Asche zu zertrümmern. - Und drüben steigt das lockende Gesicht, -Der volle Mond auf des Gebirges Wipfel -Ein Frauensbild in engelsklarem Licht. - Das Zauberbild schmachtender Sinnlichkeit, -Von Fels zu Felsen fliegt’s triumphend höher, -Medusenkopf erstarr’nd zu süßem Leid. - Wie spielen auf des Mönches blassen Zügen, -Die schwärmerischen Lichter, dunkeln Schatten, -Dazu die Thränen, die sich niederschmiegen. — - Am Buch ist auch der schwarze Band verletzt, -Als wie an einem harten Ding zerstoßen, -Das glatte Leder mannigfach zerfetzt; - Vielleicht, daß in dem Schädel er’s geborgen, -Der in dem Mondschein liegt am runden Fenster, -Wenn in den Chor er schritt am frühen Morgen. - Vielleicht daß er’s im finstern Bogengange, -Der sich Trepp’ auf Trepp’ ab verworren windet -Hineilend zu der Brüder Nachtgesange - Dem erz’nen Seraph in den Kelch geschoben, -Dem riesenhaften, der den stillen Dulder -Am Marterpfahl zur Labung aufgehoben. — - Bei solchen Lesern, ist es leicht zu denken, -Daß manches Blatt zerkniffen und zerrissen, -Wie abgesung’ne Lieder in den Schenken. - Doch wie bis hier es mit dem Faust gekommen, -Da schon sein Flammenstern beginnt zu sinken, -Hat sehr es mit den Kreuzen zugenommen. - Manch’ halbes Blatt ist davon weggerieben, -Als wär’ es angesengt mit rothem Eisen, -Hier hat, so scheints, er’s gar zu toll getrieben, - Hier stehen öft’re Spuren großer Thränen, -Hier ist das Blatt zerpflückt mit krampf’gem Finger -So hat den Mönch erschreckt sein trotzend Wähnen, - Holzschnitte nur sind hier uns noch erhalten, -Verzweifelt keck erfunden und gezeichnet, -Und wimmelnd von entsetzlichen Gestalten. - Noch lüsterner als auf den andern Seiten, -Mit voll’rem Busen und mit wüst’rem Haare -Die schönen Weiber um den Doctor schreiten. - So die im Hemdchen, jene mit der Krone, -Die blonde, wundersüße Königstochter -Entschlafen auf dem goldenen Balkone. - -Am finstern See - -Als wie durch nächt’gen Zauber festgebannt, -Steht regungslos und ohne Lebenszeichen -Hier Faust an eines schwarzen See’s Rand. - Der rings von finstern Felsen starr umwunden: -An diese stoßen schwere, schwarze Wolken, -In solcher düstern Nacht gewalt’gen Stunden. - Doch mögen sich die grausen Schatten spalten -An dieser Felsen frechen, festen Stirne, -Mag über Haid’ und Flur der Sturmwind walten: - Nicht trifft’s den See im schwarzen Felsengrunde, -Ihn jagt kein Sturm, daß ihm die Wogen rollen, -Er scheint nur mit der Unterwelt im Bunde. — - Denn oftmals, da das Mondlicht freundlich lacht -Und ihn durchglühet in die tiefsten Gründe, -Wenn stumm der Sturm in milder Liebesnacht: - Dann, dann beginnt’s sich in dem See zu regen, -Dann schäumt die Wog’ in schreckenhafter Bildung: -Ein einsam nächt’ges tobendes Bewegen! - Und wie sie sich bis in die Wolken bäumt, -Die wilde Fluth in trunkener Entzündung, -Wie Berg und Thal toll durch einander schäumt, - Ist sie auch schnell in wenigen Sekunden, -Gleich einem Becher, der jäh ausgeleert, -Bis auf den Grund in wildem Braus entschwunden. - Und wie wenn sie zum Himmel aufgeschwollen -Die Wellen gräßliche Gebilde zeugen, -Die weißen Spitzen in einander rollen. - So zeigt der Fluthen wunderlich Verschwinden -Ein grass’ Gewimmel schrecklicher Gestalten, -In diesen unermessnen