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-The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus meinem Jugendland
-
-Author: Isolde Kurz
-
-Release Date: May 17, 2017 [EBook #54738]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND ***
-
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-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung
- und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend
- korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen,
- insbesondere Dialektausdrücke, wurden nicht verändert. Passagen in
- Kursivschrift wurden mit _Unterstrichen_ hervorgehoben.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.
-
- ####################################################################
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- [Illustration]
-
- AUS MEINEM JUGENDLAND
-
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- AUS
- MEINEM JUGENDLAND
-
- ISOLDE KURZ
-
-
- Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins)
- Tübingen
-
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-
- Printed in Germany. Druck von H. Laupp jr in Tübingen.
- Copyright 1918 by Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart
-
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-
- Dem Lebensfreund
- und Teilhaber meiner Jugenderinnerungen
- Ernst von Mohl
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
- Seite
- Vorwort. 7
- Lebensmorgen. 9
- Tante Berta und die Schwabenstreiche. 51
- Umzug nach Kirchheim. 62
- Das alte Tübingen. 74
- Die Heidenkinder. 96
- Ein Fluchtversuch. 107
- Von Ihr. Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album. 119
- 1866. 147
- Die Geburt der Tragödie. 157
- Vorfrühling. 173
- Ein Nothelfer. Russische Freunde. 200
- Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien. 228
- 1870. 245
- Rigi Regina. 256
- Besuch in Frankreich. 268
- Bedrängnisse. 287
- Der Brand und die Flamme. Hat der Mann ein Seelenleben? 302
- Der 10. Oktober. 311
- Wieder bei den Griechen. 326
- Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte. 336
- München. 351
- Letzte Tage in der Heimat. 375
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Das vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und
-Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu
-den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder
-meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der
-Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal
-die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge
-vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt
-sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses
-gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht,
-sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist,
-aneinanderknüpft.
-
-Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe,
-kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg
-gekreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die
-Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß
-auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von
-der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt,
-wo unsere Lebenswege sich schneiden.
-
-Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes
-und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und
-kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen
-alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild
-durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen,
-seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand
-blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen
-kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder
-aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung
-auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe
-der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt
-ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden.
-
- Isolde Kurz.
-
-
-
-
-Lebensmorgen.
-
-
-Es hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen
-nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die
-ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen
-umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung,
-in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck
-zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht
-Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt
-als mit uns im Gegensatz befindlich geben.
-
-Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste
-Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat
-eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes
-Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich
-hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich
-schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung
-war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad
-war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang
-war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der
-Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es
-müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen
-sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins
-hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein
-auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens
-herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen -- die
-Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen -- und ich setzte
-durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie
-trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien
-und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie
-war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein
-Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte
-auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad
-Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten.
-
-Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war,
-mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich
-einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes
-Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und
-hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört
-hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen,
-daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und
-sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar
-einer der Schwarzen -- es war, wie ich später erfuhr, der Vater des
-Mädchens -- sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im
-ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter
-straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir
-das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut
-verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im
-ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst
-sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber
-wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich
-nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein
-wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem
-meine größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon
-entwickelterer Verstand.
-
-Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in
-den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker
-ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere
-Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte
-mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der
-sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen
-Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In
-einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief
-sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich
-immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses
-starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes
-Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne,
-wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte
-sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe
-für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein
-fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub,
-während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause
-führte, wo erst der lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir
-den Frieden wiedergab.
-
-Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige
-Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie
-mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in
-einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit
-Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes
-Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines
-Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man
-ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr
-schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele
-kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu
-befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein
-Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen
-verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende,
-daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der
-Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren
-Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele
-reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will
-noch mehr.
-
-In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem
-Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte
-und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es
-verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle
-tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen
-Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue
-Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so
-zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte
-während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen,
-mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte
-er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir
-waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama,
-die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und
-andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also
-politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte
-ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt
-gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der
-abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen
-durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte mit
-mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang
-entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er
-den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für
-einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und
-in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes
-und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder
-geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch
-wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß
-ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere,
-die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den
-Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt,
-der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine
-Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges
-Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt
-den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den
-Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen
-die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu
-erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das
-Ding benamsen, da mir das widerwärtige Wort, das ich ganz leicht
-hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete
-also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte
-„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen
-Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar
-giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man
-mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte
-Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt,
-um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich
-besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? -- Es war rund
-und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun
-endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das
-war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun.
-Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die
-Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen
-Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich
-seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie
-vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste
-Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.
-
-Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine
-Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil
-meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum
-noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten
-war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er
-war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und
-fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen
-Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und
-Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das
-ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie
-bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der
-Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich
-auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen
-einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt.
-Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich
-immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so
-oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen
-Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen
-war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen.
-Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur,
-aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen.
-Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen
-in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige
-Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen
-große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe
-geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit
-Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem
-Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir
-natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im
-Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete,
-da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran
-ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht
-entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den
-Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb
-sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt
-hatten.
-
-Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon
-nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes
-Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings
-hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur
-Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in
-die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ
-mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben
-und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem
-vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche
-Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“,
-die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und
-verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches
-Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor,
-daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen
-zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“
-nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die
-mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist
-auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die
-vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.
-
-Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in
-unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie
-sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die
-unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie
-ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur
-von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein
-allmählich zum Menschen ward.
-
-Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe -- o daß
-sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken.
-Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug
-einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei
-auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war,
-wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste
-Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen
-Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit
-mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb
-eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte
-ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen
-durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch
-Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal
-durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen.
-Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie
-vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund
-schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches
-Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als
-ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten,
-entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen
-Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn
-das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte,
-erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die
-um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein
-Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem
-größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren
-eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das
-Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so
-zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem
-Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er
-nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich
-mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern
-hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger
-Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich
-hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle
-Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir
-geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht
-die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn
-daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit
-zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung
-verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß
-inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des
-Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig,
-um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der
-ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf
-Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft,
-wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher
-Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur
-Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch
-wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von
-jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein
-ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies,
-kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe
-erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.
-
-Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit
-Riesenschritten vor sich ging -- Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins,
-die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber
-zu --, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange
-nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr
-und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer
-Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher
-von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft
-erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder
-unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu
-füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns
-eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten
-unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein,
-von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu,
-aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch.
-sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war
-ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß
-wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in
-diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.
-
-Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das
-Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es
-war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um
-unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch
-beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch.
-und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant
-gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte
-nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war
-es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn
-die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt,
-wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd
-in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich,
-wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe
-hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten
-zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte,
-war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen
-und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben
-meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren
-auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell
-einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig
-beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich
-diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das
-ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos
-gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die
-Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III.
-zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik
-nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast
-ebenso leichtgläubig. -- Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet
-sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß
-du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi
-fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.
-
-Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde
-jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei
-Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche.
-Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein
-zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging
-auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort
-war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich
-wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur
-geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei
-verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt
-waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch
-unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war,
-Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre
-Dienste hinterlassen.
-
-Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus
-unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte -- auch die Furcht, eines
-meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch
-nichts wußte --, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen
-wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen
-Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen
-Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine
-Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem
-Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich
-jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie
-gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich
-aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche
-Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in
-festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht
-im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der
-Schornsteinfahrt zu überführen.
-
-Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen
-pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche
-Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben
-aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war
-der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde
-an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon
-viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen
-Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer
-irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen
-mußte -- vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht,
-daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten --, das herrlichste
-Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit
-den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit
-befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten
-Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein
-goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen
-Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu
-künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die
-Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem
-Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn
-wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach?
-Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte,
-während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu
-springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten!
--- Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des
-Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen
-Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten
-seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So
-herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der
-Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie
-jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem
-Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.
-
-An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister
-mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll
-Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur
-nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände
-ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen
-dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte
-Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit
-goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und
-was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit
-vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind
-aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. -- Wenn ich meine
-seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus
-jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst
-ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel
-über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen
-war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches
-Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte
-dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die
-dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah
-anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und
-seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel-
-und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das
-Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch
-all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten,
-mit denen ich in Beziehung trat.
-
-Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir
-zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt
-erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten
-mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir
-bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr
-aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an
-diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit
-des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald
-zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der
-Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein
-erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt
-kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im
-Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst
-keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen
-Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche
-Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend.
-Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen
-Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten
-sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine
-Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte,
-sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze
-Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete
-ihm auch gerne meine Zeit.
-
-Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich
-zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in
-Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel
-eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten.
-Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall
-war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte
-in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt.
-Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten
-Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz
-nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht,
-das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich
-rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine
-Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern
-muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben!
--- Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor
-mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben
-auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern
-hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns
-noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit
-nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte
-oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß
-ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare
-Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen
-Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im
-unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den
-Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.
-
-In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich
-sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer
-vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen,
-der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich
-peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem
-im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die
-Leute auf den Kirchhof gingen. -- Was ist eine Leiche? fragte ich mit
-Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang
-mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch.
-Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte
-gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und
-solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken
-bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter:
-Ist es wahr, daß Menschen sterben? -- Wer hat dir das gesagt? -- Die
-Christine. -- Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten
-hatte. -- Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange
-nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die
-Menschen sterben. -- Aber doch nicht alle, Mama? -- Ja, Kind, alle. --
-Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war
-aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. -- Aber doch du nicht,
-Mama? -- Ich auch, Kind. Alle. -- Aber der Papa doch nicht? -- Auch der
-Papa. -- Also vielleicht auch ich? -- Auch du, aber erst in langer,
-langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. -- Und man kann gar nichts
-dagegen tun? Es muß kommen? -- Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber
-jetzt noch lange nicht.
-
-Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach,
-war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer
-Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen
-mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein
-plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie
-dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht
-eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich
-zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft
-über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten
-erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder
-Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das
-Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich
-sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand
-kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber --
-dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen,
-engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des
-Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich
-aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam,
-Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde
-trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor,
-und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten
-im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem -- es wird doch
-einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber
-eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich
-Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von
-Verwesung an.
-
-Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir
-die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und
-überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste
-Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin
-gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem
-Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und
-Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die
-Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen.
-Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die
-Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja
-auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen
-Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten,
-damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.
-
-Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu
-stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug
-vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu
-geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt,
-ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit
-dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich
-sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn
-entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade
-im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule
-fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die
-ich zuerst eine gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter
-unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb.
-Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren
-leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische
-ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese
-Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie
-sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr
-natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und
-verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht
-und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins
-Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge
-des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der
-Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten
-sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen
-beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:
-
- Was man nicht deklinieren kann,
- Das sieht man als ein Neutrum an, usw.
-
-So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir
-übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine
-Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar gereimte
-Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen
-Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf
-hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den
-Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln
-halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen
-Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und
-Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden,
-an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln,
-in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter
-Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um
-dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche
-Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders
-stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo
-ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl.
-In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein
-beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder
-eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und
-wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen.
-Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das
-ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden
-bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte
-sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern
-schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau,
-daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war.
-Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin
-wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem
-befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut
-hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich
-war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken,
-in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen
-kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.
-
-In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen.
-Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen
-Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag
-die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer
-genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über
-nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten
-mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen
-frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und
-hoheitsvoll über den Hintergrund.
-
-O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die
-reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um
-die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen.
-Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den
-Schillerschen Versen:
-
- Windet zum Kranze die goldenen Ähren,
- Flechtet auch blaue Zyanen hinein --
-
-an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot
-der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen
-Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die
-Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch
-eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an.
-Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die
-Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor
-allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger
-Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt
-bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht wie
-„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig
-geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich
-noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches
-Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es
-nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein
-unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete
-mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte
-nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen
-labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem
-mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte
-ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis
-hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als
-sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in
-die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen
-Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor
-allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis
-seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine
-so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise
-mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöpfer, sondern nur ihr
-Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir
-aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig
-lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände
-gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich
-blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit
-allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber
-übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen
-gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir
-die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose
-Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen.
-Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die
-Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm
-und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem
-Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn
-er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig
-brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber
-Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite
-Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen; nach
-einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende
-Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem
-Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die
-unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie
-nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken
-konnte.
-
-Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von
-Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in
-unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes
-Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu
-dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man
-immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die
-heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die
-Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog
-Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen
-ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies
-hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr
-aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst
-du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres
-Hauses dafür.) -- Kannst du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? -- Sie
-bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell
-die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er
-die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton
-von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck
-in die Bohnen fiel.
-
-Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares
-zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von
-Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal
-die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner
-immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die
-Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft
-unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte.
-Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen,
-an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder
-wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in
-der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte
-er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte
-Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der
-vierjährige Erwin fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine
-Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen;
-das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren
-lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde
-er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter
-und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen
-Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen
-und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach
-und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung,
-daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was
-sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir
-älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren
-markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch
-schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter
-ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus,
-wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen
-Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen
-stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren
-Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes
-vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in
-der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen
-mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond
-verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.
-
-In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden
-Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm
-dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in
-der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene
-philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen
-Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der
-ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt.
-Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den
-Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten,
-ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung
-eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag
-sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands.
-Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um
-Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in
-die Betrachtung eines großen erhabenen Seins zu versenken. Natürlich
-nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten,
-nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht.
-Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon
-von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige
-Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten
-brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug
-ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr
-gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein
-die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes
-Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und
-im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer
-würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem
-Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob
-wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich
-verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf
-dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns
-einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen
-unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu
-erzählen habe; unserer Josephine dürften wir nichts davon sagen,
-weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur
-Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber
-mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte
-einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen
-Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und
-der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug.
-Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. -- Warum,
-warum ließ er sich das alles gefallen? -- Geohrfeigt, gepeitscht! Ein
-Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen
-empörte sich unser Gefühl.
-
-Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des
-Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter
-Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser
-Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem
-Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte,
-geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte.
-Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die
-arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich
-machen wollte. Sie schalt, wir schalten wieder, und es entspann sich
-eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage
-unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter
-sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt
-die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft
-ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich
-ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den
-gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu
-jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde
-sie über das alles mit mir reden.
-
-Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage
-nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige
-Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt
-absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner
-Zeitgenossen kennt. Aber _ein_ Gutes war doch dabei: daß mir später die
-unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt
-von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die
-frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.
-
-Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages
-rückte die ländliche Jugend mit Stecken und Steinen bewaffnet vor
-unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen
-von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen
-waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen.
-Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen
-aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die
-Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür
-vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel
-Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein
-Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit
-einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer
-los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe
-kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die
-gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit
-Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus
-zurück.
-
-
-
-
-Tante Berta und die Schwabenstreiche.
-
-
-In jenen Tagen gingen auch die guten Holden noch leibhaft auf
-Erden. Ich meine jenes jetzt untergegangene Geschlecht freiwilliger
-Helferinnen, das, als man von organisierter sozialer Arbeit noch nichts
-wußte, mit seiner Fürsorge jeden kinderreichen Haushalt umschwebte.
-Es waren einsame, vom Glück vergessene Frauen, die ihr Muttergefühl
-antrieb, fremde Kinder zu betreuen und in der Anhänglichkeit an fremde
-Familien Ersatz für die versagte eigene zu suchen. In Obereßlingen
-saßen ihrer gleich mehrere beisammen. Sie kamen, wenn eine Krankheit im
-Hause war, und pflegten; sie stellten sich bei der großen Monatwäsche
-ein und machten, indem sie sich der Kinder annahmen, häusliche
-Kräfte frei, sie halfen in den Weihnachtstagen beim Backen und beim
-„Dockeln“ (Puppenkleidernähen). Die Welt wäre ein gut Teil unwohnlicher
-gewesen ohne ihre Nähe. Sie begehrten und erhielten auch wie die
-richtigen Feen keinen Dank, als daß sie das nächste Mal wiederkommen
-durften. Wir nannten sie Tanten und verehrten durch ihre häufig etwas
-fragwürdige Leiblichkeit hindurch die innere Feennatur.
-
-Die edelste unter ihnen war die Besitzerin eines benachbarten
-Kramlädchens, unsere geliebte „Tante Berta“, der ich schon in der
-Lebensgeschichte meines Vaters ein kleines Gedächtnismal gesetzt
-habe. Sie ist aus meinen Jugenderinnerungen schlechterdings nicht
-wegzudenken. Wie oft kam sie und holte uns Kinder zu langen
-Spaziergängen ab, um unsere getreue Josephine zu entlasten und meinem
-von ihr still verehrten Vater ein paar Stunden völliger Ungestörtheit
-zu verschaffen. Sie strickte von früh bis spät, im Stehen und Gehen,
-denn jeden Abend mußte ein Paar Strümpfe fertig sein, womit sie ihren
-ganzen Bekanntenkreis beglückte. Sie sprach ein gebildetes, aber stark
-dialektisch gefärbtes Hochdeutsch, in dem sich viele altertümliche
-Wörter und Wendungen umtrieben, deren ich verschiedene später mit
-großem Vergnügen in Grimmelshausens Simplizissimus wiederfand. Für
-Stecknadeln gebrauchte sie stets das schöne, ausdrucksvolle Wort
-„Glufen“, das ich ihr zwar nicht nachsagte, weil es mir seltsam
-veraltet und zugleich erniedrigt klang, das ich aber ungemein gerne
-hörte. Ich dachte dabei immer an eine schöne altertümliche Fibula,
-obwohl das Wort jede Art von Stecknadeln bezeichnete.
-
-Auf unseren Spaziergängen erzählte uns Tante Berta uralte Geschichten
-und Anekdoten, die von Geschlecht zu Geschlecht gingen und vielleicht
-niemals aufgezeichnet worden sind. So von der Bauersfrau, die im
-Sterben lag, aber gern noch abgewartet hätte, wie der „Gockeler“
-(Turmhahn), der ausgebessert werden sollte, glücklich von dem hohen
-Kirchturm heruntergebracht würde. Als es gar zu lange dauerte, faßte
-sie sich in Ergebung und sagte nur noch: Deant mir’s au nom verbiada
-(laßt mich’s hinüber wissen), wenn wieder ebber (jemand) stirbt,
-wia’s vollends gangen ischt. Oder von dem Gastwirt, der seine in den
-letzten Zügen liegende Frau pflegte, und als er durch das Klingeln
-der Gäste abgerufen wurde, ihr gemütlich die Hand gab mit den Worten:
-So, jetzt komm halt vollends gut ’nüber! Ferner von der Witwe des
-Musikanten, die der Leiche ihres Gatten folgte und plötzlich unter dem
-Wirtshaus, das der Schauplatz seiner künstlerischen Leistungen gewesen,
-in den lauten Klagegesang ausbrach: O, wie oft hast du da drinnen:
-Dideldum, dideldum, dideldum! (Dabei ging der Gesang in die Gebärde des
-Fiedelstreichens und Hüpfens über.)
-
-In jener älteren Zeit, aus der ihre Geschichten stammten, scheint
-im Schwabenvolk überhaupt noch ein Nachklang der alten Totenklage
-erhalten gewesen zu sein, denn sie erzählte auch von einer Mutter,
-die ihrem Sohne ins Grab die fast homerische Klage nachrief: O du mei
-liebs Knechtle (für Kind), du Zuckerstengel, du siebenhemmeticher (der
-sieben Hemden besitzt), drei hosch g’het und viere hätt i dir no mache
-lau. Mit Vorliebe spielten ihre Geschichten auf dem Gottesacker, und
-sie liebte es, ihnen, auch wenn sie noch so schnurrig waren, etwas
-Schauriges beizumischen. Außerdem wußte sie aber auch eine Reihe
-richtiger Schwabenstreiche, von denen ich hier einige möglichst mit
-ihren Worten dingfest machen will, weil sie mir nirgends noch gedruckt
-begegnet sind:
-
-
-Wie’s gemacht wird.
-
-Herzog Karl von Württemberg war ein großer Jagdfreund, wie auch in
-„Schillers Heimatjahren“ zu lesen ist, und das Landvolk litt unter
-seiner Regierung schwer vom Wildschaden, gegen den es sich nicht
-wehren durfte, denn es war streng verboten, Wild abzuschießen. Ein
-Bäuerlein aber, dem wiederholt seine Rüben- und Krautäcker abgefressen
-wurden, wußte sich zu helfen und legte in seinem Hof eine Hasenfalle
-an, die so kunstreich mit einer Glockenschnur verbunden war, daß, so
-oft einer vom Geschlecht Lampe sich fing, die Glocke von selbst das
-Zeichen gab. Dann ging das Bäuerlein hinaus und holte sich einen fetten
-Braten für die Küche. Der Mann aber hatte Feinde, und die verrieten dem
-Revierförster seine schöne Einrichtung.
-
-Begibt sich der Revierförster zu dem Übeltäter: Hanspeter, ich habe
-gehört, daß du dir eine Hasenfalle angelegt hast. -- Jawohl, Herr
-Revierförster, antwortet der Bauer treuherzig. -- Ja, weißt du nicht,
-daß du einen Diebstahl an unserem Herrn Herzog begehst und daß du
-in Strafe verfallen bist? -- Ha, sell wär’! sagt der Hanspeter und
-versichert, daß er von keiner einschlägigen Verordnung wisse. Das
-scheint dem Förster sehr unglaubhaft und er setzt dem Erstaunten
-auseinander, daß Unkenntnis des Gesetzes auch gar nicht vor Strafe
-schütze. Während sie noch reden, klingelt es vom Hofe her und beide
-schauen auf.
-
-Hören Sie’s, Herr Revierförster? sagt der Hanspeter mit seinem
-dummschlausten Gesicht. Da sitzt schon wieder einer und zeigt sich
-an. Jetzt kommen Sie nur mit, dann sehen Sie gleich selber, wie’s
-gemacht wird. Der Förster lacht sich ins Fäustchen, daß er nun beide
-zugleich in der Falle hat, den Hasen und den Bauern. Er folgt dem
-Mann in den Hof, verwundert über ein solches Maß von Dummheit. Dort
-zieht der Bauer Herrn Lampe bei den Löffeln aus der Falle, hält ihn
-vor sich und überschüttet ihn mit Schimpfreden: Meinst du, ich pflanz’
-meine Krautköpf’ und meine Rüben für dich, du elender S..hund! Wart,
-ich will dir Respekt einbläuen, daß du das Wiederkommen vergißt! Dies
-sagend, gerbt er dem Hasen das Fell, schüttelt ihn dann noch einmal an
-den Löffeln und sagt: So, jetzt lauf heim, sag’s dei’m Weib und deiner
-Freundschaft, was es da zu schmarotzen gibt. Damit läßt er ihn los, und
-mit einem Sprung ist der Hase verschwunden.
-
-Sehen Sie, Herr Revierförster, sagt jetzt der Hanspeter profitlich, so
-wirds gemacht. Der kommt nimmer und er sagt’s auch den andern. Und der
-Herr Revierförster mußte mit langer Nase abziehen.
-
-
-Herzog Ulrichs Löffel.
-
-Ein andermal führte sie uns noch tiefer in Württembergs Vergangenheit
-zurück.
-
-Als der vertriebene Herzog Ulrich flüchtig und unerkannt sein Land
-durchirrte, hielt er sich eine Zeitlang in der Nähe seiner guten
-Stadt Tübingen auf. Dort geriet er einmal um die Mittagszeit in einen
-Weinberg, wo eben ein Tübinger Wingerter (Weingärtner) mit seinen
-Leuten sich eine Schüssel voll Erbsenbrei schmecken ließ. Der Herr, der
-sehr hungrig war, trat bescheiden hinzu und grüßte den Mann in gutem
-Gôgendeutsch (Gôg, Spitzname der Tübinger Weingärtner). Der gab ihm
-den Gruß zurück und fragte leutselig: Witt mithalten?, was der Herzog
-dankend annahm. Na, so lang zu. -- Aber der Herzog sah sich fragend um:
-die beiden hatten Löffel, er hatte keinen. Da lacht ihn der Weingärtner
-aus, daß er nicht weiß, wie man einen Löffel macht, und sagt: Wart, i
-mach d’r ein! Schneidet also das „Knäusle“ (Anschnitt) vom Brotlaib ab,
-höhlt es aus und gibt’s dem Herzog: So, dô hoscht en Löffel. Der Herzog
-taucht den Löffel, der gut ausgibt, in die gemeinsame Schüssel und
-sättigt sich, ißt danach auch den Löffel auf. Währenddessen fragt und
-erfährt er allerlei, unter anderem auch den Namen seines Gastgebers und
-daß er z’ Dibenga (Tübingen) in der Froschgass’ wohnt.
-
-Als nun später Ulrich in seine Herrschaft wieder eingesetzt war, da
-geschah es eines Abends, als er sich zu Tische begab, daß ihm der
-Löffel fehlte. Was der Mundschenk für einen Rüffel bekam, weiß ich
-nicht. Aber dem Herzog fiel plötzlich jener lange vergessene Mittag
-in dem Weinberg bei Tübingen ein, wo ihm gleichfalls der Löffel
-gefehlt hatte, und zugleich auch wieder Name und Wohnung des braven
-Weingärtners. Und er schickte des andern Tags einen Boten nach Tübingen
-in die Froschgass’ mit dem Befehl, ihm den Mann herzubringen, wie er
-stehe und gehe. Als der fürstliche Wagen in der schmutzigen Froschgasse
-erschien, gab es dort einen mächtigen Schrecken, und die Frau des
-Weingärtners, als sie hörte, ihr Mann müsse zum Herzog, unverzüglich,
-wie er stehe und gehe, da rang sie die Hände und jammerte: O Ma’, was
-hoscht du don? Zum Herzich muescht -- ’s gôht um dein Kopf.
-
-Der Mann beteuerte, daß er von gar nichts wisse, und bat, man möchte
-ihm wenigstens Zeit lassen, daß er sein besseres Häs (Gewand) anziehe,
-aber er wurde ohne weiteres in den Wagen gesetzt und rollte in heißer
-Angst gen Stuttgart. Dort führte man ihn gleich vor den Herzog, der an
-der Tafel saß und der ihn auf dem leeren Stuhl an seiner Seite Platz
-nehmen und zugreifen hieß. Jener zauderte: alle waren mit Löffeln
-versehen, nur er nicht. Warum ißt du nicht? fragte der Herzog streng.
-Der Mann bekannte, was ihm fehlte.
-
-Weißt du nicht, wie man einen Löffel macht? herrschte der Herzog den
-Erschrockenen an und machte dazu ganz besondere Augen. So will ich
-dir’s zeigen.
-
-Bricht das Knäuschen vom Brot, höhlt es aus und reicht’s ihm: So, jetzt
-lang zu und iß.
-
-Der Mann konnte nichts sagen als: Oh, Herr Herzich, send Ihr’s g’wä?
-
-Er wurde fürstlich mit Speise und Trank bewirtet und dann in Gnaden zu
-seiner Frau entlassen, nachdem der Herzog zuvor noch ihm und seinen
-Nachkommen Steuerfreiheit zugesagt hatte für alle Zeiten.
-
- *
-
-Unerschöpflichen Stoff boten ihr die schwäbischen Landpfarrer, unter
-denen damals noch die Sonderlinge in Menge gediehen. Einem, der ein
-grundgelehrter Theologe und ein stiller Weiser, dabei aber sehr
-unpraktisch war, wurde jede Nacht von seinen selbstgezogenen Gurken
-und Rettichen im Pfarrgarten gestohlen. Er fragte einen Kollegen, was
-er an seiner Stelle tun würde. Entweder die Diebe verklagen oder eine
-Falle aufstellen, meinte dieser. Der Pfarrer antwortete nach einigem
-Besinnen: Ich will sie lieber mit geistigen Waffen schlagen. Und er
-legte ein Blättchen zu den Gurken ins Beet:
-
- Wer Rettich stiehlt und Gurken,
- Den rechn’ ich zu den Schurken.
-
-Weil seine Frau ihn jedoch erinnerte, daß die Diebstähle des Nachts
-stattfänden und das Blättchen somit seinen Zweck verfehlen müßte,
-stellte der treffliche Mann im Vertrauen auf die Macht der Dichtkunst
-eine Laterne dazu, die hernach den Dieben das Geschäft erleichterte.
-
-Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch
-Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe
-zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in
-Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe
-ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann
-erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das
-Zauberrad -- es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit
-sich führen -- in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb
-laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit
-beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen
-wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er
-oben -- nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab,
-bis er im Tälchen war. -- Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen
-Steg hat -- das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu
-treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. -- Jetzt ist er
-schon in der Stadt -- eben kommt er die Straße heruntergerannt -- da
-ist er am Haus! -- Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen
-stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und
-brachte den außen abgeworfenen Gegenstand.
-
-
-
-
-Umzug nach Kirchheim.
-
-
-In unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen
-unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen
-Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes
-und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir
-Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem
-etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen
-Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen
-hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig
-oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden
-war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des
-Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer,
-der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten
-Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung
-vom Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese
-Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war
-verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten
-auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta
-und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten.
-Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob
-er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter
-irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten
-Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der
-düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine
-Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte
-wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen
-hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger
-Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in
-dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche
-Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar
-äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte
-heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur
-ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und
-auch die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich
-mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten
-tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal
-ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem
-langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat,
-der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein
-seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute
-gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich
-zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.
-
--- -- Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt
-Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und
-anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein
-flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen
-in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer
-nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem
-Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo
-Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses,
-verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden
-Stadtwohnung landeten, wo wir Kinder wie eingesperrte Vögel im
-Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns
-unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl
-erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu
-einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und
-Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen
-Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle
-Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber
-als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der
-Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen
-meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach,
-plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber
-rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser,
-und in beiden konnte man baden.
-
-Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der
-Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern
-einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen
-Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich
-werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich
-nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar abgestellt ist.
-Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte
-mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich
-auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts
-ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte
-nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die
-lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir
-so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte
-gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im
-Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall
-hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen
-Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit
-ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich
-keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer
-wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende
-Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher
-italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern
-fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in
-Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der
-Vater wies auf deutsches Volkstum hin und huldigte auf Sparziergängen
-dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte.
-Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und
-mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit
-den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie
-bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine
-tiefsinnige Ergänzung zu diesen.
-
-Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer
-Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten
-verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte
-nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr
-so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben
-den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben
-aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das
-Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte
-Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von
-dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot
-vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie
-bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich
-mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betätigen; sie hatte keine
-Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines
-Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa,
-teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart
-erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater,
-der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre
-Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen
-ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher
-lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie
-mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar
-gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende
-eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er
-neckend im gleichen Versmaß darunter:
-
- Und zappelnd und verzweifelnd eilen
- Zum letzten Zug die letzten Zeilen.
-
-So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem
-ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind
-erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch
-eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter
-der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin
-Menschen und Dinge wenig kannte und mehr in der Idee als in der
-Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos.
-Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre
-Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis
-sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse,
-sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein
-Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über
-ihre dichterischen Versuche:
-
-Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe
-an.
-
-Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der
-inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd:
-Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe,
-sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr,
-wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten
-Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße
-duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war
-sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.
-
-Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im
-Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt
-haben. Wenn Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten,
-so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte
-„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers[1] Nichte, so genannt nach
-meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die
-Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen,
-auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe
-mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und
-wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine
-mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und
-eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher
-berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.
-
-Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie
-lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich
-mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine
-Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja
-gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der
-zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte
-auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war
-schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu
-deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie
-einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der
-jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als
-man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die
-Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen
-Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen
-mit ihrer Weisheit.
-
-Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber
-unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und
-Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell,
-dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann
-ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von
-meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei
-der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war
-ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz
-von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den
-Schulkindern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der
-Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder
-mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese,
-dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich
-plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser
-Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser
-grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das
-nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann
-aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes
-Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?
-
-Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus
-München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund
-Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle
-binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln
-würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges
-Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein
-gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich
-die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich
-noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging
-in einem beständigen Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland
-versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines
-Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung,
-den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen
-trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den
-Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so
-verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser
-Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität
-antrat.
-
-
-[1] Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von ihm unter
-dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ eingeführt.
-Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.
-
-
-
-
-Das alte Tübingen.
-
-
-Den Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf
-Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich
-nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden,
-der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen
-Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die
-hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von
-1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und
-unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit
-seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren
-Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche
-auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie
-ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind
-unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den sechziger und siebziger
-Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche
-Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat
-sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen,
-die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der
-Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben
-noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen
-niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der
-Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd
-oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die
-Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab,
-noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit
-nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit
-Vorsatz? -- Nein, mit dem Absatz -- und solche Scherze mehr. Ferner die
-Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich
-die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft
-einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in
-ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.
-
-Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Eintracht war es, wenn die
-Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die
-Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte
-Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit
-ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen
-Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte
-es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in
-langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller:
-„Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen,
-um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den
-Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte.
-Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart
-berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den
-jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer
-Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den
-Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von
-dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte.
-
-Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen
-und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“,
-die nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu
-verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so
-gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu
-verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend
-von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer
-blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst,
-obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner
-geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel
-damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole
-darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander,
-waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen
-da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz
-abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse
-studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im
-Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste
-der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden
-der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine
-Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in
-einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine
-davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den
-Worten:
-
- Wir armen zwölf Enten
- Sind gefallen unter die Studenten,
- Ich zwölfte komm zurück allein
- Und bring’ von elf den Totenschein.
-
-Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in
-jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer
-wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier,
-einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu
-großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk
-am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das
-beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht
-herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine
-näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben
-Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene
-verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück,
-ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut
-schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf.
-
-Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später
-als Arzt nach Venedig ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er
-war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt.
-Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien
-badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die
-Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das
-Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen
-wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab,
-so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur
-Unkenntlichkeit“.
-
-Zum Charakterbild des alten Tübingen gehört aber noch eine dritte dort
-lebende Menschengattung von urtümlichster Beschaffenheit, die weder
-dem Studenten noch dem Philister hold war, die man sich aber aus dem
-dortigen Leben nicht wegdenken kann: nämlich die in den malerischen
-Schmutzwinkeln der Unteren Stadt oder „Gôgerei“ wohnenden „Wingerter“
-(Weingärtner), auch „Gôgen“ oder „Raupen“ genannt. Woher diese
-beiden Bezeichnungen kommen, weiß niemand, eine theologisch gefärbte
-Etymologie will die Gôgen auf das biblische Gog und Magog zurückführen.
-Was die Raupen betrifft, so soll der Name gar eine Verketzerung des
-lateinischen Wortes Pauper sein, womit man in der gelehrten Musenstadt
-die am Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet.
-Wie dem auch sei, beide Namen, Gôgen wie Raupen, wurden von ihren
-Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu
-ziehen. Die Gôgen unterschieden sich nach ihrer ganzen Wesensart,
-vor allem aber nach den eigentümlichen Kehllauten ihrer Aussprache
-und einer gedehnten Betonung, die etwas Mürrisch-Verbissenes an sich
-hatte, so stark von den übrigen Einwohnern, daß manche sie geradezu für
-Nachkommen eines zugewanderten Fremdvolkes hielten und daß es zwischen
-der oberen und der unteren Stadt wie ein unsichtbarer Stachelzaun lag.
-Als tüchtige Taglöhner unentbehrlich, machten sich diese Mitbürger
-durch ihre eingeborene tiefe Abneigung gegen die Höhergestellten und
-ihren ausgeprägten Sinn für den eigenen Vorteil, mehr noch durch ihren
-wortkargen, aber äußerst schlagenden Mutterwitz, der nicht immer von
-der reinlichsten Art war, gefürchtet. Auf eine Gôgenrede konnte niemand
-mehr einen Trumpf setzen, außer ein anderer Gôg. Unzählige Gôgenworte
-und -witze waren und sind in Tübingen im Schwang. Am berühmtesten ist
-das einsilbige Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, wie sie zusammen
-die steilen Weinberghalden des Österberges hinansteigen und dem Jungen
-ein herrenloser Schubkarren auf einem Nachbargrundstück in die Augen
-sticht, auf den er den Vater durch einen stummen Wink aufmerksam macht.
-Worauf der Alte nur die zwei lakonischen Worte erwidert: Im Ra! (Im
-Herabsteigen!) Oder die zungenschnelle Frage des Berliner Studenten an
-den pfeifenrauchenden Weingärtner: Kann ich von Ihnen Feuer haben, ja?
-Und die nachdrücklich-langsame Antwort des alten Gôgen: Airscht (erst),
-wenn i ja sag’.
-
-Das Straßenbild von Tübingen beherrschte der Couleurstudent,
-besonders der Angehörige der paukenden Korporationen. Diese standen
-bei den Ausritten und Aufzügen im studentischen Wichs, bei den
-Tanzvergnügungen, den glänzenden Fackelzügen und überhaupt im
-gesellschaftlichen und öffentlichen Leben obenan. Ihre Iliaden und
-Odysseen füllten die ungeschriebenen Annalen der Stadt. Jedes Kind
-wußte, was für Mensuren in laufender Woche ausgefochten wurden,
-welches Dorfwirtshaus, welches Gehölz dazu ausersehen war, wie viele
-Abfuhren es gab, mit wieviel Nadeln der jeweils Zerhackte vom Paukarzt
-genäht wurde. Wenn es den Paukanten gelang, den armen Pedell, der
-sie abzufassen hatte und der zu diesem Zweck den weiten Weg atemlos
-auf Schusters Rappen angaloppiert kam, durch ihre ausgestellten
-Fuchsenwachen irrezuführen und das unterbrochene Opferfest an einer
-anderen Stelle des Waldes fortzusetzen, so war es ein Triumph der guten
-Sache, woran die ganze Stadt teilnahm. Unsterblich war die immer wieder
-auftauchende Geschichte von der abgehauenen Nasenspitze, die der Hund
-gefressen hatte. Die vererbten Feindseligkeiten oder vorübergehenden
-Spannungen zwischen gewissen Farben wurden mit der gleichen Wichtigkeit
-behandelt, wie heute die Beziehungen der Großstaaten untereinander.
-Sogar die jungen Mädchen nahmen Partei, je nachdem ihre Brüder oder
-bevorzugten Verehrer der oder jener Couleur angehörten. Der historische
-Gegensatz zwischen Korps und Burschenschaften, der längst kein
-grundsätzlicher mehr war, aber noch als Abneigung fortbestand, mußte
-auch gesellschaftlich stets berücksichtigt werden.
-
-Getrunken wurde, wie ich niemals wieder habe trinken sehen. Größere
-Helden des Suffs finden sich auch im „Gösta Berling“ nicht. Die
-Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte,
-wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten
-Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte. Selbst bei Tanzvergnügungen
-konnte es vorkommen, daß ein Partner plötzlich nicht mehr salonfähig
-war und daß aus den Reihen der Kommilitonen ein Ersatzmann gestellt
-werden mußte. Schande war keine dabei, sie behaupteten ihr Ansehen auch
-noch in diesem Zustand. Nur wer sich im Schnaps berauschte, wie es den
-Norddeutschen bisweilen einfiel, statt im landesüblichen Gerstensaft
-oder Wein, der galt für wirklich lasterhaft.
-
-Dabei sprach es doch für die Gutartigkeit dieser ausgelassenen
-Jugend, daß tätliche Ausschreitungen gegen die Nebenmenschen äußerst
-selten waren. Unser Haus am Marktplatz hatte nach damaliger Sitte
-keine Korridortüren auf den einzelnen Stockwerken, aber obwohl im
-Untergeschoß ein Studentencafé lag und die Haustür deshalb fast die
-ganze Nacht offen stand, fühlte man sich doch in seinem Zimmer völlig
-sicher. Nur eines Abends kam unsere schon betagte Josephine voller
-Unwillen aus ihrer Dachkammer zurückgestürzt, denn sie hatte in ihrem
-Bett einen unbekannten Schläfer gefunden. Es war ein Student, der in
-tiefer Verdunkelung die fremden Treppen als seine eigenen erstiegen und
-sich ohne weiteres zur Ruhe gelegt hatte. Meine Brüder, damals schon
-selber Studenten, hatten alle Not, den Unerwecklichen wieder die lange
-Treppe hinunter und ins Freie zu schaffen.
-
-Abseits von dieser Burschenherrlichkeit trieben die „Stiftler“
-ihr halbklösterliches, eigenbrötlerisches Wesen. Es waren dies
-Stipendiaten, die, von klein auf zur theologischen Laufbahn bestimmt,
-erst in den niederen Seminarien, dann im Tübinger evangelischen Stift,
-einem ehemaligen Augustinerkloster, für ihren Beruf herangebildet
-wurden. Obgleich sie durch ihre Halbklausur und vielfache
-Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, gesellschaftlich hinter
-den glücklicheren Stadtburschen zurückstanden, bildeten sie unter ihrem
-unscheinbaren und häufig ungeleckten Äußeren so etwas wie eine geistige
-Auslese des Landes und trugen viel zu der besonderen Physiognomie
-der Tübinger Universität bei. Kein Auswärtiger kann zur Kultur des
-Schwabenlandes und zu seinen großen Söhnen in ein näheres Verhältnis
-treten, wenn er sich nicht eingehend mit dem Geiste des Tübinger Stifts
-und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hat. Aus dieser Anstalt ging
-ja bekanntlich die größte Zahl der führenden Geister Alt-Württembergs
-hervor. Und zwar pflegte entsprechend der Doppelbegabung des Stammes
-ein guter Jahrgang je einen Dichter und einen Philosophen gleichzeitig
-zu bringen: Hölderlin und Hegel, Mörike und Strauß, meinen Vater und
-Ed. Zeller. Gelegentlich wuchsen die großen Geister im Stift sogar
-büschelweise wie in der sogenannten „Geniepromotion“, der auch
-Friedrich Vischer angehörte. Der Mehrzahl der Stiftler ging aber
-die einseitige Erziehung lebenslang nach. Mit einem äußerst prall
-gestopften Schulsack verbanden sie häufig die größte Unkenntnis des
-wirklichen Lebens und jenes linkische Ungeschick der äußeren Welt
-gegenüber, das man in Schwaben mit dem Wort „stiftlermäßig“ bezeichnet.
-Bei den schematischeren Köpfen gesellte sich noch leicht eine geistige
-Selbstsicherheit hinzu, die alles, was nicht auf ihrem eigenen Boden
-gewachsen und ihnen darum fremdartig war, als minderwertig betrachtete.
-Mancher der Besten hielt es nicht bis zum Ende aus und entwand sich so
-oder so dem Zwange. Ehemalige Stiftler trugen deutsche Wissenschaft in
-alle Lande und waren als Lehrer wie als Erzieher gleich sehr gesucht.
-Die Daheimgebliebenen nahmen späterhin hervorragende Kirchen- und
-Schulämter ein, sie verewigten den Stiftlerschlag, indem sie ihn
-weiterzüchteten, und gaben dem ganzen schwäbischen Geist etwas von
-ihrem Gepräge ab. Durch sie vor allem kam in die hohe geistige Kultur
-des Schwabenlandes jene unausfüllbare Kluft zwischen der Weite und
-Tiefe des inneren Lebens und der äußeren Formlosigkeit, die nicht
-selten bis zur bewußten Verachtung des Schönen ging.
-
-In dem ehrwürdigen Klosterbau an der oberen Neckarhalde mit seinen
-Kreuzgängen, Höfen und Gärtchen hauste dieser besondere Menschenschlag
-beisammen. Dort studierten, aßen, schliefen sie, ständig überwacht, in
-Zimmern, die ihre altvererbten Namen und die überlieferten Erinnerungen
-an die früheren Bewohner festhielten. In meines Vaters Nachlaß fand
-ich eine von unbekannter Hand in Versen geschriebene Szenenfolge,
-die eine nächtliche Entweichung des sonst so fügsamen Mörike aus dem
-Stift unter dem Beistand dunkler Mächte dramatisch darstellt. Man
-pflegte sich, wenn man die Nacht außerhalb des Stiftes verbringen
-wollte, an einem langen Seil in den „Bärengraben“ hinabzulassen,
-um auf der anderen Seite durch einen befreundeten Stadtburschen
-hochgezogen zu werden. Wurde die Abwesenheit entdeckt, so stand auf
-der unerlaubten „Abnoktation“ eine Note. Eine gewisse Zahl solcher
-Noten bedingte die Ausschließung von der Anstalt. Zu meiner Zeit aber
-war die Verweltlichung schon so weit gediehen, daß die Stiftler sogar
-farbentragenden Verbindungen angehören konnten, soweit diese nicht dem
-verpönten Paukkomment huldigten. Auch waren sie auf allen Bällen unter
-den eifrigsten und bescheidensten, wenn schon nicht immer unter den
-gewandtesten Tänzern.
-
-Noch einen Schritt weiter abseits vom studentischen Treiben standen die
-Zöglinge des katholischen Seminars, die Konviktoren, auch „Haierle“
-(Herrlein) genannt, meist Bauernsöhne aus dem schwäbischen Oberland,
-die schon durch ihr langes schwarzes Gewand, aber mehr noch durch ihre
-oberschwäbische Mundart und ihr ganzes weltfremdes Auftreten von der
-übrigen akademischen Jugend abstachen. Auch aus dieser Anstalt sind
-bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen.
-
-Neben dem „Stift“ und mit ihm verbunden lag die „Hölle“, das einstige
-Wohnhaus des „Höllen-Baur“, jenes berühmten, um seiner Bibelkritik
-willen viel angefochtenen Theologen. Er hatte zu den Lehrern meines
-Vaters gehört, war aber um die Zeit, von der hier die Rede ist, schon
-gestorben. Der Spitzname enthielt keine Spitze gegen seinen Träger.
-Die Professoren waren der Mehrzahl nach mit solchen versehen, und
-manche weitgefeierte Leuchte der Wissenschaft ging in der kleinen
-Stadt unter irgendeiner närrischen, zuweilen auch wirklich witzigen
-Bezeichnung einher. Was gab es aber auch für Originale unter diesen
-Professoren! Grundgelehrte Herren, jedoch im Äußeren nicht selten
-sehr vernachlässigt und mit den seltsamsten Gewohnheiten behaftet.
-Zu diesen fragwürdigen Gestalten gehörte der Germanist Holland, der
-Herausgeber von Uhlands Nachlaß, der auch über italienische Sprache
-und Literatur las. Bekannt war die Ermahnung, mit der er seine Schüler
-zu entlassen pflegte, sie möchten vor allem danach trachten, ins
-Konversationslexikon zu kommen, denn wer es dahin gebracht habe, der
-sei geborgen und brauche nichts mehr zu studieren. Er hatte häufig nur
-_einen_ Hörer im Kolleg, der zu höflich war, ihn mit den vier Wänden
-allein zu lassen. Diesen ließ er einmal in die Heimlichkeiten seines
-Junggesellenhaushalts blicken. Wissen Sie, Herr M..., sagte er zu
-ihm, die Wäscherinnen sind so unsauber (er drückte sich drastischer
-aus), man kann ihnen die Wäsche nicht anvertrauen. Ich schlafe deshalb
-seit zehn Jahren auf dem Schwäbischen Merkur. Als dieser Dante- und
-Boccaccioausleger uns in viel späteren Jahren einmal in der Heimat
-Dantes und Boccaccios besuchte, da war Holland in Not, denn das
-Italienisch, das er jahrzehntelang an der württembergischen Alma mater
-gelehrt hatte, wurde an Ort und Stelle von niemand verstanden.
-
-Noch viel wunderlicher klangen aber die Anekdoten, die von
-verschwundenen Generationen übrig waren. Ein älterer Landgeistlicher,
-Verwandter meines Vaters, der ein hinreißendes mimisches Talent besaß,
-pflegte uns Kindern solche Geschichten aus seiner eigenen Studienzeit
-zu Dutzenden zu erzählen und vorzuspielen. In welche verschollene
-Biedermeierwelt sah man hinein, wenn man hörte, daß ein Professor
-der Philosophie seinen psychologischen Vortrag mit näselndem Ton und
-in mühsamem Hochdeutsch, durch das der Dialekt schimmerte, also zu
-beginnen pflegte: Jengleng, wenn dich die Liebe plagt, so klage es
-(hier wurden die Finger in Bewegung gesetzt): a) den Sternen; so deren
-keine da sind, b) den Wiesen; so auch deren keine gefonden werden, c)
-den Waldbächen. Denn das Rieseln ond Rauschen der Waldbäche lendert
-und mendert den physischen ond psychischen Schmerz einer moralisch
-niedergedrückten Seele.
-
-Auch in der jungen Generation schossen die Sonderlinge ins Kraut,
-obgleich sie nun doch schon einen viel weltmännischeren Anstrich
-bekamen. Wer erinnert sich nicht aus den siebziger Jahren an die
-Gestalt des Dr. Euting, der als jüngster Kollege meines Vaters an der
-Universitätsbibliothek amtete und sich später von Straßburg aus als
-Orientreisender einen Namen machte? Er war weit unter Rekrutenmaß,
-hatte aber sehr breite Schultern und einen sportlich entwickelten
-Körper, der sich in den straffen, schnellenden Bewegungen verriet.
-Euting war damals schon im Orient gewesen und gehabte sich seitdem als
-Türke. Seine Beweglichkeit, seine schwarzen, umherspringenden Augen,
-ein seltsam gerunzeltes, aber doch junges Gesicht, das aussah wie von
-heißerer Sonne gedörrt, gaben ihm ein völlig fremdartiges Ansehen.
-Den gewesenen Stiftler merkte man ihm nicht mehr an, er lehrte jetzt
-semitische Sprachen, besonders das Arabische. Als außerordentlich
-mutiger Mensch, der er war, hauste er mutterseelenallein in dem
-unheimlichen „Haspelturm“ hinter dem Schlosse. Da bei Einbruch der
-Dunkelheit die nach dem Schloßhof führende Pforte geschlossen wurde,
-war er bei Nacht in seinem Turm von allen Lebenden geschieden. Er
-hatte es durchgesetzt, in diesem ehemaligen Gefängnis der zum Tode
-Verurteilten, dessen durch keine Treppe erreichbares Verließ noch
-Menschenknochen bergen sollte, sich ein paar Zimmer einrichten
-zu lassen, denen er durch orientalische Teppiche und Decken ein
-einigermaßen wohnliches Ansehen gab. Dort saß er mit untergeschlagenen
-Beinen, den roten Fes auf dem Kopf, am Boden, aus mächtiger
-Wasserpfeife rauchend, und bewirtete seine Besucher und Besucherinnen
-mit selbstgebrautem türkischem Kaffee in winzigen Schälchen, alles echt
-und stilgerecht. Dabei erzählte er von Wüstenritten, Haremsbesuchen
-und dergleichen. Er war ein lebhafter Verehrer der Damenwelt, doch war
-ihm seine Kleinheit beim weiblichen Geschlechte hinderlich, mehr noch
-sein bekannter Ausspruch, daß er hoffe, dermaleinst mit zwölf jungen
-Eutings über die Neckarbrücke zu spazieren, alle vom gleichen Wuchs und
-gleicher Schneidigkeit wie er. Ihm war es gegeben, seine Eigenheiten
-noch über den Tod hinaus fortzusetzen. Er baute sich zu Lebzeiten
-mitten unter den freien Schwarzwaldtannen des Ruhsteins sein Grab und
-bestimmte, daß einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, jeder Besucher an
-dieser Stätte mit einer Tasse Kaffee gelabt werden sollte. Erst die
-Kaffeeknappheit des Weltkriegs hat diesen schönen Brauch in Abgang
-gebracht. Doch wir müssen dieses späte Bild verwischen, um wieder zu
-den Sonderlingen des alten Tübingen zurückzukehren.
