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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus meinem Jugendland - -Author: Isolde Kurz - -Release Date: May 17, 2017 [EBook #54738] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Zeichensetzung - und offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend - korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente Schreibweisen, - insbesondere Dialektausdrücke, wurden nicht verändert. Passagen in - Kursivschrift wurden mit _Unterstrichen_ hervorgehoben. - - Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt. - - #################################################################### - - - - - [Illustration] - - AUS MEINEM JUGENDLAND - - - - - AUS - MEINEM JUGENDLAND - - ISOLDE KURZ - - - Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins) - Tübingen - - - - - Printed in Germany. Druck von H. Laupp jr in Tübingen. - Copyright 1918 by Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart - - - - - Dem Lebensfreund - und Teilhaber meiner Jugenderinnerungen - Ernst von Mohl - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - Seite - Vorwort. 7 - Lebensmorgen. 9 - Tante Berta und die Schwabenstreiche. 51 - Umzug nach Kirchheim. 62 - Das alte Tübingen. 74 - Die Heidenkinder. 96 - Ein Fluchtversuch. 107 - Von Ihr. Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album. 119 - 1866. 147 - Die Geburt der Tragödie. 157 - Vorfrühling. 173 - Ein Nothelfer. Russische Freunde. 200 - Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien. 228 - 1870. 245 - Rigi Regina. 256 - Besuch in Frankreich. 268 - Bedrängnisse. 287 - Der Brand und die Flamme. Hat der Mann ein Seelenleben? 302 - Der 10. Oktober. 311 - Wieder bei den Griechen. 326 - Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte. 336 - München. 351 - Letzte Tage in der Heimat. 375 - - - - -Vorwort. - - -Das vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und -Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu -den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder -meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der -Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal -die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge -vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt -sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses -gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht, -sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist, -aneinanderknüpft. - -Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe, -kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg -gekreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die -Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß -auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von -der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt, -wo unsere Lebenswege sich schneiden. - -Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes -und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und -kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen -alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild -durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen, -seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand -blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen -kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder -aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung -auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe -der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt -ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden. - - Isolde Kurz. - - - - -Lebensmorgen. - - -Es hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen -nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die -ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen -umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung, -in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck -zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht -Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt -als mit uns im Gegensatz befindlich geben. - -Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste -Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat -eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes -Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich -hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich -schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung -war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad -war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang -war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der -Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es -müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen -sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins -hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein -auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens -herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen -- die -Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen -- und ich setzte -durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie -trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien -und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie -war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein -Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte -auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad -Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten. - -Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war, -mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich -einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes -Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und -hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört -hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen, -daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und -sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar -einer der Schwarzen -- es war, wie ich später erfuhr, der Vater des -Mädchens -- sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im -ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter -straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir -das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut -verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im -ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst -sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber -wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich -nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein -wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem -meine größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon -entwickelterer Verstand. - -Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in -den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker -ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere -Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte -mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der -sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen -Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In -einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief -sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich -immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses -starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes -Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne, -wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte -sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe -für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein -fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub, -während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause -führte, wo erst der lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir -den Frieden wiedergab. - -Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige -Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie -mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in -einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit -Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes -Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines -Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man -ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr -schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele -kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu -befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein -Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen -verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende, -daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der -Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren -Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele -reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will -noch mehr. - -In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem -Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte -und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es -verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle -tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen -Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue -Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so -zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte -während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen, -mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte -er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir -waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama, -die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und -andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also -politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte -ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt -gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der -abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen -durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte mit -mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang -entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er -den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für -einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und -in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes -und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder -geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch -wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß -ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere, -die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den -Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt, -der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine -Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges -Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt -den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den -Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen -die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu -erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das -Ding benamsen, da mir das widerwärtige Wort, das ich ganz leicht -hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete -also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte -„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen -Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar -giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man -mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte -Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt, -um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich -besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? -- Es war rund -und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun -endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das -war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun. -Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die -Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen -Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich -seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie -vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste -Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will. - -Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine -Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil -meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum -noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten -war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er -war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und -fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen -Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und -Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das -ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie -bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der -Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich -auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen -einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt. -Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich -immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so -oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen -Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen -war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht aufgegangen. -Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur, -aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen. -Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen -in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige -Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen -große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe -geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit -Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem -Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir -natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im -Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete, -da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran -ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht -entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den -Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb -sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt -hatten. - -Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon -nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes -Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings -hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur -Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in -die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ -mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben -und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem -vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche -Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“, -die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und -verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches -Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor, -daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen -zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“ -nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die -mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist -auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die -vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt. - -Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in -unsere Obereßlinger Tage hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie -sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die -unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie -ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur -von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein -allmählich zum Menschen ward. - -Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe -- o daß -sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken. -Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug -einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei -auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war, -wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste -Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen -Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit -mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb -eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte -ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen -durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch -Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal -durch Gewalt war es ihm je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen. -Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie -vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund -schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches -Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als -ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten, -entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen -Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn -das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte, -erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die -um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein -Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem -größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren -eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das -Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so -zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem -Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er -nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich -mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern -hereinkamen, verkroch ich mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger -Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich -hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle -Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir -geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht -die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn -daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit -zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung -verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß -inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des -Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig, -um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der -ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf -Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft, -wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher -Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur -Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch -wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von -jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein -ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies, -kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe -erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen. - -Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit -Riesenschritten vor sich ging -- Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins, -die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber -zu --, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange -nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr -und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer -Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher -von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft -erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder -unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu -füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns -eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten -unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein, -von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu, -aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch. -sagen, der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war -ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß -wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in -diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren. - -Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das -Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es -war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um -unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch -beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch. -und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant -gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte -nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war -es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn -die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt, -wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd -in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich, -wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe -hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten -zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und hörte, -war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen -und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben -meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren -auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell -einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig -beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich -diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das -ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos -gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die -Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III. -zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik -nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast -ebenso leichtgläubig. -- Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet -sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß -du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi -fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende. - -Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde -jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei -Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brauche. -Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein -zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging -auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort -war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich -wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur -geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei -verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt -waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch -unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war, -Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre -Dienste hinterlassen. - -Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus -unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte -- auch die Furcht, eines -meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch -nichts wußte --, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen -wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen -Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen -Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine -Mutter im langen weißen Hemd vom Lager steigen, sich neben meinem -Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich -jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie -gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich -aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche -Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in -festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht -im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der -Schornsteinfahrt zu überführen. - -Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen -pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche -Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben -aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war -der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde -an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon -viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen -Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer -irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen -mußte -- vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht, -daß die „Springerlein“ Wodans Roß bedeuten --, das herrlichste -Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit -den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit -befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten -Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein -goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen -Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu -künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die -Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem -Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn -wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach? -Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte, -während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu -springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten! --- Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des -Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen -Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten -seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So -herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der -Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie -jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem -Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung. - -An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister -mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll -Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur -nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände -ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen -dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte -Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit -goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und -was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit -vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind -aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. -- Wenn ich meine -seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus -jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst -ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel -über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen -war die Sandbank, auf die politische Verfemung und literarisches -Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte -dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die -dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah -anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und -seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel- -und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das -Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch -all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten, -mit denen ich in Beziehung trat. - -Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir -zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt -erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten -mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir -bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr -aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an -diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit -des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald -zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der -Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein -erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt -kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im -Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst -keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen -Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche -Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend. -Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen -Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten -sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine -Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte, -sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze -Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete -ihm auch gerne meine Zeit. - -Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich -zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in -Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel -eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten. -Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder sonst ein Zufall -war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte -in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt. -Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten -Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz -nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht, -das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich -rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine -Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern -muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben! --- Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor -mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben -auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern -hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns -noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit -nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte -oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß -ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare -Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen -Empfindungen zugänglicher sein als die reifgewordene Jugend, die im -unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den -Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht. - -In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich -sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer -vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen, -der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich -peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem -im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die -Leute auf den Kirchhof gingen. -- Was ist eine Leiche? fragte ich mit -Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang -mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch. -Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte -gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und -solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken -bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter: -Ist es wahr, daß Menschen sterben? -- Wer hat dir das gesagt? -- Die -Christine. -- Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten -hatte. -- Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange -nicht erfahren sollen. Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die -Menschen sterben. -- Aber doch nicht alle, Mama? -- Ja, Kind, alle. -- -Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war -aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. -- Aber doch du nicht, -Mama? -- Ich auch, Kind. Alle. -- Aber der Papa doch nicht? -- Auch der -Papa. -- Also vielleicht auch ich? -- Auch du, aber erst in langer, -langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. -- Und man kann gar nichts -dagegen tun? Es muß kommen? -- Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber -jetzt noch lange nicht. - -Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach, -war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer -Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen -mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein -plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie -dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht -eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich -zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft -über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten -erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder -Tag bringt mich dem letzten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das -Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich -sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand -kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber -- -dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen, -engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des -Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich -aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam, -Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde -trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor, -und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten -im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem -- es wird doch -einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber -eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich -Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von -Verwesung an. - -Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir -die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und -überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste -Lesefutter, und gewiß nicht immer auf das dunkle Geheimnis hin -gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem -Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und -Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die -Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen. -Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die -Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja -auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen -Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten, -damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole. - -Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu -stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug -vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu -geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt, -ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit -dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich -sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn -entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade -im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule -fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die -ich zuerst eine gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter -unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb. -Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren -leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische -ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese -Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie -sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr -natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und -verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht -und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins -Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge -des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der -Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten -sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen -beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg: - - Was man nicht deklinieren kann, - Das sieht man als ein Neutrum an, usw. - -So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir -übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine -Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar gereimte -Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen -Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf -hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den -Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln -halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen -Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und -Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden, -an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln, -in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter -Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um -dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche -Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders -stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo -ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl. -In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein -beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder -eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und -wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen. -Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wildes Gesicht, das -ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden -bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte -sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern -schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau, -daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war. -Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin -wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem -befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut -hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich -war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken, -in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen -kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht. - -In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen. -Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen -Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag -die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer -genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über -nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten -mit der Familie teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen -frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und -hoheitsvoll über den Hintergrund. - -O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die -reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um -die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen. -Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den -Schillerschen Versen: - - Windet zum Kranze die goldenen Ähren, - Flechtet auch blaue Zyanen hinein -- - -an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot -der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen -Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die -Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch -eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an. -Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die -Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor -allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger -Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt -bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht wie -„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig -geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich -noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches -Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es -nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein -unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete -mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte -nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen -labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem -mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte -ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis -hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als -sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in -die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen -Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor -allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis -seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine -so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise -mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöpfer, sondern nur ihr -Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir -aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig -lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände -gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich -blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit -allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber -übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen -gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir -die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose -Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen. -Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die -Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm -und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem -Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn -er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig -brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber -Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite -Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen; nach -einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende -Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem -Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die -unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie -nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken -konnte. - -Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von -Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in -unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes -Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu -dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man -immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die -heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die -Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog -Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen -ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies -hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr -aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst -du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres -Hauses dafür.) -- Kannst du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? -- Sie -bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell -die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er -die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton -von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck -in die Bohnen fiel. - -Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares -zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von -Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal -die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner -immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die -Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft -unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte. -Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen, -an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder -wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in -der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte -er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte -Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der -vierjährige Erwin fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine -Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen; -das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren -lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde -er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter -und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen -Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen -und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach -und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung, -daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was -sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir -älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren -markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch -schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter -ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus, -wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen -Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen -stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren -Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes -vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in -der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen -mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond -verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht. - -In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden -Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm -dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in -der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene -philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen -Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der -ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt. -Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den -Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten, -ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung -eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag -sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands. -Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um -Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in -die Betrachtung eines großen erhabenen Seins zu versenken. Natürlich -nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten, -nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht. -Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon -von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige -Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten -brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug -ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr -gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein -die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes -Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und -im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer -würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem -Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob -wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich -verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf -dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns -einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen -unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu -erzählen habe; unserer Josephine dürften wir nichts davon sagen, -weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur -Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber -mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte -einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen -Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und -der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug. -Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. -- Warum, -warum ließ er sich das alles gefallen? -- Geohrfeigt, gepeitscht! Ein -Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen -empörte sich unser Gefühl. - -Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des -Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter -Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser -Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem -Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte, -geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte. -Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die -arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich -machen wollte. Sie schalt, wir schalten wieder, und es entspann sich -eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage -unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter -sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt -die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft -ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich -ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den -gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu -jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde -sie über das alles mit mir reden. - -Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage -nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige -Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt -absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner -Zeitgenossen kennt. Aber _ein_ Gutes war doch dabei: daß mir später die -unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt -von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die -frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben. - -Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages -rückte die ländliche Jugend mit Stecken und Steinen bewaffnet vor -unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen -von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen -waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen. -Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen -aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die -Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür -vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel -Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein -Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit -einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer -los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe -kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die -gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit -Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus -zurück. - - - - -Tante Berta und die Schwabenstreiche. - - -In jenen Tagen gingen auch die guten Holden noch leibhaft auf -Erden. Ich meine jenes jetzt untergegangene Geschlecht freiwilliger -Helferinnen, das, als man von organisierter sozialer Arbeit noch nichts -wußte, mit seiner Fürsorge jeden kinderreichen Haushalt umschwebte. -Es waren einsame, vom Glück vergessene Frauen, die ihr Muttergefühl -antrieb, fremde Kinder zu betreuen und in der Anhänglichkeit an fremde -Familien Ersatz für die versagte eigene zu suchen. In Obereßlingen -saßen ihrer gleich mehrere beisammen. Sie kamen, wenn eine Krankheit im -Hause war, und pflegten; sie stellten sich bei der großen Monatwäsche -ein und machten, indem sie sich der Kinder annahmen, häusliche -Kräfte frei, sie halfen in den Weihnachtstagen beim Backen und beim -„Dockeln“ (Puppenkleidernähen). Die Welt wäre ein gut Teil unwohnlicher -gewesen ohne ihre Nähe. Sie begehrten und erhielten auch wie die -richtigen Feen keinen Dank, als daß sie das nächste Mal wiederkommen -durften. Wir nannten sie Tanten und verehrten durch ihre häufig etwas -fragwürdige Leiblichkeit hindurch die innere Feennatur. - -Die edelste unter ihnen war die Besitzerin eines benachbarten -Kramlädchens, unsere geliebte „Tante Berta“, der ich schon in der -Lebensgeschichte meines Vaters ein kleines Gedächtnismal gesetzt -habe. Sie ist aus meinen Jugenderinnerungen schlechterdings nicht -wegzudenken. Wie oft kam sie und holte uns Kinder zu langen -Spaziergängen ab, um unsere getreue Josephine zu entlasten und meinem -von ihr still verehrten Vater ein paar Stunden völliger Ungestörtheit -zu verschaffen. Sie strickte von früh bis spät, im Stehen und Gehen, -denn jeden Abend mußte ein Paar Strümpfe fertig sein, womit sie ihren -ganzen Bekanntenkreis beglückte. Sie sprach ein gebildetes, aber stark -dialektisch gefärbtes Hochdeutsch, in dem sich viele altertümliche -Wörter und Wendungen umtrieben, deren ich verschiedene später mit -großem Vergnügen in Grimmelshausens Simplizissimus wiederfand. Für -Stecknadeln gebrauchte sie stets das schöne, ausdrucksvolle Wort -„Glufen“, das ich ihr zwar nicht nachsagte, weil es mir seltsam -veraltet und zugleich erniedrigt klang, das ich aber ungemein gerne -hörte. Ich dachte dabei immer an eine schöne altertümliche Fibula, -obwohl das Wort jede Art von Stecknadeln bezeichnete. - -Auf unseren Spaziergängen erzählte uns Tante Berta uralte Geschichten -und Anekdoten, die von Geschlecht zu Geschlecht gingen und vielleicht -niemals aufgezeichnet worden sind. So von der Bauersfrau, die im -Sterben lag, aber gern noch abgewartet hätte, wie der „Gockeler“ -(Turmhahn), der ausgebessert werden sollte, glücklich von dem hohen -Kirchturm heruntergebracht würde. Als es gar zu lange dauerte, faßte -sie sich in Ergebung und sagte nur noch: Deant mir’s au nom verbiada -(laßt mich’s hinüber wissen), wenn wieder ebber (jemand) stirbt, -wia’s vollends gangen ischt. Oder von dem Gastwirt, der seine in den -letzten Zügen liegende Frau pflegte, und als er durch das Klingeln -der Gäste abgerufen wurde, ihr gemütlich die Hand gab mit den Worten: -So, jetzt komm halt vollends gut ’nüber! Ferner von der Witwe des -Musikanten, die der Leiche ihres Gatten folgte und plötzlich unter dem -Wirtshaus, das der Schauplatz seiner künstlerischen Leistungen gewesen, -in den lauten Klagegesang ausbrach: O, wie oft hast du da drinnen: -Dideldum, dideldum, dideldum! (Dabei ging der Gesang in die Gebärde des -Fiedelstreichens und Hüpfens über.) - -In jener älteren Zeit, aus der ihre Geschichten stammten, scheint -im Schwabenvolk überhaupt noch ein Nachklang der alten Totenklage -erhalten gewesen zu sein, denn sie erzählte auch von einer Mutter, -die ihrem Sohne ins Grab die fast homerische Klage nachrief: O du mei -liebs Knechtle (für Kind), du Zuckerstengel, du siebenhemmeticher (der -sieben Hemden besitzt), drei hosch g’het und viere hätt i dir no mache -lau. Mit Vorliebe spielten ihre Geschichten auf dem Gottesacker, und -sie liebte es, ihnen, auch wenn sie noch so schnurrig waren, etwas -Schauriges beizumischen. Außerdem wußte sie aber auch eine Reihe -richtiger Schwabenstreiche, von denen ich hier einige möglichst mit -ihren Worten dingfest machen will, weil sie mir nirgends noch gedruckt -begegnet sind: - - -Wie’s gemacht wird. - -Herzog Karl von Württemberg war ein großer Jagdfreund, wie auch in -„Schillers Heimatjahren“ zu lesen ist, und das Landvolk litt unter -seiner Regierung schwer vom Wildschaden, gegen den es sich nicht -wehren durfte, denn es war streng verboten, Wild abzuschießen. Ein -Bäuerlein aber, dem wiederholt seine Rüben- und Krautäcker abgefressen -wurden, wußte sich zu helfen und legte in seinem Hof eine Hasenfalle -an, die so kunstreich mit einer Glockenschnur verbunden war, daß, so -oft einer vom Geschlecht Lampe sich fing, die Glocke von selbst das -Zeichen gab. Dann ging das Bäuerlein hinaus und holte sich einen fetten -Braten für die Küche. Der Mann aber hatte Feinde, und die verrieten dem -Revierförster seine schöne Einrichtung. - -Begibt sich der Revierförster zu dem Übeltäter: Hanspeter, ich habe -gehört, daß du dir eine Hasenfalle angelegt hast. -- Jawohl, Herr -Revierförster, antwortet der Bauer treuherzig. -- Ja, weißt du nicht, -daß du einen Diebstahl an unserem Herrn Herzog begehst und daß du -in Strafe verfallen bist? -- Ha, sell wär’! sagt der Hanspeter und -versichert, daß er von keiner einschlägigen Verordnung wisse. Das -scheint dem Förster sehr unglaubhaft und er setzt dem Erstaunten -auseinander, daß Unkenntnis des Gesetzes auch gar nicht vor Strafe -schütze. Während sie noch reden, klingelt es vom Hofe her und beide -schauen auf. - -Hören Sie’s, Herr Revierförster? sagt der Hanspeter mit seinem -dummschlausten Gesicht. Da sitzt schon wieder einer und zeigt sich -an. Jetzt kommen Sie nur mit, dann sehen Sie gleich selber, wie’s -gemacht wird. Der Förster lacht sich ins Fäustchen, daß er nun beide -zugleich in der Falle hat, den Hasen und den Bauern. Er folgt dem -Mann in den Hof, verwundert über ein solches Maß von Dummheit. Dort -zieht der Bauer Herrn Lampe bei den Löffeln aus der Falle, hält ihn -vor sich und überschüttet ihn mit Schimpfreden: Meinst du, ich pflanz’ -meine Krautköpf’ und meine Rüben für dich, du elender S..hund! Wart, -ich will dir Respekt einbläuen, daß du das Wiederkommen vergißt! Dies -sagend, gerbt er dem Hasen das Fell, schüttelt ihn dann noch einmal an -den Löffeln und sagt: So, jetzt lauf heim, sag’s dei’m Weib und deiner -Freundschaft, was es da zu schmarotzen gibt. Damit läßt er ihn los, und -mit einem Sprung ist der Hase verschwunden. - -Sehen Sie, Herr Revierförster, sagt jetzt der Hanspeter profitlich, so -wirds gemacht. Der kommt nimmer und er sagt’s auch den andern. Und der -Herr Revierförster mußte mit langer Nase abziehen. - - -Herzog Ulrichs Löffel. - -Ein andermal führte sie uns noch tiefer in Württembergs Vergangenheit -zurück. - -Als der vertriebene Herzog Ulrich flüchtig und unerkannt sein Land -durchirrte, hielt er sich eine Zeitlang in der Nähe seiner guten -Stadt Tübingen auf. Dort geriet er einmal um die Mittagszeit in einen -Weinberg, wo eben ein Tübinger Wingerter (Weingärtner) mit seinen -Leuten sich eine Schüssel voll Erbsenbrei schmecken ließ. Der Herr, der -sehr hungrig war, trat bescheiden hinzu und grüßte den Mann in gutem -Gôgendeutsch (Gôg, Spitzname der Tübinger Weingärtner). Der gab ihm -den Gruß zurück und fragte leutselig: Witt mithalten?, was der Herzog -dankend annahm. Na, so lang zu. -- Aber der Herzog sah sich fragend um: -die beiden hatten Löffel, er hatte keinen. Da lacht ihn der Weingärtner -aus, daß er nicht weiß, wie man einen Löffel macht, und sagt: Wart, i -mach d’r ein! Schneidet also das „Knäusle“ (Anschnitt) vom Brotlaib ab, -höhlt es aus und gibt’s dem Herzog: So, dô hoscht en Löffel. Der Herzog -taucht den Löffel, der gut ausgibt, in die gemeinsame Schüssel und -sättigt sich, ißt danach auch den Löffel auf. Währenddessen fragt und -erfährt er allerlei, unter anderem auch den Namen seines Gastgebers und -daß er z’ Dibenga (Tübingen) in der Froschgass’ wohnt. - -Als nun später Ulrich in seine Herrschaft wieder eingesetzt war, da -geschah es eines Abends, als er sich zu Tische begab, daß ihm der -Löffel fehlte. Was der Mundschenk für einen Rüffel bekam, weiß ich -nicht. Aber dem Herzog fiel plötzlich jener lange vergessene Mittag -in dem Weinberg bei Tübingen ein, wo ihm gleichfalls der Löffel -gefehlt hatte, und zugleich auch wieder Name und Wohnung des braven -Weingärtners. Und er schickte des andern Tags einen Boten nach Tübingen -in die Froschgass’ mit dem Befehl, ihm den Mann herzubringen, wie er -stehe und gehe. Als der fürstliche Wagen in der schmutzigen Froschgasse -erschien, gab es dort einen mächtigen Schrecken, und die Frau des -Weingärtners, als sie hörte, ihr Mann müsse zum Herzog, unverzüglich, -wie er stehe und gehe, da rang sie die Hände und jammerte: O Ma’, was -hoscht du don? Zum Herzich muescht -- ’s gôht um dein Kopf. - -Der Mann beteuerte, daß er von gar nichts wisse, und bat, man möchte -ihm wenigstens Zeit lassen, daß er sein besseres Häs (Gewand) anziehe, -aber er wurde ohne weiteres in den Wagen gesetzt und rollte in heißer -Angst gen Stuttgart. Dort führte man ihn gleich vor den Herzog, der an -der Tafel saß und der ihn auf dem leeren Stuhl an seiner Seite Platz -nehmen und zugreifen hieß. Jener zauderte: alle waren mit Löffeln -versehen, nur er nicht. Warum ißt du nicht? fragte der Herzog streng. -Der Mann bekannte, was ihm fehlte. - -Weißt du nicht, wie man einen Löffel macht? herrschte der Herzog den -Erschrockenen an und machte dazu ganz besondere Augen. So will ich -dir’s zeigen. - -Bricht das Knäuschen vom Brot, höhlt es aus und reicht’s ihm: So, jetzt -lang zu und iß. - -Der Mann konnte nichts sagen als: Oh, Herr Herzich, send Ihr’s g’wä? - -Er wurde fürstlich mit Speise und Trank bewirtet und dann in Gnaden zu -seiner Frau entlassen, nachdem der Herzog zuvor noch ihm und seinen -Nachkommen Steuerfreiheit zugesagt hatte für alle Zeiten. - - * - -Unerschöpflichen Stoff boten ihr die schwäbischen Landpfarrer, unter -denen damals noch die Sonderlinge in Menge gediehen. Einem, der ein -grundgelehrter Theologe und ein stiller Weiser, dabei aber sehr -unpraktisch war, wurde jede Nacht von seinen selbstgezogenen Gurken -und Rettichen im Pfarrgarten gestohlen. Er fragte einen Kollegen, was -er an seiner Stelle tun würde. Entweder die Diebe verklagen oder eine -Falle aufstellen, meinte dieser. Der Pfarrer antwortete nach einigem -Besinnen: Ich will sie lieber mit geistigen Waffen schlagen. Und er -legte ein Blättchen zu den Gurken ins Beet: - - Wer Rettich stiehlt und Gurken, - Den rechn’ ich zu den Schurken. - -Weil seine Frau ihn jedoch erinnerte, daß die Diebstähle des Nachts -stattfänden und das Blättchen somit seinen Zweck verfehlen müßte, -stellte der treffliche Mann im Vertrauen auf die Macht der Dichtkunst -eine Laterne dazu, die hernach den Dieben das Geschäft erleichterte. - -Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch -Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe -zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in -Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe -ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann -erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das -Zauberrad -- es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit -sich führen -- in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb -laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit -beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen -wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er -oben -- nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab, -bis er im Tälchen war. -- Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen -Steg hat -- das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu -treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. -- Jetzt ist er -schon in der Stadt -- eben kommt er die Straße heruntergerannt -- da -ist er am Haus! -- Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen -stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und -brachte den außen abgeworfenen Gegenstand. - - - - -Umzug nach Kirchheim. - - -In unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen -unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen -Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes -und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir -Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem -etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen -Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen -hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig -oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden -war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des -Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer, -der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten -Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung -vom Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese -Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war -verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten -auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta -und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten. -Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob -er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter -irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten -Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der -düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine -Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte -wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen -hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger -Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in -dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche -Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar -äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte -heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur -ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und -auch die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich -mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten -tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal -ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem -langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat, -der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein -seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute -gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich -zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein. - --- -- Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt -Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und -anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein -flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen -in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer -nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem -Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo -Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses, -verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden -Stadtwohnung landeten, wo wir Kinder wie eingesperrte Vögel im -Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns -unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl -erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu -einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und -Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen -Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle -Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber -als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der -Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen -meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach, -plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber -rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser, -und in beiden konnte man baden. - -Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der -Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern -einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen -Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich -werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich -nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar abgestellt ist. -Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte -mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich -auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts -ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte -nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die -lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir -so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte -gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im -Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall -hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen -Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit -ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich -keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer -wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende -Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher -italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern -fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in -Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der -Vater wies auf deutsches Volkstum hin und huldigte auf Sparziergängen -dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte. -Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und -mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit -den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie -bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine -tiefsinnige Ergänzung zu diesen. - -Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer -Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten -verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte -nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr -so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben -den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben -aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das -Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte -Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von -dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot -vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie -bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich -mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betätigen; sie hatte keine -Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines -Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa, -teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart -erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater, -der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre -Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen -ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher -lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie -mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar -gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende -eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er -neckend im gleichen Versmaß darunter: - - Und zappelnd und verzweifelnd eilen - Zum letzten Zug die letzten Zeilen. - -So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem -ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind -erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch -eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter -der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin -Menschen und Dinge wenig kannte und mehr in der Idee als in der -Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos. -Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre -Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis -sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse, -sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein -Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über -ihre dichterischen Versuche: - -Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe -an. - -Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der -inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd: -Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe, -sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr, -wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten -Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße -duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war -sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette. - -Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im -Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt -haben. Wenn Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten, -so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte -„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers[1] Nichte, so genannt nach -meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die -Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen, -auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe -mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und -wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine -mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und -eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher -berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden. - -Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie -lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich -mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine -Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja -gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der -zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte -auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war -schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu -deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie -einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der -jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als -man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die -Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen -Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen -mit ihrer Weisheit. - -Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber -unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und -Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell, -dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann -ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von -meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei -der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war -ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz -von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den -Schulkindern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der -Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder -mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese, -dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich -plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser -Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser -grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das -nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann -aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes -Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete? - -Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus -München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund -Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle -binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln -würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges -Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein -gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich -die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich -noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging -in einem beständigen Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland -versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines -Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung, -den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen -trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den -Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so -verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser -Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität -antrat. - - -[1] Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von ihm unter -dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ eingeführt. -Damals Pfarrer in Klein-Eislingen. - - - - -Das alte Tübingen. - - -Den Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf -Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich -nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden, -der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen -Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die -hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von -1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und -unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit -seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren -Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche -auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie -ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind -unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den sechziger und siebziger -Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche -Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat -sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen, -die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der -Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben -noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen -niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der -Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd -oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die -Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab, -noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit -nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit -Vorsatz? -- Nein, mit dem Absatz -- und solche Scherze mehr. Ferner die -Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich -die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft -einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in -ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog. - -Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Eintracht war es, wenn die -Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die -Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte -Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit -ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen -Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte -es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in -langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller: -„Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen, -um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den -Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte. -Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart -berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den -jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer -Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den -Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von -dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte. - -Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen -und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“, -die nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu -verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so -gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu -verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend -von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer -blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst, -obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner -geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel -damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole -darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander, -waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen -da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz -abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse -studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im -Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste -der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden -der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine -Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in -einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine -davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den -Worten: - - Wir armen zwölf Enten - Sind gefallen unter die Studenten, - Ich zwölfte komm zurück allein - Und bring’ von elf den Totenschein. - -Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in -jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer -wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier, -einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu -großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk -am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das -beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht -herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine -näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben -Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene -verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück, -ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut -schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf. - -Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später -als Arzt nach Venedig ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er -war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt. -Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien -badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die -Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das -Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen -wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab, -so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur -Unkenntlichkeit“. - -Zum Charakterbild des alten Tübingen gehört aber noch eine dritte dort -lebende Menschengattung von urtümlichster Beschaffenheit, die weder -dem Studenten noch dem Philister hold war, die man sich aber aus dem -dortigen Leben nicht wegdenken kann: nämlich die in den malerischen -Schmutzwinkeln der Unteren Stadt oder „Gôgerei“ wohnenden „Wingerter“ -(Weingärtner), auch „Gôgen“ oder „Raupen“ genannt. Woher diese -beiden Bezeichnungen kommen, weiß niemand, eine theologisch gefärbte -Etymologie will die Gôgen auf das biblische Gog und Magog zurückführen. -Was die Raupen betrifft, so soll der Name gar eine Verketzerung des -lateinischen Wortes Pauper sein, womit man in der gelehrten Musenstadt -die am Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet. -Wie dem auch sei, beide Namen, Gôgen wie Raupen, wurden von ihren -Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu -ziehen. Die Gôgen unterschieden sich nach ihrer ganzen Wesensart, -vor allem aber nach den eigentümlichen Kehllauten ihrer Aussprache -und einer gedehnten Betonung, die etwas Mürrisch-Verbissenes an sich -hatte, so stark von den übrigen Einwohnern, daß manche sie geradezu für -Nachkommen eines zugewanderten Fremdvolkes hielten und daß es zwischen -der oberen und der unteren Stadt wie ein unsichtbarer Stachelzaun lag. -Als tüchtige Taglöhner unentbehrlich, machten sich diese Mitbürger -durch ihre eingeborene tiefe Abneigung gegen die Höhergestellten und -ihren ausgeprägten Sinn für den eigenen Vorteil, mehr noch durch ihren -wortkargen, aber äußerst schlagenden Mutterwitz, der nicht immer von -der reinlichsten Art war, gefürchtet. Auf eine Gôgenrede konnte niemand -mehr einen Trumpf setzen, außer ein anderer Gôg. Unzählige Gôgenworte -und -witze waren und sind in Tübingen im Schwang. Am berühmtesten ist -das einsilbige Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, wie sie zusammen -die steilen Weinberghalden des Österberges hinansteigen und dem Jungen -ein herrenloser Schubkarren auf einem Nachbargrundstück in die Augen -sticht, auf den er den Vater durch einen stummen Wink aufmerksam macht. -Worauf der Alte nur die zwei lakonischen Worte erwidert: Im Ra! (Im -Herabsteigen!) Oder die zungenschnelle Frage des Berliner Studenten an -den pfeifenrauchenden Weingärtner: Kann ich von Ihnen Feuer haben, ja? -Und die nachdrücklich-langsame Antwort des alten Gôgen: Airscht (erst), -wenn i ja sag’. - -Das Straßenbild von Tübingen beherrschte der Couleurstudent, -besonders der Angehörige der paukenden Korporationen. Diese standen -bei den Ausritten und Aufzügen im studentischen Wichs, bei den -Tanzvergnügungen, den glänzenden Fackelzügen und überhaupt im -gesellschaftlichen und öffentlichen Leben obenan. Ihre Iliaden und -Odysseen füllten die ungeschriebenen Annalen der Stadt. Jedes Kind -wußte, was für Mensuren in laufender Woche ausgefochten wurden, -welches Dorfwirtshaus, welches Gehölz dazu ausersehen war, wie viele -Abfuhren es gab, mit wieviel Nadeln der jeweils Zerhackte vom Paukarzt -genäht wurde. Wenn es den Paukanten gelang, den armen Pedell, der -sie abzufassen hatte und der zu diesem Zweck den weiten Weg atemlos -auf Schusters Rappen angaloppiert kam, durch ihre ausgestellten -Fuchsenwachen irrezuführen und das unterbrochene Opferfest an einer -anderen Stelle des Waldes fortzusetzen, so war es ein Triumph der guten -Sache, woran die ganze Stadt teilnahm. Unsterblich war die immer wieder -auftauchende Geschichte von der abgehauenen Nasenspitze, die der Hund -gefressen hatte. Die vererbten Feindseligkeiten oder vorübergehenden -Spannungen zwischen gewissen Farben wurden mit der gleichen Wichtigkeit -behandelt, wie heute die Beziehungen der Großstaaten untereinander. -Sogar die jungen Mädchen nahmen Partei, je nachdem ihre Brüder oder -bevorzugten Verehrer der oder jener Couleur angehörten. Der historische -Gegensatz zwischen Korps und Burschenschaften, der längst kein -grundsätzlicher mehr war, aber noch als Abneigung fortbestand, mußte -auch gesellschaftlich stets berücksichtigt werden. - -Getrunken wurde, wie ich niemals wieder habe trinken sehen. Größere -Helden des Suffs finden sich auch im „Gösta Berling“ nicht. Die -Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte, -wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten -Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte. Selbst bei Tanzvergnügungen -konnte es vorkommen, daß ein Partner plötzlich nicht mehr salonfähig -war und daß aus den Reihen der Kommilitonen ein Ersatzmann gestellt -werden mußte. Schande war keine dabei, sie behaupteten ihr Ansehen auch -noch in diesem Zustand. Nur wer sich im Schnaps berauschte, wie es den -Norddeutschen bisweilen einfiel, statt im landesüblichen Gerstensaft -oder Wein, der galt für wirklich lasterhaft. - -Dabei sprach es doch für die Gutartigkeit dieser ausgelassenen -Jugend, daß tätliche Ausschreitungen gegen die Nebenmenschen äußerst -selten waren. Unser Haus am Marktplatz hatte nach damaliger Sitte -keine Korridortüren auf den einzelnen Stockwerken, aber obwohl im -Untergeschoß ein Studentencafé lag und die Haustür deshalb fast die -ganze Nacht offen stand, fühlte man sich doch in seinem Zimmer völlig -sicher. Nur eines Abends kam unsere schon betagte Josephine voller -Unwillen aus ihrer Dachkammer zurückgestürzt, denn sie hatte in ihrem -Bett einen unbekannten Schläfer gefunden. Es war ein Student, der in -tiefer Verdunkelung die fremden Treppen als seine eigenen erstiegen und -sich ohne weiteres zur Ruhe gelegt hatte. Meine Brüder, damals schon -selber Studenten, hatten alle Not, den Unerwecklichen wieder die lange -Treppe hinunter und ins Freie zu schaffen. - -Abseits von dieser Burschenherrlichkeit trieben die „Stiftler“ -ihr halbklösterliches, eigenbrötlerisches Wesen. Es waren dies -Stipendiaten, die, von klein auf zur theologischen Laufbahn bestimmt, -erst in den niederen Seminarien, dann im Tübinger evangelischen Stift, -einem ehemaligen Augustinerkloster, für ihren Beruf herangebildet -wurden. Obgleich sie durch ihre Halbklausur und vielfache -Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, gesellschaftlich hinter -den glücklicheren Stadtburschen zurückstanden, bildeten sie unter ihrem -unscheinbaren und häufig ungeleckten Äußeren so etwas wie eine geistige -Auslese des Landes und trugen viel zu der besonderen Physiognomie -der Tübinger Universität bei. Kein Auswärtiger kann zur Kultur des -Schwabenlandes und zu seinen großen Söhnen in ein näheres Verhältnis -treten, wenn er sich nicht eingehend mit dem Geiste des Tübinger Stifts -und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hat. Aus dieser Anstalt ging -ja bekanntlich die größte Zahl der führenden Geister Alt-Württembergs -hervor. Und zwar pflegte entsprechend der Doppelbegabung des Stammes -ein guter Jahrgang je einen Dichter und einen Philosophen gleichzeitig -zu bringen: Hölderlin und Hegel, Mörike und Strauß, meinen Vater und -Ed. Zeller. Gelegentlich wuchsen die großen Geister im Stift sogar -büschelweise wie in der sogenannten „Geniepromotion“, der auch -Friedrich Vischer angehörte. Der Mehrzahl der Stiftler ging aber -die einseitige Erziehung lebenslang nach. Mit einem äußerst prall -gestopften Schulsack verbanden sie häufig die größte Unkenntnis des -wirklichen Lebens und jenes linkische Ungeschick der äußeren Welt -gegenüber, das man in Schwaben mit dem Wort „stiftlermäßig“ bezeichnet. -Bei den schematischeren Köpfen gesellte sich noch leicht eine geistige -Selbstsicherheit hinzu, die alles, was nicht auf ihrem eigenen Boden -gewachsen und ihnen darum fremdartig war, als minderwertig betrachtete. -Mancher der Besten hielt es nicht bis zum Ende aus und entwand sich so -oder so dem Zwange. Ehemalige Stiftler trugen deutsche Wissenschaft in -alle Lande und waren als Lehrer wie als Erzieher gleich sehr gesucht. -Die Daheimgebliebenen nahmen späterhin hervorragende Kirchen- und -Schulämter ein, sie verewigten den Stiftlerschlag, indem sie ihn -weiterzüchteten, und gaben dem ganzen schwäbischen Geist etwas von -ihrem Gepräge ab. Durch sie vor allem kam in die hohe geistige Kultur -des Schwabenlandes jene unausfüllbare Kluft zwischen der Weite und -Tiefe des inneren Lebens und der äußeren Formlosigkeit, die nicht -selten bis zur bewußten Verachtung des Schönen ging. - -In dem ehrwürdigen Klosterbau an der oberen Neckarhalde mit seinen -Kreuzgängen, Höfen und Gärtchen hauste dieser besondere Menschenschlag -beisammen. Dort studierten, aßen, schliefen sie, ständig überwacht, in -Zimmern, die ihre altvererbten Namen und die überlieferten Erinnerungen -an die früheren Bewohner festhielten. In meines Vaters Nachlaß fand -ich eine von unbekannter Hand in Versen geschriebene Szenenfolge, -die eine nächtliche Entweichung des sonst so fügsamen Mörike aus dem -Stift unter dem Beistand dunkler Mächte dramatisch darstellt. Man -pflegte sich, wenn man die Nacht außerhalb des Stiftes verbringen -wollte, an einem langen Seil in den „Bärengraben“ hinabzulassen, -um auf der anderen Seite durch einen befreundeten Stadtburschen -hochgezogen zu werden. Wurde die Abwesenheit entdeckt, so stand auf -der unerlaubten „Abnoktation“ eine Note. Eine gewisse Zahl solcher -Noten bedingte die Ausschließung von der Anstalt. Zu meiner Zeit aber -war die Verweltlichung schon so weit gediehen, daß die Stiftler sogar -farbentragenden Verbindungen angehören konnten, soweit diese nicht dem -verpönten Paukkomment huldigten. Auch waren sie auf allen Bällen unter -den eifrigsten und bescheidensten, wenn schon nicht immer unter den -gewandtesten Tänzern. - -Noch einen Schritt weiter abseits vom studentischen Treiben standen die -Zöglinge des katholischen Seminars, die Konviktoren, auch „Haierle“ -(Herrlein) genannt, meist Bauernsöhne aus dem schwäbischen Oberland, -die schon durch ihr langes schwarzes Gewand, aber mehr noch durch ihre -oberschwäbische Mundart und ihr ganzes weltfremdes Auftreten von der -übrigen akademischen Jugend abstachen. Auch aus dieser Anstalt sind -bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen. - -Neben dem „Stift“ und mit ihm verbunden lag die „Hölle“, das einstige -Wohnhaus des „Höllen-Baur“, jenes berühmten, um seiner Bibelkritik -willen viel angefochtenen Theologen. Er hatte zu den Lehrern meines -Vaters gehört, war aber um die Zeit, von der hier die Rede ist, schon -gestorben. Der Spitzname enthielt keine Spitze gegen seinen Träger. -Die Professoren waren der Mehrzahl nach mit solchen versehen, und -manche weitgefeierte Leuchte der Wissenschaft ging in der kleinen -Stadt unter irgendeiner närrischen, zuweilen auch wirklich witzigen -Bezeichnung einher. Was gab es aber auch für Originale unter diesen -Professoren! Grundgelehrte Herren, jedoch im Äußeren nicht selten -sehr vernachlässigt und mit den seltsamsten Gewohnheiten behaftet. -Zu diesen fragwürdigen Gestalten gehörte der Germanist Holland, der -Herausgeber von Uhlands Nachlaß, der auch über italienische Sprache -und Literatur las. Bekannt war die Ermahnung, mit der er seine Schüler -zu entlassen pflegte, sie möchten vor allem danach trachten, ins -Konversationslexikon zu kommen, denn wer es dahin gebracht habe, der -sei geborgen und brauche nichts mehr zu studieren. Er hatte häufig nur -_einen_ Hörer im Kolleg, der zu höflich war, ihn mit den vier Wänden -allein zu lassen. Diesen ließ er einmal in die Heimlichkeiten seines -Junggesellenhaushalts blicken. Wissen Sie, Herr M..., sagte er zu -ihm, die Wäscherinnen sind so unsauber (er drückte sich drastischer -aus), man kann ihnen die Wäsche nicht anvertrauen. Ich schlafe deshalb -seit zehn Jahren auf dem Schwäbischen Merkur. Als dieser Dante- und -Boccaccioausleger uns in viel späteren Jahren einmal in der Heimat -Dantes und Boccaccios besuchte, da war Holland in Not, denn das -Italienisch, das er jahrzehntelang an der württembergischen Alma mater -gelehrt hatte, wurde an Ort und Stelle von niemand verstanden. - -Noch viel wunderlicher klangen aber die Anekdoten, die von -verschwundenen Generationen übrig waren. Ein älterer Landgeistlicher, -Verwandter meines Vaters, der ein hinreißendes mimisches Talent besaß, -pflegte uns Kindern solche Geschichten aus seiner eigenen Studienzeit -zu Dutzenden zu erzählen und vorzuspielen. In welche verschollene -Biedermeierwelt sah man hinein, wenn man hörte, daß ein Professor -der Philosophie seinen psychologischen Vortrag mit näselndem Ton und -in mühsamem Hochdeutsch, durch das der Dialekt schimmerte, also zu -beginnen pflegte: Jengleng, wenn dich die Liebe plagt, so klage es -(hier wurden die Finger in Bewegung gesetzt): a) den Sternen; so deren -keine da sind, b) den Wiesen; so auch deren keine gefonden werden, c) -den Waldbächen. Denn das Rieseln ond Rauschen der Waldbäche lendert -und mendert den physischen ond psychischen Schmerz einer moralisch -niedergedrückten Seele. - -Auch in der jungen Generation schossen die Sonderlinge ins Kraut, -obgleich sie nun doch schon einen viel weltmännischeren Anstrich -bekamen. Wer erinnert sich nicht aus den siebziger Jahren an die -Gestalt des Dr. Euting, der als jüngster Kollege meines Vaters an der -Universitätsbibliothek amtete und sich später von Straßburg aus als -Orientreisender einen Namen machte? Er war weit unter Rekrutenmaß, -hatte aber sehr breite Schultern und einen sportlich entwickelten -Körper, der sich in den straffen, schnellenden Bewegungen verriet. -Euting war damals schon im Orient gewesen und gehabte sich seitdem als -Türke. Seine Beweglichkeit, seine schwarzen, umherspringenden Augen, -ein seltsam gerunzeltes, aber doch junges Gesicht, das aussah wie von -heißerer Sonne gedörrt, gaben ihm ein völlig fremdartiges Ansehen. -Den gewesenen Stiftler merkte man ihm nicht mehr an, er lehrte jetzt -semitische Sprachen, besonders das Arabische. Als außerordentlich -mutiger Mensch, der er war, hauste er mutterseelenallein in dem -unheimlichen „Haspelturm“ hinter dem Schlosse. Da bei Einbruch der -Dunkelheit die nach dem Schloßhof führende Pforte geschlossen wurde, -war er bei Nacht in seinem Turm von allen Lebenden geschieden. Er -hatte es durchgesetzt, in diesem ehemaligen Gefängnis der zum Tode -Verurteilten, dessen durch keine Treppe erreichbares Verließ noch -Menschenknochen bergen sollte, sich ein paar Zimmer einrichten -zu lassen, denen er durch orientalische Teppiche und Decken ein -einigermaßen wohnliches Ansehen gab. Dort saß er mit untergeschlagenen -Beinen, den roten Fes auf dem Kopf, am Boden, aus mächtiger -Wasserpfeife rauchend, und bewirtete seine Besucher und Besucherinnen -mit selbstgebrautem türkischem Kaffee in winzigen Schälchen, alles echt -und stilgerecht. Dabei erzählte er von Wüstenritten, Haremsbesuchen -und dergleichen. Er war ein lebhafter Verehrer der Damenwelt, doch war -ihm seine Kleinheit beim weiblichen Geschlechte hinderlich, mehr noch -sein bekannter Ausspruch, daß er hoffe, dermaleinst mit zwölf jungen -Eutings über die Neckarbrücke zu spazieren, alle vom gleichen Wuchs und -gleicher Schneidigkeit wie er. Ihm war es gegeben, seine Eigenheiten -noch über den Tod hinaus fortzusetzen. Er baute sich zu Lebzeiten -mitten unter den freien Schwarzwaldtannen des Ruhsteins sein Grab und -bestimmte, daß einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, jeder Besucher an -dieser Stätte mit einer Tasse Kaffee gelabt werden sollte. Erst die -Kaffeeknappheit des Weltkriegs hat diesen schönen Brauch in Abgang -gebracht. Doch wir müssen dieses späte Bild verwischen, um wieder zu -den Sonderlingen des alten Tübingen zurückzukehren. - -Da war unter anderen der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem -Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig -Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien, -die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe -studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je -ein Examen zu machen. Mit der Zeit hatte er es doch zu ganz tüchtigen -Kenntnissen gebracht, die ihm gestatteten, andere Studenten aufs Examen -vorzubereiten. Als diese dann mit der Zeit Professoren wurden, hörte -er selber wieder bei ihnen Kolleg. Mein Bruder Alfred fragte ihn als -Student einmal, wie er doch nur bei seinen eigenen ehemaligen Schülern -im Hörsaal sitzen und so eifrig nachschreiben möge. O, antwortete er, -da ist jedes Wort Gold, es kommt ja alles von mir selber. - -Von einem anderen Mediziner wurde erzählt, daß er als verbummelter -Student mit sehr geringen Kenntnissen nach Amerika durchgebrannt sei -und sich während des Sezessionskrieges den Nordstaaten als Arzt zur -Verfügung gestellt habe. Dort stieg er bis zum Generalarzt auf. Aber -nach Friedensschluß wurde ihm doch wegen seiner Stellung bange, er -kehrte mit dem erworbenen Titel nach Tübingen zurück, hörte wieder -Kolleg, und die Professoren, denen sein Auftreten Eindruck machte, -ließen ihn denn auch glimpflich im Examen durchschlüpfen. - -Unter den Kleinbürgern gab es ebenfalls ganz merkwürdige Gestalten, -die von der Jugend mit Vorliebe aufgesucht wurden und die sich die -studentische Gesellschaft zur besonderen Ehre schätzten. Eine der -bekanntesten war der alte Hornung, ein uralter Veteran von 1813. Er -saß jeden Abend im Wirtshaus und spielte Karten; dabei war er als sehr -geizig bekannt. Edgar setzte sich in seiner Studentenzeit gern zu ihm -und malte ihm, während er spielte, einen Kreuzer auf den Tisch. Da er -nicht mehr gut sah und gern mogelte, griff er danach: Der ist auch noch -mein! und wollte ihn einstreichen. Das nächstemal wurde ein Kreuzer -an eine andere Stelle gemalt, und er griff abermals danach. Auf den -alten Hornung wurden in Tübingen die bekannten Napoleonanekdoten aus -der Schlacht von Leipzig übertragen. Eine aber hörte mein Bruder aus -seinem eigenen Munde: Ein französischer Sergeant hatte als Vorgesetzter -den Mann viel drangsaliert. Als sie nun eines Tages Seite an Seite über -einen Graben setzen, fällt der Franzose und ruft um Hilfe. Der Hornung -aber reitet weiter, indem er mit Nachdruck spricht: Wer reit’t, der -reit’t, und wer leit, der leit (liegt). - -Die ganze bunte Tübinger Romantik gehörte nun aber einzig und -allein dem Studenten. Daneben lebte und webte Tür an Tür das engste -Spießbürgertum. Die Geselligkeit war durch strengen Kastengeist -geregelt und entbehrte der Anmut. Die Frau als gesellschaftliche Macht -versagte ganz. Man sah aller Enden hübsche junge Mädchen, aber äußerst -selten eine hübsche junge Frau. Sobald sich die damaligen Schwäbinnen -verheirateten, hielten sie nichts mehr auf ihre Person. Nach Pflege -des Geistes und Körpers zu streben, galt für „Emanzipiertheit“ und -Eitelkeit und war überdies ein Zeichen mangelnder Hausfrauentugend. -Es konnte vorkommen, daß der Mann hohe akademische Würden innehatte -und daß die Frau Magddienste verrichtete. Nicht aus Not, sondern weil -sie keine höheren Ziele kannte. So vermochte der ganze Lebensstil -sich nicht zu erheben. Auch der Student lernte nur die Reize des -Studentenlebens, nicht die einer höheren Geselligkeit kennen. -Und wie phantastisch er’s getrieben haben mochte, am Schluß der -Universitätsjahre mußte auch er unterducken, sich der lähmenden Enge -einreihen, wenn er im Lande sein Auskommen finden wollte. Darum klang -auch so wehmütig der Sang der Abziehenden: Muß selber nun Philister -sein, ade! - -Um die aus den Tübinger Verhältnissen hervorgehende Einseitigkeit -oder Verwilderung zu bekämpfen, war Friedrich Vischer, solange er in -Tübingen lebte und lehrte, bemüht, die Verlegung der Universität in die -Landeshauptstadt durchzusetzen. Damit wäre freilich zugleich aller Reiz -der Überlieferung aus dem studentischen Leben geschwunden. Er fand aber -mit diesem Lieblingsgedanken keinen Anklang und konnte nur für seine -eigene Person die Wahl treffen, indem er endgültig das Stuttgarter -Polytechnikum dem Tübinger Lehrstuhl vorzog und so die Universität -eines ihrer größten Namen beraubte. - -Wieviel man gegen das alte Tübingen auf dem Herzen haben mochte, die -reizvolle, wunderliche Stadt mit dem kühnen Profil und der entzückenden -Lage hat es noch allen angetan, die dort gewesen. Und so oft ich -späterhin aus Italien wiederkehrte, ganz durchtränkt von der Schönheit -des Südens, wenn ich wieder einmal auf dem „Schänzle“ stand und -die Blicke von der lachenden Neckarseite mit der fernen Alb in das -schwermütige Ammertal wandern ließ, wo, wie einmal eine gefühlvolle -Tübingerin zu Friedrich Vischer sagte, „das Herz seinen verlorenen -Schmerz wiederfindet“ immer habe ich den Zauber meiner Jugendstadt aufs -neue verspürt. - - - - -Die Heidenkinder. - - -Innerhalb des Tübinger Spießbürgertums stand nun unser Haus wie eine -einsame Insel. Schon beim Eintritt hatte unsere Mutter die üblichen -Antrittsbesuche unterlassen. Mein Vater war eigens ein paar Wochen -früher eingerückt und hatte alles, was die Etikette vorschreibt, -erledigt, um ihr diese Prüfung nicht aufzuerlegen, denn er sah voraus, -daß sie sich in ihrer freien, der Zeit vorangeeilten Weltanschauung -ebenso abgestoßen fühlen würde wie in ihrer aristokratischen -Empfindungsweise, die mit der ultraradikalen Gesinnung ganz gut -zusammenging. Er wußte auch, daß die Abstoßung gegenseitig gewesen -wäre, denn es gab damals in Tübingen nur wenig Frauen, die das Zeug -hatten, eine so ungewöhnliche Natur wie meine Mutter zu verstehen. -Außerdem war bei ihrem ganz auf die Familie beschränkten Dasein ihre -Garderobe nicht im besten Stand, und jede Ausgabe für sich selber ging -ihr lebenslang gegen das Gewissen. Außer mit der Witwe Uhland und mit -den Töchtern des alten Dichters Karl Mayer, der ihr feuriger Verehrer -war, wollte sie überhaupt keinen Frauenumgang. Es läßt sich denken, -welchen Anstoß wir Kinder, auf die bisher fast nichts als die Natur -und der Geist der Eltern eingewirkt hatten, jetzt in der Tübinger -Umwelt erregten. Die „Heidenkinder“ nannten sie uns auch dort. Meine -Brüder wurden oftmals auf dem Schulwege von anderen Jungen tätlich -angegriffen, und es entspann sich dann eine gewaltige Schlägerei; -die Heiden standen zusammen und wehrten sich mannhaft, wodurch sie -ihren Widersachern allmählich die Lust zu solchen Unternehmungen -verleideten. Mir aber, die ich allein und unbeschützt war, erregte -es ein schmerzliches Erstaunen, wenn mir mein ungewöhnlicher Rufname -in einer häßlichen Verketzerung nachgeschrien wurde, oder wenn gar -ein Stein aus dem Hinterhalt geflogen kam. Ich ging daher als Kind -nur sehr ungern durch die Straßen und trieb mich lieber in der Nähe -unserer damaligen, außerhalb der Stadt gelegenen Wohnung an den -Steinlachufern oder auf dem großen Turn- und Schießplatz umher, in -einsame Phantasien versponnen. Für alle Zeit bleibt mir ein Sonntag in -die Seele geschrieben, an dem ich ganz allein eine Forschungsreise in -die Gôgerei unternahm. Man hatte mir mein schönstes weißes Mullkleid -mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen -Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band -geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun -von der Langen Gass’ in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein -kleines Gôgenkind mit Jubelgeschrei entgegen und wollte in meine Arme -stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen -Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt -und riß entsetzt die Kleine vor mir weg. Erst als sie sich hinter einem -niederen Zaun geborgen sah, drehte sie sich noch einmal um und sagte, -mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: So sehen die Heiden -aus! - -Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen -ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, -sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst -in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen -weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben; -ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es -hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die -auch in ihren Kreisen als die erste herrschte. Selbst als sie im Jahre -48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch -zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht -nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche -Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie -immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen. -Auch ihre entfernteren Verwandten -- die nahen waren schon alle tot --- hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer -davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands -im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd -gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es -nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf. -Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden -sind immer die Schwächeren. - -Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht -dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur -Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie -in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende -Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal -unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig -gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde, -so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich -wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu -lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es -wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen -hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich -mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell -überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die -Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst -einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den -himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die -weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen -Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte, -kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste -nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich -ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein, -meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief, -aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen -Vorrat für erschöpft. Von da an begehrte ich niemals wieder nach einer -Kindergesellschaft. - -Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den -Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen -Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht, -ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein -nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte -es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende -Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie -Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen -das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter -Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und -mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den -Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette -halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich -jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf -Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen -überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie -herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen -mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner täuschenden -Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das -Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen. - -Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich -so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne -zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“ -noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You, -eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu -erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig -bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir -einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen, -auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl, -mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten. -Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem -freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen. -Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung -(Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und -ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich. - -Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch -handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche -Übermittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich -später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments -entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A -bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu -wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm -wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das -gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan -das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem -etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine -Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen -Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie -in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt -gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe -nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen -Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn -anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter, -daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf -unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar -kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf -Jahren. Allein er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das -Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen -brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie -von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen -Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten -Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so -sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand. - -Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte -ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine -Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich -die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir -von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein -eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte, -an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb -zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich -eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich -gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem -Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt -war. Da