Felsengründen. - Der Schlangenproteus diese Räthselform; -In wunderbar bizarrer Zwiegestaltung, -Ganz abgewichen von der Schöpfung Form. - Und andre viele seltene Gestalten, -Die durch einander auf dem schwarzen Grunde -Sich freundlich wirren, und sich feindlich spalten. - Erstiegest du der Felsen steile Höh’ -Das hochgereckte, schwärzliche Gerüste, -Daß dir zu Füßen liegt der dunkle See. - Dann sahst du nichts, so weit dein Auge reichte, -Als dürren Sand bis in die Wolkensterne, -Der deinem Blick auch keinen Halmen zeigte. - Nicht einer Fichte trauernde Figur, -Nicht eines Schilfes winddurchsäuselt Rohr -Kein armes Moos auf dieser todten Flur. - Der Sturm, der hier entfesselt seine Zügel, -Kein trocknes Blatt und keine dürre Nadel -Trägt er auf seinem ungeduld’gen Flügel. - Der trockne Staub ist hier der Blüthenschnee -Die blüh’nden Bäume jene Felsensäulen; -Getränket von dem schwarzen todten See. - Und Wolken sind die Vögel die hier fliegen, -Die schwarzen finstern geisterhaften Schaaren, -Die sich in dieser Bäume Laub vergnügen. - Versank dir, da du irrst auf solchem Raum, -Allein in öder mitternächt’ger Stunde, -Die bange Seel’ in einen stummen Traum: - Dann scheint dir wohl im Phantasien-Tanze -Wenn auf den Grund der See just ausgeflossen, -In solchem Bild das schauerliche Ganze: - Es ist die Hand die einem Becher hält, -Der dem die Hand, er hat ihn ausgeleert, -Daß er auch keinen Tropfen mehr enthält. - Nun schleichet er, ein schmachtendes Gerippe, -Noch immer schleppend jenen leeren Becher, -doch wie auch dürstet seine dürre Lippe, - Er kann ihn nicht mit einem Tropfen füllen: -Ihn zu dem heißen gier’gen Mund zu führen -Um den gewalt’gen Fieberdurst zu stillen. - Schau hier, wie die fünf Furchen meilenlang -Verlaufen diesen Felsensee umklammernd, -Fünf krampf’ger Finger zuckend wilder Drang: - Solch Gleichniß hätte Faustus wohl erkannt, -Doch starr stand der am gräulichen Gestade, -Als wie durch Höllenschwüre festgebannt. — - Wie ob des todten Meers schwermüth’gen Wogen, -Kein Vogel fliegt ohn’ daß er niedersinke, -Vom giftgen Hauch erstickend angezogen: - So stirbt in Faustus Seele jedes Bild, -Das sonst verklärend seinem Gram erstanden, -Durchstürmt er Fluren noch so öd’ und wild: - Wär’s ihm vergönnt an Träumen sich zu weiden, -Die angeglüht von flamm’ger Phantasie -Umflatterten die Schwärme seiner Leiden. - Er stehet auf des schroffen Vorsprungs Rand, -Als einer der etwas hinabgeschleudert, -Tief in den See vom schwarzen Felsenstrand. - Noch ringelt sich ein riesenhafter Ring, -Rings nach den Ufern wohl die einz’ge Regung, -So diese Fluth von Menschenhand empfing. - Und wie die ersten Ringe fast verwallt, -Da bilden sich noch einmal klein’re Ringe, -Hinrollend nach dem starren Strandbasalt. - Und jedesmal durchschimmert es die Fluth, -Als wie vom Roth der Gluthenabendsonne, -Und jedesmal war es von Menschenblut: - Das erstemal war es ein Mädchenleib -Den er hinabgerollet in den See, -Auf ihren Knieen lag das arme Weib: - Die Hände streckt sie flehend ihm entgegen, -Die bitten starr gefaltet um das Leben, -Denn ihre Lippen kann sie nicht bewegen. - Bleich ragen in die stumme, trübe Nacht, -Von Fleisch und Beine die fünf Krucifixe, -So starr als wie aus weißem Stein gemacht: - Doch er ergriff die Schneide, die Satan, -Sorgsamer Bursch’, ihm in den Gürtel steckte: -Wild rollt sein Aug’, laut knirscht er mit dem Zahn: - Laut pocht sein Herz, als donnert es Triumph, -Daß dieser Geist begehe blut’gen Frevel, -Wie schlägt es an die Rippen höhnisch dumpf: - Als ob es spräch’ nun hab’ ich’s bald errungen, -Daß ich der dunkle Sklave mich befreie, -In dieses Geistes schweren Dienst gezwungen. - Daß ich erhole mich von solchem Werke, -Drin ich gehorcht so viele Stunden, Tage, -Arbeitend bald mit Schwäche, bald mit Stärke. - So spricht das Herz: und als ein Hochverräther -Zieht strammer es die rothen wirren Schnüre, -Die seinem Herrn gelegt der Uebelthäter. - Das Aug’ steht still: auf einen Punkt gerichtet, -Schaut’s unverwendlich fest und starr hernieder, -Durchzuckt von einem Strahle der vernichtet; - Und wie in ihm die finstre Gluth sich facht: -So schwell’n auf seiner Stirn die dunklen Adern -So wird’s in seiner Seele stumme Nacht; - Das Mägdlein sinket auf den schwarzen Stein, -Kein weh, kein Ach ertönt aus ihrem Munde -Es dehnet sich und reckt sich das Gebein: - Das Blut still rieselnd fließet aus der Munde, -Die sich am Halse weit und klaffend öffnet, -Schwer ist und schaurig diese nächt’ge Stunde: - Dann schleudert er noch in des Zornes Gluth -Das arme rasch verblutende Geschöpf -Zuerst hinnieder in die schwarze Fluth. - Und dann wie schon der Busen sich ihm engt, -Von schreckenhafter wilder Qual bestürmet, -Die Lippe von dem Athem schier versengt. - Da schleudert er das Messer in die Fluth, -Und beidemal glimmt’s wie vom Sonnenroth -Und beidemal war es vom Menschenblut. - “Ich morde dich, so rufet der Verruchte -Weil ich dich liebe, wie ich nie noch liebte -Und mehr als lieben sollte der Verfluchte, - Und da ich meinen Wankelmuth wohl kenne, -Daß ich so irr’ von der zu jener schwanke, -Weil ich im Teufel für euch alle brenne, - Und weil ich wahr geliebt dich, dir gelebt, -Ein sanft’rer Klang aus meinen reinen Tagen, -In deiner Brust mein tiefstes Herz durchbebt. - Und weil wenn ich vom Satan angetrieben, -Mich stürzend in der andern Dirnen Arme -Zuerst dich würde schmerzlich tief betrüben: - Und du darauf um dich an mir zu rächen, -Auch einem andern Manne würdest fröhnen, -Mußt’ diese Schneide deine Brust zerbrechen, - Ich mochte nicht, noch konnt’ ich von dir lassen: -Unwiderstehlich werd’ ich fortgetrieben. -Doch durfte dich kein andrer Mann umfassen, - Mocht’ ich zuhöchtst von allem Weib dich leiden, -So treibt es mich bis in die tiefste Seele -Um dich die Männer alle zu beneiden!” - So redet er, erkaltend von dem Grimme, -So lautete sein klügelnd Raisonniren; -Und endlich stirbt ihm zitternd seine Stimme. - Er blickt mit Schaudern in den Höllenteich, -Der fest und starr als ein Gestorbner ruht, -Die Wolk’ umbraust den Stern so weiß und bleich. - -Grinnus - -Sie sitzen auf zerfallenem Altane -An der Ruine, deren Modersteine -Verworfen liegen auf dem dürren Plane, -Bis dort zu des Gebirges schwankem Haine. -Starr ragen mit den abgeschlagenen Jochen -Die Riesensäulen in die Finsterniß: -Der rothe Mond ist durch den Dunst gebrochen, -Durch schwerer Wolken jäh geborstnen Riß. -Wer sich dem mondesnächtigen Entzücken -Hingab, da diese Flur er überschauet, -Dem