-
-Da war unter anderen der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem
-Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig
-Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien,
-die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe
-studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je
-ein Examen zu machen. Mit der Zeit hatte er es doch zu ganz tüchtigen
-Kenntnissen gebracht, die ihm gestatteten, andere Studenten aufs Examen
-vorzubereiten. Als diese dann mit der Zeit Professoren wurden, hörte
-er selber wieder bei ihnen Kolleg. Mein Bruder Alfred fragte ihn als
-Student einmal, wie er doch nur bei seinen eigenen ehemaligen Schülern
-im Hörsaal sitzen und so eifrig nachschreiben möge. O, antwortete er,
-da ist jedes Wort Gold, es kommt ja alles von mir selber.
-
-Von einem anderen Mediziner wurde erzählt, daß er als verbummelter
-Student mit sehr geringen Kenntnissen nach Amerika durchgebrannt sei
-und sich während des Sezessionskrieges den Nordstaaten als Arzt zur
-Verfügung gestellt habe. Dort stieg er bis zum Generalarzt auf. Aber
-nach Friedensschluß wurde ihm doch wegen seiner Stellung bange, er
-kehrte mit dem erworbenen Titel nach Tübingen zurück, hörte wieder
-Kolleg, und die Professoren, denen sein Auftreten Eindruck machte,
-ließen ihn denn auch glimpflich im Examen durchschlüpfen.
-
-Unter den Kleinbürgern gab es ebenfalls ganz merkwürdige Gestalten,
-die von der Jugend mit Vorliebe aufgesucht wurden und die sich die
-studentische Gesellschaft zur besonderen Ehre schätzten. Eine der
-bekanntesten war der alte Hornung, ein uralter Veteran von 1813. Er
-saß jeden Abend im Wirtshaus und spielte Karten; dabei war er als sehr
-geizig bekannt. Edgar setzte sich in seiner Studentenzeit gern zu ihm
-und malte ihm, während er spielte, einen Kreuzer auf den Tisch. Da er
-nicht mehr gut sah und gern mogelte, griff er danach: Der ist auch noch
-mein! und wollte ihn einstreichen. Das nächstemal wurde ein Kreuzer
-an eine andere Stelle gemalt, und er griff abermals danach. Auf den
-alten Hornung wurden in Tübingen die bekannten Napoleonanekdoten aus
-der Schlacht von Leipzig übertragen. Eine aber hörte mein Bruder aus
-seinem eigenen Munde: Ein französischer Sergeant hatte als Vorgesetzter
-den Mann viel drangsaliert. Als sie nun eines Tages Seite an Seite über
-einen Graben setzen, fällt der Franzose und ruft um Hilfe. Der Hornung
-aber reitet weiter, indem er mit Nachdruck spricht: Wer reit’t, der
-reit’t, und wer leit, der leit (liegt).
-
-Die ganze bunte Tübinger Romantik gehörte nun aber einzig und
-allein dem Studenten. Daneben lebte und webte Tür an Tür das engste
-Spießbürgertum. Die Geselligkeit war durch strengen Kastengeist
-geregelt und entbehrte der Anmut. Die Frau als gesellschaftliche Macht
-versagte ganz. Man sah aller Enden hübsche junge Mädchen, aber äußerst
-selten eine hübsche junge Frau. Sobald sich die damaligen Schwäbinnen
-verheirateten, hielten sie nichts mehr auf ihre Person. Nach Pflege
-des Geistes und Körpers zu streben, galt für „Emanzipiertheit“ und
-Eitelkeit und war überdies ein Zeichen mangelnder Hausfrauentugend.
-Es konnte vorkommen, daß der Mann hohe akademische Würden innehatte
-und daß die Frau Magddienste verrichtete. Nicht aus Not, sondern weil
-sie keine höheren Ziele kannte. So vermochte der ganze Lebensstil
-sich nicht zu erheben. Auch der Student lernte nur die Reize des
-Studentenlebens, nicht die einer höheren Geselligkeit kennen.
-Und wie phantastisch er’s getrieben haben mochte, am Schluß der
-Universitätsjahre mußte auch er unterducken, sich der lähmenden Enge
-einreihen, wenn er im Lande sein Auskommen finden wollte. Darum klang
-auch so wehmütig der Sang der Abziehenden: Muß selber nun Philister
-sein, ade!
-
-Um die aus den Tübinger Verhältnissen hervorgehende Einseitigkeit
-oder Verwilderung zu bekämpfen, war Friedrich Vischer, solange er in
-Tübingen lebte und lehrte, bemüht, die Verlegung der Universität in die
-Landeshauptstadt durchzusetzen. Damit wäre freilich zugleich aller Reiz
-der Überlieferung aus dem studentischen Leben geschwunden. Er fand aber
-mit diesem Lieblingsgedanken keinen Anklang und konnte nur für seine
-eigene Person die Wahl treffen, indem er endgültig das Stuttgarter
-Polytechnikum dem Tübinger Lehrstuhl vorzog und so die Universität
-eines ihrer größten Namen beraubte.
-
-Wieviel man gegen das alte Tübingen auf dem Herzen haben mochte, die
-reizvolle, wunderliche Stadt mit dem kühnen Profil und der entzückenden
-Lage hat es noch allen angetan, die dort gewesen. Und so oft ich
-späterhin aus Italien wiederkehrte, ganz durchtränkt von der Schönheit
-des Südens, wenn ich wieder einmal auf dem „Schänzle“ stand und
-die Blicke von der lachenden Neckarseite mit der fernen Alb in das
-schwermütige Ammertal wandern ließ, wo, wie einmal eine gefühlvolle
-Tübingerin zu Friedrich Vischer sagte, „das Herz seinen verlorenen
-Schmerz wiederfindet“ immer habe ich den Zauber meiner Jugendstadt aufs
-neue verspürt.
-
-
-
-
-Die Heidenkinder.
-
-
-Innerhalb des Tübinger Spießbürgertums stand nun unser Haus wie eine
-einsame Insel. Schon beim Eintritt hatte unsere Mutter die üblichen
-Antrittsbesuche unterlassen. Mein Vater war eigens ein paar Wochen
-früher eingerückt und hatte alles, was die Etikette vorschreibt,
-erledigt, um ihr diese Prüfung nicht aufzuerlegen, denn er sah voraus,
-daß sie sich in ihrer freien, der Zeit vorangeeilten Weltanschauung
-ebenso abgestoßen fühlen würde wie in ihrer aristokratischen
-Empfindungsweise, die mit der ultraradikalen Gesinnung ganz gut
-zusammenging. Er wußte auch, daß die Abstoßung gegenseitig gewesen
-wäre, denn es gab damals in Tübingen nur wenig Frauen, die das Zeug
-hatten, eine so ungewöhnliche Natur wie meine Mutter zu verstehen.
-Außerdem war bei ihrem ganz auf die Familie beschränkten Dasein ihre
-Garderobe nicht im besten Stand, und jede Ausgabe für sich selber ging
-ihr lebenslang gegen das Gewissen. Außer mit der Witwe Uhland und mit
-den Töchtern des alten Dichters Karl Mayer, der ihr feuriger Verehrer
-war, wollte sie überhaupt keinen Frauenumgang. Es läßt sich denken,
-welchen Anstoß wir Kinder, auf die bisher fast nichts als die Natur
-und der Geist der Eltern eingewirkt hatten, jetzt in der Tübinger
-Umwelt erregten. Die „Heidenkinder“ nannten sie uns auch dort. Meine
-Brüder wurden oftmals auf dem Schulwege von anderen Jungen tätlich
-angegriffen, und es entspann sich dann eine gewaltige Schlägerei;
-die Heiden standen zusammen und wehrten sich mannhaft, wodurch sie
-ihren Widersachern allmählich die Lust zu solchen Unternehmungen
-verleideten. Mir aber, die ich allein und unbeschützt war, erregte
-es ein schmerzliches Erstaunen, wenn mir mein ungewöhnlicher Rufname
-in einer häßlichen Verketzerung nachgeschrien wurde, oder wenn gar
-ein Stein aus dem Hinterhalt geflogen kam. Ich ging daher als Kind
-nur sehr ungern durch die Straßen und trieb mich lieber in der Nähe
-unserer damaligen, außerhalb der Stadt gelegenen Wohnung an den
-Steinlachufern oder auf dem großen Turn- und Schießplatz umher, in
-einsame Phantasien versponnen. Für alle Zeit bleibt mir ein Sonntag in
-die Seele geschrieben, an dem ich ganz allein eine Forschungsreise in
-die Gôgerei unternahm. Man hatte mir mein schönstes weißes Mullkleid
-mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen
-Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band
-geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun
-von der Langen Gass’ in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein
-kleines Gôgenkind mit Jubelgeschrei entgegen und wollte in meine Arme
-stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen
-Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt
-und riß entsetzt die Kleine vor mir weg. Erst als sie sich hinter einem
-niederen Zaun geborgen sah, drehte sie sich noch einmal um und sagte,
-mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: So sehen die Heiden
-aus!
-
-Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen
-ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen,
-sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst
-in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen
-weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben;
-ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es
-hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die
-auch in ihren Kreisen als die erste herrschte. Selbst als sie im Jahre
-48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch
-zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht
-nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche
-Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie
-immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen.
-Auch ihre entfernteren Verwandten -- die nahen waren schon alle tot
--- hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer
-davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands
-im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd
-gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es
-nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf.
-Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden
-sind immer die Schwächeren.
-
-Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht
-dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur
-Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie
-in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende
-Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal
-unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig
-gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde,
-so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich
-wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu
-lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es
-wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen
-hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich
-mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell
-überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die
-Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst
-einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den
-himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die
-weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen
-Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte,
-kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste
-nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich
-ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein,
-meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief,
-aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen
-Vorrat für erschöpft. Von da an begehrte ich niemals wieder nach einer
-Kindergesellschaft.
-
-Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den
-Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen
-Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht,
-ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein
-nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte
-es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende
-Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie
-Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen
-das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter
-Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und
-mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den
-Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette
-halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich
-jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf
-Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen
-überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie
-herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen
-mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner täuschenden
-Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das
-Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen.
-
-Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich
-so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne
-zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“
-noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You,
-eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu
-erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig
-bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir
-einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen,
-auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl,
-mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten.
-Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem
-freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen.
-Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung
-(Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und
-ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.
-
-Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch
-handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche
-Übermittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich
-später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments
-entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A
-bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu
-wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm
-wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das
-gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan
-das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem
-etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine
-Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen
-Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie
-in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt
-gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe
-nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen
-Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn
-anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter,
-daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf
-unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar
-kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf
-Jahren. Allein er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das
-Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen
-brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie
-von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen
-Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten
-Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so
-sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.
-
-Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte
-ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine
-Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich
-die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir
-von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein
-eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte,
-an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb
-zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich
-eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich
-gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem
-Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt
-war. Da ergab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn
-auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile
-der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück
-in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein
-neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern
-entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte
-ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio
-begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was
-von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich
-zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“
-aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als
-Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde.
-Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort,
-indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher
-Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles
-still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen,
-bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am
-Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren
-Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß ich
-die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn
-bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die
-Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt,
-Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen
-in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet
-wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.
-
-
-
-
-Ein Fluchtversuch.
-
-
-Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem
-Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich
-war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf
-das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten
-Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten
-Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch
-das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung
-eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber
-der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für
-ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine
-Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger
-Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es
-wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert,
-wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im
-Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte
-die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel
-des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen
-Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam,
-soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.
-
-Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches
-ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis
-zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt[2], und in meiner
-Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis
-zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen
-bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig
-erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen,
-so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus
-der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine,
-trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine
-frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat,
-die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen
-Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach
-dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher
-Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien
-alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber
-mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren
-und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn
-er einmal seine Hörner abgelaufen hat.
-
-Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen
-Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den
-weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde
-er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in
-tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen
-ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:
-
- N. N. möcht’ ich gar nicht heißen,
- N. N. ist ein wüster Name,
- N. N. hat sich küssen lassen
- Von den Mädeln auf der Gassen.
-
-Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte
-sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich
-die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen dumpfen Groll
-zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich
-mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis,
-mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt
-nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu
-besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich
-liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel,
-vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes
-der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem
-Wintertage jedoch -- es war in meinem zehnten Jahre -- geschah
-etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit
-irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner
-Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen
-zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals,
-zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt,
-bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten
-Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem
-Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen
-überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war
-mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß bestäubt, und
-nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß.
-Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat,
-als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen,
-sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So
-mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den
-Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen
-Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer,
-daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über
-den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu
-vermeiden -- es gab deren genug ohne mein Zutun --, aber es wollte
-mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich
-war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit
-umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch
-noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen
-Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater
-anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen
-Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben.
-Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung
-an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in
-seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das
-Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich
-schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich
-geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich
-gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde
-stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr
-Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft.
-Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen
-mich versteifte.
-
-Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war
-vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa
-meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf
-seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn
-ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben,
-suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen.
-Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen
-Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in
-inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten
-die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo
-sich alle gemeinsam gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner
-Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des
-Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein
-Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging
-ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor,
-so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie
-sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere
-Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen
-durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei
-sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich
-mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst
-recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck
-wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn
-ringsum die gleiche Gesinnung hegen.
-
-Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein
-unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern.
-Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen
-Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle,
-auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem
-hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein empfangenes
-Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte.
-Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß
-wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten
-(der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder
-Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare
-Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide
-besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von
-Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen
-Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte
-und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien
-uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt
-zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen
-und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An
-einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem
-siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann
-wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll
-schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die
-kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich
-fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel, und
-der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück
-von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen
-das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es
-aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo
-wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten
-flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten
-Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon
-oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich
-ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann
-dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir
-waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein
-warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine
-große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte,
-erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie
-unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst,
-sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert
-sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf,
-aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als
-am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Vergessen war mit
-einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen
-weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die
-Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der
-Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die
-Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir
-machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten,
-den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als
-wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden
-Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster
-ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der
-Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den
-toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich,
-denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht
-werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie
-wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar
-war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und
-auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich
-dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings
-regte sich aber der künftige Anatom in ihm, und er begann nun auch
-zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden.
-Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich
-fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und
-ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen,
-wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen
-harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus
-und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend
-im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar
-nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders
-seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber
-ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich
-nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem
-Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche
-Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein
-umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich
-den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein
-Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster
-so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte
-Sebastiansweiler aber habe ich während meines ganzen Tübinger
-Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte
-der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor
-meiner Seele steht.
-
-
-[2] Florentinische Erinnerungen
-
-
-
-
-Von Ihr.
-
-Nachklänge des „tollen“ Jahres.
-
-Das rote Album.
-
-
-Bevor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene
-Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf
-ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig
-aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden
-könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein
-Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre
-Züge, so urpersönlich -- ein einziger zu stark gezogener Strich, eine
-vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann
-zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet,
-muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es
-auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für
-das nur einmal Vorhandene keinen Platz in seiner Vorstellung. Es gab
-Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als
-ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und
-keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten,
-ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen.
-
-Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit
-mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie
-sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der
-an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die
-vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger
-Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die
-Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine
-ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden
-konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten
-beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage
-bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen
-Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war,
-weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie
-wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen und ihr
-Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war,
-denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen
-Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften
-„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß
-keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein
-Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher
-Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien
-ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und
-Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang
-nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848
-mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu
-treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt.
-
-Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu
-einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß
-man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung
-umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer
-verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler
-Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom
-Ich, was doch der Natur des Trieblebens zu widersprechen scheint!
-Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose
-Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als
-Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie
-vergleichen könnte, so finde ich nur _eine_ Gestalt, die ihr ähnelt,
-den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers
-lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein
-Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen
-können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr
-ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um
-beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und
-Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das
-Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war
-ihr in oft erschreckendem Maße eigen.
-
-Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen
-zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte,
-Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins
-Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen
-eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn
-das Schlachten der Tiere gehörte zu den Dingen, die ihr die schöne
-Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur
-von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung
-befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf
-Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit
-hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es
-gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren
-todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte,
-Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere
-Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot
-im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer
-häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden
-mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings
-unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit
-und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können;
-waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie
-rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum
-als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom
-Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit
-widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein fuhr sie aus dem
-Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf
-dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre
-Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich.
-Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben
-herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht
-wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden.
-
-Ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas unruhig Fesselndes bei
-überstarkem Glanz der Augen, wozu auch das schimmernde Weiße viel
-beitrug. Aber erst im höheren Alter bekamen ihre Züge die ergreifende
-Harmonie und großartige Einfachheit, in der sich dann ihr gereiftes
-Wesen wunderbar ausdrückte. Durch die Schnelligkeit ihres Ganges
-fiel sie noch als Achtzigerin auf, dabei waren ihre Hände immer ein
-wenig voraus, wie im steten Begriff zu helfen und zu geben. Alles
-ging ihr zu langsam, beim Anziehen fuhr sie noch im höchsten Alter
-immer mit beiden Armen zugleich ins Kleid. All diese äußere Hast war
-aber frei von Nervosität und Zerfahrenheit. Man konnte sie bei der
-ungeheuren Raschheit ihres Wesens einem jener hinjagenden Wirbelwinde
-vergleichen, in deren Innerem eine vollkommene Windstille herrscht.
-Ihre Gelassenheit war so groß, daß sie ihre unzähligen Briefe immer
-im Tohuwabohu der Kinderstube schrieb. Auch wenn andere währenddessen
-mit ihr sprachen, ließ sie sich nicht aus ihrem Gedankengang bringen.
-Sie brauchte zum Schreiben nur eine Tischecke und eine von den Kindern
-geliehene Feder. Denn sie besaß gar nichts Eigenes, nicht einmal
-Schreibzeug. Und die Ströme Wassers, mit denen sie uns täglich abflößte
--- ein in bürgerlichen Häusern damals noch wenig gepflegter Brauch --,
-waren die einzige Erinnerung an die aristokratische Lebenshaltung ihres
-Elternhauses, die sie mit in die Ehe herübernahm.
-
-Ihre Unempfindlichkeit gegen Geräusch hatte die Folge, daß sie von mir
-denselben Gleichmut verlangte, und das war mir eine große Pein. Nicht
-nur meine Lernaufgaben, sondern auch meine Übersetzungen, die schon in
-den Druck gingen, mußte ich unter ganz ähnlichen Bedingungen an einer
-Tischecke zuwege bringen, mit einer Feder, deren Alleinbesitz mir nicht
-zustand. So oft ich mich mit Schreibgerät versorgte, immer verschwand
-es in der Schultasche der Brüder, die ihrerseits auch nicht besser
-gestellt waren, denn jegliches Ding ging von Hand zu Hand, und ein
-jeder suchte immerzu das seinige oder was er dafür hielt; mit Ausnahme
-des Erstgeborenen, dessen kleine Habe unantastbar war. Wären die Kinder
-nicht alle gut geartet gewesen, so hätte es beständigen Streit um das
-Mein und Dein geben müssen; so gab es nur ein beständiges ärgerliches
-Suchen und Fragen bei großem Zeitverlust. Und ähnlich ging es mit
-allen anderen beweglichen Gegenständen auch. Am meisten war mein armes
-Mütterlein selbst geplagt, denn das Objekt, das sich von ihr allzutief
-verachtet fühlte, verfolgte sie mit unersättlicher Rachgier, so daß sie
-selbst, die gute Josephine und ich, die wir ihr beistanden, viel Kraft
-in diesem sieglosen Kriege verschwendeten. Aber eine andere Hausordnung
-einzuführen, bei der jegliches Ding an seinem Platz geblieben wäre,
-widerstrebte ihr durchaus.
-
-Ich erinnere mich, daß um jene Zeit in einer Kammer mehrere ganz
-gewaltige Ballen feinster, handgewebter Leinwand lagen; sie stammten
-noch von meiner Großmutter Brunnow, die sie jahraus, jahrein für den
-Brautschatz ihrer Marie hatte weben lassen. Die schönen Tafeldamaste
-und Bettlinnen wurden ebenso wie das kostbare Kristall vorzugsweise
-zu Geschenken verwendet, wenn etwa eine der jüngeren Freundinnen sich
-verlobte, oder zu Vergütungen für geleistete Dienste. Nun war es unter
-den Geschwistern ganz üblich, daß, wenn einer des Morgens sein Handtuch
-nicht fand, weil der andere es benützt und in den Winkel geworfen
-hatte, der Geschädigte, statt um ein neues zu bitten, einfach zur
-Schere griff, um sich von dem Leinwandballen ein beliebiges Stück
-abzuschneiden, das er ohne Umstände in Gebrauch nahm. Mein Mütterlein
-verwehrte es nicht, sie half wohl selber mit, wenn gerade der Schlüssel
-zum Wäscheschrank verlegt war. Als ich ihr nun eines Tages den
-Vorschlag machte, mich die abgeschnittenen Stücke einsäumen zu lassen,
-wie ich es anderwärts gesehen hatte, weil es dann hübscher aussehen
-und länger halten würde, ließ sie mich ärgerlich an, ich solle mein
-Herz nicht an solchen Kleinkram hängen, sondern froh sein, daß ich mich
-geistig beschäftigen dürfe. Zugeben muß ich heute, daß die Handtücher
-jetzt doch zerrissen wären und daß die geistigen Werte, die sie uns
-gab, festen Bestand hatten. Aber damals machte es mich oft traurig,
-daß sich gar kein Austrag zwischen den höheren Aufgaben und der Welt
-des Irdischen finden ließ. Und wenn ich gar einmal, von einem Besuch
-bei auswärtigen Freunden heimkommend, eine dort gefundene Ordnung
-oder Verbesserung im eigenen Hause einführen wollte, so konnte sie
-ernstlich böse werden und mir drohen, sie würde mich niemals wieder
-in fremde Häuser gehen lassen. Sie pflegte dann in ihrer drastischen
-Weise zu klagen, daß ich meine Gaben nur hätte, um dümmer zu sein
-als das dümmste Frauenzimmer. In solchen Fällen stieß ich sogar auf
-den Widerstand Josephinens, die in ihrem eigenen Tun noch immer so
-pünktlich und geordnet war, wie sie es im Brunnowschen Hause gelernt
-hatte, die aber mit solcher Leidenschaft an ihrer Herrin hing, daß sie
-nur mit ihren Augen sehen konnte. Ganz mit mir zufrieden wurde mein
-gutes Mütterlein erst, wenn ich endlich, nach vergeblicher Bemühung,
-Ordnung zu stiften, entmutigt die Arme sinken ließ. Dann saß man
-wieder inmitten des häuslichen Durcheinanders, das einen nichts mehr
-anging, weltentrückt wie die indischen Weisen unter ihrem Urwaldbaum,
-und sie redete zu mir über das Woher und Wohin, vor allem über das
-Warum des Lebens. Denn in dieses zuckende, rastlose Flämmchen war ein
-ganz stiller, einsamer Denker eingeschlossen, der immerzu über die
-letzten Geheimnisse grübeln mußte. Die materialistische Weltauffassung,
-die damals der Philosophie den Boden wegnahm, befriedigte sie im
-Innern keineswegs. Das Rätsel des Todes machte ihr lebenslang zu
-schaffen. Sie prüfte unablässig alles Für und Wider der Gründe für
-ein Fortleben. Natürlich kam sie niemals zu einem Schluß, und es hing
-ganz von ihrer augenblicklichen inneren Verfassung ab, ob sie mehr
-dem Ja oder dem Nein zuneigte. Daß sie glühend das Ja ersehnte, um
-ihre Liebe noch über das Erdenleben hinaus zu betätigen, war für sie
-doch kein Grund, ihr Denken nach ihren Wünschen einzustellen. Sie
-erzählte mir oft, daß sie sich einmal mit einer Bekannten, Frau H. aus
-Eßlingen, das Wort gegeben hatte, welche vor der anderen stürbe, die
-wolle der Überlebenden ein Zeichen geben. Frau H. starb, und in einer
-der nächsten Nächte sah meine Mutter sie am Ende eines langen Ganges
-vorübergehen und ihr zunicken. Sie verstand gleich, was das Nicken
-bedeute, aber beim Erwachen erwachte auch der Zweifel. Weshalb sollte
-mir Frau H. erscheinen, sagte sie, und meine Mutter nicht, die mich
-so unendlich geliebt hat? Denn auch ihre Mutter hatte ihr ein solches
-Versprechen gegeben, und sie hatte nach ihrem Tode bestimmt auf eine
-Erscheinung gewartet. Als sie in der Nacht an ihrem Bette plötzlich ein
-Licht aufblitzen sah, dachte sie: das ist sie! Und lag mit klopfendem
-Herzen regungslos, um das Licht nicht zu verscheuchen, das immer um sie
-blieb und bald da, bald dort erschien. Aber am Morgen sah sie einen
-toten Leuchtkäfer auf dem Gesimse liegen und wartete fortan nicht
-mehr. Seit dieser Enttäuschung lehnte sie alle Mystik entschieden
-ab, wiewohl ein mystischer Zug unter dem Grunde ihres Bewußtseins
-lag. Sie hatte auch prophetische Träume, die sich seltsamerweise
-meist auf Nebensächliches bezogen, wie verlegte Gegenstände, deren
-Versteck ihr der Traum zeigte. Bisweilen hatten aber diese Träume auch
-bedeutenderen Inhalt, und einen davon werde ich an einer späteren
-Stelle erzählen. Es gab übrigens noch einen anderen geheimnisvollen
-Punkt in ihrem Seelenleben, über den sie sich nur selten und mit
-größter Zurückhaltung äußerte. Sie sagte mir nämlich wiederholt auf
-ganz verschiedenen Altersstufen, daß sie ein Dämonium wie das des
-Sokrates habe, das mitunter sehr nachdrücklich und stets in abmahnender
-oder mißbilligender Weise zu ihr spreche. Mehr erfuhr ich nicht und
-fragte auch nicht weiter, um eine solche Gabe, die bei ihrem Ungestüm
-gewiß wohltätig war, nicht durch Beschreien zu stören. Ich weiß aber,
-daß sie sich auch zu anderen andeutungsweise über die Sache geäußert
-hat.
-
-Ich hatte damals für ihre immer wiederkehrende faustische Klage, „daß
-wir nichts wissen können“, wenig Sinn. Die Tatsache unseres Hierseins
-war mir noch so neu und merkwürdig, daß ich nicht nach dem Woher und
-Wohin und am allerwenigsten nach dem Warum fragte. Dagegen liebte ich
-es, ihre Philosophie durch ganz spitzfindige Fragen zu bedrängen, wie
-diese: „Gesetzt, Papa hätte eine andere Frau genommen und besäße von
-ihr eine Tochter, du aber hättest einen anderen Mann und gleichfalls
-eine Tochter von ihm, welche von den beiden Töchtern wäre dann ich?“
--- Närrchen, dann wärest du eben überhaupt nicht vorhanden. -- Das war
-mir nicht vorstellbar. -- Vielleicht wäre ich zweimal da, jedesmal mit
-einer falschen Hälfte verbunden? -- Aber Kind, du redest ja den reinen
-Unsinn. -- Oder wären die zwei vielleicht meine Schwestern? -- Das
-wollte sie eher gelten lassen. -- Aber Mama, wenn ich gar nicht bin,
-wie kann ich dann Schwestern haben?! -- Die philosophische Untersuchung
-endigte zuletzt, wie philosophische Untersuchungen immer enden sollten,
-mit einem Lachen.
-
-Gänzlich unberührt vom häuslichen Wirrwarr lag des Vaters
-Studierzimmer. Dort waltete ich in seiner Abwesenheit ganz allein als
-Hüterin des Tempelfriedens. Schon in seinen frühen Ehejahren hatte
-er sich’s ausbedungen, daß keine Hand in häuslicher Absicht sein
-Schreibpult berühre (er arbeitete immer stehend), bis seine Tochter
-daran heraufgewachsen sei. Sobald meine Größe es erlaubte, trat ich
-mein tägliches Amt an, das Pult zu säubern und die Studierlampe in
-Ordnung zu halten. Es war dies so ziemlich die einzige häusliche
-Verrichtung, zu der ich überhaupt zugelassen wurde. Die wenigen Male,
-die ich sie gedankenlos versäumte, blieben mir schwer auf der Seele,
-denn daß er beim Nachhausekommen schweigend und ohne ein Wort des
-Vorwurfs nach dem Petroleumkännchen griff, hinterließ mir einen viel
-tieferen Eindruck, als es der schärfste Tadel vermocht hätte.
-
-Wer nun aber aus der Gleichgültigkeit meiner Mutter gegen die äußeren
-Lebensbedingungen schließen wollte, sie sei meinem Vater auch eine
-schlechte Geldverwalterin gewesen, der würde gröblich irren. Fast
-ohne Mittel fünf Kinder aufzuziehen, zu ernähren, zu kleiden, war
-oft eine nahezu unlösbare Aufgabe; sie hat sie dennoch gelöst,
-still, selbstverständlich, in höchster Würde, und, was mehr ist: in
-unerschöpflicher Freudigkeit. Das Glück, an seiner Seite zu leben,
-vergütete ihr jede Beschwerde. Ich erinnere mich nicht, daß es uns
-Kindern je am Nötigen gefehlt hätte. Auch kleine Freuden und Erholungen
-wurden uns nie versagt; wer zu kurz kam, war immer nur sie selbst.
-Daneben hatte sie die offenste Hand für alle Bedürftigen; sie wartete
-nie ab, daß ein Armer sie auf der Straße ansprach, sondern schlich
-ihm nach, bis sie ihm unbeobachtet geben konnte. Ein Apotheker in
-Tübingen erzählte mir, daß er oft als Kind am väterlichen Ladentisch
-mitangesehen habe, wie sie sich leise an irgendeine arme Frau
-herandrängte, um ihr verstohlen ein Geldstück in die Hand zu stecken,
-was niemand wahrnahm als der Dreikäsehoch, der die Welt von unten sah.
-Und sie hatte wahrlich nichts übrig, jede Gabe mußte durch vermehrtes
-Sparen ausgeglichen werden. Auch war sie immerzu häuslich tätig.
-Während sie dem einen Knaben die Hose flickte, nahm sie mit dem anderen
-seine Schulaufgaben durch, und wenn es nottat, griff sie im Haushalt
-auch beim Gröbsten zu, denn sie hielt dafür, daß keine Art von Arbeit
-schände. Nur die Hände ihrer Tochter sollten kein gemeines Geschäft
-verrichten; hier hatte der Demokratismus eine Lücke. Nicht einmal einen
-Kochlöffel zu berühren war mir erlaubt, so sehr ich bat, mich in der
-Küche mitbetätigen zu dürfen, denn ich trug immer eine ungestillte
-Sehnsucht nach Beschäftigung mit stofflichen Dingen in mir herum.
-
-Am hellsten glänzten die Wirtschaftskünste meiner Mutter, wenn
-plötzlich unerwartete Gäste erschienen, was bei der noch allgemein
-verbreiteten altschwäbischen Gastlichkeit leicht geschah. Unser
-Raum war so beschränkt, daß kaum die Familie selber Platz hatte,
-von Gastzimmer mit Gastbett keine Rede. Aber im Nu war ein Lager
-bereit, der Tisch wurde gedeckt, Josephine buk und brotzelte in der
-Küche, und es herrschte eitel Freude im Hause. Wie gut es den Gästen
-gefiel, bewiesen sie dadurch, daß sie häufig wochenlang blieben. Dies
-ging zumeist auf meine Kosten, denn ich mußte, da die Knaben nicht
-in der Ordnung gestört werden durften, alsdann mein Bett mit allen
-Bequemlichkeiten opfern. Mitunter fand ich nicht einmal mehr auf
-einem Kanapee Zuflucht, sondern mußte mich mit zusammengestellten
-Stühlen begnügen, die, wenn man sich bewegte, auseinanderfuhren und
-die daraufgelegten Kissen zu Boden gleiten ließen. Es kam selten vor,
-daß ich einmal längere Zeit im ungestörten Besitze meines Bettes
-blieb. Darüber durfte kein Wort verloren werden, Mama gab ja auch das
-ihrige her. Freilich war auch der Gewinn auf meiner Seite, denn die
-Besuche, besonders die von weither zugereisten, brachten neues Leben
-und Weltweite mit, wonach ich dürstete. In solchen Zeiten hatte dann
-das Lernen und alle geregelte Tätigkeit ein Ende: der Brauch verlangte,
-daß wenigstens die weiblichen Glieder des Hauses sich völlig den Gästen
-widmeten.
-
-Unter den kometenartigen Erscheinungen, die vorübergehend in unserem
-Hause auftauchten, strahlte besonders Frau Hedwig Wilhelmi, eine
-Freundin meiner beiden Eltern, die in Granada lebte. Sie war eine
-blendende, geistig angeregte Persönlichkeit von sehr freiem und
-rauschendem Auftreten, leidenschaftlich der materialistischen Richtung
-eines Vogt und Büchner ergeben, daneben auch literarisch angehaucht,
-kurz nach ihrem ganzen Wesen eine in der damaligen Frauenwelt unerhörte
-Ausnahme. In ihren späteren Lebensjahren machte sie sich in Deutschland
-und Amerika durch sozialistische Propaganda bekannt, stieß mit den
-Ausnahmegesetzen zusammen und erlitt Gefängnis, Verfolgung und Ungemach
-aller Art, wodurch ihr Wesen herber und ihre Haltung schroffer wurde.
-Aber gern rufe ich mir ihr Bild zurück, wie sie in meine Kindheit trat,
-die bewegliche Gestalt, den feinen, etwas hart geschnittenen Kopf mit
-den sprechenden Augen, von kurzen braunen Locken kühn umflattert, die
-unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Das Rauchen war an einer
-Frau damals noch etwas sehr Auffallendes, doch es ging ihr so hin,
-weil man in Deutschland glaubte, sie habe das in Spanien gelernt, die
-Spanier dagegen es für einen deutschen Brauch hielten. Ich kann sie mir
-gar nicht anders vorstellen als in einem Kreise von Herren sitzend,
-deren sie immer eine Anzahl um sich haben mußte, rauchend, trinkend,
-disputierend.
-
-Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug,
-brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen
-bildschönen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber
-in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug
-ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer
-raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die
-spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine
-Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte.
-Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil
-sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden
-hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen
-Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem
-Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken.
-Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung
-der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere
-Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie
-von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen
-Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich
-auch für mich selber ersehnte.
-
-Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen
-bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit
-leidenschaftlicher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an
-ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast
-wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den
-schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen,
-sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um
-die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal
-und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick
-verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider
-mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in
-grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein
-grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier
-umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser
-Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch
-ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der
-Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft,
-dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso
-grünen Schleier auf dem Hute zu tragen.
-
-Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs
-Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des
-Morgens ein, um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen
-Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und
-Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht
-bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses
-Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für
-mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste,
-zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden
-bei ihr Verständnis und Teilnahme -- unsere Josephine pflegte sie
-schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee
-in Fouqués Zauberring -- und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte,
-gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas
-geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes
-Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein;
-wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war
-meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches
-Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man
-nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht;
-trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger
-in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele
-aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist;
-das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte
-ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches,
-Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe
-Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere
-ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo --
-ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen -- mit brennender Neugier
-verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem
-er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte,
-spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich
-dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals
-angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine
-früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die
-Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur
-ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen,
-mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines
-Lehrbuchs -- eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht --,
-sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der
-Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vorliebe,
-er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen
-Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren
-wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen
-der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen
-Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die
-schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das
-Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren,
-ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein
-etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen
-Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen
-den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl
-damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen
-des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen.
-Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich
-der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr
-angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“,
-seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß
-die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern
-nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden sind, nahm ihnen für
-sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen
-Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen
-Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er
-das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der
-so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen
-Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen
-Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch
-erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man
-beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur,
-auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen,
-die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal
-verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von
-irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las,
-bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie
-mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei
-entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr
-klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der
-anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief
-immer gleich wieder mit ihr davon.
-
-Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne
-messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten
-Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden
-waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings
-namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an
-Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der
-Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde
-er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser
-arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde
-zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte
-ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und
-flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe
-schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s
-nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit
-possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet
-am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren,
-mitzulachen.
-
-Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten,
-wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der
-tollste Nachklang des Jahres 1848.
-
-Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der
-überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt
-habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer
-heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und
-tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor
-der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als
-das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch
-röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es
-der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie
-überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil
-ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken,
-als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung
-beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser,
-den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein
-fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen
-Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt
-würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine
-achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn,
-zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die
-bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen
-erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke
-Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn
-Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger
-Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen
-mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“,
-eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er
-sich auch literarisch bekannt gemacht.
-
-In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den
-Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand,
-in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren
-Jugendtagen schon verschollene Weise:
-
- Wenn die Fürsten fragen:
- Lebt der Hecker noch?
- Sollt ihr ihnen sagen:
- Hecker, der lebt hoch!
- Aber nicht am Galgen,
- Nicht an einem Strick,
- Sondern an der Spitze
- Deutscher Republik.
-
-Ein Proletarier schrieb:
-
-Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben
-soll, so will ich es eben dun:
-
- I ka’ keine Versle mache,
- I verstand et selle Sache,
- Drum ruf i mit wildem Blick:
- Hurra hoch die Rebolik.
-
-Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte
-sich durch den kurzen Spruch:
-
- Hecker, Struwe, Ziz und Blum,
- Kommt und bringt die Breißen um!
-
-Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein
-Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung:
-Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit
-erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen?
-(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!
-
-Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In
-mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem
-Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald
-im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem
-Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson,
-und in der blutrünstigen Tragödie „Der Tyrann“ stirbt sie als
-freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten
-Handwerksburschen auf der Barrikade.
-
-Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es
-auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in
-Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein
-Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei
-weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen
-konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der
-Ausdruck einer Zeitstimmung war.
-
-
-
-
-1866.
-
-
-Wenn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung
-auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch -- der Völkerfrühling!
-Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das
-Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück
-leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis
-die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte
-und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere
-Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die
-zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal
-aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd
-sagte: Teile wellet se, teile! -- und ihrem ausziehenden Freischärler
-nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! -- Meine
-Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzigern. Doch ging mein
-gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht
-so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein
-selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus
-nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die
-Stelle:
-
- Dem Erwecker in dem Westen
- Bleibe hold, er will nicht mehr,
-
-nachträglich verändert in das warnende:
-
- Dem Erwecker in dem Westen
- Gib das Seine, gib nicht mehr.
-
-Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal
-seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu
-werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen
-Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei
-meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es
-keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als
-der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren
-Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren
-Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie
-einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits-
-und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben. Sie glaubte in ihrem
-Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von
-Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor
-schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach
-Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen
-eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als
-großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf
-dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor
-Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der
-nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber,
-bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England
-gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber
-Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling
-lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei
-einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als
-einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau
-Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich
-verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf
-immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht,
-daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bismarck
-geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief
-war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den
-Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer
-dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen
-Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten
-Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches
-Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß
-meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter,
-englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit
-düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren
-Tat zu reifen scheint.
-
-Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische
-Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch
-nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen
-könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen
-her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit
-schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt
-war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine
-unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht,
-wenigstens einen Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn
-es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der
-uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der
-Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke
-abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines
-Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es
-zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans
-Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all
-seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach:
-es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen
-die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die
-Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder
-zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten
-sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war
-versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein
-Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es
-mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch
-leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt
-werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt.
-
-Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen,
-und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet
-sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk
-aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben
-kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte
-längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist
-des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke
-für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne
-Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als
-außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend
-begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher
-Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei
-Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz
-normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen
-kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause
-das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem
-Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte
-diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten
-durchführen, denn es wohnte damals in dem kleinen Schwabenland
-die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten
-Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte
-reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs
-Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller,
-Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken.
-Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses
-Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede
-genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen
-Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen
-immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und
-hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit
-verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der
-Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze
-Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art
-Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte
-ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu
-sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf
-den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte,
-aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not beizuspringen
-oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft
-entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen
-Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte
-eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück
-machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste
-und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit
-dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte
-einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas
-Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den
-irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er
-anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen.
-
-Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht
-gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine
-seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war
-und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner
-Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen
-Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer
-ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch
-sein ganzes Wesen war norddeutsch ernsthaft und immerzu feierlich
-pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor
-unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein
-ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die
-Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum
-„strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem
-kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein
-mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen
-Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung
-nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte
-er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat
-das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die
-Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann
-nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es
-doch zu ergründen. -- Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem
-ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen
-Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat
-keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte
-durchgängig etwas prinzipienmäßig Gedankliches, denn seine Begabung
-war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten
-Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das
-gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte
-ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen,
-fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen
-unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er
-württembergischer Staatsbürger geworden war.
-
-Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir
-bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde
-jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in
-Stuttgart besuchen. Einmal -- es war während des Siebziger Krieges
--- wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die
-mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz
-liturgischen Charakter hatte.
-
-
-
-
-Die Geburt der Tragödie.
-
-
-Wenn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise
-keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich
-von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis
-gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen
-Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei
-uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter
-ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken.
-Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden,
-die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso
-stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand
-fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so
-frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten
-erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare
-und Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche
-Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den
-kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden
-sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch
-mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts,
-alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß
-Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der
-kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und
-die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch
-das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich
-starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber
-sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde
-mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung
-heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen
-war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der
-mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des
-Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den
-Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus
-den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen, die Blumen der Tapete,
-die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen
-sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im
-Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein,
-um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das
-Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber
-war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze
-wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng
-zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis
-ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte.
-Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen
-Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die
-bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe
-Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß
-der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der
-Sonne aufs neue dem Giftgenuß.
-
-In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer
-Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang.
-Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem
-geheimnisvollen Abrakadabra herum, das wir auf großen Papierbogen
-kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so
-versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen
-Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen
-Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei
-streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes
-über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen
-wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie
-nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt,
-was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach
-übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in
-meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die
-andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß
-ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit
-wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker
-Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich
-ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor
-keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin
-gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und
-die Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der
-letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei
-verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen
-Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt
-wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren
-die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist
-herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese
-Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald
-ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen
-übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen
-Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an,
-aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen
-lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk-
-und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die
-Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter
-Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das
-Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein
-rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst
-wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie sich noch unter dem
-Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch
-in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete,
-ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich
-der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete.
-Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf
-der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch
-die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die
-Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele
-bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte.
-
-Unterdessen hatte auch das Lesegift, womit ich mich durchtränkte,
-allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich
-begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte.
-Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte
-mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart
-zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen
-Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen
-Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz
-in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt,
-weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der
-ihm unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der
-zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften
-Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten,
-gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen
-Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger
-Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns
-häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud,
-hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der
-von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem
-Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu
-gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er
-könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen.
-Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch
-vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird.
-
-Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig
-gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet
-zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der
-Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten
-an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen
-Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als
-Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und
-dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici
-nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß
-ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine
-ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister
-bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß
-das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme
-fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich
-mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die
-gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom
-Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den
-ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den
-gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund
-fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter
-Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es
-waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der
-Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog
-übernommen, ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten
-Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe
-kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die
-vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte,
-den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden
-Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war
-und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch
-nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er
-sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin
-dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend
-wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie
-schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern
-auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen
-Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an
-dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen
-haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem
-beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben
-zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe
-verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles
-recht machen.
-
-Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die
-Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren
-Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer
-bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen
-sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum
-Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar
-hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt,
-ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn
-an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen,
-ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst,
-er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden;
-die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei
-fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes
-Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm.
-
-Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich
-so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren
-Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters
-aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus
-zuzuwenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“,
-die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in
-deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war,
-gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem
-eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen
-mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade
-in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die
-Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein
-zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte
-hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt
-glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden.
-
-Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung.
-Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete
-Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen
-glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden
-vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich
-meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach
-meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade,
-in die ich ihn hätte retten können, wie der glücklichere Edgar,
-an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es
-ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade
-ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben,
-und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die
-neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk
-zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht
-tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und
-keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie
-in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann
-Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater
-verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und
-sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach
-Jahresfrist -- man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will
--- war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere
-mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern
-fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war
-immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz
-Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den
-eines Dichters und Freiheitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen
-Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte
-sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit
-des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten
-ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir
-mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges.
-Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins
-Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch
-vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs -- an der
-Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein --, aber
-gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine
-lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie
-und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem
-Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder
-ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen
-Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene,
-als er fragte:
-
-Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der
-gemordete Backfisch.
-
-Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell
-dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“.
-
-Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß
-ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen
-konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch.
-
-Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig
-Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal
-der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit
-lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige
-Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich
-die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der
-väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen
-Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach
-nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch
-wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich
-auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte:
-der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile,
-worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns
-Kindern war im Gegenteil das Leben außerordentlich schwierig gemacht.
-Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten
-selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen
-konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten,
-sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst
-erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen.
-
-Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden,
-beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen,
-künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie
-allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses
-Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. _Eine_ Vorstellung
-wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte
-mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend:
-Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes,
-körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem
-Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine
-ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also
-die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der
-verfrühte Trieb, der noch gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte,
-legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch
-keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln.
-
-
-
-
-Vorfrühling.
-
-
-Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis
-getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet
-wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige
-geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da
-zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche,
-sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im
-Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili
-sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und
-an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich,
-nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange
-Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war
-ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie
-gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst.
-Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen
-Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in
-unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein
-paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres
-Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide
-nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft
-fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre
-durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und
-Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf
-der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns
-zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine
-Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch
-das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm
-recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis.
-Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der
-Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht
-nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften
-ein so großes Hindernis bilden.
-
-Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit
-scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den
-halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der
-Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel
-mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder
-aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten
-Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks
-herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte
-nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte
-Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht,
-daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht
-zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie
-sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem
-Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht
-zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.
-
-Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen
-Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit
-den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern --
-und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines
-Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land
-der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von
-Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten,
-da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt
-worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich
-in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer
-vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal
-ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir
-außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen
-großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.
-
-Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer
-benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste
-Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein
-ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches
-war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an
-ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine
-gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte,
-taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes
-bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken.
-Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große
-verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische
-Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere
-Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres
-immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll
-Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre
-mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere
-Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren
-immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war
-es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.
-
-Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin
-meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie
-verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte
-niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt
-erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen.
-Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus
-Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand
-gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen
-Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise
-begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem
-Umfang ausdehnte. Die Vielgeschmähte war jedoch nicht ganz vom Übel.
-Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe
-für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch
-kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit
-ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune
-sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann
-häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese
-auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es
-genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen,
-man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen,
-ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht
-nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili
-zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst -- denn es war
-eine solche --, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und
-sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.
-
-Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein
-stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil
-ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre
-Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte
-schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten
-teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten
-Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von
-Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die
-Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor
-dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle
-meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem
-ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte
-ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern.
-Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr
-nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in
-dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit,
-die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem
-man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis
-Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie
-an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den
-tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir
-aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst,
-das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere
-Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.
-
-Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das
-liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte.
-Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und
-die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte
-nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie
-die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser
-lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili
-gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr
-sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte,
-war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte
-er völlig.
-
-Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten
-Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin
-eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der
-einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen
-beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und
-sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen
-suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche
-mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann
-wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen
-zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als
-die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser
-Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen
-stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von
-den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen
-Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.
-
-Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums.
-Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten
-die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die
-naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger
-von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die
-eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft
-ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die
-niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir
-in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie,
-und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner
-Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind,
-und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber _das_
-kannst du nicht von mir verlangen.
-
-Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und
-beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein.
-Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte
-sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich
-jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis
-Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der
-eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt
-vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig
-Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses
-herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich
-hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle,
-stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel
-überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte
-schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen,
-die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als
-Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von
-klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles,
-was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für
-mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel
-und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und
-Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich
-ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich
-noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich
-auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung
-zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der
-Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte,
-mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner
-Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan,
-und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter,
-schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah;
-die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen
-kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir
-gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den
-Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns
-beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.
-
-Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid
-gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland
-hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die
-Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine
-Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir
-vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an
-und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit
-Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor
-dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen,
-daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner
-nicht zu schämen habe.
-
-Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel
-in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht.
-In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich
-nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer
-aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich,
-um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das
-blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten
-nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich
-gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein
-davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die
-Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie
-das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen
-metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes,
-Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs
-allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich.
-Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf
-die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit
-Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen
-begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht
-hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte
-nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist
-Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte,
-und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe.
-In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf
-steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser
-Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten
-wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese
-quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge
-Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen
-machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des
-Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten
-Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge
-der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen
-sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem
-Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese
-Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die
-sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen
-hatten.
-
-Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber
-ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen
-immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen
-Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh
-verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal
-mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die
-uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen
-Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat
-sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein
-leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es
-war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen
-Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen
-geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium
-war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen
-Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich
-ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte,
-um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere
-vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der
-Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein
-mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem
-Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir
-kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit,
-ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze
-männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir
-schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem
-so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes,
-innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie
-die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf
-aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei,
-jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn
-ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in
-solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten
-Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der
-viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen
-als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht
-irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens
-mißdeute.
-
-Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich
-der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten,
-die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf
-geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes
-Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie
-jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von
-ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem
-Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder
-gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen
-„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein
-Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der
-Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns
-beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir
-vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf,
-aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein
-Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht
-sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich
-gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein,
-das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst
-verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir
-lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s
-nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da
-kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen
-für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten
-Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel
-erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen
-allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor
-Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene
-Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte,
-den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich
-ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte
-ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen
-kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit
-und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und
-genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren
-Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst
-in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen
-all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und
-zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten
-zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und
-wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht
-in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in
-jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen,
-die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem
-bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein
-weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz
-aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher,
-als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein
-Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig
-verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es
-war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten
-jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den
-Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und
-Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines
-Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen
-Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser
-kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester!
--- -- --
-
-Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als
-ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein.
-Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder
-mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen
-sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg,
-von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit
-entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem
-leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst
-gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe
-aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und
-plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis,
-gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich
-desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst
-aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so
-erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste
-Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt
-hat es wieder den höchsten Grad erreicht. -- Aber nie konnte ich sie
-bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen,
-schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der
-die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals
-handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten
-grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich
-vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich
-zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es
-war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen,
-denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber
-Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das
-Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das
-Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit
-ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete
-sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt
-ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und
-wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden!
-Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen
-Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein
-Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle
-Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie
-hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen
-gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der
-Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur
-die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße
-der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem
-stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und
-wir wieder alle heil in unseren Betten.
-
-Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der
-auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl
-ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des
-Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung,
-wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte
-Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen
-unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße
-Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen
-nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu
-bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte
-es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden
-Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich
-die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der
-Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten
-von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich
-in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch
-öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund
-für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein
-Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb.
-Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die
-Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte
-ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne
-Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden,
-das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der
-letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der
-Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle
-von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen
-Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt,
-aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die
-Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall,
-daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete
-sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte
-sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel
-längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von
-dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon
-die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten
-Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien,
-schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich
-über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen
-tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig
-nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer
-Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing
-ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich
-vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden
-Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets
-beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein
-auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich
-befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel
-schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber
-hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den
-hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun,
-um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich
-begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame
-gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie
-so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen
-wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte,
-zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade
-Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so
-recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich
-abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar,
-dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man
-unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete
-sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des
-Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war
-unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie
-zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich
-selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren
-Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich
-hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne,
-und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres,
-sorgloseres Kinderlachen hören.
-
-Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß
-gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die
-Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte
-dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte
-für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein.
-Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen
-schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine
-Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in
-den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von
-vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf,
-sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt
-des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für
-ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war.
-Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch
-ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die
-Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder
-Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft
-versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe
-fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich
-an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie
-selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß
-unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele
-gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen
-besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik
-beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der
-Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich
-es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine
-Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm
-meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel
-Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich
-alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus
-erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es
-als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein
-sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu
-predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung
-vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.
-
-
-
-
-Ein Nothelfer.
-
-Russische Freunde.
-
-
-Unterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem
-Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer
-ersten Liebe an sich hatte.
-
-In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer
-Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den
-zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern
-mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren
-Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer
-an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus,
-teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene
-Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den
-frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel
-geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten
-Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal
-zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp
-Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten,
-und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken.
-Aber wem? -- Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor
-der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein
-leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter
-Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und
-alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa
-Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt,
-eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und
-schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches
-Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur
-seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich
-fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war
-bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich,
-was für den Knappen der Ritterschlag.
-
-Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben
-alten Waldwirtschaft, wo Frau Lächler, die philosophische Wirtin,
-uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da
-erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen
-großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen
-siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich
-sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen
-nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige
-dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse
-als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich
-allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus
-an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen,
-die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen
-altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite,
-wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse
-bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste
-Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch
-so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen,
-vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten,
-sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches
-Widerspiel. Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es
-schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen.
-Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der
-leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der
-Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner
-Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie
-ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das
-kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm
-jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen
-Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber
-so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig
-war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres
-Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte
-seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor,
-um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging,
-wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt,
-der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier
-„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die
-Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz der ihm erwiesenen Ehre
-hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange
-es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über
-Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte
-seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines
-Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.
-
-Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders
-ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich
-begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur
-über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde
-war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht.
-Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine
-immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir
-seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so
-stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese
-Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte
-und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer
-stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und
-den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem
-bürgerlich hergebrachten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu
-erweitern suchte.
-
-An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen
-Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch
-nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch
-der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen,
-wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres
-Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und
-der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine
-und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei
-Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von
-seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem
-seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur
-Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons,
-nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später
-seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte
-gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und
-ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden
-wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im
-Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesellschaftsspiele, bei
-denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch
-Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte
-komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen,
-worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe
-Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die
-ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen
-Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit
-ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften
-nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer
-und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der
-reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen
-plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen
-Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen,
-selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu
-widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner
-Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine
-Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus
-verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken.
-Dafür wandte sich ein andermal der Groll gegen ihn, wenn er sich z.
-B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht
-leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien
-dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen
-seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und
-er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten
-mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren,
-zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und
-her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er
-das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von
-seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte
-ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich
-zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem
-fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen
-pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die
-Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen
-mit Schokoladenguß mit. Ja -- und du? hieß es dann. Sie behauptete
-jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle
-wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste,
-und diese Törtchen waren besonders fein. Deshalb aß sie nie eins,
-sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere
-essen zu sehen.
-
-Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu
-gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als
-angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch
-eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder
-sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama
-war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs.
-Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals
-bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur
-Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren,
-nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit
-unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne
-Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen
-konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien,
-sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um
-dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen
-und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen
-gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre
-kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine
-Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die
-Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben,
-damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund,
-der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es
-war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen
-Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit
-unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter
-diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als
-Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet
-mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken
-hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt.
-Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür
-wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand
-es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon
-auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich
-auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine
-Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein
-Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die ganze Germania, schrieb
-sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder
-ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister
-in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer
-Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und
-Sallustübersetzungen.
-
-Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau.
-Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen,
-den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes,
-lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem
-Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem
-großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur
-Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in
-ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen
-Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den
-Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur,
-geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand
-fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein
-förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele
-ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich dann beim Kehraus schadlos.
-Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der
-Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war.
-Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf.
-Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch
-hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen
-Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer
-den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen.
-Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und
-Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber
-doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da
-man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster
-Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend
-kränzebeladen und freudensatt -- denn sie genoß meine Jugendfreuden
-fast mehr als ich selber -- nach Hause fuhren, holten uns Ernst und
-Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen
-behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen
-Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin
-schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelungenstil
-aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten
-bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang,
-eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum
-Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein
-späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher
-Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf
-durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten
-ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe
-doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden
-schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten
-fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der
-Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.
-
-Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg
-allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen
-nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch
-auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden
-Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon
-Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich
-am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu
-erlangen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen
-Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der
-Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber,
-an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend
-die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge,
-die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein
-altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen
-über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei
-jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer
-Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im
-Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche
-Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder
-im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite
-offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte
-Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt
-von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten.
-Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt
-sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein.
-Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen teilen,
-damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache
-und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der
-andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und
-entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und
-Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten
-sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und
-Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück
-mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit
-der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras
-essen mögt! -- Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen
-am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her
-waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu
-stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen
-Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu
-reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum
-Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch
-allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von
-dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche
-Stadt in fremden Händen zu wissen. In der Dunkelheit kehrten sie über
-die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück;
-der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder
-Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien
-Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken
-Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.
-
-Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich
-im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien
-zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem
-Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich
-unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von
-der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten
-Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über
-die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu
-erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja,
-jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.
-
-Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere
-Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft
-aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigenheiten hatte es
-dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen
-seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen
-Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch
-Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam,
-half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich
-noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei
-einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten
-geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo!
--- Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist
-mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund
-der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte
-er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine
-kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn,
-dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte
-dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war
-und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie
-noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er
-gut aufgelegt war.
-
-Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt
-in dem Freundschaftsbund, der sein Glück gewesen war, allmählich
-zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter
-hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals,
-sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine
-Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt
-sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit
-der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald
-fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und
-Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der
-guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen.
-Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu
-verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen
-Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder
-Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er
-fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe.
-Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches
-Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er
-machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er
-kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich,
-zwischen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht
-wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann _hast_ du
-gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.
-
-Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig
-im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil
-er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere
-sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten
-Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und
-fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und
-doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war
-jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor
-Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß
-er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein
-Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte.
-Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener
-Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise
-es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen
-aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen
-Flüssigkeit. Er merkte nichts und hat nie von dem Tausch erfahren. Die
-Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes
-Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis,
-dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so
-schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so
-recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund
-mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche
-Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte
-seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals
-Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber
-mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie
-mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer
-Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten
-Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut;
-sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die
-Liebe.
-
-Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem
-der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte
-jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der
-Gedanke, daß der erste beste mit einer Verbeugung an seine Schwester
-herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß
-ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief,
-und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken
-ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim
-Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom
-Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen,
-daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht
-hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es
-wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen,
-jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn
-Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern
-unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger
-Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem
-Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen,
-und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm
-halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich
-zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.
-
-Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußerlich durch die Familie
-verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder
-mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar
-abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden
-gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich
-für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte.
-Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir
-endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in
-Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk
-nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand
-und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten
-weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie
-selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen
-worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen
-Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den
-schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen
-zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine
-Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und
-Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen
-Bäckerladen flüchteten, der schnell geschlossen werden mußte. Die
-Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir
-wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau
-in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder
-hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem
-Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas
-anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.
-
-Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie
-entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere
-Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung
-kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die
-älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu
-rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben.
-Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam
-zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein
-Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren
-auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg
-Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone
-wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren
-Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur
-daß Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem
-aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel
-verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig
-da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch
-immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch
-nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt
-Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln,
-was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder
-Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles
-beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.
-
-Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche
-Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln
-an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen
-überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt.
-Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte
-sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren
-grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der
-berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und
-erzählte von ihren galanten Beziehungen zu der vornehmen Damenwelt von
-Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um
-mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen
--- aber nur durchs Schlüsselloch!
-
- *
-
-Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging,
-wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im
-Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky
-aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt
-aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß
-ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen
-gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und
-wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre
-ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre
-Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu
-können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren
-Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so
-stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit
-im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die
-mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für
-die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir
-zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als
-sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers
-von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache
-zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten,
-in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier
-nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu
-über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen
-ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß
-mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr
-den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen
-Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen.
-Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit
-meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her
-russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer:
-ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der
-Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der
-das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr
-auch keine große Freude machen zu wollen. Der Unterricht, den sie mir
-gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete
-sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden
-Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen
-Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit
-mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit
-in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte.
-Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus
-Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen
-als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge
-nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde
-geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen
-Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im
-Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen
-Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht
-in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich
-glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den
-geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel,
-wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne
-Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir meine Mittel
-erst später) meine Sätze baute -- häufig zur großen Heiterkeit der
-Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht
-das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um
-mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur
-zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit
-Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür
-blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie
-hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der
-Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt
-von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen
-und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich
-durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein
-von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann
-die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause
-aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen
-lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter
-Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.
-
-
-
-
-Ein französischer Revolutionär.
-
-Jugendeseleien.
-
-
-Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr.
-Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt
-war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß
-ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen
-Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre
-doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just
-schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe.
-1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris
-betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen
-waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig
-Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war
-damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon
-Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere
-Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die
-bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen,
-in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch
-Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine
-Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten
-Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt
-und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus
-zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung
-völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben
-an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem
-Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener
-besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete
-Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des
-Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte
-schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen
-helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er
-nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution
-von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch
-das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten
-Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der
-Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein
-Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt
-ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb -- er
-trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel,
-und sozialwirtschaftliche Studien --, hatten vor allem den Zweck, der
-Partei zu dienen.
-
-Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und
-ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution
-den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser
-verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft
-seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen,
-charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres
-kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr
-ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der
-Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose,
-zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein
-Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit
-für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund
-die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters,
-aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach
-Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer
-künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah
-alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt
-hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er
-auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken
-Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der
-Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme...
-
-Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der
-des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens
-hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist
-in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher
-Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den
-Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit
-meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren
-Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit
-im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an
-die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht
-werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur
-bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz
-besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter
-zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem
-Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch
-belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er
-sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des
-Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte
-er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer
-sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes
-Vitriol in den Adern.
-
-Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar
-den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er
-übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch
-auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere
-Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe
-für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg
-ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose
-Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten
-Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich
-einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel
-zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es
-meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen
-war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er
-sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs
-Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste
-Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen
-und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein
-Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la
-grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur
-Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten
-Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf
-altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.
-
-Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen
-Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit
-der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die
-treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in
-dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen
-hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu
-denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch
-dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen
-gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die
-Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit
-entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei
-der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach
-Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes
-Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so
-fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein
-späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab
-um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der
-beiden Mütter aufrechterhalten.
-
-Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war
-voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das
-ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals
-gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung,
-aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis
-von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den
-„Volksstaat“, wollte die soziale Frage lösen und sang in den
-feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es
-dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie
-hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich
-aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf
-die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf
-die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt
-doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes
-auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen
-Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in
-dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem
-besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß
-von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich
-heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit
-ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat,
-in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu
-erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie
-begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu
-modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell
-so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte
-sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der
-künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur,
-und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame
-Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge
-mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück,
-der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der
-Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle
-Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im
-Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang
-tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal
-errichtet.
-
-In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen
-humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon,
-Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen
-Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem
-neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung
-sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen
-werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant
-dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen
-hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, --
-was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß,
-weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern.
-Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.
-
--- -- -- Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich
-mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh
-gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt.
-Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus
-dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge,
-die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch
-hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander
-den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste
-Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein
-andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem
-Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese
-Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie
-gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären
-sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche
-Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die
-ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder
-feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so
-gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend
-stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den
-Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und
-Fülle der Falten ersetzte.
-
-Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu
-verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen
-heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine
-Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend
-Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere
-Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen
-Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige
-Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine
-kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen
-in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte:
-Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa
-bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten
-sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr
-festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem
-Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die
-Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern,
-die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe
-neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern
-nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen
-waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu
-dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche
-Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht.
-Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den
-Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer
-in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel
-betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig
-sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden
-Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je
-eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das
-eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei
-schon hinter mir.
-
-Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von
-Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere
-Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster
-Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal
-Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger
-Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener
-Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß
-ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel
-des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat
-einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen
-Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener
-Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach
-seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von
-seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen,
-die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen
-Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich
-allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit
-und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal
-mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu
-tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für
-den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden
-Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon
-vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr
-geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern
-von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er
-mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich
-an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr
-zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen
-zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen,
-die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo.
-Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen
-eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte,
-wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem
-Gespräch und der Arbeit geteilt saß. -- Meine größte Schwierigkeit aber
-war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre
-damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten
-ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten
-übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines
-heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie
-darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele
-fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und
-leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht
-die meinigen waren.
-
-So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große,
-außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb
-nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu
-suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere
-gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch
-und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin
-geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr
-Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die
-Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben
-ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ
-die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder
-wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie
-gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen?
-Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich
-unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub
-auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte,
-mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie
-man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer
-Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich
-ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie
-zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall
-der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das
-keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem
-schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn
-je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie
-der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese
-Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl
-der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin
-über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich
-Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten
-Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist
-er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah
-ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser
-Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten
-Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem
-Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer
-von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang
-bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn
-für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig
-entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die
-größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau
-das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche
-Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und
-nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung
-des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem
-Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den
-Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das
-Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!
-
-
-
-
-1870.
-
-
-Wir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig
-getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus
-Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte
-aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den
-Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im
-achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war
-die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl
-fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war
-im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter
-glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich
-schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der
-wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt
-hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich
-all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem
-starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas
-bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter
-die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu
-bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie,
-und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem
-Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen
-Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen
-Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde,
-bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern,
-mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes
-Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte.
-Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der
-Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir
-öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i.
-Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem
-ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer,
-und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die
-Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall,
-daher Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine
-Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die
-sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und
-wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig
-und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen
-Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine
-von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten
-Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu
-verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich
-diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand
-zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er
-von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was
-uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir
-lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier
-dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in
-dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans
-Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes
-Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster
-mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich warf noch zur Antwort und
-Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich,
-eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.
-
-Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus
-den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und
-zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung
-des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare
-mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden
-pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest
-zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen
-war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und
-entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder
-aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die
-Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht
-irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde
-wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine
-Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe --
-dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte -- ich sage:
-das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig -- aber an die Tür pochte etwas
-völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von
-der Emser Depesche.
-
-Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste,
-in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug.
-Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer
-Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi
-mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch
-weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine
-Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr
-die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf
-eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso
-glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß
-er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur
-durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne.
-Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die
-Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von
-Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und
-wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten
-Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name
-in allen europäischen Zeitungen zu finden. Er wurde zuerst an die
-Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens
-berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus
-den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die
-Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei
-seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich
-dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher
-Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das
-ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit
-berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die
-deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will
-gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig
-bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die
-Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung
-die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache,
-was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht,
-als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der
-Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren
-war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich
-als Eseltreiber verkleidet über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu
-retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals,
-daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich
-einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt,
-aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In
-Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten
-Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu
-Deutschland.
-
-Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre
-Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß
-an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des
-Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber
-konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit
-einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem
-französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie
-durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich,
-das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer
-Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand
-hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene
-Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren alten Groll
-und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese
-Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß
-sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen
-es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am
-stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.
-
-Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter
-Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm
-zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum,
-der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres
-Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten
-eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen
-will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die
-Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er
-hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu
-seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz
-standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch
-seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten
-Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die
-bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige
-Gottseibeiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine
-Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des
-gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln,
-damit der Blitz nicht ins Haus schlage.
-
-Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens
-die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte,
-verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war,
-die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit
-dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung
-des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar
-zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich
-nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren
-Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu
-schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des
-Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs,
-für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte,
-Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie
-gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von
-bierheiseren Bürgerstimmen am sicheren Wirtshaustisch gesungen, war
-ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch
-empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte
-nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur
-war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares
-Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen
-konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete
-höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter
-meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in
-der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für
-mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so
-ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger
-sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer
-Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch
-für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich
-gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals
-in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige
-für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man
-geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. -- Nur einmal, beim
-Friedensschluß, schlugen alle Herzen in der Familie zusammen und im
-Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte
-auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen.
-
-
-
-
-Rigi Regina.
-
-
-Eines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht,
-daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein
-war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen
-mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal
-genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte
-Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu
-einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz,
-als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht
-war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar
-dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene
-Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und
-dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu
-zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise nur
-als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort
-bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam,
-die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein
-Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu
-bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich
-blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder
-aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie
-schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten
-Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen
-begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine
-Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi
-Regina!
-
-Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und
-Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu
-werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen,
-denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht
-mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten
-pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen
-durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck
-unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der Mnemotechnik haben
-sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die
-ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt.
-
-Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit
-das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in
-dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem
-brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in
-der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester,
-um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte,
-verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem
-Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß
-Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte
-ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren
-Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit
-dem ersten Zank.
-
-Einige mitreisende Herren, die das blutjunge Pärchen beobachteten,
-begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die
-Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte.
-Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich
-einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten
-sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jungen Herrn an mich
-heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre
-erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber
-lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon.
-Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren,
-machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein
-Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde,
-daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne
-die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich
-erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern,
-der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze
-Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel
-vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die
-Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches.
-Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber
-ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen;
-Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher
-Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf
-dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der
-Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen man uns dort ansah.
-Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt
-und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu
-fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls
-nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des
-kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr
-weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher
-gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die
-Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen
-zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer.
-Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd
-schlichen wir in unsere Betten zurück.
-
-Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die
-Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen,
-um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff
-ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster
-hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde
-dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese
-übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen
-Rest des Reisegelds verschlungen.
-
-Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. -- Ich
-sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und
-wir schritten stolz hinaus.
-
-Inzwischen begann die Sonne doch noch Meister zu werden, und außen im
-Freien stand eine Gesellschaft von angelsächsischem Ansehen beisammen,
-die mit ihren Gläsern nach auftauchenden Bergspitzen fischte. Und wie
-bestellt, um Edgars Mißmut zum Kochen zu bringen, trat einer der Herren
-aus der Gruppe heraus und bot mir in englischer Sprache sein Fernglas
-an, weil eben die Berner Alpen aus dem Nebel träten; ich selber besaß
-nämlich keines. Bevor ich aber danach greifen oder Dank sagen konnte,
-hatte mich mein erzürnter Gefährte gewaltsam weggerissen und lief,
-mich an der Hand nachziehend, wie eine Dampfmaschine bergab. Natürlich
-kam nun bei mir die Milch der frommen Denkart wieder stark ins Gären,
-denn ich stellte mir das Lachen der Zurückgebliebenen vor. Ihm aber
-saßen neben der Anglophobie vermutlich auch noch die weggeworfenen
-Kostbarkeiten auf den Fersen, daß er so eilte. Der Wunderanblick, der
-sich aus dem Nebel rang, führte dann wieder die Versöhnung herbei. Aber
-nicht auf lange. Denn schon sehe ich die beiden Kindsköpfe wieder,
-wie sie aufs neue beleidigt und stumm den langen Weg durch den
-Straßenstaub der Ebene pilgern, er hüben und sie drüben.
-
-Unsere Kasse, die Edgar führte, war so geschröpft, daß wir die nächste
-Nacht nur noch in einer Kutscherkneipe verbringen konnten. Aber der
-Vater hatte uns eingeschärft, uns nichts abgehen zu lassen, er habe
-einen Bekannten in Zürich beauftragt, eine kleine Summe bereitzuhalten
-für den Fall, daß uns auf der Rückreise das Geld ausgehen sollte. Wir
-machten uns also keine Sorge, denn bis Zürich brauchten wir nur noch
-die Fahrkarte, nachdem wir unsere Bedürfnisse schon sehr eingeschränkt
-hatten.
-
-Aber in Zürich, als der Zuschuß abgeholt werden sollte, erklärte Edgar,
-daß ich den Gang allein tun müsse, denn er seinerseits finde solch
-ein plötzliches Auftauchen und Geldheischen landstreichermäßig und
-bettelhaft. Ich fiel aus den Wolken; von dieser Seite hatte ich die
-Sache nie angesehen, obwohl auch mir bei dem Unternehmen nicht recht
-wohl war. So ließ ich mich alsbald von der Verkehrtheit anstecken und
-fühlte mich nur verletzt, daß mir etwas zugemutet werden sollte, was
-er seiner unwürdig fand. Er rechnete mir nun vor, daß unser Geld zur
-bloßen Heimreise gerade noch ausreichen würde, wir müßten uns aber
-durch den heutigen und den ganzen folgenden Tag -- von Zürich bis
-Tübingen -- durchhungern. Und das täte _er_, wenn er allein wäre,
-um seine Würde zu wahren. Natürlich wollte ich nun nicht hinter
-ihm zurückstehen und erklärte mich gleichfalls zu der Hungerprobe
-bereit. Gehoben durch diesen Entschluß durchwanderten wir die Stadt,
-betrachteten uns den See und wollten dann abends noch bis Schaffhausen
-fahren. Mama hatte uns jedoch bei der Abreise aufgetragen, in Zürich
-auch ihren Jugendfreund Johannes Scherr zu besuchen und ihm ihre Grüße
-zu bestellen. Dieser Gang sollte also rasch noch erledigt werden. Aber
-vor der Haustür fiel es meinem schon wieder verdrießlichen Gefährten
-ein, daß er von Johannes Scherr ein Buch gelesen hatte, dessen
-hanebüchene Derbheit ihm stark mißfiel. Und nun wollte er auch nicht
-mehr zu Scherr. Aber diesmal bestand ich auf meinem Kopf. Wenn ich
-mich recht erinnere, ließ ich ihn unten warten und stand allein vor
-dem Berühmten. Ich richtete aber nur kurz die mütterlichen Grüße aus
-und hatte es eilig, mich wieder zu empfehlen, weil ich des Bruders
-siedende Ungeduld fürchtete. Dies half jedoch nichts, denn als es
-sich auf dem Bahnhof zeigte, daß die Züge gar nicht mit dem Fahrplan
-stimmten, war ich doch wieder die Schuldige. Er war gereizt, weil er
-müde und hungrig war. Ich war aber gleichfalls müde und hungrig und
-sah nicht ein, weshalb ich nun auch noch den ungerechten Mißmut des
-anderen Teils über mich ergehen lassen sollte. Wer mir gesagt hätte,
-daß es ein künftiger Helfer und Wohltäter seiner Mitmenschen war, der
-in solche Launenhaftigkeit verkappt mir gegenübersaß! So schwiegen wir
-abermals und sahen beleidigt zum Fenster hinaus. Erst die wilde Pracht
-des Rheinfalls führte uns wieder zusammen. Und als wir im „Rappen“ zu
-Schaffhausen um ein bescheidenes Nachtlager einig geworden waren und
-dann entdeckten, daß unsere Mittel uns noch eine kleine Abendmahlzeit
-gestatteten, war die Welt wieder einmal vollkommen.
-
-In der Frühe bedurfte es einer Ausflucht, um dem uns angebotenen, ach
-so verlockenden Morgenkaffee nebst Honigbrötchen zu entgehen, denn der
-große Fasttag mußte jetzt wirklich beginnen. Aber auf den Hohentwiel,
-der an unserem Wege lag, wollten wir doch nicht verzichten, schon des
-Ekkehard wegen, den damals die deutsche Jugend mit Begier verschlang.
-Wir stiegen also, nüchtern wie wir waren, in Singen aus und wanderten
-durch den Wald, der uns mit so mancherlei Beeren erquickte, nach der
-Felsenburg. Doch o weh, das Eingangstor war verschlossen und sollte
-sich nur nach Erlegung von 25 Rappen für die Person öffnen. Solche
-Summen hatten wir nicht mehr aufzuwenden. Wir schlugen uns in die
-Büsche, überkletterten geschichtete Felsenplatten und sprangen über
-die Mauer in den Hof hinab. Dabei machte ich die Erfahrung, wie es
-denen zumute ist, die außerhalb des Gesetzes leben. In der Menge der
-zahlenden Besucher verborgen sandten wir suchende Blicke nach dem
-Bodensee, der sich nur schwach im Dunst abzeichnete; auch die Geister
-Hadewigs und ihres verliebten Mönchs ließen sich nicht blicken. Und das
-Herzklopfen, bis man endlich unter den Augen des Wächters glücklich
-zum Tor hinausgeschritten war! In solchen Augenblicken bestraft
-sich’s, wenn man nicht geübt ist, auf unrechten Wegen zu wandeln. --
-Noch war ein langer Tag vor uns; um nichts zu versäumen, erklommen
-wir unverdrossen auch noch den steilen Basaltkegel des Hohenkrähen,
-der uns gleichfalls den Lohn unserer Mühen schuldig blieb. Jetzt aber
-meldete sich der Hunger immer unwiderstehlicher. Darum beschlossen wir
-von Singen bis zum nächsten Statiönchen zu Fuße zu wandern, um vom
-Fahrgeld ein Stück Brot für jedes abzusparen. Wir marschierten wacker
-zu, trotz Staub und Hitze und den zwei vorangegangenen Besteigungen
-und fühlten uns an diesem Tage zum erstenmal vollkommen friedlich und
-einig. Auf dem Bahnhof erkannten wir, daß uns noch Zeit genug zur
-Ankunft des Schnellzugs blieb, und wir verständigten uns alsobald,
-noch bis zur nächsten Station weiterzumarschieren, um durch unserer
-Füße Arbeit zum Brot auch noch ein Stück Käse zu verdienen. Als dort
-die Fahrkarten gelöst waren, konnte Edgar mir noch ein ganzes Häuflein
-Münzen für meine Einkäufe in die Hand schütten, denn es gehörte auch
-zu seinen Eigenheiten, daß er selber niemals einen Kaufladen betrat.
-Ich trug zwei duftende Laibchen Weißbrot und eine stattliche Schnitte
-Emmentaler davon. Mit Stolz brachte ich sie dem Bruder, der sich
-abseits der Landstraße unter einem Birnbaum niedergelassen und einen
-Haufen herrlicher Birnen vor sich aufgestapelt hatte. Ich fragte nicht,
-mit welchem Rechte. Wir setzten uns in tiefer, freudiger Eintracht
-nebeneinander und genossen die köstlichste Mahlzeit und das reinste
-Glück, das uns auf der ganzen Reise beschert war.
-
-Oh, und der Kalbsbraten, mit dem die gute Josephine uns abends in
-Tübingen empfing. Es war, als ob sie alle unsere Leiden geahnt hätte,
-die treue Seele. Der Vater sagte nur, als er uns so verhungert sah, mit
-gerührtem Lächeln: Ihr dummen Kinder! Der bleibendste Wert dieser Reise
-war vielleicht der, daß mein Kamerad in den drei Tagen so viel von
-seinen knabenhaften Wunderlichkeiten ausgeschüttet hatte, daß er nun
-allmählich zu werden begann, wofür er sich bisher mit Unrecht gehalten
-hatte -- ein Mann.
-
-
-
-
-Besuch in Frankreich.
-
-
-Anderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant
-meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in
-Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode
-verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von
-dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter
-solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten
-Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt
-kennenzulernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte.
-So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich
-einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich
-das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo
-noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges
-deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs reisen
-lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht
-mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es
-zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit -- ich bekam
-weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein
-unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören.
-Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den
-fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über
-den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim:
-Nous ne sommes pas vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine
-sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der
-Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem Durchschnittsfranzosen noch
-gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war.
-
-In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D.,
-der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter,
-verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau
-flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr
-überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter
-Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben
-mit Tapetentüren unter Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert
-hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangenblütenwasser,
-das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender
-Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte
-mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken
-Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde,
-das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich
-mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden
-mit mir. Ich besah mir die „Ruinen von Paris“, zusammengekehrte
-Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die
-den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen
-waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als
-historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der
-Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht
-sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und
-Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der
-Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes
-Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen,
-mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen
-sein! Greuel waren von der einen und von der anderen Seite geschehen,
-vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte
-von Lebenslust und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in
-dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei
-nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war’s wie Nachzittern
-vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten
-mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach
-der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen
-waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten
-sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges
-Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn
-meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde
-bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den
-üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und
-Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu
-drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der
-sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen,
-wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe, die Ratten
-zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei dem
-schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine
-Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man
-die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die
-feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch
-hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich
-eingeimpft worden ist.
-
-Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des
-Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck
-am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug
-ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte
-Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau
-Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis setzte, daß dies ein
-Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte,
-und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich
-versprach’s, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde,
-mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das
-junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der
-Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter,
-mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten
-mich hin und her, schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung,
-Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung:
-Mais elle est bien; elle est très bien -- bis doch schließlich eine
-entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das
-schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte
-und daß ich würdig wäre, eine Französin zu sein! Es war gut gemeint
-und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war,
-erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da
-ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun
-wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch
-auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich
-selbstverständlich Erster gereist sei.
-
-Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem
-Leben in der französischen Provinz bekam.
-
-Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und
-einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein
-Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für
-den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich
-als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau, deren ganzes
-Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den
-Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht
-Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu
-auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging,
-so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm
-ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der
-französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand
-schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung
-von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf
-den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten
-Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen
-wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so
-begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon
-Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein
-mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge
-schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische
-Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der
-Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch
-kamen, und das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige,
-was es in Vierzon gab.
-
-Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog,
-Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres
-Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das
-über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter.
-Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche
-„Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz
-bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten.
-Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier,
-dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und
-Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus
-Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann
-die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und
-es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet
-waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines
-Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre
-Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.
-
-Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten
-Obst- und Blumenspalieren wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang
-über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen
-ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine,
-von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten
-Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine
-schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher
-Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit
-ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit
-ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.
-
-Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie
-sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen
-und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich
-fallen mußte -- denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt
-ihrer Landsleute --, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem
-gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne,
-weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in
-Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos
-galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen
-Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut seien.
-Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der
-Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich
-war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie
-habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese
-Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen
-Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen
-Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich
-ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige
-Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten
-spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der
-Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen
-erstochen und wurde -- ungerechterweise, wie alle sagten -- zu dreißig
-Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem
-Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam
-verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar
-nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war
-nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen
-konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein
-anderes Verhalten überhaupt nicht möglich sei. Freilich bedachte ich
-im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz
-anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich
-so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen
-des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft
-wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt
-vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer
-gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung
-abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen
-Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des
-Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur.
-Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant
-entstammte.
-
-Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen
-jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London
-geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes
-Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war
-Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen
-um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den
-Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als
-gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung
-den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich
-aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer
-ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir
-auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, -- es war
-nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten
-Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So
-war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht
-sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin;
-diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends
-herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:
-
- On dit que l’on te marie,
- Tu sais que j’en vais mourir --
-
-Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es
-entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land
-mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den
-Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen
-Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen.
-Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants
-Sinne, denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich
-plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten
-zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten
-Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel
-ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches
-Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung
-benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte
-mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster
-zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie
-der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen,
-nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz
-anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause
-eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau
-Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da
-sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte,
-auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten,
-zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage
-kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank,
-blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der
-verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann später in der
-schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener
-Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte
-Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu
-erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was
-für Genüsse mich dort erwartet hätten.
-
-Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den
-Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von
-den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von
-den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der
-elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem
-ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und
-dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher
-Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich.
-Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden.
-Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir
-besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger
-Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse
-Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut
-besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten gebucht
-werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein
-eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter
-eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach
-fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis
-Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters
-sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen
-Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden
-in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu
-sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore
-nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit
-Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des
-Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und
-erbat mir seine Karte zum Andenken.
-
-Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller
-Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und
-Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater
-in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar
-ist, immer noch erträglichere. -- Es ist schwer, besonders für die
-Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu verallgemeinern.
-Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich
-Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein
-einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois
-die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die
-Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von
-so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen
-Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der
-Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der
-Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar,
-Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise
-zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich
-in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn
-Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber
-mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.
-
-Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später
-infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst
-in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt.
-Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen,
-die natürlich mit der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch
-Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen
-allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits
-erhalten.
-
-In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders
-nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale
-Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war
-nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte,
-in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen
-verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger
-Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart
-und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre
-1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil
-er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht
-für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als
-der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen
-Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er
-tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte:
-er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung.
-Er ging aber noch viel weiter, denn er predigte den Völkerhaß. Die
-Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja
-stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben
-deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine
-geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter
-denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er
-ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge
-hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief,
-den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der
-später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme
-an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch
-sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß
-das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm
-empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den
-kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant
-einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle
-Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders
-als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch
-nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben.
-Man sah ihn in den Wandelgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit
-stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris
-herzgebrochen nach kurzer Krankheit.
-
-
-
-
-Bedrängnisse.
-
-
-Unter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine
-Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit
-ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen
-Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich
-ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm,
-sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner
-Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus
-allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen
-meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast
-Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit
-und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen
-und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen,
-das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie nämlich zu der
-seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es
-nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn.
-Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine
-Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen
-des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau
-nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und
-Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid
-für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß
-er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt
-freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte
-gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine
-Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese
-Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem
-Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit,
-brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche
-Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung.
-In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen,
-wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung
-in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zukunft zu überlassen.
-Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend
-der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil
-hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die
-Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie
-den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die
-Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes
-Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später
-gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis,
-das er seinem inneren Wert ausstellen konnte.
-
-Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich
-seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen,
-erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen
-Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern.
-Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich
-ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit
-freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das
-Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz
-gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen
-Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen
-mich angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu
-bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief
-von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich
-ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt
-es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das
-Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches
-und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine
-ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung
-in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber -- ihr send net für de
-Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen
-vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen
-Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche
-rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner
-vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich
-nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter,
-Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst
-du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht.
-Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich
-selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann, und
-ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten
-wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es
-waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so
-allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche
-Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren,
-empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies
-die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen
-Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um
-mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine
-sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu
-durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die
-Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich
-abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab
-meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und
-die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der
-Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich
-zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren.
-Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir
-so nachteilig wurde.
-
-Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und
-besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen
-gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung
-gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer
-Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und
-gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch
-Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand
-er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach
-abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern
-wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich
-mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen.
-Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein
-zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan.
-Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen
-Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein
-Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. -- Was beginnen?
-Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich
-nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit
-mir nicht anzulegen gesonnen war, dazu fehlte mir die nötige
-Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher
-ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie
-durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich
-hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe
-hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut
-begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein
-Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn
-ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der
-Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten,
-sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als
-heimzustürzen -- den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn
-Fahrgelegenheiten gab es damals keine -- und schleunigst zu erkranken.
-Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich
-kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch
-das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und
-verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu
-hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem
-plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich
-ein paar Stunden ungestört schlummern zu lassen und unter keinen
-Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war
-höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu
-der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften
-Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen
-Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und
-schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte
-in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als
-angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante
-erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich
-wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln,
-denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber
-Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas
-verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen
-zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich
-fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen
-auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere
-poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte
-Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde.
-
-Das schlimmste war, daß ich überhaupt nicht wußte, was ich mit mir
-selber wollte. Unterkriechen wie die andern, geborgen sein um jeden
-Preis oder als vermögensloses Mädchen allen Stürmen preisgegeben, mit
-lauter brotlosen Künsten ausgestattet und gar nicht für den Lebenskampf
-erzogen? -- Kein Wunder, daß es älteren Freunden um mich bange wurde.
-Es gab damals für ein Mädchen keinen Weg ins Leben als durch die Ehe
-und -- in wunderseltenen Fällen -- durch die Kunst. Aber die Gabe, an
-deren verfrühte Äußerungen die Meinigen so feurig geglaubt hatten,
-schien mir wieder entzogen zu sein. Wenn ich in das Meer nebelhafter
-Bilder, das immer um mich wogte, hineingreifen wollte, um sie zu
-formen, so faßte ich in Luft. Mein Mütterlein meinte, ich hätte nur
-da weitermachen dürfen, wo ich nach Lilis Erscheinen stehengeblieben
-war. Aber damals hatte ich in kindlichem Trieb Vorhandenes nachgemacht
-und mit fremden Mitteln gewirtschaftet. Jetzt, wo ich aus Eigenem
-gestalten wollte, stand ich mit leeren Händen da. Und der unstillbare
-Drang nach starkem Erleben war zugleich auch der unbewußte Trieb, den
-Schatten Lebensblut geben zu können. Immer deutlicher fühlte ich, daß
-der Boden Tübingens mir überhaupt für meine Entwicklung nichts mehr
-zu bieten hatte. Das weibliche Geschlecht war ja damals so gestellt,
-daß es nur vom Leben selber lernen konnte. Meine Studien, ganz mir
-selber überlassen, gingen die Zickzackwege des Zufalls. Gesellige
-Freuden begannen schal zu schmecken, und ich war meist nur mit dem
-Körper anwesend. Meine ganze Anlage zog eine Scheidewand zwischen
-mir und der Außenwelt. Menschen und Dinge des Alltags hatten gar
-keine Wesenhaftigkeit für mich, wenn ich mich nicht gerade an ihren
-Ecken und Kanten stieß. Es quälte mich, wenn in meiner Gegenwart die
-bürgerlichen Umstände anderer, ihre Verwandtschaften und dergleichen
-erörtert wurden. Dauerte es lange, so meinte ich mich innerlich dabei
-aufzulösen. Ich wußte am liebsten nicht einmal genau, wo unsere
-Freunde wohnten, daß ihr Kommen und Gehen wie aus unbekannten Reichen
-war. Diesen Zug hatte seltsamerweise auch mein Vater in seiner Jugend
-gehabt, wie ich aus einer Niederschrift von ihm ersah. Aber es war
-freilich schwer, ihn dem jungen Mädchen nicht für Lieblosigkeit
-auszulegen, während er nur dem Triebe entsprang, die stillose Enge der
-Umwelt durch die Vorstellung aufzuheben.
-
-Ich weiß kein Volk, das ein Wort für Sehnsucht hätte, außer den
-Deutschen. Das désir und desiderio der Romanen ist wohl stärker an
-Leidenschaft, aber es hat nicht das Auflösende, Halbverschmachtete
-unseres Sehnens. Sie alle kennen das Heimweh, aber von dem Weh nach
-einer ungekannten schöneren Heimat wissen sie nichts. Woher sollte
-den Südländern, die an Natur und Kunst besitzen, was jeden Wunsch zum
-voraus erfüllt, die Sehnsucht nach einem schöneren Land, nach einem
-Wunschland kommen? Des Deutschen ewige Sehnsucht ist nichts anderes
-als seine unglückliche, nie gestillte Liebe zur Form. „Du bist Orplid,
-mein Land, das _ferne_ leuchtet.“ Dieses Ungenügen an der Wirklichkeit
-ist der Ursprung aller Romantik. Wo das Leben wie ein breiter Strom
-zwischen schönen Ufern daherbraust, gibt es keine. Dann ist die
-Wirklichkeit mächtiger als jeder Traum.
-
-Mein liebes Schwabenland, von seinen Kindern nur das „Ländle“ genannt
-(die Neigung des Schwaben zum Verkleinerungswort hat in der Gestalt
-eben dieses Ländles ihre tiefe Begründung), ist ein Gebilde eigener
-Art, gleichsam eine Musterkarte aller Länder. Es sieht aus, als hätte
-der Schöpfer, bevor er die Erde entwarf, ein Modell davon im kleinen
-hergestellt, worauf er jede Form andeutete, die er hernach im großen
-ausführen wollte: Berge, Flußläufe, Ebenen, Wasserflächen, alles ist
-vorhanden, aber in kleinerem Maßstab und in stetem Wechsel. Immer steht
-man wieder vor einem anderen Bild. Diese Vielartigkeit hat nichts
-Zwingendes, Stilgebendes wie einfache Größe von ausgesprochener Art,
-die allein da ist und alles andere ausschließt. Vorstellungen werden
-angeregt, aber nicht erfüllt. Daher lag und liegt vielen Schwaben die
-Unruhe von Hause aus im Blut. Wer vom Gipfel des Hohenstaufen blickt,
-der meint mit einem Male ein Stück mittelalterlicher Geschichte zu
-verstehen: die Weite, die sich auftut, lockt über die niederen Kuppen
-weg in fernere südliche Weiten, die Anmut der Landschaft erregt,
-aber sie befriedigt nicht, sie erweckt ein unruhiges Verlangen nach
-höherer, ernsterer Schönheit, den Drang gen Süden. Solch ein Drang
-nach Ausdehnung und Erfüllung war auch in mir. Ich ersehnte mir die
-große Linie und die herrschende Form: statt der Alb die Alpen, statt
-kleiner Heidestrecken die Pußta oder die Savanne, statt dem Bodensee
-den Ozean. Da war ferner ein Geist bürgerlicher Nutzbarkeit über
-die ganze Natur verbreitet, gegen den ich mich innerlich auflehnte.
-Diese reichen, aber in winzige Gütchen verteilten Kornfelder, diese
-endlosen Fruchtbaumreihen, heute ein so rührender Anblick! ließen mich
-unbefriedigt. Ich war krank nach dem Zwecklos Schönen, nach Wüste und
-Urwald oder nach der strengen monumentalen Landschaft des Südens mit
-architektonisch angelegten Gärten und Terrassen aufs Meer. Darum
-bedrängte ich meinen guten Vater, mich in der Vakanz nur bis Venedig zu
-führen. Ich glaubte, es müsse auch ihn glücklich machen, der doch so
-ganz anders geartet war, der in der Jugend ein Unrecht an der Heimat zu
-begehen meinte, wenn er nur ihre Grenzen verließ. Aber er konnte mir
-keinen Wunsch abschlagen. Es wird mir nichts übrig bleiben, als dem
-Kinde den Willen zu tun, sagte er ergeben zu meiner Mutter. -- Doch es
-sollte nicht mehr so weit kommen, und schon die Geldverhältnisse hätten
-es verwehrt.
-
-Auch Mama begriff meine Abneigung gegen die heimische Enge nicht,
-denn da sie die Schranken der Erde überhaupt nicht sah, war für sie
-die Weite überall. Und mein beständiges Verlangen nach edler Form
-begriff sie noch weniger. Sie genoß zwar den Anblick schöner Menschen
-aufs innigste, wie sie sich auch der eigenen adligen Leibesform, die
-niemals weder massig noch knöchern werden sollte, mit Behagen bewußt
-war, aber die Formlosigkeit war ihr nicht wie mir ein Augenschmerz. Und
-alle andern verstanden mich noch weniger; es schien niemand etwas zu
-vermissen.
-
-Doch einen gab es in Tübingen, der mich verstand und den ich oft in der
-Stille besuchte, wenn wir auch nicht miteinander reden konnten. Sein
-Denkmal stand im Botanischen Garten, es prahlte laut und stimmungslos
-mit einem Genius, der einen blechernen Stern auf dem Haupte trug,
-deshalb ging ich im Bogen daran vorüber nach dem Friedhof. Dort, nahe
-der unteren Mauer, lag sein Grab. Man mußte die tief herabhängenden
-Schleier der Trauerweide aufheben, dann war man in grüngoldener
-Dämmerung mit dem Schläfer allein. Ein schmaler Stein stand schief
-eingesunken an dem ungepflegten, damals halb vergessenen Ort. Er trug
-den Namen Friedrich Hölderlin und auf der andern Seite den Vers:
-
- Im heiligsten der Stürme falle
- Zusammen meine Kerkerwand usw.
-
-(Ein Vers, der noch aus seiner Frühzeit stammt, da er „wortreicher und
-leerer war“. Man hätte Tieferes und Eigeneres für seine Grabschrift
-finden können.)
-
-Mit ihm redete ich von den Griechen. Nur seine immerwährende Schwermut
-und Trauer um jene Lebendigen teilte ich nicht. Sie waren ja doch da,
-wer konnte sie uns nehmen? Ich vergaß nur, daß für ihn die schwäbische,
-ja die deutsche Heimat noch viel, viel enger gewesen, daß, je weiter
-man zeitlich zurückging, desto größer die Formlosigkeit war und all die
-Dinge, die sein schönheitverlangendes Gemüt so unsäglich beschwerten
-und verletzten. Hätte er lachen können, ein befreiendes Lachen, er
-wäre vielleicht nicht so frühe untergegangen. Aber er wäre auch nicht
-jener Einzige geworden und seine Stimme käme nicht wie ein Klang aus
-anderen Welten zu uns herüber.
-
-
-
-
-Der Brand und die Flamme.
-
-Hat der Mann ein Seelenleben?
-
-
-Ich weiß nicht, ob die kleinen Episoden, die ich hier erzählen will,
-nicht vielmehr in die Zeit nach meines Vaters Tode fallen. Mein
-Gedächtnis schiebt sie an dieser Stelle ein, weil mir nachträglich
-alles Heitere _vor_ jenem dunklen Tage zu liegen scheint.
-
-In der Kronengasse, schrägüber von unserer Wohnung, lag eine
-Studentenwirtschaft, die Flammerei genannt, wo Edgar und zuweilen auch
-die jüngeren Brüder die Abende verbrachten. Daß es dabei munter und
-witzig herging, mußte ich den Beteiligten glauben, als Unbeteiligte
-sah ich aber immer nur den unfrohen Ausklang der fröhlichen Stunden.
-Zwar trieben sie es gewiß nicht schlimmer als die andern Musensöhne
-auch, nur daß jene der Mehrzahl nach nicht unter den Augen ihrer
-Mütter lebten. Die meinige konnte sich an das Nachtschwärmen ihrer
-Söhne nicht gewöhnen und wollte niemals schlafen gehen, bevor sie
-alle daheim in ihren Betten wußte, wenn es auch noch so spät wurde.
-Hatte ich sie endlich doch dahin gebracht, daß sie sich niederlegte,
-so horchte sie schlaflos, bis sie Edgars Tritt auf der Treppe vernahm,
-denn ihm, für den sie von klein auf am meisten gezittert hatte, galten
-vor allem ihre Ängste. Im Nu war sie aus dem Bette und auf dem offenen
-Gang, ich ebenso schnell, in einen Überwurf gehüllt, an ihrer Seite,
-um den aufgrollenden Sturm zu beschwören. Dabei verdiente ich mir,
-wie es den Friedensstiftern zu gehen pflegt, bei keinem der beiden
-Teile Dank, da der eine nur den gestörten schönen Abend, der andere
-nur die in Sorge durchwachten Stunden sehen wollte. Mamas Raschheit
-endete gewöhnlich damit, daß der ebenso rasche Sohn alsbald wieder
-in die Nacht hinausstürmte und erst zum Morgenkaffee nach Hause kam.
-Mir lag es dann ob, das aufgeregte Mutterherz zu beschwichtigen, sie
-ins Bett zurückzuführen und bei ihr zu sitzen, bis sie sich in Schlaf
-gegrämt hatte. Die wunderbare Frau, die bei der Gedankentiefe eines
-Philosophen nicht mehr weltliche Klugheit als ein Kind besaß, wollte
-sich niemals überzeugen lassen, daß die Stunde, wo ein Student in
-erhöhter Stimmung aus dem Wirtshaus kommt, nicht die geeignete ist,
-ihn vom Wirtshausgehen zu bekehren. Leichter hatten es die jüngeren
-Brüder, besonders Erwin, der die Kunstschule von Rottenburg besuchte
-und in den studentischen Kreisen seiner Zeichenkünste und seines
-heiteren mimischen Talentes wegen ein gern gesehener Gast war. Wenn
-sich einmal die mütterlichen Vorwürfe über ihn ergossen, so nahm er die
-kleine leichte Frau singend in den Arm und tanzte mit ihr, bis ihr Wort
-und Atem ausgingen und ihr Unmut sich in Lachen löste.
-
-Eines Tages bat er mich für einen Streich, den er vorhatte, um mein
-hübsches hellgraues Straßenkleid. Ich half ihm selber in den Anzug,
-bemühte mich, seine schlanke Länge mittels eingestopfter Taschentücher
-etwas ins Weibliche zu runden, gab ihm noch Anleitung, gesittet in
-den Röcken zu gehen und entließ ihn mit meinem Segen. Der Bengel
-sah bildhübsch aus, begann aber auch gleich, seine Augen auf eine
-Weise im Kopf zu drehen, daß mir Arges schwante. Edgar stellte ihn
-in der Flammerei als eine von auswärts gekommene Base vor, niemand
-erkannte ihn, und die schöne, geschmeidige Erscheinung erregte
-natürlich das stärkste Aufsehen, denn es war unerhört, daß ein junges
-Mädchen aus guter Familie des Abends unter den Studenten saß. Das
-Dämchen kokettierte gewaltig, zechte, rauchte, ließ sich mit jedem
-einzelnen heimlich ein und gab Betulichkeiten betulich zurück. Ein
-hübscher, etwas leichtsinniger Philologe jedoch sah sich für den
-Meistbegünstigten an und fing ernstlich Feuer. Seine Huldigungen wurden
-so stürmisch, daß Edgar es geraten fand, die gefährliche Verwandte,
-durch deren Betragen er sich nachgerade etwas bloßgestellt fühlte,
-geräuschlos verschwinden zu lassen. Der erregte Anbeter stürzte ihr
-auf die Straße nach und rannte die ganze Stadt nach dem Gegenstand
-seiner Flamme ab, während der Schalk schon still daheim im Bette lag.
-Er behielt jedoch meine Kleider und fuhr dann und wann wieder hinein,
-um schnell irgendwo aufzutauchen und spurlos zu verschwinden, worüber
-der Suchende in immer größere Leidenschaft geriet. Edgar warnte ihn
-vor der Kokette, deren Besuch man ihrer unziemlichen Haltung wegen
-habe abkürzen müssen; der andere behauptete dagegen, sie sei noch in
-der Stadt und werde grausamerweise vor ihm, der es doch ehrlich meine,
-versteckt. Edgar mußte schließlich dem Jammer ein Ende machen und
-erklären, daß das schöne bacchantische Kind sein jüngerer Bruder sei.