ergab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn -auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile -der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück -in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein -neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern -entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte -ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio -begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was -von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich -zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“ -aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als -Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde. -Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort, -indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher -Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles -still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen, -bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am -Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren -Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß ich -die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn -bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die -Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt, -Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen -in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet -wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten. - - - - -Ein Fluchtversuch. - - -Als einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem -Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich -war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf -das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten -Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten -Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch -das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung -eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber -der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für -ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine -Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger -Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es -wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert, -wenn zwei gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im -Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte -die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel -des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen -Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam, -soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes. - -Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches -ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis -zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt[2], und in meiner -Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis -zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen -bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig -erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen, -so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus -der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine, -trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine -frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat, -die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen -Entwicklungskrämpfen das ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach -dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher -Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien -alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber -mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren -und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn -er einmal seine Hörner abgelaufen hat. - -Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen -Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den -weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde -er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in -tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen -ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach: - - N. N. möcht’ ich gar nicht heißen, - N. N. ist ein wüster Name, - N. N. hat sich küssen lassen - Von den Mädeln auf der Gassen. - -Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte -sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich -die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen dumpfen Groll -zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich -mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis, -mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt -nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu -besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich -liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel, -vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes -der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem -Wintertage jedoch -- es war in meinem zehnten Jahre -- geschah -etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit -irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner -Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen -zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals, -zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt, -bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten -Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem -Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen -überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war -mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß bestäubt, und -nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß. -Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat, -als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, -sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So -mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den -Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen -Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer, -daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über -den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu -vermeiden -- es gab deren genug ohne mein Zutun --, aber es wollte -mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich -war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit -umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch -noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen -Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater -anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen -Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben. -Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung -an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in -seinen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das -Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich -schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich -geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich -gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde -stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr -Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft. -Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen -mich versteifte. - -Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war -vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa -meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf -seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn -ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben, -suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen. -Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen -Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in -inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten -die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo -sich alle gemeinsam gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner -Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des -Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein -Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging -ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor, -so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie -sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere -Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen -durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei -sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich -mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst -recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck -wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn -ringsum die gleiche Gesinnung hegen. - -Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein -unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern. -Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen -Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle, -auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem -hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein empfangenes -Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte. -Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß -wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten -(der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder -Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare -Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide -besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von -Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen -Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte -und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien -uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt -zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen -und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An -einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem -siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann -wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll -schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die -kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich -fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel, und -der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück -von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen -das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es -aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo -wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten -flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten -Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon -oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich -ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann -dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir -waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein -warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine -große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte, -erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie -unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst, -sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert -sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf, -aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als -am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Vergessen war mit -einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen -weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die -Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der -Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die -Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir -machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten, -den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als -wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden -Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster -ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der -Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den -toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich, -denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht -werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie -wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar -war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und -auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich -dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings -regte sich aber der künftige Anatom in ihm, und er begann nun auch -zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden. -Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich -fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und -ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen, -wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen -harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus -und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend -im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar -nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders -seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber -ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich -nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem -Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche -Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein -umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich -den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein -Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster -so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte -Sebastiansweiler aber habe ich während meines ganzen Tübinger -Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte -der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor -meiner Seele steht. - - -[2] Florentinische Erinnerungen - - - - -Von Ihr. - -Nachklänge des „tollen“ Jahres. - -Das rote Album. - - -Bevor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene -Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf -ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig -aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden -könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein -Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre -Züge, so urpersönlich -- ein einziger zu stark gezogener Strich, eine -vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann -zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet, -muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es -auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für -das nur einmal Vorhandene keinen Platz in seiner Vorstellung. Es gab -Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als -ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und -keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten, -ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen. - -Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit -mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie -sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der -an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die -vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger -Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die -Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine -ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden -konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten -beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage -bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen -Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war, -weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie -wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen und ihr -Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war, -denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen -Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften -„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß -keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein -Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher -Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien -ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und -Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang -nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848 -mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu -treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt. - -Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu -einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß -man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung -umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer -verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler -Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom -Ich, was doch der Natur des Trieblebens zu widersprechen scheint! -Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose -Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als -Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie -vergleichen könnte, so finde ich nur _eine_ Gestalt, die ihr ähnelt, -den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers -lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein -Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen -können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr -ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um -beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und -Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das -Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war -ihr in oft erschreckendem Maße eigen. - -Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen -zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte, -Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins -Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen -eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn -das Schlachten der Tiere gehörte zu den Dingen, die ihr die schöne -Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur -von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung -befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf -Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit -hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es -gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren -todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte, -Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere -Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot -im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer -häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden -mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings -unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit -und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können; -waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie -rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum -als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom -Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit -widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein fuhr sie aus dem -Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf -dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre -Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich. -Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben -herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht -wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden. - -Ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas unruhig Fesselndes bei -überstarkem Glanz der Augen, wozu auch das schimmernde Weiße viel -beitrug. Aber erst im höheren Alter bekamen ihre Züge die ergreifende -Harmonie und großartige Einfachheit, in der sich dann ihr gereiftes -Wesen wunderbar ausdrückte. Durch die Schnelligkeit ihres Ganges -fiel sie noch als Achtzigerin auf, dabei waren ihre Hände immer ein -wenig voraus, wie im steten Begriff zu helfen und zu geben. Alles -ging ihr zu langsam, beim Anziehen fuhr sie noch im höchsten Alter -immer mit beiden Armen zugleich ins Kleid. All diese äußere Hast war -aber frei von Nervosität und Zerfahrenheit. Man konnte sie bei der -ungeheuren Raschheit ihres Wesens einem jener hinjagenden Wirbelwinde -vergleichen, in deren Innerem eine vollkommene Windstille herrscht. -Ihre Gelassenheit war so groß, daß sie ihre unzähligen Briefe immer -im Tohuwabohu der Kinderstube schrieb. Auch wenn andere währenddessen -mit ihr sprachen, ließ sie sich nicht aus ihrem Gedankengang bringen. -Sie brauchte zum Schreiben nur eine Tischecke und eine von den Kindern -geliehene Feder. Denn sie besaß gar nichts Eigenes, nicht einmal -Schreibzeug. Und die Ströme Wassers, mit denen sie uns täglich abflößte --- ein in bürgerlichen Häusern damals noch wenig gepflegter Brauch --, -waren die einzige Erinnerung an die aristokratische Lebenshaltung ihres -Elternhauses, die sie mit in die Ehe herübernahm. - -Ihre Unempfindlichkeit gegen Geräusch hatte die Folge, daß sie von mir -denselben Gleichmut verlangte, und das war mir eine große Pein. Nicht -nur meine Lernaufgaben, sondern auch meine Übersetzungen, die schon in -den Druck gingen, mußte ich unter ganz ähnlichen Bedingungen an einer -Tischecke zuwege bringen, mit einer Feder, deren Alleinbesitz mir nicht -zustand. So oft ich mich mit Schreibgerät versorgte, immer verschwand -es in der Schultasche der Brüder, die ihrerseits auch nicht besser -gestellt waren, denn jegliches Ding ging von Hand zu Hand, und ein -jeder suchte immerzu das seinige oder was er dafür hielt; mit Ausnahme -des Erstgeborenen, dessen kleine Habe unantastbar war. Wären die Kinder -nicht alle gut geartet gewesen, so hätte es beständigen Streit um das -Mein und Dein geben müssen; so gab es nur ein beständiges ärgerliches -Suchen und Fragen bei großem Zeitverlust. Und ähnlich ging es mit -allen anderen beweglichen Gegenständen auch. Am meisten war mein armes -Mütterlein selbst geplagt, denn das Objekt, das sich von ihr allzutief -verachtet fühlte, verfolgte sie mit unersättlicher Rachgier, so daß sie -selbst, die gute Josephine und ich, die wir ihr beistanden, viel Kraft -in diesem sieglosen Kriege verschwendeten. Aber eine andere Hausordnung -einzuführen, bei der jegliches Ding an seinem Platz geblieben wäre, -widerstrebte ihr durchaus. - -Ich erinnere mich, daß um jene Zeit in einer Kammer mehrere ganz -gewaltige Ballen feinster, handgewebter Leinwand lagen; sie stammten -noch von meiner Großmutter Brunnow, die sie jahraus, jahrein für den -Brautschatz ihrer Marie hatte weben lassen. Die schönen Tafeldamaste -und Bettlinnen wurden ebenso wie das kostbare Kristall vorzugsweise -zu Geschenken verwendet, wenn etwa eine der jüngeren Freundinnen sich -verlobte, oder zu Vergütungen für geleistete Dienste. Nun war es unter -den Geschwistern ganz üblich, daß, wenn einer des Morgens sein Handtuch -nicht fand, weil der andere es benützt und in den Winkel geworfen -hatte, der Geschädigte, statt um ein neues zu bitten, einfach zur -Schere griff, um sich von dem Leinwandballen ein beliebiges Stück -abzuschneiden, das er ohne Umstände in Gebrauch nahm. Mein Mütterlein -verwehrte es nicht, sie half wohl selber mit, wenn gerade der Schlüssel -zum Wäscheschrank verlegt war. Als ich ihr nun eines Tages den -Vorschlag machte, mich die abgeschnittenen Stücke einsäumen zu lassen, -wie ich es anderwärts gesehen hatte, weil es dann hübscher aussehen -und länger halten würde, ließ sie mich ärgerlich an, ich solle mein -Herz nicht an solchen Kleinkram hängen, sondern froh sein, daß ich mich -geistig beschäftigen dürfe. Zugeben muß ich heute, daß die Handtücher -jetzt doch zerrissen wären und daß die geistigen Werte, die sie uns -gab, festen Bestand hatten. Aber damals machte es mich oft traurig, -daß sich gar kein Austrag zwischen den höheren Aufgaben und der Welt -des Irdischen finden ließ. Und wenn ich gar einmal, von einem Besuch -bei auswärtigen Freunden heimkommend, eine dort gefundene Ordnung -oder Verbesserung im eigenen Hause einführen wollte, so konnte sie -ernstlich böse werden und mir drohen, sie würde mich niemals wieder -in fremde Häuser gehen lassen. Sie pflegte dann in ihrer drastischen -Weise zu klagen, daß ich meine Gaben nur hätte, um dümmer zu sein -als das dümmste Frauenzimmer. In solchen Fällen stieß ich sogar auf -den Widerstand Josephinens, die in ihrem eigenen Tun noch immer so -pünktlich und geordnet war, wie sie es im Brunnowschen Hause gelernt -hatte, die aber mit solcher Leidenschaft an ihrer Herrin hing, daß sie -nur mit ihren Augen sehen konnte. Ganz mit mir zufrieden wurde mein -gutes Mütterlein erst, wenn ich endlich, nach vergeblicher Bemühung, -Ordnung zu stiften, entmutigt die Arme sinken ließ. Dann saß man -wieder inmitten des häuslichen Durcheinanders, das einen nichts mehr -anging, weltentrückt wie die indischen Weisen unter ihrem Urwaldbaum, -und sie redete zu mir über das Woher und Wohin, vor allem über das -Warum des Lebens. Denn in dieses zuckende, rastlose Flämmchen war ein -ganz stiller, einsamer Denker eingeschlossen, der immerzu über die -letzten Geheimnisse grübeln mußte. Die materialistische Weltauffassung, -die damals der Philosophie den Boden wegnahm, befriedigte sie im -Innern keineswegs. Das Rätsel des Todes machte ihr lebenslang zu -schaffen. Sie prüfte unablässig alles Für und Wider der Gründe für -ein Fortleben. Natürlich kam sie niemals zu einem Schluß, und es hing -ganz von ihrer augenblicklichen inneren Verfassung ab, ob sie mehr -dem Ja oder dem Nein zuneigte. Daß sie glühend das Ja ersehnte, um -ihre Liebe noch über das Erdenleben hinaus zu betätigen, war für sie -doch kein Grund, ihr Denken nach ihren Wünschen einzustellen. Sie -erzählte mir oft, daß sie sich einmal mit einer Bekannten, Frau H. aus -Eßlingen, das Wort gegeben hatte, welche vor der anderen stürbe, die -wolle der Überlebenden ein Zeichen geben. Frau H. starb, und in einer -der nächsten Nächte sah meine Mutter sie am Ende eines langen Ganges -vorübergehen und ihr zunicken. Sie verstand gleich, was das Nicken -bedeute, aber beim Erwachen erwachte auch der Zweifel. Weshalb sollte -mir Frau H. erscheinen, sagte sie, und meine Mutter nicht, die mich -so unendlich geliebt hat? Denn auch ihre Mutter hatte ihr ein solches -Versprechen gegeben, und sie hatte nach ihrem Tode bestimmt auf eine -Erscheinung gewartet. Als sie in der Nacht an ihrem Bette plötzlich ein -Licht aufblitzen sah, dachte sie: das ist sie! Und lag mit klopfendem -Herzen regungslos, um das Licht nicht zu verscheuchen, das immer um sie -blieb und bald da, bald dort erschien. Aber am Morgen sah sie einen -toten Leuchtkäfer auf dem Gesimse liegen und wartete fortan nicht -mehr. Seit dieser Enttäuschung lehnte sie alle Mystik entschieden -ab, wiewohl ein mystischer Zug unter dem Grunde ihres Bewußtseins -lag. Sie hatte auch prophetische Träume, die sich seltsamerweise -meist auf Nebensächliches bezogen, wie verlegte Gegenstände, deren -Versteck ihr der Traum zeigte. Bisweilen hatten aber diese Träume auch -bedeutenderen Inhalt, und einen davon werde ich an einer späteren -Stelle erzählen. Es gab übrigens noch einen anderen geheimnisvollen -Punkt in ihrem Seelenleben, über den sie sich nur selten und mit -größter Zurückhaltung äußerte. Sie sagte mir nämlich wiederholt auf -ganz verschiedenen Altersstufen, daß sie ein Dämonium wie das des -Sokrates habe, das mitunter sehr nachdrücklich und stets in abmahnender -oder mißbilligender Weise zu ihr spreche. Mehr erfuhr ich nicht und -fragte auch nicht weiter, um eine solche Gabe, die bei ihrem Ungestüm -gewiß wohltätig war, nicht durch Beschreien zu stören. Ich weiß aber, -daß sie sich auch zu anderen andeutungsweise über die Sache geäußert -hat. - -Ich hatte damals für ihre immer wiederkehrende faustische Klage, „daß -wir nichts wissen können“, wenig Sinn. Die Tatsache unseres Hierseins -war mir noch so neu und merkwürdig, daß ich nicht nach dem Woher und -Wohin und am allerwenigsten nach dem Warum fragte. Dagegen liebte ich -es, ihre Philosophie durch ganz spitzfindige Fragen zu bedrängen, wie -diese: „Gesetzt, Papa hätte eine andere Frau genommen und besäße von -ihr eine Tochter, du aber hättest einen anderen Mann und gleichfalls -eine Tochter von ihm, welche von den beiden Töchtern wäre dann ich?“ --- Närrchen, dann wärest du eben überhaupt nicht vorhanden. -- Das war -mir nicht vorstellbar. -- Vielleicht wäre ich zweimal da, jedesmal mit -einer falschen Hälfte verbunden? -- Aber Kind, du redest ja den reinen -Unsinn. -- Oder wären die zwei vielleicht meine Schwestern? -- Das -wollte sie eher gelten lassen. -- Aber Mama, wenn ich gar nicht bin, -wie kann ich dann Schwestern haben?! -- Die philosophische Untersuchung -endigte zuletzt, wie philosophische Untersuchungen immer enden sollten, -mit einem Lachen. - -Gänzlich unberührt vom häuslichen Wirrwarr lag des Vaters -Studierzimmer. Dort waltete ich in seiner Abwesenheit ganz allein als -Hüterin des Tempelfriedens. Schon in seinen frühen Ehejahren hatte -er sich’s ausbedungen, daß keine Hand in häuslicher Absicht sein -Schreibpult berühre (er arbeitete immer stehend), bis seine Tochter -daran heraufgewachsen sei. Sobald meine Größe es erlaubte, trat ich -mein tägliches Amt an, das Pult zu säubern und die Studierlampe in -Ordnung zu halten. Es war dies so ziemlich die einzige häusliche -Verrichtung, zu der ich überhaupt zugelassen wurde. Die wenigen Male, -die ich sie gedankenlos versäumte, blieben mir schwer auf der Seele, -denn daß er beim Nachhausekommen schweigend und ohne ein Wort des -Vorwurfs nach dem Petroleumkännchen griff, hinterließ mir einen viel -tieferen Eindruck, als es der schärfste Tadel vermocht hätte. - -Wer nun aber aus der Gleichgültigkeit meiner Mutter gegen die äußeren -Lebensbedingungen schließen wollte, sie sei meinem Vater auch eine -schlechte Geldverwalterin gewesen, der würde gröblich irren. Fast -ohne Mittel fünf Kinder aufzuziehen, zu ernähren, zu kleiden, war -oft eine nahezu unlösbare Aufgabe; sie hat sie dennoch gelöst, -still, selbstverständlich, in höchster Würde, und, was mehr ist: in -unerschöpflicher Freudigkeit. Das Glück, an seiner Seite zu leben, -vergütete ihr jede Beschwerde. Ich erinnere mich nicht, daß es uns -Kindern je am Nötigen gefehlt hätte. Auch kleine Freuden und Erholungen -wurden uns nie versagt; wer zu kurz kam, war immer nur sie selbst. -Daneben hatte sie die offenste Hand für alle Bedürftigen; sie wartete -nie ab, daß ein Armer sie auf der Straße ansprach, sondern schlich -ihm nach, bis sie ihm unbeobachtet geben konnte. Ein Apotheker in -Tübingen erzählte mir, daß er oft als Kind am väterlichen Ladentisch -mitangesehen habe, wie sie sich leise an irgendeine arme Frau -herandrängte, um ihr verstohlen ein Geldstück in die Hand zu stecken, -was niemand wahrnahm als der Dreikäsehoch, der die Welt von unten sah. -Und sie hatte wahrlich nichts übrig, jede Gabe mußte durch vermehrtes -Sparen ausgeglichen werden. Auch war sie immerzu häuslich tätig. -Während sie dem einen Knaben die Hose flickte, nahm sie mit dem anderen -seine Schulaufgaben durch, und wenn es nottat, griff sie im Haushalt -auch beim Gröbsten zu, denn sie hielt dafür, daß keine Art von Arbeit -schände. Nur die Hände ihrer Tochter sollten kein gemeines Geschäft -verrichten; hier hatte der Demokratismus eine Lücke. Nicht einmal einen -Kochlöffel zu berühren war mir erlaubt, so sehr ich bat, mich in der -Küche mitbetätigen zu dürfen, denn ich trug immer eine ungestillte -Sehnsucht nach Beschäftigung mit stofflichen Dingen in mir herum. - -Am hellsten glänzten die Wirtschaftskünste meiner Mutter, wenn -plötzlich unerwartete Gäste erschienen, was bei der noch allgemein -verbreiteten altschwäbischen Gastlichkeit leicht geschah. Unser -Raum war so beschränkt, daß kaum die Familie selber Platz hatte, -von Gastzimmer mit Gastbett keine Rede. Aber im Nu war ein Lager -bereit, der Tisch wurde gedeckt, Josephine buk und brotzelte in der -Küche, und es herrschte eitel Freude im Hause. Wie gut es den Gästen -gefiel, bewiesen sie dadurch, daß sie häufig wochenlang blieben. Dies -ging zumeist auf meine Kosten, denn ich mußte, da die Knaben nicht -in der Ordnung gestört werden durften, alsdann mein Bett mit allen -Bequemlichkeiten opfern. Mitunter fand ich nicht einmal mehr auf -einem Kanapee Zuflucht, sondern mußte mich mit zusammengestellten -Stühlen begnügen, die, wenn man sich bewegte, auseinanderfuhren und -die daraufgelegten Kissen zu Boden gleiten ließen. Es kam selten vor, -daß ich einmal längere Zeit im ungestörten Besitze meines Bettes -blieb. Darüber durfte kein Wort verloren werden, Mama gab ja auch das -ihrige her. Freilich war auch der Gewinn auf meiner Seite, denn die -Besuche, besonders die von weither zugereisten, brachten neues Leben -und Weltweite mit, wonach ich dürstete. In solchen Zeiten hatte dann -das Lernen und alle geregelte Tätigkeit ein Ende: der Brauch verlangte, -daß wenigstens die weiblichen Glieder des Hauses sich völlig den Gästen -widmeten. - -Unter den kometenartigen Erscheinungen, die vorübergehend in unserem -Hause auftauchten, strahlte besonders Frau Hedwig Wilhelmi, eine -Freundin meiner beiden Eltern, die in Granada lebte. Sie war eine -blendende, geistig angeregte Persönlichkeit von sehr freiem und -rauschendem Auftreten, leidenschaftlich der materialistischen Richtung -eines Vogt und Büchner ergeben, daneben auch literarisch angehaucht, -kurz nach ihrem ganzen Wesen eine in der damaligen Frauenwelt unerhörte -Ausnahme. In ihren späteren Lebensjahren machte sie sich in Deutschland -und Amerika durch sozialistische Propaganda bekannt, stieß mit den -Ausnahmegesetzen zusammen und erlitt Gefängnis, Verfolgung und Ungemach -aller Art, wodurch ihr Wesen herber und ihre Haltung schroffer wurde. -Aber gern rufe ich mir ihr Bild zurück, wie sie in meine Kindheit trat, -die bewegliche Gestalt, den feinen, etwas hart geschnittenen Kopf mit -den sprechenden Augen, von kurzen braunen Locken kühn umflattert, die -unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Das Rauchen war an einer -Frau damals noch etwas sehr Auffallendes, doch es ging ihr so hin, -weil man in Deutschland glaubte, sie habe das in Spanien gelernt, die -Spanier dagegen es für einen deutschen Brauch hielten. Ich kann sie mir -gar nicht anders vorstellen als in einem Kreise von Herren sitzend, -deren sie immer eine Anzahl um sich haben mußte, rauchend, trinkend, -disputierend. - -Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug, -brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen -bildschönen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber -in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug -ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer -raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die -spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine -Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte. -Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil -sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden -hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen -Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem -Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken. -Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung -der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere -Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie -von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen -Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich -auch für mich selber ersehnte. - -Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen -bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit -leidenschaftlicher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an -ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast -wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den -schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen, -sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um -die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal -und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick -verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider -mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in -grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein -grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier -umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser -Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch -ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der -Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft, -dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso -grünen Schleier auf dem Hute zu tragen. - -Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs -Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des -Morgens ein, um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen -Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und -Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht -bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses -Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für -mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste, -zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden -bei ihr Verständnis und Teilnahme -- unsere Josephine pflegte sie -schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee -in Fouqués Zauberring -- und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte, -gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas -geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes -Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein; -wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war -meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches -Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man -nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht; -trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger -in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele -aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist; -das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte -ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches, -Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe -Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere -ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo -- -ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen -- mit brennender Neugier -verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem -er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte, -spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich -dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals -angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine -früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die -Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur -ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen, -mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines -Lehrbuchs -- eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht --, -sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der -Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vorliebe, -er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen -Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren -wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen -der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen -Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die -schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das -Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren, -ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein -etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen -Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen -den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl -damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen -des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen. -Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich -der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr -angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“, -seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß -die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern -nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden sind, nahm ihnen für -sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen -Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen -Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er -das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der -so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen -Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen -Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch -erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man -beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur, -auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen, -die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal -verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von -irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las, -bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie -mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei -entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr -klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der -anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief -immer gleich wieder mit ihr davon. - -Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne -messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten -Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden -waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings -namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an -Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der -Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde -er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser -arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde -zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte -ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und -flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe -schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s -nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit -possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet -am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren, -mitzulachen. - -Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten, -wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der -tollste Nachklang des Jahres 1848. - -Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der -überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt -habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer -heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und -tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor -der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als -das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch -röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es -der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie -überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil -ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken, -als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung -beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser, -den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein -fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen -Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt -würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine -achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn, -zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die -bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen -erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke -Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn -Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger -Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen -mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“, -eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er -sich auch literarisch bekannt gemacht. - -In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den -Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand, -in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren -Jugendtagen schon verschollene Weise: - - Wenn die Fürsten fragen: - Lebt der Hecker noch? - Sollt ihr ihnen sagen: - Hecker, der lebt hoch! - Aber nicht am Galgen, - Nicht an einem Strick, - Sondern an der Spitze - Deutscher Republik. - -Ein Proletarier schrieb: - -Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben -soll, so will ich es eben dun: - - I ka’ keine Versle mache, - I verstand et selle Sache, - Drum ruf i mit wildem Blick: - Hurra hoch die Rebolik. - -Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte -sich durch den kurzen Spruch: - - Hecker, Struwe, Ziz und Blum, - Kommt und bringt die Breißen um! - -Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein -Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung: -Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit -erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen? -(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja! - -Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In -mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem -Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald -im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem -Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson, -und in der blutrünstigen Tragödie „Der Tyrann“ stirbt sie als -freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten -Handwerksburschen auf der Barrikade. - -Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es -auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in -Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein -Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei -weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen -konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der -Ausdruck einer Zeitstimmung war. - - - - -1866. - - -Wenn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung -auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch -- der Völkerfrühling! -Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das -Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück -leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis -die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte -und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere -Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die -zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal -aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd -sagte: Teile wellet se, teile! -- und ihrem ausziehenden Freischärler -nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! -- Meine -Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzigern. Doch ging mein -gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht -so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein -selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus -nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die -Stelle: - - Dem Erwecker in dem Westen - Bleibe hold, er will nicht mehr, - -nachträglich verändert in das warnende: - - Dem Erwecker in dem Westen - Gib das Seine, gib nicht mehr. - -Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal -seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu -werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen -Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei -meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es -keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als -der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren -Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren -Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie -einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits- -und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben. Sie glaubte in ihrem -Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von -Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor -schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach -Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen -eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als -großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf -dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor -Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der -nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber, -bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England -gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber -Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling -lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei -einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als -einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau -Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich -verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf -immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht, -daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bismarck -geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief -war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den -Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer -dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen -Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten -Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches -Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß -meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter, -englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit -düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren -Tat zu reifen scheint. - -Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische -Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch -nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen -könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen -her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit -schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt -war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine -unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht, -wenigstens einen Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn -es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der -uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der -Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke -abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines -Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es -zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans -Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all -seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach: -es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen -die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die -Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder -zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten -sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war -versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein -Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es -mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch -leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt -werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt. - -Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen, -und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet -sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk -aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben -kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte -längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist -des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke -für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne -Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als -außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend -begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher -Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei -Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz -normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen -kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause -das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem -Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte -diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten -durchführen, denn es wohnte damals in dem kleinen Schwabenland -die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten -Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte -reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs -Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller, -Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken. -Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses -Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede -genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen -Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen -immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und -hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit -verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der -Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze -Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art -Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte -ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu -sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf -den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte, -aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not beizuspringen -oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft -entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen -Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte -eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück -machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste -und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit -dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte -einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas -Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den -irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er -anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen. - -Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht -gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine -seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war -und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner -Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen -Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer -ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch -sein ganzes Wesen war norddeutsch ernsthaft und immerzu feierlich -pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor -unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein -ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die -Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum -„strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem -kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein -mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen -Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung -nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte -er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat -das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die -Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann -nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es -doch zu ergründen. -- Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem -ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen -Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat -keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte -durchgängig etwas prinzipienmäßig Gedankliches, denn seine Begabung -war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten -Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das -gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte -ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen, -fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen -unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er -württembergischer Staatsbürger geworden war. - -Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir -bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde -jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in -Stuttgart besuchen. Einmal -- es war während des Siebziger Krieges --- wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die -mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz -liturgischen Charakter hatte. - - - - -Die Geburt der Tragödie. - - -Wenn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise -keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich -von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis -gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen -Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei -uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter -ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken. -Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden, -die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso -stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand -fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so -frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten -erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare -und Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche -Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den -kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden -sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch -mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts, -alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß -Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der -kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und -die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch -das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich -starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber -sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde -mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung -heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen -war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der -mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des -Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den -Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus -den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen, die Blumen der Tapete, -die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen -sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im -Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein, -um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das -Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber -war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze -wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng -zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis -ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte. -Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen -Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die -bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe -Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß -der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der -Sonne aufs neue dem Giftgenuß. - -In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer -Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang. -Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem -geheimnisvollen Abrakadabra herum, das wir auf großen Papierbogen -kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so -versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen -Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen -Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei -streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes -über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen -wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie -nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt, -was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach -übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in -meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die -andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß -ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit -wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker -Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich -ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor -keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin -gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und -die Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der -letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei -verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen -Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt -wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren -die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist -herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese -Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald -ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen -übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen -Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an, -aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen -lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk- -und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die -Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter -Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das -Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein -rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst -wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie sich noch unter dem -Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch -in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete, -ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich -der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete. -Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf -der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch -die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die -Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele -bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte. - -Unterdessen hatte auch das Lesegift, womit ich mich durchtränkte, -allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich -begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte. -Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte -mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart -zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen -Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen -Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz -in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt, -weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der -ihm unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der -zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften -Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten, -gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen -Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger -Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns -häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud, -hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der -von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem -Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu -gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er -könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen. -Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch -vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird. - -Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig -gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet -zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der -Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten -an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen -Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als -Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und -dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici -nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß -ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine -ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister -bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß -das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme -fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich -mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die -gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom -Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den -ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den -gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund -fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter -Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es -waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der -Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog -übernommen, ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten -Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe -kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die -vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte, -den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden -Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war -und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch -nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er -sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin -dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend -wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie -schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern -auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen -Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an -dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen -haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem -beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben -zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe -verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles -recht machen. - -Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die -Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren -Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer -bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen -sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum -Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar -hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt, -ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn -an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen, -ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst, -er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden; -die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei -fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes -Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm. - -Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich -so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren -Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters -aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus -zuzuwenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“, -die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in -deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war, -gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem -eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen -mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade -in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die -Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein -zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte -hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt -glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden. - -Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung. -Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete -Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen -glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden -vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich -meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach -meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade, -in die ich ihn hätte retten können, wie der glücklichere Edgar, -an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es -ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade -ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben, -und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die -neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk -zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht -tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und -keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie -in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann -Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater -verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und -sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach -Jahresfrist -- man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will --- war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere -mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern -fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war -immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz -Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den -eines Dichters und Freiheitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen -Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte -sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit -des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten -ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir -mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges. -Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins -Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch -vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs -- an der -Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein --, aber -gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine -lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie -und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem -Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder -ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen -Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene, -als er fragte: - -Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der -gemordete Backfisch. - -Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell -dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“. - -Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß -ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen -konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch. - -Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig -Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal -der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit -lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige -Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich -die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der -väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen -Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach -nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch -wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich -auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte: -der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile, -worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns -Kindern war im Gegenteil das Leben außerordentlich schwierig gemacht. -Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten -selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen -konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten, -sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst -erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen. - -Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden, -beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen, -künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie -allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses -Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. _Eine_ Vorstellung -wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte -mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend: -Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes, -körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem -Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine -ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also -die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der -verfrühte Trieb, der noch gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte, -legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch -keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln. - - - - -Vorfrühling. - - -Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis -getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet -wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige -geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da -zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche, -sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im -Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili -sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und -an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich, -nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange -Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war -ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie -gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst. -Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen -Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in -unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein -paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres -Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide -nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft -fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre -durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und -Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf -der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns -zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine -Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch -das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm -recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis. -Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der -Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht -nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften -ein so großes Hindernis bilden. - -Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit -scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den -halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der -Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel -mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder -aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten -Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks -herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte -nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte -Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht, -daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht -zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie -sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem -Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht -zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte. - -Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen -Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit -den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern -- -und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines -Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land -der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von -Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten, -da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt -worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich -in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer -vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal -ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir -außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen -großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben. - -Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer -benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste -Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein -ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches -war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an -ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine -gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte, -taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes -bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken. -Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große -verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische -Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere -Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres -immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll -Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre -mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere -Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren -immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war -es unmöglich, ihr nicht gut zu sein. - -Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin -meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie -verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte -niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt -erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen. -Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus -Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand -gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen -Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise -begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem -Umfang ausdehnte. Die Vielgeschmähte war jedoch nicht ganz vom Übel. -Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe -für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch -kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit -ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune -sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann -häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese -auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es -genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen, -man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen, -ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht -nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili -zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst -- denn es war -eine solche --, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und -sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten. - -Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein -stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil -ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre -Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte -schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten -teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten -Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von -Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die -Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor -dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle -meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem -ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte -ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern. -Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr -nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in -dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit, -die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem -man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis -Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie -an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den -tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir -aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst, -das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere -Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern. - -Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das -liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte. -Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und -die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte -nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie -die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser -lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili -gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr -sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte, -war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte -er völlig. - -Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten -Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin -eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der -einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen -beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und -sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen -suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche -mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann -wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen -zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als -die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser -Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen -stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von -den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen -Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen. - -Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums. -Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten -die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die -naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger -von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die -eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft -ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die -niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir -in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie, -und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner -Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind, -und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber _das_ -kannst du nicht von mir verlangen. - -Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und -beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein. -Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte -sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich -jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis -Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der -eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt -vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig -Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses -herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich -hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle, -stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel -überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte -schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen, -die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als -Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von -klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles, -was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für -mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel -und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und -Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich -ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich -noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich -auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung -zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der -Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte, -mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner -Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan, -und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter, -schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah; -die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen -kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir -gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den -Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns -beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht. - -Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid -gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland -hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die -Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine -Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir -vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an -und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit -Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor -dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen, -daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner -nicht zu schämen habe. - -Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel -in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht. -In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich -nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer -aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich, -um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das -blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten -nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich -gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein -davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die -Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie -das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen -metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes, -Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs -allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich. -Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf -die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit -Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen -begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht -hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte -nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist -Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte, -und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe. -In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf -steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser -Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten -wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese -quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge -Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen -machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des -Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten -Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge -der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen -sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem -Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese -Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die -sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen -hatten. - -Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber -ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen -immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen -Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh -verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal -mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die -uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen -Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat -sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein -leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es -war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen -Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen -geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium -war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen -Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich -ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte, -um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere -vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der -Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein -mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem -Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir -kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit, -ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze -männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir -schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem -so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes, -innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie -die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf -aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei, -jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn -ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in -solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten -Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der -viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen -als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht -irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens -mißdeute. - -Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich -der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten, -die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf -geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes -Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie -jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von -ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem -Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder -gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen -„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein -Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der -Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns -beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir -vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf, -aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein -Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht -sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich -gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein, -das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst -verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir -lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s -nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da -kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen -für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten -Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel -erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen -allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor -Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene -Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte, -den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich -ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte -ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen -kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit -und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und -genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren -Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst -in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen -all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und -zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten -zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und -wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht -in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in -jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen, -die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem -bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein -weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz -aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher, -als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein -Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig -verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es -war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten -jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den -Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und -Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines -Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen -Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser -kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester! --- -- -- - -Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als -ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein. -Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder -mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen -sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg, -von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit -entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem -leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst -gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe -aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und -plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis, -gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich -desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst -aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so -erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste -Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt -hat es wieder den höchsten Grad erreicht. -- Aber nie konnte ich sie -bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen, -schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der -die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals -handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten -grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich -vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich -zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es -war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen, -denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber -Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das -Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das -Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit -ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete -sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt -ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und -wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden! -Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen -Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein -Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle -Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie -hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen -gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der -Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur -die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße -der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem -stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und -wir wieder alle heil in unseren Betten. - -Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der -auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl -ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des -Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung, -wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte -Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen -unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße -Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen -nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu -bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte -es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden -Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich -die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der -Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten -von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich -in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch -öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund -für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein -Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb. -Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die -Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte -ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne -Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden, -das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der -letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der -Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle -von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen -Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt, -aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die -Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall, -daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete -sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte -sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel -längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von -dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon -die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten -Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien, -schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich -über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen -tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig -nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer -Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing -ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich -vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden -Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets -beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein -auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich -befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel -schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber -hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den -hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun, -um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich -begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame -gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie -so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen -wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte, -zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade -Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so -recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich -abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar, -dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man -unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete -sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des -Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war -unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie -zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich -selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren -Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich -hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne, -und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres, -sorgloseres Kinderlachen hören. - -Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß -gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die -Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte -dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte -für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein. -Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen -schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine -Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in -den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von -vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf, -sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt -des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für -ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war. -Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch -ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die -Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder -Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft -versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe -fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich -an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie -selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß -unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele -gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen -besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik -beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der -Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich -es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine -Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm -meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel -Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich -alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus -erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es -als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein -sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu -predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung -vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein. - - - - -Ein Nothelfer. - -Russische Freunde. - - -Unterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem -Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer -ersten Liebe an sich hatte. - -In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer -Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den -zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern -mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren -Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer -an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus, -teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene -Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den -frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel -geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten -Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal -zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp -Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten, -und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken. -Aber wem? -- Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor -der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein -leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter -Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und -alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa -Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt, -eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und -schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches -Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur -seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich -fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war -bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich, -was für den Knappen der Ritterschlag. - -Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben -alten Waldwirtschaft, wo Frau Lächler, die philosophische Wirtin, -uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da -erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen -großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen -siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich -sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen -nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige -dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse -als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich -allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus -an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen, -die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen -altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite, -wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse -bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste -Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch -so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen, -vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten, -sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches -Widerspiel. Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es -schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen. -Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der -leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der -Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner -Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie -ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das -kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm -jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen -Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber -so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig -war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres -Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte -seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor, -um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging, -wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt, -der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier -„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die -Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz der ihm erwiesenen Ehre -hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange -es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über -Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte -seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines -Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual. - -Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders -ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich -begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur -über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde -war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht. -Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine -immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir -seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so -stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese -Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte -und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer -stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und -den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem -bürgerlich hergebrachten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu -erweitern suchte. - -An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen -Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch -nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch -der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen, -wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres -Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und -der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine -und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei -Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von -seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem -seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur -Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons, -nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später -seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte -gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und -ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden -wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im -Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesellschaftsspiele, bei -denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch -Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte -komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen, -worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe -Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die -ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen -Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit -ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften -nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer -und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der -reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen -plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen -Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen, -selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu -widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner -Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine -Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus -verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken. -Dafür wandte sich ein andermal der Groll gegen ihn, wenn er sich z. -B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht -leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien -dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen -seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und -er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten -mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren, -zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und -her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er -das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von -seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte -ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich -zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem -fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen -pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die -Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen -mit Schokoladenguß mit. Ja -- und du? hieß es dann. Sie behauptete -jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle -wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste, -und diese Törtchen waren besonders fein. Deshalb aß sie nie eins, -sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere -essen zu sehen. - -Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu -gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als -angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch -eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder -sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama -war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs. -Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals -bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur -Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren, -nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit -unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne -Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen -konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien, -sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um -dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen -und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen -gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre -kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine -Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die -Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben, -damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund, -der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es -war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen -Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit -unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter -diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als -Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet -mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken -hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt. -Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür -wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand -es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon -auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich -auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine -Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein -Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die ganze Germania, schrieb -sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder -ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister -in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer -Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und -Sallustübersetzungen. - -Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau. -Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen, -den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes, -lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem -Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem -großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur -Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in -ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen -Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den -Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur, -geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand -fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein -förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele -ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich dann beim Kehraus schadlos. -Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der -Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war. -Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf. -Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch -hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen -Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer -den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen. -Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und -Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber -doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da -man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster -Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend -kränzebeladen und freudensatt -- denn sie genoß meine Jugendfreuden -fast mehr als ich selber -- nach Hause fuhren, holten uns Ernst und -Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen -behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen -Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin -schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelungenstil -aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten -bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang, -eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum -Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein -späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher -Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf -durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten -ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe -doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden -schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten -fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der -Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort. - -Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg -allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen -nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch -auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden -Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon -Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich -am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu -erlangen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen -Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der -Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber, -an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend -die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge, -die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein -altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen -über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei -jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer -Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im -Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche -Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder -im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite -offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte -Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt -von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten. -Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt -sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein. -Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen teilen, -damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache -und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der -andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und -entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und -Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten -sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und -Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück -mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit -der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras -essen mögt! -- Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen -am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her -waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu -stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen -Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu -reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum -Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch -allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von -dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche -Stadt in fremden Händen zu wissen. In der Dunkelheit kehrten sie über -die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück; -der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder -Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien -Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken -Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten. - -Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich -im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien -zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem -Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich -unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von -der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten -Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über -die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu -erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja, -jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden. - -Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere -Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft -aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigenheiten hatte es -dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen -seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen -Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch -Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam, -half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich -noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei -einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten -geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo! --- Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist -mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund -der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte -er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine -kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn, -dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte -dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war -und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie -noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er -gut aufgelegt war. - -Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt -in dem Freundschaftsbund, der sein Glück gewesen war, allmählich -zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter -hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals, -sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine -Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt -sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit -der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald -fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und -Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der -guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen. -Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu -verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen -Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder -Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er -fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe. -Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches -Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er -machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er -kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich, -zwischen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht -wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann _hast_ du -gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer. - -Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig -im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil -er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere -sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten -Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und -fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und -doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war -jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor -Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß -er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein -Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte. -Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener -Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise -es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen -aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen -Flüssigkeit. Er merkte nichts und hat nie von dem Tausch erfahren. Die -Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes -Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, -dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so -schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so -recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund -mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche -Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte -seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals -Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber -mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie -mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer -Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten -Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut; -sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die -Liebe. - -Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem -der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte -jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der -Gedanke, daß der erste beste mit einer Verbeugung an seine Schwester -herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß -ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief, -und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken -ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim -Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom -Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen, -daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht -hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es -wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen, -jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn -Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern -unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger -Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem -Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen, -und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm -halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich -zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren. - -Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußerlich durch die Familie -verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder -mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar -abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden -gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich -für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte. -Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir -endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in -Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk -nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand -und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten -weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie -selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen -worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen -Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den -schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen -zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine -Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und -Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen -Bäckerladen flüchteten, der schnell geschlossen werden mußte. Die -Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir -wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau -in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder -hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem -Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas -anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete. - -Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie -entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere -Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung -kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die -älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu -rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben. -Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam -zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein -Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren -auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg -Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone -wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren -Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur -daß Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem -aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel -verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig -da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch -immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch -nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt -Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln, -was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder -Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles -beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf. - -Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche -Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln -an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen -überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt. -Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte -sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren -grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der -berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und -erzählte von ihren galanten Beziehungen zu der vornehmen Damenwelt von -Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um -mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen --- aber nur durchs Schlüsselloch! - - * - -Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging, -wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im -Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky -aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt -aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß -ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen -gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und -wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre -ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre -Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu -können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren -Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so -stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit -im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die -mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für -die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir -zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als -sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers -von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache -zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten, -in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier -nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu -über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen -ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß -mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr -den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen -Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen. -Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit -meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her -russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer: -ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der -Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der -das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr -auch keine große Freude machen zu wollen. Der Unterricht, den sie mir -gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete -sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden -Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen -Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit -mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit -in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte. -Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus -Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen -als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge -nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde -geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen -Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im -Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen -Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht -in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich -glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den -geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel, -wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne -Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir meine Mittel -erst später) meine Sätze baute -- häufig zur großen Heiterkeit der -Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht -das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um -mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur -zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit -Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür -blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie -hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der -Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt -von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen -und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich -durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein -von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann -die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause -aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen -lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter -Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte. - - - - -Ein französischer Revolutionär. - -Jugendeseleien. - - -Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr. -Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt -war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß -ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen -Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre -doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just -schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe. -1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris -betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen -waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig -Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war -damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon -Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere -Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die -bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen, -in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch -Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine -Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten -Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt -und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus -zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung -völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben -an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem -Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener -besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete -Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des -Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte -schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen -helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er -nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution -von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch -das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten -Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der -Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein -Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt -ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb -- er -trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel, -und sozialwirtschaftliche Studien --, hatten vor allem den Zweck, der -Partei zu dienen. - -Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und -ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution -den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser -verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft -seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen, -charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres -kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr -ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der -Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose, -zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein -Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit -für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund -die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters, -aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach -Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer -künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah -alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt -hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er -auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken -Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der -Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme... - -Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der -des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens -hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist -in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher -Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den -Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit -meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren -Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit -im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an -die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht -werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur -bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz -besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter -zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem -Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch -belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er -sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des -Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte -er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer -sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes -Vitriol in den Adern. - -Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar -den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er -übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch -auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere -Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe -für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg -ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose -Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten -Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich -einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel -zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es -meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen -war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er -sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs -Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste -Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen -und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein -Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la -grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur -Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten -Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf -altfranzösisch: Mademoiselle Yseult. - -Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen -Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit -der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die -treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in -dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen -hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu -denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch -dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen -gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die -Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit -entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei -der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach -Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes -Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so -fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein -späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab -um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der -beiden Mütter aufrechterhalten. - -Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war -voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das -ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals -gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung, -aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis -von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den -„Volksstaat“, wollte die soziale Frage lösen und sang in den -feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es -dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie -hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich -aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf -die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf -die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt -doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes -auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen -Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in -dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem -besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß -von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich -heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit -ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat, -in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu -erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie -begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu -modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell -so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte -sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der -künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur, -und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame -Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge -mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück, -der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der -Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle -Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im -Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang -tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal -errichtet. - -In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen -humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, -Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen -Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem -neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung -sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen -werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant -dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen -hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, -- -was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß, -weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern. -Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen. - --- -- -- Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich -mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh -gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt. -Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus -dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge, -die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch -hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander -den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste -Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein -andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem -Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese -Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie -gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären -sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche -Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die -ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder -feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so -gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend -stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den -Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und -Fülle der Falten ersetzte. - -Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu -verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen -heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine -Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend -Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere -Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen -Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige -Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine -kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen -in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte: -Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa -bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten -sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr -festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem -Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die -Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern, -die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe -neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern -nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen -waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu -dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche -Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht. -Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den -Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer -in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel -betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig -sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden -Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je -eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das -eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei -schon hinter mir. - -Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von -Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere -Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster -Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal -Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger -Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener -Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß -ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel -des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat -einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen -Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener -Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach -seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von -seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen, -die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen -Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich -allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit -und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal -mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu -tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für -den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden -Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon -vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr -geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern -von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er -mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich -an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr -zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen -zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen, -die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo. -Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen -eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte, -wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem -Gespräch und der Arbeit geteilt saß. -- Meine größte Schwierigkeit aber -war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre -damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten -ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten -übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines -heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie -darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele -fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und -leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht -die meinigen waren. - -So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große, -außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb -nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu -suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere -gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch -und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin -geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr -Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die -Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben -ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ -die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder -wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie -gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen? -Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich -unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub -auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte, -mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie -man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer -Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich -ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie -zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall -der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das -keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem -schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn -je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie -der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese -Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl -der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin -über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich -Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten -Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist -er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah -ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser -Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten -Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem -Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer -von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang -bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn -für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig -entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die -größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau -das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche -Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und -nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung -des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem -Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den -Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das -Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit! - - - - -1870. - - -Wir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig -getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus -Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte -aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den -Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im -achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war -die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl -fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war -im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter -glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich -schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der -wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt -hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich -all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem -starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas -bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter -die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu -bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie, -und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem -Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen -Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen -Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde, -bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern, -mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes -Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte. -Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der -Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir -öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i. -Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem -ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer, -und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die -Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall, -daher Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine -Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die -sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und -wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig -und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen -Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine -von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten -Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu -verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich -diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand -zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er -von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was -uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir -lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier -dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in -dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans -Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes -Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster -mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich warf noch zur Antwort und -Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich, -eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen. - -Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus -den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und -zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung -des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare -mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden -pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest -zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen -war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und -entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder -aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die -Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht -irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde -wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine -Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe -- -dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte -- ich sage: -das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig -- aber an die Tür pochte etwas -völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von -der Emser Depesche. - -Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste, -in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug. -Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer -Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi -mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch -weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine -Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr -die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf -eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso -glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß -er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur -durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne. -Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die -Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von -Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und -wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten -Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name -in allen europäischen Zeitungen zu finden. Er wurde zuerst an die -Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens -berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus -den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die -Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei -seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich -dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher -Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das -ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit -berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die -deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will -gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig -bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die -Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung -die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache, -was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht, -als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der -Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren -war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich -als Eseltreiber verkleidet über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu -retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals, -daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich -einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt, -aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In -Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten -Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu -Deutschland. - -Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre -Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß -an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des -Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber -konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit -einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem -französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie -durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich, -das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer -Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand -hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene -Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren alten Groll -und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese -Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß -sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen -es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am -stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden. - -Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter -Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm -zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum, -der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres -Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten -eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen -will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die -Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er -hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu -seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz -standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch -seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten -Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die -bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige -Gottseibeiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine -Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des -gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln, -damit der Blitz nicht ins Haus schlage. - -Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens -die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte, -verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war, -die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit -dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung -des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar -zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich -nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren -Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu -schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des -Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs, -für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte, -Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie -gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von -bierheiseren Bürgerstimmen am sicheren Wirtshaustisch gesungen, war -ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch -empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte -nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur -war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares -Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen -konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete -höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter -meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in -der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für -mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so -ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger -sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer -Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch -für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich -gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals -in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige -für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man -geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. -- Nur einmal, beim -Friedensschluß, schlugen alle Herzen in der Familie zusammen und im -Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte -auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen. - - - - -Rigi Regina. - - -Eines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht, -daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein -war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen -mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal -genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte -Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu -einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz, -als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht -war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar -dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene -Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und -dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu -zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise nur -als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort -bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam, -die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein -Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu -bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich -blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder -aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie -schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten -Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen -begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine -Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi -Regina! - -Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und -Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu -werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen, -denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht -mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten -pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen -durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck -unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der Mnemotechnik haben -sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die -ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt. - -Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit -das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in -dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem -brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in -der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester, -um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte, -verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem -Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß -Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte -ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren -Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit -dem ersten Zank. - -Einige mitreisende Herren, die das blutjunge Pärchen beobachteten, -begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die -Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte. -Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich -einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten -sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jungen Herrn an mich -heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre -erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber -lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon. -Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren, -machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein -Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde, -daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne -die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich -erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern, -der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze -Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel -vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die -Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches. -Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber -ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen; -Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher -Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf -dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der -Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen man uns dort ansah. -Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt -und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu -fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls -nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des -kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr -weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher -gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die -Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen -zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer. -Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd -schlichen wir in unsere Betten zurück. - -Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die -Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen, -um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff -ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster -hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde -dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese -übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen -Rest des Reisegelds verschlungen. - -Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. -- Ich -sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und -wir schritten stolz hinaus. - -Inzwischen begann die Sonne doch noch Meister zu werden, und außen im -Freien stand eine Gesellschaft von angelsächsischem Ansehen beisammen, -die mit ihren Gläsern nach auftauchenden Bergspitzen fischte. Und wie -bestellt, um Edgars Mißmut zum Kochen zu bringen, trat einer der Herren -aus der Gruppe heraus und bot mir in englischer Sprache sein Fernglas -an, weil eben die Berner Alpen aus dem Nebel träten; ich selber besaß -nämlich keines. Bevor ich aber danach greifen oder Dank sagen konnte, -hatte mich mein erzürnter Gefährte gewaltsam weggerissen und lief, -mich an der Hand nachziehend, wie eine Dampfmaschine bergab. Natürlich -kam nun bei mir die Milch der frommen Denkart wieder stark ins Gären, -denn ich stellte mir das Lachen der Zurückgebliebenen vor. Ihm aber -saßen neben der Anglophobie vermutlich auch noch die weggeworfenen -Kostbarkeiten auf den Fersen, daß er so eilte. Der Wunderanblick, der -sich aus dem Nebel rang, führte dann wieder die Versöhnung herbei. Aber -nicht auf lange. Denn schon sehe ich die beiden Kindsköpfe wieder, -wie sie aufs neue beleidigt und stumm den langen Weg durch den -Straßenstaub der Ebene pilgern, er hüben und sie drüben. - -Unsere Kasse, die Edgar führte, war so geschröpft, daß wir die nächste -Nacht nur noch in einer Kutscherkneipe verbringen konnten. Aber der -Vater hatte uns eingeschärft, uns nichts abgehen zu lassen, er habe -einen Bekannten in Zürich beauftragt, eine kleine Summe bereitzuhalten -für den Fall, daß uns auf der Rückreise das Geld ausgehen sollte. Wir -machten uns also keine Sorge, denn bis Zürich brauchten wir nur noch -die Fahrkarte, nachdem wir unsere Bedürfnisse schon sehr eingeschränkt -hatten. - -Aber in Zürich, als der Zuschuß abgeholt werden sollte, erklärte Edgar, -daß ich den Gang allein tun müsse, denn er seinerseits finde solch -ein plötzliches Auftauchen und Geldheischen landstreichermäßig und -bettelhaft. Ich fiel aus den Wolken; von dieser Seite hatte ich die -Sache nie angesehen, obwohl auch mir bei dem Unternehmen nicht recht -wohl war. So ließ ich mich alsbald von der Verkehrtheit anstecken und -fühlte mich nur verletzt, daß mir etwas zugemutet werden sollte, was -er seiner unwürdig fand. Er rechnete mir nun vor, daß unser Geld zur -bloßen Heimreise gerade noch ausreichen würde, wir müßten uns aber -durch den heutigen und den ganzen folgenden Tag -- von Zürich bis -Tübingen -- durchhungern. Und das täte _er_, wenn er allein wäre, -um seine Würde zu wahren. Natürlich wollte ich nun nicht hinter -ihm zurückstehen und erklärte mich gleichfalls zu der Hungerprobe -bereit. Gehoben durch diesen Entschluß durchwanderten wir die Stadt, -betrachteten uns den See und wollten dann abends noch bis Schaffhausen -fahren. Mama hatte uns jedoch bei der Abreise aufgetragen, in Zürich -auch ihren Jugendfreund Johannes Scherr zu besuchen und ihm ihre Grüße -zu bestellen. Dieser Gang sollte also rasch noch erledigt werden. Aber -vor der Haustür fiel es meinem schon wieder verdrießlichen Gefährten -ein, daß er von Johannes Scherr ein Buch gelesen hatte, dessen -hanebüchene Derbheit ihm stark mißfiel. Und nun wollte er auch nicht -mehr zu Scherr. Aber diesmal bestand ich auf meinem Kopf. Wenn ich -mich recht erinnere, ließ ich ihn unten warten und stand allein vor -dem Berühmten. Ich richtete aber nur kurz die mütterlichen Grüße aus -und hatte es eilig, mich wieder zu empfehlen, weil ich des Bruders -siedende Ungeduld fürchtete. Dies half jedoch nichts, denn als es -sich auf dem Bahnhof zeigte, daß die Züge gar nicht mit dem Fahrplan -stimmten, war ich doch wieder die Schuldige. Er war gereizt, weil er -müde und hungrig war. Ich war aber gleichfalls müde und hungrig und -sah nicht ein, weshalb ich nun auch noch den ungerechten Mißmut des -anderen Teils über mich ergehen lassen sollte. Wer mir gesagt hätte, -daß es ein künftiger Helfer und Wohltäter seiner Mitmenschen war, der -in solche Launenhaftigkeit verkappt mir gegenübersaß! So schwiegen wir -abermals und sahen beleidigt zum Fenster hinaus. Erst die wilde Pracht -des Rheinfalls führte uns wieder zusammen. Und als wir im „Rappen“ zu -Schaffhausen um ein bescheidenes Nachtlager einig geworden waren und -dann entdeckten, daß unsere Mittel uns noch eine kleine Abendmahlzeit -gestatteten, war die Welt wieder einmal vollkommen. - -In der Frühe bedurfte es einer Ausflucht, um dem uns angebotenen, ach -so verlockenden Morgenkaffee nebst Honigbrötchen zu entgehen, denn der -große Fasttag mußte jetzt wirklich beginnen. Aber auf den Hohentwiel, -der an unserem Wege lag, wollten wir doch nicht verzichten, schon des -Ekkehard wegen, den damals die deutsche Jugend mit Begier verschlang. -Wir stiegen also, nüchtern wie wir waren, in Singen aus und wanderten -durch den Wald, der uns mit so mancherlei Beeren erquickte, nach der -Felsenburg. Doch o weh, das Eingangstor war verschlossen und sollte -sich nur nach Erlegung von 25 Rappen für die Person öffnen. Solche -Summen hatten wir nicht mehr aufzuwenden. Wir schlugen uns in die -Büsche, überkletterten geschichtete Felsenplatten und sprangen über -die Mauer in den Hof hinab. Dabei machte ich die Erfahrung, wie es -denen zumute ist, die außerhalb des Gesetzes leben. In der Menge der -zahlenden Besucher verborgen sandten wir suchende Blicke nach dem -Bodensee, der sich nur schwach im Dunst abzeichnete; auch die Geister -Hadewigs und ihres verliebten Mönchs ließen sich nicht blicken. Und das -Herzklopfen, bis man endlich unter den Augen des Wächters glücklich -zum Tor hinausgeschritten war! In solchen Augenblicken bestraft -sich’s, wenn man nicht geübt ist, auf unrechten Wegen zu wandeln. -- -Noch war ein langer Tag vor uns; um nichts zu versäumen, erklommen -wir unverdrossen auch noch den steilen Basaltkegel des Hohenkrähen, -der uns gleichfalls den Lohn unserer Mühen schuldig blieb. Jetzt aber -meldete sich der Hunger immer unwiderstehlicher. Darum beschlossen wir -von Singen bis zum nächsten Statiönchen zu Fuße zu wandern, um vom -Fahrgeld ein Stück Brot für jedes abzusparen. Wir marschierten wacker -zu, trotz Staub und Hitze und den zwei vorangegangenen Besteigungen -und fühlten uns an diesem Tage zum erstenmal vollkommen friedlich und -einig. Auf dem Bahnhof erkannten wir, daß uns noch Zeit genug zur -Ankunft des Schnellzugs blieb, und wir verständigten uns alsobald, -noch bis zur nächsten Station weiterzumarschieren, um durch unserer -Füße Arbeit zum Brot auch noch ein Stück Käse zu verdienen. Als dort -die Fahrkarten gelöst waren, konnte Edgar mir noch ein ganzes Häuflein -Münzen für meine Einkäufe in die Hand schütten, denn es gehörte auch -zu seinen Eigenheiten, daß er selber niemals einen Kaufladen betrat. -Ich trug zwei duftende Laibchen Weißbrot und eine stattliche Schnitte -Emmentaler davon. Mit Stolz brachte ich sie dem Bruder, der sich -abseits der Landstraße unter einem Birnbaum niedergelassen und einen -Haufen herrlicher Birnen vor sich aufgestapelt hatte. Ich fragte nicht, -mit welchem Rechte. Wir setzten uns in tiefer, freudiger Eintracht -nebeneinander und genossen die köstlichste Mahlzeit und das reinste -Glück, das uns auf der ganzen Reise beschert war. - -Oh, und der Kalbsbraten, mit dem die gute Josephine uns abends in -Tübingen empfing. Es war, als ob sie alle unsere Leiden geahnt hätte, -die treue Seele. Der Vater sagte nur, als er uns so verhungert sah, mit -gerührtem Lächeln: Ihr dummen Kinder! Der bleibendste Wert dieser Reise -war vielleicht der, daß mein Kamerad in den drei Tagen so viel von -seinen knabenhaften Wunderlichkeiten ausgeschüttet hatte, daß er nun -allmählich zu werden begann, wofür er sich bisher mit Unrecht gehalten -hatte -- ein Mann. - - - - -Besuch in Frankreich. - - -Anderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant -meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in -Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode -verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von -dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter -solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten -Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt -kennenzulernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte. -So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich -einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich -das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo -noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges -deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs reisen -lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht -mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es -zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit -- ich bekam -weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein -unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören. -Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den -fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über -den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim: -Nous ne sommes pas vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine -sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der -Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem Durchschnittsfranzosen noch -gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war. - -In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D., -der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter, -verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau -flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr -überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter -Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben -mit Tapetentüren unter Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert -hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangenblütenwasser, -das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender -Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte -mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken -Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde, -das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich -mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden -mit mir. Ich besah mir die „Ruinen von Paris“, zusammengekehrte -Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die -den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen -waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als -historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der -Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht -sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und -Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der -Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes -Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen, -mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen -sein! Greuel waren von der einen und von der anderen Seite geschehen, -vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte -von Lebenslust und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in -dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei -nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war’s wie Nachzittern -vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten -mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach -der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen -waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten -sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges -Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn -meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde -bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den -üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und -Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu -drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der -sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen, -wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe, die Ratten -zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei dem -schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine -Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man -die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die -feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch -hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich -eingeimpft worden ist. - -Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des -Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck -am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug -ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte -Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau -Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis setzte, daß dies ein -Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte, -und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich -versprach’s, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde, -mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das -junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der -Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter, -mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten -mich hin und her, schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung, -Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung: -Mais elle est bien; elle est très bien -- bis doch schließlich eine -entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das -schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte -und daß ich würdig wäre, eine Französin zu sein! Es war gut gemeint -und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war, -erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da -ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun -wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch -auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich -selbstverständlich Erster gereist sei. - -Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem -Leben in der französischen Provinz bekam. - -Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und -einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein -Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für -den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich -als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau, deren ganzes -Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den -Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht -Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu -auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging, -so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm -ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der -französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand -schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung -von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf -den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten -Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen -wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so -begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon -Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein -mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge -schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische -Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der -Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch -kamen, und das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige, -was es in Vierzon gab. - -Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog, -Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres -Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das -über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter. -Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche -„Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz -bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten. -Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier, -dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und -Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus -Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann -die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und -es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet -waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines -Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre -Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ. - -Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten -Obst- und Blumenspalieren wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang -über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen -ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine, -von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten -Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine -schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher -Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit -ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit -ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen. - -Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie -sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen -und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich -fallen mußte -- denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt -ihrer Landsleute --, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem -gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne, -weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in -Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos -galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen -Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut seien. -Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der -Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich -war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie -habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese -Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen -Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen -Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich -ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige -Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten -spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der -Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen -erstochen und wurde -- ungerechterweise, wie alle sagten -- zu dreißig -Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem -Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam -verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar -nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war -nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen -konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein -anderes Verhalten überhaupt nicht möglich sei. Freilich bedachte ich -im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz -anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich -so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen -des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft -wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt -vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer -gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung -abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen -Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des -Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur. -Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant -entstammte. - -Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen -jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London -geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes -Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war -Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen -um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den -Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als -gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung -den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich -aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer -ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir -auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, -- es war -nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten -Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So -war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht -sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin; -diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends -herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang: - - On dit que l’on te marie, - Tu sais que j’en vais mourir -- - -Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es -entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land -mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den -Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen -Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen. -Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants -Sinne, denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich -plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten -zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten -Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel -ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches -Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung -benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte -mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster -zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie -der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen, -nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz -anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause -eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau -Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da -sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte, -auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten, -zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage -kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank, -blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der -verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann später in der -schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener -Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte -Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu -erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was -für Genüsse mich dort erwartet hätten. - -Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den -Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von -den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von -den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der -elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem -ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und -dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher -Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich. -Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden. -Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir -besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger -Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse -Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut -besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten gebucht -werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein -eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter -eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach -fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis -Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters -sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen -Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden -in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu -sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore -nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit -Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des -Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und -erbat mir seine Karte zum Andenken. - -Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller -Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und -Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater -in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar -ist, immer noch erträglichere. -- Es ist schwer, besonders für die -Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu verallgemeinern. -Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich -Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein -einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois -die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die -Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von -so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen -Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der -Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der -Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar, -Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise -zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich -in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn -Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber -mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr. - -Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später -infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst -in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt. -Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen, -die natürlich mit der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch -Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen -allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits -erhalten. - -In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders -nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale -Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war -nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte, -in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen -verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger -Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart -und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre -1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil -er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht -für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als -der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen -Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er -tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte: -er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung. -Er ging aber noch viel weiter, denn er predigte den Völkerhaß. Die -Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja -stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben -deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine -geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter -denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er -ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge -hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief, -den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der -später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme -an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch -sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß -das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm -empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den -kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant -einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle -Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders -als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch -nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben. -Man sah ihn in den Wandelgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit -stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris -herzgebrochen nach kurzer Krankheit. - - - - -Bedrängnisse. - - -Unter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine -Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit -ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen -Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich -ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm, -sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner -Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus -allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen -meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast -Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit -und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen -und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen, -das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie nämlich zu der -seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es -nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn. -Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine -Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen -des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau -nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und -Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid -für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß -er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt -freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte -gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine -Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese -Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem -Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit, -brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche -Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung. -In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen, -wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung -in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zukunft zu überlassen. -Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend -der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil -hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die -Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie -den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die -Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes -Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später -gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis, -das er seinem inneren Wert ausstellen konnte. - -Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich -seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen, -erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen -Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern. -Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich -ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit -freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das -Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz -gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen -Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen -mich angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu -bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief -von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich -ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt -es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das -Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches -und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine -ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung -in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber -- ihr send net für de -Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen -vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen -Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche -rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner -vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich -nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter, -Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst -du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht. -Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich -selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann, und -ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten -wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es -waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so -allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche -Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren, -empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies -die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen -Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um -mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine -sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu -durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die -Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich -abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab -meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und -die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der -Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich -zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren. -Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir -so nachteilig wurde. - -Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und -besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen -gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung -gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer -Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und -gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch -Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand -er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach -abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern -wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich -mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen. -Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein -zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan. -Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen -Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein -Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. -- Was beginnen? -Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich -nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit -mir nicht anzulegen gesonnen war, dazu fehlte mir die nötige -Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher -ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie -durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich -hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe -hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut -begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein -Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn -ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der -Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten, -sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als -heimzustürzen -- den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn -Fahrgelegenheiten gab es damals keine -- und schleunigst zu erkranken. -Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich -kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch -das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und -verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu -hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem -plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich -ein paar Stunden ungestört schlummern zu lassen und unter keinen -Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war -höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu -der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften -Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen -Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und -schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte -in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als -angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante -erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich -wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln, -denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber -Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas -verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen -zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich -fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen -auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere -poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte -Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde. - -Das schlimmste war, daß ich überhaupt nicht wußte, was ich mit mir -selber wollte. Unterkriechen wie die andern, geborgen sein um jeden -Preis oder als vermögensloses Mädchen allen Stürmen preisgegeben, mit -lauter brotlosen Künsten ausgestattet und gar nicht für den Lebenskampf -erzogen? -- Kein Wunder, daß es älteren Freunden um mich bange wurde. -Es gab damals für ein Mädchen keinen Weg ins Leben als durch die Ehe -und -- in wunderseltenen Fällen -- durch die Kunst. Aber die Gabe, an -deren verfrühte Äußerungen die Meinigen so feurig geglaubt hatten, -schien mir wieder entzogen zu sein. Wenn ich in das Meer nebelhafter -Bilder, das immer um mich wogte, hineingreifen wollte, um sie zu -formen, so faßte ich in Luft. Mein Mütterlein meinte, ich hätte nur -da weitermachen dürfen, wo ich nach Lilis Erscheinen stehengeblieben -war. Aber damals hatte ich in kindlichem Trieb Vorhandenes nachgemacht -und mit fremden Mitteln gewirtschaftet. Jetzt, wo ich aus Eigenem -gestalten wollte, stand ich mit leeren Händen da. Und der unstillbare -Drang nach starkem Erleben war zugleich auch der unbewußte Trieb, den -Schatten Lebensblut geben zu können. Immer deutlicher fühlte ich, daß -der Boden Tübingens mir überhaupt für meine Entwicklung nichts mehr -zu bieten hatte. Das weibliche Geschlecht war ja damals so gestellt, -daß es nur vom Leben selber lernen konnte. Meine Studien, ganz mir -selber überlassen, gingen die Zickzackwege des Zufalls. Gesellige -Freuden begannen schal zu schmecken, und ich war meist nur mit dem -Körper anwesend. Meine ganze Anlage zog eine Scheidewand zwischen -mir und der Außenwelt. Menschen und Dinge des Alltags hatten gar -keine Wesenhaftigkeit für mich, wenn ich mich nicht gerade an ihren -Ecken und Kanten stieß. Es quälte mich, wenn in meiner Gegenwart die -bürgerlichen Umstände anderer, ihre Verwandtschaften und dergleichen -erörtert wurden. Dauerte es lange, so meinte ich mich innerlich dabei -aufzulösen. Ich wußte am liebsten nicht einmal genau, wo unsere -Freunde wohnten, daß ihr Kommen und Gehen wie aus unbekannten Reichen -war. Diesen Zug hatte seltsamerweise auch mein Vater in seiner Jugend -gehabt, wie ich aus einer Niederschrift von ihm ersah. Aber es war -freilich schwer, ihn dem jungen Mädchen nicht für Lieblosigkeit -auszulegen, während er nur dem Triebe entsprang, die stillose Enge der -Umwelt durch die Vorstellung aufzuheben. - -Ich weiß kein Volk, das ein Wort für Sehnsucht hätte, außer den -Deutschen. Das désir und desiderio der Romanen ist wohl stärker an -Leidenschaft, aber es hat nicht das Auflösende, Halbverschmachtete -unseres Sehnens. Sie alle kennen das Heimweh, aber von dem Weh nach -einer ungekannten schöneren Heimat wissen sie nichts. Woher sollte -den Südländern, die an Natur und Kunst besitzen, was jeden Wunsch zum -voraus erfüllt, die Sehnsucht nach einem schöneren Land, nach einem -Wunschland kommen? Des Deutschen ewige Sehnsucht ist nichts anderes -als seine unglückliche, nie gestillte Liebe zur Form. „Du bist Orplid, -mein Land, das _ferne_ leuchtet.“ Dieses Ungenügen an der Wirklichkeit -ist der Ursprung aller Romantik. Wo das Leben wie ein breiter Strom -zwischen schönen Ufern daherbraust, gibt es keine. Dann ist die -Wirklichkeit mächtiger als jeder Traum. - -Mein liebes Schwabenland, von seinen Kindern nur das „Ländle“ genannt -(die Neigung des Schwaben zum Verkleinerungswort hat in der Gestalt -eben dieses Ländles ihre tiefe Begründung), ist ein Gebilde eigener -Art, gleichsam eine Musterkarte aller Länder. Es sieht aus, als hätte -der Schöpfer, bevor er die Erde entwarf, ein Modell davon im kleinen -hergestellt, worauf er jede Form andeutete, die er hernach im großen -ausführen wollte: Berge, Flußläufe, Ebenen, Wasserflächen, alles ist -vorhanden, aber in kleinerem Maßstab und in stetem Wechsel. Immer steht -man wieder vor einem anderen Bild. Diese Vielartigkeit hat nichts -Zwingendes, Stilgebendes wie einfache Größe von ausgesprochener Art, -die allein da ist und alles andere ausschließt. Vorstellungen werden -angeregt, aber nicht erfüllt. Daher lag und liegt vielen Schwaben die -Unruhe von Hause aus im Blut. Wer vom Gipfel des Hohenstaufen blickt, -der meint mit einem Male ein Stück mittelalterlicher Geschichte zu -verstehen: die Weite, die sich auftut, lockt über die niederen Kuppen -weg in fernere südliche Weiten, die Anmut der Landschaft erregt, -aber sie befriedigt nicht, sie erweckt ein unruhiges Verlangen nach -höherer, ernsterer Schönheit, den Drang gen Süden. Solch ein Drang -nach Ausdehnung und Erfüllung war auch in mir. Ich ersehnte mir die -große Linie und die herrschende Form: statt der Alb die Alpen, statt -kleiner Heidestrecken die Pußta oder die Savanne, statt dem Bodensee -den Ozean. Da war ferner ein Geist bürgerlicher Nutzbarkeit über -die ganze Natur verbreitet, gegen den ich mich innerlich auflehnte. -Diese reichen, aber in winzige Gütchen verteilten Kornfelder, diese -endlosen Fruchtbaumreihen, heute ein so rührender Anblick! ließen mich -unbefriedigt. Ich war krank nach dem Zwecklos Schönen, nach Wüste und -Urwald oder nach der strengen monumentalen Landschaft des Südens mit -architektonisch angelegten Gärten und Terrassen aufs Meer. Darum -bedrängte ich meinen guten Vater, mich in der Vakanz nur bis Venedig zu -führen. Ich glaubte, es müsse auch ihn glücklich machen, der doch so -ganz anders geartet war, der in der Jugend ein Unrecht an der Heimat zu -begehen meinte, wenn er nur ihre Grenzen verließ. Aber er konnte mir -keinen Wunsch abschlagen. Es wird mir nichts übrig bleiben, als dem -Kinde den Willen zu tun, sagte er ergeben zu meiner Mutter. -- Doch es -sollte nicht mehr so weit kommen, und schon die Geldverhältnisse hätten -es verwehrt. - -Auch Mama begriff meine Abneigung gegen die heimische Enge nicht, -denn da sie die Schranken der Erde überhaupt nicht sah, war für sie -die Weite überall. Und mein beständiges Verlangen nach edler Form -begriff sie noch weniger. Sie genoß zwar den Anblick schöner Menschen -aufs innigste, wie sie sich auch der eigenen adligen Leibesform, die -niemals weder massig noch knöchern werden sollte, mit Behagen bewußt -war, aber die Formlosigkeit war ihr nicht wie mir ein Augenschmerz. Und -alle andern verstanden mich noch weniger; es schien niemand etwas zu -vermissen. - -Doch einen gab es in Tübingen, der mich verstand und den ich oft in der -Stille besuchte, wenn wir auch nicht miteinander reden konnten. Sein -Denkmal stand im Botanischen Garten, es prahlte laut und stimmungslos -mit einem Genius, der einen blechernen Stern auf dem Haupte trug, -deshalb ging ich im Bogen daran vorüber nach dem Friedhof. Dort, nahe -der unteren Mauer, lag sein Grab. Man mußte die tief herabhängenden -Schleier der Trauerweide aufheben, dann war man in grüngoldener -Dämmerung mit dem Schläfer allein. Ein schmaler Stein stand schief -eingesunken an dem ungepflegten, damals halb vergessenen Ort. Er trug -den Namen Friedrich Hölderlin und auf der andern Seite den Vers: - - Im heiligsten der Stürme falle - Zusammen meine Kerkerwand usw. - -(Ein Vers, der noch aus seiner Frühzeit stammt, da er „wortreicher und -leerer war“. Man hätte Tieferes und Eigeneres für seine Grabschrift -finden können.) - -Mit ihm redete ich von den Griechen. Nur seine immerwährende Schwermut -und Trauer um jene Lebendigen teilte ich nicht. Sie waren ja doch da, -wer konnte sie uns nehmen? Ich vergaß nur, daß für ihn die schwäbische, -ja die deutsche Heimat noch viel, viel enger gewesen, daß, je weiter -man zeitlich zurückging, desto größer die Formlosigkeit war und all die -Dinge, die sein schönheitverlangendes Gemüt so unsäglich beschwerten -und verletzten. Hätte er lachen können, ein befreiendes Lachen, er -wäre vielleicht nicht so frühe untergegangen. Aber er wäre auch nicht -jener Einzige geworden und seine Stimme käme nicht wie ein Klang aus -anderen Welten zu uns herüber. - - - - -Der Brand und die Flamme. - -Hat der Mann ein Seelenleben? - - -Ich weiß nicht, ob die kleinen Episoden, die ich hier erzählen will, -nicht vielmehr in die Zeit nach meines Vaters Tode fallen. Mein -Gedächtnis schiebt sie an dieser Stelle ein, weil mir nachträglich -alles Heitere _vor_ jenem dunklen Tage zu liegen scheint. - -In der Kronengasse, schrägüber von unserer Wohnung, lag eine -Studentenwirtschaft, die Flammerei genannt, wo Edgar und zuweilen auch -die jüngeren Brüder die Abende verbrachten. Daß es dabei munter und -witzig herging, mußte ich den Beteiligten glauben, als Unbeteiligte -sah ich aber immer nur den unfrohen Ausklang der fröhlichen Stunden. -Zwar trieben sie es gewiß nicht schlimmer als die andern Musensöhne -auch, nur daß jene der Mehrzahl nach nicht unter den Augen ihrer -Mütter lebten. Die meinige konnte sich an das Nachtschwärmen ihrer -Söhne nicht gewöhnen und wollte niemals schlafen gehen, bevor sie -alle daheim in ihren Betten wußte, wenn es auch noch so spät wurde. -Hatte ich sie endlich doch dahin gebracht, daß sie sich niederlegte, -so horchte sie schlaflos, bis sie Edgars Tritt auf der Treppe vernahm, -denn ihm, für den sie von klein auf am meisten gezittert hatte, galten -vor allem ihre Ängste. Im Nu war sie aus dem Bette und auf dem offenen -Gang, ich ebenso schnell, in einen Überwurf gehüllt, an ihrer Seite, -um den aufgrollenden Sturm zu beschwören. Dabei verdiente ich mir, -wie es den Friedensstiftern zu gehen pflegt, bei keinem der beiden -Teile Dank, da der eine nur den gestörten schönen Abend, der andere -nur die in Sorge durchwachten Stunden sehen wollte. Mamas Raschheit -endete gewöhnlich damit, daß der ebenso rasche Sohn alsbald wieder -in die Nacht hinausstürmte und erst zum Morgenkaffee nach Hause kam. -Mir lag es dann ob, das aufgeregte Mutterherz zu beschwichtigen, sie -ins Bett zurückzuführen und bei ihr zu sitzen, bis sie sich in Schlaf -gegrämt hatte. Die wunderbare Frau, die bei der Gedankentiefe eines -Philosophen nicht mehr weltliche Klugheit als ein Kind besaß, wollte -sich niemals überzeugen lassen, daß die Stunde, wo ein Student in -erhöhter Stimmung aus dem Wirtshaus kommt, nicht die geeignete ist, -ihn vom Wirtshausgehen zu bekehren. Leichter hatten es die jüngeren -Brüder, besonders Erwin, der die Kunstschule von Rottenburg besuchte -und in den studentischen Kreisen seiner Zeichenkünste und seines -heiteren mimischen Talentes wegen ein gern gesehener Gast war. Wenn -sich einmal die mütterlichen Vorwürfe über ihn ergossen, so nahm er die -kleine leichte Frau singend in den Arm und tanzte mit ihr, bis ihr Wort -und Atem ausgingen und ihr Unmut sich in Lachen löste. - -Eines Tages bat er mich für einen Streich, den er vorhatte, um mein -hübsches hellgraues Straßenkleid. Ich half ihm selber in den Anzug, -bemühte mich, seine schlanke Länge mittels eingestopfter Taschentücher -etwas ins Weibliche zu runden, gab ihm noch Anleitung, gesittet in -den Röcken zu gehen und entließ ihn mit meinem Segen. Der Bengel -sah bildhübsch aus, begann aber auch gleich, seine Augen auf eine -Weise im Kopf zu drehen, daß mir Arges schwante. Edgar stellte ihn -in der Flammerei als eine von auswärts gekommene Base vor, niemand -erkannte ihn, und die schöne, geschmeidige Erscheinung erregte -natürlich das stärkste Aufsehen, denn es war unerhört, daß ein junges -Mädchen aus guter Familie des Abends unter den Studenten saß. Das -Dämchen kokettierte gewaltig, zechte, rauchte, ließ sich mit jedem -einzelnen heimlich ein und gab Betulichkeiten betulich zurück. Ein -hübscher, etwas leichtsinniger Philologe jedoch sah sich für den -Meistbegünstigten an und fing ernstlich Feuer. Seine Huldigungen wurden -so stürmisch, daß Edgar es geraten fand, die gefährliche Verwandte, -durch deren Betragen er sich nachgerade etwas bloßgestellt fühlte, -geräuschlos verschwinden zu lassen. Der erregte Anbeter stürzte ihr -auf die Straße nach und rannte die ganze Stadt nach dem Gegenstand -seiner Flamme ab, während der Schalk schon still daheim im Bette lag. -Er behielt jedoch meine Kleider und fuhr dann und wann wieder hinein, -um schnell irgendwo aufzutauchen und spurlos zu verschwinden, worüber -der Suchende in immer größere Leidenschaft geriet. Edgar warnte ihn -vor der Kokette, deren Besuch man ihrer unziemlichen Haltung wegen -habe abkürzen müssen; der andere behauptete dagegen, sie sei noch in -der Stadt und werde grausamerweise vor ihm, der es doch ehrlich meine, -versteckt. Edgar mußte schließlich dem Jammer ein Ende machen und -erklären, daß das schöne bacchantische Kind sein jüngerer Bruder sei. -Der Gefoppte kam wie von Sinnen, weinte, sprach vom Totschießen, fand -aber am Ende seinen Trost darin, das zierliche Bürschchen, das ihn an -der Nase geführt hatte, wärmstens ins Herz zu schließen. Ich erhielt -nun endlich auch mein Kleid zurück, mußte es aber wegschenken, denn -nachdem es solche Orgien gesehen hatte, mochte ich es nicht mehr an -meinem Leibe fühlen. - -Die Zusammenkünfte in der Flammerei gingen immer weiter und die Ängste -meiner guten Mutter ebenfalls. Sie sah es deshalb gern, wenn auch -unsere jungen Hausfreunde die Flammerei besuchten, denn von jedem -hoffte sie, er würde einen günstigen Einfluß üben und die Sitzung -abkürzen. Aber jene verfielen alsobald dem Genius loci und blieben -ebenfalls sitzen. Darum entzog sie ihnen ihre Gunst und sah immer in -dem zuletztgekommenen Verführten den Verführer. Nicht anders ging -es unserem Freunde Ernst Mohl. Eines Abends, da die Wirkungen der -Flammerei an den jungen Herren gar zu deutlich hervortraten, schloß der -ältere Freund sich ihnen als getreuer Eckard auf dem Heimweg an, um -den häuslichen Zusammenstoß abzuschwächen. Als sie miteinander nicht -eben geräuschlos zur Tür hereinkamen, wollte Mama gleich mit Vorwürfen -gegen den vermeintlichen Anstifter losbrechen, aber ich kam zuvor, -indem ich selber das Strafgericht übernahm und schließlich den Reuigen -verurteilte, des anderen Morgens um neun Uhr mit einem Bußgedicht über -das Thema „Der Brand und die Flamme“ anzutreten. - -Dadurch bekam der Auftritt unerwartet eine heitere Wendung. Während -jener bußfertig die Strafe auf sich nahm und das Gedicht im -Katzenjammer zu schmieden versprach, gewannen die Hauptschuldigen Muße, -sich friedlich in ihre Betten zu verziehen. - -Richtig stellte sich der Gemaßregelte des anderen Tages zur bestimmten -Stunde ein und brachte sein Gedicht, das also lautete: - - -Der Brand und die Flamme - - Daß ich, dieweil ich in der Flamme - Mir antrank einen kleinen Brand, - Obgleich ich sehr noch auf dem Damme, - Dir meine Schwäche eingestand, - - Das hat in dir des Zornes Flamme - Zu solchem Übermaß entfacht, - Daß du, Herzlose und Grausame, - Mir eine Strafe zugedacht: - - Ich solle gleich nach Hause gehen, - Ausschlafen von der Kneiperei, - Und dann in Versen dir gestehen, - Wie sehr ich zu verdammen sei. - - Ich werde -- ehrlich es zu sagen, - Ist Rache ebenso wie Pflicht -- - Noch manchen aus der Flamme tragen: - Die Ente läßt das Schwimmen nicht. - -Freilich, die Ente am Schwimmen zu hindern, hätte es ein Wunder -gebraucht. Der Trunk galt damals noch beim deutschen Mann in viel -höherem Maß als heute für einen Ausweis von Männlichkeit und war -zugleich von einer Art Weihe umgeben, denn man glaubte noch das Weben -altgermanischen Heldengeistes beim Humpen zu verspüren. Dieses deutsche -Erbübel drückte dem ganzen Leben seinen Stempel auf und trug viel zu -der gesellschaftlichen Formlosigkeit bei, weil es die Geschlechter -trennte. Ältere Herren hielten es meist in Damengesellschaft nicht -aus; kam solch ein männlicher Gast in die Familie, so erging in kurzem -an den Hausherrn die Frage: Wollen wir _streben_? Darauf erhoben sie -sich und strebten -- natürlich nach dem Wirtshaus. Dort wurden erst -die tieferen Gespräche entbunden, die kein weibliches Ohr vernahm als -das der Kellnerin. Wie durfte man nun erwarten, brausende Jünglinge -von einer Sitte fernzuhalten, die von ihren Lehrern und Vorbildern mit -Inbrunst geübt und von den Dichtern als einer der höchsten Lebenswerte -besungen wurde? Auf diesem Punkte konnte man sich nie verstehen. Ich -war natürlich den Wirtshäusern, die mich so viele schlaflose Nächte -kosteten, spinnefeind, und wenn man auf gemeinsamen Spaziergängen in -eine Wirtschaft geriet, wo die männliche Jugend sich alsbald festhakte, -so saß ich nach kurzem wie auf Kohlen. Edgar klagte, daß ich den -Komment nicht erfaßt hätte, und suchte mich aus dem Hafis und Anakreon -von der Poesie der Schenke zu überzeugen. Aber vergeblich: auf einer -Holzbank vor dem Bierglas zu sitzen, gehörte für mich zu den schwersten -Geduldsproben, und selbst dem grünen Blätterdach der Roßkastanie -wurde ich gram, so schön seine lenzlichen Blütenkerzen waren, weil -dieser Baum sich in meiner Vorstellung mit dem Sonntagspublikum der -Wirtsgärten und dem Gegröl der Kegelbahn unzertrennlich verband. Da -gegen den germanischen Durst in keiner Weise aufzukommen war und ich -die Erfahrung machte, daß auch diejenigen unserer jungen Freunde, -die mir die ritterlichste Ergebenheit bezeigten, sobald sie zwischen -meiner Seelenruhe und dem Wirtshaus zu wählen hatten, dem Wirtshaus -den Vorzug gaben, und kein Vorsatz, kein Versprechen stark genug war, -sie zu binden, wurde ich allmählich am männlichen Geschlecht völlig -irre. Und in meiner Verzweiflung setzte ich mich eines Tages nieder, -um eine Untersuchung zu schreiben über die Frage: „Hat der Mann ein -Seelenleben? Oder ist er nur ein Gefäß zur Aufnahme von Flüssigkeit?