schienen die gebrochnen Brücken -Zu stillen Geisterwelten fortgebauet. -Der füget Stein an Stein der schwarzen Trümmer, -Fort und empor in die Unendlichkeit, -Bis ihm der Bau versank im Mondesschimmer, -In seines Träumens Unermeßlichkeit. -So bau’n der Seele schweifende Gefühle. -Das Aug’ schaut stier zum Schutt zur dumpfen Nacht. -Die Wogen rollen in dem ew’gen Spiele -Vom Hauch der wilden Finsterniß gefacht. -Die schwarzen Fichten neigen ihre Wipfel -Der wilde, düstre, mitternächt’ge Chor, -Daß durch die Schluchten brausend durch die Gipfel -Und durch die Trümmer wüst’ der Lärmen gohr. -Den Stolzen im Gebirg, die in dem Grimme, -Der sie erzürnt, die Gegend rings durchbrausen, -Antwortet der Gestrüppe heisere Stimme, -So in den Trümmern, an den Steinen hausen. -Das kleine, lump’ge, dürre Zwerggesindel: -Der schwarze Dorn, der auf den Steinen kriecht, -Die Atropa mit ihrer Wurzelspindel, -Die krötengleich in finst’rer Nische siecht. -Die Palma auch, die fremde, hagre, kranke -Von bösem Stern auf jenen Achitraven -Gepflanzt: es neigt sich matt der Stamm der schwanke; -Ein Emir, der im Sterben winkt den Sclaven. -Also verhallt, was die gewaltig zürnen, -Bis in des dürren Hafers schwatzend Blatt, -Tief in den Schutt, murrt’s nach was auf den Firnen -Des Berg’s, der Riesenstamm gemurmelt hat. -Und jene sitzen stumm auf den Altan: -Ein Krug mit Wein steht auf dem Trümmerschafte, -Sie schau’n einander fest und düster an -Und trinken rasch vom starken Flammen-Safte. -“Könnt’st du, so redet Faust nach langem Schweigen, -Gesenkten Blickes dumpf und monoton, -Könnt’st du mir nur noch einen Dienst erzeigen, -Du strupp’ger, harrzerzaus’ter Höllensohn! -Schaue die Unzahl Stein hier auf der Flur, -Dort bis zum Berg verstreut, hier bis zum Meere: -Der Macht, des Ruhmes letzte schlechte Spur, -Und dann vernimm, was ich von dir begehre! -Du kennst die Mähr’ aus lang entschwunden Jahren [2] -Im braunen Band steht sie in meinem Schrank, -Wie, da voll sünd’gen Trotz die Menschen waren, -In wilder Fluth der ganze Stamm versank. -Und wie es dann dem Einen ward gewährt, -Dem bess’ren, der gelebet unbescholten, -Der sich nicht widersetzet, nicht empört: -Damit die Gotteseinheit würd’ vergolten: -Daß, warf er Steine hinter seinen Rücken, -Die Menschheit aus dem Tod ihm auferstand; -So will auch ich mich zu den Steinen bücken, -Vom Berge drüben bis hierher zum Strand. -Wie jener Götterfreund ins Leben rief, -Was in die Nacht entsunken und verschwunden, -Was im Vergehen dumpf und qualvoll schlief, -Emporrief in des Daseins freie Stunden: -So wandle mein Gedank’, der Gott verblieb, -Die Trümmern, so ich heb’, in all’ die Jahre, -Da ich mit dir dies wilde Leben trieb. -Und nehm’ sie nach einander von der Bahre. -Daß ich mein Sein auf’s Neue mir erschaffe -Durch dieses Schutt’s beseligend Verwandeln, -Wo ich nicht mehr verzage, nicht erschlaffe, -Wo ich als Mann mag leben und mag handeln.” -Er schweigt und harrt, daß der erwidernd spricht, -Doch der sieht starr hinab und redet nicht. -Faust greift mit Hast zum schwarzen, vollen Krug -Und trinkt in einem langen, gieren Zug. -Und drauf, als er lechzend sich satt getrunken, -Ist wieder trüb’ er in sich selbst versunken. -Der Mond schwoll hoch, er steht ob der