-Der Gefoppte kam wie von Sinnen, weinte, sprach vom Totschießen, fand
-aber am Ende seinen Trost darin, das zierliche Bürschchen, das ihn an
-der Nase geführt hatte, wärmstens ins Herz zu schließen. Ich erhielt
-nun endlich auch mein Kleid zurück, mußte es aber wegschenken, denn
-nachdem es solche Orgien gesehen hatte, mochte ich es nicht mehr an
-meinem Leibe fühlen.
-
-Die Zusammenkünfte in der Flammerei gingen immer weiter und die Ängste
-meiner guten Mutter ebenfalls. Sie sah es deshalb gern, wenn auch
-unsere jungen Hausfreunde die Flammerei besuchten, denn von jedem
-hoffte sie, er würde einen günstigen Einfluß üben und die Sitzung
-abkürzen. Aber jene verfielen alsobald dem Genius loci und blieben
-ebenfalls sitzen. Darum entzog sie ihnen ihre Gunst und sah immer in
-dem zuletztgekommenen Verführten den Verführer. Nicht anders ging
-es unserem Freunde Ernst Mohl. Eines Abends, da die Wirkungen der
-Flammerei an den jungen Herren gar zu deutlich hervortraten, schloß der
-ältere Freund sich ihnen als getreuer Eckard auf dem Heimweg an, um
-den häuslichen Zusammenstoß abzuschwächen. Als sie miteinander nicht
-eben geräuschlos zur Tür hereinkamen, wollte Mama gleich mit Vorwürfen
-gegen den vermeintlichen Anstifter losbrechen, aber ich kam zuvor,
-indem ich selber das Strafgericht übernahm und schließlich den Reuigen
-verurteilte, des anderen Morgens um neun Uhr mit einem Bußgedicht über
-das Thema „Der Brand und die Flamme“ anzutreten.
-
-Dadurch bekam der Auftritt unerwartet eine heitere Wendung. Während
-jener bußfertig die Strafe auf sich nahm und das Gedicht im
-Katzenjammer zu schmieden versprach, gewannen die Hauptschuldigen Muße,
-sich friedlich in ihre Betten zu verziehen.
-
-Richtig stellte sich der Gemaßregelte des anderen Tages zur bestimmten
-Stunde ein und brachte sein Gedicht, das also lautete:
-
-
-Der Brand und die Flamme
-
- Daß ich, dieweil ich in der Flamme
- Mir antrank einen kleinen Brand,
- Obgleich ich sehr noch auf dem Damme,
- Dir meine Schwäche eingestand,
-
- Das hat in dir des Zornes Flamme
- Zu solchem Übermaß entfacht,
- Daß du, Herzlose und Grausame,
- Mir eine Strafe zugedacht:
-
- Ich solle gleich nach Hause gehen,
- Ausschlafen von der Kneiperei,
- Und dann in Versen dir gestehen,
- Wie sehr ich zu verdammen sei.
-
- Ich werde -- ehrlich es zu sagen,
- Ist Rache ebenso wie Pflicht --
- Noch manchen aus der Flamme tragen:
- Die Ente läßt das Schwimmen nicht.
-
-Freilich, die Ente am Schwimmen zu hindern, hätte es ein Wunder
-gebraucht. Der Trunk galt damals noch beim deutschen Mann in viel
-höherem Maß als heute für einen Ausweis von Männlichkeit und war
-zugleich von einer Art Weihe umgeben, denn man glaubte noch das Weben
-altgermanischen Heldengeistes beim Humpen zu verspüren. Dieses deutsche
-Erbübel drückte dem ganzen Leben seinen Stempel auf und trug viel zu
-der gesellschaftlichen Formlosigkeit bei, weil es die Geschlechter
-trennte. Ältere Herren hielten es meist in Damengesellschaft nicht
-aus; kam solch ein männlicher Gast in die Familie, so erging in kurzem
-an den Hausherrn die Frage: Wollen wir _streben_? Darauf erhoben sie
-sich und strebten -- natürlich nach dem Wirtshaus. Dort wurden erst
-die tieferen Gespräche entbunden, die kein weibliches Ohr vernahm als
-das der Kellnerin. Wie durfte man nun erwarten, brausende Jünglinge
-von einer Sitte fernzuhalten, die von ihren Lehrern und Vorbildern mit
-Inbrunst geübt und von den Dichtern als einer der höchsten Lebenswerte
-besungen wurde? Auf diesem Punkte konnte man sich nie verstehen. Ich
-war natürlich den Wirtshäusern, die mich so viele schlaflose Nächte
-kosteten, spinnefeind, und wenn man auf gemeinsamen Spaziergängen in
-eine Wirtschaft geriet, wo die männliche Jugend sich alsbald festhakte,
-so saß ich nach kurzem wie auf Kohlen. Edgar klagte, daß ich den
-Komment nicht erfaßt hätte, und suchte mich aus dem Hafis und Anakreon
-von der Poesie der Schenke zu überzeugen. Aber vergeblich: auf einer
-Holzbank vor dem Bierglas zu sitzen, gehörte für mich zu den schwersten
-Geduldsproben, und selbst dem grünen Blätterdach der Roßkastanie
-wurde ich gram, so schön seine lenzlichen Blütenkerzen waren, weil
-dieser Baum sich in meiner Vorstellung mit dem Sonntagspublikum der
-Wirtsgärten und dem Gegröl der Kegelbahn unzertrennlich verband. Da
-gegen den germanischen Durst in keiner Weise aufzukommen war und ich
-die Erfahrung machte, daß auch diejenigen unserer jungen Freunde,
-die mir die ritterlichste Ergebenheit bezeigten, sobald sie zwischen
-meiner Seelenruhe und dem Wirtshaus zu wählen hatten, dem Wirtshaus
-den Vorzug gaben, und kein Vorsatz, kein Versprechen stark genug war,
-sie zu binden, wurde ich allmählich am männlichen Geschlecht völlig
-irre. Und in meiner Verzweiflung setzte ich mich eines Tages nieder,
-um eine Untersuchung zu schreiben über die Frage: „Hat der Mann ein
-Seelenleben? Oder ist er nur ein Gefäß zur Aufnahme von Flüssigkeit?“
-Ich brachte es aber nicht weiter als bis zur Überschrift, denn ich kam
-über das Für und Wider nicht ins klare.
-
-Als ich einmal nach Jahrzehnten, kurz bevor Edgars arbeitsreiches Leben
-vorzeitig schloß, mit ihm in Florenz beisammen saß und wir der alten
-Zeiten gedachten, bekannte ich ihm, mit welchem literarischem Vorsatz
-ich mich dazumal in Tübingen getragen hatte und wieso ich über die
-Beweise für das Seelenleben des Mannes nicht schlüssig geworden war. Da
-strich er sich schmunzelnd über den Bart und sagte: Ich glaube jetzt
-die Frage dahin entscheiden zu können, daß der Mann unbestreitbar ein
-Seelenleben hat, daß ihn aber dieses nicht hindert, auch ein Gefäß zur
-Aufnahme von Flüssigkeit zu sein. -- Sprach’s und leerte mit Andacht
-sein Glas Chianti.
-
-
-
-
-Der 10. Oktober.
-
-
-Während die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum
-irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte
-sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich
-sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders
-als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen
-zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit
-gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind,
-er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen
-Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge
-selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung
-des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater
-mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens.
-Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich geistig nicht so viel von
-ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre.
-Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast
-mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren
-Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht
-aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu
-wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von
-dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den
-Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut
-waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan!
-Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg
-nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden,
-ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es
-plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und
-hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf
-und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren
-Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun
-fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig
-Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen.
-Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel,
-würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das
-ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über
-das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der
-Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem
-Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang
-mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber
-noch nicht erfahren hatte.
-
-Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die
-Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es
-kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken
-Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer
-geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich
-wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern
-zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater
-aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in
-Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen.
-Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige
-Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des
-Gehirns verursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte
-er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen
-Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende
-Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei
-erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter
-dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen
-allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um
-ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten
-weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu
-bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht
-mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte
-in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von
-welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der
-verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne
-Abschied hinwegnahm.
-
-Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen,
-unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich
-mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich
-später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes
-Weinen ausbrechen sah, so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht
-eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt
-vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von
-der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn
-des Wortes nicht _fassen_, und dieses Unvermögen verursachte eine
-schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim
-atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem
-Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir
-innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und
-das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht
-zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir
-das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in
-dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht,
-aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das
-Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen,
-das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte,
-als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen
-Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren
-um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm
-ertötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden,
-aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn
-gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet
-hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und
-dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper
-geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für
-das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche
-Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte
-ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als
-der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie
-wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.
-
-In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig
-neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren
-Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die
-jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich
-eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters
-Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst
-aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst
-nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie sagen.
-War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod
-nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag
-über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten
-ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem
-Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht,
-das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche
-Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden
-Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um
-Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen
-galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was
-sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es
-war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht
-immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.
-
-Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt
-über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen
-redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der
-ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit
-Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen
-waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten Werke
-heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und
-Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874
-übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung
-mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama
-und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe,
-die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J.
-Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten.
-Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden
-schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr
-heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit
-ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der
-angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande
-meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der
-leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße
-von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei
-jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob
-sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern
-und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles
-still blieb, trat ich selbst mit einem Bildhauer in Unterhandlung. Und
-nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein
-bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte
-sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein
-auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem
-Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend.
-Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran
-freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich
-gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber
-der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft
-wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig
-überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich
-sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte
-führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen
-konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte,
-deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig
-war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes,
-ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er
-sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht.
-Die Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches.
-Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen,
-schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte
-Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz:
-
- Die weißen Flocken fallen dicht
- Auf Dach und Mauern;
- Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht
- Mit Schauern.
-
- An einen Schläfer denk’ ich, hart
- Im steinigen Bette.
- Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt
- Die Stätte.
-
- Im engen Schreine hingestreckt,
- Ruht er verborgen,
- Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt
- Kein Morgen.
-
- Und um sein kaltes Kissen, weh,
- Die Winde blasen,
- Mit weißem Linnen deckt der Schnee
- Den Rasen.
-
- Mich schauert und die Ruh’ ist fort
- In nächtiger Stunde,
- Denk’ ich an jenen Schläfer dort
- Im Grunde.
-
-In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte
-meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar
-in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er
-sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter
-seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des
-Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte
-mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn
-suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde
-Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie
-man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden
-durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg
-in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon
-ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue
-Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an
-einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in
-sehr schwerer Zeit zart und hilfreich zur Seite gestanden und der
-in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich
-niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für
-ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht
-zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben
-werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu
-meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes
-Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von
-innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf
-damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich
-selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in
-den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in
-einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und
-glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend,
-keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts
-zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine
-halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da
-war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem
-herwich wie der Horizont.
-
-Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag, von dem er keine
-Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder
-den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit
-Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen,
-als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese
-Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend
-gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual
-waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei
-war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand,
-so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch
-nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit
-in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich
-sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe
-unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem
-Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch
-in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren
-uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu
-ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses,
-nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl
-hätte mir die reife Männlichkeit eines viel älteren Bruders getan!
-So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber
-häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der
-Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als
-die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu
-begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen
-und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal
-verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem
-Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht
-führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das
-Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort,
-worin die Worte standen:
-
- Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?
- Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?
- Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen
- Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.
-
-Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte
-nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine
-allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch
-viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen
-Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch seine
-Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so
-ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin
-der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck
-durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um
-in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von
-den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie
-Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten,
-denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff
-gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung
-erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung
-aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn
-mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen
-Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere
-Studierende zu Schülern hatte.
-
-
-
-
-Wieder bei den Griechen.
-
-
-Im Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer
-Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien
-auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund
-meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste
-Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir
-ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und
-erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.
-
-Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die
-Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein
-würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer
-aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung
-mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen
-schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während
-des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach
-eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert
-hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom
-Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom
-Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen.
-Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die
-Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das
-unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns
-mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen
-gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde
-nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen
-Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend
-dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend
-war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites
-Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar
-Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch
-die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie
-uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken
-am Urtext meiner Lieblingsdichtung. Der treffliche alte Voß hatte
-mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen
-Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht
-ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie
-anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem
-Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine
-mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner
-bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer
-Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs
-zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:
-
- _Ein_ Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.
-
-Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer?
-
- Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.
- (_Ein_ Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)
-
-Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne
-griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich
-vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen
-wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die
-ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre
-vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt
-an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten
-sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit;
-besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch
-spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es
-auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der
-Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes
-durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen
-und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen
-ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt
-der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in
-der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie
-viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien
-zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und
-der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen
-Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand
-wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne
-trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes
-Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde
-dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere
-Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche
-Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden
-Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu
-schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen
-Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern
-aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker
-sich den adligsten aller Menschen _dachte_. Die griechische Geschichte
-hat nur _einen_ hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem
-man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der
-zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen
-und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten
-des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er
-nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer
-beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt
-die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie
-ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird
-eingeschränkt durch den Zusatz „nach dem tadellosen Achilleus“, wie
-der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit
-wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem
-Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische
-erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht,
-wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als
-der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des
-Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen
-nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke
-nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal
-voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt,
-indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück.
-Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie die
-schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich,
-aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem
-unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche
-Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im
-Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur,
-weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu
-genügen.
-
-Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held
-wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über
-alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar
-keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem
-Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit
-Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne
-Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch
-auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und
-selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem
-alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer
-des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht
-keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das
-Größte, was der Dichtung jemals gelang.
-
-Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl
-spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit
-den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren
-später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen
-Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und
-dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so lebendig macht,
-das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die
-geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um
-die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und
-weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene
-ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich
-das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten,
-zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben
-mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich
-dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen
-hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte
-Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch
-einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch
-erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis
-der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war,
-sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der
-Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend
-Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums
-stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen
-waren, lehrten mich auch, nach einem im Ausland verbrachten Leben
-wieder Deutsche zu werden. --
-
-Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die
-Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des
-Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald
-durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen
-„Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.
-
-Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein
-Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen
-wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende
-wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin
-schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein
-und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen
-Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser
-treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.
-
-Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung,
-aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie
-hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das
-Wort, inskünftige, solange wir noch beisammen wären, jedes Jahr
-die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch
-nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und
-blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese
-herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch
-Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in
-der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen
-mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich
-auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie
-vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des
-Lebens blühen.
-
-
-
-
-Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte.
-
-
-Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner
-guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der
-Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir
-erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem
-Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung
-zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als
-akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte
-verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde
-mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom
-Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten,
-nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht
-ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der
-ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So
-saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit,
-daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello
-des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf
-die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an
-meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem
-er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen
-plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und
-Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man
-denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit
-einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in
-Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern,
-die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein
-erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich
-warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie
-an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte
-dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo
-es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die
-noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit
-aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner
-Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.
-
-Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen
-seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich
-ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit
-sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer
-Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine
-Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die
-Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal
-sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück
-Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang
-verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst
-die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben.
-Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht
-übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren,
-einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich
-ablehnte.
-
-Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat
-mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben
-im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in
-wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß
-sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht
-käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das
-ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte
-mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das
-lange Reitkleid über den Arm geschlagen -- man trug damals noch die
-tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr
-gefährlich waren --, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand
-ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner
-höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte.
-Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr
-Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. -- Heut können wir was
-erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte,
-das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter
-heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das
-Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken
-zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben,
-allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte
-gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er
-sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle
-auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so
-war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die
-Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße
-unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des
-Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein
-Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den
-Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine
-Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe
-an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte
-ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales
-natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer
-Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem
-Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase,
-bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause
-schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken
-Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten,
-auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er
-vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch
-hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte,
-die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie
-auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar
-erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges
-Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.
-
-Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron
-Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein
-Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter
-Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers
-wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte.
-Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in
-den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“
-wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine
-feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte
-sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie
-er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging -- und die
-Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!
-
-Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.
-
-Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was
-freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische
-Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und
-Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil
-das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den
-es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen
-„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen
-Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde
-anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch,
-was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht.
-Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von
-dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last
-und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich
-willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein
-sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an
-ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen.
-Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den
-Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich
-sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich
-Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer
-des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend,
-bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab
-er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang
-klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der
-weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich
-mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen,
-halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer
-mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf
-seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr
-nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein
-Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen
-Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die
-Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren
-Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme
-Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der
-wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle
-Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz
-zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten
-zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich;
-diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des
-Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal
-aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die
-neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens
-keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber
-trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann
-mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der
-Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung
-seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich
-über viele Kränkungen.
-
-Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich
-gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis
-gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen.
-Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen
-Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an
-keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern,
-und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge
-darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch
-aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“
-Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm
-und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse
-und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von
-mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger
-verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen
-zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die
-gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine
-Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen
-Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen
-Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des
-damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.
-
-Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich
-in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen
-Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen
-sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne
-Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach
-der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens
-an _einem_ Tag der Woche, und wäre es auch nur für _eine_ Stunde, das
-Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht
-zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer
-und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren
-meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen
-Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich
-als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die
-Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung
-vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge
-Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere
-sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht
-der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der
-Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht
-hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen.
-Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und
-sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! -- zu deutsch: Wo
-hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? -- zuzurufen. Es war
-einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine
-lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht
-ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf
-ganz zu verlassen.
-
-Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender
-Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen
-Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war
-dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen,
-daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen
-und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen
-konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich
-hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet
-und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir
-dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden
-Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die
-Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich
-getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen
-nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred,
-die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange
-Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren
-die beiden Mediziner nützlicher als ich.
-
-Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen
-den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte,
-hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe
-seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich
-in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich
-war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder
-Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte
-dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte,
-rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er,
-daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des
-Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit
-dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm
-schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif
-erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer
-aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn
-niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb;
-ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne
-des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den
-Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie
-auf diesen Weg gekommen.
-
-Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen
-aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf
-hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel
-Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels
-blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer
-geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta
-ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend
-Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit
-leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in
-mein neues Leben hinein.
-
-Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine
-Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und,
-vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen
-wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen
-spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten
-Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine
-seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von
-einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte,
-dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den
-Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein
-Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich
-aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine
-Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde.
-Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit
-ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie
-toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.
-
-
-
-
-München.
-
-
-Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München
-führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei
-Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des
-berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen
-Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen
-her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild
-altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund
-Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den
-Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise
-einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein,
-dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin
-Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit,
-Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen
-Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese
-Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig
-sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus
-dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu
-sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen
-einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung
-ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt
-die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir
-mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau
-unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem
-Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich
-als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo
-ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den
-Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr
-war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden
-Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend,
-wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit
-seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets
-die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei
-seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht
-den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu
-Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu
-gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit
-und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer
-seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich
-schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen
-Gliedern seiner Familie.
-
-Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen,
-alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken
-und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit
-ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren
-geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls
-durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so
-abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende
-Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders
-gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen
-Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun
-und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir
-von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“,
-fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung
-und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter
-lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich
-konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des
-erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer
-und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der
-empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt
-eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch
-größeren Raum, um zu wachsen.
-
-Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus,
-wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte,
-mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen
-Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner
-lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend
-liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft
-wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart
-herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit
-seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz,
-der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab
-zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei
-er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu
-einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen
-Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen
-Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz
-Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein
-ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der
-ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen
-Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit
-konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets
-unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte.
-An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art
-literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr
-ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu
-lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich
-befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich
-gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in
-dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer
-goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war
-ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern
-hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden
-Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang
-necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn
-er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein
-Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund
-und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein
-anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo
-der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien
-und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte.
-Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und
-sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem
-dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert,
-die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen.
-Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken
-darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie
-mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch
-sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine
-eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen
-sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die
-Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen
-worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher
-meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer
-Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja
-bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen
-Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch
-geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich
-die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und
-ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen
-Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch
-bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie
-Undankbarkeit erscheinen konnte -- und beginnt nicht jede Entwicklung
-mit einer Auflehnung und einem Undank? -- Darum hielt ich es nun,
-wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das
-verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit
-empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner
-Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer
-so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses
-Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter
-dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn
-solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und
-Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser
-um das Ansehen der Deutschen in der Welt.
-
-Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war
-mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz.
-Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber
-ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt
-war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne
-politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der
-Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun
-konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem
-keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit
-aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen,
-ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit
-tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen
-an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen
-und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend,
-erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch
-andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer
-des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen
-wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ
-wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um
-sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in
-die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst
-gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel
-übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem
-er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte.
-Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen
-rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden
-Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel
-mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre
-Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich
-erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen
-Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel
-edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im
-Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie
-ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das
-Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß
-jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte,
-während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes
-unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen
-Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick
-die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren
-Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche
-Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die
-noch tagelang nachklang.
-
-Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen
-Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder,
-ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher
-Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem
-Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu
-dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin
-den Zugang fand.
-
-So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich
-bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen
-Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine
-leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße
-bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus
-einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig
-für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause
-eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten,
-der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch
-Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich
-gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum.
-Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend
-entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen
-und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich
-kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und
-wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar
-die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm
-aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die
-Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch
-zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft
--- ich weiß nicht weshalb -- zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie
-schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit.
-Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht,
-ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage
-stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges
-und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich
-brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls
-Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und
-anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des
-trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos
-durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu
-gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber
-scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die
-Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf,
-den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der
-mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.
-
-In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht
-müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein
-französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen
-ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen
-zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb
-zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende
-Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich
-stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die
-Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen,
-sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz
-unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß
-mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner
-Indianerseele als merkwürdig auffiel.
-
-Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige
-Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den
-Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und
-die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu
-sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher
-aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im
-falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer
-Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der,
-Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen
-Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig,
-daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen.
-Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin,
-die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker,
-knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie
-eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie
-mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher
-Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der
-Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und
-Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge
-Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr
-wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen
-Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte
-dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen
-zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische
-Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere
-verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher
-unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen
-oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch
-ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund,
-noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und
-vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren
-deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.
-
-Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar
-kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu
-erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch
-hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten.
-Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich
-ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte
-mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem
-weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben
-noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr
-allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren,
-darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich
-vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen?
-Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor,
-wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer
-geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen
-Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb
-gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte,
-wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf
-erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte
-Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem
-Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der
-Nachtschwärmerin warten mußte.
-
-Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends
-ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der
-von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit
-meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich
-etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es
-mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in
-der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung
-gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die
-ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen
-und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des
-Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen
-und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und
-mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz
-besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an
-den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte
-weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr
-von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging
-mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf,
-und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich,
-ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um
-ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im
-Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein
-Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er
-tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch
-und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten
-Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich
-beruhigt zu Bette gehen.
-
-Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es
-hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen,
-bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen,
-denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten
-Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem
-größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte
-als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil
-zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich
-wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte,
-was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem
-Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie
-blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und
-suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite.
-Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu
-ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich
-empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat
-gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu
-eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen,
-und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er
-griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen
-an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie
-über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat,
-ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine
-Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben
-das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all
-unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an
-und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig
-aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die
-Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher
-zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls
-konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal
-sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in
-die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen
-mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen
-Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und
-nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer
-Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen
-einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war,
-und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald
-dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich
-vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen,
-sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch
-mit den irrsinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur
-der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den
-Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand
-die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten
-Erfolg.
-
-Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur
-Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht
-zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen
-Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine
-Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte
-meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch
-ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut
-sein sollte.
-
-Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam,
-von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München
-umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine
-glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber
-die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit
-Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger;
-auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall
-Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf,
-besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin,
-ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese
-Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob
-die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem
-ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war
-kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er
-sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.
-
-Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er
-sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine
-ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache,
-daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu
-fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken
-hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt
-verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen.
-Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte
-wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja
-gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon
-nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen.
-Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die
-Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere
-Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals
-bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine
-schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen
-Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür,
-indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der
-Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen
-Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art,
-zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und
-hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen
-waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der
-Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war
-es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch
-wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie
-heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln
-Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue,
-unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch
-sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein,
-und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine
-Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach
-dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter
-mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der
-Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein
-plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage
-noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die
-Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel
-in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.
-
-Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage,
-die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte.
-Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der
-Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der
-gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy
-am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und
-genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich
-erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse
-schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und
-wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um
-ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit
-und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das
-neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich
-verlassen sollte.
-
-
-
-
-Letzte Tage in der Heimat.
-
-
-Während meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur
-Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog
-Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen
-großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme
-gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der
-Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als
-Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei
-den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch
-sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung
-nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte
-der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach
-Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst
-wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete meinen Abgang aus Tübingen
-infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als
-eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch
-zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia
-zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln,
-machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum
-war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor
-Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die
-künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir
-vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen
-und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges
-zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte.
-Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem
-großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden.
-Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der
-meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig
-aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit
-den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine
-lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die
-Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch
-allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem
-Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen
-einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern
-befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare
-schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren
-Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel.
-Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere
-Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem
-Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die
-Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der
-Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu
-bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße
-hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug,
-an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als
-die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und
-Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit
-der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen
-Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern, Rittern, Pagen, Mönchen,
-Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus
-Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab
-es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum
-sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt,
-so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen.
-Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich
-Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen.
-Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute
-Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als
-guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort
-erwarteten.
-
-An dieser Stelle sei es mir gestattet, den Manen dieses
-außerordentlichen Mannes für das herzliche Wohlwollen zu danken, das er
-mir schon von meiner frühesten Jugend zuwandte. Was er seinen Deutschen
-war, braucht von mir nicht gesagt zu werden. Was er _mir_ war, kann
-ich ohne Ruhmredigkeit aussprechen, denn es war seine Güte, nicht
-mein Verdienst, wenn er mich schon als Kind zu sich heranzog. Er lud
-mich als Zwölfjährige mit der Mutter zum Kaffee, den er selbst braute
-und einschenkte, ich mußte dann neben ihm auf dem Kanapee sitzen,
-er ließ sich meine Zöpfe aufflechten und erzählte mir Geschichten,
-unter andern das ganze Märchen von den Pfahlbauern, das er später dem
-„Auch Einer“ einverleibt hat. Wäre er länger in Tübingen geblieben,
-so hätte ich im Heranwachsen gegen die Anfeindungen des Philistertums
-einen Halt und Trost gehabt. Aber ihn selber trieb die Kleinstädterei
-von dannen, und er zog den Lehrstuhl an der Stuttgarter Technischen
-Hochschule dem der Tübinger Universität vor, weil er dort freiere
-Menschen, die sich in der Welt umgesehen hatten, fand. -- Als ich dann
-in den frühen achtziger Jahren zum erstenmal aus Italien wiederkam und
-ihn in Stuttgart besuchen wollte, stieß mir das peinliche Versehen
-zu, daß ich mir die Vormittagsstunde desjenigen Wochentags, wo er
-ganz ungestört bleiben wollte, um sein Kolleg vorzubereiten, in der
-Eile als die für Besuche willkommenste aufschrieb. Erst als ich die
-Klingel gezogen hatte und er selbst im Schlafrock mit einem Blatt
-Papier in der Hand mir öffnete, erkannte ich mit jähem Schrecken den
-Mißgriff. Er ließ mich aber durchaus nicht mehr entwischen, ich mußte
-sogar viel länger, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, in der bei
-solchem Ruhme wahrhaft ergreifenden Einfachheit seiner Gelehrtenstube
-ihm gegenübersitzen, und es schien ihn gar nichts zu stören als sein
-Schlafrock, der ihm nicht schön genug war, denn er klagte wiederholt,
-daß er einen viel schöneren bestellt habe und nun zu seinem Ärger vom
-Schneider im Stich gelassen sei, wo er ihn doch so nötig hätte, um
-„einen anständigen Eindruck zu machen“. -- Und jetzt reisen Sie ab, wo
-der neue Rock fertig ist? sagte er ein paar Tage später vorwurfsvoll.
-So rührend jugendlich im kleinsten wie im größten war und blieb er
-bis ans Ende. Ein paar Jahre später hielt ich mich abermals einige
-Winterwochen in Stuttgart auf, da ließ er sich in seiner ritterlichen
-Zuvorkommenheit nicht abhalten, mich fast täglich, trotz Wind und
-Wetter und trotz der nassen Füße, die der fast Achtzigjährige zu
-scheuen hatte, in meiner Pension zu besuchen. Wenn man die kleine,
-zarte, obschon zähe Gestalt sah, das geistig verfeinerte Gesicht mit
-der übermächtigen Stirn und dem abgeblaßten Veilchenblau der Augen,
-die noch gar nicht vertrocknete, fast rosige Haut, die sich fest um
-die abgezehrten Wangen legte, so mahnte das ganze Bild des Mannes
-ergreifend und beängstigend, daß dieses ausdauernde Gehäuse allmählich
-doch zu dünnwandig wurde für den Geist, der es bewohnte. Ich wurde
-schließlich so besorgt, daß ich ihm einen früheren Tag der Abreise
-nannte und mich selber um die mir noch zugedachte Zeit brachte, die
-nie mehr vergütet werden konnte, denn es war das letztemal, daß ich ihn
-mit Augen sah.
-
-Er hatte den höchsten faustischen Lebensgipfel erstiegen, von dem aus
-sich die Verworrenheit der Dinge zu großen, übersichtlichen Gruppen
-gliederte. Dabei wehte aber keine eisige Altersluft um ihn her, es gab
-kein Versteifen ins Gewohnte, kein Wiederholen des längst Gedachten.
-Seine Gedanken entstanden im Augenblick, wo er sie aussprach, das
-Neueste war ihm ebenso lieb wie das Alte, wenn es einen tüchtigen
-Boden hatte. Vischer war ein wundervolles Beispiel des ganz großen
-Deutschen, der mit leidenschaftlicher Inbrunst an der Muttererde haftet
-und zugleich mit dem Geist durch alle Länder schreitet. Und da er alle
-Register in der Gewalt hatte, so quoll er auch bei den ernstesten
-Gegenständen von Anekdoten, Witzen, Schnurren nur so über. Seine
-feinhörige Sprachmeisterschaft fühlte man in jedem Wort. Er erklärte
-mir auch seinen dritten Teil „Faust“ als aus dem unwiderstehlichen
-Zwang entstanden, in den hüpfenden, gleitenden Reimen des zweiten
-Teils weiterzuwirbeln; ein warnender Wink für solche, die den Urkeim
-eines Gedichts immer in der Idee suchen. Er wollte jedoch nicht nur
-geistreich sein, er wollte helfen, wirken. Er brachte Bücher, die
-er liebte, beriet in literarischen Angelegenheiten. Und war dabei so
-menschlich-vertraulich, als ob man ihm gar keine Ehrfurcht schulde.
-
-Zu seinem achtzigsten Geburtstag sandte ich aus Florenz einen
-Lorbeerkranz und eine eben aufgegangene Magnolienblüte aus dem eigenen
-Garten, diese nach italienischer Sitte zusammengeschnürt, damit der
-Duft nicht vor der Zeit entweiche. In einigen begleitenden Strophen
-wurde der Kranz als Sinnbild der langen Ruhmesbahn, die Blume mit den
-stark strömenden und verströmenden Düften als Ausdruck des höchsten
-ausgeschöpften Augenblicks gedeutet. Er antwortete noch mit einem
-Gedicht, das kurz vor seinem Tode geschrieben wurde und jedenfalls
-zu seinen letzten gehört, wenn es nicht das allerletzte ist. Ich
-weiß nicht, was ich mehr darin bewundern soll, die edle, in unserer
-Zeit sagenhaft anmutende Bescheidenheit oder das Selbstgefühl des
-seltenen Mannes, der sich bewußt ist, noch am äußersten Lebensziel alle
-Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich zu tragen:
-
- Zur Blume, die des Duftes feinste Geister
- Im Kelche sammelt, spendend sie entläßt,
- Zum Kranze, der, ein Schmuck für größre Meister,
- Den Strebenden begrüßt am Greisesfest,
- Läßt du aus Dichterworten mich ersehen,
- In welche Tiefen deine Blicke gehen[3].
-
- Die dumpfen Seelen, die gedankenschiefen,
- Was wissen die von Ewigkeit und Zeit?
- Den Zeitmoment zur Ewigkeit vertiefen,
- Das ist es, ja, das gibt Unsterblichkeit.
- Dazu ward Leben, das bringt Rat und Licht,
- Bringt Reim ins ungereimte Weltgedicht.
-
-Die letzte Zeile ist eine Anspielung auf den Schluß meines Gedichtes
-„Weltgericht“:
-
- Das ungereimte Weltgedicht,
- Nehmt’s, wie es ist, und krittelt nicht.
-
-Er hatte für dieses Gedicht eine besondere Vorliebe und pflegte es
-gleich nach seinem Erscheinen mit sich in der Tasche zu tragen und in
-Gesellschaften vorzulesen, wovon auch Ilse Frapan in ihren warmherzigen
-Vischer-Erinnerungen spricht. Er nahm es in Schutz gegen die heftigen
-Angriffe der Scheinfrommen, die nicht imstande waren, durch den Scherz
-hindurch die innere Pietät zu erkennen, und er schrieb mir damals
-nach Italien lange, launige Episteln im gleichen Versstil und mit
-spaßhaften Erfindungen im Geiste des „Auch Einer“, die er mir als
-Zusätze vorschlug. Er sprach auch noch von einer italienischen Reise
-und dachte an ein Wiedersehen in Venedig, wo mir jetzt ein Bruder, der
-uns nachgezogene Alfred, lebte. Statt dessen kam so rasch nach dem
-Altersfeste die erschütternde Todesbotschaft. -- Nach seinem Hingang
-schien die Welt um vieles kälter und leerer geworden, und ich mußte
-lange dem Rätsel nachstaunen, wohin diese gesammelte, sich immer
-ergießende und sich immer erneuernde Fülle und Wärme nun mit einem Male
-gekommen war.
-
-Jetzt noch einmal ins alte Tübingen zurück, wo ich Mama und Josephine
-beim Packen und Ausräumen half. Alle leichtbewegliche Habe wie Bücher,
-Bilder, Wäsche usw. sollte uns nach Italien begleiten, die schweren
-Gegenstände blieben stehen, voran die wertvolle Biedermeiereinrichtung
-aus dem Brunnowschen Hause, um von den zurückbleibenden Brüdern
-Alfred und Erwin nach unserer Abreise versteigert zu werden. Meine
-Mutter trennte sich ohne Schmerz von den alten Erbstücken, weil kein
-äußerer Besitz ihr das geringste galt, mir aber war es ein Abschied
-von lieben, unvergeßlichen Freunden meiner Jugend. Die auch in ihren
-Beschädigungen noch köstliche Empirestanduhr mit dem schwarzen Adler,
-der einen mit Goldbienen besäten blauen Mantel über dem goldenen
-Zifferblatt mit dem Schnabel zusammenhielt, konnte ich nie ganz
-verschmerzen. Wer kann wissen, wohin sie geraten ist? Alles ging zu
-Schleuderpreisen weg, weil damals der Wert solcher Altertümer noch gar
-nicht verstanden wurde. Dagegen erzielte ein weggeworfener Hut meiner
-Mutter (wenn sie einen wegwarf, war wirklich nichts daran zu halten)
-einen Liebhaberpreis: er wurde von einem „Parteigenossen“ erworben und
-als Andenken im Triumph davongetragen, wie die Brüder später launig
-nach Florenz berichteten.
-
-Edgar war unterdessen erschienen, uns zu holen und von der Heimat
-Abschied zu nehmen. In diese letzten Wochen fällt, wenn ich mich
-recht erinnere, unser tolles Haschischabenteuer, an dem auch Berta
-Wilhelmi teilnahm. Sie war noch einmal zu Besuch nach Tübingen
-gekommen, jetzt ganz erwachsen und so bildschön, wie ihre Kindheit
-versprochen hatte. Sämtliche Brüder verliebten sich bis auf den kranken
-Jüngsten herunter, der sie in naivem Versgestammel feierte. Aber sie
-hielten durch Eifersucht einer den andern in Schach, so blieb es bei
-allseitiger guter Kameradschaft. Edgar war seit lange neugierig, die
-oft geschilderten Wirkungen des indischen Hanfs kennen zu lernen, und
-konnte sich als Arzt leicht eine Gabe Canabis indica verschreiben.
-Aber es war ein Mißstand dabei: man wußte nicht, wie gut oder schlecht
-das Präparat sich auf der langen Reise gehalten hatte, und davon hing
-doch die Wirksamkeit ab. Nach ein paar Fehlversuchen bezog er nun eine
-gewaltige Dosis frisch angekommenes Haschisch aus der Apotheke, und
-wir bestimmten die folgende Nacht zu unserem Unternehmen. Edgar hatte
-ein Zimmer in dem gerade leerstehenden unteren Stockwerk inne. Berta
-und ich legten uns nur zum Schein schlafen; sobald alles stille war,
-schlichen wir zu Edgar hinunter. Ich bekam zwei Pillen, Berta eine,
-Alfred sollte nüchtern bleiben und die andern ärztlich überwachen;
-da er aber nicht ganz leer ausgehen wollte, schluckte er, was nur
-einem so jungen Menschen einfallen konnte, dafür eine Opiumpille,
-die zum Glück gar nicht wirkte. Edgar aber nahm, überkühn, wie er
-in allem war, die doppelte Höchstgabe Haschisch, um diesmal sicher
-zu gehen. Ich erwartete, auf dem Teppich hockend; in die Wunder von
-Tausendundeiner Nacht zu versinken, merkte aber nur, daß mein Denken
-sich sehr verlangsamte, und dann stiegen mir ganz abstrakte jenseitige
-Vorstellungen auf, wofür die Sprache keinen Ausdruck hat. Plötzlich
-rüttelte mich Berta und flüsterte mir zu, daß sich Edgar in einem
-unheimlichen Zustand befinde. Ich erhob mich völlig gelassen, als ginge
-mich die Sache gar nichts an, und wunderte mich doch selber über diesen
-Gleichmut. Edgar blickte seltsam verändert, und auf meine Frage, wie er
-sich fühle, antwortete er: Ich bin transferiert. Dann ging er an den
-Tisch und machte auf dem großen Papierbogen, auf dem er seine Symptome
-verzeichnete, die Eintragung: Transferiert.
-
-Jetzt kommt das Tragische, sagte er nach einer Weile mit hohler Stimme
-und ganz entgeisterter Miene. Keine persönliche Tragik, erklärte
-er, es ist das Tragische an sich, das Tragische im Abstrakten. --
-Sein Gesicht hatte einen bläulichen Schein und seine braunen Haare
-bäumten sich über der Stirn, daß es ganz schauerlich anzusehen war. Er
-aber schrieb eifrig das neue Symptom nieder. Jählings wandelte sich
-sein Zustand aufs neue, und er rief triumphierend: Die Schwerkraft
-ist aufgehoben, ich kann mich ebenso leicht durch die Luft aufwärts
-wie abwärts bewegen. -- Zur Bekräftigung sprang er auf einen Stuhl
-und machte seltsame Arm- und Schulterbewegungen, wie um sich durch
-Flügelkraft zu erheben. Als es aufwärts doch nicht ging, war er im
-nächsten Augenblick am offenen Fenster, das hoch auf den Marktplatz
-heruntersah, um es abwärts zu versuchen. Wir zwei Mädchen hingen uns
-an seinen einen Rockflügel, der kräftige Alfred an den andern, und
-als er Miene machte, sich des Rocks samt der Belastung zu entledigen,
-bemächtigten wir uns seiner Arme. Allmählich beruhigte er sich und bat,
-ihn freizulassen da er auf der Straße Erfrischung zu finden hoffe.
-Alfred wurde ihm zur Begleitung aufgezwungen, der ihn nach einer
-peinlichen Stunde zurückbrachte; sie waren bis nach Lustnau gerannt.
-Ich machte inzwischen im oberen Stockwerk Mengen von Kaffee, indem
-ich die Kaffeemühle unter dicken Bettdecken drehte, um Mama und Balde
-nicht zu wecken. Haltet mich wach, laßt mich ja nicht einschlafen, war
-des Patienten wiederholte Mahnung; Schlaf könnte dem Hirn gefährlich
-werden. -- Der Gang durch die Nachtluft hatte jetzt gut getan, ein
-Kaffee war fertig, der einen Toten erwecken konnte, wir hielten uns
-alle vier vollständig wach bis zum Morgen. Aber siehe da, nach einer
-kalten Waschung nahm Edgar seinen Hut und begab sich ohne weiteres ins
-Klinikum, wo ein merkwürdiger Fall zu beobachten war, während Alfred
-sich todmüde zum Schlafen niederwarf und auch wir beiden Mädchen uns
-zur Ruhe legten.
-
-Bei diesem letzten Tübinger Abenteuer ging auch Berta zum letztenmal
-durch unser Leben. Unter den aufständischen Zuckungen, die damals
-durch Spanien liefen, geschah es bald danach, daß in Granada an Stelle
-des abgesetzten Gouverneurs das schönste Mädchen der Stadt bei einem
-großen Stiergefechte den Vorsitz führen sollte. Die Wahl fiel auf
-Berta. An diesem weithin sichtbaren Platze sah sie ein Angehöriger
-des ältesten andalusischen Adels und verliebte sich so, daß er
-augenblicklich um die junge Schönheit warb, die ihm denn auch die Hand
-zu einem freilich nicht sehr beglückenden Ehebund reichte. Ich besitze
-noch ihr Bild mit spanischem Schleier und Fächer, wie sie jenes Tages
-das Los ihres Lebens zog, das sie für immer an Spanien fesselte.
-
-Die letzten Tage in Tübingen rannen mir unaufhaltsam durch die Finger.
-Die Stadt meiner Jugend war doch tiefer mit mir verwachsen, als ich
-selber wußte. Sie hatte auch für alle Zeit richtunggebend auf mein
-Stilgefühl eingewirkt. Noch heute, wenn ich mir eine ideale Stadt in
-Gedanken baue, mit solchen kühnen Terrassen, solchen überschneidenden
-Dächern, steinernen Treppen, Durchgängen, hängenden Gärten, steigt sie
-nach einem stillen Fluß hinunter. Einen schwingenderen Rhythmus als die
-Straßenzüge Tübingens habe ich nirgends gefunden. Dieses Anschwellen
-und Absinken der gepflasterten Straßen, für mich sind es die Hebungen
-und Senkungen und wunderbar gefühlte Zäsuren eines Gedichts. Wie
-in der Neckarstraße hoch über unseren Häuptern sich der Umgang der
-Stiftskirche, wo ihm der Raum zu eng wird, mit plötzlichem Entschlusse
-leicht und frei über die Straße herausschwingt, wie das schmale
-Mühlgäßchen sich zu jener Zeit noch mit steilem Gefäll zwischen die
-stürzende Ammer und die hohe, modrige Stadtmauer zwängte, während der
-Österberg seinen schön bebuschten Fuß bis in die Ammer herabstreckte
-und ein anderer stiller Garten oben von der Mauer zum Gegengruße
-heruntersah, das sind Züge, die nie im Geist verlöschen. Von der Mitte
-der unvergeßlichen alten Neckarbrücke führte eine steile Holzstiege auf
-den Wöhrd. An ihrem Fuße standen zwei mächtige Linden wie Schildwachen;
-sie gehörten mit zum Letzten, was ich an Freundschaft zurückließ, und
-ihnen galt mein letzter Abendgang. Wir hatten allerlei Heimlichkeiten
-miteinander, die sie zu hüten versprachen, bis ich wiederkäme. Leider
-konnten sie ihr Wort nicht halten, weil sie unterdessen gefällt worden
-sind. Unter ihrem Schirmdach stehend, schrieb ich in der zum Schlusse
-aufgestiegenen Wehmut noch ein paar Verse in mein Taschenbüchlein:
-
- O Heimat, Heimat, vielgescholten,
- Doch vielgeliebt und vielbeweint,
- Seit heut die letzte Sonne golden
- Für mich auf deine Hügel scheint.
- Nie wollt’ ich scheidend dich betrauern,
- So hatt’ ich trotzig oft geprahlt,
- Wie nun der Schmerz die düstern Mauern
- Schon mit der Sehnsucht Farben malt.
-
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
-
- So laß uns denn in Frieden scheiden,
- Von Groll bewahr’ ich keine Spur.
- Dein Bild soll ewig mich begleiten
- Und wecke teure Schatten nur.
- Und kehr’ ich einst mit müdem Flügel,
- Wenn meine Bahn ein Ende hat,
- Dann gönne bei des Vaters Hügel
- Der Tochter eine Ruhestatt.
-
-Dann kam der Morgen, wo wir zu Fünfen in der Bahn saßen: Mama, Edgar,
-Balde, die treue Josephine, die uns nie verließ, und ich, um einem
-neuen, unbekannten Leben entgegenzufahren. Ich setzte mich rückwärts,
-und meine Augen saugten sich so lange wie möglich an dem wohlbekannten
-Stadtprofil fest. Der Kirchturm schwand als letzter um die Ecke. Die
-Jugendstadt versank, und die Weite der Welt, die langersehnte, tat sich
-auf.
-
-
-[3] Für den Druck schöner verändert: Wie ganz wir uns aus Lebensgrund
-verstehen.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND ***
-
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- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Aus meinem Jugendland
-
-Author: Isolde Kurz
-
-Release Date: May 17, 2017 [EBook #54738]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen
-Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben.
-Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden
-stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente
-Schreibweisen, insbesondere Dialektausdrücke, wurden nicht
-verändert.</p>
-
-<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.</p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before padtop3">
- <a id="symbol" name="symbol">
- <img class="mtop2 w6em" src="images/symbol.jpg"
- alt="Verlagssignet" /></a>
-</div>
-
-<p class="s3 center">AUS MEINEM JUGENDLAND</p>
-
-<h1>AUS<br />
-MEINEM JUGENDLAND</h1>
-
-
-<p class="s1 center">ISOLDE KURZ</p>
-
-<p class="s3 center padtop5">Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins)<br />
-Tübingen</p>
-
-<p class="break-before center padtop5">Printed in Germany. Druck von H. Laupp jr in Tübingen.<br />
-Copyright 1918 by Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart</p>
-
-<p class="break-before s3 center padtop5">Dem Lebensfreund<br />
-und Teilhaber meiner Jugenderinnerungen<br />
-Ernst von Mohl</p>
-
-<hr class="full" />
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2>
-
-</div>
-
-<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="vat">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="vab">
- <span class="s5">Seite</span>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Vorwort.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;&#8199;<a href="#Seite_7">7</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Lebensmorgen.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;&#8199;<a href="#Seite_9">9</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Tante Berta und die Schwabenstreiche.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_51">51</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Umzug nach Kirchheim.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_62">62</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Das alte Tübingen.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_74">74</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die Heidenkinder.
- </td>
- <td class="vab">
- &#8199;<a href="#Seite_96">96</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Ein Fluchtversuch.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_107">107</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Von Ihr. Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_119">119</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- 1866.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_147">147</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die Geburt der Tragödie.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_157">157</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Vorfrühling.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_173">173</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Ein Nothelfer. Russische Freunde.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_200">200</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_228">228</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- 1870.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_245">245</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Rigi Regina.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_256">256</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Besuch in Frankreich.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_268">268</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Bedrängnisse.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_287">287</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der Brand und die Flamme. Hat der Mann ein Seelenleben?
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_302">302</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der 10. Oktober.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_311">311</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Wieder bei den Griechen.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_326">326</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_336">336</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- München.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_351">351</a>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Letzte Tage in der Heimat.
- </td>
- <td class="vab">
- <a href="#Seite_375">375</a>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">D</span>as vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und
-Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu
-den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder
-meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der
-Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal
-die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge
-vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt
-sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses
-gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht,
-sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist,
-aneinanderknüpft.</p>
-
-<p>Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe,
-kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg
-ge<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die
-Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß
-auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von
-der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt,
-wo unsere Lebenswege sich schneiden.</p>
-
-<p>Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes
-und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und
-kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen
-alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild
-durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen,
-seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand
-blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen
-kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder
-aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung
-auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe
-der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt
-ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden.</p>
-
-<p class="right mright2">Isolde Kurz.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Lebensmorgen">Lebensmorgen.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">E</span>s hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen
-nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die
-ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen
-umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung,
-in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck
-zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht
-Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt
-als mit uns im Gegensatz befindlich geben.</p>
-
-<p>Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste
-Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat
-eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes
-Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich
-hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span>
-schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung
-war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad
-war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang
-war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der
-Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es
-müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen
-sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins
-hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein
-auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens
-herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen &mdash; die
-Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen &mdash; und ich setzte
-durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie
-trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien
-und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie
-war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein
-Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte
-auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad
-Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war,
-mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich
-einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes
-Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und
-hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört
-hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen,
-daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und
-sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar
-einer der Schwarzen &mdash; es war, wie ich später erfuhr, der Vater des
-Mädchens &mdash; sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im
-ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter
-straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir
-das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut
-verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im
-ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst
-sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber
-wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich
-nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein
-wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem
-meine<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon
-entwickelterer Verstand.</p>
-
-<p>Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in
-den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker
-ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere
-Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte
-mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der
-sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen
-Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In
-einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief
-sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich
-immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses
-starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes
-Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne,
-wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte
-sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe
-für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein
-fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub,
-während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause
-führte, wo erst der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir
-den Frieden wiedergab.</p>
-
-<p>Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige
-Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie
-mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in
-einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit
-Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes
-Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines
-Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man
-ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr
-schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele
-kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu
-befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein
-Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen
-verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende,
-daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der
-Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren
-Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele
-reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will
-noch mehr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p>
-
-<p>In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem
-Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte
-und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es
-verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle
-tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen
-Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue
-Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so
-zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte
-während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen,
-mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte
-er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir
-waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama,
-die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und
-andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also
-politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte
-ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt
-gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der
-abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen
-durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> mit
-mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang
-entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er
-den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für
-einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und
-in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes
-und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder
-geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch
-wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß
-ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere,
-die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den
-Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt,
-der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine
-Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges
-Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt
-den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den
-Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen
-die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu
-erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das
-Ding benamsen, da mir das widerwärtige<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> Wort, das ich ganz leicht
-hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete
-also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte
-„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen
-Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar
-giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man
-mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte
-Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt,
-um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich
-besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? &mdash; Es war rund
-und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun
-endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das
-war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun.
-Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die
-Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen
-Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich
-seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie
-vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste
-Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p>
-
-<p>Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine
-Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil
-meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum
-noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten
-war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er
-war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und
-fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen
-Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und
-Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das
-ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie
-bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der
-Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich
-auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen
-einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt.
-Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich
-immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so
-oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen
-Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen
-war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> aufgegangen.
-Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur,
-aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen.
-Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen
-in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige
-Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen
-große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe
-geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit
-Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem
-Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir
-natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im
-Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete,
-da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran
-ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht
-entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den
-Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb
-sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt
-hatten.</p>
-
-<p>Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon
-nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span>
-Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings
-hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur
-Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in
-die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ
-mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben
-und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem
-vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche
-Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“,
-die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und
-verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches
-Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor,
-daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen
-zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“
-nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die
-mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist
-auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die
-vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.</p>
-
-<p>Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in
-unsere Obereßlinger Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie
-sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die
-unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie
-ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur
-von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein
-allmählich zum Menschen ward.</p>
-
-<p>Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe &mdash; o daß
-sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken.
-Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug
-einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei
-auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war,
-wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste
-Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen
-Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit
-mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb
-eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte
-ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen
-durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch
-Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal
-durch Gewalt war es ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen.
-Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie
-vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund
-schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches
-Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als
-ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten,
-entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen
-Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn
-das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte,
-erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die
-um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein
-Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem
-größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren
-eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das
-Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so
-zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem
-Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er
-nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich
-mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern
-hereinkamen, verkroch ich<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger
-Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich
-hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle
-Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir
-geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht
-die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn
-daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit
-zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung
-verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß
-inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des
-Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig,
-um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der
-ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf
-Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft,
-wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher
-Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur
-Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch
-wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von
-jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies,
-kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe
-erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.</p>
-
-<p>Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit
-Riesenschritten vor sich ging &mdash; Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins,
-die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber
-zu &mdash;, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange
-nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr
-und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer
-Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher
-von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft
-erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder
-unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu
-füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns
-eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten
-unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein,
-von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu,
-aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch.
-sagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war
-ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß
-wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in
-diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.</p>
-
-<p>Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das
-Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es
-war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um
-unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch
-beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch.
-und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant
-gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte
-nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war
-es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn
-die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt,
-wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd
-in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich,
-wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe
-hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten
-zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> hörte,
-war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen
-und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben
-meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren
-auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell
-einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig
-beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich
-diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das
-ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos
-gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die
-Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III.
-zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik
-nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast
-ebenso leichtgläubig. &mdash; Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet
-sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß
-du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi
-fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.</p>
-
-<p>Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde
-jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei
-Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brau<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>che.
-Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein
-zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging
-auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort
-war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich
-wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur
-geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei
-verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt
-waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch
-unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war,
-Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre
-Dienste hinterlassen.</p>
-
-<p>Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus
-unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte &mdash; auch die Furcht, eines
-meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch
-nichts wußte &mdash;, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen
-wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen
-Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen
-Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine
-Mutter im langen weißen Hemd vom<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Lager steigen, sich neben meinem
-Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich
-jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie
-gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich
-aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche
-Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in
-festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht
-im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der
-Schornsteinfahrt zu überführen.</p>
-
-<p>Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen
-pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche
-Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben
-aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war
-der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde
-an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon
-viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen
-Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer
-irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen
-mußte &mdash; vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht,
-daß die „Springer<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>lein“ Wodans Roß bedeuten &mdash;, das herrlichste
-Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit
-den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit
-befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten
-Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein
-goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen
-Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu
-künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die
-Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem
-Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn
-wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach?
-Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte,
-während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu
-springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten!
-&mdash; Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des
-Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen
-Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten
-seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So
-herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span>
-Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie
-jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem
-Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.</p>
-
-<p>An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister
-mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll
-Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur
-nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände
-ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen
-dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte
-Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit
-goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und
-was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit
-vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind
-aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. &mdash; Wenn ich meine
-seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus
-jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst
-ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel
-über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen
-war die Sandbank, auf die politische<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Verfemung und literarisches
-Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte
-dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die
-dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah
-anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und
-seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel-
-und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das
-Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch
-all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten,
-mit denen ich in Beziehung trat.</p>
-
-<p>Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir
-zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt
-erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten
-mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir
-bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr
-aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an
-diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit
-des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald
-zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der
-Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>punkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein
-erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt
-kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im
-Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst
-keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen
-Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche
-Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend.
-Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen
-Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten
-sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine
-Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte,
-sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze
-Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete
-ihm auch gerne meine Zeit.</p>
-
-<p>Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich
-zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in
-Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel
-eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten.
-Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sonst ein Zufall
-war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte
-in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt.
-Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten
-Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz
-nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht,
-das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich
-rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine
-Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern
-muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben!
-&mdash; Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor
-mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben
-auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern
-hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns
-noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit
-nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte
-oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß
-ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare
-Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen
-Empfindungen zugänglicher<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> sein als die reifgewordene Jugend, die im
-unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den
-Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.</p>
-
-<p>In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich
-sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer
-vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen,
-der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich
-peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem
-im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die
-Leute auf den Kirchhof gingen. &mdash; Was ist eine Leiche? fragte ich mit
-Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang
-mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch.
-Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte
-gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und
-solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken
-bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter:
-Ist es wahr, daß Menschen sterben? &mdash; Wer hat dir das gesagt? &mdash; Die
-Christine. &mdash; Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten
-hatte. &mdash; Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange
-nicht erfahren sollen.<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die
-Menschen sterben. &mdash; Aber doch nicht alle, Mama? &mdash; Ja, Kind, alle. &mdash;
-Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war
-aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. &mdash; Aber doch du nicht,
-Mama? &mdash; Ich auch, Kind. Alle. &mdash; Aber der Papa doch nicht? &mdash; Auch der
-Papa. &mdash; Also vielleicht auch ich? &mdash; Auch du, aber erst in langer,
-langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. &mdash; Und man kann gar nichts
-dagegen tun? Es muß kommen? &mdash; Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber
-jetzt noch lange nicht.</p>
-
-<p>Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach,
-war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer
-Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen
-mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein
-plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie
-dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht
-eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich
-zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft
-über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten
-erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder
-Tag bringt mich dem letz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das
-Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich
-sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand
-kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber &mdash;
-dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen,
-engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des
-Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich
-aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam,
-Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde
-trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor,
-und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten
-im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem &mdash; es wird doch
-einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber
-eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich
-Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von
-Verwesung an.</p>
-
-<p>Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir
-die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und
-überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste
-Lesefutter, und gewiß nicht immer<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> auf das dunkle Geheimnis hin
-gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem
-Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und
-Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die
-Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen.
-Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die
-Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja
-auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen
-Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten,
-damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.</p>
-
-<p>Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu
-stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug
-vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu
-geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt,
-ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit
-dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich
-sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn
-entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade
-im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule
-fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die
-ich zuerst eine<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter
-unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb.
-Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren
-leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische
-ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese
-Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie
-sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr
-natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und
-verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht
-und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins
-Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge
-des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der
-Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten
-sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen
-beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Was man nicht deklinieren kann,</div>
- <div class="verse">Das sieht man als ein Neutrum an, usw.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir
-übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine
-Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar ge<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>reimte
-Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen
-Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf
-hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den
-Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln
-halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen
-Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und
-Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden,
-an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln,
-in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter
-Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um
-dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche
-Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders
-stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo
-ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl.
-In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein
-beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder
-eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und
-wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen.
-Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wil<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>des Gesicht, das
-ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden
-bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte
-sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern
-schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau,
-daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war.
-Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin
-wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem
-befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut
-hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich
-war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken,
-in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen
-kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.</p>
-
-<p>In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen.
-Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen
-Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag
-die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer
-genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über
-nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten
-mit der Familie<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen
-frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und
-hoheitsvoll über den Hintergrund.</p>
-
-<p>O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die
-reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um
-die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen.
-Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den
-Schillerschen Versen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Windet zum Kranze die goldenen Ähren,</div>
- <div class="verse">Flechtet auch blaue Zyanen hinein &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot
-der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen
-Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die
-Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch
-eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an.
-Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die
-Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor
-allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger
-Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt
-bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> wie
-„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig
-geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich
-noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches
-Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es
-nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein
-unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete
-mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte
-nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen
-labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem
-mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte
-ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis
-hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als
-sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in
-die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen
-Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor
-allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis
-seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine
-so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise
-mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöp<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>fer, sondern nur ihr
-Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir
-aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig
-lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände
-gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich
-blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit
-allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber
-übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen
-gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir
-die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose
-Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen.
-Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die
-Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm
-und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem
-Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn
-er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig
-brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber
-Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite
-Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen;<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> nach
-einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende
-Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem
-Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die
-unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie
-nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken
-konnte.</p>
-
-<p>Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von
-Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in
-unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes
-Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu
-dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man
-immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die
-heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die
-Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog
-Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen
-ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies
-hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr
-aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst
-du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres
-Hauses dafür.) &mdash; Kannst<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? &mdash; Sie
-bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell
-die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er
-die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton
-von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck
-in die Bohnen fiel.</p>
-
-<p>Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares
-zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von
-Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal
-die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner
-immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die
-Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft
-unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte.
-Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen,
-an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder
-wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in
-der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte
-er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte
-Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der
-vierjährige Erwin<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine
-Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen;
-das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren
-lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde
-er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter
-und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen
-Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen
-und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach
-und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung,
-daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was
-sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir
-älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren
-markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch
-schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter
-ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus,
-wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen
-Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen
-stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren
-Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in
-der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen
-mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond
-verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.</p>
-
-<p>In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden
-Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm
-dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in
-der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene
-philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen
-Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der
-ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt.
-Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den
-Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten,
-ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung
-eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag
-sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands.
-Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um
-Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in
-die Betrachtung eines großen erhabenen Seins<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> zu versenken. Natürlich
-nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten,
-nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht.
-Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon
-von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige
-Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten
-brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug
-ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr
-gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein
-die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes
-Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und
-im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer
-würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem
-Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob
-wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich
-verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf
-dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns
-einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen
-unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu
-erzählen habe; unserer Josephine dürf<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>ten wir nichts davon sagen,
-weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur
-Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber
-mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte
-einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen
-Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und
-der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug.
-Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. &mdash; Warum,
-warum ließ er sich das alles gefallen? &mdash; Geohrfeigt, gepeitscht! Ein
-Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen
-empörte sich unser Gefühl.</p>
-
-<p>Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des
-Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter
-Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser
-Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem
-Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte,
-geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte.
-Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die
-arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich
-machen wollte. Sie schalt, wir schal<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>ten wieder, und es entspann sich
-eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage
-unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter
-sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt
-die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft
-ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich
-ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den
-gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu
-jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde
-sie über das alles mit mir reden.</p>
-
-<p>Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage
-nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige
-Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt
-absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner
-Zeitgenossen kennt. Aber <i>ein</i> Gutes war doch dabei: daß mir später die
-unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt
-von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die
-frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.</p>
-
-<p>Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages
-rückte die ländliche Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> mit Stecken und Steinen bewaffnet vor
-unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen
-von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen
-waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen.
-Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen
-aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die
-Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür
-vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel
-Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein
-Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit
-einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer
-los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe
-kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die
-gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit
-Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus
-zurück.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Tante_Berta_und_die_Schwabenstreiche">Tante Berta und
-die Schwabenstreiche.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>n jenen Tagen gingen auch die guten Holden noch leibhaft auf
-Erden. Ich meine jenes jetzt untergegangene Geschlecht freiwilliger
-Helferinnen, das, als man von organisierter sozialer Arbeit noch nichts
-wußte, mit seiner Fürsorge jeden kinderreichen Haushalt umschwebte.
-Es waren einsame, vom Glück vergessene Frauen, die ihr Muttergefühl
-antrieb, fremde Kinder zu betreuen und in der Anhänglichkeit an fremde
-Familien Ersatz für die versagte eigene zu suchen. In Obereßlingen
-saßen ihrer gleich mehrere beisammen. Sie kamen, wenn eine Krankheit im
-Hause war, und pflegten; sie stellten sich bei der großen Monatwäsche
-ein und machten, indem sie sich der Kinder annahmen, häusliche
-Kräfte frei, sie halfen in den Weihnachtstagen beim Backen und beim
-„Dockeln“ (Puppenkleidernähen). Die Welt wäre ein gut Teil unwohnlicher
-gewesen ohne ihre Nähe. Sie begehrten und erhielten auch wie die
-richtigen Feen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> keinen Dank, als daß sie das nächste Mal wiederkommen
-durften. Wir nannten sie Tanten und verehrten durch ihre häufig etwas
-fragwürdige Leiblichkeit hindurch die innere Feennatur.</p>
-
-<p>Die edelste unter ihnen war die Besitzerin eines benachbarten
-Kramlädchens, unsere geliebte „Tante Berta“, der ich schon in der
-Lebensgeschichte meines Vaters ein kleines Gedächtnismal gesetzt
-habe. Sie ist aus meinen Jugenderinnerungen schlechterdings nicht
-wegzudenken. Wie oft kam sie und holte uns Kinder zu langen
-Spaziergängen ab, um unsere getreue Josephine zu entlasten und meinem
-von ihr still verehrten Vater ein paar Stunden völliger Ungestörtheit
-zu verschaffen. Sie strickte von früh bis spät, im Stehen und Gehen,
-denn jeden Abend mußte ein Paar Strümpfe fertig sein, womit sie ihren
-ganzen Bekanntenkreis beglückte. Sie sprach ein gebildetes, aber stark
-dialektisch gefärbtes Hochdeutsch, in dem sich viele altertümliche
-Wörter und Wendungen umtrieben, deren ich verschiedene später mit
-großem Vergnügen in Grimmelshausens Simplizissimus wiederfand. Für
-Stecknadeln gebrauchte sie stets das schöne, ausdrucksvolle Wort
-„Glufen“, das ich ihr zwar nicht nachsagte, weil es mir seltsam
-veraltet und zugleich erniedrigt klang, das ich aber ungemein gerne
-hörte. Ich dachte dabei immer an eine schöne alter<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>tümliche Fibula,
-obwohl das Wort jede Art von Stecknadeln bezeichnete.</p>
-
-<p>Auf unseren Spaziergängen erzählte uns Tante Berta uralte Geschichten
-und Anekdoten, die von Geschlecht zu Geschlecht gingen und vielleicht
-niemals aufgezeichnet worden sind. So von der Bauersfrau, die im
-Sterben lag, aber gern noch abgewartet hätte, wie der „Gockeler“
-(Turmhahn), der ausgebessert werden sollte, glücklich von dem hohen
-Kirchturm heruntergebracht würde. Als es gar zu lange dauerte, faßte
-sie sich in Ergebung und sagte nur noch: Deant mir’s au nom verbiada
-(laßt mich’s hinüber wissen), wenn wieder ebber (jemand) stirbt,
-wia’s vollends gangen ischt. Oder von dem Gastwirt, der seine in den
-letzten Zügen liegende Frau pflegte, und als er durch das Klingeln
-der Gäste abgerufen wurde, ihr gemütlich die Hand gab mit den Worten:
-So, jetzt komm halt vollends gut ’nüber! Ferner von der Witwe des
-Musikanten, die der Leiche ihres Gatten folgte und plötzlich unter dem
-Wirtshaus, das der Schauplatz seiner künstlerischen Leistungen gewesen,
-in den lauten Klagegesang ausbrach: O, wie oft hast du da drinnen:
-Dideldum, dideldum, dideldum! (Dabei ging der Gesang in die Gebärde des
-Fiedelstreichens und Hüpfens über.)</p>
-
-<p>In jener älteren Zeit, aus der ihre Geschichten<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> stammten, scheint
-im Schwabenvolk überhaupt noch ein Nachklang der alten Totenklage
-erhalten gewesen zu sein, denn sie erzählte auch von einer Mutter,
-die ihrem Sohne ins Grab die fast homerische Klage nachrief: O du mei
-liebs Knechtle (für Kind), du Zuckerstengel, du siebenhemmeticher (der
-sieben Hemden besitzt), drei hosch g’het und viere hätt i dir no mache
-lau. Mit Vorliebe spielten ihre Geschichten auf dem Gottesacker, und
-sie liebte es, ihnen, auch wenn sie noch so schnurrig waren, etwas
-Schauriges beizumischen. Außerdem wußte sie aber auch eine Reihe
-richtiger Schwabenstreiche, von denen ich hier einige möglichst mit
-ihren Worten dingfest machen will, weil sie mir nirgends noch gedruckt
-begegnet sind:</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="s3 center">Wie’s gemacht wird.</p>
-
-<p>Herzog Karl von Württemberg war ein großer Jagdfreund, wie auch in
-„Schillers Heimatjahren“ zu lesen ist, und das Landvolk litt unter
-seiner Regierung schwer vom Wildschaden, gegen den es sich nicht
-wehren durfte, denn es war streng verboten, Wild abzuschießen. Ein
-Bäuerlein aber, dem wiederholt seine Rüben- und Krautäcker abgefressen
-wurden, wußte sich zu helfen und legte in seinem Hof eine Hasenfalle
-an, die so kunstreich mit<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> einer Glockenschnur verbunden war, daß, so
-oft einer vom Geschlecht Lampe sich fing, die Glocke von selbst das
-Zeichen gab. Dann ging das Bäuerlein hinaus und holte sich einen fetten
-Braten für die Küche. Der Mann aber hatte Feinde, und die verrieten dem
-Revierförster seine schöne Einrichtung.</p>
-
-<p>Begibt sich der Revierförster zu dem Übeltäter: Hanspeter, ich habe
-gehört, daß du dir eine Hasenfalle angelegt hast. &mdash; Jawohl, Herr
-Revierförster, antwortet der Bauer treuherzig. &mdash; Ja, weißt du nicht,
-daß du einen Diebstahl an unserem Herrn Herzog begehst und daß du
-in Strafe verfallen bist? &mdash; Ha, sell wär’! sagt der Hanspeter und
-versichert, daß er von keiner einschlägigen Verordnung wisse. Das
-scheint dem Förster sehr unglaubhaft und er setzt dem Erstaunten
-auseinander, daß Unkenntnis des Gesetzes auch gar nicht vor Strafe
-schütze. Während sie noch reden, klingelt es vom Hofe her und beide
-schauen auf.</p>
-
-<p>Hören Sie’s, Herr Revierförster? sagt der Hanspeter mit seinem
-dummschlausten Gesicht. Da sitzt schon wieder einer und zeigt sich
-an. Jetzt kommen Sie nur mit, dann sehen Sie gleich selber, wie’s
-gemacht wird. Der Förster lacht sich ins Fäustchen, daß er nun beide
-zugleich in der Falle hat, den Hasen und den Bauern. Er folgt dem<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-Mann in den Hof, verwundert über ein solches Maß von Dummheit. Dort
-zieht der Bauer Herrn Lampe bei den Löffeln aus der Falle, hält ihn
-vor sich und überschüttet ihn mit Schimpfreden: Meinst du, ich pflanz’
-meine Krautköpf’ und meine Rüben für dich, du elender S..hund! Wart,
-ich will dir Respekt einbläuen, daß du das Wiederkommen vergißt! Dies
-sagend, gerbt er dem Hasen das Fell, schüttelt ihn dann noch einmal an
-den Löffeln und sagt: So, jetzt lauf heim, sag’s dei’m Weib und deiner
-Freundschaft, was es da zu schmarotzen gibt. Damit läßt er ihn los, und
-mit einem Sprung ist der Hase verschwunden.</p>
-
-<p>Sehen Sie, Herr Revierförster, sagt jetzt der Hanspeter profitlich, so
-wirds gemacht. Der kommt nimmer und er sagt’s auch den andern. Und der
-Herr Revierförster mußte mit langer Nase abziehen.</p></div>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p class="s3 center">Herzog Ulrichs Löffel.</p>
-
-<p>Ein andermal führte sie uns noch tiefer in Württembergs Vergangenheit
-zurück.</p>
-
-<p>Als der vertriebene Herzog Ulrich flüchtig und unerkannt sein Land
-durchirrte, hielt er sich eine Zeitlang in der Nähe seiner guten
-Stadt Tübingen auf. Dort geriet er einmal um die Mittagszeit in einen
-Weinberg, wo eben ein Tübinger Wingerter<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> (Weingärtner) mit seinen
-Leuten sich eine Schüssel voll Erbsenbrei schmecken ließ. Der Herr, der
-sehr hungrig war, trat bescheiden hinzu und grüßte den Mann in gutem
-Gôgendeutsch (Gôg, Spitzname der Tübinger Weingärtner). Der gab ihm
-den Gruß zurück und fragte leutselig: Witt mithalten?, was der Herzog
-dankend annahm. Na, so lang zu. &mdash; Aber der Herzog sah sich fragend um:
-die beiden hatten Löffel, er hatte keinen. Da lacht ihn der Weingärtner
-aus, daß er nicht weiß, wie man einen Löffel macht, und sagt: Wart, i
-mach d’r ein! Schneidet also das „Knäusle“ (Anschnitt) vom Brotlaib ab,
-höhlt es aus und gibt’s dem Herzog: So, dô hoscht en Löffel. Der Herzog
-taucht den Löffel, der gut ausgibt, in die gemeinsame Schüssel und
-sättigt sich, ißt danach auch den Löffel auf. Währenddessen fragt und
-erfährt er allerlei, unter anderem auch den Namen seines Gastgebers und
-daß er z’ Dibenga (Tübingen) in der Froschgass’ wohnt.</p>
-
-<p>Als nun später Ulrich in seine Herrschaft wieder eingesetzt war, da
-geschah es eines Abends, als er sich zu Tische begab, daß ihm der
-Löffel fehlte. Was der Mundschenk für einen Rüffel bekam, weiß ich
-nicht. Aber dem Herzog fiel plötzlich jener lange vergessene Mittag
-in dem Weinberg bei Tübingen ein, wo ihm gleichfalls der Löffel
-gefehlt<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> hatte, und zugleich auch wieder Name und Wohnung des braven
-Weingärtners. Und er schickte des andern Tags einen Boten nach Tübingen
-in die Froschgass’ mit dem Befehl, ihm den Mann herzubringen, wie er
-stehe und gehe. Als der fürstliche Wagen in der schmutzigen Froschgasse
-erschien, gab es dort einen mächtigen Schrecken, und die Frau des
-Weingärtners, als sie hörte, ihr Mann müsse zum Herzog, unverzüglich,
-wie er stehe und gehe, da rang sie die Hände und jammerte: O Ma’, was
-hoscht du don? Zum Herzich muescht &mdash; ’s gôht um dein Kopf.</p>
-
-<p>Der Mann beteuerte, daß er von gar nichts wisse, und bat, man möchte
-ihm wenigstens Zeit lassen, daß er sein besseres Häs (Gewand) anziehe,
-aber er wurde ohne weiteres in den Wagen gesetzt und rollte in heißer
-Angst gen Stuttgart. Dort führte man ihn gleich vor den Herzog, der an
-der Tafel saß und der ihn auf dem leeren Stuhl an seiner Seite Platz
-nehmen und zugreifen hieß. Jener zauderte: alle waren mit Löffeln
-versehen, nur er nicht. Warum ißt du nicht? fragte der Herzog streng.
-Der Mann bekannte, was ihm fehlte.</p>
-
-<p>Weißt du nicht, wie man einen Löffel macht? herrschte der Herzog den
-Erschrockenen an und machte dazu ganz besondere Augen. So will ich
-dir’s zeigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p>Bricht das Knäuschen vom Brot, höhlt es aus und reicht’s ihm: So, jetzt
-lang zu und iß.</p>
-
-<p>Der Mann konnte nichts sagen als: Oh, Herr Herzich, send Ihr’s g’wä?</p>
-
-<p>Er wurde fürstlich mit Speise und Trank bewirtet und dann in Gnaden zu
-seiner Frau entlassen, nachdem der Herzog zuvor noch ihm und seinen
-Nachkommen Steuerfreiheit zugesagt hatte für alle Zeiten.</p></div>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Unerschöpflichen Stoff boten ihr die schwäbischen Landpfarrer, unter
-denen damals noch die Sonderlinge in Menge gediehen. Einem, der ein
-grundgelehrter Theologe und ein stiller Weiser, dabei aber sehr
-unpraktisch war, wurde jede Nacht von seinen selbstgezogenen Gurken
-und Rettichen im Pfarrgarten gestohlen. Er fragte einen Kollegen, was
-er an seiner Stelle tun würde. Entweder die Diebe verklagen oder eine
-Falle aufstellen, meinte dieser. Der Pfarrer antwortete nach einigem
-Besinnen: Ich will sie lieber mit geistigen Waffen schlagen. Und er
-legte ein Blättchen zu den Gurken ins Beet:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wer Rettich stiehlt und Gurken,</div>
- <div class="verse">Den rechn’ ich zu den Schurken.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Weil seine Frau ihn jedoch erinnerte, daß die Diebstähle des Nachts
-stattfänden und das Blättchen<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> somit seinen Zweck verfehlen müßte,
-stellte der treffliche Mann im Vertrauen auf die Macht der Dichtkunst
-eine Laterne dazu, die hernach den Dieben das Geschäft erleichterte.</p>
-
-<p>Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch
-Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe
-zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in
-Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe
-ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann
-erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das
-Zauberrad &mdash; es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit
-sich führen &mdash; in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb
-laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit
-beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen
-wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er
-oben &mdash; nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab,
-bis er im Tälchen war. &mdash; Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen
-Steg hat &mdash; das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu
-treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. &mdash; Jetzt ist er
-schon in der Stadt &mdash; eben kommt er die Straße heruntergerannt &mdash; da<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>
-ist er am Haus! &mdash; Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen
-stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und
-brachte den außen abgeworfenen Gegenstand.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Umzug_nach_Kirchheim">Umzug nach Kirchheim.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>n unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen
-unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen
-Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes
-und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir
-Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem
-etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen
-Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen
-hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig
-oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden
-war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des
-Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer,
-der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten
-Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung
-vom<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese
-Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war
-verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten
-auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta
-und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten.
-Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob
-er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter
-irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten
-Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der
-düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine
-Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte
-wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen
-hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger
-Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in
-dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche
-Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar
-äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte
-heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur
-ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und
-auch<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich
-mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten
-tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal
-ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem
-langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat,
-der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein
-seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute
-gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich
-zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt
-Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und
-anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein
-flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen
-in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer
-nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem
-Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo
-Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses,
-verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden
-Stadtwohnung landeten, wo<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> wir Kinder wie eingesperrte Vögel im
-Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns
-unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl
-erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu
-einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und
-Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen
-Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle
-Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber
-als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der
-Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen
-meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach,
-plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber
-rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser,
-und in beiden konnte man baden.</p>
-
-<p>Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der
-Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern
-einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen
-Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich
-werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich
-nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> abgestellt ist.
-Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte
-mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich
-auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts
-ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte
-nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die
-lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir
-so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte
-gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im
-Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall
-hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen
-Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit
-ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich
-keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer
-wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende
-Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher
-italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern
-fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in
-Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der
-Vater wies auf deutsches Volkstum hin und hul<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>digte auf Sparziergängen
-dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte.
-Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und
-mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit
-den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie
-bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine
-tiefsinnige Ergänzung zu diesen.</p>
-
-<p>Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer
-Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten
-verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte
-nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr
-so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben
-den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben
-aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das
-Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte
-Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von
-dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot
-vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie
-bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich
-mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betäti<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>gen; sie hatte keine
-Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines
-Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa,
-teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart
-erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater,
-der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre
-Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen
-ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher
-lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie
-mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar
-gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende
-eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er
-neckend im gleichen Versmaß darunter:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und zappelnd und verzweifelnd eilen</div>
- <div class="verse">Zum letzten Zug die letzten Zeilen.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem
-ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind
-erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch
-eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter
-der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin
-Menschen und Dinge wenig kannte und mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> in der Idee als in der
-Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos.
-Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre
-Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis
-sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse,
-sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein
-Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über
-ihre dichterischen Versuche:</p>
-
-<p>Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe
-an.</p>
-
-<p>Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der
-inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd:
-Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe,
-sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr,
-wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten
-Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße
-duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war
-sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.</p>
-
-<p>Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im
-Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt
-haben. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten,
-so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte
-„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Nichte, so genannt nach
-meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die
-Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen,
-auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe
-mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und
-wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine
-mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und
-eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher
-berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.</p>
-
-<p>Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie
-lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich
-mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine
-Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja
-gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte
-auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war
-schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu
-deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie
-einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der
-jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als
-man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die
-Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen
-Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen
-mit ihrer Weisheit.</p>
-
-<p>Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber
-unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und
-Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell,
-dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann
-ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von
-meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei
-der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war
-ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz
-von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den
-Schulkin<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>dern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der
-Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder
-mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese,
-dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich
-plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser
-Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser
-grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das
-nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann
-aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes
-Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?</p>
-
-<p>Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus
-München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund
-Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle
-binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln
-würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges
-Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein
-gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich
-die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich
-noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging
-in einem beständigen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland
-versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines
-Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung,
-den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen
-trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den
-Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so
-verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser
-Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität
-antrat.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von
-ihm unter dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“
-eingeführt. Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.</p></div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Das_alte_Tuebingen">Das alte Tübingen.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">D</span>en Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf
-Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich
-nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden,
-der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen
-Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die
-hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von
-1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und
-unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit
-seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren
-Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche
-auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie
-ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind
-unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> sechziger und siebziger
-Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche
-Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat
-sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen,
-die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der
-Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben
-noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen
-niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der
-Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd
-oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die
-Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab,
-noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit
-nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit
-Vorsatz? &mdash; Nein, mit dem Absatz &mdash; und solche Scherze mehr. Ferner die
-Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich
-die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft
-einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in
-ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.</p>
-
-<p>Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>tracht war es, wenn die
-Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die
-Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte
-Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit
-ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen
-Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte
-es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in
-langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller:
-„Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen,
-um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den
-Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte.
-Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart
-berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den
-jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer
-Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den
-Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von
-dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte.</p>
-
-<p>Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen
-und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“,
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu
-verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so
-gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu
-verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend
-von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer
-blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst,
-obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner
-geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel
-damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole
-darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander,
-waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen
-da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz
-abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse
-studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im
-Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste
-der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden
-der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine
-Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in
-einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span>
-davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den
-Worten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wir armen zwölf Enten</div>
- <div class="verse">Sind gefallen unter die Studenten,</div>
- <div class="verse">Ich zwölfte komm zurück allein</div>
- <div class="verse">Und bring’ von elf den Totenschein.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in
-jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer
-wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier,
-einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu
-großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk
-am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das
-beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht
-herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine
-näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben
-Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene
-verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück,
-ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut
-schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf.</p>
-
-<p>Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später
-als Arzt nach Venedig<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er
-war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt.
-Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien
-badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die
-Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das
-Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen
-wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab,
-so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur
-Unkenntlichkeit“.</p>
-
-<p>Zum Charakterbild des alten Tübingen gehört aber noch eine dritte dort
-lebende Menschengattung von urtümlichster Beschaffenheit, die weder
-dem Studenten noch dem Philister hold war, die man sich aber aus dem
-dortigen Leben nicht wegdenken kann: nämlich die in den malerischen
-Schmutzwinkeln der Unteren Stadt oder „Gôgerei“ wohnenden „Wingerter“
-(Weingärtner), auch „Gôgen“ oder „Raupen“ genannt. Woher diese
-beiden Bezeichnungen kommen, weiß niemand, eine theologisch gefärbte
-Etymologie will die Gôgen auf das biblische Gog und Magog zurückführen.
-Was die Raupen betrifft, so soll der Name gar eine Verketzerung des
-lateinischen Wortes Pauper sein, womit man in der gelehrten Musenstadt
-die am<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet.
-Wie dem auch sei, beide Namen, Gôgen wie Raupen, wurden von ihren
-Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu
-ziehen. Die Gôgen unterschieden sich nach ihrer ganzen Wesensart,
-vor allem aber nach den eigentümlichen Kehllauten ihrer Aussprache
-und einer gedehnten Betonung, die etwas Mürrisch-Verbissenes an sich
-hatte, so stark von den übrigen Einwohnern, daß manche sie geradezu für
-Nachkommen eines zugewanderten Fremdvolkes hielten und daß es zwischen
-der oberen und der unteren Stadt wie ein unsichtbarer Stachelzaun lag.
-Als tüchtige Taglöhner unentbehrlich, machten sich diese Mitbürger
-durch ihre eingeborene tiefe Abneigung gegen die Höhergestellten und
-ihren ausgeprägten Sinn für den eigenen Vorteil, mehr noch durch ihren
-wortkargen, aber äußerst schlagenden Mutterwitz, der nicht immer von
-der reinlichsten Art war, gefürchtet. Auf eine Gôgenrede konnte niemand
-mehr einen Trumpf setzen, außer ein anderer Gôg. Unzählige Gôgenworte
-und -witze waren und sind in Tübingen im Schwang. Am berühmtesten ist
-das einsilbige Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, wie sie zusammen
-die steilen Weinberghalden des Österberges hinansteigen und dem Jungen
-ein her<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>renloser Schubkarren auf einem Nachbargrundstück in die Augen
-sticht, auf den er den Vater durch einen stummen Wink aufmerksam macht.
-Worauf der Alte nur die zwei lakonischen Worte erwidert: Im Ra! (Im
-Herabsteigen!) Oder die zungenschnelle Frage des Berliner Studenten an
-den pfeifenrauchenden Weingärtner: Kann ich von Ihnen Feuer haben, ja?
-Und die nachdrücklich-langsame Antwort des alten Gôgen: Airscht (erst),
-wenn i ja sag’.</p>
-
-<p>Das Straßenbild von Tübingen beherrschte der Couleurstudent,
-besonders der Angehörige der paukenden Korporationen. Diese standen
-bei den Ausritten und Aufzügen im studentischen Wichs, bei den
-Tanzvergnügungen, den glänzenden Fackelzügen und überhaupt im
-gesellschaftlichen und öffentlichen Leben obenan. Ihre Iliaden und
-Odysseen füllten die ungeschriebenen Annalen der Stadt. Jedes Kind
-wußte, was für Mensuren in laufender Woche ausgefochten wurden,
-welches Dorfwirtshaus, welches Gehölz dazu ausersehen war, wie viele
-Abfuhren es gab, mit wieviel Nadeln der jeweils Zerhackte vom Paukarzt
-genäht wurde. Wenn es den Paukanten gelang, den armen Pedell, der
-sie abzufassen hatte und der zu diesem Zweck den weiten Weg atemlos
-auf Schusters Rappen angaloppiert kam, durch ihre ausgestellten<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-Fuchsenwachen irrezuführen und das unterbrochene Opferfest an einer
-anderen Stelle des Waldes fortzusetzen, so war es ein Triumph der guten
-Sache, woran die ganze Stadt teilnahm. Unsterblich war die immer wieder
-auftauchende Geschichte von der abgehauenen Nasenspitze, die der Hund
-gefressen hatte. Die vererbten Feindseligkeiten oder vorübergehenden
-Spannungen zwischen gewissen Farben wurden mit der gleichen Wichtigkeit
-behandelt, wie heute die Beziehungen der Großstaaten untereinander.
-Sogar die jungen Mädchen nahmen Partei, je nachdem ihre Brüder oder
-bevorzugten Verehrer der oder jener Couleur angehörten. Der historische
-Gegensatz zwischen Korps und Burschenschaften, der längst kein
-grundsätzlicher mehr war, aber noch als Abneigung fortbestand, mußte
-auch gesellschaftlich stets berücksichtigt werden.</p>
-
-<p>Getrunken wurde, wie ich niemals wieder habe trinken sehen. Größere
-Helden des Suffs finden sich auch im „Gösta Berling“ nicht. Die
-Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte,
-wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten
-Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte. Selbst bei Tanzvergnügungen
-konnte es vorkommen, daß ein Partner plötzlich nicht mehr salonfähig
-war und daß aus<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> den Reihen der Kommilitonen ein Ersatzmann gestellt
-werden mußte. Schande war keine dabei, sie behaupteten ihr Ansehen auch
-noch in diesem Zustand. Nur wer sich im Schnaps berauschte, wie es den
-Norddeutschen bisweilen einfiel, statt im landesüblichen Gerstensaft
-oder Wein, der galt für wirklich lasterhaft.</p>
-
-<p>Dabei sprach es doch für die Gutartigkeit dieser ausgelassenen
-Jugend, daß tätliche Ausschreitungen gegen die Nebenmenschen äußerst
-selten waren. Unser Haus am Marktplatz hatte nach damaliger Sitte
-keine Korridortüren auf den einzelnen Stockwerken, aber obwohl im
-Untergeschoß ein Studentencafé lag und die Haustür deshalb fast die
-ganze Nacht offen stand, fühlte man sich doch in seinem Zimmer völlig
-sicher. Nur eines Abends kam unsere schon betagte Josephine voller
-Unwillen aus ihrer Dachkammer zurückgestürzt, denn sie hatte in ihrem
-Bett einen unbekannten Schläfer gefunden. Es war ein Student, der in
-tiefer Verdunkelung die fremden Treppen als seine eigenen erstiegen und
-sich ohne weiteres zur Ruhe gelegt hatte. Meine Brüder, damals schon
-selber Studenten, hatten alle Not, den Unerwecklichen wieder die lange
-Treppe hinunter und ins Freie zu schaffen.</p>
-
-<p>Abseits von dieser Burschenherrlichkeit trieben die<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> „Stiftler“
-ihr halbklösterliches, eigenbrötlerisches Wesen. Es waren dies
-Stipendiaten, die, von klein auf zur theologischen Laufbahn bestimmt,
-erst in den niederen Seminarien, dann im Tübinger evangelischen Stift,
-einem ehemaligen Augustinerkloster, für ihren Beruf herangebildet
-wurden. Obgleich sie durch ihre Halbklausur und vielfache
-Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, gesellschaftlich hinter
-den glücklicheren Stadtburschen zurückstanden, bildeten sie unter ihrem
-unscheinbaren und häufig ungeleckten Äußeren so etwas wie eine geistige
-Auslese des Landes und trugen viel zu der besonderen Physiognomie
-der Tübinger Universität bei. Kein Auswärtiger kann zur Kultur des
-Schwabenlandes und zu seinen großen Söhnen in ein näheres Verhältnis
-treten, wenn er sich nicht eingehend mit dem Geiste des Tübinger Stifts
-und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hat. Aus dieser Anstalt ging
-ja bekanntlich die größte Zahl der führenden Geister Alt-Württembergs
-hervor. Und zwar pflegte entsprechend der Doppelbegabung des Stammes
-ein guter Jahrgang je einen Dichter und einen Philosophen gleichzeitig
-zu bringen: Hölderlin und Hegel, Mörike und Strauß, meinen Vater und
-Ed. Zeller. Gelegentlich wuchsen die großen Geister im Stift sogar
-büschelweise wie in der sogenannten „Genie<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>promotion“, der auch
-Friedrich Vischer angehörte. Der Mehrzahl der Stiftler ging aber
-die einseitige Erziehung lebenslang nach. Mit einem äußerst prall
-gestopften Schulsack verbanden sie häufig die größte Unkenntnis des
-wirklichen Lebens und jenes linkische Ungeschick der äußeren Welt
-gegenüber, das man in Schwaben mit dem Wort „stiftlermäßig“ bezeichnet.
-Bei den schematischeren Köpfen gesellte sich noch leicht eine geistige
-Selbstsicherheit hinzu, die alles, was nicht auf ihrem eigenen Boden
-gewachsen und ihnen darum fremdartig war, als minderwertig betrachtete.
-Mancher der Besten hielt es nicht bis zum Ende aus und entwand sich so
-oder so dem Zwange. Ehemalige Stiftler trugen deutsche Wissenschaft in
-alle Lande und waren als Lehrer wie als Erzieher gleich sehr gesucht.
-Die Daheimgebliebenen nahmen späterhin hervorragende Kirchen- und
-Schulämter ein, sie verewigten den Stiftlerschlag, indem sie ihn
-weiterzüchteten, und gaben dem ganzen schwäbischen Geist etwas von
-ihrem Gepräge ab. Durch sie vor allem kam in die hohe geistige Kultur
-des Schwabenlandes jene unausfüllbare Kluft zwischen der Weite und
-Tiefe des inneren Lebens und der äußeren Formlosigkeit, die nicht
-selten bis zur bewußten Verachtung des Schönen ging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>In dem ehrwürdigen Klosterbau an der oberen Neckarhalde mit seinen
-Kreuzgängen, Höfen und Gärtchen hauste dieser besondere Menschenschlag
-beisammen. Dort studierten, aßen, schliefen sie, ständig überwacht, in
-Zimmern, die ihre altvererbten Namen und die überlieferten Erinnerungen
-an die früheren Bewohner festhielten. In meines Vaters Nachlaß fand
-ich eine von unbekannter Hand in Versen geschriebene Szenenfolge,
-die eine nächtliche Entweichung des sonst so fügsamen Mörike aus dem
-Stift unter dem Beistand dunkler Mächte dramatisch darstellt. Man
-pflegte sich, wenn man die Nacht außerhalb des Stiftes verbringen
-wollte, an einem langen Seil in den „Bärengraben“ hinabzulassen,
-um auf der anderen Seite durch einen befreundeten Stadtburschen
-hochgezogen zu werden. Wurde die Abwesenheit entdeckt, so stand auf
-der unerlaubten „Abnoktation“ eine Note. Eine gewisse Zahl solcher
-Noten bedingte die Ausschließung von der Anstalt. Zu meiner Zeit aber
-war die Verweltlichung schon so weit gediehen, daß die Stiftler sogar
-farbentragenden Verbindungen angehören konnten, soweit diese nicht dem
-verpönten Paukkomment huldigten. Auch waren sie auf allen Bällen unter
-den eifrigsten und bescheidensten, wenn schon nicht immer unter den
-gewandtesten Tänzern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p>
-
-<p>Noch einen Schritt weiter abseits vom studentischen Treiben standen die
-Zöglinge des katholischen Seminars, die Konviktoren, auch „Haierle“
-(Herrlein) genannt, meist Bauernsöhne aus dem schwäbischen Oberland,
-die schon durch ihr langes schwarzes Gewand, aber mehr noch durch ihre
-oberschwäbische Mundart und ihr ganzes weltfremdes Auftreten von der
-übrigen akademischen Jugend abstachen. Auch aus dieser Anstalt sind
-bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen.</p>
-
-<p>Neben dem „Stift“ und mit ihm verbunden lag die „Hölle“, das einstige
-Wohnhaus des „Höllen-Baur“, jenes berühmten, um seiner Bibelkritik
-willen viel angefochtenen Theologen. Er hatte zu den Lehrern meines
-Vaters gehört, war aber um die Zeit, von der hier die Rede ist, schon
-gestorben. Der Spitzname enthielt keine Spitze gegen seinen Träger.
-Die Professoren waren der Mehrzahl nach mit solchen versehen, und
-manche weitgefeierte Leuchte der Wissenschaft ging in der kleinen
-Stadt unter irgendeiner närrischen, zuweilen auch wirklich witzigen
-Bezeichnung einher. Was gab es aber auch für Originale unter diesen
-Professoren! Grundgelehrte Herren, jedoch im Äußeren nicht selten
-sehr vernachlässigt und mit den seltsamsten Gewohnheiten behaftet.
-Zu diesen fragwürdigen Gestalten gehörte der Germanist Holland, der<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-Herausgeber von Uhlands Nachlaß, der auch über italienische Sprache
-und Literatur las. Bekannt war die Ermahnung, mit der er seine Schüler
-zu entlassen pflegte, sie möchten vor allem danach trachten, ins
-Konversationslexikon zu kommen, denn wer es dahin gebracht habe, der
-sei geborgen und brauche nichts mehr zu studieren. Er hatte häufig nur
-<i>einen</i> Hörer im Kolleg, der zu höflich war, ihn mit den vier Wänden
-allein zu lassen. Diesen ließ er einmal in die Heimlichkeiten seines
-Junggesellenhaushalts blicken. Wissen Sie, Herr M..., sagte er zu
-ihm, die Wäscherinnen sind so unsauber (er drückte sich drastischer
-aus), man kann ihnen die Wäsche nicht anvertrauen. Ich schlafe deshalb
-seit zehn Jahren auf dem Schwäbischen Merkur. Als dieser Dante- und
-Boccaccioausleger uns in viel späteren Jahren einmal in der Heimat
-Dantes und Boccaccios besuchte, da war Holland in Not, denn das
-Italienisch, das er jahrzehntelang an der württembergischen Alma mater
-gelehrt hatte, wurde an Ort und Stelle von niemand verstanden.</p>
-
-<p>Noch viel wunderlicher klangen aber die Anekdoten, die von
-verschwundenen Generationen übrig waren. Ein älterer Landgeistlicher,
-Verwandter meines Vaters, der ein hinreißendes mimisches Talent besaß,
-pflegte uns Kindern solche Geschichten aus seiner eigenen Studienzeit
-zu Dutzenden<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> zu erzählen und vorzuspielen. In welche verschollene
-Biedermeierwelt sah man hinein, wenn man hörte, daß ein Professor
-der Philosophie seinen psychologischen Vortrag mit näselndem Ton und
-in mühsamem Hochdeutsch, durch das der Dialekt schimmerte, also zu
-beginnen pflegte: Jengleng, wenn dich die Liebe plagt, so klage es
-(hier wurden die Finger in Bewegung gesetzt): a) den Sternen; so deren
-keine da sind, b) den Wiesen; so auch deren keine gefonden werden, c)
-den Waldbächen. Denn das Rieseln ond Rauschen der Waldbäche lendert
-und mendert den physischen ond psychischen Schmerz einer moralisch
-niedergedrückten Seele.</p>
-
-<p>Auch in der jungen Generation schossen die Sonderlinge ins Kraut,
-obgleich sie nun doch schon einen viel weltmännischeren Anstrich
-bekamen. Wer erinnert sich nicht aus den siebziger Jahren an die
-Gestalt des Dr. Euting, der als jüngster Kollege meines Vaters an der
-Universitätsbibliothek amtete und sich später von Straßburg aus als
-Orientreisender einen Namen machte? Er war weit unter Rekrutenmaß,
-hatte aber sehr breite Schultern und einen sportlich entwickelten
-Körper, der sich in den straffen, schnellenden Bewegungen verriet.
-Euting war damals schon im Orient gewesen und gehabte sich seitdem als
-Türke. Seine Beweg<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>lichkeit, seine schwarzen, umherspringenden Augen,
-ein seltsam gerunzeltes, aber doch junges Gesicht, das aussah wie von
-heißerer Sonne gedörrt, gaben ihm ein völlig fremdartiges Ansehen.
-Den gewesenen Stiftler merkte man ihm nicht mehr an, er lehrte jetzt
-semitische Sprachen, besonders das Arabische. Als außerordentlich
-mutiger Mensch, der er war, hauste er mutterseelenallein in dem
-unheimlichen „Haspelturm“ hinter dem Schlosse. Da bei Einbruch der
-Dunkelheit die nach dem Schloßhof führende Pforte geschlossen wurde,
-war er bei Nacht in seinem Turm von allen Lebenden geschieden. Er
-hatte es durchgesetzt, in diesem ehemaligen Gefängnis der zum Tode
-Verurteilten, dessen durch keine Treppe erreichbares Verließ noch
-Menschenknochen bergen sollte, sich ein paar Zimmer einrichten
-zu lassen, denen er durch orientalische Teppiche und Decken ein
-einigermaßen wohnliches Ansehen gab. Dort saß er mit untergeschlagenen
-Beinen, den roten Fes auf dem Kopf, am Boden, aus mächtiger
-Wasserpfeife rauchend, und bewirtete seine Besucher und Besucherinnen
-mit selbstgebrautem türkischem Kaffee in winzigen Schälchen, alles echt
-und stilgerecht. Dabei erzählte er von Wüstenritten, Haremsbesuchen
-und dergleichen. Er war ein lebhafter Verehrer der Damenwelt, doch war
-ihm seine Kleinheit beim<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> weiblichen Geschlechte hinderlich, mehr noch
-sein bekannter Ausspruch, daß er hoffe, dermaleinst mit zwölf jungen
-Eutings über die Neckarbrücke zu spazieren, alle vom gleichen Wuchs und
-gleicher Schneidigkeit wie er. Ihm war es gegeben, seine Eigenheiten
-noch über den Tod hinaus fortzusetzen. Er baute sich zu Lebzeiten
-mitten unter den freien Schwarzwaldtannen des Ruhsteins sein Grab und
-bestimmte, daß einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, jeder Besucher an
-dieser Stätte mit einer Tasse Kaffee gelabt werden sollte. Erst die
-Kaffeeknappheit des Weltkriegs hat diesen schönen Brauch in Abgang
-gebracht. Doch wir müssen dieses späte Bild verwischen, um wieder zu
-den Sonderlingen des alten Tübingen zurückzukehren.</p>
-
-<p>Da war unter anderen der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem
-Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig
-Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien,
-die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe
-studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je
-ein Examen zu machen. Mit der Zeit hatte er es doch zu ganz tüchtigen
-Kenntnissen gebracht, die ihm gestatteten, andere Studenten aufs Examen
-vorzubereiten. Als diese dann mit der Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> Professoren wurden, hörte
-er selber wieder bei ihnen Kolleg. Mein Bruder Alfred fragte ihn als
-Student einmal, wie er doch nur bei seinen eigenen ehemaligen Schülern
-im Hörsaal sitzen und so eifrig nachschreiben möge. O, antwortete er,
-da ist jedes Wort Gold, es kommt ja alles von mir selber.</p>
-
-<p>Von einem anderen Mediziner wurde erzählt, daß er als verbummelter
-Student mit sehr geringen Kenntnissen nach Amerika durchgebrannt sei
-und sich während des Sezessionskrieges den Nordstaaten als Arzt zur
-Verfügung gestellt habe. Dort stieg er bis zum Generalarzt auf. Aber
-nach Friedensschluß wurde ihm doch wegen seiner Stellung bange, er
-kehrte mit dem erworbenen Titel nach Tübingen zurück, hörte wieder
-Kolleg, und die Professoren, denen sein Auftreten Eindruck machte,
-ließen ihn denn auch glimpflich im Examen durchschlüpfen.</p>
-
-<p>Unter den Kleinbürgern gab es ebenfalls ganz merkwürdige Gestalten,
-die von der Jugend mit Vorliebe aufgesucht wurden und die sich die
-studentische Gesellschaft zur besonderen Ehre schätzten. Eine der
-bekanntesten war der alte Hornung, ein uralter Veteran von 1813. Er
-saß jeden Abend im Wirtshaus und spielte Karten; dabei war er als sehr
-geizig bekannt. Edgar setzte sich in seiner Studentenzeit gern zu ihm
-und malte ihm, wäh<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>rend er spielte, einen Kreuzer auf den Tisch. Da er
-nicht mehr gut sah und gern mogelte, griff er danach: Der ist auch noch
-mein! und wollte ihn einstreichen. Das nächstemal wurde ein Kreuzer
-an eine andere Stelle gemalt, und er griff abermals danach. Auf den
-alten Hornung wurden in Tübingen die bekannten Napoleonanekdoten aus
-der Schlacht von Leipzig übertragen. Eine aber hörte mein Bruder aus
-seinem eigenen Munde: Ein französischer Sergeant hatte als Vorgesetzter
-den Mann viel drangsaliert. Als sie nun eines Tages Seite an Seite über
-einen Graben setzen, fällt der Franzose und ruft um Hilfe. Der Hornung
-aber reitet weiter, indem er mit Nachdruck spricht: Wer reit’t, der
-reit’t, und wer leit, der leit (liegt).</p>
-
-<p>Die ganze bunte Tübinger Romantik gehörte nun aber einzig und
-allein dem Studenten. Daneben lebte und webte Tür an Tür das engste
-Spießbürgertum. Die Geselligkeit war durch strengen Kastengeist
-geregelt und entbehrte der Anmut. Die Frau als gesellschaftliche Macht
-versagte ganz. Man sah aller Enden hübsche junge Mädchen, aber äußerst
-selten eine hübsche junge Frau. Sobald sich die damaligen Schwäbinnen
-verheirateten, hielten sie nichts mehr auf ihre Person. Nach Pflege
-des Geistes und Körpers zu streben, galt für „Emanzipiertheit“ und
-Eitelkeit und war überdies ein Zeichen<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> mangelnder Hausfrauentugend.