“ -Ich brachte es aber nicht weiter als bis zur Überschrift, denn ich kam -über das Für und Wider nicht ins klare. - -Als ich einmal nach Jahrzehnten, kurz bevor Edgars arbeitsreiches Leben -vorzeitig schloß, mit ihm in Florenz beisammen saß und wir der alten -Zeiten gedachten, bekannte ich ihm, mit welchem literarischem Vorsatz -ich mich dazumal in Tübingen getragen hatte und wieso ich über die -Beweise für das Seelenleben des Mannes nicht schlüssig geworden war. Da -strich er sich schmunzelnd über den Bart und sagte: Ich glaube jetzt -die Frage dahin entscheiden zu können, daß der Mann unbestreitbar ein -Seelenleben hat, daß ihn aber dieses nicht hindert, auch ein Gefäß zur -Aufnahme von Flüssigkeit zu sein. -- Sprach’s und leerte mit Andacht -sein Glas Chianti. - - - - -Der 10. Oktober. - - -Während die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum -irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte -sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich -sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders -als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen -zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit -gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind, -er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen -Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge -selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung -des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater -mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens. -Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich geistig nicht so viel von -ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre. -Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast -mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren -Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht -aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu -wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von -dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den -Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut -waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan! -Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg -nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden, -ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es -plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und -hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf -und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren -Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun -fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig -Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen. -Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel, -würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das -ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über -das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der -Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem -Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang -mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber -noch nicht erfahren hatte. - -Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die -Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es -kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken -Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer -geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich -wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern -zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater -aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in -Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen. -Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige -Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des -Gehirns verursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte -er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen -Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende -Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei -erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter -dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen -allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um -ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten -weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu -bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht -mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte -in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von -welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der -verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne -Abschied hinwegnahm. - -Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen, -unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich -mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich -später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes -Weinen ausbrechen sah, so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht -eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt -vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von -der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn -des Wortes nicht _fassen_, und dieses Unvermögen verursachte eine -schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim -atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem -Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir -innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und -das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht -zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir -das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in -dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht, -aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das -Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen, -das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte, -als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen -Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren -um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm -ertötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden, -aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn -gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet -hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und -dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper -geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für -das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche -Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte -ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als -der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie -wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden. - -In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig -neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren -Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die -jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich -eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters -Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst -aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst -nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie sagen. -War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod -nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag -über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten -ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem -Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht, -das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche -Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden -Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um -Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen -galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was -sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es -war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht -immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann. - -Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt -über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen -redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der -ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit -Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen -waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten Werke -heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und -Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874 -übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung -mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama -und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe, -die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J. -Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten. -Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden -schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr -heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit -ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der -angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande -meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der -leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße -von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei -jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob -sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern -und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles -still blieb, trat ich selbst mit einem Bildhauer in Unterhandlung. Und -nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein -bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte -sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein -auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem -Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend. -Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran -freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich -gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber -der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft -wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig -überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich -sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte -führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen -konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte, -deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig -war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes, -ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er -sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht. -Die Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches. -Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen, -schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte -Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz: - - Die weißen Flocken fallen dicht - Auf Dach und Mauern; - Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht - Mit Schauern. - - An einen Schläfer denk’ ich, hart - Im steinigen Bette. - Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt - Die Stätte. - - Im engen Schreine hingestreckt, - Ruht er verborgen, - Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt - Kein Morgen. - - Und um sein kaltes Kissen, weh, - Die Winde blasen, - Mit weißem Linnen deckt der Schnee - Den Rasen. - - Mich schauert und die Ruh’ ist fort - In nächtiger Stunde, - Denk’ ich an jenen Schläfer dort - Im Grunde. - -In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte -meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar -in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er -sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter -seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des -Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte -mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn -suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde -Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie -man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden -durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg -in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon -ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue -Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an -einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in -sehr schwerer Zeit zart und hilfreich zur Seite gestanden und der -in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich -niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für -ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht -zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben -werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu -meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes -Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von -innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf -damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich -selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in -den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in -einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und -glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend, -keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts -zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine -halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da -war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem -herwich wie der Horizont. - -Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag, von dem er keine -Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder -den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit -Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen, -als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese -Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend -gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual -waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei -war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand, -so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch -nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit -in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich -sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe -unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem -Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch -in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren -uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu -ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses, -nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl -hätte mir die reife Männlichkeit eines viel älteren Bruders getan! -So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber -häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der -Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als -die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu -begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen -und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal -verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem -Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht -führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das -Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort, -worin die Worte standen: - - Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen? - Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt? - Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen - Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt. - -Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte -nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine -allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch -viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen -Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch seine -Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so -ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin -der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck -durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um -in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von -den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie -Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten, -denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff -gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung -erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung -aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn -mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen -Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere -Studierende zu Schülern hatte. - - - - -Wieder bei den Griechen. - - -Im Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer -Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien -auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund -meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste -Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir -ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und -erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen. - -Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die -Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein -würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer -aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung -mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen -schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während -des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach -eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert -hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom -Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom -Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen. -Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die -Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das -unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns -mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen -gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde -nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen -Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend -dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend -war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites -Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar -Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch -die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie -uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken -am Urtext meiner Lieblingsdichtung. Der treffliche alte Voß hatte -mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen -Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht -ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie -anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem -Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine -mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner -bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer -Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs -zurückweist, läßt Voß den Helden antworten: - - _Ein_ Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen. - -Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer? - - Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης. - (_Ein_ Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.) - -Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne -griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich -vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen -wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die -ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre -vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt -an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten -sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit; -besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch -spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es -auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der -Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes -durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen -und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen -ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt -der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in -der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie -viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien -zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und -der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen -Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand -wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne -trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes -Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde -dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere -Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche -Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden -Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu -schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen -Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern -aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker -sich den adligsten aller Menschen _dachte_. Die griechische Geschichte -hat nur _einen_ hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem -man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der -zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen -und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten -des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er -nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer -beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt -die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie -ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird -eingeschränkt durch den Zusatz „nach dem tadellosen Achilleus“, wie -der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit -wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem -Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische -erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht, -wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als -der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des -Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen -nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke -nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal -voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt, -indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück. -Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie die -schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich, -aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem -unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche -Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im -Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur, -weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu -genügen. - -Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held -wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über -alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar -keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem -Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit -Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne -Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch -auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und -selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem -alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer -des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht -keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das -Größte, was der Dichtung jemals gelang. - -Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl -spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit -den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren -später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen -Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und -dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so lebendig macht, -das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die -geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um -die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und -weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene -ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich -das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten, -zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben -mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich -dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen -hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte -Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch -einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch -erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis -der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war, -sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der -Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend -Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums -stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen -waren, lehrten mich auch, nach einem im Ausland verbrachten Leben -wieder Deutsche zu werden. -- - -Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die -Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des -Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald -durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen -„Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen. - -Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein -Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen -wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende -wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin -schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein -und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen -Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser -treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben. - -Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung, -aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie -hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das -Wort, inskünftige, solange wir noch beisammen wären, jedes Jahr -die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch -nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und -blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese -herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch -Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in -der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen -mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich -auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie -vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des -Lebens blühen. - - - - -Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte. - - -Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner -guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der -Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir -erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem -Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung -zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als -akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte -verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde -mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom -Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten, -nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht -ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der -ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So -saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit, -daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello -des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf -die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an -meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem -er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen -plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und -Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man -denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit -einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in -Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern, -die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein -erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich -warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie -an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte -dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo -es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die -noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit -aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner -Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde. - -Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen -seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich -ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit -sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer -Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine -Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die -Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal -sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück -Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang -verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst -die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben. -Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht -übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren, -einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich -ablehnte. - -Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat -mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben -im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in -wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß -sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht -käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das -ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte -mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das -lange Reitkleid über den Arm geschlagen -- man trug damals noch die -tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr -gefährlich waren --, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand -ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner -höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte. -Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr -Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. -- Heut können wir was -erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte, -das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter -heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das -Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken -zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben, -allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte -gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er -sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle -auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so -war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die -Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße -unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des -Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein -Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den -Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine -Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe -an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte -ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales -natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer -Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem -Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase, -bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause -schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken -Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten, -auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er -vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch -hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte, -die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie -auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar -erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges -Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte. - -Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron -Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein -Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter -Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers -wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte. -Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in -den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“ -wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine -feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte -sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie -er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging -- und die -Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft! - -Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner. - -Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was -freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische -Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und -Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil -das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den -es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen -„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen -Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde -anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch, -was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht. -Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von -dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last -und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich -willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein -sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an -ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen. -Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den -Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich -sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich -Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer -des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend, -bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab -er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang -klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der -weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich -mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen, -halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer -mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf -seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr -nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein -Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen -Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die -Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren -Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme -Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der -wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle -Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz -zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten -zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich; -diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des -Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal -aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die -neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens -keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber -trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann -mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der -Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung -seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich -über viele Kränkungen. - -Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich -gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis -gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen. -Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen -Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an -keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, -und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge -darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch -aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“ -Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm -und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse -und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von -mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger -verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen -zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die -gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine -Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen -Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen -Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des -damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts. - -Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich -in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen -Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen -sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne -Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach -der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens -an _einem_ Tag der Woche, und wäre es auch nur für _eine_ Stunde, das -Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht -zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer -und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren -meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen -Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich -als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die -Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung -vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge -Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere -sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht -der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der -Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht -hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. -Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und -sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! -- zu deutsch: Wo -hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? -- zuzurufen. Es war -einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine -lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht -ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf -ganz zu verlassen. - -Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender -Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen -Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war -dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen, -daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen -und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen -konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich -hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet -und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir -dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden -Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die -Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich -getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen -nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred, -die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange -Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren -die beiden Mediziner nützlicher als ich. - -Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen -den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte, -hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe -seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich -in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich -war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder -Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte -dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte, -rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er, -daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des -Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit -dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm -schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif -erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer -aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn -niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb; -ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne -des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den -Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie -auf diesen Weg gekommen. - -Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen -aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf -hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel -Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels -blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer -geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta -ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend -Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit -leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in -mein neues Leben hinein. - -Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine -Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und, -vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen -wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen -spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten -Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine -seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von -einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte, -dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den -Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein -Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich -aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine -Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde. -Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit -ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie -toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme. - - - - -München. - - -Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München -führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei -Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des -berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen -Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen -her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild -altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund -Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den -Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise -einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein, -dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin -Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit, -Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen -Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese -Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig -sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus -dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu -sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen -einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung -ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt -die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir -mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau -unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem -Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich -als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo -ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den -Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr -war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden -Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend, -wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit -seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets -die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei -seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht -den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu -Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu -gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit -und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer -seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich -schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen -Gliedern seiner Familie. - -Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen, -alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken -und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit -ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren -geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls -durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so -abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende -Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders -gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen -Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun -und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir -von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“, -fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung -und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter -lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich -konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des -erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer -und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der -empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt -eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch -größeren Raum, um zu wachsen. - -Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus, -wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte, -mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen -Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner -lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend -liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft -wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart -herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit -seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz, -der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab -zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei -er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu -einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen -Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen -Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz -Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein -ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der -ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen -Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit -konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets -unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte. -An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art -literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr -ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu -lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich -befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich -gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in -dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer -goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war -ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern -hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden -Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang -necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn -er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein -Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund -und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein -anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo -der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien -und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte. -Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und -sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem -dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert, -die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen. -Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken -darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie -mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch -sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine -eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen -sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die -Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen -worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher -meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer -Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja -bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen -Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch -geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich -die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und -ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen -Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch -bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie -Undankbarkeit erscheinen konnte -- und beginnt nicht jede Entwicklung -mit einer Auflehnung und einem Undank? -- Darum hielt ich es nun, -wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das -verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit -empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner -Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer -so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses -Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter -dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn -solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und -Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser -um das Ansehen der Deutschen in der Welt. - -Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war -mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz. -Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber -ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt -war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne -politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der -Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun -konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem -keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit -aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen, -ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit -tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen -an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen -und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend, -erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch -andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer -des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen -wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ -wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um -sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in -die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst -gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel -übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem -er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte. -Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen -rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden -Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel -mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre -Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich -erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen -Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel -edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im -Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie -ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das -Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß -jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte, -während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes -unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen -Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick -die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren -Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche -Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die -noch tagelang nachklang. - -Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen -Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder, -ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher -Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem -Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu -dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin -den Zugang fand. - -So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich -bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen -Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine -leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße -bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus -einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig -für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause -eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten, -der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch -Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich -gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum. -Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend -entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen -und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich -kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und -wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar -die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm -aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die -Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch -zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft --- ich weiß nicht weshalb -- zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie -schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit. -Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht, -ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage -stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges -und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich -brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls -Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und -anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des -trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos -durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu -gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber -scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die -Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf, -den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der -mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte. - -In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht -müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein -französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen -ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen -zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb -zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende -Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich -stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die -Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen, -sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz -unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß -mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner -Indianerseele als merkwürdig auffiel. - -Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige -Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den -Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und -die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu -sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher -aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im -falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer -Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der, -Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen -Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig, -daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen. -Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin, -die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker, -knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie -eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie -mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher -Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der -Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und -Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge -Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr -wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen -Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte -dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen -zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische -Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere -verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher -unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen -oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch -ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund, -noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und -vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren -deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt. - -Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar -kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu -erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch -hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten. -Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich -ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte -mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem -weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben -noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr -allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren, -darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich -vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen? -Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor, -wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer -geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen -Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb -gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte, -wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf -erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte -Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem -Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der -Nachtschwärmerin warten mußte. - -Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends -ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der -von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit -meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich -etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es -mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in -der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung -gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die -ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen -und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des -Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen -und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und -mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz -besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an -den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte -weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr -von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging -mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf, -und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich, -ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um -ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im -Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein -Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er -tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch -und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten -Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich -beruhigt zu Bette gehen. - -Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es -hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen, -bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen, -denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten -Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem -größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte -als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil -zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich -wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte, -was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem -Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie -blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und -suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite. -Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu -ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich -empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat -gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu -eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen, -und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er -griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen -an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie -über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat, -ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine -Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben -das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all -unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an -und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig -aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die -Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher -zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls -konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal -sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in -die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen -mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen -Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und -nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer -Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen -einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war, -und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald -dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich -vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen, -sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch -mit den irrsinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur -der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den -Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand -die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten -Erfolg. - -Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur -Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht -zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen -Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine -Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte -meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch -ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut -sein sollte. - -Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam, -von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München -umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine -glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber -die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit -Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger; -auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall -Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf, -besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin, -ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese -Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob -die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem -ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war -kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er -sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu. - -Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er -sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine -ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache, -daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu -fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken -hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt -verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen. -Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte -wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja -gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon -nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen. -Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die -Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere -Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals -bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine -schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen -Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür, -indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der -Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen -Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art, -zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und -hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen -waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der -Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war -es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch -wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie -heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln -Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue, -unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch -sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein, -und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine -Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach -dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter -mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der -Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein -plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage -noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die -Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel -in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele. - -Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage, -die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte. -Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der -Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der -gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy -am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und -genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich -erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse -schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und -wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um -ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit -und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das -neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich -verlassen sollte. - - - - -Letzte Tage in der Heimat. - - -Während meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur -Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog -Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen -großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme -gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der -Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als -Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei -den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch -sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung -nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte -der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach -Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst -wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete meinen Abgang aus Tübingen -infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als -eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch -zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia -zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln, -machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum -war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor -Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die -künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir -vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen -und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges -zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte. -Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem -großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden. -Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der -meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig -aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit -den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine -lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die -Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch -allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem -Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen -einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern -befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare -schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren -Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel. -Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere -Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem -Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die -Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der -Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu -bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße -hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug, -an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als -die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und -Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit -der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen -Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern, Rittern, Pagen, Mönchen, -Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus -Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab -es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum -sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt, -so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen. -Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich -Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen. -Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute -Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als -guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort -erwarteten. - -An dieser Stelle sei es mir gestattet, den Manen dieses -außerordentlichen Mannes für das herzliche Wohlwollen zu danken, das er -mir schon von meiner frühesten Jugend zuwandte. Was er seinen Deutschen -war, braucht von mir nicht gesagt zu werden. Was er _mir_ war, kann -ich ohne Ruhmredigkeit aussprechen, denn es war seine Güte, nicht -mein Verdienst, wenn er mich schon als Kind zu sich heranzog. Er lud -mich als Zwölfjährige mit der Mutter zum Kaffee, den er selbst braute -und einschenkte, ich mußte dann neben ihm auf dem Kanapee sitzen, -er ließ sich meine Zöpfe aufflechten und erzählte mir Geschichten, -unter andern das ganze Märchen von den Pfahlbauern, das er später dem -„Auch Einer“ einverleibt hat. Wäre er länger in Tübingen geblieben, -so hätte ich im Heranwachsen gegen die Anfeindungen des Philistertums -einen Halt und Trost gehabt. Aber ihn selber trieb die Kleinstädterei -von dannen, und er zog den Lehrstuhl an der Stuttgarter Technischen -Hochschule dem der Tübinger Universität vor, weil er dort freiere -Menschen, die sich in der Welt umgesehen hatten, fand. -- Als ich dann -in den frühen achtziger Jahren zum erstenmal aus Italien wiederkam und -ihn in Stuttgart besuchen wollte, stieß mir das peinliche Versehen -zu, daß ich mir die Vormittagsstunde desjenigen Wochentags, wo er -ganz ungestört bleiben wollte, um sein Kolleg vorzubereiten, in der -Eile als die für Besuche willkommenste aufschrieb. Erst als ich die -Klingel gezogen hatte und er selbst im Schlafrock mit einem Blatt -Papier in der Hand mir öffnete, erkannte ich mit jähem Schrecken den -Mißgriff. Er ließ mich aber durchaus nicht mehr entwischen, ich mußte -sogar viel länger, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, in der bei -solchem Ruhme wahrhaft ergreifenden Einfachheit seiner Gelehrtenstube -ihm gegenübersitzen, und es schien ihn gar nichts zu stören als sein -Schlafrock, der ihm nicht schön genug war, denn er klagte wiederholt, -daß er einen viel schöneren bestellt habe und nun zu seinem Ärger vom -Schneider im Stich gelassen sei, wo er ihn doch so nötig hätte, um -„einen anständigen Eindruck zu machen“. -- Und jetzt reisen Sie ab, wo -der neue Rock fertig ist? sagte er ein paar Tage später vorwurfsvoll. -So rührend jugendlich im kleinsten wie im größten war und blieb er -bis ans Ende. Ein paar Jahre später hielt ich mich abermals einige -Winterwochen in Stuttgart auf, da ließ er sich in seiner ritterlichen -Zuvorkommenheit nicht abhalten, mich fast täglich, trotz Wind und -Wetter und trotz der nassen Füße, die der fast Achtzigjährige zu -scheuen hatte, in meiner Pension zu besuchen. Wenn man die kleine, -zarte, obschon zähe Gestalt sah, das geistig verfeinerte Gesicht mit -der übermächtigen Stirn und dem abgeblaßten Veilchenblau der Augen, -die noch gar nicht vertrocknete, fast rosige Haut, die sich fest um -die abgezehrten Wangen legte, so mahnte das ganze Bild des Mannes -ergreifend und beängstigend, daß dieses ausdauernde Gehäuse allmählich -doch zu dünnwandig wurde für den Geist, der es bewohnte. Ich wurde -schließlich so besorgt, daß ich ihm einen früheren Tag der Abreise -nannte und mich selber um die mir noch zugedachte Zeit brachte, die -nie mehr vergütet werden konnte, denn es war das letztemal, daß ich ihn -mit Augen sah. - -Er hatte den höchsten faustischen Lebensgipfel erstiegen, von dem aus -sich die Verworrenheit der Dinge zu großen, übersichtlichen Gruppen -gliederte. Dabei wehte aber keine eisige Altersluft um ihn her, es gab -kein Versteifen ins Gewohnte, kein Wiederholen des längst Gedachten. -Seine Gedanken entstanden im Augenblick, wo er sie aussprach, das -Neueste war ihm ebenso lieb wie das Alte, wenn es einen tüchtigen -Boden hatte. Vischer war ein wundervolles Beispiel des ganz großen -Deutschen, der mit leidenschaftlicher Inbrunst an der Muttererde haftet -und zugleich mit dem Geist durch alle Länder schreitet. Und da er alle -Register in der Gewalt hatte, so quoll er auch bei den ernstesten -Gegenständen von Anekdoten, Witzen, Schnurren nur so über. Seine -feinhörige Sprachmeisterschaft fühlte man in jedem Wort. Er erklärte -mir auch seinen dritten Teil „Faust“ als aus dem unwiderstehlichen -Zwang entstanden, in den hüpfenden, gleitenden Reimen des zweiten -Teils weiterzuwirbeln; ein warnender Wink für solche, die den Urkeim -eines Gedichts immer in der Idee suchen. Er wollte jedoch nicht nur -geistreich sein, er wollte helfen, wirken. Er brachte Bücher, die -er liebte, beriet in literarischen Angelegenheiten. Und war dabei so -menschlich-vertraulich, als ob man ihm gar keine Ehrfurcht schulde. - -Zu seinem achtzigsten Geburtstag sandte ich aus Florenz einen -Lorbeerkranz und eine eben aufgegangene Magnolienblüte aus dem eigenen -Garten, diese nach italienischer Sitte zusammengeschnürt, damit der -Duft nicht vor der Zeit entweiche. In einigen begleitenden Strophen -wurde der Kranz als Sinnbild der langen Ruhmesbahn, die Blume mit den -stark strömenden und verströmenden Düften als Ausdruck des höchsten -ausgeschöpften Augenblicks gedeutet. Er antwortete noch mit einem -Gedicht, das kurz vor seinem Tode geschrieben wurde und jedenfalls -zu seinen letzten gehört, wenn es nicht das allerletzte ist. Ich -weiß nicht, was ich mehr darin bewundern soll, die edle, in unserer -Zeit sagenhaft anmutende Bescheidenheit oder das Selbstgefühl des -seltenen Mannes, der sich bewußt ist, noch am äußersten Lebensziel alle -Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich zu tragen: - - Zur Blume, die des Duftes feinste Geister - Im Kelche sammelt, spendend sie entläßt, - Zum Kranze, der, ein Schmuck für größre Meister, - Den Strebenden begrüßt am Greisesfest, - Läßt du aus Dichterworten mich ersehen, - In welche Tiefen deine Blicke gehen[3]. - - Die dumpfen Seelen, die gedankenschiefen, - Was wissen die von Ewigkeit und Zeit? - Den Zeitmoment zur Ewigkeit vertiefen, - Das ist es, ja, das gibt Unsterblichkeit. - Dazu ward Leben, das bringt Rat und Licht, - Bringt Reim ins ungereimte Weltgedicht. - -Die letzte Zeile ist eine Anspielung auf den Schluß meines Gedichtes -„Weltgericht“: - - Das ungereimte Weltgedicht, - Nehmt’s, wie es ist, und krittelt nicht. - -Er hatte für dieses Gedicht eine besondere Vorliebe und pflegte es -gleich nach seinem Erscheinen mit sich in der Tasche zu tragen und in -Gesellschaften vorzulesen, wovon auch Ilse Frapan in ihren warmherzigen -Vischer-Erinnerungen spricht. Er nahm es in Schutz gegen die heftigen -Angriffe der Scheinfrommen, die nicht imstande waren, durch den Scherz -hindurch die innere Pietät zu erkennen, und er schrieb mir damals -nach Italien lange, launige Episteln im gleichen Versstil und mit -spaßhaften Erfindungen im Geiste des „Auch Einer“, die er mir als -Zusätze vorschlug. Er sprach auch noch von einer italienischen Reise -und dachte an ein Wiedersehen in Venedig, wo mir jetzt ein Bruder, der -uns nachgezogene Alfred, lebte. Statt dessen kam so rasch nach dem -Altersfeste die erschütternde Todesbotschaft. -- Nach seinem Hingang -schien die Welt um vieles kälter und leerer geworden, und ich mußte -lange dem Rätsel nachstaunen, wohin diese gesammelte, sich immer -ergießende und sich immer erneuernde Fülle und Wärme nun mit einem Male -gekommen war. - -Jetzt noch einmal ins alte Tübingen zurück, wo ich Mama und Josephine -beim Packen und Ausräumen half. Alle leichtbewegliche Habe wie Bücher, -Bilder, Wäsche usw. sollte uns nach Italien begleiten, die schweren -Gegenstände blieben stehen, voran die wertvolle Biedermeiereinrichtung -aus dem Brunnowschen Hause, um von den zurückbleibenden Brüdern -Alfred und Erwin nach unserer Abreise versteigert zu werden. Meine -Mutter trennte sich ohne Schmerz von den alten Erbstücken, weil kein -äußerer Besitz ihr das geringste galt, mir aber war es ein Abschied -von lieben, unvergeßlichen Freunden meiner Jugend. Die auch in ihren -Beschädigungen noch köstliche Empirestanduhr mit dem schwarzen Adler, -der einen mit Goldbienen besäten blauen Mantel über dem goldenen -Zifferblatt mit dem Schnabel zusammenhielt, konnte ich nie ganz -verschmerzen. Wer kann wissen, wohin sie geraten ist? Alles ging zu -Schleuderpreisen weg, weil damals der Wert solcher Altertümer noch gar -nicht verstanden wurde. Dagegen erzielte ein weggeworfener Hut meiner -Mutter (wenn sie einen wegwarf, war wirklich nichts daran zu halten) -einen Liebhaberpreis: er wurde von einem „Parteigenossen“ erworben und -als Andenken im Triumph davongetragen, wie die Brüder später launig -nach Florenz berichteten. - -Edgar war unterdessen erschienen, uns zu holen und von der Heimat -Abschied zu nehmen. In diese letzten Wochen fällt, wenn ich mich -recht erinnere, unser tolles Haschischabenteuer, an dem auch Berta -Wilhelmi teilnahm. Sie war noch einmal zu Besuch nach Tübingen -gekommen, jetzt ganz erwachsen und so bildschön, wie ihre Kindheit -versprochen hatte. Sämtliche Brüder verliebten sich bis auf den kranken -Jüngsten herunter, der sie in naivem Versgestammel feierte. Aber sie -hielten durch Eifersucht einer den andern in Schach, so blieb es bei -allseitiger guter Kameradschaft. Edgar war seit lange neugierig, die -oft geschilderten Wirkungen des indischen Hanfs kennen zu lernen, und -konnte sich als Arzt leicht eine Gabe Canabis indica verschreiben. -Aber es war ein Mißstand dabei: man wußte nicht, wie gut oder schlecht -das Präparat sich auf der langen Reise gehalten hatte, und davon hing -doch die Wirksamkeit ab. Nach ein paar Fehlversuchen bezog er nun eine -gewaltige Dosis frisch angekommenes Haschisch aus der Apotheke, und -wir bestimmten die folgende Nacht zu unserem Unternehmen. Edgar hatte -ein Zimmer in dem gerade leerstehenden unteren Stockwerk inne. Berta -und ich legten uns nur zum Schein schlafen; sobald alles stille war, -schlichen wir zu Edgar hinunter. Ich bekam zwei Pillen, Berta eine, -Alfred sollte nüchtern bleiben und die andern ärztlich überwachen; -da er aber nicht ganz leer ausgehen wollte, schluckte er, was nur -einem so jungen Menschen einfallen konnte, dafür eine Opiumpille, -die zum Glück gar nicht wirkte. Edgar aber nahm, überkühn, wie er -in allem war, die doppelte Höchstgabe Haschisch, um diesmal sicher -zu gehen. Ich erwartete, auf dem Teppich hockend; in die Wunder von -Tausendundeiner Nacht zu versinken, merkte aber nur, daß mein Denken -sich sehr verlangsamte, und dann stiegen mir ganz abstrakte jenseitige -Vorstellungen auf, wofür die Sprache keinen Ausdruck hat. Plötzlich -rüttelte mich Berta und flüsterte mir zu, daß sich Edgar in einem -unheimlichen Zustand befinde. Ich erhob mich völlig gelassen, als ginge -mich die Sache gar nichts an, und wunderte mich doch selber über diesen -Gleichmut. Edgar blickte seltsam verändert, und auf meine Frage, wie er -sich fühle, antwortete er: Ich bin transferiert. Dann ging er an den -Tisch und machte auf dem großen Papierbogen, auf dem er seine Symptome -verzeichnete, die Eintragung: Transferiert. - -Jetzt kommt das Tragische, sagte er nach einer Weile mit hohler Stimme -und ganz entgeisterter Miene. Keine persönliche Tragik, erklärte -er, es ist das Tragische an sich, das Tragische im Abstrakten. -- -Sein Gesicht hatte einen bläulichen Schein und seine braunen Haare -bäumten sich über der Stirn, daß es ganz schauerlich anzusehen war. Er -aber schrieb eifrig das neue Symptom nieder. Jählings wandelte sich -sein Zustand aufs neue, und er rief triumphierend: Die Schwerkraft -ist aufgehoben, ich kann mich ebenso leicht durch die Luft aufwärts -wie abwärts bewegen. -- Zur Bekräftigung sprang er auf einen Stuhl -und machte seltsame Arm- und Schulterbewegungen, wie um sich durch -Flügelkraft zu erheben. Als es aufwärts doch nicht ging, war er im -nächsten Augenblick am offenen Fenster, das hoch auf den Marktplatz -heruntersah, um es abwärts zu versuchen. Wir zwei Mädchen hingen uns -an seinen einen Rockflügel, der kräftige Alfred an den andern, und -als er Miene machte, sich des Rocks samt der Belastung zu entledigen, -bemächtigten wir uns seiner Arme. Allmählich beruhigte er sich und bat, -ihn freizulassen da er auf der Straße Erfrischung zu finden hoffe. -Alfred wurde ihm zur Begleitung aufgezwungen, der ihn nach einer -peinlichen Stunde zurückbrachte; sie waren bis nach Lustnau gerannt. -Ich machte inzwischen im oberen Stockwerk Mengen von Kaffee, indem -ich die Kaffeemühle unter dicken Bettdecken drehte, um Mama und Balde -nicht zu wecken. Haltet mich wach, laßt mich ja nicht einschlafen, war -des Patienten wiederholte Mahnung; Schlaf könnte dem Hirn gefährlich -werden. -- Der Gang durch die Nachtluft hatte jetzt gut getan, ein -Kaffee war fertig, der einen Toten erwecken konnte, wir hielten uns -alle vier vollständig wach bis zum Morgen. Aber siehe da, nach einer -kalten Waschung nahm Edgar seinen Hut und begab sich ohne weiteres ins -Klinikum, wo ein merkwürdiger Fall zu beobachten war, während Alfred -sich todmüde zum Schlafen niederwarf und auch wir beiden Mädchen uns -zur Ruhe legten. - -Bei diesem letzten Tübinger Abenteuer ging auch Berta zum letztenmal -durch unser Leben. Unter den aufständischen Zuckungen, die damals -durch Spanien liefen, geschah es bald danach, daß in Granada an Stelle -des abgesetzten Gouverneurs das schönste Mädchen der Stadt bei einem -großen Stiergefechte den Vorsitz führen sollte. Die Wahl fiel auf -Berta. An diesem weithin sichtbaren Platze sah sie ein Angehöriger -des ältesten andalusischen Adels und verliebte sich so, daß er -augenblicklich um die junge Schönheit warb, die ihm denn auch die Hand -zu einem freilich nicht sehr beglückenden Ehebund reichte. Ich besitze -noch ihr Bild mit spanischem Schleier und Fächer, wie sie jenes Tages -das Los ihres Lebens zog, das sie für immer an Spanien fesselte. - -Die letzten Tage in Tübingen rannen mir unaufhaltsam durch die Finger. -Die Stadt meiner Jugend war doch tiefer mit mir verwachsen, als ich -selber wußte. Sie hatte auch für alle Zeit richtunggebend auf mein -Stilgefühl eingewirkt. Noch heute, wenn ich mir eine ideale Stadt in -Gedanken baue, mit solchen kühnen Terrassen, solchen überschneidenden -Dächern, steinernen Treppen, Durchgängen, hängenden Gärten, steigt sie -nach einem stillen Fluß hinunter. Einen schwingenderen Rhythmus als die -Straßenzüge Tübingens habe ich nirgends gefunden. Dieses Anschwellen -und Absinken der gepflasterten Straßen, für mich sind es die Hebungen -und Senkungen und wunderbar gefühlte Zäsuren eines Gedichts. Wie -in der Neckarstraße hoch über unseren Häuptern sich der Umgang der -Stiftskirche, wo ihm der Raum zu eng wird, mit plötzlichem Entschlusse -leicht und frei über die Straße herausschwingt, wie das schmale -Mühlgäßchen sich zu jener Zeit noch mit steilem Gefäll zwischen die -stürzende Ammer und die hohe, modrige Stadtmauer zwängte, während der -Österberg seinen schön bebuschten Fuß bis in die Ammer herabstreckte -und ein anderer stiller Garten oben von der Mauer zum Gegengruße -heruntersah, das sind Züge, die nie im Geist verlöschen. Von der Mitte -der unvergeßlichen alten Neckarbrücke führte eine steile Holzstiege auf -den Wöhrd. An ihrem Fuße standen zwei mächtige Linden wie Schildwachen; -sie gehörten mit zum Letzten, was ich an Freundschaft zurückließ, und -ihnen galt mein letzter Abendgang. Wir hatten allerlei Heimlichkeiten -miteinander, die sie zu hüten versprachen, bis ich wiederkäme. Leider -konnten sie ihr Wort nicht halten, weil sie unterdessen gefällt worden -sind. Unter ihrem Schirmdach stehend, schrieb ich in der zum Schlusse -aufgestiegenen Wehmut noch ein paar Verse in mein Taschenbüchlein: - - O Heimat, Heimat, vielgescholten, - Doch vielgeliebt und vielbeweint, - Seit heut die letzte Sonne golden - Für mich auf deine Hügel scheint. - Nie wollt’ ich scheidend dich betrauern, - So hatt’ ich trotzig oft geprahlt, - Wie nun der Schmerz die düstern Mauern - Schon mit der Sehnsucht Farben malt. - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - So laß uns denn in Frieden scheiden, - Von Groll bewahr’ ich keine Spur. - Dein Bild soll ewig mich begleiten - Und wecke teure Schatten nur. - Und kehr’ ich einst mit müdem Flügel, - Wenn meine Bahn ein Ende hat, - Dann gönne bei des Vaters Hügel - Der Tochter eine Ruhestatt. - -Dann kam der Morgen, wo wir zu Fünfen in der Bahn saßen: Mama, Edgar, -Balde, die treue Josephine, die uns nie verließ, und ich, um einem -neuen, unbekannten Leben entgegenzufahren. Ich setzte mich rückwärts, -und meine Augen saugten sich so lange wie möglich an dem wohlbekannten -Stadtprofil fest. Der Kirchturm schwand als letzter um die Ecke. Die -Jugendstadt versank, und die Weite der Welt, die langersehnte, tat sich -auf. - - -[3] Für den Druck schöner verändert: Wie ganz wir uns aus Lebensgrund -verstehen. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND *** - -***** This file should be named 54738-0.txt or 54738-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/7/3/54738/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Aus meinem Jugendland - -Author: Isolde Kurz - -Release Date: May 17, 2017 [EBook #54738] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der 1918 erschienenen -Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. -Zeichensetzung und offensichtliche typographische Fehler wurden -stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche sowie inkonsistente -Schreibweisen, insbesondere Dialektausdrücke, wurden nicht -verändert.</p> - -<p class="p0">Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter eingefügt.</p> - -</div> - -<div class="figcenter break-before padtop3"> - <a id="symbol" name="symbol"> - <img class="mtop2 w6em" src="images/symbol.jpg" - alt="Verlagssignet" /></a> -</div> - -<p class="s3 center">AUS MEINEM JUGENDLAND</p> - -<h1>AUS<br /> -MEINEM JUGENDLAND</h1> - - -<p class="s1 center">ISOLDE KURZ</p> - -<p class="s3 center padtop5">Rainer Wunderlich Verlag (Hermann Leins)<br /> -Tübingen</p> - -<p class="break-before center padtop5">Printed in Germany. Druck von H. Laupp jr in Tübingen.<br /> -Copyright 1918 by Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart</p> - -<p class="break-before s3 center padtop5">Dem Lebensfreund<br /> -und Teilhaber meiner Jugenderinnerungen<br /> -Ernst von Mohl</p> - -<hr class="full" /> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis.</h2> - -</div> - -<table class="toc" summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="vat"> - - </td> - <td class="vab"> - <span class="s5">Seite</span> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Vorwort. - </td> - <td class="vab"> -   <a href="#Seite_7">7</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Lebensmorgen. - </td> - <td class="vab"> -   <a href="#Seite_9">9</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Tante Berta und die Schwabenstreiche. - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_51">51</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Umzug nach Kirchheim. - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_62">62</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Das alte Tübingen. - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_74">74</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die Heidenkinder. - </td> - <td class="vab"> -  <a href="#Seite_96">96</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Ein Fluchtversuch. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_107">107</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Von Ihr. Nachklänge des „tollen“ Jahres. Das rote Album. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_119">119</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - 1866. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_147">147</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die Geburt der Tragödie. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_157">157</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Vorfrühling. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_173">173</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Ein Nothelfer. Russische Freunde. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_200">200</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Ein französischer Revolutionär. Jugendeseleien. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_228">228</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - 1870. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_245">245</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Rigi Regina. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_256">256</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Besuch in Frankreich. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_268">268</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Bedrängnisse. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_287">287</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der Brand und die Flamme. Hat der Mann ein Seelenleben? - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_302">302</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der 10. Oktober. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_311">311</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Wieder bei den Griechen. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_326">326</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_336">336</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - München. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_351">351</a> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Letzte Tage in der Heimat. - </td> - <td class="vab"> - <a href="#Seite_375">375</a> - </td> - </tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">D</span>as vorliegende Buch bildet gewissermaßen eine Fortsetzung und -Ergänzung der Lebensgeschichte meines Vaters und die Überleitung zu -den „Florentinischen Erinnerungen“, in denen ich die Charakterbilder -meiner verstorbenen Brüder einzeln gezeichnet habe. Da ich bei der -Niederschrift der genannten Bücher nicht daran dachte, auch einmal -die eigene Entwicklung zu erzählen, sind in beiden gelegentlich Dinge -vorweggenommen, die hier mit größerer Ausführlichkeit behandelt -sein wollten. Doch bin ich hierin nur dem Gesetz des Gedächtnisses -gefolgt, das gleichfalls die Ereignisse nicht am langen Faden aufreiht, -sondern das Zusammengehörige, auch wenn es zeitlich getrennt ist, -aneinanderknüpft.</p> - -<p>Natürlich kann das Bild, das ich von meiner damaligen Umwelt gebe, -kein vollständiges sein. Es haben wertvolle Menschen meinen Jugendweg -ge<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>kreuzt, deren hier keine oder nur flüchtige Erwähnung geschieht. Die -Wahl der eingeführten Personen bestimmt sich einzig nach ihrem Einfluß -auf meinen Werdegang. Und ein solcher Einfluß hängt ja weit weniger von -der wirklichen Bedeutung einer Persönlichkeit ab als von dem Zeitpunkt, -wo unsere Lebenswege sich schneiden.</p> - -<p>Auch wundere man sich nicht, wenn man in meinen Erinnerungen Größtes -und Kleinstes, Völkergeschicke und Jugendeseleien, große Männer und -kleine Mädchen bunt beisammen findet. In meinem Jugendgarten wuchsen -alle Gewächse Gottes, große und kleine, einheimische und fremde, wild -durcheinander. Da gab es himmelstrebende Zedern, wundersame Orchideen, -seltene Rosenarten, daneben lustige Bauernblumen und allerhand -blühendes Unkraut. Ich pflücke mit vollen Händen, was ich noch erraffen -kann. Freilich mußte ich manche lockende Blume nachträglich wieder -aus dem Strauß werfen, weil mir persönliche Rücksichten Zurückhaltung -auferlegen. Und was die großen Männer betrifft, so nehmen sie die Nähe -der kleinen Mädchen nicht übel; ja sie hätten, als sie lebten, die Welt -ohne diese Nähe um vieles weniger anziehend gefunden.</p> - -<p class="right mright2">Isolde Kurz.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Lebensmorgen">Lebensmorgen.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>s hat einen tiefen Reiz für das geistige Ich seinen eigenen Anfängen -nachzuspüren. Wann und wie ist von diesem Bewußtsein, das später die -ganze Welt des Seienden, des Gewesenen und gar noch des Künftigen -umspannen möchte, der erste Funke aufgedämmert? Die tägliche Umgebung, -in die wir hineingeboren wurden, läßt kaum einen bewußten Eindruck -zurück, sie ist uns das Selbstverständliche gewesen, auch sind es nicht -Personen, sondern Dinge, die uns zuerst die Vorstellung der Außenwelt -als mit uns im Gegensatz befindlich geben.</p> - -<p>Am Anfang meiner Erinnerungen steht ein Rad. Diese früheste -Gedächtnisspur hat sich mir in meinem achtzehnten Lebensmonat -eingegraben. Es war ein mit grünem Schlamm behangenes, verwittertes -Mühlrad, das sich in einem eilenden Schwarzwaldbach drehte. Ich -hielt es für den großen Garnhaspel unserer Josephine, woraus ich<span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span> -schließen muß, daß mir dieser schon eine ganz geläufige Vorstellung -war, aber wann ich seiner bewußt wurde, weiß ich nicht. Das Rad -war also nicht das erste, ich müßte vielleicht sagen: im Anfang -war der Haspel; allein nun stutze ich wie der Doktor Faust bei der -Bibelübersetzung: ich kann den Haspel so hoch unmöglich schätzen. Es -müssen noch andere Erkenntnisse in Menge vor und mit dem Haspel gewesen -sein, jedoch sind sie auf ewig unter die Schwelle meines Bewußtseins -hinabgetaucht, und das Mühlrad steht als erster sicherer Meilenstein -auf meiner Lebensstraße. Ich zappelte also vom Arm des Kindermädchens -herunter, um den vermeintlichen Haspel aus dem Wasser zu langen — die -Größenverhältnisse waren mir noch nicht aufgegangen — und ich setzte -durch diese Absicht das Mädchen in berechtigtes Erstaunen, denn sie -trug mich schleunig hinweg, wobei ich meine Mißbilligung durch Schreien -und Treten aufs lebhafteste äußerte. Dieses Mädchen hieß Justine, sie -war bei der gleichnamigen Heldin des „Weihnachtsfundes“, den mein -Vater um jene Zeit schrieb, Pate gestanden, und der Auftritt spielte -auf einer moosbewachsenen Steinbrücke in dem kleinen Schwarzwaldbad -Liebenzell, wo meine Eltern den Sommer verbrachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Dieselbe Justine, die, beiläufig gesagt, erst vierzehn Jahre alt war, -mir aber als eine sehr ehrwürdige Persönlichkeit erschien, trug mich -einmal in eine Schmiede, wo rußige Männer tief innen um loderndes -Feuer hantierten. Ich sah sie mit unbeschreiblichem Entsetzen und -hielt sie für Teufel. Wie aber kam der Teufel, von dem ich nie gehört -hatte, in meine Vorstellung? Ich weiß es nicht und kann nur annehmen, -daß der Teufel zu den angeborenen Begriffen gehört. Ich schrie und -sträubte mich gewaltig, als es in diese Hölle ging, und als gar -einer der Schwarzen — es war, wie ich später erfuhr, der Vater des -Mädchens — sich mir verbindlich nähern wollte, ließ ich jenes im -ganzen Ort bekannte Geschrei ertönen, woran mich der Nachtwächter -straßenweit zu erkennen pflegte, daß das Mädchen eiligst mit mir -das Weite suchte. Ich konnte mich übrigens damals schon ganz gut -verständlich machen, denn ich sprach, wie man mir erzählte, schon im -ersten Lebensjahr zusammenhängend. Mein um elf Monate älteres, sonst -sehr begabtes Brüderchen Edgar lernte es erst an meinem Beispiel. Aber -wahrscheinlich hätte er es ebenso früh wie ich gekonnt und ließ sich -nur durch irgendein inneres Hemmnis die Zunge binden, denn er war ein -wunderliches, äußerst schwierig veranlagtes kleines Menschenkind, dem -meine<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> größere Unbefangenheit ebenso nützlich war wie mir sein schon -entwickelterer Verstand.</p> - -<p>Mein nächster bleibender Eindruck war ein frischgefallener Schnee in -den Straßen von Stuttgart, den ich mit inniger Freude für Streuzucker -ansah. Dann aber kam eine Stunde unvergeßlichen Jammers. Unsere -Josephine, das geliebte Erbstück aus dem großväterlichen Hause, hatte -mich im Wägelchen auf den Schloßplatz geführt und war unter der -sogenannten Ehrensäule, die auf einem, wie mir schien, himmelhohen -Unterbau eine Gruppe von Steinfiguren trägt, mit mir angefahren. In -einer dieser Gestalten glaubte ich unsere Mutter zu erkennen und rief -sie erschrocken an herabzukommen. Da sie sich nicht regte, schrie ich -immer ängstlicher und flehender mein „Mamele, komm lunter“. Dieses -starre, steinerne Dastehen flößte mir eine bange Furcht, ein wachsendes -Grauen ein, ich begann zu ahnen, daß es ein Entrücktsein geben könne, -wo kein Ruf die geliebte Seele mehr erreicht. In meinen Jammer mischte -sich noch ein dunkles Schuldgefühl, als ob dieses Unglück die Strafe -für irgendeine von mir begangene Unbotmäßigkeit wäre, ich brach in ein -fürchterliches Wehgeschrei aus und blieb für alle Tröstungen taub, -während man mich schreiend die ganze Königstraße entlang nach Hause -führte, wo erst der<span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span> lebendige Anblick der für verloren Beweinten mir -den Frieden wiedergab.</p> - -<p>Und dann sehe ich in eben dieser Königstraße eine braune einflügelige -Eichentür mit messingener Klinke, die so niedrig stand, daß ich sie -mit einiger Mühe gerade erreichen und aufdrücken konnte. Sie führte in -einen Bäckerladen, den wir Kinder täglich auf unserem Spaziergang mit -Josephine besuchten. Dort durfte jedes von uns sich ein schmackhaftes -Backwerk, eine sogenannte „Seele“, selber vom Tisch langen. Eines -Tages kam Edgar mit seiner Wahl nicht zustande. Welche Seele man -ihm anbot, es war immer nicht die rechte. Er wurde darüber sehr -schwermütig und erklärte immerzu: ’s Herzele will was und ’s Herzele -kriegt nix. Als Josephine nach vielen vergeblichen Versuchen, ihn zu -befriedigen, endlich mit uns den Laden verließ, verwandelte sich sein -Gram in lauten Jammer, und während wir anderen freudig unsere Seelen -verzehrten, erfuhr es die ganze Königstraße hinab jeder Vorübergehende, -daß das Herzele etwas wollte und nichts bekam. Daheim ergoß sich der -Enttäuschungsschmerz in einen Strom von Tränen, bis Josephine ihren -Liebling still beiseite nahm und ihm die heimlich eingesteckte Seele -reichte. Er verzehrte sie befriedigt und sagte dann: ’s Herzele will -noch mehr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span></p> - -<p>In mein drittes Lebensjahr fällt die erste Bekanntschaft mit dem -Dichter Ludwig Pfau, der als politischer Flüchtling in Paris lebte -und nun zu heimlichem Besuche nach Stuttgart gekommen war. Es -verkehrten zwar viele Freunde in meinem Elternhause, aber sie alle -tauchen in meinem Gedächtnis erst viel später auf. Aus jener frühen -Stuttgarter Zeit blicken mich nur Ludwig Pfaus vorstehende blaue -Augen aus einem rötlich umrahmten Gesicht strafend an. Das ging so -zu: Pfau hielt sich acht Tage in unserem Hause verborgen und pflegte -während der Arbeitsstunden meines Vaters bei meiner Mutter zu sitzen, -mit deren Anschauungen er sich besonders gut verstand. Mich konnte -er nicht ausstehen, und diese Gesinnung war gegenseitig, denn wir -waren einander im Wege. Ich war durchaus nicht gewohnt, daß die Mama, -die ich sonst nur mit den Brüdern zu teilen hatte, sich so viel und -andauernd mit einer fremden Person beschäftigte. Wenn die beiden also -politisierend in dem großen Besuchszimmer auf und ab gingen, drängte -ich mich gewaltsam zwischen die mütterlichen Knie, daß ihr der Schritt -gesperrt wurde, und der Gast ärgerte sich heftig, ohne daß er bei der -abgöttischen Liebe, die meine Mutter für ihre Kleinen hatte, es wagen -durfte, mich vor die Tür zu setzen. Er wollte sich daher in Güte<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> mit -mir einigen, und nachdem er sich eines Tages doch zu einem Ausgang -entschlossen hatte, brachte er eine Tüte voll Zuckerwerk mit, dem er -den mir noch unbekannten Namen Bonbons gab. Dieses unschöne Wort für -einen so schönen Gegenstand mißfiel mir sehr: in dem nasalen O und -in der Verdoppelung der Silbe fühlte ich dunkel etwas Groblüsternes -und Unwürdiges. Wie mich ein neues Wort, das meinen Ohren schön oder -geheimnisvoll klang, in einen stillen Rausch versetzen konnte, auch -wenn ich seinen Sinn gar nicht verstand, ja dann erst recht, so daß -ich damit umherging wie mit dem schönsten Geschenk, so gab es andere, -die mir einen Widerwillen einflößten und die ich einfach nicht in den -Mund nahm. Ich wurde nun auf den breiten hölzernen Tritt gesetzt, -der das halbe Zimmer ausfüllte, und unter dem Beding, mich für eine -Weile ruhig zu verhalten, erhielt ich ein rundes bernsteinfarbiges -Zuckerchen, das ich alsbald in Arbeit nahm. Aber es rutschte mir glatt -den Hals hinunter, mich um den Genuß betrügend. Sogleich brach ich den -Frieden, indem ich wie Quecksilber auffuhr und mich miauend zwischen -die Knie der Mutter klemmte, in der Hoffnung, eine Entschädigung zu -erlangen. Fordern mochte ich sie nicht, weil ich nicht wußte, wie das -Ding benamsen, da mir das widerwärtige<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> Wort, das ich ganz leicht -hätte aussprechen können, nicht von der Zunge wollte. Ich antwortete -also auf die erschreckte Frage, was mir geschehen sei, nur, ich hätte -„das Ding“ verschluckt. Was für ein Ding? fragte sie, schon an allen -Gliedern zitternd, denn sie dachte an irgendeinen spitzigen oder gar -giftigen Gegenstand. Das Ding! Das Ding! rief ich geängstigt, daß man -mich nicht verstand, und nun erst recht entschlossen, das verhaßte -Wort keinenfalls auszusprechen. Mama war schon aus der Tür gestürzt, -um den Arzt zu rufen, aber der Gast hatte die Geistesgegenwart, mich -besser ins Verhör zu nehmen: Wie sah denn das Ding aus? — Es war rund -und gelb und ganz süß, sagte ich schnell, erleichtert, daß ich nun -endlich den Weg sah, mich verständlich zu machen. Du dummes Kind, das -war ja dein Bonbon, konntest du das nicht gleich sagen? hieß es nun. -Mama wurde zurückgerufen, die mich jubelnd als eine Gerettete in die -Arme schloß, ich erhielt ein zweites Bonbon, das ich trotz dem widrigen -Namen vergnügt in Empfang nahm, und das Zwiegespräch konnte endlich -seinen Fortgang nehmen. Aber diesen Zwischenfall hat mir Pfau nie -vergessen. Er versicherte mir später oft, ich sei das unausstehlichste -Kind gewesen, was ich ihm von seinem Standpunkt aus gerne zugeben will.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span></p> - -<p>Frühzeitig schlich sich auch die Nachtseite des Lebens in meine -Innenwelt. Die Mißgestalten des Struwwelpeters arbeiteten zum Nachteil -meines Seelenfriedens in meiner Phantasie, die genötigt war, im Traum -noch mehr solcher Ungeheuer zu erzeugen. Eins der schrecklichsten -war der Häkelmann, eine Gestalt, die mich jahrelang verfolgte. Er -war lang und mager mit grasgrünem Frack und roten Beinkleidern und -fuhr blitzschnell durch alle Zimmer, indem er mit einem langen -Haken die Kinder, die sich vor ihm verkrochen, unter Tischen und -Betten hervorzuhäkeln suchte. Wann er erschien, brachte er das -ganze Haus um den Schlaf, so furchtbar war mein Angstgeschrei. Wie -bei Nacht vor dem Häkelmann, so fürchtete ich mich wachend vor der -Lichtputzschere, die damals noch im Gebrauche war. Ich hatte nämlich -auf einem Bilderbogen eine solche gesehen, die ein kleines Mädchen -einschnappte, und glaubte mich seitdem zum gleichen Schicksal bestimmt. -Wenn es dämmerte und die Kerzen angezündet wurden, so blinzelte ich -immer mit tiefem Mißtrauen nach der messingenen Putzschere, und so -oft sie in Tätigkeit trat, fürchtete ich, in dem gähnenden schwarzen -Rachen verschwinden zu müssen, denn so frühreif ich in allem anderen -war, die Größenverhältnisse waren mir noch immer nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> aufgegangen. -Desgleichen gab es im Hause einen Bilderkalender mit einer Karikatur, -aus der ich schreckliche Ängste sog: das waren die Kränzelesfrauen. -Mit großgeblumten Kleidern im Biedermeierstil, Kaffeekannen und Tassen -in der Hand saßen sie um einen runden Tisch; sie hatten grausige -Drachenköpfe auf langen, schlangenartigen Hälsen und auf den Köpfen -große nickende Hauben, und sie neigten diese unheimlichen Köpfe -geifernd und schnatternd gegeneinander. Ein längeres Gedicht mit -Aufzählung ihrer Untaten war beigegeben, wovon jeder Vers mit dem -Kehrreim schloß: Hütet euch vor den Kränzelesfrauen. Ich nahm mir -natürlich vor, mich vor diesen Ungetümen zu hüten, doch hat mir das im -Leben wenig genutzt, denn als ich ihnen später leibhaftig begegnete, -da hatten sie leider keine Drachenköpfe noch Schlangenhälse, woran -ich sie zu erkennen vermocht hätte; sie schnatterten mir auch nicht -entgegen, sondern küßten mich auf beide Wangen, und erst wenn ich den -Rücken gedreht hatte, spritzten sie ihr Gift. Da wußte ich nun, weshalb -sie mir in den frühesten Kinderjahren den tödlichen Abscheu eingeflößt -hatten.</p> - -<p>Meine erste Bekanntschaft mit den Kränzelesfrauen fällt übrigens schon -nicht mehr in meine illiterate Zeit, denn ich erinnere mich, besagtes<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> -Gedicht zu wiederholten Malen selbst gelesen zu haben. Allerdings -hatte ich diese Kunst schon im dritten Jahr, dem älteren Bruder zur -Gesellschaft, unter mütterlicher Leitung zu erlernen begonnen. Auch in -die klassische Literatur wurde ich bereits eingeführt, denn Mama ließ -mich als erstes das Uhlandsche Gedicht vom „Wirte wundermild“ schreiben -und auswendig hersagen; und etwas später, es mag zwischen meinem -vierten und fünften Lebensjahr gewesen sein, las sie mir Schillersche -Balladen vor, die mich sehr entzückten, mit Ausnahme der „Bürgschaft“, -die ich als einen unzarten Angriff auf meine Tränendrüsen empfand und -verstimmt abgleiten ließ. Der scheinbare Kaltsinn empörte mein rasches -Mütterlein, sie schalt mich einen Eisklotz und hielt mir zur Rüge vor, -daß mein von mir sehr bewunderter Bruder Edgar beim Vorlesen in Tränen -zerflossen sei. Aber es half nichts, ich konnte über „die Bürgschaft“ -nicht weinen, und es war gerade die frühreife Empfänglichkeit, die -mich gegen das gröbere Pathos störrisch machte. „Die Bürgschaft“ ist -auch zeitlebens für mich auf dem Index geblieben, ein Beweis für die -vollkommene Unveränderlichkeit unserer angeborenen Innenwelt.</p> - -<p>Hier ziehe ich einen Siebenmeilenschuh an und stapfe ohne weiteres in -unsere Obereßlinger Tage<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> hinüber. Da ich aber alle äußere Szenerie -sowie die Fülle der teils rührenden, teils wunderlichen Käuze, die -unsere Kinderstube umgaben, schon in meiner Hermann-Kurz-Biographie -ausführlich geschildert habe, werde ich auch hier fortfahren, nur -von den inneren Erlebnissen zu reden, an denen das kleine Menschlein -allmählich zum Menschen ward.