Ruine -Mit seines Antlitz’s Grabesmiene. — -Auf dem verwitterten kopflosen Bild -Der Cariatide, die zerstäubt, zerspillt, -Am Eingang steht, erhoben noch den Arm -Nach jener Last, die ihr zu Hohn und Harm: -Ein Rabe schläft, und lüftet matt die Flügel, -Es saust im Baum, es schäumt im Vogenhügel. -Da springet Faustus wild entsetzt empor, -“That ich nicht recht, schreit dem er in das Ohr -That ich nicht recht? Du mußt es mir bezeugen: -So ward sie mir auf immerdar zu eigen! -Sie sitzt auf meinem Schooß, trinkt meinen Wein -Sie denkt mit mir, sie ward mein Fleisch und Bein. -Am See, am See drin keine Woge wallt, -Verband ich ewig mir die blasse Weibsgestalt!” -Und wie er’s sagt, aus Meeresgrunde bricht -Das Morgenroth in glühndem Strahlenlicht: -Aus farb’ger Wog’ der goldne Tag ersteigt -Und seinem Blick sich eine Insel zeigt, -Die in der nächt’gen Fern verborgen, -Dem Meer enttaucht am lichten Morgen; -Auf ihr ein Hain aus Schlanken Pappelbäumen, -Die weben, beben in den Dämm’rungsträumen: -Im schwanken Laub erglänzt von Marmorstein: -Die hohe Säul im Morgensonnenschein, -Ein plattes Dach mit einem Götterbilde: -Hell schimmerts von dem Fittich, von dem Schilde. -Schön liegt der Tempel, üppig wallt der Hain -Im blauen Meer, im Morgensonnenschein: -Vergleichbar jenem Haine von Kolon -Zu dem der Theber blinder Fürst geflohn. - -[2] Ovid. Metamorph. Lib. I. 245. sqq. - -Gebrochner Leib - -Die Vesper klingt der Glocken Feierlauten -Vom Dom, der rechts am Platz Ambrosius war, -Zur Winterszeit: rings aus den dicht beschneiten -Gebäuden fließt der Beter dunkle Schaar. -Das reine Haus, das sich der Jesu: Glaube -In hehren, ernsten Wölbungen verträumt, -Dem Falken gleicht es mit der bunten Haube, -Wie ihm die Zinn das Dämmrungsroth umsäumt: -Er steht so kühn als höb’ er schon die Schwingen, -Doch er erblindet von der goldnen Blende. – -Drin in dem Tempel hebt es an zu klingen, -Des Weihrauchs Ring umflieht die Nischenwände. -Es klingt des Priesters ernst Rezitativ, -Wie rauscht’s, da all’ in ihre Kniee fallen, -Wenn sie des rothen Knaben Schelle rief: -“Der Herre hab’ Erbarmen mit euch allen!” - Bei der Kirchthür steht eine hölzerne Bank, -An einem Pfahl, so ‘n Kästlein trägt, -Wer nun dem Herrn bezeugen will den Dank, -Thut wohl daß drin er einen Pfennig legt. -Darum, daß drüber es ist angeschrieben: -“Wer mich recht aus des Herzens Grund mag’ lieben, -Wer will einen Schatz im Himmel erwerben -In dieses Kästlein leg’ er einen Scherben, -Sei’s auch wohl gering, und sei’s wohl klein, -Mir wird es lieb und euch nützlich sein. -Geht zu wie ich sprech’ im Evangelisten, -So thut nach meinem Wort ihr lieben Christen!” -Besetzt das Bänklein ist von Krüppeln, Alten -Mit greisem Haar, mit langen schwarzen Krücken, -Die wohl mit Andacht ihre Hände falten -Und sich in Demuth vor dem Herren bücken. -Und einer kauert an des Bänkleins Ende, -Der sitzet stumm und ernst für sich allein. -Der faltet nicht die magern, gelben Hände, -Und in kein euge mater! Stimmt er ein. -Sein Aug’ ist blöd’, Gicht frißt in feinen Gliedern, -Die Brust geknickt: ein gar zu kranker Mann; -Er sitzt entfernt von seinen Leidensbrüdern, -Und blickt von ihnen keinen einz’gen an. – -Es ist ein fressender, unbänd’ger Schmerz -Der ihm