-Es konnte vorkommen, daß der Mann hohe akademische Würden innehatte
-und daß die Frau Magddienste verrichtete. Nicht aus Not, sondern weil
-sie keine höheren Ziele kannte. So vermochte der ganze Lebensstil
-sich nicht zu erheben. Auch der Student lernte nur die Reize des
-Studentenlebens, nicht die einer höheren Geselligkeit kennen.
-Und wie phantastisch er’s getrieben haben mochte, am Schluß der
-Universitätsjahre mußte auch er unterducken, sich der lähmenden Enge
-einreihen, wenn er im Lande sein Auskommen finden wollte. Darum klang
-auch so wehmütig der Sang der Abziehenden: Muß selber nun Philister
-sein, ade!</p>
-
-<p>Um die aus den Tübinger Verhältnissen hervorgehende Einseitigkeit
-oder Verwilderung zu bekämpfen, war Friedrich Vischer, solange er in
-Tübingen lebte und lehrte, bemüht, die Verlegung der Universität in die
-Landeshauptstadt durchzusetzen. Damit wäre freilich zugleich aller Reiz
-der Überlieferung aus dem studentischen Leben geschwunden. Er fand aber
-mit diesem Lieblingsgedanken keinen Anklang und konnte nur für seine
-eigene Person die Wahl treffen, indem er endgültig das Stuttgarter
-Polytechnikum dem Tübinger Lehrstuhl vorzog und so die Universität
-eines ihrer größten Namen beraubte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-<p>Wieviel man gegen das alte Tübingen auf dem Herzen haben mochte, die
-reizvolle, wunderliche Stadt mit dem kühnen Profil und der entzückenden
-Lage hat es noch allen angetan, die dort gewesen. Und so oft ich
-späterhin aus Italien wiederkehrte, ganz durchtränkt von der Schönheit
-des Südens, wenn ich wieder einmal auf dem „Schänzle“ stand und
-die Blicke von der lachenden Neckarseite mit der fernen Alb in das
-schwermütige Ammertal wandern ließ, wo, wie einmal eine gefühlvolle
-Tübingerin zu Friedrich Vischer sagte, „das Herz seinen verlorenen
-Schmerz wiederfindet“ immer habe ich den Zauber meiner Jugendstadt aufs
-neue verspürt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Heidenkinder">Die Heidenkinder.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>nnerhalb des Tübinger Spießbürgertums stand nun unser Haus wie eine
-einsame Insel. Schon beim Eintritt hatte unsere Mutter die üblichen
-Antrittsbesuche unterlassen. Mein Vater war eigens ein paar Wochen
-früher eingerückt und hatte alles, was die Etikette vorschreibt,
-erledigt, um ihr diese Prüfung nicht aufzuerlegen, denn er sah voraus,
-daß sie sich in ihrer freien, der Zeit vorangeeilten Weltanschauung
-ebenso abgestoßen fühlen würde wie in ihrer aristokratischen
-Empfindungsweise, die mit der ultraradikalen Gesinnung ganz gut
-zusammenging. Er wußte auch, daß die Abstoßung gegenseitig gewesen
-wäre, denn es gab damals in Tübingen nur wenig Frauen, die das Zeug
-hatten, eine so ungewöhnliche Natur wie meine Mutter zu verstehen.
-Außerdem war bei ihrem ganz auf die Familie beschränkten Dasein ihre
-Garderobe nicht im besten Stand, und jede Ausgabe für sich selber ging
-ihr lebenslang gegen das Gewissen.<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Außer mit der Witwe Uhland und mit
-den Töchtern des alten Dichters Karl Mayer, der ihr feuriger Verehrer
-war, wollte sie überhaupt keinen Frauenumgang. Es läßt sich denken,
-welchen Anstoß wir Kinder, auf die bisher fast nichts als die Natur
-und der Geist der Eltern eingewirkt hatten, jetzt in der Tübinger
-Umwelt erregten. Die „Heidenkinder“ nannten sie uns auch dort. Meine
-Brüder wurden oftmals auf dem Schulwege von anderen Jungen tätlich
-angegriffen, und es entspann sich dann eine gewaltige Schlägerei;
-die Heiden standen zusammen und wehrten sich mannhaft, wodurch sie
-ihren Widersachern allmählich die Lust zu solchen Unternehmungen
-verleideten. Mir aber, die ich allein und unbeschützt war, erregte
-es ein schmerzliches Erstaunen, wenn mir mein ungewöhnlicher Rufname
-in einer häßlichen Verketzerung nachgeschrien wurde, oder wenn gar
-ein Stein aus dem Hinterhalt geflogen kam. Ich ging daher als Kind
-nur sehr ungern durch die Straßen und trieb mich lieber in der Nähe
-unserer damaligen, außerhalb der Stadt gelegenen Wohnung an den
-Steinlachufern oder auf dem großen Turn- und Schießplatz umher, in
-einsame Phantasien versponnen. Für alle Zeit bleibt mir ein Sonntag in
-die Seele geschrieben, an dem ich ganz allein eine Forschungsreise in
-die Gôgerei unternahm. Man hatte mir mein<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> schönstes weißes Mullkleid
-mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen
-Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band
-geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun
-von der Langen Gass’ in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein
-kleines Gôgenkind mit Jubelgeschrei entgegen und wollte in meine Arme
-stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen
-Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt
-und riß entsetzt die Kleine vor mir weg. Erst als sie sich hinter einem
-niederen Zaun geborgen sah, drehte sie sich noch einmal um und sagte,
-mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: So sehen die Heiden
-aus!</p>
-
-<p>Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen
-ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen,
-sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst
-in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen
-weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben;
-ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es
-hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die
-auch in ihren Kreisen als die erste<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> herrschte. Selbst als sie im Jahre
-48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch
-zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht
-nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche
-Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie
-immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen.
-Auch ihre entfernteren Verwandten &mdash; die nahen waren schon alle tot
-&mdash; hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer
-davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands
-im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd
-gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es
-nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf.
-Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden
-sind immer die Schwächeren.</p>
-
-<p>Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht
-dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur
-Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie
-in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende
-Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal
-unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>
-gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde,
-so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich
-wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu
-lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es
-wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen
-hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich
-mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell
-überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die
-Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst
-einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den
-himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die
-weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen
-Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte,
-kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste
-nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich
-ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein,
-meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief,
-aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen
-Vorrat für erschöpft. Von da an begehr<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>te ich niemals wieder nach einer
-Kindergesellschaft.</p>
-
-<p>Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den
-Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen
-Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht,
-ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein
-nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte
-es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende
-Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie
-Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen
-das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter
-Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und
-mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den
-Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette
-halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich
-jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf
-Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen
-überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie
-herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen
-mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> täuschenden
-Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das
-Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen.</p>
-
-<p>Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich
-so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne
-zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“
-noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You,
-eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu
-erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig
-bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir
-einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen,
-auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl,
-mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten.
-Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem
-freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen.
-Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung
-(Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und
-ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.</p>
-
-<p>Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch
-handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche
-Über<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>mittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich
-später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments
-entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A
-bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu
-wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm
-wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das
-gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan
-das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem
-etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine
-Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen
-Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie
-in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt
-gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe
-nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen
-Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn
-anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter,
-daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf
-unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar
-kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf
-Jahren. Allein<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das
-Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen
-brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie
-von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen
-Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten
-Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so
-sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.</p>
-
-<p>Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte
-ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine
-Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich
-die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir
-von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein
-eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte,
-an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb
-zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich
-eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich
-gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem
-Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt
-war. Da er<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>gab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn
-auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile
-der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück
-in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein
-neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern
-entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte
-ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio
-begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was
-von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich
-zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“
-aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als
-Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde.
-Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort,
-indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher
-Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles
-still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen,
-bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am
-Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren
-Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> ich
-die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn
-bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die
-Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt,
-Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen
-in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet
-wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ein_Fluchtversuch">Ein Fluchtversuch.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem
-Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich
-war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf
-das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten
-Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten
-Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch
-das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung
-eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber
-der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für
-ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine
-Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger
-Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es
-wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert,
-wenn zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im
-Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte
-die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel
-des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen
-Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam,
-soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.</p>
-
-<p>Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches
-ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis
-zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, und in meiner
-Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis
-zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen
-bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig
-erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen,
-so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus
-der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine,
-trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine
-frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat,
-die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen
-Entwicklungskrämpfen das<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach
-dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher
-Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien
-alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber
-mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren
-und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn
-er einmal seine Hörner abgelaufen hat.</p>
-
-<p>Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen
-Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den
-weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde
-er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in
-tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen
-ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">N. N. möcht’ ich gar nicht heißen,</div>
- <div class="verse">N. N. ist ein wüster Name,</div>
- <div class="verse">N. N. hat sich küssen lassen</div>
- <div class="verse">Von den Mädeln auf der Gassen.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte
-sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich
-die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> dumpfen Groll
-zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich
-mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis,
-mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt
-nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu
-besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich
-liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel,
-vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes
-der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem
-Wintertage jedoch &mdash; es war in meinem zehnten Jahre &mdash; geschah
-etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit
-irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner
-Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen
-zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals,
-zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt,
-bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten
-Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem
-Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen
-überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war
-mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß be<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>stäubt, und
-nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß.
-Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat,
-als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen,
-sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So
-mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den
-Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen
-Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer,
-daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über
-den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu
-vermeiden &mdash; es gab deren genug ohne mein Zutun &mdash;, aber es wollte
-mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich
-war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit
-umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch
-noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen
-Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater
-anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen
-Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben.
-Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung
-an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in
-sei<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>nen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das
-Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich
-schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich
-geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich
-gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde
-stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr
-Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft.
-Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen
-mich versteifte.</p>
-
-<p>Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war
-vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa
-meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf
-seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn
-ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben,
-suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen.
-Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen
-Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in
-inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten
-die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo
-sich alle gemeinsam<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner
-Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des
-Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein
-Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging
-ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor,
-so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie
-sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere
-Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen
-durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei
-sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich
-mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst
-recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck
-wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn
-ringsum die gleiche Gesinnung hegen.</p>
-
-<p>Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein
-unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern.
-Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen
-Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle,
-auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem
-hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> empfangenes
-Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte.
-Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß
-wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten
-(der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder
-Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare
-Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide
-besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von
-Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen
-Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte
-und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien
-uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt
-zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen
-und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An
-einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem
-siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann
-wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll
-schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die
-kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich
-fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel,<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> und
-der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück
-von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen
-das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es
-aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo
-wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten
-flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten
-Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon
-oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich
-ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann
-dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir
-waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein
-warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine
-große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte,
-erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie
-unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst,
-sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert
-sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf,
-aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als
-am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Verges<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>sen war mit
-einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen
-weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die
-Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der
-Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die
-Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir
-machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten,
-den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als
-wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden
-Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster
-ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der
-Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den
-toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich,
-denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht
-werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie
-wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar
-war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und
-auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich
-dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings
-regte sich aber der künftige Anatom<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> in ihm, und er begann nun auch
-zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden.
-Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich
-fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und
-ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen,
-wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen
-harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus
-und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend
-im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar
-nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders
-seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber
-ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich
-nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem
-Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche
-Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein
-umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich
-den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein
-Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster
-so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte
-Sebastiansweiler aber habe ich während meines<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ganzen Tübinger
-Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte
-der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor
-meiner Seele steht.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Florentinische Erinnerungen</p>
-
-</div>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Von_Ihr">Von Ihr.<br />
-Nachklänge des „tollen“ Jahres.<br />
-Das rote Album.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">B</span>evor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene
-Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf
-ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig
-aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden
-könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein
-Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre
-Züge, so urpersönlich &mdash; ein einziger zu stark gezogener Strich, eine
-vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann
-zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet,
-muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es
-auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für
-das nur einmal Vorhandene keinen Platz in sei<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>ner Vorstellung. Es gab
-Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als
-ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und
-keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten,
-ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen.</p>
-
-<p>Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit
-mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie
-sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der
-an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die
-vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger
-Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die
-Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine
-ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden
-konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten
-beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage
-bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen
-Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war,
-weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie
-wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> und ihr
-Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war,
-denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen
-Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften
-„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß
-keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein
-Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher
-Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien
-ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und
-Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang
-nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848
-mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu
-treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt.</p>
-
-<p>Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu
-einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß
-man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung
-umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer
-verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler
-Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom
-Ich, was doch der Natur des<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Trieblebens zu widersprechen scheint!
-Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose
-Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als
-Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie
-vergleichen könnte, so finde ich nur <i>eine</i> Gestalt, die ihr ähnelt,
-den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers
-lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein
-Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen
-können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr
-ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um
-beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und
-Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das
-Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war
-ihr in oft erschreckendem Maße eigen.</p>
-
-<p>Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen
-zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte,
-Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins
-Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen
-eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn
-das Schlachten der Tiere gehörte zu<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> den Dingen, die ihr die schöne
-Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur
-von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung
-befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf
-Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit
-hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es
-gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren
-todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte,
-Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere
-Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot
-im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer
-häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden
-mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings
-unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit
-und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können;
-waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie
-rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum
-als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom
-Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit
-widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> fuhr sie aus dem
-Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf
-dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre
-Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich.
-Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben
-herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht
-wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden.</p>
-
-<p>Ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas unruhig Fesselndes bei
-überstarkem Glanz der Augen, wozu auch das schimmernde Weiße viel
-beitrug. Aber erst im höheren Alter bekamen ihre Züge die ergreifende
-Harmonie und großartige Einfachheit, in der sich dann ihr gereiftes
-Wesen wunderbar ausdrückte. Durch die Schnelligkeit ihres Ganges
-fiel sie noch als Achtzigerin auf, dabei waren ihre Hände immer ein
-wenig voraus, wie im steten Begriff zu helfen und zu geben. Alles
-ging ihr zu langsam, beim Anziehen fuhr sie noch im höchsten Alter
-immer mit beiden Armen zugleich ins Kleid. All diese äußere Hast war
-aber frei von Nervosität und Zerfahrenheit. Man konnte sie bei der
-ungeheuren Raschheit ihres Wesens einem jener hinjagenden Wirbelwinde
-vergleichen, in deren Innerem eine vollkommene Windstille herrscht.
-Ihre Gelassenheit war so groß, daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> ihre unzähligen Briefe immer
-im Tohuwabohu der Kinderstube schrieb. Auch wenn andere währenddessen
-mit ihr sprachen, ließ sie sich nicht aus ihrem Gedankengang bringen.
-Sie brauchte zum Schreiben nur eine Tischecke und eine von den Kindern
-geliehene Feder. Denn sie besaß gar nichts Eigenes, nicht einmal
-Schreibzeug. Und die Ströme Wassers, mit denen sie uns täglich abflößte
-&mdash; ein in bürgerlichen Häusern damals noch wenig gepflegter Brauch &mdash;,
-waren die einzige Erinnerung an die aristokratische Lebenshaltung ihres
-Elternhauses, die sie mit in die Ehe herübernahm.</p>
-
-<p>Ihre Unempfindlichkeit gegen Geräusch hatte die Folge, daß sie von mir
-denselben Gleichmut verlangte, und das war mir eine große Pein. Nicht
-nur meine Lernaufgaben, sondern auch meine Übersetzungen, die schon in
-den Druck gingen, mußte ich unter ganz ähnlichen Bedingungen an einer
-Tischecke zuwege bringen, mit einer Feder, deren Alleinbesitz mir nicht
-zustand. So oft ich mich mit Schreibgerät versorgte, immer verschwand
-es in der Schultasche der Brüder, die ihrerseits auch nicht besser
-gestellt waren, denn jegliches Ding ging von Hand zu Hand, und ein
-jeder suchte immerzu das seinige oder was er dafür hielt; mit Ausnahme
-des Erstgeborenen, dessen kleine Habe unantastbar war. Wären die Kinder
-nicht alle gut<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> geartet gewesen, so hätte es beständigen Streit um das
-Mein und Dein geben müssen; so gab es nur ein beständiges ärgerliches
-Suchen und Fragen bei großem Zeitverlust. Und ähnlich ging es mit
-allen anderen beweglichen Gegenständen auch. Am meisten war mein armes
-Mütterlein selbst geplagt, denn das Objekt, das sich von ihr allzutief
-verachtet fühlte, verfolgte sie mit unersättlicher Rachgier, so daß sie
-selbst, die gute Josephine und ich, die wir ihr beistanden, viel Kraft
-in diesem sieglosen Kriege verschwendeten. Aber eine andere Hausordnung
-einzuführen, bei der jegliches Ding an seinem Platz geblieben wäre,
-widerstrebte ihr durchaus.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich, daß um jene Zeit in einer Kammer mehrere ganz
-gewaltige Ballen feinster, handgewebter Leinwand lagen; sie stammten
-noch von meiner Großmutter Brunnow, die sie jahraus, jahrein für den
-Brautschatz ihrer Marie hatte weben lassen. Die schönen Tafeldamaste
-und Bettlinnen wurden ebenso wie das kostbare Kristall vorzugsweise
-zu Geschenken verwendet, wenn etwa eine der jüngeren Freundinnen sich
-verlobte, oder zu Vergütungen für geleistete Dienste. Nun war es unter
-den Geschwistern ganz üblich, daß, wenn einer des Morgens sein Handtuch
-nicht fand, weil der andere es benützt und in den Winkel geworfen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-hatte, der Geschädigte, statt um ein neues zu bitten, einfach zur
-Schere griff, um sich von dem Leinwandballen ein beliebiges Stück
-abzuschneiden, das er ohne Umstände in Gebrauch nahm. Mein Mütterlein
-verwehrte es nicht, sie half wohl selber mit, wenn gerade der Schlüssel
-zum Wäscheschrank verlegt war. Als ich ihr nun eines Tages den
-Vorschlag machte, mich die abgeschnittenen Stücke einsäumen zu lassen,
-wie ich es anderwärts gesehen hatte, weil es dann hübscher aussehen
-und länger halten würde, ließ sie mich ärgerlich an, ich solle mein
-Herz nicht an solchen Kleinkram hängen, sondern froh sein, daß ich mich
-geistig beschäftigen dürfe. Zugeben muß ich heute, daß die Handtücher
-jetzt doch zerrissen wären und daß die geistigen Werte, die sie uns
-gab, festen Bestand hatten. Aber damals machte es mich oft traurig,
-daß sich gar kein Austrag zwischen den höheren Aufgaben und der Welt
-des Irdischen finden ließ. Und wenn ich gar einmal, von einem Besuch
-bei auswärtigen Freunden heimkommend, eine dort gefundene Ordnung
-oder Verbesserung im eigenen Hause einführen wollte, so konnte sie
-ernstlich böse werden und mir drohen, sie würde mich niemals wieder
-in fremde Häuser gehen lassen. Sie pflegte dann in ihrer drastischen
-Weise zu klagen, daß ich meine Gaben nur hätte, um dümmer zu<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> sein
-als das dümmste Frauenzimmer. In solchen Fällen stieß ich sogar auf
-den Widerstand Josephinens, die in ihrem eigenen Tun noch immer so
-pünktlich und geordnet war, wie sie es im Brunnowschen Hause gelernt
-hatte, die aber mit solcher Leidenschaft an ihrer Herrin hing, daß sie
-nur mit ihren Augen sehen konnte. Ganz mit mir zufrieden wurde mein
-gutes Mütterlein erst, wenn ich endlich, nach vergeblicher Bemühung,
-Ordnung zu stiften, entmutigt die Arme sinken ließ. Dann saß man
-wieder inmitten des häuslichen Durcheinanders, das einen nichts mehr
-anging, weltentrückt wie die indischen Weisen unter ihrem Urwaldbaum,
-und sie redete zu mir über das Woher und Wohin, vor allem über das
-Warum des Lebens. Denn in dieses zuckende, rastlose Flämmchen war ein
-ganz stiller, einsamer Denker eingeschlossen, der immerzu über die
-letzten Geheimnisse grübeln mußte. Die materialistische Weltauffassung,
-die damals der Philosophie den Boden wegnahm, befriedigte sie im
-Innern keineswegs. Das Rätsel des Todes machte ihr lebenslang zu
-schaffen. Sie prüfte unablässig alles Für und Wider der Gründe für
-ein Fortleben. Natürlich kam sie niemals zu einem Schluß, und es hing
-ganz von ihrer augenblicklichen inneren Verfassung ab, ob sie mehr
-dem Ja oder dem Nein zuneigte. Daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> glühend das Ja ersehnte, um
-ihre Liebe noch über das Erdenleben hinaus zu betätigen, war für sie
-doch kein Grund, ihr Denken nach ihren Wünschen einzustellen. Sie
-erzählte mir oft, daß sie sich einmal mit einer Bekannten, Frau H. aus
-Eßlingen, das Wort gegeben hatte, welche vor der anderen stürbe, die
-wolle der Überlebenden ein Zeichen geben. Frau H. starb, und in einer
-der nächsten Nächte sah meine Mutter sie am Ende eines langen Ganges
-vorübergehen und ihr zunicken. Sie verstand gleich, was das Nicken
-bedeute, aber beim Erwachen erwachte auch der Zweifel. Weshalb sollte
-mir Frau H. erscheinen, sagte sie, und meine Mutter nicht, die mich
-so unendlich geliebt hat? Denn auch ihre Mutter hatte ihr ein solches
-Versprechen gegeben, und sie hatte nach ihrem Tode bestimmt auf eine
-Erscheinung gewartet. Als sie in der Nacht an ihrem Bette plötzlich ein
-Licht aufblitzen sah, dachte sie: das ist sie! Und lag mit klopfendem
-Herzen regungslos, um das Licht nicht zu verscheuchen, das immer um sie
-blieb und bald da, bald dort erschien. Aber am Morgen sah sie einen
-toten Leuchtkäfer auf dem Gesimse liegen und wartete fortan nicht
-mehr. Seit dieser Enttäuschung lehnte sie alle Mystik entschieden
-ab, wiewohl ein mystischer Zug unter dem Grunde ihres Bewußtseins
-lag. Sie hatte auch prophetische<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Träume, die sich seltsamerweise
-meist auf Nebensächliches bezogen, wie verlegte Gegenstände, deren
-Versteck ihr der Traum zeigte. Bisweilen hatten aber diese Träume auch
-bedeutenderen Inhalt, und einen davon werde ich an einer späteren
-Stelle erzählen. Es gab übrigens noch einen anderen geheimnisvollen
-Punkt in ihrem Seelenleben, über den sie sich nur selten und mit
-größter Zurückhaltung äußerte. Sie sagte mir nämlich wiederholt auf
-ganz verschiedenen Altersstufen, daß sie ein Dämonium wie das des
-Sokrates habe, das mitunter sehr nachdrücklich und stets in abmahnender
-oder mißbilligender Weise zu ihr spreche. Mehr erfuhr ich nicht und
-fragte auch nicht weiter, um eine solche Gabe, die bei ihrem Ungestüm
-gewiß wohltätig war, nicht durch Beschreien zu stören. Ich weiß aber,
-daß sie sich auch zu anderen andeutungsweise über die Sache geäußert
-hat.</p>
-
-<p>Ich hatte damals für ihre immer wiederkehrende faustische Klage, „daß
-wir nichts wissen können“, wenig Sinn. Die Tatsache unseres Hierseins
-war mir noch so neu und merkwürdig, daß ich nicht nach dem Woher und
-Wohin und am allerwenigsten nach dem Warum fragte. Dagegen liebte ich
-es, ihre Philosophie durch ganz spitzfindige Fragen zu bedrängen, wie
-diese: „Gesetzt, Papa hätte eine andere Frau genommen und besäße von
-ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> eine Tochter, du aber hättest einen anderen Mann und gleichfalls
-eine Tochter von ihm, welche von den beiden Töchtern wäre dann ich?“
-&mdash; Närrchen, dann wärest du eben überhaupt nicht vorhanden. &mdash; Das war
-mir nicht vorstellbar. &mdash; Vielleicht wäre ich zweimal da, jedesmal mit
-einer falschen Hälfte verbunden? &mdash; Aber Kind, du redest ja den reinen
-Unsinn. &mdash; Oder wären die zwei vielleicht meine Schwestern? &mdash; Das
-wollte sie eher gelten lassen. &mdash; Aber Mama, wenn ich gar nicht bin,
-wie kann ich dann Schwestern haben?! &mdash; Die philosophische Untersuchung
-endigte zuletzt, wie philosophische Untersuchungen immer enden sollten,
-mit einem Lachen.</p>
-
-<p>Gänzlich unberührt vom häuslichen Wirrwarr lag des Vaters
-Studierzimmer. Dort waltete ich in seiner Abwesenheit ganz allein als
-Hüterin des Tempelfriedens. Schon in seinen frühen Ehejahren hatte
-er sich’s ausbedungen, daß keine Hand in häuslicher Absicht sein
-Schreibpult berühre (er arbeitete immer stehend), bis seine Tochter
-daran heraufgewachsen sei. Sobald meine Größe es erlaubte, trat ich
-mein tägliches Amt an, das Pult zu säubern und die Studierlampe in
-Ordnung zu halten. Es war dies so ziemlich die einzige häusliche
-Verrichtung, zu der ich überhaupt zugelassen wurde. Die wenigen Male,
-die ich sie gedankenlos versäumte,<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> blieben mir schwer auf der Seele,
-denn daß er beim Nachhausekommen schweigend und ohne ein Wort des
-Vorwurfs nach dem Petroleumkännchen griff, hinterließ mir einen viel
-tieferen Eindruck, als es der schärfste Tadel vermocht hätte.</p>
-
-<p>Wer nun aber aus der Gleichgültigkeit meiner Mutter gegen die äußeren
-Lebensbedingungen schließen wollte, sie sei meinem Vater auch eine
-schlechte Geldverwalterin gewesen, der würde gröblich irren. Fast
-ohne Mittel fünf Kinder aufzuziehen, zu ernähren, zu kleiden, war
-oft eine nahezu unlösbare Aufgabe; sie hat sie dennoch gelöst,
-still, selbstverständlich, in höchster Würde, und, was mehr ist: in
-unerschöpflicher Freudigkeit. Das Glück, an seiner Seite zu leben,
-vergütete ihr jede Beschwerde. Ich erinnere mich nicht, daß es uns
-Kindern je am Nötigen gefehlt hätte. Auch kleine Freuden und Erholungen
-wurden uns nie versagt; wer zu kurz kam, war immer nur sie selbst.
-Daneben hatte sie die offenste Hand für alle Bedürftigen; sie wartete
-nie ab, daß ein Armer sie auf der Straße ansprach, sondern schlich
-ihm nach, bis sie ihm unbeobachtet geben konnte. Ein Apotheker in
-Tübingen erzählte mir, daß er oft als Kind am väterlichen Ladentisch
-mitangesehen habe, wie sie sich leise an irgendeine arme Frau
-heran<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>drängte, um ihr verstohlen ein Geldstück in die Hand zu stecken,
-was niemand wahrnahm als der Dreikäsehoch, der die Welt von unten sah.
-Und sie hatte wahrlich nichts übrig, jede Gabe mußte durch vermehrtes
-Sparen ausgeglichen werden. Auch war sie immerzu häuslich tätig.
-Während sie dem einen Knaben die Hose flickte, nahm sie mit dem anderen
-seine Schulaufgaben durch, und wenn es nottat, griff sie im Haushalt
-auch beim Gröbsten zu, denn sie hielt dafür, daß keine Art von Arbeit
-schände. Nur die Hände ihrer Tochter sollten kein gemeines Geschäft
-verrichten; hier hatte der Demokratismus eine Lücke. Nicht einmal einen
-Kochlöffel zu berühren war mir erlaubt, so sehr ich bat, mich in der
-Küche mitbetätigen zu dürfen, denn ich trug immer eine ungestillte
-Sehnsucht nach Beschäftigung mit stofflichen Dingen in mir herum.</p>
-
-<p>Am hellsten glänzten die Wirtschaftskünste meiner Mutter, wenn
-plötzlich unerwartete Gäste erschienen, was bei der noch allgemein
-verbreiteten altschwäbischen Gastlichkeit leicht geschah. Unser
-Raum war so beschränkt, daß kaum die Familie selber Platz hatte,
-von Gastzimmer mit Gastbett keine Rede. Aber im Nu war ein Lager
-bereit, der Tisch wurde gedeckt, Josephine buk und brotzelte in der
-Küche, und es herrschte eitel Freude im<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Hause. Wie gut es den Gästen
-gefiel, bewiesen sie dadurch, daß sie häufig wochenlang blieben. Dies
-ging zumeist auf meine Kosten, denn ich mußte, da die Knaben nicht
-in der Ordnung gestört werden durften, alsdann mein Bett mit allen
-Bequemlichkeiten opfern. Mitunter fand ich nicht einmal mehr auf
-einem Kanapee Zuflucht, sondern mußte mich mit zusammengestellten
-Stühlen begnügen, die, wenn man sich bewegte, auseinanderfuhren und
-die daraufgelegten Kissen zu Boden gleiten ließen. Es kam selten vor,
-daß ich einmal längere Zeit im ungestörten Besitze meines Bettes
-blieb. Darüber durfte kein Wort verloren werden, Mama gab ja auch das
-ihrige her. Freilich war auch der Gewinn auf meiner Seite, denn die
-Besuche, besonders die von weither zugereisten, brachten neues Leben
-und Weltweite mit, wonach ich dürstete. In solchen Zeiten hatte dann
-das Lernen und alle geregelte Tätigkeit ein Ende: der Brauch verlangte,
-daß wenigstens die weiblichen Glieder des Hauses sich völlig den Gästen
-widmeten.</p>
-
-<p>Unter den kometenartigen Erscheinungen, die vorübergehend in unserem
-Hause auftauchten, strahlte besonders Frau Hedwig Wilhelmi, eine
-Freundin meiner beiden Eltern, die in Granada lebte. Sie war eine
-blendende, geistig angeregte Persönlichkeit von sehr freiem und
-rauschendem Auftreten,<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> leidenschaftlich der materialistischen Richtung
-eines Vogt und Büchner ergeben, daneben auch literarisch angehaucht,
-kurz nach ihrem ganzen Wesen eine in der damaligen Frauenwelt unerhörte
-Ausnahme. In ihren späteren Lebensjahren machte sie sich in Deutschland
-und Amerika durch sozialistische Propaganda bekannt, stieß mit den
-Ausnahmegesetzen zusammen und erlitt Gefängnis, Verfolgung und Ungemach
-aller Art, wodurch ihr Wesen herber und ihre Haltung schroffer wurde.
-Aber gern rufe ich mir ihr Bild zurück, wie sie in meine Kindheit trat,
-die bewegliche Gestalt, den feinen, etwas hart geschnittenen Kopf mit
-den sprechenden Augen, von kurzen braunen Locken kühn umflattert, die
-unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Das Rauchen war an einer
-Frau damals noch etwas sehr Auffallendes, doch es ging ihr so hin,
-weil man in Deutschland glaubte, sie habe das in Spanien gelernt, die
-Spanier dagegen es für einen deutschen Brauch hielten. Ich kann sie mir
-gar nicht anders vorstellen als in einem Kreise von Herren sitzend,
-deren sie immer eine Anzahl um sich haben mußte, rauchend, trinkend,
-disputierend.</p>
-
-<p>Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug,
-brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen
-bildschö<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>nen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber
-in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug
-ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer
-raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die
-spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine
-Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte.
-Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil
-sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden
-hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen
-Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem
-Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken.
-Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung
-der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere
-Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie
-von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen
-Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich
-auch für mich selber ersehnte.</p>
-
-<p>Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen
-bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit
-leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>licher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an
-ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast
-wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den
-schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen,
-sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um
-die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal
-und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick
-verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider
-mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in
-grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein
-grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier
-umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser
-Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch
-ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der
-Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft,
-dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso
-grünen Schleier auf dem Hute zu tragen.</p>
-
-<p>Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs
-Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des
-Morgens ein,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen
-Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und
-Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht
-bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses
-Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für
-mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste,
-zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden
-bei ihr Verständnis und Teilnahme &mdash; unsere Josephine pflegte sie
-schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee
-in Fouqués Zauberring &mdash; und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte,
-gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas
-geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes
-Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein;
-wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war
-meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches
-Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man
-nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht;
-trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger
-in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist;
-das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte
-ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches,
-Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe
-Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere
-ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo &mdash;
-ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen &mdash; mit brennender Neugier
-verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem
-er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte,
-spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich
-dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals
-angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine
-früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die
-Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur
-ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen,
-mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines
-Lehrbuchs &mdash; eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht &mdash;,
-sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der
-Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>liebe,
-er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen
-Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren
-wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen
-der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen
-Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die
-schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das
-Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren,
-ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein
-etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen
-Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen
-den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl
-damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen
-des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen.
-Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich
-der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr
-angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“,
-seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß
-die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern
-nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> sind, nahm ihnen für
-sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen
-Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen
-Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er
-das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der
-so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen
-Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen
-Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch
-erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man
-beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur,
-auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen,
-die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal
-verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von
-irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las,
-bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie
-mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei
-entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr
-klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der
-anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief
-immer gleich wieder mit ihr davon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p>
-
-<p>Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne
-messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten
-Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden
-waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings
-namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an
-Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der
-Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde
-er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser
-arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde
-zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte
-ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und
-flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe
-schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s
-nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit
-possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet
-am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren,
-mitzulachen.</p>
-
-<p>Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten,
-wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der
-tollste Nachklang des Jahres 1848.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p>
-
-<p>Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der
-überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt
-habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer
-heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und
-tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor
-der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als
-das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch
-röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es
-der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie
-überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil
-ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken,
-als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung
-beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser,
-den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein
-fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen
-Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt
-würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine
-achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn,
-zu der er geboren war, und<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> er konnte lange Zeit nicht einmal die
-bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen
-erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke
-Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn
-Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger
-Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen
-mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“,
-eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er
-sich auch literarisch bekannt gemacht.</p>
-
-<p>In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den
-Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand,
-in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren
-Jugendtagen schon verschollene Weise:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Wenn die Fürsten fragen:</div>
- <div class="verse">Lebt der Hecker noch?</div>
- <div class="verse">Sollt ihr ihnen sagen:</div>
- <div class="verse">Hecker, der lebt hoch!</div>
- <div class="verse">Aber nicht am Galgen,</div>
- <div class="verse">Nicht an einem Strick,</div>
- <div class="verse">Sondern an der Spitze</div>
- <div class="verse">Deutscher Republik.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-
-<p>Ein Proletarier schrieb:</p>
-
-<p>Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben
-soll, so will ich es eben dun:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">I ka’ keine Versle mache,</div>
- <div class="verse">I verstand et selle Sache,</div>
- <div class="verse">Drum ruf i mit wildem Blick:</div>
- <div class="verse">Hurra hoch die Rebolik.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte
-sich durch den kurzen Spruch:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Hecker, Struwe, Ziz und Blum,</div>
- <div class="verse">Kommt und bringt die Breißen um!</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein
-Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung:
-Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit
-erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen?
-(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!</p>
-
-<p>Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In
-mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem
-Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald
-im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem
-Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson,
-und in der blutrünstigen Tragödie<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> „Der Tyrann“ stirbt sie als
-freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten
-Handwerksburschen auf der Barrikade.</p>
-
-<p>Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es
-auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in
-Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein
-Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei
-weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen
-konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der
-Ausdruck einer Zeitstimmung war.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ch_1866">1866.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>enn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung
-auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch &mdash; der Völkerfrühling!
-Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das
-Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück
-leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis
-die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte
-und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere
-Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die
-zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal
-aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd
-sagte: Teile wellet se, teile! &mdash; und ihrem ausziehenden Freischärler
-nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! &mdash; Meine
-Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzi<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>gern. Doch ging mein
-gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht
-so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein
-selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus
-nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die
-Stelle:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Dem Erwecker in dem Westen</div>
- <div class="verse">Bleibe hold, er will nicht mehr,</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="p0">nachträglich verändert in das warnende:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Dem Erwecker in dem Westen</div>
- <div class="verse">Gib das Seine, gib nicht mehr.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal
-seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu
-werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen
-Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei
-meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es
-keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als
-der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren
-Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren
-Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie
-einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits-
-und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Sie glaubte in ihrem
-Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von
-Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor
-schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach
-Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen
-eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als
-großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf
-dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor
-Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der
-nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber,
-bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England
-gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber
-Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling
-lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei
-einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als
-einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau
-Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich
-verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf
-immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht,
-daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bis<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>marck
-geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief
-war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den
-Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer
-dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen
-Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten
-Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches
-Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß
-meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter,
-englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit
-düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren
-Tat zu reifen scheint.</p>
-
-<p>Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische
-Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch
-nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen
-könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen
-her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit
-schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt
-war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine
-unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht,
-wenigstens einen<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn
-es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der
-uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der
-Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke
-abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines
-Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es
-zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans
-Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all
-seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach:
-es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen
-die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die
-Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder
-zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten
-sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war
-versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein
-Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es
-mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch
-leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt
-werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p>
-
-<p>Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen,
-und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet
-sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk
-aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben
-kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte
-längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist
-des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke
-für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne
-Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als
-außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend
-begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher
-Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei
-Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz
-normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen
-kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause
-das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem
-Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte
-diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten
-durchführen, denn es wohnte damals in dem klei<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>nen Schwabenland
-die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten
-Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte
-reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs
-Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller,
-Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken.
-Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses
-Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede
-genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen
-Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen
-immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und
-hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit
-verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der
-Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze
-Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art
-Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte
-ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu
-sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf
-den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte,
-aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> beizuspringen
-oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft
-entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen
-Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte
-eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück
-machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste
-und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit
-dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte
-einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas
-Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den
-irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er
-anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen.</p>
-
-<p>Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht
-gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine
-seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war
-und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner
-Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen
-Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer
-ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch
-sein ganzes Wesen war nord<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>deutsch ernsthaft und immerzu feierlich
-pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor
-unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein
-ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die
-Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum
-„strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem
-kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein
-mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen
-Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung
-nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte
-er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat
-das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die
-Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann
-nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es
-doch zu ergründen. &mdash; Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem
-ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen
-Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat
-keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte
-durchgängig etwas prinzipienmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Gedankliches, denn seine Begabung
-war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten
-Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das
-gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte
-ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen,
-fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen
-unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er
-württembergischer Staatsbürger geworden war.</p>
-
-<p>Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir
-bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde
-jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in
-Stuttgart besuchen. Einmal &mdash; es war während des Siebziger Krieges
-&mdash; wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die
-mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz
-liturgischen Charakter hatte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Geburt_der_Tragoedie">Die Geburt der Tragödie.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>enn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise
-keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich
-von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis
-gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen
-Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei
-uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter
-ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken.
-Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden,
-die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso
-stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand
-fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so
-frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten
-erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche
-Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den
-kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden
-sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch
-mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts,
-alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß
-Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der
-kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und
-die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch
-das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich
-starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber
-sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde
-mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung
-heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen
-war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der
-mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des
-Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den
-Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus
-den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen,<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> die Blumen der Tapete,
-die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen
-sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im
-Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein,
-um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das
-Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber
-war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze
-wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng
-zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis
-ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte.
-Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen
-Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die
-bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe
-Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß
-der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der
-Sonne aufs neue dem Giftgenuß.</p>
-
-<p>In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer
-Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang.
-Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem
-geheimnisvollen Abrakadabra her<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>um, das wir auf großen Papierbogen
-kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so
-versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen
-Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen
-Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei
-streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes
-über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen
-wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie
-nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt,
-was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach
-übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in
-meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die
-andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß
-ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit
-wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker
-Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich
-ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor
-keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin
-gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und
-die<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der
-letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei
-verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen
-Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt
-wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren
-die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist
-herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese
-Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald
-ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen
-übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen
-Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an,
-aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen
-lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk-
-und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die
-Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter
-Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das
-Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein
-rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst
-wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> sich noch unter dem
-Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch
-in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete,
-ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich
-der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete.
-Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf
-der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch
-die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die
-Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele
-bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte auch das Lesegift, womit ich mich durchtränkte,
-allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich
-begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte.
-Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte
-mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart
-zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen
-Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen
-Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz
-in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt,
-weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der
-ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der
-zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften
-Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten,
-gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen
-Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger
-Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns
-häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud,
-hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der
-von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem
-Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu
-gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er
-könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen.
-Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch
-vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird.</p>
-
-<p>Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig
-gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet
-zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der
-Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten
-an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als
-Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und
-dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici
-nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß
-ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine
-ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister
-bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß
-das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme
-fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich
-mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die
-gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom
-Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den
-ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den
-gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund
-fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter
-Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es
-waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der
-Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog
-übernommen,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten
-Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe
-kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die
-vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte,
-den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden
-Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war
-und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch
-nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er
-sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin
-dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend
-wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie
-schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern
-auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen
-Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an
-dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen
-haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem
-beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben
-zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe
-verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles
-recht machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p>
-
-<p>Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die
-Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren
-Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer
-bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen
-sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum
-Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar
-hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt,
-ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn
-an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen,
-ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst,
-er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden;
-die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei
-fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes
-Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm.</p>
-
-<p>Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich
-so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren
-Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters
-aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus
-zuzu<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>wenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“,
-die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in
-deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war,
-gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem
-eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen
-mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade
-in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die
-Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein
-zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte
-hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt
-glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden.</p>
-
-<p>Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung.
-Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete
-Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen
-glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden
-vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich
-meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach
-meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade,
-in die ich ihn hätte ret<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>ten können, wie der glücklichere Edgar,
-an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es
-ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade
-ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben,
-und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die
-neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk
-zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht
-tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und
-keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie
-in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann
-Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater
-verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und
-sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach
-Jahresfrist &mdash; man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will
-&mdash; war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere
-mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern
-fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war
-immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz
-Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den
-eines Dichters und Frei<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>heitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen
-Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte
-sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit
-des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten
-ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir
-mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges.
-Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins
-Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch
-vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs &mdash; an der
-Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein &mdash;, aber
-gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine
-lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie
-und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem
-Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder
-ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen
-Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene,
-als er fragte:</p>
-
-<p>Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der
-gemordete Backfisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell
-dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“.</p>
-
-<p>Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß
-ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen
-konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch.</p>
-
-<p>Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig
-Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal
-der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit
-lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige
-Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich
-die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der
-väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen
-Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach
-nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch
-wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich
-auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte:
-der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile,
-worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns
-Kindern war im Gegenteil<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> das Leben außerordentlich schwierig gemacht.
-Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten
-selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen
-konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten,
-sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst
-erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen.</p>
-
-<p>Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden,
-beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen,
-künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie
-allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses
-Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. <i>Eine</i> Vorstellung
-wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte
-mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend:
-Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes,
-körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem
-Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine
-ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also
-die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der
-verfrühte Trieb, der noch<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte,
-legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch
-keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Vorfruehling">Vorfrühling.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">N</span>och in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis
-getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet
-wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige
-geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da
-zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche,
-sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im
-Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili
-sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und
-an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich,
-nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange
-Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war
-ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie
-gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst.
-Beim ersten Eintritt<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> war sie, aus einer stillen, zierlichen
-Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in
-unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein
-paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres
-Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide
-nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft
-fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre
-durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und
-Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf
-der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns
-zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine
-Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch
-das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm
-recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis.
-Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der
-Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht
-nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften
-ein so großes Hindernis bilden.</p>
-
-<p>Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit
-scheuer Ehrfurcht auf die knospende<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Jungfräulichkeit, die aus den
-halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der
-Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel
-mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder
-aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten
-Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks
-herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte
-nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte
-Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht,
-daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht
-zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie
-sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem
-Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht
-zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.</p>
-
-<p>Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen
-Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit
-den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern &mdash;
-und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines
-Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land
-der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer!<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> Ich wußte ja von
-Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten,
-da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt
-worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich
-in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer
-vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal
-ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir
-außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen
-großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.</p>
-
-<p>Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer
-benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste
-Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein
-ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches
-war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an
-ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine
-gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte,
-taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes
-bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken.
-Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große
-verwöhnte Dame war, so erinnerte sie<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> doch durch ihre spielerische
-Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere
-Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres
-immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll
-Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre
-mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere
-Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren
-immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war
-es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.</p>
-
-<p>Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin
-meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie
-verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte
-niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt
-erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen.
-Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus
-Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand
-gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen
-Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise
-begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem
-Umfang ausdehnte. Die Vielge<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>schmähte war jedoch nicht ganz vom Übel.
-Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe
-für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch
-kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit
-ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune
-sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann
-häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese
-auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es
-genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen,
-man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen,
-ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht
-nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili
-zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst &mdash; denn es war
-eine solche &mdash;, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und
-sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.</p>
-
-<p>Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein
-stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil
-ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre
-Welt und fand da genug des Neuen, mich<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> ganz Berauschenden. Lili hatte
-schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten
-teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten
-Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von
-Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die
-Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor
-dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle
-meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem
-ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte
-ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern.
-Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr
-nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in
-dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit,
-die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem
-man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis
-Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie
-an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den
-tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir
-aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere
-Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.</p>
-
-<p>Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das
-liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte.
-Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und
-die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte
-nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie
-die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser
-lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili
-gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr
-sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte,
-war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte
-er völlig.</p>
-
-<p>Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten
-Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin
-eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der
-einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen
-beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und
-sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen
-suchte. Mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche
-mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann
-wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen
-zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als
-die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser
-Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen
-stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von
-den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen
-Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.</p>
-
-<p>Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums.
-Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten
-die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die
-naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger
-von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die
-eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft
-ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die
-niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir
-in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie,
-und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Ober<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>gymnasisten immer in deiner
-Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind,
-und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber <i>das</i>
-kannst du nicht von mir verlangen.</p>
-
-<p>Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und
-beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein.
-Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte
-sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich
-jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis
-Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der
-eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt
-vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig
-Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses
-herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich
-hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle,
-stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel
-überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte
-schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen,
-die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als
-Verlängerung verwerten ließ. In<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> derartigen Fertigkeiten war ich von
-klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles,
-was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für
-mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel
-und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und
-Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich
-ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich
-noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich
-auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung
-zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der
-Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte,
-mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner
-Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan,
-und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter,
-schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah;
-die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen
-kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir
-gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den
-Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns
-beiden in die Höhe,<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.</p>
-
-<p>Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid
-gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland
-hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die
-Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine
-Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir
-vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an
-und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit
-Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor
-dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen,
-daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner
-nicht zu schämen habe.</p>
-
-<p>Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel
-in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht.
-In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich
-nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer
-aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich,
-um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das
-blasse,<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten
-nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich
-gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein
-davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die
-Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie
-das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen
-metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes,
-Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs
-allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich.
-Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf
-die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit
-Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen
-begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht
-hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte
-nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist
-Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte,
-und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe.
-In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf
-steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> schmuckloser
-Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten
-wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese
-quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge
-Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen
-machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des
-Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten
-Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge
-der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen
-sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem
-Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese
-Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die
-sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen
-hatten.</p>
-
-<p>Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber
-ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen
-immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen
-Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh
-verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal
-mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die
-uns befreundete Familie empfing die<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> reizende Braut mit offenen
-Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat
-sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein
-leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es
-war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen
-Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen
-geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium
-war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen
-Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich
-ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte,
-um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere
-vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der
-Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein
-mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem
-Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir
-kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit,
-ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze
-männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir
-schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem
-so liebenswerten Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>schlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes,
-innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie
-die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf
-aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei,
-jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn
-ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in
-solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten
-Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der
-viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen
-als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht
-irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens
-mißdeute.</p>
-
-<p>Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich
-der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten,
-die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf
-geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes
-Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie
-jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von
-ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem
-Scheitel auftürmte, bald mein Haar in<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> griechische Knoten wand oder
-gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen
-„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein
-Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der
-Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns
-beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir
-vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf,
-aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein
-Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht
-sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich
-gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein,
-das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst
-verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir
-lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s
-nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da
-kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen
-für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten
-Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel
-erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen
-allmählich seltener, und was<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor
-Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene
-Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte,
-den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich
-ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte
-ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen
-kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit
-und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und
-genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren
-Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst
-in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen
-all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und
-zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten
-zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und
-wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht
-in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in
-jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen,
-die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem
-bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>ständen ein
-weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz
-aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher,
-als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein
-Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig
-verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es
-war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten
-jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den
-Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und
-Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines
-Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen
-Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser
-kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine <span class="nowrap">Schwester!
-&mdash; &mdash; &mdash;</span></p>
-
-<p>Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als
-ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein.
-Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder
-mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen
-sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg,
-von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit
-entspränge. Am<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem
-leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst
-gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe
-aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und
-plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis,
-gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich
-desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst
-aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so
-erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste
-Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt
-hat es wieder den höchsten Grad erreicht. &mdash; Aber nie konnte ich sie
-bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen,
-schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der
-die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals
-handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten
-grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich
-vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich
-zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es
-war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> zwei halbwüchsige Jungen,
-denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber
-Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das
-Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das
-Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit
-ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete
-sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt
-ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und
-wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden!
-Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen
-Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein
-Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle
-Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie
-hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen
-gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der
-Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur
-die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße
-der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem
-stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und
-wir wieder alle heil in unseren Betten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der
-auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl
-ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des
-Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung,
-wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte
-Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen
-unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße
-Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen
-nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu
-bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte
-es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden
-Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich
-die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der
-Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten
-von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich
-in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch
-öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund
-für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein
-Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>lang fernblieb.
-Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die
-Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte
-ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne
-Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden,
-das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der
-letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der
-Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle
-von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen
-Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt,
-aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die
-Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall,
-daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete
-sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte
-sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel
-längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von
-dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon
-die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten
-Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien,
-schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen An<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>fang ich
-über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen
-tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig
-nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer
-Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing
-ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich
-vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden
-Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets
-beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein
-auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich
-befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel
-schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber
-hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den
-hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun,
-um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich
-begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame
-gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie
-so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen
-wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte,
-zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> oder das gerade
-Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so
-recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich
-abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar,
-dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man
-unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete
-sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des
-Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war
-unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie
-zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich
-selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren
-Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich
-hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne,
-und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres,
-sorgloseres Kinderlachen hören.</p>
-
-<p>Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß
-gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die
-Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte
-dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte
-für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Werte sein.
-Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen
-schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine
-Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in
-den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von
-vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf,
-sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt
-des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für
-ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war.
-Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch
-ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die
-Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder
-Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft
-versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe
-fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich
-an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie
-selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß
-unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele
-gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen
-besser gedient ist als mit Re<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>den, solcherlei Ausgleichspolitik
-beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der
-Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich
-es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine
-Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm
-meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel
-Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich
-alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus
-erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es
-als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein
-sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu
-predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung
-vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ein_Nothelfer">Ein Nothelfer.<br />
-Russische Freunde.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">U</span>nterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem
-Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer
-ersten Liebe an sich hatte.</p>
-
-<p>In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer
-Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den
-zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern
-mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren
-Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer
-an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus,
-teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene
-Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den
-frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel
-geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span>
-Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal
-zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp
-Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten,
-und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken.
-Aber wem? &mdash; Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor
-der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein
-leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter
-Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und
-alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa
-Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt,
-eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und
-schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches
-Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur
-seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich
-fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war
-bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich,
-was für den Knappen der Ritterschlag.</p>
-
-<p>Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben
-alten Waldwirtschaft, wo<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Frau Lächler, die philosophische Wirtin,
-uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da
-erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen
-großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen
-siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich
-sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen
-nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige
-dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse
-als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich
-allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus
-an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen,
-die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen
-altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite,
-wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse
-bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste
-Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch
-so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen,
-vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten,
-sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches
-Widerspiel.<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es
-schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen.
-Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der
-leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der
-Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner
-Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie
-ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das
-kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm
-jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen
-Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber
-so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig
-war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres
-Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte
-seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor,
-um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging,
-wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt,
-der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier
-„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die
-Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> der ihm erwiesenen Ehre
-hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange
-es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über
-Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte
-seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines
-Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.</p>
-
-<p>Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders
-ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich
-begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur
-über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde
-war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht.
-Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine
-immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir
-seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so
-stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese
-Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte
-und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer
-stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und
-den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem
-bürgerlich hergebrach<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>ten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu
-erweitern suchte.</p>
-
-<p>An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen
-Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch
-nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch
-der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen,
-wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres
-Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und
-der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine
-und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei
-Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von
-seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem
-seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur
-Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons,
-nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später
-seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte
-gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und
-ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden
-wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im
-Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesell<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>schaftsspiele, bei
-denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch
-Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte
-komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen,
-worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe
-Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die
-ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen
-Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit
-ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften
-nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer
-und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der
-reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen
-plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen
-Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen,
-selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu
-widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner
-Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine
-Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus
-verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken.
-Dafür wandte sich ein andermal der<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Groll gegen ihn, wenn er sich z.
-B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht
-leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien
-dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen
-seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und
-er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten
-mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren,
-zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und
-her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er
-das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von
-seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte
-ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich
-zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem
-fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen
-pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die
-Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen
-mit Schokoladenguß mit. Ja &mdash; und du? hieß es dann. Sie behauptete
-jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle
-wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste,
-und diese Törtchen waren<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> besonders fein. Deshalb aß sie nie eins,
-sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere
-essen zu sehen.</p>
-
-<p>Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu
-gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als
-angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch
-eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder
-sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama
-war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs.
-Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals
-bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur
-Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren,
-nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit
-unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne
-Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen
-konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien,
-sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um
-dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen
-und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen
-gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine
-Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die
-Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben,
-damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund,
-der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es
-war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen
-Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit
-unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter
-diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als
-Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet
-mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken
-hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt.
-Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür
-wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand
-es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon
-auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich
-auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine
-Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein
-Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> ganze Germania, schrieb
-sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder
-ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister
-in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer
-Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und
-Sallustübersetzungen.</p>
-
-<p>Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau.
-Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen,
-den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes,
-lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem
-Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem
-großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur
-Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in
-ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen
-Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den
-Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur,
-geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand
-fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein
-förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele
-ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> dann beim Kehraus schadlos.
-Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der
-Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war.
-Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf.
-Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch
-hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen
-Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer
-den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen.
-Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und
-Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber
-doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da
-man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster
-Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend
-kränzebeladen und freudensatt &mdash; denn sie genoß meine Jugendfreuden
-fast mehr als ich selber &mdash; nach Hause fuhren, holten uns Ernst und
-Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen
-behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen
-Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin
-schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelun<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>genstil
-aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten
-bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang,
-eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum
-Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein
-späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher
-Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf
-durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten
-ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe
-doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden
-schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten
-fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der
-Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.</p>
-
-<p>Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg
-allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen
-nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch
-auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden
-Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon
-Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich
-am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu
-er<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>langen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen
-Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der
-Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber,
-an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend
-die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge,
-die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein
-altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen
-über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei
-jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer
-Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im
-Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche
-Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder
-im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite
-offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte
-Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt
-von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten.
-Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt
-sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein.
-Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> teilen,
-damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache
-und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der
-andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und
-entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und
-Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten
-sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und
-Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück
-mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit
-der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras
-essen mögt! &mdash; Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen
-am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her
-waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu
-stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen
-Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu
-reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum
-Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch
-allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von
-dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche
-Stadt in fremden Händen zu wis<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>sen. In der Dunkelheit kehrten sie über
-die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück;
-der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder
-Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien
-Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken
-Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.</p>
-
-<p>Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich
-im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien
-zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem
-Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich
-unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von
-der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten
-Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über
-die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu
-erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja,
-jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.</p>
-
-<p>Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere
-Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft
-aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigen<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>heiten hatte es
-dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen
-seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen
-Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch
-Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam,
-half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich
-noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei
-einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten
-geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo!
-&mdash; Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist
-mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund
-der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte
-er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine
-kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn,
-dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte
-dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war
-und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie
-noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er
-gut aufgelegt war.</p>
-
-<p>Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt
-in dem Freundschaftsbund, der sein<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Glück gewesen war, allmählich
-zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter
-hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals,
-sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine
-Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt
-sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit
-der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald
-fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und
-Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der
-guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen.
-Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu
-verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen
-Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder
-Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er
-fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe.
-Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches
-Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er
-machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er
-kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich,
-zwi<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>schen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht
-wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann <i>hast</i> du
-gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.</p>
-
-<p>Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig
-im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil
-er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere
-sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten
-Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und
-fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und
-doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war
-jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor
-Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß
-er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein
-Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte.
-Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener
-Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise
-es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen
-aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen
-Flüssigkeit. Er merkte nichts und<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> hat nie von dem Tausch erfahren. Die
-Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes
-Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis,
-dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so
-schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so
-recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund
-mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche
-Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte
-seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals
-Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber
-mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie
-mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer
-Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten
-Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut;
-sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die
-Liebe.</p>
-
-<p>Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem
-der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte
-jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der
-Gedanke, daß der erste beste mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> Verbeugung an seine Schwester
-herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß
-ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief,
-und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken
-ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim
-Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom
-Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen,
-daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht
-hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es
-wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen,
-jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn
-Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern
-unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger
-Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem
-Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen,
-und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm
-halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich
-zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.</p>
-
-<p>Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußer<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>lich durch die Familie
-verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder
-mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar
-abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden
-gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich
-für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte.
-Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir
-endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in
-Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk
-nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand
-und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten
-weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie
-selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen
-worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen
-Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den
-schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen
-zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine
-Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und
-Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen
-Bäckerladen flüchteten, der schnell<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> geschlossen werden mußte. Die
-Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir
-wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau
-in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder
-hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem
-Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas
-anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.</p>
-
-<p>Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie
-entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere
-Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung
-kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die
-älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu
-rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben.
-Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam
-zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein
-Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren
-auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg
-Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone
-wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren
-Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur
-daß<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem
-aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel
-verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig
-da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch
-immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch
-nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt
-Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln,
-was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder
-Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles
-beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.</p>
-
-<p>Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche
-Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln
-an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen
-überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt.
-Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte
-sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren
-grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der
-berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und
-erzählte von ihren galanten Beziehun<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>gen zu der vornehmen Damenwelt von
-Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um
-mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen
-&mdash; aber nur durchs Schlüsselloch!</p>
-
-<p class="s3 center">*</p>
-
-<p>Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging,
-wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im
-Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky
-aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt
-aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß
-ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen
-gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und
-wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre
-ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre
-Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu
-können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren
-Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so
-stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit
-im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die
-mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir
-zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als
-sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers
-von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache
-zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten,
-in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier
-nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu
-über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen
-ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß
-mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr
-den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen
-Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen.
-Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit
-meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her
-russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer:
-ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der
-Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der
-das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr
-auch keine große Freude machen zu wollen. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Unterricht, den sie mir
-gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete
-sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden
-Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen
-Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit
-mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit
-in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte.
-Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus
-Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen
-als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge
-nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde
-geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen
-Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im
-Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen
-Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht
-in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich
-glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den
-geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel,
-wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne
-Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> meine Mittel
-erst später) meine Sätze baute &mdash; häufig zur großen Heiterkeit der
-Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht
-das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um
-mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur
-zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit
-Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür
-blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie
-hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der
-Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt
-von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen
-und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich
-durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein
-von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann
-die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause
-aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen
-lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter
-Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ein_franzoesischer_Revolutionaer">Ein französischer
-Revolutionär.<br />
-Jugendeseleien.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">Z</span>u Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr.
-Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt
-war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß
-ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen
-Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre
-doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just
-schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe.
-1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris
-betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen
-waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig
-Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war
-damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon
-Vaillants Äußeres bezeichnete den<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> ganzen Menschen: mittelgroße, hagere
-Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die
-bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen,
-in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch
-Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine
-Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten
-Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt
-und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus
-zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung
-völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben
-an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem
-Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener
-besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete
-Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des
-Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte
-schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen
-helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er
-nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution
-von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch
-das Proletariat erneuert und mit Nie<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>derhaltung der bevorrechteten
-Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der
-Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein
-Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt
-ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb &mdash; er
-trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel,
-und sozialwirtschaftliche Studien &mdash;, hatten vor allem den Zweck, der
-Partei zu dienen.</p>
-
-<p>Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und
-ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution
-den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser
-verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft
-seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen,
-charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres
-kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr
-ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der
-Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose,
-zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein
-Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit
-für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Hausfreund
-die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters,
-aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach
-Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer
-künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah
-alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt
-hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er
-auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken
-Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der
-Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme...</p>
-
-<p>Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der
-des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens
-hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist
-in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher
-Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den
-Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit
-meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren
-Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit
-im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an
-die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> genäht
-werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur
-bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz
-besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter
-zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem
-Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch
-belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er
-sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des
-Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte
-er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer
-sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes
-Vitriol in den Adern.</p>
-
-<p>Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar
-den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er
-übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch
-auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere
-Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe
-für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg
-ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose
-Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten
-Anlaß zu einem kleinen<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich
-einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel
-zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es
-meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen
-war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er
-sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs
-Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste
-Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen
-und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein
-Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la
-grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur
-Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten
-Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf
-altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.</p>
-
-<p>Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen
-Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit
-der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die
-treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in
-dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen
-hatte. Aber aus vergötternder<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Mutterliebe zwang sie sich so zu
-denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch
-dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen
-gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die
-Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit
-entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei
-der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach
-Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes
-Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so
-fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein
-späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab
-um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der
-beiden Mütter aufrechterhalten.</p>
-
-<p>Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war
-voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das
-ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals
-gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung,
-aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis
-von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den
-„Volksstaat“, wollte die<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> soziale Frage lösen und sang in den
-feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es
-dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie
-hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich
-aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf
-die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf
-die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt
-doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes
-auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen
-Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in
-dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem
-besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß
-von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich
-heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit
-ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat,
-in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu
-erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie
-begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu
-modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell
-so weit, daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte
-sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der
-künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur,
-und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame
-Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge
-mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück,
-der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der
-Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle
-Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im
-Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang
-tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal
-errichtet.</p>
-
-<p>In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen
-humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon,
-Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen
-Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem
-neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung
-sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen
-werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant
-dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Frei<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span>lich müssen Frauen
-hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, &mdash;
-was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß,
-weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern.
-Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich
-mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh
-gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt.
-Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus
-dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge,
-die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch
-hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander
-den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste
-Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein
-andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem
-Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese
-Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie
-gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären
-sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span>
-Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die
-ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder
-feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so
-gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend
-stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den
-Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und
-Fülle der Falten ersetzte.</p>
-
-<p>Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu
-verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen
-heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine
-Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend
-Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere
-Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen
-Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige
-Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine
-kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen
-in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte:
-Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa
-bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederhol<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>ten
-sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr
-festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem
-Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die
-Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern,
-die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe
-neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern
-nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen
-waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu
-dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche
-Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht.
-Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den
-Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer
-in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel
-betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig
-sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden
-Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je
-eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das
-eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei
-schon hinter mir.</p>
-
-<p>Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede.<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> Oft wurde ich von
-Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere
-Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster
-Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal
-Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger
-Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener
-Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß
-ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel
-des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat
-einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen
-Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener
-Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach
-seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von
-seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen,
-die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen
-Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich
-allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit
-und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal
-mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu
-tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> Übersetzungen für
-den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden
-Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon
-vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr
-geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern
-von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er
-mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich
-an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr
-zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen
-zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen,
-die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo.
-Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen
-eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte,
-wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem
-Gespräch und der Arbeit geteilt saß. &mdash; Meine größte Schwierigkeit aber
-war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre
-damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten
-ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten
-übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl ei<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>nes
-heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie
-darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele
-fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und
-leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht
-die meinigen waren.</p>
-
-<p>So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große,
-außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb
-nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu
-suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere
-gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch
-und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin
-geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr
-Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die
-Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben
-ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ
-die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder
-wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie
-gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen?
-Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich
-unter den Griechen. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub
-auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte,
-mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie
-man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer
-Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich
-ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie
-zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall
-der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das
-keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem
-schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn
-je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie
-der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese
-Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl
-der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin
-über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich
-Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten
-Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist
-er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah
-ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser
-Gestalt<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten
-Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem
-Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer
-von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang
-bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn
-für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig
-entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die
-größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau
-das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche
-Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und
-nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung
-des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem
-Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den
-Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das
-Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Ch_1870">1870.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>ir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig
-getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus
-Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte
-aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den
-Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im
-achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war
-die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl
-fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war
-im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter
-glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich
-schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der
-wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt
-hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span>
-all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem
-starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas
-bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter
-die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu
-bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie,
-und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem
-Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen
-Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen
-Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde,
-bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern,
-mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes
-Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte.
-Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der
-Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir
-öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i.
-Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem
-ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer,
-und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die
-Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall,
-daher<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine
-Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die
-sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und
-wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig
-und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen
-Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine
-von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten
-Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu
-verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich
-diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand
-zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er
-von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was
-uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir
-lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier
-dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in
-dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans
-Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes
-Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster
-mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> warf noch zur Antwort und
-Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich,
-eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.</p>
-
-<p>Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus
-den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und
-zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung
-des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare
-mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden
-pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest
-zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen
-war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und
-entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder
-aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die
-Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht
-irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde
-wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine
-Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe &mdash;
-dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte &mdash; ich sage:
-das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig &mdash; aber an die Tür pochte etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span>
-völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von
-der Emser Depesche.</p>
-
-<p>Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste,
-in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug.
-Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer
-Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi
-mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch
-weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine
-Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr
-die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf
-eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso
-glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß
-er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur
-durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne.
-Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die
-Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von
-Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und
-wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten
-Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name
-in allen europäischen Zeitun<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>gen zu finden. Er wurde zuerst an die
-Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens
-berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus
-den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die
-Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei
-seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich
-dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher
-Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das
-ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit
-berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die
-deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will
-gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig
-bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die
-Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung
-die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache,
-was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht,
-als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der
-Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren
-war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich
-als Eseltreiber verkleidet<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu
-retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals,
-daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich
-einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt,
-aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In
-Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten
-Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu
-Deutschland.</p>
-
-<p>Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre
-Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß
-an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des
-Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber
-konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit
-einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem
-französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie
-durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich,
-das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer
-Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand
-hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene
-Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren al<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>ten Groll
-und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese
-Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß
-sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen
-es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am
-stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.</p>
-
-<p>Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter
-Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm
-zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum,
-der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres
-Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten
-eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen
-will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die
-Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er
-hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu
-seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz
-standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch
-seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten
-Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die
-bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige
-Gottsei<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>beiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine
-Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des
-gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln,
-damit der Blitz nicht ins Haus schlage.</p>
-
-<p>Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens
-die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte,
-verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war,
-die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit
-dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung
-des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar
-zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich
-nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren
-Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu
-schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des
-Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs,
-für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte,
-Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie
-gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von
-bierheiseren Bürgerstimmen am siche<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span>ren Wirtshaustisch gesungen, war
-ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch
-empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte
-nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur
-war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares
-Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen
-konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete
-höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter
-meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in
-der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für
-mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so
-ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger
-sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer
-Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch
-für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich
-gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals
-in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige
-für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man
-geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. &mdash; Nur einmal, beim
-Friedensschluß, schlugen alle Herzen<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> in der Familie zusammen und im
-Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte
-auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Rigi_Regina">Rigi Regina.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">E</span>ines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht,
-daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein
-war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen
-mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal
-genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte
-Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu
-einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz,
-als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht
-war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar
-dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene
-Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und
-dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu
-zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> nur
-als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort
-bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam,
-die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein
-Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu
-bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich
-blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder
-aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie
-schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten
-Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen
-begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine
-Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi
-Regina!</p>
-
-<p>Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und
-Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu
-werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen,
-denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht
-mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten
-pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen
-durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck
-unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> Mnemotechnik haben
-sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die
-ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt.</p>
-
-<p>Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit
-das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in
-dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem
-brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in
-der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester,
-um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte,
-verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem
-Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß
-Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte
-ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren
-Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit
-dem ersten Zank.</p>
-
-<p>Einige mitreisende Herren, die das blutjunge Pärchen beobachteten,
-begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die
-Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte.
-Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich
-einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten
-sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jun<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>gen Herrn an mich
-heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre
-erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber
-lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon.
-Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren,
-machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein
-Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde,
-daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne
-die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich
-erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern,
-der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze
-Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel
-vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die
-Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches.
-Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber
-ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen;
-Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher
-Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf
-dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der
-Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> man uns dort ansah.
-Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt
-und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu
-fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls
-nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des
-kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr
-weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher
-gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die
-Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen
-zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer.
-Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd
-schlichen wir in unsere Betten zurück.</p>
-
-<p>Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die
-Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen,
-um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff
-ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster
-hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde
-dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese
-übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen
-Rest des Reisegelds verschlungen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p>
-
-<p>Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. &mdash; Ich
-sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und
-wir schritten stolz hinaus.</p>
-
-<p>Inzwischen begann die Sonne doch noch Meister zu werden, und außen im
-Freien stand eine Gesellschaft von angelsächsischem Ansehen beisammen,
-die mit ihren Gläsern nach auftauchenden Bergspitzen fischte. Und wie
-bestellt, um Edgars Mißmut zum Kochen zu bringen, trat einer der Herren
-aus der Gruppe heraus und bot mir in englischer Sprache sein Fernglas
-an, weil eben die Berner Alpen aus dem Nebel träten; ich selber besaß
-nämlich keines. Bevor ich aber danach greifen oder Dank sagen konnte,
-hatte mich mein erzürnter Gefährte gewaltsam weggerissen und lief,
-mich an der Hand nachziehend, wie eine Dampfmaschine bergab. Natürlich
-kam nun bei mir die Milch der frommen Denkart wieder stark ins Gären,
-denn ich stellte mir das Lachen der Zurückgebliebenen vor. Ihm aber
-saßen neben der Anglophobie vermutlich auch noch die weggeworfenen
-Kostbarkeiten auf den Fersen, daß er so eilte. Der Wunderanblick, der
-sich aus dem Nebel rang, führte dann wieder die Versöhnung herbei. Aber
-nicht auf lange. Denn schon sehe ich die beiden Kindsköpfe wieder,
-wie sie aufs neue beleidigt und stumm den<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> langen Weg durch den
-Straßenstaub der Ebene pilgern, er hüben und sie drüben.</p>
-
-<p>Unsere Kasse, die Edgar führte, war so geschröpft, daß wir die nächste
-Nacht nur noch in einer Kutscherkneipe verbringen konnten. Aber der
-Vater hatte uns eingeschärft, uns nichts abgehen zu lassen, er habe
-einen Bekannten in Zürich beauftragt, eine kleine Summe bereitzuhalten
-für den Fall, daß uns auf der Rückreise das Geld ausgehen sollte. Wir
-machten uns also keine Sorge, denn bis Zürich brauchten wir nur noch
-die Fahrkarte, nachdem wir unsere Bedürfnisse schon sehr eingeschränkt
-hatten.</p>
-
-<p>Aber in Zürich, als der Zuschuß abgeholt werden sollte, erklärte Edgar,
-daß ich den Gang allein tun müsse, denn er seinerseits finde solch
-ein plötzliches Auftauchen und Geldheischen landstreichermäßig und
-bettelhaft. Ich fiel aus den Wolken; von dieser Seite hatte ich die
-Sache nie angesehen, obwohl auch mir bei dem Unternehmen nicht recht
-wohl war. So ließ ich mich alsbald von der Verkehrtheit anstecken und
-fühlte mich nur verletzt, daß mir etwas zugemutet werden sollte, was
-er seiner unwürdig fand. Er rechnete mir nun vor, daß unser Geld zur
-bloßen Heimreise gerade noch ausreichen würde, wir müßten uns aber
-durch den heutigen und den ganzen folgenden Tag &mdash; von<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Zürich bis
-Tübingen &mdash; durchhungern. Und das täte <i>er</i>, wenn er allein wäre,
-um seine Würde zu wahren. Natürlich wollte ich nun nicht hinter
-ihm zurückstehen und erklärte mich gleichfalls zu der Hungerprobe
-bereit. Gehoben durch diesen Entschluß durchwanderten wir die Stadt,
-betrachteten uns den See und wollten dann abends noch bis Schaffhausen
-fahren. Mama hatte uns jedoch bei der Abreise aufgetragen, in Zürich
-auch ihren Jugendfreund Johannes Scherr zu besuchen und ihm ihre Grüße
-zu bestellen. Dieser Gang sollte also rasch noch erledigt werden. Aber
-vor der Haustür fiel es meinem schon wieder verdrießlichen Gefährten
-ein, daß er von Johannes Scherr ein Buch gelesen hatte, dessen
-hanebüchene Derbheit ihm stark mißfiel. Und nun wollte er auch nicht
-mehr zu Scherr. Aber diesmal bestand ich auf meinem Kopf. Wenn ich
-mich recht erinnere, ließ ich ihn unten warten und stand allein vor
-dem Berühmten. Ich richtete aber nur kurz die mütterlichen Grüße aus
-und hatte es eilig, mich wieder zu empfehlen, weil ich des Bruders
-siedende Ungeduld fürchtete. Dies half jedoch nichts, denn als es
-sich auf dem Bahnhof zeigte, daß die Züge gar nicht mit dem Fahrplan
-stimmten, war ich doch wieder die Schuldige. Er war gereizt, weil er
-müde und hungrig war. Ich war aber gleichfalls müde<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> und hungrig und
-sah nicht ein, weshalb ich nun auch noch den ungerechten Mißmut des
-anderen Teils über mich ergehen lassen sollte. Wer mir gesagt hätte,
-daß es ein künftiger Helfer und Wohltäter seiner Mitmenschen war, der
-in solche Launenhaftigkeit verkappt mir gegenübersaß! So schwiegen wir
-abermals und sahen beleidigt zum Fenster hinaus. Erst die wilde Pracht
-des Rheinfalls führte uns wieder zusammen. Und als wir im „Rappen“ zu
-Schaffhausen um ein bescheidenes Nachtlager einig geworden waren und
-dann entdeckten, daß unsere Mittel uns noch eine kleine Abendmahlzeit
-gestatteten, war die Welt wieder einmal vollkommen.</p>
-
-<p>In der Frühe bedurfte es einer Ausflucht, um dem uns angebotenen, ach
-so verlockenden Morgenkaffee nebst Honigbrötchen zu entgehen, denn der
-große Fasttag mußte jetzt wirklich beginnen. Aber auf den Hohentwiel,
-der an unserem Wege lag, wollten wir doch nicht verzichten, schon des
-Ekkehard wegen, den damals die deutsche Jugend mit Begier verschlang.
-Wir stiegen also, nüchtern wie wir waren, in Singen aus und wanderten
-durch den Wald, der uns mit so mancherlei Beeren erquickte, nach der
-Felsenburg. Doch o weh, das Eingangstor war verschlossen und sollte
-sich nur nach Erlegung von 25 Rappen für die Person öff<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>nen. Solche
-Summen hatten wir nicht mehr aufzuwenden. Wir schlugen uns in die
-Büsche, überkletterten geschichtete Felsenplatten und sprangen über
-die Mauer in den Hof hinab. Dabei machte ich die Erfahrung, wie es
-denen zumute ist, die außerhalb des Gesetzes leben. In der Menge der
-zahlenden Besucher verborgen sandten wir suchende Blicke nach dem
-Bodensee, der sich nur schwach im Dunst abzeichnete; auch die Geister
-Hadewigs und ihres verliebten Mönchs ließen sich nicht blicken. Und das
-Herzklopfen, bis man endlich unter den Augen des Wächters glücklich
-zum Tor hinausgeschritten war! In solchen Augenblicken bestraft
-sich’s, wenn man nicht geübt ist, auf unrechten Wegen zu wandeln. &mdash;
-Noch war ein langer Tag vor uns; um nichts zu versäumen, erklommen
-wir unverdrossen auch noch den steilen Basaltkegel des Hohenkrähen,
-der uns gleichfalls den Lohn unserer Mühen schuldig blieb. Jetzt aber
-meldete sich der Hunger immer unwiderstehlicher. Darum beschlossen wir
-von Singen bis zum nächsten Statiönchen zu Fuße zu wandern, um vom
-Fahrgeld ein Stück Brot für jedes abzusparen. Wir marschierten wacker
-zu, trotz Staub und Hitze und den zwei vorangegangenen Besteigungen
-und fühlten uns an diesem Tage zum erstenmal vollkommen friedlich und
-einig. Auf dem Bahnhof<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> erkannten wir, daß uns noch Zeit genug zur
-Ankunft des Schnellzugs blieb, und wir verständigten uns alsobald,
-noch bis zur nächsten Station weiterzumarschieren, um durch unserer
-Füße Arbeit zum Brot auch noch ein Stück Käse zu verdienen. Als dort
-die Fahrkarten gelöst waren, konnte Edgar mir noch ein ganzes Häuflein
-Münzen für meine Einkäufe in die Hand schütten, denn es gehörte auch
-zu seinen Eigenheiten, daß er selber niemals einen Kaufladen betrat.
-Ich trug zwei duftende Laibchen Weißbrot und eine stattliche Schnitte
-Emmentaler davon. Mit Stolz brachte ich sie dem Bruder, der sich
-abseits der Landstraße unter einem Birnbaum niedergelassen und einen
-Haufen herrlicher Birnen vor sich aufgestapelt hatte. Ich fragte nicht,
-mit welchem Rechte. Wir setzten uns in tiefer, freudiger Eintracht
-nebeneinander und genossen die köstlichste Mahlzeit und das reinste
-Glück, das uns auf der ganzen Reise beschert war.</p>
-
-<p>Oh, und der Kalbsbraten, mit dem die gute Josephine uns abends in
-Tübingen empfing. Es war, als ob sie alle unsere Leiden geahnt hätte,
-die treue Seele. Der Vater sagte nur, als er uns so verhungert sah, mit
-gerührtem Lächeln: Ihr dummen Kinder! Der bleibendste Wert dieser Reise
-war vielleicht der, daß mein Kamerad in den drei Tagen so viel<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> von
-seinen knabenhaften Wunderlichkeiten ausgeschüttet hatte, daß er nun
-allmählich zu werden begann, wofür er sich bisher mit Unrecht gehalten
-hatte &mdash; ein Mann.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Besuch_in_Frankreich">Besuch in Frankreich.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">A</span>nderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant
-meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in
-Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode
-verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von
-dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter
-solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten
-Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt
-kennenzulernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte.
-So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich
-einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich
-das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo
-noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges
-deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> reisen
-lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht
-mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es
-zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit &mdash; ich bekam
-weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein
-unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören.
-Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den
-fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über
-den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim:
-Nous ne sommes pas vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine
-sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der
-Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem Durchschnittsfranzosen noch
-gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war.</p>
-
-<p>In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D.,
-der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter,
-verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau
-flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr
-überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter
-Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben
-mit Tapetentüren unter<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert
-hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangenblütenwasser,
-das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender
-Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte
-mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken
-Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde,
-das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich
-mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden
-mit mir. Ich besah mir die „Ruinen von Paris“, zusammengekehrte
-Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die
-den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen
-waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als
-historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der
-Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht
-sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und
-Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der
-Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes
-Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen,
-mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen
-sein! Greuel waren<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> von der einen und von der anderen Seite geschehen,
-vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte
-von Lebenslust und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in
-dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei
-nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war’s wie Nachzittern
-vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten
-mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach
-der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen
-waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten
-sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges
-Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn
-meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde
-bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den
-üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und
-Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu
-drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der
-sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen,
-wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe, die Ratten
-zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> dem
-schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine
-Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man
-die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die
-feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch
-hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich
-eingeimpft worden ist.</p>
-
-<p>Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des
-Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck
-am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug
-ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte
-Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau
-Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis setzte, daß dies ein
-Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte,
-und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich
-versprach’s, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde,
-mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das
-junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der
-Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter,
-mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten
-mich hin und her,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung,
-Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung:
-Mais elle est bien; elle est très bien &mdash; bis doch schließlich eine
-entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das
-schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte
-und daß ich würdig wäre, eine Französin zu sein! Es war gut gemeint
-und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war,
-erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da
-ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun
-wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch
-auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich
-selbstverständlich Erster gereist sei.</p>
-
-<p>Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem
-Leben in der französischen Provinz bekam.</p>
-
-<p>Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und
-einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein
-Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für
-den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich
-als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau,<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> deren ganzes
-Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den
-Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht
-Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu
-auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging,
-so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm
-ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der
-französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand
-schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung
-von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf
-den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten
-Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen
-wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so
-begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon
-Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein
-mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge
-schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische
-Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der
-Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch
-kamen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige,
-was es in Vierzon gab.</p>
-
-<p>Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog,
-Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres
-Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das
-über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter.
-Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche
-„Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz
-bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten.
-Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier,
-dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und
-Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus
-Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann
-die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und
-es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet
-waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines
-Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre
-Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.</p>
-
-<p>Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten
-Obst- und Blumenspalieren<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang
-über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen
-ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine,
-von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten
-Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine
-schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher
-Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit
-ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit
-ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.</p>
-
-<p>Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie
-sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen
-und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich
-fallen mußte &mdash; denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt
-ihrer Landsleute &mdash;, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem
-gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne,
-weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in
-Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos
-galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen
-Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> seien.
-Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der
-Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich
-war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie
-habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese
-Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen
-Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen
-Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich
-ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige
-Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten
-spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der
-Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen
-erstochen und wurde &mdash; ungerechterweise, wie alle sagten &mdash; zu dreißig
-Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem
-Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam
-verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar
-nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war
-nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen
-konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein
-anderes Verhalten überhaupt nicht möglich<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> sei. Freilich bedachte ich
-im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz
-anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich
-so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen
-des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft
-wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt
-vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer
-gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung
-abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen
-Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des
-Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur.
-Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant
-entstammte.</p>
-
-<p>Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen
-jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London
-geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes
-Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war
-Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen
-um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den
-Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span>
-gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung
-den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich
-aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer
-ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir
-auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, &mdash; es war
-nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten
-Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So
-war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht
-sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin;
-diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends
-herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">On dit que l’on te marie,</div>
- <div class="verse">Tu sais que j’en vais mourir &mdash;</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es
-entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land
-mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den
-Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen
-Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen.
-Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants
-Sinne, denn auf dem Weg<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich
-plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten
-zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten
-Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel
-ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches
-Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung
-benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte
-mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster
-zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie
-der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen,
-nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz
-anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause
-eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau
-Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da
-sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte,
-auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten,
-zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage
-kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank,
-blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der
-verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> später in der
-schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener
-Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte
-Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu
-erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was
-für Genüsse mich dort erwartet hätten.</p>
-
-<p>Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den
-Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von
-den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von
-den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der
-elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem
-ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und
-dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher
-Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich.
-Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden.
-Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir
-besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger
-Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse
-Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut
-besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> gebucht
-werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein
-eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter
-eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach
-fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis
-Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters
-sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen
-Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden
-in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu
-sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore
-nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit
-Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des
-Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und
-erbat mir seine Karte zum Andenken.</p>
-
-<p>Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller
-Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und
-Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater
-in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar
-ist, immer noch erträglichere. &mdash; Es ist schwer, besonders für die
-Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu ver<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>allgemeinern.
-Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich
-Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein
-einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois
-die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die
-Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von
-so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen
-Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der
-Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der
-Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar,
-Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise
-zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich
-in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn
-Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber
-mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.</p>
-
-<p>Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später
-infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst
-in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt.
-Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen,
-die natürlich mit<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch
-Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen
-allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits
-erhalten.</p>
-
-<p>In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders
-nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale
-Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war
-nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte,
-in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen
-verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger
-Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart
-und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre
-1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil
-er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht
-für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als
-der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen
-Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er
-tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte:
-er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung.
-Er ging aber noch viel weiter, denn er pre<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>digte den Völkerhaß. Die
-Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja
-stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben
-deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine
-geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter
-denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er
-ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge
-hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief,
-den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der
-später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme
-an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch
-sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß
-das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm
-empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den
-kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant
-einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle
-Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders
-als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch
-nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben.
-Man sah ihn in den Wan<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>delgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit
-stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris
-herzgebrochen nach kurzer Krankheit.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Bedraengnisse">Bedrängnisse.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">U</span>nter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine
-Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit
-ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen
-Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich
-ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm,
-sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner
-Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus
-allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen
-meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast
-Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit
-und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen
-und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen,
-das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie näm<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>lich zu der
-seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es
-nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn.
-Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine
-Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen
-des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau
-nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und
-Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid
-für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß
-er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt
-freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte
-gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine
-Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese
-Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem
-Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit,
-brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche
-Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung.
-In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen,
-wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung
-in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>kunft zu überlassen.
-Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend
-der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil
-hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die
-Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie
-den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die
-Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes
-Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später
-gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis,
-das er seinem inneren Wert ausstellen konnte.</p>
-
-<p>Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich
-seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen,
-erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen
-Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern.
-Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich
-ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit
-freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das
-Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz
-gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen
-Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen
-mich<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu
-bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief
-von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich
-ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt
-es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das
-Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches
-und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine
-ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung
-in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber &mdash; ihr send net für de
-Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen
-vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen
-Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche
-rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner
-vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich
-nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter,
-Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst
-du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht.
-Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich
-selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> und
-ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten
-wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es
-waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so
-allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche
-Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren,
-empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies
-die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen
-Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um
-mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine
-sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu
-durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die
-Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich
-abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab
-meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und
-die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der
-Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich
-zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren.
-Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir
-so nachteilig wurde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span></p>
-
-<p>Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und
-besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen
-gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung
-gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer
-Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und
-gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch
-Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand
-er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach
-abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern
-wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich
-mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen.
-Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein
-zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan.
-Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen
-Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein
-Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. &mdash; Was beginnen?
-Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich
-nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit
-mir nicht anzulegen gesonnen war,<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> dazu fehlte mir die nötige
-Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher
-ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie
-durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich
-hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe
-hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut
-begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein
-Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn
-ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der
-Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten,
-sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als
-heimzustürzen &mdash; den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn
-Fahrgelegenheiten gab es damals keine &mdash; und schleunigst zu erkranken.
-Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich
-kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch
-das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und
-verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu
-hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem
-plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich
-ein paar Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> ungestört schlummern zu lassen und unter keinen
-Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war
-höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu
-der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften
-Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen
-Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und
-schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte
-in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als
-angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante
-erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich
-wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln,
-denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber
-Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas
-verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen
-zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich
-fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen
-auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere
-poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte
-Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p>
-
-<p>Das schlimmste war, daß ich überhaupt nicht wußte, was ich mit mir
-selber wollte. Unterkriechen wie die andern, geborgen sein um jeden
-Preis oder als vermögensloses Mädchen allen Stürmen preisgegeben, mit
-lauter brotlosen Künsten ausgestattet und gar nicht für den Lebenskampf
-erzogen? &mdash; Kein Wunder, daß es älteren Freunden um mich bange wurde.
-Es gab damals für ein Mädchen keinen Weg ins Leben als durch die Ehe
-und &mdash; in wunderseltenen Fällen &mdash; durch die Kunst. Aber die Gabe, an
-deren verfrühte Äußerungen die Meinigen so feurig geglaubt hatten,
-schien mir wieder entzogen zu sein. Wenn ich in das Meer nebelhafter
-Bilder, das immer um mich wogte, hineingreifen wollte, um sie zu
-formen, so faßte ich in Luft. Mein Mütterlein meinte, ich hätte nur
-da weitermachen dürfen, wo ich nach Lilis Erscheinen stehengeblieben
-war. Aber damals hatte ich in kindlichem Trieb Vorhandenes nachgemacht
-und mit fremden Mitteln gewirtschaftet. Jetzt, wo ich aus Eigenem
-gestalten wollte, stand ich mit leeren Händen da. Und der unstillbare
-Drang nach starkem Erleben war zugleich auch der unbewußte Trieb, den
-Schatten Lebensblut geben zu können. Immer deutlicher fühlte ich, daß
-der Boden Tübingens mir überhaupt für meine Entwicklung nichts mehr
-zu bieten hatte. Das weibliche Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>schlecht war ja damals so gestellt,
-daß es nur vom Leben selber lernen konnte. Meine Studien, ganz mir
-selber überlassen, gingen die Zickzackwege des Zufalls. Gesellige
-Freuden begannen schal zu schmecken, und ich war meist nur mit dem
-Körper anwesend. Meine ganze Anlage zog eine Scheidewand zwischen
-mir und der Außenwelt. Menschen und Dinge des Alltags hatten gar
-keine Wesenhaftigkeit für mich, wenn ich mich nicht gerade an ihren
-Ecken und Kanten stieß. Es quälte mich, wenn in meiner Gegenwart die
-bürgerlichen Umstände anderer, ihre Verwandtschaften und dergleichen
-erörtert wurden. Dauerte es lange, so meinte ich mich innerlich dabei
-aufzulösen. Ich wußte am liebsten nicht einmal genau, wo unsere
-Freunde wohnten, daß ihr Kommen und Gehen wie aus unbekannten Reichen
-war. Diesen Zug hatte seltsamerweise auch mein Vater in seiner Jugend
-gehabt, wie ich aus einer Niederschrift von ihm ersah. Aber es war
-freilich schwer, ihn dem jungen Mädchen nicht für Lieblosigkeit
-auszulegen, während er nur dem Triebe entsprang, die stillose Enge der
-Umwelt durch die Vorstellung aufzuheben.</p>
-
-<p>Ich weiß kein Volk, das ein Wort für Sehnsucht hätte, außer den
-Deutschen. Das désir und desiderio der Romanen ist wohl stärker an
-Leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span>schaft, aber es hat nicht das Auflösende, Halbverschmachtete
-unseres Sehnens. Sie alle kennen das Heimweh, aber von dem Weh nach
-einer ungekannten schöneren Heimat wissen sie nichts. Woher sollte
-den Südländern, die an Natur und Kunst besitzen, was jeden Wunsch zum
-voraus erfüllt, die Sehnsucht nach einem schöneren Land, nach einem
-Wunschland kommen? Des Deutschen ewige Sehnsucht ist nichts anderes
-als seine unglückliche, nie gestillte Liebe zur Form. „Du bist Orplid,
-mein Land, das <i>ferne</i> leuchtet.“ Dieses Ungenügen an der Wirklichkeit
-ist der Ursprung aller Romantik. Wo das Leben wie ein breiter Strom
-zwischen schönen Ufern daherbraust, gibt es keine. Dann ist die
-Wirklichkeit mächtiger als jeder Traum.</p>
-
-<p>Mein liebes Schwabenland, von seinen Kindern nur das „Ländle“ genannt
-(die Neigung des Schwaben zum Verkleinerungswort hat in der Gestalt
-eben dieses Ländles ihre tiefe Begründung), ist ein Gebilde eigener
-Art, gleichsam eine Musterkarte aller Länder. Es sieht aus, als hätte
-der Schöpfer, bevor er die Erde entwarf, ein Modell davon im kleinen
-hergestellt, worauf er jede Form andeutete, die er hernach im großen
-ausführen wollte: Berge, Flußläufe, Ebenen, Wasserflächen, alles ist
-vorhanden, aber in kleinerem Maßstab und in stetem Wechsel. Immer steht
-man wieder vor einem<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> anderen Bild. Diese Vielartigkeit hat nichts
-Zwingendes, Stilgebendes wie einfache Größe von ausgesprochener Art,
-die allein da ist und alles andere ausschließt. Vorstellungen werden
-angeregt, aber nicht erfüllt. Daher lag und liegt vielen Schwaben die
-Unruhe von Hause aus im Blut. Wer vom Gipfel des Hohenstaufen blickt,
-der meint mit einem Male ein Stück mittelalterlicher Geschichte zu
-verstehen: die Weite, die sich auftut, lockt über die niederen Kuppen
-weg in fernere südliche Weiten, die Anmut der Landschaft erregt,
-aber sie befriedigt nicht, sie erweckt ein unruhiges Verlangen nach
-höherer, ernsterer Schönheit, den Drang gen Süden. Solch ein Drang
-nach Ausdehnung und Erfüllung war auch in mir. Ich ersehnte mir die
-große Linie und die herrschende Form: statt der Alb die Alpen, statt
-kleiner Heidestrecken die Pußta oder die Savanne, statt dem Bodensee
-den Ozean. Da war ferner ein Geist bürgerlicher Nutzbarkeit über
-die ganze Natur verbreitet, gegen den ich mich innerlich auflehnte.
-Diese reichen, aber in winzige Gütchen verteilten Kornfelder, diese
-endlosen Fruchtbaumreihen, heute ein so rührender Anblick! ließen mich
-unbefriedigt. Ich war krank nach dem Zwecklos Schönen, nach Wüste und
-Urwald oder nach der strengen monumentalen Landschaft des Südens mit
-architektonisch angelegten<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Gärten und Terrassen aufs Meer. Darum
-bedrängte ich meinen guten Vater, mich in der Vakanz nur bis Venedig zu
-führen. Ich glaubte, es müsse auch ihn glücklich machen, der doch so
-ganz anders geartet war, der in der Jugend ein Unrecht an der Heimat zu
-begehen meinte, wenn er nur ihre Grenzen verließ. Aber er konnte mir
-keinen Wunsch abschlagen. Es wird mir nichts übrig bleiben, als dem
-Kinde den Willen zu tun, sagte er ergeben zu meiner Mutter. &mdash; Doch es
-sollte nicht mehr so weit kommen, und schon die Geldverhältnisse hätten
-es verwehrt.</p>
-
-<p>Auch Mama begriff meine Abneigung gegen die heimische Enge nicht,
-denn da sie die Schranken der Erde überhaupt nicht sah, war für sie
-die Weite überall. Und mein beständiges Verlangen nach edler Form
-begriff sie noch weniger. Sie genoß zwar den Anblick schöner Menschen
-aufs innigste, wie sie sich auch der eigenen adligen Leibesform, die
-niemals weder massig noch knöchern werden sollte, mit Behagen bewußt
-war, aber die Formlosigkeit war ihr nicht wie mir ein Augenschmerz. Und
-alle andern verstanden mich noch weniger; es schien niemand etwas zu
-vermissen.</p>
-
-<p>Doch einen gab es in Tübingen, der mich verstand und den ich oft in der
-Stille besuchte, wenn wir auch nicht miteinander reden konnten. Sein
-Denk<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>mal stand im Botanischen Garten, es prahlte laut und stimmungslos
-mit einem Genius, der einen blechernen Stern auf dem Haupte trug,
-deshalb ging ich im Bogen daran vorüber nach dem Friedhof. Dort, nahe
-der unteren Mauer, lag sein Grab. Man mußte die tief herabhängenden
-Schleier der Trauerweide aufheben, dann war man in grüngoldener
-Dämmerung mit dem Schläfer allein. Ein schmaler Stein stand schief
-eingesunken an dem ungepflegten, damals halb vergessenen Ort. Er trug
-den Namen Friedrich Hölderlin und auf der andern Seite den Vers:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Im heiligsten der Stürme falle</div>
- <div class="verse">Zusammen meine Kerkerwand usw.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>(Ein Vers, der noch aus seiner Frühzeit stammt, da er „wortreicher und
-leerer war“. Man hätte Tieferes und Eigeneres für seine Grabschrift
-finden können.)</p>
-
-<p>Mit ihm redete ich von den Griechen. Nur seine immerwährende Schwermut
-und Trauer um jene Lebendigen teilte ich nicht. Sie waren ja doch da,
-wer konnte sie uns nehmen? Ich vergaß nur, daß für ihn die schwäbische,
-ja die deutsche Heimat noch viel, viel enger gewesen, daß, je weiter
-man zeitlich zurückging, desto größer die Formlosigkeit war und all die
-Dinge, die sein schönheitverlangendes Gemüt so unsäglich beschwerten
-und<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> verletzten. Hätte er lachen können, ein befreiendes Lachen, er
-wäre vielleicht nicht so frühe untergegangen. Aber er wäre auch nicht
-jener Einzige geworden und seine Stimme käme nicht wie ein Klang aus
-anderen Welten zu uns herüber.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Brand_und_die_Flamme">Der Brand und die Flamme.<br />
-Hat der Mann ein Seelenleben?</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>ch weiß nicht, ob die kleinen Episoden, die ich hier erzählen will,
-nicht vielmehr in die Zeit nach meines Vaters Tode fallen. Mein
-Gedächtnis schiebt sie an dieser Stelle ein, weil mir nachträglich
-alles Heitere <i>vor</i> jenem dunklen Tage zu liegen scheint.</p>
-
-<p>In der Kronengasse, schrägüber von unserer Wohnung, lag eine
-Studentenwirtschaft, die Flammerei genannt, wo Edgar und zuweilen auch
-die jüngeren Brüder die Abende verbrachten. Daß es dabei munter und
-witzig herging, mußte ich den Beteiligten glauben, als Unbeteiligte
-sah ich aber immer nur den unfrohen Ausklang der fröhlichen Stunden.
-Zwar trieben sie es gewiß nicht schlimmer als die andern Musensöhne
-auch, nur daß jene der Mehrzahl nach nicht unter den Augen ihrer
-Mütter lebten. Die meinige konnte sich an das Nachtschwärmen ihrer
-Söhne nicht gewöhnen und woll<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span>te niemals schlafen gehen, bevor sie
-alle daheim in ihren Betten wußte, wenn es auch noch so spät wurde.
-Hatte ich sie endlich doch dahin gebracht, daß sie sich niederlegte,
-so horchte sie schlaflos, bis sie Edgars Tritt auf der Treppe vernahm,
-denn ihm, für den sie von klein auf am meisten gezittert hatte, galten
-vor allem ihre Ängste. Im Nu war sie aus dem Bette und auf dem offenen
-Gang, ich ebenso schnell, in einen Überwurf gehüllt, an ihrer Seite,
-um den aufgrollenden Sturm zu beschwören. Dabei verdiente ich mir,
-wie es den Friedensstiftern zu gehen pflegt, bei keinem der beiden
-Teile Dank, da der eine nur den gestörten schönen Abend, der andere
-nur die in Sorge durchwachten Stunden sehen wollte. Mamas Raschheit
-endete gewöhnlich damit, daß der ebenso rasche Sohn alsbald wieder
-in die Nacht hinausstürmte und erst zum Morgenkaffee nach Hause kam.
-Mir lag es dann ob, das aufgeregte Mutterherz zu beschwichtigen, sie
-ins Bett zurückzuführen und bei ihr zu sitzen, bis sie sich in Schlaf
-gegrämt hatte. Die wunderbare Frau, die bei der Gedankentiefe eines
-Philosophen nicht mehr weltliche Klugheit als ein Kind besaß, wollte
-sich niemals überzeugen lassen, daß die Stunde, wo ein Student in
-erhöhter Stimmung aus dem Wirtshaus kommt, nicht die geeignete ist,
-ihn vom Wirtshausgehen zu bekehren.<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> Leichter hatten es die jüngeren
-Brüder, besonders Erwin, der die Kunstschule von Rottenburg besuchte
-und in den studentischen Kreisen seiner Zeichenkünste und seines
-heiteren mimischen Talentes wegen ein gern gesehener Gast war. Wenn
-sich einmal die mütterlichen Vorwürfe über ihn ergossen, so nahm er die
-kleine leichte Frau singend in den Arm und tanzte mit ihr, bis ihr Wort
-und Atem ausgingen und ihr Unmut sich in Lachen löste.</p>
-
-<p>Eines Tages bat er mich für einen Streich, den er vorhatte, um mein
-hübsches hellgraues Straßenkleid. Ich half ihm selber in den Anzug,
-bemühte mich, seine schlanke Länge mittels eingestopfter Taschentücher
-etwas ins Weibliche zu runden, gab ihm noch Anleitung, gesittet in
-den Röcken zu gehen und entließ ihn mit meinem Segen. Der Bengel
-sah bildhübsch aus, begann aber auch gleich, seine Augen auf eine
-Weise im Kopf zu drehen, daß mir Arges schwante. Edgar stellte ihn
-in der Flammerei als eine von auswärts gekommene Base vor, niemand
-erkannte ihn, und die schöne, geschmeidige Erscheinung erregte
-natürlich das stärkste Aufsehen, denn es war unerhört, daß ein junges
-Mädchen aus guter Familie des Abends unter den Studenten saß. Das
-Dämchen kokettierte gewaltig, zechte, rauchte, ließ sich mit jedem
-ein<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>zelnen heimlich ein und gab Betulichkeiten betulich zurück. Ein
-hübscher, etwas leichtsinniger Philologe jedoch sah sich für den
-Meistbegünstigten an und fing ernstlich Feuer. Seine Huldigungen wurden
-so stürmisch, daß Edgar es geraten fand, die gefährliche Verwandte,
-durch deren Betragen er sich nachgerade etwas bloßgestellt fühlte,
-geräuschlos verschwinden zu lassen. Der erregte Anbeter stürzte ihr
-auf die Straße nach und rannte die ganze Stadt nach dem Gegenstand
-seiner Flamme ab, während der Schalk schon still daheim im Bette lag.