</p> - -<p>Das nächste, was sich mir eingeprägt hat, war eine erste Liebe — o daß -sie ewig grünend bliebe! Aber sie nahm leider ein Ende mit Schrecken. -Ich war jetzt fünf Jahre alt, und er hieß Dr. Adolf Bacmeister. Er trug -einen braunen Vollbart nebst Brille und war Präzeptor. Daß er nebenbei -auch ein Poet und ein feiner Erforscher sprachlicher Altertümer war, -wußte ich damals noch nicht. Wenn er ins Haus kam, galt seine erste -Frage dem kleinen Fräulein, ich wurde dann allein aus der ganzen -Kinderschar herausgerufen, damit er mir Geschichten erzählen und mit -mir spielen konnte. Er beteuerte, mich unendlich zu lieben, und warb -eifrig um meine Gegenliebe, die ich ihm nicht versagte. Auch hörte -ich es nicht ungern, daß er mich sein Bräutchen nannte. Nur küssen -durfte er mich nicht, weil der Bart kratzte. Durch keine Bitte noch -Versprechung, auch nicht durch elterliches Zureden, ja nicht einmal -durch Gewalt war es ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> je gelungen, einen Kuß von mir zu erlangen. -Aber die Eifersucht brachte es eines Tages dahin. Ich hatte mir nie -vorgestellt, daß eine andere sich zwischen mich und meinen Freund -schieben könnte, den ich für mein ausschließliches, unveräußerliches -Besitztum hielt. Daher fuhr es mir wie ein Strahl in die Glieder, als -ich eines Tages aus den Reden der Eltern, die ihn sehr hoch hielten, -entnahm, daß sie damit umgingen, ihn mit der Tochter eines nahen -Freundes zu verheiraten. An diese Gefahr hatte ich nie gedacht, denn -das liebenswürdige Mädchen, das etwa siebzehn Jahre alt sein mochte, -erschien mir wie eine Matrone. Ich begriff meine Mutter nicht, die -um einer Fremden willen ihre eigene Tochter benachteiligte. Als mein -Verehrer wiederkam, ließ ich mich auf den Schoß nehmen und trotz dem -größten inneren Widerstreben von den bärtigen Lippen küssen. Wir waren -eben allein im Zimmer neben dem gedeckten Mittagstisch. Da sagte das -Ungeheuer: Weißt du auch, warum ich dich so lieb habe? Weil du ein so -zartes festes weißes Fleisch hast; das schmeckt fein zu französischem -Senf. So kleine Mädchen esse ich am allerliebsten. Dabei blinzelte er -nach einem langen Messer, das neben dem Senftopf lag, und ich entwich -mit einem gräßlichen Schrei. Da in diesem Augenblick die Eltern -hereinkamen, verkroch ich<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> mich bebend unter dem Kanapee. Nach einiger -Zeit wurde mein Verschwinden bemerkt, und man rief nach mir, aber ich -hielt mich ganz still. Tränen liefen mir über das Gesicht, und alle -Pulse klopften. Das Untier! Die gemeine Seele! Darum hatte er mir -geschmeichelt und mich angelockt. Ich sah auf einmal in seinem Gesicht -die ganze Scheusäligkeit des Kannibalen. Furcht hatte ich keine, denn -daß mein guter Papa ihm nicht gestatten würde, seine Leckerhaftigkeit -zu befriedigen, war mir klar. Zorn, Haß, Verachtung und die Beschämung -verratener Liebe arbeiteten in dem kleinen Seelchen. Der Oger saß -inzwischen ruhig essend und plaudernd am Tisch, ohne Ahnung von des -Kindes grimmigem Schmerz, denn er hielt mich für viel zu verständig, -um den groben Spaß zu glauben. Er reiste ab und hat die Kälte, mit der -ich ihn später bei seinen seltenen Besuchen empfing, gewiß nicht auf -Rechnung seines Kannibalentums gesetzt. Mir selber ist es rätselhaft, -wie neben meiner überschnellen geistigen Entwicklung so viel kindlicher -Schwachsinn fortbestehen konnte. Aber ich nahm mir diese Erfahrung zur -Lehre, daß man mit Kindern im Spassen nicht zu weit gehen darf, auch -wenn man sie für kluge Kinder hält. Und seltsam, es blieb etwas von -jenem Eindruck hängen; ich konnte auch, als ich heranwuchs und mein<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -ehemaliger Freund mir mancherlei liebenswürdige Aufmerksamkeit erwies, -kein herzliches Gefühl mehr für diesen Gegenstand meiner ersten Liebe -erschwingen, so gewaltsam hatte ich ihn aus meiner Seele gerissen.</p> - -<p>Obgleich das bißchen Lernen in Gesellschaft des Bruders mühelos und mit -Riesenschritten vor sich ging — Lesen, Rechtschreiben, das Einmaleins, -die Mythologie, die Anfänge der Geschichte glitten uns wie von selber -zu —, so wurde ich doch in bezug auf die Leichtgläubigkeit noch lange -nicht gescheiter. Was man mir sagte, nahm ich ohne weiteres für wahr -und schmückte es noch durch die Einbildung aus. Im Kämmerchen unserer -Josephine befanden sich drei ungebrauchte kaufmännische Rechnungsbücher -von einem Umfang, der mir, an meiner eigenen Größe gemessen, riesenhaft -erschien. Auf eines dieser Bücher richteten wir zwei älteren Kinder -unser Begehr, um es mit den Erzeugnissen unserer Zeichenkunst zu -füllen. Fina, die Gute, widerstand lange, endlich überließ sie uns -eines, und als es vollgeschmiert war, auch das zweite. Wir zeichneten -unser selbsterfundenes Märchen vom Schnuffeltier und Buffeltier hinein, -von dem wir jeden Tag ein neues Begebnis ersannen. Fina sah uns zu, -aber immer von Zeit zu Zeit seufzte sie: Ach, was wird Herr Sch. -sagen,<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> der mir diese Bücher zum Aufheben gegeben hat! (Herr Sch. war -ein Jugendbekannter Mamas, dessen Namen wir oft gehört hatten.) Gewiß -wird er einmal kommen und nach den Büchern fragen. Und wenn er sie in -diesem Zustand findet, dann setzt er mir den Kopf zwischen die Ohren.</p> - -<p>Diese Reden ängstigten mich unaussprechlich. Ich hielt das -Kopf-zwischen-die-Ohren-Setzen für eine grausige Marter, und es -war fürchterlich, daß unserer treuen Pflegerin diese Gefahr um -unseretwillen drohte. Gleichwohl half ich auch das nächste Buch -beschmieren, aber immer dachte ich an den gefürchteten Herrn Sch. -und ob er nicht komme. An einem Spätnachmittag trat ein elegant -gekleideter Herr in senfgelbem Überzieher in unser Haus und fragte -nach Mama. Augenblicklich durchzuckte es mich: Das ist er! Und er war -es in der Tat, wie ich aus Josephinens Begrüßung ersah. Sie wies ihn -die Treppe hinauf und kehrte heldenhaft in ihre Küche zurück, gefaßt, -wie mir schien, das äußerste zu leiden. Ich wäre am liebsten jammernd -in den Garten entwichen, aber ein kategorischer Imperativ zwang mich, -wiewohl an allen Gliedern schlotternd, dem Furchtbaren die Treppe -hinauf nachzuschleichen, ob ich nichts zur Rettung unserer Geliebten -zu unternehmen vermöchte. Was ich nun am Schlüsselloch sah und<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> hörte, -war so merkwürdig, daß ich auf einmal alle Angst vergaß und nur Augen -und Ohren aufsperrte. Der fremde Herr saß ganz vertraulich neben -meiner Mutter und hatte eine Anzahl messingener und zinnener Röhren -auf dem geschliffenen Sofatisch ausgebreitet, das zerlegte Modell -einer Erfindung, durch die er jeden Krieg siegreich, aber unblutig -beenden zu können vermeinte. Es war, wenn meine Mutter, von der ich -diese Erklärung habe, ihn richtig verstand, ein Geschütz, durch das -ganze Heere mittels abgeschossener feiner Ketten umspannt und wehrlos -gemacht werden sollten, und der phantasievolle Erfinder hatte die -Absicht, damit nach Paris zu reisen und das Modell an Napoleon III. -zu verkaufen. Meine sonst so geistvolle Mutter verstand von Mechanik -nicht viel mehr als ihr Töchterlein am Schlüsselloch und war fast -ebenso leichtgläubig. — Was, an den Tyrannen? hörte ich sie entrüstet -sagen. Du solltest dich schämen, der Reaktion zu dienen. Ich hoffe, daß -du dich anders besinnst und mit dem Modell nach Italien zu Garibaldi -fährst, damit er es zum Heil der Freiheit verwende.</p> - -<p>Der Besucher packte seine Röhren zusammen und antwortete, er werde -jetzt, wie geplant, nach Paris reisen und sein Geheimnis um zwei -Millionen dem Franzosenkaiser verkaufen, weil er das Geld brau<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>che. -Hernach aber wolle er jenen um den Vorteil bringen, indem er ein -zweites Modell Garibaldi unentgeltlich zur Verfügung stelle. Er ging -auch in die Küche und sprach vertraulich mit Josephine, und als er fort -war, überzeugte ich mich, daß ihr Kopf auf dem alten Flecke stand. Ich -wagte endlich wegen der Bücher zu forschen, da gestand sie, mich nur -geneckt zu haben. Die Bücher waren ihr Eigentum, über das sie frei -verfügen konnte. Der Herr, dessen sinnreiche Einfälle übrigens bekannt -waren, hatte einmal mit seiner Frau als Gast bei meiner damals noch -unverheirateten Mutter gewohnt, und da er eben nicht bei Kasse war, -Josephine jene unbenützten Bücher statt eines anderen Entgelts für ihre -Dienste hinterlassen.</p> - -<p>Die vielen bei Tage ausgestandenen Ängste, die ich meist aus -unüberlegten Reden der Erwachsenen schöpfte — auch die Furcht, eines -meiner Lieben zu verlieren, gehörte dazu, obwohl ich vom Tode noch -nichts wußte —, kehrten bei Nacht in abenteuerlichen Vermummungen -wieder und machten mir oft genug den Schlaf zu einer ganz bedenklichen -Angelegenheit. Das ging bis zu Sinnestäuschungen im vermeintlich wachen -Zustand. So sah ich eines Nachts im Mondschein ganz deutlich meine -Mutter im langen weißen Hemd vom<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> Lager steigen, sich neben meinem -Bettchen einen Strumpf knüpfen, und als ich erwartete, daß sie sich -jetzt über mich beugen werde, lautlos hinter den Ofen gleiten. Als sie -gar nicht zurückkommen wollte, kroch ich nach längerem Warten ängstlich -aus dem Bett und sah den Raum hinter dem Ofen leer. Eine schreckliche -Unruhe befiel mich, aber als ich nun vor ihr Lager schlich, lag sie in -festem Schlafe. Eine solche kindliche Halluzination hätte vielleicht -im Mittelalter genügt, eine unglückliche Frau der Hexerei und der -Schornsteinfahrt zu überführen.</p> - -<p>Aber diesen Kinderleiden, von denen die Erwachsenen nichts zu ahnen -pflegen, hielt eine unermeßliche Kinderseligkeit die Waage. Solche -Fest- und Wonnetage wie unsere Geburtstage konnte das spätere Leben -aus all seinem Reichtum nicht mehr hervorbringen. Der feierlichste war -der meinige, der Thomastag; da er in die Weihnachtswoche fiel, wurde -an diesem Abend der Baum angezündet und die Bescherung gehalten. Schon -viele Tage vorher hantierte unsere Josephine mit köstlichen süßen -Teigen und stach mit den hochehrwürdigen alten Modeln, die ich immer -irgendwie mit unseren altgermanischen Göttern in Zusammenhang bringen -mußte — vielleicht hatte unser Vater einmal die Bemerkung gemacht, -daß die „Springer<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span>lein“ Wodans Roß bedeuten —, das herrlichste -Backwerk aus. Es wurde in überschwenglichen Mengen hergestellt und mit -den Freundeshäusern korbweise als Geschenk getauscht. Mama saß mit -befreundeten Damen und „dockelte“ heimlich, d. h. sie nähte aus bunten -Seidenlappen die schönsten Puppenkleider. Immer hing da und dort ein -goldener Faden, der diese feenhafte Tätigkeit verriet. Die übrigen -Lappen hütete ich in einer Pappschachtel, sie waren mir als Stoff zu -künftiger Gestaltung fast noch werter als die fertigen Kleidchen. Die -Großen begriffen nicht, warum diese Schachtel jede Nacht an meinem -Bett stehen mußte, aber ich wußte recht wohl, was ich tat, denn -wer hätte sie sonst gerettet, falls des Nachts ein Brand ausbrach? -Ich hatte schon den Griff eingeübt, womit ich sie fassen wollte, -während ich im anderen Arm die Puppen hielt, um durch die Flammen zu -springen. Man sage noch, daß kleine Kinder keine Voraussicht hätten! -— Wenn dann nach einer herzklopfenden Erwartung endlich die Tür des -Weihnachtszimmers aufging und der Duft und Glanz des mit goldenen -Nüssen behangenen Baums uns entgegenströmte, dann war mit dem ersten -seligen Aufatmen auch der Höhepunkt des Glückes überschritten. So -herrlich Puppenstube, Küche, Kaufladen mit ihrem Inhalt waren, der<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> -Gedanke, daß auch dieser Abend unaufhaltsam zu Ende gehen mußte wie -jeder andere, machte den Besitz im voraus zunichte. Das Schönste an dem -Fest war jedesmal der letzte Augenblick der Erwartung.</p> - -<p>An den Geburtstagen der Brüder wurden immer alle Geschwister -mitbeschenkt. Man erwachte früh bei noch geschlossenen Läden voll -Hoffnung und Ungeduld, stellte sich aber schlafend und blinzelte nur -nach den Dingen, die da kommen sollten, während mütterliche Hände -ganz leise vor jedes Kinderbett ein Tischchen rückten. Da standen -dann im Morgenlicht bezaubernde Dinge wie Farbenschachteln, bunte -Bleistifte, goldgeränderte Tassen, für mich eine Glasschachtel mit -goldenen, silbernen und farbigen Perlen zum Sticken und Anreihen, und -was mich immer am höchsten beglückte: ein blühendes Rosenstöckchen mit -vielen Knospen, das ich selber pflegen durfte. Vor dem Geburtstagskind -aber brannten die Jahreskerzen über dem Kuchen. — Wenn ich meine -seligen Obereßlinger Erinnerungen gegen die Briefe meiner Mutter aus -jener für sie so schweren und düsteren Zeit halte, so kann ich erst -ganz die Größe dieser unendlichen Liebe ermessen, die den Himmel -über unseren jungen Häuptern so rein und blau erhielt. Obereßlingen -war die Sandbank, auf die politische<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> Verfemung und literarisches -Nichtverstandensein meinen Vater geworfen hatten. Sein Genius büßte -dort in der Enge des Daseins und der Eintönigkeit der Landschaft, die -dabei nichts Großartiges hatte, die Schwungkraft ein. Aber das Kind sah -anders. Ihm war die bloße Berührung des ungepflasterten Erdbodens und -seine grüne Nähe Glückes genug, der Hopfsche Garten, wo man Stachel- -und Johannisbeeren pflücken und der Henne ins Nest gucken durfte, das -Paradies. Ein ungewöhnlich entwickeltes Geruchsvermögen machte mir auch -all die hundert Kräutlein im Grase zu lauter kleinen Persönlichkeiten, -mit denen ich in Beziehung trat.</p> - -<p>Edgar und ich hielten in der Kinderschar am engsten zusammen, weil wir -zuerst vor allen anderen dagewesen waren und uns eine gemeinsame Welt -erbaut hatten. Daß ich aber auch noch als Sechsjährige am liebsten -mit ihm von einem Teller aß und in einem Bettchen schlief, wobei wir -bis zum Einschlafen zusammen Verse verfertigten, weiß ich nicht mehr -aus eigener Erinnerung, sondern aus Briefen der Mutter. Und daß an -diesen Versen, wie sie schrieb, nichts Gutes war als die Leichtigkeit -des Reims, ist nicht zu verwundern. Unseren Spielen hatten sich bald -zwei andere Brüder, Alfred und Erwin, gesellt, ohne daß sich mir der -Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span>punkt ihres ersten Erscheinens eingeprägt hätte. Mit Bewußtsein -erlebte ich nur die Geburt des Jüngsten, der im Jahre 1860 zur Welt -kam und nach Mamas Lieblingshelden Garibaldi genannt wurde. Im -Familienkreise hieß er nie anders als Balde. Ich brachte ihm zunächst -keine große Begeisterung entgegen, denn ich hatte aus unvorsichtigen -Reden Erwachsener entnommen, daß seine bevorstehende Ankunft häusliche -Sorgen bereitete, und das machte mich zunächst ein wenig zuhaltend. -Daß ich, statt wie bisher die wilden Spiele der Brüder im sommerlichen -Garten zu teilen, jetzt nachmittagelang sitzen und seinen Schlaf hüten -sollte, stimmte mich auch nicht froher. Aber als ich eines Tages eine -Fliege in den offenen Mund des Kindes kriechen sah und alle Mühe hatte, -sie herauszubringen, ohne ihn zu wecken, da wurde mir seine ganze -Hilflosigkeit klar; von Stunde an liebte ich ihn zärtlich und widmete -ihm auch gerne meine Zeit.</p> - -<p>Es mag in jenem Jahre oder auch etwas früher gewesen sein, daß ich -zum erstenmal meine eigene Bekanntschaft machte. Im großen Zimmer in -Obereßlingen waren zwischen den Fenstern zwei lange schmale Wandspiegel -eingelassen, die auf einem niedrigen, rings umlaufenden Sockel ruhten. -Eines Tages, ob es nun Wirkung der Beleuchtung oder<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> sonst ein Zufall -war, blieb ich plötzlich betroffen mitten im Zimmer stehen und starrte -in einen dieser Spiegel, der mir mein eigenes Bild entgegenhielt. -Ein leiser Schauder überlief mich, und ich dachte einen niegedachten -Gedanken: Also das bin ich! Zwischen Scheu und Wißbegier trat ich ganz -nahe hinzu und musterte das schmale, durchscheinende Kindergesicht, -das fast nur aus Augen bestand, aus großen, erstaunten Augen, die mich -rätselhaft und forschend anblickten, wie ich sie: Also das sind meine -Augen, meine Stirn, mein Mund! Mit diesem Gesicht, mit diesen Gliedern -muß ich nun immer beisammen sein und alles mit ihnen gemeinsam erleben! -— Dieser Frater Corpus, der „Bruder Leib“, den ich da plötzlich vor -mir sah, schien mir aber keineswegs mein Ich zu sein, sondern ein eben -auf mich zugetretener Weggenosse, mit dem ich jetzt weiterzupilgern -hätte. Und es kam mir vor, als wäre eine Zeit gewesen, wo wir zwei uns -noch gar nichts angingen. Bisher war mir nämlich meine Körperlichkeit -nur bewußt geworden, wenn ich mir eine Beule an die Stirn rannte -oder mit der großen Zehe gegen einen Stein stieß. Es war auch bloß -ein kurzer Augenblick der Befremdung, in dem mich dieses unfaßbare -Zweisein berührte. Die frühe Kindheit mag solchen halb metaphysischen -Empfindungen zugänglicher<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span> sein als die reifgewordene Jugend, die im -unbändigen Stolz ihrer physischen Kraft und Herrlichkeit vielmehr den -Bruder Leib für den eigentlichen Menschen ansieht.</p> - -<p>In die gleiche Zeit fiel eine andere erschütterndere Entdeckung. Ich -sah eines Tages durchs Fenster eine Schar schwarzgekleideter Männer -vorübergehen und einen mit schwarzem Tuch verhüllten Gegenstand tragen, -der mir wie ein großer Koffer erschien. Der Anblick berührte mich -peinlich, und Christine, unser neues Kindermädchen, das seit kurzem -im Hause war, sagte auf meine Frage, das sei eine Leiche, mit der die -Leute auf den Kirchhof gingen. — Was ist eine Leiche? fragte ich mit -Widerwillen, denn ich hatte das Wort noch nie gehört, und es klang -mir fremd und unheimlich. Sie antwortete, das sei ein toter Mensch. -Ich wunderte mich, daß auch Menschen sterben sollten, denn ich hatte -gemeint, das sei ein übler Zufall, der nur Vögel, Hunde, Katzen und -solches Getier betreffe. Christine wollte mich auf andere Gedanken -bringen, aber nun ließ ich nicht mehr los, sondern stürzte zur Mutter: -Ist es wahr, daß Menschen sterben? — Wer hat dir das gesagt? — Die -Christine. — Ich sah gleich, daß die Christine ein Verbot übertreten -hatte. — Armes Kind, sagte mein Mütterlein, du hättest es noch lange -nicht erfahren sollen.<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> Aber jetzt ist es heraus. Ja, es ist wahr, die -Menschen sterben. — Aber doch nicht alle, Mama? — Ja, Kind, alle. — -Sie hielt mich im Arme, wie um mich zu schützen und zu trösten, ich war -aber mit dem Gedanken noch lange nicht so weit. — Aber doch du nicht, -Mama? — Ich auch, Kind. Alle. — Aber der Papa doch nicht? — Auch der -Papa. — Also vielleicht auch ich? — Auch du, aber erst in langer, -langer Zeit. Wir alle erst in langer Zeit. — Und man kann gar nichts -dagegen tun? Es muß kommen? — Gar nichts, Kind, es muß kommen, aber -jetzt noch lange nicht.</p> - -<p>Das war mir durchaus kein Trost. Die lange Zeit, von der sie sprach, -war in diesem Augenblick schon vorüber. Ein schwarzer, furchtbarer -Abgrund ging auf, der alles verschluckte. Ja, wenn es doch kommen -mußte, dann lieber gleich, als diese lange dunkle Erwartung. Ein -plötzlich eintretender Zufall schien mir lange nicht so schauerlich wie -dieses unausweichliche „Später“. Dennoch wirkte die Mitteilung nicht -eigentlich überraschend. Es war mir, als hörte ich da etwas, das ich -zuvor schon gewußt, aber wieder vergessen hätte. Ich dachte fortan oft -über das Sterben nach, und die Unerbittlichkeit des Vorausbestimmten -erfüllte mich mit immer neuem Grausen: Also einmal muß es sein, jeder -Tag bringt mich dem letz<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span>ten Ziele näher. Und wenn ich mich unter das -Kleid der Mama verkröche, es würde mir doch nichts nützen. Und wenn ich -sogar zum Papa ginge, auch er könnte mir nicht helfen. Niemand, niemand -kann mir helfen, ganz allein stehe ich dem Furchtbaren gegenüber — -dem Tod! Dabei war mir zumute, als befände ich mich in einem langen, -engen Gang, wo kein Entrinnen, keine Umkehr möglich, und am Ende des -Ganges, da warte es auf mich, das Rätselhafte, Unbegreifliche; ich -aber müsse immer weiter, so gerne ich stehenbliebe, unaufhaltsam, -Schritt für Schritt bis zum gefürchteten Ausgang. Natürlich wurde -trotz dem unheimlichen „Später“ fortgerollt, als wäre alles wie zuvor, -und niemand erfuhr, was in dem kleinen Seelchen vorging. Aber mitten -im Spielen schlug es zuweilen herein: Trotz alledem — es wird doch -einmal ein Tag kommen, wo ich kalt und starr daliege, wo ich selber -eine Leiche bin. Das Wort behielt mir auf lange hinaus etwas unsäglich -Widriges und Abscheuliches, es haftete ihm schon ein Geruch wie von -Verwesung an.</p> - -<p>Auch das gehört für mich zu den Rätseln der Kinderseele, daß mir -die Entdeckung des Todes als des allgemeinen Schicksals so neu und -überwältigend war, während ich doch ganz frühe schon das mannigfachste -Lesefutter, und gewiß nicht immer<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> auf das dunkle Geheimnis hin -gesichtet, in die Hände bekam. So las ich seit langem in einem -Bande „Pfennigmagazin“, der in der Kinderstube lag, Geschichten und -Abhandlungen über alle möglichen Dinge wahllos durcheinander; die -Tatsache des Sterbenmüssens hatte ich schlechterdings übersehen. -Wahrscheinlich ist der kindliche Geist nicht imstande, die -Erscheinungen zu verknüpfen und zu verallgemeinern. Es gibt ja -auch Negerstämme, die jeden Todesfall immer wieder als dämonischen -Einzelvorgang betrachten, auf den sie mit Teufelsaustreibung antworten, -damit er sich inskünftig nicht mehr wiederhole.</p> - -<p>Im Lernen konnte unser gutes Mütterlein, das selber einen nie zu -stillenden Wissenstrieb besaß, uns zwei Älteste nicht schnell genug -vorwärts bringen. Einzig für das Rechnen, das ihr selber nicht allzu -geläufig war, wurde ein junger Hilfslehrer aus Eßlingen angestellt, -ein bäurischer Mensch, der den unachtsamen Alfred etwas derb mit -dem schweren Taschenmesser auf die Fingerknöchel klopfte und sich -sogar einmal gegen Edgars junge Majestät verging, so daß Mama ihn -entrüstet wieder entließ. Davon hatte ich den Schaden, weil ich gerade -im Bruchrechnen stehen blieb, das die Brüder später in der Schule -fortsetzen konnten, während ich in der ganzen Arithmetik, für die -ich zuerst eine<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> gute Fassungskraft gezeigt hatte, nicht mehr weiter -unterrichtet wurde und somit in den Zahlen für immer schwach blieb. -Alle anderen Fächer übernahm sie selber, und wir machten ihr das Lehren -leicht. Sie besaß kein wirkliches Lehrtalent, weil alles Methodische -ihrer Natur aufs tiefste widerstrebte, wie ich auch glaube, daß diese -Apostelseele für keines der vielen irdischen Geschäfte, denen sie -sich allen willig unterzog, so recht eigentlich geboren war. Ihr -natürliches Amt war einzig, höheres Leben entzünden, wachhalten und -verbreiten. Keine Mühe war ihr dafür zu groß: neben unserem Unterricht -und den häuslichen Geschäften führte sie noch begabte Dorfmädchen ins -Französische und in die Literatur ein. Schon hatte sie auch die Anfänge -des Lateinischen in unsere Stunden aufgenommen. Ihre eigenen in der -Jugend erworbenen Kenntnisse kamen ihr dabei zustatten, und wir holten -sie allmählich munter ein. Über grammatische Schwierigkeiten halfen -beiden Teilen die lustigen Reimregeln weg:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Was man nicht deklinieren kann,</div> - <div class="verse">Das sieht man als ein Neutrum an, usw.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>So blieb das Lernen immer ein Spiel unter anderen Spielen. Wir -übersetzten kleine Übungsstückchen aus dem „Middendorf“, lasen eine -Seite in L’Hommonds „Viri Illustres“ und verfertigten sogar ge<span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span>reimte -Knittelverschen in unserem Suppenlatein, alles mit dem gleichen -Vergnügen, mit dem wir die uns überlassenen Rabatten anpflanzten, auf -hohen Erntewagen fuhren, den ländlichen Pferden und Ochsen auf den -Rücken kletterten, den Nachbarinnen beim Ausgraben der Kartoffeln -halfen oder auf langen Spaziergängen, wobei man barfuß in kleinen -Seen und Pfützen quatschen durfte, für Edgars Aquarium Salamander und -Kaulquappen fingen. Das schönste aber war, im offenen Neckar zu baden, -an seinen Weidenufern die ausgeworfenen Muschelschalen zu sammeln, -in denen man sich die Farben anrieb, oder seine niedere Furt unter -Josephinens Führung mit hochgeschürzten Kleidern zu durchwaten, um -dann jenseits im Sirnauer Wäldchen sich auszutollen. Der eigentümliche -Geruch des fließenden Süßwassers, der an den Neckarufern besonders -stark war, hat sich mir aufs tiefste eingeprägt und erregt mir, wo -ich ihm begegne, ein unbeschreibliches Jugend- und Heimatgefühl. -In dem sonnbestrahlten, silbern rieselnden Neckar verehrte ich ein -beseeltes höheres Wesen. Ich warf ihm ab und zu ein paar Blumen oder -eine Handvoll glitzernder Perlen aus meiner Perlenschachtel hinein, und -wenn ein Fisch aufhüpfte, schien mir das irgendwie ein gutes Zeichen. -Er hatte aber auch noch ein anderes dämonisch wil<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span>des Gesicht, das -ich schaudernd noch mehr liebte: dort an der nach Eßlingen führenden -bedeckten Brücke, die wir das Wasserhaus nannten, verbreiterte -sich sein Lauf für mein Auge ins Unermeßliche. Unter den Pfeilern -schüttelte er wilde braune Locken, schnaubte und rüttelte an dem Bau, -daß ich wie gebannt stand und kaum von der Brücke wegzubringen war. -Am geheimnisvollsten aber erschien er mir in Eßlingen selber, wohin -wir oft durch das alte Wolfstor pilgerten. Dort stand ich in dem -befreundeten Haus die ganze Zeit am Fenster und sah auf die stille Flut -hinunter, die die Rückseite des Gebäudes unmittelbar bespülte. Ich -war dann, während die Mütter auf dem Sofa saßen und Kaffee tranken, -in Venedig, sah schwarzgeschnäbelte Gondeln, die ich aus Abbildungen -kannte, und Marmorpaläste in feierlicher Pracht.</p> - -<p>In meiner Vorstellung ist es in Obereßlingen immer Sommer gewesen. -Wie es möglich war, uns während der langen Wintermonate in den engen -Räumen zu halten, ist mir nicht erinnerlich. Unsere Lebhaftigkeit mag -die dichterischen Gebilde, mit denen sich unser Vater trug, schwer -genug beeinträchtigt haben und war die Ursache, daß er den Tag über -nur selten das Kinderzimmer betrat, ja nicht einmal die Mahlzeiten -mit der Familie<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> teilte. Deshalb tritt auch seine Gestalt in meinen -frühen Erinnerungen wenig hervor; sie wandelt nur manchmal ernst und -hoheitsvoll über den Hintergrund.</p> - -<p>O die Sommerseligkeit, als man selber noch nicht höher war als die -reifen sonneduftenden Ähren, zwischen denen man sich durchwand, um -die blauen Kornblumen und die flammend roten Mohnrosen herauszuholen. -Wenn ich noch einmal nachempfinden könnte, was das Kinderohr bei den -Schillerschen Versen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Windet zum Kranze die goldenen Ähren,</div> - <div class="verse">Flechtet auch blaue Zyanen hinein —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">an Fülle des Seins genoß! Die güldenen Halme, das satte Blau und Rot -der Blumen sahen mich daraus noch schöner an, durch einen tiefen -Goldton aus der Farbenschale der Poesie verklärt. Damals waren die -Worte der Sprache keine rein geistige Sache, es haftete ihnen noch -eine köstliche Stofflichkeit von den Dingen, die sie bezeichnen, an. -Ich lebte und webte um jene Zeit in den Schillerschen Balladen. „Die -Götter Griechenlands“, „Die Klage der Ceres“, „Kassandra“ und vor -allem „Das Siegesfest“ waren mir die liebsten. Ihr glockenartiger -Klang bezauberte mich, während ihre Gegenstände meine innere Welt -bevölkerten. Selbst ein rein philosophisch gerichtetes Gedicht<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> wie -„Das Ideal“ und „Das Leben“ war mir schon in meiner Frühzeit völlig -geläufig und sogar ganz besonders teuer. Das Gedankliche darin, das ich -noch nicht mitdenken konnte, empfand ich als ein dunkles prophetisches -Raunen von höheren Dingen, und es wirkte poetisch, eben weil ich es -nicht verstand. Zugleich hatte es auch eine erhebende Macht, wie ein -unverstandenes, aber gläubig verehrtes Stück Sittengesetz. Ich hütete -mich überhaupt, ein Gedicht zu zergliedern oder auch nur einem Worte -nachzuforschen, dessen Sinn mir dunkel war. Denn das höhere Ahnen -labte mich viel mehr als irgendeine tatsächliche Erkenntnis. Indem -mir solche Verse im Heranwachsen immer gegenwärtig blieben, bemerkte -ich es selber nicht, wie ich allmählich in das richtige Verständnis -hinüberglitt. Ich glaube, daß unsere Mutter richtig geleitet war, als -sie uns die Schillerschen Gedichte in einem so frühen Lebensalter in -die Hände gab. Denn sie verbreiten neben einem reichen sachlichen -Inhalt die hohe und reine Luft, worauf es doch für die Kindheit vor -allem ankommt. Hernach mag sich das reifende künstlerische Bedürfnis -seine Weide suchen, wo ihm am wohlsten ist. Daß meine erste Welt eine -so schöne und weihevolle war, verdanke ich diesem Dichter vorzugsweise -mit, obgleich er nicht ihr eigentlicher Schöp<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>fer, sondern nur ihr -Vermehrer und Erhalter gewesen ist. Die frühesten Eindrücke kamen mir -aus den Homerischen Gesängen, die uns Mama, sobald wir nur geläufig -lesen konnten, zunächst in prosaischer Bearbeitung, in die Hände -gegeben hatte. Die griechische Götter- und Heldensage verband sich -blitzschnell und unauflöslich mit unserer Vorstellung. Der Olymp mit -allen seinen Insassen thronte leibhaftig in unserem Garten. Wir selber -übten uns fleißig im Speerwerfen und Bogenschießen. In dem quatschigen -gelben Obereßlinger Lehm bis an die Ellbogen wühlend, bauten wir -die heilige Troja auf, schleppten aus dem Röhrenbrunnen zahllose -Wassereimer herbei, um die Windungen des Skamanderbettes zu füllen. -Dann verwandelten wir uns selbst in Helden und Götter, und um die -Mauern Trojas wurde mit Macht gerungen. Ich trug wie die Brüder Helm -und Schild und Lanze aus Pappdeckel und Goldpapier sowie ein mit dem -Medusenhaupt geschmücktes Panzerhemd und warf den dicken Alfred, wenn -er als Ares anstürmte, im Nahkampf nieder, wobei er vorschriftsmäßig -brüllte „wie zehntausend Männer“. Dieser schöne Knabe, der sich selber -Butzel nannte, war nach der Schilderung meiner Mutter bis ins zweite -Lebensjahr das putzigste und liebenswürdigste Kerlchen gewesen;<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> nach -einer Kinderkrankheit aber hatte ihn plötzlich eine nicht zu bändigende -Wildheit und Unart befallen. Von Feld und Wiesen brachte er aus dem -Schatz der Bauernsprache nie gehörte schnöde Redensarten heim, die -unseren Ohren ganz barbarisch klangen und bei denen man sich, da er sie -nur verstümmelt und dem Klang nach auffaßte, nicht einmal etwas denken -konnte.</p> - -<p>Zuweilen kam ein Kind aus befreundetem Hause mit seinen Eltern von -Stuttgart herüber und mengte sich zitternd zwischen Lust und Grausen in -unser wildes Spiel. Es war ein zartes, kleines, äußerst wohlerzogenes -Mädchen, dessen kühnster Traum war, einmal mit uns „dreckeln“ zu -dürfen: so nannte man das Schaffen in dem feuchten Lehm, wonach man -immer von Kopf zu Füßen frisch gewaschen werden mußte. Daß wir die -heilige Troja bauten, war ihr zwar noch nicht aufgegangen, aber die -Sache hatte auch so einen dämonischen Reiz. Bevor sie kam, unterzog -Papa den rauhen Butzel einer strengen Ermahnung, das kleine Mädchen -ja nicht umzuwerfen und ihr auch sonst keinen Schaden zu tun. Dies -hinderte den Wildfang nicht, sich mit schreckhafter Miene vor ihr -aufzupflanzen und drei peinliche Fragen an sie zu stellen: Emy, kannst -du griechisch? (Er hielt nämlich die dialektfreiere Aussprache unseres -Hauses dafür.) — Kannst<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> du mit dem Fuß an den Ohren kratzen? — Sie -bebte, denn sie hatte beides noch nicht versucht. Aber nun kam schnell -die dritte Frage: Kannst du grunzen wie ein Schwein? Dabei wartete er -die Antwort nicht ab, sondern gab alsbald selber den bezeichneten Ton -von sich und mit solcher Stärke, daß die arme Kleine fast vor Schreck -in die Bohnen fiel.</p> - -<p>Bei solcher Gemütsart konnte ihm nichts besser passen als den Ares -zu spielen. Ein andermal aber mußte er Hektor sein und sich von -Edgar-Achilleus fällen lassen. Daß ihm bei unseren Spielen jedesmal -die Rolle eines Unterliegenden zufiel, wurde mit ein Grund zu seiner -immer wühlenden heimlichen Erbitterung gegen den älteren Bruder und die -Schwester, vor der ich mich im Heranwachsen hüten mußte, da er mich oft -unversehens mit seinem dicken Kopf anzurennen und umzuwerfen suchte. -Edgar, der Bastler, verfertigte einen richtigen antiken Kriegswagen, -an dem er vorhatte, den Hektor zu schleifen, allein die zwei Räder -wollten nie so recht rollen, da sie vom Drechsler als massive, in -der Mitte durchbohrte Scheiben geliefert wurden. Dagegen überspannte -er mit Erfolg alte Zigarrenschachteln mit Darmsaiten und verfertigte -Leiern daraus, auf denen die junge Götterschar fleißig klimperte. Der -vierjährige Erwin<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> fiel aber zuweilen aus der Rolle, indem er kleine -Stecklein vom Boden aufhob und in den Mund steckte, um zu paffen; -das ärgerte die reiferen Götter, und wenn er sich gar nicht belehren -lassen wollte, daß ein griechischer Gott keine Zigarren raucht, wurde -er für eine Weile vom Spiel ausgeschlossen. Nie aber wären uns Götter -und Helden so vertraut geworden, hätten wir nicht auch ihre leiblichen -Züge aus den vielen in des Vaters Studierzimmer liegenden Stichen -und aus Mamas Gipsgüssen gekannt. Ich zeichnete sie unermüdlich nach -und erweckte dadurch in meinen Eltern die lange genährte Hoffnung, -daß ich ein hervorragendes Talent für bildende Kunst besäße, was -sich dann erst in dem jüngeren Erwin verwirklichen sollte. Als wir -älter wurden, erhielten wir die Voßsche Iliasübersetzung, in deren -markigem, altertümlichem Deutsch sich die homerischen Gestalten noch -schöner verkörperten. Häufig entspann sich nun im Rate der Götter -ein Streit, wer denn eigentlich edler sei, Hektor oder Achilleus, -wobei Mama und Josephine dazu neigten, dem tapferen und unglücklichen -Verteidiger von Herd und Heimat den Preis zu geben. Dies erregte meinen -stärksten Widerspruch, denn die höhere Natur des zarten und furchtbaren -Griechenhelden war mir unwiderstehlich aufgegangen; sein frühes<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> -vorbestimmtes Sterbenmüssen erfüllte mich mit unsäglicher Tragik, in -der schon der Schmerz um das kurze Dasein alles Schönen lag. Wogegen -mir der Untergang Hektors nicht ungerechter schien, als daß der Mond -verbleichen muß, wenn die Sonne aufgeht.</p> - -<p>In einem Winkel des Obstgartens hatten wir aus herumliegenden -Steinbrocken den großen Himmlischen einen Altar errichtet, und ich nahm -dieses Spiel im stillen ernst wie alle unsere Spiele. Mama hatte in -der Jugend viel von religiösen Zweifeln gelitten, bis die angeborene -philosophische Richtung über den gleichfalls vorhandenen mystischen -Hang den Sieg davontrug. Besonders aus Anlaß der Konfirmation und der -ersten Kommunion hatte sie schwere innere Kämpfe zu bestehen gehabt. -Um unseren zarten Jahren ähnliche Qualen zu ersparen, war sie auf den -Ausweg verfallen, uns die religiösen Begriffe gänzlich fernzuhalten, -ebenso wie sie es mit dem Tode gemacht hatte. Aber die Empfindung -eines Göttlichen liegt doch von Hause aus in der Seele, wenigstens lag -sie in der meinigen. Also glaubte ich an die Götter Griechenlands. -Ich schlich mich öfter in der Morgenstille zu unserem Steinaltar, um -Opfer in Gestalt von Blumen oder Kornähren darzubringen und mich in -die Betrachtung eines großen erhabenen Seins<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> zu versenken. Natürlich -nahm ich die junge Götterschar, deren Rollen wir selber spielten, -nicht allzu ernsthaft, aber ihr Oberhaupt erweckte meine Ehrfurcht. -Ein Weltenvater, Erschaffer und Erhalter alles Seins, war mir schon -von der Schichtung der Familie her eine natürliche und notwendige -Vorstellung. Ihm galt meine Andacht. Meine persönlichen Angelegenheiten -brachte ich nicht vor ihn, dafür stand er mir zu hoch. Diese trug -ich ja nicht einmal zu meinem irdischen Vater, mit dem der Verkehr -gleichfalls ein höherer, geistigerer war; sie gingen einzig und allein -die Mutter an. Diese stillen Erbauungsstunden waren mein tiefstes -Geheimnis, im übrigen aber war unser Götterwesen ruchbar geworden, und -im Dorfe hatte sich das Gerücht verbreitet, hinter unserer Gartenmauer -würde Abgötterei getrieben. Ein elfjähriges Bauernmädchen aus dem -Nachbarhaus, das uns die Milch brachte, fragte mich eines Tages, ob -wir denn nie etwas von unserem Herrn Christus gehört hätten. Ich -verneinte voller Wißbegier. Nun lud sie uns ein, uns nachmittags auf -dem Mäuerlein, das unsere Gärten trennte, einzufinden; sie werde uns -einen Korb voll ihrer feinsten Birnen, Gaishirtlein genannt, mitbringen -unter dem Beding, daß wir aufmerksam anhören wollten, was sie uns zu -erzählen habe; unserer Josephine dürf<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>ten wir nichts davon sagen, -weil sie eine Heidin sei wie wir. Sehr erwartungsvoll kamen wir zur -Stelle, wo unser kleiner Apostel uns nun voll rührenden Eifers, aber -mit sehr unzulänglichen Kräften zunächst in die Schöpfungsgeschichte -einführte. Das vertrug sich noch so ziemlich mit unserer griechischen -Vorstellung. Als sie dann aber auch die Mysterien der Menschwerdung und -der Welterlösung erklären wollte, versagte ihr geistliches Rüstzeug. -Wir konnten uns Göttliches nur im höchsten Glanze denken. — Warum, -warum ließ er sich das alles gefallen? — Geohrfeigt, gepeitscht! Ein -Gott! Warum holte er keinen Blitz vom Himmel? Unmöglich! Nein, dagegen -empörte sich unser Gefühl.</p> - -<p>Der gläubige Amerikaner Ralph Waldo Trine stellt in seinem „Neubau des -Lebens“ die Frage auf, was wohl ein natürlicher, sonst wohlgebildeter -Mensch, der, wenn solches möglich, ganz ohne Kenntnis religiöser -Lehrsätze aufgewachsen wäre, bei seiner ersten Berührung mit dem -Christentum empfände. Und er kommt zu dem Schluß, daß der gemarterte, -geschändete Heiland ihm nur das tiefste Befremden erregen könnte. -Wir waren damals in diesem schier nicht auszudenkenden Fall, und die -arme Rike kam arg ins Gedränge, als sie uns das Unfaßliche faßlich -machen wollte. Sie schalt, wir schal<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>ten wieder, und es entspann sich -eine richtige Disputation, die unser Vierjähriger durch die Frage -unterbrach: Ja, weißt du denn nicht, daß wir die griechischen Götter -sind? Da griff sie entsetzt nach ihrem leer gewordenen Korb und glitt -die Mauer hinab, wir aber ließen uns von der anderen Seite erschöpft -ins Gras fallen. Allein das Gehörte begann doch in mir zu wühlen, ich -ging wie gewöhnlich zur Mutter und verlangte Rechenschaft über den -gekreuzigten Gott. Sie antwortete, ich sei für solche Fragen noch zu -jung, ich solle ruhig weiterspielen; wenn ich einmal älter sei, werde -sie über das alles mit mir reden.</p> - -<p>Ich möchte ja nun die Ansicht meiner Mutter über diese Erziehungsfrage -nicht ohne weiteres gutheißen. Schon weil man einem Kinde das künftige -Leben nicht leichter macht, wenn man es so streng von der Außenwelt -absperrt, daß es nicht einmal die religiösen Vorstellungen seiner -Zeitgenossen kennt. Aber <i>ein</i> Gutes war doch dabei: daß mir später die -unbegreifliche Gestalt des Menschensohnes so ursprünglich und unberührt -von Phrase und Herkommen aus den Evangelien entgegentrat, wie ihn die -frühen christlichen Jahrhunderte gekannt haben.</p> - -<p>Die Rike aber hatte sich über uns im Dorfe beklagt, und eines Tages -rückte die ländliche Jugend<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> mit Stecken und Steinen bewaffnet vor -unsere Gartentür und forderte unsere Heidenschaft zum Kampf. Wir sahen -von der Gartenmauer, daß sie uns an Zahl und Körpergröße sehr überlegen -waren. Dafür aber waren wir Götter und Helden, sie nur Bauernjungen. -Schnell wurden die Rüstungen angelegt, und als wir hinter dem Pförtchen -aufgestellt waren, drückte Edgar, der den Oberbefehl hatte, auf die -Klinke, wir anderen stießen mit unseren goldenen Speeren die Tür -vollends auf. Die Rotte stand einen Augenblick sprachlos vor soviel -Goldpapier, und wir glaubten schon Sieger zu sein. Da prasselte ein -Regen von Steinen und Kastanien auf uns, ein langer Lümmel ging mit -einem großen Stecken auf unseren schmächtigen, aber tapferen Führer -los; sowohl der dicke Ares wie Pallas Athene wollten ihm zu Hilfe -kommen, da wurde letztere von hinten am Arm zurückgezogen, denn die -gute Josephine war auf den Lärm herzugestürzt. Sie verscheuchte mit -Drohungen die Gassenbengel und führte Götter und Helden ins Haus -zurück.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Tante_Berta_und_die_Schwabenstreiche">Tante Berta und -die Schwabenstreiche.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>n jenen Tagen gingen auch die guten Holden noch leibhaft auf -Erden. Ich meine jenes jetzt untergegangene Geschlecht freiwilliger -Helferinnen, das, als man von organisierter sozialer Arbeit noch nichts -wußte, mit seiner Fürsorge jeden kinderreichen Haushalt umschwebte. -Es waren einsame, vom Glück vergessene Frauen, die ihr Muttergefühl -antrieb, fremde Kinder zu betreuen und in der Anhänglichkeit an fremde -Familien Ersatz für die versagte eigene zu suchen. In Obereßlingen -saßen ihrer gleich mehrere beisammen. Sie kamen, wenn eine Krankheit im -Hause war, und pflegten; sie stellten sich bei der großen Monatwäsche -ein und machten, indem sie sich der Kinder annahmen, häusliche -Kräfte frei, sie halfen in den Weihnachtstagen beim Backen und beim -„Dockeln“ (Puppenkleidernähen). Die Welt wäre ein gut Teil unwohnlicher -gewesen ohne ihre Nähe. Sie begehrten und erhielten auch wie die -richtigen Feen<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> keinen Dank, als daß sie das nächste Mal wiederkommen -durften. Wir nannten sie Tanten und verehrten durch ihre häufig etwas -fragwürdige Leiblichkeit hindurch die innere Feennatur.</p> - -<p>Die edelste unter ihnen war die Besitzerin eines benachbarten -Kramlädchens, unsere geliebte „Tante Berta“, der ich schon in der -Lebensgeschichte meines Vaters ein kleines Gedächtnismal gesetzt -habe. Sie ist aus meinen Jugenderinnerungen schlechterdings nicht -wegzudenken. Wie oft kam sie und holte uns Kinder zu langen -Spaziergängen ab, um unsere getreue Josephine zu entlasten und meinem -von ihr still verehrten Vater ein paar Stunden völliger Ungestörtheit -zu verschaffen. Sie strickte von früh bis spät, im Stehen und Gehen, -denn jeden Abend mußte ein Paar Strümpfe fertig sein, womit sie ihren -ganzen Bekanntenkreis beglückte. Sie sprach ein gebildetes, aber stark -dialektisch gefärbtes Hochdeutsch, in dem sich viele altertümliche -Wörter und Wendungen umtrieben, deren ich verschiedene später mit -großem Vergnügen in Grimmelshausens Simplizissimus wiederfand. Für -Stecknadeln gebrauchte sie stets das schöne, ausdrucksvolle Wort -„Glufen“, das ich ihr zwar nicht nachsagte, weil es mir seltsam -veraltet und zugleich erniedrigt klang, das ich aber ungemein gerne -hörte. Ich dachte dabei immer an eine schöne alter<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>tümliche Fibula, -obwohl das Wort jede Art von Stecknadeln bezeichnete.</p> - -<p>Auf unseren Spaziergängen erzählte uns Tante Berta uralte Geschichten -und Anekdoten, die von Geschlecht zu Geschlecht gingen und vielleicht -niemals aufgezeichnet worden sind. So von der Bauersfrau, die im -Sterben lag, aber gern noch abgewartet hätte, wie der „Gockeler“ -(Turmhahn), der ausgebessert werden sollte, glücklich von dem hohen -Kirchturm heruntergebracht würde. Als es gar zu lange dauerte, faßte -sie sich in Ergebung und sagte nur noch: Deant mir’s au nom verbiada -(laßt mich’s hinüber wissen), wenn wieder ebber (jemand) stirbt, -wia’s vollends gangen ischt. Oder von dem Gastwirt, der seine in den -letzten Zügen liegende Frau pflegte, und als er durch das Klingeln -der Gäste abgerufen wurde, ihr gemütlich die Hand gab mit den Worten: -So, jetzt komm halt vollends gut ’nüber! Ferner von der Witwe des -Musikanten, die der Leiche ihres Gatten folgte und plötzlich unter dem -Wirtshaus, das der Schauplatz seiner künstlerischen Leistungen gewesen, -in den lauten Klagegesang ausbrach: O, wie oft hast du da drinnen: -Dideldum, dideldum, dideldum! (Dabei ging der Gesang in die Gebärde des -Fiedelstreichens und Hüpfens über.)</p> - -<p>In jener älteren Zeit, aus der ihre Geschichten<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> stammten, scheint -im Schwabenvolk überhaupt noch ein Nachklang der alten Totenklage -erhalten gewesen zu sein, denn sie erzählte auch von einer Mutter, -die ihrem Sohne ins Grab die fast homerische Klage nachrief: O du mei -liebs Knechtle (für Kind), du Zuckerstengel, du siebenhemmeticher (der -sieben Hemden besitzt), drei hosch g’het und viere hätt i dir no mache -lau. Mit Vorliebe spielten ihre Geschichten auf dem Gottesacker, und -sie liebte es, ihnen, auch wenn sie noch so schnurrig waren, etwas -Schauriges beizumischen. Außerdem wußte sie aber auch eine Reihe -richtiger Schwabenstreiche, von denen ich hier einige möglichst mit -ihren Worten dingfest machen will, weil sie mir nirgends noch gedruckt -begegnet sind:</p> - -<div class="blockquot"> - -<p class="s3 center">Wie’s gemacht wird.</p> - -<p>Herzog Karl von Württemberg war ein großer Jagdfreund, wie auch in -„Schillers Heimatjahren“ zu lesen ist, und das Landvolk litt unter -seiner Regierung schwer vom Wildschaden, gegen den es sich nicht -wehren durfte, denn es war streng verboten, Wild abzuschießen. Ein -Bäuerlein aber, dem wiederholt seine Rüben- und Krautäcker abgefressen -wurden, wußte sich zu helfen und legte in seinem Hof eine Hasenfalle -an, die so kunstreich mit<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> einer Glockenschnur verbunden war, daß, so -oft einer vom Geschlecht Lampe sich fing, die Glocke von selbst das -Zeichen gab. Dann ging das Bäuerlein hinaus und holte sich einen fetten -Braten für die Küche. Der Mann aber hatte Feinde, und die verrieten dem -Revierförster seine schöne Einrichtung.</p> - -<p>Begibt sich der Revierförster zu dem Übeltäter: Hanspeter, ich habe -gehört, daß du dir eine Hasenfalle angelegt hast. — Jawohl, Herr -Revierförster, antwortet der Bauer treuherzig. — Ja, weißt du nicht, -daß du einen Diebstahl an unserem Herrn Herzog begehst und daß du -in Strafe verfallen bist? — Ha, sell wär’! sagt der Hanspeter und -versichert, daß er von keiner einschlägigen Verordnung wisse. Das -scheint dem Förster sehr unglaubhaft und er setzt dem Erstaunten -auseinander, daß Unkenntnis des Gesetzes auch gar nicht vor Strafe -schütze. Während sie noch reden, klingelt es vom Hofe her und beide -schauen auf.</p> - -<p>Hören Sie’s, Herr Revierförster? sagt der Hanspeter mit seinem -dummschlausten Gesicht. Da sitzt schon wieder einer und zeigt sich -an. Jetzt kommen Sie nur mit, dann sehen Sie gleich selber, wie’s -gemacht wird. Der Förster lacht sich ins Fäustchen, daß er nun beide -zugleich in der Falle hat, den Hasen und den Bauern. Er folgt dem<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -Mann in den Hof, verwundert über ein solches Maß von Dummheit. Dort -zieht der Bauer Herrn Lampe bei den Löffeln aus der Falle, hält ihn -vor sich und überschüttet ihn mit Schimpfreden: Meinst du, ich pflanz’ -meine Krautköpf’ und meine Rüben für dich, du elender S..hund! Wart, -ich will dir Respekt einbläuen, daß du das Wiederkommen vergißt! Dies -sagend, gerbt er dem Hasen das Fell, schüttelt ihn dann noch einmal an -den Löffeln und sagt: So, jetzt lauf heim, sag’s dei’m Weib und deiner -Freundschaft, was es da zu schmarotzen gibt. Damit läßt er ihn los, und -mit einem Sprung ist der Hase verschwunden.</p> - -<p>Sehen Sie, Herr Revierförster, sagt jetzt der Hanspeter profitlich, so -wirds gemacht. Der kommt nimmer und er sagt’s auch den andern. Und der -Herr Revierförster mußte mit langer Nase abziehen.</p></div> - -<div class="blockquot"> - -<p class="s3 center">Herzog Ulrichs Löffel.</p> - -<p>Ein andermal führte sie uns noch tiefer in Württembergs Vergangenheit -zurück.</p> - -<p>Als der vertriebene Herzog Ulrich flüchtig und unerkannt sein Land -durchirrte, hielt er sich eine Zeitlang in der Nähe seiner guten -Stadt Tübingen auf. Dort geriet er einmal um die Mittagszeit in einen -Weinberg, wo eben ein Tübinger Wingerter<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> (Weingärtner) mit seinen -Leuten sich eine Schüssel voll Erbsenbrei schmecken ließ. Der Herr, der -sehr hungrig war, trat bescheiden hinzu und grüßte den Mann in gutem -Gôgendeutsch (Gôg, Spitzname der Tübinger Weingärtner). Der gab ihm -den Gruß zurück und fragte leutselig: Witt mithalten?, was der Herzog -dankend annahm. Na, so lang zu. — Aber der Herzog sah sich fragend um: -die beiden hatten Löffel, er hatte keinen. Da lacht ihn der Weingärtner -aus, daß er nicht weiß, wie man einen Löffel macht, und sagt: Wart, i -mach d’r ein! Schneidet also das „Knäusle“ (Anschnitt) vom Brotlaib ab, -höhlt es aus und gibt’s dem Herzog: So, dô hoscht en Löffel. Der Herzog -taucht den Löffel, der gut ausgibt, in die gemeinsame Schüssel und -sättigt sich, ißt danach auch den Löffel auf. Währenddessen fragt und -erfährt er allerlei, unter anderem auch den Namen seines Gastgebers und -daß er z’ Dibenga (Tübingen) in der Froschgass’ wohnt.</p> - -<p>Als nun später Ulrich in seine Herrschaft wieder eingesetzt war, da -geschah es eines Abends, als er sich zu Tische begab, daß ihm der -Löffel fehlte. Was der Mundschenk für einen Rüffel bekam, weiß ich -nicht. Aber dem Herzog fiel plötzlich jener lange vergessene Mittag -in dem Weinberg bei Tübingen ein, wo ihm gleichfalls der Löffel -gefehlt<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> hatte, und zugleich auch wieder Name und Wohnung des braven -Weingärtners. Und er schickte des andern Tags einen Boten nach Tübingen -in die Froschgass’ mit dem Befehl, ihm den Mann herzubringen, wie er -stehe und gehe. Als der fürstliche Wagen in der schmutzigen Froschgasse -erschien, gab es dort einen mächtigen Schrecken, und die Frau des -Weingärtners, als sie hörte, ihr Mann müsse zum Herzog, unverzüglich, -wie er stehe und gehe, da rang sie die Hände und jammerte: O Ma’, was -hoscht du don? Zum Herzich muescht — ’s gôht um dein Kopf.</p> - -<p>Der Mann beteuerte, daß er von gar nichts wisse, und bat, man möchte -ihm wenigstens Zeit lassen, daß er sein besseres Häs (Gewand) anziehe, -aber er wurde ohne weiteres in den Wagen gesetzt und rollte in heißer -Angst gen Stuttgart. Dort führte man ihn gleich vor den Herzog, der an -der Tafel saß und der ihn auf dem leeren Stuhl an seiner Seite Platz -nehmen und zugreifen hieß. Jener zauderte: alle waren mit Löffeln -versehen, nur er nicht. Warum ißt du nicht? fragte der Herzog streng. -Der Mann bekannte, was ihm fehlte.</p> - -<p>Weißt du nicht, wie man einen Löffel macht? herrschte der Herzog den -Erschrockenen an und machte dazu ganz besondere Augen. So will ich -dir’s zeigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<p>Bricht das Knäuschen vom Brot, höhlt es aus und reicht’s ihm: So, jetzt -lang zu und iß.</p> - -<p>Der Mann konnte nichts sagen als: Oh, Herr Herzich, send Ihr’s g’wä?</p> - -<p>Er wurde fürstlich mit Speise und Trank bewirtet und dann in Gnaden zu -seiner Frau entlassen, nachdem der Herzog zuvor noch ihm und seinen -Nachkommen Steuerfreiheit zugesagt hatte für alle Zeiten.</p></div> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Unerschöpflichen Stoff boten ihr die schwäbischen Landpfarrer, unter -denen damals noch die Sonderlinge in Menge gediehen. Einem, der ein -grundgelehrter Theologe und ein stiller Weiser, dabei aber sehr -unpraktisch war, wurde jede Nacht von seinen selbstgezogenen Gurken -und Rettichen im Pfarrgarten gestohlen. Er fragte einen Kollegen, was -er an seiner Stelle tun würde. Entweder die Diebe verklagen oder eine -Falle aufstellen, meinte dieser. Der Pfarrer antwortete nach einigem -Besinnen: Ich will sie lieber mit geistigen Waffen schlagen. Und er -legte ein Blättchen zu den Gurken ins Beet:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wer Rettich stiehlt und Gurken,</div> - <div class="verse">Den rechn’ ich zu den Schurken.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Weil seine Frau ihn jedoch erinnerte, daß die Diebstähle des Nachts -stattfänden und das Blättchen<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> somit seinen Zweck verfehlen müßte, -stellte der treffliche Mann im Vertrauen auf die Macht der Dichtkunst -eine Laterne dazu, die hernach den Dieben das Geschäft erleichterte.</p> - -<p>Auch manches Stücklein altschwäbischen Aberglaubens wurde uns durch -Tante Berta überliefert, die zwar selber aufgeklärt war, aber die Liebe -zum Volkskundlichen bewahrte. So die schöne Geschichte von dem Mann in -Dußlingen, der mehr konnte als Brot essen. Wenn irgendwo in der Nähe -ein schwerer Diebstahl vorgefallen war, so wandte man sich an ihn. Dann -erschien er mit seinem Rädchen im Hause des Bestohlenen und setzte das -Zauberrad — es war eines von der Art, wie es die Messerschleifer mit -sich führen — in Bewegung. Und wie das Rädchen lief, so mußte der Dieb -laufen, bald langsamer, bald schneller. Erst war die Geschwindigkeit -beträchtlich, dann hieß es: Jetzt geht’s den Berg hinauf, da wollen -wir sachte tun, daß er nicht so arg schnaufen muß. So, jetzt ist er -oben — nun sauste das Rädchen wieder los, und der Dieb sauste bergab, -bis er im Tälchen war. — Halt, jetzt muß er über den Bach, der keinen -Steg hat — das Rädchen deutete vorsichtig die Steine an, auf die er zu -treten hatte, und ließ ihn dann wieder Galopp laufen. — Jetzt ist er -schon in der Stadt — eben kommt er die Straße heruntergerannt — da<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> -ist er am Haus! — Man hörte draußen ein Aufschlagen und das Rädchen -stand still. Nach einer kleinen Pause ging der Zauberer hinaus und -brachte den außen abgeworfenen Gegenstand.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Umzug_nach_Kirchheim">Umzug nach Kirchheim.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>n unser letztes Obereßlinger Jahr fiel die Aufregung über einen -unheimlichen Fund in der Nachbarschaft. In einem eben erst erworbenen -Schuppen grub der neue Besitzer zwei menschliche Gerippe, ein großes -und ein kleineres, aus der Erde. Alles eilte hin, sie zu sehen, wir -Kinder natürlich auch. Sachverständige erklärten, daß die Knochen einem -etwa vierzigjährigen Mann und einem dreizehn- bis vierzehnjährigen -Mädchen angehörten, und daß sie jahrzehntelang in der Erde gelegen -hätten. Ältere Leute erinnerten sich auch eines Mannes, der vor vierzig -oder mehr Jahren mit seinem Töchterchen aus Eßlingen verschwunden -war und den man in Amerika geglaubt hatte. Der frühere Besitzer des -Schuppens, ein alter, reicher, als Menschenfeind verschriener Bauer, -der sich lange Zeit gegen den Verkauf dieses vom Nachbar begehrten -Grundstücks gesträubt haben sollte, wurde gleich nach der Entdeckung -vom<span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> Schlage gerührt. Dunkle Vermutungen spannen sich um diese -Begebenheiten, ohne Gestalt zu gewinnen, denn das Verbrechen war -verjährt, somit wurde ihm nicht weiter nachgeforscht. Aber nun tauchten -auf einmal andere unheimliche Geschichten auf, die uns Tante Berta -und Josephine an den langen Abenden mit raunender Stimme erzählten. -Ich begann in jedem fremdartig oder finster aussehenden Menschen, ob -er nun schielte oder sonst fehlgeschaffen war, den geheimen Täter -irgendeiner grauenvollen, unaufgedeckten Tat zu ahnen. Die guten -Holden zeigten da ihr Doppelgesicht der wohltätigen Fee und der -düsteren Schicksalsschwester, indem sie immer mehr Grauen in meine -Nächte trugen. Sogar die alte Mär vom Krokodil von Eßlingen erwachte -wieder, das sich in einen Keller verirrt hatte und die zum Weinzapfen -hinuntergesandten Mägde rumpf und stumpf auffraß, ein leibhaftiger -Nachkomme der alten Tatzelwürmer. Vielleicht lag es jetzt eben in -dem unsrigen und sperrte den Rachen gegen Josephine auf, denn solche -Ungetüme leben bekanntlich ewig. Mit der Vernunft machte ich mich zwar -äußerlich über den Aberglauben lustig, aber die Unvernunft glaubte -heimlich doch. Meine Schutzherrin Pallas Athene hatte mir leider nur -ihre Tapferkeit, aber nichts von ihrer Weisheit einflößen können. Und -auch<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> die Tapferkeit verlieh sie mir nur für die kurzen Stunden, wo ich -mit ihrem Wahrzeichen, Eulenhelm und Gorgonenschild, bewehrt im Garten -tollte. So abgeschlossen hatte man mich gehalten, daß ich nicht einmal -ohne Furcht allein durch die Dorfgassen ging. Man konnte da einem -langen, strohgelben Idioten begegnen, der zwar niemand ein Leides tat, -der aber ein so seltsam leeres Gesicht hatte, daß es war, als ob ein -seelenloser Gegenstand auf zwei Beinen daherkäme und einen anschaute -gegen alles Naturgesetz. Wenn ein solcher Blick mich traf, begann ich -zu zittern und drückte mich scheu an die Wand oder lief wie ein Häslein.</p> - -<p>— — Nun sehe ich mich selbst mit Mutter und Geschwistern zusamt -Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und -anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein -flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen -in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer -nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem -Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo -Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses, -verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden -Stadtwohnung landeten, wo<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> wir Kinder wie eingesperrte Vögel im -Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns -unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl -erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu -einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und -Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen -Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle -Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber -als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der -Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen -meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach, -plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber -rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser, -und in beiden konnte man baden.</p> - -<p>Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der -Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern -einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen -Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich -werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich -nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> abgestellt ist. -Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte -mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich -auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts -ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte -nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die -lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir -so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte -gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im -Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall -hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen -Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit -ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich -keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer -wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende -Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher -italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern -fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in -Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der -Vater wies auf deutsches Volkstum hin und hul<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>digte auf Sparziergängen -dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte. -Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und -mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit -den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie -bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine -tiefsinnige Ergänzung zu diesen.</p> - -<p>Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer -Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten -verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte -nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr -so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben -den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben -aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das -Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte -Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von -dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot -vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie -bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich -mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betäti<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>gen; sie hatte keine -Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines -Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa, -teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart -erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater, -der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre -Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen -ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher -lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie -mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar -gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende -eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er -neckend im gleichen Versmaß darunter:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Und zappelnd und verzweifelnd eilen</div> - <div class="verse">Zum letzten Zug die letzten Zeilen.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem -ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind -erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch -eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter -der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin -Menschen und Dinge wenig kannte und mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> in der Idee als in der -Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos. -Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre -Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis -sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse, -sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein -Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über -ihre dichterischen Versuche:</p> - -<p>Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe -an.</p> - -<p>Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der -inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd: -Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe, -sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr, -wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten -Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße -duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war -sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.</p> - -<p>Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im -Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt -haben. Wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten, -so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte -„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Nichte, so genannt nach -meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die -Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen, -auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe -mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und -wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine -mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und -eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher -berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.</p> - -<p>Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie -lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich -mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine -Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja -gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> -zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte -auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war -schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu -deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie -einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der -jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als -man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die -Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen -Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen -mit ihrer Weisheit.</p> - -<p>Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber -unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und -Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell, -dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann -ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von -meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei -der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war -ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz -von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den -Schulkin<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>dern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der -Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder -mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese, -dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich -plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser -Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser -grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das -nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann -aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes -Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?</p> - -<p>Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus -München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund -Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle -binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln -würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges -Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein -gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich -die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich -noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging -in einem beständigen<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland -versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines -Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung, -den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen -trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den -Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so -verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser -Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität -antrat.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von -ihm unter dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ -eingeführt. Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.</p></div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Das_alte_Tuebingen">Das alte Tübingen.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">D</span>en Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf -Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich -nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden, -der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen -Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die -hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von -1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und -unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit -seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren -Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche -auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie -ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind -unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> sechziger und siebziger -Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche -Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat -sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen, -die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der -Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben -noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen -niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der -Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd -oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die -Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab, -noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit -nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit -Vorsatz? — Nein, mit dem Absatz — und solche Scherze mehr. Ferner die -Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich -die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft -einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in -ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.</p> - -<p>Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>tracht war es, wenn die -Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die -Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte -Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit -ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen -Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte -es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in -langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller: -„Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen, -um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den -Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte. -Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart -berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den -jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer -Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den -Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von -dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte.</p> - -<p>Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen -und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“, -die<span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span> nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu -verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so -gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu -verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend -von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer -blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst, -obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner -geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel -damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole -darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander, -waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen -da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz -abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse -studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im -Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste -der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden -der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine -Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in -einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> -davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den -Worten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wir armen zwölf Enten</div> - <div class="verse">Sind gefallen unter die Studenten,</div> - <div class="verse">Ich zwölfte komm zurück allein</div> - <div class="verse">Und bring’ von elf den Totenschein.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in -jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer -wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier, -einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu -großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk -am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das -beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht -herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine -näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben -Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene -verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück, -ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut -schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf.</p> - -<p>Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später -als Arzt nach Venedig<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er -war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt. -Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien -badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die -Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das -Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen -wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab, -so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur -Unkenntlichkeit“.</p> - -<p>Zum Charakterbild des alten Tübingen gehört aber noch eine dritte dort -lebende Menschengattung von urtümlichster Beschaffenheit, die weder -dem Studenten noch dem Philister hold war, die man sich aber aus dem -dortigen Leben nicht wegdenken kann: nämlich die in den malerischen -Schmutzwinkeln der Unteren Stadt oder „Gôgerei“ wohnenden „Wingerter“ -(Weingärtner), auch „Gôgen“ oder „Raupen“ genannt. Woher diese -beiden Bezeichnungen kommen, weiß niemand, eine theologisch gefärbte -Etymologie will die Gôgen auf das biblische Gog und Magog zurückführen. -Was die Raupen betrifft, so soll der Name gar eine Verketzerung des -lateinischen Wortes Pauper sein, womit man in der gelehrten Musenstadt -die am<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet. -Wie dem auch sei, beide Namen, Gôgen wie Raupen, wurden von ihren -Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu -ziehen. Die Gôgen unterschieden sich nach ihrer ganzen Wesensart, -vor allem aber nach den eigentümlichen Kehllauten ihrer Aussprache -und einer gedehnten Betonung, die etwas Mürrisch-Verbissenes an sich -hatte, so stark von den übrigen Einwohnern, daß manche sie geradezu für -Nachkommen eines zugewanderten Fremdvolkes hielten und daß es zwischen -der oberen und der unteren Stadt wie ein unsichtbarer Stachelzaun lag. -Als tüchtige Taglöhner unentbehrlich, machten sich diese Mitbürger -durch ihre eingeborene tiefe Abneigung gegen die Höhergestellten und -ihren ausgeprägten Sinn für den eigenen Vorteil, mehr noch durch ihren -wortkargen, aber äußerst schlagenden Mutterwitz, der nicht immer von -der reinlichsten Art war, gefürchtet. Auf eine Gôgenrede konnte niemand -mehr einen Trumpf setzen, außer ein anderer Gôg. Unzählige Gôgenworte -und -witze waren und sind in Tübingen im Schwang. Am berühmtesten ist -das einsilbige Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, wie sie zusammen -die steilen Weinberghalden des Österberges hinansteigen und dem Jungen -ein her<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>renloser Schubkarren auf einem Nachbargrundstück in die Augen -sticht, auf den er den Vater durch einen stummen Wink aufmerksam macht. -Worauf der Alte nur die zwei lakonischen Worte erwidert: Im Ra! (Im -Herabsteigen!) Oder die zungenschnelle Frage des Berliner Studenten an -den pfeifenrauchenden Weingärtner: Kann ich von Ihnen Feuer haben, ja? -Und die nachdrücklich-langsame Antwort des alten Gôgen: Airscht (erst), -wenn i ja sag’.</p> - -<p>Das Straßenbild von Tübingen beherrschte der Couleurstudent, -besonders der Angehörige der paukenden Korporationen. Diese standen -bei den Ausritten und Aufzügen im studentischen Wichs, bei den -Tanzvergnügungen, den glänzenden Fackelzügen und überhaupt im -gesellschaftlichen und öffentlichen Leben obenan. Ihre Iliaden und -Odysseen füllten die ungeschriebenen Annalen der Stadt. Jedes Kind -wußte, was für Mensuren in laufender Woche ausgefochten wurden, -welches Dorfwirtshaus, welches Gehölz dazu ausersehen war, wie viele -Abfuhren es gab, mit wieviel Nadeln der jeweils Zerhackte vom Paukarzt -genäht wurde. Wenn es den Paukanten gelang, den armen Pedell, der -sie abzufassen hatte und der zu diesem Zweck den weiten Weg atemlos -auf Schusters Rappen angaloppiert kam, durch ihre ausgestellten<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> -Fuchsenwachen irrezuführen und das unterbrochene Opferfest an einer -anderen Stelle des Waldes fortzusetzen, so war es ein Triumph der guten -Sache, woran die ganze Stadt teilnahm. Unsterblich war die immer wieder -auftauchende Geschichte von der abgehauenen Nasenspitze, die der Hund -gefressen hatte. Die vererbten Feindseligkeiten oder vorübergehenden -Spannungen zwischen gewissen Farben wurden mit der gleichen Wichtigkeit -behandelt, wie heute die Beziehungen der Großstaaten untereinander. -Sogar die jungen Mädchen nahmen Partei, je nachdem ihre Brüder oder -bevorzugten Verehrer der oder jener Couleur angehörten. Der historische -Gegensatz zwischen Korps und Burschenschaften, der längst kein -grundsätzlicher mehr war, aber noch als Abneigung fortbestand, mußte -auch gesellschaftlich stets berücksichtigt werden.</p> - -<p>Getrunken wurde, wie ich niemals wieder habe trinken sehen. Größere -Helden des Suffs finden sich auch im „Gösta Berling“ nicht. Die -Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte, -wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten -Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte. Selbst bei Tanzvergnügungen -konnte es vorkommen, daß ein Partner plötzlich nicht mehr salonfähig -war und daß aus<span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span> den Reihen der Kommilitonen ein Ersatzmann gestellt -werden mußte. Schande war keine dabei, sie behaupteten ihr Ansehen auch -noch in diesem Zustand. Nur wer sich im Schnaps berauschte, wie es den -Norddeutschen bisweilen einfiel, statt im landesüblichen Gerstensaft -oder Wein, der galt für wirklich lasterhaft.</p> - -<p>Dabei sprach es doch für die Gutartigkeit dieser ausgelassenen -Jugend, daß tätliche Ausschreitungen gegen die Nebenmenschen äußerst -selten waren. Unser Haus am Marktplatz hatte nach damaliger Sitte -keine Korridortüren auf den einzelnen Stockwerken, aber obwohl im -Untergeschoß ein Studentencafé lag und die Haustür deshalb fast die -ganze Nacht offen stand, fühlte man sich doch in seinem Zimmer völlig -sicher. Nur eines Abends kam unsere schon betagte Josephine voller -Unwillen aus ihrer Dachkammer zurückgestürzt, denn sie hatte in ihrem -Bett einen unbekannten Schläfer gefunden. Es war ein Student, der in -tiefer Verdunkelung die fremden Treppen als seine eigenen erstiegen und -sich ohne weiteres zur Ruhe gelegt hatte. Meine Brüder, damals schon -selber Studenten, hatten alle Not, den Unerwecklichen wieder die lange -Treppe hinunter und ins Freie zu schaffen.</p> - -<p>Abseits von dieser Burschenherrlichkeit trieben die<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> „Stiftler“ -ihr halbklösterliches, eigenbrötlerisches Wesen. Es waren dies -Stipendiaten, die, von klein auf zur theologischen Laufbahn bestimmt, -erst in den niederen Seminarien, dann im Tübinger evangelischen Stift, -einem ehemaligen Augustinerkloster, für ihren Beruf herangebildet -wurden. Obgleich sie durch ihre Halbklausur und vielfache -Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, gesellschaftlich hinter -den glücklicheren Stadtburschen zurückstanden, bildeten sie unter ihrem -unscheinbaren und häufig ungeleckten Äußeren so etwas wie eine geistige -Auslese des Landes und trugen viel zu der besonderen Physiognomie -der Tübinger Universität bei. Kein Auswärtiger kann zur Kultur des -Schwabenlandes und zu seinen großen Söhnen in ein näheres Verhältnis -treten, wenn er sich nicht eingehend mit dem Geiste des Tübinger Stifts -und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hat. Aus dieser Anstalt ging -ja bekanntlich die größte Zahl der führenden Geister Alt-Württembergs -hervor. Und zwar pflegte entsprechend der Doppelbegabung des Stammes -ein guter Jahrgang je einen Dichter und einen Philosophen gleichzeitig -zu bringen: Hölderlin und Hegel, Mörike und Strauß, meinen Vater und -Ed. Zeller. Gelegentlich wuchsen die großen Geister im Stift sogar -büschelweise wie in der sogenannten „Genie<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>promotion“, der auch -Friedrich Vischer angehörte. Der Mehrzahl der Stiftler ging aber -die einseitige Erziehung lebenslang nach. Mit einem äußerst prall -gestopften Schulsack verbanden sie häufig die größte Unkenntnis des -wirklichen Lebens und jenes linkische Ungeschick der äußeren Welt -gegenüber, das man in Schwaben mit dem Wort „stiftlermäßig“ bezeichnet. -Bei den schematischeren Köpfen gesellte sich noch leicht eine geistige -Selbstsicherheit hinzu, die alles, was nicht auf ihrem eigenen Boden -gewachsen und ihnen darum fremdartig war, als minderwertig betrachtete. -Mancher der Besten hielt es nicht bis zum Ende aus und entwand sich so -oder so dem Zwange. Ehemalige Stiftler trugen deutsche Wissenschaft in -alle Lande und waren als Lehrer wie als Erzieher gleich sehr gesucht. -Die Daheimgebliebenen nahmen späterhin hervorragende Kirchen- und -Schulämter ein, sie verewigten den Stiftlerschlag, indem sie ihn -weiterzüchteten, und gaben dem ganzen schwäbischen Geist etwas von -ihrem Gepräge ab. Durch sie vor allem kam in die hohe geistige Kultur -des Schwabenlandes jene unausfüllbare Kluft zwischen der Weite und -Tiefe des inneren Lebens und der äußeren Formlosigkeit, die nicht -selten bis zur bewußten Verachtung des Schönen ging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>In dem ehrwürdigen Klosterbau an der oberen Neckarhalde mit seinen -Kreuzgängen, Höfen und Gärtchen hauste dieser besondere Menschenschlag -beisammen. Dort studierten, aßen, schliefen sie, ständig überwacht, in -Zimmern, die ihre altvererbten Namen und die überlieferten Erinnerungen -an die früheren Bewohner festhielten. In meines Vaters Nachlaß fand -ich eine von unbekannter Hand in Versen geschriebene Szenenfolge, -die eine nächtliche Entweichung des sonst so fügsamen Mörike aus dem -Stift unter dem Beistand dunkler Mächte dramatisch darstellt. Man -pflegte sich, wenn man die Nacht außerhalb des Stiftes verbringen -wollte, an einem langen Seil in den „Bärengraben“ hinabzulassen, -um auf der anderen Seite durch einen befreundeten Stadtburschen -hochgezogen zu werden. Wurde die Abwesenheit entdeckt, so stand auf -der unerlaubten „Abnoktation“ eine Note. Eine gewisse Zahl solcher -Noten bedingte die Ausschließung von der Anstalt. Zu meiner Zeit aber -war die Verweltlichung schon so weit gediehen, daß die Stiftler sogar -farbentragenden Verbindungen angehören konnten, soweit diese nicht dem -verpönten Paukkomment huldigten. Auch waren sie auf allen Bällen unter -den eifrigsten und bescheidensten, wenn schon nicht immer unter den -gewandtesten Tänzern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span></p> - -<p>Noch einen Schritt weiter abseits vom studentischen Treiben standen die -Zöglinge des katholischen Seminars, die Konviktoren, auch „Haierle“ -(Herrlein) genannt, meist Bauernsöhne aus dem schwäbischen Oberland, -die schon durch ihr langes schwarzes Gewand, aber mehr noch durch ihre -oberschwäbische Mundart und ihr ganzes weltfremdes Auftreten von der -übrigen akademischen Jugend abstachen. Auch aus dieser Anstalt sind -bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen.</p> - -<p>Neben dem „Stift“ und mit ihm verbunden lag die „Hölle“, das einstige -Wohnhaus des „Höllen-Baur“, jenes berühmten, um seiner Bibelkritik -willen viel angefochtenen Theologen. Er hatte zu den Lehrern meines -Vaters gehört, war aber um die Zeit, von der hier die Rede ist, schon -gestorben. Der Spitzname enthielt keine Spitze gegen seinen Träger. -Die Professoren waren der Mehrzahl nach mit solchen versehen, und -manche weitgefeierte Leuchte der Wissenschaft ging in der kleinen -Stadt unter irgendeiner närrischen, zuweilen auch wirklich witzigen -Bezeichnung einher. Was gab es aber auch für Originale unter diesen -Professoren! Grundgelehrte Herren, jedoch im Äußeren nicht selten -sehr vernachlässigt und mit den seltsamsten Gewohnheiten behaftet. -Zu diesen fragwürdigen Gestalten gehörte der Germanist Holland, der<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -Herausgeber von Uhlands Nachlaß, der auch über italienische Sprache -und Literatur las. Bekannt war die Ermahnung, mit der er seine Schüler -zu entlassen pflegte, sie möchten vor allem danach trachten, ins -Konversationslexikon zu kommen, denn wer es dahin gebracht habe, der -sei geborgen und brauche nichts mehr zu studieren. Er hatte häufig nur -<i>einen</i> Hörer im Kolleg, der zu höflich war, ihn mit den vier Wänden -allein zu lassen. Diesen ließ er einmal in die Heimlichkeiten seines -Junggesellenhaushalts blicken. Wissen Sie, Herr M..., sagte er zu -ihm, die Wäscherinnen sind so unsauber (er drückte sich drastischer -aus), man kann ihnen die Wäsche nicht anvertrauen. Ich schlafe deshalb -seit zehn Jahren auf dem Schwäbischen Merkur. Als dieser Dante- und -Boccaccioausleger uns in viel späteren Jahren einmal in der Heimat -Dantes und Boccaccios besuchte, da war Holland in Not, denn das -Italienisch, das er jahrzehntelang an der württembergischen Alma mater -gelehrt hatte, wurde an Ort und Stelle von niemand verstanden.</p> - -<p>Noch viel wunderlicher klangen aber die Anekdoten, die von -verschwundenen Generationen übrig waren. Ein älterer Landgeistlicher, -Verwandter meines Vaters, der ein hinreißendes mimisches Talent besaß, -pflegte uns Kindern solche Geschichten aus seiner eigenen Studienzeit -zu Dutzenden<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> zu erzählen und vorzuspielen. In welche verschollene -Biedermeierwelt sah man hinein, wenn man hörte, daß ein Professor -der Philosophie seinen psychologischen Vortrag mit näselndem Ton und -in mühsamem Hochdeutsch, durch das der Dialekt schimmerte, also zu -beginnen pflegte: Jengleng, wenn dich die Liebe plagt, so klage es -(hier wurden die Finger in Bewegung gesetzt): a) den Sternen; so deren -keine da sind, b) den Wiesen; so auch deren keine gefonden werden, c) -den Waldbächen. Denn das Rieseln ond Rauschen der Waldbäche lendert -und mendert den physischen ond psychischen Schmerz einer moralisch -niedergedrückten Seele.</p> - -<p>Auch in der jungen Generation schossen die Sonderlinge ins Kraut, -obgleich sie nun doch schon einen viel weltmännischeren Anstrich -bekamen. Wer erinnert sich nicht aus den siebziger Jahren an die -Gestalt des Dr. Euting, der als jüngster Kollege meines Vaters an der -Universitätsbibliothek amtete und sich später von Straßburg aus als -Orientreisender einen Namen machte? Er war weit unter Rekrutenmaß, -hatte aber sehr breite Schultern und einen sportlich entwickelten -Körper, der sich in den straffen, schnellenden Bewegungen verriet. -Euting war damals schon im Orient gewesen und gehabte sich seitdem als -Türke. Seine Beweg<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>lichkeit, seine schwarzen, umherspringenden Augen, -ein seltsam gerunzeltes, aber doch junges Gesicht, das aussah wie von -heißerer Sonne gedörrt, gaben ihm ein völlig fremdartiges Ansehen. -Den gewesenen Stiftler merkte man ihm nicht mehr an, er lehrte jetzt -semitische Sprachen, besonders das Arabische. Als außerordentlich -mutiger Mensch, der er war, hauste er mutterseelenallein in dem -unheimlichen „Haspelturm“ hinter dem Schlosse. Da bei Einbruch der -Dunkelheit die nach dem Schloßhof führende Pforte geschlossen wurde, -war er bei Nacht in seinem Turm von allen Lebenden geschieden. Er -hatte es durchgesetzt, in diesem ehemaligen Gefängnis der zum Tode -Verurteilten, dessen durch keine Treppe erreichbares Verließ noch -Menschenknochen bergen sollte, sich ein paar Zimmer einrichten -zu lassen, denen er durch orientalische Teppiche und Decken ein -einigermaßen wohnliches Ansehen gab. Dort saß er mit untergeschlagenen -Beinen, den roten Fes auf dem Kopf, am Boden, aus mächtiger -Wasserpfeife rauchend, und bewirtete seine Besucher und Besucherinnen -mit selbstgebrautem türkischem Kaffee in winzigen Schälchen, alles echt -und stilgerecht. Dabei erzählte er von Wüstenritten, Haremsbesuchen -und dergleichen. Er war ein lebhafter Verehrer der Damenwelt, doch war -ihm seine Kleinheit beim<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> weiblichen Geschlechte hinderlich, mehr noch -sein bekannter Ausspruch, daß er hoffe, dermaleinst mit zwölf jungen -Eutings über die Neckarbrücke zu spazieren, alle vom gleichen Wuchs und -gleicher Schneidigkeit wie er. Ihm war es gegeben, seine Eigenheiten -noch über den Tod hinaus fortzusetzen. Er baute sich zu Lebzeiten -mitten unter den freien Schwarzwaldtannen des Ruhsteins sein Grab und -bestimmte, daß einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, jeder Besucher an -dieser Stätte mit einer Tasse Kaffee gelabt werden sollte. Erst die -Kaffeeknappheit des Weltkriegs hat diesen schönen Brauch in Abgang -gebracht. Doch wir müssen dieses späte Bild verwischen, um wieder zu -den Sonderlingen des alten Tübingen zurückzukehren.</p> - -<p>Da war unter anderen der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem -Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig -Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien, -die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe -studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je -ein Examen zu machen. Mit der Zeit hatte er es doch zu ganz tüchtigen -Kenntnissen gebracht, die ihm gestatteten, andere Studenten aufs Examen -vorzubereiten. Als diese dann mit der Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span> Professoren wurden, hörte -er selber wieder bei ihnen Kolleg. Mein Bruder Alfred fragte ihn als -Student einmal, wie er doch nur bei seinen eigenen ehemaligen Schülern -im Hörsaal sitzen und so eifrig nachschreiben möge. O, antwortete er, -da ist jedes Wort Gold, es kommt ja alles von mir selber.</p> - -<p>Von einem anderen Mediziner wurde erzählt, daß er als verbummelter -Student mit sehr geringen Kenntnissen nach Amerika durchgebrannt sei -und sich während des Sezessionskrieges den Nordstaaten als Arzt zur -Verfügung gestellt habe. Dort stieg er bis zum Generalarzt auf. Aber -nach Friedensschluß wurde ihm doch wegen seiner Stellung bange, er -kehrte mit dem erworbenen Titel nach Tübingen zurück, hörte wieder -Kolleg, und die Professoren, denen sein Auftreten Eindruck machte, -ließen ihn denn auch glimpflich im Examen durchschlüpfen.</p> - -<p>Unter den Kleinbürgern gab es ebenfalls ganz merkwürdige Gestalten, -die von der Jugend mit Vorliebe aufgesucht wurden und die sich die -studentische Gesellschaft zur besonderen Ehre schätzten. Eine der -bekanntesten war der alte Hornung, ein uralter Veteran von 1813. Er -saß jeden Abend im Wirtshaus und spielte Karten; dabei war er als sehr -geizig bekannt. Edgar setzte sich in seiner Studentenzeit gern zu ihm -und malte ihm, wäh<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span>rend er spielte, einen Kreuzer auf den Tisch. Da er -nicht mehr gut sah und gern mogelte, griff er danach: Der ist auch noch -mein! und wollte ihn einstreichen. Das nächstemal wurde ein Kreuzer -an eine andere Stelle gemalt, und er griff abermals danach. Auf den -alten Hornung wurden in Tübingen die bekannten Napoleonanekdoten aus -der Schlacht von Leipzig übertragen. Eine aber hörte mein Bruder aus -seinem eigenen Munde: Ein französischer Sergeant hatte als Vorgesetzter -den Mann viel drangsaliert. Als sie nun eines Tages Seite an Seite über -einen Graben setzen, fällt der Franzose und ruft um Hilfe. Der Hornung -aber reitet weiter, indem er mit Nachdruck spricht: Wer reit’t, der -reit’t, und wer leit, der leit (liegt).</p> - -<p>Die ganze bunte Tübinger Romantik gehörte nun aber einzig und -allein dem Studenten. Daneben lebte und webte Tür an Tür das engste -Spießbürgertum. Die Geselligkeit war durch strengen Kastengeist -geregelt und entbehrte der Anmut. Die Frau als gesellschaftliche Macht -versagte ganz. Man sah aller Enden hübsche junge Mädchen, aber äußerst -selten eine hübsche junge Frau. Sobald sich die damaligen Schwäbinnen -verheirateten, hielten sie nichts mehr auf ihre Person. Nach Pflege -des Geistes und Körpers zu streben, galt für „Emanzipiertheit“ und -Eitelkeit und war überdies ein Zeichen<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> mangelnder Hausfrauentugend. -Es konnte vorkommen, daß der Mann hohe akademische Würden innehatte -und daß die Frau Magddienste verrichtete. Nicht aus Not, sondern weil -sie keine höheren Ziele kannte. So vermochte der ganze Lebensstil -sich nicht zu erheben. Auch der Student lernte nur die Reize des -Studentenlebens, nicht die einer höheren Geselligkeit kennen. -Und wie phantastisch er’s getrieben haben mochte, am Schluß der -Universitätsjahre mußte auch er unterducken, sich der lähmenden Enge -einreihen, wenn er im Lande sein Auskommen finden wollte. Darum klang -auch so wehmütig der Sang der Abziehenden: Muß selber nun Philister -sein, ade!</p> - -<p>Um die aus den Tübinger Verhältnissen hervorgehende Einseitigkeit -oder Verwilderung zu bekämpfen, war Friedrich Vischer, solange er in -Tübingen lebte und lehrte, bemüht, die Verlegung der Universität in die -Landeshauptstadt durchzusetzen. Damit wäre freilich zugleich aller Reiz -der Überlieferung aus dem studentischen Leben geschwunden. Er fand aber -mit diesem Lieblingsgedanken keinen Anklang und konnte nur für seine -eigene Person die Wahl treffen, indem er endgültig das Stuttgarter -Polytechnikum dem Tübinger Lehrstuhl vorzog und so die Universität -eines ihrer größten Namen beraubte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - -<p>Wieviel man gegen das alte Tübingen auf dem Herzen haben mochte, die -reizvolle, wunderliche Stadt mit dem kühnen Profil und der entzückenden -Lage hat es noch allen angetan, die dort gewesen. Und so oft ich -späterhin aus Italien wiederkehrte, ganz durchtränkt von der Schönheit -des Südens, wenn ich wieder einmal auf dem „Schänzle“ stand und -die Blicke von der lachenden Neckarseite mit der fernen Alb in das -schwermütige Ammertal wandern ließ, wo, wie einmal eine gefühlvolle -Tübingerin zu Friedrich Vischer sagte, „das Herz seinen verlorenen -Schmerz wiederfindet“ immer habe ich den Zauber meiner Jugendstadt aufs -neue verspürt.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Heidenkinder">Die Heidenkinder.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>nnerhalb des Tübinger Spießbürgertums stand nun unser Haus wie eine -einsame Insel. Schon beim Eintritt hatte unsere Mutter die üblichen -Antrittsbesuche unterlassen. Mein Vater war eigens ein paar Wochen -früher eingerückt und hatte alles, was die Etikette vorschreibt, -erledigt, um ihr diese Prüfung nicht aufzuerlegen, denn er sah voraus, -daß sie sich in ihrer freien, der Zeit vorangeeilten Weltanschauung -ebenso abgestoßen fühlen würde wie in ihrer aristokratischen -Empfindungsweise, die mit der ultraradikalen Gesinnung ganz gut -zusammenging. Er wußte auch, daß die Abstoßung gegenseitig gewesen -wäre, denn es gab damals in Tübingen nur wenig Frauen, die das Zeug -hatten, eine so ungewöhnliche Natur wie meine Mutter zu verstehen. -Außerdem war bei ihrem ganz auf die Familie beschränkten Dasein ihre -Garderobe nicht im besten Stand, und jede Ausgabe für sich selber ging -ihr lebenslang gegen das Gewissen.<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> Außer mit der Witwe Uhland und mit -den Töchtern des alten Dichters Karl Mayer, der ihr feuriger Verehrer -war, wollte sie überhaupt keinen Frauenumgang. Es läßt sich denken, -welchen Anstoß wir Kinder, auf die bisher fast nichts als die Natur -und der Geist der Eltern eingewirkt hatten, jetzt in der Tübinger -Umwelt erregten. Die „Heidenkinder“ nannten sie uns auch dort. Meine -Brüder wurden oftmals auf dem Schulwege von anderen Jungen tätlich -angegriffen, und es entspann sich dann eine gewaltige Schlägerei; -die Heiden standen zusammen und wehrten sich mannhaft, wodurch sie -ihren Widersachern allmählich die Lust zu solchen Unternehmungen -verleideten. Mir aber, die ich allein und unbeschützt war, erregte -es ein schmerzliches Erstaunen, wenn mir mein ungewöhnlicher Rufname -in einer häßlichen Verketzerung nachgeschrien wurde, oder wenn gar -ein Stein aus dem Hinterhalt geflogen kam. Ich ging daher als Kind -nur sehr ungern durch die Straßen und trieb mich lieber in der Nähe -unserer damaligen, außerhalb der Stadt gelegenen Wohnung an den -Steinlachufern oder auf dem großen Turn- und Schießplatz umher, in -einsame Phantasien versponnen. Für alle Zeit bleibt mir ein Sonntag in -die Seele geschrieben, an dem ich ganz allein eine Forschungsreise in -die Gôgerei unternahm. Man hatte mir mein<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> schönstes weißes Mullkleid -mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen -Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band -geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun -von der Langen Gass’ in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein -kleines Gôgenkind mit Jubelgeschrei entgegen und wollte in meine Arme -stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen -Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt -und riß entsetzt die Kleine vor mir weg. Erst als sie sich hinter einem -niederen Zaun geborgen sah, drehte sie sich noch einmal um und sagte, -mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: So sehen die Heiden -aus!</p> - -<p>Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen -ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen, -sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst -in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen -weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben; -ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es -hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die -auch in ihren Kreisen als die erste<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> herrschte. Selbst als sie im Jahre -48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch -zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht -nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche -Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie -immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen. -Auch ihre entfernteren Verwandten — die nahen waren schon alle tot -— hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer -davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands -im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd -gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es -nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf. -Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden -sind immer die Schwächeren.</p> - -<p>Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht -dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur -Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie -in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende -Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal -unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> -gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde, -so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich -wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu -lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es -wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen -hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich -mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell -überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die -Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst -einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den -himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die -weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen -Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte, -kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste -nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich -ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein, -meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief, -aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen -Vorrat für erschöpft. Von da an begehr<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>te ich niemals wieder nach einer -Kindergesellschaft.</p> - -<p>Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den -Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen -Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht, -ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein -nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte -es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende -Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie -Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen -das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter -Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und -mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den -Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette -halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich -jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf -Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen -überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie -herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen -mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> täuschenden -Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das -Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen.</p> - -<p>Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich -so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne -zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“ -noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You, -eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu -erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig -bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir -einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen, -auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl, -mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten. -Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem -freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen. -Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung -(Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und -ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.</p> - -<p>Auch in Tübingen fuhr Mama fort, mich selber zu unterrichten, doch -handelte sich’s dabei mehr um die lebendige Anregung als um eigentliche -Über<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>mittlung des Lehrstoffs, und es blieben viele Lücken, die ich -später allein ausfüllen mußte. Für den schlechten Ausfall des Arguments -entschädigte ich sie dadurch, daß ich den „Guten Kameraden“ von A -bis Z in lateinische Verse brachte, wobei allerdings an einer gar zu -wackligen Stelle der Papa eine Zeile einflickte, die sich ausnahm -wie ein Lappen feines Tuch auf einem verschlissenen Kittel. Aber das -gute, leicht befriedigte Mütterchen war hoch erbaut und sang fortan -das Uhlandsche Lied am liebsten in meiner Lesart: Habebam commilitonem -etc. Daß ich für die lateinische Grammatik noch immer keine -Begeisterung zeigte, schrieb sie der Unvollkommenheit ihrer eigenen -Kenntnisse zu und sah sich nun nach einem Lehrer für mich um, den sie -in Gestalt eines blutjungen katholischen Theologen aus dem Konvikt -gefunden zu haben glaubte. Allein dieser hielt mich meiner Größe -nach für erwachsen, behandelte mich barsch, um sich der fremdartigen -Schülerin gegenüber eine Haltung zu geben, und verbot mir sogar, ihn -anzublicken. Gleich nach der ersten Stunde erklärte er meiner Mutter, -daß das Lehramt bei einem jungen Fräulein mit seinem künftigen Beruf -unvereinbar sei, und kündigte den Unterricht auf. Aber das ist ja gar -kein Fräulein, sagte meine Mutter verblüfft, das ist ein Kind von elf -Jahren. Allein<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> er blieb bei seiner Weigerung, und damit fiel das -Latein für längere Zeit ganz zu Boden. Die Anfänge der neueren Sprachen -brachte sie mir auf dem lebendigen Wege bei, auf dem sie selbst sie -von ihren ausländischen Gouvernanten empfangen hatte, während meinen -Brüdern auf der Schule auch das Französische und das Englische zu toten -Sprachen gemacht wurden. Dies war der einzige Punkt, auf dem meine so -sehr erschwerte Ausbildung sich den Brüdern gegenüber im Vorteil befand.</p> - -<p>Da mein Tag durch keinen festen Plan gebunden war, schwelgte und praßte -ich in einer Fülle von Zeit, von der der erwachsene Mensch sich keine -Vorstellung mehr machen kann. Zu allem, was mir einfiel, hatte ich -die Muße. Meine liebste, heimlichste Beschäftigung war, in ein mir -von der Mama zu diesem Zwecke schon in Kirchheim geschenktes Büchlein -eigene Verse zu schreiben. Denn seit sie mir jenes Mal erlaubt hatte, -an einer ihrer metrischen Arbeiten teilzunehmen, war in mir der Trieb -zu ähnlichen Versuchen erwacht. Mit dem ersten machte ich freilich -eine erschütternde Erfahrung, denn der Geist war zur Unzeit über mich -gekommen, als ich gerade an einem lateinischen Übungsstück aus dem -Middendorf saß, worin ein Begebnis aus dem Leben Alexanders erzählt -war. Da er<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>gab der erste Satz ganz von selbst ein gereimtes, wenn -auch äußerst prosaisches Zeilenpaar, und um mich von der Langeweile -der Grammatik zu erholen, fuhr ich fort und brachte das ganze Stück -in ähnlich hölzerne Verse. Damit weihte ich voller Freude mein -neues Büchelchen ein. Aber alsbald wurde mir dieses von den Brüdern -entrissen, und die trockene Ernsthaftigkeit des Erzeugnisses erregte -ein nicht endendes Gelächter. Weil der lateinische Text mit sine dubio -begann, hatte auch ich meinen Gesang mit „Ohne Zweifel“ angehoben, was -von unwiderstehlicher Wirkung war. Alle lernten ihn auswendig, um mich -zu peinigen, und sobald nur jemand fortan die Worte „ohne Zweifel“ -aussprach, wurde ich rot und blaß aus Furcht, daß Alfred sie als -Stichwort aufnehmen und sogleich die ganze Litanei abschnurren werde. -Trotz diesem schrecklichen Fiasko setzte ich aber meine Versuche fort, -indem ich mich nun zu einem höheren Flug nach dem Muster Schillerscher -Balladen erhob. Die Muse besuchte mich nur des Nachts, wenn alles -still im Bette lag. Dann wachte ich unter schaurig süßem Herzklopfen, -bis auch der letzte widerstrebende Reim sich einfügte, und wenn am -Morgen noch alle Verse beisammen waren, daß ich in irgendeinem sicheren -Versteck das Ganze meinem Büchlein einverleiben konnte, so genoß<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> ich -die vollkommenste irdische Glückseligkeit. Aber nicht auf lange, denn -bei unserem engen Zusammenwohnen ließ sich der Schatz nicht für die -Dauer verbergen. Die Gedichte wurden hinter meinem Rücken herumgezeigt, -Erwachsene redeten mich darauf an und versetzten das kleine Seelchen -in bittere Pein, denn das Lob, das mir unangebrachterweise gespendet -wurde, vermochte mich nicht über die gewaltsame Entweihung zu trösten.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_Fluchtversuch">Ein Fluchtversuch.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>ls einziges Mädchen zwischen vier Brüdern hatte ich trotz dem -Vorzug, den ich beim Vater genoß, einen schweren Stand, denn ich -war so zwischen die wilde Schar hineingeschneit, daß ich weder auf -das Ansehen einer ältesten noch auf die Begünstigung einer jüngsten -Schwester Anspruch hatte. Edgar war wegen seiner ehemals zarten -Gesundheit an viele Rücksichten gewöhnt worden und nahm jetzt durch -das Recht der Erstgeburt und seine hervorragende geistige Begabung -eine Sonderstellung ein, die er als ein Naturrecht behauptete. Aber -der derbe, urgesunde Alfred erkannte sein Übergewicht nicht an, für -ihn galt nur das Recht des Stärkeren, und das neigte sich auf seine -Seite. Daher brandete um den gebietenden Erstgeborenen ein beständiger -Aufruhr, von dem alle Geschwister mitzuleiden hatten, und es -wiederholte sich im kleinen das Drama, das ein ganzes Volk erschüttert, -wenn zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> gleich kraftvolle, aber ungleich geartete Stämme im -Hochgefühl ihrer Sonderart um die Vormacht ringen. Meine Mutter konnte -die gewaltsamen Geister nicht bändigen, und den Vater, der drei Viertel -des Tages auf der Schloßbibliothek mit amtlichen und literarischen -Arbeiten beschäftigt war, verschonte man, wenn er spät nach Hause kam, -soviel wie möglich mit der Chronik des Bruderzwistes.</p> - -<p>Ich habe das spätere Leben dieser beiden Brüder, ihr segensreiches -ärztliches Wirken in Italien und ihr treues Zusammenstehen bis -zu ihrem vorzeitigen Tode anderwärts erzählt<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>, und in meiner -Hermann-Kurz-Biographie ist auch ihr frühes Knabenbildnis -zusammenfassend gezeichnet, so daß mir hier nur wenig nachzuholen -bleibt. Wenn sie nun auf diesen Blättern manchmal weniger liebenswürdig -erscheinen werden, als in den ihnen eigens gewidmeten Aufzeichnungen, -so erklärt sich das von selbst aus ihrer damaligen Unreife und aus -der Beleuchtung des häuslichen Alltags. Besonders Alfred, der kleine, -trotzige „Butzel“, hatte eine harte Schale abzulegen, ehe seine -frühere Wildheit sich als die unwiderstehliche Lebensfülle kundtat, -die ihm später alle Herzen gewinnen sollte. Damals hielt er mit seinen -Entwicklungskrämpfen das<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> ganze Haus in Atem. Seine Rauheit stach -dermaßen von Edgars vornehmem Anstand und des jüngeren Erwin zierlicher -Geschmeidigkeit ab, daß Mama entsetzt klagte, in diesem Sohne seien -alle Reutlinger Zinn- und Glockengießer wieder lebendig geworden. Aber -mein Vater sagte lächelnd: Laßt ihr Aristokraten mir meine Vorfahren -und meinen Butzel ungeschoren. Der wird noch der Beste von allen, wenn -er einmal seine Hörner abgelaufen hat.</p> - -<p>Gegen das weibliche Geschlecht hatte der Trotzkopf einen dämonischen -Haß, den er schon als kleines Kind an den Dienstmädchen und den -weiblichen Gästen des Hauses zu betätigen suchte. In der Schule wurde -er in dieser Gesinnung noch bestärkt, denn die Mädchen standen da in -tiefer Mißachtung, und wenn ein „Bub“ mit einem „Mädle“ ging, so sangen -ihm die Kameraden seinen Namen in einem Spottvers nach:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">N. N. möcht’ ich gar nicht heißen,</div> - <div class="verse">N. N. ist ein wüster Name,</div> - <div class="verse">N. N. hat sich küssen lassen</div> - <div class="verse">Von den Mädeln auf der Gassen.