das Mark durchwühlet und durchbraust; -Er betet nicht, er schlägt sich nicht ans Herz, -Der blöde Krüppel ist der wilde Faust. – -Die Orgel schweigt und ite missa est! -Erklingt’s beschwicht’gend aus des Priesters Munde: -Beendet ist der Andacht stilles Fest, -Und weithin schallt der Thurm es in die Runde. -Der fromme Beter steht vom kalten Boden, -Drei Ave’s noch spricht er in einem Odem, -Auf Herz und Stirn des Kreuzes reines Zeichen, -Verbeugend sich vor all dem stummen bleichen -Gebild an jedem leuchtenden Altar, -Dann taucht er in des Beckens heil’ge Fluth, -Unfern der Säul, wo’s Armenbänkchen war -Drei Finger, und empfiehlt sich Gottes Huth. -So wall’n sie rauschend aus des Domes Halle -Im Herzen, in dem Antlitz milden Frieden: -Und auch die Krüppel, Kranken gehen alle, -Hinaus zur Thür, die armen Lebensmüden -Da draußen stürmt es durch die schwarze Nacht, -Der Schnee treibt lange, hochgethürmte Wogen. -Es donnert an die Pforten, daß es kracht, -Und an der Fenster steile Riesenbogen. -Nur Faustus bleibt, der arme finstre Kranke -Er überschauet blöden Aug’s den Dom; -Verfolgt bewußtlos, was der matte schwanke -Schatten hinmalt vom nächtigen Phantom: -Des Lämpchens Schatten, dess’ umwölkter Schein, -Am Weihebecken flimmert noch allein. - Und später noch, es war nach Mitternacht, -Da hinkt der Krüppel durch die Straßen sacht; -Hoch liegt der Schnee: harsch fegt der Sturm, -Es schau’rt den armen Menschenwurm. -Todt liegt der Biebelhäuses Gang, -Kein Licht erstrahlt die Reih’ entlang: -Die Nacht ist Herrin, und sein Lämpelein -Stört sie mit seines Irrlichts schwankem Schein. -Sie blickt durch der Scheiben schwarzen Kreis, -Tanzt auf dem Thurm in sonderer Weis’ -Hat ihre Luft am Wolkenzug, -Und an des Sturms gewalt’gem Spruch. - Drei trockne Fichten stehn dort oben, -Wo man das Hochgericht erhoben. -Von Rabennestern schwarz umwunden -Vom Sturm zerpeitschet und zerschunden. -So raget es ein Bild voll Schauer -Hoch ob der dumpfen Reichsstadt Mauer. -Faust keucht hinan den Babelthurm der Sünder, -“Hier find’ ich ihn, hier wohnen seine Kinder!” -Und drauf: “o meine Brust! Mein krankes Bein!” -Er setzet sich auf einen schwarzen Stein -Von dem der Sturm gefegt den Schnee, -Er ruhet sich, das Herz schlägt ihm so weh; -“Mephisto!” ruft er drauf gewaltig laut, -Den Ruf entführt die Windesbraut, -Doch Niemand kömmt, er bleibt allein, -Auf seinem schwarzen Ruhestein. -“Mephisto!” ruft er oft und zahllos oft, -Daß ihm die Ader pocht und klopft. -Er stehet auf, er ruft was oft er rief. – – -Der Sturm fegt gleichen Tons die dunkeln Fichten -Er sinkt zurück zum Stein und ächzet tief, -Und als er sucht sich wieder aufzurichten, -Ist seine Krück’ ihm in den Schnee geschlüpft. -Da schallt es, wo die Fichtengruppe stand: -Der Rabe krächzt, es kommt was angehüpft, -Und drückt die Krück’ ihm in die welke Hand. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Faust, by Woldemar Nürnberger - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FAUST *** - -***** This file should be named 54730-0.txt or 54730-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/7/3/54730/ - -Produced by Geoff Carver -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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