-Er behielt jedoch meine Kleider und fuhr dann und wann wieder hinein,
-um schnell irgendwo aufzutauchen und spurlos zu verschwinden, worüber
-der Suchende in immer größere Leidenschaft geriet. Edgar warnte ihn
-vor der Kokette, deren Besuch man ihrer unziemlichen Haltung wegen
-habe abkürzen müssen; der andere behauptete dagegen, sie sei noch in
-der Stadt und werde grausamerweise vor ihm, der es doch ehrlich meine,
-versteckt. Edgar mußte schließlich dem Jammer ein Ende machen und
-erklären, daß das schöne bacchantische Kind sein jüngerer Bruder sei.
-Der Gefoppte kam wie von Sinnen, weinte, sprach vom Totschießen, fand
-aber am Ende seinen Trost darin, das zierliche Bürschchen, das ihn an
-der Nase geführt hatte, wärmstens ins Herz zu schließen.<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> Ich erhielt
-nun endlich auch mein Kleid zurück, mußte es aber wegschenken, denn
-nachdem es solche Orgien gesehen hatte, mochte ich es nicht mehr an
-meinem Leibe fühlen.</p>
-
-<p>Die Zusammenkünfte in der Flammerei gingen immer weiter und die Ängste
-meiner guten Mutter ebenfalls. Sie sah es deshalb gern, wenn auch
-unsere jungen Hausfreunde die Flammerei besuchten, denn von jedem
-hoffte sie, er würde einen günstigen Einfluß üben und die Sitzung
-abkürzen. Aber jene verfielen alsobald dem Genius loci und blieben
-ebenfalls sitzen. Darum entzog sie ihnen ihre Gunst und sah immer in
-dem zuletztgekommenen Verführten den Verführer. Nicht anders ging
-es unserem Freunde Ernst Mohl. Eines Abends, da die Wirkungen der
-Flammerei an den jungen Herren gar zu deutlich hervortraten, schloß der
-ältere Freund sich ihnen als getreuer Eckard auf dem Heimweg an, um
-den häuslichen Zusammenstoß abzuschwächen. Als sie miteinander nicht
-eben geräuschlos zur Tür hereinkamen, wollte Mama gleich mit Vorwürfen
-gegen den vermeintlichen Anstifter losbrechen, aber ich kam zuvor,
-indem ich selber das Strafgericht übernahm und schließlich den Reuigen
-verurteilte, des anderen Morgens um neun Uhr mit einem Bußgedicht über
-das Thema „Der Brand und die Flamme“ anzutreten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p>
-
-<p>Dadurch bekam der Auftritt unerwartet eine heitere Wendung. Während
-jener bußfertig die Strafe auf sich nahm und das Gedicht im
-Katzenjammer zu schmieden versprach, gewannen die Hauptschuldigen Muße,
-sich friedlich in ihre Betten zu verziehen.</p>
-
-<p>Richtig stellte sich der Gemaßregelte des anderen Tages zur bestimmten
-Stunde ein und brachte sein Gedicht, das also lautete:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse s4 mleft2">Der Brand und die Flamme</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Daß ich, dieweil ich in der Flamme</div>
- <div class="verse">Mir antrank einen kleinen Brand,</div>
- <div class="verse">Obgleich ich sehr noch auf dem Damme,</div>
- <div class="verse">Dir meine Schwäche eingestand,</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das hat in dir des Zornes Flamme</div>
- <div class="verse">Zu solchem Übermaß entfacht,</div>
- <div class="verse">Daß du, Herzlose und Grausame,</div>
- <div class="verse">Mir eine Strafe zugedacht:</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Ich solle gleich nach Hause gehen,</div>
- <div class="verse">Ausschlafen von der Kneiperei,</div>
- <div class="verse">Und dann in Versen dir gestehen,</div>
- <div class="verse">Wie sehr ich zu verdammen sei.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span>
- <div class="verse">Ich werde &mdash; ehrlich es zu sagen,</div>
- <div class="verse">Ist Rache ebenso wie Pflicht &mdash;</div>
- <div class="verse">Noch manchen aus der Flamme tragen:</div>
- <div class="verse">Die Ente läßt das Schwimmen nicht.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Freilich, die Ente am Schwimmen zu hindern, hätte es ein Wunder
-gebraucht. Der Trunk galt damals noch beim deutschen Mann in viel
-höherem Maß als heute für einen Ausweis von Männlichkeit und war
-zugleich von einer Art Weihe umgeben, denn man glaubte noch das Weben
-altgermanischen Heldengeistes beim Humpen zu verspüren. Dieses deutsche
-Erbübel drückte dem ganzen Leben seinen Stempel auf und trug viel zu
-der gesellschaftlichen Formlosigkeit bei, weil es die Geschlechter
-trennte. Ältere Herren hielten es meist in Damengesellschaft nicht
-aus; kam solch ein männlicher Gast in die Familie, so erging in kurzem
-an den Hausherrn die Frage: Wollen wir <i>streben</i>? Darauf erhoben sie
-sich und strebten &mdash; natürlich nach dem Wirtshaus. Dort wurden erst
-die tieferen Gespräche entbunden, die kein weibliches Ohr vernahm als
-das der Kellnerin. Wie durfte man nun erwarten, brausende Jünglinge
-von einer Sitte fernzuhalten, die von ihren Lehrern und Vorbildern mit
-Inbrunst geübt und von den Dichtern als einer der höchsten Lebenswerte
-besungen wurde? Auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>sem Punkte konnte man sich nie verstehen. Ich
-war natürlich den Wirtshäusern, die mich so viele schlaflose Nächte
-kosteten, spinnefeind, und wenn man auf gemeinsamen Spaziergängen in
-eine Wirtschaft geriet, wo die männliche Jugend sich alsbald festhakte,
-so saß ich nach kurzem wie auf Kohlen. Edgar klagte, daß ich den
-Komment nicht erfaßt hätte, und suchte mich aus dem Hafis und Anakreon
-von der Poesie der Schenke zu überzeugen. Aber vergeblich: auf einer
-Holzbank vor dem Bierglas zu sitzen, gehörte für mich zu den schwersten
-Geduldsproben, und selbst dem grünen Blätterdach der Roßkastanie
-wurde ich gram, so schön seine lenzlichen Blütenkerzen waren, weil
-dieser Baum sich in meiner Vorstellung mit dem Sonntagspublikum der
-Wirtsgärten und dem Gegröl der Kegelbahn unzertrennlich verband. Da
-gegen den germanischen Durst in keiner Weise aufzukommen war und ich
-die Erfahrung machte, daß auch diejenigen unserer jungen Freunde,
-die mir die ritterlichste Ergebenheit bezeigten, sobald sie zwischen
-meiner Seelenruhe und dem Wirtshaus zu wählen hatten, dem Wirtshaus
-den Vorzug gaben, und kein Vorsatz, kein Versprechen stark genug war,
-sie zu binden, wurde ich allmählich am männlichen Geschlecht völlig
-irre. Und in meiner Verzweiflung setzte ich mich eines Tages<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> nieder,
-um eine Untersuchung zu schreiben über die Frage: „Hat der Mann ein
-Seelenleben? Oder ist er nur ein Gefäß zur Aufnahme von Flüssigkeit?“
-Ich brachte es aber nicht weiter als bis zur Überschrift, denn ich kam
-über das Für und Wider nicht ins klare.</p>
-
-<p>Als ich einmal nach Jahrzehnten, kurz bevor Edgars arbeitsreiches Leben
-vorzeitig schloß, mit ihm in Florenz beisammen saß und wir der alten
-Zeiten gedachten, bekannte ich ihm, mit welchem literarischem Vorsatz
-ich mich dazumal in Tübingen getragen hatte und wieso ich über die
-Beweise für das Seelenleben des Mannes nicht schlüssig geworden war. Da
-strich er sich schmunzelnd über den Bart und sagte: Ich glaube jetzt
-die Frage dahin entscheiden zu können, daß der Mann unbestreitbar ein
-Seelenleben hat, daß ihn aber dieses nicht hindert, auch ein Gefäß zur
-Aufnahme von Flüssigkeit zu sein. &mdash; Sprach’s und leerte mit Andacht
-sein Glas Chianti.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_10_Oktober">Der 10. Oktober.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum
-irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte
-sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich
-sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders
-als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen
-zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit
-gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind,
-er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen
-Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge
-selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung
-des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater
-mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens.
-Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich gei<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>stig nicht so viel von
-ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre.
-Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast
-mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren
-Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht
-aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu
-wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von
-dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den
-Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut
-waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan!
-Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg
-nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden,
-ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es
-plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und
-hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf
-und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren
-Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun
-fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig
-Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen.<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span>
-Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel,
-würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das
-ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über
-das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der
-Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem
-Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang
-mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber
-noch nicht erfahren hatte.</p>
-
-<p>Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die
-Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es
-kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken
-Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer
-geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich
-wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern
-zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater
-aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in
-Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen.
-Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige
-Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des
-Gehirns ver<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span>ursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte
-er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen
-Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende
-Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei
-erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter
-dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen
-allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um
-ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten
-weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu
-bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht
-mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte
-in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von
-welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der
-verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne
-Abschied hinwegnahm.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen,
-unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich
-mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich
-später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes
-Weinen ausbrechen sah,<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht
-eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt
-vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von
-der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn
-des Wortes nicht <i>fassen</i>, und dieses Unvermögen verursachte eine
-schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim
-atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem
-Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir
-innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und
-das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht
-zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir
-das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in
-dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht,
-aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das
-Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen,
-das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte,
-als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen
-Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren
-um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm
-er<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>tötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden,
-aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn
-gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet
-hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und
-dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper
-geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für
-das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche
-Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte
-ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als
-der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie
-wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.</p>
-
-<p>In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig
-neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren
-Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die
-jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich
-eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters
-Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst
-aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst
-nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> sagen.
-War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod
-nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag
-über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten
-ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem
-Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht,
-das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche
-Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden
-Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um
-Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen
-galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was
-sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es
-war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht
-immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.</p>
-
-<p>Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt
-über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen
-redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der
-ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit
-Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen
-waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span> Werke
-heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und
-Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874
-übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung
-mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama
-und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe,
-die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J.
-Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten.
-Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden
-schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr
-heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit
-ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der
-angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande
-meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der
-leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße
-von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei
-jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob
-sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern
-und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles
-still blieb, trat ich selbst mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> Bildhauer in Unterhandlung. Und
-nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein
-bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte
-sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein
-auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem
-Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend.
-Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran
-freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich
-gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber
-der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft
-wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig
-überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich
-sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte
-führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen
-konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte,
-deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig
-war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes,
-ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er
-sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht.
-Die<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches.
-Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen,
-schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte
-Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die weißen Flocken fallen dicht</div>
- <div class="verse">Auf Dach und Mauern;</div>
- <div class="verse">Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht</div>
- <div class="verse">Mit Schauern.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">An einen Schläfer denk’ ich, hart</div>
- <div class="verse">Im steinigen Bette.</div>
- <div class="verse">Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt</div>
- <div class="verse">Die Stätte.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Im engen Schreine hingestreckt,</div>
- <div class="verse">Ruht er verborgen,</div>
- <div class="verse">Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt</div>
- <div class="verse">Kein Morgen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Und um sein kaltes Kissen, weh,</div>
- <div class="verse">Die Winde blasen,</div>
- <div class="verse">Mit weißem Linnen deckt der Schnee</div>
- <div class="verse">Den Rasen.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
-<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span>
- <div class="verse">Mich schauert und die Ruh’ ist fort</div>
- <div class="verse">In nächtiger Stunde,</div>
- <div class="verse">Denk’ ich an jenen Schläfer dort</div>
- <div class="verse">Im Grunde.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte
-meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar
-in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er
-sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter
-seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des
-Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte
-mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn
-suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde
-Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie
-man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden
-durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg
-in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon
-ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue
-Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an
-einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in
-sehr schwerer Zeit zart und hilfreich<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> zur Seite gestanden und der
-in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich
-niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für
-ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht
-zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben
-werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu
-meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes
-Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von
-innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf
-damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich
-selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in
-den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in
-einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und
-glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend,
-keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts
-zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine
-halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da
-war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem
-herwich wie der Horizont.</p>
-
-<p>Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag,<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span> von dem er keine
-Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder
-den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit
-Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen,
-als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese
-Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend
-gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual
-waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei
-war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand,
-so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch
-nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit
-in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich
-sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe
-unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem
-Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch
-in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren
-uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu
-ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses,
-nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl
-hätte mir die reife Männlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> eines viel älteren Bruders getan!
-So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber
-häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der
-Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als
-die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu
-begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen
-und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal
-verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem
-Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht
-führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das
-Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort,
-worin die Worte standen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?</div>
- <div class="verse">Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?</div>
- <div class="verse">Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen</div>
- <div class="verse">Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte
-nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine
-allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch
-viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen
-Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> seine
-Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so
-ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin
-der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck
-durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um
-in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von
-den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie
-Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten,
-denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff
-gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung
-erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung
-aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn
-mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen
-Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere
-Studierende zu Schülern hatte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Wieder_bei_den_Griechen">Wieder bei den Griechen.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">I</span>m Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer
-Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien
-auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund
-meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste
-Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir
-ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und
-erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.</p>
-
-<p>Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die
-Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein
-würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer
-aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung
-mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen
-schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span>
-des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach
-eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert
-hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom
-Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom
-Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen.
-Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die
-Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das
-unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns
-mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen
-gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde
-nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen
-Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend
-dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend
-war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites
-Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar
-Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch
-die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie
-uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken
-am Urtext meiner Lieblingsdichtung.<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> Der treffliche alte Voß hatte
-mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen
-Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht
-ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie
-anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem
-Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine
-mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner
-bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer
-Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs
-zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse"><i>Ein</i> Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer?</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse mleft1">Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.</div>
- <div class="verse">(<i>Ein</i> Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne
-griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich
-vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen
-wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die
-ihm später nie<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span>mand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre
-vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt
-an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten
-sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit;
-besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch
-spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es
-auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der
-Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes
-durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen
-und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen
-ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt
-der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in
-der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie
-viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien
-zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und
-der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen
-Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand
-wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne
-trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span>
-Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde
-dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere
-Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche
-Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden
-Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu
-schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen
-Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern
-aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker
-sich den adligsten aller Menschen <i>dachte</i>. Die griechische Geschichte
-hat nur <i>einen</i> hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem
-man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der
-zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen
-und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten
-des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er
-nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer
-beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt
-die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie
-ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird
-eingeschränkt durch den Zusatz „nach<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> dem tadellosen Achilleus“, wie
-der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit
-wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem
-Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische
-erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht,
-wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als
-der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des
-Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen
-nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke
-nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal
-voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt,
-indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück.
-Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie
-die schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich,
-aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem
-unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche
-Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im
-Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur,
-weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu
-genügen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p>
-
-<p>Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held
-wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über
-alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar
-keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem
-Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit
-Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne
-Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch
-auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und
-selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem
-alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer
-des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht
-keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das
-Größte, was der Dichtung jemals gelang.</p>
-
-<p>Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl
-spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit
-den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren
-später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen
-Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und
-dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> lebendig macht,
-das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die
-geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um
-die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und
-weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene
-ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich
-das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten,
-zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben
-mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich
-dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen
-hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte
-Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch
-einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch
-erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis
-der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war,
-sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der
-Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend
-Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums
-stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen
-waren, lehrten mich auch,<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> nach einem im Ausland verbrachten Leben
-wieder Deutsche zu werden. &mdash;</p>
-
-<p>Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die
-Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des
-Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald
-durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen
-„Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.</p>
-
-<p>Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein
-Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen
-wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende
-wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin
-schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein
-und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen
-Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser
-treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.</p>
-
-<p>Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung,
-aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie
-hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das
-Wort, inskünftige, solange wir<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> noch beisammen wären, jedes Jahr
-die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch
-nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und
-blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese
-herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch
-Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in
-der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen
-mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich
-auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie
-vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des
-Lebens blühen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Unzeitgemaesses_und_was_es_fuer_Folgen_hatte">Unzeitgemäßes
-und was es für Folgen hatte.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">N</span>och einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner
-guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der
-Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir
-erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem
-Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung
-zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als
-akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte
-verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde
-mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom
-Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten,
-nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht
-ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der
-ein Mann von Welt war, kam meinen Wün<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span>schen aufs artigste entgegen. So
-saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit,
-daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello
-des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf
-die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an
-meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem
-er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen
-plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und
-Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man
-denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit
-einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in
-Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern,
-die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein
-erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich
-warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie
-an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte
-dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo
-es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die
-noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit
-auf<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>gehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner
-Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.</p>
-
-<p>Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen
-seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich
-ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit
-sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer
-Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine
-Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die
-Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal
-sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück
-Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang
-verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst
-die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben.
-Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht
-übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren,
-einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich
-ablehnte.</p>
-
-<p>Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat
-mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben
-im<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in
-wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß
-sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht
-käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das
-ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte
-mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das
-lange Reitkleid über den Arm geschlagen &mdash; man trug damals noch die
-tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr
-gefährlich waren &mdash;, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand
-ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner
-höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte.
-Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr
-Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. &mdash; Heut können wir was
-erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte,
-das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter
-heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das
-Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken
-zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben,
-allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> ich spürte
-gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er
-sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle
-auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so
-war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die
-Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße
-unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des
-Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein
-Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den
-Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine
-Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe
-an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte
-ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales
-natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer
-Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem
-Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase,
-bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause
-schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken
-Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten,
-auch war mein linker Arm von der<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> Anspannung so verschwollen, daß er
-vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch
-hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte,
-die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie
-auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar
-erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges
-Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.</p>
-
-<p>Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron
-Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein
-Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter
-Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers
-wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte.
-Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in
-den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“
-wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine
-feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte
-sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie
-er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging &mdash; und die
-Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p>
-
-<p>Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.</p>
-
-<p>Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was
-freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische
-Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und
-Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil
-das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den
-es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen
-„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen
-Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde
-anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch,
-was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht.
-Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von
-dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last
-und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich
-willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein
-sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an
-ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen.
-Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den
-Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> sich
-sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich
-Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer
-des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend,
-bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab
-er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang
-klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der
-weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich
-mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen,
-halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer
-mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf
-seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr
-nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein
-Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen
-Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die
-Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren
-Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme
-Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der
-wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle
-Not, im Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>meinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz
-zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten
-zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich;
-diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des
-Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal
-aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die
-neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens
-keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber
-trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann
-mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der
-Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung
-seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich
-über viele Kränkungen.</p>
-
-<p>Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich
-gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis
-gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen.
-Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen
-Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an
-keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern,
-und große Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge
-darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch
-aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“
-Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm
-und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse
-und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von
-mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger
-verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen
-zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die
-gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine
-Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen
-Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen
-Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des
-damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.</p>
-
-<p>Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich
-in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen
-Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen
-sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne
-Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> und nach
-der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens
-an <i>einem</i> Tag der Woche, und wäre es auch nur für <i>eine</i> Stunde, das
-Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht
-zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer
-und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren
-meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen
-Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich
-als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die
-Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung
-vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge
-Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere
-sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht
-der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der
-Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht
-hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen.
-Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und
-sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! &mdash; zu deutsch: Wo
-hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? &mdash; zuzurufen. Es war
-einer der schicksalsvollen Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span>blicke, wo ein kleiner Anstoß eine
-lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht
-ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf
-ganz zu verlassen.</p>
-
-<p>Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender
-Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen
-Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war
-dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen,
-daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen
-und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen
-konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich
-hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet
-und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir
-dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden
-Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die
-Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich
-getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen
-nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred,
-die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange
-Freundschaft hineinzuwachsen. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> an unseres Balde Krankenbett waren
-die beiden Mediziner nützlicher als ich.</p>
-
-<p>Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen
-den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte,
-hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe
-seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich
-in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich
-war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder
-Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte
-dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte,
-rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er,
-daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des
-Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit
-dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm
-schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif
-erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer
-aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn
-niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb;
-ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne
-des kran<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>ken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den
-Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie
-auf diesen Weg gekommen.</p>
-
-<p>Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen
-aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf
-hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel
-Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels
-blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer
-geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta
-ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend
-Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit
-leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in
-mein neues Leben hinein.</p>
-
-<p>Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine
-Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und,
-vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen
-wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen
-spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten
-Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine
-seltsame Verzauberung aus.<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> Mich brachten sie durch Vorspiegelung von
-einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte,
-dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den
-Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein
-Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich
-aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine
-Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde.
-Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit
-ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie
-toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Muenchen">München.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">E</span>s waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München
-führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei
-Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des
-berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen
-Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen
-her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild
-altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund
-Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den
-Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise
-einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein,
-dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin
-Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit,
-Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen
-Naturell zu ei<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span>ner unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese
-Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig
-sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus
-dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu
-sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen
-einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung
-ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt
-die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir
-mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau
-unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem
-Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich
-als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo
-ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den
-Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr
-war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden
-Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend,
-wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit
-seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets
-die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei
-seiner Abstam<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>mung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht
-den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu
-Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu
-gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit
-und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer
-seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich
-schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen
-Gliedern seiner Familie.</p>
-
-<p>Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen,
-alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken
-und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit
-ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren
-geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls
-durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so
-abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende
-Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders
-gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen
-Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun
-und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir
-von Kindheit an<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“,
-fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung
-und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter
-lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich
-konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des
-erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer
-und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der
-empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt
-eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch
-größeren Raum, um zu wachsen.</p>
-
-<p>Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus,
-wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte,
-mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen
-Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner
-lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend
-liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft
-wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart
-herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit
-seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz,
-der in hundert Fas<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span>setten funkelte und auch das Wortspiel bis herab
-zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei
-er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu
-einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen
-Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen
-Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz
-Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein
-ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der
-ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen
-Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit
-konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets
-unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte.
-An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art
-literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr
-ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu
-lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich
-befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich
-gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in
-dessen verdüstertes Leben er den letzten tröst<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span>lichen Abendschimmer
-goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war
-ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern
-hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden
-Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang
-necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn
-er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein
-Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund
-und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein
-anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo
-der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien
-und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte.
-Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und
-sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem
-dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert,
-die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen.
-Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken
-darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie
-mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch
-sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand,<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span> seine
-eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen
-sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die
-Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen
-worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher
-meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer
-Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja
-bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen
-Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch
-geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich
-die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und
-ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen
-Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch
-bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie
-Undankbarkeit erscheinen konnte &mdash; und beginnt nicht jede Entwicklung
-mit einer Auflehnung und einem Undank? &mdash; Darum hielt ich es nun,
-wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das
-verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit
-empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner
-Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> mir sonst der Anblick einer
-so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses
-Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter
-dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn
-solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und
-Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser
-um das Ansehen der Deutschen in der Welt.</p>
-
-<p>Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war
-mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz.
-Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber
-ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt
-war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne
-politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der
-Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun
-konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem
-keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit
-aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen,
-ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit
-tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen
-an den<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen
-und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend,
-erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch
-andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer
-des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen
-wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ
-wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um
-sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in
-die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst
-gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel
-übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem
-er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte.
-Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen
-rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden
-Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel
-mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre
-Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich
-erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen
-Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> Musterbeispiel
-edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im
-Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie
-ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das
-Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß
-jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte,
-während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes
-unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen
-Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick
-die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren
-Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche
-Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die
-noch tagelang nachklang.</p>
-
-<p>Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen
-Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder,
-ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher
-Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem
-Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu
-dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin
-den Zugang fand.</p>
-
-<p>So war es also mit der gesellschaftlichen Anleh<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span>nung trefflich
-bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen
-Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine
-leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße
-bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus
-einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig
-für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause
-eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten,
-der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch
-Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich
-gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum.
-Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend
-entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen
-und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich
-kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und
-wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar
-die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm
-aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die
-Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch
-zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> der früheren Herrschaft
-&mdash; ich weiß nicht weshalb &mdash; zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie
-schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit.
-Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht,
-ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage
-stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges
-und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich
-brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls
-Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und
-anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des
-trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos
-durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu
-gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber
-scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die
-Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf,
-den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der
-mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.</p>
-
-<p>In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht
-müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein
-französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> Schülerinnen
-ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen
-zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb
-zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende
-Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich
-stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die
-Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen,
-sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz
-unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß
-mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner
-Indianerseele als merkwürdig auffiel.</p>
-
-<p>Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige
-Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den
-Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und
-die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu
-sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher
-aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im
-falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer
-Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der,
-Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen
-Sprachschnitzer meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> Schülerinnen klangen mir immer so drollig,
-daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen.
-Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin,
-die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker,
-knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie
-eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie
-mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher
-Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der
-Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und
-Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge
-Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr
-wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen
-Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte
-dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen
-zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische
-Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere
-verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher
-unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen
-oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span>
-ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund,
-noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und
-vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren
-deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.</p>
-
-<p>Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar
-kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu
-erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch
-hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten.
-Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich
-ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte
-mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem
-weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben
-noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr
-allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren,
-darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich
-vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen?
-Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor,
-wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer
-geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span> meine schönen
-Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb
-gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte,
-wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf
-erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte
-Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem
-Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der
-Nachtschwärmerin warten mußte.</p>
-
-<p>Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends
-ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der
-von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit
-meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich
-etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es
-mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in
-der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung
-gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die
-ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen
-und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des
-Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen
-und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und
-mein<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz
-besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an
-den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte
-weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr
-von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging
-mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf,
-und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich,
-ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um
-ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im
-Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein
-Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er
-tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch
-und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten
-Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich
-beruhigt zu Bette gehen.</p>
-
-<p>Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es
-hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen,
-bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen,
-denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten
-Erzählung ein<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem
-größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte
-als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil
-zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich
-wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte,
-was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem
-Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie
-blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und
-suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite.
-Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu
-ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich
-empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat
-gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu
-eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen,
-und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er
-griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen
-an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie
-über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat,
-ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine
-Leidenschaft ein<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span>flößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben
-das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all
-unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an
-und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig
-aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die
-Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher
-zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls
-konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal
-sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in
-die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen
-mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen
-Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und
-nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer
-Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen
-einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war,
-und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald
-dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich
-vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen,
-sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch
-mit den irr<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span>sinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur
-der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den
-Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand
-die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten
-Erfolg.</p>
-
-<p>Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur
-Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht
-zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen
-Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine
-Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte
-meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch
-ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut
-sein sollte.</p>
-
-<p>Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam,
-von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München
-umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine
-glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber
-die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit
-Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger;
-auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> wegen überall
-Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf,
-besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin,
-ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese
-Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob
-die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem
-ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war
-kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er
-sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.</p>
-
-<p>Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er
-sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine
-ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache,
-daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu
-fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken
-hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt
-verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen.
-Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte
-wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja
-gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon
-nach drei Vierteljahren<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen.
-Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die
-Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere
-Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals
-bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine
-schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen
-Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür,
-indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der
-Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen
-Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art,
-zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und
-hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen
-waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der
-Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war
-es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch
-wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie
-heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln
-Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue,
-unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch
-sich vollenden.<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein,
-und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine
-Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach
-dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter
-mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der
-Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein
-plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage
-noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die
-Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel
-in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.</p>
-
-<p>Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage,
-die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte.
-Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der
-Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der
-gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy
-am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und
-genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich
-erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse
-schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüber<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span>rollte und
-wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um
-ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit
-und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das
-neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich
-verlassen sollte.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Letzte_Tage_in_der_Heimat">Letzte Tage in der
-Heimat.</h2>
-
-</div>
-
-<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur
-Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog
-Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen
-großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme
-gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der
-Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als
-Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei
-den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch
-sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung
-nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte
-der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach
-Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst
-wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span> meinen Abgang aus Tübingen
-infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als
-eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch
-zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia
-zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln,
-machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum
-war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor
-Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die
-künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir
-vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen
-und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges
-zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte.
-Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem
-großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden.
-Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der
-meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig
-aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit
-den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine
-lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span>
-Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch
-allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem
-Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen
-einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern
-befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare
-schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren
-Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel.
-Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere
-Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem
-Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die
-Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der
-Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu
-bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße
-hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug,
-an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als
-die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und
-Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit
-der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen
-Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern,<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> Rittern, Pagen, Mönchen,
-Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus
-Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab
-es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum
-sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt,
-so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen.
-Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich
-Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen.
-Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute
-Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als
-guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort
-erwarteten.</p>
-
-<p>An dieser Stelle sei es mir gestattet, den Manen dieses
-außerordentlichen Mannes für das herzliche Wohlwollen zu danken, das er
-mir schon von meiner frühesten Jugend zuwandte. Was er seinen Deutschen
-war, braucht von mir nicht gesagt zu werden. Was er <i>mir</i> war, kann
-ich ohne Ruhmredigkeit aussprechen, denn es war seine Güte, nicht
-mein Verdienst, wenn er mich schon als Kind zu sich heranzog. Er lud
-mich als Zwölfjährige mit der Mutter zum Kaffee, den er selbst braute
-und einschenkte, ich mußte dann neben ihm auf<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> dem Kanapee sitzen,
-er ließ sich meine Zöpfe aufflechten und erzählte mir Geschichten,
-unter andern das ganze Märchen von den Pfahlbauern, das er später dem
-„Auch Einer“ einverleibt hat. Wäre er länger in Tübingen geblieben,
-so hätte ich im Heranwachsen gegen die Anfeindungen des Philistertums
-einen Halt und Trost gehabt. Aber ihn selber trieb die Kleinstädterei
-von dannen, und er zog den Lehrstuhl an der Stuttgarter Technischen
-Hochschule dem der Tübinger Universität vor, weil er dort freiere
-Menschen, die sich in der Welt umgesehen hatten, fand. &mdash; Als ich dann
-in den frühen achtziger Jahren zum erstenmal aus Italien wiederkam und
-ihn in Stuttgart besuchen wollte, stieß mir das peinliche Versehen
-zu, daß ich mir die Vormittagsstunde desjenigen Wochentags, wo er
-ganz ungestört bleiben wollte, um sein Kolleg vorzubereiten, in der
-Eile als die für Besuche willkommenste aufschrieb. Erst als ich die
-Klingel gezogen hatte und er selbst im Schlafrock mit einem Blatt
-Papier in der Hand mir öffnete, erkannte ich mit jähem Schrecken den
-Mißgriff. Er ließ mich aber durchaus nicht mehr entwischen, ich mußte
-sogar viel länger, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, in der bei
-solchem Ruhme wahrhaft ergreifenden Einfachheit seiner Gelehrtenstube
-ihm gegenübersitzen, und es schien ihn gar nichts zu stö<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>ren als sein
-Schlafrock, der ihm nicht schön genug war, denn er klagte wiederholt,
-daß er einen viel schöneren bestellt habe und nun zu seinem Ärger vom
-Schneider im Stich gelassen sei, wo er ihn doch so nötig hätte, um
-„einen anständigen Eindruck zu machen“. &mdash; Und jetzt reisen Sie ab, wo
-der neue Rock fertig ist? sagte er ein paar Tage später vorwurfsvoll.
-So rührend jugendlich im kleinsten wie im größten war und blieb er
-bis ans Ende. Ein paar Jahre später hielt ich mich abermals einige
-Winterwochen in Stuttgart auf, da ließ er sich in seiner ritterlichen
-Zuvorkommenheit nicht abhalten, mich fast täglich, trotz Wind und
-Wetter und trotz der nassen Füße, die der fast Achtzigjährige zu
-scheuen hatte, in meiner Pension zu besuchen. Wenn man die kleine,
-zarte, obschon zähe Gestalt sah, das geistig verfeinerte Gesicht mit
-der übermächtigen Stirn und dem abgeblaßten Veilchenblau der Augen,
-die noch gar nicht vertrocknete, fast rosige Haut, die sich fest um
-die abgezehrten Wangen legte, so mahnte das ganze Bild des Mannes
-ergreifend und beängstigend, daß dieses ausdauernde Gehäuse allmählich
-doch zu dünnwandig wurde für den Geist, der es bewohnte. Ich wurde
-schließlich so besorgt, daß ich ihm einen früheren Tag der Abreise
-nannte und mich selber um die mir noch zugedachte Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> brachte, die
-nie mehr vergütet werden konnte, denn es war das letztemal, daß ich ihn
-mit Augen sah.</p>
-
-<p>Er hatte den höchsten faustischen Lebensgipfel erstiegen, von dem aus
-sich die Verworrenheit der Dinge zu großen, übersichtlichen Gruppen
-gliederte. Dabei wehte aber keine eisige Altersluft um ihn her, es gab
-kein Versteifen ins Gewohnte, kein Wiederholen des längst Gedachten.
-Seine Gedanken entstanden im Augenblick, wo er sie aussprach, das
-Neueste war ihm ebenso lieb wie das Alte, wenn es einen tüchtigen
-Boden hatte. Vischer war ein wundervolles Beispiel des ganz großen
-Deutschen, der mit leidenschaftlicher Inbrunst an der Muttererde haftet
-und zugleich mit dem Geist durch alle Länder schreitet. Und da er alle
-Register in der Gewalt hatte, so quoll er auch bei den ernstesten
-Gegenständen von Anekdoten, Witzen, Schnurren nur so über. Seine
-feinhörige Sprachmeisterschaft fühlte man in jedem Wort. Er erklärte
-mir auch seinen dritten Teil „Faust“ als aus dem unwiderstehlichen
-Zwang entstanden, in den hüpfenden, gleitenden Reimen des zweiten
-Teils weiterzuwirbeln; ein warnender Wink für solche, die den Urkeim
-eines Gedichts immer in der Idee suchen. Er wollte jedoch nicht nur
-geistreich sein, er wollte helfen, wirken. Er brachte<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> Bücher, die
-er liebte, beriet in literarischen Angelegenheiten. Und war dabei so
-menschlich-vertraulich, als ob man ihm gar keine Ehrfurcht schulde.</p>
-
-<p>Zu seinem achtzigsten Geburtstag sandte ich aus Florenz einen
-Lorbeerkranz und eine eben aufgegangene Magnolienblüte aus dem eigenen
-Garten, diese nach italienischer Sitte zusammengeschnürt, damit der
-Duft nicht vor der Zeit entweiche. In einigen begleitenden Strophen
-wurde der Kranz als Sinnbild der langen Ruhmesbahn, die Blume mit den
-stark strömenden und verströmenden Düften als Ausdruck des höchsten
-ausgeschöpften Augenblicks gedeutet. Er antwortete noch mit einem
-Gedicht, das kurz vor seinem Tode geschrieben wurde und jedenfalls
-zu seinen letzten gehört, wenn es nicht das allerletzte ist. Ich
-weiß nicht, was ich mehr darin bewundern soll, die edle, in unserer
-Zeit sagenhaft anmutende Bescheidenheit oder das Selbstgefühl des
-seltenen Mannes, der sich bewußt ist, noch am äußersten Lebensziel alle
-Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich zu tragen:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Zur Blume, die des Duftes feinste Geister</div>
- <div class="verse">Im Kelche sammelt, spendend sie entläßt,</div>
- <div class="verse">Zum Kranze, der, ein Schmuck für größre Meister,</div>
-<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span>
- <div class="verse">Den Strebenden begrüßt am Greisesfest,</div>
- <div class="verse">Läßt du aus Dichterworten mich ersehen,</div>
- <div class="verse">In welche Tiefen deine Blicke gehen<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Die dumpfen Seelen, die gedankenschiefen,</div>
- <div class="verse">Was wissen die von Ewigkeit und Zeit?</div>
- <div class="verse">Den Zeitmoment zur Ewigkeit vertiefen,</div>
- <div class="verse">Das ist es, ja, das gibt Unsterblichkeit.</div>
- <div class="verse">Dazu ward Leben, das bringt Rat und Licht,</div>
- <div class="verse">Bringt Reim ins ungereimte Weltgedicht.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Die letzte Zeile ist eine Anspielung auf den Schluß meines Gedichtes
-„Weltgericht“:</p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">Das ungereimte Weltgedicht,</div>
- <div class="verse">Nehmt’s, wie es ist, und krittelt nicht.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Er hatte für dieses Gedicht eine besondere Vorliebe und pflegte es
-gleich nach seinem Erscheinen mit sich in der Tasche zu tragen und in
-Gesellschaften vorzulesen, wovon auch Ilse Frapan in ihren warmherzigen
-Vischer-Erinnerungen spricht. Er nahm es in Schutz gegen die heftigen
-Angriffe der Scheinfrommen, die nicht imstande waren, durch den Scherz
-hindurch die innere Pietät zu<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> erkennen, und er schrieb mir damals
-nach Italien lange, launige Episteln im gleichen Versstil und mit
-spaßhaften Erfindungen im Geiste des „Auch Einer“, die er mir als
-Zusätze vorschlug. Er sprach auch noch von einer italienischen Reise
-und dachte an ein Wiedersehen in Venedig, wo mir jetzt ein Bruder, der
-uns nachgezogene Alfred, lebte. Statt dessen kam so rasch nach dem
-Altersfeste die erschütternde Todesbotschaft. &mdash; Nach seinem Hingang
-schien die Welt um vieles kälter und leerer geworden, und ich mußte
-lange dem Rätsel nachstaunen, wohin diese gesammelte, sich immer
-ergießende und sich immer erneuernde Fülle und Wärme nun mit einem Male
-gekommen war.</p>
-
-<p>Jetzt noch einmal ins alte Tübingen zurück, wo ich Mama und Josephine
-beim Packen und Ausräumen half. Alle leichtbewegliche Habe wie Bücher,
-Bilder, Wäsche usw. sollte uns nach Italien begleiten, die schweren
-Gegenstände blieben stehen, voran die wertvolle Biedermeiereinrichtung
-aus dem Brunnowschen Hause, um von den zurückbleibenden Brüdern
-Alfred und Erwin nach unserer Abreise versteigert zu werden. Meine
-Mutter trennte sich ohne Schmerz von den alten Erbstücken, weil kein
-äußerer Besitz ihr das geringste galt, mir aber war es ein Abschied
-von lieben, unvergeßlichen Freunden meiner Jugend. Die auch<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> in ihren
-Beschädigungen noch köstliche Empirestanduhr mit dem schwarzen Adler,
-der einen mit Goldbienen besäten blauen Mantel über dem goldenen
-Zifferblatt mit dem Schnabel zusammenhielt, konnte ich nie ganz
-verschmerzen. Wer kann wissen, wohin sie geraten ist? Alles ging zu
-Schleuderpreisen weg, weil damals der Wert solcher Altertümer noch gar
-nicht verstanden wurde. Dagegen erzielte ein weggeworfener Hut meiner
-Mutter (wenn sie einen wegwarf, war wirklich nichts daran zu halten)
-einen Liebhaberpreis: er wurde von einem „Parteigenossen“ erworben und
-als Andenken im Triumph davongetragen, wie die Brüder später launig
-nach Florenz berichteten.</p>
-
-<p>Edgar war unterdessen erschienen, uns zu holen und von der Heimat
-Abschied zu nehmen. In diese letzten Wochen fällt, wenn ich mich
-recht erinnere, unser tolles Haschischabenteuer, an dem auch Berta
-Wilhelmi teilnahm. Sie war noch einmal zu Besuch nach Tübingen
-gekommen, jetzt ganz erwachsen und so bildschön, wie ihre Kindheit
-versprochen hatte. Sämtliche Brüder verliebten sich bis auf den kranken
-Jüngsten herunter, der sie in naivem Versgestammel feierte. Aber sie
-hielten durch Eifersucht einer den andern in Schach, so blieb es bei
-allseitiger guter Kameradschaft. Edgar war seit lange neugierig, die
-oft geschilderten Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span>kungen des indischen Hanfs kennen zu lernen, und
-konnte sich als Arzt leicht eine Gabe Canabis indica verschreiben.
-Aber es war ein Mißstand dabei: man wußte nicht, wie gut oder schlecht
-das Präparat sich auf der langen Reise gehalten hatte, und davon hing
-doch die Wirksamkeit ab. Nach ein paar Fehlversuchen bezog er nun eine
-gewaltige Dosis frisch angekommenes Haschisch aus der Apotheke, und
-wir bestimmten die folgende Nacht zu unserem Unternehmen. Edgar hatte
-ein Zimmer in dem gerade leerstehenden unteren Stockwerk inne. Berta
-und ich legten uns nur zum Schein schlafen; sobald alles stille war,
-schlichen wir zu Edgar hinunter. Ich bekam zwei Pillen, Berta eine,
-Alfred sollte nüchtern bleiben und die andern ärztlich überwachen;
-da er aber nicht ganz leer ausgehen wollte, schluckte er, was nur
-einem so jungen Menschen einfallen konnte, dafür eine Opiumpille,
-die zum Glück gar nicht wirkte. Edgar aber nahm, überkühn, wie er
-in allem war, die doppelte Höchstgabe Haschisch, um diesmal sicher
-zu gehen. Ich erwartete, auf dem Teppich hockend; in die Wunder von
-Tausendundeiner Nacht zu versinken, merkte aber nur, daß mein Denken
-sich sehr verlangsamte, und dann stiegen mir ganz abstrakte jenseitige
-Vorstellungen auf, wofür die Sprache keinen Ausdruck hat. Plötzlich
-rüttelte<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> mich Berta und flüsterte mir zu, daß sich Edgar in einem
-unheimlichen Zustand befinde. Ich erhob mich völlig gelassen, als ginge
-mich die Sache gar nichts an, und wunderte mich doch selber über diesen
-Gleichmut. Edgar blickte seltsam verändert, und auf meine Frage, wie er
-sich fühle, antwortete er: Ich bin transferiert. Dann ging er an den
-Tisch und machte auf dem großen Papierbogen, auf dem er seine Symptome
-verzeichnete, die Eintragung: Transferiert.</p>
-
-<p>Jetzt kommt das Tragische, sagte er nach einer Weile mit hohler Stimme
-und ganz entgeisterter Miene. Keine persönliche Tragik, erklärte
-er, es ist das Tragische an sich, das Tragische im Abstrakten. &mdash;
-Sein Gesicht hatte einen bläulichen Schein und seine braunen Haare
-bäumten sich über der Stirn, daß es ganz schauerlich anzusehen war. Er
-aber schrieb eifrig das neue Symptom nieder. Jählings wandelte sich
-sein Zustand aufs neue, und er rief triumphierend: Die Schwerkraft
-ist aufgehoben, ich kann mich ebenso leicht durch die Luft aufwärts
-wie abwärts bewegen. &mdash; Zur Bekräftigung sprang er auf einen Stuhl
-und machte seltsame Arm- und Schulterbewegungen, wie um sich durch
-Flügelkraft zu erheben. Als es aufwärts doch nicht ging, war er im
-nächsten Augenblick am offenen Fenster, das hoch auf den Marktplatz
-her<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span>untersah, um es abwärts zu versuchen. Wir zwei Mädchen hingen uns
-an seinen einen Rockflügel, der kräftige Alfred an den andern, und
-als er Miene machte, sich des Rocks samt der Belastung zu entledigen,
-bemächtigten wir uns seiner Arme. Allmählich beruhigte er sich und bat,
-ihn freizulassen da er auf der Straße Erfrischung zu finden hoffe.
-Alfred wurde ihm zur Begleitung aufgezwungen, der ihn nach einer
-peinlichen Stunde zurückbrachte; sie waren bis nach Lustnau gerannt.
-Ich machte inzwischen im oberen Stockwerk Mengen von Kaffee, indem
-ich die Kaffeemühle unter dicken Bettdecken drehte, um Mama und Balde
-nicht zu wecken. Haltet mich wach, laßt mich ja nicht einschlafen, war
-des Patienten wiederholte Mahnung; Schlaf könnte dem Hirn gefährlich
-werden. &mdash; Der Gang durch die Nachtluft hatte jetzt gut getan, ein
-Kaffee war fertig, der einen Toten erwecken konnte, wir hielten uns
-alle vier vollständig wach bis zum Morgen. Aber siehe da, nach einer
-kalten Waschung nahm Edgar seinen Hut und begab sich ohne weiteres ins
-Klinikum, wo ein merkwürdiger Fall zu beobachten war, während Alfred
-sich todmüde zum Schlafen niederwarf und auch wir beiden Mädchen uns
-zur Ruhe legten.</p>
-
-<p>Bei diesem letzten Tübinger Abenteuer ging auch Berta zum letztenmal
-durch unser Leben. Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> den aufständischen Zuckungen, die damals
-durch Spanien liefen, geschah es bald danach, daß in Granada an Stelle
-des abgesetzten Gouverneurs das schönste Mädchen der Stadt bei einem
-großen Stiergefechte den Vorsitz führen sollte. Die Wahl fiel auf
-Berta. An diesem weithin sichtbaren Platze sah sie ein Angehöriger
-des ältesten andalusischen Adels und verliebte sich so, daß er
-augenblicklich um die junge Schönheit warb, die ihm denn auch die Hand
-zu einem freilich nicht sehr beglückenden Ehebund reichte. Ich besitze
-noch ihr Bild mit spanischem Schleier und Fächer, wie sie jenes Tages
-das Los ihres Lebens zog, das sie für immer an Spanien fesselte.</p>
-
-<p>Die letzten Tage in Tübingen rannen mir unaufhaltsam durch die Finger.
-Die Stadt meiner Jugend war doch tiefer mit mir verwachsen, als ich
-selber wußte. Sie hatte auch für alle Zeit richtunggebend auf mein
-Stilgefühl eingewirkt. Noch heute, wenn ich mir eine ideale Stadt in
-Gedanken baue, mit solchen kühnen Terrassen, solchen überschneidenden
-Dächern, steinernen Treppen, Durchgängen, hängenden Gärten, steigt sie
-nach einem stillen Fluß hinunter. Einen schwingenderen Rhythmus als die
-Straßenzüge Tübingens habe ich nirgends gefunden. Dieses Anschwellen
-und Absinken der gepflasterten Straßen, für mich sind es die He<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span>bungen
-und Senkungen und wunderbar gefühlte Zäsuren eines Gedichts. Wie
-in der Neckarstraße hoch über unseren Häuptern sich der Umgang der
-Stiftskirche, wo ihm der Raum zu eng wird, mit plötzlichem Entschlusse
-leicht und frei über die Straße herausschwingt, wie das schmale
-Mühlgäßchen sich zu jener Zeit noch mit steilem Gefäll zwischen die
-stürzende Ammer und die hohe, modrige Stadtmauer zwängte, während der
-Österberg seinen schön bebuschten Fuß bis in die Ammer herabstreckte
-und ein anderer stiller Garten oben von der Mauer zum Gegengruße
-heruntersah, das sind Züge, die nie im Geist verlöschen. Von der Mitte
-der unvergeßlichen alten Neckarbrücke führte eine steile Holzstiege auf
-den Wöhrd. An ihrem Fuße standen zwei mächtige Linden wie Schildwachen;
-sie gehörten mit zum Letzten, was ich an Freundschaft zurückließ, und
-ihnen galt mein letzter Abendgang. Wir hatten allerlei Heimlichkeiten
-miteinander, die sie zu hüten versprachen, bis ich wiederkäme. Leider
-konnten sie ihr Wort nicht halten, weil sie unterdessen gefällt worden
-sind. Unter ihrem Schirmdach stehend, schrieb ich in der zum Schlusse
-aufgestiegenen Wehmut noch ein paar Verse in mein Taschenbüchlein:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span></p>
-
-<div class="poetry-container">
- <div class="poetry">
- <div class="stanza">
- <div class="verse">O Heimat, Heimat, vielgescholten,</div>
- <div class="verse">Doch vielgeliebt und vielbeweint,</div>
- <div class="verse">Seit heut die letzte Sonne golden</div>
- <div class="verse">Für mich auf deine Hügel scheint.</div>
- <div class="verse">Nie wollt’ ich scheidend dich betrauern,</div>
- <div class="verse">So hatt’ ich trotzig oft geprahlt,</div>
- <div class="verse">Wie nun der Schmerz die düstern Mauern</div>
- <div class="verse">Schon mit der Sehnsucht Farben malt.</div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">&ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; &ndash; </div>
- </div>
- <div class="stanza">
- <div class="verse">So laß uns denn in Frieden scheiden,</div>
- <div class="verse">Von Groll bewahr’ ich keine Spur.</div>
- <div class="verse">Dein Bild soll ewig mich begleiten</div>
- <div class="verse">Und wecke teure Schatten nur.</div>
- <div class="verse">Und kehr’ ich einst mit müdem Flügel,</div>
- <div class="verse">Wenn meine Bahn ein Ende hat,</div>
- <div class="verse">Dann gönne bei des Vaters Hügel</div>
- <div class="verse">Der Tochter eine Ruhestatt.</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Dann kam der Morgen, wo wir zu Fünfen in der Bahn saßen: Mama, Edgar,
-Balde, die treue Josephine, die uns nie verließ, und ich, um einem
-neuen, unbekannten Leben entgegenzufahren. Ich setzte mich rückwärts,
-und meine Augen saugten sich so lange wie möglich an dem wohlbekannten
-Stadtprofil fest. Der Kirchturm schwand als letzter um die Ecke. Die
-Jugendstadt versank, und die Weite der Welt, die langersehnte, tat sich
-auf.</p>
-
-<div class="footnotes">
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Für den Druck schöner verändert: Wie ganz wir uns aus
-Lebensgrund verstehen.</p></div>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND ***
-
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