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wenn dem wilden Alfred ein solcher Schimpf zugestoßen wäre, er hätte -sich vor beleidigtem Ehrgefühl zu Tode gekränkt. Ich war natürlich -die nächste, die seinen von ihm selber unverstandenen<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> dumpfen Groll -zu spüren bekam. Trotz seiner unendlichen Gutherzigkeit hatte ich -mich jahrelang vor ihm zu hüten; es war ihm ein stetes Bedürfnis, -mich irgendwie zu peinigen. Auf der Straße kannte er mich überhaupt -nicht, denn er hielt es unter seiner Knabenwürde, eine Schwester zu -besitzen. Nicht einmal mit seiner Mutter, die er doch leidenschaftlich -liebte, ließ er sich gern öffentlich sehen, es schien ihm ein Makel, -vom Weibe geboren zu sein. Dabei wußte ich wohl, daß er für jedes -der Seinigen augenblicklich sein Leben gegeben hätte. An einem -Wintertage jedoch — es war in meinem zehnten Jahre — geschah -etwas Ungeheuerliches, das mich an ihm und an der ganzen Menschheit -irremachte. Ich hatte mir einmal ein Herz gefaßt und war trotz meiner -Furcht vor der bösen Straßenjugend am Vormittag, als eben die Schulen -zu Ende gingen, allein das Mühlgäßchen hinaufgewandert, das damals, -zwischen die hohe Stadtmauer und die brausende Ammer eingezwängt, -bedeutend enger und steiler war als heute. Aber an der steilsten -Steigung kam mir ein Trupp Schuljungen entgegen, die bei meinem -Anblick ein Indianergeheul ausstießen und mich mit Schneeklumpen -überschütteten, worein zum Teil sogar Steine geballt waren. Im Nu war -mein neues braunes Kastormäntelchen über und über weiß be<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>stäubt, und -nirgends ein Entrinnen aus diesem langen, schlauchartigen Engpaß. -Und nun erkannte ich mitten unter der Meute meinen Alfred, der tat, -als hätte er mich nie gesehen und, statt mir zu Hilfe zu kommen, -sich bückte, um mich gleichfalls mit Schneeballen zu bewerfen. So -mag es Cäsar zumute gewesen sein, als er seinen Brutus unter den -Mördern sah. In der höchsten Not kam ein breiter Bierwagen den engen -Steilpaß herabgerasselt und drängte die bösen Buben gegen die Mauer, -daß ich unterdessen Zeit zur Flucht gewann. Ich sprach kein Wort über -den Vorfall, denn ich hatte allen Grund, häusliche Katastrophen zu -vermeiden — es gab deren genug ohne mein Zutun —, aber es wollte -mit fast das Herz abdrücken, daß eine solche Treulosigkeit möglich -war. Nicht nur, daß ich mich auf der Straße von lauter Feindseligkeit -umgeben sah, deren Ursache mir dunkel blieb, nun gesellte sich auch -noch der eigene Bruder, der mich hätte schützen sollen, zu meinen -Widersachern! Es war einfach eine Tragödie. Hätte ich mich dem Vater -anvertraut, so würde er mir mit seiner Einsicht und Milde den großen -Schmerz ausgeredet und den Sünder mit einer Verwarnung entlassen haben. -Aber ich verachtete die Angeber und ging lieber in stummer Verwerfung -an dem Missetäter vorüber. Ich wußte nicht und erfuhr es erst in -sei<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>nen Mannesjahren von ihm selbst, daß der arme Junge lange Zeit das -Gefühl einer schweren Verschuldung herumtrug, deren er sich tödlich -schämte und die er doch bei der nächsten Gelegenheit abermals auf sich -geladen hätte. Für einen Bruder, so bekannte er mir, hätte er sich -gleich in Stücke hauen lassen, auch wenn er im übrigen mit ihm in Fehde -stand, aber sich zu seiner Schwester bekennen, nachdem er stets ihr -Dasein vor den Kameraden abgeleugnet hatte, das ging über seine Kraft. -Und das böse Gewissen machte, daß er sich nur immer mehr im Trotz gegen -mich versteifte.</p> - -<p>Edgar, der Älteste, hatte keine Spur von Geschlechtshochmut, er war -vielmehr stolz auf den Besitz der Schwester, und was andere Jungen etwa -meinten und redeten, kümmerte ihn wenig. Aber er machte es mir auf -seine Weise ebenso schwer. Er geriet in den schmerzlichsten Zorn, wenn -ich anders wollte als er, und ohne sich davon Rechenschaft zu geben, -suchte er mir in allem sein Urteil und seinen Geschmack aufzuzwingen. -Wenn ich mich wehrte, war er tief unglücklich und empfand es als einen -Verrat an dem gemeinsamen Kinderland, durch das wir Hand in Hand in -inniger Eintracht gegangen waren. Wir litten dann beide und vermochten -die Kluft nicht zu füllen. Es gab aber auch ganz dunkle Tage, wo -sich alle gemeinsam<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> gegen mich wandten und wo selbst unser kleiner -Balde, der Nestling, sein Blondköpfchen zwischen den Gitterstäben des -Bettchens vorstreckte, um mit lallender Kinderstimme zu sagen: Ein -Mädle, pfui! Ich tät’ mich schämen, wenn ich ein Mädle wär’. Ging -ich aus einer geschwisterlichen Auseinandersetzung zerzaust hervor, -so wurde ich meist noch von der Mutter gescholten, die, rasch, wie -sie war, nicht so genau zusah, auf welcher Seite sich das größere -Unrecht befand. Sie pflegte dann nur zu sagen, daß ich als Mädchen -durch Sanftmut die Gewalttätigkeit der Brüder entwaffnen müßte, wobei -sie aber nicht mit der menschlichen Natur rechnete. Denn wenn ich -mich nach diesem Rat einrichten wollte, war ich der wilden Schar erst -recht ausgeliefert und kam in die Lage, mich mit doppeltem Nachdruck -wehren zu müssen. Selig die Friedfertigen, aber nur, wenn alle Nachbarn -ringsum die gleiche Gesinnung hegen.</p> - -<p>Allmählich bildete sich in mir die Überzeugung aus, daß ich ein -unglückliches Kind sei und daß ich am besten täte, auszuwandern. -Der jüngere Erwin, wegen seiner lichten Haare und seiner sonnigen -Gemütsart das Goldele genannt, befand sich im gleichen Falle, -auch er hielt sich für ein unglückliches Kind, denn er hatte dem -hochmögenden Ältesten unlängst auf mütterlichen Befehl ein<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> empfangenes -Gastgeschenk überlassen müssen, das er nicht verschmerzen konnte. -Wir zwei Gekränkte besprachen uns miteinander und stellten fest, daß -wir die Parias im Hause wären, weil wir als die ungefährlichsten -(der Allerjüngste genoß das Vorrecht seines zarten Alters) bei jeder -Streitfrage Unrecht bekamen. Und wir beschlossen, das undankbare -Elternhaus zu verlassen, um auswärts unser Heil zu suchen. Beide -besaßen wir kleine Sparbüchsen, in die bald von den Eltern, bald von -Verwandten und Freunden ein kleiner Spargroschen für unsere kindlichen -Bedürfnisse gelegt wurde. Als ich zwölf ganze Gulden beisammen hatte -und Erwin, der seine Kasse zuweilen angriff, sechs bis sieben, schien -uns dieser Betrag ausreichend, um damit den Weg in die weite Welt -zu nehmen, die schöne weite Welt, in die alle Märchen hinauswiesen -und nach der ich schon damals ein brennendes Verlangen trug. An -einem Sonntagvormittag, tief im Winter, brachen wir auf. Ich zog dem -siebenjährigen Bruder noch zuvor sorglich die Pelzfäustlinge über, dann -wanderten wir zusammen über das nahe Bahngeleise in die wundervoll -schimmernde Schneelandschaft hinaus. Es war ein köstlicher Tag, die -kalte Sonnenluft schnitt mir in die Backen, daß sie brannten, ich -fühlte mich wohlgeborgen in dem hübschen braunen Kastormantel,<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> und -der Schnee knarrte so angenehm unter meinen Stiefelchen. Ein Stück -von Hause nahm ich in der Person des Bruders mit, also war auch gegen -das Heimweh vorgesorgt. Mochten sie nun daheim zusehen, wie sie es -aushielten ohne uns zwei Verkannte. Wir ließen das „Waldhörnle“, wo -wir sonst mit den Eltern eingekehrt waren, links liegen und schritten -flott gegen Sebastiansweiler los, das die Grenze des uns bekannten -Erdteils war. Sebastiansweiler, der Name hatte mir’s angetan, obschon -oder weil ich sonst von dem Ort rein gar nichts wußte. So zog es mich -ganz von selbst in diese Richtung. Jenseits Sebastiansweiler begann -dann erst die eigentliche weite Welt, das große Unerforschte. Wir -waren schon am Bläsibad vorüber, da schrieb das Schicksal uns ein -warnendes Menetekel an den Weg. Mitten im Schnee der Straße lag eine -große schöne Elster vor meinen Füßen, die kraftlos die Flügel bewegte, -erstarrt vor Kälte, wie mir schien. Ich hob sie auf und suchte sie -unter dem Mantel zu erwärmen und ihr Lebenshauch einzublasen. Umsonst, -sie wurde nur immer „maudriger“, also nahm ich an, daß sie verhungert -sei. Die stumme Symbolik dieser Erscheinung ging mir zwar nicht auf, -aber ich wußte, daß es nirgends auf der Welt Wärme und Atzung gab als -am heimischen Herde, den wir verlassen hatten. Verges<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>sen war mit -einem Male alles, was uns kränkte, vergessen die Lockung der schönen -weiten Welt jenseits Sebastiansweiler; wir dachten nur noch an die -Rettung des gefiederten Schützlings. Vielleicht war aber uns beiden der -Anlaß, unser Abenteuer zu beenden, auch unbewußt willkommen, denn die -Seele hat ihre Heimlichkeiten, von denen sie selbst nichts weiß. Wir -machten in stummem Einverständnis kehrt und liefen, was wir konnten, -den weiten Weg zurück nach Hause. Es war noch immer Vormittag, als -wir ankamen, und keine Seele hatte sich noch um unser Verschwinden -Sorge gemacht. Aber sobald Edgar der unterdessen verendeten Elster -ansichtig ward, die ich noch immer an die Brust gedrückt hielt in der -Hoffnung, sie am Ofen wieder aufleben zu sehen, da nahm er mir den -toten Vogel, um ihn ohne weiteres zu sezieren. Ich widersetzte mich, -denn ich wollte die arme Elster, wenn sie nicht mehr zum Leben gebracht -werden konnte, mit ihrem schillernden Gefieder ehrlich begraben. Sie -wurde mir jedoch abgesprochen und dem Seziermesser überwiesen. Edgar -war von klein auf gewöhnt, was in seine Hand kam, zu zerlegen und -auf seine innere Beschaffenheit hin zu untersuchen; doch hatte sich -dieser Hang bisher auf Erzeugnisse der Mechanik beschränkt, neuerdings -regte sich aber der künftige Anatom<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> in ihm, und er begann nun auch -zu meinem unaussprechlichen Widerwillen tote Tiere zu zerschneiden. -Die gute Fina beeilte sich mit einer Ergebenheit, die ich verwerflich -fand, ihrem jungen Herrn und Gebieter ein ausgedientes Hackbrett und -ein ebensolches Vorlegmesser zu bringen, und ich sah mit Entsetzen, -wie das schöne Tier zersäbelt wurde und wie das Blut über die feinen -harten Knabenfinger lief. Er holte Herz und Lunge und Leber heraus -und betrachtete sie aufmerksam, während ich mich vor Abscheu weinend -im hintersten Winkel der gemeinsamen Stube verkroch. Ich konnte gar -nicht glauben, daß diese blutigen Hände noch die meines Bruders -seien, in denen die meinigen sonst so traulich gelegen hatten. Aber -ich wollte nicht mehr fort, die Wärme des Elternhauses umfing mich -nach der Eisesluft, in der heimatlose Vögel starben, mit unsäglichem -Wohlbehagen, und ich fühlte mich wieder in die leidenschaftliche -Liebeskraft eingeschlossen, mit der meine Mutter alle ihre Küchlein -umhegte. Allmählich dämmerte mir auch auf, welchen Schrecken ich -den zärtlichsten Eltern hatte bereiten wollen und wie gut es mein -Schutzgeist mit mir meinte, als er mich durch die sterbende Elster -so sänftlich zur Umkehr mahnte. Das nur drei Stunden entfernte -Sebastiansweiler aber habe ich während meines<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> ganzen Tübinger -Aufenthalts niemals mit Augen gesehen, daher es noch heute im Lichte -der schönsten Romantik ohne jeden Zug ernüchternder Wirklichkeit vor -meiner Seele steht.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Florentinische Erinnerungen</p> - -</div> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Von_Ihr">Von Ihr.<br /> -Nachklänge des „tollen“ Jahres.<br /> -Das rote Album.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">B</span>evor ich weitergehe, muß ich hier einige Worte über die ureigene -Persönlichkeit meiner Mutter vorausschicken, weil ohne einen Blick auf -ihr Gesamtbild die einzelnen Züge ihres Wesens, wie sie bruchstückartig -aus diesen Blättern hervortreten, nimmermehr richtig verstanden werden -könnten. Sie wiederzugeben ganz so, wie sie war, ist ein Wagnis. Kein -Bild ist leichter zu verzeichnen als das ihre. So ausgeprägt sind ihre -Züge, so urpersönlich — ein einziger zu stark gezogener Strich, eine -vergröbernde Linie, und das Edelste und Seltenste, was es gab, kann -zum Zerrbild werden. Und nicht nur die Hand, die das Bild zeichnet, -muß ganz leicht und sicher sein, es kommt auch auf das Auge an, das es -auffassen soll. Wer gewohnt ist, in Schablonen zu denken, findet für -das nur einmal Vorhandene keinen Platz in sei<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>ner Vorstellung. Es gab -Philisterseelen, die in diesem unbegreiflichen Wesen nichts sahen als -ein Wunderliches kleines Frauchen, das wenig auf seinen Anzug hielt und -keine „gute Hausfrau“ war. Für mich und alle, die sie wahrhaft kannten, -ist sie immer das außerordentlichste menschliche Ereignis gewesen.</p> - -<p>Wir waren so fest verwachsen, daß mein Gedächtnis ihre eigene Kindheit -mit umschließt, als ob ich sie selbst erlebt hätte. Ich sehe sie, wie -sie als Oberstentöchterchen in Ludwigsburg aus ihrem großen Garten, der -an das Militärgefängnis stieß, das schönste Obst ihrer Bäume durch die -vergitterten Fenster heimlich den Sträflingen zuwarf, voll frühzeitiger -Empörung, daß es Menschen gab, die man der Freiheit beraubte. Wie die -Gefangenen erfinderisch lange Schnüre herabließen, woran die Kleine -ganze Würste, Kuchenstücke und was sie Gutes in Küche und Keller finden -konnte, festband und so die erste rebellische Freude genoß, Gedrückten -beizustehen. Ein andermal schwebt sie mir vor, wie sie ihre Ferientage -bei dem „Tantele“ zubringen durfte, der einzigen bürgerlichen -Verwandten, die sie besaß und in deren Hause ihr am wohlsten war, -weil es da ganz einfach zuging und sie tun und lassen durfte, was sie -wollte. Ihr erstes war dann, alle Hüllen von sich zu werfen<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> und ihr -Sommerkleidchen auf den bloßen Leib anzuziehen, was ja viel kühler war, -denn sie sah nicht ein, warum der Mensch so viele Umstände mit seinen -Kleidern macht. In seligem Mutwillen zog sie die langen, ungeknüpften -„Kreuzbänder“ ihrer Schuhe durch den Straßenkot, glücklich, daß -keine Gouvernante da war, sie zur Ordnung zu rufen, und daß kein -Bedienter, der hinter ihr ging, sie an die Ungleichheit menschlicher -Lose erinnerte. In diesen kleinen Zügen waren schon die Grundlinien -ihres Wesens angedeutet: ihr tätiges Mitgefühl für die Bedrängten und -Schwachen, der angeborene kommunistische Zug und der Rousseausche Drang -nach Rückkehr zur allereinfachsten Natur. Wie sie dann im Jahre 1848 -mit ihrer bevorrechteten Kaste brach, um auf die Seite des Volkes zu -treten, habe ich in meiner Hermann-Kurz-Biographie erzählt.</p> - -<p>Die unbegreiflichsten Gegensätze waren in diesem Menschenbilde zu -einer so einfachen und bruchlosen Ganzheit zusammengeschweißt, daß -man sich in aller Welt vergeblich nach einer ähnlichen Erscheinung -umsehen würde. Von sehr altem Adel, mit allen Vorteilen einer -verfeinerten Erziehung ausgestattet und doch so ursprünglich in dunkler -Triebhaftigkeit! Diese Triebhaftigkeit aber gänzlich abgewandt vom -Ich, was doch der Natur des<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> Trieblebens zu widersprechen scheint! -Was andere sich als sittlichen Sieg abringen müssen, der selbstlose -Entschluß, das war bei ihr das Angeborene und kam jeder Zeit als -Naturgewalt aus ihrem Innern. Wenn ich mich umsehe, wem ich sie -vergleichen könnte, so finde ich nur <i>eine</i> Gestalt, die ihr ähnelt, -den Poverello von Assisi, der wie sie im Elemente des Liebesfeuers -lebte und die freiwillige Armut zu seiner Braut gewählt hatte. Sein -Sonnenhymnus hätte ganz ebenso jauchzend aus ihrer Seele brechen -können. Auch in dem starken tierischen Magnetismus, der von ihr -ausströmte, muß ihr der heilige Franziskus geglichen haben, denn um -beide drängte sich die Kreatur liebe- und hilfesuchend. Kinder und -Tiere waren nicht aus meines Mütterleins Nähe zu bringen. Auch das -Irrationale und Plötzliche, das zum Wesen der Heiligen mit gehört, war -ihr in oft erschreckendem Maße eigen.</p> - -<p>Eine unerhört glückliche Körperbeschaffenheit kam ihren inneren Anlagen -zu Hilfe. Sie hatte nahezu gar keine Bedürfnisse; Hitze und Kälte, -Hunger und Durst wie auch der Mangel an Schlaf drangen ihr kaum ins -Bewußtsein. Sie aß kein Fleisch, außer in den sehr seltenen Fällen -eines plötzlichen Nachlasses, und auch dann nur einen Bissen, denn -das Schlachten der Tiere gehörte zu<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> den Dingen, die ihr die schöne -Gotteserde verdüsterten. Mitunter lebte sie lange Zeit überhaupt nur -von ein wenig Milch mit Weißbrot. Ihr kleiner, immer in Bewegung -befindlicher Körper kannte keine Müdigkeit noch Erschlaffung. Fünf -Kinder hatte sie an der Brust genährt, alle weit über die übliche Zeit -hinaus, und ihre Kraft war dadurch nicht im mindesten geschwächt. Es -gab Zeiten übermenschlicher Leistung in ihrem Leben, als sie ihren -todkranken Jüngsten in seinen wiederkehrenden Leidenskrisen pflegte, -Zeiten, wo sie des Nachts nicht aus den Kleidern kam, ihm heitere -Märchen und Geschichten erzählte, auch frei erfand, mit der Todesnot -im Herzen, und doch am Tage ganz frisch wieder ins Geschirr ihrer -häuslichen Pflichten ging. Was auch die vielgequälte Seele leiden -mochte, der Körper nahm keinen Teil daran, er blieb schlechterdings -unverwüstlich. Dabei hatte sie die Gabe, an jedem Orte, zu jeder Zeit -und in jeder Stellung rasch ein wenig im voraus schlafen zu können; -waren es auch nur Minuten, so erwachte sie doch immer neugestärkt. Sie -rollte sich dabei ganz in sich zusammen und brauchte nicht mehr Raum -als ein fünfjähriges Kind. Aber sie schlief dann stets mit Willen; vom -Schlummer überwältigt habe ich sie nie gesehen. Ruhe und Gemächlichkeit -widerstrebten ihrer Natur, beim ersten Morgenschein<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> fuhr sie aus dem -Bette und ging gleich an irgendeine Beschäftigung oder, wenn wir auf -dem Lande lebten, hinaus ins Freie, denn der Sonnenaufgang war ihre -Andachtsstunde. Bequem auf einem Stuhl zu sitzen, war ihr unerträglich. -Sie saß immer irgendwo schwebend auf einer Kante wie ein eben -herzugeflogener Vogel. Am liebsten aber kauerte sie, klein und leicht -wie sie war, auf einem Schemel oder am Boden.</p> - -<p>Ihr Gesicht hatte, ohne schön zu sein, etwas unruhig Fesselndes bei -überstarkem Glanz der Augen, wozu auch das schimmernde Weiße viel -beitrug. Aber erst im höheren Alter bekamen ihre Züge die ergreifende -Harmonie und großartige Einfachheit, in der sich dann ihr gereiftes -Wesen wunderbar ausdrückte. Durch die Schnelligkeit ihres Ganges -fiel sie noch als Achtzigerin auf, dabei waren ihre Hände immer ein -wenig voraus, wie im steten Begriff zu helfen und zu geben. Alles -ging ihr zu langsam, beim Anziehen fuhr sie noch im höchsten Alter -immer mit beiden Armen zugleich ins Kleid. All diese äußere Hast war -aber frei von Nervosität und Zerfahrenheit. Man konnte sie bei der -ungeheuren Raschheit ihres Wesens einem jener hinjagenden Wirbelwinde -vergleichen, in deren Innerem eine vollkommene Windstille herrscht. -Ihre Gelassenheit war so groß, daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> ihre unzähligen Briefe immer -im Tohuwabohu der Kinderstube schrieb. Auch wenn andere währenddessen -mit ihr sprachen, ließ sie sich nicht aus ihrem Gedankengang bringen. -Sie brauchte zum Schreiben nur eine Tischecke und eine von den Kindern -geliehene Feder. Denn sie besaß gar nichts Eigenes, nicht einmal -Schreibzeug. Und die Ströme Wassers, mit denen sie uns täglich abflößte -— ein in bürgerlichen Häusern damals noch wenig gepflegter Brauch —, -waren die einzige Erinnerung an die aristokratische Lebenshaltung ihres -Elternhauses, die sie mit in die Ehe herübernahm.</p> - -<p>Ihre Unempfindlichkeit gegen Geräusch hatte die Folge, daß sie von mir -denselben Gleichmut verlangte, und das war mir eine große Pein. Nicht -nur meine Lernaufgaben, sondern auch meine Übersetzungen, die schon in -den Druck gingen, mußte ich unter ganz ähnlichen Bedingungen an einer -Tischecke zuwege bringen, mit einer Feder, deren Alleinbesitz mir nicht -zustand. So oft ich mich mit Schreibgerät versorgte, immer verschwand -es in der Schultasche der Brüder, die ihrerseits auch nicht besser -gestellt waren, denn jegliches Ding ging von Hand zu Hand, und ein -jeder suchte immerzu das seinige oder was er dafür hielt; mit Ausnahme -des Erstgeborenen, dessen kleine Habe unantastbar war. Wären die Kinder -nicht alle gut<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> geartet gewesen, so hätte es beständigen Streit um das -Mein und Dein geben müssen; so gab es nur ein beständiges ärgerliches -Suchen und Fragen bei großem Zeitverlust. Und ähnlich ging es mit -allen anderen beweglichen Gegenständen auch. Am meisten war mein armes -Mütterlein selbst geplagt, denn das Objekt, das sich von ihr allzutief -verachtet fühlte, verfolgte sie mit unersättlicher Rachgier, so daß sie -selbst, die gute Josephine und ich, die wir ihr beistanden, viel Kraft -in diesem sieglosen Kriege verschwendeten. Aber eine andere Hausordnung -einzuführen, bei der jegliches Ding an seinem Platz geblieben wäre, -widerstrebte ihr durchaus.</p> - -<p>Ich erinnere mich, daß um jene Zeit in einer Kammer mehrere ganz -gewaltige Ballen feinster, handgewebter Leinwand lagen; sie stammten -noch von meiner Großmutter Brunnow, die sie jahraus, jahrein für den -Brautschatz ihrer Marie hatte weben lassen. Die schönen Tafeldamaste -und Bettlinnen wurden ebenso wie das kostbare Kristall vorzugsweise -zu Geschenken verwendet, wenn etwa eine der jüngeren Freundinnen sich -verlobte, oder zu Vergütungen für geleistete Dienste. Nun war es unter -den Geschwistern ganz üblich, daß, wenn einer des Morgens sein Handtuch -nicht fand, weil der andere es benützt und in den Winkel geworfen<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -hatte, der Geschädigte, statt um ein neues zu bitten, einfach zur -Schere griff, um sich von dem Leinwandballen ein beliebiges Stück -abzuschneiden, das er ohne Umstände in Gebrauch nahm. Mein Mütterlein -verwehrte es nicht, sie half wohl selber mit, wenn gerade der Schlüssel -zum Wäscheschrank verlegt war. Als ich ihr nun eines Tages den -Vorschlag machte, mich die abgeschnittenen Stücke einsäumen zu lassen, -wie ich es anderwärts gesehen hatte, weil es dann hübscher aussehen -und länger halten würde, ließ sie mich ärgerlich an, ich solle mein -Herz nicht an solchen Kleinkram hängen, sondern froh sein, daß ich mich -geistig beschäftigen dürfe. Zugeben muß ich heute, daß die Handtücher -jetzt doch zerrissen wären und daß die geistigen Werte, die sie uns -gab, festen Bestand hatten. Aber damals machte es mich oft traurig, -daß sich gar kein Austrag zwischen den höheren Aufgaben und der Welt -des Irdischen finden ließ. Und wenn ich gar einmal, von einem Besuch -bei auswärtigen Freunden heimkommend, eine dort gefundene Ordnung -oder Verbesserung im eigenen Hause einführen wollte, so konnte sie -ernstlich böse werden und mir drohen, sie würde mich niemals wieder -in fremde Häuser gehen lassen. Sie pflegte dann in ihrer drastischen -Weise zu klagen, daß ich meine Gaben nur hätte, um dümmer zu<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> sein -als das dümmste Frauenzimmer. In solchen Fällen stieß ich sogar auf -den Widerstand Josephinens, die in ihrem eigenen Tun noch immer so -pünktlich und geordnet war, wie sie es im Brunnowschen Hause gelernt -hatte, die aber mit solcher Leidenschaft an ihrer Herrin hing, daß sie -nur mit ihren Augen sehen konnte. Ganz mit mir zufrieden wurde mein -gutes Mütterlein erst, wenn ich endlich, nach vergeblicher Bemühung, -Ordnung zu stiften, entmutigt die Arme sinken ließ. Dann saß man -wieder inmitten des häuslichen Durcheinanders, das einen nichts mehr -anging, weltentrückt wie die indischen Weisen unter ihrem Urwaldbaum, -und sie redete zu mir über das Woher und Wohin, vor allem über das -Warum des Lebens. Denn in dieses zuckende, rastlose Flämmchen war ein -ganz stiller, einsamer Denker eingeschlossen, der immerzu über die -letzten Geheimnisse grübeln mußte. Die materialistische Weltauffassung, -die damals der Philosophie den Boden wegnahm, befriedigte sie im -Innern keineswegs. Das Rätsel des Todes machte ihr lebenslang zu -schaffen. Sie prüfte unablässig alles Für und Wider der Gründe für -ein Fortleben. Natürlich kam sie niemals zu einem Schluß, und es hing -ganz von ihrer augenblicklichen inneren Verfassung ab, ob sie mehr -dem Ja oder dem Nein zuneigte. Daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> glühend das Ja ersehnte, um -ihre Liebe noch über das Erdenleben hinaus zu betätigen, war für sie -doch kein Grund, ihr Denken nach ihren Wünschen einzustellen. Sie -erzählte mir oft, daß sie sich einmal mit einer Bekannten, Frau H. aus -Eßlingen, das Wort gegeben hatte, welche vor der anderen stürbe, die -wolle der Überlebenden ein Zeichen geben. Frau H. starb, und in einer -der nächsten Nächte sah meine Mutter sie am Ende eines langen Ganges -vorübergehen und ihr zunicken. Sie verstand gleich, was das Nicken -bedeute, aber beim Erwachen erwachte auch der Zweifel. Weshalb sollte -mir Frau H. erscheinen, sagte sie, und meine Mutter nicht, die mich -so unendlich geliebt hat? Denn auch ihre Mutter hatte ihr ein solches -Versprechen gegeben, und sie hatte nach ihrem Tode bestimmt auf eine -Erscheinung gewartet. Als sie in der Nacht an ihrem Bette plötzlich ein -Licht aufblitzen sah, dachte sie: das ist sie! Und lag mit klopfendem -Herzen regungslos, um das Licht nicht zu verscheuchen, das immer um sie -blieb und bald da, bald dort erschien. Aber am Morgen sah sie einen -toten Leuchtkäfer auf dem Gesimse liegen und wartete fortan nicht -mehr. Seit dieser Enttäuschung lehnte sie alle Mystik entschieden -ab, wiewohl ein mystischer Zug unter dem Grunde ihres Bewußtseins -lag. Sie hatte auch prophetische<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> Träume, die sich seltsamerweise -meist auf Nebensächliches bezogen, wie verlegte Gegenstände, deren -Versteck ihr der Traum zeigte. Bisweilen hatten aber diese Träume auch -bedeutenderen Inhalt, und einen davon werde ich an einer späteren -Stelle erzählen. Es gab übrigens noch einen anderen geheimnisvollen -Punkt in ihrem Seelenleben, über den sie sich nur selten und mit -größter Zurückhaltung äußerte. Sie sagte mir nämlich wiederholt auf -ganz verschiedenen Altersstufen, daß sie ein Dämonium wie das des -Sokrates habe, das mitunter sehr nachdrücklich und stets in abmahnender -oder mißbilligender Weise zu ihr spreche. Mehr erfuhr ich nicht und -fragte auch nicht weiter, um eine solche Gabe, die bei ihrem Ungestüm -gewiß wohltätig war, nicht durch Beschreien zu stören. Ich weiß aber, -daß sie sich auch zu anderen andeutungsweise über die Sache geäußert -hat.</p> - -<p>Ich hatte damals für ihre immer wiederkehrende faustische Klage, „daß -wir nichts wissen können“, wenig Sinn. Die Tatsache unseres Hierseins -war mir noch so neu und merkwürdig, daß ich nicht nach dem Woher und -Wohin und am allerwenigsten nach dem Warum fragte. Dagegen liebte ich -es, ihre Philosophie durch ganz spitzfindige Fragen zu bedrängen, wie -diese: „Gesetzt, Papa hätte eine andere Frau genommen und besäße von -ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> eine Tochter, du aber hättest einen anderen Mann und gleichfalls -eine Tochter von ihm, welche von den beiden Töchtern wäre dann ich?“ -— Närrchen, dann wärest du eben überhaupt nicht vorhanden. — Das war -mir nicht vorstellbar. — Vielleicht wäre ich zweimal da, jedesmal mit -einer falschen Hälfte verbunden? — Aber Kind, du redest ja den reinen -Unsinn. — Oder wären die zwei vielleicht meine Schwestern? — Das -wollte sie eher gelten lassen. — Aber Mama, wenn ich gar nicht bin, -wie kann ich dann Schwestern haben?! — Die philosophische Untersuchung -endigte zuletzt, wie philosophische Untersuchungen immer enden sollten, -mit einem Lachen.</p> - -<p>Gänzlich unberührt vom häuslichen Wirrwarr lag des Vaters -Studierzimmer. Dort waltete ich in seiner Abwesenheit ganz allein als -Hüterin des Tempelfriedens. Schon in seinen frühen Ehejahren hatte -er sich’s ausbedungen, daß keine Hand in häuslicher Absicht sein -Schreibpult berühre (er arbeitete immer stehend), bis seine Tochter -daran heraufgewachsen sei. Sobald meine Größe es erlaubte, trat ich -mein tägliches Amt an, das Pult zu säubern und die Studierlampe in -Ordnung zu halten. Es war dies so ziemlich die einzige häusliche -Verrichtung, zu der ich überhaupt zugelassen wurde. Die wenigen Male, -die ich sie gedankenlos versäumte,<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> blieben mir schwer auf der Seele, -denn daß er beim Nachhausekommen schweigend und ohne ein Wort des -Vorwurfs nach dem Petroleumkännchen griff, hinterließ mir einen viel -tieferen Eindruck, als es der schärfste Tadel vermocht hätte.</p> - -<p>Wer nun aber aus der Gleichgültigkeit meiner Mutter gegen die äußeren -Lebensbedingungen schließen wollte, sie sei meinem Vater auch eine -schlechte Geldverwalterin gewesen, der würde gröblich irren. Fast -ohne Mittel fünf Kinder aufzuziehen, zu ernähren, zu kleiden, war -oft eine nahezu unlösbare Aufgabe; sie hat sie dennoch gelöst, -still, selbstverständlich, in höchster Würde, und, was mehr ist: in -unerschöpflicher Freudigkeit. Das Glück, an seiner Seite zu leben, -vergütete ihr jede Beschwerde. Ich erinnere mich nicht, daß es uns -Kindern je am Nötigen gefehlt hätte. Auch kleine Freuden und Erholungen -wurden uns nie versagt; wer zu kurz kam, war immer nur sie selbst. -Daneben hatte sie die offenste Hand für alle Bedürftigen; sie wartete -nie ab, daß ein Armer sie auf der Straße ansprach, sondern schlich -ihm nach, bis sie ihm unbeobachtet geben konnte. Ein Apotheker in -Tübingen erzählte mir, daß er oft als Kind am väterlichen Ladentisch -mitangesehen habe, wie sie sich leise an irgendeine arme Frau -heran<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>drängte, um ihr verstohlen ein Geldstück in die Hand zu stecken, -was niemand wahrnahm als der Dreikäsehoch, der die Welt von unten sah. -Und sie hatte wahrlich nichts übrig, jede Gabe mußte durch vermehrtes -Sparen ausgeglichen werden. Auch war sie immerzu häuslich tätig. -Während sie dem einen Knaben die Hose flickte, nahm sie mit dem anderen -seine Schulaufgaben durch, und wenn es nottat, griff sie im Haushalt -auch beim Gröbsten zu, denn sie hielt dafür, daß keine Art von Arbeit -schände. Nur die Hände ihrer Tochter sollten kein gemeines Geschäft -verrichten; hier hatte der Demokratismus eine Lücke. Nicht einmal einen -Kochlöffel zu berühren war mir erlaubt, so sehr ich bat, mich in der -Küche mitbetätigen zu dürfen, denn ich trug immer eine ungestillte -Sehnsucht nach Beschäftigung mit stofflichen Dingen in mir herum.</p> - -<p>Am hellsten glänzten die Wirtschaftskünste meiner Mutter, wenn -plötzlich unerwartete Gäste erschienen, was bei der noch allgemein -verbreiteten altschwäbischen Gastlichkeit leicht geschah. Unser -Raum war so beschränkt, daß kaum die Familie selber Platz hatte, -von Gastzimmer mit Gastbett keine Rede. Aber im Nu war ein Lager -bereit, der Tisch wurde gedeckt, Josephine buk und brotzelte in der -Küche, und es herrschte eitel Freude im<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> Hause. Wie gut es den Gästen -gefiel, bewiesen sie dadurch, daß sie häufig wochenlang blieben. Dies -ging zumeist auf meine Kosten, denn ich mußte, da die Knaben nicht -in der Ordnung gestört werden durften, alsdann mein Bett mit allen -Bequemlichkeiten opfern. Mitunter fand ich nicht einmal mehr auf -einem Kanapee Zuflucht, sondern mußte mich mit zusammengestellten -Stühlen begnügen, die, wenn man sich bewegte, auseinanderfuhren und -die daraufgelegten Kissen zu Boden gleiten ließen. Es kam selten vor, -daß ich einmal längere Zeit im ungestörten Besitze meines Bettes -blieb. Darüber durfte kein Wort verloren werden, Mama gab ja auch das -ihrige her. Freilich war auch der Gewinn auf meiner Seite, denn die -Besuche, besonders die von weither zugereisten, brachten neues Leben -und Weltweite mit, wonach ich dürstete. In solchen Zeiten hatte dann -das Lernen und alle geregelte Tätigkeit ein Ende: der Brauch verlangte, -daß wenigstens die weiblichen Glieder des Hauses sich völlig den Gästen -widmeten.</p> - -<p>Unter den kometenartigen Erscheinungen, die vorübergehend in unserem -Hause auftauchten, strahlte besonders Frau Hedwig Wilhelmi, eine -Freundin meiner beiden Eltern, die in Granada lebte. Sie war eine -blendende, geistig angeregte Persönlichkeit von sehr freiem und -rauschendem Auftreten,<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> leidenschaftlich der materialistischen Richtung -eines Vogt und Büchner ergeben, daneben auch literarisch angehaucht, -kurz nach ihrem ganzen Wesen eine in der damaligen Frauenwelt unerhörte -Ausnahme. In ihren späteren Lebensjahren machte sie sich in Deutschland -und Amerika durch sozialistische Propaganda bekannt, stieß mit den -Ausnahmegesetzen zusammen und erlitt Gefängnis, Verfolgung und Ungemach -aller Art, wodurch ihr Wesen herber und ihre Haltung schroffer wurde. -Aber gern rufe ich mir ihr Bild zurück, wie sie in meine Kindheit trat, -die bewegliche Gestalt, den feinen, etwas hart geschnittenen Kopf mit -den sprechenden Augen, von kurzen braunen Locken kühn umflattert, die -unvermeidliche Zigarre zwischen den Zähnen. Das Rauchen war an einer -Frau damals noch etwas sehr Auffallendes, doch es ging ihr so hin, -weil man in Deutschland glaubte, sie habe das in Spanien gelernt, die -Spanier dagegen es für einen deutschen Brauch hielten. Ich kann sie mir -gar nicht anders vorstellen als in einem Kreise von Herren sitzend, -deren sie immer eine Anzahl um sich haben mußte, rauchend, trinkend, -disputierend.</p> - -<p>Bei ihrem ersten Besuch in Tübingen, bald nach unserem Einzug, -brachte sie auch ihr etwa sechsjähriges Töchterchen Berta mit, einen -bildschö<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>nen, ganz andalusisch aussehenden Krauskopf mit Quecksilber -in den Adern. Wie die dunkeläugige Kleine im spanischen Zigeuneranzug -ihren Fandango tanzte und kastagnettenklappernd durch die Zimmer -raste, glaubte man sich unmittelbar in den Süden versetzt. Als die -spanischen Gäste zum erstenmal im Hause schliefen, wartete ihrer eine -Überraschung, an die man sich später oft mit Heiterkeit erinnerte. -Mitten in der Nacht fuhr Hedwig laut schreiend aus dem Bette, weil -sich etwas Eiskaltes, Glattes unter der Decke um ihre Glieder gewunden -hatte. Es waren Edgars Ringelnattern, die sich auch an dem festlichen -Ereignis beteiligen wollten und auf unerklärliche Weise aus ihrem -Behältnis entwichen waren, um den Gast nächtlicherweile zu umstricken. -Doch Hedwig war eine starkgeistige Frau und gab sich nach Feststellung -der Tatsache schnell zufrieden; sie hatte in ihrem Leben gefährlichere -Abenteuer bestanden als dieses. Ich hörte immer selig zu, wenn sie -von ihren kühnen Ritten in der Sierra Nevada oder von stürmischen -Meerfahrten im Golf von Biscaya erzählte, denn das waren Dinge, die ich -auch für mich selber ersehnte.</p> - -<p>Hedwig war sich einer besonderen Macht über junge Menschenherzen -bewußt und übte sie auch gern an Kindern. Wir hingen alle mit -leidenschaft<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>licher Bewunderung an ihr. Ich war stolz, wenn ich an -ihrer Seite ausgehen durfte, denn wer hatte einen so schönen Gast -wie wir! Es gefiel mir unendlich, daß sie sich im Gegensatz zu den -schwäbischen Frauen so jugendlich und elegant kleidete. Jene schlangen, -sobald sie verheiratet waren, ein grobfädiges, schwarzseidenes Netz um -die Haare, trugen um die Schultern einen ins Dreieck gelegten Schal -und gaben damit zu verstehen, daß sie fortan auf jeden Männerblick -verzichteten. Hedwig brachte jedesmal einen Koffer voll Pariser Kleider -mit. Ihr damaliges Bild schwebt mir mit einer Riesenkrinoline vor, in -grasgrünem Kleid vom neuesten Schnitt nebst Pariser Hütchen, worauf ein -grüner Papagei thronte, von einem langen, ebenso grünen Kreppschleier -umflattert. Ein kleines grünseidenes Knickschirmchen gab dieser -Schöpfung in Grün die letzte Weihe. Ob die grüne Pracht mir heute noch -ebensogut gefallen würde, weiß ich nicht, damals schien sie mir der -Gipfel des Geschmacks und der Schönheit, und ich wünschte mir lebhaft, -dermaleinst, wenn ich groß sein würde, einen ebenso langen und ebenso -grünen Schleier auf dem Hute zu tragen.</p> - -<p>Als die spanischen Gäste wieder abgereist waren, kamen Hedwigs -Briefe, kleine Manuskripte, an Mama. Die Post traf gewöhnlich des -Morgens ein,<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> um die Stunde, wo ich auf einem der gelbdamastenen -Empirehockerchen saß und Mama mir die Haare kämmte, deren Länge und -Fülle ihr täglich viel Zeit wegnahm und von dem Kinde selber nicht -bewältigt werden konnte. Also ließ sie sich von mir während dieses -Geschäftes die eingelaufenen Briefe vorlesen. Das waren natürlich für -mich sehr spannende Augenblicke. Mein Mütterlein war die treueste, -zuverlässigste Freundin ihrer Freundinnen. Alle Verwicklungen fanden -bei ihr Verständnis und Teilnahme — unsere Josephine pflegte sie -schon in ihren Mädchenjahren Frau Minnetrost zu nennen, nach der Fee -in Fouqués Zauberring — und nie kam ein Wort von dem, was sie wußte, -gegen andere aus ihrem Munde. Nur vor mir hielt sie nicht leicht etwas -geheim. Ich war ihre Vertraute und kleine Sekretärin, ihr anderes -Ich. Sie konnte meiner Verschwiegenheit und Zurückhaltung gewiß sein; -wie ich hernach das Vernommene meiner Innenwelt eingliederte, war -meine Sache. Meine Mutter hatte ein rührendes, selbstverständliches -Vertrauen, daß nichts diese Kindesseele zu schädigen vermöge. Man -nahm sich damals überhaupt Kindern gegenüber viel weniger in acht; -trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, blieben die Kinder länger -in der Unschuld. Ich habe mich auch überzeugt, daß eine junge Seele<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -aus dem Leben wie aus Büchern doch nur aufnimmt, was ihr verwandt ist; -das Ungleichartige bleibt wie ein Fremdkörper liegen. Nur verlernte -ich frühzeitig die Neugier und jedes Verwundern über Menschliches, -Allzumenschliches, denn es war alles schon dagewesen. Die Briefe -Hedwigs lasen sich wie kleine Romane in Fortsetzungen. So erinnere -ich mich, einmal lange Zeit die Geschicke eines gewissen Pablo — -ich lernte ihn nur mit dem Vornamen kennen — mit brennender Neugier -verfolgt zu haben, eines reichen spanischen Lebemannes, der, nachdem -er eine Reihe von Ehen im Stil des Don Juan Tenorio zerrüttet hatte, -spät noch ein schönes, sehr geliebtes Mädchen heimführte, um sich -dann am eigenen Herde von ihr sagen zu lassen, sie werde ihm niemals -angehören, weil sie einen anderen liebe, was er als Sühne für seine -früheren Verschuldungen hinnehmen mußte. Eigentlich war jedoch die -Stunde des Kämmens zugleich die des Unterrichts, zu dem die Briefe nur -ein schmackhaftes Beigericht bildeten. Mama hatte frühzeitig begonnen, -mich in fremde Literaturen einzuführen, aber nicht an der Hand eines -Lehrbuchs — eine Literaturgeschichte gab es im ganzen Hause nicht —, -sondern indem sie französische und italienische Dichter mit mir in der -Ursprache las. Von den Franzosen genoß Voltaire ihre große Vor<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>liebe, -er gehörte zu ihrem täglichen Umgang, denn der Geist der französischen -Aufklärung war ja der Mutterboden der Revolutionsideale. Kritisch waren -wir alle beide nicht, so genossen wir zunächst die Voltaireschen Dramen -der Reihe nach. Wir freuten uns, die geliebten Züge der griechischen -Mythe hier wiederzufinden, und nahmen den schematischen Aufbau, die -schattenhaften Gestalten und die gestelzten Alexandriner als das -Gegebene in den Kauf. Nachdem die Tragödien Voltaires erledigt waren, -ging es unter beiderseitigem Ergötzen an seine Romane. Wiederum ein -etwas fragwürdiger Lesestoff für eine Zwölfjährige, der mit anderen -Fragwürdigkeiten so hinuntergeschlungen wurde. Als ich einmal erwachsen -den „Candide“ wieder las, besann ich mich vergeblich, wie sich wohl -damals die Abenteuer der Mademoiselle Cunégonde und die Betrachtungen -des Doktors Pangloß in meinem Kinderkopfe dargestellt haben mögen. -Wodurch hatte es dieser Schriftsteller, der dem großen Friedrich -der schönste Geist aller Zeiten deuchte, auch meiner Mutter so sehr -angetan? Sie muß wohl in der erhabenen Einfalt seines „Candide“, -seines „Ingénu“ ein Stück von sich selber wiedergefunden haben. Daß -die Anstößigkeiten nicht plump und deutlich im Raume stehen, sondern -nur als sprachliche Schöpfungen vorhanden<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> sind, nahm ihnen für -sie alles Bedenkliches. Sie gab sich aber von ihrem literarischen -Geschmack keine Rechenschaft, sie folgte nur ihrer angeborenen feinen -Witterung. Voltaires unerreichter Prosastil, die geniale Art, wie er -das Zeitwort verwendet, diesen springenden Muskel der Sprache, der -so viel sinnfälliges Leben gibt, die feine Komik seiner homerischen -Wiederholungen und der drollige Gebrauch, den er von der französischen -Vorliebe für die Antithese macht, das alles genoß ich dann doch -erst in späteren Jahren beim Wiederlesen mit vollem Bewußtsein. Man -beschäftigte sich übrigens nicht allein mit französischer Literatur, -auch die Komödien Goldonis wurden auf diese Weise durchgenommen, -die freilich beim Lesen nicht zu ihrem Rechte kommen. Ein andermal -verlegten wir uns auf Huttens „Epistolae virorum obscurorum“, denn von -irgendeinem geregelten Lehrplan war gar keine Rede. Während ich las, -bearbeitete Mama mit einem großzahnigen Striegel meine Mähne, wobei sie -mit ihrem gewohnten Ungestüm verfuhr und mir manchen Schmerzensschrei -entlockte. Wenn zufällig mein Vater ins Zimmer trat, so suchte er ihr -klarzumachen, wie man den Schopf mit der einen Hand fassen und mit der -anderen schonend den Kamm durchziehen müsse. Aber die Ungeduld lief -immer gleich wieder mit ihr davon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span></p> - -<p>Zur Begütigung erlaubte sie mir zuweilen, ihre schöne -messingbeschlagene Schatulle herbeizuholen und in den alten -Liebesbriefen zu wühlen, die ihr in Jugendtagen geschrieben worden -waren. Da erbauten mich vor allem die Episteln eines 48er Flüchtlings -namens Elias, dessen leidenschaftliche Überspanntheit ganz nahe an -Geistesstörung grenzte. Einmal schrieb er, wenn sie je der Sache der -Freiheit untreu würde, um einen Standesgenossen zu heiraten, so würde -er das Exil brechen, um sie mit eigener Hand zu erdolchen. Dieser -arme Elias mit dem so gut zu dem Namen passenden Prophetenton wurde -zu einer heiteren Märchengestalt meiner Jugend, und oft schilderte -ich ihn meiner Mutter, wie er auf feurigem Wagen rotdurchleuchtet und -flammenhaarig daherkam, um sie zu holen. Einer seiner letzten Briefe -schloß mit den Worten: „Legt’s Haupt heldenhaft hin, Ehre gibt’s -nur drüben überm Tode. Hinweg den Blick!“ Wenn ich diese Stelle mit -possenhaftem Pathos vorlas, so riß mich mein Mütterlein wohl entrüstet -am Zopf, den sie eben flocht, aber sie konnte sich doch nicht erwehren, -mitzulachen.</p> - -<p>Besagte Schatulle verbarg außer den Briefen noch andere Kostbarkeiten, -wovon uns Kindern keine so merkwürdig war wie das Rote Album, der -tollste Nachklang des Jahres 1848.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span></p> - -<p>Ein Zeitgenosse weist darauf hin, daß das „tolle Jahr“ sich in der -überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt -habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer -heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und -tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor -der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als -das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch -röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es -der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie -überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil -ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken, -als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung -beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser, -den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein -fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen -Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt -würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine -achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn, -zu der er geboren war, und<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> er konnte lange Zeit nicht einmal die -bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen -erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke -Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn -Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger -Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen -mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“, -eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er -sich auch literarisch bekannt gemacht.</p> - -<p>In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den -Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand, -in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren -Jugendtagen schon verschollene Weise:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Wenn die Fürsten fragen:</div> - <div class="verse">Lebt der Hecker noch?</div> - <div class="verse">Sollt ihr ihnen sagen:</div> - <div class="verse">Hecker, der lebt hoch!</div> - <div class="verse">Aber nicht am Galgen,</div> - <div class="verse">Nicht an einem Strick,</div> - <div class="verse">Sondern an der Spitze</div> - <div class="verse">Deutscher Republik.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> - -<p>Ein Proletarier schrieb:</p> - -<p>Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben -soll, so will ich es eben dun:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">I ka’ keine Versle mache,</div> - <div class="verse">I verstand et selle Sache,</div> - <div class="verse">Drum ruf i mit wildem Blick:</div> - <div class="verse">Hurra hoch die Rebolik.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte -sich durch den kurzen Spruch:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Hecker, Struwe, Ziz und Blum,</div> - <div class="verse">Kommt und bringt die Breißen um!</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein -Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung: -Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit -erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen? -(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!</p> - -<p>Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In -mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem -Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald -im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem -Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson, -und in der blutrünstigen Tragödie<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span> „Der Tyrann“ stirbt sie als -freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten -Handwerksburschen auf der Barrikade.</p> - -<p>Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es -auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in -Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein -Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei -weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen -konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der -Ausdruck einer Zeitstimmung war.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ch_1866">1866.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>enn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung -auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch — der Völkerfrühling! -Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das -Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück -leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis -die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte -und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere -Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die -zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal -aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd -sagte: Teile wellet se, teile! — und ihrem ausziehenden Freischärler -nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! — Meine -Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzi<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>gern. Doch ging mein -gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht -so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein -selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus -nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die -Stelle:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Dem Erwecker in dem Westen</div> - <div class="verse">Bleibe hold, er will nicht mehr,</div> - </div> - </div> -</div> - -<p class="p0">nachträglich verändert in das warnende:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Dem Erwecker in dem Westen</div> - <div class="verse">Gib das Seine, gib nicht mehr.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal -seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu -werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen -Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei -meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es -keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als -der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren -Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren -Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie -einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits- -und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben.<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Sie glaubte in ihrem -Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von -Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor -schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach -Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen -eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als -großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf -dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor -Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der -nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber, -bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England -gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber -Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling -lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei -einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als -einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau -Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich -verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf -immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht, -daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bis<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>marck -geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief -war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den -Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer -dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen -Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten -Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches -Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß -meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter, -englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit -düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren -Tat zu reifen scheint.</p> - -<p>Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische -Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch -nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen -könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen -her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit -schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt -war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine -unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht, -wenigstens einen<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn -es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der -uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der -Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke -abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines -Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es -zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans -Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all -seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach: -es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen -die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die -Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder -zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten -sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war -versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein -Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es -mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch -leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt -werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span></p> - -<p>Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen, -und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet -sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk -aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben -kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte -längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist -des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke -für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne -Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als -außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend -begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher -Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei -Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz -normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen -kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause -das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem -Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte -diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten -durchführen, denn es wohnte damals in dem klei<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>nen Schwabenland -die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten -Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte -reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs -Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller, -Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken. -Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses -Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede -genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen -Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen -immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und -hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit -verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der -Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze -Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art -Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte -ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu -sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf -den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte, -aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> beizuspringen -oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft -entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen -Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte -eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück -machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste -und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit -dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte -einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas -Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den -irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er -anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen.</p> - -<p>Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht -gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine -seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war -und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner -Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen -Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer -ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch -sein ganzes Wesen war nord<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>deutsch ernsthaft und immerzu feierlich -pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor -unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein -ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die -Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum -„strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem -kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein -mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen -Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung -nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte -er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat -das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die -Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann -nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es -doch zu ergründen. — Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem -ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen -Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat -keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte -durchgängig etwas prinzipienmäßig<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> Gedankliches, denn seine Begabung -war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten -Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das -gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte -ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen, -fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen -unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er -württembergischer Staatsbürger geworden war.</p> - -<p>Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir -bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde -jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in -Stuttgart besuchen. Einmal — es war während des Siebziger Krieges -— wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die -mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz -liturgischen Charakter hatte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Geburt_der_Tragoedie">Die Geburt der Tragödie.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>enn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise -keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich -von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis -gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen -Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei -uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter -ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken. -Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden, -die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso -stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand -fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so -frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten -erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare -und<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche -Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den -kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden -sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch -mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts, -alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß -Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der -kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und -die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch -das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich -starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber -sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde -mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung -heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen -war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der -mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des -Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den -Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus -den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen,<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> die Blumen der Tapete, -die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen -sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im -Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein, -um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das -Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber -war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze -wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng -zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis -ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte. -Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen -Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die -bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe -Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß -der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der -Sonne aufs neue dem Giftgenuß.</p> - -<p>In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer -Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang. -Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem -geheimnisvollen Abrakadabra her<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>um, das wir auf großen Papierbogen -kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so -versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen -Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen -Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei -streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes -über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen -wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie -nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt, -was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach -übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in -meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die -andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß -ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit -wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker -Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich -ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor -keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin -gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und -die<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der -letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei -verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen -Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt -wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren -die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist -herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese -Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald -ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen -übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen -Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an, -aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen -lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk- -und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die -Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter -Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das -Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein -rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst -wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> sich noch unter dem -Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch -in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete, -ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich -der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete. -Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf -der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch -die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die -Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele -bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte.</p> - -<p>Unterdessen hatte auch das Lesegift, womit ich mich durchtränkte, -allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich -begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte. -Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte -mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart -zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen -Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen -Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz -in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt, -weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der -ihm<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der -zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften -Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten, -gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen -Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger -Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns -häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud, -hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der -von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem -Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu -gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er -könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen. -Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch -vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird.</p> - -<p>Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig -gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet -zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der -Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten -an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> -Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als -Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und -dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici -nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß -ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine -ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister -bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß -das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme -fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich -mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die -gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom -Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den -ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den -gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund -fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter -Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es -waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der -Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog -übernommen,<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten -Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe -kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die -vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte, -den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden -Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war -und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch -nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er -sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin -dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend -wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie -schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern -auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen -Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an -dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen -haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem -beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben -zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe -verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles -recht machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span></p> - -<p>Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die -Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren -Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer -bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen -sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum -Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar -hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt, -ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn -an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen, -ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst, -er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden; -die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei -fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes -Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm.</p> - -<p>Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich -so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren -Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters -aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus -zuzu<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>wenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“, -die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in -deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war, -gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem -eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen -mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade -in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die -Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein -zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte -hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt -glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden.</p> - -<p>Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung. -Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete -Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen -glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden -vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich -meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach -meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade, -in die ich ihn hätte ret<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>ten können, wie der glücklichere Edgar, -an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es -ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade -ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben, -und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die -neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk -zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht -tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und -keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie -in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann -Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater -verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und -sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach -Jahresfrist — man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will -— war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere -mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern -fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war -immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz -Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den -eines Dichters und Frei<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>heitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen -Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte -sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit -des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten -ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir -mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges. -Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins -Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch -vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs — an der -Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein —, aber -gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine -lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie -und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem -Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder -ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen -Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene, -als er fragte:</p> - -<p>Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der -gemordete Backfisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p>Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell -dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“.</p> - -<p>Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß -ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen -konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch.</p> - -<p>Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig -Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal -der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit -lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige -Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich -die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der -väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen -Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach -nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch -wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich -auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte: -der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile, -worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns -Kindern war im Gegenteil<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> das Leben außerordentlich schwierig gemacht. -Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten -selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen -konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten, -sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst -erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen.</p> - -<p>Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden, -beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen, -künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie -allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses -Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. <i>Eine</i> Vorstellung -wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte -mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend: -Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes, -körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem -Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine -ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also -die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der -verfrühte Trieb, der noch<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span> gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte, -legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch -keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Vorfruehling">Vorfrühling.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">N</span>och in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis -getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet -wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige -geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da -zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche, -sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im -Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili -sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und -an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich, -nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange -Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war -ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie -gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst. -Beim ersten Eintritt<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> war sie, aus einer stillen, zierlichen -Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in -unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein -paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres -Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide -nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft -fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre -durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und -Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf -der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns -zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine -Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch -das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm -recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis. -Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der -Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht -nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften -ein so großes Hindernis bilden.</p> - -<p>Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit -scheuer Ehrfurcht auf die knospende<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Jungfräulichkeit, die aus den -halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der -Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel -mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder -aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten -Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks -herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte -nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte -Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht, -daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht -zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie -sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem -Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht -zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.</p> - -<p>Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen -Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit -den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern — -und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines -Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land -der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer!<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> Ich wußte ja von -Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten, -da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt -worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich -in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer -vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal -ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir -außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen -großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.</p> - -<p>Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer -benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste -Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein -ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches -war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an -ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine -gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte, -taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes -bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken. -Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große -verwöhnte Dame war, so erinnerte sie<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> doch durch ihre spielerische -Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere -Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres -immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll -Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre -mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere -Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren -immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war -es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.</p> - -<p>Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin -meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie -verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte -niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt -erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen. -Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus -Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand -gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen -Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise -begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem -Umfang ausdehnte. Die Vielge<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>schmähte war jedoch nicht ganz vom Übel. -Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe -für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch -kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit -ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune -sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann -häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese -auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es -genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen, -man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen, -ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht -nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili -zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst — denn es war -eine solche —, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und -sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.</p> - -<p>Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein -stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil -ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre -Welt und fand da genug des Neuen, mich<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> ganz Berauschenden. Lili hatte -schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten -teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten -Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von -Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die -Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor -dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle -meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem -ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte -ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern. -Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr -nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in -dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit, -die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem -man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis -Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie -an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den -tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir -aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> -das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere -Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.</p> - -<p>Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das -liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte. -Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und -die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte -nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie -die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser -lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili -gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr -sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte, -war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte -er völlig.</p> - -<p>Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten -Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin -eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der -einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen -beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und -sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen -suchte. Mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche -mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann -wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen -zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als -die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser -Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen -stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von -den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen -Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.</p> - -<p>Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums. -Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten -die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die -naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger -von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die -eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft -ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die -niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir -in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie, -und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Ober<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>gymnasisten immer in deiner -Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind, -und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber <i>das</i> -kannst du nicht von mir verlangen.</p> - -<p>Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und -beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein. -Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte -sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich -jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis -Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der -eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt -vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig -Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses -herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich -hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle, -stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel -überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte -schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen, -die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als -Verlängerung verwerten ließ. In<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> derartigen Fertigkeiten war ich von -klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles, -was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für -mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel -und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und -Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich -ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich -noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich -auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung -zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der -Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte, -mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner -Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan, -und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter, -schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah; -die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen -kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir -gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den -Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns -beiden in die Höhe,<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.</p> - -<p>Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid -gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland -hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die -Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine -Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir -vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an -und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit -Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor -dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen, -daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner -nicht zu schämen habe.</p> - -<p>Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel -in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht. -In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich -nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer -aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich, -um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das -blasse,<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten -nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich -gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein -davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die -Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie -das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen -metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes, -Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs -allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich. -Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf -die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit -Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen -begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht -hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte -nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist -Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte, -und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe. -In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf -steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span> schmuckloser -Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten -wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese -quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge -Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen -machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des -Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten -Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge -der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen -sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem -Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese -Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die -sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen -hatten.</p> - -<p>Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber -ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen -immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen -Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh -verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal -mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die -uns befreundete Familie empfing die<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> reizende Braut mit offenen -Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat -sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein -leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es -war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen -Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen -geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium -war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen -Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich -ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte, -um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere -vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der -Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein -mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem -Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir -kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit, -ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze -männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir -schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem -so liebenswerten Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>schlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes, -innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie -die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf -aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei, -jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn -ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in -solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten -Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der -viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen -als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht -irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens -mißdeute.</p> - -<p>Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich -der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten, -die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf -geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes -Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie -jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von -ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem -Scheitel auftürmte, bald mein Haar in<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> griechische Knoten wand oder -gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen -„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein -Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der -Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns -beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir -vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf, -aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein -Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht -sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich -gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein, -das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst -verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir -lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s -nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da -kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen -für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten -Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel -erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen -allmählich seltener, und was<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor -Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene -Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte, -den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich -ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte -ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen -kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit -und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und -genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren -Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst -in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen -all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und -zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten -zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und -wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht -in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in -jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen, -die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem -bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegen<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>ständen ein -weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz -aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher, -als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein -Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig -verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es -war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten -jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den -Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und -Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines -Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen -Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser -kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine <span class="nowrap">Schwester! -— — —</span></p> - -<p>Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als -ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein. -Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder -mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen -sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg, -von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit -entspränge. Am<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem -leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst -gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe -aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und -plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis, -gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich -desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst -aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so -erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste -Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt -hat es wieder den höchsten Grad erreicht. — Aber nie konnte ich sie -bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen, -schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der -die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals -handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten -grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich -vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich -zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es -war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> zwei halbwüchsige Jungen, -denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber -Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das -Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das -Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit -ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete -sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt -ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und -wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden! -Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen -Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein -Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle -Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie -hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen -gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der -Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur -die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße -der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem -stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und -wir wieder alle heil in unseren Betten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p> - -<p>Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der -auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl -ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des -Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung, -wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte -Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen -unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße -Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen -nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu -bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte -es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden -Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich -die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der -Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten -von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich -in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch -öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund -für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein -Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>lang fernblieb. -Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die -Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte -ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne -Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden, -das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der -letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der -Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle -von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen -Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt, -aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die -Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall, -daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete -sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte -sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel -längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von -dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon -die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten -Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien, -schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen An<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>fang ich -über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen -tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig -nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer -Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing -ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich -vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden -Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets -beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein -auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich -befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel -schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber -hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den -hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun, -um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich -begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame -gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie -so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen -wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte, -zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> oder das gerade -Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so -recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich -abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar, -dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man -unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete -sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des -Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war -unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie -zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich -selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren -Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich -hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne, -und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres, -sorgloseres Kinderlachen hören.</p> - -<p>Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß -gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die -Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte -dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte -für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Werte sein. -Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen -schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine -Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in -den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von -vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf, -sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt -des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für -ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war. -Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch -ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die -Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder -Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft -versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe -fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich -an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie -selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß -unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele -gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen -besser gedient ist als mit Re<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>den, solcherlei Ausgleichspolitik -beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der -Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich -es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine -Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm -meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel -Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich -alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus -erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es -als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein -sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu -predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung -vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_Nothelfer">Ein Nothelfer.<br /> -Russische Freunde.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">U</span>nterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem -Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer -ersten Liebe an sich hatte.</p> - -<p>In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer -Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den -zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern -mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren -Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer -an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus, -teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene -Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den -frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel -geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> -Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal -zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp -Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten, -und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken. -Aber wem? — Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor -der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein -leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter -Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und -alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa -Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt, -eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und -schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches -Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur -seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich -fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war -bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich, -was für den Knappen der Ritterschlag.</p> - -<p>Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben -alten Waldwirtschaft, wo<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Frau Lächler, die philosophische Wirtin, -uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da -erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen -großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen -siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich -sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen -nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige -dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse -als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich -allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus -an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen, -die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen -altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite, -wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse -bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste -Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch -so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen, -vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten, -sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches -Widerspiel.<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es -schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen. -Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der -leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der -Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner -Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie -ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das -kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm -jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen -Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber -so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig -war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres -Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte -seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor, -um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging, -wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt, -der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier -„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die -Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> der ihm erwiesenen Ehre -hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange -es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über -Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte -seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines -Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.</p> - -<p>Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders -ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich -begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur -über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde -war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht. -Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine -immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir -seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so -stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese -Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte -und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer -stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und -den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem -bürgerlich hergebrach<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>ten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu -erweitern suchte.</p> - -<p>An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen -Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch -nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch -der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen, -wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres -Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und -der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine -und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei -Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von -seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem -seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur -Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons, -nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später -seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte -gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und -ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden -wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im -Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesell<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>schaftsspiele, bei -denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch -Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte -komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen, -worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe -Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die -ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen -Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit -ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften -nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer -und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der -reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen -plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen -Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen, -selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu -widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner -Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine -Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus -verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken. -Dafür wandte sich ein andermal der<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> Groll gegen ihn, wenn er sich z. -B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht -leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien -dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen -seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und -er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten -mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren, -zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und -her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er -das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von -seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte -ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich -zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem -fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen -pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die -Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen -mit Schokoladenguß mit. Ja — und du? hieß es dann. Sie behauptete -jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle -wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste, -und diese Törtchen waren<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span> besonders fein. Deshalb aß sie nie eins, -sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere -essen zu sehen.</p> - -<p>Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu -gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als -angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch -eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder -sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama -war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs. -Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals -bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur -Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren, -nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit -unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne -Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen -konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien, -sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um -dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen -und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen -gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre<span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> -kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine -Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die -Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben, -damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund, -der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es -war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen -Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit -unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter -diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als -Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet -mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken -hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt. -Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür -wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand -es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon -auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich -auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine -Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein -Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die<span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span> ganze Germania, schrieb -sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder -ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister -in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer -Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und -Sallustübersetzungen.</p> - -<p>Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau. -Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen, -den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes, -lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem -Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem -großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur -Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in -ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen -Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den -Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur, -geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand -fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein -förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele -ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich<span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> dann beim Kehraus schadlos. -Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der -Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war. -Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf. -Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch -hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen -Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer -den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen. -Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und -Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber -doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da -man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster -Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend -kränzebeladen und freudensatt — denn sie genoß meine Jugendfreuden -fast mehr als ich selber — nach Hause fuhren, holten uns Ernst und -Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen -behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen -Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin -schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelun<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>genstil -aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten -bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang, -eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum -Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein -späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher -Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf -durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten -ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe -doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden -schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten -fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der -Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.</p> - -<p>Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg -allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen -nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch -auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden -Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon -Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich -am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu -er<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>langen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen -Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der -Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber, -an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend -die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge, -die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein -altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen -über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei -jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer -Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im -Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche -Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder -im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite -offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte -Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt -von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten. -Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt -sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein. -Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> teilen, -damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache -und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der -andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und -entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und -Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten -sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und -Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück -mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit -der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras -essen mögt! — Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen -am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her -waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu -stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen -Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu -reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum -Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch -allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von -dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche -Stadt in fremden Händen zu wis<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>sen. In der Dunkelheit kehrten sie über -die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück; -der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder -Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien -Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken -Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.</p> - -<p>Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich -im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien -zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem -Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich -unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von -der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten -Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über -die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu -erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja, -jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.</p> - -<p>Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere -Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft -aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigen<span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>heiten hatte es -dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen -seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen -Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch -Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam, -half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich -noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei -einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten -geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo! -— Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist -mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund -der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte -er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine -kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn, -dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte -dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war -und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie -noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er -gut aufgelegt war.</p> - -<p>Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt -in dem Freundschaftsbund, der sein<span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span> Glück gewesen war, allmählich -zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter -hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals, -sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine -Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt -sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit -der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald -fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und -Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der -guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen. -Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu -verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen -Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder -Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er -fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe. -Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches -Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er -machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er -kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich, -zwi<span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>schen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht -wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann <i>hast</i> du -gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.</p> - -<p>Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig -im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil -er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere -sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten -Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und -fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und -doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war -jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor -Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß -er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein -Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte. -Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener -Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise -es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen -aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen -Flüssigkeit. Er merkte nichts und<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> hat nie von dem Tausch erfahren. Die -Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes -Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis, -dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so -schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so -recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund -mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche -Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte -seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals -Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber -mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie -mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer -Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten -Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut; -sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die -Liebe.</p> - -<p>Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem -der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte -jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der -Gedanke, daß der erste beste mit einer<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> Verbeugung an seine Schwester -herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß -ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief, -und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken -ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim -Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom -Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen, -daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht -hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es -wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen, -jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn -Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern -unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger -Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem -Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen, -und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm -halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich -zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.</p> - -<p>Sein schmerzlicher Bruch mit Mohl wurde äußer<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>lich durch die Familie -verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder -mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar -abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden -gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich -für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte. -Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir -endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in -Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk -nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand -und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten -weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie -selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen -worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen -Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den -schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen -zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine -Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und -Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen -Bäckerladen flüchteten, der schnell<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> geschlossen werden mußte. Die -Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir -wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau -in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder -hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem -Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas -anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.</p> - -<p>Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie -entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere -Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung -kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die -älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu -rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben. -Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam -zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein -Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren -auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg -Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone -wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren -Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur -daß<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem -aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel -verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig -da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch -immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch -nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt -Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln, -was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder -Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles -beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.</p> - -<p>Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche -Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln -an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen -überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt. -Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte -sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren -grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der -berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und -erzählte von ihren galanten Beziehun<span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>gen zu der vornehmen Damenwelt von -Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um -mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen -— aber nur durchs Schlüsselloch!</p> - -<p class="s3 center">*</p> - -<p>Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging, -wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im -Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky -aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt -aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß -ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen -gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und -wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre -ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre -Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu -können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren -Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so -stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit -im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die -mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für<span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> -die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir -zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als -sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers -von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache -zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten, -in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier -nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu -über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen -ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß -mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr -den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen -Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen. -Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit -meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her -russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer: -ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der -Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der -das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr -auch keine große Freude machen zu wollen. Der<span class="pagenum"><a name="Seite_226" id="Seite_226">[S. 226]</a></span> Unterricht, den sie mir -gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete -sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden -Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen -Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit -mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit -in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte. -Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus -Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen -als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge -nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde -geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen -Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im -Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen -Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht -in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich -glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den -geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel, -wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne -Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir<span class="pagenum"><a name="Seite_227" id="Seite_227">[S. 227]</a></span> meine Mittel -erst später) meine Sätze baute — häufig zur großen Heiterkeit der -Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht -das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um -mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur -zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit -Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür -blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie -hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der -Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt -von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen -und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich -durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein -von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann -die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause -aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen -lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter -Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ein_franzoesischer_Revolutionaer">Ein französischer -Revolutionär.<br /> -Jugendeseleien.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">Z</span>u Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr. -Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt -war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß -ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen -Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre -doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just -schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe. -1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris -betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen -waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig -Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war -damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon -Vaillants Äußeres bezeichnete den<span class="pagenum"><a name="Seite_229" id="Seite_229">[S. 229]</a></span> ganzen Menschen: mittelgroße, hagere -Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die -bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen, -in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch -Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine -Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten -Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt -und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus -zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung -völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben -an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem -Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener -besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete -Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des -Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte -schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen -helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er -nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution -von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch -das Proletariat erneuert und mit Nie<span class="pagenum"><a name="Seite_230" id="Seite_230">[S. 230]</a></span>derhaltung der bevorrechteten -Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der -Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein -Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt -ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb — er -trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel, -und sozialwirtschaftliche Studien —, hatten vor allem den Zweck, der -Partei zu dienen.</p> - -<p>Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und -ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution -den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser -verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft -seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen, -charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres -kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr -ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der -Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose, -zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein -Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit -für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen<span class="pagenum"><a name="Seite_231" id="Seite_231">[S. 231]</a></span> Hausfreund -die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters, -aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach -Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer -künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah -alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt -hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er -auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken -Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der -Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme...</p> - -<p>Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der -des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens -hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist -in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher -Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den -Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit -meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren -Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit -im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an -die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln<span class="pagenum"><a name="Seite_232" id="Seite_232">[S. 232]</a></span> genäht -werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur -bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz -besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter -zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem -Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch -belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er -sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des -Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte -er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer -sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes -Vitriol in den Adern.</p> - -<p>Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar -den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er -übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch -auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere -Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe -für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg -ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose -Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten -Anlaß zu einem kleinen<span class="pagenum"><a name="Seite_233" id="Seite_233">[S. 233]</a></span> scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich -einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel -zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es -meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen -war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er -sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs -Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste -Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen -und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein -Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la -grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur -Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten -Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf -altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.</p> - -<p>Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen -Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit -der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die -treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in -dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen -hatte. Aber aus vergötternder<span class="pagenum"><a name="Seite_234" id="Seite_234">[S. 234]</a></span> Mutterliebe zwang sie sich so zu -denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch -dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen -gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die -Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit -entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei -der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach -Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes -Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so -fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein -späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab -um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der -beiden Mütter aufrechterhalten.</p> - -<p>Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war -voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das -ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals -gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung, -aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis -von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den -„Volksstaat“, wollte die<span class="pagenum"><a name="Seite_235" id="Seite_235">[S. 235]</a></span> soziale Frage lösen und sang in den -feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es -dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie -hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich -aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf -die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf -die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt -doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes -auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen -Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in -dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem -besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß -von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich -heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit -ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat, -in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu -erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie -begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu -modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell -so weit, daß sie<span class="pagenum"><a name="Seite_236" id="Seite_236">[S. 236]</a></span> ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte -sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der -künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur, -und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame -Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge -mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück, -der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der -Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle -Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im -Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang -tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal -errichtet.</p> - -<p>In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen -humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon, -Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen -Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem -neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung -sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen -werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant -dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Frei<span class="pagenum"><a name="Seite_237" id="Seite_237">[S. 237]</a></span>lich müssen Frauen -hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, — -was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß, -weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern. -Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.</p> - -<p>— — — Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich -mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh -gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt. -Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus -dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge, -die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch -hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander -den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste -Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein -andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem -Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese -Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie -gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären -sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche<span class="pagenum"><a name="Seite_238" id="Seite_238">[S. 238]</a></span> -Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die -ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder -feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so -gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend -stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den -Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und -Fülle der Falten ersetzte.</p> - -<p>Man muß das Leben in einer kleinen Universitätsstadt kennen, um zu -verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen -heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine -Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend -Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere -Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen -Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige -Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine -kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen -in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte: -Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa -bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederhol<span class="pagenum"><a name="Seite_239" id="Seite_239">[S. 239]</a></span>ten -sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr -festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem -Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die -Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern, -die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe -neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern -nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen -waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu -dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche -Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht. -Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den -Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer -in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel -betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig -sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden -Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je -eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das -eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei -schon hinter mir.</p> - -<p>Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede.<span class="pagenum"><a name="Seite_240" id="Seite_240">[S. 240]</a></span> Oft wurde ich von -Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere -Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster -Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal -Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger -Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener -Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß -ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel -des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat -einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen -Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener -Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach -seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von -seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen, -die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen -Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich -allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit -und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal -mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu -tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die<span class="pagenum"><a name="Seite_241" id="Seite_241">[S. 241]</a></span> Übersetzungen für -den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden -Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon -vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr -geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern -von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er -mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich -an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr -zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen -zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen, -die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo. -Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen -eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte, -wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem -Gespräch und der Arbeit geteilt saß. — Meine größte Schwierigkeit aber -war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre -damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten -ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten -übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl ei<span class="pagenum"><a name="Seite_242" id="Seite_242">[S. 242]</a></span>nes -heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie -darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele -fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und -leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht -die meinigen waren.</p> - -<p>So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große, -außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb -nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu -suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere -gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch -und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin -geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr -Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die -Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben -ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ -die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder -wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie -gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen? -Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich -unter den Griechen. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_243" id="Seite_243">[S. 243]</a></span> war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub -auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte, -mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie -man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer -Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich -ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie -zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall -der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das -keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem -schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn -je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie -der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese -Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl -der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin -über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich -Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten -Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist -er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah -ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser -Gestalt<span class="pagenum"><a name="Seite_244" id="Seite_244">[S. 244]</a></span> sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten -Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem -Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer -von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang -bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn -für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig -entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die -größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau -das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche -Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und -nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung -des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem -Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den -Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das -Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_245" id="Seite_245">[S. 245]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Ch_1870">1870.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>ir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig -getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus -Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte -aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den -Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im -achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war -die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl -fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war -im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter -glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich -schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der -wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt -hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich<span class="pagenum"><a name="Seite_246" id="Seite_246">[S. 246]</a></span> -all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem -starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas -bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter -die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu -bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie, -und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem -Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen -Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen -Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde, -bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern, -mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes -Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte. -Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der -Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir -öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i. -Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem -ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer, -und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die -Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall, -daher<span class="pagenum"><a name="Seite_247" id="Seite_247">[S. 247]</a></span> Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine -Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die -sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und -wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig -und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen -Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine -von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten -Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu -verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich -diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand -zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er -von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was -uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir -lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier -dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in -dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans -Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes -Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster -mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich<span class="pagenum"><a name="Seite_248" id="Seite_248">[S. 248]</a></span> warf noch zur Antwort und -Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich, -eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.</p> - -<p>Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus -den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und -zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung -des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare -mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden -pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest -zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen -war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und -entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder -aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die -Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht -irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde -wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine -Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe — -dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte — ich sage: -das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig — aber an die Tür pochte etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_249" id="Seite_249">[S. 249]</a></span> -völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von -der Emser Depesche.</p> - -<p>Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste, -in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug. -Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer -Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi -mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch -weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine -Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr -die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf -eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso -glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß -er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur -durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne. -Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die -Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von -Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und -wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten -Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name -in allen europäischen Zeitun<span class="pagenum"><a name="Seite_250" id="Seite_250">[S. 250]</a></span>gen zu finden. Er wurde zuerst an die -Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens -berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus -den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die -Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei -seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich -dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher -Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das -ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit -berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die -deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will -gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig -bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die -Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung -die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache, -was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht, -als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der -Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren -war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich -als Eseltreiber verkleidet<span class="pagenum"><a name="Seite_251" id="Seite_251">[S. 251]</a></span> über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu -retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals, -daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich -einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt, -aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In -Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten -Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu -Deutschland.</p> - -<p>Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre -Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß -an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des -Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber -konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit -einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem -französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie -durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich, -das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer -Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand -hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene -Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren al<span class="pagenum"><a name="Seite_252" id="Seite_252">[S. 252]</a></span>ten Groll -und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese -Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß -sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen -es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am -stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.</p> - -<p>Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter -Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm -zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum, -der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres -Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten -eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen -will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die -Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er -hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu -seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz -standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch -seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten -Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die -bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige -Gottsei<span class="pagenum"><a name="Seite_253" id="Seite_253">[S. 253]</a></span>beiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine -Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des -gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln, -damit der Blitz nicht ins Haus schlage.</p> - -<p>Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens -die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte, -verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war, -die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit -dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung -des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar -zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich -nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren -Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu -schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des -Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs, -für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte, -Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie -gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von -bierheiseren Bürgerstimmen am siche<span class="pagenum"><a name="Seite_254" id="Seite_254">[S. 254]</a></span>ren Wirtshaustisch gesungen, war -ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch -empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte -nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur -war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares -Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen -konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete -höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter -meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in -der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für -mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so -ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger -sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer -Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch -für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich -gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals -in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige -für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man -geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. — Nur einmal, beim -Friedensschluß, schlugen alle Herzen<span class="pagenum"><a name="Seite_255" id="Seite_255">[S. 255]</a></span> in der Familie zusammen und im -Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte -auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_256" id="Seite_256">[S. 256]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Rigi_Regina">Rigi Regina.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>ines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht, -daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein -war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen -mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal -genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte -Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu -einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz, -als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht -war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar -dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene -Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und -dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu -zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise<span class="pagenum"><a name="Seite_257" id="Seite_257">[S. 257]</a></span> nur -als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort -bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam, -die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein -Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu -bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich -blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder -aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie -schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten -Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen -begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine -Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi -Regina!</p> - -<p>Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und -Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu -werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen, -denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht -mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten -pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen -durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck -unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der<span class="pagenum"><a name="Seite_258" id="Seite_258">[S. 258]</a></span> Mnemotechnik haben -sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die -ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt.</p> - -<p>Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit -das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in -dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem -brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in -der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester, -um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte, -verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem -Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß -Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte -ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren -Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit -dem ersten Zank.</p> - -<p>Einige mitreisende Herren, die das blutjunge Pärchen beobachteten, -begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die -Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte. -Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich -einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten -sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jun<span class="pagenum"><a name="Seite_259" id="Seite_259">[S. 259]</a></span>gen Herrn an mich -heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre -erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber -lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon. -Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren, -machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein -Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde, -daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne -die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich -erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern, -der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze -Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel -vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die -Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches. -Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber -ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen; -Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher -Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf -dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der -Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen<span class="pagenum"><a name="Seite_260" id="Seite_260">[S. 260]</a></span> man uns dort ansah. -Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt -und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu -fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls -nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des -kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr -weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher -gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die -Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen -zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer. -Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd -schlichen wir in unsere Betten zurück.</p> - -<p>Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die -Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen, -um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff -ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster -hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde -dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese -übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen -Rest des Reisegelds verschlungen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_261" id="Seite_261">[S. 261]</a></span></p> - -<p>Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. — Ich -sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und -wir schritten stolz hinaus.</p> - -<p>Inzwischen begann die Sonne doch noch Meister zu werden, und außen im -Freien stand eine Gesellschaft von angelsächsischem Ansehen beisammen, -die mit ihren Gläsern nach auftauchenden Bergspitzen fischte. Und wie -bestellt, um Edgars Mißmut zum Kochen zu bringen, trat einer der Herren -aus der Gruppe heraus und bot mir in englischer Sprache sein Fernglas -an, weil eben die Berner Alpen aus dem Nebel träten; ich selber besaß -nämlich keines. Bevor ich aber danach greifen oder Dank sagen konnte, -hatte mich mein erzürnter Gefährte gewaltsam weggerissen und lief, -mich an der Hand nachziehend, wie eine Dampfmaschine bergab. Natürlich -kam nun bei mir die Milch der frommen Denkart wieder stark ins Gären, -denn ich stellte mir das Lachen der Zurückgebliebenen vor. Ihm aber -saßen neben der Anglophobie vermutlich auch noch die weggeworfenen -Kostbarkeiten auf den Fersen, daß er so eilte. Der Wunderanblick, der -sich aus dem Nebel rang, führte dann wieder die Versöhnung herbei. Aber -nicht auf lange. Denn schon sehe ich die beiden Kindsköpfe wieder, -wie sie aufs neue beleidigt und stumm den<span class="pagenum"><a name="Seite_262" id="Seite_262">[S. 262]</a></span> langen Weg durch den -Straßenstaub der Ebene pilgern, er hüben und sie drüben.</p> - -<p>Unsere Kasse, die Edgar führte, war so geschröpft, daß wir die nächste -Nacht nur noch in einer Kutscherkneipe verbringen konnten. Aber der -Vater hatte uns eingeschärft, uns nichts abgehen zu lassen, er habe -einen Bekannten in Zürich beauftragt, eine kleine Summe bereitzuhalten -für den Fall, daß uns auf der Rückreise das Geld ausgehen sollte. Wir -machten uns also keine Sorge, denn bis Zürich brauchten wir nur noch -die Fahrkarte, nachdem wir unsere Bedürfnisse schon sehr eingeschränkt -hatten.</p> - -<p>Aber in Zürich, als der Zuschuß abgeholt werden sollte, erklärte Edgar, -daß ich den Gang allein tun müsse, denn er seinerseits finde solch -ein plötzliches Auftauchen und Geldheischen landstreichermäßig und -bettelhaft. Ich fiel aus den Wolken; von dieser Seite hatte ich die -Sache nie angesehen, obwohl auch mir bei dem Unternehmen nicht recht -wohl war. So ließ ich mich alsbald von der Verkehrtheit anstecken und -fühlte mich nur verletzt, daß mir etwas zugemutet werden sollte, was -er seiner unwürdig fand. Er rechnete mir nun vor, daß unser Geld zur -bloßen Heimreise gerade noch ausreichen würde, wir müßten uns aber -durch den heutigen und den ganzen folgenden Tag — von<span class="pagenum"><a name="Seite_263" id="Seite_263">[S. 263]</a></span> Zürich bis -Tübingen — durchhungern. Und das täte <i>er</i>, wenn er allein wäre, -um seine Würde zu wahren. Natürlich wollte ich nun nicht hinter -ihm zurückstehen und erklärte mich gleichfalls zu der Hungerprobe -bereit. Gehoben durch diesen Entschluß durchwanderten wir die Stadt, -betrachteten uns den See und wollten dann abends noch bis Schaffhausen -fahren. Mama hatte uns jedoch bei der Abreise aufgetragen, in Zürich -auch ihren Jugendfreund Johannes Scherr zu besuchen und ihm ihre Grüße -zu bestellen. Dieser Gang sollte also rasch noch erledigt werden. Aber -vor der Haustür fiel es meinem schon wieder verdrießlichen Gefährten -ein, daß er von Johannes Scherr ein Buch gelesen hatte, dessen -hanebüchene Derbheit ihm stark mißfiel. Und nun wollte er auch nicht -mehr zu Scherr. Aber diesmal bestand ich auf meinem Kopf. Wenn ich -mich recht erinnere, ließ ich ihn unten warten und stand allein vor -dem Berühmten. Ich richtete aber nur kurz die mütterlichen Grüße aus -und hatte es eilig, mich wieder zu empfehlen, weil ich des Bruders -siedende Ungeduld fürchtete. Dies half jedoch nichts, denn als es -sich auf dem Bahnhof zeigte, daß die Züge gar nicht mit dem Fahrplan -stimmten, war ich doch wieder die Schuldige. Er war gereizt, weil er -müde und hungrig war. Ich war aber gleichfalls müde<span class="pagenum"><a name="Seite_264" id="Seite_264">[S. 264]</a></span> und hungrig und -sah nicht ein, weshalb ich nun auch noch den ungerechten Mißmut des -anderen Teils über mich ergehen lassen sollte. Wer mir gesagt hätte, -daß es ein künftiger Helfer und Wohltäter seiner Mitmenschen war, der -in solche Launenhaftigkeit verkappt mir gegenübersaß! So schwiegen wir -abermals und sahen beleidigt zum Fenster hinaus. Erst die wilde Pracht -des Rheinfalls führte uns wieder zusammen. Und als wir im „Rappen“ zu -Schaffhausen um ein bescheidenes Nachtlager einig geworden waren und -dann entdeckten, daß unsere Mittel uns noch eine kleine Abendmahlzeit -gestatteten, war die Welt wieder einmal vollkommen.</p> - -<p>In der Frühe bedurfte es einer Ausflucht, um dem uns angebotenen, ach -so verlockenden Morgenkaffee nebst Honigbrötchen zu entgehen, denn der -große Fasttag mußte jetzt wirklich beginnen. Aber auf den Hohentwiel, -der an unserem Wege lag, wollten wir doch nicht verzichten, schon des -Ekkehard wegen, den damals die deutsche Jugend mit Begier verschlang. -Wir stiegen also, nüchtern wie wir waren, in Singen aus und wanderten -durch den Wald, der uns mit so mancherlei Beeren erquickte, nach der -Felsenburg. Doch o weh, das Eingangstor war verschlossen und sollte -sich nur nach Erlegung von 25 Rappen für die Person öff<span class="pagenum"><a name="Seite_265" id="Seite_265">[S. 265]</a></span>nen. Solche -Summen hatten wir nicht mehr aufzuwenden. Wir schlugen uns in die -Büsche, überkletterten geschichtete Felsenplatten und sprangen über -die Mauer in den Hof hinab. Dabei machte ich die Erfahrung, wie es -denen zumute ist, die außerhalb des Gesetzes leben. In der Menge der -zahlenden Besucher verborgen sandten wir suchende Blicke nach dem -Bodensee, der sich nur schwach im Dunst abzeichnete; auch die Geister -Hadewigs und ihres verliebten Mönchs ließen sich nicht blicken. Und das -Herzklopfen, bis man endlich unter den Augen des Wächters glücklich -zum Tor hinausgeschritten war! In solchen Augenblicken bestraft -sich’s, wenn man nicht geübt ist, auf unrechten Wegen zu wandeln. — -Noch war ein langer Tag vor uns; um nichts zu versäumen, erklommen -wir unverdrossen auch noch den steilen Basaltkegel des Hohenkrähen, -der uns gleichfalls den Lohn unserer Mühen schuldig blieb. Jetzt aber -meldete sich der Hunger immer unwiderstehlicher. Darum beschlossen wir -von Singen bis zum nächsten Statiönchen zu Fuße zu wandern, um vom -Fahrgeld ein Stück Brot für jedes abzusparen. Wir marschierten wacker -zu, trotz Staub und Hitze und den zwei vorangegangenen Besteigungen -und fühlten uns an diesem Tage zum erstenmal vollkommen friedlich und -einig. Auf dem Bahnhof<span class="pagenum"><a name="Seite_266" id="Seite_266">[S. 266]</a></span> erkannten wir, daß uns noch Zeit genug zur -Ankunft des Schnellzugs blieb, und wir verständigten uns alsobald, -noch bis zur nächsten Station weiterzumarschieren, um durch unserer -Füße Arbeit zum Brot auch noch ein Stück Käse zu verdienen. Als dort -die Fahrkarten gelöst waren, konnte Edgar mir noch ein ganzes Häuflein -Münzen für meine Einkäufe in die Hand schütten, denn es gehörte auch -zu seinen Eigenheiten, daß er selber niemals einen Kaufladen betrat. -Ich trug zwei duftende Laibchen Weißbrot und eine stattliche Schnitte -Emmentaler davon. Mit Stolz brachte ich sie dem Bruder, der sich -abseits der Landstraße unter einem Birnbaum niedergelassen und einen -Haufen herrlicher Birnen vor sich aufgestapelt hatte. Ich fragte nicht, -mit welchem Rechte. Wir setzten uns in tiefer, freudiger Eintracht -nebeneinander und genossen die köstlichste Mahlzeit und das reinste -Glück, das uns auf der ganzen Reise beschert war.</p> - -<p>Oh, und der Kalbsbraten, mit dem die gute Josephine uns abends in -Tübingen empfing. Es war, als ob sie alle unsere Leiden geahnt hätte, -die treue Seele. Der Vater sagte nur, als er uns so verhungert sah, mit -gerührtem Lächeln: Ihr dummen Kinder! Der bleibendste Wert dieser Reise -war vielleicht der, daß mein Kamerad in den drei Tagen so viel<span class="pagenum"><a name="Seite_267" id="Seite_267">[S. 267]</a></span> von -seinen knabenhaften Wunderlichkeiten ausgeschüttet hatte, daß er nun -allmählich zu werden begann, wofür er sich bisher mit Unrecht gehalten -hatte — ein Mann.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_268" id="Seite_268">[S. 268]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Besuch_in_Frankreich">Besuch in Frankreich.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">A</span>nderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant -meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in -Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode -verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von -dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter -solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten -Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt -kennenzulernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte. -So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich -einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich -das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo -noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges -deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs<span class="pagenum"><a name="Seite_269" id="Seite_269">[S. 269]</a></span> reisen -lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht -mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es -zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit — ich bekam -weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein -unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören. -Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den -fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über -den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim: -Nous ne sommes pas vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine -sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der -Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem Durchschnittsfranzosen noch -gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war.</p> - -<p>In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D., -der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter, -verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau -flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr -überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter -Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben -mit Tapetentüren unter<span class="pagenum"><a name="Seite_270" id="Seite_270">[S. 270]</a></span> Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert -hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangenblütenwasser, -das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender -Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte -mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken -Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde, -das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich -mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden -mit mir. Ich besah mir die „Ruinen von Paris“, zusammengekehrte -Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die -den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen -waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als -historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der -Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht -sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und -Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der -Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes -Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen, -mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen -sein! Greuel waren<span class="pagenum"><a name="Seite_271" id="Seite_271">[S. 271]</a></span> von der einen und von der anderen Seite geschehen, -vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte -von Lebenslust und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in -dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei -nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war’s wie Nachzittern -vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten -mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach -der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen -waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten -sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges -Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn -meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde -bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den -üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und -Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu -drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der -sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen, -wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe, die Ratten -zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei<span class="pagenum"><a name="Seite_272" id="Seite_272">[S. 272]</a></span> dem -schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine -Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man -die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die -feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch -hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich -eingeimpft worden ist.</p> - -<p>Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des -Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck -am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug -ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte -Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau -Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis setzte, daß dies ein -Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte, -und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich -versprach’s, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde, -mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das -junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der -Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter, -mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten -mich hin und her,<span class="pagenum"><a name="Seite_273" id="Seite_273">[S. 273]</a></span> schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung, -Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung: -Mais elle est bien; elle est très bien — bis doch schließlich eine -entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das -schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte -und daß ich würdig wäre, eine Französin zu sein! Es war gut gemeint -und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war, -erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da -ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun -wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch -auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich -selbstverständlich Erster gereist sei.</p> - -<p>Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem -Leben in der französischen Provinz bekam.</p> - -<p>Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und -einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein -Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für -den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich -als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau,<span class="pagenum"><a name="Seite_274" id="Seite_274">[S. 274]</a></span> deren ganzes -Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den -Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht -Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu -auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging, -so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm -ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der -französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand -schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung -von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf -den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten -Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen -wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so -begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon -Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein -mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge -schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische -Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der -Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch -kamen, und<span class="pagenum"><a name="Seite_275" id="Seite_275">[S. 275]</a></span> das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige, -was es in Vierzon gab.</p> - -<p>Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog, -Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres -Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das -über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter. -Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche -„Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz -bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten. -Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier, -dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und -Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus -Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann -die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und -es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet -waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines -Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre -Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.</p> - -<p>Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten -Obst- und Blumenspalieren<span class="pagenum"><a name="Seite_276" id="Seite_276">[S. 276]</a></span> wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang -über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen -ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine, -von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten -Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine -schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher -Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit -ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit -ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.</p> - -<p>Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie -sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen -und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich -fallen mußte — denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt -ihrer Landsleute —, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem -gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne, -weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in -Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos -galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen -Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut<span class="pagenum"><a name="Seite_277" id="Seite_277">[S. 277]</a></span> seien. -Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der -Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich -war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie -habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese -Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen -Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen -Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich -ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige -Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten -spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der -Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen -erstochen und wurde — ungerechterweise, wie alle sagten — zu dreißig -Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem -Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam -verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar -nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war -nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen -konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein -anderes Verhalten überhaupt nicht möglich<span class="pagenum"><a name="Seite_278" id="Seite_278">[S. 278]</a></span> sei. Freilich bedachte ich -im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz -anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich -so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen -des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft -wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt -vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer -gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung -abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen -Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des -Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur. -Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant -entstammte.</p> - -<p>Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen -jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London -geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes -Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war -Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen -um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den -Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als<span class="pagenum"><a name="Seite_279" id="Seite_279">[S. 279]</a></span> -gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung -den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich -aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer -ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir -auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, — es war -nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten -Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So -war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht -sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin; -diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends -herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">On dit que l’on te marie,</div> - <div class="verse">Tu sais que j’en vais mourir —</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Diese Engländerin nun war mir zur Aufsicht beigegeben, und es -entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land -mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den -Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen -Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen. -Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants -Sinne, denn auf dem Weg<span class="pagenum"><a name="Seite_280" id="Seite_280">[S. 280]</a></span> vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich -plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten -zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten -Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel -ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches -Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung -benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte -mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster -zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie -der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen, -nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz -anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause -eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau -Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da -sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte, -auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten, -zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage -kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank, -blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der -verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann<span class="pagenum"><a name="Seite_281" id="Seite_281">[S. 281]</a></span> später in der -schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener -Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte -Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu -erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was -für Genüsse mich dort erwartet hätten.</p> - -<p>Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den -Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von -den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von -den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der -elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem -ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und -dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher -Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich. -Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden. -Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir -besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger -Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse -Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut -besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten<span class="pagenum"><a name="Seite_282" id="Seite_282">[S. 282]</a></span> gebucht -werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein -eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter -eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach -fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis -Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters -sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen -Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden -in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu -sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore -nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit -Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des -Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und -erbat mir seine Karte zum Andenken.</p> - -<p>Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller -Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und -Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater -in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar -ist, immer noch erträglichere. — Es ist schwer, besonders für die -Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu ver<span class="pagenum"><a name="Seite_283" id="Seite_283">[S. 283]</a></span>allgemeinern. -Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich -Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein -einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois -die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die -Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von -so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen -Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der -Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der -Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar, -Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise -zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich -in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn -Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber -mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.</p> - -<p>Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später -infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst -in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt. -Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen, -die natürlich mit<span class="pagenum"><a name="Seite_284" id="Seite_284">[S. 284]</a></span> der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch -Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen -allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits -erhalten.</p> - -<p>In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders -nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale -Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war -nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte, -in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen -verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger -Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart -und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre -1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil -er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht -für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als -der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen -Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er -tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte: -er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung. -Er ging aber noch viel weiter, denn er pre<span class="pagenum"><a name="Seite_285" id="Seite_285">[S. 285]</a></span>digte den Völkerhaß. Die -Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja -stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben -deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine -geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter -denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er -ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge -hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief, -den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der -später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme -an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch -sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß -das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm -empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den -kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant -einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle -Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders -als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch -nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben. -Man sah ihn in den Wan<span class="pagenum"><a name="Seite_286" id="Seite_286">[S. 286]</a></span>delgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit -stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris -herzgebrochen nach kurzer Krankheit.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_287" id="Seite_287">[S. 287]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Bedraengnisse">Bedrängnisse.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">U</span>nter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine -Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit -ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen -Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich -ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm, -sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner -Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus -allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen -meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast -Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit -und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen -und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen, -das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie näm<span class="pagenum"><a name="Seite_288" id="Seite_288">[S. 288]</a></span>lich zu der -seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es -nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn. -Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine -Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen -des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau -nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und -Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid -für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß -er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt -freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte -gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine -Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese -Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem -Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit, -brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche -Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung. -In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen, -wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung -in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zu<span class="pagenum"><a name="Seite_289" id="Seite_289">[S. 289]</a></span>kunft zu überlassen. -Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend -der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil -hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die -Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie -den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die -Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes -Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später -gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis, -das er seinem inneren Wert ausstellen konnte.</p> - -<p>Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich -seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen, -erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen -Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern. -Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich -ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit -freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das -Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz -gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen -Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen -mich<span class="pagenum"><a name="Seite_290" id="Seite_290">[S. 290]</a></span> angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu -bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief -von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich -ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt -es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das -Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches -und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine -ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung -in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber — ihr send net für de -Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen -vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen -Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche -rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner -vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich -nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter, -Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst -du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht. -Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich -selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann,<span class="pagenum"><a name="Seite_291" id="Seite_291">[S. 291]</a></span> und -ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten -wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es -waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so -allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche -Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren, -empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies -die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen -Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um -mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine -sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu -durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die -Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich -abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab -meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und -die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der -Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich -zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren. -Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir -so nachteilig wurde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_292" id="Seite_292">[S. 292]</a></span></p> - -<p>Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und -besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen -gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung -gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer -Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und -gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch -Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand -er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach -abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern -wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich -mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen. -Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein -zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan. -Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen -Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein -Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. — Was beginnen? -Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich -nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit -mir nicht anzulegen gesonnen war,<span class="pagenum"><a name="Seite_293" id="Seite_293">[S. 293]</a></span> dazu fehlte mir die nötige -Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher -ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie -durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich -hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe -hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut -begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein -Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn -ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der -Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten, -sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als -heimzustürzen — den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn -Fahrgelegenheiten gab es damals keine — und schleunigst zu erkranken. -Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich -kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch -das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und -verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu -hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem -plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich -ein paar Stunden<span class="pagenum"><a name="Seite_294" id="Seite_294">[S. 294]</a></span> ungestört schlummern zu lassen und unter keinen -Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war -höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu -der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften -Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen -Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und -schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte -in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als -angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante -erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich -wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln, -denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber -Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas -verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen -zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich -fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen -auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere -poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte -Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_295" id="Seite_295">[S. 295]</a></span></p> - -<p>Das schlimmste war, daß ich überhaupt nicht wußte, was ich mit mir -selber wollte. Unterkriechen wie die andern, geborgen sein um jeden -Preis oder als vermögensloses Mädchen allen Stürmen preisgegeben, mit -lauter brotlosen Künsten ausgestattet und gar nicht für den Lebenskampf -erzogen? — Kein Wunder, daß es älteren Freunden um mich bange wurde. -Es gab damals für ein Mädchen keinen Weg ins Leben als durch die Ehe -und — in wunderseltenen Fällen — durch die Kunst. Aber die Gabe, an -deren verfrühte Äußerungen die Meinigen so feurig geglaubt hatten, -schien mir wieder entzogen zu sein. Wenn ich in das Meer nebelhafter -Bilder, das immer um mich wogte, hineingreifen wollte, um sie zu -formen, so faßte ich in Luft. Mein Mütterlein meinte, ich hätte nur -da weitermachen dürfen, wo ich nach Lilis Erscheinen stehengeblieben -war. Aber damals hatte ich in kindlichem Trieb Vorhandenes nachgemacht -und mit fremden Mitteln gewirtschaftet. Jetzt, wo ich aus Eigenem -gestalten wollte, stand ich mit leeren Händen da. Und der unstillbare -Drang nach starkem Erleben war zugleich auch der unbewußte Trieb, den -Schatten Lebensblut geben zu können. Immer deutlicher fühlte ich, daß -der Boden Tübingens mir überhaupt für meine Entwicklung nichts mehr -zu bieten hatte. Das weibliche Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_296" id="Seite_296">[S. 296]</a></span>schlecht war ja damals so gestellt, -daß es nur vom Leben selber lernen konnte. Meine Studien, ganz mir -selber überlassen, gingen die Zickzackwege des Zufalls. Gesellige -Freuden begannen schal zu schmecken, und ich war meist nur mit dem -Körper anwesend. Meine ganze Anlage zog eine Scheidewand zwischen -mir und der Außenwelt. Menschen und Dinge des Alltags hatten gar -keine Wesenhaftigkeit für mich, wenn ich mich nicht gerade an ihren -Ecken und Kanten stieß. Es quälte mich, wenn in meiner Gegenwart die -bürgerlichen Umstände anderer, ihre Verwandtschaften und dergleichen -erörtert wurden. Dauerte es lange, so meinte ich mich innerlich dabei -aufzulösen. Ich wußte am liebsten nicht einmal genau, wo unsere -Freunde wohnten, daß ihr Kommen und Gehen wie aus unbekannten Reichen -war. Diesen Zug hatte seltsamerweise auch mein Vater in seiner Jugend -gehabt, wie ich aus einer Niederschrift von ihm ersah. Aber es war -freilich schwer, ihn dem jungen Mädchen nicht für Lieblosigkeit -auszulegen, während er nur dem Triebe entsprang, die stillose Enge der -Umwelt durch die Vorstellung aufzuheben.</p> - -<p>Ich weiß kein Volk, das ein Wort für Sehnsucht hätte, außer den -Deutschen. Das désir und desiderio der Romanen ist wohl stärker an -Leiden<span class="pagenum"><a name="Seite_297" id="Seite_297">[S. 297]</a></span>schaft, aber es hat nicht das Auflösende, Halbverschmachtete -unseres Sehnens. Sie alle kennen das Heimweh, aber von dem Weh nach -einer ungekannten schöneren Heimat wissen sie nichts. Woher sollte -den Südländern, die an Natur und Kunst besitzen, was jeden Wunsch zum -voraus erfüllt, die Sehnsucht nach einem schöneren Land, nach einem -Wunschland kommen? Des Deutschen ewige Sehnsucht ist nichts anderes -als seine unglückliche, nie gestillte Liebe zur Form. „Du bist Orplid, -mein Land, das <i>ferne</i> leuchtet.“ Dieses Ungenügen an der Wirklichkeit -ist der Ursprung aller Romantik. Wo das Leben wie ein breiter Strom -zwischen schönen Ufern daherbraust, gibt es keine. Dann ist die -Wirklichkeit mächtiger als jeder Traum.</p> - -<p>Mein liebes Schwabenland, von seinen Kindern nur das „Ländle“ genannt -(die Neigung des Schwaben zum Verkleinerungswort hat in der Gestalt -eben dieses Ländles ihre tiefe Begründung), ist ein Gebilde eigener -Art, gleichsam eine Musterkarte aller Länder. Es sieht aus, als hätte -der Schöpfer, bevor er die Erde entwarf, ein Modell davon im kleinen -hergestellt, worauf er jede Form andeutete, die er hernach im großen -ausführen wollte: Berge, Flußläufe, Ebenen, Wasserflächen, alles ist -vorhanden, aber in kleinerem Maßstab und in stetem Wechsel. Immer steht -man wieder vor einem<span class="pagenum"><a name="Seite_298" id="Seite_298">[S. 298]</a></span> anderen Bild. Diese Vielartigkeit hat nichts -Zwingendes, Stilgebendes wie einfache Größe von ausgesprochener Art, -die allein da ist und alles andere ausschließt. Vorstellungen werden -angeregt, aber nicht erfüllt. Daher lag und liegt vielen Schwaben die -Unruhe von Hause aus im Blut. Wer vom Gipfel des Hohenstaufen blickt, -der meint mit einem Male ein Stück mittelalterlicher Geschichte zu -verstehen: die Weite, die sich auftut, lockt über die niederen Kuppen -weg in fernere südliche Weiten, die Anmut der Landschaft erregt, -aber sie befriedigt nicht, sie erweckt ein unruhiges Verlangen nach -höherer, ernsterer Schönheit, den Drang gen Süden. Solch ein Drang -nach Ausdehnung und Erfüllung war auch in mir. Ich ersehnte mir die -große Linie und die herrschende Form: statt der Alb die Alpen, statt -kleiner Heidestrecken die Pußta oder die Savanne, statt dem Bodensee -den Ozean. Da war ferner ein Geist bürgerlicher Nutzbarkeit über -die ganze Natur verbreitet, gegen den ich mich innerlich auflehnte. -Diese reichen, aber in winzige Gütchen verteilten Kornfelder, diese -endlosen Fruchtbaumreihen, heute ein so rührender Anblick! ließen mich -unbefriedigt. Ich war krank nach dem Zwecklos Schönen, nach Wüste und -Urwald oder nach der strengen monumentalen Landschaft des Südens mit -architektonisch angelegten<span class="pagenum"><a name="Seite_299" id="Seite_299">[S. 299]</a></span> Gärten und Terrassen aufs Meer. Darum -bedrängte ich meinen guten Vater, mich in der Vakanz nur bis Venedig zu -führen. Ich glaubte, es müsse auch ihn glücklich machen, der doch so -ganz anders geartet war, der in der Jugend ein Unrecht an der Heimat zu -begehen meinte, wenn er nur ihre Grenzen verließ. Aber er konnte mir -keinen Wunsch abschlagen. Es wird mir nichts übrig bleiben, als dem -Kinde den Willen zu tun, sagte er ergeben zu meiner Mutter. — Doch es -sollte nicht mehr so weit kommen, und schon die Geldverhältnisse hätten -es verwehrt.</p> - -<p>Auch Mama begriff meine Abneigung gegen die heimische Enge nicht, -denn da sie die Schranken der Erde überhaupt nicht sah, war für sie -die Weite überall. Und mein beständiges Verlangen nach edler Form -begriff sie noch weniger. Sie genoß zwar den Anblick schöner Menschen -aufs innigste, wie sie sich auch der eigenen adligen Leibesform, die -niemals weder massig noch knöchern werden sollte, mit Behagen bewußt -war, aber die Formlosigkeit war ihr nicht wie mir ein Augenschmerz. Und -alle andern verstanden mich noch weniger; es schien niemand etwas zu -vermissen.</p> - -<p>Doch einen gab es in Tübingen, der mich verstand und den ich oft in der -Stille besuchte, wenn wir auch nicht miteinander reden konnten. Sein -Denk<span class="pagenum"><a name="Seite_300" id="Seite_300">[S. 300]</a></span>mal stand im Botanischen Garten, es prahlte laut und stimmungslos -mit einem Genius, der einen blechernen Stern auf dem Haupte trug, -deshalb ging ich im Bogen daran vorüber nach dem Friedhof. Dort, nahe -der unteren Mauer, lag sein Grab. Man mußte die tief herabhängenden -Schleier der Trauerweide aufheben, dann war man in grüngoldener -Dämmerung mit dem Schläfer allein. Ein schmaler Stein stand schief -eingesunken an dem ungepflegten, damals halb vergessenen Ort. Er trug -den Namen Friedrich Hölderlin und auf der andern Seite den Vers:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Im heiligsten der Stürme falle</div> - <div class="verse">Zusammen meine Kerkerwand usw.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>(Ein Vers, der noch aus seiner Frühzeit stammt, da er „wortreicher und -leerer war“. Man hätte Tieferes und Eigeneres für seine Grabschrift -finden können.)</p> - -<p>Mit ihm redete ich von den Griechen. Nur seine immerwährende Schwermut -und Trauer um jene Lebendigen teilte ich nicht. Sie waren ja doch da, -wer konnte sie uns nehmen? Ich vergaß nur, daß für ihn die schwäbische, -ja die deutsche Heimat noch viel, viel enger gewesen, daß, je weiter -man zeitlich zurückging, desto größer die Formlosigkeit war und all die -Dinge, die sein schönheitverlangendes Gemüt so unsäglich beschwerten -und<span class="pagenum"><a name="Seite_301" id="Seite_301">[S. 301]</a></span> verletzten. Hätte er lachen können, ein befreiendes Lachen, er -wäre vielleicht nicht so frühe untergegangen. Aber er wäre auch nicht -jener Einzige geworden und seine Stimme käme nicht wie ein Klang aus -anderen Welten zu uns herüber.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_302" id="Seite_302">[S. 302]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Brand_und_die_Flamme">Der Brand und die Flamme.<br /> -Hat der Mann ein Seelenleben?</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>ch weiß nicht, ob die kleinen Episoden, die ich hier erzählen will, -nicht vielmehr in die Zeit nach meines Vaters Tode fallen. Mein -Gedächtnis schiebt sie an dieser Stelle ein, weil mir nachträglich -alles Heitere <i>vor</i> jenem dunklen Tage zu liegen scheint.</p> - -<p>In der Kronengasse, schrägüber von unserer Wohnung, lag eine -Studentenwirtschaft, die Flammerei genannt, wo Edgar und zuweilen auch -die jüngeren Brüder die Abende verbrachten. Daß es dabei munter und -witzig herging, mußte ich den Beteiligten glauben, als Unbeteiligte -sah ich aber immer nur den unfrohen Ausklang der fröhlichen Stunden. -Zwar trieben sie es gewiß nicht schlimmer als die andern Musensöhne -auch, nur daß jene der Mehrzahl nach nicht unter den Augen ihrer -Mütter lebten. Die meinige konnte sich an das Nachtschwärmen ihrer -Söhne nicht gewöhnen und woll<span class="pagenum"><a name="Seite_303" id="Seite_303">[S. 303]</a></span>te niemals schlafen gehen, bevor sie -alle daheim in ihren Betten wußte, wenn es auch noch so spät wurde. -Hatte ich sie endlich doch dahin gebracht, daß sie sich niederlegte, -so horchte sie schlaflos, bis sie Edgars Tritt auf der Treppe vernahm, -denn ihm, für den sie von klein auf am meisten gezittert hatte, galten -vor allem ihre Ängste. Im Nu war sie aus dem Bette und auf dem offenen -Gang, ich ebenso schnell, in einen Überwurf gehüllt, an ihrer Seite, -um den aufgrollenden Sturm zu beschwören. Dabei verdiente ich mir, -wie es den Friedensstiftern zu gehen pflegt, bei keinem der beiden -Teile Dank, da der eine nur den gestörten schönen Abend, der andere -nur die in Sorge durchwachten Stunden sehen wollte. Mamas Raschheit -endete gewöhnlich damit, daß der ebenso rasche Sohn alsbald wieder -in die Nacht hinausstürmte und erst zum Morgenkaffee nach Hause kam. -Mir lag es dann ob, das aufgeregte Mutterherz zu beschwichtigen, sie -ins Bett zurückzuführen und bei ihr zu sitzen, bis sie sich in Schlaf -gegrämt hatte. Die wunderbare Frau, die bei der Gedankentiefe eines -Philosophen nicht mehr weltliche Klugheit als ein Kind besaß, wollte -sich niemals überzeugen lassen, daß die Stunde, wo ein Student in -erhöhter Stimmung aus dem Wirtshaus kommt, nicht die geeignete ist, -ihn vom Wirtshausgehen zu bekehren.<span class="pagenum"><a name="Seite_304" id="Seite_304">[S. 304]</a></span> Leichter hatten es die jüngeren -Brüder, besonders Erwin, der die Kunstschule von Rottenburg besuchte -und in den studentischen Kreisen seiner Zeichenkünste und seines -heiteren mimischen Talentes wegen ein gern gesehener Gast war. Wenn -sich einmal die mütterlichen Vorwürfe über ihn ergossen, so nahm er die -kleine leichte Frau singend in den Arm und tanzte mit ihr, bis ihr Wort -und Atem ausgingen und ihr Unmut sich in Lachen löste.</p> - -<p>Eines Tages bat er mich für einen Streich, den er vorhatte, um mein -hübsches hellgraues Straßenkleid. Ich half ihm selber in den Anzug, -bemühte mich, seine schlanke Länge mittels eingestopfter Taschentücher -etwas ins Weibliche zu runden, gab ihm noch Anleitung, gesittet in -den Röcken zu gehen und entließ ihn mit meinem Segen. Der Bengel -sah bildhübsch aus, begann aber auch gleich, seine Augen auf eine -Weise im Kopf zu drehen, daß mir Arges schwante. Edgar stellte ihn -in der Flammerei als eine von auswärts gekommene Base vor, niemand -erkannte ihn, und die schöne, geschmeidige Erscheinung erregte -natürlich das stärkste Aufsehen, denn es war unerhört, daß ein junges -Mädchen aus guter Familie des Abends unter den Studenten saß. Das -Dämchen kokettierte gewaltig, zechte, rauchte, ließ sich mit jedem -ein<span class="pagenum"><a name="Seite_305" id="Seite_305">[S. 305]</a></span>zelnen heimlich ein und gab Betulichkeiten betulich zurück. Ein -hübscher, etwas leichtsinniger Philologe jedoch sah sich für den -Meistbegünstigten an und fing ernstlich Feuer. Seine Huldigungen wurden -so stürmisch, daß Edgar es geraten fand, die gefährliche Verwandte, -durch deren Betragen er sich nachgerade etwas bloßgestellt fühlte, -geräuschlos verschwinden zu lassen. Der erregte Anbeter stürzte ihr -auf die Straße nach und rannte die ganze Stadt nach dem Gegenstand -seiner Flamme ab, während der Schalk schon still daheim im Bette lag. -Er behielt jedoch meine Kleider und fuhr dann und wann wieder hinein, -um schnell irgendwo aufzutauchen und spurlos zu verschwinden, worüber -der Suchende in immer größere Leidenschaft geriet. Edgar warnte ihn -vor der Kokette, deren Besuch man ihrer unziemlichen Haltung wegen -habe abkürzen müssen; der andere behauptete dagegen, sie sei noch in -der Stadt und werde grausamerweise vor ihm, der es doch ehrlich meine, -versteckt. Edgar mußte schließlich dem Jammer ein Ende machen und -erklären, daß das schöne bacchantische Kind sein jüngerer Bruder sei. -Der Gefoppte kam wie von Sinnen, weinte, sprach vom Totschießen, fand -aber am Ende seinen Trost darin, das zierliche Bürschchen, das ihn an -der Nase geführt hatte, wärmstens ins Herz zu schließen.<span class="pagenum"><a name="Seite_306" id="Seite_306">[S. 306]</a></span> Ich erhielt -nun endlich auch mein Kleid zurück, mußte es aber wegschenken, denn -nachdem es solche Orgien gesehen hatte, mochte ich es nicht mehr an -meinem Leibe fühlen.</p> - -<p>Die Zusammenkünfte in der Flammerei gingen immer weiter und die Ängste -meiner guten Mutter ebenfalls. Sie sah es deshalb gern, wenn auch -unsere jungen Hausfreunde die Flammerei besuchten, denn von jedem -hoffte sie, er würde einen günstigen Einfluß üben und die Sitzung -abkürzen. Aber jene verfielen alsobald dem Genius loci und blieben -ebenfalls sitzen. Darum entzog sie ihnen ihre Gunst und sah immer in -dem zuletztgekommenen Verführten den Verführer. Nicht anders ging -es unserem Freunde Ernst Mohl. Eines Abends, da die Wirkungen der -Flammerei an den jungen Herren gar zu deutlich hervortraten, schloß der -ältere Freund sich ihnen als getreuer Eckard auf dem Heimweg an, um -den häuslichen Zusammenstoß abzuschwächen. Als sie miteinander nicht -eben geräuschlos zur Tür hereinkamen, wollte Mama gleich mit Vorwürfen -gegen den vermeintlichen Anstifter losbrechen, aber ich kam zuvor, -indem ich selber das Strafgericht übernahm und schließlich den Reuigen -verurteilte, des anderen Morgens um neun Uhr mit einem Bußgedicht über -das Thema „Der Brand und die Flamme“ anzutreten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_307" id="Seite_307">[S. 307]</a></span></p> - -<p>Dadurch bekam der Auftritt unerwartet eine heitere Wendung. Während -jener bußfertig die Strafe auf sich nahm und das Gedicht im -Katzenjammer zu schmieden versprach, gewannen die Hauptschuldigen Muße, -sich friedlich in ihre Betten zu verziehen.</p> - -<p>Richtig stellte sich der Gemaßregelte des anderen Tages zur bestimmten -Stunde ein und brachte sein Gedicht, das also lautete:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse s4 mleft2">Der Brand und die Flamme</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Daß ich, dieweil ich in der Flamme</div> - <div class="verse">Mir antrank einen kleinen Brand,</div> - <div class="verse">Obgleich ich sehr noch auf dem Damme,</div> - <div class="verse">Dir meine Schwäche eingestand,</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das hat in dir des Zornes Flamme</div> - <div class="verse">Zu solchem Übermaß entfacht,</div> - <div class="verse">Daß du, Herzlose und Grausame,</div> - <div class="verse">Mir eine Strafe zugedacht:</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Ich solle gleich nach Hause gehen,</div> - <div class="verse">Ausschlafen von der Kneiperei,</div> - <div class="verse">Und dann in Versen dir gestehen,</div> - <div class="verse">Wie sehr ich zu verdammen sei.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_308" id="Seite_308">[S. 308]</a></span> - <div class="verse">Ich werde — ehrlich es zu sagen,</div> - <div class="verse">Ist Rache ebenso wie Pflicht —</div> - <div class="verse">Noch manchen aus der Flamme tragen:</div> - <div class="verse">Die Ente läßt das Schwimmen nicht.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Freilich, die Ente am Schwimmen zu hindern, hätte es ein Wunder -gebraucht. Der Trunk galt damals noch beim deutschen Mann in viel -höherem Maß als heute für einen Ausweis von Männlichkeit und war -zugleich von einer Art Weihe umgeben, denn man glaubte noch das Weben -altgermanischen Heldengeistes beim Humpen zu verspüren. Dieses deutsche -Erbübel drückte dem ganzen Leben seinen Stempel auf und trug viel zu -der gesellschaftlichen Formlosigkeit bei, weil es die Geschlechter -trennte. Ältere Herren hielten es meist in Damengesellschaft nicht -aus; kam solch ein männlicher Gast in die Familie, so erging in kurzem -an den Hausherrn die Frage: Wollen wir <i>streben</i>? Darauf erhoben sie -sich und strebten — natürlich nach dem Wirtshaus. Dort wurden erst -die tieferen Gespräche entbunden, die kein weibliches Ohr vernahm als -das der Kellnerin. Wie durfte man nun erwarten, brausende Jünglinge -von einer Sitte fernzuhalten, die von ihren Lehrern und Vorbildern mit -Inbrunst geübt und von den Dichtern als einer der höchsten Lebenswerte -besungen wurde? Auf die<span class="pagenum"><a name="Seite_309" id="Seite_309">[S. 309]</a></span>sem Punkte konnte man sich nie verstehen. Ich -war natürlich den Wirtshäusern, die mich so viele schlaflose Nächte -kosteten, spinnefeind, und wenn man auf gemeinsamen Spaziergängen in -eine Wirtschaft geriet, wo die männliche Jugend sich alsbald festhakte, -so saß ich nach kurzem wie auf Kohlen. Edgar klagte, daß ich den -Komment nicht erfaßt hätte, und suchte mich aus dem Hafis und Anakreon -von der Poesie der Schenke zu überzeugen. Aber vergeblich: auf einer -Holzbank vor dem Bierglas zu sitzen, gehörte für mich zu den schwersten -Geduldsproben, und selbst dem grünen Blätterdach der Roßkastanie -wurde ich gram, so schön seine lenzlichen Blütenkerzen waren, weil -dieser Baum sich in meiner Vorstellung mit dem Sonntagspublikum der -Wirtsgärten und dem Gegröl der Kegelbahn unzertrennlich verband. Da -gegen den germanischen Durst in keiner Weise aufzukommen war und ich -die Erfahrung machte, daß auch diejenigen unserer jungen Freunde, -die mir die ritterlichste Ergebenheit bezeigten, sobald sie zwischen -meiner Seelenruhe und dem Wirtshaus zu wählen hatten, dem Wirtshaus -den Vorzug gaben, und kein Vorsatz, kein Versprechen stark genug war, -sie zu binden, wurde ich allmählich am männlichen Geschlecht völlig -irre. Und in meiner Verzweiflung setzte ich mich eines Tages<span class="pagenum"><a name="Seite_310" id="Seite_310">[S. 310]</a></span> nieder, -um eine Untersuchung zu schreiben über die Frage: „Hat der Mann ein -Seelenleben? Oder ist er nur ein Gefäß zur Aufnahme von Flüssigkeit?“ -Ich brachte es aber nicht weiter als bis zur Überschrift, denn ich kam -über das Für und Wider nicht ins klare.</p> - -<p>Als ich einmal nach Jahrzehnten, kurz bevor Edgars arbeitsreiches Leben -vorzeitig schloß, mit ihm in Florenz beisammen saß und wir der alten -Zeiten gedachten, bekannte ich ihm, mit welchem literarischem Vorsatz -ich mich dazumal in Tübingen getragen hatte und wieso ich über die -Beweise für das Seelenleben des Mannes nicht schlüssig geworden war. Da -strich er sich schmunzelnd über den Bart und sagte: Ich glaube jetzt -die Frage dahin entscheiden zu können, daß der Mann unbestreitbar ein -Seelenleben hat, daß ihn aber dieses nicht hindert, auch ein Gefäß zur -Aufnahme von Flüssigkeit zu sein. — Sprach’s und leerte mit Andacht -sein Glas Chianti.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_311" id="Seite_311">[S. 311]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_10_Oktober">Der 10. Oktober.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum -irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte -sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich -sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders -als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen -zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit -gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind, -er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen -Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge -selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung -des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater -mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens. -Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich gei<span class="pagenum"><a name="Seite_312" id="Seite_312">[S. 312]</a></span>stig nicht so viel von -ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre. -Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast -mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren -Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht -aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu -wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von -dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den -Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut -waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan! -Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg -nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden, -ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es -plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und -hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf -und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren -Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun -fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig -Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen.<span class="pagenum"><a name="Seite_313" id="Seite_313">[S. 313]</a></span> -Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel, -würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das -ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über -das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der -Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem -Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang -mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber -noch nicht erfahren hatte.</p> - -<p>Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die -Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es -kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken -Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer -geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich -wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern -zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater -aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in -Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen. -Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige -Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des -Gehirns ver<span class="pagenum"><a name="Seite_314" id="Seite_314">[S. 314]</a></span>ursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte -er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen -Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende -Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei -erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter -dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen -allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um -ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten -weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu -bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht -mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte -in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von -welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der -verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne -Abschied hinwegnahm.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen, -unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich -mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich -später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes -Weinen ausbrechen sah,<span class="pagenum"><a name="Seite_315" id="Seite_315">[S. 315]</a></span> so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht -eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt -vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von -der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn -des Wortes nicht <i>fassen</i>, und dieses Unvermögen verursachte eine -schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim -atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem -Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir -innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und -das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht -zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir -das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in -dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht, -aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das -Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen, -das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte, -als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen -Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren -um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm -er<span class="pagenum"><a name="Seite_316" id="Seite_316">[S. 316]</a></span>tötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden, -aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn -gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet -hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und -dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper -geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für -das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche -Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte -ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als -der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie -wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.</p> - -<p>In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig -neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren -Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die -jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich -eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters -Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst -aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst -nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie<span class="pagenum"><a name="Seite_317" id="Seite_317">[S. 317]</a></span> sagen. -War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod -nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag -über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten -ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem -Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht, -das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche -Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden -Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um -Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen -galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was -sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es -war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht -immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.</p> - -<p>Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt -über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen -redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der -ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit -Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen -waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten<span class="pagenum"><a name="Seite_318" id="Seite_318">[S. 318]</a></span> Werke -heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und -Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874 -übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung -mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama -und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe, -die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J. -Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten. -Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden -schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr -heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit -ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der -angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande -meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der -leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße -von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei -jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob -sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern -und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles -still blieb, trat ich selbst mit einem<span class="pagenum"><a name="Seite_319" id="Seite_319">[S. 319]</a></span> Bildhauer in Unterhandlung. Und -nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein -bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte -sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein -auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem -Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend. -Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran -freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich -gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber -der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft -wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig -überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich -sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte -führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen -konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte, -deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig -war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes, -ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er -sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht. -Die<span class="pagenum"><a name="Seite_320" id="Seite_320">[S. 320]</a></span> Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches. -Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen, -schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte -Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die weißen Flocken fallen dicht</div> - <div class="verse">Auf Dach und Mauern;</div> - <div class="verse">Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht</div> - <div class="verse">Mit Schauern.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">An einen Schläfer denk’ ich, hart</div> - <div class="verse">Im steinigen Bette.</div> - <div class="verse">Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt</div> - <div class="verse">Die Stätte.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Im engen Schreine hingestreckt,</div> - <div class="verse">Ruht er verborgen,</div> - <div class="verse">Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt</div> - <div class="verse">Kein Morgen.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Und um sein kaltes Kissen, weh,</div> - <div class="verse">Die Winde blasen,</div> - <div class="verse">Mit weißem Linnen deckt der Schnee</div> - <div class="verse">Den Rasen.</div> - </div> - <div class="stanza"> -<span class="pagenum"><a name="Seite_321" id="Seite_321">[S. 321]</a></span> - <div class="verse">Mich schauert und die Ruh’ ist fort</div> - <div class="verse">In nächtiger Stunde,</div> - <div class="verse">Denk’ ich an jenen Schläfer dort</div> - <div class="verse">Im Grunde.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte -meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar -in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er -sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter -seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des -Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte -mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn -suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde -Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie -man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden -durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg -in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon -ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue -Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an -einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in -sehr schwerer Zeit zart und hilfreich<span class="pagenum"><a name="Seite_322" id="Seite_322">[S. 322]</a></span> zur Seite gestanden und der -in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich -niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für -ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht -zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben -werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu -meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes -Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von -innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf -damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich -selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in -den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in -einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und -glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend, -keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts -zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine -halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da -war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem -herwich wie der Horizont.</p> - -<p>Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag,<span class="pagenum"><a name="Seite_323" id="Seite_323">[S. 323]</a></span> von dem er keine -Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder -den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit -Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen, -als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese -Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend -gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual -waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei -war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand, -so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch -nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit -in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich -sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe -unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem -Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch -in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren -uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu -ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses, -nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl -hätte mir die reife Männlichkeit<span class="pagenum"><a name="Seite_324" id="Seite_324">[S. 324]</a></span> eines viel älteren Bruders getan! -So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber -häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der -Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als -die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu -begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen -und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal -verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem -Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht -führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das -Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort, -worin die Worte standen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?</div> - <div class="verse">Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?</div> - <div class="verse">Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen</div> - <div class="verse">Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte -nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine -allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch -viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen -Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch<span class="pagenum"><a name="Seite_325" id="Seite_325">[S. 325]</a></span> seine -Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so -ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin -der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck -durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um -in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von -den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie -Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten, -denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff -gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung -erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung -aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn -mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen -Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere -Studierende zu Schülern hatte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_326" id="Seite_326">[S. 326]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Wieder_bei_den_Griechen">Wieder bei den Griechen.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">I</span>m Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer -Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien -auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund -meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste -Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir -ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und -erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.</p> - -<p>Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die -Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein -würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer -aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung -mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen -schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während<span class="pagenum"><a name="Seite_327" id="Seite_327">[S. 327]</a></span> -des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach -eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert -hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom -Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom -Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen. -Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die -Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das -unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns -mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen -gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde -nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen -Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend -dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend -war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites -Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar -Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch -die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie -uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken -am Urtext meiner Lieblingsdichtung.<span class="pagenum"><a name="Seite_328" id="Seite_328">[S. 328]</a></span> Der treffliche alte Voß hatte -mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen -Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht -ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie -anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem -Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine -mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner -bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer -Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs -zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse"><i>Ein</i> Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer?</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse mleft1">Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.</div> - <div class="verse">(<i>Ein</i> Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne -griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich -vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen -wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die -ihm später nie<span class="pagenum"><a name="Seite_329" id="Seite_329">[S. 329]</a></span>mand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre -vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt -an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten -sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit; -besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch -spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es -auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der -Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes -durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen -und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen -ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt -der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in -der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie -viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien -zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und -der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen -Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand -wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne -trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes<span class="pagenum"><a name="Seite_330" id="Seite_330">[S. 330]</a></span> -Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde -dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere -Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche -Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden -Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu -schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen -Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern -aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker -sich den adligsten aller Menschen <i>dachte</i>. Die griechische Geschichte -hat nur <i>einen</i> hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem -man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der -zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen -und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten -des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er -nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer -beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt -die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie -ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird -eingeschränkt durch den Zusatz „nach<span class="pagenum"><a name="Seite_331" id="Seite_331">[S. 331]</a></span> dem tadellosen Achilleus“, wie -der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit -wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem -Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische -erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht, -wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als -der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des -Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen -nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke -nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal -voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt, -indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück. -Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie -die schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich, -aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem -unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche -Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im -Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur, -weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu -genügen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_332" id="Seite_332">[S. 332]</a></span></p> - -<p>Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held -wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über -alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar -keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem -Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit -Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne -Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch -auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und -selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem -alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer -des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht -keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das -Größte, was der Dichtung jemals gelang.</p> - -<p>Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl -spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit -den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren -später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen -Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und -dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so<span class="pagenum"><a name="Seite_333" id="Seite_333">[S. 333]</a></span> lebendig macht, -das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die -geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um -die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und -weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene -ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich -das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten, -zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben -mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich -dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen -hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte -Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch -einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch -erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis -der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war, -sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der -Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend -Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums -stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen -waren, lehrten mich auch,<span class="pagenum"><a name="Seite_334" id="Seite_334">[S. 334]</a></span> nach einem im Ausland verbrachten Leben -wieder Deutsche zu werden. —</p> - -<p>Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die -Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des -Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald -durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen -„Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.</p> - -<p>Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein -Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen -wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende -wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin -schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein -und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen -Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser -treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.</p> - -<p>Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung, -aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie -hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das -Wort, inskünftige, solange wir<span class="pagenum"><a name="Seite_335" id="Seite_335">[S. 335]</a></span> noch beisammen wären, jedes Jahr -die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch -nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und -blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese -herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch -Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in -der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen -mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich -auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie -vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des -Lebens blühen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_336" id="Seite_336">[S. 336]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Unzeitgemaesses_und_was_es_fuer_Folgen_hatte">Unzeitgemäßes -und was es für Folgen hatte.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">N</span>och einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner -guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der -Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir -erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem -Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung -zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als -akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte -verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde -mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom -Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten, -nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht -ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der -ein Mann von Welt war, kam meinen Wün<span class="pagenum"><a name="Seite_337" id="Seite_337">[S. 337]</a></span>schen aufs artigste entgegen. So -saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit, -daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello -des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf -die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an -meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem -er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen -plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und -Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man -denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit -einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in -Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern, -die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein -erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich -warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie -an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte -dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo -es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die -noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit -auf<span class="pagenum"><a name="Seite_338" id="Seite_338">[S. 338]</a></span>gehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner -Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.</p> - -<p>Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen -seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich -ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit -sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer -Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine -Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die -Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal -sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück -Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang -verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst -die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben. -Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht -übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren, -einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich -ablehnte.</p> - -<p>Eines Morgens kam meine Mutter noch im Dunkeln an mein Bett und bat -mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben -im<span class="pagenum"><a name="Seite_339" id="Seite_339">[S. 339]</a></span> Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in -wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß -sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht -käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das -ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte -mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das -lange Reitkleid über den Arm geschlagen — man trug damals noch die -tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr -gefährlich waren —, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand -ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner -höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte. -Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr -Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. — Heut können wir was -erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte, -das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter -heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das -Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken -zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben, -allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und<span class="pagenum"><a name="Seite_340" id="Seite_340">[S. 340]</a></span> ich spürte -gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er -sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle -auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so -war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die -Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße -unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des -Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein -Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den -Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine -Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe -an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte -ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales -natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer -Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem -Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase, -bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause -schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken -Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten, -auch war mein linker Arm von der<span class="pagenum"><a name="Seite_341" id="Seite_341">[S. 341]</a></span> Anspannung so verschwollen, daß er -vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch -hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte, -die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie -auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar -erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges -Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.</p> - -<p>Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron -Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein -Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter -Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers -wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte. -Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in -den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“ -wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine -feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte -sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie -er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging — und die -Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_342" id="Seite_342">[S. 342]</a></span></p> - -<p>Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.</p> - -<p>Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was -freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische -Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und -Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil -das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den -es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen -„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen -Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde -anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch, -was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht. -Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von -dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last -und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich -willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein -sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an -ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen. -Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den -Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es<span class="pagenum"><a name="Seite_343" id="Seite_343">[S. 343]</a></span> sich -sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich -Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer -des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend, -bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab -er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang -klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der -weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich -mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen, -halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer -mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf -seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr -nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein -Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen -Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die -Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren -Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme -Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der -wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle -Not, im Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_344" id="Seite_344">[S. 344]</a></span>meinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz -zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten -zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich; -diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des -Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal -aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die -neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens -keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber -trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann -mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der -Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung -seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich -über viele Kränkungen.</p> - -<p>Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich -gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis -gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen. -Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen -Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an -keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern, -und große Namen<span class="pagenum"><a name="Seite_345" id="Seite_345">[S. 345]</a></span> mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge -darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch -aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“ -Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm -und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse -und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von -mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger -verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen -zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die -gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine -Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen -Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen -Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des -damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.</p> - -<p>Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich -in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen -Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen -sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne -Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach<span class="pagenum"><a name="Seite_346" id="Seite_346">[S. 346]</a></span> und nach -der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens -an <i>einem</i> Tag der Woche, und wäre es auch nur für <i>eine</i> Stunde, das -Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht -zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer -und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren -meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen -Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich -als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die -Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung -vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge -Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere -sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht -der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der -Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht -hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen. -Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und -sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! — zu deutsch: Wo -hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? — zuzurufen. Es war -einer der schicksalsvollen Augen<span class="pagenum"><a name="Seite_347" id="Seite_347">[S. 347]</a></span>blicke, wo ein kleiner Anstoß eine -lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht -ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf -ganz zu verlassen.</p> - -<p>Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender -Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen -Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war -dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen, -daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen -und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen -konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich -hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet -und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir -dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden -Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die -Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich -getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen -nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred, -die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange -Freundschaft hineinzuwachsen. Und<span class="pagenum"><a name="Seite_348" id="Seite_348">[S. 348]</a></span> an unseres Balde Krankenbett waren -die beiden Mediziner nützlicher als ich.</p> - -<p>Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen -den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte, -hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe -seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich -in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich -war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder -Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte -dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte, -rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er, -daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des -Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit -dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm -schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif -erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer -aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn -niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb; -ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne -des kran<span class="pagenum"><a name="Seite_349" id="Seite_349">[S. 349]</a></span>ken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den -Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie -auf diesen Weg gekommen.</p> - -<p>Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen -aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf -hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel -Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels -blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer -geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta -ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend -Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit -leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in -mein neues Leben hinein.</p> - -<p>Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine -Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und, -vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen -wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen -spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten -Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine -seltsame Verzauberung aus.<span class="pagenum"><a name="Seite_350" id="Seite_350">[S. 350]</a></span> Mich brachten sie durch Vorspiegelung von -einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte, -dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den -Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein -Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich -aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine -Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde. -Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit -ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie -toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_351" id="Seite_351">[S. 351]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Muenchen">München.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">E</span>s waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München -führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei -Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des -berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen -Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen -her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild -altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund -Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den -Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise -einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein, -dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin -Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit, -Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen -Naturell zu ei<span class="pagenum"><a name="Seite_352" id="Seite_352">[S. 352]</a></span>ner unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese -Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig -sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus -dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu -sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen -einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung -ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt -die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir -mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau -unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem -Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich -als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo -ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den -Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr -war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden -Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend, -wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit -seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets -die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei -seiner Abstam<span class="pagenum"><a name="Seite_353" id="Seite_353">[S. 353]</a></span>mung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht -den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu -Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu -gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit -und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer -seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich -schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen -Gliedern seiner Familie.</p> - -<p>Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen, -alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken -und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit -ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren -geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls -durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so -abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende -Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders -gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen -Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun -und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir -von Kindheit an<span class="pagenum"><a name="Seite_354" id="Seite_354">[S. 354]</a></span> so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“, -fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung -und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter -lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich -konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des -erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer -und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der -empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt -eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch -größeren Raum, um zu wachsen.</p> - -<p>Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus, -wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte, -mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen -Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner -lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend -liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft -wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart -herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit -seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz, -der in hundert Fas<span class="pagenum"><a name="Seite_355" id="Seite_355">[S. 355]</a></span>setten funkelte und auch das Wortspiel bis herab -zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei -er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu -einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen -Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen -Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz -Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein -ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der -ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen -Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit -konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets -unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte. -An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art -literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr -ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu -lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich -befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich -gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in -dessen verdüstertes Leben er den letzten tröst<span class="pagenum"><a name="Seite_356" id="Seite_356">[S. 356]</a></span>lichen Abendschimmer -goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war -ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern -hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden -Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang -necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn -er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein -Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund -und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein -anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo -der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien -und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte. -Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und -sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem -dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert, -die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen. -Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken -darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie -mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch -sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand,<span class="pagenum"><a name="Seite_357" id="Seite_357">[S. 357]</a></span> seine -eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen -sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die -Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen -worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher -meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer -Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja -bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen -Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch -geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich -die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und -ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen -Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch -bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie -Undankbarkeit erscheinen konnte — und beginnt nicht jede Entwicklung -mit einer Auflehnung und einem Undank? — Darum hielt ich es nun, -wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das -verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit -empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner -Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den<span class="pagenum"><a name="Seite_358" id="Seite_358">[S. 358]</a></span> mir sonst der Anblick einer -so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses -Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter -dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn -solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und -Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser -um das Ansehen der Deutschen in der Welt.</p> - -<p>Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war -mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz. -Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber -ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt -war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne -politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der -Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun -konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem -keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit -aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen, -ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit -tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen -an den<span class="pagenum"><a name="Seite_359" id="Seite_359">[S. 359]</a></span> Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen -und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend, -erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch -andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer -des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen -wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ -wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um -sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in -die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst -gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel -übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem -er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte. -Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen -rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden -Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel -mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre -Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich -erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen -Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als<span class="pagenum"><a name="Seite_360" id="Seite_360">[S. 360]</a></span> Musterbeispiel -edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im -Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie -ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das -Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß -jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte, -während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes -unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen -Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick -die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren -Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche -Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die -noch tagelang nachklang.</p> - -<p>Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen -Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder, -ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher -Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem -Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu -dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin -den Zugang fand.</p> - -<p>So war es also mit der gesellschaftlichen Anleh<span class="pagenum"><a name="Seite_361" id="Seite_361">[S. 361]</a></span>nung trefflich -bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen -Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine -leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße -bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus -einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig -für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause -eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten, -der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch -Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich -gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum. -Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend -entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen -und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich -kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und -wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar -die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm -aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die -Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch -zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von<span class="pagenum"><a name="Seite_362" id="Seite_362">[S. 362]</a></span> der früheren Herrschaft -— ich weiß nicht weshalb — zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie -schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit. -Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht, -ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage -stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges -und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich -brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls -Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und -anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des -trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos -durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu -gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber -scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die -Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf, -den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der -mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.</p> - -<p>In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht -müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein -französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige<span class="pagenum"><a name="Seite_363" id="Seite_363">[S. 363]</a></span> Schülerinnen -ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen -zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb -zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende -Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich -stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die -Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen, -sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz -unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß -mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner -Indianerseele als merkwürdig auffiel.</p> - -<p>Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige -Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den -Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und -die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu -sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher -aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im -falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer -Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der, -Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen -Sprachschnitzer meiner<span class="pagenum"><a name="Seite_364" id="Seite_364">[S. 364]</a></span> Schülerinnen klangen mir immer so drollig, -daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen. -Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin, -die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker, -knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie -eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie -mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher -Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der -Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und -Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge -Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr -wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen -Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte -dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen -zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische -Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere -verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher -unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen -oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch<span class="pagenum"><a name="Seite_365" id="Seite_365">[S. 365]</a></span> -ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund, -noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und -vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren -deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.</p> - -<p>Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar -kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu -erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch -hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten. -Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich -ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte -mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem -weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben -noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr -allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren, -darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich -vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen? -Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor, -wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer -geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber<span class="pagenum"><a name="Seite_366" id="Seite_366">[S. 366]</a></span> meine schönen -Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb -gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte, -wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf -erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte -Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem -Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der -Nachtschwärmerin warten mußte.</p> - -<p>Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends -ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der -von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit -meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich -etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es -mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in -der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung -gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die -ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen -und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des -Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen -und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und -mein<span class="pagenum"><a name="Seite_367" id="Seite_367">[S. 367]</a></span> Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz -besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an -den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte -weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr -von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging -mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf, -und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich, -ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um -ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im -Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein -Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er -tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch -und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten -Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich -beruhigt zu Bette gehen.</p> - -<p>Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es -hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen, -bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen, -denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten -Erzählung ein<span class="pagenum"><a name="Seite_368" id="Seite_368">[S. 368]</a></span> Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem -größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte -als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil -zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich -wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte, -was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem -Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie -blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und -suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite. -Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu -ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich -empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat -gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu -eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen, -und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er -griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen -an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie -über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat, -ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine -Leidenschaft ein<span class="pagenum"><a name="Seite_369" id="Seite_369">[S. 369]</a></span>flößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben -das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all -unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an -und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig -aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die -Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher -zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls -konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal -sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in -die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen -mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen -Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und -nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer -Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen -einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war, -und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald -dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich -vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen, -sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch -mit den irr<span class="pagenum"><a name="Seite_370" id="Seite_370">[S. 370]</a></span>sinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur -der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den -Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand -die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten -Erfolg.</p> - -<p>Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur -Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht -zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen -Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine -Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte -meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch -ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut -sein sollte.</p> - -<p>Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam, -von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München -umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine -glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber -die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit -Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger; -auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung<span class="pagenum"><a name="Seite_371" id="Seite_371">[S. 371]</a></span> wegen überall -Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf, -besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin, -ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese -Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob -die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem -ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war -kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er -sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.</p> - -<p>Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er -sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine -ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache, -daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu -fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken -hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt -verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen. -Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte -wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja -gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon -nach drei Vierteljahren<span class="pagenum"><a name="Seite_372" id="Seite_372">[S. 372]</a></span> um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen. -Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die -Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere -Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals -bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine -schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen -Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür, -indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der -Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen -Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art, -zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und -hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen -waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der -Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war -es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch -wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie -heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln -Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue, -unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch -sich vollenden.<span class="pagenum"><a name="Seite_373" id="Seite_373">[S. 373]</a></span> Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein, -und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine -Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach -dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter -mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der -Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein -plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage -noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die -Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel -in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.</p> - -<p>Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage, -die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte. -Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der -Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der -gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy -am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und -genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich -erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse -schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüber<span class="pagenum"><a name="Seite_374" id="Seite_374">[S. 374]</a></span>rollte und -wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um -ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit -und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das -neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich -verlassen sollte.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_375" id="Seite_375">[S. 375]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Letzte_Tage_in_der_Heimat">Letzte Tage in der -Heimat.</h2> - -</div> - -<p class="p0"><span class="initial">W</span>ährend meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur -Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog -Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen -großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme -gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der -Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als -Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei -den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch -sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung -nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte -der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach -Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst -wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete<span class="pagenum"><a name="Seite_376" id="Seite_376">[S. 376]</a></span> meinen Abgang aus Tübingen -infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als -eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch -zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia -zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln, -machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum -war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor -Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die -künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir -vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen -und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges -zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte. -Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem -großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden. -Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der -meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig -aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit -den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine -lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die<span class="pagenum"><a name="Seite_377" id="Seite_377">[S. 377]</a></span> -Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch -allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem -Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen -einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern -befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare -schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren -Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel. -Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere -Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem -Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die -Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der -Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu -bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße -hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug, -an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als -die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und -Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit -der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen -Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern,<span class="pagenum"><a name="Seite_378" id="Seite_378">[S. 378]</a></span> Rittern, Pagen, Mönchen, -Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus -Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab -es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum -sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt, -so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen. -Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich -Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen. -Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute -Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als -guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort -erwarteten.</p> - -<p>An dieser Stelle sei es mir gestattet, den Manen dieses -außerordentlichen Mannes für das herzliche Wohlwollen zu danken, das er -mir schon von meiner frühesten Jugend zuwandte. Was er seinen Deutschen -war, braucht von mir nicht gesagt zu werden. Was er <i>mir</i> war, kann -ich ohne Ruhmredigkeit aussprechen, denn es war seine Güte, nicht -mein Verdienst, wenn er mich schon als Kind zu sich heranzog. Er lud -mich als Zwölfjährige mit der Mutter zum Kaffee, den er selbst braute -und einschenkte, ich mußte dann neben ihm auf<span class="pagenum"><a name="Seite_379" id="Seite_379">[S. 379]</a></span> dem Kanapee sitzen, -er ließ sich meine Zöpfe aufflechten und erzählte mir Geschichten, -unter andern das ganze Märchen von den Pfahlbauern, das er später dem -„Auch Einer“ einverleibt hat. Wäre er länger in Tübingen geblieben, -so hätte ich im Heranwachsen gegen die Anfeindungen des Philistertums -einen Halt und Trost gehabt. Aber ihn selber trieb die Kleinstädterei -von dannen, und er zog den Lehrstuhl an der Stuttgarter Technischen -Hochschule dem der Tübinger Universität vor, weil er dort freiere -Menschen, die sich in der Welt umgesehen hatten, fand. — Als ich dann -in den frühen achtziger Jahren zum erstenmal aus Italien wiederkam und -ihn in Stuttgart besuchen wollte, stieß mir das peinliche Versehen -zu, daß ich mir die Vormittagsstunde desjenigen Wochentags, wo er -ganz ungestört bleiben wollte, um sein Kolleg vorzubereiten, in der -Eile als die für Besuche willkommenste aufschrieb. Erst als ich die -Klingel gezogen hatte und er selbst im Schlafrock mit einem Blatt -Papier in der Hand mir öffnete, erkannte ich mit jähem Schrecken den -Mißgriff. Er ließ mich aber durchaus nicht mehr entwischen, ich mußte -sogar viel länger, als ich ursprünglich beabsichtigt hatte, in der bei -solchem Ruhme wahrhaft ergreifenden Einfachheit seiner Gelehrtenstube -ihm gegenübersitzen, und es schien ihn gar nichts zu stö<span class="pagenum"><a name="Seite_380" id="Seite_380">[S. 380]</a></span>ren als sein -Schlafrock, der ihm nicht schön genug war, denn er klagte wiederholt, -daß er einen viel schöneren bestellt habe und nun zu seinem Ärger vom -Schneider im Stich gelassen sei, wo er ihn doch so nötig hätte, um -„einen anständigen Eindruck zu machen“. — Und jetzt reisen Sie ab, wo -der neue Rock fertig ist? sagte er ein paar Tage später vorwurfsvoll. -So rührend jugendlich im kleinsten wie im größten war und blieb er -bis ans Ende. Ein paar Jahre später hielt ich mich abermals einige -Winterwochen in Stuttgart auf, da ließ er sich in seiner ritterlichen -Zuvorkommenheit nicht abhalten, mich fast täglich, trotz Wind und -Wetter und trotz der nassen Füße, die der fast Achtzigjährige zu -scheuen hatte, in meiner Pension zu besuchen. Wenn man die kleine, -zarte, obschon zähe Gestalt sah, das geistig verfeinerte Gesicht mit -der übermächtigen Stirn und dem abgeblaßten Veilchenblau der Augen, -die noch gar nicht vertrocknete, fast rosige Haut, die sich fest um -die abgezehrten Wangen legte, so mahnte das ganze Bild des Mannes -ergreifend und beängstigend, daß dieses ausdauernde Gehäuse allmählich -doch zu dünnwandig wurde für den Geist, der es bewohnte. Ich wurde -schließlich so besorgt, daß ich ihm einen früheren Tag der Abreise -nannte und mich selber um die mir noch zugedachte Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_381" id="Seite_381">[S. 381]</a></span> brachte, die -nie mehr vergütet werden konnte, denn es war das letztemal, daß ich ihn -mit Augen sah.</p> - -<p>Er hatte den höchsten faustischen Lebensgipfel erstiegen, von dem aus -sich die Verworrenheit der Dinge zu großen, übersichtlichen Gruppen -gliederte. Dabei wehte aber keine eisige Altersluft um ihn her, es gab -kein Versteifen ins Gewohnte, kein Wiederholen des längst Gedachten. -Seine Gedanken entstanden im Augenblick, wo er sie aussprach, das -Neueste war ihm ebenso lieb wie das Alte, wenn es einen tüchtigen -Boden hatte. Vischer war ein wundervolles Beispiel des ganz großen -Deutschen, der mit leidenschaftlicher Inbrunst an der Muttererde haftet -und zugleich mit dem Geist durch alle Länder schreitet. Und da er alle -Register in der Gewalt hatte, so quoll er auch bei den ernstesten -Gegenständen von Anekdoten, Witzen, Schnurren nur so über. Seine -feinhörige Sprachmeisterschaft fühlte man in jedem Wort. Er erklärte -mir auch seinen dritten Teil „Faust“ als aus dem unwiderstehlichen -Zwang entstanden, in den hüpfenden, gleitenden Reimen des zweiten -Teils weiterzuwirbeln; ein warnender Wink für solche, die den Urkeim -eines Gedichts immer in der Idee suchen. Er wollte jedoch nicht nur -geistreich sein, er wollte helfen, wirken. Er brachte<span class="pagenum"><a name="Seite_382" id="Seite_382">[S. 382]</a></span> Bücher, die -er liebte, beriet in literarischen Angelegenheiten. Und war dabei so -menschlich-vertraulich, als ob man ihm gar keine Ehrfurcht schulde.</p> - -<p>Zu seinem achtzigsten Geburtstag sandte ich aus Florenz einen -Lorbeerkranz und eine eben aufgegangene Magnolienblüte aus dem eigenen -Garten, diese nach italienischer Sitte zusammengeschnürt, damit der -Duft nicht vor der Zeit entweiche. In einigen begleitenden Strophen -wurde der Kranz als Sinnbild der langen Ruhmesbahn, die Blume mit den -stark strömenden und verströmenden Düften als Ausdruck des höchsten -ausgeschöpften Augenblicks gedeutet. Er antwortete noch mit einem -Gedicht, das kurz vor seinem Tode geschrieben wurde und jedenfalls -zu seinen letzten gehört, wenn es nicht das allerletzte ist. Ich -weiß nicht, was ich mehr darin bewundern soll, die edle, in unserer -Zeit sagenhaft anmutende Bescheidenheit oder das Selbstgefühl des -seltenen Mannes, der sich bewußt ist, noch am äußersten Lebensziel alle -Möglichkeiten der Weiterentwicklung in sich zu tragen:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Zur Blume, die des Duftes feinste Geister</div> - <div class="verse">Im Kelche sammelt, spendend sie entläßt,</div> - <div class="verse">Zum Kranze, der, ein Schmuck für größre Meister,</div> -<span class="pagenum"><a name="Seite_383" id="Seite_383">[S. 383]</a></span> - <div class="verse">Den Strebenden begrüßt am Greisesfest,</div> - <div class="verse">Läßt du aus Dichterworten mich ersehen,</div> - <div class="verse">In welche Tiefen deine Blicke gehen<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Die dumpfen Seelen, die gedankenschiefen,</div> - <div class="verse">Was wissen die von Ewigkeit und Zeit?</div> - <div class="verse">Den Zeitmoment zur Ewigkeit vertiefen,</div> - <div class="verse">Das ist es, ja, das gibt Unsterblichkeit.</div> - <div class="verse">Dazu ward Leben, das bringt Rat und Licht,</div> - <div class="verse">Bringt Reim ins ungereimte Weltgedicht.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Die letzte Zeile ist eine Anspielung auf den Schluß meines Gedichtes -„Weltgericht“:</p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">Das ungereimte Weltgedicht,</div> - <div class="verse">Nehmt’s, wie es ist, und krittelt nicht.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Er hatte für dieses Gedicht eine besondere Vorliebe und pflegte es -gleich nach seinem Erscheinen mit sich in der Tasche zu tragen und in -Gesellschaften vorzulesen, wovon auch Ilse Frapan in ihren warmherzigen -Vischer-Erinnerungen spricht. Er nahm es in Schutz gegen die heftigen -Angriffe der Scheinfrommen, die nicht imstande waren, durch den Scherz -hindurch die innere Pietät zu<span class="pagenum"><a name="Seite_384" id="Seite_384">[S. 384]</a></span> erkennen, und er schrieb mir damals -nach Italien lange, launige Episteln im gleichen Versstil und mit -spaßhaften Erfindungen im Geiste des „Auch Einer“, die er mir als -Zusätze vorschlug. Er sprach auch noch von einer italienischen Reise -und dachte an ein Wiedersehen in Venedig, wo mir jetzt ein Bruder, der -uns nachgezogene Alfred, lebte. Statt dessen kam so rasch nach dem -Altersfeste die erschütternde Todesbotschaft. — Nach seinem Hingang -schien die Welt um vieles kälter und leerer geworden, und ich mußte -lange dem Rätsel nachstaunen, wohin diese gesammelte, sich immer -ergießende und sich immer erneuernde Fülle und Wärme nun mit einem Male -gekommen war.</p> - -<p>Jetzt noch einmal ins alte Tübingen zurück, wo ich Mama und Josephine -beim Packen und Ausräumen half. Alle leichtbewegliche Habe wie Bücher, -Bilder, Wäsche usw. sollte uns nach Italien begleiten, die schweren -Gegenstände blieben stehen, voran die wertvolle Biedermeiereinrichtung -aus dem Brunnowschen Hause, um von den zurückbleibenden Brüdern -Alfred und Erwin nach unserer Abreise versteigert zu werden. Meine -Mutter trennte sich ohne Schmerz von den alten Erbstücken, weil kein -äußerer Besitz ihr das geringste galt, mir aber war es ein Abschied -von lieben, unvergeßlichen Freunden meiner Jugend. Die auch<span class="pagenum"><a name="Seite_385" id="Seite_385">[S. 385]</a></span> in ihren -Beschädigungen noch köstliche Empirestanduhr mit dem schwarzen Adler, -der einen mit Goldbienen besäten blauen Mantel über dem goldenen -Zifferblatt mit dem Schnabel zusammenhielt, konnte ich nie ganz -verschmerzen. Wer kann wissen, wohin sie geraten ist? Alles ging zu -Schleuderpreisen weg, weil damals der Wert solcher Altertümer noch gar -nicht verstanden wurde. Dagegen erzielte ein weggeworfener Hut meiner -Mutter (wenn sie einen wegwarf, war wirklich nichts daran zu halten) -einen Liebhaberpreis: er wurde von einem „Parteigenossen“ erworben und -als Andenken im Triumph davongetragen, wie die Brüder später launig -nach Florenz berichteten.</p> - -<p>Edgar war unterdessen erschienen, uns zu holen und von der Heimat -Abschied zu nehmen. In diese letzten Wochen fällt, wenn ich mich -recht erinnere, unser tolles Haschischabenteuer, an dem auch Berta -Wilhelmi teilnahm. Sie war noch einmal zu Besuch nach Tübingen -gekommen, jetzt ganz erwachsen und so bildschön, wie ihre Kindheit -versprochen hatte. Sämtliche Brüder verliebten sich bis auf den kranken -Jüngsten herunter, der sie in naivem Versgestammel feierte. Aber sie -hielten durch Eifersucht einer den andern in Schach, so blieb es bei -allseitiger guter Kameradschaft. Edgar war seit lange neugierig, die -oft geschilderten Wir<span class="pagenum"><a name="Seite_386" id="Seite_386">[S. 386]</a></span>kungen des indischen Hanfs kennen zu lernen, und -konnte sich als Arzt leicht eine Gabe Canabis indica verschreiben. -Aber es war ein Mißstand dabei: man wußte nicht, wie gut oder schlecht -das Präparat sich auf der langen Reise gehalten hatte, und davon hing -doch die Wirksamkeit ab. Nach ein paar Fehlversuchen bezog er nun eine -gewaltige Dosis frisch angekommenes Haschisch aus der Apotheke, und -wir bestimmten die folgende Nacht zu unserem Unternehmen. Edgar hatte -ein Zimmer in dem gerade leerstehenden unteren Stockwerk inne. Berta -und ich legten uns nur zum Schein schlafen; sobald alles stille war, -schlichen wir zu Edgar hinunter. Ich bekam zwei Pillen, Berta eine, -Alfred sollte nüchtern bleiben und die andern ärztlich überwachen; -da er aber nicht ganz leer ausgehen wollte, schluckte er, was nur -einem so jungen Menschen einfallen konnte, dafür eine Opiumpille, -die zum Glück gar nicht wirkte. Edgar aber nahm, überkühn, wie er -in allem war, die doppelte Höchstgabe Haschisch, um diesmal sicher -zu gehen. Ich erwartete, auf dem Teppich hockend; in die Wunder von -Tausendundeiner Nacht zu versinken, merkte aber nur, daß mein Denken -sich sehr verlangsamte, und dann stiegen mir ganz abstrakte jenseitige -Vorstellungen auf, wofür die Sprache keinen Ausdruck hat. Plötzlich -rüttelte<span class="pagenum"><a name="Seite_387" id="Seite_387">[S. 387]</a></span> mich Berta und flüsterte mir zu, daß sich Edgar in einem -unheimlichen Zustand befinde. Ich erhob mich völlig gelassen, als ginge -mich die Sache gar nichts an, und wunderte mich doch selber über diesen -Gleichmut. Edgar blickte seltsam verändert, und auf meine Frage, wie er -sich fühle, antwortete er: Ich bin transferiert. Dann ging er an den -Tisch und machte auf dem großen Papierbogen, auf dem er seine Symptome -verzeichnete, die Eintragung: Transferiert.</p> - -<p>Jetzt kommt das Tragische, sagte er nach einer Weile mit hohler Stimme -und ganz entgeisterter Miene. Keine persönliche Tragik, erklärte -er, es ist das Tragische an sich, das Tragische im Abstrakten. — -Sein Gesicht hatte einen bläulichen Schein und seine braunen Haare -bäumten sich über der Stirn, daß es ganz schauerlich anzusehen war. Er -aber schrieb eifrig das neue Symptom nieder. Jählings wandelte sich -sein Zustand aufs neue, und er rief triumphierend: Die Schwerkraft -ist aufgehoben, ich kann mich ebenso leicht durch die Luft aufwärts -wie abwärts bewegen. — Zur Bekräftigung sprang er auf einen Stuhl -und machte seltsame Arm- und Schulterbewegungen, wie um sich durch -Flügelkraft zu erheben. Als es aufwärts doch nicht ging, war er im -nächsten Augenblick am offenen Fenster, das hoch auf den Marktplatz -her<span class="pagenum"><a name="Seite_388" id="Seite_388">[S. 388]</a></span>untersah, um es abwärts zu versuchen. Wir zwei Mädchen hingen uns -an seinen einen Rockflügel, der kräftige Alfred an den andern, und -als er Miene machte, sich des Rocks samt der Belastung zu entledigen, -bemächtigten wir uns seiner Arme. Allmählich beruhigte er sich und bat, -ihn freizulassen da er auf der Straße Erfrischung zu finden hoffe. -Alfred wurde ihm zur Begleitung aufgezwungen, der ihn nach einer -peinlichen Stunde zurückbrachte; sie waren bis nach Lustnau gerannt. -Ich machte inzwischen im oberen Stockwerk Mengen von Kaffee, indem -ich die Kaffeemühle unter dicken Bettdecken drehte, um Mama und Balde -nicht zu wecken. Haltet mich wach, laßt mich ja nicht einschlafen, war -des Patienten wiederholte Mahnung; Schlaf könnte dem Hirn gefährlich -werden. — Der Gang durch die Nachtluft hatte jetzt gut getan, ein -Kaffee war fertig, der einen Toten erwecken konnte, wir hielten uns -alle vier vollständig wach bis zum Morgen. Aber siehe da, nach einer -kalten Waschung nahm Edgar seinen Hut und begab sich ohne weiteres ins -Klinikum, wo ein merkwürdiger Fall zu beobachten war, während Alfred -sich todmüde zum Schlafen niederwarf und auch wir beiden Mädchen uns -zur Ruhe legten.</p> - -<p>Bei diesem letzten Tübinger Abenteuer ging auch Berta zum letztenmal -durch unser Leben. Unter<span class="pagenum"><a name="Seite_389" id="Seite_389">[S. 389]</a></span> den aufständischen Zuckungen, die damals -durch Spanien liefen, geschah es bald danach, daß in Granada an Stelle -des abgesetzten Gouverneurs das schönste Mädchen der Stadt bei einem -großen Stiergefechte den Vorsitz führen sollte. Die Wahl fiel auf -Berta. An diesem weithin sichtbaren Platze sah sie ein Angehöriger -des ältesten andalusischen Adels und verliebte sich so, daß er -augenblicklich um die junge Schönheit warb, die ihm denn auch die Hand -zu einem freilich nicht sehr beglückenden Ehebund reichte. Ich besitze -noch ihr Bild mit spanischem Schleier und Fächer, wie sie jenes Tages -das Los ihres Lebens zog, das sie für immer an Spanien fesselte.</p> - -<p>Die letzten Tage in Tübingen rannen mir unaufhaltsam durch die Finger. -Die Stadt meiner Jugend war doch tiefer mit mir verwachsen, als ich -selber wußte. Sie hatte auch für alle Zeit richtunggebend auf mein -Stilgefühl eingewirkt. Noch heute, wenn ich mir eine ideale Stadt in -Gedanken baue, mit solchen kühnen Terrassen, solchen überschneidenden -Dächern, steinernen Treppen, Durchgängen, hängenden Gärten, steigt sie -nach einem stillen Fluß hinunter. Einen schwingenderen Rhythmus als die -Straßenzüge Tübingens habe ich nirgends gefunden. Dieses Anschwellen -und Absinken der gepflasterten Straßen, für mich sind es die He<span class="pagenum"><a name="Seite_390" id="Seite_390">[S. 390]</a></span>bungen -und Senkungen und wunderbar gefühlte Zäsuren eines Gedichts. Wie -in der Neckarstraße hoch über unseren Häuptern sich der Umgang der -Stiftskirche, wo ihm der Raum zu eng wird, mit plötzlichem Entschlusse -leicht und frei über die Straße herausschwingt, wie das schmale -Mühlgäßchen sich zu jener Zeit noch mit steilem Gefäll zwischen die -stürzende Ammer und die hohe, modrige Stadtmauer zwängte, während der -Österberg seinen schön bebuschten Fuß bis in die Ammer herabstreckte -und ein anderer stiller Garten oben von der Mauer zum Gegengruße -heruntersah, das sind Züge, die nie im Geist verlöschen. Von der Mitte -der unvergeßlichen alten Neckarbrücke führte eine steile Holzstiege auf -den Wöhrd. An ihrem Fuße standen zwei mächtige Linden wie Schildwachen; -sie gehörten mit zum Letzten, was ich an Freundschaft zurückließ, und -ihnen galt mein letzter Abendgang. Wir hatten allerlei Heimlichkeiten -miteinander, die sie zu hüten versprachen, bis ich wiederkäme. Leider -konnten sie ihr Wort nicht halten, weil sie unterdessen gefällt worden -sind. Unter ihrem Schirmdach stehend, schrieb ich in der zum Schlusse -aufgestiegenen Wehmut noch ein paar Verse in mein Taschenbüchlein:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_391" id="Seite_391">[S. 391]</a></span></p> - -<div class="poetry-container"> - <div class="poetry"> - <div class="stanza"> - <div class="verse">O Heimat, Heimat, vielgescholten,</div> - <div class="verse">Doch vielgeliebt und vielbeweint,</div> - <div class="verse">Seit heut die letzte Sonne golden</div> - <div class="verse">Für mich auf deine Hügel scheint.</div> - <div class="verse">Nie wollt’ ich scheidend dich betrauern,</div> - <div class="verse">So hatt’ ich trotzig oft geprahlt,</div> - <div class="verse">Wie nun der Schmerz die düstern Mauern</div> - <div class="verse">Schon mit der Sehnsucht Farben malt.</div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – </div> - </div> - <div class="stanza"> - <div class="verse">So laß uns denn in Frieden scheiden,</div> - <div class="verse">Von Groll bewahr’ ich keine Spur.</div> - <div class="verse">Dein Bild soll ewig mich begleiten</div> - <div class="verse">Und wecke teure Schatten nur.</div> - <div class="verse">Und kehr’ ich einst mit müdem Flügel,</div> - <div class="verse">Wenn meine Bahn ein Ende hat,</div> - <div class="verse">Dann gönne bei des Vaters Hügel</div> - <div class="verse">Der Tochter eine Ruhestatt.</div> - </div> - </div> -</div> - -<p>Dann kam der Morgen, wo wir zu Fünfen in der Bahn saßen: Mama, Edgar, -Balde, die treue Josephine, die uns nie verließ, und ich, um einem -neuen, unbekannten Leben entgegenzufahren. Ich setzte mich rückwärts, -und meine Augen saugten sich so lange wie möglich an dem wohlbekannten -Stadtprofil fest. Der Kirchturm schwand als letzter um die Ecke. Die -Jugendstadt versank, und die Weite der Welt, die langersehnte, tat sich -auf.</p> - -<div class="footnotes"> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Für den Druck schöner verändert: Wie ganz wir uns aus -Lebensgrund verstehen.</p></div> - -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus meinem Jugendland, by Isolde Kurz - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS MEINEM JUGENDLAND *** - -***** This file should be named 54738-h.htm or 54738-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/4/7/3/54738/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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